Felix Hollaender Salomons Schwiegertochter Die Kinder werfen den Ball in den blauen Aether – und fangen sie ihn glücklich wieder auf, jauchzen sie vor Lust. Wenn aus den Kindern große Menschen werden, dämmert es ihnen ganz allmählich, zuweilen erst am Rande des Daseins auf, daß sie nicht warfen, sondern geworfen wurden – daß Leben und Schicksal mit ihnen Fangball spielten. Dann beginnt der Boden unter ihren Füßen zu weichen. Sie starren ins Leere und begreifen Gott und die Welt nicht mehr ... In diese Lage sollte sich eines Tages die alternde Frau Salomon gestellt sehen, nachdem alles im Leben ihr vorher geglückt war, Freunde und Verwandtschaft sie ihres Loses wegen beneidet hatten. – – – I. Viel früher, als es sonst in ihrer Gewohnheit lag, ging Frau Salomon aus dem Geschäft. Ihr Mann hatte längst vor ihr das Büro verlassen. Die jungen Leute grüßten ehrerbietig die Chefin, ohne daß sie es bemerkte. Auch daß sie leise hinter ihr hertuschelten, wurde sie nicht gewahr. Die Salomons hatten Sorgen. Nicht geschäftlicher Art, aber es gab ja auch noch andere Kümmernisse. Das ganze Personal wußte es bereits und sprach davon, ohne eine gewisse Schadenfreude zu unterdrücken. Die Salomons waren verhältnismäßig rasch in die Höhe gekommen. Die Firma, die Leder- und Galanteriewaren führte, gehörte zu den ersten ihrer Art. Von Jahr zu Jahr hatte man vergrößert, und jetzt reichte kaum das ganze Haus, um den Betrieb aufrechtzuerhalten. Das Engros- und Versandgeschäft, das Herrn Salomon unterstand, hatte einen unerhörten Aufschwung genommen; aber auch der Verkauf im Laden blühte, den Frau Salomon kontrollierte. Frau Salomon sah ihren Leuten scharf auf die Finger. Sie verlangte nichts Unbilliges, aber auf äußerste Pünktlichkeit und Genauigkeit hielt sie. Und wer diese Bedingungen nicht respektierte, war die längste Zeit angestellt. Sie hatte einen kleinen, unansehnlichen, massigen Körper, der aus den Fugen gegangen zu sein schien, und ihr Rücken war wohl niemals gerade gewesen. Aber mit ihren Luchsaugen, die förmlich stechen und einen durchbohren konnten, übersah sie alles. Sie war kurz und sachlich, und selten hörten die Angestellten ein freundliches Wort aus ihrem Munde. Man mochte sie eigentlich nicht recht. Und sie selbst schien wenig Wert darauf zu legen, sich die Liebe des Personals zu gewinnen. Sie war zeitlebens ein Arbeitstier gewesen und verlangte auch von ihren Leuten äußerste Kraftentfaltung. Tüchtigkeit betrachtete sie als etwas, das sich von selbst verstand, und in ihrer Wortkargheit machte sie nicht viel Wesens davon. Die Leute wurden angemessen bezahlt; also war gewissenhafte Arbeit die Gegenleistung, die gefordert werden durfte. Vielleicht war Frau Salomon die Seele des Geschäfts, ihr kaufmännisches Genie wurde von niemandem geleugnet, wenn es auch freilich Menschen gab, die dunkle Andeutungen machten über die Art, wie die Salomons in die Höhe gekommen waren. Danach sollte sie in der Zeit, als ihr Mann noch bescheidener Reisender war, allerhand nicht ganz reinliche Geldgeschäfte gemacht und auf diese Weise erst den Grund zu dem späteren Wohlstand gelegt haben. Ja, es wurde sogar behauptet, daß ohne diese etwas trübe Erwerbsquelle die Salomons gar nicht in der Lage gewesen wären, sich zu etablieren. Das konnte jedoch leeres Gerede sein. In der menschlichen Art ist es nun einmal begründet, denen, die Erfolg haben, Übles nachzureden. Denn etwas Bestimmtes, Faßbares, das den Salomons zur Unehre gereicht hätte, konnte man ihnen nicht nachweisen. Im Personal spielte man Herrn Salomon gegen die Chefin aus. War sie eine Pfennigfuchserin, so galt er als großzügig. Aber das mochte wohl daher kommen, daß er mit dem Detailgeschäft nichts zu tun hatte und, wenn die jungen Leute um Gehaltsaufbesserung baten, bei seiner Frau jedesmal ein gutes Wort einlegte. Sie schützte ihn bei solchen Anlässen regelmäßig vor. Und wenn sie schließlich Zugeständnisse machte, so pflegte sie zu sagen: »Bedanken Sie sich beim Chef, ich für mein Teil hätte es nicht verantwortet.« Es war überhaupt ihre Methode: je besser das Geschäft ging, um so heftiger klagte sie. Sie wollte nicht als reich gelten. Ihre zweite Eigentümlichkeit bestand darin, das Ansehen ihres Mannes bei jeder sich bietenden Gelegenheit zu heben. Mann, Sohn und Erwerb waren ja das einzige, wofür sie lebte. Die Welt hätte versinken können, sie würde gleichgültig mit den Achseln gezuckt haben, wenn ihre Leute aus dieser Katastrophe nur unversehrt hervorgegangen wären. Auf den Mann war sie stolz. Und in der Tat, er hatte eine äußere Erscheinung, die sich sehen lassen konnte. Groß und breitschulterig, war er mit seinen dreiundfünfzig Jahren prächtig anzuschauen. Obwohl sein dichtes Haupthaar und sein kurzgeschnittener Vollbart frühzeitig ergraut waren, wirkte er keineswegs alt. Und dann strömte von ihm so viel Ruhe und Behagen aus. Wenn er sein tiefes Lachen von sich gab und seine pfiffigen Augen zu funkeln begannen, fühlte sie sich glücklich. Er war ein entfernter Verwandter von ihr und als armer, verwaister Junge in ihrem Elternhause erzogen worden. Und ihre Eltern waren es gewesen, die die Partie zusammengebracht hatten. Es war ihnen gelungen, dem jungen Menschen einzureden, daß es für ihn kein größeres Glück geben könnte, als das kluge Kusinchen mit seiner kleinen Mitgift zu ehelichen. Ihr Kindertraum war damit in Erfüllung gegangen und mehr als das. Er wurde der beste Gatte und Hausvater und ließ sie niemals spüren, daß sie doch im Grunde genommen ein von der Natur stiefmütterlich bedachtes Wesen war, dem jeder äußere Reiz fehlte. Sie gab sich keinen Selbsttäuschungen hin, aber ihm war sie für seine zarte Rücksichtnahme unendlich dankbar, obwohl es ihr nicht gegeben war, Gefühle zu äußern. Darin ähnelten sich übrigens beide. Auch er redete nichts Überflüssiges, ging mit einer Stetigkeit, die nicht zu beirren war, seinen Pflichten nach und hatte dabei für jeden bei passender Gelegenheit ein anerkennendes, gutes Wort, wie es überhaupt in seinem Wesen und nicht in vorgefaßter Absicht lag, sich überall Freunde zu schaffen. Als sie noch in bescheidenen Verhältnissen lebten und er monatelang als Reisender unterwegs war, hatte er wohl hier und da einen kleinen Seitensprung gemacht. Sie hatte eine feine Witterung, war aber viel zu klug, jemals hinter ihm her zu spionieren, geschweige denn – selbst wenn sie infolge seiner Achtlosigkeit sichere Schuldbeweise in den Händen hatte – ihn zur Rechenschaft zu ziehen. Ein Mann bleibt ein Mann, dachte sie, und mochte er draußen über die Stränge hauen, wenn er nur daheim das Haus sauber hielt. Übrigens war es mit seinen Abenteuern auch nicht weit her. Als sie sich dann selbständig machten, der Wohlstand kam und das Geschäft immer größer wurde, vergaß er eigentlich vor lauter Beschäftigung alle außerehelichen Zerstreuungen. Die Damen seines Personals hielt er sich vom Leibe. Und dann war er plötzlich eine Standesperson geworden und in dieser ununterbrochenen, beständig wachsenden Arbeit, frühzeitig ergraut. Ehrenämter wurden ihm übertragen. Der einzige Junge wuchs heran, und die Jahre, in denen ein Mensch seiner Art an erotischen Dingen Geschmack findet, waren, ohne daß er es mit hellem Bewußtsein wahrgenommen hätte, gleichsam über Nacht verstrichen. Niemand konnte dessen froher sein als Frau Salomon, nun gehörte er ihr und dem Jungen. Nun gab es nach der Richtung hin keine Sorgen mehr. Und ganz im stillen machte sie ihre Zukunftspläne. Der Junge sollte früh heiraten, aus der Bankfirma, in der er tätig war, ausscheiden und als Teilhaber in das Geschäft des Vaters eintreten. Es würde gut klingen: Salomon sen. \& Sohn! Natürlich müßte es ein Mädchen aus guter jüdischer Familie sein, die die entsprechende Mitgift besaß. Denn ihr Artur war eine glänzende Partie. Darüber war kein Wort zu verlieren. Und ein armes Mädchen war aus doppeltem Grunde ein Unglück. Es war nicht nur anspruchsvoll, es hatte in der Regel auch noch einen Schwarm von Verwandten, die man mitschleppen mußte, und Frau Salomon dachte nicht daran, noch einmal in diese Atmosphäre von Kummer und Sorgen zu treten. Dazu war man zu mühsam emporgekommen. Sie wußte, weshalb sie sich mit aller Energie dagegen gewehrt hatte, daß Artur in ihrem Geschäft seine Lehrjahre durchmachte. Aber über diesen Punkt hatte sie sich ihrem Manne gegenüber ausgeschwiegen, und Salomon mußte schließlich kopfschüttelnd nachgeben, obwohl er es für einen kompletten Unsinn hielt, daß der Junge nicht beizeiten die Branche kennen lernte. »In ein paar Monaten holt er das bei uns nach,« hatte sie erwidert, »die Hauptsache ist, daß er zunächst eine Ahnung bekommt, was Geld eigentlich ist. Die meisten wissen es ja nicht, und darum soll er ein paar Jahre das Gold klingen und die Papiere rascheln hören.« In dem Begriff und Wesen des Geldes lag für sie das Phantastische des Daseins. Sie konnte sich nicht von der kleinsten Münze trennen und besaß alle jene typischen Eigenschaften geiziger Menschen, die lieber die größten Strapazen auf sich nehmen, ehe sie auch nur ein Zehnpfennigstück opfern. Nur bei der Ernährung von Mann und Sohn sparte sie nicht. Salomon kannte sie zu gut, um dieser Dinge wegen sich mit ihr in Kämpfe einzulassen, die von vornherein aussichtslos gewesen wären und nur den Frieden des Hauses gestört hätten. Er hatte sich schließlich auch damit abgefunden, daß Artur in ein Bankgeschäft eintrat, obwohl er die Motive seiner Frau nicht klar zu erkennen vermochte. Ihre Ansicht war: Gelegenheit macht Diebe, und Artur sollte nicht mit den vielen Mädeln, die im Geschäft tätig waren, in Berührung kommen. Sie haßte diese Frauenzimmer, die alle hohe Türme auf den Köpfen trugen, sich herausputzten, womöglich sich gar noch puderten und den Geschäftsschluß nicht erwarten konnten, um sich mit ihren Galans zu treffen. Die morgens müde waren, weil sie abends Gott weiß was für Dinge getrieben hatten. Sie hatte eine grenzenlose Furcht, Artur könnte auf so eine hereinfallen. Nein, davor sollte er bewahrt bleiben, und was sie dazu tun konnte, sollte geschehen. Ihre Pläne gingen weiter. Wenn Artur verheiratet war, wollten sie noch ein paar Jahre tätig sein, bis er sich in das Geschäft eingearbeitet hatte. Dann aber würde der Rest des Lebens endlich verdienter Ruhe gehören. Zuweilen begann sie doch, diese mühevollen Jahre in den Knochen zu spüren, und eine leise Angst überfiel sie, sie könnte vor ihrem Feiertag abberufen werden und um die Früchte ihrer Arbeit kommen. Sie hielt es mit dem lieben Gott, zu dem sie überhaupt in einem höchst persönlichen Verhältnis stand. Gott war ihr gewisse Dinge schuldig. Dafür hatte sie sich geschunden und gequält. Und an Gottes Gerechtigkeit glaubte sie unbedingt. Die Salomons waren gute Juden, keine orthodoxen. Jeden Freitag wurde der frische Barchis angeschnitten, und an Festtagen gingen sie in den Tempel; sie hatten in der dritten Reihe ihre Plätze und waren in der Gemeinde gekannt und angesehen. Ja, bei den Repräsentantenwahlen war Herr Salomon in Vorschlag gebracht worden. Er hatte dankend abgelehnt, und Frau Salomon hatte dem zugestimmt. Die Ehre war ihr zu kostspielig, man wurde ohnehin mehr als genug angeschnorrt und bei jeder Gelegenheit herangezogen. Saß man gar im Vorstand der Gemeinde, so war man gewissermaßen gezeichnet und ausgeliefert. So standen die Dinge, als über Salomons das große Unglück hereinbrach und alle ihre Berechnungen über den Haufen warf. Es kam natürlich von Artur. Mancherlei hatte Frau Salomon in letzter Zeit befremdet, ohne daß sie einen greifbaren Verdacht hätte fassen können. Sie war verstimmt, daß er so viel mit dem jungen Jaffé verkehrte, der Börsenmakler war und von dem alle Welt wußte, daß seine Eltern ihn nur mit Not und Mühe davon abgehalten hatten, Sänger zu werden. Nun hielt er sich eine Garçonwohnung, lebte mit einer kleinen Schauspielerin und gab Gelage, an denen junge Leute aus der guten Gesellschaft mit ihren »Frauenzimmern«, wie Frau Salomon sich ausdrückte, teilnahmen. Der junge Jaffé war bereits ein öffentliches Ärgernis geworden. Er hatte mit seinen Eltern gebrochen, weil durch ihren Widerstand, wie er behauptete, sein Dasein verpfuscht worden sei. Und in diesem Hause ging Artur aus und ein. Sie wollte ihn deswegen immer stellen, aber Salomon war es gelungen, sie davon abzuhalten. »Du vergißt, daß er ein erwachsener Mensch ist, den Du nicht mehr am Gängelbande führen kannst,« hatte er gesagt, »und Du forderst nur seinen Widerstand heraus, wenn Du ihn in seiner Freiheit behinderst. Im übrigen tut es nicht gut, wenn ein junger Mann zu solide ist. Laß ihn sich austoben, und laß ihn die Hörner sich abstoßen und habe Vertrauen zu ihm; er wird schon wissen, wie weit er gehen darf.« Frau Salomon hatte sich von diesen Reden einlullen lassen und gegen ihre Überzeugung geschwiegen. Nun war die Bescherung da. Eines Tages war ein anonymes Schreiben eingetroffen, in dem ihnen mitgeteilt wurde, daß höchste Gefahr im Verzuge sei, daß eine gewisse Person, die sich Agnes Jung nannte und bei Wertheim als Verkäuferin angestellt war, fest entschlossen sei, Frau Salomon zu werden. Ja, die Schreiberin fügte hinzu, denn es war eine Frauenhandschrift, sie könne sich nicht dafür verbürgen, daß das Unglück noch abzuwehren sei. Es würde bereits gemunkelt, daß der junge Herr Salomon mit Agnes Jung heimlich sich habe trauen lassen. Notabene sei die besagte Person vorher schon das Verhältnis des Herrn Bobsin gewesen, der, wie Salomons ja wüßten, in demselben Bankgeschäft wie Artur konditioniere. Dieser Brief hatte bei Salomons wie eine Bombe eingeschlagen. Zuerst wollte ihn Herr Salomon in den Papierkorb werfen. So ein infamer, anonymer Wisch verdiente kein anderes Schicksal. Aber diesmal kam er bei seiner Frau übel an. Ihr Gesicht wurde aschfahl, ihre Nase noch länger und spitzer, und ihre Augen bekamen den verängsteten, hilflosen Ausdruck eines aufgescheuchten Vogels. Sie vermochte kein Wort hervorzubringen und nagte in einer ohnmächtigen Wut beständig an ihrer Unterlippe, daß Herrn Salomon angst und bange wurde. Bei seinem ersten schüchternen Versuch jedoch, sie zu beruhigen, fand sie ihre Sprache wieder. Und nun ergoß sich ein Strom beleidigender Worte über ihn, daß er seinen Ohren nicht zu trauen glaubte. Er sei an allem schuld und trage die Verantwortung. Durch seine sträfliche Vertrauensseligkeit sei es dahin gekommen; wären sie ihrem Instinkte gefolgt, so hätte sich das Unglück rechtzeitig abwenden lassen. Da fuhr Herr Salomon auf und schlug mit der Faust auf den Tisch. Und der hünenhafte, schwere Mensch, der im Alltagsleben stets seine Ruhe gewahrt, mußte in diesem Moment wohl ein furchtbares Aussehen gehabt haben, denn die alte Frau brach jählings ab und fing laut und unvermittelt zu weinen an. Beide waren aus dem Gleichgewicht geworfen und vermochten sich nicht mehr wiederzuerkennen. Herr Salomon faßte sich zuerst. »Mal' den Teufel nicht an die Wand! Und mache den Schimmel nicht scheu! Meinst Du, daß ich das Gerede so ohne weiteres ernst nehme? Ein Blinder sieht doch, daß dahinter eine Gemeinheit und ein Frauenzimmer steckt! Und wenn er schon mit irgendeinem Mädel was hat, muß denn darum gleich an Heiraten gedacht werden? Oder hast Du Dir eingebildet, Dein Junge, ausgerechnet Dein Junge müsse der keusche Josef sein?« Frau Salomon hatte nur mit halbem Ohr zugehört. Aber die letzten Worte griff sie auf. »Gar nichts habe ich mir eingebildet. Mag er tun und lassen, was ihm beliebt. Niemals habe ich freilich gedacht, er könnte uns so etwas antun und eher verleugne ich ihn, als daß ich dazu Ja und Amen sage und diesem Frauenzimmer weiche, das durch wer weiß wieviel Hände gegangen ist und den Tropf glücklich eingefangen hat.« Und wieder begann sie zu jammern und zu schimpfen. Salomon hatte die Arme auf dem Rücken verschränkt und ging mit schweren Schritten durch das Zimmer. »Vor allem muß man den Kopf hochhalten und sich genau überlegen, was nun zu geschehen hat,« nahm er das Gespräch wieder auf. Und indem er sie gut ansah und seine große Hand auf ihre Schulter fallen ließ, setzte er hinzu: »Sei vernünftig, Renette, es ist doch sonst nicht Deine Art, zu winseln und zu stöhnen.« Sie rang nach Fassung. »Sage mir, Salomon,« sie pflegte ihren Mann nie anders zu nennen, »könntest Du den Gedanken ertragen, daß er Dir eine Goite ins Haus bringt? Bitte, sage mir klipp und klar, ob Du das ertragen könntest. Daran will ich gar nicht denken, daß es obendrein ein Frauenzimmer ist.« »Weder das eine noch das andere steht fest, wo steht geschrieben, daß sie keine Jüdin ist? Nicht einmal in dem Sauwisch da.« »Ach, Salomon, Du bist und bleibst ein großes Kind. Heißt eine Jüdin Agnes Jung? Hast Du so etwas schon gehört? Und Bobsin, ausgerechnet Bobsin würde sich mit einer armen Jüdin einlassen! Da kennst Du den Schubiak schlecht.« Das letzte leuchtete ihm ein. Bobsin war ein Gehenkter, der unbeirrt seinen Weg ging und nicht daran dachte, sich zu verplempern. Salomon war dafür, erst den Dingen auf den Grund zu gehen und dann mit Artur offen zu reden. Sie wehrte heftig ab. »Wenn es damit seine Richtigkeit hat« – sie wies mit einem unsagbar verächtlichen Ausdruck auf das Schreiben – »hat er uns belogen und betrogen; dann gibt es nur ein Mittel, die Person abzufinden,« und lediglich darum handelte es sich, wie teuer der Spaß sich stellen würde. Man müßte irgendeinem Vertrauensmanne die Sache übergeben und selbst im Hintergrund bleiben. Sie dachte dabei an den Vetter Michalowski. Rechtsanwalt Michalowski war vielleicht der Geeignetste. »Nein,« entgegnete Salomon, »das tu' ich nicht, ich tu' es partout nicht. Ich mache nicht solche Sachen hinter seinem Rücken. Eine glatte Gemeinheit wäre es.« Er schüttelte heftig den Kopf und spuckte aus. Und nach einer kleinen Weile: »Was brauchen fremde Leute ihren Kopf in unsere Angelegenheiten zu stecken?« »Michalowski ist doch kein Fremder.« »Laß um Gottes willen Michalowski aus dem Spiel. Gut, er ist kein Fremder, um so schlimmer. Willst Du noch die Mischpoche hineinziehen? Ich halte es für das einzig Richtige, mit dem Jungen selber zu reden. Gott sei Dank stehen wir ja so zueinander, daß man kein Blatt vor den Mund zu nehmen braucht.« »Tu', was Du willst, Salomon, ich rede Dir nicht hinein, aber so viel laß Dir gesagt sein: in der Sache kriegst Du mich nicht herum! Und wenn er mir das antun will ...!« »Abwarten, Renette,« unterbrach er sie, und es war ihm selbst verwunderlich, daß er ihr gegenüber so viel Ernst und Energie aufbrachte. Es hatte niemals zwischen ihnen das, was man eheliche Konflikte nennt, gegeben. Der große Mann hatte beinahe gewohnheitsmäßig in allen Dingen sich von ihr leiten lassen, ohne daß es ihm sauer gefallen wäre. Er schätzte ihre Klugheit, wußte, daß niemand es besser mit ihm meinte als sie, und er wollte seinen Frieden, seine Ruhe, seine Behaglichkeit, zumal jetzt, wo sein Körper immer schwerer wurde und Fett anzusetzen begann. In dieser Stunde jedoch hatte er das Gefühl seiner Kraft. Und ohne sich darauf etwas zugute zu tun, dazu war er ein viel zu schlichter und einfacher Mensch, empfand er es doch als einen Segen, daß sein Wille nicht gebrochen war. Aber in dem Augenblick, wo er sich dessen dunkel bewußt wurde, kam es ihm auch schon wie eine Überheblichkeit vor, daß er ihr den Herrn hatte zeigen wollen. Und einlenkend sagte er: »Renettchen, Du tust ja gerade so, als ob der Junge unser Feind wäre. Hat er uns denn nicht von klein auf nur Freude bereitet? Denk' doch nur an alles zurück.« Sie sah ihn groß an, und in derselben Sekunde fuhr sie mit Blitzesschnelle durch alle Stationen seiner Kindheit. Sie erinnerte sich, mit welcher Inbrunst sie ihn getragen hatte. Wie sie Tag und Nacht gebetet hatte, es möge ein Junge werden, wie sie dann die innere Gewißheit hatte, daß ihr Gebet erhört war, und nun unablässig im Dunkel der Nacht mit Gott weiter verhandelte, daß ihr Sohn Salomon an Leib und Seele gleichen möge: denn daß Salomon besser und reiner war als sie, daran hatte sie niemals gezweifelt. Und dann kamen all die nächtlichen Qualen, die jede Frau in diesem Zustand durchmacht: würde er mit geraden Gliedern zur Welt kommen, würde er gut hören und richtig sehen? Und erst als der Junge endlich da war, fühlte sie sich von Gott gesegnet. Salomon hielt das Neugeborene in seinen großen, massigen Händen und stand so ungeschickt, so unglückselig da, als trüge er einen Topf mit siedendem Wasser. Dabei liefen ihm fortwährend die Tränen über die Backen. Trotz ihrer Schwäche mußte sie vor Glück laut lachen, daß es ihr bis in die Eingeweide wehetat. Als sie aufstehen konnte, war ihr erster Gang in die Synagoge. Dunkel und schmerzhaft erinnerte sie sich ihres Gelöbnisses, tausend Mark der Gemeinde zu stiften. Nein, das konnte Gott von ihr nicht fordern. Gott war gerecht und wußte, wie sie sich das Geld vom Munde abgespart hatte. In einem raschen Entschluß strich sie die letzte Null. Hundert Mark bedeuteten ja auch noch ein Vermögen für sie. Als sie nach langem Dankgebet die Synagoge verließ, war sie von Gott erleuchtet. Wenn sie in ihren Verhältnissen zehn Mark opferte, dann hätte Rothschild es im gleichen Falle nicht unter hunderttausend machen dürfen. Wo aber stand geschrieben, daß Rothschild in Wirklichkeit jedesmal hunderttausend hergegeben hatte? Und hätte er Millionen zusammengerafft, wenn er derartig mit dem Gelde geaast hätte?! Und so beschloß Frau Salomon, die letzte Null zu streichen, dafür aber dem ersten Bettler, der ihr auf dem Heimwege begegnen würde, die noch übriggebliebene Mark in die Hand zu drücken. Aber was tat Gott in seiner Güte? Keine Seele begegnete Frau Salomon, und so war die Geschichte erledigt. Denn gegen Gottes Willen soll sich der Mensch nicht auflehnen. Eine tiefe Rührung überkam sie. Sie hatte das Gefühl, daß ihr reinstes Wollen, ihre redlichste Absicht an einem höheren Gesetz gescheitert waren. Der kleine Artur wuchs zu ihrer Freude heran. Was gaben die Salomons an, als er sich zum erstenmal in seinem Bettchen aufrichtete, als er dann auf der Erde zu krabbeln begann, den ersten Zahn bekam und eines Tages gar aufrecht dastand und von einem Ende der Stube zum anderen dem Vater in die Arme lief! Die ersten Laute, die er hervorbrachte, wurden von Vater und Mutter wie Offenbarungen empfunden, und Frau Salomon hatte wie jede Mutter auf einmal das Gefühl des Gottbegnadetseins. Sie war vollkommen in ihrem Recht, wenn sie ihr Kind für ein Genie hielt. Als mit zunehmendem Alter sich dann herausstellte, daß Artur gewiß kein großes Kirchenlicht war, atmete sie befreit auf. Denn vor seiner Gottähnlichkeit war ihr angst und bange geworden. Und wenn Salomon sich Sorgen machte, weil der Junge in der Schule so mühselig sich durchschleppte, lachte sie ihn aus. »Gott sei Dank, daß er kein Genie ist. Ein guter Mensch soll er werden und uns keinen Kummer bereiten. Ich pfeife auf die Genies, die nur dazu da sind, die Welt in Verwirrung zu bringen.« Salomon schüttelte den Kopf. Aber sie ließ ihn nicht zu Worte kommen. »Stelle Dir vor, Salomon, Napoleon wäre Dein Sohn, und Du hättest die ganzen Zores miterlebt. Hand aufs Herz: wärst Du da nicht meschugge geworden? Ich für mein Teil weiß, daß ich den Verstand darüber verloren und in der Maison de santé geendet hätte.« Dieser Beweisführung gegenüber war Salomon ohnmächtig, und da er von galantem Humor war, entgegnete er nur: »Renette, mit Dir werden nicht zehn Rabbiner fertig, geschweige denn ich.« Im übrigen hatte auch er, trotzdem es mit Artur bedenklich in der Schule haperte, seine helle Freude an dem Jungen, der mit seinem Lachen das ganze Haus ansteckte, zärtlich und anschmiegsam war, und in dessen Seele das Böse keinen Raum hatte. Einmal sagte Salomon zu seiner Frau: »Es stimmt nicht, daß die Kinder von den Eltern lernen; das Gegenteil ist der Fall: wir müssen durch die Kinder wieder gerade werden. Uns hat das Leben verunstaltet, das Rückgrat gebrochen, daß wir krumm und schief geworden sind und ein schauerliches Aussehen haben. Durch das Beispiel der Kinder müssen wir uns wieder auf uns selbst besinnen, einfältig und von Herzen gut werden.« »Ach, Salomon,« hatte sie ihm erwidert, »niemand kann so schmusen wie Du. Aber mit solchem Zeug darfst Du mir nicht kommen, sonst kriege ich es mit der Angst und sorge mich. Du schnappst mir eines Tages über.« War das Gespräch auf diesen Punkt gekommen, dann brach Salomon ab. Er wußte, daß weiteres Reden überflüssig war. Denn wenn in ihm irgendwo verborgen etwas Anonymes schlummerte und er zuweilen fühlte, daß Rückerinnerungen in ihm auftauchten, daß neben seiner wirklichen, sich betätigenden Existenz noch eine andere, freilich unterdrückte, lief, die abseits von Geschäft und Tageserwerb lag, und die er mit allen seinen dunkeln Kräften zu finden trachtete, schien ihr Sinn nur auf das Gegenwärtige und Reale gerichtet zu sein. Und während er es zuweilen unheimlich und seltsam finden konnte, daß Renette seine Frau und Artur sein Sohn war, daß er selbst Handel trieb und Geschäfte machte, daß es eine Zeit gegeben hatte, in der er mit anderen Frauen geschlafen hatte, während ihm das ganze Dasein unwirklich vorkam, ebenso gut Zufall sein konnte wie Notwendigkeit, an die er geschmiedet war, befand sich Frau Salomon mitten im Strom des Lebens. Sie spekulierte, rechnete und sparte. Und was an seelischem Gefühl in ihr war, wurde voll befriedigt durch die Liebe, die sie Mann und Sohn gab und ebenso von ihnen fordern zu dürfen glaubte. Und weil sie im Geschäft und in der Neigung zu den Ihrigen von dem gleichen Fanatismus war und mit beiden Füßen auf der Erde stand, hatte sie weder Zeit noch Lust, sich wie ihr Mann Grübeleien hinzugeben. Träumte Salomon möglicherweise davon, daß sein Leben auch einen anderen Lauf hätte nehmen können, ohne daß jedesmal daraus ein greifbarer Konflikt für ihn erwachsen wäre, hatte sich für sie das Schicksal unbedingt erfüllt. Ihr Dasein stimmte wie ihre Bücher. Nirgends ließ sich ein Fehler aufweisen ... Und nun kam der Junge und wollte diese ganze Rechnung über den Haufen werfen. Mochte Salomon, um sie zu beruhigen, zehnmal behaupten, alles in diesem Wisch sei erlogen, ihr sagte ein untrügliches Gefühl, daß ihr Haus lichterloh brannte, und daß die Wahrheit noch viel Schlimmeres zutage fördern würde. So standen die Dinge, als sie in tiefer Unruhe den Nachhauseweg antrat. Würde der Mann schon zurück sein? Und welches Resultat würde seine Unterredung mit Bobsin gehabt haben? Sie hatten sich dahin geeinigt, erst eine klare Situation zu schaffen, bevor weitere Schritte unternommen werden sollten. Und darum hatte Salomon den schweren Gang zu Bobsin angetreten. Denn wer konnte, falls die Dinge wirklich auf Wahrheit beruhten, bessere Auskunft geben als gerade Bobsin. Ein paarmal blieb Frau Salomon stehen, um ihrer Erregung Herr zu werden. Das Herz schlug ihr bis zum Halse. Alles konnte gut werden, falls das eine noch nicht geschehen war, wovor ihr bangte. Wenn er heimlich, in aller Stille dies Frauenzimmer geheiratet hatte, war das Spiel verloren und ihre Wege schieden sich für immer. Darüber würde sie niemals hinwegkommen, es ihm niemals verzeihen. Nein, das hatte er nicht getan, hatte es nicht tun können, weil er zu sehr an Vater und Mutter hing, von zu weicher Sinnesart war. Es würde eine harte Auseinandersetzung geben. Sie würde ihn vor die Wahl stellen: entweder sie oder diese hergelaufene Person. Sie würde es ihm haarscharf beweisen, daß er wie ein Gimpel auf den Leim gegangen war. Und schließlich würde Artur nachgeben, wie er immer nachgegeben hatte. Denn sie war die Stärkere. Und hatte sie nicht noch andere Trümpfe in der Hand? Wenn man Artur bewies, daß vor ihm andere in dem Garten spazieren gegangen waren, mußte er ein Einsehen haben. Und gleichzeitig konnte mit der Dame verhandelt werden. Man würde tief ins Portemonnaie greifen müssen, darüber war sie sich klar. Sie stöhnte leise. Dazu hatte man sich geplagt, um so einer die Scheine hinzuwerfen! Sie fühlte, wie sie kampf- und sprungbereit war. Und wenn der Vetter Michalowski etwa auf ihre Kosten den Großkootzen machen wollte, weil Fräulein Jung, sie hieß ja wohl Agnes Jung, die Absicht hatte, sie hochzunehmen, so würden sich beide in ihr getäuscht haben. Trotzdem zitterte sie. Sie wagte nicht, die Höhe der Abstandssumme zu bemessen. Und doch kreisten alle ihre Gedanken um diesen Punkt: Wieviel konnte jene fordern und mit wieviel Prozent würde sie akkordieren? Ganz klar, daß die Person über ihre Verhältnisse genau unterrichtet war. Die Firma Salomon war ja stadtbekannt. Wenn der Spaß mit Zehntausend zu erledigen war, konnte sie wohl noch ihrem Herrgott danken. Zehntausend! Für nichts und wieder nichts! Eine ohnmächtige Wut überkam sie. Dann wurde sie plötzlich unruhig. Ihr Gelöbnis vor Arturs Geburt fiel ihr ein. Es war ein Handel mit Gott gewesen. Gewissermaßen ein Abkommen auf Treu und Glauben. Und sie hatte den Vertrag nicht gehalten. Sollte Gott ... aber das war ja heller Unsinn! Hätte Gott sonst das Geschäft gesegnet, Kummer und Sorgen von ihnen ferngehalten? Endlich war sie vor ihrem Hause angelangt. Sie eilte die Treppe hinauf und klingelte heftig. Das Mädchen öffnete. »Ist der Herr schon zu Hause?« »Nein!« »Und der junge Herr?« »Ebenfalls nicht!« »Gut, gut! Sie können gehen!« Beklommen nahm sie ihren Hut ab und strich mit der Hand über die heißen Schläfen. II. »Bobsin,« sagte sie leise mit einem Ausdruck tiefer Entschlossenheit, »ich liebe Sie, ich mußte es Ihnen sagen. Und alles hängt jetzt von Ihrer Antwort ab.« Bobsin saß mit verschränkten Armen ihr gegenüber und schwieg. Agnes Jung war blond, strahlend blond, und ihre hellen, blauen Augen glichen den seinen und glichen ihnen nicht. Den Leuten wurde angst, wenn Bobsin sie messerscharf ansah, aber hinter Agnes Jungs kühlem Blick, hinter ihrer Herbheit lag noch verhaltene Wärme. Sie war schlank gewachsen und trotz ihren sechsundzwanzig Jahren fast mager. Die Kolleginnen von Wertheim, die sie hochmütig nannten, sprachen mit Neid von ihren geraden Beinen. Man hielt sie dort für schlau und behauptete, daß sie mit dieser Zurückhaltung, die sie sich zurechtgemacht habe, die Männer einfing. Aber niemand konnte Agnes Jung etwas Positives nachsagen. Bobsin schwieg hartnäckig, und sein kantiges, eckiges Gesicht schien undurchdringlich. Sie sah ihn mit äußerster Selbstbeherrschung an. Dann glitt ihr Auge über sein kahles Zimmer. »Wie ärmlich Sie wohnen.« Sie schloß ihre roten, schmalen Lippen fest aufeinander. Bobsin stand auf. »Warum sagen Sie mir das alles, Fräulein Jung? Es ist so zwecklos!« »Mögen Sie mich nicht?« Bobsin zuckte mit den Achseln: »Hören Sie, Fräulein Jung, schlagen Sie sich die Sache aus dem Kopf. Ich habe mir das Leben zu sauer werden lassen, als daß ich es mir jetzt mit einer Dummheit verpfuschen würde.« Ohne jedes Gekränktsein ging sie auf ihn ein. »Was nützt das ganze Schuften, wenn man dabei elend und einsam bleibt.« Bobsin zog ein kleines Notizbuch aus seiner Seitentasche und schlug es auf. »Sehen Sie,« sagte er, »fünfzehntausend Mark habe ich mühsam gespart und fünftausend verdiene ich jährlich. Hätte ich nicht Nebeneinnahmen, müßten meine Leute zu Hause verhungern. Nein, Fräulein Jung, da ist jedes Wort überflüssig. Ich heirate nicht.« »Wir brauchen nicht zu heiraten. Leben wir zusammen, solange es uns gefällt. Werfen Sie mich fort, wenn Sie mich über haben. Herr Gott, wollen Sie denn alt und grau werden, zeitlebens in dieser Bude hausen? Man friert ja, wenn man alt wird, und wir beide sind noch jung, Bobsin. Ich werde Sie nichts kosten, ich schlage mich selbst durch, versuchen wir es! Sehen Sie doch Jaffé an,« fuhr sie eifrig fort, »der ist lebendig, lebt, während Sie ...« Er unterbrach sie mit einer abwehrenden Handbewegung. »Sie vergessen, daß Jaffé sich das leisten kann. Jaffé ist von Hause aus vermögend.« »Sie sollen mich ja nicht heiraten, Sie sollen frei bleiben, hören Sie denn nicht?« schrie sie. Bobsin lachte kurz auf. »Das ist Betrug,« antwortete er. »Nein, Fräulein Jung, das glauben Sie wohl selbst nicht. Wer sich mit Ihnen zusammentut, kommt nie mehr los. Es wäre die größte Dummheit, ein Verbrechen gegen Sie und mich.« »Und weiter haben Sie mir nichts zu sagen?« Sie war um einen Schatten blasser geworden, ohne ihre Haltung zu verlieren. Ihre dünnen Nasenflügel bewegten sich unaufhörlich. »Doch,« entgegnete er und schritt ein paarmal durch das Zimmer, bevor er dicht vor ihr stehen blieb. »Ich will Ihnen einen guten Rat erteilen.« »Danke,« antwortete sie kurz, »ich brauche keine Ratschläge, mit Eitzes Eitzes = Rat. bin ich versorgt, wie Artur Salomon zu sagen pflegt.« »Von Artur Salomon wollte ich gerade reden. Sie nehmen mir das Wort aus dem Munde. Geben Sie sich nicht mit ihm ab. Er ist ein schlechter Kaufmann und ein weicher Mensch. Er wird sich mit Ihnen einlassen und Sie werden das Nachsehen haben. Es täte mir leid.« Ihre Augen funkelten. »Nein, wie besorgt Sie um mich sind! Es ist zum Kobolzschießen! So lassen Sie sich denn gesagt sein: Artur Salomon will mich heiraten, von der Stelle weg heiraten. Deshalb bin ich zu Ihnen gekommen. Von Ihrer Antwort mache ich meine Entscheidung abhängig. Artur Salomon weiß, daß ich bei Ihnen bin. Ich habe es ihm gesagt. Mit seinem Einverständnis bin ich hier. Das ist einer, der mich auf Händen tragen wird.« »Er wird Sie nicht heiraten. Die Salomons geben es niemals zu und gegen ihren Willen wird er sich nicht auflehnen.« Sie sah ihn mit einem überlegenen Ausdruck an, und mit bitterem Hohn sagte sie: »Wissen Sie denn, welcher Opfer ein Mensch fähig ist, der einen anderen liebt? Ach, Sie ahnen es ja nicht einmal! Wenn Artur Salomon zwischen mir und seinen Eltern zu wählen hat, so besinnt er sich auch nicht einen Augenblick.« Bobsin dachte ein paar Sekunden nach und maß sie mit einem langen, prüfenden Blick. Und noch einmal glomm in Agnes Jung die Hoffnung auf. »Er hat mich gefragt, ob ich Ihr Verhältnis sei,« begann sie von neuem. »Sie haben ihn ausgelacht?« »Nein. Ich habe ihm geantwortet, es habe damit seine Richtigkeit. Ich wollte ihn abschrecken. Ich liebe ihn ja nicht. Ich liebe Sie!« »Das ist unerhört,« sagte Bobsin. »Wie konnten Sie den Menschen so narren, und noch dazu auf meine Kosten? Und wie verhielt er sich dazu?« »Er habe mich mit der Frage nicht kränken wollen, er habe sie lediglich gestellt, um aus meinem Munde die Wahrheit zu hören. In meiner Aufrichtigkeit sehe er einen Beweis des Vertrauens. Meine Vergangenheit gehe ihn im übrigen nichts an.« Bobsin schlug sich auf die Schenkel. »Das ist wirklich ein verstiegener Narr,« sagte er, und ein dünnes, verächtliches Lächeln spielte um seine Lippen. Ihre Augen wurden leer und hoffnungslos. Warum kam sie von dem Menschen nicht los? Sie machte eine Bewegung zur Tür. »Warten Sie noch einen Moment.« Seine Züge waren straff und gespannt. »Sie werden es mir einmal danken, daß ich ... nein,« unterbrach er sich, »gar nichts sollen Sie mir danken. Wenn Salomon Sie wirklich heiratet, so sagen Sie Ja. Er ist ein schlechter Kaufmann, dafür hat er das sogenannte jüdische Herz. Und im Geschäft werden Sie ihn schon ersetzen. Oder glauben Sie, daß Sie mit einem Juden nicht leben können?« Sie glaubte gar nichts mehr. Sie hatte sich den breitkrämpigen Strohhut aufgesetzt und schickte sich zum Gehen an. »Leben Sie wohl.« Ihre Stimme klang ruhig und fest. Alle Gefühlsseligkeit war von ihr gewichen. Er zauderte. Sie streckte ihm die Hand entgegen und wiederholte noch einmal: »Leben Sie wohl, Bobsin. Ich habe es eilig. Artur wartet unten auf mich.« Er wollte ihr zurufen: »Nehmen Sie sich Zeit, sonst laufen Sie Ihrem Schwiegervater in die Arme,« aber Agnes Jung ließ ihn nicht zu Worte kommen. Ehe er sich's versah, war sie aus der Tür. Er blieb verdutzt stehen und pfiff leise vor sich hin. Nein, es war gut so; es war gut, daß er in dieser Stunde stark geblieben war. Jahr und Tag hatte sie um ihn geworben, und er hatte sich einen kühlen Kopf bewahrt, obwohl er nie zuvor eine Frau getroffen hatte, die körperlich und seelisch ihm gleich wesensverwandt gewesen wäre wie Agnes Jung. »Schade,« murmelte er vor sich hin, und während er mit einem Blick seine armseligen vier Wände überflog, hatte er das Gefühl, trotz des heißen Julitages zu frieren. Er schlug mit einer energischen Bewegung die Hacken zusammen. Es war das einzig Vernünftige gewesen, Klarheit zu schaffen, Schluß zu machen. Etwas weniger Selbstbeherrschung, und er wäre ihr für immer verfallen gewesen. Denn sie gehörte zu dem Schlage von Frauen, die, wenn sie sich erst einmal festgebissen hatten, nicht mehr locker ließen. Die Hände in den Hosentaschen, trat er an das Fenster. Da hatte man die Bescherung! ... Just in dem Augenblick, wo Artur im Begriff war, mit ihr um die Ecke zu biegen, tauchte, wie aus dem Erdboden gewachsen, des alten Salomons breite, massige Gestalt auf. Und nun gab es kein Ausweichen mehr. Bobsin sah ganz deutlich, wie Artur mit einer hilflosen Bewegung Agnes Jung seinem Vater vorstellte. Bobsin grinste schadenfroh. So ist's gut! Er zündete sich eine Zigarette an und zog sich erleichtert vom Fenster zurück. Um die Unterredung wäre ich glücklich gekommen, dachte er, während er langsam und gemächlich den Rauch einzog. III. Das Zusammentreffen war so überraschend erfolgt, daß beiden Salomons zunächst das Wort im Halse stecken blieb. Und zwischen ihnen stand in kühler, überlegener Haltung Agnes Jung. »Möchtest Du mir nicht wenigstens Guten Abend sagen?« brachte Salomon endlich hervor und sah dabei Artur voll ins Gesicht, während sein Blick von ihm zu dem Mädchen flog, das in seinem hellen Sommerkleid und seinem breiten Strohhut, unter dem sich das aschblonde Haar hervorstahl, kaum merklich lächelte. Das also war Arturs Auserwählte, diese magere, schlanke Person, von deren hellen Augen eine finstere Kraft ausging, deren verhärmtes Gesicht mit den ein wenig eingefallenen Backen nicht gerade von Leichtfertigkeit zeugte. Er zweifelte keinen Augenblick, Agnes Jung vor sich zu haben. Herrgott, dachte er, die muß ja erst aufgepäppelt werden. Mit seinen breiten Händen glaubte er ihre dünne Taille zweimal umspannen zu können. Eine richtige Goite, würde Renette sagen und sich voll Zorn umwenden. Gleichwohl mißfiel sie ihm zu seinem Ärger nicht. Es steckt Rasse in ihr, sie hat etwas, mußte er sich eingestehen. »Das ist Fräulein Jung,« stellte Artur vor, ohne auf des Vaters Aufforderung einzugehen. Ihm schwante nichts Gutes. Und Salomon erwiderte prompt: »Ich dachte es mir,« um sich gleich darauf über diese Antwort herzlich zu ärgern. »Wie konntest Du Dir das denken?« Salomon schwieg. Er schämte sich. Es kam ihm so entwürdigend vor, hinter Arturs Rücken den Spion gemacht zu haben. Warum war er nicht seinem ersten Instinkt gefolgt? »Davon werden wir später reden,« erwiderte er. Denn nunmehr war er entschlossen, mit der Wahrheit nicht hinter dem Berge zu halten und gleich vor dem Mädchen reinen Tisch zu machen. Mochten die Würfel fallen, wie sie wollten! »Ich denke, wir trinken gemeinsam eine Tasse Kaffee,« nahm er das Wort wieder und schritt ihnen voran. »Das kann lustig werden,« sagte Agnes Jung, ohne innerlich beteiligt zu sein. Und Artur entgegnete: »Er hat sicher Wind bekommen und will mich stellen. Desto besser!« Verstohlen drückte er ihre Hand. »Ich bin so glücklich,« setzte er erregt hinzu, »daß die Sache mit Bobsin erledigt ist.« Sie blickte ihn mit leeren Augen an und dachte sich ihr Teil. Salomon war in die Spandauer Straße eingebogen. Gumperts alte Konditorei war sein Ziel. Zum Glück waren nur wenige Menschen da, die meisten Gäste mochten bereits zum Abendbrot gegangen sein. Man nahm an einem Tische gemeinsam Platz. Der Kaffee wurde serviert, aber Salomon rührte ihn nicht an. Agnes Jung nippte an der Tasse. Artur hörte seine Pulse schlagen, obwohl es ihm gelang, seine äußere Ruhe zu wahren. Seine schokoladenbraunen, mandelförmigen Augen glitten unruhig hin und her. Der Vater saß so ernst und feierlich da, und statt des gutmütigen Ausdrucks, den er von klein auf an ihm gewöhnt war, lag tiefe Kümmernis auf seinen Zügen. Er hatte die Eltern langsam vorbereiten und langsam gewinnen wollen, und nun hatten sie offenbar Kenntnis von der Geschichte bekommen und wollten ihn überrumpeln. Als Salomon immer noch schwieg, hielt er es nicht länger aus. »Also, Vater, möchtest Du nicht beginnen? Es hat doch keinen Sinn, mich auf die Folter zu spannen.« Agnes Jung erhob sich. »Vielleicht störe ich, wenn es Ihnen angenehmer ist, ziehe ich mich zurück.« Salomon wehrte ab. »Sie gehören leider dazu, und es ist besser, Sie bleiben. Ich war nämlich gerade im Begriff, Herrn Bobsin aufzusuchen.« »Bobsin,« stammelte Artur, und zugleich fühlte er, daß die Farbe aus seinem Gesicht wich. »Ja, Bobsin!« »Wenn Sie fünf Minuten früher gekommen wären, hätten Sie mich bei Bobsin getroffen,« stieß Agnes Jung hervor und warf dabei ihren Kopf zurück. Bei diesen Worten zuckte Artur zusammen. Warum mußte sie das gerade jetzt sagen? fuhr es ihm durch den Kopf, und in seine Miene trat etwas Schmerzhaftes. Salomon kniff die Augen zusammen und tat, als ob er es nicht bemerkt hätte. Agnes Jung fuhr unbekümmert fort: »Nämlich, ich habe Bobsin gerade einen Antrag gemacht und einen Korb habe ich mir geholt.« »Mußten Sie das aussprechen, Fräulein Jung?« rief Artur gequält. »Und was gehen diese Dinge meinen Vater an?« Und ohne sich länger beherrschen zu können, schrie er: »Weshalb überfällst Du mich eigentlich? Was hat das alles zu bedeuten, was willst Du von mir?« Salomon gab sein tiefes Lachen von sich. Trotz seines Kummers saß er breit und behäbig da, er schien nicht gewillt zu sein, einen fremden Menschen in sein Herz blicken zu lassen. »Hier,« sagte er und zog den Wisch aus der Rocktasche, um ihn Artur zu reichen. Und während Artur ihn überflog und dabei beständig an seiner Lippe nagte, ließ Salomon ihn nicht aus den Augen. Er hatte Agnes Jung völlig vergessen. Die aber betrachtete mit kühler Ruhe Vater und Sohn und konnte nicht die mindeste Ähnlichkeit zwischen ihnen entdecken. Der alte Salomon gefiel ihr, trotzdem er als ihr ausgesprochener Feind gekommen war. Artur lachte schrill auf: »Und deshalb bist Du zu Bobsin gegangen?« »Ja, deshalb. Ich wollte mir von Bobsin bezeugen lassen, daß das alles erstunken und erlogen ist, um dann mit der Geschichte fertig zu sein und Deiner Mutter erklären zu können: Nun, siehst Du, wer recht hat!« »Darf ich den Brief lesen?« fragte Agnes Jung. Artur wehrte heftig ab, aber Salomon erwiderte: »Ich für mein Teil habe nichts dagegen.« »Lesen Sie ihn nicht,« beschwor Artur, »es hat keinen Sinn, ihn zu lesen.« Fräulein Jung schüttelte den Kopf. »Es steht doch offenbar von mir etwas darin, und da Ihr Vater Wert darauf legt, die Wahrheit zu erfahren, kann ihm wohl niemand besser Rede und Antwort stehen als ich.« Was hat sie nur im Sinn? fragte sich Artur und wurde immer unruhiger. Will sie mich lächerlich machen und meine Leute gegen mich aufbringen? Er konnte ihren Blick nicht ertragen. »Wie Sie wollen,« sagte er leidend. »Aber kein Mensch kann Sie zwingen, sich einem Verhör auszusetzen.« Und gepeinigt fügte er hinzu: »Sie sitzen doch nicht auf der Anklagebank. Niemanden gehen diese Dinge etwas an.« Fräulein Jung las bereits. Ganz langsam las sie das anonyme Schreiben, ehe sie es gleichmütig auf den Tisch legte. »Darf ich Ihrem Vater darauf antworten?« Artur nickte wie erschlagen. »Sie dürfen Frau Salomon versichern, ich stelle Ihrem Sohn nicht nach, er ist durch nichts an mich gebunden. Und zweitens, ich war niemals Bobsins Geliebte.« Bei diesen Worten hatte Artur den Kopf tief gesenkt. Fräulein Jung fuhr unbeirrt fort: »Darin liegt nicht das mindeste Verdienst. Ich liebe Bobsin, ich habe es bereits gesagt, und hätte zu allem Ja gesagt; ohne zu zucken, hätte ich es getan. Bobsin hat abgelehnt. Heute habe ich einen letzten Versuch gemacht. Umsonst! Bobsin hat endgültig abgelehnt. Das ist alles!« Herr Salomon atmete erleichtert auf. »Dann ist meine Mission beendet,« erwiderte er. Und zu Artur gewendet: »Ich kann unmöglich annehmen, daß Du Dich an eine Frau drängst, die ...« »Pardon,« unterbrach ihn Artur, und seine Züge strahlten, »in einem muß ich Fräulein Jung korrigieren. Ich bin an sie gebunden. Seit einer Viertelstunde. Nicht wahr, Fräulein Jung, Sie haben mir keinen Korb gegeben. Im Gegenteil, Sie haben mir erklärt, Sie würden meine Frau, falls Ihre heutige Unterredung mit Bobsin resultatlos verliefe. Ist es nicht so?« Fräulein Jung kniff die Augen ein wenig zu. »Ich habe das wohl gesagt,« entgegnete sie, »und jetzt sage ich: Sie sind nicht gebunden, Herr Artur!« Herr Salomon erhob sich. »Ich fühle mich hier ganz überflüssig. Im übrigen danke ich Ihnen für Ihre Aufrichtigkeit. Sehr verbunden, Fräulein Jung.« Er winkte einem jungen Mädchen: »Ich möchte die drei Kaffees bezahlen.« Dann grüßte er sie, ohne Artur zu beachten, und verließ mit schweren Schritten die Konditorei. Fräulein Jung lachte leise. Sie hatte eine seltsame Art, lautlos und nach innen zu lachen. »Ich lache, und mir ist gar nicht wohl dabei zumute. Ihr habt Euch beide tadellos benommen. Übrigens hat er vollkommen recht. Ich finde ihn ausgezeichnet. Und wenn Bobsin nicht wäre, ich könnte mich in ihn verlieben.« Artur sah sie demütig und verängstigt an. »Bitte, bitte, scherzen Sie jetzt nicht! Eines möchte ich Sie fragen: Warum haben Sie gesagt, Sie wären seine Geliebte, oder haben Sie jetzt meinen Vater ...« Er sprach nicht zu Ende. »Ich verstehe das alles nicht, ich finde mich nicht mehr zurecht. Weshalb martern Sie mich?« »Weil ich Sie vor einem Verbrechen, vielleicht vor einer Katastrophe bewahren wollte. Ihr Vater ist zehnmal klüger als Sie, mit jedem Wort hat er recht. Eine Frau heiraten, die einen nicht mag, ist das nicht Irrsinn?« »Das ist meine Angelegenheit!« Er beugte sich zu ihr herab und küßte ihre Hand. »Und eines Tages werden Sie mich lieben, Fräulein Jung, verlassen Sie sich darauf!« IV. Nachdem Frau Salomon den Bericht ihres Mannes zu Ende gehört hatte, starrte sie lange trübsinnig vor sich hin. Ihre Stirn hatte sich in unendlich viele Falten gekräuselt, und sie selbst schien zusammengesunken und kleiner geworden zu sein. Salomon saß in seinem Lehnstuhl und rührte sich nicht. Sie tat ihm so leid, und er wußte für sie keinen Trost. Das Mädchen kam herein und meldete, daß das Essen aufgetragen sei. Die Salomons beachteten es nicht. Wenn sie nur reden möchte, dachte er und hatte die Hoffnung bereits aufgegeben. Endlich raffte sie sich auf und trat an seinen Lehnstuhl. »Du kannst Schiwe Schiwe = Schule, Synagoge; zum Gebet gehen. sitzen, Salomon,« sagte sie, »der Junge ist tot.« Und nun brach sie zusammen und weinte in ihr Taschentuch hinein. Und nach einer Weile: »Gibst Du nun zu, Salomon, daß es gar nicht schlimmer sein konnte?« »Nein, das gebe ich nicht zu,« antwortete er. »So viel Menschenkenntnis besitze ich auch. Es hängt lediglich von dem Jungen ab. Sobald er will, ist er frei. Das ist keine, die sich ihm an die Fersen hängt.« Sie fing heftiger zu weinen an. »Salomon, was bist Du für ein Kind! Ich sage Dir, es hätte nicht schlimmer kommen können. Das ist es ja gerade, was mich zur Verzweiflung bringt. Hätte sie erklärt, ich gebe ihn unter keinen Umständen frei, so wäre ein Handel möglich gewesen. Man hätte gefragt, was kostet die Geschichte und so oder so hätte man sich geeinigt. Aber was tut die Person? Sie sagt ihm ins Gesicht, daß er seiner Wege gehen kann, daß sie einen anderen liebt. Und nun läßt er nicht mehr locker. Das ist es, was ihn reizt. Lehr' Du mich Artur kennen! Siehst Du denn nicht ein, daß darin die größte Gerissenheit liegt? Sie geht aufs Ganze und läßt sich auf keine Verhandlungen ein.« Salomon widersprach: »Hättest Du sie gesehen, Du würdest anders urteilen. Hatte sie es nötig, ihre Beziehungen zu Bobsin vor mir aufzudecken? Ich kann darin keine besondere Schlauheit erkennen. Gut, sie vertraut sich Artur an, das verstehe ich noch, aber uns gegenüber hat sie doch allen Grund zur Zurückhaltung.« »Die pfeift auf uns! Die kümmert sich den Teufel um Dich, oder um mich. Die denkt lediglich an die große Partie.« Und nun geriet sie außer sich und fing zu toben an. »Was will denn dieser Bobsin? Hat er Raupen im Kopf? Ist ihm die Dame nicht gut genug? Will er sie auf Artur abschieben?« Und auf einmal kam ihr ein Gedanke. »Warum bist Du nicht trotz alledem zu Bobsin gegangen? Mit ihm hättest Du Tachlis Tachlis = Geschäft. reden können, und wir wären vielleicht am Ziel. Salomon, wenn Du mir eine Liebe tun willst, so gehst Du jetzt noch zu ihm hin und bringst die Sache ins reine, oder wenn Du keinen Mumm hast, schick' Michalowski. Es ist der einzige Weg, glaube es mir.« »Laß die Hände davon, Du machst es nur schlimmer. Es gibt keine andere Möglichkeit, als daß er selbst zu Verstand kommt.« »Und wenn er keine Vernunft annimmt, was dann, Salomon?« »So bin ich lieber der gute als der böse Narr, und ehe ich mein eigenes Kind verliere, sage ich lieber Ja und Amen und finde mich damit ab.« »Ich nicht, ich niemals!« erwiderte sie, und ihre Züge wurden unerbittlich hart. Salomon faßte sie um die Taille. »Ach, Renettchen, man soll nie niemals sagen. Wie lange dauert das ganze Leben! Und nun komm. Es hat doch keinen Sinn, daß wir hier im Dunkeln sitzen und hungern.« Und bei Tische fuhr er fort: »Ich werde gewiß alles tun, um ihn zur Räson zu bringen und Dir beizustehen. Aus meinem Benehmen wird er schon gemerkt haben, wie ich mich zu der Sache stelle. Aber unter vier Augen erkläre ich Dir, es gibt Schlimmeres im Leben! Und er hätte ebensogut an eine geraten können, bei der man auf den ersten Blick gewußt hätte, sie wird ihn elend machen.« Frau Salomon war starr. Sie ließ Messer und Gabel auf den Teller fallen. »So bist Du nun, Salomon! Nachdem Du kaum drei Worte mit der Person gewechselt hast, fällst Du um und nimmst Partei für sie, für dieses Luder, das ihn eingefangen hat. Und wenn ich nicht da wäre, würdest Du lieber heut als morgen Deinen Segen dazu geben.« Salomon widersprach. Innerlich war er froh, sie so weit gebracht zu haben, daß überhaupt eine Auseinandersetzung möglich war. »Davon bin ich weiter entfernt, als Du denkst,« entgegnete er. »Ich behaupte nur, so wie Du sie siehst, ist sie nicht. Auch der Turban, den Du ihr angedichtet hast, fehlt. Sie trägt das Haar glatt gescheitelt und in einen einfachen Knoten geschlungen. Unsere Damen im Geschäft gehen anders frisiert, sehen im Vergleich zu ihr wie die Modepuppen aus. Alles in allem: ich müßte lügen, wollte ich behaupten, sie machte einen schlechten Eindruck. Im Gegenteil, sie hat etwas Ruhiges und Überlegtes. Man hat das Gefühl: sie weiß, was sie will.« Frau Salomon lachte höhnisch auf. »Das ist das erste vernünftige Wort, das heute abend aus Deinem Munde kommt! Ja, die weiß, was sie will. Und doch hat sie die Rechnung ohne den Wirt gemacht. Eher gehe ich aus dem Hause, als daß sie meine Schwelle betritt.« Salomon fuhr unbeirrt fort: »Es hätte ja auch eine von der Straße sein können. Daß sie ein armes Mädel ist und bei Wertheim in Kondition steht, daran nehme ich nicht den geringsten Anstoß. Es hat ja auch einmal eine Zeit gegeben, Renette, wo wir von der Hand in den Mund gelebt haben. Und Geld ist, wie alles andere auch nur eine geliehene Angelegenheit. Mitnehmen kannst Du es nicht. Und Artur ist glücklicherweise in der Lage, nach Neigung zu heiraten. Was mir Sorge macht, steht auf einem anderen Papier. Erstens liebt sie ihn nicht und zweitens ist sie eine Goite. Und beides zusammen halte ich für das größte Unglück, das ihn treffen konnte. Und darum bin ich dagegen. Was in meiner Macht steht, ihn davon abzuhalten, werde ich tun. Stopft er sich die Ohren zu, kann ich mir auch nicht helfen. Schließlich muß er und nicht wir die Zeche bezahlen.« »Du machst es Dir ja recht bequem, Salomon, aber für mich ist, so wahr mir Gott helfe, die Sache damit nicht abgetan. Zwischen mir und dieser Person hat er zu wählen. Das ist mein Standpunkt.« In diesem Augenblick ging der Schlüssel. Salomons blickten sich gespannt an, und gleich darauf trat Artur in das Zimmer. »Guten Abend,« sagte er. Frau Salomon erwiderte den Gruß nicht, während ihr Mann stumm mit dem Kopfe nickte. Eine kleine Weile zögerte Artur. »Liebe Eltern,« begann er dann, »es ist für uns alle eine heikle Situation, aber es ist nicht meine Schuld, daß die Dinge so gekommen sind. Ich habe es mir anders gedacht. Nun ist es wohl das beste, wenn wir offen miteinander reden.« Er machte eine kurze Pause, als wartete er auf ein Wort des Einverständnisses. Die Salomons rührten sich nicht. Da gab er sich einen Ruck und fuhr fort: »Ich habe mich mit Fräulein Jung verlobt. Ich weiß, es ist ein großer Schmerz für Euch, für mich ist es die Erfüllung. Und gerade um Eurer Liebe willen bitte ich Euch inständig, laßt Eure Bedenken fallen, bringt mir das Opfer.« Als er geendet hatte, war sein Gesicht leicht gerötet, und erwartungsvoll blickte er Vater und Mutter an. Frau Salomon trat dicht an ihn heran. Ihre Züge waren wie aus Stein gemeißelt. »Maseltow! Maseltow = Gratuliere! Und nun brauchst Du uns nur noch mitzuteilen, wann Chassene Chassene = Hochzeit. ist. Nein, mein Sohn, bei uns hast Du kein Glück damit. Und wenn Du Dir einbildest. Du könntest so mit Vater und Mutter umspringen, so hast Du Dich verrechnet, mit mir jedenfalls nicht, eher ...« »Mutter!« unterbrach sie Artur, »sprich das nicht aus!« Er sah sie flehentlich an und ergriff ihre Hand, die er beständig streichelte, als ob er ein krankes Kind vor sich hätte. Für einen Augenblick wurde Frau Salomon weich. »Artur, tue mir das nicht an, mach' mich nicht unglücklich.« Er zog seine Hand zurück und seine Miene wurde trostlos. »Also willst Du auf meine Kosten glücklich werden? Denn, wollte ich Dir nachgeben, ich würde der elendste Mensch auf Gottes Erde. Kannst Du das wollen? Nein, Du kannst es nicht. Du kannst mein Leben nicht zerstören, das erst jetzt für mich einen Sinn erhält.« Und er begann unaufhörlich in aufgeregten Worten von Agnes Jung zu erzählen, von ihrer Wahrhaftigkeit, ihrer Tüchtigkeit und ihrem sauberen Charakter. »Alles gut und schön,« griff Salomon jetzt ein, »aber ich vermag mir beim besten Willen nicht vorzustellen, wie ein Mann imstande sei, eine Frau zu heiraten, die eingestandenermaßen einen andern liebt.« Und Artur antwortete: »So hatte ich früher vielleicht auch gedacht. Nun aber ist der Fall eingetreten, und ich erlebe es am eigenen Leib, daß man darüber hinwegkommt. Liebe Eltern, beweisen lassen sich die Dinge eben nicht, man muß sie nehmen, wie sie sind.« »Und weshalb nimmt sie Dich?« fragte Frau Salomon gereizt, »um Deines Ponims Ponim = Gesicht. oder um unseres Geldes willen? Möchtest Du mir vielleicht darauf antworten!« »Ja, Mutter, wenn Du mich zwingst, will ich es Dir erklären. Weil ich ihr keine Ruhe gelassen habe. Weil sie nach einer großen Enttäuschung am Ende auch ihren Frieden haben will. Und selbst zugegeben, sie sagt sich im stillen, daß sie eine gute Partie macht und nicht mehr genötigt ist, ihr bißchen Dasein sich sauer zu verdienen, willst Du ihr daraus einen Strick drehen? Im übrigen weiß sie, daß sie damit nicht einmal rechnen kann, denn ich habe ihr bereits angedeutet, daß es zwischen uns zu einem Bruch kommen kann und ich dann lediglich auf meine Kraft angewiesen bin. Aber, liebe Mutter, treibt mich nicht zum Äußersten. Glaubt mir, es handelt sich nicht um ein flüchtiges Verliebtsein, nicht um einen flüchtigen Rausch. Es handelt sich einfach darum, daß ich ohne diesen Menschen nicht mehr existieren kann.« Und indem er Salomon apostrophierte: »Du hast sie gesehen, Vater. Sprich, hat sie auf Dich den Eindruck eines berechnenden Wesens gemacht? Ist sie Dir nicht mit aller Wahrhaftigkeit entgegengetreten? Ja, wenn es ihr um Geschäft und Vorteil ginge, hätte sie es dann nötig gehabt, Dich über ihre privatesten Angelegenheiten zu unterrichten?« Und als Salomon die Antwort schuldig blieb, stand Artur aus und schloß mit den Worten: »Nun überlegt es Euch, ob Ihr wirklich Grund habt, mit mir zu brechen. Ich jedenfalls kann nicht zurück. Gute Nacht, Vater! Gute Nacht, Mutter!« »Du tust ja, als ob Du plötzlich nicht bis drei zählen könntest,« schrie Frau Salomon ihren Mann an. »Was soll nun geschehen? So rede doch ein Wort!« »Ich habe Dir bereits geantwortet, Renette. Nachgeben, wenn wir den Jungen nicht verlieren wollen. Ich hätte ihm übrigens so viel Courage nicht zugetraut. Aufrichtig gesprochen: das gefällt mir an ihm!« »Es gefällt Dir!« Sie wurde bleich vor Zorn. »Dich hat er ja in einer Minute dreimal um den Finger gewickelt. So was habe ich noch nicht erlebt!« Salomon blickte seine Frau groß und gütig an. »Weshalb bin ich still geblieben, Renette? Weshalb? Hatte er nicht im Grunde mit jedem Worte recht? Heiraten wir, oder heiratet er? Geht es um unser Glück oder um seins? Können Eltern bis in alle Zukunft vorsorgen? Und nimm einmal den Fall an, es passierte ihm heut' etwas, er würde von Dir genommen. Müßtest Du Dir nicht zeitlebens Vorwürfe machen?« »Komm mir nicht so! Laß die Drohungen beiseite, Salomon, das macht keinen Eindruck auf mich.« »Doch, Renette, es macht auf Dich Eindruck. Dazu kenne ich Dich zu gut, und darum spreche ich es aus. Du würdest die Gestrafte sein. Du allein. Keine ruhige Stunde hättest Du mehr. Stell' Dir vor, der Junge trennte sich von uns, und ich bin überzeugt, daß er Ernst macht, wer würde mehr als Du darunter leiden? Von dem Gerede unter den Bekannten will ich nicht einmal sprechen, aber was wird es für ein Aufsehen im Geschäft und bei der Kundschaft machen! Dieses Köpfezusammenstecken, dieses Getuschel, und dazu noch obendrein neugierige Fragen und mitleidige Blicke. Wenn ich nur daran denke, wird mir übel.« »Er darf es nicht tun, er darf es, nicht,« erwiderte sie hartnäckig. »Und wenn wir nicht nachgeben, wird er's sich dreimal überlegen.« Um Salomons Mund hing ein dünnes Lächeln. »Du willst mit dem Kopf durch die Wand. Und das geht eben nicht. Gewiß, Du hast Dich im Leben schinden müssen, Renette, aber schließlich ist Dir alles geglückt. Und nun kannst Du es nicht fassen, daß einmal etwas schief geht, und daß man sich damit abfinden muß.« »Ich nicht, Salomon, ich nicht! Sieh zu, wie Du damit fertig wirst.« »Komm schlafen, Renette, das Reden hat nicht viel Sinn. Und morgen ist auch noch ein Tag.« Sie zogen sich schweigend aus, und jeder von ihnen wälzte sich auf seinem Lager, ohne Schlaf zu finden. Salomon hörte, wie seine Frau stöhnte. Sie hadert mit Gott und der Welt, dachte er, sie verflucht Artur und mir ist sie gram, weil sie meint, ich hätte ihr nicht die Stange gehalten. Sie tat ihm leid, obwohl er selbst in tiefer Kümmernis war. Dann merkte er an ihren regelmäßigen Atemzügen, daß sie eingeschlafen war. Nur hin und wieder gab sie ein Röcheln von sich. Er lag mit weitgeöffneten Augen da, und in dem Dunkel der Nacht erschien ihm sein Dasein leer und fremd. Fremd die unansehnliche kleine Frau neben ihm und fremd der Junge, durch dessen gewaltsames Tun das Haus aus seinem ruhigen Schlaf aufgerüttelt war. Salomon kam es zum Bewußtsein, daß das ganze Leben ohne Sinn war. Für Artur hatten sie sich gequält und geschunden, der war immer gegen Arbeit und Anstrengung gewesen, von der Schule angefangen bis zum Geschäft. Und nun hatte er, ohne auf Vater und Mutter die mindeste Rücksicht zu nehmen, sich auf die erste Frau gestürzt, die seine Sinne erregte. War er nicht im Rechte? Was frommte einem aller Erwerb, wenn man stumpf und alt darüber würde? War er, Salomon, eigentlich glücklich gewesen? Wenn sein alter Hausarzt recht hatte, hing die Glückseligkeit des Menschen von drei Dingen ab. Pulvermacher pflegte zu fragen: »Haben Sie gegessen? Haben Sie verdaut? Haben Sie geschlafen?« Wenn der Patient bejahte, war die Angelegenheit für ihn erledigt. Dennoch war er auf seine Kosten gekommen und hatte keinen Grund zur Klage. Körperlich war ihm nichts abgegangen. Weshalb grübelte er also? Das Bild von Agnes Jung tauchte auf. Er sah sie ganz deutlich in ihrer mageren Gestalt, mit den klaren, leuchtenden Augen. Er mußte zugeben, daß Artur Geschmack bewiesen hatte. Agnes Jung gefiel ihm. Er begriff seinen Sohn. Auch Ihre Art hatte ihm Achtung abgenötigt. Ein Mädel, das auf Männer jagte, benahm sich anders. Weshalb machte man also dem Jungen das Leben sauer? Weil sie arm war? Wozu hatten sie das Geld zusammengescharrt! Oder weil sie kein Judenmädel war? Du lieber Gott, mit solchen Vorurteilen hatten die Menschen doch längst aufgeräumt. Und nun stand es für ihn fest, daß Renette nachgeben mußte, weil sie nicht das Recht hatte, Artur elend zu machen. Salomon träumte sich in die Rolle des zärtlichen Schwiegervaters hinein, und in seiner Phantasie sah er bereits die Enkelkinder auf seinen Knien schaukeln und hörte ihr Lachen durch das Haus tönen. Und mochte Renette noch so sehr der Schwiegertochter gram sein, die Kinder würden sie milde und versöhnlich stimmen. Am liebsten hätte er sie geweckt und ihr dies Zukunftsbild in hellen Farben ausgemalt. Aber Renette schlief bereits den Schlaf der Gerechten und schnarchte leise. Salomon mußte lächeln. So ist das Leben. Man glaubt es nicht tragen zu können, und dann kommt der Schlaf und bricht alle Sorgen. Er drehte das Licht an und betrachtete sie. Wie ein zusammengeschrumpftes Bündel lag Renette da. Die dünnen Lippen hatte sie fest aufeinander gepreßt. Ihr pergamentartiges Gesicht sah zum Erbarmen aus. Salomon seufzte und machte das Zimmer wieder dunkel. Und übermüde streckte er seinen schweren, großen Körper aus, um gleich darauf in tiefen Schlaf zu versinken. Mitten in der Nacht weckte Frau Salomon ihren Mann auf. Sie war gelb wie eine Zitrone, fror und klagte über heftige Schmerzen. Salomon erschrak bei ihrem Anblick. Niemals war sie ihm so alt und verfallen erschienen. Der Gram der letzten Tage hatte sie völlig gebrochen. »Renettchen, Renetterl,« wiederholte er beständig und streichelte ihr verkümmertes Gesicht, das ganz klein geworden war. Er wollte sofort Pulvermacher antelephonieren. Sie gab es jedoch um keinen Preis zu. So saß er an ihrem Bett, hielt ihre Hand, während sie in sich hinein ächzte und wimmerte und sich zur Seite warf, damit er ihre schmerzverzerrten Züge nicht sähe. Sie wollte es mit sich allein abmachen. Niemand sollte ihr helfen. Und plötzlich entriß sie in tiefer Bitterkeit Salomon ihre Hand. »Leg' Dich schlafen! Ich brauche Dich nicht,« sagte sie und ihre Stimme klang hart und unfreundlich. Salomon kannte diese Art an ihr. Sie war leicht verletzbar und konnte sich beleidigt und gekränkt fühlen, ohne daß man erriet, was sie eigentlich in Aufruhr gebracht hatte. Sie war dann tagelang mit ihm und Artur brauges brauges sein = böse sein , es bedurfte der größten Mühe, um sie wieder zu versöhnen. Sie verlangte, ohne es auszusprechen, daß man sie umwarb und mit Fragen bestürmte. Und tat man es, verweigerte sie die Antwort und war verstockter als das eigensinnigste Kind. Sie war liebebedürftig und konnte es nicht zeigen. Sie war innerlich weich und nach außen stachelig und beständig gereizt. Niemand wußte das besser als Salomon. Und niemand konnte mehr Rücksicht darauf nehmen als er. Sie war ihm im Herzen dafür dankbar und überzeugt, daß er der beste, gütigste und zarteste Mensch auf Gottes Erde war. Und in seltenen, feierlichen Augenblicken sprach sie es auch aus. Salomon wehrte dann ärgerlich ab und erklärte mit Nachdruck, daß sie eine miserable Menschenkennerin sei und keine Ahnung hätte, wie es eigentlich in seinem Innern aussähe. Auch in dieser Nacht wandte er seine alte, bewährte Methode an, nahm die Hand wieder, die sie ihm entzogen hatte, und versuchte unablässig, ihr mit Güte beizukommen. Es war alles umsonst. Ja, mit einer gewissen Genugtuung empfand sie ihren körperlichen Schmerz, für den sie Artur, aber auch Salomon verantwortlich machte, und steigerte sich in einen immer leidenschaftlicheren Zorn hinein. Die Nacht dehnte sich zum Gotterbarmen. Und als der Morgen graute, hatte er zerschlagene Glieder und atmete doch erleichtert auf, nachdem Pulvermacher fest zugesagt hatte, sich sofort auf die Beine zu machen. Pulvermacher hielt Wort. Er war dünn und schmächtig, hatte große, abstehende Ohren, die sich beständig bewegten, und kleine, funkelnde Augen. Er war wahnsinnig neugierig und trotzdem in allen Häusern, in denen er behandelte, ungemein beliebt. Das lag an mancherlei. Wenn er auf die Schwelle trat, packte er den neuesten jüdischen Witz aus. Und alle Welt war sich darin einig: Niemand konnte so glänzend jüdische Witze erzählen wie er. Und dann hatte er eine Eigenschaft, die man ihm hoch anrechnete: Er zeigte dem Patienten immer eine fröhliche Miene, und mochte der Fall noch so verzweifelt liegen, Pulvermacher schwor bei Abraham, Isaak und Jakob, daß die Sache nichts auf sich habe. Und wenn er genau wußte, daß der Kranke die Nacht nicht überleben würde, pflegte er noch zu sagen: »Kopf hoch, Freundchen, morgen verlassen wir das Bett und haben es überstanden.« Und Pulvermacher behielt recht. Der Kranke verließ das Bett und hatte es überstanden und so gründlich, daß er in dieser Zeitlichkeit keinen Doktor mehr nötig hatte. Und witzig war er. Einmal hatte Frau Salomon, die jede Woche an einer neuen Krankheit litt, ihn mit den alarmierenden Worten empfangen: »Pulvermacher, ich habe Krebs!« worauf er prompt fragte: »Zu Mittag, Frau Salomon?« und mit diesen Worten hatte er die tödliche Krankheit ein für allemal erledigt. Die Salomons, die er seit ihrer Verheiratung behandelte, liebten ihn, obwohl sie von ihm behaupteten, es gäbe in der ganzen Stadt kein gefährlicheres Klatschmaul und keinen größeren Schmuser als ihn. Salomon hatte ihm direkt ins Gesicht gesagt: »Pulvermacher, machen Sie sich nicht beständig zum Schauten, dazu sind Sie nachgerade zu alt geworden!« Denn Sechzig hatte er gut und gern auf seinem Rücken. Er war für das Diminutivum. Sein Bedürfnis nach Zärtlichkeit wurde dadurch gedeckt. Er pflegte etwa zu fragen: »Tut das Brustchen weh?« Oder: »Sind vielleicht die Nierchen nicht in Ordnung? Woll'n gleich mal das Urinchen untersuchen.« Es gab für ihn nur ein Näschen, ein Mündchen, ein Händchen, ein Beinchen, ein Füßchen. Daran mußte man sich gewöhnen. Und man nahm diese kleinen Eigentümlichkeiten mit in den Kauf, weil er der gutmütigste und aufopferndste Mensch war. Bevor Salomon ihn an Renettes Krankenbett führte, hatte er eine lange Aussprache mit ihm. Und Pulvermacher riß die kleinen Augen weit auf, so daß er ungeheuer komisch aussah. »Nicht möglich! Das Arturchen! Wer hätte das gedacht? Sieh einmal an! Das Arturchen! Und Agnes Jung heißt sie?« Er schnalzte kaum hörbar mit der Zunge. »Ein hübsches Nämchen! Da kommen einem ja ordentlich Frühlingsgefühle! Und bei Wertheim ist sie? Wie interessant! Noch heute vormittag mache ich Bekanntschaft mit ihr. In welcher Abteilung ist sie, Salomönchen? Bei den Juponchen? Bei den Hemdchen und den Unterhöschen? Oder verkauft sie wohlriechende Wässerchen?« »Nun ist's aber genug, Pulvermacher,« unterbrach ihn Herr Salomon. »Ich erzähle Ihnen von meiner kranken Frau und erwähne diese Dinge, damit Sie genau unterrichtet sind, und Sie halten es vor Neugier wieder einmal nicht aus und hören kaum zu.« »Ach, Salomönchen, das Leberchen Ihrer Frau revoltiert ein wenig. Fast hätte ich gesagt, Fräulein Jung ist ihr auf die Leber gefallen. Das gibt sich, das hat nichts auf sich, das bringen wir schon wieder in die Reihe. Aber die andere Sache,« er spitzte den Mund, »die von Arturchen, ist doch höchst interessant! Wer hätte ihm das zugetraut? So ein Kerlchen!« Salomon wurde ungeduldig. »Hören Sie, warum ich Sie bitte, Sie sollen meiner Frau gut zureden, daß sie die ganze Geschichte nicht so tragisch nimmt. Ich wäre Ihnen wirklich dankbar, wenn Sie das zustandebrächten. Ich möchte wieder meinen Frieden haben. Und wenn der Junge von der Idee nicht abzubringen ist, so soll er sie ...« »Unbesorgt, Salomönchen, verlassen Sie sich auf mich. Mach ich alles bestens! Ist ein harter Bissen für das Renettchen! Tut nichts, sie muß ihn schlucken. Und nun in Gottes Namen.« Er rieb sich aufgeregt die Hände und begab sich zu Frau Salomon. Er traf sie in einem völlig apathischen Zustand. »Was machen wir denn für Geschichten? Und wo ist denn das Wehchen?« Er tätschelte ihre Hand und fühlte ihren Puls ab. »Und nun einmal das Züngelchen heraus! Hat gar nichts auf sich. Wir bleiben bis Mittag hübsch im Bettchen und lassen Geschäft Geschäft sein. Nachmittags stehen wir dann auf ein Stündchen auf. – Eine kleine Gelbsucht, die in achtundvierzig Stunden behoben ist. Und wie geht's uns sonst? Was gibt es Neues, Frau Salomönchen?« Sie blickte ihn verdutzt an. »Hat Ihnen denn mein Mann nichts erzählt?« Pulvermacher stellte sich dumm. »Nichts hat er mir gesagt. Ist denn was passiert?« Und er riß dabei seine neugierigen Augen so weit auf, daß Frau Salomon sich täuschen ließ. »Dann ist es wohl besser, wenn ich ebenfalls den Mund halte,« meinte sie. Aber da wurde Pulvermacher böse und erklärte, die erste Pflicht des Patienten sei es, sich dem Arzte anzuvertrauen, es müsse ihr doch bekannt sein, daß die meisten körperlichen Leiden im Seelischen ihren Ursprung hätten. Und dazu habe er über fünfundzwanzig Jahre in ihrem Hause behandelt, um das zu erleben? Frau Salomon hielt sich die Ohren zu. »Hören Sie auf, Pulvermacher. Sie reden einen ja mewulve mewulve = außer sich. .« Aber da sie selbst das Bedürfnis hatte, sich auszusprechen, ließ sie sich nicht länger bitten, und so erfuhr er zum zweiten Male das große Unglück des Salomonschen Hauses. Er setzte eine tiefernste Miene auf und schüttelte bedenklich den Kopf. »Schlimm, schlimm,« sagte er ganz leise. Da glaubte Frau Salomon einen Bundesgenossen in ihm gefunden zu haben und beschwor ihn, ihr zu helfen. Pulvermacher wurde trübselig und wehrte zugleich heftig ab. »Nein, da rate ich nicht, da sei Gott vor, daß ich da meine Finger hineinstecke.« Und er zählte treuherzig hundert Fälle für einen auf, in denen junge Menschen sich aus Liebesgram um die Ecke gebracht hatten. Nein, zum Mitschuldigen könne er sich nicht machen, und das dürfe sie bei aller Freundschaft ihm nicht übelnehmen. Frau Salomons gelbe Farbe wurde um einen Ton blasser. »So was täte Artur niemals,« erwiderte sie unmutig. Pulvermacher zuckte die Achseln. »Ich möchte meine Hand dafür nicht ins Feuer legen. Arturchen hat von klein auf höchst reizbare Nerven gehabt und zu Extravaganzen immer ein bißchen hingeneigt. Erinnern Sie sich nur, Frau Salomönchen, wie aufgeregt er nach den Masern war.« Sie richtete sich in ihrem Kissen auf und sah ihn gespannt an. »Auf Ehre und Gewissen, was würden Sie Herr Sanitätsrat, an meiner Stelle tun?« Er ließ den kleinen runden Kopf auf die Schulter sinken und überlegte. »Wissen Sie,« erwiderte er langsam, »da stellen Sie mich vor eine äußerst schwierige Frage. Als Arzt bin ich entschieden für Mischung der Rassen. Unser altes jüdisches Blut kann eine Auffrischung gut vertragen, und als Jude, mein Gott, als Jude hätte ich mein Kind zu lieb, um es ins Unglück zu treiben. Als Junggeselle freilich bin ich gegen das Heiraten. Ich habe immer gefunden, beim Heiraten kommt in der Regel nichts Gutes heraus – Ihre Musterehe natürlich ausgenommen, Frau Salomon! Aber das ist ein rein persönlicher Standpunkt!« »Ich danke Ihnen, Doktor, nun bin ich ebenso gescheit wie vorher!« Pulvermacher war verblüfft. Auf diese Antwort war er denn doch nicht gefaßt gewesen. »Kommt Zeit, kommt Rat,« meinte er und erhob sich. In der Tür wandte er sich noch einmal um: »Ich würde mir an Ihrer Stelle das Mädchen erst einmal ordentlich ansehen. So wie ich Arturchen taxiere, hat er keinen üblen Geschmack. Und am Ende sind Sie noch heilsfroh über die Wahl, die er getroffen hat.« Frau Salomon stieß ein grelles Lachen aus. »Sie sind geradeso leichtsinnig wie Salomon,« entgegnete sie. »Ich weiß am besten, was mir blüht.« Und mit tiefem Gram fügte sie hinzu: »An der Geschichte gehe ich zugrunde, erinnern Sie sich an die Worte, wenn Sie mir den Totenschein ausstellen.« »Hundert Jahre werden Sie alt, Frau Salomönchen, hundert Jahre und darüber, glauben Sie mir!« Und damit verließ er das Zimmer in der Gewißheit, die Schlacht gewonnen zu haben. Auf dem Flur traf er Salomon. Und indem er ihm die Hand zärtlich drückte, sagte er: »Zur Verlobung werde ich eingeladen, das bitte ich mir aus!« V. Es gab eine ungeheure Aufregung, als Agnes Jung das Salomonsche Geschäft betrat. Das ganze Personal wußte in diesem Augenblick, daß nunmehr der große Wendepunkt eingetreten sei und Artur auf der ganzen Linie gesiegt habe. Die Verkäuferinnen blickten ihr scheelsüchtig nach und ließen giftige Bemerkungen fallen. Man begriff es einfach nicht. Aber die Herren waren anderer Meinung. Ihr Sachverständigenblick, der in einer Sekunde Agnes Jungs schlanke Gestalt prüfend überflogen hatte, fand sich vollauf befriedigt. Der junge Salomon hatte richtig gewählt. Das war eine, die jene Geheimkräfte in sich barg, mit denen man die Männer an sich zieht, um sie nicht mehr locker zu lassen. Und während sie ihre Meinungen austauschten und dabei jene erotischen Witze sich zuflüsterten, die bei solcher Gelegenheit an der Tagesordnung sind, schritt Agnes Jung hocherhobenen Hauptes zum Kontor. Salomon saß vor seinem Schreibtisch, in dichte Rauchwolken gehüllt. Ohne jede Befangenheit leistete sie seiner Aufforderung, Platz zu nehmen, Folge. Klar und unbeteiligt erschien sie ihm, ihre Augen waren kalt und sachlich auf ihn gerichtet. »Artur hat mir mitgeteilt,« begann sie, »daß Sie mich zu sprechen wünschen. Hier bin ich.« Salomon betrachtete sie aufmerksam. Er fühlte, daß diese Augen leuchten und brennen konnten. »Fräulein Jung, wir wollen aufrichtig miteinander reden. Es ist uns nicht leicht geworden, Ja zu sagen. Sie werden es vielleicht begreifen, daß wir mit unserem Jungen andere Pläne hatten.« Sie nickte zustimmend. »Nun gut. Ich habe mich damit abgefunden. Meiner Frau ist es sauer geworden, und Sie dürfen daher nicht erstaunt sein, wenn sie Ihnen nicht sofort mit offenen Armen entgegenkommt.« Wieder nickte Fräulein Jung. »Nun gilt es, über gewisse Dinge Klarheit zu schaffen! Selbstverständlich müssen Sie Ihre Stellung bei Wertheim sofort aufgeben. Ich weiß, es ist mitten im Monat, aber das mache ich für Sie ab.« Auf ihren Einwurf, daß sie ohne Arbeit nicht existieren könne, erwiderte er: »Sie werden mit der Aussteuer und der Wohnungseinrichtung reichlich zu tun haben, denn, wie ich höre, liegt ja die Absicht vor, sehr bald zu heiraten.« Sie wollte entgegnen, daß sie es keineswegs so eilig habe, aber ein Gefühl des Taktes ließ sie rechtzeitig diese Bemerkung unterdrücken. Salomon holte tief Atem. »Es gibt noch manches zu besprechen,« Hub er zögernd von neuem an. »Haben Sie schon darüber nachgedacht, was für den Fall, daß Artur und Sie Kinder bekommen, geschehen soll?« Nein, darüber habe sie sich, offen gestanden, niemals Gedanken gemacht. Es sei dies doch eine Frage, über die man zu gegebener Zeit sich unterhalten könne. Salomon schüttelte den Kopf. »Darüber muß unbedingt Klarheit geschaffen werden.« »Gut,« antwortete sie, und ein boshaftes Lächeln huschte um ihren Mund. »Geraten sie schwarz, werden sie Juden, geraten sie blond, Christen.« »Ob schwarz oder blond, gilt gleich,« erwiderte Salomon stirnrunzelnd. »Und nach dem Ponim darf die Frage nicht entschieden werden.« Agnes Jung wurde ernst. »Ich meine, die Hauptsache ist, daß es anständige Menschen werden.« »Stimmt,« gab Salomon zurück. »Aber mir und meiner Frau wäre es doch eine große Beruhigung gewesen, wenn über den Punkt zwischen uns eine Einigung erzielt worden wäre.« Er machte eine lange Pause, senkte den Kopf ein wenig auf die Schulter und dachte offenbar darüber nach, was noch zwischen ihnen zu erledigen wäre. Agnes Jung kam ihm zuvor. »Vielleicht haben Sie auch in Erwägung gezogen, daß ich ebenfalls zu Ihrem Glauben übertreten soll?« Salomon nickte. »Lieb wäre es uns schon. Indessen möchte weder ich noch meine Frau in der Hinsicht einen Zwang auf Sie ausüben.« »Schön! Dann brauchen wir über den Punkt uns nicht weiter zu unterhalten, Herr Salomon. Denn zu einem Glaubenswechsel würde ich mich nicht entschließen können. Ich bin gewiß nicht das, was man einen religiösen Menschen nennt. Aber ich bin nun einmal als Christin geboren und sehe den Grund nicht ein, weshalb ich als Jüdin sterben soll!« Salomon machte: »Hm, hm,« und war von dieser Erklärung nichts weniger als erbaut. »Ich könnte mir schon vorstellen,« meinte er und aus dem Ton seiner Stimme klang eine leichte Gekränktheit, »daß eine Frau um ihres Mannes willen einen solchen Schritt täte, um so mehr, wenn sie von Hause aus nicht gerade fromm ist. Aber bei Ihnen,« setzte er dann geärgert hinzu, »trifft ja meine Voraussetzung nicht zu, da Sie Artur nicht lieben.« Agnes Jung schwieg. Und Salomon wurde durch diese Zurückhaltung immer erbitterter. Aus Anstand hätte sie mir doch widersprechen können, dachte er, man kann doch auch aus Höflichkeit des Herzens lügen. Warum muß sie mir die Sache so sauer machen? Sie mochte fühlen, was in ihm vorging. Und Salomon, der so breit und behäbig vor ihr saß, auf dessen Gesicht so deutlich väterliche Liebe und Sorge geschrieben stand, gefiel ihr immer besser. Sie wußte es auch zu würdigen, daß er alle zukünftigen Eventualitäten wie ein kühler Geschäftsmann behandelte, der auf Ordnung in seinen Büchern hält, damit hinterher die Bilanz stimme. Sie war überzeugt davon, daß sie sich eines Tages verstehen würden. Trotzdem widerstrebte es ihr, auch nur das mindeste von ihrem Bekenntnis zurückzunehmen. »Herr Salomon, hat es einen Sinn, Ihnen ein X für ein U vorzumachen? Artur und ich haben uns geeinigt, und ich habe den ehrlichen Willen, ihm eine gute Frau zu werden. Das muß Ihnen für den Augenblick genügen. Was bei diesen Vorsätzen herauskommt, kann niemand ahnen. Da heißt es eben abwarten und sich ein bißchen auf Gott und sein Glück verlassen.« »Schön,« sagte Salomon, »mit der Antwort gebe ich mich zufrieden. Wie alle jüdischen Väter glaube ich an mein Kind, er ist nämlich noch ein Kind, und Sie werden es leicht mit ihm haben. Sie sind die Stärkere, Fräulein Jung. Mißbrauchen Sie niemals Ihre Kraft. Das ist alles, worum ich Sie bitte. Abgemacht!« Sie legten ihre Hände ineinander. Und Salomon spürte, wie bei dem Druck ihrer schmalen, kühlen, festen Hand ein Strom durch seinen Körper ging. Und in seinem Inneren dachte er: Es ist doch etwas Wunderbares um so ein junges, blühendes Geschöpf. Auch der Blick ihres Auges erschien ihm strahlender und wärmer als zuvor. In einer spontanen Aufwallung küßte er sie auf ihre klare, weiße Stirn. Eine leichte Röte färbte ihr eingefallenes Gesicht, und Salomon empfand, daß ein ganz eigener Liebreiz von ihr ausging. Und weil er, ohne ein Trinker zu sein, immer für einen guten Tropfen etwas übrig hatte und in seinem Kreise als ein besonderer Kenner edler Weine galt, hätte er um ein Haar gesagt: »Fräulein Jung, wollen Sie wissen, wie mir just zumute ist? Als ob aus wunderschönem Kristall der Duft von altem, edlem Burgunder mir in die Nase stiege.« Indessen unterdrückte er noch rechtzeitig diese Bemerkung, was ihm um so leichter fiel, als Agnes Jung ihm etwas plötzlich ihre Hand entzog und ihrerseits, indem sie eine geschäftliche Miene aufsetzte, die Verhandlung wieder aufnahm: »Herr Salomon, jetzt möchte ich meine Bedingungen stellen; denn was dem einen recht ist, ist dem anderen billig.« Salomon spitzte die Ohren. Agnes Jung aber fuhr fort: »Ich habe bereits betont, daß ich ohne Tätigkeit nicht existieren kann. Ich möchte nicht Frau Artur Salomon werden und mich damit begnügen, die Wirtschaft zu führen. Artur hat mir erzählt, daß Sie ihn zu Ihrem Teilhaber machen würden. Ich rechne nun bestimmt damit, ebenfalls im Geschäft angestellt zu werden. Wobei ich es für selbstverständlich halte, daß mir eine größere Stellung als bei Wertheim eingeräumt und dementsprechend auch ein Gehalt zugebilligt wird. Denn jeder Mensch,« fügte sie resolut hinzu, »hat doch den Wunsch, hochzukommen und sich zu verbessern. Außerdem möchte ich nicht ganz von meinem Mann abhängig sein, sondern in der Reserve immer einen Notgroschen haben, über den ich frei verfügen kann. Es ist Ihnen gewiß nicht unbekannt, daß ich gewisse Verpflichtungen habe, die ich unter allen Umständen einhalten muß.« Salomon hatte mit wachsender Unruhe zugehört. Widerstreitende Empfindungen kämpften in ihm. Wenn er ihren Standpunkt auch begriff so sah er doch andererseits die widrigsten Konflikte voraus. Er wußte, daß Renette außer sich geraten würde, er hörte im stillen bereits ihre Worte: »Erst hat sie mir den Jungen gestohlen, und jetzt drängt sie sich noch in das Geschäft!« Ganz gewiß würde sie es als den schwersten Eingriff in ihre Rechte betrachten und niemals eine Rivalin neben sich dulden. Salomon versuchte nun mit aller Diplomatie, deren er fähig war, Agnes Jung bezüglich ihres Vorhabens umzustimmen. Sie müßte als Frau Salomon repräsentieren, neue Pflichten würden an sie herantreten, und mit ihrer ganzen Position würde es unvereinbar sein, wenn sie als Angestellte tätig wäre. Und darüber sei doch kein Wort zu verlieren, daß es Arturs Angelegenheit sei, für alle ihre Verpflichtungen einzustehen. Fräulein Jung hatte ihm ruhig zugehört, dann aber entgegnete sie sehr kühl und ohne mit der Wimper zu zucken, daß sie nicht gewillt sei, in diesem Punkte nachzugeben. Sie habe sich das reiflich überlegt, und niemals würde sie den einmal gefaßten Entschluß aufgeben. Gerade das wollte sie ja vermeiden, daß ihre Mutter von ihrem Manne abhängig werde und gewissermaßen das Gnadenbrot von ihm empfange. Gott sei Dank, sie habe starke Arme und sei kerngesund, so daß sie für sich einstehen könne. Im übrigen wolle sie nicht drängen, zumal es ja noch den anderen Ausweg gebe, daß sie auch als Frau Salomon ihre Stellung bei Wertheim beibehielte. Um das Gerede der Leute habe sie sich nie gekümmert und denke es auch in Zukunft nicht zu tun. Salomon war starr. Vor dieser Entschlossenheit und nüchternen Auffassung der Dinge bangte ihm. Zugleich erkannte er, daß hier ein unbeugsamer Wille war, gegen den anzukämpfen die reinste Kraftvergeudung gewesen wäre. »Und wie hoch haben Sie sich denn das Gehalt gedacht?« begann er vorsichtig nach einer langen Weile. Agnes Jung lachte aus vollem Halse. »Nein, wie komisch das alles ist,« sagte sie. »Es sieht ja fast so aus, als ob wir beide miteinander kämpfen.« Sie nahm Salomons Hand. »Ich möchte mit Ihnen gut Freund sein. Ich habe von der ersten Sekunde an gewußt, daß wir uns verstehen würden.« Es schien Salomon, als ob ihre Augen sich bei diesen Worten ein wenig geweitet und einen sonderbaren Ausdruck angenommen hätten. Alles Kühle war von ihr abgestreift, und eine sinnliche Wärme strömte zu ihm hinüber. Ihr Atem traf ihn, und der Duft ihres jungen, straffen Körpers stieg ihm in die Nase. »Das ist alles gut und schön,« erwiderte er langsam und nach dem rechten Worte tastend, »nur weiß ich nicht, was bei Ihnen stärker ist: Herz oder Kopf. So viel habe ich jedenfalls heraus, auf das Geschäftliche verstehen Sie sich.« Dabei lächelte er ein wenig spöttisch. Er hatte seine alte Ruhe wiedergefunden. »Ich habe es mit der Zeit gelernt,« antwortete sie. »Gott sei Dank, ich habe es gelernt. Und eines Tages werden Sie mir Dank wissen. Und trotzdem bin ich kein Zahlenmensch. Nein, lächeln Sie nicht, Herr Salomon,« brach sie rasch und unvermittelt ab, »reden wir nicht von Gefühlen; das ist wohl das Dümmste, was man tun kann. Wir sind ja ohnehin noch nicht handelseinig geworden.« »Stimmt, Fräulein Jung,« erwiderte Salomon und war von neuem verdutzt. In diesem Menschen war praktisches Überlegen und naives Zugreifen auf eine so seltsame Art gemischt, daß er nicht recht klug daraus zu werden vermochte. »Und nun wollen wir zum Schluß kommen. Über die Höhe Ihrer Gehaltsforderung sind Sie sich gewiß doch längst im klaren, also bitte, wie steht's damit?« »Sie ziehen einem die Würmer aus der Nase, Herr Salomon, und lieber wäre es mir gewesen, Sie hätten mir ein Angebot gemacht, ein recht anständiges natürlich, auf das ich sofort hätte eingehen können.« Salomon wehrte ab. »Das wäre gegen alle Usance. Also heraus mit der Sprache, ich bin auf alles gefaßt.« Siebenhundertfünfzig Mark verlangte Agnes als monatliche Anfangsgage. Er glaubte seinen Ohren nicht zu trauen. »So ... so ... so ...,« murmelte er und nickte unaufhörlich mit dem Kopfe. Er rechnete im stillen aus, daß das neuntausend Mark im Jahre machte. Renette würde in die Lüfte gehen, wenn sie es hörte. Dann zerbrach er sich den Schädel, auf welches Konto man diese horrende Summe buchen könnte, damit seine Frau nichts davon erfuhr. Endlich sagte er: »Wissen Sie, was Fräulein Traube, die zwanzig Jahre im Hause ist und Postprokura hat, bei uns bezieht?« Nein, Fräulein Jung wußte es nicht. »Fünfhundert Mark,« stieß Salomon hervor. »Das ist aber eine Schande, das ist eine wirkliche Schande!« Ihre Miene spiegelte helle Entrüstung wieder. »Und die Gehälter in den Warenhäusern?« fragte Salomon. Solche Art zu argumentieren lehnte Fräulein Jung schroff ab. Wo gut verdient werde, solle man auch gut bezahlen. Man dürfe nicht vergessen, fügte sie hinzu, und nun fühlte sie sich als eine, die aus der Tiefe gekommen war, wie schwer es sei, in abhängiger Stellung zu arbeiten, beständig einen krummen Rücken zu machen und obendrein alle vier Wochen gewärtig zu sein, auf die Straße gesetzt zu werden. »Sie sind ja die reinste Sozialdemokratin.« Ja, sie sei Sozialdemokratin, daraus mache sie nicht den geringsten Hehl. »Ach,« sagte Salomon, »ich habe um des Geldes willen nie gearbeitet und hätte für mein Teil nichts gegen einen gerechten Ausgleich einzuwenden.« Agnes Jung warf den Kopf zurück. »Das sagen alle,« entgegnete sie, »und im Grunde sind sie froh, daß sie das Geld haben und die anderen drücken können. Es ist immer die alte Geschichte.« Salomon unterbrach sie. »Nichts für ungut, Fräulein Jung, aber verlassen wir dies Gebiet. Die soziale Frage werden wir beide nicht lösen. Ich akzeptiere mit vierteljähriger Kündigung; denn als vorsichtiger Kaufmann muß ich mich sichern und überzeugen, ob Ihre Leistungen wirklich eine so hohe Gage rechtfertigen. Einverstanden?« Sie stimmte zu. »Und noch eines, Fräulein Jung: Eintritt in das Geschäft zwei Monate nach der Hochzeit. Wann soll Hochzeit sein?« »Das hängt lediglich von Ihnen und Artur ab.« Salomon erhob sich plötzlich. Mit einem Ruck schüttelte er alles Geschäftliche von sich. Sein Gesicht bekam etwas Leuchtendes. Mit tiefem Wohlbehagen, fast mit Zärtlichkeit sah er sie an. »Machen Sie meinen Jungen glücklich,« sagte er, »und ich will den Tag segnen, an dem er Ihnen begegnet ist.« Er drückte sie fest und väterlich an sich und küßte sie wieder auf ihre kühle, weiße Stirn. Agnes Jung schlang die Arme um ihn und drückte ihre Lippen auf seinen Mund. Als sie wieder das Kontor verließ, strahlten ihre Züge vor Selbstbewußtsein und Genugtuung. Gehobenen Hauptes schritt sie an den jungen Leuten vorbei, und ihr Blick schien auszudrücken: Kinder, bald bin ich mitten unter euch und kommandiere. Seht zu, daß wir miteinander auskommen. Mit mir läßt sich leben. Ich kenne eure Leiden und Sorgen, bin aus dem Dunkel und der Tiefe emporgestiegen und denke nicht daran, meine Herkunft zu verleugnen. Ich helfe, wie und wo ich kann. Aber Respekt fordere ich, ich bin die Herrin, und daran lasse ich nicht rühren. Fräulein Traube war die erste, die demütig grüßte und alle jungen Herren folgten prompt ihrem Beispiel. Agnes Jung nickte jedermann freundlich zu und machte auf. das gesamte Personal einen vorzüglichen Eindruck. »Ich glaube, es wird gehen,« meinte Fräulein Traube. »Offen gestanden, ich hatte sie mir schlimmer vorgestellt. Und vielleicht,« fügte sie mit bissiger Schadenfreude hinzu, »wird sie die Alte etwas in Schach halten. Denn man sieht es ihr an, sie hat Haare auf den Zähnen, und wenn man sie reizt, fürchte ich, ist mit ihr nicht gut Kirschen essen. Man kann sich ja täuschen, aber in der Regel hat es mit dem ersten Eindruck seine Richtigkeit.« Inzwischen war Agnes Jung in der Steidelschen Konditorei angelangt, wo Artur sie mit Sehnsucht und Ungeduld seit einer Stunde erwartete. »Du hast aber lange gebraucht,« sagte er und blickte sie dabei zärtlich an. Er hatte bereits die dritte Portion Erdbeeren mit Schlagsahne hinter sich, und während dies Gericht sonst seinem Gaumen ein Fest bereitete, war er heute nicht einmal zum Bewußtsein des Genusses gelangt. »Also, was hast Du durchgesetzt? Erzähle! Ich kann es vor Neugier nicht mehr aushalten.« »Gib einmal rasch Deine Backe, es sieht gerade niemand her,« sagte Agnes Jung und gab ihm einen Kuß. Artur war selig. »Und nun höre,« fuhr sie heiter fort, »wie gut alles abgelaufen ist. Der Papa und ich sind die besten Freunde geworden, und Du dankst es ihm,« schloß sie übermütig, »wenn Du im Kurs mächtig gestiegen bist.« Artur hatte aufmerksam zugehört. »Ich begreife es so gut, daß Du Papa gefallen hast. Ich habe nie daran gezweifelt, daß wir in puncto Frau den gleichen Geschmack haben.« Sie sah ihn forschend an, ehe sie nachdenklich entgegnete: »Und doch seid ihr so verschieden voneinander wie ein Apfel und eine Birne.« »Wie meinst Du das?« »Es läßt sich nicht erklären. Ihr seid eben so ganz anders. Aber laß das, er gefällt mir ausgezeichnet, und ich bin quietschvergnügt, daß er dein Vater ist.« »Was imponiert Dir so an ihm?« »Ach, weißt Du, ich fürchte, Du wirst es nicht verstehen. Er sitzt so breit und behäbig da, er sitzt mit dem Hintern eben richtig auf seinem Stuhl ...« »Und ich?« unterbrach sie Artur lachend. »Ach, Artur, sitzen und sitzen ist ein großer Unterschied. Wenn Du Erdbeeren schleckst, sind der Stuhl und Du zweierlei. Aber wenn Dein Vater mit seiner ganzen Last schwer in seinen Schreibstuhl sinkt, dann ist das eben ein Ganzes.« »Merkwürdig, wie Du mit neuen, frischen Augen ihn anschaust. Mir ist auf einmal, als ob ich immer an ihm vorbeigesehen hätte. Neugierig bin ich, was Du zu meiner Mutter sagen wirst. Sei mit ihr nett, Agnesel! Auch wenn es Dir nicht leicht fällt. Denn ganz gewiß wird sie Dir manche harte Nuß zu knacken geben. Ich habe nämlich ein bißchen Angst vor heute abend. Du brauchst nur ...« Sie ließ ihn nicht zu Ende reden. »Ich bitte Dich, studiere mir keine Rolle ein. Das liegt mir absolut nicht!« »So meinte ich es ja nicht,« lenkte Artur ein. »Agnesel, sei doch nicht immer gleich so schroff. Bei jedem Wort, das ich rede, habe ich Angst, eine Dusche von Dir zu bekommen.« Sie nahm seine Hand. »Du mußt Dich an meine Art gewöhnen, ich haue leicht über die Stränge, es ist aber nie so böse gemeint.« »Ich weiß es, und Du sollst sehen,« fügte er weich hinzu, »daß Du es nie bereuen wirst.« Sie nickte, und Salomons Worte fielen ihr ein: »Sie sind die Stärkere.« Auch darin hatte er recht. Es würde ihr ein leichtes sein, Artur zu lenken. Sie seufzte in sich hinein. Ihr Wunsch war es gewesen, einen Mann zu heiraten, zu dem sie hätte emporblicken können, und sie hätte sich mit Freuden von seiner starken Hand führen und ihren aufbegehrenden Willen beugen lassen. Bobsins Härte hatte sie angezogen. Aber auch einem Manne von der Art des alten Salomon, klar, ruhig und fest, dabei gütig und von überlegenem Humor, hätte sie sich widerstandslos unterworfen. Das Schicksal hatte es anders gewollt, und mit Artur würde sich leben lassen. Nein, sie wollte ihn nicht quälen, ihre Überlegenheit ihn niemals spüren lassen. Ein guter Kamerad wollte sie ihm sein. Das war ihr redlicher Vorsatz. Sie machte eine kurze Bewegung, als müßte sie mit all diesen Dingen ein für alle Male fertig werden. »Komm,« sagte sie, »es ist die höchste Zeit. Meine Mutter muß Dich doch auch noch kennen lernen, bevor wir heute abend offiziell Verlobung feiern.« Man nahm einen Wagen und fuhr in die Seydelstraße. In einer Hinterwohnung des vierten Stockwerkes, in die nie ein wärmender Sonnenstrahl zu dringen schien, hauste Agnes Jung mit ihrer Mutter. Man hatte ein Zimmer, eine Kammer und die Küche. Frau Jung saß am Küchentisch und trank gerade ihren Kaffee. Sie hatte sich eine blaue Schürze vorgebunden und schien von Arturs Besuch völlig überrascht. Sie war eine kleine, dürftige, verkümmerte Frau mit lebhaften Augen und früh ergrauten Haaren. Ohne von der Verlegenheit der Mutter Notiz zu nehmen, stellte Agnes Jung vor: »Das ist mein Bräutigam Artur Salomon.« Artur streckte ihr mit leutseliger Herzlichkeit seine Rechte entgegen, in die Frau Jung zögernd einschlug, nachdem sie vorher ihre Hände an der blauen Schürze abgewischt hatte. »So, Kinder, ich lass' Euch jetzt allein und zieh' mich um; und nachher, Mutter, mußt Du Dich auch fein machen, denn heut abend sind wir zu Salomons geladen.« Damit verschwand Agnes in ihre Kammer, und Frau Jung führte Artur in das gute Zimmer, das zugleich Wohn- und Schlafgemach für Mutter und Tochter war. »Ein bißchen eng ist es bei uns, aber dafür hübsch gemütlich! Und nun, bitte, nehmen Sie Platz und lassen Sie sich anschauen.« Artur folgte ihrer Aufforderung, und Frau Jung, die sich ihm gegenüber gesetzt und die Hände in den Schoß gelegt hatte, betrachtete ihn aufmerksam. »So also sehen Sie aus! Sein Sie nur auf der Hut, daß das Mädel Sie nicht unterkriegt, leicht werden Sie es nicht mit ihr haben, denn sie ist ein Dickschädel und hat ihren eigenen Willen.« »Liebe Frau Jung,« entgegnete er übermütig, »wenn Sie es mit ihr so lange ausgehalten haben, wird es mit mir, denke ich, auch eine Weile gehen.« »Wollen's abwarten,« erwiderte sie sachlich. »Schwierig ist meine Agnes, darüber wollen wir uns nicht täuschen.« Sie rückte ihren Stuhl etwas näher, warf einen flüchtigen Blick auf die Tür, hinter der Agnes verschwunden war, und fuhr leise fort: »Wissen Sie, Herr Salomon, die hat mir von Kindesbeinen an mit ihrem Eigensinn das Leben sauer gemacht, ich habe immer klein beigegeben und zuletzt getan, was sie wollte. Mein Gott, ich bin alt und will meine Ruhe haben, und so sind wir leidlich miteinander ausgekommen. Böse ist sie gerade nicht, ne, ne, das kann ich nicht sagen, aber verheiratet möchte ich nicht mit ihr sein!« Artur lachte aus vollem Halse. So etwas hatte er noch nicht erlebt. Machte vor dem Bräutigam die eigene Tochter schlecht. Nein, berechnend waren die Jungs nicht. Das war das letzte, was man von ihnen behaupten konnte. »Sie sind ja bis über die Ohren verliebt, Sie sehen und hören nichts. Aber glauben Sie mir, die braucht eine strenge Hand. Kennen Sie eigentlich den Bobsin?« unterbrach sie sich plötzlich. Artur nickte. Er war auf das peinlichste berührt. »Was meinen Sie, hat sie sich nach dem die Hacken abgelaufen und je miserabler er sie behandelt hat, um so wilder wurde sie. Sie sind viel zu fein für sie. Auf den ersten Blick habe ich das gesehen.« »Man kann es auch mit der Güte machen,« entgegnete er. »Und wissen Sie, Frau Jung, Eltern glauben immer ihre Kinder zu kennen und haben keine Ahnung von ihnen, ebenso wenig wie die Kinder von den Eltern. Es liegt eben eine Generation zwischen ihnen. Junge Leute verstehen sich ganz anders. Und das ist gut so, sonst gäbe es ja keine Entwicklung und kein Vorwärts.« »Ach, lehren Sie mich Agnes kennen! Die geht mit dem Kopf durch die Wand, wenn es sein muß, und kümmert sich nicht um Gott und den Teufel.« In diesem Augenblick trat Fräulein Jung ein. Sie trug einen glatten Rock aus englischem Tuch, dazu eine helle, seidene Bluse. »Wie apart Du aussiehst,« sagte Artur bewundernd. Und Agnes Jung: »Wenn ich mir einen Topf aufsetzte, ich glaube, Du fändest mich auch bildschön.« »Ganz gewiß,« entgegnete Artur, »auch das müßte Dir reizend zu Gesicht stehen!« »Laß gut sein!« Und ablenkend: »Nun, hat Mutter gehörig auf mich geschimpft?« »Ich habe die Zeit nach Kräften ausgenutzt,« schnappte Frau Jung ein. »Da ist nichts zu machen, der ist vernarrt in Dich.« Artur war perplex, aber Agnes ließ ihm keine Zeit, sich zu äußern. »Das war meine Absicht. Mutter sollte Dir ein paar Kübel über den heißen Kopf gießen, damit Du nüchtern wirst. Ich merke, sie hat es besorgt. Du kannst ihr auf's Wort glauben, denn wer sollte mich so gut kennen wie sie!« Sie legte ihre Hand auf seine Schulter. »Jetzt ist es halb sieben. Um acht sollen wir bei Deinen Eltern sein. Überlege es Dir gründlich, Du hast noch anderthalb Stunden Zeit!« Er küßte sie statt aller Antwort. »Ich habe Dich von Tag zu Tag lieber. So wie Du bist, sollst Du bleiben: ein aufrechter, gerader Mensch.« »Weißt Du denn, wie ich innerlich aussehe? Vielleicht bin ich ganz, ganz anders, als Du es Dir vorstellst. Und eines Tages fällt es Dir wie Schuppen von den Augen. Und dann hast Du mich auf dem Halse. Eines indessen verspreche ich Dir in Gegenwart von Mutter und das mag Dir eine kleine Beruhigung sein, sobald Du mich über hast und mich los werden willst, brauchst Du es nur zu sagen und ich packe, meine sieben Sachen. Und Du, Mutter, ziehst Dich jetzt schleunigst an, damit wir nicht auf Dich zu warten brauchen.« »Ach, weißt Du,« erwiderte Frau Jung, »laßt mich man lieber zu Hause. Was soll ich unter all den feinen Leuten?« »Erstens sind wir gar nicht so fein, wie Sie etwa annehmen, Frau Jung, und dann, was würden meine Eltern für Gesichter machen, wenn Sie bei unserer Verlobung fehlten? Es sind nur ein paar Leute da und es wird, denke ich, gar nicht steif und feierlich zugehen.« »Selbstverständlich geht sie mit,« sagte Agnes. »So eine Gelegenheit, über andere Leute herzufallen, läßt sie sich nicht entgehen, sie hat nämlich das böseste Mundwerk von der Welt.« Artur fand dies alles charmant und eigenartig. Das waren Gott sei Dank endlich einmal Menschen, die so redeten, wie ihnen der Schnabel gewachsen war, und einem keine alberne Komödie vorspielten. »Warum,« fragte Agnes, als Frau Jung verschwunden war, »bestand ich darauf, Mutter mitzunehmen und Dich vor der offiziellen Verlobung mit ihr bekannt zu machen?« Und ohne seine Antwort abzuwarten: »Glaube nicht, daß mich sentimentale Gründe dabei geleitet haben. O nein! Ich wollte Euch die ganze Bescherung vor Augen führen, damit Ihr hinterher mir nicht vorwerfen könnt, ich hätte Euch über den Löffel barbiert.« »Aber, Agnes!« »Geht das Geschäft gut,« fuhr sie unbeirrt fort, »vertragen sich die Kompagnons. Wenn aber die Pleite vor der Tür steht, hat die Freundschaft ein Ende. Jetzt bist Du verliebt in mich und findest alles an mir wunderschön. Eines Tages jedoch könntest Du erwachen und Dir sagen: welch ein Esel bin ich gewesen! Und für den Fall will ich gewappnet sein. Kannst es mir glauben, Mutter ist ein harter Bissen, sie haßt alle Menschen, denen es besser geht als ihr. Und ich bin ihr ein Dorn im Auge, weil ich höher hinaus wollte und ihrer Meinung nach im Leben es leichter hatte als sie. So, nun bist Du zum letzten Male gewarnt. Nun lauf' in Dein Unglück!« »Hast Du jemals so zu Bobsin gesprochen?« Sie schüttelte den Kopf. »Der Fall liegt doch total anders. Du weißt es ja. Aber davon ganz abgesehen: Bobsin kommt aus der Tiefe wie ich, der kennt unsereinen wie seinesgleichen und brauchte keine Warnung. Und Bobsin ist hart wie Holz, klar und nüchtern. Du aber bist weich und biegsam und tust Dir obendrein noch eine Binde vor die Augen, damit Du nur ja die Dinge nicht siehst, wie sie in Wirklichkeit sind. Vielleicht hat mich das bisher an Dir verdrossen. Nun dämmert es mir langsam: am Ende ist gerade das Deine Stärke, das Beste und Wertvolle an Dir. Ich weiß es nicht. Ich bin eben ganz anders als Du.« »Darum liebe ich Dich ja. Es wäre entsetzlich, wenn sich immer gleich zu gleich gesellen wollte. Immer werde ich Dich sehen wie heute. Und wenn ich, wie Du meinst, geblendet bin und meine fünf Sinne nicht beieinander habe – denn darauf läuft es ja im Grunde hinaus –, so will ich Gott von Herzen bitten: mach' mich nur nicht sehend und laß es bei meiner Torheit bewenden. Denn was nützen mir Auge und Verstand, wenn sie mich elend machen!« Agnes Jung hatte ihm aufmerksam zugehört. »Dir ist nicht zu raten und zu helfen,« sagte sie und seufzte leise, »also rate und hilf Dir selber. – Im übrigen, wo steckt Mutter? Es ist die höchste Eisenbahn, wenn wir nicht zu spät kommen wollen!« Wie auf ein Stichwort trat Frau Jung in die Tür. Agnes lachte laut auf. Eine boshafte Bemerkung lag ihr auf der Zunge. Aber ein bittender Blick Arturs machte sie verstummen. VI. Man fuhr im Wagen nach der Genthiner Straße und die drei waren eine Weile stumm. Fräulein Jung saß in sich versunken da, und der junge Salomon betrachtete sie verstohlen. Sie dachte an ihren künftigen Schwiegervater und lächelte höchst seltsam. Wenn Artur nur etwas von ihm besaß, mußte es ein erträgliches Leben geben, konnte alles noch besser werden, als sie es sich träumen ließ. Sie schloß die Lippen hart aufeinander und zog dabei die Mundwinkel tief herab. Dieser Bobsin! Wie niederträchtig hatte er sie abfallen lassen! Und wie hatte sie sich auf ihrem Bittgang gedemütigt, all ihren Stolz, ihr ganzes Selbstgefühl hatte sie zum Teufel gejagt und um Liebe gebettelt. Was gäbe sie darum, wenn sie den Gang hätte ungeschehen machen können. Aber Artur hatte gedrängt. Er wünschte ja durchaus die Entscheidung. Und sie wollte nichts unversucht gelassen haben, um später sich nicht sagen zu müssen, sie sei an ihrem Glück vorbeigegangen. Nicht mehr daran denken. Auslöschen. Ein neues Dasein beginnen! – – – Der Wagen hielt. Man war pünktlich zur Stelle. Um halb Acht war die Verabredung mit den Eltern, auf acht Uhr waren erst die Gäste geladen. So stand es im Programm der Frau Salomon, die sich darauf versteift hatte, erst am Verlobungsabend mit Agnes Jung zusammenzutreffen. Auf alle Vorstellungen Arturs und ihres Mannes hatte sie trocken erwidert: »Dazu komme ich noch immer früh genug!« Herr Salomon begrüßte die Anwesenden in seiner schlichten, freundlichen Art, drückte Agnes herzlich die Hand und schob sie in das Nebenzimmer. Frau Salomon erwartete sie bereits. Sie trug ein schwarzseidenes Kleid, das wie angegossen um ihren dürftigen Körper saß, und ihre kleinen Augen blickten starr und finster, als gelte es eine Toten- und nicht eine Verlobungsfeier abzuhalten. Agnes Jung streckte ihr die Hand entgegen, die sie nur flüchtig berührte. »Wir wollen uns gegenseitig keinen Wind vormachen, Fräulein!« »Nein, das wollen wir nicht,« fiel Agnes Jung rasch ein. Die alte Frau nickte, während ihr messerscharfes Auge das Mädchen mit einem einzigen Blick zu durchdringen suchte. »Sie werden es also begreifen, daß ich von Arturs Wahl nicht gerade erbaut bin. Alle meine Zukunftspläne sind damit ins Wasser gefallen. Wenn es nach mir gegangen wäre, würde heute keine Verlobung gefeiert werden. Nun, Sie sind die Stärkere gewesen. Sie haben meinem Jungen den Kopf verdreht, so daß ich mit all meinen Warnungen tauben Ohren gepredigt habe. Ich kann Ihnen nur wünschen, daß Sie Ihren Sieg nie bereuen mögen. Denn, aufrichtig gesagt: ich sehe keinen Segen in dieser Verbindung, weder für meinen Jungen noch für Sie.« Agnes Jung hatte zugehört, ohne mit der Wimper zu zucken. Jetzt ließ sie Frau Salomon eine Weile zappeln, ehe sie ohne Spur von Erregung, ja mit einer leisen Ironie im Ton entgegnete: »Gnädige Frau, ich habe sehr lange gezögert, ehe ich Arturs Werben nachgab. Von einem Siege meinerseits kann schon deshalb nicht die Rede sein, weil ich niemals gekämpft habe. Im übrigen habe ich Ihre Bedenken immer geteilt, und es hat lange gedauert, ehe ich damit fertig wurde. Nun ich mich aber entschlossen habe, will ich auch nicht auf halbem Wege stehenbleiben. Ich bringe in diese Ehe einen guten und festen Willen mit. Reicht er nicht aus, haben beide Teile das Spiel verloren. Was ist da viel zu reden? Man versucht's halt und wartet ab. Auch im Geschäft muß man ja das Risiko tragen. Und vielleicht kommt es besser, als wir beide heute glauben.« »Mir tut mein Artur leid,« sagte Frau Salomon, und ein feindseliger Blick traf bei diesen Worten Agnes Jung. »Ich war darauf gefaßt, daß Sie in der Sache nichts weiter als einen Handel sehen, aber mein Artur ...« Agnes Jung fiel ihr in die Rede. »Wenn Sie sich kopfstellen, Frau Salomon, werden Sie mich nicht umkrempeln. Ich muß nun einmal so genommen werden, wie ich bin. Niemals habe ich Artur ein Gefühl vorgeheuchelt. Und darin haben Sie vollkommen recht: mich leiten Vernunftgründe. Ich will in geordnete und gesicherte Verhältnisse kommen. Ich habe immer gedacht, daß diese Auffassung der Ehe gerade in Ihren Kreisen gang und gäbe sei. Machen wir uns das Leben nicht unnütz schwer, Frau Salomon! Ich bin jetzt noch bereit ...« »Pardon,« unterbrach sie Frau Salomon, »ich habe mich mit der Tatsache abgefunden – abfinden müssen. Ich habe keinerlei Auftrag an Sie.« Draußen wurden Stimmen laut. Die ersten Gäste machten sich bemerkbar. Die alte Frau Salomon fuhr zusammen und machte einen Schritt zur Tür. Es war so zwecklos, mit diesem Menschen sich auseinanderzusetzen. Eine fremde Welt tat sich auf. Man redete ins Leere, es war eben eine »Goite, wie sie im Buche stand«. Was sollte die Person in einem jüdischen Hause! Es mußte ja über kurz oder lang zur Explosion kommen. Jammervoll nur, daß ihr Junge dabei der Leidtragende war. »Ich denke, wir gehen hinein,« meinte sie. Am liebsten wäre sie auf und davon gelaufen, nur um bei dem Getue nicht dabei zu sein. Mochten Salomon und Artur dann sehen, wie sie sich aus der Affäre zogen. Sie öffnete die Tür und ließ Agnes Jung den Vortritt. Die zögerte einen Moment und überlegte, ob es im Grunde nicht besser sei, gleich jetzt reinen Tisch zu machen und den Kampf zu Ende zu führen. Nein, entschloß sie sich, es hat keinen Sinn. Sie wußten ja beide ohnehin, woran sie waren. Freundschaft würde es nie zwischen ihnen geben. Die Frage war lediglich die, ob ein erträgliches Zusammenleben zu ermöglichen war oder ob man so lange miteinander ringen mußte, bis ein Teil auf der Strecke blieb. Wie Sie wollen, Madame, dachte Agnes Jung. Ich bin bereit. Ihre Muskeln strafften sich, und ihr Gesicht bekam einen harten, drohenden, entschlossenen Ausdruck. Hatte sie sich einmal in das Abenteuer mit den Salomons eingelassen, so wollte sie es auch zu Ende führen. Halbe Arbeit zu verrichten, lag nicht in ihrer Art. Nein, Frau Salomon, mich stellt man nicht wie einen Besen in die Ecke. Und wenn gefegt sein muß, so fege ich, bis der Staub in allen Stuben aufwirbelt, und ihr nicht mehr aus den Augen sehen könnt! Sie trat in aufrechter Haltung in das Empfangszimmer, in dem die Gäste sie bereits mit Spannung erwarteten. Artur nahm sie unter den Arm, und die Vorstellung begann. Zuerst wurde sie zu Onkel Wachsmann und Tante Berta geführt. Tante Berta war Frau Salomons Schwester. Sie hatte eine auffallend breite Nase, und ihre Stirn war so niedrig, daß man Mühe hatte, sie zu entdecken. Dafür waren ihre Augen groß, lebhaft und voller Neugier. Die Wachsmanns wurden von Salomons unterstützt. Es ging ihnen seit Jahr und Tag jämmerlich, obwohl Wachsmann, wenn man ihn reden hörte, täglich die größten Geschäfte abschloß. Trotz oder wegen ihrer Abhängigkeit waren sie auf Salomons schlecht zu sprechen. Tante Berta erzählte jedermann von dem schmutzigen Geiz ihrer Schwester, an der sie auch sonst kein gutes Haar ließ. Frau Salomon ließ sie gewähren. Leute, die nichts leisten, und denen es überdies schlecht geht, müssen schimpfen, pflegte sie zu sagen. Man muß ihnen das Vergnügen gönnen. Aber ihre Geduld wurde zuweilen auf eine harte Probe gestellt, denn Tante Bertas Mundwerk konnte, waren die Schleusen erst einmal geöffnet, gefährlich werden. Über Arturs Verlobung hatten sich die Wachsmanns diebisch gefreut. Das gönnten sie Salomons! Bleichröders Tochter wäre ihnen nicht gut genug gewesen, nun hatten sie die Bescherung, und das Renettchen merkt endlich am eigenen Fleische, daß einem im Leben auch ohne Verschulden einmal etwas schief gehen konnte. Mit übertriebener Herzlichkeit beglückwünschten sie Agnes Jung. Tante Berta überpurzelte sich in Komplimenten. »Die liebe Frau Mama haben wir zu unserer Freude bereits kennen gelernt.« Dabei warf sie einen perfiden Blick auf Frau Jung, die mit großartiger Sicherheit Figur machte und ohne jede Spur von Befangenheit sich angelegentlich mit Sanitätsrat Pulvermacher unterhielt. »Und von Ihnen, mein liebes Fräulein, haben wir so viel Gutes gehört! Ist es nicht so, Simon?« apostrophierte sie ihren Mann. »Und ob!« antwortete prompt Onkel Wachsmann. »Und was heißt gehört?« fuhr er fort. »Gehört heißt gar nichts, nachdem wir Sie jetzt mit eigenen Augen gesehen haben. Artur, ich mach' Dir mein Kompliment. Einen Geschmack hast Du – psch! – allen jüdischen Kindern gesagt! – Pardon, Fräulein Jung, Sie nehmen das doch nicht weiter übel?« Agnes lachte herzlich. Die Leute belustigten sie. Die richtigen Gegenstücke zu Mutter, dachte sie. Laut aber erwiderte sie: »Nicht im mindesten. Ich gehöre ja jetzt dazu, Herr Wachsmann.« Tante Berta strahlte. »Salomon, Deine Schwiegertochter hat Chain, Chain = Chik. das muß man ihr lassen,« wandte sie sich an ihren Schwager, während Artur weiter vorstellte. Man kam zu Justizrat Michalowski und Frau, die man in diesem Teil der Berliner Gesellschaft nur die beiden Fettflecke nannte. Der Vetter Michalowski hatte einen mächtigen Bauch, der dadurch noch besonders in die Erscheinung trat, daß Michalowski seine beiden fleischigen Hände, wo er ging und stand, auf ihn zu legen pflegte. Der breite Hals quoll unter dem Kragen in eine sichtbare Falte, die bis zu den Ohrläppchen reichte. Seine Ehehälfte gab ihm an Leibesfülle nichts nach. Ihr Kopf mit dem schneeweißen Turban und den ausdruckslosen, gläsernen Augen schien direkt aus dem Schaufenster eines Friseurladens bezogen und auf ihren Rumpf gesetzt worden zu sein. Auch Michalowskis waren ausnehmend freundlich zu Agnes. Der Großvater hoffte das Brautpaar bald gemütlich bei sich zu sehen, und seine Gattin, die die Gewohnheit hatte, beständig mit dem Kopf zu wackeln, so daß man seekrank wurde, wenn man sie länger ansah, nickte eifrig. Als nun Agnes Jung mit Sanitätsrat Pulvermacher bekannt gemacht wurde, stutzte sie einen Augenblick. Pulvermacher lächelte listig. »Sind alte Bekannte! Natürlich kennen wir uns. Bin doch der erste gewesen, der unser Bräutchen begrüßt hat.« Fräulein Jung hatte im Nu begriffen. Das also war Pulvermacher, der vor Neugier es nicht ausgehalten hatte und zu Wertheim gelaufen war, um sie so rasch wie möglich in Augenschein zu nehmen. Sie hatte es damals nicht begriffen, mit welchem Recht dieser wildfremde Mensch sich an sie gedrängt und mit pfiffigen Anspielungen und vertraulichen Fragen sie belästigt hatte. »Schön wütend sind Sie gewesen! Ich weiß, ich weiß! Aber Pulvermacherchen ließ sich nicht einschüchtern, hat Sie gehörig aufs Korn genommen. Nun, seien wir gute Freunde, ich bin der Ihrige längst, und mit mir läßt sich's leben.« Agnes schlug zögernd in seine dargebotene Rechte ein. Alle taten mit ihr so gemütlich und vertraulich, als ob sie seit unendlich langer Zeit zu ihnen gehörte. Das berührte sie fremd und eigenartig. Und nun trat Jaffé, der aus der Ferne all den Vorgängen mit einem ironischen Lächeln folgte, auf sie zu, küßte ihr ritterlich die Hand und gratulierte herzlich als alter, guter Kamerad. Sie atmete ordentlich auf, eine ihr bekannte Gestalt entdeckt zu haben, und drückte fest seine Hand. »Nur nicht den Kopf verlieren,« sagte er leise. »Im Handumdrehen werden Sie mit der Gesellschaft fertig. Übrigens läßt meine Freundin Sie schönstens grüßen und Ihnen von Herzen Glück wünschen.« »Warum ist sie nicht hier?« Jaffé zuckte die Achseln. »Da kennen Sie die Leute schlecht! Seit wann werden illegitime Paare zu Familienfeierlichkeiten geladen? Haben Sie Ahnung!« In diesem Augenblick wurden die Flügeltüren geöffnet. Auf der festlich gedeckten Tafel brannten die Lichter in den silbernen Kandelabern, und auch die kristallene Krone strahlte von den Wachskerzen wider. Vor jedem Platze lag das reiche, schwere silberne Besteck und in den silbernen Brotschalen duftete köstlich der schneeweiße Barchis. »Aaah –!« machte Frau Jung, und konnte ihre Bewunderung nicht unterdrücken. Pulvermacher, der sie zu Tisch führte, schmatzte nach dem Löffel Bouillon vernehmlich. »Das ist ein Süppchen, wie es nur bei Salomons auf den Tisch kommt. Psch ... psch ... psch! Das Alwinchen hat sich heute wieder übertroffen. So eine Köchin muß sich Ihr Fräulein Tochter zulegen, denn das Arturchen ist an eine solenne Küche gewöhnt. Liebe Frau Jung, Sie mögen es mir glauben: zu kochen versteht man nur in den jüdischen Häusern, etwas fett freilich und für den Magen nicht immer ganz zuträglich, aber köstlich, einfach köstlich! Und ich als alter Doktor erkläre Ihnen: Nimmt man mir das gute Essen, so nimmt man mir das halbe Leben.« Die alte Frau Jung lachte so laut über den Tisch, daß Frau Salomon zusammenzuckte und leise in sich hineinstöhnte. Salomon schlug an das Glas und nun wurde es lautlos still. Er sprach langsam, unbeholfen und nach Worten tastend. Nein, ein Redner war Herr Salomon gewiß nicht, aber aus seinen Worten klang eine verhaltene Erregung, die auf die Hörer sofort überging. Er wolle, begann er, mit der Wahrheit marschieren, denn er habe zeit seines Lebens gefunden, daß man damit am weitesten komme. Und so müsse er denn sagen, daß es ihm und seiner Frau sauer geworden sei, der Wahl ihres Sohnes zuzustimmen. Nicht aus Bedenken persönlicher Art, ganz im Gegenteil hätten sie es einzuschätzen gewußt, daß Agnes Jung beinahe noch im kurzen Kleide für sich eingetreten und der Mutter eine Stütze gewesen sei. Die Gründe, weshalb sie sich anfangs so heftig gesträubt hätten, lägen in einer anderen Richtung, aber darüber brauche er wohl am heutigen Tage nicht zu reden. Und wenn sie schließlich nachgegeben hätten, so sei das auf Arturs zähes Festhalten zurückzuführen. Dieser Widerstand habe ihn persönlich davon überzeugt, daß sein Sohn aus tiefer, ernster Neigung, nicht aus flüchtiger Leidenschaft seine Wahl getroffen habe. »Was wollen Eltern anders als das Glück ihrer Kinder!« Er machte plötzlich eine große Pause, und auf sein Gesicht trat ein ratloser Ausdruck, er schien mit sich zu kämpfen, ob er das letzte, was ihn in dieser Stunde bewegte, aussprechen dürfte. Die Gäste blickten vor Verlegenheit auf ihre Teller. Nur Agnes Jung hielt ihren Blick fest und angespannt auf Salomon gerichtet. Der jedoch raffte sich auf und sagte leise: »Jeder Mensch möchte ein leichtes Sterben haben und Eltern können nur leicht sterben, wenn sie wissen, daß die Kinder gut geraten und glücklich geworden sind.« Und so trinke er auf das Wohl des Brautpaares und wünsche ihnen: Glück für alle Zeiten. Die Gläser klangen. Artur hielt Agnes Jung lange umschlungen, und zum ersten Male erwiderte sie seine Zärtlichkeit. Dann riß sie sich los und eilte zum Schwiegervater. Salomon nahm sie in seine Arme und sie drückte ihren Mund fest auf den seinigen, küßte ihn mit der ganzen Kraft ihrer Jugend und in freudiger Ehrerbietung. Und für niemanden hörbar flüsterte sie ihm zu: »Werden Sie mir ein guter Freund! Ich will alles tun, um Ihre Liebe zu verdienen.« Salomon nahm ihren Kopf zwischen seine beiden Hände. Seine Augen schienen zu schimmern. »Ich glaube, Du bist ein gerades, braves Mädel. Und von heute an sagen wir uns Du, denn Du bist ja nun mein Töchterchen.« Bei diesen Worten zog er aus der Westentasche ein kleines Etui und überreichte es ihr. Sie öffnete es und war wie geblendet. Ein funkelnder Diamant an einer seinen, dünnen Platinkette strahlte ihr entgegen. Salomon hing das Kettchen um ihren dünnen Hals, und der Stein leuchtete, auf ihrer Brust. »Das ist ja viel zu kostbar!« brachte sie statt allen Dankes beklommen hervor. Salomon drängte sie zu seiner Frau. Die aber rührte sich nicht, und Agnes Jung gelang es nur mit Mühe, ihre Hand zu fassen. Und nun kam Artur und brachte sein Präsent: es war ein kostbarer Ring mit zwei wunderbaren grauen Perlen, die großen Tränen glichen. Wachsmanns und Michalowskis und mit ihnen Pulvermacher brachen in Rufe des Entzückens aus. Frau Jung war einen Augenblick starr. Dann drängte sie sich an Agnes heran und zupfte sie am Arm. »Mädel, Du hast das Große Los gezogen! Vergiß nie, was ich an Dir getan habe.« Agnes nickte. Sie hörte mit ihren scharfen Ohren, wie gerade Frau Wachsmann zu ihrem Manne sagte, der Ring sei unter Brüdern seine Dreitausend wert, und der Anhänger habe auch nicht viel weniger gekostet. Wenn die Goite eine Million Mitgift besäße, hätten Salomons auch nicht nobler sein können. Die Pute wurde hereingetragen. Es war ein mächtiges Tier, das einen köstlichen Duft verbreitete. Alles setzte sich wieder. Neue Gläser mit neuem Wein wurden serviert. Frau Jung griff mit beiden Händen zu und ließ es sich wohl sein. Sie begann gehörig zu essen und zu trinken und wurde immer aufgekratzter und geschwätziger. Einmal ließ sie die bereits aufgehobene Gabel fallen, um sich einen Moment zu verschnaufen, und kniff Pulvermacher in den Arm. »Dokterchen, die werden ja noch ihr blaues Wunder an ihr erleben!« kicherte sie, und ein schadenfrohes Lächeln breitete sich über ihre Züge aus. Pulvermacher verstand zuerst nicht. »Was meinen Sie denn eigentlich?« Sie rückte ganz nahe an ihn heran. »Lehren Sie mich Agnes kennen! Die steckt die ganze Gesellschaft in die Tasche! So ein schlaues Frauenzimmer gibt es nicht zum zweiten Male. Was die sich in den Kopf gesetzt hat, führt sie auch durch.« »Ja, was hat sie sich denn in den Kopf gesetzt?« fragte Pulvermacher halb belustigt, halb neugierig. »Das bindet sie niemandem auf die Nase, darüber hüllt sie sich selbst mir gegenüber in Schweigen. Aber hundert gegen eins wette ich, daß sie ihre Pläne fix und fertig hat. – Sagen Sie mal, Doktorchen, die Salomons sind wohl schwerreiche Leute? Das riecht hier ja förmlich nach Millionen.« »Na, na,« winkte Pulvermacher ab. »Sie dürfen sich auch keine übertriebenen Vorstellungen machen; das Hauptvermögen steckt doch im Geschäft.« Frau Jung sah ihn ungläubig an. »Mir kann es ja egal sein,« sagte sie in einem fast beleidigten Ton, »ich werde die Leute nicht anpumpen.« »Damit würden Sie auch kein Glück haben,« gab Pulvermacher scherzend zurück, »Frau Salomon hält nämlich den Daumen auf das Portemonnaie, ja, das tut sie. Und nun passen Sie einmal auf, jetzt kommen Sie an die Reihe.« Damit stand er elastisch auf, verschränkte die Arme, und alle wußten, daß Pulvermacher das Wort ergreifen würde. »Meine verehrten Anwesenden!« hub er an, »wenn ich auch mit diesem Hause weder verschwägert noch verschwistert bin, so kenne ich es doch viele, viele Jahre und bin sozusagen amtlich dabei gewesen, als unser lieber Bräutigam das Licht der Welt erblickte. Damals wohnten Salomons freilich nicht in der Genthiner Straße, sondern ganz bescheiden in einer Dreizimmerwohnung der Alten Jakobstraße. Und als unser Arturchen pünktlich auf die Minute eintraf, war eitel Freude und Papa und Mama Salomon wußten vor Seligkeit nicht aus und nicht ein. Meine Herrschaften, es war aber auch ein appetitliches Jüngelchen, das sich da präsentierte. Über das erste Auftreten von Fräulein Agnes Jung bin ich begreiflicherweise nicht so genau unterrichtet, aber den Schilderungen meiner verehrten, mit keinerlei Vorurteil belasteten Tischdame, deren Freimütigkeit nichts zu wünschen übrig läßt, darf ich entnehmen, daß unsere Braut schon bei ihrem Erscheinen alle Welt in Entzücken versetzt hat. Wie sagt der Dichter? An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen! Und so ist es wohl erlaubt, von den Kindern auf die Eltern zu schließen, und – um noch einen Schritt weiter zu gehen – das verehrte Brautpaar daran zu erinnern, daß es sein Glück den Eltern schuldet. Und damit bin ich bei meinem eigentlichen Thema und auch am Schlusse meiner Rede angelangt, die in dem Rufe ausklingen möge: Herr und Frau Salomon und die Mutter unserer lieben Braut, Frau Jung, sie leben hoch!« Alle erhoben sich von neuem und wieder klangen die Gläser. Der Vetter Michalowski schnitt ein mokantes Gesicht, und als Tante Berta ihn fragte, was er denn auszusetzen hätte, erwiderte er: »Wenn sich dieser alte Narr doch nur das Reden abgewöhnen wollte! Es war ja der reinste Quatsch, ohne Sinn und Zusammenhang!« Tante Berta versetzte ihm einen leichten Stoß. »Du hast immer etwas zu mäkeln, Michalowski, es war jedenfalls gut gemeint und darauf kommt es schließlich an.« Als Agnes Jung mit Frau Salomon anstieß, beugte sie sich in einem herzhaften Entschluß tief zu ihr herab und küßte sie auf die Backe. Frau Salomon wurde rot vor Ärger. Dieses Luder macht sich noch über mich lustig, schoß es ihr durch den Kopf. Tante Berta hätte sich schief lachen mögen. Sie trat dicht an ihre Schwester heran. »Was wollt ihr eigentlich? Das ist doch ein reizendes Geschöpf!« sagte sie gleichsam herausfordernd. Sie hatte noch einige Niederträchtigkeiten auf der Zunge, aber der Blick, den ihr Renette Salomon zuwarf, machte sie verstummen. Es lag in ihm so viel Pein und Seelennot, daß sie unwillkürlich zusammenzuckte. »Mach' Du andere Leute zum Narren,« entfuhr es Frau Salomon. Tante Berta versicherte nun hoch und heilig, daß ihr jeder Spott ferngelegen habe. »Schon gut,« antwortete Frau Salomon und machte eine abwehrende Handbewegung. Und mit gedämpfter Stimme fügte sie hinzu: »Wenn die Person sich einbildet, ich durchschaue sie nicht, befindet sie sich auf dem Holzwege!« »Ach Renette,« erwiderte Tante Berta in dem gleichen Tone, »Du siehst alles zu trüb. Gönn' doch dem Jungen sein Glück, ihr könnt es Euch doch Gott sei Dank leisten, und daß sie eine Goite ist, ach du meine Güte! Es gibt Schlimmeres auf der Welt. Apart sieht sie in jedem Falle aus. Die Alte ist eine Bise, eine ausgesprochene Bise, das gebe ich ohne weiteres zu.« »Und die Junge,« unterbrach sie Frau Salomon, »ist das durchtriebenste Ladenfräulein, das mir je begegnet ist. Und ich kenne mich doch in der Gesellschaft aus, eines Tages werden Salomon und Sohn die Augen aufgehen, dann werden sie an mich denken. Erinnere Dich daran!« Tante Berta verstand den dunklen Sinn dieser Worte nicht. Etwas betreten ging sie auf ihren Platz zurück. »Sieh mal,« empfing Wachsmann sie lachend, »die Olle hat bereits einen Schwips, das kann ja noch gut werden.« In der Tat machte Frau Jung bereits einen bedenklichen Eindruck. Von dem ungewohnten und reichen Genuß des Weines und der fetten Speisen hatte ihr Gesicht ein rotes, gedunsenes Aussehen und ihre Augen einen verschwommenen Glanz bekommen. Sie sprach überlaut und begleitete ihre Worte mit heftigen Gesten. Pulvermacher, der selbst kaum am Glase nippte, versuchte auf freundliche Art, ihr Einhalt zu tun, dem Anschein nach ohne jeden Erfolg. Jetzt wurde auch Agnes Jung aufmerksam und ihre Züge wurden brennendrot vor Arger und Verlegenheit. Die führt sich ja schön auf, dachte sie im stillen. Laut aber sagte sie zu Artur: »Sieh Dir nur einmal Mutter an! Was machen wir nur mit ihr? Ich möchte mir am liebsten einen Wagen nehmen und sie nach Hause bringen.« »Gönn' ihr doch das bißchen Vergnügtsein. Und was schadet es denn, wenn sie bei so festlicher Gelegenheit,« dabei drückte er zärtlich ihre Hand, »wirklich ein bißchen angeheitert ist?« Davon wollte Agnes nichts wissen, und über der Nasenwurzel zog sich ihre weiße Stirn in eine tiefe Falte zusammen, die etwas Drohendes hatte. Artur erhob sich. Er war ein wenig ängstlich geworden. »Wenn es Dir recht ist,« sagte er, »bringe ich die Mama unbemerkt in mein Zimmer; dort kann sie eine Weile ausruhen.« Sie sah ihn dankbar an und bewunderte die Gewandtheit, mit der er Frau Jung beiseitelockte, um dann in aller Eile mit ihr zu verschwinden. »Das hast Du ausgezeichnet gemacht,« empfing sie ihn, als er gleich darauf zurückkehrte. Ein Hauch des Unmuts flog für einen flüchtigen Moment über seine blassen Züge. »Das erste Lob aus Deinem Munde. Ich wünschte,« fügte er leise hinzu, »Dir auch in anderer Richtung zu gefallen.« Agnes Jung machte eine höchst erstaunte Miene. »Das ist doch ganz wider die Abrede. Und seit wann zieht man Wechsel ein, die nicht fällig sind?« Aber gleich darauf taten ihre Worte ihr leid und ohne daß jemand es merkte, streichelte sie seine Hand. Er wurde rot wie ein Schuljunge. »Agnesel, liebes Agnesel, Du sollst sehen, eines Tages hast Du mich ein wenig lieb, und wenn ich wie Jakob um Rahel sieben Jahre um Dich werben sollte.« Sie erwiderte mit guten Augen seinen Blick. »Nein, Artur, so lange darf es nicht dauern. Das wäre traurig für uns und unsere schönsten Jahre gingen darüber hinweg.« »Hast recht, es wäre schlimm. Und wer weiß, ob ich so lange lebe.« »Ja, wie kommst Du denn auf solche Gedanken?« »Ich habe mir immer eingeredet, ich müßte früh sterben. Vielleicht lag es daran, daß ich als einziges Kind auf Schritt und Tritt beobachtet wurde. Bei der geringsten Kleinigkeit wurde ich ins Bett gesteckt, und Pulvermacher mußte kommen.« »Ich glaube, Deine Mutter liebt Dich abgöttisch.« »So ist es. Ich hatte unter ihrer Liebe gewissermaßen zu leiden, daher auch ihre Eifersucht auf Dich. Denn im Grunde ist es nur Eifersucht. Eigentlich müßtet Ihr Euch brillant verstehen, Ihr habt nämlich in manchen Dingen eine frappante Ähnlichkeit.« Sie warf einen flüchtigen, Blick zu Frau Salomon hin. »Das ist ja gerade das größte Hindernis zwischen uns.« Und ablenkend fuhr sie fort: »Sind Deine Eltern immer gut miteinander ausgekommen?« »Den möchte ich sehen, der mit Vater uneinig sein könnte!« »Ist Vater so nachgiebig?« »Nachgiebig ist nicht die richtige Bezeichnung. Im Gegenteil, Vater ist in gewisser Hinsicht unbeugsam, aber er hat eine so unerschütterliche Ruhe und eine solche Milde, daß dagegen nicht aufzukommen ist. Und dazu diese Unbestechlichkeit, diese Sauberkeit!« Sie hatte ihm sehr aufmerksam zugehört. »Das freut mich, daß Du so von Deinem Vater sprichst. Ich kann Dir nicht sagen, wie nahe ich mich ihm fühle. Auch seine Rede – vielleicht war es gar keine Rede – hat mich gepackt. – Ach, komm, laß uns zu ihm gehen, denn jetzt hebt er die Tafel auf.« Alles war von den Plätzen aufgestanden, wünschte sich Gesegnete Mahlzeit und reichte sich die Hände. Salomon kam ihnen entgegen. Und wie sie Arm in Arm vor ihm standen, betrachtete er beide mit einer großen Zärtlichkeit, und indem er seine Hand wie segnend auf ihren blonden Scheitel legte, sagte er: »Kinder, nun würde ich an Eurer Stelle nicht lange fackeln und so rasch wie möglich Hochzeit machen.« »In sechs Wochen, Papa, wenn wir bis dahin fertig werden.« »Was heißt fertig werden? Und wenn nicht gleich alles komplett ist, tut es auch nichts. Ich finde es überhaupt schauderhaft, wenn die Menschen immer gleich fix und fertig sein wollen.« Artur lachte. »Wir können doch nicht eine leere Wohnung beziehen.« Aber Salomon ließ sich nicht aus dem Texte bringen. »Mit dem Racker da hielt' ich es auch in einer leeren Wohnung aus,« entgegnete er schmunzelnd. Agnes Jung machte sich von Artur los. »Papa, gib mir einen Kuß! Du bist der geliebteste alte Herr, den ich je gesehen habe.« Und ohne seine Zustimmung abzuwarten, küßte sie ihn herzhaft auf beide Backen. »Ich finde das nicht fein,« sagte Salomon. »Erstens ist das Diebstahl an Artur, und zweitens macht man nicht aus mir einen Mummelgreis, ich will mit Euch noch einmal jung werden.« »Du bist ja jung!« rief sie entzückt, »ich fühle es. Und das mit dem alten Herrn war nur eine Finte, um das Gegenteil aus Deinem eigenen Munde zu hören!« »Höre einmal, vor Dir muß man sich gehörig in acht nehmen!« »Du nicht, Papa!« »Und andere Leute, ja?« »Ich weiß nicht, vielleicht!« Salomon schüttelte den Kopf. »Aus Dir werde einer klug! Tausend Teufel sitzen hinter Deiner Stirn.« »Und man könnte sie alle so leicht verjagen, glaube mir, Papa.« Sie wunderte sich selbst, wie geläufig ihr das »Papa« über die Zunge kam. Und ganz spontan fügte sie hinzu: »Ich habe ein so großes Vertrauen zu Dir, als ob wir uns seit Jahr und Tag schon kennen würden.« Salomon streichelte zärtlich und väterlich ihr weiches Haar, und ein Gefühl von Wohlbehagen und Kraft ging bei dieser Berührung durch ihren Körper. Wie eine Störung empfand sie es, als Jaffé jetzt zu ihnen trat. »Komm' einmal zur Mama,« sagte Salomon und nahm Artur unter dem Arm. »Nun, wie behagt es Ihnen im neuen Familienkreis?« Sein Ton war von leichtem Spott gefärbt. »So fragt man Bauern aus,« entgegnete sie übermütig. Dann aber wurde sie ernst. »Ich habe es mir schwerer vorgestellt, viel schwerer. Ihr Juden seid Gefühlsmenschen, während unsereins sparsamer damit umgeht. Aber ich glaube schon, daß ich mich bei Salomons zurechtfinden werde. Mir ist heute abend viel leichter ums Herz geworden.« Er fixierte sie einen Moment. »Bitte, sprechen Sie nicht von Bobsin!« kam sie ihm zuvor. »Damit bin ich fertig. Ich will eine gute Frau werden.« »Sie werden es bei Salomons ausgezeichnet haben; man wird Sie verwöhnen und auf den Händen tragen.« »Na, na,« antwortete sie lachend, »dazu eigne ich mich wohl kaum.« »Warten Sie's nur ab! Der Alte ist ja schon jetzt verliebt in Sie, nota bene ein prächtiger Mensch!« »Finden Sie?« fragte sie scheinbar obenhin, während eine leichte Unruhe von ihr Besitz ergriff. »Na und ob! Lernen Sie ihn nur erst richtig kennen!« »Warum sagt man immer: der alte Salomon, er ist doch noch in den besten Jahren!« »Gewiß ist er das. Er kann kaum über Fünfzig sein, Artur ist Fünfundzwanzig, stimmt auf ein Haar! Älter als Zweiundfünfzig ist er gewiß nicht. Und wie alt sind Sie, Fräulein Jung?« »Muß ich darauf antworten?« »Von Müssen kann gar nicht die Rede sein!« »Ein Jahr älter als Artur!« »Ach was?! Ich hätte Sie viel jünger taxiert.« »Besten Dank!« »Die Salomons heiraten offenbar mit Vorliebe ältere Frauen, Frau Salomon ist vier Jahre älter als ihr Mann. Artur erzählte es mir.« Sie sah sich bei diesen Worten unwillkürlich nach der Schwiegermutter um. Sie entdeckte sie ganz abseits im Gespräch mit Michalowski. »Wie die mich haßt!« entfuhr es ihr, während ein dünnes, feindseliges Lächeln ihre Miene verhäßlichte. »Kann sein,« entgegnete Jaffé. »Immerhin, sie hat Ja gesagt und sich damit abgefunden. Meine Mutter hätte sich eher die Zunge aus dem Munde gerissen.« Agnes Jung zuckte geringschätzig die Achseln. »Das kann ich ihr unmöglich hoch anrechnen! Gewiß hat sie Ja gesagt, aber aus purem Egoismus, um meiner schönen Augen willen hat sie es nicht getan. Lediglich die Angst, Artur zu verlieren, hat sie dazu bestimmt.« »Das ändert doch nichts an der Tatsache,« wandte Jaffé ein. Fräulein Jung warf den Kopf zurück, so daß ihr dünner Hals ganz sichtbar wurde. »Ich mag sie nicht!« sagte sie kurz. »Reinen Tisch machen, darauf kommt es an. Entweder Ja oder Nein, nur keine halben Sachen! Auf der einen Seite zustimmen und auf der anderen mich wie eine Art Dienstboten behandeln, ich finde, das geht nicht!« »Fräulein Jung, Sie haben doch eben selbst erklärt, daß wir Juden Gefühlsmenschen sind.« »Das hat damit nichts zu schaffen. Sehen Sie sich meinen Schwiegervater an ... Übrigens glaube ich, wir werden beobachtet. Widmen wir uns also der Mischpoche.« »Donnerwetter! Sie haben es aber rasch gelernt!« Sie eilte lachend davon. Inzwischen redete Michalowski beständig auf Frau Salomon ein. »Du bist eine Schwarzseherin, Renette, und hast doch nicht den mindesten Grund dazu. Ich finde sie reizend, und meine Frau ebenfalls. Sie bewegt sich, als ob sie die beste Erziehung gehabt hätte, ist bei aller Zurückhaltung gewandt und bleibt einem keine Antwort schuldig!« »Kunststück, wenn man zehn Jahre hinter dem Ladentisch gestanden und mit Krethi und Plethi verkehrt hat. So eine soll keine Suada haben!« »Nun willst Du ihr gar einen Strick draus drehen, daß sie sich geschunden und mit Anstand durchgeschlagen hat!« »Gar nichts will ich!« brach Frau Salomon los. »Vom Leibe möchte ich sie mir halten! Meinetwegen hätte sie die größte Partie machen können, wenn nicht ausgerechnet mein Artur die Kurkosten bezahlen müßte! Ach, Michalowski, es geht über meine Kraft. Ich komme nicht darüber hinweg. Und Euch alle verstehe ich nicht. Mir ist sie bis hier herauf zuwider!« Sie machte bei diesen Worten die entsprechende Bewegung, und ihre Züge verzerrten sich. »Dein Mann scheint doch ganz anderer Meinung zu sein,« begann Michalowski von neuem. »Mein Mann, mein Mann ...« Ihre Stimme überschlug sich. »Den hat sie doch auch bereits eingewickelt, der ist ihr ebenfalls auf den Leim gegangen, macht sich auf seine alten Tage zum Schauten!« Michalowskis Gesicht war immer länger geworden. Er legte seiner Gewohnheit gemäß die Hände auf den Bauch, und kaum hörbar erwiderte er: »Schlimm, schlimm, Renette, daß Du die Dinge so siehst.« Er zog langsam seine Uhr aus der Tasche, und mit leichter Verlegenheit reichte er ihr die Hand. »Gute Nacht, Renette, es ist Zeit, schlafen zu gehen. Und laß den Kopf nicht sinken. Im Leben pflegt es nie so schlimm zu werden, wie man fürchtet und nie so gut, wie man hofft.« Michalowski fand die Gesellschaft bereits im Aufbruch. Artur hatte in aller Stille einen Wagen besorgen lassen, und mit Not und Mühe war es Agnes gelungen, die Mutter herunterzuschaffen. Kaum daß sie in ihrem Polster saß, fiel sie zusammen und begann von neuem zu schnarchen. Fräulein Jung lehnte den Kopf zurück und starrte ins Leere. Wie einen das Leben zurichtet, dachte sie und betrachtete mit feindseligen Blicken die alte Frau ... VII. Die sechs Wochen der Brautzeit verflogen, ehe man zum Bewußtsein kam. Bei Grünfeld hatte man die Wäsche bestellt, bei Lazarus Posen Witwe das Silberzeug, bei Gerson die Möbel und Kleider. Artur war in der glückseligsten Verfassung. Er konnte es nicht begreifen, daß Agnes Jung bei allen Einkäufen eine so nachdenkliche Miene aufsetzte. »Ich habe mein Lebtag jeden Groschen dreimal umdrehen müssen, bevor ich ihn ausgab, und wenn ich mir einmal eine seidene Bluse gönnte, habe ich einen halben Monat beinah hungern müssen. Mir fällt es schwer, so aus dem vollen zu schöpfen. Und wenn Du, ohne mit der Wimper zu zucken, für Tausende und aber Tausende einkaufst, wird mir schwindelig. Es geht so weit,« fuhr sie fort, »daß ich hinterher noch neidisch werde und zehnmal mich frage, mit welchem Rechte werfen diese Leute mit dem Gelde, während Du ... nicht einmal satt zu essen gehabt hast!« »Es muß doch Reiche und Arme geben,« antwortete Artur lakonisch. Sie sah ihn groß an. »Du könntest mit dem gleichen Rechte behaupten, es muß Satte und Hungrige geben. Aber wenn Du zu den Hungrigen zähltest, glaube um Gottes willen nicht,« unterbrach sie sich, »daß ich aus Mitgefühl oder gutem Herzen so rede! Ich habe weder das eine noch das andere. Nein, nein, ich bin kein guter Mensch, niemand weiß es besser als ich. Aber ich habe unter den Hungrigen gelebt. Ich kenne sie und ihre Sorgen, ich weiß, wie man über Euch redet, und ich habe aus voller Überzeugung mit eingestimmt.« »Ach, Agnesel, zerbrechen wir uns nicht den Kopf. Wir werden die Welt nicht umstürzen. Und Du wirst es endlich so haben, wie Du es verdienst.« »Wer sagt Dir, daß ich es besser verdiene, und daß die Welt nicht einmal umgestürzt werden wird? Sieh einmal Mutter an, vielleicht wäre sie nicht so scheußlich verzerrt, hätte nicht ein so böses Mundwerk, das weder an Gott noch an der Welt ein gutes Haar läßt, wenn sie sich immer hätte satt essen können.« »Nein, Liebstes,« widersprach Artur, »auch wenn Du im kleinen Finger tausendmal mehr Verstand hast als ich im ganzen Schädel, darin irrst Du. Man hat das große Mundwerk, oder man hat es nicht; man ist ein anständiger Kerl oder ein Lump, aber man wird es nicht. Es kommt mir so vor, als wenn ich aus einmal den starken Mann machen wollte, wo ich doch weiß, daß das meiner innersten Natur nicht liegt.« »Du magst in dem, was Du sagst, recht haben, und es stimmt doch nicht ganz. Den inneren Menschen kannst Du nicht umkrempeln, aber sein äußeres Wachstum kannst Du fördern ober hemmen und gewisse Auswüchse und häßliche Triebe kannst Du beseitigen, wenn Du aufpaßt und rechtzeitig eingreifst.« »Zugegeben,« antwortete er, »der Gärtner kann mit der Schere, der Chirurg mit dem Messer mancherlei Übel beseitigen, aber den Organismus von Grund aus zu verändern, ist weder der eine noch der andere imstande.« »Schön! Indessen, wenn man den armen Menschen Licht und Wärme, Kleider und Nahrung in hinreichendem Maße schaffen, wenn man ihnen die Sorge nehmen würde, eines Tages auf der Straße zu liegen, so wäre damit schon ungeheuer viel getan. Ihr ahnt ja gar nicht, welch ein Neid und Haß in uns arbeitet, bis zu welchem Grade wir das Gefühl haben, von Euch unterdrückt, Eure Sklaven und Leibeigenen zu sein!« Er sah sie erstaunt an. »Du sprichst fortwährend im Pluralis. Wenn man Dich hört, könnte man meinen, Du wärst auch Genossin.« »Bin ich auch! Jedenfalls gehöre ich zu ihnen und vielleicht ist es eine Gemeinheit von mir, daß ich mich in Euer Wohlleben flüchte und den Drückeberger mache.« »Agnesel, Agnesel, wie kannst Du nur ...« »Laß mich ausreden. Im stillen habe ich mir das öfter als einmal gesagt. Aber was hilft's, ich habe die Misere satt, ich will vorwärts kommen. Ich habe es satt, mich Tag und Nacht zu schinden, um am Ersten froh zu sein, wenn ich meine lumpigen Zweihundert einkassiere. Und dann bilde ich mir ein, bei Euch positive Arbeit leisten zu können.« »Wie meinst Du das?« fragte er gedehnt. »Ich hoffe auf Vater und Dich einen gewissen Einfluß zu gewinnen.« »Ach weißt Du, offengestanden, ich habe keine sozialen Instinkte. Ich finde die Welt, in der wir leben, in jeder Hinsicht ausgezeichnet! Und jetzt gar ...« »Was hast Du eigentlich an mir?« unterbrach sie ihn. »Weder bin ich hübsch noch elegant, noch habe ich sonst irgendwelche Talente. Es ist doch eine Riesendummheit, daß Du Dich an mich hängst! Hättest zehnmal gescheiter getan, wenn Du ein reiches Mädel genommen hättest. Was können die nicht alles! Klavier spielen, singen und die neuesten Tänze obendrein! Und von alledem abgesehen: Du hättest Dir den Ärger mit Deiner Mutter erspart. An gebrochenem Herzen wärst Du nicht gestorben. Man stirbt nicht daran. Ich weiß es aus eigener Erfahrung. Das steht nur in dummen Büchern.« »Gestorben wäre ich nicht, darin magst Du recht haben, aber ein unglücklicher Mensch wäre ich geworden. Und weshalb ich Dich liebe? Agnesel, ich liebe Dich eben, was ist da weiter zu sagen! Ich finde Dich schön und alle Mädel der Welt können mir gestohlen werden und Papa ist auch bereits verliebt in Dich, ich sehe es ihm an.« Sie überhörte seine letzten Worte. »Zu seltsam, wie zärtlich und gütig ihr untereinander seid, eines möchte für das andere durchs Feuer gehen!« »Ach, Agnesel, übertreibe nicht, bevor wir durch das Feuer gehen, überlegen wir's uns dreimal, vor Feuer und Wasser haben wir eine gewisse Scheu. Ich bezweifle es auch stark, daß wir Juden wirklich durch das Rote Meer gegangen sind. Aber nimm einmal an, Du hättest recht, und in der Tat besitzen wir ein ausgesprochenes Gefühl der Zusammengehörigkeit, willst Du uns daraus einen Strick drehen?« »Im Gegenteil. Es ist ein ungeheurer Vorzug. Darüber bin ich mir klar gewesen, bevor ich ahnte, daß ich einmal einen Salomon heiraten würde. Und doch ist etwas Wahres daran: bei Euch fängt es mit der Familie an und endet mit der Familie. Und dann kommt eine dicke, dicke Mauer, die Euch von der übrigen Welt gewissermaßen trennt.« Artur ereiferte sich. Zum erstenmal wurde er heftig. Der weiche Mensch geriet in eine Art Leidenschaft. »Total falsch! Nicht wir haben die Mauer gezogen, sondern Ihr habt sie zwischen uns und Euch aufgerichtet. Leben wir denn nicht heute noch in einem Ghetto? Und ihr allein seid schuld, wenn wir gewisse unangenehme Eigenschaften im Laufe der Zeit erworben haben. Es sind das übrigens nur Äußerlichkeiten, an die Ihr Euch klammert. Im Grunde genommen könnt Ihr uns nichts Übles nachsagen! Liebstes Agnesel, komme mir nicht mit dem Zeug, das ist auch bei mir die Stelle, wo ich verwundbar bin. Sieh meinen Vater an und sage mir, ob er nicht mit jedem den Vergleich aushalten kann! Es gibt Lumpen hier und Lumpen dort. Wir wollen den einen und den anderen nicht reinwaschen!« »Gib mir einen Kuß, Artur! Du gefällst mir heute besser denn je. Schimpf' mich tüchtig aus, wenn ich solche Anwandlungen habe, denn ich fürchte, es wird noch eine Weile dauern, bis ich das Gift ausgespuckt habe. Hätte mir früher jemand prophezeit, ich würde einen Juden heiraten, ich hätte ihn ausgelacht. Es kommt im Leben alles anders, als man denkt.« Solche Gespräche waren zwischen den Brautleuten nicht selten und brachten sie einander näher. In Agnes Jung steckte ein grüblerischer Zug. Sie wollte sich darüber klar werden, wie weit sie in Vorurteilen befangen war. Nun stand sie dicht vor dem entscheidenden Schritt ihres Lebens und konnte ihn ohne Überwindung tun, mochte sie auch zwischen sich und den Salomons noch genügend starke Gegensätze feststellen. Gewiß hatte sich ihr Verhältnis zu Artur in den letzten Wochen wesentlich gebessert. Sie sah ihn mit anderen Augen. Sie suchte in ihm den alten Salomon. Sie wollte im guten Sinne an die Wahrheit des abgedroschenen Wortes glauben: Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm. Und mochte Artur ein schwacher Mensch sein, der von Hause aus einen Hang zur Trägheit und zum Genußleben hatte, irgendwo mußte es Züge vom Vater in ihm geben. Ein reinlicher Mensch, zu keiner häßlichen Handlung fähig, war er in jedem Falle. Und dann konnte er, wie der alte Salomon, aus tiefem Grunde und von Herzen lachen. Es klang nicht so voll und sonor wie bei dem Alten, aber es klang doch immerhin. Freilich, beim Vater gab es etwas Undefinierbares. Er stand wie ein prächtiger alter Baum da, unter dessen Schatten gut ausruhen war, und dessen mächtiger Stamm Halt und Stütze bot. In seiner Nähe schon hatte man die Gewißheit des Geborgenseins. Und Artur, ach, Artur war ein Windhund, ohne Ziel und Richtung. Und dennoch, hatte er nicht gerade in ihrem Falle Unbeugsamkeit und Charakter hinlänglich bewiesen? Ihr Gesicht rötete sich ein wenig. Ein unangenehmes Empfinden stieg in ihr auf. Er will Dich, will Deinen Körper das ist alles ... Und ich, wollte ich nicht auch einen anderen, der meine Sinne erregt hatte? Weshalb spiele ich mich als das unschuldige Lamm Gottes auf, die ich doch von den gleichen Lüsten beherrscht bin wie er! Wenn Agnes Jung bei dem Punkte angelangt war, verlor sie ihre Fassung. Sie wollte duldsam und gerecht sein und fand, daß es unsagbar schwer sei. Wenn man liebte, war es ein Kinderspiel, milde und gütig zu sein, aber wie sollte man mit liebeleerem Herzen geben und schenken! Weshalb das Herz und Hirn martern, man gab nicht, man ließ sich nehmen und wartete ab, was die Zukunft bringen würde. Und je näher die Hochzeit heranrückte, um so ruhiger und gefaßter wurde sie. Artur sollte sich nicht zu beklagen haben. Den Vertrag, den sie eingegangen war, würde sie auch halten, schon um des Papas willen, dessen Vertrauen zu ihr von Tag zu Tag wuchs. Er wurde immer väterlicher, nannte sie zuweilen sein allerliebstes Töchterlein und hängte sich schwer in ihren Arm. Und wenn er sie fragte: »Drücke ich Dich, Kind?« so lachte sie ihm ins Gesicht. Seine Last tat ihr wohl. Sie hätte stundenlang so mit ihm gehen mögen. Aber Salomon mußte sich die Minuten stehlen, wollte er vor Renette sicher sein. – – – Man hatte eine reizende Fünfzimmerwohnung in der Derfflinger-Straße gemietet. Artur hatte es nicht unter sieben machen wollen, aber Agnes' Vorhaltung hatte er schließlich nicht standhalten können. »Ich bin eine Ladenmamsell, wie Deine Mutter sagen würde, und soll nun plötzlich die große Dame machen. Das geht mir gegen den Geschmack. Auch an den Reichtum muß man sich gewöhnen.« In aller Stille wurde Hochzeit gemacht. Frau Salomon war gegen jede Feierlichkeit gewesen, und Agnes hatte nachdrücklichst zugestimmt. Das erstemal, daß sie sich mit der Schwiegermutter in vollem Einklang befand. Sie waren sich in diesen Wochen womöglich noch fremder geworden. Die alte Dame hatte sich immer mehr verkrochen. Sie wollte nichts von Aussteuer und Einrichtung wissen. Und wenn ihr Mann oder Artur davon zu erzählen begannen, schnitt sie ihnen das Wort ab. »Tut, was Ihr wollt, aber verschont mich damit.« Agnes sah wunderhübsch in ihrem Reisekleid aus, und Salomon stellte im stillen fest, daß sie einen distinguierten Eindruck machte und sich sehen lassen konnte. Wenn Agnes vor der Hochzeitsreise ein leises Grauen gehabt hatte, so stellte sich heraus, daß alles viel besser verlief, als sie zu hoffen gewagt hatte. Artur benahm sich äußerst delikat. Seine ganze Art war so behutsam und demütig, daß sie davon gerührt wurde und ein frauenhaftes Mitleid mit ihm hatte. Und weil sie ein durch und durch gesunder Mensch war, machte sie nicht viel Federlesens, drehte das Licht ab und nahm ihn herzhaft und mütterlich in ihre Arme. Der gute Mensch war im siebenten Himmel, und Agnes seufzte über seine Bescheidenheit. Geben ist seliger denn nehmen, tröstete sie sich und damit war die Angelegenheit zunächst für sie erledigt. Man war nach Westerland gefahren. Agnes wäre ein kleines, stilles Nordseebad hundertmal lieber gewesen, aber dagegen hatte Artur lebhaft Einspruch erhoben. Er wollte seine elegante Frau aller Welt zeigen. Er war ordentlich stolz auf ihre Christlichkeit. Agnes nannte ihn scherzhaft einen eitlen Herrn und obendrein einen Verräter. Sie drohte, Salomon zu berichten, was für ein schlechter Jude er im Grunde sei. Es verfing jedoch nicht. Niemand konnte seliger sein als er. Sie hatte im übrigen leichtes Spiel mit ihm, er war um den Finger zu wickeln. Es konnte keinen verliebteren jungen Ehemann geben. Sie war die schönste und aparteste Frau am Strande, das stand für ihn fest, und nebenbei war sie die klügste. Auch das stand außerhalb jeder Diskussion. Die kurze Zeit der Hochzeitsreise genügte, um ihn in ein richtiges Abhängigkeitsverhältnis zu Agnes zu bringen. Sie hatte es gar nicht nötig gehabt, darauf hinzuarbeiten. Es war höchst seltsam, wie es ihn drängte, sich ihr zu unterwerfen. Ohne daß es in ihrer Absicht lag, lenkte ihn ein Blick ihrer Augen. Ganz unmerklich begann sie an ihm herumzuerziehen. Er durfte bei Tisch ihre Hand nicht berühren und mußte sich daran gewöhnen, leise und ohne Gesten zu sprechen. Beides fiel ihm anfangs sauer, aber ein karges, aufmunterndes Lob aus ihrem Munde beglückte ihn. Sie regelte von Anfang an in jeder Hinsicht ihre Ehe und er war dankbar für jede Freundlichkeit, die sie ihm erwies. Dabei war er sich dieses Zustandes durchaus bewußt. Einmal sagte er: »Ich bin das eigenwilligste Kind gewesen und habe den Eltern mit meinem Trotz nicht wenig zu schaffen gemacht und jetzt bin ich so brav und gehorsam, daß ich über mich staunen könnte. Ich spüre Deinen Willen und Deine Hand und dieses Gefühl steigert noch mein Glück. Ich möchte es mir nicht anders wünschen, ist das nicht merkwürdig?« »Ich glaube, Du redest Dir das ein,« antwortete sie, »und machst Dich über mich lustig, denn nichts liegt mir ferner, als Dich am Gängelbande führen zu wollen. Im Gegenteil: Dein Wille geschehe. Und wenn Du mir in Kleinigkeiten nachgibst, so ist das nett und lieb von Dir, beweist aber gar nichts.« »Mit Speck fängt man bekanntlich Mäuse, und niemand geht Dir lieber in die Falle als ich.« Beide mußten bei diesem Vergleich laut auflachen, und Agnes erklärte, gutmütig neckend, er würde mit jedem Tag dreister und nehme sich Scherze heraus, die unter so feinen Leuten wie Salomons es doch unzweifelhaft seien, sicherlich nicht am Platze wären. Artur protestierte. Er wollte zärtlich werden und rückte ganz nahe an sie heran. »Bleibe mir hübsch vom Leibe,« drohte sie ihm, »sonst setzt es ein Unglück. Ich bin eine ehrbare Frau und lasse mich von niemandem verführen!« »Auch von Deinem Manne nicht?« »Ach, lieber Artur, reden wir davon nicht, es bleibt bei dem, was ich gesagt habe.« Und es blieb dabei. Artur mußte sich noch in anderen Dingen bescheiden. Er hatte es sich in den Kopf gesetzt, bei der Heimkehr den Vater beiseitezunehmen und ihm die große Neuigkeit ins Ohr zu tuscheln. Und wenn die Mutter es erfuhr, so würde das Eis gebrochen sein, und der unerquickliche Zustand, unter dem alle litten, ein Ende haben. Damit hatte er gerechnet. Und nun hatte Agnes auch durch diese Rechnung einen dicken Strich gemacht. Sie erklärte ihm mit aller Bestimmtheit, daß sie nicht daran denke, Kinder zur Welt zu bringen, bevor sie nicht eine gesicherte Existenz erobert habe. Arturs Gesicht wurde platt vor Schrecken. Er begriff sie einfach nicht. Ob sie die Salomons dafür strafen wollte, daß sie durch andauernde Arbeit zu Wohlstand gekommen und vor der Sorge des Tages geschützt seien? »Du siehst die Situation etwas einseitig,« entgegnete sie. »Ich will lediglich in keine dauernde Abhängigkeit von Euch geraten und will mein freier Herr bleiben. Stellt es sich heraus, daß ich mir durch eigene Kraft bei Euch eine Position mache, so daß ich im Notfall ein Kind selbst erhalten kann, dann in Gottes Namen.« Und dabei beharrte sie, und all sein gutes Zureden, sein Bitten und Drängen waren vergeblich. »Was verstehst Du eigentlich unter Notfall?« forschte er beklommen. Sie wollte erst nicht mit der Sprache heraus, schließlich aber sagte sie: »Es könnte doch immerhin möglich sein, daß wir beide eines Tages es für gut und anständig hielten, in aller Freundschaft auseinanderzugehen. Mißverstehe mich nicht! Ich setze den Fall, daß Du selbst es bist, von dem der Vorschlag ausgeht. Tritt das ein, so will ich nicht von Eurer Gnade abhängig sein und deshalb muß ich festen Boden unter den Füßen haben, muß wissen, daß ich mich auf meine Kraft verlassen kann. Das ist auch der Grund, weshalb ich in das Geschäft will.« »Ach, Agnes,« meinte er bekümmert, »ich glaube, eher hält man einen Gießbach auf als Dich, wenn Du Dir einmal etwas in den Kopf gesetzt hast. Ich habe außer meiner Mutter wohl nie einen Menschen gesehen, der einen so eisernen Willen hat wie Du. Angst und bange kann einem werden. Ich bin überhaupt gegen die Arbeit, Arbeit ist etwas Ekelhaftes. Und hinge es von mir ab, würde ich den Laden nicht betreten. Ich bin gewiß nicht fromm, aber wenn mir in der Bibel etwas eingeleuchtet hat, so ist es dieses, daß Arbeit die größte Strafe Gottes ist, und daß er sie erst verhängt hat, als er hinter die Niedertracht der Menschen kam und ihrer sich nicht zu erwehren wußte.« »Und was würdest Du mit dem Tage anfangen, mein Lieber?« »Ich würde mit der Zeit kaum reichen. In der Frühe käme der Masseur. Hierauf Bad mit allen Schikanen. Dann Morgenritt. Solennes Frühstück mit den herrlichsten Dingen. Zeitunglesen. Spazierfahrt im Auto, und der Vormittag ist im Handumdrehen erledigt. Und mit dem Nachmittag wird man doch spielend fertig. Man diniert, schläft, trinkt seinen Kaffee, und mittlerweile ist es Abend geworden, und man hat die Wahl zwischen Gesellschaft, Konzert oder Theater. Kann man den Tag nützlicher ausfüllen? Oder hältst Du es für feiner und sittlicher, hinter dem Ladentisch zu stehen, und die Ware an den Mann zu bringen? Ich für mein Teil finde es, wenn nicht überflüssig, so doch scheußlich!« »Du hast Dir ja ein feines Programm zurechtgelegt. Man könnte ordentlich neidisch werden. Wie stellt sich denn Papa dazu, von Deiner Mutter gar nicht zu reden?« »Agnesel, laß die alten Leute aus dem Spiel, die kommen von dem Schlendrian ihrer Anschauungen nicht mehr los, bei denen fängt der Mensch mit dem Lasttier an.« Ein spöttisches Lächeln huschte über ihr Gesicht. »Deshalb bin ich auch ins Bankgeschäft gegangen,« fuhr er unbeirrt fort, »ich dachte, man hätte dort am wenigsten zu tun und könnte am bequemsten Geld verdienen. Statt dessen stellte sich heraus, daß man es nirgends leichter los wird. Ich bin heute noch bei Jaffé in der Kreide,« entschlüpfte es ihm wider Willen. Sie runzelte die Stirn. »Das sind ja schöne Geschichten! Spielen tust Du auch?« »Es sind lumpige Fünftausend, die reine Vergeßlichkeit, daß ich es nicht ausgeglichen habe. Im übrigen lassen wir das. Ich bin Jaffé dafür gut,« schloß er etwas verärgert. »Wie kann man nur anderer Leute Geld vertun?« Er wollte einen Einwurf machen, aber sie ließ ihn nicht zu Worte kommen. »Gut, sagen wir fremdes Geld; denn Du hast es doch nicht erworben! Und überhaupt auf der Börse spielen, pfui Teufel!« »Bin ich ein Esel! Warum habe ich es Dir überhaupt erzählt? Nun machst Du aus dieser Bagatelle eine Tragödie. Das Geld meines Vaters gehört doch am Ende auch mir.« »Das ist ein Grundirrtum. Gehören tut einem, was man aus eigener Kraft erarbeitet hat. Meine Jungfernkleider, die eingepackt sind und modern, gehören mir. Du magst es mir glauben, bei jedem neuen Stück, das ich jetzt anziehe, habe ich ein unbehagliches Gefühl.« »Das ist lächerlich,« gab er zurück. »Ich würde, ohne eine Miene zu verziehen, alles von dir nehmen. Du bist doch meine geliebte Frau, wie kannst Du da zwischen mein und dein trennen? Das kommt mir kleinlich vor, verzeih' den Ausdruck. Im übrigen will ich mich nicht schlechter machen, als ich bin. Du tust gerade so, als ob ich ein gewerbsmäßiger Spieler wäre. Davon kann gar nicht die Rede sein. Ich habe, wie alle jungen Leute, einmal mein Glück versucht. Dazu hat es mich gelockt. Spielen ist etwas Phantastisches, kannst es mir glauben. Es ist nicht der Gewinn, der einen reizt, es ist das Risiko, das Abenteuer. Man ist mit einem Schlage aus dem Alltag heraus und erlebt etwas so Neues, daß einem der Atem stockt. Nun, ich habe mich nicht lange dabei aufgehalten. Als Jaffé zu mir sagte: ›Laß die Hand davon, erstens hast Du keinen; Riecher für das Börsengeschäft, und zweitens fehlt es dir an Masel Glück. ‹, habe ich Schluß gemacht. Mehr kannst Du doch nicht verlangen. Jaffé hat natürlich recht. Zum Spiel gehört Glück, und das habe ich nicht.« »Woraus schließt Du das?« fragte sie aufhorchend. »Aus tausend kleinen und großen Dingen, erst jetzt glaube ich wieder an meinen Stern, jetzt, da ich Dich habe, aber um ein Haar wäre das ja auch schief gegangen. Komm, gib mir einen Kuß und hab' mich lieb, ich brauche einen Menschen wie Dich, der stark und gütig ist. Denn mir fehlt es an jedem Selbstbewußtsein.« »Ich und Güte? nicht eine Spur habe ich davon.« Er küßte sie auf den Hals. »Agnesel, Du bist viel liebenswerter, als Du ahnst. Und arbeiten werde ich von nun an wie ein Ackergaul, wenn es Dir Spaß macht.« »Das ist ein Wort, und den Spaß wirst Du davon haben. Warte es nur ab. Wir beide wollen um die Wette schuften. Papa soll die Augen aufreißen.« Artur seufzte. »Ich bin nicht ehrgeizig, und auf Lob und Anerkennung bin ich auch nicht versessen. Ich tu's lediglich deinetwegen.« Bei diesen Worten hatten seine Züge einen schwermütigen Ausdruck angenommen, der ihr im höchsten Grade unangenehm war. Trotzdem schmiegte sie sich an ihn, als wollte sie durch die Berührung mit ihm ihrer inneren Kälte Herr werden und von feindseligen Gedanken sich gewaltsam befreien. Immer wiederholte sie sich: Er ist ein sauberer, anständiger Mensch, und nachdem du einmal seine Frau geworden bist, ist es deine verdammte Pflicht und Schuldigkeit, ihm ein guter Kamerad zu werden. Ach, das war so leicht gesagt und so furchtbar schwer durchgeführt! Was nützte alle verstandesgemäße Erkenntnis, wenn jene geheimnisvolle Blutsgemeinschaft fehlte, durch die ein Zusammenleben erst seinen tieferen Sinn bekam! Sie begriff seine Bescheidenheit nicht. Er ging an ihr ahnungslos vorbei und hatte nicht den leisesten Instinkt für ihre Frauennatur. Wie ein harmloser Junge war er, selig und zufrieden, wenn er nur auf seine Rechnung kam. Sie hatte sich ihr Leben anders geträumt. Sie wußte, daß sie verschwenderisch in der Liebe sein konnte und, ihrer äußeren Herbheit zum Trotz, sich mit einer Leidenschaft und Intensität hinzugeben vermochte, die den geliebten Menschen in Entzücken versetzen mußte. Und nun hieß es die Zähne zusammenbeißen und sich bescheiden. Es kamen Stunden, in denen sie glaubte, sie müßte ihm davonlaufen. Denn es war doch eine Versündigung an ihrem Fleisch und Blut, wenn die Flamme in ihr langsam verlöschte und das Lebendige in ihr verdorrte und abstarb. Irgendein Ton, eine Bewegung von ihm konnte sie zuweilen bis aufs äußerste reizen, aber der Schrei, der ihre Brust sprengen wollte, wurde jedesmal unterdrückt. Sie blieb gegen ihn gleichmäßig kühl und freundlich und duldete seine Zärtlichkeiten, so schwer sie darunter litt, daß sie ihren Körper mißbrauchen ließ. War ihre Selbstbeherrschung in Gefahr, so brauchte sie nur an Salomon zu denken. Denn zwischen ihr und dem Schwiegervater war ein geheimes Band, das sie letzten Endes auch mit Artur verknüpfte. Sie konnte dem alten Salomon gegenüber nicht schuldig werden, durfte sein blindes Vertrauen nicht täuschen, wollte sie an ihrer Seele nicht Schaden nehmen. Aber wenn sie Herrin ihrer Tage war, so mußte sie zu ihrem Schrecken erfahren, daß ihr Wille von ihren Nächten eingefangen wurde. Einmal schrie sie mitten im Traum gellend auf, und als Artur entsetzt in die Höhe fuhr und das Zimmer hell machte, sah er in ein angstverzerrtes, totenblasses Gesicht, aus dem zwei weitaufgerissene Augen ihn bewegungslos anstarrten. Sie klammerte sich an ihn, aber trotz seines Drängens brachte sie keinen Laut hervor. Er kroch in ihr Bett, und sie ließ es ohne Widerstand mit sich geschehen. Aber während er beglückt und erfüllt rasch wieder in Schlaf verfiel, tat sie in dieser Nacht, von Grauen geschüttelt, kein Auge zu. Sie hatte geträumt, daß plötzlich Bobsin neben ihr lag und sie küßte, und dann war es auf einmal nicht mehr Bobsin gewesen, sondern Arturs Vater, der sie fest umschlungen hielt und dessen inbrünstige Umarmung sie mit aller Leidenschaft erwiderte, bis ein leises, wehes Weinen Arturs an ihr Ohr drang und Salomon sie entsetzt losließ. Da war sie mit einem Aufschrei erwacht. Es war ein abscheulicher Traum gewesen, über den sie sich bis zum Morgengrauen nicht beruhigen konnte. – – Die für die Hochzeitsreise bestimmte Zeit ging ihrem Ende entgegen. Salomons hatten von Artur eine Fülle von Briefen und Ansichtskarten erhalten, die vor Seligkeit überströmten. Frau Salomon ließ sich nicht bewegen, sie zu lesen. »Bleib' mir mit dem Zeug vom Leibe,« sagte sie kurz. »Er ist ein Chammer Dussel. und wird nebbich Gott behüte. früh genug erwachen!« Was blieb Salomon anders übrig, als das Glück seines Jungen für sich allein auszukosten? Er tat es ausgiebig, wenn er allein in seinem Kontor saß und immer und immer wieder diese Briefe las und die Grüße, die Agnes daruntergesetzt hatte. Er freute sich an ihrer kühnen, großen Handschrift, die auf Kraft, Willen und Persönlichkeit schließen ließ. Und er zählte mit Ungeduld die Stunden bis zur Heimkehr der Kinder. Ohne daß Renette es ahnte, machte er sich fürsorglich in der Wohnung des jungen Paares zu schaffen und bereitete, insbesondere für Agnes, allerhand heimliche Überraschungen vor. Die schönste Mappe und das feinste Papier, vom großen Bogen bis zur kleinsten Karte, geschmückt mit ihren Initialen, lagen auf ihrem Schreibtisch. In einer Lade war ein silbernes Zigarettenetui, in der anderen ein kostbares Petschaft mit zierlichen Siegellackstangen in allen Farben. Und als Artur in einer kurzen Depesche ihre Ankunft mitteilte, war er eine Stunde vor Eintreffen des Zuges bereits auf dem Bahnhof und ging ungeduldig auf und nieder, bis endlich der Zug signalisiert wurde. Ihm war zumute, als ob er auf einmal jung und lebendig geworden wäre, eine Art von Schlafkrankheit überwunden hätte. Er wollte an dem Glück der Kinder seinen Teil haben, mochte Renette noch so sehr murren und abseits stehen. Mit einem: »Papa, geliebter Papa!«, das wie himmlische Musik in seinen Ohren klang, sprang ihm die junge Frau Salomon entgegen. Man fuhr gemeinsam nach der Derfflinger-Straße, und Agnes konnte sich vor Entzücken nicht fassen, als sie ihre Wohnung betraten. Erst während ihrer Abwesenheit waren die Möbel fertig, die Teppiche gelegt, die Bilder gehängt worden. Und nun erwies sich, daß man mit sicherem Geschmack gewählt hatte, daß alle Räume einen gefälligen und dabei gemütlichen Eindruck hervorriefen. Zwischen den modernen Möbeln standen ein paar echte, alte Stücke, die sich wunderbar ausnahmen und dem Ganzen einen höchst soliden Charakter aufdrückten. Die schönen Perserteppiche, die Salomon mit Liebe und Sorgfalt selbst ausgesucht hatte, taten mit ihren seltsamen und originellen Mustern, mit ihren leuchtenden Farben ein übriges, um die Wirkung der Räume noch wesentlich zu erhöhen. In allen Zimmern, Entree und Küche nicht ausgenommen, hatte Salomon große Blumensträuße aufstellen lassen, so daß der jungen Frau, wie sie ging und stand, ein süßer Duft entgegenströmte. »Wunderhübsch, Wunderhübsch,« sagte sie beständig und hängte sich in beide Salomons ein, um Stück für Stück zärtlich zu betrachten. 1 Und dann entschlüpfte es ihr: »Es ist so schön, daß man sich gar nicht davon trennen möchte.« Der Alte schnappte sofort ein: »Wer zwingt dich dazu, laß Geschäft Geschäft sein und freue dich an deiner Häuslichkeit.« Sie entzog ihm ihren Arm. »Ist es Dir leid geworden, Papa? Sag' ganz aufrichtig, Du möchtest mir am liebsten den Stuhl vor die Tür setzen.« »Davon ist keine Rede,« entgegnete er, und seine Miene umschattete sich. »Ich dachte nur. Du selbst hättest vielleicht Deinen Sinn geändert. Natürlich bleibt unsere Abmachung bestehen.« Sie atmete auf. »Nichts hat sich bei mir verändert, und morgen früh treten Artur und ich pünktlich an. Das Faulenzen muß nun ein Ende haben.« »Das ist ihre fixe Idee, Papa, und daran läßt sie nicht rühren.« Sie nahm des Schwiegervaters Hand. »Ich freue mich auf die Lehrzeit. Du sollst sehen, ich werde Dir keine Schande machen.« Salomon seufzte in sich hinein. Niemand hörte es. Er dachte an die Kämpfe, die ihm bevorstanden. VIII. Salomon hatte sich nicht getäuscht. Das Gewitter brach am anderen Tag los, und mit einer Heftigkeit, daß es ihm in die Knochen fuhr. Als Frau Salomon mit ihm das Geschäft betrat, glaubte sie ihren Augen nicht zu trauen. Da stand Agnes im einfachen Straßenkleide mitten im Laden und schien sich an allen Ecken und Enden zu orientieren. Die jungen Leute gaben geflissentlich und in ehrerbietiger Haltung auf die an sie gerichteten Fragen Auskunft. Frau Salomon war starr, ohne Hut und Mantel abzulegen, und ohne Agnes' Gruß zu erwidern, folgte sie wider die Gewohnheit ihrem Manne ins Büro. »Was bedeutet das?« fragte sie ohne Einleitung. »Was will die Person in unserm Laden?« Ihr Gesicht war wachsbleich. Salomon nahm seine ganze Kraft zusammen. »Setz' Dich erst einmal, und dann laß uns in aller Ruhe reden, Renette.« »Sei bedankt, Salomon. Ich bin nicht müde. Das Stehen ist mir bekömmlich. Also antworte!« Er zog tief den Atem ein; seine Züge bekamen etwas Hilfloses. »Das ist doch ganz einfach,« sagte er ärgerlich und suchte dabei ihrem Blicke auszuweichen. »Sie will sich betätigen, fühlt sich zu jung, um auf der Bärenhaut zu liegen, und da sie als Arturs Frau bei Wertheim nicht konditionieren kann, gibt es doch nur den Ausweg, daß sie bei uns im Geschäft arbeitet.«! Frau Salomon stützte sich mit ihrer knöchernen Hand auf den Schreibtisch. »Hast Du davon gewußt?« Ein undefinierbarer, röchelnder Laut, bei dem Salomon unwillkürlich zusammenzuckte, entrang sich ihr. Eine Weile war es totenstill in Salomons Büro. »Also längst abgekartet,« sagte sie endlich, »hinter meinem Rücken abgekartet!« »Was heißt abgekartet?« brauste er auf. »Gegen solche Ausdrücke verwahre ich mich!« »Spiel' Dich nicht auf,« entgegnete sie, und ihre Stimme drückte eine tiefe Verachtung aus, »Warum hast Du mir keine Silbe davon gesagt?« fuhr sie fort und hielt ihre Augen fest auf ihn gerichtet. »Es scheint, als ob Du mich in ein Kreuzverhör nehmen willst.« Sie antwortete nicht, hielt ihn mit ihren Blicken umklammert. Ganz unvermittelt gab er sein tiefes Lachen von sich. Er hatte sein Gleichgewicht wiedergefunden. »Den möchte ich sehen, Renette, der Dir in Ruhe etwas auseinandersetzen kann. Weshalb ich nicht darüber gesprochen habe, du meine Güte, das ist doch sonnenklar. Ich dachte. Du erfährst es früh genug, warum sollte ich Dir die Aufregung nicht vom Leibe halten, solange es nur irgendwie sich machen ließ.« »Also eine Gnadenfrist, die Du mir bewilligt hast?« »Renette, laß um Gottes willen die großen Worte beiseite, habe ein bißchen Einsehen! Was sollte sie anderes tun? Den ganzen Tag in den Straßen herumliegen? Sogenannte Besorgungen machen? Sich zu Tode langweilen und auf böse Gedanken kommen? Versetz' Du Dich doch einen Moment in ihre Situation, und denke an Dein eigenes Leben zurück. Was hättest Du angestellt, wenn man Dir verboten hätte, das Geschäft zu betreten? Und machen wir uns doch keinen Wind vor. Artur ist alles andere als ein Geschäftsmann. Und wenn sie sich bewährt, was nota bene sich erst noch herausstellen muß, wäre es für den Fortbestand der Firma das größte Glück.« Er hatte hastiger und eindringlicher gesprochen, als es sonst seine Art war, und dabei versucht, mit Güte und Vernunft ihrer habhaft zu werden. Sie schüttelte eine Weile lautlos den Kopf. Die dünnen Hände hatte sie über der Brust gekreuzt. »Das hast Du mir angetan, Salomon. Die Goite hast du mir auf den Hals gehetzt!« Und leise fügte sie hinzu: »Ich hätte es nie geglaubt.« Ihre Augen waren leer geworden, und ihr Gesicht erschien einen Moment so ausgeblasen, daß es ihn überlief. »Renette! Renette!« Da richtete sie sich mit äußerster Anstrengung aus ihrer Verfallenheit auf. »Das vergesse ich Dir in meiner Sterbestunde nicht,« sagte sie hart und verließ, ohne noch ein Wort hinzuzufügen, das Büro. Salomon blickte eine Weile dumpf vor sich hin. Der Schädel tat ihm weh. Was in aller Welt habe ich denn verbrochen? Du hast gewußt, daß es ihr einen Stoß versetzen würde, gab er sich unerbittlich zur Antwort, und bist trotzdem nicht davor zurückgeschreckt. Weshalb nicht? Er zuckte die Achseln. Ihm war unbehaglich zumute, und mechanisch griff er nach der Post. Sein Auge glitt zerstreut über die eingelaufenen Bestellungen, er schob die Briefe wieder beiseite. Um Gottes willen, ich kann doch nicht allen ihren Marotten nachgeben, die Jugend hat schließlich doch auch ein Recht auf das Dasein, und ein größeres als wir, die wir im Abstieg sind. Weshalb macht sie sich und uns das Leben so sauer und nimmt einem auf seine alten Tage das bißchen Ruhe und Frieden?! Salomon ächzte. Dann sprang er vom Schreibtisch auf. Er wollte ihr nacheilen, sie zurückholen und beide Hände auf ihre dürftigen Schultern legen. Renettchen, wollte er sagen, fünfundzwanzig Jahre sind wir miteinander ausgekommen, sind zusammen grau und alt geworden, und nun willst du mit mir brauges beleidigt. tun? Hat das Sinn und Verstand? Freu' dich an den Kindern und bohr' dich nicht in einen Haß hinein, durch den du selbst den schwersten Schaden nimmst. So hatte Salomon sprechen wollen. Doch in dem Augenblick, als er sich zur Tür wandte, trat Agnes herein. »Hast Du Zeit für mich?« Er nickte stumm, setzte sich schwerfällig wieder an seinen Schreibtisch und forderte sie auf, ebenfalls Platz zu nehmen. Sie überhörte es scheinbar und trat dicht neben ihn. »Papa, was ist hier vorgefallen?« begann sie. »Was habe ich getan, daß mich Deine Frau schneidet, ja noch schlimmer, mich vor dem ganzen Personal bloßstellt!« Salomon wollte wissen, was geschehen war. »Es ist im Grunde genommen ganz gleichgültig, und ich bin auch nicht zu Dir gekommen, um die Angeberin zu machen und mich zwischen Dich und sie zu drängen. In dem Augenblick, wo sie mit Dir ins Büro ging, habe ich alles geahnt. Und als sie wieder herauskam, warf sie mir einen so haßerfüllten Blick zu, daß ich nicht ein noch aus wußte und sie leise fragte, ob ich sie, ohne es zu wollen, verletzt hätte. Da hättest Du sehen sollen, wie sie mir laut ins Gesicht lachte, um mir dann wortlos den Rücken zu kehren. Was die Menschen um uns herum sich gedacht haben, weiß ich nicht. Ich hatte nur den einen Gedanken: ich müßte zu Dir.« Salomon ergriff ihre Hand. »Kind,« sagte er vergrämt, »habe ein Begreifen! Es hat sie wie eine Krankheit überfallen, und mit einem Kranken soll man milde und gütig sein und nicht rechten.« Ihre Miene verfinsterte sich. »Was will sie von mir? Was habe ich ihr zuleide getan? Habe ich mich Euch aufgedrängt? Artur eingefangen, um, wie man so sagt, eine Partie zu machen? Sie weiß, das Gegenteil ist der Fall. Trotzdem hetzt sie beständig gegen mich, und ihre Art, mich zu behandeln, hat etwas Demütigendes.« Sie war leidenschaftlich geworden, und ihr Gesicht glühte vor innerer Erregung. Und da Salomon bedächtig schwieg, fuhr sie fort: »Ich nehme es ihr nicht übel, daß sie gegen diese Heirat gewesen ist. Das war ihr gutes Recht. Aber als anständiger Mensch müßte sie sich mit der Tatsache abfinden. Und wenn sie jetzt die gekränkte Leberwurst macht und ihren Groll an mir ausläßt, so finde ich das ..., nun, erlasse mir alles weitere!« Salomon hatte ihr tiefbekümmert zugehört. Mit jedem Wort, dachte er, ist sie im Recht, und doch hat sie keine Vorstellung davon, wie es im Herzen einer jüdischen Mutter aussieht. Er zerbrach sich den Kopf darüber, wie er ihr das klarmachen sollte, denn beide jammerten ihn. Die Frau und die Schwiegertochter. Und beiden hätte er helfen mögen. Wie sollte er es nur anfangen! »Weißt Du, was zwischen Euch ist?« hub er langsam an. »Es ist der uralte Gegensatz der Rassen. Und jedes Wort, mit dem man Frieden stiften möchte, ist, fürchte ich, in den Wind gesprochen. Man redet an ihr, man redet an Dir vorbei, beide seid ihr keinen Gründen zugänglich!« »Bist Du im Gefühl auch gegen mich?« Salomon schüttelte den Kopf. »Ich war es wohl anfangs. Aber seit ich dich kenne, oder zu kennen glaube, hat sich das völlig geändert.« Sie atmete erleichtert auf. »Ich habe von der ersten Begegnung an zu Dir gehalten, mich Dir nahe gefühlt,« sagte sie. »Schon damals, als Du bei Gumpert in der Konditorei mir gegenüber saßest und ein so ernstes, unfreundliches Gesicht machtest, fühlte ich mich zu Dir hingezogen, wußte ich, daß wir zusammenstimmen würden. Ja, glaube mir,« schloß sie, und ihre Züge erhielten plötzlich etwas tief Nachdenkliches und Grüblerisches, »ich hätte Artur am Ende gar nicht genommen, wenn Du mir damals nicht in den Weg getreten wärst. Ist das nicht sonderbar?« Salomon wurde es bei diesem Bekenntnis unbehaglich. »Warum erzählst Du mir das? Meinst Du mir damit etwas Liebes zu erweisen? Man heiratet doch seinen Mann nicht um des Schwiegervaters willen, sollte ich denken.« »Doch,« entgegnete sie eigensinnig, »ich kann mir das durchaus vorstellen. Was Du vorhin von dem Rassengegensatz sagtest, trifft bis zu einem gewissen Grade auf mich zu. Ich habe anfangs gedacht, zwischen Artur und mir sei eine Mauer, über die ich nie komme, und bei Dir fiel von Anfang an das alles fort. Und so warst Du es eigentlich, der die Entscheidung herbeiführte. Ich schloß nämlich, daß mein Widerstand nur auf Vorurteil und Einbildung beruhe. Und weil die Söhne oft nach den Großvätern schlagen, dachte ich mir: Wenn ich jemals einen Sohn zur Welt bringe, so soll er seinem Großvater gleichen.'« Salomon stieß sein tiefes Lachen aus, und er lachte so herzlich, daß ihm die Tränen über die Backen liefen. Sie sah ihn verwirrt und ratlos an. »Da habe ich etwas Schönes angerichtet,« brachte er keuchend hervor. »Wenn das Renette erführe, würde sie sich die Haare raufen.« Und Salomon berichtete gutmütig und gegen seinen Willen höchst belustigt, wieviel Renette sich damals von diesem Gang versprochen hatte. Und von der Komik der Situation ganz erfüllt, hatte er für den Moment vergessen, wie heikel und schwierig für alle Beteiligten die Lage war. Nun aber, da sein Blick das finstere Auge der Schwiegertochter traf, die so gar nicht von seiner Heiterkeit angesteckt war, blieb ihm das Lachen im Halse stecken. »Kind, was hast Du denn?« »Nichts, Papa, es ging mir nur allerhand durch den Kopf, was sich nicht so ohne weiteres aussprechen läßt.« Salomon ließ das Haupt auf die Brust sinken und lächelte schwermütig. Da stand er nun hilflos zwischen Frau und Schwiegertochter, und jede verlangte von ihm ihr Recht und zog enttäuscht mit einem Gefühl der Erbitterung von dannen. »Jetzt begreifst Du vielleicht,« sagte er, »weshalb ich von Deiner Tätigkeit bei uns nicht gerade erbaut war. Nicht der Gehaltsfrage wegen, die rangierte in zweiter Linie. Ich wollte Dich von der Schußlinie etwas fernhalten. Ich konnte es mir ja denken, daß es Reibereien geben würde. Und darum wiederhole ich heute noch einmal: Laß die Finger vom Geschäft, es kommt nichts Sauberes dabei heraus.« »Das heißt mit anderen Worten, Du läßt mich fallen, gibst mir auf freundliche Art zu verstehen, wo die Tür ist. Oh, ich habe feine Ohren!« Salomon widersprach energisch. Sie aber ließ sich nicht beirren. »Es bleibt bei dem, was ich Dir damals erklärt habe: zu Wertheim kann ich nicht zurück, das sehe ich ein. Gut, es gibt noch andere Häuser, in denen ich etwas Passendes finden werde!« Sie war blaß geworden, und um ihre Mundwinkel zuckte es beständig. Salomon ergriff ihre Hand. »Hab' doch ein bißchen Vertrauen zu mir, und versteif' Dich nicht darauf!« Und zögernd setzte er hinzu: »Wenn Du eine materielle Sicherheit willst, dafür wird sich, auch ohne daß Du im Geschäft arbeitest, ein Weg finden.« Sie entzog ihm mit einer heftigen Bewegung die Hand. »Wofür hältst Du mich?« Wie ein Schrei entrang es sich ihr. »Glaubst Du, ich will Euer Geld? Meine Selbständigkeit, meine Unabhängigkeit will ich, um jederzeit frei und auf niemanden angewiesen zu sein.« Salomon stand unmutig auf. »Das ist eine fixe Idee, nimm es mir nicht übel. Und außerdem liegt darin ein Mißtrauen, das etwas Kränkendes hat.« »O nein! Und daß Du mich nicht begreifst, ist das Schlimmste an der Sache! Vergiß' einen Augenblick, daß Du Arturs Vater bist, und erinnere Dich, unter welchen Umständen ich Ja gesagt habe. Ist es denn völlig ausgeschlossen, daß mir eines Tages der Boden unter den Füßen brennt, und daß trotz allem redlichen Willen ein Zusammenleben zur ...«, sie hielt eine Sekunde inne, ehe sie mit großem Ernst ergänzte, »zur Marter wird! Und sind denn meine Befürchtungen, nach dem, was heute vorgefallen ist, so ganz aus der Luft gegriffen? Und meinst Du wirklich, ich sei dann der Mensch, der mit einem Trinkgeld sich aus dem Hause stiehlt? Ach, Papa, Du siehst mich total verkehrt, wenn Du glaubst, ich hätte es auf einen Handel abgesehen und spekulierte bereits mit der Abfindungssumme.« Die letzten Worte hatte sie leiser gesprochen. Nun wandte sie sich von ihm in leidenschaftlicher Erregung ab. Salomon verlor seine äußere Ruhe nicht, obwohl sie ihn in seinem väterlichen Gefühl getroffen und tief verwundet hatte. »Du verlangst etwas viel von mir,« erwiderte er langsam. »Ich bin nun einmal Arturs Vater, und nicht einen Augenblick kann ich das vergessen. Ich hatte mir auch eingebildet, daß Du ihm inzwischen nähergekommen seist, freilich, wenn die Dinge so liegen.« »Papa,« unterbrach sie ihn, »wir leben auf eine anständige Art, und Artur ist,« wieder hielt sie inne, als müßte sie jedes Wort abwägen, um nicht der leisesten Unwahrheit sich schuldig zu machen, »ich glaube, Artur ist glücklich!« »Und Du?« »Ich habe den Schritt nicht bereut, aber Zeit brauche ich! Ich kann nicht von heute auf morgen. Ach, das hat ja gar keinen Zweck! Schon indem man darüber spricht, richtet man bei sich und den anderen nur Unheil an.« Ihre Züge wurden kummervoll. »Begreifst Du denn nicht, daß ich, gerade um mit Artur ins Reine zu kommen, nicht das Gefühl der Abhängigkeit haben darf? Wenn zwischen ihm und mir so etwas wie Dankbarkeit steht, dann ist es doch schon zu Ende, dann ...« Sie vermochte nicht weiter zu reden, zitterte, und ein Gefühl der Schwäche überkam sie. Salomon litt mit ihr, und all seine Bitterkeit war fortgeblasen. Ganz sanft und behutsam zwang er sie, sich niederzusetzen. »Freilich verstehe ich Dich nicht ganz, ein alter Mann kann sich da nicht so leicht zurechtfinden, ist am Ende auch nicht unbedingt notwendig. Die Hauptsache ist, ich fühle, daß Du bis in die Knochen hinein sauber bist, handelst, wie Du handeln mußt, und das allein gibt den Ausschlag. Und nun bleibt es selbstverständlich bei unserer Abmachung. Kein Wort ist mehr darüber zu verlieren. Und wenn es Kämpfe gibt, so müssen sie eben ausgetragen werden.« »Papa, bringe mich wo anders unter!« »Ausgeschlossen! Im übrigen, Mutter und ich sind doch auch nicht mehr die Jüngsten! Wie lange wird es dauern, und wir ziehen uns ganz aus dem Geschäft zurück.« Sie mußte plötzlich lächeln, und als Salomon dadurch in Verlegenheit und Ratlosigkeit geriet, sagte sie rasch: »Wenn Du von Deinem Alter sprichst, kommt mich jedesmal ein Lachen an.« »Viel älter bin ich, als Du denkst.« »Nein, Papa, Du bist viel jünger, als Du ahnst.« Salomon fand seine Fröhlichkeit wieder. »Mit Dir werde einer fertig.« »O mit mir ist so leicht fertig zu werden, vielleicht wirst Du es eines Tages merken!« Sie erhob sich rasch und strich sich das Haar zurück, das ihr über die Stirn gefallen war. »Bist Du wieder ruhig geworden, mein Kind?« »Ja, Papa.« Sie wollte seine Hand nehmen und küssen. »Na, höre einmal, einen Kuß auf die Backe werde ich mir wohl verdient haben!« Sie küßte ihn auf beide Backen, dann verließ sie in gerader, selbstbewußter Haltung sein Büro. « Draußen begegnete ihr Frau Salomon, und in einem unwiderstehlichen Drange grüßte sie mit ausgesprochener Freundlichkeit die alte Dame, die unter diesem Gruß, als wenn sie von einem Schlage getroffen wäre, zusammenzuckte. IX. Als Agnes mit ihrem Manne nach Hause kam, erwartete sie eine neue Überraschung. Auf der Schwelle trat ihr Frau Jung entgegen, die bereits seit mehreren Stunden in der Wohnung Umschau gehalten und mit dem Dienstmädchen eifrig konferiert hatte. »Das ist ja reizend,« begann sie ohne Umschweife. »Ihr kommt an und haltet es nicht einmal für nötig, mir eine Nachricht zu geben. Ich muß mich ja vor Euren Bolzen schämen. Übrigens liegen vorn zwei Riesenpakete von Wertheim.« Agnes ging mit einem stummen Gruß in das Wohnzimmer. Frau Jung und Artur folgten. Es waren zwei kostbare, mit der Hand gestickte Kissen, die die Wertheim-Mädchen ihrer ehemaligen Kollegin zur Hochzeit gestiftet hatten. Das Gesicht der jungen Frau erhellte sich. »Sieh einmal an,« sagte Frau Jung, »das nenne ich anständig.« »Ich finde es furchtbar nett von den Mädeln. Sie haben mich also doch ein bißchen gern gehabt. Und nächsten Sonntag laden wir die ganze Rasselbande zum Kaffee ein, das heißt, wenn Du es erlaubst, Artur; denn mir ist, als ob ich selbst zu Gast hier wäre, und über Deinen Kopf hinweg ...« »Nun höre gefälligst auf,« unterbrach er sie lachend. »Deine Freunde sind meine Freunde, und umgekehrt, hoffe ich, wird es auch der Fall sein.« »Es sind zwar keine Freundinnen von mir, aber es sind liebe, nette Geschöpfe unter ihnen. Habe übrigens keine Furcht, es sind nur die Kolleginnen aus meiner Abteilung. Mehr als ein Dutzend werden es nicht.« Sie klingelte und ließ das Essen auftragen. Für Frau Jung wurde nachgedeckt. »Ich wollte mit meinem Manne beim ersten Mittagbrot allein sein, und darum habe ich Dir nicht geschrieben, Mutter,« erklärte sie kurz. Frau Jung geriet außer sich. »Na, das wäre ja noch schöner,« meinte sie, »wenn die Mutter als Störenfried angesehen würde! Und allein seid ihr weiß Gott jetzt lange genug gewesen. Mir hätte eine Erholung auch gut getan, aber daran hat natürlich kein Mensch gedacht.« Artur wollte begütigen, aber das brachte sie noch mehr in Harnisch. »Ich habe es ja gleich gewußt, Sie lassen sich von ihr unterkriegen. Das versteht sie aus dem ff, und weil wir darüber gerade sprechen: In meiner Wohnung bleibe ich nicht, da graule ich mich viel zu sehr. Gekündigt habe ich auch schon.« »Wo willst Du denn hinziehen, Mutter?« »'ne Frage! Wo soll ich hinziehen! Zu Euch natürlich. Meine Siebensachen sind bald gepackt.« Artur wollte sich vor Lachen biegen, aber Agnes bemerkte trocken: »Wenn Du denkst, daß Mutter sich einen Scherz erlaubt, bist Du schief gewickelt.« Und zu Frau Jung gewandt: »Das ist völlig ausgeschlossen, auf Dauergäste ist unsere Wohnung nicht eingerichtet. Seit wann hast Du es denn mit der Furcht bekommen? Das ist ja das Neueste von Dir!« »Ob es neu oder alt ist,« antwortete Frau Jung tiefgekränkt, »laß meine Sorge sein! Ich bleibe in der Bude nicht! Und einzurichten geht es bei etwas gutem Willen auch! Warum soll ich nicht im Herrenzimmer auf der Chaiselongue schlafen können? Für mich ist da reichlich Platz. Und mit dem Hausmädchen habe ich bereits geredet.« »Sehr freundlich von Dir, Mutter, daß Du hinter meinem Rücken das nötige angeordnet hast. Es wird Dir aber, fürchte ich, verdammt wenig nützen. Davon kann selbstverständlich nicht die Rede sein, in dem Punkt wirst Du weder bei Artur noch bei mir Gegenliebe finden, ich kann Dir also nur raten: zieh die Kündigung zurück.« »Ne, mein Kind, ich denke nicht daran, und auf die Straße wirst Du mich wohl nicht setzen. Du bist zwar ein Gemüt, aber das wirst Du Dir dreimal überlegen. Mir gefällt es hier, ich finde es hübsch bei Euch!« Agnes erwiderte nichts. Sie kannte die Mutter zur Genüge, um zu wissen, daß sie das letzte Wort behielt. Und sie gewissermaßen ignorierend, sprach sie angelegentlich mit Artur, der in dieser fatalen Situation ausgezeichnet seine Haltung bewahrte. Auf Frau Jung machte diese Methode nicht den mindesten Eindruck. Sie mischte sich beständig in die Unterhaltung und suchte Artur krampfhaft ins Gespräch zu ziehen. Dabei entwickelte sie einen blühenden Appetit, häufte sich den Teller voll, daß Agnes der Schweiß auf die Stirn trat, denn sie wußte nicht, wie sie die Mädchen satt machen sollte. Die Mutter aß für zwei, bediente sich, solange die Schüssel auf dem Tisch stand, in der Hoffnung, Agnes damit zu ärgern. Als der Kaffee gebracht wurde, sagte sie mit Aplomb: »So gut habe ich lange nicht gegessen!« Frau Agnes war dem Heulen nahe. Sie zog Artur aus dem Zimmer. »Schöne Schwiegermütter haben wir beide! Nun wirst Du mir wohl glauben, daß ich nicht übertrieben habe!« Er legte seinen Arm um ihre Taille. »Warum nimmst Du es so tragisch? Ich hätte mich köstlich amüsiert, wenn Du nicht so böse und verstimmt dreingeschaut hättest. Laß mich nur mit ihr reden, ich bringe die Geschichte in Ordnung, verlaß dich darauf!« Damit begab er sich wieder zu Frau Jung. »Na, haben Sie sich von ihr ordentlich aufputschen lassen?« Er nahm sie unter dem Arm. »Kommen Sie, Mama, gehen wir in das Herrenzimmer.« »Ach was,« entgegnete sie mürrisch, »ich kann mir schon denken, was Sie vorhaben.« »Warten Sie's erst ab. Es ist ja kein böser Wille von uns. Sie müssen doch zugeben, daß ein junges Ehepaar das Bedürfnis hat, allein zu sein. Und Ihnen selbst würde es bald unbehaglich werden. Das ist doch nun einmal kein Schlafzimmer! Wo wollen Sie sich waschen? Wo ...« »Flausen, lieber Salomon,« fiel sie ihm unwirsch in die Rede. »Bei etwas gutem Willen läßt sich alles einrichten. Was wollen Sie von dem Zimmer?« Und während sie den Raum noch einmal prüfend überflog, als wollte sie nur auf Grund gediegener Sachkenntnis urteilen, fuhr sie fort: »Ich finde es sehr gemütlich und mollig hier, ich habe gegen das Zimmer nichts einzuwenden. Lassen Sie sich doch von Agnes nichts weismachen. Umstände?! Sind das Umstände, wenn man meine paar Betten abends auf den Diwan legt, und ein Nachtgeschirr darunter stellt? Das mache ich mir schließlich allein. Und mit dem Waschen hat's auch keine Schwierigkeit, das Badezimmer ist ja nicht außerhalb der Welt! Ne, ne, so ins Blaue hinein red' ich nicht, das hab' ich mir alles gründlich überlegt.« Artur wäre gern losgeplatzt. Ihre Unverfrorenheit amüsierte ihn königlich. Weil er aber zu gutem Ende kommen wollte, entgegnete er ernsthaft: »Allen Respekt, Frau Jung, Sie sind eine sehr gescheite Frau, und was Sie sagen, hat Hand und Fuß. Aber trotzdem: es geht nicht! Mein Arbeitszimmer gehört mir allein. Ich bin nämlich so veranlagt, daß ich zuweilen mitten in der Nacht erwache, den Schlafrock umwerfe und zu meinen Büchern laufe.« »Ja, wer hindert Sie daran? Meinethalben können Sie alle Flammen andrehen und bis morgens früh schmökern, mich geniert das nicht, ich habe einen festen Schlaf.« »Schön, aber ich würde daran Anstoß nehmen, und das allein müßte doch für Sie, Mama, ein Grund sein.« Frau Jung machte eine heftig abwehrende Handbewegung. »Wenn Sie mich für dumm kaufen, können Sie mir leid tun, Herr Salomon, nicht piep dürfen Sie sagen, und tanzen müssen Sie, wie die pfeift, das sieht doch ein Blinder.« »Mama, wenn Sie in dem Ton von Agnes reden, muß ich das Gespräch abbrechen, ich dulde das nicht.« »Machen Sie sich nicht in die Hosen, Herr Salomon. Ich werde doch meine Tochter kennen, mir imponiert sie nicht, weder mit ihrer neuen Kledage noch mit den feinen Möbeln. Zuletzt bezieht sie dieselbe Villa wie ich, und was übrigbleibt, ist für die Würmer und Maden.« »Nun ist's genug, Frau Jung! Ich habe keine Lust, mich länger von Ihnen anpöbeln zu lassen!« Und mit einer ärgerlichen Bewegung erhob er sich und schlug mit der Faust auf den Schreibtisch. »Na, was denn, was denn!« brachte sie, ein wenig eingeschüchtert, hervor. »Wenn Sie meine Geduld auf eine zu harte Probe stellen, so fürchte ich, werden Sie den kürzeren ziehen! Und damit Sie sich darüber im klaren sind: einen Zwang lasse ich innerhalb meiner vier Wände nicht auf mich ausüben. Bis jetzt habe ich Ihre Zumutungen von der scherzhaften Seite genommen! Nötigen Sie mich nicht, eine andere Tonart anzuschlagen!« Er hatte mit solchem Nachdruck gesprochen, daß er über sich selbst in Staunen geriet. Auch auf Frau Jung war sein Ton nicht ohne Wirkung geblieben. Sie nahm plötzlich eine veränderte Haltung an. »Wie soll ich denn mit lumpigen dreitausend Mark auskommen? Die Wohnung allein kostet mich achthundert. Wissen Sie, was sie mir erzählt hat? Sie gebe das Geld aus ihrer eigenen Tasche und müßte es in Ihrem Geschäft verdienen. Sie bekomme wie jeder Angestellte ihr Gehalt. Nun frage ich Sie, Herr Salomon, bin ich auf den Kopf gefallen – und bildet sie sich wirklich ein, daß ich auf den Schwindel reinfalle?« »Es ist die volle Wahrheit, Mama. Diese Bedingung hat sie am Tage der Verlobung gestellt. Sie hat es strikt abgelehnt, daß ich für sie eintrete. Sie sehen daraus, wie man sich irren kann.« Frau Jung blickte ihn argwöhnisch an. Als aber Artur auf Ehre und Gewissen erklärte, daß dem so sei, zuckte sie verächtlich die Achseln. »Die ist übergeschnappt!« sagte sie, »im übrigen kann sie mir was, ich komme jedenfalls mit dreitausend nicht aus. Und das ist für mich der Hauptpunkt. Oder will sie am Ende gar, daß ich ins Spittel gehe?« »Schämen Sie sich, Frau Jung, wie können Sie so etwas nur denken, geschweige denn aussprechen! Aber damit wir zu Rande kommen, mache ich Ihnen einen Vorschlag: Ich lege jährlich tausend Mark dazu, unter der einen Bedingung, daß meine Frau nichts davon erfährt. Und langt das nicht, können wir uns später über den Gegenstand weiter unterhalten! Einverstanden?« Frau Jung zögerte noch. »Natürlich wird es nicht langen, und nehmen Sie es mir nicht übel, Artur: für einen Millionär sind Sie ein bißchen knauserig. Und wenn es tatsächlich damit seine Richtigkeit hat, daß Agnes die dreitausend aus ihrem Portemonnaie nimmt, dann machen Sie sich's ein bißchen leicht, dann sind, aufrichtig gesprochen, tausend Mark Zuschuß etwas schofel. Die Frau, die mit mir auf einem Flur wohnt ...« »Interessiert mich nicht,« unterbrach er sie. »Und dann möchte ich Sie zu Ihrer Beruhigung darüber aufklären, daß ich ebenfalls von meinen Eltern abhängig bin und über deren Vermögensverhältnisse Ihnen keine Auskunft geben kann.« »Die Sorge kann ich Ihnen abnehmen, Arturchen, steinreich sind Ihre Eltern. Jedes Kind in der Stadt weiß es. Aber, in Gottes Namen will ich vorläufig Ja sagen. Alles weitere wird sich später finden. Und nun grüßen Sie Agnes schön von mir. Ich glaube, sie und ich haben für heute genug voneinander. Sie können ihr auch bestellen, ich habe nicht im Traum daran gedacht, mich bei Euch häuslich niederzulassen. Da weiß ich mir was Besseres. Ich muß nicht von allem haben, das gönne ich Ihnen, mein Lieber!« Artur sah sie verdutzt an. »Ja warum haben Sie dann ...« Frau Jung lächelte verschmitzt. »Meine Rente wollte ich mir aufbessern, weiter nichts, und das ist ja nicht vorbeigelungen. Wie wollen Sie es eigentlich mit der Zahlung halten, Arturchen? Unter uns gesagt, es wäre mir lieb, wenn ich die tausend auf ein Brett bekommen könnte.« »Gern, – nur unsere Bedingung dürfen Sie nicht vergessen.« »Ich werde mich hüten! Aus meinem Munde erfährt sie es nicht!« Sie wandte sich zur Tür, drehte sich aber noch einmal um. »Gleich bei der Hand haben Sie es wohl nicht?« Artur war perplex. »Nein, bei der Hand habe ich es nicht, ich denke indessen, bis morgen bin ich Ihnen sicher.« »Das schon, aber wissen Sie, bei uns pflegt man zu sagen: frische Fische, gute Fische. Was wollte ich denn noch,« unterbrach sie sich, »ja richtig, wenn Agnes mich hier haben will, muß sie zu mir kommen. Aufdrängen tue ich mich nicht, dazu habe ich einen viel zu feinen Takt.« Artur gab ihr vollkommen recht. Das sei ein Standpunkt, den er nur teilen könne. »Na dann, auf Wiedersehn«, und vielleicht würde sie es so einrichten, daß sie jeden Sonntag bei ihnen speiste. Artur bedauerte. Sonntag sei ausgeschlossen, da müßten sie in die Genthiner Straße. Den Sonntag hätten sich seine Eltern ein für allemal reserviert. Frau Jung hatte noch etwas auf der Zunge. Sie unterdrückte es. Und mit einem: »Also morgen! Nicht wahr, Sie vergessen es nicht?« war sie aus der Tür. Das ist ja eine Bise Bise = böses Weib, Xanthippe. , wie sie im Buche steht, murmelte er vor sich hin. Und halb belustigt, halb verstimmt, berichtete er Agnes, wobei er alle peinlichen Einzelheiten beiseite ließ. »Es hat gar keine besondere Mühe gekostet,« schloß er, »denn es war nur ein Bluff von ihr, und ein bißchen Gutzureden genügte, um die Sache ins reine zu bringen.« Agnes blinzelte ihn mißtrauisch an. Sie dachte sich ihr Teil und vermied es, weitere Fragen zu stellen. »Jedenfalls bin ich Dir dankbar, von der Sorge befreit zu sein. Ein schrecklicher Gedanke, sie hier im Hause zu wissen! Das mag lieblos erscheinen, aber Du darfst es mir glauben, das Zusammenleben mit ihr war in den letzten Jahren eine Marter.« Und nachdenklich fügte sie hinzu: »Ich weiß nicht, wie ich zu dieser Mutter komme! Ohne Übertreibung kann ich Dir versichern, daß ich meine Kindespflicht ihr gegenüber immer erfüllt habe, und trotzdem hat sie, soweit meine Erinnerung reicht, nie ein gutes Haar an mir gelassen. Und neben Deiner Mutter weiß ich wahrhaftig keinen Menschen, der mir feindlicher gesonnen wäre als sie. Ist das nicht merkwürdig? Mit den Müttern habe ich eben Pech.« »Die meinige wird sich bekehren, wenn ich alles so sicher wüßte!« »Niemals! Du bist ein großes Kind, wenn Du das für möglich hältst. Deine Mutter ist eine gute Hasserin, und ich bin ihr das rote Tuch. Sie leidet unter mir und geht daran zugrunde.« »Ach, Agnesel, wie kannst Du so etwas nur aussprechen!« Und unwillkürlich entschlüpfte es ihm: »Ein Jude brächte das nicht über die Lippen, vielleicht weil wir zu sentimental sind und um eine unangenehme Wahrheit uns lieber herumdrücken.« »Ganz recht,« sagte sie, »das ist die christliche Gemütlosigkeit, von der ich auch mein Teil habe. Ihr lebt mehr mit dem Gefühl, und schließt lieber beide Augen, ehe ihr euch wehetut. Ich weiß nicht, welches die bessere Methode ist: den Tatsachen ruhig ins Gesicht zu sehen, oder den Kopf in den Sand zu stecken. Bequemer und vielleicht klüger ist das letztere.« »Es kommt darauf an, ob es nicht auch zarter und gütiger ist,« meinte er schüchtern. »Kann sein, ich leugne es nicht! Aber was nützt alles Reden, unsere Mütter werden wir beide nicht ummodeln!« X. Die jungen Salomons kamen als die ersten ins Geschäft und gingen als die letzten. Und Artur machte mit, so sauer ihm das frühe Aufstehen wurde, und so sinnlos ihm dies Abrackern erschien. »Bin ich nun ein nützliches Glied der Gesellschaft,« fragte er Agnes lachend, »weil ich Koffer und Necessaires verkaufe und Ladenstaub schlucke? Wenn Du mich totschlägst, ich sehe darin eine Kraftvergeudung. Ja, wenn es noch eine Betätigung wäre, bei der ich mit meiner Person in Aktion träte! Aber Händler, Zwischenhändler sein, ich finde es einfach scheußlich!« Und Agnes erwiderte: »Wenn Du es so auffaßt, daß Du hinter dem Ladentisch stehst, den Glasdeckel aufhebst und zum Kunden sagst: Bitte suchen Sie sich aus, was Ihnen gefällt, dies kostet dreißig Mark und jenes siebenundzwanzig, ist die Geschichte langweilig und öde.« »Und wie betrachtest Du die Dinge?« »Im Zusammenhang,« entgegnete sie, »wie Dein Vater es mich gelehrt hat. Ich habe vorher nicht gewußt, was es heißt, Kaufmann zu sein. Aber wie hat Papa mir das beigebracht! Er liebt eben die Ware, mit der er handelt. Er kennt ihre Herstellung. Und Kalkulation ist für ihn nicht ein willkürliches und trockenes Rechenexempel; ja beinahe könnte man behaupten, seine Phantasie arbeitet ebenso dabei mit wie sein nüchterner Verstand. Schade, daß Du bei seiner Unterweisung Dich gedrückt hast. Zu niedlich war es, wenn er mit der Hand zärtlich ein Portemonnaie aus Saffian strich, oder mir auseinandersetzte, wie der Kunde behandelt werden müsse, und daß er nur den Laden verlassen darf mit dem Gefühl, beschenkt zu sein, und wie es ganz und gar nicht gleichgültig ist, ob Du ihm ein Portemonnaie aus Boxleder oder eines aus Krokodil verkaufst. Du lächelst, aber ich sage Dir, ich habe es begriffen, warum das bessere Publikum Leder- und Galanteriewaren gerade bei Salomon kauft. Früher habe ich so einen Katalog, ich möchte sagen, gedankenlos aufgeschlagen. Jetzt weiß ich, wie klug und gut, ja wie raffiniert er gemacht sein muß, wenn er wirken soll. Wie man es sich genau überlegen muß, ob man auf dieser Seite ein Muster abbildet, und auf jener die Preise verzeichnet. Und damit ist es noch keineswegs getan. Auf das Gruppieren kommt es an, und zwischen den teuren Dingen muß plötzlich eine Okkasion stehen, bei der vielleicht gar nichts verdient, am Ende gar zugesetzt wird, und die in ganz Berlin nur bei Salomon käuflich ist. Papa hat mir erzählt, wie sich die Fabrikanten, den Kopf zerbrechen, damit jeden Herbst solch ein Lockartikel fertig wird, auf den wir das Monopol haben, und wie man dabei reinfallen kann, wenn nicht das Richtige getroffen wird.« »Dir macht es also Spaß?« »Diebischen. Denn früher war ich ein Ladenmädchen, das die Auszeichnungen ablas und uninteressiert danebenstand, bis der Kunde sich entschlossen hatte. Jetzt lebe ich mit dem Gegenstand und mit dem Käufer. Vorher war ich eine Wachspuppe oder ein Schraubstock, erst bei Salomon bin ich ein richtiger Mensch geworden. Und wenn beispielsweise in meinem Beisein ein besonders schönes Reisenecessaire verkauft wird, so habe ich das Gefühl, als ob ich auf dem Bahnhof stände und ein bißchen traurig von einem guten Bekannten Abschied nähme.« »Wie seltsam ist das! Ich bringe nicht das geringste Verständnis dafür auf, und Du wirst ordentlich romantisch. Und wenn jemand Dich belauscht hätte, könnte er denken ...« Artur hielt inne. »Was könnte er denken?« »Du wärest ein leidenschaftlich bewegter Mensch.« »Und was bin ich in Wirklichkeit?« »Ach, Agnesel, Du bist, wenn man das nur mit ein paar Worten, ausdrücken könnte, gescheit bist Du, klug, hast einen eisernen Willen, und ein bißchen kalt bist Du, und alles in allem der geliebteste Mensch auf Gottes Erden!« »Das ist eine anständige Zensur,« antwortete sie, »ob sie aber stimmt, ist eine andere Frage!« Dabei blickte sie ihn mit einem rätselhaften Ausdruck an, und es schien ihm, als ob sie in leisem Spott die Mundwinkel herabzog. Sie ging in der Tat ganz im Geschäft auf, und Salomon erklärte, daß sie ein kaufmännisches Genie sei. Von einem Lager in das andere hatte er sie während dieser Wochen geführt und in allen Dingen unterwiesen. Und bald wußte sie besser Bescheid als irgendeiner, kannte sich mit jedem Gegenstand aus, als wenn sie von klein auf mit ihm aufgewacht und mit ihm eingeschlafen wäre; war mit der Fabrikation ebenso vertraut wie mit Einkauf und Verkauf, kannte alle geschäftlichen Korrespondenzen, verkehrte mit den Reisenden, die Ware offerierten, ebenso sachkundig wie mit jenen, die von der Firma zum Verkauf in die Provinz geschickt wurden. Denn Salomon \& Sohn, so hieß die Firma jetzt, machten einen großen und bedeutsamen Teil des Geschäftes draußen in der Provinz. Es gab Spezialitäten, für die sie im ganzen Lande berühmt waren, und worin niemand mit ihnen konkurrieren konnte. Frau Agnes wollte ihr Gehalt redlich verdienen. Aber mehr noch als um das Gehalt ging es ihr um Salomons Anerkennung. Ihr Ehrgeiz war erwacht, und wenn er wohlgefällig nickte und schmunzelnd sagte: »Tochter, Du hast ein jüdisches Köpfchen,« strahlte sie vor Vergnügen. Sie kontrollierte wie eine Herrin die einzelnen Lager. Nichts entging ihren scharfen Augen. Und nicht nur Herr Trübsand und Fräulein Traube, die Postprokura hatte, flogen, wenn sie in ihre Nähe kam, nein, das ganze Personal bis zum jüngsten Stift geriet in eine gelinde Aufregung, sobald sie sichtbar wurde. Sie hatte dem Personal gegenüber einen sicheren Ton und wußte ausgezeichnet, Distanz zu halten, obwohl sie niemals laut und unfreundlich wurde. Und allmählich entwickelte es sich ganz von selbst, daß in allen zweifelhaften Fällen die jungen Leute sich an sie wandten, sich von ihr Order holten. Sie arbeitete mit Fanatismus. Das Geschäft wurde ihre Leidenschaft. Sie liebte es mit einer Intensität, daß sie geradezu darunter litt, wenn die Konkurrenz einen Artikel brachte, der beim Publikum Anklang fand. Das Salomonsche Geschäft war auf äußerst solider Grundlage aufgebaut. Es besaß einen vorzüglichen Ruf, und es war bekannt, daß es einen großen Reingewinn abwarf. Und dennoch war sie überrascht, als sie auf Grund ihres tieferen Einblicks gewahr wurde, welch ein Riesenumsatz jährlich erzielt wurde. Salomon wollte in Anbetracht ihrer Leistungen ihr Gehalt erhöhen. Sie lehnte es zu seiner Verwunderung entschieden ab. »Ich melde mich von selbst, wenn es Zeit ist. Ich muß Dir erst beweisen, daß durch meine Arbeit das Geschäft Nutzen hat. Was ich jetzt leiste, sind Handlangerdienste, ich aber will höher hinaus.« Salomon zog sie weidlich auf. Sie sei eine ganz Gerissene, die sich mit Kleinigkeiten nicht abgebe; und auf den großen Profit lossteuere. »Meinst Du,« sagte er lachend, »ich wüßte nicht, daß mich Deine Bescheidenheit eines Tages eine schwere Stange Gold kosten wird?« Sie lachte mit. »Um so besser,« erwiderte sie, »dann wirst Du nicht auf den Rücken fallen, wenn ich meine Forderung präsentiere.« Sie trug den Kopf hoch und setzte in aller Stille wesentliche Veränderungen durch. Dabei schob sie in vielen Fällen nach dem Muster der Schwiegermutter Artur vor, blieb diskret im Hintergrunde, zumal wenn es sich, wie man zum Schrecken der Beteiligten bald erkennen sollte, um einen durchgreifenden Wechsel im Personal handelte. Sie hatte es sehr bald heraus, wo die Tüchtigen, und wo die Trägen standen. Es wäre verdammt schwer gewesen, sie hinter das Licht zu führen. Sie kannte die sogenannte Minutentüchtigkeit von früher her. Sie wußte, daß plötzlich Feuereifer gemimt wurde, wenn man sich beobachtet glaubte. Und als Fräulein Traube im Interesse einiger junger Leute gelegentlich sich schüchtern Einwendungen erlaubte, erhielt sie eine so bündige Abfuhr, daß sie für alle Zukunft weitere Versuche aufgab. »Es liegt im Interesse des Geschäfts, und mein Mann wünscht es,« gab sie in einem Ton zur Antwort, der jedes weitere Verhandeln ausschloß. Das Interesse des Geschäfts! Dies wurde eine fixe Idee bei ihr. Am liebsten wäre sie auch am Sonntag in den Laden gegangen. Er zog sie wie ein Magnet an. Alles darin erschien ihr zauberhaft und geheimnisvoll, obwohl es doch mit ganz einfachen und natürlichen Dingen zuging. Es strömte das Gold in die Kasse, und alle Werte waren am Abend vorhanden, vom Zehnpfennigstück bis zum Tausendmarkschein. Und am frühen Morgen trug man den Haufen Geld zur Bank, wo er, Gott weiß wo, untertauchte. Waren ballten sich auf und waren plötzlich verschwunden, wurden wieder ergänzt, und versanken wieder, ehe man sich's versah. Es war ein stetes Willkommen und ein steter Abschied, und die Trennung von bestimmten Gegenständen, an die man gewissermaßen sein Herz gehängt hatte, mußte überwunden werden, auch wenn es einem zuweilen schwer wurde, und man zum mindesten manches Kostbare in andere Hände gewünscht hätte. Kaufmann sein hieß, kaltes Blut bewahren, hieß hart sein. Das hatte sie bald heraus. Und es war ganz gleichgültig, ob man mit Rübsamen und Öl handelte, ob man Strümpfe verkaufte, oder lederne Koffer an den Mann brachte. Entscheidend war die Jahresbilanz. Da stellte es sich heraus, ob und in welcher Höhe der Profit auf dem Tisch des Hauses lag. »Übers Jahr wird man's gewahr,« pflegte Salomon zu sagen. Und um der schönen Augen eines andern willen wurde kein Groschen nachgelassen. Agnes äußerte einmal zu ihm: »Sicher seid Ihr Juden die besten Kaufleute. Was ich so fabelhaft finde, ist die scharfe Linie, die Ihr zwischen Familie und Geschäft zieht. Wer Euch hier sieht, erkennt Euch dort nicht wieder: weich wie Butter, und hart wie Stahl. Das soll Euch einer nachmachen.« Salomon schmunzelte. »Alte Geschichte! Von nichts ist nichts, und Tachlis Tachlis = Geschäft. und Familie stehen nicht auf demselben Brett. Aber Du, mein Kind, hast Chain, und eine bechainte Christin ist einer Jüdin zehnmal über, das habe ich an Dir gemerkt.« In einer Sache stieß sie auf heftigen Widerstand. Sie verlangte hartnäckig, daß die Leute besser gestellt würden. »Wenn das Geschäft nicht so viel trägt, daß das Personal zufrieden ist und sein anständiges Auskommen hat, kann es mir gestohlen werden.« Und hundertmal erklärte sie Salomon, es müßte sein Ehrgeiz sein, darin der Konkurrenz voranzugehen. Und wenn er kurz und bündig erwiderte: »Das ist Stuß, mein Kind!« sie ließ sich dadurch nicht im geringsten beirren. »Nein, Papa, es ist geschäftsklug. Für einen geschliffenen Flakon kannst Du mehr fordern als für einen gepreßten. Und wenn Du hohe Gehälter zahlst, hast Du den Anspruch auf größere Leistungen.« »Das ist eben Dein Irrtum,« widersprach Salomon. »Die Untüchtigen sind in Fülle da, wie Sand am Meer, und die Tüchtigen kannst Du an den zehn Fingern abzählen. Die letzteren wissen, wo sie bleiben, und sie bleiben nicht lange bei einem, sie etablieren sich selbst. Und die andern, mein Kind, sind in jedem Falle überzahlt. Man kann sie rausschmeißen und kriegt hundert für einen.« Sie schüttelte den Kopf. »Ihr verkennt die Zeiten. Ich habe an mir selbst erfahren, wie es unter den Leuten gärt. Eines Tages werdet ihr es einsehen, und dann wird es zu spät sein. Im Geschäft braucht man in den meisten Stellen keine Genies, das ist klar. Aber es ist etwas anderes, ob die Leute mit Lust bei der Arbeit sind, oder nur mit Widerwillen ihre Pflicht und nicht einen Strich darüber tun. Ich behaupte, man kann auch eine mittelmäßige Kraft steigern, wenn man ihr größere Chancen gibt. Um eine Vakanz bei Salomon \& Sohn müßte ein Gereiße sein. Das Geschäft hätte den Nutzen davon.« Salomon war nicht überzeugt. »Wenn Du ihnen heute den kleinen Finger reichst, wollen sie morgen die ganze Hand, und übermorgen genügt ihnen auch die Hand nicht mehr. Das sind neumodische Ideen. Und ich bin zum Umlernen zu alt. Wenn wir einmal aus dem Geschäft gehen, und das wird früher geschehen, als Du denkst, dann reformiert, so viel ihr wollt, aber mir bleibt damit vom Leibe. Artur hast Du auch bereits damit angesteckt, denn vor ein paar Tagen hielt er mir genau dieselbe Rede. Du bist ein Racker!« Sie überhörte scheinbar seine letzten Worte und nahm ihn unter dem Arm. »Papa, da wir gerade vom Geschäft sprechen, ich habe noch etwas auf dem Herzen.«. »Schütte es aus.« »Man mag gegen das Warenhaus mancherlei einwenden, und ich für mein Teil weiß heute, was das Spezialgeschäft gegenüber dem Warenhaus bedeutet, aber, Papa, was Organisieren anlangt, könnt ihr alle von ihm lernen.« »Na, na,« warf Salomon mit leichtem Spott ein. »Es ist so, Papa. Der Chef eines Warenhauses hat das Ganze im Auge. Er weiß, daß das Geschäft über die Person geht, infolgedessen haben seine Leute bestimmte Positionen, jeder Ressortchef hat das Recht, zu disponieren, weitgehende Bestimmungen zu treffen. Dafür trägt er auch die Verantwortung und fliegt, wenn er Dummheiten macht. Aber in unserem Geschäft, Papa, gibt es nur Maschinen. Ihr habt alles auf Eure Augen gestellt. Und wenn, was Gott verhüten möge, Euch einmal etwas zustößt, steht der ganze Apparat still. Ihr habt keine richtigen Kräfte, denn mit Herrn Trübsand und Fräulein Traube werdet Ihr das Rennen nicht machen. Und ich weiß auch, weshalb es so bei uns ist. Ihr seid mißtrauisch. Ihr wollt nicht, daß man Euch in die Karten schaut, oder gar nachrechnet. Ihr habt Angst vor dem Neid der Menschen, möchtet nicht als reich gelten und möchtet keine Gehälter bezahlen. Und das ist grundfalsch. Es nützt Euch zudem gar nichts, im Gegenteil, es wird maßlos übertrieben, und ein zehnmal größerer Gewinn Euch nachgerechnet, als ihr ihn tatsächlich habt. Aber das erscheint mir im Grunde nebensächlich, es kommt auf etwas total anderes an. Ich sagte es bereits: das Geschäft muß über die Person gehen, muß über uns hinauswachsen. Gegen das Sterben ist kein Kraut gewachsen, weg müssen wir alle, aber die Firma Salomon \& Sohn bleibt, wenn wir alle längst ins Gras gebissen haben. Und siehst Du, Papa, das ist es, was mich maßlos aufregt und mir Tag und Nacht durch den Kopf geht: Ihr habt die Firma auf die Beine gestellt, und plötzlich ist die Firma viel mehr als ihr. Ist selbstherrlich. Hat von sich aus eine Kraft. Wirkt auf eine geheimnisvolle Art. Die Fäden gehen überallhin, und weiter, als es in Euren Absichten lag. Das ist der Unterschied zwischen Artur und mir. Ich liebe das Geschäft. Nicht weil es den Riesengewinn abwirft, das ist mir im Grunde gleichgültig. Ich kann ein Beefsteak, ich kann zwei Beefsteaks verzehren, beim dritten muß ich bereits haltmachen. Mehr als sattessen kann sich niemand. Nein, das Phantastische der Geschichte lockt und reizt mich. Man ist auf einmal, ohne es zu wissen, aus dem Alltag heraus, treibt nicht mehr, wird getrieben.« Salomon lachte herzlich. »Das ist eine goitische nicht-jüdisch, christlich. Art, die Dinge zu sehen,« entgegnete er, »und mir könnte blümerant zumute werden, wenn ich nicht wüßte, daß Du ein jüdisches Köpfchen hast. Bei uns heißt es, für das Gewesene gibt der Jude nichts, aber noch weniger für das Zukünftige. Für alle Ewigkeiten kann ich nicht aussorgen. Und wenn Artur das Geschäft nicht übernommen und es vorgezogen hätte, von seinen Zinsen zu leben, so würde ich mich auch darein gefunden haben. Spekulationen, wie Du sie angestellt hast, liegen mir nicht. Für mich hatte das Geschäft, solange ich denken kann, einen prosaischen Hintergrund. Geld wollte ich machen, um unsere alten Tage und Arturs Zukunft zu sichern. Ob dann die Firma noch weiter Bestand hat, aufgelöst oder verkauft wird, war mir so gleichgültig, daß weder die eine noch die andere Möglichkeit mich sonderlich interessiert hat. Und weshalb sollte ich mir den Kopf zerbrechen? Man hat ohnehin sein Päckchen zu tragen, wir können beide davon ein Lied singen!« Und Salomon sah sich plötzlich scheu um, als hätte er Furcht, belauscht und beobachtet zu werden. »Das war ein ausgiebiger Schwatz,« meinte er dann verlegen, »mir ist ordentlich warm dabei geworden.« »Mir auch,« versicherte die junge Frau. »Komm, gib mir Deine Hand, man soll nicht kleinmütig und schwach werden.« Agnes blickte ihn fröhlich an. »Ich bürge für mich,« erwiderte sie und hielt seine Hand über Gebühr lange fest. Er machte sich mit einer raschen Bewegung los und eilte in sein Kontor. Eine kleine Weile stand sie wie versunken da, allerhand unruhige Gedanken schossen ihr durch das Hirn. Sie wußte, daß Vater und Sohn unter dem Drucke von Frau Salomon standen, wußte, daß bei den Alten sich die leidenschaftlichsten Auftritte abspielten, während sie der Schwiegermutter mit einer überlegenen Heiterkeit gegenübertrat, die von Tag zu Tag wuchs, je stärker sie sich in ihrem Machtbereich fühlte. Diese ihre gute Laune empfand die alte Frau als den größten Hohn, als die niederträchtigste, abgefeimteste Art, sich über sie lustig zu machen. Wenn Agnes ihrem Manne einen Auftrag gab, und dies geschah vielleicht mit besonderer Vorliebe in Gegenwart der Schwiegermutter, so ergriff Frau Salomon eine ohnmächtige Wut. »Was bist Du für ein Gamel!« Dummkopf. fauchte sie Artur einmal an. »Und was bildet die Person sich eigentlich ein? Spielt sich auf und tut, als ob Du ihr Meschores Diener. wärst. Und Du stehst da und muckst Dich nicht. Ein Mann willst Du sein? Ein Waschlappen bist Du, ein Narr, der nach der Pfeife seiner Frau tanzt.« Artur schwieg beharrlich. Er wußte, daß jedes Wort ihren Aufruhr steigerte und widerwärtige Szenen hervorrief, Szenen, vor denen er ein Grauen hatte, die mit einer Flut von Beschimpfungen begannen und mit dem aufgelösten Schluchzen eines zerrissenen Menschen endeten. Er sah, wie sie mit jedem Tag mehr verfiel, fühlte, wie sie ihn und den Vater im stillen dafür verantwortlich machte. Und dabei hatte er nur einen schwachen Begriff von der Tragödie, die sich in ihr abspielte. Nicht nur im Hause fühlte sie sich ausgeschaltet. Ganz allmählich hatte Agnes auch im Geschäft die Zügel an sich gerissen. Es verging kaum ein Tag, an dem Frau Salomon sich nicht vor neue Tatsachen gestellt sah. Und bald war es an der Tagesordnung, war es so weit gediehen, daß man die Dreistigkeit besaß, über ihre Anordnungen einfach hinwegzuschreiten. Stellte sie mit mühsamer Selbstbeherrschung das Personal zur Rede, ließ sie sich Herrn Trübsand oder Fräulein Traube kommen, so zogen diese höchst verlegene Gesichter und versicherten achselzuckend mit einem hilflosen Ausdruck im Gesicht: »Die jungen Salomons haben es so gewollt.« Wenn sie dann zähneknirschend Salomon auf den Leib rückte, endete es gewöhnlich damit, daß er unmutig das Zimmer verließ. »Wirf die Bestie hinaus, oder ich gehe!« hatte sie gedroht. Salomon hatte an sich gehalten und mit äußerer Ruhe geantwortet: »Ich bin doch nicht verrückt, Renette! Und warum soll ich einen Krakeel anfangen, wenn ich sehe, daß alles, was sie anfaßt, gescheit ist und dem Geschäfte nützt. Wenn ich den Mund halte, kannst Du Dich auch fügen. Es ist das Natürlichste von der Welt, daß die jungen Leute Ehrgeiz haben und sich auf eigene Faust betätigen wollen. Anstatt sich über die Kinder zu freuen und Gott zu danken, daß sie mit ihrer Energie aus Artur einen richtiggehenden Kaufmann gemacht hat, möchtest Du ihr am liebsten die Luft, die sie atmet, wegschnappen.« Frau Salomon war kreideweiß geworden. Und dann trat plötzlich eine hektische Röte auf ihre Backenknochen »Meinst Du?!« brachte sie keuchend hervor. »Und wenn Du glaubst, daß ich jemals in dem Luder meine Tochter gesehen habe, dann bist Du auf dem Holzwege! Eingedrängt hat sie sich und mich auf meine alten Tage zugrundegerichtet! Und Du alter Narr stehst da, als ob Dir die Augen verbunden und die Ohren zugestopft wären, siehst nichts und hörst nichts, bis das Malheur über Dich hereingebrochen ist.« Salomon litt. Er hätte mit der Faust auf den Tisch schlagen mögen, wenn er nicht solches Mitleid mit ihr empfunden hätte. So würgte er seinen Ärger hinunter und sagte: »Ich sehe, daß unser einziges Kind glücklich geworden ist, sehe, daß Artur sich nichts anderes wünscht, als mit dieser Frau zusammenzuleben, daß er durch sie seine Scheu vor der Arbeit überwunden und seine kostspieligen Gewohnheiten aufgegeben hat. Ich sehe, daß sie im Geschäft mehr zuwegebringt als zehn andere, weder Aufwand treibt noch als große Dame sich aufspielt und dabei ihr Haus musterhaft in Ordnung hält. Und Du möchtest, ich soll das alles damit quittieren, daß ich ihr die Zähne zeige, die Ladentür öffne und sage: Hier hat der Zimmermann das Loch gelassen, ich habe die Ehre! Und nimm einmal an, ich könnte mich dazu verstehen. Was hättest Du erreicht? Das glatte Gegenteil von dem, was Du beabsichtigst. Denn Artur, dafür lege ich meine Hand ins Feuer, würde nicht eine Sekunde schwanken. In der Wahl zwischen ihr und uns gäbe es für ihn kein Überlegen, um so weniger, als Du ihr nicht das mindeste vorwerfen kannst. Der Junge würde mit Recht sagen: Wenn meine Eltern meschugge geworden sind, ist das kein Grund, daß ich mein Haus niederreiße! Renette, nimm Verstand an. Und wenn Du für sie keine Neigung aufbringst, zur Liebe kann man niemanden zwingen, so höre mit diesem Haß auf, der uns allen das Leben sauer macht.« »Bist Du fertig, Salomon?« »Ja, Renette!« Sie maß ihn mit einem bösen, höchst eigentümlichen Blick, der ihm lästig wurde und ihn reizte. »Was hast Du denn?« fragte er ungeduldig. Sie schwieg noch immer und hielt ihn mit ihren Augen umklammert, als wollte sie sein Innerstes ergründen. Dann schien sie einen Anlauf zu nehmen, als wäre sie entschlossen, ihre Last auf ihn abzuwälzen, ihm ins Gesicht zu schreien, was Tag und Nacht leise Stimmen ihr zuraunten. Aber im letzten Moment gab sie es auf. Und kaum hörbar stieß sie hervor: »Salomon, Salomon, nimm Dich in acht!« Von dieser Stunde an veränderte sich ihr äußeres Dasein von Grund auf. Sie begann menschenscheu zu werden. Und wenn, wie bisher jeden Freitagabend bei Salomons die Lichter in silbernen Leuchtern brannten, der schneeweiße Barches, in große Scheiben geschnitten, wie ein köstlich duftender Leckerbissen den Gästen entgegenlachte, und dann pünktlich um sieben Uhr Artur mit Agnes, Michalowskis, Wachsmanns und Sanitätsrat Pulvermacher sich zu Tische setzten, blieb sie allein in ihrem dunklen Schlafzimmer. Und kein Bitten, kein Drängen von Vater und Sohn konnte sie bewegen, ihre Einsamkeit aufzugeben. Der Fisch wurde aufgetragen, denn es war gang und gäbe, daß jeden Freitagabend Hecht in grüner Petersilientunke serviert wurde, und Salomon präsidierte allein oben an der Tafel. Und dann wurden aus einer großen Terrine Mohnpilen gereicht, und am Schluß gab es Fladen, schwere Fladen, die vor Fett nur so trieften, und die niemand so zubereiten konnte wie Salomons alte Köchin. Die Gäste ließen es sich schmecken. Und wenn anfangs noch gefragt wurde: »Wo steckt eigentlich Renette?« so hörte dies allmählich auf, als man merkte, daß derlei Erkundungen unliebsam aufgenommen würden. Nichts hatte Salomon unversucht gelassen, um ihren Eigensinn zu brechen. Vergebens! Auf alles gütige Zureden hatte sie nur die eine Antwort: »Ich kann sie nicht sehen.« Erschien er an diesen Freitagabenden zuerst übellaunig und verdrossen, so dauerte es nicht lange, bis Agnes ihn aus seiner Trübseligkeit gerissen hatte. Er hing, wie Artur, an ihrem Munde, wenn sie frisch von der Leber zu erzählen begann, über die Kunden sich lustig machte oder das altjüngferliche Fräulein Traube in ihrer ganzen Zimperlichkeit zu kopieren begann. Die Stunden flogen, niemand fragte mehr nach Frau Salomon. Und Wachsmanns und Michalowskis mußten zugestehen, daß Agnes zu repräsentieren verstand und mit einer erstaunlichen Sicherheit sich zu benehmen wußte. Aber auch an den übrigen Abenden pflegte der alte Salomon kurz nach dem Essen lautlos zu verschwinden. Es war ja nur ein Katzensprung von der Genthiner Straße nach der Derfflinger-Straße. Und zu Hause war es so trostlos und einsam. Bei den Kindern begann er erst aufzuleben. Die Schwiegertochter verstand es, Gemütlichkeit um sich zu verbreiten. Salomon bekam den bequemsten Stuhl, und Agnes brachte Kissen auf Kissen angeschleppt, damit er nur ja gut und angenehm säße und sich heimisch fühlte. Und Salomon saß da, schlürfte den Tee, rauchte seine Zigarre und mußte Stück auf Stück von dem Kuchen essen, den Agnes eigens für ihn gebacken hatte. Und zuweilen war auch Jaffé da, und man sprach über das Geschäft im allgemeinen oder die Börse im besonderen. Am schönsten aber war es, wenn Salomon auf Agnes' Drängen die ältesten jüdischen Witze erzählte, an denen sie sich nicht satt hören konnte. Sie stand dann hinter seinem Stuhl, legte ihren Arm um seine Schulter und lachte in dem gleichen Tonfall, in dem er lachte. In dieses Lachen hatte sie sich verliebt, hatte es ihm abgelauscht, wenn sie auch nicht bis zu seiner Tiefe drang. Salomons Lachen konnte sich aber auch hören lassen. Es hatte in seiner purzelnden, rollenden Art und zuletzt in seinem Fall etwas Musikalisches, mit einem Worte, es hatte Melodie. Und Agnes war glücklich, daß sie es um ein Haar so bringen konnte wie er. Aber Salomon gönnte ihr den Triumph nicht. Plötzlich kreierte er einen neuen, noch nicht dagewesenen Tonfall, der sie völlig irritierte und aus der Balance brachte. Wenn der Schwiegervater aufbrechen wollte, bat sie so lange, bis er immer wieder ein Viertelstündchen zugab. Kam er dann spät nach Hause, so zog er sich im Korridor die Stiefel aus, schlich auf den Fußspitzen ins Schlafzimmer und entkleidete sich im Dunkeln, um Renette nicht zu stören. Er merkte es nicht, oder wollte es vielleicht nicht merken, daß sie trotz der festgeschlossenen Lider kein Auge zugetan hatte. Und wenn Salomon längst in tiefen Schlaf gesunken war, lag sie noch wachend da, die mageren Hände über die flache Brust gekreuzt, und schlug sich mit ihren Gedanken herum. Und diese Gedanken jagten hinter ihr her und ließen sie Tag und Nacht nicht zur Ruhe kommen. Warum hatte Gott ihr das angetan?! Und wenn er diese Prüfung ihr auferlegte, so mußte er die Qual auch von ihr nehmen können. Menschen, die gestern noch vor Gesundheit strotzten, fielen plötzlich wie die Fliegen hin, um nicht mehr aufzustehen. Niemand begriff es, und doch war es so. Gott mußte sie von ihrer Pein befreien. Ein Ziegel konnte vom Dache fallen und der Schwiegertochter die Hirnschale zertrümmern, oder der verhaßte Mensch konnte unter die Räder geraten und tödliche Verletzung davontragen. Ach, Gott hatte so unendlich viel Möglichkeiten, konnte mit Krankheit und Seuche schlagen, konnte aus diesem Labyrinth des Irrsals und Unglücks ihr den Weg ins Freie weisen. Und wenn Gott sich allen Gebeten verschloß, wenn ihre Wunsch- und Bittkraft versagten, so gab es nur noch zwei Ziele. Auf beide lenkte sie den Blick. Aber vor dem einen wie vor dem anderen graute ihr. Wohin gerät ein Mensch in seiner Verzweiflung! Und wer sieht in die Abgründe eines gefolterten Herzens?! Das Problem des Daseins begann für Frau Salomon sich äußerst einfach zu gestalten. Für beide war kein Raum. Entweder mußte sie Platz machen oder die andere. Und es gab Stunden, in denen sie hart und kalt und ruhig die Möglichkeit zu Ende dachte, den Menschen, der ihr den Sohn, den Mann und das Geschäft gestohlen hatte, lautlos zu beseitigen. Sie stellte sachlich fest, daß nichts in ihrem Gefühl dagegen revoltierte, und daß sie, ohne mit der Wimper zu zucken, oder von Gewissensbissen gepeinigt zu werden, das Unaussprechbare begehen könnte. Aber dann sah sie Arturs weitgeöffnete Augen, schon als Kind konnte er die Augen so schreckhaft aufreißen, daß es sie geschüttelt hatte, und all ihr Mut schwand. Der Junge war von diesem Teufel besessen. Das Blut hatte sie ihm vergiftet; diese verdammte Goite. Was würde geschehen, wenn er ohne die Person nicht leben könnte und dahinsiechte? Und wer würde zu ihr halten, wenn irgend ein Zufall die unselige Tat ans Licht brachte? Und so rangen in ihr der Haß und der Durst nach Vergeltung mit der Angst vor Artur. Vor Welt und Gericht bangte ihr nicht. Was war ihr der weltliche Richter?! Sie hätte ihm ins Gesicht geschrien: Was wißt ihr von meinem Leiden, von meinen Notwendigkeiten?! Und Rechenschaft hatte jeder nur sich selbst zu geben, es war eine lächerliche Anmaßung fremder Menschen, das Richtamt zu üben. Ganz langsam entwickelte sich in ihr ein merkwürdiger Prozeß. Bis zu dem Grade wuchs und wucherte in ihr eine Menschenverachtung, daß bürgerliches Recht und bürgerliche Ordnung sie zu lächern begannen. Sie bekam auf einmal Verständnis für jene Gewaltnaturen, die außerhalb des Rahmens sich stellten und ihre Sache auf eigene Faust führten. Denn wer von den Menschen half einem in seiner Einsamkeit und Schmerzhaftigkeit? Gott- und menschenverlassen war sie, Gott und die Menschen hörten ihre Stimme nicht. Und wenn es über ihre Kraft ging, Hand an fremdes Wesen zu legen, und sie sich heftig um ihrer Feigheit willen schalt, obwohl alles in ihr schrie: Auge um Auge, Zahn um Zahn! so gab es eben nur den anderen Weg: selbst abseits zu treten und Platz zu machen. Pulvermacher mußte helfen. Unter irgend einem Vorwand mußte sie sich von ihm die ausreichende Dosis Morphium verschaffen, die den ewigen Schlaf brachte. Dann war sie die gute Seele, und die andere mochte sich getrost ins Fäustchen lachen, daß sie auf so bequeme Art von ihr befreit war. Ihr wurde übel, wenn sie Agnes Salomon nur sah. Sie konnte die Vorstellung nicht los werden, sie müßte sie im Schlafe überfallen und ihr die Kehle zudrücken. Im Traume verfolgte sie dieser Gedanke, und dann schrie sie vor Wollust auf, wenn es ihr gelungen war, ihr Opfer, bevor es sich noch rühren konnte, zu erwürgen. Und während sie es im gesättigten Gefühl der Rache betrachtete, gab sie leise, tierische Freudenlaute von sich und fühlte sich nach all den Martern wieder Mensch. Nein, ein Judenmädel würde ihr das nicht angetan, würde nicht Vater und Sohn ihr abwendig gemacht haben, hätte einen Weg zu ihr gefunden. Denn es gab einen Weg zu ihr, wenn man sie zu nehmen wußte. Sie war in ihrem Innern weich, und nur in ihrer unglückseligen Natur lag es, auf ihr Recht zu pochen, um jeden Preis sich durchzusetzen. Und wenn Salomon ihre Hand streichelte und mit seiner tiefen Stimme sagte: »Sei gut, Renette, das sind doch alles Narreteien, in ein paar Jahren ist alles vorbei, und über uns wächst das Gras, wozu also der unnütze Verbrauch an Kraft und Nerven!« so hätte sie am liebsten mit einem Ja und Amen geantwortet und wäre seinen Worten gefolgt. Sie konnte es einfach nicht. Es war etwas Dämonisches in ihr, das sie trieb, aufzubegehren und seine Güte mit Heftigkeit und Jähzorn zu erwidern. War es verwunderlich, wenn Salomon allmählich müde wurde und den Kampf mit ihr aufgab, wenn er zu Hause fror und es vorzog, seine Abende bei den Kindern zu verbringen?! Sie war ihm gram, daß er so leichten Herzens sie fallen ließ, und wenn sie ihn zehnmal zurückwies, er hätte wiederkommen müssen. Das wäre er ihr schuldig gewesen. Sie vergaß, daß Salomon es immer und immer wieder versucht, und nur in dem Punkt Schwiegertochter, um den für sie sich alles drehte, nicht nachgegeben hatte. Er ließ sich nicht gegen Agnes aufwiegeln, darin blieb er unerschütterlich fest. Sie konnte das Getue nicht mit ansehen, konnte es nicht ertragen, wie die Person um die beiden Männer herumscharwenzelte. Und wenn sie gar die drei zusammen lachen hörte, stieg ihr die Galle auf. Die haben obendrein noch ihren Spaß und machen sich über mich lustig, begutsen sich gütlich tun. sich auf meine Kosten, und ich muß beiseite stehen! Wo gäbe es Salomon \& Sohn, wenn ich mich nicht geschunden und geplagt, meine sauer erarbeiteten Groschen ins Geschäft gesteckt hätte?! Frau Salomon zog die letzte Konsequenz. Zur Verwunderung aller erschien sie eines Tages nicht mehr im Laden, und auch am nächsten und nächstfolgenden Tage ließ sie sich nicht blicken. Niemand kam, um sie zu holen. Ein ganz neues Leben begann. Aus allen Ecken und Winkeln des Geschäfts fing es plötzlich zu kichern und zu lachen an, als ob ein schwerer Druck mit einem Schlage von den Menschen genommen worden wäre. Und nun war Agnes die unumschränkte Herrin. Alles fügte sich ihr widerspruchslos. Mit einem Wink der Augen dirigierte sie, ihr Wort galt. Salomon \& Sohn ließen sie schalten und walten, ließen sie mit den Reisenden verhandeln und mit den Fabrikanten Abschlüsse machen. In den Lagern wurde das Unterste zuoberst gekehrt: Die einzelnen Ressorts erfuhren eine völlige Neuordnung. Alles wurde anders, erhielt ein verändertes Gesicht. Und wie verstand sie sich auf das Befehlen! Die dunkeln Räume schienen hell zu werden, so oft ihre Stimme erklang. Und wenn die alte Frau Salomon beim Kommen und Gehen gleichsam dunkle Kreise hinter sich her gezogen hatte und man murrend und widerwillig ihren Weisungen gefolgt war, so war das Gehorchen jetzt eine Freude. Die junge Chefin hatte ein Talent, jeden zur Mitarbeit heranzuziehen und das Selbstbewußtsein des einzelnen zu steigern. Es wurde auf eine total andere Art als früher bedient. Haltung und Würde forderte sie von dem Verkäufer. Sie verlangte, daß das Personal aufmerksam dem Kunden zuhörte, möglichst wenig und leise spräche. Es war die Parole ausgegeben, sachgemäße Auskunft zu erteilen, aber jedes überflüssige Wort zu vermeiden. Das nannte Frau Agnes Erziehung des Publikums. Obwohl der alte Salomon bedenklich den Kopf geschüttelt hatte, waren die Gehälter gesteigert worden. Trotz der dadurch entstandenen Mehrausgaben hatte sich der Verdienst nicht verringert. Das war der höchste Trumpf, den Agnes Salomon auszuspielen vermochte. Über ihre Tätigkeit im Geschäft vergaß sie es nicht, die verwandtschaftlichen Beziehungen zu pflegen. Sie wußte: der Schwiegervater legte Wert darauf. Vielleicht in ihrem eigenen Interesse. Und niemand konnte aufmerksamer zu Wachsmanns und Michalowskis sein als Frau Agnes. Kein Geburtstag wurde vergessen, und abgesehen von regelmäßigen Einladungen wurden zumal Wachsmanns bei jeder Gelegenheit auf zartfühlende Weise überrascht. Tante Wachsmann begriff nicht, was Renette an dieser Schwiegertochter auszusetzen fand, und Onkel Wachsmann schien in Agnes geradezu vernarrt zu sein. Mit niemandem sprach er lieber über seine großen Beziehungen und phantastischen Geschäfte als mit ihr. Sie hörte mit einer wahren Engelsgeduld seine Aufschneidereien mit an, amüsierte sich im Stillen über seine Renommistereien königlich und tat, als ob sie ihm aufs Wort glaubte. Onkel Wachsmann log das Blaue vom Himmel herunter: heute saß er mit Bleichröders Prokuristen im Romanischen Café zusammen und beriet mit ihnen eine neue Transaktion, morgen verkaufte er eine epochemachende Erfindung an das Ausland, und übermorgen war es ein ganzer Häuserkomplex, für den er eine neugegründete Aktiengesellschaft interessiert hatte. Simon Wachsmann ließ sich nicht lumpen. Mit Bagatellen gab er sich nicht ab. Es waren immer Riesengeschäfte, die der kleine Mann in seiner Phantasie entrierte. Niemals verließ Agnes die Wachsmanns, ohne der Tante diskret ein Kuvert in die Hand zu drücken. Beide Salomons konnten sich vor Lachen schütteln, wenn sie nach Hause kam und mit ernsthafter Miene von Onkel Wachsmanns Emissionen berichtete. »Er war ein Schwätzer und Projektenmacher von Jugend auf,« sagte Salomon, »und ein Besserwisser obendrein. Auf seine alten Tage ist er ein kompletter Narr geworden. Aber was hilft's, die Mischpoche muß man nehmen, wie sie ist.« Michalowski war von ganz anderem Kaliber. Aber auch mit ihm hatte sie leichtes Spiel. Wenn das Geschäft einen Prozeß hatte, suchte sie ihn persönlich in seinem Büro auf, und brachte den halben Schriftsatz in der Regel gleich mit. Michalowski kniff sie dann regelmäßig in die Backe und meinte: »Schade um Dein Köpfchen, ein Advokat ist an Dir verloren gegangen!« Und dann begab sie sich in die Privatwohnung, die auf demselben Flur lag, und packte die feinsten Süßigkeiten aus, denn die alte Frau Michalowski war ein Naschmaul und konnte nicht genug von dem Zeug schlecken. Agnes ödete sich bei der alten Dame eine geschlagene halbe Stunde und hörte mit der größten Ruhe ihre Dienstbotengeschichten an. Der Schwiegervater wollte es, also war sie mit diesen Leuten gut Freund. Und ihren Privatspaß hatte sie noch nebenbei, denn die alte Frau Salomon ging in die Lüfte, sobald sie davon hörte. Mit kleinen Geschenken erhält man sich die Freundschaft, sagte sich Agnes und stopfte den Leuten den Mund, während Frau Salomon gegen das Schenken zeitlebens eine angeborene Abneigung empfunden hatte. Daß Pulvermacher bei dem jungen Ehepaar aus und ein ging und als Hausarzt bedeutend besser honoriert wurde als bei den alten Salomons war selbstverständlich. Er war Vertrauensperson bei Artur und bei Frau Agnes. Artur klagte ihm vertraulich seine Not. Alles war gut und schön, nur konnte er es nicht verwinden, daß in seiner Ehe der Kindersegen ausblieb. Hätte er aus natürlichen Gründen auf Vaterfreuden verzichten müssen, in Gottes Namen würde er sich damit abgefunden haben. Aber wenn er in allen Dingen ihr nachgab, hier wollte er nicht weichen. Dazu liebte er sie zu sehr, und dazu war er auch viel zu sehr Familienmensch. Ganz abgesehen davon, daß er sich in seiner Manneseitelkeit gekränkt fühlte. Und Pulvermacher nahm Agnes vertraulich in eine Ecke, um über den heiklen Punkt mit ihr zu reden. »Frauchen, eine Ehe stimmt irgendwo nicht, wenn keine Kinder da sind. Und eine Frau, die nicht geboren hat, bringt sich um das größte Wunder Gottes, um das tiefste Erlebnis, das ihr blühen kann. Es ist schon etwas Wahres daran: eine Frau ist erst gesegnet, wenn sie ein Kind trägt. Was weiß sie vorher von dem Geheimnis ihres Körpers, von seiner schöpferischen Kraft!« Agnes Salomon lächelte auf ihre eigene Weise. »Pulvermacherchen, Sie sind ein halber Rabbiner, und alles, was Sie sagen, klingt nicht nur wunderschön, es stimmt auch im tiefsten Kerne. Aber meine Zeit ist noch nicht gekommen. Und was versäumen wir denn? Wir sind ja beide noch so jung, Arturchen soll sich gedulden und nicht drängeln.« Pulvermacher zog wie ein begossener Pudel ab. Sie hatte eine so selbstsichere und kühle Art, die Dinge zu betrachten, verstand es so überlegen abzulehnen, daß jeder Widerstand nutzlos war. Es gab überhaupt nur einen Menschen, der auf sie wirklich Einfluß hatte, dem sie gefallen wollte, und das war Salomon. Nicht als ob sie, um dies zu erreichen, irgendeine falsche Rolle gespielt hätte, aber ihr Wesen, das darauf gestellt war, tüchtig zu sein, kraftvoll zuzupacken, und jeden ihrer Untergebenen mit Heiterkeit und Arbeitslust zu erfüllen, wurde durch ihn gesteigert. Salomon wohlgefällig zu sein, ging ihr über alles. Punkt elf wurde im Kontor gefrühstückt, und diese halbe Stunde war die schönste vom Tage. Agnes machte die Wirtin, setzte ihren Herren ausgesuchte Leckerbissen vor und hätte niemals geduldet, daß das Personal durch eine Frage oder Anliegen diese Ruhepause verkürzt hätte. Sie hätte nicht erklären können, wodurch eigentlich der Schwiegervater auf sie wirkte, weshalb er ihr ein so grenzenloses Vertrauen einflößte. Wenn er sie väterlich-zärtlich in seine Arme nahm, sein Gesicht an das ihrige drückte, so waren es nicht nur schwiegertöchterliche Empfindungen, die in ihr ausgelöst wurden. Von Salomon strömte eine geheimnisvolle Urkraft aus, die sich ihr mitteilte. Und wenn die Menschen sonst mit den Jahren welk und alt und saftlos werden, eintrocknen und verfallen, so war er jung geblieben mit seinen weißen Haaren. Sein Körper strotzte vor Kraft, und die Jahre standen ihm gut zu Gesicht. Artur erfüllte es mit Genugtuung, daß der Vater in Agnes ein bißchen verliebt war, und sie sich anderseits zu ihm hingezogen fühlte. Es schien ihm das ein gerechter Ausgleich gegenüber dem feindlichen Verhalten der Mutter. Einmal sagte er scherzhaft: »Auf wen von Euch beiden soll ich eigentlich eifersüchtig sein? Vater nimmt mir die Frau fort, und die Frau stiehlt mir den Vater.« Und dabei lachte er fröhlich und Salomon stimmte den gleichen Ton an. Auch Agnes tat mit, aber ihr Lachen klang anders, klang fremd in das der Salomons hinein. Und plötzlich umarmte sie ihren Mann, und als müßte sie sich entladen, als müßte sie klar aussprechen, was in ihr vorging, sagte sie: »Ach, Artur! Du hast, was mich angeht, recht und hast nicht recht. Ich kann Euch beide nicht trennen und habe nie ein Hehl daraus gemacht.« Sie hielt einen Moment inne und kämpfte mit sich, ob sie ihrem Wahrheitsdrange folgen sollte. Er ließ sie nicht zu Ende kommen. »Ich weiß, daß ich durch Vater erst bei Dir im Wert gestiegen bin, und Du mich sozusagen mit in den Kauf genommen hast. Tut nichts! Ich bin ein Teil von ihm. Und liebst Du ihn, so liebst Du mich!« Salomon wurde ärgerlich. »Was ist das für ein Stuß! Wie die Kinder führt Ihr Euch auf. Und wenn ein Dritter es mitanhörte.« »Es hört ja kein Dritter,« unterbrach sie ihn. »Und wenn es ein Kinderspiel ist, führen wir es vor Dir auf, Vater, der unsere Herzen kennt und uns versteht, und den wir nicht belügen wollen.« »Du redest wie der Talmud.« Sein Gesicht verfinsterte sich. Er dachte an Renette, und alle Lebensfreude wurde im Keime erstickt. In welchen Aufruhr würde sie geraten sein, wenn sie zufällig Zeugin dieses Gespräches gewesen wäre. Er litt unter ihrem Leiden. Er wollte gut zu ihr sein, und sie duldete es nicht. Alles oder nichts, lautete ihre Forderung, und ihn hatte sie zu den Halben, zu den Lauen geworfen, weil er sich zu der Schwiegertochter bekannte, Tatkraft und Energie der jungen Frau bewunderte. Er vermochte nichts Ungerades, nichts Unehrliches an ihr zu entdecken; obwohl er beide Augen offen hielt. Salomon gestand sich ohne weiteres, daß sie ihm gefiel, aber so, wie einem verliebten Vater seine Tochter gefällt. Ihr Frauenhaftes zog ihn an. Ihre Blondheit stach ihm ins Auge. Gewiß, sie kam aus einer andern Region, war sachlich bis zur Kälte und kannte keine Gefühlsseligkeit. Ihr Gutsein leuchtete ihm deshalb so ein, weil es in der Vernunft und in der Erkenntnis wurzelte. Und was sonst fremd an ihrem Wesen war, aus ihrer Christlichkeit und ihrer Rasse sich erklärte, hatte einen Reiz für ihn. Er begriff Artur. Verstand, daß ihr Körper ihn erregte, denn ihre herbe Fraulichkeit übte auch auf ihn einen Zauber aus. Und es gab Stunden, in denen ihre Nähe ihn unruhig machte. Aber dann lachte Salomon über sich selbst, weshalb sollte er sich nicht an ihr freuen? Wer stand ihm, außer seinem Jungen, näher? Kindeskinder wünschte sich Salomon, um seine aufgespeicherte Kraft los zu werden, um sein Alter vor Kahlheit und Einsamkeit zu bewahren. Und als einmal die Frühstückspause ihr Ende hatte, hielt er die junge Frau zurück. »Laß mich ein paar Minuten mit ihr allein,« sagte er zu Artur, »ich schicke sie Dir gleich.« Er legte seine Hände auf ihren Scheitel. Es kostete ihn einige Selbstüberwindung und dauerte eine geraume Weile, ehe er das richtige Wort, fand. »Man soll sich nicht zwischen Eheleuten drängen,« begann er langsam, »tue ich auch nicht. Ich frage Dich nur: was ist das für ein Schinderdasein, wenn man arbeitet und arbeitet, sich plagt und quält, ohne zu wissen, für wen? Und bist Du uns den Stammhalter nicht schuldig? Nun gut, ich habe keine Lust, mich davonzumachen, bevor ich nicht sehe, was ihr zustandegebracht habt. Was ist denn unsere Unsterblichkeit? Die Kinder sind's, die vom Vater und vom Großvater erzählen, in denen Vater und Mutter wieder aufleben. Man liegt unter der Erde, fault und modert, und ist doch noch lebendig. Wie oft fallen mir, wenn ich nachts nicht schlafen kann, der Vater und die Mutter ein. Und die Großeltern tauchen plötzlich auf. Ich sehe sie deutlich vor mir. In jeder ihrer Bewegungen! In der Art, wie sie sich trugen, wie sie gingen, und ich höre nicht nur ihre Worte, auch ihr Tonfall klingt in meinen Ohren. Und je älter ich werde, je näher das Sterben auf mich zukommt, um so häufiger sind meine Toten bei mir, um so inniger und ehrfürchtiger fühle ich mich ihnen verbunden. Menschen sind dazu da Kinder in die Welt zu setzen, und das ist eine faule Ehe, die keine Früchte trägt. Ein Mensch, der nicht zu den Auserwählten zählt, nicht die Spuren seines Wesens hinterläßt, lebt, solange seine Kinder und Kindeskinder leben, ist tot, wenn sein Geschlecht ausgestorben ist. Sorge dafür, daß die Salomons nicht sobald abtreten. Dies, Frau Salomon, ist alles, was ich zu sagen habe,« schloß er scherzhaft. »Ich könnte allenfalls noch hinzufügen: Es ist die Pflicht eines anständigen Menschen, B zu sagen, wenn er einmal A gesagt hat! Ach, gib mir keine Antwort und mache keine Ausflüchte. In Wahrheit ist nichts dagegen einzuwenden.« Er küßte sie auf die Stirn, schob sie zur Tür hinaus und ging mit verschränkten Armen etliche Male in dem kleinen Zimmer auf und nieder. Ein Kind müßte im Hause sein, dann wäre der Bann gebrochen. Das stand für ihn fest. Er hätte sehen mögen, ob Renette den Enkel im Arm, es über sich gebracht hätte, diesen unseligen Zustand noch aufrechtzuerhalten. Und Salomon war vergnügt, daß et es sich von der Leber geredet hatte. Wie von einem Druck befreit fühlte er sich. XI. Seit Frau Salomon nicht mehr den Fuß über die Schwelle des Geschäftes setzte, ging sie jeden Tag, den Gott werden ließ, mit Frau Wachsmann im Tiergarten spazieren. »Sie werden ja trübsinnig bei dem ewigen Im-Zimmerhocken!« hatte Pulvermacher ärgerlich zu ihr gesagt und nicht eher geruht, bis sie nachgegeben hatte. Tante Berta fühlte sich. Sie ahnte mancherlei von den inneren Zuständen, ohne doch völlig klar zu sehen. Auf eine raffinierte Art suchte sie nun genaue Kenntnis der Dinge zu erlangen, was bei dem verschlossenen Wesen der Schwester nicht so einfach war. Denn Frau Salomon liebte es nicht, über die intimsten Angelegenheiten ihres Hauses zu irgend jemand, die eigene Schwester nicht ausgenommen, sich vertraulich zu äußern. Und um allem Gefrage ein für alle Male aus dem Wege zu gehen, hatte sie beim ersten ihrer Spaziergänge kurz und bündig erklärt: »Ich habe das Geschäft bis hier herauf, habe lange genug gearbeitet, mögen sich jetzt die Jungen plagen!« Auf dies Stichwort hatte Frau Wachsmann nur gelauert. Unaufhörlich begann sie nun Agnes Salomons Vorzüge zu rühmen: welch ein Glück Artur gemacht hätte, und wie Salomons selig sein könnten, solch eine Schwiegertochter bekommen zu haben, arbeitswütig und dabei anspruchslos und bescheiden! Und dann rühmte sie ihre Herzensgüte und Freigebigkeit, mit allerlei kleinen Spitzen und Stichen gegen die Schwester. Frau Salomon stierte vor sich hin. Sie drückt mir die Leber ab, dachte sie und hätte am liebsten aufgeschrien. Statt dessen biß sie die Zähne zusammen. Stillhalten, nicht mucksen, sagte sie zu sich selbst. Mögen sie auf dich loshämmern, bis sie dich kurz und klein geschlagen haben. Als aber, durch dieses Schweigen gereizt, Tante Berta immer höhere Töne anschlug und die Rede darauf brachte, wie Agnes es verstanden habe, auch Salomons Herz zu gewinnen, der neben der Schwiegertochter überhaupt niemanden mehr gelten lasse, da riß ihre Geduld. Mit einem unartikulierten Aufschrei packte sie die Schwester am Handgelenk. »Hör' auf!« brachte sie mit äußerster Anstrengung hervor. Und noch einmal wiederholte sie leise: »Hör' auf, oder es ...« Sie kam nicht weiter. Frau Wachsmann hatte sich mit einem gewaltsamen Ruck befreit. »Bist Du verrückt geworden?« murmelte sie. Aber unmittelbar darauf hielt sie inne. Frau Salomons Anblick erschütterte sie. »Was hast Du denn, Renette? So sprich doch ein Wort!« Sie nahm sie am Arm, geleitete sie mühsam zur nächsten Bank und redete mit aller erdenklichen Güte in sie hinein. »Was ich habe?« Frau Salomons tränenlose Augen schienen in der Schwester Inneres dringen zu wollen, »Was ich habe,« sagte sie noch einmal und beugte sich an ihr Ohr, »fort muß ich, hörst Du: fort muß ich!« Frau Wachsmann starrte sie verständnislos an. Endlich faßte sie sich. »Bist Du von Sinnen, Renette, und willst Du Dich versündigen? Was fehlt Dir, möchte ich wissen! Nahrungssorgen habt Ihr nicht! Euer Junge ist glücklich verheiratet, und gesunde Knochen habt Ihr Gott sei Dank auch! Wo in aller Welt stecken Eure Sorgen?« Um Frau Salomons eingefallenen Mund huschte einen Augenblick ein wehes Lächeln. »Sei bedankt für Deine gute Meinung! Hast recht, am Hungertuche nagen wir nicht. Und, trotzdem, meine Liebe, wenn Du mich fragst, wann ich lieber krepiere, heute oder morgen, werde ich Dir die Antwort nicht schuldig bleiben. Da sitzt neben einem die eigene Schwester, stiert einen an, als ob man ihr Rätsel zu raten aufgibt, und merkt nicht, daß man am Verrecken ist ... Oder«, schrie sie plötzlich auf, »willst Du Dich über mich und mein Unglück lustig machen?« Sie brach zusammen, und ein krampfhaftes, stoßweises Schluchzen entrang sich ihr. »Um Gottes willen, was ist los, Renette? Was redest Du für Stuß? Es wird einem ja angst und bange! So sprich doch endlich von der Leber weg! Vielleicht kann ich Dir helfen!« Frau Salomon schüttelte in unsagbarer Trostlosigkeit den Kopf. »Es gibt nichts zu raten, und es gibt nichts zu helfen. Aus ist aus! Erst hat sie mir den Jungen gestohlen, für den ich mir die Hände wund gearbeitet habe, dann hat sie mich aus dem Geschäft getrieben, das ich begründet und groß gemacht habe.« Frau Wachsmann sah sie verständnislos an. »Es ist so, wie ich sage: Aus dem Geschäft hat sie mich getrieben, hinter meinem Rücken hat sie konspiriert, Mann und Sohn mir aufsässig gemacht, das Personal gegen mich gehetzt, bis ich schließlich keine Luft mehr bekam, nicht mehr japsen konnte und mich davon gemacht habe, um nicht zu ersticken.« Und als Frau Wachsmann sie beschwor, sich nicht so tolles Zeug in den Kopf zu setzen, durch, das sie selbst elend würde und elend machte, unterbrach sie sie mit leidenschaftlicher Heftigkeit: »Gib Dir keine Mühe, mich zu beschwichtigen. Ich weiß, was ich weiß: Das ist das ruchloseste Geschöpf unter; Gottes Sonne! Und nicht genug an alledem, den Mann hat sie mir auch noch, genommen, das letzte, was ich besaß, hat mir die Kanaille genommen!« Einen Augenblick dachte Frau Wachsmann, die Schwester hätte den Verstand verloren, sei von fixen Ideen besessen, redete wirres, irres Zeug und stände, am Rande eines Abgrundes, müßte in die Tiefe stürzen, ohne daß sie ihr zu helfen vermochte. Frau Salomon schien ihre Gedanken zu erraten. »Hältst mich für meschugge, Berta, ich sehe es Dir an. Sei ohne Sorge. Ich. habe meine fünf Sinne noch beisammen, weiß, was ich rede. Und wenn Du meinst, ich hätte Salomon ein Verhältnis mit dem Stück angedichtet, so hast Du mich gründlich mißverstanden. Gott bewahre mich davor! Dessen ist Salomon nicht fähig! Die freilich kriegte auch das noch fertig, ohne sich ein Gewissen daraus zu machen. Und doch hat sie mir, so wahr ich vor Dir stehe, den Mann genommen. Das Aas hat es so weit gebracht, daß er mich wie einen alten Besen in die Ecke stellt und sich den Teufel darum kümmert, ob ich verkomme. Er hält es in seinen vier Wänden nicht mehr aus und lauert nur auf den Moment, wo er sich drücken und verschwinden kann. Im Geschäft hockt er den ganzen Tag bei ihr, so daß die Menschen bereits tuscheln und sich über ihn das Maul zerreißen, ohne daß er es merkt. Und nach dem Abendessen muß er auch noch einmal zu ihnen hinüber, sonst ist ihm nicht wohl. Verhext und besessen ist er und macht sich zum Narren auf seine alten Tage!« Unaufhaltsam, von Dämonen verfolgt, keuchend, die Worte überstürzend, mit verzerrten Zügen, hatte Frau Salomon ihre Leidensgeschichte von sich gegeben. Jetzt brach sie erschöpft zusammen. Und wie geistesabwesend, mit erloschenem Gesichtsausdruck starrte sie vor sich hin, ein Bild vollkommenen Jammers. In dieser Stunde fühlte sich Frau Wachsmann durch die Gemeinschaft des Blutes tief mit ihr verbunden. Alle Gegensätze waren vergessen. Sie sah mit ihren Augen, fühlte den ganzen Jammer der Schwester mit, verstummte vor ihrem Schmerz und fand keine Trostesworte mehr. Ihre Miene bekam etwas unendlich Versorgtes. Und wie die beiden alten Frauen, von ihrem Leid versteinert, zusammengeduckt dasaßen, hatten sie, etwas Mumien- und Greisenhaftes, schienen in den Urgrund ihres Volkes hinabgetaucht zu sein, und auf einmal waren sie das Judenvolk selbst in seinem namenlosen Gram. Und plötzlich zog die Zeit der Jugend an Tante Berta vorbei, sie sah Renette, die von klein aus nicht geruht und gerastet hatte. Schon im Geschäft der Eltern war sie tätig gewesen, und der Vater hatte immer von ihr gesagt: »Die ist ein Arbeitstier, der ist nicht wohl, wenn sie eine Minute Atem schöpft.« Und dann hatte Renette den Vetter Salomon geheiratet, hatte weiter geschuftet und sich von früh bis spät gequält, bis sie es endlich geschafft und die Früchte geerntet hatte. Reich waren die Salomons geworden. Schweiß hatte es gewiß gekostet, aber nun lag auch ein sorgenfreies Alter vor ihnen, und nach all den Mühen und Plagen gab es ein Ausruhen und gemächliches Genießen. Prosit die Mahlzeit! Da saß die Schwester neben ihr, verfallen und elend. Und sie hätte trotz ihrer engen und dürftigen Verhältnisse um keinen Preis der Welt mit ihr tauschen mögen. Und mochte sich Renette das alles nur einbilden, und Frau Wachsmann zweifelte nicht daran, daß neben einem Körnchen Wahrheit krankhafte Vorstellungen von ihr Besitz ergriffen hatten, das Elend wurde dadurch nicht geringer. Und darum hatte es keinen Sinn, ihr mit Verstandesgründen zu kommen. Wenn einer ernstlich krank ist, kann kein Doktor helfen. Sie streichelte nur beständig ihre Hand, und die Tränen rannen ihr dabei über die runzligen Backen. »Ach, Renette, ich bin Dir manchesmal gram gewesen und habe Dich darum beneidet, daß Du Dir alles leisten könntest, und jetzt gäbe ich etwas darum, wenn ich Dir helfen könnte.« »Aus ist aus, und Zoffmachen Ende. ist das einzige, was übrigbleibt, glaube es mir!« »Nein,« entgegnete Frau Wachsmann, »das ist der helle Wahnsinn! Und wenn Du dreimal recht in allem hättest, so müßtest Du Deine ganze Kraft und Deinen ganzen Willen zusammenraffen, um über die Misere hinwegzukommen! So etwas nur auszusprechen! Sollen die anderes den Naches Ärger. haben, wenn Du ihnen das Feld räumst? Ist das Deine Absicht?« »Mögen sie sich kopfstellen, ich kann nicht mehr! Berta, es gibt einen Zustand, wo einem alles gleichgültig wird. Wo man nichts mehr hören und nichts mehr sehen will. Nur drei Klafter unter der Erde möchte man sein, um Ruhe zu haben. So weit haben sie mich gebracht.« »Das sind Schmonzes Rederei, Theater. , nimm es mir nicht übel, Renette! Und Salomon und Artur haben es nicht um Dich verdient. Sieh unter Dich, sieh, was andere Menschen leiden müssen.« »Bleib' mir mit den anderen vom Leibe! Jeder muß mit sich selbst fertig werden, seinen Weg allein finden. Einsam ist man, mutterseelenallein. Und wenn es einem dreckig geht, kann einem nicht der eigene Mann und nicht das eigene Kind helfen.« Sie reichte ihr die Hand und war plötzlich wie vom Erdboden verschwunden. Tante Berta stand in sich versunken eine Weile wie gelähmt da. Dann aber raffte sie sich entschlossen auf. Es gab nur einen Ausweg: Sofort zu Salomon zu gehen, ihm unter vier Augen die volle Wahrheit zu sagen. Er mußte erfahren, wie es um Renette stand, damit er vorbeugen konnte, ehe es zu spät war. Während sie noch überlegte, welchen elektrischen Wagen sie benutzen sollte, um so rasch wie möglich in das Geschäft zu gelangen, zupfte sie plötzlich jemand am Ärmel. Als sie sich erschreckt umdrehte, stand Pulvermacher vor ihr, der über das ganze Gesicht grinste. »Ach, Sie alter Narr Sie,« sagte sie, »können Sie denn Ihre Kindereien, nicht lassen! Mir ist nichts weniger als lächerlich zumute!« Aber gleichzeitig erhellte sich ihre sorgenvolle Miene, und: indem sie erleichtert aufatmete, fuhr sie fort: »Und dennoch: kommen Sie mir wie gerufen. Und um mich bei der Vorrede nicht lange aufzuhalten: Es steht um Renette verdammt. schlecht und ich bin gerade im Begriff, zu Salomon zu fahren, um ihm meine Meinung zu sagen. Er hat ja keine Ahnung, wie hundsmiserabel es seiner Frau geht.« Pulvermacher hörte aufmerksam Frau Wachsmanns Bericht an, wackelte dabei ununterbrochen mit dem Kopf, und sein Gesicht wurde immer länger und länger. »Schlimm, schlimm,« murmelte er kaum hörbar vor sich hin. »Wenn Sie glauben, Frau Wachsmann, das ist ein einfacher Fall, irren Sie gewaltig. Man könnte es fast eine Psychose nennen.« »Pulvermacher, reden Sie nicht so gebildet. Ich will wissen, was mit ihr los ist, und was geschehen soll!« »Den klügsten Rat haben Sie sich bereits selbst gegeben: ein offenes Wort mit Salomon sprechen, er soll sich schleunigst mit ihr auf die Bahn setzen und sie in eine neue Umgebung bringen. Wenn sie den Mann ein paar Wochen allein hat, kommt sie vielleicht auf andere Gedanken. Das sind doch krankhafte Ideen, mit denen sie sich herumschlägt!« Frau Wachsmann zögerte einen Moment. »Hand aufs Herz, Pulvermacher, trauen Sie der jungen Frau Salomon über den Weg?« Pulvermacher wurde ärgerlich. »Sind sie auch schon infiziert? Wenn es bei Ihrer Schwester nicht pathologisch wäre, müßte man ja mit einem Donnerwetter dreinfahren. Es ist ein Skandal, wie sie sich der Schwiegertochter gegenüber benimmt. Sie behandelt sie wie das erste beste hergelaufene Frauenzimmer.« Das stimmt ja gar nicht, sie meidet sie, geht ihr aus dem Wege, so daß von Behandlung überhaupt nicht die Rede sein kann.« »Um so ärger! Anstatt sich mit ihr zu freuen, tut sie, als ob sie Luft wäre. Im übrigen, was brauche ich Ihnen das zu erzählen, Sie wissen ja besser Bescheid als ich. Ich mache auch keine Vorwürfe, ich sage einfach, es ist ein krankhafter Zustand, anders läßt es sich nicht erklären.« Er zog seine Uhr. »Auf Wiedersehen, Frau Wachsmann, ich muß noch ein paar Besuche machen. Und viel Glück auf den Weg!« Als Tante Berta das Geschäft betrat, ging sie geraden Wegs auf Salomons Büro los, ohne sich vorher anmelden zu lassen. Es war ihr lieb, daß sie vorher weder Agnes noch Artur begegnet war. Sie klopfte mit fester Hand, und auf Salomons »Herein« öffnete sie. Auf der Schwelle blieb sie, unangenehm berührt, eine Sekunde stehen. Neben Salomon stand seine Schwiegertochter. Was hat denn die Seege Ausgekochte, durchtriebene Person. beständig hier zu suchen? dachte sie. Salomon trat ihr herzlich entgegen. »Das nenne ich einen unerwarteten Besuch.« Frau Wachsmann machte ein sauersüßes Gesicht. »Ich störe hoffentlich nicht,« sagte sie, »ich muß Dich nämlich ein paar Minuten sprechen, Schwager, es handelt sich um eine wichtige Angelegenheit.« »Das klingt ja ordentlich feierlich,« entgegnete Salomon. Agnes wandte sich zur Tür. »Ich lasse Euch allein. Bevor Du gehst, Tante Berta, sehe ich Dich wohl noch eine Minute.« Sie nickte ihr zu und verließ das Zimmer. »Nimm Platz, Schwägerin. Und nun rede, wo drückt Dich der Schuh?« Er war fest davon überzeugt, daß Wachsmanns wieder in der Klemme waren und Tante Berta wie gewöhnlich in einer Geldangelegenheit zu ihm kam. Und da sie mit der Sprache nicht herauswollte, machte er ihr Mut: »Es wird ja nicht so gefährlich sein, also schieß los. Was hat Simon wieder angestellt?« »Ach, Salomon, diesmal komme ich nicht Simons wegen, und dabei ist mir schwerer ums Herz als je. Es handelt sich mit einem Wort um Renette. Und wenn ich nicht die fürchterliche Angst hätte, sie könnte, ehe wir es uns versehen, sich ein Leid antun, ich hätte mir den Gang zu Dir erspart. Denn es ist und bleibt ein undankbares Geschäft, seine Finger in anderer Leute Angelegenheit zu stecken!« Salomon fuhr auf. »Mach' keinen so langen Schmus, Berta, das vertrage ich nicht. Kurz und bündig: Was ist mit Renette los, was ist geschehen?« Und als Frau Wachsmann alles berichtet hatte und mit den Worten schloß: »Salomon! Niemals habe ich sie in solchem Zustand gesehen. Und wenn ich Dir einen Rat geben darf: Beuge beizeiten vor, damit Du Dir später nicht einmal Gewissensbisse machen mußt,« lag auf seinem Gesicht ein solcher Ausdruck von Pein und mühsam verhaltenem Zorn, daß es sie gereute, den Mund aufgetan zu haben. »Was hast Du denn, Salomon?« fragte sie eingeschüchtert. »Bist Du fertig, Schwägerin?« Sie nickte. »Nun denn, so laß Dir gesagt sein, daß mir Renette ein Buch mit sieben Siegeln ist. Ich habe weiß Gott genug Zores Kummer. durch sie. Aber was ich jetzt von Dir gehört habe, macht das Maß voll. Ich kann so nicht weiterleben, verstehst Du, das ist ein Zustand, der ein Ende nehmen muß!« Und Salomon schlug mit der Faust auf den Schreibtisch, außerstande, sich länger zu beherrschen. Frau Wachsmann verfärbte sich. »Um des Himmels willen, Salomon, nimm Dich zusammen!« Er schlug eine gellende Lache an. »Komm mir nicht mit solchen faulen Redensarten! Sich zusammennehmen, begreifen, Nachsicht üben, es hat alles seine Grenzen! Entweder ist sie meschugge geworden, und dann kann ich ihr nicht helfen, oder aber, und ich neige fast dazu, das letztere zu glauben, ich habe Renette mein Lebtag nicht gekannt. Siebenundzwanzig Jahre habe ich mit ihr zusammengelebt, Gutes und Böses mit ihr geteilt. Und heute ist sie fähig«, er holte einen Augenblick tief Atem, »eine solche Schweinerei zu begehen! Fahre mir nicht in die Höhe, Berta, es ist eine Schweinerei. Reden wir aufrichtig miteinander, und machen wir uns beide nichts vor, wenigstens in dieser Stunde nicht. Die ganzen Jahre habt Ihr gegenseitig auf einander geschimpft, und Euch nicht ausstehen mögen, und jetzt steckt sie sich hinter meinem Rücken mit Dir zusammen, legt großartige Beichten ab und tut, als ob ich ihr Todfeind wäre! Meinst Du, ich merke nicht, worauf es hinausläuft? Mir will sie alle Schuld aufladen, mich zum Verbrecher stempeln. Laß mich ausreden, Schwägerin, es passiert sonst etwas.« Und wieder brach er in ein unvermitteltes, jähes Lachen aus. »Du kennst doch die Geschichte vom kleinen Moritz: Geschieht meinem Vater ganz recht, daß ich mir die Hände erfriere, warum kauft er mir keine Handschuh. So ist es mit Renette, an Gewissensbissen soll ich zugrundegehen, weil sie sich in einen Wahnsinn verstiegen hat. Ich darf mich nicht auf meine alten Tage am Glücke der Kinder freuen, weil es ihr gegen den Strich geht. Sie betritt Arturs Haus nicht, und ist erbost, daß ich es tue. Aus der Schwiegertochter, der kein Mensch was Böses nachsagen kann, macht sie ein durchtriebenes Frauenzimmer. Und weil ich da nicht mittue, bin ich ein Schuft. Agnes dreht sie einen Strick daraus, daß sie als erste ins Geschäft kommt und als letzte geht. Und daß sie zehnmal mehr Grips in ihrem Schädel hat als das ganze Personal zusammen, ist für sie wieder ein Grund zum Hasse. Und nun hat dieser Mensch noch obendrein die Chutzbe Frechheit. gehabt, ihren Jungen glücklich zu machen, das schlägt dem Fasse den Boden aus. Nun sitzt sie, zusammengekauert, das feuerrote Gesicht in tausend Falten gezogen, den ganzen Tag auf dem Sofa und nimmt übel. Sieht aus, daß bei ihrem Anblick einem schlecht werden kann! Mit welchem Recht starrt sie mich, sobald ich in ihre Nähe komme, so böse und drohend an, als ob ich der gemeinste Wicht auf Gottes Erde wäre?! Und versuche ich es immer wieder, ihr mit Güte beizukommen, ihr die Augen zu öffnen, so schneidet sie mir das Wort ab und wird tobsüchtig. Muß ich mir das bieten lassen? Das Haus macht sie mir zur Hölle, so daß ich aufatme, wenn ich die Tür hinter mir zuschlage. Und nun will ich Dir etwas sagen, Berta, ich halte es nicht lange mehr aus. Es kann plötzlich kommen, daß ich Schluß mache und bei meinem Jungen um einen Unterschlupf bitte. So weit bin ich. Manchmal denke ich, das ganze Leben hat sie dir eine Komödie vorgespielt, hat getan, als ob sie mit allen ihren Fasern an dir hinge, und jetzt auf einmal enthüllt sie sich, will aus mir einen Schubiak machen, damit sie selber recht behält! Und wenn sie sich auf den Kopf stellt, ich lasse mit mir nicht Schindluder treiben!« Die letzten Worte hatte Salomon in leidenschaftlichem Zorn hervorgestoßen. Sein Gesicht, aus dem die Augen beängstigend hervorquollen, hatte eine blaurote Farbe angenommen. Frau Wachsmann überlief es. Niemals hatte sie ihn so außer Rand und Band gesehen. Der ganze Mensch war in Aufruhr. Und lange aufgespeicherter Gram hatte sich plötzlich entzündet und brannte lichterloh. Sie fühlte, ein einziger Hauch des Widerspruchs könnte ihn in dieser Stunde zum Äußersten treiben. Sie erhob sich mühsam. Ganz zerbrochen kam sie sich vor. »Salomon,« sagte sie leise, und von grauenhafter Furcht geschüttelt: »Es tut mir entsetzlich leid, daß ich gekommen bin.« Er schien sie nicht mehr zu sehen und zu hören. Und so schlich sie aus dem Zimmer und wagte erst Atem zu schöpfen, als sie draußen auf der Straße war. Einige Minuten blieb sie wie angewurzelt auf dem Trottoir stehen, dann fing sie plötzlich unaufhaltsam zu weinen an. Sie konnte sich später nicht erinnern, wie lange dieser Zustand angehalten hatte. Es schoß ihr auf einmal durch das Hirn: Am Ende läßt er sich von Renette scheiden! Und dieser Gedanke hatte für sie etwas ungemein Verführerisches, Erregendes und Beklemmendes zugleich. Was würde Wachsmann, was würde die Mischpoche dazu sagen! Und es verdichtete sich bei ihr fast zur Gewißheit, daß Salomon seine Frau verlassen würde. So rasch sie die Füße tragen konnten, eilte sie zur Haltestelle, um nach Hause zu fahren und Wachsmann die große Neuigkeit an den Kopf zu werfen. Der wird Augen, Mund und Nase aufsperren, dachte sie. Dann wieder wurde sie ganz klein in ihrem Innern. Die Tränen liefen von neuem über ihre Backen, Renette fiel ihr ein, und auch mit sich selber hatte sie Mitleid. War es für Jainkef Jacob. , oder mit anderen Worten, war es für die Wachsmanns gut, wenn sich die Salomons wirklich scheiden ließen? Simon Wachsmann war von der Sache nichts weniger als erbaut. »Was hast Du Dich dazwischen zu stecken!« äußerte er verstimmt. »Von der Geschichte werden wir allein den Ärger haben. Salomons werden sich versöhnen, und uns werden sie die Tür weisen. Das kommt von dem ewigen Schnattern. Ich habe es Dir immer gesagt: Du bist und bleibst eine Gake!« »Nun aber hör' auf, Simon! Jetzt ist es genug! Und wer von uns beiden das größere Mundwerk hat, darüber wollen wir uns lieber nicht unterhalten. Ich habe andere Sorgen im Kopf. Ich frage mich, wen ich mehr bedauern soll, Salomon oder Renette. Leid tun sie mir beide.« XII. Als Agnes Salomon nach geraumer Zeit an der Tür des Kontors klopfte, wartete sie vergebens auf eine Antwort. Sie drückte die Klinke herunter, die Tür war verschlossen. Die Angst stieg ihr zum Herzen. Gleich beim Eintritt Tante Bertas hatte sie ein unbehagliches Gefühl gehabt, hatte sie nichts Gutes geahnt. Und jetzt war Salomon verschwunden, hatte das Geschäft verlassen, ohne sich, wie es in seiner Gewohnheit lag, von ihr verabschiedet zu haben! Was war geschehen? Sie zweifelte keinen Augenblick, daß es mit der Schwiegermutter zusammenhing. Sie suchte ihren Mann auf. »Hast Du Papa gesehen?« fragte sie ihn. Und erklärend fügte sie hinzu: »Das Büro ist nämlich verschlossen.« Artur schüttelte verwundert den Kopf. »Tante Berta ist bei ihm gewesen, irgend etwas ist passiert. Und natürlich kommt es von Deiner Mutter. Sie gibt ja keine Ruhe.« Da Artur schwieg, sagte sie in nervösem Ton: »Du redest ja gar nichts!« »Was soll ich reden? Ändern kann ich ja doch nichts. Ob man will oder nicht, man muß sich damit abfinden.« »Muß man ...?« »Ja.« »Und warum muß man?« »Weil man machtlos ist, und mit dem Kopf nicht durch die Wand kann.« Sie fixierte ihn einen Moment. »Ich glaube, Du bist ein geschworener Feind jedes Kampfes, läßt Dir lieber die Hände abhacken, ehe Du Dich in einen Konflikt einläßt.« Artur lächelte gequält. »Die Hände abhacken ist ein bißchen viel gesagt, aber eine kriegerische Natur bin ich gewiß nicht.« »Sei nicht böse. Ich bin manchmal so schrecklich gereizt, daß ich ungerecht werde. Ich weiß es. Man denkt: endlich wird man seinen Frieden haben, und immer wieder sieht man sich getäuscht. Es ist zum Verzweifeln!« »Ich leide auch darunter, Agnes, und mehr als Du denkst!« »Weil Du im Stillen zu ihr hältst? Selbstverständlich wirst Du es ihr gegenüber niemals zugeben, und doch ist es so, kann auch nicht anders sein. Du bist zu sehr Jude, um eine reinliche Scheidung machen zu können, um klar und deutlich ...« »Weißt Du,« unterbrach er sie gereizt, »zuweilen kannst Du einen so peinigen, daß man bei aller seiner Geduld ...« »Ach, Artur, mißverstehe mich doch nicht. Natürlich wolltest Du mich um jeden Preis haben, hättest Dich im Notfall auch mit Deiner Mutter überworfen. Ich zweifle nicht daran. Aber hinterher wäre es Dir leid geworden. Ihr könnt eben nicht aus Eurer Haut. Ihr klebt an der Familie. Seid durch tausend Fäden aneinander geknüpft und kommt nicht los.« »Ja, wie denkst Du Dir denn das? Soll ich die Mutter im Herzen totschlagen? Soll ich vergessen, daß jeder Atemzug von ihr mir gehört hat?« Agnes Salomon schüttelte den Kopf. »Nichts sollst Du vergessen. Du kannst es auch nicht. Das ist es gerade, was ich behauptete.« Artur wurde blaß. »Meinst Du, ich höre nicht heraus, daß Du mich deswegen für einen Schwächling, um nicht zu sagen, für einen Feigling hältst?« Sie wehrte heftig ab. »Ich halte Dich in diesem Punkte lediglich für einen Volljuden!« »Das heißt, für einen Menschen zweiter Klasse.« »O nein, ich sehe nur scharf die Unterschiede zwischen Euch und uns.« »Und Du würdest an meiner Stelle anders handeln?« »O ja!« erwiderte sie, und ihre Augen weiteten sich, »ohne Besinnen würde ich anders handeln, ohne mit der Wimper zu zucken! Es imponiert mir an Deiner Mutter, wie sie Euch festhält. Euch knebelt. Ich würde rasen, wenn ein Mensch mir gegenüber das wagte.« »Du bist eben aus anderem Holze, bist so stark, Agnesel, daß man sich vor Dir fürchten könnte, wüßte man nicht, daß hinter aller Stärke ein sauberer, guter Mensch steht.« »Laß das, Artur, ich bin gegen das Abtaxieren, die Taxen stimmen mitunter nicht. Im übrigen habe ich keinen Vorwurf gegen Dich erheben wollen. Wie käme ich dazu? Nur die Tatsache habe ich festgestellt. Ach, ihr seid so furchtbar empfindlich und mißtrauisch. Behaupte ich denn, daß wir Euch gegenüber im Recht sind? Ich sage nur: es ist so. Bei Euch kommen erst die Kinder, dann die Väter, Mütter, Brüder, Schwestern, dann eine Weile gar nichts, und zuletzt die Frau.« »Ach, Kind, wenn Du wüßtest, wie falsch und verkehrt das alles ist!« »Pardon, ich sage nicht, daß ihr Eure Frauen schlecht behandelt, das wäre ja Irrsinn. Im Gegenteil, man kann nicht rücksichtsvoller, gütiger und zarter sein als ihr! Ach, Artur, wir werden uns darüber doch nicht einigen, es ist eine Sache des Bluts.« »Nein, es ist eine Sache des Vorurteils, und das ist es, was mich dabei so reizt und bis zu einem gewissen Grade erbittert. Nun kennst Du Vater und mich eine gute Weile, und redest solch unsinniges Zeug!« »Eben, weil ich Euch kenne.« Sie hätte hinzufügen mögen: »Und weil ich tagtäglich sehe, wie Dein Vater sich quälen und drangsalieren läßt, ohne mit beiden Fäusten dazwischenzuschlagen.« Statt dessen aber kniff sie die Lippen hart zusammen und schwieg. Während dieses Gesprächs hatte sich Salomon auf den Heimweg gemacht. Er spürte einen üblen Geschmack auf der Zunge und haderte mit sich selbst. Warum hatte er sich so hinreißen lassen? Warum hatte er seine letzten Gedanken ausgesprochen! Und Salomon erschrak vor sich selbst, weil er bislang nicht gewußt hatte, was für furchtbare Dinge unter der Schwelle seines Bewußtseins wucherten. Wie in der Finsternis war er dahingeschritten. Er hatte die Augen geschlossen, um nicht sehen zu müssen, und nun waren sie ihm gewaltsam geöffnet worden. Was er Renette vorgeworfen, hatte er selbst getan: einem Dritten sich offenbart. Salomon, Salomon, was ist aus dir geworden! Es war natürlich blanker Unsinn, und er dachte gar nicht daran, sie in ihrem Unglück allein zu lassen. Aber daß er so etwas überhaupt hatte aussprechen können, bewies doch, wie weit er sich von ihr entfernt hatte. Er kam sich auf einmal so gütelos vor, und seine Unruhe wuchs. Renette war die bescheidenste Seele gewesen, hatte nie für sich etwas beansprucht, immer nur er und der Junge. Und wenn sie jeden Groschen dreimal umdrehte, bevor sie ihn ausgab, wenn ihre Sparsamkeit mit den Jahren fast in krankhaften Geiz ausgeartet war, für die beiden Salomons war ihr nichts zu gut und nichts zu teuer gewesen. Und er erinnerte sich plötzlich an so viel kleine Züge von ihr, die teils rührend, teils komisch waren. Schöne Worte machen kann jeder, flüsterte er sich leise zu. Es kommt darauf an, zu handeln, einem Menschen in seiner Not beizustehen. Es ist kein Kunststück, in guten Tagen zusammenzuhalten. Jetzt beweise, Salomon, daß du ein anständiger Kerl bist. Er seufzte tief auf. Ganz klar, daß etwas bei mir nicht stimmt, dachte er, denn sonst wäre all das unmöglich gewesen. Man kann nicht aus Vernunft gütig sein. Man ist es, oder man ist es nicht. »Nehmen Sie sich doch in acht und rennen Sie die Leute nicht um!« rief ihm plötzlich jemand zu. Salomon lachte laut auf, und der Angerempelte, der sich obendrein noch verhöhnt glaubte, fiel mit einer Flut von Schimpfworten über ihn her. »Sie irren,« sagte Salomon, »ich denke nicht daran, Sie zu beleidigen, im Gegenteil, Sie haben mir, ohne es zu wissen, die Augen geöffnet. Ich bin Ihnen zu Dank verbunden. Gestatten Sie?« Und er zog sein Zigarren-Etui hervor und reichte es dem armen Teufel. »Bitte bedienen Sie sich ordentlich!« »In Gottes Namen! Aber eine Schraube ist doch bei Ihnen los!« »Ganz recht, Verehrter, eine Schraube ist bei mir los,« erwiderte Salomon und ging weiter. Weshalb hatte er gelacht? »Rennen Sie die Leute nicht um,« hatte der Mensch gesagt, und er selbst war umgerannt worden, stand nicht mehr auf seinen beiden Füßen. Was sollte geschehen? Gab es eine Rettung? War es vielleicht doch möglich, die beiden Frauen zusammenzubringen? Ausgeschlossen! Die beiden waren zu ähnlich, oder zu verschieden voneinander, es lief ja auf das nämliche hinaus, um sich zu begreifen. Also mußt du in den sauren Apfel beißen, mußt du das Opfer bringen, Salomon! Zieh' mit ihr fort, damit sie von dem Anblick der Schwiegertochter befreit ist, sei ständig um sie, betreue sie, laß sie nicht aus den Augen. Man ist nicht in die Welt gestellt, seiner Lust und seiner Annehmlichkeit wegen. Salomon stöhnte. Ich kann nicht, ich halte es nicht aus. Wieviel Jahre hatte er noch? Wenn er von den Kindern ging und mit ihr in die Einsamkeit flüchtete, so war das Leben zu Ende, so konnte er sich ebensogut einsargen lassen. In dieser Atmosphäre der Verbitterung und Freudlosigkeit vermochte er nicht zu atmen. Und würde es denn etwas nützen? Er konnte ihren Haß nicht auslöschen, der wie ein böses Geschwür in ihrem Körper saß, immer weiter um sich fraß, in alle Gewebe eindrang, bis schließlich der ganze Organismus zerstört war. – – –' Salomon kam um eine gute Stunde früher nach Haus, als es sonst in seiner Gewohnheit lag. Renette riß die Augen auf, aber keine Frage kam über ihre Lippen. Sie saß bei Tisch stumm neben ihm und ärgerte sich, daß er das Essen kaum berührte. Endlich raffte er sich auf und sagte zögernd: »Wie wäre es, wenn wir für ein paar Wochen verreisten? Ich muß eine Weile ausspannen, und auch Dir, sollte ich meinen, täte eine Luftveränderung gut.« »Was hast Du, Salomon?« fragte sie und sah ihn kummervoll dabei an. »Was soll ich haben? Müde bin ich und ein wenig überarbeitet.« »Und wohin willst Du denn fahren?« »Ist mir einerlei! Nur raus will ich, am liebsten noch heute, wenn es geht!« »Warum soll es nicht gehen, gepackt ist in einer Stunde!« »Gut, um fünf Uhr fahren wir nach Dresden, um Acht sind wir da, Zimmer bestelle ich telephonisch.« Und, ohne ihre Antwort abzuwarten, ging er in sein Zimmer. Sie blickte ihm verdutzt nach. Was war denn in ihn gefahren? Es lag doch sonst nicht in seiner Art, im Handumdrehen Entschlüsse zu fassen. Oder fehlte ihm wirklich etwas? Sollte sie Pulvermacher anrufen? Sie ging an die Tür des Herrenzimmers und lauschte. Keinen Ton vernahm sie. Und plötzlich wußte sie, daß er es ihretwegen tat. Ihr umdüstertes Gesicht hellte sich einen flüchtigen Moment auf. Ich weiß ja, daß er herzensgut ist, schluchzte sie vor sich hin. Er möchte mir helfen! Ach, Salomon, vergebliche Liebesmühe! Sie war bereits im Begriff, die Tür zu öffnen und ihm zuzurufen: Reise allein, Salomon, und erhole Dich gut, es hat keinen Zweck, wenn ich mitfahre, aber eine Stimme hielt sie zurück: Tue es nicht, sonst verlierst du ihn für immer. Träge schleppte sie sich zur Küche und befahl dem Mädchen, den großen Lederkoffer vom Boden zu holen. Salomon setzte sich inzwischen an seinen Schreibtisch, nahm umständlich einen Bogen aus der Lade und schrieb: Liebe Kinder! Erschreckt nicht, wenn Ihr diese Zeilen erhaltet. Ich muß mit Mutter auf ein paar Wochen fort. Grübelt nicht darüber nach, es ist eine ganz einfache Geschichte. Tante Berta hat es mir nahegelegt, und ich fand, daß sie recht hatte. Das ist alles. Ich bin kein Freund von Abschiednehmen, man wird dabei so traurig, und ich bin ohnehin in keiner rosigen Stimmung. Aber das geht vorüber. Es ist einmal nicht anders, alte Leute haben ihre Mucken. Lebt wohl, meine geliebten Kinder, ich freue mich heute schon auf das Wiedersehen. Schreiben wollen wir uns während der kurzen Zeit nicht, aus mancherlei Gründen möchte ich es so halten. Tausend Grüße Euer alter Vater. PS. Den Schlüssel zum Kontor lege ich bei. Ich gehe mit dem Gefühl, daß ich im Geschäft entbehrlich bin. – – – Als Agnes Salomon diesen Brief las, zuckte es über ihr Gesicht. »Da siehst Du nun, wer recht hat,« sagte sie zu ihrem Mann. »Diese alte Scharteke haben sie ihm auf den Hals gehetzt und ihn so weit gebracht. Gern ist er nicht abgereist, das liest man aus jedem Worte. Man könnte heulen, wie sie ihm zugesetzt haben. Und Tante Berta ist für mich erledigt. Die hatte mir gerade noch gefehlt!« Sie ließ Artur wie einen begossenen Pudel stehen und fegte durch die Lager. Wer ihr in den Weg lief, konnte sich auf etwas gefaßt machen. »Was hat sie denn nur heute?« fragte Herr Trübsand Fräulein Traube, »der Teufel ist ja in sie gefahren, sie faucht und schnauzt, daß die Leute Angst bekommen.« »Was sie hat?« Fräulein Traube lächelte indiskret. »Trübsand, Sie sind ein Kind! Merken Sie denn nicht, daß ihr der Alte an allen Ecken und Enden fehlt?« »Sie sind ein Lästermaul, Fräulein Traube, und nichts ist Ihnen heilig.« »Im Gegenteil, Herr Trübsand, das Heiligste auf Erden ist mir die Ehe, wer daran rührt, hat bei mir verspielt.« »Ja, um Gottes willen! Behaupten Sie etwa ...« »Gar nichts behaupte ich, ich halte nur meine Augen offen. Mich wird es eines Tages nicht überraschen, wenn gewisse Dinge sich ereignen!« »Was für Dinge denn, Fräulein Traube? Man kennt sich ja nicht mehr aus bei Ihren dunklen Andeutungen.« »Dann bedaure ich, Herr Trübsand, ich glaubte bereits überdeutlich geworden zu sein. Übrigens machen Sie sich schleunigst davon, ich sehe sie bereits wieder auftauchen.« Herr Trübsand verkroch sich so rasch er konnte, aber doch nicht rasch genug, denn Agnes Salomon hatte ihn bereits entdeckt und steuerte schnurstracks auf ihn los. »Wo stecken Sie denn?« sagte sie ärgerlich, »ich suche Sie ja schon seit einer Ewigkeit! Wenn Sie mit Fräulein Traube klatschen wollen, so tun Sie das bitte außerhalb der Geschäftsstunden.« Trübsand wurde überrot. »Verzeihung, Frau Salomon, es liegt nicht in meiner Art, zu klatschen,« entgegnete er pikiert. »Na, dann tun Sie gefälligst nicht mit, wenn Fräulein Traube Sie dazu animiert. Ich liebe das nicht,« brach sie kurz ab. »Und jetzt wollen Sie mir bitte die letzten Fakturen von Wadler \& Co. heraussuchen; ich kann sie nirgends finden.« Trübsand machte sich eiligst davon. Donnerwetter, was hat die für einen Blick, dachte er, mit ihren kleinen Ohren hört sie das Gras wachsen. Fräulein Traube kann sich gratulieren. Agnes Salomon ging in das Kontor und stützte schwer die Ellbogen auf Salomons Schreibtisch. Dann zog sie seinen Brief aus der Tasche hervor und las ihn noch einmal, Wort für Wort. Das ist Salomon, wie er im Buche steht, wahrhaftig und gütig. Und dies Schreiben ließ in seiner Lauterkeit eine leichte Rührung in ihr aufkommen. Er konnte nicht anders. Und sauer genug ist es ihm geworden. Hinter jedem Worte glaubte sie einen Gruß für sich zu entdecken. Er reist ab und freut sich bereits auf das Wiedersehen, sie fand diese Wendung besonders hübsch. Auch sie wollte sich auf seine Heimkehr freuen, wie ein König sollte er empfangen werden. Denn Salomon war königlich, er machte seinem großen Ahnherrn Ehre, war weise, gütig und gerecht. Sie erschrak plötzlich, sie glaubte vor der Tür ein Geräusch vernommen zu haben. Sie öffnete, aber niemand stand draußen. Was sind das für Torheiten, oder streiken meine Nerven, höre ich Stimmen?! Sie hielt sich die Hände vor die Augen. Salomon, ich will dich königlich empfangen, das Haus soll von den feinsten Kuchendüften durchzogen sein, der Mohn- und Rührnapf, die Schnecken und die Nußhörnchen, an denen du dich besonders delektierst, sollen dir beim Willkommen vom Tische entgegenprangen! Und meine Arme will ich weit öffnen, ich will mich ganz dir öffnen! Ihre Züge verdüsterten sich. Wünsche, hoffnungslose Wünsche, gefährlich mit ihnen zu spielen, und weshalb darf ich ihn in meinen Gedanken wenigstens nicht an mich ziehen? Mit aller Kraft seinen Körper an den meinen drücken? Ihn durchdringen, erfüllen, in Rausch versetzen, aus seinem dumpfen Dahinvegetieren wecken, zum Bewußtsein seiner Stärke bringen? O, sie hatte einen solchen Überschuß an Kräften und Säften und wollte so über alle Maßen verschwenderisch sein, daß ihm Hören und Sehen vor Seligkeit schwinden sollten. Ganz in Gefühl wollte sie ihn auflösen, ihn trunken machen, daß er beim Erwachen einen Begriff vom Dasein hatte und neuen Durst empfand. Was wußte Salomon von den Quellen des Lebens! Und jetzt wurde tatsächlich die Tür geöffnet, und Artur trat ein. Sie sprang ihm entgegen und umhalste ihn leidenschaftlich. »Agnesel, ich ersticke ...!« Sie hörte ihn nicht. Sah nicht, wie der arme Mensch unter ihrem mächtigen Trieb zu vergehen drohte, wie er totenblaß sich zusammenraffte um ihr seine Schwäche zu verbergen. Sie schloß die Augen und küßte ihn unablässig mit aller Feindseligkeit und Inbrunst. Als sie endlich ihre Arme lockerte und die Lider wieder öffnete, zitterte er buchstäblich und mühte sich, obendrein zu lächeln. Seine Lippen waren blutleer. Er schnappte nach Luft und hatte dabei das Empfinden, als ob er sich im Kreise drehte. Ein Entsetzen kam über sie. Sie brachte ihn trotz seines Sträubens auf Salomons Stuhl und hielt ihm das Glas an den Mund. »Es ist schon wieder gut,« sagte er in einem Tone, der wie eine Entschuldigung klang, »einen Augenblick schwindelte mir, gib mir Deine Hand, Agnesel. Was war das nur? Eine Sekunde hatte ich eine entsetzliche Leere im Hirn!« Sie streichelte wortlos seine Stirn, über die der Schweiß perlte, und fuhr durch sein dünnes Haar. Er tat ihr bitter leid, es war zum Heulen! Sein Lächeln hatte sich verflüchtigt, war einer großen Traurigkeit gewichen. »Was hast Du, Artur?« »Nichts, nichts,« entgegnete er leise, »ich schäme mich vor Dir!« Da fing sie plötzlich zu weinen an. »Sag' das nicht, um Gottes willen, sag' das nicht!« Trotz ihrem Widerspruch erhob er sich und blickte sie tiefernst an. »Sei gut mit mir, Agnesel, Du wirst mich nicht lange haben,« brachte er endlich stockend hervor. Ganz behutsam küßte sie ihn. »Sprich nicht solch dummes Zeug, und jetzt wollen wir nach Hause gehen.« »Kannst es mir glauben,« beharrte er eigensinnig. »Immer wieder kommt mir der Gedanke, daß ich früh sterben muß.« »Artur, liebster Artur.« »Du küßt mich, wie ich mir immer wünschte, von Dir geküßt zu werden, und ich versinke vor Schwäche! Ist das nicht grotesk?« Er lachte dünn auf und ließ den Kopf auf die Schulter fallen. XIII. Salomon wohnte mit seiner Frau im Hotel Bellevue, mit dem Ausblick auf die Elbe. Man sah Schleppdampfer und blitzblanke weißlackierte Elbkähne vorbeiziehen, und das Lachen fröhlicher Menschen drang zuweilen bis zu ihnen hinauf. Nachmittags führte er Renette in den Englischen Garten, wo man den Kaffee zu sich nahm und unter den vielen schwatzenden, geputzten Leuten einsilbig dasaß, jedes seinen Gedanken hingegeben. Wenn Salomon Renette ansprach und sie abzulenken suchte, fuhr sie schreckhaft zusammen. Das fröhliche Lachen der Menschen tat ihr weh. Aber Salomon hatte sich fest vorgenommen, einen Weg zu ihr zu finden, und mochte sie noch so störrisch und ablehnend sein, er versuchte es immer wieder. Auf der Terrasse des Hotels wurde zu Abend gegessen. Man konnte glauben, man sei auf einer abgeschiedenen Insel, so ruhig und einsam war es. Nur ein paar distinguierte Menschen hatten an den Nebentischen Platz genommen. Der Kellner servierte lautlos die köstlichen Dinge. Alles im Hause hatte Stil und Charakter. Es war vielleicht das älteste, sicher das vornehmste Hotel der Stadt, in dem Komfort und Tradition aufs glücklichste vereint waren. Und dennoch fühlte sich Frau Salomon nicht behaglich. Und als sie hörte, daß die Fürstlichkeiten, der Adel und nur die reichsten Leute im Bellevue abstiegen, sagte sie unmutig: »Ausgerechnet müssen wir unter den Rosches Antisemiten. wohnen! Das wird doch ein Vermögen kosten!« Und mit einem gehässigen Blick auf die Kellner fuhr sie fort: »Das striegelt und bügelt sich, und wir müssen es bezahlen.« Salomon versuchte vergeblich, sie zu beruhigen. »Ich werde mich auf meine alten Tage nicht ändern, das überlasse ich Dir! Ich habe das Geld zu sauer erarbeitet, um es zum Fenster hinauszuwerfen!« »Ach, Renette,« erwiderte er, »Geld ist doch etwas Totes, wenn man es nicht in Lebensfreude umwechselt. Was nützen Dir alle Kupons, wenn Du Dir selber den Bissen im Mund nicht gönnst!« »Laß gut sein, ich erinnere mich übrigens nicht, daß wir uns jemals etwas haben abgehen lassen. Und wer kann sagen, was noch kommt?« Salomon zeigte ihr die Stadt, die ihm wie ein einziger großer Garten erschien, ohne ihre Teilnahme zu wecken. »Was soll mir das alles, kannst Du mir damit meinen Kummer nehmen?« gab sie zur Antwort und verfiel wieder in ihre dumpfe Trostlosigkeit. Trotz ihrem Sträuben zerrte er sie in, die Galerie. »Man kann doch nicht in Dresden gewesen sein, ohne die berühmte Madonna von Raffael gesehen zu haben. Lies nur, was im Baedeker darüber steht.« Als sie vor dem Bilde standen, meinte sie trocken: »Man glaubt nicht an Gott, und da malen diese Gojim Christen. noch die Mutter Gottes!« Dann wurde sie auf einmal ernst und betrachtete aufmerksam das Gemälde. »Die hat auch nicht gewußt, als sie ihm die Brust reichte, was er ihr alles antun würde. Das sieht so unschuldig aus, als könnte es kein Wässerchen trüben, und hinterher kann es einen zur Verzweiflung bringen. Wozu setzt man Kinder in die Welt?« Und Salomon entgegnete: »Nicht für sich, Renette, nicht zu seinem Vergnügen.« »Aber zu seinem Kummer, zu seinem Leid, meinst Du?« Er zuckte die Achseln und brach ab. Er wußte, wohin das Gespräch führen würde. Seine Hoffnung, daß ihr Zustand sich unter veränderten Verhältnissen bessern würde, erfüllte sich nicht. Sie wurde von Tag zu Tag unruhiger und wortkarger und konnte stundenlang, ohne einen Laut hervorzubringen, vor sich hinstarren. Salomon wurde stumpf und müde. Er kam zu der Erkenntnis, daß der Fall Renette aussichtslos war. Und als er zufällig im Hotel den bekannten Nervenarzt Professor Cassirer kennen lernte und sich ihm anvertraute, bestätigte dieser seine Annahme. »Gerade bei Eltern kommt es nicht selten vor,« erklärte ihm der Professor, »daß sie bis zu einem krankhaften Grade an ihren vermeintlichen Rechten den Kindern gegenüber festhalten. Gehen Sohn und Tochter innerhalb einer naturgemäßen Entwicklung ihre eigenen Wege, so bildet sich beim Vater, beziehungsweise der Mutter die fixe Idee heraus, es sei ihnen das schwerste Unrecht angetan worden, und durch keine Vernunftsgründe ist ihnen beizukommen.« Salomon unterschlug dem Professor die besondere Komplikation des Falles. Wozu sollte er ihm erzählen, wie weit persönlicher Haß, Rassengegensätze und gekränkte Liebe noch im Spiele waren! An der Diagnose wurde dadurch nicht das mindeste geändert. Immer wieder sagte er sich: Sei gütig gegen sie, werde nicht abgestumpft gegen ihre Qualen, zumal du weißt, daß unsichtbare Kräfte und unheimliche Gewalten in ihr arbeiten, und daß weder Vorsatz noch freier Wille sie bewegen und treiben. Seine Gedanken waren bei den Kindern. Der Tag ohne sie war leer und freudlos.« Und im Wachen wie im Träumen tauchte das Bild der Schwiegertochter auf. Eine krankhafte Sehnsucht ergriff ihn. Er suchte sich zuerst einzureden, daß er es ohne regelmäßige Beschäftigung nicht auszuhalten vermöge. Doch schließlich gestand er sich ein, daß ihm an allen Ecken und Enden die Kinder fehlten, daß er es nur ihnen dankte, wenn seine Spannkraft nicht völlig gebrochen war. Einige Male dachte er daran, ihnen zu schreiben. Aber eine innere Scheu hielt ihn davon zurück. Nein, es war gut, wenn man eine Zeitlang nichts voneinander hörte. Das Gefühl der Zusammengehörigkeit konnte dadurch nur inniger werden und wachsen. Er empfand es ja am eigenen Leibe. Auch für Artur erwachte eine ganz neue Zärtlichkeit in ihm. Im Grunde genommen machte der Junge genau das nämliche durch wie er: er hing an der Mutter, war immer der beste und zartfühlendste Sohn gewesen, und nun hatte sie sich von ihm abgewandt, mied seine Schwelle, weil er seiner Neigung gefolgt war. Und war es nicht ein guter und sicherer Instinkt gewesen, der ihn, den weichen Menschen, trotz allen Widerständen, an Agnes hatte festhalten lassen? Er sehnte sich nach dem Geschäft, um die Kinder bei der Arbeit zu sehen, um mit Agnes über alle wichtigen Vorkommnisse sich zu unterhalten, an ihren klugen und überlegten Maßnahmen sich zu freuen. Und er vermißte ebenso schmerzlich die kurze Frühstückspause im Kontor wie die langen gemütlichen Teeabende in der Wohnung der Kinder, wo man alle Sorgen vergaß und sich glücklich fühlte, bis die Stunde schlug, die an den Heimweg und die traurige Wirklichkeit gemahnte. Und eines Tages hielt er es nicht länger aus, er mußte wenigstens ihre Stimmen hören. Kurz entschlossen schützte er bei Renette einen Gang zum Friseur vor und lief ins Hotelbüro, wo er ein dringendes Gespräch mit Berlin verlangte. Und als nach verhältnismäßig kurzer Zeit die Verbindung hergestellt war, fühlte er, wie seine Hand unsicher war, als sie nach dem Hörrohr griff. »Sind Sie es, Trübsand? Hier Salomon, ich möchte meinen Sohn und meine Schwiegertochter sprechen, stellen Sie rasch ins Kontor um.« Und unmittelbar darauf rief eine süße Stimme: »Papa, geliebter Papa!« Salomon hätte vor Freude aufschreien mögen. Agnes' erste Frage war: »Wie geht es Dir?« und die zweite: »Wann kommst Du wieder?« Und Salomon antwortete prompt, ohne sich zu besinnen: »Übermorgen, mein geliebtes Kind, mir ist ja so bange nach Euch!« »Und uns nach Dir mehr, als sich sagen läßt!« Halb anklagend setzte sie hinzu: »War denn diese Reise wirklich so notwendig, Papa?« »Ja, mein Kind, aber darüber wollen wir lieber nicht reden! Und jetzt möchte ich Artur einen Augenblick, sprechen.« »Artur ist auf der Bank, Papa!« »Dann grüße ihn herzlich von mir!« Und plötzlich fragte Salomon: »Hast Du mich denn wirklich ein bißchen vermißt, mein Kind?« »Das ist ein Kuß durchs Telephon, den ich am liebsten ...« Salomon hörte nichts mehr. Vom Amt ertönte eine schrille Stimme: »Abhängen, die sechs Minuten sind vorbei.« Er protestierte heftig, wollte weitersprechen. Umsonst, das Gespräch war getrennt. Trotz diesem Mißgeschick war Salomon nach langer Zeit wieder in guter Laune. Beim Klange ihrer Stimme schon war ihm warm ums Herz geworden. In diesem Augenblick vermochte er nicht zu Renette zu gehen, er wollte seine Freude noch ein Weilchen auskosten. Er begab sich auf die Terrasse und blickte auf die Elbe, die an diesem grauen Regenmorgen träge und traurig dahinfloß. Das bißchen Leben muß sie einem vergällen, dachte er, wo alles so klar und schön hätte sein können. Der Zorn stieg in ihm auf. Eine Stimme rief: Schäme dich, Salomon. Sein Gesicht wurde leidensvoll. Ich kann nicht, ich kann nicht! Ich bin auch nur ein Mensch. Der Kellner trat auf die Terrasse, und Salomon sagte, ohne es sich erklären zu können: »Schreiben Sie sofort meine Rechnung aus. Wir reisen heute nachmittag.« »Sehr wohl, Herr Salomon.« Der Kellner verbeugte sich. Salomon stand verdutzt da und begriff sich nicht. Was ist mit mir los? Wohin treibe ich? Eine ihm fremde Erregung teilte sich seinem Körper mit. Er trommelte mit den Fingern ein paarmal auf die Tischplatte, und dieses Geräusch machte ihn noch unruhiger. Er nahm Hut und Stock, ging eilends zum Friseur und ließ sich den Bart stutzen. Als er in das Hotel zurückkam, fragte er den Portier, ob ein Telegramm für ihn eingetroffen sei. Der verneinte höflich. »Ich erwarte auch kein Telegramm,« entgegnete Salomon mit sachlichem Ernst und stieg die Treppe hinauf, um Renette seinen Entschluß mitzuteilen. Der Portier schüttelte geringschätzig den Kopf. Ihn brachten derartige dumme Zwischenfälle nicht aus der Fassung. Er war an andere Dinge gewöhnt. Ein richtiggehendes Hotel war ja mehr oder weniger ein Irrenhaus für Passanten. »Es hat bei dem miserablen Wetter keinen Zweck, länger hier zu bleiben,« meinte Salomon, als er zu Renette wieder ins Hotel trat. »Es wird ungemütlich im Hotel. Wie wär's, wenn wir noch auf ein, zwei Tage nach Schandau gingen?« Renette lehnte ab. Ob er unerwarteter Weise geerbt hätte, daß er so mit dem Gelde um sich werfe. Salomon lachte gutmütig auf. »Ich bin, offen gestanden, auch nicht für Schandau. Und wenn es Dir recht ist, machen wir Schluß und reisen heute nachmittag ab.« Es schien ihm, als ob sie ihn mißtrauisch fixierte, und Salomon schnäuzte sich, weil dieser Blick ihm unangenehm war. »Wo warst Du denn solange?« fragte sie unvermittelt. »Ich sagte es Dir doch: beim Friseur, übrigens bin ich kaum eine halbe Stunde fort gewesen.« »Hast Du nicht auch mit Berlin gesprochen?« Die Röte stieg ihm ins Gesicht. »Ja, ich habe mit dem Geschäft gesprochen, seit wann spionierst Du hinter mir her?« »Was hat Artur gesagt?« erwiderte sie, ohne auf seine Frage zu achten. »Ich habe nur Trübsand gesprochen, Artur war auf der Bank, ich bitte Dich, Renette, bitte Dich, höre auf.« »Dann hat sie also unsere Rückreise bestimmt?« Er nahm ihre Hand. »Das ist ja Verfolgungswahnsinn! Zu Deiner Beruhigung: Weder Artur noch seine Frau haben eine Ahnung davon, daß wir heute reisen. Und hast Du Lust, können wir immer noch nach Schandau fahren.« »Nein, mein Lieber, ich will Dein Vergnügen nicht stören. Du sollst Deinen Tee heute abend in der Derfflinger-Straße trinken. Denkst Du, ich hätte nicht längst gemerkt, daß es Dir unter den Sohlen brennt?« »Schön, Renette, wenn Du es gemerkt hast, wollen wir kein Wort darüber verlieren, und ein Verbrechen ist es am Ende nicht, wenn ich mich nach den Kindern sehne.« Er ging zur Tür hinaus, ohne ihre Entgegnung abzuwarten. XIV. Während Salomons Abwesenheit hatte Tante Berta alle nur erdenklichen Versuche gemacht, sich Frau Agnes zu nähern. Und je erfolgloser diese Bemühungen waren, um so hartnäckiger wurden sie fortgesetzt. Die junge Frau Salomon ließ sich verleugnen, im Geschäft und in der Privatwohnung, sobald Frau Wachsmann sich nur blicken ließ. Sie konnte es nicht verwinden, daß sie der Schwiegermutter sekundiert und Salomon auf die Reise gehetzt hatte. Tante Berta war außer sich, und ihr Ärger wuchs, als sie hörte, daß Michalowskis in einem fort bei Salomons eingeladen waren. Endlich glückte es ihr, Artur zu erwischen. Ohne Umschweife ging sie auf ihr Ziel los. »Ich hätte es nicht für möglich gehalten,« sagte sie, »daß Deine Frau mich in dieser Weise behandeln würde. Und daß Du es duldest, ist das Schlimmste bei der Geschichte. Das haben wir nicht um Dich verdient. Wer nicht hält zur Mischpoche, an dem ist kein Masel Glück. und keine Broche Profit. . Nicht den Mund würde ich auftun, wenn ich mir irgendeines Unrechts bewußt wäre, aber einem den Stuhl vor die Tür setzen ...« Artur unterbrach ihren Redestrom. »Davon ist gar keine Rede,« entgegnete er ärgerlich, »und wenn Du es durchaus wissen willst, so sind wir allerdings über Dich verstimmt. Von meiner Frau und mir will ich gar nicht sprechen, aber Papa hat genug unter Mamas krankhafter Eifersucht zu leiden, und da mußt Du noch kommen und ihm Gott weiß was für Raupen in den Kopf setzen.« Tante Berta war feuerrot geworden. »Hat das Dein Papa behauptet?« fragte sie scharf. »Wir haben Papa seit Deiner Unterredung mit ihm weder gesehen noch gesprochen. Diese Tatsache seiner plötzlichen Abreise genügt uns.« Und nun schwor Tante Berta sämtliche Eide, erklärte, auf der Stelle versinken zu wollen, wenn sie auch nur die geringste Klatscherei angerichtet hätte. »Ich habe Salomon lediglich berichtet, wie es mit Deiner Mutter steht, das hat man davon,« sagte sie weinend und drückte sich das Schnupftuch vor die Augen. »Du magst in guter Absicht gehandelt haben,« antwortete Artur, »und dennoch hättest Du es bleiben lassen sollen. Man steckt seine Nase nicht in fremder Leute Angelegenheiten!« Frau Wachsmann fuhr in die Höhe. »Das ist ein starkes Stück, nimm es mir nicht übel, lieber Artur! Fremder Leute Angelegenheit nennst Du es, wenn ich sehe, wie meine leibliche Schwester drauf und dran ist, elend zugrunde zu gehen! Und eines Tages, das sage ich Dir, wirst Du deine Worte bitter bereuen. Denn, mein Junge: Blut ist kein Wasser, und eine Mutter bleibt eine Mutter, daran kann niemand rühren! Hast Du denn eine Ahnung, was mit ihr los ist? Sprich einmal mit Pulvermacher, dann wird Dir ein Licht aufgehen! Das Leben will sie sich nehmen! Und von mir verlangt man, daß ich den Mund halten soll.« Und nun heulte Tante Berta wie ein Schloßhund, daß Artur Not und Mühe hatte, sie zu beruhigen. Und nicht eher gelang es ihm, als bis er ihr fest versprochen hatte, sie bei Agnes wieder reinzuwaschen. »Man kommt sich ja wie ausgestoßen vor!« schluchzte sie beim Abschied. »Vor dem eigenen Manne muß man sich genieren!« Mit einem ironischen Lächeln hatte Agnes den Bericht über diese Unterhaltung entgegengenommen. »Weißt Du, ich will jetzt nicht persönlich werden, aber das ist die größte Gemeinheit, wenn die Weiber mit dem Selbstmord drohen. Man macht ein Ende, aber man annonciert es nicht.« Artur wurde heftig. »Auf Mama trifft das nicht zu. Und wenn sie vor Tante Berta sich hat hinreißen lassen, so muß es schon schlimm mit ihr bestellt sein. Ach, Agnesel, trotz allem, was sie Dir und auch mir angetan hat, jammert sie mich.« Agnes schwieg. Erst nach einer langen Weile sagte sie: »Du bist zehnmal gütiger als ich, wie gern möchte ich Dir folgen Und kann es nicht. Aber die Wachsmanns will ich in Gottes Namen wieder einladen, schon damit Tante Berta dem Papa nicht auf die Nerven fällt. Daß sie einen kleinen Denkzettel von uns erhalten hat, wird ihr, glaube ich, nicht schaden. Ich rufe sie nachher an und bringe die Geschichte ins Reine. Und jetzt gib mir einen Kuß. Salomon und Sohn sind die besten Menschen auf Gottes Erde. Nein, widersprich nicht! Ich weiß, was ich sage.« Und sie ließ sich von Artur küssen und erwiderte seine Liebkosungen auf eine sanfte, wohltemperierte Art. XV. Es kam eine Zeit, in der Agnes Salomon verstört und von innerer Unruhe gepeinigt ihre Tage und Nächte verbrachte. Sie sah elend aus, war nervös und gereizt. Wenn Mann und Schwiegervater sie ängstlich anschauten, steigerte sich ihre Qual, und wenn sie drängten, daß Pulvermacher gerufen würde, um sie gründlich zu untersuchen, geriet sie in einen Zustand leidenschaftlicher Erregung. Aber eines Tages war der Doktor plötzlich da und ließ sich trotz allem Sträuben nicht abweisen. Artur mußte allein ins Geschäft gehen, und Pulvermacher nahm Frau Agnes' Hand und sagte väterlich: »Jetzt stört uns keine Seele, wir können uns in aller Ruhe einmal aussprechen.« Sie lachte höhnisch auf, daß er erschreckt zusammenzuckte. »Was haben Sie denn?« fragte er kleinlaut. Sie trat ganz dicht an ihn heran. »Ein Kind habe ich,« erwiderte sie trocken. Ein paar Sekunden blieb ihm das Wort in der Kehle stecken. Dann aber begann sein Gesicht zu strahlen. Und indem er sich beständig die Hände rieb, polterte er: »Hab' ich mir doch gedacht, hab' ich mir doch gleich gedacht! So ein Frauchen, so ein Frauchen! Führt die ganze Familie aufs Glatteis! Die Salomons werden vor Freude sich nicht lassen können, Luftsprünge werden sie machen. Und Sie, freuen Sie sich denn gar nicht ein bißchen?« Sie schüttelte den Kopf. »Ich freue mich nicht.« Ihre Züge schienen starr und ihre Lippen waren so fest aufeinander gepreßt, daß sie eine einzige, feine Linie bildeten. Pulvermacher wurde tief traurig, und in sein altes Gesicht trat ein kummervoller, höchst bedenklicher Ausdruck. »Ich werde irre an Ihnen. Wie kann man sich nur so versündigen! Ahnen Sie denn, wie süß so ein Kindchen ist, wie es im Hause erst lebendig wird, wenn sein Lachen und Weinen durch alle Wände dringt? Was machen Sie denn für eine sauertöpfische Miene! Die Brust müßte Ihnen vor Wonne springen. Statt dessen tun Sie, als wäre Ihnen ein Schiff untergegangen. Ach, Frau Salomönchen, soll denn dieses Haus ganz freudlos werden? Denken Sie denn gar nicht an Artur und Ihren Schwiegervater? Ich sollte meinen, Sie haben eine doppelte Pflicht, für neues Leben zu sorgen. Tragen Sie das Kind mit Stolz, und ist es ein Bübchen ...« »Hören Sie auf, Pulvermacher, ich halte es nicht aus. Lassen Sie mir Zeit, mich darein zu finden! Was wissen Sie, was wißt Ihr alle, wie es in mir ausschaut! Ziehen Sie das Gesicht nicht in tausend Falten, es kleidet Sie nicht; und auf ein Haar gleichen Sie dem ewigen Juden, ich wenigstens stelle ihn mir so vor.« Pulvermacher grinste. »Gott sei Dank, daß Sie wieder fröhlich werden!« »Doktor, beinahe hätte ich mich an Ihnen versehen!« Pulvermacher atmete befreit auf. »Wenn Sie Witze reißen, Frau Salomönchen, gefallen Sie mir tausendmal besser.« Ihre Miene umdüsterte sich wieder. Sie nahm seine Hand. »Sie dürfen vorläufig nichts verraten,« brachte sie gedrückt hervor, »geben Sie mir Ihr Wort darauf.« »Bin ich ein Schuft?« fragte Pulvermacher, »nur aus Ihrem Munde dürfen Salomons es erfahren, das ist doch selbstverständlich. Aber zögern Sie nicht zu lange damit. Den beiden Männern tut eine Gemütsauffrischung wirklich not.« Er wollte noch etwas hinzufügen, unterdrückte es jedoch rasch. Sie hatte es im Nu bemerkt. »Sie haben noch etwas auf der Zunge, Doktor!« »Hatte, Frau Salomon. Gott sei Dank, daß es nicht dem Gehege der Zähne entsprungen ist. Man soll nicht alles ausplappern. Und nun Kopf hoch und das Herz geöffnet, weit geöffnet. Man freue sich, man hat allen Grund dazu.« Er erhob sich und reichte ihr die Hand. »Wissen Sie, wer sich nicht freuen wird?« Er zuckte die Achseln. »Es gibt noch jemanden, der sich nicht freuen wird, glauben Sie es mir!« Er hatte sie verstanden. »Im Gegenteil,« erwiderte er lebhaft. »Wenn die alte Frau etwas kurieren kann, so ist es dies.« »Warten wir es ab,« gab sie einsilbig zurück. Das Mädchen kam herein und meldete, daß Herr Artur Salomon seine Frau zu sprechen wünsche. »Ach, Pulvermacher, gehen Sie ans Telephon und sagen Sie ihm, daß er sich keine Sorgen zu machen brauche. In einer Stunde bin ich im Geschäft.« Pulvermacher verabschiedete sich. Eine Weile stand sie bewegungslos da. Dann überfiel sie plötzlich eine solche Schwäche, daß sie sich nur mühsam in ihr Bett schleppen konnte. Es war ganz still, kein Laut drang zu ihr, sie hatte das Gefühl des Zusammenhangs verloren, wie ausgeschaltet kam sie sich vor. Erst ganz allmählich regte sie sich wieder. Ich will kein Kind. Warum will ich kein Kind? Weshalb bin ich ohne Macht und Willen?! Sie zog die Decke über die Schulter, sie fror. »Was wünschen Sie?« schrie sie das Mädchen an, die zum zweitenmal die Tür öffnete. »Der alte Herr Salomon fragt, ob Sie noch zu Hause wären. Wollen gnädige Frau selbst ...« Sie warf rasch den Morgenrock über. »Ja, ich bin am Telephon; Agnes Salomon!« Und Salomon sagte mit seiner tiefen Stimme: »Gottlob, Pulvermacher hat uns völlig beruhigt. Kommst Du denn nicht ins Geschäft? Wir warten schon mit dem Frühstück auf Dich, ohne Dich schmeckt es uns nicht. Aber wenn Du Dich abgespannt fühlst ...« »Nein, Papa, in zwanzig Minuten bin ich da. Ich riskiere ein Auto.« Bei Salomons Stimme war Angst und Alb von ihr gewichen. Sie klingelte dem Mädchen. »Telephonieren Sie nach einem Auto!« In wenigen Sekunden war sie fix und fertig. Als sie im Wagen saß, fiel ihr ein, daß sie in ein paar Monaten nicht mehr würde ins Geschäft gehen können. »Auch das noch!« murmelte sie vor sich hin. Sie würde es ja nicht aushalten ohne das Geschäft. Vater und Sohn empfingen sie mit überströmender Herzlichkeit. »Ihr tut ja geradeso, als wenn ich vom Tode auferstanden wäre.« Sie erschrak, daß ihr die Wendung vom Tode entschlüpft war. Vielleicht ist dies das Ende, fuhr es ihr durch den Kopf, und die alte Frau ist von mir befreit. Salomon öffnete eine Flasche süßen Ungarweins und füllte die Gläser. »Auf Dein Wohl, Du sollst leben, Agnes Salomon!« Sie blinzelte ihn mißtrauisch an. Sollte Pulvermacher doch aus der Schule geplaudert haben? Ausgeschlossen. Artur stieß mit ihr an und küßte sie, und dann nahm Salomon sie zärtlich in die Arme und sagte nichts weiter als: »Mein geliebtes Kind!« Ihr Körper gab nach, und eine Sekunde ließ sie ihre ganze Last auf ihm ruhen. Dann ging sie mit einer entschlossenen Bewegung auf Artur zu. »Warum seid Ihr denn so gerührt, ich geniere mich ja ordentlich.« »Ach, Agnesel, Du ahnst ja nicht, in was für Sorge wir um Dich gewesen sind. Und als Pulvermachers Untersuchung gar kein Ende nehmen wollte, bildeten wir uns das Schlimmste ein.« Soll ich es ihnen sagen? schoß es ihr plötzlich durch den Kopf, erfahren müssen sie es doch einmal. Sie packte Artur bei den Schultern und führte ihren Mund an sein Ohr. Er taumelte zurück. Einen Moment waren seine Züge unentwirrbar, er schien die Größe seines Glückes nicht fassen zu können. Sein Auge bekam etwas Starres. Dann aber kam ein Rausch über ihn. Er konnte die Tränen nicht zurückhalten. Und während er sich beugte, um ihre Hand zu küssen, weinte er unhörbar. Da hatte Salomon begriffen. Auch in ihm ging etwas Ungewöhnliches vor. Sein breiter Brustkasten hob und senkte sich, und sein Atem hatte etwas Mächtiges. – – – Am liebsten hätten die beiden Salomons Agnes sofort in Watte gepackt und ins Bett gesteckt, um sie bis zu ihrer schweren Stunde vor jedem Schritt und Tritt zu bewahren. Agnes hatte alle Mühe, sich vor dieser Übersorge zu schützen. »Ihr werdet aus Euch und mir noch lächerliche Figuren machen, nehmt Euch doch ein bißchen zusammen.« Und wenn Pulvermacher nicht energisch Einspruch erhoben hätte, so würde Artur darauf bestanden haben, daß sie nur noch im Wagen führe, oder von der Wohnungstür bis zum Geschäft in einer Sänfte getragen würde. Er war tatsächlich wie aus dem Häuschen. Jedem, der es hören wollte, flüsterte er es unter dem Siegel des Geheimnisses vertraulich ins Ohr. Dabei hatte er eine bedeutsame, selbstbewußte Haltung angenommen, und seine Miene hatte etwas Feierliches. »Wenn der einen Jungen kriegt, schnappt er über,« hatte Trübsand erklärt. Und Fräulein Traube, die Agnes nicht mehr riechen konnte, wollte jede Wette machen, daß es ein Mädchen würde. Artur hatte sich auch mit Pulvermacher in Verbindung gesetzt und von ihm genaue Vorschriften erbeten, wie er sich von nun ab in dem ehelichen Zusammenleben zu verhalten habe. Pulvermacher hatte über den guten Jungen lächeln müssen. »Stellen Sie die Dinge nicht auf den Kopf, Artur, Sie tun ja gerade so, als ob das Kindermachen seit gestern erfunden sei. Ich kann Ihnen versichern, es ist eine ziemlich alte Angelegenheit.« Diese Antwort kränkte ihn tief, und aus dieser Stimmung heraus äußerte er zu seinem Vater, er habe das Empfinden, daß Pulvermacher doch schon ein bißchen veraltet sei, und ob man nicht der Vorsicht halber noch einen jüngeren Arzt heranziehen solle. Salomon riet dringend ab. Mit einer Geduld ohnegleichen hörte er Arturs Klagen und Besorgnisse an, die von Tag zu Tag ins Ungeheuerliche wuchsen. Kein Mensch hätte sich in seiner Gegenwart auch nur versteckt über ihn lustig machen dürfen. Für jede Regung Arturs hatte Salomon ein Begreifen, für jede Unbegreiflichkeit von ihm ein nachsichtiges Verstehen. Niemand sah das besser und schärfer als Agnes, die Salomon bis in die Wurzeln seines Wesens zu erkennen, seine Beweggründe zu spüren glaubte. Und wenn sie das Übermaß von Arturs täppischer Vaterfreude wortlos, fast stumm über sich ergehen ließ, so kostete sie Salomons ritterliche, behutsame und dabei humorige Art, sie zu behandeln, um so intensiver aus. Auf die alte Frau Salomon hatte die Kunde von dem zu erwartenden Familienereignis wie ein neuer Schlag gewirkt. Sie sprach mit niemanden darüber, nur zu Tante Berta hatte sie geäußert: »Im vierten Monat läßt sie sich großartige Anstandskleider machen, damit nur ja alle Welt merkt, was los ist!« Frau Wachsmann hatte geschwiegen, sie verspürte keine Lust, sich ein zweites Mal den Mund zu verbrennen und es mit den jungen Salomons zu verderben. Sie wußte jetzt, aus welcher Richtung der Wind pfiff. Es sollte sich übrigens noch ein Vorfall ereignen, aus dem sie erkannte, bis zu welchem Grade Zurückhaltung geboten war, wollte man mit beiden Parteien auf leidlichem Fuße stehen. Unglücklicherweise begegnete ihr und Renette auf dem Vormittagsspaziergang eines Tages Agnes Salomon, ein Ausweichen war unmöglich, und nun geschah es, daß die junge Frau sich einen Ruck gab und auf die Schwiegermutter zutrat. Sie dachte an ihren Mann und dachte an Salomon. Und vielleicht war es ein von Gott gewollter Zufall, eine letzte Möglichkeit, um den unseligen Riß zu kitten. »Ich wollte längst zu Ihnen,« sagte sie, »und habe es immer wieder verschoben aus Gründen, die Sie verstehen müssen, jetzt aber ...« Sie kam nicht weiter. »Ersparen Sie sich die Mühe,« unterbrach sie die alte Frau, »wir beide, denke ich, haben nichts miteinander zu schaffen.« Agnes Salomon verfärbte sich, und Tante Berta stand in tödlicher Verlegenheit zwischen den beiden feindlichen Parteien. »Danke,« brachte Frau Agnes mühsam hervor. »Adieu, Tante Berta.« Sie reichte Frau Wachsmann die Hand, die in den Boden hätte versinken mögen, und eilte davon. »Renette, was hast Du angerichtet! Wie konntest Du sie, und noch dazu in diesem Zustande, so behandeln?« »Glaubst Du, daß es gesessen hat?« stieß die alte Frau hervor, und eine wilde Freude funkelte aus ihren Augen. »Ob es gesessen hat? Die größte Angst habe ich, daß ihr die Aufregung schaden wird. Und was wird Dein Mann, und was wird Artur dazu sagen, wenn sie davon hören?« »Laß das meine Sorge sein, zerbrich Dir den Kopf deswegen nicht. Haben die gefragt, wie mir zumute war?« Nachdem Frau Wachsmann sich von ihrer Schwester getrennt hatte, ging sie, ohne sich zu besinnen, in die erste beste Konditorei und rief Agnes Salomon an, um sich nach ihrem Befinden zu erkundigen. Die junge Frau schien sich über ihre Teilnahme aufrichtig zu freuen. Nichts sei ihr passiert, sie habe sie auch gerade anrufen und bitten wollen, reinen Mund zu halten. Wozu die Männer in die fatale Angelegenheit hineinziehen! Tante Berta war sehr gerührt und versprach es feierlich. Und sehr gehoben trat sie den Heimweg an. Diesmal würde Simon gewiß nicht schimpfen, die dumme Geschichte von damals hatte sie wettgemacht. Sie begeisterte sich von neuem für Agnes Salomon. Tadellos hatte die sich benommen. Und daß die arme Renette ihren Klapps weg hatte, daran zweifelte sie nicht mehr. XVI. Nur mit Mühe und Not konnte Agnes im Verein mit Schwester Gustl Artur davon abhalten, mitten in der Nacht Pulvermacher aus dem Schlaf zu wecken. Die Schwester mußte hoch und heilig versichern, daß das Kind frühestens am Abend des folgenden Tages da sein würde, und daß es gegen allen Sinn und Verstand wäre, den Arzt so frühzeitig zu zitieren. Bei jeder Wehe wurde Artur unruhiger, und wenn Agnes, die jeden Schmerzenslaut zu unterdrücken suchte, sich auf die Seite warf, stand er Höllenqualen aus. Die Schwester mußte ihre ganze Energie aufbieten, um ihn zur Vernunft zu bringen. Schließlich sagte sie in einem Tone, dessen Entschiedenheit Artur einschüchterte: »Herr Salomon, wenn Sie es so weiter treiben, müssen Sie aus dem Zimmer. Sie schaden ja der Wöchnerin.« Artur war tief gekränkt, setzte eine beleidigte Miene auf, verhielt sich eine Weile still. Dann begann er von neuem zu toben. Er rief Schwester Gustl beiseite, und mit einer Stimme, die vor Erregung bebte, erklärte er: »Sie mögen ja gewiß in diesen Dingen eine größere Erfahrung haben als ich; trotzdem muß ich darauf bestehen, daß zum mindesten die Hebamme sofort gerufen wird.« »Es hat wirklich keinen Zweck,« antwortete sie. »Aber wenn es Sie beruhigt, rufen Sie in Gottes Namen an.« Ja, das wollte er unbedingt tun, und Artur ließ sogleich eine Nachtverbindung herstellen und beschwor Frau Werkmeister, sofort zu kommen. Eine halbe Stunde verstrich, die er mit allen erdenklichen Mitteln totzuschlagen suchte. Erst griff er nach einem Buch und begann krampfhaft zu lesen, bis er merkte, daß er nicht einen Satz in sich aufzunehmen vermochte. Dann fing er leise zu pfeifen an, hielt nach den ersten Tönen erschreckt inne und schlug sich an die Stirn. War er denn blödsinnig geworden, sie lag in Schmerzen, und er pfiff. Nun zählte er hartnäckig von eins bis tausend. Und als Frau Werkmeister immer noch nicht kam, lief er die Treppe hinunter, in der Absicht, sie zu holen. Gerade als er die Haustür aufschloß, sah er eine Gestalt mit einer, unförmlich großen Tasche um die Ecke huschen. Es war die Hebamme. Er atmete erleichtert auf, obwohl er nicht fassen konnte, daß sie in so gemächlichem Tempo ihres Weges ging. Am liebsten hätte er sie angefahren, aber im rechten Augenblick besann er sich noch. Wie konnte er es sich nur einfallen lassen, eine so wichtige Persönlichkeit in üble Laune zu bringen. Und katzenfreundlich sagte er: »Gelobt sei Gott, daß Sie da sind! ich sterbe ja vor Angst.« Frau Werkmeister entgegnete trocken: »Das ist ganz nebensächlich, Herr Salomon, mich interessiert lediglich, wie sich Ihre Frau befindet. Im übrigen stirbt man nicht vor Angst, und wenn das zweite kommt, werden sie schon ruhiger sein.« Artur wurde blaß. Die Frechheit dieser Person überstieg seiner Ansicht nach alle Grenzen. Und dazu mußte man schweigen, mußte diese Unverschämtheit hinunterschlucken. Er berichtete kurz, während sie die Treppe hinaufstiegen. »Das ist doch ganz natürlich«, knurrte Frau Werkmeister, »und kein Grund, einen unnötigerweise um seine Nachtruhe zu bringen.« Sie trat in das Zimmer der Wöchnerin. Artur drückte sich beiseite. Nachdem sie Frau Salomon untersucht hatte, warf sie ihm einen vernichtenden Blick zu, in dem all ihre Verachtung sich entlud. »Heute nachmittag schaue ich wieder nach dem Rechten,« meinte sie und wollte sich entfernen. Artur beschwor sie, es käme ihm auf einen Fünfzigmarkschein mehr oder weniger nicht an, nur sollte sie so lange bleiben, bis Pulvermacher dagewesen sei, später als halb Neun würde es keinesfalls werden. Und zur Bekräftigung seiner Worte zog er seine Brieftasche und drückte ihr einen Schein in die Hand. Die Mädchen schliefen. Frau Werkmeister ging mit Seelenruhe in die Küche und kochte sich einen starken, frischen Kaffee, und zu Schwester Gustl, die ihr gefolgt war, sagte sie: »So eine Mannsperson ist doch was furchtbar Komisches! Das jammert und spielt sich auf, als ob's selber dran glauben müßte.« Schwester Gustl versuchte zu begütigen. »Es nimmt ihn schon gehörig mit,« sagte sie leise, aus Angst, Artur könnte ihnen nachgeschlichen sein. »Aber gerechter wäre es schon, wenn Mann und Frau mit dem Kinderkriegen abwechselten.« Punkt einhalb Neun kam Pulvermacher, stellte ein paar sachliche Fragen und schickte alsdann zu Arturs größtem Ärger Frau Werkmeister wieder nach Hause. »Machen Sie den Schimmel nicht scheu, lieber Artur. Sie werden sich lange gedulden müssen. Wenn Sie mir folgen, gehen Sie noch auf ein paar Stunden ins Geschäft.« Dabei steckte er sich eine Zigarre an und machte sich ebenfalls auf den Weg. Artur dachte nicht daran, diesen Rat zu befolgen. Er klingelte den Papa an und teilte ihm voller Erregung mit, daß es begonnen habe. Pulvermacher und die Hebamme seien allerdings wieder fortgegangen, würden jedoch auf telephonischen Anruf zur Stelle sein, selbstverständlich müsse er zu Hause bleiben. Salomon antwortete, daß er gegen Mittag auf einen Sprung heraufkommen würde, er bat, ihn auf dem laufenden zu halten und tausend Grüße an Agnes zu bestellen. Um zwölf Uhr erschien Frau Michalowski, und eine halbe Stunde später trat Tante Berta ein, die höchst unangenehm berührt war, daß die Michalowski ihr den Rang abgelaufen hatte, sie empfand es geradezu als eine Aufdringlichkeit. Die beiden Frauen wollten durchaus einen Moment Agnes sehen, aber da waren sie bei Schwester Gustl an die falsche Adresse geraten. Trotz ihrem Widerspruch mußten sie sich mit Artur ins Herrenzimmer begeben, damit die Wöchnerin ihre Ruhe hätte. Nun kramten sie vor ihm ihre Altweiberweisheit aus, kritisierten die Schwester, die gar keinen guten Eindruck mache, wunderten sich über Pulvermacher, daß er die Hebamme wieder weggeschickt habe, erkundigten sich, ob hinreichend für warmes Wasser gesorgt sei, und stellten auch sonst noch tausend einschlägige Fragen, daß Artur himmelangst und bange wurde, es könnte irgend etwas versäumt worden sein. Die beiden Damen wetteiferten förmlich, ihm durch ihre Sachkenntnis zu imponieren, ohne darauf zu achten, daß der arme Mensch immer blasser wurde. Und plötzlich kam Schwester Gustl herein und sagte, sie sei jetzt doch dafür, daß Pulvermacher und die Hebamme gerufen würden. Artur glaubte, das Herz stünde ihm still. »Ist etwas passiert?« hauchte er. »Gar nichts ist passiert,« antwortete Schwester Gustl, »nur die Wehen werden häufiger und heftiger, ganz wie es sich gehört, darum ist es Zeit, Anstalten zu treffen.« Artur stürzte ans Telephon, bat Pulvermacher mit weinender Stimme, sich ein Auto zu nehmen, und Frau Werkmeister versprach er goldene Berge, wenn sie auf der Stelle sich auf die Beine machte. »Spätestens in einer halben Stunde werden sie da sein,« meldete er den Frauen, als er wieder das Zimmer betrat. Jede Muskel seines weichen Gesichtes war gespannt. Trotz seiner Erregung und Erschütterung fühlte er sich in diesem Augenblick als höchst bedeutsame Figur. Es klingelte, und Salomon erschien. Er drückte Artur stumm die Hand. »Du bist ja eiskalt,« sagte er, »und angerufen hast Du auch nicht, wie steht es denn?« Artur schrumpfte in sich zusammen. »Weiß man's denn?« erwiderte er jämmerlich, »wenn nur schon Pulvermacher und die Hebamme da wären. Aus der Schwester kriegt man ja kein vernünftiges Wort heraus.« Die Frauen hatten ebenfalls feierliche Mienen aufgesetzt. »Es ist eine unausstehliche Person,« bekräftigte Tante Berta. Mit einem: »Entschuldigt mich eine Sekunde!« eilte Artur wieder hinaus. An der Tür von Agnes' Schlafzimmer lauschte er mit verhaltenem Atem. Seine Züge verzerrten sich, es waren qualvolle Laute, die zu ihm drangen. Er verwünschte Pulvermacher und schalt sich selbst auf das heftigste, daß er nicht seiner ersten Eingebung gefolgt und noch einen jüngeren Gynäkologen hinzugezogen hatte. Er schreckte auf. Wie aus der Erde gestampft, ohne daß er vorher einen Schritt, ein Geräusch, ein Klingeln vernommen hatte, standen Pulvermacher und die Hebamme vor ihm. »Da drinnen ist ja eine Kaffeegesellschaft versammelt,« brummte Pulvermacher unwirsch, während er ihn beiseite schob und sich zu Agnes begab. Frau Werkmeister folgte, und Artur schlich hinter ihnen her. Die junge Frau quälte sich zum Entsetzen, als ihr Blick Artur traf, hätte er aufheulen mögen. »Lassen Sie uns jetzt allein,« sagte Pulvermacher. Artur sah ihn flehentlich an. »Nur ein Wort: wie steht es?« »Vorläufig scheint alles normal.« Dabei klopfte er ihm auf die Schulter. »Ist der Papa da?« fragte Agnes mit mühsamer Stimme, und Artur nickte beim Hinausgehen. Die Hebamme blickte Pulvermacher unsicher an, und auch der schien aus seinem Gleichgewicht geraten zu sein, und als Agnes sich stöhnend umwandte, flüsterte er ihr etwas ins Ohr. Wieder verrann eine Stunde. Die alte Frau Jung hatte sich inzwischen eingefunden, niemand wußte, wer sie verständigt hatte. »Es ist ja gerade wie bei einer Leichenfeier,« meinte sie geräuschvoll, »und was man jetzt für ein Wesen bei so einer Entbindung macht, das kannte man früher gar nicht; wo hätte ich mir einen Arzt leisten können!« Artur hielt sich die Ohren zu. »Um Gottes willen, Frau Jung, hören Sie auf, ich ertrage das nicht!« Wenn ich sie nur beim Kragen nehmen und hinauswerfen könnte, dachte er im stillen. Die Tanten suchten zu beschwichtigen. Unerwartet tauchte Pulvermacher auf. Es wurde totenstill. Er winkte den beiden Salomons. Draußen sagte er ohne Umschweife: »Die Lage des Kindes ist nicht sehr glücklich, der Vorsicht halber möchte ich Geheimrat Bumm hinzuziehen. Einen Grund zur Besorgnis sehe ich im Augenblick nicht, also wenn Sie einverstanden sind ...« Salomon ließ ihn nicht ausreden, er drängte ihn zum Telephon. »Darf ich einen Moment zu ihr?« Pulvermacher bejahte. Und nun standen Vater und Mann an ihrem Bett. Sie nahm von beiden die Hände, und mit übermenschlicher Anstrengung zwang sie sich ein Lächeln ab, dabei senkte sich ihr Auge in das Salomons, und etwas Unergründliches schien in ihr vorzugehen, eine neue Wehe übermannte sie, sie ließ Arturs Hand fallen und klammerte sich an Salomon. Schwester Gustl und die Hebamme traten dazwischen und nötigten die Männer, das Zimmer wieder zu verlassen. Pulvermacher kam ihnen aufatmend entgegen. »Wir haben Glück, der Geheimrat kann in einer halben Stunde da sein, ich habe ihn gerade im richtigen Moment erwischt.« Und in der Tat, es waren noch keine zwanzig Minuten verstrichen, als ein Auto vor dem Hause hielt, und gleich darauf trat der Professor über die Schwelle. Arturs Aufregung hatte ihren Höhepunkt erreicht. Er durchmaß mit lächerlich kleinen Schritten das Zimmer. Die Frauen flüsterten, Salomon stand am Fenster und hatte das Gesicht an die Scheibe gedrückt. Die Minuten dehnten sich endlos. Zuweilen unterbrach Artur seinen Gang und horchte, dann hörte wie mit einem Schlage das Geflüster der Frauen auf, und aller Augen wandten sich unwillkürlich zur Tür. Und jetzt wurde sie wirklich geöffnet. Schwester Gustl steckte ihren Kopf hinein. »Darf ich die Herren einen Moment bitten.« Draußen stand Pulvermacher mit einem Armsündergesicht da, neben ihm der Geheimrat in Hemdsärmeln. »Ich muß sie leider darauf vorbereiten,« begann der Geheimrat, »daß wir das Kind opfern müssen, da sonst die Mutter aufs äußerste gefährdet ist.« Artur war weiß wie ein Linnen geworden, und Salomon spürte, wie er plötzlich in den Knieen schwach wurde. Wie auf ein verabredetes Zeichen nickten beide Salomons lautlos; kein Wort kam über ihre Lippen. Salomon führte seinen Sohn in das Eßzimmer, dort brach Artur auf einem Stuhl zusammen, ließ seinen Kopf auf die Tischplatte sinken und weinte wie ein Kind. Auf Salomons Zügen lag ein großer Ernst. Er rührte sich nicht. Dann sprang Artur in die Höhe und rang die Hände. Er fing plötzlich zu beten an: »Gott, mein Gott, erhalte sie am Leben, nimm sie nicht von mir ...« Salomon wischte sich den Schweiß von der Stirn. Er rief das Mädchen herein und ließ den Frauen bestellen, sie sollten unverzüglich nach Hause gehen. Er lauschte in starrer Haltung. Erst als er auf dem Korridor Schritte vernahm und bald darauf die Entreetür zuschlagen hörte, setzte er sich. Die Dunkelheit zog herauf, und die Salomons verschwammen mit der Dämmerung. Als sie endlich gerufen wurden, war alles vorüber. Der Geheimrat drückte Artur die Hand: »Danken Sie Gott, daß Ihre Frau mit dem Leben davongekommen ist.« Er empfahl sich kurz. Agnes winkte ihrem Mann, er mußte sich zu ihr beugen, sie küßte ihn auf die Stirn. Salomon wandte sich ab, er konnte ihren Blick nicht ertragen. »Papa,« rief sie leise. Ihr Mund hatte sich jammervoll verzogen. Sie nahm seine breite große Hand und führte sie an ihre Lippen. XVII. Wenn es nach den geheimsten Wünschen der alten Frau Salomon gegangen wäre, hätte Gott den Knoten anders lösen müssen. Warum war das unschuldige kleine Wesen zum Opfer gefallen? Hätte nicht dieses unselige Frauenzimmer gehen können? Dann wäre Frieden gewesen, und das verschandelte Leben hätte nach all dem Elend wieder einen Sinn bekommen. Nein, auch das mußte sie einem antun, damit der Becher nur ja bis zum Rande gefüllt würde. »Nun siehst Du,« sagte sie zu Frau Wachsmann, »daß auf der Ehe kein Segen ruht, daß ich mit jedem Wort recht hatte.« Tante Berta schüttelte heftig den Kopf. Nein, da konnte sie nicht mit! Diese grausame Art, die Dinge zu betrachten und alle Schuld auf Agnes zu bürden, lehnte sie ab. »Gewiß ist es ein Unglück,« erwiderte sie, »niemand wird es leugnen. Aber was kann die arme Person dafür, und wieviel Frauen haben vor ihr das gleiche durchmachen müssen! Mir tut sie schrecklich leid, und wenn ...« Frau Salomon unterbrach sie: »Laß mich mit Deinem Rachmonis Mitleid. ungeschoren, tausend Fälle gehen glatt, ausgerechnet muß das Malheur meinem Artur zustoßen. Leid tut sie Dir! Sei bedankt für Dein gutes Herz. Ich brauche mir meinen Jungen nur anzuschauen, und die Galle geht mir über. Was hat sie aus dem gemacht?« »Einen glücklichen Menschen,« entgegnete Tante Berta. Frau Salomon lachte grell auf: »Du hast eine Ahnung, Du verstehst Dich auf die Menschen, das muß Dir der Neid lassen. Das eine kann ich Dir sagen: in einer guten Haut steckt mein Artur nicht, mir wird niemand erzählen, wie es in seinem Innern aussieht. Und wenn er heute noch einmal vor der Entscheidung stünde, ach, was hat es für einen Zweck, darüber zu reden, und wenn ich mit dem Kopf durch die Wand gehe, ich kann es nicht ändern. Er muß die Suppe auslöffeln, die er sich eingebrockt hat.« Ein trostloser Ausdruck umschattete ihr Gesicht. »Nichts ändern können, siehst Du, das ist es,« stieß sie nach einer Weile hervor, »was einen verrückt macht! Meinst Du,« setzte sie tonlos hinzu, »ich wüßte nicht, wie es mit mir steht?« Und plötzlich brüllte sie laut auf: »Um den Verstand haben sie mich gebracht, einsperren werden sie mich, weil ich meine fünf Sinne nicht mehr zusammenhalten kann. Mitleid soll ich mit der haben? Weil sie mich zugrundegerichtet hat? Weil sie mich ratzekahl bestohlen hat, daß der letzte Schnorrer mehr besitzt als ich? Nein, meine Liebe, krepieren kann sie von mir aus! Und wenn sie vor meinen Augen ertränke, und ich könnte sie retten, indem ich ihr die Hand entgegenstreckte, einen. Fußtritt gäbe ich ihr obendrein und schrie: ›Ersauf', Du Luder!‹ Und glaube mir, Berta, das wäre nach Jahr und Tag die erste Stunde, in der ich mich wieder wohl fühlen würde!« Frau Wachsmann erwiderte kein Wort. Was hätte sie auch sagen sollen! Gott allein mochte wissen, was aus der armen Renette noch würde. In tiefer Nachdenklichkeit machte sie sich auf den Heimweg. Ihr Gesicht war so versorgt, daß Simon Wachsmann bei ihrem Eintritt ängstlich die große Pfeife aus dem Munde nahm. »Was ist denn wieder los?« fragte er ärgerlich. »Man kommt ja aus dem Zores Kummer, Ärger. gar nicht mehr heraus.« Und Berta erwiderte: »Bei Renette ist nun tatsächlich eine Schraube los, und wenn das so weiter geht, erleben wir noch etwas. So eine Härte und Unversöhnlichkeit, so einen Haß gibt es nicht zum zweiten Male in der Welt. Agnes möchte sie am liebsten vergiften. Du wirst sehen, es nimmt einen bösen Zoff Schluß, Ende. .« Der kleine Herr Wachsmann reckte sich. Seine Augen glänzten vor unbarmherziger Schadenfreude. »Siehst Du,« entgegnete er, »früher hast Du die Mischpoche beneidet, und heute möchtest Du mit ihr nicht tauschen! Wie haben sich die Leute aufgespielt, und wie schofel haben sie sich uns gegenüber benommen. Was für Geschäfte hätte ich machen können.« »Ach, Wachsmann, hör' von Deinen Geschäften auf, mir wird übel, wenn ich nur daran denke! Und auf Salomons zu schimpfen haben wir gewiß keinen Grund. Erinnere Dich nur, wie oft sie uns aus der Patsche geholfen haben! Wann hat Salomon uns je im Stich gelassen? Unter vier Augen, Simon: wie wohl wäre uns, wenn wir das besäßen, was Du verposamentiert hast!« Wachsmann hatte einen roten Kopf bekommen: »Was weißt Du von meinen Ideen?! ...« XVIII. Artur Salomon war seit seinem Unglück ein anderer Mensch geworden. Er war, wie viele Juden seiner Generation, von Hause aus eine schwermütige Natur. Mitten in Wohlhabenheit und Reichtum groß geworden, hatte er allmählich den Glauben an alles Wirkliche und Geheimnisvolle verloren. Er war in sich so müde und stumpf geworden, daß ihm jede Betätigung ebenso sinnlos erschien wie der Gedanke an höhere Kräfte, die in unser Dasein eingriffen und über seine Endlichkeit hinaus es bestimmen. Da hatte Agnes Jung seinen Weg gekreuzt, und plötzlich waren alle schlummernden Kräfte seines Leibes und seiner Seele in Aufruhr geraten. Er hatte sich gegen Vater und Mutter empört und war sich bewußt geworden, daß in ihm ein Wille lebte. Und nachdem Agnes Jung endlich die Seine geworden war, kam über ihn eine tiefe Lebensfreude, die das Kümmerliche, Kleinmütige und Zweifelsüchtige in ihm zu überwinden und Raum für ungeahnte Energien zu schaffen schien. Erst im Laufe der Zeit hatte der alte Salomon dunkel begriffen, daß Arturs Neigung zu Agnes Jung auf dem Boden eines ungeheuren jüdischen Grams gewachsen war, daß dahinter nicht nur körperliche Sehnsucht gestanden hatte, sondern Trieb der Selbsterhaltung, Drang, an das Ufer zu gelangen, festen Boden unter die Füße zu bekommen. Und ein unheimlich sicherer Instinkt hatte Artur bei seiner Begegnung mit Agnes Jung gesagt: Das ist der gesunde, starke Mensch, der dich von deinen Traurigkeiten heilen, dir helfen kann, Herr deiner eingeborenen Melancholie und deines Lebensüberdrusses zu werden. Lächerlich anzunehmen, daß sich dies bei ihm zu einer klaren Vorstellung verdichtet hätte, Klarheit des Denkens war nicht seine starke Seite. Aber gefühlsmäßig war er davon durchdrungen, daß diese Frau nicht mehr und nicht weniger als seine Rettung bedeutete. Vielleicht war das auch der tiefste Grund für die Erkrankung der alten Frau Salomon: Sie spürte im Innersten und konnte es nicht verwinden, daß sie letzte Hilfe, die ihrem Jungen nottat, nicht zu bringen vermochte. Kein stärkerer Stoß hätte ihre eifernde Liebe treffen können. Als Arturs heißester Wunsch sich dann zu erfüllen schien, schwoll sein Selbstgefühl gleichsam an. Jetzt erst war er von seiner Existenzberechtigung überzeugt. Was verschlug es ihm, ob er sich lächerlich machte oder nicht! Jedem, der ihm begegnete, mußte er es ins Gesicht schreien: »Wissen Sie es denn schon, meine Frau kriegt ein Kind!« Und dabei strahlte seine Miene, und er merkte nicht einmal, eine wie rührende und zugleich komische Figur er mit diesem Bekenntnis machte. Das Kind war für ihn eben nicht nur das Kind. Gott hatte ihm in unendlicher Güte bewiesen, daß er, Artur Salomon, nicht umsonst in die Welt gestellt war. Sein Dasein hatte einen höheren Zweck. Er war über sich selbst in Verwunderung geraten, wie plötzlich eine Art von jüdischer Frömmigkeit ihn erfaßt hatte. Gott hatte nicht nur Agnes' Leib gesegnet, nein, er selbst war dadurch letzter Gnade teilhaftig geworden. Und nun war das große Unglück hereingebrochen. Es konnte für ihn keinen tieferen Fall geben, und er hätte sich eher die Zunge abgebissen als irgendeiner Seele eingestanden, was in ihm zerstört war. Es gibt eine Traurigkeit und Verlassenheit des Herzens, die so grenzenlos ist, daß niemand zu ihr Zutritt hat. Artur Salomon schämte sich in seinem Innersten. Er war bis zu dem Grade zerknirscht, daß er es kaum noch wagte, einem Menschen ins Auge zu schauen. Er war schuld an dem Unglück, er allein, und verängstigt und eingeschüchtert wich er den Blicken Agnes' aus, als hätte er sich ihr gegenüber aufs schwerste versündigt. Es kam über den ärmsten Menschen eine entsetzliche Pein und der Drang, sich zu demütigen und zu erniedrigen. Was hatte er noch in der Welt zu suchen? Einen blühenden Menschen hatte er an sich gekettet und mit seinen selbstsüchtigen Wünschen elend gemacht, eine Schuld auf sich geladen, die nie wieder getilgt werden konnte. Sich auf und davon zu machen wäre verdammte Pflicht gewesen, und dazu fand er den Mut nicht, obwohl er fühlte, daß der Boden unter seinen Füßen abgetragen war. Er verfiel offensichtlich, mied auch den Vater und fuhr zusammen, wenn der alte Salomon, selbst vergrämt, wund und trostbedürftig, ihn aufzurichten versuchte. Salomon erschien seit der Katastrophe nur selten im Geschäft. Und wenn er kam, schloß er sich in seinem Büro ein und ließ sich von niemandem sprechen. Auch Agnes ging er geflissentlich aus dem Wege. Die schloß die Lippen trotzig aufeinander, und wenn sich auch über ihrer Nasenwurzel eine tiefe Falte eingrub – niemanden ließ sie in ihr Herz schauen. Sie trug den Kopf hoch, gab kurz und einsilbig dem Personal ihre Anweisungen, arbeitete für drei und führte das Geschäft allein. Das Geschäft durfte nicht leiden, und einer mußte da sein, der die Augen offenhielt und in dieser allgemeinen Auflösung klar und nüchtern blieb. Von früh bis abends hatte sie zu tun: mit Reisenden und Fabrikanten zu verhandeln, über neue Muster sich zu einigen und Kataloge zu entwerfen. Was Salomon anlangte, so fühlte sie, was in seinem Herzen vorging, wußte, weshalb er ihr aus dem Wege ging, litt darunter, auch wenn sie die Zähne zusammenbiß. Ganz anders stand sie zu Artur. Sie hatte Achtung vor seinem Schmerz, wobei sie innerlich feststellte, daß es in seiner Natur lag, ein solches Ereignis noch schwerer zu nehmen, als es ohnehin schon war. Aber schließlich mußte alles ein Ende haben. Und wenn sie darüber hinwegkam und die Kraft zur Arbeit fand, so war es auch seine Pflicht, sich aufzuraffen. Was waren das für seltsame, unbegreifliche Menschen! Auf der einen Seite zäh, hart und bis zum äußersten widerstandsfähig, und auf der andern von einer Traurigkeit und. Weichheit ohnegleichen, daß sie in ihrem Schmerz rettungslos versanken. Sie brachte in dieser Zeit für Artur ein mütterliches Mitleid auf. Sie sah, wie er sich quälte und härmte, aber sie fühlte auch, daß sie ihm helfen mußte, wollte sie Salomon nicht verlieren. Der Weg zu Salomon führte über Artur. Was nützte es ihr, daß sie voll Beherrschtheit auf ihrem Posten stand und die Pflichten dem Hause gegenüber ernst und schwer nahm, wenn sie dabei auch vertrocknete. Sie brauchte Salomons Nähe, wie die dunkle Erde Licht und Feuchtigkeit braucht. Ihr Herz schrie nach Salomon, auch wenn ihr Mund stumm blieb. Seine Schritte, sein Atem, sein Auge, sein Lachen fehlten ihr. Sie hatte die Kraft seines Wesens aufgesaugt, war seiner teilhaftig geworden und fühlte, daß ohne ihn der Tag und die Stunden leer waren. Spürte Salomon denn nicht die Urkraft und herbe Stärke ihres Gefühls?! Und daß, damit verglichen, alles weichliche und sentimentale Empfinden lächerlich und klein wurde? Hatte er, als sie sich vor Schmerzen wand und krümmte, ihre Blicke nicht verstanden? Sie hätte ihn an der Schulter rütteln und ihm zurufen mögen: Alter Mann, begreife mich! Wenn unsereiner sich stumm die Kleider vom Leib reißt, seine Nacktheit zeigt und seine lautlose Leidenschaft offenbart, so will das mehr sagen, als wenn tausend Klageweiber vor Geschrei und Inbrunst sich nicht lassen können. Aber statt dessen hielt sie den Mund verschlossen. Niemand kommt dabei mehr zu Schaden, als du, Salomon, und niemandem wird es eines Tages weher tun als dir! dachte sie. Etwas Hundsmiserables war das Leben! Hinter dem Hund kam erst der Mensch. Gestoßen und gepufft wurde er, wenn er seinen Anspruch auf Glück geltend machen wollte. Ein Verbrechen war es, zu atmen und Freude am Licht zu haben. Nein, sie wollte nicht grübeln! Das Leben mit beiden Fäusten packen, die Luft tief einziehen und sie mit Kraft wieder von sich stoßen! Herr über das Leben wollte sie werden, allen Widerständen zum Trotz. Mit allen Mitteln suchte sie Artur aus seiner Schwermut herauszureißen. »Versinke mir nicht, Vater und Mutter hast Du, und mich,« setzte sie nach einer kleinen Pause hinzu. Sein Gesicht wurde weinerlich wie das eines geprügelten Kindes und todestraurig. Seine Pupillen irrten hin und her, als könnten sie den klaren, festen Blick ihrer Augen nicht vertragen. Und plötzlich rannte er, ohne ein Wort zu erwidern, davon und lief schnurstracks, so rasch ihn die Füße trugen, zu Michalowski, verlangte ihn sofort zu sprechen, obwohl das Vorzimmer mit Klienten angefüllt war, die bereits eine Ewigkeit warteten. Als er das Büro betrat, sank er erschöpft in einen Stuhl und war außerstande, ein Wort hervorzubringen. Michalowski glaubte im ersten Augenblick, er sei übergeschnappt, über Nacht geisteskrank geworden. Am liebsten hätte er den Bürovorsteher hereingeklingelt, denn eine gelinde Angst ergriff ihn, mit diesem Menschen allein zu sein. Artur merkte es, und ein verstehendes, stumpfes Lächeln huschte um seinen Mund. »Du brauchst keine Furcht zu haben, Michalowski,« sagte er endlich, »ich habe meine fünf Sinne noch beisammen.« Der Vetter beteuerte, daß er keine Sekunde daran gezweifelt habe. Artur machte nur eine abweisende Handbewegung. »Laß gut sein, jedermann hat seine persönliche Auffassung, und vielleicht bist Du tiefer im Recht, als Du ahnst. Um es kurz zu machen: Ich möchte meinen letzten Willen niederlegen.« Michalowski brach in ein gewaltsames Lachen aus. »Jetzt könnte ein Bösartiger wirklich glauben, Du seist irre. Was ist das für ein Gerede!« »Pst!« machte Artur, und seine Hand fuhr tastend durch die Luft. »Ist es von Schiller oder von Shakespeare, jedenfalls ist es das einzige, was ich mir aus der Literatur gemerkt habe ...« Er sah ihn dabei gespannt an. »Ja, was meinst Du denn?« antwortete der Vetter erregt, und wieder wurde ihm unbehaglich zumute. Artur pfiff vor sich hin, ehe er ganz leise hervorstieß: »In Bereitschaft sein ist alles ...« Michalowski überlegte eine flüchtige Sekunde. Er fühlte sich auf einmal in der Rolle des Kriminalisten. Die Angelegenheit wollte psychologisch behandelt sein. »Gut,« sagte er, »gehen wir also sachlich vor. Im Grunde genommen läßt sich nichts dagegen einwenden.« Artur nickte. »Ich möchte«, begann er feierlich, »in ein paar Sätzen ausdrücken, daß für den Fall meines Ablebens Agnes Salomon meine alleinige Erbin ist.« Er machte eine überlange Pause. Dann fuhr er fort, indem er seine Augenbrauen aus eine unnatürliche Weise hochzog. »Ich möchte zur Begründung hinzufügen, daß ich mich Agnes Salomon gegenüber schuldig fühle. Und dabei bitte ich Dich, mir zu helfen. Ich bin weder Stilist noch rechtskundig genug.« Jetzt war Michalowski wirklich davon überzeugt, daß in Arturs Schädel etwas nicht richtig war. Er ging mehrere Male durch das Zimmer. Ihn um Gottes willen nur nicht reizen, sagte er sich im stillen. Laut aber erwiderte er: »Schön, schön, das ist eine ganz einfache Geschichte, die in wenigen Minuten erledigt ist. Darf ich mir nur eine Frage gestatten: Wer, meinst Du, würde Agnes gegebenenfalls ihre Rechte streitig machen?« Arturs Züge bekamen einen verstörten Ausdruck. Er legte den Finger an den Mund und blickte sich scheu um, ob nicht etwa in irgendeinem Winkel sich ein Lauscher verkrochen hätte. Dann lächelte er auf eine höchst einfältige Art. »Darüber wollen wir kein Wort verlieren.« Er drückte ihm heftig die Hand, und war plötzlich, ehe sich's der Vetter versah, aus dem Zimmer verschwunden. XIX. Als Artur erwachte, war es stockfinster. Mit weitgeöffneten Augen blickte er eine Weile in das Dunkel der Nacht. Er stöhnte leise. Der Kopf tat ihm weh, und als er ihn ein wenig zu heben suchte, fühlte er einen dumpfen Schmerz. Der ist schwer wie eine bleierne Kugel, dachte er, und sein Gesicht verzog sich zu einem trüben Lächeln, aber gleich darauf spürte er ein Ziehen in allen Gliedern und eine Mattigkeit, die ihm den Schweiß auf die Stirn trieb. Was ist mir? Fiebre ich? Bin ich krank? Er lauschte in tiefer Angst und vernahm, wie Agnes' Brust sich hob und senkte, und wie sie in regelmäßigen Abständen den Atem von sich gab. Er richtete sich mühsam auf und drehte die elektrische Nachtlampe an. Der Schein des Lichtes fiel auf ihr Gesicht, das ihm in dieser Stunde kummervoll und vergrämt erschien. »Daran bin ich schuld, ich allein,« murmelte er und erschrak vor dem Klange seiner Stimme. Er hatte plötzlich den Drang, seine eigenen Züge zu sehen. Mit äußerster Anstrengung verließ er das Bett und taumelte zu Agnes' Toilettentisch. Auch hier drehte er die Flammen an und betrachtete sich aufmerksam. Das Bild im Spiegel peinigte ihn. »Wie sehe ich denn aus? Bin ich das wirklich?« flüsterte er und fing unversehens zu weinen an. Und ohne es zu wissen, rief er in jammervollem Tone mehrere Male: »Agnesel ... Agnesel ...« Die junge Frau Salomon erwachte, und wie sie ihn frierend, nur mit dem Nachthemd bekleidet, dasitzen und unentwegt in den Spiegel starren sah, hatte er etwas so schauerlich Komisches an sich, daß sie wider ihren Willen kaum hörbar nach innen lachte. Das Lachen verging ihr, als sein verstörter Blick sie traf. »Um Gottes willen, was treibst Du?« Artur senkte den Kopf. Er vermochte nicht zu antworten. Sie war im Nu bei ihm, bettete ihn neben sich, und da er im Fieberfroste sich schüttelte, zog sie die Decke über seinen Hals. Er sah sie demütig an und ließ alles demütig mit sich geschehen. So elend er sich fühlte, kein Wort kam aus seinem Munde, nur ihre Hand hielt er umklammert. Und gerade seine dumpfe Ergebenheit bedrückte und ängstigte sie mehr als alles andere. Sie lockerte vorsichtig seine Hand. »Arturdl, bleib' einen Augenblick ruhig,« bat sie, »ich will nur Pulvermacher ...« Er ließ sie nicht weiter reden. »Über meine Schwelle kommt der nicht,« unterbrach er sie heftig, »solange ich mich rühren kann, wenigstens nicht,« setzte er hinzu, und seine Stimme war auf einmal feindselig, hart und trocken. »Niemand wird Dir Pulvermacher aufzwingen,« antwortete sie begütigend, »aber laß mich zu Deiner und zu meiner Beruhigung einen andern Arzt rufen.« »Nicht jetzt, nicht jetzt,« wehrte er ab und schmiegte sich wie ein hilfsbedürftiges Kind von neuem an sie. Und nach einer kleinen Weile: »Mir wird schon besser, wenn ich Dich nur fühle, nicht die Hand wegziehen, laß mir Deine Hand, wer weiß, wie lange ich die noch – nicht böse werden, Agnesel, ich spreche kein Wort mehr.« Er verstummte in der Tat und zuckte nur zusammen, sobald sie sich rührte. Ganz allmählich schlief er wieder ein, und ganz behutsam löste sie sich aus seinen Armen, die wie eine Fessel um sie geschlungen waren. Das Dunkel der Nacht mit seiner Todesstille gähnte ihr entgegen, nur zuweilen unterbrochen durch Arturs stoßweises Atmen und Röcheln. Tausend wirre Gedanken und Sorgen quälten sie: der Schwiegervater entzog sich ihr, hatte Scheu, ihr zu begegnen. Artur war zusammengebrochen, und die alte Frau Salomon stand auf der Lauer mit ihrem tödlichen Haß, der wie ein böses Geschwür von Tag zu Tag wuchs und anschwoll. Die schwere Last des Geschäfts lag allein auf ihren Schultern, und dabei glaubte sie, überall heimliche Widerstände zu spüren, hinter ihrem Rücken das leise Tuscheln von Trübsand und Fräulein Traube zu vernehmen und sich beständig von hämischen, bösen Blicken verfolgt zu sehen. Ein entsetzliches Gefühl der Einsamkeit, des Verlassenseins und Losgelöstseins kam über sie. Man hatte sie in die Gemeinschaft der Salomons wohl oder übel aufnehmen müssen, und dennoch stand sie abseits, getrennt von den andern da, irgendwo gab es eine unsichtbare Mauer, eine Scheidewand zwischen ihr und jenen. Gewiß, Mann und Schwiegervater schützten sie, und scheinbar hatte sie über die alte Frau gesiegt; aber letzten Endes hielten die Salomons trotz aller Konflikte wie die Kletten zusammen, bildeten eine Blutseinheit, und sie war der Fremdkörper, der sich in diesen Organismus gedrängt hatte und wie durch einen natürlichen Prozeß nun wieder abgestoßen wurde. Aussichtsloser Kampf für sie, und das Ende: ein klägliches Verbluten, ein jammervolles Entwurzeltsein. Da lag Artur krank und elend neben ihr, wie einer, der verrecken wollte, und wenn sie sich die Gewissensfrage stellte, welche Zusammenhänge zwischen ihm und ihr bestanden, so war die Antwort keinen Moment zweifelhaft. Sie warf einen scheuen Blick auf ihren Mann und fuhr mit der Hand glättend über seine heiße Stirn. So verfallen, so vergrämt sah er aus, wie einer, der am End aller Dinge angelangt ist und nur noch nach Schlaf und Ruhe sich sehnt, nach letztem Schlaf und letzter Ruhe. Ein tiefes Mitleid durchdrang sie. Für ein armseliges Lächeln, für ein gutes Wort war er von überströmender Dankbarkeit gewesen, ein demütig Bescheidener, der niemals gefordert hatte. Ach, es war so niederdrückend, so zum Heulen, daß eines dem andern nicht helfen konnte, daß man wie ein Stacheltier sich zusammenzog, um qualvoller Berührung zu entgehen. Warum mußten Leben und Schicksal beständig Wunden schlagen, anstatt die einander ergänzenden Wesen zusammenzutun!? Warum mußte sie an den Sohn gekettet sein, wenn zum Vater Fühlen und Denken, Blut und Hirn mächtig drängten? Salomon wich ihr aus, mußte ihr ausweichen, weil klares Sehen und Erkennen allein schon genügten, um ihn in die Tiefen zu stürzen. Unheimliches Gesetz, daß niemand herausschreien durfte, wie ihm zumute war. In dieser Welt war Heuchelei, in der alles wahrhaftige und blutvolle Empfinden abgeschnürt wurde, nur damit Form und Herkommen Genüge geschah. Und gleich der Schwiegermutter empfand sie seltsamerweise in dieser dunklen Nachtstunde, daß für einen aus den Fugen gehobenen Menschen Gesetz ein leerer, aufgezwungener, inhaltloser Begriff war; jedes Wesen trug seine Sittlichkeit in sich, und wer seine innere Stimme nicht hörte, trug sich die Erde ab. Agnes Salomon schloß die Lippen fest aufeinander. Sie wollte sich nicht zermürben lassen. So kurz war das Dasein, so jäh und rasch konnte die einem gestellte Frist ablaufen, daß, wer seinen Anspruch auf Erfüllung nicht rechtzeitig geltend machte, geprellt und betrogen war. Aber wollte denn Salomon ihren Anspruch erfüllen? Konnte er es? Wußte er überhaupt, wie es um ihn, wie es um sie stand? Tappte er nicht vielmehr wie einer, der nicht sehen wollte, an Abgründen vorbei? Oder war sie von Wahnvorstellungen beherrscht? Am Ende würde er mit schmetterndem Lachen jeden für einen Narren erklären, der ihn sträflicher Leidenschaft bezichtigte. Ein grüblerischer Zug trat in ihr Gesicht. Wohl möglich. Und sein tiefes, glucksendes Lachen drang an ihr Ohr. Einerlei! Salomon mochte gutgläubig sein, mochte nicht ahnen, was in seinem Blute vorging, was lag daran, wenn sie untrüglich wußte, daß er sehend würde, sobald sie ihm die Binde von den Augen riß. Die Frage war nur, ob und wann sie es tun sollte? Ihre Miene umschattete sich. Vermochte sie sich überhaupt zu rühren? Lag sie nicht an der Kette? Und wo war ihr Wille? Gegen ihre Wünsche war sie ins Ehebett gestiegen, und gegen ihr Wollen hatte sie das Kind getragen. Gab es denn irgendwelche Freiheit der Bewegung? War man nicht im kleinen und im großen gehemmt und gelähmt? Der Morgen graute, Artur wälzte sich immer unruhiger auf seinem Lager, und sie durfte nicht einmal auf eigene Verantwortung einen Arzt rufen, mußte warten, bis Salomon erreichbar war, damit die Schwiegermutter nicht hinterher sagen konnte, sie hätte Pulvermacher verdrängt. Konnte ein Mensch eingeengter und eingeschnürter sein als sie? Sie durfte durch den Laden fegen, von früh bis spät sich wie ein Kreisel drehen, der von einer unsichtbaren Peitsche in Schwung gehalten wurde, damit das Salomonsche Vermögen unaufhaltsam rollte und wuchs. Aber damit schien auch ihre Aufgabe erledigt. Ob Leib und Seele verkümmerten, ob die junge Agnes Jung im Wechsel der Jahre, kaum daß sie es wahrnahm, zu einer verknöcherten, alten Frau Salomon wurde, an der das lebendige Leben vorbeigerauscht war, ließ Gott geschehen! Gott oder sie! Es lief auf das nämliche heraus! Warum wehrte sie sich nicht? Warum sprang sie nicht aus dem goldenen Käfig, in den man sie gesperrt hatte? Ihr Herz hing nicht am Besitz. Aus den dunklen Tiefen der Armut war sie gestiegen, ohne daß Wohlleben und Geborgensein ihr jemals eine letzte Erfüllung geworden waren. Zu jeder Stunde hätte sie beides mit einer leichten Handbewegung von sich werfen und wieder von vorn anfangen können, wenn – wenn – wenn – Wie alle einfachen, von keinem äußeren Wissen belasteten Naturen, hatte sie ihre Erfahrungen am eigenen Fleische gemacht, war sie schließlich bis zu dem Quellwasser der für sie gültigen Einsicht und Erkenntnis, zu ihren inneren Notwendigkeiten und Bedingungen gedrungen. Gefühlsmäßig hatte sie begriffen, daß man bei lebendigem Leib eintrocknen und absterben mußte, wenn man unter die Räder des Betriebs und der Gewohnheit kam, wenn man sich selbst verschlief. Nein, die Zügel in den Händen behalten, nicht zur Maschine werden, die andere in Bewegung setzten, darauf kam es an. Bis zum letzten Atemzuge mußte man sich sein Lebendiges erhalten, sich gegen Welt und Menschen wehren, die es abzutöten drohten. War das für sie unmöglich? Oder hatte sie die Kraft in sich, Widerstände zu brechen?! Salomon, hilf mir! Ich gehe mit Dir bis an das Ende der Welt! Ich werfe, ohne mit der Wimper zu zucken, den ganzen Plunder von mir! Ich brauche das nicht, ich brauche Dich, damit ich atmen, damit ich mich erfüllen kann! Und jetzt erwachte Artur mit einem lauten Stöhnen und blickte sie mit gläsernen, zum Erschrecken leeren Augen an. Ihr Mund verzog sich, ihr Gesicht wurde trostlos. Und ohne es zu wissen und zu wollen, streichelte sie seine Hand, von der eine trockne Hitze ausströmte: Sie war mit einem Satz aus dem Bett. Und während sie ihm die Kissen richtete und das Glas an die Lippen führte, sagte sie: »Hab' eine Minute Geduld, ich bin gleich wieder da.« Sie hatte im Nu einen Überrock um sich geworfen und war an das Telephon geeilt. Es war halb sieben Uhr, in der Küche hantierte bereits die Köchin, in den Vorderzimmern rumorte das Hausmädchen. »Hier Agnes Salomon. Ich möchte meinen Schwiegervater sofort sprechen. – Tut nichts, wecken Sie ihn, auf meine Verantwortung, und so rasch wie möglich!« Unmittelbar darauf war Salomon am Apparat. »Artur ist nicht auf dem Posten. Er will Pulvermacher nicht. Sorge schnellstens für einen Arzt.« Salomons Stimme klang angstvoll in das Hörrohr und tat ihr weh. »Ich weiß nicht, was es ist, vielleicht nur eine schwere Erkältung. Schaff' einen Arzt und komm' selbst, wenn es um Deinen Sohn geht, wird sie es doch wohl erlauben,« schloß sie leise und schmerzhaft. Als sie wieder an sein Bett trat, lag Artur mit geöffneten Augen, ohne sich zu rühren, teilnahmslos da. Sie setzte sich neben ihn, hielt seine Hand, bis er von neuem in eine Art von Halbschlaf sank. Dann erst erhob sie sich schwerfällig und zog sich müde und übernächtig an. »Erbärmlich ... erbärmlich ...« murmelte sie kaum hörbar vor sich hin. Und in dieses eine Wort schloß sich für sie der Inbegriff aller Traurigkeit und Trostlosigkeit. Salomon erschien auf der Schwelle. Seine Stirn war tief gefurcht und sein Auge kummervoll umschattet. Er nickte ihr stumm zu, während sein Blick sogleich Artur suchte. Es war ihr, als ob seine Lippen sich bewegten, obwohl er keinen Laut von sich gab. Er beugte sich tief zu Artur herab. Und nun vernahm sie ein unterdrücktes, sonderbares Stöhnen und vermochte nicht zu unterscheiden, ob es vom Vater oder vom Sohn kam. Sie hätte schreien mögen. Da wandte sich Salomon zu ihr, ließ seine schweren Hände auf ihre Schultern fallen und sah sie wortlos an. In seinem Blick lag so viel Not, so viel Güte und Begreifen, daß sie vor ihm hätte niederknien mögen. Sie hielt sich gewaltsam aufrecht. Stark bleiben, ihn nicht noch tiefer beugen und noch mehr belasten. Gott sei Dank, es läutete. Ihre Widerstandskraft war am Ende. Das Mädchen führte den Arzt herein. Es war ein noch jüngerer Mann mit dünnem Haarwuchs, dessen rechte Schulter erhöht schien. Nach ein paar kurzen, sachlichen Erkundigungen wurde der Kranke trotz seines Widerstrebens in den Kissen aufgerichtet und untersucht. Die Fragen, die der Arzt an ihn richtete, beantwortete er nur widerwillig. Er winkte plötzlich mit den Augen Agnes heran und flüsterte ihr ins Ohr: »Schick' ihn weg, er quält mich ja nur.« Sie bat ihn inständig, sich zu beruhigen. Jetzt erst schien er Salomon zu entdecken. »Wer hat Dich denn gerufen?« sagte er mißtrauisch, und fügte er hinzu: »Ihr macht ja Gesichter, als ob ich bereits aus dem letzten Loche pfiffe.« Salomon versuchte sich ein Lächeln abzuquälen. Er trat dicht auf ihn zu und küßte ihn auf die Stirn. »Wie steht es mit ihm?« fragte Agnes leise. Der Arzt wollte nicht recht mit der Sprache heraus, schien selbst noch im Dunkel zu tappen und seiner Sache nicht sicher zu sein. So viel nur wußte er: der Patient gefiel ihm nicht, trotzdem die Temperatur nicht übermäßig hoch war. »38,4« sagte er und wies auf das Thermometer. Er schrieb ein Rezept, gab noch ein paar Verordnungen und erklärte, am Mittag wiederzukommen. Agnes drängte auch den Schwiegervater zum Aufbruch. »Geh',« sagte sie, »Deine Frau' wird sonst mißtrauisch, helfen kannst Du nicht und ich rühre mich nicht vom Fleck, passiert irgend etwas, erhältst Du sofort Nachricht.« Er widersetzte sich. »Schick' mich nicht fort, ich habe keine Ruhe!« Da schwieg sie. Sie standen beide an Arturs Bett, der wieder eingeschlafen war. Nach einer Weile verließ Salomon den Raum, um Renette zu verständigen. Als er nach ein paar Minuten zurückkehrte, deuchte es sie, als ob seine Züge sich noch mehr verfinstert hätten, und als ob es um seine Mundwinkel beständig zuckte. Sie stellte keine Frage. Sie hatte weder gehorcht noch einen Laut vernommen und wußte doch jedes Wort, das die alte Frau am Telephon gesprochen hatte. Es traf sie nicht mehr, aber daß Salomon über alle Maßen litt, nagte an ihrem Herzen. Ach, alles Ringen und Kämpfen war so töricht, war Kraftvergeudung ohne Sinn. Und wie ein angeschossener Vogel noch mit letzter Kraft die Flügel zu heben, das Weite zu gewinnen sucht, bis er das Aussichtslose seines Tuns begreift und mit erloschenen Augen auf den Tod wartet, so sank Agnes Salomon in sich zusammen. XX. Von Tag zu Tag wurde Arturs Zustand besorgniserregender. Er lag erschöpft, teilnahmslos in seinen Kissen. Alle Lebensenergie war von ihm gewichen. Seine Augen wurden glanzlos und traurig. Und wenn Salomon und Agnes ihn aufzurichten suchten, so lächelte er nur trübsinnig, ohne ein Wort zu entgegnen. Er verweigerte jede Nahrung und wurde gereizt, wenn man mit Bitten in ihn drang. Zuweilen schien es, als ob er, von einer geheimen Angst geplagt, den Wunsch hätte, sich zu erleichtern. Er machte Miene, irgend etwas zu sagen, aber nach dem ersten Ansatz, kaum daß er ein paar unverständliche Worte von sich gegeben hatte, schloß er die Lippen fest aufeinander, tastete mit der mager gewordenen Hand abwehrend durch die Luft, und kein Laut war mehr aus ihm herauszubringen. Und plötzlich stieg das Fieber rapide, und das Bewußtsein setzte aus. Nun geschah etwas höchst seltsames: Er begann unaufhörlich zu phantasieren, und in seinen irren Reden schien die Gegenwart wie ausgelöscht. Er war zurückgesunken in die Zeit seiner ersten Kindheit. Und mit der Stimme eines Kindes verlangte er beständig nach der Mutter. Sie solle ihn abhalten, waschen, anziehen, mit ihm spielen, spazierengehen, ihn in die Schule begleiten und vor dem Schlafengehen mit ihm beten. Diese Ausbrüche erschütterten Salomon, er beugte sich über den kranken Sohn, legte das bärtige Gesicht auf seine Wange, als könnte er ihn solcher Art beruhigen, und stöhnte in sich hinein. Da fing Artur laut zu weinen an, richtete, sich jäh in den Kissen auf und schrie nach der Mutter. Agnes trat dicht an Salomon heran: »Hole sie,« sagte sie leise und tonlos, »mein Anblick wird sie nicht stören.« Er erhob sich schwerfällig, stand in gebückter Haltung vor ihr und blickte sie stumm an. In seinen Augen lag eine demütige Scheu. Wie ein großes Hundetier kam er ihr vor, das den Kummer seines Herrn spürt und in allen Gliedern leidet, weil es nicht helfen kann. Und auf einmal wußte sie, daß Artur nicht mehr aufstehen würde, sah sie ihn mit starrem Körper unbeweglich daliegen, während sie selbst innerlich ruhig und gefaßt war. Es fröstelte sie. Ihr Herz klopfte bis zum Halse, und bis zu den Schläfen. Er durfte nicht wissen, was in ihr vorging. Sie mied es, ihn anzuschauen. Aber was vermochte sie gegen sich selbst? Auch in dieser Stunde konnte sie nicht lügen. Und wenn sie einen Schmerz empfand, so war es: weil Salomon sie jammerte, weil seine Not ihre Not war. Und dann dunkelte es vor ihren Augen. Ihr Gesicht verlor sich. Sie war außerhalb jeden Zusammenhangs. War weit weg mit ihren Sinnen und ihrer Seele, hatte es nicht einmal wahrgenommen, daß Salomon geräuschlos aus dem Zimmer gegangen war. Erst als Artur von neuem nach der Mutter rief, erwachte sie aus ihrem Dämmerzustande. Sie nahm seine Hand: »Gleich wird sie da sein, warte nur noch ein wenig.« Er entzog sich ihr mit einer unwirschen Bewegung. Trotz der hereingebrochenen Dämmerung, die den Raum ausfüllte und Mensch und Ding miteinander verwob, glaubte sie zu erkennen, daß er sie mit bösen, haßerfüllten Augen anblickte, als ob er mit einem Schlage sehend geworden wäre und ihre letzten Gedanken erraten hätte. »Ganz recht hast Du,« murmelte sie vor sich hin, »ganz recht hast Du,« und senkte den Kopf. Sie hörte Stimmen. Hörte wie das Türschloß ging, und eilte hastig aus dem Zimmer. Jetzt seid ihr Salomons unter euch, dachte sie, jetzt bin ich ausgeschaltet. Eine grenzenlose Leere gähnte in ihr auf. XXI. Wie ein aufgescheuchter Nachtvogel war die alte Frau in das Zimmer gerauscht. Das schwarzseidene Kleid, das prall an ihrem Körper lag, knisterte und knasterte, als ob die Seide brechen wollte. Der glanzlose, dunkle Schal war um den Kopf geschlungen, tief über die Stirn gezogen und bot gewissermaßen den düsteren Rahmen, in den dies kummervolle Gesicht gespannt war. »Laß uns allein, Salomon«, sagte sie, nachdem sie mit einem Blick der funkelnden Augen den Raum überflogen und sich davon überzeugt hatte, daß von der anderen das Feld geräumt war. Salomon nickte lautlos und verließ das Zimmer. Und nun ging etwas merkwürdiges in der alten Frau vor. Über alles Leid hinweg füllte sie ein Gefühl des Taumels aus, während sie den Sohn betrachtete, der mit geschlossenen Augen elend und verfallen dalag. »Hast mich doch in Deiner Not gerufen, Arturdl,« flüsterte sie, und um ihre Lippen zuckte es in schmerzhaftem Triumph. »In der Not besinnt man sich auf die Mutter, wenn sie noch so eingeschrumpft und noch so alt und häßlich ist.« Sie setzte sich auf seinen Bettrand, und tiefbekümmert redete sie weiter, als müßte sie sich ihr ganzes Weh vom Herzen sprechen. »Weißt Du noch, wie ich Dich gehätschelt und getätschelt habe, wie ich an Deinem Bett gesessen bin und Dir erzählt habe von Abraham und Isaak, von Jakob und Rahel, von Joseph und Potiphar, von David und Goliath, und wie die hellen Tränen über Deine Backen gelaufen sind? Nicht genug konntest Du bekommen. Hast nicht geruht, bis ich immer wieder von neuem anfing. Und nicht eher ließest Du Deine Hand locker, bis Du fest und tief eingeschlafen warst. Und wie oft hast Du mich aus dem Schlafe geweckt, mein Jüngelchen, wenn Dich böse Träume quälten. Hast es vergessen, Arturdl? Tut nichts! Kinder sind Kinder, und die Mutter ist dazu da, daß man ihr das Blut abschröpft.« Ihr Gesicht verhärtete sich plötzlich. »Warum hast Du mir die Schickse ins Haus gebracht?« stöhnte sie. Und auf einmal schlug Artur die Augen auf und stierte sie mit vergeisterten, leeren Blicken an. »Nein, nein,« schrie sie, »ich rede kein Wort mehr. Du sollst Deine Ruhe haben.« Und ohne zu wissen, was sie tat, knöpfte sie ihm das Hemd auf und legte ihr runzliges Gesicht auf seine weiße, schmächtige Brust, als wollte sie den Schlag, seines Herzens hören. Er rührte sich nicht. Ließ alles mit sich geschehen. Nur einmal schien ein dürftiges Lächeln um seine blutleeren Lippen zu huschen. »Mami,« sagte er mit leiser, dünner Stimme. Es klang wie eine durchlöcherte Kindertrompete. Dann schloß er wieder die Augen. Unmittelbar darauf röchelte er kaum hörbar und verschied lautlos. Die alte Frau Salomon faltete die knöchernen Hände. Stumm, bewegungslos verharrte sie, unablässig den Blick auf den Sohn gerichtet, als wollte sie sich jeden Zug seines wächsernen Gesichtes einprägen. Irgendein Geräusch schreckte sie auf. Sie hob die Schultern ein wenig empor und duckte sich dabei. Ein Kältegefühl machte sie erschauern. XXII. Es war das erste und letzte Mal, daß die alte Frau Salomon die Wohnung der Schwiegertochter betreten hatte. Andere Gäste kamen und gingen, um Agnes zu kondolieren. Aber man hatte es mit dem Gehen eiliger als mit dem Kommen. Man erinnerte sich plötzlich an die arme Renette, die man in ihrer Herzensnot doch nicht allein lassen durfte. Und außerdem gab es so unendlich viel zu tun, ganz abgesehen davon, daß man um Gottes willen nicht lästig fallen oder gar stören wollte. Agnes Salomon hörte diese Reden, ohne mit der Wimper zu zucken. Ihr wurde übel bei all dem Beileidsgestammel. Watte in die Ohren, eine Binde vor die Augen! Nichts sehen und nichts hören, dachte sie im stillen. Sie war nicht einmal überrascht, hatte es nicht anders erwartet, als daß nach Arturs Tod Verwandtschaft und Bekanntschaft langsam von ihr abbröckeln würden. Ja, diese unzweideutige Scheidung, die ja im Grunde immer bestanden hatte, entsprach ihrem Reinlichkeitsempfinden. »Rette sich, wer kann,« sagte sie mit einem eigentümlichen Lächeln zu Tante Berta, die puterrot und verlegen wurde und partout den Sinn dieser Worte nicht verstehen wollte. Pulvermacher weinte wie ein Kind. »Ach, Frau Salomönchen, wie schrecklich ist das Leben trotz Mazzeklößchen, Grieben und Fladen. Dazu muß man alt und grau werden! Ich weiß, er hat mich nicht mehr sehen mögen, hat mich für einen Pfuscher und Ignoranten gehalten. Soll ihm verziehen sein, hätte an seiner Stelle vielleicht ebenso gedacht! Hat sich eingebildet, der Schlemihl, gegen das Sterben sei ein Kraut gewachsen. War er nicht all sein Lebtag ein Schlemihl? Mit der Zange habe ich ihn holen müssen, und auf und davon gemacht hat er sich, noch nicht sechsundzwanzig Jahre alt.« Pulvermacher wandte sich ab. Die Stimme versagte ihm. Und während es aus seiner Nase rührsam zu tropfen begann, knöpfte er sich den Überzieher zu und reichte dann wortlos der jungen Frau die Hand zum Abschied. Vor der Haustür traf er Salomon. Und neben Salomon stand Michalowski, der unablässig in ihn hineinredete. Am liebsten wäre Pulvermacher unter die Erde gekrochen, nur um Salomons Jammer nicht mit anzusehen. Der aber streckte ihm mit einer steten Gebärde die Hand entgegen. Auf seinen Zügen lag ein großer Ernst, eine düstere Entschlossenheit, mit dem Leben fertig zu werden. Pulvermacher kam aus dem Staunen nicht heraus. Er hatte geglaubt, einen gebrochenen Menschen zu finden, statt dessen schien Salomon ungebeugt, sein Gesicht war ehern und hart. Pulvermacher blieb das Wort im Halse stecken. Und als Salomon jetzt mit leiser, fester Stimme, sagte: »Sehen Sie, Doktor, es kommt immer anders als man denkt. Ich hätte darauf geschworen, mein Junge würde einmal für mich Kaddisch Sterbegebet. sagen, und nun muß ich es für ihn tun,« nickte er mit äußerst verlegenem Lächeln. Er kam sich auf einmal so dumm vor. Er begriff überhaupt nichts mehr. Ein paar nichtssagende Worte stammeln und sich eilig davonmachen war eins. »Der ist wohl ein besonderer Freund von Deiner Schwiegertochter?« meinte Michalowski. Salomon sah ihn groß und fremd an. Irgend etwas an dem Tonfall des Vetters mißfiel ihm. »Ich hoffe,« antwortete er kurz. Sie schwiegen beide eine kleine Weile. Dann hub Michalowski von neuem an: »Du weißt, Salomon, wir haben mit Arturs in Freundschaft und Frieden gelebt. Ich bin sein und seiner Frau Ratgeber gewesen. Und Deine Schwiegertochter ist bei uns aus und ein gegangen. Alles gut und schön! Aber jetzt heißt es, dem Leben ins Auge sehen, sich mit den Tatsachen abfinden.« Salomon unterbrach ihn: »Worauf willst Du hinaus, Michalowski. Ich bin kein Freund von langem Schmusen.« »Ich auch nicht,« entgegnete der Vetter. »Doch jedes Ding braucht seine Zeit, und mit der Tür ins Haus fallen, hat auch keinen Sinn. Ich meine also, die Toten in Ehren, aber nun ist es Zeit, sich am die Lebenden zu halten. Und da sage ich: das Gescheiteste wäre, reinen Tisch zu machen; und je eher, desto besser. Natürlich auf eine anständige und noble Art. Mit einem Wort, ich hielte es für das einzig Richtige, wenn Deine Schwiegertochter gegen eine angemessene Entschädigung aus dem Geschäft treten würde. Dann hast Du im Hause Deinen Frieden, und die arme Renette kommt auch zu ihrem Recht! Ach, Salomon, laß mich ausreden. Gewiß, ich hätte warten können, bis Dein Sohn unter der Erde ist. Meiner unmaßgeblichen Ansicht nach ist jedoch keine Zeit zu verlieren. Und wenn die Operation notwendig ist, soll man auch nicht zögern. Machen wir uns nichts vor, Salomon, diese ganze Heirat ist eine verfehlte Angelegenheit gewesen und ein Unglück für Artur, Dich und Renette. Man hat um Deines Jungen willen Ja und Amen gesagt und sich in das Unvermeidliche gefügt. Nun aber, wo jede Rücksicht fortfällt, lautet die Frage: Wer steht Dir, wer steht uns allen näher, Agnes oder Renette Salomon?« Der Vetter Michalowski schwieg und horchte auf. Statt aller Antwort vernahm er nur ein tiefes, wehes, leises Lachen. Salomon erschien ihm plötzlich fremd und rätselhaft. Unwillkürlich mußte er an jenen Nachmittag denken, an dem Artur wie ein Spuk in sein Büro eingebrochen war und durch sein seltsames Gebaren, durch seine aufgerührte Art ihm den Atem benommen hatte. Ein jäher Verdacht stieg in ihm auf. Irgendwo hatte es bei Artur nicht gestimmt, und irgendwo stimmte es auch bei Salomon nicht. Und gerade dieses Ideenflüchtige, dieses Heraustreten aus dem Rahmen der Vernunft und Norm hatte Vater und Sohn, so verschieden sie sonst geartet sein mochten, miteinander verbunden. Der Vetter Michalowski war äußerst stolz auf seinen psychologischen Befund. Er kam sich in dieser Minute wieder einmal verdammt gescheit vor. Er fühlte sich als Träger der bürgerlichen Ordnung, als Repräsentant des gesunden Menschenverstandes, der sich keinen Wind vormachen ließ. Und dieses Gefühl ließ ein bescheidenes Lächeln um seine Mundwinkel spielen, während er gewohnheitsgemäß die breiten Hände auf den Bauch legte. Salomon schloß ein wenig die Augen und betrachtete ihn zwinkernd. Und in diesen Sekunden glaubte er tiefer in die menschliche Seele zu schauen als sein ganzes Leben zuvor. So seid ihr, dachte er, und ein bitteres, feindseliges Gefühl durchdrang ihn. Um die eine zu retten, wollt ihr der anderen den Dolchstoß versetzen. Er brach plötzlich in ein schallendes Gelächter aus, daß die Vorübergehenden sich verwundert nach ihm umdrehten, und Michalowski einen Moment sich fragte, ob Salomon irrsinnig geworden wäre. Der aber fand im Nu seine Haltung wieder, und indem er Michalowskis Hand ergriff und fest umklammerte: sagte er: »Wenn ich Dich recht verstanden habe, ist es an der Zeit, Agnes den Stuhl vor die Tür zu setzen und durch die ganze Geschichte einen dicken Strich zu machen?« Michalowski nickte. »Hm«, stieß Salomon hervor und schwieg wieder. Von neuem spürte er, wie die Menschen an ihm zogen und zerrten, wie er am liebsten einen Hammer genommen und alles um sich kurz und klein geschlagen hätte. Statt dessen entgegnete er mit fester Stimme: »Sei bedankt, Michalowski, ich will mir Deinen guten Rat zunutze machen.« Dann kehrte er ihm den Rücken, um schnurstracks zu Agnes Salomon hinaufzueilen. Er traf sie in Arturs Zimmer. Sie saß an seinem Schreibtisch und schrieb mit solchem Eifer, daß sie sein Kommen nicht bemerkt hatte. Nun fuhr sie erschreckt auf, einen Augenblick fassungslos durch sein unerwartetes Erscheinen. Aber unmittelbar darauf erhellten sich ihre Züge. Sie eilte auf ihn zu und streckte ihm die Hände entgegen. »Ich war gerade im Begriff, Dir zu schreiben. Um so besser, daß ich es Dir mündlich sagen kann.« Sie machte eine einladende Handbewegung, und Salomon setzte sich. »Nämlich,« fuhr sie fort, »ich wollte dir mitteilen, daß ich mich entschlossen habe, Arturs Begräbnis fernzubleiben. Glaube mir, ich gehöre nicht dahin, möchte auch Deiner Frau den letzten Gang nicht noch saurer machen. Ich denke, Du wirst mich verstehen. Ich möchte ihr nicht im Wege sein. Sie hat das größere Anrecht auf ihn, nach ihr hat er in seiner Todesstunde verlangt. Und ich will meine Totenandacht allein halten.« Sie hielt einen Moment inne und ließ die Hände in den Schoß sinken. Eine grenzenlose Müdigkeit lag auf ihren Zügen. Salomon saß ihr in tiefem Schweigen gegenüber. Er fand keine Worte. Er gab ihr in allem recht, war es im stillen zufrieden, daß sie diesen geraden Ausweg gefunden hatte. Denn wer konnte dafür bürgen, daß Renette sich nicht noch am Grabe in ihrem finsteren Haß vergaß und zu einer entsetzlichen Taktlosigkeit hinreißen ließ? Die Wachsmanns und Michalowskis würden äußerst verlegene Gesichter schneiden, Herr Trübsand, Fräulein Traube sich ängstlich beiseite drücken, und Pulvermacher würde vor lauter Mitleid und Scham in die Erde sinken, wenn er, Salomon, schützend vor das arme Kind träte. Agnes Salomon wußte, was in dieser Stunde in ihm vorging. Sie las es von seiner Miene ab. Er war der beste, gütigste, reinste Mensch auf dieser Erde. Ohne auch nur einen Augenblick zu zaudern, würde er für sie Partei ergriffen haben. Ob er freilich auch der Stärkste war, stand auf einem anderen Brett. Ach, diese armen Juden waren durch tausend und aber tausend Fesseln gebunden, unlösbar an Gott und die Familie gekettet, es gab für sie kein Loskommen. Sie fühlte es in dieser schicksalsschweren Minute. Sie schüttelte entschlossen den Kopf, als wollte sie mit dieser Bewegung allen unfruchtbaren Grübeleien ein Ende bereiten. Dann richtete sie sich kerzengerade auf und sagte mit ruhiger, sachlicher Stimme: »Es wird kein erbauliches Zwiegespräch zwischen mir und dem Toten sein. Warum mußte er auf mich fallen und an mir hängen bleiben trotz allen Widerständen? Und warum habe ich schließlich seinem Drängen nachgegeben, ohne meiner inneren Stimme zu folgen? Das ist die Schuld, die niemand von mir abwäscht.« Da fing Salomon plötzlich zu schluchzen an. »Laß dem Toten seine Ruhe und schände dich und ihn nicht. Ob Du es gewollt hast, oder nicht, durch Dich allein hat er einmal in seinem armen Dasein sich gehoben gefühlt. So eine Art von Rausch war über ihn gekommen, hatte ihn bis zum Rande angefüllt, daß das Gefäß zuletzt überlaufen mußte.« Und Salomon hielt sich die Hände vor das Gesicht und weinte unablässig in sich hinein. Agnes Salomon erhob sich. Sie wollte Bekenntnis ablegen, und der alte Mann hatte ihr das Wort abgeschnitten, damit das Andenken seines Toten nicht geschmälert würde. Es war ein zu ungleicher Kampf, den sie führte. Und plötzlich mußte sie schmerzhaft lächeln. Kam es denn überhaupt auf Wahrheit und Bekenntnis an? War es nicht wesentlicher und gütiger, ein Scheindasein zu führen? »Ich kann es nicht, ich kann es nicht, Salomon,« brachte sie bedrückt hervor, und ein entsetzlicher, erschütternder Ausdruck trat in ihr Gesicht. XXIII. Am nächsten Tage um die Mittagstunde wurde Artur in die Gruft gesenkt. Agnes Salomon war mutterseelenallein in ihrer Wohnung. Auch die beiden Mädchen hatte sie auf den Jüdischen Friedhof geschickt, damit sie »dem Herrn« die letzte Ehre erwiesen. Noch einmal überdachte sie ihre ganze Ehe, die Tage und Nächte ihres Zusammenlebens mit Artur. Jedes gute Wort, das er gesprochen, tauchte in der Erinnerung wieder auf. Sie sah seine demütig bittenden Augen auf sich gerichtet, sah, wie sein Gesicht noch um einen Ton blasser wurde, wenn sie unter seiner Berührung zusammenzuckte, wie seine Augen sich vor Entsetzen weiteten und seinen Zügen einen so lächerlichen Ausdruck gaben, daß sie Mühe hatte, an sich zu halten. Es wurde ihr plötzlich klar, daß diese bedingungslose Liebe zu ihr alle seine Energien, alle seine Lebenskräfte, all sein Hoffen, Wünschen, Träumen ausgelöst hatte. In sie hatte er sich versenkt, um seinem Dasein Wurzel und Sinn zu geben, an sie sich geklammert, um seine Existenz vor sich selbst zu rechtfertigen. Er hatte gefühlt, daß er ein kahlgeschorener, armer Teufel war und blieb, selbst wenn er alle Coupons der Welt hätte abschneiden dürfen. Wo war mehr Traurigkeit und Zweifel an sich selbst gewesen als bei diesem Menschen?! Dann hatte sie seinen Weg gekreuzt, und in seinem leeren, dürftigen Innern hatte es zu blühen begonnen. Und als gar die Hoffnung auf Segen sich zu erfüllen schien, war er aus den Fugen geraten. Sie hatte das alles stumm, teilnahmlos, verhärtet mit angesehen, hatte gefroren, wenn er bei ihr gelegen, ihn gehaßt, wenn er sie umarmt hatte. Dies Dasein war eine Schändung von Leib und Seele gewesen. Und hundertmal wäre sie aus dem Hause und dem Geschäft gelaufen, wenn Salomons Auge sie nicht gebannt und gebunden hätte. Keine rührsame Empfindung brachte sie bei ihrer einsamen Andacht auf. Und wäre der Tote wieder lebendig geworden und vor sie hingetreten, mit dem Wunsche, noch einmal dieses Leben zu beginnen, sie hätte, ohne sich auch nur eine Sekunde zu besinnen, unerbittlich den Kopf geschüttelt, und ihre Stirn wäre zu einer einzigen drohenden Falte geworden. Und Auge in Auge hätte sie zu ihm gesprochen: »Es gibt Geschenke, Artur, die ein besserer Mensch nicht annimmt. Ich weiß, das schwerere Teil der Schuld gehört auf meinen Buckel. Hast mich wie käufliche Ware genommen, und ich habe mich nehmen lassen! Das trennt uns im Leben und im Sterben! Laß gut sein, Artur, ich will Deine Totenruhe nicht stören, aber auch Du bleibe fern meinem Wachen und Träumen.« Mit einem festen Entschluß erhob sie sich. Ihre Züge waren straff gespannt; ihre Augen fingen von ungefähr zu leuchten an. Sie horchte. Horchte von neuem. Ein zages Läuten drang zu ihr. Nein, sie konnte jetzt niemanden sehen, niemanden hören. Diese Stunde gehörte ihrer Einsamkeit. Das Läuten wurde stärker. Salomon, fuhr es ihr durch den Kopf. Aber Salomon konnte unmöglich schon zurück sein. Von neuem wurde an der Klingel gedrückt, einmal, zweimal, dreimal, als sollte das Haus alarmiert werden. Langsam schleppte sie sich zur Tür. Draußen stand Pulvermacher mit verzerrtem Gesicht, in dem es unaufhörlich zuckte. »Pulvermacher, was ist mit Salomon?« In Todesangst schrie sie es heraus. »Salomon ... Salomon,« stammelte er und blickte sie einen Moment mit einem verlorenen, irren Ausdruck an, ehe er mit bleierner Junge hinzufügte: »Salomon schickt mich zu Ihnen ... Renette ...« Er konnte nicht weiter reden. Es schüttelte ihn. Seine Backen waren wie weggeblasen. Ganz spitz, und mager erschien er ihr. Endlich raffte er sich auf, und wider seinen Willen plötzlich lächelnd, sagte er kaum hörbar: »Diese Renette, am offenen Grabe zusammengebrochen, und im selben Moment, exitus , tot auf der Stelle!« »Wa–as? ... wa–as? ...« wiederholte sie, und zugleich begann es vor ihren Augen zu flimmern, zu flirren, zu funkeln, zu hüpfen, zu tanzen, zu springen, und ein Gefühl der Schwäche umfing sie. Dabei spürte sie, wie ihre Brust sich langsam dehnte und weitete, und wie die Luft um sie dünner und dünner wurde, so daß sie kaum noch zu atmen vermochte. Mit dem letzten Willensrest griff sie nach seiner Hand. »Pulvermacher, lassen Sie mich allein. Es will nicht in meinen Schädel.« Und Pulvermacher machte sich davon, ohne auch nur ein Wort zu erwidern. Eine geraume Zeit starrte sie bewegungslos vor sich hin. Dann erst ging sie in das Zimmer zurück. Den Kopf in die Hände gestützt, wartete sie auf Salomon. Aber Salomon kam nicht. XXIV. Das Leben rauscht über Gräber. Was wissen wir vom Schlaf der Toten, vom Schlafe der Lebenden. Wir kennen die Lebenden nicht. Ob sie träumen oder wachen, wir schreiten an ihnen vorbei, an ihnen und uns. Und von den Dämmerzuständen der Seele ahnen wir nichts, vor ihren Dunkelheiten stehen wir hilflos und ohne Begreifen. – – – Über Agnes Salomon war ein tiefes Schweigen gekommen. Die jungen Leute im Geschäft mieden ihre Nähe, machten einen großen Bogen um sie und hatten Furcht vor ihr. Sie sprach kein überflüssiges Wort, erteilte ihre Befehle, kam zuerst, ging zuletzt. Sie war die unumschränkte Herrscherin, denn niemals ließ sich Salomon blicken, er hatte sich in seiner Wohnung vergraben und mied die Menschen. Er war einsam und menschenscheu geworden. »Wer hätte es sich vor einem Jahr träumen lassen,« flüsterte Fräulein Traube in einem unbewachten Augenblick Herrn Trübsand zu, »daß diese Goite alles an sich reißen würde? Sie pfeift, und wir tanzen, sind Puppen, die keinen Willen haben. Ist es nicht zum Lachen?« »Zum Weinen, Fräulein Traube,« entgegnete Trübsand melancholisch. Agnes Salomon hatte gewartet und gewartet, aber Salomon kam nicht. Sie hatte bei ihm angerufen, aber niemand hatte sich gemeldet. Darüber waren Wochen, Monate verstrichen. An diesem Abend hatte sie sich entschlossen, zu ihm zu gehen. Ein unbeugsamer Wille lag auf ihren Zügen. Salomons alte Köchin fuhr bei ihrem Anblick entsetzt zurück, als sei sie von den Toten auferstanden, und gleich darauf wehrte sie heftig mit den Händen ab, und ihre Miene wurde hart und feindselig. Die junge Frau schob sie wortlos beiseite. Das Eßzimmer war erleuchtet, auf dem großen Speisetisch lag ein einsames Gedeck. Auch in dem anstoßenden Raum brannten die Lampen. Durch die gläserne Tür sah sie Salomon rastlos wie ein gefangenes Tier auf und nieder gehen, hörte ihn in einem traurigen, halb singenden Ton unverständliche Worte murmeln. War es ein sich ewig wiederholendes Stöhnen, oder war es ein Gebet, das niemals enden wollte? Agnes Salomon überlief es. Er spricht mit seinen Toten, und mich begräbt er bei lebendigem Leibe, dachte sie, und eine grenzenlose Bitterkeit stieg in ihr auf. In einem plötzlichen Entschluß schob sie die Flügeltüren auseinander. Salomon starrte sie wie eine Erscheinung an. Sie warf den Kopf in den Nacken. »Ich bin es,« sagte sie, bevor er noch seine Fassung wiedergewonnen hatte. Und als statt aller Antwort ein einziger schmerzhafter Laut sich ihm entrang, ein Laut, wie ihn zuweilen ein Tier von sich geben mag, zerbrach alle ihre Selbstbeherrschung. Sie trat dicht auf ihn zu und packte ihn an den Schultern. »Salomon ... Salomon ...« schrie sie, »kennst Du mich nicht? Willst Du mich zu den Toten werfen? Was habe ich Dir getan, daß Du mich wie eine Aussätzige behandelst, deren Anblick und Nähe man meidet!« Er hatte sich mit sanfter Gewalt von ihr losgemacht und durchmaß wieder mit seinen großen, schweren Schritten den Raum. Dann blieb er plötzlich vor dem großen Ölgemälde Renettens stehen und sah mit kummervollen, furchtsamen Augen in das strenge, harte Gesicht der Frau, die wie eine Richterin ohne Erbarmen in ihrem goldenen Rahmen thronte. »Nichts hast Du mir getan,« sagte er nach einer langen langen Weile, »ich allein bin schuldig, ich trage die Verantwortung, ich bin schuldig an ihr, an ihm, an Dir!« »Ja,« stieß sie mühsam hervor, und ihr Blick war voll Gram und Zorn auf ihn gerichtet, »Du bist schuldig, Salomon, aber nicht an jenen. An Dir bist Du zum Verbrecher geworden. Gegessen hast Du und getrunken. Geschlafen hast Du und verdaut. In die Ehe bist Du gegangen ohne Sinn und Verstand, ja, ohne Sinn und Verstand! Und hast Dir groß was eingebildet, daß Du ein Kind in die Welt gesetzt und Gelder aufgehäuft hast. Und das nennst Du atmen, leben. Es ist zum Heulen, Salomon. Und jetzt willst Du mich in die Erde scharren, und an mir schuldig werden und an Dir! Salomon!« schrie sie, »ich gehöre zu Dir, wach' auf, versinke mir nicht!« »Ich kann nicht!« entgegnete er, und seine Züge waren mit solcher Scham, solchem Kummer bedeckt, daß alles Hoffen in ihr mit einem Schlage verlosch. »Ich liebe Dich,« sagte sie plötzlich, »ich liebe Dich mit meinem Leib und meiner Seele!« »Und ich liebe Dich«, entgegnete er schmerzhaft, »und habe nie den Mut gehabt, es mir einzugestehen. Nun schreien es mir meine Toten entgegen und sprechen mich schuldig. Die Toten trennen uns. Laß uns in Frieden scheiden.« Er streckte ihr müde die Hände entgegen und zog sie hastig zurück, da sie unentwegt leise den Kopf schüttelte. Dabei maß sie ihn mit langen, rätselhaften Blicken, als wollte sie ihn durchdringen, sich die letzte Gewißheit holen, daß Säfte und Kräfte in ihm abgestorben waren, daß er weder den Mut noch die Willensmöglichkeit hatte, ihr zu folgen, und daß es keinen Weg mehr zu ihm gab. Salomon schien zu ahnen, was in ihr vorging. »Ganz recht hast Du,« sagte er und lächelte demütig. Sie biß die Zähne zusammen und schlich lautlos aus dem Zimmer. Zu Hause angelangt, schickte sie die Mädchen schlafen. Sie hätte das Nachtmahl bereits hinter sich. Dann kroch sie, ohne das Licht anzudrehen, in ihr Bett und lag mit wachen Augen da, bis der Morgen graute. In der ersten Frühe verließ sie das Haus und fuhr nach dem Anhalter Bahnhof. Als der Zug sich in Bewegung setzte, wußte sie weder Richtung noch Ziel. Sie wußte nur, daß alles in ihr zerbrochen war. Und ganz deutlich hörte sie das Klirren der Scherben. Die Augen fielen ihr zu. Rattata ... Rattata! ...