Krähwinkel Lustige Kleinstadtgeschichten von Rudolf Greinz     Leipzig Verlag von L. Staackmann 1918     Inhaltsverzeichnis Der Hahn im Korb Die Reliquien meiner Liebe Die besondere Güte Gottes Das Roserl Klassische Walpurgisnacht Das Abenteuer von Rovereto Die Geschichte meines Stipendiums Die Maienkönigin Die Liedertafel von Rabenstein.     Der Hahn im Korb Daß sein Erscheinen in der kleinen Stadt Aufsehen erregen würde, das hatte sich der Hans Stampfl wohl gedacht. Zu welchem Aufruhr es aber führen würde, das hatte er sich doch nicht vorstellen können. Er hatte nie viel bedeutet im Städtchen, der Stampfl Hans. Man wußte, daß er alles, was er gelernt hatte, und alles, was er war, seinem Paten verdankte, dem angesehenen Apotheker Ignaz Marsoner. Als fünftes Rad am Wagen war er im Hause aufgewachsen, halb Diener, halb Verwandter. Der Apotheker hatte sich nie darüber geäußert, in welchem Verwandtschaftsgrad der Hans eigentlich zu ihm stand. Wenn man den Herrn Marsoner darum frug, winkte er halb gnädig, halb ärgerlich ab und meinte in sehr vornehmem Ton: »Von der hundertsten Suppen ein Schnittlauch! Ich weiß selber nicht, wie ich zu der Verwandtschaft komm'.« Die starke Betonung des »der« hatte etwas 10 unsagbar Herablassendes in dem Munde des Herrn Marsoner. Und es trug auch dazu bei, daß man sich im Städtchen daran gewöhnte, den Stampfl Hans mit einer Art nachsichtigen Mitleides zu behandeln. Der Stampfl Hans, wie man ihn allgemein nannte, war auch in seiner äußeren Erscheinung gar nicht anziehend oder schneidig. Ein schüchterner semmelblonder Jüngling, der wie ein junges Mädchen leicht zu erröten pflegte und dann in seiner Verlegenheit zu stottern begann. In der Apotheke seines Prinzipals war er eine Art Laborant. Lateinischer Küchenjunge höhnten ihn leise die Mädel, aber immer noch laut genug, daß er das Spottwort deutlich hören konnte. Darüber wurde er noch verwirrter, teils aus Scham und teils aus Zorn. Aber er verstand es nicht, sich zu wehren. Er blickte die Spötterinnen nur hilflos an und benahm sich, während er sie bediente, möglichst ungeschickt. Die Mädel fanden das dann so spaßig, daß sie das Lachen kaum verbergen konnten. Und ein fröhliches, oft nicht endenwollendes Gekicher brach los, kaum daß sich die niedere Glastür des Apothekerladens hinter ihnen geschlossen hatte. Aus bloßem Übermut, um sich einen Ulk zu machen, besuchten die jungen Mädel oft die Apotheke. 11 Das geschah gewöhnlich am Abend, wenn der Schein des Lichtes aus dem Laden blendend auf die Straße fiel. Arm in Arm wanderten sie vorbei, schäkernd und kichernd und zuerst verstohlen in den Laden spähend, ob wohl der schüchterne semmelblonde Stampfl Hans hinter der Buddel stand. Der Hans wußte es gar wohl, daß sie ihn alle zum besten hielten, und es tat ihm oft bitter weh. Er wußte, daß er nichts war, nichts bedeutete, weder im Hause seines Paten noch in der kleinen Stadt. Der Apotheker Ignaz Marsoner hatte selbst Kinder. Zwei Söhne und zwei Töchter. Die Söhne studierten auswärts, und wenn sie einmal im Städtchen waren und das väterliche Geschäft mit ihrer Anwesenheit beehrten, dann benahm sich das junge Weibsvolk da draußen vor der Ladentür gleich viel gesitteter. Denn die beiden Söhne des Apothekers kamen als ernstliche Bewerber in Betracht. Die durfte man nicht verhöhnen und verulken. Das hätten sie übelnehmen können. Hans Stampfl war noch viel zu jung, als daß er vermocht hätte, sich mit irgend einer Philosophie zu trösten. Er kannte die Welt nicht, und er kannte auch das Leben nicht. Seine ganze Welt war das kleine Reich des Apothekers Ignaz Marsoner. 12 Es war übrigens ein entzückendes Stückchen Welt, dieses Haus des Apothekers. In der Hauptstraße der alten kleinen Bergstadt war es gelegen. Knapp neben dem hohen, etwas vorspringenden Stadtturm, dessen Uhr mit ehernem Klang die Stunden kündete. Ein gewölbter Torbogen teilte die Straße und auch die Stadt in zwei Hälften. Wie ein Überrest des Mittelalters nahm sich dieses Stadtbild aus. Haus an Haus gereiht, ein jedes mit Erkern und Giebeln, jedes verschieden und doch wieder gleich in Bau und Anlage. Kellerartige gewölbte Hauseingänge und die schweren Türen aus Eichenholz. Viele Türen noch mit alten kunstvollen Schlössern versehen. Der Glockenturm mit seinen Zinnen erinnerte an die Nachbarschaft des Südens, und die kleinen Kaufläden der Straße trugen ein Gemisch von Nord und Süd zur Schau. Manche dieser Kaufläden waren eng und niedrig und besaßen eigenartige Schilder und Namen. Alte eiserne Wahrzeichen ihrer Gilde ragten halbverrostet über der Eingangstüre. Dagegen waren einige der Kaufläden hell und licht und paßten durch ihren modischen Anstrich so gar nicht zu dem alten Straßenbild. Das Pflaster der breiten, aber kurzen Hauptstraße 13 war gewürfelt. Laut hallten die Schritte der einzelnen Fußgänger durch die Stille. Ab und zu saß ein Hund in schwermütiges Sinnen versunken vor einer der Türen und bemühte sich krampfhaft, seines Wächteramtes zu walten. Allein die Eintönigkeit seiner Umgebung übermannte ihn oft derart, daß er gelangweilt gähnte und seine Glieder reckte, um sich dann ohne Widerstreben dem innersten Sehnen seiner Natur zu überlassen. Er schlief, alle Viere von sich streckend, schlief lang und köstlich, bis das nervöse Gekläff eines nicht so verschlafenen Kollegen ihn wieder aus seiner Ruhe emportrieb. Fips, der schwarze Pudel des Apothekers Marsoner, war einer der gewecktesten und wachsamsten Hunde in der Stadt. Sein Verstand reichte schon bald an jenen eines Menschen heran, ja übertraf ihn sogar in gewissen Fällen. So behaupteten wenigstens manche von den Leuten; und darunter befanden sich auch einige der übermütigen Mädel, die so gern ihren Ulk mit dem Stampfl Hans trieben. Die blonde Hilde Wieser, die Tochter des Stadtarztes, hatte es ganz besonders auf den jungen Menschen abgesehen. Sie konnte sich gar nie genug tun in ihrer tollen Laune. Immer wieder fielen ihr neue Späße ein. Die Hilde war es auch, welche die 14 Behauptung aufstellte, daß der Fips ganz genau den Grad der Achtung kenne, die er dem Stampfl Hans schuldig sei. Den größten Teil des Tages saß der Fips vor der Ladentür des Apothekers. Aufmerksame Beobachter konnten es an dem Benehmen des Hundes unzweifelhaft feststellen, wer zur Zeit gerade der Hüter des Geschäftes war. Wenn Ignaz Marsoner in höchsteigener Person anwesend war, so befand sich Fips in vollkommenem Ruhezustand. Die Schnauze auf die Vorderpfoten gelegt, war er das Bild stoischer Gleichgültigkeit und Unempfindlichkeit gegen alles, was um ihn herum geschah. Nur seine Augen verfolgten ab und zu mißtrauisch die Vorgänge, die sich in seiner nächsten Nähe abspielten. Für jedes Schmeichelwort war er unzugänglich und beantwortete es mit einem unhöflichen Knurren. Ganz anders aber in seinem Betragen war der Fips, wenn der Stampfl Hans im Laden bediente. Da saß der Fips erwartungsvoll aufrecht vor der Türe, als hätte er die Verantwortung für alle Vorkommnisse in dem Laden zu tragen. Für das übermütige Weibsgesindel, das oft laut lachend die paar Stufen, die vom Laden zu der Straße führten, hinausprang, hatte er ein würdevolles, 15 nachsichtiges Verstehen. Er knurrte nicht und wedelte auch nicht mit dem Schweife, sondern blieb ruhig und ernst. Nur seine klugen großen Augen drückten das aus, was in seiner Hundeseele vorging. Und das war, daß er, der Fips, es gar wohl verstehen könne, daß man sich über den Stampfl Hans lustig machte. Über so einen . . . der war doch gar kein Herr! Da waren seine jungen Herren, die Söhne des Apothekers, ganz anders. Wenn die im Laden waren! Der Fips konnte sich dann in seiner freudigen Aufregung über die große Auszeichnung, die dem Geschäft widerfuhr, gar nicht fassen. In einem fort rannte er dann vor der Türe auf und ab. Und immer schnuppernd und wedelnd und voll Freundlichkeit und Zutrauen. Als müßte er jedem, der vorbeikam, von dem großen Glück erzählen. Man lebt in kleinen Städten von den kleinen Ereignissen des Tages. Und die kleinen werden aufgebauscht zu großen, und die großen erreichen die Höhe eines Dramas oder auch einer Komödie. Nur daß der Kleinstädter in den seltensten Fällen ein Verständnis für die Drolligkeit einer Lage aufbringt. Er hat eine Neigung, alles . . . auch das Komische, ins Ernste zu übersetzen . . . Es kam der große Weltkrieg ins Land und rüttelte 16 die kleine Bergstadt aus ihrer Ruhe. Die Väter und Söhne zogen fort . . . weit fort. Nur hin und wieder kehrte einer heim, von allen in der Stadt herzlich begrüßt; und der erzählte von dem großen Krieg, der draußen tobte, und von den fremden Ländern, in denen der Erzähler geweilt hatte. Und ein jeder dieser Besuche war ein Ereignis für die Bewohner des Städtchens und eine liebe Erinnerung. Als aber der Stampfl Hans auf Urlaub kam, da bildete sein Kommen das größte Ereignis, das die Leute seit langem erlebt hatten. Der Stampfl Hans, der kleine verschüchterte Apothekerlehrling, hatte die höchste Auszeichnung erhalten, die der Kaiser einem tapfern Soldaten verleihen konnte. Die große goldene Tapferkeitsmedaille schmückte seine Brust, und der Stampfl Hans hatte sich dieselbe durch eine ganz außerordentliche Heldentat in den Karpathen erworben. Monatelang hatte der Hans an einer schweren Verwundung im Lazarett gelegen und war von den Ärzten beinahe aufgegeben worden. Jetzt war er so weit wieder hergestellt, daß er den Rest seiner Erholungszeit daheim verbringen durfte. Als der Hans spät am Abend in dem Städtchen ankam, das ihm eine Heimat geworden war, lag 17 tiefer Schnee über Berg und Tal. Die schiefen Dächer der Häuser trugen dichte weiße Hauben, und von den Dachrinnen hingen viele große und kleine Eiszapfen. Sie glitzerten in dem fahlen Vollmondlicht wie Bergkristall, und der harte Schnee knirschte unter den Tritten der wenigen Leute, die, vom Bahnhof kommend, ihren Weg nach der Stadt zu nahmen. Die Familie des Apothekers hatte sich zum Empfang des Stampfl Hans am Bahnhof eingefunden. Nur Erwin und Paul fehlten, die beiden Söhne. Diese standen gleichfalls draußen im Feld, waren jedoch schon zu wiederholten Malen daheim auf Urlaub gewesen. Fips, der Pudel, war auch zugegen und bezeigte seine Freude durch langandauerndes Gekläffe, das schon mehr in ein Geheul ausartete. Der Stampfl Hans wußte gar nicht, wie ihm geschah. So lieb und zärtlich waren die Marsoners zu ihm. Soviel Liebe und Aufmerksamkeit hatte der Hans in seinem ganzen Leben noch nie genossen, als ihm jetzt in den wenigen Minuten seit seiner Ankunft zuteil wurde. Die Frau Apothekerin umarmte und küßte ihn wie einen Sohn und rieb sich vor lauter Rührung wiederholt die Augen. In früheren Zeiten hatte ihr der Hans stets voll Ehrerbietung die Hand küssen müssen. 18 Als er das heute tun wollte, wehrte die rundliche, untersetzte Frau huldvoll ab und meinte: »Das hat's jetzt nimmer nötig, Hans. Wo du uns soviel Ehr' antan hast.« Und dann bot sie ihm gnädig ihre Wange zum Kusse dar. Der Hans wurde recht verlegen. Schüchtern sah er auf die beiden jungen Töchter des Apothekers und schüttelte ihnen verwirrt die Hand. »Wir geben dir kein Bussel, Hans!« sagte die ältere lachend. »Brauchst dich nit zu fürchten! Gelt, Mizzi?« wandte sie sich an ihre Schwester. Dieser resolute, leicht spöttische Ton des Mädchens klang dem Hans schon viel vertrauter und half ihm tatsächlich über die erste peinliche Verlegenheit hinweg. Der Apotheker klopfte dem Hans anerkennend auf die Schulter. »Magst dich einhängen, Bub?« Er reichte ihm mit gönnerhafter Herablassung seinen Arm als Stütze. »Du kannst ja noch kaum hatschen . . . Brav hast dich g'halten, Bub!« lobte er dann, als die Gesellschaft langsam den Weg gegen die Stadt einschlug. »Ja, ja!« meinte der Apotheker. »Bist halt von unserm Schlag. Ist nit anders zu erwarten von unserer Familie!« Die beiden Töchter des Apothekers ließen ein leises, spöttisches Kichern hören. Und die Emma, 19 welche die entschiedenere von den beiden war, meinte keck: »Der Erwin und der Paul haben aber bis jetzt noch alleweil keine Auszeichnung, Papa! Und die gehören doch auch zur Familie.« Die Frau Apothekerin setzte eine gekränkte Miene auf. Sie empfand es als eine persönliche Beleidigung, daran erinnert zu werden, daß der Hans jetzt in den Augen der Leute mehr bedeuten sollte, als ihre eigenen beiden Söhne. Der Stampfl Hans humpelte langsam, auf einen Stock gestützt, zwischen dem Apotheker und dessen Gattin. Vor ihnen sprang Fips, der Hund, wedelnd und übermütig bellend. Hinterdrein spazierten Arm in Arm die beiden Mädchen, jederzeit bereit zu lachen, ob ein Anlaß dazu gegeben war oder nicht. Frau Marsoner blieb, tief Atem schöpfend, einen Augenblick stehen und drehte sich langsam und würdevoll nach ihren Töchtern um. »Ich hab' dir schon oft g'sagt, Emma, daß du keine so bissigen Bemerkungen machen sollst!« verwies sie ihre Tochter. »Weißt, Hans . . .« fuhr sie dann im Weitergehen fort . . . »die Emma, die ist schon die reinste alte Jungfer. Alleweil hat sie was zu nörgeln und auszusetzen. Als ob der Krieg schon aus wär'! Der Erwin, der, weißt wohl, jetzt ein Oberleutnant ist, der kriegt ja ganz 20 gewiß noch die Goldene. Da ist doch kein Zweifel nit. Gelt, Papa?« wandte sie sich dann, Zustimmung heischend, an den Gatten. Der Apotheker runzelte die Stirn und schnitt ein sehr ernstes Gesicht. Hinter seinem Rücken machte sich schon wieder das boshafte Lachen der Töchter bemerkbar. »Allerdings. Freilich!« sagte Herr Marsoner mit lauter Stimme. »Und dann . . . alle Tapferkeit in Ehren, Hans. Ich will dich nit kränken, das weißt ja. Aber, sag's selber . . . ein bissel Zufall ist bei so was doch auch dabei.« Um die blassen Lippen des Stampfl Hans zuckte es schmerzlich. Er gab keine Antwort, und sie wurde auch weiter von ihm nicht erwartet. Der Apotheker und seine Frau hingen ihren eigenen Gedanken nach. Die waren viel zu sehr mit ihren Angelegenheiten beschäftigt, als daß sie sich um die Gefühle des Stampfl Hans bekümmert hätten. Die Apothekerin dachte daran und sprach auch davon, daß sie gleich morgen ein paar Damen zum Kaffee bitten wollte. Die Bürgermeisterin sollte kommen und die Frau Doktor, die Frau Notar und die Frau Landesgerichtsrat. Die mußten den Hans alle sehen und ihn bewundern in seiner Würde. 21 »Und auf die Nacht, da gehst dann mit dem Papa in die ›Krone‹. Gelt, Hans? Weißt, da sind die Herren vom Stammtisch beisammen. Daß er dich ihnen vorstellen kann, weißt!« meinte die Frau Apotheker mit gutmütigem Stolz. »Und dann nimmst deine Mützen ab, Hans, und gehst Geld absammeln! Für's anschau'n lassen!« klang von rückwärts her die frische Stimme der Emma. Jetzt mußte der Hans lachen. Laut und herzlich. Die Emma, die war ja ein Prachtmädel geworden. Die Apothekerin biß sich auf die Lippen. Sie ärgerte sich grün und gelb über die Frechheit der Tochter. Jetzt durchschritten sie gerade die Hauptstraße. Da wollte sie keine Szene machen. Sie wußte es ganz genau, daß trotz der vorgerückten Stunde die Leute verstohlen durch die Fensterscheiben spähen würden, um den Ankömmling zu sehen. Am heutigen Nachmittag hatte sie sich schon vor lauter neugieriger Fragerei kaum retten können. Überall hatte man sie angehalten und wollte es aus ihrem eigenen Munde erfahren, ob denn der Stampfl Hans wirklich heute mit dem letzten Zuge ankäme? Und ob er denn tatsächlich die große goldene Tapferkeitsmedaille erhalten habe und Offizierstellvertreter geworden sei. 22 Das hatten die Leute zwar schon seit Monaten gewußt. Jetzt aber, da der so Ausgezeichnete kommen sollte, hatte es einen ganz besondern Reiz, das nochmals zu hören. Und alles wollten sie haarklein erzählt haben. Die Umstände, unter denen sich der Hans die hohe Auszeichnung erworben hatte, die Art seiner Verwundung und den ganzen Krankheitsbericht. Und die Apothekerin erzählte immer wieder und unermüdlich und fühlte sich so richtig in ihrer Rolle als Heldenmutter. Und dann kam sie so in Eifer, daß sie Einzelnheiten frei ersann und Begebenheiten ausschmückte. So trug auch sie ihren Teil dazu bei, daß die Ankunft des Stampfl Hans im Städtchen mit größter Spannung erwartet wurde. Am liebsten wären die Neugierigsten mit auf die Bahn gegangen, um von dem Ereignis ja nichts zu versäumen. Aber das ging doch nicht an. Den Schein mußte man nach außen hin wahren. Heimlich freilich standen sie hinter den Fenstern, und es entging ihnen auch nicht die kleinste Bewegung in der Gruppe der Familie Marsoner. Die Frau Apotheker kannte ihre Mitbürger und wußte genau, daß sie beobachtet würde. Sie unterdrückte daher den Ärger über ihre älteste Tochter und nahm sich vor, ihr noch heute abend vor dem 23 Schlafengehen tüchtig den Kopf zu waschen. Solche Bemerkungen und noch dazu in Gegenwart des Stampfl Hans wollte sie sich ein für allemal verbeten haben. Ziemlich einsilbig legte nach diesem Vorfall die Familie des Apothekers die kurze Strecke zurück, die sie noch von Zuhause trennte. Verträumt wie ein schlafendes Dornröschen lag die einsame Hauptstraße der Stadt im tiefen Winterschnee. Von den einzelnen Fenstern blinkten kleine Lichter. Die wenigen Laternen waren ganz in Schnee gehüllt. Der Vollmond leuchtete in schier märchenhafter Pracht. Wie ein verzaubertes Gemäuer aus alten Sagen stand der Stadtturm da, und hinter ihm ragten die in blauschwarzer Nacht so nahegerückten Berge. Es waren keine schroffen Riesen von gigantischem Aufbau. Sanft stiegen sie an und waren doch die Vorboten einer ungeheuren Gletscherwelt . . . Der Stampfl Hans entging seinem Schicksal nicht. Wie ein Wundertier wurde er gleich am nächsten Tag von der Apothekerin hergezeigt. Die Damen hatten sich alle zum Kaffee eingefunden, und dem Hans wurde es schon ganz wirr im Kopf vor lauter Fragerei und überschwenglicher Gunstbezeigung. Eine jede lud ihn zu sich ein. Wie zu Hause sollte er sich fühlen und ihr Haus als ein Heim betrachten. 24 Die Apothekerin empfand schon eine Art Eifersucht. Sie fühlte sich zurückgesetzt. Sie war doch eigentlich diejenige, die im Leben des Vielumworbenen die erste Stelle einnahm. Das mußte endgültig festgesetzt werden. Sie bestand darauf, daß der Stampfl Hans jetzt Mama zu ihr sagte und zu dem Apotheker Papa . . . Allmählich fand sich der Stampfl Hans mit seiner neuen Rolle zurecht. Er legte auch seine Schüchternheit ab und fing an, mehr Selbstbewußtsein zu bekommen. Es ging ihm aber auch wirklich recht gut jetzt. Alle paar Tage war er bei einer andern Familie zum Kaffee geladen. Und allabendlich nach dem Essen nahm ihn der Apotheker unter den Arm und schleppte ihn mit ins Gasthaus. Dort wurde dann am Stammtisch politisiert und vom Krieg gesprochen, und der Stampfl Hans wurde von den alten, würdigen Herren um seine Meinung befragt, und seine Ansichten fanden Beifall und Zustimmung. Er hatte aber auch recht gesunde Ansichten, die er, je mehr er aus sich herausging, sehr erfolgreich zu vertreten wußte. Er fühlte es, daß man ihn in der Gesellschaft zu schätzen begann; und der Apotheker Marsoner fing an, ganz gewaltig stolz auf seinen Pflegesohn zu werden. 25 So blieb der Stampfl Hans eine geraume Zeit das Ereignis der kleinen Stadt. Einen wahren Kultus trieben die Frauen und Mädchen mit ihm. Hatten sie ihn früher verlacht und ausgespottet, so schätzten sie es sich nun zu einer ganz besondern Ehre, von ihm gegrüßt oder gar angesprochen zu werden. Und es war erstaunlich, wie rasch sich jetzt der Stampfl Hans auch den jungen Damen gegenüber zurechtfand. Je mehr er gesundete, desto hübscher wurde er. Wenigstens fanden es die Damen, daß er nun geradezu hübsch sei. Manche nannten ihn sogar einen schönen Mann. Dagegen protestierte aber die Hilde Wieser, das Töchterchen des Stadtarztes, ganz energisch. Schön konnte sie den Hans trotz allem doch nicht finden, wenn sie es sich auch abgewöhnt hatte, ihren losen Scherz mit ihm zu treiben. Jetzt fühlte auch sie sich geehrt, wenn der junge Herr Stampfl am Wege bei ihr stehen blieb und mit ihr plauderte oder sie gar ein Stück begleitete. Hochrot wurde dann das Mädchen vor Vergnügen und befriedigter Eitelkeit. Sie wußte es bestimmt, daß sie die andern Mädeln um diese Auszeichnung beneideten. Der Stampfl Hans stellte jetzt aber auch wirklich etwas vor. Die Uniform eines Offizierstellvertreters 26 stand ihm ganz ausgezeichnet und brachte seine kleine, zierliche Gestalt recht vorteilhaft zur Geltung. Ein flottes Schnurrbärtchen schmückte das jetzt von der Sonne braungebrannte Gesicht, und seine hellen Augen sahen froh und selbstbewußt umher. Zu selbstbewußt, erklärte die Emma, die wie immer rasch mit ihrem Urteil bei der Hand war. Sie sagte es ihm auch einmal ins Gesicht, kurz und grob, daß er ihrer Meinung nach jetzt auf dem schönsten Wege sei, ein Hanswurst zu werden. Es war seit langem das erstemal, daß der Stampfl Hans vor Verlegenheit über und über rot im Gesicht wurde. So gleichgültig, wie er sich den Anschein gab, war es ihm denn doch nicht, was die Emma über ihn dachte. Aber er gab ihr kein Wort der Erwiderung. Schweigend wandte er sich von ihr ab und fing nun erst recht an, mit den jungen Mädeln in der Stadt zu flirten. Vor ihren Augen. Und nun erst recht. Tagtäglich konnte man ihn jetzt mit der blonden Hilde spazieren gehen sehen. Im Städtchen begann man bereits ganz laut über die beiden zu reden. Daß sie ein Paar würden und daß . . . na, man wußte halt allerhand, was man sich geheimnisvoll zutuschelte. Die Frau Stadtarzt machte denn auch einmal einen hochzeremoniellen Besuch bei der Frau Apotheker 27 Marsoner. Punkt elf Uhr vormittag läutete sie an der Türe und hatte ihr feinstes Kleid an. Nach der neuesten Mode, wie sie glaubte. Dieser Besuch bei der Apothekerin hatte den Zweck, die Frau Marsoner einmal gründlich auszuhorchen, wie sie über eine etwaige eheliche Verbindung der beiden jungen Leute dächte und welche Garantien der Stampfl Hans für eine gesicherte Lebensstellung zu bieten habe. Denn ihre Hilde hatte sich faktisch und wahrhaftig in den jungen Mann verliebt. Da war nichts zu ändern. Und die Frau Stadtarzt war klug genug, daran auch nichts ändern zu wollen. Jetzt schon gar, wo die Heiratsmöglichkeiten der jungen Mädchen so rar geworden waren! Der Stampfl Hans war ja gegenwärtig fast der einzige junge Herr im Städtchen. Jedenfalls durfte man heutzutage nicht mehr so wählerisch sein in der Auswahl seines Schwiegersohnes, wie man das vor dem Kriege gewesen war. Die beiden Damen, die Frau Stadtarzt und die Frau Apotheker, hatten sich bald verstanden. Die dicke kleine Apothekerin sah anfangs ganz erschrocken zu der stattlichen Frau Stadtarzt auf. »Ich bitt' Sie, Frau Stadtarzt! Der Hans und heiraten! So wie er wieder ganz g'sund ist, muß er ja wieder ins Feld.« 28 »Ja. Und dann wird er wohl Offizier werden?« forschte die Frau Doktor. »Ja freilich. Das schon. Aber von dem G'halt kann er doch nit heiraten!« meinte die kleine Frau ganz verzagt. »Gewiß nicht. Das glaube ich auch nicht. Aber ich dachte . . . daß Sie . . . Ihr Mann . . . wo der Hans doch ein angenommenes Kind ist . . .« »Da täuschen Sie Ihnen aber sehr, Frau Doktor . . .« Die Apothekerin holte tief Atem, ehe sie ihr Mundwerk losließ. »So weit geht die Lieb' nit. Da sind noch meine eigenen Söhne da. Der Paul und der Erwin. Und der Erwin, der kommt jetzt sowieso bald auf Urlaub heim!« berichtete sie mit wichtiger Miene. »So, so. Der Erwin kommt. Da werden's Ihnen aber freuen. So ein fescher Offizier, wie das ist!« schmeichelte sie. Die Frau Stadtarzt war eine kluge Frau und wußte bereits genug . . . daß der Stampfl Hans trotz aller Ehren und Auszeichnungen doch nicht die geeignete Partie für ihre Hilde war. Und dann . . . man durfte doch nicht vergessen, daß der Apotheker noch zwei Söhne hatte. Jedenfalls wollte sie ihre Freundschaft mit der Frau Marsoner recht warm halten. Und der Hilde 29 wollte sie's schon einprägen, daß sie sich nicht mehr gar zu oft in Gesellschaft des jungen Mannes sehen ließ. Der Stampfl Hans mußte laut lachen, als ihm die Apothekerin von der Unterredung berichtete. Also verliebt war die Hilde! Das hatte er noch gar nicht bemerkt. Jetzt aber wollte er ihr erst recht den Kopf verdrehen. Schon aus Rache für alle Kränkungen der früheren Jahre . . . Mit der Zeit wuchs sich der Stampfl Hans zu einem wahren Don Juan aus. Nicht nur mit der Hilde Wieser ging er mittags zwischen elf und zwölf Uhr in der Hauptstraße spazieren, sondern er machte auch noch anderen Frauen und Mädchen den Hof. Sogar die Frauen waren ihm nicht heilig! Wer hätte das von dem schüchternen blonden Stampfl Hans gedacht! Da war die junge, hübsche Frau Forstmeister, deren Mann jetzt auch schon über Jahr und Tag im Felde stand. Mit der traf der Stampfl Hans etlichemal im Stadtpark zusammen! Ein paar alte Weiber, die Kinder zu hüten hatten und strickend und schwatzend auf den Bänken saßen, hatten diese beiden wiederholt nebeneinander gehen sehen. Beim hellichten Tag und im Stadtpark! Wenn das der Forstmeister erfuhr! 30 In heimlicher Vorfreude über einen vielleicht doch noch kommenden Skandal strickten die Weiber mit verdoppelter Energie darauf los und nahmen sich fest vor, recht aufzupassen, damit ihnen ja nicht das geringste entginge. Sie brachten es auch bald heraus, daß der Stampfl Hans nicht einmal die jüngste Tochter seines Adoptivvaters und Gönners, die Mizzi, in Ruhe ließ. Mit der war er einmal auf einem Spaziergang gesehen worden. Und was die Sache noch bedeutend erschwerte . . . sogar Arm in Arm war er mit ihr gegangen! Und abermals beim hellichten Tag! So trieb es der Stampfl Hans! Mit der Zeit kamen die alten Weiber der Stadt dahinter, daß es überhaupt keine einzige Frau und kein Mädel mehr gab, die nicht schon mit dem Stampfl Hans gesehen worden war. Die blonde Hilde hatte sich tatsächlich in den Stampfl Hans verliebt. Daß er ihre Liebe nicht erwiderte, das fühlte das junge Mädchen deutlich. Und sie kränkte sich, daß er ihr immer mehr seine Aufmerksamkeit entzog und sich mit anderen beschäftigte. Mit innerer Wut dachte sie oft an jene übermütige, schöne Zeit, wo sie mit dem Hans gespielt hatte wie die Katz mit der Maus . . . wo sie sich über seine Verlegenheit so kindisch ergötzt hatte. 31 Nun war's anders gekommen, und die Hilde erfuhr noch obendrein alle die bitteren Qualen der Eifersucht und einer verschmähten Liebe. Ganz blaß fing das Mädel an auszusehen, und die Frau Stadtarzt trug sich schon mit dem Plane, ihre Tochter irgendwo hinzuschicken, damit sie auf andere Gedanken käme. So standen die Sachen im späten Frühjahr, zur Zeit, als Erwin, der älteste Sohn des Apothekers, gleichfalls auf Urlaub nach Hause kam. Der Erwin war ein stattlicher junger Offizier und hatte sich von jeher ganz meisterhaft darauf verstanden, den Mädchen den Kopf zu verdrehen. Daß er auch jetzt noch imstande sein würde, den Stampfl Hans nach jeder Richtung hin auszustechen, darüber herrschte bei Herrn und Frau Marsoner nicht der mindeste Zweifel. Und auch die Frau Stadtarzt war vollkommen davon überzeugt, daß ihre Hilde mit der Zeit den jungen Marsoner dem Stampfl Hans vorziehen würde. Zwischen dem Stampfl Hans und Erwin Marsoner war schon immer ein sehr gespanntes Verhältnis gewesen. Erwin war es gewohnt, bei jeder Gelegenheit den Herrn hervorzukehren und den Hans wie einen Untergebenen zu behandeln. Damals vor dem Kriege hatte der Stampfl Hans 32 dies auch als etwas Selbstverständliches hingenommen. Heute war es anders. Die gänzlich veränderte Stellung, die der junge Mann in der Stadt seit Monaten inne hatte, wirkte nicht nur auf den äußeren Menschen günstig ein, sondern brachte auch eine vollständige innere Umwandlung hervor. Der Stampfl Hans spielte wohl nach außen hin den feschen jungen Mann. Innerlich war er sich jedoch vollkommen darüber klar, daß nur der Umstand, eine Auszeichnung zu besitzen, die bis jetzt noch niemandem im Städtchen zuteil geworden war, zur Ursache der ihm geschenkten allgemeinen Beachtung wurde. Nicht seine mutige Tat schätzte man, für die er sein Leben eingesetzt hatte . . . es war die große Auszeichnung, die man an ihm bewunderte und die ihn in den Augen der Leute zu einem höheren Wesen stempelte. Der Stampfl Hans hatte in den Zeiten seiner Demütigungen oft und schwer darunter gelitten, wie geringschätzig man ihn von allen Seiten behandelte. Sie ließen ihn nicht nur seine untergeordnete Stellung fühlen, sondern behandelten ihn überhaupt als einen minderwertigen Menschen. Jetzt, nachdem er ihnen den Beweis geliefert hatte, daß auch der bescheidenste Mensch imstande war, eine 33 große Tat zu vollbringen, jetzt werteten sie nicht die Tat, sondern die Gunst des Kaisers, der ihn dafür belohnt hatte. Mit jedem Tag gewann diese Überzeugung neuen Boden in der Seele des jungen Mannes und verbitterte ihn. Eine tiefe Verachtung vor den Menschen überkam ihn. Diese Nichtachtung oder vielmehr richtige Einschätzung der öffentlichen Meinung machte ihn innerlich stark und verhalf ihm zu einem gewissen überlegenen Gefühl den Menschen und ihren Ansichten gegenüber. Zu dieser inneren Wandlung hatte aber noch ein Umstand beigetragen. Das war damals, als die Emma ihm so unverhohlen und grob ihre Meinung sagte. Sie war das einzige Wesen, das nicht mit der Allgemeinheit ging und sich ihr eigenes Urteil über ihn gebildet hatte. Was sie eigentlich von ihm dachte, das hätte der Hans gar zu gerne gewußt. Er hatte es ihr damals arg verübelt, daß sie so zu ihm gesprochen hatte. Und trotzdem war er in sich gegangen, hatte nachgedacht und gefunden, daß sie eigentlich recht hatte. Also war die Emma es ursprünglich gewesen, die ihn davon abhielt, sich zu verflachen. Von seiner inneren Wandlung aber hatte das Mädchen keine 34 Ahnung. Der Schein sprach gegen ihn, und die Emma bekümmerte sich, wie es den Anschein hatte, auch gar nicht weiter um den Hans. Von allen Frauen und Mädchen in der Stadt war sie die einzige, die sich nichts aus ihm machte. Sie wich ihm nicht aus, und sie spottete nicht über ihn. Aber der Hans fühlte es deutlich, daß er und seine Auszeichnung ihr nichts bedeuteten. Und gerade deshalb beschäftigten sich seine Gedanken mehr mit dem Mädchen, als ihm selber lieb war. Erwin Marsoner trat, als er heimkam, mit der gewohnten Art des unwiderstehlichen Herzensbezwingers auf. Ein neuer Zug und neues Leben kam in das alte Haus am Stadtturm. Die Mama Marsoner gab ihrem Sohne zu Ehren eine Kaffee-Einladung nach der andern. Sie sang das Loblied ihres Sohnes in allen Tonarten. Es war, als ob nicht mehr der Stampfl Hans, sondern der junge Erwin der Held des Tages sei. Bis spät in die Nacht erglänzten die Fenster des ersten Stockwerkes im Hause des Apothekers im hellen Lichterglanz. Drinnen feierte man ein Fest nach dem andern und lud alle Honoratioren der Stadt dazu ein. Neugierig lungerten ein paar alte Weiber unter dem Torbogen des Turmes und starrten sehnsüchtig 35 zu den erleuchteten Fenstern empor. Sie hätten es gar zu gerne gewußt, was da droben vorging und was gesprochen wurde. So blieb ihnen nichts anderes übrig, als sich gegenseitig heimlich anzustoßen und im Flüsterton ihre Ansichten und Mutmaßungen kundzugeben. Natürlich trieb ihre Phantasie üppige Blüten, und die immerhin bescheidenen Einladungen im Hause des Apothekers Marsoner wurden zu unerhörten Festen voll märchenhafter Pracht. Die Familie Marsoner hätte eigentlich recht zufrieden sein können mit dem Aufsehen, welches das Erscheinen ihres eigenen Sohnes im Städtchen gemacht hatte. Und doch war sie es nicht. In den ersten paar Tagen hatte es den Anschein gehabt, als sei nun wirklich der Stampfl Hans endgültig in den Hintergrund getreten. Das Ereignis der Heimkehr des jungen Offiziers zog und brachte Abwechslung und neuen Gesprächsstoff in das Städtchen. Aber das hielt nur für einige Tage an. Dann fühlte es Erwin ganz deutlich, daß sich das allgemeine Interesse nicht mehr ihm allein zuwandte, sondern daß ihm in dem Stampfl Hans ein ganz gewaltiger Nebenbuhler erstanden war. Überall, wo der Erwin sich aufhielt, da war auch 36 der Stampfl Hans. Daheim bei den Einladungen, wenn der Herr Bürgermeister und der Herr Landesgerichtsrat voll Eifer auf Erwins Worte hörten und sich von dem großen Krieg da draußen erzählen ließen, da konnte es vorkommen, daß die Frau Notar oder die Frau des Advokaten mit einer schnippischen Frage seinen Redefluß zu Ende brachten, um sich absichtlich und voll Huld und Gnade dem Stampfl Hans zuzuwenden und diesen zum Sprechen zu veranlassen. Erwin Marsoner fühlte dann deutlich den Hieb, der für ihn darin lag. Er wußte, sie mißachteten die Leistungen, die er vollbracht hatte, weil sie ohne Auszeichnung geblieben waren. Und er merkte es unverkennbar und von Tag zu Tag immer mehr: der Hahn im Korb bei den Damen der Stadt, das war jetzt der Stampfl Hans und nicht er. Und doch hatte der Erwin davon geträumt, wie schön es sein müsse, jetzt in dem männerarmen Städtchen einmal für ein paar Wochen lang der einzige zu sein. Ohne Rivalen dazustehen, Hahn im Korb zu sein bei den Mädchen und bei den Frauen. Der Erwin war ein fescher junger Offizier, groß und schlank gewachsen, hatte ein rötlich braunes Gesicht, war dunkeläugig, mit schwarzem Haar und 37 Schnurrbärtchen. Er konnte den Mädchen schon gefallen, und er gefiel ihnen auch. Und trotzdem zogen sie den Stampfl Hans vor. Warum sie es taten, das wußten weder der Erwin noch seine Eltern zu deuten. Bis es ihnen die Emma einmal sagte. Klipp und klar und ohne Umschweife und mit einer heimlichen Bosheit gegen den Stampfl Hans. Weil der Stampfl Hans eben noch längere Zeit in der Stadt bleibe, meinte die Emma, deshalb wollen's die Damen nicht mit ihm verderben. Jetzt, wo die Männer so rar seien, werde ein Courmacher doppelt hoch eingeschätzt. »Schau halt, Erwin, daß du einen Heimatschuß bekommst und ein paar Monate dableiben kannst. Wirst sehen, wie sie dir dann nachlaufen.« Das sagte die Emma bei Tisch, als gerade die Rede davon ging, und sie sah mit sarkastischem Spott zu dem Stampfl Hans hinüber, der ihr gegenüber saß. Der Stampfl Hans war abermals rot geworden wie damals, als sie ihn einen Hanswurst geheißen hatte. Er fühlte, daß die Spitze gegen ihn gerichtet war und konnte sich nicht dagegen wehren. Verwirrt und geärgert faltete er schweigend seine Serviette zusammen, erhob sich dann und empfahl sich mit einer stummen Verbeugung gegen die Damen. 38 Kein Wort hatte er erwidert, und das Schweigen, das anfangs in dem behaglich eingerichteten Speisezimmer herrschte, drückte auf die Anwesenden. »Den hast vertrieben, Emma!« ließ sich endlich die Apothekerin vernehmen. Es lag eine unbedingte Anerkennung in dem Ton ihrer Stimme. Der junge Marsoner biß sich schlechtgelaunt auf die Lippen und stocherte nervös mit der Gabel auf seinem Teller herum. »Hanswurst!« sagte er dann grollend über eine Weile. »Weil du neidig bist, du schöner Mann!« verhöhnte ihn da die Mizzi, seine jüngste Schwester. »Ich . . .« Erwin wollte aufbrausen. »Na . . . na!« begütigte der Apotheker im wohlwollenden Ton. »Nur nit streiten, Kinder! Nit streiten!« Fips, der Pudel, lag zu Füßen der Apothekerin und hing mit schwärmerischem Hundeblick seinen eigenen philosophischen Gedanken nach. Offenbar gab es seinem Hundeverstand zu denken, wie wandelbar doch die Gunst der Menschen im allgemeinen und jene der Damen im besonderen sei. Der Stampfl Hans, dem er, der Fips, nie etwas sonderlich Gescheutes zugetraut hatte, stach jetzt sogar sein junges Herrle aus! Selbst der Fips hatte den Unterschied zwischen jetzt 39 und früher bemerkt. Nur vereinzelt schauten jetzt die Weibsleute aus den Geschäften nach, wenn er mit dem Erwin durch die Hauptstraße spazierte. Und waren doch früher so neugierig gewesen und hatten sein Herrle stets voll überschwenglicher Freude begrüßt. Jetzt war das anders. Alle lachten sie den Stampfl Hans an. Gar alle. ›Sonderbare Welt das‹, dachte der Fips. »So kann's nicht weiter gehen!« fing Mama Marsoner über eine Weile wieder zu reden an. »Der Hans stört unsern ganzen Hausfrieden. Der Hans muß fort!« »Aber, Mama!« protestierte Mizzi erschrocken. »Warum denn?« »Er muß fort, sag' ich!« erklärte die Apothekerin mit Nachdruck und sah hoheitsvoll in dem Kreis der Ihren herum. »Weil ich mich nicht alleweil ärgern mag und weil dein Bruder da sich erholen soll!« »Erholen! Das heißt schwadronieren . . .« sagte die Emma boshaft. »Ich verbitte mir . . .« brauste Erwin auf. »Ruhe, Kinder!« donnerte der Vater mit so lauter Stimme, daß Fips nervös wurde und zu bellen anfing. Man war auf dem besten Wege, das Mittagsmahl mit einer häuslichen Szene zu beschließen. Die 40 allgemeine Stimmung war aufs äußerste gereizt. Mama Marsoner traf den richtigen Ton und beruhigte so die aufgeregten Gemüter. »Ich glaube, Papa,« begann sie nach einer kleinen Pause, »du solltest einmal mit dem Herrn Stadtarzt sprechen. Ich glaub', der könnt' dir einen guten Rat geben . . . wohin man den Hans zur Erholung schicken könnt' . . .« »Ich finde, der Hans erholt sich da bei uns ganz prächtig!« widersprach die Mizzi mit eigensinnigem Gesicht. »Ihr wollt ihn halt nur aus dem Weg schaffen!« »Mir braucht ihr ihn nicht aus dem Weg zu schaffen!« sagte Erwin gereizt. »Mein Urlaub ist in zehn Tagen zu Ende und . . .« »Und dann kommt der Paul!« ergänzte die Emma anzüglich. Die Apothekerin ließ sich aber diesmal nicht aus der Fassung bringen. »Ich glaub', der Frau Doktor ist's auch recht,« meinte sie ruhig, »wenn der Hans fort ist. Schon wegen der Hilde.« »Und dem Kaufmann Schöpf ist's recht wegen der Ida!« fügte die Emma hinzu. »Und dem Konditor Innerlackner wegen der Rosa!« fiel die Mizzi schnippisch ein. 41 »Der Kerl ist ja der reinste Don Juan!« sagte der Apotheker wütend. »Deine Stammtischherren werden nicht zufrieden sein, Papa, wenn du ihnen den Hans entziehst!« warf Erwin mit einer Art von Galgenhumor dazwischen und zündete sich nachlässig eine Zigarette an. »Der Hans steht ja bei ihnen in einem derartigen Ansehen, als wäre er eine politische Leuchte.« »Da täuschest du dich aber sehr, Erwin!« fiel die Apothekerin energisch ein. »Die Herren sind gar nit so entzückt von dem Hans, wie du meinst. Gelt, Papa? Weißt, die Frau Landesgerichtsrat hat mir's schon ein paarmal zu verstehen gegeben, daß der Hans eigentlich doch nicht so recht in die Herrengesellschaft passe.« »Aha!« witzelte die Emma. »Weil sie ihn lieber für sich hätt'! Die kenn' ich!« »Aber, Emma!« machte die Mizzi vorwurfsvoll. »Nein, nicht deswegen!« Die Apothekerin sagte es mit Nachdruck. »Die Herren lieben es nicht, wenn so ein junger Lauser gescheuter sein will . . . und der Hans . . .« »Und der Hans ist das eben!« konstatierte die Emma trocken. Es wollte heute keine harmonische Stimmung in 42 dem Kreis des Apothekers Marsoner aufkommen. Man trennte sich nach dem Essen ziemlich mißmutig, und alle hatten das Gefühl, daß eigentlich nur der Stampfl Hans die Schuld daran trug . . . Allmählich kam es zu einem leichten Stimmungsumschwung in der Stadt, der immer größeren Umfang annahm. Die Herren der Stadt, die alle schon den älteren Jahrgängen angehörten, kamen stillschweigend überein, den Stampfl Hans auf gute Art fortzuschicken. Ein jeder von ihnen hatte seinen besonderen Grund dafür, den er aber nicht zugeben wollte . . . und der Apotheker und seine Frau hatten ihr möglichstes getan, diesen Stimmungsumschwung zu fördern und ihn auch vielfach herbeizuführen. Die Hauptarbeit fiel allerdings dem Apotheker zu. Die Frau Marsoner stieß bei den Damen der Stadt auf harten Widerstand und hatte eigentlich nur in der Frau des Stadtarztes eine wirkliche Verbündete gefunden. Die andern Damen hielten so fest zu dem Stampfl Hans, daß es ihren Männern schon verdächtig vorkam und sie in ihrem Vorsatz, den Stampfl Hans fortzuschicken, nur noch mehr bestärkte. Bloß mußte das auf ganz besonders schlaue Art geschehen, damit die Frauen und Mädchen nicht in hellen Aufruhr gerieten. 43 Die Frau Stadtarzt war dafür, daß man den Stampfl Hans in eine Sommerfrische schicken solle. »Wissen's,« sagte sie wichtig zu der Apothekerin, »man muß den Hans so einfangen, daß er selber auf die Idee kommt, fortzugehen. Sonst ist's aus und g'schehen, wenn der draufkommt, was wir wollen.« Der Erwin war schon wieder eingerückt, und der Urlaub des zweiten Sohnes des Apothekers war nahe bevorstehend. Mama Marsoner tat, was sie konnte, und drang in ihren Mann, doch endlich einmal den Stampfl Hans fortzuschicken. Aber der Stampfl Hans wollte nicht fortgeschickt werden. Es gefiele ihm im Städtchen, erklärte er ruhig, und er wünsche zu bleiben. Mit gesteigertem Argwohn und Mißbehagen beobachteten die Väter und Gatten den jungen Soldaten. Sie fingen an, ihn förmlich zu umlauern. Sie hörten und sahen, wie der Klatsch üppig sproßte und gedieh. Aber es war eben nur Klatsch, und bei einem Unrecht konnten sie den Stampfl Hans nicht entdecken. Der Hans machte sich nach wie vor lieb Kind bei den Damen. Aber das spielte sich alles in der Öffentlichkeit ab, vor den Augen der Welt. Der Stampfl Hans bemerkte es mit innerer Genugtuung, wie die Herren von ihm abzurücken 44 begannen. Er fühlte, daß jetzt mancher von ihnen heimlich sein Feind war. Und er wußte es ganz genau, daß die Apothekerin nichts so sehr ersehnte, als ihn aus dem Hause zu entfernen. Aber er blieb. Justament. Und er weidete sich innerlich an dem steigenden Unbehagen der Frau Marsoner, des Herrn Apothekers und der gesamten Herrenwelt in der Stadt. In der letzten Zeit hatte er wieder angefangen, sich mehr der blonden Hilde zu widmen und sie vor allen Mädchen auszuzeichnen wie nie zuvor. Dadurch entschwand der Apothekerin auch die einzige Verbündete, die sie gegen den Stampfl Hans gehabt hatte. Der Stampfl Hans mußte fort. Das wurde den Herren immer klarer. Sie wagten es mit Rücksicht auf den häuslichen Frieden nicht, offen gegen ihn aufzutreten, aber sie waren sich darüber einig, daß er fortgebracht werden müsse. Der Herr Landesgerichtsrat war der erste, der offen mit einem Vorschlag an den Hans herantrat. Im väterlichen Tone erkundigte er sich ein über das andere Mal wegen der Fortschritte, welche die Genesung des Hans machte. »Ein bissel lang dauert halt die Geschichte. Nit wahr, Herr Stampfl? Es ist doch nit die richtige Erholung, die Sie da haben. Sie sollten in ein Bad 45 gehen, Herr Stampfl. Nach Ischl, nach Marienbad oder . . .« Der Stampfl Hans lachte. »Ein Bad! Aber Herr Landesgerichtsrat! Unsereins und in einem Kurort leben! Wo tät' denn ich's Geld hernehmen dazu?« »Das Geld? Ja! Hm! Ach so! Die leidige Geldfrage . . . nicht wahr? Das ist's!« Der Herr Landesgerichtsrat dachte angestrengt nach und stützte dabei das Kinn gedankenschwer auf den silbernen Knopf seines Spazierstockes. »Ja . . . da müßte eben der Herr Marsoner . . .« sagte er dann langsam. »Der wird sich schön hüten!« lachte der Stampfl Hans belustigt. »Wo's Geld in Frage kommt, da hört die Lieb' auf.« Dem Herrn Landesgerichtsrat war es, als klänge ein bitterer Ton mitten unter dem fröhlichen Lachen. In gütiger und nachsichtiger Art fuhr er zu reden fort . . . »Ja! Hm! So! Freilich. Ganz richtig. Ist eine kostspielige Sache, so ein Badeort. Aber vielleicht könnten Sie wo anders hin. So ein bissel weiter in unsere Berg' hinein. Ins Stubaital oder ins Ötztal . . .« »Oder auf den Ortler oder gar auf den Großvenediger!« platzte der Hans belustigt los. Er wußte jetzt ganz genau Bescheid darüber, wo der Herr 46 Landesgerichtsrat eigentlich hinaus wollte. »Nein, nein, Herr Rat! Ich bleib', wo ich bin. Es gefällt mir ganz ausgezeichnet da. Die Leut' sind alle so lieb zu mir. Das tut mir recht wohl. Die haben mich früher nämlich nicht verwöhnt, wissen Sie. Um so wohler tut es mir jetzt, ein bissel verhätschelt zu werden.« Dabei sah der Stampfl Hans so quietschvergnügt drein und machte ein so schadenfrohes Gesicht, daß es der Herr Landesgerichtsrat ganz genau fühlte, wie der Stampfl Hans aus lauter Bosheit nicht weiterzubringen war. Der Herr Landesgerichtsrat sah ein, daß er nicht imstande war, etwas beim Stampfl Hans auszurichten. So übernahm es denn der Notar, den Hans bei einer andern Seite anzupacken. »Wissen Sie, Hans,« fing der Herr Notar vertraulich zu reden an, als sie beide einmal ein Stück im Stadtpark spazieren gingen, »eigentlich muß es Ihnen doch ganz schrecklich sein, so Ihren Verwandten immer auf der Schüssel zu hocken.« »Warum denn?« frug der Hans kurz. Er war über die taktlose Art des Notars doch einigermaßen überrascht und peinlich berührt. »Ich zahl' meine Sach', und dann . . . ich gehör' doch auch zur Familie.« 47 Der junge Mann brachte diese Entschuldigung recht ungeschickt und zögernd vor. »Ja, mein!« Der Notar schöpfte tief Atem. Er war ein kleines, zappliges Männchen mit schon stark ergrautem schwarzem Haar und Vollbart. Sein dickes, stark gerötetes Gesicht hatte schon beinahe eine purpurne Farbe, und eine mächtige Hornbrille beschattete die kleinen, listig blickenden Augen. »Die Verwandtschaft!« machte er verächtlich. »Da hat man was davon!« Der Notar zupfte sich seine Hornbrille zurecht und sah mit vertraulich herablassender Miene auf den jungen Mann an seiner Seite. »Sagen's selber, Hans, ob Ihre Verwandten so einen Stolz auf Ihnen g'habt haben vor dem Krieg? Jetzt freilich. Jetzt pfeift der Wind aus ganz einem andern Loch. Jetzt heben's eine Ehr' auf mit Ihnen. Jetzt ist einem die Verwandtschaft ganz recht, auch wenn sie bloß von der hundertsten Suppen ein Schnittlauch ist! Aber . . .« »So ganz recht, scheint's, bin ich ihnen jetzt auch nimmer, Herr Notar!« unterbrach ihn der Stampfl Hans mit leichtem Spott. »Ich fühl's ganz genau.« »Ja, warum gehen's denn nachher nit fort?« frug ihn der Notar eilig. »Da ging' ich doch, wenn ich an Ihrer Stelle wär'!« »Ich mag aber nit!« erklärte der Stampfl Hans 48 mit großer Energie. »Ich bleib', wo ich bin! Und das geht keinen Menschen was an, verstanden?« Der Stampfl Hans hatte die letzten Worte fast schreiend herausgestoßen, so daß der kleine Notar ein ganz erschrockenes Gesicht machte. »Sie können aber grob werden, Hans!« sagte er verdutzt dreinschauend und schüttelte dabei ein übers andere Mal mißbilligend den Kopf. »Aber freilich, wenn's Ihnen bei uns gar so gut gefällt,« gab er über eine Weile kleinlaut zu, »da kann man freilich nichts machen. Gar nichts!« sagte er dann noch leise und wie bedauernd vor sich hin. Sie scheiterten alle, die mehr oder minder versteckten Vorschläge, die die Herren dem Hans zu machen hatten. Sie scheiterten an seinem hartnäckigen Widerstand, mit dem er immer wieder erklärte, es gefalle ihm auf der ganzen Welt nirgends so ausgezeichnet, wie gerade in dem Städtchen. Die Apothekerin war in hellichter Verzweiflung. »Der Mensch bringt mich noch unter die Erden!« klagte sie. »Einen Tausender gäb' ich drum, wenn wir ihn los hätten!« »Einen Tausender!« Den Apotheker gruselte es bei der bloßen Vorstellung dieser ungeheuren Summe. »Du bist wohl verrückt! Einen Tausender!« 49 »Dreitausend wär' mir nit zuviel!« erklärte die Frau Marsoner in zorniger Rechthaberei. »Wenn ich nur wieder meinen Frieden im Haus hätt'! Jetzt streiten sich meine beiden Mädel auch wegen dem Hans. Sind noch alleweil auskommen, solang sie leben. Und jetzt geht der Streit nimmer aus!« »Die Emma ist aber doch nit vernarrt in den Menschen!« meinte der Apotheker zweifelnd. »Die sagt ihm ja alleweil rund heraus, was sie sich denkt!« »Die Emma wär' schon recht!« gab die Apothekerin zu. »Die ist nit so dumm. Dafür ist aber die Mizzi um so dümmer! Hätt's nie geglaubt, daß die auch so eine Gans ist!« sagte sie gereizt. »Wenn jetzt der Paul kommt, wird's besser werden!« versuchte der Apotheker seine Frau zu beschwichtigen. »Nein. Schlechter wird's. Der Paul und der Hans! Du liebe Zeit! Die haben sich ja nie leiden können. Das nimmt kein gutes End' nit!« jammerte die Apothekerin. »Wo der Kerl so anmaßlich wird. Völlig noch ärger mit jedem Tag.« Unerwartet bekam die Apothekerin eine Verbündete. Die Emma war's, die gemeinsam mit der Mutter den Vater bestürmte, er möchte dem Hans doch eine größere Summe geben, damit er ins Bad gehen könne. 50 »Wenn er uns aber doch nit geht?« sagte der alte Marsoner zweifelnd. »Der hat ja einen Dickschädel auf, der Mensch! Dann hat er mein schönes Geld, und ich hab's Nachsehen!« »Du brauchst es ihm ja nit zu schenken. Leih's ihm halt, Papa!« suchte ihn die Emma zu überreden. »Ja . . . und nachher? Wann krieg' ich das etwa wieder zu Gesicht, ha?« Die Emma dachte nach. Sehr angestrengt. Endlich schien ihr eine vorzügliche Idee gekommen zu sein. »Ich hab's, Papa!« meinte sie strahlend und wurde vor Freude über und über rot. »Ich hab's! Du gibst dem Hans sechstausend Kronen . . .« »Sechstausend . . .« Der Apotheker sah ganz entsetzt auf seine Tochter. »Sechstausend . . .« wiederholte er tonlos^ »Bist närrisch! Sechstausend Kronen ist der nit wert! Tausend sind mehr als genug!« erklärte die Mama Marsoner energisch. »Sechstausend Kronen hab' ich g'sagt!« behauptete die Emma eigensinnig. »Die kann ihm der Papa schon leihen. Da ist weiter gar nichts dabei!« sagte das Mädchen mit gut gespielter Harmlosigkeit. 51 »Nichts dabei?« Die Apothekerin wiederholte es keuchend vor Wut und stemmte die Arme in die kurzen Hüften. »Nichts dabei?« »Ja . . . und . . .« wollte der Apotheker fragen. Aber die Emma ließ ihn nicht zu Wort kommen. »Das ist ganz einfach, Papa!« fiel sie ein. »Du borgst dem Hans jetzt sechstausend Kronen, und dafür muß er dann nach dem Krieg in deinem Geschäft eintreten und . . .« »Emma!« Die Frau Apotheker erhob sich zu ihrer vollen Größe, die allerdings nicht überwältigend war. Dafür fühlte sie deren Wucht um so tiefer und gab sich alle Mühe, dieselbe nach außen hin zu markieren. »Emma!« sagte sie streng. »Jetzt bist du verrückt geworden!« »Ich?« Das Mädel schaute mit lustigen Augen zur Mutter und von dieser wieder auf den Vater. »Aber gar nicht, Mama!« beteuerte sie. »Ich fühle mich sehr normal.« »Das tun alle Narren!« stellte die Apothekerin mit unheimlicher Ruhe fest. »Papa,« wandte sie sich dann mit strengem Tone an ihren Gatten, »schicke deine Tochter zu Bett!« »Jetzt beim hellichten Tag!« wandte der Apotheker schüchtern ein. 52 »Schick' sie zu Bett!« befahl die Apothekerin nochmals im hoheitsvollen Tone. »Hältst du mich auch für übergeschnappt, Papa?« fragte Emma und schlang schalkhaft ihren Arm um den Nacken des Vaters. »So halb und halb schon . . . aber . . .« »Aber?« »Da steckt was dahinter!« Der Apotheker runzelte die Stirn. »Heraus mit der Sprach'!« befahl er dann. »Na . . . na . . . na!« machte die Emma schmollend. »Nur nit so grob! So verrückt ist mein Plan doch nit. Der Erwin bleibt ja doch beim Militär. Und der Paul wird Arzt. Also . . . wer kriegt die Apotheke?« forschte sie dann. »Jedenfalls nicht der Hans! Das bitt' ich mir aus!« warf die Apothekerin zornig ein. »Von was soll denn der Habenichts der . . . was übernehmen?« frug der Apotheker höhnisch. »Von meinem Geld!« sagte die Emma sehr ruhig und gelassen. »Ah . . . da schau her!« Mehr brachte die Frau Marsoner nicht hervor. Wie vom Blitz getroffen stand sie da. Sie hatte alle Mühe, ihre Fassung nicht ganz zu verlieren. Sie stemmte die Arme immer fester 53 in die rundlichen Hüften, war blutrot im Gesicht und rang verzweifelt keuchend nach Atem. Der Apotheker war der erste, der die Sprache wiederfand. »So, so!« machte er sarkastisch. »Da geht's hinaus! Schlaufuchs der!« brach er dann zornig los. »Das tät' ihm passen. Nichts wird draus, verstanden? Und jetzt jag' ich ihn aus dem Haus, verstanden? Noch heut' muß er fort, der . . . der . . .« »Dann geh' ich aber mit, Papa!« erklärte die Emma mit leiser Stimme und sehr überlegener Ruhe. »Du . . . du gehst mit?« frug die Apothekerin vor Wut stotternd. »Ja, Mama, ich geh' mit, weil ich den Stampfl Hans heiraten will. Und weil wir schon seit ein paar Wochen verlobt sind. Und deswegen hat's ihm gar so gut g'fallen bei uns. Das erstemal im Leben, daß er Liebe g'funden hat. Ein Herz g'funden hat, das ihn gern hat. Ihn . . . den armen Teufel, der er ist. Und wenn Ihr mir nichts gebt, keinen Kreuzer nit . . . das macht nichts. Dann geh' ich fort von Euch und such' mir irgendwo eine Stellung. Und dann heiraten wir . . . der Hans und ich. So, jetzt wißt Ihr's, wie Ihr dran seid. Und daß ich's auch durchführ' . . . dafür kennt Ihr mich!« 54 Nach dieser Erklärung gab es eine so wüste Streiterei, wie man sie in dem sonst so ruhigen Hause des Apothekers Marsoner noch nie gehört hatte. Sogar durch die verschlossenen Doppelfenster war der Lärm hörbar. Die Leute in der Nachbarschaft hätten es gar zu gerne gewußt, warum bei den Marsoners so gestritten wurde. Einzelne machten sich auch in der Nähe des Hauses zu schaffen, schlichen um den Stadtturm und sahen verstohlen zu den Fenstern empor. Dann schauten sie zu der Ladentür hinein. Niemand war zu sehen. Nur Fips, der Pudel, lag heute ausnahmsweise drinnen und stieß von Zeit zu Zeit ein langgezogenes Klagegeheul aus. Denn von oben hörte er die zornigen Stimmen seines Herrn und dessen Frau und dazwischen das laute Weinen der beiden Mädchen. Von dem Stampfl Hans war nichts zu sehen und zu hören. Also errieten die Leute sehr richtig, daß sich der ganze Streit wohl um diesen drehen dürfte . . . Die Emma hat aber trotzdem ihren Willen durchgesetzt. Nichts hätte die Marsoners zum Nachgeben bewogen, als wie die Drohung, daß ihre Tochter sich eine Stellung suchen und ihr Brot verdienen wollte. 55 Lieber als diese Schande erleben . . . lieber willigten sie in die Heirat mit dem Stampfl Hans . . . In den nächsten Wochen hatten die Leute im Städtchen neuen Stoff zum Klatschen. Der Stampfl Hans und die Marsoner Emma sollten kriegsgetraut werden. Schon in Friedenszeiten hieß es, daß in kleinen Städten niemand so schlecht gemacht werde wie ein junges Paar, das in den Ehestand treten will. Dies Wort hatte vollauf Geltung für die jungen Brautleute. Der Klatsch gedieh zu üppigster Blüte. Aber er störte nicht im mindesten das Glück der beiden. Im Gegenteil hatte er zur Folge, daß sich der Apotheker und seine Frau justament und zum Trotz erst recht mit der Wahl ihrer Tochter einverstanden erklärten. Und als die blonde Hilde vom Stadtarzt eines Tages aus dem Städtchen verschwunden war, da strahlte die Apothekerin vor Schadenfreude. Sie konnte es sich nicht versagen, der Frau Stadtarzt wie zufällig in den Weg zu laufen und sich recht angelegentlich nach dem Fräulein Tochter zu erkundigen. Die Frau Stadtarzt war sehr gemessen und ganz Würde. Ihre Tochter sei zu einer Tante nach Graz auf Besuch gefahren, erzählte sie im gleichgültigsten Tone. 56 »Gar nach Graz!« verwunderte sich die Apothekerin. »Ja, so weit weg und jetzt im Krieg! Daß Sie das zugeben haben, Frau Stadtarzt?« fragte sie, ehrlich besorgt um das Schicksal der blonden Hilde. »Andere Eltern geben noch ganz andere Sachen zu!« kam es spitz zurück. Und da wußte es die Apothekerin ganz genau, daß ihr die Doktorin den Schwiegersohn neidete. Und das machte sie völlig glücklich. Von nun ab gab sich die Frau Apotheker Marsoner redlich Mühe, alle die Mütter von heiratsfähigen Töchtern aufzusuchen. Und bei jeder fand sie, daß mehr oder weniger Neid vorhanden war. Das freute die Apothekerin so sehr, daß sie anfing, nun abermals mit dem Schwiegersohn zu protzen. So wie damals, als er ruhmgekrönt aus dem Felde kam. Nicht einmal die Anwesenheit ihres jüngsten Sohnes konnte sie davon abbringen. Denn nichts macht die Menschen so selig, als wenn andere ihnen das Glück neiden. 57   Die Reliquien meiner Liebe Ich bin ein alter Esel. Trotzdem habe ich von Zeit zu Zeit immer Einfälle, die sehr bedenklich an meine Jugendeseleien erinnern. Mein letztes Erlebnis nach dieser Richtung will ich Ihnen hier zum Besten geben. Im verstecktesten Winkel meines umfangreichen Schreibtisches befindet sich eine ziemlich große Schatulle aus Mahagoniholz. Wenn ich im Geiste meine Ohren zu einer gewissen ominösen Langohrigkeit wachsen fühle, dann hole ich diese Schatulle aus ihrem Versteck hervor und krame in den Schätzen, die sie enthält. Ich glaube, daß mir der liebenswürdigste Trödler für diese Schätze nicht zehn Pfennige geben würde. Aber für mich bedeuteten sie einmal ungeheuer viel und bedeuten sie auch heute noch etwas, weil ich eben, wie bereits bemerkt, ein alter Esel bin. Die Mahagonischatulle birgt die Reliquien meiner 60 Liebe. Lauter Erinnerungen in Gestalt von vertrockneten Blumen, verstaubten Locken, vergilbten Bändern, abgeblaßten Ballorden, zerknitterten Briefen und verschiedenen anderen Dingen. Eines Tages kam ich auf den verrückten Einfall, den lebenden Zeugen dieser Reliquien systematisch nachzuspüren. Soweit sie eben noch lebten. Hinter jedem dieser Bändchen, Blumen, Orden und Locken steckte ja irgend eine Geschichte, deren lustiger oder trauriger Held ich war, irgend ein Techtelmechtel, eine Schwärmerei, in allen Nuancen, auch tiefe Seufzer und verflogene Melancholie. Kurz, es faßte mich eine wahnsinnige Neugierde, die Heldinnen all dieser Abenteuer wiederzusehen, soweit sie sich überhaupt noch aufspüren ließen. Den Helden derselben kenne ich ja zur Genüge. Ein alter Esel, um es nochmals zu wiederholen. Ich wollte also meine Reliquien zum Leben erwecken, die Schauplätze und Personen vergangener schöner Erlebnisse wiedersehen. Ein Plan, der meiner ganz würdig war. Die meisten dieser Erlebnisse waren schon so grau geworden, daß zwischen ihnen und heute bereits ein Zeitraum liegt, der in das dritte Dezennium geht. Ich brauchte jedoch wieder einmal eine Erholungsreise. Junggeselle bin ich auch. Also 61 war ich über Ziel und Motive einer Reise niemandem Rechenschaft schuldig. Eine Rundreise sollte es werden. Die Stationen entsprechend den Reliquien meiner Liebe. Ich ordnete demnach den Inhalt der Schatulle, schied minder Wichtiges von vornherein aus, traf unter dem übrigen auch noch eine sehr kritische Wahl und gelangte endlich zu mehr als einem Dutzend Erinnerungen, die immer noch mächtig genug waren, vor mir selbst meine neueste Eselei zu rechtfertigen. Mit einem gewissen Behagen stellte ich mir eine recht hübsche Reise zusammen, in die sämtliche gewählte Erinnerungsstätten eingeschlossen waren. Unter diesen Rundreisereliquien befand sich auch ein Ding, das man für gewöhnlich nicht als Andenken an süße Stunden aufbewahrt. Da dieses Ding aber mit meiner Geschichte eng zusammenhängt, kann ich es unmöglich übergehen. Es ist ein kleiner porzellanener Salbentiegel. Er enthielt vor alter Zeit einmal ein Haarwuchsmittel, das ich übrigens nie gebrauchte. Ich befinde mich nämlich schon seit mehr als zwanzig Jahren im unbestrittenen Besitz einer grandiosen Glatze. Als besagter Salbentiegel in mein Leben trat, war meine Glatze gerade in den Anfangsstadien. 62 Auf einer meiner Wanderungen berührte ich damals auch eine kleine süddeutsche Landstadt, deren Name diskret verschwiegen sei. Ich ließ mir in einem dortigen Friseurladen die Haare schneiden. Es passierte mir das gleiche, was mir schon damals öfter zu passieren pflegte und was mir seit mehr als zwanzig Jahren in regelmäßiger Wiederkehr passiert. Der Haarkünstler schwätzte mir mit ungeheurer Zungengeläufigkeit ein unfehlbares Haarwuchsmittel auf. Hätte ich alle Pomaden und Öle gekauft, die man mir schon anhängen wollte, ich wäre im Besitz eines ganz bedeutenden Parfümeriegeschäftes. Ich hatte aber damals schon ein gutes Abwehrmittel, das ich seitdem mit ziemlichem Erfolg verwendete und das ich hiermit meinen ebenfalls mit Platten gesegneten Mitmenschen zur Verfügung stelle. Ich erzähle in solchen Fällen seit mehr als zwanzig Jahren die gleiche Geschichte, die mir gewöhnlich Ruhe verschafft. Der Friseur beginnt also mit den phänomenalen Wirkungen irgend eines Crinophens, Fixolins, Wuxoids, Phänomidols, Antiglatzophins und dergleichen. Ich ergreife das Wort: »Ich danke sehr. Ich habe bereits mein Mittel. Es hat einen ganz unaussprechlichen Namen. Darum ist er mir momentan entfallen. Kaufte es erst vor zwei Wochen in 63 München. Vor dem betreffenden Laden war ein derartiger Auflauf, daß sich die Leute um das neue Haarelixier prügelten. Ich erwischte mit Mühe noch die letzte Flasche. Die Wirkungen sind einfach unbeschreiblich. Nicht umsonst ist das Mittel aus Mammutknochen destilliert. Im Gebrauch muß man jedoch sehr vorsichtig sein. Namentlich darf man das Mittel Abends nicht anwenden, weil sonst die ganze Nachtruhe futsch ist. Die Haare brechen sich nämlich derart rasch und geräuschvoll Bahn, daß man dabei unmöglich schlafen kann.« Und so fort mit Grazie. Entweder habe ich damit die Lacher auf meiner Seite . . . oder der Friseurjüngling schweigt wenigstens tief gekränkt ob meinen Blasphemien. Diese Geschichte erzählte ich zu meiner Rettung auch damals in dem kleinstädtischen Friseurladen. Ich war kaum zu Ende, als hinter meinem Rücken ein helles Lachen ertönte. Ich drehte mich um. Ein reizendes Mädel war in den Laden getreten. Wie sich herausstellte, die Tochter des Friseurs, welche die Geschichte mit angehört hatte und nun den Gehilfen auslachte, der sich von seiner Verblüffung noch immer nicht recht erholen konnte. Mit diesem Lachen war es um mich geschehen. Den Salbentiegel mit dem unfehlbaren Mittel habe ich 64 natürlich trotzdem gekauft. In die blonde Resi habe ich mich sterblich verliebt. In dem Nest bin ich einen vollen Monat kleben geblieben. O, das waren herrliche Stelldicheins in der alten Kastanienallee am Stadtgraben! Es ist natürlich alles wieder in Scherben gegangen. Die blonde Resi bekam plötzlich sehr deutliche Heiratsabsichten. Das hat bei mir immer eine beträchtliche Abkühlung auch der heißesten Gefühle zur Folge gehabt. Zuletzt haben wir uns sogar gestritten. Dann Versöhnung und tränenreicher Abschied. Den Salbentiegel nahm ich als Andenken mit. Ich habe ihn sorgfältig von seinem Inhalt gereinigt; denn er hätte mir den ganzen Koffer verpestet. Statt dessen klebte ich in das leere Innere ein Zettelchen mit einem Namen und einem Datum. Der Name lautete Theresia Stoppelköter. Schön war dieser Name nicht. Das Mädel war jedenfalls tausendmal hübscher. Das Datum brauchen Sie nicht zu wissen. Sie könnten sich daraus gerade beiläufig mein Alter konstruieren. Ich bin in dieser Beziehung empfindlich geworden . . . Aber reizend waren die Stunden in der Kastanienallee doch. Und lieb haben wir uns gehabt, und vergnügt waren wir. Herrgott, daß alles vorübergehen muß! Tempi passati! 65 O, alles sollte nicht vorüber sein. Eines und das andere wollte ich auferstehen lassen. Der Salbentiegel wurde als Station drei in meine Route eingereiht. An einem sonnigen Frühsommertag ging es dahin . . . Die erste und zweite Station meiner Rundreise brachten mir nur Enttäuschungen. Es war nämlich von meinen alten Lieben absolut gar nichts mehr zu entdecken. Keine Spur, kein Name, kaum eine Erinnerung. Fortgezogen seit Jahren, verschollen. Na denn nicht, dachte ich mir und fuhr weiter. In meinem Koffer hatte ich die Reliquien mitgenommen und dazu noch ein sehr praktisches und mir liebes Erinnerungsstück gesellt, das ich seit Jahren im täglichen Gebrauch habe. Es ist eine Schreibmappe und stammt von einer Schauspielerin, meiner vorletzten Liebe. Ich glaube wenigstens, daß sie die vorletzte war. Sie hat mir die Schreibmappe zum Andenken geschenkt. Auf der Außenseite des Deckels befindet sich unter dünnem Celluloid ein großer, alter, kolorierter Kupferstich, tanzende Nymphen im Walde darstellend. Etwas frei in der Auffassung, ohne jedoch im geringsten lasziv zu wirken. Ich habe immer meine Freude an dem vollendeten Ebenmaß dieser Gestalten. 66 Ich war am Bahnhof meiner dritten Station angekommen. Ein einziger Omnibus wartete, der Wagen des »Blauen Elefanten«. Mehr gab es auch Anno dazumal nicht. Ich hatte auch damals im Blauen Elefanten gewohnt. Der Omnibus war offenbar noch der gleiche vorsintflutliche Kasten, nur frisch angestrichen. Ich barg mich und mein Gepäck im Innern dieser Arche Noah. Dann rumpelten wir dahin über das holprige Pflaster, in der Abenddämmerung des lauen Tages. Lauter fremde Gesichter beim Elefanten. Sogar zu einem Portier hatten sie es gebracht. Erst später erfuhr ich, daß der Wirt selbst dieses Amt versah. Er führte ein Doppelleben. Ankommende Fremde empfing er mit der Portiermütze am Kopf, um sich dann gelegentlich als Wirt zu entpuppen. Die Elefantenwirtin war ein Kolossalgebäude umfangreichster Weiblichkeit. Ungeheuer dick. Ein wahrer Koloß. Schien das Regiment im Hause zu haben. Mich musterte sie mit einem entschiedenen Mißtrauen. Sie schien im Zweifel zu sein, in welche Kategorie sie mich einreihen solle. Fremde waren außer den üblichen Handlungsreisenden in dem Nest offenbar ebensowenig häufig wie früher. Ich bekam ein hübsches Zimmer und legte mich 67 frühzeitig zur Ruhe. Meine Forschungen nahm ich erst am nächsten Morgen auf. Ein Spaziergang führte mich im Frühsonnenschein durch das alte Städtchen. Es war, als wenn ich erst gestern dagewesen wäre. Kaum einige Neubauten fielen mir auf. Die Kastanienallee war noch dichter und schattiger geworden. Wenige Menschen in den Straßen und diese in dem krähwinklerischen Schlendergang, der sich gemächlich Zeit läßt, weil er eben viel Zeit zu verlieren hat. Verschiedene Geschäfte erkannte ich wieder. Es war mir sogar, als ob sie noch die nämlichen Auslagen in den Fenstern hätten. So verstaubt und altwelterisch sah alles aus. Der Friseurladen war nicht mehr vorhanden. Ein biederer Selchermeister besaß jetzt das Lokal. Der Mann sah so furchtbar prosaisch aus, daß ich bei ihm meine Erkundigungen nicht eröffnen wollte. Ich bummelte wieder nach dem Elefanten und begab mich auf mein Zimmer, das inzwischen aufgeräumt worden war. Es vergingen kaum fünf Minuten, als es sehr laut und energisch an der Tür klopfte. Auf mein Herein erschien die ungeheure Elefantenwirtin in der Tür. Es ist mir heute noch ein Rätsel, wie sie durch eine normale Türöffnung überhaupt 68 hereinkam. Aber es ging offenbar doch, ohne daß sie oder der Türstock sichtbaren Schaden litt. Die Frau Wirtin trat ins Zimmer und schloß die Tür heftig hinter sich. Sie stemmte die Hände in die Hüften und ließ mich an: »Sie, was glauben denn Sie eigentlich!« Ich war ganz stumme Frage. »Bei uns gibt's so was nicht!« fuhr sie fort. Neuerliches Schweigen meinerseits. »So Herren wären mir die richtigen, die derartiges Zeug herumliegen lassen! Schämen Sie sich denn nicht vor dem Stubenmädel!« rief sie und wurde ganz rot vor Zorn. »Aber ich begreife nicht!« brachte ich endlich hervor. »So? Sie begreifen nichts? Das sind mir schon die saubersten Herren, die nichts begreifen wollen! So was ist einfach ein Skandal!« ereiferte sie sich. »Ich . . . ich bin mir wirklich nichts bewußt!« begann mir langsam vor dem weiblichen Monstrum unheimlich zu werden, das dicht vor mich hingetreten war. »Schämen Sie sich! So ein alter . . .!« »Ja, was wollen Sie denn eigentlich?« riß mir die Geduld. »Ich habe ja gar keine Ahnung, um was es sich handelt!« 69 »Das will ich Ihnen gleich erklären, um was sich's handelt!« stellte sie sich kampfbereit vor mich hin, so daß ich unwillkürlich immer mehr zurückwich. »Ich bin eine anständige Frau, und unser Gasthof ist ein anständiges Haus!« »Daran zweifle ich doch nicht im geringsten!« wagte ich schüchtern zu erwidern. »Jetzt red' ich!« unterbrach sie mich. »Verstanden! Wenn ich fertig bin, dann können Sie reden! Solche Schmierereien kommen hinaus!« Sie hatte sich dem Tisch genähert und schlug mit der Faust kräftig auf meine dort liegende Schreibmappe. Mir ging plötzlich ein Licht auf. Gleichzeitig empörte mich die rohe Behandlung meines kleinen, mir liebgewordenen Kunstschatzes. »Die Mappe bleibt, wo sie ist!« rief ich. »Sie haben mir in meinem Zimmer gar nichts zu befehlen! Sie sind ja die verkörperte Lex Heinze!« »Was soll ich sein?« zeterte sie. »Ich verbitte mir alle anzüglichen Redensarten! Ich sage Ihnen nur noch einmal: Fahren Sie sofort ab mit der Schmierarbeit!« »Fällt mir nicht ein! Die Mappe bleibt da liegen!« 70 »Das werden wir sehen!« rief sie, ergriff, ehe ich es hindern konnte, die Mappe und schleuderte sie in eine Ecke des Zimmers. Ich stürzte meinem Besitztum nach, hob es auf, legte es wieder auf den Tisch und stellte mich davor hin, entschlossen, es auf das äußerste zu verteidigen. »Da bleibt sie liegen!« schrie ich erbost. »Unterstehen Sie sich noch ein einziges Mal!« Sie riß die Zimmertüre auf und rief aus Leibeskräften auf den Korridor hinaus: »Johann! Johann! Johann!« Gleich darauf ließen sich kräftige Tritte vernehmen, und der Hausknecht vom Elefanten erschien. Ein Kerl von geradezu beunruhigender urwüchsiger Kraft. »Werfen Sie den unverschämten Menschen da sofort hinaus!« kreischte sie. Der Johann stülpte seine Ärmel auf und näherte sich mir in der offenkundigen Absicht, mich nach allen Regeln der Kunst an die Luft zu befördern. Ich sage es aufrichtig und ehrlich, mir war nicht wohl zu Mute. Aber angesichts der Gefahr wuchs meine Courage. »Kommen Sie nur her!« ließ ich den Johann an. »Ich habe das Zimmer gemietet und werde es nur freiwillig wieder aufgeben. Ich habe mir gar nichts zuschulden kommen lassen. Verstehen Sie mich!« 71 »Was? Nichts zuschulden kommen lassen?« fuhr die dicke Elefantenwirtin wütend auf. »Nackte Frauenzimmer laßt er am Tisch herumliegen, daß jeden anständigen Menschen davor grausen muß!« »Das sind keine Frauenzimmer, sondern tanzende Waldnymphen!« rief ich. »Ich werd' Ihnen schon Ihre tanzenden Nymphen geben!« zeterte sie. »Entweder packen Sie jetzt gutwillig zusammen, oder der Johann wird Ihnen auf die Strümpfe helfen!« »Er soll's nur probieren!« rief ich und ergriff einen Sessel zur Abwehr. »Johann, pack an!« befahl sie. Die Folge der nächsten Ereignisse hat sich in meiner Erinnerung einigermaßen verwirrt. Ich fühlte mich von den kräftigen Fäusten des Johann gepackt. Ein verzweifeltes Ringen begann. Ich muß zu meiner Schande gestehen, daß ich entschieden der schwächere Partner dabei war. Wie ich über die Stiege hinunter kam, kann ich nicht mehr genau sagen. Meines Wissens ging es jedoch etwas rascher, als unter gewöhnlichen Umständen. Mit der gleichen Promptheit flog ich beim Haustor des Blauen Elefanten hinaus. Unter dem Tor bemerkte ich im Flug den Herrn Wirt mit der 72 Portierkappe. Es fiel mir auf, daß er mich höflich grüßte. Und draußen war ich. Ein harter Gegenstand flog mir an den Kopf und von da auf das Pflaster. Ich bückte mich rasch danach. Es war meine Schreibmappe. Ich sah mich um. Es hatte sich glücklicherweise kein Publikum zu meinem Debut als hinausgeworfener Gast versammelt. Das war mir momentan wirklich ein Trost. Ich hörte das schwere Haustor zuschlagen und stand in der lichten Sonne des Vormittags auf der Gasse. Eine Minute brauchte ich, um meine fünf Sinne zu sammeln, eine zweite, um mich der Unversehrtheit meiner Knochen zu versichern, und eine dritte, um den Staub außer von meinen Sohlen auch von meinem Anzug zu schütteln. Nur keinen Skandal auf offener Straße . . . war die vernünftige Erkenntnis der vierten Minute. Ich ballte stumm und ingrimmig die Faust gegen den Blauen Elefanten und trat den nächsten Weg zum Gericht an. Wozu gab es sonst noch eigentlich Richter auf Erden! . . . Ich ließ mich beim Herrn Gerichtsadjunkten, der die Strafsachen führte, melden und wurde auch alsbald vorgelassen. Die Schreibmappe hatte ich als Korpus delikti mitgebracht. 73 Der Herr Adjunkt war ein gemütlicher wohlgenährter Herr, der mich höflich empfing und seine lange Pfeife, aus der er gerade qualmte, in eine Ecke stellte. Ich trug den Fall vor. Er ließ sich die Mappe zeigen, die er mit sichtlichem Vergnügen betrachtete. Dann meinte er lächelnd: »Die Elefantenwirtin ist halt als eine resche Frau bekannt. Bei ein bißchen mehr Nachgiebigkeit Ihrerseits . . .« »Ich danke für die Resch'n!« unterbrach ich ihn. »Und von Nachgiebigkeit will ich jetzt schon gar nichts mehr wissen. Ich muß Sie bitten, meine Klage aufzunehmen.« Da ich erklärte, abreisen zu wollen, war der Adjunkt so liebenswürdig, bereits für den Nachmittag den Termin für die Bagatellverhandlung anzusetzen. Der Frau Wirtin wolle er noch im Laufe des Vormittags die Vorladung zustellen lassen. Die Mappe möchte ich einstweilen in seinem Amtszimmer deponieren . . . Für Nachmittags vier Uhr war die Amtshandlung anberaumt. Ich erschien pünktlich. Gleich darauf rauschte auch die Elefantenwirtin herein. Sie war im Sonntagsstaat und trug ein steifes Seidenkleid, in dem sie womöglich noch umfangreicher aussah. Der Herr Adjunkt beantragte zuerst einen Vergleich 74 der beiden feindlichen Parteien. Die Frau Wirtin möge ihr Bedauern über den Vorfall aussprechen, mich um Entschuldigung bitten. »Was? . . . Um Entschuldigung bitten!« schnaufte sie, noch ganz atemlos von dem Weg. »Ich um Entschuldigung bitten? Der Herr soll mir Abbitte leisten!« »Da verkennen Sie doch ganz den Sachverhalt!« sagte der Adjunkt. »Der Herr ist ja der Beleidigte.« »Oho!« rief die Wirtin. »Beleidigt will der auch noch sein! . . . Wissen Sie denn überhaupt, Herr Adjunkt, was los ist?« »Selbstverständlich weiß ich das!« meinte der Adjunkt. »Aber liebe Frau Wirtin, an der Schreibmappe finde ich wirklich nichts Anstößiges. Sie haben sich ganz grundlos aufgeregt.« »So?« meinte sie spitz. »Also Ihnen gefallen die nackten Frauenzimmer . . . Da wären wir ja fertig miteinander!« »Das sind wir noch nicht!« erklärte der Herr Adjunkt. »Nachdem der Ausgleich gescheitert erscheint, gehen wir in die Verhandlung ein. Zunächst die Personalien. Sie heißen?« wandte er sich an die Elefantenwirtin. »Das wissen Sie ja!« entgegnete sie unwillig. 75 »Das weiß ich als Beamter nicht.« »Also Theresia Vorderegger.« »Ledig? Verheiratet?« »Verheiratet.« »Geborne?« »Also in Gottesnamen, geborne Stoppelköter!« gab die dicke Wirtin zur Antwort. Mir war, als träfe mich der Schlag. »Stoppelköter!« stieß ich hervor und sah die Wirtin verständnislos an. »Was geht denn Sie mein Name an!« fuhr sie giftig aus mich los. »Tochter des Friseurs Stoppelköter?« fragte ich, indem sich das ganze Amtslokal vor meinen Augen zu drehen begann. »Ja!« schnauzte sie mich an. »Kümmert Sie das vielleicht was?« Jetzt wurde der Adjunkt ungeduldig: »Mein Herr, ich muß Sie auffordern, die Verhandlung nicht zu unterbrechen!« »Die Resi . . . Friseur . . . Kastanienallee . . . Salbentiegel . . .« stotterte ich zusammenhanglos. »Mir scheint, der Herr spinnt!« bemerkte die Elefantenwirtin boshaft. 76 »Was wollen Sie denn eigentlich?« fragte mich der Adjunkt barsch. »Ich . . . ich will gar nichts . . .« würgte ich mühsam hervor. »Ich . . . ich ziehe die Klage gegen die Frau Wirtin zurück.« »Aha! Haben Sie die Schneid' verloren!« höhnte die dicke Elefantenwirtin. »Wenn Sie sich übrigens anständig aufführen, können Sie Ihr Zimmer wieder haben!« setzte sie einigermaßen versöhnt hinzu. »Nein, nein! Ich danke!« rief ich entsetzt. Nach Aufnahme eines kurzen Protokolles wurden wir beide entlassen, nicht ohne daß mir der Herr Adjunkt einen strengen Verweis erteilt hätte, in Zukunft mit derartigen leichtsinnigen Klagen nicht wieder ein hohes Gericht zu behelligen. Ich nahm meine Schreibmappe in Empfang, packte beim Blauen Elefanten meinen Koffer mit einer Geschwindigkeit, als ob es brenne, und reiste mit dem nächsten Zug ab. Das war also meine Resi. Herrgott, wenn ich die geheiratet hätte! Gut, daß sie von allem keine Ahnung besaß, mich nicht wieder erkannte. Wenn es am Ende noch ein zärtliches Wiedersehen gegeben hätte! Mir standen die wenigen Haare zu Berg, die ich noch besitze. 77 Die Rundreise habe ich zwar absolviert, aber sorgfältig alle Stationen vermieden, die mit den Reliquien meiner Liebe in Verbindung standen. Diese Forschungen habe ich gründlich aufgegeben. Weiß der Himmel, was mir sonst noch passiert wäre. Ja, die Abenteuer schauen für alte Esel ganz anders aus, als für junge. 79   Die besondere Güte Gottes Es ist etwas Köstliches um den Schlaf. Und manchmal schlafen nicht nur die Menschen und die Tiere, es schlafen auch ganze Ortschaften und größere und kleinere Baulichkeiten. An schwülen Hochsommertagen kommt es vor, daß kleine Städte einen vollkommen ausgestorbenen Eindruck machen. Da ist es in den Gassen und Gäßchen so lautlos still, daß der feste Schritt eines Mannes erschreckend und beinahe unheimlich wirkt. Tier und Mensch gibt sich der Mittagsruhe hin, und sogar die Hunde, die als getreue Hüter der öffentlichen Sicherheit unter den Haustüren sitzen, reckeln sich träge im prallen Sonnenschein. Alle Viere strecken sie von sich und knurren leise und mürrisch, wenn von ferne ein Geräusch zu ihnen dringt, das sie unliebsam aus ihrer behaglichen Ruhe stört. Auch die kleine Bergstadt erlebte heute so einen echten, richtigen Hochsommerschlaf. Wenigstens 82 erschien es dem älteren Herrn so, der mit festen, resoluten Schritten sich über den Hauptplatz begab und die Richtung gegen das obere Ende der Stadt einschlug. Seine Tritte hallten laut in der feierlichen Stille des Mittags. Heiß senkte die Sonne ihre Strahlen auf das gewürfelte Steinpflaster. Die weißen Mauern an den beiden Häuserreihen blendeten grell im Sonnenlicht; und träumend, öde und leer starrten die zum Teil verhängten Fenster und die Schaufenster der Läden in die dunstige, lichtblaue Atmosphäre des schwülen Tages. Am Hauptplatz plätscherte ein großer, viereckig von einer Steinmauer eingefaßter Brunnen. Der heilige Florian stand schirmend unter dem Brunnendach und wehrte den künstlichen, gelblichroten Holzflammen, die ein Haus zu verzehren drohten. Ein großer. üppiger Kastanienbaum überschattete das Brunnenidyll. Doch selbst das Rieseln des Wasserstrahles aus dem Rohr klang nicht so frisch und fröhlich wie gewöhnlich, sondern hatte einen müden, einschläfernden Ton. Vom Turm der großen Pfarrkirche schlug die Uhr langsam und gezogen. Sie kündete die zweite Mittagsstunde an. Kein Mensch war in den Straßen zu erblicken. Unwillkürlich beschleunigte der Wanderer seine 83 Schritte, was das erhöhte Mißtrauen eines schläfrigen Hundes erregte, der ihm mürrisch nachgrunte. Am äußersten Ende der Stadt, in etwas erhöhter Lage und eingeschattet von alten Edelkastanienbäumen lag das Kloster der hochwürdigen Patres Kapuziner. In schlichter Bescheidenheit lag es da. Einfach und anspruchslos. Ein niederer, langgestreckter Bau mit anstoßender Kirche. Der kleine Turm reckte neugierig seine Spitze in die Luft, fast erschreckt ob der eigenen Kühnheit. Grane, hohe Mauern dehnten sich weit hinaus und zäunten den Klostergarten ein. Kleine, bescheidene Häuser grenzten an das Kloster, während ein steiler, kahler Berganstieg den Hintergrund der ganzen Siedelung bildete. Der Fremde steuerte geradewegs auf die einsame Klosterpforte der hochwürdigen Patres Kapuziner zu und zog mit raschem Griff an der Klingel. Schrill tönte die Glocke durch den sich schier endlos hinziehenden Korridor. Dann war drinnen im Kloster wieder alles still und ruhig wie zuvor. In dem engen weißgetünchten Warteraum vor der Klosterpforte herrschte eine angenehm kühle Temperatur. Beinahe stickig war die Luft und gemahnte an feuchtmodrige Kellermauern. Der Fremde sog 84 behaglich diese Luft ein. Sie war ihm lieb und vertraut und erinnerte ihn an dumpfe Archive, in denen er so manchen verborgenen Schatz aufgestöbert hatte. Hofrat Professor Ringler war ein schlank gewachsener Mann, Mitte der Fünfziger, glatt rasiert, mit Brillen, einem bräunlichem Gesicht und leicht ergrautem vollem Haar. Seine Haltung war gut und korrekt; nur bezeigten seine Achseln eine leichte Neigung nach vorn, was wohl von einem allzu häufigen Verkehr mit hohen und höchsten Herrschaften herrühren mochte. Der kurze Touristenanzug mit Wadenstrümpfen und einem weichen Lodenhütl stand ihm fesch zu Gesicht und ließ ihn um beinahe zehn Jahre jünger erscheinen. In der Hand trug er einen eleganten Spazierstock, der seltsam gegen seine einfache Lodenkleidung abstach. Der dicke Silberknopf des Stockes wirkte in der ärmlichen Umgebung des Warteraumes doppelt auffallend und kostbar. Professor Ringler spielte nervös mit dem Stock, zeichnete Figuren auf den Steinfließen, hustete ungeduldig und stand abwechselnd von einem auf das andere Bein. Er mußte so lange warten, daß er es sich schon überlegte, ob er nicht doch noch ein 85 zweitesmal läuten sollte, als er von dem äußersten Ende des Korridors schlürfende Schritte vernahm. Die Schritte kamen langsam schlürfend herbei und zeugten offenbar von einer behaglichen unerschütterlichen Ruhe der sich nähernden Person. Ein kleiner alter Kapuzinerpater mit demütig freundlichem Gesicht öffnete die Pforte, ließ den Fremden eintreten und frug nach seinen Wünschen. Professor Ringler lüftete höflich den Hut, stellte sich vor und ersuchte vor den Pater Guardian geführt zu werden. »So, so! Den Pater Guardian möchten's sehen!« sagte der kleine Pater freundlich und strich sich wiederholt über den langen weißen Bart, der ihm fast bis zur Brust über die braune derbe Lodenkutte fiel. »Ja, ich weiß aber nit genau, ob der Pater Guardian jetzt wohl zu sprechen sein wird. Könnt' ich ihm nit was ausrichten?« forschte er dann weiter und sah neugierig blinzelnd zu dem Hofrat auf, während die eine Hand fortwährend über den weißen Bart strich. »Sagen Sie dem Pater Guardian meine Hochachtung, und ich sei gekommen, um die mir sehr empfohlene Bibliothek des Klosters zu besichtigen!« versetzte der Fremde mit Nachdruck und nicht ohne dabei ein gewisses Selbstgefühl zu bekunden. 86 »Die Bibliothek? Ah so!« verwunderte sich der kleine Pater und strich sich dabei unausgesetzt den Bart. »Wohl die Bibliothek? Und gar empfohlen ist sie Ihnen auch noch? Da schau her! Da schau her!« Diese Tatsache schien das alte Paterle ganz besonders zu belustigen; denn es kicherte scheu und unterdrückt vor sich hin und sah jetzt mit unverhohlener Neugierde auf den Fremden. »Ich besitze Empfehlungsschreiben vom Kultusministerium und von dem fürstbischöflichen Ordinariat!« sagte der Professor, den das Benehmen des Alten etwas zu ärgern schien. »Ich bin gerne bereit, sie dem Pater Guardian zu zeigen.« »Ich geh' schon. Ich geh' gleich!« beeilte sich der Alte zu versichern. »Ich werd' ihn wohl etwa bald auftreiben den Pater Guardian. Wissen's, manchmal steckt er um die Zeit im Garten und macht so a ganz a kleins Döserle . Daß es aber ja kein Mensch nit g'siecht.« Und listig und heiter vor sich herlachend entfernte sich der Pater Pförtner, nicht ohne daß er von innen noch zuerst sorgfältig den Riegel vorgeschoben hätte. Der Hofrat hörte, wie sich die klappernden 87 Holzsandalen eilig schlürfend entfernten, und freute sich über den Eindruck, den offensichtlich das Empfehlungsschreiben des fürstbischöflichen Ordinariates gemacht hatte. Es dauerte auch gar nicht solange, bis der Pater Guardian in Begleitung des Pförtners erschien. Er war ein würdevoller älterer Mann, hoch gewachsen, hatte eine große Glatze und einen schönen dunklen Vollbart. Der Guardian verbeugte sich höflich vor dem Fremden, steckte die Hände nach Klosterbrauch in die weiten Ärmel der braunen Kutte, die in der Mitte mit einem groben Strick umgürtet war, und sah erwartungsvoll auf den Besuch. »Ich bin gekommen, hochwürdiger Herr . . .« begann der Professor sein Anliegen vorzubringen, »um Ihre weitgerühmte Bibliothek nach alten Drucken und Handschriften zu durchforschen. Das Kultusministerium und das fürstbischöfliche Ordinariat haben mir . . .« Das Gesicht des Guardians, das vorher einen ablehnenden Ausdruck zeigte, verklärte sich bei diesen Worten, und eifrig unterbrach er den Fremden: »Aber bitte, bitte, wollen der Herr Hofrat nicht mitkommen. Es redet sich doch viel gemütlicher hier drinnen, auch 88 wenn wir's nur ganz bescheiden haben. So . . . so . . .« fuhr er dann über eine Weile fort, als er an der Seite des fremden Herrn den langen, niedern und schmucklosen Korridor durchschritt. »Das fürstbischöfliche Ordinariat hat Ihnen daher g'schickt. In unsere Bibliothek?« forschte er, und sein Gesicht zeigte eine leichte Verlegenheit. »Ja . . . wie nur das fürstbischöfliche Ordinariat auf so einen Einfall kommen kann!« meinte er dann mißbilligend. Der kleine Pater Pförtner, der bescheiden hinter den beiden Herren nachgeschlürft kam, ließ abermals ein leises, halbunterdrücktes Kichern hören. »Ich kann doch sofort die Bibliothek besichtigen? Meine Zeit ist nämlich sehr gemessen. Ich muß eigentlich jede Minute ausnützen.« Der Fremde tat sehr wichtig, zog seine goldene Uhr aus der Westentasche und besah sich kritisch die Stunde. Der Pater Guardian blieb einen Augenblick stehen, als müsse er Atem schöpfen. Dann blickte er ratlos auf den alten Pater, der demütig scheu und doch erwartungsvoll zu ihm aufsah. »Jetzt gleich wollen's in die Bibliothek?« fragte der Guardian zaghaft. »Könnten's nicht ein bissel später kommen?« »Wenn ich Sie bitten dürfte, sofort zu dem Pater Bibliothekar geführt zu werden, wäre ich sehr 89 verbunden!« erwiderte der Fremde höflich, aber im bestimmten Tone, der keinen Widerspruch erwartet. »Der Pater Bibliothekar kann mir ja bei meinen Forschungen etwas an die Hand gehen, damit ich mich besser zurechtfinde.« »Ja, ja. Freilich!« sagte der Guardian ziemlich tonlos und nickte bestätigend ein paarmal mit dem Kopfe. »Natürlich kann er das. Natürlich!« fügte er beruhigend hinzu. »Wie heißt denn der Pater Bibliothekar?« erkundigte sich der Hofrat nach einer kleinen verlegenen Pause, während der Guardian innerlich alle Heiligen zu seiner Hilfe anrief. »Und wie lange ist er denn schon im Kloster?« »Der?« Der Guardian sprach das Wort langgedehnt aus und schaute mit beinahe kindlicher Hilflosigkeit zuerst auf den Fremden und dann auf den alten Pater Pförtner. Dieser kam seinem Vorgesetzten zu Hilfe. »Soll ich den Pater Desiderius holen gehen?« frug er den Guardian und schielte listig und in beinahe buckliger Haltung zu seinem Vorgesetzten empor. »Ja. Bitt' schön. Hol' den Desiderius!« Erleichtert atmete der Guardian auf. 90 Sie waren jetzt beim Kreuzgang angelangt, und der Guardian führte den Gast in einen großen hohen Raum, der den Patres als Eßzimmer diente und Refektorium genannt wurde. »Pater Desiderius . . . das ist also der Bibliothekar?« fragte der Hofrat. »Ja. Das ist er.« Der Guardian sagte es trocken und bat innerlich den Herrgott um Verzeihung für die Lüge. Denn der Pater Desiderius war nicht Bibliothekar, sondern ehrsamer Kellermeister des Klosters. Einen Bibliothekar besaß das Klösterlein überhaupt nicht, und um die Bibliothek hatte sich seit Jahren niemand gekümmert. Die ruhte wohlverschlossen und verstaubt und träumte einen ungestörten Traum. Und so gut verschlossen war sie, daß der Pater Guardian beim besten Willen sich nicht erinnern konnte, wo er den Schlüssel dazu auftreiben würde. Das durfte man natürlich dem Herrn Hofrat nicht merken lassen. Denn wenn das fürstbischöfliche Ordinariat ihn extra hergeschickt hatte, damit er seine Nase in die alten, modrigen und schlechtriechenden Scharteken steckte, dann mußte man eben den Schein wahren und so tun, als interessierte man sich gleichfalls für das Zeug. 91 Daß der Pförtner den köstlichen Einfall mit dem Pater Kellermeister hatte, war ausgezeichnet. Der Guardian wußte es nun mit Bestimmtheit, daß ihm dieser aus der Verlegenheit helfen würde . . . An zwei Seiten der Wände des Refektoriums waren lange Tafeln, die jetzt leer und ungedeckt standen. Ein paar Heiligenbilder schmückten den Raum, und eine Statue des heiligen Franziskus in Lebensgröße gab dem Saal einen würdigen Abschluß. Große Bogenfenster waren auf einer Seite angebracht, die den Ausblick auf den Garten hatten. Sie waren vergittert. Grünes Weinlaub umrahmte den Einschnitt und machte den hohen Raum kühl und dämmerig. Der Hofrat sah sich in dem Saale um, weigerte sich aber mit bestimmter Höflichkeit Platz zu nehmen, da er hiezu absolut keine Zeit habe. Der Guardian wurde von Minute zu Minute unruhiger und verzweifelte innerlich schon ganz. Denn der Professor bestürmte ihn immer eingehender mit Fragen nach alten Handschriften, von denen der Guardian natürlich keine blasse Ahnung hatte. Er sagte halt immer auf jede Frage Ja und Amen und hoffte im übrigen auf die Geschicklichkeit des Pater Desiderius. 92 Als dieser kam, wurde er dem Professor als Pater Bibliothekar vorgestellt. Etwas verwundert schaute der Hofrat auf den dicken Pater, rückte seine schwer goldumränderten Brillen zurecht und unterwarf den Pater Desiderius einer eingehenden Betrachtung. Der Pater Desiderius war untersetzt und wohlbeleibt wie eine Kugel. Er hatte ein feuerrotes glänzendes und faltenloses Gesicht, rotes struppiges Haar, das so widerborstig war, daß es gewaltsam in die Höhe strebte und kaum die Tonsur erblicken ließ. Ein fuchsroter, nicht sehr langer Bart vervollständigte den Eindruck einer feurigen, flammenden Kugel, den der Pater machte. »Also Sie sind der Pater Bibliothekar?« frug der Hofrat mit leicht zweifelndem Tonfall. »Der Desiderius heiß' ich halt!« nickte der dicke Pater freundlich und hielt dem Fremden seine fette Patschhand zum Gruß entgegen. Dann zog er aus einem der weiten Ärmel seiner Kutte eine große Schnupftabakdose, klopfte ein paarmal auf den Deckel, als müsse er erst höflich um Einlaß bitten, öffnete die Dose und bot dem Professor den wohlgefüllten Inhalt an. »A Pris' g'fällig?« Lächelnd lehnte der Gelehrte ab. »Danke sehr. Ich schnupfe nicht.« 93 »Nit?« Der dicke Pater riß erstaunt seine Augen auf, die ihm stark hervorstanden und an die vorsichtigen Fühler einer Schnecke gemahnten. »Kein Schnupfer sind Sie? Sie . . . da haben's was versäumt im Leben. So a bissele a Schnupftabak . . . da geht doch nix drüber.« Der Guardian holte sich mit zwei Fingerspitzen eine Prise aus der Horndose, während der Pater Desiderius breitspurig auf einem Stuhl Platz nahm, tief Atem schöpfte und dann mit seinen dicken Fingern sich eine tüchtige Ladung in die Nase stopfte. Darauf kramte er ein mächtiges, blau und weiß gestreiftes Taschentuch aus dem andern Ärmel hervor, breitete es auf dem Schoß aus, zog ein paarmal die kurze, etwas kolbige Nase hoch, so daß sie sich blaurot verfärbte, wurde noch um ein paar Schattierungen röter im Gesicht und fing dann plötzlich mit einer solchen Heftigkeit zu nießen an, daß es dem Hofrat ganz ängstlich zumute wurde. Der dicke Pater beugte sich in einem fort nach vorn und nießte und nießte, daß ihm die Tränen über die Backen liefen. Dann erst bediente er sich seines Taschentuches, fuhr sich damit nicht nur über Nase und Gesicht, sondern rieb sich auch den Kopf ab und den entblößten Hals. Darauf sah er ganz erleichtert 94 und so erfrischt, als wäre er eben von einem Bade gekommen, zu dem Fremden hinüber, der nun doch an der Seite des Guardians an der Tafel Platz genommen hatte. »Das war a Wohltat!« ließ sich der Pater Desiderius begeistert vernehmen. »Wissen's . . . so a Schnupftabak . . .« Der Fremde fiel ihm etwas ungeduldig ins Wort. »Ja. Für Schnupfer mag es interessant sein. Aber mich interessiert eigentlich . . .« »Weiß schon! Weiß schon!« machte der dicke Pater behaglich. »Die Bibliothek. Das ist ja auch ganz natürlich. Die gelehrten Herrn haben alleweil solche Steckenpferde.« »Steckenpferde?« Der Professor wiederholte das Wort scharf. »Steckenpferde?« Der dicke Pater holte neuerdings sein buntes Taschentuch hervor. Der Professor befürchtete schon eine Wiederholung der Schnupftabakszene und setzte sich in steifer, abwehrender Haltung zurecht. Aber diesmal wischte sich der Pater Desiderius nur den Schweiß von der Stirn und fing in kläglichem Tone zu jammern an. »Unser liebe Zeit und liebe Frau, hat's heut' a Hitz'!« Stöhnend erhob er sich und machte die 95 offenstehenden Fenster zu. Dann ließ er sich ermattet auf seinen Sitz nieder und schaute mit bittendem Blick auf den Guardian, der noch immer wie auf glühenden Kohlen neben dem Fremden saß. »An Augenblick zum ausrasten wird's doch wohl epper tragen, Pater Guardian, nit wahr?« »Aber natürlich. Natürlich!« beeilte sich der Guardian beizustimmen. »Darf ich Ihnen nicht doch einen bescheidenen Imbiß anbieten, Herr Hofrat? Es arbeitet sich dann leichter, wenn man ein bissel was im Magen hat.« Mit einer leicht herablassenden Handbewegung wehrte der Hofrat ab. Er stützte sein glattrasiertes Kinn auf den silbernen Knopf des Stockes und sah mit gütiger Nachsicht zu dem dicken und ganz verzagt dreinschauenden Pater Desiderius hinüber. »Allzu lange werden Sie ja zu Ihrer Erholung nicht brauchen . . .« meinte der Hofrat freundlich . . . »damit wir dann zu unsern alten Handschriften kommen.« »I bitt' Ihnen . . . lassen's mi grad' mit die Handschriften jetzt in Fried'!« Der dicke Pater hob seine kurzen Arme beschwörend über den brennend roten Schädel. »Alte Handschriften und gar alte Drucke auch noch!« rief er in komischem Entsetzen. 96 »Wissen's, die kann man nur entsprechend würdigen, wenn man die entsprechenden Kräfte dazu ein hat. Und bei der Hitz' hat man doch überhaupt keine Kraft mehr. Das werden's wohl einsehen?« »Ja, ja! Freilich. Sie brauchen unbedingt noch mehr Kräfte!« witzelte der Professor. »Und ob! Spaß beiseite! Unsereins ist nit zu neiden. Unsereins tragt a schwer's G'wicht durch's Leben!« stöhnte der dicke Pater. »Da hab' ich's schon besser!« meinte der Professor nachsichtig lächelnd. »Ich . . .« »Sie . . . Sie sein überhaupt a Darmdürrer!« polterte jetzt der Pater Desiderius gemütlich los. »A so a dünne Zaunlatten wie Sie sein . . . die braucht überhaupt Tag und Nacht a Stärkung, damit sie's Schnupfen vertragt. Und a Glasl Wein tät' Ihnen akurat a so gut wie mir. Wie meinen's denn, Pater Guardian? Soll i nit a Tröpfele holen?« »Aber natürlich . . . natürlich!« versicherte der Pater Guardian freundlich. »Einen extra guten für den Herrn Hofrat.« »Nicht für mich. Nicht für mich!« widersprach der Hofrat. »Mir ist wirklich nur um die Bibliothek zu tun . . .« »Ja, ja! Sie kommen schon noch zu Ihnere 97 Scharteken!« begütigte der dicke Pater. »Jetzt wird zuerst a Wein getrunken!« entschied er kategorisch. Und dann trippelte er so schnell davon, daß die Fette unter der braunen Kutte nur so wackelte. Dem Hofrat blieb für den Augenblick gar nichts anderes übrig, als klein beizugeben. Er hatte den Eindruck, daß man dem dicken Pater unbedingt seinen Willen lassen müsse, damit der sich endlich auch etwas für die Wissenschaft zu interessieren anfinge. Der Pater Desiderius kam bald darauf in Begleitung eines andern Paters, den er als Pater Ökonom vorstellte. Der trug eine Flasche Rotwein und vier Gläser auf einem Holzteller. Er war gleichfalls untersetzt, hatte dunkles volles Haar und einen spärlichen Bart, der sich beinahe wie ein Ziegenbart ausnahm. Jetzt schien sich der Pater Desiderius völlig in seinem Element zu fühlen. Er lachte behaglich über das ganze Gesicht, spielte den Wirt, goß Wein in die Gläser und stieß ein übers anderemal mit dem Fremden an. »Schmeckt's?« frug er dann eindringlich und kniff listig beide Äuglein zu, so daß sie nur wie zwei Schlitze aussahen. Dabei schnalzte er behaglich mit der Zunge. 98 »Ausgezeichnet!« versicherte der Hofrat artig. Er verstand viel von guten Weinen und sprach ihnen auch nicht ungern zu. »Der hat Blume!« lobte er dann nach einem ganz besonders andächtigen Zug. »Gelten's?« triumphierte der dicke Pater. »Aber wissen's, das ist noch gar nix!« meinte er geringschätzig. »Da haben wir noch ganz andere Banzelen im Keller. Einen . . . der ist ganz besonders gut. Den sollten's kosten! Da verging Ihnen Hören und Sehen. Und vorkommen täten Sie sich wie a Engerl im Himmel. Und der Wein . . . der heißt »die besondere Güte Gottes«. Weil unser Herrgott so gütig ist und so was Ausgezeichnetes wachsen laßt. Aber wissen's . . . den geben wir nur ganz selten her!« versicherte er im hoheitsvollen Tone. »Nur sehr selten. Bei hohen Festtagen oder wenn amal a ganz a b'sonders nobler Besuch kommt.« »Wenn Ihre Bibliothek auch solche Schätze aufzuweisen hat wie Ihr Weinkeller . . .« lächelte der Hofrat und wehrte dem Pater Guardian, der ihm nachschenken wollte, dankend ab . . . »dann . . .« »Wissen's, wie wir Pater das machen?« frug der Pater Ökonom, indem er auf die Ablehnung anspielte. »Wir machen's so!« Er nahm das Glas zur 99 Hand, legte zwei Finger gespreizt darüber und goß dazwischen den Wein durch. »Sehen's! So dankt man und kriegt doch was. Wollen's probieren?« Und lachend goß er dem Hofrat nach, während der Pater Desiderius eiligst verschwand, um eine neue Sorte Wein aufzutragen. »Den müssen's kosten, Herr Hofrat! Der hält erst Seel' und Leib zusammen!« rühmte der Kellermeister und schloß ganz verliebt die Augen, indes er sich selber ein Gläschen ums andere zu Gemüte führte. »Ganz vorzüglich!« meinte der Herr Hofrat im Tone ehrlicher Anerkennung und nippte vorsichtig an seinem Glas. »Wissen Sie, ich muß mir den Kopf klar halten für meine wissenschaftlichen Forschungen!« entschuldigte er sich dann beim Pater Guardian. »Freilich, freilich!« stimmte ihm der dicke Pater Desiderius bei. »Die Wissenschaft über alles. Die geht vor dem Wein.« Dabei füllte er aber doch rasch und unbemerkt dem Hofrat das Glas auf. »Wissen's, zu uns kommen öfter so gelehrte Mannder!« erzählte jetzt der Pater Ökonom. »Archivstudien?« frug der Professor interessiert. »Natürlich auch. Und einmal haben wir einen jungen Pater g'habt . . . das ist aber schon etliche 100 Jahr' her . . . der war überhaupt aus der Bibliothek nimmer außer z'kriegen.« »Der hat g'sponnen!« erklärte der Pater Desiderius kategorisch und trank entrüstet sein Glas aus. »Aber Desiderius . . .« mahnte der Guardian bescheiden. Er sah wohl, wie geschickt ihm seine beiden Getreuen aus der Klemme halfen, und hatte nur die Angst, daß der Pater Kellermeister bei dieser Gelegenheit selbst ein wenig über den Durst trinken würde. »Und einmal ist einer kommen . . .« fuhr der Pater Ökonom zu erzählen fort . . . »der hat grad' in die alten Handschriften studiert und studiert . . .« »Ist aber auch schon lang her!« warf der dicke Pater Desiderius verächtlich ein und schenkte immer wieder heimlich dem gespannt zuhorchenden Hofrat nach. »Der hat Familienstudien gemacht . . .« fuhr der Pater Ökonom fort. »Ja . . . und? Hatte er Erfolg?« frug der Hofrat eifrig. »Waren alte Urkunden vorhanden?« »Natürlich hat er Erfolg g'habt!« nickte der Pater Ökonom bekräftigend. »Und ob!« »Es war ein Adeliger, und der hat g'meint, daß sein Stammbaum bis zum Adam aufireicht!« erzählte der Pater Desiderius. 101 »Ja. Und dann ist er auf einen Vorfahren gestoßen . . .« meinte der Pater Ökonom. »In den Urkunden?« frug der Hofrat sehr gespannt. »Natürlich. Was denn?« Der Pater Ökonom lachte schadenfroh. »Und wissen's . . . den Vorfahren haben's g'hängt g'habt. Und von der Stund' an hat's den Herrn verdrossen, sich noch weiter wissenschaftlich zu betätigen.« »Weil bei der ganzen wissenschaftlichen Betätigung nix G'scheut's außerkommt!« schloß der Pater Desiderius energisch. »Das Beste ist der Wein. Da hat man wenigstens was davon. Und jetzt hol' ich die besondere Güte Gottes. Weil's gleich ist und weil wir gar a so lieb beisammensitzen.« »Aber . . . aber . . .« Dem Hofrat gelang es schon nicht mehr recht wirksam dagegen zu protestieren. Und als ihm nach einer Weile der Pater Desiderius aus einer großen vollen Flasche tiefdunkeln Wein ins Glas goß, da hatte der Herr Hofrat das unbestimmte Gefühl, daß sich der Saal und die Tafeln und Bilder und er selber in leicht schwingender Bewegung befänden und daß seine ganze Umgebung leise mit ihm zu tanzen anfinge. Und unermüdlich goß der dicke Kellermeister ins 102 Glas. Nicht nur dem Gast, sondern auch sich selber und dem Pater Ökonom. Der Pater Guardian begriff, daß er hier überflüssig sei und daß die beiden Patres und der Fremde sich ohne ihn besser unterhalten würden. So entfernte er sich leise und unbemerkt, und keiner von den dreien vermißte ihn. Der Guardian machte sich wohl auch Vorwürfe, daß er jetzt eigentlich ein Auge zudrückte und daß der Pater Desiderius sicher etwas zu viel von dem Wein erwischen würde. Aber Gott in seiner Güte würde ihm die Sünde wohl verzeihen. Während drinnen in dem großen kühlen Raum des Refektoriums die beiden Patres und der Professor eifrig der besonderen Güte Gottes zusprachen, gab draußen der Pater Guardian seine Anordnungen. Ein Schlosser mußte aus der Stadt geholt worden, um die Bibliothek aufzusperren. Diese sollte sauber gereinigt und gelüftet werden, daß alles nur so spiegelte. Wie die Wichtelmänner so fleißig schafften die Laienbrüder, putzten und scheuerten bis in den späten Abend. Im Refektorium aber saßen die drei Zecher fröhlich und vergnügt und genossen noch immer von dem erlesenen Tropfen. Ja, das war eine besondere Güte Gottes. Dieses Feuer, diese Blume, diese edle Kraft. 103 Der Hofrat konnte diese Perle der Weinreben nicht genug rühmen. Und rühmte und trank zwischen den beiden Patres sitzend so lange, bis er schon ganz schläfrig und blaß aussah. Endlich legte er müde den feinen Gelehrtenkopf auf die breite Schulter des Pater Desiderius. Der fühlte sich jetzt ganz als Sieger. »Den hat's!« lachte er befriedigt zu dem Pater Ökonom hinüber. Und dann stimmte er sein Leiblied an, was er nur bei ganz seltenen Gelegenheiten zu tun pflegte, wenn er mit sich selber besonders zufrieden war. Mit tiefer, brummiger Stimme, die aus einem leeren Faß zu kommen schien, sang er: »Die Frösch quack . . . quack . . . die Frösch quack . . . quack . . . Die sein a lustigs Chor . . . Man braucht sie nit zu kampeln . . . Sie haben keine Hoor . . .« Und mit hohem Tenor fiel der Pater Ökonom in den herrlichen Gesang ein. Das klang so schauerlich schön, daß es den Professor für einen Augenblick aus seiner Trunkenheit zu wecken schien. Er richtete sich krampfhaft auf, ließ aber gleich darauf den Kopf schwer auf die Tischplatte fallen. »Jetzt müssen wir ihn fortbringen . . .« meinte der Pater Ökonom flüsternd. »Freilich!« nickte der Kellermeister. »Jetzt hat er 104 g'nug von der Güte Gottes. Sonst wird sie zu viel.« »Und dann kommen schon die Brüder zum Abendessen . . .« sagte der Pater Ökonom. Der Pater Desiderius richtete sich gerade auf und schüttelte lachend seinen dicken feuerroten Schädel. »Die Stadtlinger halten döcht gar nix aus. Uns zwei hat die Güte Gottes keinen Schaden angetan.« Nicht ohne Schwierigkeiten brachten die beiden Patres den Professor in eine der Klosterzellen, die für fremde Gäste stets bereit standen. Dort legten sie ihn auf ein Bett, und der Herr Hofrat schlief einen herrlichen Schlaf, ruhig und traumlos, wie ein Kind, die ganze Nacht hindurch, bis in den späten Morgen hinein . . . Der Pater Desiderius wartete schon die längste Zeit vor der Zellentüre, ob sich der Fremde denn noch nicht bald erheben würde. Als der Herr Hofrat endlich zum Vorschein gekommen war, führte ihn der Pater Kellermeister abermals und unter vielen Scherzen und Witzen über die gelungene Wirkung der besonderen Güte Gottes in das Refektorium zum Frühstück, wo schon der Pater Guardian und der Pater Ökonom seiner harrten. 105 Der Professor hat es den Patres auch weiter gar nicht übel genommen, daß sie ihm ein Räuschchen angezecht hatten. Ganz im Gegenteil lachte er mit ihnen über die geringe Widerstandsfähigkeit der Stadtleute, die schon einige Gläser Wein umwarfen. Die beiden Patres versicherten feierlichst, daß sie selber nicht das Geringste gespürt hätten. In der Bibliothek fand der Herr Hofrat alles in peinlichster Sauberkeit und Ordnung vor und war hochentzückt und befriedigt. Der Pater Desiderius hatte sich noch im Refektorium beim Frühstück unter irgend einem Vorwand aus dem Staube gemacht und war nirgends mehr aufzutreiben. Die Fragen des Professors über alte Handschriften und Drucke, von denen er absolut nichts verstand, wurden ihm zu peinlich. So zog er es vor, lautlos zu verschwinden. Daher nahm sich der Guardian des Professors an, führte ihn in die Bibliothek ein und überließ ihn dann ungestört seinen wissenschaftlichen Studien. Die fielen auch zur vollsten Zufriedenheit des Herrn Hofrats aus, und beim Abschied bedankte er sich noch ganz speziell für die freundliche Aufnahme in dem gastlichen Kloster. Er versprach, recht bald wiederzukommen und beim fürstbischöflichen 106 Ordinariat es ganz besonders zu betonen, welchen Fleiß und welche Aufmerksamkeit man in diesem Kloster der Bibliothek widme. Über die hervorragende Ordnung, die unter den Beständen der Bibliothek herrschte, über den echt wissenschaftlichen Geist, der dieser musterhaften Ordnung zugrunde liege, drückte er sich in Worten der höchsten Begeisterung aus. Seither ist im Klösterlein der Schlüssel der Bibliothek stets aufzufinden. Und fleißige Hände reinigen den schönen Raum. Benützt wird er freilich gerade so wenig wie zuvor. Aber mit der beschaulichen Ruhe ist's doch vorbei; denn beinahe jeden Tag kommt der Pater Guardian in höchsteigener Person, um Nachschau zu halten, ob wohl alles stimme. Der Schreck über das völlig unvermutete Ereignis war dem Pater Guardian doch zu nachhaltig in die Beine gefahren. Der Pater Desiderius hat sich aber noch nie in die Bibliothek verirrt. Der wartet noch immer auf den angekündigten Besuch des Professors und droht, daß er ihm das zweitemal einen noch viel ärgern Kanonenrausch anzechen werde wie das erstemal. Daß das Klösterlein die musterhaft und mit echt wissenschaftlichem Geist geordnete Bibliothek dem jungen »spinneten« Pater zu verdanken hatte, der früher immer in der Bibliothek steckte, davon hatten 107 weder der Guardian noch der Ökonom, am allerwenigsten aber der Pater Desiderius eine leise Ahnung. Und daß von diesem jungen Pater eigentlich auch die Kunde von dem Wert der Bibliothek ausging, wußten sie natürlich ebenso wenig. Der Pater Desiderius hätte dem »spinneten« Pater sonst sicher einige kräftige Erinnerungsworte gewidmet. 109   Das Roserl Aus einem jungen Gerichtsbeamten mit kärglichem Einkommen war ich mit einem Schlage wohlbestallter k. k. Gerichtsadjunkt geworden. In ein kleines Nest war ich versetzt worden, in eine echte Perle der Provinz. Ich schied nicht leicht von meinem bisherigen Wirkungskreis. Alle die guten Freunde . . . unsere lustige Stammtischgesellschaft, die sich in richtiger Erkenntnis ihrer geistigen Verfassung den Namen »Die Unsinnigen« beigelegt hatte . . . alles dahin! Und nun hinein in ungewisse neue Verhältnisse, in die noch unbekannten Überraschungen meines neuen Aufenthaltes. Glücklicherweise trug ich wenigstens mein Herz heil in der Brust. Das war frei und zu haben. Ich hatte mich noch nicht ernstlich verliebt. So packte ich denn meine sieben Sachen und machte mich auf die Reise. 112 Das erste, was ich auf dem Perron des kleinen Bahnhofes erblickte, der den Namen meines neuen Amtssitzes trug, war der Stationschef. Der ging in seiner roten Amtskappe auf und ab und gähnte unaufhörlich, als ob er den Bahnhof, den Zug und die ganze Welt verschlucken wollte. Schöne Aussichten das. Am Bahnhof erwarteten mich der Herr Bezirksrichter, der Herr Auskultant, ein Gerichtsschreiber und der Amtsdiener. Also ein förmlicher und feierlicher Empfang. Ich fühlte meine Brust doch einigermaßen von Stolz geschwellt. Der Bezirksrichter, ein dicker, behäbiger Herr mit martialischem Schnurrbart, kam gleich zu herzlicher Begrüßung auf mich zu. Er qualmte aus einer gemütlichen Porzellanpfeife. Der Auskultant stellte eine Art Provinzgigerl mit hohem, steifem Halskragen und spitzen Stiefeletten dar. Der alte Gerichtsschreiber war dünn wie ein Strohhalm und knickte bei jeder lauteren Äußerung seiner Vorgesetzten untertänigst zusammen. Der Amtsdiener sah ungemein gesund aus. Über dem glatt rasierten Kinn thronte eine purpurrote Nase. Der Würdenträger strich unablässig die beiden Flügel seines Kaiserbartes mit einem gewissen Selbstbewußtsein zurecht. 113 Das war also meine künftige Umgebung. Da das Städtchen eine gute halbe Stunde vom Bahnhof entfernt war, wurde ich nebst meinen Begleitern in den Hotelomnibus der »Goldenen Traube« gepackt, einen alten Rumpelkasten schlimmster Sorte. Ein Gespräch war während der Fahrt ganz unmöglich, da die Scheiben der Fenster derart klirrten, daß man sein eigenes Wort nicht verstand. In der »Traube« angekommen, wurde ich sogleich auf die Kegelbahn geschleppt, wo man mich sämtlichen versammelten Honoratioren vorstellte. Bevor ich noch Gelegenheit hatte, überhaupt zu Atem zu kommen, war ich schon der Reihe der Spieler hinzugesellt. Kaum daß man mir Zeit ließ, ein Abendessen zu mir zu nehmen. Die Stunde war inzwischen schon sehr vorgerückt. Wir hatten uns von der luftigen Scheune, in der die Kegelbahn etabliert war, in das Extrazimmer des Gasthauses zurückgezogen. Da wurde im dicksten Tabaksqualm politisiert und wurden Weltgeschicke entschieden, daß es eine helle Freude war. Ich hatte anfangs so ziemlich den Schweigsamen gespielt, taute aber mit der Zeit auch auf und half wacker mitschimpfen. Dann wurde wieder gesungen, und ich brüllte mit meinem Bierbaß im Chorus mit, 114 als wenn ich mich bei den »Unsinnigen« befände. Vielleicht ließ es sich doch gar nicht so übel an, und man konnte mit der Zeit eine Filiale meines angebetenen Vereines errichten. Diese Veränderung in meiner Stimmung hatte allerdings nicht so sehr die Gesellschaft hervorgebracht; denn die war eigentlich fade. Bis auf den Bezirksrichter, ein fideles, aber schon bedenklich im Moos des Philistertums versunkenes Haus, war mit den übrigen nicht sonderlich viel anzufangen. Das Kartenspiel löste bald die Politik ab, und nur von Zeit zu Zeit wanderte, von gröhlenden Stimmen gesungen, ein uralter »Kneiper« über den Tisch. Der Bezirksrichter allein beteiligte sich nicht an unterschiedlichen Tarockern, sondern widmete mir seine ganze Aufmerksamkeit. Der wahre Grund, warum ich auch die entsetzlichen alten Anekdoten und die urältesten Bewohner Kalaus, die mein Vorgesetzter aufspazieren ließ, mit einem dröhnenden Gelächter beantwortete, war der herrliche Tropfen, den der Traubenwirt schenkte. Ein Rotwein von unzweifelhafter Güte. Ich sprach dem Glase immer eifriger zu, teils aus Galgenhumor, teils aus wirklicher Freude an dem edlen Gewächs. Ich war schon in das Stadium 115 vorgerückt, wo man alles im rosenfarbenen Lichte sieht und jeden Menschen Bruder nennt, von welcher Gattung man am liebsten Millionen umschließen würde. Im nüchternen Zustande hinge man sein Herz gewöhnlich lieber an realere Millionen. Mitten in der Glückseligkeit fiel mir die Sorge um mein Gepäck plötzlich schwer aufs Herz. Ich hatte mich um dasselbe seit meiner Ankunft gar nicht mehr gekümmert. Nun wandte ich mich mit einer bezüglichen Frage an den Bezirksrichter, der mich gleich beruhigte. »Ist alles besorgt, Herr Adjunkt!« sagte er mir auf die Schulter klopfend. »Gepäck und Quartier, alles. Schon in Ihr Quartier geliefert. Ja, ja, wir bringen unsere jungen Leute vorteilhaft unter. Müssen ja sozusagen Vaterstelle an ihnen vertreten.« »Also ein Quartier auch schon?« fragte ich. Eigentlich hätte ich mir dasselbe lieber selbst gesucht. Nun, ich konnte ja wieder ausziehen, falls es nicht nach meinem Geschmack war. »Natürlich!« versicherte der Bezirksrichter. »Sie brauchen keine einzige Nacht im Wirtshaus zu bleiben. Haben gleich Ihr eigenes Heim. Wir werden Sie dann begleiten.« »Sind doch nette Leute?« versicherte ich mich. »Reizende Leute!« wagte der Gerichtsschreiber zu 116 erwidern. »Sie können nirgends besser aufgehoben sein, Herr Adjunkt. Besonders das Roserl, die wird auf Sie schauen!« »Das Roserl?« fragte ich aufhorchend. »Ja, sie führt die Wirtschaft, weil ihre Mutter schon zu gebrechlich ist. Ein patentes Wesen, sage ich Ihnen. Den ganzen Tag arbeitsam. Hat auch alles Respekt vor ihr!« rühmte der Schreiber, indem er die Hand wie zur Beteuerung auf eine fadenscheinige Stelle seines schwarzen Gehrockes legte, worunter er wahrscheinlich sein Herz schlagen fühlte. »Verlieben Sie sich nur nicht in das Roserl!« lachte der Bezirksrichter aus voller Kehle. Also das Roserl! . . . Ein ganzes Idealbild stieg in meiner Seele empor. Ich würde gehätschelt werden von weichen, zarten Händen. Und das Roserl würde mich mit ihren sanften Augen ansehen, um mir den leisesten Wunsch vom Gesicht zu lesen. In der Frühe würde sie mit ihren kleinen Füßchen in mein Zimmer getrippelt kommen, um mir den Kaffee zu bringen mit mürben Kipfeln, schön braun, meinem Lieblingsgebäck. Das Städtchen erschien mir auf einmal wie ein Eldorado, in dem ein lichter Engel, eigens für mich von himmlischen Gefilden herabgesandt, waltete. 117 Ich glaubte ordentlich zu merken, wie mein Puls schneller schlug, wenn ich an mein reizendes Wirtstöchterlein dachte. Sie sollte der Sonnenstrahl in dem kleinen Nest sein. Sie sollte mein ganzes Dasein verschönen. Ja, war das eigentlich nicht zum Schreien hübsch, hierher zu kommen, gleich mit einem Quartier versorgt zu sein und noch dazu Nahrung für sein einsames Junggesellenherz zu erhalten. Hier würde ich es wohl ganz verlieren. Das stand für mein Ermessen bombenfest und unantastbar . . . Mitternacht mußte längst vorüber sein, als ich spürte, daß sich die Gestalt meines Roserl immer mehr im Nebel verlor und ins Traumhafte hinüberschwebte. Ich war sanft und selig entschlummert, und es bedurfte gewaltiger Anstrengungen des Bezirksrichters und des Auskultanten, mich wieder zu ernüchtern. Endlich taumelte ich empor. Wir drei waren nur mehr allein im Gastzimmer. »Wünsche wohl geruht zu haben!« lachte der Bezirksrichter. »Ich schlage vor, daß wir noch unser Kaffeehaus aufsuchen und mit einem echten Mokka die erschlafften Lebensgeister erfrischen. Ja, ja, junger Mann, wir haben ein Café samt Billard im Orte, hochelegant!« 118 Die Nachtluft stärkte mich wieder einigermaßen, so daß ich in ziemlich strammer Haltung bei dem Café, das den stolzen Titel »Metropole« führte, anlangte. Es war bereits geschlossen. Der Bezirksrichter hämmerte mit seinem Knotenstock unbarmherzig auf die einzige hölzerne Türe des Etablissements los, so daß diese beinahe aus den Fugen zu gehen drohte. Lange regte sich nichts. Endlich nahten sich schlürfende Schritte. Es war der Oberkellner in Hemdärmeln, der anfangs schelten wollte, als er aber den höchsten Beamten des Ortes erblickte, sich tief verbeugte, Licht anzündete und dann in seinen schmierigen Frack schlüpfte, um die Honneurs zu machen. Nachdem der Mokka vertilgt war, ließ der Bezirksrichter noch einen Grog von ziemlich zweifelhafter Qualität, aber anerkennenswerter Quantität auffahren. Es mochte gegen drei Uhr früh gehen, als das liederliche Kleeblatt sich auf den Heimweg begab. Die ersten leisen Anzeichen der Morgendämmerung breiteten sich schon über die Gegend aus. Meine Gedanken gehörten wieder ganz dem Roserl, deren jugendlicher Zauber heute noch über meinem Leben aufgehen sollte wie die liebe Sonne über der Landschaft. 119 »Den Hausschlüssel zu Ihrer Burg haben wir bei uns!« erklärte der Bezirksrichter triumphierend und holte ein eisernes Ungetüm aus der Tasche seines Überrockes. »Und da wären wir auch!« Wir waren über einen Obstanger getappt, wo der Vollmond unsere schwankenden Schatten auf den taufrischen Grasboden malte, und standen vor einem alten Hause, das tatsächlich einer Burg nicht unähnlich sah. Eine steinerne Treppe führte zu einem Söller im Freien empor. Darüber prangten zwei altertümliche Spitzbogenfenster. Riesige Mauerklammern hielten hie und da die Quadern des Baues zusammen. Das Ganze machte den Eindruck eines jener verlassenen und in fremde Hände übergegangenen Landjunker-Sitze, wie wir sie in kleinen Städten, die eine Vergangenheit besitzen, oft genug finden. Auf mich machte die Behausung einen wunderbar romantischen Eindruck. Beherbergte sie doch das Roserl. Ich war in der vorzüglichsten Stimmung. Unter diesen schattigen Bäumen wollten wir lustwandeln. Ich wollte mich an dem naiven Gemüt des lieben Kindes ergötzen. Wie würde sie aufhorchen, wenn ich ihr von der Welt erzählte, die sie noch nie gesehen hatte. 120 Ich wollte in diese unberührte Seele die ersten liebevollen Eindrücke schreiben. Ich wollte mir das einfache Landmädchen heranbilden zu einer treuen, verständnisinnigen Genossin für das ganze Leben. Also doch heiraten? Natürlich heiraten! Ich hatte dieses einschichtige Dasein satt bis über die Ohren. Wir krallten langsam die hohen Stufen der Freitreppe empor. Droben setzte es einen längeren Kampf ab zwischen drei Menschen, einem Hausschlüssel und dem Schlüsselloch. Ich intonierte mit kräftiger, wenn auch etwas belegter Stimme: »Komm' herab, o Madonna Theresa . . .« Die andern beiden sangen nach ihrem besten Vermögen mit. Es muß schauerlich gewesen sein. Endlich gelang es, dem Schlüssel die endgültige Richtung zu verleihen, was das unbestreitbare Verdienst des Auskultanten war. Das eiserne Werkzeug drehte sich mühsam und knarrend im Schloß. Wir drückten mit vereinten Kräften auf die Schnalle, und ächzend drehte sich die schwere Türe in ihren Angeln. Wir traten auf einen geräumigen Hausflur. Eine Stiege führte empor in unendliche Höhe, so daß mir ganz schwindlig wurde, wenn ich deren Endpunkt entdecken wollte. Von droben kam ein Lichtschimmer 121 herabgeflossen. Man hatte unsere geräuschvolle Heimkehr offenbar gehört und kam uns mitleidig entgegen, damit sich keiner Arme und Beine breche. Langsam und mich an dem schlüpfrigen Seil, das als Stiegengeländer diente, haltend, kletterte ich mit meinen beiden Genossen etliche Stufen empor, als ich entdeckte, daß es eine weibliche Gestalt war, die am Ende der Stiege eine brennende Kerze hoch empor hielt. »Das Roserl!« jubelte es in meinem Innern. Begeistert sang ich im Aufwärtssteigen, indem ich mir Mühe gab, durch den Dämmerschein die Züge der Holden zu entdecken: »Du siehst mich an und kennst mich nicht, du holdes Engelsangesicht!« Da schrie es mit einer blechernen Stimme zeternd auf mich nieder, daß es mir durch Mark und Bein ging: »I kenn' Ihnen schon, Sie werden wohl der neue Herr Adjunkt sein! Daß Sie aber so a B'suff sein und glei' die erste Nacht g'ladener heimkommen müssen, das hätt' i mir aa nit tramen lassen! Das sag i Ihnen schon glei' heut', so a b'soffene Metten leid' i nit! Das ging' mir no' ab . . . und a Loch im Kopf! Unsereins muß den ganzen lieben Tag hart arbeiten und will in der Nacht sei' Ruh' haben! Daß die beiden andern Herrn aa nit g'scheidter sein . . .« 122 Und so ging es fort. Die Flut von Schimpf und Schande ergoß sich nun auf meine beiden unglücklichen Begleiter, an die ich mich krampfhaft festhielt; denn ich merkte, daß sie deutliche Absichten bekundeten, auszureißen. Unterdessen waren wir die Stiege emporgekommen. Ich sah auf und erblickte eine grundhäßliche alte Person vor mir, mit zerrauften Haaren und zwei vorstehenden Fangzähnen, dem ganzen Überrest ihres Gebisses. Ich schauderte zusammen. Das wird die »gebrechliche« Mutter sein, von der der Schreiber erzählte, dachte ich mir. Die schönsten Rosen wachsen oft auf einem morschen Stamm. Aber die Schwiegermutter! Sie muß aus dem Haus! Diese Erwägungen zuckten blitzschnell durch mein Gehirn, als die Alte, die mich nun in unmittelbarer Nähe hatte, wieder auf mich losschimpfte: »Na, Sie schauen schön aus! So a Verfassung! Schamen's Ihnen nit! Das ganze teure G'wand voll Mauer und Kalk! So ein gottverlassenes, versoffenes Nachtlicht wie Sie ist mir nit bald unterkommen!« Jetzt wurde es mir zu bunt. Ich schrie laut, um mir selbst Mut zu machen: »Das geht Sie gar nichts an! Sie brauchen meine Kleider nicht zu bezahlen! 123 Und Vorschriften lasse ich mir auch keine machen! Verstanden! Und daß wir lustig waren, ist doch unsere Sache! Verstanden! Schauen Sie, daß Sie sich verfrachten, altes Traumbuch! Verstanden! Wer niemals einen Rausch gehabt, der ist kein braver Mann! Verstanden!« Sie klappte mit einer unheimlichen Vehemenz und Schnelligkeit fortwährend mit ihren zahnlosen Kiefern aufeinander, ohne daß es ihr gelang, mich zu unterbrechen. Jetzt ergoß es sich aber auf mein schuldiges Haupt. Eine solche Fülle von Verwünschungen habe ich in meinem Leben noch niemals versammelt gesehen. Dann fügte sie noch bei, daß sie sich alle derartigen Redensarten in ihrem Hause verbitte und daß ich schauen solle, daß ich weiter komme. »Ja, wer ist denn eigentlich der weibliche Satan?« wandte ich mich an meine Begleiter, die während der heftigen Szene unbemerkt ein paar Stufen nach abwärts geschlichen waren. »Ja, wer soll's denn sein!« entgegnete der Bezirksrichter kleinlaut. »Das Roserl! Sie haben sie etwas zu hart angefaßt. Sie ist sonst das sanfteste und beste Wesen. Sie sind gewiß gut aufgehoben.« »Das ist das Roserl?« rief ich. Ich brachte nicht mehr hervor. Der Schrecken lähmte mir die Zunge 124 und schnürte mir die Kehle zusammen. »Das Roserl!« wiederholte ich endlich entsetzt für mich selbst. »Na!« schrie das Roserl. »Ist Ihnen vielleicht mei' Nam' aa nit recht! Soll' i vielleicht wegen Ihnen als a untaufter Heid' in der Welt umanand laufen!« Ich hörte hinter mir ein Poltern und sah, wie der Bezirksrichter und der Auskultant die Treppe hinunter rannten. Da ergriff mich eine furchtbare Panik. »Das Roserl!« rief ich und nahm gleichfalls eiligst Reißaus. »Halten Sie andere Leut' für an Narren, Sie junger Spreitzer, Sie! In mei' Quartier ziehen Sie nit ein!« schrie es von droben. Im nächsten Augenblick erlosch das Licht, und ein schwerer Gegenstand sauste knapp an meinem Kopf vorüber, um dann klirrend die Treppe weiter hinunter zu kollern. Sie hatte mir offenbar den Leuchter nachgeschmissen. Tastend suchte ich die Haustüre und trat hochaufatmend ins Freie. Es war schon ziemlich licht, und ich sah in der Morgendämmerung meine beiden treulosen Begleiter aus dem Obstanger eilen. Ich holte sie ein. Keiner von uns sprach ein Wort. Meine Seele war noch zu voll von den soeben empfangenen Eindrücken, und 125 die beiden andern schämten sich offenbar wegen ihrer feigen Flucht. So kamen wir zur »Traube«, wo der Hausknecht herausgeläutet wurde. Wir trennten uns mit stummem Händedruck. Ich wankte gebrochen auf das mir angewiesene Zimmer, warf mich angekleidet aufs Bett und verfiel gleich darauf in einen dumpfen Schlaf voll der gräßlichsten Träume. Feurige Leuchter von allen Formen und Dimensionen tanzten einen wahnsinnigen Czardas um mein gequältes Haupt. Dazwischen schlangen sich Girlanden von duftenden Rosen, die immer näherrückten und mich schließlich zu ersticken drohten. Und an den Girlanden hingen ungeheure Kohlköpfe, wackelnde Kürbisse, schaukelnde Artischocken von den abenteuerlichsten Farben. Dieses boshafte Gemüse schnitt die gräulichsten Fratzen, und alle glichen sie in nimmermüder Wiederholung meinem angebetenen Roserl. Mit einem unsäglich schweren Kopf und dem Gefühl allgemeinster Vernichtung erwachte ich gegen Mittag. Ich schlich in die Gaststube, nahm ein Katerfrühstück zu mir und machte sodann einen Spaziergang ins Freie. Im Laufe des Nachmittags erschien ich auf dem Bezirksgericht. 126 Im Vorzimmer traf ich den alten Gerichtsschreiber. Ich hätte den Menschen erwürgen können. Meiner deutlichen Erinnerung nach war er ja der Haupturheber meines ganzen Elends. Er hatte gestern meine jugendlich stürmischen Gedanken in so gefährliche Bahnen gelenkt. Ich verbiß jedoch meine innere Wut und redete den Mann ganz freundlich, allerdings mit einer gewissen ironischen Beimischung an: »Verehrtester, sagen Sie mir, wie alt dürfte denn die gebrechliche Mutter Ihres Roserls beiläufig sein?« Er schob die Brille in die Höhe und versicherte mit einer Art lokalen Stolzes: »O, das ist die älteste Frau in der ganzen Gegend weit und breit. Sie ist schon über neunzig. Aber das Roserl, nicht wahr . . .« Jetzt war meine Geduld zu Ende: »Zum Teufel! Warum heißt denn diese . . . diese . . . alte . . . kurz, warum heißt sie denn Roserl? Darunter stellt man sich doch ein etwas jugendlicheres Geschöpf vor.« Der Gerichtsschreiber knickte unter meinem barschen Ton zusammen wie eine gekränkte Lilie. »Die hätten Sie sehen sollen, Herr Adjunkt, wie sie noch jung war! Wir zwei,« meinte er wie vertraulich näherrückend, »wären bald ein Paar geworden. Es wurde aber nichts daraus.« 127 »Sind Sie froh!« konnte ich mich nicht enthalten, ihn zu trösten. Er schien meine Äußerung zu überhören und fuhr fort: »Die Tochter trägt nämlich den gleichen Namen wie ihre Mutter; die alte Rosl heißt man dieselbe. Und das Kind hat man halt immer das Roserl genannt, seit ich es denke. Hoffentlich sind Sie dort recht gut aufgehoben, Herr Adjunkt?« Ich mußte in ein schallendes Gelächter ausbrechen und trat in das Zimmer des Bezirksrichters. Der frühere Verehrer meiner Angebeteten sah mir mit einem Blick nach, der deutlich besagte, daß er mich für verrückt hielt. 129   Klassische Walpurgisnacht Ohne Selbstüberhebung konnte ich mir schmeicheln, daß ich das wesentlichste zu dem durchschlagenden Erfolg des Bildes beigetragen hatte. Es war unleugbar. Ich hatte den Namen Fritz Löhr im besten Sinne des Wortes gemacht. Der Chorus der übrigen Kritik hatte dann allerdings mit eingestimmt. Aber der erste Posaunenbläser war ich gewesen . . . Das ist Fritz Löhr! Mit dem Mann muß gerechnet werden! . . . Sein Bild war aber auch eigenartig schön. »Klassische Walpurgisnacht« hatte der Maler es betitelt. Die Szenerie aus Faust zweiter Teil . . . Ein antiker Hain mit dem Meer im Hintergrund. Ein halbverfallener Tempel, um den verwilderte Vegetation wuchert. Und über allem gespenstige, geheimnisvolle, still verschwiegene Mondnacht. Man glaubte die Zweige der Zedern rauschen zu hören im leisen Windhauch. Man sah die dunkeln Wipfel der Zypressen schwanken. Man hörte, wie sich friedsam 132 murmelnd die Wellen am Strande brachen. Und dann dieses Mondlicht, das über den Ruinen flirrte und sie mit silbernen Schleiern überzog. Kein Wesen ringsum. Nur die schweigende Natur. Kein Meergreis tauchte aus den Wellen. Kein Nymphlein lugte kichernd aus einem alten Baum. Kein Triton blies sein Horn. Und doch ahnte man in dem zitternden Licht etwas Übersinnliches, Geisterhaftes, allem menschlichen Fernes. Klassische Walpurgisnacht . . . Ich hatte mehrere Artikel darüber geschrieben. Ich war in das Bild vernarrt. Zu gern hätte ich genaue biographische Daten über den Maler Fritz Löhr gebracht. Fritz Löhr war aber einfach nicht zu finden. Die Erkundigung bei der Ausstellungskommission ergab die Adresse eines kleinen süddeutschen Nestes. Ein dahin gerichtetes Schreiben kam mir als unbestellbar wieder zurück. Was mich an der ganzen Sache einigermaßen zu verstimmen begann, war, daß ich nicht einmal wußte, ob der Schöpfer der Klassischen Walpurgisnacht meine begeisterten Feuilletons über sein Bild überhaupt gelesen hatte. Denn auch ein gleichzeitig mit meinem Schreiben abgesandtes Packet Zeitungen hatte ich als unbestellbar wieder zurückerhalten. 133 Aus diesen Zweifeln wurde ich endlich erlöst. Ich erhielt ein verbindliches Schreiben des Künstlers, das mir die Lektüre meiner Artikel dankend bestätigte. Kein Wunsch nach einer näheren Bekanntschaft. Keine Andeutung über Lebensstellung oder weitere Arbeiten. Ja nicht einmal eine Adresse. Kein Datum, kein Ort. Der Poststempel rührte von einer Bahnambulanz her. Da sollte jemand den Absender suchen . . . Bekanntlich reiten manche Kunstkritiker ihr Steckenpferd. Ich hatte mir auch schon frühzeitig mein Rößlein geschirrt. Es schlug mit allen vier Hufen energisch nach jeder Blaustrümpferei in der Kunst aus. Ich pflegte in verschiedenen meiner Feuilletons eine Malerdilettantin oder Dilettantenmalerin zum Dessert zu verspeisen. Ich hatte es schon fast aufgegeben, Fritz Löhr in seiner Menschlichkeit zu entdecken. Der Sommer nahte heran. Ich brauchte Ruhe und Ausspannen und beschloß, mich für ein paar Wochen ganz in eine waldige Sommerfrische zurückzuziehen. Je näher der Zeitpunkt rückte, um so eifriger studierte ich die Anzeigen in den Zeitungen, die lauter irdische Sommerparadiese versprachen. Nach langem Suchen glaubte ich das Geeignete gefunden zu haben. 134 Ein neu entdeckter Sommerkurort, den ich noch niemals vorher gelesen hatte. Bei dem lobenswerten Wettbewerb war es füglich anzunehmen, daß Eggenbach . . . so hieß mein erwähltes Tuskulum . . . nicht an Überfüllung leiden würde. Auch war die nächste Bahnstation mindestens drei Stunden entfernt. Ein kleines Städtchen sollte es sein. Mittelgebirge, viel Wald, Ruhe, Abgeschiedenheit, gute Verpflegung. Ich packte meinen Koffer mit dem Nötigsten und dampfte in den sonnenhellen Tag hinaus. Die letzte Bahnstation war erreicht. Eine Art vorsintflutlicher Arche Noah, die unter dem pompösen Titel eines Postomnibus segelte, nahm mich, mein Gepäck und zwei Damen auf. Die beiden Damen, Mutter und Tochter, gehörten zu einem höheren Beamten aus München, der vor einer Woche schon nach Eggenbach vorausgereist war. Die Mama eine fein gebildete Frau. Die Tochter sehr hübsch. Wir kamen natürlich auf Kunst zu sprechen. Meine Sympathien für meine beiden Reisebegleiterinnen wurden nur um so größer, als es sich herausstellte, daß sie das Bild von Fritz Löhr gesehen hatten. Sie waren mit mir einig in der Bewunderung dieses Kunstwerkes. 135 Wir hatten uns unterwegs recht angefreundet. Trotzdem entstieg uns allen ein Seufzer der Erleichterung, als der Marterkasten von einem Postomnibus vor dem Gasthof zur Weißen Rose in Eggenbach hielt, der eine Sommerpension für Fremde eingerichtet hatte. Die Sensation des beginnenden Fremdenverkehrs schien überhaupt das kleine Nest in einem gewissen Bann zu halten. Man war eine Sehenswürdigkeit in dem Städtchen mit seinen nicht viel mehr als tausend Einwohnern. Man fühlte es ordentlich, wie sich dieses Spießeridyll gehoben fühlte, daß nun ein Stück der großen Welt in seine stillen Gassen flutete. Eggenbach war entzückend gelegen. Am Fuß eines bewaldeten Hügels, dessen Kuppe die Ruine einer alten Burg krönte. Im Talgrund eine rauschende Ache. Und dann Wald, recht viel Wald und naher Wald. Einen Teil des nächsten Waldes hatte man zum »Stadtwald« erhoben. Eine Pforte mit entsprechender Inschrift führte in dieses Heiligtum. Man hatte lauschige Wege geebnet und Bänke angebracht. Ehrsame Gastlichkeit umgab den Fremden auf Weg und Steg. Jeder Mensch grüßte, fragte wohl auch, wie es einem gefiele. Man fühlte es, man war hier eine Persönlichkeit und keine bloße Nummer. 136 Und es schlenderte sich auch so traulich in den schattenkühlen Gassen des alten Nestes. Ein Nervenbad war es. Wenn man auch in einer halben Stunde das ganze Städtchen bequem durchwandert hatte, nach allen Richtungen bis in die letzten Winkel, so unternahm man diese Schlenderwege doch gern immer wieder. Und man spann sich all die kleinen Schicksale aus, die sich hier abspielten und seit Jahrhunderten abgespielt hatten . . . man dachte an all die Menschen, die sich hier Tag für Tag begegneten und sich kannten bis zum letzten Kräutlein im Suppentopf. Ja, es gibt auch noch größere Kleinstädte als gerade Eggenbach. Kleinstädte mit vielen Tausenden von Einwohnern, die aber beleidigt wären, wenn man sie mit diesem Namen ansprechen würde. Und doch sind sie es. Die Kleinstadt beginnt da, wo der einzelne Mensch mit dem Bewußtsein auf die Straße tritt, daß er gesehen wird. Wo dieses Bewußtsein nicht mehr vorhanden ist, da hört auch die Kleinstadt auf. Dieses Bewußtsein, gesehen zu werden, erreichte natürlich in Eggenbach den Gipfel der Beschaulichkeit . . . Jene beschauliche Ruhe, die sich selber sagt: hier bist du behütet und bewacht auf Schritt und Tritt. Hier kannst du überhaupt keinen Fuß vor den andern setzen, ohne daß man dich sieht. 137 Untergehen im Gewühl der Großstadt hat sein Gutes. Aber auch dieses fortwährende Wandeln unter bekannten Gesichtern hat seinen eigenen Reiz, wenn es eben nicht zu lange dauert oder gar ein ganzes Leben ausfüllt. Es ist wie ein bequemes Gewand, in das man Tag für Tag schlüpft. Die gleichen Menschen, die gleichen Gassen, die gleichen Häuser. Die paar Geschäfte mit ihrer gleichen Aufmachung. Die alten Schilder und die alten Erker. Und jedes Haus gewinnt mit der Zeit ein bestimmtes Gesicht. Es kennt dich ebenso gut, wie du es kennst. Es schaut dir nach auf deinen Wegen und begleitet dich mit seinen Blicken, bis du um die nächste Ecke verschwunden bist. Und da nimmt dich schon die andere Gasse in Empfang oder der Hauptplatz. Und alle nicken dir zu, die Türen und Fenster und Giebel und Dächer . . . Wir kennen dich . . . Gut geschlafen? Gut gegessen? . . . Ja, ja, wir kennen dich. Lasse es dir nur wohl sein . . . Die Wirtschaft zur Weißen Rose führte eine behagliche dicke Wittib, deren hausmütterliches Aussehen mich von allem Anbeginn über Kost und Wohnung beruhigte. Papa Mühlmann, das Familienoberhaupt der beiden Damen, ein jovialer alter Herr, bewillkommte mich in der liebenswürdigsten Weise. 138 Wir drei, Mama Mühlmann, Fräulein Hedwig Mühlmann und ich hatten das Dutzend Kurgäste bei der Weißen Rose gerade vollgemacht. Am nächsten Tag kam ein einzelner Herr. Er war der Dreizehnte. Als wenn es nicht gleich zwei neue Gäste auf einmal hätten sein können . . . beschwerte sich Frau Mühlmann, die etwas abergläubisch war. Es war schlechtes Wetter eingetreten. Eine volle Woche blieb es bei der Tafelrunde der Dreizehn. Der Dreizehnte, ein Professor der Botanik, hatte ebenfalls von der Klassischen Walpurgisnacht Kenntnis und außerdem noch zwei Damen der übrigen Gesellschaft. Jedenfalls unterlag es keinem Zweifel, daß das Bild bereits berühmt war. Hatte sich doch durch Zufall in dem einsamen Eggenbach eine ganze kleine Fritz Löhr-Gemeinde zusammengefunden. Endlich begann sich der Himmel wieder aufzuhellen. Die Postkutsche brachte zwei neue Gäste. Offenbar junge Eheleute. Er etwas linkisch in seinem Benehmen. Blonder Schnurrbart. Intelligentes Gesicht. Sie, die neu Angekommene nämlich, ganz außerordentlich hübsch. Eine schlanke Blondine. Graziöser Wuchs. Ein reizendes Gesicht voll Anmut und Jugendfrische. Sie mochte Mitte zwanzig sein. Wunderbare Augen. 139 Sogenannte Märchenaugen. Abgrundtief wie ein Bergsee, und doch so lieb und heimlich vertraut. Fünf Minuten nach Ankunft der beiden Gäste wußten wir durch die Wirtin, daß es kein Ehepaar, sondern Geschwister waren. Sie hatten zwei Zimmer gemietet. Also keine junge Frau. Ein junges Mädchen. Ich konnte mir noch keine genügende Aufklärung darüber geben, weshalb mich das so unbändig freute. Unter dem Reisegepäck der beiden Fremden hatte ich auch einen Malkasten und eine kleine Staffelei bemerkt. Also malte sie? Meinetwegen! Aber warum denn gerade sie? Konnte nicht er auch malen? . . . Was ging mich das übrigens an! . . . Am folgenden Tage hatten die beiden schon in aller Frühe einen Ausflug unternommen. Zum Mittagessen kamen sie zu spät. Es wurde ihnen nachserviert, als schon alle Gäste den Speisesaal verlassen hatten. Über Nachmittag ebenfalls ein Spaziergang. Aber wenigstens mußten sie sich jetzt in das Fremdenbuch eingetragen haben. Diese Erkenntnis versammelte alle Dreizehn trotz des schönen Wetters wieder zur Jause, was noch nie der Fall war. Ja, man wird neugierig in kleinen Städten . . . Was stand also da geschrieben? . . . Fritz Löhr, Referendar und Schwester Friederike Löhr. 140 Selten dürfte eine Eintragung im Fremdenbuch eine derartige Wirkung hervorgebracht haben wie diese. Es war wie eine Bombe. Wir hatten Fritz Löhr in unserer Mitte. Es unterlag für mich keinen Augenblick irgendwelchem Zweifel, daß es der richtige Fritz Löhr war. Alles stimmte ja wunderbar überein . . . Der Malkasten, die Schüchternheit des jungen Künstlers, der sich sorgfältig verborgen gehalten hatte. Es konnten doch unmöglich Dutzende mit dem gleichen Namen in der Welt herumlaufen, die auch malten. Jetzt war der Schöpfer der Klassischen Walpurgisnacht aufgefunden! . . . Ich triumphierte. Die übrige Gesellschaft teilte natürlich meine Gefühle, wenn sie auch den Höhepunkt derselben niemals erreichen konnte. Was sollte also zunächst geschehen? Sollten wir einen Triumphbogen errichten? Unsere dicke Wirtin riet zu einem riesigen Festkuchen für abends. Der Tisch sollte mit Blumen geschmückt werden. Ich wollte, sobald der Festkuchen zum Nachtisch erschien, an mein Glas klopfen und eine Ansprache an den Gefeierten halten. Knapp vor dem Abendessen traf der Ahnungslose in Begleitung seiner Schwester in der Weißen Rose 141 ein. Wie reizend doch dieses Fräulein Friederike Löhr war! Sie gefiel mir heute womöglich noch besser als bei ihrer Ankunft. Und sie war seine Schwester. Gewiß teilte sie alle seine künstlerischen Pläne, war in alles eingeweiht, was er schuf. Mit Fritz Löhr hatte ich im Hausflur einige Worte über das Wetter gewechselt, nachdem die gegenseitige formelle Vorstellung erledigt war. Ich hatte aber dabei meinen Namen derart unverständlich in den Bart gemurmelt, daß er ihn unmöglich auffassen konnte. Ich fürchtete immer noch, er könnte plötzlich die Flucht ergreifen, wenn er erfuhr, mit wem er es zu tun hatte. Die Tafel prangte im herrlichsten Blumenschmuck. »Sieht es hier alle Tage so festlich aus?« frug mich Fräulein Löhr lächelnd über den Tisch. Wir waren gerade beim Braten. »Es ist heute allerdings ein besonderer Anlaß!« erwiderte ich. »Also wohl ein Geburtstag?« meinte sie. »Oder am Ende gar eine Verlobung?« setzte sie schelmisch hinzu, wobei zwei neckische Grübchen in ihren Wangen zum Vorschein kamen. Vielleicht glaubte sie gar, daß ich mich verlobt hatte . . . So was! . . . Es war höchste Zeit, daß der Festkuchen auf den 142 Tisch kam. Die unmittelbare Nähe des schönen Mädchens machte mich von Minute zu Minute verwirrter. Ich klopfte an mein Weinglas . . . »Verehrte Damen und Herren! Um die Weihe der gegenwärtigen Stunde gebührend in Worte zu fassen, brauchte es eine größere Beredtsamkeit, als sie mir verliehen ist. Wir haben einen auserlesenen Genius in unserer Mitte, einen Künstler ersten Ranges, dessen herrliche Schöpfung Tausende mit Bewunderung und Entzücken erfüllte. Stoßen Sie mit mir an auf das Wohlergehen und auf alle zukünftigen Werke des genialen Künstlers Fritz Löhr, des Schöpfers der Klassischen Walpurgisnacht! Er lebe hoch, hoch, hoch!« Fräulein Löhr war bald blaß, bald blutrot geworden. Der Gefeierte selbst hatte sich von seinem Stuhle halb erhoben und schien ernstlich Miene zu machen, auf und davon zu laufen. Ich vollführte eine rasche Schwenkung um den Tisch und verstellte ihm mit dem Glas in der Hand energisch den Weg . . . »Herr Löhr, auf ein frohes Schaffen für alle Zukunft!« rief ich. »Ich erlaube mich vorzustellen . . . Doktor Robert Fischer.« Fräulein Löhr wurde wiederum rot bis in die Schläfen. Ihr Bruder stotterte einige unverständliche 143 Worte und machte einen neuerlichen Fluchtversuch, der von mir abermals vereitelt wurde. Fräulein Löhr flüsterte ihrem Bruder sichtlich erregt etwas ins Ohr. Er nickte zustimmend, während sich in seinen Zügen eine geradezu verzweiflungsvolle Ergebenheit in sein Schicksal malte. »Ihre Liebenswürdigkeit kam zu überraschend!« sagte das schöne Mädchen, noch immer mit ihrer Verlegenheit kämpfend. »Zu liebenswürdig!« ließ sich jetzt der schüchterne Herr Referendar vernehmen, indem er mir krampfhaft die Hand drückte. Wie unscheinbar sich der Genius doch oft in seinen äußeren menschlichen Formen darstellt. Nun durfte sich Fritz Löhr der übrigen Gesellschaft nicht mehr länger vorenthalten. Er wurde an der ganzen Tafelrunde zum Prosittrinken und Händedrücken herumgereicht. Er schluckte ein Glas Wein nach dem andern hinunter und schien dadurch entschieden gesprächiger zu werden. Ich war völlig im Zauber seiner schönen Schwester. Welchen Geist doch dieses Mädchen besaß, welche hervorragende Bildung! Man konnte keine Saite anschlagen, die nicht einen vollen, echten Ton gab. In Kunstfragen besaß sie ein geradezu überraschend 144 feines Urteil. Wenn ich jedoch auf das spezielle Gebiet ihres Bruders zu sprechen kam, dann wich sie mir jedesmal vorsichtig aus und sprang gleich auf ein anderes Thema über. Ich erfuhr, daß sie und ihr Bruder die einzigen Kinder früh verstorbener Eltern waren. Fräulein Löhr war in einer verwandten Familie aufgezogen worden und hatte höhere Schulen besucht. Seit ihr Bruder vor zwei Jahren seine Stellung als Referendar angetreten hatte, war sie zu ihm gezogen, um ihm die Wirtschaft zu führen. Es ging gegen Mitternacht, als sich die Gesellschaft trennte. Fritz Löhr hatte sich anscheinend an Fräulein Hedwig Mühlmann recht herzlich angeschlossen. »Sie nehmen mir die improvisierte Feier doch nicht übel?« sagte ich zu Fräulein Löhr, indem ich ihre schmale kleine Hand an die Lippen führte. »Was soll ich Ihnen übelnehmen?« lächelte sie. »Sie haben tapfer und unerschrocken den Feldzug für ein aufkeimendes Talent unternommen. Uns arme Frauen in der Kunst haben Sie allerdings etwas hart behandelt!« fügte sie spöttisch hinzu. »Hätte ich Sie früher gekannt, mein Fräulein . . .« sagte ich verbindlich . . . »dann würden meine Ausführungen vielleicht wesentlich anders geworden sein.« 145 »Sie Schmeichler!« lächelte sie. »Ein Kritiker darf doch nicht schmeicheln. Wenn das Ihre Leser wüßten . . . Gute Nacht, Herr Doktor!« . . . Ich war allein auf meinem Zimmer. Die Fenster standen offen. Eine wunderbar helle Nacht breitete sich über Berg und Wald und über die kleine Stadt im Talgrund. Mir war etwas eigentümlich zumute. Die beabsichtigte Wirkung der ganzen Festfeier war vollständig ausgeblieben. Ein Feuerwerk, das ins Leere verpufft war . . . Das Interesse für Fritz Löhr und seine Klassische Walpurgisnacht war für mich plötzlich in die zweite Reihe gerückt worden. Fräulein Löhr hatte mit ihrem Liebreiz das Genie ihres Bruders im Tagebuch meines Herzens bedenklich in den Schatten gestellt. Kein Zweifel. Ich war bis über die Ohren in das junge Mädchen verliebt . . . Als ich am nächsten Morgen die Treppe hinunterstieg, erwartete mich im Hausflur eine große Überraschung. Da stand das Gepäck der Geschwister Löhr. Der Postillon schickte sich gerade an, es zum Omnibus zu tragen. »Das Gepäck bleibt da!« rief ich und entriß ihm energisch einen Handkoffer. Er starrte mich verdutzt an, zuckte die Achseln und ging seiner Wege. 146 Da hörte ich einen leichten Schritt über die Treppe kommen. Das mußte sie sein. Mein Herz klopfte hörbar. Was sollte ich beginnen, was ihr sagen? . . . »Ist unser Gepäck noch nicht nach dem Wagen gebracht?« vernahm ich ihre helle Stimme neben mir. »Wie Sie sehen, noch nicht!« entgegnete ich. »Aber es ist nicht die Schuld des Postillons. Ich verhinderte ihn daran!« »Wieso?« meinte sie erstaunt. »Weil ich Sie bitte und beschwöre, hier zu bleiben!« sagte ich mit halb unterdrückter Stimme. »Ich verstehe Sie nicht!« erwiderte sie ebenfalls halblaut. »Hier ist nicht der Platz zu solchen Erörterungen . . .« sprach ich. »Darf ich Sie einladen, mit mir in den Speisesaal zu kommen?« »Sie setzen mich wirklich in Erstaunen!« Dabei sah sie mich mit ihren großen Augen halb ängstlich, halb vorwurfsvoll an. Sie folgte mir in den Speisesaal. Wir waren allein. Die Frühstücksgäste hatten sich bereits zurückgezogen. »Warum wollen Sie so plötzlich abreisen, Fräulein Löhr?« ging ich geradewegs auf mein Ziel los. »Das sieht ja völlig einer Flucht ähnlich.« 147 »Und wenn es eine solche wäre?« entgegnete sie lächelnd. »Sie wollen uns entfliehen! Am Ende bin sogar ich daran Schuld?« »Vielleicht. Ich beuge mich dem Willen meines Bruders!« erwiderte sie zögernd. »Ihres Bruders?« »Ja. Er wollte hier Ruhe und Zurückgezogenheit finden. Und da kam die rauschende Ovation . . .« »Und da war ich so taktlos . . .« fuhr ich fort . . . »Ihre Ruhe zu stören.« »Es tut mir in tiefster Seele leid . . .« sagte sie . . . »Ihnen eine Kränkung bereiten zu müssen für so viel Liebenswürdigkeit und Güte.« Ein plötzlicher Einfall durchzuckte mein Hirn. »Schließen wir ein Kompromiß!« rief ich. »Sie wollen abreisen, weil ich Ihren Bruder zum Gegenstand der allgemeinen Aufmerksamkeit machte. Wenn ich mich nun aber verpflichte, mit keinem Wort mehr seinen Beruf als Maler zu berühren, mit keiner Silbe sein Bild zu erwähnen. Ich will auch die Sorge auf mich nehmen, daß Ihr Bruder von den übrigen Sommergästen gleichfalls nicht mehr mit künstlerischen Fragen behelligt wird. Machen wir einen ehrlichen Pakt, gnädiges Fräulein! Ich bin doch kein Unmensch, 148 der Sie mit seiner unzeitigen Begeisterung aus diesem herrlichen Sommeridyll vertreiben will. Schlagen Sie ein, Fräulein Löhr! Topp! Es gilt!« Sie sah mich eine Weile wie zweifelnd an. Dann lachte sie neckisch und schlug in meine dargebotene Rechte. In diesem Augenblick erschien Fritz Löhr unter der Türe des Speisesaales. Es gelang mir, indem das schöne Mädchen ihre Bemühungen mit den meinen vereinte, den Herrn Referendar umzustimmen und zum Bleiben zu bewegen. Als er die Gewißheit erlangt hatte, daß ich niemals wieder den leisesten Anlaß zu Festkuchen und Blumenspenden geben würde, war er ganz aufgeräumt und schien sich von da an völlig behaglich zu fühlen . . . Der bisher so launenhafte Himmel begnadete uns seit der Ankunft der Geschwister Löhr mit durchaus günstigem Wetter. Es gewann fast den Anschein, als wenn mit Fräulein Löhr heller, flutender Sonnenschein in die Gegend gezogen wäre. Ein Tag schöner als der andere . . . Fast drei Wochen waren seitdem verflossen. Über meine Beziehungen zu Fräulein Löhr befand ich mich noch immer im Unklaren. Bald glaubte ich zu bemerken, daß ich ihr doch nicht so völlig gleichgültig 149 sei. Bald sanken aber meine kühnen Hoffnungen wieder auf den Gefrierpunkt herab. Mich ihr gegenüber auszusprechen wagte ich noch immer nicht. Eines fiel mir auf. Wenn ich mit ihr zufällig allein war, brachte sie das Gespräch regelmäßig auf meine Polemik gegen die Frauen in der Kunst. Bereitete es ihr Vergnügen, mich damit zu necken oder hatte sie wirklich die ernste Absicht, mich von dem Wert der Frauenarbeit in der Kunst zu überzeugen? . . . Das Herz Fritz Löhrs schien übrigens auch nicht mehr frei zu sein. Die hübsche Hedwig Mühlmann hatte es ihm angetan. Frau Mühlmann ging schon fast mit der Miene einer zukünftigen Schwiegermutter herum. Hedwig und Fräulein Löhr waren gute Freundinnen geworden. Nur ich stand noch immer außerhalb dieses magischen Bannkreises von Liebe und bevorstehender Verlobung . . . Es war ein warmer Sommernachmittag, da ich allein in den Eggenbacher Stadtwald schlenderte. Als ich etwa eine halbe Stunde gegangen sein mochte, bemerkte ich plötzlich einige Schritte vor mir ein helles Kleid, das durch die Bäume schimmerte. Mein Herz begann unwillkürlich schneller zu schlagen. Das mußte Fräulein Löhr sein. Es war ihr Kleid. 150 Ich schlich mich vorsichtig näher. Mit Mühe unterdrückte ich einen lauten Ruf der Überraschung. Sie saß auf einem niederen Feldsessel und . . . malte. Sie war in ihre Arbeit ganz vertieft und hörte meine Annäherung nicht. Ich war dicht hinter sie getreten und sah ihr über die Schultern. Eine Studie nach der Natur. Geradezu meisterhaft! Ich machte einen Schritt an ihr vorbei. Sie sah von ihrem Bild empor und erblickte mich. Ein jähes Erschrecken spiegelte sich in ihrem Gesicht. Sie war aufgestanden und schloß die Skizze hastig in den Malkasten. »Sie haben mir aufgelauert!« stieß sie hervor, während sie mit dem Weinen kämpfte. »Ich kam gewiß nur zufällig!« suchte ich sie zu beruhigen. »Ihre Arbeit verrät überraschendes Talent.« »Es überrascht Sie also noch immer, daß ein Mädchen auch etwas leisten kann?« entgegnete sie herb. »Aber . . .« wandte ich ein. »Pst!« machte sie und legte den Finger auf den Mund. »Schluß der Debatte!« Ich wagte keinen Widerspruch; denn ich fürchtete, sie abermals zu erzürnen. Schweigend griff ich nach ihrem Malkasten, um ihn zu tragen. Dann traten wir zusammen den Heimweg an. 151 Es ging recht einsilbig zwischen uns her. Und droben in den Wipfeln der Waldbäume sangen die Vögel von Sommerlust und junger Liebe. Ach, wer doch für ein paar Augenblicke eine solche Kehle hätte, um es hinauszuschmettern in den hellen Tag . . . Ich liebe dich . . . Ich liebe dich . . . Ich saß wieder auf meinem Zimmer, als es klopfte. Fritz Löhr trat herein. Er sah ganz verstört aus. Ich bot ihm einen Stuhl. Er ließ sich mit einem schweren Seufzer darauf nieder. »Du lieber Gott!« stieß er hervor. »Was ist denn los?« frug ich erschrocken. »Es ist schrecklich!« stöhnte er. »Einmal muß die ganze Geschichte doch herauskommen. Ich bin nämlich verliebt.« »Und das ist alles!« lachte ich hell auf. »In Fräulein Hedwig Mühlmann!« fügte er hinzu. »Mir ist wirklich nicht mehr zu helfen, Herr Doktor. Ich bin ein verlorener Mann!« Er sprang von seinem Stuhle aus und durchmaß mit großen Schritten das Zimmer. Sollte es bei ihm nicht mehr richtig im oberen Stockwerk sein? . . . Ich begann ihn mit einem gewissen pathologischen Interesse zu betrachten. 152 »Daß meine Liebe erwidert wird, weiß ich ja!« sagte er und setzte seinen Spaziergang fort. »Aber ich weiß nicht, ob sie meiner eigenen Person gilt oder dem unglückseligen Bilde.« »Welchem Bilde?« »Der Klassischen Walpurgisnacht!« stieß er hervor. Er schien tatsächlich an einer geistigen Störung zu leiden. »Aber Fräulein Hedwig kann doch kein Bild heiraten, wenn dessen Existenz auch von Ihrer werten Person untrennbar ist.« »Wenn sie aber doch trennbar wäre!« erwiderte er mit einer düstern Hamletmiene. Er faßte mich an beiden Schultern und sah mir starr ins Gesicht. »Meine Lage ist eine wahrhaft schreckliche!« sagte er. »Denken Sie sich nur, Herr Doktor, ich soll sie malen!« »Wen?« »Hedwig!« stöhnte er schrecklich auf. »Morgen soll die erste Sitzung stattfinden. Es wird mein Tod sein.« »Ich begreife Sie nicht.« »Aber ich kann ja gar nicht malen!« rief er verzweifelt aus. »Ich habe in meinem Leben keinen Pinsel in der Hand gehabt. Ich bringe nicht einmal eine ordentliche Linie zustande.« 153 Jetzt war es entschieden. Ich hatte es mit einem Wahnsinnigen zu tun. Ich durfte ihn nicht reizen, ihm vor allem nicht widersprechen. Verrückte geraten dadurch oft genug in einen Anfall von Tobsucht. »Gut! Ich glaube es Ihnen ja, Herr Referendar!« sagte ich milde. »Wer hat denn aber Ihr Bild gemalt?« Ich unternahm mit dieser Frage einen letzten Versuch, seine Zurechnungsfähigkeit doch noch zu retten. »Meine Schwester!« erwiderte er. »So! Jetzt ist das auch heraus!« War das ein neuer Ausfluß seines Irrsinns, oder sprach er die Wahrheit? »Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort. Meine Schwester hat es gemalt!« wiederholte er vollkommen ruhig. Es mußte doch richtig sein. Er machte mir wieder den Eindruck eines ganz normalen Menschen. Ich konnte meine Fassung momentan nicht gewinnen. Ich war sprachlos. »Woher aber dann Ihr Name?« brachte ich endlich hervor. »Das war eben die unglückselige Idee meiner Schwester!« sagte er. »Sie wagte sich mit ihrem Mädchennamen nicht an die Öffentlichkeit, weil . . . weil . . . nun, Sie wissen es ja selbst, Herr Doktor, 154 weil die Kritik weiblichen Schöpfungen mitunter nicht besonders grün ist . . .« »Klassische Walpurgisnacht . . . Fräulein Löhr . . .« ging es in meinem Kopf herum. »Und da mußte ich meinen Namen dazu hergeben!« fuhr er fort. »Es war ja nicht viel Unterschied. Wir hatten ja keine Ahnung, daß das Bild solches Aufsehen machen würde. Da kamen Ihre Artikel, die durch verschiedene Auslassungen die Furcht meiner Schwester Fritzi bestätigten. Dann kam mein Urlaub. Wir gingen nach Eggenbach. Alles Weitere wissen Sie ja. Jetzt können Sie sich beiläufig meine Verzweiflung vorstellen, daß ich morgen Hedwig Mühlmann malen soll! Ich bin unsterblich blamiert!« »Der blamierte Mitteleuropäer bin ich und kein anderer!« rief ich aus. »Das nützt mir aber nichts!« meinte er. »Was soll aus mir und Hedwig werden!« »Ein glückliches Brautpaar!« rief ich und schlug ihm auf die Schulter. »Vertrauen Sie mir Ihre Sache bei Fräulein Hedwig an. Ich will alles vermitteln.« »Doktor, Sie sind ein Goldmensch!« umarmte er mich stürmisch und eilte zur Tür hinaus. Ich war allein mit meinen Gedanken . . . 155 Allmählich blühte ein frühjahrsseliger Jubel in meinem Herzen auf, nachdem ich mich von der ersten Überraschung erholt hatte . . . Sie hatte das Bild geschaffen. Sie war das gottbegnadete Talent, für das ich ins Feld zog . . . Jetzt wurde mir so manches aus unserm Umgang klar, was mir bisher rätselhaft erschien. Und wieder erhob sich eine Stimme in meinem Innern, daß sie mich doch liebte, daß dieses herrliche Mädchen doch mein werden sollte . . . Ein ungeahnter Heldenmut kam über mich. Morgen wollte ich für ihren Bruder den Brautwerber machen und mir bei der Schwester endgültige Gewißheit verschaffen, ob ich etwas für mich hoffen durfte oder nicht . . . Am nächsten Vormittag verfügte ich mich kurz vor elf Uhr nach den Zimmern der Familie Mühlmann. Die Sache ging leichter als ich sie erwartet hatte. Fräulein Hedwig war wirklich nicht in die Klassische Walpurgisnacht, sondern in den Referendar Löhr selbst verliebt. Ich traf das Glückskind im Speisesaal hinter einem Zeitungsblatt kauernd. Mit wenigen Worten teilte ich ihm alles mit. Er frohlockte. Dann nahm ich ihn am Arm, führte ihn bis vor die Tür der Mühlmanns, 156 klopfte für ihn an, schob ihn über die Schwelle, schloß die Tür wieder hinter ihm und überließ ihn getrost seinem weiteren Schicksal. Ich hatte ihn nach seiner Schwester gefragt. Sie sei in den Stadtwald spazieren gegangen, sagte er mir. Das genügte mir. Ich wußte ja ihren Lieblingsweg. Ich holte meinen Hut und eilte durch das Städtchen dem Walde zu. Herrlicher Sonnenschein lag über der ganzen Gegend. Keine Wolke war am Himmel. Ich brauchte nicht lange zu suchen. Fräulein Fritzi hatte sich auf einer Bank gleich am Eingang des Waldes niedergelassen. Bei meiner Annäherung war sie erschreckt aufgestanden. Sie schien einen Augenblick fliehen zu wollen. Dann blieb sie wie angewurzelt stehen und sah mit angstvollen Augen auf mich. Ich zog den Hut und war an ihre Seite getreten. »Gnädiges Fräulein,« sagte ich, »ich erlaube mir, Ihnen die soeben stattfindende Verlobung Ihres Herrn Bruders mit Hedwig Mühlmann mitzuteilen.« Sie hatte offenbar etwas ganz anderes erwartet. Der unbefangene Ton, in dem ich sprach, schien eine beruhigende Wirkung auf sie auszuüben. »Also ist es schon entschieden?« meinte sie lächelnd. »Mein armer Bruder hat in letzter Zeit viel gelitten.« 157 »Durch meine Schuld!« sagte ich. »Aber dafür habe ich jetzt wenigstens einen Teil meines Vergehens wieder gut gemacht.« »Sie haben ihn verlobt!« scherzte sie. Wir schlugen den Weg in den Wald ein. Halbe Dämmerung. Da und dort fielen Sonnenstrahlen über den Weg. Eine Weile gingen wir schweigend nebeneinander her. Sie sah mich nicht an. Wir fühlten es wohl beide, wie das Unausgesprochene zwischen uns wandelte. »Fräulein Fritzi . . .« begann ich . . . »wollen Sie mir nicht Gelegenheit geben, auch den andern Teil meiner Schuld zu sühnen?« Sie sah mich groß und fast flehend an. »Fürchten Sie nichts!« fuhr ich fort. »Ich will nicht über Ihr Bild sprechen. Was ich Ihnen darüber zu sagen hatte, das habe ich Ihnen ja schon längst gesagt. Nur, daß es an die falsche Adresse gerichtet war. Ich spreche jetzt nicht zu der Künstlerin. Ich spreche zu dem Mädchen, ob es mir all das vergeben kann, womit ich sie gekränkt habe.« »Ja, Sie haben mich gekränkt!« stieß sie fast heftig hervor. »Ich wußte wirklich nicht, ob ich Ihnen mehr danken oder mehr zürnen sollte. Aber nein, ich bin 158 ungerecht. Ich bin Ihnen Dank, nur Dank schuldig. Ich bin ja nicht die Herrin und Richterin Ihrer Überzeugungen, die ja wieder viel Wahres für sich haben können.« »Wenn ich Sie aber trotzdem als meine Herrin und Richterin anerkenne!« rief ich. »Wenn ich zur Einsicht gekommen bin, daß meine Überzeugungen falsche waren, daß Genie und Talent auf Erden nicht abhängig sind von dem Geschlecht des Trägers!« »Sollten Sie diese Überzeugung wirklich gewonnen haben?« lächelte sie. »Ja!« entgegnete ich einfach. Wir waren beide stehengeblieben. Die Waldbäume wölbten ihr grünes Dach über uns. Die Sonnenschimmer flogen durch das Gezweige. Eine Tannenmeise ließ ihren muntern und neckischen Gesang zu unseren Häupten hören. »Ich bin Ihnen nie recht böse gewesen!« sagte sie. »Und seitdem ich Sie kennenlernte, keine Minute mehr.« Ich ergriff ihre beiden Hände und drückte sie in den meinen. »Ich danke Ihnen, danke Ihnen tausendmal!« sprach ich. »Und ich bin ein anderer Mensch geworden, seit ich Sie zum erstenmal gesehen habe, Fräulein Fritzi. 159 Mit Ihnen ist etwas in mein Leben getreten, das der Pinsel des Malers, das Lied des Dichters tausendfach verherrlicht und doch noch nie in seinem vollen Glanze gestaltet hat. Weil eben die Wirklichkeit schöner ist als alle Dichtung.« Sie hatte die Augen niedergeschlagen. Ihre Brust hob und senkte sich wie unter einer tiefen seelischen Erregung. Ich hatte sie langsam an mich gezogen. »Fräulein Fritzi . . .« fuhr ich fort . . . »Ihnen, die alles Schöne und Herrliche auf Erden erfaßt hat, die selbst ein leuchtender Spiegel der Gottheit ist, brauche ich wohl nicht viele Worte zu machen. Ich bete Sie an. Ich liebe Sie. Fritzi, kannst du mir ein wenig gut sein? Willst du mein Weib werden, Fritzi?« Sie lehnte den Kopf an meine Schultern. Eine ihrer reichen blonden Flechten hatte sich losgelöst und fiel ihr über das Gesicht. Ich drückte sie stürmisch an die Brust. »Fritzi! Du einziges, herrliches Mädchen, du liebst mich! Du bist mein!« jubelte ich. Da schlang sie die Arme um meinen Nacken. »Ich bin dein . . . Ich hab' dich lieb . . . so lieb . . .« flüsterte sie an meinem Ohr. 160 Ich hob ihr Gesicht und drückte den ersten Kuß auf ihre frischen Lippen. Ich fühlte, wie sie in meinen Armen zitterte. Das Glück hatte uns heimgesucht mitten im Wald unter den rauschenden Bäumen. Und von da sollte es hinauswandern in die Welt . . . für ein Menschenleben . . . im Sonnenschein . . . mein Weib . . . mein Himmel . . . meine Seligkeit . . . Droben im Wipfel pfiff ein Fink mit der Tannenmeise ein Duett . . . als ob die beiden Waldmusikanten uns einen Hochzeitsmarsch spielen wollten . . . Am Abend gab es eine doppelte Verlobung in Eggenbach. Unsere gute Wirtin hatte einen Festkuchen von geradezu ungeheuren Dimensionen hergestellt. Die Tafel prangte in noch viel herrlicherem Blumenschmuck wie damals, als ich meine denkwürdige Festrede gehalten hatte. Die Fritz Löhr-Gemeinde, außer der Familie Mühlmann, hatte ich noch im Laufe des Nachmittags von dem wahren Sachverhalt verständigt. Mein zukünftiger Schwager, der Herr Referendar Fritz Löhr war äußerst aufgeräumt und guter Dinge. Keine Spur der früheren Schüchternheit war mehr an ihm zu bemerken. Wie sich doch ein Mensch plötzlich umwandelt, wenn er liebt . . . und nicht malen kann! 161 An dem Verlobungsabend hielt Fritz Löhr sogar eine längere und ganz vorzügliche Tischrede. – – – Fritzi ist seitdem meine Frau geworden. Eine große Schwierigkeit blieb noch zu lösen. Sollte ich dem Publikum wirklich meine eigene Blamage in Sachen der Klassischen Walpurgisnacht enthüllen? . . . Fritzi widersprach dem energisch. Aber an die Öffentlichkeit mußte die ganze Geschichte doch kommen. Ich schrieb sie daher in diesen Blättern wahrheitsgetreu nieder. Mein Schwager, der bald nach seiner Verlobung Assessor wurde und mit seiner Frau sehr glücklich lebt, protestierte zwar dagegen. Denn er ist noch immer von einer unbezwingbaren, wenn auch begreiflichen Furcht vor aller Öffentlichkeit durch die Druckerschwärze beseelt. Ich konnte ihm jedoch das feierliche Versprechen ablegen, daß ich mit dieser Geschichte in Sachen Fritz Löhrs zum letzten Male an die Öffentlichkeit trete. Denn ich kann doch nicht über die Bilder meiner eigenen Frau schreiben. In Eggenbach haben wir uns angekauft. Ein kleineres Haus mit einem großen Obstanger. Dahin wollen wir jährlich für einige Zeit flüchten, um recht ruhig unter den braven Spießern zu leben und den Staub der Großstadt abzuschütteln. Und wenn wir 162 aus der Haustüre treten, wissen wir genau, daß wir von allen gesehen und gekannt werden und daß nichts unbeobachtet bleibt. Und daß ein neues Kleid meiner Frau tagelang ein Stadtgespräch bilden wird. Und wenn dann gewisse freudige Familienereignisse zu erwarten sein sollten, dann werden sie es in Eggenbach unter Umständen sogar früher und genauer wissen als wir selber. 163   Das Abenteuer von Rovereto Das war schon vor ziemlich vielen Jahren, als man noch im tiefsten Frieden lebte und die Züge vollgepfropft mit Menschen vom Norden nach dem Süden sausten. Als mich mein Weg zum erstenmal über den Brenner führte, da hielt ich mich in der alten Stadt Rovereto in Südtirol auf. Eigentlich wollte ich nur zwei oder drei Tage verweilen. Aber schließlich wurden aus den Tagen ein paar Wochen. Und das kam so . . . Im Herbst war es. Ein herrlicher Oktober. Ich durchwanderte die kleine Stadt von Süd nach Nord und von West nach Ost. Besah mir alles, was es zu sehen gab. Die schönen alten Paläste am Corso Nuovo, das Castello mit dem malerisch felsigen Hintergrund und die alte steinerne Brücke, die über den Leno hinüberführt nach Santa Maria. In Santa Maria war's, wo sich mein Schicksal für die nächsten Wochen entscheiden sollte. 166 Die engen Gassen und Gäßchen der schon sehr italienisch anmutenden Südtiroler Stadt machten bei Tag einen ziemlich menschenleeren Eindruck. Nur durch den Hauptstraßenzug, der vom Corso Rosmini hinüber zum Castello führt, war es etwas lebhafter. In den Abendstunden zwischen fünf und sieben Uhr gestaltete sich das Straßenleben äußerst lebendig. Da traf sich, wie es mir schien, ganz Rovereto. Die Damen geputzt, mit zierlichen Schritten und lebhaftem Geplauder, die Herren in angeregten lauten Gesprächen, daß der Fremde manchmal meinen konnte, es sei ein heftiger Zank entbrannt. So recht südländisch ging es hier zu. Und wälscher Süden waren die Bauten, die etwas unsauber aussehenden Gassen und Läden . . . wälscher Süden war der Zauber, der inmitten einer engen öden Gasse plötzlich einen romantischen Winkel erstehen ließ oder große farbige Klexe . . . hervorgerufen durch Wäsche, die man von dem einen Haus zu dem gegenüberliegenden aufgespannt hatte und die von lauer Südlandslust bewegt leise und geheimnisvoll wehte. Irgend ein schmutziger Bengel kauerte vor einem Haus und schrie aus Leibeskräften etwas, das man unmöglich verstehen konnte. Es war kein Lied und war doch 167 eines. Es klang melodisch mit seinem einförmigen, sich stets wiederholenden Refrain. Im Zwielicht der hereinbrechenden Dämmerung lagen die hohen Häuser der Stadt und machten einen graudüstern Eindruck. Mitten im harmlosen Durcheinander dieser fröhlichen Menschen ertönte oft der heisere Schrei eines Maronibraters. Köstlicher Duft von frisch gerösteten Kastanien stieg verlockend in die Nase, so daß man gar nicht anders konnte, als sich ein Päckchen davon zu kaufen. Und dann wieder jugendlich übermütige Mädchenstimmen hinter mir. Neckisches Geplauder und Gekicher. Alles kannte sich da. Alles grüßte sich. Es war die Heiterkeit des Südlandes, die mich gefangen nahm, wenn ich auch als ein Fremder durch diese Gassen und neben diesen Menschen wandelte . . . scheinbar nicht beachtet und doch von allen genau gesehen und jedenfalls auch glossiert. Rovereto war ja nie ein Mittelpunkt des Fremdenverkehrs, nicht einmal eine Station desselben. Die Züge sausten an dem alten Nest vorüber weiter nach Süden zu. Und wenn sich der eine oder andere Südlandswanderer in Rovereto aufhielt, so mußte es eine besondere Passion sein. Er wurde jedenfalls beachtet. Vielleicht nicht immer freundlich. 168 Eine solche Passion für das Nest hatte mich schon in den allerersten Tagen erfaßt. Ich konnte mich nicht so rasch trennen. Es waren so wundervolle Schlenderstunden. Ich hatte ja alle die Gassen schon gesehen. Und trotzdem gefielen sie mir immer wieder. Ich beschloß aus dem recht stimmungslosen Gasthof zu ziehen und mir ein Privatquartier zu suchen. Ich fand denn auch bald ein großes schönes Zimmer in einem alten Palazzo der Vorstadt Santa Maria. In einem gerade hervorragenden Zustand befand sich das alte Gemäuer nicht mehr. Es war mehr ein Zeuge entschwundener Herrlichkeit. Man hatte den weitläufigen Bau schon längst an Mietparteien vergeben. Die Familie, wo ich wohnte, gehörte so gewissermaßen zum besseren Mittelstand von Rovereto. Der Vater: Ettore Toglia war Beamter beim Magistrat. Ich bildete ein Art Ereignis für das ganze Haus und die Nachbarschaft. Denn es gehörte eben nicht zu den Alltäglichkeiten, daß sich ein Fremder gleich für einige Zeit häuslich in Rovereto niederließ. Die Familie des würdigen Herrn Toglia mußte ziemlich zahlreich sein. Wenigstens begegnete ich in den ersten drei Tagen immer wieder neuen Gesichtern, mit denen ich allmählich bekannt gemacht wurde. Da war zunächst Herr Toglia selbst und seine 169 Gattin, die Signora. Beide dick und von einem gewissen öligen, fetten Glanz umwoben . . . mir kam unwillkürlich der Vergleich mit zwei fetten Sardinen in Öl. Dann war die Großmutter da, die Nonna, auch fett, jedoch im ganzen Habitus mehr wie eine dicke Kreuzspinne . . . Zwei halbwüchsige Jungen und drei halbwüchsige Mädeln lernte ich kennen. Dann zwei erwachsene Söhne, die irgendwo in Kondition standen und nur zum Essen heimkamen. Ein paar Tanten, Kousinen und sonstige Verwandte. Und endlich die Krone des Hauses Toglia, die Signorina Beatrice, die älteste Tochter des Ehepaares. Sie mochte anfangs zwanzig sein und neigte auch schon ein wenig zur Üppigkeit. Übrigens war sie bildhübsch. Eine jener italienischen Blondinen mit dem rötlichen Schimmer in den Haaren, den dunkeln Augen und dem feinen blassen Teint, die eigentlich viel gefährlicher sind, als ihre schwarzen Schwestern . . . Vielleicht gerade deshalb, weil man sie unter der Sonne des Südens nicht vermutet und sie einem viel aparter erscheinen, als der landläufige Typus. Mit der schönen Beatrice war denn auch bald ein regelrechter Flirt im Gange. Ich konnte nicht sagen, daß ich in das Mädel verliebt war. Dazu hatte sie zu wenig Geist . . . oder sagen wir aufrichtig gar keinen 170 Geist. Bildung natürlich auch gleich Null. Aber Rasse hatte sie. Das mußte man ihr lassen. Über kleine gegenseitige Neckereien ging es nicht hinaus. Es war eine ganz nette kleine Abwechslung. So war seit meinem Einzug bei Toglias ungefähr eine Woche verstrichen. An einem warmen sonnenhellen Oktobertag, als ich gerade ins Restaurant gehen wollte, stand die Tür von Beatrices Zimmer, die auf den gemeinschaftlichen Vorsaal mündete, offen. Es war mir noch nie vergönnt gewesen, einen Blick in dieses Heiligtum zu werfen. Ich blieb unwillkürlich stehen. Das hübsche Mädchen lag im Schaukelstuhl und tat nichts. Wie gewöhnlich. Ich räusperte mich. Sie fuhr empor, wurde etwas verlegen und lud mich dann ein, einzutreten. Ich kam dieser Aufforderung natürlich sofort nach. Wir plauderten in ihrem Zimmer, immer bei offener Tür. Sie zeigte mir Verschiedenes an den Wänden, Fächer, Photographien, kleine Andenken. Endlich blieben wir vor einer Kommode mit bauchigen Schubladen stehen. Darauf befand sich eine zierliche Alabasterbüste von zwei Liebenden, die sich küßten. Ich bewunderte das Kunstwerk. » Un bello esempio! « sagte die schöne Beatrice halblaut neben mir. »Ein schönes Beispiel!« 171 Ich drehte mich nach ihr um. Da stand sie im vollen Sonnenglanz, der durch die breiten hohen Fenster fiel, mit ihren leuchtenden Haaren, den dunkeln Augen und einem verführerischen Lächeln um die Lippen. Und diese Lippen sagten es nun noch einmal, indes die Augen einen heißen Blick auf die Büste und dann auf mich warfen . . . » Un bello esempio! « Fischblut hätte ich in den Adern und einen Eisklumpen in der Brust haben müssen. Ich tat, was tausend andere an meiner Stelle auch getan hätten. Ich machte das »schöne Beispiel« sofort nach. Zwar fand ich einen ganz kleinen Widerstand; aber das war nur so der Form halber . . . Sie küßte wirklich herrlich, die rotblonde Beatrice mit den dunkeln Augen. Es war Seele, Leidenschaft, Bewußtsein in diesen Küssen. Wenigstens bildete ich mir's ein. Natürlich waren es mehrere Küsse. Schöne Beispiele muß man doch etwas reichlicher nachahmen. Zwischen einem und dem andern Kuß fragte sie mich immer wieder, ob ich sie wohl liebe. Ich müßte ja ein Barbar gewesen sein, wenn ich das verneint hätte. Zudem freute sie diese Versicherung so sehr, daß sie mich immer wieder von neuem küßte. Und sie küßte wahrhaft gottvoll. Lange, mit vollen Lippen 172 und mit einer gewissen inbrünstigen Andacht. Wenigstens kam es mir so vor. Zuletzt mußte ich's ihr schwören, daß ich sie liebe. Als sie auch diesen Schwur hatte, schob sie mich sanft zur Tür hinaus . . . und ich ging ins Restaurant essen. Mit großem Appetit. Es gehörte überhaupt zu meinen Eigenschaften, daß ich nach solchen Erlebnissen immer einen Mordshunger hatte. Eigentlich ist das eine Brutalität. Aber ich kann nichts dafür. Nach dem Mittagessen ging ich noch in ein Kaffeehaus. Dann ein kleiner Spaziergang und heim. Signorina Beatrice war den ganzen Nachmittag nicht zu sehen. Es war bereits dämmrig geworden, als es an meine Tür klopfte. Ich öffnete selbst. Es war Beatrice. Ich wollte sie hereinziehen. Sie wehrte sich energisch. Wenigstens einen Kuß. Auch nicht. Sie hob verweisend den Zeigefinger der rechten Hand und lud mich mit einer gewissen Feierlichkeit ein, den heutigen Abend im Familienkreis der Toglia zu verbringen. Ich dankte, und sie entwischte mir wieder. Aufrichtig gestanden war mir schon damals nach dieser Einladung etwas anders zumute. Als wenn ich verschiedenes geahnt hätte. Ich machte mich aber fertig, warf mich in meinen besseren hellen 173 Frühjahrsanzug, knüpfte die Krawatte mit besonderer Sorgfalt und ging nach dem Wohnzimmer meiner Quartierleute. Auf mein Klopfen erscholl ein mehrstimmiges Herein! Ich fand so ziemlich alles versammelt, was ich in den letzten Tagen kennengelernt hatte. Kaum hatte ich den Fuß über die Schwelle gesetzt, als mir Herr Toglia und Gemahlin, die beiden fetten Sardinen in Öl, entgegenwatschelten, mich nahezu gleichzeitig gerührt umarmten und küßten. Es war nicht schön. Unwillkürlich warf ich besorgte Blicke auf meinen Anzug, ob er wohl keine Fettflecken bekommen habe. Noch ehe ich Zeit fand, mich von meinem Erstaunen über diesen zärtlichen Empfang zu erholen, drückte mir Signore Toglia beide Hände und rief: »Nein, dieses Glück für unser Kind!« Und die Signora fuhr sich mit dem Taschentuch über die Augen und frug: »Sie werden sie aber ganz gewiß glücklich machen?« »Wie? Was? Wen?« stotterte ich verwirrt hervor, ohne noch recht zur Erkenntnis der Situation gekommen zu sein. Da fiel mir schon die blonde Beatrice um den Hals und küßte mich vor der ganzen Gesellschaft 174 mehrmals, gleich lang, mit der gleichen Leidenschaft und inbrünstigen Andacht, als da wir allein waren. Die anwesenden Zeugen schienen ihrer Liebe keinen Abbruch zu tun. »Aber . . . ich weiß nicht . . . es muß . . .« wollte ich noch schüchtern Einwendungen erheben, als Beatrice mich endlich losließ. Da sah ich, wie sich wieder zwei Arme vor mir ausbreiteten. Ich wollte zurückweichen. Aber sie hatte mich schon. Die Nonna nämlich. Auch sie küßte mich. Das war unbedingt furchtbar. In der darauffolgenden notwendigen Betäubung wurde ich an den Familientisch gesetzt zwischen den Papa Toglia und die Mama. Mir gegenüber saß Beatrice zwischen ihren beiden erwachsenen Brüdern. Ein mächtiger Fiasko Wein stand auf dem Tisch. Papa Toglia schenkte die Gläser voll. Nun ging es an ein Gratulieren, an ein Evviva-Trinken auf das Brautpaar. Innerhalb der nächsten Minuten war ich in aller Form verlobt, ohne eine Silbe dafür oder dagegen sagen zu können. Mehrmals wollte ich mich während dieses denkwürdigen Abends aufraffen und gegen die ganze Geschichte energischen Protest erheben. Wenn ich aber 175 den forschenden Blicken der beiden Brüder Toglia begegnete, dann ließ ich es gern bleiben. Ich hatte Schauermären genug von den Brüdern gehört, die zu Rächern der verletzten Ehre ihrer Schwestern werden. Und besonders der ältere der Beiden, der noch dazu den Vertrauen erweckenden Namen Rinaldo führte, hatte einen Blick, daß man unwillkürlich an ein paar Zoll kaltes Eisen zwischen den Rippen denken mußte. Ich machte daher gute Miene zum bösen Spiel, ließ mir den Wein schmecken und kam so allmählich in eine Art Galgenhumor hinein. Als man sich gegenseitig verabschiedete, war man so diskret, mich mit meiner »Braut« allein im Vorsaal zurückzulassen. »Aber Signorina Beatrice«, begann ich, »wie konnten Sie . . .« » Caro mio! « flüsterte sie zärtlich. »Die Mama hat uns gesehen! Es ließ sich nicht länger verheimlichen . . . Aber du hast mich ja so sehr lieb!« »Die Mama?« frug ich. » Securo! Die Türe war ja offen. Heute Mittag . . .« »Beatrice!« ließ sich die scharfe Stimme der Signora Toglia vernehmen. 176 » Buona notte! « flüsterte die Signorina. Und davon war sie, mit einem flüchtigen Händedruck . . . ohne Kuß . . . Der moralische Kater, mit dem ich am nächsten Morgen erwachte, war entschieden eines der interessantesten Kapitel der Zoologie. Alles wurde mir sonnenklar. Und je klarer es wurde, desto mehr stieg die Wut in mir auf. Da war ich ja schön in die Falle gegangen! Die verfängliche Büste, die noch verfänglichere Anspielung, die horchende Mama, die segnenden Alten, die inszenierte Verlobung . . . Aber vielleicht liebte mich die blonde Beatrice wirklich? . . . Und wenn . . . was sollte ich denn mit dem Mädel anfangen? In Rovereto konnte ich doch nicht meinem Lebensabend entgegenharren! Und sie meinen deutschen Freunden daheim präsentieren! Na, ich danke! Übrigens liebte sie mich gar nicht. Sie wollte geheiratet sein. Und damit basta! Warum war der Fremde so dumm, ins Garn zu laufen! So entgegenkommend die Signorina vor der Verlobung war, so prüde zeigte sie sich nach derselben. Ab und zu wäre ich einem Kuß gar nicht abgeneigt 177 gewesen. Den gab's aber gar nicht mehr ohne Zeugen. Meine Wut erhielt durch diese Fastendiät nur eine beträchtliche Steigerung. Da die Sache im Laufe der nächsten Tage immer unheimlicher wurde und man im Familienkreis schon ernstlich die Frage der Aussteuer erörterte, reifte in mir der endgültige Plan, die Flucht zu ergreifen. Das war aber leichter gesagt als getan. Ich wurde mit einer Sorgfalt bewacht, als wenn ich ein Anarchist gewesen wäre. Alle Familienmitglieder zeigten eine rührende Anhänglichkeit an mich. Rinaldo und der andere Bruder widmeten mir jede freie Stunde. Zuletzt mußten sie sogar Urlaub genommen haben; denn sie waren schließlich ganz unzertrennlich von mir. Dabei hatte ich eine wahre Rundreise von Einladungen zu erdulden. Ich kam also der Familie meiner Zukünftigen fast gar nicht aus den Augen. Zum Glück trat eine Regenperiode ein. Dadurch gelang es mir, ein paar Päckchen unter meinem Wettermantel auf die Post zu bringen und heim zu senden. Auf diese Weise rettete ich meinen zweiten Anzug, einen Teil meiner Wäsche, ein Paar Stiefel und meine Bücher. Aber mein neuer Reisekoffer! Was sollte aus dem werden? Den konnte ich doch unmöglich auf der 178 geplanten Flucht mitnehmen. Da wäre mein Vorhaben ja gleich entdeckt worden. Um den Koffer trauerte ich ehrlich. Es gab Momente, in denen ich wirklich in Versuchung kam, ihm zuliebe den Dingen ihren Lauf zu lassen. Die Dinge nahmen jedoch einen so jähen Fortgang, daß ich genötigt war, meinen geliebten Reisebegleiter ohne weiteres Bedenken zu opfern. An einem Samstag wurde mir eröffnet, daß wir, nämlich Beatrice und ich, am Sonntag nach der Messe zum Pfarrer gehen sollten, der uns zum Brautexamen erwarte. Das fehlte mir gerade noch. Sonntag Morgen schützte ich heftiges Kopfweh vor, das begründet schien, da ich am vorherigen Tag eine schwere Sitzung bei einem Onkel meiner »Braut« zu absolvieren hatte. Ich würde Beatrice und die Familie von der Kirche abholen und dann mit Vergnügen zum Herrn Pfarrer gehen, versicherte ich. So blieb ich unter der Bewachung der Nonna allein zu Hause. Draußen regnete es in Strömen. Die Nonna hantierte in der Küche. Ich schlich mich . . . es gibt schließlich doch noch unbewachte Momente . . . in meinen Wettermantel gehüllt aus dem Hause, nachdem ich zärtlichen Abschied von meinem neuen Koffer genommen hatte. 179 Ich begegnete niemandem von meinen neuen Bekannten. Gottlob! Im Regenguß wanderte ich langsam nach dem Bahnhof, damit es ja wie ein Bummel aussah und nicht wie eine Flucht. Den Fahrplan hatte ich sorgfältig studiert. Ich mußte gerade noch den Schnellzug nach Bozen erwischen und weiter über den Brenner nach dem Norden, in die Freiheit . . . fort aus den Armen der schönen Beatrice. Meine Sehnsucht nach dem Süden war mir für dieses Jahr gründlich vergangen . . . Die sollten mich suchen . . . die männliche und weibliche Ölsardine Toglia . . . das fette Schauerweib von einer Nonna . . . und die beiden Brüder und die Verwandten . . . mitsamt ihrem Pfarrer sollten sie mich suchen . . . Herrgott im Himmelreich, war das ein wonniges Gefühl, als ich mich auf den weichen Polstern eines Wagenabteils zweiter Klasse ausgestreckt hatte, als der Zug angefahren war und immer rascher und rascher davon rollte, als mir Rovereto entschwand, gleich einem Traum, der nicht wiederkehren sollte . . . Ich habe nichts mehr seitdem gehört von der edlen Familie Toglia. Wahrscheinlich ist die schöne Beatrice schon so dick wie damals die Mama . . . 180 An Rovereto bin ich schon öfters vorbeigefahren, wenn es nach dem Süden ging, allerdings stets mit einem gewissen Gefühl der Beklemmung oder sagen wir lieber gleich des Verfolgungswahnes, daß ein Mitglied der Familie Toglia plötzlich erscheinen könnte. Ich habe vor Rovereto regelmäßig meinen Hut aufgesetzt und ihn recht tief in die Stirn gedrückt . . . aus Gedankenschwere . . . Seitdem ist eine geraume Zeit verstrichen, eine recht lange Zeit . . . Hoffentlich haben sich die Gefühle der schönen Beatrice für mich inzwischen gründlich abgekühlt . . . Einmal trat mir das Erlebnis aber doch wieder mit geradezu unerhörter Deutlichkeit vor die Augen. Und das war gar nicht in Rovereto. Das war in München, als ich bei einem Frühschoppen im Löwenbräu saß. Da klopfte mich ein wälscher Gipsfigurenhändler auf die Schulter. » Figurini, Signor, figurini! « Dabei hielt mir der Mann einen Gipsabguß vors Gesicht und meinte lachend: » Un bello essempio, Signor! « Ich fuhr mit einem derart lauten Schrei vom Stuhl empor und muß den Menschen mit einem so entsetzten Gesicht angestarrt haben, daß er eilig die Flucht ergriff. 181 Der Gipsabguß jedoch war nichts anderes als jene Büste der beiden Liebenden, die sich küßten . . . da drunten in Rovereto . . . nur in Gips statt in Alabaster . . . Man kann beim hellen Tag Gespenster sehen . . . 183   Die Geschichte meines Stipendiums Ich habe arm studiert. Wenn es mir nicht geglückt wäre, ein kleines Familienstipendium zu erlangen, dann hätte ich wohl überhaupt mein Licht unter den Scheffel stellen müssen. Nach absolviertem Gymnasium wandte ich mich dem Studium der Kunstgeschichte zu. Das Doktordiplom hatte ich endlich in der Tasche. Mein Stipendium war mit dem Abschluß meiner Studien eingestellt. Nur noch eine einzige Rate war zu beheben. Meine gute Mutter, die ich früh verlor, stammte aus einer freiherrlichen Familie. Diesem Umstande hatte ich auch mein Stipendium zu verdanken. Die Auszahlung desselben erfolgte regelmäßig am Landgericht gegen Quittung und Ausfolgung des von Fall zu Fall von dem Amtsgericht eines entlegenen Nestes unterzeichneten Stiftsbriefes. Dort hausten die Nachkommen des Stifters. Es war mir einmal mitgeteilt worden, daß die Besitztümer dieser mir gänzlich unbekannten 186 Verwandtschaft aus Olims Zeiten an eine alte ledige Dame übergegangen seien, die nicht von dem liebenswürdigsten Charakter sein sollte. Ich hatte eine Probe davon bereits zu Beginn meiner akademischen Studien erhalten. Da kam von dem Amtsgericht Lingenau . . . so hieß das Nest . . . an mich im Auftrage der gegenwärtigen Majoratsherrin Ulrike Freifräulein von Zierfeld, der strikte Befehl, mich dahin zu äußern, ob ich wohl keiner schlagenden Verbindung angehöre. Ich war aber trotzdem die letzten zwei Jahre meiner Universitätszeit ein flotter Korpsbruder, soweit es meine beschränkten Mittel erlaubten. In meiner Brusttasche steckte die unterschriebene Quittung für die letzte Rate meines Stipendiums. Ich wollte heute noch nach dem Landgericht, um mir das Geld zu holen. Eine Viertelstunde später stand ich vor der Liquidatur, wo mir die Summe und der quittierte Stiftsbrief eingehändigt wurden. Zum letzten Male. In nicht gerade rosiger Stimmung kam ich nach Hause. Ich entfaltete zufällig den Stiftsbrief, als mir die Unterschrift bei der letzten Auszahlung auffiel: Königliches Amtsgericht Lingenau. Dr. Wilhelm Born, Amtsrichter. 187 Den kannte ich ja! Als ich noch krasser Fuchs bei den Vandalen war, machte er seine Gerichtspraxis und war unser Konkneipant. Ich hatte sogar mit ihm Bruderschaft getrunken. Dann waren wir uns entschwunden, wie es im Leben zu gehen pflegt. Also schon Amtsrichter! Hat rasch vorwärts gemacht, der Born! Sonderbar, auf welchen Wegen man von einem Menschen wieder erfährt . . . Zu dem einzigen Fenster meiner Bude im vierten Stock, der ich durch Jahre treu geblieben war, wob die Abenddämmerung ihre Schleier herein. Da kam es plötzlich wie eine innere Erleuchtung über mich. Ich zündete hastig meine kleine Studierlampe an, setzte mich zum Tisch, nahm einen großen Bogen vor und schrieb in eiligen Zügen folgenden Brief an meinen Freund Born . . . »Lieber Wilhelm! Mit lebhafter Freude las ich Deinen Namen unter dem letzten Auszahlungsvermerk meines Stipendiums. Und nun falle ich sofort mit der Türe ins Haus. Ich habe vor kurzem meinen Doktor gemacht und gedenke mich baldmöglichst zu habilitieren. Dazu braucht's aber Geld und wieder Geld. Mit ein paar hundert Mark wäre ich schön heraus. Könnte eine kleine Studienreise machen und mich während der nächsten 188 Zeit ungestört meiner Wissenschaft widmen. Ich habe nicht im entferntesten die Absicht, Dich anzupumpen. Jedoch dürfte es vielleicht Deinen persönlichen Beziehungen zu meiner mir unbekannten Urtante Ulrike von Zierfeld gelingen, eine außerordentliche Unterstützung für mich herauszuschlagen. Ich habe allerdings nicht viel Erfreuliches über die Liebenswürdigkeit der Majoratsherrin gehört. Erwähne ja nichts von meinem Vandalentum! Die alte Dame scheint keine Freundin von schlagenden Verbindungen zu sein. Sprich also für mich bei dem alten Drachen. Fressen wird er Dich wohl nicht. Du bist ja als Amtsrichter eine Respektsperson. Mit großer Spannung sehe ich Deinen Nachrichten entgegen. Fiduzit! Dein alter treuer Dr. Edgar Reinfels.« Eilig adressierte ich den Brief, sprang über die vier Treppen hinunter und trug ihn zum nächsten Postschalter. Das war ein Einfall gewesen! . . . Eine ganze Woche verging unter Hoffen und Harren. Dann kam ein kurzes Schreiben von Born: »Lieber Alter! Deinen Brief erhalten. Ich glaube, es wird besser sein, wenn Du selber kommst. Ich habe dem ›Drachen‹ von Deinem Anliegen bereits Mitteilung gemacht. Er wünscht persönliche 189 Vorstellung. Aussichtslos ist Deine Sache keineswegs. Ich will Dir ein getreuer Schildknappe sein. Salem Aleikum! Ich bin seit anderthalb Jahren verheiratet und sehr glücklich. Wir haben kürzlich einen kräftigen Jungen aus der Taufe gehoben. Melde Deine Ankunft!« Besonders beruhigend klang das gerade nicht. Etwas war's aber doch. Ich würde mich auch leichteren Herzens zu der Fahrt nach dem Glück entschlossen haben, wenn mich der Spiegel nicht jeden Tag darüber belehrt hätte, daß eine regelrechte hohe Quart meine Physiognomie verschönern half. Und damit sollte ich der Majoratsherrin begreiflich machen, daß ich nie einer schlagenden Verbindung angehört habe . . . Ich beschloß trotzdem, sofort abzureisen. Meinem Freund telegraphierte ich, daß ich morgen mit dem Mittagzuge am Ende des verfügbaren Schienenweges ankommen und von dort meinen Weg per Post weiter suchen würde. Als am nächsten Tage die schnaubende Lokomotive der Sekundärbahn mit 35 Minuten Verspätung ihr Endziel erreicht hatte, war ich nicht wenig erstaunt, Freund Born mit seiner Frau, einer herzigen, kleinen Brünette, auf dem Bahnhof zu finden. Als wir vom 190 Perron ins Freie traten, wartete auf uns eine herrschaftliche Equipage mit livriertem Kutscher. »Das sieht aber verdammt feierlich aus!« rief ich. »Wir werden dich doch nicht in dem miserabeln Rumpelkasten von einem Postwagen fahren lassen! Der Wagen ist natürlich vom Schloß. Du siehst, es läßt sich gar nicht so unfreundlich an!« klopfte mich Born auf die Achsel. Er nötigte mich einzusteigen. Auf meine Erkundigungen nach der Majoratsherrin gab er ziemlich ausweichende Antworten. Dann fragte er mich eindringlich, ob ich auf der Bahn vielleicht zufällig Leute aus der Gegend gesprochen habe, die mir von dem alten Freifräulein näheres erzählt hätten. Als ich es verneinte, war er sichtlich befriedigt. In nicht viel mehr als zwei Stunden erreichten wir das Städtchen, das sich malerisch am Fuße eines langgestreckten Höhenzuges ausbreitete. Das »Schloß meiner Ahnen« lag noch etwa eine Viertelstunde außerhalb des Ortes auf einer kleinen Anhöhe, von einem riesigen Park umgeben. Eine breite Fahrstraße führte durch den Park, um den eine ziemlich hohe Umfassungsmauer lief. Auf der Straßenseite war die Mauer durch ein elegantes Gitter unterbrochen. 191 Freund Born sprang aus dem Wagen, zog einen Schlüssel aus der Tasche und schloß das Gitter auf. Er schien hier wie zu Hause zu sein. Das Gitter wurde hinter uns gesperrt, und es ging in langsamem Tempo den sorgfältig geschotterten, sich in weiten Serpentinen windenden Weg empor. Der Wagen hielt an einer großen Rampe. Ein livrierter Diener öffnete den Schlag und belud sich mit meinem kleinen Reisekoffer. Wir stiegen eine prachtvolle Freitreppe empor. Der Diener mit dem Koffer voran. Wir langsam hinterdrein. Ein Stockwerk. Ein zweites Stockwerk. Wir traten in ein geräumiges Zimmer. Der Diener stellte den Koffer auf den Boden und entfernte sich schweigend mit einem Bückling. »Und jetzt?« fragte ich meinen Freund in etwas unbehaglicher Stimmung. »Jetzt lassen wir dich allein!« entgegnete er. »Du mußt doch Toilette machen.« »Wir gehen einstweilen in den Salon hinunter zu dem gnädigen Fräulein und erwarten Sie dort,« sagte Frau Born. »Das Stubenmädchen oder ein Diener wird Sie führen. Läuten Sie, sobald Sie fertig sind!« Sie deutete nach einem gestickten Glockenband neben der Tür. 192 »Kneife mir nicht aus!« flüsterte ich meinem Freunde zu. »Verlaß dich auf mich! Eine halbe Stunde wird für deine Vorbereitungen wohl genügen?« »Ich denke!« Ich schüttelte ihm die Hand. Herr und Frau Born verließen mich. Ich war allein in meinem neuen Heim. Äußerst komfortables Zimmer. Die Fenster gingen nach dem Park. Draußen der blaue Himmel und lichter Sonnenschein. Es wäre märchenhaft schön gewesen, wenn mir meine erste Aufwartung bei der freiherrlichen Urtante nicht noch bevorgestanden hätte . . . Als ich mich vom Fenster wegwandte, fiel mein Blick auf ein Bild, das an der einen Längswand des Zimmers hing. Es stellte die heilige Familie dar. Ein Sonnenstrahl spielte auf den goldenen Locken des Kindes. Das war ein guter alter Meister. Ein Kunstwerk ersten Ranges. Ich trat näher, legte die Hand über die Augen, um alle Einzelheiten plastischer hervortreten zu lassen. Hier stand ich vor etwas Außergewöhnlichem. Es ließ mir keine Ruhe mehr. Ich stieg auf einen Stuhl, nahm das Gemälde vom Nagel, brachte es ans Fenster und ließ das Sonnenlicht, gedämpft durch den halb zugezogenen Vorhang, auf all die 193 Farbenpracht fallen. Ein lauter Jubelschrei entrang sich meiner Brust. Ich konnte mich unmöglich täuschen. Das war ein echter Tintoretto! Ich hatte unwillkürlich die Hände vor der Brust gefaltet und war in andächtiges Beschauen ganz versunken. Alles um mich hatte ich vergessen. Nur der Gesang der Vögel aus dem Park drang ab und zu an mein Ohr . . . Plötzlich kehrte ich wieder in die Wirklichkeit zurück und sah hastig nach der Uhr. Es war bereits mehr als eine Stunde vergangen, seit sich Freund Born und Frau von mir verabschiedet hatten. Eilig ergriff ich das Bild, brachte es an seinen Platz, sperrte den Koffer auf, riß meinen Frackanzug heraus und kleidete mich so schnell als möglich um. Nach einem verzweiflungsvollen letzten Kampf zwischen einem Menschen und einer schwarzen Halsbinde war ich fertig. Vor einem mannshohen Spiegel in goldenem Barockrahmen hielt ich Generalprobe. . . . Die verdammte hohe Quart! . . . Jetzt geschwind noch die Glacéhandschuhe. Der Claque, der hatte seine Geschichte. Er konnte nur noch zusammengeklappt Effekt machen. Aufklappen ließ er sich nicht mehr. Die Sprungfeder war zerbrochen, und der seidene Überzug hatte mehrere 194 unheilbare Risse bekommen. Meine alte Quartierfrau war daher auf den großartigen Einfall gekommen, den Deckel mit der Krempe in so genialer Weise zu verbinden, daß die ganze Maschine immer noch einem regelmäßig funktionierenden Claque glich. Ich ging langsam nach dem Glockenband, zog kräftig an und hörte es in der Ferne läuten. Dann Stille. Bald darauf kamen trippelnde Schritte über den Korridor. Es klopfte fast schüchtern an. Auf mein lautes »Herein!« trat ein bildschönes Mädchen ins Zimmer. Ein einfaches, schwarzes Kleid, über das eine weiße Schürze gelegt war, umhüllte die schlanke Gestalt. Auf dem reichen, dunkelblonden Haar trug sie ein neckisches Spitzenhäubchen. Zwei große Augen sahen mich ängstlich und fragend an. Ich schaute unwillkürlich nach der Madonna des Tintoretto. »Sie wünschen zum gnädigen Fräulein geführt zu werden, Herr Doktor?« fragte das schöne Kind verlegen. »Aber das hat ja gar keine Eile!« meinte ich. »Wie heißen Sie denn?« »Ich? Agnes!« sagte sie und warf mir einen scheuen Blick zu. »Das gnädige Fräulein erwartet Sie schon längst.« 195 »Ich komme gleich!« rief ich. Dabei hatte ich sie um die Mitte gefaßt und drückte ihr einen herzhaften Kuß auf die vollen Lippen. Sie war glutrot geworden. Es schien mir fast, als ob sie mit den Tränen kämpfen würde. Zwei vorwurfsvolle Augen starrten mich aus ihrem erschreckten Gesicht an. »Ich wollte Sie nicht kränken, Agnes . . . Fräulein Agnes!« setzte ich unwillkürlich hinzu. »Es war ein unüberlegter Scherz. Seien Sie mir nicht bös! So sprechen Sie doch ein Wort! Sind Sie mir wirklich bös?« Sie schwieg und biß sich auf die Lippen. »Was denken Sie jetzt wohl über mich?« fragte ich. »Das kann Ihnen ja gleichgültig sein!« erwiderte sie abweisend. »Das ist mir durchaus nicht gleichgültig!« rief ich. »Ich will es wissen.« »Nun, wenn Sie es wissen wollen . . .« sprach sie und warf den Kopf in den Nacken, während sie mir ernst in die Augen sah. »Ich dachte mir, daß ich von einem Gelehrten mehr Bildung erwartet hätte.« Der Hieb saß. Lieber noch eine hohe Quart und ein paar Terzen dazu. Ich fühlte, wie mir das Blut bis in die Schläfen stieg. Merkwürdig, wie sie mir zu imponieren wußte. Und dieses Mädchen mit den 196 stolzen Mienen einer Königin, mit den Augen, in denen Strafe und Lohn zugleich lag, mit den herben Lippen, die sich gegen einen Kuß gesträubt hatten . . . dieses holde Kind war die Kammerzofe, die mich führen sollte. Ich klemmte den Claque krampfhaft unter den rechten Arm und zog mir in aller Eile die Handschuhe an. Sie ging voraus. Wenn sie sich nur ein einziges Mal nach mir umgesehen hätte. Aber nein. Ich sollte keinen Blick mehr erhaschen. Sie ließ mich in ein Vorzimmer treten und verschwand. Mein Freund Born schob sich durch einen Flügel der Doppeltüre, die offenbar in den Salon führte. »Aber Junge, wo bleibst du denn?« sprach er halblaut und vorwurfsvoll zu mir. »Ich habe einen Tintoretto entdeckt!« entschuldigte ich mich. »Ach was! Tintoretto her, Tintoretto hin!« meinte der Barbar etwas unwirsch. »Wir warten schon seit einer Stunde auf dich!« Er geleitete mich durch die Tür in einen mit gediegener Pracht ausgestatteten Salon. »Da bringe ich den Säumigen!« sagte er. Ich verbeugte mich tief. An einem kleinen Tisch am Erkerfenster des Salons saß neben der Frau meines Freundes eine alte Dame mit Schmachtlocken. 197 Das gnädige Fräulein preßte ein Lorgnon auf die Nase und fixierte mich von oben bis unten. »Also Sie sind der Doktor Reinfels?« sprach sie. »Freut mich, Ihre Bekanntschaft zu machen. Sie scheinen es etwas zu sehr mit dem akademischen Viertel zu halten, Herr Doktor. Ich war heute Ihretwegen genötigt, unsere Teestunde zu verschieben.« Stotternde Entschuldigung meinerseits. Mein Hemdkragen bekundete die unverkennbare Absicht, mich zu strangulieren . . . und die Krawatte schien sich auf den Klettersport verlegen zu wollen. »Nehmen Sie Platz!« kommandierte das gnädige Fräulein. Es war wirklich der reinste Kommandoton. Ich ließ mich mechanisch auf den nächsten Stuhl nieder. Na, der Empfang war so ziemlich, wie ich ihn mir vorgestellt hatte. Ich war herzlich froh, daß mir Fräulein Ulrike, die sich mit Frau Born unterhielt, in der nächsten halben Stunde nicht sonderlich viel Aufmerksamkeit schenkte und mich fast ausschließlich meinem Freund überließ. Ich fand dadurch Gelegenheit, mir meine »Urtante« verstohlen näher zu betrachten. Ich taxierte sie hoch Fünfzig. Sie konnte auch noch älter sein. Agnes servierte den Tee. Sie sah mich nicht ein 198 einziges Mal an. Endlich empfahlen sich Born und Frau. Das gnädige Fräulein erklärte, wir wollten unseren gemeinsamen Freund bis an das Tor des Parkes begleiten. Wir waren über die Freitreppe in den Park gelangt und schlenderten langsam dahin. Ich mit meinem Claque unter dem Arm. »Aber bitte, Herr Doktor, setzen Sie doch auf!« sagte das gnädige Fräulein in bestimmtem Ton. Ich sollte meinen Claque aufsetzen! Das war gelungen. Ich geriet in tödliche Verlegenheit. »Bitte, genieren Sie sich doch nicht! Wir sind ja im Freien!« drängte sie. »O, mir ist gar nicht kühl!« entgegnete ich verzweifelt. »Ich leide sehr an Kongestionen nach dem Kopf. Da tut mir die Luft wohl.« So tappte ich barhaupt neben der Gesellschaft her. Ich kam mir unsagbar komisch vor. Beim Parktor verabschiedeten wir uns von Amtsrichters. Die gleiche Schließszene. Nur daß diesmal Fräulein Ulrike den Schlüssel hatte. »Aber so setzen Sie doch auf, Herr Doktor!« fing sie abermals an. Es war zum Verrücktwerden. Ich berief mich energisch auf meine Kongestionen und hatte endlich Ruhe. 199 Es ging sehr einsilbig zwischen uns her. Auf der Terrasse vor dem Schloß entließ sie mich. »In einer Stunde wird soupiert!« sagte sie mit einem leichten vornehmen Kopfnicken. »Ich wünsche aber Pünktlichkeit. Wir wollen dann alles näher besprechen.« Ich verbeugte mich. Sie verschwand am Eingang des Treppenhauses. Ich stand allein auf der Terrasse und schöpfte tief Atem. Bei diesem Seufzer der Erleichterung fiel mein Claque zu Boden. »Warte, Bestie!« knirschte ich und bückte mich nach dem Ungetüm. Im nächsten Augenblick flog das Kunstwerk mit der Schnelligkeit eines australischen Bomerang durch die Luft und blieb in dem dichten Astwerk einer prachtvollen Linde hängen. Als ich mich umdrehte, bemerkte ich Agnes, wie sie mit einer kleinen Gießkanne sich um einige Oleanderstöcke auf der Terrasse zu schaffen machte. Sie hatte mein Beginnen gesehen. Offenbar hielt sie mich für verrückt. »Guten Abend, Fräulein Agnes!« sprach ich und trat auf sie zu. »Wollen Sie mir jetzt vielleicht wieder sagen, was Sie von mir denken?« Ein leises Lächeln huschte über ihr Gesicht. 200 »Sie hatten jedenfalls Ihren Grund dazu!« meinte sie mit einem neckischen Ton in ihrer Stimme und sah mich fragend an. Aha, sie ist doch neugierig! . . . dachte ich mir. Wenigstens spricht sie wieder mit mir. Vielleicht finde ich auf diesem Wege Verzeihung. »Wenn Sie schweigen können,« sagte ich, »dann will ich Ihnen den wahren Grund enträtseln.« Sie nickte leicht. »Also hören Sie!« fuhr ich fort. »Dieser Hut birgt ein düsteres Geheimnis. Er ist nämlich gar kein Hut.« »Was denn?« fragte sie jetzt wirklich neugierig. »Eine moderne Schwindelexistenz. Ein Industrieritter. Ein Hochstapler. Er besteht aus nichts anderem mehr, als aus Krempe und Deckel. Verstehen Sie mich?« Sie hatte sofort begriffen und lachte herzlich. Gottlob! Sie war doch nicht mehr bös. Aber ich wollte es aus ihrem eigenen Munde hören. »Nicht wahr, das ist lustig?« sagte ich. »Und dieses Möbel hätte ich aufsetzen sollen! Sie können sich meine Situation lebhaft vorstellen. Sehen Sie, meine Ungezogenheit ist gleich empfindlich bestraft worden. Zürnen Sie mir noch, Fräulein Agnes? Es soll gewiß niemals wieder geschehen.« Sie hatte 201 die Augen niedergeschlagen. »Ein einziges Ja oder Nein!« drang ich in sie. Sie sah mich forschend an. Dann sagte sie ruhig: »Nein!« »Ich danke Ihnen!« rief ich lebhaft und ergriff ihre Hand, die ich unwillkürlich an die Lippen führte. Sie wurde wieder rot, nahm eilig die Gießkanne, nickte mir flüchtig zu und trat in das Treppenhaus . . . Die Stunde zum Souper hatte geschlagen. Mit gemischten Gefühlen ging ich in den Salon. Alles hell erleuchtet. Ein Diener wies mich in das Speisezimmer. Es war für zwei Personen gedeckt. Die Schloßherrin hatte sich noch nicht eingefunden. Der Unpünktlichkeit konnte ich also nicht mehr geziehen werden. Im Speisezimmer stand ein Flügel. Ich klappte den Deckel auf und begann leise auf den Tasten zu präludieren, als ich einen Schritt auf dem weichen Teppich vernahm. Ich sprang empor. Da war sie. Ulrike nämlich. »Schon hier, Herr Doktor?« sagte sie mit einem leichten Kopfnicken. »Ich sehe, daß Sie sich in die Hausordnung überraschend schnell gefunden haben.« Sie deutete nach einem der beiden Stühle an dem gedeckten Tisch. Ich nahm Platz. Ein Druck auf die Glocke, und der Diener servierte. 202 »Jetzt wollen wir auf Ihre Angelegenheit zu sprechen kommen!« sagte die Majoratsherrin, als wir mit dem Braten zu Ende waren. Dabei fixierte sie mich über den Tisch wieder in höchst unangenehmer Weise durch ihr Lorgnon. »Sie werden es jedenfalls seltsam von mir gefunden haben, daß ich Sie hierher zitierte.« »O, bitte, gar nicht!« beeilte ich mich zu versichern. »Wenn Ihnen, verehrte Gönnerin, nur nicht mein Ansuchen seltsam vorgekommen ist.« »Nun, ich muß sagen,« meinte sie, »ich war anfangs etwas überrascht.« Wieder das Lorgnon. »Aber da der Herr Amtsrichter Sie mir in so warmen Worten empfahl, glaubte ich die ganze Angelegenheit doch in nähere Erwägung ziehen zu müssen.« Vollständiger Amtsstil. Es machte mir den Eindruck, als ob sie sich jedes Wort sorgfältig vorher einstudiert hätte. »Zu liebenswürdig!« verbeugte ich mich über die Bratenreste hinweg, die der Diener im nächsten Augenblick abräumte. »Wir stehen allerdings in sehr weitläufigen Beziehungen . . .« Abermals das Lorgnon. »Ich habe mich um die Herren, denen das in unserer Familie bestehende Stipendium zufiel, nie gekümmert, da alle 203 damit verbundenen Angelegenheiten ausschließlich dem hiesigen Amtsgerichte anheimfallen . . . Einen praktischen Beruf haben Sie sich gerade nicht gewählt!« setzte sie nach einer kleinen Pause hinzu. »Es sind nicht alle zu Kanzleimenschen geboren!« erwiderte ich etwas pikiert. Ich wollte sie schon auf den Tintoretto aufmerksam machen. Jetzt gerade nicht. »Mein Beruf ist Nebensache!« fuhr ich fort. »Es handelt sich darum, ob Sie, gnädiges Fräulein, geneigt sind, einem Menschen den Weg zu ebnen, der bisher seine Pflicht nach bestem Können erfüllt hat. Ich will auch durchaus nicht lediglich als Verwandter Ihrer Güte teilhaft werden. Es ist der junge Gelehrte, der seiner Wissenschaft und seinem Vaterland dereinst zur Ehre gereichen möchte, der sich an Sie gewendet hat.« Meine Rede schien sichtlich Eindruck zu machen. »Bitte mir also im Laufe der nächsten Tage eine annähernde Berechnung aufzustellen, wieviel Sie bedürfen!« meinte sie nicht unfreundlich. »Spielen Sie Schach?« lenkte sie gleich darauf ab. Ich bejahte es. Der Diener brachte ein Schachbrett. Während wir die Figuren zu der ersten Partie aufsetzten, kam Agnes in das Speisezimmer. Sie hatte die weiße Schürze abgebunden. Auch das 204 Häubchen fehlte. Das einfache, schwarze Kleid stand ihr vortrefflich. Sie setzte sich schweigend an das untere Ende des Tisches und nahm eine Stickerei hervor. Ich machte einen Fehler nach dem andern. Mußte ich doch über das Schachbrett hinweg beständig nach dem lieben Kind schielen, das von mir gar keine Notiz zu nehmen schien. Ich verlor drei Partien hintereinander. Nachdem ich zum dritten Male mattgesetzt war, hob das gnädige Fräulein die Gesellschaft auf. Ich war entlassen. Der Diener begleitete mich auf mein Zimmer. Zum Abschied hatte mir Agnes doch noch einen Blick geschenkt. Sie erwiderte sogar meinen stummen Gruß mit einer leichten Verbeugung. Der Diener entzündete auf meinem Zimmer die zwei Kerzen eines Armleuchters. Ich war allein. Durch die Fenster strich die kühle Nachtluft. Draußen lag der Park, aus dem das Plätschern eines Springbrunnens vernehmbar war. Sonst regte sich kein Laut. Kaum daß hier und da ein leichter Windhauch die Wipfel der Bäume bewegte, die sich dunkel und hoch gegen den prachtvollen Sternenhimmel abhoben. Der zunehmende Mond ging gerade hinter einem sanften Bergrücken unter. An den Zweck meines Hierseins dachte ich 205 eigentlich gar nicht mehr, während ich am Fenster stand und die ganze schweigende Schönheit auf mich wirken ließ. Das holde Mädchenbild, dem ich heute begegnet war, herrschte allein in meiner Erinnerung. Neben der Sehnsucht nach dem gelobten Lande der Kunst hatte auch ein anderer Traum frühzeitig in meiner Seele Platz gefunden. Es war der Traum von dem eigenen Heim. Mit leuchtenden Farben hatte ich mir dasselbe oft genug ausgemalt . . . Ein liebes, verständnisvolles Weib. Und wenn ich oft über meinen Büchern und Schriften saß, überkam mich ein seliges Verlangen, daß sich jetzt leise die Tür öffnen möge . . . und dann ein leichter Schritt. Jetzt stand sie hinter mir, verdeckte mir neckisch mit den Händen die Augen und fragte mit einer silberhellen Stimme: »Rate, wer ich bin?« . . . Und ich zog sie an meine Seite und drückte einen Kuß auf ihre Lippen. Und sie machte mir besorgte Vorwürfe, daß ich wieder zu angestrengt arbeite, nahm mir die Feder aus der Hand, setzte sich mir auf den Schoß und zauste mich bei Haaren und Ohren, daß ein Weiterarbeiten wahrhaft unmöglich gewesen wäre . . . Und dann fragte sie mich zum ungezählten Male, ob ich sie gewiß lieb habe, weil sie diese Versicherung am liebsten hörte . . . 206 Alles nur ein Luftschloß, ein Traum. Während ich früher doch noch manchmal im Zweifel war, in welche Kategorie ich eigentlich meine zukünftige Frau einreihen sollte, ob in die schwarze, brünette, blonde . . . war ich über diesen Punkt jetzt plötzlich zu einer ganz überraschenden Klarheit gekommen. Ich hätte es nicht mehr übers Herz gebracht, diese Rolle in meinem Traumbild einer andern Vertreterin zu geben, als dem herrlichen Mädchen, das ich erst heute kennengelernt hatte. Wenn ich statt desjenigen, was ich eigentlich hier anstreben wollte, einen ganz andern und viel größeren Schatz fände? Diesem Mädchen zuliebe wollte ich ja auf alles verzichten. Sie war offenbar arm. Sonst würde sie nicht dienen. Das brachte mich ihr nur näher. Würde sie mich lieben können? . . . Aber alles schon am ersten Tage wissen wollen! . . . Mild lächelte die Madonna des Tintoretto . . . Der Christusknabe sah mir mit seinen großen fragenden Augen überall nach, wo ich ging und stand . . . Das sinnende Haupt des heiligen Josef schien mir freundlich zu nicken . . . Im Herzen einen lichten Traum von Glück und Liebe. Und vor den Augen im halben Dämmerschein eine himmlische Offenbarung unvergänglicher, ewiger 207 Kunst . . . draußen der Sternenhimmel . . . drei leuchtende Ewigkeiten in mir und um mich. Und so ein armes Menschenherz will noch verzagen inmitten von Liebe, Kunst und Weltall? . . . Gute Nacht für heute. Ich will träumen von dem schönen Kind und der Madonna des Tintoretto. – – Fast eine Woche war seit meiner Ankunft in Lingenau verflossen. Das gnädige Fräulein hatte mir eine ganz namhafte Summe für eine Studienreise nach Italien ausgesetzt. Freund Born hatte sich nur noch einmal auf einen kurzen Besuch sehen lassen. Ich hatte es erwartet, daß er mich zu sich einladen würde, um mir seine glückliche Häuslichkeit zu zeigen. Es geschah nicht. Ich selbst war zu stolz, ihn mit der Nase auf das Schickliche einer solchen Einladung zu stoßen. Wenn er mich nicht empfangen wollte, sollte er es bleiben lassen! Ich war, seit ich durch das Parktor des Schlosses gefahren, nicht mehr außerhalb desselben gelangt und hatte Lingenau selbst noch mit keinem Fuß betreten. Ich konnte doch nicht direkt den Torschlüssel verlangen! Gesellschaften schien man auf dem Schlosse keine zu geben. Besuche wurden offenbar auch nur selten empfangen. 208 Ich kam wenigstens nie mit fremden Leuten in Berührung. Die Dienerschaft schien mich überhaupt möglichst zu ignorieren. Auf Fragen erhielt ich die einsilbigsten Antworten. Mein Aufenthalt hätte eigentlich mit jeder Stunde seinen Abschluß finden können. Ich hatte gar nichts mehr zu suchen. Meinen Zweck hatte ich erreicht, und das überraschend schneller und vorteilhafter, als ich jemals träumte. Nicht einmal der hohen Quart war Erwähnung geschehen. Hatte Born vielleicht etwas dazu beigetragen, hatte meine eigene Person einen so günstigen Eindruck auf das gnädige Fräulein gemacht? Das Südland, eine aussichtsvolle Zukunft stand vor mir. Ich hätte aufjubeln müssen vor Glückseligkeit, wenn ich in meinem so kühn gewagten und glücklich vollendeten Feldzug nicht eine tiefere Wunde davongetragen hätte, als mir auf andere Weise je geschlagen worden wäre. Das macht die Liebe, die Liebe ganz allein . . .^ konnte ich mir jetzt fortwährend vorpfeifen, wenn ich über meinen Seelenzustand einen gründlichen Aufschluß wünschte. Ohne mein Urteil von ihren Lippen selbst vernommen zu haben, wollte ich Lingenau nicht verlassen. 209 Gelegenheit, mit Agnes allein länger zu sprechen, war nie vorhanden. Daß sie mir nicht mehr zürnte, war ich fest überzeugt. In meiner Nähe war sie sonst ziemlich viel, aber nur, wenn das gnädige Fräulein zugegen war. Manchmal machte es mir den Eindruck, als ob sie ein Alleinsein mit mir absichtlich vermeiden wollte. Regelmäßig wurde sie rot, wenn ich ihr zufällig allein begegnete. Eine peinliche Situation, die ihren Abschluß finden mußte. So oder so. Ganz gleichgültig schien ich ihr doch nicht zu sein. Ich beschloß schon, meine Gefühle zu Papier zu bringen, ihr zu schreiben. Aber das kam mir wieder gar zu albern vor. Wenn ich nicht bereits den unüberlegten Streich auf dem Gewissen gehabt hätte, würde ich das liebe Kind bei der nächsten Begegnung einfach in meine Arme geschlossen und sie gefragt haben, ob sie meine Frau werden wolle. Das ging aber nicht an. Sie hätte es als eine Fortsetzung meines anfänglichen Benehmens auffassen können. Irgend eine Einleitung war also unbedingt notwendig. Wenn ich ihr nur ein einziges Mal im Park begegnet wäre! Bei jeder Biegung des Weges gab ich 210 mich der Illusion hin, auf einmal ihr schwarzes Kleid mit der weißen Schürze zu erblicken. Immer war es wieder nichts. Zu meinen Lieblingsbeschäftigungen gehörte es, auf einem großen Teich im Schloßpark Kahn zu fahren. Der kleine Wasserspiegel war ein liebliches Idyll inmitten hochstämmiger Tannen und Fichten. Das Ende des Teiches mündete in eine künstliche Grotte, die wiederum durch eine Tür mit dem Park in Verbindung stand. Eine alte Steinbank, in deren Lehnen Satyrköpfe eingehauen waren, lud zur Rast ein. Regelmäßig fuhr ich bis in die Grotte, setzte mich auf die Bank und ließ die Blicke hinausschweifen auf das im leichten Windhauch sich kräuselnde Wasser und die ernsten Waldbäume . . . Nach einem vergeblichen Versuch, an meiner Habilitationsschrift weiter zu arbeiten, war ich an einem Abend in das untere Stockwerk geschlendert, als ich aus dem Speisezimmer auf dem Flügel spielen hörte . . . Dieser reine Anschlag! Diese Vollendung in jedem Ton! Ich lauschte entzückt. Sollte ich eintreten? Warum nicht? Das Musikstück mußte gleich zu Ende sein . . . Auf den Zehen, um ja nicht zu stören, schlich ich 211 durch den Salon nach dem Speisezimmer, in dessen Tür ich stehen blieb. Ich hatte Mühe, einen lauten Ruf des Erstaunens zu unterdrücken . . . Agnes saß am Klavier. Sie hörte mich nicht. Das Haupt mit den dichten Flechten hatte sie zurückgelegt. Die Strahlen der untergehenden Sonne woben um ihre zarte Gestalt. Sie schien mir wie ein Himmelsbild im Glorienschein . . . Jetzt verklangen die letzten Töne. Sie legte die Hände auf die Tasten und saß wie nachhorchend da. Länger hielt ich es nicht mehr aus. Ich klatschte in die Hände und rief laut: »Bravo! Bravo!« Jäh erschreckend fuhr sie empor. Eine tödliche Verlegenheit hatte sich ihrer bemächtigt. Sie wurde bald rot, bald blaß und schöpfte mühsam Atem. »Verzeihen Sie, wenn ich Sie gestört habe!« sagte ich und machte ein paar Schritte auf sie zu. Als sie meine Annäherung bemerkte, wollte sie einen Augenblick fliehen; dann ließ sie sich mechanisch auf den kleinen Rohrstuhl vor dem Klavier nieder. Ich zog mir, als ob das selbstverständlich wäre, einen andern Stuhl zum Klavier und setzte mich ihr gegenüber. »Ihr Spiel verrät eine ganz außerordentliche Begabung!« sagte ich. 212 »Sie hätten mir das wohl gar nicht zugetraut?« lächelte sie, noch immer mit ihrer Verlegenheit kämpfend. »Bei Ihnen, Fräulein Agnes,« versetzte ich, »überrascht mich gar nichts mehr. Wenn Sie sich eines Tages als eine verwunschene Prinzessin entpuppen sollten, dann würde ich das ganz natürlich finden.« »Trage ich denn die Physiognomie eines Drachen, daß Sie an eine solche Entpuppung denken?« fragte sie neckisch. Ich horchte unwillkürlich auf. »Sie wollen uns jetzt bald verlassen, Herr Doktor?« fuhr sie fort. »Sehen Sie mich ungern scheiden?« »Ich? Ich habe doch überhaupt nichts zu sagen!« erwiderte sie plötzlich herb, daß ich von ihrem Ton ganz überrascht war. Hatte ich sie mit meiner Frage verletzt? . . . Jetzt war ich mit ihr allein und war doch ganz außerstande, ihr alles zu sagen. Wenn das Gespräch irgend eine verfängliche Wendung nehmen wollte, dann wich sie mir aus oder machte Miene, zu gehen, so daß ich in der Sorge, mir ihre Nähe so lange wie möglich zu erhalten, alsbald in einen harmlosen Plauderton verfiel. 213 Ich erzählte ihr von meinem bisherigen Leben, von meinen Studien, meinen Aussichten und Plänen. Sie hörte mir aufmerksam und gespannt zu, unterbrach mich manchmal mit einer Frage, die mir eine durchgreifende Bildung verriet und mir dieses Mädchen nur noch mehr als ein Rätsel erscheinen ließ. Sie sah mir voll in die Augen. Jede Spur von Befangenheit war verschwunden. Wenn ich auf mannigfache harte Schicksale zu sprechen kam, sah ich es feucht in ihren Augen schimmern. Dann, wenn ein lustiger Studentenstreich an die Reihe gelangte, konnte sie herzlich lachen. Ich hatte noch keinem Menschen in gedrängten Umrissen eine so aufrichtige Beichte über mein Leben abgelegt. Aber es drängte mich ordentlich dazu. Ich befand mich in einem Gefühle wohltuendster Seligkeit, wenn ich sah, wie innig sie an allem Anteil nahm, wie sich die freudigen und leidvollen Stationen meines Erdenwallens auf ihrem lieben Gesicht lebhaft widerspiegelten. Wir mochten wohl eine Stunde so geplaudert haben. Die Sonne war längst untergegangen. Ein lichter Juniabend schaute zu den Fenstern des Speisezimmers herein. Ich dachte, daß es nie mehr anders sein könne, als gegenwärtig . . . daß ich immer dem 214 geliebten Mädchen gegenübersitzen und mit ihr sprechen würde in alle Ewigkeit . . . Da kam das gnädige Fräulein durch die in den Salon führende Tür herein. Agnes enteilte verwirrt. Als ich nach dem Abendessen auf mein Zimmer kam, feierte ich ein gerührtes Wiedersehen. Auf dem Schreibtisch thronte mein mißhandelter Claque. Der so schnöde Verstoßene war mit einem duftenden Blumenstrauß geschmückt. Die Blumen mußten von Agnes sein. Das war gewiß. Ich tanzte wie närrisch mit meinem so unerwartet wieder zu Ehren gelangten Hut im Zimmer herum. Ich küßte den Strauß und liebkoste meinen hochstaplerischen Gefährten. Ich befand mich in einem Rausch von Glückseligkeit. Sie liebte mich! Warum sonst die Blumen? Ein Scherz konnte das nicht sein. Das hätte mit ihrem sonstigen Wesen nicht gestimmt. Das war die erste schüchterne Annäherung einer liebenden Mädchenseele. Alle Einzelheiten unseres heutigen Gesprächs kamen mir wieder ins Gedächtnis zurück. Ihre innige Teilnahme. Ja, sie liebte mich! Es konnte nicht anders sein. Morgen mußte sich alles entscheiden. Ich löschte die Kerzen aus dem Leuchter. Ich wollte 215 allein sein mit dem Glück in meinem Innern und der herrlichen Mondnacht draußen. Vollmondnacht über den Bäumen des Parkes. Silberglänzende, weltdurchflutende Vollmondnacht. Allein mit dem Himmelslicht und meiner Liebe. Der Schein des Mondes fiel auf das Gemälde dem Fenster gegenüber. Die Züge der Madonna traten in ganz eigenartiger Beleuchtung deutlich hervor. Wieder lächelte sie mild und fast zustimmend. Ich fühlte mich mit diesem Bild schon so innig verwandt, als ob es an allen meinen Schicksalen Anteil nehmen würde. Unwillkürlich stieg ich auf einen Stuhl, reckte mich zu dem Bild empor und drückte einen leisen und andächtigen Kuß auf die klare Stirn der Madonna des Tintoretto. Es war mir feierlich zumute wie in einer Kirche. Das Plätschern des Springbrunnens im Garten wollte sich mir zu hellem, fernem Glockengeläute verwandeln, das ein junges, himmelan jauchzendes Glück einläutete hier auf Erden . . . Der nächste Tag war ein Sonntag. Ein herrlicher Morgen. Ich hatte nach dem Frühstück meinen gewöhnlichen Spaziergang durch den Park angetreten, war zu dem Weiher gekommen, band den Kahn los und fuhr eine Zeitlang am Ufer hin. Dann steuerte ich schief gegen die Grotte, ihren Eingang von der 216 Seite gewinnend. Noch ein Ruderschlag, und der Kiel des kleinen Bootes bog in den dämmerigen Raum ein. Ich sah, wie sich jemand von der Steinbank erhob, als gelte es zu fliehen. »Fräulein Agnes!« rief ich. »Sie hier?« Im nächsten Augenblick war ich aus dem Kahn gesprungen und an ihrer Seite. Ich hatte ihre Hand ergriffen. »Lassen Sie mich!« bat sie halblaut. »Bin ich Ihnen denn gar so schrecklich?« fragte ich und zog die Widerstrebende langsam neben mich auf die Steinbank. »Fräulein Agnes, bleiben Sie!« bat ich. »Wer weiß, wann wir uns wieder allein sprechen können. Und ich habe Ihnen so viel zu sagen.« »Mir?« fragte sie aufatmend und schlug die Augen nieder. »Vor allem muß ich Ihnen vom Herzen danken für Ihre liebe Blumenspende.« »Ich? Blumen?« sagte sie verwirrt. »Leugnen Sie es nicht!« rief ich, ihre beiden Hände ergreifend. »Sie waren es! Wer denn sonst? Es hat Sie doch nicht gereut? Wenn Sie wüßten, mit welcher Seligkeit mich diese duftenden Boten erfüllten!« 217 Sie errötete tief und suchte mir ihre Hände zu entziehen. »Was müssen Sie von mir denken!« sprach sie leise. »Daß Sie das liebste, beste, herrlichste Mädchen sind! Sie wissen, bald soll es wieder hinausgehen in die weite Welt, die mir einsamer erscheint als jemals. Und doch würde mir diese Welt zum Himmel werden, wenn ich auf ein einziges Wort von Ihren Lippen hoffen dürfte. Wenn ich Sie jetzt frage, Agnes . . . Willst du mein Weib werden, du süßes, gutes Mädchen? Kannst du nein sagen? Du kannst es nicht! Nicht wahr? Du kannst es nicht! Ich habe dich ja so lieb. So unsäglich lieb. Ich kann nicht mehr leben ohne dich!« Ihre Brust hob sich stürmisch. Sie hatte den Kopf wie müde zurückgelegt. Ihre Augen waren geschlossen. Sie war ganz blaß geworden. »Agnes!« rief ich und zog sie an mich. »Ein einziges Wort! Liebst du mich? Willst du mein werden?« Da verbarg sie ihr Gesicht an meiner Brust. Leise nahm ich ihre Arme und legte sie mir um den Hals. Sie ließ es geduldig geschehen. »Du liebst mich, Agnes! Du liebst mich!« rief 218 ich jubelnd. Ich hob ihren Kopf. Ich nahm ihn zwischen beide Hände und bedeckte ihre Lippen, Wangen und Augen mit heißen Küssen. »Du bist mein!« sprach ich und drückte die bebende Gestalt des jungen Mädchens fest an mich. »Jetzt verlange ich kein höheres Glück mehr; denn du bist mein höchstes Gut auf dieser Welt!« »Ich liebe dich . . .« flüsterte sie, »über alles . . .« Hastig, wie verschämt kam dieses Geständnis von dem herben Mädchenmund. Und jetzt strebten ihre Lippen den meinen entgegen. Ein langer Kuß. Die Welt war um uns versunken. Nur leise vernahm ich das Plätschern des Wassers, das sich am Eingang der Grotte brach. »Ich habe dir kein glänzendes Los zu bieten, Agnes!« sagte ich. »Und du machst vielleicht keinen guten Tausch. Aber auf den Händen will ich dich tragen mein Leben lang, wie ein mir anvertrautes Heiligtum! Hast du den Mut, mir anzugehören fürs ganze Leben?« »Ja,« sagte sie leise und schmiegte sich dicht an meine Wange. »Ich will noch heute mit dem gnädigen Fräulein sprechen, Agnes!« sagte ich. »Denn es ist kein Grund, unsere Liebe zu verhehlen.« 219 »Und wirst du mich auch dann noch lieben,« fragte sie plötzlich, »wenn ich das nicht bin, was ich scheine?« Was wollte sie damit nur sagen? »Ich weiß, wer du bist!« rief ich. »Du bist mein alles auf dieser Welt!« Sie war aufgestanden, legte mir die Hände auf die Schultern und sah mich lange an. Wieder war es, als ob sie etwas erforschen wollte. »Zweifelst du an mir, Agnes?« fragte ich. »Nein!« entgegnete sie ruhig und einfach. »Ich weiß, daß ich dein bin.« Dann schlang sie noch einmal die Arme um meinen Hals, küßte mich rasch und eilte gegen die in den Park führende Tür der Grotte, die sie im nächsten Augenblick öffnete. »Laß mich jetzt!« sagte sie lächelnd. »Ich will selbst mit dem gnädigen Fräulein sprechen.« Sie wand sich sanft los, da ich sie noch zurückhalten wollte, und eilte mit raschen Schritten über den Kies des Parkweges. Bei der nächsten Biegung sah sie sich noch um, winkte mir und verschwand . . . Als ich nach einer Stunde in das Speisezimmer trat, saß Agnes am Flügel. Sie war in einer sehr eleganten Gesellschaftstoilette. Ich glaubte meinen 220 Augen nicht zu trauen. Und doch fand ich es wieder ganz selbstverständlich, daß dieses Mädchen sich kleidete wie eine vornehme Dame. Sie hatte sich lächelnd erhoben und kam mir entgegen. Noch ehe ich Zeit fand, sie nach dem Grunde dieser Veränderung zu fragen, trat das gnädige Fräulein in das Zimmer. Auch sie hatte sich verändert. Entschieden zu ihrem Vorteil. Sie trug keine Schmachtlocken mehr. Mit ihrer neuen geschmackvollen Frisur war sie wirklich eine ganz stattliche alte Dame. Ich war sprachlos. »Ach, Herr Doktor! Sie sind schon hier?« sagte sie mit einer leichten Verbeugung. »Nun, ich will nicht länger stören.« »Gnädiges Fräulein!« rief ich. Sie schritt gegen die Tür und deutete mit einer flüchtigen Handbewegung auf Agnes. »Sie irren sich in der Adresse!« sagte sie. »Ich lasse Sie ja ohnedies mit dem gnädigen Fräulein allein.« »Mit dem gnädigen Fräulein?« fragte ich ganz verwirrt. »Nun ja!« lachte sie herzlich und ging. Ich war mit Agnes wieder allein. Einen Augenblick glaubte ich wirklich, nicht recht gehört zu haben oder plötzlich übergeschnappt zu sein. 221 Dann schoß mir blitzschnell der Gedanke durch den Kopf, ob nicht am Ende alles verloren sei und die Majoratsherrin mich und Agnes nur zum Gegenstand ihres Spottes machen wollte. Ich lasse Sie mit dem gnädigen Fräulein allein? . . . Ich griff nach meiner Stirn, um mich zu überzeugen, ob ich wache oder träume. Dann sah ich wieder nach Agnes. Sie war tief errötet. »Es ist schlimm ausgefallen, Agnes?« fragte ich. »Was soll sonst das alles bedeuten?« Sie schien nach einer Einleitung zu suchen. »Zuerst mußt du mir versprechen, daß du auf mich nicht böse sein willst!« meinte sie zögernd. »Ich dir böse?« sagte ich. »Wie könnte ich dir böse sein?« Ich wollte sie an mich ziehen. Sie wehrte mich ab und deutete auf einen Stuhl neben dem Klavier, während sie selbst auf dem niedern Rohrsessel Platz nahm. »Wollen wir nicht wieder plaudern wie gestern?« sprach sie. Befand ich mich wirklich in einem Märchen oder sollte ich erst eines erleben? Ich ließ mich völlig willenlos auf meinem Platz nieder. »Es war einmal ein junges übermütiges Mädchen . . .« begann Agnes im Tone einer 222 Märchenerzählerin. »Und das hauste auf einem Schloß mit seiner alten Erzieherin. Da kam eines Tages ein Brief, der in dem tollen Kind einen gar argen Plan reifen ließ.« Ich lauschte atemlos. Sie hielt einen Augenblick inne. Dann fuhr sie in verändertem, lebhaftem Tone fort: »Ich bin aber nicht allein schuld daran. Doktor Born war der erste Erfinder, und meine treue Gesellschafterin, Fräulein Henriette Arnwald, war auch gleich mit bei der Sache. Da haben sie mich so lange hineingehetzt, bis ich selbst nicht mehr anders konnte. Es hat mich zwar gleich gereut. Aber ich mußte die übernommene Rolle weiter spielen, weil, weil . . . ich mich mit mir selbst nicht mehr auskannte. Am Tage nach deiner Ankunft sollte der ganze Scherz bereits aufgeklärt werden. Ich fand aber nicht den Mut, der Komödie ein so rasches Ende zu bereiten, weil . . . ich weiß selbst nicht, warum. Endlich habe ich recht darunter gelitten. Und der Kuß hat mich lange gekränkt. Dann dachte ich mir wieder, eine kleine Strafe habest du doch verdient, weil du meine selige Tante für einen Drachen gehalten hast. Sie war ja so herzensgut . . .« Das alles brachte sie in fieberhafter Eile hervor. Dann bedeckte sie ihr Gesicht mit beiden Händen, als 223 ob sie sich schämen würde. Ich war aufgesprungen und hielt mir die Schläfen. Ich begriff und begriff doch nicht ganz. Es kam alles zu plötzlich, zu überraschend. »Die alte Dame mit den Schmachtlocken ist nicht Ulrike Freifräulein von Zierfeld?« fragte ich, verzweifelt nach irgend einem Ausweg aus diesem Labyrinth suchend. »Nein, nein!« versetzte sie eifrig. »Das ist meine Erzieherin.« »Und Ulrike . . .« »Meine selige Tante.« »Dann bist du . . . dann sind Sie?« brachte ich stotternd hervor. »Ich bin Agnes von Zierfeld. Meine Tante starb vor zwei Jahren. Mir ist nach ihrem Tode das Erbe zugefallen. Aber das konntest du . . . das konnten Sie ja nicht wissen. Es war unrecht von mir. Ich sehe es ein. Am nächsten Morgen wollte ich schon in der heutigen Toilette erscheinen. Wir hatten es uns schon so prächtig ausgedacht, wie wir alle lachen wollten, Fräulein Henriette, Herr und Frau Born und Sie mit, wenn Sie die Bekanntschaft des ›Drachen‹ gemacht hätten. Und da ist vieles dazwischengekommen. Man soll sich nichts ausmalen!« 224 Sie hatte sich schon längst von ihrem Sitze erhoben. Eine wirklich vornehme Erscheinung, wie sie so vor mir stand. Das war also die Majoratsherrin . . . Von diesem Mädchen, dem meine ganze Seele gehörte, hatte ich in den beiden letzten Jahren mein Stipendium bezogen . . . Ihre Gesellschafterin hatte die nur in meiner Illusion noch lebende alte Tante gespielt . . . Zu Agnes war ich eigentlich als Bittender gekommen . . . Das Zimmer drehte sich um mich im Kreise. Das war ja alles noch gar nicht zu fassen, war ja der reinste Hexensabbath von neuen Gedanken und Empfindungen! Man hatte mit mir einen Scherz getrieben. Nun, ich mochte es verdient haben. Wenn aber alles nur ein Scherz war? . . . Wenn das gnädige Fräulein auch mit meinem Herzen nur gespielt hatte? . . . Ein bitterer Verdacht stieg in mir auf und bemächtigte sich meines ganzen Innern. Ja, ich war der arme Schlucker gewesen, der für ein paar Tage die Gesellschaft des Schlosses erheitern half. Jetzt konnte er offenbar wieder gehen, nachdem er sein Herz verloren hatte, nachdem sein ganzes Lebensglück in Trümmer geschlagen war . . . Denn, 225 daß die reiche Erbin meine Frau werden sollte . . . undenkbar! Die ganze leuchtende Welt, die ich mir aufgebaut hatte, versank plötzlich vor meinen Füßen, tief, abgrundtief . . . Ich wandte mich ab, ging gegen ein Fenster und drückte die brennende Stirn an die Scheiben. »Sie haben ein grausames Spiel mit mir getrieben, gnädiges Fräulein!« sprach ich. »Ein Scherz ist ja ganz gut. Aber wenn dadurch ein Menschenleben zugrunde geht . . .« Da hörte ich einen raschen Schritt hinter mir. Ich wandte mich um. Sie stand in meiner unmittelbaren Nähe. Sie war blaß geworden bis in die Lippen. Ihre Augen senkten sich tief in die meinen. »Für wen hältst du mich?« fragte sie halblaut mit bebender Stimme. Da stürzte ich zu ihren Füßen und umklammerte ihre Knie. »Edgar!« schrie sie auf. »Agnes! Du mein einziges, geliebtes Weib!« rief ich. »Willst du mich nicht von dir stoßen?« Sie beugte sich zu mir nieder und küßte mich auf die Stirn. Dann zog sie mich empor. Ich drückte sie stürmisch an die Brust. 226 »Bist du nicht mehr böse?« fragte sie leise, während es feucht in ihren Augen schimmerte. »Du armer, gequälter Mann, der mir alles ist! Wie viel habe ich an dir gutzumachen!« Und so hielt ich sie in meinen Armen, bis es an die Tür des Speisezimmers klopfte. Sie wand sich los und öffnete selbst. Born und Frau traten ein. Hinter ihnen die Gesellschafterin meiner nunmehrigen Braut. Fräulein Arnwald reichte mir die Hand und scherzte: »Nichts für ungut, Herr Doktor! Aber Sie müssen mir wenigstens das Zeugnis ausstellen, daß ich meine Rolle gut gespielt habe. Hier steht übrigens der Anstifter alles Unheils!« deutete sie auf Freund Born. »Ich soll Unheil gestiftet haben?« lachte Born. »Gnädiges Fräulein, protestieren Sie nicht feierlich gegen eine solche Zumutung?« Agnes nickte halb verlegen stillschweigend und lächelte. »Komm an meine Brust, alter Junge!« rief Born und umarmte mich. »Daß ich dir vom Herzen gratuliere, ist selbstverständlich!« Das war ein froher Abend an jenem Sonntag. Born überbot sich selbst an Toasten. Ich saß zwischen 227 seiner Frau und Agnes. Ich mußte mich erst allmählich in alles hineinfinden. Noch immer kam es mir wie ein schöner Traum vor, aus dem ich plötzlich erwachen könnte . . . Am nächsten Tage mußte ich einer Einladung meines Freundes Folge leisten, nun auch für eine Zeit sein Gast zu sein. Ich blieb noch eine ganze Woche in Lingenau, verbrachte allerdings den größten Teil des Tages auf dem Schloß . . . Sonnenschein . . . Glück . . . Zukunftspläne . . . Dann kehrte ich nach der Universitätsstadt zurück, um dort noch einiges zu ordnen. – – – Drei Monate später wurde Agnes in der alten romanischen Kirche von Lingenau meine Frau. Wir machten unsere Hochzeitsreise nach Italien. Im darauffolgenden Frühjahr habilitierte ich mich an der Universität und habe gegenwärtig bereits alle Anwartschaft, in nächster Zeit meine eigene Lehrkanzel zu erhalten. Meine wissenschaftlichen Arbeiten finden allseitige Anerkennung. Wer sollte auch nicht das Beste leisten neben Agnes, die mir alles geworden ist, Freundin, Beraterin . . . mein Weib! Die reichlichen Ferien meines Berufes bringen wir, wenn nicht eine kleinere Kunstreise unternommen wird, regelmäßig auf dem Schlosse in Lingenau zu, 228 dem ersten Schauplatz unserer jungen Liebe, wo die Geschichte meines Stipendiums einen so herrlichen Abschluß fand. Fräulein Arnwald ist dort als Verwalterin geblieben und bereitet uns stets einen besonders feierlichen Empfang. Die heilige Familie des Tintoretto ist nach unserer Stadtwohnung gewandert und hängt über meinem Schreibtisch . . . Und es ist alles so gekommen, wie ich es mir geträumt habe. Wenn ich etwas zu lange bei der Arbeit gesessen bin, dann kommt Agnes leise, ganz leise in das Zimmer und nimmt mir die Feder. Bei Haar und Ohren hat sie mich auch schon gezaust, mußte aber seit einiger Zeit der Konkurrenz meines eigenen Sohnes weichen, der dieses Geschäft mit seinen kleinen Patschhändchen noch viel radikaler besorgt als Mama. Der Bub entwickelt übrigens ein unleugbares Kunstverständnis . . . offenbar ein Erbteil von seinem Papa. Wenn ich ihn zu dem Bilde über meinem Schreibtisch emporhebe und frage: »Du, Ernst, wer hat das gemalt?« . . . dann haspelt das kleine Kerlchen nach kurzer Überlegung, jede Silbe genau bedenkend, etwas mühsam hervor . . . Tintoetto! . . . 229   Die Maienkönigin Was die Pfarrerköchinnen schon für Unheil in der Welt angerichtet haben, ist nicht zu beschreiben. Nicht nur am Land, wo es einigermaßen selbstverständlich ist, daß ihre Meinung als die allein maßgebende gilt, sondern auch in kleinen Städten ist dieser unheilvolle Einfluß vorhanden. In dem Städtchen, von dem ich erzählen will, wäre wegen der Pfarrerköchin beinahe eine Revolution ausgebrochen. Und das wäre doch ganz entsetzlich gewesen. Viel hätte nicht gefehlt, und man hätte das ganze Pfarrhaus mitsamt seiner Beherrscherin gestürmt. Daran war einzig und allein die Lena schuld. Seit vielen Jahren trieb sie nun schon ihr Unwesen in der Stadt. Wenn irgendwo ein Streit ausbrach, wenn einer ins Gerede kam oder wenn man einem Mädchen, das bisher als unbescholten galt, irgend eine Schlechtigkeit nachsagte, dann konnte man ganz 232 sicher sein, daß das böse Maul der Pfarrer-Lena seinen gehörigen Anteil an der Übeltat hatte. Man hatte es dem Herrn Pfarrer schon öfters nahegelegt, sich doch von der Lena zu trennen. Sie sei ja alt und könne ihren Pflichten doch nicht mehr so nachkommen, meinten die wohlwollenden Ratgeber. Aber da irrten sich die Leute gewaltig. Die Lena war eine noch sehr rüstige Sechzigerin. Jedoch nur jene, die dies wußten, konnten überhaupt vom Alter bei ihr sprechen. Die andern hätten ihr die Sechziger niemals zugetraut. Wenn man sie so in ihren schlichten, dunkeln Kleidern mit raschen, kräftigen Schritten durchs Stadtl gehen sah, so hatte die hohe Gestalt beinahe etwas Jugendliches an sich. Ihre Zöpfe, die sie sich noch zu einer Krone um den Kopf legen konnte, waren allerdings schon stark ergraut. Aber das schmale schwarze Samtband, das sich wie ein Stirnband an dem Ansatz der Krone ausnahm, hob den silberenen Schimmer des Haares und erhöhte die gute Wirkung der rosigen Gesichtsfarbe. Wer die Lena nicht sehr genau kannte, hätte es ihr niemals zugemutet, wie boshaft, herrschsüchtig und klatschsüchtig dieses Weib eigentlich war. Sie hatte ein so gutmütig aussehendes Gesicht . . . und für 233 durchaus gutmütig hielt sie auch der Herr Pfarrer, den sie natürlich vollkommen beherrschte. Das mußte man der Lena nun allerdings lassen. Den Herrn Pfarrer versorgte sie ganz ausgezeichnet, und eine so vorzügliche Küche, wie im Pfarrhause war, konnte man so leicht weit und breit nicht mehr finden. Daß es dem alten Herrn, der schon ein guter Siebziger war, recht schwerfallen mochte, sich von seiner Haushälterin zu trennen, war wohl einzusehen. Die Leute setzten auch gar keinen Ehrgeiz darein, die Lena aus dem Stadtl hinauszubeißen . . . wenn sich die Lena nur einigermaßen weniger hervorgetan hätte. Mit der Zeit wurde aber das Auftreten dieser Person geradezu unerträglich. Es war ein großes Unglück für das Städtchen, daß die Damen der Gesellschaft durchwegs den älteren Jahrgängen angehörten. Und alle waren sie sehr fromm. Die Lena verstand es, sich mit diesen Damen auf guten Fuß zu stellen. Sie grüßte sie untertänigst mit »Küß' die Hand, gnädig' Frau!« und hielt dann immer längere Zeit fromme Gespräche mit ihnen. So war die Lena bei diesen Damen wohlgelitten, und die andern Frauen vermochten gegen sie nicht aufzukommen. Die Herrenwelt aber konnte die Lena 234 nicht ausstehen. Da gab's keinen, der auch nur einen Funken von Sympathie für sie aufgebracht hätte. Die Lena wußte und fühlte das auch deutlich, und sie rächte sich auf ihre Weise dadurch, daß sie mit ihrer scharfen Zunge die Fehler und Lächerlichkeiten der einzelnen Herren zu geißeln verstand. Bis in die geringste Kleinigkeit war die Lena von allem, was im Stadtl vorging, unterrichtet. Und nicht allein alles vom Stadtl, sondern auch das, was einer der Stadtbewohner anderswo trieb, das erfuhr die Lena ganz genau und sorgte dafür, daß es weiteste Verbreitung fand. Die Lena hatte es mit den Jahren dazu gebracht, sich zu einer Art Alleinherrscherin über den Pfarrer und somit auch über das Städtchen emporzuschwingen. Was sie sich einbildete, mußte durchgeführt werden. Um jeden Preis. Nur hatte sie es bisher meisterhaft verstanden, sich selber stets zur rechten Zeit in den Hintergrund zu rücken, so daß niemand offen gegen sie Stellung nehmen konnte. Von dieser weisen und vorsichtigen Haltung war sie aber diesmal abgewichen, und das hatte zu dem Aufruhr geführt, der im Stadtl herrschte. In Ermanglung neuer Einfälle, mit denen sie die Leute hätte beglücken können, war es der Lena in den 235 Sinn gekommen, daß es eigentlich hoch an der Zeit sei, für die stattliche Pfarrkirche eine neue Muttergottesstatue zu stiften. Nun bestand allerdings nicht die geringste Notwendigkeit, welche diese Stiftung hätte rechtfertigen können. Die Kirche besaß mehr als genug Bilder und Statuen der Himmelskönigin, und ein eigener, der schmerzhaften Gottesmutter geweihter Altar zierte den einen Seitenflügel der Kirche. Dann gab es noch eine Rosenkranzkönigin, eine Lourdesgrotte und einen Altar mit einer überlebensgroßen Statue der Unbefleckten Empfängnis. Vor letzterem Altar pflegte man zur Maienzeit jedes Jahr die abendlichen Maiandachten abzuhalten. Das war es aber nun gerade, was der Lena mit einem Male nicht mehr behagte. So lange die Leute denken konnten, war's im Stadtl immer so gewesen. Alljährlich im Mai versammelten sich die Andächtigen zum frommen Gebet. Ein reicher Blumenflor und viele brennende Wachskerzen umgaben die Statue der Gottesmutter. Sie war wohl schon recht alt diese Statue. Aber niemand, der mit inbrünstiger Andacht vor dem Altar gekniet und gebetet hatte, wäre je auf den Gedanken gekommen, daß es eigentlich eine Schande für die 236 Stadt bedeute, wenn man die Maiandacht nicht vor einer Statue der Gottesmutter als Maienkönigin abhielt. Der Lena blieb es vorbehalten, diese Idee aufzubringen, und klug, wie sie war, wandte sie sich nicht zuerst mit ihrer Forderung an den Pfarrer, sondern sie ging die Damen der Stadt an und überzeugte zuerst diese, wie es eine unbedingte und äußerste Notwendigkeit sei, daß für die Kirche eine eigene Maienkönigin gestiftet werde. Einmal bei einem Spaziergang war es gewesen, den die Lena jeden Abend bei schönem Wetter draußen vor dem Stadttor machte. Da waren ihr wie gewöhnlich die Frau Rat und deren verwitwete Schwester, die eine wirkliche Baronin war, begegnet. Und wie an jedem Abend, so auch an diesem, hielten sich die beiden älteren Damen bei der Lena zu einem Gespräch auf. Die Baronin lobte die Lena, von der sie wußte, daß sie den Blumenflor für den Maialtar besorgte. Der sei heuer ganz besonders schön ausgefallen, meinte die zierliche alte Dame, die einen etwas zimperlichen Eindruck machte, und sah mit wohlwollender Herablassung zu der Lena auf. Die Lena lächelte geschmeichelt und sagte mit wehmütiger Stimme: »Ja, mei, Frau Baronin, man 237 muß halt tun, was man kann und so gut man's kann. Für unsere liebe Frau ist mir's ganze Jahr koa Arbeit z'viel. Da bin i schon so. Aber i muß schon aufrichtig sagen, daß mir manchmal völlig 's Herz wehtut, wenn i denk', wie schlecht die Leut' sind. So viel gottvergessen und gleichgültig!« Die Lena steckte bei dieser trüben Vorstellung über die lieben Nächsten wie fröstelnd die Hände unter ihre schwarze Lüsterschürze und wickelte sie gut ein, um dadurch doch ein bißchen mehr innere Wärme zu erreichen. Die beiden Damen, kleine zierliche Gestalten in altmodischen schwarzen Kleidern und schlichten Hüten, kamen neugierig näher. »Ist wieder was passiert, Lena?« frug die Frau Landesgerichtsrat teilnehmend. »Passiert? Nix extras, das ich wüßt'!« sagte die Lena und hob gleichgültig die schmalen Schultern. »I red' nur im allgemeinen, weil's mich soviel verdrießt. Und i mag's dem Herrn Pfarrer auch nit amal sagen . . .« berichtete sie trotzig. »Was ist's denn, Lena?« forderte sie die Baronin gütig zum reden auf. »Uns können Sie's ja sagen.« »Freilich! Ihnen wohl, Frau Baronin! Und Ihnen auch, gnädig' Frau!« machte die Lena jetzt 238 ihrerseits sehr herablassend. »Aber helfen tut's doch nix. Das seh' ich schon kommen.« »Vielleichts hilft's doch, wenn ich's meinem Mann sage . . .« warf die Rätin zögernd ein. »Dem Herrn Rat!« Die Lena tat ganz entsetzt. »Du lieber Himmel! Lassen's grad' die Mannsbilder aus'm Spiel, gnädig' Frau! Die haben für so was doch kein Geld.« »Also um Geld handelt es sich . . .« konstatierte die Baronin trocken und sah bedeutungsvoll auf ihre Schwester. »Ja. Um Geld. Aber beileib nit für mich, Frau Baronin. Dürfen mir's glauben. Ich tät' gern a fünfhundert Kronen spendieren, wenn ich auch nur a armer Dienstbot bin. Aber natürlich, die andern Leut . . . die denken ja nit amal dran, daß es eigentlich a Sünd' und a Schand' ist, daß unsere liabe Frau nit amal als Maienkönigin verehrt wird. Nach München tät' i fahren und bei an erstklassigen Künstler tät' ich a Maienkönigin bestellen, wenn ich's Geld beisammen hätt'. Aber freilich . . . so viel kriegt man ja bei uns niemals zusammen. Wenn's für an frommen Zweck g'hört, dann schnüren die Leut ihre Geldbeutel zu, daß man ja koan Kreuzer außerkriegt. Für andere Sachen, wo's an die große Glocken 239 g'hängt wird, da sein die Leut z'haben. Aber für die Muttergottes, da ist ihnen alles z'viel.« Ganz aufgeregt war die Lena geworden und hatte sich derart in heiligen Eifer hineingeredet, daß sie über und über rot im Gesicht geworden war. Die beiden Damen sahen einander vorwurfsvoll an. Da hatte die Lena, die einfache Person wieder eine ganz famose Idee gehabt. Und für fromme Zwecke waren die Damen leicht zu begeistern. Frömmigkeit war sozusagen ihr Steckenpferd, und sie fehlten niemals bei einer kirchlichen Andacht oder bei einem Begräbnis. Eigentlich war es doch beschämend, daß nicht sie selber, sondern die Lena auf diesen ausgezeichneten Gedanken gekommen war. Sie mußten der Lena aus innerster Überzeugung beistimmen. In einer Stadt wie der ihrigen, wo es so viele wohlhabende Bürger gab, sollte man denn doch das Geld zu einer Maienkönigin aufbringen. Daß das noch nicht geschehen war, das war eine offensichtliche Nachlässigkeit und mußte schleunigst gutgemacht werden. Sehr huldvoll verabschiedeten sich die beiden Damen von der Lena, und schon tags darauf berieten sie den Plan mit einigen andern Damen der Stadt. Die Frau Lehrer war gleich Feuer und Flamme für die 240 Sache und erbot sich freiwillig, von Haus zu Haus zu gehen und für die Maienkönigin zu sammeln. Das sah ja schließlich jeder bald ein, daß der Maialtar schöner war, wenn er durch eine richtige Maienkönigin geziert wurde. Sogar die Männer erhoben diesmal keinen Widerspruch, und ein jeder spendete sein Schärflein für die neue Madonnenstatue. Äußerst zuwider für die Herrenwelt war nur, daß die Idee zu der Maienkönigin von der Pfarrerköchin stammte. Man brachte eine recht ansehnliche Summe zusammen im Stadtl. Schon im Herbst war das nötige Geld vorhanden und wurde dann von den Damen der Stadt dem Herrn Pfarrer ausgehändigt. Bereits im nächsten Mai sollte die neue künstlerische Statue Kirche und Altar schmücken. Da plötzlich, jäh und unvermittelt kam der Umschwung bei der Lena. Der Herr Pfarrer hatte gerade eingehend mit ihr beraten, was für einen Künstler er wohl mit der Aufgabe betrauen sollte, als die Lena ihr mürrisches und störrisches Gesicht aufsetzte. Vor dem hatte der alte Herr nämlich Spundus ; denn es war das Anzeichen, daß die Lena nun bald in einen heftigen Temperamentsausbruch verfallen würde. 241 Das war in früheren Jahren, als die Lena noch jünger war, recht häufig vorgekommen, und der Herr Pfarrer hatte bei Meinungsverschiedenheiten regelmäßig den kürzeren gezogen. Mit der Zeit war die Lena ruhiger geworden, und die Anfälle wurden seltener. Wenn sie aber kamen, fielen sie genau so heftig aus wie vor fünfundzwanzig Jahren. Der alte Herr mit den schlohweißen Haaren, die seine rosige Glatze wie ein Kranz umgaben, zitterte denn auch nervös mit den Händen, als er jetzt zu der hageren Gestalt seiner Köchin aufblickte. »Was hast nachher, Lena?« frug er und trommelte mit den zittrigen knochigen Fingern auf die hellpolierte Tischplatte. »Was paßt dir denn nit?« erkundigte er sich über eine Weile und lehnte sich mit scheinbarer Ruhe in seinen Polstersessel zurück. »Mir wird's wohl passen müssen!« erwiderte die Köchin bissig. »Ich werd' ja nit g'fragt. Nur die noblen Damen, die fragt man. Natürlich, wenn eine Frau Baronin und eine Frau Rat und eine Frau Bürgermeisterin etwas sagen, dann g'fallt's Ihnen und wenn's auch noch so a Stumpfsinn ist.« »Aber Lena . . .« sagte der alte Herr ganz verzagt. »Ein Stumpfsinn . . . sagst? Ich hab' g'meint, du hast die Idee g'habt?« 242 »Freilich hab' ich die amal g'habt. Aber jetzt hab' ich sie nimmer, weil's ein Stumpfsinn ist!« beharrte die Lena eigensinnig. »Und warum denn, wenn man fragen darf?« erkundigte sich der Herr Pfarrer ärgerlich. »Ich will Ihnen was sagen, Hochwürden!« legte jetzt die Lena resolut los. »Ihnere noblen Damen sein keinen Schuß Pulver wert. Das sag' amal ich. Wenigstens der Verstand ist von keiner was nutz. Wenn man einer an Floh ins Ohr setzt, dann hupft sie genau so, wie man sich's gedacht hat. Grad' weil sie soviel g'scheut sein will. Und vor lauter G'scheutheit hat sie's Denken verlernt. Da wird Geld g'sammelt und g'sammelt, und a jede spielt noch a größere Roll'n wie die andere, und zum Schluß will gar a jede für ihren Eifer an päpstlichen Orden haben. Und dabei übersehen die Damen, ob das, für was sie g'sammelt haben, auch praktisch ist. Das wär' doch eigentlich die Hauptsach '. Das Praktische. Aber die Maienkönigin ist unpraktisch, sag' ich, und deshalb spendier' ich nit einen roten Heller. So, jetzt wissen Sie's, Hochwürden, und jetzt können's tun, was sie wollen!« Energisch wandte sich die Lena der Tür zu, um das Zimmer des Pfarrherrn zu verlassen. 243 »Jetzt bleibst da!« gebot der Pfarrer mit hoher Fistelstimme. Die hatte er immer, wenn er ganz besonders erregt war. »Was hast denn nachher du für an praktischen Vorschlag zu machen?« frug er die Häuserin und sah mit unsicherem Blick zu ihr auf. »Dös möcht' i doch wissen!« »Das können's schon wissen, Hochwürden!« erwiderte die Lena besänftigt. »Gern sogar!« fügte sie freundlicher werdend hinzu. »I mein', viel notwendiger wie a Maienkönigin brauchten wir a neue Statue von der Unbefleckten Empfängnis!« sagte sie bescheiden. »Bist narrisch?« frug der Pfarrer verwundert. Einen Augenblick zweifelte er tatsächlich an dem Verstand der Lena. »Wir haben ja schon a Unbefleckte Empfängnis.« »Ja. Aber a ganz an alte, Herr Pfarrer. Das weiße G'wand, das die anhat, ist ja nimmer weiß, sondern grau vor lauter Schmutz. Und der blaue Mantel hat nit amal goldene Stern' drein, und das g'fallt mir nit. Die goldenen Stern' gehören zu dem Mantel. Sonst ist's nit schön!« meinte sie mit frommem Augenaufschlag. »Man denkt so schön an den Himmel, wenn man die Stern' sieht.« »Die kann man ja drauf malen lassen . . .« meinte 244 der Pfarrer über eine Weile nachdenklich. »Wenn du meinst, daß die Leut frömmer werden, wenn sie die Stern' am Mantel sehen . . .« Die Lena meinte es, und die Lena hatte so viele überzeugende Gründe vorzubringen, daß es gar nicht solange dauerte, bis sie den Pfarrer auf ihrer Seite hatte. Auch das wußte sie dem Hochwürdigen beizubringen, daß es mit dem bloßen Malen der Sterne auf den Mantel der alten Statue nicht getan sei. Das bleibe halt doch immer nur die alte Statue. Es müsse eine ganz funkelnagelneue Unbefleckte Empfängnis mit einem funkelnagelneuen Sternenmantel her. So wurde denn beschlossen, daß man statt der Maienkönigin eine neue Statue der Unbefleckten Empfängnis bestellen würde. Das ging den Stadtbewohnern denn doch über die Hutschnur. Die Männer fanden, daß man sich von einer Pfarrersköchin überhaupt nicht alles bieten zu lassen brauche. Auch die Frauen fanden das und protestierten energisch. Es half aber nichts. Die Lena verstand es, sich zu verteidigen und ihre neue Idee um jeden Preis durchzusetzen. Je heftiger der Widerstand im Stadtl war, desto obstinater bestand sie auf ihrer Idee. »Schau . . .« versuchte der Pfarrer sie zu 245 bekehren . . . »wenn's amal dagegen sein, könnt' man ihnen die Freud' ja machen.« »Sie können ihnen ja die Freud' machen, wenn's wollen!« sagte die Lena bös. »Aber i tu nit mit. I zahl' koan Kreuzer nit, sag' i, und auf Lichtmeß können's Ihnen um a neue Häuserin schauen. I bleib' nimmer in der Stadt, wo's so saudumme Weibsbilder gibt!« erklärte sie resolut. Unwillkürlich mußte der Pfarrer lachen. »Die Mannsbilder sein ja auch so saudumm!« meinte er. »Die wollen's erst recht nit haben.« »Aber i will. Und justament. Und wenn dem Herrn Pfarrer die Mannsbilder lieber sein wie i, dann kann i glei' gehen. Ich hab' mir gedient g'nug in mein' Leben und hab's satt!« Das war nun freilich eine ganz fürchterliche Drohung für den alten Herrn, die ihn gewaltig einschüchterte und zur Nachgiebigkeit zwang. Die Lena konnte er nicht mehr entbehren. Das fühlte er nur zu gut. Und daß sie diese Drohung auch ausführen würde, dafür kannte er sie genau. So mußte er denn wohl oder übel ihre Partei ergreifen, und der Kampf brach offen aus im Stadtl und wurde zu einer Art Aufruhr. Der Lehrer, der auch der Organist im Städtchen 246 war, kam zum Herrn Pfarrer und erklärte ihm kategorisch . . . wenn er seinen Standpunkt nicht aufgebe, dann ginge er nicht mehr auf den Chor. »Denn wir lassen uns von einer Pfarrersköchin absolut nit alles g'fallen, Hochwürden! Wir haben für die Maienkönigin unser schönes Geld hergegeben, und die Maienkönigin wird gekauft! Dabei bleibt's!« erklärte er mit ungewohnter Energie. »Nein! Dabei bleibt's nit!« rief der Pfarrer erbost. Es ärgerte ihn, daß der Lehrer es wagte, in einem solchen Ton mit ihm zu reden. »Was in der Kirchen g'schieht, ist meine Sach'! Verstehen's mich, Herr Lehrer?« Ganz hoch klang die zittrige Stimme des alten Herrn. »Gut. Dann werden's schon sehen, was kommt!« rief der Lehrer zornig. »Keine Sängerin macht mehr an Schritt auf'n Chor hinauf!« drohte er. »Dann les' ich eben stille Messen, bis ihr alle wieder zu mir kommt!« beharrte der alte Herr eigensinnig. Die Sache kam so weit, daß der Pfarrer im Stadtl herumging wie ein Ausgestoßener. Kaum daß ihn die Leute mehr grüßten. Die Burschen hatten es schon untereinander vereinbart, daß sie, sowie sich eine Gelegenheit bieten würde, sich einmal 247 zusammentun wollten, um die Lena zu nächtlicher Stunde tüchtig durchzuprügeln. Denn das habe sie für alle Bosheiten reichlich verdient. Die Gelegenheit hiefür aber fehlte den Burschen. Die Lena ließ sich nur mehr wenig sehen im Stadtl. Aber sie handelte, während die andern sich herumstritten. Sie unternahm kühn eine Fahrt nach München und suchte dort einen Bildhauer dritter oder vierter Güte auf, der ihr einmal empfohlen worden war. Bei diesem bestellte sie eine Statue der Unbefleckten Empfängnis mit einem wunderschön glitzernden Sternenmantel. Als die Statue kam, wurde sie in aller Stille an den Platz der alten, viel geschmackvolleren gebracht. Es zeigte sich, wie recht die Lena im Grunde genommen gehabt hatte. Den Leuten gefiel die neue Statue ganz ausgezeichnet. Sie vergaßen Zank und Hader und söhnten sich allmählich wieder mit dem Pfarrer aus. Die Frau Rat und die Baronin waren die ersten, die den versöhnenden Schritt taten und zu dem Pfarrer gingen. Die Lena empfing die beiden Damen mit einem zuckersüßen demütigen Gesicht. »Sehen's, Frau Rat . . .« meinte sie triumphierend . . . »weil 248 mir nie geglaubt wird. Wenn's a Maienkönigin worden wär' . . . dann hätten die Leut nur einmal im Jahr a Freud' . . . und so haben sie's das ganze Jahr. I sag's ja! Aber so muß g'stritten werden und muß der Herr Pfarrer beleidigt werden. Und grad' deswegen, weil ein einfacher Dienstbot auch amal an g'scheuten Einfall g'habt hat. Aber mei'! I bin nit so. I verübel' Ihnen weiter nix;. Und i verzeih's Ihnen auch.« Und großmütig hielt die Lena den beiden Damen die Hand zur Versöhnung entgegen. Die Leute fragten sich dann wohl selber manchmal beschämt, wozu sie sich eigentlich so aufgeregt hatten. Es war ja doch alles beim alten geblieben, und die Lena hatte nur wieder einmal recht behalten. Das machte sie von jetzt ab noch bösartiger und rechthaberischer. Und boshaft lauernd geht sie im Stadtl herum und späht sorgsam aus nach neuen Gelegenheiten, um den Leuten ihre Macht zu zeigen. Es ist manchmal schade, daß die Zeit der Hexenprozesse vorüber ist. Denn Pfarrersköchinnen gehörten mitunter doch ganz entschieden auf den Scheiterhaufen. 249   Die Liedertafel von Rabenstein Die Rabensteiner taten es nicht anders. Eine Liedertafel mußte her, obgleich ihr kleines Städtchen kaum dreitausend Bewohner zählte. Aber Stadt blieb Stadt, auch wenn sie noch so klein war. Und eine richtige moderne Stadt ohne Liedertafel war einfach nicht zu denken. Der Herr Notar hatte die Idee aufgebracht und hatte sie den Leuten förmlich eingeimpft, bis ein jeder von ihnen die feste Überzeugung besaß, daß es ohne eine Liedertafel überhaupt kein Leben mehr sei in Rabenstein. Der Herr Notar war ein sangesfroher Junggeselle. Wo er ging und stand, im Gasthaus und auf der Straße, überall sang oder summte er zumindest seine Lieder vor sich hin. Manchmal schmetterte er sie auch im hohen Tenor in die Lüfte. Das klang oft so jäh und unvermittelt und öfters auch recht mißtönig und schrill, daß die Leute verwundert aufschauten und bedenklich die Köpfe 252 schüttelten. Daß dieses auch Kunst sein sollte, war nicht einmal einem Rabensteiner beizubringen. Daß aber der Herr Notar ein äußerst kunstverständiger Mann sei, davon war schließlich ein jeder in der Stadt überzeugt. Deshalb hatte man auch den Notar zum Vorstand der neu zu gründenden Liedertafel gewählt. Seit die Liedertafel existierte, kam tatsächlich Schwung in das gesellschaftliche Leben der Stadt. Es gab Konzerte und Vereinsabende, und endlich schwang man sich sogar zu einem Ballfest während des Faschings auf. Das gab eine ganz ungewöhnliche Aufregung im Städtchen. Schon Wochen vorher hatte sich das Vergnügungskomitee gebildet und hielt Sitzungen über Sitzungen ab. Die Schwierigkeiten, die es zu bewältigen gab, waren aber auch beinahe unüberwindliche. Es war ganz selbstverständlich, daß man nur die allerersten Kreise der Stadt zu dem Fest einladen konnte. Zu den allerersten Kreisen zählten natürlich der Herr Bezirksrichter und der Herr Bezirksgerichtsadjunkt, der Doktor und der Forstmeister, und wenn man ein bißchen Nachsicht walten ließ, auch der Bürgermeister, der Apotheker, der Hauptlehrer, der Tierarzt und der Steuerverwalter. 253 Dann kam lange nichts und dann erst die ehrsame Bürgerschaft. Die große Schwierigkeit aber war, daß gerade diese Bürgerschaft den größten Teil der Mitglieder stellte. Da war zum Beispiel der Sattlermeister Eberl, der unstreitig die beste Kraft verkörperte, da er über einen prachtvollen hellen Tenor verfügte. Der Herr Sattlermeister war ein bescheidener kleiner Mann, den man sich auch in der besten Gesellschaft zur Not gefallen lassen konnte. Um so schrecklicher waren seine Angehörigen, vor allem seine bessere Ehehälfte. Um was der Meister zu bescheiden war, um das trat seine Frau selbstbewußter auf. Die Frau Meisterin war eine stattliche Frau, um etliche Jahre älter als ihr Mann, resolut und laut in Stimme und auffallend in Gebärden und Benehmen. Die Damen der Gesellschaft konnten sich nicht gut mit dieser Frau als einer zu ihnen gehörigen abfinden. Die zarte Frau Doktor erklärte dem Notar unter Tränen, lieber daheim bleiben zu wollen, als sich dem Risiko auszusetzen, daß diese rohe Person bei der Quadrille ihr Visavis werden könnte. Es bedurfte der ganzen Überredungskunst des Notars, um die Frau des Stadtarztes dahinzubringen, 254 doch im Interesse der guten Sache dieses Opfer auf sich zu nehmen und sich am Ballfest zu beteiligen. Ein Glück, daß sich der Notar so gut darauf verstand, mit Damen umzugehen. Überhaupt ein Glück, daß gerade der Notar der Vorstand der Liedertafel war. Ihm zuliebe fügten sich die Damen schließlich doch und nahmen die etwas stark gemischte Gesellschaft mit in den Kauf. Denn außer der Sattlermeisterin kamen noch andere zweifelhafte Elemente in den Kreis. Der erste Bassist war der Rauchfangkehrer Müller, ein Mann von ganz netten Umgangsformen, solange er nüchtern war. Hatte er aber etwas zu viel über den Durst erwischt, dann vergaß er guten Ton und gute Sitte und erzählte es jedem, der es hören und nicht hören wollte, daß seine Frau vor der Heirat als Dienstmädchen bedienstet gewesen sei. Alle im Städtchen kannten natürlich diese interessante Tatsache schon längst, aber es war ihnen ungemein peinlich, immer und immer wieder daran erinnert zu werden. Der Kaufmann Zollner, welcher der Bürgermeister von Rabenstein war, hatte gar eine Kellnerin geheiratet. Die hatte sich zwar glänzend den Verhältnissen anzupassen verstanden. So gut, daß die Damen geneigt waren, es ihr beinahe zu verübeln. Ihre 255 Kleider waren stets nach dem neuesten Schnitt, ihre Hüte von einer geradezu herausfordernd einfachen Eleganz und ihr Haar immer hochmodern frisiert. Die Damen, besonders die Frau Bezirksrichter, fanden, daß es eigentlich eine Frechheit war, sich so chik zu kleiden. »Denn . . .« meinte die Frau Bezirksrichter mit etwas spitziger Stimme . . . »man sollte doch niemals vergessen, von welcher Abkunft man war.« Die Frau Bezirksrichter verschwieg aber sorgfältig, daß auch sie vor ihrer Verheiratung einmal dienendes Brot gegessen hatte. Sie erzählte nur, daß sie einer Beamtenfamilie entstamme, was vollkommen der Wahrheit entsprach. Nur daß ihr Vater, der kleine Steuerbeamte, seine zahlreiche Kinderschar bald von der Schüssel kriegen mußte und daß Fräulein Karoline schon in recht jungen Jahren als Kinderfräulein in einer großen Stadt ihr Unterkommen suchen mußte . . . davon schwieg die Frau Bezirksrichter wohlweislich. Dort lernte sie ihren Mann als Universitätsstudenten kennen und lieben . . . und sobald es ging, heiratete er das Mädchen. Aus dem lieben süßen Mädel von einst war gar bald eine richtige Dame geworden, die es verstand, 256 der Stellung ihres Gatten mit Würde und Anstand gerecht zu werden . . . die es liebte, immer und bei jeder Gelegenheit den ersten Ton im Städtchen anzugeben. Besonders auf Sitte, Form und Anstand hielt die Frau Bezirksrichter. Die Damen fühlten sich eigentlich in ihrer Gegenwart unbehaglich. Trotzdem unterwarfen sie sich ihrem Urteil und richteten sich genau in allem nach dem, was sie tat. Die Frau Bezirksrichter war auch so ziemlich die einzige Frau in der Stadt, für die der Herr Notar nicht den richtigen Ton aufzubringen verstand. Seinen galanten Schmeicheleien gegenüber blieb sie eiskalt, und nicht einmal der ritterliche Handkuß, mit dem sich der Notar stets bei den Damen zu verabschieden pflegte und der ihnen so ungemein gefiel, übte auf sie die geringste Wirkung aus. Der Notar fühlte es auch gar bald, daß er der Bezirksrichterin in keiner Weise gewachsen war . . . und wenn er sie anfangs umschmeichelte, so ließ er diese Methode endgültig fallen und nahm ihr gegenüber einen kühlen Beobachterstandpunkt ein. So entdeckte er auch bald, daß ihn die Bezirksrichterin im Grunde ihrer Seele haßte. Ein Gefühl, das er ehrlich und vom ganzen Herzen erwiderte. Die Frau Bezirksrichter war eine noch junge Frau, 257 in der Mitte der dreißig, und trotz ihrer Kinderschar noch immer hübsch und appetitlich zum ansehen. Was sie in der Stadt unbeliebt machte, war eine ihr eigene würdige Herablassung, die alle empörte und die ihnen trotz allem imponierte. Gerade diesem Benehmen verdankte sie die dominierende Stellung, die sie im Städtchen einnahm. Die Bezirksrichterin war vom ersten Augenblick an eine Gegnerin der Liedertafel gewesen. Erstens schon deshalb, weil die Gründung derselben ein Werk des Notars war und sie diesen nun einmal nicht ausstehen konnte. Sie durchschaute mit klugem Blick, daß der Notar diese ganze mühevolle Arbeit nur zu dem einen Zweck unternahm, um sich in Pose zu setzen und im Städtchen eine führende gesellschaftliche Stellung zu erringen und zu behaupten. Daß der Notar zum Vorstand der Liedertafel gewählt wurde, betrachtete sie geradezu als eine ihrem eigenen Gatten angetane Schmach. Denn von Rechts wegen hätte man wenigstens dem Bezirksrichter diese Ehrenstellung zuerst anbieten müssen. Die Bezirksrichterin war aber zu klug und viel zu vorsichtig, um ihre Abneigung, die sie gegen die Liedertafel hegte, öffentlich zu zeigen. Sie wußte genau, daß sie in diesem Fall alle gegen 258 sich gehabt hätte. Der Notar galt nun einmal viel zu viel bei den Damen der Stadt, und auch die Männer mochten ihn merkwürdigerweise alle recht gut leiden. Das kam wohl daher, daß der Notar jeder einzelnen Dame den Hof machte, aber ohne daß er deshalb eine von ihnen besonders bevorzugt hätte. Er hatte eine eigene Art ritterlicher Verehrung für das zarte Geschlecht. Aber niemals und mit keinem Wort oder Blick war er einer der Damen je zu nahe getreten. Das mochten die Männer wohl fühlen und waren ihm dafür dankbar und vertrauten ihm auch. Nur die Frau Bezirksrichter, die traute ihm absolut nicht. Sie witterte hinter allem und jedem, was der Notar tat, einen Hintergedanken . . . und ganz so unrecht hatte sie damit auch nicht. Der Herr Notar hatte nämlich seit mindestens einem Jahr eine heimliche Liebe. Kein Mensch in der Stadt hatte eine Ahnung davon. Nicht einmal die junge Frau, der seine stille Zuneigung galt. Die lebte so still und zurückgezogen, und alle Annäherungsversuche des Notars scheiterten an dem einen Umstand, daß eine tiefe soziale Kluft ihn von der heimlich Angebeteten schied. Seit mehr als einem Jahr lebte nun Frau Annemarie im Städtchen und fühlte sich wie in einen 259 weltfernen Erdteil verpflanzt. Ohne sich viel zu besinnen, hatte sie dem flotten Forstwart die Hand zum Bunde fürs Leben gereicht und war ihm willig und gern nach seinem Bestimmungsort gefolgt. Er stammte aus angesehener Familie, war hübsch und gut und hatte ein feines, gewandtes Auftreten. Das genügte der jungen Annemarie, die als Waise bei einer alten Tante ziemlich einsam gelebt hatte. Die alte Dame war froh, als sich ein Freier für ihre junge Nichte fand. Sie dachte nur daran, daß sie nun diese nicht mehr unbeschützt würde zurücklassen müssen, wenn der Tod in kurzer oder ferner Zeit bei ihr Einkehr hielt. Und gar so lange ließ er die alte Dame auch nicht auf sein Kommen warten. Schon im ersten Winter nach Annemaries Hochzeit hielt er Einkehr in dem kleinen Vorstadthäuschen, das der Waise so lange Zeit eine Heimat gewesen war. Nun sah man die junge Frau Forstwart in ihren schwarzen Trauerkleidern durch die Stadt wandern und bewunderte mit heimlichem Neid die vornehme Art und Haltung der Fremden. Denn eine Fremde war sie ihnen allen geblieben. Sie wußten nicht viel von ihr und hielten sich ihr auch fern. Der Forstwart hatte mit seiner Frau bei den ersten Familien der Stadt seine Antrittsbesuche gemacht und 260 wurde steif und kühl empfangen. Er hatte geglaubt, daß seine Abkunft ihn zu dieser gesellschaftlichen Kühnheit wohl ermächtigen würde. Aber in kleinen Städten denkt man anders und ist besonders streng im Urteil, wenn die soziale Stellung des Mannes nun einmal eine untergeordnete ist. Und das war hier der Fall. Ein Forstwart gehört nicht zu den ersten Kreisen und muß sich mit den kleineren Bürgerkreisen bescheiden. Und wenn er auch von noch so guter Familie abstammt und seine Frau auch noch so ein feines Fräulein gewesen sein mag . . . hier im Städtchen wird auf hergebrachte Sitte und Ordnung gehalten. Die Frau Forstmeisterin, die sozusagen die Gattin des ersten Vorgesetzten des Forstwartes war, nahm sich auch kein Blatt vor den Mund, als sie den Besuch des jungen Paares erwiderte. Ganz trocken sagte sie es heraus, daß es bei diesem einen Besuch bleiben müsse. Denn Forstmeister und Forstwart gehörten nicht an einen Tisch. Frau Annemarie war dunkelrot geworden bei den groben Worten der Forstmeisterin, und heiße Tränen der Scham stiegen ihr trotz aller Überwindung in die Augen. Die Forstmeisterin, eine derbe, etwas plump 261 geratene Blondine, war im Grunde ihres Herzens eine seelengute Frau. Es tat ihr sofort leid, daß sie die junge Frau gekränkt hatte, und sie lenkte auch gleich wieder gutmütig ein. »Tun's mir's nit verübeln, Frau Forstwart!« sagte sie beim Abschied und hielt die feine zarte Hand der jungen Frau in ihrer breitderben mit warmem Druck fest. »Wissen's, ich hab' das nit so bös gemeint. Ich hab's Ihnen nur einmal explizieren wollen, wie's bei uns der Brauch ist. Sie wissen's und verstehen's halt nit anders, und bei Ihnen in der großen Stadt wird's halt auch nit so genau genommen werden. Da ist das natürlich ganz anders. Da bei uns aber tät' ja bald kein besserer Mensch mehr mit meinem Mann verkehren, wenn der mit seinem Forstwart Bruderschaft trinken tät'. Aber deswegen können's schon öfters zu mir kommen, junges Frauerl, gelt? Und ich freu' mich recht, wenn's kommen, und meine Elsa, die kann auch nur von Ihnen profitieren. Sie haben doch gewiß eine feine Bildung gehabt, nit wahr?« forschte sie dann neugierig weiter. »So sehen's nämlich aus!« versicherte sie nicht ohne Bewunderung. »Meine Frau ist bei den Salesianerinnen erzogen worden!« sagte der Forstwart mit Betonung. Die Unterredung war ihm im höchsten Grade peinlich, und 262 er hatte Mühe an sich zu halten, um der Frau seines Vorgesetzten keine Grobheiten zu sagen. »So! So! Bei den Salesianerinnen! Sie, eigentlich ist das recht unpraktisch, wenn man Mädeln, die kein Vermögen haben, so nobel erzieht. Wenn die nit heiraten können . . .« »Ich habe aber geheiratet!« unterbrach da Frau Annemarie die Forstmeisterin, und ihre sonst so sanfte Stimme klang hart und rauh. »Und ich bin auch sehr glücklich geworden mit meinem Adolf . . .« fügte sie dann weicher werdend hinzu. Ein Zug abweisenden Stolzes prägte sich dem feinen bräunlichen Gesicht der jungen Frau ein; und von jener Stunde an, in der sie die größte Demütigung ihres bisherigen Lebens hatte erdulden müssen, war sie stolz und unnahbar geworden. Die Besuche des jungen Paares waren zum großen Teil nicht erwidert worden, und Frau Annemarie war zu stolz, um noch bei andern Familien vorzusprechen und sich vielleicht auch bei diesen eine Abfuhr zu holen. Von nun an lebten die beiden jungen Leute ganz für sich. Ob Frau Annemarie ein großes Glück gefunden hatte, konnte niemand erfahren. Der Notar, der sich ganz ernstlich in die junge Frau verliebt hatte, 263 glaubte in dem feinen ovalen Gesicht einen Zug von verstecktem Leid zu entdecken. Trotz aller gesellschaftlichen Hindernisse machte der Notar einmal Besuch bei Forstwarts. Das war zur Zeit, als die Liedertafel ins Leben gerufen wurde. Er benützte diesen Vorwand, um den Forstwart als Mitglied zu werben. Da ihr Gatte nicht zu Hause war, empfing Frau Annemarie den Besuch des Notars. Ein kleines geschmackvolles Heim hatte sich das junge Paar eingerichtet. In dem behaglichen Wohnraum, in den der Notar geführt worden war, stand außer den üblichen Möbeln auch noch ein Pianino mit aufgeschlagenem Notenheft. »Das trifft sich ja ausgezeichnet!« rief der Notar begeistert. Er hatte beim Eintritt der jungen Frau gerade in den Noten geblättert und dabei leise Melodien vor sich hingesummt . . . denn nicht einmal in einem fremden Hause konnte er es ohne Gesang aushalten. »Da tue ich gewiß keine Fehlbitte. Sie sind ja musikalisch, und ich will gerade Ihren Herrn Gemahl für unsere Liedertafel anwerben.« Frau Annemarie bot mit einer leichten Bewegung ihrer Hand dem Gast einen Platz an und setzte sich dann ihm gegenüber aufs Sofa. In gerader, 264 aufrechter Haltung saß sie da, ein leichtes Lächeln auf den sonst streng verschlossenen Zügen. »Die geborene Dame . . .« konstatierte der Notar für sich, und es reute ihn heimlich, daß er ihr nicht gleich zum Willkomm die Hand geküßt hatte. Vielleicht wäre sie dann weniger stolz und hoheitsvoll gewesen. Frau Annemarie mochte kaum Mitte der zwanzig sein. Sie war eine hohe, schlanke Erscheinung von vollem, ebenmäßigem Wuchs, mit großen, dunkeln Augen und bräunlichem Teint. Das dunkle Haar trug sie glatt aus der Stirne gekämmt und zu einem Knoten gesteckt, so daß die leicht gewölbte, etwas niedere Stirn voll zur Geltung kam. Der Notar mußte unwillkürlich an die Forstmeisterin denken, die eine ähnliche Haartracht trug. Der Vergleich fiel jedoch sehr zuungunsten der letzteren aus. Das strohgelbe, etwas struppige Haar der Forstmeisterin stand nur schlecht zu dem lederfarbigen, mit zahlreichen Sommersprossen bedeckten Gesicht, und die hohe und etwas zu breite Stirn verlieh den ohnehin nicht geistvollen Zügen einen dummdreisten Ausdruck. Dabei war die Forstmeisterin klein und ohne gerade dick zu sein doch ziemlich in die Breite geraten. Im Geiste ließ der Notar, als er jetzt der jungen Frau gegenüber saß, sämtliche Damen seiner 265 Bekanntschaft Revue passieren, und keine konnte den Vergleich mit Frau Annemarie aushalten. Sicher war sie die allerschönste Frau in der Stadt, und auch keines der jungen Mädchen konnte sich seiner Meinung nach nur annähernd mit ihr messen. Und der Notar überlegte es gerade, daß diese Frau, wäre sie noch frei gewesen, vielleicht imstande gewesen wäre, seiner Junggesellenherrlichkeit ein Ende zu bereiten. Auch Frau Annemarie gefiel der Notar nicht übel. Er war groß und blond, mit vollem, gutgepflegtem Bart und Haar, hatte große blaue Augen, deren Ausdruck allerdings durch einen etwas zu stark blinkenden Kneifer beeinträchtigt wurde. Daß der Notar den Damen im allgemeinen gefiel, war wohl zu begreifen. Er verstand es, gewandt und unterhaltend zu plaudern, und verwickelte auch jetzt Frau Annemarie so geschickt in ein Gespräch, daß sie es gar nicht bemerkte, wie der Notar eigentlich weit über die übliche Zeit bei ihr verblieben war. Der Notar hatte es verstanden, Frau Annemarie zu überreden, daß sie die abweisende Haltung, die sie anfangs zeigte, aufgab und ihm versprach, mit ihrem Mann über die Sache zu reden. Und galant küßte der schlaue Junggeselle beim Abschied die Hand der schönen Frau. 266 »Gnädigste würden mich direkt unglücklich machen durch eine Absage . . .« versicherte er und sah ihr dabei so tief in die Augen, daß Frau Annemarie dunkelrot wurde. Und trotzdem tat der Forstwart nicht mit bei der Liedertafel, und Frau Annemarie war es wohl zufrieden. Anfangs war sie sehr dafür gewesen. Sie war jung, und der galante Ton des Notars, der sie vollkommen als Dame genommen hatte, tat ihr ungemein wohl. Bei näherer Überlegung aber mußte sie ihrem Gatten beipflichten. »Hör' mir auf mit deinem Notar!« hatte der gesagt. »Der Notar ist um kein Haar besser wie die andern sind. Der ist nur gekommen, weil ich eine schöne Stimm' hab' und sie mich notwendig brauchen können. Aber grad' zu Fleiß tu' ich nicht mit. Grad' zu Fleiß nit!« wiederholte er trotzig und verbittert. »Ich hab' keine Lust, mich von der hochnasigen Gesellschaft über die Achsel ansehen zu lassen. Und der Notar wär' mir grad' der Richtige. Da . . . weil's niemand sieht, küßt er dir die Hand. Vor seinen Damen, die alle um ihn herumscherwenzeln wie die verliebten Hennen um den Hahn, da schaut er dich nit an. Ich wett' dir was!« beharrte er dann eigensinnig 267 auf seiner Meinung, und Frau Annemarie senkte beschämt den seinen Kopf und vertiefte sich angelegentlich in ihre Handarbeit. So war es denn dabei geblieben. Die Liedertafel war ohne die Forstwarts gegründet worden und feierte ihre Feste, ohne daß das junge Paar dabei gewesen wäre. Wohl hatte der Notar noch ein paar Versuche gemacht, den Forstwart umzustimmen. Es blieb aber alles vergeblich. Ein paarmal war er sogar noch zu Frau Annemarie gegangen, hatte aber verschlossene Türen vorgefunden. So war ihm nichts anderes übriggeblieben, als den Forstwart einmal auf der Straße zu stellen. Der Forstwart war kein sonderlich begabter Mensch. Seine Eltern, die nur über sehr beschränkte Mittel verfügten, hatten dem Drängen des Sohnes nachgegeben und ihn den Forstberuf wählen lassen. Zur Hochschule reichten erstens die Mittel nicht und zweitens auch nicht die Begabung des Jungen. In Gottes freier Natur fühlte sich der junge Bursch wohl und glücklich und überlegte nicht erst lange, daß eine mangelhafte Vorbildung ihn einmal an einer höheren Laufbahn hindern könnte. Dem Vater waren allerdings öfters Bedenken 268 gekommen. Allein der Junge verwarf sie alle und meinte fröhlich: »Gelt, Vater, die Hauptsach' ist doch, daß ich glücklich bin, und mein Leben muß schließlich ich selber leben. Also plag' mich nit lang mit dem Studieren und laß' mir meinen Willen!« Noch niemals hatte es ihn gereut, daß er Forstwart geworden war, bis zu dem Zeitpunkt, wo er sich sein junges Weib zur Frau genommen hatte und es einsehen mußte, daß er ihr wohl ein Heim bieten konnte, aber niemals eine Stellung. Und jetzt vertröstete er die einsame Frau wohl auf jene Zeit, wenn er Förster sein würde und sie ihr eigenes Häuschen besitzen würden . . . »Mitten im Wald . . . weißt du . . . wir beide ganz allein . . . wie ein König und eine Königin . . .« scherzte er dann und zog sie innig an sich. Und mit leisem Widerstreben schmiegte sich Frau Annemarie an den Gatten. Ganz allmählich erwachte in ihr ein Hunger nach dem Leben, nach Jugend und Geselligkeit, von denen sie noch so wenig gehabt hatte. Sie sehnte sich so gar nicht nach dem Königreich im einsamen Wald, von dem ihr Mann ihr so vorschwärmte . . . sie sehnte sich nach der Welt, nach einer freieren, schöneren Welt, als sie in Rabenstein zu finden war. 269 Damals, als der Notar mit dem Forstwart auf der Straße zusammentraf, war all die Verbitterung, die sich in der Seele des jungen Mannes aufgespeichert hatte, mit einem Male losgebrochen. »Sparen's die Müh', Herr Notar!« hatte der Forstwart ziemlich laut und erregt geantwortet. »Meine Frau und ich sind nichts für Gesellschaften, und in Ihre feinen Kreise werden wir ja doch nit aufgenommen. Und für die andern sind wir uns beide zu gut. Nix für ungut, Herr Notar! Hab' die Ehre!« Und höflich grüßend ließ er den Notar ziemlich verdutzt stehen. So war denn nichts mehr zu machen, und der Notar hatte die Hoffnung, die junge Frau Annemarie jemals näher kennenzulernen, schon beinahe aufgegeben. Bis ihm der Zufall zu Hilfe kam. Wenigstens hielt er für Zufall, was in Wirklichkeit weibliche Tücke und Schlauheit war. Die junge Frau Forstwart hatte eine alte Frau zur Bedienung, die stundenweise zu ihr kam, um ihr die groben häuslichen Arbeiten zu verrichten. Barbara hieß die Alte, war bucklig und klein, aber ganz ausgezeichnet für die Arbeit. Wenn es irgendwo im Städtchen besonders hoch herging, wenn man sich vor lauter Putzerei und 270 Reinemachen nicht mehr zu helfen wußte, dann holte man die alte Barbara draußen vor dem Stadttor. Und wenn die kam, dann ging alles gerade noch einmal so schnell. Auch die Frau Bezirksrichter nahm häufig die Hilfe der alten Barbara in Anspruch und war mit ihr stets sehr zufrieden gewesen. Ganz besonders schätzte sie aber die eine Tugend an ihr, daß die Alte im Grunde sehr verschwiegen war und nicht, wie es sonst die Putzfrauen zu machen pflegten, die Neuigkeiten der Stadt von einem Haushalt zum andern trug. So war es denn tatsächlich ein Zufall gewesen, daß die Bezirksrichterin durch die alte Barbara von dem Besuch erfuhr, den der Notar schon vor mehreren Monaten bei der Frau Forstwart gemacht hatte. Und auch daß er noch ein paarmal gekommen sei, aber nicht vorgelassen worden war, erfuhr die Frau Bezirksrichter durch einige geschickt gestellte Fragen. »Aber ich will beileib nix g'sagt haben . . .« meinte die alte Barbara treuherzig und fuhr sich mit der knochigen braunen Arbeitshand über den runzligen Mund. »Ich hab' mir nur mein Teil gedenkt über den Notar. Wissen's wohl, weil er iatz sogar mit der Forstwartin hätt' anbandeln wollen.« Die Frau Bezirksrichter tat, als interessierte sie die 271 Sache nicht im geringsten. In Wirklichkeit interessierte es sie aber sehr, und sie entwarf geschickt einen wahren Kriegsplan, um dem Notar einen Possen zu spielen. Zur Zeit, als die ersten Sitzungen wegen des bevorstehenden Ballfestes der Liedertafel tagten, machte sich die Frau Bezirksrichter auf den Weg, um endlich einmal der jungen Frau Forstwart ihren Besuch zu erwidern. Frau Annemarie war hocherstaunt, als sie die stolze Frau leibhaftig in ihrem Zimmer stehen sah. Sie überragte die Bezirksrichterin beinahe um Kopfeslänge und war fein und biegsam in ihren Bewegungen, während die Bezirksrichterin ihrer zierlichen Gestalt eine gewaltsam steife Haltung zu verleihen suchte. Die Frau Forstwart war ehrlich erfreut und bat im stillen die Bezirksrichterin um Verzeihung, daß sie auch gegen sie so manchen bittern Gedanken gehegt hatte. Die Frau war in Wirklichkeit gar nicht so stolz, wie sie sich den Anschein gab, fand Frau Annemarie. Sie glaubte ihr die Entschuldigung aufs Wort, daß sie eben so gar nicht zum Besuche machen komme. »Denn wissen Sie . . .« meinte die Frau Bezirksrichter . . . »wenn man fünf Kinder hat und das jüngste davon kaum zwei Jahre zählt, dann ist 272 man schon furchtbar angehängt im Haushalt. Und so oft ich mir's auch vorgenommen hatte . . . Jetzt gehst du aber zur Frau Forstwart . . . immer kam etwas dazwischen. Und eigentlich wollte ich Ihnen auch meinen Mann mitbringen . . . aber wissen Sie, Besuch machen, das ist so ein eigenes Kapitel bei dem. Sie entschuldigen ihn schon für diesmal, Frau Forstwart, nicht wahr? Und nehmen auch mit mir vorlieb?« Beinahe herzlich klang der Ton, in dem dies gesagt wurde, und Frau Annemarie wurde es auch ganz leicht und warm ums Herz. Es war eigentlich doch recht lange her, daß sie mit einer gebildeten Frau gesprochen hatte; und daß diese so lieb und freundlich zu ihr war, tat ihr ungemein wohl. Die beiden Frauen schienen sich auch ganz gut zu verstehen. Frau Annemarie erzählte der Bezirksrichterin von ihrer Jugend, von dem Heim, das sie bei der Tante gefunden hatte, und von dem einsamen Leben in der großen Stadt. »Und jetzt leben Sie womöglich noch einsamer, Sie arme Frau!« sagte die Bezirksrichterin bedauernd. »Ich fürchte, die Leute sind nicht nett zu Ihnen. Aber ein bissel sind Sie wohl auch selber schuld. Warum ziehen Sie sich eigentlich von allem zurück?« 273 »Wir drängen uns nicht gern in Kreise ein, in denen wir nicht erwünscht sind . . .« erwiderte die junge Frau, und trotz des bescheidenen Tones klang es stolz und abweisend. Die Bezirksrichterin sah aus ihren großen grauen Augen beobachtend zu der schlanken Frau auf. Dann preßte sie fest die Lippen aufeinander und erhob sich etwas steif und hoheitsvoll. »Dann werde ich Sie vielleicht auch nicht so bald bei mir zu sehen kriegen . . .« meinte sie bedauernd. »Denn sicher haben Sie mir meine Zurückgezogenheit übelgenommen.« »Oh, ich komme bald!« rief die junge Frau freudig. Sie war ja innerlich so froh darüber, daß sie kommen durfte, und vergaß ganz darauf, mehr Beherrschung zu zeigen. Sie litt doch recht unter der Einsamkeit. Mehr, als sie sich selber eingestehen mochte. »Dann kommen Sie nur sehr bald und auch recht oft. Denn sonst denke ich mir, daß Sie doch böse auf mich sind . . .« Freundlich hielt ihr die Bezirksrichterin die Hand zum Abschied hin, und ein beinahe gütiges Lächeln verschönte das sonst so strenge Gesicht der Frau. Seit dieser Zeit hatte sich eine Art freundschaftlichen Verhältnisses zwischen den beiden Frauen 274 entsponnen. Im Städtchen war man nicht wenig erstaunt über die Bezirksrichterin. Schließlich aber glaubte man den wahren Grund dieser merkwürdigen Freundschaft entdeckt zu haben. Frau Annemarie unterrichtete das älteste Töchterchen im Klavierspielen. Ganz ohne Zutun der Bezirksrichterin war das gekommen. Frau Annemarie hatte es selbst angeboten, und es machte ihr Spaß und regte sie an, eine talentierte Schülerin zu haben. Bei den Rabensteinern aber galt sie von nun an als die Klavierlehrerin von Bezirksrichters, was ihr gesellschaftliches Ansehen in keiner Weise erhöhte. Die Forstmeisterin nahm sich auch fest vor, gleich bei der nächsten Gelegenheit Frau Annemarie anzugehen, daß sie ihrer Elsa gleichfalls Unterricht erteilen möge. »Und wissen's . . .« meinte die Forstmeisterin eifrig zur Frau Doktor . . . »umsonst braucht sie's ja nit zu tun. Wir sind keine schäbigen Leut' und lassen uns nix schenken, und sie wird ein paar Gulden mehr im Haushalt auch recht gut brauchen können.« – – – Die Vorbereitungen zu dem großen Ballfest der Liedertafel schritten rüstig vorwärts, und das Interesse und die Erwartungen, die man in Rabenstein hegte, wurden immer gespannter. 275 Es sollte auch etwas geradezu Wundervolles werden. Schon der Titel allein! »Ein Fest im alten Rom« betitelte sich kühn die ganze Veranstaltung. Alle, die geladen waren, sollten als Römer und Römerinnen erscheinen. Es war kein Wunder, daß die Jugend des Städtchens nur mit hochklopfenden Herzen an dieses Fest denken konnte. Wer eigentlich den etwas sonderbaren Einfall gehabt hatte, ausgerechnet in Rabenstein ein Römerfest zu geben, war nicht mehr herauszukriegen. Tatsache war aber, daß bei einer der zahlreichen Sitzungen des Komitees irgendwer das verhängnisvolle Wort ausgesprochen hatte, das vom Notar sofort eifrig aufgegriffen worden war. Die Idee gefiel dem Herrn Notar. Sie erschien ihm als apart und stach von allen Vorschlägen, die bisher gemacht worden waren, bedeutend ab. Die eigentliche Urheberin aber war die Frau Bezirksrichter gewesen. Mit viel diplomatischem Geschick hatte sie die Sache angepackt. Nur gesprächsweise hatte sie der Doktorin so leichthin bemerkt, daß sie sich von dem Festabend der Liedertafel so gar nichts erwarte. »Du lieber Gott . . .« hatte sie seufzend gesagt . . . »was soll man denn auch in einem Nest wie Rabenstein sonderlich Großartiges arrangieren. Da waren 276 die Künstlerfeste, die ich in der Stadt mitmachte, ganz anders. Da gab's Bacchusfeste im alten Rom, dann eine Nacht in Athen . . . Das hatte Schwung. Schon die Kostüme allein, die die Leute trugen. Jede einzelne der Damen war eine Göttin oder zum mindesten eine Nymphe.« In dieser Weise schwärmte sie fort. Die Frau Doktor sah sich schon im Geiste als Nymphe mit dem Notar durch den großen Brauhaussaal tanzen. Sie fand die Idee äußerst geistvoll und trug eifrig zu ihrer Verbreitung bei. In einer ziemlich erregten Komiteesitzung hatte dann einer der Herren das inhaltsschwere Wort ausgesprochen, das von nun ab alle Gemüter in Rabenstein erfüllte und sie nicht mehr zur Ruhe kommen ließ. So blieb es denn dabei, und die Vorbereitungen wurden immer energischer in Angriff genommen. Die Damen der Stadt schneiderten an ihren Kostümen und machten, so gut es ging, auch die Tracht ihrer Eheherren zurecht. Sie ließen sich Bücher kommen mit Abbildungen von alten Römern und Römerinnen. Der Buchhändler hatte schon lange nicht mehr so viele Bestellungen aufzuweisen gehabt, wie in dieser Zeit. Es war verwunderlich, was für einen Bildungsdrang die Damen von Rabenstein auf einmal entwickelten. 277 In besonders schwierigen Fällen wurde der Notar zu Rate gezogen. So beim Kaufmann Zollner, der zugleich Bürgermeister der Stadt war. Herr Zollner, ein noch jüngerer Mann, verfügte über eine ganz ungewöhnliche Körperfülle, die selbst in Rabenstein, wo die Menschen zumeist nicht unterernährt aussahen, Aufsehen erregte. Für den Bürgermeister war die Kostümfrage, wie es schien, durchaus keine leichte Sache. Er beriet sich mit seiner Frau hin und her und kam endlich zu dem Entschluß, dem Notar die Angelegenheit vorzulegen. Denn lächerlich machen wollte und konnte er sich schon seiner Stellung wegen nicht. Der Notar wußte Rat. »Herr Bürgermeister,« rief er fröhlich, »Sie sind direkt geschaffen zum Bacchus! Denken's nur den Bauch, den Sie haben! Ausgezeichnet, sag ich Ihnen!« Dabei versetzte er ihm einen derben Schlag auf den ansehnlichen Körpervorsprung, den der Bürgermeister, der nicht sehr groß war, durch's Leben schleppen mußte. Herr Zollner war absolut nicht so begeistert von dem Vorschlag wie der Notar. »Ich und ein Bacchus?« meinte er gedehnt und fuhr sich bedächtig mit der Hand über den dunkeln Vollbart. »Das geht doch nit. Da kann ich doch bloß ein Hemd anziehen!« sagte er beinahe verzagt. 278 »Sind's froh, daß Sie nur das anhaben!« lachte der Notar ausgelassen. »Es wird Ihnen ohnedies schwül genug werden beim Tanz. Außerdem können's ja auch noch eine Hosen darunter anziehen. Das verwehrt Ihnen kein Mensch!« fügte er scherzhaft hinzu. Und so geschah es auch. Angetan mit einem weißen Hemd aus feinster Wolle, erschien der Bürgermeister von Rabenstein beim Fest der Liedertafel. Ein grüner Kranz aus steifen Papierblättern umrankte das edle Haupt des Stadtvaters. Die Blätter fielen ihm so dicht auf die Stirn, daß sie ihm das Sehen erschwerten und er sich äußerst unbehaglich fühlte. Es sah beinahe aus, als hätte er statt eines lustigen Bacchuskranzes sich einen Grabkranz aufsetzen lassen. Schon das Gesicht allein, das der Bürgermeister dazu schnitt, war mehr für ein Begräbnis als für ein heiteres Fest im alten Rom geeignet. Überhaupt dieser Kranz . . . das war ganz entschieden eine unglückselige Idee vom alten Bacchus gewesen. Der Bürgermeister hätte den Kranz viel lieber vollständig fortgelassen. Aber der Notar fand, daß so was durchaus nicht anginge. Zu einem richtigen Bacchus gehöre auch ein richtiger Kranz auf dem Kopf. So hatte sich denn der Bürgermeister dareingefügt 279 und alle Qualen, die ihm der Kranz auferlegte, auf sich genommen. Und das waren keine geringen Qualen. Die eckigen Spitzen der Blätter stachen den hochroten wulstigen Nacken des Bürgermeisters, kitzelten ihm auf ganz gemeine Weise die Ohren, so daß er gezwungen war, allerhand komische Gesichter zu schneiden. Dabei rutschte ihm der verfluchte Kranz immer tiefer über die Augen. Eine Zeitlang erduldete das Stadtoberhaupt mit heroischem Mut diese Pein. Dann schob er den Kranz in einem Anflug der Verzweiflung energisch aus der Stirn. Dadurch zerstörte er jedoch den sorgfältig gezogenen Scheitel und zerraufte sich das schwarze Haar. Bis das eigentliche Ballfest begann, sah der Schädel des Bürgermeisters aus wie der Kopf eines betrunkenen Zigeuners. Alle Haare durcheinander, teils zerrupft und teils zu Berge stehend. Das kam aber nur von dem fortgesetzten verzweifelten Kampf, den der Bürgermeister mit seinem Kranz auszufechten hatte. Sonst sah er als Bacchus tadellos aus. Das wallende weiße Wollhemd stand ihm großartig. Die Arme waren nicht nackt, wie der Notar geraten hatte, sondern züchtig verhüllt durch die Ärmel eines fleischfarbigen Trikothemdes, das der Bacchus unter dem Wollenhemd angezogen hatte. 280 Die Rabensteiner sollten es deutlich sehen, daß er auch unterhalb vollständig bekleidet war. Deshalb trug er auch, für alle sichtbar, unter dem weißen wallenden Gewand die pechschwarze Hose eines Frackanzuges mit Bügelfalte. Da man aber zu einer Frackhose nicht gut bloßfüßig oder in Sandalen laufen kann, hatte Herr Zollner auch noch ein Paar ganz neuer und hellglänzender Lackstiefeletten angezogen. Stolz hielt der Kaufmann seinen Einzug in den festlich beleuchteten Ballsaal beim Bräu. Seine Gattin, als vornehme Römerin gekleidet, mit langen goldenen Ohrgehängen und schwerem Schmuck, führte er am Arm. Neidisch stießen sich die Damen heimlich an. Die Doktorin fand es geradezu impertinent, daß die ehemalige Kellnerin es sich herausnahm, als vornehme Römerin zu gelten. Die Herren waren anderer Meinung und fanden, daß Frau Zollner reizend aussehe. Der Notar, gleichfalls in einem Bacchuskostüm, aber ohne Frackhose, steuerte sofort auf die hübsche Frau zu, um ihr ein paar Artigkeiten zu sagen. Der große, langgestreckte Saal beim Bräu war heute wunderbar verändert. Die braunen Tische und Stühle waren verschwunden, und an ihrer Stelle ragten mit künstlichen Blumen und Blättern 281 umwundene Säulen zu dem nicht sehr hohen Plafond empor. Die Fenster waren verdeckt worden, und mit viel Geschick hatte man Kulissen angebracht, die einzelne Teile von Bauten des alten Rom darstellten. Nur konnte man als Ganzes genommen keinen rechten Eindruck gewinnen, ob das Fest als Straßenfest gedacht war: oder sich in einem gedeckten Raum abspielen sollte. Das fiel aber den Rabensteinern weiter nicht sonderlich auf. Es störte sie auch gar nicht, daß große elektrische Lampen ohne jede Verkleidung den Raum erhellten und so die Errungenschaft von zwei Jahrtausenden ins alte Rom verpflanzten. Die Rabensteiner waren zufrieden, daß alles so schön und eigenartig aussah, und ließen sich beobachtend auf den Sitzen nieder, die an den beiden Längsseiten der Wände angebracht waren. Sorgfältig achteten sie auf jeden neu ankommenden Gast. Die Doktorin als zierliche Nymphe verzog beleidigt den kleinen Mund . . . denn ausgerechnet die Frau Tierarzt hatte neben ihr Platz nehmen müssen und sprach jetzt in einemfort auf sie ein. Die Frau Tierarzt wäre im Grund genommen gar keine so üble Frau gewesen. Aber die Doktorin fühlte 282 sich stets und zu jeder Zeit durch ihre Anwesenheit beleidigt. Das kam daher, weil sich die Tierärztin gleichfalls von den Leuten Frau Doktor nennen ließ. Ein Titel, der ihr nun einmal nicht zukam und der eine offene Benachteiligung der wirklichen Frau Doktor, der Gattin des rechtmäßigen Stadtarztes bedeutete. Machen konnte man natürlich gegen solche Taktlosigkeiten gar nichts. Es hieß Würde bewahren und die Frau Tierarzt ostentativ bei ihrem Familiennamen ansprechen. Vielleicht würde sie es doch einmal begreifen, daß sie keine wirkliche Frau Doktor war. Aber die Tierärztin begriff das auch heute nicht und fühlte sich ganz im Gegenteil neben der kleinen zarten Frau Doktor äußerst wohl und behaglich. Sie lachte und nickte grüßend von einem zum andern und flüsterte der Doktorin kleine boshafte Bemerkungen ins Ohr, daß diese wohl oder übel mitlachen mußte. Die Tierärztin hatte sich heute in eine Göttin verwandelt, während ihr Gatte, ein guter Fünfziger, einen römischen Krieger darstellte. Er war lang und hager und hatte ein so bleiches kränkliches Gesicht, das ein rötlich blonder, jetzt schon stark ergrauter Bart umrahmte, daß er sich eigentlich für jede andere Rolle besser geeignet hätte als für einen römischen Krieger. 283 Seine Gestalt war leicht nach vorne gebeugt, die eckigen Schultern waren eingezogen, so daß er aussah, als ob der blitzende Helm viel zu schwer für den müden Kopf sei und er ihn schier zu erdrücken drohte. Ganz einfach und schlicht sah die Bezirksrichterin aus. Ein Sklavenmädchen im grauen unscheinbaren Hemd, schwarze Sandalen an den mit rosa Strümpfen bekleideten Füßen. In ihrer Schlichtheit wirkte sie am besten und echtesten unter den Damen; denn diese hatten es zum größten Teil nicht unterlassen können, sich mit modischem Schmuck zu behängen. So trug die Doktorin als Nymphe große Brillantohrringe, und das blaßgrüne Kleid wurde am Halsausschnitt durch eine auffallend große goldene Brosche festgehalten. Das hätte vielleicht nicht gar so stilwidrig gewirkt, wenn das Stück nicht zufällig eine echte Biedermeierbrosche gewesen wäre, ein Familienstück, auf das die Frau Doktor ganz besonders stolz war. Auch sonst war die Doktorin nicht ganz echt als Nymphe. Aber daran trug lediglich ihr Mann die Schuld. Er verbot ihr ganz kathegorisch, sich der Welt als »halbnacketes Weibsbild« . . . wie er sich ausdrückte . . . zur Schau zu stellen, und befahl ihr, an dem losen, leichten, ätherisch blaßgrünen Gewand 284 lange Spitzenärmel anzubringen und den Halsausschnitt nur ganz wenig zu markieren, so daß die arme kleine Frau eher mit einer zufällig grüngekleideten Nonne Ähnlichkeit besaß als mit einer Nymphe. Auch richtige Tanzschuhe hatte sie anziehen müssen statt, wie sie sich das so schön im Geiste ausmalte, ihre reizenden weißen Füße nackt bewundern zu lassen. Die Doktorin war eine zarte, helle Blondine von weichen Formen und einer beinahe durchsichtig feinen Haut. Eigentlich sah sie aus wie eine Puppe; denn auch das Gesichtchen hatte etwas von dem starren, unbeweglichen Ausdruck einer solchen. Ehe Frau Annemarie in die Stadt gekommen war, hatte die Doktorin ganz entschieden dem Notar am allerbesten gefallen. Jetzt freilich war das anders geworden. Aber davon wußte die Doktorin ja nichts. Auch die Frau Adjunkt gehörte noch zu den jungen Damen der feineren Gesellschaft. Und die Frau Adjunkt war auch eine ganz hübsche Frau. Sie war beinahe ebenso hellblond wie die kleine Doktorin, nur viel größer und auch robuster. Die Frau Adjunkt setzte heute ein ganz besonders hochmütiges Gesicht auf. Ihrer Ansicht nach fing ein ordentlicher Mensch überhaupt erst beim Beamten an . . . Die Gesellschaft, in der sie sich heute zu 285 bewegen hatte, war also durchaus nicht standesgemäß und daher auch nicht nach ihrem Geschmack. Wenn sie mit der Frau Bezirksrichter sprechen durfte, dann fühlte sie sich so ganz in ihrem Element. Sie hatte dann ein beinahe demütiges Benehmen, was ihr die ehrliche Verachtung der Bezirksrichterin eintrug. Die Bezirksrichterin wußte es denn auch so einzurichten, daß sie sich die Frau Adjunkt möglichst vom Halse hielt. Die Adjunktin bemerkte das nur zu deutlich, und es erfüllte sie mit mächtiger Wut und verstecktem Ingrimm. Eigentlich hatten alle, wie sie so beieinander versammelt waren, irgendetwas gegeneinander einzuwenden. Ganz ehrlich war keiner mit dem andern. Sie waren freundlich und zuvorkommend und hatten doch das Gefühl, daß sie sich im Grunde genommen etwas vergaben, indem sie von dem Piedestal ihrer sozialen Stellung herabstiegen und sich mit den andern in ein vielleicht zu liebenswürdiges Gespräch einließen. Der Bezirksrichter fühlte sich als die vom Kaiser zu oberst eingesetzte Gewalt. Keiner in der Stadt hatte ihm etwas zu sagen oder vorzuschreiben. Es war somit wohl zu verstehen, daß er sich im Lauf der Jahre, die er nun schon in der kleinen Stadt hatte zubringen müssen, für eine Art Halbgott hielt. 286 Die Würde, die er am heutigen Abend als römischer Tribun zur Schau trug, war nicht gespielt, sondern entsprach durchaus jener Würde, die er sich für gewöhnlich angeeignet hatte. Sie erdrückte den etwas derb und breitspurig auftretenden Mann schier mit ihrer Wucht. Der große Ballsaal beim Bräu füllte sich immer mehr mit Gästen. Die Herren, meist alle als edle Römer gekleidet, sonderten sich von den Frauen ab und überließen diesen die Sitze an den Wänden. Es kamen der Sattlermeister mit Frau, Tochter, Sohn und dessen Braut und die Angehörigen der Braut. Und was für Menschen das waren! Die Forstmeisterin überrieselte es eiskalt bei dem Anblick, und mit ängstlichen Mienen schaute sie geschwind zur Bezirksrichterin hinüber, um zu ergründen, wie diese sich wohl zu den seltsamen Gästen verhalten würde. Die Bezirksrichterin hatte Takt. Das mußte ihr selbst der Neid lassen. Mit keiner Miene verriet sie, daß ihr diese Leute ganz besonders wider den Strich gingen oder daß sie dieselben anders fand wie die übrigen Gäste. Und doch waren sie anders und stachen selbst in dieser stark gemischten Gesellschaft recht merkwürdig ab. 287 Eines der schwierigsten Probleme, die es für das Vergnügungskomitee zu überwinden gegolten hatte, waren gerade diese Leute gewesen. Die Sattlermeisterin war mit Energie darauf bestanden, daß ihre zukünftige Schwiegertochter und deren Angehörige gleichfalls zu dem Fest eingeladen wurden. Der ehrsame Jakob Niederwieser, der Vater der Braut, war einmal ein Viehhändler gewesen, während seine Frau viele Jahre eine kleine Greislerei betrieb. Durch Fleiß und Geschick hatten die beiden sich ein recht ansehnliches Vermögen erworben. Jetzt freilich lebte Jakob Niederwieser mit seiner Frau und Tochter recht behaglich von den Zinsen dieses Vermögens, das einmal sein einziges Kind erben sollte. Daß die Sattlermeisterin darauf bedacht war, ihren zukünftigen Verwandten ja keine Kränkung widerfahren zu lassen, war eigentlich selbstverständlich. Ebenso selbstverständlich aber war es, daß sich alles im Städtchen gegen den Eintritt dieser Leute in die gute Gesellschaft wehrte. Sogar der Notar, der in solchen Dingen sehr tolerant zu denken pflegte, sträubte sich innerlich gegen den einstigen Viehhändler. Aber die Sattlermeisterin blieb dennoch Siegerin. Vielmehr der Tenor ihres Mannes, ohne den die Liedertafel von Rabenstein vorderhand nun einmal nicht 288 zu denken war, ging aus dem Kampf als Sieger hervor. Die Sattlermeisterin hatte gedroht, daß ihr Mann sofort aus der Liedertafel austreten würde, wenn die Schwiegereltern des Sohnes und dessen Braut nicht gleichfalls eine Einladung zu dem Ballfest erhalten sollten. Das hatte gewirkt. Wohl oder übel mußte man da nachgeben, und der Notar hatte es auf sich genommen, den heftigen Widerstand der Damenwelt zu brechen. Jetzt standen diese Menschen, ängstlich und verwirrt dreinschauend, eng aneinander gepreßt in einer Ecke des Saales, wie Ausgestoßene; denn kein Mensch kümmerte sich um sie. Die Sattlermeisterin war aber nicht gesonnen, am heutigen Abend so gar keine Rolle zu spielen. Ganz im Gegenteil gedachte sie erst justament der »hochnasigen Sippschaft zu zeigen . . . daß andere Leut auch wer seien, nit grad' nur die Beamten . . .« Die Sattlermeisterin als Römerin sah drollig aus. Immerhin wirkte sie gegen die einstige Viehhändlerin äußerst vornehm. Sie war eine stattliche Frau, sehr üppig in den Formen, und nahm sich in der hochroten Tunika aus wie ein mit grellrotem Tuch umwickeltes Bierfaß. Ihre Frisur hatte sie sich nach Art 289 der Japanerinnen zurechtgemacht. Ähnlich wie sie waren auch die übrigen Familienangehörigen gekleidet. Die Viehhändlerin und einstige Greislerin hatte ein dünnes, stark ergrautes Rattenschwänzchen von Haar straff aus der Stirne gekämmt. Ein hochroter Rosenkranz verschönte die nicht mehr jugendliche Stirn. Ihre Tochter, welche die zukünftige Gemahlin des Sattlermeisters junior werden sollte, trug zu der römischen Tracht eine echte Rokokoperrücke, was jedenfalls ungemein apart wirkte. Die Sattlermeisterin besaß eine sehr hübsche Tochter, welche die Herrenwelt auch am heutigen Abend einigermaßen mit der Anwesenheit der Mutter und ihres Anhanges aussöhnte. Ein junges, frisches Ding, gut gewachsen, mit rassigem Gesicht und hellen Augen. Dabei eine blühweiße Haut, die seltsam abstach zu dem dunkeln Haar des Mädchens. Die Männer schauten auch öfters mit unverhohlener Bewunderung auf die junge Römerin, was den Damen, denen so etwas nicht entging, Anlaß gab, kleine bissige Bemerkungen zu machen. Aber keiner der Herren der besseren Gesellschaft hätte es gewagt, sich auch nur ganz kurz mit dem jungen Mädchen zu unterhalten. 290 Geduckt und schüchtern stand der römische Sattlermeister an der Seite seiner gewichtigen Ehehälfte. Es war ihm äußerst unbehaglich zumute, und er sehnte schon den Augenblick herbei, wo man sich zum Gesang aufstellte, mit dem das eigentliche Fest eröffnet werden sollte. »So stell' dich doch nit so!« gebot ihm seine Frau mit ihrer lauten Mannesstimme, daß es alle hören konnten. »Geh' . . . tu, was der Brauch ist. Schau, daß du den Notar findest. Der soll ein bissel hergehen zu uns. Wir wollen auch eine Unterhaltung haben. Nit grad' so dastehen und die Mäuler aufsperren.« Recht unbeholfen und ungeschickt stand der Viehhändler da. Jede Miene in seinem Gesicht verriet, wie ungemütlich er sich in seiner Rolle fühlte. Man hatte ihn als römischen Zensor angezogen, und es hatte aller Überredungskunst von seiten der Frauen, insbesonders der Sattlermeisterin bedurft, daß er überhaupt gekommen war. Jetzt, wie er mit seinen schweren Sonntagsstiefeln angetan auf dem glatten Parkett des Saales stand und keinen Moment wußte, wann er zum allgemeinen Gaudium hinpurzeln würde, wünschte er sich vom ganzen Herzen weit, weit fort von da. 291 Mißmutig brummte er seiner Alten ins Ohr: »Da hätt' i denn doch lieber a Dutzend wild g'wordene Stier' zusammentrieben oder in an Fackenstall übernachtet, als daß i da einergangen wär'. Nit mit zehntausend Ochsen bringst du mich noch amal zu so a Maskeradi. Das ist doch gar nix für an ordentlichen Christenmenschen. A ausg'schamte Komödie ist's, weiter nix!« Noch eine Überraschung sollte der feineren Gesellschaft von Rabenstein am heutigen Abend zuteil werden und sie in nicht geringe Aufregung versetzen. Der Forstwart und seine junge Frau waren erschienen. Sie waren fast die allerletzten der Gäste gewesen. »Unerhört!« zischte die Doktorin empört. »Wer mag denn die eingeladen haben?« »Sie sind ja nicht einmal Mitglieder der Liedertafel, wie mein Mann das ist!« sagte die Frau Adjunkt beleidigt. Die Forstmeisterin sperrte nicht nur die Augen, sondern auch den Mund auf und ließ ihn eine ganze Weile offenstehen. So verwundert war sie. Dann stotterte sie ganz hilflos: »Ja . . . Ja . . . was wird denn da die Frau Bezirksrichter sagen?« Die Tierärztin war die erste unter den Damen, die sich fassen konnte. Sie wußte auch gleich eine 292 plausible Erklärung für diese unerhörte Anmaßung zu finden. »Die Frau Bezirksrichter?« meinte sie wichtig und senkte ihre Stimme zum heisern Flüsterton herab. »Die Frau Bezirksrichter?« wiederholte sie dann nochmals bissig. »Der verdanken wir's ja, die ganze Suppen. Natürlich, wenn man von die Leut umsonst Klavierunterricht annimmt, dann muß man sich's auch g'fallen lassen, daß sich so was einem auch öffentlich aufdrängt.« »Meinen's wohl, daß sie's umsonst tut?« frug die Forstmeisterin interessiert. Die Betonung lag aus dem »sie« und hatte etwas ungemein Geringschätziges an sich. »Natürlich tut sie's umsonst. Und die Bezirksrichterin ist froh drum, sag' ich Ihnen. Mit fünf Kinder . . . ich bitt' Ihnen!« Mitleidig zog sie ihre Achseln in die Höhe und überließ es den andern, sich auszumalen, wie armselig im Grunde genommen es eigentlich bei den Bezirksrichterischen zugehen mußte. Der Scharfsinn der Tierärztin war wirklich bewunderungswürdig. Denn tatsächlich ging die Bezirksrichterin sofort auf das junge Paar zu und geleitete Frau Annemarie freundlich zu einem Sitz in ihrer nächsten Nähe. 293 Die Gesellschaft war sprachlos, am sprachlosesten der Notar, dem das Erscheinen der Forstwarts genau so unerwartet kam wie den übrigen. Er war so freudig überrascht von dem Kommen des jungen Paares, daß er am liebsten gleich zu Frau Annemarie gegangen wäre, um ihr einen schwungvollen Willkommgruß zu entbieten. Aber das ging mit Rücksicht auf die paar Dutzend Frauenaugen, die ihn sicherlich argwöhnisch beobachtet hätten, nicht gut an. So begnügte er sich denn vorderhand, der jungen Frau eine tiefe Verbeugung aus der Ferne zu machen, welche diese mit Zurückhaltung erwiderte. Von jetzt ab schien der Notar wie umgewandelt. Es kam Leben und Frische in ihn, und ein paarmal lachte er in der Gruppe der Herren, bei denen er stand, derart laut und ausgelassen auf, daß alle Damen verwundert nach ihm schauten. Geschäftig eilte er dann hin und her, so daß das weiße wallende Bacchushemd nur so um ihn flatterte. Die Damen fanden, ohne daß sie es einander eingestehen wollten, daß der Notar als Bacchus bildhübsch aussehe und eigentlich immer so gekleidet gehen müßte. Er hatte regelrechte Sandalen an den nackten Füßen, die den Damen zart und weiß erschienen wie Frauenfüße. 294 Von Gruppe zu Gruppe eilte der Notar, scherzte und lachte und stieß dann wieder unvermittelt einen seiner musikalischen Töne aus, durch die er in Rabenstein schon eine gewisse Berühmtheit erlangt hatte. Dann wandte er sich der Damenwelt zu, in erster Linie natürlich der Frau Bezirksrichter. Es ging strenge zu nach Ordnung und Rang in Rabenstein. »Gnädigste Frau, darf ich mir erlauben, Sie um die erste Tour zu bitten?« frug der Notar die Bezirksrichterin galant und mit demütiger Bescheidenheit. Dabei konnte er es nicht unterlassen, einen forschenden Blick auf die junge Frau Forstwart zu werfen, die neben der Bezirksrichterin saß. Die Bezirksrichterin bemerkte den Blick, und ein boshaftes Aufleuchten aus ihren großen grauen Augen hätte den Notar eigentlich warnen müssen, etwas vorsichtiger zu sein, wenn er überhaupt darauf geachtet haben würde. Aber der Notar achtete weiter gar nicht auf die Bezirksrichterin, sondern wandte sich so rasch es ging ihrer Nachbarin zu . . . »Darf ich um die dritte Tour bitten, gnädige Frau?« Frau Annemarie schaute verwundert auf. Das war eine Auszeichnung, die sie nicht erwartet hatte. Leicht errötend nickte sie dem Notar zu. So kurz der 295 Vorfall war, er wurde doch beinahe von der gesamten Damenwelt beobachtet. Die kleine Doktorin fragte sich eifersüchtig, ob der Notar wohl zuerst mit dieser Person tanzen würde. Aber dann würde sie ganz bestimmt Nein sagen. Eine derartige Zurücksetzung würde sie sich niemals gefallen lassen. Sie brauchte nicht lange zu bangen; denn mit kühnen Schritten kam der Notar auf sie zu und bat um die Gunst der zweiten Tour, die ihm auch huldvollst gewährt wurde. Dankend zog der Notar die zierliche Hand der Doktorin an seine Lippen und hauchte einen zarten Kuß darauf. Der Notar verstand sich tatsächlich auf die Frauen. Aller Argwohn, der für kurze Zeit die Seele der kleinen Frau vergiftet hatte, war geschwunden, und glückstrahlend schaute sie zu dem Notar auf. Jetzt hatte der Notar seine Sängerschar um sich gesammelt. Im großen Kreis umstanden sie ihn, die Römer, Zensoren, Soldaten und Götter, die weißen Notenblätter in den Händen und mit ungeheuer wichtigen Mienen gespannt auf den Augenblick harrend, wo sie ihre Lieder mit voller Kraft in die Hallen des alten Roms schmettern durften. Das Gesumme und Getöse der vielen sprechenden 296 Stimmen verklang und wich einer fast atembeklemmenden Stille. Lied um Lied erschallte. »Die Wacht am Rhein« tönte zu den Abbildern der alten Gemäuer von Rom empor. »Und wer hat dich du schöner Wald aufgebaut so hoch da droben?« folgte dem neckischen Lied »Als wir jüngst in Regensburg waren . . .« Andächtig lauschten die Damen den gesanglichen Leistungen der Männer. Die Sattlermeisterin saß sehr selbstbewußt zwischen ihrer Tochter und Schwiegertochter und warf triumphierende und schadenfrohe Blicke um sich. Denn hell und weich und in seltener Reinheit des Tones erklang die Stimme ihres Gatten. »Siehst, was die Adjunktin für a G'sicht macht!« flüsterte sie boshaft ihrer Tochter zu und stieß diese etwas derb mit dem Ellenbogen an, um ihre Aufmerksamkeit zu erregen. »Der Neid frißt sie halt, weil's nit ihr Mann ist, der so schön singen kann, sondern der Vater. Der Adjunkt hat ja überhaupt koa Stimm' nit!« meinte sie verächtlich. »Der kräht ja nur so wie a besserer Gockel.« Das Gespräch, das im Flüsterton begonnen hatte, wurde halblaut fortgeführt. Nachdem ungefähr ein halbes Dutzend Lieder verklungen waren, wurde das Ballfest durch den Notar und die Frau Bezirksrichter eröffnet. 297 Der Herr Bezirksrichter tanzte mit der Forstmeisterin und gab sich redliche Mühe, die schwerfällige Frau von der Stelle zu bringen. Jede aus den Reihen der Damen hatte ihren Partner gefunden. Nur Frau Annemarie war ganz allein sitzen geblieben. Keiner hatte sie für diese erste Tour geholt, keiner hatte sich um sie gekümmert. Und doch war Frau Annemarie die schönste Frau im Saal. Sie trug eine Art Phantasiekostüm, ein ägyptisches Sklavenmädchen darstellend. Das Kostüm paßte ganz ausgezeichnet zu ihrer eigenartigen Schönheit. Die Bezirksrichterin hatte ihr dazu geraten und auch keine Ruhe gegeben, bis Frau Annemarie ihr versprach, bestimmt zu dem Ballfest zu kommen. Nur widerwillig hatte der Forstwart den Bitten seiner Frau nachgegeben, und nur nachdem sich die Bezirksrichterin ausdrücklich verpflichtet hatte, daß sie sich der jungen Frau annehmen wolle, war sein Widerstand gebrochen worden. Als Frau Annemarie jetzt so einsam und verlassen auf ihrem Platze saß, reute sie es fast ein wenig, daß sie gekommen war. Mit einer Art Sehnsucht schaute sie nach dem Gatten aus, um den sie sich in der letzten Stunde gar nicht gekümmert hatte. Sie war 298 wie im Traume dagesessen, hatte das Ungewohnte auf sich wirken lassen und an nichts gedacht. Jetzt sah sie eifrig nach den Tanzenden, in der Hoffnung, unter den wirbelnden Paaren auch ihren Mann zu entdecken. Der Forstwart hatte sich um eine Partnerin umgesehen und tanzte flott mit der hübschen Tochter des Sattlermeisters. Die dritte Tour brachte die Sensation des Abends. Der Notar führte die Frau Forstwart am Arm. Das war unerhört. Die Forstmeisterin bekam beinahe einen Ohnmachtsanfall. So empört war sie. Denn diese dritte Tour hätte von Rechts wegen der Notar mit ihr tanzen müssen. Entrüstet entwand sie sich dem Arm ihres Tänzers und ließ diesen verblüfft stehen. Dann eilte sie auf ihren Gatten zu, der gerade mit der Frau Tierarzt tanzte, und zog ihn gewaltsam aus dem Wirbel. »Du . . .« sagte sie keuchend . . . »Ich muß mit dir reden.« Ihr Gesicht war hochrot vor Zorn, und dicke Tränen der Wut standen ihr in den Augen. »Ich bitt' dich, mach' keine Szene . . .« sagte ihr Mann nervös. Er hatte Angst, daß ihm der Unwille der Gattin gelte, und fürchtete sich vor einem öffentlichen Skandal. »Was ist denn passiert?« 299 forschte er dann, indem er sich geschickt zwischen den tanzenden Paaren durchschob. »Der Notar tanzt mit der Forstwartin!« stieß sie wütend hervor. »Mit der Forstwartin!« wiederholte sie mit Nachdruck und sah erwartungsvoll zu ihrem Gatten auf. Sie hoffte, daß ihr Mann gleichfalls entrüstet sein werde. Der aber blieb seelenruhig und meinte gemütlich in seinem tiefen Baß: »Nu ja . . . warum denn nit? Sie ist ja ganz sauber.« »Was?« Zischend kam es von den Lippen der Forstmeisterin. »Was? Und das sagst du? Ja, hast denn du gar keine Ehr' im Leib? Ja, weißt denn du gar nit, was mir die antut? Mich setzt der Notar zurück. Verstehst! Mich! Die Forstmeisterin! Deine Frau! Ja, Mann, Mensch . . .« Immer lauter wurde die Frau Forstmeister, so daß sich in ihrer nächsten Nähe schon Leute versammelten und zuhörten. Dem Forstmeister wurde es peinlich. »Ja, ja, ich versteh' schon!« beruhigte er seine Frau. »Sei nur ruhig . . .« meinte er begütigend. »Auf der Stell' geh' ich nach Haus!« erklärte die Frau Forstmeister zornig. »So was lass' ich mir nit bieten. Ich lass' mich nit zurücksetzen. Ich . . .« 300 Der Forstmeister hatte seine liebe Not mit seiner besseren Ehehälfte. Sie wäre wirklich auf und davon gelaufen, wenn nicht zufällig der Doktor dazugekommen wäre. Die beiden Herren hatten große Mühe, die Forstmeisterin zu überreden, daß sie noch weiter dablieb. In der Zwischenpause wurde dann das Ereignis eifrig besprochen. Einstimmig stellten sich die Damen auf die Seite der Forstmeisterin. Es war und blieb unerhört, und dem Notar hätte man so was niemals zugetraut. »Eigentlich müßte man ihn bestrafen!« meinte die Frau Adjunkt. Die Damen pflichteten ihr bei und nahmen sich vor, heute auch nicht eine einzige Tour mehr mit dem Notar zu tanzen. Der Notar bemerkte gar nicht, was er angerichtet hatte. Er war so selig, daß er Frau Annemarie hatte im Arm halten dürfen . . . und sein Glücksgefühl teilte sich unwillkürlich der jungen Frau mit. Auch sie sah nicht die jetzt haßerfüllten Blicke der Damen. Sie fühlte nur, daß sie jung war, daß ihr Blut rascher durch die Adern lief wie sonst und daß sie schön sein mußte. Der Notar hatte es ihr leise zugeflüstert und ihr dabei tief in die Augen geschaut. 301 Es kamen noch andere Tänzer, die Frau Annemarie aufforderten. Der Bezirksrichter tanzte mit ihr und der Adjunkt, der Doktor und der Bürgermeister, der Postmeister und der Steuerverwalter . . . aber am häufigsten tanzte der Notar mit ihr. Das war schließlich schon so auffällig, daß es sogar der bürgerlichen Gruppe der Damen merkwürdig vorkam. Die Sattlerin teilte es der Viehhändlerin mit. »Hast nit g'sehen? Der Notar ist ja ganz verschossen in die. Dös vergönn' i den hochnasigen Weibsbildern. Grün und gelb sollen's werden vor Wut. Recht g'schieht ihnen!« sagte sie ganz laut. Der Notar hatte sich heute Abend nun schon die zweite Abfuhr von der kleinen Doktorin geholt und hatte darob nicht einmal ein unglückliches Gesicht gemacht. Die Tierärztin hatte es deutlich gehört, wie der Notar nach der zweiten Ablehnung fröhlich ein Liedchen vor sich hinsummte, und zwar sang er das vielsagende Lied . . . »Wenn i mei Diandl halsen tu . . . druckt sie die Augerln zu . . . Sie tut, als wenn sie schlafen tat . . . und i hals' sie fein stad . . .« Der Doktorin hatte das Lied sicher nicht gegolten. Also hatte er an die andere gedacht, an diese hergelaufene Person, die nicht hereinpaßte in diese feinen Kreise. Es war wirklich empörend! Um so 302 empörender, weil diese hergelaufene Person sich heute entschieden zu dem Stern des Festes aufschwang. Die Herren tänzelten und scherwenzelten in einer Weise um sie herum, daß sogar die Bezirksrichterin, die bis jetzt standhaft zu ihr gehalten hatte, allmählich von ihr abschwenkte. Wenigstens bekümmerte sie sich jetzt mehr um die übrigen Damen und sprach sogar der Frau Forstmeister ihr Bedauern aus über das taktlose Vorgehen des Notars. »Das tut mir aber tatsächlich leid, liebe Frau Forstmeister . . .« sagte sie . . . »und eigentlich bin ich schuld daran; denn ich habe die hübsche Frau bei uns eingeführt. Aber sie tat mir so leid. So jung und so hübsch! Kein Wunder, daß sich der Notar so rasend in sie verliebt hat!« fügte sie entschuldigend hinzu. Die Doktorin fühlte, wie es ihr heiß in die Kehle stieg, und die Frau Adjunkt empfand einen schmerzhaften Stich in der Herzgegend. Es tut so unsäglich weh, wenn man die Schönheit einer andern Frau so preisen hört. Die Tierärztin meinte anzüglich . . . »daß es wohl gut sei, wenn's bei dem einen bliebe . . . denn die Person scheine ja gemeingefährlich zu sein, weil sie alle Männer anzöge!« »Den meinen nicht!« konstatierte die Forstmeisterin 303 mit Genugtuung. Und in der Tat war wohl der Forstmeister der einzige aus der besseren Gesellschaft, der sich von der jungen Frau fernhielt. Er tat es wohl nur lediglich aus dem Grunde, um seine Frau nicht zu ärgern und einen Skandal vor den Leuten zu vermeiden. Denn dafür kannte er seine Frau, daß sie im Zorn maßlos werden konnte und auf Bildung und Würde vergaß. Frau Annemarie war wie umgewandelt. Sie lachte und scherzte in einer Weise, daß ihr Mann öfters besorgt nach ihr ausschaute. So hatte er seine Frau noch gar nie gesehen. Langsam kriegte er es dann mit der Eifersucht zu tun und zog es vor, sich in ein anderes Zimmer zu begeben, wo sich ein Teil der Gesellschaft bei Wein und Bier und vorzüglichem Essen gütlich tat. Und Frau Annemarie tanzte. Sie tanzte wie toll und flog von einem Arm in den andern. Heiß gerötet waren ihre Wangen, und ihre dunkeln Augen glühten. Und immer, wenn sie im Arm eines andern Tänzers davonflog, freute sie sich auf den Moment, wo sie wieder mit dem Notar im wirbelnden Rhythmus den Saal durchsausen würde. Einmal in einer Pause, in der Frau Annemarie von einem Kreis von Verehrern umgeben dasaß, ging 304 der Notar ins Nebenzimmer, um dort Bekannte aufzusuchen. Er hatte es, nachdem er nicht nur von der Doktorin, sondern auch von den andern Damen der Reihe nach einen Korb erhalten hatte, eingesehen, daß er für heute bei der Damenwelt in Rabenstein in Ungnade gefallen war. Draußen im Nebenzimmer ging es auch hoch her. Da saß der Sattlermeister und seine Familie und der Kaminkehrer Müller mit seiner Ehehälfte und viele andere. Als der Notar zufällig an dem Tisch vorbeiging, an dem die Sattlerischen saßen, zupfte ihn die Sattlerin vertraulich am Ärmel und lud ihn ein, doch ein Weilchen bei ihr Platz zu nehmen. »Wissen's, Herr Notar . . .« meinte sie bescheiden . . . »wir sein einfache Leut. Aber das müssen's doch zugeben, daß mein Mann ein großer Sänger ist?« »Aber Alte . . . Alte . . .« machte der Meister verlegen und wurde tatsächlich rot wie ein Schulmädel. »Wie kannst grad' so was sagen?« meinte er vorwurfsvoll. »Was wahr ist . . . ist wahr!« beharrte die Meisterin. »Wir sein bescheidene Leut, Herr Notar . . . aber mein Mann ist . . .« 305 »Ein ganz patenter Sänger!« rief der Notar fröhlich. »Unsere beste Kraft . . . die Zierde der Liedertafel von Rabenstein! Hoch! Hoch! Hoch!« Frohgemut stieß der Notar sein Weinglas, das er sich hatte von der Sattlerin füllen lassen, an das Glas des Meisters. Er mußte mit allen anstoßen, die am Tische waren. Mit dem einstigen Viehhändler und dessen Gattin und mit dem Rauchfangkehrer samt Gemahlin. Der Viehhändler hatte sichtlich schon über den Durst getrunken. »Weil's gleich ist, Herr Notar . . .« sagte er mit schwerer Zunge. »Wissen's . . . i und mein Weib . . . wir passen nit einer in die noble G'sellschaft. Aber wir haben a Geld, gelt, Alte.« Er zwickte seine Frau in die Seite, daß sie laut aufschrie. »Gib a Ruh', Mann! Du hast an Rausch!« mahnte sie. »Ah, na, na! I bin ganz nüchtern. Grad' dös G'wand, dös paßt mir nit. Dös tut mich völlig a bissel kratzen.« Und ungeniert kratzte sich der Mann da, wo es ihn zu beißen schien. Der Sattler machte ein verlegenes Gesicht. Die Sattlerin lenkte die Aufmerksamkeit des Notars geschickt ab. »Trinken's doch, Herr Notar! Trinken's! Wissen's, wir sein einfache Leut . . . 306 aber wir vergönnen an Menschen was. Wann's einem bei uns schmeckt, dann g'freut's uns.« Die hübsche Tochter kam am Arme eines Tänzers zu flüchtigem Besuch zu den Eltern. Sie begrüßte den Notar und entfernte sich dann wieder schleunigst, um ja nichts vom Tanz zu versäumen. Wohlgefällig schaute ihr die Mutter nach. »Jetzt schauen's amal, Herr Notar, wie sich der Mensch ändern kann!« erzählte sie dann. »Grad' so sauber wie meine Tochter, grad' so bin i auch amal g'wesen. Schauen Sie's grad' an. Koa Fleckerl am Hals oder auf die Arm'. Und grad' a so weiß wie da, so ist sie abi und abi . . .« erzählte die Frau naiv weiter. »Wissen's, wenn sie so einer sehen könnt' . . . im Hemmet . . . i mein', er könnt' si döcht nimmer halten.« Vertraulich stieß die Sattlerin den Notar mit dem Ellenbogen an, während der Viehhändler in ein dröhnendes Gelächter ausbrach. Seine Frau schlug ihm kräftig auf die Schulter! »Alter!« mahnte sie. »Du hast an Rausch!« »Ah, na, na!« meinte der lallend. »I lach' lei !« Der Kaminkehrer kam mit seinem Weinglas angerückt. »Zum Wohl, Herr Notar! Das ist a Leben!« 307 rief er mit seiner volltönigen Baßstimme. »Wir wollen alle leben! Wir sein Menschen! Soziale Unterschiede gibt es nimmer heutzutage. Das ist unmodern. Das ist rückständig. Schauen Sie mich an. Ich bin Rauchfangkehrermeister!« Breitspurig, mit gespreizten Beinen pflanzte er sich vor dem Notar auf. So wie er da stand in seiner römischen Toga, hatte er blutwenig Ähnlichkeit mit einem Rauchfangkehrer. »Schauen Sie meine Frau an. Als Dienstmädchen bedienstet habe ich sie geheiratet. Ich . . . der Rauchfangkehrermeister Müller . . .« Der Notar hielt es für geraten, sich eiligst und ohne Abschied zu entfernen. Das Gespräch nahm Formen an, die ihm persönlich höchst peinlich waren. Draußen im Saal lockte die Musik. Auf dem Wege zu dem Saal überlegte der Notar einen Augenblick, ob die Liedertafel nicht doch eine übereilte Gründung war. Mit einem Male, während er an den Tischen vorbeiging, stiegen ihm diese Bedenken auf. Mit einer feinen Gesellschaft hatte der größere Teil der Gäste wenig gemeinsam. All die Zeit her war ihm das nicht aufgefallen. Er hatte in einem wahren Taumel gelebt und sich nur über seine Gründung gefreut. Nun kam die Erkenntnis, aber nicht die Reue. Denn gerade die 308 Liedertafel war es ja, die ihm die Geliebte in die Arme geführt hatte. Der Notar nannte Frau Annemarie im Geiste schon seine Geliebte. Er fühlte ihr Erglühen; und mit größerer Kühnheit, als er es bisher gewagt hatte, preßte er jetzt beim Tanze, den er mit ihr angetreten hatte, die biegsame Gestalt der jungen Frau. Frau Annemarie atmete erregt, als sie an die Brust des hochgewachsenen Mannes gelehnt durch den Saal flog. »Wir sollten eigentlich gehen!« sagte die Frau Adjunkt zur Bezirksrichterin. »Ein Affront wäre das einzig richtige.« »Meinen Sie?« Hochmütig sah die Bezirksrichterin zu der Adjunktin auf. »Dann gehen Sie doch. Mich ärgert Frau Annemarie nicht . . .« sagte sie anzüglich. »Ich gönne ihr das Vergnügen, und dann will ich doch noch das Preislied hören. Der Notar hat uns ein Preislied versprochen.« Es war Tatsache. Den Abschluß des Festes sollte ein Preislied bilden. Der beste Sänger sollte von der schönsten Frau, der Königin dieses Abends einen Kranz erhalten. So war es bestimmt gewesen, und so sollte es auch eingehalten werden . . . fand die Bezirksrichterin. 309 Jede der Damen hatte sich im Geiste schon als Ballkönigin gesehen, und die Doktorin hatte es sich so schön ausgemalt, wie sie dann vor allen Leuten dem Notar den Kranz huldvollst aufs Haupt drücken würde und wie er zu ihren Füßen knien und ihr dankend die Hand küssen würde. In jener zarten, ritterlichen Art, die sie besonders liebte. Sie hatte sich so gefreut darauf die kleine Frau. Und nun freute sie sich gar nicht mehr. Sie wußte, daß sie heute nicht die Ballkönigin sein würde, und kämpfte eigentlich schon längst mit den Tränen. Die ganze Tanzerei machte ihr keinen Spaß. Das getraute sie sich aber beileibe nicht einzugestehen, um von den andern nicht durchschaut zu werden. So blieb sie denn ohne Widerspruch, obwohl sie viel lieber nach Haus gegangen wäre. Auch den andern erging es ähnlich. Aber sie blieben alle und warteten das Preislied ab. Es war keine kleine Sache für den Notar, daß er zu so später Stunde noch seine Schaar zusammentrommelte. Die Mitglieder der Liedertafel von Rabenstein waren zum größten Teil in schon recht angeheiterter Stimmung. Nach vieler Mühe gelang es dem Notar aber doch, seine Römer um sich zu versammeln. Im großen 310 Kreise standen sie um ihn, mit müden blinzelnden Augen und erhitzten Gesichtern. Die Damen hatten wieder ihre alten Sitze eingenommen. Nur Frau Annemarie saß auf einer Art Thronsessel, den man ihr errichtet hatte, am Ende des Saales. In einem wahren Triumphzug hatte man die Frau Forstwart zu dem Sitz gebracht, nachdem sie jubelnd und einstimmig von den Herren zur Königin gewählt worden war. Stolz und aufrecht saß sie da, einen grünen Lorbeerkranz in den feinen Händen. Sie hatte nur einen Blick. Das war auf den Notar. Und ein seliges Lächeln schwebte um ihren feinen Mund. Der glühte und lockte purpurrot, und die Herren, die nicht mitsangen und wie Trabanten ihren Thron umstanden, beugten sich näher zu ihr herab, um einen Blick aus diesen schönen Augen zu erhaschen. Das alles sahen die Damen der Stadt mit blaßgelben Gesichtern. Und die Bezirksrichterin sah noch mehr. Sie sah, wie es kommen würde. und ihr Gesicht nahm einen sehr selbstbewußten und zufriedenen Ausdruck an. Der Chor des Preisliedes begann. Einzelne Solis wurden gesungen. Der Sattlermeister sang und der Notar, der Bürgermeister und der Adjunkt, der 311 Rauchfangkehrer und der Doktor. Sie taten ihr Bestes, so gut es eben noch gehen wollte. Aber am schönsten sang . . . darüber waren sich alle einig . . . nach wie vor der Sattlermeister Eberl. Er hatte sich nüchtern gehalten, und seine Stimme klang hell und rein. Dann kam der Doktor und dann der Adjunkt. Der Notar sang, wie er gewöhnlich zu singen pflegte. Er sang schmetternd, aber ohne jedes musikalische Empfinden und ohne Reinheit der Töne. Leise flüsterten sich die Damen ihr Urteil zu. Auch die Damen der bürgerlichen Gesellschaft hielten mit ihrer Meinung nicht zurück, nur daß ihr Beifall lauter klang als auf der andern Seite und daß sie ganz ungeniert die Namen riefen, die sie ausgezeichnet haben wollten. Alle blickten erwartungsvoll zu Frau Annemarie. Diese saß leicht nach vorwärts gebeugt da und sah mit heißem Blick auf den Notar. Langsam näherten sich die Solisänger ihrem Thron, um aus ihrer Hand den Kranz zu empfangen. Der Sattlermeister, der Doktor, der Bürgermeister, der Notar, der Adjunkt und der Kaminkehrer Müller. Nur einen Augenblick zauderte Frau Annemarie. Dann erhob sie sich. Gespannt waren aller Augen auf sie gerichtet. 312 Hoch hielt die junge Frau den Kranz empor. Dann beugte sie sich gegen den Notar, der ihr zu Füßen sank, und drückte ihm mit leichter Hand den Kranz aufs Haupt. Eine atemlose Stille herrschte im Saal. Dann hörte man plötzlich ein »Ah!« Es klang wie ein Zischen und kam von den blassen Lippen der Doktorin. Der Notar beugte sich tief über die Hand der jungen Frau und küßte sie lange . . . so lange, daß der Adjunkt und der Doktor dem Paare plötzlich den Rücken wandten und ihre Frauen aufsuchten. Verlegen stand der Sattlermeister da und schaute verwundert auf den Rauchfangkehrer. Er war ehrlich erstaunt darüber, daß nicht er den Kranz erhielt. Man hatte ihn ja immer als Sänger so gelobt. Warum gab ihm die junge Frau dann nicht den Kranz? Der Rauchfangkehrer zwinkerte mit einem Auge und sah schlau zu seinem durchgefallenen Kollegen herab. »Kannst nix machen!« sagte er dann. »Dös ist halt amal so!« Dann schob er den Arm des Sattlermeisters unter den seinen und führte den Meister seiner Frau zu. Fast fluchtartig verließ die Gesellschaft den Festsaal. So schnell und überstürzt, daß man nicht einmal mehr 313 darauf achtete, wie die Sattlerin in allen Tonarten auf den Notar und die »ausg'schamte Person« zu schimpfen begann. Man achtete auch gar nicht weiter auf den Notar und auf die Frau Forstwart. Inmitten des großen Saales befanden die beiden sich jetzt ganz allein. Schon wollte der Notar seinen Arm um die Taille der jungen Frau legen, als er von kräftiger Hand zurückgestoßen wurde. »Jetzt g'hört sie noch mir!« rief der Forstwart zornig und mit lauter Stimme. »Und wer sie anrührt . . . die Kugel wär' mir zu schlecht für den!« fügte er drohend bei. »Derdreschen tu ich dich . . . dich . . .« rief er aufgebracht und drang wütend auf den Notar ein. Der lief, so schnell er konnte, davon und suchte Schutz in der Finsternis der Nacht . . . So endete das schöne Fest der Liedertafel von Rabenstein. Aber es hatte noch ein Nachspiel. Wie ein Geächteter schlich der Notar wochenlang im Städtchen herum. Kein Mensch kümmerte sich um ihn, und keiner dankte ihm freundlich für den Gruß. Frau Annemarie schloß sich einsam in ihre Wohnung ein und weinte sich beinahe die Augen aus. Es gab Zank und Streit in dem stillen Heim; und Frau 314 Annemarie sehnte sich danach, daß der Notar zu ihr kommen würde, um ihr ein gutes Wort zu sagen. Das fiel diesem aber gar nicht ein. Wie eine Ernüchterung war es über ihn gekommen. Die allgemeine Kaltstellung, deren er sich nun erfreute, hatte das bewirkt. Es wollte auch gar nicht mehr vorwärts gehen mit der Liedertafel. Der Bezirksrichter war im Verein mit dem Bürgermeister zu dem Notar gekommen und hatte es ihm nahegelegt, die Vorstandschaft niederzulegen. Bereitwillig hatte der Notar beigestimmt. Er wußte, daß es ohne ihn nicht gehen würde in Rabenstein. Und so war es auch. Erst war der Doktor Vorstand geworden und dann der Adjunkt. Aber es gab kein Zusammenhalten mehr, und der Verein wurde nach Jahresfrist aufgelöst. Zur selben Zeit, als der Forstwart seine Versetzung erhielt, um die er angesucht hatte. Er kam nach einem andern, noch kleinern Nest. Ob Frau Annemarie ihr ganzes Leben dort würde aushalten können? . . . Die Damen glaubten es nicht, und die Bezirksrichterin lächelte nur sein, wenn man sie um ihre Ansicht fragte. 315 Sie hatte nach jenem Ballfest die junge Frau ganz brüsk fallen lassen und sie nie wieder empfangen. Eigentlich tat ihr Frau Annemarie leid. Sie hatte nichts gegen die junge Frau, die ihr Opfer geworden war . . . ein Mittel, den verhaßten Notar im Städtchen unmöglich zu machen. Das war ihr gründlich gelungen. Der Notar sehnte sich fort von Rabenstein und strebte seine Versetzung an. Es dauerte auch gar nicht geraume Zeit, bis es ihm gelang, ein anderes Notariat zu finden.