Anselma Heine Der Zwergenring Erzählung aus Goethes Jugendland   Margarete Schurgast zugeeignet   Kapitel I »Von Werten, die wir zu würdigen verstehen, tragen wir einen Keim in uns selber.« Der Einzug Ganz Straßburg atmete auf, als am 7. Mai des Jahres 1770 gegen Mittag endlich der ewige Regen aufhörte und die Sonne, wenn auch noch blaß und schwächlich, durch den Nebel hindurchschaute. Denn in wenigen Stunden sollte die reizende Marie Antoinette von Österreich, seit drei Tagen dem französischen Kronprinzen vermahlt, auf ihrem Wege nach Paris durch Straßburg kommen, um hier beim ersten Schritt in ihr künftiges Königreich festlich begrüßt zu werden. Seit dem frühen Morgen schon waren die Straßen angefüllt von Leuten, die unter ihren Regenschirmen, mit Verwandten und Freunden breit eingehenkelt, umherzogen und alle Vorbereitungen für den Einzug mit Neugier, Bewunderung und Ängsten betrachteten: Würde nicht alles durchweicht und unansehnlich sein, noch ehe Maria Theresias verwöhnte Tochter es zu sehen bekam? Jetzt war auch diese Sorge behoben, und die Straßburger konnten sich ungehindert ihrer Erwartung eines glänzenden Schauspiels hingeben. Eilig wurden noch die Verzierungen an den Häusern angebracht, die sich nicht in den Regen hinausgewagt hatten, Teppiche herausgehängt, die Straßen frisch mit Grün und Blumen bestreut; auf den Plätzen schüttelten die Zelte, in denen abends die Würstchen zur Volksspeisung gebraten werden sollten, sich die Tränen ab und begannen zu glänzen; die Fähnchen trockneten, wurden leicht und flatterten. Alles sah lustig aus und erwartungsvoll. Und jetzt beginnen die Glocken des Münsters ihr machtvolles Zwölf-Uhr-Läuten. Dann mischt sich St. Stefan ein, Jung St. Peter, Alt St. Peter; und zu den katholischen Stimmen gesellt sich mit ernstem Rhythmus die protestantische St. Thomaskirche und die neue Kirche des protestantischen Gymnasiums. Wie ein Netz von Klängen wirft es sich über die alte Stadt. Trutziges Dröhnen, vereint mit lockendem Gesang. Ganz so wie drunten die wuchtigen, kantigen Türme der mittelalterlich deutschen Zitadelle um die graziösen welschen Bauten der Franzosen stehn. Die Glocken haben ausgeläutet. Je weiter die Zeit vorrückt, um so lebhafter wird das Gedränge in den Hauptstraßen und auf den Plätzen, durch die der Zug kommen soll. Da die Straßen für Fuhrwerk verboten sind, sieht man Kavaliere und Damen der Gesellschaft, die sonst nur in Wagen oder Portechaisen sich fortbewegen, vorsichtig und ein bißchen hochmütig über das feuchte Pflaster stelzen, um sich zu den Freunden zu begeben, bei denen sie zur Schau geladen sind. Mancher weißseidene Strumpf bekommt da einen Schmutzfleck, manche Schleppe einen Rand. Die Damen haben ihre hohen Puffenfrisuren und winzigen Hütchen zu schützen vor den herabbaumelnden Beinen der Buben, die sich an Vorsprüngen und Schnitzwerk der alten Giebelhäuser eingenistet haben und da droben lärmen wie ungeduldige Spatzen. Sie beneiden die schleppenlosen Faltenröcke der Bürgermädchen, die sich in ihren Schoßtaillen und farbigen Brokatschürzen auf schwarzen Stelzenschühchen zierlich fortbewegen und recht gut wissen, wie hübsch ihnen das gestickte Häubchen am Hinterkopf und das helle Brusttuch steht. Und jetzt strömen die Landleute der Umgegend in die Stadt hinein. Sie bringen ein durchaus deutsches Bild in das städtische Gemisch von elsässischer Tradition und neuer Pariser Mode hinein. Die Männer tragen zum langen dunkeln Rock die bunte Weste, die Kappe und blaue oder rote Strümpfe unter ihren samtnen Kniehosen. Die Frauen mit breitem Faltenrock, enggeschnürter dunkler Taille und rotem Brustlatz segeln in ihren großen seidenen Schürzen, die Hände vor dem Magen wie in der Kirche, andächtig daher; die Töchter tragen die schwarze, kleidsame Elsaßschleife über dem reichen Haar, das ohne Puder und Locken in dichten Flechten um den Kopf liegt. Sie würden es unanständig finden, ihr Haar nach Pariser Art zu türmen. Immer zahlreicher ist der Zuzug der Landleute jeder Art. Sie kommen in Postkutschen, Leiterwagen, Einspännern, Halbchaisen, Korbwägelchen, in eleganten Schloßkutschen. Dazwischen alte, geräumige Landkarossen, denen man es ansieht, daß sie nur bei ganz seltenen Gelegenheiten aus der Remise gezogen werden. Vor dem Steintor sind provisorische Ausspannungen entstanden, Bretterverschläge für Pferde und Wagen. Denn die Einfahrt in die Stadt ist verboten. Die drei Unterstände dort aber sind bereits überfüllt, und bei jedem neuen Ankömmling spielen sich dramatische Szenen ab zwischen Torwächtern und Abgewiesenen, die je nach ihrem Temperament verzweifeln oder wüten, Ein Betrunkener belästigt alle mit wüstem Schimpfen. Einer hat das Messer gezogen und fuchtelt wild umher. Eben rumpelt ein altertümliches Gefährt schwerfällig und harmlos in das lärmende Getriebe dort hinein. Auf dem Bock sitzen zwei. Die Zügel hält ein etwa dreizehnjähriger rotwangiger Knabe, ehrbar wie ein kleiner Erwachsener gekleidet, der nun anhält und zwischen dieser aufgeregten Menge vergebens versucht, seine Ratlosigkeit unter einer pompösen Miene zu verbergen. Sein Gefährte, ein blasser, ernsthafter Jüngling in schwarzem Kandidatenrock, macht gleichfalls ein bedenkliches Gesicht. Auch die beiden gutgenährten, aber betagten Schimmel wenden mißtrauisch die Köpfe gegen die schreienden und herumfuchtelnden Menschen. Dergleichen sind sie nicht gewöhnt draußen in ihrem stillen Sesenheim, wo sie meist nur Heu und Korn und Mist fahren. Oder pflügen. Sonntags spannt dann der Knecht sie ans Korbwägelchen, damit der gute Pfarrer Brion seine Gemeinden in den entfernteren Kirchdörfern besuchen kann. Und manchmal geht es, heidi, in den Wald, zum Rhein, auf irgendein Landgut in der Nähe. Lustige junge Leute, die lachen und singen und die Pferde streicheln. Dies hier aber gefällt ihnen nicht! »Verboten durchzufahren!« Der Torwächter streckt die Hellebarde vor, mit einer Bewegung, in der ganz Frankreich befiehlt. In der französischen Uniform aber steckt ein gutmütiges Elsässergesicht. Wagt es einer daraufhin, dennoch mit seinem Wagen hindurchzuflitzen, so kriegt er den dazugehörigen echten Elsässer Zorn zu spüren. Das Fünffrankenstück, das ihm ein gräflicher Lakai in die Hand gesteckt hat, wirft der Soldat zu Boden und spuckt darauf. Inzwischen ist der Knabe vom Kutscherbock heruntergeklettert, hat die Zügel in die schmalen zarten Hände des Kandidaten gelegt, tritt nun wie ein kleiner Held vor den Torwächter und erklärt ihm mit heftiger Beredsamkeit: er sei der Christian Brion. Hinein in die Stadt müsse er mit dem Wagen. Es sei verabredet, bei dem Onkel Schöll auszuschirren, der Ratsherr sei. Und also doch wohl in der Stadt ein Wörtchen mitzusprechen habe? Er bläht sich wie ein kleiner Truthahn und kommt sich sehr wichtig vor. Aber der Wachtsoldat lacht nur: »Ah, guckmal, dem Pfarrer Brion sein Jüngster seid Ihr? Euch hab' ich noch in Kamisölchen und Hemdzipfel in Sesenheim auf dem Anger umherlaufen sehen. Und mit den Mamsells habe ich in der Schule gesessen. Vor sechs Jahren hat Pfarrer Brion mich eingesegnet.« »Seid Ihr's, Jakob Klein?« Die Stimme tönt aus dem Wagen heraus wie ein silbernes Glöckchen. Und nun entläßt die dunkle Kutsche ein Mädchen, hell wie der Frühlingstag selber, in den sie hinaustritt. Eine süße Heiterkeit liegt auf ihrem zartfarbigen Gesicht mit den strahlend blauen, großen Augen. Und als sie nun in die volle Sonne tritt, leuchtet ihr Haar, das sich an den Schläfen anmutig lockt und in vielgewundenen Flechten um den schmalen Kopf gelegt ist, wie eine Goldhaube über der klaren Stirn. Die Leute ringsum blicken, mitten aus ihrem Unmut heraus, freundlich auf das liebliche Geschöpf. Sie machen ihr sogar Platz, als sie mit ihrem leichten, liebenswürdigen Schritt auf den Wachtsoldaten zugeht: »Grüß Gott, Jaköble. Und habt Ihr nicht bald Urlaub, daß man Euch wieder einmal in Sesenheim sieht? Euer Vetter Schorsch Klein in Drusenheim wartet schon lang auf Euch. Und unser Bärbel hat sich noch immer keinen andern Schatz angeschafft.« Jakob Klein lachte über das ganze Gesicht. Unwillkürlich trat er ein bißchen zur Seite. Als aber jetzt Christian in die Hände klatschte: »Wir dürfen durch!«, wurde die Miene des Soldaten plötzlich streng und dienstlich. »Verboten durchzufahren«, rief er scharf. Die Brions sah er gar nicht mehr an. »Er hat recht,« sagte Friederike zu Christian, dem Tränen der Wut in die Augen traten, »er ist halt doch Elsässer Blut und kein galanter Franzos.« Mit ein paar Schritten war sie am Wagen und sprach hinein. Beschwichtigend. Erklärend. Wieder öffnet sich der Schlag der alten müden Kutsche. Eine feurige Brünette springt mit einem Satz heraus, etwas älter als die Blonde. Sie guckt mit ein paar kecken Augen um sich und fängt sogleich zu schelten an: ›Was denn das für Zustände seien hier? Stundenlang habe man zusammengepreßt gesessen und nun solle man wohl gleich wieder umkehren?‹ Sie brachte das so komisch heraus, daß die Umstehenden lachten. Derweil hatte sich auch der Kandidat eilig vom Bock herunterbegeben, als müsse er dem jungen Mädchen noch nachträglich aus dem Wagen helfen. Die lacht. »Wenn ich auf Sie hätte warten wollen, lieber Marx!« Die beiden sind miteinander versprochen. Sobald der junge Theologe eine Stelle hat, wird Verlobung und Hochzeit gefeiert werden. Denn »zu einer Pfarre gehört sich eine Knarre«, sagt das nicht sehr höfliche Sprichwort. Salome Brion oder, wie sie meist genannt wird, »das Sälmel« sieht in ihrer enggeschnürten Miedertaille, schneeweißem Brusttuch und grünseidnem Faltenrock mit schwarzer Schürze bunt und frisch aus wie ein Apfel. Gleich nach ihr ist ein etwa 14jähriges Mädchen ausgestiegen, das ein wenig schwächlich aussieht. Die eine Schulter ist höher als die andere, was ihr ein mühseliges Ansehen gibt. Sie jammert: »Mein linkes Bein ist mir eingeschlafen. Geh her, Friederike, führ' mich ein bissel. Wie mit lauter Nadeln sticht's da drinnen.« Friederike ist schon bei ihr. »Armes Sophiele! Wirklich eingeschlafen?« Sie schüttelt sanft den hingestreckten Fuß. »Wach' auf, wach' auf!« »Du mußt fest darauf treten,« sagt sie dann tröstend, »wirst sehn, dann geht's.« Und es geht wirklich. Ganz zuletzt ist noch die Mutter ausgestiegen, schlank und wohlgewachsen wie Friederike, aber ohne deren lichte Freundlichkeit in Miene und Bewegung, Etwas Gemessenes, beinah Hochmütiges lag in der Art, wie sie sich in ihren Schal wickelte, als wolle sie die Berührung mit diesen Menschen hier vermeiden. Sie hielt ernstlich Rat mit Marx, was man wohl tun könne? Ihre reichgarnierte Haube sowie das dunkle Seidenkleid hatten etwas Vornehmes. Das Sälmel, jetzt ganz übermütig, lachte über alles. Während Marx und Christian dann in der Nähe Umschau hielten nach einer Unterkunft für Kutsche und Pferde, packte Friederike die mitgebrachten Erfrischungen handlicher, so daß man sie im Pompadour gut unterbringen könne. Sie war keinen Augenblick aus ihrer heiteren Gelassenheit geraten. »Sieh da,« sagte sie plötzlich lächelnd, »da kommt schon die Rettung. Ich sehe den Vetter Gottlieb, der uns sucht. Er wird sicher Rat wissen.« Salome geriet sogleich außer sich vor Freude, riß ihr Taschentuch hervor und schwenkte es wie ein Schiffbrüchiger. Auch die Mutter winkte lebhaft. Jetzt hatte der Vetter sie entdeckt, wand sich zu ihnen durch und begrüßte sie wie erlöst. »Endlich! Seit einer Stunde laufe ich hier schon herum und gucke nach Ihnen. Die Eltern mit den Schwestern sind nach dem Metzgertor gegangen, um den Zug gleich zu sehen, wenn er da durch die Ehrenpforte kommt. Aber ich hatte keine Ruh. Immer mußte ich dran denken, daß Ihr hier draußen festsitzt und womöglich zu allem zu spät kommt.« Frau Brion warf einen wohlgefälligen Blick auf den stattlichen Neffen, der breitschultrig und mit prallen Waden dastand wie das Bild der Gesundheit. Zu Friederikens 18. Geburtstag neulich hatte er bei den Eltern um sie angehalten. Aber der Vater hatte gemeint, das Riekchen sei noch viel zu jung zum Heiraten. Die Mutter hatte ihn dann beiseitegenommen und ihn auf später vertröstet. Einen besseren Schwiegersohn als diesen braven, tüchtigen Menschen, der wie ein Herr auf seinem kleinen Pachtgut saß, hätte sie sich gar nicht wünschen können. Freilich, Friederike war zart und zur Landwirtschaft wenig geeignet. Aber hatte sie selbst sich nicht auch erst in das Landleben und in die Mühen der großen Wirtschaft hineinfinden müssen? Ihr Mann freilich hätte sein Riekchen am liebsten unter eine Glasglocke und in den Zierschrank gestellt! Mit seiner Frau hatte er nie so viel Umstände gemacht! Der verdrossene Zug um den Mund der überarbeiteten Frau wurde schärfer. Langsam kamen sie vorwärts. Die Straßen hier draußen sahen wenig festlich aus. Erst als man sich der inneren Stadt näherte und über die Kanalbrücke nach dem Broglieplatze durchdrang, sah man Girlanden und Teppiche an den Häusern, Lichte an den Fenstern zur abendlichen Illumination und an den prächtigeren oder wichtigeren Gebäuden die Lämpchenreihe, die nach Dunkelwerden die Fassade in Flammen nachziehen sollte. Alles Zukunftsschönheiten, bei denen man sich nicht weiter aufhält. Lustiger ist der Anblick in den Hauptstraßen, wo erwartungsvolle Damen auf den schmalen Altanen der Patrizierhäuser Platz genommen haben, dicht aneinander gereiht. Ihre buntstrahlenden Krinolinenkleider schwingen langsam hin und her. Wie große seidene Glocken sehen sie aus, die man da zur Begrüßung aufgehängt hätte. Die Köpfchen der Damen aber mit ihrem gewaltigen Federschmuck erscheinen von unten wie Wolken-Engel zwischen weißen Schwingen. »Man hätte sich ebenfalls sollen ein bissele mehr nach der Mode anziehn«, sagte das Sälmel verdrießlich, »wie eine Magd sieht man aus gegen die da oben.« Aber Friederike meinte: »Wir sind hübsch genug, so wie wir sind! Das französische Zeug steht uns nicht. Es ist so unnatürlich.« »Und wir sind ja hergekommen, um zu sehen; nicht um gesehen zu werden!« fügte Marx hinzu, der immer ein bißchen lehrhaft war. Auf einmal schreit das Sophiele laut auf: »Sie kommen, sie kommen!« Ein einzelner Reiter, wunderschön auf glänzendem Pferd, das unter seinem Purpursattel mit gebeugtem Nacken dahersprengt, ist aus irgendeinem Grunde in der freigelassenen Baum-Allee des Broglie erschienen. Er verschwindet im Tor des Rathauses. »Sie kommen!« schreit das junge Ding noch einmal. Christian gibt ihr einen ärgerlichen Schubs. Er ist ganz rot geworden. So fest packt er sie am Arm, daß es kneift und sie »Au« sagt. Aber die Menge glaubt dem kleinen Mädchen. Sie setzt sich gegen den Dom des Bischofschlosses in Bewegung. Dort wird die Dauphine heute wohnen. Bis dorthin wird der Zug ihr feierliches Geleit geben. Die Brions und ihre beiden Kavaliere werden geschoben, festgekeilt und wieder vorwärtsgestoßen. Alles in jener seltsam stummen und aufgeregten Art, wie sie einer wartenden zahlreichen Menge eigen ist. Jetzt stehen sie an einen der Weinbrunnen geklemmt; ein Delphin, aus dessen Nüstern der Wein sprudeln soll. »Delphin heißt auf französisch Dauphin«, erklärt Marx den beiden Jüngsten. »Das habt ihr doch in der Schule gehabt?« Sie sagten beide »Ja«, wußten aber von nichts. Dagegen lasen sie mit Hingebung die Verse, die an Urnen und Säulen aufgemalt waren. Christian las: »Frohlocket ihr Bürger, Dauphine kömmt an, Bestreuet mit Kränzen Die ebene Bahn.« Gottlieb hatte Friederike zu einem Schmucktempelchen geführt, auf dem ein Genius thronte, der ein feuerrotes Herz mit gelben Flammen am Arme hängen hatte. »Mein Herz ist einem Nur allein geweiht«, stand da. »Nur meinem Bräutigam, deß Liebe mich erfreut.« »Gefällt Ihnen das, Vetter?« fragte Friederike. »Ich mag's nicht leiden, wenn die Empfindungen des Herzens so fest müssen vorherbestimmt werden am Hochzeitstage wie die Reihenfolge der Tänze. Mich dünkt, das müsse alles ganz von selber kommen.« Sie unterbrach sich wie erschreckt. »Wer ist das?« fragte sie, auf einen Trupp junger Leute blickend, der, die Menschenmauer durchbrechend, vorbeikam. Studenten schienen es zu sein. Aber von sehr verschiedenem Alter, Anzug und Gebaren. Friederike sah nur den einen, dessen großes Feuerauge sie gestreift hatte. Sie hätte über sein Gesicht nichts aussagen können, so flüchtig nur war es ihr zugewandt. Aber da er nun weiterschritt, die junge, biegsame Gestalt mit freien, ungestümen Schritten tragend, meinte sie nie etwas Lebendigeres gesehen zu haben. »Wer ist das?« fragte sie noch einmal. Zu gleicher Zeit löste sich aus dem Trupp, der weiterschritt, eine schmächtige Gestalt heraus und bewegte grüßend den Hut, den er in der Hand trug. Er kam heran. Gottlieb faßte den unscheinbaren kleinen Menschen bei den Schultern: »Bonjour, Vetter Weyland. Auch unterwegs? Das ist recht.« Die Mutter gab ihm die Hand. Ob er denn nicht bald einmal wieder nach Sesenheim käme? Das Giebelstübchen sei immer bereit für Gäste. »Mit wem sind Sie denn hier, Vetter?« fragte Salome. Und Friederike erkundigte sich zum dritten Male: »Ja, wer ist das?« »Mein Mittagstisch. Fast lauter Mediziner, Studiengenossen. Nur der Große, Schöne da in der Mitte ist ein Jurist. Aus Frankfurt; wohlhabender Leute Kind. Und ein Besonderer, sag' ich euch. Goethe heißt er.« »Er sah aus wie ein recht unternehmender Mensch«, bemerkte Marx. »Ist er auch. Immer den Kopf voll Anschläge. Über seine Streiche kommt man aus dem Lachen nicht heraus. Und dann wieder redet er Dinge, daß man Maul und Nase aufsperrt. Ein Geist voll Feuer mit Adlersflügeln.« »Ei, ei,« meinte Gottlieb, der den stillen Vetter gern neckte, »der Weyland redet auch schon Geniedeutsch, wie es jetzt in den Almanachen Mode sein soll. Und dein Goethe dichtet wahrscheinlich ebenfalls?« »Geraten. Verse, soviel du willst. Auch Theaterstücke. Alles aus dem Leben herausgegriffen. Grade als wäre die ganze Welt ein Bilderbuch für ihn, aus dem er abschreibt. Und was man mit dem Goethe sieht, das sieht man für sein ganzes Leben.« Sein unbedeutendes Gesicht glänzte förmlich. In seine Worte klang Musik herein, die erst schwach, dann langsam stärker werdend vom Metzgertor herauftönte. Fanfarenstöße, Posaunen, Trompeten. Jetzt kamen sie wirklich! Während die Leute sich in die Münstergasse stürzen, um dem Zug, der den Umweg über den Münsterplatz machen wird, zu begegnen, zieht Gottlieb Schöll seine Gesellschaft schnell in ein altes Haus hinein, das einen verborgenen Durchgang hat nach stillen Gassen, rennt mit ihnen über Höfe, daß die Hühner gackern, die Tauben flattern, jagt enge Gänge durch zwischen Mauern, hinter denen Hunde ihnen wütend nachbellen, durchläuft ein zweites Haus und siehe – man ist glücklich am Münsterplatz gelandet, auf dem sich der Aufzug in seiner ganzen Pracht entfalten kann. Lauter klingen die Trompeten, Kanonenschüsse, Glocken. Schon hört man das begeisterte »Vive, sie lebe!« deutlich herübertönen. Man fühlt die Schritte der herankommenden Soldaten den Boden erschüttern. Und nun in voller Maisonne das Blitzen des Militärs, das die Spitze bildet. Voran die königliche Leibgarde, die Anführer zu Pferde, Kürasse und Rosse wie aus Bronze, die Mannschaft zu Fuß. Das funkelt und weht: Degen, Fahnen, Mäntel, Federbüsche, Soldatenbeine, rhythmisch emporfliegend. Pauken dröhnen, Trompeten jubilieren, Trommeln wirbeln, das Volk schreit seinen Gruß. Friederike zog ihren Arm aus dem Gottliebs, der sie führen wollte. Sie sah sich nach Weyland um. Aber der war verschwunden. Wahrscheinlich seinen Freunden nachgegangen. Schade! Er hätte sicher noch mehr erzählt von diesem merkwürdigen Herrn Goethe. ›Was man mit dem Goethe sieht, das sieht man fürs Leben?‹ Wenn er doch heute hier wäre, neben ihr ginge, sie mit seinen Dichteraugen sehen lehrte! »Gefallt's Ihnen auch, Bäschen?« fragte Gottliebs gute Stimme. »Sie sind auf einmal so still geworden.« Vorreiter kommen, Pagen, leuchtend in ihren roten, mit den königlichen Lilien bestickten Phantasiekostümen. Die ersten auf zwölf schwarzen Pferdchen mit Silberzügeln, ihnen folgen andere zwölf auf schneeweißen Rößlein mit roten Zügeln. Und nun sie selber, die junge Fürstin in ihrer Märchenkutsche, ganz aus Glas und Gold. Von Kopf bis zu Fuß kann man sie sehen, wie sie mit strahlendem Lächeln die Grüße des Volkes erwidert, mit ihren Damen plaudert, die ihr gegenübersitzen, und immer wieder das mit einem Paradiesvogel geschmückte hochfrisierte Köpfchen neigt. Ihr Kleid ist blauer Damast, mit Edelsteinen übersät. Es funkelt, wenn sie sich bewegt. Ein hermelingefütterter rosa Seidenmantel, an der Schulter befestigt, fällt in schweren Falten zur Seite nieder. Alle, an denen sie vorüberfährt, brechen in Jubel aus. Auch die Prachtkutsche des Bischofs wird begrüßt, die, mit vier Rappen bespannt, mit geschmückter Dienerschaft und Troß vorüberzieht. Ihm folgt die katholische Geistlichkeit, farbig, goldglitzernd, dann die protestantische, in ruhigem Schwarz. Später Universitäts-Dekane und Rektor, die Spitzen der Bürgerschaft, die Zünfte mit ihren Wahrzeichen. Es wollte kein Ende nehmen. Und so viel Hin- und Widergrüßen. Jeder Zuschauer hatte Freunde und Verwandte im Zuge. Jetzt drängte die Menge nach dem Barfüßerplatz, die Tänze der Zünfte zu sehen. Die Brions ließen sich nicht mitreißen. Diese Tänze hatte man schon oft bewundert. Und man durfte Madam Schöll nicht warten lassen, die zum Essen eingeladen hatte. Marx verabschiedete sich. Fr wohnte in Straßburg bei seiner Familie, war nur in Sesenheim ein paar Tage zu Besuch gewesen und mit den Brions hergefahren.   Es war ein gutes vergnügtes Mahl gewesen bei den Schölls im alten Giebelhause des Schiffsleutstaden. Dann, während die Mutter sich, wie Bruder und Schwägerin, ein Ausruh-Schläfchen gönnte, machte das junge Volk sich wieder auf, durch die Stadt zu ziehen. Salome namentlich verlangte die Ehrenpforte am Metzgertor zu sehen, von deren umständlichem Bau und Ausputz ihr Marx ausführlich erzählt hatte. So ging's denn diesmal gegen das Badische hin. Voran Christian zwischen seinen beiden Bäschen Jeanne und Margret eingehenkelt, die sich in Ermangelung erwachsener Kavaliere die dreiste Art des Brionschen verwöhnten Jüngsten, der noch dazu einziger Sohn ist, gefallen ließen. Gottlieb folgte mit den beiden Sesenheimer Mädchen. Das Sophiele war bei den Schölls geblieben. Sie sollte ihre Kräfte sparen für die Illumination heut abend. Man ging hinter den heut feiertäglich verlassenen braunhölzernen Verkaufsbüdchen, die mit geschlossenen Gittern dastanden, die dunklen »Lauben« entlang, kam zum »alten Fischmarkt«, dann an der »großen Metzig« und dem burgähnlichen, mittelalterlichen »Kaufhaus« mit allen seinen neuen Anbauten vorbei zur Ill. Friederike blieb stehen. Sie vermißte die Waschschiffe, die sonst hier standen mit ihrem Heißwasserdampf, den emsigen Weibern mit bloßen Armen, die miteinander lachten. Nun ging's über die »Rabenbrücke«. Christian erzählte eben den Kusinen, daß drüben im Gasthof zum Raben vor 30 Jahren der preußische König Friedrich der Große logiert habe. Das gehörte zu den wenigen Dingen, die ihn in der Geschichtsstunde interessiert hatten. Kusine Jeanne aber bedeutete ihn, es sei unschicklich, gerade heute von diesem König von Preußen zu sprechen, der gegen die Mutter der Marie Antoinette so lange Krieg geführt und überhaupt weder Religion habe noch Lebensart. Nun war man vor der Ehrenpforte angelangt. Gottlieb berichtete, man habe die Wallmauer zurückrücken und die Gräben zu beiden Seiten zuschütten müssen, um die Breite für den Galawagen zu schaffen. Man blieb vor der Göttin Maja stehen, die über dem mittleren Schwibbogen schwebte und den Mai darstellen sollte. Sie hatte ein blaues, mit Lilien besticktes Gewand und streute aus einem Füllhorn Blumen auf die Straße, Salome las laut den Spruch am Postament: »Wird Frankreichs Lilienflor In stetem Lenze stehn, Ja werden Land und Volk Die besten Zeiten sehn.« »Wie muß es doch schon sein, so gefeiert zu werden!« rief sie. »wenn unsereiner heiratet, machen die Leut' ›Polterabend‹, Scherben werfen sie einem vor die Tür. Viel lustiger wär's doch, wenn alle Leut' einem so schön taten und so viel Glück voraussagten, wie heut der Marie Antoinette.« »Und Sie, Friederike?'« fragte Gottlieb dringlich, »wie wollen Sie es halten bei Ihrer Hochzeit?« Sie lachte. »Ob Verse oder Scherben, wenn nur der Mann recht ist. Aber darauf kommt's an.« Er sah sie in bittender Frage an. Sie achtete es nicht. »All dieses Übertriebene mag ich nicht«, fuhr sie fort. »Ja, es ängstet mich beinah. Wie eine Überschwemmung ist das, die über die schönsten Gärten und die reifsten Felder fährt.« Sie war ganz blaß geworden. Als ahne sie hinter diesem Schmeicheln und Jubilieren das blutige Schicksal des jungen Paares, das man heute feierte. Und das einst von seinem Volk verwünscht, vom Thron gestoßen, in den Kerker geworfen und zuletzt auf das Schafott geschleppt werden sollte. Kusine Jeanne lachte. »Das Riekchen ist abergläubisch! Eine Schande für eine Pfarrerstochter.« Die sanftere Margret aber schmiegte sich liebevoll an sie heran. »Gelt? Man denkt manchmal so Sachen?« Friederike sah vor sich hin. Es war sonst ihre Art niemals gewesen, »so Sachen« zu denken. Sie nahm den Tag, so wie er kam und freute sich an ihm. Heute aber fühlte sie sich ganz herausgerissen aus dem Alltag. Auch in ihr war Fest, war Märchen. Ganz so wie auf dem grünen Anger, zu dem sie jetzt durch das Tor herausgetreten waren, wo im lichten Silbernebel der jetzt wieder ganz verhüllten Sonne muntre Paare sich im Tanze drehten. Alle lachend und sorglos, als kennten sie nickt Mühe, Arbeit und Verdruß. Nur Tanz. Die Musik war ländlich, an einem Steintisch fiedelten die Musikanten hinter ihren Weinkrügen. Unsere kleine Gesellschaft setzte sich ein wenig abseits vom Trubel unter stillen Bäumen nieder. Das Silber überflorte immer stärker Fluß und Stadtbild und ließ die runden Schwarzwaldberge wie dunkle Wolken erscheinen. Allmählich dunkelte es. Salome trieb, man müsse in die Stadt zurück. Hier und da wurden schon leuchtende Lämpchenketten sichtbar, die die Staden bekränzten. Und jetzt, wie mit Feuertropfen in die Luft getüpfelt, die Silhouette des Münsters. Jedes Portal, jeder Fensterbogen. Von der Plattform sprühen Fackeln ihre glänzenden Fanale herüber. Man sieht den Turmstumpf, kahl, wie abgebrochen, während der Turm, der einzig fertiggebaute, von innen aus zu leuchten beginnt. Kühn und schlank hebt er sich in glühender Zeichnung in die Luft. Ein in den Himmel weisender schimmernder Gottesfinger. Selbst von hier aus kann man deutlich das zierlich stolze Gerank der kunstvollen Steinarbeit erkennen. Es ist etwas Feierliches in dem Anblick. Niemand spricht. Die Tanzenden haben aufgehört, die Musik schweigt. In der durchsichtiger werdenden Dämmerung steht die Menge dicht beisammen mit emporgerichteten Gesichtern, die vom Feuerschein erhellt sind. Und wieder hat Friederike Brion das Gefühl: Heute ist Feiertag. Ein Tag, der mich angeht. Mehr als alle früheren. – In der Stadt war schon wieder alles auf den Beinen. Man ging an der Ill entlang dem Schöllhause zu. Das Wasser war ganz durchtanzt von all den goldenen Lichtern, die sich in ihm spiegelten. Und jetzt, da man am Staden weitergeht, dem Bischofschlosse zu – – was ist das? Zauberei? Der Flußarm, auf den die bischöfliche Terrasse herausgeht, ist verschwunden; statt dessen ist da ein plötzlich entstandener Ziergarten zu sehn mit Blumenbeeten, Kübelbäumchen, zierlicher Balustrade und kleinen Tempelchen. Gegenüber, gerade da, wo das Schöllsche Haus sonst stand, befinden sich luftige Säulenhallen, die drei prächtige Ehrenpforten verbinden. Dahinter öffnet sich der Blick auf einen monddurchleuchteten Park, der niemals früher dort war, mit Springbrunnen, Ruhebänken, Statuen und Grotten. Märchen! Wieder ein Feiertagsmärchen! dachte Friederike. Gottlieb war selig, daß er und seine Schwestern das Geheimnis so gut bewahrt hatten. Er erklärte jetzt, der Ziergarten sei einfach auf Brettern über rasch zusammengefahrenen Pontonbrücken vergänglich aufgebaut. Und der Park nichts anderes als eine transparente Riesenkulisse. Um dieser Überraschung willen habe er sie heute vormittag listig von hinten ins Haus geführt, so daß sie von den Vorbereitungen nichts gewahr geworden wären. Friederike wehrte ab: »Laßt mir mein Wunder!« Im Hause war Vater Scholl sehr übler Laune. Überall stänke es nach der leimigen Malfarbe, und warum man ihm, zum Vergnügen der Dauphine von Frankreich, in seinem guten ehrlichen alten Elsaßhause die Luft absperren dürfe mit der Riesenkulisse aus Pappe und Ölpapier? Die ganze Zeit während des Essens schalt er auf die Regierung. Ging auch danach nicht mit, die Illumination zu sehen, sondern setzte sich grollend zur Lampe in seine Arbeitsstube. Er nahm es Frau und Schwester übel, daß sie nicht bei ihm zu Hause blieben, schalt sie vergnügungssüchtige Närrinnen, ließ sich einen neuen Schoppen Wein aus dem Fasse bringen und nickte einsam scheltend ein. Er schlief noch, als die Seinen lustgesättigt und ein wenig müde nach Hause kamen und nun eifrig zu erzählen begannen: von Namenszügen aus Licht, Wappen, Häuserverzierungen, den weinfließenden Brünnlein, den Bratzelten, dem Gedränge und Gestaune, als überall das Feuerwerk sprühte und knatterte, und wen man getroffen, was dieser und jener gesagt. Vater Scholl hielt sich die Ohren zu. »Ihr schwätzt alle durcheinand. Man wird ganz drehicht davon.« Erst als Friederike ihm ein paar komische Episoden beschrieb, die man erlebt hatte: eine Perücke, die vom Kopf gefallen war, und die ein Übermütiger auf einen Baum gehängt, und ähnliche harmlos-derbe Scherze, taute der Alte auf. Er begann von den Promotionen zu sprechen, denen er als Magistratsperson beizuwohnen hatte. Von dem Versammeln in den Zunftstuben, den feierlichen Aufzügen mit Musik. Und erwärmte sich dermaßen bei der Beschreibung, daß er, nun ganz in Feststimmung, selbst in den Keller ging, guten Wein heraufholte und eigenhändig seinen Gästen einschenkte. »Dein Riekchen versteht's mit den Männern«, sagte die Frau Rat leise zu Frau Brion. Die blickte erstaunt auf. »Sie ist selbst immer vergnügt«, sagte sie dann, »und kann's nicht leiden, wenn eins mürrisch ist.« Und so war es wirklich. Friederike mußte Heiterkeit um sich verbreiten. So wie die Sonne Helligkeit. Aus ihrer Natur heraus. Ganz ohne Absicht. Abends beim Zubettgehen war dann noch ein großes Gelärme in dem Zimmer der beiden jungen Mädchen, in dem auch Salome und Friederike einquartiert waren. Jedes Schwesternpaar schlief in einem der großen französischen Betten, die ebenso breit wie lang sind. Die Mädchen, aufgeregt von dem langen ereignisreichen Tage, sprangen in ihren langen Nachthemden wie toll umher, sangen, erzählten, warfen sich mit Kopfkissen, flochten sich dann gegenseitig das Haar. Und dann liefen die Haustöchter noch rasch in die Speisekammer, noch »Guts« zu holen, zum Knabbern und Schlürfen. Die Schölls erzahlten dabei von dem großen Rathausfest, das der Magistrat kürzlich gegeben, mit köstlicher Bewirtung und Tanz. Sie waren erst am hellen Morgen nach Haus gekommen. Sogar die Mutter. Sie wollte auf den Vater aufpassen, der leicht, wenn er getrunken hatte, gegen Frankreich lärmte und sich mißliebig machte. Salome seufzte: »Man kommt zu nichts mehr, wenn man Braut ist!« Sie betrachtete im Spiegel ihre langen braunen Zöpfe. Auch die Kusinen seufzten. Neidisch. Sie waren älter als die Sesenheimer Mädchen und hätten eine sichere Heiratsaussicht sehr geschätzt. Aber es wollte sich keine zeigen. Jeanne, die Älteste, war unansehnlich und hatte eine säuerliche Art, die abstieß; die Jüngste, hübscher und liebenswürdiger, war neben der herrschsüchtigen Schwester schüchtern geworden. Sie redete kaum. Dazu kam die strenge Frömmigkeit der Mutter, die derbe unbekümmerte Art des Vaters, der – Elsässer mit Leib und Seele – bei jeder Gelegenheit gegen die französische Regierung auftrat und deshalb den jungen Herren, die ihr Fortkommen suchten, als Schwiegervater nicht willkommen war. So schlichen denn die drei zuletzt verdrossen zu Bett. Nur Friederike hatte ihr strahlendes Lächeln behalten. Sie suchte noch nichts und wollte noch nichts, was sie nicht in sich selber besessen hätte. So schlief sie ruhig ein. Mitten in der Nacht aber fühlte das Sälmel sich bei der Hand gefaßt und so stark gezogen, daß sie fast aus dem Bett gefallen wäre. Und Friederikes Stimme sagte in das Dunkel hinein: »Das sieht man für sein Leben.« – Am nächsten Morgen wußte sie nichts mehr davon. Kapitel II »Du hast in deinem Blick, In deinem Wesen, was mein Herz Zu dir eröffnen muß.« (Claudine v. Villa Bella.) Der Kandidat Pfarrer Brion rieb sich die Stirn. Das tat er immer, wenn er angestrengt nachdachte. Er stand am Fenster, über sein Schreibpult gebeugt, die Gänsefeder in der Luft, und murmelte die Worte vor sich hin, die er zu schreiben dachte. Ein sauberer Bogen lag bereit. Vorerst aber gab es auf einem Nebenblatt nur einzeln hingekrakelte Notizen; Sätze, die kein Ganzes werden wollten. Es handelte sich um eine Eingabe an seinen Patronatsherrn, den Prinzen Rohan-Soubise in Zabern; eine Bitte, den längst versprochenen Umbau des Pfarrhauses betreffend. Das Schreiben mußte französisch abgefaßt werden und in höflichen Ausdrücken. In beidem war der gute Pfarrer nicht sehr stark. In Straßburg, während seiner Studienjahre, hatte er sich um nichts gekümmert als um die theologischen Vorlesungen. Und die waren deutsch. Im übrigen war er über sein Stückchen Oberrhein nie hinausgekommen; hatte immer nur im nächsten Umkreis auf Dörfern gelebt. So stand er denn ein bißchen hilflos da an seinem Pult, schrieb auf, strich aus und überlegte, wer da helfen könne? Er riß sein Halstuch auf, schlug den blumigen kattunenen Schlafrock, in dem er vorhin sein Mittagsschläfchen gehalten hatte, auseinander und öffnete zuletzt das Fenster. Die Studierstube lag nach dem Garten hinaus, der noch ein wenig kahl aussah. Der Mai hatte sich in diesem Jahre aprilmäßig launenhaft betragen. Aber die Luft schmeckte nach Frühling. Und verjagte die etwas muffige Stubenluft, die nach feuchten Wänden, vielgebrauchten Möbeln und alten verräucherten Büchern roch. Der Pfarrer griff nach dem schwarzen Döschen, das auf seinem Schreibpult stand, schnupfte und nieste. Aber sein Kopf wurde davon nicht klarer. Wenn doch seine Frau da wäre! Die wüßte vielleicht Rat. Oder das Riekchen. Ja, ja, das Riekchen! Sein freundliches Gesicht war jetzt entspannt und ruhig, als hätte er das Lieblingstöchterchen schon an seiner Seite und fühlte ihre schmalen leichten Finger sein Haar liebkosen. Aber im Hause blieb alles still. Sie waren wohl alle im Krautgarten, der über die Straße hinüber lag. In diesem Augenblick hörte er die Haustürschelle gehn. Gleich darauf klopfte es an seine Tür, und Vetter Weyland trat ein – hinter ihm ein junger Mensch in engem, grauem Röckchen, den er als Kandidat Werner aus dem protestantischen Konvikt zu Straßburg vorstellte. Der junge Mensch, »ein fleißiger, strebsamer junger Mann«, blieb schüchtern an der Schwelle stehn. Er trug eine altmodische runde Perücke, die sehr tief in die Stirn ging und fast die Augen verdeckte. Die Arme hielt er an den Leib gedrückt. Der Pfarrer begrüßte die Ankömmlinge freundlich, aber ohne besondere Wichtigkeit. Gäste waren nichts Seltenes im Sesenheimer Pfarrhause. Der Hausherr pflegte die Sorge für sie seinen Frauenzimmern zu überlassen. So äußerte er auch jetzt bedauernd, er sei ganz allein, bot eine Prise an und schaute dann wieder, in sich gekehrt, auf seinen Brief. »Ich werde das Rickchen bitten,« sagte er dann, »sie soll hinübergehn zum katholischen Pfarrer. Er kann gut Französisch, er soll mir den Brief aufsetzen.« Er gab Weyland sein Konzept. Der fremde junge Mensch blickte von ferne mit hinein. Unvermutet äußerte er dann mit leiser, schüchterner Stimme: wenn es dem Herrn Pfarrer angenehm sei, so wolle er versuchen, submissest solch ein Schreiben auf französisch aufzusetzen.« Weyland räusperte sich und sah ihn eigentümlich mahnend an. Der Kandidat wurde sehr verlegen. »Das heißt, ich meine nur – – ich könnte es ja einmal versuchen.« Vater Brion lächelte nachsichtig. »Nun, ich fürchte – – zu meiner Zeit wenigstens war das Französisch von uns jungen Leuten im Konvikt nicht gerade elegant.« Der Herr Werner stamme ein wenig von Franzosen ab, sagte Weyland eifrig. »Aber ›Werner‹ klingt doch recht deutsch?« »Mütterlicherseits«, bestätigte nun der junge Mann mit tief gesenkten Augen. Er schien wirklich ein sehr schüchterner Mensch zu sein. Der Pfarrer versank wieder in Schweigen. Weyland, der sein Wesen kannte, erbot sich, die Tante und die Bäschen aufzusuchen und herbeizuschaffen. Kaum war er draußen, als der Pfarrer sofort ein langes Selbstgespräch begann, bei dem der stumme Zuhörer nichts zu tun hatte, als beistimmend zu nicken. Es sei eine Schande, führte er aus, daß eine so reiche Gemeinde es sich gefallen lassen müsse, ihren Pfarrer in einem alten, elenden Fachwerkhause unterzubringen. »Haben Sie das Haus des katholischen Pfarrers gesehen? Es ist ein solides Steinhaus. Und er ist doch nicht Familienvater. Ich dagegen – Und ich bin fast jedes Jahr wieder neu eingekommen, habe Baupläne eingeschickt. Man hat sie verloren oder zerrissen. Nicht aus bösem Willen, bewahre, aber so sehr man in Straßburg den Protestantismus respektiert, auf dem Lande werden die Katholiken bevorzugt. Meine Nachfolger hier werden es mir einmal danken, daß ich für sie gekämpft habe. Ich selbst –« Er sah auf. Das Gesicht des fremden Kandidaten war ihm einen Augenblick so sonderbar wach und durchgeistigt erschienen. Aber da er ihn nun betrachtete, sah er wieder das bescheidene, etwas törichte Lächeln vor sich. »Ich selbst kann mich nicht beklagen«, fuhr er fort. »Die Stelle ist gut, man beneidet mich darum. Die Protestanten von sechs Dörfern gehören dazu; die Bauern liefern pünktlich ihren Zehnten; ich habe Wiesen und Felder, einen großen Garten, der mir Obst und Gemüse liefert. Ich danke Gott jeden Tag dafür. Und meine liebe Frau ist darin mit mir gleicher Meinung. Das Haus wird nicht leer von Gästen, die an den guten Gaben teilnehmen. Das Pfarrhaus zu Sesenheim ist berühmt durch seine Gastfreundschaft. Immer fröhliches junges Volk, Musik, auch wohl mal ein Tänzchen im Freien. Das lobt Gott mehr als Grämen und Sorgen.« Er hielt inne. Wieder dieses sonderbare Aufleuchten des jungen Menschen, »O ja«, sagte er ganz heiß. »Und es ist ein so großer Irrtum des Mittelalters gewesen, daß man das Wort 'Glück' aus dem christlichen Sprachschatz hat verbannen wollen. Jede Lust wurde als Sünde betrachtet. Als etwas, das ausgerodet werden müsse. Christus hat das nicht gemeint. ›Sehet die Lilien auf dem Felde.‹ Dann das Weinwunder bei der Hochzeit von Kana. Die Künstler damals haben das wohl gewußt. Wenn ich vor dem Münster stehe – welche strenge Erhabenheit, aber welcher Reichtum an Freude und Willkür! Freude ist es, aus der sich das Erhabene aufbaut.« Hier wurden sie unterbrochen. – – – Frau Brion war wirklich mit Salome und Sophie in den Krautgarten gegangen. Friederike hatten sie nicht mitgenommen. Das junge Mädchen war von je zart, und man hielt sie von körperlicher Anstrengung fern, wenn es dagegen galt, zu ordnen und zu schmücken, eine Speise schmackhaft zu machen, etwas Gefälliges oder Tröstliches zu unternehmen, einer mißlichen Sache ihre gute Seite abzugewinnen, dann war Friederike die Rechte dazu. Jetzt war sie zum Schulmeister gegangen, der heute abend von seiner Hochzeitsreise zurückerwartet wurde. Seine beiden Töchter erster Ehe, 20 und 22 Jahre alt, waren ihm gram wegen dieser neuen Heirat. Sie saßen verstockt und schmollend auf der Bank vor dem Schulhause, so daß jeder Vorübergehende sie sehen und bedauern konnte, hatten beim Krämer ein billiges »Willkommen« gekauft und waren damit beschäftigt, die dazugehörige Türgirlande zu winden, ohne Sorgfalt: Tanne und hier und da ein weißes Blümchen. Es sah mehr einem Totenkranze gleich als einem Hochzeitsgruß. Das sagte wenigstens Friederike, die sich sogleich daran machte, im Garten hinter dem Hause neues Grün und neue Blumen zu holen. Auch in die Wiesen lief sie schnell, in die der Garten sich hineinzog, und brachte Buchenlaub mit, Sauerklee, überwinterte rote Beeren, vom Waldrand Farnkräuter und gelbleuchtendes, starkduftendes »Wolverleih«. Die Lehrerstöchter meinten erst, das alles sei nicht nötig. Als sie aber der Mamsell Brion zusahen, wie unter ihren geschickten Fingern da etwas sehr Lustiges und Schönes entstand, etwas, über das alle Dorfleute staunen würden, da faßte sie der Ehrgeiz mitzutun. Und sie schafften sich die verdrossenen Wangen straff und rot. Bald war ein Lachen da und ein Beraten, daß es war wie Vogelzwitschern nach dem Regen. »Und was werdet ihr denn anziehend« hatte Friederike gefragt. Sie wüßten nicht, sie hätten nichts Rechtes. Und sie wollten ja überhaupt nur rasch zum Gratulieren herunterkommen. Essen wollten sie dann lieber allein in der Küche. Man wisse ja nicht – ob die junge Frau – –. Friederike hörte gar nicht hin. Sie flocht zwei Haarkränzchen, eines aus Goldregen für das braune Haar der Jüngsten und dann ein schmales aus Vergißmeinnicht für die Aschblonde. Die drückte sie ihnen auf das Haar und schob sie dann beide ins Haus hinein, in die Wohnstube vor den Spiegel. Da standen sie nun, besahen sich und machten auf einmal ganz vergnügte Gesichter. Sie holten Mieder und Brusttücher aus der Truhe, Friederike sollte aussuchen. Auch die Seidenschürzchen wurden gewählt. Es war plötzlich eine Emsigkeit in sie gefahren, als gälte es, sich für einen Ball zu kleiden. Friederike holte noch einen hübschen Krug aus der Rüche, den sie mit Zweigen füllte, sah zu, wie die Mädchen ein schöngewebtes weißes Tischtuch auflegten und vier Gedecke dazu. Und lächelte befriedigt. Jetzt sah die Sache anders aus. Und der Abend würde liebevoller verlaufen, als die trotzigen Mädchen es sich vorgenommen hatten! Mit ihren leichten Schritten ging sie durch die lange Dorfstraße. In der kühlen Reinheit dieses Abends schien sich die Freundlichkeit ihres Wesens wohlig zu wiegen, wie ein Vogel auf dem Zweige. Die Alten, die vor der Tür saßen, sprachen sie an, tauschten Grüße mit ihr. Sie erkundigte sich teilnehmend nach ihrem Tun, nach Kranken und Gesunden der Familien und lachte mittendrein aus Wohlgefühl und Jugend. Ohne Grund sonst. Am Wirtshaus zum Anker stand der Wirt in Zipfelmütze und bequemer Jacke. Seine rote Nase glühte. »Ihr habt Besuch bekommen, Mamsell Riekchen, der Herr Weyland und noch einer aus Straßburg. Scheint ein armer Schlucker.« Nun war sie an der großen, alten Steinkirche angelangt, die Protestanten und Katholiken abwechselnd benutzten. Eben läutete es zur Messe. Dem Kirchhof gegenüber zog sich das Gitter hin, das den Pfarrhof umschloß. Sie öffnete die Tür im Bretterzaun. Am Ziehbrunnen stand das Bärbele und wand den Eimer hoch. »Schnell, schnell, Mamsell Riekchen, es ist Besuch da.« Auch die Mutter und Salome riefen aus der Küche, sie möge rasch in die Studierstube gehen, sie selber hätten arg zu tun, Weyland sei beim Barbier und der Vater mit dem Fremden allein geblieben. »Du weißt ja, er mag das nicht.« Friederike ging hinüber und öffnete die Tür. Da gerade war es, daß der Herr Werner die Worte sprach vom Glück und Mittelalter und von den Lilien auf dem Felde. Friederike blieb stehn. Sie horchte hoch auf. Solche Worte hörte man nicht leicht in diesem Raum, in dem bei den allmonatlichen Pastorenkonferenzen gemächlich über Gemeindedinge und Alltägliches geredet wurde. Sie trat jetzt näher. Die beiden sahen auf. Der Schein der sinkenden Sonne stand hinter ihr und ließ all ihre kleinen krausen Härchen in einem einzigen frommen Geflimmer aufleuchten. Jetzt erhob sich der junge Theologe. Lang, schmal und gekrümmt in seinem engen grauen Röckchen. Seine Ärmel reichten kaum bis zum Handgelenk. »Ich spreche natürlich nur nach meiner unmaßgeblichen Meinung!« sagte er noch zum Pfarrer hinüber. Seine Stimme war jetzt hoch und dünn und unnatürlich. Der Pfarrer streckte dem Töchterchen die Hand hin. Er schien aus einem Traum aufzuwachen. »Da ist mein Riekchen. And das da«, er zeigte auf die arme verbogene Gestalt, »Herr Kandidat Werner, ein wackerer junger Theologe aus dem Straßburger Konvikt. Ein Freund von Vetter Weyland.« Der junge Mann blickte auf. Er stockte. Auch Friederike erschrak. Gab es denn zweimal solche Augen? Aber dann lachte sie über sich selbst. Seit dem Tage in Straßburg hatte sie ja überall diese schwarzen, flammenden Augen gesehn. Nun sogar im Gesicht dieses dürftigen Studiosus Werner! Der aber hatte sich plötzlich aufgerichtet. Einen Augenblick nur. Dann lag wieder das verkniffene Bescheidenheitslächeln um den schmal verzogenen Mund. Jetzt kam Weyland, frisch rasiert und von einer bäuerlichen Seife duftend. Mit ihm die Mutter und Salome. Auch ihnen machte der Kandidat seine demütige und verzwickte Reverenz von vorhin. Aber seine Blicke kehrten immer wieder zu Friederike zurück, die jetzt in ihrer leichten, anmutigen Art allerlei Tischgerät zusammenholte, dann wieder mit den Gästen sprach, Sophie, die zwischen Tür und Angel herumstand, weil sie sich zu wenig beachtet fand, die Zopfschleife zierlicher band und dann die Treppe hinaufeilte, den Tisch zu decken. Salome, lebhaft und laut wie immer, ließ sich nun auch mit dem Theologen in eine Art Gespräch ein, indem sie ihn allerhand fragte, ohne auf seine Antwort zu warten, Weyland war merkwürdig aufgeregt. Er klopfte seinem Freunde ein paarmal gönnerhaft die Schulter und schien sich überhaupt aufs beste zu amüsieren. Ganz anders, als sonst in seiner Art lag. Als nun gar Salome ihn aufforderte, von seinem Tischgenossen zu erzählen, dem Herrn Goethe aus Frankfurt, der ja ein so merkwürdiges Genie sein sollte und soviel tolle Streiche mache, da pruschte er heftig und erzahlte – immer weiter lachend –, der zöge jetzt in merkwürdigen Verkleidungen im Land umher und verdrehte wahrscheinlich allen Mädchen die Köpfe. Studiosus Werner meinte sanft, so schlimm werde das wohl nicht sein. Und die Elsässer Mädchen ließen sich wahrscheinlich nicht so leicht von jedem Hergelaufenen die Köpfe verdrehen. Aber Weyland lachte stärker. Davon verständen wohl die theologischen Studenten nicht allzuviel. Der Goethe aber sei Jurist, werde nächstens seinen Doktor machen und sei auch sonst ein Kerl, der sich sehen lassen könne. Frau Brion machte dem Neffen ein strenges Gesicht. So wenig ihr der unbeholfene Student auch imponierte, ein Gast durfte in ihrem Hause nicht gekränkt werden. So lenkte sie denn das Gespräch auf andere Dinge, fragte Weyland nach gemeinsamen Verwandten und Bekannten. Und bald war man in vollem Zuge. Die ganze Familienchronik wurde ausführlich erörtert, Nachrichten aus dem Bekanntenkreise mitgeteilt. Eine Fülle von Namen, Verlobungen, Hochzeiten, Taufen und Krankheitsfällen oder eiligem Versterben. Friederike, die inzwischen wieder eingetreten war, wollte menschenfreundlich den stumm zuhörenden Fremden mit hineinziehen in die Unterhaltung. »Wir reden hier soviel von Menschen, die Ihnen fremd sind,« sagte sie, »aber es geschieht in der Hoffnung, daß auch Sie unsern Kreis bald kennenlernen. Denn ich denke, Sie werden es machen wie jeder, der einmal zu uns nach Sesenheim herausgekommen ist. Sie werden wiederkehren.« »Während Sie redeten,« sagte der Kandidat leise, »versetzte ich mich in alle die Personen hinein, von denen Sie erzählten. Mir ist nun beinah, als wäre ich bereits gut Freund mit sämtlichen Nachbarn und Freunden, die Sie so mit Laune und Leidenschaft schilderten. Und es lebt nun in meiner Einbildungskraft ein solcher Schwarm von Onkeln und Tanten, Vettern und Basen, Kommenden und Gehenden, Gevattern und Gästen, daß ich in der belebtesten Welt zu hausen glaube, in Ihrer Welt, Mamsell Brion.« Friederike schloß unwillkürlich einen Moment die Augen. Sie wollte diese sonderbare und klägliche Figur nicht sehen. Lag doch in jedem Worte, das er mit ihr sprach, etwas Merkwürdiges und Warmes, wie ein Geheimnis, nur für sie bestimmt. Auch mit dem Vater hatte er so Ungewöhnliches geredet. Und doch hatte er nachher einen Ausdruck von Scheinheiligkeit im Gesicht, einen Ton von Unaufrichtigkeit in der Stimme gehabt. Was ging das sie aber auch an! Er war eben ein Besuch, wie so viele ins Pfarrhaus kamen. Salome rief zum Essen. Man ging die breite ausgetretene Treppe hinauf zur Wohnstube, in der ein runder Tisch bereitet stand. Vater und Mutter setzten sich zusammen auf das große schwarzbezogene Kanapee, die übrigen auf Stühle ringsum. Christian kam erst eine Weile nach dem Tischgebet. Niemand machte ihm Vorwürfe. Sophie saß neben Friederike. Sie war eifersüchtig auf den Kandidaten, dem Friederike mitleidig die besten Stücke vorlegte. Gerade die Hühnerleber aus dem Frikassee, die Sophie so liebte. Die Mutter sah ein paarmal scharf hinüber zu dem Fremden, der für einen armen Freitischler auffallend wenig aß. Die Unterhaltung bei Tisch bestritten hauptsächlich der Vater und Weyland. Christian fuhr manchmal naseweis dazwischen mit einer Bemerkung, über die er selber dann zufrieden lachte. Kandidat Werner sah kaum vom Tischtuch auf. Die Frauen hatten mit Holen, Vorlegen und Anbieten zu tun. Es war eine gemütliche Stube, in der sie saßen, mit holzgetäfelten Wänden, alten, dunklen, bauchigen Schränken und Kommoden und einer Glasservante, in der hohe geränderte Tassen mit Sprüchen standen. Ein paar alte Familienbilder in Perücken und Hauben sahen von der Wand prüfend und ein bißchen erzieherisch auf die Menschen des heutigen Tages. Lauter Schölls. Die Brionsche Familie hatte nie Geld gehabt, sich malen zu lassen. Das nach Zitronen duftende Omelett war aufgetragen, fruchtgefüllt und schaumig, wie es Frau Brions vielgepriesene Kunst verlangte. Vater Brion, der kein Kostverächter war, geriet in Feiertagslaune, Er wandte sich an den schüchternen Theologen: »Wie wär's, Herr Kandidat, wenn Sie – Pfingsten ist ja vor der Tür – mir ein bißchen im Amte helfen würden? Ich kann nicht hier und in allen Filialdörfern zu gleicher Zeit sein. Und das Lesen vom Schulmeister genügt nicht allen Gemeinden.« »Es würde mir eine Ehre sein, wenn anders ich mit meinen schwachen Kräften –« Auf einmal wurde seine Stimme markig. »In der Bibel heißt es ja: ›Darum ein jeglicher Schriftgelehrter zum Himmelreich gelehrt ist gleich einem Hausvater, der aus seinem Schatz Altes und Neues hervorträgt.‹« »Worüber würdest du denn predigen?« fragte Weyland sichtlich bedenklich. »Vielleicht aus dem Lukas: ›Selig sind eure Augen, daß sie sehen, und eure Ohren, daß sie hören.‹« Es klang wie Frühlingswind in das braune, wohlgeordnete Zimmer hinein, in dem die alten Porträts mit Perücken und Hauben von den Wänden schauten. Vater Brion zog ein Brillenetui aus der Tasche. Er putzte die Gläser. »Na,« sagte er dann abschließend, »ich glaub', Sie werden's schon machen.« Nach dem Essen ging man hinüber in den »Saal«, der aber nicht größer war als die übrigen Zimmer, Er war nach französischer Art als Besuchszimmer eingerichtet, mit einem Kamin, vor dem zwei Sessel standen, am Fenster ein ovaler Tisch mit Pflanzentöpfen, blühende und auch pflegebedürftige. Ein paar hochlehnige Stühle, ein Perltischchen. Das Hauptstück aber war ein kleiner honiggelber Flügel, dessen Schwanz gegen die Wand hochstand. Christian und Sophie machten sich eifrig an den Pedalen zu schaffen, um dem Gast zu zeigen, wie man sowohl Janitscharenmusik wie Flöte oder Trompete damit hervorbringen könne. Es gab einen Höllenlärm. Kandidat Werner war indessen an das Bücherbrettchen herangetreten, in dem sich eine kleine Versammlung neuerer Literatur befand, darunter Klopstock und Rousseau. Dazu einige Almanache. Der Pfarrer war gleichfalls herangetreten. »Ja, das ist nun der Geschmack von heute«, sagte er und schlug einen Almanach auf, in dem ein junger Mann in seinen Mantel gehüllt mit einer Gebärde der Verzweiflung in die Ferne starrte. »Die Töchter bringen das aus Straßburg mit. Mir ist das moderne aufgeregte Gebaren in der Poesie nicht angenehm. Ich ziehe die französischen Dichter vor, die sich in gemessenen Formen bewegen.« »Sie sind anderer Meinung?« sagte er höflich, da der Kandidat zu lächeln schien. Der sah zu Boden. »Ich würde mir das selbstverständlich nicht erlauben. Freilich ist es mir eigentümlich ergangen. Ich war ein rechter Bewunderer der Franzosen, ehe ich nach Straßburg kam. Hier, an der Schwelle Frankreichs, aber habe ich erst eingesehen, was in unserm Deutschland – –« Weyland legte ihm seine Hand auf die Schulter. Es sah aus, als wolle er ihn hindern, soviel zu sprechen. »Machen Sie uns doch ein bißle Musik, Bäschen«, sagte er abbrechend zu Friederike. Der Kandidat machte ein verlegenes Gesicht. »Sie spielen, Mamsell?« fragte er schüchtern. »Oh, ich kann nur ein paar Tänze. Weil ich nämlich sehr gern tanze, der Arzt es mir aber verboten hat – ich habe vor einigen Jahren eine schwere Lungenentzündung gehabt und muß mich immer noch schonen –, so habe ich mir ein paar Tänze auf dem Klavier eingelernt. Damit ich doch wenigstens auch dabei bin, wenn man tanzt.« Es lag eine solche natürliche Liebenswürdigkeit in diesem Bekenntnis, daß auch der schüchterne Studiosus lächelte. Friederike setzte sich ohne viel Umstände ans Klavier. »Es ist verstimmt«, sagte sie. »Der Efeu macht die Wand feucht.« Wirklich klang der Walzer, den sie spielte, unharmonisch. »Aber sie singt ja auch«, sagte der Vater und streichelte ihr Haar. »Sing doch das Lied, das du aus Straßburg mitgebracht hast; du weißt; ›Souvenir‹.« – »Oh, das wird dem Herrn gewiß noch weniger gefallen. Das paßt in einen Stadtsalon.« Aber ungeziert stellte sie sich ans Klavier und sang mit einer kleinen klaren Stimme ein französisches sentimentales Liedchen, das damals Mode war: »Andenken der Jugendtage Sind gegraben in mein Herz. Ach, des Dörfchens denk' ich immer In der Wiesen grünem Schimmer, Wo ich fühlte keinen Schmerz.« Noch ehe sie aber die letzte Strophe beendete, in der die Töne jammernd in die Höhe stiegen, lachte sie hell auf. »Nein, das geht nicht. Lieber singe ich Ihnen einmal im Freien eins meiner Elsaßliedchen. Die passen besser nach Sesenheim.« Da nun der Mond heraufgekommen war und ins Fenster sah, Vater und Mutter sich zu ihrer gewohnten Partie »Tod und Leben« mit Karten an das Perltischchen setzten, schlug Weyland einen kleinen Spaziergang vor. Und bald wandelten die beiden Pärchen stillatmend in die weiche Nacht hinein, die sie mit Duft und Sternen feierlich empfing. Salome, die selten ruhig genießen konnte, machte allerlei komische Bewegungen, um sie von ihrem Schatten, der an den Häuserwänden kletternd neben ihr herglitt, verzerrt nachgeahmt zu sehen. Auch Weyland versuchte sich in Verrenkungen. Das andere Paar blieb noch schweigsam. Vom Rhein herüber stieg es neblig auf. Und als sie jetzt von der Dorfstraße abbiegend den Feldweg gingen, webte schon silbriges Fließen und Schimmern über den Wiesen, wo sich der Plan zu einer kleinen Anhöhe wölbte, wandte der Kandidat sich um und betrachtete das in Mondschein ruhende langgestreckte Dorf, freundlich umbuscht und von seinem schiefergedeckten Kirchturm behütlich überwacht. »Jetzt habe ich doch ein Plätzchen,« sagte er, »zu dem ich hinschauen kann, wenn ich mit meinen Tischgesellen den Altan des Münsters besteige, um mit gefüllten Römern die scheidende Sonne zu begrüßen.« Gefüllte Römer? Friederike wunderte es, daß ein Konvikttheologe mit gefüllten Römern auf der Münsterterrasse sitzt. Ihr klares und geordnetes Empfinden fühlte da irgend etwas, das nicht stimmte. Sie gingen jetzt im Wäldchen und im Schatten, den die Bäume unterm Mondlicht warfen. Da sie einander nur verschwommen sahen, war es, als ob zwei körperlose Stimmen miteinander Zwiesprache hielten. Die seine hatte ihren unnatürlichen Klang verloren. Sie war jetzt tönend und voll Wärme. Und vor dieser Stimme öffnete die junge Friederike seltsam schnell ihr ganzes Herz. Sie begann von ihrer Kindheit zu erzählen. Bis zu ihrem achten Jahr ist die Familie in Niederrödern gewesen, zwei Stunden von hier, eine armselige Pfarre, in der die Mutter es schwer hatte. Das Glück war groß, als der Vater die gute und angenehme Stelle hier erhielt. Nur sie selber, Friederike, konnte sich an den Wechsel schwer gewöhnen. »Daß man weggehen kann von etwas, das man lieb hat, war mir ganz neu. Es entsetzte mich. In Niederrödern waren die Nachbarskinder, mit denen ich spielte, der Lehrer, der mich lesen lehrte und mit Nüssen rechnen. Und dann hatte ich mein kleines Beet, in dem ich Gänseblümchen so lange umpflanzte, bis sie Tausendschönchen wurden. Und das alles blieb zurück? Ich wurde krank zuerst, so sehnte ich mich danach.« Ob sie nicht glücklich sei in Sesenheim? Sie scheine doch so heiter? »Oh, sehr, sehr glücklich jetzt! So viele Menschen, die man gern hatte. Im Dorfe. Und die zu Besuch kamen, von beiden Seiten des Rheins kamen sie ins Sesenheimer Pfarrhaus, deutsche und französische Bekannte.« Er blieb stehen. »Und ist unter allen diesen Nachbarn, Vettern, Gästen keiner, der Ihrem Herzen besonders nahe steht?« »Keiner«, sagte sie freimütig. »Ich habe sie alle miteinander gleich gern.« Er faßte ihre Hand, wie um zu danken. Sie zog sie aus der seinen. Dann, als wolle sie ihm zeigen, daß sie nicht beleidigt sei, sagte sie: »Und jetzt sollen Sie auch mein Liedchen hören.« Unter einer breiten schwarzen Tanne, die etwas schräg am Hange eines Hügelchens wuchs, blieb sie stehen: »Z' Lauterbach hab' i mein Strumpf verlor'n«, sang sie und »Chimmt a Vogerl geflogen«. Dann das Lied von der »heimlichen Liebe«. Die Töne schwebten leicht und jubelnd unter den Sternen, die seltsam klar über den weiß umnebelten Wiesen glänzten. Salome und Weyland waren umgekehrt und hatten zugehört. Sie klatschten Beifall. Der Kandidat stand schweigend im Dunkel. Friederike konnte sein Gesicht nicht sehen, aber sie fühlte, daß er sie unverwandt anblickte. »Wir müssen zurück«, sagte endlich das Sälmel. »Die Eltern sind gewiß schon zu Bett gegangen und horchen auf unsere Heimkehr.« So wendeten sie alle vier zusammen um. Die Dorfhäuschen waren jetzt schon dunkel. Die Hunde schlugen an, aber gedämpft. Sie kannten den Schritt der Pfarrmaidele. Im Hause sprang Fideel an sie heran. Die Eltern riefen aus der Kammer ihr »Gute Nacht«. Weyland bekam einen Messingleuchter in die Hand mit einer brennenden Kerze. Die Mädchen blieben im ersten Stock, zündeten wispernd, um das Sophiele nicht zu wecken, gleichfalls ihr Lichtlein an, und mit einem »Auf Wiedersehn morgen« ging man auseinander. Die beiden jungen Leute stiegen zur Giebelstube hinauf. Zwei Betten, einladend aufgedeckt, blütenweiß, an den blaugestrichenen Wänden. Weyland legte mit gemächlichem Gähnen seine Kleider ab. »Gut gelungen ist der Scherz«, sagte er dabei behaglich. »Ich bin den ganzen Tag nicht aus dem Lachen herausgekommen. Aber ein paarmal, lieber Goethe, hättest du dich fast verraten. Und wenn ich mich nicht geräuspert hätte – –« Er war eben im Begriff, unter seine Decke zu schlüpfen, als er sich nach seinem Gefährten umsah, der sich gar so still verhielt. Da sah er ihn, noch angekleidet, auf einem Stuhl hockend, ganz zusammengesunken. Die Hand hing schlaff aus dem viel zu kurzen Ärmel. Weyland richtete sich auf. »Wirklich vertrackt siehst du aus. Deine eigene Mutter würde dich nicht erkennen in diesem Aufzuge.« Der Zusammengebeugte sprang auf, riß sich den Rock vom Leibe, daß er kreischend zerriß, zerrte sich die Perücke ab und stand nun herrlich da in seinem wahren kräftigen Wuchs, das Haupt von braunen Locken umwallt. Ein Götterjüngling. In rasendem Zorn schlug er sich an die Brust, daß es dröhnte. »Ich bin der Unglückseligste der ganzen Schöpfung. Ein Frevler bin ich, der mit einer Lüge sich in das Heiligtum eingeschlichen hat. Meine alberne Verkleidungssucht ist schuld an allem. Und wer bin ich denn auch, daß ich wie ein Großer und Berühmter inkognito reisen müßte? Und du«, sein mächtiges Auge wetterte über den Freund hin, der mit verschränkten Armen im Bett lag wie einer, der im Sicheren ein Gewitter vorüberbrausen läßt. »Du! Anstatt mir abzureden, bestärkst du mich noch in meinen Narreteien. Du aber bist noch schuldiger als ich, du kanntest sie, du wußtest, wen ich hier treffen würde. Leute, denen gegenüber mich schon Eitelkeit hindern müßte, vor ihnen den Narren zu machen. Die Ehrfurcht allein hätte genügen sollen, sie vor solchem knabenhaften Schabernack zu schützen. Und dieses Mädchen – –« Er wölbte beide Hände, als wolle er damit eine Muschel bilden zum Schrein für eine Heilige. »Mit welcher Freundlichkeit ist sie mir entgegengekommen, wie zutraulich und rein hat sie sich mir offenbart! Sie wiederzusehen, wäre mein ganzes Glück gewesen. Aber wie kann ich das tun? Wenn sie mir selbst in ihrer Himmelsgüte den albernen Streich verzeihen wollte, ich – –« Er stieß in Abscheu mit dem Fuß nach den weggeworfenen Kleidern. »Unmöglich konnte ich noch in diesem abscheulichen und lächerlichen Aufzuge wieder vor sie hintreten. Ich müßte denn – –« Er hielt plötzlich inne, nahm Weylands hübsche und saubere Kleider, die am Bett hingen, in die Hand und hielt sie an das Licht. Aber Weyland, der ahnte, was dieser Brausekopf plante, setzte sich auf und nahm sie ihm weg. »Nein, nein, mein Bester. Und sie wären dir ja auch viel zu klein.« »Dann, ja dann weiß ich, was ich tue.« Er riß seinen Reisemantel vom Kleiderhaken, das Licht flackerte hoch auf; und ehe Weyland sich's versah, war der junge Sturmwind die Treppe hinunter und ins Weite gelangt. Fluchend erhob sich der Müde, nahm sich nun gleichfalls seinen Mantel um, zog sich Pantoffeln an, sorglich erst auch noch Strümpfe und schlich ihm nach. Aber da hörte er vom Wirtshaus her schon Hufschlag, der sich nach der Drusenheimer Straße hin entfernte. »Ja, da ist also nichts zu machen.« Kopfschüttelnd schlich er zurück. »Dieser Goethe ist doch ein rabiater Mensch! Und wie er ausgesehen hat in seinem Zorn! Der Donnrer selber.« Aber dann schüttelte er sich. Ihn fror. Und er wollte sich nicht erkälten.– – – Kapitel III »Er stand vor mir, ich fragt' ihn, wer er sei? Er schwieg ein Weilchen, dann versetzt er lächelnd: ›Nichts bin ich, wenn du mich verachtest; viel, Wenn du mich lieben könntest.‹« (Claudine v. Villa Nella.) Monsieur Vielgestalt Als Weyland am nächsten Morgen etwas spät zur Morgensuppe herunterkam, hatte er ein strenges Verhör bei Frau Brion zu bestehen. Wie lange er den Kandidaten Werner schon kenne? Und ob man ihm denn wirklich trauen könne? »Ich bin überzeugt, er hat den Vater angeborgt, als er mit ihm allein war. Vater sagt ›nein‹, aber man kennt ihn ja! Ein Mann, dem man die Nase aus dem Gesicht stehlen könnte, ohne daß er Argwohn schöpft. Ich sage Ihnen aber: Ein Schauspieler ist das eher als ein Kandidat. Und wer weiß, was sonst noch! Mitten in der Nacht bin ich aufgestanden, in der Speisekammer nach den Würsten zu sehen. War es mir doch, als hatte ich jemanden die Treppe hinunterspringen hören. Fideel war ganz still, also war es einer, den er kannte. Und zurückkommen hörte ich keinen. Er muß auf Socken geschlichen sein!« Weyland machte ein verzwicktes Gesicht. »Sie brauchen nicht mehr um Ihre Würste und Schinken besorgt zu sein, liebe Tante«, sagte er endlich. »Der Störenfried ist fort.« Lachend erzählte er. »Der Goethe hatte aber wohl recht,« meinte er schließlich, »ich hätte ihm von dem tollen Einfall abreden sollen. Jetzt ist er ganz außer sich und will niemals wieder herkommen.« Frau Brion sah nachdenklich aus. »Freilich hätte man gern die interessante Bekanntschaft gemacht. Aber vielleicht ist es doch gut, daß er nicht wiederkommt.« – »Vielleicht ist es doch gut!« wiederholte sie, als sie durch die Küche auf den Hof hinausging, in dem Friederike rosig und strahlend ihren Hühnern Futter streute. »Der Kandidat ist abgereist,« sagte Frau Brion leichthin zur Tochter, »er läßt uns seine Entschuldigungen sagen.« Friederike setzte den noch halbgefüllten Napf auf den Brunnentrog. »Warum?« fragte sie. Sie war blaß geworden. »Aber ich weiß,« fuhr sie heftig fort, »der arme Mensch hat sich beleidigt gefühlt. Keiner von euch war herzlich zu ihm. Und Weyland behandelte ihn wie seinen Domestiken. Ein Mann wie der! Wenn er gleich nicht viel spricht – – in dem steckt mehr als in uns allen zusammen. Das spürt man.« Sie brach in Tränen aus. »Es war der Herr Goethe,« rief jetzt Salome zum Fenster heraus, »als armer Kandidat verkleidet. So ein Lausbub!« Sie lachte unbändig. »Ja, er war's,« sagte Frau Brion, »er hat sich seinen Spaß machen wollen mit uns. Reicher Leute Kind. Und ein Genie, wie man erzählt.« Und zum dritten Male an diesem Morgen sagte sie mit Überzeugung: »Gut, daß er fort ist.« Friederike ging ins Haus. Die Hühner hatten sich über den Napf hergemacht und ihn leergefressen. Sie ging in ihre Stube, legte das hübsche geblümte Schürzchen ab, das sie sich in aller Frühe vorgebunden hatte, und tat eine häuslichere um und zog den Pfeil aus ihrem Haar, daß die Zöpfe lang herabrollten. Der Kopf tat ihr weh. Das also war der Goethe? Der vom Einzugsfest? Nein, sein Gesicht hatte sie nicht erkannt unter der Kandidatenmaske. Aber der Mensch selber hatte sich vor ihr nicht verbergen können! Sie wurde wieder froh bei diesem Gedanken. Weyland hatte mit den beiden Mädchen einen Spaziergang ins Flußtal hinein gemacht, Ein Verwandter von ihm war Verwalter eines nahen von Dietrichsschen Gutes. Den wollte er besuchen. Friederike verabschiedete sich kurz vor dem freundlich gelegenen Gehöfte. Sie mochte nicht immer aufs neue Schwester und Vetter über die lustige Verkleidung schwätzen hören. Sie, der sonst das Lachen so leicht über die Lippen sprang, konnte heute nicht recht mittun dabei. Den großen Strohhut am Arm, ging sie den Weg zurück, bis sie zu der Wiese von gestern abend kam. An der breiten Schwarztanne blieb sie stehen. Sonne schien heute auf die feuchten Nadeln, daß sie funkelten. Sie sah zu dem Waldhügelchen empor. Dort, unter einer jungen Buche, stand eine selbstgezimmerte Bank, vom Vater mit der Aufschrift »Friederikensruh« gezeichnet. Da hinauf wollte sie jetzt. Elastisch stieg sie die sanfte Anhöhe empor. Jetzt bog sie um die Tannengruppe, die ihr die Bank verdeckt hatte. Da saß jemand. Ein Bauernbursche. Das mußte ein fremder sein. Die Leute vom Dorfe gingen nicht am hellen Tage spazieren. Und sich auf Friederikes Bank zu setzen hätte keiner gewagt. Der Bursche war jetzt aufgestanden und drehte ihr den Rücken zu. Er schien mit einem Messer, das herüberblinkte, an der Buche herumzuschnitzeln. »Heda,« rief sie, »guter Freund, was macht Ihr da?« Sie erkannte jetzt die Sonntagskleider von Schorsch Klein, dem Wirtssohn aus Drusenheim. Aber seine Gestalt war es nicht. Ihr fiel ein: Wahrscheinlich ist sein Vetter Jakob aus Straßburg auf Urlaub hier und hat statt der Uniform Schorschs Anzug an. Jetzt war sie angelangt. Und schrie leicht auf. Zwei wohlbekannte schwarze Feueraugen blickten auf sie hin. »Mamsell Friederike!!« Er schien ebenso erschreckt wie sie selbst. Sorgsam führte er sie zur Bank, auf der sie sich schnellatmend niedersetzte. Eine helle Röte war ihr ins Gesicht gestiegen. Er stand vor ihr. Und plötzlich (schade um Schorsch KIeins beste Samthosen und blauen Strümpfe) kniete er zwischen feuchten Tannennadeln und brauner Buchenstreu vor ihr, nahm ihre Hand und küßte die. »Soll ich gehen? Sind Sie mir böse?« Friederike hatte sich gefaßt. »Sie spielen Ihre neue Rolle schlecht, Herr Goethe«, sagte sie mehr anmutig als streng. »Die Bauernburschen hierzulande küssen nicht die Hand.« »Weyland hat also gebeichtet?« Sie nickte. »Und Absolution erhalten?« »Die müssen Sie sich selber holen.« Ihr war auf einmal leicht und vogelselig zumute geworden. Wie er da vor ihr stand in der vertrauten Tracht des guten Schorsch, schien ihr das Bedeutungsvolle und Kühne dieses Gesichts nicht mehr so im Abstand zu sein von ihrer eigenen Welt wie damals in Straßburg. Sie äußerte ihm das in ihrer leichten, liebenswürdigen Art. »Aber nun stehn Sie auf, Sie arger Komödiant und Raschperle.« »Nein, lassen Sie mich Abbitte tun!« Sie zog ihn freundlich empor. »Aber ganz ohne Strafe kommen Sie uns nicht davon. Sie müssen uns erzählen, wie sie in die neue Verkleidung gekommen sind? Nein – nicht jetzt, nicht hier. Unten vor uns allen. Jetzt« – sie machte ihm mit einer mädchenhaften Bewegung auf der Bank neben sich Platz – »jetzt sollen Sie mir nur geschwind sagen, warum Sie gestern nacht davonliefen. Hatten wir Ihnen denn etwas getan?« » Sie mir ?« Und nun brach es hervor, in stürzenden, von Leben dampfenden Worten: Seine Reue, seine Flucht, sein verzweifeltes Reiten durch die Nacht, sein Abscheu davor, nach Straßburg zurückzukehren, ohne sie wiedergesehen, ihre Verzeihung erbeten zu haben. So sei er in Drusenheim geblieben. »Ich hätte es nicht ertragen, noch mehr Weg zwischen uns zu legen, Mamsell Brion.« »wirklich?« sagte Friederike befangen. Goethe sprach weiter: Von der Unmöglichkeit, vor ihr noch einmal in so lächerlichem Aufzuge zu erscheinen, wie er sich dem Drusenheimer Wirtssohn anvertraut, der ihm seine Kleider geborgt und behauptet habe: Im Sesenheimer Pfarrhaus sei ein Scherz in Ehren jederzeit willkommen. Friederike nickte, »Er hat Recht, wir werden heute mittag brav zu lachen haben.« Plötzlich wurde sie feuerrot. Sie hatte entdeckt, daß sie mit hängenden Zöpfen hier saß wie ein kleines Bauernmädchen. Ganz verwirrt senkte sie das Köpfchen. Was mußte der junge Frankfurter von ihrem Aufzuge denken! Der aber saß ganz still, wie man mit angehaltenem Atem ein Waldvögelchen belauscht, das man mit einer zu raschen Bewegung zu verscheuchen fürchtet. Art und Gebärde des Madchens an seiner Seite prägten sich ihm unverlöschlich ins Herz. Für immer. Wer heute seine Werke liest, wird darin immer wieder Friederike auferstehen sehen, wie sie an jenem Maimorgen in Lieblichkeit und Reinheit da in ihre grüne Heimatswelt hineinlächelte; ihr zugehörig und in ihr beglückt. Nun aber schon ahnungsvoll gestreift von etwas Fremdem, Stürmendem, dem sie sich erwartungsvoll entgegenwandte. In diesem Augenblick freilich machte der junge Mann keine Reflexionen. Fühlte nur Dank und Wonne. Und versank in schöner Gegenwart. Sie schwiegen lange. »Wie kühl die Wiesen zwischen den schwarzen Waldhümpeln lagern«, sagte endlich Goethe träumerisch. »Ganz ruhig gleiten einem die Augen über Dorf und Ebene. Bis hinüber zum Rhein, der uns seine begrünten Inselchen wie samtne Ruhekissen entgegenhält. Wenn man das sieht – – man mochte am liebsten alles aufgeben, was draußen lockt und nach einem verlangt.« »Ja, hier ist's schön«, sagte Friederike. »Ich möchte nicht so im Lärmenden und Unruhigen wohnen. Hier hat einen alles lieb. Man kennt jeden Baum, weiß seine Geschichte, hat etwas mit ihm erlebt. Dieser zum Beispiel – –« Sie legte ihren Arm um den glatten, schlanken Stamm der Buche, stockte, sah Goethe an. »Ein W. und ein G.? Haben Sie das vielleicht – –« Er sah ganz bestürzt aus. »Ich wagte mich nicht gleich ins Pfarrhaus. Leute gingen da. Es zog mich mit Gewalt zum Feldweg – gestern war's so schön dort – dann der Hügel, hier der Baum – – Ich wollte Ihnen ein Zeichen lassen, daß ich hier gewesen sei – – Friederike sah vor sich hin. »Es ist mein Baum«, sagte sie dann. »Vor vier Jahren zu meiner Einsegnung haben auch wir unsere Namen hier einschneiden wollen, dann aber reichte die Geduld nicht aus. So blieb es bei ein paar Buchstaben. Die meisten sind bereits verzerrt und heut' nicht mehr zu lesen. Ich hatte mir rechte Mühe daran gegeben. Und so steht mein Name denn auch noch deutlich da.« »Ja wirklich. Und gerade über meinem.« »Sie sahen ihn nicht?« »Ich hatte in dem ›R‹ keine ›Friederike‹ vermutet, nun ist's wie Fügung!« rief er ihr entgegen. Er hatte wieder sein Messer vorgezogen und arbeitete an jenem verwachsenen »Riekchen« herum. Sie sah zu. So standen sie beide vor dem jungen Baum, der sein goldgrünes Seidenkleidchen strack und ziervoll zwischen die schwarzen Tannen hielt. Goethe legte zuletzt die Hand an den Schaft. Er blickte entrückt. Und als ströme der Baum die Worte in ihn ein, kam es tropfenweise von seinen Lippen: »Dem Himmel wachs entgegen Du Baum, der Erde Stolz. – Ihr Wetter, Stürm' und Regen, Verschont das heil'ge Holz! – Und soll ein Name verderben. So nehmt den obern in acht, Es mag der Dichter sterben, Der dieses Lied gemacht.« Friederike hatte mit naiver Andacht auf die Lippen des Sprechenden gesehen, als wolle sie dort das Geheimnis des Dichtens, das ihr zum ersten Male nahetrat, ergründen. Dann aber sagte sie unvermutet hell: »Warum die Dichter nur immer so viel vom Sterben reden! Es denkt doch keiner von ihnen so recht daran. Gelt?« In ihrem Blick lag die Frage: »Du doch auch nicht. Wo uns jetzt das Leben erst recht schön werden soll!« Und Goethe verstand die stummen Worte. Denn er breitete die Arme aus gegen die Herrlichkeit ringsum und gegen das Mädchen. »Nein, noch lange, lange nicht!« Sie nahm ihren Hut. »Ich gehe jetzt. Bleiben Sie da. Und schneiden Sie nur ruhig ihren Namen fertig aus. Wir wollen ihn schon gut hüten. Es findet sich auch wohl ein oder der andere hinzu«, meinte sie neckend. Er sollte nicht wissen, daß sie niemanden mehr leiden würde da neben ihnen zweien! »Darf ich also wirklich ins Pfarrhaus gehen?« »Ich werde Sie als dem Schorsch seinen Vetter ankündigen. Setzt Euch, wenn Ihr kommt, nur recht bescheidentlich auf der Bank nieder, die vor unserm Hause steht. Gelt? Oh, wir werden eine arg lustige Komödie miteinander brauen, Herr Dichter. Und nun, au revoir, Jaköble. Und seid recht brav.« Er sah ihr nach, wie sie, den sonnengelben Hut am Arm, mit fliegenden Zöpfen durchs Wäldchen lief, setzte sich, sprang auf, klatschte wie ein Besessener in die Hände, tanzte und sang. Wieder Verse: »Ich hab' sie gesehen, Wie ist mir geschehen! O himmlischer Blick! Ihr Büsche, ihr Bäume, Bewahrt mir das Mädchen, Bewahrt mir mein Glück!« * Pfarrer Brion war im nahen Runzenheim zu einem Begräbnis gewesen. Er kam in Talar und Bäffchen. Und da er im Vorgärtchen die Hühner im Ranunkelbeet picken sah, scheuchte er sie mit dem Zipfel des geistlichen Gewandes scheltend davon. Fand auch kein Arg dabei, daß ihm bei diesem weltlichen Tun ein Bauernbursche zusah, der vor dem Hause auf der Steinbank saß. »Bist du es, Schorsch?« fragte er hinüber. Dann aber sah er, daß es nicht der Drusenheimer Wirtssohn war, der da saß, sondern nur sein Sonntagsstaat, und drin ein fremder Kerl, prall und kräftig, der jetzt aufstand und, sonderbar genug, den Bänderhut nicht lupfte. »Bringst du was für die Pfarrerin?« Der Bursche schien einen starken Schnupfen zu haben. Er hantierte mit seinem rotkarierten Taschentuch so gewaltig in seinem Gesicht herum, daß es ganz davon verdeckt war. »Ich werde meine Frau rufen«, sagte der Pfarrer, dem die Sache zu lang wurde. Drinnen im Hause hatte gerade Friederike dem Bärbel zugerufen, ihr Schatz, der Jakob, sei auf Urlaub und werde gleich hier sein. Geschwind solle sie sich putzen und ein freundliches Gesicht machen. Die Uniform habe er zu Hause gelassen und die Kleider vom Schorsch angezogen. Als nun der Vater berichtete, »es sitze einer draußen, den er anfangs für den Schorsch gehalten«, lief das hübsche Maidele hinaus, schlang von hinten die Arme um den Burschen, drehte ihm den Kopf zurück und küßte ihn so recht von Herzen. Eine ganze Weile. Warum aber küßte er nicht wieder? Warum sprach er nichts? Auf einmal schrie sie auf. »Ich dank' auch schön«, hatte eine fremde Stimme gesagt. »Sind denn heut' alle behext?« dachte die Pfarrerin, als das Bärbchen an ihr vorbeiflog und dabei ein immer erneutes gackerndes Lachen ausstieß, das schon halb ein Weinen war. Friederike war so sonderbar lustig heimgekommen, der Vater ganz hilflos von draußen hereingestürzt. Und ist das denn auch wirklich der Jakob, der da sitzt und jetzt, da sie näher kommt, aufsteht und sich den Hut vors Gesicht hält, obgleich die Sonne auf der anderen Seite steht. Sie trat näher. Da setzte er rasch den Hut auf. Aber sie hatte bereits die städtische Frisur bemerkt mit Seitenrollen und zusammengebundenen Nackenlocken, die er darunter verbarg. »Also wieder ein Verkleideter! Der zweite seit gestern! Und« – die gute Frau zweifelte nicht daran – »der gleiche!« Auch ahnte sie den Zusammenhang. Aber sie verriet sich nicht. Nun wollte auch sie ihren Spaß haben. »Ihr habt da eine heikle Sache angestellt, guter Freund,« sagte sie in scheinbarer Ängstlichkeit, »das arme Bärbel sitzt in der Küche und weint. Gleich wird der Jakob hier sein. Ein Wüterich. Ihr seid vor seiner Rache nicht sicher. Wir müssen Euch verbergen. Ich will meine Töchter rufen und mit ihnen beraten, wo wir Sie am besten einsperren können so lange.« Es wurde eine lustige Szene, in der jeder seine Rolle zu eigenem Vergnügen spielte. Weyland, der sich nicht groß verstellen konnte, sah mit gutem Lächeln von einem zum andern, Friederike schürte lustig die Verwirrung, das Bärbel, herbeigezerrt, schämte sich auf eine wunderhübsche Art. Zuletzt wußte niemand mehr, wer eigentlich der Gefoppte war, und wer foppte. Sophie und Christian hopsten vor allgemeiner Freude an der Lustigkeit dazwischen und begriffen nichts. Dann ging's zu Tisch. Vater Brion kam ahnungslos herein, verwundert, den Jakob Klein als Tischgast vorzufinden. Er sah ihn ein paarmal fragend an, vergaß dann seiner wieder nach seiner zerstreuten Art. Und als die Mutter sagte, »der Jakob Klein bitte um die Erlaubnis, etwas zu erzählen, brummelte er ein lässiges »Meinetwegen«. Allmählich aber merkte er auf. Vom Goethe wurde da erzählt, den der Hafer gestochen und der sich nachträglich seines Streiches so unbändig geschämt, daß er flugs einen neuen beging. Die ganze Geschichte nahm in diesem Munde gleich die Form eines kleinen Kunstwerks an, voll Humor, Spannung und reizender Schalkhaftigkeit. Er flocht die Porträts der Anwesenden mit hinein. Jeder fühlte sich so scharf und klug und dabei doch so gütig gesehen, daß er in die beste Laune geriet. Und die Jüngsten, die zu spät zu Tisch gekommen waren und nun nur den Schluß gehört hatten, konnten sich nicht beruhigen mit Fragen und Entzückungen. Zum Schluß improvisierte Goethe dann eine kleine, komisch-pathetische Verzweiflungsszene, in der er Besserung gelobte. Frau Brion trug die ganze Zeit über ein frohes Lächeln um den schmalen Mund. Wie schön es doch ist, jung zu sein wie der! Und sich das Leben bunt zu machen! Und ein herrlicher Bub war dieser Nichtsnutz von Goethe. Das mußte man ihm lassen! – – – Nach Tisch nahm Salome des Bauernburschen Arm. Sie wollte mit ihm durch die Straße gehen und die Dorfbewohner foppen. Aber die Mutter erlaubte es nicht. Solch ein Scherz im Hause sei gut und lustig. Aber man dürfe ihn nicht auf die Straße tragen. Der Vater war still geworden. »Was ihm fehle?« fragte Friederike. Da gestand er, er habe den Kandidaten von gestern so lieb gewonnen, daß sein Verschwinden für immer ihn aufrichtig betrübe. Auch habe er ja manchmal für ihn predigen wollen. Fr drohte Goethe mit dem Finger. »Ihre Begeisterung für meinen Vorschlag war also nur gespielt, Sie böser junger Freund.« Goethe fuhr lebhaft auf. »O nein! mein voller Ernst. Sein Bestes kann man doch nie am Schreibtisch geben. Schreiben ist ein trauriger Mißbrauch der Sprache. Die muß von heißen Lippen springen.« Unwillkürlich sah, da er so sprach, jedermann auf seinen Mund, der, wundervoll geschweift, zum Reden wie zum Küssen geformt schien. In diesem Augenblick hörte man von der Straße her Geige und Trommelschlag. Musikanten, die nach Drusenheim zu einer Hochzeit bestellt waren. Goethe sprang in ein paar Sätzen die Treppe hinunter und beredete sie, ein wenig zu verweilen und hier der Jugend zum Tanze aufzuspielen. Da er mit Liebenswürdigkeiten und Geld gleich freigebig war, blieben sie. Der Vater hatte sich in seinen Ohrensessel zurückgezogen, die Mutter war im Haushalt beschäftigt. Alle übrigen aber brachen in die alte Pfarrscheune ein, die im Gehöfte stand und in der zwei Mägde Häcksel schnitten. Das Bärbel kicherte hoch auf, als der fremde Spaßvogel nun hier erschien. Im Nu waren die Schneidemaschinen zur Seite gerückt, die Musikanten hockten auf einem Seitenbalken. Und nun ging in der alten, blonddurchsonnten Scheune ein Tanzen an, das tausend flimmrige Strohstückchen in mitwirbelnde Bewegung setzte, die sich wie Goldpuder auf Haar und Kleider legten. Vom Kornboden her roch's nach Sommer, und die bunten Röcke der Mägde leuchteten hindurch wie Feldblumen. Die Musik spielte einen Hopser. Friederike, der die lebhafte Bewegung nicht zuträglich war, tat dabei nicht mit. Um so heftiger tanzte Salome. Sie hatte Goethe zu sich herangerissen und sprang nun mit ihm durch die Tenne wie eine Berauschte. Gar zu gern hätte sie den schönen Burschen sich in seiner jetzigen Gestalt festgehalten. Es ging ihr wie dem Vater. Es war ihr unlieb, zu denken, daß dieser Bauernbursche nur ein Scheinbild war. Wie er gut tanzte! Anders als die Straßburger Herren. Die wiegten sich nach französischer Art nur ein wenig auf den Zehen, hatten Angst, heiß zu werden, sich anzustrengen.« Als sie nachher an Weyland kam, wollte ihr sein pedantisch fleißiges Springen gar nicht recht gefallen. Sophie dagegen hüpfte voll Begeisterung mit ihm zusammen. Dann kam der Walzer. Goethe tanzte mit Friederike. Alle sahen zu, wie schön das ging. Ein wiegen und ein ernsthaftes Knicksen; in den Gesichtern eine Freudigkeit, die wie Jubel war. Sie hörten erst auf, als die beiden Musikanten ihr letztes Schöppchen Wein leerten und erklärten, ihre Zeit sei um, sie müßten weiter. Auch Weyland sah nach der Uhr. Er wollte morgen ganz früh in der Anatomie sein. Wenn man die Post benutzen wolle, die in einer Stunde von Drusenheim abgehe, sei es höchste Zeit. »Wir müssen fort, wir müssen fort«, sagte er in seiner väterlichen Art zu Goethe. Der stand unschlüssig. »Und mein Pferd?« Schorsch Klein – der echte! – hatte es herbringen sollen, war aber noch nicht angelangt. Inzwischen waren Vater und Mutter Brion auch herbeigekommen, zu sehen, wie die Jugend es da treibe. Sie sollten doch noch eine Nacht hierbleiben, meinte die Mutter. Man sei nun einmal vergnügt beisammen. Wer weiß, wann das sich wieder so trifft? Aber Weyland bestand auf seiner Pflicht. Er war Assistent und durfte nicht fehlen. »Ach was!« rief Goethe übermütig, »ach was, guter Weyland, laß nur deine armen Toten da in der Anatomie, an denen ihr das Leben lernen wollt, ein wenig warten. Denen ist die Ewigkeit ein Augenblick. Für uns aber,« sein Blick streifte Friederikes zierliche Gestalt, »für uns kann ein einziger Augenblick die Ewigkeit bedeuten.« Vater Brion hob warnend den Finger. »Nicht so leichtherzig umspringen mit Tod und Leben, junger Freund!« Der Bauernbursche versprach reumütig Besserung, Weyland nahm den Onkel beiseite. Er möge nicht glauben, unter Georg Kleins Bauernrock verberge sich heute ein leichtfertiger Weltling! Keiner der ganzen Tischgenossenschaft habe soviel über religiöse Dinge nachgedacht wie dieser Zweiundzwanzigjährige. Als er nach Straßburg kam, war er fast herrnhutisch streng gesinnt. Allmählich erst hat er sich zu einem fröhlicheren und lebendigeren Glauben durchgerungen. »In jeder Schönheit, jeder Freude sieht er seinen Gott.« Sein gutes Gesicht leuchtete vor Freundschaft. Inzwischen war unmerklich die Zeit überschritten, die Weyland zum Abschied bestimmt hatte. Goethe schlug einen nächtlichen Heimritt vor. »Den brauchen die Herren aber erst in ein paar Stunden zu beginnen«, meinte die Hausfrau. »Wir werden noch zusammen vespern können.« Der Vorschlag fand allgemeinen Beifall. Jeder einzelne lobte ihn laut. Christian und Sophie henkelten sich mit Vertraulichkeit zu beiden Seiten des Bauernburschen ein, zogen ihn aus der staubigen Scheune in den geräumigen Hof und redeten auf ihn ein. Sophie verlangte zu wissen, ob er ein wirklicher Dichter sei? So einer, wie sie in der Schule »hatten«? Lafontaine zum Beispiels? Oder Geßner? Ob er jeden lag etwas dichte? Und ob er ihr einmal zeigen könne, wie man das mache? Sie sage gern Gedichte auf. Und der Lehrer habe gemeint, sie habe Talent für Poesie. Christian, an dem anderen Arm hängend, schämte sich unsäglich der schwatzenden Schwester. Er selbst sprach vom Studieren in Straßburg und davon, daß er einmal Pfarrer werden würde. Und sonstige gebildete Sachen. Der Bauernbursche ging liebenswürdig auf alles ein, riet dem Sophiele, sich erst recht genau zu überlegen, was in dem Gedichte stehen solle, ehe es beginne. »Es müßte denn ganz von sich selber solch ein Lied aus dir heraussingen, Kind! Das wäre freilich das Beste! Und so sollt' es immer sein.« Dem Christian sprach er von den theologischen Professoren in Straßburg und von dem trefflichen Pfarrer Oberlin in Steinach, der ein Wohltäter der ganzen Umgegend sei. Im Hause nahm ihn der Vater sogleich in Beschlag. Wie es mit dem französischen Brief an den Prinzen würde? Und ob Goethe nicht bei einem künftigen Besuch helfen wolle bei den Notizen zu einem neuen Bauriß? »Künftiger Besuch!« Das freundliche Wort hätte ihm das Unmöglichste abgelockt. Die Mutter kam und zog ihn beiseite. Er möge sich von der Grille ihres Mannes nicht quälen lassen. »Er ermüdet alle unsere Gäste damit.« Goethe lachte. »Oh, da trifft es sich bei mir recht glücklich, daß ich mich niemals lange müßig halten mag. Und wenn's ein Spiel wäre, das ich treibe! Ohne einen, der von mir fordert , freut mich nichts.« Er bekräftigte seine Behauptung damit, daß er sich sogleich Zollstab, Bleistift und Papier ausbat und damit begann, die Breite der Fenster, Türen, Schornsteinlage aufzuzeichnen. Er wurde dabei ziemlich stark durch die ungeschickten Helfversuche des Pfarrers gehindert. Schließlich, da die Mädchen vom Garten her laut zum Vespern in der Jasminlaube riefen, gab er noch Christian, der ihm anbetend folgte, Anweisung, wie die Sache zu machen sei. In Straßburg habe er dann einen Architekten zur Hand, mit dessen Hilfe man einen leidlichen Bauriß zustande bringen werde. »Wenn wir den hätten!« Des Pfarrers Gesicht sah ganz jung aus dabei. Draußen war es nicht sehr warm, aber die Sonne schien und hatte alle Wölkchen weggesogen. Plaudernd schritt man die Gemüserabatten entlang, die, zwischen kräftig besetzten, auch noch kaum begrünte Beete aufwiesen. Ein großer Rasenplatz, in den hohe Wäschestützen eingelassen waren, führte zum hinteren, etwas erhöhten Teil des Grundstücks, der mit alten, dunklen Bäumen bestellt war. Im Rasenplatze waren runde Blumenbeete eingelassen, Bauernblumen und zierlichere, aus denen Friederike zu Taufen, Hochzeiten und Begräbnissen in der Gemeinde alle Arten Kränze flocht. Vor der Jasminlaube, die noch in Knospen stand, lag gelbe Sonne. Man setzte sich mit Kuchen, Broten, Eingemachtem und Getränken an den runden Tisch. Für die Abreisenden gab es »Straßburger Erdäpfel« in ihrer Sahnensauce und gebratenes Fleisch. Friederike hatte sich aus der überfüllten Laube herausgerückt. Ihr Schatten fiel in scharfen Umrissen auf die Bretter der Rückwand. Goethe bat sich ein paar Nadeln aus, Christian brachte ihm Papier und half es straff befestigen. Dann sahen alle zu, wie Zug um Zug der Silhouette nachgezogen wurde: Die runde Stirn, das zierliche Näschen, die leicht geöffneten Lippen, das volle, jetzt längst wieder schicklich aufgesteckte Haar und der schlanke Halsansatz. »Nun nehm' ich Sie mir mit nach Straßburg, Mamsell Friederike«, rief er hinüber. »Nur meinen Schatten. Und geben Sie nur acht auf ihn. Wenn die Sonne nicht mehr scheint, entschwindet er.« »Ich werde das Blatt da auf der Brust tragen. Da ist mir's so warm, so hell. Da wird's ihm sein, als wär' es wieder Sonne.« Spielende, nicht gerade kluge Worte. Aber den beiden Offenbarung und Geständnis. Die Mutter und Sophie räumten ab, die übrigen bestiegen den kleinen »Berg«, den man unlängst gegen das Feld zu an der Mauer aufgeschüttet und mit felsartigem Gestein geschmückt hatte. Allerlei Unkraut wuchs hoch und lustig in den Steinspalten. »Wir hatten Gentianen und Edelweiß hineingepflanzt,« sagte Friederike, »aber es ging alles wieder ein.« »Hier müssen Farnkräuter her«, rief Goethe eifrig. »Wollen wir nicht rasch in den Wald laufen und ein paar mit ihrer Erde ausgraben?« Federnd, schon halb im Sprunge, stand er da. Weyland, von der Unruhe der Pünktlichen erfaßt, bat ihn, jetzt nicht mehr wegzulaufen. Er ging ins Haus, nach Georg Klein zu sehen, der ja nun endlich da sein müsse mit dem Pferde. Die Sonne sank jetzt unter. Der Himmel war wie durchbohrt von lauter Feuerseen, von farbigem Gewölk umbuchtet. Während alle hinaufschauten, betrachtete Goethe die gravitätische Polonaise der Gemeindegänse, die mit goldenen Lichtern auf ihrem Federkleid am Feldrain vorbeiwatschelten. »Himmel auf jedem Ding, auf jeder Kreatur«, sagte er zu Friederike. Die wies auf die Reihe goldener Spiegel, die den Rheinarm jetzt festlich machten. »Ich sah das nun so oft schon. Heute seh' ich's schöner. Auch die Gänse«, fügte sie lächelnd hinzu. Jetzt kam Weyland zurück. Der Schorsch sei da mit dem Pferd. Aber seinen Anzug wolle er gern gleich wiederhaben. Er habe heut abend noch eine Hochzeit in der Nachbarschaft zu besuchen. Da war guter Rat teuer. Die Mädchen flüsterten miteinander. Dann gingen sie weg und kamen bald darauf mit einer Jagdpekesche wieder, die Vetter Gottlieb im Winter hier gelassen hatte. Er sei so ziemlich von der Figur des Herrn Goethe, meinte Salome. Während die abermalige Verkleidung oben im Logierzimmer vor sich ging, war man ins Haus zurückgekehrt. Es hatte sich ein Wind erhoben, der neuen Regen vorbereitete. Der Vater stand schon an der Tür, zu mahnen. So gastfrei er fühlte, er war bekannt dafür, daß er die Gäste, die fortwollten, fast unhöflich vor lauter Gefälligkeit auf die Straße setzte. Er machte große Augen, als er statt des Bauernburschen den wiederum Verwandelten die Treppe herunterkommen sah. »Was ist denn das nun wieder?« Er rührte ihn am Arm. »Ich glaubte schon, dieser Monsieur Vielgestalt sei nur ein Spuk. Aber er scheint mir ja eine recht robuste Körperlichkeit zu besitzen.« Trotz seines Scherzens lag ein Ton wirklicher Ängstlichkeit in seiner Stimme. Auch Friederike ward es sonderbar zumute, da sie den neuen Freund im Anzug ihres Vetters und Verehrers, gleichsam als ein Doppelwesen, vor sich sah, das sich in ihr Leben einzudrängen begann. Salome dagegen wußte sich vor Lustigkeit nicht zu lassen, ordnete bald an der Pekesche und zupfte bald den Haarbeutel zurecht. Goethe selber schien sich wenig behaglich zu fühlen in dem nicht gerade neuen, derben Habit, das er durch Schuhe und Strümpfe von Christian vervollständigt hatte. Oder war es die nahe Abreise, die ihn quälte? Er sah plötzlich blaß aus. Das Nachtessen verlief eilig und ziemlich schweigsam. Ein Gefühl von Abschied legte sich fröstelnd auf alle. Trotz des guten Landweins, den man reichlich trank. Und trotz des immer wiederholten Versprechens eines baldigen neuen Besuches. Während Weyland, von dem Vater und Christian begleitet, zum »Anker« ging, wo sein Pferd stand, stieg Goethe vor der Pfarrhausscheune auf, ihm nachzureiten. Die Mutter kam mit Päckchen zum Mitnehmen »für unterwegs«. Sophie brachte ein Sträußchen ins Knopfloch. Jeder hatte noch rasch etwas zu sagen, zu bringen, zu erinnern. Es war, als mache ein Sohn des Hauses eine weite Reise. Es wurde verabredet, durch die alte Bibiane, die Drusenheimer Botenfrau, in regelmäßiger Verbindung zu bleiben. Jeden Freitag brachte sie die Straßburger Postsachen nach Sesenheim. Als endlich der Hufschlag der Reiter verhallte, stand Vater Brion am Fenster und sah in das Gewölk hinaus, das rasch den Himmel überzog. »Ein singulärer Mensch, dieser Monsieur Vielgestalt«, sagte er zu Friederike, die neben ihm lehnte. »Ein ganz singulärer Mensch!« Kapitel IV »Diese Stube, dieses Haus ist ein Himmel, Seit Egmonts Liebe darin wohnt.« (Goethe, Egmont.) »O Lieb, o Liebe, So goldenschön, Wie Morgenwolken Auf jenen Höhn.« (Goethe, Mailied.) Freudenzeit Es war wundervoller Sommer geworden. Der Juni hatte alles doppelt entfaltet, was der kühle, regnerische Mai in der Knospe zurückgehalten. Die kleinen Gehölze und Gärten, zwischen denen die braune Häuserzeile der Sesenheimer Dorfstraße eingebettet lag, waren eine einzige Woge von Blüten. Und eine warme Bläue in der Luft, die trunken machte! Friederike ging durch ihren Garten, wie durch ein Fest, das man ihr bereitet hätte, strich dankbar über die Malven, die ihre rosa Rosetten so lustig rund um den hohen Schaft gesteckt hielten, roch an den weitoffenen Jasminblüten, die sich den Bienen bereithielten, und jagte sich mit dem alten, zottigen Fideel, in dessen alte Glieder neue Lebenslust gefahren schien. War denn Sommer früher je so schön gewesen? Und heute war Freitag. Heute kam Bibiane Ziez, die Botenfrau. Friederike flog ins Haus zurück. Im Töchterzimmer, auf dem ausgeblaßten Nähtischchen, lag die Schreibmappe, die sie für Goethe gestickt hatte: ein Kranz von goldfarbenen Blumen, die sie ihm mit ihrem eigenen Haar gestickt und im Innern des Deckels befestigt hatte. Sie hätte ihm gern Mairosen hineingestickt. Aber ihr Haar war ja nicht rosa! Als sie mit dem Päckchen ins Wohnzimmer ging, dort einen Bindfaden aus dem alten Sekretär zu holen, wäre sie fast über Christian gefallen, der auf dem Bauche am Boden lag und mit einem langen, beweglichen Zollstab, der immer einknickte, die Fensterhöhe maß. Im nächsten Augenblick stand er auf dem Ofensims, gleich darauf hing er an einem Schrank, schwitzend vor Eifer. Nie früher hatte er für eine Aufgabe soviel Geduld aufgebracht. Und soviel Anstrengung. »Es ist Freitag,« sagte er zu Friederike erklärend, »Bibiane kommt. Ich will dem Monsieur Goethe doch die Maße mitschicken.« »Seid doch still, ich dichte!« Sophie saß am Eßtisch und schrieb. Sie hatte sich die Zöpfe aufgeflochten, um den Kopf frei zu haben, und hielt sich die Ohren zu. Mit den unordentlichen Strähnen um das vom Nachdenken ganz verrunzelte Gesicht sah sie komisch aus. »Was dichtest du denn?« fragte Friederike möglichst ernsthaft. »Oh, der Goethe hat dir doch das Gedicht geschickt, was er auf deine Buche gemacht hat. Ich will auch auf deine Buche dichten. Zuerst habe ich mir die Reime aufgeschrieben, das ist natürlich das Schwerste.« Und sie las: »Buche, Tuche, Sturm, Turm. Fee – eine Fee muß vorkommen, das ist poetisch – also Fee. Da habe ich nur ›Schnee‹ gefunden. So wird es nun ein Wintergedicht werden. Das ist ja ganz gut. Dann hast du für jede Jahreszeit eines.« Friederike hob das Schulheft auf, in dem mit langen Buchstaben stand: »Im Wäldle an der Buche steht eine Fee, Bedeckt sie mit dem Tuche von weißem Schnee. Es läuten die Glocken vom Kirchturm – –« »Die Zeile mit dem Sturm fehlt noch. Ich will fertig werden, ehe die Botenfrau kommt. Ich schicke das Gedicht nämlich dem Goethe.« Die Mutter kam herein und suchte im Nähkorb. Sie hatte ihre neueste Haube auf der Faust. »Weißt, Riekchen, das graue Band gefällt mir nicht. Ich will der Bibiane eine Seidenprobe für Veilchenblau mitgeben. Veilchenblau hat mir früher so gut gestanden. Man vernachlässigt sich viel zu sehr hier auf dem Lande. Und wenn dann Besuch kommt –« Friederike lachte hell. Überall kam ihr Der entgegen, an den sie selber unaufhörlich dachte. Eine Stunde später ging sie zur Jasminlaube, dem Vater, der dort seine Predigt für den nächsten Sonntag durchlas und neu lernte, das Zehn-Uhr-Brot zu bringen. Sie fand ihn mit gespannter Miene vor sich hinstarrend, als lausche er einer Stimme. »Weischt, Riekchen,« sagte er und streckte ihr die Hand entgegen, »wie ich mir die Predigt wieder durchlese, die ich seit zwanzig Jahren am vierten Sonntag nach Trinitatis zu halten pflege, kommt mir die Lust, in diesem Jahre eine neue zu machen. Es ist so eine Sommerherrlichkeit heuer! Und da hab' ich mir den Text gedacht aus dem Lukas: ›Selig sind eure Augen, daß sie sehen, und eure Ohren, daß sie hören.‹ Und, siehscht du, Riekchen, ich habe eine Entdeckung gemacht: Es ist ein großer Irrtum des Mittelalters gewesen, daß man die Erde nur als Jammertal betrachten wollte. Und daß man behauptete, die Bibel erlaube keine Sinnenfreuden, verlange nur immer Reue und Buße. Denke doch an den Spruch: ›Sehet die Lilien auf dem Felde.‹ Und man kann eine Menge anderer finden, die Sorglosigkeit und Freude predigen, Es wird einem so froh dabei.« Friederike fiel dem Vater um den Hals. Der gute Mann hatte vergessen, wem er diese Gedanken entlieh, die ihn beglückten. Friederike aber wußte es. Ergriffen sah sie in das Gesicht ihres lieben Väterchens, das auf einmal so apostelmäßig dreinschaute. Und blickte dann hinüber nach der Seite, wo sie die silberne Silhouette des Münsterturms in schwachem Umriß erkannte. Ob er jetzt dort oben stand? In diesem Augenblick erschien Salome im Garten mit Marx, der gestern abend zu Besuch gekommen war. Er schleppte halbverdrossen einen Korb voll Erde, während das Sälmel allerlei Farnpflanzen, in ein Tuch geknüpft, trug. »Sie will durchaus den ›Berg‹ zur Alpenwelt machen«, klagte er zu Friederike. »Der Monsieur Goethe verlangt's – da tut sie's eben. Und ich muß dabei helfen!« Vater Brion achtete nicht auf seine Worte, hielt ihn am Rockknopf und sagte ihm ungefähr das gleiche, was er eben Friederike gesagt. Salome lachte. »Aha, der Goethe hat dich angesteckt!« Da setzte Marx seinen Korb nieder und schnitt ein bitterböses Gesicht. »Das Pfarrhaus zu Sesenheim hat einen neuen Herrn bekommen«, sagte er beleidigt. »Er logiert in Straßburg, aber hier im Hause führt er Regiment. Ein reiches Herrchen, das mit seinem Mummenschanz die Köpfe verdreht, während ernsthafte Leute, die nicht so gut hopsen und schwadronieren können wie der, über die Achsel angesehen werden. Und Pfarrer Brion hat es wahrlich doch nicht nötig, sich seine Predigten aus dem Hirn eines Zweiundzwanzigjährigen zu leihen!« Vater Brion sah betroffen drein wie ein gescholtenes Kind. »Man wird eben selber wieder Zweiundzwanzig«, sagte er leise. »Und das tut gut.« Marx wollte erwidern. Da sah er, daß aus Garten, Hof und Haus Herrschaft und Gesinde auf die Straße lief. »Bibiane kommt! Die Botenfrau ist da!« Friederike, leichtfüßig wie ein Reh, war schon am Gatter, Salome, den Kopf reumütig zurückgewandt, folgte ihr langsamer. Und selbst der Alte nahm den langen Schlafrock auf und lief mit seinem Altmännerschritt dem Hoftor zu. Marx blieb allein. Er stieß den Korb mit Erde, der jetzt am Boden stand, mit einem Fußtritt um. Er wenigstens wollte nicht mittun bei dem »Goethzendienst«. Der Worteinfall machte ihm Spaß und tröstete ihn ein bißchen. Es war ein großer Wäschetag gewesen im Pfarrhause. Die Frauen der Familie hatten rechtschaffen mitgearbeitet. Nun saß man abends auf den Bänken nahe dem Hause. Die Mutter war über einer Filetarbeit eingeschlafen, Salome lehnte schläfrig, die Hände im Schoß, neben ihr, der Vater las beim Scheine des Windlichts in einer Übersetzung Ossianscher Gesänge, die Goethe gemacht und ihm geschickt hatte. Er fand wenig Geschmack daran. Wozu all das Traurige und Dunkle? Das Alter will Helligkeit, weil es selber trübe ist. Friederike hatte das Kästchen vorgeholt, in dem unter Noten, Kochrezepten und Häkelmustern allerhand Zettel und Briefe von dem neuen Freunde lagen. Auch Gedichte. »Ihr goldenen Kinder«, schrieb er manchmal. Aber der Inhalt – der war für sie allein. Da war eine Stelle in seinem allerersten Briefe, die sie immer wieder las: »Es ist ein gar zu herziges Ding um die Hoffnung wiederzusehn . Und wenn uns das Herz wehtut, gleich sind wir mit der Arzenei da und sagen: Liebes Herzchen sei ruhig, du wirst nicht lange entfernt bleiben von den Leuten, die du liebst. Sei ruhig, liebes Herzchen! Und dann geben wir ihm inzwischen ein Schattenbild, daß es doch was hat. Und dann ist es artig und still wie ein Kind, dem die Mama eine Puppe statt des Apfels gibt, wovon es nicht essen soll.« Friederike erhob sich plötzlich. Sie ging in die Küche, in der die Magd vom »Anker« heute dem Bärbele half. »Ist noch Hefe da zum Kuchenbacken?« fragte sie. »Wir bekommen Besuch. Heute abend noch!« fügte sie hinzu. Nachdem sie das gesagt hatte, stand sie verstört. Was fiel ihr nur ein? Es war ja gar kein Mensch angekündigt? Aber die Gewißheit in ihr war stärker. Sie streifte sich die Ärmel auf, band eine große Schürze um und begann in einer großen irdenen Schüssel Mehl und Butter anzurühren. Nach einer Weile kam Salome, nach ihr zu sehen. Die Eltern seien schon schlafen gegangen, was denn Friederike da noch treibe? Ob sie nicht müde sei vom Schaffen heute? »Es kommt Besuch heut abend!« sagte Friederike ruhig und gewiß. »Ach, Unsinn!« Sie lachte. Aber sie half doch, ganz munter geworden und wie erfrischt, der Schwester eifrig bei ihrem Werke. Bald war der Ofen frisch geheizt, die Backsteine erhitzt. Und es dauerte nicht allzulange, da saßen die beiden Mädchen wieder auf der Bank vor dem Hause, sich zu kühlen. Und zu warten. Der Tisch war neugedeckt, am Fenster stand ein kaltes halbes Huhn bereit, der Kohl von heute mittag in der Ofenröhre. »Länger als bis zehn bleibe ich nicht auf«, sagte Salome, deren Aufschwung sich schon wieder verlor. »Es ist ja närrisch, so aufs Geratewohl zu backen und zu brauen.« Friederike antwortete nicht. Sie hatte Hufschlag gehört. Aber der Reiter war von der Dorfstraße ausgebogen. Wahrscheinlich im Wirtshaus geblieben. »Jetzt geh' ich aber«, sagte Salome und stand auf. »Man muß sich ja schämen, sich von deinen Einbildungen anstecken zu lassen!« Da kamen Schritte. Die Mädchen liefen ums Haus herum. Und sahen nun den späten Gast, hochgewachsen, im kavaliermäßigen Reiserock und Stulpenstiefeln, wie er am Gattertor herumgriff. Goethe! Er stieß einen Freudenruf aus, als er die beiden freundlichen Gestalten aus dem Schatten heraustreten sah. Salome küßte ihn ohne Umstände, wie einen alten Bekannten, auf beide Wangen. Friederike reichte ihm eine heiße Hand, die er zärtlich in der seinen behielt. Plötzlich aber ließ er sie fallen. »Ich störe? Im ›Anker‹ sagte mir die Magd, man erwarte im Pfarrhaus noch Besuch heute abend?« Er blickte argwöhnisch umher, als vermute er einen Versteckten in den dunkeln Büschen. »Nun, und was weiter?« fragte Friederike begütigend, denn Ton und Gebärde des jungen Mannes war zornig gewesen. »Was weiter?« Er nahm sich zusammen. »Nun, da hat ein gewisser Monsieur ein wenig den Kopf verloren, ist hergelaufen, gestiefelt und gespornt, wie er vom Pferd gestiegen, um wenigstens noch der erste am Platze zu sein. Ich war recht eifersüchtig«, fügte er sanfter, fast abbittend, hinzu. »Dazu haben Sie die wenigste Ursache, Sie Unband!« Salome lachte unbeherrscht. Friederike legte bittend den Finger an die Lippen, sie möge schweigen. Aber Salome lachte fort. »Ich lache nur,« erklärte sie endlich, »weil man Sie heute so höfisch vor sich sieht. Ich mußte dabei an den Kandidaten und den Bauernburschen denken. Auch Vetter Gottliebs Pekesche war nicht elegant.« Sie lief ins Haus, den bereitgestellten Imbiß herauszubringen. Dabei legte sie sich schon die Worte zurecht, mit denen sie Marx die ganze Begebenheit schreiben würde. Sie hatte ihn von Herzen lieb, aber seine trockene, schwerfällige Art ärgerte sie oft. Und es machte ihr Spaß, ihn ein wenig eifersüchtig zu machen auf diesen jungen Mann, der ja wirklich ein ganz goldiger Geselle war mit all seinen Unarten. Ob er wohl Friederike heiraten wollte? Sie konnte ihn sich nicht als Hausvater vorstellen. Und Friederike liebte das Stadtleben nicht. Nein, es war schon das beste, das Riekchen heiratete einmal den getreuen Gottlieb. Bei dem würde sie es gut haben. Und man kannte die Verhältnisse! Friederike hatte den Gast an den gedeckten Tisch geführt und das Windlicht wieder entzündet. Als er nun das weiße Brot, den Wein, den Käse und das blitzende Gedeck sah, stieg der Unmut wieder in ihm auf. »Und darf man wissen, wer der Undankbare ist, den man so liebevoll empfangen wollte, und der nun die unbegreifliche Nachlässigkeit begeht, nicht zu kommen?« »Ein Undankbarer wirklich«, sagte Friederike lächelnd. »Sie haben recht. Ich rate Ihnen, sich recht gründlich an seine Stelle zu setzen und alles aufzuessen, was für ihn bestimmt war.« Ihr Ton beruhigte ihn. »Das soll geschehen!« Er lachte übermütig. »Ich hasse diesen Mann schon recht von Herzen. Und bin bereit, es auf einen Wettkampf mit ihm ankommen zu lassen.« In Wahrheit aber aß er dann sehr wenig, blickte immer nur Friederike an und atmete ein paarmal tief wie ein Erlöster. Salome fand ihn blaß aussehend. Er gestand, er sei die ganze Zeit her nicht gesund gewesen, habe gehustet, schwer atmen können, und sein Professor selber habe ihm geraten, eine kleine Erholungsreise zu unternehmen. Da habe er sich denn noch am späten Nachmittag aufgemacht, sei im Dunkeln ein paarmal in die Irre geraten, aber die Sommernacht sei wunderschön gewesen. Und der Gedanke an das Wiedersehen morgen früh – –! Er endete nicht. »Wir werden Sie schon heilen!« sagte Friederike zuversichtlich. »Sesenheim liegt so gesund. Sie sollten eine Weile hierbleiben, viel spazierengehn, kräftig essen, rudern – was Sie wollen.« »Und meine Arbeit?« »Die holen Sie sich her. Jeder hier hat seine Beschäftigung, und kommt man dann zusammen, ist's ein Fest.« Man blieb noch eine Weile beisammen und machte Pläne. Dann schlug die Uhr vom Kirchturm elf. Goethe stand auf. »Wie schwer das Weggehn ist!« Sie waren jetzt alle drei blaß und sahen übermüdet aus. Wäschetag und Ritt machten sich geltend. Trotzdem zögerte man den Abschied hin. Fideel in der Hundehütte klopfte freundschaftlich mit seinem Schwanz das Holz. Er erkannte den Besucher wieder. Und genehmigte ihn. – – – – Es war gekommen, wie die Mädchen geplant hatten: aus dem beabsichtigten Tagesbesuch war eine Sommerkur geworden. Die Mutter hatte erst allerlei Einwände gehabt: Der Gast würde sich auf die Dauer langweilen. Oder stören. Und wenn er ernstlich krank würde? Er sah so angegriffen aus. Und wenn es etwa die ganze Zeit über regnete? Was dann? Auch stand die Heuernte vor der Tür. Aber das Wetter blieb schön, der Gast langweilte sich nicht im geringsten und störte auch niemanden. Der Vater war entzückt von dem Besuch. Der französische Brief war geschrieben, der Bauplan von dem Architekten angefertigt. Und der junge Gast half ihm auch, seine Bücher ordnen. Im übrigen saß er oft stundenlang auf dem jetzt wohlbepflanzten »Berge« und arbeitete. Oft wurden Ausflüge gemacht. Man besuchte die Rheininseln, fischte, tanzte, ruderte und sang. Und ließ sich nur von den blutgierigen Rheinschnaken verjagen, von denen die Einheimischen freilich weniger geplagt wurden als der Besuch. Goethe dichtete allerhand Trutzliedchen, die dann im Chorus gesungen wurden. Und von denen Christian felsenfest glaubte, sie verjagten die Plage. Unter diesem heitern und unschuldigen Treiben besserte sich Goethes Gesundheit rasch. Und als die Heuernte kam, war er einer der eifrigsten bei der Arbeit, stand neben dem Knecht und sah ihm ab, wie er das Heu auf die blitzende Gabel spießte und dann mit kräftigem Schwung die duftende Wolke auf den Wagen schleuderte, daß die Mägde droben fast nicht schnell genug die Menge unterbringen konnten. Salome, die droben mithalf, spuckte unaufhörlich trockene Grasblumen aus und behauptete, der mutwillige Studiosus ziele extra auf sie; wolle sie verschütten. Harmlose Scherze flogen hin und her. Man spürte die Hitze kaum, solange man sich bewegte. Erst als Friederike mit dem Bärbele kam und das Mittagessen brachte, war allgemeines Ausruhen und Schweißwischen. Man suchte den Schatten der Kirschbäume auf, die, nun schon blütenlos, voll kleiner grüner Fruchtkelche standen. Friederike teilte aus. Die Zinnteller blitzten, der Wein leuchtete, die Männer mit ihren aufgestreiften Hemdsärmeln, die Frauen, mit Hüten und hellen Brusttüchern gegen die Sonne geschützt, die Blätterschatten über den erhitzten Gesichtern – alles gab ein Bild wohligen Ruhens und Genießens. Man sprach nicht viel. Ermüdet lagerte man am Wiesenrain, ganz körperliche Zufriedenheit, ganz Gegenwart. Auch Goethe, sonst beredt, lag still, an einen kühlen Wegstein gelehnt. Ihm war nichts Lieberes, als zuzusehen, wie zierlich Friederike ging und kam und holte, ordnete und zuletzt der Magd half, die am Bach die gebrauchten Teller und geleerten Schüsseln reinigte. Jeder einzelne, der zu ihr herantrat, um seinen Löffel, seinen Teller zu bringen, erhielt von ihr ein freundliches, vertrautes Wort, eine Frage. Jedes Gesicht, auf das sie blickte, entfaltete sich. Zu Goethe sprach sie kaum. Auch verlangte er nicht danach. Sie wußten beide, jeder still für sich, daß sie einander das Liebste auf der Welt geworden waren. Sich das laut zu sagen – dessen bedurfte es noch nicht für sie in diesen Tagen. Und der Sommer ging weiter. Ein rechter Sommer für Liebende. Nichts mehr von Rheinnebeln und feuchten Schleiern. Klar und wie in Blau gemalt lag das fruchtbare Land und sandte seine warmen Düfte in die Dörfer. Die Aufregung des Frühlings war still geworden, die Bäume blühten nicht mehr, die Vögel hatten aufgehört zu jubilieren. Man hörte Nestgezirp und sah Früchte reifen. Die Tage waren hell und heiß, ohne Schwüle, und nachts schickten die Gebirge abkühlende Gewitter ins Tal hinab, den nächsten Morgen der Seligkeiten vorzubereiten. An Schlaf dachte man kaum. Schon die frühsten Morgenstunden, in denen noch Tau auf Wiesen und Sträuchern blitzte, wurden zu Spaziergängen benutzt, an denen jeder nach Laune und Muße teilnahm. Meist aber waren es nur der Vater, Goethe und Friederike, die sich zusammentaten. Und zuletzt kehrte der Vater um. Dann fand sich unwillkürlich Hand in Hand. Meist war zuerst ein Schweigen zwischen ihnen. Sie pflückten Sträuße aus dem Feld heraus, suchten nach Beeren und lachten, wenn sie sich mit blaugefärbten Mündern gegenüberstanden. Dann ruhten sie im Tannenschatten. Und dort war es meist, wo sich ihnen die noch ungeborenen Helden von Goethes späteren Werken zugesellten. Die lieblichen blauen Kuppen der Schwarzwaldberge verwandelten sich ihnen in steile, unzugängliche Felsen, bekrönt von den Burgen der Raubritter. Bauern mit Mistgabeln und Erdhacken stürmten gegen ihre Zwingherren an. Die eisenumklirrte Gestalt des Götz von Berlichingen trat zu ihnen, streckte seine erzene Hand wie schützend über die deutschen Dörfer und Felder. Seine großen blauen Augen blickten suchend umher nach einem treuen Freunde. Und Faust tauchte auf im schwarzen Talar des Gelehrten, dann im Weltmannskleide, und neben ihm der Teufel, der ihm alle Freuden der Erde anbietet. Faust aber trägt die dunkle Angst im Herzen: »Ich darf mich nicht am Augenblick verlieren. Meine Kraft gehört dem Kampf, dem Werke.« Es waren nur unzusammenhängende, ungeformte Bilder, die da im elsässischen »Wäldle« vor dem jungen ländlichen Mädchen sich offenbarten, aber die Stimme, die, bebend vor Schaffensleidenschaft, vor ihr redete, der geheimnisvolle Glanz der dunkeln Augen, aus denen die Gestalten – wie aus heiligen schwarzen Seen – sich zu erheben schienen, füllte die Lauschende mit Andacht; fast mit Schrecken. Ein Strom aus anderm Lande stürzte sich da brausend in ihr friedliches Gebiet, riß sich Weg durch stilles Land, sprengte Felsgestein. Und floß zum großen Meere. Und Friederike, deren ganzes Dasein im Heitern, Anmutigen und Wirklichen eingesichert lag, atmete schwer in solchen Augenblicken. Fast wie in Furcht. Einen Augenblick darauf aber rollte sich der eben noch Gottbesessene, jauchzend wie ein Kind, den Abhang hinunter, daß Friederike ihn tröstend zwischen Brombeerdornen und Nesseln aufsuchen und ihn mit allerlei alterprobten elsässischen Zaubersprüchen »heile, heile« sagen mußte. So lebten sie. In den heißen Stunden ging dann ein jeder im möglichst kühlen Zimmer eigener Beschäftigung nach. Friederike hatte ein paarmal in der Woche kleine Mädchen um sich, die bei ihr spielten, nähten, plauderten. Sie war die Vertraute von allen, das »Täntele«. Goethe, wenn er sie so beschäftigt wußte, schlich sich gern in das Nebenzimmer und horchte auf das Durcheinanderschwatzen und auf ihre Stimme, die bald ein Liedchen sang, bald beschwichtigende Worte redete, bald schalt. Und oft von Herzen lachte. Sie schien ihm plötzlich zeitlos. Kindlich noch und weise Lenkerin zugleich. Wenn dann zuletzt die Tür aufgeschmettert wurde und die Maidele unter großem Gekrach die Treppe hinuntersausten, lärmte das ganze Haus von »Täntele, grüß Gott, au revoir , auf Wiedersehen, lieb Tantele«. Es klang ihm lange noch im Ohr. – Im übrigen arbeitete der junge Doktorand leidlich fleißig zur Promotion. Er hatte im Herbst ein Vorexamen gut bestanden, das ihn von der Pflicht entband, Vorlesungen zu hören. Nun hatte er einen dicken Band mitgebracht, eine Sammlung von Pandekten, die er gewissenhaft durchstudierte, sich Notizen machte, lernte, schrieb. Viel lieber aber als die Juristerei studierte er sein geliebtes Deutsch. Nicht nur aus den gelehrten Büchern. Hier auf dem Lande behorchte er die Alten und Jungen; machte sich lieb Kind bei den Spittelweibern, die ihm mit ihren welken oder vertrunkenen Stimmen die Liedchen ihrer Jugend vorsangen. Er spielte auf dem Anger mit den Kindern und lernte ihre kauderwelschen Abzählverschen kennen, aus denen er sich das alte, unverwischte Alemannisch mit Entzücken herausschälte. Jeder kannte ihn. Er wurde die Wichtigkeit und der Liebling des ganzen Dorfes. Und wo sich »der Mamsell Riekchen ihr Hochzeiter« blicken ließ, war er lustig umringt. Abends dann, nach dem Nachtessen, kam man in der hoch und leidlich kühl gelegenen Jasminlaube zusammen. Goethe las vor. Heiteres und Ernstes, Altes und Neues. Alles, was die besten Geister der Gegenwart und der Vergangenheit bewegte, trug er zusammen hier für sein kleines liebes Nest auf dem Lande. Oft erzählte er auch. Erlebtes und Erfundenes durcheinander. Oder sie lasen, miteinander ins Buch sehend, kleine Dramen, Lustspiele. Auch einige, die Goethe selbst früher gedichtet hatte, und die besonders dem Vater gefielen, weil sie noch im Stil der französischen Schäferspiele geschrieben waren, die er aus seiner Jugend kannte. Das Sälmel, das nicht gern still saß, schlief manchmal verstohlen ein, und die übermüdete Mutter schlich sacht zu Bett. Der Vater aber und Friederike hätten am liebsten die ganze Nacht gesessen und zugehört. Kapitel V »Laß sie sich drehen, und laß du uns wandeln, Wandeln der Liebe ist himmlischer Tanz.« (Goethe, Wechsellied zum Tanz.) Das Fest Die Brions pflegten alljährlich Mitte Juli ein Sommerfest für die Jugend zu veranstalten. Man lud die Verwandten und Freunde von diesseits und jenseits des Rheins zusammen. In diesem Jahre betrieb man die Vorbereitungen mit besonders guter Laune. Der junge Gast aus Straßburg, der überall mithalf und mitberiet, gab der gewohnten Sache ein neues, reizvolleres Aussehen, der Arbeit frischen Schwung. Der Garten war sauber geharkt und mit bunten Lampions geschmückt, die Goethe mit den Silhouetten der ganzen Familie und mit Sinnsprüchen bemalt hatte. Gespeist werden sollte auf der großen Wiese. Da waren über leichten Stangen, die man vom Tischler borgte, allerhand weiße und farbige Tücher zeltartig aufgehängt, so daß man Schatten bekam. Es gab ein Gelache und Gesinge bei der Arbeit, daß ganz Sesenheim davon vergnügt wurde. Jeder half mit. Der eine borgte Bänke, der andere Tische. Eine sonst recht geizige Nachbarin brachte Körbe voll Obst, eine andere Schnittblumen als Tafelschmuck. Die Schullehrersfrau kam ganz in der Frühe, um in der Küche zu helfen. Sie war Französin und verstand etwas von feinerer Kochkunst. Während sie Teig einrührte, Saucen tropfte, erzählte sie der Pfarrerin, wie gut sie mit den Stieftöchtern jetzt stehe. Die Älteste hatte sich mit einem Bruder der Stiefmutter verlobt, einem Monsieur Wurmbheim, der Lehrer war in der nahen Garnison Fort Louis. Die zweite hatte bei ihr sich im Kochen vervollkommnet und wollte nun in eine Schweizer Pension als Leiterin gehn. Sie waren nun beide froh, daß sie durch Vaters neue Heirat ihre Freiheit hatten. Die Lehrersfrau hatte jetzt damit begonnen, das stolze bunte Federkleid eines gerupften Hahnen so zusammenzusetzen, daß es, auf Brotrinden gestützt, zuletzt über das gebratene und zerlegte Tier gestülpt werden und ihm so den Anschein eines lebendigen geben konnte. Es war ein großes Kunststück und bedurfte einer leichten Hand. Eben war sie im Begriff, den Hals durch eingezogene Drahtstäbe emporzuheben, als Salome eintrat mit einem Kessel, den sie mit Fett füllte und auf den Kochherd stellte. »Für die Fische«, sagte sie. »Das berühmte Brionsche Familiengericht. So wie bei uns schmeckt es nirgends, sagen sie alle. Aber wo sind sie denn, die Fische?« Die Fische waren nicht da. Man suchte, man fragte – keiner hatte etwas von den Fischen gesehen. »Aber sie müssen doch da sein! Das Riekchen ist selber in der Fischerhütte gewesen und hat sie bestellt!« Sie rannte auf die Wiese, wo Friederike mit Goethe und Christian an den Zelten herumbesserte. »Die Fische sind noch nicht gekommen!« Friederike ließ die Arme sinken. Sie wurde ganz blaß. »Vergessen! Ich habe vergessen, die Fische zu bestellen!« Das Sälmel schrie vor Enttäuschung auf. »Ohne unser Fischgericht taugt die ganze Bewirtung nichts.« Sie fing laut an zu weinen. »Und Marx ißt sie so gern.« Friederike stand betroffen. Wie hatte ihr diese Vergeßlichkeit nur geschehen können? Und mitten hinein lächelte sie. Oh, sie weiß recht gut, wie alles gekommen ist! Hingegangen ist sie zum alten Fischer. Der aber hat ein Liedchen vor sich hingebrummt, ein elsässisches Volksliedchen. Und da hat sie eben nur noch darauf hingehört, hat es sich immer wieder vorsingen lassen und eingeprägt. Für ihn, für den Goethe. Und alles andere ist darüber vergessen gewesen! »Ich besorge die Fische!« Goethe fuhr in seinen Rock, den er abgeworfen hatte. »Komm mit, Christian, zur Fischerhütte!« Ehe man es sich versah, waren die zwei schon um die Ecke gebogen. »Soll man sich nun darauf verlassen?« sagte Salome und trocknete sich die Augen. Friederike nickte und lächelte. »Nun, und im Notfall machen wir eben eine gute Vorspeise von Eiern«, sagte die Mutter, die herübergekommen war. »Es muß auch einmal so gehn.« »Ich glaube an die Fische«, sagte Friederike, Es klang so fromm, als sage sie aus ihrem Katechismus her. Inzwischen liefen die beiden Sendboten, der Zäune nicht achtend, über Wiesen und durch schmale Feldpfädchen dem Flusse zu, der, ein Inselchen umarmend, sich unweit des nächsten Dörfchens zu einer Bucht ausweitet, die fischreich ist. Stumm rannten sie durch den Sonnenbrand der großen Straße, zwei Pfeile, die von der Sehne schnellen. Am Wasser wehte Kühlung. Nicht weit von der Fischerhütte wartete ein Wagen. Kutscher und Bedienter in erdfarbener Livree schienen auffällig klein. Auch die Decken der braunen Pferdchen waren erdfarben. Christian lief voran, um Kahn und Netze zu bestellen. Aber der Alte hatte sein Boot schon vergeben, Er tröstete: Die Herrschaft, die im Wagen gekommen und bereits seit der Morgendämmerung zum Inselchen hinübergerudert sei, müsse jeden Augenblick zurückkommen. Sie scheuten die hellen Tagesstunden und hätten sich nur heute verspätet. »Sie werden uns die besten Fische weggeangelt haben!« rief Christian unmutig. Der Alte lächelte. »O nein, die gehn auf andre Beute aus. Sie suchen Molche und Kröten. Auch Schlangen lieben sie. Es ist ein seltsames Paar, mit seltsamen Gewohnheiten, Er lang wie ein preußischer Grenadier, die Dame kaum spannengroß.« Diesem kleinen Geschöpf aber scheine der Gemahl in allen Stücken Untertan. So verlange sie jedesmal von ihm, daß er eine große metallne Kassette, die sie auf dem Rücksitz des Wagens immer mit sich führe, eigenhändig aus dem Wagen heben und mit sich tragen müsse. Kein Diener dürfe daran rühren. In diesem Augenblick sah man drüben am Ufer, kaum unterscheidbar von Moos und Schlamm, ein grüngraues Schleierchen aufwehn, und es erschien eine äußerst niedliche Dame, trippelte zum Kahn und rief ein paar Worte mit hohem, klingendem Stimmchen gegen das Büschigt hin. Worauf ein breitschultriger Herr herankam, aus einem Korb, den er trug, allerhand zappelndes Getier in den Kahn warf, dann wieder umkehrte, um eine ansehnliche blitzende Kassette herbeizuholen, die er auf den Boden des Bootes stellte, und zuletzt seiner kleinen Dame den Arm bot. Die Frau, ihren Arm ganz hochstreckend, hing mehr, als sie ging, am Arme ihres Mannes, der sich tief herunterbückte und wie in die Erde hineingezerrt schien. Nun ruderten sie heran, stiegen aus. Ein Sonnenstrahl fiel auf den breiten goldnen Ring, den er am kleinen Finger trug. Er war zu eng. Tief war er in das Fleisch eingeschnitten. Gegen das Grün seines Jagdrocks erschien das graue Kleid der Dame stumpf und düster. Ihr Gesichtchen aber war sehr hold von braunem Haar umgeben. In den Augen lag etwas Rätselhaftes, das anzog. Goethe machte alle diese Beobachtungen, während Christian sich sogleich des nun freien Bootes bemächtigte. »Nimm dich in acht, Christian«, flüsterte Goethe dem Knaben zu. »Nimm dich in acht vor der Zwergenprinzessin. Sie wird dir einen Ring an den Finger stecken, der dich ihr Untertan macht, und wird dich zu den Unterirdischen herunterziehn. Da setzt sie dir dann Frösche und Molche vor als Diner.« Christian ließ sich nicht aus der Fassung bringen, »Erst aber werden wir unser Fischgericht fangen, heißa!« Und er schmetterte eine Art Jodler dem Paare nach. Bald aber sah man nur den Mann noch gehn, gebückt, mit Schritten, viel zu klein für seine langen Beine. Die Dame war im hohen Gras verschwunden. Goethe lachte. »Aha, von Zeit zu Zeit versinkt die Schöne in die Erde. Kehrt in ihren königlichen Palast zurück. Oder ist es vielleicht der, den ihr Mann so sorgfaltig da in der Kassette mit sich trägt?« Er ließ Christian rudern. In seiner Phantasie gestaltete sich ein Märchen, dem er nachträumte. Dann aber, auf der Insel angelangt, war er der eifrigste und erfolgreichste von ihnen beiden. – – Es war ein unruhiges Umherstehn gewesen in den oberen Zimmern, die man gegen die Sonne verhangt und durch Hinzunehmen des Hausflurs vergrößert hatte. Im »Sälchen« gab es Beerenwein und Torten als Vorbereitung zum Mittagessen. Albums wurden besehn, ein bißchen Klavier geklimpert. Als Goethe eintrat, sahen ihm lauter neugierige Gesichter entgegen. Marx voll Mißtrauen, Gottlieb mit Eifersucht, die Kusinen erwartungsvoll. Goethe wurde mit allen Anwesenden bekanntgemacht. Meist junge Leute. Ein grauhaariger Junggeselle darunter Verwalter vom Dietrichsschen Gute. Monsieur Wurmbheim war mit zweien seiner Eleven gekommen, jungen Leutnants, die sehr gespannt waren, endlich einmal ein Exemplar der in ihrem Kreise vielbespöttelten »Kraftgenies« zu sehn. Nun stand dieser schöne junge Mann vor ihnen, durchaus sorgfältig gekleidet, unter der prachtvollen Stirn ein paar Augen, die er mit der unbefangenen Beharrlichkeit eines Kindes auf jedem ruhen ließ. Bis er ihn gelesen hatte. »Für einen Hausgast kommt er reichlich spät«, brummte Marx. Gottlieb lächelte schmerzlich: der freilich durfte sich schon einiges erlauben! Dann aber wurde er ruhiger. »Nur warten! Dies hier wird vorübergehn. Und dann kommt sie zu mir.« Der alte Amtmann hatte sein Lorgnon gezogen. »Ziemlich freie Art für einen Studiosen.« Die Mädchen aber waren entzückt. Ein wenig Redegeschwirr noch, dann ging's hinüber zur Wiese. Allgemeines »Ah!« Man hatte die Zelttücher mit Wasser besprengt, sie gaben Kühlung. Und nun begann ein echt elsässisches hingebungsvolles Schmausen, wobei man jedem Gericht lautes und inniges Lob spendete. Besonders dem nach Zitrone und Kräutern duftenden goldbraun gebratenen Fischgericht. Marx wurde förmlich ausgelassen dabei. Im Verlauf der Mahlzeit stand der Amtmann, ein scherzhafter Herr und großer Damenfreund, ein paarmal auf, um in seinem, mit französischen Brocken verzierten Elsaßdeutsch ein paar lustige Tischreden zu halten. Es war seine Spezialität, junge Paare, von denen er glauben konnte, daß sie einander zugetan, durch allerlei Andeutungen in Verlegenheit zu bringen. Auch diesmal lief er mit gefülltem Glase bedeutungsvoll zu Salome und Marx, dem Brautpaar der Lehrersfamilie, dann zu Gottlieb und Friederike und noch einmal zu Friederike, der er dann Goethe zugesellte. »Die Göttin Gelegenheit soll leben!« Im allgemeinen Aufbruch merkte man nicht viel von dem unzeitigen Scherz. Nur Friederiken fuhr es siedendheiß in die Stirn. Sie vermied es, Goethe anzusehn. Er aber folgte dem hellen leichten Mädchen mit den Augen, wie sie von einem Gaste zum andern ging, hier ihrer Kusine ein Band zurechtrückte, dort ein vergessenes Sonnenschirmchen brachte, dann wieder mit einer lindernden Tinktur, die sie sich verschafft hatte, die Schnakenstiche betupfte, wie sie unauffällig das Gespräch lenkte. Alles das, ohne je Anstrengung oder Eile zu zeigen. Während das Sälmele aufgeregt umherwirbelte und eher Verwirrung schuf als Ordnung. Goethe fühlte an diesem Morgen zum ersten Male ganz, was Friederike ihm geworden war. Und daß er sie nicht wieder lassen konnte. Er verwünschte alle diese Menschen, die so vertraut mit ihr waren, denen sie zum Kuß die Wange bot; die sie anlächelte. Dann aber, mitten im Gespräch, richtete sie ihre Augen auf ihn. Und in diesem Blick lag eine Zärtlichkeit, ein Zugehörigsein, daß er, zum Staunen von Vetter Gottlieb, der ihn gerade über elsässischen Weinbau unterhielt, hell auflachte. Nach Tische wurde ein sachter, kleiner Spaziergang ins »Wäldle« gemacht. Man war nicht redselig, hatte viel und gut gegessen und getrunken, und es drohte eine schläfrige Stunde. Friederike, die das zu vermeiden wünschte, nahm Goethe beiseite und bat ihn, etwas auszusinnen. Zu erzählen. Er war sogleich bereit. Und so saß denn bald die ganze Gesellschaft unter duftenden Tannen im Moose, halb gelagert, und Goethe begann sein »Es war einmal ...«, ohne noch eine Ahnung zu haben, was darauf folgen könne. Vater Brion hatte sich ein wenig abseits geschlichen, sein Mittagsschläfchen nachzuholen. »Es war einmal«, begann Goethe zum zweiten Male suchend. Dann aber leuchtete es übermütig auf in seinen Zügen, »Es war einmal eine Zwergenprinzessin.« Er beschrieb Palast und Hofstaat ihres Vaters, und wie bei der Taufe der jüngstgeborene Prinz wegen seiner Winzigkeit aus den Windeln verloren wird. Man beschließt, den alten Brauch zu erneuern und eine der Prinzessinnen auf die Menschenwelt zu senden, sich dort einen Gemahl zu suchen, der dem immer kleiner werdenden Zwergengeschlecht neues Blut zuführt, es wieder zu Wachstum bringt. Ein Zauberer verleiht der Prinzessin menschliche Größe, die aber immer nur einige Tage anhält. Um sie wieder zu erlangen, muß sie sich jeden dritten Tag in einen Flügel ihres Palastes zurückziehen, den man ihr zu diesem Zweck in eine Kassette einschließt, die ein Mensch mit Leichtigkeit tragen kann. So ausgerüstet begegnet sie einem Ritter, der auszog, neue Länder zu entdecken und Drachen zu bekämpfen, Er verliebt sich in sie. Sie wählt ihn zum Gemahl. In der Schatzkammer ihres väterlichen Palastes wird ein ungeheuer großer Goldreif bewahrt. Die Prinzessin führt den Verlobten dorthin, eröffnet ihm, daß er nur der Ihre werden könnte, wenn er sich durch Anstecken dieses Ringes zu Zwergengröße bequemen wolle. Er, verliebt, geht alle Bedingungen ein, steckt den Zwergenring an, der ihm, so groß er schien, schmerzhaft ins Fleisch schneidet. Sie berührt gleichzeitig den Ring. Sie schrumpfen beide zusammen, sind Zwerge geworden, wie die übrigen Bewohner des Palastes. Und nun wurde mit den liebevollsten Farben der Zwergenhaushalt des jungen Paares ausgemalt. Ihre traulichen Gespräche zwischen den Grashalmen, ihre Gesellschaften im Reich der Ameisen, ihre Jagden auf das kleine Erdgewürm, die Feste, bei denen die Grillen musizierten. Vor allem aber ihre immer wachsende Liebe zueinander. Goethes übervollem Herzen entströmte ein solcher Hymnus auf die Liebe, daß jedes junge Herz davon entbrannte. Christian hatte sich die ganze Zeit nicht fassen können vor Vergnügen, hatte vertrauliche Zeichen gemacht, die Goethe abwehrte. Als aber jetzt der Verwalter herantrat und meinte: Er müsse sehr irren, oder Frau von Dietrich kenne ein Paar, das dem geschilderten aufs Haar gleiche, fuhr er auf, wollte erklären, erzählen. Goethe gebot ihm mit einer leichten Geste Schweigen. »Wie dem auch sei,« bemerkte er abschließend, »mein Märchen endet wie jedes ordentliche Märchen enden muß: ›Und wenn sie nicht gestorben sind, so leben sie heute noch.‹ Woraus ja folgt, daß jeder von uns eines Tages dem Manne mit Kassette und Zwergenring und seiner kleinen Frau begegnen kann.« Alle waren höchlichst zufrieden mit dieser Wendung. Man lobte Friederike, weil sie den Freund zum Erzählen veranlaßt hatte. Sie nahm allen Dank ruhig mit einem allerliebsten Stolz entgegen. Man brach nun auf. Vergnügt langte man wieder auf der Wiese an, wo die Zelte beiseite geschafft waren. Man hatte genug geruht, man wollte jetzt spielen, sich bewegen. Helle Kleider flogen über den Rasen, Runden bildeten sich, die mit Gesang um irgendeine »Königstochter« oder um einen armen Gefoppten sich herumbewegten. Man spielte »Topfschlagen« und »Vögelchenverkauf«. Wer als letzter gefangen wurde oder sonst zurückblieb, wurde in Strafe genommen und mußte ein »Pfand« geben. Mancher zeigte sich mit Absicht ungeschickt, in der Hoffnung, sich nachher durch einen Kuß auslösen zu dürfen. Denn es galt in jener Zeit ein Kuß, inmitten eines geselligen Kreises für durchaus erlaubt. Auch Friederike hatte bei solchen Anlässen unbedenklich Küsse gegeben und empfangen, ohne dabei weder besonderes Vergnügen noch Abwehr zu spüren. Heute aber, als sie sich von der Blindekuh hatte fangen lassen und man ihr als Pfand das silberne Kettchen einforderte, das sie am Halse trug, wehrte sie sich lange. Es half ihr nichts. Goethe von seiner Seite hatte es ähnlich getrieben, sich immer wieder und wieder aus der Schlinge gezogen, Es war wie eine Verabredung zwischen den beiden, sich weder ihre Lippen von Fremden berühren zu lassen, noch – sollte der Zufall es so geben – sich vor den Augen dieser neugierigen Gesellschaft ihren ersten Kuß zu geben. Denn, so wenig schwer man damals im Elsaß es nahm, wenn ein junger Mann und ein junges Mädchen in Freundschaft Küsse tauschten, die Liebenden hatten es bisher beide sorgfältig vermieden, sich auch nur im Scherz zu umarmen. Der Gesellschaft aber schien es ein besonderes Vergnügen zu bereiten, zu ergründen, ob »Pfarrers Riekchen« mit dem Gottlieb versprochen sei oder etwa mit dem Studiosen aus Frankfurt. Als Friederikens Kettchen ausgelost wurde, hieß die Strafe: »Briefträger.« Zwei Briefe an Mamsell Brion seien angelangt, einer mit einem schwarzen, der andre mit einem roten Siegel. Das schwarze bedeutete einen Backenstreich, die roten fünf Küsse. Hinter einem hochgehaltenen Tischtuche mußten sich die Herren aufstellen, die Hand erheben, und Friederike mußte für jede der Strafen den Vollzieher wählen. Hatte sie aber in der Erregung falsch zugegriffen? – Hatte der Amtmann, der solche Scherze liebte, den Lenker gespielt? – als das Tuch fiel, hielt ihre linke Hand wohl, wie sie geplant, den Vetter, ihre rechte aber lag in der heiß pulsierenden des jungen Goethe. Die ganze Gesellschaft klatschte. Der Streich wurde empfangen, die Küsse zeremoniell und flüchtig gegeben. Beim letzten aber hafteten die beiden Lippenpaare brennend und lange aneinander. Es lag etwas so Starkes, Heiliges in den Gesichtern dieser beiden schönen jungen Menschen, daß kein Wort des Scherzes oder Spottes sich hervorwagte. Erst als die beiden jäh sich losreißend, wie auf der Flucht, rasch auseinanderliefen, lachte man. Überdies waren jetzt die Mägde gekommen, stellten auf Böcken lange Tischplatten auf, die sie mit allerlei vesperlichen Erfrischungen bedeckten: Gelees und Obst, Kuchen, Schokolade, kühlende Mandelmilch und Limonaden. Und Berge weißer Brötchen mit buntem, zierlichem Belag. Die Jugend stürzte sich mit neuem, bewundernswertem Appetit auf das Gebotene. Auch Frau Brion gönnte sich nun endlich auf einem bequemen Gartenstuhl ein friedsames Ausruhn. Dann kamen die beiden Musikanten der Gegend und spielten auf. Man tanzte, ging dazwischen paarweise spazieren, tanzte wieder. Friederike hatte erst, wie immer, mitgemacht. Man sah ihr freundliches Gesicht, hörte ihre liebenswürdige Stimme überall. Sie tanzte, bot Erfrischungen, unterhielt sich. Alles aber wie im Traum. Ein paarmal führte Gottlieb sie zum Tanz. Er erzählte ihr, wie schwer er hätte abkommen können, gerade in der arbeitsreichen Zeit im Sommer. Nun aber sei er glücklich, hier zu sein. Mit ihr. »Ja, ja«, sagte sie zerstreut freundlich. Dann tanzte sie nicht mehr. Sie sei sehr müde, sagte sie. Goethe hielt sich zu den andern Madchen. Als es dann vom Turm sieben schlug, ging Pastor Brion, die Uhr in der Hand, unruhig umher, vor der Tür warteten bereits die beiden Stellwagen, die seine Gäste nach verschiedenen Seiten wieder zurückbefördern wollten. Das Abschiednehmen wurde schließlich ein ziemlich eiliges und lärmendes Aneinander-Vorbeischwatzen. Umarmen, Küssen, »Auf Wiedersehn!«, »Und nun müßt ihr bald auch zu uns zu Besuch kommen!«. Die Pferde zogen an. Ein winken, Rufen – der Tag war aus. Christian und Sophie hielten ergiebige Nachlese am Erfrischungstisch. Die Mutter und Salome kleideten sich um und begaben sich ans Räumen. Die Lehrerstöchter halfen. Friederike auch. Dann aber, als habe jemand sie dorthin gerufen, ging sie in den stillen, dunkelnden Garten hinaus. Da stand er an der Jasminlaube, ging ihr entgegen. An der Stelle, wo sie einander trafen, blieben sie stehn und küßten sich. Dann sagten sie sich viele Male, wie lieb sie einander hatten. Und daß sie sich niemals lassen wollten. Hand in Hand saßen sie in der Jasminlaube. vom Felde drüben flogen Schwärme von Leuchtkäfern empor. Jetzt stieg es auch im Garten aus dem Rasen auf. Sinnverwirrend. In den dunkeln Bäumen hing's wie glühende Tropfen. Goethe faßte sie mit andächtigen Fingern und setzte einen nach dem andern als Strahlendiadem in Friederikes volles warmes Haar. Ein Sommerduft zog über die Talsenkung, in der das Dorf schlief. »Wie liebe ich dich!« sagte eins zum andern. Immer wieder. Erst als im Hause die Lichter verloschen, wanderten sie, dicht zueinander gedrängt, langsam zurück. Zwei selige Leute. Kapitel VI »Ich weiß nicht, was mir hier gefällt. In dieser engen kleinen Welt Mit holdem Zauberband mich hält? Vergeß ich dich, vergeß ich gern, Wie seltsam mich das Schicksal leitet; Und ach, ich fühle: nah und fern Ist mir noch manches zubereitet.« Goethe hatte wenige Tage vor dem Feste einen Brief aus Straßburg erhalten. Professor Jeremias Oberlin, sein geliebtester Lehrer, schrieb ihm voll Lob, fast Begeisterung über einen Aufsatz, den Goethe ihm vor der Abreise im Konzept gebracht, und den der Professor nun gelesen hatte. »Über deutsche Baukunst.« Oberlin schrieb, er halte es für seine Pflicht, ihm dringend zu raten, die akademische Karriere zu ergreifen und sogleich nach bestandenem Examen sich an der Straßburger Universität für Geschichte, Redekunst und Staatsrecht zu habilitieren. Bei seinen herrlichen Gaben werde es ihm ein leichtes sein, in Kürze eine Professur zu erlangen. Habe er erst einmal die, sei ihm über kurz oder lang eine Anstellung in Versailles an der deutschen Kanzlei gewiß. Was für ihn einen ebenso ruhmreichen wie angenehmen Wirkungskreis für das ganze Leben bedeuten würde. Goethe hatte einen Augenblick der Lockung gelauscht. Tätigkeit, Stellung, Ruhm schon in so jungen Jahren! Dann aber hatte er ein Blatt Papier ergriffen und darauf entschiedensten Protest gegen diese verfrühte Einschirrung in Amt und Beruf leidenschaftlich hingeströmt, wie es sein Temperament ihm eingab. »Ich würde sein wie ein Pferd mit Scheuklappen, das seinen Narren im Trott auf ebener Landstraße weiterzieht, anstatt in die Welt hineinzusprengen, sich bald auf Frühlingswiesen zu tummeln, bald mit donnerndem Hufschlag über Strombrücken zu jagen«, sudelte er hin. Dann an anderer Stelle: »In Versailles würde ich gezwungen sein, französisch zu denken und zu dichten. Und das gerade jetzt, da hier im Elsaß die ganze Kraft und Schönheit des deutschen Mittelalters in mir lebendig geworden ist und nach Gestaltung verlangt.« Und wieder: »Wohl will ich mich einem Berufe beugen. Aber einzig dem, den ich wirklich als Ruf der Gottheit in mir spüre. Erst hier auf dem Lande, im Umgange mit der Natur und im herzlichsten Verkehr mit guten, unverfälschten Menschen hatte ich Stille genug, um diesen Ruf zu hören. Erst hier habe ich Aufgabe und Sendung meines Wesens verstanden. Aus der Liebe dieser Menschen habe ich Gesundung getrunken des Leibes und der Seele. Flügel sind mir gewachsen. Nun zucken sie empor und wollen fliegen. Ich darf mich nicht nach Gefallen gestalten. Ich fühle mich gesandt, das Weltbild neu zu gestalten. Dazu aber muß ich die Welt erst kennenlernen in allen ihren Höhen und Tiefen, muß mich an ihr erproben. Verkrieche ich mich jetzt schon in einer ihrer Ecken, so habe ich gesündigt gegen mich selbst. Das darf nicht sein. Mir selber muß ich Opfer bringen. Opfer auch verlangen können, wenn das not tut.« Alles das hatte er mit fliegender Feder hingeschrieben, fast ohne es vorher zu denken, wie von einer unerbittlichen Macht diktiert. Er hatte dankbar, höflich seinem Gönner erwidern wollen, überlegen, fragen. Nun war es dieses ungestüme »Nein« geworden. So konnte er das Blatt nicht abschicken. Er schloß es in seine Mappe, es später als Konzept zu benutzen. Dann kam das Fest, die Stunde in der Jasminlaube mit Friederike. Noch in derselben Nacht zerriß er das Blatt Papier. Eine symbolische Handlung. In die Welt gehen? Jetzt? Fort von seinem Mädchen? Konnte er das heute noch wollen? Unmöglich! Seine Träume aber waren andrer Meinung. Er sah sich mit Friederike durch hohe, blühende Wiesen gehen, aber er kam durchaus nicht vorwärts, so kleine Schrittchen machte sie, die fest an seinem Arm hing. Denn auf einmal war es gar nicht mehr Friederike, sondern die winzige Dame vom Rheininselchen. Der Rücken tat ihm weh, so tief mußte er sich zu ihr herunterbücken. Die Kassette hatte sie ihm auf den Rücken gebunden. Bei jedem Schritt schlug sie schmerzhaft an ihn an. Die kleine Dame zog einen Ring vom Finger, den steckte sie ihm an. Das tat entsetzlich weh. »Nun sollst du mit mir in meinem Land wohnen«, sagte sie dabei mit einem hohen, grellen Stimmchen. »Krieche mit mir in diese Kassette. Das wird unser Häuschen sein.« Er aber begann zu weinen. – – Sein Kopfkissen war ganz naß, als er beim ersten Morgenschein erwachte. Draußen regnete es. Ein Landregen. Die Wiese, auf die er blickte, sah zertreten und häßlich aus. Die Berge am Horizont verschwunden. Alles grau und schwül. Wie abgestanden. – – – Auch Friederike hatte wenig geschlafen. Sie fühlte Stiche in der Brust, und gegen Morgen stellte sich leichtes Fieber bei ihr ein. Aber sie litt nicht. Fast hätte sie es als Verschwendung empfunden, zu schlafen, wenn man so voll Seligkeit ist. Nichts von Staunen war in ihr und nichts von Unruhe. Sie war in diese Liebe hineingewachsen, wie die junge Blume in die Sonne emporwächst, von der sie lebt. Alles war so selbstverständlich geschehen, wie es im Märchen geschieht. Und daß sie gestern sich geküßt und ihre Liebe sich in Worten gesagt haben, das gehört genau so zu allen märchenhaften Selbstverständlichkeiten wie alles andre. Und heute ist ein neuer Tag. Und er ist da. Sie werden beieinander sein, sich lieben, sich verstehn. Ihre Hände brennen. Als draußen das Rauschen beginnt, tut es ihr gut, an Regen und Kühlung zu denken. Und daß sie nun beide im Zimmer bleiben müssen in diesem Wetter. Beide. Auch das Zuwachs an Glück.– – Friederike ist aufgestanden. Aber die Stiche in der Brust werden stärker; ihr Herz bäumt sich wie ein Fluß zwischen Steinen. Und sie ist ganz heiser. Die Mutter schickt sie wieder zurück ins Bett. Sie schilt über das abendliche Promenieren, bei dem man sich erkältet. Dabei sieht sie Friederiken forschend ins Gesicht. Die gibt diesen Blick in Strahlen zurück. Und weiter wird nichts mehr erklärt zwischen Mutter und Tochter. Es ist im Pfarrhause nicht Brauch, über Herzenssachen zu reden. Der Vater läßt ahnungslos wachsen, was da wachsen mag, die kluge Mutter schaute wohl scharf zu und lenkte leise, aber sie redete nicht. Diesmal hielt sie es für das beste, die Dinge gehen zu lassen. Kam er wieder, war es gut. Kam er nicht – vielleicht noch besser. Der gute Gottlieb war dann immer noch da. – – So schwieg sie. Salome dagegen konnte ihren Mund nicht halten. Während sie das gemeinsame Zimmer aufräumte, nickte sie bedeutungsvoll zu Friederike hinüber, die im Bett ihre Zöpfe flocht. »Na, und der Monsieur Goethe? Machen wir eine Doppelhochzeit?« Da aber Friederike auf ihren Hals zeigend schwieg, ließ sie von Fragen ab, obgleich sie die List durchschaute.– – Friederikes Kranksein war für den Liebenden eine große Enttäuschung. von ihrem klaren Gesicht hatte er Beruhigung erhofft. Sie würde ihn küssen und alles war wieder gut. Statt dessen brachte ihm wichtig und umständlich das Sophiele die Morgensuppe in sein Zimmer hinauf. Unten sei noch alles in Unordnung, das Sälmel schelte in der Küche herum, weil die Mägde gestern allerlei Geschirr und Glas zerbrochen hätten; der Vater sehe bedenklich in den Regen. Das Getreide sei ja in diesem Jahre noch so spät auf dem Halm und hätte sollen morgen geschnitten werden. Sie redete wie eine Alte und fühlte sich wohl darin. Gegen Mittag endlich durfte er sie sehn. Immer wieder war er an ihrer Tür gewesen, aber die Mutter hatte ihn weggewiesen: die Tochter dürfe nicht reden. Sie selbst ließ ihn bitten, vernünftig zu sein. Sie kenne ihr Übel und wisse, wie es zu behandeln sei. Um ihn loszuwerden, schickte Salome den Dringlichen in das nächste größere Dorf zum Apotheker. Er lief, den Wettermantel um sich geschlagen, barhäuptig durch den Regen davon, das Haupt emporgewendet. Im Laufen löste sich sein Haarband, der wind peitschte ihm die nassen Locken ins Gesicht – er achtete es nicht. Frau Brion sah ihm nach, wie er dahinstürmte, Etwas Verzücktes und Wildes lag in seinem Schreiten. So ging keiner, den sie kannte! Sie ließ die Männer ihres Kreises in Gedanken an sich vorüberziehen: Marx, Gottlieb, ihren guten Mann, die Straßburger Verwandten und Freunde – keiner! Und in der vom Alltag vernutzten Frau stand gegen Vernunft und Vorsicht ein Verstehen auf für Friederikes Liebe. Dies Verstehen lag auch in ihrer Stimme, als sie, sich ins Zimmer zurückwendend, zu Friederike sagte: »Dein Goethe rennt wie ein Närrischer um deine Medizin.« Das blasse, goldgezöpfte Mädchen lächelte in ihre Kissen. Sie hatte eine Erlaubnis herausgehört aus den paar Worten. – – Kaum Zeit, den Mantel abzulegen, nahm er sich. Dann saß er still an ihrem Bett, nahm ihre Hand und hielt die Augen über ihr Gesicht, daß es ganz überflutet war von seiner Liebe. Es war ein großes, niedriges Zimmer, in dem Friederike lag. Im Alkoven standen die Betten der beiden Ältesten, jedes mit weißen Musselinvorhängen duftig umhüllt, ein großer runder Tisch in der Mitte, an der Längswand ein breites, geblumtes Rattunsofa, auf dem nachts für Sophie gebettet wurde. An einem der grün umrankten Fenster stand das Nähtischchen, am andern eine alte, schöne Schreibkommode, an den Wänden Bücherbrettchen, Blumen in Töpfen und Vasen, Familienbilder. Die Ecke mit den Waschtischen durch einen geblumten Vorhang abgeschrägt. Das Ganze hatte in seiner Bescheidenheit und sauberen Ordnung etwas von Tradition und Kindlichkeit zugleich, das Andacht weckte. Der junge Goethe wenigstens empfand es so. »Was sehen Sie, mein Freund?« »Ich betrachte mir die Stube, in der man mir mein Mädchen bewahrt.« Sie vermochte nur flüsternd zu sprechen. Unwillkürlich erwiderte er ebenso. Das gab allen ihren Worten etwas Tuschliges, Heimliches und Trauliches. Zuletzt zog er Oberlins Brief aus der Tasche, las daraus und berichtete sogleich von seiner Absage und von dem Zerreißen des Konzeptes heut nacht. Das war sehr süß zu hören für das Mädchen. Andächtig las sie dann sein Lob im Briefe. Er malte ihr aus, wie es sein würde, wenn sie einmal in Versailles zusammen wohnten. Unwillkürlich brauchte er ähnliche Worte wie gestern im Märchen für das Zwergenhaushältchen, sprach von Kaminchen, Tischchen, Tellerchen und Stickereichen. Und während er erzählte, beugte er sich ganz zusammen. Aber keiner von ihnen beiden achtete darauf.– – – Goethe war abgereist. Er hatte in Straßburg zu tun. Und wollte auch mit Oberlin über dessen Vorschläge reden. Seine Sachen hatte er dagelassen, wollte in Kürze zurückkommen, wurde aber durch Examenvorbereitungen und den Besuch seines Freundes Herder in der Stadt zurückgehalten. Auch aus der Trennung aber schufen sich die Liebenden neue Freuden. In Friederikes Schreibkommödchen häuften sich die Briefe. Briefe, die oft zu Versen wurden. Friederike beantwortete diese Briefe alle mit ihrer leichten, tanzenden Schrift, die er liebte. Sie war oft selbst erstaunt darüber, was für eine flinke Briefstellerin sie wurde. Freilich schrieb sie keine geistvollen Betrachtungen, machte keine weitläufigen Schilderungen. In der wundervollen Sicherheit ihres Wesens ging sie nie über ihren Kreis hinaus. Aber indem sie vom Nächstliegenden erzählte und dabei des Freundes dachte, der sie hören sollte, formte sich ihr alles freier, bildhafter. Wie ein Mensch, der lange verreist gewesen, sah sie die Heimat plötzlich neu. So, ohne recht zu gewahren, wuchs sie an dem Entfernten. Und dann kamen all die herrlichen Liebesgedichte, die Friederike feierten. Immer wieder las sie das Gedichtchen, das er ihr mit einem selbstgemalten Bande schickte und das so innig endete: »Mädchen, das wie ich empfindet, Reich mir deine liebe Hand, Und das Band, das uns verbindet, Sei kein schwaches Rosenband.« Ja, sie war reich. Reich wie keine. Noch nicht völlig genesen, stieg Friederike eines Morgens langsam das Obertreppchen hinauf ins Logierzimmer. Man mußte es für etwaige andere Gäste instandsetzen. Und sie wollte es sich nicht nehmen lassen, all die Sachen und Sächelchen zu ordnen, die der allzu Sorglose um sich her zu streuen pflegte. Es war ihr eine zarte Freude, sich mit diesen Dingen zu beschäftigen, die ihm gehörten; zu fühlen, daß sie teilhatte an jedem Wort, jedem Gedanken, der in diesem Zimmer entstanden ist. Sie nahm jedes einzelne zärtlich in die Hände, faltete und bündelte mit Sorgfalt und ordnete alles in einen kleinen Handkoffer, den sie heraufgebracht hatte. Zuletzt griff sie noch in den Papierkorb. Ein zerrissenes Blatt lag obenauf. Das Briefkonzept für Versailles: Sie las und setzte sich auf einen Stuhl und schluchzte. Leid und Glück hatten gleichen Teil an diesen Tränen. »Ich muß die Welt kennenlernen«, las sie, »in allen ihren Höhen und Tiefen. Verkrieche ich mich jetzt schon in einer ihrer Ecken –« Dann aber kam eine Stelle, die ihr Trost gab. »Erst hier bei guten, unverfälschten Menschen, die ich liebe, habe ich Stille genug gehabt, den Ruf der Gottheit an mich zu vernehmen. Und ich habe Gesundung getrunken an der Liebe dieser wahrhaftigen Menschen, die von ihrer Erde Schönheit und Weisheit lernen.« Er war gesundet an ihr! Was wollte sie noch mehr? Und leise fing sie an zu summen. Sein Lied: »Schicksal segne diese Triebe, Laß mich ihr, und laß sie mein, Laß das Leben unsrer Liebe Doch kein Rosenleben sein.« Kapitel VII Besuch in Straßburg »Der Weg ist begonnen, vollende die Reise, Dein Los ist gefallen, verfolge die Weise.« (Goethe, Sprüche.) »Das Meer flutet immer, Das Land behält s nimmer.« (Goethe, ebenda.) Das heurige Sommerfest war in der Chronik des Sesenheimer Pfarrhauses ein Höhepunkt gewesen. Die Anwesenheit des jungen Genies, das Märchen, die Atmosphäre von Übermut und Leidenschaft, die über allem schwebte, war von den Gästen als etwas ganz besonders Feiertägliches empfunden worden. Die Schölls hatten in Straßburg Wunderdinge davon erzählt. Nun brannten Verwandte und Bekannte darauf, den interessanten jungen Freund der Brions kennenzulernen und in ihr Haus zu ziehen. Da ohnedies längst ein Besuch der Brions in Straßburg geplant war, erließen die Schölls eine dringende Einladung nach der anderen für die Sesenheimerinnen. Aber die Mutter konnte sich, namentlich während der ländlichen Sommerarbeiten, schwer vom Haushalt trennen. Und von Friederike wußte man, daß sie das Stadtleben nicht liebe. Gerade sie aber betrieb diesmal die kleine Reise. Sophie war glücklich in der Aussicht, einmal selbständig daheim die Wirtschaft zu führen. Ihre poetische Phase war vorbei. Dem Buchengedicht fehlte noch immer der Schlußvers. Als nun noch die Schulmeisterin versprach, nach dem Rechten zu sehen, wurde nur noch die Roggenernte abgewartet. Und dann ging's nach Straßburg. Das Sälmel war außer sich vor Freude. Sie verlangte, es solle eine Überraschung sein für Goethe, schalt Friederike, die sich dem widersetzte »hausbacken« und »nüchtern« und stellte mit ihren gewaltigen Vorbereitungen das Haus auf den Kopf. In Friederike war eine stille, strömende Glückseligkeit, die keines Lärmens bedurfte. Straßburg war schon etwas versengt und verstaubt, als die Brions dort aus dem Postwagen stiegen, der sie durchs Tor und tief in die Stadt hinein fuhr. Seit jenem Einzugstage waren sie nicht mehr in Straßburg gewesen. Friederike dachte daran. War das nicht Jahre her? Heute war hier Alltag. Planwagen rüttelten über das Pflaster, die der Stadt Mehl und Stroh hereinbrachten. Die Madams, ihre bäurische Magd mit dem Korb auf dem Kopf hinter sich, gingen auf die Nasch- und Obstmärkte einkaufen. Am Staden keiften die Fischweiber und die Waschschiffweiber miteinander. Nur der Paradeplatz mit seinen, die Häuser entlang im Quadrat gepflanzten grünen Schirmen der Linden, hatte etwas friedvoll Erfrischendes. Da, am Posthof stiegen sie aus. »Der Goethe ist da und die Kusinen«, flüsterte das Sälmel aufgeregt. Es gab ein großes Hin-und-her-Umarmen. Auch der junge Freund ging nicht leer aus. Friederike küßte ihn sogar vor allen Leuten herzlich auf den Mund. Er lachte glückselig. »Mein Mädchen.« Sogleich aber nahm er eine gesetzte Miene an. Er grüßte respektvoll in einen Wagen hinein, der vorbeifuhr. »Wer war's?« wollte das Sälmel wissen. »Die Baronin von Oberkirch«, erwiderte die Mutter statt seiner. »Man kennt die Livree.« »Die? Das ist ja wohl eine Gelehrte?« Sie hatte sich umgedreht und nach ihrer ungenierten Art Goethe am Arm gepackt. »Sie schreibt über das Elsaß«, sagte er ein wenig zurechtweisend. Ihre laute Art schien ihn zu ärgern. Und als sie sich jetzt nach einem der beiden Reisesäcke bückte, um sie sich mit einem »Hoppla« aufzuladen, trat er rasch dazwischen und winkte den Aufwärter seines Rosthauses herbei, den er herbestellt hatte. Friederike sah, daß ihm das Blut ins Gesicht gestiegen war. Sie las einen leichten Unmut über der Schwester auffälliges Gebaren in seinen Augen. Der Bursche tat die beiden schweren und großen gestickten Taschen in seinen Karren und befestigte sich die vielen Schachteln und Kartons mit einem Strick an Brust und Rücken. Er verzog dabei ein wenig geringschätzig das Gesicht. Frau Brion sah ihn streng an. Sie zog den Geldbeutel. »Was guckt Er? Hat Er noch kein Frauenzimmergepäck gesehen?« In ihrem Arger gab sie ihm überreichlich. Sie wehrte Goethes Börse ab. »O nein, lieber Freund, in Straßburg bin ich mehr zu Hause als Sie.« Die Verstimmung schwand nicht so schnell. Goethe bot der Mutter den Arm, die in ihrem langen, grauen Reisekragen, das Spitzentuch über dem gepuderten Haar, würdig und gelassen einherschritt. Die Mädchen gingen voran. Die beiden Sesenheimerinnen trugen wie immer ihre deutsche Tracht, dazu große Strohhüte. Die Schlupfenhaube war zu Haus geblieben. Ein Zugeständnis an die Stadt sollte wohl auch der große, rot und schwarze Stofffächer bedeuten, den Salome beständig wie ein Spielwerk auf und zu warf, daß es nur so klapperte. Die älteste Kusine nahm ihn ihr endlich aus der Hand: »Weißt, wir Bürgermaidele hier in Straßburg machen das nicht auf der Straße. Das machen nur Standespersonen, die im Wagen sitzen.« »Ach so!« sagte das Sälmel verdrießlich. »Wir sind euch hier wohl nicht gut genug?« Sie zog einen bitterbösen Mund. Der Weg war nur kurz. Es wurde nicht viel gesprochen. Vor der Tür verabschiedete sich Goethe. Er küßte allen die Hand. Friederikens hielt er fest und lange. »Meines Riekchens liebes Gesicht hier in den steinernen engen Gassen!« Es lag Zärtlichkeit und eine gewisse Angst in seiner Stimme. Friederike lächelte ihn an. »Es ist das alte Riekchen doch. Ich hab' dir halt das Sesenheim mit hier hereingebracht in deine Stadt!« Aber etwas Nachdenkliches in ihres Liebsten Zügen verwischte sich nicht. Endlich riß er sich los. Am Nachmittag wollte er kommen und sie abholen. Sie mußten zusammen die Stadt ansehen. Und seine Wohnung wollte er ihr zeigen. Und seine Freunde sollte sie auch allmählich kennenlernen, Er war jetzt ganz in seine gewöhnliche Lebhaftigkeit gefallen. Und machte ein recht verdutztes Gesicht, als die älteste Kusine ein wenig trocken bemerkte: »Über den heutigen Nachmittag sei leider schon bestimmt.« Die Mutter habe für sich und ihre Gäste eine Einladung zu Verwandten genommen. Aber sie hoffe bestimmt, den Herrn Studiosus recht oft bei sich zu sehen. Er verneigte sich. Friederike spürte, daß er nur schwer seinen Zorn herunterschluckte. »Da ist nun freilich nichts zu machen,« sagte sie begütigend, »aber am Ende ist es recht klug, daß wir unsere schönen Vorsätze nicht gleich alle am ersten Tage ausführen? Es ist so hübsch, sich auf etwas zu freuen.« Ihre Stimme beruhigte ihn. Er lächelte dankbar auf sie herunter. Dann ging er. Friederike sah ihm nach. Seine Erscheinung, der Stadt angepaßt, hatte etwas Ungewohntes für sie. Sein Haar war steifer geordnet und stärker gepudert als in Ensisheim; statt der Stulpenstiefel trug er weißseidene Strümpfe und Schnallenschuhe; den dreieckigen Hut hielt er wie einen Zierat in der Hand. Sein biberbrauner Tuchrock über den hellen Kniehosen war von tadellosem Schnitt. So ging er in gepflegter Haltung die Straße hinauf. Nicht stutzerhaft, aber doch nicht mehr der Sesenheimer Waldkamerad! Auch die Mutter hatte ihm nachgesehen. »Es gefällt mir an dem Goethe,« sagte sie, »daß er sich nach der Mode kleidet und nicht den Genialischen macht, wie das die jungen Studiosen jetzt so gerne tun.« Friederike schwieg. Sie wußte es aufs neue, daß sie diesen Mann lieben mußte, wie und in welcher Gestalt auch er sich ihr zeigen mochte. Und in ihre helle Jugend fiel dabei zum erstenmal eine Ahnung künftiger Schmerzen. Heute aber war er noch da. War noch bei ihr. Heute war noch Glück! Sie machte eine Bewegung mit beiden Händen, als schiebe sie Beengendes von sich weg. * Es war ein großer Gegensatz zwischen dem heiteren, regellosen Leben bei den Brions und dem streng geordneten, etwas düsteren Hause Schöll. Die Frau, eine Genferin, hielt streng auf französische Etikette. Beim Kirchgang ebenso wie im gesellschaftlichen Kreise. Das hatte zur Folge, daß die Tochter manches Unschuldige heimlich taten, von dem sie wußten, die Mutter würde es nicht erlauben. Der Syndikus aber, ein schwerer jähzorniger Mann, war in Manier und Anschauung noch nicht aus dem deutschen Mittelalter herausgekommen. Er aß gern, trank viel, und jeder Zwang war ihm zuwider. So gab es oft Streit in der Familie und verdrießliche Gesichter. Die jungen Sesenheimerinnen freilich hatten ihr sorgloses Lachen mitgebracht in die steifen Stuben, in denen kein Stuhl gerückt, keine Seidenfranse der tiefgenischten Fenstervorhänge verschoben werden durfte. In den Kaminvasen des Salons standen die künstlichen Blumen auf Draht einen Tag wie den andern unter ihrem Glassturz, der Kronleuchter war mit Gaze verhängt, die Sessel hatten gleichfalls Sommertoilette gemacht. Kam Besuch, so wurden von den Sesseln, die man brauchte, die Überzüge rasch abgenommen. In die Wohnstuben drang kein Fremder. Das war keine günstige Umwelt für zwei Liebende, die bisher an die grüne Weite von Anger und Wald gewohnt waren; die in die Stimmen und Bilder der Natur versenkt, oft in stundenlangem Schweigen miteinander glücklich gewesen sind. Hier galt es, steif auf zerbrechlichen goldenen Stühlchen im Salon sitzen, während die Tante sich mit einer Handarbeit an den Kamin setzte. Hatte sie nicht Zeit, wurde ein anderer Ehrenwacht hineingeschickt. Frau Scholl hatte es unerhört gefunden, einen jungen Mann mit einem jungen Mädchen allein zu lassen. Zwar machte die junge Welt Spaziergänge und Ausflüge, aber auch die dienten nur einer salonartigen Geselligkeit. Jeanne, das älteste Schöllmädchen, sah in der Natur nichts als eine Gelegenheit, sich in hübscher Toilette in besuchten Kaffeegärten zu zeigen. Margret, die jüngere, hätte wohl gern einem Vogel gelauscht, eine Blume bewundert, aber sie war durch die Schwester verschüchtert. Deren Ehrgeiz war es, sich mit einer Eskorte junger Leute zu zeigen. Marx und Weyland sowie Gottlieb mußten ihre Kavaliere spielen, soweit es Examen, Beruf und Landarbeiten erlaubten. Der schöne, gut gekleidete junge Frankfurter war ihr eine willkommene Beute. Der aber ließ sich nicht so gutwillig einspannen. Er, der sich in Sesenheim gegen den gemütlichen kleinen Familienklatsch so nachsichtig bewiesen hatte, ließ hier deutlich erkennen, wie sehr ihn, den Fremden, diese persönlichen Gespräche – unvermeidlich bei einem engen, vertrauten Kreise – langweilten. Er zeigte sich verdrießlich, launisch, schweigsam, spielte mit seiner Uhr, zupfte an den Spitzenmanschetten, gab kurze, unfreundliche Antworten. Und stand zuletzt vom Stuhle auf, mit Weyland oder Friederike ein Einzelgespräch zu beginnen. Kurz, benahm sich so ungezogen, daß die Kusinen, die mit dem glänzenden Gesellschafter geprahlt hatten, vor Verdruß vergehen wollten. Friederike mußte heimlich lachen, wenn sie ihn so sah. Wußte sie doch, daß es nur die Ungeduld des Liebenden war, die ihn so entstellte. Mit Weyland heckte sie allerhand unschuldige Intrigen aus, die diesen leidigen Zustand bessern sollten. Gottlieb, der erst mitgetan hatte, zog sich mehr und mehr von solchen Zusammenkünften zurück. Es tat ihm weh, Friederike und Goethe beieinander zu sehen. Friederike verstand es die ärgerlich Auseinanderstrebenden durch eine gemeinsame Beschäftigung recht vergnügt zusammenzuhalten. Sie schlug Schreibspiele vor. Unter den schattigen Platanen des »Bäckerhiesel« rückte man ein paar Tische zusammen, stellte Bänke davor, der Wirt brachte ein altes Schulheft seines Sohnes, dessen leere Blätter man benutzte. Und bald waren alle Wangen gerötet. Jeder lächelte befriedigt vor sich hin, einem Wort entgegen, das ihm einfiel und ihm witzig schien, wohlgelungenen Verschen, das er zu aufgegebenen Reimen dichten, einem Bildchen, das er aus einzelnen Figuren zusammenziehen mußte. Goethe, der auflebte, sobald er zu tun bekam, war jetzt der lebhafteste. Sein Stift flog über das Papier. Und über die gebeugten Köpfe hinüber sandte er Blick um Blick zu Frederikens Augen, abbittend, reumütig, dann aber strahlend. Das Verschen, das er mit einiger Willkür aus den aufgegebenen Reimworten »Eile – Weile«, »frei – bei« gemacht hatte, lautete: »Erst sitzt er eine Weile, Die Stirn von Wolken frei; Auf einmal kommt in Eile Sein ganz Gesicht der Eule Verzerrtem Ernste bei. Ihr fraget, was das sei? Lieb' oder Langeweile? Ach, sie sind's alle zwei.« Eine Art Sündenbekenntnis an Friederike. Der Launenhafte besserte sich auch wirklich. Bei Tee-Einladungen zu den Schöllschen Verwandten und Freunden entzückte er die soliden Bürgerfamilien durch seine artige Höflichkeit und seine netten Geschichtchen. Wollten sie die Spiele sehen, die man in Sesenheim trieb und von denen sie soviel gehört hatten, verstand er es, allerlei Lustiges zusammenzubringen. Im Kartenspiel, bei den älteren Personen, tat er gleichfalls sein Bestes. Manchmal sandte er dabei einen Blick zu Friederike hinüber, der ihr die schmeichelnde Versicherung gab: »All' diese Langeweile dulde ich für dich.« Sie litt mit ihm. Und stärker als er. Sah sie doch hinter der hohen Stirn Gedanken auf den Augenblick der Erlösung warten. Sie sann auf Befreiung. An bestimmten Wochentagen versammelte sich die Straßburger Gesellschaft immer in aller Morgenfrühe auf dem Broglie, um dort die Morgenmusik zu hören, eine Stunde auf und ab zu promenieren, mit Bekannten zu plaudern, sich zu zeigen. Die Schöllschen Damen fehlten niemals. Marx, Gottlieb, Weyland, Goethe waren hinbeordert. Auf einmal gab Friederike das verabredete Zeichen mit der Hand. Weyland nahm Goethe am Arm und entwich mit ihm durch die Pforte des Eisengitters, das den Platz umschloß, wahrend Friederike durch eine entgegengesetzte Tür davonging, nachdem sie der Tante von einer kleinen Besorgung gesprochen hatte, die sie rasch zu erledigen habe. Ruhig ging sie am französischen Komödienhaus vorbei, draußen aber kehrte sie wieder um. Und es dauerte nicht lange, so traf sie auf die zwei. Sie lachten sich an. Tiefblauer Himmel über den schmalen, buntgestrichenen Häusern mit den braunroten Giebelstirnen. Aus ihren zwei bis drei Etagen übereinanderstehenden, offenen Mansardenfensterchen schienen sie dankbar emporzuatmen. Aus den Brunnen quoll silberner Strahl, die Mägde schöpften am Trog und schwatzten. Unter den schwarzen Bandhauben sahen ihre Gesichter freundlich und jung aus. Alles schien Wohlsein und ohne Beschwerde. Auch Friederike atmete leicht. Die Aufregungen der letzten Zeit, die sie schweigend trug, auch vor sich selbst nicht eingestand, hatten ihr oft den Atem stocken lassen; nun schlug das Herz ihr froh. Mit lieblich geöffneten Lippen ging sie neben den Männern her, die zueinander sprachen. Und doch eigentlich nur für sie. Straßburgs Vergangenheit stand auf zwischen ihnen, von dem Poeten heraufbeschworen. Das Ringen von Alemannen und Franken um das ehemalige Keltenland; Legenden, Siegfried jagt in den Vogesen, Gottfried von Straßburg erlebt hier neu die alte Mär von Tristan und Isolde; die frommen Gestalten der protestantischen »Gottesfreunde« erheben sich vor Friederikes Einbildungskraft. Ist das noch dieselbe Stadt, die sie seit ihrer Kindheit kennt? Durch die sie ging, um Einkäufe zu machen, den und jenen zu besuchen und mit ihm über Haus und Familie Nachrichten zu tauschen? Dies die Straßen, durch die sie Sonntags mit den Kusinen zog, um Bekannte zu treffen? Sie begriff es nicht. Alles war geweitet und wichtig, was man sonst hier übersehen hatte; alles früher Wichtige ganz klein geworden. »Und nun gehen wir zu mir«, rief Goethe lustig. Unmerklich hatte er sie auf den Fischmarkt hingeführt. Friederike stand unschlüssig am alten, reichverzierten Brunnentempel, sah das Wasser in den Steintrog fließen und netzte ihre Hände in dem Strahl. Sie sah zu den Fenstern empor, hinter denen ihr Liebster hauste. Dann fragend auf Weyland. »Wenn Tante Schöll es erfährt, werden wir beide tüchtig gescholten.« Aber Goethe war schon vorangesprungen, ein wenig Ordnung schaffen droben. So stiegen sie denn gehorsam die steile, knackende Treppe hinan, bis in den zweiten Stock. Friederike blieb einen Augenblick auf der Schwelle stehen, sah liebevoll das helle, viereckige Stübchen mit der Blumentapete, den Alkoven mit dem Bett, die grüne Bettdecke, den wohlbekannten braunen Arbeitsrock am Ständer, dann wieder auf der Kommode allerlei feine Sächelchen, in denen die Sonne blitzte. Goethe hatte auf den ovalen Tisch eine Flasche Wein gestellt mit drei Gläsern, holte Biskuits aus dem Schrank, gemalte Teller. Alles in glücklichster Bewegung. Friederike hielt am Stehpult die wohlgespitzten Gänsefedern in der Hand. Sie betrachtete Silhouetten und Kupfer an der Wand, die in ihren Rähmchen einander die Wimpern zuwendeten. Goethe nannte ihr die Namen. Die meisten hatte Friederike schon gehört. Aber so wie etwas Fernes, viel zu Hohes, das nur irgendwo am Himmel leuchtete. Weyland machte sie aufmerksam auf die Flaschen und Retorten in der Wandnische. Goethes chemische Experimente. Dicke schweinslederne Bände lagen auf einem Stuhl neben der Kommode, altertümlicher Druck. Sätze, die sie nicht verstand. Ein Hängeschränkchen war da voll Steine, Käfer und andere Naturalien, die in Kästchen mit Aufschriften ruhten. »Was Sie alles tun!« »Vieles, aber vorerst noch nicht viel.« Sein Blick ging ins Ferne. Wo war er? Fühlte er sie gar nicht jetzt? Sie kam sich plötzlich ausgeschlossen und verstoßen vor. Bald brach sie auf. Weyland begleitete sie nach dem Broglie zurück. Sie war sehr still. Kapitel VIII »Und der wilde Knabe brach's Röslein auf der Heiden.« Der Zwergenring Zu den Beziehungen aus ihrer Mädchenzeit, die Frau Brion in diesen Tagen wieder befestigte, gehörten auch die zu der Baronin v. Dietrich. Sie waren als junge Mädchen zusammen eingesegnet worden, hatten sich eingeladen und Briefe gewechselt. Nach der Verheiratung der Baronin war das junge, hübsche Fräulein Schöll gern gesehener Gast auf den Gütern der Familie, die überall im Elsaß Land, Schlösser und Bergwerke besaß. (Das Gütchen bei Sesenheim war eine spätere Erwerbung und wurde nur selten von ihnen bewohnt.) Seit einiger Zeit bekleidete Herr von Dietrich ein Ehrenamt in Straßburg, das häufig seine Anwesenheit forderte. So hatte er sich in der Umgegend ein Sommerhaus gemietet. Dorthin waren die Brions eingeladen. Auch die Schöllschen Töchter waren aufgefordert. Es würde eine durchaus zwanglose Veranstaltung sein. So wurden denn an einem zartverhangenen blauen Tage die fünf Damen in einer Dietrichschen Kutsche abgeholt und fuhren in bester Stimmung auf schattigen Chausseen, an Feldern vorbei, über Flußbrücken und neben duftenden Auen her zu den Gastfreunden. Salome war ganz still, aus Respekt vor dem prächtig gekleideten Kutscher und dem Bedienten, der mit gravitätisch übereinandergeschlagenen Armen zwischen den Hinterrädern saß. Sie blickte hochnäsig auf die Spaziergänger und Reiter, an denen sie vorbeiflog. Ihre Wangen waren, unter aufgelegtem Puder hochgerötet. Friederike dagegen sah blaß aus. So gern sie sich sonst unter vergnügten Menschen heiter mitbewegte, heute wäre sie recht gern zu Haus geblieben. Sie war so müde geworden hier in Straßburg. * Goethe hatte im Herbst vorigen Jahres mit einigen jungen Elsässern einen Ausflug in die Vogesen unternommen und war dann allein zurückgeblieben, um die Technik des Bergbaues gründlicher zu studieren, die ihn fesselte. Freiherr von Dietrich, bei dem er im Bärenthal um Erlaubnis der Besichtigung nachsuchte, gewann sogleich Interesse für den schönen und lebendigen jungen Studenten und forderte ihn auf, ihn in Straßburg zu besuchen. Goethe aber, eben damals jedes gesellschaftlichen Treibens überdrüssig, hatte den Besuch versäumt und einen vorläufigen Entschuldigungsbrief geschrieben. Heute nun hatten von den paar jungen Herren, die man zu den Damen hinzugebeten, noch in letzter Stunde zwei abgesagt, so daß man für die Abendtafel der Jugend auf die gefürchtete Zahl 13 angewiesen war. Frau von Dietrich, zwar selbst frei von Aberglauben, aber für die Stimmung ihrer Gäste besorgt, überlegte, ob sie ihr ganzes Arrangement verändern und Alter und Jugend an einer einzigen Tafel vereinigen solle, als ihr der junge Goethe einfiel, von dem sowohl ihr Gatte wie Frau Brion soviel Rühmens machten. So bat sie ihren Mann, ihm ein Billett zu schreiben und ihn kommen zu lassen. Auch solle der junge Mann sehr schön vorlesen, wie sie aus Sesenheim erfahren. Eigene Dichtungen. Und so geschah es, daß Frau Brion, die mit einer alten Dame auf dem Wege nach der »Einsiedelei«, wo man die Jugend Federball und Reifen spielen sehen wollte, durch die Parkalleen promenierte, sich plötzlich einem eleganten Herren gegenübersah in silbergrauem Galarock, der sich ehrfurchtsvoll verneigte und ihr die Hand küßte. »Sie hier?« Sie hatte Goethe nicht gleich erkannt. »Warum so spät?« fuhr sie unzufrieden, fast zankend fort. »Ein unverdienter, reizender Zufall. Man hat mich nachgeladen. Als Vierzehnten.« Ein Diener, ihm entgegengeschickt, führte ihn zur Schloßherrin. Er verbeugte sich noch einmal tief vor beiden Damen und ging, federnd vor Jugend und guter Laune, den gelb bestreuten Kiesweg entlang, dem Schlößchen zu. »Mir scheint, meine Teure, Sie lieben diesen jungen Mann nicht sehr? Ihre Begrüßung wenigstens klang zum Verwechseln einer Verwünschung ähnlich.« Da, inmitten dieser Umgebung, die ihr die eigenen schönen Jugendtage zurückrief, fing die sonst so vernünftige und beherrschte Sesenheimer Familienmutter zu schluchzen an. Sie lehnte ihren Kopf an die nach Puder duftende Wange ihrer alten Gönnerin und sagte ihr all ihre Sorge um Friederike. Und nun hätte, bald nach ihrer Ankunft, da man auf den Terrassen Erfrischungen anbot, Frau von Dietrich von ihrem Sommernachbarn gesprochen, dem Oberamtmann Traumann, wohlhabend, Witwer mit einem dreijährigen Töchterchen, der sich beim ersten Anblick in Friederike verliebt hätte. Der ansehnliche Mann ließ sich sofort vorstellen und ist dann mit Friederike in den Park gegangen. »Und nun muß dieser unselige Goethe wieder dazwischen kommen! Dieser Mensch, der keinen gleichgültig läßt, der ihm einmal begegnet!« Die alte Dame wischte der Bekümmerten mit ihrem Spitzentüchlein die Tränenspuren ab, reichte ihr das Riechfläschchen und sodann das Puderbüchschen mit Spiegel, sich wiederherzustellen. Aber Frau Brion hatte nun keine Ruhe mehr. Sie wollte Friederike aufsuchen, ihr vorstellen, eine wieviel bessere und geachtetere Stellung sie haben würde an der Seite dieses Mannes, der hier im Lande festsaß, als an der des jungen Brausewindes, der selber noch nicht einmal wußte, was aus ihm wurde. Friederike war ja immer ein verständiges, sanftes Kind gewesen. Sie würde das schon einsehen! In ihrer Erregung ging sie so rasch vorwärts, daß die in ihre steifen Kleider eingesperrte, zerbrechliche, alte Dame, die an ihrem Arme hing, kaum mitfolgen konnte. – – – Frau Brion kannte ihre Tochter doch recht wenig. Die war am Arm des eifrig konversierenden Mannes unbefangen und gelassen durch den Park spaziert und hatte bei seinen etwas oberflächlich und nicht besonders witzigen Bemerkungen über begegnende Paare, über Straßburger Stadtverhältnisse, die schöne Lage seiner Sommerwohnung immer nur mit Freude gedacht: was geht das alles mich an? Und hat mich jemals solches Gespräch fesseln können? Früher? Da ich noch nichts wußte von Menschen, die flammen können? Der Oberamtmann mißverstand ihre strahlenden Augen. Er begann mit gerührter Stimme davon zu sprechen, wie einsam er sei nach dem Tode seiner blonden Frau. Und wie sehr Friederike ihr ähnlich sehe. Dem kleinen Mädchen fehle die Mutter, dem Hausstand die Hausfrau, vor allem aber ihm selbst die Gattin. Er sei ein ruhiger Mann, der seine Zerstreuungen nicht außerhalb des Hauses suche, der gern am Abend mit einer zärtlichen Seele sein Kartenspielchen mache oder Patiencen für sie lege. Friederike hatte ihr frohes Lachein beibehalten. Da er aber nun, sie im dämmerigen »Labyrinth« an der Hand haltend, mit ihr die künstlich verworrenen Wege ging und, an einer stillen Grotte angelangt, damit begann, ihr Galanterien ins Ohr zu flüstern, machte sie sich freundlich von ihm los. »Wie sonderbar es in der Welt bestellt ist,« sagte sie nachdenklich, »Sie legen hier alles Schönste und Liebste vor mich hin, das sich ein Mädchen nur ersinnen kann – denn auch Sie selber, Monsieur Traumann, ich sage es ohne Scheu –, Sie selber können nicht leicht einem Mädchen mißfallen. Mich aber schreckt das alles; es beschämt mich, daß ich Undank zeigen muß. Aber ich – – ich gehöre mir nicht mehr.« Ihre Stimme tönte silberner und klarer als je. Aber es klang eine schmerzliche Ergebung mit hinein, die traurig machte. Und die überzeugte. Der junge Witwer senkte den Kopf. »Sie wollen mir also nicht helfen, Mademoiselle Brion?« »Helfen? Ich glaube sogar, ich könnte das.« Er sah sie fragend an. Sein hübsches, blondes Gesicht sah schon halb getröstet aus. Friederike redete schwesterlich. »Sie sind Witwer, Monsieur Traumann, an Zärtlichkeit gewöhnt; Ihr Herz verlangt danach. Nun, ich weiß ein junges Mädchen, nicht glücklich in ihrer eigenen Familie, das nur darauf wartet, so recht von Herzen lieben zu können. Und dieses junge Mädchen ist hier. Ganz in unserer Nähe« Unwillkürlich blickte er um. Sie nahm ihn schwesterlich bei der Hand. »Sie haben mich in das Labyrinth hineingeführt; jetzt bin ich es, die Sie wieder hinausgeleitet. Zurück ins Tageslicht.« Draußen trafen sie auf andere Promenierende. Die Kusinen waren darunter. Ein altes Fräulein mit ihnen. Friederike winkte Margret. »Komm doch mit uns. Herr Traumann erzählt mir gerade so lieb von seinem Maidele.« Margret kam heran. Der junge Witwer betrachtete sie aufmerksam, wie sie verschüchtert und sehnsüchtig unter den dunklen Bäumen stand, die braunen Augen voll Wartens. Er sah nach Friederike hin. Die nickte leise. Da verstand er. Margret hatte sich bei Friederike eingehängt, Herr Traumann ging an ihrer anderen Seite. Und bald hatte Friederike ein Gespräch in Gang gebracht zwischen diesen beiden bescheidenen, guten, aber ziemlich oberflächlichen Menschen. Ein Gespräch, in dem Herr Traumann sich erkundigte, ob die Mamsell Schöll wohl den großen Markt besuchen werde, der im Oktober in Straßburg stattfand und bei dem es immer in der Stadt hoch herging? Und Margret fragte, ob sie der Kleinen nicht ein Kleidchen sticken dürfe? Sie tat das so gern. Und Herr Traumann sagte ihr, daß sie hübsch und daß ihr Füßchen entzückend sei. Da zweigte ein Weg zur Einsiedelei ab, und Friederike bog hinein. Sie werde dort zum Reifenspiel erwartet. Die anderen blieben zurück. – – Ein kühles, goldiges Grün webte in dem Laubgang, den Friederike durchschritt. So leicht ging sie, daß sie es selber wohlig wahrnahm. Als habe das Bekenntnis vorhin im Labyrinth ihr Fesseln gelöst. »Ich gehöre mir nicht mehr.« Nichts von Hoffnung lag darin und nichts von Furcht. Nur ein Lautwerden der Wahrheit. Darüber hinaus dachte sie nicht. Der Laubgang veränderte seine Richtung. Ein Wegzeichen zeigte an, daß es nun »zur Einsiedelei« gehe. Und bald öffnete sich der Ausblick auf die altertümlich hergerichtete Kapelle mit ihrem Glockentürmchen. Die zueinander geneigten Alleebäume umrahmten das Bild, das für die Vorwärtsschreitende immer deutlicher und bunter wurde. Jetzt sah sie hellgekleidete Menschen, die auf dem samtgeschorenen Rasenplatze mit hochgehobenen Armen ihre Bälle und Reifen warfen und auffingen. Viel Blau und Rosa, wehende Bänder, fliegende Locken. Man hörte das Taktaktak der Unterhaltung; dazwischen kleine Lachmelodien. Vor der Buchsbaumhecke, die den Platz kulissenartig abschloß, ein Halbkreis von Sesseln, aus denen heraus die älteren Personen das Spiel belorgnettierten. Man ließ Friederike keine Zeit zu längerer Betrachtung. Sie hatte reizend ausgesehen, wie sie in ihrer frohen, raschen Art aus der Wegwölbung heraustrat, unschuldig umheräugend wie ein junges Waldtier. Und die naive Sicherheit, mit der sie sich sogleich am Spiel beteiligte, schaffte ihr Geltung auch in diesem Kreise, in den sie im übrigen keineswegs hineinpaßte. Unbekümmert um die freundlich oder unfreundlich abschätzenden Blicke, die ihr folgten, griff sie zu dem Reifenstock, den man ihr bot, und war bald mit voller Seele bei dem Spiel. Ganz anders als die übrigen jungen Damen, die das Spiel nur trieben, um sich in allerhand graziösen Stellungen zeigen zu dürfen. Nur flüchtig prägte sich ihr beim Laufen, Fangen, Werfen die oder jene Erscheinung ein. Sie sah die Mutter kommen, sich in einem der Sessel niederlassen und umherschauen, sah, nicht weit von ihr, die Baronin von Oberkirch sitzen, die, lebhaft den Fächer bewegend, mit dem Freiherrn von Dietrich plauderte, der hinter ihrem Stuhl stand. Beide schienen zu einem Herrn hinzusprechen, der durch die Platane halb verdeckt war. Man sah nur Hut und Hand von ihm. Dieser Hut, diese Hand schienen ihr bekannt. Aber sie dachte nicht weiter darüber nach. Plötzlich fühlte sie sich derb am Kleid gezerrt. Salome. Das Gesicht voll Verdruß. »Kein Mensch kümmert sich hier um einen. Du auch nicht, Friederike.« »Ich sah dich nicht, ich dachte, du wärst mit Jeanne?« »War ich auch. Ein Vergnügen, das ich auch zu Hause haben kann, wenn's mir danach wäre!« »Warum hast du nicht mit uns hier Reifen gespielt?« Sie drehte sich vor ihr rundum. »In diesem langen Kleide laufen?« Sie sah grotesk aus mit ihren ungestümen Bewegungen in dem breiten Stadtkleide, das sie sich von Margret geborgt hatte und dessen Rüschengarnitur von allen Büschen gerupft und zerschlissen war. Dazu die enggeschnürte Taille, die ihre junge, frische Üppigkeit zu Plumpheit werden ließ. Das aus der Stirn gekämmte, hochgetürmte Haar entstellte sie vollends. Friederike legte mitleidig den Arm um sie und führte sie zu einer Bank, die am Ausgang des Laubganges stand. Aber Salome sprang wieder auf. Die Füße taten ihr weh. Sie wollte in die Garderobe gehen, die Schuhe ausziehen und die Füße eine Weile dort erholen. So ging denn Friederike zu ihrem Spiel zurück. Höher, immer höher flogen ihre Reifen. Ein kindlicher Ehrgeiz hatte sie erfaßt, es den anderen Spielern zuvorzutun. Und jetzt – sie hatte eine übermütige Kraft verbraucht, ihn vom Stock zu schnellen – jetzt war ihr Reif gar in der Luft verschwunden. Gleich darauf aber sah man ihn im Ahornbaume drüben. Sein rotes Band, das sich gelöst hatte, flatterte frei in der Luft. Eine Männerhand griff nach dem Flüchtling. Diese Hand steckte in breiter Spitzenmanschette über silbergrauem Ärmel. Die Hand hatte zu kurz gegriffen. Jetzt ein Sprung – drüben richteten sich alle Gesichter empor – der Zweig schwankte, der Reifen war an seinem Band herabgezerrt worden. Friederike stockte der Atem, war es möglich? Und da kam er schon quer über den Rasen gelaufen, aller Augen auf sich gerichtet. Er verbeugte sich scherzhaft zeremoniell vor Friederike. »Hier meldet sich der Flüchtling zurück. Sie sehen, er hat es nicht lange ausgehalten, fern von Ihnen. Er bittet um neue Gefangenschaft.« In seinen Augen blitzte es keck: von mir spreche ich. Friederike, nicht so gewandt wie er, brachte nur ein »Das ist unverhofft!« hervor. Sie drückte den Reifen an sich wie ein lebendes Wesen und begann mit Zärtlichkeit ihn neu zu umwickeln. Goethe sah auf ihr gesenktes, goldenes Köpfchen herab. Lieblicher schien sie ihm als je. Ein recht ländliches »Oha« weckte ihn aus seinem stillen Glück. Salome stürzte herbei, faßte Goethes Hand und schüttelte sie. »Oha, wie kommen Sie denn hier hereingeschneit? Das ist mal recht! Gut, daß man nun doch einen vernünftigen Menschen hat, mit dem man über was Bekanntes schwätzen kann!« Goethe, erst etwas betroffen von dem Überfall, dem lauten Sprechen, das weder in diese Gesellschaft noch in seine Stimmung paßte, erwiderte jetzt lachend: »Aber ich bin in diesem Augenblicke gar kein vernünftiger Mensch, Mamsell Salome.« »Gott sei Dank!« Sie brach in lautes Lachen aus. »Um so besser. Da wollen wir einen gehörigen Unsinn miteinander treiben. A la Sesenheim.« Zur rechten Zeit kam jetzt Frau Brion hinzu, das auffällige Gebaren ihrer Tochter zu unterbrechen. »Es geht nun bald zu Tisch,« sagte sie beherrscht, »dir als Braut hat man einen würdigen Tischnachbarn gegeben. Den Herrn von Wurmbheim aus Fort Louis, den du ja schon kennst. Er wartet drüben auf dich.« Sie führte sie weg. Goethe lächelte. »Welche kluge, würdige Frau, Ihre Mutter. Wie verschieden können doch Schwestern sein«, fügte er hinzu. Es lag Liebkosung in seinen Worten. »Das Sälmel ist halt ein Vogel, den man nicht hinter Gitter setzen darf«, sagte Friederike zuredend. »Und Sie, Friederike, blieben auch hinterm Gitter frei wie der Vogel auf dem Zweige. Draußen und drinnen unverändert.« Sie sah ihn von der Seite an. »Das macht, mein Freund, Sie sind ja neben mir. Ich verlange weder hinaus noch herein, wenn Sie bei mir sind.« »Kind, Kind!« Es klang fast warnend. Friederike machte einen Schritt nach der Gesellschaft hin. »Wir müssen nun wohl zu den andern gehn, man sieht auf uns.« Sie begegneten Frau von Dietrich, die mit der Oberkirch ging. »Wissen Sie, daß Sie nichts Raffinierteres für sich hätten ersinnen können,« sagte die Oberkirch liebenswürdig zu Friederike, »als dieses ländliche Kostüm?« »Es ist unsere alte Tracht«, sagte Friederike einfach. »Auf dem Lande bei uns hat sie sich noch erhalten.« »Ich weiß! Und es ist so klug, keine Zentifolie sein zu wollen, wenn man ein reizendes Heideröschen sein darf. Ist es nicht so?« Sie wandte sich an Frau von Dietrich. »Ganz so. Und, wie ich eben erfahre, fehlen dem lieben Wildröschen auch seine schützenden Dornen nicht. Sie brauchen nicht so betroffen auszusehen, meine liebe junge Freundin, wir werden uns verstehn, wenn ich Ihnen erzähle, daß mich Monsieur Traumann soeben beauftragt hat, bei Madame Scholl für ihn den Freiwerber zu machen. Bitte, kündigen Sie mich ihr für Sonntag vormittag an.« »Das freut mich.« Es klang so von Herzen erleichtert, daß alle zu begreifen und zu lachen begannen. Goethe, plötzlich ernst geworden, hatte ein undurchdringliches Gesicht. Die Oberkirch neigte sich zu ihm. Sie spürte einen Zusammenhang zwischen dem jungen Juristen und dem lieblichen Pfarrerskinde. Nach Frauenart wollte sie ein wenig spionieren. »Das Fräulein ist eigentlich noch viel zu jung zur Ehestifterin«, sagte sie leichthin. »Man sollte meinen, sie habe ihr eigenes Schicksal bereits sicher unter Dach?« Und da sie den Verstummten auf jede weise zum Sprechen reizen wollte, fuhr sie fort: »Es täte mir leid!« Sie freute sich, wie gut sie gerechnet hatte. Dann, ein wenig boshaft: »Die Heideröslein entblättern schnell, wenn man sie pflückt. Und der Wanderer, der sich unterwegs das Röslein an die Brust steckt, wirft es weg, wenn er am Ziele ist.« »Nein, nein!« Sie erschrak. Seine Augen, die sich auf sie richteten, standen voll Qual. Die kultivierte Dame begriff, daß sie ungeschickt eine Wunde betastet hatte. In einer mütterlichen Wallung nahm sie Goethes Hand und streichelte sie. Er achtete nicht darauf. Nun sollte man zu Tisch gehn. Frau von Dietrich flüsterte Goethe zu, sie habe ihm die hochgebildete Kusine der Frau von Oberkirch zugedacht. Sie sei aus Paris. Vor der Baronin selber verbeugte sich der Hausherr. »Was beobachten Sie?« fragte er, da sie sich auf der Freitreppe an seinem Arm noch einmal umwandte, die langgestielte Lorgnette vor die Augen nahm und in den Garten zurückschaute, in dem die Paare sich jetzt ordneten. »Ich wollte sehn, mit wem die kleine Brion sich tröstet.« »Tröstet? Warum?« »Es scheint sich da etwas angesponnen zu haben mit dem jungen Goethe.« Und sie seufzte wieder ihr »Schade«. Diesmal aber galt es nicht dem Röslein, sondern dem Wanderer. »Womöglich wird er an ihr hängen bleiben«, meinte sie sorgenvoll. »Und dann adieu Genie und Laufbahn. Und für unsere Salons ist er dann auch verloren, ein so interessanter Gesellschafter.« Herr von Dietrich folgte mit den Augen Friederike, die, mit einem jungen Forstbeamten gepaart, ihm anmutig ihren Pompadour zu halten gab, wahrend sie gefällig einem jungen Mädchen die Halskrause glättete, die sich verdrückt hatte. »Erstaunlich, wie sie sich in dem fremden Kreise zurechtfindet, ja, ihn durch ihre Liebenswürdigkeit beinah beherrscht. Das Mädchen ist reizend.« »Mir scheint, Sie würden sich gleichfalls ganz gern an dieses Idyll verlieren?« »Ich? Das Schäferkostüm würde mir wahrscheinlich ebensogut stehn wie das Magistratskleid. Aber das Mädchen sieht nicht aus, als ob sie Gefallen finden würde an solchem Spiel.« »So wiederhole ich mein ›Desto schlimmer‹. Eine Pfarrerstochter, die geheiratet werden will! Ein Mädchen ohne alle Konnexion! Was braucht sich dieser vielversprechende junge Mann überhaupt schon jetzt zu binden?« Der Baron schwieg einen Augenblick. Dann sagte er in einem Tone, der sonderbar ernst war: »Den bindet nichts und niemand, teure Freundin. Glauben Sie mir. Wen die Gottheit zur Größe bestimmt hat, dem hat sie auch die Kraft und Grausamkeit verliehn, zurückzustoßen, was ihn am Wachstum hindern, ihn an die Erde ketten will.« Er hatte ernster gesprochen als gewöhnlich. »Und Sie glauben bestimmt, daß dieser junge Mensch – – Sie prophezeien ihm eine Zukunft? Eine große Karriere?« Dietrich lächelte. Diese Frau, die Bücher schrieb, hatte nichts vom Genie begriffen. Artig lenkte er zurück: »Aber wozu von Zukunft orakeln. Lassen Sie mich lieber die Gegenwart genießen, die in ihrer liebenswürdigen Form mir zur Seite geht.« Sie bedankte mit freundlichem Kopfneigen sein Kompliment. Dann traten sie in den kerzenhellen duftenden Gartensaal, in dem das Souper beginnen sollte. Alan hätte für Goethe in seiner jetzigen Verfassung keine geeignetere Tischdame wählen können als das Fräulein von Ranfft. Begierig, ihre literarischen Kenntnisse zu zeigen, sprach sie ganze Abhandlungen über Diderot. Und das in einem so geschwinden und gezierten Französisch, daß Goethe kaum folgen konnte. Einmal wollte sie etwas über Klopstock wissen, wartete aber die Antwort nicht ab, sondern schwatzte selber unaufhörlich fort. Goethe war ihr dankbar dafür. Er saß da und nagte die Unterlippe. Sein Puls jagte. Mit aller Kraft wehrte er sich gegen das Wort, das ihm die Oberkirch zugeworfen: »Am Ziel wirft man das Röslein weg.« »Nein, nein!« Er wehrte sich dagegen, wie man sich gegen eine Krankheit wehrt, die man schon in den Gliedern fühlt.   »Was haben Sie uns mitgebracht?« fragte ihn Frau von Dietrich nach aufgehobener Tafel. »Wenn Sie uns etwas Ernstes vorlesen wollen, so setzen wir es am besten vor Beginn der Musikvorträge. Lesen Sie dagegen etwas Heiteres, so – –. Aber Sie sehen ja aus wie das verkörperte schlechte Gewissen? Sie wollen uns doch nicht etwa im Stich lassen?« Goethe stand in peinlichster Verlegenheit. Unmöglich konnte er sagen, daß die Freude, Friederike hier zu überraschen, ihn die Aufforderung – die ja eigentlich ein Befehl war, hatte vergessen lassen. Er murmelte etwas wie »In der Eile nichts vorbereiten können«, »hätte nicht wagen dürfen – –« Die Dietrich konnte ihre Betroffenheit nur schwer verbergen. Betrübt blickte sie auf die Paare, die jetzt an ihnen vorbei in den Musiksaal drängten. »Was machen wir nur? Man hat Sie der Gesellschaft versprochen. Alle diese schönen Damen warten schon auf Sie. Man darf sie nicht enttäuschen, was tun?« Goethe stand ratlos, innerlich zornig über die beschämende Situation, in die er sich gebracht hatte. Aber Frau von Dietrich lächelte schon wieder. Sie ging auf Friederike zu, die mit ihrem Tischherrn plaudernd herankam. »Wissen Sie, Mademoiselle, daß eigentlich Sie an dem ganzen Unglück schuld sind?« »Ich?« Sie wurde flammend rot. »Ganz Sesenheim. Hätte Ihre liebe Mama nicht so verlockend von Ihren Vorleseabenden erzählt, ich hätte nie den Gedanken gehabt –« Friederike kämpfte mit einer leichten Verlegenheit. Der hilflose Liebste aber tat ihr so leid, daß sie auf Beistand sann. »Nun, wenn Sesenheim schuld ist, muß Sesenheim auch wieder gutmachen«, sagte sie endlich zierlich. Sie wandte sich an Goethe: »Erzählen Sie doch das Märchen, mit dem Sie bei uns alle unsere Gäste entzückten. Ich bin sicher, es würde auch hier gefallen.« »Also erzählen, erzählen!« riefen die Umstehenden.   Der Musiksaal war gefüllt. Das kleine Konzert hatte bereits mit einer sommerlichen Barkarole begonnen, die wiegend und wohllautend die Zuhörer umschmeichelte. Friederike war, gleich nach ihrer kleinen Rede, entflohn und hatte sich, ganz durchklopft von einem ungebärdigen Herzschlag, ihr Sesselchen hinter die Vorhänge der tiefen Fensternische gerückt. Sie freute sich auf die Wiederholung des lieben Märchens. Und doch war eine sonderbare Angst in ihr. Fürchtete sie die Liebeshymne hier vor den fremden Ohren? Meinte sie, ihr Liebster würde vielleicht nicht gefallen als Erzähler? Jetzt hatte die Musik geendet, der Beifall war vorbei. Herr von Dietrich betrat die kleine Estrade und kündete die zweite Nummer des kleinen Programms an: ein Märchen, »Der Zwergenring«, vom Verfasser selbst erzählt. Er knüpfte ein paar liebenswürdige Bemerkungen an. Nun kam Goethe. Immer wieder von neuem liebte Friederike das Durchflammte seines Gehens, Stehenbleibens, wie er den Kopf hob, die mächtigen Augen über die Menschen hinziehen ließ. Allmählich wurde sie ruhiger und konnte folgen. Da war der abenteuerlustige Ritter wieder, der Hofstaat des Zwergenkönigs, die Taufe ohne Täufling, die Beschlüsse der Hofweisen, die Ausrüstung der Prinzessin zur Brautfahrt ins Märchenland, die Verlobung, das regelmäßige Verschwinden des Prinzeßchens in ihrer Kassette. Alles war da, fast in den gleichen Worten. Aber es schien Friederike, als fehle dieser Märchenwelt heute das Treuherzige und Selbstverständliche, von dem man damals so wohlig überströmt war. Es war jetzt etwas Wehmütiges hineingeraten, etwas Unruhiges, das traurig machte. Die Prinzessin führt den Geliebten an den väterlichen Palast. Sie gesteht ihm ihre Herkunft, ihr Schicksal, und eröffnet ihm die Bedingungen, die für ihn an den Vollzug der Heirat geknüpft sind. Der Ritter zaudert. Soll er sich wirklich festbannen lassen in ein Zwergenleben, zwischen Gräsern, Moosen, Blümchen und Kiesbrocken, die ihm wie Felsen scheinen würden? Er fühlt seine angeborene Bestimmung zu Taten, zu Wirksamkeit ins Weite. Aber während er noch sinnt, verschwindet seine Schöne traurig in ihrer Kassette, die er nun weinend, zärtlich auf den Knien hielt. Jeden Tag wächst seine Sehnsucht nach ihr, seine Leidenschaft. Er empfindet immer heftiger den Liebreiz, die Güte, den inneren Wert des kleinen Wesens. Und als sie endlich wieder erscheint, sinken sie sich glückselig in die Arme. Die Hochzeit wird gefeiert, die heilige Zeremonie des Ringansteckens unter Beihilfe von sieben körperkräftigen Priestern vollendet. Sogleich schrumpft das Paar zusammen, bekommt Spannenhöhe. Es folgt nun die Schilderung aller Freuden im Zwergenreiche, wie Friederike sie schon kennt. Dann aber hört sie neue Worte. Worte, die ihr das Herz zerreißen. Der Ritter kann seinen vorigen Zustand nicht vergessen. Fr trägt ein Ideal von sich selber im Herzen: das Ideal seiner früheren Größe. Inmitten aller Seligkeiten, Freuden und Zerstreuungen quält ihn das. Er versucht manchmal, den Zwergenring zu lockern, abzustreifen, aber der zieht sich nach jedem solchen Versuche um so fester zusammen, so daß er ihm zuletzt schmerzhaft ins Fleisch schneidet. Friederike hatte sich angstvoll vorgebeugt, was redete er da? Klingt das nicht, als schildere er im Märchenritter eigne Schmerzen? Der Atem stockt ihr. Je weiter er erzählt, um so gewisser wird es ihr: »Er meint ja sich. Meint sich und uns!« Ihr Blut gefriert. Es ist wie Sterben. Und Goethe erzählt weiter an seinem Märchen: Der Ritter verbirgt die verräterische Wunde so gut es gehen will. Er versucht es, sich in den Seligkeiten seiner Liebe zu vergessen. Er kann es nicht. Mitten im behaglichen Kreise der liebenswürdigen kleinen Eltern, Schwestern, Bäschen, angesichts seiner angebeteten Frau bricht er in Klagen und Verwünschungen aus: wie ein blinder Gaul am Mahlstein komme er sich vor, immer in derselben engen Runde umhergetrieben. »Man hat nur einmal im Leben seine Jugendkräfte. wer sie nicht nutzt für sich und andere, wer sich selber nicht bis zu seinem Höchsten treibt, der begeht ein Verbrechen.« Unter Mühen und Qualen feilt er sich den Zwergenring vom Finger. Der Vater bittet ihn, um's Himmels willen doch wenigstens aus dem Palast herauszutreten, er würde ihn sonst sprengen. Er will die Gemahlin mit sich nehmen. Aber sie schüttelt das Köpfchen. Ihre Zeit der Verwandlungsmöglichkeit ist abgelaufen, die Luft da oben ist ihr zu hoch, das Menschenvolk zu plump und ungeschlacht. Sie paßt nicht dafür. Da tritt er weinend aus dem Palast heraus, der geborstene Ring fällt ihm herab, er schießt mit Gewalt in die Höhe. So tief er sich auch bückt, das Zwergenschloß ist für ihn im hohen Gras nicht mehr zu finden. Schweren Herzens wandert er in die weite Welt hinaus. Er besiegt Landesfeinde, erschlägt gefährliche Untiere, erringt sich Königreiche. Die Narbe aber an seinem Finger verheilt nicht. Sie ist sein Talisman. Immer, wenn er im Begriff ist, vom selbstgewählten Wege abzuirren, sein Leben in Vergnügen oder Bequemlichkeit zu verbringen, erinnert ihn ein Schmerz an jenen Zwergenring, den er vom Finger feilte, um nicht als ein Kleiner leben zu müssen. – Das Märchen war zu Ende. Bleich und entspannt saß Goethe noch einige Minuten auf seinem Stuhl und blickte fremd in den Saal hinunter, aus dem ihm diskreter Beifall entgegenkam. Dann stand er auf. Seine Augen suchten. Friederike zitterte hinter ihrem Vorhange. Unaufhörlich rannen ihr Tränen übers Gesicht. Im Publikum machte sich eine sonderbare Heiterkeit bemerkbar. Man tuschelte und schwatzte. Herr von Dietrich kam und drückte Goethe dankend die Hand. »Wundern Sie sich nicht über unsere Ausgelassenheit. Sie hat eine besondere Ursache. Was nämlich mich, sowie einige andere Personen noch besonders erfreute, ist die feine Art, mit der Sie Märchen und Wirklichkeit zu einer so interessanten Dichtung verschmelzen.« Jetzt drängten auch andere hinzu mit Fragen. Es stellte sich heraus, daß einige Anwesende das so deutlich geschilderte ungleiche Ehepaar kannten. Und daß auch die von Goethe erfundenen Zustände und Erlebnisse in einem gewissen Maße der Wirklichkeit entsprächen. Es handelte sich um eine winzig kleine rheinische Sängerin, die auf Brautfahrt ging, sich einen möglichst stattlichen Gemahl zu suchen. Bis sie zuletzt in einem elsässischen Landedelmann, einem weitläufigen verwandten der Dietrichs, den Wünschenswertesten gefunden und ihn, trotz ihrer Kleinheit, zum Sklaven gemacht hatte, der ihr die Kassette mit ihren Brillanten überall nachtragen mußte. Man schilderte den Haushalt mit viel zu kleinen Möbeln, die geringen Eßportionen, an denen der Mann verhungerte. Es komme gar nicht selten vor, berichtete man, daß das kleine Wesen, hurtig wie ein Kobold, auf einen Sessel springt und ihren Riesen ohrfeigt. Goethe stand jetzt ruhig da inmitten der Amüsierten, wohlerzogen jede Frage beantwortend. Immer wieder aber sah er sich forschend um. Jetzt streifte sein Blick Friederikes Fensternische. Er sah sie. Friederike starrte ungläubig in sein Gesicht, das sich durchaus veränderte, hell wurde in jenem raschen Aufstrahlen, das sie aus glücklichen Stunden so gut an ihm kannte. Jetzt machte er eine Bewegung mit der Hand. Halb Gruß, halb Lockung. Eine Liebkosung. Friederikes Augen weiteten sich, was war das? Hatte sie sich denn getäuscht? Sie sah sich um. Niemand im Saal schien anderes gehört zu haben als ein recht vergnügliches Märchen. Man tuschelte und lachte immer noch. Und war zufrieden mit sich, Märchen, Welt und allem übrigen. Friederike lehnte sich in ihr Versteck zurück. Wußten sie denn nicht, daß eine unter ihnen saß, der man soeben das Todesurteil gesprochen? Sie schloß die Augen. Alles war so weh und verworren. Eine Sonate begann. Sie war den Tönen dankbar, die ihr Zeit ließen, sich im Dunkel ihres Elends einen Weg zu suchen. Suchen? Ach, sie kannte nur den einen. Und der hieß: Liebe, Liebe, Liebe. – Das Konzert war zu Ende. Friederike erhob sich. Sie hatte die Kraft zu stehn, zu sprechen und zu gehn, wie die andern taten. Dann kam der Augenblick, vor dem sie sich gefürchtet hatte: Das Ende des kleinen Konzertes. Die Begegnung. »Endlich gefunden!« Als er so vor ihr stand, sie vertraut anlächelte unter all den fremden Menschen, ihre kalte Hand von seiner warmen guten gefaßt, vergaß sie für einen Augenblick alle Bitterkeit, alle Qualen. Er sah sie forschend an: »Sie sind unzufrieden mit mir, Mamsell Brion? Ich weiß, ich habe schlecht erzählt. Manches kam ganz anders als ich wollte.« »Der Schluß ist traurig«, sagte sie mit bebenden Lippen. Er zog sie von den Leuten fort, hinaus ins Freie. Unter einer Hängeweide blieb er stehn. »Was ist mit Ihnen, Friederike? Hab' ich Sie betrübt?« Jedes ahnungslose Wort ein Blitzstrahl, der sie brennt. Und auf einmal versteht sie. In ihrer großen, unerschütterlichen Liebe zu diesem Dichtermenschen versteht das einfache Mädchen, was ihrem Liebsten geschehen ist! Ja, diese gelassen schönbewegten Lippen, die jetzt zärtliche Worte zu ihr reden, sie sind der Maskenmund gewesen, aus dem sein Dämon grausame Worte schrie. Worte, von denen er selber nichts weiß. Noch nicht! Eines Tages aber werden die Schmerzen aufwachen, die in ihm schlummern. Sie werden eigene, bewußte Worte finden, Anklagen, Verwünschungen, wie sie der Ritter im Märchen fand. Entsetzliche Worte! Jedes von ihnen hat sich ihr eingegraben. Blutig. Eine böse Lust fallt sie an, den Nachtwandler zu wecken. Aber unversehens hat ihr Herz sich schon mit Mitleid angefüllt. War er nicht unglücklicher als sie? Sie brauchte nichts zu tun, als ihn zu lieben. Er liebte sie und mußte sie verlassen. Wie schützend breitete sie die Arme aus. Und dann, mit einem kleinen, hellen Schrei, wie die Vögel schreien, die zu ihren Nestern fliehn, stürzt sie ihm um den Hals und küßt ihn wie noch nie. Noch ist er da. Noch weiß er nicht, daß er leidet. Daß er sie bald verläßt. Sie aber weiß es. Weiß, daß ihr Tag nur kurz ist. Und daß sie ihm abgewinnen muß, was irgend er ihr noch zu geben vermag. Aus dem Gartensaal tönt jetzt Tanzmusik. Friederike horcht empor. »Tanzen, laß uns tanzen.« Sie laufen zum Saal zurück, mischen sich in die Reihen. Zwei Fröhliche unter den Fröhlichen. Spat abends fuhr man heim. Viele Sterne leuchteten. Salome war in bester Laune, hatte zuletzt noch allerlei Anschluß gefunden, hatte geplaudert, getanzt und war mit sich zufrieden. Das Bräutchen Margret schmiegte sich beglückt und still an Friederike. Jeanne kritisierte säuerlich die Gäste. Frau Brion sah mit wachen Augen auf den Schein der Wagenlichter, der über den Chausseesand fegte. Ihr war weh um Friederike. Kapitel IX Gottlieb »Ich habe unrecht gegen ihn, und mich nagt's am Herzen, daß er es so lebendig fühlt. Kann ich doch nicht anders.« (Goethe, Klärchen im Egmont.) Der Sonntag, an dem die Schölls den Besuch der Frau von Dietrich erwarteten, war gekommen. Heimlich wurden allerhand Vorbereitungen dafür gemacht, Kuchen gebacken, der Salon sorgfältig gesäubert, Blumen in die Vasen gesteckt, Kleider frisch garniert, aber gesprochen wurde kein Wort darüber. Das hätte man unschicklich gefunden. So als könne man die Werbung nicht rasch genug erwarten. Margret ging mit roten Wangen umher, Jeanne verdrießlich, Vater und Mutter sehr zufrieden. Frau Brion hielt es für richtig, die Familie an diesem Tage allein zu lassen. Sie hatte ohnehin jetzt abreisen wollen. War aber durch den Tod einer Verwandten zurückgehalten worden, bei deren Begräbnis sie nicht fehlen durfte. Salome war bereits mit Christian und Sophie, deren Ferien zu Ende gingen, nach Sesenheim zurückgefahren, die Mutter und Friederike wollten morgen folgen. Für diesen letzten Tag hatte – nicht unbeeinflußt durch Frau Brion – Gottlieb sie auf sein Pachtgut geladen. Er selbst holte die Damen ab in einem Einspänner, den er selbst kutschierte. Es war schon den ganzen Morgen schwül gewesen. Jetzt regnete es. Man mußte Schutzdach und Schutzdecke benutzen und saß gefangen, nur Gottliebs Rücken vor sich, stumm nebeneinander. Friederike hatte glänzende Augen. Sie hustete ein paarmal. Seit dem Dietrichschen Abend war sie in einem beständigen leichten Fieber, das ihr den Schein blühendster Fröhlichkeit gab. Mit Goethe war sie fast jeden Tag zusammen gewesen: im Theater, im Schöllschen Salon, auf Spaziergängen. Freilich niemals zu zweien. Aber das störte sie jetzt nicht. Es war im Gegenteil, als sei es ihnen willkommen, an allzu intimen Aussprachen gehindert zu sein. Goethe war lebhaft wie immer. Diese Lebhaftigkeit wäre aufmerksamen Beobachtern vielleicht etwas erkünstelt vorgekommen. Aber die Familie freute sich unbefangen an ihr. Der junge Mann gefiel ihnen täglich besser. Man fand Friederike unbegreiflich töricht, die nicht alles daransetzte, den Unruhigen fester zu binden. »Sie dürfe ihn auf keinen Fall ohne Eheversprechen abreisen lassen«, sagte ihr die Tante. Vater Scholl, der sonst nicht recht mit der Jugend auskam, unterhielt sich gern mit Goethe. Er interessierte sich für seine Promotion, tadelte ihn, daß er sie lässig betreibe, ließ sich von ihm die Thesen bringen, über die er zu disputieren dachte. Und begann dann ihm die Zeremonien zu beschreiben, die ihn erwarteten: Die Versammlung aller Standespersonen der Stadt im Zunfthaufe »Zum Spiegel«; dann feierlicher Aufzug mit Musik nach dem Chor der Neukirche; die Pedelle in kostbaren Talaren mit ihren Szeptern; Knaben mit Lichtern; Knaben, die den Doktorhut trugen; die Kandidaten in der Mitte, je drei und drei; endlich die Dekane, Rektoren und Professoren in den Farben ihrer Fakultäten. Dann im Auditorium die Reden, die lateinischen Dispute, an denen sich auch Studierte aus der Korona beteiligen durften. Und dann der Eid. Zum Schluß Chorgesang und Glockenläuten. Der alte Herr wurde warm dabei. Friederike hörte bedrückt zu. Ihre Phantasie, noch immer argwöhnisch in den Wegen des »Zwergenringes« umherspürend, sah in dem Vorgang etwas unendlich Trennendes. Etwas, das den Zeremonien beim Ablegen der Klostergelübde glich. Eine Entführung des vertrauten Freundes aus ihrer kleinen Welt in eine fremde, große, in die sie keinen Einlaß fand. Seltsam verlassen fühlte sie sich, wie sie da über die Landstraße fuhr und ihr der Nebelregen feine grauen Fäden über das Gesicht spann. – – – Auf dem Gütchen dann war es behaglich. Zwei große Hunde kamen ihnen freundschaftlich entgegen, es roch nach Obst und Feld, der Misthaufen im Hof blühte. Die Hühner suchten sich ihr Futter darin, Ein weißes Kätzchen sprang im Hausflur direkt in Friederikes Arme. Weich und warm und seidig. Sie lachte, um nicht zu verraten, wie ihr rätselhafte Tränen dabei in die Augen stiegen. Gottlieb hatte die Zimmer mit Blumen geputzt. Überall große, farbige Sträuße. Die Mamsell brachte noch zwei Extrasträußchen für die Damen zum Anstecken, zierliche Blüten aus dem Gewächshaus, blau mit fremdem Duft. Frau Brion sah auf Friederike, die sich vertraulich im Eßzimmer in den Polsterstuhl am Fenstertritt setzte, das Kätzchen mit der Zeitung rascheln ließ, die dort auf dem Fenstersims lag. Und sich zu Hause fühlte. Sie tauschte einen Blick mit Gottlieb: »Sagt' ich's nicht?« Inzwischen war ein herrliches Frühstück aufgetragen. Gottlieb war ein liebenswürdiger Wirt. Das Herrsein hier im Hause stand ihm gut. Gesprochen wurde nicht sehr viel. Gottlieb war darin schon ein wenig Landmann geworden. Friederiken war es recht so. Alles gefiel ihr hier. Es roch so angenehm nach trockenen Früchten, Vorräten und Leinenschrank. Das Leben schien so einfach, wahrend man mit Gottlieb in seinem Hause war. »Ich bin nicht krank gewesen,« sagte sie mit einmal sinnend, »und fühle mich wie eine Genesende. So schwach und dankbar.« Nach dem Essen besichtigte man die Ställe, Vieh und Geflügelhof. Zuletzt das Haus. Die Pächterwohnung bestand aus dem Erdgeschoß des ehemaligen »Schlosses«. Die erste Etage, sorgfältig im alten Stand gehalten, blieb für den etwaigen Besuch des Gutsherrn bewahrt, der seit dem Tode seiner Frau das ganze Jahr auf Reisen war. Auch hier unten in der Pächterwohnung gab es ein paar große, gemütliche Stuben, die leer standen, »Es ist ja freilich eine Familienwohnung«, sagte Gottlieb. Und errötete über sein ganzes braunes Gesicht. Sie gingen in den ersten Stock hinauf, die schönen Rokokomöbel der Salons und Boudoirs, das schöne Schlafzimmer und die sogenannte »Galerie« zu sehn, ein langer, schmaler Raum mit vielen Fenstern, in dem verbräunte Landschaften, Tierstücke, Schlachtenbilder und Porträts hingen. Vor dem Bilde einer blonden jungen Frau in weißem Idealgewande machte er halt. »Hier stehe ich oft.« Und nach einer Weile zur Mutter: »Finden Sie nicht auch: sie gleicht unserm Riekchen?« – – – »Du stößt ihn immer weg, den treuen Menschen«, sagte die Mutter, als sie wieder im Wägelchen saßen. Diesmal fuhr ein Knecht. »Er tut mir leid! Und du auch«, fügte sie nach einer Weile leiser hinzu. Friederike drückte ihr im Dunkeln die Hand. »Ich habe keine Wahl mehr«, erwiderte sie. Sie schwiegen. Friederike sagte dann nach einer Weile warm und raunend: »Ihr sorgt euch alle so um mich, ihr guten alle. Vertraut mir noch. Ich bin von jeher meinen stillen Weg gegangen. Munter genug freilich. Aber so wird's auch bleiben. Zum Trübsal blasen eigne ich mich nicht. Warum schon vorher tausend Tode sterben, weil man weiß, daß man doch einmal sterben muß? Laßt mich nur, wie ich bin. So bin ich recht.« Die Mutter nickte einst. »Das gebe Gott!« Kapitel X Der Wanderer »Der Kuß, der letzte, grausam süß, zerschneidend Ein herrliches Geflecht verschlungner Minnen. Nun eilt, nun stockt der Fuß, die Schwelle meidend. Als trieb ein Cherub flammend ihn von hinnen.« (Goethe, Elegie.) Es war Herbst geworden in Sesenheim, bunter, leuchtender Herbst unter tiefblauem Himmel. Die Heimkehrenden hatten das Haus voll Besuch gefunden, Schwester und Schwager Marx und zwei Brionsche Neffen, wilde Knaben, die überall Unfug anrichteten. Die Frauen hatten alle Hände voll zu tun. Dazu kam die bevorstehende Einsegnung von Sophie und Christian, für die eine kleine Aussteuer beschafft werden mußte. So lebte man in Arbeit und Unruhe. Überall da, wo der junge Goethe Festtag geschaffen hatte, war nun Alltag. Der setzte sich breit in die Jasminlaube zu Gemüseputzen und Küchengesprächen, sammelte und trocknete eifrig allerhand Blättertees im Garten; bestieg wohl auch mit Strickstrumpf in weiten Tantenkleidern und Fliegenklatsche das Hügelchen mit der Buchenbank, und betrachtete den eingeschnittenen Namen des jungen Goethe, der sich ein wenig in Friederikens hineingezogen. Friederike sah es lächelnd. Überhaupt ließ sie das Leid keine Macht über sich gewinnen. Ihre innerste Natur war Fröhlichkeit und Klarheit. Aber selbst anders geartet, hätte sie sich jetzt zur Helligkeit gezwungen. War es doch von Anfang an ihre Vernünftigkeit gewesen, die er in ihr liebte. Er floh vor allem Lebenlähmenden. Ein grämliches Mädchen wäre ihm zur Last geworden. Ihr Instinkt wußte das. Trotz alles Arbeitens auf beiden Seiten gingen doch viele Briefe zwischen ihnen hin und her. Goethe sandte nicht mehr, wie früher, seine kurzen Zettelchen mit ein paar stürmenden Worten; seine Briefe waren jetzt ausführlicher. Sie begnügten sich nicht mit der Schilderung eigener Empfindung. Es war, als versuche er, sie immer besser teilnehmen zu lassen an seiner Geisteswelt. Er sprach mit ihr von Götz, von Faust, sandte ihr das Fragment eines Entwurfs, ein paar Zeilen aus einer Szene, die ihm vorschwebte. Friederike lag dies alles fern. Und sie bekannte das ehrlich. Die Aufrichtigkeit und Naivität ihrer Antworten entzückte ihn. Manchmal schien es beiden, als seien sie jetzt wesentlicher verbunden, als in der Zeit ihres körperlichen Beisammenseins. Goethe nannte sich jetzt in seinen Briefen »der Wanderer«, so wie ihn seine Straßburger Freunde getauft hatten. Etwas entschlossen Schreitendes lag auch in den Gedichten, die er in jener Zeit schrieb und sandte. Auch sie die Lieder eines Wandernden. Friederike nahm jedes einzelne erwartungsvoll auf. Und ließ es sinken. Nein, sie war nicht mehr in allen seinen Liedern. Nicht mehr die brausende Seligkeit der ersten Zeit. Ein andres Höheres sprach jetzt aus seinen Versen. Mit ihrer hellen Mädchenstimme sagte sie sich seine starken Worte vor und fühlte sich fremd in ihnen: »Den du nicht vorlässest, Genius, Wirst ihn heben über Schlammpfad Mit den Feuerflügeln; Wandeln wird er Wie mit Blumenfüßen Über Deukalions Flutschlamm, Leicht, groß, Pythios ApoIlo.« Aber dann kam ein Zettel, in dem er den Abschluß seiner Promotion meldete, Es sei alles nach der Schnur gegangen und habe ihm viel Spaß gemacht. Nun aber komme das Bittere: der Abschied. Das war das unglückselige Wort. Zum erstenmal. In seiner gleichmäßigen Schrift mit den rhythmischen Schwingungen sah es sie höhnisch an. Und plötzlich, eine Stunde später, war er da. Saß mitten zwischen Alten und Jungen, hatte tausend hübsche Sachen mitgebracht, für jeden ein Geschenk besonderer Art. Auch das Bärbel war nicht vergessen. Er ging im Dorf umher, besuchte alle Leute, die ihn kannten, den Amtmann, den Lehrer, den lahmen Korbflechter, bei dem er Körbeflechten gelernt hatte, den Falkenwirt. Christian wich ihm nicht von der Seite. Sophie, inzwischen mädchenhaft geworden, hielt sich zurück. Ihr erstes Übelwollen gegen ihn war wieder wach geworden. Sie fühlte, daß Friederike um ihn litt. Das wollte sie nicht. Er war nur für wenige Stunden gekommen. Ungewohnte Unruhe war in ihm. Auch sah er blaß und magerer aus als sonst. Salome zog ihn in das Sälchen. Wann er wiederkehre, wollte sie wissen. Und was für eine Stellung er sich verschaffen würde bis dahin? Friederike schlüge die besten Partien aus um seinetwillen. Sie sprach leidenschaftlich und unüberzeugt, und fühlte selber, wie unmöglich es sei, diesen stürmenden Jüngling mit Seilen zu binden. Ohne daß er selber nur ein Wort gesagt hätte, machte sie sich zuletzt zu seinem Anwalt, sagte von Friederike, daß sie durchaus in keiner andern Welt leben könnte, als in ihrer eigenen. Eine Trennung vom Elsaß, von ihren Verwandten und Freunden würde sie kaum überleben. Sie, Salome, wäre darin ein ganz anderer Mensch. Aber so sei es ja immer in der Welt: der Kräftige, der sich nach Abwechslung und neuen Eindrücken sehne, müsse zu Hause hocken. Und den andern, der sich nichts Lieberes wisse als im Regelmäßigen und Kleinen froh zu sein, den wolle man hinausreißen in die große Welt. Neid, Besorgnis um Friederike und ihre Neigung zu Goethe schwangen dabei durcheinander. Zum Schluß küßte sie ihn heftig auf beide Wangen. »Leben Sie wohl und vergessen Sie uns nicht.« Es war ein stillschweigender Beschluß, daß Friederike ihrem Freunde das Geleit geben sollte. So ertrugen sie geduldig all das gesprächige Durcheinander der Familie, das sie von dem letzten bitteren Auseinandergehen trennte. Und dann kam die Stunde. Vater Brion unterließ es zum erstenmal, die Uhr zu ziehen und zu mahnen. So ungern ließ er Goethe ziehen. Goethe küßte der Mutter die Hand, wollte etwas Liebenswürdiges sagen von Dankbarkeit und Wiedersehen – da verließ ihn die Fassung. Er brachte nur ein schluchzendes »Verzeihen Sie es mir« heraus, hielt die Hand vor die Augen und stürzte hinaus. Christian lief ihm nach. Das Drusenheimer Pferd war im »Anker« eingestellt. Aber Goethe stieg nicht auf. Er führte den Falben am Zügel, kam noch einmal, gefaßter, zum Pfarrhaus und gab jedem still die Hand. Friederike ging wortlos mit ihm. Sie hatte ein dunkles Tuch um die Schultern getan, ihr Haar glänzte gegen das Blau des Himmels. Fr hatte den Arm um sie geschlungen, sobald sie in den Waldpfad einbogen. Das Pferd steckte sein langes Gesicht neugierig zwischen sie. Unter seinen langen Wimpern hatte es einen fast menschlichen Blick. Dazu fiel es plötzlich in Paßgang, wie um sich dem Rhythmus der Schreitenden anzupassen. Die achteten auf nichts, sahen starr vor sich hin. Jetzt ging's über den Bach. Und jetzt die Wiese entlang. Goethe blickte zurück. Zum Hügelchen hinauf. »Wer mir gesagt hatte – damals, dort oben – als ich zum erstenmal den Wegweiser sah, nach ›Friederikens Ruhe‹ – –, wer mir gesagt hätte, daß ich gekommen bin, diese Ruhe zu stören – –!« Seine Stimme brach, er wandte sich ab. Sie blieb stehen, weil ihr der Atem fehlte. »Und nun ist unsere Buche schon ganz mit Purpur behängt«, sagte sie endlich. So früh im Jahre.« »So früh im Jahre«, wiederholte er mechanisch. Sie sahen einander nicht an. »Freust du dich auf zu Haus?« fragte Friederike wieder. »Noch nicht.« Er hatte den Falben losgelassen, der jetzt ruhig graste, während ihm die Steigbügel klirrend an die Bäume schlugen. Friederike mühte sich, noch etwas zu sagen. Aber plötzlich küßten sie sich, weinten und nannten sich tausendmal bei Namen. Friederike löste sich endlich aus seinem Arm. »Ich will nun zurück.« Ihre zitternden Finger tasteten seinen Rock entlang, als müsse sie den bitten, ihren Liebsten gut vor Kälte zu schützen; sie streichelte das Pferd, das ihn wegtragen sollte. Dann schüttelte sie sich die Tränen vom Gesicht. »Jetzt gehe ich. Und komm gesund wieder.« Sie erschrak. Nein, davon hatte sie nichts sagen wollen. Nichts davon, daß sie auf ihn wartet. In Angst vor sich selber, unfähig, sich länger zu beherrschen, floh sie davon. Sie hatte sich nicht umgesehen, war nur immer weiter gelaufen, weit über den Fußpfad hinaus, der zum Dorfe führte. Jetzt blieb sie stehen. Sie hatte Hufschlag gehört. Kehrte er um? Sie empfand mehr Abwehr dabei als Freude. Sollte denn die Qual von neuem anfangen zwischen ihnen? Nichts als gleichgültige Worte würde man noch finden, die ihrer beider Wunden verdecken sollten. Denn er litt ja wie sie. Mehr vielleicht, weil man ja immer vom Manne erwartet, er solle lieben und zugleich Vernunft zeigen. Sie – ach nein – von ihr verlangte das niemand. Sie durfte lieben, glücklich sein und leiden nach eigenem Maß. Aber kam denn nicht der Hufschlag ihr entgegen? Sie horchte. Ja, er kam nicht hinter ihr her, sondern von der anderen Seite. Jetzt tauchte ein Reiter auf. »Das Riekele!« Gottlieb sprang vom Pferde. »Lieberes hätt' mir gar nicht geschehen können!« Sie gab ihm die Hand. Reden konnte sie noch nicht. Er sah ihr besorgt ins verweinte Gesicht. »Sie müssen nämlich wissen, Bäschen, ich hatte hier herum zu tun, Saatkartoffeln und Dünger. Und weil ich grad noch ein bissele Zeit hab', hab' ich mir gedacht – –« Sie sah, daß er log. Es rührte sie. Er ging jetzt neben ihr. Wie eben noch der Liebste, führte nun auch er das Pferd am Zügel, das sich an ihn drängte. »Riekele«, begann Gottlieb und sah sie bittend an. »Sie wissen, wie's mir ums Herz ist, und was ich mit Ihnen reden möchte. Denn seit Sie damals bei mir waren mit der Tante – – Ich hab' gut sehen können, daß es Ihnen gefällt da bei mir. Ach Riekele – Sie hätten sollen gar nicht erst wieder fortgehen an dem Tage.« Er hielt Friederike am Kleide fest, als wolle sie ihm entfliehen. »Guter Gottlieb!« sagte sie still. Sie hatte Lust, ihn zu streicheln. Da stand nun dieser gute, prächtige Mensch, bereit, ihr seine Hände unter die Füße zu legen sein lebelang. Was konnte sie ihm sagen? Was versprechen? »Ich hänge so an dir«, sagte er leise. Das brach ihr das Herz. Sie setzte sich ins Moos und weinte laut. »Magst du mich nicht? Sag's, magst du mich nicht?« Er hielt ihre Hand. »Wir zwei, wir wollen uns immer gut sein«, sagte sie schluchzend. »Gelt?« Er stand auf. »Das sind so Reden, Friederike, das hilft mir nicht. Und ich weiß –« Ein böser Zug geriet in sein Gesicht. »Ich weiß bestimmt schon heute –, dieser Goethe paßt nicht für Sie. Und Sie nicht für ihn. Er wird Sie unglücklich machen. Sie armes Riekele. So oder so.« Da hob sie ihr Gesicht. »Nein, Gottlieb, ein Mädchen, das einmal den Goethe geliebt hat, kann nie ganz unglücklich werden.« Er wandte sich ab. Sie erhob sich, legte ihm schwesterlich den Arm auf die Schulter. »Sei doch nicht traurig. Sei nicht bös. Wir wollen immer zusammenhalten, einander helfen und trösten. Und weißt, Gottlieb, wenn du erst einmal deine leeren Stuben da unten voll kleiner lieber Kinder hast, dann kommt das Tantele zu ihnen. Und wir machen Festtag miteinander. Weißt, dazu pass' ich gut. Das wirst du schon merken. Ein Täntele werd' ich abgeben, wie kein besseres ist im Elsaß auf und ab. Ich seh' mich schon!« Warum hab' ich nur vorhin meinen Goethe nicht so trösten können? dachte sie verstört. Der Wunsch in ihr, ihm noch nachträglich zu zeigen, daß sie keine Zukunft fürchtete, wurde seltsam stark in ihr, schien alle ihre Kräfte aufzusaugen. Sie fühlte sich entwandern, hin zu ihm, ihm sagen, zeigen, Trost zusprechen. »Was ist dir, Riekele?« rief Gottlieb ganz entsetzt. »Deine Hände werden kalt, du bist ja ganz entrückt?« Ein Augenblick noch, dann ging ihr Atem wieder. Gottlieb, der erst hatte gehen wollen, führte sie noch sorglich bis nach Haus. Da verabschiedete er sich. Sie küßte ihn. »Auf bald, Gottlieb. Sei mir nicht bös. Es ist halt so.« Er nickte still und treu. Dann ging er. An der Türe stand der Vater. Er nahm sie in den Arm. »Ist mir gar zu viel Geschwätz bei den Weibsleuten da unten; laß uns lieber ein wenig hinaufgehen zu mir. Die Mutter hat uns zweien den Kaffee aufgetan. Er wartet auf uns.« Friederike sah umher wie erwachend, sah altvertraute liebe Sachen, die Blumen in den Beeten, die Räume, Vaters alte Bücher und sein liebes, unschuldiges Gesicht, das über allem Alltag kindlich weise glänzte. Unverlierbares war ihr geschehen und geworden. Nun war Alltag. Und sie liebte wieder ihren Alltag.   Goethe hatte Friederike fortgehen lassen, ohne auch nur eine Bewegung zu machen. Sie lief nicht, er hatte sie mit einem Sprunge noch erreichen können. Aber er blieb wie gebannt und sah ihr nach. So hatte er ihr nachgesehen an jenem strahlenden Maimorgen, da sie, den sonnengelben, großen Hut am Arm, mit fliegenden Zöpfen durch das regenfeuchte Wäldchen lief wie ein Märchenkind. Jetzt glitt sie langsam durch die bunte Welt, in ihr dunkles Tuch gewickelt wie eine Fröstelnde. Eine wütende Reue fiel ihn an. Aber er regte sich nicht. Doch als sie ganz verschwunden war, warf er sich auf die Erde, grub sein nasses Gesicht in die Gräser, die schon voll Samen hingen, und stopfte sich die Faust in den Mund, um nicht aufzubrüllen wie ein wundes Tier. So lag er lange. Er fühlte heißen Atemstrom in seinem Nacken. Das Pferd war herangekommen und beschnupperte ihn. Er stand auf, klopfte das sanfte Tier, säuberte sich den Anzug vom Gräserstaub, bog auf die Landstraße zurück und stieg auf. Trübsinnig sann er im langsamen Reiten vor sich hin. In alle Schmerzen hinein wiederholte er sich immerfort: Weiter, weiter! Nicht umkehren! Wie einen Befehl. Immer klarer wurde es ihm: Er durfte dieses liebliche, zarte Geschöpf nicht hineinnehmen in sein wanderndes Leben. Hier war ihr Boden, hier blühte sie. Und wußte denn er überhaupt nur, wohin er gehörte? Wo ist das Land, das seine Sprache spricht? Wo würde er schaffen, lernen, sich betätigen? Alles war noch dunkel. »Ich bin ein Fremdling überall«, sagte er vor sich hin. Nein, er durfte niemand an sich fesseln. Durfte auch sich selbst von keinem fesseln lassen. Unaufhörlich dachte er an Friederike. Er empfand sich tiefschuldig und ohne die Möglichkeit, es wieder gutzumachen, was er ihr an Zukunftshoffnung geraubt hatte. Wie er weiter ritt, dichtete er an ihrem Schicksal. Eine Verlassene! Er wurde zerrissen von den Schmerzen all dieser Frauen, die sich nun in seiner Phantasie drängten und gestaltet werden wollten von ihm. Mädchenschicksale dichteten sich in ihm, bald ins Hoffnungslose gewendet, in Schuld und Tod endend, dann wieder ins Heldische, Erhabene, den Geliebten mit sich emporziehend in ihre Verklärung. Auch stille Dulderinnen waren unter ihnen, fromme, sanfte Seelen, die sich in ihrem Kreise neues Glück suchten. Immer aber waren es Enggebundene, neben denen der Strebende, Unruhige stand, der ihr Schicksal wurde. Sie jubelten, klagten, rangen die Hände und starben vor ihm hier im Walde. Ein Grauen faßte ihn an. Schon hatte er das Pferd gewendet, wollte zurück, zu Friederike, sie mit sich nehmen, schützen – da stutzt er: Was war das, drüben unterm Vogelbeerbaum? Da steht Friederike. Aber nicht in dem Kleide, in dem er sie eben gesehen. Sie hat ein weißes Gewand an, schlicht und eng, wie man es damals noch nicht trug, eng unter der Brust gegürtet. Ihr Haar ist gestutzt. Es hat etwas von seinem Goldschimmer verloren und umgibt jetzt in kurzen Locken, die im Nacken länger hängen, ihr Gesicht. Ein blaues Band ordnet die Locken tief hinein in die Stirn. Sie ist ihm fremd und dennoch ganz vertraut. Die Wangen sind voller geworden, das alte Lächeln strahlt ihr aus den Augen. Nur um die Lippen liegt ein Zug von Erfahrung. Jetzt wendet sie den Kopf. Sie beugt sich zu Kindern herunter, die vorhin nicht da waren, oder er nicht gesehen hat. Ihr Lächeln wächst, wird froher. Sie faßt die jungen Mädchen bei der Hand. »Täntele, Täntele«, glaubt er's leise in der Luft zu hören. Er streckt die Arme nach ihr aus. Gelassen und in ihrer leichten, anmutigen Art schreitet sie weg von ihm. Und verschwindet. Ein Zittern überfiel ihn. War sie tot? Er riß sich gewaltsam aus der Erstarrung aller Gedanken. Das fremde Kleid, die fremde Haartracht – –. Nein, er hatte eine Vision erlebt. Hatte Friederike gesehen, wie sie in Zukunft war. Ein himmlischer Trost ging aus von dieser Erscheinung. Antwort hatte sie ihm gesandt auf seine Reue, seine Ängste. Sie verzieh. Sie überwand. – Der Falbe, der unruhig gestanden hatte, setzte sich jetzt in Trab. Goethe atmete freier. Sein Blut ging rasch und leicht. So ritt er hinweg von dem Idyll seiner ersten Jugend, das er nicht herübernehmen durfte in sein neues, weites Leben. Das uns allen gehört.