Hans Hart Wunderkinder Roman   Viertes und fünftes Tausend Leipzig / Verlag von L. Staackmann / 1916 Alle Rechte vorbehalten. Copyright 1915 by L. Staackmann, Leipzig. Altenburg Pierersche Hofbuchdruckerei Stephan Geibel \& Co.   Selbst wenn du blutest, sag' Ich schminkte mich. Hebbel , Tagebücher.   Ein alter Fliederstrauch steht in voller Blüte, die knorrige Linde wickelt gerade ihre Blätter aus. Ein Rosenstock, dessen Haupt eine rote Glaskugel schmückt, streckt zartgrüne spitze Finger vor. Die drei alten Gesellen sind der einzige Schmuck des Gärtchens, wenn man den Efeu, der die hohen, häßlichen Feuermauern ein Stück hinanklettert, nicht mitrechnet. Der Frühling hat harte Arbeit in diesem schmalen Gartenstück, das wie eine vergessene Märcheninsel zwischen dem alten Winkelwerk sich birgt. Der Flieder muß doppelt süß duften, will er die Küchengerüche besiegen, die aus den offenen Fenstern ringsum herausflattern. Und auf das junge Gras fallen oft Glasscherben, leere Konservenbüchsen, auch alte Schuhe und Orangenschalen, wenn einer das grüne Fleckchen als Schuttplatz ansieht, derweil von dem armen Volk mit der lichtlosen Seele keine Rücksichtnahme auf ein winziges Gärtlein verlangt werden kann. Im Fenster einer Parterrewohnung sitzt ein kleiner, fetter Kerl mit rotem Haar, läßt die Beine über den Efeu baumeln, hält eine Geige in der Hand – und zieht langsam und fleißig den Bogen über die Saiten. In dem bartlosen Gesicht leuchten scheue, braune Augen so warm und innig, daß nicht einmal der breite Froschmund und die häßlichen Henkelohren dieser Schönheit Abbruch tun können. Auf dem spärlichen Gras zu seinen Füßen hocken zwei Kinder, ein Bub und ein Mädel. Der Junge horcht mit stiller Andacht auf die schwirrenden Töne, die Beethoven für sein Violinkonzert fand, horcht wie einer, der die Englein musizieren hört; sie spielt mit Sardinenbüchsen und stopft Orangenschalen hinein, auch kleine Kiesel und Gartenerde, die ihrem Kindersinn eitel Süßigkeit scheinen. Eine häßliche Fetzenpuppe liegt nicht weit davon im Schatten des Fliederbaumes.   So spielte Joseph Italiener ganz versunken seinen Beethoven, schlug auf dem armen Efeu den Takt und drückte das Kinn über die Geige. Die kleine Schwester warf plötzlich die Sardinenbüchse fort, ergriff die geliebte Puppe, deren hauptsächliche Toilette aus den Resten eines Betschales bestand, bei den Armen und begann mit ihr, sich leise in den Hüften wiegend, über den Nasen zu tanzen, mit wunderbarer Gelenkigkeit des siebenjährigen Körperchens, die schwarzen Augen ernsthaft aufgerissen, den blonden Kopf in den Nacken gelegt, gliederschnell und leicht wie ein Elflein auf dem Libanon. Ganz zierliche Schritte machte sie, hob die Beinchen mit den häßlichen, groben Strümpfen, ließ sie kunstgerecht Wippen und schwingen, und schließlich stand sie bloß auf einem Bein wie ein Storch und drehte den Körper und das zweite Bein wie Windmühlenflügel um die feste Achse. Die kleine Miriam Italiener war ja ein Ballettkind, dem man schon vor drei Jahren Gelenke und Knochen biegsam und elastisch gemacht hatte. Und die Geige des Bruders reizte sie, ihre Kunst zu zeigen. Wie eine Sehnsucht war es, loszukommen aus dieser Enge voll Schmutz und Düster, in der Blumen und Kinder nicht gedeihen wollten. Mit den winzigen Händen warf Miriam dem Geiger Kußhände zu. Joseph lächelte schwermütig und übte weiter seine springenden Läufe, ganz in sich gekehrt, mit einer stumpfen, schier verzweifelten Beharrlichkeit. Der kleinen Miriam fiel alles so leicht, sie sah keine Schwierigkeiten, nur die Grazie ihrer kleinen Persönlichkeit, und freute sich darüber. Für sie war das arme Gärtlein der richtige Gan Eden Paradies. , in dem winzige Mägdlein Königinnenrecht haben. In ihrem Übermut traf sie beim Tanzen mit der Fußspitze die Nase des kleinen Knaben, der mit halb offenem Munde dem Geigenspiel lauschte. »Himmelsgucker!« lachte sie und zeigte die spitze Zunge, die wie ein rotes Schlänglein der Bosheit vorschnellte. Der Kleine fuhr mit der seinen, schmalfingerigen Hand nach der getroffenen Nasenspitze und glitt von dort nachdenklich aufwärts über die breite, niedrige Stirn zum dunkelbraunen Haar, das wild und zerzaust durcheinanderhing; dann sagte er langsam: »Auch Geige spielen!« Aber Joseph geigte weiter, und Miriam tanzte. Da riß der kleine Karl Maria ein Gänseblümchen aus, das neben ihm aus dem Gras guckte, hielt das weißrote Sternchen in der Hand und pfiff leise vor sich hin. Joseph Italiener ließ den Bogen ruhen. »Jetzt pfeift mir der Knirps gar die Melodie nach, und fehlerlos auch noch!« Es war ein dünnes, mühseliges Pfeifen, wie Grillenzirpen, aber Takt lief nach Takt ab, ganz rein und klar. Joseph ließ wieder den Bogen hüpfen und kniff den breiten Mund zusammen, was gar komisch aussah. Miriam wenigstens fand die Komik heraus. Flugs hielt sie mit dem Tanzen inne und sang noch ganz atemlos mit ihrer glockenhellen Kinderstimme: »Klein's Männele, klein's Männele, was kannst du machen? Ich kann wohl spielen auf meiner Geig'. Ging, Ging, Ging, so macht meine Geig'.« Und Karl Maria pfiff innig vergnügt auch diese Melodie, die er gar nie gehört hatte. Jetzt aber lief die Geige wie ein Ritter in Brünne und Selm fort über Kindersang und Pfeifen. Bub und Mädel lauschten. Plötzlich hob der Knabe den Arm. Den Kopf hielt er gesenkt, wie in angestrengtem Lauschen, dann glitt die rechte Hand wie ein Bogen über den linken Arm, und er spielte stumm mit. »Dummerle,« lachte die Miriam. Mitten im Spiel riß Joseph den Bogen ab und den Mund weit auf, als sei er hungrig und warte auf den größten und besten Bissen vom Leviathan. Unentwegt geigte Karl Maria mit der Hand auf dem Arm, ein Zwerglein im schüchternen Frühling dieser armen Umwelt. Miriam schlich herbei und legte ihre Orangenschalen dem Buben auf das dunkelbraune Haar. Er merkte es garnicht. Da lachte die Miriam und klatschte in die Hände. Die Abendsonne aber glitt hernieder und ließ ihr Spiel über das Gärtlein tanzen, über das rote Haar des Joseph, über das feine Blond der Miriam und über die zerquetschten grellroten Orangenschalen auf dem Kopfe des Karl Maria Tredenius, der sein stummes Abendlied der Sonne vormusizierte.   Der Glanz dieser Abendstunde blieb bei Karl Maria, als er längst in der düsteren Elternwohnung beim kargen Abendessen saß. Mit den Händen deckte er die Ohren, weil die scharfe Stimme des Vaters seine Träume zerriß. Der Postoffizial Franz Tredenius schimpfte wieder einmal über alles. Amt und Abendessen waren ihm gleich zuwider. Und als er gar bemerkte, daß der Bub sich die Ohren zuhielt vor seinem Poltern, gab er ihm eine Ohrfeige und schrie: »Verdammter Balg!« Der Junge duckte sich, zog die Schultern ein, aber er weinte nicht. Groß und starr lag sein Blick auf dem roten, feisten Gesicht des Franz Tredenius, der zornig seinen langen, blonden Schnurrbart zauste. Die sechzehnjährige Martha, ein hübsches Ding mit einem klugen, nichtsnutzigen Grisettenkopf, lachte schadenfroh und nickte dem Vater zu. Frau Lisbeth zog die feinen, schwarzen Brauen hoch und wandte die Augen ab. Tag für Tag gab es solche Szenen, und ihre Widerstandskraft, die Karl Maria in Schutz nehmen wollte, wagte sich allgemach nicht mehr hervor. Scheu, und wortkarg tat sie ihre Pflicht nur heimlich; wenn sie mit dem Kleinen allein war, ward ihre Seele licht und froh und suchte die eigene verkümmerte Jugend im Kerzen ihres Kindes. Ließ sie sich aber doch einmal hinreißen, der Roheit ihres Gatten zu widersprechen, gab es wüsten Zank und gemeine Schimpfworte, welche die Gegenwart der Kinder nicht scheuten. Dann saß sie wie unter Peitschenhieben und biß die Lippen wund vor Scham. Drum schwieg sie auch heute und wartete, bis Franz Tredenius ins Wirtshaus eilte und Martha, die längst ihre eigenen Wege ging, zu Freundinnen an die Haustür lief, mit denen sie an diesen Frühlingsabenden die Gasse auf und nieder zog. Karl Maria saß lautlos und sah der Mutter zu, die den Tisch abräumte. Seine Seele fror, er kroch ganz in sich hinein und ließ die Umwelt versinken. Nur seine Kinderträume behielten ihr Recht. In seinen Ohren war das Geigenspiel des Joseph Italiener, die Noten sprangen zum offenen Fenster herein, wie winzige Knaben, mit denen er spielen durfte. Auf einmal riß er die Augen weit auf und erschrak, wie stark und schnell sein Herz ging. Klaviertöne kamen aus dem Nebenzimmer. Die Mutter spielte, – wie immer, wenn Vater und Schwester fort waren. Es war ein Wiegen und Gleiten wie vorhin, als Miriam tanzte. Ganz leise glitt er von seinem Stuhl und schlich der Musik nach. An der Tür blieb er stehen und barg sich in den Falten des alten roten Vorhangs. Da saß seine Mutter vor dem Klavier, hoch aufgerichtet und schön, und spielte. Ihre Augen waren jetzt hell, und auf den blassen Wangen lag eine leichte Röte, als wüchsen aus dem Halbdunkel des Abends rosarote Rosen. Da weinte der Sechsjährige, als seine Mutter so überirdisch schön wurde in der geliebten Musik. Karl Maria rührte sich nicht. Mit gefalteten Händen, wie ein betender kleiner Engel stand er in stiller Andacht. Und sein Gebet flehte den lieben Gott an, daß Mutter jeden Abend so spielen möchte, so feierlich einsam und so wunderschön. Sein Kindergesicht hatte plötzlich einen willensstarken, fast harten Zug, als müßte er alle Kraft seines Herzens in diese Bitte legen. Derweil perlten die Töne fort, verklangen in die Nacht, die alle Farben löschte, und kamen wieder zu Frau Lisbeth und ihrem kleinen Jungen. Karl Maria sah in der Dunkelheit nur mehr das feine, leicht erregte Antlitz seiner Mutter, alles andere verschwand in der Finsternis, die heute mit vielen und süßen Stimmen zu Karl Maria redete, wie sonst nur ein Sonnentag, wenn die ersten Bienen summten und der Wind Melodien pfiff. Plötzlich seufzte die Mutter und ließ das Spiel. Sie stützte den Kopf in die Hand und sann vor sich hin. Ein Schluchzen kam zu dem Bübchen, das in jähem Erschrecken sich in die Vorhangfalten hängte, als suchte es da Hilfe. Zitternd betete Karl Maria: »Lieber Gott, schick' einen Engel.« Der sollte der Mutter helfen. Und im Dunkel schwebte wohl ein Engel herein. Denn Frau Lisbeth richtete sich auf, blickte zum offenen Fenster wie in stiller Dankbarkeit und griff dann wieder in die Tasten. Ein Stürmen geschah da, ein Hinjagen und Rennen, als liefen viele, viele Menschen der Sonne entgegen. Karl Maria lächelte glücklich und schlich lautlos in sein Kämmerlein. Wenn der liebe Engel da war, durfte er nicht stören und mußte artig schlafen gehen. Still lag er in seinem Bett, da kamen Schritte, und die Mutter trat herein. »Schläfst du, Kleiner?« Er gab keine Antwort, öffnete nur die Arme und wartete. Dann schlang er sie um den Nacken der Mutter und blieb ganz still. Sie küßte ihn, da faßte er kecken Mut und bettelte: »Darf ich auch Geige spielen, wie der Joseph?« »Du bist noch zu klein dazu, Liebling.« »Aber die Miriam tanzt doch auch und ist noch klein.« »Vater würde es nicht erlauben.« »Spielst du deshalb nur am Abend?« Statt zu antworten, legte sie ihm die Hand auf den Mund. Eine Weile schwieg er und blieb glücklich in dieser sicheren Liebe. Dann aber bat er wieder um seine Geige und ließ sich nicht davon abbringen. »Es geht nicht, Karli, glaub' mir's doch!« »Ich will so fleißig sein, Mutter, da lerne ich es ganz allein!« Angst war in Frau Lisbeth, als sie sah, wie ihre eigene Sehnsucht in ihrem Kinde Wurzel schlug und die Musik auch ihn in Bann und Zauber nahm. Aber sie dachte, wie Franz Tredenius ihr Klavierspiel verlachte und haßte, wie er es im Laufe der Jahre allmählich zum Schweigen gebracht hatte, daß es sich nur mehr am Abend hervorwagte, wie ein Dieb auf lichtlosem Pfade. Sie wollte dem Kleinen dies Leid ersparen und seine Seele vor ihres Mannes Fäusten schützen, die diese Kinderfreude mit rauhem Griff ersticken würden. Und da sie Karl Maria nicht mit einem unwiderruflichen »Nein« kränken wollte, schob sie die Aussicht einfach hinaus und versprach ihm eine kleine Geige zu seinem nächsten Geburtstage, wenn er sehr brav wäre und aus der Schule, in die er im Herbst kommen sollte, gute Noten heimbrächte. Damit war er ganz zufrieden, hielt die Hand der Mutter fest und schlief ein. Im Traum hörte er wieder seine geliebte Geige klingen. Aber es war nur seine Schwester Martha, die beim Nachhausekommen eine Operettenmelodie pfiff. Als auch Martha zu Bett gegangen war, stand Frau Lisbeth noch am offenen Fenster und starrte in die Nacht. Sie wollte jedes Opfer bringen, wenn nur ihr Bub etwas Rechtes wurde. Das war ihr Gebet. Um Mitternacht schrak sie auf. Drei Männer taumelten Arm in Arm einher, die Hüte schief auf den Köpfen, schwangen die Stöcke und brüllten dazu einen Gassenhauer. In der Mitte schwankte Franz Tredenius. Sein schönes, wildes Gesicht war rot und verzerrt. Mit einem harten Lachen schloß Lisbeth das Fenster.   Am Morgen lief Karl Maria mit seiner jungen Freude ins Nachbarhaus zu Miriam. Aber sie war noch nicht von der Schule zurück. So setzte er sich neben den Großvater Italiener, einen dürren Greis, der noch Kaftan und Löckchen trug. Großvater Samuel besaß ein kleines Bänkchen, das er gewissenhaft der Sonne nachschleppte, um jeden Sonnenstrahl mit seinem frostigen Körper aufzufangen. Für Karl Maria war der gutmütige, etwas schmierige Samuel einfach der Märchengreis. Er erzählte wunderhübsche, kleine Geschichten, die er mühelos erfand. Nicht umsonst war er in seiner polnischen Heimat Hochzeitstroubadour und Witzmacher gewesen, der Tränen und Lachen mit gleicher Kunst hervorzwang. Hier, in der großen, fremden Stadt allerdings war es ihm schief gegangen. Er galt, wie sein Sohn, der bärenstarke Gideon, als ein Schlemihl, der im Tempel und in der Gemeinde etwas galt, im praktischen Leben aber stets einige Stunden später antrabte, nachdem schon die anderen in das Himmelreich des Rebbach eingegangen waren. Aber seine Herzensgüte lockte den kleinen Karl Maria, der mäuschenstill neben dem Alten hockte und es sich in der Sonne wohl sein ließ. In dem ehemaligen Ghetto herrschte heute bewegtes Leben. Man stand vor der Osternacht. Feierlich angetan wandelte alles in den Tempel oder schritt in weisen Gesprächen durch die frühlingshellen Gassen. Mitten durch diese ehrwürdigen, festlichen Menschen tobte jetzt eine Rotte Schulkinder, voran ein kleines Mädel mit dickem, blondem Zopf. Grimmig schwang Miriam die Schultasche und hieb damit auf die kleinen frechen Jungen ein, die höhnend von ihr Mazza verlangten. Karl Maria lief zu ihrem Schutz herbei, bekam einen Stoß, daß er taumelte, hieb aber wacker um sich, bis der alte Samuel sein Sonnenbänkchen als Waffe brauchte, wie einst Simson den Eselskinnbacken, und die kecken Christenknaben verscheuchte. Lachend kehrte er dann wieder in den geliebten Sonnenschein zurück. Ganz rot und zerzaust stand Miriam vor ihm. »Die dummen Kerle,« sagte sie wegwerfend und zog die kurze Oberlippe hoch, die zu ihrem starken Mund gar nicht recht paßte. Sie warf den Kopf in den Nacken und streichelte Karl Maria die Wangen, wie ein besorgtes Mütterlein: »Hast du's arg gekriegt von den Eseln?« Er schüttelte den Kopf: »O nein, Miriam, gar nicht.« Samuel sah den Kindern zu und lächelte still. Er freute sich, daß seine Enkelin aufrecht und keck durchs Leben ging auf ihren kurzen Beinchen, ganz anders als der Knabe, der nur Märchen hören wollte. »Darf ich am Abend wiederkommen?« fragte Karl Maria. Er liebte diesen feierlichen Singsang, der an jüdischen Festen durch die alten Häuser ging; diese fremde Sprache, die in seltsamen Rhythmen an seine Ohren klang, und nicht zuletzt die Anhänglichkeit von Eltern und Kindern, die er daheim nicht kannte. Hauptsächlich aber kam er wegen Miriam, die dann tanzte und sprang und tausend Narrenspossen trieb. Auch spielte Joseph an solchen Abenden stets Violine, weil Großvater Samuel und Vater Gideon es so liebten, obschon die strenggläubige Frau Charlotte, die in ihren großen, fetten Händen die Zügel des Hausregiments hielt, solches Treiben Sünde nannte. Und im Garten erzählte der Kleine dann Miriam ganz heimlich von der seligen Zukunft, die ihm eine Kindergeige bringen sollte. Sie klatschte in die Hände und sprang um ihn herum: »Du wirst besser spielen als der dumme Joseph!« Karl Maria wußte zwar nicht, wie er besser spielen sollte als der rothaarige Joseph, der für ihn ein großer, unerreichbarer Künstler war, aber er lächelte geschmeichelt über ihr Vertrauen und half ihr, die ersten winzigen Heuschrecken zu fangen, die sie dann dem Singvogel brachten. Hatte die Amsel einige Heuschrecken verzehrt, legte sie los und sang, daß es eine Lust war. Bub und Mädel standen still und lauschten dem Schmettern und Rollen. Die Familie Italiener saß beim Ostermahl. Großvater Samuel verstand es, die religiöse Grundstimmung durch vergnügte Witze in wohlige Behaglichkeit hinüberzuleiten. Sein treuester Schildknappe war sein ältester Enkel Jacques, Auslagenarrangeur in der Vorstadt, ein mageres, elegantes Bürschchen mit klugen, schwarzen Augen und beweglichen Händen, die immer etwas zu ordnen schienen. Frau Charlotte, die ihre üppige Rundlichkeit in ein gelbseidenes Festkleid gehüllt hatte, schleuderte Drohblicke nach Schwiegervater und Sohn, wenn diese die eintönigen Gebete des wackeren Gideon durch schnöde Witzeleien störten. Fünf andere größere und kleinere Italiener beiderlei Geschlechts zierten die Tafel, alle frischgewaschen und in den besten Kleidern. Neben Miriam saß als Gast der kleine Karl Maria, der Jacques' anzügliche Sticheleien wegen seines christlichen Bekenntnisses verständnislos über sich ergehen ließ und sich an den vielen süßen Speisen der guten Frau Charlotte gütlich tat. Die Hausfrau und Gideon wie der alte Samuel genossen nur ungesäuerte Brote und die bitteren Kräuter, die an die Wehmut der ägyptischen Gefangenschaft mahnten. Gideon, der Schlemihl, der lieber in den Parks und auf den Straßen träumte, statt sein Trödlergeschäft zu betreiben, nahm seine religiöse Pflicht sehr ernst, vielleicht nur, weil seine Phantasie mit den alten Gewohnheiten gern spielte, tatenlos und versonnen, wie es in seiner Art lag. Feierlich sprach er über die vier Becher den Dank für die Gabe des Weinstocks und fragte den roten Joseph, was diese vier Becher zu bedeuten hatten. Joseph gab ungenaue Auskunft. Frau Charlotte ward rot und zerkrümelte zornig Mazza. Gideon sagte traurig: »Du weißt gar nichts, mein Sohn.« Schuldbewußt senkte Joseph den Kopf, sein Vater seufzte und tat desgleichen. Denn Gideon hatte die schönen Einnahmen, die Joseph vor Jahren als Wunderkind mit seiner Geige erzielt, schnöderweise an der Börse verspielt. Und seitdem wagte er nicht, seinem Joseph Vorwürfe zu machen, wenn es auch mit dem Geigenspiel längst bergab ging, vielleicht deshalb, weil der gute Joseph wie sein Vater ein Träumer war und das Spazierengehen dem langweiligen Üben vorzog. Frau Charlotte aber fragte scharf: »Joseph, was ist eigentlich mit deinem Konzert in Laibach?« »Das macht sich, Mutter. Gegen Ende April.« »Und dann?« Frau Charlotte hielt streng auf Genauigkeit. »Ich denke ins Operettenorchester des Bellevue-Theaters einzutreten.« »Operettenorchester – hübsche Aussicht das,« murrte die Mutter und gab Jacques, der seinen Becher Wein verschüttet hatte, eins auf die Hand. Gideon lächelte mild: »Reg' dich nicht auf, mein Gold.« Die Hausfrau wollte entgegnen, aber die schlaue Miriam, die Ungemütlichkeit nie leiden mochte, kam ihr geschickt zuvor. Sie wies auf Karl Maria, der gerade ein riesengroßes Tortenstück im Munde stecken hatte, und erzählte wichtig: »Der will auch ein Geiger werden.« Der Kleine schluckte verzweifelt seine süße Beute hinab und sah verlegen vor sich hin. Der elegante Jacques fragte anzüglich: »Willst du nicht lieber werden, was dein Vater ist?« »Nein,« antwortete das Kind sehr bestimmt. Charlotte und Gideon wechselten einen vielsagenden Blick und schauten dann behaglich auf die Kinderschar. Miriam verteidigte ihren Freund: »Er hat ganz recht. Er ist kein solcher Siebenschläfer wie der Joseph. Karl Maria wird ein Geiger und ich eine Sängerin. Dann heiraten wir. – Darf ich nicht singen, Mutter?« »Nein,« erwiderte Frau Charlotte und schlug auf den Tisch. Aber Miriam ließ sich nicht beirren: »Gestern hab' ich zur Ermattinger in die Garderobe dürfen. Wie es da gut riecht, – viel besser als in deinem Tempel, Großvater.« Samuel schmunzelte sehr heiter und schenkte Miriam ein ganz neues Geldstück. Sie tanzte vergnügt um den Tisch, bis sie wieder zum alten Samuel kam, dem sie einen langen Kuß gab. Ihr Mäulchen aber ging weiter: »Die Ermattinger hat auch nach dir, Joseph, gefragt. Sie erinnert sich noch an dich. Ob du noch so gut spielen kannst, will sie wissen. Was soll ich ihr sagen, Joseph?« »Das ist lange vorbei,« antwortete trübselig Gideons Sohn. Miriam legte Karl Maria die Hand auf den Mund: »Iß nicht so viel, Dummerl, du bist noch zu klein. Wenn du erst mal ein junger Herr bist, nehme ich dich zu meiner Ermattinger mit,« sagte sie huldvoll. »Sind dort viele Geigen?« fragte der kleine Junge und biß Miriam in die Hand, die zwischen seinem Mund und der Torte lag. Alle lachten. Frau Charlotte aber hob die Tafel auf und trieb Mann und Kinder in den Tempel. Nur Samuel, der ein heimlicher Freigeist war, schützte Müdigkeit und sein Alter vor und blieb daheim. In stiller Behaglichkeit trank er alle Becher aus, weil er so die vorgeschriebene Vierzahl nach seiner Ansicht niemals überschritt. Dann öffnete er die Türen für alle, die in der Osternacht in dieses Haus kommen wollten, stellte den vollen Becher für den Propheten Elias zurecht und machte es sich im Lehnstuhl bequem. In Wirklichkeit hatte er keine Sehnsucht nach Bettlern und fremden Gästen, sondern nur nach der reinen, würzigen Luft dieses Frühlingsabends. Er zog die Kappe über die Augen und faltete die Hände im Schoß. Solche Augenblicke hatte er in seinem langen Leben stets geliebt. Karl Maria sperrte Mund und Augen auf und harrte des Propheten Elias. Samuel öffnete noch einmal die schlaftrunkenen Augen: »Trink' den Becher aus. Kleiner! Dann erscheint dir der Elias.« Voll heiliger Ehrfurcht tat Karl Maria, was der Greis ihm befahl. Aber er hatte noch nie Wein getrunken, und so erging es ihm wie einst dem braven Noah. Er sah plötzlich viele Propheten und Erzväter um sich, führte verworrene Reden mit ihnen, sang ein bißchen und zupfte schließlich gar den schlafenden Samuel am weißen Bart. Dann schlich er ins Nebenzimmer, wo Josephs Geige samt Bogen offen auf dem Bette lag, und begann abscheulich die Saiten auf und ab zu kratzen, als müßte er dem Propheten ein Einzugslied vorspielen. Da flogen jäh die Weingeister fort, und er mühte sich mit seinen winzigen Händen an dem ungefügen Instrumente. Der Prophet Elias mußte doch gekommen sein, denn ein paarmal gab die mißhandelte Geige einen wunderschönen, reinen Klang. Endlich übermannte den Kleinen die Müdigkeit, und er schlief, den Geigenbogen fest im Arm, einfach ein. So fand ihn Samuel und trug das Kind hinüber zu seiner Mutter. Fräulein Martha öffnete, blickte dem Alten höhnisch ins Gesicht und schnitt eine Fratze. Franz Tredenius, dem unerwartetes Klingeln von Amts wegen an die Nerven ging, hieb die Tür hinter sich ins Schloß und schrie: »Hinaus mit dem allen Juden!« Samuel lächelte gutmütig und wartete, bis Frau Lisbeth kam. Der gab er Karl Maria in den Arm und küßte ihn noch zum Abschied auf die Stirn. Vom Becher des Elias aber sagte er nichts.   Seit diesem Abend verbot der Vater dem Knaben ernstlich den Verkehr mit der Familie Italiener. Aber Karl Maria ging nun heimlich. Dort drüben hatte er ja zum erstenmal eine wirkliche Geige in der Hand gehalten, weil der Prophet Elias kleine Knaben so lieb hatte. Und Josephs Geige zog das Kind an wie ein singender Zauberschrank aus einem Märchen. »Die Miriam gibt schon auf mich acht,« sagte er beruhigend zur Mutter, die um seine Schleichwege wußte. Und Frau Lisbeth wehrte ihm nicht. Sie ließ ihrem Jungen seine kleinen Heimlichkeiten, seinen ersten inneren Besitz, und war zufrieden, wenn er mit leuchtenden Augen von seinen verbotenen Gängen heimkam, still zu ihren Füßen saß und ihrem Klavierspiel lauschte. Und darüber schlief er geruhsam ein. Lisbeth bat jeden Abend aufs neue um diesen Schlaf, damit der Kleine nichts hörte, wenn Franz Tredenius aus dem Wirtshaus heimfand und zärtlich zu werden begann. Sie trug seine Küsse wie Brandmale. Aber sie wollte Karl Maria die Unberührtheit seiner Kinderjahre retten, darum blieb sie stumm. In einer Nacht jedoch geschah es, daß Franz Tredenius ihre fromme Lüge zuschanden machte. Er hatte allzuviel Geld im Kartenspiel verloren und beichtete nun seiner Frau in der Wehmut der Trunkenheit, daß er einen Griff in die Postkasse getan und dieses Geld bis Samstag unbedingt ersetzen müsse. Da vergaß Lisbeth ihre Selbstbeherrschung und gab ihm harte Worte, die laut und schrill klangen wie gesprungenes Glas. Alles, was sie jahrelang unterdrückt, kam hervor und zerriß die Stille der Nacht. Tredenius raufte sich das Haar und schrie: »Du und der Bub, ihr seid an allem schuld. Hätte ich euch nicht, wäre ich ein freier Mann.« In Hose und Hemd rannte er durchs Zimmer und hämmerte mit den Fäusten wider die Wand. In seiner hilflosen Wut packte er Lisbeth und schüttelte sie. Sie bog sich zurück, daß sein Atem, der nach Bier und Schnaps roch, sie nicht traf. Da brüllte er: »Ekelt dir gar vor mir?« und schlug ihr mit der Faust ins Gesicht. In der Tür stand Karl Maria in seinem langen weißen Nachthemdchen, hatte die Augen entsetzt aufgerissen und die kleinen Hände wider den Vater geballt. Mit einem dumpfen Laut stürzte er sich auf den starken Mann, der halb zornig, halb verlegen ihn abwehrte, und hieb seine Fäuste gegen die Knie des Vaters, an die er gerade reichen konnte. »Karl Maria!« Lisbeth riß das Kind an sich. Franz Tredenius strich den blonden Schnurrbart, schob die Hosenträger empor, zuckte die Achseln und sagte endlich finster: »Bis Samstag brauche ich das Geld.« Damit ging er. »Mutterle!« stammelte der Bub und huschelte sich in das weiche, schwarze Haar der erschrockenen Frau. »Er darf dir nichts tun, Mutterle!« Und der kleine Mund wurde herb, beinahe hart. »Ja, Kind.« Und sie strich ihm das Haar aus der Stirn. Karl Maria zitterte am ganzen Körper und hielt noch immer die Fäuste geballt. So trug sie ihn in sein Bettlein, wie damals, als er den Becher des Elias zu rasch ausgetrunken, und blieb die ganze Nacht bei ihm.   Am Morgen zog sie sich besser an als sonst und nahm das Büblein mit sich. Schier feierlich schritt Karl Maria mit der Mutter durch die morgenhellen Gassen, in dem Gefühl seiner neuen Wichtigkeit. Allen Menschen sah er trotzig ins Gesicht, als wollte er ihnen zeigen, daß die Mutter unter seinem Schutze stehe. Er lauschte auf jegliches Geräusch und formte selbst das schrille Läuten der Pferdebahn zu hüpfenden Takten. Was er hörte, setzte sich in seinem Ohr allsogleich in Musik um. So wandelte er freudig in den Morgen hinein und hatte nach Kinderart die schlimme Nacht schon längst vergessen. Da kam ihnen ein Herr entgegen, stattlich und elegant gekleidet, mit eisgrauem Schnurrbart und hellen blauen Augen. Frau Lisbeth hob flüchtig den Blick und lächelte ein wenig, als sie den Fremden bemerkte. »Kennst du den? Wer ist das?« fragte der Knabe. »Ach Gott, das ist ein Geiger.« Karl Maria riß es herum, er ließ die Mutter los und starrte dem Herrn nach, der langsam über den sonnenhellen Platz schritt. »Ein wirklicher Geiger?« »Ein ganz großer, Kind.« »Und wie heißt er?« »Hans Geßner, du Neugier.« Der Kleine war sehr nachdenklich und trabte stillschweigend neben der Mutter her. Jetzt hatte er einen großen Geiger gesehen. Das Kinderherz brannte. Dieser Hans Geßner hatte sicher schon als ganz kleiner Junge eine Geige haben dürfen. Endlich machte die Mutter vor einem einstöckigen Hause halt, das mit Mitteltrakt und zwei vorspringenden Flügeln, sowie dem Glockentürmchen auf der Dachmitte einem kleinen Kloster glich. »Zum blauen Herrgott« hieß das Gaus kurzerhand, weil vor Jahren irgendein weltfroher Kauz das ehemalige Klösterlein, das längst profanen Mietern diente, ganz himmelblau hatte tünchen lassen. Und plötzlich wußte der Kleine, daß er hier schon einmal gewesen war. Ein guter, duftender Bratapfel tauchte in seiner Erinnerung auf und ein großer, dicker Mann, der ihm diesen Leckerbissen gereicht. Frau Lisbeth blieb stehen und sagte ernst: »Hier wohnt dein Onkel.« »Gelt, der ist sehr dick? Warum kommt er nie zu uns?« Sie gab keine Antwort, sondern zog einen Glockenstrang, der ein geflügeltes Engelköpfchen als Handgriff trug. Wie in einem Zauberschloß ging die Tür von selbst auf, daß Karl Maria voll Ehrfurcht sein Käppchen lüftete. Weit und hell war das Stiegenhaus, durch große Fenster mit kleinen bunten Scheiben kam die Sonne. »Es muß gerade Messe sein,« dachte das Kind, denn laute Musik lief ihnen entgegen, übernatürlich laut. Auch Frau Lisbeth griff diese Musik ans Herz, so zerrissen und abscheulich sie im Grunde war. Nach drei Jahren kam sie zum erstenmal wieder in dies wundersame Haus, darin ihr einziger Bruder, der Chormeister bei St. Pankraz, Johann Sebastian Williguth, mit zwölf Kindern und seiner Frau Musika hauste. Sein eheliches Weib Apollonia, genannt »Affi«, rumorte in Küche und Keller und haßte den tollwütigen Lärm, der losbrach, wenn der Musikgewaltige seine Orgelpfeifen zu einem Orchester zusammenzwang. Wie in die Heimat kam Lisbeth in das blaue Kloster, wo ihre Kindheit noch in allen Ecken schlummerte. Ihr Mann hatte sie auch von dem wunderlichen Bruder losgerissen, den er stets anpumpte und dann einen dicken Hanswurst nannte, bis eines Tages der empörte Bruder Williguth seinen Cellobogen auf Franz Tredenius' Rücken tanzen ließ. Da war dann alles aus. Und Lisbeth hielt sich fern, weil sie den Zorn des Gatten fürchtete und auch ihren Gram nicht zeigen wollte. Heute aber trieb die liebe Angst sie wieder her. Als Willkommengruß schmetterte ihr Vater Haydns Musik zu den letzten Worten Christi entgegen. Aber, o Jammer, wie zerstückt und zerschlagen! Vom martervollen Durst des Heilands war im Pizzikato nichts zu verspüren. Die Viola allerdings kratzte abscheulich. Still blieb die Frau vor der Tür, hinter der dieser Hexensabbat raste. Williguths Kinder waren alle fast unmusikalisch, und der Fiedelbogen des Vaters übte da pädagogisches Zwangsrecht. Das Schicksal war grausam mit Johann Sebastian. Wutschreie drangen heraus. Eine greuliche Dissonanz. Jemand klopfte zornig ab. Ein mächtiger Baß fluchte alle Teufel herab und bat Meister Haydn, der bei diesem Gewinsel die Perücke tief über die Ohren gezogen hätte, kniefällig um Verzeihung. Karl Maria stand und lauschte. Drin bekam einer Hiebe. Deutlich tönte sein Wehgeschrei. Dann hob das Klingen wieder an. Und jetzt dröhnte der feierliche Baß: »In manus tuas, Domine, commendo spiritum meum.« Hellauf jubelte die erste Geige, wurde weich und innig und frohlockte von neuem, weil der Sohn das Werk vollbracht hatte und zum Vater im Himmel heimkehrte. Dann glitt wieder alles auseinander, ein kräftiger Fluch schuf Ordnung. Frau Liesbeth öffnete leise die Tür und ließ Karl Maria den Kopf hineinstecken. Sie wagte nicht einzutreten, bevor ihr Bruder den Satz und seine zwölf Kinder zu Ende gemartert hatte. Schnell und herrlich sollte die Melodie hinfließen, doch sie hatte nur kurzen Atem und widerwillige Erzeugerhände. Oft war es ein Winseln und Kratzen. Aber es war und blieb ein Sturm, der vor dem Erdbeben wehte. Die Hörner trieben es am tollsten, wollten gar nicht mehr schweigen und ließen die armen Geigen nicht zu Worte kommen. Soviel Freude hatten die Hornbläser an dem prächtigen Lärm, der sogar für ein wirkliches Erdbeben hingereicht hätte. Lisbeth schob sich leise hinter ihren Buben und sah den Bruder, der sein Cello hielt. Kleine, größere und fast erwachsene Buben und Mädel seufzten und wischten den Schweiß von den jungen Stirnen. Groß und erhaben thronte Johann Sebastian unter seinem Volk. Da erschaute er Frau Lisbeth und ihren Knaben, warf das mächtige kahle Haupt nach vorn, daß das Blut ins fette Antlitz schoß, und streckte den Cellobogen wie ein Schwert von sich: »Du bist's, Schwester?« Dann sank der Fiedelbogen langsam herab und sauste schließlich mit wilder Kraft auf den Rücken eines dicken, zwölfjährigen Jungen, der noch das Horn in der Hand hielt, und eine mächtige Baßstimme brüllte den Text zu dieser Melodie: »Lausbub, verdammt in Apoll! So denkst du den seligen Meister Haydn zu verschustern?« Der dicke Junge duckte sich und suchte seine fette Leiblichkeit vor dem musikalischen Schwert zu schützen. Nachdem Herr Williguth seinen Zorn, der eigentlich der Schwester galt, die den Lumpen Tredenius geheiratet hatte, auf dem Rücken seines Buben ausgetrommelt, schrie er grimmig: »Instrumente versorgen, Musikidioten!« Hierauf stieg der Riese von seinem Hochsitz und nahm Lisbeth in den Arm. Es war mäuschenstill. »Du armes, armes Ding!« Karl Maria zupfte ihn am Ärmel: »Ich lasse sie nicht schlagen.« Und mutig blickte er zu dem Onkel auf. Frau Lisbeth schrak zusammen, machte sich los und sah den hilfsbereiten Kleinen schier zornig an. »Komm!« sagte der regens chori und zog die Schwester mit sich. Karl Maria stand ganz allein unter den großen dicken Williguth, die sich gegenseitig neckten, an den Ohren zogen und ein gar nicht scherzhaftes Raufen anhuben. Nur der Mann mit der Primgeige im Arm schritt groß und knochenstark, trotz seiner vierzehn Jahre, auf den Kleinen zu, hob ihn mit einem Ruck auf die Schulter, hielt ihn an den Beinen fest und lachte. Ein kleines Mädchen, dem flachsgelbes Haar um die Schulter wehte, lief herbei und sagte gutmütig: »Laß ihn, Giacomo, er ist noch zu klein.« Aber sie selbst war nicht älter als Karl Maria. Statt einer Antwort griff der junge Riese auch sie auf, schob Karl Maria auf die eine Schulter, stellte das blonde Ding auf die andere und sagte schmunzelnd: »So, jetzt seid ihr beide groß!« Das Mädel ward rot: »Wie heißt du eigentlich?« »Karl Maria. Und du?« »Kunigunde. Eigentlich Gundl, das ist mir lieber.« »Kundry heißt sie,« heulte der Balg mit dem Horn und schwang das mißhandelte Instrument wie einen Tomahawk. »Kundry, die Hexe!« brüllte der Chor, der blutwenig von Musik, aber viel von den närrischen Namen wußte, mit denen Williguth seine Nachkommenschaft geziert hatte. Das Mädel weinte. Karl Maria beugte sich ritterlich hinüber und küßte sie. Da ward sie rot und glücklich: »Du bist gut.« Eine große, schwere Frau trat jetzt ins Zimmer und trug eine Platte mit riesigen Butterbroten. Sie lachte über das breite rote Gesicht, als sie das Durcheinander erblickte: »Da hat man's wieder! Das nennt er dann Musik!« »Das ist der Karl Maria Tredenius«, stellte Giacomo vor, »Tante Lisbeth ist beim Vater.« »Da muß ich doch gleich – o Gott, o Gott,« ächzte die dicke Frau, »sonst rennt ihm wieder das Herz davon.« Sie stellte schnell die Butterbrote auf das große Schlagwerk und lief schnurstracks dem weichen Herzen ihres Eheherrn nach. Die kleine Gesellschaft fiel über die Platte her und tat sich gütlich. Kunigunde teilte ihr Stück mit Karl Maria und bat mit leiser Stimme: »Willst du meine Puppen sehen?« Ihr neuer Freund nickte. Er hatte Angst vor diesem wilden Volke, das am hellen Sonntagmorgen so lärmte. Das kleine freundliche Mädchen führte Karl Maria eine schmale Hintertreppe hinab, stieß mit dem ganzen Körper eine nur angelehnte Tür auf, – und Karl Maria stand im Wunderlande. Maiblüte war es, der langgestreckte Obstgarten trug sein Hochzeitskleid; im jungen Gras lagen ganze Häufchen von weißen und rosenroten Blüten, die es in ihrer duftigen Freude allzu toll getrieben hatten und deshalb abgestürzt waren. Nun mußten sie sterben. Ein Summen von Bienen brummte auf und nieder, gewaltig im Baß. Und darüber läuteten die Sonntagsglocken die Meßzeit ein. Es war ein feines Zittern in der Luft, das Karl Marias Ohr sogleich auffing. »Hörst du die Musik?« fragte er. Doch Johann Sebastians unmusikalische Tochter erwiderte bedrückt: »Die Glocken läuten.« »Nein, hier, dicht bei uns. Die Bienen und der Wind. Hörst du nicht?« »Nein,« gestand die blonde Kundry sehr beschämt und zog den Knaben schnell fort zu ihrem Puppenhaus. In einem alten, einstöckigen Gartenhäuschen war Gundls Puppenheim. Zwölf Puppen beiderlei Geschlechts saßen und lagen herum. Es gab da häßliche und schöne, armselige Fetzenkinder und vornehme Porzellanpuppen mit starren, hochmütigen Augen. Und nun verwunderte sich der Bub, wie Gundl: »Guten Morgen, liebe Kinderchen« beim Eintritt sagte, dann die Reihe abschritt, ein Gesicht küßte, eine andere Puppe beim Schopfe zog, weil sie sich wieder nicht gewaschen habe, und dann die Sonntagstoilette vornahm. Eine greuliche Fetzenpuppe, deren Gesicht eine gerunzelte Kastanie bildete, in die zwei schwarze Schuhknöpfe als Augen geklemmt waren, bekam ein prächtiges rotes Kleid, weil sie in der letzten Woche die bravste gewesen sei. Und Kundry erzählte, daß sie mit Mutters Hilfe dies Festkleid aus einem von Vaters rotseidenen Taschentüchern selbst zusammengenäht habe. »Es kommt alles viel billiger, wenn man es daheim macht!« Sie plapperte wichtig diesen Satz her, wie sie ihn wohl von den Großen gehört hatte, und schien sehr stolz darauf. Karl Maria dachte nach, dann fragte er hastig: »Kann man auch eine Geige daheim machen?« »Ganz gewiß.« »Weißt du nicht wie, Gundl?« »Ach nein. Ich bin so dumm.« Und einen Augenblick ging ein trauriges Lächeln über das helle Kindergesicht. Dann spielten sie mit der Puppenküche. Er sammelte dürres Holz, schleppte Wasser und brachte Veilchen und Blütenblätter vom Markt heim. Sie schalt, wenn er etwas schlecht machte, und lobte, wenn er brav war. Er machte aber meistens seine Sache schlecht und lässig, weil er immer noch grübelte, wie er sich selbst eine Geige verfertigen könnte. Der Joseph Italiener würde ihm dabei sicher helfen. Das war sein Trost. Schließlich erklärte Kundry, sie müsse jetzt einige Puppen ins Bad tragen, nahm ein altes Taschentuch als Handtuch mit und gab Karl Maria eine Puppe in den Arm. Die andere hielt sie an ihr Herz gedrückt und sagte belehrend: »Anständige Kinder müssen baden. Sonst werden sie schmutzig und dürfen nicht in den Himmel. Mama gibt dir dann auch einen Kuß und kocht dir Veilchenkompott.« Karl Maria trabte geduldig hinterdrein und sah dem Puppenbad zu. Nun kam seine Puppe dran. Aber plötzlich rutschte Gundl aus, das Porzellankind entglitt ihr und sank im Wasser des Teichleins unter. Gundl heulte: »Nun muß sie ertrinken!« Sie rang die Hände und tat verzweifelt. Karl Maria aber überschritt die Wiese, in der er abseits stehen mußte, weil die Kinder sich beim Baden vor dem Papa schämten, wie Gundl behauptete, und marschierte schnurstracks in das seichte Wasser, das ihm bis ans Knie reichte. Er bückte sich und holte das Puppenkind vom Grunde. Stolz überreichte er den Schatz der blonden Gundl, die das nasse Ding innig herzte und küßte. Mit einem Male fiel ihr ein, daß der arme Lebensretter zähneklappernd daneben stand und sich verzweifelt die Sonne auf den Bauch scheinen ließ, von dem das Wasser in kleinen Bächlein lief. Sie warf die Puppe ins Gras und fragte mitleidig: »Ist dir kalt?« Er klapperte mit den Zähnen und schüttelte heldenmütig den Kopf. Gundl warf einen suchenden Blick ringsum, doch sie fand nichts. Da riß sie ihr Schürzlein herab, kniete vor Karl Maria hin und rieb und trocknete emsig. »Ach, Gundl,« seufzte der Bub und tat einen heftigen Nieser in die Sonne. Zwei dunkle Schatten fielen über das lenzgrüne Gras, und vor den Kindern stand Johann Sebastian mit Frau Lisbeth. »Was ist meinem Buben geschehen?« rief die Mutter und zog Dame Kundry am Flachshaar empor. »Gar nichts,« sagte Karl Maria und lächelte glücklich. »Er hat meine Puppe aus dem Teich geholt,« beichtete reumütig die zitternde Gundl. »Steck' ihn ins Bett und gib ihm Fliedertee zu trinken!« riet Herr Williguth und sandte unheilvolle Blicke nach seiner Tochter. Und so geschah es. Den ganzen Tag lag Karl Maria im Bett des dicken Hornbläsers, bekam Tee und Glühwein und glühte wie ein Apfel im Bratrohr. Er hatte selige Träume, in denen Engel musizierten und der heilige Petrus dazu die Orgel spielte. Die schuldbewußte Gundl saß am Bett und hielt seine Hand, voll Angst, daß er sterben könnte. Als er im Halbschlaf wieder von einer Geige sprach, schlich sie fort und kramte aus einem Winkel alte Geigensaiten zusammen, die legte sie ihm auf das Deckbett. Und als er erwachte, faßte er diesen Schatz mit beiden Sünden und war fest entschlossen, sich eine Geige zu machen. Aber Onkel Johann Sebastian sagte er nichts davon; er hatte Angst vor diesem Riesen mit der Stimme, die so gewaltig rollte wie der Donner. So gingen sie am Abend aus dem »Blauen Herrgott«, Karl Maria mit einem Schnupfen und einer Handvoll zerrissener Geigensaiten, Frau Lisbeth mit dem Gelde, das ihren Mann wieder ehrlich machen sollte.   Im Judengärtlein saß der kleine Karl Maria nun manchen schönen, hellen Maitag und mühte sich verzweifelt, die geschenkten Saiten auf eine leere, niedere Zigarrenkiste zu spannen, die er dem Gideon Italiener abgebettelt. Gideon rauchte gern wertvolles Kraut, in dessen blauen Ringen seine Seele auf luftige Wanderschaft flog. Aber Karl Maria hatte kein Glück mit der schönen Schachtel und brachte keine Geige zustande. Mit dem Fiedelbogen ging es besser. Ein Fliederzweiglein bog er zusammen und knüpfte eine von Gundls Saiten an beide Enden. Als er wieder einmal verzweifelt sich plagte, kam der elegante Jacques Italiener daher, der gern aus dem Gärtchen Flieder mauste. Als er den Kleinen so gekränkt und hilflos sah, fragte er überlegen: »Was soll's denn werden?« »Eine Geige. Aber ich kann's noch nicht.« Da lachte Herr Jacques und hob die unglückselige Zigarrenschachtel empor; die Saiten zitterten, daß es ein ganz feines Schwirren gab. Jacques war stets geschmeichelt, wenn er seine Geschicklichkeit zeigen konnte, und die Zähigkeit Karl Marias gefiel ihm. Der Kleine träumte von einer Geige und der vornehme Jacques von einem großen Warenhaus. So versprach er dem Buben, aus der dummen Kiste eine Geige zu machen. Und er hielt sein Wort, leimte, schnitzte, setzte einen Steg auf, bohrte die Löcher und spannte die Saiten mit kleinen Schrauben fest. Hals hatte diese Geige freilich keinen, sah auch einer Zither weit ähnlicher als irgendeinem anderen Instrument; aber sie konnte, besonders wenn man mit den Fingern ein wenig nachhalf, doch ein paar leidlich klare und vernehmliche Töne von sich geben. Es war ein Festtag für Karl Maria, als er dies Geschenk erhielt. Die Linde hatte schon grüne Blätter, der alte Rosenstock auch, und der Flieder duftete im Abblühen doppelt süß. Bienlein summten um die violette Pracht, Mücken tanzten im Sonnenlicht auf und nieder, immer zwischen zwei Tönen in der Terz. Und Karl Maria saß mit Geige und Bogen und lauschte diesem leisen Leben. Er atmete schwer, als er den ersten Strich tat. Es war ein artiges Kratzen. Auch mit den kleinen, auffallend gelenkigen Fingern half er wacker nach und zupfte an den Saiten, wie er es von Joseph gesehen hatte. So feierte er das Fest seiner ersten Geige.   Und dieses Fest dauerte den ganzen Mai. Die Bienen ließen sich durch sein armes Spiel nicht stören; sie summten fleißig und wohlwollend, als wollten sie Karl Maria weisen, wie er es machen müsse. Die Mücken tanzten ihr Sonnenballett und musizierten dazu ganz zart, wie Harfenspiel. Der Bub plagte sich, es den Mücken und Bienen gleichzutun, seine Finger waren fein und geschickt, nur mit dem Bogen blieb es ein mißliches Ding. Im Fliederstrauch nistete jetzt ein Amselpaar. Das Männchen setzte sich oft neben den winzigen Musikanten und schmetterte sein Liedlein aus dem gelben Schnabel. Manchmal, wenn sein Mut stark und keck ward, spielte Karl Maria der kleinen Miriam vor, die gerne zu seinem Spiel tanzte. Sie und ihr Bruder Jacques waren die einzigen, die um Karl Marias Geheimnis wußten. Nicht einmal die Mutter weihte er ein. Immer hatte er Angst, man könne ihm seine einziggeliebte Geige rauben. Als einmal gerade die Amsel sang und er geigte, kam plötzlich seine Schwester Martha in den Garten. Sie brach keck die allererste schüchterne Rosenknospe, die Karl Maria seit Tagen voll heimlicher Freude bewunderte, von dem alten Stock und steckte ihre Stupsnase in die gelbe Blütenpracht. Zu Tode erschrocken schob Karl Maria seine Geige ins Gras und legte den Fiedelbogen unter den Fliederstrauch, dann rupfte er schnell Löwenzahn und blies eifrig die Blütenfedern ab. Aber Martha sah ihn gar nicht, sie ging gemächlich auf und ab, wiegte sich kokett in den Hüften und trällerte vor sich hin. Karl Maria drückte sich sachte immer tiefer unter den Fliederbaum, bis er ganz darin verschwand. Da erschien Herr Jacques, blickte sich vorsichtig um und legte spitzbübisch die Hand an den Mund. Dann zeigte er Martha etwas, worauf diese in die Hände klatschte und ihm einen Kuß gab. Mit beiden Händen faßte sie das Geschenk und breitete es vorsichtig auseinander. Die Sonne fiel darauf, und Karl Maria sah ein rotseidenes Garibaldi-Hemd. Er atmete schwer, als sei vor seinen Augen eine Sünde geschehen. Am Abend schon trug Martha das rote Jäckchen, das sie in einem Räumungsverkauf überraschend billig erstanden haben wollte. Frau Lisbeth biß die Lippen aufeinander und schwieg. Der Vater aber lachte und bewunderte Martha: »Die hat es weg!« Karl Maria saß steinunglücklich und hatte Todesangst, daß jetzt etwas Furchtbares geschehen müsse. Aber es geschah gar nichts. Als er am nächsten Morgen alles der Miriam erzählte, lachte diese ihn aus: »Unser Jacques ist ein Lump.« Doch Karl Maria wußte nicht einmal, was ein Lump sei. Er schämte sich bloß, daß er diesem Jacques seine Geige verdankte. Die Miriam aber hüpfte durchs Gärtlein, flocht einen Kranz aus den gelben Löwenzahnblüten und drückte ihn ins Haar. »Gib acht, Dummerl!« rief sie und tanzte vor ihm auf dem frühlingsgrünen Gras, wunderhübsch mit dem gelben Schmuck im goldhellen Haar. »So tanz' ich Mittwoch in der Oper im neuen Ballett. Meine erste Solopartie!« Sie überschrie sich fast: »Und alle werden klatschen. Siehst du, so und so.« Laut schlug sie die schmalen, festen Hände zusammen. »Darf ich auch hin?« Sie stand auf einem Bein, beschrieb mit dem anderen kunstvolle Kreise in der Luft, hielt den Kopf schief und dachte nach: »Hübsch wär's schon. Die Ermattinger könnte dich in die Künstlerloge nehmen.« Nach einer Weile aber entschied sie: »Nein, du bist noch zu klein. Später vielleicht.« Karl Maria nickte betrübt. Die Welt war so groß, und er so klein. Wie eine schwere dunkle Wolke zog dieser Gedanke über ihn hin. Später machte sich Miriam an ihren Bruder Jacques, blinzelte ihn von untenher an und fragte sanft: »Was bekomme ich geschenkt, wenn ich schweige?« »Freches Ding!« brummte der Auslagenarrangeur und schob seine Krawatte zurecht. »Mutter ist vielleicht neugierig, Jacques –.« »Was weißt du denn schon wieder?« »O, nichts.« Sie tat gekränkt und strebte nach der Küchentür. Da packte er sie an beiden Armen: »Farbe bekennen, du Giftkröte!« »Ist das Jäckchen wirklich so schön, Jacques?« Er fixierte sie drohend, doch sie lachte nur. »Hast du es teuer bezahlt?« Er war wütend: »Ist eine Schachtel Bonbons genug?« »Aber Schokolade mit süßer Füllung, das bitte ich mir aus!« »Sollst sie haben, kleines Luderchen,« antwortete Jacques Italiener und überzählte in Gedanken seine knappe Barschaft. Sollte Martha geplaudert haben? Ach nein, die Miriam war ein Ekel, das in allen Ecken sich verbarg und einfach das Gras wachsen hörte. Das Häkchen krümmte sich beizeiten. Auch Jacques bewunderte das frühreife Kind, wie die ganze Familie Italiener. Wie keck sie nur nach der kleinen Solopartie gehascht hatte! Jacques mußte lachen. Aus dem Nichtsnutz konnte etwas werden. Der Ballettmeister hatte in der Übungsstunde gefragt, ob eines von den Kindern den Mut zu der Rolle im Ballett »Blaubart« hätte. Alle schwiegen, nur die Miriam trat resolut vor: »Ich!« Der Gewaltige lachte spöttisch: »Du Knirps? Unsinn.« Die Miriam jedoch warf sich in Positur und fragte kurzerhand: »Was habe ich zu tun?« Und jetzt sollte das siebenjährige Ding wirklich als kleinste Koryphäe die Kinderrolle tanzen. Jacques ward beinahe weich bei dem Gedanken. Die war kein Schlemihl. Frau Charlottens Blick streifte in diesen Tagen oft in schlecht verhehlter Verachtung den armen Joseph, der nach seiner mißglückten Konzertreise nach Laibach im Operettenorchester untergekrochen und so aus dem ehemaligen Wunderkind ein richtiger Schlemihl geworden war. Frau Charlottens fette, aber energische Hände begruben die Hoffnung, die sie vor zehn Jahren an den ältesten Sohn gehängt, und bauten ein neues Haus für die kleine Miriam, die es so mutig mit dem Leben wagte. Voll Stolz besetzte die Mutter ihr gelbseidenes Festkleid mit schönen cremefarbenen Spitzen und erstand bei einer Nachbarin in der Judengasse ein paar elegante Schuhe, in die sie mutig ihren Fuß zwängte, als der bedeutungsvolle Abend da war. Der starke Gideon mußte im Laden bleiben, weil der alte Isaak, der für die Firma Italiener abgelegte Kleider einkaufte, gern mehrere Schnäpse zu sich nahm und deshalb nicht ganz vertrauenswürdig erschien. Auch fürchtete Frau Charlotte, dem Herzblatt Miriam könnte Übles zustoßen, wenn ein solcher Tunichtgut wie ihr Eheherr, der sechs lebendige Kinder hatte und nun tatenlos in den blauen Himmel guckte, am Geburtstage von Miriams Ruhm mit dabei säße. Joseph küßte die kleine Schwester. Ihm war ganz seltsam zumute. Vor zehn Jahren ging er hinaus wie heute die Miriam und lief dem Ruhme nach. Jetzt saß er tagsüber bei dem Vater im dunklen Laden und mußte abends die Geige streichen zu dem Blödsinn, der wie ein Mechanismus sich zum 150. Male abhaspelte. Der unbeholfene, schwere Mund des Joseph zog sich in bittere Falten: »Werd' glücklich. Kleine!« Die Miriam aber blickte ungeduldig auf die alte Rokokouhr, die vorn im Laden stand.   Frau Charlotte im Gelbseidenen rauschte würdig durch die Parkettreihen, von dem eleganten Jacques geleitet. Die Miriam war keck und ganz allein durch das Bühnentürchen in die schmale Straße gerannt, die zum Glück führte. Die Mutter seufzte gewaltig, daß die schönen Spitzen auf dem umfangreichen Busen zitterten und Jacques verzweifelt sich abwandte und eine Logenschönheit durch sein Glas fixierte. Mutter hatte gar keine Weltgewandtheit. Er bangte, daß sie mit den Sitznachbarn sofort ein Gespräch beginnen könnte. Zum Glück setzte das Orchester ein. Frau Charlotte aber kränkte es, daß ihr Joseph da draußen in der Vorstadt spielte. Ihre Lippen bewegten sich leise, sie bat in hebräischer Sprache ihren Gott um Erbarmen mit dem Kinde, das heute vor diesen vielen reichen Menschen tanzen sollte. Das alte Ballett »Blaubart« von Vestris war neu einstudiert und prunkvoll ausgestattet, weil ein Prinz seine Herzallerliebste gern tanzen sah. Sie gab die Hauptrolle, in der einst Fanny Elßler Berlin entzückt hatte. Das indische Milieu bot reiche Gelegenheit zu Pracht und Glanz. Alles leuchtete und flirrte, daß es der guten Frau Charlotte aus der Judengasse fast sündhaft schien. Schon in der dritten Szene sprang Miriam lustig in der Volksmasse mit, die dem Einzug des Blaubart zusah. Der zweite Akt spielte im Palaste des Rajah Abomelick. Das Kind Beda aber gab die Miriam Italiener. Frau Charlotte kam von dem Theaterzettel nicht los, der diese Kunde enthielt, obschon es ganz dunkel war und sie gar nichts lesen konnte. Jacques stieß sie leise an: »Da ist die Miriam.« »Mein goldenes Herzblatt,« seufzte Frau Charlotte und begann zu weinen, daß ihre Tränen wie ein Büchlein durch die schwarze Stille liefen. Miriam tanzte wie ein Kobold, die roten Schleier wehten um sie. Wie ein Bote Gottes, dachte die Mutter. Voll Neugierde näherte sich jetzt Miriam der geheimnisvollen Tür, die zu Blaubarts unterirdischer Kammer führte. Sie bog sich zurück und klopfte mit der Fußspitze dreimal an die hohe goldene Pforte. »Der Balg ist kostbar,« sagte jemand neben Frau Charlotte. »Danke,« stammelte ganz verwirrt die dicke Frau. Als Abomelick auf dem Thron saß und die Huldigungen zu seiner Hochzeit entgegennahm, leuchteten wieder Miriams rote Schleier aus der Menge hervor. Dann sank der Vorhang. Und jede einzelne Hand klatschte für die Frau aus der Judengasse einzig und allein ihrer Miriam Beifall. Sie ärgerte sich nur, daß kein Tänzer nach dem Hausgesetz danken durfte. Es schien ihr eine persönliche Bosheit. Der Herr, der vorher Miriam gelobt hatte, lächelte jetzt der erregten Frau zu. Da strömte ihr Herz über, und in ihrem schönsten Hochdeutsch gestand sie dem freundlichen Herrn, daß die Kleine ihre Tochter sei. Voll Entsetzen ergriff Jacques die Flucht. Der Herr aber plauderte sehr verbindlich mit Frau Charlotte. Es war ein großer schöner Mann mit hellen blauen Augen und einem angegrauten Schnurrbart. Mit feinem Lächeln hörte er, was Frau Charlotte überlaut erzählte. Eine Gruppe bildete sich. Da zog er die Brauen hoch: »Da will ich gleich mal der Kritik um den Bart gehen.« Er nickte leicht und trat auf mehrere Herren zu, die ihn zuvorkommend begrüßten. »Das muß ein Fürst sein,« grübelte Mutter Charlotte und sah wundervolle Zukunftsbilder. Doch es war nur der Geiger Hans Geßner.   Mit heißen Wangen saß Miriam zwischen Mutter und Bruder und fuhr heim. In ihren Ohren rauschte noch der Beifall, auf ihren Lippen brannten noch die Küsse, die Ballettmeister und Solotänzer dem kleinen Wunder gegeben. Wie ein Pfau dehnte und räkelte sie sich. Plötzlich rief sie: »Ich will Blumen haben.« Frau Charlotte murmelte eine schwache Einwendung, doch Jacques ließ den Wagen halten. Da lief Miriam in den Laden, Mutter und Bruder hinterher. Sie kaufte dunkelrote Rosen und trug sie stolz zurück. Nach einer kleinen Weile ließ sie wieder halten, und als jetzt Frau Charlotte ernstlich widersprach, schlug sie zornig gegen die Scheiben: »Ich will aber!« Diesmal galt es einem Delikatessenladen. Doch sie wußte nichts zu wählen, als sie unter all den Leckerbissen stand. Hochrot und verlegen zupfte sie Jacques am Ärmel: »Suche du aus!« Das tat er nun. Zuletzt deutete Miriam auf ein kaltes Huhn: »Für Großvater!« Da küßte Charlotte das Kind und war sehr gerührt, unterließ es auch nicht, dem ganzen Personal die Geschichte des heutigen Abends zu erzählen.   Vater Gideon hatte den Abend mit dem alten Isaak im Laden verbracht, in einer schweren, dunklen Stimmung, deren er nicht Herr werden konnte. Es schien ihm, als entrisse ihm dieser Abend seine Miriam, deren kindische Freude an Flitter und Tand er nie recht leiden mochte. Er war ein beschaulicher Mensch, der gern den Dingen auf den Grund sah und nie an den endgiltigen Erfolg glaubte. Darum war ihm dieser auch stets aus dem Wege gegangen. Seine Gedanken liefen immer wieder zu seinem Joseph, der jetzt im Operettentheater die Geige strich. So hatte es mit Joseph auch begonnen. Gideon lächelte trübselig und machte sich auf den Weg, seinen Sohn abzuholen. Er war heute mit Joseph milde und vertraulich, wie schon lange nicht, scherzte und lachte, als stände Laubhütten vor der Tür. So suchte er Joseph irgendein Unrecht abzubitten, das der Junge in dem Erfolg der Miriam, den Vater Italiener trotz seines sonstigen Mißtrauens kurzerhand vorwegnahm, etwa finden konnte. »Man muß es innen haben,« sagte er schließlich philosophisch. Aber es blieb ungewiß, was er damit meinte. Als sie vor ihr Haus kamen, löste sich eine kleine Gestalt aus dem Torschatten, lief ihnen entgegen und schwang ein Fliederkränzlein. Es war Karl Maria. »Für die Miriam,« flüsterte er und huschte heim. Joseph nahm das Geschenk und zog den Mund in herbe Falten. Dem Karl Maria Tredenius sollte erspart bleiben, was wie ein schwarzer Schatten über Joseph Italiener lag. Da hörte er einen Wagen heranrollen. Vater Gideon faßte nach seiner Hand: »Sei stark, Joseph!« So empfingen sie die triumphierende Miriam.   Der Oktober war für die Kinder Italiener stets ein froher Monat, weil man da Laubhütten feierte, überall roch es gut nach süßen gefüllten Fladen und frischem Obst, man durfte am Wein nippen und erhielt Datteln, Apfel und Nüsse. Im Gärtlein stand Hütte an Hütte, bunt geputzt, das dünne Laub raschelte, wenn man in die Laube trat, fromme Gebete erfüllten das sonst so stille Fleckchen Erde mit lautem Singsang. Untertags aber hockten die Kinder allein in den raschelnden Laubhütten, bewarfen sich mit welkem Laub, aßen im Übermaß zur Feier des Festes und spielten die besten Leckerbissen im Mariandlspiel aus. Das war so aufregend wie ein richtiges Hasardspiel. Von den acht schmalen Feldern eines achteckigen Kreisels, der auf einem dünnen, spitzen Beinfüßchen stand, waren sechs genau wie Dominosteine ausgestattet, mit mehr oder weniger schwarzen Punkten; die siebente Fläche war ganz leer, und ihr gegenüber trug die achte das Bildchen einer bunten kleinen Marketenderin, der »Mariandl«. Voll Spieleifer drehten die Kinder den Kreisel, der schnurrend tanzte und stets nur auf eine der acht Seitenflächen fallen konnte, wenn er zur Ruhe kam. Die oben liegende Fläche galt und zeigte Gewinn oder Verlust an. Man spielte um Feigen, Datteln und Nüsse, die Knaben auch um Federn oder Briefmarken. Kam die »Mariandl« obenauf zu liegen, so bedeutete das den höchsten Triumph, und der glückliche Gewinner heimste von allen Seiten ein. Miriam trieb dies Spiel mit Leidenschaft. Selbst Gideon und Jacques fanden daran Gefallen und ließen den Kreisel wirbeln, wie dies Miriam im Ballett tat, nur spielten die Männer um Geld. Miriam saß mit der Sparbüchse, einem grünen Affen mit gewaltigem Bauch, daneben und bettelte um milde Gaben. Das kleine Mädel hatte sich überhaupt langsam in den Mittelpunkt geschoben. Voll Stolz blickten Eltern und Geschwister auf den Karton, der unter Glas und Rahmen drei Zeitungsausschnitte zeigte, die Miriams Tanz im »Blaubart« lobten. Darüber hing ein welkes, verstaubtes Kränzlein, das leise raschelte, wenn der Wind durchs Zimmer strich. Karton und Kranz hingen über einem alten, unendlich tiefen und breiten Sofa, das die Kinder den »Elefanten« nannten. Das Ungetüm war vielleicht hundert Jahre alt, hatte hohe dünne Füße von Kirschholz in blanken Messingschuhen und war mit einem weißen, braungestreiften Baumwollstoff bespannt. Miriam schlief auf diesem Sofa. Des Nachts schob man einfach drei Stühle mit dem Rücken vor den »Elefanten«, damit ein schlimmer Traum Miriam nicht zur Erde bringen konnte. Zu dem Untier gehörte auch ein kreisrundes Fußbänkchen in ganz gleicher Ausstattung, das aber merkwürdigerweise nicht »der junge Elefant«, sondern die »Schildkröte« hieß und abwechselnd als Puppenbett und als Reitpferd dienen mußte. Prasselte an den Tagen des Laubhüttenfestes der Regen vom Himmel und ließ die Hütten einsam und leer, krochen die Kinder auf den geduldigen Rücken des »Elefanten«; sie trugen Palmen und Weidenzweige in der Hand, die ja auch zu diesem Feste gehörten. Um einen Fuß des Sofas war eine Leine geschlungen, die eines der Kinder, das auf der »Schildkröte« ritt, in die Hand nahm. So konnte der »Elefant«, nach dem Kinderglauben, nicht mit den Kleinen ins Meer rennen. Die Leine hielt meist der kleine Karl Maria, den Miriam den Negersklaven nannte und zum Dank für seine Dienste mit Datteln und Feigen fütterte. Manchmal bekam auch der »Elefant« süße Kost, und manchmal wurde er geschlagen, wenn er dumm war. Der gutmütige Joseph spielte wohl auch den Kindern auf, und sie tanzten zu seinen Melodien, die Buben wie kleine Bären, die Mädchen wie Elflein, die Palmzweige in der Hand. Auch Karl Maria brachte seine Zupfgeige mit. Er hatte den Sommer über fleißig weiter gelernt von den Bienen, den tanzenden Mücken und von dem guten Amselpaar. Auch in der Schule, wo er seit dem September das Buchstabieren trieb und mit Schiefertafel und Griffel hantierte, träumte er fort und fort von seiner Geige. Aber zum Glück half die gute Mutter nach, und Karl Maria hatte einen hellen Kopf, der neben der Schulplage Zeit und Freiheit für die süße Heimlichkeit behielt. An diesem Laubhüttenfest aber spielte er zum erstenmal öffentlich und mit großer Würde vor den Kindern Italiener. Selbst Joseph hörte ihm bewundernd zu, wie er ein winziges Stückchen Melodie beweglich hin und her bilanzierte, noch plump und ungelenk, aber tatenfroh und sehnsüchtig. Die häßliche Zigarrenkiste mit Onkel Williguths alten Saiten tönte wirklich, weil in Karl Marias Fingerspitzen Musik saß. Manchmal, wenn so der Bogen über die Saiten strich, horchte Joseph hoch auf, weil hart und unvermittelt aus dem kindischen Klimpern plötzlich ein Stückchen echter Melodie anklang, kräftig und süß, wie ein Mittag im Hochsommer. Die Augenbrauen zusammengekrampft, daß dicke Längsfalten auf der Stirn lagen, den Mund fest geschlossen, den Blick ganz nach innen gerichtet, spielte der Kleine auf seinem lächerlichen Instrument. Verzweifelt hielt er die paar Takte fest und suchte sie immer reicher zu verschlingen. Gelang dies nicht, seufzte er und legte die Geige ans Ohr, um zu lauschen, wie ein Arzt, der ein krankes Herz behorcht. »Wie ein Affe!« lachte die Miriam, die stolz und einsam auf dem »Elefanten« thronte. Karl Maria sah die hübsche Freundin verlegen und vorwurfsvoll an; ihm hing sein Leben an diesem Spiel, und die Miriam lachte darüber. Trotzig packte er seine Schätze ein und wandte sich zur Tür. Da lief ihm die Miriam nach, faßte ihn am Arm und rief: »Bleib' da, Dummer!! Ich hab' dich ja doch lieb, wenn ich auch schon eine richtige Ballerine bin und du erst ein richtiger ABC-Schütz!« »Ich brauche dich überhaupt nicht,« gab der Gekränkte zurück. Doch sie ließ ihn nicht. Wie eine kleine Katze schmiegte sie sich an ihn, schnurrte vertraulich und spann ihn wieder in den alten Bann. Noch immer etwas gekränkt, bestieg er mit ihr zum Zeichen der Versöhnung den »Elefanten«, Geige und Bogen im Arm. Miriam löste übermütig ihr Haar und ließ es wie einen goldenen Schleier um sein Gesicht wehen, daß er ins Märchen kam und unversehens einschlief. Sie aber lächelte und freute sich ihrer Macht. Wie aus weiter Ferne kam der Lärm aus dem Garten, wo jung und alt das Fest feierte. Miriam küßte den Schläfer, legte ihre Arme um ihn und hockte dann ganz still auf dem braun- und weißgestreiften Riesensofa, wie eine kleine Mutter. Schließlich schlummerte auch sie ein, bis Frau Charlotte ins Zimmer trat und die Kinder zum Abendessen in den Garten rief. Auch Karl Maria ging mit, obwohl er wußte, daß er für sein Ausbleiben und seinen Ungehorsam vom Vater Schelte und Schläge zu erwarten hatte. Es war eine milde, fast warme Nacht, die sich aus dem August in den Oktober verirrt hatte. In den Lauben, deren Blattwerk schon welk und verstaubt niederhing, blitzten rote und blaue Lampions. Und bei diesem Märchenlicht saßen die Judenfamilien in dem engen Gärtchen, dicht aneinander gedrückt, und schmausten. Großvater Samuel nahm die Miriam auf den Schoß und fütterte sie mit den besten Bissen. Nachbarn kamen herbei und plauderten, die Kinder liefen nach dem Essen im Halbdunkel hin und her und trieben allerlei Spiele. Lustige Schreie flogen auf und duckten sich schnell wieder, wenn ein zahnloser Alter sein Mahnwort dazwischen warf. Wie ein blaues, goldbesterntes Tuch lag ein Stück Nachthimmel über den hohen, düsteren Feuermauern. Joseph strich die Geige, das junge Volk wirbelte im Tanz und stampfte in dieser Herbstnacht den letzten grünen Rasen zugrunde. Im welken Fliederbaum orgelte der Nachtwind. Die Linde warf ihre goldenen Blätter wie Dukaten unter das fröhliche Volk. Großvater Samuel saß jetzt ganz allein. Nur Karl Maria blieb bei ihm, die Miriam lief und sprang mit den Kindern. Frau Charlotte erwog mit zwei Nachbarinnen eifrig die Solidität einer Partie, die man der einen für ihre Tochter angetragen hatte, und Gideon spielte in der Nachbarlaube Karten. Da faßte Karl Maria sich ein Herz und holte seine Geige. Gutmütig lächelte der alte Samuel und strich dem Buben übers Haar: »Na, spiel' mir auf!« Er lehnte sich in den Schatten zurück, daß ein rotes Lampion seinen Schimmer über den langen weißen Bart warf, während das runzelige Antlitz ganz im Dunkel versank. Das blaue Lampion am Laubeneingang zischte auf und erlosch. Der Wind säuselte durch die raschelnden Blätter und ließ Goldstreifen und Papierblumen nicken, dann hob langsam die Geige an, ganz leise und still. Wie aus weiter Ferne kam die Greisenstimme: »Du kannst es aber, Büble.« Der rot beleuchtete Bart ging im Sprechen auf und nieder. »Er ist ein alter Zauberer,« dachte Karl Maria und geigte emsig weiter. Lachen und Rufen machte den nächtlichen Garten laut und froh. Großvater Samuel seufzte zufrieden: »Schön ist das.« Der Junge nickte geschmeichelt und zupfte an Onkel Williguths Saiten. Langsam sank der weiße Bart in den Schatten und bewegte sich nicht mehr. »Schläfst du, Großvater?« Keine Antwort. Jetzt erlosch auch das rote Lampion mit leisem Zischen. Nur die Sterne guckten durch die Lücken des Blätterwerks. Karl Maria aber packte die Angst. Er faßte den alten Mann am Ärmel. Wieder blieb es still. Da schlich er mit der Geige dicht zu Samuels Ohr und geigte los. Als sich auch jetzt nichts regte, fuhr das Kind in jähem Schrecken mit der Hand ins Dunkel, bis es ein kühles Gesicht traf. »Frierst du, Großvater?« Plötzlich stand ein Unbekanntes vor Karl Maria, still und groß. »Großvater Samuel!« Er ließ Bogen und Geige sinken und faltete die Hände. Dann zog er sein Jäckchen aus und legte es dem alten Samuel über die regungslosen, froststarren Hände. »Er friert ja,« murmelte Karl Maria. Still saß er dann bei dem Toten, während draußen Lärm und Lachen klang, das Stampfen der tanzenden Füße, übertönt von Josephs Geige. Als endlich Gideon, hochrot vor Freude über seinen Kartengewinn, in die dunkle Laube trat, sagte eine feierliche Kinderstimme: »Großvater Samuel ist erfroren.«   Fortan verband Karl Maria mit dem Wort »Tod« etwas Wunderschönes. Der Körper erfror, und die Seele flog zum Himmel. Gott schuf dann schnell einen Engel und ließ die Seele in den Engelsleib schlüpfen. Außerdem durfte Großvater Samuel jetzt im Paradies liebliche Musik hören. Karl Maria grübelte, wie solch eine himmlische Geige wohl aussehen mochte, die Saiten aus Silber, der Körper aus Zedernholz. Der Bogen aber war sicher von reinem Gold, mit Engelshaar bespannt. Manchen Abend wartete das Kind mit dem Einschlafen, hielt sich gewaltsam wach, um den Augenblick nicht zu versäumen, wenn der Engel Samuel mit der Geige käme. Die Miriam glaubte zwar ihren Großvater auch im Paradies, aber nicht als Engel, sondern ganz in seiner irdischen Gestalt, und meinte, Geige werde der alte Herr wohl kaum spielen, eher Karten mit den Wunderrabbis und allen Erzvätern. Und voll Wichtigkeit erklärte sie, Karl Maria könne sich das nicht richtig vorstellen, weil die Juden eben ein anderes Paradies und einen anderen Himmel hätten. Doch der Kleine schüttelte lächelnd den Kopf, er wußte es besser. Und die gute Frau Charlotte, die er einmal befragte, gab ihm recht und freute sich, daß Großvater Samuel, der sich auf Erden nie recht waschen wollte und die Leibwäsche in Fetzen trug, nun ein in silberner Reinheit strahlender Engel sein sollte. »Du bist ein gutes Büble, Karl Maria. Und Großvater Samuel wird sicher auch für dich beten.« Ganz stolz zog er von bannen und gab der Miriam, die Samuel Karten spielen ließ, einen triumphierenden Rippenstoß. Frau Lisbeth aber erzählte ihm, daß am Allerseelentage alle Verstorbenen für eine Nacht in ihr Grab zurückkehrten und sich dann freuten, wenn sie Blumen und Lichter fänden. So wüßten sie, ob die Hinterbliebenen ihr Andenken in Ehren hielten. Jedesmal nahm ihn die Mutter mit auf den Friedhof, wo ihre Eltern lagen. Karl Maria war dann immer geschäftig mit Blumen und Lichtern und bedauerte nur, daß er bloß zwei Gräber schmücken durfte. Da faßte er in den letzten Oktobertagen einen abenteuerlichen Plan. Am Vormittage des Allerseelentages wollte er heimlich mit der Miriam zum Grab des alten Samuel ziehen und auch ihm Blumen und Kerzen bringen, damit die Seele bei ihrer Rückkehr in der Totennacht Freude haben sollte. Der Mutter sagte er, er verbringe den schulfreien Vormittag bei einem Kameraden, und Frau Lisbeth war es zufrieden, daß er sich an einen Jungen seines Alters enger anschloß, als es sonst in seiner scheuen Art lag. Freilich, es war und blieb eine Lüge. Aber Karl Maria hatte vorher seinen Religionslehrer um Rat gefragt, und dieser, ein alter freundlicher Vikar, der nicht Pfarrer wurde, weil er in diesen kampfheißen Sturmtagen eine Friedensschalmei statt einer Lärmtrompete blies, hatte ihm Verzeihung für die Lüge gegeben, als ihm Karl Maria fest versprach, bei seiner Heimkehr vom Friedhof der Mutter alles zu gestehen. Aber eine sichere Begleitung hatte der alte Herr verlangt, weil Karl Maria noch ein so kleiner Junge sei. Ein sehr kluges Mädchen gehe mit ihm, versicherte der Bub, und der gute geistliche Herr nickte befriedigt. Er hatte eine heimliche Scheu, Kinderseelen zu hart anzufassen und ihre Träume in irdische Wirklichkeit umzubiegen. So leerte Miriam den Bauch ihres grünen Sparaffen, und Karl Maria tat dasselbe mit seiner roten Tonkatze. Die kluge Miriam wußte auch den Weg und ein billiges Wägelchen und hatte heimlich von dem ahnungslosen Joseph den Platz ausgemittelt, wo das Grab des Großvaters in dem riesengroßen Friedhof lag. Alles das stand auf einem Zettel, den sie in der Tasche trug. Karl Maria aber hatte ein geheimnisvolles Etwas, in schwarzes Wachstuch gehüllt, unter dem Arm.   Da unten lag also Großvater Samuel. Weil er vor kaum einem Monat gestorben war, sah das Grab noch nackt und kahl aus; nur ein paar dichte Efeuranken zogen ihren grünen Mantel über die braune Erde. Ein Täfelchen mit hebräischen Buchstaben gab den Namen. Karl Maria schien diese Ruhestätte unendlich traurig und armselig. Großvater Samuel würde sicher keine Freude haben, wenn seine Seele heute nacht hierherkäme. Die Miriam hatte indes die mitgebrachten roten und blauen Lampions entzündet und die Stöckchen geschickt in die Efeuranken verhängt, daß sie ganz niedrig blieben und vom Wind nichts zu fürchten hatten. Es war ein sonnenheller, warmer Novembertag. Am blauen Himmel glitten kleine weiße Wolken hin, mit feinen goldenen Säumen. Die Grablaterne, die mitten auf dem Hügel in der Erde stak, wollte Karl Maria erst beim Abschied anzünden, damit sie bis zum Abend brennen sollte. Die Miriam legte jetzt ihren Kranz zwischen den Efeu, schlang einige Ranken darum, daß der Wind ihn nicht fortreißen konnte, und schlich dann zu den Nachbargräbern, wo wunderschöne Blumen wuchsen. Zuerst bat sie sehr artig die Leidtragenden vor den Gräbern um Erlaubnis, einige Blumen für den armen Großvater pflücken zu dürfen. Die Leute nickten gutmütig und ließen das Kind gewähren. Die erbeuteten Blumen streute Miriam geschickt in das Dunkelgrün des Efeus, daß bald bunte Farben darin flammten. Die blauen und roten Lampions leuchteten wie Lichter an einem Weihnachtsbaum. Den Kindern war auch ganz weihnachtlich zumute, als müßten sie heute dem alten Samuel für all das Schöne danken, das er in seiner willenlosen Güte ihrer Kindheit geschenkt, sein sonnenhelles Lächeln und die vielen Kupfer- und Silbermünzen, mit denen seine Freigebigkeit nie gespart. Immer eifriger holte Miriam von allen Seiten Blumen herbei, jetzt auch ohne jede Erlaubnis. Fiel ein hartes Wort, schaute sie bloß trotzig auf und rupfte mit doppelter Emsigkeit weiter. Die Kinder hatten gar nicht acht, daß sich allgemach Leute um sie sammelten und ihr Tun mit zärtlichen oder empörten Augen beobachteten. Karl Maria stand steif aufrecht, wie eine Schildwache, und blickte in den Himmel hinein, über den rasch die Wolken segelten wie weiße Schiffe mit goldenen Segeln, und darin saßen die Toten. Auf einmal trat die Miriam zurück und begann zu tanzen, ein Schrittlein vor und eins zurück. Karl Maria aber riß das schwarze Wachstuch von Geige und Bogen und hob zu spielen an. Er sah die Wolkenschiffe näher gleiten, weiß und goldig angehaucht, der Himmel spannte sich blau und tief wie ein unendliches Meer. Und er wußte, daß Großvater Samuel jetzt sein Spiel hörte, wie einst am letzten Abend des Laubhüttenfestes. Da rief ein frommes altes Fräulein, das in arbeitreicher Verlassenheit ohne Kuß und Kranz hart und derb geworden, keifend dem Wächter zu, diesem schamlosen Unfug ein Ende zu machen. Ehe aber der vergnügliche Säufer das Kinderglück stören konnte, trat ein großer schwerer Mann dazwischen, unter dessen Aufsicht zwei Gärtner gerade einen Riesenkranz gelber Rosen mit breiten prunkvollen Schleifen in den englischen Nationalfarben vor einer Gruft niederlegten, schob das fromme Fräulein beiseite und sagte: »Kinder, hört jetzt auf!« Da blickten sie auf, bemerkten erst jetzt die vielen Menschen und wurden sehr verlegen und scheu. Miriam ballte zornig die kleinen Fäuste, lächelte aber gleich darauf den fremden Herrn mit ihrem freundlichen Ballerinenlächeln an. Karl Maria war ganz rot und mühte sich, die dicke Kerze in der Grablaterne anzustecken. »Was tust du da?« fragte der Fremde. »Die muß bis zum Abend brennen, damit Großvater herfindet.« Der Herr wandte sich zum Wächter und gab ihm Geld: »Sie zünden diese Laterne gegen Abend an.« Verdutzt schauten die Kinder, doch er führte sie rasch hinweg. »Ich bringe euch heim. Wo wohnt ihr? Wie kommt ihr hierher?« Da gerieten sie ins Plaudern und waren froh, von den vielen Menschen fortzukommen. Vor dem Friedhofstor wartete eine kobaltblaue Viktoria mit zwei Eisenschimmeln. »Einsteigen,« sagte der große dicke Herr, »seid ihr hungrig, Kinder?« »Ja!« rief die Miriam und legte dem widerstrebenden Karl Maria schnell die Hand auf den Mund. Der fremde Herr rief dem Kutscher etwas zu und warf sich in den Rücksitz. Eng aneinandergeschmiegt saßen die Kinder ihm gegenüber. »Wie heißt Ihr eigentlich?« »Karl Maria Tredenius.« »Guter Name für einen Geiger,« murmelte der dicke Mann und schmunzelte, daß in seinem fetten bartlosen Antlitz mit dem schweren Hakenkinn die Falten sprangen. »S. Lewis, Impresario,« stellte er sich dann vor. Karl Maria legte die Hand vor die Stirn und sann nach. Dieses ausländische Wort hatte er bestimmt schon aus dem Munde der guten Frau Charlotte gehört. »Bist du nicht der große dicke Herr, der früher zum Joseph kam?« fragte er Plötzlich. »Zu welchem Joseph?« »Das ist die Miriam Italiener,« rief der kleine Tredenius statt jeder näheren Auskunft, und Miriam rutschte von ihrem Sitz und knixte geschmeichelt: »Ich bin beim Ballett.« »Du, kleine Kröte?« lachte dröhnend S. Lewis, fing den Balg und küßte ihn ab, trotzdem die gekränkte junge Dame ihm mit beiden Krallenpfoten ins Gesicht fuhr. Er lehnte sich zurück und lachte, daß er sich mit beiden Händen den Bauch halten mußte und helle Tränen ihm über die Wangen liefen: »Gott meiner Väter! Hat der Schlemihl Italiener eine solche Schwester! Goldkind, du gehörst mir!« Er riß sein Taschenbuch heraus, ein rotes, dickes Ding, ganz angestopft mit Papieren, Visitkarten und kleinen Photographien, und schrieb eifrig. Die Miriam zog ein Mäulchen: »Aber ich mag dich nicht. Du hast mich geküßt.« »Kommt alles mit der Zeit, mein Herzchen. Die Ermattinger war in ihrer Jugend auch so eine Kratzbürste. Aber als ich das erstemal mit Lumley für sie abschloß, wollte sie mich vor Liebe schier fressen.« »Bist du ihr Vater? Aber nein, du bist ja ein Jude,« sagte höhnisch die kluge Miriam. »Schlaumeier, aber ich bin ein Engländer. Na, was soll ich dir schenken, kleine Taglioni in spe ?« »Ich mag nichts geschenkt. Gib lieber dem Karl Maria eine wirkliche Geige.« Er blickte den Buben scharf an, der blaß und verschüchtert sich in die Wagenecke drückte. »Richtig, du hast ja vorhin gegeigt. Laß mal sehen!« Mitleidig nahm er das armselige Instrument und wog es bedächtig in der Sand. »Hast du beim Joseph gelernt?« »Nein, bei den Bienen im Garten.« »Gotteswunder!« lachte der Mann und faltete die plumpen, rotbehaarten Hände im Schoß. Wieder sah er den Jungen fest an, schmatzte mit den Lippen und hatte ein Lauern in den Augen. »Du sollst eine Geige haben.« Die Miriam wippte vor Vergnügen mit den rotbestrumpften Beinen, Karl Maria saß mit großen Augen und konnte kein Wort hervorbringen. Nach einer Weile ließ Mr. Lewis halten und trat mit den Kindern in einen Laden. Da lagen und hingen Instrumente aller Art. Geschäftig lief der Händler herbei und verbeugte sich vor dem Impresario. »Womit kann ich dienen, Mr. Lewis?« »Eine Kindergeige,« antwortete der Riese und klopfte dem kleinen Tredenius aufmunternd die Schulter. »Etwas Feines! Das ist der Violinvirtuose Karl Maria Tredenius. Den Namen merken Sie sich!« Karl Marias Herz klopfte, und ein Zittern ging über seine ausgestreckten Hände, die auf die langersehnte Geige warteten. »Darf ich?« Und liebkosend berührte er mit den Fingerspitzen die goldbraunen, glänzenden Leiber der Geigen. S. Lewis hob eine empor und klimperte auf den Saiten. »Diese hier!« Karl Maria drückte die Kindergeige unters Kinn, fuhr mit den Fingern ans Griffbrett, wie er von Joseph gesehen hatte, und langte nach dem Bogen. Dann sah er sich ängstlich um. »Los! Zeig', was du kannst!« schrie der dicke Mann und warf sich in einen roten Plüschfauteuil, der unter seiner Last krachte. Das Kind spielte wieder seine Bienenmelodie. Doch es klang anders, voller, reicher, beinahe schön. Und jetzt flog der Bogen über die G -Saite; Karl Maria wußte nicht, was er tat. »Teufelskerl!« lobte Lewis, »aber Schluß für jetzt!« Der Bub kam aus seinem Traum zurück. Mit großen Augen blickte er zum Impresario auf. »Darf ich jetzt beim Joseph lernen?« »Ja. Er hat eine gute Schule. Sag ihm, er soll an dir gut machen, was er an sich selbst versudelt hat, der faule Esel.« Er warf eine Geldnote hin und half dem verwirrten Karl Maria Geige und Bogen versorgen. Der Bub schleppte seinen Schatz selbst zur Kutsche zurück. Großvater Samuel im Himmel hatte ihm diesen Mann geschickt. Er glaubte steif und fest daran. Erzengel sind ja alles imstande. Als der Wagen wieder stillstand, führte S. Lewis die Kinder eine teppichbelegte Treppe empor, das Geländer blitzte goldig, der Plafond war mit nackten Engeln reich bemalt. Ein eleganter Herr im Frack kam und fragte nach ihren Wünschen. Karl Maria, der im Vestibül tödlich vor einem lebendigen Mohren erschrocken war, hielt seine beiden Geigen krampfhaft fest und entschuldigte sich sehr, daß er gar keinen Hunger habe. Miriam aber, die sich schon ein wenig vernachlässigt fühlte, tat großartig und verlangte keck ein eingemachtes Huhn und ein Glas Tokaier. Das hatte sie einmal bei der Ermattinger gehabt und wollte nun ihre Weltgewandtheit zeigen. S. Lewis schmunzelte, bestellte eine halbe Flasche Tokaier sowie das Huhn, dann aber auch Himbeersaft und Selterswasser. Den Tokaier trank er zu Miriams Enttäuschung allein, die Kinder bekamen nur Himbeersaft mit Selters in wunderschönen Stengelgläsern. Die Miriam schmauste tüchtig, nahm alle zehn Finger dabei zu Hilfe und erzählte Mr. Lewis ihre und Karl Marias ganze Familiengeschichte. Als sie ganz naiv auf den wilden und stets betrunkenen Vater Tredenius kam, blickte der Bub furchtsam zu Boden. Der Impresario trank ihm zu: »Mut, Kleiner! Ein rechter Kerl geht mitten durch.« Aber Karl Maria stammelte nur: »Vater wird mir die Geige wegnehmen!« Miriam tröstete: »Da lernst du eben heimlich. Lässest die Geige beim Joseph.« »Dann hört mich die Mutter nie spielen.« S. Lewis trommelte nachdenklich auf dem Tisch und trank sein Glas aus. Mit einem Ruck richtete er sich auf, zog die gelbe Seidenweste mit den schwarzen Blumen glatt und faltete die groben Hände: »Pass« auf, mein Junge! Guck' es der Miriam ab. Willst du ein großer Geiger werden, darfst du nicht immer an Mutters Schürzenband hängen. Ein steinernes Herz mußt du haben, wie der Mann im Märchen vom Holländer-Michel.« »Gib mir ein steinernes Herz!« schrie die Miriam. »Bist du der Holländer-Michel?« fragte Karl Maria verwundert. »So'n Stück von ihm.« Karl Maria blinzelte in die Sonnenstrahlen, in denen goldene Ständchen tanzten. Die Kinder atmeten schwer. Da sagte S. Lewis ganz leise: »Seid fleißig, ihr beide, und schlagt alles andere tot, wenn ihr berühmt werden wollt.« »Wie der Hans Geßner?« fragte der Bub. »Ja, wie der.« Vor den Kindern stand wie ein goldener Riese das Wörtchen: Ruhm. »Vergiß uns nicht,« schmeichelte beim Abschied die Miriam, die allein eine stille Ahnung hatte, was ein Impresario war. S. Lewis gab ihr lächelnd eine Karte: »Laßt von euch hören, wenn ihr ein Stück weiter seid.« Mit zusammengezogenen Brauen buchstabierte Miriam: »L. S. Lewis, Impresario, Gartenstraße 14.« Ihre Wangen waren ganz heiß selbst ihr Plappermäulchen stand still. Karl Maria legte beide Hände um seinen Geigenkasten und hatte helle, starre Augen.   Miriam mußte ihren Bruder Joseph vom Mittagstisch rufen, weil Karl Maria sein Geheimnis nicht allen preisgeben wollte. Der Bub hielt Joseph die Geige hin: »Die gehört jetzt mir. Der Lewis hat sie mir geschenkt. Und ich will bei dir lernen.« Dem Joseph gab es einen Ruck, er knüllte die zerrissene Serviette, die er zwischen Hemdkragen und Gurgel stecken hatte, mit der Faust zusammen und zerrte mit beiden Händen daran. »Willst du auch auf den Holzweg?« Die Stimme war rauh und fiebrig. Nach einer Weile, als Miriam ihm alles erzählt hatte, was sich mit dem Impresario begeben, auch den wenig schmeichelhaften Gruß an Joseph selbst, strich er dem Jungen übers Haar und sagte: »Ist hart, daß du gerade bei mir Geige lernen willst.« Karl Maria verstand ihn nicht. Mit seinen sechseinhalb Jahren wußte er nicht, daß dem Joseph heute ein Vorhang zurückrollte, hinter dem eine hoffnungsvolle Kindheit begraben lag. Der Rotkopf aber hatte Wasser in den Augen, als er jetzt den Kleinen samt seiner Geige zu sich emporhob und küßte: »Das Handwerk sollst du bei mir lernen. Das andere – na, dafür muß der liebe Gott schon selber sorgen.« Miriam hatte die Arme hinter dem Rücken gekreuzt und stand mit lauernden Augen. Ein hochmütiges Lächeln ging um die vollen Kinderlippen. Sie flüsterte beinahe zornig: »Er ist doch ein Schlemihl.«   Am Abend, als die Mutter wie jeden Tag zu Karl Marias Bett kam, jauchzte er: »Mutterle, ich hab' eine Geige!« Und dann beichtete er, Kopf an Kopf, sein erstes großes Erdenglück. Frau Lisbeth erschrak und fand kein Wort für diese Freude. Da schmiegte er sich noch enger an sie: »Hast du mich nicht mehr lieb, Mutter, weil ich jetzt eine Geige habe? Vater soll's nicht wissen. Ich lerne heimlich beim Joseph.« »Ich freue mich ja,« sagte die hilflose Frau. »Schau', ich hab' dich ja doch lieber als meine Geige.« Lisbeth küßte ihn, aber wie ein Schatten wuchs es vor ihr empor, daß sie nun ihr Kind und seine Liebe mit etwas teilen sollte, mit einem leblosen Ding, an dem ihm Herz und Seele hing. Sie kannte das Schicksal des Joseph Italiener. Wenn nun Karl Marias Weg auch dort endete? Bruder Williguth wollte sie um Rat fragen. Der mußte ihr helfen in dieser harten Entscheidung. Ihr ängstlicher Sinn mißtraute allem raschen Erfolg. Alles war so plötzlich gekommen. Und Karl Maria taugte doch nicht einmal zum Klavierspielen, konnte sich keine Skala merken, sondern klimperte nur nach Lust und Laune. Wenn es ihr nur gelang, den Buben vor späterer Enttäuschung zu bewahren, wollte sie es geduldig tragen, daß er an ihrer Liebe zweifelte. Die verschüchterte Frau hielt Musik schließlich doch nur für einen Luxus der reichen Leute.   Sie lief in den »Blauen Herrgott« und trat durch die kleine Pforte, die durch den Garten zum Haus führte. Voller Orgelton brauste ihr entgegen, stark und selbstherrlich. Da lächelte die Frau, halb lustig, halb traurig. Ihr Bruder war ein großes Kind. Jetzt hielt er wieder Zwiesprach mit seinem großem Meister auf Erden, Johann Sebastian Bach, und zugleich mit dem Gewaltigen, der die himmlischen Register zog. Das dürre Laub raschelte unter ihren Füßen, nur armselige braune Lappen hingen an Baum und Strauch, Lumpenpack, das der erste Wintersturm fortblies. Plötzlich übertönte wildes Geschrei den Orgelton. Bei einer Wegbiegung tanzten Williguths Kinder um einen Baum, an dem Robert, der schlimme Hornbläser, soeben kunstgerecht einen achtjährigen Bruder emporzog. Der Große hockte auf einem dicken Ast und hielt eine Schlinge in der Hand, die unten eine mit bunten Lappen und Federn als Wilde kostümierte Schar von Buben und Mädeln dem schreienden Opfer unter die Arme gelegt hatte. Mit weit mehr Behagen als bei Haydn waren sie bei ihrer Robinsonade. Der arme gefangene Freitag schrie erbärmlich und strampelte mit den Beinen, aber der Häuptling auf dem Lindenast riß ihn mit einem Ruck in die Luft. Dazu heulten sie alle einen Kriegsgesang, der dem Musiker Johann Sebastian keine Ehre machte. Frau Lisbeth sprang dazwischen. »Rache für unsere toten Brüder!« brüllte ein kleiner Karaïbe und ließ einen Pfeil nach dem Höschen des zappelnden Freitag schwirren. Das Opfer am Wäschestrick heulte gotteserbärmlich. »Werdet ihr wohl!« rief Lisbeth, in deren Handtäschchen auch schon zwei Pfeile staken, und packte den mißhandelten Freitag an den Beinen. Der Häuptling ließ den Strick fahren, und das Opfer sauste herab, mit dem Kopfe voran in einen Haufen welken Laubes. Aus einem Busch eilte jetzt Robinson Crusoe zu Hilfe, Tannenzapfen durchschwirrten die Luft, immer mehr Pfeile flogen an Frau Lisbeth vorüber, der Hornbläser mit dem Lasso pirschte von rückwärts an sie heran. Da ergriff sie die Flucht. In sämtlichen Registern erbrauste die Orgel, als Lisbeth über die schmale Wendeltreppe zu dem Hochsitz ihres Bruders auf dem Chor der ehemaligen Klosterkapelle emporstieg. Durch die bunten Fenster fiel die träge Novembersonne auf die Orgelpfeifen und auf das mächtige Haupt des Chordirektors Williguth. Der junge Riese Giacomo diente widerwillig als Bälgetreter. Das war seine einzige musikalische Befähigung. Denn mit der ersten Geige hatte er nicht viel Glück. Machte er etwas falsch, griff sein Vater mit der gewaltigen Faust zur Seite und ließ die musikgewandten Finger auf die feiste Wange seines Ältesten klatschen. Die kleine Kunigunde kauerte mit zwei Puppen in: Arm auf einem alten Teppichrest neben einem riesigen Bierkrug. Verlangte die irdische Leiblichkeit nach dem braunen Trank, stieß Williguth nur mit dem Fuß auf, und die Kleine hob sofort mit ihren schwachen Armen das schwere Gefäß zum durstigen Vater empor. Das war ihr besonderes Amt. Gar wehmutvoll erklang das Thema der Bachschen Fuge. Kühn und stark wie Menschenschmerz in der Einsamkeit, wenn wunde Schreie in das Brausen des Sturmes sich werfen. Wie leiser Zuspruch aus Freundesmund lief es in goldenem Maßhalten dazwischen. Johann Sebastian Williguth erblickte die Schwester und stellte die Register ab. Unwillig fragte er: »Was willst du von mir?« Lisbeth tat einen Blick auf Giacomo. Da griff der Vater zum Bierkrug, leerte ihn auf einen Zug und sagte hoheitsvoll: »Giacomo, elender Sproß des Kulissenreißers Meyerbeer, hole mir frisches Bier.« Der große Junge polterte die Treppe hinab. »Willst du dich scheiden lassen, arme Schwester?« erkundigte sich Herr Williguth. Groß und breit saß er vor seiner Orgel, mit seinem Gott allein. »Du sollst mir helfen,« stieß sie hervor und legte ihre Mutterangst in diese derben Fäuste, die unbeholfen damit spielten. »So ist also das Glück zu deinem Buben gekommen?« »Williguth!« Johann Sebastian schien ihrem Zorn zu lang. »Ich kenne den Lewis. Er hat die Ermattinger gebracht, den Geiger Wieniawski. Er ist ein Teufel, der Kinderseelen frißt und sie der göttlichen Musik opfert. Aber es ist ein Gottesopfer.« »Freilich, drunten hängen deine Rangen ihren kleinen Bruder an einen Baumast, schießen und stechen aufeinander los, und du sitzest da und träumst. Mich hast du ja auch blindlings in die Ehe rennen lassen – du, ja blicke nur so majestätisch –!« »Schwester, es war dein eigener Wunsch. Und ich habe noch keiner Seele wehgetan.« Williguth lächelte friedlich, als sei in seinen letzten Worten das Glück seines Lebens beschlossen. Doch die Bitterkeit der Frau polterte in diesen goldenen Seelenfrieden. »Zum Dank kümmert sich niemand um dich. Chordirektor von St. Pankraz, das ist alles. Plagen und rackern kannst du dich, um bloß Brot für deine zwölf Bälger zu schaffen.« Sein Blick ging hell und frei über das vergrämte Weib, das im Zorn die mühsam gestickten Handschuhe auf den Orgelkasten warf: »Uns hat das Leben betrogen, dich und mich!« »Du hast zu heißes Blut, Lisbeth. In der Harmonie warst du stets schwach. Weißt du denn nicht, welch köstlicher Schatz die Einsamkeit ist? Die hab' ich, und die halte ich. Und meinen Bach und meinen Mozart können sie mir auch nicht rauben, die da draußen. Und meine Rangen alle, ach, Lisbeth, laß sie mir doch. Vielleicht steckt doch ein ganz Großer darunter, ein Freudebringer.« Spott und Schmerz mußten schweigen vor dieser selbstsicheren Ruhe. Johann Sebastian nahm seinen Triumph und schwang ihn hoch wie eine Siegesfahne: »Drum soll dein Bub ein Geiger werden.« »Wenn es aber anders ist, wenn mein Bub Jugend und Harmlosigkeit umsonst hingibt, wenn er als vergrämter Operettengeiger endet? Was dann?« »Die heimliche Freude, die vor der Enttäuschung liegt, die vergißt du ganz. Aber darauf kommt es an.« Hoch und breit stand er im Sonnenlicht, wie ein armer Heiliger, der blind an seinen Gott glaubt. Dann fiel sein Blick auf die spielende Kundry, und er lächelte glücklich. »Du willst mir also nicht helfen?« »Ach, du siehst Gespenster, Lisbeth.« »Gespenster?« Sie trat dicht an ihn heran. Die Augen glänzten dunkel in dem blassen Gesicht. Williguth sah die feinen Falten, die seine Schwester alt gemacht hatten vor der Zeit. Er wandte den Kopf. Aber ihre Worte liefen ihm nach wie nackte Bettlerkinder. »Ich bin ein armes Weib, dem einmal das Herz durchging. Tredenius vertrinkt alles Geld und verdirbt noch die Kinder. Weißt du, was aus der Martha wird?« »Eine fröhliche Puppe.« »Nein, nein , du großes Kind, verdorben ist sie bis ins Mark. Und nun soll ich auch noch den Buben hergeben?« »Der wird glücklich, glaube mir doch!« Sie krampfte die Hände in die Tasten, daß es einen schrillen Mißklang gab: »Karl Maria kann gar kein großer Geiger werden. Keines von uns hat Glück!« »Unsinn! Schau dir bloß die Musikerbuckel über seinen Augen an!« »Dann wird Tredenius sein Talent ruinieren. Er wird das Kind verkaufen, wenn er erst merkt, daß in der Geige Geld steckt. Er braucht ja immer Geld zum Kartenspiel.« »Ist es mal so weit, dann rufe mich! Und ich will dem Schurken den Marsch trommeln mit meinen Fäusten.« Trotzig streckte er das schwere Kinn vor. Lisbeth lächelte traurig: »Dann ist es zu spät.« Schwere Schritte polterten die Treppe herauf, Giacomo schwang fröhlich den Bierkrug, und sein Lachen fuhr jung und stark in das bange Schweigen von Bruder und Schwester. Williguth griff präludierend in die Tasten: »Hat ihn Gott lieb, bleibt dein Bub Sieger.« Lisbeth lächelte wieder. War er ein Narr oder ein Weiser? Beim Abschied streckte ihr die kleine Kundry eine Kette aus aufgereihten Kastanien hin: »Bitte, Tante Lisbeth, gib das dem Karl Maria. Und einen Gruß von mir!«   Karl Maria aber warf die Kastanienkette achtlos zu seinen Bleisoldaten. Was kümmerte ihn jetzt die blonde Kunigunde Williguth! Er durfte ja ein Geiger werden und bei Joseph Italiener heimlich Unterricht nehmen. Aber schon die erste Lektion brachte eine bittere Enttäuschung. Geige und Bogen mußten im Kasten bleiben. Joseph saß vor dem Klavier, sprach ein langes und breites von ganzen, halben und viertel Noten und Intervallen und schlug allerlei Töne an, die der Knabe jedesmal erraten mußte. Es schien ihm alles so langweilig wie das Buchstabieren in der Schule. Die Noten schwirrten durch sein Gehirn wie schwarze häßliche Fliegen, er haßte die fünf Linien wie seine Schiefertafel und wollte von dem dummen geringelten Violinschlüssel schon gar nichts wissen. Wenn er trotzig bockte, griff der kluge Joseph zur Geige und spielte ganz leichte Stücke, die Karl Maria mit runden Augen anhörte und sogleich kunstgerecht nachzuahmen sich bemühte. Auch in der Schule ward er seine Musik nicht los. Immer variierte er die Stimmen der Mitschüler in allerlei Tonarten und fand für jeden einen musikalischen Spitznamen. Da gab es Bubenstimmen, die er in Moll, andere, die er in Dur einreihte. Statt mit seinen geliebten Bleisoldaten spielte er jetzt mit dem Quintenzirkel. Und er unterschied früher ein Larghetto von einem Andantino als ein Hauptwort von einem Zeitwort, Aber auch da half der gute Joseph, und oft ward aus der Musikstunde eine richtige Schulstunde. So wandelte Karl Maria durch bittere und süße Stunden in sein geliebtes Geigenland hinein.   Vier glückliche Jahre wanderte er so hin, geleitet von dem guten Joseph, der allmählich den Schmerz um sein verpfuschtes Geschick über den schnellen Fortschritten seines kleinen Schülers vergaß. Im Technischen namentlich lief Karl Maria mit Sturmschnelle vorwärts; die schwierigsten Passagen hauchte er nur hin, er wagte es kühn, Terzen zu flageolettieren, er spielte zweistimmige Sätze pizzicato und zugleich eine Melodie mit dem Bogen. Alles Schöne dieser Welt lief durch seine Ohren ein und aus. Dabei wuchs sein Körperlein und streckte sich, er wurde ein ranker Junge mit großen dunklen Augen und einem blassen Gesicht, das Ebenbild seiner Mutter. Nur der Mund ward breit und voll, darin glich er dem Vater. Der gute Joseph, der in diesen vier Jahren noch fetter und bescheidener geworden war, hatte seine helle Freude an der Schönheit und Kunstfertigkeit Karl Marias. Noch immer blieb die Geige bei der Familie Italiener, noch immer hielt er seine Musik vor Vater und Schwester geheim. Manchmal kam die Mutter zur Geigenstunde und hörte ihrem Liebling zu, in einer stolzen Freude, in der viel heimliche Angst war. Dann warf der Bub das dunkelbraune Haar aus der Stirn, drückte die Geige unters Kinn und spielte besser denn je. Gleichmäßigkeit in der Arbeit war seine Sache eben nicht; in der Schule und im Geigen zeigte er sich eigenwillig und selbstherrlich. Von voller Kraft sank er oft in hilflose Schwäche. Dann wollte ihm nichts gelingen, er saß tagelang störrisch in verlorenen Träumen, weinte bitterlich und nannte sich einen armen Schlucker, bis er sich plötzlich aufraffte und wieder seinen Weg lief, mit blitzenden Augen, in siegesfroher Gewißheit. Heute hatte Karl Maria einen Glückstag, kinderleicht fiel ihm sein Geigenpensum, das im Grunde eine recht harte Nuß für seine Jahre war. Joseph saß am Klavier und blickte durchs offene Fenster in den feinblauen Septemberhimmel, über den eine frische Brise weiße Lämmerwolken trieb. Die ersten welken Blätter warf der Wind ins Zimmer und wehte sie dem dicken Joseph ins Haar, worin sie hängen blieben wie rote und gelbe Schmetterlinge. Karl Maria sah das bunte Laub über das Klavier tanzen und lachte leise. Kleine luftige Geister flogen da in roten und gelben Hemdchen durchs Zimmer. Ihm dämmerte die erste Kindheit wieder, als die Linde im Judengärtlein ihm ihre Herzen in den Schoß warf und der alte Fliederbaum das lustige Volk in den violetten Kleidchen beherbergte. Ein Wiegen und Wogen glitt die Geigensaiten entlang, wie Binsen am See sich neigen, wenn der Wind landwärts stiegt und den Plumpen braunen Köpfen Nasenstüber gibt. Karl Maria träumte sich in die alten Märchen, die Großvater Samuel auf seinem Sonnenbänkchen ihm und der Miriam erzählt. Das wilde kleine Lappenmädchen kutschierte im Renntierschlitten; auf dem Machandelbaum sang der verwunschene Vogel so überirdisch süß und traurig, daß die schmausenden Eltern stutzten und dem Schwesterchen das Herz brechen wollte. Und dann wogte das Meer, und die kleine Seejungfrau weinte, weil die alte, alte Großmutter, die zwölf Austern in der Schwanzstoffe geklemmt tragen durfte, ihr doch keine unsterbliche Seele geben konnte. Der Meerkönig aber zürnte und wühlte schäumenden Gischt auf und drohte der Kleinen, sie zur Muhme im Wasserfall zu schicken, wo sie all ihr Lebtag die dummen Lachse hüten müsse. Karl Maria sah die flachen Fischaugen und das nasse grüne Schilfhaar des Alten, seinen Fischschwanz, der die Wellen peitschte, und seine Froschhände, mit denen er Korallen und Wasserlilien brach. Dann ging es hinunter in den tiefen Grund. Das Klavier lief der Geige nach, verhalten und bescheiden, als rauschte nur das Schilf in den Märchensommerabend. So kam der kleine Junge ganz von selbst aus seinem traumhaften Sinn mitten ins Wesen der einzigen Geigensonate, die Joseph Italiener vor Jahren voll zuversichtlicher und unbekümmerter Kraft in krause Noten geformt, ehe der Schlendrian und die voreilige Behaglichkeit nach dem ersten Erfolg sein Fünkchen Genie verdarb. Es blieb ganz still im Zimmer, als das Stück zu Ende war. Nur der Herbstwind summte die letzten Akkorde nach. Dann eilte der Bub zu seinem Lehrer, schmiegte sich an den plumpen Gesellen und sagte nur: »Das war schön!« Der gute Joseph tat das Dümmste, was er tun konnte, weil er eben ein Schlemihl war, hielt kein Maß in seiner Bewunderung und rief: »Das habe ich nie gekonnt. Unberufen, Karl Maria, du bist ein Genie.« Wie Gift drangen diese Worte ins Blut, daß Karl Maria sofort den Kopf zurückwarf und fragte: »Darf ich dein Stück nicht bald vor den Leuten spielen?« Joseph merkte die heranschleichende Gefahr. »Nein, Karl Maria, noch lange nicht. Schau, ich habe zu früh mit den Konzerten begonnen, das tut nicht gut. Man wird eitel und lernt nichts mehr.« Doch das Wunderkind lachte trotzig: »Ach was, vielleicht ist das bei mir ganz anders!« »Bist ein schlimmer, hochmütiger Bub,« brummte der hilflose Lehrer und freute sich doch, daß sein von aller Welt vergessenes Werk hier so machtvolle Auferstehung fand. Karl Maria blickte keck zu ihm empor. »Joseph, ich will ein großer Geiger werden.« Von der Tür her fragte die Stimme der Miriam: »Kann er denn eigentlich schon etwas?« Würdevoll, wie eine kleine Dame, trat sie heran, die klugen schwarzen Augen nachdenklich zum Bruder aufgeschlagen, die kleinen Fäuste herausfordernd in die Hüften gestemmt, wie dies Frau Charlotte Italiener immer tat, wenn ihr Gatte zu teuer ein- oder zu billig verkaufte. Zwölf Jahre war nun die Miriam. Hoch aufgeschossen, ungraziös und dabei dürr wie eine Wildkatze; das hübsche Gesicht sommersprossig und in voller Wandlung vom Kind zur Jungfrau. Die alte, zierliche Miriam war tot und die neue noch lange nicht fertig. Das gab dem wilden Ding einen rassigen Reiz. Als Joseph seinen Schüler lobte, nickte die Miriam sehr herablassend, hing aber doch ihren Blick in heimlicher Bewunderung an die junge Schönheit des Freundes. Plötzlich stampfte sie zornig mit den Füßen und zischte: »Du bist schön, und ich, ich werde alle Tage häßlicher! Warum nur?« »Aber, Miriam!« tadelte Joseph. Karl Maria streichelte ihre Hand. »Bist du aber dumm, Miriam.« Da heulte sie los, verbarg ihr Gesicht in der Schürze und seufzte gar jämmerlich: »Alle sagen's im Theater. Und in der Quadrille muß ich jetzt ganz hinten tanzen, weil ich zu große Füße habe! Wenn ich bloß so fett sein könnte wie die Mutter!« Der Joseph schmunzelte über dies erste kleine Frauenleid. »Na, Schwesterleben, ich geb' dir gern von meinem Speck ab.« Doch sie fuhr ihm mit allen zehn Fingern ins Gesicht und kratzte, daß er ihr die Hände grob herabschlagen mußte. Gleich darauf kam der Katzenjammer, und sie bat ganz demütig um Verzeihung: »Ich kann nichts dafür. Ich bin so unglücklich!« »Ich hab' dich lieb, Miriam,« sagte der schöne Karl Maria feierlich. Sie ließ sich eine Weile trösten, dann aber machte sie sich mit einem Ruck los, kreuzte die mageren Arme und sagte verbissen: »Pass auf, ich werde noch ein ganz großes Tier, wie die Ermattinger, und wenn ich Tag und Nacht hungern müßte.« Sie warf gnädige Blicke um sich, als hätte sie schon jetzt ihre Gunst zu verschenken, und reckte dann jäh nach alter Miriam-Art die Zunge heraus: »So, Joseph, jetzt kannst du mich ins Theater führen, es ist Zeit für mich. Adieu, Karl Maria!« Er wollte ihr noch die Hand geben, doch sie schlug ihm die Tür vor der Nase zu. Karl Maria versorgte nachdenklich seine Geige, legte die Noten zusammen und schloß das Klavier. Nein, die Miriam, das war eine. Regen und Sonnenschein dicht nebeneinander. Dummes Mädel! War sie denn wirklich so häßlich und er –? Dunkelrot und scheu blickte er sich um und huschte vor den Spiegel. Mit geheimem Zittern schlug er die Augen auf. Das war also der Karl Maria Tredenius, Schüler des grauen Gymnasiums Klasse I. B, dem die kleinen Stadtschülerinnen bewundernd nachguckten, wenn er stolz und lässig an ihnen vorüberschritt. »Arme Miriam,« flüsterte er, lächelte und machte seinem Ebenbild eine lange Nase. Dann sank er ins Grübeln zurück. Warum konnte er nicht immer so gut spielen wie heute? Oft ging es gar nicht. Sein kleines Gehirn arbeitete heftig. Jeden Takt, der ihm noch im Ohr klang, prägte er sich ein. Blumen schwammen im Wasser, – das hielt er krampfhaft fest. Und dann erlosch die Sonne, Regen tropfte und klopfte. Er summte die Noten. Da steckte Jacques Italiener den geschniegelten Katzenkopf ins Zimmer: »Bist du da, Karl Maria?« Jacques trug einen engen, tadellosen Leibrock und eine schöne blaßblaue Krawatte, das fahlblonde Haar war kunstvoll gescheitelt. Längst war er ja nicht mehr Auslagenarrangeur, sondern erster Verkäufer in seinem Modewarengeschäft, eine erstklassige Kraft, nach der schon die Konkurrenz auslugte. Aber Herr Jacques zögerte noch. Die neue Stelle war nur durch Einheirat zugänglich, und einstweilen hatte er mit der Liebe noch anderwärts genug zu schaffen. Langsam und würdevoll schritt er auf den kleinen Geiger zu: »Kann man sich auf dich verlassen?« »Ja,« sagte Karl Maria eifrig, der es Jacques nicht vergaß, daß er ihm zu seiner ersten Zigarrenkistengeige verholfen hatte. »Du sollst Amors Bote sein,« erklärte der gebildete Jacques im Tonfall eines beliebten jugendlichen Heldenspielers. Er besuchte der Toiletten halber fleißig die großen Theater. Karl Maria aber, der gerade in der Schule amo, amas, amat konjugierte, lächelte geschmeichelt. »Diesen Brief,« fuhr Jacques fort, »gibst du deinem Fräulein Schwester.« Der Bub lachte laut los. »Was lachst du so blöd?« fauchte der erste Verkäufer von Vogelsang \& Cie. »Was brauchst du der Martha Briefe zu schreiben, wenn du sie schon hundertmal im Garten geküßt hast und ihr immer Pakete bringst?« »Klatscht die Martha vielleicht?« »Nein. Aber glaubst du, daß wir blind sind, die Miriam und ich? Etsch!« »Dummer Bub!«, schrie Jacques wütend, lenkte aber gleich mit rotem Kopf ein: »Also, wirst du den Brief deiner Schwester zuverlässig in die Hand geben? Es braucht niemand davon zu wissen.« »Ja,« antwortete Karl Maria und fühlte sich doch als großer Sünder vor seiner guten Mutter. Aber damit wagte er dem kecken Jacques nicht zu kommen. Und sein gelungenes Geigenstück machte ihn heute so froh, daß er aller Welt etwas Liebes tun wollte. Jacques reichte ihm ein Geldstück, aber Karl Maria warf es ihm vor die Füße: »Was glaubst du denn?« Der freigebige Jacques Italiener lächelte dumm, hob sein Geld sorgsam auf und nagte ärgerlich an den Schnurrbartenden.   So kam der kleine Tredenius in das erste Liebesgeheimnis. Und seine Wichtigkeit tat sich nicht wenig darauf zugute. Feierlich übergab er seiner Schwester den Brief. Die hübsche Martha hockte gerade auf dem Fensterbrett und kokettierte mit einem Leutnant, der säbelrasselnd mit gesträubtem Schnurrbart die Gasse auf und nieder lief, wie ein Maikater. Karl Maria merkte natürlich nichts davon. Martha ließ zuerst den Brief vor den Augen des ergrimmten Offiziers tanzen, dann drückte sie heuchlerisch das Kuvert an die Brust, küßte es und sprang lachend zurück ins Zimmer. Die Martha war ein schlankes, rassiges Mädel geworden, mit klugen hübschen Veilchenaugen, mit dunkelroten Lippen, denen sie gerne mit Rot nachhalf. Seit zwei Jahren war sie bei der Post angestellt, doch hielt angebliche Kränklichkeit sie oft vom Amte fern. Da halfen dann ihre nichtsnutzigen Augen und ihr elegantes Parfüm den Zorn der Vorgesetzten besänftigen. »Daß du Mutter nichts von diesem dummen Wisch sagst, Bubi.« Sie streckte die schlanken gepflegten Hände nach Karl Marias Ohren. »Hast du den Jacques lieb?« »Ach Gott, ja, vielleicht auch das.« »Eigentlich bist du ein schlechtes Mädel,« entschied Karl Maria in seiner Schuljungenweisheit. Sie dehnte die Arme, gähnte laut und seufzte. Mit halbgeschlossenen Augen sah sie den Bruder an. War das ein hübscher Kerl! Es liegt wohl in der Familie, dachte sie und lächelte stolz. Dann setzte sie sich vor Mutters Schreibkommode und suchte nach einem Briefbogen. Über die Schulter weg fragte sie schnippisch: »Bist du schon weit in deinem Geigenspiel?« Der Junge sollte sich nur ja nicht einbilden, er hätte die Martha Tredenius jetzt in der Hand. Karl Maria wurde ganz blaß vor Schreck. »Ja, meinst du, ich weiß das nicht? Der Jacques hat mirs doch längst erzählt.« »Dann ist er gemein.« Martha lachte. Sie hatte ihre Antwort fertig. »So, das gib dem Judenjüngel.« Karl Maria stieg eine seine Röte ins Gesicht: »Pfui, Martha! Dann steh doch nicht immer mit ihm im Garten!« »Das verstehst du nicht, Bubi. Pass' lieber auf. Du wirst jetzt mein Page. Aber schweigen mußt du, sonst –« Sie zeigte die weißen Zähne und zog die dunkelgetuschten Brauen hoch: »Sonst sag' ich dem Vater, was du bei den Italieners treibst. Die Schläge kriegst du dann ganz allein. Und mit deiner Geige ist's alle. Mir kann das ja ganz egal sein.« »Ich will nichts sagen,« keuchte der Bub und griff nach dem Brief. Um die Dämmerung spielte Frau Lisbeth wie jeden Tag mit ihrem Jungen vierhändig. Diese eine heimliche Abendstunde spann ein wenig Gold um den grauen Werktag. Sie merkte freilich bald, daß sie weit hinter Karl Maria zurückblieb, trotzdem er das Klavier nicht besonders liebte, daß seine flinken Finger gewandter und voller griffen als ihre arbeitsharten Hände, die einst so weiß und gelenkig gewesen. Heute vermied der Junge ihren Blick und wühlte sich förmlich in die Tasten, daß sein Braunkopf fast auf den ab- und zuhuschenden Händen lag. Er spielte herzlich schlecht. »Was hast du denn?« fragte die Mutter. »Die – die dummen Septimen im Baß liegen so unbequem,« log er in ratloser Angst. »Hast du etwas mit der Martha gehabt?« »O nein.« »Sie schrie aber vorhin mit dir?« Statt aller Antwort hämmerte Karl Maria mit voller Kraft eine Pianissimostelle heraus, und Frau Lisbeth fragte nicht weiter. Ihre schwache Liebe hatte Scheu, den Buben derb anzufassen. Und sie wollte aus seinem Mund nicht häßliche Dinge hören, die vielleicht den Streit mit Martha veranlaßt hatten. Von der großen Tochter kam niemals Gutes. Als Karl Maria am Ende des Stückes den Kopf an ihre Brust lehnte und mit heißen Kinderaugen zu ihr aufschaute, fragte sie nur leise: »Kannst du auch schon lügen, Karl Maria?« Da weinte er, doch seine Lippen blieben stumm. Er wollte die Martha nicht verklatschen. Sonst gab es wieder lauten, erbärmlichen Zank, und seine feinen Nerven zitterten davor. Auch war es besser, mit Martha gut zu stehen. Mutter würde es nie und nimmer erlauben, daß er auf seiner Geige vor fremden Leuten spielte; die kluge Schwester aber konnte ihm dazu verhelfen. Und sein Kinderherz hungerte, mit seines guten Lehrers Sonate zu glänzen. Mit finstergerunzelten Brauen sagte er abends zur Schwester: »Um deinetwillen bin ich schlecht. Hilf mir wenigstens, daß ich irgendwo vorspielen darf.« Martha lächelte freundlich: »Das wird schon werden.« Karl Marias Ehrgeiz paßte ihr. Der hübsche, begabte Junge konnte ihr in Zukunft recht nützlich werden. War er wirklich ein Genie, wie die Italiener es behaupteten, standen der schönen Schwester alle Türen offen. Nur kirremachen mußte man ihn und Mutters Schrullen aus dem kleinen Kopf vertreiben. Na, das würde nicht schwer halten. Er lief ihr ja ins Netz, wie eine Goldfliege dem schlauen Spinnlein, und war noch voll Dankbarkeit.   Martha Tredenius hatte keine Lust, den armen Jacques Italiener zu erhören. Sie wollte höher hinaus. Seine kleinen Geschenke nahm sie gnädig an, aber ihr eitler Sinn lief mit Siebenmeilenstiefeln der Liebe des Warenhausjünglings davon. Ein kluges Mädel wie die Martha hatte allerhand Eisen im Feuer, und jetzt sollte Karl Maria helfen, das beste Eisen rasch in der Glut rot werden zu lassen. Das Wunderkind kam leicht in Kreise, die der armen Postbeamtin hartnäckig verschlossen blieben. Sie kannte einen eleganten Lebejüngling, der zwar gar nichts gelernt hatte und darum als kleiner Rechnungsbeamter in einem Ministerium saß, dafür aber eines wirklichen Ministers Sohn war. Nach dem angelte die geschickte Martha, und Karl Marias Geigenspiel sollte der Köder sein. Feierlich wie zwei Verschworene hockten die junge Arglist und der reine Tor nun Abend für Abend beisammen und tauschten flüsternd ihre Geheimnisse. Die dumme Eitelkeit des Knaben bettelte um das Geschenk, das die Schwester längst bereithielt. Endlich sagte sie großartig: »Morgen sollst du ihn kennen lernen.« »Darf ich auch die Geige mitnehmen?« »Nein. Das kommt erst später.« Karl Maria zog ein schiefes Mäulchen, ging aber doch zur Mutter und log, daß er an einem Schulausflug teilnehmen wolle. So bekam er den nächsten Nachmittag frei. Martha aber ließ den langweiligen Postdienst und meldete sich wieder einmal krank. So zogen Bruder und Schwester hinaus in die Auen an den großen Strom. Es war ein wunderschöner Septembertag, der hinter prunkenden Farben und goldenem Sonnenschein sein heimliches Sterben verbarg. Beim Bootshaus an einem toten Arm trafen sie die lustige Gesellschaft, einen vornehmen alten Herrn und zwei junge Stutzer mit grellen Krawatten und kümmerlichen Schnurrbärten, dann zwei sehr bunt und prächtig gekleidete Damen, die Fräulein Emilie und Fräulein Coralie genannt wurden, und schließlich ein dunkelhaariges Mädchen, etwa zwei Jahre älter als Karl Maria. Sie hieß Trix. Dem Knaben gefiel der hübsche Name und das kecke Gesicht der Kleinen, die ein gelbes Spitzenkleidchen und einen schwarzen Bindehut mit gelben Schleifen trug. Die großen Damen hatten die Lippen gerade so rot bemalt wie Martha Tredenius, und Karl Maria hielt das für besonders fein. Der alte Herr aber war sicher noch feiner; er war ein richtiger Graf und hieß Rothenwolff. Mit lauter Kommandostimme trieb er die Paare zu den Booten: »Du, Kleiner, und du, Trix, ihr kommt zu mir.« Da kreuzte die hübsche Trix die Arme und sagte bestimmt: »Wir beide wollen allein fahren.« Fräulein Coralie, die Trix »Tante« nannte, packte den kleinen Eigensinn am Arm und zürnte: »Gleich gehst mir her!« »Schrei nur nicht so mit dem Mäderl, Coralüh!« wehklagte Fräulein Emilie ganz außer Atem, »siehst du nicht, wie sie dem armen seligen Aribert gleichschaut?« Karl Maria fragte frischweg: »Wer ist der selige Aribert?« Graf Rothenwolff hatte ein ganz besonderes Lächeln: »Mein Vetter.« Trix aber sagte mit ihrer gleichgültigen Kinderstimme: »Das war mein Papa. Der ist lange tot.« Fräulein Coralie aber ließ der selige Aribert sehr kühl. Dumme alte Geschichten! »Wirst du gleich folgen, Trix!« zankte sie unverdrossen. »Nein!« schrie die Trix, lief zu einem Boot, hatte es blitzschnell los, warf die Ruder aus und rief: »Karl Maria, zu mir!« Keck sprang der Bub in das Schifflein, ihm nach aber leider ein aller Bootsmann, den der Graf rasch herangewinkt hatte. Doch der alte Schiffer ließ die Kinder ganz ungestört, er blies seinen Tabakrauch geruhsam von sich und bewegte lässig und geschickt die Ruder. So schossen die vier Kähne den toten Flußarm hinauf. Silbergrün schimmerte das Wasser, tiefblau spannte sich der Himmel, daß man weit zum Herrgott hineinsehen konnte, und an den Ufern rauschte und brauste der Herbst. Im Westen zog goldener Feuerrauch um die buntgescheckten Waldberge. »Der König vom goldenen Berg, nicht?« fragte Karl Maria leise und ließ die rechte Hand im Wasser nachschleifen, daß grünsilberne Perlen auf und niederhüpften »Magst du auch gern Märchen?« lächelte die Trix. Nach einer Weile seufzte sie leicht: »Du, ich hab' ein Puppentheater. Da führe ich so unheimliche Märchen auf mit lauter Hexen, Menschenfressern, Räubern und Zwergen. Der Nisi spielt immer mit. Der kann prachtvoll den Menschenfresser machen und die Ellermutter, weil er schon so eine tiefe Stimme hat. Aber gescheit ist er trotzdem nicht, – immer verpatzt er das Stichwort!« »Wer ist der Nisi?« In dem Buben regte sich ganz leise die Eifersucht. »Der Sohn vom Onkel Achaz.« Mißgünstig schwieg Karl Maria. »Schade, daß du nicht mit uns Theater spielen kannst! Wir haben ohnehin niemand für die Prinzen. Aber Onkel Achaz und die Miß sind so streng, – nie dürfen Kinder zu mir kommen. Gleich heißt es: ›Das ist kein Verkehr für dich. Spiele du nur mit dem Nisi!‹« Sie seufzte. Karl Maria fand dieses Abschließen protzig. Mädels mußten immer Faxen machen. »Na ja, deine Tanten sind auch riesig fein,« sagte er mit etwas widerwilliger Bewunderung. »Bist du eigentlich eine Gräfin?« »Nein. Ich bin die Trix. Der Onkel Achaz erzieht mich. Er ist mein Vormund, seit mein Papa gestorben ist. Früher war ich bei den Tanten, weil ich keine Mama habe. Jetzt bin ich immer bei ihm.« Bissig fragte Karl Maria: »Warum wohnst du nicht bei deinen Tanten und gehst in die Schule wie ein ordentliches Mädel?« »Onkel Achaz erlaubt's nicht. Nicht einmal besuchen darf ich die Tanten. Weißt du, sie sind doch bloß Modistinnen. Wenn sie mich gern sehen wollen, schreiben sie an den Onkel, und dann machen wir alle zusammen eine Landpartie. Die Miß kommt nie mit. Sie stöhnt so lange ›Poor little girl‹ , bis ich ganz wütend bin.« Karl Maria schüttelte verwundert den Kopf und plagte sich mächtig mit seinem Ruder, das viel zu schwer für die kleinen Arme war. Im Abenddämmer kehrten die Boote zurück. Der Himmel warf sein Blau in den Strom und die Sonne ihr Gold, die kecken kleinen Wellen rissen es in Fetzen und spielten Fangball damit. In einem Strandwirtshause machte man Rast, ließ Schleien backen und Wein auftragen. Ein Geiger und ein Harmonikaspieler hockten in einer Ecke und blickten in triefäugiger Begehrlichkeit nach den Weinflaschen. Die Damen stießen mit den Herren an, und alles war fröhlich und guter Dinge. Nur Trix blieb einsilbig. Ganz hochmütig sah sie drein. Der junge Herr mit dem blonden Haar und den wasserblauen Augen küßte Martha; sie ward rot und gab ihm einen Klaps. Da lachte er und biß sie in den Finger. Dann legte er ein Geldstück vor die zwei alten Spielleute: »Einen Walzer!« »Erst Wein!« gröhlte die Ziehharmonika. Dann tanzten sie. Nur der alte Graf saß wortkarg und zeichnete Männchen auf das schmutzige weiße Tischtuch. Karl Maria blickte nachdenklich auf die Geige, Trix fing Fliegen am Fenster, warf sie dann kichernd den angetrunkenen Spielleuten in den Wein und wollte vor Lachen ersticken, wenn die den Wein wütend ausspuckten und um die Wette fluchten. Als sie es wieder und wieder tat, schlug der Geiger mit dem Fiedelbogen nach ihr. Sie aber fing Hieb und Bogen ab, lief auf Karl Maria zu, gab ihm den Bogen, nahm dem verdutzten Alten die Geige ab und schrie übermütig: »Du willst ja ein Geiger sein. Jetzt spiele!« Die Geige war groß und Karl Maria noch ein kleiner Junge. Aber in seinen Augen blitzte es auf, die Geige flog in den Arm und darüber der Bogen, schier plump und schwer in der Kinderhand. Die Trix saß mäuschenstill und hatte erstaunte Märchenaugen, als müßte jetzt etwas Wunderbares geschehen. Und es geschah, daß Karl Maria die Eingangstakte von Joseph Italieners Wassersonate geigte, den Blick starr in der Ferne, ein seliges Lächeln in dem jetzt demütigen Kindergesicht, als ginge es mit purpurnen Segeln in irgendein Zauberreich. Die alten Säufer rissen die Glotzaugen auf und atmeten schwer, als blickten sie plötzlich in eine allzu grelle Sonne, die in ihre armen Seelen zu einem Feiertagsbesuch kam. »Das ist ja gar kein Walzer,« sagte enttäuscht Max Kirchweger, der lustige Ministersohn, und ließ Martha Tredenius los. Martha strich über die Stirn, horchte, und eine jähe Freude über Karl Marias Kunst war in den hübschen Augen, auch ein wenig Neid. Die eleganten Damen, die nur Operetten kannten, saßen gelangweilt und gähnten verstohlen, der zweite junge Herr war eingeschlafen. Trix schlich zu ihm und marterte seinen Schlaf mit ihren Katzenkrallen. Am seltsamsten gebürdete sich der alte Graf. Er hockte auf dem niedern Fensterbrett, hatte die Fäuste abgestemmt, wie zum Sprunge, in den klugen grauen Herrenaugen zuckten helle Flämmchen, er stieß den Atem durch die Nase, daß der weißbuschige Schnurrbart auf und nieder wehte. »Der liebe Junge!« murmelte er und horchte in heiliger Andacht. Die Geige schwirrte leiser und leiser, wie sich entfernender Gesang von blumensuchenden Kindern, die der Regen heimscheucht. Mit heißen Wangen riß Karl Maria den Bogen ab. Alles blieb ganz still. Martha Tredenius raffte sich auf, doch der herausfordernde Ton fiel ihr nicht leicht: »Kann mein Bruder etwas oder nicht?« Drohend blitzte sie den hübschen Max an, der verlegen murmelte: »Das ist ja kolossal.« Martha hängte sich an ihn und bettelte wie ein Kind: »Du sprichst mit deinen Eltern, Max, daß er bei euch spielt. Du mußt!« Er zögerte unsicher. Da sprang der alte Graf von seinem Sitz. » Sie müssen bitten, junger Herr. Ihre Frau Mama kann sich glücklich schätzen, wenn der Kleine da in ihrem Hause spielt. Glücklich schätzen, haben Sie verstanden?« »Allerdings, – ich, – wenn Mama nichts dagegen hat –,« stotterte der unglückliche Max, der nur Walzer liebte und mit Todesangst an Mamas strenges Gesicht dachte. Er kannte Marthas Keckheit und fürchtete ein Ende mit Schrecken. Er seufzte kläglich. Zornig ließ Martha ihn stehen. Die Trix trat zu Karl Maria: »Ich danke dir schön.« Er gab ihr die Hand, die sie streichelte, als wäre es ihre Puppe. Dann rief sie mit ihrer hellen, kalten Stimme: »Jetzt will ich heimgehen, Onkel Achaz.« Sie warf die Tür auf, daß der Abendwind frostig ins Zimmer fuhr. So gingen sie heim, Trix dicht an Karl Maria geschmiegt, wie gute Geschwister. Er ward ganz zutraulich, malte ihr seine armselige Häuslichkeit aus, die lichte Gestalt seiner Mutter und die dunkle des Vaters, der ihm sein Geigenspiel nicht gönnte, und kam auch auf das Judengärtlein, auf die Miriam und den Joseph Italiener. Über ihnen stand der Sternenhimmel mit tausend blinzelnden Augen. Die Sehnsucht gab ihm die Frage: »Wo wohnst du?« Sie erschrak, wie wenn die Wirklichkeit in ein Märchen tritt, dann aber sagte sie ruhig: »Am Wasserturm.« Karl Maria wartete in seiner Knabenherrlichkeit, aber die Trix senkte den Kopf und hatte trotzige Falten zwischen den Brauen. »Wir werden uns kaum wiedersehen, Karl Maria.« »Warum nicht?« »Du paßt dort nicht hin.« Ihre Hand wies in die Ferne, wo das rotgelbe Lichtmeer der Stadt sich breitete und der Himmel in Brand stand. »Gar nie mehr?« Doch er blieb ohne Antwort.   Als Karl Maria beim Nachhausekommen in die Tasche griff, fand er darin eine gelbe Seidenschleife, die die wilde Trix einfach von ihrem schönen Bindehut gerissen haben mußte. Er schlang das gelbe Band um die Saiten seiner alten Kindergeige, die nun in einer braunen, mit rosenrotem Seidenpapier austapezierten Schachtel ruhte. Die ganze Nacht aber träumte er von seinem ersten öffentlichen Geigenspiel und von der schlanken, dunkelhaarigen Trix. Am Morgen lief er früher als sonst vom Hause und schnurstracks nach dem alten Platz Am Wasserturm. Altersgraue Paläste standen dort und kleine niedere Häuschen mit Hahnenbalken. Die Paläste trotzig und düster wie kleine Burgen, durch noch deutlich erkennbare Gräben, aus denen Efeu die grauen Mauern hinanwucherte, von der Straße geschieden oder in kleinen Parks halb versteckt. Alles schien noch zu schlafen, kein Fenster war geöffnet, auf den weißen Läden spielte die Morgensonne. In einem Baum sang noch ein verspäteter Vogel, irgendein kecker Fink, der diesen warmen September für einen zweiten Frühling hielt. Karl Maria spazierte voll bedächtiger Wichtigkeit hin und her und dachte, jetzt müßte ein Fensterladen aufstiegen und der schwarze Trotzkopf der Trix heraus gucken. Und richtig klappte ein Haustor auf, und herausmarschierte ein gelbhäutiger, dürrer Mensch, schier anzusehen wie der Rat Krespel. Ein langer schwarzer Schnurrbart hing traurig links und rechts vom Munde und wehte gar zierlich hinterdrein, als die Vogelscheuche lautlos und gemessen die Straße hinabschritt. Karl Maria faßte sich ein Herz, rannte ihm nach und fragte atemlos: »Bitte, wo wohnt hier die Trix?« Tadelnd schüttelte sich der gewaltige Schnauzbart: » Che Premura ! Der Herr Graf Rothenwolff, Exzellenza, wohnen dort auf Nr. 3, und Donna Beatrice schlafen noch.« »Danke,« stammelte Karl Maria und starrte andächtig nach dem alten grauen Haus. Dann aber packte ihn die Scheu, weil Trix ihm ja gar nicht erlaubt hatte herzukommen, und er lief nach dem Gymnasium, wo er wegen völliger Unaufmerksamkeit eine schlechte Note in Latein bekam. Seine Morgenbesuche am Wasserturm aber gab er nicht auf. Zwei- oder dreimal in der Woche lief er hin und beguckte das schlafende Haus. Seine Schwester befragte er niemals nach der Trix und ihren Tanten. Sie würde ihn nur auslachen und einen dummen Jungen nennen. So lebte er allein in seinem Geheimnis.   Die arme Miriam, die immer länger und dürrer wurde, behandelte er in diesem Herbst sehr schlecht, trotzdem sie in ihrer kindischen Verzweiflung gefügiger war als sonst und ihre hübschen schwarzen Augen oft um ein gutes Wort bettelten. Ihr großer Schmerz war es jetzt, daß man ihr in einem Tierballett die Rolle eines Storches zugewiesen hatte. Diese offenkundige Heimtücke des Ballettmeisters kostete sie viele Tränen und manche schlaflose Nacht. Sie warf sich auf den Boden, schluchzte und strampelte mit den Beinen, und Frau Charlottens kräftige Hand mußte oft Ordnung schaffen. Auch die Schwestern und der gutmütige Joseph hatten manchen Strauß mit dem ungebärdigen jungen Ding auszufechten. Eines Tages fand Karl Maria sie in dem Gärtlein. Sie saß auf der Bank unter der goldgelben Linde, hielt ein flaches rotes Plüschetui auf den Knien und war emsig mit ihren Fingernägeln beschäftigt. Sie hatte ganz heiße Wangen und schabte und feilte, daß es eine Art hatte. »Was machst du denn?« Sie blickte kurz auf, zog ein trotziges Gesicht und antwortete schnippisch: »Ich pflege meine Hände.« Er setzte sich zu ihr und sah ihrer Arbeit zu. »Woher hast du das Zeug?« »Mein ganzes Taschengeld ist draufgegangen.« Stolz hielt sie ihm ihre Schätze vor die Augen. Karl Maria lächelte überlegen. Die Mutter pflegte jeden Morgen seine Nägel, weil ein Geiger seine Finger haben mußte, aber so viel Kram, wie die Miriam da in ihrer Schachtel hatte, war einfach lächerlich. Mit dem Waschen nahm sie's wohl nicht so genau. »Du hast aber schmutzige Ohren, Miriam,« sagte er gemütsroh. Sie ward dunkelrot und stammelte: »Es kommt doch nur auf die Nägel an.« Karl Maria lachte hellauf. Plötzlich warf Miriam die schönen neuen Werkzeuge achtlos in den Sand, schlenderte scheinbar harmlos von der Bank weg, bückte sich nach einem Haufen welken Laubes und streute Karl Maria eine Handvoll goldener Lindenblätter ins Gesicht. Flugs antwortete er mit gleicher Münze. Sie sprangen einander nach, haschten sich und rollten sich abwechselnd ins raschelnde Laub. Auf einmal waren sie wieder gute Freunde, wie ehedem. Und Karl Maria stellte nach und nach die Morgenpromenade Am Wasserturm ein. Er hatte jetzt plötzlich so wenig Zeit. Miriam aber ritt ein neues Steckenpferd. Sie begann zu singen. Überall, im Garten und im Hause, selbst auf der Gasse, daß alte, ehrwürdige Leute ganz sonderbar die Köpfe schüttelten. Frau Charlotte wußte kaum mehr, ob sie schelten oder das neue Talent ihres Goldkindes bewundern sollte. Denn seltsamerweise ward das kleine Stimmlein immer heller und reiner, je täppischer und reizloser der Mädchenkörper aufschoß. Offenbar hatte die Natur Mitleid und wollte der Miriam ein Geschenk geben für ihre arge Häßlichkeit. »Kann ich's nicht gut, ich armseliger Storch?« schrie sie triumphierend und verschluckte ein paar Tränlein. Und mit heller Stimme sang sie drauflos: »Storch, Storch, Langbein, Wann fliegst du ins Land herein? Bringst dem Kind ein Brüderlein? Wenn der Roggen reifet, Wenn der Frosch pfeifet, Wenn die goldnen Ringen In der Kiste klingen. Wenn die roten Appeln In der Kiste rappeln.« Manchmal kam sie hochrot heim und flüsterte Karl Maria zu: »Heute hab' ich wieder der Ermattinger vorgesungen. Die hat Augen gemacht, hui!« Oft saß sie ganz allein im Garten, dem die Herbststürme den letzten bunten Schmuck raubten, faltete die Hände und bat ganz leise: »Wenn ich schon so häßlich bleiben muß, lieber Gott, lass' mich wenigstens sehr berühmt werden.« So trieb sie ihr seltsames Wesen zwischen Lachen und Weinen. Karl Maria zeigte geringes Verständnis für Miriams wetterwendische Art. Er hatte an jenem Septembernachmittag einen Blick in eine andere, buntere Welt getan und kam davon nicht los. Er rechnete sich schon zu den Großen und betrachtete die Miriam als dummes Mädel. Traurig war es allerdings, daß sie so mager und häßlich blieb trotz der vielen guten Bissen, die ihre Mutter ihr vorsetzte. Der storchbeinige Vielfraß schien eben gar nicht nach Frau Charlottens behaglicher Mündlichkeit zu geraten. Selbst Gideon setzte ein wenig Fett an, und Joseph und die kugelrunde, rothaarige Johanna, der dicke Hans genannt, die unermüdlich in Haus und Küche putzte und kochte, wusch und scheuerte, wetteiferten an gediegener Leiblichkeit sogar mit der Mutter. Nur Jacques tat es der Miriam nach und blieb dürr wie ein armer Hase nach einem schlechten Winter. Seine Adlernase stach scharf wie eine Messerklinge in die Luft, und was seine heimlichen Geschenke an Martha Tredenius verschlangen, ersparte er an seinem Schneider, der immer weniger Stoff für Jacques' elegante Kleider brauchte. Unverdrossen trug Karl Maria dicke Briefe zur Schwester, aber meist kehrte er ohne Antwort zurück. Martha lächelte hochmütig und ließ die Schnitzel von Jacques' Liebesbriefen in den Wind flattern. Karl Maria zuckte nur mitleidig die Achseln, wenn Jacques eifersüchtige Fragen nach Marthas Treiben stellte. Sie trieb es jetzt bunter als je. Daheim sah man sie kaum mehr. Nur das Mittagessen beehrte sie mit ihrer Gegenwart, weil sie da stets den Vater um Urlaub für den Abend anbettelte. Sie hatte auf einmal unendlich viele Freundinnen, mit denen sie in Theater oder Konzerte gehen mußte, natürlich auf Freibilletts, die einem klugen Mädel wie ihr nur so zuflogen. Und Franz Tredenius, wenn er nicht gerade in Geldnöten stak, hatte, wie mancher Leichtfuß, Sinn für den schmunzelnden Betrug an dieser armen Gotteswelt. Darum ließ er auch dem Mädel, dessen Flattersinn er wohl durchschaute, jede Freiheit, in der heimlichen, wenn auch nicht sehr ehrenwerten Hoffnung, durch eine gute Partie seiner hübschen, klugen Martha den gottverdammten Postdienst bald auf gute Art loszuwerden. Vater und Tochter besaßen eine gar gesunde Lebensgier, die nicht rechts und nicht links schaute, sondern bloß herzhaft geradeaus. Das Behagen, das Frau Lisbeth und ihr Bub in einsamen Stunden fanden, suchten die beiden anderen nur im Leben selbst, dem sie möglich viel Genuß abzugewinnen trachteten. So hielt Franz Tredenius Marthas Partei gegen die Mutter, bald schmunzelnd und vergnügt, bald hämisch und verbittert. »Die Martha wird es wenigstens zu etwas bringen,« schrie er oft und hieb in dieser frohen Voraussicht dröhnend auf den Tisch. Lisbeth schwieg dann, kreuzte die Arme und sah geradeaus. Karl Maria aber begann allmählich der Schwester recht zu geben und heizte das Feuerlein seiner Selbstsucht an ihrer Lebensklugheit. Denn Martha brachte es wirklich zu etwas. War sie besonders gut gelaunt, durfte der Bruder in ihr Stübchen neben der Küche kommen, und sie zeigte ihm in der alten Kommode ihre heimlichen Schätze, die hübschen Geschenke aus dem Hause Vogelsang \& Cie. und wohl noch von anderer Seite. Da gab es bunte seidene Unterröcke, seine Wäsche, leicht wie Seidenpapier, durchbrochene und gestickte Strümpfe in allen Farben, teuere Parfüms in wunderhübschen Kristallfläschchen, kurz, all den süßen Unsinn, um dessentwillen ein junges Ding sich mit Haut und Haar dem Teufel verkauft. Schier ein Wunder war es, welche Pracht sich in den Schubladen der alten Kommode barg. Der dumme Bub aber träumte von Prinzessinnen, hockte mit scheuen Augen auf dem abgeschabten Teppich und strich mit den feinen Geigerfingern ehrfürchtig über die knisternde Seide. Manchmal knöpfte er sogar als dienstwilliger Page Marthas zierliche Lackstiefelchen und fühlte sich sehr geehrt, daß er einer erwachsenen jungen Dame helfen durfte. Frau Lisbeth konnte dieses Spiel nicht verborgen bleiben. So lief ein wortloser Kampf zwischen Mutter und Tochter um die Seele des kleinen Karl Maria. Aber Martha wich geschickt jeder Szene aus, war freundlicher als sonst, und ihr harmloses Lachen warf jeden Groll in Scherben. Frau Lisbeth wieder war ohne rechte Kraft zur Tat und wollte Karl Maria nicht wehe tun. Sie war ja Johann Sebastian Williguths Schwester, und alles frische Zupacken war in den 21 Jahren ihrer Ehe mit Franz Tredenius allmählich zag und scheu geworden, daß sie Glück und Bitterkeit in versteckte Winkel trug. Raffte sie sich aber, durch eine kecke Rede des Jungen gereizt, einmal auf, so riß ihr der allzulang erstickte Zorn das Wort vom Munde und machte es bitter und ungerecht, daß es sein Ziel verfehlte.   Der Winter zog vorüber. Da packte Martha eines Abends Karl Maria am Arm und flüsterte ihm zu: »Morgen gibt's Sturm – um deinetwillen! Gib nur ja nicht nach, hörst du?« »Wenn Mutter aber –« »Es geht um dich, dummer Bub. Du sollst bei Ministers Geige spielen. Ich habe eine Einladung für uns beide.« Damit rauschte sie davon. Karl Maria aber blieb in einer verzweifelten Freude zurück. Es war so schrecklich, daß sein erstes großes Glück für die Mutter ein Herzeleid sein sollte. Mußte er nicht freiwillig darauf verzichten, wenn er wirklich ein gutes Kind war? Die ganze Nacht rang er mit seinem Ehrgeiz. Als er aber mit schweren Lidern erwachte, wußte er voll Angst, daß er seine Geige lieber als seine Mutter hatte. Mittags kam er absichtlich viel zu spät heim, in der kleinen Feigheit des verwöhnten Jungen, dem gute Hände bisher manchen Sturm ferngehalten. Im stillen hoffte er, das schlimme Gewitter werde schon vorübergegangen sein. Als er aber im Vorzimmer stand und laute, scheltende Stimmen zu ihm herausklangen, biß er plötzlich entschlossen die Lippen aufeinander und griff nach der Türklinke. Dann zögerte er wieder, weil ihm das grausame Wort des Impresarios S. Lewis einfiel: »Schlagt alles tot, wenn ihr berühmt werden wollt.« Wie ein Verworfener kam er sich vor. Sein ganzer Körper war in Schweiß, als er endlich einzutreten wagte. Martha hatte die Arme gekreuzt und blickte trotzig drein. Zornig sagte gerade die Mutter: »Das darf niemals sein. Er wird nur eitel und schlecht.« Und verächtlich warf sie ein schmales, goldgerändeltes Kärtchen in den Suppenteller. Karl Maria drückte sich in eine Ecke und tat, als ginge ihn die ganze Sache überhaupt nichts an. Martha strich ihr Kleid glatt und murmelte boshaft: »Darf er nicht zu Ministers, soll Vater wissen, daß er Geige spielt.« Die Angst machte Frau Lisbeth arm und klein vor ihrer Tochter. Sie zeigte ihre Armut in der hilflosen Gebärde, mit der sie die Hände ineinander rang: »Sag' ihm nichts, Martha!« Stolz warf da Martha den Kopf auf, daß ihre jungen Brüste sich unter der weißen Seide spannten: » Du tust ja nichts für uns. So müssen wir selber sorgen.« Ein hilfesuchender Blick der Mutter ging zu Karl Maria, aber der wandte feige die Augen ab. Martha hielt ihren Vorteil fest: »Du bist entsetzlich altmodisch. Der Bub kann sein Glück bei Ministers machen. Die beste Gesellschaft verkehrt da. Dankbar solltet ihr mir sein, daß ich ihn dort einführe.« Da nahm Karl Maria seinen Mut zusammen, lief auf die Mutter zu, hängte sich an ihren Hals und bettelte: »Laß mich doch, Mutter! Wozu hab' ich denn geigen gelernt?« Da sah Frau Lisbeth ihr Spiel verloren und ihre Macht über das Kind dazu. Das machte sie wieder hart, daß sie den Jungen abschüttelte und bitter fragte: »Bist wohl gar mit ihr im Bunde?« Martha lächelte spöttisch und zog ihn mit gut gespielter Zärtlichkeit an sich, Karl Maria aber ward dunkelrot vor Scham und schlüpfte schnell aus ihrem Arm. Zu allem Unglück polterte jetzt der Vater herein, überschaute rasch die Szene und tat sehr freundlich und harmlos: »Ja, was ist denn da los? Hat das Muttersöhnchen gar etwas angestellt?« Schmunzelnd sah er von einem zum andern, in dem behaglichen Gefühl seiner Wichtigkeit als Familienoberhaupt. Er liebte es, seine Opfer ein wenig zappeln zu lassen, ehe er mit einem seiner großen Donnerwetter losbrüllte. Martha gab sich einen Ruck: »Karl Maria lernt heimlich bei Joseph Italiener Geige. Schon seit vier Jahren.« »O du,« stammelte Frau Lisbeth und haßte ihre Tochter. »Lügenpack, Heimtücker, verdammte! Das höre ich erst heute?« schrie Franz Tredenius und schleuderte die Serviette fort, die er schon um den dicken roten Hals gebunden hatte. »Er hat so sehr gebeten, Franz –« Sie legte ihm die Hand auf den Arm und sah ganz trostlos drein. Daß sie gelogen hatte, raubte ihr alle Sicherheit. »Schöne Erziehung, das muß ich sagen. Bub,« drohte er und reckte sich hoch auf, »das geht dir an den Kragen! Was hast du bei den verdammten Juden zu suchen, he?« »Die haben mich lieb,« trotzte Karl Maria. Franz Tredenius schlug ihm die Faust ins Gesicht, doch der kleine Kerl verbiß den Schmerz und zuckte mit keinem Muskel. Auch er hatte die Fäuste geballt, sein Atem ging keuchend in namenloser Angst. Er suchte den Blick der Mutter, aber der flog verächtlich über ihn hinweg. Da knickte er zusammen. Franz Tredenius schüttelte den Kopf in edlem Vaterzorn: »Mir, mir tut das mein eigenes Kind an! Weißt du, was du bist, Karl Maria, mein schöner Bub? Ein Duckmäuser, ein gottserbärmlicher Lügner. Und deine Mutter hilft dir noch dabei.« Aber auf einmal hatte er ein gieriges Lächeln um den breiten Mund. »Nun, wir wollen sehen, ob man dir verzeihen kann. Kannst du schon tüchtig Geige spielen?« »Ja,« hauchte Karl Maria. »Nein, er ist noch ein dummer Bub. Nur zum Zeitvertreib hab' ich's ihm erlaubt,« schrie die Mutter, die ein Gespenst näherkommen sah. »Aber Mama, freust du dich denn nicht, wenn unser Kind ein tüchtiger Künstler wird?« fragte Franz Tredenius sanft und vorwurfsvoll. »Also, Karl Maria, ich will annehmen, daß diese heimliche Geigerei eine Überraschung für deinen guten Papa sein sollte, nicht wahr?« Dann wandte er sich an Martha: »Wenn ich recht hörte, soll er in einem vornehmen Hause spielen?« »Bei Minister Kirchweger in einer großen Soiree.« »Das wäre allerdings ein unverhofftes Glück«, sagte mit den Lippen schmatzend der Postoffizial. Noch einmal wagte Lisbeth den Kampf: »Du wirst den Jungen ruinieren, Franz.« »Aber Mutter,« eiferte er und kniff die roten Augenlider drohend zusammen. Karl Maria stand jetzt in der Mitte des Zimmers: »Bitte, erlaube mir's doch, Mutter!« »Du darfst geigen, mein Junge,« entschied der Vater und fuhr liebkosend über Karl Marias Haar. Selbstgefällig fragte er dann: »Bin ich nicht ein guter Vater, daß ich diesen Duckmäuser so schön durchrutschen lasse? Seht ihr alle endlich einmal, was ihr an mir habt?« Es blieb ganz still. Frau Lisbeth saß alt und verfallen da, die Hände im Schoß gefaltet; Tränen liefen ihr über die Wangen. »Bring' jetzt die Suppe, Martha,« schmunzelte Franz Tredenius und griff wieder nach der Serviette. »Hm, heut' hat die Mutter besser gekocht als sonst. Ja, also, du gehst doch mit ihm, Martha, was?« fragte er wohlwollend und langte nach der Weinflasche auf dem Büfett. »Natürlich. Der junge Kirchweger hat sehr darum gebeten. Weißt du, der Blonde aus dem Rechnungsdepartement.« »Hat's auch nicht weit gebracht,« tadelte der pflichttreue Beamte, »woher kennst du ihn denn?« »Ach, bloß vom Eislaufen.« »Famos. Ich sag's ja immer, du bringst es mal zu etwas. Mach' dich nur fein. Und hübsch reichlich dekolletiert, Martha, das bitt' ich mir aus. Ministers sollen sehen, was für schöne Kinder so ein armer Postoffizial hat.« Und er löffelte seine Suppe weiter, schmatzend und vergnügt, in selbstzufriedener Gier.   Für Karl Maria begann nun ein merkwürdiges Doppelspiel zwischen Glück und Unglück. Mit einem plötzlichen Ruck trat er in die Wirklichkeit. Aber er hielt seine Augen noch halb in die stille Vergangenheit zurückgewandt, weil der neue Tag ihm zu grelles Licht entgegenwarf. Sein erstes Schicksal hatte sich erfüllt. Er hatte der Mutter wehgetan. Mit hilflosen Blicken bettelte er um ein gutes Wort, aber die Mutter wies ihn zurück: »Ich kann nichts mehr für dich tun, Karl Maria, nur Gott bitten, daß er dich wirklich lieb behalte.« »Hab' doch du mich lieb!« Und als Frau Lisbeth ihn nicht küßte, stampfte er mit den Füßen und rief: »Ich will dir doch alles geben, was ich mit meiner Geige verdiene! dir, dir! Schöne neue Kleider und ein hübsches Haus mitten unter Rosen, zwei schwarze Schwäne mit roten Schnäbeln in einem Teich! Du wirst im Kahn sitzen, und ich bin dann ein großer Herr und spiele dir vor. – Siehst du denn nicht, wie schön das alles sein wird?« Lisbeth lächelte traurig: »Du armer, eitler Schelm.« Da kniete er vor ihr, legte den Kopf in ihren Schoß und flüsterte: »Laß mich doch glücklich werden!« Sie streichelte sein Haar und dachte zurück in die Zeit, als sie selbst gegen Eltern und Bruder das Recht ihrer Liebe zu Franz Tredenius verteidigt hatte. Dies erbettelte Glück war Rauschgold gewesen. Nun saß sie mit leeren Händen, und vor ihr kniete ihr Junge und bat um die Freiheit, dem Unheil nachzulaufen. Sie allein sah die Mauern, an denen seine Sehnsucht sich wundstoßen mußte. Aber es war Schicksal, daß das Junge in die Welt lief und das Alte grollend zurückblieb. Ein Staunen kam über die Frau, ein Kinderstaunen über das Leben, das ihr stets Wunder und Schrecken zugleich gewesen. Als Karl Maria dann vor ihr stand, in seinem neuen dunkelblauen Anzug mit der weißen flatternden Krawatte, den Geigenkasten unter dem Arm, jung, blaß und schön, küßte sie ihn wieder und wieder und hielt ihn fest, als ginge er in den Tod. Im Halbschatten lehnte hoch und schlank Martha Tredenius, ihre nackten Arme schimmerten wie bläuliches Silber, rot spielte das Lampenlicht über Gesicht und Nacken. Ihr Blick war stolz und heiß. Als Karl Maria Abschied nahm, murmelte die Mutter: »Jetzt gebe ich ihn fort.« Aber der glückliche Bub hörte sie nicht.   Das alte Barockpalais des Finanzministeriums war in weißes Licht getaucht. Der Widerschein der roten Laufteppiche huschte über die Heidengötter im Stiegenhaus, die ihre nackte Schönheit im üppigen Blattgrün verbargen. Frauengewänder raschelten die Treppe empor, hier und da kam leises Lachen. Karl Maria drückte sich ängstlich an die Schwester, die mit halbgeöffneten Lippen und dunkelglänzenden Augen dahinschritt wie eine Königin, die heimkehrt. Der dicke Diener in der Garderobe warf einen frechen Blick auf den Geigenkasten: »Von der Musik?« »Ja,« antwortete der verlegene Karl Maria und dachte, nun müßten alle Türen vor ihm aufspringen. Aber es kam anders. Martha weinte fast vor Zorn, als man sie und den Bruder in ein Hinterzimmer wies, wo vier Musikanten saßen. Tabaksqualm und schaler Bierdunst hing in der Luft. Ein fetter Mann mit arg zerknittertem, schmierigem Vorhemd faßte Martha um die Hüfte: »Volkssängerin, Kleine?« Sie blickte ihn bloß an, so ganz von oben, so selbstsicher, daß er erschrocken davonschlich und sich wieder an seinen Bierkrug machte. Der dürre Cellist, der gerade sein Instrument stimmte, grinste spöttisch: »Willst du auch hier geigen, schöner Bub?« Martha winkte hochmütig: »Schweig, Karl Maria.« »Was willst du denn spielen?« fragte der Skelettmensch, der hinter seinem dickbäuchigen Cello fast verschwand. »Etwas von Joseph Italiener,« stammelte das Kind. »Unsinn. Wer ist das? Hier gibt's nur Walzer. Die blöde Bande begreift nichts anderes.« Und er lachte. Der Klavierspieler, ein grauer, gebückter Mensch, brachte ein Glas Bier und einen Teller mit Wurst und Brot: »Habt ihr Hunger, Kinder?« Sein zahnloser Mund verzog sich zu einem gutmütigen Lächeln: »Esset jetzt, nachher fressen nur die anderen, und wir müssen uns die Finger wundklopfen.« »Ich danke sehr, aber ich bin nicht hungrig,« antwortete höflich der Junge und schob Glas und Teller von sich. »Warum kommst du eigentlich her?« forschte der zahnlose Alte und strich die grauen Locken aus der steilen Stirn. Karl Maria warf sich in die Brust, als müsse er sein verkanntes Prinzentum aus Wunderland ankündigen: »Sie haben mich gebeten, daß ich spiele.« »Bist gar noch eitel darauf! Ja, ja, die fressen alles.« Er riß die Augen ganz seltsam auf und schnitt eine bitterdumme Fratze. Die dürren Finger strichen nachdenklich über die weiße, schlanke Knabenhand. Dann brüllte er los, daß es durch das enge, rauchgefüllte Zimmer klirrte: »Bin auch einmal ein Wunderkind gewesen. Aber ich heiße Andreas Katzenkopf. Ein Mensch mit diesem Namen bringt es sein Lebtag zu nichts.« Karl Maria dachte an Joseph Italiener und blinzelte scheu in den beizenden Qualm. Vielleicht war in dieser armseligen Enge die Hölle beschlossen, durch die er mußte, ehe er ins Himmelreich durfte. Mit feierlich glänzenden Augen blickte er den Klavierspieler an: »Ich will berühmt werden.« Und er legte die Hand aufs Herz, als leiste er in dieser Stunde einen Gotteseid vor sich selbst. Plötzlich neigte sich der Alte zu ihm hin und schlug in wunderlicher Ergriffenheit ein Kreuz auf die Kinderstirn. Keiner bemerkte sein Tun. Der Cellist und der Holzbläser tranken und rauchten. Der fette Geiger mit dem schmutzigen Vorhemd und dem roten Lumpengesicht aber stolzierte dicht hinter Martha drein, die mit leisem Kleiderrauschen im Zimmer auf und ab lief wie eine gereizte Katze. Vor einem Glockenzug machte sie plötzlich halt. Sie schüttelte den Verfolger ab, daß er der Länge nach hinstürzte und seine groben Finger sich in Marthas gelbes Kleid hakten. Ein Diener schob mürrisch den Kopf herein: »Ruhe, Gesindel! Habt ihr nicht genug zu saufen?« Martha hielt ihm ihre Visitkarte hin: »Rufen Sie sofort Herrn Max Kirchweger.« Der livrierte Frechling riß die Augen auf: »Sie, das gibt's bei uns nicht. Hier ist ein feines Haus.« Doch Martha Tredenius, die aus der Armut ins Goldland wollte, herrschte ihn nur an: »Gehen Sie sofort!« Da trollte er sich kopfschüttelnd und rieb die feisten Backen, als brenne dort ein Peitschenhieb. Marthas blaue Augen waren jetzt beinahe schwarz vor Zorn, ihre Brauen standen dicht beieinander. Wieder flüsterte der Geiger, der sich mühsam auf die Beine gestellt hatte: »Bist sein Verhältnis, Schatzerl, was?« Sie hörte es kaum. Stolz aufgerichtet wartete sie. Ihre Brust ging auf und nieder, zwei Blutstropfen lösten sich langsam von ihrer Unterlippe und standen auf der weißen Haut. Ihr Zorn aber wandelte sich schnell in ein huldvolles Lächeln, als der blonde Max Kirchweger ihr verlegen die Hand küßte und unsicher von einem Fuß auf den andern trat. »Jetzt erst?« fragte sie schelmisch. »Ja – allerdings – die Mama – die Tischordnung –,« stammelte der Blonde und gab ihr schnell den Arm. »Und ich?« fragte der verzagte Karl Maria hinter den beiden drein. Martha legte den hochfrisierten Kopf in den Nacken: »Bleib du nur einstweilen da.« Die Tür fiel zu. Schweratmend standen sie in dem halbdunklen Korridor. »Du, – du!« keuchte der junge Mensch, riß Martha an sich und legte seine heißen Hände auf ihre kühle weiße Haut, »weißt du, wie schön du bist, Mädel?« »Du verdirbst mir die Coiffüre,« sagte sie kühl und machte sich geschickt los. In den Romanen, die sie las, gaben Frauen in solchen Lagen stets derartige Antworten. »So! Führe mich jetzt zu deinen Eltern!« Ihm trat der Angstschweiß auf die Stirn, hilflose Bangigkeit zwinkerte in den hübschen wasserblauen Augen. Nun kam der Skandal. »Laß mir noch Zeit!« »Nein.« »Aber die Mama –.« Statt zu antworten, öffnete sie die Tür zum Salon. Vor ihr stand in einer Damengruppe eine schlanke, blonde Frau mit harten, grauen Augen. Die spielte mit dem Fächer und lächelte farblos. »Komm!« zischte Martha und schritt hochmütig und sicher auf Ihre Exzellenz Frau Hella Kirchweger zu. Mit einknickenden Knien wankte Max ihr nach. Stockend sagte er: »Du erlaubst, liebe Mama, – Fräulein Tredenius.« Die Frau Minister zog unmerklich die Brauen hoch. Kalt und gemessen neigte sie das schöne Haupt ein wenig: »Sehr erfreut.« Dann wandte sie sich ab. »Der kleine Max hat Geschmack,« kicherte boshaft eine alte Gräfin, die übermäßig geschminkt war. Eine Oberstin mit einer dicken Schnur falscher Perlen ließ die Lorgnette klappern und trieb schnell ihre drei Töchter vor sich her ins Nebenzimmer wie verirrte Schäfchen. Ein noch sehr jugendlicher Bischof seufzte leise, als Marthas unbehütete Schönheit an seinen halbgesenkten Augen vorüberglitt. Ein paar Herren machten lange Hälse. Aber keiner bot Martha einen Sitz an. Da tippte sie den Bischof auf die Schulter: »Darf ich um einen Stuhl bitten?« Einen Augenblick war es recht still. Langsam, als gehorchte er nur widerwillig einem inneren Zwang, erhob sich der Kirchenfürst und schob Martha seinen zierlichen Rokokofauteuil zurecht. »Bitte,« sagte er höflich. Martha Tredenius dankte mit einem schnellen Blick zwischen halbgeschlossenen Lidern. Die Herren umdrängten sie plötzlich. Die Damen waren verschwunden. Nur die boshafte alte Gräfin hielt stand. So vollzog Martha ihren Einzug ins gelobte Land.   Nach einer Weile holte der fette Diener die vier Musikanten. »Jetzt kann das Klimpern losgehen. Die Herrschaften setzen sich zu Tisch.« So blieb Karl Maria ganz allein mit seiner Geige. Er weinte zornig und wäre am liebsten heimgelaufen. Niemand kümmerte sich um ihn. Die Martha war ein Scheusal. So saß das Kind in dem verqualmten Zimmer, zusammengeduckt, halb sinnlos vor gekränkter Eitelkeit. Er wollte heim. Leise stand er auf und öffnete eine Tür. An kleinen Tischchen speisten viele Menschen, alle geputzt und fröhlich. Messerklirren und Lachen kam ihm entgegen. Hinter dichtem Blattwerk erklang eine süße Musik. Dort mußten die vier Musikanten versteckt sein. Mit großen Augen sah Karl Maria in das bunte Treiben. An einem Tischchen, nicht weit von ihm, saß ein einzelner Mann. Der wandte sich zufällig um und bemerkte den hübschen Jungen. »Was tust du denn da?« fragte er gutmütig und winkte Karl Maria herbei. »Setz dich zu mir!« Karl Maria lächelte und schlüpfte mit seinem Geigenkasten zu dem fremden Herrn. Seine Kinderseele hob wieder schüchtern die Schwingen, als ihr an diesem bitteren Abend das erste Gute widerfuhr. Und die vielen herrlichen Dinge, die livrierte Diener an die kleinen Tische brachten! Er aß, wie nur ein hungriger Schuljunge essen kann, den Kopf ganz zwischen die Schultern gezogen, verlegen ob seiner Gefräßigkeit und doch seelenvergnügt über die vielen guten Sachen, die er flugs vertilgte. Der fremde Herr schien an diesem Kinderglück seine Freude zu haben. In den klaren blauen Augen war eine ruhige Freundlichkeit, als der gesättigte Karl Maria von seinem Schicksal zu erzählen begann, ein Stück aus der Gegenwart und dann wieder eins aus der Vergangenheit. »Bist du ganz allein gekommen?« »Nein, mit meiner Schwester.« Und vertraulich plauderte Karl Maria das Geheimnis der Martha Tredenius aus. So kam der fremde Herr mitten in das vielfach verschlungene Netz der Familiengeschichte der Geschwister Tredenius, die mit klopfenden Herzen und heißen Augen unter all den reichen und kaltherzigen Menschen saßen, arm und verlassen oder als schöne Jagdbeute umlauert, aber voll verzweifelter Entschlossenheit, sich ein Plätzchen in diesem Goldlande zu erobern. »Hat dich deine Mutter hierhergeschickt?« »Ach nein. Die wollte es nicht erlauben,« gestand Karl Maria bedrückt. »Deine Mutter hat recht. Du sollst hier nicht spielen.« »Aber ich will doch. Ich muß doch endlich vorspielen. Ich will ein großer, berühmter Geiger werden, so berühmt wie der Hans Geßner.« Der Fremde blickte Karl Maria scharf an. Der preßte die Hand vor die Stirn und wanderte spornstreichs durch allerlei Erinnerungen. Auf dem ersten Weg in den »Blauen Herrgott« machte er halt, und da hatte er auch schon, was er suchte. Diese klaren blauen Augen vergaß man nicht. »Sie sind der Geiger Hans Geßner.« Ein überraschter Blick. »Mutter hat Sie mir einmal gezeigt, als ich noch klein war.« »Ja, der bin ich. Aber hör' mir zu, Karl Maria: Du sollst noch lernen , nicht als halbflügges Wunderkind dich da umhertreiben. Weißt du, was das heißt?« »Der Vater schlägt mich, wenn ich jetzt ausreiße.« »Wenn du jetzt schnell heimgehst, Karl Maria, darfst du mir morgen vorspielen. Du kommst vormittags zu mir, ins Hotel Imperial, denn am Abend fahre ich nach Paris, und spielst mir vor, solange du willst. Vielleicht kann ich dann mit deinem Vater sprechen.« »Ja, wenn ich das dürfte –.« Er zögerte. »Wenn du hierbleibst, will ich nichts mehr von dir wissen.« »Ich gehe heim. Ich will immer tun, was Mutter und Sie mir sagen.« Traurig packte er seinen Geigenkasten und stand gar kümmerlich da. Zwei Tränen kollerten langsam die Wangen herab, als sein Märlein von Ruhm und Gold so schmählich zerrann und er heimgeschickt wurde, wie ein Schüler, der seine Aufgabe nicht richtig gemacht hatte. »Morgen komme ich,« sagte er ganz leise. Hans Geßner nickte ihm zu und schob ihn schnell zur Tür. Und da stand Karl Maria wieder in dem raucherfüllten Musikantenzimmer. Die goldenen Türen waren vor ihm verschlossen. Dumme kleine Jungen durften nicht ins Märchenland. »Wie ein Schulbub heimgeschickt,« murmelte er mit trotzigen Lippen. Seine Eitelkeit wollte nicht, und doch zwang ihn Geßners ruhige, feste Art zum Gehorsam. Mutter natürlich, die würde jubeln, wenn er jetzt heimgelaufen kam, und seine Demütigung als Sieg ihrer sorgenden Liebe ansehen. Ein harter Zug lag um den Kindermund. Karl Maria öffnete die Finger und schloß sie wieder, als werfe er etwas fort, das ihm bisher teuer gewesen. Er schlich in den Korridor, den Scheltworten des enttäuschten Vaters und der weltfremden Enge seiner Mutter entgegen. Vielleicht lag das ersehnte Paradies gar nicht in dem glänzenden Salon da hinten, sondern eher im »Blauen Herrgott«, wo Onkel Williguth, von keiner Menschenseele geehrt oder bewundert, einsam seine mächtige Orgel spielte und doch glücklich und zufrieden war. Ob die blonde Kundry wohl lachen würde, wenn sie ihn jetzt sehen könnte; die schwarze Trix würde sicher lachen. Und gar erst die Miriam! »Dummerl!« klang es ihm in den Ohren, als er mit zitternder Stimme den Diener um sein Mäntelein bat. »Gehst du schon. Kleiner?« fragte der dicke Mann gutmütig, und dem Knaben schien, als sei der rohe Geselle von vorhin um vieles sanfter. »Hast ja noch gar nicht gespielt?« »Ich will auch gar nicht hier spielen,« sagte Karl Maria und schnitt sich so jeden Rückweg ab. »Hast recht, daß du der Bagage drin eins pfeifst.« In edler Entrüstung ballte er die Faust gegen die Reichen, deren Wein er trank und deren beste Zigarren er rauchte. »Adieu!« sagte der Junge höflich und lief zur Tür. Dort aber stolperte er einem kleinen alten Herrn in die Arme, der gerade eintreten wollte. Der Knabe sah einen eisgrauen, überlangen Reiterschnauzbart und zornig blitzende graue Augen dicht vor sich. »Was ist denn das für eine verdammte Kiste?« schrie der Herr Karl Maria an, drehte ihn wieder in den Vorraum zurück und guckte ihm scharf ins Gesicht. Bitterböse sah er aus mit dem gesträubten Schnauzbart. »Sapperlot, du bist ja der kleine Kerl mit der Geige, wie kommst denn du daher?« Manierlich gab Karl Maria dem Grafen Rothenwolff Bescheid. Nach der Trix wagte er nicht gleich zu fragen. Nur daß er sofort heim wolle, versicherte er dreimal hintereinander, um den zornigen alten Herrn zu besänftigen. Der schrie aber erst recht: »Unsinn! Du sollst doch hier geigen?« »Ich soll ja nicht –,« stammelte das Kind. »Herrgott, wozu bist du denn hier? Ich weiß, was du kannst, du wirst spielen,« eiferte der alte Sanguiniker, pfiff ein paar Takte der Wassersonate und ließ sich aus dem Pelz helfen. »Herr Hans Geßner hat es mir verboten,« sagte Karl Maria sehr laut, voll Stolz, daß ein so berühmter Mann sich mit seinem kleinen Wohl und Wehe abgab. Einen Augenblick stutzte Achaz Rothenwolff, dann sprang ihm sein leichtsinniges Herz davon. »Das ist einfach Neid, Karl Maria.« Der Bub blickte auf. Konnte das denn nur möglich sein? »Ich will doch lieber fort,« beharrte er dann. Aber er ließ sich sein Mäntelein und seine Pelzkappe doch wieder fortnehmen und stand unschlüssig. Seine Augen wanderten zwischen dem Ausgang und der Tür, hinter der er das Glück gesucht hatte. »Komm!« sagte der Graf und faßte ihn am Arm. Ein Diener riß die Türflügel auf. Betäubt stand Karl Maria mitten im Salon. Achaz Rothenwolff verbeugte sich vor der Hausfrau. »Ich habe Ihnen etwas mitgebracht, gnädige Frau. Ein Wunderkind.« Alle Herren und Damen blickten neugierig auf den Kleinen, den der theatergewaltige Intendant Graf Rothenwolff an der Hand hielt. Die alte boshafte Gräfin klappte die Lorgnette zusammen. »Das ist wieder eine Ihrer Verrücktheiten, lieber Achaz.« Doch der Graf ließ sich nicht irremachen. »Zum Klavier!« kommandierte er mit dröhnender Stimme und bot dem armen verschüchterten Karl Maria galant den Arm, wie einer berühmten Primadonna. Der alte Klavierspieler, den man schnell ins Musikzimmer geholt hatte, warf einen bitterbösen Blick auf das Kind. Dann lächelte er spöttisch und fragte leise: »Was willst du denn spielen?« Als er dann die Noten in der Hand hielt, brummte er ungnädig: »Unmöglich. Das Zeug kenne ich nicht.« Aber schon drängte ihn Graf Rothenwolff beiseite und setzte sich selbst ans Klavier. Karl Maria riß die Geige ans Kinn. Dann flog der Bogen hoch. Lautlos still war es ringsum, als der Bub seine Seele verspielte. Dann klatschten alle und riefen ihm zu; die schönsten Damen küßten ihn, alte und junge Herren sagten ihm Artigkeiten, daß sein armer Kopf wirbelte. Schließlich mußte er noch ein Rondo von Mozart zugeben. Und es gelang. Zuerst fiel ihm die krause und doch so unendlich reine Rhythmik schwer, aber dann schaute er auf die Engelchen und Fische, die in Muscheln und verschlungenem Bandwerk weiß und golden den Plafond zierten, und traf den Ton. Wie silberne Glöckchen in einem chinesischen Turm sang die Geige, im deutschen Mondschein tanzten Arlekin und Kolombine zwischen steifen Taxushecken und wollten vor Verliebtheit sterben. Mit einem Male bemerkte Karl Maria den scharfgeschnittenen Kopf Hans Geßners unter der Menge. Hilfesuchend sah ihn der Knabe an und ließ den Bogen springen wie noch nie. Aber die blauen Augen waren jetzt dunkel und streng, zwei schlimme Falten liefen rechts und links zum Schnurrbart hinab. »Er mag mich nimmer,« dachte das Kind und ließ die Geige schluchzen. Dann war Hans Geßner verschwunden. Und der Beifall rauschte um Karl Maria. Rot flammte der Stolz über die Knabenstirn, in die dunkelbraunen Augen kam ein Leuchten, und die Lippen warfen sich auf, als streiche die erste Gier über sie hin. Mitten in sein stolzes junges Glück griffen plötzlich zwei starke, nackte Frauenarme. Mit einem Ruck ward das zappelnde Geigerlein hochgehoben und saß plötzlich ganz sanft und säuberlich einer Frau auf dem Schoß. Karl Maria besah empört die Riesin, die so ungeschlacht mit ihm verfuhr. Ein mächtiges Frauenhaupt lächelte ihn an, grob aus dem Holz geschlagen, mit der Breithacke, die keine Zartheiten herausarbeiten kann. Große, haselnußbraune Augen mit buschigen Brauen, ein schweres Kinn, wie das einer gefangenen Barbarenfürstin, und dazu ganz seltsam eine schlanke Nase und ein feiner, hübsch geschwungener Mund. Eine Stimme, deren Klang Karl Marias scharfes Ohr sofort mit dem Ton uralter Kirchenglocken verglich, fragte jetzt mit derber Fröhlichkeit: »Hast mich lang' genug beguckt, Bub? Jetzt stell' dich fein manierlich vor!« Lachend stand die Gesellschaft um das seltsame Paar. Die Hausfrau lächelte sauersüß, sie fand dies Gehaben ganz ungehörig und für einen Ministersalon reichlich sans façon . Diese Ermattinger nahm sich wirklich viel heraus. Karl Maria blickte halb keck und halb verlegen auf die bärenstarke Frau, die ihn wie eine Mutter auf dem Schoß hielt. Trotzig nannte er seinen Namen. Da klang ein silberhelles Lachen, so rein und stark, wie wenn am Karsamstag alle Glocken wieder läuten. Das Kind lief dem Rhythmus dieses wundervollen Lachens nach, Takt für Takt. Dann sagte er in schlichter Bewunderung: »So möchte ich geigen können, wie Sie lachen, gnädige Frau.« Er war höflich wie ein kleiner Page. »Dem ist's auch im Schlaf gegeben, – der erkennt die Singstimme,« frohlockte die große Frau und ließ einen mächtigen Triller nachrollen. »Lassen Sie mich los,« bat Karl Maria, »ich schäme mich so.« Rasch glitten die nackten Arme von ihm, und er war frei. »Geben Sie dem Buben zu essen,« sagte sie zur verdutzten Frau Minister, »sein Herz springt um eine Oktave zu hoch. Er ist zu jung zu diesem Teufelsspiel.« Gutmütig strich sie ihm über das heiße Gesicht. »Weißt du, gesund und stark müssen wir sein. Essen und trinken zu allererst, dann kommt das Schlafen, und dann erst die Musik. Aber gelt, am allerschönsten ist sie doch, unsere Musik?« Ihre Augen glänzten jetzt, und ihr Mund lächelte weich. Sie fühlte des Knaben schwache Arme. »Muskeln ansetzen, Kind. Die Kunst ist eine Henkerin. Die Schwachen bringt sie um.« Verständnislos sah er sie an. Geigte die am Ende auch? Da konnte er sich nur gleich verstecken. Die Frau lächelte wieder und fragte vertraulich: »Was macht denn die Miriam?« Da fiel es ihm wie Schuppen von den Augen. »Sie, – Sie sind die Ermattinger?« »Stimmt,« nickte die starke Frau mit dem dunkelbraunen, leicht angegrauten Haar, das wie ein Helm um den mächtigen Kopf lag. »So, jetzt los, ich helfe dir essen.« Wohlgemut griff sie nach einem Schinkenbrot und einem Glas Bier. Karl Maria aber vergaß alles um sich her, die schönen Damen, die ihn bewunderten, die Trix samt ihrem Onkel, Gold und Glanz, selbst den Geiger Hans Geßner, als diese wundersame Frau ihn fütterte wie ein kleines Kind. Plötzlich stand Franziska Ermattinger auf, und Karl Maria schrumpfte schnell zu einem Zwerglein neben ihrer Walkürengestalt zusammen. »Jetzt wird heimgegangen. Für dich, Bub, ist's höchste Zeit. Ich bringe dich heim.« »Meine Schwester –«, murmelte der Junge. Ein scharfer Blick der Ermattinger streifte Martha Tredenius, die schlank und schön in einer Herrengruppe auf und nieder glitt. »Die hat keine Zeit für dich,« sagte sie und drückte Frau Hella Kirchweger flüchtig die Hand. Wie im Traum schritt Karl Maria mit seinem Geigenkasten neben der großen Sängerin die Treppe hinab. Dann glitt der Wagen in die Winternacht. Nach einer Weile kam die mächtige Stimme aus dem Pelzwerk hervor: »Wenn sie dich jetzt locken, folge ihnen nicht.« Karl Maria wollte allzu schnell verraten, daß ihm jemand heute schon denselben Rat gegeben, aber er schwieg lieber und sonnte sich in seiner jungen Würde. Dann hielt der Wagen. Die Sängerin wartete, bis das Haustor aufklappte: »Gute Nacht, Kleiner! Grüß mir die Miriam.« Heiß vor Freude stürmte Karl Maria die Treppe empor. Droben saß seine Mutter, blaß und müde, und wartete auf ihn. »Sie haben mich alle geküßt!« jubelte er ihr entgegen. Frau Lisbeth drückte seinen Kopf an ihre Brust und blieb ganz still. Karl Maria aber machte sich los, schlug die Hände ineinander, erzählte kunterbunt seine Abenteuer und tanzte im Zimmer herum. »Du kriegst die Villa, Mutter, mit zwei, nein, mit drei – mit zwölf schwarzen Schwänen.« Plötzlich fielen ihm die Augen zu. Er taumelte und bat ganz sittsam: »Ich bin so schläfrig. Hilf mir ausziehen!«   Als Karl Maria am nächsten Morgen ins Graue Gymnasium eilte, schien die Sonne viel schöner als sonst am Himmel, und die Welt war überhaupt eine einzige Wonne, was auch griesgrämige Menschen darüber sagen mochten. Zwar konnte er die schlaftrunkenen Augen kaum offen halten, und in seinen Schläfen saß wie ein boshafter Affe grimmiger Kopfschmerz, aber er lachte doch den alten Lateinprofessor, als dieser, leider ganz ohne Erfolg, eine kniffliche Frage an Karl Maria stellte, so seelenvergnügt an, daß der knurrige Alte ganz verblüfft mitlachte und erst nachher einen greulichen Fluch folgen ließ. Der junge Ruhm war doch ein lieb Ding, das warm und herzfroh machte. Fast mitleidig betrachtete der Junge seine Mitschüler, die nur an Noten, Lob oder Hiebe der Eltern, Tauschen von Federn und Marken und ähnlichen Kleinkram dachten, während er – – –, hier mußte er gewaltsam abbrechen, sonst hätte er sein Glück laut hinausgekräht. Dann rannte er mit seiner Seligkeit justament in das Mittagessen der Familie Italiener hinein. Frau Charlotte blickte unwillig auf, sie liebte es nicht, in der Bewältigung ihrer leiblichen Genüsse gestört zu werden. Sie brummte sogar ein klein wenig, als sie sah, wie die herrliche braune Tunke zum Pfefferfisch steif und kalt wurde. Karl Maria aber stellte seinen Stolz gar possierlich wie ein goldenes Schaustück auf und ließ in kluger Berechnung alles Herzeleid aus, das ihm auf seiner Wanderschaft zum Ruhm widerfahren. Der rote Joseph strahlte und legte vor Freude sogar Messer und Gabel hin, was seine wohlgenährte, ebenfalls rothaarige Schwester Johanna, genannt »Der dicke Hans«, zu einem glücklichen Raubzug auf den verwaisten Teller veranlaßte. »Eß, Karl Maria,« ermunterte sie, mit vollen Backen kauend, und schob ihm schnell Besteck und Teller zu, »der Fisch ist prima.« »Gott der Gerechte,« seufzte die gute Frau Charlotte, »so'n kleiner Jung', und geigt bei Ministern und Grafen. Nimm dir ein Beispiel, Miriam.« Nur der Schlemihl Gideon fragte vorsichtig: »Wird sich das Geigenspiel mit deiner Schule –?« Miriam fiel ihm ins Wort: »Gott, Vater, sei nicht so komisch! Ich tanze doch auch und bin alleweil die Erste unter meinen Schafsköpfen in der Klasse.« »Du, Miriam, du bist eben ein geniales Goldkind,« entschied der väterliche Stolz, »das kann man nicht vergleichen.« Die Miriam aber hing sich an Karl Maria, bis sie jedes Wort wußte, das Franziska Ermattinger über sie, ihr Tanzen und ihr neu begonnenes Singen gesagt hatte. Am Nachmittag lief Karl Maria wieder davon, in die prächtigsten Viertel der großen Stadt, bis zum Hotel Imperial. Er wollte unverzagt zu Hans Geßner treten und mit einigen glücklichen Worten sein gebrochenes Versprechen einfach verschwinden lassen. Sein Herz klopfte zwar etwas schuldbewußt, und er fühlte auf einmal eine übergroße Müdigkeit, daß er kaum den Geigenkasten schleppen konnte. Keck aber trat er in die Halle und fragte nach Herrn Hans Geßner. Der kleine Junge mit den zahllosen Metallknöpfen an dem kurzen engen Jäckchen und der galonierten Kappe wandte sich an den stattlichen Portier, der wieder den eleganten Zimmerkellner anrief. Da erfuhr der eitle Karl Maria die niederschmetternde Kunde, daß der berühmte Geiger vor zwei Stunden die Stadt verlassen habe. Mit gesenktem Kopf trabte er davon. Sein goldenes Luftschloß bekam auf einmal einen häßlichen Riß mittendurch. Und sein Trotz, den er zu Hilfe rief, vermochte diesen Riß nicht zu flicken. Vergebens suchte er sich mit dem schlimmen Wort des Grafen Rothenwolff zu trösten: »Das ist einfach Neid!« Karl Maria war kein Dummkopf und glaubte nicht, daß Meister Geßner auf ihn eifersüchtig sein könne. In seiner erbärmlichen Katzenjammerstimmung wandelte er einige Male den Platz am Wasserturm auf und nieder und hoffte, die Trix irgendwo zu erspähen. Aber das Haus lag hochmütig und still. Kleinlaut mußte er an den Heimweg denken. Am Abend erst ward ihm ein karger Trost, als der Vater, den Karl Maria seit dem Abenteuer noch gar nicht gesehen hatte, weil er von seinen Bierreisen weder gestern noch heute überhaupt heimgekommen war, sich von Martha Bericht erstatten ließ und dann mit den höchsten Lobesworten nicht sparte. Befriedigt las er ein kleines Kärtchen, das für Karl Maria abgegeben wurde, von der Hand der alten boshaften Gräfin, die den lieben kleinen Tredenius für Freitag zu einem musikalischen Tee bat, – samt seiner Geige, wie sie schrieb. »Schau nur, daß du jetzt in Mode kommst,« ermahnte Vater Tredenius und blickte patriarchalisch von einem zum anderen. Frau Lisbeth zog die Brauen zusammen: »Geh jetzt schlafen, Karl Maria!« Da beschloß der Knabe, seiner Mutter nichts von Hans Geßner zu erzählen. Als er schon im Bett lag, kam die Schwester, fütterte ihn mit glasierten Kastanien, küßte ihn und lispelte: »Gelt, Bubi, ich habe doch riesig gefallen?«   So griff das Schicksal, dem Graf Achaz Rothenwolff einen derben Stoß gegeben, nach dem Wunderknaben Karl Maria Tredenius. Untertags übte er oder lag auf dem Diwan und träumte. Abend für Abend geigte er nun in reichen Privatzirkeln, fand viel Beifall und ungeschickte Lobesworte, die sein Herz eitel machten, daß er verdrossen und grämlich auf die Armut daheim blickte. Er war stolz, daß seine Kindergeige sich in die Herzen der Menschen hineinspielen konnte, und trug schwer, daß er im Elternhaus noch immer ein kleiner Junge sein sollte. Zum ersten Male gab es in der Schule Schwierigkeiten. Aus Müdigkeit und Hochmut wurde er unaufmerksam und geriet langsam ins Hintertreffen. Das leise Mißtrauen, daß dadurch in dem verwöhnten Knaben wach wurde, suchte er durch doppelte Hingabe an seine Geige zu besiegen. Er trieb Joseph Italiener, ihm immer neue technische Kunststücke zu zeigen. Und der Allzugutmütige war schwach genug, dem Drängen nachzugeben. So lernte Maria die Schwierigkeiten der Teufelssonate von Tartini mit unheimlicher Geschicklichkeit besiegen und bekam zu gleicher Zeit im Gymnasium lauter schlechte Noten. Allmählich wurden Abend und Nacht zu leichten Siegen und der langweilige Tag zu einer Kette von verschlafenen Niederlagen. Aus dem Palais der alten Gräfin fand er schnell seinen Weg in andere vornehme Häuser, und schließlich blickte er hochmütig und gelangweilt, wenn er nicht geigte oder kein Beifall um ihn war. Dabei wuchs und streckte sich sein Körper, als käme die Frühreife seiner Seele auch dem leiblichen Wachstum zugute. Und jetzt fing auch der erste Goldregen zu fließen an. Franz Tredenius verwandelte sich sofort in einen Manager und Kassier. Er führte die Korrespondenz mit all den Herrschaften und war nicht allzu bescheiden. Karl Maria aber kaufte von dem Gelde, das ihm der Vater unklugerweise überließ, wenn er auch den Löwenanteil selbst einsackte, allerlei Geschenke für seine Mutter, in der reinen Kinderfreude, viel schenken zu können. Auch die Miriam bekam einen feinen Winterhut und ein hübsches Ringlein. »Ach, Karl Maria,« klagte sie, als sie den Ring an den Finger steckte, »wäre ich nur auch schon so weit!« Der kleine Geiger lebte in seinem ersten Rausch und freute sich, wenn die goldene Frucht seiner durchwachten Nächte in andere Hände fiel. Für sich selbst wollte er nichts als Beifall, viel Beifall, und das glitzernde Sternchen Ruhm, das rot und heiß vor ihm brannte. Und doch liefen allbereits die ersten Schauer der Ermüdung über seine junge Kraft. So sagte er denn zur betrübten Miriam: »Wenn du wüßtest, wie müde ich bin. Weil ich gar so wenig schlafen kann. Oft fallen mir beim Spiel die Augen zu.« Es sollte ein Trost für die Kleine sein, aber es klang die bittere Wahrheit durch. Die Kinder saßen wieder einmal beisammen auf dem treuen »Elefanten«, wie in einem Häuschen, in der weiten Behaglichkeit ganz vergraben. Miriam streichelte Karl Marias Hand: »Was du für dünne Finger hast. Du sollst mehr essen.« Ein befriedigter Blick der jungen Dame streifte ihre eigene Gestalt, die langsam, o, noch viel zu langsam für Miriams ungeduldige Sehnsucht, ihre Vogelscheuchendürre verlor. Ganz langsam verschwanden die Ecken, und die Glieder rundeten sich, leise und zart, wie Knospenansatz an dürrem Ast. Und in ihrer Herzensfreude über diesen, allerdings noch recht bescheidenen Erfolg von Mutter Charlottens Kochkunst erblickte die Miriam nun in reichlichen und guten Bissen ein Allerweltsheilmittel für jedes Leid, auch für Karl Maria, der von Tag zu Tag schmaler und blaßer wurde, wie ein Schatten, der in den Nächten geigt und mit dem Morgengrauen in nichts zerrinnt. Mitten in der herzguten Tröstung der Miriam fuhr der Junge auf und schüttelte alle Schlaffheit von sich. Die mageren, bleichen Wangen färbten sich, in den Augen funkelte der Ehrgeiz: »Ach, du, ich muß ja geigen, und wenn ich auch darüber sterben soll.« »Du Glücklicher,« seufzte die dumme Miriam und sah ihren Helden bewundernd an. Dann aber kam wieder der Schalk über sie, daß sie die Beine baumeln ließ und den Freund mit ihrem noch immer spitzen Ellenbogen kräftig in die Rippen stieß. Kokett fragte sie dabei: »Wirst du mich heiraten, wenn ich eine dicke Sängerin bin?« Mit einem Male lag ein jäher Ernst auf dem unfertigen Mädelgesicht mit der kurzen, kecken Nase und dem breiten Mund. »Vielleicht,« nickte Karl Maria gnädig und dachte an die schönen Frauen, die ihn abends küßten. Wie im Fieber brannte sein Blut, als wollte ein Lämplein alles Öl auf einmal verbrauchen. Miriam schürzte trotzig die Lippen: »So, vielleicht? Na warte, da nehme ich einfach einen Fürsten mit hundert Dienern. Und du darfst mir zur Hochzeit aufspielen.« Wie eine beleidigte Königin sprang sie aus dem traulichen, braun und weiß gestreiften Häuschen und ließ den Träumer allein. Und bald vernahm Karl Maria aus dem Nebenzimmer ein helles Liedlein, das keck aufwärts stieg wie goldiger Abendrauch. So flog ihm die Seele der Miriam davon. Er krampfte die Hände ineinander, als trüge er an einer allzuschweren Last, aber er biß die Zähne zusammen in einer verzweifelten Tapferkeit, die wie ein Krampf durch seine Muskeln lief. Dann stürzte er hinaus auf die Gasse, ließ den eiskalten Winterwind um seine heißen Schläfen wehen und kaufte schließlich für den Rest seiner Barschaft dunkelrote Rosen für die Mutter. So führten Hoffnung und Mutlosigkeit Karl Maria Tredenius gar wunderliche Wege. An dem Lichtflämmchen aber, an dem ihres kleinen Bruders Seele verbrannte, wärmte Martha Tredenius ihre Selbstsucht, unermüdlich ging sie mit ihm in alle Gesellschaften, als Aufsicht und Obhut und doch nur als flinke Räuberin für sich selbst, biß sich wacker und zäh durch Spott und Zurücksetzung und galt bald als die entzückende Schwester des schönen, interessanten Geigerknaben Tredenius. Und küßten die Frauen den Kleinen, hätten es die Herren sehr gerne mit der hübschen Martha ebenso gehalten. Doch die war viel zu klug und gab sich keine Blöße. Träumte der Bruder von den glänzenden Sternen des Ruhmes, träumte die Schwester von einer glänzenden Heirat, mitten hinein in Reichtum und große Welt. So spann sich das Dasein der Geschwister hin. Als Puppenspieler agierte munter Franz Tredenius. Aber sein rotes, schmunzelndes Gesicht mit dem stets bierfeuchten Schnurrbart zuckte die Freude des armen Teufels, der glaubt das Glück erhascht zu haben. Auch er lebte in einem Nebel erfüllter Träume, so sehr sein erdengieriges Wesen an den schönen Dingen dieser Welt hing. In allen Wirts- und Kaffeehäusern blies er die feisten Backen auf und posaunte den Ruhm seines Buben. Im Verkehr gab er sich mehr denn je großmäulig und protzig, ließ viel Geld aufgehen und hielt seine Freundchen überall frei. Vor Karl Marias frühreifem Hochmut aber kroch er jetzt, wie sonst nur vor seinen Vorgesetzten, wenn er sich bedenklicher Amtsversäumnisse schuldig wußte. So handelte er mit den Seelen seiner Kinder und meinte es im Grunde nicht einmal schlimm. Ja, ganz gegen seine sonstige Bücherscheu und Bequemlichkeit fing er sogar an, sich in die Lebensgeschichten von Wunderkindern zu vertiefen. Besonders den Vater Mozarts führte er stets im Munde und zog kühne Vergleich: mit diesem klugen Geschäftsmann. Seine Frau behandelte Franz Tredenius gönnerhaft, mit leisem Mitleid, wie ein Mann, der am Ziele steht und behaglich auf die müden Wanderer blickt, die ihm nachkeuchen. Hier und da schlug er auch einen Seitenhieb nach seinem Schwager Williguth, der vor Neid bersten müsse. Frau Lisbeth aber sah mit halbgeschlossenen Augen und kraftlosen Armen dem Schicksal zu, halb geblendet von dem Glanz, der ihre arge Prophezeihung so bitter Lügen strafte. Ihre geheime Angst wollte jedoch nicht schweigen. »Er wird ihn zugrunde richten.« Das klang wie eine düstere Litanei in den Ohren. Vater Tredenius schwamm seelenvergnügt in dem goldenen Strom und ließ es sich wohl sein. Auch sein noch immer jugendliches Herz, das in der freudlosen Ehe widerwillig fasten gelernt, hielt festliche Auferstehung. Wie eine neue und bessere Jugend schien es über den lebenshungrigen Mann gekommen zu sein. In Frau Lisbeths Haar spannen sich die ersten grauen Fäden, von dem bunten Schicksal ihres Kindes still und allmählich hineingeweht. Manchmal suchte die gequälte Frau Trost beim Bruder im »Blauen Herrgott«. Aber der musikversonnene Johann Sebastian wußte keinen Rat, nur Flüche und pechschwarze Voraussagungen, als säße er als der leibhaftige Prophet Jeremias auf den Trümmern von Jerusalem. Klarer und heller war das Wort, das Frau Lisbeth bei Gideon Italiener fand, der diesen Fall mit größtem Behagen durch seine philosophische Brille betrachtete. Dem wackeren Schlemihl tat das vereinsamte Weib leid, und so sehr er heimlich das Glück Karl Marias im Gegensatz zu dem noch immer dunklen Schicksal seiner Miriam neidete, hielt er doch die Augen vor den Gefahren offen, die in dieser Hetzjagd sich bargen. »Wenn es echtes Gold ist, machen es auch die Finger aller dieser Menschen nicht schmutzig.« So lief seine Rede, und er gab ein herzensgutes Lächeln obendrein. Oder er legte sich in seinen Sitz zurück und strich langsam den braunen Bart, mit derselben liebevollen Bewegung, die einst sein Vater Samuel gehabt. »Was wollen Sie, Frau Tredenius? Die Kinder, das wächst ins Licht, Und keiner kann sagen, ob gerade oder krumm. Ihr Bub, liebe Frau, geigt, und meine Miriam, das Goldkind, singt. Ach, sie singt alle Tage, Gott sei's geklagt. Wie sollen wir Alten wissen, ob es Gottesgabe ist oder nur Kinderspiel?« In den braunen Träumeraugen stand ein hilfloses Lächeln: »Hoffen wollen wir. Das ist das Beste.«   An einem Märzabend hatte sich Karl Maria wieder einmal müde gegeigt. Lauter leichte, lustige Sachen, die kein Nachsinnen brauchten, sondern nur hurtig und schnell, wie lächelnde Mädchen, dahinhüpften. Er hatte jetzt eine Menge Walzer und Potpourris sich zurechtgelegt, weil seine Gönner es so liebten, ohne Rücksicht, daß er selbst nur mit halbem Herzen dabei war. Doch es reizte ihn, gleichsam nur durch Fingerfertigkeit den Leuten Behagen zu verschaffen, während er selbst auf einsamen Wegen wandelte, ganz angefüllt mit schwerer und ernster Musik. Ein solcher Abend war nun allgemach zur Nacht geworden. Die schöne, lustige Hausfrau blinzelte schon schläfrig, der Hausherr selbst schlummerte in einer Diwanecke, hinter einer Riesenpalme verborgen. Einige Herren versorgten sich noch lässig mit Rauchwerk, dann gähnten auch sie. Karl Maria saß zwischen zwei ganz jungen Mädchen, die ihn bewundernd anblickten und mit ihm über Beethoven sprechen wollten. Er wußte aber nichts Rechtes von Beethoven. Darum war er froh, als zwei elegante Herren ihn in die Mitte nahmen und mit sich fortbrachten. Schlaftrunken taumelte er zwischen ihnen die Straße entlang. Er mußte noch in ein Kaffeehaus, wo ihn sein Vater erwartete. Als seine Begleiter davon hörten, gingen sie mit ihm zu Franz Tredenius, der ihnen sofort gönnerhaft auf die Schulter schlug und voll Stolz rief: »Ist das ein zweiter Mozart oder nicht?« Da die beiden Eleganten sehr viel getrunken hatten, schüttelten sie dem begeisterten Vater unter Glückwünschen die Hand, was sie am hellen Tage und bei nüchternem Kopfe gewiß nicht getan hätten. Vater Tredenius warf sich gehörig in die Brust und versicherte die beiden »Barone« seiner unwandelbaren Ergebenheit. Karl Maria schlief in einer Fensterecke. Das Terzett aber trank Schnäpse in unendlicher Zahl. Dabei lachten sie unmäßig, umarmten einander fast und erzählten sich Weibergeschichten, die niemals zu Ende kamen, weil sie eben gar so komisch waren. Endlich hatte der ältere »Baron« einen turmhohen Einfall, was nach Mitternacht stets ein gefährlich Ding ist. Franz Tredenius schrie zuerst: »Herr, was denken Sie von mir?« Aber es klang nicht besonders einschüchternd, weil seine Stimme recht unsicher war und sich meckernd überschlug. Der Mann mit dem Einfall ließ nicht locker und warf schließlich seine dicke Brieftasche auf den Marmortisch. Da war Franz Tredenius mit einem Male nüchtern. Er nickte kurz und weckte Karl Maria: »Hast Glück, Bub, darfst heute noch einmal spielen.« Das Kind rieb die schweren Lider und stammelte: »Ich möchte schlafen gehen.« »Schlapper Kerl!« grollte der Vater und traf den jungen, dummen Ehrgeiz ins Fleisch. »Wo soll es denn sein?« fragte Karl Maria und griff schon nach seinem Geigenkasten. »In Arkadien!« lachte der ältere »Baron« vergnügt. Der andere ward etwas verlegen und sagte barsch: »Bei schönen Frauen, kleiner Kerl!« So ging er wieder in die Märznacht hinaus, die duftend und würzig war wie frisch umbrochener Ackerboden. Unsicher flackerten die Sterne, unter denen Karl Maria mit schleppenden Schritten dahintappte, müde und willenlos, wie eines der Kinder, die dunkler Drang einst ins heilige Land trieb, süßen Wahnsinns voll. Der Nachtwind fuhr barsch und emsig durch die Gassen und fegte allen Unrat vor sich her, auch den Himmel kehrte er rein, damit die Sonne in einigen Stunden alles blitzblank fände. Karl Maria gähnte. Dann ging ein frühreifes Lächeln um seinen Mund. Zu schönen Frauen wollten sie ihn führen, und er trug die Zaubergeige. Sein Herz begann mit Siebenmeilenstiefeln vorauszulaufen, so schwerfällig und matt auch der Körper hinterdreinschwankte. Bald lag ein stilles Haus vor ihm, dunkel und ernst, nur im dritten Stock leuchtete eine lange Reihe roter Fenster. Eine breite, teppichbelegte Treppe ging es hinauf, vorbei an großen Türen mit nüchternen Schildern. Kontore und Kanzleien, die einsam schliefen. Das Haus schien unbewohnt. Im dritten Stock wieder eine große Tür mit kühl geschäftsmäßigem Porzellanschild: »Salon Coralie, Modes, Chapeaux« . Ein kleines Vorzimmerchen mit Bambusmöbeln, bunte Modejournale unordentlich auf einem Tischchen, Festungen von Hutschachteln, bis zur Decke getürmt. Durch eine Glastür schob man Karl Maria in einen großen, hellgetäfelten, schlecht beleuchteten Raum, dessen Einrichtung fast nur aus Spiegeln und kleinen roten Samtstühlchen bestand. In Reih und Glied standen unendlich viele Haubenstöcke, angetan mit kostbaren, kühn geschwungenen Riesenhüten, deren Reize je ein Bogen weißen Seidenpapiers zu verhüllen suchte. Papptäfelchen mit geheimnisvollen Zeichen baumelten lustig herab. Die kleinen Stühlchen aber waren mit Pelzen und einzelnen schüchternen Uniformmänteln bedeckt, Galoschen, winzige Pelzstiefelchen und Zylinderhüte standen kreuz und quer auf dem hellen Spannteppich; an Wandhaken und Fensterklinken hingen Stöcke und Regenschirme mit ein paar Säbeln in friedlichem Verein. An einer Tür mit dem Schildchen »Atelier« vorüber ging es jetzt durch eine andere, die den Vermerk: »Privatwohnung« trug. Und plötzlich stand Karl Maria geblendet und ganz betäubt in einem goldig schimmernden Salon, mitten in lautem, lachendem Stimmengewirr. In die weiß getäfelten Wände waren allerlei kecke mythologische Bildchen eingelassen, zartes goldenes Rankenwerk flocht die Zwischenräume ineinander. Die Decke aber war eine einzige Spiegelfläche und warf das bunte Treiben im Salon verkürzt und grotesk verzerrt zurück. Und da sah Karl Maria Tante Coralie, die wirkliche Trixtante Coralie, in tiefausgeschnittenem pfaublauen Ballkleid und mit hochfrisiertem Haar vor dem Klavier sitzen. Heiter und unverdrossen trommelte sie lustige Märsche, und ein sehr junger Herr mit einem Monokel stand hinter ihr und pfiff kunstvoll die Melodien mit. Fräulein Emilie, in gleicher Pracht wie ihre Schwester, hatte einen Kneifer auf der kurzen Nase und notierte eifrig in ein großes Buch, was ein aristokratisch aussehender älterer Herr ihr ansagte: »... Drei Couverts für morgen nach der Oper, Timbales à la Nantua, Truite saumon à la régence , ... Sie wissen, ... Geflügel, ... na, also alles, was dazu gehört, für halb zwölf den Bakkarat-Tisch.« »Austern, Herr Legationsrat?« »Keine Spur! Mein Magen – – Aber daß der St. Emilon die richtige Temperatur hat, allerschönstes Fräulein Emilie – –.« Er machte eine Tanzmeisterverbeugung. Ob das der Koch ist, dachte Karl Maria in seiner Verschlafenheit und vergaß ganz, sich zu wundern, daß er urplötzlich mit den Tanten der Trix beisammen war. Lachend und lärmend traten noch drei Mädchen ins Zimmer, alle in Balltoilette und weiß und rosa geschminkt wie Puppen. »Sssss – st,« blies Fräulein Emilie und nahm den Kneifer ab, »heute ist der Rothenwolff da. Er hat Pech beim Trente-et-Quarante . Macht keinen solchen Lärm, sonst wird er wild.« »Ach was, heut' hat er ja einen Prinzen mit, soll der zahlen!« schnappte eines der Mädchen zurück. »Haltung, mein Kind,« tadelte Dame Emilie, »du bist hier nicht im Atelier.« Karl Maria machte der Zurechtgewiesenen eine sehr höfliche Verbeugung, fast so schön wie vorhin der Herr Legationsrat. Es war ein unendlich vornehmes Haus. Der Salon war viel großartiger als bei der alten Gräfin mit der Lorgnette, und sicher gab es dahinter noch eine Reihe von Märchenzimmern. Scheu und vorsichtig tat Karl Maria einen Blick durch eine kleine, dickwattierte, in der weißen Täfelung halb versteckte Tür, die gerade offen stand. Er sah ein großes Zimmer mit dunklen Teppichen und tiefgebräunten Jagdbildern. Und da saßen mit todernstem Gesicht viele sehr vornehme alte und junge Herren lautlos und gemessen an kleinen grünen Tischen und spielten Karten. Es war so ruhig wie in einer Kirche. Ängstlich, weil die Damen gar so viel Lärm machten, drückte Karl Maria die kleine Tür wieder ins Schloß. Gerade warf Tante Coralie knallend das Klavier zu, dehnte die Arme und seufzte ein wenig. Der junge Herr hinter ihr küßte sie schnell in den Nacken. Karl Maria ward dunkelrot und schämte sich für die arme Trix, deren Tante sich von einem fremden Herrn küssen ließ. Denn Fräulein Coralie war doch bestimmt nicht verheiratet, oder hatte sie sich eben jetzt verlobt? Er stand noch ganz verdutzt, als ein wunderhübsches junges Mädchen die kleinen weißen Hände faltete, deren Fingerspitzen unter den rosig polierten Nägeln von viel tausend Nadelstichen ganz schwarz waren, und wie ein Kind bettelte: »Schöner kleiner Bub', spiel uns was Lustiges!« Alle klatschten in die Hände, und Karl Maria hob schon den Bogen. Einen dummen Walzer warf er ihnen hin, dann noch einen, und so fort. Er hatte die Augen halb geschlossen, daß er gar nicht sah, was um ihn vorging. Ihm war's, als geigte er ganz allein für die kleine Trix. In sein Spiel klang das Stampfen schneller Tanzschritte und das leise Rauschen von Frauenkleidern. Da ließ Karl Maria die verhaßten Walzer und riß kurz und scharf seine geliebte Wassersonate an. Aber sie tanzten unbekümmert weiter und merkten gar nicht, daß es nun eine schwermütige Weise war, die gar nicht zu ihrer lauten Fröhlichkeit paßte. Karl Maria spielte sich immer mehr in sein Märchenreich und hörte nicht das Lachen der tanzenden Paare. Mit einem Male polterte eine zornige Stimme: »Wer hat das Kind hierher gebracht?« Karl Maria hielt noch immer die Augen geschlossen, halb aus Müdigkeit, halb aus Furcht vor dem ergrimmten Baß. Wieder fragte die böse Stimme: »Wer hat diese Gemeinheit begangen?« Jetzt antworteten andere Männer, Frauen kicherten drein, doch die erste zornige Stimme hielt aus wie ein Orgelpunkt. » Sie sind der Vater? Aha!« Ein verlegenes Husten, Papier raschelte in eiligen Fingern. Karl Maria rührte sich nicht. Er wußte, jetzt gab man seinem Vater Geld. Und die Trix würde davon hören! Die Geige ließ er sinken und begann zu weinen. »Da sehen Sie, Prinz, Bakkarat um ein Kind. Pfui Teufel!« »Du gehst schnell heim, Bub,« sagte dieselbe Stimme, aber jetzt ganz sanft und freundlich. Aus tränennassen Augen blickte Karl Maria auf und erkannte den Grafen Rothenwolff. Ein kleiner junger Mann mit großen mandelförmigen Augen und tiefbrauner Haut stand daneben und lächelte Karl Maria hilflos und mitleidig zu. »Ist die Trix auch hier?« flüsterte er. »Nein,« donnerte der Graf, und eine dicke Ader lagerte auf seiner Stirn. Gott sei Dank, dachte Karl Maria. So konnte sie von seiner Schande nichts erfahren. »Sie soll nicht wissen, daß ich hier war.« Graf Achaz strich ihm übers Haar, zog eine seltsame Grimasse und nickte dann. Der Salon war jetzt ganz leer. Nur Vater Tredenius stand mit unbehaglichem Lakaiengesicht am Fenster und trank aus einer Flasche. »Machen Sie, daß Sie weiterkommen!« fuhr der Graf den sektseligen Postoffizial an und öffnete die Tür. »Danke,« stammelte Karl Maria und lief in heller Scham voraus. Fahl kam das erste Morgenlicht durch die Gassen. »Weißt du, wo du warst?« fragte der Vater. Seine Stimme war rauh und verdrossen. »Bei den Tanten der Trix,« flüsterte Karl Maria, und seine Augen gingen kindergläubig dem lichtgrauen Streif im Osten entgegen. »Nichts weiß er und träumt irgendeinen Unsinn.« Franz Tredenius lächelte zufrieden. Sein Gewissen warf Ballast aus und stieg alsogleich wieder frisch und frank in die Welt des Leichtsinns empor. Das stattlich runde Sümmchen in seiner Brieftasche hatte jeden üblen Beigeschmack verloren. Nach einer Weile kehrte jedoch der Katzenjammer zurück. »Sag' der Mutter nicht, daß du bei diesen Tanten warst!« Verständnislos blickte das Kind den seltsamen Vater an, der ihm stets verbot, von seinen Wanderfahrten zu erzählen. Denn die kleine Lüge mit dem angeblichen Schulausflug im September hatte er längst der Mutter gebeichtet und Verzeihung dafür erbettelt. Und er durfte jetzt ruhig von der hübschen Trix plaudern, viel lieber als von seinen abendlichen Geigereien. Mutter haßte das nächtliche Herumtreiben, und jetzt kam er gar erst um das Morgengrauen heim. Karl Maria begann zu stieren. Gebückt trabte er dahin, blaß und farblos wie der dämmernde Morgen. Das Bild der Trix versank, trübe Alltags- und Schulgedanken schlichen heran, Drohblicke der Professoren und schadenfrohes Kichern der Mitschüler. Der Zwang des engen Lebens schloß allen Tand wieder weg, wie eine Mutter dem unartigen Kind die Spielsachen fortnimmt. Ein grämliches Schimmern huschte über die schlafende Welt. In Franz Tredenius war wilder Grimm über den Hochmut des Grafen, doch ein ödes Gefühl der Scham kroch nach und ließ nicht von ihm. Er blickte sich um, als liefe ihm die Schande nach. Weit zurück ging ein großer Mann im Aschgrau der Dämmerung. Wie ein Schatten schlich er hinter Vater und Sohn. Franz Tredenius stutzte und schlug einen Haken, der Verfolger tat das gleiche. Aber Karl Maria merkte nichts davon. Das Haustor klappte hinter den beiden ins Schloß. Der Mann kam heran. Nachdenklich blieb er stehen. Dann nickte er schwermütig in den Morgen hinein und verschwand in der noch dunklen Judengasse.   Diesmal hockte Gideon Italiener noch länger als sonst vor seinem Kaffee. Scheltend fuhr Frau Charlotte durchs Zimmer: »Du bist ein unverbesserlicher Nachtschwärmer.« So grollte sie und warf grimmige Blicke auf den versonnenen Gideon, der die ganze Nacht, wie leider allzuoft, in einem Kaffeehause vor dem Schachbrett verbracht hatte. Sie stemmte die Arme in die Hüften: »Sag' mir, Gideon, schläfst du?« »Ich halte Zwiesprach mit dem Schicksal,« murmelte dumpf der würdige Schlemihl, goß aus Versehen Wasser in den Kaffee und streifte die Zigarrenasche fein säuberlich in das blaue Töpfchen mit dem Gänseschmalz. Die Kinder eilten zur Schule oder zur Arbeit. Selbst der bequeme Jacques machte sich unwillig auf den Weg. Die Miriam ließ sich Zeit, wanderte singend durchs Haus und warf ihren Schulranzen klatschend gegen die Wände, fing ihn geschickt wieder auf und begann das Spiel von neuem. Sie wollte allzugern wissen, was mit dem Vater los war. Der Kaffee ward kalt, Frau Charlotte heiß vor Zorn: »Geh mir aus den Augen, Gideon, und schlaf' dich aus. Ich hab' Ärger genug im Geschäft.« »Bleib da, mein Gold, bleib! Ich hab' zu reden mit dir.« »Daß mir der Isaak alles zu billig verkauft,« eiferte die arbeitsame Frau. Doch Gideon strich den braunen Bart: »Das hat alles Zeit, alles hat Zeit.« Er seufzte. Da dachte Frau Charlotte, ihr Gatte habe im Kartenspiel viel Geld verloren, kreuzte die Arme und räusperte gar bedenklich. »Ist eine Menschenseele, Charlotte, nicht tausendmal mehr wert als unser Altkram?« begann der wackere Gideon. »Hast du Karten gespielt mit dem Meierstein?« forschte Mutter Charlotte mißtrauisch. Gideon wurde rot. »Ein Königsgambit ist kein Kartenspiel.« Und plötzlich brach er los: »Der Tredenius hat sein Kind – – –.« Er fand nicht gleich das rechte Wort. So schlug er mit der Faust auf den Tisch und jagte die neugierige Miriam hinaus.   Kühl und scheu kam die Märzsonne ins Zimmer. Vergrämt saß Frau Lisbeth und sah mit erschreckten Augen auf Vater Gideon, der mit schleppenden Füßen auf und nieder schritt und aus Gutmütigkeit die bittere Nachricht in tiefsinnige, langatmige Reden wickelte. Er begann mit der Kinderseele, die sich an den rauhen Ecken dieser Welt wundstoße und doch in aller Armseligkeit in einem Märchen lebe, gelangte sodann auf die schnöde Habgier der heutigen Tage, die jede Schönheit sofort in Geld ummünze, und endete beim Mutterherzen. Als er so weit war, blickte er Frau Lisbeth hilfesuchend an und raufte seinen schönen braunen Prophetenbart: »Eine Zeit der Heimsuchung ist gekommen, liebe Frau, es geschehen üble Zeichen in der Welt.« So trieb er das arme Weib fast zur Verzweiflung und wollte doch nur vorbereitenden Trost spenden, ehe er mit der grausamen Wahrheit herausrückte. Frau Lisbeth strich über die angegrauten Schläfen. »Was hat denn mein Bub verbrochen?« Vater Gideon aber zog die Brauen hoch und schüttelte das philosophische Haupt. »Er hat nichts getan. Gott, was kann das arme Kind dafür?« Pathetisch reckte er die Arme und zwinkerte in hilfloser Sorge mit den Augen. »Ich rat' Ihnen zu Gutem, liebe Frau, halten Sie die Augen offen! Lassen Sie den Karl Maria ja nicht mehr nachts – –« »Um Gotteswillen, was ist geschehen?« Sie klammerte sich an ihn. »Wenn mein Bub – nein, Herr Italiener, ich kann ihm die Geige nicht wegnehmen. Sein Leben hängt daran.« »Es geht nicht um seine Geige,« stotterte der arme Gideon, dem aller Mut entsank. Dann lief ihn die Wut an, daß er alle Selbstbeherrschung über Bord warf. Zornig ruderte er mit den langen Armen in der Luft und wäre am liebsten fortgelaufen. Doch er hatte Furcht vor seiner Charlotte und dachte an seine sieben Kinder, denen er die Hände unter die Füße legte. Dieser Frau sollte nicht ihr einziges Kind genommen werden. Ganz still und behutsam beugte er sich zu Lisbeths Ohr und flüsterte, was er wußte und in seiner unbeholfenen Gutmütigkeit nicht laut zu sagen wagte: »In ein Freudenhaus hat er das Kind geschleppt.« Zwei Mutteraugen starrten ihn an. Dann gellte ein krampfhaftes Lachen.   In das lustige Doppelspiel von Wolkenzug und Sonnenglanz, das dieser Märztag trieb, stürmten die Schüler des Grauen Gymnasiums fröhlich und traurig hinaus. Vor dem Tor stand ein riesenhafter Bursch mit schweren, ungefügen Gliedern und blickte suchend in die lärmende Schar. Zwei grundgute blaue Augen leuchteten in das Gewimmel der Schulfüchslein und die gewaltigen Tatzen, fuhren unsanft in das Getümmel, wenn Giacomo Williguth den Karl Maria Tredenius gefunden zu haben glaubte. Seit vier Jahren war ja der nicht mehr in den »Blauen Herrgott« gekommen. Und wie diese Jahre den dürren, überlangen Giacomo zu einem breitschulterigen Riesen emporwachsen ließen, konnte ja auch der Karl Maria ein ganz anderer geworden sein. Und der Zweck, der Giacomo heute vor dem Grauen Gymnasium warten ließ, trug die traurige Wahrscheinlichkeit einer solchen Veränderung schon in sich. Da schlich ein Bub mit blau umränderten Augen ganz allein, schlapp und müde. Und jetzt erkannte der starke Williguth seinen Mann. »Ich bin der Giacomo Williguth. Kennst du mich noch?« Karl Maria blickte auf und lächelte fremd und ein wenig altklug. »Wie ein junger Greis lacht der Bengel,« brummte Giacomo und schwang den schweren Bücherpack mit dem kleinen Finger zu sich herüber. »Deine Mutter ist bei uns, und du kommst jetzt auch hin.« »Was ist denn geschehen?« fragte verwundert der Bub. »Mittag essen sollst du im ›Blauen Herrgott‹. Und viel schlafen, – – bei uns wird früh ins Bett gegangen,« antwortete Giacomo mit einem selbstgerechten Grinsen. Alle weiteren Fragen ließ er in täppischer Klugheit einfach unbeantwortet. In seiner robusten Gesundheit haßte Giacomo alle undurchsichtigen Lebensverhältnisse, und wie er seine Geschwister durcheinandertrieb und mit kräftigem Lob und Tadel lenkte als junger Patriarch, gedachte er es nun mit dem etwas aus dem Gleise geratenen Vetter Tredenius zu machen. Der hatte ungesunde Luft geatmet. Sein Vater war ein Lump, dem Giacomo alle Knochen zu zerbrechen wünschte, seine Schwester eine von denen, die der junge Riese in seiner Parsifaleinfalt gründlich verabscheute, kurzum, hier mußte einfach ein Schnitt getan werden. Vater Williguth im »Blauen Herrgott« würde die hochgeschraubte Wunderkindschaft schon zu einem tüchtigen Musiker umbiegen. So hatte der Familienrat vor zwei Stunden entschieden, als Frau Lisbeth ihre Sorge ihnen auf den Tisch warf, und Giacomo holte nun Karl Maria, der überhaupt nicht mehr heim durfte, in den »Blauen Herrgott«. Wie fein und weiberweich dieser Bub doch war, ganz anders als die kraftstrotzenden Kerle im alten Klösterlein. Und geigen konnte der wohl auch; – – die weiland erste Violine aus Williguths Hausorchester stieß bewundernd den Atem aus, wie ein junges Nilpferd. Da hatte der Alte mal ein richtiges Musikgenie in der Hand. Und die blonde Kundry hatte schon unter Freudentränen die zwei Mansardenstuben für Tante und Vetter instandgesetzt. Karl Maria stemmte plötzlich die Arme in die Hüften und fragte mißtrauisch: »Warum soll ich auf einmal zu euch?« »Deine Mutter will es,« sagte Giacomo trocken und schaute in die jagenden Wolken hinauf. Dem Knaben schlug Schamröte ins Gesicht, weil er an die letzte Nacht und an den zornigen Grafen Rothenwolff dachte. Hatte sein Vater wirklich etwas so Schlechtes getan? Aber wie konnte die Mutter davon wissen? Er hatte doch keiner Menschenseele etwas verraten. Wie in ein schwarzes Schicksal trat er so in den freundlichen »Blauen Herrgott«. Die Mutter lief ihm entgegen und küßte ihn. Doch Giacomo stieß die Tür rasch auf und rief: »Da ist er.« Sie saßen beim Mittagessen, und Tante »Affi« teilte gerade die Suppe aus. Trotzig stand Karl Maria unter den fremden Menschen, die Mutter hilflos hinter ihm. Da erhob sich Johann Sebastian breit und wuchtig wie ein Schlächtermeister und sagte zum Empfang: »Kommt schnell! Die Suppe wird kalt.« Dann setzte er sich und band die Serviette vor. So fing dies sonderbare neue Leben an. Niemand von den Williguth tat, als sei es merkwürdig, daß Karl Maria nun im »Blauen Herrgott« bleiben sollte. Frau Apollonia legte dem neuen Hausgenossen die besten Bissen vor, Kundry fragte leicht errötend, ob Karl Maria noch die Kastanienkette habe, die sie ihm einst durch Tante Lisbeth geschickt. Er nickte zerstreut und sah mit heißen Augen ins Leere. Er begriff nicht, was mit ihm geschehen war. Die Mutter saß beinahe glücklich neben ihrem Bruder, der ihr in derbem Trost die Hand drückte. Die dicke Tante »Affi« kniff vergnügt die Schweinsäuglein zu und fragte Karl Maria nach dem Grauen Gymnasium, das ihr Giacomo vor drei Jahren fluchtartig hatte verlassen müssen. Sie hielt Bildung für ungesund und freute sich königlich, daß ihre zwölf nicht die mindeste Anlage zu Gelehrten zeigten. Da lächelte der junge Gewaltige: »Dem Mathematikprofessor hab' ich eins hinter die Löffel gegeben, daß er längslang auf dem Rücken zappelte.« Die jungen Williguth lachten in heimlicher Ehrfurcht. »Nun ist er Turnhilfslehrer an der Bürgerschule und Vorturner im Athletikklub,« berichtete eifrig die stolze Mutter. »Geige spielt der Kerl auch, aber jammervoll,« fügte Herr Johann Sebastian tadelnd bei, brach aber sofort das Gespräch ab, das auf die Musik kommen wollte, und verbreitete sich behaglich über die ausgezeichneten Torten, die der dicke Robert, weiland Gymnasialschüler und jetzt Konditorgehilfe, an dienstfreien Sonntagen daheim anfertigte. »Erinnerst du dich noch an den Robert, Karl Maria? Weißt du, das ist der entsetzliche Hornbläser,« warf Frau Lisbeth ein, in ängstlicher Sorge, ihren Jungen rasch und unmerklich in die neue Welt herüberzuziehen. Er tat, als interessierte ihn dies alles, und war doch meilenweit davon entfernt. Nur die blonde rosige Kundry hatte er lieb. Die hatte ihn einst hier gepflegt, als er ihr die Puppe rettete und dabei in den Teich fiel. Und sie hatte ihm auch die alten Geigensaiten geschenkt, die Jacques Italiener dann auf die Zigarrenkiste spannte. »Wo ist meine Geige?« fragte er plötzlich aus diesen Erinnerungen heraus. »Oben liegt sie, bei deinen Schulbüchern,« tröstete erschrocken Frau Lisbeth. Es war recht still. Mit einem Ruck hielt alles im Schmausen ein. Mißtrauisch schob der Junge den Kopf zwischen die Schultern und blickte ringsum: »Wollt ihr mich nicht mehr geigen lassen?« Da stand er schnell auf und lief hinaus, über den langen, ziegelgepflasterten Vorplatz in den Garten. Dort warf er sich in einen Haufen welker Blätter. Seine Starrheit wich einem haltlosen Weinen. Alles sollte nun zu Ende sein, aus für immer, das hatte er an den wohlgenährten, strengen Gesichtern der Williguth abgelesen; hier war er ein Gefangener, ein dummer kleiner Junge, den man kurz hielt und abends früh zu Bett schickte. Das eitle, zu früh geweckte Blut lief Sturm wider den Zwang, den Karl Maria in diesem alten Hause überall spürte. Und seine Mutter hatte ihn hierher gebracht! Wie der Märzwind welke Blätter von der Erde aufblies und hoch durch die Luft wirbelte, so riß es dem Karl Maria Tredenius allerlei Hoffnungen in Fetzen, daß sie irgendwo tot und beschmutzt zu Boden fielen. Langsam richtete er sich auf; das feuchte Laub klebte ihm an Gesicht und Kleid, die Hände waren braun von der nassen Erde. Aber ihm jagten schnelle weiße Wolken, dann schwerfällige graue, zuletzt ganz winzige silberfarbene mit goldigen Rändern, und jetzt guckte blauer Himmel durch. Karl Maria sah andächtig empor. Nach langer, langer Zeit sprach er wieder zum lieben Gott, der ihn aus dieser Enge befreien sollte. Leise Schritte trippelten heran, und hinter ihm sagte Kunigunde Williguth: »Sei doch nicht so traurig! Wir alle haben dich lieb. Und heut' abend gibt's Äpfel im Schlafrock, denke nur!« Ihr Taschentuch fuhr in hausmütterlicher Sorge über sein bescheidenes Röckchen und putzte an den nassen Flecken. Er ließ sie geduldig gewähren. Noch immer wartete er in seiner gläubigen Kindersehnsucht auf ein rettendes Wunder, wie einst auf den Propheten Elias. Aber nichts dergleichen geschah. Da glitten die ausgestreckten Arme herab und hingen bleischwer am Körper. Geschäftig rieb die blonde Kundry an seinem Anzug weiter und seufzte tief vor Eifer. Jetzt packte ihn von neuem der Schmerz, daß alles zu Ende sein sollte. Und fast höhnisch verglich er die gute dumme Kundry mit der klugen Miriam. Sein Kindergesicht ward auf einmal alt und wissend. Ein häßliches Lachen flog in den Wind. »Haben sie dir gesagt, daß ich ein schlechter Bub bin?« »Nein, Karl Maria. Aber du sollst bei uns gesund werden, hat Vater gesagt.« In gläubiger Zuversicht auf die Heilgewalt des »Blauen Herrgott« blickte sie ihm in die Augen, die er schnell und trotzig senkte.   An diesem ersten Abend in der Fremde blieb es kalt und frostig zwischen Mutter und Sohn. Karl Maria verbiß sich in seinen Groll und fragte nichts, und Frau Lisbeth war voll Dankbarkeit, daß sie nicht antworten mußte. Die ganze Wahrheit durfte sie ihm nicht geben, und die halbe hätte er ihr ja doch nicht geglaubt. So wichen sie einander aus. Ganz unbewußt hielt eine feine Keuschheit den Knaben zurück, von Vater und Schwester zu sprechen. Er ahnte wohl, daß man ihn in dies Haus gebracht, weil er in der letzten Nacht bei den Tanten der Trix Geige gespielt hatte. Offenbar war das sehr schlimm, denn Graf Rothenwolff war so böse gewesen, und die Trix durfte ja auch niemals die freundlichen Tanten besuchen. Aber wie dies alles zusammenhing, blieb ihm dunkel. Er empfand alles Geschehene als ein großes Unrecht und grollte der Mutter. So kam es, daß er nur kalte, gleichgültige Worte für Lisbeth hatte, die um einen liebevollen Blick des Kindes bettelte, um dessen Wohl sie heute Mann und Tochter für immer verlassen hatte. In der Nacht aber träumte Karl Maria von goldschimmernden Zimmern, von schönen Frauen, die ihn küßten, von süßen Leckerbissen, die man ihm zusteckte, und von zarten, wohlgepflegten Händen, die ihm Beifall klatschten. Plötzlich fuhr er auf, blickte unruhig in die Dunkelheit, faßte erstaunt die fremde, steife Bettdecke und nahm seine freundlichen Träume wieder hinüber in den Schlummer.   Still und gleichförmig flossen die Tage. Karl Maria blieb geduckt und verschlossen und kapselte sich allmählich in seine alte Traumwelt ein, wie eine Schnecke im Herbst in ihr Häuschen. Er lebte ein eigenes Leben für sich, von dem niemand wußte, und das ganz anders war als das laute, derbgesunde Treiben im »Blauen Herrgott«, viel reicher, bunter und tiefer. Nach seiner Geige aber griff er niemals, in einer seltsamen, bangen Scheu. Er lernte sogar lachen und mit den anderen fröhlich tun, während sein Herz abseits wanderte in dunklen Gängen, in denen er allein sich zurechtfand. Onkel Williguths Heim galt als musikalisches Haus, wenigstens wurden hier Kinder geplagt und Instrumente mißhandelt, vom Klavier der kleinen Kundry bis zur mißtönigen Geige des starken Giacomo. Aber jetzt schwieg, auf Johann Sebastians gemessenen Befehl, jede Musik. Nur die Orgel des Hausherrn rollte ihre feierliche Wucht durch den »Blauen Herrgott«. Das Instrument des Gottesdienstes allein sollte den Hochmut Karl Marias in Demut wandeln und ihn zu reuiger Einkehr führen, nach der weisen Absicht Johann Sebastians, der allen Trotz und eitlen Weltkram aus der Seele des Knaben reißen wollte, jegliches Unkraut mit Blatt und Wurzel. Mahnend und vorwurfsvoll brausten die Fugen und Kantaten, und erbaulich setzte Vater Williguths mächtige Stimme das fort, was der Vox humana und der Vox angelica nicht hatte gelingen wollen. Statt in die Orgelmanuale griff er kräftig in Apostelgeschichte und Epheser und belegte seine Mahnungen an das störrige Weltkind Karl Maria mit trefflichen Worten des streitbaren Paulus, den er besonders liebte. Karl Maria sollte sein eitles frühreifes Virtuosentum von sich tun und zerbrechen wie ein Gefäß der Unehre, reuig zurückkehren zur edlen Kunst und göttliche Harmonie in sich trinken wie köstlichen Wein aus güldenem Becher. Dieser Gedanke lenkte alles Tun der Williguth im »Blauen Herrgott«. Aber das Böcklein in der Herde hatte einen gar starren Sinn. So sorgten sie einstweilen nach Kräften für sein leibliches Wohl. Karl Maria mußte Milch trinken und viel spazieren gehen, immer in Begleitung einer Schar aus Johann Sebastians Nachwuchs. Gewisse Stunden waren für die Schulvorbereitung festgesetzt, und ein dreizehnjähriger Williguth, der als Vorzugsschüler glänzte und den höchst musikalischen Namen Philipp Emanuel trug, entfaltete dabei seinen jungen Pfauenstolz. So ward das abenteuerreiche Leben der letzten Zeit in sorgsam umzirkelte Kreise geschlossen, die immer enger und enger wurden und jede Sehnsucht allgemach erstickten. Zuerst war es ein trotziges Widerstreben, dann ein unfreudiges Gewährenlassen und schließlich ein traumhaftes Hindämmern, das eine feingliedrige Schattenwelt für Wirklichkeit und den Alltag für einen schlimmen Alp nahm. Wie eine Welle, die weltfremdes Zeug an eine einsame Insel spült, drang manchmal eine Kunde von außen in die alltägliche Behaglichkeit des »Blauen Herrgott«. Zuerst kam ein Brieflein der Miriam, altklug und gesetzt, daß man merkte, wie Vater Gideon der kleinen Schreiberin über die Schultern geguckt hatte. Sie erzählte von einem neuen Ballett, in dem sie eine kleine, o leider wieder so ganz kleine Rolle habe, von ihrer Stimme, die wachse und stark werde, so stark, daß Mutter Charlotte sie mit dem Abstauber verfolge ob des Spektakels, von der Linde im Garten und dem alten Fliederbaum, der in voller Blüte stehe, und von dem lieben Amselpaar. Dann kam ein durchstrichener Satz, den Karl Maria mit vieler Mühe entzifferte: »Ob es dieselben Amseln sind, die dich geigen lehrten?« Da litt es Karl Maria nicht länger. Er hatte ausgetrotzt. Mit dem Briefe in der Hand eilte er in sein Mansardenstübchen und kramte in der dickbauchigen Kommode mit den verschnörkelten Messingbeschlägen nach seiner Geige. Mit einem Triumphschrei riß er sie heraus und legte sie ans Kinn. Hastig warf er den Bogen auf. Einige Läufe jagten dahin, ein kunstvolles Stakkato und dann ganz leise wie Grillenzirpen ein Pizzikato. Tief aufatmend ließ er die Geige sinken und blickte dankbar in den frühlingsblauen Tag hinaus. Mit einem Male stand Kunigunde Williguth im Zimmer. Zierlich trippelte sie auf den Vetter zu und fragte freundlich: »Hast du so hübsch gespielt, Karl Maria?« Er nickte glücklich, faßte die erschrockene Kundry um die Mitte und tanzte wie toll mit ihr im Kreise. »Ach Gott, wenn ich nur geigen kann, dann will ich schon im langweiligen ›Blauen Herrgott‹ bleiben. Ich hab' dich lieb, Kundry, du dummes Mädel!« »Bin ich dir nicht zu dick?« sagte traurig die Kundry und beklopfte wehmütig ihre stattliche, wohlgerundete Leiblichkeit. Wie ein Brummbaß polterte da Johann Sebastian in diese erste feine Dämmerstunde von Bub und Mädel. Er tummelte sein pädagogisches Steckenpferd im Kreise und zerriß die spinnwebfeinen Fäden, die diese Herzensseligkeit um Karl Maria spann. »Dein Geigenspiel gedenke ich fortab zu leiten, lieber Karl Maria,« sagte er wohlwollend und griff nach Geige und Bogen. Scheu wich der Knabe vor ihm zurück. »Wir müssen noch viel Unkraut jäten, mein Junge. Mit den brillanten Kinkerlitzchen hat es nun ein Ende. Die Musik soll dir ein Gottesdienst sein, kein müßiger Ohrenkitzel,« predigte er salbungvoll und lächelte zufrieden. Als Karl Maria an ihm vorüberhuschen wollte, hielt er ihn strenge fest: »Dageblieben, junger Herr! Ich will dich erst mal tief untertauchen in den heiligen Strom der Musik, ehe du Herr darüber sein magst. Von heute an bist du mein Schüler.« Er streckte die Hand aus, als reichte er eine große Guttat dar. »Wirst es mir noch einmal danken, Bub.« »Er hat doch eben so wunderhübsch gespielt,« schmollte Kundry. Da schob sie der Riese unwirsch hinaus, schloß hinter ihr die Tür und wandte sich wieder zu Karl Maria: »Sie haben dich gestreichelt und geküßt, schönes Herrchen, ich aber will dich mit Ruten streichen, zu deinem Heil und zum Segen der wahren Kunst. Merke dir, mein Kind, das Reich Gottes kommt nicht mit äußerlichen Gebärden. So sollst du nicht lauschen, ob dein Spiel wirkt, sondern ob es heiß und heilig aus deiner Seele brennt. Die linke Hand regiert das Saitenspiel, und die ist dem Herzen zunächst.« Mit großer Gebärde holte der wunderliche Mann von neuem aus: »Dein Vater hat dich an die Menschen verkauft, ich aber will deine Seele an die göttliche Schönheit verhandeln.« Er hob den schweigsamen Knaben zu sich empor und küßte ihn feierlich auf die Stirn: »Demütige dich, und Gott wird dich erhöhen.«   So ward Karl Maria Johann Sebastian Williguths Schüler. Aber ein seltsamer Unwille des Knaben verdarb schon die ersten Stunden. Williguth hatte keine geduldige Hand. Der Zorn fuhr allzuoft darein. Wenn er Wärme und Behaglichkeit geben wollte, geriet er immer in schulmeisterliches Besserwissen und dröhnende Überlegenheit, die den verwöhnten, feinnervigen Karl Maria stumm und steif in seine Ecke trieb. So tat ein wahrhaft guter Mensch nur Übles an einer Kinderseele, die er doch mit heißem Bemühen dem eitlen Teufel der Oberflächlichkeit entreißen wollte. Karl Marias Sehnsucht wanderte fort aus dem »Blauen Herrgott« in das armselige Judengärtlein zu Joseph Italiener, der so scheu und geschickt sein Wachsen gelenkt hatte. Der alte Bibelsatz, den Johann Sebastian in seiner starren Prinzipienliebhaberei vor sich aufgestellt: »Wer sein Kind liebt, der züchtigt es,« ward an dem frühreifen Geigerknaben jammervoll zuschanden. Er marterte das Kind mit stundenlangem Klavierüben, das er für nutzbringend und heilsam hielt, mit Kontrapunkt, Generalbaß und Harmonielehre, wie er es bei seinen eigenen Kindern getan, die Turner und Zuckerbäcker geworden waren und munter ins Leben liefen. Kalt und nüchtern geriet so, was bunt und heiß sein konnte. Und doch gab es auch unendlich schöne Stunden, wenn dem dicken Organisten alle Steckenpferde davongaloppierten und seine lebfrische Art den Schulmeister auszog wie einen alten lästigen Rock. Da flog goldiger Humor durch das alte Klosterzimmer, und Karl Maria bekam rote Backen vor Freude, wenn etwas gelang, und war bescheiden und still, wenn seine Finger, die unheimlich wuchsen und sich streckten, auf dem verhaßten Klavier, zu dem ihn Onkel Williguth zwang, falsch griffen. Und wenn Karl Maria ein anderes Mal ein Stück von Corelli, den Johann Sebastian in seiner altväterischen Liebe besonders schätzte, technisch tadellos geigte, geschah es wohl, daß der fette Lehrer sich die Ohren zuhielt und brüllte: »Wenn man auch dem Teufel sein linkes Ohr heruntergeigen kann, das allein nützt nichts. Da und da,« er deutete ergrimmt auf Kopf und Herz, »muß man's haben. Verstanden?« Williguth konnte helle Tränen weinen, wenn sein Schüler eine warme und rührende Kantilene spielte, aber leider konnte er auch mit den Fäusten dreinschlagen, wenn der Junge über unbequeme Schwierigkeiten fingerfertig fortsprang. Und es war und blieb sein großer Schmerz, daß er den eigenwilligen Buben nicht zu seinem Großmeister Bach bekehren konnte. Zwei Monate lang paukte er ihm die D -Moll-Suite ein und erstickte ihn fast in strenger Methodik, aber es trug keine Furcht. Karl Marias leicht bewegliche Phantasie hatte die Kinderreinheit verloren, die die beste Brücke zu dem Gewaltigen aus Eisenach ist, und war doch wieder zu unreif und unsicher, um nur die Technik an sich genießen zu können. Feierlich streng, fast nüchtern schien ihm dies einfach-stolze Werk, unfarbig und hart fand er den Klang, ermüdend und undankbar die glockenklaren Passagen. Das goldene Gleichgewicht des Meisters blieb ihm fremd, sein Ohr war nicht andächtig, noch wohltemperiert genug, sich der starken, tiefen Frömmigkeit des reines Satzes zu erfreuen noch der herzinnigen Anmut der Invention. Nur in das polyphone und Akkordspiel tauchte er gern wie in eine jubelnde Brandung. »Du bist ein Kannibale, Karl Maria, ein Musikidiot,« stöhnte Onkel Williguth und führte sein rotes Schnupftuch über die nasse Stirn. Seufzend leitete er ihn schließlich zu Nardini, den er einen knochenlosen Dessertgeiger nannte. Und da ging Karl Maria mit. Sein frauenhaft weicher Sinn lebte sich leicht ein in diese Welt. Diese sangfrohe Lyrik, die beinahe süßlich ist, umgaukelte ihn wie wehmütige Erinnerung an die bunte Zeit, die hinter ihm lag. Sein Ton wurde licht, silbern, süß singend, daß Johann Sebastian in schier erschrockenem Staunen Augen und Ohren weit auftat. »So, genug mit diesem geleckten Stumpfsinn,« knurrte er und schleppte sein Opfer nun zur Orgel, an die er seinen Schüler festschmiedete, tage- und wochenlang, um ihm den strengen Stil beizubringen, wie er sagte. So stopfte er allzuviel im eifrigen Durcheinander in den jungen Kopf, daß der Knabe immer tiefer in seltsame Widersprüche geriet, in ausgelassenes, bubenhaftes Tollen mit den wilden jungen Williguth und dann mit jähem Sprung wieder in einsiedlerische Versunkenheit, daß er sogar die blonde Gundl fortscheuchte, wenn sie ihm freundlich Blumen oder einen Laubfrosch herbeitrug. Mit stummem Staunen sah er dem Wachsen seines Körpers zu, wie einem unbegreiflichen Wunder. Doch für alle diese dumpfe Unklarheit hatte Williguth kein Verständnis. Er schwamm in Wonne, daß er endlich einen hochbegabten Schüler hatte, dem er seinen ganzen Schatz hinwerfen konnte, den er mit musikalischer Kost überfüttern durfte. Frau Lisbeth sah dem Treiben glücklich zu. Ihr schien ihr Liebling jetzt endlich auf dem richtigen Wege. Blind vertraute sie ihrem Bruder.   Da kam eines Tages Franz Tredenius in den »Blauen Herrgott.« Als er an jenem Mittag im März Frau und Kind ausgerückt und als Erklärung nur einen knappen Brief Lisbeths fand, wollte er die Entflohenen erst mit Gewalt zurückholen. Aber die kluge Martha riet ab: »Das hilft dir nichts. Die Mutter kannst du zurückbekommen, den Buben aber nicht. Eher läuft sie zu Gericht und führt den Gideon Italiener als Zeugen.« Da warf sich sein Zorn zunächst auf die Familie Italiener. Doch als er in dem Trödelladen laut schreiend einen Skandal provozierte, schickte Frau Charlotte einfach um einen Schutzmann, und der Herr Postoffizial mußte einen wenig ehrenvollen Rückzug antreten. Zähneknirschend schrieb er wehmutvolle Briefe in den »Blauen Herrgott«, beteuerte seine Reue und bat schlau und höflich um das, was er doch im Grunde als sein Recht fordern durfte. Johann Sebastian aber sandte alle die schönen Briefe uneröffnet zurück. Jetzt gab Franz Tredenius seine Absicht zunächst auf. Zum erstenmal in seinem Leben schämte er sich und verkroch sich wochenlang. Dann siegte der Leichtsinn, und er genoß in vollen Zügen die unvermutete Freiheit. Er war ja jetzt wieder, wie er gern mit traurigem Lächeln bemerkte, ein verlassener Junggeselle. Die Martha lief den gleichen Weg, wenn es für sie auch schwerer war, sich ohne das Wunderkind in die gute Gesellschaft einzuschleichen. Aber schließlich konnte man die Herren, auf die es ja hauptsächlich ankam, ganz gut auch an anderen Orten treffen. Mitten in diesem Treiben merkten Vater und Tochter bald, wie das angesammelte Geld hinschmolz und Ebbe in der Kasse ward. Da hielten sie neuerdings Kriegsrat und schlichen wie Spione um den »Blauen Herrgott«. »Karl Maria wird die ewige Schulmeisterei bald satt haben. Wirst sehen, Vater, er will gar nicht dort sein, unser Bubi ist's besser gewohnt.« So predigte Martha eines Abends in der verstaubten, unglaublich verlotterten Eßstube am ungedeckten Tisch und aß mit den Fingern höchst zweifelhafte Wurstschnitten aus einem fettigen Zeitungspapier. Sie lachte über den kleinen, rotgeschminkten Mund. Franz Tredenius spuckte ärgerlich auf den Fußboden. Dann warf er sich in Pose: »Wenn mein Sohn mit mir gehen will , kann seine Mutter nichts dagegen tun.« Martha nickte, warf die Wurstschalen und das zerknüllte Papier lässig unter den Tisch und suchte zwischen ungewaschenen Kaffeetassen und Brotresten vom Frühstück nach dem Hausschlüssel. Sorgsam vermied sie es, mit dem hübschen hellen Kleid an irgendein Möbelstück zu streifen. Dann wanderte sie mit dem Vater, der galant ihre schmucke Mantille trug, zur Militärmusik in einen großen Biergarten der Vorstadt. Kostspieligere Vergnügungen waren ihnen beiden gerade nicht zugänglich.   Franz Tredenius lauerte auf eine günstige Stunde, um kurzerhand in den »Blauen Herrgott« einzudringen. Für alle Fälle trug er stets die vielen Briefe und Kärtchen bei sich, die im Laufe der Zeit gekommen und unbeantwortet geblieben waren, lauter Einladungen reicher und vornehmer Leute, die den Wunderknaben geigen hören wollten. Wenn er bloß den Karl Maria allein vor sich hatte, dann war ihm nicht mehr bange um seinen Sieg. Heute nun war, wie er ausgekundschaftet hatte, Williguth mit den Seinen und Frau Lisbeth bei einem Orgelkonzert in der Kirche zu St. Pankraz. Und Karl Maria war allein im »Blauen Herrgott«. Das gab Franz Tredenius Mut. Er faßte nach dem Engelskopf, der den Handgriff des Glockenzuges bildete. Wie ein schriller Schrei lief es durch das leere Haus. Schritte kamen näher, hastige, eilige Kinderschritte. Ein blonder Mädchenkopf guckte heraus, zwei große dunkelblaue Augen betrachteten mißtrauisch den fremden Mann. »Ist Karl Maria Tredenius daheim? Ich bin sein Vater.« Wie ein Räuber schob sich der Postoffizial zwischen Tür und Angel. Ein goldgrüner Schein fiel aus dem Garten durch die hohen Fenster in den Korridor, in dem nun Kunigunde Williguth in ratloser Angst vor dem schlimmen Onkel stand. »Guck' mich nicht so dumm an. Kleine! Ich will bloß meinen Buben heimholen.« Mit einem breiten Lachen schloß er die Tür und blickte sich in dem »Blauen Herrgott« schier spöttisch um. Es roch hier förmlich nach Biederkeit, nach Scheuerseife und frischgewaschener Wäsche. Die neu gebohnten Holztreppen spiegelten vor Reinlichkeit und waren glatt wie Eis. »Karl Maria ist oben,« murmelte Gundl und wies dem Onkel den Weg wie einem Menschenfresser. Geigentöne schwirrten Franz Tredenius entgegen. Er lächelte stolz. Das war sein Bub. Er kannte den Strich. Ein siegesgewisses Lächeln ging um den vollen Mund, langsam zwirbelte er den rotblonden Schnurrbart. Dann klopfte er kurz. Vor ihm stand sein Kind und spielte Geige. Gundl ließ Vater und Sohn allein. In dunkler Furcht lief sie aus dem Sause, um Giacomo zu suchen, der irgendwo im Garten oder im nahen Birkenwäldchen das Baumklettern übte. Wie ein gehetztes Wild rannte sie ihm nach. Sie mußte ja den Karl Maria retten. Wie eine strenge Pflicht stand dieser Gedanke vor ihr. »Bub!« rief Franz Tredenius und öffnete die Anne, »gib mir einen Kuß!« Karl Maria aber zögerte. Die Fäuste hielt er geballt wie zu einem Kampf auf Leben und Tod. Der Vater kam, heimlich ihn zu holen, ins frühere bunte Leben! Alle Sehnsucht wachte wieder auf und aller gekränkte Trotz, den Johann Sebastians rauhe Erzieherfaust nicht hatte brechen können. Dazwischen warnte ihn etwas und wollte ihn im »Blauen Herrgott« zurückhalten. Aber Geduld und Warten ist bitter und schal, wenn man zwölf Jahre alt ist und nach dem Ruhm fiebert. So fragte er zitternd: »Was willst du von mir?« »Bist du glücklich, Karl Maria?« Schwer war das Schweigen und gab Franz Tredenius eine willkommene Antwort. »Haben sie dich hier schon ganz klein und verzagt gemacht, die klugen Schulmeister mit den butterweichen Herzen und den groben Händen?« Er zog alle Karten und Briefe, die er bei sich hatte, aus der Tasche und warf sie in regellosem Durcheinander auf den Tisch, gerade neben die Geige. Der Junge lief hin und kramte darin herum, wie in lange verschlossenen Schätzen. Dann wandte er sich mit heißen Wangen und zuckendem Mund zum Vater: »Ich kann nicht fort. Sie sind alle so gut mit mir.« »Dann bleib!« »Ich weiß ja nicht, was ich tun soll, Vater!« »Komm mit mir, Karl Maria. Die vornehmen Leute warten auf dich.« »Aber die Mutter –«. In dumpfem Schmerz bohrte er die Fäuste in die Augen. Franz Tredenius lächelte gütig: »Ach, die Mutter. Wenn sie dich glücklich sieht, wird sie gewiß nichts dagegen haben.« »Aber du mußt versprechen, daß du nichts Schlechtes mit mir tun willst.« »Was soll das heißen?« brauste Franz Tredenius auf. »Schau, Vater, sag' mir doch, warum war es schlecht, daß du mich zu den Tanten der Trix geführt hast?« Vorgebeugt wartete er auf eine Antwort. »Du hättest nicht die ganze Nacht aufbleiben sollen,« murmelte Franz Tredenius und nagte unbehaglich am Schnurrbart. »Und ich will nicht mehr um Geld spielen, Vater! Geld ist gemein.« Mit einem Ruck warf Karl Maria diese Last von sich. Dann streckte er mit einem hellen Lächeln dem Vater die Hand hin: »So will ich mit dir gehen. Aber Mutter wird –« »Deine Mutter stirbt vor Herzeleid, wenn du fortläufst!« Klobig und trotzig kamen diese Worte von der Tür. Vater und Sohn fuhren auf. Auf der Stirn des Franz Tredenius schwoll die Zornesader. Mit einem Wutschrei warf er sich dem bärenstarken Burschen entgegen, der ihm da den sicheren Sieg entreißen wollte. »Wer sind Sie überhaupt, Sie Kerl –?« »Ich bin der Giacomo Williguth vom ›Blauen Herrgott‹. Und der Karl Maria bleibt da.« »Nein,« brüllte der Mann und riß den Knaben an sich, wie einen Talisman, der ihn schützen sollte vor der gemeinen Not des Lebens, »das ist mein Bub. Ihr habt ihn mir gestohlen!« »Karl Maria, was willst du tun?« fragte der starke Giacomo und stand geduckt in lauernder Furcht. »Ich will mit dem Vater –,« flüsterte Karl Maria und tat sehnsüchtige Blicke nach der offenen Tür, durch die die goldene Freiheit hereinguckte. »Dann muß es sein,« knurrte Giacomo und schleuderte den Rock von sich.« »Soll das eine Drohung sein?« fragte der Postoffizial scharf und kramte die Briefe zusammen. »Herr Onkel Tredenius,« begann Giacomo, ebenso feierlich wie sein Vater, »hören Sie mich gut an! Dieses Kind gehört uns. Sie wollen es zugrunde richten. Ja, Karl Maria, dein eigener Vater will dich um Geld verhandeln, – er und deine saubere Schwester! An deinem armen Geigenspiel kochen sie ihre Bettelsuppe. Verzeih mir Gott, was ich da sage! Aber ich kann nicht anders.« Da sah Karl Maria, wie sein Vater sich mit geballten Fäusten auf Giacomo stürzte. »Gib den Weg frei, oder –!« Aber der junge Williguth gab den Weg nicht frei. Mit raschem Griff blockierte er dem Wütenden beide Arme und hob ihn hoch wie ein zappelndes Kind. »Nichts für ungut, Herr Onkel Tredenius, aber Sie sind ein gemeiner Mensch!« Franz Tredenius wollte sich losringen. Doch diese jungen Arme waren wie Eisen und hielten fest. Er keuchte vor Scham und Wut, als ihn Giacomo aus dem Zimmer trug. »Achtung, Herr Onkel, jetzt kommen sechs Stufen,« warnte der gutmütige Giacomo ganz höflich und rief Karl Maria zu: »Bring schnell seinen Hut!« So ging es die Treppe hinab. Den Hut stülpte er seinem Opfer derb über die Ohren und riß die Haustür auf. »Adieu, Herr Onkel!« Krachend flog die schwere Tür ins Schloß. Draußen hämmerte Franz Tredenius dagegen: »Ich hole die Polizei!« Aber Giacomo gab keine Antwort mehr. Ganz blaß vor Mitleid stand er in dem gründämmerigen Hausflur und flüsterte vor sich hin: »Der arme Bub, der arme Bub!« Erschreckt schmiegte sich die Gundl an ihn. Da löste er still ihre Arme: »Geh hinauf, Gundl, geh' zu Karl Maria!« Und sie tat, was er verlangte, wie eine mutige kleine Krankenwärterin.   Karl Maria saß in dem alten braunen Lehnstuhl in seinem Mansardenstübchen auf einem Schemel, zu seinen Füßen hockte Gundl und blickte mit guten treuen Augen zu ihm auf. Der müde, vergrämte Bub strich über das Goldhaar und bat leise: »Bleib bei mir, Kundry!« Dann legte er den Kopf hintenüber und schloß die Augen. Bleischwer waren ihm alle Glieder, das Gehirn taub und leer. In ihrer Scheu hatten die Kinder kein Wort von den häßlichen Dingen gesprochen, die eben geschehen waren. Sie taten beide nur, als sei plötzlich eine schlimme Krankheit in den »Blauen Herrgott« gefallen. Die grausame Szene mit dem Vater hatte Karl Maria todmüde und willenlos gemacht. Krampfhaft suchte er das häßliche Bild aus seiner Erinnerung fortzuwischen, wie man den Schlaf aus den Augen reibt. Zerschlagen und beschmutzt kam er sich vor, seine Geige hatte man ihm besudelt. Nie, nie mehr wollte er geigen. – Dann schlief er ein wie ein müdgeweintes Kind. Im Schlaf noch glitten seine Hände über den Leib, als müßten sie etwas Unreines fortwischen. Kundry sah ihm aufmerksam und besorgt zu, mit großen, erstaunten Augen, in heimlichem Glück, daß sie ganz allein bei Karl Maria sein durfte, wie einst nach dem kalten Bad in ihrem Puppenteich. Ein feines Muttergefühl hielt das dumme kleine Ding gebannt, daß sie reglos bei ihm wachte und nur zum Schutze die Hand hob, wenn ein Sonnenstrahl seine geschlossenen Lider treffen wollte. Im Hause wurden Stimmen laut, Johann Sebastians dröhnender Baß, Mutter Appolonias erschreckter fetter Knarrton und der dunkle junge Bariton des starken Giacomo. Dann kam ein Frauenschrei. Da dachte Kundry: »Jetzt haben sie es Tante Lisbeth gesagt!« Leise erhob sie sich, stellte sich auf die Zehenspitzen und küßte Karl Maria auf die Stirn. Schritte klangen jetzt auf dem Korridor. Da schlich Kundry zur Tür und flüsterte geheimnisvoll: »Er schläft.« Frau Lisbeth warf einen traurigen Blick auf das Kind in dem riesigen braunen Lehnstuhl. Die Nachmittagsonne legte just ihr Gold um den Knabenkopf, daß die romantische Lisbeth Williguth mitten in ihrem Kummer an den kleinen Jesusknaben erinnert wurde. Sie bückte sich rasch und küßte die Kundry, die voll Dankbarkeit knixte. »Wir müssen ihn jetzt alle noch viel lieber haben als früher,« flüsterte das Kind. Dann saßen sie beide ganz still. So warteten sie auf den Abend und hüteten Karl Marias Schlummer. Und mitleidig und still blieben sie auch, als Karl Maria endlich die Augen aufschlug und verwirrt vor sich hinblickte. Vor den Fenstern lag schwarzblau der Abendhimmel, ein schmaler Streifen von blutrotem Gold war tief hineingeschnitten. Ganz fern läuteten die Glocken. Karl Maria reckte die Arme und ließ sie rasch wieder sinken. Den Kopf schob er vor und starrte so von seinem Lehnstuhl auf den roten Streif im dunklen Blau. Lisbeth trat hinter ihn, Kundry schmiegte sich ängstlich an sie. Mit zitternder Stimme sagte die Mutter: »Wir sind bei dir, Karl Maria.« Kundry stammelte: »– und wollen dir alles, alles schenken, was du willst.« Er wandte den Blick nicht vom Fenster: »Jetzt ist das Rot ganz fort.« Die Abendglocken schwangen in das Schweigen. Da stand der Knabe auf und sagte hart: »Lasset mich allein!« Als sie langsam die Treppe hinabgingen, hörten sie von oben ein Krachen und Splittern. Kundry lief atemlos zurück, stürzte in das Zimmer und schrie laut auf: »Tante Lisbeth, er hat seine Geige zerschlagen!« Mitten unter den Trümmern von S. Lewis' kostbarer Geige stand Karl Maria, ernst und blaß in der hereinsinkenden Nacht. Die Lippen zuckten kaum, als er leise die Worte vor sich hinsprach: »So, Mutter. Nun muß ich im »Blauen Herrgott« bleiben.«   An jenem Abend hatte Karl Maria Tredenius zugleich mit seiner Geige seine eigene Kindheit zerschmettert und seinen wilden jungen Ehrgeiz. Ernst und entschlossen baute er Mauern um sein Leben und drückte tapfer die Augen zu, wenn ein grelles Licht aus jener toten Zeit sich einmal wieder heranwagen wollte. Nie mehr sprach er von Vater und Schwester, alle Brieflein der Miriam blieben unbeantwortet, und schnell ergriff er die Flucht, wenn er den guten dicken Joseph einmal von ferne auf der Straße sah. Allmählich wurden die bunten Bilder von einst blasser und blasser und verschwanden endlich ganz. In den drei Jahren, die nun folgten, wurde er Johann Sebastians fleißigster und bereitwilligster Schüler, nur mit der Geige ging es nicht recht weiter. Mechanisch und emsig übte er seine Etüden und Läufe, spielte aber nur auf besonderen Befehl Johann Sebastians und leierte alles mit der gleichen schülerhaften Ausdruckslosigkeit ab, als hätte er nicht ein Fünkchen Seele dafür übrig. Traf es sich nun, daß er eines seiner alten Glanzstücke vornehmen mußte, geigte er so unfertig und hastig darüber weg, daß Meister Williguth mißbilligend das gewaltige Haupt schüttelte: »Karl Maria, Du Krebsgänger, was ist das wieder? Der Corelli kann dir doch nicht zu schwer sein?« Da blickte ihn der Knabe, der jetzt rasch aufschoß wie ein junger Baum, furchtsam an und murmelte: »Ich hasse die Geige.« Und das harte Kinn sprang noch trotziger vor als sonst. Meister Williguth faltete vergnüglich die Hände über dem Bauch: »Den alten Adam meinst du wohl, nicht deine Geige. Demut zieht ein in deine Seele. Wir wollen dankbar sein, Karl Maria.« Und zur Belohnung gings tief hinein in die Theorie und schier unlösbare kontrapunktliche Schwierigkeiten. Stramm schwang Johann Sebastian den Schulmeisterbakel. Mit zusammengebissenen Zähnen tat ihm der Junge den Willen und arbeitete sich durch den Wust scholastischer Weisheit, die der Lehrer vor ihm auskramte. In weiter Ferne, wie ein Licht, das als gelbes Pünktchen über die bange, nächtliche Seide zittert, dämmerten ihm kostbare Schönheiten aus der krausen, fast mönchischen Gelehrsamkeit entgegen, deren vielverschlungene Pfade ihn der Meister führte. Es war ein leidvolles, verhaltenes Reifen in diesen Jahren. Schwer trug er an seiner Jugend. Seine Mutter konnte ihm nicht helfen, trotz aller Liebe und Treue, die sie an ihn wandte. Meister Williguth aber sah neben der Musik hauptsächlich auf erträgliche Schulzeugnisse, Gottesfurcht, gesunden Schlaf und saubere Finger bei Tisch; von schweren Entwicklungskrisen hatte er bei seinen reckenhaften Zwölf niemals das mindeste verspürt. So ging ihm Karl Marias Kopfhängerei nicht weiter nahe. Viel mehr Sorge bereitete ihm sein Hausorchester. Die körpergewaltigen jungen Riesen hatten alle Ursache zu zittern, wenn der heilige Geist über den Vater kam. Regierte der Stock auch nicht mehr so unbeschränkt wie früher, so verschwendete der zornmütige Regens chori doch vernichtende Blicke und prasselnde Schimpfworte genug an seine unmusikalische Nachkommenschaft. Die Williguthsche Hausmusik war um kein Haar besser als weiland zur Zeit des Puppenbades. Und Fräulein Kunigunde, die jetzt ein Lyzeum besuchte und voll zarter Gedanken und romantischer Schrullen war, nach ihres Blutes und ihres Alters Recht, errötete züchtiglich, wenn der Papa sie einen Nagel zu seinem Sarge und eine »verdammte Kuh« nannte, deren zweite Violine dem Rasseln einer Stallkette gleiche. Auch den anderen erging es nicht viel besser. Karl Maria mußte die erste Geige leiten, die außer ihm nur noch mit einem dicken, redlich faulen Williguth besetzt war, da Giacomo andere und bessere Arbeit zu verrichten hatte. Karl Maria tat es ohne rechte Lust. In einer höchst jammervollen Aufführung von Schumanns herrlicher B -Dur Symphonie aber geschah das Wunderbare, daß Karl Marias Geige, jetzt längst eine volle, wenn auch ohne den Glockenton der zerschmetterten Kindergeige, die Kantilene so zart und silbern brachte, daß Johann Sebastian plötzlich das Cello abstellte und mitten in das Spiel hinein die Worte warf: »Gott schütze dich, mein Kind.« Aber schon im ersten Trio war es mit aller Schönheit vorbei. Karl Maria warf um wie ein blutiger Anfänger. Mit Zorntränen in den Augen geigte er weiter. Doch seine Gedanken spannen sich von dem Notenblatt weg um das goldhelle Haar der Gundl, die rundlich und schön in der Maisonne saß und gerade um dreiviertel Takte zu früh mit ihrer zweiten Geige einsetzte. Im Nacken flimmerte gekraustes Goldhaar, und unter der rosigen Haut schimmerte das junge Blut. Und auf einmal schien dem Karl Maria ihre blühende, behäbige Backfischschönheit tausendmal wichtiger und herrlicher als die hüpfenden Noten. Geduldig sackte er alle Grobheiten des Oheims ein, im wunderseligen Gefühl eines neuen Morgens. Vor drei Tagen war Karl Maria fünfzehn Jahre geworden, und die Kundry war nur um drei Tage jünger. Die hatte also heute Geburtstag. Und er hätte es fast vergessen! Schnell lief er in den Garten, pflückte Primeln und Veilchen, soviel er finden konnte, band ein artiges Büschchen und schlich zum ehemaligen Puppenhaus, wo Fräulein Kunigunde eben gedankenvoll Ottilie Wildermuth las. Im »Blauen Herrgott« war man mit fünfzehn Jahren noch lange nicht erwachsen. Leise kam Karl Maria heran und legte sein Maisträußchen schnell in das offene Buch. Die blauen Augen der jungen Dame flogen ärgerlich hoch, da sagte er stockend: »Ich hab' dir heute früh nichts gegeben. Jetzt habe ich etwas.« Kundry lächelte fröhlich und steckte errötend ihre Nase in das violette und sanftgelbe Sträußchen. Da überfiel es Karl Maria mit ungeahnter Macht, daß er beide Arme um die Gundl schlang und sie herzhaft abküßte. Dann stand er hochrot und dumm vor ihr, die ganz blaß geworden war. »Geh fort!« sagte sie zornig. Plötzlich legte sie beide Hände vor das Gesicht und weinte. So wurde Karl Maria wieder jung.   Eine Zeitlang wichen die beiden Missetäter einander aus. Dann aber wanderten sie gar einträchtig in das Birkenwäldchen, das in grünsilberner Einsamkeit fast an den »Blauen Herrgott« grenzte. Mittendurch lief ein Sträßlein schnurgerade nach einem kleinen, alten Barockschloß, das unbewohnt und nachdenklich in dem Baumwerk von uralten Kastanien und Ulmen steckte. Bei dem stocktauben Parkwächter der Adlerburg konnte man einen einfachen Imbiß bekommen, und für ein blankes Silberstücklein ließ er von den Wasserkünsten in den Parkgrotten spielen, was noch beweglich und nicht ganz verfallen war. Eine tanzende Säule gab's da und eine Wasserharmonika, die ein dünnes, zitterndes Madrigal glucken konnte, Schneewittchen saß mit den Zwergen bei Tisch und nickte gar freundlich, eine Hirschhatz mit Hunden und Pikeuren ritt, in drollig abgehackter Beweglichkeit der singerlangen Figürchen, einen steilen Quarzblock hinan. Karl Maria und Kundry waren wieder heiter und glücklich, ja, sie fühlten sich ohne jedes Wort durch eine neue, stille Vertraulichkeit gebunden. Wie Kinder jagten sie einander zwischen den weißatlassenen Stämmen nach, haschten und flohen sich und jubelten sich neckend den uralten Kindersingsang zu: »Kuckuck! Wo bist? Im Wald! Was friß'st? Einen Frosch! Gib mir auch! Nein, nein, nein, nein, nein, nein, nein!« Atemlos warfen sie sich ins Gras und besannen sich plötzlich der staubgrauen Schulernsthaftigkeit, die ihre Freiheit einschnürte. Gundl ließ sich jetzt von Karl Maria alle Hausaufgaben mit Haut und Haar besorgen. Er selbst war gerade kein hervorragender Schüler, aber er lief leidlich gut mit den andern und hielt jetzt bei Julius Cäsar und der Rheinbrücke. Für Kundry war er geradezu ein Orakel. Diesmal nun hatte Kundrys schöner, blondumlockter Literaturprofessor seinen Mägdlein ein holdromantisches Aufsatzthema gegeben, das kurz und bündig »Ein Maitag« hieß und den gefühlvollen Seelchen eine Geburtstagstorte sein mußte. Auch die Kundry fühlte allerhand Wonnigliches und Schönes, doch ausdrücken konnte sie ihr mailiches Empfinden leider gar nicht. Goldig glänzten die zartgrünen Schleier der Birken, wenn ein Sonnenstrahl wie eine Lanze in den dämmerigen Waldboden fuhr. Karl Maria blies nachdenklich dem verblühenden Löwenzahn ein Lichtchen ums andere aus und guckte durch das feine Birkenlaub in den lachenden blauen Himmel. Aus diesen frühlingshellen Träumen heraus begann er der blonden Gundl den schweren Aufsatz zu diktieren. Mit hochroten Wangen und sorglich hochgezogenen Knien hockte das Mädel bei der Arbeit. Die hastig beschriebenen Blätter fielen achtlos ins Gras. Bald war alles getan. Da sagt sie betrübt: »Wie du das nur so schön und klar sagen kannst!« Und nach einer Weile, als sie ihre Arbeit zusammenlegte, seufzte sie wieder: »Ich bin doch eine rechte Gans.« Karl Maria hörte gar nicht hin; in angespanntem Lauschen saß er plötzlich, die Hände aufgestützt, den Kopf vorgestreckt, die Lippen halb geöffnet. Kundry schüttelte verwundert den Kopf, was hatte er nun wieder? Aber jetzt horchte auch sie. Ein Lied. Noch in weiter Ferne, verschwebend und zart, und dann kam es allmählich näher, süß und stark, in hellen Trillern und perlenden Tönen. Eine Stimme war's wie ein Frühlingstag. Karl Maria ward blaß und schloß dann feige die Augen. Mit einem Ruck sprang er auf und wollte fliehen. Doch er blieb wie angewurzelt. Langsam breitete er die Arme aus, als käme eine alte, nie ganz zerronnene Sehnsucht lächelnd wieder zu ihm. Kampfbereit stand Gundl, ihn zu schützen. Wie auf summenden Bienenflügeln schwebte es heran: »Der Schäfer hebt zu singen Von seiner Phyllis an. Die Welt geht in ein Springen, Es freut sich, was nur kann.«– – – »Miriam! Miriam!« jauchzte jetzt Karl Maria. Ein gar seltsames Terzett kam von der Adlerburg daher und zog aus der hellen Maisonne in den behaglichen Birkenschatten. Voran ein plumper Gesell mit einem sonderbaren, rotbraunen Anzug, einen schwarzen Schlapphut in der Sand. Feist und gutmütig das glatte, glänzende Gesicht, das Haar rötlich, wie die irdische Hülle. Hinterdrein ein hübsches, hochaufgeschossenes Ding von fünfzehn oder sechzehn Jahren, ein reifer, scharfgeschnittener Frauenkopf auf einem noch unfertigen Mädchenleib. Schwarze Augen mit dichten Brauen über einer kleinen Stupsnase, kräftig ausladende Backenknochen und ein voller roter Mund mit sehr kurzer, kecker Oberlippe. In dem ganzen schlanken Persönchen hüpfte ein leiser Rhythmus, schaukelnd wie das Lied, das Miriam Italiener sang. Dann kam noch ein häßliches, kurzes, dickes Ding, einige Jahre älter als die Miriam, der »dicke Hans«, der geduldig Miriams schönen blauen Schal und den weißen Sonnenschirm nachtrug. Noch immer stand Karl Maria mit ausgebreiteten Armen, ein Flackern in den Augen. Gundl faltete ängstlich die Hände, jetzt griff man wieder in ihr Recht. Mitten in einem Triller riß das Liedlein ab, und eine jähe Röte schlug der Miriam ins Gesicht. Spöttisch funkelten ihre Augen über die hübsche Kunigunde Williguth hin. »Ach, du, Karl Maria? Warum hast du mir zwei ganze Jahre nicht mehr geschrieben?« Er zuckte die Achseln und schwieg trotzig. Joseph Italiener schob seine grundgute Freude zwischen dies Wiedersehen: »Was macht deine Geige?« »Die habe ich zerschlagen.« »Warum?« fauchte die Miriam wie eine böse Katze. Karl Maria sagte halblaut: »Ich muß im ›Blauen Herrgott‹ bleiben und warten.« Ein schmerzliches Lächeln ging um seinen Mund. Alle hübschen Träume von einst schwebten wieder um die Miriam, die jetzt im hellen Zorn losbrach: »Du hast mir einmal gesagt, du mußt geigen, und wenn du darüber sterben solltest.« Nach einer Pause sagte er schwermütig: »Du weißt doch, wie alles kam.« Miriam kreuzte die Arme. »Ich will dir helfen, wenn es sonst niemand tut.« Und wieder blickte sie spöttisch auf Kunigunde Williguth. »Sie hat ihn lieb, die Miriam,« dachte erschrocken die Kundry und wich in den grünen Schatten zurück. Die dicke Johanna Italiener setzte sich behaglich ins Gras und begann langsam ein mitgebrachtes Schmalzbrot zu verzehren. »Reg' dich nicht auf, Miriam! Ich begreif' dich nicht. Reg' ich mich auf?« Miriam stampfte mit dem Fuß: »Warum laßt ihr ihn nicht seiner Wege gehen?« »Wir haben ihn alle so lieb –,« stammelte die arme Kundry. »Laß seine Seele in Frieden,« sprach ernst der rothaarige Joseph und packte die Schwester mit festem Griff am Handgelenk. Doch die Miriam ließ sich nicht beirren. »Wenn du geigen mußt, lauf ihnen doch einfach davon. Ich liefe sofort weg, wenn Vater und Mutter mich nicht singen ließen. Das ist doch einfach dein Recht , Karl Maria!« Da nickte er. Alle bescheidene Behaglichkeit zerrann in nichts, die alte Sehnsucht lockte wieder. Die Miriam stand vor ihm, so sicher, so klug wie nie zuvor. Und er war ein verträumter Kerl, der zu nichts taugte. Seufzend wandte er sich zur Kundry: »Das ist ein liebes Mädel, die Kunigunde Williguth. Und das ist die Miriam Italiener, ein wildes böses Mädel. Jetzt kennt ihr euch.« Die beiden kleinen Frauen maßen sich einen Augenblick, als Feindinnen, die um Karl Maria kämpften. Dann warf Miriam den Kopf zurück. »Komm, Karl Maria!« Sie schritt schnell mit ihm voran, in den sinkenden Abend. Die alten Bäume rauschten leise, das Gras glänzte feucht. Fledermäuse schwirrten auf und nieder. Der Himmel zwischen den Ulmen und Kastanien bekam einen seltsamen Opalglanz. Leise fragte Miriam: »Hast du es wirklich gut bei denen im »Blauen Herrgott«?« »Ja.« »Lüge nicht, Karl Maria!« Er blieb stumm. Der Abschied war da. Zaghaft stand Kunigunde Williguth im Dunkel. Miriam nahm den Strohhut ab und strich ihr widerwilliges Haar zurecht. »Ich will dir also wieder schreiben.« Wie eine Königin, die Gnaden spendet. Als sie allein waren, fragte Karl Maria: »Sage, Gundl, hat dir die Miriam gefallen?« »Sie ist so ganz anders.« Und hatte ein feines Lächeln um den weichen Mund. Aber Karl Maria merkte nichts. Er lebte wieder in der alten, halb vergessenen Herrlichkeit.   Nun kamen und gingen die kleinen Briefe zwischen der Judengasse und dem »Blauen Herrgott«. Nur Kundry wußte davon, und die schwieg. Aber eines Tages erklärte sie dem erstaunten Vater, ihre Singstimme bedürfe der Ausbildung. Zuerst lachte Johann Sebastian, dann dachte er lange nach. »Gehör hat sie keines, und die Stimme ist vorläufig ein Zwirnfaden,« knurrte er schließlich, »aber Gott ist allmächtig auch im Geringsten.« Und so bekam Kundry richtige Gesangsstunden. Mit eisernem Fleiß biß sie sich durch und strebte in verzweifelter Hartnäckigkeit ihrem Ziele zu. Karl Maria beobachtete ihr Tun mit stillem Staunen. Wenn er den Eifer in den blauen Mädchenaugen sah, wußte er, daß das alles um seinetwillen geschah. Und in sein überlegenes Mitleid stahl sich ein wenig Stolz, daß die Gundl ihn so lieb hatte. Johann Sebastian aber frohlockte. Brachte Gundl nach tagelangem, unermüdlichem Üben eine ihrer leichten Solfeggien halbwegs rein und richtig heraus, schien seiner stolzen musikalischen Hoffnung endlich Erfüllung zu wachsen. In hochtrabenden Worten verbreitete er sich schon über Kundrys Zukunft. Eines Abends im Oktober erwischte Karl Maria die kleine Sängerin im dunklen Korridor. Er hielt sie fest und lachte: »Du dumme Gundl, du singst ja nur um meinetwillen!« »Ach, was du alles weißt!« So lief sie ihm davon und freute sich doch, daß er ihre geheime Absicht erriet. Vielleicht hatte er sie doch lieb. In ihrer Frauenseele, die sich jetzt reckte und streckte wie ihr junger, starker Körper, war noch eines wach, von dem Karl Maria keine Ahnung hatte. Sie wollte ihm durch ihren Willen und Fleiß den Glauben an sich selbst wieder schaffen, ihm zeigen, wie man mit jungen starken Fäusten Kunst und Leben packen und meistern konnte. Es war jetzt Zeit, daß er ein großer Geiger wurde. So unheimlich ernste Gedanken summten in Kundrys Blondkopf. Das träge, liebe Ding aus dem »Blauen Herrgott« wetteiferte mit der klugen Miriam Italiener. Es war ein schwerer und erbitterter Kampf, der ihr alle kindhafte Behaglichkeit nahm und sie mitten in das harte, gierige Leben drängte. Doch sie tat alles gerne in ihrer jungen Liebe, die nach Opfern geizte. Nur Frau »Affi« seufzte schmerzlich hinter ihren Kochtöpfen, wenn Kundry wieder einmal vergessen hatte, die Enten zu füttern, oder in der Plättkammer, allwo sie wenig melodischen Stimmübungen oblag, die feingefältelte Brust eines Johann Sebastianschen Paradehemdes schnöde verbrannte. Nun hatte der Musikteufel ihrem bravsten Hauskind ganz und gar den Kopf verdreht. Es war ein Elend. Auch geizig und profitsüchtig war Gundl geworden und sparte jetzt an ihrem knappen Taschengeld, wo sie nur konnte. Wie eine Mutter, die ihrem Kind ein Vergnügen schaffen will. Im Winter war sie endlich so weit. Karl Maria saß allein vor dem Klavier. Die Petroleumlampe gab ein schwaches Licht, das bloß den gesenkten Knabenkopf scharf und schön aus dem Dunkel schnitt. Heiß und erregt flüsterte die Kundry: »Ich hab' etwas für dich. Morgen abend gehen wir zusammen.« »Wohin denn?« »Ins Hoftheater, zu ›Wallenstein‹.« Als er gelangweilt dreinschaute, lachte sie vergnügt und sagte schnell: »Ist ja gar nicht wahr! In ein Dienstag-Konzert. Aber das wissen nur wir beide. Die andern sollen glauben, es ist der ›Wallenstein‹. Vater erlaubt uns ja noch keine Konzerte, damit wir nicht weltliche Mätzchen dort lernen.« Sie machte kugelrunde Augen und streckte höchst unehrerbietig die Unterlippe vor. Es war ein pädagogisches Grundprinzip Johann Sebastians, daß seine Kinder nur Messen und Orgelaufführungen hören durften. »Ja, hast du denn Karten, Kundry?« »Freilich habe ich die!« Und stolz zog sie ihren Schatz aus dem abgeschabten Geldtäschchen hervor. Als sie fort war, zerriß Karl Maria einen begonnenen Brief an die Miriam und warf die Fetzen in den Ofen. So zogen sie am nächsten Abend los, in Karl Marias erstes Konzert. Denn nicht nur Johann Sebastian haßte alles Sichinszenesetzen und fürchtete, den unreifen Geschmack seines Schülers zu verwirren, auch die Mutter hielt Karl Maria in ängstlicher Scheu allem, was ihn an ein eigenes öffentliches Auftreten mahnen konnte, sorgsam fern. Unbeholfen saßen die Kinder ganz hinten auf ihren billigen Sitzen, und Kundry war sehr betrübt, daß ihre knappe Barschaft nicht zu besseren Plätzen gereicht hatte. Karl Maria atmete schwer. Die vornehme Welt rauschte in den Saal. Er sah manches bekannte Gesicht aus seiner Geigerzeit und kroch ganz in sich zusammen, um von niemand erkannt zu werden. »Gib recht acht, damit du etwas lernst,« flüsterte die stets praktische Kundry. Doch er hörte sie nicht. Zwei Männer traten jetzt auf das Podium, zuerst ein dicker, glattrasierter Mann mit einem Violoncello, dann hoch und beweglich ein anderer mit einer Geige. Das war Hans Geßner. Ein dritter saß schon vor dem Pianoforte. »Das Brahmstrio in H -Dur,« flüsterte Gundl und schob Karl Maria das Programm hin. Aber er schüttelte nur unwillig den Kopf. Voll brauste das Klavier. Dann griff das Cello die Melodie auf. Wie das Horn Oliphant klang's, fern in Ronceval, im Sterben. Und jetzt hob Geßner den Bogen. Achtlos rannen die Tränen über Karl Marias Wangen, als süß und voll der Ruf der Geige kam. »Ein Bettler bin ich,« flüsterte er und saß klein und kummervoll, maß seine Zurückgebliebenheit an dieser sicheren Vollendung. Und dann ein schüchternes Glück, daß er jede Feinheit begriff. So klang ihm dieser Brahmsabend wie eine heilige Messe. Arm und gering schien ihm sein bisheriges Tun. Zum erstenmal verfluchte er seine Jugend, die mit bunten Bällen tändelte und Zeit und Ziel verspielte. So war dieser Abend süß und bitter zugleich. Meilenweit von dem stillen Werben der Kundry eilte Karl Maria in unbekanntes Land, an dessen Grenzen er einst schon gestanden hatte. Zuerst wollte er augenblicks zu Hans Geßner und ihn um Verzeihung bitten. Aber er war feig und fürchtete das fremde Mitleid. Da ließ er es sein. Als sie durch die sternklare Frostnacht heimgingen, griff er nach Gundls Arm: »Danke!« Sie lächelte ihn fröhlich an. Bitterkeit und Seligkeit trug er mit sich heim. Der Mutter erzählte er vom Wallenstein und wartete auf ihren Schlaf. Dann schlüpfte er lautlos wieder in seine Kleider und huschte durch die sternhellen Korridore nach dem ehemaligen Refektorium der frommen Mönche, das jetzt als Musiksaal diente. In Wandschränken schliefen da alle Geigen, Klarinetten und Posaunen, alle die Lärminstrumente, mit denen Johann Sebastian und die Seinen Gott zu dienen meinten. An jedem Fach gab ein zierliches Täfelchen Instrument und Namen des Besitzers an. Karl Maria trat, eine flackernde Kerze in der Hand, vor das Fach, das die Bezeichnung »Erste Violine, Karl Maria Tredenius« trug. Es war eine ganz gewöhnliche Schulgeige, die er da herausholte, aber in dieser Winternacht schien sie ihm doch ein köstlicher Schatz. Dann kramte er in anderen Schränken, unter staubigen Notenstößen, leise und vorsichtig, um den Schlaf des »Blauen Herrgott« nicht zu stören. Kleine Staubwolken stiegen auf, wenn ein Bündel wieder in den Kasten zurückfiel. Die Kerze warf ihren Flackerschein wie ein Schattenspieler an die weißgetünchte Wand. Nur die Holzgalerie, die rings um den Saal lief und zur Kapelle führte, lag in schwarzem Dunkel. Dann hockte Karl Maria vor dem Klavier und hatte die Partitur von Brahms' H -Dur Trio vor sich aufgeschlagen. Mit brennenden Augen saß er so in dem kalten Saal und las; wenn ihn ein Notengespinst besonders packte, klimperte er ganz leise über die Tasten hin. Es wurde ein abgrundtiefes Tauchen in die Schönheit dieses Wunderwerkes, daß die Stunden wie Minuten hinglitten. Die Kerze flackerte zischend auf und erlosch. Er holte eine andere und brannte sie an. Jetzt hatte er die Violinstimme vor sich. Nun galt es zu prüfen, was er konnte. Spielen, was Hans Geßner heute abend gespielt! Einen Augenblick stand Karl Maria still mit gefalteten Händen, in seiner Jugend heiliger Einsamkeit. Zitternd hob er die Geige und strich sachte mit dem Bogen über die Saiten. Erschrocken hörte er den anschwellenden Ton, ein Schweben und Schwirren, so gut es die armselige Geige vermochte. Ängstlich dämpfte er sein Spiel. Aber die im »Blauen Herrgott« lagen satt in ihren Betten und hatten stets einen gottgesegneten Schlaf. Wie ein Zauberer, der Nachtspuk treibt, glitt der Arm mit dem Bogen an der Wand hin, im Schattenspiel wippte der Knabenleib. Wieder kam die Entmutigung, das Ohr strafte Lügen, was die Hand tat. Hans Geßner hatte das anders gespielt. Aber Karl Maria ließ nicht nach. Wie ein Mönch mit seinem Gott rang er mit seiner Geige. Mit hohlen Wangen sah er den Morgen dämmern, aschgrau und müde, wie er selbst. Er schloß Geige und Noten weg und schrieb mit hastigen Buchstaben auf einen Zettel: »Liebe Miriam! Ich war gestern zum erstenmal in einem Konzert. Es war Hans Geßner. Ob ich es je zu etwas bringen werde? Aber das schwöre ich dir heute: Ich will ein Geiger bleiben.«   Gundl Williguth empfand jetzt merkwürdig oft Sehnsucht nach Klassikervorstellungen und bat sich Karl Maria als Begleiter aus, weil die Gassen spät abends doch nicht sicher seien. Da Johann Sebastian klassische Bildung schätzte, rückte er mit dem nötigen Gelde heraus und verlangte nur, daß Kundry ihm genau und sachlich ihre Eindrücke berichte. Das arme Ding mußte nun krampfhaft Klassikerlektüre treiben, um dem strengen Vater wohlgerüstet gegenüberzustehen. Durch diese Liebeslüge der blonden Gundl geriet Karl Maria tief in das Wunderland der Musik, wie nie zuvor. Jede Nacht nach einem Konzert trieb er sein Spiel im Musiksaal, bei Kerzenlicht und Geigenklang, in heimlicher Seligkeit. Davon ward seine Seele reich und beweglich, sein Körper aber arm und schlaff. Blaue Schatten lagen unter den brennenden Augen, die Haut war durchsichtig und blaß, als zehrte ein Fieber an seinem Leben. Doch seine Willenskraft trug ihn über alles hinweg. Und die jäh auflodernde Freude, die seine Tage hell und froh machte, wenn die nächtliche Heimlichkeit ihm volles Gelingen schenkte, täuschte sogar Frau Lisbeths wachsames Auge. »Er hat viel Plage in der Schule,« seufzte sie, und die schlechteren Fortgangsnoten schienen ihr recht zu geben. Mit dem Kindersinn seines Onkels hatte es Karl Maria noch leichter. »Der Junge ist eben tüchtig im Wachsen,« schmunzelte Johann Sebastian und begnügte sich, seinem Neffen die besten Bissen förmlich in den Mund zu stopfen und zwischen seine Musikstunden den Genuß dicker Butterbrote einzuschieben. Und die Brieflein der Miriam, die jetzt regelmäßig eintrafen, waren guter Trost in aller Mühsal. Der Ehrgeiz des klugen Judenmädchens und ihr praktischer Tatsachensinn spornten den verträumten Karl Maria immer wieder zum Ausharren und Vollenden an. Oft stand ein gutes Wort darin: »Ich bin stolz auf dich« oder: »Ich habe dich lieb.« Rote Flecken brannten dann auf Karl Marias Wangen, und er fuhr fort, seine Nächte zum Fest zu machen. Die Tage freilich blieben bleich und leer. Auf rasches Fortschreiten folgte bleischweres Stillestehen, auf Nächte voll heißer Trunkenheit solche voll dumpfer Verzweiflung. Als in einer solchen Geigernacht sein unreifer Knabensinn an Beethoven, den er trotz atemlosen Ringens nicht meistern konnte, elendiglich zerbrochen war und er Geige und Bogen zornig auf die Noten warf, hörte er plötzlich Schritte im Korridor. Schnell hielt er Nachschau und tappte suchend durch die langen Gänge, in denen die Nacht lag. Doch er fand nur Dunkelheit und Schweigen. Eine Woche später aber kam wieder ein Rascheln an die Tür, die Karl Maria heute von innen verschlossen hatte. »Mäuse sind's,« dachte er gleichgültig und spielte weiter, umwarb vergeblich Beethovens Herbheit und kehrte mit trotzigem Entschluß zu seinen alten Italienern zurück. Stundenlang übte er Tartinis Variationen über eine Gavotte von Corelli, bis ihm der Bogen aus der Hand sank. Ein fast frühlingshafter Februarmorgen kam an die festgefrorenen Fenster. Karl Maria drehte den Schlüssel im Schloß und ließ die Tür nach innen aufklappen. Vor ihm in der Türöffnung hockte auf einem Stuhl ein dunkles, unförmiges Etwas. Langsam kam Leben in die schwere Masse; ein lautes Gähnen schnappte durch die Luft; zwei Arme reckten sich wie Brechstangen und wirbelten dann im Dreschflegeltakt um den pelzverhüllten Leib. Karl Marias Schrecken wandelte sich zu verlegenem Staunen, als endlich Giacomo Williguth in des Vaters Pelzrock stattlich und mächtig vor ihm stand. Der Riese tat einen Blick auf die Uhr im Musiksaal und schüttelte mißbilligend den Kopf: »Windelweich sollte man dich prügeln, dummer Bub!« »Du darfst mich nicht verklatschen, Giacomo.« »So? Damit du's ruhig so weitertreiben kannst? Nein, mein Lieber, daraus wird nichts.« Er zog den widerstrebenden Knaben ans Fenster und betrachtete mit väterlicher Sorge die welke Haut um Mund und Augen, den glanzlosen Blick. »Der Teufel hole eure ganze Musik!« brach er zornig los. »Kein vernünftiger Mensch ist mehr in der Klingelbude da zu finden. Mich will der Alte zu einem Posaunenbläser deichseln, Gott verdamme mich! Da hat er falsch spekuliert. Auf eure Seele und so weiter pfeife ich. Mir sind gesunde Muskeln lieber. Paß mal auf, du Windhund!« Damit schlüpfte er aus Pelzrock und Pelzstiefeln und begann, nur in Hemd und Hose, dem verblüfften Karl Maria unheimliche athletische Kunststücke zum Besten zu geben. Mit einer Hand hob er einen schweren Tisch hoch über seinen Kopf, balancierte ein wuchtiges Musiklexikon auf der Spitze des ausgestreckten Zeigefingers, und schließlich stemmte er mit den Zehen des rechten Fußes gar die Baßgeige. »Das ist Kraft,« sagte er dann befriedigt. »Mach' mir das mal nach! Aber natürlich, du hast Muskeln wie ein Weibsbild. Merk' es dir, mein Bürschchen: Diese Lärmhölle, in der mein absonderlicher Herr Vater des Teufels Großmutter anbetet, die er Musik nennt, bleibt von jetzt an jede Nacht verschlossen. Der Schlüssel liegt unter meinem Allerwertesten. Dort magst du ihn holen.« Karl Maria faßte nach der Hand des Riesen: »Es ist meine letzte Freude. Laß mir sie doch!« »Dazu habe ich dich zu lieb. Vater in seiner Hirnverbranntheit gäbe dir womöglich noch recht. Nein, mein Sohn, der Schüssel wird abgezogen.« Als Giacomo den verzagten Ausdruck in den Knabenaugen sah, sagte er barsch: »Ein seelengutes Mädel wacht jede Nacht durch, wenn du hier deinen Spuk treibst. Verdienst du das?« Verbittert kam die Antwort: »Die Kundry hat mich also verpetzt?« »Nein, mein schönes Herrchen. Aber im Gang draußen habe ich sie neulich abgefaßt, stierend und zitternd, mitten in der Nacht. Da hat sie gebeichtet. Du dummer Junge, weißt du denn überhaupt, was die Gundl wert ist?« Beschämt schlich Karl Maria davon. Giacomo aber trat vor ein Bild, das den großen Johann Sebastian Bach darstellte, verbeugte sich höhnisch und brummte: »Du närrischer Kerl dort oben, du Orgelbronze, du willst im ›Blauen Herrgott‹ regieren? Die Gundl muß singen, der Tredenius muß geigen, und ich soll die Violine streichen und dazu die Posaune zu Gottes Lob blasen. Man sollte dir das feiste Gesicht einschmeißen, du bezopfter Chinese!« Solche Früchte trug Johann Sebastian Williguths musikalische Erziehung an seinem Erstgeborenen Giacomo.   Seit diesem Morgen wich Karl Maria trotzig allem bescheidenen Werben der Kundry aus. Was brauchte ihn das dumme Ding zu bevormunden? Alle ihre kleinen Aufmerksamkeiten beachtete er nicht mehr, er hatte plötzlich keine Zeit, ihr bei den Schularbeiten zu helfen, saß dafür aber als spöttischer Zuhörer in ihrer Gesangsstunde und konnte sehr unangenehm lächeln, wenn ihr etwas übel geriet. Darob kam großer Kummer über die dumme Gundl, die ihre treue Liebessorge so jämmerlich gelohnt sah. Und das alles nur, weil sie Karl Maria nicht krank und elend werden lassen wollte und deshalb sein heimliches Nachttreiben an Giacomo verraten hatte. »Das ängstliche Haushuhn« nannte er sie nun zum Dank und war ihr böse. Die blonde Kundry hatte freilich keine Feuerseele, die in Himmel und Hölle gleich gut zu Hause war, sondern nur einen herzensguten Sinn, der unermüdlich helfen und das Rechte schaffen wollte. So biß sie tapfer allen verliebten Groll hinunter und brachte dem undankbaren Karl Maria ein neues Opfer. Was ihrer treuen Liebe mißglückt war, mußte einer anderen, Glänzenderen gelingen. Die Backfischeifersucht auf diese andere mußte da einfach schweigen, unter bedrückten Stoßseufzern tauchte Gundl, nach ein paar zornigen Faustschlägen auf den Tisch, entschlossen die Feder ein und begann an die Miriam Italiener zu schreiben: »Geschätztes Fräulein! Ich habe zwar nicht die Ehre, Sie näher zu kennen, was ich sehr bedauere, da ich Sie für eine sehr vernünftige Dame halte. Aber Not kennt kein Gebot.« Hier mußte Gundl nachsehen, ob Not und Gebot mit oder ohne ›h‹ zu schreiben seien. Als sie darüber Klarheit hatte, fuhr sie fort: »Herr Karl Maria Tredenius lebt, wie Sie wissen, bei uns im ›Blauen Herrgott‹. Wir Williguth sind jedoch nur einfache Menschen, die von den Gebräuchen der großen Welt nichts verstehen. Vater würde es auch gar nicht erlauben. Sie jedoch, mein Fräulein, gehören ja bereits der Bühne an und wissen natürlich besser Bescheid. Mein Vetter«, hier tropften einige Liebeszähren, »hat in der letzten Zeit einige Konzerte besucht und spielt nun die Nächte durch heimlich auf Vaters Geige, was sehr unrecht ist, weil er wieder mit aller Macht ein großer Geiger werden will, was er ja bekanntlich auch früher tat.« Etwas zweifelnd las Kundry diesen letzten Satz ein paarmal durch, runzelte die Brauen und nickte schließlich befriedigt. »Nun kann weder ich noch mein Bruder Giacomo, die mit seiner Seele vertraut sind,– – –« Ein schöner Stolz machte diesen Ausspruch schier feierlich und kräftig, daß die Buchstaben wie Grenadiere einherschritten. »irgend etwas für ihn tun. Sie aber können alles, sagt er oft. Also, bitte, tun Sie das jetzt. Es ist höchste Zeit, daß er berühmt wird. Herr Tredenius ist sehr nervös und ganz blaß. Handeln Sie nach Ihrem Gutdünken. Wenn ich Ihnen dabei helfen kann, geschieht es von Herzen gern. Aber es muß alles ganz zufällig aussehen, weil Herr Tredenius jetzt sehr mißtrauisch ist.« Als sie so weit war, ging ihr doch der Mädchenstolz durch, daß sie schrieb: »Sie müssen aber nicht glauben, daß er bei uns unzufrieden ist, der ›Blaue Herrgott‹ ist nämlich sehr schön. Er bekommt das Beste zu essen, und wir haben ihn alle lieb, doch ist sein Schicksal offenbar ein anderes. Wir sind eben nur bescheidene Menschen, trotzdem mein Vater, Johann Sebastian Williguth, doch Regens chori ist und, wie Sie wissen werden, schon wiederholt beim Rheinischen Musikfest und in Leipzig und anderswo mit großem Beifall die Orgel gespielt hat. Ich bitte, diese Mitteilung nicht als Hochmut zu betrachten.« Mit einem tiefen Seufzer setzte sie den Schlußpunkt und unterschrieb sehr würdig: »Ihre ergebene Kunigunde Williguth.« Diesen langen, inhaltschweren Brief schob Gundl heimlich in den blauen Briefkasten und wartete geduldig, was nun geschehen würde. In diesen Tagen war ihr bescheidenes Stimmlein gar hell und freudig, daß Johann Sebastian mehr denn je in hoffärtigen Träumen schwelgte.   Nach drei Tagen kam ein sehr selbstbewußtes Billett der Miriam, die nach dem rechten zu sehen versprach, Fräulein Williguth möge sich nur etwas gedulden. Dann liefen drei Wochen ins Land, und alles blieb still. Der April setzte heiß und sonnig ein und lockte Blüten und Blätter hervor in allzufrüher Schöpferfreude. An einem hellen, goldigen Spätnachmittag aber rasselte ein Wagen vor den »Blauen Herrgott«. Karl Maria beugte sich neugierig aus einem offenen Fenster. »Die Miriam mit der Ermattinger,« schrie er und faßte die hinter ihm stehende Kundry krampfhaft an der Hand. »Und der dicke Herr ist der S. Lewis. Was wollen die hier?« »Ich weiß doch nicht,« stotterte Gundl, halb in Angst, halb in Freude. »Ich will sie alle drei nicht sehen,« keuchte er und lief spornstreichs die Hintertreppe hinab in den Garten. Kundry, die ihm ängstlich nacheilte, hörte die Tür des alten Puppenhauses hinter ihm zuschlagen. Ihr klopfte das Herz gar gewaltig; als das Schicksal so kurzerhand in den »Blauen Herrgott« einrückte. Unterdessen öffnete Giacomo das Haustor und besah sich das merkwürdige Terzett. Die Miriam war sehr damenhaft und elegant, trug ein braunes Samtkleid und einen mächtig großen Hut von gleicher Farbe. Würdig und wichtig folgte ihr der dicke Herr im Leibrock und knallgelben Knopfstiefeln, den Zylinder ein wenig schief auf dem klobigen Kopfe. Und als jetzt gar eine starke, schwergliedrige Frau wie eine Junge aus dem Wagen sprang, war der wackere Giacomo vollkommen beruhigt. Mit Ausnahme des quecksilbrigen Mädels waren das sichtlich Menschen, die gut aßen und gut schliefen, satte, harmlose Leute. Die Dame faßte Giacomo ins Auge und rief: »Sie, junger Riese, ist der ›Blaue Herrgott‹ daheim?« »Was wollen Sie denn von ihm?« war die gemessene Antwort. Der Herr schob sich schnell dazwischen und fragte kurz: »Donnerwetter, my boy , treiben Sie Sport?« »Ich bin Turnlehrer und Amateurchampion im Ringen.« Geschmeichelt fühlte Giacomo die Gäste ins Haus. Im Korridor blieb der dicke Herr stehen und gebärdete sich ganz seltsam. Eingehend befühlte er des Jünglings Arme und Waden, maß mit gespreizten Fingern den Brustumfang, ließ einen scharfen Pfiff hören und zog ein dickes, verschabtes rotes Taschenbuch hervor. »Ihr Name?« »Giacomo Williguth.« »Alter?« »Einundzwanzig.« »Gewicht?« »Hundertzweiundfünfzig Pfund.« »Hm. Wo und wann kann ich Sie arbeiten sehen?« »Jeden Abend im Athletikklub.« »Gut.« Die Dame wandte lachend den Kopf: »Stecken Sie Ihre Brieftasche ein, Lewis. Soll dies Riesenkind denn auch wieder Ihnen gehören, Sie Nimmersatt? Wittern Sie etwa einen Tenor?« »Liebe Franziska, ein Ringer allererster Klasse. Meinen Eid darauf. M. w.« Miriam knixte spöttisch vor dem glückseligen Giacomo, der seine prachtvollen Muskeln so rückhaltlos bewundert sah, und fragte spitzbübisch: »Können wir also Herrn Johann Sebastian Williguth sprechen?« Giacomo führte alle drei in den Musiksaal, in dem rot und warm die Abendsonne lag. Gelangweilt schlenderte Miriam umher und betrachtete nachdenklich die Kerzen auf dem Klavier und auf dem plumpen Mitteltisch. Vor dem Kasten mit der Aufschrift »Erste Violine, Karl Maria Tredenius« blieb sie stehen und nickte ganz leise vor sich hin. Da trat Johann Sebastian ins Zimmer. Lewis streckte ihm die Hände mit den dicken Ringen hin: »Freut mich, freut mich, mein alter Orgelpunkt. Lange nicht gesehen. Noch immer stramm im allerhöchsten Dienst?« Und er wies behaglich mit dem kurzen Daumen auf das Bachbild an der Wand. Johann Sebastian schnaubte und blinzelte, als das Leben so robust in seine Einsamkeit griff. Mit einem langen Schritt stapfte er auf die Ermattinger zu: »Welche Freude, mein vielliebes Fräulein, daß auch Sie einmal in den ›Blauen Herrgott‹ finden.« Aber der dicke Lewis ließ die Sängerin gar nicht zu Worte kommen: »Scheinen hier eine famose Zucht zu haben, mein bester Regens chori . Da draußen ist ein Kerl, stark wie ein Bär. Aus dem machen wir einen Ringkämpfer. Meine Bedingungen –« »Niemals!« donnerte Johann Sebastian mit einer großen Geste. Franziska Ermattinger warf die Handschuhe auf den Tisch: »Vertragt euch, Kinder! Der Lewis will Sie, lieber Williguth, als Bachspieler nach Frankfurt bekommen. Deshalb sind wir da.« »Das heißt –,« stotterte der Impresario, der auf diesen Streich nicht gefaßt war. »Nur Mut, mein alter Lewis, wenn Sie schön bitten, gibt Herr Williguth vielleicht nach,« sagte die Sängerin und schleuderte ihren Hut den Handschuhen nach. Herr Williguth aber saß in großer Freude und war nur betrübt, daß er diese Freude vor dem Gauner Lewis nicht merken lassen durfte. Der sollte ihn nicht über den Löffel balbieren. So zögerte er ein wenig, legte den Kopf schief, rieb die fetten Hände und sprach dann feierlich: »Da es Johann Sebastian Bach gelten soll, will ich denn in Gottesnamen ja sagen.« Insgeheim aber sandte er dem häßlichen Porträt seines Hausgottes dankbare Blicke zu und murmelte wie zur Entschuldigung: »Es ist schwache, irdische Eitelkeit, doch die Kinder wachsen heran, da muß ich wohl.« Die hellbraunen Augen der Ermattinger funkelten gar fröhlich über das verschämte Glück des wackeren Regens chori hin. Jetzt würde er mit sich reden lassen. Kokett lächelte sie den erstaunten Organisten an und sah ihm schier zärtlich in die guten, harmlosen Augen, daß der Ärmste nicht wußte, wie ihm geschah. Dann faßte sie die Miriam um die Taille und drehte sie zu Johann Sebastian hin. »Das ist die Miriam Italiener, eine kleine Jugendfreundin Ihres Karl Maria, lieber Williguth. Die tanzt im Ballett und ist unmenschlich klug, und leider Gottes singt sie auch. Ich war schwach genug, ihr das Zubehör beizubringen, habe jetzt aber viel Freude an ihr.« Bescheiden stand die Miriam mit heuchlerisch gesenkten Lidern. »Die hat's im Blut. Jetzt stelle ich sie heraus,« sprach stolz Mr. S. L. Lewis aus Wolverhampton, der ganz schlicht als Siegfried Löwy in Jungbunzlau das Licht der Welt erblickt hatte und vom väterlichen Eierhandel keck zu Hafer und Stroh en gros übergegangen war, ehe er sein Talent zum Pferdeagenten entdeckte. Vom Trainer in Newmarket, mit dessen Lizenz es haperte, kam später der Schritt zum Impresario ganz von selbst. Er schnalzte mit der Zunge und sah die Miriam liebevoll an, wie einen grünen Jährling, in dem ein Vermögen steckt. »Ja, also die Miriam stellen wir nun bald heraus. Sie muß mal Blut lecken und ihre eigene Stimme in einem großen Saal hören,« fuhr die Ermattinger ganz geschäftsmäßig fort, »wir lassen gewissermaßen einen Versuchsballon in die Luft fliegen. Im November etwa soll sie ein Konzert geben.« »Soll ich das kleine Fräulein prüfen?« fragte der erstaunte Orgelmeister, der nicht recht begriff, was man von ihm wollte. »Nein, aber eine andere große, große Bitte haben wir an Sie. Allein kann die Miriam den ganzen Abend nicht bestreiten, und da –« »Vielliebes Fräulein, Sie denken doch nicht etwa an mein Hausorchester für die Zwischennummern? Daß sich Gott erbarm'!« »Liebster, bester Williguth, Ihr ganzes Orchester wollen wir allerdings nicht in Anspruch nehmen –,« begann die Ermattinger, doch Miriam fiel ihr plötzlich ins Wort: »Bitte, bitte, Herr Regens chori , ich möchte den Karl Maria haben.« Flehend faltete sie die Hände. Ihre Stimme war süß und hell, aber in den großen, dunklen Augen lag eher Befehl als Bitte. Es ward ganz still im Zimmer. Nur das Schlagen einer Amsel klang vom Garten herein. Johann Sebastian Williguth richtete sich hoch auf. »Sie wollen mir also den Jungen wieder nehmen?« Er atmete schwer. S. Lewis klopfte ungeduldig mit dem roten Taschenbuch auf den Tisch. Franziska Ermattinger stand langsam auf: »Ich will Ihnen etwas sagen, Williguth. Sie haben in Ihrer Herzensgüte dem Jungen eine zweite Heimat geboten. Und er wird es Ihnen sein ganzes Leben zu danken haben.« »Es war meine Pflicht,« sagte schlicht der Mann aus dem »Blauen Herrgott«. »Aber machen Sie ihm die Heimat nicht zum Käfig. Jetzt soll er wieder ans Licht. Ist er so weit, Williguth?« Johann Sebastian neigte das Haupt. »Er spielt sehr ungleichmäßig. Aber im Vertrauen, er hat den Genius.« Dann ward er wieder fest und stolz. »Doch, Fräulein Ermattinger, wie viele haben den Genius und sitzen doch alt und grau hinter einer Kirchenorgel.« Jetzt überwältigte ihn die Bitterkeit, daß er die Hände vor das Gesicht schlug. Es zuckte ganz seltsam um den hübschen, schmalen Mund der großen Sängerin. »Lieber Williguth,« sagte sie leise. Johann Sebastian ließ die Hände sinken. »Ich will sein Glück nicht hindern!« Ein gottergebenes Lächeln machte sein derbes, breites Antlitz beinahe schön. »Danke. Und was wird seine Mutter sagen?« »Meine Schwester wird tun, was ihr Kind will.« Aus ihrer dunklen Ecke rief da die Miriam: »Mir ist nicht bange um den Karl Maria.« Johann Sebastians Augen blitzten zornig. »Es sind nicht die Schlechtesten, kleines Fräulein, die im Schatten leben.« Franziska lächelte: »Geh, Miriam, und hole mir den Jungen!« Und Miriam lief hinaus. Rasch trat die Sängerin zu dem schwermütigen Riesen. »Kopf hoch, Williguth. Alles Krumme wird grad', wenn man will. In vier oder fünf Jahren singt mich das kleine Judenmädel da in Grund und Boden. Und doch mache ich ihr heute die Türen auf.« Er nickte trübselig. Halblaut sprach sie weiter: »Ich habe meine Jugend verkauft, damit sie mich singen ließen. Ist das nichts?« Doch Johann Sebastian ward seinen Gram nicht los. Mr. Lewis schlummerte sachte ein. Seelische Wirrnisse waren nicht nach seinem Geschmack. Dann kam Miriam mit Karl Maria zurück. Hinter ihnen glitt Gundl Williguth herein. Ruhig und fest stand der Knabe im dämmernden Zimmer. Mit starker Stimme sprach Johann Sebastian: »Du sollst im Herbst mit Fräulein Italiener ein Konzert geben. Willst du das?« Karl Maria Tredenius blickte ins Halbdunkel, aus dem ihm fremde Gestalten entgegenwuchsen. Dann erkannte er die Ermattinger und den Impresario. »Ja,« antwortete er knapp. Aber in seinem Blute sang's: »Sie holen mich, sie holen mich.« Und das junge Herz schlug hart und eilig den Takt dazu: »Der Holländer-Michl, der Holländer-Michl.« Wie ein Traum versanken ihm die Jahre. Wann hatte er doch am Grabe des alten Samuel gegeigt? Gestern? Und jetzt kam das Leben. Johann Sebastian hatte die Hände gefaltet und betete ganz still. Kundry drückte sich die Nägel ins Fleisch, um nicht laut aufzuweinen. Die Amsel im Garten schmetterte ihr Abendlied. Durchs offene Fenster kam ihre Melodie, taktfest und jubelnd. Als flöge die Liebe Gottes auf und jauchzte, ehe es Abend ward. Aber die Miriam hörte nur das flötenhelle Trillern und fragte stolz: »Kennst du die Amsel? Du hast geigen gelernt, Karl Maria, als sie einst so in unserem Gärtlein sang.« »Du vergissest die Bienen, Miriam,« lachte er zurück. Gundl, um die sich niemand bekümmerte, schlüpfte schnell aus dem Zimmer. Onkel Williguth sprach jetzt bedächtig: »So sei Gott mit dir, Karl Maria!« Dann kommandierte er dröhnend, daß ein paar verträumte Geigensaiten aus ihrem Schlaf erwachten und erschrocken in haarfeinem Pianissimo mitschwirrten: » Allons , Giacomo, bringe die Lampen herein!« Der stille Tag schloß mit einem lauten, fröhlichen Abend. Johann Sebastian hielt seine Gäste zum Abendessen fest, und Frau Apollonia knarrte und pustete und schwang den Herrscherstab in Küche und Keller. Alles geriet ihr trefflich. Bei flaumzarten goldgelben Kücheln, die fast kurzatmig in ihrer Rundung seufzten und duftende Rauchwölkchen von sich bliesen, begleitet von rubinrotem Rosoglio, der schwer von feuriger Süße in den dicken kleinen Gläschen funkelte, unterschrieb der Hausherr schließlich seinen Kontrakt für Frankfurt, den der dicke Lewis zwischen Braten und Käse aufgesetzt hatte, und lachte herzlich über den Zufall, daß sein Konzert und das der beiden Kinder genau in dieselbe Zeit fallen sollten. Die reichliche Mahlzeit hatte alle Schwermut verscheucht. »So müssen wir getrennt marschieren, mein Herr Geigenvirtuose. Daß du mir aber einen verbogenen Hufnagel einsteckst, gegen's Lampenfieber. Sonst wirfst du noch hier um, während dein alter Onkel in Frankfurt auf seinen Lorbeeren schnarcht.« »Auch ein Katzenknöchelchen oder ein Stückchen Schlangenhaut ist first rate gegen Lampenfieber,« bemerkte Mr. Lewis ganz ernsthaft, »aber Sie haben recht, teurer Orgelpunkt, es trifft sich gut, daß der Junge allein schwimmen muß.« Dann legte er die Serviette fort und begann, das rote Taschenbuch in der Hand, schlau und vorsichtig wieder von Giacomos Ringkunst zu sprechen. »Niemals!« schrie Vater Williguth, und seine Fäuste trommelten eine kurze Wutmelodie auf den Tisch. Aber Frau »Affi« nickte dem Impresario listig zu und machte ihm mit den kurzen, runden Armen stürmische Zeichen, daß sie einverstanden sei und ihrem querköpfigen Eheherrn ihre Meinung nicht vorenthalten werde. Diplomatisch lenkte S. Lewis das Gespräch auf Karl Maria und dessen Konzertprogramm. Das war ein ergiebiges Thema, auch für Johann Sebastian. Keck sprach die Miriam drein, und sogar Frau Lisbeth und die jungen Recken aus dem »Blauen Herrgott« hatten mancherlei vorzubringen. Leise schüttelte die Ermattinger den Kopf und dachte an ihr eigenes Schicksal, an ihre harte Jugend und wünschte, daß Karl Marias Sehnsucht an ähnliche, herzhafte Hindernisse stoßen möchte, daran sie stark und kräftig werden konnte. Viel zu viele liebe, treue Menschen waren um ihn, viel zu viele Hände bosselten besorgt an seinem Schicksal. Das war nicht gut. Frau Lisbeth aber lachte fröhlich und bekam rote Wangen und blanke Augen, wie seit langer Zeit nicht mehr. Alles Weh warf sie fort und breitete die Hände schon dem Segen entgegen, der ihr Kind treffen sollte. Ganz schüchtern sagte sie immer wieder: »Wir haben so lange warten müssen, wir beide, da dürfen wir uns schon recht herzhaft freuen.« Mit stillem Staunen merkte sie, wie das Glück alle Jahre des Grames in ihr auslöschte. Ganz stolz fragte sie die Sängerin: »Bin ich nicht eine glückliche Mutter?« Franziska nickte lächelnd, doch jäh kam ihr in den Sinn, wie Miriam ihr erzählt, daß Karl Maria alle Nächte nach den heimlichen Konzerten durchgeigt und alle im »Blauen Herrgott« schnöde belogen hatte. Und sie war froh, daß sie selbst kein Kind hatte. Nachdenklich blickte sie hinüber zur blonden Gundl, die treu und still zuwege gebracht, was heute abend allen Freude schenkte, und nun doch allein mit traurigen Augen beiseite stand. Franziska Ermattinger achtete das feine Leid bei jungem Volk. So sagte sie laut: »Was haben Sie für wunderschönes Haar, Fräulein Kundry!« Da errötete der Backfisch über und über und war selig ob dieser Guttat. Die Sängerin aber rief Karl Maria zu: »Aus diesen Goldhaaren sollten sie sich Geigensaiten drehen, Tredenius. Das muß Glück bringen!« Doch er hörte nicht, weil er halblaut mit der Miriam plauderte. Sie waren ganz wie in der alten Zeit und taten, als wären sie allein. Mit einem Male zwang Miriam den Jungen ans Klavier und begann zu singen, mitten in dem dicken Tabaksqualm, den die Zigarren der Männer verbreiteten. Da lauschten die vom »Blauen Herrgott«. Kundry aber trug nun doppeltes Leid, wenn sie ihr armseliges kleines Stimmlein mit dem Goldton und der trotzigen Kraft der Miriam verglich. Als Johann Sebastian in seinem Vaterstolz die Tochter vielsagend anblickte und heimlich auf die Sängerin wies, hob Gundl bittend die Hände. Da ließ Williguth seine gute Absicht. An diesem Abend, der so hell und freudig war, erkannte Kunigunde Williguth, daß ihr Los auf Erden ein karges sein müsse, ein stilles, bescheidenes Dienen für das Wohl der anderen.   Karl Maria breitete die Flügel und flog in das Kinderland seiner Träume. Fernes ward nah und Altes neu und winkte lächelnd, als wollte es ihn geheimnisvolle Wege führen. Und was seine Erinnerung durch Jahre gemieden hatte, wie ein allzubitteres Tränklein, gor in diesem heißen Sommer zu süßer Trunkenheit. Er lief die seltsamen Zickzackwege zurück, die sein Schicksal ihn geleitet hatte, und fand manch liebes Bild in verstaubtem Winkel. Manch alte Bitterkeit zerrann. Jetzt wurde ja alles gut. »Ich will groß und reich werden, Gundl,« sagte er da und stampfte trotzig auf. Oft haßte er jetzt seine Träume und kam doch nicht los davon. Im »Blauen Herrgott« machte man ihm das Träumen sauer genug. Mit Keuchen und allerlei Flüchen tat Johann Sebastian seine Pflicht und nahm Karl Maria in harte Zucht. Endlich durfte er ja den ersten Künstler aus seinem stillen Hause in die Welt schicken. Er raffte zusammen, was er von der Geigenkunst aller Zeiten wußte, und stopfte es kunterbunt in das Gehirn seines Schülers. Das Programm kostete beiden viel Schweiß. Lewis hatte ein paar Vorschläge gemacht und besonders Schumanns Violinsonate in D -Moll gewünscht; doch der ehrsame Johann Sebastian auf seiner einsamen Insel hielt den großen Romantiker für einen verruchten Wirbelkopf und betete nur das Alte an. So galt alle Mühe den strengen alten Meistern. Ein kluger Gedanke wies ihm dabei den Weg: ein kaum sechzehnjähriger Junge mitten im Wirrsal seiner Entwicklung war nicht Herr und Meister über seelische Tiefen, derweil seine eigene Seele sprunghaft und schillernd war, wie ein Apriltag. Was aber die Hand lernen konnte, saß fest. So ließ Johann Sebastian wohlweislich Mozart und Beethoven beiseite und schlug dauernd Quartier bei den alten Italienern und Franzosen – und bei seinem Hausgott Bach, dessen Chaconne er sofort dem Konzert einfügte. Karl Maria wehrte sich kaum. Der Ehrgeiz, der jetzt in ihm wach wurde, machte ihn gleichgültig gegen das, was er spielen sollte. Daß er spielte, und wie, darauf kam es an. Stundenlang saß er bei Johann Sebastian und horchte auf dessen Lehren, in einer dunklen Unrast, die ihn von der Theorie immer wieder an die Geige peitschte, tausend neue Feinheiten zu suchen, die ihm vor einer Stunde noch vielleicht entgangen waren. Immer aufs neue schien das Üben von gestern unreifes Stümpern, jeder Tag forderte ein Mehr. Selbst den ehrlichen Johann Sebastian, der Demut und Andacht sonst über alles stellte, packte der Hochmutsteufel beim Schopf, daß er seinem Schüler allerlei Wunder an Technik beibrachte. Aus dem Musiksaal im »Blauen Herrgott« klang es jetzt glockenrein und verschnörkelt, als sänge drin eine wundervoll künstliche Spieluhr. Karl Marias Schmerz aber war die Geige, auf der er übte und auch im Konzert spielen sollte. Insgeheim, um den guten Williguth nicht zu kränken, der ihm das Instrument verehrt halte, schalt er es einen heiseren Klapperkasten und schob ihm alle Schuld zu, wenn irgend etwas nicht gelingen wollte. Hans Geßners Amati sang ihm lockend im Ohr. Aber er wagte nicht, davon zu sprechen, denn er hatte seiner Mutter Scheu vor dem Eigenrecht von Menschen und Dingen. Und es war wirklich eine hübsche Alt-Wiener Geige, die der gute Johann Sebastian ihm geschenkt hatte, von der fleißigen und geschickten Hand des Daniel Achatius Stadlmann. Doch der glashelle Ton war ein wenig spröde und scharf, so daß Karl Maria oft voll Sehnsucht an den süßen Violaton seiner zerschmetterten italienischen Kindergeige dachte. Im »Blauen Herrgott« bewunderten sie die Stadlmann voll Ehrfurcht, und Karl Maria war viel zu stolz, von dem Impresario Lewis, der sich übrigens, wie er mit leisem Staunen merkte, viel mehr um die Muskeln des Giacomo und um die Stimme der Miriam als um Karl Marias Geigenspiel kümmerte, ein besseres Instrument zu erbitten. Ganz heimlich, wie er einst zum Haus der Trix gelaufen war, schlich er jetzt in das Stadtmuseum, das eine berühmte Geige besaß. Ein großer Sohn der Stadt hatte das Wunderding einst im Triumphe durch die ganze Welt getragen und es dann nach seinem Tode hierher gestiftet. Es war eine Stradivari, die da auf rotem Samtkissen in dem schmalen gläsernen Särglein schlief. Edel war der Schwung der Linien, in seinen Arabesken lief die Schönheit bis in die kleinste Einzelheit. Ebenmaß und köstliche Harmonie sprachen aus der Wölbung und Ausladung der Backen, der schlanke Hals endete in einer Schnecke, von freischwebenden Spiralen umflossen, deren Schwung allein schon ein Meisterwerk war. Mit heißen Augen stand Karl Maria stundenlang vor dieser stummen Geige. Er begehrte nach ihr, wie nach einer fernen, seltsamen Geliebten, deren Stimme kein Sterblicher hören durfte. Und herzlos verglich er seine wackere Stadlmann daheim mit einem braven, hausbackenen Mädel, das auf ein Haar der blonden Kundry glich. Seufzend schlich er wieder heim in den »Blauen Herrgott«, zur harten, unromantischen Pflicht.   Hie und da kam die Miriam, ließ sich von Karl Maria vorspielen, zog die dunkelblonden Brauen gar splitterrichterisch hoch und erlaubte sich oft einen scharfen Tadel, zum Entsetzen der Gundl, die den Vetter rückhaltlos bewunderte. Karl Maria ward allemal ganz blaß, kniff den Mund schmal und scharf und übte dann tief in die Nacht hinein, bis die Passage glatt über die Saiten lief. Kam dann die Miriam wieder, holte er sich stolz ihren Beifall und lächelte glücklich. Gundl aber haßte die Miriam. Kalt und hochmütig war die, wußte alles besser, und ihr spöttisches Lächeln verdarb mit Vorliebe irgendeine behagliche Stimmung, die die arme Gundl mühsam herbeigezaubert hatte. Außerdem war eine Ballettänzerin bestimmt kein passender Umgang für Karl Maria, mochte sie zehnmal die Prinzessin spielen und eine Stimme haben wie eine Nachtigall. Gundl war auf einmal sehr sittenstreng. Karl Maria freilich bewunderte die Miriam, daß man wirklich rot vor Zorn werden konnte. Natürlich nur deshalb, weil Karl Maria so blind war. »Die hat alles, was mir fehlt.« Und er starrte vor sich hin. »Was hat sie denn Besonderes?«, fragte dann wohl ein wenig spitz das blonde Mädel aus dem »Blauen Herrgott« und wiegte sich in ihrer jungen Schönheit fast kokett hin und her. »Die rennt blind an allem vorüber, wenn es ihr Ziel gilt. Und ich kann das nicht.« »Da bist du doch reicher als sie, Karl Maria.« »Nein.« Und er schüttelte heftig den Kopf. Der Ehrgeiz brannte wieder in seinen Augen, und er lief mit dem Schicksal um die Wette, all das in wenigen Monaten nachzuholen, was er seit Jahren im »Blauen Herrgott« versäumt hatte. Klar und kalt stellte er seine Arbeit in die einst so müßigen Tage. Immer seltener wurden die Spaziergänge mit der Gundl. Und kam er einmal wieder ins Birkenwäldchen, und sie wies ihm die alten Plätze und kramte heimliche Erinnerungen aus, brummte er unwirsch: »Ach was, das ist alles Unsinn.« Da schwieg sie erschrocken. Aber wenn es galt, mit Miriam die Gartenwege auf und ab zu schlendern, hatte Karl Maria immer Zeit und Lust. Zierlich geputzt war sie auch heute wieder in den »Blauen Herrgott« gekommen und hatte ihn hinausgelockt. Vor all diesen gutmütigen, plumpen Menschen mit den neugierigen Augen könne man nicht vernünftig plaudern, erklärte sie schnippisch. Erst erzählte sie allerhand Lustiges vom Ballett, dann kamen ihre Studien und das Konzertprogramm an die Reihe. Plötzlich nahm sie einen kleinen Anlauf und sagte ganz ruhig: »Deine Schwester läßt dich grüßen.« Da starrte Karl Maria sie an. Ein heißes Erschrecken, das fast Freude war, fuhr über ihn hin. »Die Martha!« sagte er endlich ganz leise. »Du weißt wohl gar nicht, daß sie längst geheiratet hat? Sehr fein, den Sohn von einem Minister. Kirchweger heißt er.« Er ging wie im Traum. In leisem Plätschern rann das Plaudern der Miriam. »Aber Geld hat er keines. Und seine Leute wollen von der Martha nichts wissen. Weißt du, unser Jacques meint, der Jacques verkehrt eben in sehr feinen Kreisen, wie's dort zugeht, das müsse ein schlimmes Ende nehmen. Er hat schändlich viel Geld dort verloren, weil so hoch gespielt wird. Wenn da mal die Polizei was merkt! Und die Martha hat jetzt rotes Haar und enorme Toiletten, und immer steht ein Wagen vor der Tür. Sie ist noch viel schöner als früher. Und ihr Silber hat sie bei uns im Geschäft, Vater hat es belehnt, – – da kommt sie immer und leiht es, wenn sie große Gesellschaft gibt. Gestern war sie wieder da, da habe ich ihr von unserem Konzert erzählt.« Er blieb hartnäckig stumm. »Du, Karl Maria!« »Ja?« »Vater hat mir verboten, es dir zu erzählen. – Aber Martha hat ganz recht. Wenn du schon längst ein berühmter Geiger wärest, hätte sie es viel leichter. Weil deine Mutter damals mit dir fortgelaufen ist, wollte man die Martha nirgends mehr empfangen. Und vorher war sie doch überall mit dir. – – Vater sagt zwar, aus der wäre nie etwas Ordentliches geworden, aber das versteht er natürlich nicht.« Als schwere Last sank das alles auf Karl Maria. Wie hilfesuchend murmelte er: »Du mußt heute abend hier bleiben, Miriam. Bitte! Was soll ich nur tun? Aber sage nur Mutter nichts davon! – – –« Nach einer Weile fragte er stockend: »Du meinst also, Miriam, daß die Martha – –?« Er brach kurz ab. Wie in einem Blitzlicht sah er die Tanten der Trix. Und die kecke Miriam, deren Frühreife alles Schlimme und Schlechte erriet, streichelte in überlegenem Mitleid Karl Marias Hand.   Dann saßen sie wieder mitten unter den fröhlichen Williguth bei Tisch, und Miriam sah den dicken siebzehnjährigen Philipp Emanuel, der Medizin studieren wollte, so schmachtend an, daß Vater Johann Sebastian sich vor Lachen den Bauch hielt und der unglückliche Junge aus Verlegenheit fast unter den Tisch kroch. Dann gab sie Frau »Affi« ein sorgfältig auswendig gelerntes Kochrezept von Mutter Charlotte zum Besten, die Herstellung einer geradezu monumentalen Mohntorte mit Honig, Rosinen und süßem Zitronat, daß den Williguth das Wasser im Munde zusammenlief und Frau »Affi« gerührt nach Papier und Bleistift knarrte. »Sing uns etwas, Miriam,« bat Karl Maria plötzlich. Er hatte Sehnsucht nach ihrer jungen, reinen Stimme. Gefällig setzte sich Frau Lisbeth ans Klavier. »Also: ›Der Rote Sarafan‹. Ein dummes Kinderlied fürs Konzert. Der schreckliche Lewis möchte mich am liebsten mit einem Baumelzopf aufs Podium stellen.« Ein Wechselgesang für zwei Stimmen war es, hell und dunkel, bergauf und bergab. Als junges Ding begann die Miriam und endete als altes Mütterlein. »Nähe nicht, lieb Mütterlein, den roten Sarafan, Lasse nur die Arbeit sein, die nichts nützen kann.« Dann huschelte sie sich zusammen, wie ein altes Weiblein, das traurig in die Abendsonne blickt, ward ganz klein und müde und klagte: »Tochter, liebe Tochter, komm, setz' dich her zu mir, Ewig bleibt die Jugend nicht mein Kindlein dir; Wenn du luftig singest wie ein Vögelein, Um die Bäume springest, ewig kann's nicht sein.« Und ganz leise, wie der Abendwind über die Steppe schleicht, hauchte das Liedlein aus: »Zur Erinn'rung näh' ich wieder roten Sarafan.« Die Stimme der Miriam flog auf und ab, klar und rund jeder Ton, wie Perlen, die über Samt rollen. Da lief Karl Maria auf sie zu und sagte feierlich: »Ich bin ein armer Teufel gegen dich.« Er neigte den Kopf. Miriam aber lächelte stolz und holte tief Atem. In ihren Augen war ein zuversichtlicher Glanz. Bekümmert und klein saß Gundl in ihrer Fensternische. Da hörte sie, wie Karl Maria halblaut sagte: »Wenn dich ein dummes Ding hört, das selbst singen will, muß es ja verzweifeln.« Und ein grausamer Blick, der die eigene Bedrücktheit in fremdem Leid wettmachen wollte, streifte Kundry. Er wollte ihr wehetun, weil er an die schöne Martha Tredenius von einst dachte und Gundls harmlose, wohlbehütete Rundlichkeit in diesem Augenblick haßte. Bei der war's kein Verdienst, daß sie ordentlich blieb. Da zerriß etwas in Gundls armer Seele, daß sie sich plötzlich gegen diese Demütigung wandte. Sie sprang auf Karl Maria los, gab ihm einen Stoß vor die Brust und schrie in ihrer hilflosen Wut: »Pfui, schämen sollst du dich!« Und sie stürzte aus dem Zimmer. Ihr nach klang das helle Lachen der Miriam Italiener. Dann begleitete Karl Maria die Miriam und schritt mit ihr durch die warme Sommernacht. Er tat ihr Geplauder kurz ab und hielt den Blick geradeaus, wie nach einem hartnäckigen Ziel. Ein Wispern und Lispeln war ringsum. Paar nach Paar schlich vorbei, und an jeder dunklen Ecke seufzte Miriam ein wenig und wartete auf einen Kuß. Plötzlich fragte Karl Maria: »Sag', kann man wirklich durch die Geige rasch reich werden?« »Ach, laß das blöde Zeug,« murrte sie. Und jetzt die Frage: »Wo wohnt die Martha?« »In eurer alten Wohnung. Da ist's billiger und – unauffälliger.« »Komm!« Und er zog sie vorwärts. Nun war er in der alten Gasse. Still stand er und schaute. Ein Wagen fuhr vorüber und hielt vor dem Hause. Da rollte ein elegantes Coupé heran. Und dann ein zweites. »Jetzt kommen sie«, sagte die Miriam und machte große Augen. »Wer?« fragte er scharf. Da schwieg sie schnell. Karl Maria sah nach den verhängten erleuchteten Fenstern. Langsam ging er über die Straße, Schritt um Schritt. Jetzt schob sich oben ein Vorhang zur Seite. Ein Fenster klang, ein dicker Herr beugte sich heraus und sprach dann ins Zimmer zurück. Der Vater! Karl Maria hob die Hand vor die Augen, als blendete ihn zu grelles Licht. Ganz wie bei den Tanten der Trix. Ekel und Zorn kämpften in ihm. Zwei Herren strichen vorüber und traten lachend ins Tor. »Geh nicht hinein!« warnte die Miriam. Aber er hörte sie nicht. Schnell trat er zurück. Und im Schatten sprach er wie einen trotzigen Schwur in die Nacht: »Ich muß berühmt werden. Ich muß Geld verdienen, viel Geld, damit ich ihnen allen die Schande abkaufen kann.« Und stand im Dunkel, wie einer, der eine schwere Last auf sich nimmt.   Entschlossen bürdete er sich an diesem Abend noch eine kleine Last zu der großen auf. Mutter sollte einmal im Leben eine echte Freude haben. Wie ein trotziges Gutmachen von viel altem Weh sollte es sein. Als er heimkam, bat er: »Mutter, du sollst mich im Konzert begleiten.« In scheuer Freude wich Frau Lisbeth zurück und lächelte selig und zaghaft: »Das werde ich gar nicht können, Karl Maria!« »Ach, Mutter, du mußt einfach.« So leicht und froh klang es, daß Frau Lisbeth niemals ahnte, wie schwer es ihrem Jungen fiel, auf den begabten jungen Pianisten, der auch Miriams Lieder begleiten sollte, zu verzichten. So begann er, seine Schuld abzutragen. Nun kam die harte Pflicht, die nicht nach Träumen fragte.   Johann Sebastian wußte nichts von Gundls Herzweh und hatte ihr häßliches Betragen vor dem Gast unter vier Augen ganz exemplarisch gerügt. Gundl ließ sich ruhig schelten und biß ihren Schmerz tapfer hinunter, daß keiner etwas merkte. Und in der allgemeinen Geschäftigkeit, die diesen Sommer im »Blauen Herrgott« herrschte, hatte niemand Sinn für Liebesgram. Nur einer hätte helle Augen und kampfbereite Fäuste gehabt, der wackere Giacomo. Aber dieser geplagte Jüngling mußte in den Schulferien Herrn Johann Sebastian als Orgelsklave dienen und trug dazu selbst schicksalschwere Gedanken mit sich herum. Seine sonstige Herzhaftigkeit ließ ihn diesmal gründlich im Stiche. Wenn er daran dachte, wie er einst kurzerhand den kleinen Karl Maria Tredenius in den »Blauen Herrgott« gebracht hatte, kam er sich ganz klein und erbärmlich vor. Auch in dem starken Giacomo Williguth ging eine Wandlung vor sich, für seine ungebärdige Kraft ward der »Blaue Herrgott« zu enge. Und die geschickten Worte des Impresarios Lewis saßen fest, daß auch er ein Segel auf sein Schifflein spannte und nun geduldig wartete, bis der nächste Windstoß ihn flottmachen würde. An einem heißen Augustnachmittag fand er seine Schwester Gundl ganz allein im Musiksaal. Sie hatte den Kopf auf die runden Arme gelegt, und als er das blonde Wirrsal emporhob, sah er, daß sie ganz verweinte Augen hatte. »Was ist denn mit dir los, Kundry?« fragte er gutmütig und ballte gleichzeitig die Fäuste, als müßte er einem unsichtbaren Feinde zuleibe. »Ach Gott, Giacomo, mit meinem Singen will und will es nicht werden. Vater war heute wieder so wütend. Und er hat ganz recht.« »Ach was, das nächstemal geht es wieder besser, Gundl«. »Nein, Giacomo, es wird nie besser. Ich weiß jetzt, daß ich nichts kann. Die Miriam hat es mir ja gezeigt.« »Das Judenmädel bringt nur Unheil ins Haus. Ich mag sie nicht. Und ihre Mohntorte war scheußlich. Der Karl Maria ist jetzt auch ganz anders.« »Nicht wahr, das findest du auch? O, da ließe sich gar viel sagen.« Und mit einem Male warf sie sich dem Bruder an die Brust und flüsterte: »Er hat sie viel lieber als mich.« Dem Giacomo gab es einen Ruck, als er so in das Herz der Gundl schaute. Langsam strich er mit den Fingern über ihr Haar. Er dachte an die Nacht, da er Karl Maria bei seinem Geigenspiel ertappt und gefragt hatte: »Du dummer Junge, weißt du denn überhaupt, was die Gundl wert ist?« Die Gundl hatte Karl Maria seiner Geige wiedergegeben, und nun stieß er sie undankbar beiseite. »Siehst du, Kundry, man muß über so vieles hinwegkommen. Du hast ihm nur Liebes getan. Vielleicht findet er wieder zu dir zurück. Wir alle ziehen einmal die Kinderkleider aus und verkaufen sie für billiges Geld. Und so muß jetzt auch der »Blaue Herrgott« daran glauben.« Als Giacomo diesen tiefsinnigen Ausspruch getan, nahm er plötzlich die Gundl auf den Schoß und suchte sie in seiner täppischen Art zu trösten. Sie aber blickte traurig in die Sonne, die in plumpen, geschmolzenen Goldmassen im Zimmer lag. Dann sagte sie leise: »Wenn er nur recht glücklich wird.« Und nach einer Weile: »Ich will immer bei seiner Mutter bleiben. Die wird ja dann auch allein sein.« In hart und tapfer errungener Fröhlichkeit sprang sie von seinen Knien und rief: »Hab' ich euch nicht alle herrlich gepflegt, wenn ihr krank war't?« »Das hast du. Und ich bin ein elender Kerl.« Dicke Tränen standen ihm in den blauen Augen. »Willst du vielleicht auch fortlaufen, Giacomo?« Er nickte traurig. Das blonde Mädel sah ihn groß und ernst an. Da heulte der starke Giacomo laut auf und hieb mit den Fäusten wider seine Brust, als wollte er sein undankbares Herz totschlagen. »Kann ich dir helfen?« fragte die Kundry, die aus schwesterlichem Mitleid in keckes Lachen fiel über ihres Bruders urkomische Verzweiflung. »Ich mag nicht mehr Turnlehrer sein. Ich kann etwas Besseres.« » Steckt da dieser Lewis dahinter?« »Ja,« seufzte er kläglich. »O, Giacomo, du willst Ringkämpfer werden!!« »Ist das sehr gemein von mir, Gundl?« »Da schwitzt man ja fortwährend und kann Hals und Beine brechen.« »Ich nicht,« erklärte er stolz. »Wenn ich mich nur nicht so hundemäßig vor Vater fürchten würde.« Massig und riesengroß stand er vor der hochgewachsenen Schwester. »Hör' zu, Gundl! Ich war der Maskierte, der vorigen Monat den Türken Ali im Zirkus warf. Die Leute glauben, es sei ein Graf gewesen. Aber es war der arme Giacomo Williguth. O Gott, o Gott, was wird der Vater sagen!« »Na ja, einmal muß er es wohl erfahren.« »Freilich, und bald auch noch. Ich soll zwei Monate zu einem tüchtigen Trainer, und dann will mich der Lewis für Paris haben. Dann schicke ich dir alles Geld, das ich bekomme.« Sie lachte nicht mehr. Hier gab es wieder etwas zu richten und zu wirken für einen anderen. »Sprich doch gleich mit Vater!« »In Gottesnamen,« stöhnte der unglückliche Giacomo.   Aber er brauchte noch drei Tage bis zur Tat. Johann Sebastian saß vor der Orgel und diente seinem Bach. Giacomo tat die gewohnten Sklavendienste. Als der Meister gedankenvoll in das Sonnenspiel der alten Kapelle blickte, hörte er dumpfe Worte, die ihn blitzschnell aus seinen beschaulichen Träumen auf die Erde warfen. »Lieber Vater, ich bitte sehr, daß ich Ringkämpfer werden darf.« »Bist du verrückt?« Ein hoheitvolles Lächeln schwebte um des Chordirigenten schweren Mund. Er streckte ein paarmal die Hand aus, als scheuchte er etwas unsagbar Dummes von sich. Aber es kam wieder, ganz starr und eintönig: »Lieber Vater, ich bitte sehr, daß ich Ringkämpfer werden darf. Mr. Lewis will mich engagieren.« »Dem Hunde breche ich alle Knochen,« tobte Johann Sebastian, der alle Würde vergaß. Dann stand er auf: »Es ist hier nicht der Ort zu profanen Gesprächen. Erwarte mich im Musiksaal!« Damit verließ er sein Heiligtum und stampfte die Treppe hinunter, ein Riese an Kraft und Zorn. Der arme Giacomo aber hockte bei seinen Bälgen und sann betrübt auf ein Mittel, den Starrsinn des Vaters zu brechen. Plötzlich glitt ein verschmitztes Lächeln um seinen Mund. Er betete ein etwas gewaltsam verkürztes Vaterunser und sprang in langen Sätzen die Treppe hinab. Aus dem Garten, wo er mit Schlächtergesellen und Möbelpackern Ringübungen abhielt, holte er eine breite Matratze und zwei alte Strohsäcke und schleppte alles hinter sich her, wie ein Bündel Helfershelfer zu der schweren Tat. Bescheidentlich klopfte er bei seinem Vater an, der in finsterem Sinnen in seinem Lehnstuhl saß. Als er den sonderbaren Aufzug erblickte, polterte er los: »Was soll der Unsinn wieder?« »Ich will dir zeigen, was ich kann.« »Nichts kannst du, ein Faulenzer und ein Dummkopf bist du!« Und Johann Sebastian schritt in einen Winkel, wo unbrauchbar gewordene Geigenbogen beieinanderlehnten. Er prüfte ein starkes Stück und schwang es drohend wider Giacomo: »Wer sein Kind liebt, der züchtigt es.« Dick lagen die Adern auf seiner Stirn. Der »Blaue Herrgott« durfte nicht entweiht, Giacomo nicht ein Genosse von Lastträgern werden. »Willst du auch jetzt noch auf deinem Wunsch bestehen?« »Schau', Vater, mach' es mir nicht so schwer! Musiker werde ich doch im Leben keiner. Ich verstehe ja nur, meine Glieder zu gebrauchen. Daß ich ein Esel bin, weiß ich.« »Du hast im Garten mit wüstem Gesindel gerungen. Das duldete ich, weil ein gesunder Leib eine Gottesgabe ist. Aber jetzt willst du. Elender, um schnödes Geld – – –.« Und der Bogen pfiff durch die Luft. Giacomo duckte sich, wie als kleiner Junge, wenn der Vater sein musikalisches Unverständnis strafte. Stolz lächelte Johann Sebastian: »Bitte mich jetzt um Verzeihung!« »Ach, Vater, das kann ich nicht. Schau', Mutter und du, ihr werdet alt. Und die vielen Geschwister – –. Wenn ich da beisteuern kann, ist es doch auch etwas.« »Dein Sündengeld brauchen wir nicht. Ha! Giacomo, mein Erstgeborener, die erste Hoffnung meiner Ehe, will vor die Hunde gehen! Ich träumte, daß du ein großer Musiker werden solltest, ein Cellist vielleicht.« »Dann hast du falsch geträumt.« Alles trug Johann Sebastian mit philosophischem Gleichmut. Nur seine Träume waren ihm heilig. An die durfte ihm niemand rühren. »Schweig!« donnerte er und ließ den Bogen mit voller Wucht auf Giacomos Arm sausen. Der Junge stand plötzlich straff: »Vater! Ich sage dir, das wird nicht gut werden!« »Hinaus!« Und Meister Williguth packte seinen Ältesten um den Leib und suchte ihn zur Tür zu drängen. Vorsichtig, wie eine Mutter ihr Kind, umfaßte jetzt auch Giacomo seinen Erzeuger. »Gott helfe mir! Ich kann nicht anders!« stammelte er verzweifelt. Aber in Vater Williguth erwachte das wilde Sachsenblut seiner Vorfahren, als er des Sohnes eiserne Pranken spürte. Mit einem Wutschrei packte er aufs neue zu. Sinnlos vor Zorn begann er mit Giacomo zu ringen. Der weinte laut vor Herzeleid und verteidigte sich standhaft, aber sehr bescheiden, um dem Alten ja nicht wehzutun. Schließlich hatte er, fast wider Willen, den Vater auf der Matte. Ein blitzschneller Untergriff. Der fette Riese taumelte. Giacomo schluchzte: »Hier liegt ein Strohsack, lieber Vater. Gib acht! Bitte, so!« Und legte Meister Williguth fein säuberlich auf beide Schultern. Keuchend lag Johann Sebastian in der Gewalt seines Buben. Er bewegte den Mund, brachte aber vor Zorn und Überraschung keinen Laut hervor. Giacomo kniete nieder und heulte: »Verzeih mir, Vater! Habe ich dir wehe getan?« »Wer bist du, daß du wider den Stachel lökest?« murmelte Johann Sebastian noch immer etwas außer Atem und saß würdevoll auf dem alten Strohsack. Aber der Zorn wich von ihm. Er freute sich der Reckenkraft seines Jungen. »Wenn es sein muß, lieber Vater, verstoße mich jetzt! Ich will lieber gleich fort!« Und er schob dem Vater die Matratze als Stütze hinter den Rücken. Da fuhr ein Lachen gewaltig und laut durch den Musiksaal, daß die Fensterscheiben klirrten. Die Bibel rettete den braven Giacomo. »Ein Esel war ich!« schrie der Vater, »Giacomo hab' ich dich genannt, weil ich Großes von dir erwartete im Dienste der Musik. Jakob aber rang mit dem Engel des Herrn und besiegte ihn. Blind war ich und wußte die Schrift nicht zu deuten. Du bist Jakob Williguth.« Der Sohn lag zu seinen Füßen und hatte den mächtigen blonden Kopf in dem schmutzigen Strohsack vergraben. Johann Sebastian stand majestätisch auf: »Von Gott kommt alles. Auch Simson war Gott geweiht. Du sollst deinen Willen haben.« Und er schmetterte den Jubelruf hinaus: »Jetzt habe ich doch ein Wunderkind!« Der bärenstarke Giacomo stand schlotternd vor ihm, in Freude und Schuld: »Ich will mir auch viel Mühe geben. Und ich will brav bleiben, Vater.« »Das erwartet der ›Blaue Herrgott‹ von dir.« Und so entschied sich das Schicksal des Giacomo Williguth. Frau Apollonia stiftete zur Feier des Tages zwei Dutzend junger Hühner, die der dicke Philipp Emanuel, der Klassenprimus, der einst Karl Maria in die klassische Weltweisheit eingeweiht hatte, mit blassem Gesicht und verbissener Entschlossenheit schnöde hinmordete, um so sein weiches Williguthsches Herz für die künftige Medizinerlaufbahn zu stählen. Mutter »Affi« weinte, als sie ihm zusah. Aber bald darauf duftete es gar schmackhaft aus ihrer Küche. Und es ward ein wackeres Schmausen. Gundl saß glückstrahlend neben Giacomo, der sich noch immer nicht zu fassen wußte. Johann Sebastian verkündete feierlich, daß sein Ältester von nun an Jakob heißen sollte, weil er mit dem Engel des Herrn gerungen habe. Zwar begriff niemand, was er meinte, doch da dies nicht Seltenes war, achteten sie nicht weiter darauf und fuhren emsig fort, die zarten Hühnchen zu benagen. Nur Giacomo senkte verlegen den Kopf.   Schon in den nächsten Tagen geriet der junge Williguth in eines Trainers Hand, der ihm Muskeln und Sehnen hartschmiedete nach den altehrwürdigen Regeln der griechisch-römischen Ringkunst. Gundl stickte dienstbeflissen hübsche Monogramme, riesengroße, kunstvoll verschlungene G. W., die Giacomos schwarze Trikots zieren sollten. Denn er hielt Schwarz für feiner und zugleich auch wirkungsvoller als alle anderen Farben. Daneben übte sich Gundl fleißig im Klavierspiel, damit sie im Notfall, wenn Frau Lisbeth aus irgendeinem Grund dies nicht imstande wäre, Karl Maria begleiten könnte. So lief der Sommer hin in emsiger Arbeit und in stillen Hoffnungen. Und wenn Frau Lisbeth in diesen Monaten glücklich und zufrieden war, wie weder vorher noch nachher in ihrem schattenhaften Leben, so kam dies nicht nur von dem stolzen Eifer, mit dem ihr Junge sein Ziel im Auge hielt, sondern fast noch mehr von der anschmiegsamen Liebe und Zutraulichkeit der blonden Kunigunde Williguth. Die runde Backfischfülle schwand dahin, ein feines, ernstes Frauengesicht schälte sich heraus, klug und treu, das Karl Maria oft erstaunt nach der alten, dummen Gundl suchte. Ihr Leib aber ward groß und stark, daß sie eine prachtvolle Walküre dargestellt hätte, wenn ihre Stimme nicht gar so armselig und ohne Schwung gewesen wäre. Aber sie ließ nicht nach und blieb ihren Gesangstunden treu, in der schweren Beharrlichkeit ihrer jungen Kraft. Von der verschwiegenen Bitterkeit ihrer Nächte wußte ja niemand. Karl Maria aber ging ahnungslos an ihrer Liebe vorüber. Er lebte nur in seinem Ehrgeiz und merkte gar nicht, wie bunt die Ereignisse an ihm vorüberglitten. Zunächst zog Giacomo Williguth aus dem »Blauen Herrgott«. Da standen alle diese gutherzigen Riesen um den scheidenden Sohn und Bruder, in wehmütigem Glück, daß diesmal ein Siegesgewisser die Kinderschuhe hinter sich warf. Der dicke Impresario Lewis, der den jungen Recken selbst abholte, riß verwundert die runden Glotzaugen auf, als der Abschiedsschmerz der Williguth rings hohe Wogen schlug. Die hatten alle keinen Geschäftsgeist! Nachdenklich betrachtete er den jungen Karl Maria, der mit brennenden Blicken an Giacomo hing, weil dieser heute den ersten Sprung ins Leben tat. Dann fluchte Mr. Lewis still in sich hinein. Wenn man den heißen, hinterhältigen Jungen vor vier oder fünf Jahren in langen Locken und kurzen Samthöschen hätte spielen lassen, – – die Leute hätten gerast vor Entzücken. Hunderttausende hätte man verdient. Jetzt stand er im undankbarsten Alter. Flegeljahre außen und innen. Damn it ! Konnte der Kerl nicht warten, bis der große S. Lewis ihn als jungen Meister vom Himmel fallen ließ? Heute war es eine Spekulation auf Zeit. Ein Virtuose mußte ein halbes Baby sein oder ein Mann, grüne Jungen waren eine flaue Sache. Seufzend klopfte er Karl Maria auf die Schulter: »Laß dich nichts anfechten und denk' an deine Geige!« Er rieb die roten Handflächen langsam aneinander: »Merk' dir, mein Sohn: Du bist ein früher Fisch. Die Miriam ist ein früher Fisch. Aber was tut Gott? Er macht Fische und Fische.« Da flammte ein dunkles Rot über das Knabenantlitz, als mahnte jemand an unbezahlte Schuld. Schnell schlich er davon. Giacomo und Gundl suchten ihn dann. Er saß im Garten, der bunt und grell sein Narrengewand trug, ehe der Tod alle Lichter ausblies. Und als Gundl hoch und schön herankam, die verweinten Augen sorgenvoll auf Karl Maria gerichtet, sagte er trotzig: »Laßt mich doch!« Der starke Giacomo aber griff nach der Hand seiner Schwester: »Er hat es zwar nicht verdient, aber da ich ihn einst in den »Blauen Herrgott« geholt habe, muß ich schon weiter für ihn sorgen. Behalte ihn im Auge, Kundry!« Ein ganz seltsamer Ausdruck ging über das Gesicht der Sechzehnjährigen. Die Lippen schlossen sich fest, in den Augen war ein warmes Leuchten. So hüllte sie den Mantel ihrer scheuen und treuen Liebe um Karl Maria Tredenius, dem ihr Herz leichter wog als seine Geige. Und Karl Maria wußte, daß er dem »Blauen Herrgott« und seinen Kindern in Pflicht und Dankbarkeit stand. In jäher Freude begriff er, daß er stets, wenn er müde hierherkäme, in diesen starken Mädchenarmen Ruhe und Rast finden würde. Giacomo Williguth aber sprach zum Abschied: »Bleib fest in deinen Schuhen und schlage mit dem Absatz um dich! Merke dir das!« Gundl stand still und glücklich und dachte: »Ich will alles tun, ihn froh und reich zu machen.«   Oktober war es. Da schüttelte auch Johann Sebastian Williguth den Staub des Alltags von seinen Füßen und zog nach Frankfurt, voll süßer Hoffnung, im Bann seiner Musik. Dem großen Kinde schien es nach den langen Jahren der Verborgenheit eine Fahrt ins Märchenland, so daß er stumm und milde vor seiner Seligkeit stand und seine Bibelweisheit vollständig vergaß. So fand er auch kein rechtes Abschiedswort für Karl Maria. Nebst ein paar technischen Ermahnungen sagte er nur wohlwollend: »Jetzt ist es an dir, den Wert der strengen alten Meister dem leichtsinnigen Volk in Ohr und Sinn zu bringen.« Schier allein bereitete sich der Junge zur Schlacht. Die Frauen um ihn hatten wohl milden Sinn und treue Hände, aber keine Geschicklichkeit in so weltläufigen Dingen, wie es das erste Auftreten eines jungen Geigers ist. Zudem fehlte jetzt auch im »Blauen Herrgott« das frohe Gesicht des starken Giacomo. Klar und scharf schnitten die schwirrenden Geigentöne in die Stille des Hauses. Und am Klavier saß Tag um Tag Frau Lisbeth und half in treuer Liebe das Glück ihres Jungen schmieden. So warteten die vom »Blauen Herrgott« auf das Schicksal.   Dann kam die Miriam das letztemal vor dem Konzert. Übermütig saß sie auf dem Fensterbrett, hatte die Knie keck übereinandergelegt und ließ den armen Karl Maria ihre hübschen Beine bewundern, die nun gar nichts mehr mit Storchenstelzen zu tun hatten. Gönnerhaft blinzelte sie ihm zu, und er mußte an Martha denken und an deren verliebtes Spiel. So tat er nach Männerart eine Phantasiereise, die Miriam aber wartete auf eine Liebesszene. »Ach, bist du dumm, Karl Maria,« sagte sie schließlich beleidigt und sprang von ihrem Locksitz, »ein Himmelsgucker, wie der Joseph.« Und das alles, weil er nicht bettelte vor ihrer neuen Schönheit. Weltfern lehnte er am Fenster, in der großen Bangigkeit vor der Entscheidung. Sie lächelte hochmütig. »Du bist ein Hasenfuß. Nicht mal Besuche willst du machen. Ganz allein war ich bei allen Musikkritikern. Oft ließen sie mich stundenlang warten, aber ich setzte mich einfach hin und biß die Zähne fest. Hatte ich die Kerle nur erst vor mir, dann ging es schon. Weißt du, der eine hat eine häßliche junge Frau, die mir grimmige Augen machte, als ich vor ihr auftauchte. Was hab' ich da getan? Ausgelacht habe ich sie!« Widerwillig zwang er sich zu einer geschäftlichen Frage: »Wie ist's mit den Karten?« »Nicht schlecht. Mein Gott, beim ersten Konzert heißt es immer daraufzahlen. Macht nichts!« Verzweifelt stieß er hervor: »Ich hab' solch dumme Angst, Miriam!« Da schlich sie zu ihm hin und schmiegte sich fest an ihn. »Ich will nie vergessen, wie lieb wir einander hatten.« Ihre schwarzen Augen blickten fest und herrisch, als müßten sie den kostbaren Schatz dieser Kindheit vor aller Gier des kommenden Lebens verteidigen. Ihr Kinn sprang allzuschwer aus dem rassigen Mädelgesicht, und rechts und links liefen zwei ernste Falten zu den Mundwinkeln. Während ihre schlanken, festgliedrigen Finger Karl Marias Haar streichelten, flüsterte sie: »Ich will hinauf, und du sollst es auch.« Er atmete schwer. Sie aber klatschte in die Hände und tanzte durchs Zimmer, in dem Narrensturm ihrer Sinne: »Geige sie alle nieder, Karl Maria, alle!« Plötzlich bettelte sie ganz zaghaft: »Aber, bitte, spiele mich nicht tot! Hast mich ja lieb.« Wehrlos und stumm stand der Junge vor diesen ersten Flügelschlag der Frauenselbstsucht. Miriam warf zornige Blicke um sich. »Wenn sie dir mehr klatschen als mir, – dann, ja dann hasse ich dich!« »Ich muß Mutter und Schwester freikaufen.« Trotzig ging sein Blick ins Dunkel. Wie Fieber brannte es in seinem Blut, Hitze und Frost, in jähem Wechsel. Heimlich betrachtete er die Miriam: Die siegt. Und ich?   Beim Nachtessen bat Karl Maria: »Laßt mich heute im Musiksaal schlafen. Ich habe oben doch keine Ruhe. Und wenn Ihr mein Geigenspiel hört, erschreckt nicht gleich!« Die Williguth legten Messer und Gabel hin, rollten traurige und erstaunte Augen und priesen einhellig den Segen eines gesunden Schlafes. Frau Lisbeth aber entschied zugunsten ihres Jungen. Es war ja das erste Stück des Weges, den er von jetzt an allein zurücklegen mußte, und sie wollte ihm diesen Anfang nicht noch schwerer machen. In den Augen dieser Frau, die weder stark noch groß war, leuchtete eine Liebe, die in bangem Ringen erkannt hatte, daß Verzichten köstlicher sei als Besitzen. Der künftige Mediziner Philipp Emanuel trug voll Weisheit beruhigende Pulver und Selterswasser herbei, die anderen bereiteten schnell für Karl Maria ein Bett. Einer brachte Kissen, der zweite schleppte eine warme Decke heran, Philipp Emanuel steckte neue Kerzen auf und mischte den heilsamen Trank. »Das Licht ist gut, wenn man schlimme Träume hat.« Und tat eine große Gebärde, als gäbe es keinen Zweifel.   Frau Apollonia heizte höchst eigenhändig den mächtigen Ofen, denn die frühe Novembernacht war wolkenschwer und kalt. Dann mußte Karl Maria noch dicke graue Wollstrümpfe anziehen, während alle Williguth um ihn im Kreise standen und gefühlvoll sangen: »Muß i denn, muß i denn zum Städtle 'naus?« So zogen sie lärmend davon, voll Wichtigkeit in dem bescheidenen Schimmer, den Karl Marias Ruhm auch ihnen schenkte. Heimlich aber graulten sie sich, weil der Vetter ihrer satten Spießbürgerlichkeit doch ein wenig unheimlich vorkam. Und der Zuckerbäcker Robert, der noch schnell alle Ecken und Winkel des Musiksaales mit einer Kerze abgeleuchtet hatte, sprach ihnen allen aus dem Herzen, als er draußen flüsterte: »Jetzt kriegt er Gespensterbesuch.« Karl Maria Tredenius war allein, wie ein Priester vor seiner ersten Messe. Er saß auf dem bunt zusammengetragenen Bett und horchte auf das leise Kommen und Gehen im »Blauen Herrgott«. Der Ofen glühte und brummte mit seinem Baß verdrießlich in die Finsternis. Langsam schlief der »Blaue Herrgott« ein. Auch die tagüber schon einsamen Gassen sanken in Nacht und Stille. Nur Karl Marias Herz klopfte fort und fort, wie ein Uhrwerk im Dunkel. Er trat ans Fenster. Wolkenschwer und sternlos hing der Himmel über Stadt und Land. Im Westen war ein gelbrotes Leuchten, das aber nicht von der längst versunkenen Sonne, sondern von den Lichtern der großen Stadt kam, die dort hinten begann, wo das stille Reich des »Blauen Herrgott« sein Ende hatte. Karl Maria grüßte diese Lichter. Morgen trat er mitten unter sie und warb um ihren Glanz. Dies »Morgen« stand wie eine schwarze Mauer vor ihm. Er streckte die Hände aus, als müßte er etwas niederringen, das ihm da aus der Dunkelheit entgegenwuchs. Dann griff er nach der Geige. Die Angst wollte er fortspielen, geriet aber immer tiefer hinein. Gelang eine Stelle, frohlockte sein Stolz, zerriß eine Harmonie, sank der Bogen in Zorn und Scham. Es war eine Nacht voll Süßigkeit und Qual, wie damals nach Hans Geßners Konzert, als im Kerzenlicht die krausen Noten der Brahmspartitur vor Karl Marias Augen tanzten. Viertelstundenlang lag er in stumpfer Müdigkeit auf seinem Bett, dann trieb es ihn wieder auf. Wie einer, der im Morgengrauen aufs Schafott muß. Da knisterte es in die Stille. Auf dem Fenstersims, der im schwachen Schimmer einer Straßenlaterne aus dem Dunkel schnitt, saß eine Maus, äugte neugierig in das schwarze Zimmer und lief geschäftig auf und nieder. Voll kindischer Freude, daß er nicht ganz allein war, riß Karl Maria den Bogen über die Saiten. Ein kühnes Allegro des Veracini wogte auf. Voll und stark war der Ton, ohne Rücksicht auf den Schlaf im »Blauen Herrgott«. Das Mäuslein spitzte die Ohren und machte tolle Kapriolen, wie um zu tanzen, und verschwand dann im Dunkel. Karl Maria umklammerte seine Geige, als wäre sie das Sprungbrett zum Glück. Knarrend ächzte das Holz unter seinem Griff. »Wenn ich dich zum zweitenmal zerschlage –.« Doch er sprach den Satz nicht zu Ende, stand und wartete und sagte dann nur: »Du mußt!« Und jetzt horchte er ganz still. Ein Rauschen ging durch sein Blut. Er schloß die Augen und ließ den Bogen die Saiten entlang laufen, schnell und leicht, in freier Phantasie. Karl Maria vergaß, daß es morgen sein Schicksal galt, heute war er König in seinem Reich. Wie ein Rausch kam es über ihn. Voll und kühn sprang sein Ton durch die schweigsame Nacht. Stück um Stück nahm er sein Programm vor, spielte jetzt leise und verhalten, nicht aus Rücksicht für den satten Schlaf der Williguth, sondern aus Scheu, sein neues Glück laut werden zu lassen. In dieser Nacht war Karl Maria Tredenius ein großer Geiger. Dann kam der Morgen. Mit blassem Gesicht und trocknen Lippen stand Karl Maria im grauen Dämmer. Der Rausch war fort. Langsam strich er über die Stirn. Alles in ihm war leer und ohne Glanz. Mit schrecklicher Gewißheit begriff er, daß der Tag ihm nicht wiederschenken konnte, was er so toll an die Nacht verschwendet hatte. Er riß die Tür auf. Im fahlen Dämmerlicht saß da eine Gestalt, auf einem Schemel eingeschlummert. Das Haupt war nach vorne gesunken und lag licht und schön auf der Brust. »Gundl!« schrie er und rüttelte die Schläferin wach. »Ach, Karl Maria, jetzt bin ich doch eingeschlafen. Mußt mir es verzeihen,« sagte sie schlicht. Er fand kein Wort der Dankbarkeit. Beinahe zornig starrte er das blonde Mädel an, das wieder für ihn gewacht hatte, ein treuer Hausgeist. »Darfst den andern nichts sagen,« murmelte sie und sah ihn scheu von der Seite an. Er stampfte mit dem Fuß. »Ich mag dir nicht alles danken!« »Das brauchst du auch gar nicht. Nur glücklich werden sollst du.« Mit hochgezogenen Schultern stand er und lauerte. »Was wird aus mir werden?« »Ein großer Geiger, Karl Maria, um den ein dummes Mädel schon wachen darf.« Sie küßte ihn leicht und schnell aufs Haar.   Das erste Lied der Miriam Italiener war zu Ende. Wie Geisterflüstern huschte das ausklingende Pianissimo in die letzten Ecken des Saales. Frau Charlotte zog erleichtert das Taschentuch, was sie bis jetzt für unschicklich gehalten hatte, und der starke Gideon riß Mund und Augen auf, als begreife er nicht, daß dieser Singvogel seine Miriam sei. Einen Augenblick blieb es ganz still. Dann klatschten zuerst die Jungen, denen die süße, reiche Stimme ans Herz griff, und das bedächtige Alter wandelte ihnen gar schnell und freudig nach. Blaß und starr stand die Miriam, ihre Hände zitterten, den Kopf hielt sie vorgeneigt, als müßte sie diesen Beifall austrinken bis zum letzten Tropfen. Ihre eigenwillige Schönheit verlor alle Widersprüche. Der gierige Mund wurde weich und zag. Eckig verbeugte sie sich, als könnte sie an das unwahrscheinliche Glück gar nicht glauben. Sie hatte plötzlich eine dumme Angst vor ihrer Macht. Jetzt lächelte Franziska Ermattinger, die in der ersten Reihe saß, der strenge Generalintendant Graf Rothenwolff stand auf und klatschte laut und gemessen in die perlgrau behandschuhten Hände. Dann nickte er der Miriam lustig zu. Der dritte Kapellmeister der Oper beobachtete den zornmütigen Grafen, dessen Seelenleben er zu seinem Vorteil eingehend studiert hatte, nickte befriedigt und sandte dem Ballettmädel, an dem er bisher nur die hübschen Beine geschätzt hatte, eine Kußhand zu. Nur S. Lewis kümmerte sich nicht viel um die Debütantin. Er hatte einen kleinen, etwas salopp aussehenden, fetten Herrn untergefaßt, zog ihn im Geschwindmarsch den Mittelgang auf und ab und sprach heftig auf ihn ein. Hier und da deutete er mit dem Daumen über die Schulter zurück, hielt dem Kleinen sein rotes Taschenbuch unter die Nase und blickte drein, als hätte er ein Königreich zu verschenken. Im Künstlerzimmer warf sich Miriam der Ermattinger an die Brust: »Jetzt möchte ich sterben!« Schnell aber riß sie sich zusammen. »Habe ich sie auch alle gepackt?« fragte sie mit eingekniffenen Augen und trotzigem Mund. Ein Geigenton schnitt ihr das Wort ab. Miriam schlug zwei Finger durch die Luft. »Jetzt nimmt mir der Bub alle Wirkung.« Aber dann schwieg sie und horchte. Reich und schön setzte die Sonate des alten Corelli ein. Das Klavier verlor sich hier und da auf falschen Seitenpfaden. Milde und klug wies die Geige den Weg zurück. Da weinte Miriam vor Zorn: »Er kann mehr als ich.« Und gleich darauf faltete sie wieder die Hände für Karl Marias Glück. Als das Adagio breit und feierlich begann, litt es Miriam nicht länger. Leise glitt sie auf Umwegen in den Saal zurück, barg sich im Hintergrund und blickte geduckt und ängstlich nach Karl Maria, der seine Kantilene wie ein altes Kirchenlied spielte, in das hier und da ein lustiger Volkstanz springt. Die Augen hielt er halb geschlossen als horchte er auf hilfreiche Engelstimmen. Der Beifall rauschte auf. Karl Maria hatte nur erstaunte Kinderaugen und dankte nicht einmal. Graf Achaz Rothenwolff trug ein helles Lächeln auf seinem verwitterten Antlitz. Er schlug die Hände widereinander und schmunzelte wie Gottvater nach dem Schöpfungswerk. Trotzig und fromm hing er an dieser holden, alten Musik, deren Schönheiten er oft in guter Laune dem Orchester auseinandersetzte. Dieser Bub spielte wie ein junges Mönchlein an einem Frühlingsmorgen. Jetzt trat er auf Karl Maria zu. Eine blasse, dunkelhaarige Frau stand plötzlich neben ihm. Schlanke, elfenbeinfarbene Hände streckten sich dem jungen Geiger entgegen, der noch immer wirr in den Saal blickte. »Glück auf, Karl Maria!« Da fuhr er auf. Ein Herbsttag am Strom – ein vergessenes gelbseidenes Band –. Wer weckte das auf? Jetzt traf Blick in Blick. Karl Maria strich mit der Hand über die Augen. Dann flüsterte er: »Bist du die Trix?« Stumm stand er vor ihr. Nur die Augen jubelten ihr Glück hinaus. Sie war gekommen! Hatte still gewartet auf ihn, all die Jahre, im verwunschenen alten Haus am Wasserturm. Hatte gewartet, bis er ein großer Geiger war. Und nun kam sie zu ihm. Allzuschnell schlug er Brücken zwischen einst und jetzt. Jetzt lächelte die Trix: »Hast du manchmal an mich gedacht, Karl Maria?« Ein hilfloses Nicken. Das war der Traum nicht, den er träumen wollte. Leise raschelte das silberne Kleid der Trix, Diamanten brannten im Haar. Wie durch tausend Schleier hörte er die helle, unvergessene Stimme. »Wunderschön hast du gespielt!« Und dann in stiller Ungeduld: »Freust du dich denn nicht?« Karl Maria blieb starr. Der liebe Traum lief ungute Wege. Graf Achaz sagte boshaft: »Frau Schwiegertochter, du hast Pech. Er denkt nur an seine Geige.« Schwiegertochter? Neues klang wider Altes und klang wie grelle Lüge. Karl Maria sah in die Augen der Trix, wie einst in den blauen Herbsthimmel, als er recht weit zum lieben Herrgott hineinschauen wollte, aber er sah nur eine vornehme junge Frau, die Gräfin Beatrice Rothenwolff. Es gab keine Trix mehr. Plötzlich packte ihn Furcht, ganz dumme Furcht. Irgend etwas ging auf immer fort. Er fröstelte und war todmüde. Und er mußte doch spielen. Ihn ekelte. Schnell gab er ihr die eiskalte Hand: »Nun muß ich wieder geigen.« Er wandte sich nicht mehr um, die Blicke aller dieser Menschen brannten in seinem Rücken. Und ihm graute vor seiner Geige. Die Miriam sang Lied um Lied und siegte. Karl Maria saß, hatte die Geige im Schoß und starrte vor sich hin, in Angst und Trotz. Seine Finger zitterten, daß er sie zornig gegeneinander preßte. Sein Kopf war wüst und leer, im Traum hatte er gespielt, und jetzt war es heller Tag. Mit Gewalt zwang er sich auf. Warum ließen sie ihn nicht in Ruhe? Er war doch so schläfrig. Und er haßte sich und die da draußen. Dann warf er ihnen Tartinis Teufelssonate hin, zu schnell, zu hart, gar nicht wie feierliche Kirchenmusik, abgerissen, flackernd, daß alle verwundert die Köpfe schüttelten. Der Bogen glühte in der Hand wie heißes Eisen, die Finger griffen hastig und gewaltsam. Achaz Rothenwolff fing zornig die Schnurrbartenden zwischen die Lippen. Trix zog die nachdenklichen Kinderaugen zusammen. Mr. S. Lewis knurrte verdrossen: »Keiner will warten. Das kommt davon.« Karl Maria verlor sein Spiel, weil man ihm einen lieben Traum verdarb. Im Künstlerzimmer hieb der erschreckte Joseph Italiener mit der Faust auf den Schenkel: »Ist der Kerl denn toll?« Jetzt gellte der Teufelstriller herein, wie ein heißer Schrei, der zu Eis erstarrt. Ein dünnes Klatschen starb bald hin, dann Stille. Im Herzen der Miriam stritten Mitleid und heimlicher Triumph. Karl Maria warf selbst die Waffen weg. Feig wich sie zurück, als er mit seiner Mutter hereinkam. Joseph aber stürzte auf ihn zu und rüttelte ihn an den Schultern: »Bub, was hast du da gemacht?« Und er begann in redseliger Weise das nächste Geigenstück auseinanderzusetzen. Karl Maria hörte ihn nicht. Nur einmal hob er den Kopf. Da stand die Miriam an der Tür und schaute noch einmal zurück. Gleich darauf sang sie, und wieder erstritt ihr zäher Wille den Sieg. Das Schicksal des Karl Maria Tredenius aber glitt in Finsternis. Plötzliche Müdigkeit lähmte seine Hand, und im Kopf war ein schmerzhaftes Hämmern. Er schleuderte seine Stücke hin und wußte selbst, daß er schlecht spielte. Das Antlitz der Trix wurde ihm zur Narrenfratze, und die durchspielte Nacht holte sich ihre Rache. Seine Seele war arm und klein und konnte den Fingern nicht helfen. Die vom »Blauen Herrgott« senkten traurig die Köpfe, die fetten Gesichter der Familie Italiener aber glänzten in eitel Wonne. Geschwätzige Freude stand laut wider beklommenes Schweigen. Mit zerzaustem Haar, heiß und erregt, stand Miriam zwischen ihren Eltern, die ihr Lob wie Weihrauch wirbeln ließen. Mr. Lewis erzählte mit schnarrender Stimme eine Anekdote aus der Jugendzeit der Grisi. Frau Charlotte war zu Tränen gerührt: »Gideon, du wirst mir alles ausschreiben, was die Miriam sagt, – – man kann nicht wissen – –.« Frau Apollonia Williguth hielt ihre Schar um sich versammelt, wie eine Henne, wenn der Habicht kreist: »Das kommt von Vaters Hoffart und den verwünschten Musikgrillen in seinem Kopf. So würde er auch euch am liebsten zur Schlachtbank führen, ihr armen Kinder!« Ihre fette, knarrende Stimme zitterte wehmütig. Die Williguth ballten die starken jungen Fäuste in den Taschen und schluckten krampfhaft. Da löste sich Joseph Italiener aus dem Schwarm der Glücklichen und trat auf Kundry zu, die vor Karl Maria stand, als müßte sie ihn decken vor den Blicken der anderen. Tränen waren in ihren Augenwinkeln, aber ihr Mund blieb herb und stolz. »Fräulein Kunigunde, was sagen Sie? – hat er nicht wunderschön gespielt – trotz allem?« fragte der dicke Joseph und trug seine hilflose Güte auf beiden Händen zu ihr. »Nein,« antwortete Karl Maria scharf und ging zur Miriam, die ungeduldig und trotzig herübersah. »Bravo, Miriam!« Er griff nach ihrer Hand. Ein Zucken lief durch ihren Leib, sie schlug beide Hände vor das Gesicht und schluchzte: »Ach was, ich habe gar keine Freude dran.« Dann blickte sie auf: »Verzeih mir, Karl Maria, ich wollte dir nicht wehetun.« »Sie ist ein gutes, edles Kind, ein Engel,« stotterte Frau Charlotte, die die zornigen Augen ihres Joseph auf sich gerichtet sah, »wein' doch nicht, mein Herzblatt, du könntest, unberufen, einen rauhen Hals bekommen.« Und gutmütig streichelte sie bald die Miriam, bald den blassen Jungen. »Wer weiß, wozu es gut ist, Karl Maria. Buben brauchen eben länger,« tröstete tiefsinnig Herr Gideon und zog verlegen an seinem Prophetenbart. Nicht einmal rechtschaffen freuen durfte er sich über sein Goldkind, weil dieser Tredenius nicht Geige spielen konnte. Stolze Träume dämmerten dem Althändler empor. Das Glück war über sein Haus gekommen. Der Kerr Generalintendant hatte ihm sogar die Hand gedrückt: »Meinen besten Glückwunsch, Herr Italiener!« Miriam und Karl Maria hielten sich Aug in Aug und suchten nach dem Restchen Gemeinsamkeit, das sie noch verband. Mit unwilliger Furcht fühlten sie, wie ein Stück nach dem andern zerbrach. So hielten sie noch einmal Rast, ehe sie einander die Hände gaben zu einem kalten Abschied. Von allem Klingen und Singen in ihren Seelen war nichts geblieben als ein dumpfes Weh. »Was willst du tun?« fragte Miriam. »Ich weiß nicht.« Sein Blick ging über sie fort, irgendwohin, wo es keine Musik und keine Menschen gab. Sie wollte ihn küssen, ohne Scheu vor den gaffenden Menschen, aber die Arme glitten ihr herab und waren wie von Blei. Keine Freude war in dieser Stunde, die den einen ins Licht, den anderen zurück in den grauen Alltag führte. Es war kein Haß, es war kein Neid, und trennte sie doch. Frau Apollonia suchte das Unhaltbare zu retten: »Ich glaube, daß Karl Maria hungrig ist. Gehen wir heim!« Sie schlichen alle davon. Gundl versorgte Geige und Bogen und trug sie Karl Maria nach. Auf der Straße wandte er den Kopf, erblickte den Geigenkasten und lächelte müde. »Das hättest du jetzt ganz vergessen,« sagte Gundl und drängte sich an ihn. Aber er sah starr geradeaus.   Als Sieger kehrte Johann Sebastian heim. Festlich empfing ihn der »Blaue Herrgott«, um den der Herbst mit roten und gelben Fahnen gar lieblich winkte. Im Hintergrunde spann der Oktoberhimmel seine blaue Seide. Alle taten den Gram von sich, der ihre guten Herzen klein und verzagt machte, und lachten dem Vater fröhlich entgegen. Der Zuckerbäcker Williguth hatte einen besonderen Einfall, so daß seine runde Person eine Lücke in der Festschar ließ und er lieber die Orgel zu einer Bachschen Fuge einheizte. So dröhnte ein gar seltsames Tongewoge dem heimkehrenden Meister ins Ohr, daß er den Handkoffer achtlos aufs Pflaster fallen ließ, das Schloß aufsprang und der ganze Inhalt davonwirbelte. Mit beiden Fäusten drohte er in die Luft, woher der gutgemeinte Willkomm ächzte und knarrte, wie Rabenschrei um einen verfallenen Turm. »Das kann nur der ›Torten-Robert‹ sein,« schluchzte der dicke Mann und mischte Lachen, Zorn und Tränen höchst wunderlich durcheinander. Während er dann im Musiksaal mit wichtiger Miene die kleinen Geschenke unter sein Volk verteilte und seiner Frau eine wohlgespickte Brieftasche reichte, rann das Glück in milden Bächlein von seinen Lippen. Gar stolz erzählte er von Goethe, von Johann Sebastian Bach und von der Feierlichkeit dieser Tage, die seinen Namen den Leuten ins Herz geschrieben hatten, daß sie jetzt auch im hohen Norden nach Meister Williguth verlangten und die Stadt Bremen ihn für das Frühjahr zu einem Orgelschmaus geladen hatte. »Bülow hat mir die Hand gedrückt,« berichtete er schmunzelnd und warf Kundry ein Korallenhalsband in den Schoß. Karl Maria schien er ganz vergessen zu haben in dem späten Glück, das rot und hell in seine Seele eingekehrt war. Erst beim Essen stützte er beide Fäuste auf und fragte vergnügt: »Nun, Lisbeth, wie ist's denn deinem Jungen ergangen?« Es wurde recht still, weil keiner den Mut zur Wahrheit hatte. Nur Gundl sagte leise: »Es ist nicht gut gewesen.« »Was?« schrie Johann Sebastian und schob einen tüchtigen Bissen in den Mund, als wollte er sich noch ein Gutes tun, ehe der Zorn ihm das Essen verdarb. Frau Apollonia rückte die Schüssel vor ihren Eheherrn und meinte gleichgültig: »Iß erst, Bastian!« Und das tat der Orgelmeister. Nur war jetzt ein banges Schweigen in dem Klappern und Rasseln von Messer und Gabel. Karl Maria saß mit trotzigem Mund und geballten Fäusten. Denn sein Schicksal hatte schnellen Lauf getan und Schatten nach Schatten geworfen. Nach Tisch verlangte Vater Williguth die Zeitungen zu sehen, die über das Konzert berichteten. Gundl legte einen Pack vor ihn und hockte dann treu und furchtsam in der Ecke, stets bereit, dem lodernden Zorn ihres Vaters als Blitzableiter zu dienen. Johann Sebastian las, und die wenigen Locken auf seinem Musikerschädel wogten grimmig auf und nieder. Endlich schlug er mit der Faust auf den Tisch: »Also nichts, rein gar nichts!« Und ein ehrlicher Schmerz riß Furchen um den weichen Mund. »Er war krank,« entschuldigte Frau Lisbeth und lächelte, als sei sie ganz glücklich, wie alles gekommen war, weil sie trotz allen Mißgeschickes ihren Jungen behalten durfte. »Du bist eine Affenmutter,« grollte der Bruder und trank sein Glas aus. Starr und steif stand Karl Maria auf und sprach wie ein Mechanismus, der sein Sprüchlein abschnurrt: »Ich habe einfach schlecht gespielt. Du hast dich umsonst mit mir geplagt, Onkel. Vielen Dank für deine Liebe.« Und dann zögernd: »Die Nacht vorher konnte ich nicht schlafen. Da war ich dann todmüde und willenlos. Vielleicht war das an allem schuld.« Johann Sebastian schnaufte heftig und bekam dicke blaue Adern auf der Stirn. »Ich will jetzt fort,« murmelte der Junge, als wollte er alle Schmach und Qual auf einmal abtun. »Wohin, mein Wunderkind?« höhnte Johann Sebastian, dem die Galle überlief vor dieser traumhaften Sicherheit. Karl Maria zuckte stumm und trotzig die Achseln. »Dageblieben! Du bist ein Schulbub, der lernen muß. Jetzt heißt es festsitzen und ein kleines Schreiberlein werden. Schnalle die Engelsflügel nur ab!« Gundl hob entschlossen den Kopf. »Er geht nicht mehr in die Schule.« Frau Apollonia, die alle Schulmeisterei in der Seele haßte, warf hilfreich ein: »Sein Professor ist ein Esel, Mann.« Gewitterwolken grollten um das Haupt des Gewaltigen, doch er fragte mit unheimlicher Ruhe: »Was heißt das?« Da krähte die jüngste Williguth in ihrer neunjährigen Begeisterung für solche Großtat: »Sein Professor hat ihn verspottet, und da –« »Habe ich ihn ins Gesicht geschlagen,« bekannte Karl Maria und stand jetzt demütig vor dem Onkel. Frau Lisbeth und Gundl drängten sich zwischen ihn und Johann Sebastian, der mit schweren Armen durch die Luft fegte, als müßte er den »Blauen Herrgott« reinigen von all dieser Schmach. »Laßt mich mit ihm allein!« herrschte er mit seltsam rauher Stimme. Als die beiden Frauen zögerten und bittende Blicke wagten, sagte er verächtlich: »Habt keine Angst. Ich schlage ihn nicht. Meine Hände sind mir zu lieb dazu.« Da gingen sie und ließen das Jungenschicksal hinter sich. Gundl aber lief noch zum Vater und flüsterte ihm ins Ohr: »Tu' ihm nichts! Ich habe ihn lieb.« Zitternd senkte sie den blonden Kopf und wartete auf des Vaters Zorn. Aber es kam nur ein Ächzen aus der breiten Brust. Johann Sebastian griff nach der Hand seiner Tochter, legte sie an seine Wange und sagte ganz sanft: »Ich will dran denken, Kundry.« Karl Maria stand trotzig in der Mitte des Zimmers. Er hielt seinen Blick hart an sich und wußte keinen Dank für Gundls Opfer. Nur ein Gedanke war jetzt in ihm: Auf den Füßen bleiben! Die Zähne zusammenbeißen. Und seinen Weg finden. Am besten war ein rascher Schnitt, der alles Liebe und Traute von ihm tat. Wie ein Schwerthieb, klar und scharf. Johann Sebastian aber litt unter diesem neuen Schlag, wie in jener Stunde, als sein Giacomo ihn und seine liebgewordene Hoffnung schnöde auf den alten Strohsack wälzte. Er hatte Karl Maria gehalten wie sein eigenes Kind und heimliche Sehnsucht an diesem Geigenspiel genährt. Nun ging der Junge vor die Hunde, das schlimme Blut des Vaters erwachte in ihm und ließ ihn sein Leben vertrödeln wie eine verspielte Stunde. Und die Gundl bat für den armen Sünder, schenkte ihr armes Glück fort und stand jetzt zitternd hinter jener Tür. In dem starken Glauben dieses Mannes geriet etwas ins Wanken, aber seine Lippen murmelten: »Wie Gott will, ich halt' still.« Er hob den Blick. Aus Karl Marias Augen kam ihm ein verzweifelter Trotz entgegen. Da wurde auch Johann Sebastian wieder hart und kalt. Der Bub rannte ja nur seinem Wirbelkopf nach und kümmerte sich keinen Pfifferling um die Kundry. Wie Unkraut wucherte Karl Maria in Johann Sebastians gottgefälligem Garten. Freilich war Meister Williguths biederes, doch etwas täppisches Wesen nicht klug, in Menschenherzen zu lesen, weil er zu versonnen und versponnen in seine eigene Art war und die übrige Welt nur als ein artiges Puppentheater für seine Einbildungskraft betrachtete. So nahm er für Trotz, was nur Jungenschmerz in unklarer Keimzeit war. »Ich habe geglaubt, du kannst dankbar sein, Karl Maria.« Verzweifelt wehrte sich der Knabe gegen die kindische Wehmut, die ihm würgend in der Kehle saß. »Ich kann nichts weiter sagen, Onkel.« Jetzt grollte Johann Sebastian in dem Grimm des Alters, das aufbraust, wenn irgendeine Jugend zum erstenmal ihr Eigenrecht fordert. »Das sind faule Fische, mein Bub. Dir sitzt allerhand dummes Zeug im Kopf, und der ›Blaue Herrgott‹ hat nichts dagegen vermocht. Meine besten Träume habe ich vor dich hingestellt und gesagt: ›Bitte, greif zu!‹ Gefreut hab' ich mich, als es so hell und licht in dir wurde. Ich kann es mir nicht zusammenreimen. Sage, Karl Maria, ist's ein Weib? Du bist ein schöner junger Kerl, und da lächeln sie Verderben und lispeln Süßigkeit, wie Delila über Simson kam. Ich bin ein alter Mann und kein Mucker. Kannst es mir ruhig sagen.« Aber Karl Maria schüttelte stumm den Kopf. Das Geheimnis mit der Trix durfte er nicht preisgeben, schon um der Kundry nicht wehzutun. Onkel Williguth deutete seine Befangenheit ganz anders. War das von der verspielten Nacht vielleicht nicht die ganze Wahrheit? Konnte nicht da die Gundl im Spiele sein, ein herzlich dummes Tändeln im ersten Frühling, das matt und hilflos machte? Dann hatte ja gar sein eigenes Mädel dem Buben das Konzert verdorben. Ein wehmütiges Lächeln ging durch Johann Sebastians Zorn. Hatte nicht er selbst um die rundliche Jugend der Jungfer Apollonia einen aussichtsreichen Kapellmeisterposten ausgeschlagen und seine Hoffnung im »Blauen Herrgott« alt und zag werden lassen? Mit ungelenken Händen tastete er so in die Seele Karl Marias und holte doch nur seine eigenen Kinderträume hervor. Und jetzt hatte er wieder seinen hellen, frohen Glauben. Vielleicht blühte da im geheimen ein großes Glück, das er nicht zerstören durfte. Wie in Schöpferfreude blickte er auf den blassen Jungen, dessen Trotz er nur mehr schmunzelnd belächeln konnte. Es war so zart und hübsch, daß Karl Marias Lippen stumm blieben vor dem Vater des Mädchens, dem seine Liebe galt. Meister Williguth begrüßte dieses Schweigen als einen Sieg, den das Blut der Williguth über das der Tredenius gewann. Gar nicht mehr zornig ließ er sich jetzt über Karl Marias Schulkrach Bericht erstatten, und seine Augen verbargen mühsam ein inniges Behagen, als er hörte, wie der Junge die Kränkung so bitter gerächt hatte. Ja, Johann Sebastian murmelte sogar wohlwollend: »Wie kann auch so ein Schulmeister die Musik begreifen?« Auf seinem Steckenpferde ritt er so wohlgemut an dem schweren Schicksal vorbei, das Karl Marias allzu schnelle Hand sich selbst bereitet hatte. Die Schamröte, die dem Jungen ins Antlitz stieg, weil hinter dieser unendlichen Güte doch nur ein schrecklicher Irrtum liegen konnte, deutete Johann Sebastian als Freude über die glückliche Wendung dieser zornigen Stunde. In seiner Unbesonnenheit fragte er ganz arglos: »Hast du die Gundl lieb?« Karl Maria prallte zurück. »Ja,« stammelte er dann und floh in diese Lüge, weil er keinen anderen Ausweg sah. »Es ist keine Schande, Bub. Mein Mädel ist ein heiliges Ding.« Voll philosophischer Bedachtsamkeit sann Johann Sebastian jetzt auf gute Wege, in die er die Zukunft des verunglückten Gymnasiasten retten könnte. Vorsichtig klopfte er noch einmal an verschlossene Türen: »Mit der Schule ist's also aus? Ist eigentlich schade. Abbitte willst du dem Professor nicht leisten?« »Bitte nicht, Onkel. Ich habe das so mitgeschleppt, aber es ist immer schwerer geworden. Statt an Latein habe ich an meine Geige gedacht. Das Graue Gymnasium ist nichts für mich.« Johann Sebastian bedachte das jammervolle Ende der Gymnasiastenzeit seines Giacomo, der jetzt aus Paris voll Stolz das erste selbstverdiente Geld geschickt hatte, bedachte Kundrys wehleidiges Kriechen unter dem Schulmeisterbakel und nickte gnädig Beifall zu der raschen Tat seines Neffen. Dann spendete er einen bibelfesten Trost: »Du hast dein Glück zu schnell stehlen wollen, jetzt mußt du es eben langsam in emsiger Arbeit verdienen. Und ist vielleicht deshalb ein besseres Glück.« Karl Maria schwieg und schämte sich, daß seine Gedanken abseits gingen von der treuen Liebe der Gundl und von der herzguten Sorgfalt Onkel Williguths. Schlecht und verlogen kam er sich vor. Fast haßte er diese Güte, die in einem Irrtum wandelte. Alle Brücken wollte er abwerfen, wie er die Schule hinter sich zugeschlossen durch die rasche Zorntat. Und jetzt lockte wieder das behagliche Leben im »Blauen Herrgott«, und die Dankbarkeit mahnte mit leiser Stimme: »Bleib da!« Karl Maria verzog den Mund zu einem kargen Dank. Meister Williguth spürte das wortlose Widerstreben und warf schnell noch das Opfer seiner eigenen Eitelkeit in die Wagschale: »Nun heißt es ein Sonnenplätzchen für dich suchen. Schulmeister magst du aber keine leiden. Also ist auch der Johann Sebastian nichts für dich.« Als Karl Maria jetzt die hellen Tränen in die Augen traten, sagte Williguth schnell: »Sorge dich nicht! Für die Musik ist mir nichts zu schwer.« Sein Herz hielt wieder einmal Feierabend. Die Sonne machte sich davon und brannte noch im Scheiden in den Fenstern des »Blauen Herrgott«, daß ein rosenrotes Leuchten durchs Zimmer ging. Mit verschmitztem Augenwandern entwickelte Johann Sebastian seinen Plan: »Bei den Neun Chören der Engel ist ein neuer Chormeister, ein eisgrauer Kerl, voll Schrullen und Ecken. Ist noch nicht lange dort. Spielte vorher mit Lumpengesindel in einer Art Quartett. Sein Name ist häßlich und dumm: Andreas Katzenkopf.« Karl Maria schloß die Augen, als der Onkel so an eine schon farblos gewordene Erinnerung rührte. So hieß doch der alte Klavierspieler im Ministerpalais, der so lieben Trost für Karl Marias Armut gefunden hatte. Schnell traten die traurigen Worte des Alten vor ihn hin: »Bin auch ein Wunderkind gewesen.« Ja, dort paßte er hin. Dort begrub man zertrümmerte Hoffnungen und lebte in einer dummen Sehnsucht, die niemals wahr wurde. Johann Sebastian aber freute sich über diese rasche Bereitwilligkeit und sprach würdevoll: »Sollst also beim Katzenkopf erster Geiger werden. Horch nur nicht auf sein wildes Schwatzen! Seine Musik ist gut. Ist das Feuer, an dem er seine alten Knochen wärmt.« Noch einmal rang die Ehrlichkeit Karl Marias um den Mut zur Beichte: »Ich will dir alles sagen, Onkel.« Aber Johann Sebastian schloß ihm den Mund: »Ich weiß alles, mein Kind. Halte nur heilig, was heilig ist.« Er meinte die Liebe der Kundry und wollte Karl Maria die ungelenke Scham ersparen. So schwieg der Junge und sagte zu allem Ja und Amen, erdrückt von der Schuld der Dankbarkeit. Und Onkel Williguth war höchlich zufrieden mit seiner Geschicklichkeit, in jungen Herzen den Weg blank zu kehren. Schmunzelnd gönnte er später der Kundry einen liebevollen Blick und verkündete der ganzen Sippschaft feierlich seinen Entschluß. »Bist du es zufrieden?« fragte Frau Lisbeth, als sie Karl Maria zum Gutenachtgruß küßte. »Ja, Mutter.« Und so beschloß er diesen Tag mit einer Lüge, in einem willenlosen Geschehenlassen, das sich von den Dingen treiben ließ, statt selbst ihnen Richtung und Ziel zu geben. Erst als Karl Maria allein war, hielt er erstaunte Umschau. Sein Leben lief in sonderbaren Kreisen, jetzt wieder zu Andreas Katzenkopf zurück. Diese Nacht wurde ein flackerndes Hin und Her zwischen Traum und Wachen. Ein Wunder schien es, daß ihm die schwere Niederlage seiner Wunderkindschaft viel leichter wog als der Verlust der Trix, die wie ein rotes Licht am dunklen Himmel stand, wie der Sonnenstreif an jenem Abend, als er seine Kindergeige zerschlagen hatte, um im »Blauen Herrgott« bleiben zu müssen. Dann erlosch der rote Schimmer, und es war kein Glanz in dieser Nacht. Regen peitschte um das Haus. Plötzlich richtete sich Karl Maria auf und streckte die Faust ins Dunkel. Ein Lachen kam, daß alles wieder frei und leuchtend wurde. Und wie fernes Locken zog es durch den schlafenden »Blauen Herrgott.«   Andreas Katzenkopf schüttelte die grauen Strähne aus der steilen Stirn, und in sein runzeliges Antlitz kam ein heller Glanz, als Karl Maria Tredenius zum erstenmal vor ihm die Geige strich. »Du hast's in dir, mein Sohn. Jehovah sei gelobt, daß ich einen Menschen fand unter den glotzäugigen Fischen im Meere.« Und er schwang seinen fleischlosen Arm wider die Köpfe der Männlein und Weiblein, die sich mühten und plagten, die Missa solemnis Beethovens zustandezubringen. Karl Maria lächelte. War sein Onkel ein toller Wüterich, wenn er den Dirigentenstab in der Hand hatte, so war der arme Katzenkopf ein heulendes Gespenst, das Tränen vergoß und flehentlich bat, wenn etwas schief ging. Übte Johann Sebastian strenge Selbstzucht im Unterricht und beschnitt alle Ranken, war es für Meister Andreas eine wilde Freude, die Noten hinzuschmeißen, von Passage zu Passage zu stürmen, wie Märzsturm und Oktobersterben. Und Karl Maria war der richtige Schüler für diesen Lehrer. Als er das Violinsolo von Beethovens Messe zum erstenmal wie goldenen Weihrauchnebel zum Himmel aufwirbeln ließ, gewann er den Glauben an sich selbst zurück. Andreas Katzenkopf aber zischte mit einer Stimme, in der sich innige Andacht und grimmiger Hohn gar wunderlich mischten, in die goldhelle Feierlichkeit: »Du bist gezeichnet, Bub. Nicht umsonst habe ich dir das Kreuz der Bettler auf die Stirn gemalt an jenem Abend, als du bei den Reichen deine Seele verkauftest, wie deine schöne Schwester den Leib. Himmel und Hölle ist in deinem braunen Holz. Schau hinunter! Glaubst du, der Pfaffe trifft ins Menschenherz? Nein, tausendmal nein. Unsere Musik trägt sie empor und spinnt sie in Träume. Wir armen Musikanten sind Gottes Erzengel.« Solche wilde Reden fielen als schlimme Saat in Karl Marias Seele und wucherten als Unkraut daraus empor. So weckte der Alte, der in dieser Knabensehnsucht seine eigene vertane Jugend wiederfand, allerlei Wünsche und brannte huschende Irrlichter an. Da wartete Gundl Williguth freilich vergeblich auf ein liebes Wort. Scheu wich ihr Karl Maria aus, weil jetzt oft ein häßliches Verlangen über ihn Gewalt bekam, wenn das blonde Mädchen in seinen Weg lief. Er schlug die Sünde vor die Augen und saß in grübelnder Verzweiflung vor dem neuen Rauschen in seinem Blut. Auch der gute Joseph, der allein von der Familie Italiener in den »Blauen Herrgott« zurückfand, hatte kein besseres Glück. Gotteslästerliche Reden flogen ihm entgegen, und arger Spott kränkte ihn, so grell und dick hingemalt, wie ihn nur die grünste Jugend aufbringen kann. Da suchte Joseph Trost bei Kunigunde Williguth. Karl Maria fegte zwar auch da mit seiner üblen Laune dazwischen, fing aber nur einen traurigen Blick Kundrys auf, daß er beschämt davonschlich und im Garten den Wildgänsen nachschaute, die hoch oben ihr schwarzes Dreieck zogen. Andreas Katzenkopf nährte noch dies schwelende Feuer und trieb musikalische Schatzgräberei. So führte er Karl Maria zu dem alten Salzburger Meister Heinrich von Biber und wies ihm die feine Eigenart, die dieser deutsche Musiker des siebzehnten Jahrhunderts besitzt, die wunderhübschen Variationen desselben Motivs, manchmal sogar mehrstimmig, wie viel später bei Beethoven. Das waren Feierstunden für das musikhungrige Jungenherz, wenn Meister Andreas sein Wissen aus- und seinen Weltgrimm einpackte. »Merkst du, wie da noch immer die Kirchenmusik hineinklingt? Starre Brokatgewänder knistern, und darüber summen die Glocken. Salzburg und Schloß Mirabell. Ja, Bub, du solltest wandern ohne Plan und Ziel.« »Ich will ja fort.« Aber Andreas hörte ihn nicht, er hüpfte in gravitätisch steifer Würde durchs Zimmer, dem Schüler zu zeigen, wie heimliches Schmunzeln und schulmeisterlicher Zopf in dieser Musik ihr Wesen hatten. Er verbeugte sich und knurrte wie ein Nußknacker: »Aller Mozart!« Dann entdeckte er in den Noten helles Lächeln und verhaltene Wärme, von Seele zu Seele. Die dürren Knöchel tanzten über die Tasten, und schier feierlich klang die eingerostete Stimme: »Das hat dann der junge Mozart fertig gemacht.« Und er spielte lustige und schwermütige Tänze aus dem Rokoko, dann wieder groteske Weisen, als grinste der Tod zwischen Harlekin und Kolombine. »Da ist jetzt eine Spezialitätengesellschaft, schon etwas abgetakelte Schiffe. Aber eine neue Sache, die einschlagen muß. Die gehen im Fasching auf eine Fahrt durch Deutschland und Frankreich. Und sie wollen mich als Kapellmeister haben. Aber ich kann ja nicht. Ich muß hier festsitzen. Pfui Teufel über das Alter!« Er blickte durchs Fenster. Hoch oben strichen wilde Gänse. »Lahm geschossen bin ich,« klagte Andreas und drückte die Nase an den Scheiben platt. Karl Maria lächelte. Seine Lippen waren heiß und rot. An Mozarts schlanker und beschwingter Kunst rankten seine Wünsche sich empor, wie junger Efeu sich um einen gütigen Baum tastet. Das etwas stockige Blut floß wieder hell und schnell, als der alte Andreas in des Salzburger Meisters D -moll-Quartett Karl Maria die erste Geige überwies. Da wurde alle Sehnsucht frei. Im Allegro zitterte noch die Wehmut, wie aus kaum vernarbten Wunden, im tröstenden Andante aber flog ein Engel vom Himmel, stieg in goldenem Glanze wieder auf und trug alles Erdenweh mit sich. Dann lief das Menuett in kühnen und trotzigen Figuren, und Karl Maria sah schimmernde Tore aufspringen. »Herrgott, ist das schön!« jubelte er und spielte sich allen Rost und Staub von der Seele. Auch den alten Kerlen tropften dicke Tränen über die Backen. Schon schwiegen die Geigen, da blickten sie sich an, der Alte und der Junge, gleiches Leuchten im Gesicht. Katzenkopf lächelte sein und rückte dicht an Karl Maria heran: »Juckt es dich nicht in den Füßen, davonzulaufen nach Mirabell? Mir ists ganz windelweich im Herzen.« Und er drohte in komischer Trauer den abziehenden Wildvögeln nach. Karl Maria schwieg und sah die Trix in knisterndem Reifrock die Treppe in den Rosengarten von Schloß Mirabell niedersteigen. Wieder winkte das Wunder. Und das Herz schlug tausend Schläge auf einmal. Alles Weh war vergessen, Karl Marias Finger griffen durch die leere Luft, als wollten sie etwas Liebes herzen. Aber Frau Beatrice schwieg. Und Karl Maria war zu stolz, den ersten Schritt zu tun. Er kam ja als Geschlagener, und das tat bitter weh. Sein Trotz war stärker als seine Sehnsucht. Vielleicht hatte nur eine übermütige Laune die Gräfin Rothenwolff ins Konzert geführt. Sie trieb als Spiel, was Karl Maria Schicksal war. So baute er Brücken in die Vergangenheit und brach sie dann zornvoll wieder ab. Aber die Unrast in seinem Blut blieb. Manchmal trieb es ihn durch die Gassen, in denen längst der Dezembersturm fegte, dahin und dorthin, als müßte er ein Plätzchen finden, wo aller Kummer in gelassene Ruhe versank. Alle treuen Hände im »Blauen Herrgott« langten an Karl Maria vorbei, derweil er zwischen Sturm und Starrheit schwankte. War nicht auch der junge Mozart durch die Welt gejagt, daß sein reiches Leben aufgebraucht wurde vor der Zeit? Der alte Andreas aber frohlockte, daß seine Saat so in die Halme schoß. Er vergaß Gichtbein und Gebrechlichkeit, wurde schier jung an dem Jungen und half so ein Schicksal bereiten.   Vor Weihnachten kam ein seltsames Geschenk in den »Blauen Herrgott«. Gundl fiel es zuerst in die Hände. Voll Neugierde riß sie die Verpackung ab, da lag ein goldbrauner Geigenkasten vor ihr. Einen Augenblick zögerte sie, dann klappte sie den Deckel auf und fand ein graues Billett, an Karl Maria gerichtet. In schneller Scham warf Gundl den Kasten wieder zu. Zuerst lief ihr Mädelherz im Dreivierteltakt, weil dem lieben Jungen solche Freude geschah. Hinterher aber machte sich die Eifersucht auf die Beine, weil das graue Brieflein eine Frauenschrift trug. Klopften da etwa unsichtbare Hände an das Tor des »Blauen Herrgott« und lockten Karl Maria in bedenkliche Fernen? Mit gefalteten Händen und nachdenklich hochgezogenen Brauen saß Gundl vor diesem Geschenk, das ihr voll Süßigkeit und Weh zugleich schien, wie ein Ruf aus der schlimmen Welt da draußen. In ihrer bekümmerten Versunkenheit bemerkte sie gar nicht, daß Karl Maria schon eine ganze Weile hinter ihr stand. »Was ist das?« fragte er hastig und ergriff das Blättchen, das der armen Gundl wie Feuer in der Hand brannte. Beinahe zornig öffnete sie jetzt den Deckel. Da glänzte eine goldbraune Geige, schlank und schön, von alter, kostbarer Arbeit, wie das Instrument, das Karl Maria im Museum so oft bewundert hatte. Er hob andächtig die Geige heraus und strich den Bogen darüber. Voll und stark schwang der Ton. Jetzt riß er das Brieflein auf und las. Gundl senkte den Kopf und legte die Faust vors Ohr. Nur wenige Worte hatte die Trix in steilen und eckigen Buchstaben hingemalt, so widerspruchvoll und unfertig wie die Frau, die sie schrieb. »Sie heißt ›Königsgeige‹.« Laut und lustig sprach er das Sätzlein vor sich hin. Und da wußte er auf einmal: In den Saiten dieser alten Geige schliefen die Stimmen der wilden Gänse, die mit den Wolken um die Wette flogen, in unbekannte Weiten. Und er schwang die Geige durch die Luft, wie ein Schwert, das alte Bande zerhauen sollte, und jubelte: »Ach, Kundry, jetzt ist das Glück da.« Da antwortete die arme Gundl: »Immer bist du nur glücklich, wenn ein anderer dir etwas gibt. Sind wir wirklich so arm?« Karl Maria hielt seine Geige und lächelte nur. Und Kunigunde Williguth faßte ihr Weh mit beiden Händen, daß es ihr nicht über die Lippen kam, und flüsterte: »Laufe doch fort, Karl Maria!« Er blickte sie an: »Ja, das sollte ich wohl.« Da trabte sie wieder mutig in ihr Opfertum hinein: »Ich will gar nicht wissen, von wem die Geige kommt.« Und er war großmütig und zerstreut genug, darüber zu schweigen. In der heiligen Dummheit seiner Selbstsucht sagte er nur schmunzelnd: »Bei deiner Hochzeit will ich auf dieser Geige spielen. Was soll es denn sein?« Und flugs hob er den Bogen, als stände die Gundl schon unter Kranz und Schleier. »Ach, das hat Zeit,« war die verzweifelte Antwort. Und auf einmal war Karl Maria mit seiner Geige allein. Da packte er alles zusammen und lief mit dem Geigenkasten aus dem »Blauen Herrgott«. Gundl schaute ihm heimlich nach und lächelte bekümmert, als wollte sie sagen, da rennt einer seinem Glück davon. Karl Maria aber wanderte zur Trix, ohne zu wissen, ob er das liebe Geschenk zurückgeben oder herzlich dafür danken sollte. Als er so dahinschritt in dem windigen Dezembertag, der bald in wolkenlosem Blau schimmerte, bald wieder in grauen Wolken alles Licht verlor, grübelte er über den Riß, der durch sein Wesen ging. Warum suchte er immer noch, von Mensch zu Mensch, von Tag zu Tag? Und er fühlte in unwilliger Erkenntnis, daß er in allem Reichtum und in aller Wunderwelt doch eigentlich recht arm und klein geblieben war. Vielleicht wußte die Trix dawider ein Mittel. Sie gehörte ja auch in sein Schicksal. Am Wasserturm vorbei ging's in ein altes Gartenviertel und dann durch eine laublose Kastanienallee zu dem weißen Haus mit den grünen Fensterläden, wo die Trix jetzt wohnte. Ein frecher, feister Diener, ganz anders als der gelbe dürre Kerl vom Wasserturm, eine dicke Zigarre mit roter Bauchbinde im Munde, führte Karl Maria in ein Zimmer, das nach Zigaretten und scharfem Parfüm roch, und ließ ihn dort warten. Überall hingen Rennbilder, schlanke Pferde, auf denen Jockeys in bunten Jacken wie bekümmerte Affen hockten. Verdrossen blickte sich Karl Maria um. Es schien Graf Nisis Bude zu sein, in die er da geraten war. Langsam holte er die Geige heraus und legte sie justament auf den Schreibtisch, neben einen abgegriffenen Roman von Paul de Kock. Dann setzte er sich in den tiefen, aus Hirschgeweihen verfertigten Jagdstuhl. So wartete er zwischen Trotz und Zähneklappern. Dann kam die Trix und lächelte in alter Vertraulichkeit. Karl Maria aber grübelte: »Jetzt spielt sie wieder mit dir« und sagte schroff: »Nimm deine Geige zurück!« Noch immer lächelte Frau Beatrice: »Es ist eine alte, berühmte Guarneri.« »Trix!« Er legte allen Kummer und alle Enttäuschung in dieses kurze Wort. Und seine Augen bettelten, daß sie ihm helfen sollte in seiner Not. Sie strich eine Strähne ihres dunklen Haares aus der Schläfe und sagte leise: »Sei doch endlich ein Mann, Karl Maria!« Aber er war nur ein unerlöster Bub und ein Sklave von alten Geigen. Zeit und Stunde standen still. Beatrice streckte die Hand aus und nickte ihm zu. Karl Maria aber haßte diese Güte und haßte sich selbst, daß er hierher gekommen war. Da hatte er der Trix von einst ein Kämmerlein gebaut und es eigenwillig ausgeschmückt und in einsamen Stunden darin Trost und Heiterkeit gefunden. Und jetzt war alles ganz anders, Bild rückte wider Bild. Diese sichere junge Frau war gar nicht mehr die Trix, die im hellen Sonnenschein jenes Septembernachmittags Märlein erzählte und voll Kinderkeckheit Fliegen in den Wein der alten Musikanten warf. Karl Maria trug die gelbe Schleife, die Trix ihm damals heimlich in die Tasche gesteckt, bei sich, aber er zog sie nicht hervor. Er kroch in sein Schneckenhaus und blieb trotzig und stumm. Er brauchte kein Almosen. Plötzlich aber riß er sie an sich und wollte sie küssen. Sie rang sich los, noch war das Lächeln um ihren jetzt blassen Mund, und hob die Hand. So hielt sie ihren Ehering Karl Maria entgegen. Er stand wie ein armer Sünder. Und dann brach er los: »Warum hast du mir mein Konzert verdorben?« Sie schwieg, als begreife sie nicht, wie sie auf einmal in Karl Marias Schicksal verwickelt wurde. »Und warum hast du mir nie geschrieben?« »Das ist so lange her.« Und jetzt ein wenig spöttisch: »O, Karl Maria, du bist doch nicht etwa verliebt in mich?« Kühl und klug, wie man einen Buben meistert. Ihm zerbrach ein Spielzeug, und die bunten Stücke fielen um ihn her. Da reichte sie ihm die geschenkte Guarneri: »Die Geige hat dir doch nichts Böses getan?« Bedächtig strich er über den schlanken Geigenhals, nickte steif und ging. Im Dunkel der Allee machte Karl Maria halt und blickte zurück. Rotes Licht kam aus dem weißen Hause, der Wind jagte welke Blätter über die Treppe. Zwei Krähen flatterten schwerfällig auf. Er schaute ihnen nach und nickte: »Ich fliege bald mit euch.« So hastete er die Allee hinab zu Andreas Katzenkopf. Der Wind brummte ihm nach, wie ein alter Mann, der sich über die dumme Jugend ärgert, über die draußen und über die drinnen. Unsichtbare Finger drehten da flugs ein haarfeines Fädchen, fest wie ein Sprenkel, darin sie den Geiger Karl Maria Tredenius zu fangen gedachten. Doch er merkte es nicht.   Andreas Katzenkopf stelzte vergnügt durchs Zimmer: »Recht so, Hals über Kopf fort. Das ist das Beste.« Dann packten sie Noten und Kleider, hastig wie Verbrecher. Und Andreas kicherte dazwischen: »Nun geht's auf die Wanderschaft. Und ich werde wieder jung.« Er beguckte Karl Marias Geige, bewunderte die kunstreiche Arbeit und den prachtvollen Ton. Voll Gottvertrauen sagte er dann: »Versetzen kann man sie auch.« Heimlich wollten sie fort, gleich morgen, und alles hinter sich lassen, der Alte die Kirche zu den Neun Chören der Engel und der Junge den »Blauen Herrgott« und vieles andere auch. »Mit Gewalt werden sie dich wohl nicht zurückholen,« sinnierte Herr Andreas, »das könnte sonst recht unangenehm werden.« »Eher töte ich mich,« schrie Karl Maria und band Mozarts Quartette in einen Pack. »Unsinn! Wirst Augen machen, wie lustig das ist. Hinter dem Ofen kriecht kein Schmetterling aus. Das liebe Tier braucht Sonne.« Und er klatschte in die Hände und hüpfte wie ein alter Ziegenbock auf seinen gichtkrummen Beinen Daheim kramte Karl Maria die ganze Nacht in seinen Siebensachen und stopfte das Allernotwendigste in eine große buntgestickte Handtasche, die eigentlich Onkel Williguth gehörte. Er tat auch reichlich Tränen dazu, aber der Zorn trocknete sie schnell. Zwei Briefe schrieb er, an die Mutter und an die hochgeborene Gräfin Beatrice Rothenwolff. »Verzeih mir alles, liebe Mutter! Ich kann nicht anders.« An die Trix klang es kühl und knapp. Schließlich besann er sich und gab noch ein Brieflein an die Gundl dazu. Jetzt war er bereit zur Wanderschaft. Er faltete die Hände und bat um frohes Gelingen. So kam der nächste Abend. Im »Blauen Herrgott« saßen sie beim Abendbrot. Mit schmunzelnder Gelassenheit verteilte Frau Apollonia die Portionen und schob auch einen reich beladenen Teller vor Karl Maria. Aber die Bissen blieben ihm im Halse, daß er üble Grimassen schnitt. »Klopfe ihm den Rücken!« befahl Johann Sebastian dem Mediziner, der stracks in wichtiger Geschäftigkeit dieses Amt besorgte. »Heute ist unser Paganini wieder besonders gesprächig,« brummte Meister Williguth und blies vergnügt die Backen auf. »Das macht die Freude über die neue Geige,« entschuldigte Frau Lisbeth, die schon von dem Geschenk der Trix wußte. Ihre Augen wanderten zu Karl Maria und liebkosten ihn in der unerschütterlichen Hoffnung, die eine Mutter bis zum Grabe aufrechterhält. Er aber senkte feig den Blick. So lief die Mahlzeit in behaglicher Gefräßigkeit hin, bis die Williguth ihren irdischen Menschen gesättigt hatten und nun auch nach seelischer Kost verlangten. »Hole also deine neue Geige und spiele uns die Chaconne von Bach!« ermunterte Johann Sebastian und schwelgte schon in musikalischen Genüssen, die er sogar dem Abendpfeifchen vorzog. Als Karl Maria widerwillig aufstand, als gälte es noch ein letztes Zögern, rief der gute Onkel: »Er mag den Bach nicht, der Barbar. Na, zeige uns, was du von Mozart gelernt hast!« Und breitspurig stapfte er zum Klavier. Denn die Schar der Williguth schmauste stets im Musiksaal, derweil ihre Leiblichkeit sonst keinen Platz fand. Karl Maria warf noch einen raschen Blick zurück. Da hing die Lampe mit dem grünen Schirm wie eine große Zipfelmütze über den gutmütigen Köpfen der Leute vom »Blauen Herrgott«. Und dort leuchtete das Goldhaar der Gundl. Mit einem Ruck schleuderte Karl Maria Schuld und Dankbarkeit von sich. Jetzt mußte es geschehen. Was wollte er noch hier? Ein unnützer Fresser war er, sonst nichts. Das Herz der Gundl hatte er verraten und die Mutter belogen. Noch einmal die Trümmer seiner Welt betrachten? Was gewann er damit? Jetzt stand er hinter der Tür. Wie aus weiter Ferne kam Gundls Stimme: »Karl Maria ist heute abend so sonderbar.« Und dann der Baß Johann Sebastians: »Sein Kopf ist wie ein Fliegenglas, voller Mucken.« Da lief Karl Maria davon. Und ein Wagenrollen ließ die Fenster des »Blauen Herrgott« leise erzittern.   So geriet Karl Maria Tredenius unter die fahrenden Leute, die dem Tag ihr bißchen Glück abgewannen und nicht weiter sorgten. Andreas Katzenkopf hielt ihn wie seinen Sohn, voll Seligkeit über die wiedererrungene Freiheit, die für seine alten Musikantenknochen wie ein laues Bad war. Zwei verbummelte Wiener Komiker, eine Provinzschauspielerin, ein schönes, wildes Mädel, das Herz und Jugend verschwendete, ein Nigger, der unanständig tanzte und amerikanische Kneiplieder brüllte, bildeten die Truppe, die auszog, mit ihrer neuen Kleinkunst zu siegen. In Frankreich stieß noch eine Amerikanerin dazu, die in Leipzig Musik studiert und dann irgendwie Schiffbruch erlitten halte. Sie vertrat die ernste Kunst und die deutsche Lyrik. Von ihr stammte auch der ganze Einfall, der ihr in Paris zugeflogen war. Katzenkopf besorgte das Klavier, und Karl Maria führte die Guarneri der Trix. Von Frankfurt sandte der Ausreißer das erste Geld heim und zugleich einen langen Brief an die Mutter. Darin war ein Jauchzen und ein Schimmer der Freude, die ihn auf ihren Flügeln himmelwärts trug. An Meister Johann Sebastian schickte er eine seltene Miniatur von Friedemann Bach, die ein Herr dem Karl Maria geschenkt, als dieser ihm allein alte Italiener vorgegeigt hatte. Darauf erhielt er liebe Worte von der Mutter und nachstehenden Brief des gestrengen Onkels: »Entarteter Neffe! Du hast den Staub des ›Blauen Herrgott‹ von deinen Schuhen geschüttelt und bist mit dem alten Narren davon gerannt. Ich hätte dir die Polizei aufs Genick setzen können, aber ich mag nicht, weil ich selbst der Esel war, dich dem Katzenkopf in die Mausefalle zu schieben. Jeder ist mit seinem Gott allein. Und so wandere auch du in seinem Schatten, nur verbummle dich nicht. Deine Mutter hat geweint, als dein Geld kam. Ich aber habe gelacht. Hast doch einen Tropfen vom Blute der Williguth. Und für das Bildchen muß ich dir sogar, widerwillig genug, danken. Mache es dem Schurken nicht nach, der seines Vaters Erbe vergeudete. Friedemann hatte den göttlichen Funken, aber er ließ ihn in den Wein fallen, den er allzugern trank. Giacomo, der zweite Narr aus meinem Blut, ist in Paris und verdient Geld wie Heu, derweil er andern die Knochen bricht. Halte die Musik heilig und bleibe gesund! Dein tieferzürnter Oheim Johann Sebastian Williguth.« Darunter standen einige freundliche Zeilen von der Kundry. Als Katzenkopf das Schreiben las, meinte er bedächtig: »Er neidet uns das Glück.« Und Karl Maria glaubte ihm und rannte einen wilden Weg mit wilden Gesellen.   Die Variétéleute trieben es arg und lärmend, als ob sie eine grelle Nacht und einen bleischweren Tag zum Gleichgewicht brauchten. Auch der alte Andreas hatte Lumpenblut, trank gern ein Gläschen über den Durst und hielt dann zuchtlose Reden bis zum Morgengrauen. Kam dieser böse Geist über ihn, tat der Alte ein kluges Werk, ehe er sich dem Versucher überantwortete. Er sperrte Karl Maria einfach ein und ließ ihm nur verstaubte Noten und seine Geige zur Gesellschaft. Zuerst hämmerte der Bub zornig wider die Tür und maß die Entfernung zwischen Fenster und Erdboden. Schließlich holte er irgendeinen kleinen dummen Brief von der ungelenken Hand der Gundl hervor und steckte die Nase tief in diese Mädchengüte. So hielten die Briefe der Gundl seine Seele blank und rein, wie ihre fleißige Hand das Messingzeug im »Blauen Herrgott«. Seltsam war, daß Miriam gar nichts von sich hören ließ. Die Kundry hatte nur mitgeteilt, daß Miriam an die Oper engagiert sei, vorher aber noch einige Zeit an einem kleineren Theater singen müsse. Und daß Joseph Italiener jetzt oft in den »Blauen Herrgott« fand, wußte Karl Maria ebenfalls. Ob er wohl der Kundry wegen kam? So ward es Frühling, Sommer und wieder Herbst. Das Leben galoppierte dahin, und Karl Maria lief mit über Stock und Stein und merkte gar nicht, daß ein Jahr fast vorüber war, seitdem er sich aus der Heimat fortgestohlen hatte. Um die Jahreswende traf ihn endlich der erste kurze Brief der Trix. Der aber war voll Zorn und Vorwurf. »Wie ein dummer Junge bist du davongelaufen. Ich mag dich nimmer und war so froh, daß ich dich wieder hatte.« Das geschah in Augsburg, als der Schnee dicht und weiß auf den Bürgersteigen lag und in schweren Wächten von den hohen Häusergiebeln herabdrohte. Die verblichenen alten Fresken hatten häßliche weiße Flecken, nur daß dieser Hermelin nicht um den Hals, sondern mitten im Gesicht saß. Ein halber Knabe sprang da durch den Schnee bis auf das Lechfeld hinaus und trug eine helle Freude mit sich. Sein Gedanke war: Die Trix denkt noch an mich. Er langte in den Schnee, machte Ball auf Ball und schleuderte sie in vergnügter Rauflust gegen unsichtbare Feinde. Als er daheim war, holte er die Guarneri, spielte das alte Jahr zu Grabe und meldete dies in knabenhaftem Hochmut an Frau Beatrice. Diesmal blieb er lange ohne Antwort, und das bunte Leben ließ ihm keine Zeit zur Grübelei, die seine alte Fäden hätte wieder anspinnen können. Er aß und trank, wuchs in die Höhe und auch etwas in die Breite und spielte eifrig auf seiner Geige. Andreas Katzenkopf klopfte ihm auf die Finger, wenn er allzu keck seinem Eigenwillen nachhing und halsbrecherische Kunststücke übte, die nicht ans Herz griffen. Da schoß dann Herr Andreas auf und nieder, daß sein fadenscheiniger Schwalbenschwanz wie ein Teufelsschwänzlein hin und her tanzte, hielt die Ohren zu und wimmerte: »Pfui Teufel, sollst in der Hölle braten. Kein Mensch will wissen, was der Tredenius aus Schumann machen kann, sondern nur, was der verrückte Robert da zusammenkomponiert hat. Mehr Demut, Bub!« Aber die Jugend ist nicht gerne fromm vor fremder Heiligkeit, da in ihren Adern ein ganzer Weltenfrühling braust. Und so riß auch der Unband oft die schönsten Notengespinste auseinander und warf die Takte kreuz und quer. In Trotz und Übermut, als spielte er mit seiner Kraft. Bitter genug war es ohnehin, daß er Abend für Abend süße Walzer und französische Gassenhauer fideln mußte, was den Leuten Spaß und ihm Qual bereitete. Aber er hing mit Leib und Seele an diesem Zigeunerleben und hätte es nicht mehr hingegeben um alles Behagen des »Blauen Herrgott«. Als einmal die Goldernte ganz besonders reichlich ausgefallen war, schickte Karl Maria davon an seine Schwester und schrieb ein artiges Brieflein dazu, da er ja von seinem Glück stets gern andern mitteilte, wie einst, als noch der Vater sein Impresario und Kassier gewesen war. Und es kam eine Antwort. Viel Freude brachte sie nicht. Martha dankte für die liebe Erinnerung, glitt aber sofort über ihr Tun und Treiben weg und stellte Spott wie einen Lampenschirm vor ihr Herz. Doch Karl Maria erriet alles, was seine Schwester ihm verbergen wollte. Schließlich mahnte sie ihn, heiter und keck durchs Leben zu gehen und ja keinen Blick hinter sich zu tun, sonst würde es schlimm. In dem Umschlag lag auch noch ein geschlossener Brief. Der kam vom Vater. Lange drehte Karl Maria das weiße Ding in der Hand, nicht willig, in die Vergangenheit zurückzuschauen. Da sah er, daß Martha einige Worte mit Bleistift hingekritzelt hatte: »Tu' nicht, was er verlangt.« Schnell las er, was sein Vater schrieb. »Es freut mich, daß du frei und munter in der Welt herumziehst. Ich beneide dich darum. Und dabei könnte ich jetzt gut bei dir sein. Denn sie haben mich pensioniert. Ein Tredenius taugt nicht ins Joch. Du könntest jetzt schon leicht ganz allein Konzerte geben, zunächst in kleinen Städten; so eine Seiltänzergesellschaft scheint mir nicht das Richtige für dich. Freilich bist du dein eigener Herr. Aber wir verstanden uns einst doch ganz prächtig, als du bei den reichen Leuten geigtest und ich den hochnäsigen Herrschaften das Geld herausholte. Ein Wunderkind braucht einen Impresario. Die Welt ist schlimm, und du bist jung. Wenn du also Lust hast, laß mich kommen. Etwas kindliche Liebe wird ja noch in dir sein. Von deinem Gelde, das mir Martha gab, lasse ich mir einen neuen Anzug bauen. Meiner ist arg mitgenommen. Martha hat auch ein knappes Leben. Und ihr Mann, – ach Gott, Karl Maria, das ist ein böses Kapitel. So bin ich eben der geduldete alte Vater. Mein Haar ist auch bereits grau.« So ging das noch eine Weile fort, und schließlich bot er sich nochmals als Impresario an. In zorniger Scham ließ Karl Maria das Blatt sinken. Ekel faßte ihn, daß er mit geballter Faust die letzten Trümmer dieser Erinnerung zerschlug. An dem Abend rannte Karl Maria Hals über Kopf in die Weinkneipe, wo seine Genossen zechten und sangen. Die Glocken brummten die Mitternacht. Und die kleinen Alchimistenhäuser aus Kaiser Rudolfs wunderseliger Zeit lagen wie bucklige Zweige in bunten Gewändern im Mondlicht, das über Prag und die Moldau ausgegossen war. So saß der schöne Bub, als er seine Heimat endgültig verloren hatte, unter dem fahrenden Volk, steckte den Kopf in die Weinkanne und vertrank seinen Ekel. Der alte Andreas erzählte lustige Schnurren und ahmte Tierstimmen nach. Das hübsche tolle Mädel, die Katinka Himmelmayr, schwang sich mit dem Neger im Tanz, und ihre Lippen waren rot und durstig. Dann taumelten sie heim. Karl Maria hätte in dieser Nacht seine Seele verkauft, wenn in Prag der Teufel nicht gerade anderes zu tun gehabt hätte, als einen kleinen Geiger zu umgarnen. In dem Häuschen mit den altertümlichen Erkern gab es noch argen Skandal, als Andreas in höchster Wonne die winkelige Treppe justament hinankriechen wollte. Später trat die Katinka noch einmal ins Zimmer, wo Katzenkopf seine Weltweisheit in die Nacht donnerte. Als das leichtsinnige Mädel die gierigen Augen des Jungen auf sich gerichtet sah, schlug sie schnell den alten Frack des Andreas um ihre nackten Schultern und lächelte beinahe traurig, als hätte sie Angst vor einer großen Dummheit, die ihr in Herz und Sinn lag. Herr Andreas hielt mit den nackten Füßen die Guarneri seines Schülers und wimmerte, er sei der Rat Krespel und müsse in die Eingeweide der Geige blicken. Da nahm die Katinka dem Alten die Geige weg und sagte zornig: »Der Bub ist doch da.« Mit einem Male faßte sie Karl Maria um den Hals und küßte ihn, daß sein Blut erschauerte. Dann aber ging sie rasch hinaus und schloß die Tür hinter sich, drehte auch von außen den Schlüssel um und zog ihn ab. »Wer ist der Rat Krespel?« fragte Karl Maria, und Katzenkopf murmelte halb im Schlaf: »Ein Narr wie ich.« Mißmutig trat der Junge ans Fenster und blickte in die Mondnacht hinaus, die in blauem Silber über Prag lag. Ganz leise schlich er zur Tür und rüttelte daran. Aber sie war verschlossen. Und draußen klang ein fernes Lachen. Voll Scham und Zorn zerriß Karl Maria seines Vaters Brief und lag wach bis zum Morgen. Ein neues Wunder war in seinem Blut. Am Nachmittag brachte Katinka Himmelmayr einige Bücher, hielt sie Karl Maria mit zaghaftem Lächeln hin und sagte: »Komm abends nicht mehr zu uns!« Als er etwas erwidern wollte, rief sie fast heftig: »Tu's nicht!« Und jetzt glich sie auf einmal der Kundry im »Blauen Herrgott«. So schien es wenigstens dem Karl Maria Tredenius. Herr Andreas trat nun auch hervor und sprach etwas stockend: »In einer bösen Stunde hast du mich nach Rat Krespel gefragt. Nun haben wir lange in dieser Tschechenstadt nach dem guten deutschen Weintrinker Ernst Theodor Hossmann gesucht, der Mozart zuliebe sich noch den Namen Amadeus ans Schwänzlein hängte. Lies, mein Sohn, und lerne die Weisheit, daß auch Ernst Theodor Amadeus den Rausch heilig hielt.« Er schnappte nach Luft und fuhr fort: »Und schließlich steckt da drin so viel Musik, daß ein Mensch sein ganzes armes Leben damit reich machen kann. Jeder Musiker sollte den weinseligen Hoffmann als Gebetbuch bei sich tragen wider alle Anfechtungen des Teufels, denen gestern sogar Andreas Katzenkopf schmählich erlegen ist.« Mit einem gütigen Lächeln, das aus der Kinderseele dieses Greises herauffand, legte er die verstaubten Bücher in Karl Marias Hand. Es schien dem Knaben aber, als sei Katinka die eigentliche Gebern. Da grub er die Zähne in die Oberlippe und sagte kargen Dank. So kam er voll Unwillen über eine irdische Enttäuschung in das Zauberreich Hoffmanns. Künstler und Narren liefen da durcheinander, vom Rat Krespel, der alle alten Geigen an sich reißt und in altes Holz zerwirft, zu den dämonischen Sängerinnen. Andreas Katzenkopf war ja selbst so eine Art Krespel, der sein Leid hinter läppischen Absonderlichkeiten verbarg. Da las man von Abenteuern, unwahrscheinlich, Irrlichtern gleich, doch alles aus einer treuen deutschen Sehnsucht aufbrennend. Ja, sogar Johann Sebastian Williguth und die Seinen entdeckte Karl Maria in den Blättern, die nun seine einsamen Nächte reich und schön machten. Da war ein alter, eigensinniger Organist, bei dem Hoffmann die ersten Gehversuche in der Musik tat, wie Karl Maria bei Onkel Williguth. Auch komische Käuze wie Tante Apollonia und der steife Mediziner im »Blauen Herrgott« hatten ihr Ebenbild in den wunderlichen Gestalten dieser Geschichten. So wanderte Karl Maria durch des Kapellmeisters Johann Kreisler Beichte wie durch sein eigenes Leben und fand Trost und Stärke darin. Von Geigen war da viel die Rede, von wunderlichen Schicksalen wunderlicher Männer, die nur eines heilig hielten: die Musik. Im »Blauen Herrgott« war es ja ebenso, nur daß dort Bücher gar seltene Gäste waren. Und als die Geschichte von dem närrischen Schüler Tartinis daran kam, der alle Geiger als seine Lehrlinge bezeichnete und Geld gab, daß sie bei ihm Stunden nahmen, tauchte Joseph Italiener auf, der klugen Rat für andere wußte und doch selbst ein Stümper blieb. Von Mozart las er und prüfte auf der Geige nach, ob Hoffmann in allem recht hatte. Die wunderbare Andacht, die der alten Kirchenmusik gewidmet ist, lehrte ihn Achtung vor Meister Williguths Tun, daß er einen lieben Brief an den alten Onkel sandte und süßsauere Anerkennung dafür erntete. In Leipzig geschah es, daß Karl Maria nach langer Zeit wieder ein Konzert hörte, da seine Abende doch jetzt den Walzern und Gassenhauern gehörten. Und er gedachte des Brahms-Trios in H -Dur, als er mit Gundl, ganz zusammengeduckt, vor der Gewalt dieser Musik gesessen hatte. Der Name Hans Geßner trat vor ihn, wie ein roter Zeiger, der in seine eigene Zukunft wies. Als Katzenkopf vernahm, welches Konzert Karl Maria besuchen wollte, grinste er vergnügt: »Warte, mein Junge, da nimm vorher ein Pulver ein!« Und er suchte lange in den Hoffmannbänden, dann schlug er eine Stelle auf und sprach bedeutungsvoll: »Beethoven ist das letzte Gericht. Sei stark, Karl Maria!« Da las der Junge, was Hoffmann über Beethoven und insonderlich über seine C -Moll-Symphonie sagt, las, bis sein Herz brannte und seine Hände zitterten, und saß wieder mal eine ganze Nacht vor Klavier und Geige, wie vordem im Musiksaal der Williguth. »Herrgott, bin ich klein,« murmelte er, wie einer, dem auf einmal zuviel Reichtum zufällt. So rang er wieder mit Beethoven. Aber seine Seele war noch ein armes, schüchternes Ding und konnte nichts anfangen mit diesen riesenhaften Schatten. Das Konzert selbst war ein Sturm, der Halbwelkes und Altgewordenes abriß und wegblies. Mit hellen Augen trat Karl Maria hinaus. In seinem Herzen war das Läuten der Kirchenglocken, die ihre Freude hinausschwingen, wenn Ostern über die Welt kommt.   Und Frühling war es, als Andreas Katzenkopf mit seiner Schar nach Weimar kam, allerdings ein thüringischer Frühling, der herber und spröder ist als weiter unten im Süden. Aber Sonntag war es, und ein blauer Himmel stand gar freundlich über der Stadt, in der deutsche Schulmeisterlein hinter ehrfürchtigen Brillen und frohe Weltfahrer aus innig erstaunten Augen eine der Wiegen kernhaften Deutschtums betrachten. Das Sachsenland ist gar reich daran. Da liegen die alten Klosterschulen, in denen der stolze neue Geist des Widerstandes wuchs, da ist Wittenberg, wo sich leider nicht das ganze deutsche Volk von den Ränken jenseits der Alpen schied, und da wogt gelbe Saat, wo deutsches Blut den Acker düngte. Da stand jetzt Karl Maria Tredenius in seinem Kämmerlein und blickte in den Frühling hinaus, der jung und heiß und dumm war wie er selbst. Von der Jakobskirche dröhnte die Orgel, als ziehe Johann Sebastian alle Register und opfere seinem Bach. Ganz leise ging der Sonntagfrieden durch die engen Gassen. Im Zwingergarten, der, zwischen zwei alte Häuserchen gepreßt, sein bescheidenes Lenzfest feierte, sahen weiße und gelbe Augen gar andächtig ins Himmelblau, und die zwei oder drei knorrigen Obstbäume trugen Blütenschnee, daß Stamm und Ast wie Mohrenglieder aus dem weißen Hemde langten. Der Efeu kletterte die alten Feuermauern hinan, nur die Ramblers begnügten sich einstweilen noch mit froher Verheißung. Karl Maria hielt Auslug und dachte an den »Blauen Herrgott«, wo jetzt der Oheim die Orgel spielte und die vielen Williguth leider Gottes schon Mittagsgedanken hatten. Und die Trix faulenzte jetzt wohl in ihrem Park und fing die erste Sonne auf. Hell und reich war diese Stunde und voll feierlicher Einkehr in sich selbst. Am Abend lief Karl Maria durch die blaudämmerigen Gassen bis weit hinaus. Nebel flatterten vor ihm her. Und da schoß ein Wässerlein im Buschwerk. Der ungelehrte Geiger kannte nicht den Namen, aber er freute sich doch daran und ging dem Glucksen des Flüßleins nach. Im unruhigen Licht der Sterne trat eine Ruine aus dem frühlingsknappen Grün. Auf den Wiesen zogen die Nebel ihre Schleier, und dahinter am Berghang blitzten einige Lichter. Und er wußte: Dichter hatten hier gelebt, ihr irdisches Sein mit starken Wurzeln in diesen Boden gesenkt und mit den Armen nach den Sternen gegriffen. Kreuz und quer ging dies alles durch Karl Marias Kopf, als er so die zerstreuten Stückchen seiner Gymnasiastenweisheit zusammensuchte. Überall gab es Lücken, und er schüttelte mißmutig den Kopf. Hinter dem Nebel war ein milchiger Glanz, als klappte der Mond seine Nachtlaterne auf. Und da drüben stand ein weißes Haus mit hoher Dachkapuze. Auf dem Anger davor tummelten sich die Nebeljungen. Sehnsüchtig blickte Karl Maria hinüber. Ob da wohl einer ausruhte von mannigfacher Weltfahrt, wie er sie jetzt trieb? Demütig bat er die blaßschimmernden Sterne um ein wenig Glück, straffte die Muskeln und rannte wieder in die Nacht. Durch eine einsame alte Kastanienallee ging es, wo der Nachtwind das frischgrüne Laub zauste, bergaufwärts, bis vor ein gelbes Schloß. Durch eine solche Allee war er zum Hause der Trix gelaufen, die seine heißen Hände kalt von sich getan hatte. Der blieb nicht Sinn noch Zeit für einen Geigerjungen. Ein neuer Stolz ward Herr über dieses Weh, und er wanderte wieder nach Weimar zurück. Schwarz wuchs die Jakobskirche aus dem matten Mondgerinnsel, und da grüßte das traute kleine Haus, von braunen Ranken umsponnen, aus denen bald leuchtende Rosen sprießen sollten. Auf dem Pflaster glitt ein zitteriger schmaler Schatten auf und nieder, wie mit der Schere als Silhouette geschnitten und von einer unsichtbaren Hand in Bewegung gehalten. Dürr und lang lief da ein Mensch vor dem Hause, zwei schwarze Spitzen flatterten hinterdrein, und daraus lugten ein blauer und ein gelber Flaschenkopf hervor. Ernst Theodor Amadeus hätte keine schnurrigere Gestalt ersinnen können, als sie in der Person Andreas Katzenkopfs hier leibhaftig auf und ab trabte. »Da bist du endlich, mein Junge,« begrüßte er mit weitem Schwunge seines unheimlich hohen und ebenso schäbigen Zylinders Karl Maria Tredenius. Der riß erstaunt die Augen auf, als der Alte geheimnisvoll fortfuhr: »Weißt du, in welcher Stadt du bist? Vor vierzig Jahren war ich auch da, so jung wie du und so dumm wie du. Aber heute will ich wieder jung sein und dir von den Geistern von Weimar erzählen.« Aus einem Winkel des Hauseinganges holte er Karl Marias Geigenkasten: »Nimm das mit, Bub! Die Pfaffen lassen Weihrauch dampfen und du deine Geige. Ist kein schlechter Ding.« Wieder schritt der Bub mit dem alten Kind in die Nacht hinein. Der Mond war langsam höher geglitten und gab all sein Licht an die stille Stadt. Wieder stand Karl Maria auf der nebeldampfenden Wiese, die jetzt wie ein Teich brodelte und wogte, und drüben glänzte silberweiß das Haus mit der Dachkapuze. »Hier wohnte Goethe,« sagte Katzenkopf und streckte feierlich beide Arme aus wie Meilenzeiger in die Ewigkeit. »Die Geige ans Kinn!« herrschte er dann. »Denk jetzt an Mozart und los!« Mit seltsam singender Stimme schritt er quer durch die nachtfeuchte Wiese, die Augen groß und leuchtend, ein deutscher Bettler im seligsten Traum. Und er sang: »Um Mitternacht, Wenn die Menschen erst schlafen. Dann scheint uns der Mond, Dann leuchtet uns der Stern Wir wandeln und singen Und tanzen erst gern.« Darüberhin flog die Guarneri, ohne Angst vor der schlimmen Feuchtigkeit der Nacht, und eine Jungenseele flog mit, brannte hell wie ein Irrwisch und tanzte mit Melodien aus Wolfgang Amadeus um die Wette. Aus dem G -Moll-Quintett griff er sie heraus, halb Schmerz und halb Lust. Und die Ilm rauschte den Grundbaß. Licht und Schatten unvermittelt nebeneinander, in Moll und Dur, aus einem Motiv entwickelt. Der Alte sang: »Und wandeln und singen Und tanzen einen Traum.« »Solange wir Bettler Goethe und Mozart und Bach und alle die anderen haben, dürfen wir nicht verzagen,« murmelte Herr Andreas und besah seine nebelnassen Schuhe. »Nun wollen wir ihm ein fröhliches Schmollis anbieten, dem alten Herrn mit der lichten Seele!« Er zog eine blauköpfige Flasche aus seinem Rock und machte sich mit einem Pfropfenzieher zu schaffen. Dann trank er und neigte sich vor dem Haus im Mondlicht. Und Karl Maria aus dem »Blauen Herrgott« tat ihm Bescheid. Das weiße Haus glänzte durch den Nebel wie ein fernes Ziel. Karl Maria warf einen scheuen Blick auf den freudig bewegten Greis und murmelte, sodaß der Bacchusselige es nicht hören konnte: »Laß mich nicht werden wie Andreas Katzenkopf!« Der kluge Geheimrat hätte dazu wohlwollend mit dem Kopf genickt. Aufrecht und stolz im Gefühl seiner frisch erkämpften Sicherheit ging der Junge mit Katzenkopf über die dampfende Wiese, tiefer in den nächtlichen Park. Herr Andreas aber schleuderte wohlgemut seine Lieder in diese Stille und trank dazwischen aus der blauköpfigen Flasche zur Herzstärkung. Mit taumelnden Schritten führte er den Jungen zum Borkenhäuschen, dessen braungraue Rinde mit Silberflecken übersät war. Nun kam die zweite Flasche daran, die mit dem gelben Kopf. Ins Trinken mischte er weise Worte und senkte seine geringe und krause Weisheit über die Großen von Weimar dem Knaben ins Herz. Von schönen Frauen wußte er mancherlei und von lustigen Nächten, als ein Tanzen und Wiegen über diese Wiesen gegangen war. »Auch heute noch, mein Sohn, gibt's feines Frauenvolk in dieser Stadt. Ums Abenddämmern vor dem Theater habe ich eine gesehen, daß mein Herz wieder jung werden wollte. Brennheiße Augen und ein roter Mund. Und daneben ein dickes Ungetüm, häßlich wie Kaliban. Ach Gott, wenn du erst küssen könntest!« Karl Maria lächelte leise, und seine Hände streichelten das braungraue Rindenwerk. Herr Andreas aber erzählte von den geheimnisvollen Nächten, da Goethe in der Ilm badete und dem Monde zujauchzte, von der stillen Arbeit des Einsamen unter den Lauten wußte er freilich viel weniger. Doch er gab Bruchstücke aus dem »Faust« und Fetzen aus den Gedichten, wie es eben in seinem Kopf bunt durcheinanderlag, und hielt so heilige Nacht auf seine Weise. Karl Maria tat manche Frage, die Katzenkopf unwillig von sich abschüttelte, derweil er doch nur bestrebt war, sein irres Leben durch das Treiben dieser Großen vor dem Jungen zu rechtfertigen. Als er gerade mit seiner Fistelstimme von der Sehnsucht sprach, die Goethe nach Italien getrieben, und die Pracht der oberitalienischen Seen, die er einmal geschaut, in hellen Farben ausmalte und zugleich seine Wanderschaft als die Erfüllung der gleichen Sehnsucht hinstellte, merkte er, daß Karl Maria eingeschlafen war, die Geige unter dem Rock versteckt, wie ein Kind wohl mit einem lieben Spielzeug tut. Katzenkopf hockte sich daneben und deckte ihn mit seinem Leibe vor der Nachtkühle; er selbst schlief nicht, saß nur mit nachdenklichem Gesicht, als hätte er Furcht, diesen Jünger bald zu verlieren. Der Morgen erst scheuchte die beiden auf. Wieder brodelten Nebel, die Sonne kämpfte dawider und ward Herr über sie. Als sie nach der Stadt wandelten, todmüde und doch glücklich, gab der Alte Karl Maria einen scherzhaften Stoß: »Hast du sanft geträumt, Bub? Steck' diesen Traum in deinen Schnappsack und, hat dich der Kummer, krame darin.« Karl Maria lächelte und ging in diesem Maimorgen wie einer, dem in Bälde ein großes Glück beschieden sein muß. Am Abend aber strich er die Geige im Tivoli zu den ausgelassenen Liedern seiner Genossen. Einige Tage später kam er am Theater vorbei und las aus Langeweile den Zettel. Heute gab man »Hoffmanns Erzählungen«. Da sein Herz voll von Hoffmanns Spukgestalten und musikalischen Schattenbildern war, kaufte er ein billiges Billett und ließ Andreas Katzenkopf die Musik allein besorgen. »Willst du uns untreu werden?« fragte der Alte und wackelte sorgenvoll mit dem Kopfe. Als er aber vernahm, worum es sich handelte, grinste er vergnügt: »Recht so, geh nur zum Hexenmeister! Ist seit kurzem tot, aber seine Musik hat ewige Leichtigkeit.« Und er hoffte, daß diese musikalische Romantik den eigenwilligen Jungen ganz in seine milde Gewalt bringen werde.   Offenbach schlug die Trommel, flugs krochen die Kellergeister hervor, überschlugen sich in Sechzehnteln und stampften dann wieder in knappen Akkorden. Um das Herz einer Sängerin aber werben ein alter Geldsack und ein Dichter. Dann kommt Hoffmann und irrlichtert von Stella, die er heute wieder gesehen, so daß die alte Wunde aufbrach. Karl Maria saß mit klopfendem Herzen und trockenen Lippen vor dieser Geisterwelt, die er seit der Prager Mondnacht allzugut kannte. Das Lied vom Zwerg Kleinzack rauschte auf, und der Junge glaubte, sein eigenes Leben vor sich zu sehen, ruhelos, arm und doch reich an Schönheit. Im Andante ist die alte Liebe wieder da. Geduckt verschwindet der Zwerg Kleinzack. In Karl Maria geschah das gleiche Wunder. Die Linde im engen Garten blühte wieder, Joseph Italiener hängte die kurzen Beine über den verrußten Efeu und ließ seine Geige klingen, die Miriam trieb ihr Stimmlein wie ein mutiges Rößlein und tanzte zwischen Lachen und Weinen. Was stille, treue Wesen der Kundry schob sich dazwischen und die Heimlichkeit der Nächte, in denen im »Blauen Herrgott« ein einsamer Bub der Musik gedient hatte, und dann wie hinter fernen Schleiern das Bild der Trix. Auf der Bühne klagt Ernst Theodor Amadeus: »Drei Frauen im nämlichen Weibe, drei Seelen in einem einzigen Leibe: Künstlerin, Puppe und Kurtisane.« Der undankbare Neffe Johann Sebastians machte schnell aus der armen Kundry eine Puppe und aus der seltsamen Trix, die ihr Spiel mit ihm und aller Welt trieb und eines anderen Frau war, eine Kurtisane. So rächte sich das beleidigte junge Blut. Nur die Miriam blieb, was sie war. Coppelius bringt Brillen, durch die man die Welt, wie man will, schwarz oder weiß sehen kann. Karl Maria dachte an Andreas Katzenkopf, der alles weiß und licht sah, und an die Nacht an Goethes Gartenhaus. Dann gleitet Olympia herein. Karl Maria riß es empor. Und er warf sich nach vorn. Verzweifelt strich er über die Augen, als trage er selbst eine Brille des Coppelius. Dort oben hüpfte wie ein Automat ein junges Weib. Aber es war keine Puppe, sondern die Miriam Italiener. Wie ein Silbervogel flog ihre Stimme auf, kletterte das künstliche Schnörkelwelk empor und schaukelte übermütig in den Ranken der schwierigsten Koloratur. Die dunklen Augen waren streng und starr geradeaus gerichtet, die Arme hingen schier krampfhaft herab, ihr ganzer lebenswarmer Leib schien in einen toten Mechanismus gepreßt. Nur die Triller schnellten daraus hervor, wie fein geschliffene Perlen. Ihre Stimme klang heller und reicher als je zuvor. Schamröte färbte Karl Marias Wangen; jäh wuchs ein häßlicher Neid in ihm auf, der das Wunder dieses Wiederfindens verdarb. Die Miriam sang im Hoftheater, Karl Maria aber geigte in dunklen Seitengassen vor Spießbürgern und Handlungsgehilfen. Da kroch er ganz in sich zusammen, schloß die Augen und horchte nur. Mit einer zierlichen Kadenz brach Olympia ab. Karl Maria blickte auf. Die Miriam war fort. Er sprang auf und drängte sich durch die Leute, daß es eine kleine Verwirrung gab, hinaus in die Mainacht. Er rannte in den Park zu Goethes Gartenhaus, warf sich auf eine Bank und heulte laut trotz seiner achtzehn Jahre, weil alle Gottähnlichkeit, die er wie einen goldenen Mantel um seine Einsamkeit gehängt hatte, in nichts zerfiel. Hundeelend war ihm zumute. Meilenlang hinter der Miriam lief er dem Leben nach, dumm und trotzig, und zu nichts zu gebrauchen. Noch in derselben Nacht bat er Andreas Katzenkopf, Weimar schnell zu verlassen, und als der Alte erstaunt nach dem Grunde fragte, schüttelte er nur verstockt den Kopf: »Ich kann dir nichts sagen. Es ist mein Unglück, wenn ich bleibe.« »Zum Teufel, sei kein altes Weib!« »Ich will aber fort.« Und dabei blieb er. »Es sind gute Einnahmen, und da können wir doch nicht deiner Launen wegen kurzerhand weg.« »Dann gehe ich allein.« »Vielleicht als Kirchweihmusikant?« höhnte ergrimmt Herr Andreas. Sein Schüler aber packte seine Siebensachen. »Irgendein Theaterkapellmeister nimmt mich schon.« Dunkel nur empfand er, was ihn forttrieb. Er wollte sein Elend nicht vor der Miriam spazieren führen, nicht der dürre Schatten sein, den ihr helles Wesen auf das Pflaster warf. Und dann hatte er Angst vor seinem Blut, das auf einmal heiß und süß war wie der Frühling ringsum, voll von alter Erinnerung mit einem neuen seltsamen Verlangen. Da riß er lieber aus. Zum Abschied wanderte er noch einmal in den Park, wo er in jener Nacht so selig gewesen war und alles im rechten Geleise geglaubt hatte. Heute lag Baum und Wiese in der vollen Sonne. Zornig biß Karl Maria die Lippen aufeinander. Nun hatte er die langersehnte Freiheit und schleppte sie doch wie eine Kette, als großer Tor, der sich mit dem Leben nicht abzufinden wußte. Jetzt hieß es ganz bescheiden in einem Orchester unterkriechen, wie Joseph Italiener. Neidisch guckte er in den Garten vor Goethes kleinem Haus, wo der Frühling seine Pracht hatte. Aber der alte Geheimrat war tot und hatte seine Weisheit mit sich genommen. Auf einmal kam ein Lied durch die Luft, ein ganz dummes, kleines Lied. »Storch, Storch, Langbein, Wann fliegst du zu uns herein, Bringst dem Kind ein Brüderlein?« Karl Maria kannte das Lied. Langsam wandte er sich um. Da stand hinter ihm die Miriam Italiener und sang das Storchenlied aus ihrer Kinderzeit, als das Mädel, gar so lang und dürr, sich und die Mitwelt mit dem Jammer ihrer Häßlichkeit gequält hatte. Jetzt aber war sie hübsch und alles Storchenhafte von einer fast fraulichen Fülle besiegt. Nur in ihren Augen war noch die alte Nichtsnutzigkeit, das schwere Kinn stieß in die Luft, als müßte es unbedingt und allezeit recht bekommen. Der volle Mund trillerte den Kehrreim und klappte dann schnell und herb zusammen, als Karl Maria täppisch und wortlos blieb und nur ein erstauntes Lächeln aufbrachte. Sie kam ganz dicht an ihn heran, warf ein paar Zornfunken aus ihren wilden Augen und legte ihm die Finger auf den Arm. Und dann war ihr Kuß auf seinem Mund. Da tat er ihr Bescheid und ließ die Flämmchen in seinem Blut zu einem gefährlichen Feuer aufbrennen. Das Kinderspiel hob wieder an, nur daß es nicht mehr ein blasser und unbestimmter Wunsch, sondern ein Verlangen war, ein dumpfsüßes Erfülltsein. Als er nun sein Schicksal erzählen wollte, schloß sie ihm die Lippen mit der festen kleinen Sand: »Ich will nichts wissen.« Jeder Stunde gewann sie süßen Raub ab. So wandelten sie durch den Park, heiter und wehmütig, in der seligen Mischung, die der schelmische Gott zusammenbraut. Hin und da flog ein Stückchen Wirklichkeit dazwischen, wie: »Der dicke Hans ist mein Kammermädel« oder: »Ich geige im Tivoli«. Aber alles nur ganz nebenbei, als käme es einzig und allein darauf an, daß sie beide Arm in Arm durch diesen Frühling schlendern konnten. »Mein schöner Bub« dachte voll Stolz die Miriam, und »Es ist wie im Märchen« sann der glückselige Karl Maria. Als so die Wonne des Wiederfindens genugsam verkostet war, mußte Miriam eine kleine Bosheit los werden, die ihr schon lange locker auf den Lippen saß: »Bruder Joseph ist verliebt in deine Kundry.« Nur so leichthin, mit einem unmerklichen Spott in den Augen. Karl Maria schwieg, verwundert schüttelte er den Kopf, weil er nicht begriff, wie die Miriam ihn so bereitwillig küssen und gleichzeitig so gering über die Liebe ihres Bruders sprechen konnte, alles in einem Atem. »Sie mag ihn nicht,« sagte er endlich würdevoll und schaute geradeaus in die flimmernde Sonne. War er denn besser als die Miriam? Hatte er nicht auch mitleidig gelächelt über Josephs Unsinn, der doch nur mit einer jammervollen Enttäuschung enden mußte? Er erschrak beinahe vor dem Stück Weltklugheit, das er schon in seinem Schnappsack hatte, ein hart verdientes Ding. Darum war er auch still von seinem Theaterbesuch, um die Eitelkeit der Miriam nicht zu kränken, die es ihm nie und nimmer verziehen hätte, daß er von ihrer Anwesenheit in Weimar gewußt hatte und doch nicht zu ihr gekommen war. So blieb ihr Glück ungestört, und keiner dachte, was morgen sein würde. Von Karl Marias Plan, die Stadt noch heute zu verlassen, blieb es mäuschenstill. Trotzig warf er den Kopf auf, er war sein eigener Herr und konnte nach seinem Belieben handeln. Auf dem Brücklein, das über die Ilm führt, bettelte er um einen weiteren Kuß. Er wurde ihm in Gnaden gewährt und zugleich das Versprechen erteilt, am Abend das Theaterchen im Tivoli zu besuchen. Miriam gab dem lieben Jungen einen Nasenstüber und lächelte verheißungsvoll. Ihr Leib straffte sich, ihr Atem ging rasch und warm. Im Schatten liefen Sonnengold und Blattgrün über ihr eigenwilliges Gesicht. Vor dem Schlosse trommelte man den Mittag ein. Die Wache zog auf. Ein Offizier salutierte lächelnd der Miriam. Karl Maria senkte finster den Blick. Da wußte er, daß er sie lieb hatte. Die Miriam aber war in stiller Freude, daß auch hier der Sieg ihr gehörte. An diesem Abend geigte Karl Maria so innig und herzwarm daß er wußte, Hans Geßner hätte zufrieden gelächelt. Die Miriam saß in einem blauen, allzutief ausgeschnittenen Kleide an ihrem Tischchen, nippte Sekt und ließ ihren Kopf von einem Riesenhut mit schwarzen Straußfedern beschatten, der ihre erste Monatsgage glatt verschlungen hatte. Johanna Italiener hockte daneben und aß sich gründlich satt, wozu sie Augen, Hände und Kinnbacken gleichmäßig beanspruchte. Als Karl Maria später zu den zwei Schwestern kam, tat die Miriam sehr erstaunt: »Fein, mein Junge. Aber was ist das für eine Geige?« Einen Augenblick zögerte er in seiner nagelneuen Weltweisheit, dann aber verriet er das Geheimnis der Trix. »Ach so, von der?« Das sagte sie in der himmlischen Gerechtigkeit ihrer neunzehn Jahre und in der gekränkten Schenkseligkeit, die ihr Herz an den dummen Jungen zu vergeben wünschte. Karl Maria verteidigte sein Recht: »Das ist ein liebes Geschenk.« »Bitte, bitte!« Nach einer Weile fragte Miriam ganz leise: »Hast du sie geküßt?« »Nein.« »Natürlich, du warst zu ungeschickt.« Aber sie lächelte sehr vergnügt und legte unmerklich ihre Finger auf Karl Marias Hand, als wollte sie ihr plötzliches Eigentum festhalten. Die rothaarige Johanna blickte aus runden Froschaugen mißtrauisch nach dem schlanken Gesellen, weil sie von Mutter Charlotte den gemessenen Auftrag hatte, die Miriam vor herzhaften Dummheiten zu behüten. Und nun schien so etwas just im schönsten Beginn. Das verdroß die fettleibige Jungfrau, daß sie mißgestimmt zu sticheln und über das Musikantenvolk loszuwettern anfing, als machte sie sich heimlich über den Leichtsinn und die Eitelkeit dieser Flitterwelt lustig und bezweifelte in ihrem nüchternen Sinn alles, wonach die andern die Hände ausstreckten. Geschwätzig in ihrer boshaften Häßlichkeit fragte sie geradezu: »Sag mal, Karl Maria, sieht bei deinem Umherzigeunern eigentlich Geld heraus?« So bewies sie den Sparsinn ihrer Mutter. Miriam knabberte an einer Makrone: »Die Johanna haben sie mir als Sparbüchse mitgegeben.« Und plötzlich warf sie der Schwester die Börse hin: »Zahle für mich! Aber mause nicht zu viel.« Johanna, die voll Emsigkeit ein Sparkassenbuch von kleinen unerlaubten Ersparnissen, die sie der Verschwendung der Miriam abgewann, fett werden ließ, griff gierig danach und sandte dem Paar einen kummervollen und neidischen Blick zu. Ihre kurzen dicken Finger umklammerten das Geldtäschchen, als müßte sie sich daran schadlos halten. Das junge Blut aber lief in die Mainacht hinein. Die alte Vertraulichkeit kehrte wieder, wie einst bei der wunderlichen Fahrt auf den Gottesacker zum Grabe des alten Samuel. Vor einem Brunnen, wo ein Gänsemännlein das Wasser aus zwei Vogelschnäbeln niederrinnen ließ, blieben sie stehen. Ihr Schweigen hatte tausend Zungen. Karl Maria, der wandernde Träumer, wurde stark und trotzig, Miriam aber hatte auf einmal Angst vor der nächsten Stunde, die doch voll guter Verheißung war. Sie steckte die Finger in den rauschenden Brunnen und sah den Tropfen zu, die kühl und lustig über ihre heiße Hand sprangen. Sie nahm sich vor, alles wie ein Schauspiel zu betrachten, in dem ihr Leib seinen eigenen Willen behielt, doch als der Junge bat mit leisen und lockenden Worten, die er in der Prager Mondnacht vor verschlossenen Türen zum erstenmal gestammelt hatte, flüsterte sie nur traurig: »Tu' es nicht, Karl Maria!« Mit einer dummen Mädchenscheu, die der klugen Miriam sonst ganz fremd war, duldete sie dann seine Küsse. Und plötzlich schnellte sie ihm, wie um heimzufinden aus dem Wirrsal, die blitzenden Tropfen ins Gesicht: »Ach Gott, nun schaut er gar bitter böse.« Ihr Lachen kam unsicher aus ihrer heimlichen Bangnis. Da ergriff er ihre Hand und hielt sie fest: »Hab' mich doch lieb!« Sie gab keine Antwort, sondern wandte sich zum Park, der in schwarzen Schatten lag, weil schwere Wolken am Himmel hingen, daß der Mond nur selten sein vorwitziges Antlitz herausschieben konnte. Von den Grotten her pfiff der Wind und fauchte in das junge Grün. Die Bäume keuchten im Sturm. Und der Junge tat dasselbe, so saß ihm der wilde Wunsch in der Kehle. Noch einmal rief die Miriam den Spott zu Hilfe: »Das ist ein Allegro, was?« Mit beiden Händen hielt sie den kostbaren Federhut fest. Aber ihre Heiterkeit klang falsch. Zu übermächtig wurde der neue Zwang. Zuerst war es herzliches Mitleid mit Karl Maria, der sich selbst Hindernisse in den Weg türmte, über jeden Traum stolperte und Konzert und Erfolg um die blasse Frau im silbernen Kleid preisgegeben hatte. Wie schuldig dünkte sie sich in ihrer kühlen Gelassenheit, die jedes Pförtchen zu gastlichen Zimmern erspähte. Und wie sie einst, als Karl Maria als armer Lohnsklave seines Vaters todmüde seinen Kopf in ihren Schoß gebettet, sein Haar gestreichelt und ihn in Schlaf gewiegt hatte, auf dem lieben alten »Elefanten«, so trieb es sie nun auch in einer Art von Heimweh, dem Karl Maria in dieser Nacht ein Geschenk zu tun, so süß und heilig, wie sie nur eines zu geben hatte. Der kühle Wind wehte Karl Marias heiße Worte fort, aber sie kamen immer wieder. Die Einsamkeit und der Frühling machten Miriam wehrlos. Und als jetzt Karl Maria alle Last von seinem Herzen warf und die Arme um sie schlang, neigte sie still den Kopf. Kleinlaut sagte sie dann, als sie in der Falkenburgallee vor einem Häuschen standen, um das hohe Bäume im Wirbelwind wie Schattengespenster tanzten: »Da wohne ich.« Draußen pfiff der Sturm und schleuderte Regenschauer wider das kleine Haus in der Allee, die nach Schloß Belvedere führt. Die alten Bäume ächzten und stöhnten vor der Gewalt dieser Lenznacht, die grausam und grimmig durch Thüringen fuhr. In dem Zimmer aber, das Miriams Heiligtum und mit allerlei geringen Andenken an ihre Kinderzeit ausgestattet war, sogar die aufgeklebten Rezensionen über das Ballett »Blaubart« und das welke Fliederkränzlein Karl Marias fehlten nicht, geschah ein Murmeln und Flüstern, so leise, daß die mißtrauische Johanna umsonst den roten Kopf ans Schlüsselloch legte. Wie eine Henne, der das Entlein ins Wasser entwischt, stand die dicke Wächterin vor diesem ärgerlichen Wunder. Zwei Kinder hatten sich lieb.   Karl Maria sprang in den sonnigen Morgen, voll Dankbarkeit über das genossene Glück. Als er an Goethes Gartenhaus vorüberkam, blickte er andächtig hinüber, als wüßte er erst heute um das tiefste Geheimnis des großen Alten, um den ganzen Reichtum dieser Welt. Sein Knabensinn fragte nicht nach dem Morgen, er trug das leuchtende Heute vor sich her und freute sich über jeden Tautropfen, der an einem Grashalm glänzte, über das Farbenspiel, das die Sonne auf den nassen Blättern trieb. Und doch fühlte er eine leise Scheu, als sei diese Nacht reicher an Schönheit gewesen als der lachende Tag. Jetzt hatte Karl Maria ein sicheres Lachen, wie es nur die Sieger kennen, und etwas wurde wach, das bisher oft recht tief im Schlafe gelegen, die Tatkraft, die ihr Leben auf eigenem Grund umzirkelt. Als beste Blüte zeitigte also diese Liebe die Lust zur Arbeit. Da spürte er bald, wie bruchstückweise und fahrig sein Können noch war, weil er im Leichtsinn meist über irgendein Hindernis kurzerhand hinweggesprungen war, statt durch saure Plage der Schwierigkeiten wirklich Herr zu werden. Und er wußte jetzt, daß der alte Herrgott auch seinen Lieblingskindern vor das Gelingen den Schweiß gesetzt habe. Andreas Katzenkopf aber nahm diese Wesensänderung seines Schülers als persönliche Kränkung und sparte nicht mit stacheligen Worten. Als Karl Maria sogar den geliebten Mozart mit neuen Augen ansah und den einfachen Ernst herausholte, der in den scheinbar so leichtflüssigen Rhythmen sich birgt, polterte der Alte voll Zorn: »Ziehe nur fleißig Spinnweben um den lustigen Salzburger!« Karl Maria schwieg und hatte eine plötzliche Dankbarkeit für den strengen Oheim im »Blauen Herrgott«, der ihm Ohr und Hand in musikalischer Zucht gehalten hatte, so daß er jetzt den Schlüssel besaß, geheime Schätze aus den krausen Noten zu holen. Es wechselten also arbeitfrohe Tage mit verküßten Nächten, bis Herr Andreas dem Jungen auf die rechte Spur kam. Da gab es einen heftigen Zusammenprall, weil ja das Alter die Jugend stets schulmeistern will. Mit behutsamem Vorwurf hob es an. »Samstag gehen wir nach Eisenach, Karl Maria, und ich hoffe, daß du dort wieder der alte fröhliche Kerl wirst und die Leute nicht mit Kirchenmusik und Sätzen aus den strengen Meistern langweilst, wie es dir in den letzten zwei Wochen beliebt hat.« Der Junge schüttelte den Kopf: »Ich kann nicht mit.« »Was heißt das?« »Du mußt allein ziehen, Andreas.« »Und alles um ein Weib?« Karl Maria duckte sich, als schwänge Meister Williguth den Rohrstock wider frechen Ungehorsam. Der alte Mann rieb etwas Feuchtes aus den Augen, aber sogleich packte ihn wieder der Zorn: »Pfui Teufel! Ein ausgepichter Lügner bist du, hast Heimlichkeiten vor dem alten Katzenkopf.« Das schuldbewußte Schweigen und der bittende Blick mäßigten den Groll, daß der Alte nun leise fragte: »Habe ich's nicht redlich gut mit dir gemeint?« Dankbar glänzten ihm Karl Marias Augen entgegen. Und jetzt riß es ihm das Bekenntnis von den Lippen: »Das Mädel ist mir nicht gerade nur so in den Weg gelaufen. Wir beide sind zusammen Kinder gewesen.« Mit einem ganz leisen Lächeln schaute er dem Alten ins Gesicht: »Ich bin so glücklich.« Andreas Katzenkopf mummelte verdrossen und ließ die Finger widereinander knacken, als hätte er dieses sogenannte Glück dazwischen und wollte ihm Übles tun. Hell und stolz stand der Junge vor diesem eigensinnigen Grimm: »Küssen sollte ich lernen. Das war deine Predigt. Jetzt kann ich es, und nun ist es dir wieder nicht recht.« Er lachte leichtsinnig und schlenkerte mit den Armen. Katzenkopf schnaufte ungeduldig und spielte die letzte Karte aus: »Und deine Geige?« Ein Schatten ging über Karl Marias Gesicht, gleich aber war es wieder blank: »Sorge dich nicht! der bleibe ich treu. Aber gerade ihrethalben darf ich nicht länger mit euch ziehen. Durch das dumme Walzerfiedeln bin ich schon ganz verlottert. Die Miriam sagt es auch. Nun muß ich arbeiten und stillhalten, bis es Zeit ist.« »Lüge doch nicht, Karl Maria! Du willst dein Mädel küssen.« Trotzig kam die Antwort: »Einmal läuft jeder Bub aus der Schule, dem Onkel Williguth zuerst und jetzt dir.« Er kreuzte die Arme über der Brust, wie einer, der endlich ein Ziel vor sich hat. Da wurde Katzenkopfs Zorn klein und verzagt: »Muß also ich alter Kerl wieder allein hinaus?« Seine Augen begannen zu flackern: »Den neun Chören der Engel bin ich entwischt, und nun soll ich von neuem festhaken? Schier jung spüre ich meine Knochen, die Sonne scheint hell, und Geld trage ich im Beutel. Wenn du dich schon einem Frauenzimmer an den Rocksaum hängst, der Katzenkopf bleibt ein freier Musikant.« Mit leidenschaftlichen Armen wies er in den sonnenfrohen Maitag: »Denk an die wilden Gänse, die in die Ferne ziehen!« So lockte er wie ein alter Zauberer. »Ich kann dich nicht halten, Karl Maria Tredenius. Was sollte auch ich alter Kerl wider ein junges Weib?« Er blickte kummervoll und stützte den Kopf auf die geballten Fäuste. So sprach er langsam, Wort nach Wort. »Als ich dich zum erstenmal sah, sagte ich dir: ›Auch ich war ein Wunderkind.‹ Das stimmt, mein Junge. Weißt du aber auch, warum nichts aus mir wurde als ein alter Taugenichts?« Es war ganz still in dem kleinen Zimmer. Nur die Sonne zeichnete Kringel auf den weißen Bretterboden. Andreas Katzenkopf setzte den Fuß hart auf das flimmernde Gold. »Ich war so alt wie du und schon ein halbwegs berühmter Pianist. Da kam ›Sie‹, auch so ein ›Schicksal‹. Sängerin war sie natürlich auch, hell und jung, und ich verliebte mich über meine Eselsohren und lief mit ihr als Sklave und Korrepetitor. Wir wanderten durch die ganze Welt, aber ich blieb im Schatten. Ihre Eifersucht duldete es nicht anders, und meine Liebe machte mich zum Narren, daß ich zu allem schwieg, was sie mir tat. Dafür war ich so glücklich, na, so wie du, bis sie mir den Laufpaß gab, einen schottischen Lord heiratete und Fett ansetzte. Mit mir aber war es aus.« Er lächelte leise und traurig und nickte Karl Maria zu. Der aber legte dem Alten die Hand auf die Schulter und blickte ihn nachdenklich an. »Danke, Onkel Andreas,« sagte er schlicht. »Bist du deiner so sicher?« fragte Andreas Katzenkopf. »Ja.« Kopfschüttelnd stand der Alte auf, schwer zog er die Glieder, grau und verbraucht stand er in dem hellen Licht. »So versprich mir eines, Bub! Wenn der blonde Satan dich krumm und schlecht machen will, reiß aus und auf in den ›Blauen Herrgott‹!« Wie in großer Müdigkeit senkte er den Kopf. »Das will ich, Andreas.« Sie standen Hand in Hand, der Alte und der Junge. Die Glocken von Weimar summten ihr Mittaglied. Feierlich kamen sie in diese Abschiedsstille. Der Alte lächelte jetzt, wie ein Großvater, der den Enkel ins unruhige Leben entläßt, und schlug schnell und scheu ein Kreuz auf der Stirn Karl Marias. Dann ballte er mit verbissenem Grimm die Finger zur Faust: »Du Alter von Weimar, laß mir den Buben fromm und gut.« Und sein schmales Vogelgesicht war jetzt so hell und licht wie der Maimittag über der Stadt an der Ilm.   Spitzbübisch und fröhlich war die Miriam in dieser Zeit, da Karl Maria seine karge Barschaft aufzehrte und kleine Liebesgeschenke in das Haus an der Belvedereallee trug. Doch nur am späten Abend durfte er kommen, weil Miriam allen Theaterklatsch von sich fernhalten und unangefochten als silbernes Sternlein in der Kulissenwelt glänzen wollte. So war viel Klugheit in ihrer Liebe, die wie ein plötzlicher Frühling in das Netz witziger Berechnung gefallen war. Wenn aber Johanna mißmutige Vorstellungen wagte und warnende Briefe von Vater und Mutter vorzeigte, die um alles wüßten, erwachte in der jungen Sängerin der Trotz auf ihr Glück, und sie verbat sich zornig jede Einmischung der Schwester. Kam dann der Abend, und mit ihm Karl Maria, hieß es voll Hochmut: »Der dicke Hans kann verschwinden«. Er verschwand und liebäugelte in der Einsamkeit mit dem Sparkassenbuch. Vom »Blauen Herrgott« traf in diesen Wochen keine Nachricht ein. Die hatten offenbar den leichtsinnigen Geiger in Zorn und Trauer vergessen. So viel erriet Karl Maria aus den umständlichen Satzungetümen des wackeren Joseph. Aber er lebte nur in der Gegenwart und stieß alle mißliebigen Gedanken kurzerhand von sich. Daß ihn alle Welt allein ließ, band ihn nur noch fester an die Miriam. Sie war eitel und stolz, daß sie jetzt den Jugendfreund ganz allein besaß und ihre heimliche Liebe sein ganzes Glück war. Arm in Arm schlenderten sie an den warmen Juniabenden durch den Park und horchten den vielen Singvögeln zu, die ihr Brautlied schmetterten. Es traf sich auch, daß Miriam voll Überschwang den kleinen Sängern Widerpart hielt und lustig drauflos sang oder Karl Maria bat, seine Geige mitzunehmen und, im grünen Busch wohlgeborgen, für sie allein ein Konzert zu geben. Dann blieben die Fremden, die im Frühling und Sommer in dieser Stadt den verlorenen Gottesfrieden suchten, wohl stehen und lauschten, woher die Geige klang und die Stimme jubelte. So hatte ihre Liebe ein frohes Fest, bis Karl Maria auf einmal keinen Pfennig mehr besaß. Da begann nun freilich eine trübe Zeit, aber er hielt seine Not vor aller Welt geheim, knappte und darbte und schien doch guter Dinge. Im Orchester des Hoftheaters, wo er trotz der Sommerferien Nachfrage tat, fand er alles besetzt, und die Miriam wollte er nie und nimmer um ihre Fürsprache bitten. Johanna Italiener spitzte die Ohren, als die kleinen Gaben an ihre Schwester ein Ende hatten und Karl Maria mager und bleich wurde, mit geduldigem Behagen sah sie ihre Erntezeit reifen. Karl Maria hielt jetzt oft die kostbare Geige der Trix in der Hand. Die war ja sein einziger Schatz. Während bisher alles so leicht und sicher lief, daß er glaubte, alle Schwere des Lebens auf den Handflächen tragen zu können, grinste ihn jetzt die leibliche Not an. Manchmal ließ er da die Guarneri beiseite, gleichsam als hätte er sie schon verloren, und spielte auf der alten Wandergeige, die Andreas Katzenkopf ihm zum Abschied verehrt hatte. Der Leichtsinn der Miriam sah nicht in fremde Kümmernis. Die Augen der rothaarigen Johanna aber achteten genau auf ihre Zwecke. Sie begann das Spiel auf der alten Geige des Katzenkopf über alles Maß zu loben und den Besitz zweier Geigen als Verschwendung zu schelten. So rückte sie ihr geheimes Plänchen gefällig in den Vordergrund. An einem Abend rannte der Junge ihr richtig ins Netz. »Du hast hohle Wangen, Karl Maria. Und meine Mutter sagt, am Essen soll man niemals sparen.« Er hörte kaum, was sie sagte. Nur doppelt bitter empfand er seine Bedrängnis, weil jetzt ein anderer davon sprach. Bedachtsam lenkte sie ein Stück weiter: »Ich meine es nur gut mit dir.« Als er mürrisch schwieg, wandte sie ihm scheinbar beleidigt den breiten Rücken. Da tat er das Dümmste, was er tun konnte, und bat um ihren Rat. »Das läßt sich schon anders hören«, erwiderte sie befriedigt und riß teilnehmend ihre Froschaugen auf. »Weißt du, Karl Maria, dir fehlt noch gänzlich ein fester Charakter. Das aber braucht man im Leben vor allem. Ach Gott, du warst ja leider immer ein Schlemihl. Du hast vom Himmelsblau gefaselt, während ich das beste Stück von Mutters Torte dir wegaß. Wäre ich bloß deine Schwester, ich wollte dich schon auf den rechten Weg bekommen. Aber ich habe genug Last mit der Miriam.« Und jetzt sprach sie ziemlich wegwerfend von der Schwester, die eigentlich kein Herz, nur Launen habe, und je mehr Karl Maria die Angegriffene verteidigte, wie einer, der seinen letzten Besitz festhalten will, um nicht ganz einsam zu sein, desto näher erblickte Johanna das gute Geschäft. Schließlich nannte er das Ding beim rechten Namen: »Verkaufen mag ich die Geige nicht. Es ist alles, was ich habe.« »Du lieber Gott,« beschwichtigte Fräulein Johanna, »bei Künstlern kommt das ja vor. Miriam hätte keinen Rock am Leibe, wenn ich nicht wäre.« So wurde endlich der Beschluß gefaßt, daß Johanna in aller Heimlichkeit mit der Guaineri nach Leipzig fahren und die Geige dort kunstverständig abschätzen lassen sollte. »Ist's ein ziviler Preis, will ich selbst meine Ersparnisse daran wagen«, erklärte die mitleidige Johanna, und als Karl Maria sie erstaunt und dankbar anblickte, sagte sie bescheiden: »Es geschieht nur aus einem guten Herzen. Bei mir ist das kostbare Stück sicher geborgen.« »Und wenn alles aus ist,« schloß sie in voraussehender Klugheit, »kannst du die Geige ja wieder auslösen.« Doch sie dachte, daß es wohl nie dazu kommen würde. Himmelsgucker sitzen ja immer auf der irdischen Eselsbank. Und wenn auch das Unwahrscheinliche geschah, barg dieses Pfand das Geheimnis, durch großherzige Rückgabe Karl Maria gefügig zu machen, falls seine Liebe das Emporkommen der Miriam irgendwie in Frage stellen sollte. So verpfändete er sein Herz an die Miriam und seine Geige an die Johanna, letztere um tausend Mark. Ein Teil dieser Summe wanderte wieder in den Haushalt der beiden Schwestern. Miriam war freilich voll Ärger, als sie erfuhr, Karl Maria habe seinen wertvollen Schatz in Leipzig in Pfand gegeben, und wollte das Stück sofort selbst auslösen. Aber sie traf auf hartnäckigen Widerstand, der kein Geschenk nehmen wollte, auch nicht von ihr. Im Hintergrund blinzelte vergnügt die schlaue Johanna und strich, wenn sie allein und verwiesen das heiße Glück der anderen hinter der Türe wispern hörte, liebkosend über die Geige, daß das Meisterwerk des Guarneri unwillig brummte über solche Entweihung. Miriam Italiener vergaß bald das Opfer Karl Marias und wandelte wohlgemut in seiner willfährigen Liebe. Nur einmal kam sie darauf zurück, als er endlich einen seltsamen Posten für seine Kunst gefunden hatte. In Werthers Garten, einem Abendlokal, konzertierte eine Wiener Damenkapelle, und da das weibliche Oberhaupt infolge der Geburt eines strammen Jungen gerade notgedrungen die Dirigentengeige niedergelegt hatte, war diese Schar verwaist und griff zu, als der junge Tredenius sich zur Stellvertretung bereiterklärte. Zwar erschloß sich ihm da keine Goldquelle, aber immerhin eine kleine Einnahme, die seiner Not ein Ende machte und ihm neues Selbstvertrauen gab. Auch reizte es ihn, alles, was er im »Blauen Herrgott« dem Oheim an Dirigentenkünsten abgelernt hatte, hier praktisch zu betätigen. Die Miriam pfauchte zuerst: »Bratlgeiger! Und dein altes Holz willst du dort streichen?« In ruhiger Festigkeit antwortete er: »Das andere gab ich um deinetwillen fort.« Keine Spur von Reue war in seinen Worten. Aber die Miriam schluchzte ein wenig und hängte sich an seinen Hals: »Ich bin ein grundschlechtes Ding.«   Als sie dann das Frauenvolk seiner Kapelle genau besichtigt hatte, verlor sie das letzte Mißtrauen und lächelte nur mitleidig. Diese armen Dinger schienen ihr gar nicht gefährlich. Und sie nahm Karl Marias Tat für eine dumme Laune, die weiter nichts auf sich hatte. Für ihn aber war es der erste eigene Schritt, so klein und gering dies alles auch scheinen mochte. Mit Feuereifer ging er ans Werk und zwang bald die etwas faulen und gleichgültigen Mädchen zur Arbeit. Ihren langen Schlaf, der nach durchspielten und ohne Lust durchliebten Nächten sonst bis in den Mittag hineinreichte, störte er durch emsige Proben, bei denen er allmählich das widerwillige Gähnen in Aufmerksamkeit verwandelte, weil er selbst rüstig voranschritt und stets ein gutes Wort bereit hatte, wenn etwas mißlang oder am Stumpfsinn der Mädchen abprallte. Jetzt zog er reichlichen Nutzen aus den Stunden im »Blauen Herrgott«, und seinem tapferen Fleiße gelang das Wunder, das Johann Sebastian trotz Brummens und Scheltens bei seiner Kinderschar niemals geglückt war: er bekam das kleine Orchester in die Hand, als wäre es seine eigene Geige. Darob ward er froh und mutig und ging gar daran, Schumanns B -Dur-Symphonie den Frauen einzupauken. Und diesmal überwand er auch die Schwierigkeiten im ersten Trio, wenn Bläser und Streicher blitzschnell abwechseln, wo er vorzeiten so jämmerlich Schiffbruch erlitten, weil sein Blick allzuviel auf dem blonden Haar der Gundl verweilt hatte. Er wunderte sich, daß sein verliebter Sinn ihm jetzt nicht mehr in den Weg kam, und ahnte wohl, daß ein gut Stück Reife und Reichtum ihm gerade aus seinen Liebeshändeln zugewachsen war. Als er in einem Brief, der aus seinem übervollen Herzen floß, diese und ähnliche Gedanken an Johann Sebastian vermeldete, blieb zwar die Antwort lange aus, aber schließlich ließ der Brummbär doch ein vergnügliches Murren hören, allerdings unterspickt mit grimmigem Tadel ob Karl Marias Wandelsinn. Die Mutter dagegen schrieb vertrauend und hoffnungsselig, als wäre die Wiener Damenkapelle in Werthers Garten schon das Gewandhausorchester in Leipzig. »Die kleinste Tat ist mir lieb, weil ich dann weiß, Du hast dich selbst nicht verloren. Dein Onkel schmunzelt behaglich, wenn er davon hört, und meint: Du kämest doch noch ans gute Ende. Auch die Gundl hält fest zu Dir. Sie singt immer noch, aber ich fürchte fast, viel Freude wird ihr daraus nicht werden. In letzter Zeit treibt sich Dein alter Lehrer Joseph viel bei uns herum, übernimmt den Unterricht, wenn der Onkel die Gicht hat, und macht sich auch sonst nützlich und geschäftig. Ach Gott, Karl Maria, er guckt nach der Gundl. Und seitdem Du in Weimar die Miriam Italiener getroffen hast, ist das Mädel sanfter und nachsichtiger mit dem ungeschlachten Menschen. Sie täte mir leid, denn so aus echter Liebe wäre es nicht. Seit deinem Fortlaufen gibt sie sich wie mein eigenes Kind, daß Tante Apollonia oft in hellem Zorn durchs Haus fährt. Vor kurzem war das Fräulein Ermattinger wieder einmal hier und fragte auch nach Dir. ›Wenn es Zeit ist, hole ich mir den Wandervogel.‹ Das sind ihre Worte. Gundl hat ihr vorgesungen und mit so traurigen Augen um ein gutes Wort gebettelt, daß die Ermattinger ihr Mut zusprach. Aber wie ich sie kenne, hat sie keine hohe Meinung von Gundls Kunst. Nur Johann Sebastian glaubt blind daran. Daß Du Deine Ersparnisse mir geschickt hast, ist lieb und gut von Dir, doch ich brauche wirklich nichts. Und Dir selbst mag es dann fehlen. Wenn Du etwas übrig hast, schicke es der Martha, deren Mann mit seinen Eltern ganz zerfallen ist und nichts mehr von ihnen bekommt. Ist es nicht eigentlich schade, daß Du in Weimar bleiben willst? Bei uns sind jetzt zwei alte Herren des Opernorchesters, just von der ersten Geige, sehr kränklich, daß man schon nach Ersatz Ausschau hält. Denke doch daran, Karl Maria! Für mich alte Frau wäre es ein großer Trost, wenn Dich ich wieder bei mir hätte. Aber ganz, wie Du willst. Ich habe keine Angst um Dich.« An einem stillen Juliabend las Karl Maria diesen tapferen Mutterbrief in seinem Stübchen nahe der Jakobskirche. Die Straßen lagen sonnenhell und öde, in der Luft summte die Hitze, daß alle Blumen im Hausgärtlein schläfrig die Köpfe hängen ließen und die Kletterrosen arg ins Welken kamen. Alles war ganz anders als in jenem ersten Frühling, da Karl Maria nach Weimar gekommen war, viel reifer, sonnensatter und der bunten Lust schier abgeneigt. Karl Maria hielt den Brief in der Hand und blickte in die flimmernde Hitze, die wie Weißglut über der Stadt hing. Und er verglich die Liebe der Miriam und die Liebe seiner Mutter und hatte einen schweren Kampf. Das Heimweh ging ihn an. Und dann war in ihm ein unbewußtes Reifen, wie draußen in Wald und Feld. Ein Dehnen und Knistern geschah, daß alle Gedanken klarer und freier wurden. Er besann sich auf sich selbst und vergaß allmählich seinen unseligen Hang, jedem Traum nachzulaufen und sich bald da, bald dort vertraulich anzulehnen. Wie ein kleiner Gottesprediger, der seine junge Weisheit gerne ausgibt, schrieb er an die Schwester und sandte ihr den Rest seiner Barschaft. So glaubte er, alle Ranken, die noch kraus und wirr um ihn wuchsen, zu sich herüberbiegen und trotzdem die Hände frei behalten zu können. Er tat weiter seine Pflicht bei der Damenkapelle, bis Schumanns B -Dur-Symphonie in den widerspenstigen Köpfen sicher und wohlgeborgen saß. Die Stunden nach seinen Gartenkonzerten gehörten nach wie vor der Miriam. Noch war alle Trunkenheit in dem jungen Blut. Miriam allerdings war jetzt manchmal versonnen und sprunghaft, gab nur flüchtige Küsse, wie in lässiger Pflicht, und streckte oft die vollen Arme in unterdrücktem Verlangen. Dann küßte sie wieder heißer und eigensinniger als sonst. Fragte Karl Maria, lachte sie leise und behauptete, er sei ein Narr. In einer warmen Augustnacht wanderten sie durch den schlummernden Park nach Tiefurt, die Ilm entlang, die mit den Erlen und Weiden um die Wette rauschte. Der Buschweg lag hell im Sternenlicht, selbst die Wellchen der Ilm, die sonst recht schmutzig und übelriechend dahinplätscherten, hatten silberne Kämme. So traten Bub und Mädel in den alten Park von Tiefurt, wo die bescheidenen Denkmäler einer reichen Zeit wie freundliche weiße Ruhepunkte im grünen Buschwerk glänzten. Die Fenster des Schlößchens funkelten im Mond- und Sternenlicht, das Silberfäden durch das Weinlaub an der Veranda spann. Auf der Bank, über der ein Amor auf einem Steine hockt und eine Nachtigall füttert, ein blasser Nachsommer von Goethes Liebe zu Corona Schroeter, saßen sie still und lauschten dem Raunen des Windes und dem Schwatzen des Wassers. Miriam las die Inschrift von der vom Liebesgott mit süßer Kost geatzten Philomele und lächelte. Dann sagte sie plötzlich ganz kalt und klug: »Er hat recht. Ich singe besser, seitdem ich dich lieb habe.« Überrascht sah er auf. »Ist das alles, Miriam?« »Sei doch zufrieden. Wer weiß, was noch wird.« In ihre Augen kam ein Leuchten, um den Mund legte es sich wie verhaltene Gier. »Willst du fort?« »Vielleicht.« Sie atmete schnell, hatte die Hände zwischen die Knie verschlungen und blickte hart geradeaus. »Miriam!« rief er in plötzlicher Angst. »Ach, laß doch, im Leben ist es schon einmal so.« Karl Maria witterte einen unsichtbaren Feind. Fast zornig warf er die Arme um ihren Hals: »Ich will dich nie verlassen.« Und wartete auf Dank für dieses feierliche Versprechen. Sie strich über die Augen, wie um ein häßliches Trugbild wegzuwischen, und lächelte wieder hell und glücklich: »Ich dich auch nie, Karl Maria.« Doch ein Schatten blieb auf dem Weg, den sie bisher heiter und sorglos beschritten, ein Frösteln kam in ihr Blut, daß ihr Mund zaghaft zum erstenmal das schlimme Wort: Abschied formte, dann aber Kuß auf Kuß nahm, als wäre nicht mehr viel Zeit. Sie wehrte alles mißtrauische Fragen ab: »Sprich nicht, laß uns nur glücklich sein.« Als sie eng aneinandergeschmiegt heimgingen, blickte Miriam auf die Ilm hinab und murmelte: »Muß denn alles ein Ende haben, wegrinnen wie das Wasser da?« Zornig hob sie die Faust wider etwas Kommendes, von dem sie ganz allein wußte. Ihre Augen waren groß und weit, als brauchten sie mehr Licht und Helligkeit, denn Mond und Sterne über Weimar geben konnten. Karl Maria, der erst halb geheilte Träumer aus dem »Blauen Herrgott«, dachte mit etlicher Bitterkeit an Jacques Italiener, der als Laufbursche begonnen hatte und nun Besitzer eines großen Warenhauses werden sollte. Und er hatte Furcht vor der zupackenden Gier der Kinder Italiener. Seine Leidenschaft aber wuchs in dieser Sorge, als kämpfte er um etwas, das ihm bereits halb und halb verloren war.   Nicht lange danach fand er eines Abends die Miriam nicht allein. Bei ihr saß ein stutzerhafter blonder Herr, dessen Name Karl Maria alles Blut zum Herzen trieb. Es war der ewig vergnügte Graf Dionys Rothenwolff, der Mann der Trix. Karl Maria stand steif und stumm. Miriam aber lächelte und zog ihn ins Licht. »Das ist der Geiger Karl Maria Tredenius, der mit mir das Konzert gab. Erinnern Sie sich noch, Herr Graf?« Dionys nickte gnädig. »Ich glaube, ja.« Daraus schimmerte ein Körnchen Bosheit, daß Karl Maria trotzig die Lippen aufwarf. Dionys lächelte freundlich und bot ihm die Hand. Gar zierlich lief nun das Frage- und Antwortspiel hin und her, wie Bälle im Spiel ab- und zustiegen. »Sind Sie bei der Großherzoglichen Kapelle, Herr Tredenius?« »Nein, bloß Primgeiger bei der Damenkapelle in Werthers Garten.« »Das wird Papa interessieren. Der alte Herr hält riesig viel von Ihnen. Na ja, der Musikgraf.« Glatt und höflich sagte er das, beinahe durchleuchtet von wirklicher Wärme. Karl Maria aber zweifelte: War das Spott oder Ernst? Er wußte ja nicht, daß Dionys Rothenwolff von dem Physikus Coppelius rosenrote Leichtsinnsbrillen erhandelt hatte, stets auf der Sonnenseite aller Dinge wandelte und auch allen anderen Gutes gönnte, wenn er selbst vorerst nur große und kleine Wünsche erfüllt bekam. Der viele Sonnenschein, in dem er sein Wesen trieb, hatte auch sein Haar schon stark gelichtet. Dabei war er ein feiner Menschenkenner, der das Bubenleid mühelos und beinahe ein wenig mitleidig durchschaute. Drum ließ er auch mit Absicht gar nicht merken, daß seine Frau den jungen Geiger sehr wohl kannte. Er gefiel sich in einem Lauern, das nicht viel mehr als ein übermütiges Spiel war. Zudem war es ihm peinlich, seine Frau vor dem Theatermädel überhaupt ins Gespräch zu bringen. Der dumme Karl Maria aber deutete es anders. Er nahm dieses Schweigen des sonst so Redseligen als heimliche Eifersucht. Und so saß er voll neuer Wonne mitten in seinem Kummer. Wenigstens war er nicht allein eifersüchtig an diesem Abend, da die Miriam ihn ganz vergaß und nur geschäftig um den Sohn des Generalintendanten wirbelte. Graf Dionys genoß das schlimme Spiel und warf geschickt seine Karten aus. »Ja, Fräulein Italiener, ich bin sozusagen in offizieller Mission in Weimar. Papa will Sie wieder haben.« Die Miriam lachte über das ganze Gesicht: »Gott sei Dank!« Rasch streckte sie ihm die Hand hin: »Hier bin ich wie im Kerker. Lasse ich mal die Stimme los, hat mich gleich einer am Kragen und murrt.« Nachdenklich zwirbelte Herr Dionys den blonden Schnurrbart, zögerte etwas, wie in lässiger Gnade: »Ich will sehen, was sich tun läßt.« Auf diese Weise zeigte er lockend an, daß alles Glück der Miriam nur von dem Behagen seiner blauen, etwas kühlen Augen abhinge. Dazwischen ging ein fragender Blick zu Karl Maria, doch dieser schwieg hartnäckig, als kümmerte ihn dies alles gar nichts, und rückte bloß schwerfällig die Arme, wie ein Mensch, dem ein alter vertrauter Rock plötzlich zu enge wird, und der doch nicht den Mut hat, kurzerhand die prallen Nähte zu sprengen. Dabei führte er ein jammervolles Selbstgespräch: »Du bist ein großer Narr. Die Miriam läuft dir wieder einmal davon, und du sperrst das Maul auf und guckst ihr traurig nach. Wie lange willst du noch auf dich selbst warten?« Aber das waren nur trotzige Gedanken. Der alte Rock saß noch zu fest. So sah Karl Maria mit heißen Augen, wie Graf Nisi verliebte Blicke über die Miriam hinwandern ließ, und wie diese sich entgegenkommend hin und her bog und ihre schönen weißen Arme vor dem blonden Schnurrbart auf und ab bewegte. Einen Augenblick überlegte Karl Maria, ob er nicht dem vornehmen Herrchen die Nägel ins Fleisch drücken und ihm ins Gesicht schreien sollte: »Zuerst die Trix und jetzt die Miriam.« Aber sein Groll zerbrach vor dem sicheren Glück der Miriam, die mit rosenroten Wangen den Grafen umschmeichelte und ihre Stimme bewundern ließ, derweil jener doch nur ihr junges Körperlein einhandeln wollte. Mit einem Male lächelte Karl Maria. Er sann sich zurück in die Geschichte des alten Andreas, die der Wandervogel ihm zu Nutz und Frommen hinterlassen hatte: »Kein Frauenzimmer soll dir ins Leben pfuschen.« Daher holte er wohl das plötzliche Lachen. Auch schien es seinem Kummer ein bescheidenes Gefühl der Befriedigung, daß in gleicher Stunde die Trix und er selbst verraten wurden, als hätte das Schicksal noch gar wunderliche Dinge mit ihnen beiden vor. Doch das dauerte nicht lange. Noch kämpfte dieser neue Trotz mit der alten Leidenschaft, weil Karl Maria dieses junge Geschöpf mit dem goldenen Haar viele Nächte im Arm gehalten und seinen Durst an ihren Küssen satt getrunken hatte. Und da starb das heimliche Lachen. Das Rätsel von Tiefurt war gelöst. Hoch reckte er sich in seiner gekränkten Männlichkeit und nahm einen überaus förmlichen Abschied. Um seinen Mund zuckte es, ohne daß er wußte, war es Schmerz oder Zorn. Miriam begleitete ihn hinaus und flüsterte vorwurfsvoll: »Warum küssest du mich nicht?« Er blickte sie nur an, nickte kurz und ging. Dann aber rannte er in den Park, bis zum Borkenhäuschen. Seine Finger krümmten sich, als formten sie eine Schere, etwas zu zerschneiden, was ihm bisher teuer gewesen. Wenn jetzt Andreas Katzenkopf ihn gelockt hätte, wäre er mit ihm durch Dick und Dünn gelaufen. Aber nur kurze Zeit, dann hatte er sich wieder, schaute aus erstaunten Augen in den nachtstillen Park und merkte, daß er keine Tränen hatte. Wie ein Wunder schien ihm das.   Als Karl Maria am nächsten Morgen zu dem modrigen alten Saal wanderte, wo er seinen Mädchen musikalische Feinheit eindrillte, und zum Brunnen mit dem Gänsemännlein kam, vor dem das Schicksal mit der Miriam den Anfang genommen, stand dort eine junge Frau in einem weißen Spitzenkleid und betrachtete das arme Haus mit den grünen Läden. Darin hatte Schiller seine Feuerseele verbrannt. Neugierig streckte Karl Maria zuerst den Kopf, dann aber wäre er am liebsten davongerannt. Schritt für Schritt stolperte er vor- und rückwärts, bis er wußte: Die Trix ist da. Jetzt hörte er ihre Stimme: »Der alte Herrgott ist doch ein Prachtkerl.« Und sie streckte Karl Maria beide Hände hin. »So freue dich doch auch, dummer Bub!« sagte sie beinahe ärgerlich, als er kein Wort zum Willkomm fand, weil alles so wunderbar und überraschend über ihn fiel. Da ward auch die Trix bedrückt, als fühlte sie erst jetzt, was alles dazwischen lag, und daß der verdonnerte Junge auf ihr Schuldkonto zu buchen sei. Langsam ging ihr Blick über ihn hin, bis sie um alle Bitterkeit wußte, die er hatte schlucken müssen, derweil sie selbst sorglos durchs Leben kutschiert war. So blieben sie eine Weile, nur die Augen grüßten einander. Da bemerkte Karl Maria, daß die Trix ernster und stiller schien als früher, kleine Falten krochen ihr um Mund und Augen, als hätte der lustige Graf Nisi sie nach und nach dort eingeritzt. Mit einem Male sagte sie schnell: »Jetzt lasse ich dich nimmer fort.« Nichts weiter. Noch immer schwieg er und schüttelte nur immerfort den Kopf, als wollte ihm diese Begegnung gar nicht recht einleuchten. »Es geht alles mit rechten Dingen zu,« tröstete sie endlich. Und jetzt stammelte er: »Du liebe Frau!« Schnell brachte sie ihn in die Wirklichkeit zurück und erzählte, daß ihr Mann Pferde in Baden-Baden habe laufen lassen, und zwar wie gewöhnlich ohne Erfolg. »Damit er es nicht allzutoll treibt, hat Papa Achaz mich mitgeschickt.« Sie blickte ihn scharf an: »Und jetzt gilt es der Miriam Italiener.« Da mußte er die Wahrheit zugeben: »Den Grafen habe ich gestern getroffen.« »Ja, wo denn?« »Bei der Miriam.« Nun war das unheimliche Schweigen bei der jungen Frau. Karl Maria schoß das Blut ins Gesicht und breitete sich heiß und tief über Stirn und Wangen. In verzweifeltem Trotz schaute er vor sich hin. Sie wollte nicht, daß er die Augen an den Boden senken müßte: »Na, mein Junge, das ist doch ganz einfach. Vom ›Blauen Herrgott‹ bis nach Weimar ist ein weiter Weg. Und wenn einer wie du an der Ilm so lange Rast hält, muß schon irgendein Grund sein.« Er nagte schweigend an den Lippen, sie aber ging tapfer auf ihr Ziel los: »Aus Augsburg hast du mir das letztemal geschrieben. Damals war noch zuversichtliche Freude in dir. Schneeballen hast du geworfen und die Sylvesternacht durchgegeigt. Siehst du, ich weiß noch alles. Dann allerdings fiel ich in Ungnade.« Aber auch sie war nur ein Weib, so fragte sie plötzlich: »Hat das Mädel dir wenigstens ein bißchen Glück gegeben?« »Ja.« Dann hob er die Augen, als könnte er jetzt wieder aller Welt frei und froh ins Antlitz blicken. Vertraulich, wie als Kinder an jenem Septembernachmittag, wanderten sie durch alle Schlupfwinkel des Parkes, krochen in alle Grotten, bis die Gräfin mißtrauisch forschte: »Was macht deine Geige?« Er schlug den Absatz tief in die weiche Erde, als könnte er so diese unbequeme Frage einstampfen. »Hast sie vielleicht versetzt?« Er nickte. »Und das Geld an die Miriam gehängt?« »Ich war ein Nichtsnutz,« bekannte er reumütig und rollte endlich die ganze Wahrheit auf, Stück um Stück, wie einer, der nur ungern in seine Seele blicken läßt. Es war ein minutenlanges, stummes Sichwehren. »Ach, Karl Maria, wenn nur ein wenig von der Klugheit dieser Italienermädel in deinem Musikantenschädel steckte. Um die Guarneri aber ist es schade, die muß wieder her.« Mit einem halb verlegenen, halb spitzbübischen Schmunzeln setzte sie hinzu: »Meinem Buben sollst du nämlich vorgeigen, daß der Schreihals vor lauter Andacht sein Mäulchen hält. Vier Monate ist der Balg.« Er drückte die Fingerknöchel an die Stirn: »Alle geht ihr weiter, nur ich bleibe, was ich war.« Er gab ihr die Hand und stand so eine Weile, ein treuer Kerl, dem nur das Herz allzu locker saß. Die Fröhlichkeit dieser Stunde wischte schnell die Falten aus dem Gesicht der Trix, daß es wieder hübsch und jung nach dem Gottespreis dieser pudelnärrischen Welt zu fragen schien. Warm und wohl lief es durch das Blut der beiden jungen Menschen. Karl Maria, der sein Schifflein noch vor dem Sturm weiterstieß, erkannte, daß das wilde Mädel von ehedem sich wohl verwahrt hatte wider Wind und Wetter. Daraus holte er einen kleinen Schmerz, daß er allein noch auf der Wanderschaft war, und zugleich einen herzlichen Trost, daß auch er einmal an ruhigen Ufern landen müsse. Mit inniger Behaglichkeit schaukelte er sich in diesem Geborgensein. Die Glocken von Weimar ließen ihre metallenen Zungen emsig schwatzen wie treue Gevattern bei einer Kindtaufe, als wären sie bei dieser Einkehr auch ein wenig beteiligt. Sie klangen wie in jener andern Mittagsstunde, als Andreas Katzenkopf in seltsamer Frömmigkeit ein Kreuz über Karl Marias Stirn geschlagen und dazu die Bitte gebrummt hatte: »Alter von Weimar, laß mir den Jungen fromm und gut!« Karl Maria horchte auf das vertraute Bimbam und blickte glücklich vor sich hin. Trix schien sonderbar bewegt, als wäre der große Mensch da ihr winziger Achaz, dem sie ein Liebes tun müßte. »Deine Geige sollst du wieder haben.«   Die Helligkeit dieser Stunde blieb bei Karl Maria, als er am nächsten Abend seine Weiblein in den Kampf führte. Alles war heute wie in weite Fernen gerückt, von Nebeln verhüllt. Hell und licht brannte nur die Flamme in ihm selbst. Wie um seinen Mut auf harte Probe zu stellen, blickte er in das Schwanken von Licht und Dunkel. Er wußte, daß die Trix mit ihrem Mann im Garten war, aber die vielen Köpfe schwammen ineinander, daß er nicht fand, was er suchte. Aber die Freude von gestern wärmte noch sein Blut, und er wußte, daß er nicht ganz allein war. Ein Lächeln glitt um seinen Mund, eigenwillig und stark, wie es die Williguth hatten. Da sah er die Miriam, ganz vorn, im gleitenden Schimmer von blauen und roten Lämpchen. Seine Lippen wurden schmal, die Brauen schoben sich zusammen. Zornig packte er den Bogen, daß der geschmeidig und behende wurde, wie die Muskeln des Giacomo Williguth. Hatte er als kleiner Bub den Großvater Samuel in einen seligen Tod gegeigt, so wollte er es nun mal bei sich ganz anders versuchen: ins Leben hinein spielte er sich. Allen zum Trotz. Meister Schumann, der romantische Sonderling, half ihm redlich dabei. Und war doch nur ein Weiberkonzert in Werthers Garten in Weimar. Treu und demütig tat Karl Maria neue und bessere Wanderschaft in das Reich der Musik. In den Jubel von Horn und Trompete klappern Gabel und Messer, in die leisen Frühlingsstimmen der Holzbläser zieht das Gurgeln und Schmatzen. In Fanfaren jubelt die Freude, daß die Welt wieder hell und grün wird. Karl Maria sieht den roten Abendstreif, der erloschen war, als er seine erste Geige zerschlagen hatte. Hochauf klingen die Posaunen, als feierten alle Williguth den neuen Lenz. Der trotzige Blick der Miriam wird zag, sie krampft die Hände ineinander, als müsse sie etwas Fliehendes festhalten. Das ist nicht mehr der unklare Puls, den ihre Stimme einst überjubelt hatte. Das ist einer, der in der Stille gewachsen ist. Neid und Reue machen die Augen der Miriam flackernd und unsicher. Wieder ruft die Posaune. Schatten fallen übers Land. Die fetten Philister im Garten gähnen und schreien nach Bier. Karl Maria Tredenius lächelt. Den Mund hat er halb offen, die Augen in selige Fernen gerückt. So kommt das Glück zu ihm. Die Flöte schluchzt. Und milde wie ein Frühlingsabend erklingen die Hörner. Alles ist zarte Heiterkeit und Bereitschaft zur Feier der ewigen Auferstehung. Endlich jubelt der Schluß. Die vielen Menschen, die der warme Augustabend in den Garten gelockt hat, und deren Ohr sonst nur Militärmusik und Operettenmelodien schmaust, tun erstaunt und verärgert über das sündhaft Große, das sie heute durcheinandergeschüttelt hat. Das brauchen sie sich von dem Jungen mit den närrischen Augen gar nicht gefallen zu lassen. So lange haben sie jeden Witz und jedes Lachen unterdrücken müssen, daß jetzt die meisten gähnen, um ihr Maulwerk wieder ins Gelenk zu bringen. Nur die wenigen, die ein Restchen Sonne in sich bewahren, klatschen und haben frohe Augen, als ihnen endlich einer bestätigt, daß ihr heller Winkel auch sein Recht behalte. Die Wiener Mädchen sitzen heiß und rot und wiegen sich in dem sicheren Musiksinn ihrer Rasse, schier verwundert, daß ihre Hände, die sonst um kargen Lohn Spießbürger liebkosen, nun so rein und herrlich der Musik gedient haben. Die Gewaltige aber, die ihr Mutterwerk jetzt hinter sich hat, ist in heftigem Zorn und faucht dem Geiger entgegen: »So ein Unsinn! Da kommt kein Mensch mehr zu uns. Musik ist fürs Gemüt.« Und sie legt die Hand an den schwammigen Busen, der vier Kinder verschiedener Väter genährt hat. Ihr Wienertum stammt voll Eifersucht wider den kecken Buben, der ihr ins Handwerk pfuscht. Als er ihr gar plötzlich ins Gesicht lacht, wie einer, der im Dunkel endlich einen lichten Weg sieht, murrt sie sogleich: »Jetzt bin ich wieder da. Sie können überhaupt gehen. Das ist eine Wiener Kapelle.« Daß der Bub in dieser Frühlingssymphonie sich selbst befreit und seine neue Freude aller Welt schenken will, bleibt ihr dunkel. Sie sucht einfach das gefährdete Geschäft zu retten, das verlangt, musikalische Gefühlsseligkeit fingerdick auszustreichen. »Bitte sehr«, antwortet Karl Maria und gibt zum Abschied den Mädchen die Hand. Aber die blicken schnell von ihm weg, weil sie sich schon wieder unter der Fuchtel des alten Quälgeistes ducken. Der Garten ist beinahe leer. In den Lämpchen zuckt nur mehr kümmerliches Licht. So verliert Karl Maria allen Dank, aber er trägt ihn in sich und ist froh darüber. Nur die Miriam sitzt allein, unter einem blauen und roten Lampion, das Licht und Schatten in raschem Wechsel über sie hingehen. Sie wartet auf ihn. Jetzt kommt das Schwerste. Aber auch damit will er fertig werden. So stark ist er heute. Still saßen sie dann einander gegenüber im Rauschen der Bäume, im Flackern der Lichter, die nach und nach erloschen. Ihre Augen hielten sich fest, als wollten sie noch einmal eins zum andern zwingen. Ihre Worte aber fanden sich nicht mehr, weil ein Fremdes, das sie beide fürchteten, dahinter wartete. Endlich sagte Miriam mit zorniger Stimme: »Warum haben diese Hunde nicht geklatscht?« »Ach die.« Gleichgültig hob er die Hand und ließ sie wieder sinken. Leichtsinnig wollte sie alle Bitterkeit rasch abtun. Sie wies ins Dunkel, als wären dort alle lieben Erinnerungen aufgehäuft: »Soll das alles aus sein?« Diese theatralische Gebärde verdroß ihn, weil sie aus ihrem Handwerk stammte. Trotzig setzte er sein Schweigen dagegen. Miriam preßte die Lippen aufeinander, daß ihre Worte scharf und schneidend wurden: »Ich darf mein Glück nicht vor den Kopf stoßen.« Noch einmal schlugen die Flammen über Karl Maria zusammen. »Glaubst du, ich weiß nicht, was dieser Graf Dionys von dir will?« »Er ist eifersüchtig,« frohlockte die Miriam und langte nach dem Faden, an dem sie den gekränkten Liebhaber wie einen zappelnden Fisch auf den Sand ziehen könnte. »Dich habe ich lieb und keinen andern. Aber ans Ziel will ich kommen. Und muß ich dabei etwas verschenken, zählt es nicht.« »Pfui Teufel!« grollte er in der unbewußten Auflehnung aller Leute vom »Blauen Herrgott« wider schnöde Habgier und krallte seine Finger in ihren Arm, daß sie leise aufschrie vor Schmerz und doch voll Freude, wie stark und hell ihr Bild noch in seinem Herzen war. In dieser Überlegenheit vergaß sie sich ganz: »Du gräbst dein Pfund ein, ich aber will damit vor aller Welt wuchern.« Schön und stark war ihr Stolz, daß Karl Maria einen Augenblick kleinlaut den Kopf hängen ließ. Da erwachte ihr Spott, der ihm schon in der Kinderzeit das Wasser aus den Augen geholt hatte: »Du Dummerl, der Dionys soll für mich ja nur der Nußknacker sein, der mir die härtesten Nüsse aufknackt.« »Was war dann ich?« Sie schüttelte ungeduldig den Kopf. Schwerfällig fragte er: »Und das hast du alles schon gewußt, als wir in Tiefurt waren?« »Ich mag nicht lügen. Also: Ja.« Jetzt fand er sein Lächeln wieder. Auf einmal war alles ruhig und voll friedlicher Kraft. Er gab ihren Arm frei. Auch blickte er gar nicht mehr zornig, eher traurig oder mitleidig, als wäre Miriams Schicksal von jetzt an das einer ganz Fremden. Steif reckte er sich auf, wie ein unreifer Bub, der nach Art der Erwachsenen tun will: »So ist es der letzte Abend.« In sicherem Übermut lachte sie ihm ins Gesicht: »Du kommst ja nicht los von mir.« Statt einer Antwort strich er langsam über die Stirn, als müßte er viele bunte Bilder mit einem Druck auslöschen. Um den Mund lag ein ungläubiges Lächeln. Er beugte sich zu ihr, daß ihre Augen ineinander hingen. Da begab sich etwas Seltsames: Furcht packte die Miriam, daß er in seinem kindischen Trotz alle ihre Pläne zunichte machen und wie ein Bleigewicht ihr Licht und Luft nehmen könnte. Einen Augenblick wog ihr Ehrgeiz Karl Marias Liebe und die eigene Zukunft in schwankenden Fingern. Dann hatte sie entschieden. Karl Maria war ein schöner Junge, dazu ein Musikus, und seit heute abend wußte sie, daß er sogar Zähne besaß und zubeißen konnte, also dreifache Gefahr. Das Mädel aus der Judengasse hatte einen steinigen Weg vor sich. Darum warf ihre Ungeduld alles liebe Alte von sich, wie einen Pack, den der krummrückige Isaak von einer Wanderschaft mitbrachte und in Vater Gideons Laden schleuderte. Aber es war kein leichtes Werk, daß sie zaudernd schwieg. Dieser Junge war vielleicht besser und feiner als sie. Da gelobte sie sich voll Trotz, schlecht und herzlos zu werden, weil Güte und Feinheit keinen Marktwert in dieser Welt hatten. »Graf Dionys hat mich vom Großherzog freibekommen.« Aber es traf ihn nicht. Verwundert blickte er sie an, fast mit etwas Neid auf ihre Klugheit, die mit allen Hindernissen Fangball spielte, während er ungeschickt im Weltleben war und Feiertag nur in seiner Seele hatte. So saßen sie schweigsam und verdrossen, wie damals nach dem Konzert, als sie die Hände in plötzlicher Entfremdung auseinander getan nach einem kalten Adieu. Wie damals war es, nur noch schwerer und bitterer, weil sie jetzt wußten, welche Süßigkeit sie sich geben konnten, und keine Kinder mehr waren. Miriam fühlte ein leises Weh. Man zwang sie zur Schlechtigkeit. Sie wußte, daß sie jetzt alt und häßlich aussah, in ihrem gekränkten Frauenstolz, der gerne selbst das letzte Wort hatte. Karl Marias Blick ging über sie fort. Da schwand ihr Haß. Schier demütig wartete sie. Sie wollte um einen Kuß bitten, um ein Geschenk, das sie immer an diesen Frühling und Sommer in Weimar erinnern sollte. Doch ihr Trotz war stärker. Stumm stand sie endlich auf. Er tat dasselbe. Stumm gingen sie durch die schlafende Stadt. Noch immer harrte Miriam auf ein gutes Wort und hatte Furcht davor. Aber alles blieb still, wie der Park, in dem ihre Liebe erwacht war, und in dem sie jetzt auch sterben mußte. Karl Maria schaute verwirrt in sein eigenes Herz. Etwas lange und schwer Gefürchtetes lag auf einmal hinter ihm. Ihm war, als fielen Ketten ab. Leise schritt er weiter, wie in einen Nebel hinein. Als sie beide zum erstenmal diesen Weg gingen, endete vielleicht der schönste Tag in Karl Marias Leben. Nun war es zu Ende. Das Haus der Miriam lag da. Mit gesenktem Kopf schritt sie voran. Ihr Zögern war ein letztes Warten. Er aber schlang die Hände ineinander, als hätte er Angst, sie freizubehalten. Miriams Fuß knirschte über den Kies. Sie wandte den Blick nicht mehr. Nur ihr Haar glänzte aus dem Dunkel. Karl Maria wußte, was er heute verlor. Eine Tür kreischte im Schloß. Sein überempfindliches Ohr hörte Miriams zögernde Schritte auf der Treppe. Im Zimmer wurde es hell. Ihr dunkler Schatten glitt auf und ab. Mit einem Zornruf warf sich Karl Maria in die Nacht. Trotzig stellte er sich gleichsam neben die Grausamkeit des Lebens und maß sich daran. Dieser Trotz war sein Trost. Aber dann zog es ihn wieder wie mit Seilen nach rückwärts. Es lockte ihn, sich einen alten Weg zurückzutasten. Und plötzlich wie ein Orgelton über allem Ja und Nein etwas Neues, als wäre diese Nacht aller Wunder voll. Karl Maria lauschte. Mit den Händen griff er in die Luft. Da kam es. Takt um Takt. Eine richtige Melodie. Dann zerrissen die Glieder, und alles dämpfte sich ins Unhörbare. Leiser und leiser verklang es, mit einem Male aber gab es einen Ruck. Das Klingen blieb, wuchs und breitete sich aus. Die verlorenen Takte tauchten wieder auf, aber jetzt in zwei Reihen, wie Kriegsleute, die widereinander streiten. In erschrockener Seligkeit horchte Karl Maria auf das, was da ganz von selbst in ihm laut wurde. Er packte zu und formte in erster Schöpferwonne die wirre Masse, halb unbewußt, wie in einem Zwang. Beim Schein einer Laterne kritzelte er die Hahnentritte und Katzenköpfe auf die Manschetten. Wie ein Fremder beobachtete er sein eigenes Tun. Sein Schicksal tat wieder einmal Bocksprünge, aus dem Licht ins Dunkel und wieder zurück. Meister Schumann hatte er zum Siege geführt und zum Lohn sein kärgliches Brot verloren, die Miriam war von ihm gegangen, und jetzt fand er diese Melodie, die zu einem Zweigesang zwischen Geige und Klavier sich sonderte. Karl Marias Wesen dehnte und weitete sich, und er sah tausend neue Möglichkeiten. Zwischen Himmel und Hölle ging es auf und nieder. Er fühlte, daß er reicher und zweckbewußter war, nicht mehr ein Spiel seiner Launen wie früher, als ginge es ihm wie den alten Geigen, die mit dem Alter immer besser werden. Wieder vertat er eine Nacht, über seinen neuen Schatz gebückt. Vielleicht war alles bisher nur ein Warten auf diesen Tag gewesen. Erst der Morgen scheuchte ihn von den winzigen schwarzen Männchen, mit denen er Blatt auf Blatt bemalt hatte. Dazwischen lief das Klavier, und ein anmutiges Weltspiel mit musizierenden Katzen begann. So fand Karl Maria ein Steuer im Sturm.   Während er so mit vollen Segeln auf ein glückliches Eiland zusteuerte und alles Leid wie Ballast zu rascherer Fahrt auswarf, segelte Fräulein Johanna Italiener nach Seeräuberart auf den »Erbprinz« in Weimar los. In der Hand trug sie Karl Marias Geige, die Guameri der Trix. Johannas Brauen waren finster und hochgespannt, ihre Knollennase marschierte mißvergnügt voraus, die Fäuste hielt sie griffbereit. Über die rechte Backe lief eine rote Schmarre, dort hatte die Miriam mit den Nägeln ihren Grimm eingegraben, weil ihr Licht in der letzten Nacht umsonst in das Dunkel des Parks geleuchtet hatte. Der Schmerz der Miriam war laut und zornig. Als Johanna, die in kaum versteckter Schadenfreude das Spiel durchschaute, weise Redensarten zum Trost auspackte, fuhr die Miriam wie eine gereizte Katze auf die Schwester los. Sie tobte ihre Wut an dem Rotkopf aus, der sich geduldig zausen und zerren ließ. Die Hauptsache war ja erfüllt: Miriam war ihre närrische Liebe los. Aber da Rache süß ist, ließ der »dicke Hans« am nächsten Morgen alle Kämme und Bürsten, Kleider und Schuhe kaltherzig umherliegen, zur Verzweiflung der Schwester, die gar keinen Ordnungssinn hatte und hilflos in der Verwirrung wühlte. Da wurde Miriam mürbe und beschwichtigte den schweigsamen Groll Johannas durch ein Schmuckstück, das diese Häßlichkeit wie ein Rabe schätzte. Als Schmerzensgeld waren sonst auch nicht mehr ganz neue Toiletten beliebt, die Johanna sachverständig begutachtete und dann mit Vorteil verhandelte. So war die kluge Miriam nur scheinbar der gewalttätige Herr in diesem Hause, in Wirklichkeit aber ein armer Sklave der geschäftskundigen Johanna. Und just heute lag wieder ein herrliches Stück Geschäft in der Luft. Ein Brieflein der Gräfin Rothenwolff, seltsamerweise an Johanna Italiener gerichtet, hatte dazu Veranlassung gegeben, und da die Miriam Karl Marias Geige in Leipzig versetzt glaubte, betrachtete der Rotkopf diesen Handel als ureigenste Privatsache und leckte die dicken Lippen im Vorgeschmack des reichlichen Gewinnes. Geduldig wartete sie deshalb im »Erbprinz«, bis das Kammermädchen sie in einen kleinen Salon führte. Hier begann nun freilich das Warten aufs neue. Johanna merkte die hochmütige Absicht, doch sie blieb ganz ruhig und beschloß nur, jetzt den doppelten Preis zu fordern. Zuerst fühlte Frau Beatrice sich etwas befangen, als die grünen Froschaugen Johannas sie zudringlich musterten, während der schwerfällige Leib ganz zusammengebückt in schuldiger Ehrerbietung erstarrt schien. Vor diesen Augen gab es keine Geheimnisse. Da war es am besten, mit offenen Karten zu spielen. Zudem reizte es Frau Beatrice, die auf Geld und Gut gar nichts gab, die Gier der anderen auszukosten. Lächelnd schüttelte sie den Kopf, als Johanna den Wert der Geige in allen Regenbogenfarben vor sie hinmalte und das goldbraune Ding beinahe zärtlich, um den schweren Verlust anzudeuten, an ihre fette Brust drückte. »Sie haben ein gutes Herz, Fräulein Italiener.« »Habe ich auch, Frau Gräfin, leicht macht es mir die Miriam nicht.« Ein schneller Blick hinter den rötlichen Lidern warnte Beatrice vor der Bosheit, die hinter den glatten Worten saß. Als die Gräfin hartnäckig schwieg und über die Miriam gar keine Meinung zu haben schien, seufzte Johanna beinahe verdrossen und kam wieder auf die Guarneri zurück, nur daß sie jetzt sehr geschickt den Geiger Tredenius damit in Verbindung brachte. Vorsichtig forschte sie so nach dem Grade der Bekanntschaft zwischen Karl Maria und Beatrice. Denn darüber hatte Miriam die Schwester schnöderweise im Dunklen gelassen. Aber die junge Frau setzte sogleich eine abweisende Miene auf und schwieg, in hochmütigem Arger, daß sie wider diese plumpe Schlauheit kämpfen sollte. Eine leise Lächerlichkeit stand hinter diesem Handel. Diese Unbehaglichkeit der anderen aber genoß der Rotkopf als Triumph und kehrte erst nach einer Weile zu dem Zweck des Besuches zurück. »Sie wollen also die Geige von mir zurückkaufen?« Ein schwerer Seufzer ließ die Preishöhe ziemlich genau erraten. Beatrice streifte die Ringe von den Fingern und hatte damit ihr Spiel. Dann trieb sie eine kecke Laune, es mit Johanna Italiener aufzunehmen. Lauernd fragte sie: »Was hat eigentlich Karl Maria mit dem vielen Gelde angefangen, das Sie ihm vorgestreckt haben?« Bei der vertraulichen Wendung »Karl Maria« spitzte Johanna die Ohren. Ein vergnügtes Schmunzeln lief um ihren breiten Mund. Schnell aber wurde sie wieder ernst. Sollte Karl Maria so taktlos gewesen sein, den Pfandschilling zu nennen? In beginnendem Mißtrauen blies sie die Nüstern auf und antwortete zurückhaltend: »Ich weiß wirklich nicht.« Voll Zorn dachte die Trix: Dem Jungen habt ihr die Taschen geleert und so Geige und Pfandgeld behalten. Laut aber sagte sie nur: »Was kostet die Geige?« Johanna zog nachdenklich die Schultern hoch und forderte das Dreifache dessen, was sie Karl Maria gegeben hatte. Kühl und geschäftsmäßig warf sie die Ziffer hin und frohlockte, daß die Dummheit der Miriam nun doch goldene Früchte trug. Mit gleichgültigem Lächeln erklärte die Gräfin sich einverstanden. Ihre feine, zurückhaltende Art war ohnmächtig gegen diese Gier, die mit beiden Händen zupackte. Als Johanna den Handel abgeschlossen und das Geld in ihrer schmutzigen Tasche Wohl verwahrt hatte, schickte sie sich an, Vertraulichkeit und Behagen zu zeigen, ohne der anderen abweisende Miene zu beachten, nahm ein Glas Wein sofort an, verzehrte eine Kaviarsemmel und plauderte beinahe unbesonnen darauf los, wie ihre Jugend und ihre Einsamkeit eben zum Durchbruch kamen, nachdem der Geschäftsgeist seinen Teil empfangen hatte. Alle Schwächen der Miriam deckte sie auf, gleich von der Kindheit an, wie um sich dankbar zu erweisen, und verbreitete sich auch über den Geiger Tredenius, der so viele Abende bei ihnen verbracht habe. Jetzt sei dies freilich anders. Wieder traf ein lauernder Blick die Gräfin, die aber beinahe vergnügt nickte und noch eine Kaviarsemmel bestellte. Gott sei Dank, Karl Maria war jetzt frei. Da entschied sich Johanna, diese Freigebigkeit zu belohnen. Schmatzend schob sie den Mund vor und quabbelte: »Ach ja, unsere Miriam hat eine goldene Stimme, aber ein Herz von Stein.« Schier unvorsichtig schien diese Charakteristik, welche die Gräfin trösten und ihr klarmachen sollte, daß Ritter Dionys auf Holzwegen seinem Glück nachjagte. Es war ein lustiges Wunder: Johanna Italiener fühlte auf einmal eine gewisse Ähnlichkeit zwischen sich und Frau Beatrice Rothenwolff, ein gemeinsames Verkanntsein und Duldenmüssen. Kräftig schüttelte sie die Hand, die sie kurzweg ergriff, und blickte vertraulich in das hochmütige schmale Gesicht. Dieser Blick verriet ihre Bereitwilligkeit, nötigenfalls mit Rat und Tat zu helfen, auch die Miriam zu überwachen, da die Geschäftsverbindung zu beiderseitigem Nutz und Frommen nun doch einmal angeknüpft war. Die Trix aber sah dem dicken Rotkopf spöttisch nach und bedauerte in einiger Schadenfreude den leichtsinnigen Nisi, der mit tausend Segeln in jenen Hafen einfuhr, aus dem Karl Maria Tredenius soeben mit knapper Not entronnen war. Plötzlich war es mit ihrer Heiterkeit aus. Beatrice begab sich auf betrübliche Wanderschaft und forschte in allen Winkeln, wie man auf einen Weg zurückblickt, den man unachtsam gegangen ist, und dessen Steine und Dornen man erst am Ende erkennt. Aus Laune, fast im Spiel, hatte sie den hübschen Dionys geheiratet, wohl auch aus Dankbarkeit gegen Onkel Achaz, der mit bescheidenem Lächeln um ihre Hand für seinen wetterwendischen Buben bat. »Allein halte ich den Tunichtgut nicht in Zucht.« Und nun kam das erste Herbsteln in diese lustige und unbekümmerte Ehe. Gerade heute. Da saß sie mit der teuer erkauften Geige und wußte nichts Rechtes damit anzufangen, in einer ganz neuen Scheu. Alle Unbefangenheit, die sie bisher mit dem Geigerjungen nur lustig oder auch nachdenklich spielen ließ, hatte Beatrice im Park von Weimar verloren. Ihre fürsorgliche Weisheit war doch nur ein Maskenkleid, das sie über ihr noch nicht gefestigtes Wesen geworfen hatte. Trotzig nickte Frau Beatrice zu dieser wenig erbaulichen Erkenntnis. Das sonstige Gleichmaß war auf einmal gestört. Es knisterte wie von heimlicher Sehnsucht. Und gerade jetzt sollte sie Karl Maria die wiedergewonnene Geige in den Arm legen und den Wanderseligen mit überredenden Worten an ruhige Ufer geleiten, daß seine Kraft zusammenwüchse und zielstark würde. Unwillig schloß sie die Augen. Aber da wuchs Bild nach Bild vor ihr auf, rundete sich, bekam Lichter und Schatten, bis alles grell und überdeutlich ihre Sinne quälte. Und sie hörte das Knistern und Knacken, als ob feines Glas zerspränge. Graf Dionys strich gern auf dunklen Wegen, aber er fand stets mit gutem Anstand zurück und hüllte dann seine Frau in einen Nebel von Liebe und Zärtlichkeit, bis ihre Augen alle Klarheit verloren. Wie spielende Kinder, die sich zanken und wieder vertragen. Dann erschien auf einmal der winzige Achaz. Bei der Taufe schauten Mama und Papa einander sehr belustigt an und schüttelten die Köpfe, als könnten sie nicht begreifen, daß etwas so Ernstes wie dieser krebsrote Knirps in ihr Vergnügen plumpsen konnte. Aber was sonst die Menschen bindet, trennte hier. Graf Dionys vergnügte sich einige Zeit am Familienleben, bis sein weicher Sinn in Langeweile sank und wieder sein früheres Flackerwesen begann. Daheim zog der alte Graf die Brauen kraus, brachte seine Geige herbei und zwang die nicht sehr bereitwillige Schwiegertochter, ihn auf dem Klavier zu begleiten. »Du spielst dir alle Mucken fort,« tröstete er, wenn Beatrice gleichgiltig weiterklapperte, weil diese verschnörkelten Stücke der italienischen Schule ihr gar nichts zu sagen hatten. Gehorsam duckte sie sich und spielte Madrigale und Kanzonetten, weil dann ein Plauderstündchen belohnte und Großvater Achaz' irdische Weisheit weit klarer und schöner war als seine Geigenkunst. Zum Schlusse ging es Hand in Hand zum Bettlein, wo Achaz II. mit geballten Fäusten auf dem Rücken lag und heftig schnarchte. Jung und alt blickten sich wohlgefällig an und schieden mit einem vergnügten Lächeln. In einer solchen Feierstunde kam der alte Graf auch einmal auf den Geiger Tredenius, als er sich mit einem Stück von Corelli weidlich plagte, das Karl Maria in seinem verunglückten Konzert als erste Nummer mühelos gebracht hatte. »Schade um den Jungen,« knurrte Herr Achaz und versteckte die zornigen Augen unter den buschigen Brauen. Da vergaß Trix ihr Geheimnis und erzählte von dem Geschenk, das sie Karl Maria heimlich gemacht hatte. Graf Achaz schwieg eine ganze Weile, dann blickte er die junge Frau bedenklich an, nagte am Schnauzbart und legte endlich seine Geige hin. »Wo nur der Risi bleibt!« brummte er verdrossen. Der Frau schlug eine Flamme ins Gesicht, und sie war dankbar, daß der Abend seine Schatten ins Zimmer stellte. Damals sprachen sie zum erstenmal von Karl Maria. Nun geschah es öfter. Der alte Herr aber tat es meist in übler Laune, und während er sonst sein eigenes Spiel sehr unbescheiden bewunderte, nannte er es jetzt elende Pfuscherei. »Dein Karl Maria versteht das alles viel besser.« Und dazwischen ein argwöhnischer Blick, wenn Trix mit halb verschleierter Stimme dann allerlei Erinnerungen ausplauderte, von der gelben Schleife, die Karl Maria noch von ihr besaß, oder von der dummen Jungenart, mit der er die geschenkte Geige zurückstellen wollte. Und jetzt hielt sie dieselbe Geige in der Hand und wußte nicht, was sie damit tun sollte. Aber plötzlich hatte sie klar, was geschehen mußte. Fort aus Weimar. Es galt, Karl Maria gute Wege in der Heimat zu bereiten. Er mußte die Stadt verlassen, wo die Erinnerungen allzu schwer an ihm hingen. Im »Blauen Herrgott« sollte er warten. So schob sie alles hinaus und hatte doch jede Möglichkeit für fernere Zeit. Graf Dionys aber merkte nicht, daß seine Frau heute Gerichtstag über mancherlei Dinge gehalten hatte. Ihre Absicht, schon morgen abzureisen, leuchtete ihm durchaus ein. So bekam er selbst alle Freiheit. »Du sehnst dich nach dem Kleinen?« »Ja.« Sie neigte den Kopf und sah ins Dunkel. Graf Dionys war fahrig und unruhig, als hätte er ungewohnte Lasten zu tragen. Er durchschaute das Spiel der Miriam, war aber viel zu eitel, sich aus diesem Netz zu lösen. Als er nun in unvorsichtiger Freude über das baldige Alleinsein eine kleine Zärtlichkeit bei seiner eigenen Frau wagte, begegnete er einem Blick, daß er ganz verdonnert zurücktrat. Gemessen fragte Beatrice: »Ist die Miriam Italiener frei für ...?« Das häßliche »dich«, das ihr auf der Zunge lag, verschluckte sie und vollendete: »Papa Achaz?« »Ja, das heißt ...« Er blinzelte etwas unbehaglich. Diese jähe Abreise gab ihm auf einmal zu denken. Und er vertrug Spott nur, wenn er sich nicht auf ihn selbst bezog. Wie eine gute Freundin riet die Trix: »Die rothaarige Schwester soll großen Einfluß auf das Wunderkind haben.« Damit warf sie ihr dunkles Haar und noch einiges andere über die Schulter. Dionys aber hielt sich schnell an das nackte Wort: »Donnerwetter, woher weißt du das? Da wollen wir doch gleich.« Mit feinem Lächeln sagte Beatrice: »Vielleicht morgen. Gute Nacht!« Und die Türe klappte dem Gräflein vor der Nase zu. Aber Nisi litt es mit Geduld. Seine Frau war doch wirklich ein wunderbares Geschöpf. Ja, diese rote Hexe hatte gierige und zugleich drohende Augen. Da hieß es, rasch etwas Glänzendes davor halten, damit das Ungetüm nicht sähe, was ringsum geschah. Und so tat er auch. Fräulein Johanna pries nun den blonden Grafen und blickte die Schwester vorwurfsvoll an, wenn Miriam ihre Launen über den armen Nisi hageln ließ.   An diesem Abend also kam die Guarneri mit einigen Zeilen von der Hand der Trix in das Dachstübchen, wo Karl Maria in Schöpferwonne schwamm, wenn auch die erste Hitze schon verflogen war. Aber sonst rumorte es noch ganz gewaltig hinter seiner eigenwilligen Musikerstirn, so daß die Freude über die wiedererlangte Geige nicht gleich Platz fand. Die Arpeggios des Klaviers jubelten mit den Triolen der Violine um die Wette. Da vergaß man Liebesweh, knappe Barschaft und ein Ziel im Nebel und diente nur dem neuen Gott. Heim in den »Blauen Herrgott«! Ja, dazu hatte auch Andreas Katzenkopf geraten. Dort hatte man Geduld mit einem armen Tropf, der groß und stattlich geworden und doch noch immer ein Sterngucker war, trotzdem Freunde nur warteten, daß er die Hand hob und bat: »Helft mir!« Aber sein Trotz war dawider. Der Habenichts Karl Maria hatte immer und jederzeit verschwendet und verschenkt und dann den Kopf geschüttelt, wenn kein Dank kam. In Weimar und anderswo. Die Miriam aber marschierte durch das Tor des Glücks. Der Brief der Trix knisterte in seiner Hand. Langsam strich er mit den schlanken Fingern über das Papier. Treue Menschen sorgten sich um ihn. Das gab ihm Kraft. Jetzt hätte er seine Armut wider keinen Reichtum getauscht, so tief selig war er, daß er seine Geige wieder hatte, ein Brieflein der lieben Frau noch obendrein und zwei Manschetten mit Noten bekritzelt. Und jetzt versuchte er sein Werk auf der Guarneri. Rot brannten die Wangen, die Lippen wölbten sich, als schlürften sie köstlichen alten Wein. Und war nur ein Notenwirrsal, aber sein Eigentum ganz allein. Heimweh packte ihn, als müßte er seinen Schatz möglich schnell in den »Blauen Herrgott« bringen. Alte Bilder tauchten wieder in Farbe und Licht, verklungene Stimmen summten altvertraute Lieder, so wob in tausend schillernden Fäden das Wunder der Alltäglichkeit um den Geiger Tredenius. Als er tags darauf hörte, daß die Gräfin Rothenwolff allein abgereist sei, faßte er einen schnellen Entschluß. Er brach alle Brücken hinter sich ab. Seine Schulden zu bezahlen, brauchte er freilich den Rest seines Geldes und mußte noch Wäsche und Kleider dareingeben. Die übrige Herrlichkeit ging in den Ranzen, worin auch die Geige des Katzenkopf noch Raum fand. So zog er los, warf allen Schmerz in den Wind und stellte sich auf die eigene Kraft. In Dörfern und Flecken strich er die Geige, in rußigen Wirtszimmern und unter breitästigen Linden, bei fröhlichen und bei traurigen Leuten, bei solchen, die ihm die Hand mit Münzen füllten, und bei anderen, die bloß ein mißvergnügtes Greinen für seine unbekümmerte Jugend hatten. In den Nächten aber kamen Träume, die brannten wie die Küsse der Miriam und tranken sein Blut. Dann lief er die Füße wund, bis ein bunter Herbsttag sein Herz wieder froh und leicht machte. An die Mutter hatte er noch aus Weimar geschrieben, allerdings nur vergnügliche und hoffnungsvolle Worte, keine Silbe von seinem Mißgeschick und von seiner Wanderung in die Heimat. Ihm war, als wachte er erst jetzt so recht aus seinem Himmelsguckertum auf, und mit dem fallenden Laub, das von Baum und Strauch sank, glitt auch manches Welke und Dürre von Karl Maria Tredenius. So zog er durch die Lande, unbekannt und doch willkommen als ein Stückchen Romantik in der allzu geometrischen und mechanischen Zeit. In irgendeinem sächsischen Fabriknest kam er ums Abenddämmern in eine Gruppe von Arbeitern, die truppweise heimtrabten. Da hob er seine Geige und marschierte geigend voraus, zuerst hörte er unwilliges Brummen hinter sich, dann aber ermunternde Zurufe, und schließlich baten ihn alle, die einen im Ernst, die andern im Scherz, in ihrem Stammwirtshause; da es just Samstag war, ein Konzert zu geben. Manche rußige Seele schlug da mit den Flügeln, und mancher Greis senkte sinnend den Kopf. Und in Schweiß- und Bierdunst jubelte die Guarneri in sorgloser Leichtigkeit. So übte Karl Maria seine Kraft. In den sonnigen Mittagsstunden aber lag er in Busch und Ried und gab seinen Träumen gnädigst Gehör. Sein Ohr spielte mit dem Flügelton der Brummfliegen und mit dem Summen der Bienen, die den letzten Honig sammelten. Die herbstschöne Natur und die neue Macht in seiner Seele wirkten Buntheit und Freude in diese Tage, daß alles zu murmeln schien: »Nimm es so gern, wie ich es dir gebe!« So überwand er alles Weh, das er aus Weimar mitgetragen hatte. Alles geriet in einen feierlichen Zusammenhang, den er freilich nur dunkel erriet, und er erwachte jeden Morgen voll Neubegier, was der Tag ihm bringen werde. Karl Maria wanderte also in die Heimat, wie in eine Pflicht, die ihm früher lästig gewesen war und ihn jetzt beinahe lockte. Es lag ihm sogar leicht auf, daß er mit leeren Händen kam und seinen Reichtum, den er heimlich in der Tasche hatte, doch keinem weisen konnte, ohne Lachen oder mitleidiges Kopfschütteln zu erregen. Aber er hatte auch Menschen und Dinge in Morgen- und Abendbeleuchtung gesehen und seinen Ranzen mit allerlei nützlicher Kenntnis gefüllt. Zur Übung probierte er seine Weltklugheit hie und da gleich mal praktisch, fuhr jedoch stets ziemlich jammervoll die Treppe hinab. Ein alter Musikprofessor hatte genug von ihm, als er das H -Dur-Trio von Brahms pries, ein anderer verlangte Papiere, sichere, dickbestempelte Papiere, weil sonst alles aufs Vagabundentum hinauslaufe, ein dritter kanzelte ihn ab, als Karl Maria auf die Frage, wen er für den größten Geiger der Gegenwart halte, frischweg Hans Geßner nannte, ohne zu bedenken, daß der größte Geiger einfach der Mann war, mit dem er zu sprechen gerade die Ehre hatte. Karl Maria wurde rot, knickte zusammen, packte sein Schicksal auf und ging. Aber die Trauer hielt nicht vor. Der alte Musikant Katzenkopf hatte doch zu viel Lichtfünkchen in sein Herz gesenkt, daß auf das Stückwerk mißglückter Hoffnungen stets von ganz innen her ein milder Schimmer siel. Als Karl Maria in die Heimat kam, war es Dezember, ein sonniger, fast warmer Weihnachtsmond, ohne Schnee und Sturm, da unser Herrgott auch schon die Romantik an einen goldenen Himmelsnagel gehängt hat. In einem billigen Gasthause stieg er ab und begann mit verzweifelter Hartnäckigkeit wieder die Suche nach einer bescheidenen Stelle in einem Orchester oder als Hilfe bei einem Regens chori , alles nur, weil er nicht mit leeren Händen antreten und neuerlich das Brot des Onkels essen wollte. Der kleine Unterschlupf, um den er so heißhungrig warb, sollte das Weihnachtsgeschenk für seine Mutter sein. Aber wieder blieb ihm das Pech treu. So sehr er sich mühte, weil seine Sehnsucht ihn doch in den »Blauen Herrgott« trieb, klappten alle Türen hinter ihm zu, ohne daß er etwas erreicht hatte. Nur einmal erwischte er das Glück bei einem Endchen, ließ es aber freilich nach seiner Art wieder los. Mit harter Mühe war er bis zu einem Kapellmeister der Oper vorgedrungen, verbeugte sich kurz und bat um die Erlaubnis, auf seiner Geige etwas vorspielen zu dürfen. Der Gewaltige nickte, und als das Stück zu Ende war, kratzte er sich nachdenklich hinter dem Ohr und fragte nach der Protektion. Einen Augenblick zögerte der junge Tredenius, ob er den Namen Achaz Rothenwolff nennen sollte. Aber nein! Dazu halte er kein Recht. So schüttelte er den Kopf: »Ich habe keine.« Der Kapellmeister lächelte ungläubig, lobte Ton und Strich, ließ sich Karl Marias Abenteuer erzählen und geleitete ihn selbst zur Tür, versprach auch, bald etwas von sich hören zu lassen. Natürlich blieb alles still. Nun verkroch sich Tredenius wieder in seine Menschenscheu und Bescheidenheit, die wartete, immer wartete, die Hände in Plage und Arbeit marterte, statt mit geschicktem Griff das Glück zu packen. Jetzt hielt ihn die Scham dem »Blauen Herrgott« fern, und ein kindischer Trotz auch dem Hause der Trix. Wieder gewann der Haß wider alle Welt in ihm Gewalt. In der Zeitung las er, daß Miriam Italiener, die jetzt sehr prunkvoll Lippa Lippi hieß, an die hiesige Oper engagiert war, daran schloß sich eine etwas romantische Lebensbeschreibung der heimgekehrten Tochter dieser Stadt. Da spürte der junge Tredenius zum ersten Male, was Neid heißt. Er saß in einem schmutzigen Einkehrgasthause und verzehrte die letzten Pfennige, die er auf der unbekümmerten Herbstfahrt erworben hatte. Die Harmonie bekam einen Knacks, die Dissonanzen tanzten Polka. Grübelnd und trotzig arbeitete er an seiner Violinsonate und üble fleißig allerlei technische Fertigkeiten, wenn die Finger in dem ungeheizten Zimmer klamm und steif wurden. Das war die tiefste Weisheit dieser verlorenen Tage. Dann fiel etwas Schnee, als hätte Gottvater doch Mitleid mit den Weihnachtserzählern und wollte sie nicht gar so arg Lügen strafen. Und dieser Schnee entschied das Schicksal des Geigers Tredenius. Ein Junge bückte sich, ballte das weiße Zeug zu einem Wurfgeschoß und schleuderte es dem unbefangenen Karl Maria in den Nacken, weil diese gottähnliche Versunkenheit den Zorn des handfesten Schulbuben erregt hatte. Leider oder richtiger zum Glücke verfehlte er den Musikus, und der Schneeball saß platschend auf einem brandroten Plakat mit schwarzer Schrift. Dies schien auch Karl Maria merkwürdig, und er besah den Schneeball mit nachdenklicher Faulheit. So fiel sein Blick auf das rote Plakat. Er rieb die Augen blank, was die Trix ihm schon im Park zu Weimar eifrig geraten hatte, und las. In Rot und Schwarz wurde da der Ruhm von einem verkündet, der das Glück schon längst auf die Knie oder auf die Schultern gezwungen hatte. Genickfallgriff oder verkehrter Gürtelgriff. All das tanzte vor Karl Marias Augen. In der Mitte prangte ein Bild des Körperstarken, dick und massig, blond und helläugig. Karl Maria atmete schwer, als er Giacomo Williguths Konterfei erkannte. Recht vor den Kopf geschlagen und mit einem Ruck wieder in alle Welt gestellt, las er von den preiswürdigen Heldentaten des Giacomo aus dem »Blauen Herrgott«. Mit einem Male war das Heimweh wieder da und warf allen Stolz und Trotz in die Rumpelkammer. Dazu kam noch die Sehnsucht der Schwachen und Pfuscher, die es den sonnenhellen Menschenkindern gerne abgucken möchten, wie diese das Leben zu ihrem Vorteil und Wohlbefinden handhaben. Ein Stückchen Hochmut kroch auch mit unter, weil Karl Maria, so der feinen und stillen Musik diente, mit leisem Lächeln auf die rohe Muskelkraft Giacomos hinabschaute.   So saß er am Abend im Zirkus, hoch oben auf der Galerie, eingepfercht zwischen fragwürdigen Gestalten aus der Vorstadt, die den Wert praller Muskeln und schneller Fäuste gar wohl abzuschätzen wußten und mit rauher Stimme die heutigen Kämpfe besprachen, Partei wider Partei, Anhänger des tour de hanche wider solche des tour de bras . Noch aber hatte die Manege ihr buntes und lautes Leben, das aus einer andern Zeit stammt und mit verzweifeltem Zorn wider das Unkraut sich wehrt, das aus neuen Wünschen wächst und über Clownspäße und Pferdedressur rettungslos fortwuchert. Das Orchester lärmte seine Blechmusik, gelber Staub hing in der Luft, der Geruch der Tiere mengte sich mit der Ausdünstung der vielen erregten Menschen, scharf roch die Lohe bis in den letzten Winkel. Manchmal zog noch Pulverrauch durch diese absonderliche Mischung. Karl Maria lächelte. In solch grellen Farben kam also der Ruhm daher, von Pauken und Posaunen umlärmt, von geschäftskundigen Händen als Lockspeise bereitet. Und dazu redeten noch die Radaubrüder ringsum weise und entschieden von Gelenk und wieder Gelenk, von blitzschnellen Rouladen und Pirouetten, als müßte alle Fertigkeit bloß im Gelenk sitzen, lose und leicht und mit der Schnellkraft einer Feder. Karl Maria legte die Arme auf die Balustrade und starrte in die leere Luft. Galt in der Welt wirklich nur das, was roh und grob ins Auge sprang? Ein Frösteln rann durch sein Blut. Mußte alles erst mit Geschrei und Lärm in Szene gesetzt werden, damit die Menschen daran glaubten? Karl Maria biß die Zähne zusammen und wollte es nicht wahr haben. Hier Giacomo Williguth und dort Miriam Italiener. Er aber blieb abseits und verkroch sich in sein Schneckenhaus. Dann wußte er allerlei Entschuldigungen für sein irdisches Zurückbleiben. Seine Sehnsucht war reiner und heller, ging nach seinen Mußestunden, in denen die Musik andächtigen Menschenseelen verwandt ist, ging nach dem Ausarbeiten verborgener Schönheiten, nach der treuen Wiedergabe edler Zartheit. Oberirdisch süß suchte er seinen Geigenton zu halten, wie Goldrauch in purpurner Abendluft, grotesk und gespenstisch zog er seine Schnörkel, wie Silhouetten von der Hand des Königsberger Hoffmann. So rechtfertigte er seine überlangen Tölpeljahre vor sich selbst. Und jetzt saß er mit heißen Wangen in diesem Zirkus, wo alles grell, derb und bunt war, und verteidigte sein heimliches Heiligtum wider den gierigen Lärm ringsum. Die hohen Gagen, von denen die Vorstadtgesellen erzählten, wirbelten in sein Ohr, und er grollte ein wenig seiner Armut, die es zu nichts gebracht hatte. Stubenhocker nannte er sich und war doch zwei Jahre durch die reiche Gotteswelt gewandert, glücklich und traurig, Tag auf Tag häufend, wie Heiligenbildchen in ein Buch. Heute aber brannte der Ehrgeiz in ihm und ein stummer Zorn über seine Nichtigkeit. Jetzt zogen da unten die Riesen heran, die von ihrer Muskelkraft lebten, in Trikots von allen Farben, die Gladiatoren von heute, deren keuchende Leiber für einen kurzen Abend kluge Geschäftskniffe mit billiger Romantik umkleideten und die das müde Verlangen nach Kraft sättigen halfen. Dann trat ein großer und dicker Mann vor, hob den Zylinder und begann die Ringer nach Namen und Land vorzustellen, gab auch besondere Siege einzelner Meister mit großer Wichtigkeit an. Und plötzlich erkannte Karl Maria in dem Sprecher Mr. S. Lewis. Mit Tanzmeistermiene wies der Impresario auf einen riesenhaften plumpen Kerl, der ein feuerrotes Trikot trug und der Weltmeister Kara Mustapha sein sollte. Die Radaugesellschaft auf der Galerie trampelte und schrie ihren Beifall. Der türkische Lastträger hob gönnerhaft die Hand zum Dank. Ein blatternarbiger Bursche neben Karl Maria brummte: »Gib acht, Türke, der schwarze Jakob ist schneller als du.« Und jetzt sah Karl Maria den starken Giacomo, mit Muskeln bepackt, doch noch immer hoch und schlank in seinem schwarzen Trikot, das ein silbernes, kunstreich verschlungenes Monogramm Q. W. trug. Gundl Williguth hatte es vor der Ausfahrt des Bruders gestickt. Heiß quoll es in dem jungen Tredenius auf, als er so von der Höhe dieses Zirkus einen Blick in seine schnöde verlassene Heimat tat. Drunten verlas der Impresario die Namen der vier Paare, die heute miteinander ringen sollten. Auch Giacomo Williguth, Meister von Amerika, war darunter, als Gegner hatte er den schwerfälligen Türken mit dem rohen Blick. »Die kommen beide in die Entscheidung,« erklärte freundlich ein alter Strolch, der zum Troste hie und da ein Fläschchen hervorholte. »Woher wissen Sie das?« fragte Karl Maria. »Ist ja alles Schwindel,« antwortete der wohlwollende Schnapsbruder, »heute machen sie es unentschieden.« Er wischte den feuchten Schnurrbart trocken und legte den Kopf auf die Arme. So starrte er aus verglasten Augen in die Arena, wo gerade ein flinker Neger mit einem fettleibigen Italiener raufte. Karl Maria aber blickte erst hinab, als wildes Schreien durch das Haus brauste und die beiden Champions in den Ring traten. Die Musik gab einen Tusch. Sie reichten sich die Hand und begannen das Werk. Roh und langweilig schien es Karl Maria, so fein und geschickt Angriff und Abwehr einander folgten. Einmal faßte der starke Williguth seinen Gegner und schwang ihn durch die Luft. Als er jedoch merkte, daß der Türke zum Werfen zu schwer war, stellte er ihn wieder ganz säuberlich auf die Beine. Dann schickte er ein breites, entschuldigendes Lachen zur Galerie hinauf, und Trampeln und Johlen belohnten seine Aufmerksamkeit. Manchmal nickte er auch zu einer Bankreihe hin, weit unter Karl Maria, und hatte ganz lachende Augen, wenn er sich dann wieder dem Türken zuwandte. Dort saßen vielleicht die vom »Blauen Herrgott«. Dieser Gedanke weckte in Karl Maria eine neue Sehnsucht nach dem bescheidenen Glück, das im alten Klösterlein und in dessen schrullenhaften Menschen Sitz und Herrschaft hatte. Der Türke hatte Giacomo gepackt und zwang ihn zu Boden. Schwarz und Rot wälzten sich durcheinander, auf den prallen Muskeln stand dicker Schweiß. Die Menge brüllte die Namen der beiden Kämpfer, höhnte den einen, lobte den andern, geriet auch untereinander in Streit, daß schlimme Worte durch die Luft zischten. Die vornehmen Herren in den Logen standen auf und reckten die Hälse, nervöse Hände fingerten mit dem Stecher. Es ging um hohe Wetten. »Halbnelson,« brummte der Schnapsbruder neben Karl Maria. Der Kampfleiter rannte wie eine Henne, die ihre Kücken verteidigt, um die zwei verschlungenen Leiber, die Pfeife in der Hand. Lautlos und erbittert wogte der Kampf. Das Schiedsgericht setzte sachverständige Mienen auf, wackelte mit den Köpfen und blickte dann in überlegener Langweile in die Luft. Karl Maria Tredenius war aufgesprungen und starrte auf den Teppich, als würde dort über sein eigenes Schicksal entschieden. Die Muskeln spielten über das feine Gesicht, der schwere Mund war trotzig gefaltet, als müßte er einen wilden Zuruf krampfhaft zurückhalten. Giacomo aus dem »Blauen Herrgott« war ein junges Blut wie er selbst. Und Karl Marias eigenwillige Phantasie knüpfte sein eigenes Schicksal an die Entscheidung dieses Kampfes. So lächelte er nur in zorniger Trauer, als der Türke Giacomos Kopf immer tiefer niederdrückte. Da geschah etwas Sonderbares. Eine mächtige Stimme erscholl, daß die Worte wie Paukenwirbel schmetterten. Karl Maria erkannte diese Stimme. Die Tränen liefen ihm über die Backen, als Johann Sebastian Williguth die väterliche Orgel rollen ließ. Alles wandte den Kopf nach dem Alten, der wie ein Heerrufer brüllte: »Gib's ihm feste, mein Jung'!« Mit einem Ruck spannte der starke Giacomo seinen Körper, der Türke ächzte, um den Griff festhalten zu können, aber langsam richtete Giacomo das Genick auf und schob die Schulter nach unten. Ein wildes Zerren und Drücken, Schieben und Stoßen. Dann stand Giacomo Williguth auf, und der Türke betrachtete trübsinnig seine leeren Hände. Mit einem Wutschrei warf er sich auf den schwer atmenden Gegner und faßte Untergriff von rückwärts. Jetzt wurde das Murmeln zum Schreien und wuchs bis ins Brüllen. Blitzschnell bückte sich Giacomo und fesselte des Gegners rechten Arm. »Armfallgriff mit Schlüssel,« erklärte der Schnapsselige und gönnte sich einen herzhaften Schluck. Der Türke riß verzweifelt den Gegner in die Luft, doch der Griff saß fest. Da sank Kara Mustapha zu Boden und versuchte sein Glück auf dem Teppich. Wie ein Panther warf sich Giacomo auf ihn. Ein kurzes Strampeln. Eine verkürzte Brücke zur letzten Rettung. Dann war es zu Ende. Mit beiden Schultern berührte der Türke den Boden. Die Pfeife des Kampfrichters schrillte. Der besiegte Türke sprang auf und lief aus der Arena. Giacomo aber lächelte, wie in jener Stunde, als er seinen gewaltigen Vater im Ringkampfe gefällt hatte. Der Beifall rauschte. Ein dicker Mann schüttelte Giacomo die Hand. Aus den Logen rannten die Herren in die Arena. Buchmacher fochten mit den Armen. Dick hing der Staub in der Luft. Karl Maria schloß die Augen, als sehnte er sich zurück in seine alte Stille. Dann ging er hinab. Ein trotziges Verlangen trieb ihn, dieser siegreichen Jugend abzugucken, wie man Sieger wird. Überall schnatterten erregte Menschen, der Impresario Lewis stand mitten unter einigen Kavalieren und fächelte sich mit dem Zylinder Kühlung zu. Sein fettes Gesicht glänzte im Triumph. Man wies Karl Maria in die Ringergarderoben, die tiefer als die Arena lagen, in engen, schmutzigen Korridoren, wo gelbe Gasflammen trübselig flackerten und die verdorbene Luft noch mit Hitze schwängerten. Ein Stallknecht in knallgelben Gamaschen zeigte grinsend auf eine Tür, als Karl Maria nach dem Ringer Giacomo Williguth fragte. Zaghaft klopfte er; als keine Antwort kam, tat er es noch einmal. Dann drückte er auf die Klinke und trat ein. Da lag Giacomo splitternackt auf einer teppichbelegten Pritsche, über ihn bückte sich ein baumlanger Neger und massierte mit seinen schwarzen Tatzen kunstgerecht und voll Eifer, daß ihm der Schweiß in dicken Tropfen auf der schwarzen Haut stand. Giacomo rollte sich auf den Rücken und starrte den fremden Jungen an. Der Neger bleckte die weißen Zähne. Dann strich Giacomo die Finger über die Augen und ließ sie eine Weile dort. Plötzlich schleuderte er die Arme in die Luft, schnellte auf und rannte in seiner Nacktheit auf Karl Maria zu. »Du bist der Karl Maria aus dem »Blauen Herrgott«. Grüß Gott, tausendmal Grüß Gott!« Aber plötzlich schwieg er bedenklich und sagte ganz langsam: »Woher kommst du denn hereingeschneit? Daheim warten sie seit Monaten auf dich.« Als echter Williguth mußte er sich selbst schnell ein wenig rühmen: »Na, sage mal, habe ich den Türken nicht brav geschmissen?« Karl Maria kam gar nicht zu Wort. So eilig hatte es Giacomos Freude: »Weißt du, der alte Johann Sebastian hat sein Teil daran. Als Papa so zornig losschrie, fuhr mir die Bubenangst in die Knochen, daß ich kurzen Prozeß machte. Kara Mustapha wiegt 240 Pfund. Also schon eine Nuß zum Aufknacken.« Und er blinzelte in alter Pfiffigkeit: »Na, wie bist du mit der eigenen Nuß zustande gekommen? Schon den Kern herausgebissen?« Karl Maria stand wie ein dummer Bub, in der alten Hilflosigkeit, aus sich selbst heraus- und zu anderen Menschen hinzufinden, mochten es auch die liebsten auf der Welt sein. Giacomo aber, der etwas Bedenkliches witterte, fragte mit eingekniffenen Augen: »Noch immer rein übers Nierenstück?« Ein Schmunzeln unterstrich den listigen Hintersinn. Karl Maria ärgerte sich, weil er rot wurde. Giacomo pfiff vor sich hin. Dann setzte er eine strenge Miene auf: »Was willst du jetzt tun?« »Onkel Williguth bei der Arbeit helfen, da es nicht weiter langt.« Sagte es wie einer, der an sich selbst nicht glaubt. Giacomo streckte Daumen und Zeigefinger aus und machte die Gebärde des Geldzählens. Karl Maria senkte den Kopf: »Ich werde niemals lernen, wie man Geld verdient.« Da schien es Giacomo, als müßte er alles Lichte und Freundliche seines Lebens vor dieser Verzagtheit ausbreiten und wie zum Trost zeigen, wozu es ein tüchtiger Kerl auf dieser Welt bringen konnte. Er warf sich in die Brust. »Da lobe ich mir meine Muskeln. Das sind frohe Wertpapiere. Dollars und Franken und Mark, alles schaffen sie. Ja, Geigerlein, ich bin ein großer Herr geworden, ein Kerl, der Sonne und Mond vom Himmel reißen könnte, wenn man es nur tüchtig bezahlt.« Warm und treu blickte er Karl Maria an: »Und eigentlich danke ich dir mein ganzes Glück. Deinetwillen ist ja der Lewis zu uns gekommen. Will es dir nie vergessen, verlasse dich darauf!« Er reckte die Arme, wälzte sich auf den Bauch, stützte den Kopf in die Hand und sprach seelenvergnügt weiter: »Zwei dicke Schwesterlein habe ich schon unter die Haube gebracht. Weißt es vielleicht noch gar nicht? Um den ›Blauen Herrgott‹ hast du dich ja nicht sonderlich gekümmert. Und dem alten Herrn habe ich die Orgel neu herrichten lassen. Eigentlich bin ich jetzt der richtige ›Blaue Herrgott‹, der in den großen Schnappsack greift und stets etwas Gutes herauslangt. Aber saure Arbeit hat es gekostet. jeder Tag muß frisch verdient werden.« Er schmunzelte in gutmütiger Schlauheit, als er so Fleiß und Zähigkeit lobte und goldene Ziele vor Karl Maria hinrückte. Vielleicht kam endlich auch dieser Träumer mit beiden Füßen auf die alte brave Erde. Aber es blieb recht still. Nur die Gasflamme sang. Karl Marias nie ganz hiebfeste Sicherheit brach jämmerlich zusammen, der alte Zweifel an sich selbst kam wieder und die Scheu vor allen leibhaftigen Dingen dieser Welt. Wie einer, der für sich selbst keinen Rat weiß, streckte er Giacomo beide Hände hin: »Du hast es gut.« Zornig brummte Giacomo Williguth: »Habe ich dir nicht beim Abschied gesagt: ›Bleibe fest in deinen Schuhen und schlage mit den Hacken hinter dich!‹ Du aber hast, scheint es, nur dich selbst und die, so dich lieb haben, getroffen.« Grob und derb polterten seine Worte. Karl Maria legte den Kopf zurück und schob das Kinn vor, daß er plötzlich ein rechter Williguth schien. »Es war doch viel Glück dabei,« sagte er stolz. Giacomo stieß den Neger von sich und hüllte seinen Riesenleib in einen roten Flanellmantel. Sein blonder Schopf stand wie ein Krönlein über dem Rot. So schickte er sich zu einer neuen Predigt an. Da hämmerte es wider die Tür, und viele Stimmen wurden laut. »Der ›Blaue Herrgott‹ ist da«, lachte der Ringer und riß selbst die Tür auf. Frau Apollonia prallte entrüstet zurück: »Er ist im Bademantel.« Frauenkreischen und Kichern, das Klappern eilig entrinnender Füße. Ein großer plumper Mann verdunkelte den Eingang. Aus glänzenden Augen blickte Johann Sebastian auf den Sohn, als wäre ihm soeben ein schwieriges Orgelstück zur Ehre Gottes trefflich gelungen. »Brav, mein Bub!« lobte er gewichtig und ließ die Tränen über sein feistes Antlitz kollern. »Danke, Papa!« erwiderte Giacomo, und dann schüttelten sie einander die Hände, mit solcher Kraft, daß der Neger anerkennend lächelte. »Heute wollen wir ein Kalb schlachten,« frohlockte der Meister. »Hast recht, alter Herr. Da ist ein verlorener Sohn.« Und Giacomo schob Karl Maria vor sich hin. Mit den Augen gab er dem Vater einen gutmütigen Wink und nickte vergnügt: »Heimgekommen ist er endlich, der schlimme Ausreißer.« Johann Sebastian nahm den Neffen langsam in strengen und bedenklichen Augenschein. Etwas flügellahm schien er, aber noch immer voll Trotz und Träumerei. Das steckt im Blut, dachte der grollende Onkel und wandte sich ab. Es geschah eigentlich mehr, um sein Mitleid zu verbergen, und doch empfand er einen heimlichen Triumph, daß Karl Maria von seiner Wanderschaft mit leeren Händen und traurig bittenden Augen wieder zu ihm kam, zu Meister Williguth, der den starken und siegreichen Giacomo erzeugt hatte. So groß war sein Kind und so arm und klein der Bub von Lisbeth Tredenius. Eine große Gebefreude siegte über Johann Sebastians Zorn. »Also bist du auch wieder da?« Schlicht sagte er dies, streckte seine Faust aus wie zu einer Drohung, öffnete aber die Finger sofort zu einem warmen Händedruck, als Karl Maria ihm halben Weges entgegenkam. »Willst du mich wieder haben?« fragte der junge Tredenius. Indessen war der Mediziner Philipp Emanuel eingetreten, groß und massig wie der Vater, aber die grauen Augen blickten kälter und schärfer, und von ihnen liefen schmale Falten zu den stark ausgebauten Schläfen, daß dieser junge Williguth strenger und verschlossener schien als die fröhlichen andern. Sachkundig befühlte und befingerte er jetzt Giacomos Muskeln und schnaufte vor Geschäftigkeit, ganz wie damals, als er vor Karl Marias Konzert beruhigende Pulver in das Selterswasser gemischt hatte. Dazwischen beguckte er den Heimgekehrten und lächelte voll Selbstzufriedenheit, daß alle Romantik Schiffbruch gelitten hatte. Denn er haßte alle verschrobenen und unklaren Dinge. Karl Maria merkte mit behaglichem Staunen, wie alles in alten Geleisen lief, und wie er selbst wieder in den vertrauten Kreis geriet, als sei all das Bunte, das er in diesen Jahren erlebt, unwirklich und ohne körperliche Wahrheit. Plötzlich schaute er auf. Ein Frauenkleid knisterte. Und da stand Kunigunde Williguth, blond, hoch und schön, stark an Gliedern wie alle Williguth und doch feiner und zarter in Bewegung und Haltung. Am Mund und Augen aber gab es winzige Falten, und Karl Maria wußte, daß diese schlimmen Strichlein früher nicht dagewesen waren. Da fühlte er seine Schuld, strecke die Hand und bat: »Du liebe Gundl!« Wie eine Bitte um Verzeihung, wie ein Klopfen an die Türe der Heimat. Kundry nickte lächelnd. Dann redeten sie so leise, daß sie ihre Worte mehr errieten als wirklich hörten, und erkannten voll Genugtuung, daß sie beide die Alten geblieben waren, Bruder und Schwester. Die Gundl freilich glaubte noch an etwas anderes, das tausendmal hübscher und verheißender war. Und es jubelte in ihr, weil sie sah, wie schön und rank er heimkehrte, und daß in den Augen und auf der eigenwilligen Stirn etwas saß, das ihm früher gefehlt hatte: Männlichkeit und ein Schimmer von Reife. Giacomo im roten Mantel schaute auf das Paar und schob die Hände ineinander, als hätte er schwere Gedanken. Und er, der den bärenstarken Türken so unsanft zu Boden gebracht, murmelte bedrückt: »Armes Mädel.« Ein beinahe finsterer Blick streifte den Geiger Tredenius, wie heimlicher Groll wider einen, der Gold auf dem Wege liegen läßt. Im »Blauen Herrgott« griff Johann Sebastian nach der Hand seines Neffen, blickte ihn lange an und sprach endlich voll Weihe: »Möge dir mein Haus nun wieder eine Heimstatt sein. Wir alle wünschen nichts Besseres. Jeder ist mit seinem Gott allein.« Diese letzten Worte, die Meister Williguth im ersten Brief nach Karl Marias Flucht gebraucht hatte, sollten ein stilles Zugeständnis für dessen absonderliches und ganz auf sich selbst gestelltes Wesen sein. Sie fielen dem weichherzigen Haustyrannen wahrlich nicht leicht. Heimlich aber zog er Karl Maria sogleich in den Musiksaal, schloß die Türe und drückte ihm eine Geige in die Sand. Wartend stand er im Dunkel. Seine Augen glänzten, und seine Ohren bewegten sich in argwöhnischer Freude um den kahlen runden Schädel. Karl Maria spielte ein Rondo von Mozart, dasselbe, das er einst im Salon Kirchweger als kleiner Junge vorgetragen hatte. Es war gleichsam die Aufnahmeprüfung in das Haus Williguth. Alle Feinheit und allen Reichtum, den er diesen Jahren erworben, brachte er in sein Spiel. »Genug!« entschied der Onkel, »bleibe bei uns, so lange du willst. Du bist reicher und – – – stiller geworden. Jetzt geh zu deiner Mutter!« So stand der Geiger Tredenius wieder in dem Zimmer, aus dem sein Vater ihn vor Jahren in die Welt hinausholen wollte, in dem er seine alte Geige zerschlagen, um alle Wünsche zum Schweigen zu bringen, wo die Kundry still bei ihm gesessen und sein Weh in den Schlaf geschmeichelt hatte, und wo heute eine Frau mit fast grauem Haar die Arme um ihn schlang und ihn schweigend küßte, voll Dankbarkeit, daß sie ihn überhaupt wieder hatte. Frau Lisbeth hatte keine große helle Kraft, die säumiges Blut ins Leben treibt, nur eine echte Liebe, die blind und immer glaubte. Dieser Glaube hatte sie stark gemacht in allem Leid und war doch keine kirchliche Frömmigkeit, sondern nur der urewige Stolz der Frau, die dies Kind mit aller Fröhlichkeit und aller Trauer in die Welt gesetzt hatte und die nun wartete, daß alles ins Wachsen und Blühen käme. Kein Wort verdarb diese Stunde. Das Glück liebt stille Leute. Still und nachdenklich war auch Kunigunde Williguth an diesem Abend, der Karl Maria in den »Blauen Herrgott« zurückgeführt hatte. Ihre Gedanken gingen zurück bis zu der Stunde, da sie Karl Marias Augen vor der kostbaren Geige leuchten sah und ihm zurief: »Lauf doch fort!« Treu und schlicht hatte sie ihm den Weg bereitet, nach ihren kargen Kräften, und das heimliche Lichtlein in aller Einsamkeit brennend erhalten. Nun sollte sie wieder an sein Hierbleiben glauben. Es tat ihr wohl und wehe zugleich. Mit gefalteten Händen und grübelnd hochgezogenen Brauen saß sie vor dieser neuen Seltsamkeit, wie weiland vor der neuen Geige, die eine fremde Hand gespendet hatte. Damals war ihr dies Geschenk wie ein Eingriff in ihr Recht erschienen. Und jetzt kam Karl Maria aus einem wilden Leben heim. Eine unwillige Angst ward sie nicht los. Vielleicht hatte er sein Bestes an lustige und leichtsinnige Frauen gehängt, und seine Seele trug nun die Spuren davon. Doch Kunigunde Williguth war nach Frau Lisbeths Art, sie glaubte und fragte nicht. Zugleich aber war sie frischer und tatkräftiger und mißtraute aller Träumerei, die nach ihrer Meinung lebensuntüchtig machte. Ein Fünkchen der Williguthschen Romantik aber knisterte doch in ihrem Blut, daß sie noch immer an ihrem Singen festhielt. Die Eitelkeit des Vaters half allerdings auch mit und vielleicht am meisten die versteckte Hoffnung, sich für Karl Maria zu mühen und seinen Beifall zu erwerben. Darum tat sie still und brav ihr Tagewerk, als seine Briefe seltener und flüchtiger wurden. Ein Restchen Trauer und Sehnsucht blieb freilich in ihr. So geschah es, daß Joseph Italiener näher an sie herankam, zuerst nur deshalb, weil er so viel aus Karl Marias Jugend wußte. Wie ein Nachbar ans Fenster klopft und fragt: »Ist es erlaubt?« Allmählich fanden sie zueinander, da Joseph treu und bescheiden an dem schönen Mädchen hing. Und wie ein Wunder war es, daß Joseph durch Gundls wackere Art selbst tüchtiger und fleißiger wurde und jetzt sogar als Kapellmeister in seinem Operettentheater saß. So grüßte seine verlorene Wunderkindschaft nur wie aus weiter Ferne herüber. Als rechter Schlemihl hatte er freilich das entscheidende Wort noch nicht gewagt. Aber er rollte seine runden Augen bereits sehr ausdrucksvoll und seufzte manchmal herzbewegend. Kunigunde Williguth sah die jammervolle Werbung des Rotkopfes nicht einmal ungern. Ihr Stolz, daß sie ihm zu Selbstvertrauen und auf den rechten Weg verholfen, frohlockte ein wenig, und ihr Wesen zog es stets zu den Schwachen und Beladenen, die mit glanzlosem Blick und tatenlosen Händen durchs Dasein gingen. Gekränkter Liebestrotz, daß Karl Maria sie in der Ferne offensichtlich vergaß, half auch mit. Was sie so an ihm nicht tun durfte, tat sie nun an Joseph Italiener. Frau Lisbeth, von Gundl in diesen zwei Jahren getröstet und wie von einer Tochter betreut, hatte jetzt ihren Jungen wieder und brauchte das blonde Mädel nicht mehr. Aber wartete nicht schon eine neue Pflicht auf sie? War Karl Marias Heimkehr am Ende nicht ein augenblickliches Sichselbstaufgeben, ein müdes Sichbescheidenmüssen? Gundl fielen die Worte ein, die sie einst an Miriam Italiener geschrieben, und womit sie Karl Marias Los bestimmt hatte: »Im ›Blauen Herrgott‹ hat er gut zu essen. Und alle haben ihn lieb. Aber sein Schicksal ist offenbar ein anderes.« Wie eine stille Genugtuung trug sie das Bewußtsein, daß Giacomo und Karl Maria ihrem besonnenen Tun alles verdankten, weil der Brief an die Miriam den Stein für beide ins Rollen gebracht hatte. Nun lag vielleicht wieder neue Arbeit vor ihr. Ihre Augen glänzten, alle Muskeln strafften sich. Als Giacomo schied, legte er ihr Karl Maria Tredenius ans Herz, wie ein Kind der Mutter oder der älteren Schwester. Plötzlich kam ein wunderlicher Zorn über sie. Sie biß die Lippen blutig, daß außer Joseph Italiener niemand in ihr das durstige und wartende Weib sah, sondern alle nur den Kameraden, die Helferin. Bei Giacomos Abschied hatte sie geschworen, alles zu tun, Karl Maria froh und reich zu machen. Nun hieß es den Schwur halten. Als sein Vater ihm die Kindheit zerschlug und vor Giacomos Fäusten entwich, saß sie bei ihm und erhob die Hände zum Schutz, wenn ein Sonnenstrahl auf den Schlafenden fallen wollte. Und dann gab sie Karl Maria einen Kuß. »Ich bin sehr dumm,« sagte die große starke Kundry und lächelte verzagt. Dann dachte sie an Joseph Italiener, der nicht hübsch und nicht sonderlich klug, aber treu und gut war, ohne Grenzen der Hingabe und ohne Selbstsucht, und so bescheiden um sie warb. Und eine ganz neue Schwermut kam über sie. Noch an diesem Abend scherzte Karl Maria, wie einer, der in die alte Behaglichkeit zurücktritt: »Nun, soll ich bald meine Geige bei deiner Hochzeit brauchen?« Statt zu antworten fragte sie: »Bist du jetzt glücklich?« Sie tat dies, um die Entscheidung über sich selbst noch etwas hinauszuschieben. Ganz im geheimen guckte sie freilich nach einem Hoffnungsschimmer für ihr eigenes Wirrsal. Er nahm nur ihre Hand und streichelte sie vertraulich. Kundry zitterte vor Erwartung und hielt den Atem an. »Ja, Mädel,« sprach er langsam, »jetzt ist mir oft, als müßte ich das Glück bald irgendwo greifen.« Sein Blick ging aber in die Ferne. Kundry fühlte in seinen Worten den alten Zweifel an Kraft und Willen und wußte, daß sie eine neue Pflicht hatte. Und sie erkannte mit ein wenig Bitterkeit, daß sie für ihn einfach eine liebe Gewohnheit war, die mit ihm durchs Leben zog, nichts Lockendes und Wunderbares, wie Miriam Italiener oder Beatrice Rothenwolff, von deren seltsamem Frauenwesen er ihr in dieser Stunde ganz harmlos zu erzählen begann, wie einer guten Schwester, die um alle Geheimnisse wissen soll. Gundl haßte Karl Maria ob seiner Aufrichtigkeit. Sie senkte den Kopf und hörte ihm trotzig zu. Von den verliebten Nächten in Weimar und von der Parkbegegnung mit der Trix, die seine Geige zurückgekauft hatte, ging das Plaudern, und Karl Marias Sehnsucht leuchtete allzu hell aus seinen kargen Worten. Kundry wurde klein und verzagt. Auch diese Frauen hatten Recht und Willen in seinem Leben. Dann richtete sie sich auf und hatte plötzlich ihr sicheres Lächeln wieder. Ihm wirklich helfen mußte sie allein. Das konnte ihr keine andere rauben. Sie dachte dies wie einen Schwur. Als alte Vertraute wurde Kundry auch zuerst mit der Violinsonate, opus 1 , bekannt gemacht und ihre Güte kurzerhand vor Karl Marias Erwartung gespannt. Nun hatte er seinen Schatz im »Blauen Herrgott«. Und sein junger Stolz breitete alles wichtig und umständlich aus, verhehlte in seiner derben Vertrauensseligkeit auch gar nicht, wie dies alles in ihm gewachsen war, mitten in trüber Zeit. Die bekritzelten Manschetten holte er hervor und wies das Entstehen dieser neuen Heimlichkeit, die ihn aus allem Weh gesund und tatendurstig in den Schoß der Familie Williguth zurückgeführt hatte. Die Sonate wurde ihm Widerschein und Spiegelbild der mannigfachen Erinnerungen aus seiner Kinderzeit, die jetzt überall wieder ihren Kreis um Karl Maria zog. Das Klavier führte den Baß des Wassermannes und der schlimmen Seegroßmutter, die Geige aber das Widerstreben und die Sehnsucht des Menschleins, das ins Geisterreich will und doch davor zurückschreckt, so daß die Geige zwei Themen kunstvoll gegeneinander trug und abwandelte, ein Zugreifen und ein Nichtwollen. Und da die Wassersonate des guten Joseph Italiener noch immer in Karl Maria spukte, mochte auch etliches aus diesem Tonstück mit hineingeflossen sein. Wenigstens glich die schwebende Rhythmik des ersten Satzes dem Spiel der Wellen, ein stetes Auf und Nieder von Ja und Nein. So bannte er in neuer Fröhlichkeit seine Kindheit in das erste kleine Werk, das jetzt die Kundry anhören und beurteilen sollte. Sie lächelte freundlich und gab ihm gute Worte, wurde aber eine leise Angst nicht los, daß Karl Maria sich nun neuerdings an bunte Träume verlieren könnte. Ja, es war schon nicht anders. Karl Maria breitete die Schwingen und ließ die dumme, treue Kunigunde Williguth weit hinter sich zurück. Wie ein besorgtes Schulmeisterlein flüsterte sie da vor sich hin: »Ich will ihm eine Pflicht schaffen.« Sie gab sich einen Ruck und sah vollends klar, als Frau Lisbeth ihr bald darauf von den schönen Stellen im Opernorchester sprach, für die Karl Maria doch so sehr geeignet wäre. Zögernd antworte die Gundl: »Ja, er sollte freilich in tüchtige Obhut kommen.« Am selben Abend hielt sie den freudereichen Ringkämpfer Giacomo fest und zog ihn in ihr Stübchen. Verwundert fragte er nach dem Grunde dieses sonderbaren Gehabens. »Karl Maria muß ins Opernorchester,« sagte sie fest und entschieden, als gäbe es da weiter gar keine Schwierigkeiten. Giacomo strich mit der schweren Faust über Gundls lichtes Haar: »Will er denn schon wieder ausreißen?« Sie blickte ihn aus klaren Augen an: »Wir beide müssen ihm helfen.« »Ob ihm da draußen viel Weh geschehen ist?« Gundl preßte die Lippen aufeinander: »Danach habe ich nicht gefragt.« »Schwesterlein!« drohte er schmunzelnd, schwieg aber schnell, als sie ihn zornig anfunkelte. Nach einer Weile sagte er in leisem Vorwurf: »Hast schon viel Gutes an ihn verschwendet.« Sie sah bedächtig vor sich hin und wiederholte langsam die Worte, die sie einst am Morgen vor dem Konzert zu Karl Maria gesprochen hatte: »Ein großer Geiger soll er werden, um den ein junges Mädel schon wachen darf.« Dann fragte sie, schon wieder besorgt: »Weißt du keinen Weg?« »Der dicke Lewis?« »Ach nein, der hat sich jahrelang nicht um ihn gekümmert, weil Karl Maria noch lange keine so sichere Sache ist wie mein braver Giacomo.« Der geschmeichelte Riese lächelte wohlgefällig. Gundl riet hin und her: »Es muß sein und still gemacht werden. Er kennt die Rothenwolffs. Aber bitten wird unser Karl Maria niemals. Also etwas anderes.« Giacomo rieb nachdenklich die Stirn: »Vielleicht die Ermattinger?« »Ja, Giacomo, so muß es gehen. Bist doch ein kluger Kerl.« Leicht und heiter schien ihr jetzt alles, was zu tun blieb. Und Giacomo tat, als teilte er ihre Freude, im Grunde aber grollte er, daß seine Schwester so viel Reichtum an diesem Tredenius wegwarf – ohne Dank. Doch an ihre Seele wagte er nicht zu rühren. Er war ja ein Williguth. Sie aber war entschlossen, bei der Sängerin sich selbst noch eine andere Klarheit zu holen, die zugleich eine Last von ihr nehmen sollte, mochte auch tausendfältige Bitterkeit daraus kommen. Und doch hatte sie eine leise Hoffnung, daß alles noch ein gutes Ende haben könnte.   Drei Tage später wartete Gundl Williguth blaß und verzagt im Salon von Franziska Ermattinger. Der ganze Raum war in grellem Rot gehalten, in einem Fauteuil lag eingerollt eine silbergraue Angorakatze und blinzelte mißtrauisch aus grünen Augen. Massig und schwer waren alle Möbel, ohne Schnörkel und Zierrat. Kein Lorbeerkranz, keine Photographien, nichts von dem Kleinkram, mit dem andere die Erinnerung an alle Wände nageln. Hell und hoch fiel die Dezembersonne herein. Gundl stieß den roten Vorhang zurück und blickte in das ganz weiße Musikzimmer. Da schob sich ein Frauenkopf, grob und schwerknochig und doch freundlich und beweglich, zwischen den Falten der weißen Portiere auf der anderen Zimmerseite hervor, besah aus hellbraunen Augen das junge Ding und zog dann den fein geschwungenen Mund zu einem vertraulichem Lachen: »Da ist die alte Ermattinger. Was soll ich denn tun, liebes Kind?« Ihre Stimme hatte den satten Klang alter Kirchenglocken. Gundl wurde in ihrer heimlichen Absicht so verwirrt, daß sie überschnell antwortete: »Ach, wenn Sie meine Stimme prüfen wollten.« Dann stand sie ganz verdonnert und ließ die Arme schlenkern, weil es jetzt ihrer kleinen Eitelkeit an den Kragen gehen sollte. Franziska setzte sich ans Klavier und fragte geschäftsmäßig: »Also bitte, was wollen Sie singen?« Nun hatte Gundl in der Abwesenheit des ungetreuen Geigers voll Williguthscher Romantik das Los der Senta, die den fliegenden Holländer retten möchte, sehr eindrucksvoll und ans Herz greifend gefunden und deshalb ihre ganze Kunst an diese Rolle gewandt. So murmelte sie also: »Die Ballade der Senta«. Die Sängerin nickte und schlug an. Kunigunde Williguth sang das dunkle Lied. Ihr Stimmlein sollte laufen wie ein schwarzes Roß und war doch nur ein blondes Hauskind mit abenteuerlichen Schrullen. Franziska senkte den Blick, um Gundl nicht zu verwirren, als sie verzweifelt die Worte rollte: »Traft Ihr das Schiff im Meere an, Blutrot die Segel, schwarz der Mast?« Grell warf sie dann den Schrei hinaus: »Falsche Lieb', falsche Treu'!« Weil dies aus einem gekränkten Mädchenherzen kam, klang es wunderlich echt. Der schmale Mund in dem starkknochigen Antlitz der Ermattinger blieb hart geschlossen, sie atmete schnell, als hätte sie erst einen inneren Kampf auszufechten, ehe sie den Mut zum Sprechen fand. Dann sagte sie behutsam: »Tun Sie's nicht!« Alle Farbe wich von der Gundl, als ihre kümmerliche Hoffnung so jammervoll Schiffbruch litt. Mit stiller Güte fragte Franziska: »Nicht wahr, Sie haben ihre Stimme aus Liebe entdeckt? Bei mir war es aus Zorn über das Keifen einer alten Tante.« Gundl ließ, wie es sich gebührte, ein Tränlein niederrinnen und hob dann tapfer den Blick: »Es war wohl eine große Dummheit?« »Die Stimme ist schwach, Kind. Und das Feuer fehlt, das innere Müssen. Man kann es nennen, wie man will. Und Sängerin werden ist ein steiniger Weg. Man darf nicht zurückschauen, was alles liegen bleibt. Fühlen Sie sich dazu stark genug?« Gundl lachte in verzweifeltem Trotz und streckte ihren jungen starken Leib. Franziska Ermattinger schmunzelte: »Ja, das irdische Häuschen ist gut gefügt, aber, mir scheint, drin wohnt eine scheue kleine Seele. Und damit richten Sie's nicht.« »Also vorbei!« entschied Gundl und warf mit gewaltsamer Gebärde alle Last der Singerei von sich. Beinahe erschrocken merkte sie, wie ein tröstliches Behagen so schnell über alle Enttäuschung siegte. Nein, das war keine heilige Flamme. Aber da sie trotz allen Mutes doch ein Frauenzimmer war, forschte sie sogleich in ungeschickter Eifersucht: »Die Miriam kann es besser?« Die Sängerin nickte. Da sagte Gundl Williguth ganz schlicht, als gälte es eine vollkommene Beichte: »Es war nur dumme Eitelkeit. Und Vater hätte es so gerne gehabt.« Dann in heller Dankbarkeit: »Sie haben dem armen Vater allerlei Liebes getan. Jetzt holen sie ihn doch hie und da zu einem Orgelspiel. Das ist dann ein Festtag für ihn.« Und wieder still und bedrückt: »Das hat mir den Mut gegeben, es auch zu versuchen. Ach ja, es ist doch eigentlich recht traurig.« Als sie so ihr eigenes Schicksal klein und kümmerlich in der Hand hielt, sträubte sie sich zuerst gegen diese verdrießliche Wahrheit, derweil jedes Weiblein durch Gottes Schalkhaftigkeit ein wenig vom Pfau abbekommen hat. Dann wischte sie derb die Augen, bis sie wieder den alten Glanz hatten. Die Ermattinger wartete. »Darf ich um etwas anderes bitten?« »Gerne.« »Helfen Sie dem Geiger Tredenius auf den rechten Weg!« »Ist der wieder daheim?« Mißtrauisch rückte sie die Brauen hoch und schien geärgert, daß da einer Kraft und Zeit unnütz vergeudet hatte. Kleinlaut berichtete Gundl: »Ja, es war nicht alles, wie es sein sollte. Karl Maria ist so ganz anders als wir vom "Blauen Herrgott".« »Der Bub hat zuviel weichherzige Menschen um sich gehabt. Ihr habt ihn alle verzogen. Da bleibt stets ein schlechter Dank. Sie hat er natürlich zuerst vergessen?« Gundl seufzte bescheiden: »Ich bin doch auch gar nichts.« Nachdenklich und milder fuhr die Sängerin fort: »Als Karl Maria als Wunderkind geigte, habe ich ihn einmal gehört. Der hat das innere Müssen. Aber die Menschen haben ihn zu schnell ins Licht gestellt. Das taugt nie.« Jetzt galt es schnelle Verteidigung. Und Gundl tat ihre Pflicht: »Ach ja, seit dem unglücklichen Konzert glaubt niemand mehr an ihn. Ich aber weiß, was er kann. In der Nacht vorher saß ich vor der Tür, hinter der er abwechselnd geigte und jammerte. Hinein wagte ich mich nicht, so horchte ich bloß. Damals hat er gespielt wie noch niemals, stolz und freudig und dann wieder demütig und verzagt. Und seither glaube ich an Karl Maria Tredenius.« Und mutig marschierte sie sogleich auf ihr Ziel los, wie ein braver Soldat: »Jetzt sind in der Oper bei der ersten Geige zwei Stellen frei. Es wäre ein so großes Glück für Karl Maria.« »Und ich soll ihm dazu verhelfen?« Hell saß die Freude in Gundls Augen, aber sie nickte nur stumm. »In Gottesnamen, Mädel. Aber der alte Achaz hat üble Launen, und Karl Maria hat sich gar nimmer um ihn gekümmert, trotzdem der Graf ihn damals im Palais Kirchweger herzensgut und urdumm in Szene setzte. Freilich, der Junge hat viel alte Musik getrieben, Italiener und Franzosen aus dem Rokoko. Darauf beißt der alte Narr. Sagen Sie das ihrem Karl Maria, liebes Kind!« Wie in einem glücklichen Traum schied Kundry von Franziska Ermattinger. War auch ihre eigne bescheidene Hoffnung zu Ende, einen Trost trug sie doch mit sich: Karl Maria kam in gute Obhut. Und sein Wachsen und Reifen mußte auch der blonden Kunigunde Williguth Freude bringen. »O du dummer, untreuer Junge,« flüsterte sie und trat in den »Blauen Herrgott«. Da saß Joseph Italiener und wartete auf sie. In den sonst stets geduckten braunen Augen war eitel Sonnenschein, als Gundl ihm die Hand gab. Treuherzig berichtete er, daß er eigentlich Karl Maria besucht habe. »Und dann habe ich auf Sie gewartet.« Heute war Joseph gar nicht so täppisch, schier männlich. Wie frohe Verheißung glänzte es in seinen Augen, in denen Kunigunde Williguths schlichte Schönheit sich spiegelte. »Mir scheint, Karl Maria ist es zufrieden, daß er wieder im ›Blauen Herrgott‹ ist.« Vergnügt sagte er dies, als leitete er daraus auch sein Recht auf Glück ab, und die leider noch immer häßlichen Henkelohren wedelten wie Fahnen, die auf gutes Wetter zeigen. Er stützte das Kinn in die Hand und sprach bedachtsam im Tonfall seines Vaters, des starken Gideon: »Ach ja, wer nur auch so glücklich sein dürfte.« Er hielt diese Einleitung für weise und wohl angebracht. Das Mädel aber legte den Kopf zurück. Es schien ihr häßlich, ein Tor hinter sich zu und sogleich ein anderes vor sich aufzutun. Joseph als geschickter Liebhaber glaubte auf dem richtigen Wege zu sein und fuhr frisch und frei auf seine Absicht los: »Ob ich wohl bald nach etwas fragen dürfte, Fräulein Gundl?« Gundl, der ihre verunglückte Singerei und das Los des Karl Maria mehr im Sinn lag als verliebtes Getue, geriet in hellen Zorn, als Joseph sie so kurzerhand noch mit seinem Liebeskummer belud, daß sie mit den Fingern eine wegwerfende Bewegung durch die Luft machte. »Mein Gott, was ist denn geschehen?« forschte Joseph Italiener, der schnell in seine Zaghaftigkeit zurücksank. Unliebenswürdig und rätselhaft kam die Antwort: »Es gibt Augenblicke, in denen man allein sein möchte.« Nun ging dem Joseph ein Licht auf, und er fiel mit Donnergepolter in eine riesengroße Dummheit. In seinem arglosen Herzen brannte zum erstenmal das Flämmlein Eifersucht. Und er haßte den Karl Maria Tredenius, dem alles, wonach Joseph Italiener umsonst die Hände ausstreckte, von selbst zuteil ward. Stockend, wie einer, der ein ungewohntes Werk tut, begann er von Karl Marias Treiben in Weimar zu erzählen, von der innigen Gemeinschaft zwischen dem Geiger Tredenius und der Miriam, als käme er nur ganz zufällig darauf zu sprechen. Langsam schob er so alles vor die Gundl hin, allen Kleinkram, den er längst von der dicken Johanna erfahren, aber bisher wohlweislich verschwiegen hatte. Frühere Versuche zu gesteigerter Mitteilsamkeit hatte Gundl kurz abgeschnitten. Heute aber ließ sie ihn gewähren, als verlangte ihr beleidigtes Herz auf einmal nach diesen häßlichen und wenig erbaulichen Dingen. Mit heißen Wangen und starren Augen saß sie und lauschte. Joseph aber lief munter sein Sträßlein weiter. Auch Karl Marias Bekanntschaft mit Dionys Rothenwolff und dessen junger Frau flocht er ein, mit verkniffener Gewandtheit, wie sie auch ein plumper Mensch in Liebesnöten zur Hand nimmt. »Er hat eben mancherlei erlebt,« schloß er seine Rede. Gundl Williguth schaute ihm klug und tadelnd ins Gesicht. Mit einem Ruck warf sie alle Häßlichkeit fort und hatte sich selbst wieder. Und so griff sie aus Josephs Weisheit nur das Erfreuliche heraus, daß Karl Maria mit dem jungen Grafen Rothenwolff bekannt war und sich darauf berufen konnte, wenn der Intendant der Ermattinger willfahren sollte. Was machte sie wieder heiter und leicht, daß sie sogar lächeln konnte, worüber Herr Joseph in nicht geringe Verwunderung geriet. Plötzlich richtete sich Gundl auf, daß der arme Liebhaber in sein kurzbeiniges Nichts zurückglitt, und fragte drohend: »Warum haben Sie dies alles gerade mir erzählt, Herr Italiener?« Als er verdutzt schwieg, fuhr sie ihn übel an: »Den Karl Maria macht mir keiner schlecht, Sie am allerwenigsten.« »Ganz im Gegenteil, ich wollte nur – – ...« versicherte eifrig Herr Joseph. »Pfui Teufel!« sagte die ehrliche Gundl und wurde rot vor Ärger. »Ich habe Sie doch so lieb,« stotterte er schließlich und verlor alle Behutsamkeit. Sie lächelte zuerst, dann aber wurde sie ernst und kalt: »Karl Maria muß ich zum guten Ende verhelfen, vielleicht habe ich nachher Zeit für – anderes.« Ein kurzer Händedruck, und Herr Italiener hielt etwas in der Hand, das einem Korb verzweifelt ähnlich sah. Gundl sagte Karl Maria nichts von den feinen Fäden, die sie um seinetwillen angesponnen hatte. Auch seine Mutter ließ sie nichts wissen. Giacomo war ihr einziger Vertrauter. So freuten sich die beiden starken und treuen Kinder Johann Sebastian Williguths, daß sie ein Schicksal zwischen sich trugen und damit ihr wichtiges Spiel hatten. In diesem hoffnungsreichen Warten vergaß Gundl sogar die trübselige und zornige Szene mit Joseph Italiener, wenn auch ein wenig Bitterkeit oft einen Schleier über ihre Augen legte, daß sie den ahnungslosen Karl Maria, der in dem vertrauten Alltag des »Blauen Herrgott« wie ein Fischlein im frischen Wasser schwamm, gar sonderbar anblickte und ihr Lachen im Grunde nur ein trotziges Aufschluchzen war. Karl Maria lebte also kreuzfidel in der behaglichen Pflicht, die er sich selbst aufgehalftert, griff da und dort zu, vertrat sogar den Oheim bei kleinen Orchesteraufführungen und hielt alles das, was er in so harter Lehre erworben, treu und geschickt in Gang und Gebrauch. Ihm war, als wäre er eben erst von einer Reise heimgekehrt und setzte sich nur an den Tisch, wo er einst heimisch gewesen, wie ja alles, was so mühsam reift und wächst, dem glücklichen Empfänger schließlich als selbstverständlicher Besitz erscheint. Manchmal freilich loderte die alte Unruhe auf, ein feines Knistern lief durch sein Blut, dann gingen seine Augen zum Winterhimmel, wo frostklare Wolken segelten, hell und scharf aus dem Blau geschnitten, nicht so flockig und vergoldet wie einst, als der Bub mit Miriam auf dem Gottesacker das goldene Schifflein mit der Seele des alten Samuel erwartet hatte. Ein tätiger Sinn hielt in Karl Maria aller Träumerei jetzt das Gleichgewicht, daß Meister Johann Sebastian vergnüglich lächelte und wie zur Belohnung eine romantische Reise in irgendein musikalisches Wunderland vorschlug. Aber nun war es Karl Maria, der den alten Herrn wieder auf die musikalische Heerstraße zurückbrachte und ernst an die Arbeit ging. Johann Sebastian schmunzelte wie ein gescholtenes Kind und verbarg nur schwer seine Freude, daß der Junge jeder Lockung widerstand. So sank ein Vorhang über die leuchtende Vergangenheit, nur hie und da glänzte noch ein Lichtlein durch. Von der Miriam Italiener blieb es ganz still. Joseph, der allein die Brücke der Vermittlung bildete, kam jetzt selten zu den Williguth, und dann hing er nur mit traurigen Augen an der Gundl. Karl Maria aber wich er aus. Wie eifersüchtige Hähne stolzierten sie aneinander vorbei. Die Trix weilte mit Mann und Kind auf einem Jagdschlosse in Schlesien und schrieb manchmal einige Zeilen, voll Innigkeit und Schelmerei. Karl Maria war jetzt beinahe froh über ihr Fortsein, weil er so seine Seelenruhe behalten und alle Entscheidung nach seiner Art hinausschieben konnte. Alles war ein zuversichtliches Warten. Da geschah es auch, daß Karl Maria die erste Frage nach Vater und Schwester tat, als wäre er nun stark genug, alle Lasten zu tragen. Frau Lisbeth erschrak. Wie eine Senne, der nur ein einziges Kücklein geblieben ist, vereinigte sie nun alle Liebe und Sorge auf ihren Jungen und suchte seine Seele in stetem Gleichgewicht zu erhalten. Ängstlich antwortete sie deshalb: »Denke jetzt nicht daran. Zuerst mußt du selbst ins richtige Geleise kommen.« Karl Maria zog zuerst die Stirne kraus und ballte die Hand zur Faust. Dann ging er still zur Mutter und küßte sie.   Weihnachten war vorüber. Das alte Jahr schickte sich an, seinen Leichenschmaus in einer lustigen Silvesternacht zu feiern. Da brachte der Tag vor Jahresschluß ein Brieflein in den »Blauen Herrgott«. Es kam vom Grafen Achaz Rothenwolff. Ein stattliches blaues Siegel war daraufgedrückt, und darin stand in steifen Buchstaben, die wie eine Grenadierkompagnie ausgerichtet waren, die Aufforderung an Karl Maria, am Silvestermorgen im kleinen Palais am Wasserturm vorzusprechen. Mit Herzklopfen lief der Junge von einem zum andern und fragte, ob jemand wisse, was dies zu bedeuten habe. Keiner konnte es sich erklären, alle aber waren stolz und hoffnungsfroh. Wie einen guten Bissen witterten sie das Glück für Karl Maria. Gundl lachte hellauf: »Irgendeine schöne Frau wird dir das Wort geredet haben.« Karl Maria war täppisch, riet auf die Trix und wurde rot wie ein armer Sünder. Dann holte er tief Atem und sagte leise: »Vielleicht wird jetzt alles gut.« Er wollte die Gundl kurzerhand küssen. Sie aber bog den Kopf zurück: »Laß die Dummheiten!« Und war sehr stolz über diesen Heldenmut.   So wanderte Karl Maria, in Bangigkeit und Hoffnung, an einem frostklaren Wintermorgen zum kleinen Palais am Wasserturm. Wie der Efeu an die altersgrauen Mauern klammerten sich die Erinnerungen an Karl Maria. Er hob den Blick. Die Sonne lag überall und übte Silberschmiedhandwerk an den kraus verschneiten Gittern und Bäumen. Karl Maria nickte der Sonne zu und zog einen trotzigen Mund. Heute suchte er nicht die Trix, sondern sein Glück. In den grünen Ranken zankten sich die Sperlinge, und eine Wetterfahne kreischte, als müßte alles musizieren im Heim des Musikgrafen Achaz Rothenwolff. Mit festem Griff, als packte er endlich sein Schicksal, ließ Karl Maria den Türklopfer hämmern, einen Türkenkopf mit grimmigen Augen. Hell und sicher schaute er und flüsterte voll vorwitziger Weisheit: »Sei diesmal kein Narr!« Das alte Palais schien mit Sonderbarkeiten vollgestopft. Gleich der erste Mensch, dem Karl Maria in die Hände lief, kam aus des Königsberger Hoffmanns spukhaftem Reich und war doch ein alter Bekannter. Gelbhäutig und dürr, ein langer schwarzer Schnurrbart hing nachdenklich rechts und links herab. Karl Maria lächelte vertraulich. Aber der andere blickte den fremden Jungen mißtrauisch an und schritt dann schweigsam und gemessen vorauf, indem er steif die Gelenke bewegte und sich gebürdete, als wäre er gar kein Mensch von Fleisch und Blut. In einem Rokokosalon, ganz in Weiß und Gold, mit kunstvoll geschnitzten Füllungen, wo Affen, Drachen, Vögel und Blumen ein buntes und doch anmutig verschlungenes Durcheinander bildeten, mußte Karl Maria warten. Die Stuckdecke zeigte allerlei ergötzliche und ulkige Szenen in Weiß und Gold, in Arabeske und Rankenwerk eingefügt. Da gab es goldene Mäuse, auf die weiße Katzen lauerten, Affen, die Pfeile abschossen, andere, die sich mit gekränkter Miene das getroffene Hinterteil hielten. Windspiele jagten flüchtige Hasen. Alles mannigfach und liebenswürdig, ohne den Blick zu verwirren. In Spiegelschränken und auf winzigen Marmortischen hatte allerlei Porzellanvolk sein Spiel, Amoretten ritten auf Schwänen, Seejungfrauen trugen goldig leuchtende Schalen, zierliche Mädchen tändelten mit stutzerhaften Herrchen, zwei Kavaliere zückten die Degen widereinander. Aus einem Schreibzeug wuchs eine ganze Chinesenfamilie empor. Bunt und farbenfroh, voll stiller Anmut. Rings tickten kleine Uhren, in Alabasterhäuschen oder in Porzellankähnen versteckt, sogar aus einer Herkuleskeule ertönte feines Ticken. Mitten hinein aber, aus weiter Ferne, polterten deutsche und italienische Flüche aufeinander los. Dann kam ein Schlurfen und Schleifen in das leise Sammeln der Uhren. Der Schnauzbärtige winkte mit den langen, wie Griffklauen eingebogenen Fingern. Es ging durch ein Zimmer, wo alte Jagdbilder in die dunkle Wandtäfelung eingelassen waren. Auf einem Lehnstuhl aus Hirschgeweihen saß eine grün gekleidete Puppe mit goldener Haube, wie überhaupt Puppen in mancherlei Jagdkostümen den Geiger Tredenius von allen Seiten aus starren Glasaugen beguckten. Dann trat Karl Maria in ein hohes und lichtes Musikzimmer. Wertvolle Gobelins mit musikalischen Darstellungen hingen an den Wänden, und in alten geschnitzten Truhen schienen allerlei Musikinstrumente zu ruhen. Auch hier kehrten die merkwürdigen Puppen wieder, nur daß dem Zwecke dieses Raumes entsprechend Figuren der italienischen Stegreifkomödie sowie fahrende Spielleute aller Art, Dudelsackpfeifer, geigende Zigeuner, eine Kirchtagmusik und dergleichen, hier ihr gespenstiges Wesen mit Glasaugen und starr erhobenen Armen trieben. Der automatenhafte Kammerdiener grinste, daß die spitzen tabakgelben Zähne wie ein Fallgitter bleckten, und strich mit den langen dürren Fingern liebevoll über das Puppenvolk, als er die Verwirrung bemerkte, die dieser Hexensabbath in Karl Marias Miene hervorrief. Es war aber eigentlich nur Freude, da der junge Geiger sich hier auf musikalischem und zugleich romantischem Boden sehr wohl fühlte und frohe Hoffnung in dem bißchen Ängstlichkeit trug. Kam er doch zum Schwiegervater der Trix. Das warf ein zuversichtliches Leuchten vor ihm her. Mit hellen Augen und festem Tritt folgte er dem alten Italiener, der jetzt eine Tür aufriß und mit schlenkernden Armen einladende Bewegungen vollführte, wie ein Jahrmarktschreier, ehe das Spiel beginnt. In dem halbdunklen Gemach unterschied das Auge erst nach einiger Mühe die Bespannung von apfelgrünem Chintz, mit einem Gitter von rosa Prunuszweigen, dazwischen Rosenkörbe, auf denen blaue Pfauen ihr Rad schlugen. Im Hintergrunde verhüllten helle, geblümte Vorhänge eine vierpfostige Bettstatt, altertümlich geschnitzt und gedreht, ein Prachtstück aus der Jakobiterzeit. In diesem Bette nun saß halb aufrecht, von einer blauen Seidendecke züchtig verhüllt, der kleine Graf Achaz Rothenwolff. Der Kopf war mit Binden umwickelt, daß die langen grauen Schnurrbartenden wie strampelnde Beinchen auf und nieder wippten. Jetzt streckte er die linke Hand aus. Da blitzte das Licht in einer sechseckigen Chippendale-Laterne, deren sechs goldene Rippen wie Pfeiler eines Domes aufstrebten. Nach unten liefen sie in Kelten aus, die sich kreuzweise verschlangen und einen goldenen Greifen trugen. Im Innern hielt ein geflügelter Kupido statt des Wachslichts die elektrische Birne. So schwankte das kostbare Stück von der Decke nieder und fesselte Karl Marias Blick, bis Graf Achaz mit leisem Lachen fragte: »Haben wir also wieder heimgefunden, junger Herr?« Zugleich winkte er dem Kammerdiener, der die feuchten Binden auf seines Herrn übernächtigem Haupt erneuerte und dann gemächlich abschlurfte. Der Graf knippte das Licht aus und kicherte boshaft: »Ziehen Sie mal die Vorhänge auseinander, damit die Sonne dies denkwürdige Wiedersehen bescheine.«   Er griff nach einer Zigarette und blies behaglich den Rauch von sich, der in blauen Wölkchen um die einfallenden Sonnenbalken wirbelte. Und dabei hielten die grauen Augen schnellen Ausguck. »Na, er ist ja ein schlanker, hübscher Kerl. Ein bißchen Narretei und Flackersinn. Ist vom lieben Herrgott ganz richtig dosiert. Wie war also die romantische Reise?« So plauderte er in seiner munteren und krausen Art und tat, als wüßte er gar nicht um den Zweck von Karl Marias Kommen. Und holte sich doch Stück um Stück von dem, was er wissen wollte, bis er ein rundes Bildchen beisammen hatte. Dann zeigte er auf einen Lackkasten, wo rote Drachen in goldenem Gitterwerk saßen, und die Stimme polterte jetzt wie Gottvater, wenn er das große Schuldbuch eines armen Sünders aufschlägt. »Drin liegt eine gute Geige. Spielen Sie mir Corelli oder Veracini!« Aha, dachte Karl Maria, jetzt beginnt die Prüfung auf Herz und Nieren. Sein Herz schlug schnell, aber die Hand lag sicher und gelassen um den schlanken Geigenhals. Der alte Graf bettete sich gemächlich zurecht und blinzelte in genießerischer Vorfreude: »Wenn mein Schädel brummt, ist Musik das beste Heilmittel.« Karl Maria lächelte dankbar. Und jetzt hob das Allegro des Veracini an, das Karl Maria in jener wilden und ruhelosen Nacht vor dem Konzert gespielt hatte. Leise ging der Nachtwind über duftschwere Blumen, Mondschein lag auf Teichen, aus denen Marmortreppen zu weißen Villen emporstiegen. Wohlgefällig nickte Herr Achaz: »Brav gekratzt, mein Sohn. Das war Florenz in einer Frühlingsnacht.« Und er spann mit der lieben Gesprächigkeit des Alters den gern lauschenden Jungen in ein behagliches Plaudern über diesen seinerzeit so verkannten Meister, erzählte von Veracinis Lebensumständen und von der Sorge ums tägliche Brot, die in Pisa an seinem Sterbebett saß. Hochauf horchte Karl Maria. So hatte noch keiner zu ihm gesprochen. Klug und behutsam zog der alte Graf Hülle um Hülle von dieser Jungenseele, bis er alle Kanten und Schroffen messerscharf vor sich hatte. Eine Stunde war dahin, da warf Herr Achaz die Binden ab und hatte ein starkes Leuchten in den Augen: »Passen gar gut zueinander, du und ich. Habe dich also nicht zu Unrecht damals an der Tür abgefangen.« Er merkte gar nicht, daß er Karl Maria duzte. In milder Freundlichkeit faltete er die Hände und fragte: »Was war damals mit dem Konzert?« Der junge Tredenius stotterte unverständliches Zeug. »Kalkuliere, daß eine dumme Gans dir den Kopf verdreht haben wird.« »O, du arme Trix, so übel nennt er dich,« grübelte Karl Maria, leicht und frei in neugewonnener Sicherheit, als guckte er aus dunkler Kammer ins Morgenlicht. Plötzlich saß Graf Achaz mit gesträubtem Haar aufrecht, in strenger Würde, und sagte kurz: »Sind also bei der ersten Geige engagiert.« Er wartete, ob jetzt ein überschwänglicher Dank ihn ärgern würde. Doch Karl Maria reichte ihm nur die Hand und zeigte schweigende Freude. Das gefiel dem Alten so wohl, daß er voll Behagen brummte: »Im Nebenzimmer wird gewartet. Wir frühstücken miteinander.« Sprach's und winkte Entlassung. Karl Maria Tredenius aber gab den Puppen im Vorbeigehen lustige Nasenstüber: »Verneigt euch doch! Jetzt bin ich etwas.« Mitten im Glück wurde er doch die etwas kleinmütige Erkenntnis nicht los, daß er wie alle auf dieser runden Erde auf den Zufall angewiesen war, so daß ein fetter Pilz Fortunas über alle Arbeiter und Plager gemütlich fortwuchern konnte. Er nickte den Wolken zu, die schneebeladen mit goldenen Sonnenrändern über den Himmel trieben, dem kalten Winterblau und selbst den Bäumen, die verdrossen das schneebepelzte Astwerk bewegten. Und auf einmal rannen ihm gar Tränen über die Backen. So wunderlich gemischt war diese Freude. Als er so stand, halb Junge und halb Mann, wurde die Tür geöffnet, und ein freundliches Frauengesicht guckte herein, zwei dunkle Augen unter schmalen Brauen und ein übermütiger Mund. Karl Maria aber ließ die Tränen rinnen und klatschte in die Hände, ohne daß er es wußte. Und plötzlich erfüllte ihn warme Dankbarkeit gegen die Trix, weil er doch nur ihrer liebevollen Fürsprache sein schnelles Glück zuschreiben konnte. Da lachte er mitten in seinen Tränen, weil sein Lebensschifflein jetzt vor stetigem Winde gute Fahrt tat. Die Hoffnung von Weimar wurde Erfüllung. Wie damals nur in Gedanken schaukelte er sich jetzt in aller Wirklichkeit in Behagen. Und wie damals legte ihm plötzlich die Trix die Hände auf die Schultern und fragte leise: »Wie kommst du daher, Karl Maria?« Noch immer lächelte er und antwortete ins Blaue hinein: »Der alte Achaz.« Denn er blieb auch im Glück ein Narr. Bald aber merkte er, daß Trix gar nichts von dem Wunder wußte, das sich heute hier begeben halte. Er nahm ihre Hände und drückte sie fest und herzlich: »Das danke ich dir mein Leben lang, du Frau mit dem silbernen Kleid.« Jetzt kam er endlich in die Wirklichkeit zurück und sah, daß die junge Frau gar kein silbernes Kleid, sondern ein altes blaues trug, dazu ein ziemlich vertanes Hütchen und gestopfte Handschuhe, so daß sie wie eine hübsche kleine Beamtenfrau in dem prunkvollen Jagdzimmer stand. Als sein Blick sein Erstaunen verriet, sagte sie leichthin: »Ach ja, Nisi hat alles Geld verspielt, und nun bin ich eine arme Frau, die zum reichen Großpapa kommt, damit der kleine Achaz nicht hungern muß.« Sie lachte, aber wieder waren die winzigen Falten um Auge und Mund, wie in Weimar. Und so fand der schwerfällige Karl Maria das Leid der lustigen Trix. »Die Miriam?« fragte er zaghaft. »Die auch.« Wie zwei arme Sünder blickten sie sich an, der Junge, den die Miriam verlassen, und die Frau, deren Mann derselben Miriam ins Garn lief. »Ist es hier nicht pudelnärrisch?« Damit brachte sie das Gespräch auf heitere Dinge, legte einen Schleier über alles, was besser verschwiegen blieb, und begann mit den Jagdpuppen zu spielen. Mitten im Tändeln aber blickte sie den arglosen Geiger mißtrauisch und etwas eifersüchtig an: »Wenn du heimkommst, findest du ein Brieflein von mir, für morgen abend. Da wollte ich alles richten. Und nun ist mir ein Fremder zuvorgekommen. Wer ist es denn?« Kleinlaut stammelte er: »Ich weiß es wirklich nicht.« Zornig fuhr die Trix auf: »Aber ich bitte dich.« Im knappen Morgenrock trat Graf Achaz herein, frisch und katerfrei, und zog die Brauen hoch, als er das seltsame Paar erschaute. Ein Lächeln ging um seinen Mund, als keimte ihm da ein Plänchen, das dieser Anblick ihm eingab. Er küßte der Schwiegertochter mit altväterischer Höflichkeit die Hand und sagte in schmunzelndem Spott: »Es ist wirklich rührend, wie du dein Elend betonst, Beatrice.« Zugleich aber kamen die zwei Zornfalten auf seiner Stirn. Schnell strich er sie mit der feinfingrigen Hand glatt und fuhr gleichmütig fort: »Diesen Menschen habe ich heute für die erste Geige engagiert. Meine Hausmusik muß er extra besorgen.« Und er lächelte wie ein Dieb, der einen geraubten Schatz in Sicherheit weiß. Als könnte er daran nie genug haben. Plauderte er nun über seine geliebte alte Musik und freute sich, daß Karl Maria darin so gut Bescheid wußte.   Als später der gelbhäutige Kammerdiener mit würdevollen Bewegungen das Frühstück überwachte, stellte Graf Achaz auch ihm den neuen Hausmusikanten vor. Der Alte gab ein vergnügtes Grinsen und antwortete nachdenklich, halb Diener und halb Vertrauter: »So wollen wir uns denn an Mozart und Schubert wagen.« Der Graf wies auf den seltsamen Kumpan: »Jacopo Rossi, das Cello meiner Hauskapelle, einst Kapellmeister in Turin, bis ihm der Atem ausging.« Betrübt lächelte Rossi und wackelte mit dem Kopfe, als sein wenig erbauliches Leben plötzlich in so grelles Licht gesetzt wurde. Als er fort war, berichtete der alte Herr: »Er säuft wie ein Schlauch.« Aber es klang eher wie stille Anerkennung. Gläschen nach Gläschen wurde gekippt, die grauen Augen wanderten unablässig zwischen Trix und Karl Maria hin und her und fanden gar mancherlei, was Großpapa Achaz innig erfreute, zugleich aber wachsam die Ohren spitzen ließ. Geschickt wandte er das Gespräch, daß alles in Heiterkeit blieb und kein Wolkenschatten über die Sonne siel. Am Dreikönigstag sollte die erste Hausmusik sein. Für die zweite Geige wurde Joseph Italiener bestimmt, weil Karl Maria, der seinem alten Lehrer etwas Liebes tun wollte, ihn in Vorschlag brachte. Herr Achaz selbst führte die Viola. Beim Abschied knurrte er wie ein strenger Schulmeister: »Mit den dummen Liebeleien ist es aus. Jetzt wird Ordnung gehalten.« Und er drehte grimmig die Schnurrbartenden zwischen seinen Fingern zu Schwertspitzen aus. Die Sperlinge schrien Karl Maria ihre Lärmmusik nach, als er mit seinem Glück davonrannte, und zwar spornstreichs zu Franziska Ermattinger, die Graf Achaz ihm als den guten Hausgeist bezeichnet hatte, der alles für ihn in die Wege geleitet habe. Die Sängerin nickte zufrieden, als er seinen Dank stammelte: »Nun sind Sie im Wasser. Schwimmen müssen Sie allein.« Sie wartete auf die Frage, wieso gerade er ihr in den Sinn gekommen sei, doch nichts dergleichen geschah. Karl Maria war zu glücklich. Überall war Glanz und Helligkeit. Da sagte sie langsam: »Als ich zum letzten Male im »Blauen Herrgott« war, erzählte die Gundl, daß Sie bald zurückkämen. Das hat mich auf den Gedanken gebracht.« Sie wollte das Herz von Kunigunde Williguth dem raschen Knaben nicht preisgeben. Da fiel Karl Maria das Schicksal der Gundl ein, die im Schatten blieb, während er jetzt endlich in die Sonne kam. Und er fragte: »Nicht wahr, mit ihrer Stimme ist es nichts? Sie tut mir so leid.« Beinahe heftig antwortete Franziska: »Die hat Besseres voraus. Da braucht sie keine Singerei.« Unzufrieden blickte er vor sich hin und ärgerte sich auf einmal über das viele Sonnenlicht. »Ihr bin ich mehr Dank schuldig als allen andern.« »Vergessen Sie das auch nicht, Herr Tredenius!« Er schüttelte kleinlaut den Kopf. Leise fragte er dann, wie zum traurigen Vergleich: »Und wie ist's mit der Stimme von Miriam Italiener?« Die Hände hatte er zu Fäusten geballt und harrte so auf die Antwort. »Um die Miriam ist mir nicht bange.« »Nein, die ist kalt und klug.« Wie eine Anklage. Steif und aufrecht stand er da, als hielte er sein Herz in beiden Händen und fürchtete, es könnte ihm neuerdings zu unrechter Zeit davonspringen. Mit heiteren und schweren Gedanken, mit neuer Hoffnung und altem Leid, trat Karl Maria in den »Blauen Herrgott«, als Johann Sebastian gerade das Mittagsgebet sprach. Die riesige Suppenschüssel dampfte auf dem Tisch, und die Williguth hoben die Löffel zum rüstigen Handwerk für Gaumen und Magen. »So, da bin ich,« sagte Karl Maria und verbeugte sich in dem neuen Übermut, der ihm trotz aller Bedenklichkeit aus den Augen lachte. Viele Blicke hingen an ihm, und es zeugte von dem guten Herzen der Williguth, daß sie sogar die Löffel zur Ruhe brachten. Giacomo stemmte die Ellenbogen so gewaltig auf den Tisch, daß ein Knistern durch das Holz ging. Kunigunde Williguth senkte den Blick, aus Sorge; die Herrschaft über sich selbst zu verlieren. Denn sie wußte, ihr Ziel war erreicht. Schließlich erfuhren alle die überraschende Begebenheit. Da gab es ein Lachen und Beglückwünschen, daß Frau Apollonia sorglich die Suppe zum Nachwärmen hinaustrug. Johann Sebastian sprach feierlich: »Nun hast du Boden unter den Füßen. Wandle also aufrecht in Gottes Herrlichkeit!« Frau Apollonia weinte etliches und sagte demütig: »Amen!« Als die frühere Dämmerung kam, traf es sich, daß Karl Maria und Gundl Williguth Besorgungen für den Silvesterabend zu verrichten hatten. Beiden aber schien dieses Alleinsein viel wichtiger als Arrak und Zitronen. Sie wanderten zuerst schweigsam durch das Birkenwäldchen, das nun zerzaust und unfestlich in der sparsamen Wintersonne lag. Der Abend ließ über aller Welt einen rosenroten Schimmer. Hier und da schwamm eine kecke Wolkenfeder ganz allein auf dem lichten Grunde. Die Kastanien und Ulmen um die Adlerburg trugen noch eingeschrumpfte gelbe und braune Blätter. Kam der Wind dazu, gab es ein Knistern wie unterdrücktes Seufzen. Als Bub und Mädel so miteinander durch das öde Birkengehölz gingen, das einst sommergrün und leuchtend gewesen, wachte in ihnen etwas auf, das zwar eine ganze Weile im Lärm des Alltags geschwiegen hatte, aber niemals ganz verstummt war. So begann das Mädchen, als fände sie am Glück dieses Tages wieder Mut zum Rückblick in eine liebe Vergangenheit: »Weißt du noch, wie wir hier im Frühling saßen und du mir meinen Aufsatz in die Hand sagtest, weil ich so dumm und verzweifelt war?« »Ach ja.« Karl Maria stieß den Absatz tief ins welke Laub, ungeduldig und ein wenig gönnerhaft. Es war ja nicht hübsch, daß man so schnell vergaß. Hell blickte sie ihn an und hielt ihm das Restchen Vergangenheit hin, wie einen Bindfaden von Herz zu Herz. »Es ist schon spät, Gundl,« sagte er leise. Sein Blick suchte etwas in der Ferne. Die roten Wolkenfedern segelten der Sonne nach. Grimmig lachte die Gundl, daß ihre Brust unter der Plüschjacke auf und niederflog. Er sah auf und fragte unsicher: »Was ist dir denn?« »Eine dumme Gans bin ich.« Sie hob die Hand und wies auf einen Graben, der jetzt mit Schnee und schmutzigen Blättern gefüllt war: »Dort saßen wir. Dann kamen die Italiener.« Jetzt war ein verdrossenes Schweigen zwischen ihm und ihr. Endlich sagte er grüblerisch, wie zu sich selbst: »Meine Hände halten nichts fest, Mädel.« Sie verstand, was er meinte, und senkte den Kopf. Das Rot des Abends verging. Der Wind fegte den Himmel blank. Eine durchsichtig wassergrüne Glocke stand über der weißen Welt. Kalt und klar, ohne Farbe und Licht. Die Einsamkeit der Nacht war da. Kalt und klar wurden auch die Gedanken. Karl Maria wußte, daß sein Glück an ihm vorüberstrich, aber er rührte keine Hand, es zu greifen. Sein Trotz war dawider. So blieb Gundl Williguth ohne allen Dank. Karl Maria stand kühl und gelassen vor ihrer bescheidenen Schönheit, weil andere, lockendere Bilder in ihm lebten. Er merkte, wie der Schmerz, beiseite gestellt zu werden, Gundl traf und allen Glanz von ihren Wangen nahm. Schlecht und erbärmlich kam er sich vor. Aber er konnte nicht lügen. Und auf einmal brannte eine Flamme alles Weh fort, knisterte hoch und zuckte in roten Zungen. Der Ehrgeiz, jetzt ans Ziel zu kommen, loderte auf, grell und glühend, daß er mit geschlossenen Augen in diesen Brand sah, der aus seinen Herzen brach. Gundl hatte die Lippen aufeinandergepreßt und stapfte tapfer weiter auf dem Pfad, über den die Nacht sank. Sie war doch auch ein Weib, jung und schön, hatte Wünsche und träumte manchmal von ihrer Sehnsucht. Sie haßte das rücksichtslose Vertrauen, das Karl Maria ihr gab, und hätte am liebsten um Lug und Trug gebettelt, der die andern Frauen arm und doch auch reich machte. Dann glitt ein besonnenes Lächeln um ihren Mund, ihr Blick ging in die letzte Sterbeglut dieses Abends. Darin las sie ihre Bestimmung, wie schon einmal, als Karl Maria Miriams Stimme über alles Maß lobte und bei ihr im Lampenschein saß, der als heller Schimmer um die beiden Köpfe lag, das Gesicht der Gundl aber im Schatten ließ. Schon damals wog ihr Herz ihm leichter als seine Geige und die Liebe der andern. Noch einmal flackerte das Flämmchen auf, ehe Gundl es erstickte: »Nicht wahr, wenn es dir schlecht geht, kommst du zu mir?« Er erschrak vor seiner Stimme, als er antwortete: »Zu wem sollte ich sonst?« Sie griff dankbar nach diesem Trost und war fast glücklich, daß er sie schonte und die Glocken langsam ausschwingen ließ. Und sie grübelte, ob nicht bereits eine andere ihn diese neue Zartheit gelehrt habe. Mild blickte sie ihn an: »Jetzt ist es Abend.« Und da hatte sie ihr Lachen wieder und neckte ihn, daß er mit solcher Leichenbittermiene ins neue Jahr hineinschreite. In Karl Maria regte sich etwas wie Reue. In den Häuschen an der Bergwand huschten die Lichter auf, rote und gelbe. Er warf trotzig den Kopf zurück und lief voran. Ein wissendes Frauenlächeln ging hinter ihm drein.   Nach Neujahr kam Karl Maria Tredenius ins Opernorchester, fand sich da bald zurecht und tat ernste Arbeit, die ihn froh und sicher machte, weil er jetzt Herr über alle unnützen Träume war. Auch im »Blauen Herrgott« half er dem Onkel und fühlte sich gar nicht klein und gering, wenn er kindisches Volk in die Musik einführte, sondern gewann daraus nur neue Kraft. Und sah er in aufgesperrte Himmelsguckeraugen, war er noch einmal so liebevoll und rührte nur behutsam an solch ein Kinderherz. Johann Sebastian erstaunte schier über diese Wandlung in seinem Neffen, nur hatte er stille Zweifel, ob dies alles von Dauer sein werde. Gundl Williguth freute sich über die Tüchtigkeit Karl Marias und war ihm eine treue Schwester, wie stets, nur daß sie alle geheime Hoffnung zu unterst in ihre Truhe gelegt hatte und den Deckel fest geschlossen hielt. Dem Joseph Italiener aber schenkte sie endlich wieder freundliche Blicke, daß auch er alle Kümmernis verlor und von neuem Segel vor den Wind setzte. Alles schien so stark und wohl gefügt und gesichert vor jedem Sturm. Bei einer Orchesterprobe streifte einmal die Miriam, die sich jetzt stolz Lippa Lippi nannte, an Karl Maria vorüber. Sein Herz klopfte, und er duckte den Kopf tief auf das Notenpult. Miriam nickte kurz und ging schnell weiter, und gleich darauf flog ihre Stimme über das Orchester hin. So taten beide ihre Pflicht und gaben ihre alte Liebe für tot und begraben. Manchmal stolzierte auch Graf Dionys bei den Proben umher und trieb überhaupt ein lautes und selbstgefälliges Wesen. Karl Maria aber hielt seine Geige und schloß die Augen, wenn erloschene Farben wieder hell werden wollten. Tag für Tag kam die Miriam vor seinen Blick, und er brauchte alle Kraft, fest in den Schuhen zu bleiben und Balken um Balken zwischen sich und sie zu legen. Zum Glück ließ ihm seine Arbeit keine Zeit zu unnützem Grübeln. Von allen Seiten wuchs sie ihm jetzt zu, in der Oper, im »Blauen Herrgott« und beim Grafen Achaz, wo Karl Maria in der Hausmusik saß. Aber nun schluckte er doppelte und dreifache Portionen und merkte es gar nicht. Und er glaubte fest, daß diese Beharrlichkeit ihm vom alten Goethe in Weimar geschenkt war. Um diese Zeit zog Giacomo wieder in die Welt hinaus, diesmal sogar, um in Australien seine Muskeln zu produzieren. Die zwei jungen Leute nahmen mit Kuß und Handschlag voneinander Abschied, und Giacomo sagte voll Zuversicht: »Mir ist nicht bange um dich. Du bist ein Mann geworden, Karl Maria.« Fröhlich entgegnete der Geiger: »Das hast du mich gelehrt, als du den Türken zu Boden warfest.« Stolz lächelte der junge Riese und schlug Karl Maria derb auf die Schulter: »Vielleicht wären dir gar goldene Flügel gewachsen, wenn ich dem Kara Mustapha alle Knochen gebrochen hätte.« Mit diesem Kraftwort schied er aus dem »Blauen Herrgott«. Einen Tag später versammelte Graf Achaz Rothenwolff sein Quartett, um seine musikhungrige Seele, die vom Aktenstaub schon ganz grau geworden, zu tränken und zu speisen mit himmlischen Herrlichkeiten, die der dicke Schubert in seinem D -moll-Quartett aufgespeichert hat. Frau Beatrice saß bescheiden im Hintergrund, als dürfte sie das ernste Tun der Männer nur mit einem milden Lächeln schmücken. Dann schwirrten die Geigen im Wechselspiel zwischen Tod und Leben. Als sie nun den Hauptgedanken: »Mitten wir im Leben sind, von dem Tod umfangen« mit allerlei köstlichem und künstlichem Beiwerk umrankten, verdunkelte sich der Blick der sonst nicht allzuschnell gefühlsbereiten Trix, bis ein richtiges kleines Herzweh zustande kam. Und war doch nichts weiter. Ein Mensch wuchs zu sich selbst. Weg von der Welt. Weg von Beatrice Rothenwolff. Starre Kirchenlieder wechselten mit leichten Ryhthmen unbekümmerter Lebensfreude, bis endlich aus dem Cello in der Hand des alten Jacopo Rossi ein helles Klingen frei wurde und Tod und Leben auf wunderbare Art versöhnte. So verklang das Spiel der vier Geigen, und Beatrice saß mit eingekniffenen Augen und halb geöffnetem Munde, die Hände im Schoß verschlungen. Ihr hellviolettes Kleid floß um den schlanken Leib, im dunklen Haar funkelte ein Krönlein aus Brillanten. Stark und innig sang Karl Marias Geige, daß ein ungläubiges Wundern Beatrice überkam. Hoffmann und die Romantik der Wanderjahre hatten Karl Marias Hände gelenkt, daß er das seine Gespinst Meister Schuberts in Demut nachschuf und alle Kostbarkeiten ausfeilte wie ein richtiger Silberschmied. So kam Freude in das Herz der jungen Frau und zugleich ein ungewisses Gefühl von Sorge. Graf Achaz strich den Schnauzbart, eine komische Falte lief ihm von der Nase zum Mundwinkel, wie ein Märchenmuskel. Die grauen Augen funkelten in behaglichem Genuß. »Tod und Teufel, das war ein gutes Stück.« Joseph Italiener trat zu Karl Maria und drückte ihm schweigend die Hand, wie einer, der sich vor dem Größeren beugt. Sie blickten einander an, ruhig und freundlich, weil Gundl Williguth jetzt nimmer zwischen ihnen stand. Den ganzen Abend war Beatrice in sonderbarer Bewegung, bald kalt, bald heiß, eine kluge Frau und ein unruhiges Mädel. Das Kerzenlicht, bei Graf Achaz' Hausmusik stets strenges Gebot, wehte nicht ruheloser auf und nieder. Abseits trank Joseph Italiener kühlen alten Wein und spann dazu vergnügliche Träume, in denen die blonde Kunigunde Williguth Heimatrecht hatte. Und sein in Liebessachen nun geschickter Sinn machte sich mancherlei mit der Gräfin Rothenwolff zu schaffen, voll Neugier nach der Frau des lustigen Dionys, der jetzt als verliebter Herold vor der Miriam einherlief. Als Joseph mit Karl Maria heimwandelte, sauste der Wagen der Gräfin vorüber. Die gelben Lichter tauchten in den Frostnebel. Da fragte der Rotkopf: »Sage mal, was ist mit der?« »Die hat ein goldenes Lachen. Daran wird sie immer wieder frei.« In Karl Maria Tredenius war eine große Dankbarkeit gegen alle Welt, und er dachte nicht weiter, als der Tag es verlangte.   Von seinem Glück brachte er den besten Teil zu Frau Beatrice in das Haus, aus dem er einst als dummer Junge geflohen war. Sicher und frei ging er jetzt durch die Kastanienallee, deren Astwerk weiße Schneepelze trug. Eine neue Helligkeit lag über allen Dingen, als hätte der harsche Wind alle Unordnung weggeblasen. Wieder flatterten Krähen auf und zogen krächzend von Baum zu Baum. Aber Karl Maria hatte nimmermehr Lust, mit ihnen den Wettflug zu tun. Er schritt jetzt in seinen eigenen Schuhen, die er auf seiner Wanderschaft endlich ausgetreten hatte, wie es sich gehörte. Freundlich empfing ihn die Trix, als hätte sie schon lange auf ihn gewartet. Wie Feiertag war es über den zwei Menschen. Nur du und ich. Dann frühstückten sie an einem schwerfälligen Tisch, einer französischen Arbeit aus dem sechzehnten Jahrhundert, den Graf Achaz auf einer seiner Sammlerfahrten erworben hatte. Die Platte trugen goldene Greife, die auf dem Rücken von vier goldenen Schildkröten ruhten, daß die schwere, starre Masse doch gleichsam in Bewegung schien. Beatrice wunderte sich, wie geschickt Karl Maria sich in diesen selbstverständlichen Reichtum fand, wie fein und beweglich er seine Finger gebrauchte und niemals Anstoß gab. Mit vergnügten Augen goß sie den Tee in die chinesischen Schalen und ließ ihre weißen Hände vor Karl Maria auf und ab wandern, bis er sie plötzlich festhielt und küßte. Da runzelte sie die Brauen und sagte kurz: »Du bist noch immer das alte Dummerl.« Und flugs ließ sie den kleinen Achaz aufmarschieren, so recht ihr winziges Ebenbild. Zuerst zog er ein grämliches Gesicht, als er den fremden Onkel erblickte, dann aber schlug er die Händchen ineinander und krähte sein herzdummes: »Dada! Mama!« Schließlich ward er auf den Teppich gesetzt, kroch dort umher, legte den Schildkröten Zaum und Zügel an und spielte Pferdchen. Zwischen Lachen und Befangenheit brachte Karl Maria das Gespräch auf seine Musik, und Frau Beatrice tat eifrig mit, als gälte es, jetzt nur schnell eine Mauer zu bauen vor Worten, die besser ungesagt blieben. Er kam auf seinen Mozart, den er als Befreier aus aller Enge des Lebens pries, das bis dahin in Deutschland hinter umzinnten Wällen saß und nur in den Herzen der braven Organisten und Schulmeister verschämten Feiertag hielt. »Wolfgang Amadeus hat uns die neue Sicherheit gelehrt, nach dem schweren Ernst und der kirchenfrohen Heiterkeit Johann Sebastian Bachs, er hat uns allen die Schwärmerei nach einem frischen Glück geschenkt, das auch der Ärmste haben darf. Drum liebe ich ihn vor andern, beweglich und wahrhaftig, wie er ist.« Da fand Blick zu Blick, und darin war die ganze Heimlichkeit wie die goldene Ernte dieses Sommers aufgespeichert. Ein Schweigen kam jetzt. Beide sahen in dieses willkommene und doch bedenkliche Wunder und scheuten das nächste Wort. Da holte Trix den zappelnden Achaz von seinem Vergnügen und setzte den unwillig krähenden Bengel mitten auf den Tisch. »Das ist der Onkel Karl Maria, der dir jetzt auf der Geige vorspielen soll.« Aber der Kleine stieß mit den Fäusten den Onkel fort, der sich unbeholfen über ihn beugte. »Garstiger Bub!« zürnte die Mutter und küßte das Kerlchen. Und Karl Maria, der froh war, eine Ablenkung aus dieser Verwirrung zu haben, tat geschäftig dasselbe. So irrten ihre Küsse über das Achazlein, hierhin und dorthin, bis der Knirps mit einer raschen Wendung auf den Bauch rollte und sich so diesen unerwünschten Liebkosungen entzog. Sie wollten weiter küssen und taten es auch. Aber da Achaz nicht mehr zwischen ihnen lag, gingen ihre Küsse ins Leere und trafen sich endlich. Mit roten Köpfen hielten sie ein. Der liebe Gott hätte es nicht besser machen können, so artig war das Ganze angestellt. »Das nächstemal bringst du bestimmt die Geige mit,« entschied Frau Beatrice und strich das wellige Haar zurück. Das Achazlein blickte mißbilligend auf das jetzt schweigsame Paar und rollte, um etwas Bewegung in die plötzlich langweilige Welt zu bringen, zwei chinesische Teetassen über den Tischrand. So schied Karl Maria anders, als er gekommen war. Anders schien ihm auch jetzt der »Blaue Herrgott«, armselig das Treiben der lieben Menschen, die Fragen Johann Sebastians tat er kurz ab, und schon am nächsten Morgen wurde ihm die so lieb gewordene Arbeit mit den kleinen Buben und Mädchen, die der Musik dienen wollten, zur lästigen Pflicht. Gundl Williguth kam der Wahrheit, wie diese Veränderung zu deuten sei, ziemlich nahe. Aber sie schwieg, als hätte sie nun kein Recht mehr auf die frühere Vertraulichkeit. Und es wurde immer ärger. Nichts, was aus diesem Hause kam, mundete Karl Maria mehr, was sie sagten, klang so plump, weil es stets dasselbe war. Sein Kopf stieß hier überall an die Decke. Er guckte wieder zum Himmel empor, ob dort noch die Wildgänse zogen. Und nach langer Zeit sehnte er sich wieder, mit Andreas Katzenkopf die hungernde und dürstende Freiheit zu teilen. Böse Nächte kamen, da zorniges Weh den Schlaf nahm und das Gehirn qualvolle Arbeit tat. Er gab verkehrte Antworten, wenn der Tag sein Recht verlangte, und wurde lässig, wenn er im Orchester die Geige strich. Wie ein Kind, das justament sein Spielzeug haben will und unruhig zwischen Heute und Morgen lebt. Und dann lief er doch wieder mit seiner Geige in das weiße Haus, weil er einfach mußte. Diesmal aber schob er die Musik sogleich wie einen Schild vor sich hin. Und Frau Beatrice war froh, daß es nicht anders kam. Klein-Achaz spielte auf dem Teppich. Konnten sich die beiden nicht länger fassen, mußte der Knirps herhalten zu allerlei Liebkosungen. Und dann gab Karl Maria wie ein Geschenk das Geheimnis seiner Violinsonate, zögernd und langsam, um nicht alles schenken zu müssen. Sie probten zusammen. Mit heißen Köpfen trieben sie dieses Spiel, er mit der Geige, sie am Klavier. Gerade brummte der Baß des Wassermanns wider das Schwirren der Geige, da kam der alte Graf dazu, nickte vergnügt und saß ganz still in der Ecke, bis die Musik schwieg. Er lobte die Melodik, fand einiges auszusetzen und bewegte unbehaglich den Kopf. Dann ging er, die Hände auf dem Rücken, im Halbdunkel auf und ab und ließ hie und da einen scharfen Pfiff hören. Irgend etwas stimmte da nicht. Plötzlich legte er die Zigarre ab und knurrte: »Wo ist eigentlich der Dionys?« »Ich weiß nicht, Großpapa.« Herr Achaz mißhandelte seinen Schnurrbart und steckte seine sonstige Freude an der Musik verdrossen in die Tasche. Später ging er mit Karl Maria ein Stück durch den Fontänengarten. Als der Geiger sich verabschiedet hatte, blickte Achaz ihm unzufrieden nach, schob den Zylinder aus der Stirn und brummte: »Mir scheint, Alter, da hast du eine Rieseneselei vollbracht.« In dieser Nacht mußte Jacopo Rossi wieder nasse Binden um das Haupt seines Gebieters schlingen, obschon keine Weingeister dazu Anlaß gaben. Am nächsten Morgen hatte der alle Herr eine scharfe Unterredung mit dem blonden Dionys, daß auch dieser die Miselsucht bekam und wider seine Gewohnheit grob und derb durch Haus und Leben fuhr und schließlich bei der Miriam Italiener in Sack und Asche endete. Herr Achaz blieb mürrisch und ohne sein Gleichgewicht, zankte mit seinen Kapellmeistern und sogar mit dem Kammerdiener und Leibmusikus Rossi, bis dieser eines Abends, als der Graf ohrenzerreißend auf der Geige kratzte, sein Cello absetzte und den überlangen Schnurrbart kunstfertig in Spiralen drehte, daß rechts und links von dem verfallenen Mund ein schwarzes Kränzlein lag. Seufzend sagte er dann: »Ach ja, die Kinder.« Graf Achaz griff freudig zu, als sein Vertrauter ihm die Brücke warf, und gab dem Söhnlein Dionys üble Worte. »Die arme Gräfin!« bedauerte der Famulus. Achaz lauerte eine Zeitlang und klopfte dann mit dem Bogen auf das Notenpult. »Geigen wir weiter!« Nicht lange dauerte es, da hatte der alte Herr etwas auf dem Herzen: »Schämen sollten wir zwei uns, der Tredenius trifft das viel besser.« Jacopo Rossi nickte und schloß schlau die blinzelnden Augen. Er ließ seinen Herrn gerne wie ein Fischlein auf dem Sande zappeln. Achaz grübelte seinen Gedanken zu Ende: »Soll der Tredenius ewig im Orchester sitzen?« Als keine Antwort kam, geriet er in zornigen Eifer: »Ach was, man muß etwas für ihn tun. Weißt du, Alter, ich habe den Karl Maria als kleinen Buben gekannt. War kein leichtes Leben, das er da hatte.« Der Kapellmeister aus Turin öffnete jetzt die Augen und schlug mit den Wimpern, den fröhlichen Spott nicht merken zu lassen. »Hm, ihm fehlt allerdings noch der letzte Schliff.« »Ja, so meine ich es auch.« Rossi faßte nach dem Schnurrbart und rollte die Spiralen wieder auf zum Zeichen, daß er mit seiner Weisheit im reinen war. »Hans Geßner,« sagte er langsam. Wie eine Stahlfeder schoß der kleine Graf hoch. »Donnerwetter, ins Schwarze getroffen. Es gilt: Der Tredenius soll sein Schüler werden.« Schmunzelnd gab er dem klugen Berater die Hand: »Brav, alter Mensch!« Gleich darauf aber rief er: »Jetzt an die Geigen!« Und kratzte seelenvergnügt den Gesang des Cellos nieder.   Als dem Musikgrafen sein Plänchen, dem flatterhaften Dionys durch Eifersucht auf Karl Maria Tredenius in das eheliche Heim zurückzuführen, mißglückt und statt dessen ein neues Liebeswirrsal angerichtet war, wandte sich sein Zorn gegen Lippa Lippi, der er nun allerlei am Zeug zu flicken begann. Aus Vorsicht aber zog er dabei stets den verständigen und vielgewandten Jacopo Rossi zu Rate, der ihn als sein musikalisches Gewissen in allen Fährlichkeiten seines beschwerlichen Intendantenlebens begleitete. Seit dem trefflichen Einfall des gewitzten Italieners, des jungen Tredenius Seele an Meister Hans Geßner zu verhandeln, um seinen Herrn aus übler Lage zu retten, ließ Rothenwolff den Alten gar nimmer von sich, trotzdem dieser sich bescheiden im Hintergrund hielt und niemals mehr sein wollte als des Grafen Achaz Kammerdiener und Leibmusikus. Alle Sänger und Sängerinnen aber kannten die Macht des dürren Gesellen, und Jacopo zehrte auch ganz behaglich von diesem Ansehen. In allen Proben hatte er seinen Platz hinter dem Generalintendanten, bescheiden geduckt, die Finger grüblerisch vor das kahle Haupt gelegt. Rossi bewunderte Miriam Italiener, deren Stimme sein Herz gefangen hatte, und drückte dem fleißigen Mädchen oft anerkennend die Hand. Darum war er recht betrübt, als jetzt Graf Achaz gegen die Lippa Lippi ins Feld zog, mit listigen Stichelreden und kaltem Hohn, je nachdem, wenn ihr etwas übel geriet. Es war ein hartes Mittel, das aus der Verzweiflung kam, und die musikfrohe Seele des alten Herrn lag oft in Zwietracht mit seinem Familiensinn. Als die Miriam einmal in der Bravourarie der Konstanze ihre Stimme nachlässig behandelte, weil ihr Herz gerade ganz anderswo war, polterte Achaz los und ließ abklopfen. Miriam schaute den Erzürnten lange an, zuerst selbst zornig, dann erschrocken und schließlich mit klugem Lächeln. »Verzeihung,« sagte sie leise, »das war häßlich von mir.« Und sie bat höflich um frischen Einsatz. Aber wieder schnappte sie vor dem Hindernis ab. Da wetterleuchtete es in ihrem Gesicht, die kurze Oberlippe sprang hoch, unwillig zuckten die Lippen. Sie warf den Kopf zurück und krallte die Finger in ihr Kleid. Der Graf verbiß seinen Zorn, weil ihm dieser trotzige Ehrgeiz gefiel, und fragte ganz sänftiglich: »Was ist denn heute los?« »Ach, Exzellenz, es ist zu dumm. Ich bin ein armes Judenmädel, mein Elternhaus ist schwarz und schmierig. Aber lieb hab' ich es doch. Und nun wird es abgerissen. Ein kleiner Garten war da, mit einer uralten Linde. Die liegt jetzt gefällt. Und da kann ich nicht einmal singen.« »Das ist freilich ein Grund,« brummte der Alte und lächelte beinahe freundlich. Und dann grübelte er, was dieses Prachtmädel an seinem Windhund Nisi nur finden konnte. Die küßte den armen Dionys höchstens als Türöffner ins neue Leben. Des Grafen Achaz Vaterstolz sah nicht gern in solch unwillkommene Klarheit. Plötzlich haßte er sein Alter. Bei Gott, er war ein anderer Kerl gewesen. Dann schmunzelte er wieder und saß mäuschenstill. Als Miriam endlich ihre Stimme in die Hand bekam, versah es die erste Geige und blieb kläglich zurück. Man hörte ein greuliches Kratzen von dem Platze des Geigers Tredenius. Graf Achaz spitzte die Ohren. Wie Mitleid mit all dieser dummen und reichen Jugend packte es den alten Mann. Am Schlusse der Probe trat Karl Maria zu Miriam und fragte: »Ist das wahr mit der Linde?« So wechselte er seit den Tagen von Weimar das erste Wort mit ihr. »Freilich, man hat sie schon umgeschlagen.« Sie wartete, hätte nicht ungern mit ihm von dem alten Garten Abschied genommen. Aber er rührte sich nicht. Zu einer Bitte war sie zu stolz. So gab sie ihm kalt die Hand. Karl Maria aber begriff nicht, was die Miriam so handeln ließ, und trabte im Haß davon. Am selben Abend ging er ins Winkelwerk der Judengassen. Es war später März, überall wuchs neues Grün aus altem Holz. Bauschutt sperrte den Weg. Durch leere Fensterhöhlen blickte ein blaßblauer Simmel. Die Vorderseite des Hauses war schon abgetragen. An aufgeschichteten alten Ziegeln vorbei kam Karl Maria in den Hof. Da lag die Linde, noch kahl, aber mit tausend Knospen, vom Rosenstock war nichts mehr zu sehen. Nur der Fliederbaum stand noch, halb begraben in Staub und Steintrümmern. Karl Maria hockte sich auf den gefällten Stamm. Viele Jahre lang hatte diese alte Linde grüne und goldene Blätter und auch Schneelasten getragen und alles überdauert, was rings um an Leid und Freude geschah. Jetzt war sie tot, faulendes Holz, und die Knospen mußten verderben. Da zog Karl Maria einen dicken Strich unter alle Erinnerungen seiner Kindheit. Und jetzt wußte er: nichts ging verloren in dieser Gotteswelt, alles hatte seine Ewigkeit, wenn auch Menschen und Bäume umsanken. Schwer und widerwillig hatte er diese Erkenntnis erlernt, aber jetzt hielt er sie fest als seinen besten Besitz. Ohne Haß sah er zurück, weil er doppelten Gewinn in alle Zukunft trug. Und deshalb konnte er auch lächeln wie einer, der das Gute gar nimmer verlieren kann. Freilich wünschte er sich die Muskeln des Giacomo, der alles vor sich niederzwang und seinen Weg durch dick und dünn brach. Die Tredenius aber hatten langsameres Blut und guckten nur dem Leben zu, statt es kräftig zu fassen. Und doch fühlte Karl Maria, wie er mählich reifer und zielbewußter wurde, wie das unnütze Funkenwerk in seinem Blut verknisterte. Einen Augenblick zögerte er, dachte an Vater und Schwester. War ja nicht weit von hier. Dann schüttelte er den Kopf: Nein! Die sollten ihm jetzt nicht mehr den Weg ans Ziel verlegen, die nicht und niemand sonst. Aber da stutzte er wieder. Es gab eine liebe Frau und gab eine lockende Möglichkeit. Doch auch dies galt ihm heute nichts, als wäre er endlich an aller Dummheit Ende gelangt. Mit einem Male schlug er die Hände auf den Stamm. Durch wollte er und nicht länger warten. Harte Hände und trotzige Tat. Am nächsten Nachmittag kam Joseph Italiener in den »Blauen Herrgott«. Da packte Karl Maria zu und tat gleich einen derben Griff, wie einer, der es noch nicht gewohnt ist. Joseph bettelte mit treuen Augen um das Glück, das hier wohnte und nicht zu ihm finden wollte. Zum erstenmal sprach er offen von seiner Liebe, verwickelte sich aber in unbeholfene Sätze, als wüßte er nicht ein noch aus. Ganz dunkel war Karl Marias Blick. »Komm!« sagte er rauh. Und schritt voran in den Musiksaal, wo Gundl allein über einer Stickerei saß, die ein Hauskäppchen für Vater Johann Sebastians kahlen Scheitel werden sollte. Sie nickte den zwei Männern entgegen und legte die Arbeit fort, Joseph Italiener schaute in Gottergebenheit auf das geliebte Mädchen und wackelte zum bräutlichen Gruß mit den Henkelohren. Als Gundl darüber lächelte, griff er erschrocken nach dem vorwitzigen Ohrenwerk. Sie gab ihm die Hand: »Was soll es denn sein?« Gut und zutraulich glaubte sie an einen Scherz. Karl Maria sagte mit seltsam fester Stimme: »Da ist mein alter Lehrer. Weil er aber als Traumichnicht im ganzen Leben zu nichts den Mut hat, muß ich es für ihn tun. Er hat dich lieb, Gundl. Und jetzt sage mir, ob du ihn leiden kannst.« »Karl Maria! stammelte Joseph und rang bittend die Hände. Aber der junge Tredenius blickte Gundl Williguth an wie einer, der eine Last endlich von sich legt. Gundl war aufgestanden, daß ihr Schattenriß auf dem Goldgrund des Fensters schwamm, hinter dem die Märzsonne im Sinken war. Langsam strich sie über ihr lichtes Haar, als ob jetzt aller Schimmer fort sollte. Ihr Herz schlug viele Schläge, rasch zurück in die Vergangenheit und dann pedantisch in die Zukunft. »Ich kann noch nicht,« murmelte sie schließlich und sah geradeaus in den Abend. Karl Maria wartete. Da war ein Mensch, der ihn lieb hatte. Schwer ging sein Atem. Ungeduldig trat Joseph von einem Fuß auf den andern. Da wandte sich Gundl nach ihm um: »Wenn Karl Maria am Ziel ist, kommen Sie wieder, Joseph!« Unwillig rieb der ehrliche Brautwerber die Fingerknöchel widereinander. Zum zweitenmal schon erhielt er diesen Bescheid. Er konnte ja Karl Maria nicht mit Gewalt ans Ziel bringen. Plötzlich ging ein frohes Grinsen um seinen häßlichen Mund. »Hans Geßner ist wieder in der Stadt. Und wenn Karl Maria ...« Zuversichtlich lächelte er jetzt, als hätte er den Weg gefunden, der den jungen Tredenius und ihn zugleich zum guten Ende führen mußte. »Hörst du, Karl Maria, Hans Geßner ist da?« wiederholte die Gundl. Er aber schwieg, nickte kurz und ging hinaus. Gundl nahm Josephs Hand: »Einen solchen grundgescheiten Einfall hätte ich Ihnen gar nicht zugetraut.« Und Joseph war dankbar für diese Anerkennung. Gundl hoffte, daß Karl Maria auf Hans Geßner zurückkommen werde, aber er tat nichts dergleichen, und als sie selbst das Gespräch dahin brachte, sagte er gleichgültig: »Ich weiß, daß er da ist. In der Zeitung war es zu lesen.« Der Regens chori mischte sich ein: »Der könnte dir freilich behilflich sein in den weltlichen Dingen, von denen ich selbst leider Gottes nichts verstehe.« Lauernd blies er den Rauch aus der Pfeife. Karl Maria aber sagte nur: »Ich muß zur Arbeit.« Und gleich darauf klang seine Geige durch den »Blauen Herrgott«. Nur der Trix vertraute er das nächstemal: »Mir ist zumute, wie wenn ich eine Seifenblase in die Luft schickte, von der ich dann nicht weiß, wird sie steigen oder fallen.« Trix sah klar. Das erste Gähnen kam in ihre Vertraulichkeit. Und wenn Karl Maria ihre Hand streichelte, das einzige, was ihm erlaubt blieb, wußte sie: Er glaubt, es ist seine Geige.   Da sagte sie zum Grafen Achaz: »Unser Tredenius hat wieder das Wanderblut.« »So? So?« murmelte der Alte und verbarg knapp ein zufriedenes Lächeln. Tags darauf schenkte er der Schwiegertochter ein hübsches Rokokobild von der Hand des deutschen Malers Georg David Matthieu. Als er glücklich einen passenden Platz für die Malerei entdeckt, das Bildnis eines fürstlichen Geschwisterpaares aus dem Hause Mecklenburg, rieb er schmunzelnd Hand wider Hand und guckte listig um sich. »Ist das nicht prachtvoll gemacht, liebe Bea,« fragte er, »wie die kleine Prinzeß mit dem Fächer in den Park weist und den Bruder anlächelt? Und der Knirps erwidert zaghaft das Lächeln der Schwester, wischt mit dem Federballschläger hin und her und weiß nicht recht, was er tun soll.« »Ich danke dir sehr, Großpapa,« antwortete Beatrice, indessen ein ganz kräftiger Zorn in ihr aufwuchs wider den alten Schlaukopf, der seine Diplomatenkunst jetzt an ihr versuchte, und dem Herzweh vogelleicht wog. So wurde es ein beinahe frostiger Abschied. Und der arme Dionys, der gerade seinen vergnügungssüchtigen Leib daheim zur Rast bettete, erhielt arge Blicke, daß er seine Schwelgerei schließlich als nötige Flucht aus allem Trübsal betrachtete. Dabei hatte die Miriam keinen milderen Sinn, so daß der blonde Graf in lichten Augenblicken sein Schicksal mit dem von Buridans Esel verglich, der zwischen zwei Heubündeln Hunger litt. Den meisten Nutzen zog daraus der kleine Achaz, der Küsse und Spielzeug im Überfluß einheimste. Als der Geiger Tredenius die Malerei des Matthieu zum erstenmal sah, schob er die Brauen kraus und blieb wortkarg. Ganz leise fragte die Trix: »Willst du in den Park, Karl Maria?« Da schaute er lange auf das Bild, über das alle Wunder und Zärtlichkeiten von Farbe und Licht ausgegossen waren, und nickte. »Laß dich nicht halten!« Ungläubig schüttelte er den Kopf. »Es ist stärker als ich.« Und plötzlich schrie er auf: »Du liebe Frau!« Aber sie küßte ihn nicht. So lebte Karl Maria in neuer Unruhe. Gundl Williguth, die Art und Unart seines Wesens von Kindesbeinen kannte, warf manchmal die Frage hin: »Nicht wahr, der ›Blaue Herrgott‹ ist dir schon wieder zu eng?«   Ehe aber die Gundl noch einmal einen Gang zu Franziska Ermattinger tun konnte, um Karl Maria in sein Glück zu schmuggeln, ließ Graf Achaz Rothenwolff seine Minen springen. Und es war kein Sterngucker mehr, der die erste Geige in Brahms H -Dur-Trio führte. Gundl Williguth hätte ihre Freude an dem Eifer gehabt, mit dem Karl Maria ans Werk ging, und hätte zufrieden gelächelt wie eine echte, treue Schwester. Und ein anderer hätte dicke deutsche Tränen geweint, Meister Johann Sebastian. Denn es war deutsche Musik, die der junge Tredenius da in den Barockbau gebracht hatte, langsam und geschickt, sehr gegen den Sinn des Grafen Achaz und seines getreuen Rossi, die ihre zierlichen Zöpfchen und verschnörkelten Passagen aus einer Bastion nach der andern verdrängt sahen. Von E. Th. A. Hoffmann gab es mancherlei Wege zu Johannes Brahms und zu seinem H -Dur-Trio. Deutsche Demut trug Karl Maria in sich, eine Gabe aus dem »Blauen Herrgott«, und deutschen Träumersinn, der sein Haupt unter dem Sternenhimmel bettet und einen Blick durch Regenwolken höher wertet als reichen Prunk. Das war wieder ein Geschenk des Weltwanderers Andreas Katzenkopf, der fortan verschollen blieb, als wäre es genug, daß er seine Pflicht an dem Wunderknaben Tredenius getan hatte. So geriet dieses Trio allen zur Freude, selbst dem widerhaarigen Jacopo Rossi, der ein Jugendfreund Verdis war und deutsche Musik nur wenig gelten ließ. Auch Frau Beatrice blickte zufrieden. Sie wußte ja: »Du bist auch in diesem Wunder drin.« Das Klavier des alten Grafen jubelte über die beiden Geigen manchmal allzu keck hinweg, als hätte er heute Eile, aus der sonst so geliebten Musik zu anderen und vielleicht noch erfreulicheren Ereignissen zu gelangen. »Ihr dummen Menschlein!« rief er und ließ die Tasten ruhen. »Dieser Brahms ist nicht ohne Talent,« erklärte mit zögernder Anerkennung der Maestro aus Turin. »Ich bin stolz, daß ich dein erster Lehrer war,« sagte Joseph Italiener und blies die Backen auf. Stolz und Demut stritten in Karl Maria. Ganz leise sagte er da: »Jetzt will ich Hans Geßner bitten, daß er mich als Schüler nimmt.« Graf Achaz lächelte wunderlich und wandte sich um, als suchte er etwas. Aus dem Hintergrunde kam eine feste Männerstimme: »Es gilt, Tredenius!« Graf Achaz' Lächeln wurde ein breites Schmunzeln. Rossi verkroch sich schnell in den Kammerdiener und rückte Stühle zurecht. Frau Beatrice schaute in das Flackern der Kerzen, von denen Wachstränen tropften. Jetzt nahm ihr das Leben den lieben Jungen, und sie konnte sich nicht sogleich darein finden. Karl Maria erkannte die Stimme. Unwillkürlich zog er den Kopf zwischen die Schultern wie einst, da er als kleiner Junge, der mit seiner Geige in reiche Häuser lief, zum erstenmal vor Hans Geßner gestanden war. Die blauen Augen von einst glänzten ihm entgegen, aber der Schnurrbart war jetzt weiß, und Falten gruben kreuz und quer in dem klugen Gesicht. Hans Geßner gab Karl Maria die Hand: »Wir sind ja alte Bekannte.« Blick traf in Blick. »Es ist kein Wunder, Tredenius. Ich saß im Nebenzimmer.« Vergnügt gestand Graf Rothenwolff: »Der Missetäter bin ich.« Jacopi Rossi schenkte gemessen Tee ein und verriet mit keinem Muskel, daß seinem Witz dieses artige Plänchen entsprungen war. Karl Maria hatte es nicht leicht, die Hände bohrte er in die Taschen und sah zu Boden. Hans Geßner baute ihm goldene Brücken: »Damals sind wir nicht zusammengekommen. Vielleicht geht es jetzt.« Noch immer zögerte Karl Maria. Da trat Beatrice heran, helläugig und frei, wie schon lange nicht, und legte ihm die Hand auf die Schulter, wie Gundl Williguth es nicht anders getan hätte. Und Karl Maria fragte: »Darf ich Ihr Schüler sein?« Reife und Stille war um ihn. Und doch rauschte und brauste es in seinem Blut, wie wenn tausend Geigen auf einmal anklingen. Und er lächelte wie ein glücklicher Mensch. Herr Achaz stand als Taufpate dieses Glücks im Hintergrund und rieb die Hände, weil ihm dies Stücklein so wohl gelungen war. Karl Maria und Beatrice beugten sich über zwei Puppen, die Dudelsack bliesen. Zum Abschied war es. »Du, Trix?« »Ja?« »Jetzt ist alles anders.« »Freust du dich?« Keine Antwort kam. Ein feines Frauenlächeln: »Auf glückliche Fahrt!« Da faßte er ihre Finger: »Das hat der alte Achaz getan.« Zornig nickte sie und freute sich doch, daß sie beide stark und rein geblieben und keine Bitterkeit Platz in ihrer Freude hatte. Als wäre es gar nicht zu begreifen, schaute Karl Maria in das Wunder, daß seine Geige seine Liebe verdarb. Dumm und grausam schien ihm das Leben und war doch nur eine Fahrt zum Ziel. Im »Blauen Herrgott« wartete die Gundl bis Mitternacht auf Karl Maria. Als sie dann alles wußte, sagte sie nur still: »Du lieber Bub!« Wie Bruder und Schwester saßen sie beieinander und blickten dankbar in die Mainacht. Am nächsten Morgen aber sprach Johann Sebastian in bedächtiger Wehmut: »Vergiß mir nur die alten frommen Deutschen nicht!« Und er wies auf das Bild des geliebten Meisters Bach. Nichts von Neid oder Furcht vor der Zukunft. Alle schauten in zuversichtlicher Liebe auf den Jungen, dessen Herz sie reich gemacht hatten, jeder auf seine Art. Nur Karl Marias Mutter bekam von diesem raschen Wechsel einen verwirrten Kopf, so daß sie mit dem neuen Glück beinahe haderte, obschon es nach ihrem unerschütterlichen Mutterglauben einfach gar nicht anders hatte kommen können. Sie fühlte sich zurückgesetzt, wie in den Schatten verwiesen. Das frohe Verzichten der Gundl war ihr fremd, da sie doch früher Karl Maria ganz allein besessen hatte. Zudem meldete sich das Alter, daß ihr Blick nach rückwärts ging, in die erste Zeit ihrer Ehe, als alles noch neu und zukunftsreich schien. Sie sehnte sich jetzt oft nach Mann und Tochter. Eigentlich war sie ja doch nur um Karl Marias willen in den »Blauen Herrgott« geflohen. Die Vergangenheit rückte alles in unwirkliche Ferne, wo Linie und Umriß Härte und Eckigkeit verloren. Manchmal versuchte sie Karl Maria in ihren Gedankenkreis zu ziehen. Aber er schüttelte unwillig den Kopf: »Das ist alles tot, Mutter.« Da schwieg Frau Lisbeth und hatte vor ihm dieselbe Scheu wie einst vor Franz Tredenius. So hatte das Elend Mutter und Sohn besser verbunden als jetzt das Glück. Johann Sebastian wieder tat gekränkt, daß Karl Maria mit Leib und Seele Hans Geßners Schüler wurde und überhaupt anderen Göttern zu dienen begann. Manche stachelige Rede schnellte der herzensgute Alte in verletzter Eitelkeit wider seinen halsstarrigen Neffen. Alles kam anders. Meister Williguth hatte gehofft, daß Karl Maria und Gundl einmal sich finden würden, seitdem die Tochter ihm ihre Liebe gestanden und so seine Faust gebändigt halte. Und jetzt schlich Joseph Italiener durchs Haus, und Gundl lächelte ihm sogar zu. Der Vater des muskelstarken Giacomo verachtete den kurzgewachsenen Kapellmeister, und daß der arme Joseph allen Spott ruhig verschluckte, reizte Johann Sebastian nur noch mehr. An die Gundl aber wagte er sich nicht. Vor ihren klaren und klugen Augen hatte er Angst, wennschon ein grämliches Mißbehagen auch bei ihr die Heiterkeit von einst ersetzte. Im »Blauen Herrgott« wurden sie alt, einer wie der andere. Nur die dicke Frau Apollonia blieb stets gleich besorgt um das leibliche Wohl ihrer Familie, von seelischen Absonderlichkeiten hatte sie ja nie viel begriffen und Seelenweh immer mit einer Lieblingsspeise zu heilen gesucht. Deshalb hatte sie allein etwas für den schüchternen Brautwerber übrig, weil Joseph oft von der Kochkunst seiner Mutter Charlotte plauderte und auch selbst Verständnis für kulinarische Genüsse zeigte.   Während so im »Blauen Herrgott« mancherlei kleine Wandlungen die alte Behaglichkeit störten, blieb beim Grafen Achaz Rothenwolff alles in guter Fahrt. Er freute sich wie ein Kind, wenn Karl Maria seine Fortschritte bei Hans Geßner vorwies, und verbannte allmählich die altmodischen Italiener. Es waren Feiertage, wenn der junge Tredenius seine Geige hören ließ, und sie entschädigten den alten Herrn für anderes Mißgeschick. Denn über den blonden Dionys hatte er alle Macht verloren. Der richtete irgendwo draußen eine hübsche kleine Villa ein, und jeder wußte, wer Herrin in dem Häuschen sein sollte. Das war ein bitterer Wermutstropfen im Freudenbecher. Und der Diplomatenstolz des alten Grafen litt schlimm darunter. Hatte er ja doch die Dummheit auf dem Gewissen, den leichtsinnigen Sohn selbst nach Weimar geschickt zu haben. Da auch Herr Achaz in seiner Jugend nicht allzu fromm gewesen, mußte er jetzt voll Zorn und Scham schweigen. Denn Nisi war nicht auf den Kopf gefallen und zog, wenn man ihn in die Enge trieb, unangenehme Vergleiche. Da war die Musik eine liebe Trösterin. Manchmal zog er auch mit seinen Getreuen in die Adlerburg, die Hans Geßner vor einiger Zeit als Ruheplätzchen gekauft hatte, unverdrossen kratzte dann Achaz auf seiner Geige, hielt aber den Kopf gesenkt, um nicht Geßners Blick zu begegnen. Denn der Musikselige fühlte wohl, was für ein Stümper er war. Und Joseph Italiener wäre am liebsten zu einem Nichts zusammengeschrumpft, wenn dies bei seiner umfangreichen Leiblichkeit tunlich gewesen wäre. Jacopo Rossi aber wuchs in eine neue Jugend, weil seine Musikerseele in dem alten Schlößchen frohe Auferstehung feierte. Oft schüttelte er Hans Geßner die Sand: »Die Deutschen haben viel von uns Italienern gelernt.« Meister Geßner lächelte und verneigte sich dankend. An Karl Maria hatte er mancherlei Freude. Da geschah ein stetiges Ineinanderfinden, ganz unmerklich, nach und nach. Karl Maria hatte nicht umsonst aus neugierigen Augen in die Welt geblickt und allerlei Helles und Dunkles sich ins Herz geguckt. Manchmal freilich sprang der frühere Trotz auf, wenn die Virtuosenfertigkeit ihm in die Quere kam. Dann gab es heißen Wortstreit, bis der Junge sich fügte und die stillere Wirkung anerkannte. Denn Hans Geßner war ein Meister der fügsamen Stille, die gelassen und andächtig nachschuf und nicht an sich selbst dachte. So pflegte er in letzter Zeit fast nur mehr das Quartettspiel. Alles Grelle und Laute, das andere Geiger bevorzugten, war ihm zuwider. Karl Maria erntete jetzt die Furcht von Graf Achaz' Hausmusik. Wie er allgemach selbst, wenn auch widerwillig, in das breite Leben der Mitwelt zurückgefunden hatte, seine Träume in Zucht nahm und nicht gleich mit den Fäusten gegen ein Hindernis schlug, wie vordem, sondern behutsam Stein nach Stein abtrug, so lernte nun auch seine Geige in Demut dienen, nicht mehr als eigenwilliger König, sondern als gleicher unter gleichen. Dies geschah freilich nur Schritt um Schritt. Hans Geßner lächelte, wenn der Junge oft rücksichtslos unter den Takten hauste, ganz in dem wilden Flackersinn Andreas Katzenkopfs. Unmerklich übte er das Abschleifen und Abhobeln, just so, als täte es Tredenius selbst. An einem Oktoberabend, der braun und silbern der Welt enge Grenzen steckte, brachte der alte Geiger ein Zeitungsblatt und ließ Karl Maria damit allein. Der las, zuerst gleichgültig, dann mit brennenden Wangen. Eine Spezialitätengesellschaft, Komiker und Sänger, so hieß es, durchziehe die deutschen Provinzen Rußlands. Ein einst bekannter Klavierspieler namens Katzenkopf sei das Oberhaupt, jetzt aber in Dorpat gestorben. Karl Maria stützte den Kopf in die Sand. Alte Bilder kamen wieder zu ihm. Das also war das Ende. Karl Maria aber hatte keine Tränen, nur ein seltsames Weh um den wunderlichen Alten, der ihm so viel geschenkt und der jetzt in fremder Erde lag. Irgendwo flammte ein Licht auf. Karl Maria sah hinüber. Und da wußte er, auch Andreas Katzenkopf hatte sein Leben erfüllt, wie er es haben wollte. Später sagte er zu Hans Geßner: »Er hat Mozart so lieb gehabt.« Sie spielten Mozart manchen Tag, bis das Leid in milde Erinnerung sich verwandelte.   Noch einmal brannte die Flamme aus der Asche, als im Herbst die »Entführung aus dem Serail« den Sieg der Miriam Italiener entschied. Gerade in Andreas Katzenkopfs geliebtem Mozart sang die Miriam. Irgendwo am Himmel zogen die wilden Gänse. Tredenius aber geigte. Die goldenen Lindenblätter sanken zu Boden, der Park zu Weimar flüsterte mit feinen Stimmen. Und Miriam sang die Konstanze. Es war ein Bravourstück, ein Hieb ins Volle. Mit Tod und Teufel wurde sie fertig, mit Triller und Roulade. Karl Marias Violine hämmerte klopfende Oktaven zur Arie des Belmonte und begleitete mit Sordinen das Seufzen des unglücklichen Liebhabers. Er selbst aber trug keine Fesseln mehr. Das Leben hatte viele Wege. Wie ein schöner Schein zog es vorüber. Nichts ging zugrunde, alles wirkte ineinander, wie das Schicksal wunderliche Bausteine zusammensetzt, eckiges Gestein und glatte Quadern. Und neben dem lauten Ruhm mit tausend Händen, wie er jetzt die Miriam umrauschte, gab es einen stillen, der nicht schlechter war, wenn auch die Menschen schwerer zu ihm fanden. So ertrug Karl Maria das Glück der Miriam und schritt unverzagt durch die Gaffer, die sich vor ihrer Garderobe drängten. Er klopfte kurz und trat ein. Da stand Graf Achaz und sagte allerlei Höflichkeiten, und die Kapellmeister schwänzelten schon um den neuen Stern. Hochmütig ließ Miriam sich alle Schmeichelei gefallen, wie ein junger Bär, der Honig leckt. Die Oberlippe hatte sie hochgezogen, weil ihr Mund vor Verwunderung halb geöffnet war. Gideon Italiener strich den schon ganz grauen Bart und legte dann die Hand vor die Brust: »Ich bin ihr Vater.« Graf Achaz sträubte die Brauen und lächelte verbindlich. Frau Charlotte knixte tadellos, daß überall ein Krachen und Knistern geschah. Jacques Italiener klemmte das Monokel ein und musterte Karl Maria, der mit stiller Sicherheit auf die Miriam zuging. Die dicke Johanna zog sich vorsichtig in den Hintergrund. »Alles Gute, Miriam!« »Bist du auch da?« Sie lächelte vergnügt wie ein verwöhntes Kind, das heute Geburtstag hatte. »Nun habe ich's erreicht.« So sprach der junge Stolz. Sie breitete die Arme aus, wie um die ganze Welt zu umarmen, und atmete tief. »Das Goldkind erregt sich zu sehr,« murmelte Frau Charlotte und machte sich heran, wie eine Henne, die einen Adler um ihre Küchlein kreisen sieht. Zornig wies die Tochter ihre Hilfe zurück: »Laß mich, Mutter! Wir beide, nicht wahr, Karl Maria?« Das war der alte Ton aus der Kinderzeit. Heute aber sagte Karl Maria nicht kleinmütig, wie einst nach dem Liedlein vom roten Sarafan: »Ich bin ein armer Teufel gegen dich.« Hell und frei war sein Blick. Leise kam die Miriam näher: »Nicht wahr, es war doch schön?« Er allein wußte, was sie meinte. Und sie dachte: Er ist ganz anders geworden, segelt nimmer in einer goldenen Nußschale und blickt nimmer zum Himmel. Da polterten zwei Paare herein, zwei verheiratete Schwestern der Miriam mit ihren Männern, geputzt und geschmückt wie zu einer Hochzeit. Neugierig guckten sie überall herum und zogen schnuppernd die Luft der Theatergarderobe ein, in der Sehnsucht kleiner Kaufmannsfrauen und zugleich mit schicklicher Entrüstung. Ihre Gatten befingerten sachverständig die Vorhänge und begutachteten den Toilettentisch. Man konnte überall etwas lernen. »Geh jetzt!« sagte Miriam zu Karl Maria. An der Tür murmelte sie noch voll Eifer: »Denke dir nur, ich habe die Linde gekauft, unsere alte liebe Linde, und lasse mir daraus ein altmodisches Bett machen. Ist das nicht hübsch?« Mit dieser romantischen Gebärde tat sie ihre Jugend ab. Sie strich das wellige Haar zurück: »Ach, Karl Maria, ich bin ein armes Tierlein, das alle plagen.« Gideon Italiener hob seine Stimme: »Freude ist über uns gekommen. Der Herrgott sei gepriesen und gelobt!« Wie ein Fanatiker seines Glaubens stand er unter den Seinen. Helle Tränen tropften in seinen Bart. »Komm zu mir, mein Kind!« Er breitete die Arme um die Tochter und schluchzte in seiner Seligkeit. Da flüsterte Miriam: »Du mußt bei mir bleiben, Vater, und mich stets verbrummen, wenn ich etwas Schlechtes tue.« »Großer Gott, wie sollst du etwas Schlechtes tun? Dir ist alles erlaubt.« Alle Schwere und Bangigkeit fiel von der Miriam. Man bewunderte sie, weil sie Glück hatte. Spöttisch zog sie die Lippen hoch, aber keiner merkte es. Karl Maria war ja schon fort. Trotzig befahl sie dann der Johanna: »Zieh mir die Türkenschuhe aus!« Johanna tat ihre Pflicht. Ihr Sparkassenbuch sollte jetzt wachsen wie ihre runde Leiblichkeit. »Sind meine Handschuhe da, Mutter?« Frau Charlotte keuchte heran: »Ich will sie dir anziehen, Kind.« »Jemand soll sehen, ob der Wagen da ist.« Ihr Blick traf die beiden Schwäger, die sie nicht leiden konnte, weil sie plump und gewöhnlich im Alltag für Weib und Kind sich rackerten. »Ich weiß nicht, wie man da hinauskommt,« antwortete der eine, und den andern hielt seine Frau fest, damit er nicht Knechtesdienst täte. »Jacques!« Herrisch klang es, und Jacques Italiener, der gerissene Geschäftsmann und eitle Warenhausbesitzer, wagte keinen Widerspruch. Zärtlich schob Frau Charlotte die Finger der Miriam in das weiße Leder: »Der Intendant muß dir jetzt viel mehr zahlen.« Eifrig nickten die verheirateten Schwestern, die an Geschenke für ihre Kinder dachten. Miriam aber fauchte: »Herrgott, ich habe jetzt doch ganz andere Gedanken.« Da schüttelten sie die Köpfe und stießen sich heimlich an, kluge Rechner, die mit einer leichtsinnigen Künstlerin gerne Nachsicht übten. Nur Vater Gideon begriff sein Kind. Miriam lebte in einem Wunder. Der Himmel war vor ihr offen und ihre Augen noch nicht an das viele Licht gewöhnt. Er blickte sein Kind an wie ein Demütiger seinen Gott. Miriam nickte ihm zu und fragte ganz leise: »Hast du Karl Maria gesehen?« Gideon beeilte sich zu frohlocken: »Der hat es zu nichts gebracht.« »Du irrst.« »Sie hat ein Herz, ein gutes, mildes Herz, mein Goldkind,« lobte der alte Mann und lächelte glücklich, weil ihm das Herz mehr wog als Gold. Ergeben und schüchtern stand er hinter seiner Tochter. »Den Mantel!« herrschte Miriam und sprang auf. Von allen Seiten halfen die Schwestern. Sie dankte nicht einmal. Die lebten doch alle von ihr, bettelten und jammerten alle Tage. Schnell forderte sie Papier und Feder. Wieder flog alles. Sie lächelte trotzig. Köpfe guckten über ihre Schultern, als sie schrieb. Da hielt sie die Hand darüber und kritzelte ein Billett an Hans Geßner. »Bitte, machen Sie den Karl Maria Tredenius endlich berühmt! Ich habe ihn schon als kleinen Jungen gekannt. Und ich will es so haben.« Noch ein paar höfliche Worte. Dann schloß sie den Umschlag und warf ihn zum lebhaften Verdruß der ganzen Familie ihrer Garderobiere zu. »So, jetzt bin ich fertig.« Sie nahm des Vaters Arm und rauschte voran. »Väterchen, ich bin so glücklich.« Gideon aber dachte an den Abend, als die kleine Miriam ihren ersten Erfolg im Ballett »Blaubart« hatte und er voll Angst sie erwartete. Dankbar gegen Gott und alle Welt führte er sein Kind hinaus. Als Miriam zum erstenmal ihre hübsche kleine Villa betrat, klatschte sie in die Hände, lachte und weinte und hatte gleich wieder gelassenen Spott für alle Pracht. Graf Dionys hielt sich taktvoll fern. Die Familie Italiener aber nahm wohlgemut von dem reichen Heim Besitz. Alles wurde beguckt und befingert, gelobt und auch getadelt. Jacques schritt voll Wichtigkeit von Zimmer zu Zimmer. Sein sicherer Geschmack hatte alles angeordnet, da der kluge Kopf kein Geschäft sich entgehen ließ und Graf Dionys ihm alles anvertraut hatte. Jacques mußte ja alle Liebhabereien seiner Schwester am besten kennen. Frau Charlotte saß in der Küche und begann die Herrschaft über die Dienstboten. An den Fingern zählte sie die Lieblingsspeisen des Fräuleins Lippa Lippi her. Nur Vater Gideon war verzagt. Fischbestecke haßte er, und dann war dies alles ja eigentlich schlimme Sünde. Plötzlich hob er den unzufrieden gesenkten Kopf. Ein großer, dicker Mann polterte ins Zimmer, im Frack, mit bunten exotischen Orden. Das Haar war kunstvoll gefärbt. An den Fingern blitzten viele Ringe. »Wo ist die Lippa Lippi?« schrie er und focht mit den Armen in der Luft. »Tag, Mr. Lewis!« sagte die Miriam und ließ sich von ihm küssen. Kreischen und Zanken kam aus dem Nebenzimmer. Die verheirateten Schwestern begannen die Wäsche aus den Kästen zu nehmen und jedes Hemd zu bewundern. Miriam war in Gebelaune. Sie warf ihnen seidene Strümpfe und bunte Bänder hin: »Das schenke ich euch.« Voll Freude kramten die kleinen Kaufmannsfrauen alles zusammen. Unterdessen hatte der Impresario einen Gastspielvertrag für Paris hervorgeholt und hielt ihn lockend der Miriam hin: »Da freust du dich, was, mein liebes Mädel?« Vater Gideon setzte die Brille auf und las bedächtig. Heute wollte er sein Schlemihltum Lügen strafen. Klug wie eine Schlange wollte er sein. »Das Doppelte, mein Herr,« entschied er gemessen. Der Impresario seufzte: »Sie machen mich zum Bettler.« »Das Doppelte«, wiederholte starrsinnig das Oberhaupt der Familie Italiener. »Sie ist noch zu jung,« widersprach S. Lewis und trocknete die nasse Stirn. Diese Wunderkinder von heute waren gar nicht mehr bequem. »Na, Fräulein Lippa Lippi,« rief er endlich, »helfen Sie mir doch!« Miriam streichelte gerade eine Bronzefigur: »Wie der Vater will.« Jetzt fiel der Impresario in den Jargon zurück, aber Gideon Italiener war ihm auch darin gewachsen, selbst erstaunt über seine Geschicklichkeit, die doch nur aus der Liebe zu seinem Kinde kam. Als Frau Charlotte den Tisch deckte, was sie sich nicht nehmen ließ, und heftig gestikulierend den grinsenden Dienstboten Weisungen gab, und die Schwestern neugierig das Besteck betasteten, fehlte die Miriam. »Wo ist mein Goldkind?« schrie Mutter Charlotte. Jacques sah flüchtig auf. Er überlegte gerade, daß er seine Rechnungen für den Grafen Dionys viel zu niedrig angesetzt habe, und zankte deshalb seine blasse, ängstliche Frau, die ganz unbeachtet eingetreten war und wie stets in rückhaltloser Bewunderung zu ihrem Manne aufblickte, ob ihres geschmacklosen Aufzuges grimmig aus. Das junge Weib neigte demütig den Kopf und zwang sich ein Lächeln ab. Vater Gideon und der Impresario machten sich auf die Suche nach der Miriam. Sie stand im Wintergarten unter einer Palme und trällerte das geliebte Storchenlied: »Storch, Storch, Langbein, Wann fliegst du ins Land herein?« Lewis hielt ihr den Kontrakt vor die Augen: »Weiß Gott, Blut schwitzen hab' ich müssen.« »Ach ja,« sagte die Miriam.   Im »Blauen Herrgott« liefen mancherlei Reden über das Schicksal der Miriam. Johann Sebastian verschwor seine Seligkeit, daß die Stimme seiner Kundry weit mehr tauge als alle Rouladen der kleinen Italiener. Arglistig nach Art widerstrebender Väter wollte er die Meinung des Joseph wissen. Ein Blick der wohlwollenden Frau Apollonia warnte den Unvorsichtigen, daß er nur die Achsel zuckte und schwieg. Gundl wurde rot: »Mein Gott, laßt doch mein armes Stimmlein in Frieden!« Jetzt mischte sich Frau Lisbeth ein: »Die hat einfach Glück gehabt.« Karl Maria schüttelte den Kopf: »Nein, Mutter, das sagst du nur so.« »Du verteidigst sie noch? Die ist dir weit voraus.« »Ich hole sie ein, Mutter.« Die Leute vom »Blauen Herrgott« schauten einander verwundert an. »Demut vor allem, mein Sohn!« predigte Meister Williguth. Gundl aber freute sich wie eine Mutter, der ein Kind gar wohl gerät. Eine sichere Gleichmäßigkeit kam über den Geigerjungen. Jede Arbeit tat er willig und ohne den Flackersinn von früher, der bald dies, bald jenes angegriffen und nichts zu Ende geführt hatte. Seine unruhige Jugend war Karl Maria jetzt ein frohes Geschenk und nicht mehr eine beschwerliche Last. Die Brillen des Coppelius, durch die man alles rosenrot oder schwarz schaute, hatte er abgelegt und eine richtige Lebensbrille vor die Augen gesetzt. Mit beharrlichem Willen ging er in seine Pflicht. Hans Geßner hatte sein Vergnügen an diesem Reifen und Besserwerden. In dem alten Geiger selbst erwachte eine neue Jugendfrische, als er so den in einem arbeitreichen Leben erworbenen Schatz mit vollen Händen austeilen konnte. Sein Spiel, das nur dem Werke diente und oft schon eckig und scharf wirkte, jegliche sinnliche Schönheit mißtrauisch vermied, wurde wieder freier und heller an der schnellen Beweglichkeit des Jungen. Es war kein leichtes Ding für Karl Maria. Er lernte an sich selbst die Geigertragik kennen, da diesem Instrument doch nur wenige Stücke gegeben sind, wenn es sich nicht mit der feineren und stilleren Art der Kammermusik begnügen will. Pedantisch und strenge galt es, die Technik nicht rosten zu lassen, stundenlang dieselben Passagen zu üben, bis der Ekel kam. Karl Maria litt schwer unter diesem neuen Zwang. Aber er sah bei dem Meister dieselbe Plage. Und der hatte graue Haare und war weltberühmt. Die Miriam hatte mit ihrer Stimme ja auch kein bequemeres Spiel. Das wußte er von Weimar her. Aber trotzdem gab es Tage, da er unwillig die Geige weglegte. Alle Schwingungen der Leidenschaft, Freude und Schwermut, alles war in einförmiges Grau verwischt. Farblos und dumpf schienen die hellsten Schönheiten, wenn die Technik immer wieder ihren Mechanismus daran schulte. Die Seele blieb meilenweit von den unablässigen Übungen der Finger. Hans Geßner lächelte dann: »Ja, wir Geiger sind arme Teufel.« Dann rasteten sie tagelang, übersättigt und gleichgültig, übten das Vergessen und die köstliche Faulheit, die doch nur ein Warten auf fruchtbare Stunden war. Da brachte Karl Maria seine Violinsonate zum Vorschein und wartete auf Lob. Hans Geßner nickte: »Ja, recht schön. Aber später, viel später.« Und er zeigte ihm Stöße von eigenen Kompositionen, die nie das Tageslicht erblickt hatten, weil sie ihm nicht genügten. So packte Karl Maria seinen Schatz ein und flickte lieber an den Lücken seiner Bildung. Stein trug er auf Stein und gewann ein tieferes und reineres Weltbild. So ging ein Jahr ins Land. Miriam Italiener eilte von Sieg zu Sieg. Sie trieb ihr Schiffchen zwischen Klippen und Wirbel glücklich durch, über ihr Alter klug und reif. In Paris sang sie und in London, nichts mißlang, was sie begann. Ihre kleinen Hände warfen das Geld nach allen Seiten. Die dicke Johanna hielt reiche Ernte und die stets bekümmerten verheirateten Schwestern desgleichen. Frau Charlotte Italiener ging nach Marienbad und schmückte sich wie ein Pfau. Vater Gideon aber blieb in seinem Trödelladen und haßte dieses Geld, das seine Tochter ihm aufdrängen wollte. Blöde stand er in den prunkvollen Zimmern der Miriam, wo Junker Dionys ihm gönnerhaft die Hand drückte. Gideon übersah diese Grafenhand und hatte unzufriedene Augen. Er fand sich nicht in diese Welt. Ganz im Gegenteil schwamm sein Sohn Jacques in guten Geschäften. Jedes halbe Jahr richtete er die Villa nach dem neuesten Stil ein und trieb sein Pferd nach dem Hafersack. Joseph erschien nur selten und dann mit verkniffenem Gesicht, als hätte er Essig getrunken. Denn noch immer lächelte Gundl und schob seine Wünsche weg, wenn er sich ein bescheidenes Erinnern erlaubte. Der ehrliche Rotkopf grollte Karl Maria, weil dieser gar so lange zögerte, ans Ziel zu kommen. Um diese Zeit lief auch Hans Geßners Rastzeit ab. Er spürte wieder das Brennen im Blut. In England wartete man auf das Quartett, das seinen Namen trug. In der Adlerburg hob nun emsige Arbeit an. Und Karl Maria hatte alle Hände voll zu tun. Sie übten an Beethovens letzten Quartetten. Karl Maria Tredenius war reif für das letzte Gericht, wie der alte Katzenkopf Beethoven nannte. Das ist es: Beethovens Ringen mit der Gottheit. Die irdischen Grenzen werden gesprengt, in die Unendlichkeit dringt die Frage: Was kommt nachher? Banges Flüstern haucht in die Luft. Der Einsame auf dieser Gotteswelt hält dunkelschwere Zwiesprache mit denen, die den Tod und alles, was dahinter liegt, schon kennen. Alle hellen Farben sind ausgelöscht, nur die feinsten Schwingungen der Seele sind hörbar. Da steht das eine, der winzig kleine und vergängliche Mensch, und dort das andere, die unbegreifliche Ewigkeit. Und das Nichts ist doch ein Teil vom All. Aber Rätsel bleibt Rätsel. Das ist der letzte Beethoven, in dessen traurig-schönen Garten Hans Geßner seinen Schüler geleitete. Ja und Nein wurden eins. Schatten und Licht verloren ihre Unterschiede. Ein Gewebe feinster und innerlichster Stimmung spannen diese Geigen, weltenfern von aller Fingerfertigkeit. Priester vor Gott schienen die vier Geiger, von denen Karl Maria jetzt oft die Oberstimme hielt, als wollte der Meister ihn seine Kraft prüfen und Selbstvertrauen gewinnen lassen. Graf Achaz Rothenwolff saß mäuschenstill dabei, wie ein Werkmeister, der einen Kirchenbau wachsen sieht.   Der erste Quartettabend rückte heran. Unruhig und lauernd lief Karl Maria durchs Haus. Der Meister rüstete sich zum Kampfe. Neidisch blickte ihm der Junge nach. Aber er blieb trotzig und stumm, mochte es auch brausen und stürmen wie tausendfacher Frühling. Hans Geßner aber wartete auf den Schrei: »Laß mich spielen!« Graf Achaz mischte sich ein: »Jetzt muß er ins Feuer.« Hans Geßner zweifelte: »Ist's nicht zu früh?« »Unsinn! Wer meinen Katzenjammer fortgeigt, kann auch Beethoven meistern.« Herr Achaz liebte es ja, dem alten Herrgott ins Handwerk zu pfuschen und wollte nichts weiter sein als ein Handlanger der himmlischen Schönheit auf Erden. Aber Hans Geßner zögerte und belauerte Karl Maria, der noch immer alle Ungeduld tapfer verbarg. Im Januar gab das Quartett eine Soiree beim Grafen Rothenwolff. Maestro Rossi spielte noch eine Stunde vorher Corelli, um die gekränkten Hausgeister zu besänftigen, ehe die deutsche Musik anrückte. Sie begannen mit dem A-Moll-Quartett aus der letzten Zeit Beethovens. Knapp vor dem dritten Satze gab Hans Geßner plötzlich die Geige an Karl Maria: »Ich bin müde. Spiele du weiter!« Einen Augenblick schwankte Karl Maria, dann griff er zu. Er sah die vielen gaffenden Menschlein gar nicht. Gerade so, als spielte er ganz allein in einer Kirche. Das wundervolle Adagio war es, der seraphische Dankgesang für die Genesung. Auch Karl Maria genas zum Guten. Aus tiefster Seele floß dieser jubelnde Dank. Wie in einem alten Kirchenchoral liefen die Geigen als fromme Wallfahrer zum Thron der Gottheit. Endlich lobte Graf Achaz: »Wie ein altes Kirchenlied.« Liebevoll strichen seine Finger über ein reichgesticktes Meßgewand, das einen Renaissancestuhl deckte. Hans Geßner nahm schweigend die Geige wieder an sich. Karl Maria trat zurück, wie einer, der nur einen Blick ins Heiligtum tun durfte und jetzt den Vorhang wieder zusammenrauschen sieht. An diesem Abend zerriß er seine Violinsonate, die ihm einst so heiß und froh zugelodert war, und die ihm jetzt elendes Stümperwerk schien. Auch davon machte er sich frei, tat es auch bitter weh wie damals, als er seine Kindergeige zerbrach. Während so Karl Maria seine Sehnsucht ängstlich verbarg, kämpfte Geßner keinen kleineren Kampf. Alt und Jung rang widereinander. Über den Meister kam das Alter. Ecken und Schärfen waren in Hans Geßners Spiel, wie von einer fingersteifen Verdrossenheit, Spuren von Müdigkeit ritzten sich in die einst so klare Schönheit der Tongebung. Nicht umsonst gab er sich den letzten Beethovenquartetten hin, bohrte sich in ihre vielverschlungenen Variationen und mühte sich mit ihren eigenwilligen Härten. Grämlich erkannte er das erste Versagen. Und seine Geige riet: »Krone ab!« Ein anderer wartete schon auf das Erbe. Aber schwer und wider Menschenart war das Scheiden. Und noch viel bitterer und schwerer, einen anderen zum Thron zu führen. Alle Eitelkeit war dagegen und der Stolz auf den hart erworbenen Besitz. Trat man ab, führte kein Weg zurück. Und die Menschen vergaßen so schnell. Wenn einer dann wiederkam, traf er fremde Blicke. Nur stets lodernde Feuer leuchten in die Augen der Welt. Nein und immer wieder nein. Er hörte die Jugend an verschlossene Türen pochen und ein Kichern, wie leisen Spott. Der alternde Mann fröstelte. Winter war drinnen und draußen. Da rang sich Hans Geßner ins Reine. Im Walde war's. Eiszapfen klirrten in der frostigen Luft. In weißem Panzer stand das Tannenvolk. Blaue Schatten fielen über die Welt. Darüber spannte sich der Himmel in kaltem Grün. Und da fand Hans Geßner endlich den Willen zur Güte. Karl Maria Tredenius sollte das Erbe erhalten. Tausend Wunderkinder verdarben, gingen zugrunde in kleinen Orchestern und auf Vagabundenfahrten. Allenthalben gab es gierige Hände, die das Schöne zerpflückten. Dieser eine aber sollte ans Licht. Einmal schon hatte Hans Geßner bei Karl Maria den getreuen Eckart gespielt. Umsonst. Das Kind war in die Irre gegangen, weil gedankenlose Menschen Weihrauch vor seiner Eitelkeit dampfen ließen. Mit einem Ruck tat der alte Geiger alle Bedenken von sich, wie der Sturm Schneelast von den Bäumen wirft, wenn es lenzen will. Er streckte die Hände, als legte er die Herrschaft nieder. Ein Lächeln ging um seinen Mund, das Lächeln der Alten, wenn sie zum erstenmal in die warme Ofenecke gucken. Abends saß er bei Franziska Ermattinger, die auch schon den Spätherbst im Blut spürte. Wie in schmunzelndem Erkennen sprach er da: »Sie glauben gar nicht, wie alt und müde ich oft bin. Manchmal ist es mir, als könnte ich die Geige gar nimmer halten.« »Pfui Teufel!« tadelte die starke Frau, die mit Bauernkraft dem Leben noch abzwang, was sie von ihm wollte. Aber er bohrte sich hartnäckig in seinen Vorsatz: »Diese dummen Quartettabende machen mich ganz unglücklich. Es ist nicht mehr so wie früher. Nun kommt die Zeit für andere.« In den blauen Augen war ein listiger Glanz. Da begriff die kluge Franziska, daß Hans Geßner gehen wollte, damit ein anderer kam. Schweigend schritt er zum Ofen und wärmte die froststarren Hände. Und plötzlich stöhnte er: »Aus!« Franziska aber grübelte: »Ich könnte das nicht.«   Hans Geßner hielt Wort. Zwei Tage vor dem ersten Quartettabend kroch er ins Bett und behauptete, sterbenskrank zu sein. Mit mürrischer Scheu verbarg er seine Guttat und knurrte, als wäre er längst ein verdrießlicher Ofenhocker. War er allein, seufzte er wohl und hieb mit den Fäusten um sich. Kam aber Karl Maria ans Bett, lag er still und tat, als ob er fieberte. »Gib mir meine Geige!« Er hielt sie in der Hand und fingerte auf und nieder: »Nimm sie weg!« Plötzlich fragte er: »Hättest du den Mut?« »Ich soll geigen?« In aller Überraschung ein versteckter Jubel. »Hast du etwa Angst?« Und war eine Bitte: Sage doch ja! »Nein!« sagte Karl Maria Tredenius. Herb lag der Mund, schier alt, und fand keinen Dank. Zuviel Licht kam auf einmal. Hans Geßner lächelte. Unheimlich gesund und gütig sah er drein, wie ein Großvater, der seinen Enkel in die Welt schickt. »Mir ist nicht bange um dich.« Da riß sich Karl Maria aus dem Rausch: »Aber die drei anderen?« »Schweige und sammle dich!« Das war Geßners Rat, und Karl Maria hielt sich daran. So erfuhren die Leute vom »Blauen Herrgott« nichts, nur Gundl bekam eine Karte für das Konzert. Es galt die letzte Probe. Hans Geßner lag in den Kissen, den Kopf aufgestützt, und horchte. Dann sagte er leise zu seinen drei Genossen: »Versucht es nur mit ihm!« Die drei alten Herren blickten nachdenklich in das Flackern der Kerzen und schüttelten mißtrauisch die grauen Köpfe, wie es stets geschieht, wenn etwas Junges heiß und keck in den Kreis des Alten tritt. Karl Maria hob die Geige. Hans Geßner schloß die Augen und horchte. Die Geigen schwirrten. Der junge König trug die alte Krone und trug sie, als gehörte sie zu ihm.   Wie einst wanderte Gundl mit Karl Maria durch die Gassen. Besorgt fragte sie: »Du bist so blaß. Fehlt dir etwas?« »Ach nein.« Trotzig warf er die Lippen auf. Heute ging es wider alle Welt. Als er Gundl auf ihren Platz geführt hatte, verlor sich Karl Maria. Vergeblich suchte sie nach ihm und saß dann ganz allein unter den vielen Menschen. Plötzlich trat ein würdevoller Herr mit weißem Bart auf das Podium und begann zu sprechen. Gundl riß Mund und Augen auf. Ihr Kopf wirbelte. Ein Flüstern lief durch den Saal. Das Mädel aus dem »Blauen Herrgott« faltete ängstlich die Hände. Jetzt geschah das Wunder, das sie Jahr und Tag erhofft hatte. Karl Maria Tredenius führte das Geßner-Quartett. Dort saß er, bleich und geduckt, die Fäuste auf die Knie gestemmt, und Gundl Williguth konnte ihm jetzt nicht helfen. Langsam hob er den Bogen und ließ ihn wieder sinken. Gundl betete: »Lieber Herrgott, laß ihn nicht zugrunde gehen, wie damals!« Und jetzt sah er sie. Ein Lächeln glitt um seinen Mund, ein glückliches Lächeln. Dann riß er den ersten Ton von der Geige. Es wurde ein Sieg. Nur Gundl Williguth vergaß das Klatschen. Sie lachte bloß, lachte immerzu. Und lustige Tränen liefen ihr über die Wangen. »Mein untreuer, lieber Bub!« Und da sah sie den dicken Impresario Lewis aufspringen und ins Künstlerzimmer stürzen, als müßte er allen anderen zuvorkommen. »Ja, jetzt holst du ihn, dummer Mensch. Jahraus, jahrein habe ich allein an ihn geglaubt.« So gingen die Gedanken von Gundl Williguth. Graf Achaz Rothenwolff hatte rote Backen und teilte nach allen Seiten Händedrücke aus, als wäre dies alles sein Verdienst. Seine musikfrohe Seele hatte Sonntag. Jacopo Rossi, der an solchen Abenden stets den Kammerdiener aus- und den Kapellmeister anzog, beugte sich zu ihm. »Paganini«, sagte er und zeigte seine gelben Zähne. Achaz schüttelte dem Schildknappen krampfhaft die Hand: »Und keiner weiß, daß er alles deinem Witz verdankt.« Rossi grinste bescheiden: »Und dem Grafen Dionys.« Gundl Williguth stürzte aus dem Konzert, ohne auf Karl Maria zu warten. So hastete sie in den »Blauen Herrgott«, wo noch ein herzhaftes Schmausen herging. Sie riß die Tür auf und schrie: »Karl Maria ist berühmt!« Frau Apollonia blieb der Bissen im Munde stecken, und sie grollte: »Laß einen doch erst ordentlich schlucken!« Johann Sebastian aber fragte gemessen: »Was ist geschehen?« Wie ein Bote, der endlich Gutes bringt, stand Gundl vor den schmausenden Williguth. Frau Lisbeth kam auf sie zu. »Er hat's erreicht,« flüsterte das Mädchen. Dann sagte sie alles, so schnell, daß Wort über Wort purzelte. Aber Karl Marias Mutter konnte an das Glück nicht glauben. Alles schien ihr zu plötzlich, so außer aller Ordnung. Eng und dunkel war ihr Herz, daß die Freude nicht gleich hineinschlüpfen konnte. Johann Sebastian hob das fast kahle Haupt, von dem die wenigen grauen Locken wie Freudefähnchen wehten: »Lasset uns dem Herrn lobsingen!« Mit einem Griff packte er den medizinischen Philipp Emanuel beim Genick: »Du sollst mir Bälge treten.« Die Orgel brauste, als Karl Maria in den »Blauen Herrgott« kam. Auf dem schmalen Chor in der ehemaligen Klosterkapelle standen die Williguth Kopf an Kopf, wie pausbäckige Engel. Ganz vorn im Kerzenlicht die Gundl. Sie nickte Karl Maria entgegen. Ihre Arbeit war getan. Aber als ihr plötzlich Joseph Italiener in den Sinn kam, dachte sie betrübt und beglückt: »Ich kann doch nicht. Was soll sein, wenn Karl Maria müde heimkommt?« Meister Johann Sebastian stürmte in allen Registern. Ein Klingen zog durch das alte Haus wie damals, als Karl Maria zum erstenmal zu diesen guten Menschen fand. Ein Präludium von Bach begrüßte den Geiger Tredenius, der aus allem Wirrsal endlich ans gute Ende gekommen war, zu sich selbst. Plötzlich rannte er davon. Wie einer, der sich einer unterlassenen Pflicht erinnert. Hinter ihm verhallten die Rufe der Williguth. Er eilte durch das Birkenwäldchen, dessen kahle Äste der Nachtwind zerzauste. Und doch saßen schon allenthalben Knospen, und durch die Luft ging ein warmer Hauch. Von der Adlerburg glänzte ein gelbes Licht. Karl Maria blieb stehen und grüßte hinüber. In ihm war eine große Dankbarkeit gegen alle Welt. Wie einer, der endlich heimfindet, nickte er dem Lichte zu, das aus dem Zimmer Hans Geßners kam. Dann lief er wieder mit dem Südwind um die Wette. Ringsum war das erste Ahnen der ewigen Auferstehung, ein Wille zur Tat. Das gelbe Licht leuchtete in die Nacht. Karl Maria Tredenius sah ein Ziel und ging darauf los, es zu erobern. Und er lachte in seiner Einsamkeit.