Van Zantens Insel der Verheißung Herausgegeben von Laurids Bruun Vorwort Dieses zweite Buch von van Zanten ist ebenso wie das erste bruchstückweise geschrieben worden. Bestimmte Daten der verschiedenen Teile liegen nicht vor; aber soweit man aus den Tagebüchern ersehen kann, hat der Verfasser auf alle Fälle in den Jahren 1877, 1879 und 1880 mit diesem Stoff gearbeitet. Auf einer Seite seines Tagebuches, »Batavia, März 1877« (am Schluß der »ästhetischen Periode« des Verfassers, wie aus dem Vorwort zu »Van Zantens glückliche Zeit« zu ersehen ist), steht: »An Daniel gearbeitet.« Ein loses Blatt, »Buka September« überschrieben, aber ohne Jahreszahl) Wahrscheinlich aus dem Jahre 1849, in dem v. Z. als Depotchef auf den Salomon-Inseln tätig war, von denen Buka eine der größten ist. bringt den Satz: »Das hätte Pieter Goy sehen sollen!« Schließlich liegt vom Herbst 1880, als v. Z. wieder nach Batavia zurückgekehrt war, folgende abschließende Bemerkung vor: »Las und sammelte Altes und Neues über Daniel und seine Freunde. Soll ich das Kind »Die Löwenhöhle« oder »Die Insel« nennen? Aus bestimmten Gründen nehme ich an, daß die Kapitel 1-6 in einem Atemzug geschrieben sind. In den folgenden Kapiteln, die wahrscheinlich aus dem Jahre 1879 stammen, wird das Tempo langsamer, die Haltung zögernd. Ich denke mir, daß es v. Z. schwer gefallen ist, als er wieder in einer großen, modernen Stadt wohnte, den ironischen Grundton festzuhalten, mit dem das Buch anfängt. Seine Sehnsucht nach den Inseln wächst wieder und er wird von neuem durch den Glückstraum seiner Personen eingefangen – derselbe Traum, von dem »Van Zantens glückliche Zeit« getragen wird – und zu dem dieses Buch ein ironisches Gegenstück bilden sollte. Es ist ganz interessant, zu beobachten, wie ein so ursprünglicher, außerhalb der Zunft stehender Dichter wie van Zanten dem in der Literaturgeschichte oft beobachteten Gesetz unterliegt, daß eine umfassende Künstlerbegabung den unbedingten Drang hat, sich durch entgegengesetzte Gesichtspunkte vorwärts zu bewegen. Gegen die Insel, die in »Van Zantens glückliche Zeit« sein gelobtes Land war, wendet er sich hier ironisch und versucht sich ihr mit einem Lächeln zu entziehen. Das ist ihm auch bis auf die Kapitel 15-18 gelungen. Dort ist es, als ob das Lächeln stramm werde und die Ironie ins Schwanken gerate. Dieses Zögern ist mir ein natürlicher und genügender Beweis dafür, daß die Arbeit hier abermals unterbrochen worden ist. Erst nachdem der Verfasser von neuem draußen gewesen und – 1880 – abermals zur Zivilisation zurückgekehrt war, hatte er die Überlegenheit zurückgewonnen, deren er bedurfte, um die Arbeit zu vollenden, um sich künstlerisch freizumachen. Der Herausgeber hat etliche Stiländerungen vorgenommen, um den Übergang zwischen den verschiedenen Teilen auszugleichen, ebenso wie er einige positive Unklarheiten verbessert hat, die wahrscheinlich dadurch entstanden sind, daß die Einzelheiten des Stoffes sich während der Arbeitspausen in der Erinnerung de« Verfassers verschoben haben. Sowohl der Titel »Die Insel der Verheißung«, als auch verschiedene der Kapitelüberschriften rühren ebenfalls vom Herausgeber her. Im Manuskript fanden sich betitelte und unbetitelte Kapitel durcheinander. Indem ich der Lesewelt hiermit das zweite der van Zantenschen Manuskripte vorlege, möchte ich, auf Grund von vielen öffentlich und privat geäußerten Zweifeln, noch hinzufügen, – obgleich es mir persönlich ganz überflüssig erscheint – daß van Zanten wirklich nicht mit Laurids Bruun identisch ist. Ich wollte, er wäre es! Kopenhagen, im März. Laurids Bruun. Erstes Kapitel Daniel und seine Freunde Pieter Goy war im Begriff, die Löwenhöhle zu fegen, die jeden Abend von neun bis ein Uhr für den Schriftsteller Daniel Hooch und seine Freunde reserviert war. Es sollte ein Festabend werden. Daniel war vormittags dagewesen und hatte drei Hummer in Mayonnaise bestellt, drei Chablis, einen Genever für den Maler und extra guten, kalten Aufschnitt. Außerdem Blumenkohl au naturel für Jakob Beer, der aus Überzeugung und gezwungenermaßen wegen eines schwachen Magens Vegetarianer war. Bei der Büfettmamsell, die Order hatte, sich unwahrscheinlichen Bestellungen gegenüber vorsichtig zu verhalten, hatte Daniel einen Geldschein gewechselt und dem privaten Futtermeister des dreiblättrigen Kleeblattes, Pieter Goy, hatte er eine kleine Abzahlung auf ihre alte Schuld gemacht; und somit war alles in schönster Ordnung. Die Sache war nämlich die, daß Daniels Lustspiel »Der Schoß der Natur« vor einigen Monaten von einem Vorstadttheater, das weit unter dem Niveau des Stückes stand, zur Aufführung angenommen worden war. Heut abend sollte die Premiere sein. Die Spießbürgerpresse hatte wie gewöhnlich eigensinnig geschwiegen. In der radikalen Radaupresse aber hatte Daniel einen bewundernden Anhang von jungen, noch ungetauften Talenten, die versprochen hatten, in plenum zu erscheinen und Erfolg zu machen. Daniel war nämlich auch Kritiker und handhabte seine Feder wie einen Dolch. Der Verfasser selbst und seine intimsten Freunde – Jakob Beer, der eine kleine Anstellung als Organist bei einer Blindenkirche hatte, und der Maler Hendrik Koort, der einer Mädchenschule das Zeichnen beibrachte, – wollten aus Selbstachtungsgründen der Vorstellung fernbleiben. Nur die eiserne Notwendigkeit hatte Daniel gezwungen, sein Stück zur Skalpierung auf der »Räuberburg«, wie das kleine Theater populär genannt wurde, herzugeben. Jeder der drei Freunde hatte nämlich die menschenmöglichste Grenze für Mietekredit überschritten, außerdem hatte der Wirt des Cafés das Konto der Löwenhöhle aufgemacht und sich entschieden geweigert, ferner etwas auf Kredit zu verabreichen, worauf auch Pieter Goy sich ein Herz gefaßt und Daniel mit vor Mitgefühl blutendem Herzen gebeten hatte, doch auch an ihn zu denken. »Ich denke immer an Sie!« hatte Daniel geantwortet und ihn auf seinen fettglänzenden Frack geklopft. Geld aber hatte er keines bekommen – nicht vor heute, als ihm ein Zehner und etwas Silber ausgehändigt wurde. Daniel war morgens am Theater gewesen und hatte den Rest seines Guthabens für die Premiere gehoben. Das Haus war bereits ausverkauft, und die Schauspieler, die zu einer letzten kleinen Extraprobe kamen, hatten ihn voller Achtung gegrüßt. Durch die festliche Zusammenkunft wollte Daniel sein schlechtes Gewissen betäuben, weil er seine literarische Ehre für eine lange Reihe von Aufführungen auf der Räuberburg verkauft hatte. Daniel war ein junger Mann, der seinen Kopf wie ein Halbgott trug. Seine Augen blickten immer über den hinweg, mit dem er sprach; wenn er sich ereiferte, wurden sie blank und scharf, wählend seine Lippen sich höhnisch zusammenzogen und er sich mit den Händen durch sein dünnes, schwarzes Haar fuhr. Er hatte seit frühester Jugend mit der menschlichen Gesellschaft in Streit gelebt. Er träumte beständig von einem freien Naturdasein unter offnem Himmel und stolzen Baumkronen, unter einer ewigen Sonne, in einem Land, wo es keinen Unterschied zwischen Gut und Böse gab. Das Leben aber störte seine Träume. Er mußte sie immer wieder hinunterschlucken, bis er so voll davon war, daß der innere Druck sich durch ein Ventil Luft verschaffte. Dann bekam er einen seiner bekannten Anfälle, wobei er gegen die Stäbe seines Käfigs raste, die wenigen Stunden in Französisch und Geographie, die ein alter Schulfreund ihm verschafft hatte, versäumte und in den Wald hinausfloh, wo er einige Tage das Leben eines vollkommenen Naturmenschen verwirklichte. Draußen trieb er sich ohne Hut, mit offenstehender Weste herum, während sein Blick trunken zu den Baumwipfeln hinaufschweifte. Während die Lyrik ihm in Strömen entquoll, fühlte er sich dazu berufen, durch sein Beispiel eine neue Menschheit zu gründen – ohne Staat, ohne Pflicht, ohne Moral. Der Hunger trieb ihn nach Hause. Erschöpft und frierend kehrte er in seine Dachstube zurück, aber sein Gemüt hatte sich bis auf weiteres beruhigt. Er wurde fleißig, schloß sich ein, stützte seinen Kopf in die Hände und starrte auf das weiße Papier, bis der Teufel in ihn fuhr, und er eine dieser kleinen boshaften Humoresken schrieb, mit denen er sich an der Welt rächte, und die seinen Namen zwischen den Allerjüngsten, die noch aus aufrichtigen Herzen lieben und hassen können, so beliebt gemacht hatten. Er selbst verachtete diese Zwangsarbeit aufs tiefste. Er schrieb mit zusammengebissenen Zähnen und gelobte sich selbst, wenn er dem großen Tier – das war das Publikum – das Maul gestopft hätte, dann wollte er die Meinung seines Herzens in ein alle Zeiten überstrahlendes Dichterwerk gießen, das die menschliche Gesellschaft in die Luft sprengen und ihn selbst als erstes Opfer fordern würde. In dem »Schoß der Natur« hatte er zum erstenmal etwas von seinem Ureigensten eingeschmuggelt, obgleich er den Sprengstoff in kleine, glatte Pillen eingezuckert hatte. Keine der literarischen Bühnen aber hatte für dieses vorzügliche Werk Verständnis gehabt, und darum war er von der eisenharten Notwendigkeit gezwungen worden, zu der Räuberburg hinabzusteigen. Daniel stieß in der Tür des Cafés mit Jakob zusammen. Der Musiker war klein und verwachsen. In seinem mageren, blassen Gesicht, über den schwarzen Zahnstummeln lag immer ein Lächeln, das wie festgewachsen war. Wenn er in ein Zimmer trat, war es, als ob seine lange, spitze Nase wie ein Fühlhorn durch die Luft witterte. Man vergaß seine Anwesenheit sehr leicht; wenn er ab und zu etwas sagte, bekam man den Eindruck, als ob er plötzlich aus der Erde auftauche. Er hatte trotz seiner siebenundzwanzig Jahre schon graue Fäden in seinem langen Künstlerhaar, das ihm – wenn er in Ekstase geriet – in die buschigen, zusammengewachsenen Augenbrauen fiel, so daß er es mit einer Kopfbewegung zurückwerfen mußte. Er gehörte zu den stillen Genies, die sich wie das Veilchen schüchtern im Grünen verstecken. Der beste Teil seines Ichs bewegte sich immer in einem über dem Dasein schwebenden Tonreich. Während er mit seinem festgewachsenen Lächeln vor sich hinstarrte, ahnte er nicht, was um ihn herum gesprochen wurde. Plötzlich aber begann er – berauscht und versunken, und mit graziösen Bewegungen seiner langen Spielhände, die seine Gedanken in Oktaven auszustreichen schienen – von irgend etwas Wunderbarem zu erzählen, das er auf einem Freibillet von einer Berühmtheit spielen gehört hatte. Keiner war so unerbittlich in seiner Kritik wie er. Wenn jemand seine musikalischen Ideale anzutasten wagte, bewegte seine kleine Wieselgestalt sich in unheimlichen Schlangenbewegungen. Er flackerte wie eine Flamme im Zugwind, während sein Schatten unheildrohend über die schmutziggelben Wände der Löwenhöhle fuhr. Der Futtermeister lauschte manch liebes Mal mit erschrockenen Augen, wenn der Geist plötzlich in den Krüppel fuhr, wie er ihn in Gedanken nannte. Dann mußte er an ein Bild in einem alten Buch denken, daß er als Knabe bei seinem Großvater gesehen hatte. Es stellte Doktor Faustus vor, der durch den Bösen in Versuchung gebracht wurde, in einer düsteren Klosterzelle, mit einem roten Kaminfeuer und einem langen, gehörnten Schatten an der halbdunklen Wand. »Na«, sagte Jakob und schob seine schmale Hand in die Daniels, »wie geht's?« »Halt den Mund!« sagte Daniel und schubste ihn vor sich her die dunkle Hintertreppe hinauf. Wenn er hungrig war, war nicht gut Kirschen essen mit ihm. Der Maler, Hendrik Koort, kam wie gewöhnlich, als die anderen bereits zu Tisch gegangen waren. Man war so an seine Unpünktlichkeit gewöhnt, daß man nie auf ihn wartete. Hendrik aber wurde jedesmal beleidigt. Er war untersetzt, stämmig und breithüftig. Sein Kopf war sehr groß, ungewöhnlich breit an den Schläfen, mit einer gewölbten Stirn, die den Eindruck machte, als würde er im nächsten Augenblick wie ein Widder stoßen. Er hatte kurzgeschnittenes, rotes Haar, das sein ganzer Stolz war. Sein Streben und seine Sehnsucht waren ebenso wie Daniels auf die Natur gerichtet; während der Dichter aber davon träumte, sie zu beherrschen und zu besitzen, sehnte Hendrik sich danach, sein Ich in dem Mysterium der Natureinheiten aufzulösen. Das Unberührte war das Ziel seiner Sehnsucht. Er wollte das malen, was noch nie von jemand in Farben ausgedrückt worden war, was französische Maler geahnt, aber nicht bewältigt hatten, die Ursprünglichkeit der Natur, von den falschen Symbolen entblößt, die die alles entstellende Menschenkultur in die Dinge hineingelegt hatte, so daß man sie nur noch durch eine Brille sah. An die Dinge selbst wollte er heran, wollte den nackten Eindruck an Stelle des verdrehten setzen. Daniel nannte es spöttisch die rothaarige Kunst. Hendrik Koort hatte meistens einen harten Kampf mit seiner Bequemlichkeit zu bestehen, die mit dem Drang nach der Auflösung seiner Persönlichkeit in der Natur eng zusammenhing. Wenn er auf seinen Morgenspaziergängen einen entsprechend einsamen Platz gefunden hatte, entledigte er sich des modernen Gesellschaftsmenschen und nahm ein Sonnenbad im duftenden Gras. Zweimal war er von einem Landpolizisten notiert worden, aber der Instinkt forderte immer wieder sein Recht. Er behauptete, daß er in solchen vollkommen nackten Augenblicken so nah an die Natur herangekommen sei, daß er momentweise ohne Menschenbrille gesehen und die Dinge in ihrer Ursprünglichkeit empfunden habe. Leider lagen von solchen Augenblicken keine Skizzen vor. Wenn es aber spät abends geworden war – so beim dritten Genever – dann pflegte er den anderen diese Linien vorzuzeichnen und in vagen, träumenden Ausdrücken, Vorstellungen von den seltsamen Urtönen zu erwecken, in denen die Farben sich vor seinem Blick aufgelöst hatten. Er starrte vor sich hin, die dicken Lippen öffneten sich in Verzückung und die breite, behaarte Hand zeichnete durch die Luft. Zu diesem Zeitpunkt hörte allerdings selten jemand zu. Jakob Beer war jenseits in seinem Reich, und Daniel beherrschte das Dasein auf Kosten seiner eigenen Träume. Davon ließ sich indessen keiner stören; Blick und Rede aber richteten sich unwillkürlich auf den einzig Schweigenden, auf die treuen, blauen Augen des Futtermeisters, der – mit dem Schlaf kämpfend – von der Ofenecke, wo sein Stuhl stand, ganz benommen zu ihnen hinüberblickte. Es war ganz von selbst gekommen, daß Pieter Goy zu ihnen gehörte. Ursprünglich war es eigentlich der Ofen, der ihn gelockt hatte; denn in der Löwenhöhle war es immer herrlich warm. Dann aber war es ihm zur Gewohnheit geworden, dabei zu sitzen und den vielen seltsamen, neuen Dingen zu lauschen. Jeden Abend, wenn die vorderen Zimmer und das Café geschlossen und die Löwenhöhle zu einem geschlossenen Privatkreis geworden war, der die Polizei nichts anging, stahl Pieter sich herein und setzte sich in seine Ecke. Je mehr Pieter sich Daniel und seinen Freunden zugehörig fühlte, desto selbstverständlicher wurde es, daß er seine Mittel in konstanten Vorschüssen anlegte. Anfangs hatte er es wie eine Ehre empfunden, wenn Daniel ihm auf die Schulter geklopft und um einen Gulden oder zwei gebeten hatte. Später faßte er dies wie ein Entgelt dafür auf, daß er mit dabei sein durfte. Er bezahlte sein Entree und war berechtigt, der Vorstellung beizuwohnen. Er amüsierte sich manches Mal köstlich, wenn die Gesellschaft in der lustigen Ecke war und Daniel die Berühmtheiten des Tages von ihren Piedestalen herunterholte. Pieter Goy, der aus Groningen war, weidete sich daran und lachte, daß die Tränen ihm nur so über die roten Backen liefen. Zu anderen Zeiten aber, wenn trüber Mißmut auf der Höhle brütete, und jeder auf seinem Instrument klagte, dann wurde er traurig und litt mit ihnen und saß mit gefalteten Händen dabei und dachte an die böse Welt und den Schiffbruch seines eigenen privaten Glücks. Eine Bauerntochter seines Heimatdorfes hatte ihn einst mit einem Luftikus aus der Stadt betrogen. Zweites Kapitel Das große Tier Das ist ja reizend!« Hendrik Koort stand in der Tür und warf einen zornigen Blick auf Daniel und Jakob, die um die Wette aßen. »Setz dich«, befahl Daniel mit vollem Mund. »Man wird zum Abendessen eingeladen, und bevor die Gäste kommen, hat der Wirt alles aufgefressen!« »Blech! – Du kommst immer zu spät. – Futtermeister, geben Sie ihm den Hummer.« Pieter Goy langte nach der Schüssel, die er auf den Schrank gestellt hatte, damit Daniel sich nicht an Koorts Anteil vergreifen sollte. Der Maler zwängte sich auf den engen Platz zwischen Tisch und Wand. Der Futtermeister reichte ihm das herrlich rote Schaltier, das er mit etlichen Zungenlauten begrüßte, einem privaten Kunststück, das keiner ihm nachmachen konnte. Wein wurde eingeschenkt, und dann ging es los. Kurz darauf erkundigte Jakob Beer sich nach seiner »Insel der Verheißung«, bekam aber keine Antwort. Daniel dachte an sein Stück, das in diesem Augenblick auf der Räuberburg losgelassen wurde. Seufzend machte er sich über Beers Hummer her; denn wohl war der Musiker Vegetarianer, aber auf Hummer konnte er doch nicht ganz verzichten. Er hatte die eine Klaue gegessen. Hendrik Koort verteidigte seinen Eßfrieden mit rollenden Augen und einem unsanften Geknurr, wie ein Hund, der an einem Knochen zerrt. Als der erste Eifer vorbei war, hob er sein Glas und sagte zu Daniel: »Laß uns auf den »Schoß der Natur« anstoßen. Laß uns darauf anstoßen, daß er eine unübersehbare Reihe von Abenden mit allem, was gut und edel ist, speisen möge!« Daniel rückte auf seinem Stuhl hin und her und wurde ernst. »Weißt du, Maler, man mag auf das große Tier sagen, was man will, aber sobald man es lockt, fällt doch ein Knochen für einen ab.« »Und du hast es diesmal gewaltig gelockt.« Daniel beugte den Kopf schuldbewußt über seinen Teller, aber er sagte nichts. »Wenn ich mir vorstelle«, begann Jakob Beer, indem er sich mit strahlenden Augen über einen Gemüsesalat hermachte, »daß es Leute gibt, die Abend für Abend ihren halben Hummer essen und Wein dazu trinken können, ohne einen Schimmer von Musik und Harmonie und Schönheit zu haben – was sagt Ihr?« »Ja«, sagte der Futtermeister und stellte eine Flasche Wein auf den Tisch, »es ist unglaublich, was Leute, die Moneten haben, in sich reinstopfen können.« Nachdem Daniel das letzte dünne Hummerbein ausgesaugt hatte, lehnte er sich in den Stuhl zurück und zog einen Brief aus der Tasche, den er morgens von seinem reichen Onkel bekommen hatte, einem Reeder, der eine Dampferlinie zwischen Java und Hinterindien hatte. Daniels Kampf mit der Gesellschaft hatte sich mit der Zeit zu einem Briefkrieg mit dem Alten zugespitzt, der sich darüber ärgerte, daß sein Neffe nichts Vernünftiges tun wollte. Es wurde hin und her verhandelt. Der Alte hatte Daniel einen Platz in seinem Kontor angeboten, den dieser mit Entrüstung abwies. Dann bot der Alte höher und schlug ihm ein Studium vor. Daniel war ja sein einziger jüngerer Anverwandter und trug seinen Namen. Daniel nahm zum Schein an und forderte einen entsprechenden Betrag zum Einkauf von Büchern usw. Dafür lebte das Kleeblatt eine Zeitlang in Saus und Braus, bis der Alte dahinter kam. Jetzt hatte er durch die Zeitungen erfahren, daß eines von Daniels schamlosen Stücken auf einer Bühne aufgeführt werden sollte, die in den jungen Tagen des Reeders eine unanständige Bude war, wo Frauenzimmer herumgingen und mit den Gästen tranken. Da beschloß der Alte, der Sache ein Ende zu machen, und schrieb diesen Brief, den Daniel zu seinem Morgenkaffee bekommen hatte. Der Reeder bot ihm freie Reise mit der »Atlanta«, seinem größten Schiff, das in acht Tagen nach Australien abgehen sollte. Er wollte seinen Neffen mit einer kleinen Summe ausrüsten, die er jedoch erst in Brisbane erhalten konnte; drüben sollte er dann selbst versuchen, sich Bahn zu brechen. Daniel las seinen Freunden diesen Brief laut vor. »Schlag zu!« rief der Maler, »und nimm mich mit. Dort drüben gibt's gewiß genug Urwald und wilde Menschen, durch die man sich Bahn brechen kann.« Der Futtermeister mischte sich ängstlich ins Gespräch: »Das wäre doch dumm, da Herr Hooch gerade so schön mit den Theatern in Gang gekommen ist!« Während Daniel in plötzlicher Niedergeschlagenheit seinen Kopf in die Hände stützte, sagte Jakob Beer, indem er mit schwimmenden Augen in den weißen Wein vor sich starrte: »Wenn ich mir vorstelle, daß jemand große Schiffe besitzt und die Erde bloß zu seinem Vergnügen umsegeln kann! – Was sagt ihr?« »Pieter Goy hat recht!« räumte Hendrik Koort ein, »laßt uns erst den Saft aus dem ›Schoß der Natur‹ pressen, dann können wir hinterher Bahn brechen.« Es wurde an die Tür geklopft. Der Futtermeister öffnete. Draußen stand ein Dienstmann mit der Mütze in der Hand und fragte nach dem Schriftsteller Hooch. Daniel wurde blaß vor Erwartung und streckte die Hand nach dem Brief aus. Hendrik nahm ihn dem Futtermeister ab und las die Aufschrift. »Er ist von der Räuberburg!« rief er triumphierend, gib dem Mann einen halben Gulden, Pieter!« Daniel öffnete den Brief mit zitternden Händen. Es war ja doch sein eigenes Stück, wie entartet es auch sein mochte. Indem er las, erbleichte er und seine Lippen begannen zu zittern. Hendrik Koort nahm ihm den Bogen aus der Hand und las vor: »Vollständiges Fiasko! – Für hundert Gulden Inventar aus dem Fenster geworfen. Die Polizei schrieb Ihre Straßenjungen-Klaque auf. Das Publikum schrie nach dem Verfasser, um ihn zu verhauen. Danken Sie Ihrem Schöpfer, daß Sie nicht zugegen waren, und verlassen Sie sich darauf, daß dieser Mist nicht zum zweitenmal bei mir über die Bretter geht. Ehrerbietigst Janßen, Direktor.« Der Maler las es ganz langsam noch einmal, während der Futtermeister ihm mit großen, verstörten Augen über die Schultet blickte. Dann sah er vom einen zum andern und machte sich in einem ungeheuren Gelächter Luft. Pieter Goy puffte ihn ärgerlich in den Rücken. Was gab's hier zu lachen. Die Sache war ja im höchsten Grade fatal. Währen Hendrik Koort zwischen den Lachanfällen in verschiedenen Tonarten »ehrerbietigst Janßen« wiederholte, schlug Daniel, der schweigend, mit bebenden Lippen, dagestanden hatte, plötzlich mit der Faust auf den Tisch, so daß Teller hüpften und Gläser klirrten. »Tod und Teufel«, zischte er, »ich will nicht länger in diesem verpesteten Land leben!« Während er so stand und nach Luft schnappte, fiel sein Blick auf den Brief des Reeders, der sich zwischen den Gläsern herumtrieb. Auf das Wort »Brisbane« fiel er. Dieses drollige Wort erkämpfte sich plötzlich seine Aufmerksamkeit. Es war, als ob eine neue Welt sich ihm in der Ferne erschloß. Die Welt des abenteuerlichen Naturdaseins, nach der er stets geseufzt hatte, zeigte sich ihm plötzlich in ihrem ganzen lockenden Freiheitsglanz. Sie kam wie eine letzte Zuflucht zu ihm und machte sein Herz klopfen. Dort stand ein handgreifliches Angebot, mit spitzer, ehrenwerter Kontorhandschrift auf einem handgefertigten Firmenbogen geschrieben. Daniel war nicht abergläubisch, aber er glaubte dennoch an eine ironische Weltlenkung. Noch schmerzte die Wange ihm von der Ohrfeige, die das große Tier ihm verabreicht hatte. Oh, er hatte es nicht besser verdient. Warum hatte er seine Feder zu kleinen koketten Bosheiten erniedrigt, anstatt mit Skorpionen zu peitschen? Er, dessen Gemüt danach strebte, sich von dem Fluch des Gesellschaftzwanges zu befreien und der Menschheit ihr großes unbeschnittenes Ich zurückzugeben! Jetzt mußte zugegriffen werden – – zum ersten und zum letztenmal. Er stand so lange in den Vorsatz vertieft, der sich plötzlich aus den tiefen Traumschichten seines Inneren hervorrang, daß es Jakob Beer schließlich ganz unheimlich zumute wurde und er ihn am Rock zupfte: »Woran denkst du eigentlich?« »Ich reise!« sagte Daniel und ließ sich auf den Stuhl fallen. Ein verheißungsvolles Lächeln spielte um seinen Mund, während sein Blick über die Weiten unter der Decke irrte und die Hand durch das braune Haar fuhr. »Was willst du?« fragte Hendrik und drang mit seiner gewölbten Stirn auf ihn ein. Ihm ahnte, daß etwas Großes in der Luft lag. »Ich nehme sein Angebot an. Ich verlasse dieses Land – diese Gesellschaft, die ich hasse und die mich nie verstehen wird. Ich reise mit dem Schiff des Alten nach Brisbane.« Hendrik erhob seinen schweren Unterkörper, so daß der Stuhl umfiel. »Abgemacht!« rief er und schlug mit der Faust auf den Tisch, »ich reise mit.« Daniel blickte aus seinen Weiten auf ihn herab: »Du – wo kriegst du Geld her?« Jakob Beer wurde unruhig. Das erlösende Wort des Entschlusses hatte alle Schleusen zu dem wunderbaren Traumland geöffnet, das auch in seinem Inneren lebte. Koste es, was es wolle. Auch er wollte fort aus dieser grauen und schmutzigen Stadt, wollte die Handeisen der Gesellschaft sprengen, die elend bezahlten Stunden und die jämmerliche Anstellung in der Blindenkirche von sich abschütteln. Hinaus in die weite Welt, wo jeder freien Zutritt zu den Gütern hatte, die die Natur aus ihrem reichen Mutterschoß spendete! Ach, unter dem Schatten hoher Dattelpalmen wandern; den Liebestönen wunderbarer Urwaldvögel lauschen; der Einsamkeit ihre tiefe, geheimnisvolle Korallmusik entlocken! »Nimm mich mit!« bat er und legte seine schmale Spielhand auf Daniels Arm, während er flehend in seine Adleraugen blickte. Hendrik Koort malte mit seiner dicken Tatze durch die Luft, während sein Blick groß und starr wurde und das rote Haar ihm zu Berge stand. »Das Jungfräuliche, versteht Ihr – das, was hinter den Symbolen liegt, versteht Ihr – dort, wo noch kein menschlicher Fuß hingetreten ist, – wo noch keiner die Natur in ihrer Nacktheit belauscht hat, das will ich malen – den Sonnenaufgang, versteht Ihr – wie etwa ein Affe, ein koloristisch begabter Affe ihn malen würde – so will ich malen!« »Wir wollen wie die ersten Menschen leben!« sagte Jakob Beer, »von wilden, vollsaftigen Früchten, die lose an den Bäumen baumeln und mit einem Klatsch auf die weiche Erde fallen, wenn man den Stamm berührt. Fleischähnliche, weiße Wurzeln wollen wir essen – und –« »Wir wollen nackt in der brennenden Sonne gehen,« fuhr Hendrik Koort fort, »so wie die Natur sich uns gedacht hat. Und Haare werden auf uns wachsen, bis wir ebenso behaart sind wie die Tiere.« Auch Daniel wurde mitgerissen. »Wir wollen den Tieren ihre Sprache ablauschen – die ursprünglichen, begrifflosen, aber unendlich ausdrucksvollen Lautzeichen wollen wir lernen, eine Poesie, die nur auf der Grundlage der Instinkte beruht. Oh, wir wollen ein Dasein führen, wo es kein Gut und Böse gibt, kein Mein und Dein, kein du sollst und du darfst nicht!« Drittes Kapitel Für des Reeders Geld Während das Kleeblatt durcheinanderschrie und all das Schöne und Große entwickelte, was es erwartete, irrten die ehrlichen Augen des Futtermeisters vom einen zum anderen. Sein Gehirn arbeitete schwer, um ihnen bei ihrem Flug zu folgen. Von so viel Reichtum und Glück hatte er keine Ahnung gehabt. Er merkte es an der Seligkeit ihrer trunknen Blicke, an der Zartheit ihrer Worte, daß es sich hier um etwas viel Besseres handelte, als sich bis in die Nacht hinein von der einen schmutzigen Stube in die andere halbtot zu rennen, Gläser abzutrocknen und Gästen Bier einzuschenken, Leuten, die kamen und gingen, und denen es ganz gleichgültig war, ob man tot oder lebendig war. »Ist es wahr, daß ihr alle reisen wollt?« fragte er und sah vom einen zum anderen, während sein Gehirn einen Überschlag über das Kapital machte, das er in dem »Kleeblatt« stehen hatte. »Ist es wahr«, fragte er, »oder dichtet ihr euch das nur so zusammen?« Daniel blickte von den Weiten, in die sein Adlerblick geirrt war, auf ihn herab und fragte streng: »Was haben Sie eben gesagt?« Der Futtermeister gab seinem Herzen einen Stoß und richtete sich auf seinem Stuhl auf. »Ich sagte nur, wenn es wahr ist, daß ihr alle reist, dann reise ich auch mit.« Die blauen Augen blickten treuherzig aus dem rotbäckigen Gesicht, während seine fette Hand nervös an der Westentasche nestelte, wo er die Golduhr trug, an der er noch immer abzahlte. »Was wollen Sie?« Hendrik drehte sich zu ihm herum und vertiefte sich in seinen Anblick. Jakob Beers Augen wurden feucht und mild. Ihm wurden Pieter Goy und seine treuen, blauen Augen plötzlich so lieb. Daniel setzte sich vor Überraschung auf seinen Stuhl. Dann ließ er seine Augen musternd über den Futtermeister schweifen. Er betrachtete das strohgelbe Haar, das sorgfältig an den Schädel geklebt war, den kugelrunden, auf der Stirn schweißglänzenden Kopf, die dicken rotbäckigen Pausbacken, die kleine Stumpfnase, den hellgelben Schnurrbart, die vollen, etwas aufgeworfenen Lippen und das weiche, hängende Kinn. Dann glitt sein Blick über die wohlgenährte Brust, die unter dem schmierigen Frack schwoll, von schmalen Schultern eingeklemmt, bis er zu den soliden Beinen kam, die das Ganze trugen. Ja, das war die personifizierte Kraft. Das war Ehrerbietung und Dienstwilligkeit. Vielleicht sogar Freundschaft. Die fröhliche Ergebenheit einer unzusammengesetzten Natur einem herrngebornen Geist gegenüber. Daniel empfand etwas wie Rührung. Es bewegte sie alle drei, daß der Futtermeister, ihr ehrlicher Privatgegenstand, der sie bedient und den sie angepumpt hatten, so voller Ergebenheit dasaß und sich nicht von ihnen trennen wollte. Ihr Verhältnis zu Pieter Goy rückte plötzlich zu einer Dankesschuld auf. Bei allen dreien wurde ihm ein Konto eröffnet. »Ja, aber das Geld, Pieter?« fragte Hendrik. »Denn solche Reise kostet mehr als ein Ausflug nach der ›Insel‹.« Es war eine bekannte Tatsache, daß Pieter Goy seine wenigen freien Sommertage auf einer kleinen grasbewachsenen Insel in der Zuydersee verbrachte, deren volkstümlicher Name nur »Insel« war. Daniel, der mit dem Angebot in der Hand dasaß, war Herr der Situation. Von ihm mußte alles Gute kommen. Er schenkte Wein ein, und als sei es die natürlichste Sache von der Welt, nahm er ein Bierglas (Weingläser waren nicht mehr da), schenkte es voll und schob es Pieter Goy hin, der bis unter die Augen errötete und einen Augenblick zögerte, bevor er das Glas ergriff. Dann wurde stillschweigend getrunken. Daniel setzte sein Glas hin, sah vom einen zum anderen und sagte leutselig: »Meint ihr vielleicht, daß der Alte so verrückt ist, für andere als für mich die Reise zu bezahlen?« Jakob Beer bekam einen guten Einfall: »Sag ihm, Daniel, daß es eine Ehre für einen Mann wie ihn ist, die junge, kämpfende Kunst zu stützen. Und du, Hendrik – ja, das solltest du tun – biete ihm deine »Insel der Verheißung« an, wenn sie fertig wird. Und ich werde ihm die große Natursinfonie widmen, die ich drüben unter Palmen komponieren will. ›Meinem edlen Wohltäter‹ – ›An den, ohne dessen väterliches Wohlwollen dieses Werk vielleicht nie das Licht der Welt erblickt hätte‹ – oder ähnlich. Was meint ihr dazu?« »Und Pieter,« sagte Hendrik Koort, »soll der ihm vielleicht gratis in der Löwenhöhle servieren, wenn er zurückkommt?« Daniel lehnte sich in seinen Stuhl zurück und starrte wieder zu den Weiten hinauf, während er sich über sein dünnes Haar strich. Hendrik Koort konnte ihm ansehen, daß er drauf und dran war, eine Lösung zu finden. Darum gebot er Jakob Schweigen, der wieder in Betrübnis verfallen war und ihr durch viele und vage Worte Ausdruck geben wollte. Pieter Goy wußte nicht, ob er dem Neuen, was ihm passiert war, Glauben schenken konnte, daß Hendrik Koort ihn »Pieter« genannt, als gehöre er mit zum Kleeblatt – und daß Daniel ihm eingeschenkt hatte. Er saß und sann darüber, während sein Blick über die schmutziggelben Wände schweifte. Es war plötzlich, als ob die Löwenhöhle ein Zimmer geworden sei, in dem er mehr zu tun hatte, als nur aufzuwarten. Worte wie »Häuslichkeit und Behaglichkeit« schwebten ihm vor – etwas, was er seit seinen Knabenjahren nicht mehr gekannt hatte und an das er nur mit Rührung zurückdenken konnte. Während die anderen auf das warteten, was Daniel ausspekulieren würde, wurde es Pieter Goy auf einmal so recht wohl zumute. Ein plötzliches beglücktes Gefühl schwoll in seiner breiten Brust und spiegelte sich in seinen blauen Augen. Er rückte seinen Stuhl näher an den Tisch heran und sagte treuherzig: »Wann soll's denn losgehen?« Daniel fühlte, daß er Herr über Wohl und Weh der anderen sei, ein ganz neues Gefühl, das ihn stolz und anspruchsvoll machte. Er richtete sich höher auf und sagte: »Der Alte stellt mir eine Summe zur Verfügung, eine Summe, die ich erst in Brisbane heben kann. Darauf gehe ich nicht ein.« »Nein, darauf gehen wir nicht ein,« wiederholte der Maler und winkte ab. »Vielleicht gibt es überhaupt gar nichts, was Brisbane heißt, wenn wir rüberkommen. Vielleicht hat der Alte sich das nur bei seinem Whisky zusammengeschwindelt, um uns loszuwerden.« »Soweit ich mich erinnere, ist Brisbane eine vollkommen moderne Stadt.« Hendrik Koort machte ein langes Gesicht. »Dann können wir ja ebensogut hierbleiben, wo man Cafés und Leihhäuser kennt, und weiß, wie man sich decken soll, wenn man in der Patsche sitzt.« »Halt den Mund, Maler! – Also Brisbane akzeptiere ich nicht, überhaupt kein in Aussicht gestelltes Geld. Was mein ist, das will ich gleich haben.« Jakob Beer sah bewundernd zu ihm auf und Hendrik nickte kräftig. »Dagegen,« fuhr Daniel fort, nachdem er sich eine Zigarette angezündet hatte, »dagegen bin ich bereit, unter der Bedingung mit der ›Atlanta‹ fortzureisen, daß man mir die Weiterreise von Brisbane nach – nach einer Insel garantiert, eine näher von mir zu bezeichnende, öde Insel in irgendeinem von mir erwählten Archipelag.« »Archipelag,« fragte Dieter Goy, »was heißt das?« »Das heißt Inselgruppe. Da ist der indische Archipelag und – und viele andere.« »Eine Insel mit Urwäldern und Palmen!« fügte Jakob Beer träumend hinzu. »Mit Korallen und Affen und Kokosnüssen, und überhaupt tropischem Tier- und Pflanzenleben!« erklärte Hendrik Koort. »Eine unbewohnte Insel,« stellte Daniel fest, »eine von jeglichem Menschendasein vollständig unberührte Insel.« Der Maler nickte mit offnem Mund und großen Augen. Beer wippte auf seinem Stuhl hin und her. Er war schon drüben unter dem Schatten der Palmen und lauschte tropischen Naturtönen. Nur Pieter Goy starrte auf Daniels flackernde Augen und wartete gespannt darauf, wie er es möglich machen würde, daß sie alle mitkommen konnten. Je mehr Daniel merkte, daß aller Segen von ihm ausgehen würde, desto größer wurde seine Zuversicht, desto fester sein Standpunkt. Er warf sich mächtig ins Kreuz und haute mit seinen Knöcheln auf den Tisch, als ob es der Reeder selbst und nicht Pieter Goy sei, der dort furchtsam und ehrerbietig vor ihm auf dem Stuhl saß, während er ihm seine Bedingungen diktierte. »Meine Bedingungen sind,« – Daniel beugte seinen langen Oberkörper vor und bohrte seinen strengen Blick in Pieter Goy, so daß der Futtermeister sich erschrocken zurückzog – »meine Bedingungen sind, daß die Summe, die ich in Brisbane heben sollte, mir bereits vor der Abreise an einem von mir näher bezeichneten Ort ausgezahlt wird. Und diese Summe will ich dazu verwenden, um nicht nur mich, sondern auch meine lieben Freunde auszurüsten, die mich begleiten sollen, indem ich willig bin, einen Teil der Reisekosten für sie aus genannter, nicht unbedeutender Summe zu bestreiten.« Hendrik Koort fuhr in die Höhe, so daß der Stuhl umfiel, und streckte seine Arme über den Tisch nach Daniel aus. Jakob Beer weinte vor Rührung und suchte vergeblich nach Worten für seinen Dank. Pieter Goy aber, dem die Blässe der Entscheidung auf den Wangen lag, stand vom Stuhl auf, reichte Daniel seine fleischige, rote Hand und sagte mit gefaßter Andacht, indem er einen dicken Strich über die kleinen Vorschüsse machte, die er Daniel im Laufe der Zeit geleistet hatte: »Schönsten Dank auch, Hooch!« Jetzt aber kamen Hendrik Koort Bedenken. »Glaubst du, daß der Reeder sich darauf einläßt? – Du kennst ihn doch.« Daniel hatte sich gesetzt, zufrieden und satt in seiner Größe. Er zuckte nur abweisend die Achseln. Es glückte. Der Reeder sträubte sich, sowohl mündlich wie schriftlich, aber schließlich ergab er sich. Denn Daniel war fest und unerbittlich. Einen Monat später, als der »Schoß der Natur« längst begraben und vergessen war, reisten Daniel und seine Freunde prunklos – denn der Alte hatte die Bedingung gestellt, daß die Presse ihre Nase nicht in seine privaten Angelegenheiten stecken dürfe –, aber voll bebender Erwartung nach Marseille, wo sie an Bord der »Atlanta« gingen, die inzwischen schon in Le Havre, Bordeaux und Malaga gewesen war. Von Marseille ging die Reise direkt nach Port Said. Dann sollte unterwegs Ceylon, Freemantle und Melbourne angelaufen werden; und wenn die »Atlanta« schließlich Brisbane erreicht hatte, sollten die Freunde die Reise mit einem Pacificdampfer fortsetzen, der über die Fidschi-Inseln nach San Francisco ging. Die Billette von Brisbane hatte der Reeder – sicherheitshalber – selbst besorgt. Durch seine ausländischen Verbindungen war es dem Alten geglückt, den Dampfer, mit dem sie weiterreisen sollten, zu veranlassen, die Freunde auf einer kleinen Insel zu landen, die zu den äußersten Vorposten der Fidschi-Inseln gehörte, und die von der regelmäßigen Dampferverbindung in einem Abstand von einigen Meilen passiert wurde. Daniel war in der Bibliothek gewesen und hatte große geographische Werke studiert, bevor er die Insel gefunden hatte, die alle Forderungen, die er an sie stellte, erfüllte. Viertes Kapitel Die Insel der Verheißung Auf großen, dunkelgrünen Dünungswogen glitt das Boot mit Daniel und seinen Freunden auf den fernen Nebelfleck zu. Ihre brennende Erwartung, mit Sehnsucht und Träumen vermischt, war mit unendlich viel mehr Pferdekräften vorausgeeilt, als selbst der schnellste Dampfer sie zuwege bringen konnte. Sie schwebte über der unbekannten Insel, die sie dort in der Ferne erblickten. Vielleicht war sie es, die ihnen vom Horizont ihren Willkommensgruß entgegenschickte. Der Nebel nahm Form an. Er teilte sich in einen helleren und einen dunkleren. Der dunklere schwamm über dem helleren, und wie die kleine Motorschaluppe sich der niedrigen, weißen Küste näherte, wo die Dünungen sich an den äußersten Korallenriffen in einem brodelnden Schaumgürtel brachen, der das seichte Wasser hinter dem Riff verbarg, da wurde der dunkle Nebel zu einem tiefgrünen, der sich von dem blauen Himmelsgrund abhob. Er wölbte sich, und etwas schob sich über etwas anderes, in einer ruhigen, gesetzmäßigen Unordnung, bis das Ganze plötzlich zu einem Palmenwald wurde. Sie saßen mit weitgeöffneten Augen da und hielten sich an der Reeling fest, während die Bewegungen des Bootes unruhiger und die Wellen kürzer wurden, je mehr sie sich der Insel näherten. Keiner von ihnen sprach. Sie hatten während der langen Reise täglich von der Insel geredet und jeder hatte sie für sich in Besitz genommen; jetzt aber, als sie in dem scharfen Tageslicht der Wirklichkeit dalag, entzog sie sich ihrer Herrschaft. Sie schien sie auszulachen. Es wurde ihnen plötzlich klar, daß es Zeit und Arbeit kosten werde, bis sie sie dazu zwingen würden, sie als ihre Herren zu betrachten. Der Maler saß mit offenem Mund und gesenkter Stirn da, während seine Augen die dunkle Wildnis von hundertjährigen Lianen zu durchdringen suchte, die die Bäume zu einer unlösbaren Einheit zusammenbanden. Wo waren die grünen Grasflecke im Schatten anmutiger Kokospalmen, auf welchen er sanft ruhen wollte, mit der hohen Kristallkuppel der sonnenerfüllten Luft über sich? Ob die Matrosen sich wohl über ihn und seine Freunde lustig machten? – Er warf einen prüfenden Blick auf sie; aber auf ihren arbeitsstumpfen Gesichtern stand nichts zu lesen. Jeder tat seine Pflicht und dachte nur daran, in dem seichten Wasser hinter dem Riff eine passende Anlegestelle zu finden. Jakob Beer zitterte wie ein kranker Affe. Seine zusammengewachsenen Brauen zuckten nervös. Er hatte auf der ganzen Reise an Seekrankheit gelitten und, wenn es am allerschlimmsten war, sich zu den schmutziggelben Wänden der Löwenhöhle zurückgesehnt. Bei gutem Wetter aber bereute er solche Gedanken mit schwerbelastetem Gewissen. Das war ja eine Entweihung des zukünftigen Großen. Jetzt saß er zusammengekauert da und konnte sich gar nicht zurechtfinden. Außerdem war er hungrig und müde, denn er hatte in der letzten Zeit vor Erwartung nicht essen und schlafen können. Er hatte sich den Augenblick, wo die wunderbare Insel vor ihren Augen auftauchte, wie eine Verzückung gedacht. Aber von Begeisterung war keine Spur. Beschämt mußte er einräumen, daß er eher etwas wie Angst empfand. Er tröstete sich damit, daß es noch kommen würde. Wenn sie erst ihren Fuß auf das gesegnete Land setzten, seine reifen Früchte kosteten und sich den Rücken von der Sonne durchwärmen ließen, dann würde die Freude, die Urfreude des Lebens, ihren Einzug singend in ihre Herzen halten. Pieter Goy saß mit gefalteten Händen da und blickte zur Insel hinüber. Er verstand selbst nicht, was er fühlte, war auch nicht daran gewöhnt, weiter über Dinge nachzudenken. Etwas wie Andacht erfüllte ihn, mit Neugierde vermischt. Die hohen Palmenkronen mit ihren langen, schmalen Blättern, die in der frischen Seebrise wie Wimpel an einem Sommertag in Amsterdam wehten, machten einen ganz feierlichen Eindruck auf ihn. Aus Mangel an Kenntnissen hatte er sich nicht wie die anderen bestimmte Vorstellungen über die Insel gemacht. Er hatte mehr an das Praktische gedacht. Wie es wohl mit der Nahrung bestellt wäre? Denn er konnte sich nicht denken, daß die Bäume Sommer und Winter voll von Früchten hingen. Auf der langen Reise hatte er sich bedächtig und verständig über all das Neue gefreut, was er zu sehen bekam. Er hatte keinen und nichts zurückgelassen, nach dem er sich sehnte, darum konnte er sich dem Augenblicke ganz hingeben. Furcht vor der Zukunft hatte er nicht, denn sie konnte nicht freudloser werden, als das Leben in den halbdunklen, dumpfen Stuben, das er geführt hatte, seit er nach dem Liebeskonflikt in Groningen nach Amsterdam gereist war. Die Löwenhöhle und das Kleeblatt waren das Licht in seinem täglichen Leben gewesen. Als das Licht fortging, ging er mit. Jetzt lag die Insel leibhaftig vor seinen Augen. Das war ja anscheinend eine ganz nette Insel. Nur der Wald sah von weitem etwas weitläufig aus. Das Boot fuhr langsamer. Einer der Matrosen begann vorn zu loten. Ein kurzer Zuruf, und das Ruder wurde so plötzlich gedreht, daß das Boot in einem knappen Bogen mit der Breitseite quer vor die Wellen zu liegen kam. Es krängte so stark, daß der Maler von seinem Sitz kollerte und sich an der Reeling festklammern mußte, um nicht gegen den Motorkasten zu fallen. Während das Boot langsam vorwärtsglitt, entpuppte die Insel sich in ihrer ganzen Länge. Dort, wo die Riffe am dichtesten an das Ufer herantraten, hörte der Urwald auf und machte einer Wildnis von Buschwerk Platz. Dann rundete die Küstenlinie sich zu einer Bucht – deren Tiefe sie nicht sehen konnten –, aber sie erblickten das Land auf der anderen Seite der Bucht. Es erstreckte sich ganz bis zum Horizont und wurde zu einem Flachland, das mit dunkelgrünen Wäldern bewachsen war. So groß hatten sie sich die Insel nicht vorgestellt. Endlich fand der Bootführer eine Stelle, wo das Riff sich senkte und eine Einfahrt zu dem ruhigen Wasser hinter dem Korallenring freiließ. Das Ruder wurde gedreht und die Fahrt beschleunigt, so daß die Vornsitzenden von den Schaumspritzern am Bug überstäubt wurden. Jakob Beer bekam wieder seine Übelkeitsgefühle. Er klammerte sich an die Reeling und starrte in das dunkelgrüne, kristallklare Wasser, in dessen Tiefe er dunkle Schatten erblickte, die kamen und gingen. Das waren wohl die großen gnomenhaften Wunderfische, von denen er Abbildungen im Konversationslexikon gesehen hatte. Dort unten wanderten sie und wunderten sich gewiß über das große Tier, das so hoch oben schwimmen konnte und mit seinem halben Körper aus dem Wasser ragte. Wahrscheinlich fürchteten sie seinen seltsamen Schwanz, der sich unablässig herumdrehte. »Ein Affe – ein Affe!« schrie Hendrik Koort und zeigte auf eine Stelle, wo er etwas Braunes und Lebendiges in einer hohen, alleinstehenden Palme sah. »Es gibt keine Säugetiere auf den kleinen Inseln,« erklärte Daniel, der sich aus Büchern genau orientiert hatte, »und Affen kommen selbst auf den größeren nicht vor.« Der Maler aber wollte sich den Affen nicht ausreden lassen, denn er machte ihm die Insel erst wirklich, diese Insel, die er seit zwei Monaten in seinem Kopf, ja geradezu in seinem Herzen getragen hatte. Sie fuhren in langsamstem Tempo, bereit, jeden Augenblick zu backen. Gerade vor ihnen lag die steinige Küste, wo das Wasser in kleinen, ruhigen Wellen über den unebenen Grund plätscherte. Sie waren keine fünfzig Schritt von dem festen Strand entfernt, wo eine dunkle Linie von angeschwemmten Meerpflanzen und toten Seetieren zeigte, wie weit das Meer zur Flutzeit stieg. Die ersten seltsamen Vogelschreie klangen aus dem etwas entfernt liegenden Wald zu ihnen hinüber. Sie sahen bunte Vogelfedern pfeilschnell von einem Baumwipfel zum anderen blitzen. »Hört ihr die Papageien?« rief der Maler und strengte seine Sehkraft aufs äußerste an. Da sah er wieder einen großen, dunklen Schatten eilfertig einen schuppigen Stamm heruntergleiten. Erst einer, dann noch einer, dann viele. Er war überzeugt, daß es Affen seien, die ihnen den Willkommensgruß boten. Pieter Goy wurde bedenklich bei ihrem Anblick. Wie würden sie sich stellen? Und war es auch sicher, daß es keine großen Raubtiere auf der Insel gab? Wenn keine Menschen auf der Insel wohnten, konnte man es doch nicht so genau wissen. Daniel hatte sich doch auch mit den Affen geirrt. Wenn nun ein Tiger dort aus den riesenhaften Wurzeln geschlichen käme – das wäre eine schöne Bescherung. Gut, daß er seine Büchse mitgenommen hatte. Hendrik Koort war allerdings dagegen gewesen und hatte dafür gestimmt, daß sie friedvoll zur Insel kommen wollten. Die Tiere sollten ihre Freunde werden und ihnen schließlich aus der Hand fressen. Auch Jakob Beer hatte sich zornig gegen die Büchse aufgelehnt. Solange sie solche Kainwaffe bei sich trügen, würde die verhaßte Gesellschaft mitten unter ihnen sein, und außerdem würde sie sie verleiten, sich an der lebenden Natur zu vergreifen. Es war Daniel, der schließlich Pieter Goy zu Hilfe gekommen war. Man könne ja nicht wissen, ob vielleicht Wilde auf der Insel landen und die weißen Menschen, die sie noch nie gesehen hatten, überfallen würden. Jetzt lag das Boot zwischen den Steinen fest. Einer der Matrosen schwang sich über die Reeling und sorrte das Tau um einen Felsen fest, während ein anderer den Anker in einer Klippenspalte befestigte. Dann wurden zwei Bretter zum Landgang ausgelegt. Der Maler eilte sich, der erste zu sein. Er sprang von Stein zu Stein, balancierte mit den Armen in der Luft, bis er dorthin kam, wo der Grund zusammenhängend wurde und das Wasser sanft zwischen weißen Steinen spülte, zwischen leeren Schneckenhäusern und großen Muscheln, die ihm mit zartgerötetem Mund entgegengähnten. Daniel blieb an Bord, um zu sehen, daß alles Hab und Gut des vierblättrigen Kleeblatts richtig und unbeschadet an Land käme. Dort, wo der felsige Strand anstieg, wo eine Wirrnis von verkrüppelten Wurzeln sich an jedes Häufchen Erde klammerte, war eine natürliche Höhle, die nach allen Seiten, außer zum Meer, geschützt lag. Hier stellten die Matrosen auf Anweisung von Pieter Goy, der, sobald er an Land war, ganz still die Führung übernommen hatte, die Koffer und Kisten gegen die Felsenwand. Fünftes Kapitel Die Sonnenbrüder Nachdem Daniel sich überzeugt hatte, daß alles an Land war, und der Bootführer mit seinen Matrosen, die das Gepäck getragen hatten, zur Rückkehr bereitstand, trat eine augenblickliche Stille ein, bei der alle – sowohl die, die zu den Menschen zurückkehren, als die, die sich der Natur auf Gnade und Ungnade ergeben wollten – von einer feierlichen Beklemmung überfallen wurden. Daniel begriff, daß der Augenblick etwas Ungewöhnliches erforderte. Von dem Geld, das der Reeder ihm gegeben hatte, waren noch ungefähr hundert Gulden nach. Indem er seine Börse herauszog, um der Mannschaft ein Trinkgeld zu geben, fiel ihm ein, daß es das letztemal sei, daß er der menschlichen Gesellschaft geben sollte, was ihres war, zum letztenmal sollte er einen Unterschied zwischen mein und dein machen. Diese runden, goldenen Dinger, die jetzt in seiner Hand wogen – denen er und seine Gefährten in erbittertem und vergeblichem Kampf im alten Land nachgejagt waren, – deren Glanz vor zwei Monaten ihre Augen zum Strahlen, ihre Herzen zum Schlagen gebracht haben würde, – waren jetzt plötzlich zu bedeutungslosen Dingen geworden, die man weder essen noch trinken, sondern höchstens als Schmuck an die Uhr oder an einer Kette um den Hals einer Frau hängen konnte – wenn ein Frauenhals dagewesen wäre. Ja, die Börse, in der sie lagen, wie alt und verschlissen sie auch war, bekam plötzlich mehr Wert, denn darin konnte man vielleicht irgend etwas aufbewahren. Er ließ seinen Blick über den Strand schweifen, über das unendliche Meer, wo der Rauchstreifen des Dampfers noch schwach an der Horizontlinie zu sehen war, über die Palmenblätter, die mit einem leisen Laut gegeneinander strichen. Das alles rückte ihm plötzlich, wo das Geld ihm nicht mehr den Weg versperrte, viel näher. Jetzt galt es nicht mehr dieser kleinen blanken Stücke habhaft zu werden, jetzt galt es an die Dinge selbst heranzukommen. Was wohl schwerer sein würde? dachte er unwillkürlich, während eine ernste Wolke ihren Schatten über sein Gemüt warf. Aber es war nur ein Augenblick. Dann schüttete er die Münzen in seine Hand und erfreute sich zum letztenmal an ihrem Klang. »Alles dies ist euers!« sagte er und zeigte den Leuten das Geld, »teilt es brüderlich.« Die Matrosen legten die Hand an die Mütze, schielten aber gleichzeitig auf seinen hocherhobenen Kopf, als ob sie daran zweifelten, daß er recht bei Trost sei. Der Bootführer aber, der ein beinah gebildeter Mann war, drückte Daniel die Hand, stellte sich auf und sagte: »Wir wünschen Ihnen, daß Sie alles das hier finden mögen, was Sie erwarten – und noch mehr dazu. Daß keine Krankheit oder anderes Unheil Sie betreffen möge, Überschwemmungen oder Orkan, oder was sonst in diesen Gegenden vorkommen soll. Und daß Sie froh und gesund zurückkehren mögen.« »Kameraden«! sagte er stark und trat fest auf den Stein, worauf er stand, während er sich an die Matrosen wendete. Im selben Augenblick flogen die Mützen ab und drei ernste Hochrufe für Daniel und seine Freunde klangen von den Lippen der stumpfen Gesichter. Der Maler riß seinen Tropenhelm ab, ging mit Tränen in den Augen von einem zum anderen und reichte den Matrosen seine breite, behaarte Rechte, die jeder gründlich drückte. Nachdem das besorgt war, zog er sein Portemonnaie hervor und leerte es bis auf den letzten Rest. Auch ihm war es klar geworden, daß Geld von jetzt ab wertlos sei. Jakob Beer hatte Zeit seines Lebens eine schicksalsschwangere Verachtung gegen Geld gehegt. Jetzt trennte er sich leichten Herzens von der letzten Münze. Pieter Goy aber wurde rot und blaß. Seine Hand griff unwillkürlich nach der Tasche, als wolle er sie gegen Gewalt schützen. Vor der Abreise hatte er seine ganze bewegliche Habe zu Geld gemacht und den letzten Rest seines mütterlichen Erbes in der Sparkasse behoben; diese ganze Herrlichkeit bewahrte er in guten holländischen Dukaten auf seiner Brust, in einem kleinen Lederbeutel, den er selbst genäht hatte. Die Freigebigkeit der anderen war ihm unverständlich, ja, fast verbrecherisch erschien sie ihm. Wie konnte Daniel ihren letzten Notschilling an diese fremden Menschen wegwerfen, die sich über sie lustig machen und im übrigen das schöne Geld bei ihrem ersten Landurlaub in Whisky und schwarze Mädchen umsetzen würden. Und war es denn wirklich Daniels und seiner Freunde Absicht, daß sie nie zurückkehren wollten? Pieter Goy sah in plötzlicher Hilflosigkeit vom einen zum anderen. Dann ließ er seine Blicke über die Palmen schweifen, über die Wurzeln, die sich an die Felsspalten klammerten, über die sonnengetrockneten Seesterne und andere wunderliche Seetiere, die in der Sonne glänzten. Eine plötzliche Angst vor all diesem Blendenden und Fremden griff ihm ans Herz, so daß er sich von ganzer Seele zu der kleinen grünen Insel in der Zuydersee zurückwünschte. Nee, wahrhaftig nicht! Es fiel ihm nicht ein, das letzte, was ihn an all das Alte band, fortzuwerfen. Wenn alles schief gehen sollte, so würden sie doch noch den Lederbeutel mit den Goldstücken haben. Es würde wohl mal ein Dampfer vorbeikommen, der sie für Geld und gute Worte mitnähme. Nicht, daß er nur daran dachte, sein eigenes Fell in Sicherheit zu bringen oder jemanden zu verraten. Aber dennoch – das Geld wollte er aufbewahren. Keiner sollte wissen, daß er es hatte. Später konnte es ihnen allen vielleicht zugute kommen. Pieter Goy nahm bedächtig sein Portemonnaie heraus, als die Reihe an ihn gekommen war. Er öffnete es und zeigte in der Runde, daß ein paar Gulden und etwas Kupfergeld seine ganze Habe sei. Das sollten die Matrosen haben. Freilich, alles, alles sollten sie haben. Und Pieter Goy ging von Mann zu Mann, und verteilte gerecht und zu gleichen Teilen. Und als ein halber Gulden übrigblieb, ließ er ihn sich beim Bootführer wechseln und verteilte auch den noch. Die Matrosen fühlten instinktiv, daß Pieter Goy, trotz der Gleichheit in der Kleidung, unter dem Rang seiner Gefährten und ihnen selbst viel näher stehe – sie wurden jovial und drückten seine Hand auf eine herzlichere Weise als die der anderen. Noch einmal wurde gegrüßt. Dann machten die Matrosen, mit dem Bootführer an der Spitze, kehrt. Bedächtig gingen sie über den Strand. Daniel und seine Gefährten sahen sie von Stein zu Stein springen. Der Heizer war der letzte. Sie schwangen sich über die Reeling ins Boot. Das Tau wurde losgemacht und der Anker aus der Felsenspalte gezogen. Jeder Mann nahm seinen Platz ein. In der tiefen Stille hörte man das langsame und vorsichtige Töff-Töff der Maschine. Als das Boot endlich klar war und in einem kurzen Bogen herumschwenkte, erhob der Bootführer sich achtern. Die Mützen wurden in der sonnenklaren Luft geschwenkt und drei kräftige Hurras klangen zur Insel hinüber. Der Maler lief zum Strand hinunter, indem er von Stein zu Stein sprang, und die anderen folgten ihm. Da standen sie in der Sonne, mit entblößten Häuptern, und erwiderten den Gruß. Schweigend starrten sie dem Boot nach, solange sie es noch erblicken konnten. Als es schließlich hinter der Schaumlinie des Korallriffs verschwunden war, wandte Daniel sich zur Insel um, die mit ihren niedrigen Felsen dalag, ihren dichtverschlungenen Bäumen, ihren Papageien und was sie ihnen sonst noch an Geheimnisvollem verbergen mochte. »Diese Insel«, sagte er feierlich, »die wir hiermit in Besitz nehmen, soll von jetzt ab die Sonneninsel heißen. Und wir selbst wollen uns Sonnenbrüder nennen.« Ein Papagei schrie einen wütenden Protest zu ihnen herab. Sechstes Kapitel Dem Unbekannten entgegen Nachdem die Sonnenbrüder gesehen hatten, wie der letzte Rest der menschlichen Gesellschaft sich mit dem Rauchstreifen des Dampfers in dem blauen Gesichtskreis aufgelöst hatte, begannen sie den Strand zu untersuchen. Nördlich von der Bucht, in der sie an Land gesetzt waren, fiel die Insel sanft zu dem kristallklaren Wasser ab, das Daniel die Lagune nannte, weil es innerhalb des Korallriffs lag. Dort, auf einer kleinen Landzunge, gingen die Palmen ganz bis an den Strand. Sie klammerten sich an den Korallboden und reckten ihre schlanken Körper über das Wasser, das sie mit einer durchsichtigen Klarheit spiegelte. Auf der anderen Seite der Landzunge entdeckten sie einen kleinen Fluß, der sich versteckt zwischen Ufern dahinschlängelte, die so dicht von Gebüsch und hochgewachsenen Gräsern bestanden waren, daß sie undurchdringlich schienen. Der Rücken des Flusses bebte in dem flimmernden Sonnenschein, wie ein junges Mädchen, das nackt zum Strand läuft, um ein Bad zu nehmen. Während Daniel in Betrachtungen über diese Unberührtheit, die sich zum erstenmal vor bewußten Menschenaugen entkleidete, versunken stand, ging Pieter Goy hinunter und schmeckte das Wasser. Es war süß und lau wie Regenwasser, das nachts in einer Tonne im Garten gestanden hat. Der Maler bahnte sich einen Weg längs des Ufers. Die Gräser reichten ihm bis an die Brust; aber sie gaben willig nach; und je höher er den Felsabhang hinaufkam, desto niedriger wurden sie. Schließlich schimmerte der Korallboden durch, nur von etwas steifem, grünem Moos bewachsen. Er winkte den anderen. Sie folgten ihm im Gänsemarsch längs des Flusses, zwischen Palmen und Gras, bis das Ufer sich zu einer Kluft senkte, die von Korallblöcken ausgefüllt war. Hier teilte der Fluß sich in unzählige kleine blitzende und springende Bäche. Sie hüpften von Stein zu Stein und folgten der Kluft bis in ihre Tiefe. Breite, dunkelgrüne Bäume reichten sich über den Steinen die Hand. Zwischen den Blättern, die so groß waren wie eine Männerbrust, hingen spiralförmige Kätzchen herab, die im Wind schaukelten. Früchte, so groß wie Kokosnüsse, aber kugelrund, leuchteten saftiggrün durch das Blätterdunkel. »Das sind Brotfruchtbäume!« rief Daniel, der gründliche Studien vor seiner Abreise gemacht hatte, – »und die großen, grünen Flügel, die dort höher oben winken, sind Pisang-Bananen. Könnt ihr die Dolden dicht an den violetten Stämmen sehen? Sie sind beinah reif.« Als sie die Pisangs erreichten, sahen sie, daß die Kluft von einem steilen, mannshohen Abhang geschlossen wurde. Von dort war gewiß mal ein Wasserfall heruntergestürzt, denn die Erde war ganz weggewaschen, und der bloße Korallenkalk guckte in Knoten und Knollen und Warzen hervor. Irgendwo trat der Abhang wie ein Dach hervor. Daniel schlug vor, daß sie die Höhle, die dadurch gebildet wurde, als gemeinsames Depot benutzen wollten, denn sie hatte den Wald im Rücken, den Fluß zu ihren Füßen und lag dicht am Meer. Außerdem war sie gegen Regen geschützt und ließ sich mit einem Wall von Steinblöcken, die massenweise herumlagen, leicht bis zum Dach schließen; den Wall konnte man mit Laub dicht machen, so daß das Ganze in die Umgebung hineinpaßte. Sie machten sich gleich daran, ihr Gepäck hierher zu schaffen. Paarweise trugen sie Koffer und Kisten längs des Weges, den sie gekommen waren. Als sie endlich damit fertig waren, hielten sie Feierabend. Pieter Goy machte Feuer vor der Höhle, es waren trocknes Gras, verwelkte Lianenschnüre und trockne Reiser in Menge da. Der kräutrige Rauch stieg unter den dunklen Brotfruchtbäumen in die Höhe, während die Flammen in dem starken Tageslicht verblaßten. Sie selbst saßen im Schatten unterm Abhang und blickten über die Kluft mit ihren leuchtenden, wehenden Pisangflaggen, dem dunklen, massiven Brotfruchtlaub, über den blauen Himmel, an dem eine weiße Wolke jenseits der Bäume in dem hellen Sonnenschein leuchtete. Pieter Goys guter Kaffee dampfte ihnen aus dem Kessel, der auf Zigeunerart an drei Zweigen aufgehängt war, entgegen. Sie rauchten den letzten Rest ihres holländischen Tabaks und nahmen schweigend Platz, um sich in die Herrlichkeiten der wohlwollenden Natur hineinzuträumen, die sie verwundert mit geheimnisvollen, dunkelgrünen Augen anstarrte. Hendrick sprang in die Höhe. »Wer hat da gelacht?« Keiner von den anderen hatte etwas gehört. Sie geboten ihm ärgerlich Schweigen; der Maler aber starrte noch lange in die Baumstämme unten in der Kluft, denn ihm schien, als ob sich etwas lebendes Braunes von dem Grünen abhob; er war überzeugt, daß es die Affen seien, die sie von neuem begrüßten und im verborgenen hinter den Bäumen beobachteten. Sie konnten es kaum abwarten, ihr neues Leben zu beginnen. Bevor die Sonne unterging, öffneten sie die Kisten und nahmen heraus, was jeder von ihnen auf seiner einsamen Wanderung durch die Insel mitnehmen sollte. Das Ganze war schon längst von Daniel geordnet worden. Sein Gehirn hatte mit all diesem getummelt als wäre es eine Vorbereitung zu einem neuen Schauspiel und nicht die Einweihung zur Morgenröte der Menschheit, zur Wiedererstehung des ursprünglichen Lebens an dem klopfenden Mutterherzen der Natur. Schiffszwieback und Konserven für eine Woche, ein Topf, um Wasser und Gemüse zu kochen, Löffel, Messer, Streichhölzer, eine wollene Decke, eine Axt. Das war alles. Der Maler hatte außerdem seine Malutensilien, Jakob Beer seinen Violinkasten. Zum Schluß bekam jeder ein Tagebuch ausgehändigt. Daniel verlangte als Leiter und Bezahler der Expedition, daß sie ein Tagebuch führen, dessen Inhalt sein unbedingtes Eigentum sein sollte. Die Sonne ging mit Purpurwolken unter, die sich wie Flecke in einem Tigerfell über den ganzen westlichen Himmel verstreuten. Keine Dämmerung ebnete den Weg zwischen Tag und Nacht. Alles Grüne um sie her wurde plötzlich zu Schatten, die das Licht aussperrten. Das zarte Glockenspiel von tanzenden und summenden Insekten verklang. Ein ferner Vogelschrei. Kleine unbekannte Tiere starrten sie unter dem schwarzen Hut der Nacht mit leuchtenden Phosphoraugen an. Das war das letzte, was sie sahen, bevor sie im Schutz des Abhanges in ihrer neuen Welt einschliefen, in wollene Decken eingehüllt, den Kopf auf dem Rucksack. Vogelschrei weckte sie. Das Licht glitzerte bereits in den Bächen auf dem Grund der Schlucht. Durch die Kristallglocke der Luft leuchtete der Himmel wie ein blauer Diamant, mit unendlich vielen Blinkflächen. Ein frischer Luftzug kam über die Kluft von dem schimmernden Meer herüber. Die Luft war so rein und dünn, daß sich selbst die fernsten Baumwipfel klar und scharf vom Himmel abhoben. Hendrik Koort sprang auf und jauchzte den lauschenden Baumkronen entgegen, die noch nie die Zauberei einer menschlichen Stimme gehört hatten. Daniel, der nicht singen konnte, sprang wie ein junger Widder herum, stolz über sein Werk. War er es nicht gewesen, der die Sonneninsel gefunden hatte? Jetzt nahm er sie wie sein rechtmäßiges Erbe in Besitz. Jakob Beer vergaß seine Seekrankheit; er hatte die ganze Nacht davon geträumt. Er warf die Decke ab und streckte seinen schiefen Körper in dem allgütigen Licht, das ihn umfloß. Selbst Pieter Goy vergaß das notwendige Bedürfnis des Körpers und starrte verwundert mit seinen runden, blauen Augen in die schwellende Üppigkeit. Hendrik ging zum Fluß hinunter, um Wasser für Kaffee zu holen, vergaß es aber und nahm statt dessen ein Bad. Es dauerte lange, bevor Goy Feuer angezündet und Kaffee für das Frühstück gemacht hatte, das ihre letzte gemeinsame Mahlzeit sein sollte. Als sie gegessen und getrunken hatten, gab Daniel das Signal zum Aufbruch. Sie entledigten sich ihrer modernen Toilette, behielten nur Strohhut, Hemd, Hosen, Strümpfe und Schuhe an; es war aber beabsichtigt, daß sowohl Schuhe wie alle übrigen Kleidungsstücke später durch selbstgefertigte Naturbekleidung ersetzt werden sollten. In der starken Wärme war es eine wahre Wohltat, all das unnötige Zeug loszuwerden. Der Maler ging noch einen Schritt weiter, indem er sich auch des Hemdes und der Socken entledigte, die er in seinem Rucksack einpackte. Die Kisten, die eine Reserve von Eßwaren, Medizin und dergleichen Dingen enthielten, wurden geschlossen und die Öffnung der Höhle sorgfältig verdeckt. Vor wem sie ihr Hab und Gut auf dieser Insel, wo es weder Menschen noch andere große Tiere gab, versteckten, das machten sie sich selbst nicht klar. Es war wohl nur eine alte europäische Angewohnheit. Sie erstiegen den Abhang über der Höhle. Von hier hatten sie einen Blick nach Südosten durch die Kluft über den Fluß hinweg, der zwischen den Korallblöcken glitzerte. Die Aussicht zu den drei anderen Weltecken wurde von den Wäldern versperrt. Im Nordwesten standen sie so dicht wie eine grüne Hecke, in der Ferne hoben Brotfruchtbäume sich stark hervor, und hier und dort ließ eine vereinzelte Kokospalme ihre Blattfinger über dem Gehölz erzittern. Im Nordosten stieg das Terrain sehr stark, und die Bäume standen dort verstreuter. Im Süden konnte man eine Lichtung zwischen den Stämmen unterscheiden. Daniel hatte es so angeordnet, daß Jakob Beer zuerst wählen sollte, dann Hendrik Koort, darauf er selbst und zuguterletzt Goy. Jeder sollte in die von ihm erwählte Himmelsrichtung wandern, bis er einen Ort gefunden hatte, der ihm am besten als Wohnort geeignet schien. Sie sollten sich den Weg gut merken, genau Rechenschaft über die Tage führen, und jeden Sonntag morgen wollten sie allesamt zum Depot zurückkehren und sich gegenseitig ihre Erlebnisse anvertrauen. Jakob Beer trippelte lange auf seinen dünnen Beinen hin und her, bevor er sich entschließen konnte. Sein Rucksack und seine Violine drückten ihn jetzt schon. Dann entschloß er sich, nach Südosten zu gehen, wo es längs der Kluft, die er bereits kannte, bergab ging, und hinter der es Palmen gab, wie er wußte. Hendrik Koort wußte dagegen sofort, wo er hin wollte. Im Nordwesten, wo das Gebüsch am dichtesten stand, lockte der Urwald ihn mit seinen verborgenen Schätzen. Daniel wählte das steigende Terrain nach Nordosten. Er wollte den höchsten Punkt der Insel suchen, von wo er sein Reich überblicken konnte. Pieter Goy blickte mit Ergebung nach Südwesten, – die Himmelsrichtung, die die anderen ihm gelassen hatten. Dort war nichts anderes als Wald und abermals Wald zu sehen. Goy aber war gleich mit sich im reinen, daß er am Wasser wohnen wollte. Da die Insel nur klein war, so mußte das Meer ja auch nach dieser Richtung zu erreichen sein. Und hatte er erst das Wasser erreicht, so wollte er der Küste folgen, bis er einen Fluß fand. Sie gaben einander die Rechte. Daniel stand mit der Uhr in der Hand. Punkt Zwölf kehrten sie einander den Rücken, und jeder wanderte in seiner Richtung dem Unbekannten entgegen. Siebentes Kapitel Jakob Beer Jakob – der kleine Jakob Beer, mit der langen, spitzen Nase unter den zusammengewachsenen Brauen, mit dem scheuen Blick in den traummüden Augen und dem festgewachsenen Lächeln auf den schmalen Lippen – schleppte den Rucksack und die Violine auf seinem schiefen Rücken durch das hohe Gras. Es kitzelte seine dünnen Spielfinger, wenn er sich zur Seite neigte. Es stach ihm ins Kinn und strich ihm um die Nase; aber er achtete dessen nicht. Er ging mit gesenktem Kopf unter dem Schatten der hohen Bäume und dachte an das Leben, das jetzt seinen Anfang nehmen sollte. Es war ein ganz eigenartiges Gefühl, hier zu gehen und auf den Herzschlag der Insel zu lauschen. Die Sonne drang durch die ineinandergefilzten Baumkronen über seinem Kopf nicht zu ihm herab. Die Luft war so heiß, daß der Schweiß ihm bei jedem Schritt aus der Stirn brach; aber er achtete es nicht. Er wanderte und wanderte unentwegt, indem er sich dem Willen des Waldes fügte und den Weg einschlug, der ihm freigelassen wurde. Seine Seele schwamm in die grüne Welt hinaus und rührte an dem zarten Glockenspiel der langen, schmalen Blätter, die zitternd widertönten. Sie bebte bei den Warnungsrufen, die bunte Vögel miteinander wechselten, indem sie unter dem mächtigen Blatthimmel hin- und herschwirrten. Ausgelassene Sonnenstrahlen saßen schelmisch auf der Lauer und warteten darauf, daß das Laub sich im Luftzug bewegen würde; dann sprangen sie weiter und streichelten im Vorbeihuschen das blinkende Gefieder der Vögel mit einer kitzelnden Liebkosung. Der Vogel lachte, drehte sich im Flug nach der Sonne um und strich mit seinem Schnabel über die geküßte Stelle. Schließlich wurde Jakob müde und setzte sich ins Gras, mit dem Rücken gegen einen Stamm, der glatt und weiß war. Schlanke Fäden hingen von dem dunklen Laub herab, verwickelten sich ineinander, schwirrten, wenn der Wind in den Baumkronen raschelte, und schwangen sich in rhythmischen Tönen wie Wasser, wenn es über moosbedeckte Steine rieselt. Eine Frucht löste sich hoch oben. Sie glitt an glatten Blättern vorbei, die sie vergeblich zu fangen versuchten, brach durch Buschlaub, das so dicht wie Flechtwerk war, und fiel mit einem Klatschen zur Erde, als ob ein Ruder ins Schilf fällt. Er wollte aufstehen, aber die Einsamkeit hielt ihn fest. Tiefe Harfentöne drangen rings herum aus der Erde, während von den Sonnenstrahlen, die hinter den Baumkronen tanzten und sich zu den grünen Schößlingen herabsehnten, klingende Cellotöne in sein Ohr tropften. Da begann der Wind hoch oben die Violinen zu streichen. Von fernen Palmengipfeln mischte das Violoncell seine Klage hinein. Flöten gellten aus gespannten Vogelkehlen. Die Töne klangen zu einer mächtigen Harmonie zusammen, die seinen Körper von der Erde hoben und ihn wie bei Seegang auf Tonwogen hin- und herwiegten. Er erwachte. Die Sinfonie erfüllte noch sein Ohr; aber ihm schien, als sei es das Meer, das sang. Es waren die Riesenwogen, die das Schiff schaukelten, während er in seiner Koje lag. Die Seekrankheitsgefühle hatten sich wieder gemeldet, während das grüne Licht unter den Baumwipfeln dunkler und kühler geworden war. Er blickte sich um, um sich zurechtzufinden. Sein Rucksack und Violinkasten lagen neben ihm. Der Rücken schmerzte ihn von dem harten Stamm. Die Vögel schwiegen. Durch die totenstille Luft wälzte die Fülle der Einsamkeit sich auf ihn, bedrückte sein Herz und beängstigte ihn. Er mußte an Gott und den Tod denken, und faltete die Hände in Ehrfurcht vor der Ewigkeit, die ihn von allen Seiten mit dem starren Blick der Vergänglichkeit anblickte. Er ahnte nicht, wie lange er geschlafen hatte, er wußte nur, daß er auf einer schwimmenden Insel lag, mitten in einem Ozean, der die Erde in Teile und die Menschen in Rassen schied. Nicht einmal der Himmel dort oben hinter den Baumwipfeln brachte ihm Botschaft von seiner Vergangenheit. Nur die Sonne war dieselbe, aber jetzt war sie gewiß untergegangen. Sein Hemd, seine Hosen, – er fühlte an sich hinab und erkannte das einzige, was ihm von all dem Früheren geblieben war. Eine furchtbare Beklemmung benahm ihm den Atem. Er sprang auf und wollte davonlaufen; kaum aber hatte er die ersten Schritte getan, als er stehen blieb und den Kopf beugte. Er war ja gerade ausgezogen, um diese alles beglückende Einsamkeit zu suchen. Und jetzt, wo sie ihn ringsherum von den Büschen anstarrte, bekam er Angst vor ihrem Blick. Daniel hatte recht. Es war der Rucksack, die Kleidung, – alles, was der Gesellschaft angehörte, das ihn noch band. Wenn erst alles das, was der modernen Gesellschaft angehörte, zurückgezahlt war, dann würde die Einsamkeit das tief im Innern Schlummernde zum Leben erwecken; der ursprüngliche Mensch würde neu erstehen in seiner Herrlichkeit. Er ergriff Rucksack und Violine und eilte in dem schwindenden Tageslicht vorwärts. Er wußte ja, wenn die Sonne erst unter den Horizont gesunken sei, dann würde die Dunkelheit mit plumpen Händen zugreifen. Hier strich keine barmherzige Dämmerungshand sanft über die Augen. Er ging dem flüsternden Laut nach, der durch seine Träume geklungen hatte. Er meinte, er müßte von den kleinen rieselnden Bächen herrühren, wo der Fluß die Kluft passierte. Er wollte dessen Ufer aufsuchen, um Schutz gegen die Nacht zu suchen. Aber er fand nur Wald und abermals Wald. Keine Lichtung war zu erblicken. Bereits drohte die Dunkelheit. Da gab er sein Vorhaben auf und sah sich an Ort und Stelle um. Ganz in seiner Nähe erhoben sich einige zusammengewachsene Büsche. Sie standen wie in einem Beet beisammen, mit langen, wehenden Blättern. Es waren gewiß Pisangs. Ihre Stämme fühlten sich ganz elastisch an, und die Blätter hingen wie ein schützendes Dach über der Erde. Er legte seinen Rucksack unter den Kopf, wickelte sich in seine wollene Decke ein, obgleich die Nacht so warm wie eine heiße Julinacht in Holland war, und schloß seine Augen unter den langen Blättern. Es dauerte lange, bevor er einschlafen konnte. Er mußte sich durch viele verschiedenartige, geheimnisvolle Laute hindurchlauschen, die sich aus der Stille in der schwarzen Dunkelheit hervorschlichen, bevor der Schlaf ihn in seine Arme nahm. Achtes Kapitel Hendrik Koort Hendrik Koort wanderte singend drauf los, auf seinen kurzen, dicken Beinen, die die schwarzgestreiften Unterhosen bis zum Platzen ausfüllten. Den großen Manillahut im Nacken, die breite Stirn, von der der Schweiß in Strömen floß, vorgeschoben, als wolle ei sich wie ein Widder durch die Wildnis vorwärtsstoßen, so arbeitete er sich durch das hohe Gras über dem Abhang vorwärts. Als er das Gehölz erreichte, schwang er seine Axt und haute nach rechts und links um sich. Die Lianen wanden und krümmten sich unter seinen festen Griffen. Die schlanken Luftwurzeln in der feuchten Erde stöhnten unter seinen Klumpfüßen. Breite, saftiggrüne Blätter klebten sich wie feuchte Hände an sein verschwitztes Gesicht. Er schüttelte sie wiehernd von sich ab, wie ein junger Elefant, der zum erstenmal auf eigene Faust ausgehen darf. Wie war es herrlich, all den Widerstand zu fühlen. Es war wie ein Zärtlichkeitsaustausch mit der Urnatur, die er anbetete. In seiner frischen Morgenfreude umschlang er mit beiden Armen eine junge, unschuldige Pflanze, die anders aussah, wie die anderen. Sie bedeckte ihre schlanke Nacktheit mit langen, glatten Jungfernblättern, die noch keinem Menschenblick begegnet waren. Er kühlte seine heiße Stirn an ihrer grünen Wange, die sie scheu zurückzog, ließ sie dann mit einem liebevollen Blick los und arbeitete sich weiter vorwärts. Die Lianen verwickelten sich über seinem Kopf zu einem üppigen Wirrwarr unter den Baumkronen. Lange, graziöse Palmenfächer schoben ihre Finger ineinander und blickten verwundert, mit verhaltenem Atem, auf das unsinnige Tier, das sich dort unten vorwärts wälzte. Der Sonnenschein, der über dem Ganzen brannte, ließ hin und wieder etwas von seinem goldnen Feuer durch die Zweige sickern. Hendrik blieb stehen und sog mit offenem Mund all das Grün ein, das plötzlich in den Sonnenstrahlen lebendig wurde. Sie tanzten auf den scharfen Blatträndern oder drangen auf die Schattenseite hindurch, so daß diese klar und güldengrün wurde. Sie hüpften in Funken auf den Stengeln und legten sich wie weiße Glut auf alles, was rund war. Sie schimmerten rot durch halbreife Früchte, die sich noch kindesfroh an die Mutterbrust des Stammes schmiegten. Die Palmenfinger reckten sich im Licht, saugten es mit ihrer Zellenseele ein, bis sie erzitterten, sich zur Seite bogen und dem brennenden Kuß auswichen, der an ihrer Lebenskraft zehrte. Dann schloß sich das Laub wieder barmherzig über ihnen, das alte, zähe, abgehärtete Laub. Hendrik stand in dieses Spiel versunken. Er griff zum Skizzenbuch, ließ es aber wieder mit einem Seufzer sinken. Er vermochte es nicht. Noch nicht. Das alles mußte sich erst sammeln und hinter seinem Auge Frucht ansetzen. Sehen, fühlen, mit allen Poren des Körpers sinnlich in sich aufnehmen, als sei er ein einziges großes Auge, das durch den Wald wanderte und die Morgendämmerung seiner unberührten Schönheit in sich aufnahm. So sollte es sein. Er ging und ging, ohne die geringste Müdigkeit in der heißen, feuchten Luft zu spüren. Bald fesselten ihn die langen, weichen Blattfahnen einer Pisanggruppe, die sich ein- und ausdehnten, wie Kiemen, die sich mit Luft füllen und sie durch ihre bebenden Fibern sieben. Ihr reines, zartes Grün war von Rot durchleuchtet, klar wie eine Woge, die sich bricht, aber warm und lebendig wie eine sonnenberauschte Weinbeere. Bald waren es errötende Früchte, die wie ungeheure Trauben an gewundenen Stengeln hingen. Bald waren es Kokospalmen, die den Raum durchfingerten, um Nahrung für die schweren, starken Lebensfrüchte einzusaugen, die sich noch grün an sie festklammerten. Oder die Herzblätter der Brotfruchtbäume reckten sich auf der Hochkante von langen, geraden Ästen wie große Schilder in die Höhe. Das wunderbare Zusammenspiel aller Farben, der Kampf aller Formen um Platz war überall zu finden. Er war lange gegangen, bis er schließlich hungrig wurde und sich einen Platz am Fuß einer Palme suchte. Der Wald war weniger dicht, aber höher geworden. Er konnte ein Stück vor sich zwischen die Zweige sehen; und der Boden, der bis jetzt gestiegen war, erschien nun eben und flach. Er packte seinen Eßvorrat aus, lehnte sich gegen einen Busch und blickte entzückt in den Blätterhimmel hinauf. Dort oben saßen einige Vögel und schlugen mit den blaugrünen Flügeln; sie blickten neugierig auf ihn herab, während er aß. Als er sich zur Seite wandte, um noch einen Schiffszwieback zu nehmen, saß etwas Lebendes neben ihm und betrachtete ihn mit glasklaren Augen. Es war ein langes, schmales Tier, mit einem spitzen Kopf. Hendrik zog seine Beine an sich. Der Blick des Tieres gefiel ihm nicht. Es war keine Schlange. Nein – eine Schlange war es nicht; Daniel hatte versichert, daß es keine auf der Insel gäbe. Aber es war doch ein Geschöpf, das auf der Erde kroch, und einen halben Meter mochte es wohl lang sein, und dann hatte es glasklare Augen, mit einem unangenehm naseweisen Blick. Hendrik versuchte es zu verscheuchen. Aber es blinzelte nur schalkhaft mit den Augen, als ob es sich amüsiere. Er klatschte in die Hände; da aber wurde der Blick boshaft. Plötzlich fiel ihm ein, daß das Tier ja noch nie einen Menschen gesehen hatte. Es war natürlich ebenso neugierig wie er selbst. Diese Erklärung erleichterte ihn. Er begann mit ihm zu verhandeln. »Sehen Sie wohl, Verehrtester, diese Knüppel sind ein Paar Menschenbeine. Sie sind vielleicht etwas zu dick, aber du bist auch nicht gerade schön, mit deinen widerlichen Zacken, die du auf dem Rücken hast.« Das Tier blinzelte mit seinen grünen Augen, als ob es ihn verstünde. »Warum glotzt du mich eigentlich so an? Gönnst du mir mein Essen nicht?« Er warf ihm zuvorkommend ein Stück Zwieback hin, das Tier aber verdrehte nur die Augen im Kopf, als wollte es sagen: »Um Gottes willen!« Er ärgerte sich über den Eigensinn des Tieres; nachdem er es aber vergeblich aufgefordert hatte, sich zu entfernen, wurde ihm ganz unheimlich zumute, um so mehr, als es die Zacken bewegte und Miene machte, näherzurücken. Er packte in aller Eile seinen Proviant zusammen und stand auf, um einen besseren Platz zu suchen. Als er sich aber umblickte, sah er, daß das Tier auf kleinen runden Beinen hinter ihm hergelaufen kam. Eine Schlange war es nicht, aber doch ein aufdringliches und unzuverlässiges Tier. Hendrik konnte nichts Kriechendes leiden. Die Begegnung berührte ihn so peinlich, daß er, so gut es ging, zwischen den Büschen davonzulaufen begann. Als er schließlich atemlos stehen blieb und sich umdrehte, war das Tier verschwunden; sein Herz aber schlug doch stärker, als es sonst zu tun pflegte. Er wollte ungern, daß es neben ihm sitzen und ihn anglotzen sollte, während er schlief. Der Boden fiel jetzt in sanfter Schrägung ab, und das Unterholz wurde spärlicher. Schließlich verschwand es ganz und machte Palmen und Laubbäumen Platz, die er nicht kannte. Ihre Aste standen schräg in die Höhe und kreuzten sich auf eine seltsam ungeschickte Weise. Schlanke Palmen reckten ihre geringelten und schuppigen Stämme in anmutigen Bogen in die Höhe. Lianen liefen auf und nieder, ein und aus wie Strickleitern und Klettertaue. Er probierte, ob sie tragen konnten. Einige rissen, andere aber waren zäh und alt und glichen gedrehtem Bambusrohr. Die hielten famos. Er konnte sich mit den Händen daran hinaufziehen. Da bekam er einen ausgezeichneten Einfall. Man mußte sich des Auswegs bedienen, den die Natur selbst bot. Er wollte wie ein zweiter Robinson in einem der hohen Bäume mit den gekreuzten Ästen schlafen. Dort konnte das Reptil ihn nicht erreichen. Er suchte sich einen alten, hohen Baum aus, der von gedörrten Lianen wie ein Türpfosten von Spinngeweben behängt war. An seinem Fuß lag ein umgestürzter, halb verfaulter Baumstamm, von langblättrigen Kräutern bewachsen, die einen süßlichen Geruch von Vanille ausströmten. Er stieg auf den Stamm und kletterte an den Lianen in die Höhe, bis er zu den untersten dicken Zweigen kam, die weiß von Vogelschmutz waren. Hier oben, wo vom Himmel Licht hereindrang, fand er eine Ecke, die von der Kreuzung zweier dickarmiger Äste gebildet wurde und von Lianenschnüren und Schlingpflanzen, mit kleinen grüngelben Blättern, die so dicht wie Efeu wuchsen, umwickelt war. Er schwang sich auf den Stamm, setzte sich in die Kreuzung der Äste, zog die Lianen von der anderen Seite herauf, durchhaute sie mit seiner Axt, flocht sie ein und aus zwischen den sich kreuzenden Ästen, bis sie ein dichtes Flechtwerk bildeten. Dann befestigte er die Lianen am Stamm, so daß das Ganze wie ein langgestreckter Korb wurde, aus dem man nicht herausfallen konnte. Das war eine ausgezeichnete Koje, die er sich da verfertigt hatte. Über seinem Kopf hatte er noch ein Stockwerk von Zweigen. Die wollte er morgen mit Pisangblättern decken, so daß er ein Dach über sich hatte, wenn es regnete. Nur der Weg hinauf war etwas beschwerlich. Aber dafür gab es auch Abhilfe. Nichts leichter als sich aus den Lianen, die ihn in die Höhe getragen hatten, eine Strickleiter zu machen. Er mußte sich eilen. Die Sonne stand schon tief. Er suchte sich die zähesten Schnüre aus, die er finden konnte; sie ließen sich fast nicht durchhauen; er schnürte sie kreuz und quer durch die Lianen, die er als Klettertau benutzt hatte. Es war in der Eile ausgeführte Arbeit; die Stufen waren gebrechlich; sie rutschten, wenn er hineintrat; aber das konnte er ein andermal besser machen. Stolz über seine Arbeit kletterte er nach unten, um seinen Rucksack zu holen, stieg wieder nach oben, breitete seine wollene Decke über die Lianenmatratze, schob den Rucksack unter seinen Kopf, band ihn fest, rollte sich in die Decke ein, dachte, daß das Tier mit den glasklaren Augen und den widerlichen Zacken ihn hier oben nicht erreichen konnte, und schlief todmüde ein. Neuntes Kapitel Daniel Hooch Daniel Hooch schob die Schultern in die Höhe, richtete den Rücken auf und wanderte mit hoch erhobener Stirn durch das hohe Gras, ohne sich nach den anderen umzusehen. Er war sich immer selbst genug gewesen; und jetzt, wo es galt, den schönsten Traum seines Lebens zu verwirklichen, fühlte er sich wie der junge Adam, der ins Leben hinauswanderte, um es sich Untertan zu machen. Für ihn allein fächelten die Palmen. Für ihn allein breiteten die dichten Brotfruchtbäume ihre dunklen Schatten über die heiße Erde. Für ihn leuchteten die errötenden Früchte, die oben zwischen den Zweigen baumelten. Er ging langsam, damit nichts der Herrschaft seines Blickes entging, blieb jeden Augenblick stehen, um Bäume und Gebüsche näher in Augenschein zu nehmen; und wenn es ihm glückte, sie nach seinen Vorstudien zu erkennen, so fühlte er sich reicher und stärker. Leider aber war das meiste ihm ganz neu, und das, was er kannte, verstand sich seiner Herrschaft mit einer lebendigen und persönlichen Wirklichkeit zu entziehen. Daniel nickte vor sich hin. Alles das wollte er sich schon mit der Zeit dienstbar machen. Das Terrain stieg und fiel beständig. Der Schweiß rann ihm in der heißen Luft an den Backen hinab; er aber dachte nur daran, den höchsten Punkt zu erreichen, von wo er die Sonneninsel überschauen und mit dem Blick das unendliche Meer nach allen Seiten umfassen konnte. Der Wald wurde dichter und dichter. Das Laub versperrte den Himmel wie eine Decke. Lianen schlangen sich ein und aus, bald wie Stahlfedern gespannt, bald schlaff und krumm wie lose Schnüre, die den Laut auffingen und wie in einer Stube mit zu vielen Möbeln das Echo erstickten. Er mußte seine Augen zur Erde richten und sich mit Händen und Füßen gegen langarmige Strauchgewächse wehren, die ihm mit ihren kleinen naseweisen Blättern um die Ohren fuchtelten. Große rote Becherblumen wippten wie Glocken, wenn er an den Schnüren riß, aber sie fielen nicht herunter. Die Ausdünstungen der Bäume und des Waldbodens vermischten sich zu einem halb fauligen Wohlgeruch, der sich wie ein Druck auf die Brust legte und ihm das Atmen beschwerte. Endlich lichtete der Wald sich wieder. Vor ihm lag ein weißglühendes Sonnenstück; und dahinter erhob sich, was er lange gesucht hatte: eine einsame Kokospalme, die ihm ihren schlanken Stamm grüßend entgegenneigte und in dem starken Licht mit ihren schimmernden Blattfingern zitterte. Hoch oben unter der Krone leuchteten große, grüne Büschel. Er stand lange vor dieser Mächtigen des Urwaldes in Bewunderung versunken. Wie ansehnlich, wie selbstbewußt, wie gütig in ihrer fruchtbaren Fülle, mitten in der brennenden Sonne! Sieh, wie sie ihre Krone schattenspendend und beschützend über ihre Leibesfrüchte breitet, und ihren Wangen mit bebenden Fingern Kühlung zufächelt, während sie zärtliche Worte über ihren Köpfen flüstert und Säfte aus den Quellen tief unter der Erde durch ihren schlanken Körper langsam in sich aufsaugt, um den grünen Nüssen Nahrung einzuflößen, deren harte Schalen die Sonne nicht zu spalten vermochte. So sollte auch sein Dichtergemüt aus den verborgenen Quellen dieser fruchtbaren Natur, aus der noch kein menschliches Auge vor ihm getrunken hatte, Nahrung saugen, – in der feierlichen Stille der Einsamkeit sollten seine Träume lebendig werden, damit sich aus ihnen die poetischen Kristalle loslösen konnten, die alles Dagewesene übertreffen würden. Die Sonne stand hoch am Himmel und zwang ihn, den Schatten aufzusuchen. Er streckte sich unter die einsame Palme und starrte zu ihrem Schoß hinauf, bis Gedanke und Erinnerung ihm vergingen. Er erwachte dadurch, daß Mücken ihm um die Ohren summten. Eine hatte ihn schon auf die Hand gestochen. Sie waren größer als die, die er von zu Hause kannte; aber ihr Summen klang ihm so vertraut, daß er dabei lächeln mußte. Die Sonne hatte die Lichtung passiert und stand jetzt glühend drüben am Waldrand, wo das Dickicht von neuem begann. Er sprang auf und ging quer über die Lichtung durch das zähe, trockene Gras. Er war durstig geworden, da er aber nichts Trinkbares bei sich hatte, mußte er weitereilen. Je mehr er ging, desto durstiger wurde er. Die Zunge klebte ihm am Gaumen. Mit gesenktem Haupt strebte er nur nach dem einen, nach Wasser. Er hatte längst alle poetischen Gedanken vergessen, als er schließlich ein klingendes Geplätscher hörte. Ein Bach eilte durch eine Felsenrinne. Er spülte bis an den Rand und ergoß sich munter über die Felswand. Unten angelangt, wurde er erst zu brodelndem Schaum, sammelte sich dann in einem Becken und floß langsam als ein kleiner artiger Fluß weiter. Daniel legte sich nieder und trank das klare, kalte Wasser in langen Zügen. Dann folgte er der Felsenwand, die mit Moos und einer Pflanzenart, die Farnen glichen, bestanden war, bis er einen offenen Platz erreichte, der gegen Osten sanft abfiel. Von hier konnte er über die Baumwipfel blicken, die die Bergseite bekleideten. Unten lag die blitzende Fläche der Lagune, kristallklar und grün; dahinter die schäumenden Dünungen überm Korallenriff; und weit draußen breitete sich der blaue Ozean mit seiner glatten Fläche bis zum Horizont, der im Nebeldunst mit dem Himmel zusammenfloß. Gegen Norden stieg der Felsen steil in die Höhe. Dort erhoben sich einige hohe, stolze Bäume, die er nicht kannte. Der Gipfel lockte ihn. Obgleich er müde und warm war, stieg er doch hinauf. Von der kahlen Höhe des Berges, die von einer frischen Seebrise gekühlt wurde, bot sich ihm ein wunderbarer Rundblick über die ganze Insel, mit ihren kleinen Wäldern, Palmenhainen, Lichtungen und stark geschwungenen Küstenlinien. Wohin er sich wendete, starrte das Meer ihn mit seinem ruhigen, dunkelblauen Blick an. Er nahm seinen Hut ab und schwenkte ihn in die Runde. Jetzt endlich hatte er die Insel in Besitz genommen und sie sich zu eigen gemacht. »Hier will ich wohnen!« war sein erster Gedanke, als er wieder unten auf der Lichtung stand, »hier, mit der Felswand im Rücken und das Gesicht der aufgehenden Sonne zugewendet, will ich jeden Abend einschlafen.« Er legte sich auf den Abhang, dort, wo die langen und dichten Schatten des Waldes hinreichten. Sein Blick verlor sich in dem unendlichen Blau. Sein Gemüt war von Fest und Dankbarkeit erfüllt und kehrte erst zur Wirklichkeit zurück, als er Hunger spürte. Es war später Nachmittag geworben, ohne daß er das geringste gegessen hatte. Er öffnete seinen Rucksack und tat sich gütlich an dem mitgebrachten Proviant, während er sich mit dem Auge einen Wohnplatz aussuchte. Es war ein Kalkfelsen, auf dem er saß, dessen Rand mit Moos und Lianen bewachsen war, die einige Meter tiefer auf eine schmale Terrasse hinabreichten. Er hielt sich an den Lianen fest, schwang sich hinunter und entdeckte, daß noch eine Terrasse unter dieser war. Dann verlor sich die Bergwand in einem dichten Unterholz von großblätterigen Büschen und Schlinggewächsen, die ihm bekannt vorkamen. Nach den Blättern zu urteilen, war es der wilde Yams, von dem er gelesen hatte, dessen Wurzelknollen ein so vorzügliches Nährmittel sein sollten. Froh über diese wichtige Entdeckung, kletterte er wieder zu der Bergwand hinauf und begann sofort sein Haus zu bauen. Daniel hatte es Zeit seines Lebens geliebt, den Rücken gut gedeckt zu haben. Darum sprach diese steile Felswand, die er im Rücken hatte, ihn an. Er selbst konnte sich zur Terrasse hinabschwingen; wenn er aber die Lianen durchschnitt und sie des Nachts wie eine Strickleiter zu sich heraufzog, so konnte keiner hinterrücks zu ihm gelangen. Es war wie eine Festung. Er sammelte Steine und Blöcke, die rund herum verstreut lagen, baute einen Wall vom Felsenrand aufwärts und machte ihn mit Erde dicht. Dann fügte er zwei Seitenwände hinzu, ebenfalls aus Erde und Steinen, so daß das Haus eine Öffnung nach Osten behielt, mit dem Blick übers Wasser. Die Sonne stand jetzt so tief, daß die Schatten des Walddickichts im Süden ganz bis zu seiner Wohnstätte reichten. Er füllte den Raum mit Blättern und Moos, spannte seinen Rucksack als Dach zwischen die Mauern, legte Steine darauf, um ihn zu halten und streckte sich endlich zur Ruhe, in seine wollene Decke eingehüllt. Er war todmüde, aber was schadete das. Stolz und froh im Bewußtsein seiner Herrschaft, überzeugt, daß keiner der anderen einen so guten Platz gefunden hatte, schlief er ein als König der Insel, das Gesicht dem Sonnenaufgang zugewendet. Er erwachte nachts, in Schweiß gebadet und von Mücken gestochen. Er fluchte, kratzte sich und wehrte sich wütend gegen die boshaften Tiere, die ihm in seinem dunklen Gefängnis um die Ohren summten. Es dauerte eine Weile, bis er sich darauf besann, daß er ja der Herr der Sonneninsel sei. Als er sich das aber erst klar gemacht hatte, wurde er ruhig und dankbar und schlief wieder ein. Zehntes Kapitel Pieter Goy Pieter Goy schob den Rucksack auf seinen breiten Rücken zurecht und begab sich resigniert auf die Wanderung durch den Wald, in die Richtung, die man ihm gelassen hatte. Das beste ist, so schnell wie möglich vorwärts zu kommen, dachte er, so daß man sein Mittagessen an einem sicheren Ort genießen und sich ein bißchen gemütlich für die Nacht einrichten kann. Er schielte unter seinem Hutrand mißtrauisch zu den Baumwipfeln hinauf. Die großen roten Knollen, die zwischen den langen, komischen Zapfen hingen, sollte man also von jetzt ab essen. Wenn es wenigstens Kokosnüsse gewesen wären, die kannte man doch. Als er eine Strecke gegangen war, fiel sein Blick auf einige Pisangbüsche. Oben unter den Blättern saß ein Büschel grüner Bananen. Ich will doch mal meine Axt probieren, dachte er, und führte einen Schlag gegen den Stamm; er fiel beim ersten Hieb. Er pflückte die Bananen ab. Sie waren klein und grün. Er schälte eine und biß hinein. Saftig war sie, aber weder süß noch wohlschmeckend. Macht nichts, dachte er, ich koche sie wie Blumenkohl, von Bananen weiß man doch, daß sie nicht giftig sind; und man soll nichts verschmähen, solange man im unklaren tappt. Er steckte sie in seinen Rucksack und wanderte weiter. Es wehte ein leiser Wind, so daß die Baumwipfel sich teilten und das Sonnenlicht durch das Laub schien. Die kleinen grünen Papageien schwirrten und schlugen mit den Flügeln und schrien lustig zum Licht hinauf. Er sah nach oben, die Sonne aber blendete ihn, so daß er nichts sehen konnte. Verfluchte Sonne, dachte er, bei diesem Lichthimmel soll mal einer einen Vogel schießen. Da fiel ihm ein, daß Fleischspeisen ja doch verboten seien und die Büchse bei den Kisten lag. Also was das anbetraf – – Der Schweiß hagelte ihm bei dem forschen Marsch, den er anschlug, von der Stirn, alle zarten Gewächse wurden unter seinen Füßen zerdrückt. Ha, wie wohltuend wäre ein Bad, dachte er, und trocknete sich den Schweiß von der Stirn. Eins war sicher, er wollte nicht ruhen, bevor er den Meeresstrand erreichte. Ohne Wasser konnte er nicht sein. Er hatte zeitlebens am Wasser gelebt, zuerst in Groningen und dann in Amsterdam. Wenn es sich nicht um eine Insel gehandelt hätte, dann wäre er lieber zu Hause geblieben. Überhaupt – Na, es hatte ja keinen Zweck, darüber zu grübeln. Daniel verstand sich wohl auch besser darauf. Und große Raubtiere, wie Löwen, Tiger, Affen und Schlangen sollte es ja auf der Insel nicht geben; das hatte Daniel bestimmt versichert. Also was das anbetraf – – Er sah auf seine Uhr und prüfte, ob er sie auch aufgezogen hätte. Donnerwetter, wenn man das hier vergessen würde, wo man nicht die Schloßuhr hatte, nach der man sich richten konnte, übrigens schien die Sonne wohl den ganzen Tag, so daß man sich nach ihr richten konnte. Schönes, weiches Moos wuchs dort auf dem alten Stamm. Das wollte er als Unterlage für sein Bett verwenden. Denn ein gutes, weiches Bett war das erste, wofür man sorgen mußte. Dann begann er darüber nachzudenken, wie er sich ein Haus machen wollte. Mit den großen breiten Pisangblättern wollte er das Dach decken. Sie waren dick und fühlten sich ganz glatt an. Der Regen würde an ihnen hinabrollen, als ob sie aus Wachstuch seien. Und das Licht würde hindurchscheinen, so daß man keine Fenster zu machen brauchte. Denn die waren doch zu nichts anderm nütze, als daß Mücken und Fliegen und dergleichen geflügeltes Getier, von dem es bei diesem tollen Sonnenschein natürlich eine Menge gab, hereinkommen und stören würden, wenn man aß oder bei einer Pfeife duselte. Denn es gab doch wohl richtige Tabakpflanzen auf dieser Insel? Das Rauchen wollte er sich nicht nehmen lassen. Selbst wenn man mit Natur und Einsamkeit zusammen leben und allem Gewäsch aus dem Wege gehen wollte, konnte man sich doch 'ne Pfeife leisten. Darin war Daniel nun komisch. Und wenn er nichts anderes als Heu oder welke Kastanienblätter zum Rauchen hatte – rauchen wollte er, das war sicher. Pieter Goy fühlte plötzlich Hunger. Er suchte sich einen Baum aus, der reichlich Schatten spendete, setzte sich bequem zurecht, den Rücken gegen den Stamm, und packte seinen Proviant aus. Auch Pieter Goy bekam während seiner Mahlzeit Besuch von dem merkwürdigen Tier, mit den Zacken auf dem Rücken und den glasklaren Augen. Nachdem er es eine Weile betrachtet hatte, versuchte er es zu verscheuchen; das Tier aber rührte sich nicht. »Willst du wohl machen, daß du fortkommst, du Glotztier!« sagte er und holte mit seinem Stock nach ihm aus. Das Vierbein schlug die Augen nieder, die Zacken wurden ganz blau, worauf es unter dem verfaulten Baumstumpf verschwand, in dem es wohnte. Die Papageien schlugen mit den Flügeln über seinem Kopf und hatten sich eine Menge zu erzählen. Pieter Goy mußte an die Krähen in seiner Heimat denken, wenn sie sich im Frühjahr in Scharen auf den Feldern der Bauern versammeln. Ihm wurde ganz weich ums Herz. Im selben Augenblick bekam er einen Spritzer. Und als er sich umblickte, saß ein großer, weißkalkiger Fleck auf dem Zwieback, den er gerade in der Hand hatte. »Wie beliebt, habt ihr nichts Besseres zu tun, als anderer Leute Essen zu beschmutzen?« rief er zum Baumwipfel hinauf und klatschte in die Hände, um sie zu verscheuchen. Die Papageien aber blieben ruhig in einem traulichen Haufen sitzen und schrien zu ihm herunter. »Verfluchte Schweinerei!« sagte er und seufzte dabei. Zu Hause ist es doch am besten. Er stand auf, packte seinen Proviant zusammen und eilte weiter. Nachdem er eine halbe Stunde gegangen war und durch die Stille auf rieselndes Wasser gelauscht und nach allen Seiten danach gespäht hatte – er ging in südwestlicher Richtung, und die Insel war ja nicht größer, als daß er bald die Küste erreicht haben mußte –, da wurde der Wald vor ihm plötzlich ganz dicht. Als er nah herankam, sah er, daß es ein Gehölz von dünnen, sehr langen und sehr gleichmäßigen Stämmen war. Sie waren graugrün, mit schmalen und Pfeilspitzen Blättern. Er versuchte einen von ihnen zu brechen, aber er war zäh und wippte zurück, als er ihn losließ. Da sah er, daß der Stamm in gleichmäßige Teile eingeteilt war, ebenso wie spanisches Rohr, das er von zu Hause kannte. Und im selben Augenblick wurde ihm klar, daß er es hier mit richtigen und wilden Bambussträuchern zu tun hatte, die sich zu einem mächtigen Gehölz zusammendrängten und seinen dicken Körper nicht durchlassen wollten. Jetzt wußte Peter Goy, wie er sein Haus bauen wollte. Er schlug ein paar mit der Axt und prüfte sie. Ja, sie ließen nichts zu wünschen übrig. Er folgte dem Rand des Gehölzes und merkte sich den Weg genau. Als er es hinter sich hatte, begann der Boden stark abzufallen. Jetzt geht's zur Küste, dachte er und folgte der Böschung, bis ein starker, eintöniger Laut die Stille rings herum unterbrach. Er blieb stehen und lauschte. Ja, das war plätscherndes Wasser. Er ging dem Laut nach und stand bald darauf am Fuß eines ausgehöhlten Kalkfelsens, über den das Wasser in breiten, kühlen Strahlen herabströmte. Goy trat heran und schmeckte es. Es war wunderbar frisch. Er stand einen Augenblick und erfreute sich an der frischen Kühle, die die Wasserwand atmete. Dann warf er den Rucksack auf die Erde, entledigte sich seiner Kleider, sprang unter die Strahlen und nahm eine Dusche, die ihm durch und durch ging. Er stöhnte und prustete, lief in die Sonne, setzte seinen Strohhut auf und war in einigen Minuten wieder trocken. Hier in der Nähe will ich wohnen, dachte er, da kann ich mein Morgenbad nehmen, wie ich es von zu Hause gewöhnt bin, ohne mich vor Haifischen und Krokodilen und anderen Seetieren, die an der Küste hausen, zu fürchten. Pieter Goy folgte dem Bach, der den Wasserfall bildete. Er hüpfte, ebenso wie der erste, den sie gesehen hatten, über Steine und Korallblöcke dahin, so daß Pieter springen und waten mußte. Kaum zehn Minuten später leuchtete die Lagune durch die Stämme und bald darauf befand er sich auf einem flachen, schmalen Strand, der sich zu einer winzigkleinen Bucht rundete. Sie lag in der Tiefe einer größeren, zwischen zwei waldbekleideten Landzungen eingeklemmt, die sich wie Molen vorschoben. Kaum hundert Schritte waren zwischen beiden, und das Wasser war dort ganz ruhig. Über die äußerste, niedrige Spitze der einen Landzunge hinweg konnte er die blaue Lagune mit dem da hinterliegenden weißen Schaumgürtel des Korallriffes sehen. Pieter Goy war so froh, als hätte er in der Lotterie gewonnen. Er vergeudete keine Zeit, indem er die Aussicht betrachtete. Er dachte an Fischfang und fühlte sich plötzlich ganz zu Hause. Dann ging er längs des Strandes bis zur Mitte der Bucht und von dort durch die Stämme landeinwärts, bis er den Felsabhang erreichte. Er folgte ihm, bis er den Wasserfall und den Fluß und die Bucht auf der anderen Seite sehen konnte, untersuchte die Felswand gründlich und fand schließlich eine Stelle, wo der Boden trocken und eben und frei von Wurzeln war. »Hier soll Pieter Goys Haus stehen!« sagte er zu sich selbst, warf den Rucksack ab und ging dann, ohne eine Minute zu verlieren, zum Wasserfall zurück, von wo er nur zehn Minuten Weges bis zum Bambushain hatte. Hier fällte er drauf los, daß der Schweiß nur so in Strömen an ihm herabrann und das Hemd ihm am Körper klebte. Aber das mußte man mit in den Kauf nehmen. Er schleppte so viel davon mit, wie er tragen konnte. Als er zurückkam, reinigte er die Wand des Kalkfelsens von Erde, Moos und Pflanzen, und ebnete sie mit dem Rücken seiner Axt. Darauf bohrte er in Mannshöhe ein Loch hinein. Dann wählte er sich eine Bambusstange, die drei Meter lang war, und zwei kleinere. Die kurzen steckte er so in die Erde, daß die Spitzen sich kreuzten. Dann band er sie mit seinem Rucksackriemen zusammen, steckte darauf das eine Ende der langen Bambusstange in das Loch in der Kalkwand, und legte das andere zwischen die Kreuzung der beiden kurzen Stangen. Er hatte nicht Zeit, Wände aus Bambusrohr zu machen. Das konnte er morgen tun. Für heute begnügte er sich mit einer einzelnen Mittelstange an jeder Seite. Dann pflückte er die größten Pisangblätter, die er finden konnte, und legte eine dicke Schicht davon von der Dachstange abwärts, über beide Seiten. Unten legte er Steine auf die Blätter, damit des Nachts kein Getier hereinkommen konnte. Das Segeltuch seines Rucksackes spannte er wie eine Tür zwischen die beiden gekreuzten Stangen. Unten deckte es nicht, aber er half mit Pisangblättern nach. Das oberste Dreieck ließ er frei, damit Luft und Licht hereinkommen konnten. Er stand einen Augenblick und bewunderte sein Werk. Dann machte er Feuer vor der Hütte und kochte sich eine herrliche Suppe aus Schiffszwieback, Dosenfleisch und den frischen Bananen, die er unterwegs gepflückt hatte. Während er aß, begann etwas in den hohen Bäumen hinter ihm zu flöten und zu schnattern. Es sah aus, wie eine Schar großer Vögel, die nach Haus kamen und Nachtlogis in den Zweigen suchten; aber es klang nicht wie Vogelgeschrei, eher wie Ratten, die sich balgten, oder kleine Affen, die sich zankten. Er wußte nicht, was es war, und war zu faul, um aufzustehen und nachzusehen. Die Papageien mischten sich mit ihrem heiseren Geschrei in den Streit. Er mußte an die Krähen denken, wenn sie sich zur Abendzeit in die Bäume setzen, und wieder wurde ihm weich ums Herz. Aber das dauerte nur einen Augenblick. Satt, müde und mit sich selbst zufrieden, legte er sich auf weichem Moos zum Schlaf nieder, in seine wollene Decke eingehüllt. Es wurde still in den Baumkronen. Schließlich war nur noch das ferne Geplätscher des kleinen Wasserfalls zu hören. Es erinnerte ihn an die Wassermühlen in Groningen und wiegte ihn schnell in einen tiefen und gesunden Schlaf. Elftes Kapitel Die erste Zusammenkunft Der erste Sonntag brach mit bewölktem Himmel und kühler Luft an. Nachts hatte es geregnet. Daniel war in seiner Burg davon aufgewacht, daß es durch das Segeltuch seines Rucksacks auf ihn herunterregnete. Jetzt war die Sonne im Begriff aufzugehen. Der helle Schein der Dämmerung kämpfte mit den schweren Regenwolken, die über dem Ozean davonzogen. Er schüttelte sich vor Kälte und kroch eiligst aus seiner Burg, um sich etwas Bewegung zu machen und seine steifen Glieder zu rühren. Während er auf dem freien Platz vor seiner Behausung auf und ab rannte, mußte er unwillkürlich an den kleinen, düsteren Kanal unter seinem Fenster in Amsterdam denken, wo er so oft das Spiegelbild des grauenden Tages gesehen und trostlos in einen trostlosen Himmel gestarrt hatte, während er sich selbst fragte, ob es sich überhaupt lohne aufzustehen, um von neuem einen langen Tag den aussichtslosen Kampf mit der modernen Gesellschaft zu kämpfen. Er strich hastig die bösen Erinnerungen aus seinem Gedächtnis, besann sich mit Freuden darauf, daß es endlich Sonntag geworden sei, bedeckte die Öffnung seiner Höhle mit einer Türmatte, die er aus Lianen geflochten hatte, und machte sich schnell auf den Weg. Der Weg war nicht schwer zu finden. Er brauchte nur dem Pfad zu folgen, den er selbst durch den Wald gebahnt hatte und der durch die durchschnittenen, schlaffhängenden Lianenschnüre kenntlich war. Es fror ihn in der frischen Morgenluft und er schritt so schnell aus, daß die Uhr erst halb Zehn war, als er den Versammlungsort, den Abhang über der Höhle, wo die Kisten verborgen standen, erreichte. Ei wollte gerade zur Höhle hinunterklettern, als er ein Rascheln im Laub hörte und Pieter Goys derbe Erscheinung im Halbdunkel der Stämme auftauchen sah. Er setzte sich gemächlich auf den Abhang, baumelte mit den Beinen, pflückte einen Grashalm und stocherte sich damit die Zähne. »Hallo!« rief Pieter ihm aus dem Wald zu. Daniel winkte ihm zu, blieb aber ruhig sitzen. Er war ja Herr der Insel. Pieter Goy kam jetzt ins volle Tageslicht hinaus, rot und verschwollen in seinem runden Gesicht, den Rucksack auf dem Nacken, genau so, wie er vor einer Woche ausgewandert war. »Warum hast du dein ganzes Gepäck mitgebracht?« »Ich werde doch nicht so dumm sein, es liegen zu lassen. Es ist ja mein ganzes Hab und Gut.« »Wer sollte es wegnehmen?« »Das kann man nie wissen.« Goy warf den Rucksack auf die Erde und reckte seine steifen Glieder, daß sie knackten. Es ärgerte ihn, daß Daniel dasaß und sich die Zähne stocherte. Er selbst hatte noch keinen Bissen gegessen. Er war früh aufgebrochen, um reichlich Zeit zu haben, wenn er sich verlaufen sollte. Er blickte verstohlen zur Höhle. Nein, die war nicht angerührt. »Es ist wohl Zeit, ein Feuer zu machen,« sagte Daniel und stand auf, »das Feuer ist das Versammlungszeichen aller Naturkinder.« »Davon weiß ich nichts. Aber ich weiß, daß es wärmt. Und es ist hundekalt.« Pieter Goy mußte niesen. Er war erkältet und übel gelaunt. Daniel sah ihn an, sagte aber nichts. Goy sammelte Laub und Reisig. Aber es war nicht leicht, es zum Brennen zu bringen, denn das meiste war feucht. Er lag eine halbe Stunde auf seinen runden Knien und blies hinein, bevor es ihm glückte. Es spuckte und knisterte, rauchte und stank, schließlich aber stieg eine muntere Flamme in die Höhe. Daniel streckte sich auf den besten Platz, mit dem Rücken gegen den Abhang. Ab und zu beugte er sich vor, um seinen Leib zu wärmen, während Pieter Goy seine Hände über dem Feuer rieb und nach den anderen ausspähte. Lieber Gott, dort arbeitete der Krüppel sich mühsam durch das feuchte Gras. Nein, wie war er schmal im Gesicht geworden! Goy blickte ihm voller Mitleid entgegen und winkte ihm mit beiden Händen zu. Als Jakob Beer schließlich den Abhang erreicht hatte, sank er erschöpft am Feuer nieder. Er war so außer Atem, daß er nicht gleich etwas sagen konnte. Aber er lächelte Daniel und Pieter mit Augen zu, die ganz groß und klar geworden waren. »Na, wie wars denn?« fragte Goy und klopfte ihm vorsichtig den schiefen Rücken. »Großartig! – ist es nicht eine herrliche Insel? Goy antwortete nicht, sondern begann im Feuer herumzustochern, während Daniel in begeisterte Worte über den unendlichen Frieden ausbrach. »Na, ich danke!« murmelte Pieter. Er dachte an die kleinen grünen Papageien, die ihn jeden Morgen mit ihrem boshaften Gezeter weckten. Beer fing an zu husten und rückte näher an das Feuer heran, das sich in seinen klaren Augen spiegelte. Daniel wurde ungeduldig. Hendrik Koort kam wie gewöhnlich zu spät. Sie waren alle drei furchtbar hungrig. Dann fingen sie an, den Eingang zur Höhle zu räumen. »Es sieht aus, als ob jemand dabei gewesen sei!« sagte Goy und blickte bedenklich auf das Laub, das zwischen die Steine gestopft war. »Unsinn!« sagte Daniel, »hier ist ja niemand außer uns. Der Regen wird das Laub fortgespült haben.« Die Proviantkiste, die vorne an stand, weil sie zuerst gebraucht werden sollte, wurde geöffnet, und Daniel nahm heraus, was sie nötig hatten. Schiffszwieback, Fleischkuchen, aus denen Suppe gekocht werden sollte, Kaffee und Zucker. Goy wurde gerührt, als er die Etiketten mit den lieben, holländischen Worten las. Es war wie ein Gruß aus der Heimat. Und das Wasser lief ihm im Mund zusammen, als er die Dose geöffnet hatte und den heimatlichen Fleischgeruch einatmete. »Fleisch ist ja eigentlich verboten!« sagte Daniel, »aber da wir es nun mal mitgebracht haben –« »Das fehlte gerade!« Pieter hielt die Dose mit beiden Händen fest, damit sie ihm nicht genommen werden konnte. In dem Augenblick als er den Topf übers Feuer hing, erklangen Hendrik Koorts bekannte Naturtriller aus dem Dickicht über dem Abhang. Daniel sprang auf und rief: »Hallo«, damit er wissen sollte, wo sie seien; denn der Abhang verdeckte sie. Da knackte es durchs Laub. Hendrik ließ das holländische Nationallied mit seiner Baßstimme ertönen und zeigte sich plötzlich über ihren Köpfen. »Du kommst viel zu spät!« sagte Daniel vorwurfsvoll. »Ich hab' mich im Wald verlaufen!« Hendrik warf sein Gepäck hinunter und sprang selbst auf allen Vieren hinterher. Sein rotes Haar sah struppig unterm Strohhut hervor, der von dem tropfenden Laub im Walde durchnäßt war. Der Bart war ihm bis unter die Augen und tief auf die nackte Haut unterm Hemd gewachsen. Er reichte allen die Hand und zeigte strahlend seine Füße. Die Socken hatte er ausgezogen und statt der Stiefel trug er eine seltsame Bandage an den Füßen aus geflochtenen Lianen und einem Stück Rinde als Sohle. »Was ist das?« »Naturbekleidung!« sagte er vergnügt, »Sandalen. Soweit bin ich.« Er begann von seinen Erlebnissen zu erzählen und von seinem Robinsonbaum, bis Daniel ihn unterbrach: »Das werden wir nachher noch alles erfahren, wenn die Tagebücher an die Reihe kommen. Jetzt wollen wir essen.« »Friert euch vielleicht?« fragte der Maler und blickte sich verächtlich im Kreise um. Er rückte ein Stück vom Feuer fort und öffnete das Hemd am Halse. Kälte konnte ihm nichts anhaben. Er war der echte Sohn der Sonneninsel. Indem er sich aber setzte, griff er sich verstohlen nach der Hüfte. Seit der ersten Nacht im Baum hatte er Gicht gehabt. Es dampfte jetzt mit einem so lieblichen Duft aus dem Kessel, daß selbst Daniel ihm nicht widerstehen konnte. Goy beugte sich mit weitgeöffneten Nasenlöchern darüber, während Jakob Beer sich zurechtsetzte und die dünnen Beine wie ein Chinese übereinander schlug. Während sie die Suppe mit dem Fleisch und dem aufgeweichten Zwieback verspeisten, wurde das Wasser für den Kaffee aufgesetzt. Und als der bekannte liebe Duft die Luft zu würzen begann, wurde die Stimmung so gerührt, daß Hendrik Koort seine Naturtöne trillerte. Pieter Goy hatte seine Arbeit beendigt. Er lehnte sich behaglich gegen den Abhang und setzte seine Kaffeeschale neben sich. Dann zog er seine Shagpfeife heraus, stopfte sie mit etwas, das er lose in der Tasche trug, machte einen Zweig im Feuer glühend und zündete sich eine Pfeife an. Ein würziger Rauch, der nicht nach Tabak roch, vermischte sich mit dem Kaffeeduft. Hendrik schielte nach der Pfeife. »Wo hast du das Zeug her?« »Das ist ein Tabak, den ich selbst erfunden habe.« Sie wollten alle daran riechen. »Pfui Teufel!« sagte Daniel und zog seinen Kopf zurück. »Er riecht wie geröstete Kräuternelken!« erklärte Jakob Beer. »Laß mal schmecken!« bat Hendrik. Dann schmeckten sie der Reihe nach Pieter Goys Pfeife; obgleich sie die Nase rümpften und hinterher ausspuckten, beneideten sie ihn doch insgeheim und gelobten sich, daß sie auch Kräuter ausfindig machen wollten, die sich zum Rauchen eigneten. Wenn es auch scheußlich schmeckte, so tat eine warme Pfeife unter der Nase doch immerhin wohl. Die Insel war ja sehr gut, es war eine großartige Insel; aber Tabak vermißte man entschieden. Während Kaffee getrunken wurde, verteilten die schweren Wolken sich und zogen über den Ozean davon. Die Sonne schien so lustig, daß sie vom Feuer fort und unter den Schatten der Bäume rückten. Daniel erklärte, daß jetzt die Zeit für die Tagebücher da sei. »Jakob fängt an.« Hendrik murmelte etwas von »sich-als-Herrn-aufspielen«, Daniel aber tat, als höre er es nicht. Jakob Beer lehnte seinen schiefen Rücken gegen einen Baumstamm und blätterte mit seinen dünnen Spielhänden, die voll von Schrammen waren, zwischen den Seiten seines Taschenbuches, während Daniel sich ins Gras streckte. Goy legte sich auf den Bauch, stützte den Kopf in die Hände und heftete seine gutmütigen, runden Augen auf das bewegliche Gesicht des Krüppels. Hendrik Koort lag auf dem Rücken und starrte in die Stämme hinauf, während er seine sandalenbekleideten Füße von sich streckte und seine zahlreichen Mückenstiche, die ihn jetzt in der Wärme juckten, kratzte. Zwölftes Kapitel Eine herrliche Insel Herrlich ist die Sonneninsel!« begann Jakob Beer mit seiner dünnen, begeisterten Stimme, die etwas heiser war von der Nachtluft, »herrlich, wenn die Sonne aus dem Meer emporsteigt, ihre güldnen Strahlen von Osten nach Westen spinnt und ihren ewigen Lobgesang in einem dämmernden crescendo über die Insel ertönen läßt.« »Was ist crescendo ?« fragte Pieter. Hendrik hob den Kopf. »Keine Unterbrechungen!« Jakob Beer aber richtete seine klaren Augen auf Pieter und erklärte sanft: »Crescendo ist, wenn Töne stärker werden, langsam und gleichmäßig, als wenn das Licht von Dämmerung zu helllichtem Tag übergeht, verstehst du!« »Crescendo bedeutet ›zunehmend‹!« sagte Daniel. Dann las Jakob weiter, während die kleinen Papageien über ihren Köpfen der merkwürdigen Stimme dieses merkwürdigen Tieres lauschten. Jakob las von seiner ersten, suchenden Wanderung durch den Wald, von seiner Seele, wie sie losgelöst vom Körper in die grüne, unberührte Welt hinausschwamm und von ihren Urtönen erfüllt wurde, bis er, von der mächtigen Sinfonie überwältigt, in selige Träume versunken war. Seine dünnen Finger griffen durch die Luft. Zwei rote Begeisterungsflecke zeichneten sich auf seinen mageren Wangen, während er beschrieb, wie die gewaltige Einsamkeit, die ihn zuerst schreckhaft und mutlos gemacht, ihn schließlich an ihr Herz genommen und wie eine Mutter ihr Kind in die Arme geschlossen hatte. Er las vor, wie er sich sein Lager unter dem Dach der Palmen bereitet und Abend für Abend den geheimnisvollen Tönen gelauscht, die sich aus der unendlichen Stille unter den Bäumen auf ihn herabgesenkt hatten. Goy sah ihn erstaunt an. »Woher kamen denn die Töne, wenn es so unendlich still war?« Jakob heftete seine traummüden Augen geistesabwesend auf Goys rundes Gesicht, Daniel aber verbot ärgerlich jede Störung. Dann las Jakob Beer von der blendenden Klarheit des Morgenlichtes, wenn es durch die Stämme sickerte und seine Wangen küßte. Er mußte seine Vorlesung unterbrechen, weil er einen Hustenanfall bekam. Als er wieder zu Atem gekommen war, erzählte er, wie er turmhohe Palmen hinaufgeklettert sei und die Trauben der Kokosnüsse getrunken habe. Er erzählte, wie er sich von dem Purpurfleisch der Bananen sättige, die gelb und schwer, in dichten Büscheln, unter großen wehenden Blattfahnen an den Stämmen hingen. Pieter Goy hob interessiert den Kopf. »Zeig mir bitte, wo sie wachsen, Jakob. Denn ich habe nur kleine grüne Bananen gefunden, die sich nur zum Kochen eignen.« Daniel warf ihm einen strengen Blick zu, und Jakob beendigte seine Vorlesung, indem er die Einsamkeit als das größte Erlebnis seines Lebens pries. »Einsamkeit mag ja ganz schön sein,« sagte Pieter Goy und kratzte seine Mückenstiche, »aber meiner Meinung nach ist es nicht so überaus amüsant, seine Stiefelspitzen zu beglotzen, anstatt eine ordentliche Zeitung zu lesen oder mit einem vernünftigen Menschen zu plaudern. Und mit der Stille ist es auch nicht weit her; denn jedesmal, wenn ich bei mir zu Hause ein Schläfchen halten will, machen die kleinen grünen Papageien einen heillosen Spektakel. Niemand nahm Notiz von Goys Bemerkungen. Jakob steckte sein Tagebuch in die Tasche, während Hendrik Koort sich aufrichtete und mit seinem tiefen Baß vorzulesen begann. Er berichtete, wie er blindlings unter hohen, düsteren Bäumen drauflos gewandert wäre, bis die Sonne plötzlich durch die Wolken gebrochen sei und ihre Strahlen durch den Blatthimmel gezwungen habe. Er beschrieb das wundersame Farbenspiel auf den grünen Flächen und zarten Stengeln, und den Widerschein auf den reifen Früchten. Wie sein Auge sich mit einer Glut und einem Jubel gefüllt, von dem er nie geträumt und den er jetzt malen wolle. Er sprach von der Sonne auf der Insel, als sei es eine ganz besondere Sonne, und von Farben, die noch kein Auge vor ihm gesehen hatte. Dann berichtete er von seiner ersten Mahlzeit im Schoß der Natur, wie ein wunderbares Tier aus dem Laub aufgetaucht sei, sich ihm zutraulich, wie seinem Bruder genähert und aus seiner Hand gefressen habe. »Da hast du mehr Glück gehabt als ich,« unterbrach Goy, »denn als ich aß, kam auch ein Tier. Es war eine Eidechse, mit klaren, grünen Augen und widerlichen Zacken auf dem Rücken. Sie mißfiel mir sehr. Sie saß da und gönnte mir mein Essen nicht, wollte sich nicht verscheuchen lassen. Ich aber hab sie ordentlich auf den Schwung gebracht und – –« »Halt den Mund, bis du an die Reihe kommst!« zischte Hendrik und las weiter. Er schilderte, wie er, gleich Robinson, in einem Baum Wohnung genommen habe, und entwickelte des weiteren, daß dies die ursprüngliche und ideale Menschenwohnung sei. Vor Gewürm und wilden Tieren geschützt, frei in der Luft schwebend und dennoch dicht am Herzen der Natur, von den ersten errötenden Strahlen der Natur geweckt. Goy sah ihn erstaunt an. »Hast du sieben Nächte in einem Baum geschlafen?« »Ja.« »Tun dir da nicht alle Glieder weh?« Hendrik würdigte ihn keiner Antwort. Nachdem er über die Ereignisse der folgenden Tage leicht hinweggegangen war, schloß er mit einem Lobgesang auf die Sonneninsel, die ihre Kinder so mütterlich empfangen habe, wodurch diese nun endlich ihre richtige Heimat gefunden hätten. Daniel hatte Jakobs und Hendriks Bericht aufmerksam angehört und seinen Beifall durch Nicken und kurze Ausrufe zu erkennen gegeben. Es befriedigte ihn, daß keiner der anderen der Insel so nahe gekommen war oder sich so gut eingerichtet hatte, wie er. Das bestärkte ihn in dem Gefühl, daß er der wahre Herr der Insel sei. Im Bewußtsein dieses erhebenden Gefühls zog er sein Tagebuch aus der Tasche, setzte sich zurecht und fing an zu lesen, während Pieter näher rückte, um besser zu hören. Er gab eine lange, poetische Schilderung von seiner Wanderung durch die Insel, die ihn stetig aufwärts geführt hatte. Er verweilte bei der einsamen Kokospalme und erzählte so feierlich von ihrer symbolischen Bedeutung, daß Goy aus alter Kindergewohnheit die Hände faltete. Er sprach davon, wie alle Dinge der Sonneninsel ihm jetzt dienen sollten. Die Kokospalmen und die Bananen, die Tarokpflanzen mit ihren Wurzelknollen – vorausgesetzt, daß sie auf der Insel zu finden seien. Er beschrieb sie bis ins kleinste, falls einer der anderen auf sie gestoßen sei. Er erzählte, wie er den wilden Yams gefunden habe, dessen Wurzel so nahrhaft wie Kohl sei und monatelang aufbewahrt werden könne. Er wüchse vor seinem Haus, von der Terrasse seines Gartens schlänge er sich zu ihm herauf. Hendrik machte große Augen. »Die Terrasse?« wiederholte er fragend. Dann berichtete Daniel von seiner einsamen Burg, die er aus Erde und Stein, unmittelbar unter dem Gipfel der Felsenhöhe erbaut habe, von wo er sein ganzes Reich übersehen könne. »Unser Reich!« verbesserte Hendrik. Er beschrieb seine Burg, so daß Goy ein ganzes Haus, mit Mauern, Fenstern und Türen vor sich sah. Er beschrieb die Terrasse und den Garten, als seien sie das Werk seiner Hände. Er erzählte von der Treppe, die von der Burg heranführte und aufgezogen werden konnte, wie eine Zugbrücke des Mittelalters; aber er sagte nicht, daß sie aus gebrechlichen Lianen geknüpft sei. Er sprach in den schönsten Worten von Freiheit und Herrschergefühl, so daß Pieter Goy beim Zuhören das Herz schwoll. Als er aber von dem Zauber der Abendstunden sprach, wenn er wie ein König vor seiner Burg saß und übers Wasser blickte, während die Mücken sich in summendem Tanz vor seinen Augen schwangen, da konnte Pieter nicht an sich halten. »Na, ich danke!« sagte er und kratzte seine dicken Arme, die voll von roten und schwellenden Erinnerungen waren. Als Daniel seine Lektüre beendigt hatte, sah er sich mit erhobenem Kopf im Kreis um. »Alle Wetter!« sagte Goy und sah ihn bewundernd an. Er hatte von jeher zu Daniel aufgesehen; aber daß er all das in so kurzer Zeit ausrichten konnte, das war doch mehr als er erwartet hatte. Auch Jakob gab rückhaltlos und mit vielen Worten seine Bewunderung zu erkennen. Nur Hendrik Koort saß schweigend da und blickte anscheinend unberührt vor sich hin. Er war überzeugt gewesen, daß keiner der anderen seinen Robinsonbaum übertrumpfen würde, und statt dessen wartete Daniel mit Burg, Treppe, Garten und Terrasse auf. »Na ja, du bist ja Dichter!« sagte er spöttisch. »Was soll das heißen?« fuhr Daniel auf. »Das soll heißen, daß Papier geduldig ist.« Daniel wollte gerade eine heftige Erwiderung geben, besann sich dann aber, daß er ja der Herr der Insel sei; von dem Selbstbeherrschung und Überlegenheit verlangt würde. »Zwischen den Sonnenbrüdern sollte Vertrauen und Eintracht herrschen!« sagte er bedächtig und wandte sich Pieter Goy zu. »Jetzt kommst du!« Pieter war es nicht gewohnt, sich schriftlich auszudrücken. Voller Respekt vor den prachtvollen Worten und wunderbaren Beschreibungen der anderen fürchtete er, sich lächerlich zu machen. Er sah von einem zum andern und bat, ob es ihm nicht erlassen werden könne. »Nein!« »Ich glaub', ich hab' mein Tagebuch zu Haus vergessen«, versuchte er sich herauszureden und bekam einen roten Kopf. »Unsinn! Du hast ja dein ganzes Gepäck mitgebracht.« Da half Pieter kein Sträuben mehr. »Man kann leicht über jemand lachen, der nicht wie ihr ans Schreiben gewöhnt ist!« sagte er, um vorzubeugen. »Kein Mensch lacht!« sagte Daniel. »Fang an!« Dreizehntes Kapitel Fleischesser Goy hatte seinen Bericht nach den Seiten im Tagebuch eingeteilt. Er hatte sie gezählt. Es waren im ganzen hundert. Wenn er eine Seite für jeden Tag nahm, so hatte er gleichzeitig dadurch einen netten kleinen Kalender. Das Tagebuch begann also mit einem Dato. Darauf folgte eine kurze Beschreibung des Wetters. Dann kamen seine Erlebnisse in chronologischer Ordnung, ohne inneren Zusammenhang. Der erste Tag lautete folgendermaßen: »Zehn Uhr. Aufbruch vom Versammlungsort. In südlicher Richtung durch den Wald. Starke Sonne. Furchtbar geschwitzt. Bananen, klein und grün, in den Rucksack gestopft. Mückenstiche im Gesicht.« Es ging alles gut und mit entsprechendem Ernst bei den Zuhörern, bis Pieter Goy zur Mahlzeit im Wald kam. »Verfluchte Schweinerei mit Vögeln, die einem das Essen beschmutzen!« las er. Da konnte Hendrik nicht länger an sich halten. Er haute sich auf seine dicken Beine und lachte, daß die kleinen Papageien erschrocken aufflogen. Auch Daniel und Jakob, die ihre Mückenstiche kratzten, platzten los. Pieter sah vom einen zum andern und fragte gekränkt, ob ein Tagebuch zuverlässig und wahrheitsgetreu, oder nur Lüge und Dichtung sein solle. Schließlich glückte es Daniel, ihn zu versöhnen. Hendrik kehrte ihm den Rücken zu, um nicht in Versuchung zu kommen; und dann fuhr Pieter fort, mit lauter, getragener Stimme, wie der Pfarrer bei ihm zu Hause in der Kirche gelesen hatte. Als er bis zum Bambuswald gekommen war, drehte Hendrik sich wieder zu ihm um. Und als er von seinem herrlichen frischen Bad im Wasserfall erzählte, war er ganz Ohr. Pieter berichtete, wie er dem Lauf des Flusses gefolgt sei, um die Küste zu erreichen, beschrieb, wie er seine Behausung dicht beim Wasserfall erbaut, um immer frisches Wasser bei der Hand zu haben und jeden Morgen ein Bad zu nehmen, wie er es gewöhnt gewesen sei. Er erzählte von seinem Bambushaus, das er schon am zweiten Tag fertig gebaut hatte, in Mannshöhe, so daß er aufrecht darin stehen konnte. Er erzählte von den Bananen, aus denen er Suppe gekocht, und wie er sich vor seiner Hütte eine feste Feuerstelle aus Steinen gemacht und sich einen Schuppen mit Strohdach gebaut habe, in dem er Feuerung und Proviant aufbewahrte. Das Interesse der anderen verwandelte sich schließlich in Neid, als sie hörten, wie er jede Stunde des Tages zu nützlicher Arbeit verwandt und es sich bequem gemacht hatte. Daniel rückte unruhig hin und her. Er mußte sich selbst bekennen, daß dies hier eine ganz andere Sache sei, als seine harte, kalte Steinburg. Goy erzählte trocken, fast wissenschaftlich, wie er Versuche mit Knollen gemacht, bis er etwas Kartoffelähnliches gefunden habe. Und er habe viele Sorten getrocknete Blätter gesammelt, bevor er sich für seinen Tabak entschieden hätte. Am dritten Tage habe er sich ein richtiges Bettgestell aus zwei Lagen dünnem Bambusrohr gezimmert, das wunderschön federte, habe sich eine Matratze aus den Rippen der langen Pisangblätter geflochten und sie mit weichem, in der Sonne getrocknetem Moos gestopft. Schließlich las er: »Fing am Strand zwei kleine Schildkröten, auf die ich Suppe für zwei Tage gekocht habe. Riesig delikat.« »Schildkröten sind verboten!« unterbrach Daniel und sah ihn streng an. »Warum?« »Fleischspeise verstößt gegen die Regeln.« »Es fehlte gerade, daß man eine Schildkröte laufen lassen sollte, wenn sie einem in den Weg kommt«, sagte Pieter beleidigt und klappte sein Buch zu. »Einmal echte Schildkrötensuppe kostet in Amsterdam zwei Gulden, und ich hatte reichlich vier Portionen. Außerdem kann man die schwere Pflanzenkost, mit der man sich hier stopfen muß, auf die Dauer gar nicht vertragen.« Hendrik erhob sich und sagte: »Ja, darin muß ich Pieter recht geben. Wir dürfen unsere Gesundheit nicht aufs Spiel setzen. Ich bin weiß Gott ganz aufgeschwemmt von all den Wurzeln.« Er schlug sich auf den Bauch und zeigte Daniel, daß die Hose ihn kaum mehr umspannen konnte. »Gesetz ist Gesetz!« sagte Daniel. »Sollte es vielleicht auch nicht erlaubt sein, eine junge Taube zu essen, die aus dem Nest gefallen ist und doch nicht mehr leben kann? Das ist ja die reine Tat der Barmherzigkeit.« Daniel sah das böse Gewissen aus Hendriks Augen leuchten, wie er dort vor ihm stand und mit seiner gewölbten Stirn auf ihn eindrang. »Hast du es vielleicht schon getan?« »Freilich. Sie war ganz zerhackt auf dem Kopf, und lag nach Luft schnappend vor mir auf der Erde. Fast hätte ich auf sie getreten.« Jakob Beer wandte sich interessiert zu ihm um. »Du hast sie doch nicht roh verzehrt?« »Ich hab' sie gerupft und in meinem Topf mit Wasser und einer unreifen Brotfrucht gekocht. Ha, hat das geschmeckt!« Jakob Beer, der eigentlich den Vegetarianismus eingeführt hatte, bekannte gerührt seinen eigenen kleinen Fehltritt. »Siehst du, Daniel, es kann nichts nützen, so streng zu sein, jedenfalls nicht in der ersten Zeit. Ich hatte mein Auge auf einige Kokosnüsse geworfen und mich darauf gespitzt, sie zu Mittag zu essen. Als ich aber nach oben klettern und sie holen wollte, wurde mir auf halbem Wege schwindlig, so daß ich schleunigst wieder herunter mußte. Ach, aber ich war so hungrig. Das war gestern mittag. Meinen ganzen mitgenommenen Proviant hatte ich verzehrt. Da aß ich einige rote Beeren, die an einem Busch dicht neben meinem Schlafpisang hingen. Aber denke nur, ich bekam solch furchtbares Erbrechen danach und hinterher war ich natürlich hungrig, so daß ich geradezu dazu gezwungen wurde.« »Wozu?« »Einige Vogeleier zu essen, die ich in einem Nest gesehen hatte. Ich saugte sie aus. Ach, wie tat mir das wohl! Es waren fünf Stück und ich aß einen Zwieback dazu, den ich noch übrig hatte. Ich glaube kaum, daß ich Kräfte gehabt hätte, hierher zu kommen, wenn ich mir diese Mahlzeit nicht gegönnt hätte.« Daniel überlegte eine Weile. Er hatte ein reines Gewissen mit Bezug auf Fleischspeisen, denn er hatte sich vergeblich bemüht, eine von den wilden Tauben zu fangen, die in großen Mengen am Waldsaum saßen und ihn erstaunt anblickten. Das war gestern gewesen, als Schmalhans Küchenmeister geworden war. »Es läßt sich nicht leugnen,« sagte er schließlich, »daß die Verhältnisse etwas schwierig liegen; wir müssen die Insel erst näher kennen lernen und die richtigen Pflanzen ausfindig machen. Ich habe zum Beispiel, wie ich euch schon erzählte, eine wilde Yamswurzel in meinem Garten, die ganz vorzüglich ist, wenn man sie kocht. Nun beging ich aber den Fehler – ich war hungrig und ließ mir keine Zeit – sie roh zu essen. Ich bekam nicht gerade Leibschmerzen davon, auch kein Erbrechen, aber einen ungeheuer dünnen Stuhlgang, der zwei Tage dauerte. Darum bin ich so mager geworden.« Sie sahen ihn prüfend an und entdeckten jetzt erst, daß er noch schärfer im Gesicht geworden war als sonst. Pieter Goy sah von einem zum anderen und sagte mitleidig: »Dann ist es euch allen ja eigentlich jämmerlich schlecht ergangen!« »Wieso? Zu Anfang muß man immer auf irgendein Unheil gefaßt sein.« Pieter Goy bedachte sich eine Weile. Dann sagte er harmlos: »Davon habt ihr gar nichts in euren Tagebüchern geschrieben. Da stand ja nur von eitel Licht und Sonnenschein.« Daniel stutzte. Er wandte sich an seinen alten Futtermeister und sagte verweisend und feierlich: »Pieter Goy – du bist ein Mensch ohne Naturgefühl und ohne Sinn für höhere Lebenswerte. Die einfachen, ländlichen Verhältnisse, in denen du aufgewachsen bist, haben dir nicht die Reife verliehen, zwischen Wesentlichem und Unwesentlichem im Leben zu unterscheiden. Die Jahre, die du später zwischen Gläsern und Flaschen in den schwülen und dunklen Räumen eines elenden Cafés verbracht hast, haben das ihrige dazu beigetragen, deinen Horizont noch zu verengern. Das mag dir zur Entschuldigung dienen. Wenn wir uns trotzdem dazu entschlossen haben, dich als Mitglied unseres Kreises mit zur Sonneninsel zu nehmen, so geschah es, weil wir Interesse für dich gefaßt hatten und uns der Hoffnung hingaben, daß durch den kameradschaftlichen Verkehr mit uns die Fähigkeiten geweckt würden, die in dir schlummerten. Wir hoffen, daß du diese Erwartung nicht zuschanden werden läßt.« Pieter Goy blickte verblüfft und verständnislos in Daniels braune Augen, die ihm so wohlbekannt waren. Er fühlte sich plötzlich auf seinen alten Platz als Futtermeister zurückversetzt, errötete und schwieg. »Wir stellen hiermit also fest,« sagte Daniel und wandte sich an die anderen, »daß Fleischspeisen bis auf weiteres erlaubt sind. In Anbetracht der Schwierigkeiten, die mit ihrer Erlangung verbunden sind, wird mit dieser Erlaubnis wohl kein Mißbrauch getrieben werden können.« Hendrik schob seinen dicken Arm unter Goys und sagte: »Famose Idee mit den Schildkröten. Du kannst Gift drauf nehmen, daß ich auch an den Strand kommen und danach suchen werde.« Pieter war verstimmt und zog seinen Arm zurück. »Nicht dort, wo ich wohne, wenn ich bitten darf. Es ist von vornherein ausgemacht worden, daß jeder für sich bleiben soll. Was mein ist, ist mein.« Daniel wandte sich wieder zu Goy und sagte tadelnd: »Wir haben den alten Staat mit seinem Mein und Dein, seinem Gut und Böse, seinem Soll und Muß nicht den Rücken gekehrt, um einen neuen zu errichten.« Goy sah ihn mit offenem Mund an. Er wußte nicht, daß echte Schildkrötensuppe Daniels schwache Seite gewesen war, als er noch in dem alten, holländischen Staat wohnte, und daß er sie nur dreimal bekommen hatte. Vierzehntes Kapitel Räuber im Wald Nach Mittag hörte die Sonne wieder auf zu scheinen und von neuem zogen dicke Regenwolken von Norden über die Insel. Ein kühler Wind strich in langen Stößen durch die Baumwipfel. Jakob Beer zog seine spitzen Knie in die Höhe und begann so gottsjämmerlich zu husten, daß es Pieter Goy ins Herz schnitt. Daniel erhob sich und machte Turnübungen, während Hendrik zu singen begann, um sich warm zu halten. Pieter stocherte im Feuer herum, aber es war schon längst ausgegangen. Er hatte seit einigen Tagen einen Schnupfen, den er schon überwunden glaubte, aber jetzt fing seine Nase wieder an zu laufen. Hendrik rieb sich über den Lenden, wo seine Gicht saß. Daniel legte seine Hände über den Leib, um ihn zu wärmen. Seit er Diarrhöe gehabt hatte, war es immer, als habe er einen Eisklumpen im Leibe; aber er war zu stolz, um sich etwas anmerken zu lassen, und wartete, daß die anderen sich zuerst über die Kälte beklagen würden. Goy lag auf dem Rücken und starrte in die schweren, ziehenden Wolken. Er träumte sich nach Amsterdam zurück und dachte, wer wohl seinen Platz im Café geerbt habe. Wenn es dort auch düster und muffig war, so war es andererseits immer herrlich warm gewesen. Wie er so lag und träumte, fiel ihm ein großer, schwerer Tropfen auf die Nase. Er blickte sich um, streckte prüfend die Hand aus, lauschte und – – Ja, ganz recht. Jetzt bekam er einen Tropfen auf die Hand und wieder einen ins Gesicht. Er erhob sich und sah sich nach den anderen um. Beer schlief mit offenem Mund, die Arme um die Knie geschlungen. Trotz des festgewachsenen Lächelns sah sein Gesicht so leidend aus, daß es Pieter von neuem ins Herz schnitt. Er warf einen Blick auf Daniel; der aber saß in sein Tagebuch vertieft, mit dem Bleistift in der Hand, und hatte noch nichts vom Regen gemerkt. Hendrik dagegen schob die breiten Schultern in die Höhe, schloß das Hemd fest am Hals und rückte unter den Busch; Goy aber konnte seinen dicken Lippen ansehen, daß er vor sich hinfluchte. Da wurde Jakob Beer von einem neuen Hustenanfall geweckt, der ihm das Blut in die Wangen trieb. Er sah sich mit einem hilflosen Ausdruck in seinen großen, klaren Augen um, während das Lächeln sich in Schmerz verzog. Jetzt konnte man es auf dem Laub tröpfeln hören und im nächsten Augenblick fing es so heftig an zu regnen, daß man die Strahlen zwischen den Stämmen sah. Da konnte Pieter Goy nicht länger an sich halten. »Daniel!« sagte er und pflanzte sich vor dem Herrn der Insel auf, »würdest du es nicht angebracht finden, daß wir unsere guten, warmen Kleider wieder anziehen? Ich habe einen Mordsschnupfen und Jakob friert und hustet, daß es einem ordentlich ins Herz schneidet.« Obgleich Daniel einen Eisklumpen im Magen hatte und sich bitterlich nach seinem warmen Rock sehnte, den er neulich feierlich abgelegt hatte, wollte er doch nicht in die Klagen über die Insel einstimmen, für deren gute Eigenschaften er sich als ihr Herr und Entdecker verantwortlich fühlte. »Du siehst schlecht aus, Jakob!« sagte er, »friert dich?« Jakob lächelte und kauerte sich zusammen. Er sagte nichts; aber das war auch überflüssig. Man konnte sehen, wie ihm die Zähne im Mund zusammenschlugen. »Man muß auch nicht so still dasitzen und vor sich hinglotzen,« sagte Daniel und stand auf, »das widerspricht der ursprünglichen Natur des Menschen.« Jakob Beer heftete seine klaren Augen auf Daniel und lächelte. Er war so sehr an Leiden gewöhnt, daß er weiter nicht darüber nachdachte. Er hatte sich daran gewöhnt, seine Zuflucht zu den Träumen der Töne zu nehmen, so wie andere sich mit Opium oder Morphium betäuben. Daniel blickte zum Himmel hinauf – es war kein Fleckchen Blau zu sehen –, dachte an seinen schönen warmen Mantel und sagte schließlich: »Obgleich ich nicht dafür bin, festgesetzte Bestimmungen umzustoßen, so sehe ich doch ein, daß wir mit Rücksicht auf Jakobs Gesundheit unseren Vorsatz vorläufig aufgeben müssen, uns in Übereinstimmung mit dem Klima der Sonneninsel zu kleiden. Wenn man es genau überlegt, beruhen der Staat und die menschliche Gesellschaft ja auch nicht eigentlich auf der Bekleidung. Ich finde also, daß es bis auf weiteres jedem gestattet sein mag, so viel von seiner alten Bekleidung anzulegen, wie er es für gut befindet – ich meine, wie seine Gesundheit es erfordert.« »Famos!« schrie Goy und eilte auf Jakob zu, um ihm beim Aufstehen zu helfen. Hendrik kam unterm Busch hervor. »Au, verflucht!« sagte er unwillkürlich und rieb sich den Rücken. »Ich hab' Gicht bekommen, weil ich heut morgen zu nah ans Feuer gerückt bin. Jetzt muß ich mich wohl auch dazu bequemen, etwas Warmes anzuziehen.« Daniel kämpfte innerlich einen Kampf; bevor er aber mit den anderen die Öffnung der Höhle erreicht hatte, bekannte auch er: »Es ist merkwürdig,« sagte er, »wie so eine Diarrhöe an den Kräften zehrt. Mein Magen will gar nicht wieder warm werden. Ich glaube wirklich, daß Goy recht hat. Man muß zu Anfang etwas vorsichtig sein, bis man sich an die neuen Verhältnisse gewöhnt hat. Ich glaube, auch ich werde meine alte Bekleidung wieder anziehen.« Pieter Goy war wie gewöhnlich voran, wenn es Arbeit galt. Während der Regen auf seinen breiten Rücken klatschte, schob er die Kiste mit dem Proviant vom Eingang fort. Kaum aber war er in die Höhle hineingekommen, als ihm ein Laut der Überraschung entfuhr und er sich wieder am Eingang zeigte. »Jemand ist bei den Kisten gewesen!« sagte er und sah prüfend vom einen zum anderen. Aber keinem war ein böses Gewissen anzusehen. »Weißt du nicht mehr, Daniel, wir beiden haben das Zeug verpackt!« »In der grünen Kiste.« »Ja, in der grünen; und wir haben sie doch hinterher abgeschlossen, nicht?« »Ja – und Steine auf den Deckel gelegt, um ihn herunter zu pressen, damit keine Feuchtigkeit hineindringen kann.« »Ja, denn sie war übervoll. – Kommt her und seht: die Steine liegen auf der Erde und das Schloß ist geöffnet.« Sie drängten sich im Eingang und beugten sich vor, um zu sehen. Dann richteten sie sich wieder auf und betrachteten sich gegenseitig mit Mißtrauen. »Kreuzbomben noch eins, ich bin es nicht gewesen!« sagte Hendrik beleidigt. Jakob sah Daniel mit großen, erschreckten Augen an: »Du glaubst doch nicht, daß ich es gewesen bin?« »Laßt uns nachsehen, ob etwas fehlt!« sagte Daniel und schubste die anderen beiseite. Goy folgte ihm. Die Kiste fühlte sich so unheimlich leicht an, als sie sie ins Licht rückten. Dann hoben sie den Deckel ab. Im selben Augenblick rief Pieter: »Da hört doch verschiedenes auf!« Es waren weder Jacken noch Westen noch Beinkleider da. Daniel erbleichte und suchte mit nervösen Händen ganz bis auf den Grund. Da faßte er etwas, zog es heraus und hielt es ins Licht. Es war eine wollene Unterjacke und zwei Paar Unterhosen von Hendrik Koorts bekannten schwarz und weiß gestreiften. Das war alles, was sich in der Kiste fand. Fünfzehntes Kapitel Ums Wachtfeuer Während Pieter Goy das wollene Unterzeug mit offenem Mund anstarrte, als sei es vom Himmel gefallen, sprang Hendrik herbei, zog die Kiste vor die Höhle und kehrte das Unterste nach oben. Jakob fror so furchtbar, daß ihm die Zähne im Mund zusammenschlugen. »Es scheinen Diebe in unserer Höhle gewesen zu sein,« sagte er. »Woher sollten die kommen?« Daniel sah sich unwillkürlich zum Wald um, wo zwei Papageien in einem alten Brotfruchtbaum um die Wette schrien, als wüßten sie Bescheid und amüsierten sich über die Verlegenheit der Sonnenbrüder. Pieter Goy war der erste, der zu einem Resultat kam. »Wenn keiner von uns das Zeug stibitzt hat, so müssen ja noch andere Menschen auf der Insel sein.« Daniel sagte nichts. Die Logik in Pieter Goys Worten überwältigte ihn. Er fühlte sich so klein wie schon lange nicht mehr. Sollte die Sonneninsel schon von jemand vor ihm entdeckt worden sein? – War er nicht ihr Herr? – Hatte vielleicht jemand von seinem Plan gehört, während er in Amsterdam Vorstudien machte, und war ihm zuvorgekommen? – War es ein Schelmenstreich des Reeders, der ihm auch hier auf die Finger sehen wollte? Er klammerte sich einen Augenblick an den Gedanken, daß einer der anderen das Zeug geraubt und es verborgen hatte; aber er ließ ihn gleich wieder fallen. Der Ausdruck in ihren Augen war nicht mißzuverstehen. Schließlich fand er einen Anhalt. Und im selben Augenblick griffen auch Hendrik und Pieter danach. »Die Proviantkiste haben sie nicht angerührt!« sagte Pieter Goy. »Sie sind also nicht hungrig gewesen!« schloß Hendrik daraus und ging in die Höhle hinein, wo Daniel bereits die anderen Kisten untersuchte. »Die Medizinkiste ist unberührt!« »Die war aber auch abgeschlossen!« fügte Pieter hinzu. »Den Werkzeugkasten haben sie auch nicht angerührt. Und der stand doch offen. Für Werkzeug scheinen sie also keine Verwendung zu haben!« sagte Pieter. »Da müssen sie besser versorgt sein als wir.« »Oder sie verstehen sich nicht auf ihren Gebrauch!« sagte Daniel. »Die Bücher sind auch unberührt!« fügte er hinzu. »Sie verstehen also kein Holländisch!« sagte Jakob Beer. »Oder sie können nicht lesen!« sagte Daniel. »Hier ist meine Büchse!« jubelte Pieter und schloß sie in seine Arme, als sei sie ein teures Kind, »sie hat Gott sei Dank keinen Schaden genommen.« »Ich hab's!« Hendrik ging vor die Höhle und wartete, bis die anderen sich um ihn versammelt hatten. »Wahrscheinlich sind es Wilde, die unser Zeug gestohlen haben. Den Proviant haben sie nicht angerührt, weil sie sich nicht auf Schiffszwieback und konserviertes Fleisch verstehen. Den Gebrauch des Werkzeugs kennen sie auch nicht. Und eine Büchse haben sie noch nie gesehen. Unsere Garderobe ist das einzige, was ihnen gefallen hat. Die haben sie natürlich als Putz unter sich verteilt. Oder der Häuptling stolziert allein im Schmuck unserer guten alten Sachen einher.« »Hendrik hat recht!« sagte Daniel, »ich nehme an, daß Wilde kurz vor uns auf der Insel gelandet sind. Sie haben uns ausspioniert und gesehen, wo wir das Zeug, das ihnen in die Augen gestochen hat, versteckten.« »Das wäre!« Pieter Goy blickte sich zum Wald um, ob er nicht ein schwarzes Spähergesicht auf offner Tat hinter einem der Stämme entdecken könne. »Ich verstehe nur nicht, warum sie mein wollenes Unterzeug liegen gelassen haben,« sagte Hendrik nachdenklich. Daniel konnte trotz des Ernstes der Situation einen Witz nicht unterdrücken. »Sie scheinen einen besseren Geschmack zu haben als du.« Pieter hatte den Witz nicht verstanden. Er blickte auf und sagte bedächtig: »Wenn sie einen besseren Geschmack haben als Hendrik, können sie doch nicht ganz wild sein.« Hendrik mußte gegen seinen Willen lachen. Dann nahm er Goy das Unterzeug aus der Hand, rollte es zu einem Bündel zusammen und steckte es untern Arm. »Soll er alles für sich behalten?« fragte Goy und blickte zu Daniel auf. »Wenn du mir eine deiner Schildkröten gibst, sollst du die eine Unterjacke haben!« schlug Hendrik vor. Darauf ging Goy sofort ein; Daniel aber sagte, daß auf der Sonneninsel Gütergemeinschaft herrsche. Der Handel sei eine der schlimmsten Einrichtungen des Staates, und somit eines der Dinge, dem sie ja gerade entflohen seien. Hendrik weigerte sich; Daniel aber faßte ihn bei seiner schwachen Seite und warf ihm Weichlichkeit vor. War er es nicht gewesen, der am eifrigsten für Naturbekleidung gestimmt hatte? Hatte er nicht, bevor sie die Insel erreichten, von Adamskostümen gefabelt. Dann wurde bestimmt – Pieter Goy hatte es vorgeschlagen –, daß Jakob auf Grund seiner gebrechlichen Gesundheit die Unterhose und die eine Wolljacke haben sollte. Jakob kroch gleich hinein und bekam ganz rote Backen, als er die weiche Wolle auf seinem armen, erkälteten Körper fühlte. Die andere Wolljacke sollte die Runde machen, und der jedesmalige Besitzer mußte die Verpflichtung übernehmen, sie für seinen Nachfolger zu waschen. Daniel bekam sie zuerst, damit das Eis in seinem Leib schmelzen konnte. Der Regen hatte aufgehört, aber die Luft war noch feucht und kalt; und die Aussicht, sich ohne genügende Bekleidung behelfen zu müssen, machte sie alle niedergeschlagener, als sie selbst zugeben wollten. Hendrik und Pieter taten sich zusammen, um Brennholz für ein neues Feuer zu sammeln; aber es war so feucht, daß es nicht brennen wollte. »Laßt uns den Deckel der grünen Kiste nehmen!« sagte Pieter, »der ist ja doch zu nichts mehr nutze.« Sie brachten mit dem Kistendeckel das Feuer zum Brennen und legten das nasse Reisig obenauf; und als die Feuchtigkeit erst herausgespuckt und geraucht war, brannte von neuem ein lustiges Feuer vor der Höhle. Die Stimmung aber blieb trotz des guten Feuers noch immer gedrückt. Das Gefühl, die Sonneninsel nicht mehr für sich allein zu haben, rückte diese in ein ganz anderes Licht. Sie fühlten sich nicht mehr als Herren der Insel. Es war etwas um sie herum, vielleicht in ihrer unmittelbaren Nähe, das ihnen Böses zufügen wollte. Und sie waren dem wehrlos preisgegeben. Bei jedem Geräusch im Walde irrten ihre Blicke ängstlich durch die Stämme. Daniel war mit seinen Erwägungen noch nicht zu Ende, als Hendrik die Geduld verlor und das Schweigen brach. »Die Insel ist also dennoch bewohnt,« sagte er und warf Daniel einen scharfen Blick zu, »und wir müssen vor allen Dingen darauf bedacht sein, uns zu verteidigen. Ihr werdet jetzt vielleicht einräumen, daß meine Wohnung doch die beste ist, weil sie so hoch liegt, daß keiner mich meuchlings überfallen kann.« »Ja,« sagte Jakob und dachte an sein armseliges Pisanggebüsch, das seine Schlafstelle war. »Es ist ja gar nicht gesagt, daß sie uns übel gesinnt sind!« meinte Daniel. »Höchstwahrscheinlich haben sie ebensoviel Angst vor uns, wie wir vor ihnen. Oder vielleicht noch mehr.« »Und sie scheinen auch nicht zahlreicher zu sein als wir,« sagte Pieter. »Sonst hätte doch einer von uns einen Schimmer von ihnen entdecken müssen. Wir sind doch nach allen vier Windrichtungen durch die Insel gegangen und haben uns jeder eine Woche lang herumgetrieben.« »Warum sollten sie uns etwas tun?« sagte Jakob, »wir tun ihnen doch auch nichts.« »Das ist Unsinn!« sagte Hendrik. »Man kann eher fragen: warum haben sie uns noch nicht überfallen, wenn sie uns etwas tun wollen?« Es fing jetzt an, zwischen den Stämmen zu dunkeln. Der Gedanke, daß zwischen dem Dickicht vielleicht böse Augen lauerten, von der Dunkelheit gedeckt, während sie selbst hellbeleuchtet ums Feuer saßen, wirkte so unheimlich, daß sie unter dem Abhang dicht zusammenrückten und beschlossen, jeder solle eine bestimmte Richtung im Auge behalten, damit sie sofort etwas Verdächtiges entdecken konnten. Als aber Pieter Goy das Abendessen bereitet hatte, machte die warme Suppe und der Kaffee sie wieder mutig und stark. Sie sprachen ruhig und vernünftig über die Sache und wurden sich einig, daß eine Gefahr kaum vorhanden sei. Die Wilden waren offenbar nicht sehr zahlreich und feige. Warum hätten sie sonst nach ihrem Diebstahl die Höhle wieder sorgfältig zugedeckt, anstatt sich anzueignen, was sie gebrauchten, und den Rest zu vernichten? Da es aber wahrscheinlich war, daß sie wiederkommen würden, so wurde beschlossen, daß die Sonnenbrüder abwechselnd Nachtwache halten sollten, mit der geladenen Büchse in der Hand, ausgenommen Jakob Beer, der zu schwach war. Sobald sich etwas Verdächtiges zeigte, sollte der Wachthabende die anderen wecken und die Büchse abschießen, um die Wilden zu schrecken. Die Nacht verlief ruhig. Es zeigte sich nichts Verdächtiges, und die Büchse wurde nicht abgeschossen. Montag Morgen hatte der Wind sich gelegt; das Wetter war milde und die Stimmung der Sonnenbrüder wieder froh und hoffnungsvoll geworden. Hendrik scherzte über die armen Teufel, die ihr altes Zeug gestohlen hatten, und meinte, es wäre spaßhaft, wenn sie sie in ihrem neuen Staat zu sehen bekommen würden. Pieter Goy, der die Hundewache gehabt hatte, war so beglückt, seine teure Sonntagsbüchse wieder im Arm zu halten, daß er sich erbot, noch einen Tag am Versammlungsort zu bleiben. Er wollte zum Schein mit den anderen fortgehen, sich aber in der Nähe verstecken, um zu sehen, ob jemand käme. Denn es war anzunehmen, daß die, die sie voriges Mal ausspioniert hatten, auch nach dieser letzten Begegnung zurückkehren würden, und wenn aus keinem anderen Grund, so aus Neugierde. Darauf ging jeder in seiner Richtung davon. Goy versteckte sich in einem Pisanggebüsch, von wo er die Höhle sehen konnte. Er lag mit der Büchse im Arm und freute sich ihrer, bis er, durch die starke Hitze dösig gemacht, auf seinem Posten einschlief. Als er wieder erwachte, war es schon weit über Mittag. Er fuhr in die Höhe und starrte zur Höhle; dort aber lag die Asche des Feuers noch ebenso, wie sie sie verlassen hatten. Die Öffnung der Höhle war von Laub und Steinen bedeckt, und keine menschliche Spur ließ sich erblicken. Er fühlte Hunger und hatte die größte Lust, eine der vielen Wildtauben, die unter den Baumkronen flatterten, zu schießen. Aber er überlegte, daß ein Schuß die Wilden verscheuchen würde, wenn sie unterwegs seien. Oder vielleicht würde einer der Kameraden ihn hören und glauben, daß Gefahr im Anzuge sei. Es war auch viel einfacher, sich am Dosenfleisch gütlich zu tun. Es fehlte gerade, daß er sich nicht etwas vom Proviant gönnen sollte, da er hier auf einem ausgesetzten Wachtposten ausharren mußte. Eine Schildwache ist ihres Lohnes wert. Dann ging er zur Höhle, zündete Feuer an, öffnete die Proviantkiste und hielt einen Schmaus. Abends legte er sich ruhig zum Schlafen nieder, mit seiner Büchse neben sich. Und als auch der nächste Morgen hell und mild ohne die geringste Spur von etwas Feindlichem anbrach, wurde er des Wachehaltens überdrüssig. Er sehnte sich nach seiner guten Matratze und seinem behaglichen Bambushaus, vermißte sein Morgenbad und fürchtete, daß die Diebe bei ihm zu Hause gewesen sein könnten, während er sie hier erwartete. Dann versah er sich noch mit einigen Dosen konserviertem Fleisch zum Lohn für seine Mühe und für die Gefahr, der er sich freiwillig ausgesetzt hatte, nahm die Büchse mit – es war nicht bestimmt worden, daß er sie zurücklassen sollte – , ebenfalls den ganzen Vorrat an Munition – und wanderte durch den Wald den Weg entlang, den er das erste Mal gegangen war, bis er den Wasserfall fand. Das Bambushaus stand unberührt. Alles war, wie er es verlassen hatte. Pieter Goy aber war um eine Büchse reicher geworden. Sechzehntes Kapitel »Die Natur« Als Jakob Beer Montag morgens zu seinem Schlafpisang zurückwanderte, war seine Stimmung nicht halb so hoffnungsfreudig wie damals, als er zum ersten Mal dem Unbekannten entgegenschritt. Er dachte an die Wilden, die das Zeug gestohlen hatten, und meinte, jeden Augenblick ein braunes Gesicht zwischen den Stämmen zu sehen. Als aber die Wolken sich verteilten und das Licht zunahm, während die Wärme durch die Baumkronen sickerte, da wurde auch seine Laune heller. Bald wurde ihm so warm, daß er Hendriks schwarzgestreifte Wolljacke übern Arm nehmen mußte. Er hatte vergessen, sich den Weg zu seinem Pisanggebüsch zu merken. Rings herum hingen Lianen, die durchschnitten zu sein schienen, und überall drängten sich junge Pisangschößlinge zwischen den einzelstehenden Kokospalmen; aber jedesmal, wenn er sich einem der Gebüsche näherte, sah er, daß er sich geirrt hatte. Er kehrte zur Lichtung zurück, ging von Baum zu Baum und prüfte jede neue Öffnung; das Resultat aber blieb dasselbe. Schließlich sank er totmüde unter einigen Büschen nieder, aß, was er vom Sonntag übrig hatte, trank Regenwasser, das sich in einigen tiefen, dunkelgrünen Becherblättern angesammelt hatte, und schlief ein. Als er erwachte, war die Sonne im Begriff, unterzugehen. Die Lichtung war fast ganz von dem Schatten des Waldes bedeckt. Wieder wurde er von Furcht vor den Wilden befallen und meinte, daß er ihre schleichenden Schritte zwischen den Büschen hören konnte. Er starrte sich fast die Augen aus dem Kopf, während sein Herz so stark zu klopfen begann, daß er es selbst hören konnte. Dann nahm er sich zusammen und beschloß, einen letzten Versuch zu machen. Er eilte zur Lichtung zurück und spähte nach dem Kokosstamm aus, der ihm auf seiner ersten Wanderung mit seiner schlanken, hellen Schönheit zwischen dem Dunkelgrün gelockt hatte. Damals aber war er von der Sonne beleuchtet gewesen, und jetzt war es Halbdunkel. Er drehte sich von einer Seite zur anderen, bis er schließlich nicht mehr ein noch aus wußte. Jetzt hatte nur der Himmel über ihm noch einen Tagesschimmer; aus den Stämmen, die die Lichtung umstanden, starrte ihm überall Dunkelheit entgegen. Er dachte an seine gute, alte Violine, die er vielleicht für ewig verloren hatte. Was blieb ihm dann noch? – Was konnte ihm das sanfte Sausen wehender Palmen, die tiefe Unschuld grüner Schatten, das Gezwitscher der Vögel über hängenden Früchten helfen, wenn er keine Zunge mehr hatte, um sie zu preisen! Er fing an zu weinen und sehnte sich nach Holland zurück. Es war jetzt ganz dunkel geworden. Er war so müde vom Gehen und von der Gemütsbewegung, daß er auf allen Vieren zwischen jungen Stämmen vorwärtskroch. Er zog Hendriks Wolljacke an, rollte sich in seine Decke ein und suchte sich einen Platz unter dem dichten Blätterdach. Dort saß er mäuschenstill, mit dem Rücken gegen einen elastischen Stamm, die Beine unter sich hochgezogen, und lauschte nach allen Seiten, bis die Müdigkeit ihn überwältigte und der Schlaf ihn bleiern überfiel. Als er beim Tagesgrauen erwachte, waren ihm die Glieder so steif von der krummen Stellung, daß sie ihn schmerzten; aber er war glühend heiß in der warmen Luft und hatte große Schweißperlen auf der Stirn. Er sah sich erstaunt um und wußte nicht, wo er war. Erst nach und nach tauchte in seiner Erinnerung das Umherirren des gestrigen Abends auf. Da fiel ihm seine verlorene Violine wieder ein und er fing bitterlich an zu weinen. Die Sonne ging auf. Die Papageien riefen ihm über seinem Kopf guten Morgen zu. Drüben in den Brotfruchtbäumen begann etwas zu pfeifen und zu stöhnen. Die obersten Zweige bewegten sich und wippten auf und nieder. Die fliegenden Hunde – er meinte, es seien Vögel – spannten ihre Flughäute aus und bahnten sich einen Weg durch die großen Blätter. Wie er so lag und mutlos durch die Pisangbüsche starrte, die seine Schlafstelle umstanden, fiel sein Auge auf eine hohe, schlanke Kokospalme, die sich in schräger Richtung aus dem Gebüsch emporhob. Das war ja der Baum, den er während der ersten Tage vergeblich zu erklettern versucht hatte, von den reifen Früchten gelockt, die in Büscheln unter den Blattfächern saßen. Dann mußte er ja ganz dicht bei seiner alten Schlafstelle sein! Er sprang mit klopfendem Herzen in die Höhe, brach durch Kräuter, Gras und Lianen, bis er die Kokospalme erreichte. Kaum hundert Schritt von dem Ort entfernt, wo er sich gestern abend verzweifelt zur Ruhe gelegt hatte, erhob sie sich mit stolzen, wehenden Blättern; und zwischen den Stämmen der Pisangbüsche erblickte er jetzt den Blätterhaufen, der Rucksack und Violinkasten verbarg. Er schrie laut auf vor Freude und eilte dorthin. Er drückte den Violinkasten an seine Brust und küßte ihn, als sei er ein geliebtes Kind, das der Tod ihm zurückgegeben hatte. Er lächelte seinem Pisanggebüsch zu. Die Insel war wieder hell und schön. Sie sah ihn mit strahlenden Augen an, von dem Nachtschlaf erfrischt, während die Papageien über seinem Kopf sich halbtot lachten, als seien sie es, die ihn irregeführt hatten. Jakob dachte weder an Essen noch an Trinken. Er setzte sich mit dem Rücken gegen das Pisanggebüsch, öffnete den Violinkasten und stimmte das teure Instrument. Die Augen auf die Krone der Kokospalme gerichtet, auf die schweren Büschel von Nüssen, die von hier unten so unansehnlich aussahen, spielten seine langen, dünnen Finger Wiedersehensfreude und Entzücken über die Insel, aus seiner dankbaren Seele heraus. Die Papageien schwiegen erstaunt. Sie setzten sich in Scharen in die Nachbarbäume, flogen auf die untersten Zweige und streckten die Hälse nach dem wunderlichen Tier, das da unten jammerte. Auch die Bäume schienen zu lauschen. Die Pisangbüsche richteten sich auf und hielten vor Staunen den Atem an. Die Kokospalme spreizte ihre Blattfinger durch die Luft, als wolle sie ihren Kameraden im Walde Schweigen gebieten. Das Tier mit den glasklaren Augen und den Zacken auf dem Rücken, das Jakob Beer bisher keine Beachtung geschenkt hatte, kam unter seinem Baumstumpf hervor, setzte sich auf seinen Schwanz und bewegte seine gespaltene Zunge nach dem Laut. Als er aufhörte, begannen die Papageien im selben Augenblick mit ihrem Geschrei. Sie flogen in die Höhe und vollführten einen Lärm, als ob sie beleidigt seien. Vielleicht aber wollten sie nur zeigen, daß sie es ebenso gut machen konnten wie er. Jetzt merkte Jakob, daß er hungrig sei. Er streifte herum, um etwas Eßbares zu finden. Und siehe da, als er die Kokospalme erreichte, da lagen drei frische Kokosnüsse, so groß wie Kinderkopfe im Gras; der Sonntagswind hatte sie heruntergeweht. Er schnitt der einen mit seinem Taschenmesser die Augen aus, trank die kühle Kokosmilch und aß von dem frischen Kern. Das war sein Frühstück. Er fühlte sich leicht und froh zumute und beschloß, sich ein Haus zu bauen nach Pieter Goys Muster. Er machte sich auf die Suche, bis er einen Baum mit geraden Ästen fand. Nachdem er einige davon abgeschlagen und einen Haufen gesammelt hatte, zeichnete er mit dem Fuß ein Viereck in den Waldboden, legte sich auf die Knie und reinigte den Platz von Gras und Moos, so gut er es vermochte. Dann stellte er in jede der vier Ecken einen Ast und rammte ihn tief in die weiche Erde ein. Während er stand und sich über sein Werk freute, begann ein Vogel über seinem Kopf zu singen. Es war eine Mischung von Flöte und Cello. Drei lange, tiefe Töne, von einem zwitschernden Moll gefolgt, so jubelnd und schön, wie nur eine sonnenbeschienene, lustbebende Vogelkehle sie hervorbringen kann. Er vergaß seine Arbeit und sah nach oben; aber es war ihm nicht möglich, den frohen Sänger zu entdecken. Er lauschte mit strahlenden Augen und offenem Mund. Es war, als ob die Töne aus dem klopfenden Herzen der Natur kämen. Liebe war es, die ihre Verzauberung hier heraussang. Liebe, die rief und jubelte und lockte – die bat und flehte. Das waren die Urtöne, von denen er so lange geträumt hatte. Dann verstummte der Gesang. Von einem Nachbarbaum aber antwortete eine andere Vogelstimme, kurz und sanft, halb berauscht, halb schmerzerfüllt. Sie hielt mitten in einem Akkord inne, und sofort fiel die andere siegessicher ein, während das milde Sausen der Palmenfinger mit ihren gedämpften Zitherklang die Begleitung dazu spielten. Es waren die ureigensten Töne der Natur, die mit ihren gebrochenen und sprunghaften Akkorden allen Regeln der Harmonielehre spotteten. Dennoch drückten sie in einer geheimnisvollen, unergründlichen Gesetzmäßigkeit, nicht nur das Gefühl für Leben und Natur aus, wie ein menschliches Ohr es empfindet und in Schmerzen auf einem toten Instrument wiedergebiert, sondern das Leben und die Natur selbst schienen sich hier in Tönen zu ergießen. Ach, wenn es ihm doch gelingen würde, diese Töne so in seiner Seele aufzunehmen, daß sie all das mühsam Erlernte, das ihr anhaftete, verdrängten, daß nicht er es war, der über das Leben spielte, sondern daß das Leben seine Urtöne durch ihn wiedergab, wie sie aus dieser glücklichen, unwissenden, allmächtigen Vogelkehle ertönten. Er versank in Sehnsuchtsträume und lauschte in sich selbst hinein, ob es sich nicht jetzt erfüllen, ob die Natur sich nicht durch ihn Antwort geben würde. Aber es blieb alles leer und öde in ihm. Er schloß voll Schmerz die Augen und versuchte sich der Vogelstimmen zu erinnern. Vergeblich. Es war, als ob sie vor der künstlichen Musik, dem überflüssigen Wissen, das die Falten seines Gehirns erfüllte, scheu zurückwichen. Er gab es jedoch nicht auf. Er wollte den Tönen in seinem Innern ein Haus bauen und geduldig warten, bis sie Wohnung nehmen würden. Eine Sinfonie sollte es werden. »Die Natur« – schlecht und recht »Natur« sollte sie heißen. Und darin sollte das gedämpfte Sausen der Palmen widerklingen, der Liebesgesang der Vögel, das Spiel der Sonne auf blanken grünen Flächen, das Tröpfeln des Regens von Blatt zu Blatt, das Reifen der Früchte – alles das sollte darin zum Ausdruck kommen, durch die allerursprünglichsten Akkorde der Natur vertont. Dieses Werk sollte durch ihn vollbracht werden. Zu diesem Zwecke war er hergekommen. Siebzehntes Kapitel Das Auge der Einsamkeit Als Jakob endlich wieder seinen Blick auf die Wirklichkeit richtete, betrachtete er voller Staunen die vier Pfähle, die sich fragend in die Höhe reckten. »Was in aller Welt haben die zu bedeuten?« dachte er. Dann erinnerte er sich, daß er sich ein Haus hatte bauen wollen, ebenso warm und geschützt wie Pieter Goys. Aber er hatte keine Lust, die Arbeit fortzusetzen. Jetzt, wo er das einzige gefunden hatte, was auf ihn wartete, die Sinfonie, erschien ihm alles andere überflüssig. »Du eignest dich doch nicht zu praktischer Arbeit,« dachte er und gab es mit einem Seufzer auf. Er war müde, hatte Kopfschmerzen und starrte in den Laubhimmel hinauf, wo es bereits zu dunkeln begann. Die Vögel schwiegen. Kein Luftzug rührte sich. Die Blätter hingen ganz still, als lauschten sie mit verhaltenem Atem. Während er in der tiefen Stille dalag und die Tonträume vergeblich von neuem heraufzubeschwören versuchte, wurde er plötzlich von einer tiefen Beklemmung befallen. Es war, als ob eine Gefahr in seiner Nähe lauere. Er richtete sich auf dem Ellbogen auf und blickte sich erschrocken um. Die Stämme aber standen unbeweglich da, mit der leeren Dämmerung zwischen sich. Er redete sich selbst beruhigend zu, aber es half nichts. Die Beklemmung verließ ihn erst, als er aufgestanden war und die Büsche ringsherum untersucht hatte. Am nächsten Morgen erwachte er mit einem gehörigen Hunger. Er eilte zur Kokospalme und sammelte die Nüsse, die im Laufe der Nacht heruntergefallen waren; Saft und Kern aber sättigten ihn nicht. Dann ging er zu den Brotfruchtbäumen, wo er neulich die Vogeleier gefunden hatte. Hart am Stamme, von dem dichten Laub der Schlingpflanzen verdeckt, hatte er die fast kugelrunden Nester gesehen. Er durchstöberte das Laub lange vergeblich mit seinen dünnen Fingern; da flatterte plötzlich ein schreiender Vogel über seinem Kopf. Er guckte nach oben und sah, daß er zu niedrig gesucht hatte. Weiter oben liefen dünne Streifen von Vogelschmutz an den Stämmen herunter. Er klammerte sich an die zähen Stengel der Schlingpflanzen und kletterte hinauf, bis er die weißen Streifen erreichte. Im selben Augenblick war die Luft voll von schreienden Vögeln, die so groß wie Tauben waren. Sie schwirrten um seinen Kopf und schrien mit weitgeöffneten gelben Schnäbeln, aber sie wagten sich nur bis auf Armeslänge an ihn heran. Hier unter dem Laub waren die Nester so dicht beieinander, daß er nur die Hand auszustrecken brauchte, um sich zu versehen. Jakob taten die schreienden Mütter, die dort in der Luft hingen und mit ihren dunkelblauen Flügeln schlugen, leid. Er hätte sich herzlich gern mit einem Ei aus jedem Nest begnügt. Aber die Öffnung der Nester war dem Stamm zugekehrt und nicht groß genug, um die Hand hineinzustecken, so daß er gezwungen war, das ganze Heim zu zerstören. Er nahm so viele, wie er tragen konnte. Um jeden Baum saß in Manneshöhe ein Gürtel von Vogelschmutz, als habe ein Maurer oben die Äste geweißt und mit seinem Pinsel gespritzt. Jakob holte Wasser aus dem kleinen Teich in der Lichtung, zündete Feuer an und kochte seine Eier. Wohl wurden sie etwas hart, aber sie schmeckten dennoch herrlich, mit frischer Kokosmilch und halbreifen Bananen. Es erging ihm wie gestern. Gegen Mittag stimmte die Natur ihre Vogelkehlen, Palmenfinger, Pisangblätter, Insektenflügel. Dann wurde mit vollem Orchester gespielt, während Jakob mit offenem Mund und halbgeschlossenen Augen lauschte. Nach dem Mittagessen begann er über seine große Sinfonie, »Die Natur«, zu sinnen, nahm seine Violine zur Hand und tastete über die Saiten, während die Vögel schwiegen und ihm erstaunt zuhörten. Als er schließlich ermattet aus dem Tonreich in die Wirklichkeit zurückkehrte und sich ins Gras streckte, den Blick auf den Laubhimmel gerichtet, da überkam ihn dieselbe seltsame Beklemmung wie gestern. Er fuhr in die Höhe, überzeugt, daß irgend etwas zwischen den Stammen es auf ihn abgesehen habe. Da wurde ihm plötzlich klar, daß es die Einsamkeit sei, die ihn mit ihrem starren Auge anblickte. Er begann laut mit sich selbst zu sprechen, um sie zu vertreiben. Es war kein Echo da, dennoch schien der Wald seine Worte zu wiederholen und sie mit entstellter Stimme wiederzugeben. Er ging zeitig schlafen, lag aber lange wach und lauschte angstvoll den geheimnisvollen Lauten, die die Nacht über den Schlaflosen herabträufelt. Auf diese Weise vergingen mehrere Tage. Solange er in seinem Tonreich war und auf der Violine nach seiner Sinfonie tastete, war er glücklich. Kaum aber ergriff die Umgebung von ihm Besitz, so begann die Einsamkeit ihn anzustarren, bis sich ihm das Herz in unwillkürlicher Angst zusammenzog. Eines Abends wurde er von rasender Sehnsucht nach seinen Kameraden gequält, aber es war erst Donnerstag und noch zwei ganze Tage und drei lange Nächte standen ihm bevor. Am Freitag wurde es noch schlimmer. Er erwachte schon morgens mit der Beklemmung im Herzen. Gleich nach dem Frühstück fing er an zu spielen, um seinen eigenen Gedanken zu entfliehen. Er spielte eifrig drauf los, alte und neue Sachen; aber er war sich die ganze Zeit darüber klar, daß er nur spielte, um sich selbst zu vergessen, und darum glückte es ihm nicht. Als er schließlich mit Schweiß auf der Stirn die Violine sinken ließ und trostlos durch die Stämme starrte, da fuhr er voller Entsetzen in die Höhe. Denn ihm war, als habe er seine eigene kleine, schiefe Gestalt in seinem guten, alten Rock um einen Baumstamm schlüpfen sehen. Lange saß er blaß und unbeweglich da und starrte hinter der Erscheinung her, während das Herz ihm in der Brust hämmerte. »Du scheinst den Verstand verloren zu haben!« dachte er. »Die Einsamkeit hat dich verrückt gemacht.« Im nächsten Augenblick stürzte er zu seinem Schlafpisang. Ohne weiter über seine Handlung nachzudenken, steckte er einige Bananen zu sich, füllte eines der kugelrunden Nester mit Eiern und stopfte sie sich auf die Brust; darauf verbarg er seine Früchte und Habseligkeiten unter der Wolldecke und dem Rucksack. Nur von der Violine konnte er sich nicht trennen und hing sie sich mit dem Kasten über den Rücken. Ohne einen Blick zurückzuwerfen, eilte er durch das Gehölz auf die Lichtung zu, stand eine Weile, bis er die Richtung gefunden hatte, und ging dann denselben Pfad zurück, den er sich zum Versammlungshaus unterm Abhang gebahnt hatte. Achtzehntes Kapitel Eine gemütliche Häuslichkeit Pieter Goy saß vor seinem schönen Bambushaus in der Sonne und flocht sich eine Fischreuse aus Pisangfäden, während er den letzten Gassenhauer pfiff, den er noch aus Amsterdam mitgebracht hatte. Da hörte er hinter sich im Gebüsch ein Knacken, als ob ein großes Tier durchs Laub bräche. Das war etwas Neues. Er fuhr in die Höhe, griff nach der Büchse, die in der offenen Bambustür lehnte, und spähte in das Buschwerk über der Felswand, von wo der Laut gekommen war. »Na, ich danke,« dachte er, »es gibt also doch große Tiere auf der Insel!« Er sah schon in Gedanken, wie sich ein hungriger Löwe sprungbereit auf dem Rand des Abhanges zeigen würde. Mit klopfendem Herzen überzeugte er sich, daß beide Läufe geladen seien, fühlte nach der Tasche, ob die Patronen da waren, und legte die Finger prüfend auf den Hahn. Dann zog er sich rückwärts über den freien Platz vor seinem Haus zurück, bis er das Gehölz erreichte. Hier versteckte er sich und blickte schußbereit zum Felsabhang hinüber. Da hörte er eine menschliche Stimme stöhnen und prusten. Er sah, wie etwas Helles und Buntes sich in den Sonnenlichtern zwischen dem dichten Gebüsch bewegte, und erkannte im nächsten Augenblick Jakob Beers schmales Gesicht unter dem Strohhut. Es wurde ein strahlendes Wiedersehen. Jakob war ebenso froh, daß er ihn endlich gefunden hatte – er war dem Pfad vom Versammlungsort gefolgt – wie Pieter erleichtert war, daß der Krüppel nicht zu den gefährlichen Raubtieren gehörte. Jakob machte große Augen, als er schließlich nach Pieters Anweisung unten auf dem Platz angelangt war. Von so viel Wohlstand hatte er sich nichts träumen lassen. Da war nicht allein das gutgebaute, mannshohe Bambushaus, mit Blättern und Bast dicht gemacht und von einem richtigen Hofplatz umgeben, da war ein Hackblock, ein Stuhl, ein dreibeiniger Tisch, ein Herd aus Steinen, mit einem Haken, an dem der Topf hing. Die Tür der Hütte ließ sich fest schließen, so daß weder Getier noch Zug hereindringen konnte. Und was Pieter Goy für ein Bett hatte! Jakob streckte sich längelang auf eine weiche, geflochtene Matratze, die sanft federte. Im Hof war ein Schuppen, mit einem schrägen Halbdach, in dem Brennholz handgerecht aufgestapelt lag. Vor dem Haus waren drei junge Bäume in einem Dreieck gepflanzt; dazwischen war ein Segel gespannt, aus großen, dunkelgrünen Blättern geflochten. »Das ist mein Sonnensegel,« erklärte Pieter voller Stolz, »hier kann ich im Schatten bei meiner Arbeit sitzen und durch die Stämme zum Strand hinuntersehen.« Das beste aber war der Vorratsschrank. Er war aus vier Pfählen in der Ecke zwischen dem Haus und der Felswand aufgeschlagen, so daß kein Sonnenstrahl zu ihm dringen konnte. Die Wände waren sowohl in- wie auswendig mit Bast dicht gemacht, um Getier fern zu halten; die Tür aber und die eine Seite waren aus dünnsten Lianenschnüren geflochten, so fein wie ein Fliegennetz, damit die Luft frei passieren konnte. Da lagen Bananen, getrocknete Wurzeln und frische Kokosnüsse. Aus deren Schalen waren Kummen gemacht, in denen Pieter die Reste seines Mittagessens aufbewahrte. Und dann hingen da drei herrliche, junge Vögel – von der Sorte, die Jakob so gut kannte, mit einem Knoten auf dem rotgelben Schnabel. Draußen im Hof war zwischen Haus und Schuppen eine Lianenschnur gezogen, an der große Blätter in Bündeln zum Trocknen hingen; sie hatten schon angefangen braun zu werden. »Das ist mein Tabak!« sagte Pieter und befühlte ihn liebevoll. »Jetzt wollen wir aber einen ordentlichen Schmaus halten!« sagte er und rieb sich vergnügt die Hände. Während er Feuer anmachte, gab er Jakob einen der Vögel zum Rupfen. »Das sollte Daniel wissen!« Pieter sah auf und kniff das eine Auge zu. »Denn du bist doch nicht krank?« Jakob schämte sich, seine Angst vor der Einsamkeit zu gestehen. »Krank bin ich nicht, Pieter – und es widerspricht eigentlich jeder Regel, daß ich dich hier aufgesucht habe. Aber der Grund ist der –« Jakob suchte nach einem Vorwand. Da fiel sein Auge auf das herrliche Haus. »Der Grund ist der, daß es bei mir zu Hause so ungemütlich ist. Meine Schlafpisangs haben weder Dach noch Wände, sondern nur die wehenden Blätter, die mir das Gesicht kitzeln. Und es zieht von allen Seiten, so daß ich mir die Decke über die Ohren ziehen muß, um nicht Zahnschmerzen zu bekommen. Ich habe leider keine solche Matratze wie du.« »Bau' dir doch ein ordentliches Haus.« »Ja, aber in meiner Gegend wächst kein Bambusrohr«. »Dann wird's wohl andere Sträucher mit langen, geraden Zweigen geben.« »Ja, freilich; aber ich versteh' mich nicht darauf, Pieter. Es ist nicht so leicht, sich ein Haus mit Wänden und Dach und allem zu bauen! Ich hab' es versucht, aber es gelang mir nicht.« Pieter legte sich auf die Knie und blies bedächtig in die Reiser, die noch nicht ganz trocken waren. »Das ist dumm!« sagte er und stand auf, »ein Dach überm Kopf muß man haben; denn wenn Daniel die Insel auch Sonneninsel nennt, so – – »Gott, Pieter, wenn du mit mir kommen und mir ein Haus bauen würdest!« Pieter blickte verstohlen zu Jakob hin, der über den Vogel in seinem Schoß gebückt saß. »Wie rupfst du denn?« sagte er. »Sieh, so, mit fester Hand.« Pieter kratzte sich seinen strohgelben Kopf, der von der Sonne gebräunt war. Er überlegte, während er den Kessel mit frischem Wasser aus einer Kokosschale füllte. »Das geht nicht an!« sagte er schließlich, »wenn die anderen etwas davon erführen! Aber sieh dir genau an, wie ich's gemacht habe.« Jakob betrachtete die Bambuswände von oben bis unten und seufzte. Pieter kochte eine herrliche Geflügelsuppe mit Wurzeln und Kräutern, während Jakob seinen Stuhl dicht an den Herd heranrückte und den lieblichen Dampf einatmete, der aus dem Topf brodelte. »Riecht fein, nicht?« Pieter rieb sich die Hände und zeigte alle Grübchen in seinem fetten Gesicht, das von unzähligen Schweißperlen glänzte. »Was hast du denn da auf der Brust?« Jakob hatte seine Eier ganz vergessen. Jetzt zog er das Vogelnest heraus. Es war etwas platt gedrückt, so daß einige Eier zerbrochen waren. »Eier?« Pieter riß die Augen auf und nahm sie vorsichtig heraus. »Hast du mehr von der Sorte bei dir zu Hause?« »Viel mehr, als ich essen kann. Die Nester sitzen so dicht, daß sie sich fast berühren.« »Das lob' ich mir! Paß mal auf, was das für 'ne Suppe gibt. Eier hab' ich die ganze Zeit furchtbar entbehrt.« Pieter schlug die Schalen in der Mitte durch und goß sowohl die Dotter wie das Weiße in den Topf. »Hühnerbouillon mit Ei!« sagte Pieter und servierte Jakob die Suppe in einer Kokostasse. Einen Augenblick dachte er voller Wehmut an die schmutziggelben Wände der Löwenhöhle. Dann schlürfte er die heiße Suppe und sagte: »Wenn man jetzt noch einen guten, holländischen Schnaps dazu hätte!« Er starrte vor sich hin, trocknete sich die Augen und seufzte. Dann dachte er an das, was Jakob von den Eiern gesagt hatte. Nachdem Pieter den letzten Knochen abgenagt hatte, wischte er sich den Mund bedächtig mit dem Rücken seiner Hand und sagte: »Es ist nicht aus Ungefälligkeit, daß ich dir nicht bei deinem Haus helfen will.« »Das weiß ich wohl. Wir wollen nicht mehr darüber reden!« Jakob sah schuldbewußt vor sich nieder. Er bereute, daß er Pieter zum Verrat an dem heiligen Gesetz der Einsamkeit und Selbsthilfe hatte verführen wollen. »Andererseits«, fuhr Pieter unverdrossen fort, »kann ich es eigentlich nicht verantworten, daß du mit deinem schwachen Rücken so schlecht liegst und nicht genug Schlaf bekommst – und wenn es Regen gibt –« »Ich werde mich schon durchschlagen. Ein Gesetz ist ein Gesetz, wie Daniel sagt.« »Pah, Daniel,« höhnte Pieter und kratzte seine Mückenstiche, »Daniel hier und Daniel da!« Jakob sah ihn erschrocken an. Es sah Pieter gar nicht ähnlich, so respektlos zu sprechen. Pieter Goy bekam einen roten Kopf. »Ich meine nur, solche Gesetze mögen ja ganz schön sein und so; aber die Gesundheit geht doch wohl vor. Gott bewahre, alle Hochachtung vor Daniel – ich will ja gar nichts auf ihn gesagt haben – aber was kann es im Grunde ihm und Hendrik schaden, wenn ich dir ein bißchen bei deinem Haus helfe. Es ist nicht mehr als billig, hätte ich beinahe gesagt – daß der Stärkere dem Schwächeren hilft.« Während Jakob hier gemütlich vor einem richtigen Haus und auf einem richtigen Stuhl saß, wurde es ihm erst recht klar, was er während der letzten Tage für ein jämmerliches Dasein geführt hatte. Es erschien ihm plötzlich wie eine Notwendigkeit, daß er ein ordentliches Haus bekäme. Darum widersprach er Pieter nicht länger, sondern dankte ihm für seinen Edelmut. »Die anderen brauchen ja nichts davon zu erfahren!« sagte Pieter Goy und gähnte. Jakob wollte ihm aus Dankbarkeit auch etwas antun. »Ich will dir etwas vorspielen!« sagte er und griff nach seiner Violine. »Ja, mach' 'n bißchen Musik!« Pieter streckte sich längelang in den Schatten unter dem Sonnensegel, während Jakob sich gegen die Bambustür lehnte, die Violine stimmte und dann die ersten, tastenden Töne aus seiner großen Sinfonie zu spielen begann. Er saß mit halb geschlossenen Augen da und spielte das Innerste seiner Seele auf den Saiten heraus, während um ihn herum alles still wurde. Als er schließlich den Bogen sinken ließ und sich zu seinem Publikum umdrehte, lag Pieter im Gras und schlief, die Hände unterm Kopf. Jakob betrachtete ihn mit einem mitleidigen und betrübten Lächeln. Im selben Augenblick erwachte Pieter. »Das war ja recht hübsch!« sagte er und gähnte. Kurz danach brachen sie zusammen auf. Bevor es Abend geworden war, hatte Pieter Goy Jakob ein Haus vor seinem Pisanggebüsch gebaut. Es war eilig und nicht halb so gut gemacht wie Pieters eigenes Haus; aber es war doch ein Dach überm Kopf; und drinnen war ein Lager aus Blättern und Moos. Es war dunkel geworden, bevor Pieter fertig war; er mußte die Nacht über bei Jakob bleiben. Als Pieter am Morgen erwachte und seine Glieder gründlich gestreckt hatte, galt sein erster Gedanke den Vogeleiern. Jakob zeigte ihm die Bäume. Pieter kletterte hinauf. Während die Vögel verzweifelt schrien und ihm angstvoll um die Ohren flatterten, so daß es Jakob ins Herz schnitt, raubte er so viele Nester, wie er erreichen konnte. Dann untersuchte er den Baum genau, um ihn wiederzuerkennen, wenn er einem ähnlichen auf seinem Weg begegnen würde. »Diese Eier nehme ich mit«, sagte er und machte sich in aller Eile einen Sack aus Pisangblättern. Als er zum Abschied zwischen den Stämmen winkte, bekam Jakob Tränen in die Augen. »Ich komme bald wieder!« sagte Pieter und warf einen verstohlenen Blick auf die Vogelbäume, »und den anderen gegenüber reinen Mund gehalten!« Jakob seufzte tief. Er fand, daß sie schmählich und treulos gehandelt hätten; Pieter aber mußte die Verantwortung dafür tragen. Die Einsamkeit schreckte ihn nicht mehr. Es war, als habe sie Respekt vor Pieter mit den geschickten Händen, den gutmütigen, runden Augen und der unangefochtenen Seelenruhe. Sie schien sich nicht wieder herauszuwagen, solange noch etwas durch das Haus, das er Jakob gebaut hatte, von seiner Gegenwart zeugte. Neunzehntes Kapitel Das Genie Koort Es war herrlich auf der Sonneninsel; Hendrik Koort aber kam dennoch aus seinem Adlernest in dem hohen Baum heruntergeklettert. Es war der Gedanke an die Affen, der ihm keine Ruhe ließ. Was konnte es nützen, daß Daniel ihn Sonntag für Sonntag versicherte, daß die flinken Tiere, die er gleich bei ihrer Ankunft gesehen hatte, nur in seiner eigenen Einbildung lebten. Hendrik hörte sie dennoch über sich in den Zweigen schnaufen, wenn er des Nachts nicht schlafen konnte. Er meinte sie in Gruppen unter dem Palmenlaub zu erkennen und war jeden Augenblick darauf gefaßt, eine Kokosnuß an den Kopf zu bekommen. Er kletterte also herunter und machte sich ein neues Lager in dem hohlen, windgefällten Baum zu seinen Füßen. Er machte ihn mit Laub und Moos dicht, flocht sich eine Tür aus Pisangblättern und fühlte sich ein oder zwei Nächte recht behaglich. Als die Gicht ihn aber wieder mal wachhielt, hörte er es unter sich im Moos rascheln und flüstern. Er war überzeugt, daß es das Tier mit den glasklaren Augen sei, das ihn jetzt endlich gefunden hatte. Vielleicht wohnte es eine Etage unter ihm und fürchtete, daß die Decke über ihm und seinen Jungen zusammenstürzen würde. Er leerte sein Nest bis auf die Rinde und untersuchte es in allen Ecken und Enden; als er nichts Verdächtiges fand, beruhigte er sich schließlich. Es war alles Einbildung. Man mußte nur sorgen, so schnell wie möglich einzuschlafen. Er bahnte sich einen Pfad um den Baum herum und machte sich abends bei Mondschein Bewegung. Oder er turnte in den Lianen, bis er schwitzte und vor Müdigkeit sofort einschlief. Hendrik hatte endlich angefangen zu malen. Er saß Stunde nach Stunde in dem Schatten einer alten Fächerpalme und versuchte mit zusammengekniffenen Augen die Urfarben zu entdecken, die noch kein menschliches Auge vor ihm gesehen hatte. Es wollte ihm nicht recht glücken. Immer wenn er sie zu erhaschen meinte, entschlüpften sie ihm auf dem Weg vom Auge zur Hand; und das, was er auf die Leinwand setzte, hatten sowohl er wie andere schon früher gesehen. Er stieß wütend mit seiner großen, gewölbten Stirn durch die Luft, während das Haar sich nach allen Seiten sträubte. Er kämpfte, bis das Hemd ihm am Leibe klebte; aber er erreichte es nicht. Dann warf er den Pinsel mißmutig von sich und streckte sich seufzend und grübelnd ins Gras, bis er sein eigenes Herz in der Stille schlagen hörte und die Einsamkeit sich so erstickend um seine Kehle legte, daß er singen und schreien mußte, um sich Luft zu verschaffen. Als er eines Nachmittags lange vergeblich gekämpft hatte, schlief er im Gras ein. Die Sonne war noch nicht untergegangen. Die Luft war still und schwül; und Hendrik schlief ermattet ein nach dem vergeblichen Kampf, bis ein neuer, jungfräulicher Tag hereinbrach und die unergründlichen Farben entzündete. Da fuhr Hendrik in die Höhe und rieb sich die Augen. Er blickte sich verwirrt um und wußte nicht, wo er war, bis sein Blick auf das Bild fiel, das noch auf der selbstgefertigten Staffelei stand. Jetzt erinnerte er sich seines hoffnungslosen Bemühens und wandte sich mit einem Seufzer ab. Er reckte sich den Sonnenstrahlen entgegen, die seinen Augen beständig spotteten, ging dann langsam zu seiner Höhle, um sich etwas Nahrung zu suchen. Er wollte sein Bild nicht sehen, hätte es am liebsten vernichtet und nie wieder Pinsel und Palette angerührt; als er aber daran vorbeischlenderte, konnte er es doch nicht lassen sich von seiner Minderwertigkeit zu überzeugen. Aber was war das? Hendrik blieb stehen und starrte es mit weitgeöffneten Augen an. War das das Bild, über das er geflucht und geschimpft hatte? Er trocknete sich den Schweiß von der Stirn und fuhr sich durch sein struppiges, rotes Haar, bevor er vorsichtig nähertrat. Er beugte sich über seinen Malkasten. Da lag die Palette und die Farben, die er gestern aufgesetzt hatte, waren in der Mitte zu einer einzigen, unbeschreiblichen Farbenmischung zusammengeschmiert. Dann starrte er wieder das Bild an. Im Vordergrund stand noch das hohe Gras und etwas vom Palmenstamm. Im Hintergrund aber vermischten sich Kronen und Blätter und Früchte mit dem Himmel, der in demselben unbeschreiblichen Gelb strahlte, das auch von der Palette und dem noch nassen Pinsel leuchtete. Wie es dort saß, Klecks neben Klecks, war es in wunderbaren Lichtern aufgetragen, die zwischen Palmengrün und feinster Lasurfarbe hindurchschimmerten. Hendrik kratzte sich den Kopf und rieb sich seine Stirnknoten. Er kniff die Augen zusammen und teilte das Bild mit der Hand wagerecht und lotrecht. Er trat ganz nah heran und untersuchte die Pinselstriche, zog sich dann wieder zurück, um den richtigen Gesichtspunkt zu finden. Da wurde ihm plötzlich das Geschehene klar. Die Lösung war gefunden. Der Sonnenaufgang zwischen Gebüsch und Palmenkronen – jetzt war er gemalt. Diese gelben Töne dort – diese strahlenden Lasurfarben – diese wunderbaren Pinselstriche, die jeder Form hohnsprachen, um sie im Licht neu erstehen zu lassen. Das war nicht gemalt – das war hingehaucht – das war die Natur selbst – die nackte, bebende, göttliche Natur. Es war kein Sinn in der Strichführung – die Auffassung war rätselhaft – die Mischung unerklärlich – aber das Ganze war ohne Brille gesehen – der ureigensten Natur abgelauscht – quer durch Symbole und Technik und Malerkunst und Hokuspokus hindurch. Wachend hatte er wie ein Verrückter gekämpft, in der Nacht aber, während sein Körper schlief, hatte seine Seele den Kampf von neuem aufgenommen. Beim Morgengrauen hatte das Genie seine Fittiche entfaltet und sich in seiner ursprünglichen Kraft gezeigt, hatte die Schranken des Ichs durchbrochen, Gewohnheit und Kunst und all den angelernten Kram beiseite geworfen, den Pinsel ergriffen, der Natur ungehinderten Eintritt in sein träumendes Auge gestattet und es gezwungen, sich zu entschleiern. »Hurra – Hurra!« Der große Hendrik Koort, er lebe hoch! Daniel – Jakob – Pieter – warum war keiner von ihnen da, um mit ihm zu schauen und in Bewunderung vor dem Meisterwerk in die Knie zu sinken. Nachdem seine Gemütsbewegung sich etwas gelegt hatte, setzte Hendrik sich mit untergeschlagenen Beinen auf die Erde und starrte andächtig, mit gefalteten Händen, auf das Bild. Wie war es vollkommen – wie war es unantastbar! Nicht einen Strich wollte er im wachen Zustand daran ändern. Wer doch immer so schlafen könnte! Zwanzigstes Kapitel Die poetischen Kristalle Jeden Morgen, wenn Daniel in seiner hochgelegenen Wohnung erwachte, stellte er sich vor seine Burg und wandte sich der Sonne zu, um sein Reich von neuem in Besitz zu nehmen. Aber er vermißte etwas. Es gab genug stolze Bäume, über die er hinwegblicken konnte; aber sie waren stumm, und er war nicht sicher, ob sie seinen Blick auch richtig verstanden. Es war niemand da, an dem er sich reiben, niemand, den er hassen, niemand, dem man Böses nachsagen konnte – kurz gesagt: er vermißte das große Tier. Was sollte er sprengen? – Wem sollte er das große, unbeschnittene Ich zurückgeben? Es gab Weiten genug, aber niemanden, über den er sich erheben konnte. Und das machte ihn klein. Er lauschte der Sprache der Tiere und notierte sich dies und jenes; aber die ursprünglichen, ausdrucksvollen Lautzeichen, von denen er sich so viel versprochen hatte, ließen ihn völlig im Stich. Sobald er zu fragen begann, schwiegen sie hartnäckig still. Daniel grübelte und litt, weil er den trägen Widerstand der Insel nicht zu brechen vermochte. Als er eines Morgens nach einem tiefen Schlaf, mit frischen Kräften erwachte, sagte er sich selbst: »Du mußt der Natur dichter auf den Leib rücken, wenn sie sich dir offenbaren soll. Du mußt mit ihr kämpfen. Die Natur ist ein Weib, mit einem tiefen Geheimnis hinter verschlossenen Lippen.« Was hatte er doch noch so echt Danielsch in seinem kleinen verunglückten Drama – »Der Schoß der Natur« –, das die Räuberburg so schmählich verunstaltete, geschrieben: »Es liegt ein Schloß vor dem Schoß, aber es ist weder feuerfest noch diebessicher.« Er mußte die Odyssee der Menschheit von vorn beginnen, mußte das ganze Stück sozusagen vom Blatt spielen – vom Feigenblatt. »Vom Feigenblatt bis zum Smoking – und wieder zurück!« Das war ein glänzender Titel. Er ließ ihn mit einem Seufzer fallen. Denn die Zeit war ja vorbei, wo er dem großen Tier kleine boshafte Bettellieder vorträllerte. Jetzt sollten Silberposaunen aus seinem Dichteratem erklingen. Und Daniel machte sich zu einem Robinson. Er schnitzte sich Pfeil und Bogen, und zwar nicht nur aus Romantik allein, sondern auch der vielen kleinen behenden Vögel wegen, die die launenhafte Insel über seinem Kopf hervorlächelte und die mitten in der Kasteiung entschwundene Fleischerinnerungen in ihm wachriefen. Der Tag, an dem er ein kleines verirrtes Taubenweibchen tötete, das das Opfer ihrer Neugierde wurde, war einer der festlichsten in seinem neuen Dasein. Er blickte ihr lange in die gebrochenen Augen, strich ihr sanft über die weichen Federn, die von dem rinnenden Blut zusammenklebten, verfluchte in einem Gedicht »Kleine Schwester du –« die Bruderhand, die sie grausam ihres Lebens beraubt hatte, und aß sie wehmütig in einer herrlichen Suppe, die mit Yamswurzeln und unreifen Bananen gekocht war. Am selben Nachmittag brachte er ein anderes Gedicht in Gestalt einer Jacke zur Welt, die aus feinstem Gras geflochten war. Sie umschloß seine Rippen wie einen Panzer und ersetzte ihm vollständig Hendriks Wollhemd, das jetzt, wie verabredet, gewaschen werden und in andere Hände übergehen sollte. Nachdem Daniel an diesem Abend seine Zugbrücke heraufgezogen und, wie es seine Gewohnheit war, in alle vier Windrichtungen nach den Wilden, die den Raub begangen, ausgespäht hatte, fühlte er mehr als je, daß er Herr der Insel sei. Jetzt fängt es an, dachte er bei sich. Er merkte, wie die poetischen Kristalle sein Gehirn kitzelten, und beschloß, mit seinem großen Poem zu beginnen. »Die Stimme der Einsamkeit« sollte es heißen. Schon am nächsten Tage, während seine Robinsonhände ein Tau aus dünnen Lianenschnüren flochten, umkreiste die Poesie ihn auf leisen Füßen; und bevor es Abend wurde, hatte er den ersten Abschnitt vollbracht. »Der Herr der Insel« hieß er und besang Daniel in übernatürlicher Größe. Er war stolz und froh darüber; in seinem ersten Schöpferglück sandte er dem großen Tier in Amsterdam einen sehnsuchtsvollen Gedanken; aber er ertappte sich selbst darauf, höhnte sich deswegen und verschmähte es sogar, um den Beifall seiner Kameraden am kommenden Sonntag zu buhlen. Während die Sonne güldenrot in dem Schoß der fernen Palmen versank und alles Lebende sich streckte, um die letzten Strahlen zu erhaschen, während die Vögel sich lauschend auf ihren Bettrand setzten und die Federn für die Nacht zurechtzupften, stand Daniel mit erhobenem Haupt vor seiner Steinburg, den Blick auf die glühenden Palmenwipfel geheftet, und tat der Insel sein Herrngedicht kund. Kaum aber war die letzte Strophe von seinen Lippen verklungen, da war es, als ob jemand drüben zwischen den Büschen lachte. Er vergaß den Atem einzuziehen. Es lief ihm kalt über den Rücken – aber nur einen Augenblick. Dann ergriff er Pfeil und Bogen, schritt über den offenen Platz und stand ganze zehn Minuten mit gespannten Nerven vor dem Gebüsch auf Wache. Jetzt, wo die Kristalle angefangen hatten, sich abzusondern, wollte er sein Leben nicht billig hergeben. Es zeigte sich aber nichts, und Daniel legte sich wie ein Held zur Ruhe. Er war überzeugt, daß es die Stimme der Natur gewesen sei, die ihren Protest gegen sein Herrngedicht herausgelacht habe. Es war die Stimme der Einsamkeit, die ihm geantwortet hatte, sie, die er bezwingen wollte. Jetzt sehnte er sich aber ernstlich nach seinen Kameraden, und wenn es auch nur Pieter Goy wäre. Nicht aus Furcht vor der Einsamkeit – Daniel fürchtete sich nie – sondern um ihnen das Große und Furchtbare mitzuteilen, daß die Natur ihn mit ihrem Protest beehrt habe. Als er am nächsten Morgen nach einer unruhigen, traumschweren Nacht erwachte, warf er erst einen vorsichtigen Blick auf die Strickleiter, ob sie auch von keinem berührt sei. Er ließ seine Augen um den Horizont herumwandern, bevor er sich aus seiner Burg hervorwagte, wappnete sich mit Pfeil und Bogen und durchsuchte das Gebüsch. Wenn es nun garnicht die Natur, sondern die Wilden gewesen waren, die ihn gestern verhöhnt hatten, so war sein armseliger Bogen eine schlechte Waffe. Das Herrschergefühl sickerte langsam in ihm herab, vom Herzen in den Magen und ganz bis in die Knie, wo es sich festsetzte. Im selben Augenblick schlug ein ferner Schuß an sein Ohr. Seine Knie fingen an zu zittern. Dann aber schoß ihm das Blut in die Wangen. Das war ja Pieter Goy. Er hatte die Büchse für die Nachtwache gebraucht. Und jetzt erinnerte Daniel sich, daß er vergessen hatte, ihm zu sagen, die Waffe wieder zu den anderen Sachen zu legen. Pieter hatte also nach Herzenslust die ganze Woche gepafft, während er – der Herr der Insel – sich mit einem armseligen, selbstgefertigten Robinsonbogen begnügen mußte. Daniel wurde zornig und beschloß, ihn sofort aufzusuchen. Nicht, weil er ein Bedürfnis nach Menschen hatte, nicht, weil er sich fürchtete, er, der die Einsamkeit ja gerade liebte und ihr sein großes Gedicht widmen wollte, noch viel weniger, weil er sich dachte, daß Pieter Vögel und anderes herrliches Wild geschossen habe – sondern einzig und allein, weil er sich bis ins Tiefste darüber empörte, daß Pieter sich an dem Gesetz verging, und weil er es als seine Pflicht ansah, Pieter Goy zu belehren, wer der eigentliche Herr der Insel sei. Daniel begab sich sofort auf den Weg. Als er vom Versammlungsort aus endlich Goys Haus erreichte, war es gerade Mittagszeit. Pieter war just im Begriff, die letzte der Konservendosen, die er als Belohnung für seinen Nachtdienst mitgenommen hatte, zu öffnen; da hörte er ein Geräusch und sah Daniel in höchst eigener Person von der Felswand herunterblicken. Als der Herr der Insel schließlich vor ihm stand, blickte sein Antlitz streng und düster. Goy beeilte sich, ihm alles zu zeigen, was er besaß, Haus und Schuppen, Vorratsschrank, Sonnensegel und Fischreuse; das alles aber vermochte den Herrn der Insel nicht zu besänftigen. Im Gegenteil. Und als Daniel schließlich der Büchse ansichtig wurde, bat er sich eine Erklärung über sie aus und ebenfalls über die Dosen, von denen er fünf zählte, die jetzt Dienste als Hausgerät taten. Goy bekam einen roten Kopf und meinte harmlos, daß von einer Rücklieferung keine Rede gewesen sei. Er beeilte sich, Daniel eine selbstgerollte Zigarre anzubieten und lud ihn zum Mittagessen ein. Als aber alles nichts nützte, blies er seine dicken Backen auf, stemmte die Hände in die Seiten und sagte, daß die Dosen ebensogut ihm gehörten, wie den anderen. Daniel habe ja selbst gesagt, daß das Eigentumsrecht einer der schlimmsten Schäden der menschlichen Gesellschaft sei. Da lächelte Daniel in seiner Überlegenheit. »Ganz recht,« sagte er, »und darum darfst du auch die Büchse nicht für dich allein behalten.« Pieter besann sich einen Augenblick. Dann wurde es ihm auf einmal klar, daß Daniel ihm die Büchse nicht gönne. Er hatte ihn natürlich schießen hören und wollte selbst etwas Gutes für seinen Magen haben. »Das ist wahr,« sagte er scheinheilig, »daran hab' ich nicht gedacht. Ich meinte, es sei Sünde, sie verrosten zu lassen. Aber wenn jemand Nutzen davon haben soll, so bist natürlich du es, der eigentliche Herr der Insel. Bitte!« Er reichte Daniel die Büchse. Im selben Augenblick sah er im Gebüsch über der Felswand ein Taubenpärchen Verstecken spielen. »Sst!« flüsterte er, »sieh die Tauben dort oben. Schieß sie, dann wollen wir einen ordentlichen Schmaus halten!« Daniel blickte in die Höhe. Er hatte noch nie im Leben eine Büchse abgeschossen; aber er schämte sich, es zu bekennen, und legte die Büchse gegen die Backe, wie er es bei anderen gesehen hatte. Aber er drückte das verkehrte Auge zu, auch war es ihm nicht ganz geheuer, den Schuß so dicht am Ohr zu haben; er hatte gehört, daß man dabei eine ordentliche Ohrfeige wegbekommen könne; und wenn er fehlschoß, würden die Vögel davonfliegen und ein delikates Mittagessen zum Teufel gehen. »Ich bin schon so lange aus der Übung,« flüsterte er und reichte Pieter die Büchse, »und ich seh' auch nicht scharf. Schieß du lieber.« Pieter schoß und bekam sie alle beide. Daniel beruhigte sich; und während Pieter die Tauben geschäftig zubereitete – sein Mund stand keinen Augenblick still dabei – besänftigte sich sein Gemüt. Da Hendrik und Jakob ebenso schlechte Schützen waren wie er, so meinte er, daß man Pieter die Büchse ruhig lassen könne, die ja übrigens in dem alten Staat auch ihm gehört hatte. Dafür aber sollte Pieter ihnen allen eine Sonntagsabgabe an Vogelwild liefern. Daniel schien zu vergessen, daß Fleischnahrung verboten und nur für den Notfall da sei. Goy dachte wohl daran, aber er hütete sich, ihn daran zu erinnern. Im Gegenteil, er beeilte sich, ihn beim Wort zu nehmen und die Verabredung festzuhalten; und als er gegen Abend von ihm Abschied nahm, nachdem er ihn noch ein großes Stück begleitet hatte, war Daniel so sanft gestimmt, wie er ihn noch nie gesehen hatte. Der Herr der Insel gelangte schließlich zu seiner Steinburg zurück; sein Arm war totmüde von all dem Wild und anderen guten Sachen, die Pieter ihm als Vorschuß auf die Sonntagsabgabe mitgegeben hatte. Einundzwanzigstes Kapitel Eva aus dem Meer Es war ein stiller, schwüler Nachmittag. Pieter Goy hatte endlich seine Reuse fertiggemacht und war damit zur Landzunge gegangen, um sie auszulegen. Als er einen passenden Platz für die Pfähle gefunden und die Reuse festgebunden hatte, sah er, daß eine niedrige und dunkle Wolke über dem Schaumgürtel des Korallriffs hing. Sie war so schwarz und dicht, daß die Flügel der Seevögel sich ganz weiß davon abhoben. Pieter kratzte sich bedenklich den Kopf; der Schweiß aber rann in der schwülen Luft in Strömen an ihm herab, und er war ganz dösig vor Müdigkeit. Wenn nun wirklich ein gehöriger Guß käme? Davon würde die Reuse wohl keinen Schaden nehmen. Er hatte mal gelesen, daß Fische bei bedecktem Himmel williger ins Garn gehen. Bei Sonnenschein ließen sie es sich auf der Oberfläche wohl sein. Dann überließ er die Reuse ihrem Geschick und schlenderte nach Hause. Als er aber ein Stück längs der Bucht gegangen war, fuhr ein plötzlicher Windstoß vom Land her durch die jungen Bäume. Es war, als ob der Wald ein langgezogenes Geheul ausgestoßen habe. Pieter knöpfte bei der plötzlichen Kälte Hendriks Wolljacke fester am Hals. Er zögerte eine Weile und machte dann mit einem Seufzer kehrt, um die Reuse einzuziehen. Kaum aber war er einige fünfzig Schritt auf die Landzunge hinausgekommen, als wieder ein Windstoß kam, heftiger als der erste. Er warf sich von den Baumwipfeln herab, traf ihn am Kopf und fuhr zischend über die Lagune, die schwarz wie Tinte war. Dann kam noch ein Windstoß, der ihn beinah zu Boden geworfen hätte. Er schnappte nach Luft. Im selben Augenblick platzte der Regen auf Blätter und Stengel herab und peitschte das seichte Wasser der Lagune, daß es wie die Strahlen einer Fontäne in die Höhe sprang. Pieter mußte seine Reuse im Stich lassen und sich Schritt für Schritt gegen den Sturm zurückkämpfen; bevor er aber seine Hütte erreichte, war er vollständig durchnäßt. Er rang Hendriks Wollhemd aus, während der Regen auf das Pisangdach klatschte. Pieters Haus lag im Schutz der Felsenwand. Aber durch das Fenster in seiner Tür konnte er sehen, wie die Bäume im Hof sich unter der Sturmpeitsche wanden. Er hörte sie seufzen und jammern, und in der Ferne sah er zwischen den Stämmen weiße Schaumköpfe auf der sonst so ruhigen Lagune. Pieter barg sein Sonnensegel zur rechten Zeit. Bevor er es aber unter Dach gebracht hatte, war es so dunkel geworden, daß er nichts als die Regenmauer sehen konnte, die grau und dicht das letzte Tageslicht verschlang. Pieter schenkte seiner Reuse keinen Gedanken mehr. Jetzt war es die Musik über seinem Kopf, die ihm aus Angst den Atem stocken machte. Die alten Bäume oben auf dem Felsen beugten sich heulend und krachend auf Pieters Dach herab, als ob sie voller Verzweiflung die Arme nach ihm ausstreckten und um seine Hilfe flehten. Er wagte nicht zu Bett zu gehen. Wenn die Bäume den Felsen loslassen und auf sein Dach herunterstürzten? Er stand vor seiner Tür und lauschte in die fürchterliche Nacht hinaus. Die Minuten vergingen und wurden zu Stunden. Durch das Jammern der Bäume und das endlose Plätschern des Regens klang ein fernes, dumpfes Gebrüll. Das ist das Meer, dachte er. Vielleicht stieg es jetzt, vom Sturm aufgepeitscht. Vielleicht würde es sich über die Lagune wälzen, über die Bucht, und alles unter den Füßen zertreten, bis es den Felsen hier erreichte, sein Haus wie eine Tür aus den Angeln hob und es mit sich über das Riff hinausriß. Starr vor Schreck faltete er seine Hände und dachte im selben Augenblick an Jakob Beer, den Krüppel, mit seiner elenden Pisanghütte. Hätte er sie ihm nur etwas besser gebaut. Während er so angestrengt lauschte, daß sein Kopf fast zersprang, rappelte er alle Gebete herunter, deren er sich erinnern konnte. Er wußte nicht, ob es der nahe Wasserfall war, der durch den Wolkenbruch schwoll, ob es die Regenströme waren, die zu einem Fluß zusammenliefen und zwischen Baumwurzeln und Gras sprudelten, oder ob der unheimliche Laut wirklich das Meer sei, das seine gierigen Arme nach der Insel ausstreckte. Die Nacht war so schwarz wie ein bodenloses Loch, aber ein jeder Zoll davon war mit unfaßbaren Lauten und unförmigem Leben bis zum Platzen gefüllt. Da klang es plötzlich wie Menschengeschrei vom Meer her. War es einer seiner Kameraden? – Oder waren es vielleicht die Wilden, die das Zeug geraubt hatten? Endlich drehte der Wind nach Westen um und ließ die Bäume über seinem Kopf los. Sie richteten sich auf, zerfetzt wie sie waren, während der Sturm jetzt den Bambushain heimsuchte. Sein Haus war außer Gefahr. Das unheimliche Rauschen und Sprudeln ließ nach. Er legte sich aufs Bett, um zu ruhen; im nächsten Augenblick aber schlief er totmüde ein. Es war bereits spät am Tage, als Pieter erwachte. Das Licht schien heller durch das Türfenster als sonst. Er sprang mit einem Satz aus dem Bett und blickte hinaus. Es war der Sturm, der zwischen den jungen Bäumen auf seinem Hof aufgeräumt hatte. Da lagen die jungen, schlanken Bäume kreuz und quer in dem aufgeweichten Boden. Ganz bis zum Wasserfall war das Meer gestiegen, überall lagen widerliche Seetiere und klammerten sich an die nassen Kalksteine, die in der Sonne blank schimmerten. Noch einen Meter weiter und Pieter hätte das Wasser in seinem Bett gehabt. Jetzt aber war es mit der Ebbe zurückgetreten und hatte aus seinem Weg durch Schilf und Gras Spuren hinterlassen. Pieter nahm seine selbstgefertigte Hacke über die Schulter und wagte sich zur Landzunge hinunter, um zu sehen, was aus seiner kostbaren Reuse geworden war. Während er zwischen den nassen Kalksteinen das Gleichgewicht zu halten suchte, hörte er, wie es im Gebüsch des Felsabhanges raschelte, als ob ein großes Tier sich bewege. Er faßte seine Hacke fester und sah sich um. Dumm, daß er seine Büchse zu Hause gelassen hatte. Er wagte nicht weiterzugehen, bevor er sich über die Gefahr, die in seiner Nähe lauerte, Klarheit verschafft hatte. Er mußte sich ja seinen Rückweg sichern. Er ging dem Laut nach und stampfte vorsichtig den Abhang hinauf. Wieder klang es wie das Stöhnen eines verwundeten Tieres. Er hielt den Atem an, zögerte mit klopfendem Herzen und ging dann weiter, indem er das hohe Schilf beiseite bog, das durch den Schutz des Felsens verschont worden war. Da ertönte dicht neben ihm ein gellender Schrei, so daß er sich beinah auf seinen Allerwertesten gesetzt hätte. Dort – an die nasse Wand der Klippe gedrückt – saß ein nacktes braunes Wesen, das in Todesangst die Arme über den Kopf spreizte. Die Pupillen leuchteten ihm wie Phosphor aus dem blendenden Weiß entgegen. Die dicken Lippen waren starr über den klappernden Zähnen geöffnet. Es war ein Weib. Um ihre Lenden hing der Rest eines zerfetzten Lendentuches. Sonst war sie, wie der Herr sie geschaffen hatte. Ihre Brust wogte wie im Krampf, und unter dem schwarzen Kraushaar rollte der Angstschweiß über die blanke Stirn. Nachdem Pieter sich gefaßt hatte, ließ er seine Blicke vorsichtig über den Abhang schweifen, ob vielleicht noch mehr von dieser Sorte da seien. Als er aber einen Schritt auf sie zumachte, warf sie sich flach auf die Erde und drückte ihr Gesicht in das nasse Gras. Pieter starrte ihren braunen Rücken verblüfft an. Sie glaubt, daß ich ein böser Geist bin, dachte er, und begann ihr freundlich zuzureden. »Ich tu dir ja nichts!« sagte er, wie man zu einem Kind spricht, und berührte ihre nackte Schulter, um sie zu trösten. Sie fuhr in die Höhe und wollte zur Seite springen. Pieter aber faßte sie noch rechtzeitig am Arm und hielt sie fest. Wie sie zitterte! Sie tat ihm leid, und er begann ihren kaneelbraunen Arm zu streicheln, der so schön warm anzufühlen war. Sie ist sicher nicht älter als achtzehn Jahre, dachte er, und blickte verstohlen auf ihre Hüften herab. Ihr Gesicht verzerrte sich. Sie stammelte allerhand bebendes Zeug zusammen, während sie mit ihrem Arm irgendwohin zeigte und darauf die Hand zum Mund führte. Pieter schüttelte den Kopf. Zuletzt aber verstand er, daß sie ihn flehentlich bat, ihr zu folgen. Er ging mit ihr, ohne ihren Arm loszulassen. Nachdem sie einige hundert Schritte gegangen waren, fiel sein Blick auf ein Kanu, das zertrümmert zwischen Steinen am Strand lag. Als sie dicht herangekommen waren, sah er hinter dem Kanu die Leiche eines braunen Mannes. Bevor Pieter sich noch von seinem Erstaunen erholt hatte, warf das Weib sich über die Leiche, Tränen entströmten ihren Augen und Schluchzen gurgelte in ihrer Kehle. Zwischen den Weinanfällen versuchte sie ihm etwas klarzumachen. Und als er sie verständnislos ansah, hob sie den Arm des Toten, während ihre tränenerfüllten Augen, die dunklen, reifen Trauben glichen, ihn zu etwas aufforderten, was er nicht verstand. Sie legte die Schulter des Toten in ihren Schoß, streichelte sie mit beiden Händen, sah wieder zu Pieter auf, und als er noch immer nicht begriff, beugte sie sich über die Schulter, als wolle sie in das braune Fleisch hineinbeißen. Da ging Pieter plötzlich ein großes Licht auf. Sie glaubt, daß ich sie fressen will; darum hat sie so geschrien, als ich ihre Schulter berührte. Und nun sieht sie mich an, während sie den Toten beweint, daß ich die frische Leiche statt ihrer verzehren möge. Sieh, er ist viel fetter und leckrer als ich, sagten ihre angsterfüllten Augen, während sie mit bebenden Fingern das Fleisch an der Schulter des jungen Mannes feilbot. Pieter mußte lachen, obgleich ihm etwas übel wurde. Aber er schämte sich gleich seiner Heiterkeit in Gegenwart eines Toten. Da fand er ein Mittel, um sie zu beruhigen. Er nahm eine getrocknete Banane aus seinem Futtersack, setzte sich aufs Kanu, brach die Banane mitten durch, reichte ihr die eine Hälfte und verspeiste selbst die andere. Sie betrachtete ihn mit offenem Mund. Dann klärte ihr Gesicht sich auf. Sie nahm die Banane, fiel nach der Todesangst schlaff zusammen und fing mit Begierde an zu essen. Es war so lange her, seit Pieter mit einem Weib zusammengewesen war. Er seufzte und dachte an Marie in Groningen, die ihn mit einem Luftikus betrogen hatte. Er wurde etwas rot, als ihm die Nacktheit des braunen Weibes richtig klar wurde, schlug ehrbar die Augen nieder, konnte es aber doch nicht lassen, ihr von der Seite zuzulächeln. Nachdem sie sich beruhigt hatte, saß sie ihm wie ein gehorsamer und aufmerksamer Hund gegenüber und machte ihm jede Miene nach, so gut es ihr gelingen wollte. Er gab ihr noch eine Banane. Dann machte er ihr begreiflich, daß sie ihm helfen solle. Er warf die Erde mit seiner Hacke auf, sie grub mit ihren Händen. Schließlich war das Loch so groß, daß er den toten Mann hineinlegen konnte. Indem Pieter das Loch zuwarf, fing das Weib wieder an zu weinen. Sie ist gewiß an Leichenverbrennung gewöhnt, dachte er. Aber für so'n Heidentum bedanke ich mich. Er schlug ein Kreuz über dem Grabe und betete mit lauter Stimme ein Vaterunser. Dann griff er nach dem Kanu und machte ihr Zeichen, daß sie am anderen Ende anfassen solle. Er wollte das Boot mit nach Hause nehmen, um es zu reparieren. Erst als er sich damit in Bewegung zu setzen begann, verstand sie, was er wollte. Ohne ein Wort zu sagen, entriß sie ihm das Boot, lud es auf ihre eigenen Schultern und stellte sich vor ihm auf, wie ein Lasttier, das darauf wartet, von seinem Herrn in Bewegung gesetzt zu werden. Pieter war gerührt. Es war ihm peinlich, daß eine Frau die ganze Last tragen sollte, aber er tat ihr dennoch den Willen. Er ging hinter ihr und sah, wie ihre schlanken, kräftigen Beine sich beim Schreiten unter der schweren Last wiegten. Ihm wurde bei diesem Anblick ganz warm ums Herz und er beschloß, sie Eva zu nennen, weil sie so nackt war. Als Eva Pieters Haus erblickte, verlor sie das Kanu vor Erstaunen. Sie setzte sich vor der Tür in die Hucke und rieb ihre Hände längs der Schienbeine. Während Pieter das Frühstück bereitete, folgte sie allen seinen Bewegungen mit dem größten Interesse. Ihre Lippen bewegten sich unausgesetzt; aber er konnte nicht hören, was sie sagte. Nachdem sie gegessen, was er ihr von seinem Überfluß gegeben hatte, gab sie ihrem Dank durch verschiedene Naturlaute Ausdruck und ließ sich schließlich zu seinen Füßen nieder, indem sie ihre schwarzen Augen voller Demut in die seinen heftete. Pieter überlegte hin und her, ob er seine Kameraden gleich aufsuchen, ihnen die große Begebenheit mitteilen und Eva vorzeigen, oder ob er bis Sonntag warten solle. Während er darüber nachdachte, strich er ihr bald über den Rücken, bald über die Arme und wurde bei jedem Mal weicher ums Herz. Wenn er sich ihr verständlich zu machen versuchte, zeigte sie ihm alle ihre Zähne und machte seine Mundbewegungen nach. Als es Abend geworden war, hatte er ihr ein Haus gebaut, wenige Schritte von dem seinen entfernt. Er hatte ihr Hendriks Wollhemd um die Hüften gebunden, damit sie doch etwas Anständiges anhabe. Als er ihr aber ihre Schlafstelle anwies, fiel ihm ein, daß sie in der Nacht durchbrennen könne. Vielleicht war sie gar nicht durch den Sturm von einer Nachbarinsel angeschwemmt worden, wie er sich eingebildet hatte. Vielleicht gehörte sie zu den Wilden, die ihm und seinen Kameraden aufgelauert und das Zeug gestohlen hatten. Vielleicht spionierte sie nur, und wenn es Nacht wurde, schlich sie zu den Ihren zurück, um ihn zu verraten. Er mußte sie anbinden. Aber er hatte nichts zum Binden, was nicht sie oder andere mit Leichtigkeit zerreißen konnten. Nein – es half nichts – er mußte sie ganz in seiner Nähe haben, um sich vor Verräterei zu schützen. Pieter wurde ordentlich rot bei diesem Gedanken. Er war ein ehrbares Gemüt und hatte Marie aus Groningen nie ganz vergessen können. Auch jetzt, während er das Bett, das er ihr gemacht hatte, unter sein eigenes Dach schleppte und an der entgegengesetzten Wand aufstellte – um vor Verräterei sicher zu sein – auch da mußte er so lebhaft an die große Enttäuschung seines Lebens denken, daß sein Herz zu klopfen begann. Als er aber Evas weiße Zähne in der Abendsonne blitzen sah, während ihre großen Augen sich bemühten, seinem weißen Körper jeden Wunsch abzusehen, als er ihre weiche Haut auf seiner Hand fühlte, indem sie in der Tür zu ihrem gemeinsamen Schlafzimmer dicht an ihm vorbeistrich, da machte er sich hart gegen seine Vergangenheit und gegen Marie. Er ging ins Haus, wo Eva sich bereits auf ihr Lager gestreckt hatte und von wo ihre Traubenaugen ihm so demütig entgegenleuchteten, daß ihm ganz sonderbar dabei zumute wurde. Pieter bekam nicht viel Schlaf in dieser Nacht – denn er mußte ja für seine Sicherheit wachen. Und als Eva anfing zu stöhnen und zu seufzen, da begann er ihr sanft zuzureden, daß er kein Menschenfresser oder böser Geist sei und daß sie sich nicht vor ihm zu fürchten brauche. An nächsten Morgen hatte Pieter sich eines Besseren besonnen. Er wollte Eva nicht mit zu den Kameraden nehmen, weder heut noch Sonntag. Das gibt nur Unfrieden, dachte er. Es ist besser, ich halte sie heimlich. Indem er mit gespreizten Beinen vor der Tür saß und zusah, wie Eva herumsprang und Reisig fürs Feuer sammelte, wie er ihr befohlen hatte, glitt sein Blick entzückt über ihre festen, runden Formen. Er lachte vergnügt vor sich hin, während er an Daniel und Hendrik und Jakob dachte, die Ärmsten, die sich mit Poesie und Malerei und Musik plagen mußten. Ho, ho, dachte er, jetzt hab ich auch eine Aufgabe bekommen, aber die ist von Fleisch und Blut, eine, die man anfassen kann. Ich will dieses hübsche, braune Mädchen zu einer richtigen Eva nach meinem Herzen erziehen, zu einem Weib, mit dem einem Mann gedient sein kann, die dankbar ist, wenn man etwas für sie tut, und nicht dem ersten besten Luftikus in die Arme fällt. Wenn sie anständig gekleidet wird, am Tage, dachte er, braucht kein Mensch sich ihrer zu schämen. Also was das anbetrifft – Zweiundzwanzigstes Kapitel Pieter Goys Seelenstärke Pieter sah einer frohen und hellen Zukunft entgegen. Er brauchte nicht mehr selbst Feuer anzumachen. Er hatte ein Weib, das Wasser trug, wusch, zu Hause blieb und die Hütte bewachte, wenn er auf die Jagd ging, das Vögel rupfte und Eingeweide ausnahm. Er hatte jemanden, der seinem geringsten Wink gehorchte, seine Mückenstiche auf dem Rücken kratzte, ihn fächelte, wenn es heiß war, an dem er seine üble Laune auslassen konnte, wenn er schlecht geschlafen hatte oder verdrießlich war. Sie zog wohl bisweilen ihre schwarzen Brauen zusammen und schmollte mit ihren dicken Lippen, aber ihm freche Antworten geben und sich gegen den Willen des Mannes auflehnen, wie es schlechter Frauen Art ist, das konnte und wagte sie nicht. Kurz gesagt, sie diente ihm getreulich bei Tag und bei Nacht. Pieter Goy vermißte sein geliebtes Amsterdam nicht mehr. Er hätte allerdings auch noch gern Hühner und Kaninchen gehalten, da sich das aber nicht gut machen ließ, so opferte er sich ganz und gar der Aufgabe, die Gott ihm anvertraut hatte, und machte Eva zu einer getreuen Helferin, nach dem alten holländischen Rezept, das er von seinen Vorfahren geerbt hatte. Er vermißte es natürlich sehr, daß er niemanden hatte, der ihn beneiden konnte. Und als der Sonntag kam, bedauerte er, daß er sie nicht mit zum Versammlungsort nehmen konnte. Er ermahnte sie mit Wort und Blick zu Wachsamkeit und Fleiß, trug ihr auf, die Matte fertig zu flechten, die er in Arbeit gehabt hatte, damit sie nicht auf sündhafte Gedanken käme und sich an Dingen vergriffe, die er an einem Ort versteckt hatte, den er das Magazin nannte. Er versuchte ihr durch Zeichen klarzumachen, daß es dort oben ein Auge gäbe, das über alles wache; sie aber mißverstand ihn und holte den Sonnenschirm, den er aus Pisangblättern gemacht hatte. Schließlich gab er eine Verständigung auf diesem Gebiet auf und ging von dannen, während sie in der Tür stand und ihm nachblickte. Jedesmal, wenn er sich umsah, begegnete sein Auge ihrem ehrlichen Gesicht, dessen bekümmerter Ausdruck ihm unendlich wohltat. Pieter hatte schon verschiedene trübselige Zusammenkünfte auf der Sonneninsel mitgemacht, diese aber schien ihm noch die traurigste von allen zu sein. Vielleicht aber kamen ihm die anderen so sauertöpfig vor, weil er selbst so vergnügt war. Jakob Beer war so heiser, daß er kaum ein Wort sagen konnte. Der furchtbare Wolkenbruch hatte die Pisangs geknickt, sein Dach eingedrückt und ihn und sein Bett unter Wasser gesetzt. Jetzt war der Schaden repariert, aber die Erkältung konnte er nicht los werden. Und was für den Krüppel das Schlimmste war: seine arme Violine hatte auch Regen bekommen und war ebenso heiser wie er. Hendrik Koort pries die Herrlichkeiten der Insel in einem Ton, der Daniel abwechselnd rot und blaß machte und selbst den gutmütigen Pieter Goy in Harnisch brachte. Hendrik hatte die ganze Nacht oben in seinem alten Nest zubringen müssen, weil sein hohler Baum voll Wasser gelaufen war. Und nicht genug, daß die Gicht ihn seitdem so geplagt hatte, daß er manchmal vor Schmerzen am liebsten laut geschrien hätte, sondern als er gegen Morgen einschlief, war er noch dadurch geweckt worden, daß ein Ast, den der Sturm geknickt hatte, ihm auf sein linkes Bein fiel, so daß es noch jetzt grün und blau war. Daniel hatte keinen weiteren Schaden durch das Wetter erlitten, als daß der Sturm seine eine selbstgefertigte Jacke über die Bäume ins Tal entführte. Sie hatte zum trocknen zwischen einigen Zweigen gehangen und er hatte vergessen, sie zu bergen. Pieter tröstete seine Brüder so gut er es vermochte. Er sprach aus seinem übervollen Herzen heraus von allem, was sie der Insel zu verdanken hätten. Er pries den Segen der Einsamkeit solange, bis selbst Daniel gereizt wurde und ihm befahl, den Mund zu halten. Hendrik schielte ärgerlich zu Pieter hin und sagte: »Hast du vielleicht das ganze Unwetter verschlafen, da du so vergnügt und zufrieden bist.« Sie drängten sich um ihn, um zu hören, wie er so unbeschadet davongekommen sei. Pieter erzählte mit strahlendem Gesicht von der fürchterlichen Nacht, wie sein Haus bedroht gewesen, und von dem Meer, das keinen Meter von seinem Haus entfernt gewesen sei. Als er schließlich den Verlust der kostbaren Reuse erwähnte, als sei sie nur eine Kokosnuß, die das Meer ihm geraubt habe, – als er mit untergeschlagenen Beinen am Feuer sah und seinen selbstgemachten Tabak paffte, während es aus all seinen Grübchen lachte, weil er an das dachte, was das Meer ihm statt der Reuse gegeben hatte, – da wunderten sie sich alle über ihren alten Futtermeister und beneideten ihn um seine Seelenstärke. Jakob Beer dachte an das gemütliche Heim mit Sonnensegel und Vorratsschlank. Er schlug die Augen schuldbewußt nieder, weil er fürchtete, daß die anderen ihm den heimlichen Ausflug vom Gesicht ablesen könnten. Pieter ist aus purer Dummheit so vergnügt, dachte Hendrik, gelobte sich aber gleichzeitig, ihm einen heimlichen Besuch abzustatten, um ihm diese Kunst abzulauschen. Daniel sah Pieter fest in die Augen und dachte an das gute Mittagessen, das er bei ihm bekommen hatte. Er vermied es, von seinem Besuch zu sprechen, obgleich er ja nur in einer gesetzmäßigen Angelegenheit, als Herr der Insel dort gewesen war. Als Pieter schließlich mit seiner Sonntagsabgabe herausrückte, sagte er auch nichts von seinem Besuch und der Verabredung. Es sah aus, als seien es Geschenke. Da waren zwei hübsche Vögel für jeden und einen extra für Daniel, seines schwachen Magens wegen. Hendriks saures Gesicht klärte sich auf. Er patschte Goy auf den Rücken und ließ zum erstenmal seit langer Zeit seine Naturtriller ertönen. Jakob Beer strich mit seinen langen, dünnen Fingern über die weichen Federn und sprach gerührt vom Menschen, der der brutale Feind der Natur sei. Da fiel ihm ein, daß er Pieter damit kränken könne, der so gut gegen ihn gewesen war. »Du glaubst doch nicht, daß ich dich meine, Pieter,« sagte er. Pieter glaubte gar nichts, denn er hatte überhaupt nicht zugehört. Er dachte an Eva, und wie es ihr wohl in der Einsamkeit ergehen mochte. Die anderen sollten ahnen – Wenn er es nun sagen würde –? Um Gottes willen – er war doch nicht verrückt. Pieter aber konnte nicht länger an sich halten. Irgendwo mußte es heraus. Und während er die Suppe zubereitete, begann er plötzlich aus vollem Halse zu singen: Wem Gott will rechte Gunst erweisen, Dem sendet er ein liebend Weib! Er wußte gar nicht, daß er das gute, alte Lied im Kopf hatte, bevor es ihm von selbst auf die Lippen gekommen war. Als er es aber erst mal bewußt sang, da freute er sich dessen sehr und wiederholte es immer wieder – dieselben Worte, denn mehr konnte er nicht. Jakob war der einzige, der hörte, wie falsch Pieter sang. Die anderen sahen nur, daß ihr gutmütiger, gesetzter, ehemaliger Futtermeister ganz aus Rand und Band war. Seine runden Augen traten ihm vor Entzücken aus dem Kopf, die Füße bewegten sich im Walzertakt, und seine Arme rundeten sich in der Luft, als ob er daheim in Groningen beim Schützenfest mit Marie zum Tanz antrat, bevor der Luftikus im Fahrwasser auftauchte. So hatte noch keiner von den anderen ihn gesehen. Hendrik blickte ihn einen Augenblick verblüfft an. Dann lachte er, daß die Tränen ihm in den roten Bart liefen, stimmte mit ein, glitt an Mariens Stelle in Pieters geöffnete Arme und hopste mit ihm herum. Daniel überlegte, ob es möglich sei, daß Pieter holländischen Schnaps auf die Insel geschmuggelt habe – oder ob es ihm vielleicht geglückt sei, heimischen Alkohol herzustellen, ebenso wie er sich Tabak bereitete. Da er aber keine Lösung finden konnte, so kniff er die Augen zusammen und beschränkte sich darauf, das Phänomen zu studieren. Dreiundzwanzigstes Kapitel Ein gutes und rechtdenkendes Weib Jakob Beer bekam wieder einen seiner Anfälle. Als er eines Tages seine Augen zur Wirklichkeit aufschlug, nachdem er lange an seiner großen Sinfonie gearbeitet hatte, begegnete ihm wieder der starre, leere Blick der Einsamkeit zwischen den Bäumen. Zitternd vor Angst kroch er in seine Hütte, hing Blätter vor die Öffnung und schloß die Augen, um zu schlafen. Aber der Schlaf floh ihn. Er hörte alle geheimnisvollen Raschellaute der Nacht und sah, wie das Tageslicht zwischen den Blättern der Tür hereinsickerte, bevor er endlich einige Stunden Ruhe fand. Er sprang auf, nahm seine Violine auf den Rücken, steckte einige Bananen und Vogeleier zu sich und begab sich mit dem schlechtesten Gewissen von der Welt auf den Weg zu Pieter Goy, um neue Kraft aus der Seelenstärke zu schöpfen, mit der Pieter sie bei der letzten Zusammenkunft alle in Erstaunen gesetzt hatte. Vielleicht hatte Pieter auch irgend etwas Gutes, Denn Jakob war nach einem langen Arbeitstag, der überstandenen Angst und der schlaflosen Nacht ganz ausgehungert. Er hatte sich von seinem letzten Besuch einen Richtweg gemerkt, der quer zu Pieters Bambushain führte, ohne daß er den Umweg über den Versammlungsort zu machen brauchte. Es war ein herrlicher Morgen, mit Vogelgesang und einer frischen Seebrise, so daß Jakob nach und nach ganz vergaß, daß er sich auf einem verbotenen Weg befand. Er summte ein Thema der Sinfonie, mit dem er sich gestern abgequält hatte, vor sich hin; und ehe er es sich versah, lag Pieters Bambushain, in Sonnenschein gebadet, auf der gegenüberliegenden Seite der Lichtung. Zehn Minuten später stand er auf dem Felsen über Pieters Haus und guckte hinunter. Der Topf hing über der Asche eines Feuers. Das Sonnensegel war ausgespannt. Jakob konnte am Schatten sehen, daß die Tür des Hauses offenstand, aber es war nicht das geringste Geräusch zu hören. Was? Geht er fort, ohne abzuschließen, dachte Jakob und rief vorsichtig: »Pieter – Pieter Goy!« Einmal. Noch einmal. Da bewegte sich der Türschatten. Gott sei Dank, er ist zu Hause. Jakob ließ sich keine Zeit zum Warten, er eilte zu der Stelle, wo der Zickzackpfad zwischen dem Gebüsch hinabführte. Als er unten angelangt war und sich dem Hause zuwandte, erstarrte er vor Staunen. Denn vor der Tür im Sonnenschein stand ein braunes Wesen, mit Hendriks Wollhemd um die Hüften und weiter nichts. Sein erster Gedanke war, daß Pieter von den Wilden überfallen und vielleicht getötet sei, und daß sie sein Haus in Besitz genommen hätten. Als er aber sah, daß es ein Weib war, das ihn mit großen Augen anglotzte und wahrscheinlich ebenso viel Angst vor ihm hatte wie er vor ihr, da dachte er, daß Pieter dieses braune Wesen vielleicht auf der Jagd gefangen habe. Am liebsten wäre er davongelaufen, aber die Neugierde hielt ihn fest. Er näherte sich vorsichtig, während das Weib sich an der Tür duckte und nach einem Weg zur Flucht umsah. Als er das Feuer und den Topf erreicht hatte, faßte das Weib einen raschen Entschluß. Ohne ihn aus den Augen zu lassen, bückte es sich herab, zog ein Bund geschälter Bananen hinter der Tür hervor und streckte es ihm entgegen, indem sie alle ihre weißen Zähne zeigte. Jakob wurde so überrascht über diese plötzliche Freundlichkeit, daß er fast vergaß, das Gebotene zu nehmen. Dann aber begriff er, daß es ein Beweis der Freundschaft und Gastfreiheit sein sollte und beeilte sich zuzugreifen. Seine Augen glitten über ihre nackte Brust, aber er zog sie schleunigst wieder zurück, errötete und aß mit niedergeschlagenen Augen. Eva musterte ihn von oben bis unten. Er war kleiner als ihr Herr, außerdem schief und mager. Nur die komische Waffe, die er auf dem Rücken hatte, flößte ihr noch Furcht ein. Als ob Jakob ihre Gedanken erraten hatte, nahm er die Violine vom Rücken und hängte sie über die Tür. Sie stieß einen Freudenlaut aus, verschwand in der Hütte und kam mit einer Schale frischer Kokosmilch zurück, die sie ihm mit beiden Händen entgegenstreckte, während sie wieder ihre Zähne zeigte. Hierin lag so viel Entgegenkommen, daß Jakob ganz verlegen wurde. Er hatte nie Beifall bei Frauen gehabt und selten in Holland Damengesellschaft gesucht. Eine liebenswürdige Wirtin mit nackter, brauner Brust mitten in der Sonne stehen zu sehen, war darum für ihn, der seit seiner Entwöhnung keine Frauenbrust wieder erblickt hatte, ein so ungewohnter Anblick, daß er ganz verstört wurde und es unhöflich fand, den Hut auf dem Kopf zu behalten, da die Wirtin so luftig bekleidet war. Indem er mit der einen Hand die Schale ergriff, nahm er mit der anderen den Hut ab, sagte »besten Dank« und machte eine linkische Verbeugung. Er trank aus Höflichkeit etwas und wollte sich just durch Zeichen erkundigen, wo Pieter sei, als etwas geschah, was ihn entsetzte. Als Eva begriffen hatte, daß er in friedlicher Absicht kam – er hatte ja ihren Willkommensgruß entgegengenommen und seine Waffe abgelegt – da erfaßte sie sehr schnell, daß dieser weiße Mann ein Freund ihres eigenen weißen Herrn sei; sie ließ es sich darum als gutes und rechtdenkendes Weib angelegen sein, in der Abwesenheit ihres Herrn jedem Wunsch des Fremden entgegenzukommen. Sie reichte ihm Speise, und er hatte gegessen. Sie reichte ihm zu trinken, und er hatte getrunken. Jetzt gab es nur noch eins, was sie dem Gastfreund ihres Herrn als Weib bieten konnte. Indem er seinen Kopfschmuck ablegte, gab er zu erkennen, daß auch dieses Dritte ihm angenehm sei. Denn in Evas Heimat hatte es etwas anderes und mehr zu bedeuten, wenn ein Krieger sein Haupt vor einem Weib entblößt, als in Europa. Eva, die ein gutes, braunes Weib war, dachte nur an die Erfüllung ihrer Pflichten. Da es außerdem so schön warm war und sie die Abwesenheit ihres Herrn dazu benutzt hatte, um einen langen Schlaf in der Sonne zu tun, so war ihr diese Pflicht durchaus nicht unsympathisch. Wie sie dort stand und ihm ihren runden Leib entgegenwölbte, sah Jakob plötzlich, wie sich der Ausdruck in ihren dunklen Augen veränderte. Er wurde schwer und verschleiert, als ob sie getrunken habe. Sie senkte den schwarzen Krauskopf demütig, zeigte ihre weißen Zähne, begann langsam den Knoten zu lösen, mit dem die Ärmel von Hendriks Wolljacke auf dem Rücken zusammengebunden waren, ließ sie langsam über ihre kaneelbraunen Beine hinuntergleiten, hob graziös die Füße daraus hervor und stand vor Jakob wie Eva vor Adam, bevor das Feigenblatt seinen Einzug in die Welt und die biblische Geschichte hielt. Jakob Beer war von Natur weder ein Held noch ein Krieger. Das Leben hatte ihn nicht gelehrt, eine unerwartete Situation mit einem Lächeln hinzunehmen. Er war keusch und unberührt. Und selbst wenn er sich mit Hendrik darauf gefreut hatte, nackt unter dem Schatten der Palmen, an der Mutterbrust der Erde zu ruhen, so hatte er sich doch nicht – nein, er hatte sich, rund heraus, nicht gedacht, daß Frauen zugegen sein sollten. Kaum waren seine Augen der Wolljacke auf ihrem Weg abwärts gefolgt, als er bis an die Haarwurzeln errötete und am ganzen Körper zu zittern begann. Und als Eva aus seinem Zögern zu verstehen meinte, daß der weiße Mann, ebenso wie ihr Herr, ein zu großer Häuptling sei, um sich selbst seines Brust- und Lendentuches zu entledigen, so streckte sie, pflichterfüllend bis zum äußersten, ihre Arme nach ihm aus, um das Hemd auf seiner Brust aufzuknöpfen, während sie wie eine Katze knurrte, der man gegen das Fell streicht. Da aber war es mit Jakobs Selbstbeherrschung vorbei. Voller Entsetzen warf er die Kokosschale, die er noch in der Hand hielt, von sich, stülpte sich den Hut auf den Kopf, riß die Violine von der Tür und rannte wie besessen davon, ohne sich ein einziges Mal umzusehen. Es dauerte eine Weile, bevor Jakob sich so weit beruhigt hatte, daß er das seltsame Erlebnis überdenken konnte. Als er aber schließlich wieder auf seinem einsamen Lager lag, die Hände unterm Kopf, und in die Äderung seines Blätterdaches hinaufstarrte, da sah er das braune Weib, wie es in seiner lächelnden Nacktheit vor ihm gestanden hatte, so deutlich vor sich, daß er es hätte malen können. Es überlief ihn heiß und kalt und er bekam keine Ruhe vor dem Bild, bevor er seine Violine ergriff und sich seine Gemütserregung durch die Fingerspitzen herausspielte. Es war ein ganz neues Thema, ganz neue Töne, die hervorfluteten. Sie setzten ihn selbst in Erstaunen und berauschten ihn, so daß er beinah bereute, nicht noch einige Augenblicke geblieben zu sein, um der nackten Weiblichkeit mit erhobener Stirn wie ein Mann in die Augen zu sehen. Jakob Beer hatte etwas zum Nachdenken bekommen. Darin also wurzelte Pieter Goys Seelenstärke. Er meinte, daß er moralisch entrüstet, ja, zornig auf ihn sein müsse; aber er konnte sich nicht dazu bringen, und am dritten Tag war er bereits so weit, daß er ihn aus vollem Herzen und ohne das geringste Schamgefühl beneidete. Er tröstete sich mit dem Gedanken, daß, wenn es ein braunes Weib auf der Insel gäbe, so würden wohl noch mehr von der Sorte zu finden sein. Er begann die lieblichste Musik zu spielen, die er kannte; vielleicht glückte es ihm dadurch, eines der anderen Weiber der Insel heranzulocken. Er rief und betörte auf seinen Saiten; und als das nichts half, suchte er in seiner Erinnerung sämtliche Tingel-Tangelmelodien hervor, die seine armen Ohren auf Straßen und in Kaffees gequält hatten. Obgleich es ihm eigentlich zuwider war, stieg er dennoch auf einen Brotfruchtbaum und spielte in alle vier Windrichtungen, bis er voll Entsetzen den Bogen sinken ließ. Denn in der Dämmerung der Laubkronen war es ihm, als sähe er mehrere dunkle Weiber erstaunt durch die Stämme lugen. Sie waren klein, mit kurzen Beinen; eher schwarz als braun. Und es ging nicht jener Glanz von ihnen aus, wie er über der blanken kaneelbraunen Brust und den schlanken Beinen im Sonnenschein gelegen hatte. Er starrte sich fast die Augen aus dem Kopf und wußte schließlich nicht mehr, ob die Gestalten wirklich oder nur Ausgeburten seiner eigenen Phantasie seien. Dann kletterte er vom Baum herunter und legte sich seufzend zu Bett. Vierundzwanzigstes Kapitel Der Segen der Einsamkeit Als Hendrik eines Morgens unter den Bäumen mit seinem Skizzenbuch herumstreifte, stieß er auf einen ausgetretenen Pfad im Gras. Das ist der Pfad der Wilden, dachte er, und überlegte, ob er umkehren solle, denn er war waffenlos. Die Neugierde aber ließ ihm keine Ruhe; er folgte dem Pfad mit langen, vorsichtigen Schritten und weit aufgerissenen Augen. Durch hohes Gebüsch gelangte er zu einer runden Lichtung. Auf der gegenüberliegenden Seite erhob sich ein stolzer Hain von steifen Bambusstämmen, die so dicht waren, wie Wasserstrahlen bei Regenwetter. Er sah, daß von den äußersten Stämmen etliche gefällt waren, und daß der Pfad um den Hain herumführte, bis das Gebüsch von neuem begann. Er folgte dem Weg, bis er einen Abhang erreichte, von dem er Aussicht über einen üppigen, jungen Wald und der leuchtenden Lagune im Hintergrund hatte. Er ging dem Geräusch eines Wasserfalles nach und kam bis zum Rand eines Abhanges. Da sah er, wie reines, kühles Quellwasser an dem steilen Kalkfelsen herunterplätscherte. Hendrik vergaß jede Gefahr, entkleidete sich und nahm ein Bad. Da meinte er eine menschliche Stimme zu hören, schlüpfte schleunigst in seine Bekleidung und schlich am Fuß des Abhanges entlang, bis er zwischen verstreut stehenden jungen Bäumen eine leibhaftige Menschenhütte sah, mit Bambuswänden und Pisangdach, mit Hof und Sonnensegel und Holzblock. Und vor der Tür hockte im Sonnenschein ein braunes Weib und schälte Bananen. Tod und Teufel, das ist das Dorf der Wilden, dachte er und versteckte sich vorsichtig hinter einem Busch. Wie er aber dastand und zu der Behausung hinüberäugte, sah er, daß ein Topf, genau wie seiner, an einem Asthaken baumelte; und war es nicht Pieters Hemd, das dort zum trocknen an einer Schnur hing? Sein erster Gedanke war, daß der Futtermeister den Wilden zum Opfer gefallen sei, und daß sie sich hinterher seiner Hütte bemächtigt hätten. Da aber kein anderes Haus weit und breit zu sehen war und kein anderes Wesen außer dem braunen Weib vor der Tür, und alles Frieden und Behaglichkeit atmete, da wurde ihm der Zusammenhang in einer plötzlichen Erleuchtung klar, und er begriff im selben Augenblick die seltsame Veränderung, die mit Pieter Goy vor sich gegangen war. Hendrik war nicht schüchtern. Er stampfte auf seinen dicken Beinen näher und ließ einen seiner wohlbekannten Naturtriller ertönen, damit Pieter hörte, daß er im Anzug sei und ihn in Empfang nehmen konnte. Das Weib ließ die Banane fallen und blickte sich in der Luft nach dem merkwürdigen Vogel um. Da hörte sie Hendriks Schritte und fuhr mit einem Schrei in die Höhe. Sie wollte fliehen; als sie aber sah, daß es ein weißer Mann war, wie ihr Herr, da wagte sie es nicht. Denn es mochte ja ein guter Freund sein, der zu Besuch kam und handeln und plaudern wollte. Als Hendrik den Hof erreicht hatte, stand sie zitternd gegen die Tür gedrückt; denn dieser weiße Mann war ebenso groß und stark wie ihr Herr und hatte rotes Haar und komische Beulen an der Stirn. »Sieh, sieh, was für 'n niedliches kleines Mädchen,« sagte Hendrik und kniff aus alter Gewohnheit das eine Auge zu. Wie war es wohltuend, mal wieder ein Frauenzimmer zu sehen, wenn es auch kaneelbraune Haut hatte. Er betrachtete ihr krauses Haar, ihre schwarzen Traubenaugen, ihre feste, runde Brust, die vor Angst auf und niederwogte, ihren runden, hervorstehenden Leib, und als sein Blick bis dorthin gekommen war, erkannte er seine gute, alte, Amsterdamer Wolljacke. Nachdem Hendrik sich satt gelacht hatte, kniff er sie in die Backe und sagte: »Himmeldonnerwetter, wo hat Pieter Goy dich hergekriegt?« Eva hatte bereits gelernt, daß, wenn ein weißer Mann sie an einer weichen Stelle berührte, so war es nicht – wie sie zuerst geglaubt hatte – um zu fühlen, ob sie fett genug zum fressen sei, sondern es war nur eine Zeremonie, die nichts Schlimmes zu bedeuten hatte. Im Gegenteil. Sie fühlte sich beruhigt und zeigte alle ihre Zähne. Hendrik musterte Hof und Hütte mit großen Augen. Hier war ja alles, was ein Mensch nötig hatte, und noch mehr dazu. Als er den Vorratsraum gefunden hatte, nahm er sich von dem Proviant, wozu er Lust hatte – er war hungrig nach dem Bad und dem Spaziergang – streckte sich vor der Tür auf die Matte unter dem Sonnensegel und bedeutete Eva, daß sie sich auch setzen solle. Während er aß, wichen seine starken, blauen Augen keinen Augenblick von ihr. Sie fühlte sich nicht ganz sicher in seiner Nähe, weil er selbst vom Essen genommen hatte; als er ihr aber einen Knochen von dem Vogelgerippe gab, das er in der Suppenschale gefunden hatte, da beruhigte sie sich wieder und erhob sich kurz darauf, um ihm etwas zum trinken zu holen. Er faßte die Schale mit beiden Händen, goß den Inhalt hinunter, schmatzte mit der Zunge und trocknete sich den Mund. Dann nahm er den Strohhut vom Kopf, wischte sich den Schweiß von der Stirn und setzte sich bequem zurecht, um sie recht gründlich zu betrachten. Eva wußte noch recht gut, wie es das vorige Mal gegangen war, als der andere weiße Mann seinen Kopf vor ihr entblößt hatte und doch fortlief, als sie ihre Pflicht erfüllen wollte. Sie war sich keiner Schuld bewußt, hatte ihrem Herrn aber dennoch den Besuch verschwiegen, weil er so ungünstig ausgefallen war. Als jetzt dieser fette Häuptling mit den seltsamen Beulen an der Stirn, der ihr nicht mal Zeit gelassen hatte, ihm den Willkommensgruß zu reichen, seinen Kopfputz ablegte, da wußte sie wirklich nicht, wie sie sich benehmen sollte. Das Essen hatte er sich ja auch selbst genommen. Ihr persönlich hatte der kleine, magere Häuptling von neulich, der so freundlich lächelte, besser gefallen. Dieser hier war so dick und erinnerte zu sehr an ihren eigenen Herrn. Andererseits aber rückte er ihr näher und näher und betrachtete sie mit Blicken, die sie kannte. Wenn sie nur gewußt hätte, was ihre Pflicht sei, denn als gutes, rechtdenkendes Weib wollte sie ja beileibe nichts versäumen; um so weniger, als es auch heut herrlich warm war und sie gut und lange geschlafen hatte, während Pieter auf der Jagd war. Das beste ist, man fühlt sich vor, dachte sie und richtete ihren schweren, trägen Blick auf seine himmelblauen Augen. »Oho!« sagte Hendrik. Das Herz wurde ihm warm und er rückte dicht an sie heran. »Willst du mir wohl meine Wolljacke wiedergeben, du kleine braune Range!« flüsterte er einschmeichelnd und begann an dem Ärmelknoten zu zupfen, der heut vorn saß. Eva knurrte wie eine Katze. Mit demütig gesenktem Kopf, die dicken Lippen weit über den weißen Zähnen geöffnet, beeilte sie sich, ihm zuvorzukommen, damit der Gast sich nicht selbst zu bemühen brauchte, wie er es mit dem Essen getan hatte. Behende schob sie die Jacke von den schlanken Beinen; und da dieser Häuptling nicht die geringste Miene machte, seinen Kopf zu bedecken und seines Weges zu laufen, da war sie ihrer Sache gewiß und befreite auch ihn im Handumdrehen von allem, was seine natürliche Bewegungsfreiheit hinderte. Hendrik Koort gab es nach kurzem Bedenken auf, Pieters Rückkehr abzuwarten. Er sah dem braunen Weib in die treuen Hundeaugen, entzückt und dankbar über ihre Gastfreiheit, und blickte sich vergeblich nach etwas um, das er ihr als Gegengeschenk geben könne. Da er nichts anderes fand, schnitt er einen Knopf von seiner Hose ab und gab ihn ihr. Sie war begeistert über das blanke Ding, versuchte es ins Haar zu stecken und nahm es schließlich in den Mund. Bevor sie sich trennten, versuchte Hendrik ihr klarzumachen, daß er bald wiederkäme. Das verstand sie sofort. Dagegen wußte er nicht, ob der starke Blick in ihren schwarzen Traubenaugen eine zustimmende oder abschlägige Antwort bedeutete, als er ihr verständlich zu machen versuchte, daß sie ihren Herren nichts von seinem Besuch zu erzählen brauche. Aber er verließ sich auf den angeborenen Instinkt des Weibes und wanderte seelenruhig von dannen. Von da ab kam Hendrik hin und wieder bei seinen Morgenspaziergängen in diese Gegend. Er wartete lauschend im Gebüsch, bis alles ruhig war. Dann ließ er prüfend seine Naturtriller ertönen. Eva erkannte sie sofort wieder. Wenn sie allein war, kam sie aus der Hütte gesprungen und winkte ihm. Sie sprachen nicht von Pieter – denn sie konnten sich ja so schwer verständlich machen – im übrigen aber nutzten sie die knappe Zeit gut aus, und Hendrik brachte ihr gewöhnlich irgend etwas mit, was er auf seinem Weg gefunden hatte. Sie hatte eine kleine Höhle hinter einem losen Kalkstein in der Felswand. Dort versteckte sie ihr privates Eigentum. Und diese Höhle war es, die Hendrik davon überzeugte, daß ihr weiblicher Takt sie vor Indiskretionen bewahrte. Hendrik erlangte nach und nach dieselbe Seelenstärke bei allem Mißgeschick, dasselbe wunderbare, geistige Gleichgewicht, das den ehemaligen Futtermeister auszeichnete; und er und Pieter wetteiferten bei den sonntäglichen Zusammenkünften, die Segnungen der Sonneninsel und der Einsamkeit zu preisen. Hendrik malte von morgens bis abends und rückte dem Naturdasein viel näher auf den Leib, als er je geahnt hatte. Herrliche Dinge malte er aus dem vollen Schoß der nackten, bebenden Natur – ohne Brille und ohne Symbole gesehen. Er malte nicht mehr im Schlaf, denn er schlief jetzt sanft und ohne Anfechtungen. Fünfundzwanzigstes Kapitel Das Fell des Bären Pieter hatte endlich ein Holz gefunden, womit er das Kanu ausbessern konnte. Er schnitzte sich Holzpflöcke mit seinem Taschenmesser, bohrte mit einem spitzen Stein Löcher und trieb sie statt Nägel hinein. Je mehr die Arbeit fortschritt, desto eifriger wurde er. Als der Rumpf ausgebessert war, machte er ihn mit Bast und Lianen dicht, die er mit dem zähen Saft einer Palme, die er nicht kannte, einschmierte. Nachdem er sich schließlich von der Wasserdichtheit des Bootes überzeugt hatte, war er stolz und glücklich und gönnte sich keine Ruhe, bevor er sich Mittel und Wege zu Riemen und Steuer, Mast und Segel ausgedacht hatte. Er träumte des Nachts davon und vernachlässigte seine Büchse, saß meistens zu Haus und schnitzte oder flocht. Wenn Hendrik zu der Zeit, wo er sonst unterwegs zu sein pflegte, angeschlichen kam, konnte er ihn schon von weitem bei der Arbeit singen und pfeifen hören. Eines Morgens früh, als alles ganz still war, wagte Hendrik sich bis zum Abhang vor und ließ vorsichtig einen seiner Naturtriller ertönen. Da erschien Evas Gesicht in der Tür mit allen Zeichen des Entsetzens. Sie hatte kaum Zeit ihm abzuwinken, bevor Pieter seinen runden Kopf durch die Tür der Hütte steckte – er war im tiefsten Morgennegligee – und nach dem Laut ausspähte, den er zu kennen meinte. Hendrik versteckte sich noch rechtzeitig, während Eva mit dem unschuldigsten Gesicht von der Welt mit Pieter zusammen nach dem Vogel Ausguck hielt. Hendrik Koort fluchte seinem bösen Geschick und gab die Versuche auf. Am folgenden Sonntag, als sie ums Feuer saßen und Kaffee tranken, während Pieter mit seinem unzerstörbaren Seelengleichgewicht allein für die Unterhaltung sorgte, machte der Maler sich Daniels saure Schweigsamkeit und Jakobs Herzensseufzer zunutze. »Brüder,« sagte er, »so kann es nicht weitergehen!« Daniel und Jakob blickten hastig auf. Hendrik sah ihren Gesichtern an, daß er an einem Geschwür in ihrem Inneren gerührt hatte, und schnitt kühn drauf los. »Die Sonneninsel trifft keine Schuld,« sagte er mit einem entgegenkommenden Blick auf den Herrn der Insel – »die Insel kann nicht besser sein, als sie ist, aber wir haben die Sache falsch angegriffen. Das sage ich, und dabei bleibe ich.« Hendrik schlug sich zur Bekräftigung auf seine Schenkel und starrte festen Blickes vor sich hin. Pieter sah von der Seite zu ihm auf und sagte unwillig: »Warum kann es nicht so weiter gehen? Ich finde, es geht großartig.« »Da haben wir es – Pieter findet, daß es großartig geht, während wir anderen fast verkommen vor Einsamkeit und Gicht und Leibschmerzen. Wenn auch der Staat und das große Tier vom Übel sind, so sage ich dennoch: der Mensch ist nicht dazu geschaffen, allein zu sein. Entweder verfällt er dabei der Faulheit und der Melancholie, oder er sieht Gespenster am hellichten Tage. Und warum findet Pieter, daß es großartig geht,« fuhr er fort und heftete seinen Blick auf Goys rundes, glänzendes Gesicht, mit dem strohgelben Haar, das ganz lang geworden war und sich an den Ohren lockte. Pieter schlug die Augen nieder, wurde rot und begann mit einem Stock im Feuer zu stochern. »Weil er eine Pferdenatur hat und geschickter mit seinen Händen ist als wir; denn wir haben ja nicht von Kindesbeinen an Gläser gespült und Bier geschenkt und so. Für jemanden, der es in den Händen hat, ist es eine Kleinigkeit, sich eine ordentliche Hütte zu bauen, mit Schuppen und Vorratsschrank und Sonnensegel und Holzblock; wer es aber wie wir anderen im Kopf hat –« Daniel hatte die Ohren gespitzt: »Woher weißt du, wie es bei Pieter aussieht?« Auch Pieter sah auf und fragte forschend: »Ja, woher weißt du das?« Jakob, der so viel zu verbergen hatte, beeilte sich hinzuzufügen, um nicht selbst in Verdacht zu kommen: »Wie kannst du das so genau wissen, Hendrik?« Da hab ich mich verlaufen, dachte der Maler und ärgerte sich. Jetzt ist es das beste, Farbe zu bekennen. »Weil ich es mit meinen eigenen Augen gesehen habe, als ich eines Tages mit meinem Skizzenbuch unterwegs war – ach, das ist schon lange her!« beeilte er sich hinzuzufügen, um Eva nicht zu verraten. Dann sprach er ausführlich von Pieters Herrlichkeiten, um Daniel und Jakob dorthin zu locken, wohin er sie haben wollte. Beer blickte beschämt vor sich nieder, während Daniel den Kopf in den Nacken legte und dem Flug der Wolken folgte. »Na, und was weiter?« fragte Pieter mißmutig, als Hendrik schließlich fertig war. »Was weiter? – Da der Mensch nicht dazu geschaffen ist, allein zu sein, so müssen wir natürlich zusammenziehen. Und da es Pieter ein Leichtes ist, zu bauen und zu tischlern und zu kochen usw., so hat es doch wahrhaftig keinen Zweck, daß wir anderen uns mit Dingen abquälen, von denen wir nichts verstehen – Gott sei Dank – denn wir haben wichtigere Dinge im Kopf. Darum schlage ich vor, daß wir alle in die Nähe von Goys Hütte ziehen. Ich weiß nicht, ob du am Strand wohnst, Daniel – davon hast du nie etwas erzählt – und bei Jakob ist es wohl auch nicht zu verlockend. Bei Pieter aber, da ist ein Wasserfall und eine Felswand, die Schutz gewährt, und ein flacher Strand mit Schildkröten und ein weiter Blick über das Riff, und Fischfang. – Wie gemütlich könnten wir dort alle beisammen wohnen. Ich meine nicht, daß wir uns gegenseitig auf den Pelz rücken wollen. Hundert Schritte oder mehr müssen zwischen jedem sein. Aber ich sehe nicht ein, warum Pieter ein Patent auf den besten Wohnplatz der Insel haben soll!« Pieter glühte vor innerer Erregung und der Schweiß brach ihm aus den Poren. »Hast du gehört, Daniel?« sagte er weinerlich und wandte sich hilfeflehend an den Herrn der Insel, der noch immer weitab zu sein schien, »hast du gehört, was er sagt? – Haben wir nicht Einsamkeit gesucht? – Sind wir nicht dem Staat aus dem Weg gegangen – mit seinem Mein und Dein, seinem Sollen und Dürfen? Wollten wir nicht wie die ersten Menschen sein – mit – mit Früchten und Palmen – und überhaupt. Und kaum sind wir damit in Schwung gekommen, so wirft Hendrik die ganze Geschichte über den Haufen. Da hab ich mich die ganze Zeit mit meiner Arbeit und – meiner Einsamkeit – gefreut, und nun soll ich es büßen, daß Hendrik zu faul ist, sich ein ordentliches Haus zu bauen, und statt dessen mit seinem Skizzenbuch herumläuft.« »Pieter,« sagte Daniel und betrachtete ihn mit strengen Blicken, »du redest von Dingen, die du nicht verstehst. Da du so geschickte Hände hast, solltest du froh sein, daß du auf einem Gebiet, das dir liegt, wirken und für andere arbeiten kannst. Da du dir schon längst das Deine besorgt und nichts mehr zu tun hast, so müßte es dich doch beglücken, eine ernste Aufgabe zu haben, ebenso wie wir anderen.« »Ich habe nichts mehr zu tun?« fuhr Pieter auf, seine wunderbare Seelenruhe war jetzt ganz verschwunden. »Schieße ich vielleicht nicht Vögel für uns alle? Habe ich nicht die Fische gefangen, die ihr, eben verzehrt habt? Ich nichts zu tun? Oh, du lieber Gott, den ganzen Tag haben wir alle beide bis über die Ohren zu tun.« »Alle beide?« Hendrik drang mit seiner gewölbten Stirn auf ihn ein – »wer sind alle beide?« Verflucht! – Pieter wurde feuerrot vor Verlegenheit. Jetzt saß er in der Patsche. »Hat Pieter sich vielleicht vermehrt?« fragte Hendrik neckend. Jakob wagte nicht aufzusehen. Er war von seiner schuldbeladenen Mitwissenschaft bedrückt. Daniel aber erhob sich in seiner vollen Autorität, trat dicht an Pieter heran, bohrte seinen Adlerblick in Pieters scheu umherirrende Augen und sagte streng: »Heraus mit der Wahrheit, Pieter Goy, wenn du es nicht mit uns verderben willst!« Pieter saßen die Tränen im Halse vor Ärger und Scham. Wie bereute er jetzt, daß er sie nicht gleich vorgezeigt hatte! Nachdem er alles erzählt und Daniel genau Rede und Antwort über Evas Alter und Aussehen gestanden und dabei den eigentlichen Grund, weshalb er sie seinen Brüdern verheimlichte, zu beschönigen versucht hatte, da sagte Hendrik mit vorwurfsvollem, traurigem Ton in seiner tiefen Baßstimme: »Pfui, Pieter, wie konntest du das übers Herz bringen! Wir haben dich aus deiner langjährigen Knechtschaft in der Löwenhöhle befreit, wir haben Geldopfer für deine Reise und Aussteuer gebracht, wir haben uns deiner angenommen, um dich zu unserem Niveau emporzuheben. Und dann lohnst du es uns, indem du dir erst die Büchse aneignest –« »Ihr wußtet ja doch nichts damit anzufangen,« wandte Pieter zaghaft ein und schnappte beschämt nach Luft. »Und als der liebe Gott so gnädig war, ein junges, braunes Weib an unsere Insel zu schwemmen, da nahmst du auch sie für dich in Anspruch und hieltest sie vor uns geheim.« »Ja, aber –« Pieter wollte eine Einwendung machen; Hendrik aber unterbrach ihn scharf: »Du willst doch nicht die freche Behauptung aufstellen, daß wir auch mit ihr nichts anzufangen wußten?« Jakob schlug die Augen nieder und rieb errötend seine mageren Hände gegeneinander. Pieter versuchte eine zornige Miene aufzusetzen; bevor er aber die richtigen Worte gefunden hatte, sagte Daniel, dessen Phantasie durch dieses seltsame Ereignis in lebhafte Schwingungen versetzt worden war: »Alles, was an den Strand geschwemmt wird, gehört dem Herrn der Insel. Du hättest wissen müssen, daß das Mädchen mir zukam.« Es gab ein großes Geschrei. Selbst der friedliche Jakob, der die kurze Begegnung als eine der schönsten Erinnerungen seines Lebens aufbewahrte, fuhr in die Höhe und protestierte energisch. »Dir?« schrie Hendrik. »Gibt es vielleicht etwas hier auf der Insel, was Eigentumsrecht heißt? – Sind wir dem Staat entflohen, um einen neuen zu gründen, mit Mein und Dein, und Sollen und Müssen? – Das Mädchen gehört uns allen zusammen! Und ich kann sowohl dir wie Pieter Goy erzählen, daß ich mir bereits meinen Anteil genommen habe!« Hendrik stellte sich kriegsbereit auf, die Hände in den Seiten. Jetzt war es heraus, und er war bereit, seinen Standpunkt gegen jedermann zu verteidigen. Pieter hatte den Sinn seiner Worte nicht gleich erfaßt. Er betrachtete ihn von oben bis unten. Dann fiel ihm ein, daß Hendrik ihn bei dem Wort »wir« ertappt hatte. Und er erinnerte sich des Morgens, als er den Vogeltriller gehört, der denen des Malers so ähnlich war; alle diese kleinen Dinge warfen ein plötzliches Licht über gewisse, unerklärliche Schwingungen in Evas ehelicher Entwicklung, die er in letzter Zeit beobachtet hatte. Plötzlich wurde ihm die ganze, beschämende Wirklichkeit klar. »Da soll doch gleich –« fluchte er und ballte Hendrik seine Faust entgegen, »Donnerwetter, soll das Weib aber Hiebe kriegen!« »Hiebe? – Willst du ein Weib schlagen, weil sie frei über ihre eigene freie Persönlichkeit verfügt? – Wir sind hier nicht in Amsterdam, mein Lieber! Wir sind freie, nackte Menschen, ohne Priester und Standesamt, ohne Staat und Polizei.« »Ach, wären wir doch zu Hause!« jammerte Pieter, »da gibt es doch Recht und Gesetz für jedermann. Kein anständiges holländisches Mädchen würde so undankbar gehandelt haben. Aus dem Wasser hab ich sie gezogen und gespeist, als ob sie meinesgleichen wäre – und dann – dann –« Pieter war mit seiner Kraft zu Ende. Der liebe Gott hatte ihm ein nacktes, braunes Weib geschickt, und er hatte es sich zur Aufgabe gemacht, es zu einer Eva nach seinem eigenen Herzen zu erziehen, zu einem Weib, mit dem einem Mann in guten und bösen Zeiten gedient sein konnte. Und nun war es trotzdem wie in Groningen gegangen, daß der erste, beste –« »Und wenn nun ein Kind kommt,« stammelte er in größter Erregung, »was sehr wahrscheinlich ist – soll das Kind dann vielleicht nicht mir gehören? Daniel, hörst du, was ich frage? – Ist es Recht und Gesetz, daß das Kind uns allen gehören soll?« Daran hatte Daniel nicht gedacht. Das Kind war eine Konsequenz, die er nicht vorausgesehen hatte. Jetzt aber durchdachte er den Fall in aller Eile. Und das Kind gab den Ausschlag. Er trat gebieterisch zwischen Pieter und Hendrik, die sich noch immer kriegerisch gegenüberstanden. Er wartete, bis die Gemüter sich etwas beruhigt hatten. Dann versammelte der Herr der Insel die Sonnenbrüder um sich und verkündigte das Urteil. Es sollte so sein, wie Hendrik vorgeschlagen hatte. Sie wollten alle an Pieters Strand ziehen, weil er sich als der günstigste Wohnplatz erwiesen hatte. Jeder sollte sich nach Pieters Vorbild ein Haus bauen, zweihundert Fuß von einander entfernt, damit das Gesetz der Einsamkeit nicht verletzt würde. Pieter sollte wie bisher Büchse und Weib behalten; – letzteres jedoch nur, wenn sie ihn aus freier Neigung wählte, ohne Zwang und ohne Fessel, – denn es lag den Sonnenbrüdern fern, die freie Persönlichkeit eines Weibes zu kränken, selbst wenn es kaneelbraun und wild war. Dafür aber sollten Goy und sein Weib die Verpflegung übernehmen und das Essen zubereiten, während jeder seinen Fähigkeiten entsprechend zur Einsammlung von eßbaren Dingen beitragen mußte. Und wollte es das Schicksal, daß ihr Staat – nein, nein, ihre Anzahl, durch ein Kind vermehrt würde, so solle dieses Kind Pieter gehören. Er allein solle wie ein Vater dafür sorgen und die volle Verantwortung für seine Entstehung tragen. »Auch wenn es mit rotem Haar und Stirnbeulen geboren wird?« fragte Hendrik und sah Pieter Goy, der mit gesenktem Kopf dastand und das Urteil entgegennahm, schadenfroh an. »Auch dann!« entschied Daniel und lächelte nicht. Als es Abend werden wollte, wanderten die Sonnenbrüder auf Daniels Geheiß nach Pieter Goys Hütte, um die Bekanntschaft seines Weibes zu machen und nach gemeinsam verbrachter Nacht neue Wohnstätten zu wählen. Pieter Goy hatte sich mit seinem Schicksal ausgesöhnt. Er erzählte von seinem fertig gebauten Kanu, und als die Sonnenbrüder den Bambushain passiert hatten und die Felswand in der Ferne auftauchte, da begann bereits, dank Jakobs Vermittlung, eine recht versöhnliche Stimmung zwischen Hendrik und Goy zu sprießen. Im Halbdunkel kletterten sie den Zickzackpfad hinab; und als sie die Hütte zwischen den Bäumen auftauchen sahen, erhob Pieter in einer Art Vaterfreude seine Stimme und pfiff, wie er zu tun pflegte, wenn er von der Jagd zurückkehrte. Eva aber zeigte sich nicht. »Sie ist eine große Schlafratte!« sagte er entschuldigend und lief auf die offenstehende Tür zu. Die Hütte war leer. Das Bett war leer. Als er auf den Hof kam, sah er, daß auch der Vorratsschrank leer war. Der Topf hing nicht mehr auf seinem Platz, und die Konservendosen, die als Hausgerät gedient hatten, waren verschwunden. Da wurde er von einem furchtbaren Gedanken gepackt. Mit der Büchse in der Hand stürzte er zum Strand hinunter, wo er das Kanu gebaut hatte. Auch das war verschwunden – mit Riemen und Steuer, mit Segel und Mast. »Sie ist mit allem durchgegangen!« rief er und sank weinend in Hendriks Arme. Sechsundzwanzigstes Kapitel Heimweh Die Sonnenbrüder wohnten jetzt alle an Pieter Goys Strand; Daniel aber hielt streng darauf, daß es darum doch kein Staat sei. Allerdings war die Arbeit zwischen ihnen verteilt, aber der Einsamkeit geschah deshalb doch Genüge; denn die Hütten lagen mehrere hundert Schritte voneinander entfernt. Einander nachbarlich in die Fenster gucken, das gab es nicht, und Besuche machen, wenn nicht die Not sie dazu trieb, war aufs strengste untersagt. Daniel, Hendrik und Jakob konnten wie bisher unabhängig voneinander ihrer Kunst leben. Sie sahen sich nur bei der gemeinsamen Mahlzeit am Sonntag, und wenn sie sich zur Mittagszeit ihre Ration in der großen Gemeinschaftsküche bei Goys Hütte abholten. Pieter war wieder Futtermeister wie in den Tagen der Löwenhöhle. Seine Pflicht war es, den Bedarf an Wild zu liefern, Feuerung zu schaffen und das Essen zuzubereiten. Außerdem war er Tischler, Maurer, Schmied, Korbmacher, Arzt und Apotheker der Gemeinde. Auch jeder der anderen hatte seinen Teil der materiellen Arbeit. Jakob Beer hatte seine Schwindelgefühle überwunden; und da er dünn und leicht war, wurde ihm die Aufgabe zuteil, Eier und Bananen für den Haushalt zu beschaffen. Hendrik sorgte für den Kokosbedarf. Da er die größten Kräfte hatte, mußte er die Kokosnüsse herschleppen, die oft schwer und von weit herzuschaffen waren. Er mußte sie auch öffnen und den Saft ausgießen. Daniel, dessen Hütte am weitesten draußen auf der Landzunge lag, fischte mit Pieters Reuse und seinen eigenen Angelschnüren. Er konnte halbe Tage mit Angeln verbringen, und dabei dichtete er. Wenn der Fang mager war, behauptete Hendrik, daß Daniel die Fische mit seinen Versen verscheuche. Für Tabak und Salz mußte jeder selbst sorgen. Da aber die Kunst ihren Verehrern eine strenge Herrin ist und irdische Dinge leicht vergessen macht, so geschah es nicht selten, daß Hendrik und Jakob, wie zur Zeit der Löwenhöhle, Pieter Goy anpumpten und gleichzeitig etwas mit ihm plauderten. Daniel betrachtete alles, was den Gesetzen der Insel widersprach, mit scheelen Augen. Er war überhaupt viel strenger als in der ersten Zeit und spielte sich so sehr als Herr der Insel auf, daß die anderen hinter seinem Rücken die Köpfe zusammensteckten und auf ihn schimpften. Pieter Goy verlor seine Seelenstärke. Nicht allein, daß er die Aufgabe, die Gott ihm durch Eva anvertraut hatte, vermißte. Er hatte außerdem noch Aufgaben genug. Sondern er hatte Sehnsucht. Pieter Goy hatte Heimweh – nach Holland – nach seinem Vaterland – nach den Kanälen – ja, rein heraus, nach den schmutziggelben Wänden der Löwenhöhle. Er hatte die ganze Zeit über genaue Rechenschaft mit den Daten in seinem Taschenbuch geführt. Als er jetzt anfing, März zu schreiben, stiegen Frühlingsgefühle in ihm auf. Obgleich hier in der Natur kein Unterschied zu merken war, – es war immer dieselbe ewige Sonne – so fühlte er doch ein Kribbeln und Krabbeln im ganzen Körper. Jetzt schmilzt der Schnee in Groningen, dachte er. Das Gras grünt und das Vieh kommt auf die Weide. Wenn er des Abends mit seiner Pfeife vor der Tür saß und zu der Lagune hinausblickte, wurden ihm die Augen feucht, und ein Seufzer nach dem anderen löste sich aus seiner bedrückten Brust. Die großen Felder der weißen, blauen und hellroten Hyazinthen breiteten sich vor seinem inneren Blick. Denn zu dieser Jahreszeit pflegte er, wenn er einen freien Tag hatte, mit der Eisenbahn nach Haarlem zu fahren, um sich am Anblick des Blumenteppichs zu erfreuen. Um seine Gedanken zu zerstreuen, begann er ein Kanu nach dem Muster dessen zu zimmern, das Eva mitgenommen hatte. Er mochte nicht, daß die anderen es wußten, und richtete sich deshalb einen Stapelplatz hinter der Landzunge in der großen Bucht ein. Hier stand er von dem Uferfelsen verborgen, der jeden Laut auffing, und zimmerte, wenn er seine tägliche Arbeit getan hatte. Er versenkte sich so in seine Arbeit – sie gab ihm viel zu denken, denn es war ja ein reines Wunder, wenn sie ihm überhaupt glücken würde – daß er garnicht bemerkte, wie auch die anderen mit jedem Tag stiller und trauriger wurden. Wenn Beer zur Mittagszeit kam, um seine Eier abzuliefern und seinen Topf Suppe abzuholen, pflegte er immer eine Weile auf dem Holzblock zu sitzen, mit Pieter Goy über Wind und Wetter zu sprechen und seiner heimlichen Begegnung mit dem braunen Weib zu gedenken. Eines Tages aber sank er mitten im Gespräch zusammen. Goy sah auf und entdeckte erst jetzt, daß der Krüppel furchtbar mager geworden war. Seine Augen waren größer und klarer, seine Nase spitzer, das festgewachsene Lächeln saß wie eine verwelkte Blume um seinen Mund. Die schiefe Schulter in die Höhe geschoben, die Arme im Schoß verschränkt, so saß er und starrte ins Leere. »Was fehlt dir?« fragte Pieter und faßte ihn am Arm. Jakob erwachte, betrachtete ihn mit fernen Blicken und lächelte. »Nichts,« sagte er. Tags darauf erschien Jakob nicht. Daniel und Hendrik hatten ihr Essen schon längst geholt und Pieter hatte auch gegessen; Jakob aber kam nicht. Der Ärmste wird krank sein, dachte der Futtermeister, tat eine reichliche Portion Suppe in seinen eigenen Topf und ging damit zu Jakobs Hütte. Einige Schritte davon entfernt blieb er stehen und lauschte. Jakob spielte. Alte, holländische Melodien, die er selbst tief im Inneren trug, tönten ihm entgegen. Er suchte vergeblich nach den Worten dazu, denn er kannte sie ja; aber es war ihm nicht möglich, sich darauf zu besinnen. Und kaum hatte er angefangen mitzusummen, so entglitt ihm die Melodie und ging in eine andere über, die er ebenso gut kannte und deren Worte er auch nicht finden konnte. Goy gab es schließlich auf. Er faltete die Hände über dem Leib und nahm die Töne mit tränenerfülltem Auge in sich auf. Als er schließlich in die Hütte trat, sah er Jakob zusammengekauert auf seinem Moosbett liegen, die Violine im Arm. Seine schmalen Lippen bewegten sich, als ob er mitsänge; aber es kam kein Laut heraus, nur seine Finger, die so dünn geworden waren, entlockten den Saiten diese heimatlichen Töne. Seine Augen standen weit offen, und große, klare Tränen rollten auf das Lager, auf dem er lag. »Jakob!« rief Pieter leise. Jakob kehrte ihm sein Gesicht langsam zu, aber er spielte weiter. Da stellte Pieter den Topf aus der Hand, setzte sich auf den dreibeinigen Stuhl, den er selbst gezimmert hatte, schlug die Hände vors Gesicht und weinte aus Sehnsucht nach all dem Guten, Alten in der Heimat. Jetzt wußte er, was es für eine Krankheit war, an der Jakob litt. Bevor sie sich trennten, erzählte Jakob ihm, daß er seine große Sinfonie »Die Natur« vernichtet habe. Es täte ihm weh, aber er hätte sich auf keine andere Weise Ruhe verschaffen können. Gestern abend sei es geschehen. Heute morgen aber, als er erwachte, habe er die Violine ergreifen und sich alle Erinnerungen aus der Heimat vom Herzen spielen müssen. Es klänge wie alte Lieder, aber es seien lauter eigene Kompositionen. Und jetzt sei er glücklich; in diesem Augenblick sei er ganz glücklich! Das konnte Pieter begreifen. Er hatte immer bei sich gedacht, daß es ein komisches Zeug sei, was Jakob sich auf seiner Violine zurechtfiedelte. Dies aber – ach, dies – »Damit wirst du in Holland einen Riesenerfolg haben,« sagte er und schlug seine dicken Hände zusammen. »Glaubst du?« fragte Jakob und sah auf. Im selben Augenblick fiel ihm ein, daß das große Tier ihn ja nie wieder hören würde; und da weinte er bitterlich. Eines Nachmittags, als Goy auf dem Heimweg an Hendriks Hütte vorbeikam, sah er ihn vor seiner Tür sitzen und malen. Goy hatte ihn schon häufig von weitem malen sehen. Er pflegte mit gespreizten Beinen vor seiner Staffelei zu stehen und die Augen wie ein Verrückter zwischen dem Bild und der Umgebung umherirren zu lassen. Heute aber saß er mit gesenktem Kopf da und malte wie im Traum. Goy konnte nicht widerstehen. Er schlich sich leise heran, damit Hendrik ihn nicht hören und wegjagen konnte; denn er mochte nicht, wenn jemand ihm bei der Arbeit zusah. Hendrik hörte ihn dennoch. Er wandte den Kopf, aber er sagte nichts und rührte sich nicht vom Fleck. Das Bild, das er malte, stellte Holland zur Frühlingszeit vor. Auf einer flachen, grünen Wiese weidete eine Kuh im hohen Gras. Die Sonne schimmerte blank auf ihrem braunen Fell. Frische Frühlingsluft kam vom Meer her, unter dem hohen, blauen Himmel. Die Spatzen zwitscherten und der Star flötete, daß es eine Lust war. Und dort rechts – ach ja, – da lag vor den kleinen roten Häusern ein großes Hyazinthenfeld neben dem anderen. Ach, wie sie in diesem Jahre blühten! – Und wie sie dufteten! »Hendrik,« sagte Pieter Goy und legte die Hand auf seine Schulter, während ihm die Augen feucht wurden, »wie ist das hübsch! Wie soll das Bild heißen?« »Das gelobte Land,« sagte Hendrik ohne aufzusehen. Er schämte sich des Bildes, denn es war ja nur nach dem Gedächtnis gemalt. Jakob Beer lag einige Zeit krank. Goy brachte ihm jeden Tag das Essen, und dann saßen sie und sprachen verstohlen von dem weiten Land mit den Kanälen, den Hyazinthen und Tulpen und dem Blütenduft der grünen Linden. Langsam reifte ein Entschluß in Pieter Goy; aber er wollte ihn dem Krüppel nicht anvertrauen, bevor er wußte, daß er die Hoffnung, die er in ihm erwecken würde, auch erfüllen konnte. Pieter war auf dem Boden der Munitionskiste angelangt. Erst waren noch hundert Patronen nach, dann fünfzig. Als aber der Tag kam, an dem er nur noch zwanzig Patronen zählte, da nahm er sich zusammen. Jetzt mußte es ernst werden. Pieter Goy wurde schweigsam. Sein Mißmut lagerte schwer auf den Hütten, denn seine gute Laune war es gewesen, an der die anderen gezehrt hatten. Es war Hendrik stets eine Zerstreuung gewesen, sich über dies und das und gar nichts mit Goy zu zanken. Und für Daniel war es eine Linderung gewesen, sich über Pieter zu erheben und an ihm herumzunörgeln. Jetzt aber war es vorbei; Pieter tat seine Pflicht und wenn sie ihn anredeten, antwortete er einsilbig. Sie sahen, daß er jeden Tag mit der Büchse fortging und lange fortblieb; aber sie hörten ihn nicht schießen und noch nie war die Jagdbeute so schmal gewesen wie jetzt. Trotzdem war er totmüde und schleppte die Beine nach, wenn er nach Hause kam. Siebenundzwanzigstes Kapitel Pieter Goys mütterliches Erbe Der erste Sonntag kam, an dem Jakob wieder an der gemeinsamen Mahlzeit teilnehmen konnte. Ganz gesund war er noch nicht, und mager wie ein Gerippe war er geworden; aber er behauptete selbst, daß es ihm wieder ganz gut gehe. Sie hatten fertig gegessen und saßen ums Feuer und verdauten. Pieter räusperte sich mehrmals, bis sie es alle gehört hatten und ihm ihre betrübten Gesichter zukehrten. Da erhob Pieter seine Stimme und sagte: »Wißt Ihr, daß es heut gerade ein Jahr her ist, seit wir zur Insel kamen?« »Ja,« sagte Daniel und blickte zu den Wolken hinauf, »heut vor einem Jahr nahmen wir die Sonneninsel in Besitz.« Pieter Goy zögerte eine Weile. Seine Brust arbeitete schwer. Sie konnten alle sehen, daß jetzt etwas platzte, was sich schon lange bei ihm angesammelt hatte. »Und was haben wir dafür gehabt?« brachte er schließlich wie mit einem Knall heraus. Alle richteten sich höher auf; keiner von ihnen aber sagte etwas. Sie warteten; denn sie konnten ihm ansehen, daß er noch lange nicht zu Ende sei. »Ist einer von uns zu einem neuen und besseren Menschen verwandelt worden und so? – Du vielleicht, Daniel, obgleich ich es nicht sehen kann – oder du, Hendrik? – Denn Jakob und ich haben uns nicht verändert, das ist sicher.« Er machte eine kleine Pause; als aber die Stille nicht unterbrochen wurde, fuhr er fort: »Kann man überhaupt ein anderer Mensch werden, weil man davonrennt und alles im Stich läßt? Darüber hab ich viel nachdenken müssen – und ich glaube es nicht. Denn man schleppt doch beständig mit sich selbst herum, wenn man auch halbnackt ist. Und wenn man auch seine Kleider ablegt, so kann man doch nicht das loswerden, was einem angeboren ist. Und das mit dem Staat und Mein und Dein und Polizei und Eigentumsrecht und Sollen und Müssen – was Daniel so schrecklich findet, und was es gewiß auch ist – das ist einem doch von Kindesbeinen an eingetrichtert worden und hat sich festgesetzt, so daß man es nicht ohne weiteres Herausschwitzen kann, selbst wenn man auf einer Sonneninsel wohnt, wo es keine großen Raubtiere und keine Schlangen gibt. Und gesetzt den Fall, daß man es herausschwitzen könnte, so glaube ich, daß man sich selbst gar nicht wiedererkennen würde, denn das wäre ja dasselbe, als ob man aus seiner Haut herausführe und erst glücklich wäre, wenn man sie sich wieder über die Ohren ziehen kann. – Seht Ihr, ich kann mich noch genau wiedererkennen, denn ich hab mich kein bißchen verändert. Und wie wir hier beisammensitzen – fern von allem Alten – haben wir doch das Alte wieder zwischen uns, wenn auch auf eine etwas andere Weise. Denn wir haben sowohl Staat wie Gesetz und Recht – denn du bist ja der Herr der Insel, Daniel – und der eine arbeitet für den anderen, ebenso wie wir es zu Hause tun, nur daß wir kein Geld dafür kriegen. Und darum frage ich wieder: Was haben wir dafür gehabt?« Pieter Goy schnaufte vor Anstrengung. So viel hatte er noch nie auf einmal gesagt. Daniel kaute auf seiner Pfeife; alle blickten verstohlen zu ihm hin, denn sie erwarteten, daß er wie ein böser Geist aus einer Flasche fahren würde. Denn so war Daniel. Aber es kam anders. Er blickte von unten in Pieters runde Augen und sagte sanft: »Das verstehst du nicht, Pieter Goy. Siehst du, mein Freund, hier leben wir unter einfachen, natürlichen Verhältnissen, in Einsamkeit und Frieden.« Pieter Goy richtete seine runden Augen auf ihn und sagte unschuldig: »Hättest du das nur gleich gesagt!« »Was?« »Daß wir in einfachen und natürlichen Verhältnissen und Einsamkeit und so leben wollten. Denn deswegen hätten wir nicht so weit zu reisen brauchen, das haben wir in meiner Heimat in Groningen von jeher gehabt.« Hendrik lachte. Er patschte sich auf seine dicken Schenkel, legte den Kopf zurück und schlug eine niederträchtige, nicht endenwollende Lache auf. Es nützte nichts, daß Daniel die Brauen runzelte und sich räusperte. Er wollte lachen, denn es war so lange her, seit er sich mal ordentlich ausgelacht hatte. Daniel erhob sich. Er war blaß, und seine Augen schossen Blitze. »Was soll das heißen, Pieter Goy, daß du dich gegen mich auflehnst?« Pieter wurde dunkelrot im Gesicht. Er zögerte, wischte sich den Schweiß von der Stirn und sagte dann fromm: »Das soll heißen, daß nur noch zwanzig Patronen nach sind – und dann ist es mit den Fleischspeisen vorbei.« Hendrik lachte nicht mehr. Selbst Daniel mußte schlucken, bevor er antworten konnte: »Dann müssen wir uns ohne behelfen!« »Und es soll heißen,« fuhr Pieter in demselben frommen Ton fort, »daß, wenn wir auf diese Weise fortfahren, so stirbt Jakob Beer uns unter den Händen weg.« Jakob sah entsetzt auf. Er wollte protestieren, hatte aber keine Kraft dazu. Denn er hatte sich schon im Geheimen dasselbe gesagt. »Sieh ihn doch an, Daniel! und auch du, Hendrik! Er hat ja kaum ein Pfund Fleisch auf dem Leibe, obgleich ich ihn seit drei Wochen gemästet habe.« Daniel sah Jakob an. Dazu hatte er bis jetzt noch keine Zeit gehabt. Jetzt aber sah er, wie mager er geworden war, und er wendete den Blick ab. Jakob Beer senkte den Kopf auf die Brust. Er wollte so gern verbergen, daß er weinte, aber er konnte es nicht; sie sahen es an seinen Schultern. Es gab eine lange Pause. Da hob Daniel wieder den Kopf: »Selbst wenn wir alles aufgeben wollten,« sagte er so leise und zaghaft, wie noch keiner ihn gehört hatte, »so ist es doch unmöglich, von hier fortzukommen.« Hendrik stützte seine Stirnbeulen in die Hände. In der tiefen Stille waren nur Jakobs schwere Atemzüge zu hören; er saß tief über seinen Schoß gebeugt, als sei das Leben bereits im Begriff, ihn zu verlassen. Da erhob Pieter Goy sich und sagte: »Seht Ihr, es ist gar nicht so unmöglich. Denn ich habe ein Boot gezimmert, und wenn es auch nicht viel wert ist, so ist es doch auch nicht schlechter als das, mit dem das Weibsbild durchbrannte. Ich wollte nicht, daß Ihr etwas davon wissen solltet, bevor es fertig war, und darum hab ich es drüben in der großen Bucht hinter der Landzunge gezimmert.« Jakob fing vor Aufregung an zu zittern; Hendriks Auge glühte dunkel und selbst in Daniels Blick wurde ein Licht entzündet. »Wie hast du dir das gedacht?« fragte er. »Ja, siehst du, der Dampfer, mit dem wir kamen, machte ja regelmäßige Fahrten. Jede siebente Woche, sagte der Kapitän, kämen sie auf dem Weg von Brisbane nach – wie hieß es doch noch gleich – hier vorbei. Und ich habe ausgerechnet, daß es bald so weit sein muß. Nun meine ich, daß wir es wagen wollen. Wir sammeln Proviant für einige Wochen. Dann gehen wir an Bord mit unserer Eßkiste und der Büchse, und rudern abwechselnd oder setzen das Segel, wenn der Wind danach ist, bis wir ins Fahrwasser hinauskommen. Ich hab in meinem Tagebuch genau aufgeschrieben, wie lange Zeit wir mit der Schaluppe gebraucht haben, danach können wir uns richten. Und dann legen wir bei und warten, und, die zwanzig Patronen bewahren wir für Notschüsse auf. Treffen wir nicht unseren eigenen Dampfer, dann treffen wir vielleicht einen anderen, und gibt es Sturm, so suchen wir schlimmstenfalls auf einer der kleinen Inseln Schutz, an denen wir vorbeifuhren, wie Ihr Euch wohl erinnert. Die eine Insel ist wohl nicht schlechter als die andere.« Daniel überlegte lange. »Wenn wir Glück haben und das Schiff treffen – das eine oder das andere – so wird man uns bis zum nächsten Hafen mitnehmen. Und was dann?« »Dort können wir den holländischen Konsul aufsuchen,« sagte Hendrik. »Und du meinst, daß er uns auf unsere schönen Augen hin vier Billette nach Europa verehrt?« »Er telegraphiert.« »An wen? – An die Königin von Holland? – Denn du glaubst doch nicht, daß der Reeder, der sich unser Verschwinden etwas kosten ließ, unsere gloriose Rückkehr bestreiten wird? Meine – vielleicht. Aber Eure?« Hendrik sann schweigend. »Verflucht,« brummte er, »daß wir unsere letzten Schillings an die Seeleute gegeben haben.« Zaghaft kam es von Pieters Lippen: »Ja, seht Ihr, das fand ich auch furchtbar dumm!« Da wurde Daniel aber böse. Er fuhr in die Höhe und sein Adlerblick schoß Blitze. »Du bist ja gar nicht um deine Meinung gefragt worden.« »Ruhig Blut!« sagte Hendrik und drang mit seinen Stirnbeulen auf Daniel ein. »Hier wird im Gegenteil gerade nach Pieters Meinung gefragt. Denn wenn wir ihn nicht gehabt hätten, wäre es schon lange mit uns aus gewesen. So, jetzt weißt du es.« Daniel biß sich in die Lippen, aber er schwieg. Da fuhr Pieter mit niedergeschlagenen Augen fort: »Ja, dumm fand ich es – und darum war ich nicht ehrlich gegen dich, Daniel. – Als wir unser Geld zwischen den Seeleuten verteilen sollten, da leerte ich nur mein Portemonnaie. Aber ich hatte noch etwas Gold in einem Lederbeutel auf meiner Brust. Das war der Rest meines mütterlichen Erbes und was ich sonst für meine bewegliche Habe bekommen hatte.« Pieter knöpfte sein Hemd auf und nahm ein schmutziges, gelbes Ding von seiner behaarten Brust. Er wog es in der Hand, so daß sie das Gold klirren hörten. »Es ist genug da, damit wir alle dritter Klasse nach Hause kommen können.« Hendrik tanzte ums Feuer herum und schloß Pieter in seine Arme. Jakob hatte sich auch erhoben. Er glühte im Gesicht wie eine verliebte Jungfrau. Seine Augen strahlten, als er Pieters Hand ergriff und sie mit seinen beiden streichelte. Daniel sagte nichts, denn er konnte keine Worte finden. Ihm schwebte so etwas von der gröberen Natur vor, die immer über die feinere siege; aber er brachte es nicht heraus, denn als es ihm auf die Zunge kam, da wußte er nicht recht, wer von ihnen eigentlich die gröbere und wer die feinere Natur sei. Schließlich trug er aber dennoch einen Sieg davon, auf den er stolz war, den Sieg über sich selbst. Er reichte Pieter die Hand über das verlöschte Feuer und sagte: »Von jetzt ab bin ich nicht mehr Führer, sondern du.« Pieter wurde so rot, wie er überhaupt werden konnte. »Aber Daniel, was redest du. Du bist und bleibst der Herr der Insel.« »Ach was,« rief Hendrik, »wir sind alle gleich. Hauptsache ist, daß wir von der verfluchten Insel fortkommen.« Dann schlug er seine allerlängsten Naturtriller, und nachdem das besorgt war, warf er seinen Strohhut in die Luft und sang das holländische Nationallied. Achtundzwanzigstes Kapitel Die Affen Eine Woche später lag das Kanu fertig ausgerüstet für die lange Reise. Die Proviantkiste war an Bord gebracht und alles, was sie an Zeug und Matten besaßen, um sich gegen Regen und Nachtkälte zu schützen; aber im übrigen hatten sie nur das Notwendigste mit. Denn der Platz war knapp und das Boot durfte nicht zu tief liegen. Daniel wünschte, daß sie um die Landzunge herum zu der Stelle ruderten, wo sie vor einem Jahr gelandet waren. Hier hatten sie die Sonneninsel in Besitz genommen, hier wollten sie ihr auch das letzte Lebewohl sagen. Es war dieselbe Küste, die sich hell und lächelnd vor ihnen ausbreitete. Es waren dieselben Palmen, die ihre schuppigen Stämme in die blaue Luft erhoben. Es war derselbe felsige Strand, wo die Matrosen ihre Kisten an Land gesetzt hatten. Jetzt wie damals huschten bunte Vogelfedern pfeilschnell durch die Luft. Vielleicht waren es auch dieselben Papageien, die vom Waldsaum zu ihnen herüber schrien. Und doch – wie verschieden bot sich das Bild ihren Augen dar, nachdem ein Jahr ihres Lebens – ein mühsames, seltsames Jahr – dort zwischen den Stämmen verborgen lag. Sie blickten der Insel lange in ihre unergründlichen Augen. Da erhob Daniel sich vorn im Boot. Er nahm seinen Hut ab und hielt folgende Rede: »Sonneninsel, du hast nicht alles erfüllt, was wir von dir erwarteten, als wir dich in Besitz nahmen, das ist wahr. Aber jetzt, wo wir die Herrschaft über dich niederlegen und dich dir selbst zurückgeben, sollst du wissen, daß du in deinem Schoß einen Teil unseres Ich birgst. Dafür nehmen wir aber auch etwas mit uns, was deines ist. Bevor wir dich kennen lernten, wußten wir nicht, was Einsamkeit bedeutet. Jetzt wird die geheimnisvolle Stimme deiner Einsamkeit mir in schlaflosen Nächten in dem alten Land vor den Ohren klingen; und bei dem Krieg auf Gnade und Ungnade mit dem großen Tier, zu dem wir jetzt zurückkehren, wird die Erinnerung deines Friedens wie ein Sehnsuchtsseufzer in unserer Brust aufsteigen. – Leb wohl, Sonneninsel! Leb wohl, du teure Insel! – Leb wohl, leb wohl!« Daniel schwenkte seinen Hut. Sie schwenkten alle ihre Hüte. Hendrik und Pieter riefen ebenfalls: »Leb wohl, leb wohl!« Jakob Beer aber war nicht dazu imstande; er dachte an seine große Sinfonie, während klare Tränen ihm über die Backen liefen. Da plötzlich wurde es lebendig zwischen den dunklen Stämmen und ein merkwürdiger Laut drang zu ihnen aufs Wasser hinaus. »Da hat jemand gelacht!« sagte Hendrik und erinnerte sich, wie er dieses Gelächter zum erstenmal gehört hatte, als sie vor ihren Kisten ums Feuer herumsaßen. Er hatte niemals, trotz Daniels Versicherungen, den Glauben an die Affen ganz aufgeben können. Jetzt, wo er zum letztenmal zur Insel hinüberblickte, während Pieter das Boot mit kräftigen Schlägen über die stille, blinkende Fläche der Lagune ruderte – da sah er und die anderen mit ihm, wie die Büsche sich auf dem felsigen Ufer bewegten. Sie sahen – was Hendrik am allerersten Tag gesehen hatte – wie dunkle Gestalten sich hastig an den schlanken Palmenstämmen herunterschwangen. Da war eine, da waren zwei, da waren viele. Die seltsamen Wesen liefen durch den Schatten des Abhanges in das weiße Sonnenlicht des Strandes hinaus. Und sieh – als sie im vollen Licht standen, da waren es kleine, kurzbeinige Menschen mit langen Armen. Sie waren mit Rock und Weste bekleidet, und der eine hatte sich eine gestreifte Wolljacke um den schwarzen Kopf gewickelt. Pieter ließ vor Staunen die Ruder sinken. Und bevor noch einer von ihnen Worte gefunden hatte, sahen sie, wie die Wesen die Arme nach ihnen ausstreckten; der, der die Wolljacke um den Kopf hatte, riß sie ab und schwang sie, wie Daniel seinen Hut geschwungen hatte. Gleichzeitig gellte ein seltsamer Lachchor übers Wasser. Die Sonnenbrüder aber erkannten im selben Augenblick ihre guten, alten Anzüge. Sie sahen sich an und wußten jetzt, wer ihre Sachen aus der Kiste gestohlen hatte. Hendrik war der erste, der seine Sprache wiedergewann. »Wir kamen zur Insel,« sagte er beschämt, »um nackt wie die ersten Menschen umherzugehen. Die Affen aber waren klüger. Während wir Gicht, Schnupfen, Magenkatarrh bekamen, gingen sie herum und ließen es sich in unseren verschmähten Anzügen wohl sein. Könnt Ihr hören, wie sie uns auslachen.« Jakob starrte mit großen Augen auf einen kleinen schiefen und mageren Gesellen, der seinen guten, alten Rock trug und mit seinem ganzen Gebiß grinste. Es war ihm, als ob er ihn schon mal gesehen hatte. Ja, richtig – es war die Spukgestalt, die ihn vor Entsetzen von seinen Schlafpisangs fortgejagt hatte. Waren es vielleicht auch Affenweibchen gewesen, die er mit seiner Tingel-Tangelmusik zu sich herangelockt hatte, als er sich nach Eva sehnte? Hendrik sagte nichts mehr. Er grübelte. Manches von dem rätselhaften Wesen der Insel wurde ihm plötzlich klar. Er dachte an den wunderbaren »Sonnenaufgang«. War es das Genie Koort, das ihn im Traum gemalt hatte – oder – Er spähte hinüber, ob nicht auch das naseweiße Tier mit den häßlichen Zacken irgendwo am Strand saß und mit seinen glasklaren Augen grinste. Aber er konnte es nirgends entdecken. Daniel gedachte der Stimme der Einsamkeit, die ihn verhöhnt, als er der Insel mit lauter Stimme seine ersten poetischen Kristalle kundgetan hatte. Aber er erzählte den anderen nichts davon und schlug es sich flugs aus dem Sinn. »Es waren also doch Affen auf der Insel!« sagte Pieter Goy und ließ seine Ruder einen Augenblick ruhen. Als sie das Riff erreichten und Pieter das Boot mit vorsichtigen Ruderschlägen längs des Schaumgürtels auf die Ausgangsstelle zubugsierte, sah er etwas Bretterwerk, das zwischen den Korallstöcken im Riff festgeklemmt war. Das Wasser schäumte darüber hin und her. Pieter ruderte so nah heran, wie möglich, um das Bretterwerk näher in Augenschein zu nehmen. Es sah aus wie der Deckel einer großen Kiste, Eisenstangen gingen quer darüber hin. Die Korallenäste hatten sich dazwischen geschoben und hielten es so fest, daß das Meer es nicht an sich reißen konnte. Etwas davon entfernt ragte ein breites Holzstück aus den Korallen heraus. Buchstaben waren in das Holz eingebrannt. Pieter konnte sie nicht deuten; Daniel aber las »Hagenbeck«. Da wurde es ihm klar, daß sie die Überreste eines Käfigs gefunden hatten. Er behielt also doch recht. Die Affen waren nicht heimisch auf der Sonneninsel. Sie waren ebenso wie er und seine Freunde eingewandert. Das Schiff, das sie zu den zoologischen Gärten Europas bringen sollte, war gestrandet und das Riff hatte den Käfig zerschlagen; die Affen aber hatten sich an Land gerettet. Neunundzwanzigstes Kapitel Zu Hause Von Daniel und seinen Freunden ist nun noch zu berichten, daß sie, dank Pieter Goys Erbe, schließlich auf dem Zwischendeck eines Bremer Dampfers Antwerpen erreichten, von wo sie wohlbehalten nach Amsterdam kamen. Daniel suchte den Reeder auf und erzählte ihm von ihren merkwürdigen Erlebnissen. Als er ging, ließ er eine Sammlung Gedichte liegen, die er in den langen, traurigen Tagen, als die Frühlingsgefühle ihn überkamen und die Stimmung immer trüber wurde, geschrieben hatte. Er hatte sie seinen Kameraden gegenüber garnicht erwähnt; denn er schämte sich ihrer eigentlich etwas. Sie hießen »Zu Hause« und handelten von Hyazinthen und Tulpen, von Kanälen und von dem Duft der Lindenblüten. Als der Reeder sie gelesen hatte, wurden ihm die Augen feucht. Er war recht alt geworden in der letzten Zeit, hatte häufig an den Tod gedacht; und Daniel war ja sein einziger männlicher Anverwandter, der seinen Namen weiterführen konnte. Er rief Daniel zurück und ließ seine Gedichte auf holländischem Büttenpapier drucken, mit Vignetten von dem Maler Hendrik Koort. Und da der Reeder dafür sorgte, daß die intime Geschichte des Bandes in den richtigen Kreisen bekannt wurde, so gab es einen großen Erfolg und Daniel wurde mit einem Schlage berühmt. Hendrik Koort warb um das große Tier mit seinem »gelobten Land«, das er in den Tagen des Heimwehs gemalt hatte – das Bild, das von Hyazinthen duftete und auf dem man die Stare flöten hören konnte. Es wurde bei einem Kunsthändler in der Kalverstraat ausgestellt. Selbst alte, verhärtete Börsenmakler und Kaffeespekulanten wurden bei seinem Duft und Gezwitscher patriotisch gestimmt. Und Hendrik bekam viele Bestellungen. Jakob Beer aber, der seine verlorene Sinfonie nie ganz verwinden konnte, dem erging es am sonderbarsten von allen. Er kehrte zu seiner alten Blindenkirche zurück und wurde von der Direktion zu Gnaden angenommen. Als er eines Tages an der Orgel saß, da begannen seine Finger ganz von selbst die Hymne von dem alten Land zu greifen, die Pieter ihn spielen gehört hatte, als er krank in seiner Hütte lag. Da aber wollte es der Zufall, daß die Königin-Witwe, die die Protektorin der Blindenkirche war, unerwartet zu Besuch kam, um das neue Altarbild zu besichtigen, das sie selbst geschenkt hatte. Sie lauschte entzückt den wunderbaren Tönen und erkundigte sich nach dem Namen des Organisten. Tags darauf wurde Jakob befohlen und mußte Ihrer Majestät auf dem Schloß etwas vorspielen. Er lieh sich einen Frack in Koorte Nieuwendijk, fuhr in einer Droschke mit seiner Violine zum Schloß und spielte so schön, daß sowohl die Königin wie die Hofdamen sich die Nase putzen mußten. Von diesem Tage an genoß er allerhöchste Gunst und ein kleines jährliches Stipendium für seine Weiterbildung. Das beste aber war, daß alle Hofdamen ihn mütterlich unter ihre Fittiche nahmen und ihn dem großen Tier empfahlen. Er wurde sofort modern und bekam so viel Unterrichtsstunden, daß er sie kaum bewältigen konnte. Und was das höchste ist, was ein Musiker in Holland erreichen kann – die Hymne wurde bei der königlichen Tafel gespielt, wenn fremde Fürsten zu Besuch kamen. Weder Daniel noch seine Freunde vergaßen ihren alten Futtermeister. Der Dichter stellte ihn dem Reeder vor und erzählte von seinem Erbe. Der Alte zahlte es ihm mit Zinsen zurück und steckte Geld in ein kleines Café, das Pieter einrichten wollte. Er war jetzt so lange selbständig gewesen, daß es ihm nicht mehr schmeckte, für anderer Leute Rechnung Bier zu schenken. Pieter nannte sein Café »Die Löwenhöhle«, Daniel und seinen Freunden zu Ehren. Es bekam ein Hinterzimmer mit gelben Wänden, ebenso wie das alte. Hier versammelten die Freunde sich jeden Sonnabend und sprachen von vergangenen Zeiten, während Pieter wie in früheren Tagen die Abfütterung besorgte. Vorn in den Straßenzimmern aber sammelte er einen treuen Kundenkreis um sich, der nie müde wurde, seinen wunderbaren Erzählungen von den Kämpfen mit Löwen, Tigern und Schlangen auf der fernen Insel zu lauschen – oder von der kleinen braunen Eva mit den demütigen Augen und der treuen Liebe, der nur durch den Tod ein Ende gemacht wurde. Ende