Gustav Wied Die leibhaftige Bosheit Die Stadt liegt am Fjord. Und von den Spazierwegen, die um die Hintergärten herumlaufen, hat man über das Wasser hinweg eine Aussicht auf ferne Hügel, Wälder und Gehöfte. Es ist eine alte Stadt und eine liebe Stadt mit vielen kleinen, wundervollen Häusern, sonderbaren Straßennamen und winkligen Gassen und Straßen. Und mitten in der Stadt auf einem Hügel liegt die Kirche, groß und weiß, mit bunten Fensterscheiben und zackigen Giebeln. Sie heißt »die Kirche der Weißen Schwestern«. Und ihren Namen hat sie aus der Zeit, als die Stadt katholisch war und hinter ihren kiesbedeckten Wällen Klöster und Stiftungen und fromme Schulen barg, wo die Söhne und Töchter der Bürger unter Psalmengesang und Weihrauch lernten, daß das Leben hienieden nur eine Wanderung in Gebet und Entsagung sein soll; eine Reise durch Waldesdickicht, an drohenden Abgründen entlang, wo bei jedem Schritt, den man tut, Tausende von Gefahren auf einen lauern. Und wo man das Ziel nur dann mit heiler Haut und ohne zu straucheln erreicht, wenn man von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang, ja selbst in der Nacht, seinen Blick und seine Gedanken und all sein Sehnen nicht auf die Welt und auf das, was von der Welt ist, richtet, sondern auf das Eine, Unsagbare und Unfaßliche: daß das Leben hienieden nur ein ewiger Tod, der Tod selber aber die Schwelle des ewigen Lebens ist. Ja, so lebte und lehrte man dazumal. Jetzt war es anders geworden. Es ist dies nicht so zu verstehen, als wenn die Stadt besonders »gottlos« geworden wäre. Keineswegs! An Sonn- und Feiertagen saß man noch immer in den alten geschnitzten Eichenstühlen in der Kirche der weißen Schwestern und lauschte andachtsvoll den Worten des Geistlichen und den Tönen der Orgel. Man bezahlte ohne Murren seine Steuern und seinen Zehnten an die weltliche und an die geistliche, von Gott eingesetzte Obrigkeit. Man gab den Armen einen Kupferdreier und ein Paar Scheiben Schmalzbrot, wenn sie der Hilfe würdig waren. Und zur Weihnachtszeit strickte die alte Stadt wollene Jacken und warme Unterhosen für die zerlumpten Kinder auf der Straße. – Aber – und darin liege der Unterschied zwischen einst und jetzt, sagten die Moralisten – man tat dies alles: das Kirchengehen, das Schmalzbrotverteilen an die Armen, das Bezahlen der Steuern und des Zehnten, das Stricken von Hosen und Jacken, nicht , weil man es mußte, von einem inneren, unwiderstehlichen Drang getrieben. – Man tat es, weil die Nachbaren es taten. Denn die Stadt war klein. Die Straßen eng und schmal. Man sah einander in die Stuben, roch gegenseitig das Mittagessen. Und es lag ja kein erdenklicher Grund vor, weshalb Frau Lassen nicht am Dienstag mit Rückenbraten und roter Grütze traktieren sollte, wenn sich Frau Heilbunth schon am Sonnabend mit diesen Leckereien wichtig gemacht hatte! Es war Sonnabend, Scheuer- und Putztag. Die Uhr am Kirchturm schlug sieben, und der Straßenlärm hatte noch nicht begonnen. Aber durch die ganze Stadt lief ein unaufhörliches Schwatzen und Kichern von Dienstmägden, die in ihren flatternden baumwollenen Kleidern dastanden und sich mit der einen Hand am Fensterpfosten festhielten, während sie mit der andern die feuchten Branntweinlappen über die Fensterscheiben hin und her bewegten, um sie blitzblank zu machen. »Wo bleibt denn nur der kleine ›Thumsen‹?« rief die lange Engeline, die auf Konsul Mörchs Wohnstubenfenster im ersten Stockwerk losfiedelte, so daß es klang wie Vogelgezwitscher. »Er muß wohl erst trocken angezogen werden!« brummte Telephondirektors fette Rikke von einem andern Fenster herab. Sie hatte eine Stimme, als spreche sie durch ein Drainagerohr. Engeline kreischte vor Lachen und mußte sich mit beiden Händen an den Fensterpfosten festklammern, um nicht herabzustürzen. »Was sagt Rikke? Was sagt sie? Macht Rikke Witze?« erscholl es ringsumher. »Sie sagt, ›Thummelumsen‹ kriegt erst frische Windeln an!« »Hi, hi, hi!« kicherte es im Chor, und die baumwollenen Kleider schwänzelten und wogten in Lachzuckungen. »Ihr Grienliesen!« schalt die alte Dorthe auf der Mansarde und schlug zwei von Fräulein Reiersens Nackenpummeln zusammen; es klang wie Hammerschläge – »alberne Trinen!« Durch das Nonnentor kam ein Bauernwagen gerumpelt. Die Pferde humpelten in kurzem Trabe daher, und der Kutscher saß schläfrig und zusammengesunken auf dem Bock und zwinkerte mit den Augen, als schlief er. Es war ein Bretterwagen, und sein Gerassel über das Pflaster erfüllte die ganze Straße und machte die Fensterscheiben klirren. Ein paar von den Mägden drehten die Köpfe herum und riefen »Guten Morgen«. Im selben Augenblick strich ein Windstoß über die Dächer hin, und die baumwollenen Kleider blähten sich wie Ballone. »Hi, hi, hi!« grinste der Knecht, der jetzt plötzlich ganz wach war, und langte mit der Peitsche nach Engeline hinauf – »fette Waden!« »Du Bauernlümmel!« brummte die fette Rikke durch ihr Drainrohr. »Das mag er wohl!« Und abermals erscholl lautes Gekicher aus allen Etagen herab. Der Bauer lachte mit und sah mit einem zugekniffenen Auge zu den Damen hinauf und rumpelte weiter. – Es war die Hauptstraße der Stadt, die sogenannte Südstraße. Die Häuser zu beiden Seiten glichen zwei Reihen abgenutzter Zähne; alte und ungleiche, lange und schmale, breite, kurze und abgestumpfte waren bunt durcheinander geworfen. In einem ganz kleinen »Zahn«, einem winzigen, einstöckigen, dreifenstrigen Hause, das zwischen zwei langen Nachbarn eingeklemmt lag, die beide ein zweites Stockwerk und eine Mansarde aufzuweisen hatten, wohnte der vorhin erwähnte »Thumsen«. »Karen Thomsens Wäsche- und Garngeschäft« stand über der Ladentür zu lesen. Das Haus war mit Ölfarbe gestrichen, perlgrau mit hellbraunem Sockel. Und von der Straße trat man direkt in den Laden. »Thumsen« hieß Emanuel und war Karens Sohn. »Da ist er!« flüsterte Engeline. Ihr Flüstern klang scharf und deutlich, wie ein Zugwind, der durch eine Türspalte fährt. Die fette Rikke wandte ihren Fleischkloß von Gesicht nach der Straße um und nickte: »Guten Morgen. Herr Thomsen!« »Guten Morgen, Herr Thomsen!« sagte auch Engeline. Und: »Guten Morgen! Guten Morgen!« schallte es von allen Seiten. Aber der kleine Mann da unten tat, als höre und sehe er nichts. Er war mit einer Gießkanne und einem Besen aus der Ladentür herausgekommen und begann jetzt, den Bürgersteig gründlich und sorgfältig zu begießen, darauf nahm er die eine Hälfte der Fahrstraße vor, die rein zu halten ihm oblag. Er begoß beinahe wie nach einem Lineal. Auch nicht ein Tropfen fiel auf den Teil der Nachbarn oder seines Visavis. Und doch war Thomsens rechte Schulter schief. Als das Begießen beendet war, nahm er den Besen und fing an zu fegen. – Ringsumher aus den Haustüren und Torwegen der Straße tauchten jetzt nach und nach Mädchen und Frauen auf, um zum Bäcker und zum Milchhändler zu gehen. Und Knechte und junge, schlaftrunkene Handelsgehilfen öffneten die Laden vor den Schaufenstern. Die Sonne blitzte über den hohen Bäumen der Anlagen auf, und aus den meisten Häusern die Straße hinab sandten die Schornsteine ihren blauen Morgenrauch in die Höhe. »Ich kann, weiß Gott, nicht begreifen, Thomsen, daß Sie tagaus, tagein so fegen mögen!« Der Fuhrknecht aus dem benachbarten Hause war aus dem Torweg getreten und stand nun träge gegen die Mauer gelehnt da und gähnte und streckte sich, so daß es in allen seinen Gelenken knackte und ächzte: »Ich begreife es nicht!« sagte er. – »Und dann müssen Sie ja, den Kuckuck auch, heute abend wieder fegen, es ist ja Sonnabend, Mensch! – Morgen!« fügte er darauf laut und verbissen hinzu, als Thomsen unverdrossen bei seiner Arbeit blieb, ohne zu antworten. »Guten Morgen!« sagte Thomsen höflich, aber ohne den Kopf zu erheben. »Sie sollten sich ein Hörrohr zulegen, so wie Fräulein Reiersen!« sagte der Knecht und verschwand auf den Hof, weil im selben Augenblick nach ihm gerufen wurde. – »Wenn die Leute mit Ihnen sprechen, Sie Esel!« sagte er. Emanuel Thomsen würdigte ihn keiner Antwort. – Ein Wagen nach dem andern rumpelte jetzt durch das Nonnentor. Die meisten hatten hintenauf einen Gitterkäfig, in den ein oder zwei, ja zuweilen sogar drei Schweine hineingepfropft waren. Der Sonnabend war der »Schweinetag« in der Stadt, und die Bauern lieferten an die Schlachterei ab. Sehr verschiedenartig waren die Laute, die die Tiere ausstießen, wenn sie aus ihrem Schlummer geweckt wurden durch den Übergang von der ebenen Landstraße zu dem spitzigen Straßenpflaster. Sie quiekten und schrien laut. Und die Mädchen ringsum in den Fenstern quiekten mit und wehten mit ihren Putztüchern grüßend zu den Bauern hinab. »Hm!« brummte Emanuel, als ein Wagen mitten durch den schön aufgehäuften Kehrichthaufen fuhr, den er auf der Straße vor dem Hause zusammengefegt hatte. – »Kann man sich denn nicht vorsehen?« »Setz' ein Gitter herum!« höhnte der Kutscher. »Ich sollte meinen, die Straße wäre zum Fahren da.« »So, ich bin fertig!« rief Konsuls Engeline und verschwand mit einem Hopser durchs Fenster. »Ich auch!« meldete Rikke und kroch mühselig vom Fensterbrett herunter. Sie war so rundlich, daß diese Prozedur von der Seite vorgenommen werden mußte. – »Adieu, Thumsen!« nickte sie, ehe sie das Fenster schloß. »Grüßen Sie Mortensen!« Die Kirchenuhr schlug drei Viertel acht. Alle Läden waren geöffnet, und auf der Straße herrschte reger Verkehr. Man hörte die Türen auf- und zuschlagen und Türglocken klingeln. Zeitungsjungen klapperten pfeifend auf ihren Holzschuhen dahin. Und auf der linken Seite der ganzen Straße glühte die Sonne wie Feuer auf den frischgeputzten Fenstern. »Thumsen« hatte Gießkanne und Besen fortgetragen und war nun bedachtsam damit beschäftigt, den Messingdrücker der Ladentür zu putzen. Die Hebamme Fredriksen kam, ihren Beutel am Arme, vorüber: »Haben Sie Ausdauer bei der Arbeit, Thomsen!« sagte sie, indem sie stehen blieb. »Man muß ja arbeiten, Frau Fredriksen, deswegen ist man ja in die Welt gesetzt.« »Na, ich bliebe doch lieber in meinem guten Bett liegen!« »Ja, der Geschmack ist nun einmal verschieden!« Emanuel fuhr unverdrossen fort, auf dem Schloß herumzureiben. »Guten Morgen, Frau Fredriksen!« rief Oberlehrer Klausen von der anderen Seite der Straße herüber. Er machte seinen Morgenspaziergang. »Ist der Storch schon gekommen?« rief er. »So früh im Jahr, hi, hi, hi! – Guten Morgen, Thomsen!« »Guten Morgen, Herr Oberlehrer!« »Ja«, sagte Frau Fredriksen. – »Die Jugend ist eifrig, Herr Oberlehrer!« »Hi, hi«, lachte der Oberlehrer und ging weiter. »Ein brillanter Mann«, sagte die Hebamme und nickte ihm nach. – » Den mag ich leiden!« »Vielleicht etwas reichlich lose Zunge, wenn man Kindererzieher gewesen ist«, – meinte Thomsen. »Ach Sie!« spottete die Madame und schlug mit ihrem Beutel nach ihm. »Ja, ja, Frau Fredriksen; aber es gibt doch so viel Unreines hier auf der Welt – –« »Sie sind ein Pedant, Thomsen!« »Man ist, was man ist, Frau Fredriksen – – » »Und ein Versehen!« »Man versteht Sie nicht – –« Thomsen bediente sich niemals des Wortes: ich. »Ja, ich meine, wenn die Sache einmal richtig untersucht würde, so wären Sie gewiß ein Frauenzimmer!« Emanuel errötete und beugte sich tief über seine Arbeit. »Nun, seien Sie nur nicht böse!« lachte die Madame und klopfte ihm gutmütig auf die Schulter. – »So,« sagte sie dann, »jetzt muß ich aber nach Hause und in meine Baba! Guten Morgen, Thomsen! Grüßen Sie Ihre Mutter!« Kleine Gruppen von Schulkindern, den Tornister auf dem Rücken oder die Bücher in Riemen oder Schultaschen schlenkernd, kamen die Straße hinab. Die Mädchen für sich und die Knaben für sich. Und wenn sie einander begegneten, wichen die Mädchen immer scheu zur Seite, während die Knaben sie höhnisch ansahen. »Thumsen, Thummelumsen!« sagten ein paar lange Bengel ganz laut, als sie an der Wäschehandlung vorüberkamen und liefen dann schleunigst davon aus Furcht vor den Folgen. Aber der kleine Emanuel kehrte sich nicht daran. Er arbeitete ruhig weiter, eifrig wie ein Mensch, der sich seines Zieles bewußt ist. »Lieber Manuel, willst du nicht hereinkommen und deinen Kaffee trinken, mein Junge?« »Man muß erst fertig sein, Mutter Karen.« »Ja, dann trinke ich meinen«, sagte Madam Thomsen sanft und ging aus dem Laden in die Hinterstube zurück. »Trinke!« sagte Emanuel. »Wann kommst du?« »In einer Viertelstunde.« Und erst als das Türschloß wie lauteres Gold glänzte, sammelte er seine Putzgerätschaften zusammen und ging hinein, um seinen Kaffee zu trinken. Als er die Ladentür öffnete, scheuerte sich eine große, blaugraue Katze liebkosend an seinen Beinen. »Da hat man ja Knors«, sagte er mit zärtlicher Stimme und hob trotz der verschiedenen Sachen, die er in der Hand trug, das Tier auf den Arm. »Wie geht es uns denn, Miezemau?« »Mi–au!« sagte Knors und bohrte ihre Schnauze unter seinen Arm. In der kleinen Stube hinter dem Laden saß Madam Thomsen im Lehnstuhl vor dem Fenster und säumte Taschentücher. Das Tageslicht fiel zwischen den Topfgewächsen auf dem Fensterbrett hindurch und legte sich auf ihr weißes Haar und auf ihre frischen, roten Wangen. Sie sah so jung aus. Und ihre klaren, blauen Augen waren sanft und gut. »Jetzt will ich den Kaffee holen, Manuel«, sagte sie und erhob sich schnell, sobald der Sohn eintrat. »Danke, danke, Mutter Karen«, nickte er und setzte sich auf das Sofa hinter den ovalen, dünnbeinigen Mahagonitisch. Eine weiße, filierte Decke war über den Tisch gebreitet. Und über den Lehnen des Sofas und der Stühle lagen weiße, gehäkelte Decken. »Nun, Knors,« wiederholte Thomsen seine Frage an die Katze, die er noch immer auf dem Arme hielt, »wie geht es uns denn?« Knors scheuerte ihr Gesicht gegen seinen Ärmel und machte einen Versuch zu spinnen. Es war eine uralte Katze. Sie hatte das Haar den Rücken entlang verloren, und ihre Ohren waren infolge zahlreicher Liebeskämpfe zerrissen und zerbissen. Es war ein Kater. Und das eine Auge fehlte ihm. »Sind Mäuse in der Falle, Mutter?« rief Thomsen nach der Küchentür zu. »Er hat sie bekommen!« tönte es zurück. »Wie viele waren da?« »Zwei. Aber er macht sich ja nichts daraus.« »Nein! Aber es macht ihm Spaß – nicht wahr, Miezemau! Es macht uns Spaß, sie zu sehen und mit ihnen zu spielen?« fuhr er fort und rieb die Schnauze des Tieres mit der hohlen Hand. – »Es macht uns Spaß? Es macht uns Spaß?« Die Katze nieste. »Niest er? Hat er sich erkältet?« fragte Thomsen zärtlich und legte die Katze sorgfältig in die Sofaecke. Madam Thomsen kam mit einem Teebrett aus der Küche. »Hier, lieber Manuel. Trinke nun auch, solange es noch heiß ist.« Manuel schnüffelte den Kaffeeduft auf: »Mutter macht den besten Kaffee in ganz Dänemark«, sagte er. Die Alte lächelte befriedigt und setzte sich wieder an ihre Arbeit. Jeden Morgen lobte der Sohn ihren Kaffee. Und wenn er es nicht getan hätte, würde sie geglaubt haben, daß er krank sei oder daß ihm etwas Unangenehmes widerfahren wäre. Denn sie lebten in gewisser Weise glücklich miteinander, diese beiden; aber, aber – – Madam Thomsen seufzte und schielte aus den Augenwinkeln furchtsam zu dem »Jungen« hinüber. Knors lag jetzt behaglich zusammengerollt in der Sofaecke und Emanuel trank wohlgefällig schlürfend seinen Kaffee. Von Zeit zu Zeit löste er eine Krume aus seiner Semmel und steckte sie der Katze ins Maul, die sie langsam schmatzend fraß. In der Stube war es behaglich warm. Man war ja erst gegen Ende April, daher war noch Feuer im Ofen. Und die Potpourridose oben auf dem Eckschrank entsendete einen würzigen Duft. »Jetzt ist er da draußen bald fertig!« sagte Emanuel plötzlich. Die Alte zuckte zusammen: »Das hat man ja schon lange gesagt, Manuel.« »Es wird ein stolzer Tag werden, wenn man wieder auf das Gut einzieht, Mutter Karen.« Die Augen des Sohnes strahlten. »Ach, ja, – aber jetzt haben wir uns hier ja beinahe schon eingelebt.« »Dann hat man nicht mehr nötig, vor allen den hochnäsigen Städtern zu kriechen und zu schwänzeln!« »Ich finde, sie sind sehr nett, lieber Manuel.« »Zum Dezember muß er herunter!« »Ja, aber du hast ja nicht Geld genug, Manuel!« »Das kommt, Mutter Karen, das kommt! – Zum Dezembertermin muß er herunter. Und dann – – !« Thomsen knipste triumphierend die Finger. »Woher weißt du das denn so genau?« »Von Kaufmann Beck! Der will nicht länger, weißt du! Vaters alter Freund!« »Ach, die Freundschaft – –« »Wir konnten ja damals nicht da bleiben!« »Hätte Beck nur gewollt, so –« »Der Kreditverein war schuld daran. Beck hatte ja die zweite Priorität!« »Ja, Manuel, aber –« »Mutter Karen,« sagte der Sohn und wandte sich schnell nach dem Fenster um – »warum widersprichst du einem immer, sobald es sich um das Gehöft handelt?« »Das tue ich ja nicht, Manuel, aber –« »Aber, was?« »Wenn ich nur wüßte, daß es gehen könnte –« »Ist man denn nicht Landmann?« erwiderte der Kleine und kröpfte sich in seiner Sofaecke. – »Ist man nicht Sohn eines Hofbesitzers? Hat man nicht neunzehn Jahre auf dem Mühlenhof gelebt?« »Ja, ja, lieber Manuel, und wenn der liebe Gott seinen Segen dazu gibt, so –« »Gott ist mit uns!« sagte Thomsen sehr bestimmt. – »Das hat man gar manches Mal gemerkt!« »Ja, ja, du sagst ja, daß –« Manuel sah sich mit einem strahlenden Blick im Zimmer um: »Und alle Möbel haben wir! Und man kennt noch jeden Fleck, wo sie stehen sollen!« Aber dann glitt eine Wolke über sein Gesicht: »Wenn nur Mortensen am Leben bleibt!« sagte er. – »Für Knors ist einem ja nicht bange, der hält schon aus. Aber der andere. – Man findet, daß er in letzter Zeit recht jämmerlich geworden ist.« »Ach nein, es ist wohl alles beim alten mit ihm –«. »Und fünfzehn Jahre haben sie nun hier gelebt und sich nach dem Mühlenhofe zurückgesehnt, ebenso wie wir selber«, fuhr Thomsen elegisch fort. »Man hat gar manches Mal Mitleid mit ihnen gehabt. Und an den Möbeln konnten sie ja gar nicht einmal Freude haben –«. Er machte eine Handbewegung nach dem großen, altmodischen Mahagonisekretär, der blitzblank poliert unten im Hintergrunde des Zimmers nach der Küchenwand zu stand. Auf dem Sekretär lagen Donnerkeile, Versteinerungen und bunte Muscheln in kleine zierliche Haufen geordnet. »Und das Bild können sie nicht verstehen, so wie wir!« Das Bild war ein Gemälde in grellen Wasserfarben, das über dem Pfeifentisch in der Ecke hing. Es stellte ein schimmernd weißes Bauerngehöft mit safrangelbem Strohdach und grasgrünen Fenstern und Türen vor. Eine Reihe riesenhafter Bäume mit braunroten Stämmen und ungeheuren blaugrünen Blättern umgaben die Gebäude. Und rechts von der Einfahrt schnurrte ein Wasserrad, auf das eine wunderlich dickflüssige Masse herabstürzte, brausend, spritzend und schäumend wie ein Niagara, und mit einem Farbenton wie bläuliche Milch. Das war der Mühlenhof, das Thomsensche Familiengut; und es war in der besten Absicht von Karens Bruder, dem Schullehrer und Küster in Grästed, gemalt und ihr ein Jahr nach ihrem und des Sohnes Umzug in die Stadt geschenkt worden. Und es war der Gegenstand einer fast religiösen Verehrung. Emanuel hatte eine Weile schweigend und grübelnd dagesessen. Jetzt erhob er sich plötzlich: »Gesegnete Mahlzeit, Mutter!« »Wohl bekomm's, mein Junge.« »Ja, dann geht man also hinaus und macht den Hofplatz rein.« »Tu du das, mein Junge.« Thomsen stellte das Kaffeegeschirr auf dem Präsentierteller zusammen, strich mit der hohlen Hand einige Krumen vom Sofa, zupfte ein wenig an der Tischdecke und ging dann durch die Küche hinaus: »Man nimmt den Präsentierteller mit«, sagte er. »Danke, Manuel.« Madam Thomsen erhob ihr kleines, sanftes Gesicht von der Näharbeit und sah ihm nach. Dann schüttelte sie leise den Kopf und nähte weiter. Im Ofen flammten die Holzscheite auf. Das Zimmer wurde immer wärmer. Und der Teekessel, der beständig in der Ofenröhre stand, fing an zu singen. »Guten Morgen!« sagte Madam Thomsen plötzlich laut und freundlich und nickte und lächelte durchs Fenster. Eine von den Damen des Städtchens ging draußen auf dem Trottoir vorüber und grüßte herein. Ein Holzscheit im Ofen sprang mit lautem Knall, und einige Funken sprühten durch die Ofenklappe. »Aber mein Gott!« sagte die Alte und guckte ängstlich dahin. Die Funken auf dem Fußboden erloschen schnell. Aber so dunkel war es im Hintergrund des Zimmers, daß der Lichtschimmer des Ofens an der Wand hinaufflackerte und zwischen den alten, verschossenen Photographien spielte, die dort in zierlicher Ordnung hingen: eine große in der Mitte mit einem Kranz von kleineren ringsumher. Um den Rahmen der großen war ein Kranz von Immortellen geschlungen. Das war Großvater Thomsen: ein schöner alter Mann mit einem prächtigen weißen Bart, der ihm bis auf die Brust hinabreichte. Dann fiel ein großes Stück Holz vor die Ofenklappe, und die Bilder hingen wieder im Dunkeln. Madam Thomsen hatte die Näharbeit im Schoß ruhen lassen und sah nun da und starrte vor sich hin. Sie dachte an Manuel und an seine fixe Idee: Du lieber Gott, nun hatte sie bald fünfzehn Jahre hier in diesem netten, kleinen Haus gewohnt und sich darin zurechtgefunden und daran gewöhnt. Aber Manuel dachte ja an nichts anderes als an das Gehöft da draußen. Nie schweiften seine Gedanken davon ab. Was er tat und begann, immer lag ihm das Gehöft im Sinn. Sie durften sich kaum noch satt essen, nur damit er Geld beiseite legen konnte. Es war wirklich zur Verrücktheit bei ihm geworden, dieser Wunsch, das Gehöft wieder zu erlangen; er betrachtete es als Ehrensache! Er war ja nach außen immer sanft und demütig, inwendig aber war er so stolz wie ein Papst! Fleißig und akkurat war er, das mußte man ihm lassen; und reinlich ! Beinahe zu reinlich, fand sie: und sie war doch ein Frauenzimmer. Und die Leute in der Stadt machten sich ja auch lustig über ihn. Manuel aber ging seinen ruhigen Weg und ließ sie reden – Ach, du lieber Gott, – es mochte ja ganz schön sein, wieder in die alten Räume zurückzukommen! Und die Mühle! Und der Garten! Aber wo wollte er nur das Geld hernehmen? Und er konnte das Gehöft ja nicht bewirtschaften; nein, das konnte er nicht! So lange sie lebte, konnte sie ja mit zugreifen und stützen und raten. Aber wenn sie einmal davon ging. – Ach ja, ach ja, Herr Gott ja! – Aber Manuel mußte wissen, was er tat! Madam Thomsen griff kopfschüttelnd wieder zu ihrem Nähzeug, und die fleißigen Hände arbeiteten emsig weiter. Das Geräusch des Fadens, der die steife Leinwand durchdrang, das einförmige Prasseln des Ofens und das leise Summen des Teekessels wirkten allmählich beschwichtigend auf ihre Gedanken. Wenn von Zeit zu Zeit ein Wagen vorüberrumpelte, erzitterte freilich das ganze Haus, und die Steine und Muscheln auf dem Sekretär klirrten. Aber das störte sie jetzt nicht mehr wie in der ersten Zeit, als sie in die Stadt gezogen waren. Sie sah nur ganz mechanisch zwischen den Blumentöpfen hindurch nach dem Fuhrwerk, wandte dann den Kopf wieder um und nähte weiter. Und aus dem alten Nähtisch, an dem sie saß, stieg ein würziger eingeschlossener Geruch von Lavendeln und Rosen auf. Und der Duft aus der Potpourridose auf dem Eckschrank ward stärker und stärker in dem Maße, wie die Wärme im Zimmer zunahm. Ihre Augenlider fielen halb zu, und die Hände sanken ihr in den Schoß. Dann setzte sie sich tiefer in den Stuhl zurück und stützte den Nacken gegen die Lehne. Einen ganz kleinen Vormittagsschlaf konnte sie nicht entbehren, nein: Nur die Augen zwei Minuten schließen – hi, hi, ihr Mann hatte auch nie hier im Stuhl sitzen können, ohne einzunicken – des Mittags saß er da und – des Abends, und in der Dämmerstunde. – Und, – ja, ja, – das war dazumal, ja – und als er krank wurde. – Ob Manuel wohl daran gedacht hatte, das Bodenfenster zu schließen – falls Sturm kommen sollte, – und die Hühner hereinzulassen – und ob die Scheunentür wohl geschlossen war – Mäuse, – ja, zwei Mäuse in der Falle, – und – ja, ja – Ein leises, schnarchendes Geräusch verriet, daß Madam Thomsen schlummerte. – Da erscholl die Türklingel. Es kam eine Kundin. Die Alte sprang ganz verwirrt vom Stuhle auf und rieb sich die Augen. »Mein Gott!« sagte sie, fuhr hastig glättend über ihr Kleid und lief in den Laden hinaus. Der Hofplatz hinter Karen Thomsens Haus war sechs Ellen lang und fünf Ellen breit. Auf zwei Seiten wurde er von hohen Nachbarhäusern begrenzt und auf der dritten von einem niederen Holzschuppen mit schrägem Dach. Dieser Schuppen wurde zur Aufbewahrung von Feuerung benutzt. Und dann standen noch einige Packkisten, darin ein Haufen eingepackter Möbel, sowie ein Sägebock und ein Hauklotz. Die niedrige Tür stand offen, und Emanuel war eifrig mit dem Zerkleinern von Brennholz beschäftigt. Es wurde immer heller im Hofe, je mehr die Sonne über dem großen Speicher in dem nach Osten gelegenen Nachbarhofe aufstieg. Endlich erreichte sie den Dachfirst und schien jetzt hell und warm bis in die Ecke hinein, wo die Pumpe stand. Thomsen legte die Axt auf den Klotz und ging in den Hintergrund des Schuppens: »So, Mortensen,« sagte er, – »jetzt kann man endlich herauskommen und sich ein wenig sonnen!« Und er trat an das kleine Fenster, das ganz hinten in einer Ecke angebracht war, und hob vorsichtig etwas mit beiden Händen auf und trug es zur Tür hinaus. Es war ein Hahn. Der älteste Hahn, der je in der Christenheit gelebt hatte. Knochenmager, zerzaust und jammervoll! Die Flügel ließ er schlapp an den Seiten herabhängen, und sein Schwanz bestand nur aus zwei struppigen Federn. Die Beine erschienen unnatürlich lang. Aber sie waren hinten mit mächtigen Sporen versehen, die sich rückwärts kreuzten wie ein Paar Schwertklingen. Ohne einen Ton von sich zu geben, ließ er sich über den Hofplatz und in die Ecke tragen, wo die Sonne schien. »Hier kann Mortensen warm und gut stehen,« sagte Thomsen und stellte das Tier, unter Beobachtung aller Vorsichtsmaßregeln, auf das Steinpflaster, »hier hat man Sommer!« Mortensen schwankte wie bei Seegang, ehe er festen Fuß faßte. Aber schließlich stand er da. Der Hals hing schlaff und beinahe kahl herab. Die Augen waren geschlossen. Er konnte den Kopf nicht in die Höhe heben: und der runzelige, bräunlich gelbe Kamm fiel matt zur Seite herab. Aber an den stricknadeldünnen Beinen saßen die martialischen Sporen. Er glich einem Schwadronchef von neunzig Jahren. »Es geht einem wohl schlecht?« sagte Thomsen mit unendlicher Teilnahme in der Stimme und strich dem Hahn vorsichtig über den zerzausten Rücken. »Man ist ein Schneider geworden – –« Das Tier wackelte bei der Berührung seiner Hand. Die Augenlider öffneten und schlossen sich, und der Kopf nickte. Emanuel hatte die Hände in die Hosentaschen gesteckt und stand eine Weile in tiefe Gedanken versunken da, wobei er seinen Freund anstarrte. Dann machte er resolut links kehrt und ging wieder an seine Arbeit. »Knors« und »Mortensen« waren draußen auf dem Mühlenhof geboren, kurz bevor der alte Thomsen starb. Und als das Gehöft ein paar Monate später auf einer Auktion verkauft war und Karen mit ihrem Sohn in die Stadt zog, hatte Manuel die Tiere mitgenommen. Knors hatte von Geburt an Knors geheißen, und Mortensen hatte seinen Namen von einem alten Müllerknecht bekommen, der noch da draußen lebte. Manuel hatte geweint, als würde er gepeitscht, als der Wagen mit ihm aus dem Heim seiner Kindheit rollte. Und Mutter Karen hatte bleich und still an seiner Seite gesessen und ihn beschwichtigt und ihm zugeredet. Knors hatte er auf dem Arm gehabt und Mortensen hatte in einem Deckelkorb zu seinen Füßen gesessen. Das war nun fast fünfzehn Jahre her. Und er war damals neunzehn und war nie zwei Tage hintereinander von seinem väterlichen Hof entfernt gewesen. – Natürlich wurde er in dem Städtchen zum allgemeinen Gespött, dieser kleine, untersetzte Bauernjunge mit dem Vollmondgesicht und den kleinen, rotgeränderten Schweinsaugen. Und dann hing ja außerdem seine eine Schulter noch ein wenig, so daß der rechte Arm, wenn er über die Straße ging, bedeutend länger erschien als der linke. »Er läuft von der Seite«, sagte man von ihm. »Er hat nur eine Niere, so wie die Hunde!« Zu Anfang lief nun Manuel gerade nicht sonderlich viel. Er hielt sich eingeschüchtert und ängstlich zu Hause. Und seine Gedanken umkreisten unablässig das Gehöft da draußen, die Mühle und den Garten und alles, was er und die Mutter hatten verlassen müssen. Aber dann, eines Nachts, etwa ein Jahr nach dem Umzug, hatte er einen Traum gehabt. Das heißt, er selber nannte es eine »Offenbarung«: Der Vater war ihm erschienen und hatte zu ihm gesagt, daß der neue Besitzer Bankrott machen würde und nach ihm noch zwei Besitzer, und dann würde Emanuel die ganze Herrlichkeit wiederbekommen! In dem Traum war auch etwas verwoben, daß er nicht in Erfüllung gehen würde, falls Knors und Mortensen stürben, ehe sie den Boden ihres Geburtsorts wieder betreten hatten. Am Morgen war Emanuel mit einem großen Entschluß im Herzen erwacht. Er wollte Geld verdienen! Auf jede Art Geld verdienen; und sollte er mit den Latrinenwagen durch die Straßen der Stadt fahren! Die Uhr war erst fünf, und es war noch ganz dunkel. Aber er hatte sein Licht angezündet, sich angekleidet und war zu Mutter Karen hineingegangen, die noch im schönsten Schlummer lag. Sie hatten jeder eine kleine Dachkammer als Schlafzimmer. Madam Thomsen war in ihrem Bett in die Höhe gefahren und hatte den Sohn ganz verwirrt angestarrt: »Herr du meine Güte, Manuel – –!« Manuel aber hatte sich ruhig auf den Stuhl vor ihr Bett gesetzt, das Licht in der Hand – – »Man hat eine Offenbarung gehabt!« sagte er. Mutter Karen fing an zu weinen. »Herr Gott, daß es so weit mit dir gekommen ist!« Und dann fing der Sohn still und beherrscht an, von seinem Traumgesicht zu erzählen, und was der Vater von dem Hof gesagt habe, von den neuen Besitzern und von Knors und Mortensen. Die Alte saß noch immer aufrecht im Bett und lauschte seiner Rede: »Wir Menschen träumen ja so vielerlei, Manuel!« »Ja, – aber man hat Vater leibhaftig vor Augen gesehen, Mutter Karen! Er stand unten am Fußende des Bettes. Und man hörte ihn die Tür schließen, als er ging!« Madam Thomsen schüttelte den Kopf: »Ja, aber das Geld, das Geld!« sagte sie. – »Woher soll denn das kommen?« »Man wird es erfahren!« nickte der Sohn feierlich, »wenn Vater wiederkommt!« »Tut er das denn, Manuel?« »Das hat er gesagt!« »Und du glaubst, daß es möglich ist?« »Man hat ihn ja gesehen !« sagte Manuel mit fanatisch blitzenden Augen. – »Man hat ihn ja gesehen, so deutlich, wie man dich sieht!« Die Alte schwieg. Sie wagte nicht mehr, dem Jungen zu widersprechen. Er sah so sonderbar wirr aus, fand sie, in dieser nächtlichen Dunkelheit. Am selben Tage sollte im Saal des Hotels Auktion abgehalten werden. Die Thomsenschen Möbel standen dort zwischen einem Haufen anderer Sachen. Und sie glänzten förmlich zwischen all dem anderen alten Gerümpel, denn es waren gute, solide Mahagonimöbel. Man hatte Madam Thomsen geraten, sie mit in die Stadt zu nehmen, da man dort voraussichtlich mehr dafür bekommen würde als von den Bauern auf dem Lande. Aber ein Jahr hatten sie in dem kleinen Hause gestanden und alle Ecken und Winkel gefüllt. Sie konnte es nicht übers Herz bringen, sich davon zu trennen. Aber nun heute um zehn Uhr sollten sie verkauft werden. Aber sobald es hell wurde, ging Emanuel nach dem Auktionslokal und holte die Möbel wieder zurück. Man habe sich besonnen, sagte er, sie müssen bis zu einem anderen Mal warten. Die Stadt lachte, war belustigt und wütend zugleich. Und bei dieser Gelegenheit hatte Emanuel den Beinamen »Thummelumsen« erhalten. Aber ein paar Stunden später waren die Möbel wieder nach Hause gefahren und auf dem Boden und in dem Schuppen auf dem Hof verstaut, so gut es gehen wollte. Madam Thomsen schüttelte ihren weißen Kopf wieder und wieder. Aber sie empfand eine mystische Angst vor der Nacht. Und dann war ja Manuel doch schließlich ein Mann , und sie war nun einmal daran gewöhnt, die Männer als die Klügsten zu betrachten. Dann wurde der Laden eingerichtet. »Vater hat es gesagt«, äußerte Emanuel, und da wagte Karen nicht, Einwand zu erheben. »Er ist also wieder bei dir gewesen?« fragte Karen. »Ja, Mutter Karen!« »Und du hast wieder mit ihm gesprochen?« »Ja, über Nacht.« – Über den kleinen Thomsen war eine eigene, feste, zugeknöpfte Männlichkeit gekommen, seit er mit dem Jenseits in Verbindung stand. »Die Offenbarungen« hatten ihn aufgerichtet und ihn männlich gemacht. Er hatte ein Ziel. Und er arbeitete mit einer Zehnpferdekraft, um etwas zu erreichen. Vom Morgen bis zum Abend war er in ununterbrochener Tätigkeit. Er richtete selber den Laden ein, tischlerte und hämmerte, machte den Ladentisch und die Borte, malte, fegte, putzte. Und als alles fertig und Schwung in das Geschäft gekommen war, dem Karen vorstand, ersann er tausenderlei, um selber auch Geld zu verdienen. Er verfertigte selber auch Gegenstände aus Pappe und Leder, Handkoffer, Taschen und Etuis, die im Laden verkauft wurden. Er versuchte ein Exportgeschäft für abgestempelte Briefmarken zu errichten. Und er ging aufs Land zu den Bauern und kaufte alte Möbel und Bilder und Messingsachen, die er dann aufarbeitete und für weit über das Doppelte von dem verkaufte, was er selber dafür bezahlt hatte. Er schrieb eine ungewöhnlich schöne und leserliche Handschrift und verschaffte sich dadurch Abschreibearbeit vom Hardes-Bureau und ein paar Rechtsanwälten des Städtchens. Er reichte ein Gesuch zwecks einer Anstellung als Telegraphenbote ein. Und er hatte sich sogar ein paarmal auf dem Bahnhof eingefunden und den Reisenden angeboten, ihr Gepäck in die Hotels zu befördern. Aber diesem Geschäft hatten doch die bezahlten Packträger und Dienstmänner der Stadt Einhalt zu tun gewußt, indem sie ihn mit ihren kräftigen Spöttereien und Neckereien verfolgten. Aber Geld schrappte er zusammen. Er kargte und sparte auf alle erdenkliche Weise. Kaum gönnte er sich und der Mutter das Essen. Die Alte mußte ihm Rechenschaft über jede Nähnadel ablegen, die im Laden verkauft wurde. Und er zahlte das Wirtschaftsgeld aus. Im ersten Jahr nach dem Umzug hatte Madam Thomsen ein kleines Schulmädchen gehalten, das Besorgungen in der Stadt für sie machen und ihr im Hause helfen mußte. Sein Lohn bestand in zwei Kronen monatlich und dem Mittagessen. Aber eines schönen Tages bekam es den Laufpaß. Emanuel meinte, daß zwei einzelne Menschen ganz gut allein fertig werden könnten. Zwei Kronen monatlich machten vierundzwanzig Kronen im Jahr! Gar nicht zu reden von dem Essen! – Und dann griff er selber zu: wusch die Fußböden auf, fegte die Straße, putzte die Fenster, holte Wasser und Holz und lief auf Besorgungen, mehr seitwärts denn je, während der lange Arm in der Luft umherschwenkte wie der Flügel einer Nähmaschine. Die Leute lachten natürlich. Und er ließ sie lachen. »Wartet ihr nur, bis man wieder auf dem Hof ist!« sagte er und kniff seine kleinen Schweinsaugen auf geheimnisvoll listige Art zusammen. »Dann kommt die Reihe zu lachen an mich!« Denn diese felsenfeste Überzeugung, daß der Tag kommen mußte, an dem er mit Pomp und Ehren wieder auf dem väterlichen Gehöft einziehen würde, hielt ihn aufrecht und machte ihn unempfindlich gegen das Gelächter und die Spottnamen des Städtchens. Aber diese Triebfeder seines Fleißes und seines Tun und Lassens hielt er ängstlich vor allen verborgen; nur Mutter Karen wußte darum. Und damit niemand ahnen sollte, daß er sich im Laufe der Zeiten wirklich ein ziemlich großes Kapital zusammensparte, brachte er sein Geld in einer Bank der Hauptstadt unter. Aber so schlau war er doch, daß er immer ein paar hundert Kronen in der Sparkasse des Städtchens stehen hatte. Und um den Schein aufrecht zu erhalten, nahm er bald zehn oder zwanzig Kronen auf und zahlte bald zehn, bald zwanzig Kronen wieder ein, wenn die Steuer bezahlt werden mußte, oder wenn er ein Geschäft gemacht hatte, das bekannt geworden war. Er war nicht umsonst von bäuerischer Herkunft, und die Leute mußten sich ja klar darüber sein, daß er und die Mutter mehr verdienten, als sie gebrauchten. Aber nicht einmal Madam Thomsen ahnte, wieviel es war. Manuel war für heute mit seinem Holzhacken fertig. Er stapelte das gespaltene Holz an der Bretterwand des Schuppens auf, fegte die Späne von dem Hauklotz und dem Fußboden und hängte die Axt auf ihre zwei Nägel am Eckbalken. Dann sah er sich einen Augenblick prüfend um, fand, daß alles in Ordnung war, und ging wieder auf den Hof hinaus. Die Sonne war im Begriff, hinter dem hohen Nachbarhaus zu verschwinden. Es fiel wohl noch ein Lichtstreif in die Ecke an der Mauer herab, aber der war schmal und mager. Der Hahn saß schlaff und stumpf und alt in seiner Ecke an der Pumpe mit herabhängenden Flügeln, den Kopf zu Boden gesenkt. Er hatte sich nicht vom Fleck gerührt, seit er dahin gepflanzt worden war. »Nun, lieber Mortensen,« sagte Thomsen und trat an ihn heran, – »heute gibt's keine Sonne mehr. Dann ist es wohl am besten, wenn man wieder in sein kleines Nest kommt.« Und er nahm das Tier wieder vorsichtig zwischen beide Hände und trug es in den Schuppen zurück, in die hinterste Ecke unter dem Fenster. Dort lag eine Schicht Sand, und darüber waren Halme und Daunen und welke Blätter gebreitet. Und oben an der Wand, wohl eine halbe Elle über dem Fußboden, war eine Leiste angebracht. Aber es war fünf Jahre her, seit Mortensen nicht mehr darauf hatte sitzen können. Und am siebenundzwanzigsten Mai wurden es genau drei Jahre, seit er zum letzten Male gekräht hatte. In dem Verein »die dänischen Freßsäcke« sollte eine Zusammenkunft stattfinden. Ungefähr in der Mitte der Südstraße an der Ecke der Maren Schmieds-Gasse lag das Hotel »Stadt Gammelköbing«. Dort hielt der Verein in einem kleineren Saal zu ebener Erde nach der Gasse hinaus seine Zusammenkünfte. Es fanden jährlich vier Zusammenkünfte statt, drei im Winter und eine im Sommer. Dies war das letzte Fest im Winter. Der Beitrag belief sich auf zweiundwanzig Kronen für das Kuvert, und man machte eine Grundlage von drei steifen Lysholmer Schnäpsen. Die Verpflegung war übrigens bei der Begründung des Vereins ausschließlich national gewesen; daher der Name. Als aber im vorigen Jahr der alte Redakteur Heilbunth zum Vorsitzenden gewählt wurde, setzte er es durch, daß der betreffende Paragraph dahin geändert wurde, daß die Getränke wenigstens international sein konnten , falls eine Stimmenmehrheit dafür erzielt würde. Und die wurde augenblicklich mit allen Stimmen erzielt. Es war ebenfalls Heilbunths Verdienst, daß der Beitrag für das Kuvert von fünfzehn auf zweiundzwanzig Kronen erhöht wurde, und daß kein Mitglied unter fünfzig Jahre alt sein und weniger als zweihundertunddreißig Pfund wiegen durfte. »Wir müssen exklumpsiv sein«, sagte er. Die Zahl der Mitglieder war ein wenig schwankend. Zu dieser Zusammenkunft hatten sechs gezeichnet. Alle Zusammenkünfte waren »geschlossen«. Wenn der letzte Teilnehmer angekommen war, wurde der Schlüssel der Tür, die zu den Café-Lokalitäten führte, herumgedreht. Und dann fand die Passage nur durch die Tür zum Küchengang statt, durch die die leckeren Gerichte aufgetragen wurden. Auch einen Diener hielt sich der Verein. Und das war Emanuel Thomsen. Daß Manuel sich um dies Amt beworben, hatte seinen Grund einzig und allein in seinem monomanen Drang, Geld zusammenzuscharren, gleichviel auf welche Weise. Denn er litt im Herzen entsetzliche Qualen bei dem Anblick der seiner Ansicht nach unnatürlichen Verschwendung, die hier entfaltet wurde. Die ungeheuren Mengen von Eß- und Trinkwaren, die aufgetragen und verzehrt wurden, kränkten ihn in tiefster Seele. Aber in noch höherem Grade nahm er Anstoß an den Überresten ! Wenn eine halbverzehrte Gans, ein so gut wie unberührter Lammbraten oder ein Rinderbraten, von dem nur eine ganz verschwindende Anzahl Scheiben abgeschnitten waren, wieder in die Küche hinausgetragen wurden, da weinte er blutige Tränen. Daß Menschen aßen und tranken, so daß sie kurz davor waren, zu platzen, das war an und für sich schon gottlos und strafbar genug. Daß sie dann aber noch etwas übrig ließen, was sie doch mit ihrem teuren Geld bezahlt hatten. – – – Das verdiente Zuchthaus! Am Tage nach einer solchen Zusammenkunft lief das kleine Männchen daheim in der Stube hinter dem Laden seitwärts wie ein Taschenkrebs auf und nieder und schlenkerte mit dem langen Arm, so daß Madam Thomsen in dem Lehnstuhl zitterte und bebte und ganz bleich vor Angst wurde. »Man kündigt die Stellung! Man kündigt die Stellung!« gestikulierte Thomsen. – »Sie ist nicht menschenwürdig!« »Ja, kündige du nur, lieber Manuel!« Aber Manuel kündigte nicht. Denn die Stellung brachte ihm an jedem Zusammenkunftsabend fünf Kronen ein. Und außerdem das Essen und Trinken, was regelmäßig die schrecklichsten Magenbeschwerden für ihn zur Folge hatte. So kritiklos schaufelte er hinein. Es war noch ein Viertel vor acht. Emanuel kam in seinem blauen Cheviotanzug, eine große, schimmerndweiße Küchenschürze um den Leib gebunden, mit einem Eiskühler, in dem der Lysholmer stand, aus dem Küchengang herein. Er trug den Kühler vorsichtig zwischen beiden Händen. Ungefähr, wie wenn er Mortensen trug. Als er den Saal betrat, führte der Wirt gerade drei Handlungsreisende aus dem Café herein. Sie sollten die gedeckte Tafel sehen. Die Ausführung dieser Feste verlieh nämlich dem Hotel einen weithin strahlenden Glanz. Und Herr Hansen gewährte seinen Stammgästen gern einen Einblick in diese Herrlichkeiten, um den Appetit zu reizen. Die drei Reisenden blieben sprachlos in der Tür stehen. Dies erschien ihnen wie ein Traum aus dem Reiche Gottes: Mitten auf dem schneeweißen Gedeck der Tafel stand eine ungeheure Schüssel mit sechs großen, hochroten, strahlenden Hummern. Das Vorgericht. Ein Tier für jeden Bruder. Und um die Hummerschüssel als Mittelpunkt breitete sich dann nach beiden Seiten Schüssel neben Schüssel aus, gefüllt mit allerhand kalten Speisen, die aus Fischen, Säugetieren und Vögeln bereitet waren. Da waren Schollen, deren Dicke mehrere Zoll betrug, mit grünen Zitronen garniert. Da war eine Wildpastete mit Trüffeln. Ein Ochsenfilet. Ein Kalbsbraten. Ein Lamm, das kaum dem Mutterleibe entschlüpft war. Junge Enten, Gänse und Kapaunen. Und an jedem Ende der Tafel stand eine Pyramide aus Kibitzeiern, kunstfertig in feuchtem Sand aufgebaut. Schalen mit Sardinen, Sardellen, Frühstücksheringen, Kaviar, geräucherter Gänsebrust, Straßburger Gänseleberpastete, Lachs und Ochsenzunge bildeten zwischen den größeren Schüsseln zerstreut leckere Ruhepunkte für das Auge. Und da waren sieben Arten Kompotte, Radieschen aus dem Mistbeet, fünf Arten Käse und Butter von der feinsten Sorte. Vor jedem Kuvert standen vier Gläser: Rotwein ( ad libitum ), Rheinwein (zu den Fischen), Porter (zum Kaviar) und Madeira (zum Käse). – – Die drei Handelsreisenden hatten die Hände gefaltet. »Ja,« sagte der Wirt mit einer breiten Handbewegung, »so ißt man bei mir, meine Herren!« Und mit einem feinen Lächeln fügte er hinzu: »Wenn man dafür bezahlt!« »Darf ich einmal den Wein sehen?« fragte einer der Fremden, ein korpulenter Herr mit rotem Gesicht. »Dort!« sagte der Wirt und zeigte auf einen Tisch in der Ecke, wo die Flaschen in Bataillonen standen. »Das heißt, das ist natürlich nur der Rotwein.« fügte er hinzu, »der die Temperatur haben soll. Das übrige befindet sich im Eisschrank. Heute abend servieren wir ja für Kenner!« Herr Hansen war ein verkrachter Hauptstadtrestaurateur. Aber mit »Pli«, wie er sich selber auszudrücken pflegte. Draußen im Café schlug die Uhr acht. »Jetzt kommen sie!« sagte Thomsen, der schweigend und verbittert neben dem Anrichtetisch gestanden hatte. »Ja, jetzt kommen sie«, wiederholte Restaurateur Hansen. – »Meine Herren, diesen Weg, wenn ich bitten darf.« – Er verneigte sich und machte mit der Hand eine Bewegung auf die Tür zu. »Entschuldigen Sie, meine Herrschaften –« Und die drei Reisenden zogen sich zögernd und widerstrebend zurück. Präzise zehn Minuten nach acht Uhr waren die Brüder versammelt. Als der letzte die Schwelle überschritt, eilte Emanuel herzu und drehte den Schlüssel hinter ihm um. Man war in Gesellschaftstoilette, festlich: Diplomatenrock, graue Beinkleider, reines Manschettenhemd und schwarzer Schlips. »Die Versammlung ist vollzählig«, meldete der Vorsitzende mit seinem tiefen Baß. – »Die Zusammenkunft beginnt!« Ernst, wie zu einem kirchlichen Fest, stellte man sich in einem Halbkreis vor den Anrichtetisch, wo die Schnapsgläser in sechs Reihen, sternförmig von dem Weinkühler auf der Mitte des Tisches ausgehend, standen. Drei Gläser in jeder Reihe. Spitze, schlanke Gläser auf einem hohen, spiralförmig gedrehten Fuß. Thomsen schenkte vorsichtig den eiskalten Lysholmer in die achtzehn Pokale. Die Flüssigkeit mußte gerade bis an den Rand des Glases gehen, und es handelte sich darum, nichts zu verschütten, wenn man es zu Munde führte. »Der König!« sagte der Redakteur. Die sechs äußersten Gläser wurden in die Höhe gehoben, geleert und mit einem lauten Knall wieder auf den Tisch gestellt. Alles wie auf Kommando. »Die Frauen!« Die nächste Reihe folgte. »Die Freiheit!« Die innerste Reihe wurde geleert. Die Einleitungszeremonie war beendet. Und die eigentlichen Verhandlungen nahmen ihren Anfang. Man setzte sich. Am oberen Ende thronte der Vorsitzende, Redakteur Heilbunth. Groß und mächtig lag er in seinem Stuhl, Ehrfurcht einflößend, imposant, ein Wunderwerk aus Fleisch. Drei Doppelkinne hingen ihm über das weiße Hemd herab, und sein rotes, blankes Gesicht leuchtete unter dem krausen, weißen Haar wie ein Vollmond unter einer Schneewolke hervor. Zu seiner Rechten saß der stellvertretende Vorsitzende, der pensionierte Oberlehrer Clausen. Ein magerer Mann, aber ein starkknochiger Mann, der es dank seiner Länge und seines Knochenbaus mit Leichtigkeit auf die vorgeschriebenen Pfunde brachte. Nach ihm kam der Fabrikant Rössel, dessen mächtiger Vollbart gleich einem graublonden Pelzkragen über seine Rockaufschläge herabfloß. Er war Inhaber der Essigfabrik des Städtchens, und sein Schädel war kahl wie ein Kürbis. Am unteren Ende des Tisches saß Rentier Eriksen, klein, kurzbeinig und mit einem unförmlichen Bauch, der, wie man sich erzählte, von einer komplizierten Maschinerie zusammengehalten wurde, von einem an stählernen Hosenträgern befestigten Ringpanzer. Diese Eigentümlichkeit hatte ihm unter den Brüdern den Namen Luxusbauch verschafft. Dann folgte der Stadtkassierer Lassen. Und an der linken Seite des Vorsitzenden Zollkontrolleur Knagsted. Lassen war groß und gut gewachsen mit einer königlichen Nase und wasserblauen, ein wenig vorstehenden Augen. Knagsted war kleiner, kurzhalsig und breit in den Schultern, gleichsam verdichtet. Sein graumeliertes Kopfhaar war kurz und struppig. Der rotbraune, buschige Vollbart wuchs ihm fast bis unter die Augen. Und aus seinen Nasenlöchern und Ohren guckten dicke Haarbüschel hervor. Die Augenbrauen waren mächtig und nach oben geschweift. Und seine Hände waren bis auf die Finger hinab behaart. Diese ganze Haarfülle verlieh ihm ein hartes und unzugängliches Aussehen. Und im geheimen nannten ihn die Brüder: Esau. – So sah die Versammlung der »Freßsäcke« aus. Als alle sicher zu Platz gekommen waren, erhob bei Vorsitzende, Herr Heilbunth, seine gewaltige Hand, deren Finger aussahen wie Cervelatwürste. Und Emanuel stellte geschickt eine Flasche Rotwein vor jedes Kuvert. Die Gläser wurden gefüllt. »Die Verstorbenen!« sagte der Vorsitzende. Die Pokale wurden geleert. Und der Hummer wurde herumgereicht. Es war eine wahre Augenlust, die Gründlichkeit und den Ernst zu beobachten, mit dem diese ehrwürdigen Greise zu Werke gingen. Es war, als dienten sie einer Gottheit. Andachtsvoll wurde der Essig auf die Opfertiere gegossen. Der Pfeffer schwebte herab wie Weihrauch. Und schweigend verzehrte man geröstetes Brot mit Butter dazu. So haben gewiß die ägyptischen Tempelpriester verzehrt, was das gläubige Volk von den Erstlingserzeugnissen des Landes für Isis und Osiris auftrug. Nach und nach aber wurde das Schweigen gebrochen. Glas auf Glas glitt hinunter. Und die alten Augen fingen an zu leuchten, während die dicken Finger die gefüllten Flaschen umklammerten. »Die Tauben!« brummte der Luxusbauch. »Reichen Sie mir die Tauben!« »Lamm! Lamm!« rief Esau. Er glich einem Menschenfresser in Funktion. Und alle seine Haarbüschel bewegten sich. Fabrikant Rössel und Oberlehrer Clausen griffen jeder nach einer Scholle. Und Redakteur Heilbunth aß blutigen Rinderbraten. Stadtsekretär Lassen aber, der ein Leckermaul war, hielt sich an die kleinen Schalen. Thomsen lief wie ein Taschenkrebs seitwärts und geschäftig rund um den Tisch herum und setzte mit einem langen Arm neue Flaschen hin. Der Humor war im Steigen, und die Stimmen wurden laut. Man trank sich zu, puffte sich mit den Ellenbogen in die Seite und fing an, einander mit längst verjährten Jugendtorheiten zu necken. »Du Lassen,« rief Fabrikant Rössel dem Stadtsekretär quer über den Tisch zu, »kannst du dich wohl noch der französischen Marie mit der Hasenscharte erinnern?« Lassen bekam den Kaviar und den Porter in den verkehrten Hals, so daß Zollkontrolleur Knagsted ihn klopfen mußte. »Ho, ho!« grunzte der Redakteur, der Schweiß perlte ihm unter dem weißen Haar von der Stirn. »Das war bei Markussen in der Pileallee!« Es war hier im Städtchen von jeher Sitte gewesen, in die Hauptstadt zu reisen, wenn man über die Stränge schlagen wollte. Und an dieser Sitte hielt man auch jetzt noch fest. »Ja,« sagte Lassen, der sich wieder besonnen hatte, »das war Anno zweiundsechzig, mein Junge!« Und er schnalzte mit der Zunge in Erinnerung der schönen Zeiten. »Ja, und da bekamst du deine lange Nase, Stadtsekretär!« sagte Rössel. »Ho, ho!« grunzte der Redakteur von neuem. Er war nämlich mit dem Mädchen durchgebrannt. – »Ja, das waren noch Zeiten!« sagte er. »Da war man noch elastisch!« »Wir sind, hol' mich der Teufel, noch ganz tüchtige Kerle«, meinte der Luxusbauch. »Weiß Gott, das sind wir, Eriksen!« nickte der Redakteur. »Prost, du alter Kuponschneider!« »Prost – du Rhinozeros! Du stinkst!« »Was tue ich?« »Ich sage: Du stinkst ! Geradeso wie deine Zeitung. Die Druckerschwärze, die du brauchst, taugt nichts!« »Gib ihm eine Maulschelle in meinem Namen, diesem Fettwanst!« Aber sein Gesicht wurde doch noch einen Schatten röter. Die Druckerschwärze war sein wunder Punkt. Und dann schlug Oberlehrer Clausen an sein Glas. Er war der Redner des Vereins. »Brüder!« begann er. »Das Leben ist ein Jammertal.« – – »Unsinn!« brummte der Stadtsekretär Lassen. »Halt's Maul, du Kamel!« sagte der Oberlehrer. »Ein Jammertal !« wiederholte er ostentativ. »Aber wir haben einen Winkel gefunden, wohin der Jammer nicht zu dringen vermag!« »Hört! hört!« »Und wer ist es, der uns einmal über das andere wieder in diesen herrlichen Winkel hineinzieht? Das ist unser stolzer wohlproportionierter Vorsitzender!« (Hier legte Heilbunth leise Messer und Gabel nieder.) »Er ist die treibende Kraft unserer Brüderschaft!« »Seine Druckerschwärze stinkt!« murmelte Eriksen. »– – Und obwohl man mit Fug und Recht von ihm sagen kann, daß er tagaus, tagein in drückenden Verhältnissen sitzt – –« »Das war brillant, Clausen! Ganz brillant!« Der Oberlehrer lächelte selbstbewußt. – – – »in drückenden Umständen, so denkt er doch, so wie der selige Horaz, immer nur daran, zu nützen und zu erfreuen! Habe ich nicht recht?« »Ja, aber seine Schwärze stinkt – –« »Halt jetzt den Mund. Eriksen, und laß den Unsinn! – – Was würde ohne ihn wohl aus uns werden, ohne ihn, diesen Ritter sans peur et sans reproche , frage ich euch? Wenn wir kurz daran sind, zu vergehen vor Langeweile und Ehegattin –« »Bravo! Bravo!« Der Oberlehrer lächelte von neuem. – – »vor Langeweile und Ehegattin, da entsendet er seinen Knappen, Herrn Thomsen, damit dieser an unsere Türen pocht –« »Seine Schwärze stinkt – –« »Und wir umgürten uns mit unserem festlichen Gewande und folgen freudig seinem Ruf! – – Ach, Knagsted, kannst du nicht aufhören, fortwährend mit dem Messer auf den Tisch zu klopfen?« Der Zöllner hatte dagesessen und unaufhörlich den Takt zu des Oberlehrers Rede gehämmert, drei lange Schläge und zwei kurze: dum, dum, dum – dumdum! dum, dum, dum – dumdum! Jetzt hielt er inne; aber seine Haarbüschel standen zu Berge. Ein wenig matt fuhr Clausen fort: »Meine Absicht war, wie ihr es wohl alle längst erraten habt – –« »Seine Schwärze stinkt – –« »Nein, es ist ja ganz unmöglich, dabei eine Rede zu halten!« »Jetzt sollst du aber wirklich, hol' mich der Teufel, das Maul halten, Eriksen!« sagte der Stadtkassierer und schlug seinen Nachbar an den Kopf. Der Luxusbauch lachte, so daß er sich schüttelte. Er war ein wenig bezecht. Und abermals legte der Oberlehrer los. »Meine Absicht war, Sie alle zu bitten, mit mir ein Glas auf unseren ausgezeichneten Vorsitzenden zu leeren!« »Seine Schwärze stinkt!« Schnell legte der Stadtkassierer seine Hand auf Eriksens Mund. Clausen erhob seine Stimme: »Allerdings ist er nicht so ganz ohne, aber er ist doch keineswegs gewogen und zu leicht befunden –« »Hi, hi, hi! Brillant!« »Unser klassischer Vorsitzender, Herr Redakteur Heilbunth, lebe hoch!« Man rief ein neunfaches Hurra, und die Gläser wurden bis auf den Grund geleert. Jetzt wurde die Lustigkeit zügellos. »Wein her, Thomsen! Wein her!« schrie man. »Wer will einen Käseknochen mit Fleisch daran haben?« »Ach was, scher' dich zum Teufel!« »Als ich Abschied nahm, als ich Abschied nahm –« »Einen kleinen Lysholmer, alter Junge!« »Pfui Teufel, der ist ja ganz warm geworden!« »Dänemark soll leben! Prost, ihr Brüder!« »Prost! Prost! Prost!« Man rief und schrie durcheinander. Man lachte und sang und war sentimental, klopfte sich gegenseitig auf die Schulter und umarmte einander. Die alten Augen leuchteten in hellster Freude, und aller Gesichter strahlten. Der Oberlehrer wollte noch eine Rede halten, aber niemand wollte zuhören. Stadtkassierer Lassen versuchte eine Porterflasche auf seiner Nase balancieren zu lassen. Und Rentier Eriksen saß da und kämmte Fabrikant Rössels Bart mit einer Hummerschere. Man konnte vor Lachen, Schreien und Rufen sein eigenes Wort nicht verstehen. »Meine Herren, meine Herren!« brüllte Redakteur Heilbunth, der fett und selig wie ein Falstaff in seinem Präsidentenstuhl lag. »Meine Herren, meine Herren, dies geht über Kreid- und Rotspon!« Im selben Augenblick ergriff Zollkontrolleur Knagsted den roten, kugelrunden Edamer mit seinen behaarten Esauhänden und rollte ihn mit Aufbietung seiner ganzen Kraft über den Fußboden und mitten in alle die leeren Flaschen hinein. Es war, als sollte der Saal zusammenstürzen! Und unten in der entferntesten Ecke an der Tür nach dem Küchengang stand Manuel und sah zu, empört, indigniert, entrüstet, entsetzt – ungefähr wie eine Altarkerze inmitten eines Hexensabbats. Wenn man durch das Nonnentor auf die Landstraße hinausging und dann in der ersten Richtung zur Rechten abbog, erreichte man nach halbstündiger Wanderung das »Gehöft«, den Mühlenhof, Emanuel Thomsens väterlichen Besitz. Und nicht nur Manuels Vater, sondern auch dessen Vater und Großvater hatten auf diesem kleinen Fleckchen Erde gelebt und gewirkt. Es gehörten ungefähr dreißig Tonnen Ackerland zu dem Gehöft und dann der Mühlenbetrieb. Der Mühlenteich oder der »See«, wie die Thomsens ihn zu nennen beliebten, lag im Garten hinter dem Wohnhause. Er lag hoch, fast in gleicher Linie mit dem Dachfirst des Hauses und nur durch einen schmalen Hohlweg von dem Gebäude getrennt. Das Wasser floß in einer offenen, ein paar Ellen breiten, hölzernen Rinne über den Weg und stürzte von dort auf das Treibrad herab. Und wenn das Mühlenbrett geöffnet war und die Mühle ging, tönte über den schmalen Hof hin ein brausender, donnernder Lärm, der die Fensterscheiben stoßweise erzittern machte. »Und wenn man einmal so glücklich gewesen ist, seine Kinderjahre an einem solchen Ort zu verleben,« sagte Manuel in seiner Unterhaltung mit Mutter Karens Bruder, dem Küster, »und im Lenz der Jugend seine Ohren an das liebliche Rieseln des Wassers und das Rauschen des Rades und das Mahlen der Mühlsteine gewöhnt hat, da wird man sich in den schweren Stunden seiner Männerjahre stets danach zurücksehnen.– – Namentlich,« fügte er mit einem Kopfnicken hinzu, »wenn man, wie ich, Onkel Jakob, mit einem etwas trübseligen Charakter geboren ist.« Rings um den Mühlenteich herum lag der Garten. Jetzt war er eine Wildnis. Bäume und Büsche wuchsen ungepflegt und unbeschnitten durcheinander. Das Gras der Rasenplätze wucherte über die Wege hinaus, und die wenigen übriggebliebenen Blumen konnten im Frühling, wenn sie hervorsproßten, kaum vor Unkraut atmen. Dieser Garten war der Stolz und das Steckenpferd der Familie Thomsen gewesen. Da waren Lindenlauben mit großen, runden, steinernen Tischen, alte ausgediente Mühlsteine, deren Rillen verschlissen waren. Und um sie herum standen künstlerisch ausgeführte Bänke und Stühle aus Naturholz, krummen Stämmen und Zweigen, die Großvater Thomsen selber zusammengezimmert hatte. Unter einer mächtigen Kastanie lag auf einem durchgesägten Eichenstumpf ein uraltes Taufbecken aus der Lindenberger Kirche. Und mitten an dem Stamm einer Buche saß, fast in Mannshöhe festgewachsen, ein grünspanfarbiger, moosbedeckter Mühlstein, in dessen mittlere Öffnung in längst entschwundenen Zeiten der Baum als kleiner zarter Steckling hineingepflanzt worden war. Der Stein war einstmals als Tisch verwendet worden, aber jetzt waren die Füße längst vermodert und der Baum hatte im Laufe der Jahre die Öffnung ausgefüllt und den Stein ellenhoch in die Höhe gehoben. Große, bunte, halbzertretene Muscheln lagen rings unter den Bäumen zerstreut. Sie hatten einst zierlich die Rasenflächen und Gänge umsäumt. Und wenn man sich hinabbeugte und sorgfältig zwischen dem langen, welken Unkraut suchte, konnte man wohl hin und wieder noch eine Steinaxt oder einen Keil finden, Kleinodien, die die Thomsens aus ihren Feldern und Wiesen ausgepflügt und sorgfältig gesammelt hatten. Denn, wie die benachbarten Bauern zu sagen pflegten, die letzten Besitzer des Mühlenhofes waren »verrückter« und »sonderbarer« gewesen, als Müller und Landleute in der Regel zu sein pflegen. Deswegen war es der Familie auch wohl so ergangen, wie es ihr erging. Wenigstens einmal alle vierzehn Tage schlich sich der kleine Thomsen spät am Abend auf das Gehöft hinaus. Und am liebsten im Mondschein. Er schlug nicht den geraden Weg ein, wo er Gefahr laufen konnte, Leuten zu begegnen, erkannt und ausgelacht zu werden. Über Gräben und Feldwege schlich er dahin wie ein kleiner, verwachsener, unterirdischer Geist, den Kragen in die Höhe geklappt, den Hut tief in die Augen gedrückt. Auf dem Platz vor der Einfahrt verkroch er sich hinter einem der Heuschober und wartete lange, ob sich auch niemand vor den Gebäuden sehen ließ. Die drei weißen zusammenhängenden Flügel schimmerten im Mondschein. Und durch die gestreiften Vorhänge vor den Fenstern im Wohnhause schien das Lampenlicht. Manuel glitt näher und näher heran. Er betastete die Mauern und untersuchte die Türen und die Luken. An vielen Stellen war der Kalk abgeblättert, und die nackten Steine guckten hervor. Der Teer war von den Stalltüren geschlissen, schief hingen sie in ihren Hängen. Und der himmelblaue Anstrich an den Türen und Fenstern des Wohnhauses war infolge von Wind und Wetter und Unsauberkeit schmutziggrau geworden. Emanuel seufzte im Herzen tief auf. Gleichzeitig aber juckten ihm die Finger, hier zuzugreifen, zu weißen und zu streichen, die Löcher der schadhaften Strohdächer auszubessern und das Unkraut, das das Pflaster des Hofplatzes dicht überwucherte, auszujäten! Drei Besitzer hatte das Gehöft während dieser fünfzehn Jahre gehabt. Der erste war sechs Jahre hier gewesen, der zweite vier. Und jetzt pfiff auch Rasmus Cornelius, der »dritte Schurke«, auf dem letzten Loch. Das Gehöft war in schlechten Ruf gekommen. Es war ein »Bankrottgehöft« geworden. Niemand konnte sich dort halten. Und jedesmal, wenn es von neuem wieder verkauft war, hatte sich Emanuel vor Kummer und Sorge darüber zu Bette gelegt, daß er noch nicht Geld genug zusammengeschrappt hatte, um es zurückkaufen zu können. Aber dann das letztemal, das war jetzt also ungefähr fünf Jahre her, als er dagelegen und sich fast im Fieber in den Kissen gedreht und gewendet hatte, da war er gegen Ende der Nacht schließlich ermattet und verzweifelt in einen schlafähnlichen Zustand gefallen, und da hatte er abermals eine »Offenbarung« gehabt. Der Vater war ihm von neuem erschienen. Er hatte eine Tafel in der Hand gehabt, und auf der Tafel stand mit leuchtenden Buchstaben die Zahl: 23 811 geschrieben. Natürlich bedeutete dies, daß Emanuel Lotterie spielen sollte. Er lief ein paar Tage seitwärts und wand sich im Innersten seiner Seele bei dem Gedanken an das bare Geld, das ihm die Sache kosten würde. Als sich aber dann der Vater eines Nachts wiederum mit der Tafel und der Zahl einstellte, war sein Entschluß gefaßt. Und noch am nächsten Tage reiste er mit dem Morgenzug nach Kopenhagen. Natürlich durfte das »Städtchen« nichts davon wissen, daß er Lotterie spielte. Dann hatten die Leute wieder etwas, worüber sie schwatzen konnten. Auch Mutter Karen ahnte den Grund seiner Reise nicht. Seine letzte Offenbarung hatte er instinktiv vor ihr geheimgehalten. In der Hauptstadt lief er die Straßen auf und nieder. In den feinen Stadtteilen wollte er sein Los nicht kaufen; denn da war es natürlich viel teurer als anderswo. Und er lief und lief. So gelangte er schließlich in eine dunkle, enge Straße, in der die Häuser klein und schmutzig waren. Er sah sich um. Und dort über einer Haustür erblickte er wirklich ein rotes Lotterieschild. Vor Willensanstrengung brach ihm der Schweiß aus: hier wollte er es versuchen! Er stieg die Treppe hinauf und gelangte in das erste Stockwerk: Kontorzeit von acht bis elf. Er schellte und wurde eingelassen. Es war eine nette, alte Dame, mit der er zu tun hatte. Manuel sah sie prüfend von der Seite an. Dann zog er ein Stück Papier aus der Tasche und reichte es ihr. »Man möchte gern diese Nummer haben.« »Ja, es kommt darauf an, ob ich sie habe, mein Lieber.« »Ob Sie sie haben ? Kann man denn nicht die Nummern bekommen, die man haben will, wenn man dafür bezahlt?« Thomsens Hemd wurde ganz feucht, in dem Maße floß die saure Flüssigkeit des Entsetzens an seinem Körper herab. »Ja, wenn man das Los eine Serie vorher bestellt«, sagte die Dame. »Eine Serie – ?« Manuel wünschte, daß er niemals hierhergegangen sei, denn die wollte ihn natürlich anführen! Die Dame blätterte langsam in einem Haufen Lose; sie netzte den Finger und blätterte. Dann zog sie plötzlich ein Stück Papier heraus und hielt es ihm hin: »Ja weiß Gott, hier ist Ihre Nummer!« sagte sie dann. – »Es ist ein Viertellos. Wollen Sie es haben?« Emanuel griff nach dem Los und untersuchte es genau an allen Ecken und Kanten: »Was soll es kosten?« »Ja, der Besitzer hat es in den letzten beiden Ziehungen zu erneuern unterlassen, die habe ich infolgedessen bezahlt. Wollen Sie das Los haben, so müssen Sie die natürlich mit bezahlen, sonst behalte ich es selber.« Für die Ziehungen bezahlen, die stattgefunden hatten! Emanuel lief seitwärts an der Schranke auf und nieder: »Man kann doch nicht mehr gewinnen, wenn die Ziehungen vorüber sind!« sagte er. »Nein, das können Sie nicht. Aber Sie können ja nun diesmal gewinnen.« »Haben Sie gewonnen?« fragte er plötzlich und blieb stehen. ..Nein.« Die Dame, die auf ihrem Stuhl vor dem Schreibtisch sah, legte den Kopf schelmisch auf die Seite und nickte: »Aber Sie haben die Nummer ja geträumt!« sagte sie. »Dann gewinnen Sie sicher.« Thomsen sank in die Knie. »Woher – Wie – Wer?« Die alte Dame lächelte noch immer: »Ihr Name?« fragte sie. – »Und die Adresse?« Emanuel nannte mechanisch Namen und Adresse. Er hatte förmlich Ehrfurcht vor der Frau bekommen. Aber dann kamen sie zu der Geldfrage, und sie nannte die Summe. – Ob er es nicht etwas billiger bekommen könnte? – Nein, hier gebe es nur feste Preise! – Wie lange es Gültigkeit habe? Es sei ein fortlaufendes Los, das gelte für alle sechs Ziehungen. – Ja, aber wenn man nun in der ersten Ziehung gewönne, so sei ja doch all das Geld weggeworfen! Jetzt riß der alten Dame die Geduld. »Sie sind hier in keinem Krämerladen«, sagte sie und stand mit einem Ruck von ihrem Stuhl auf. – »Wollen Sie das Los haben, mein Herr, oder wollen Sie es nicht haben?« Die Geschichte hätte sich noch sehr in die Länge ziehen können, wenn nicht eine neue Kundin gekommen wäre. Emanuel griff hastig nach dem Los und wollte es in die Tasche stecken. »Hier ist das Geld!« sagte er und zog das Portemonnaie aus der Tasche. »Danke! Aber das Los muß erst gestempelt werden.« »Gestempelt werden? Womit?« »Mit meinem Namen und meiner Adresse. Sonst vergessen Sie ja, wo ich wohne!« »Nein!« »Ach was!« sagte die alte Dame. »Gestempelt werden muß es doch !« Thomsen lieferte widerwillig das Dokument zurück. Er kehrte absichtlich die Rückseite nach oben, damit die Neuangekommene die Nummer nicht lesen sollte. Dann wurde ihm endlich das Papier in ordnungsmäßigem Zustand ausgeliefert; sorgfältig barg er es in seinem Taschenbuch. Er blieb noch einen Augenblick stehen. »Man braucht es wohl nicht beim Landvogt oder sonst irgendwo anzumelden?« fragte er. »Nein!« »Und wenn man nun gewinnt?« »Ja, dann sehen Sie es in der Ziehungsliste.« »Kann man sich darauf verlassen?« »Ja!« »Und in der Stadt erfährt niemand davon?« »Nein, Sie und ich sind ja die einzigen, die wissen, welche Nummer Sie haben! – Adieu, Herr Thomsen!« »Adieu!« Die Lotteriedame hatte sich schon zu der neuen Kundin gewandt, einer älteren Frau mit einem Korb auf dem Arm, als Emanuel das Wesen sanft beiseite schob, sich über die Schranke beugte und sein Gesicht dem Ohr der Kollektrice näherte: »Es soll auch nicht an einer kleinen Erkenntlichkeit fehlen, wenn man gewinnt!« flüsterte er und blinzelte diabolisch mit seinen kleinen Schweinsaugen. »Ich danke Ihnen, mein Lieber!« sagte sie. »Ich werde tun, was sich tun läßt.« Thomsen nickte verständnisvoll, blinzelte noch einmal, diesmal aber nur mit dem einen Auge, und entfernte sich. Als er an die Haustür gekommen war, nahm er das Los aus der Brieftasche und studierte es genau. Und da ward ihm plötzlich ganz schwindlig vor lauter Glück! Jetzt wußte er es, wußte er es, wußte er es, daß er gewinnen würde! Denn auf dem Stempel, den die Kollektrice dem Los aufgedrückt hatte, stand: Larslejsträde 23, Kontorzeit 8–11. – 23, 8, 11! Genau die Zahl, die auf der Tafel gestanden hatte! Genau die Nummer, die sein Los trug! Deswegen also war ihm der Vater zweimal erschienen! Und obendrein hatte der alte Thomsen auch noch Lars geheißen! Ein Zweifel war nicht mehr möglich! Manuel zitterte am ganzen Körper vor Erregung, er faltete unwillkürlich seine Hände, und es fehlte nicht viel, so wäre er in seinen besten Hosen mitten auf die schmutzige Diele niedergekniet, um Gott dem Allmächtigen, dem Schöpfer Himmels und der Erde, für seine große Güte zu danken. Aber er besann sich doch noch rechtzeitig, fuhr nur wie eine Rakete aus der Haustür hinaus und die Treppe hinab, eilte schiefer denn je nach dem Bahnhof, sprang in den Zug hinein und fuhr nach Hause, während es in ihm sang und jubelte wie der Ton fröhlicher Glocken. Und während der zwei Stunden, die die Ausfahrt nach dem Städtchen währte, hielt er wohl hundertmal mit schmetternden Hörnern und wehenden Fahnen seinen Einzug auf das Gut seiner Väter! Ach! – aber jetzt waren fünf Jahre seit jenem glückseligen Tage verstrichen, und noch hatte er nicht einmal ein Viertel eines Prämiengewinnes gewonnen. Sechsundzwanzig Kronen und zwanzig Öre kostete ihn das Los alljährlich. Und fünfmal sechsundzwanzig Kronen und zwanzig Öre waren hundertundeinunddreißig Kronen; das Porto gar nicht einmal mitgerechnet! Es bestand ein wunderbares Verhältnis zwischen Konsul Mörch und Zollkontrolleur Knagsted. Sie konnten nicht ohne einander fertig werden. Das heißt, Knagsted suchte Mörch auf. Denn der Konsul haßte den Zöllner wohl im Grunde und sah und hörte am liebsten nichts von ihm. Und doch sah man sie immer zusammen. Mörch hatte vor einer Reihe von Jahren einen Anfall von Gehirnapoplexie gehabt und ging am Stock und mit schweren, schleppenden Schritten. Sein Gesicht war schlaff und stumpfsinnig, seine Stimme lallend. Es klang, als sei seine Zunge zu dick. Aber er rauchte mit Leidenschaft. Es war das ungefähr die einzige Freude, die ihm geblieben war. Der Tabak umschleierte seine Gedanken so angenehm. Er lebte nämlich in einer ewig zitternden Angst vor dem Tode. Er hatte weder Tag noch Nacht Ruhe vor diesem Schreckbild. Nicht einmal, wenn er seinen Mittagsschlaf abhielt. Und das schlimmste war, daß Knagsted immer vom Sterben sprach. Nie von etwas anderem als vom Tode und dessen Attributen, von Krankheit und schlechtem Befinden, Medizin, heiligem Abendmahl, Glockengeläute und Begräbnis. Mörch hatte ein Gefühl, als kröchen Würmer in ihm, sobald der Zöllner anfing. Am liebsten hätte er ihn weggejagt, ihn mit seinem Stock vertrieben. Und doch fuhr er fort, ihm mit einer Art von schauderndem Interesse zuzuhören. Er wurde förmlich hypnotisiert von den Worten des Freundes, hatte ungefähr die Empfindungen eines Kindes, das mit zu Berge stehenden Haaren einer Gespenstergeschichte lauscht. Sie gingen zusammen spazieren. Fast jeden Tag um die Dämmerstunde kam Knagsted und holte den Konsul ab. Eines Abends zwischen sechs und sieben Uhr krabbelten die beiden Freunde wieder die Treppe von Mörchs Wohnung hinab. Als sie endlich unten auf der Straße standen, fragte der Zöllner: »Nun, lieber Mörch, wohin wollen wir denn heute gehen?« »Das überlasse ich dir!« lallte Mörch. »Dann wollen wir den Prinzessinnensteig entlanggehen.« Ein paar Würmer fingen an, sich in dem Konsul zu regen. Dies war nämlich der Weg nach dem Friedhof. »Wollen wir nicht lieber auf die Landstraße gehen, Knagsted?« »Du sagst ja selber, ich sollte bestimmen.« »Nun ja, wie du willst.« »Es steht wohl heute schlecht mit deinem Befinden, Mörch?« »Gott bewahre! Es geht mir sehr gut!« »Du hast über Nacht gewiß nicht geschlafen?« »Nicht viel!« »Nein, man schläft schlecht, wenn man alt wird.« Knagsted hatte den Konsul unter den Arm gefaßt, und nun trippelten sie die Südstraße hinab. »Du solltest nicht soviel rauchen, Mörch«, begann der Zöllner. »Ach was, die paar Pfeifen.« »Hast du heute die Morgenzeitung gelesen?« »Ja!« »Hast du es beachtet?« »Was soll ich beachtet haben?« »Den Artikel aus Nästved.« »Was stand denn darin?« Den Konsul durchschauerte es. »Von diesem Mann.« »Was war es mit ihm?« »Er starb!« »Nun ja, sterben müssen wir alle.« »An Nikotinvergiftung. Ich dachte, ich wollte dich doch aufmerksam darauf machen.« »Danke schön!« sagte der Konsul wütend. »Du bist immer so fürsorglich!« Knagsteds Haarbüschel bewegten sich schadenfroh. Aber er sagte nichts. »Es waren wohl Zigarren«, fuhr Mörch nach einer Weile fort. »Da stand ausdrücklich Tabak.« Schweigen. – – Sie gingen Schritt für Schritt mitten auf der Straße. Der Konsul ging vornübergebeugt und stützte sich schwer auf seinen Stock und auf seines Freundes Arm. Knagsteds kleine vierschrötige Gestalt hingegen hielt sich gerade wie ein Meilenzeiger, unangefochten und unberührt von den Jahren und den Ereignissen. Bei dem Hotel bogen sie um die Ecke und gingen die Maren Schmiedts-Gasse hinab, die in den Prinzessinnensteig mündet: »Du kannst mir glauben, wir haben uns neulich abends im Verein ganz köstlich amüsiert!« sagte der Zöllner, zeigte auf die Fenster des Lokals, in dem die Freßsäcke tagten. »Hm!« brummte der Konsul und sah nach der anderen Seite hinüber. »Du solltest dich wirklich einschreiben lassen, Mörch!« »Unsinn!« entgegnete Mörch, und seine matten Augen blitzten. »Hi, hi!« Kein Mensch in der Stadt wußte Bescheid über die Vergangenheit des Zöllners. Als der alte Zollkontrolleur vor ungefähr zehn Jahren starb, war Knagsted sein Nachfolger geworden. Er kam aus Jütland, aus der Gegend von Ebeltoft oder Grenaa herüber, wo er Zollassistent gewesen war. Man wußte nicht das geringste von ihm im Städtchen, bis er eines Tages in der Tür der Zollbude am Fjord stand und ärgerlich auf das Wasser hinaussah. Er hatte eine funkelnagelneue Uniform an, aber keine Mütze auf dem Kopf. Und sein fuchsrotes Haar leuchtete in der Sonne. Die Bürger steckten die Köpfe zusammen und meinten, da hätten sie wohl einen bösen Karbunkel an Stelle des alten Mathiesen bekommen, der immer so sanft und so gut wie ein Maientag gewesen war. Und als man ihn erst recht genau angesehen und die Haarbüschel in seinen Ohren und die Brauen über seinen Augen und den gelblichroten Haarwuchs entdeckt hatte, der ihm bis an die Fingergelenke wuchs, da hatte ihm ein Witzbold sofort den Namen »Esau« gegeben. Und man behauptete, er sei ein Kind der Liebe, von einem Buschmann und einer Bulldogge. Aber der Zöllner ließ die Leute reden. Er mietete sich ein Paar Zimmer bei einer älteren Witwe in einem kleinen Hause ganz in der Nähe der Zollbude. Dort stellte er seine wenigen Habseligkeiten auf. Und dort hielt er sich auf, wenn er nicht in der Zollbude war. Anfänglich hatte er die Witwe auch sein Essen bereiten lassen. Aber das dauerte nicht länger als vierzehn Tage. Dann ward sie sehr ungnädig verabschiedet, und er ging fortan zu Tisch ins Hotel. Die Gesellschaft, mit der er dort zusammentraf, bestand hauptsächlich aus Handelsreisenden; denn die Bürger nahmen, wie das ja auch ganz in der Ordnung war, ihre Mahlzeiten am häuslichen Herd ein. Aber dann eines Abends klopfte der Hotelwirt, Herr »Pli-Hansen«, dem Redakteur Heilbunth ehrfurchtsvoll mit einem elastischen Mittelfinger auf die Schulter. Der Redakteur saß im Restaurationslokal und trank einen Grog: »Verzeihen Sie, Herr Redakteur«, sagte Herr Hansen. Heilbunth wandte ihm beschwerlich sein Antlitz zu. »Sie wissen, Hansen, daß ich es nicht gern mag, wenn ich gestört werde!« Der Wirt neigte sich wie ein Weizenhalm im Sturm: »Jawohl, Herr Redakteur, das weiß ich! Aber –« »Nun, was wollen Sie denn?« »Der Herr Redakteur sollten sich des Herrn Zollkontrolleurs ein wenig annehmen, – wenn ich mich so ausdrücken darf!« »Das Stachelschwein!« »Hihihi! – Ich glaube, Sie würden es nicht bereuen, Herr Redakteur. Er ist furchtbar witzig!« »So–o? Was sagt er denn?« »Ja, – was sagt er? –« Herr Hansen wippte sich wie im Wellengang von der Ferse auf die Zehenspitzen. – »Was er so eigentlich sagt, Herr Redakteur, das ist mir gerade diesen Augenblick nicht gegenwärtig. Aber Sie sollten nur einmal hören, wie er die Reisenden an der Table d'hôte behandelt, Herr Redakteur. Er nimmt sie ordentlich vor, hihihi!« »Das haben sie auch wohl nötig!« »Hihihi, ja! Diese Art Leute haben ja in der Regel keinen Pli! – Aber jetzt fällt mir ein Beispiel ein. Herr Redakteur« – der Wirt legte wieder einen weichen Finger auf Redakteur Heilbunths Schulter. »Wenn Sie erlauben, Herr Redakteur?« »Hm! –« »Er sagte neulich bei Tisch« – es war gerade beim Dessert: Früchte der Jahreszeit! – man müßte glauben, hihihi! daß der liebe Gott die Bürgermeisterin geschaffen hätte, indem er kleine Klumpen auf sie geworfen habe, einen für die Nase und einen für jede Backe und für die Augen – hihihi! Ich finde das furchtbar witzig – und einen für das Kinn – nicht wahr?« »Sagte er noch weiter was?« »Hihihi, hi! Er sagte – (der Wirt näherte seinen Mund diskret dem Ohr des Redakteurs) – er sagte, und dann wäre die Bürgermeisterin gewiß weggelaufen, hihihi! denn sie hätte vergessen, die Klumpen für den Busen mitzunehmen und – und – (hier machte Herr Hansen einige rundliche Bewegungen mit der hohlen Hand) – und die übrigen gewölbten – hihihi – weiblichen Teile!« Heilbunth sah eine Weile da, ohne eine Miene zu verziehen. Dann aber drehte er mit einer Kraftanstrengung den Kopf einen halben Zoll weiter herum und sagte über die Schulter hinweg: »Ich beteilige mich nicht daran, die Obrigkeitspersonen der Stadt lächerlich zu machen! Merken Sie sich das!« Der Hotelbesitzer stand eine Sekunde starr und sprachlos da. Dann verneigte er sich mit wahnsinniger Hast ein paarmal, stieß ein paar unartikulierte Laute aus und zog sich mit einem geistesabwesenden Lächeln hinter den Schenktisch zurück. Ein paar Tage später aber aß der Redakteur mit an der Table d'hôte. Und beim Kaffee fragte er Knagsted, ob er l'Hombre spiele. So wurde der Zollkontrolleur in die Bürgerschaft eingefühlt. Und bald wurde er Mitglied der Freßsäcke und trank Schmollis mit mehreren Brüdern. Aber was man »beliebt« nennt, das wurde er eigentlich nicht. Weit eher hatte man eine Art Ehrfurcht vor ihm, und zwar in der alttestamentarischsten Bedeutung dieses Wortes, indem man gewissermaßen zu ihm aufblickte und ihn bewunderte, aber in Zittern und Beben. Man fürchtete, sein Opfer zu werden, und wich ihm aus. Man zitterte vor seiner scharfen Zunge und redete ihm deswegen nach dem Munde. »Ein boshafter Satan!« sagte Fabrikant Rössel. »Der Teufel in eigener Person!« sagte Stadtkassierer Lassen. »Wer leibhaftige Gottseibeiuns mit Haaren am ganzen Körper«, sagte Rentier Eriksen. Und alle machten sie ihm den Hof. Aber dann geschah es, daß er anfing, mit Konsul Mörch spazierenzugehen. Mit Konsul Mörch, der seit Jahren krank und vergrämt daheim in seinem Stuhl gesessen, und den die Stadt in ihrer täglichen Geschäftigkeit und in ihrem Hasten nach Broterwerb beinahe vergessen hatte. Und sofort zerschmolzen ein Paar von diesen herzensguten Frauen vor Rührung: Da konnte man es sehen! redeten sie drauflos. – Was hatten sie nicht immer gesagt? Man hatte Zollkontrolleur Knagsted blutiges Unrecht getan. Diesem armen, höflichen Mann, den die Natur so stiefmütterlich behandelt hatte – ja, man konnte wohl in gewisser Hinsicht sagen, so verschwenderisch, hi hi, – und der keine Familie hatte, und keine Familie gründen konnte, – »denn, sagen Sie doch selber. Frau Heilbunth (Frau Stadtkassierer Lassen sprach), wer wollte sich wohl mit ihm verheiraten? Mein Mann und er sind einmal zusammen im römisch-irischen Bad gewesen, – ich bitte Sie, – wie Pelzwerk, hat mir Lassen erzählt!« Und dieser arme prädestinierte Junggeselle hat sich natürlich immer nach etwas gesehnt, was ihn beschäftigen, nach jemand, für den er sich aufopfern könnte, und da hatte er Konsul Mörch gefunden. Und Frau Lassen mußte, weiß Gott, sagen, daß sie es ganz reizend von Knagsted fand, sich gerade Mörch auszusuchen, »denn Mörch war immer, – das wissen Sie doch selber, Frau Heilbunth, – ein ziemlich unangenehmer Mensch gewesen!« Und außerdem war es Frau Lassens unumstößliche Meinung, daß Knagsted eine unglückliche Liebe gehabt haben müsse, und deswegen war der Schein gegen ihn! »Denn das wissen wir doch, teure Frau Heilbunth, Herz haben wir alle miteinander, wenn wir es uns auch nicht immer merken lassen! – Puh! Ja, bitte, aber nur noch eine kleine halbe Tasse. – Ich finde, es ist hier sehr warm! Wollen wir nicht das Fenster ein ganz klein wenig aufmachen?« So zerflossen die Damen bei ihren Kaffeezusammenkünften in Begeisterung über den Zöllner Knagsted. Und auf einige Zeit umgab ihn ein romantischer Nimbus. Bis es ganz allmählich bekannt wurde, auf welche Art und Weise er sein Liebeswerk übte. Da schlug man den Blick gen Himmel und bekreuzigte sich! Obwohl es auch viele gab, die einen geheimen Groll gegen Konsul Mörch hegten, aus der Zeit, als er der erste Matador des Städtchens war. Auch hinter Knagsteds Motive zu kommen, vermochte man nicht, wie sehr man sich auch den Kopf zerbrach. Er blieb ein Rätsel, das zu diskutieren man nie ermüdete. Ja, Frau Lassen schrieb sogar nach Ebeltoft an eine Freundin, um Erkundigungen einzuziehen. Aber die Freundin konnte nur berichten, daß er von Svannike nach Ebeltoft gekommen sei. Und daß alle sich vor ihm gefürchtet hätten. Worauf ihm Frau Lassen den Namen »die leibhaftige Bosheit« gab und ihre auswärtigen Freunde regelmäßig um die Zollbude herumführte, damit sie ihn sehen könnten. – Es war an einem Abend gegen Ende Juni. Der Mond segelte hoch oben am Himmel dahin und machte fast die Sterne erblassen durch seinen Glanz. Über Mooren und Wiesen lag ein dichter Nebel, steif und unbeweglich, denn kein Wind rührte sich. Die Uhr war fast elf. Und draußen auf dem Mühlenhof schliefen Rasmus Cornelius und seine Familie längst den süßen Schlaf, wie gewöhnlich von dem Brummen des Rades und dem brausenden Wasser eingelullt. Rasmus war jetzt so flott, daß er sich einen Mann hielt, der nachts auf die Mühle achtgab. Im übrigen hielt er auch einen Mann, der am Tage die Landwirtschaft besorgte. Er selber studierte im Lindenborger Krug »Chemie«. »Kimi« und »Rechnen«, wie er es nannte: Branntwein und Kartenspiel. Ein kleiner, schiefer Schatten glitt über den Feldweg hinter dem Garten des Mühlenhofes. Als er die äußersten Bäume erreichte, dort, wo früher die Umzäunung gewesen war, machte er halt und legte die Hand hinter das Ohr, um zu lauschen. Kein Laut war zu hören. Nur das Plätschern des Wassers, wenn es über das Treibrad stürzte. Dann verschwand der Schatten raschelnd zwischen dem Buschwerk und glitt in den Garten hinein. Emanuel Thomsen machte seinen Abendspaziergang. Er schlich da drinnen von einem Fleck zum anderen. Da war ja auch nicht ein Fußbreit Erde, auf den er nicht als Kind und halberwachsener Mann seinen Fuß gesetzt hatte. Er kannte jeden Baum, jeden Busch. Und obwohl eigentlich kein Unterschied mehr zwischen Rasenplätzen und Steigen vorhanden war, fand er doch tastend seinen Weg, wie der Blinde zwischen den gewohnten Möbeln seines Zimmers. Der Mond stand senkrecht über den Bäumen, und seine Strahlen fielen steif zwischen die unbeweglichen Blätter herab. In der großen Lindenlaube mit dem steinernen Tisch setzte sich Manuel auf einen der gliederlahmen »Naturstühle«. Durch die gegenüberliegenden Büsche konnte er einen Teil des »Sees« sehen, dessen Wasserspiegel wie geschliffener Stahl schimmerte. Aber hie und da, mitten in dem klaren, blanken Wasser sah er unförmliche Klumpen aufragen. Das waren Wasserpflanzen und Röhricht, die aus dem Boden des Teiches hervorguckten, wo sie in dem fetten Morast üppig wucherten. »Du Schweinigel! Du Schweinigel!« murmelte er vor sich hin und sprang mit festgeballten Fäusten auf. »Zu unseren Zeiten war der See wie ein blankgeputzter Kessel!« Auf dem Rasenplatz unter dem Walnußbaum stand er vor dem Taufbecken still. Seine Finger liefen tastend darüber hin, und er fühlte die Schrammen und Risse, die die Kinder der »Schurken« im Laufe all der Jahre hineingeschlagen hatten. »Sie sollen einem Rechenschaft dafür ablegen, wenn man das Gehöft zurückkauft!« murmelte er. Und er nickte lächelnd der Buche zu, um deren Stamm der Mühlstein in einer Höhe von drei Ellen saß. »Der sitzt ihnen zu hoch!« Aus dem Garten hinaus schlich er über den Hohlweg, auf dem das helle Wasser stand, weil das Schleusenwerk und die Rinne nicht in Ordnung gehalten wurden. Aber die Mühle rummelte und arbeitete so lieblich! Und er sah sehnsuchtsvoll zu dem kleinen, vierscheibigen Giebelfenster hinauf, hinter dem ein Licht brannte. »Mortensen!« rief er in flüsterndem Ton, – »Mortensen! Ich bin es, Emanuel!« Aber der alte Mühlen-Mortensen hörte ihn nicht. Dann glitt er bis vor die Einfahrt und starrte auf den Hofplatz hinüber. Gras und Unkraut wuchsen lustig da drinnen. Rechen und Pflüge lagen unordentlich durcheinandergeworfen. Fensterscheiben waren eingeschlagen. Und überall an den weißen Mauern grinsten ihm große, kahle Löcher entgegen. Manuel hatte sich einmal zu des ersten Besitzers Zeiten auf den Hof und in das Wohnhaus hineingewagt. Das war eines Tages geschehen, als er vorübergegangen war und gesehen hatte, daß ein Wagen gegen eines der Gebäude fuhr und Kalk abstieß. Er war in das Zimmer getreten und hatte gesagt, er komme, um der Familie seine Aufwartung zu machen. Und er war sehr freundlich aufgenommen worden. Man hatte ihn bewirtet und umhergeführt. Aber er hatte ja nicht an sich halten können, der liebenswürdige, kleine Mann! Er hatte hier auf einen Fleck und dort auf ein Loch gezeigt und gesagt, so sei es zu »unserer« Zeit nicht gewesen. Dies müsse man so schnell wie möglich wieder instand setzen. Und wenn er hätte auf der Stelle tot umfallen sollen, er wäre nicht imstande gewesen, diese Äußerungen für sich zu behalten. Aber der Hofbesitzer war schließlich derartig in Wut geraten, daß er den kleinen Thummelumsen mit Schimpfworten und Drohungen vom Hof heruntergejagt hatte. Dann machte der Mann Bankrott, und der zweite Besitzer zog ein. Der Hof war inzwischen noch mehr in Verfall geraten. Und der neue Besitzer hatte weder Geld noch »Genie«, um ihn aufzubessern. Eines Tages traf Thomsen ihn draußen auf der Landstraße und knüpfte ein Gespräch mit ihm an. Und wie es dann gekommen sein mochte, – genug, es endete damit, daß der »Schurke« seinen schweren Eichenknüttel erhoben und den Teufel ersucht hatte, diesen kleinen buckligen Affen von Orang-Utan mit sich in die Hölle zu nehmen, da er sonst selber – Aber da war Manuel bereits mitten in der Beschwörung, seitwärts wie ein Taschenkrebs, halbwegs nach der Stadt zurückgekehrt! Und bei dem dritten Besitzer hatte er es niemals versucht. – Thomsen stand noch vor der Einfahrt zu dem Mühlenhof. Er war in Gedanken versunken. Die Lotterie summte ihm im Kopf herum. Daß er doch nie und nimmer gewinnen konnte! Einhundertundeinunddreißig Kronen hatte er schon dabei zugesetzt; und jetzt, im Oktober, sollte er abermals dreizehn Kronen und zehn Öre herausrücken! – Aber er mußte ja gewinnen, er mußte ja gewinnen; weshalb hatte ihm sonst der Vater diese Nummer offenbart! Und die alte Dame hatte doch selber gesagt, daß er gewinnen würde! – Den Fall gesetzt, daß Rasmus Cornelius nun schon im Dezember vom Hof heruntermußte und ein anderer ihn kaufte! (Ein Messerstich durchzuckte das Herz des kleinen Mannes bei dem Gedanken.) Er hatte ja kein Geld. Denn wieviel er auch in diesen fünfzehn Jahren gespart und sich abgeknapst hatte, so belief sich sein Konto auf der Bank nur auf 5265 Kronen. Und das letztemal, als der Mühlenhof verkauft war, waren 21000 Kronen dafür gezahlt worden. Einundzwanzigtausend; mit einer Anzahlung von neuntausend Kronen. Einundzwanzigtausend! – Er konnte das Geld nicht zusammenscharren, wenn Gott der Allmächtige ihm nicht half! Er konnte es nicht! – Wilde Pläne von Diebstahl und Mord und Plünderung schwirrten durch sein Gehirn. Denn haben mußte er das Gehöft! – Wenn auch nur die Gebäude, lieber Vater im Himmel! Nur die Gebäude und die Mühle und den Garten! Die Äcker konnte dann ein anderer bekommen. Für die Ackerwirtschaft hatte er sich ja nie so recht interessiert. – Ach, aber die Gebäude! Die Gebäude und der Garten! Er wollte so dankbar sein, so dankbar! Es sollte keinen zweiten so dankbaren Menschen auf der Welt geben! Und wie wollte er sie pflegen und herzen und verhätscheln! Wollte weißen und dachdecken und schaufeln und harken! An den weißen Mauern der Häuser sollte kein Fleck zu sehen sein; und kein Unkraut sollte im Garten wachsen dürfen. Manuel schlich sich dicht an die Gebäude heran und strich liebkosend mit der Hand über den Kalk. »Liebe gute Wand!« murmelte er, – »liebe gute Mauer!« Und die Tränen flossen schwer und groß über seine Wangen herab. Im selben Augenblick schlug die Uhr im Lindenborger Kirchturm zwölf. Die Schläge klangen scharf durch die stille Luft. Thomsen richtete sich auf. Seine schiefe Schulter zuckte ein paarmal nervös. Dann sank er wieder zusammen und senkte den Kopf und trippelte hoffnungslos und verzweifelt nach Hause. Auf der Landstraße aber fand er ein Hufeisen mit drei Nägeln: Gott Vater, Gott Sohn und der Heilige Geist. Und das richtete ihn beträchtlich auf. Die beiden unzertrennlichen Freunde, Konsul Mörch und Zollkontrolleur Knagsted, waren wieder auf ihrem Abendspaziergang begriffen. Und wie gewöhnlich waren sie in Maren Schmieds Gasse eingebogen und auf den Prinzessinnensteig gelangt. Die Sonne hing niedrig über dem Fjord. Es war ein schöner, warmer Sommerabend. Und die weißen Gehöfte und kleinen Häuser auf den fernen Hügeln jenseits des Wassers schimmerten hell herüber. Mörch hatte gebeten, sich ein wenig setzen zu dürfen. Er sei müde, sagte er. Aber es war wohl dieser unvermeidliche Besuch auf dem Friedhof, den er so lange wie möglich hinausschieben wollte. Und nun saß er krumm und vornübergebeugt da und ritzte mit seinem Stock Zirkel und Striche in den weichen Kies des Weges, während der Zöllner sich gerade und elastisch gegen den Rücken der Bank lehnte und pfiff. Er gab sich dieser Kunstübung nur hin, wenn er mit dem Konsul zusammen war. Er wußte, daß es den Freund ärgerte als Beweis der Lebenskraft. Ein wenig von ihnen entfernt lief eine Schar Kinder und spielte. »Sieh!« sagte Knagsted und zeigte auf sie. Mörch erwachte aus seinem Halbschlummer und erhob den Kopf: »Ja«, sagte er. »So waren wir auch einstmals!« »Ja!« »Aber das ist lange her!« »Was würdest du dafür geben, Mörch, wenn du wieder so werden könntest?« »So kann man nicht wieder werden, Knagsted!« »Nein. Aber was würdest du dafür geben, wenn du wieder so werden könntest?« »Ich lasse mich nicht auf solchen Unsinn ein«, sagte der Konsul ärgerlich. »Du solltest es einmal mit der klugen Frau in Bragby versuchen, Mörch.« »Das ist auch Unsinn!« »Bewahre, ist es Unsinn! Sie hat im Frühling Tierarzt Hansen kuriert, der, wie du ja weißt, eines Nachts lahm auf der einen Seite wurde.« »Davon weiß ich nichts.« »Ja, aber das hat sie wirklich getan. Und nun kann er wieder gehen und auf Praxis fahren!« »Hm! Es ist wohl nicht so schlimm gewesen wie bei mir!« »Genau so! Es war Apoplexie. Seine Zunge war auch gelähmt!« Mörch sandte seinem Freund einen schielenden Seitenblick zu. Aber das Gesicht des Zöllners war ein verschlossenes Buch. Dann sagte der Konsul: »Und er hat sich erholt, sagst du?« »Vollständig! Er könnte sehr gut mit den Kindern da drüben um die Wette laufen.« »Hm – Was hat sie ihm denn gegeben?« »Etwas in einer Flasche. – Was meinst du, wenn du wieder auf den Klubball gehen könntest, alter Jägersmann?« »Unsinn!« »Der Tierarzt erholte sich in drei Wochen!« »Ich kann ja nicht zu ihr hinauskommen!« »Das könntest du wohl allenfalls! Aber du kannst sie ja auch holen lassen.« »Kommt sie denn?« »Natürlich kommt sie! – Denk nur, wenn du deine Martinsgans im Hotel essen könntest!« »Unsinn, Knagsted«, brummte der Konsul. Aber in seinem tiefsten Innern zuckte doch eine kleine Hoffnung. »Du solltest es doch einmal versuchen, Mörch!« fuhr der Zöllner unverdrossen fort. »Versuchen kann ich es ja gern. – Und der Tierarzt verspürt nichts mehr, sagst du?« »Er ist gesund wie ein Fisch. Viel gesünder als vor seiner Erkrankung.« »Und die Frau kommt, wenn ich sie holen lasse?« »Unbedingt!« »Ja, ja!« sagte der Konsul und wiegte frisch belebt den Kopf hin und her. – »Wenn ich noch mal wieder ein ganzer Mann werden könnte. Knagsted! hm! hm! Nun bin ich seit sechs Jahren kein Mensch gewesen. – Ach, du lieber Gott! Ja, ja!« Mörch saß auf der Bank und wippte vor Freude hin und her. Seine geschwollenen gichtischen Hände umklammerten krampfhaft den Stock, und seine Lippen bewegten sich unablässig. Knagsted schielte zu ihm hin, und die Pupillen in seinen Augen zogen sich boshaft zusammen wie bei einer Katze, die eine Maus fixiert. »Aber du mußt dich doch in acht nehmen, Mörch!« »Wieso?« fragte der Konsul erschreckt. Und es war, als glitt ihm bei dem Tonfall in des Zöllners Stimme eine eiskalte Spirale durch das Rückgrat. »Du mußt recht vorsichtig sein, sage ich.« »Weshalb?« »Ja, denn da drüben in Jütland, wo ich herkomme, war auch eine kluge Frau –« »Hm –« (Mörch sank mehr und mehr zusammen). »Sie gab einem Manne einmal eine verkehrte Medizin –« »So? –« Es klang wie ein Stöhnen. »Diese Art Leute sind ja nicht ganz so zuverlässig wie die Ärzte –« »Nein –« »Sie haben ja kein Examen gemacht – Sie haben ja kein Examen gemacht, sage ich!« »Nein, ich kann ganz gut hören, Knagsted!« »Und sie dürfen ja eigentlich nicht praktizieren.« »Nein! –« »Damit kein Unglück geschieht. Diese Frau hatte verkehrte Kräuter gebraucht –« »Hm! – Und der Mann?« »Der Mann? Ja, der starb! Sie hatte ihm Gift gegeben. – Na ja, das war natürlich ein Unglück, verstehst du, alter Freund! He! Die Frau in Bragby ist ganz zuverlässig.« Der Konsul antwortete nicht. Er war wieder zusammengesunken. Der Kopf war auf die Brust gesenkt, und die Arme hingen schlaff an den Seiten nieder. Der Zöllner aber erhob sich plötzlich von der Bank: »Ja, dann müssen wir wohl so allmählich weitergehen.« Und ohne eine Lebensäußerung von seinem Freund abzuwarten, schob er den Arm in den seinen, zog ihn in die Höhe und schleppte ihn weiter auf dem Wege, der nach dem Friedhof fühlte. Karen Thomsen war, wie gesagt, in jeder Hinsicht glücklich und zufrieden mit ihrem Aufenthalt in der Provinzstadt. Nachdem sie seinerzeit über den Tod des Mannes und die Aufregung, die der Verlauf des Geschäfts und der Aufbruch und der Umzug mit sich gebracht hatten, erst hinweggekommen war, fing sie an, sich auf die angenehmste Weise in ihr neues Leben hineinzufinden. Und wenn sie ganz ehrlich sein sollte, so sagte ihr das friedliche, stille Leben in dem kleinen Hause in der Südstraße weit mehr zu als das geschäftige Treiben auf dem Mühlenhof, wo sie sich vom Morgen bis zum Abend keine Viertelstunde Ruhe gegönnt hatte, vor Angst, daß irgend etwas in dem großen Haushalt vernachlässigt werden könnte. Gar nicht zu reden von der anstrengenden Krankenpflege der beiden letzten Jahre und der drohenden Angst vor dem immer mehr heranrückenden Ruin. Natürlich hatte die Frau ihren Mann geliebt. Das heißt, so auf Bauernart, im Grunde hatte sie eigentlich nur einen ungeheuren Respekt vor ihm gehabt nach dem guten alten Rezept: Ihr Weiber seid euren Männern untertan und gehorsam in allen Dingen! Und natürlich hatte sie geweint, als er gestorben war, und hatte schwarzgekleidet dem Begräbnis beigewohnt. Aber sie nahm die Ereignisse hin, wie sie kamen, ohne zu murren oder mit ihnen ins Gericht zu gehen: besser für Lars und sie, daß er endlich ausgekämpft hatte, als daß er vielleicht jahrelang hätte zu Bett liegen müssen zur Qual und Plage für sich selber und andere; und keiner Menschenseele zu Nutz und Frommen. Und Manuel? Er war ja sein Leben lang daheim umhergegangen und hatte herumgepusselt und gekramt, der Ärmste. Sie hatte dem Vater einmal ängstlich und zögernd vorgestellt, ob es nicht am besten für den Knaben sein würde, wenn er ein wenig unter Fremde käme und andere Sitten und Gebräuche kennenlernte. – Aber davon konnte keine Rede sein! Weder der Vater noch der Großvater, der damals noch lebte, konnten es sich vorstellen, den Anblick des Knaben auch nur einen Tag entbehren zu müssen! »Na ja!« hatte die Frau hierauf nur erwidert und war an ihre Beschäftigung gegangen. Und Manuel war auf dem Mühlenhof geblieben. Damit soll jedoch durchaus nicht gesagt sein, daß er müßig umherging und die Zeit totschlug. Keineswegs! Er war vom frühen Morgen bis zum späten Abend in Tätigkeit. Er half seinem Vater in der Mühle und auf dem Felde, fuhr Futter für das Vieh ein und im Herbst Korn in die Mieten und Scheuern. Aber seine liebste Beschäftigung war es doch, mit Großvater Thomsen umherzugehen. Sie machten sich an den Gebäuden und im Garten zu schaffen. Sie weißten und malten, schrubbten, hackten, pflanzten und beschnitten. Die Häuser schimmerten zu dieser Zeit wie frischgewaschene Tischwäsche. Und auch nicht ein Grasbüschel wuchs zwischen den Pflastersteinen des Hofes. Keine Unkrautpflanze war auf den Beeten oder in den Gartensteigen zu erblicken. Flog ein Strohhalm aus einer Miete in den Weg, so wurde er vorsichtig wieder zurückgetragen. Und führte sich ein Huhn unpassend auf einer Wagendeichsel auf, so war Emanuel sofort mit einem Tuche da, um dem Schaden abzuhelfen. Die beiden, der Junge und der Greis, waren den lieben, langen Tag in Tätigkeit. Und des Abends verfertigten sie Pappsachen und schnitzten Rahmen. Oder Manuel las aus seinen »Geschichtbüchern« aus der Schule vor. Dann starb der Alte. Er bekam Lungenentzündung. Und nach Verlauf von zwei Tagen erlosch er wie ein Licht. Er wurde auf dem Kirchhofe des Städtchens begraben, wo auch seine Frau lag. Und ein prunkendes Sandsteinmonument wurde auf dem Grabe errichtet. Das war in den guten Zeiten. Aber gottlob war auf dem Stein noch Platz für die Namen Manuels und seiner beiden Eltern! Nach dem Tode des Großvaters übernahm der Knabe alle Arbeit, die zur Erhaltung der Gebäude und des Gartens erforderlich war. Das war ihm ins Blut übergegangen. »Der Hof« mußte zierlich und nett aussehen. Das hatte er getan, solange er im Besitz der Familie gewesen war! Und er weißte und malte wie ehedem und harkte und schrubbte. Und die Äxte und Keile des Großvaters und die Tische aus den Mühlsteinen und das Taufbecken scheuerte und wusch er, und die kunstvollen Naturtische hielt er imstande. Er hatte keine Zeit mehr, sich um die Arbeit in der Mühle und auf dem Felde zu bekümmern, verlor beinahe alles Interesse für diesen Teil der Wirtschaft. Und dann: Das konnten ja der Vater und der alte Mortensen besorgen! Bedurfte aber Mutter Karen einer Handreichung im Hause bei den großen Scheuerfesten im Frühling und Herbst, da war Manuel sofort mit Putzlappen und Petroleum zur Stelle und half die alten Mahagonimöbel polieren, bis ihre Ecken und Kanten wie Diamant strahlten, wenn die Sonne durch die blanken Fensterscheiben fiel. Madam Thomsen nickte in ihrem Stuhl und ließ die Hände mit der Näharbeit in den Schoß sinken: Ja, ja, flink mit den Fingern war Manuel immer gewesen! –Aber ein Versehen vom lieben Gott war es doch wohl, daß er den Jungen nicht zu einem Mädchen gemacht hatte; denn dann hätte sie ja vielleicht etwas mehr Macht über ihn gehabt und hätte in den Jahren, als Lars kränkelte und bettlägerig war, den Verfall etwas mehr aufhalten können« – Ach ja! Ach ja! – Aber Manuel wollte ja immer regieren. Er konnte es nicht ertragen, daß Fremde sich um das Gehöft bekümmerten. Und der Vater, der so ein Jammerbild geworden war, ließ ihn gewähren. – Aber nie im Leben hätte sie geglaubt, daß der Junge den Abschied vom Gehöft je verwinden würde! Er sah leichenblaß dort auf dem Stuhl und rührte sich nicht vom Fleck und sprach kein Wort. S i e hatte für alles sorgen müssen, hatte reden, unterschreiben und die Papiere hervorsuchen müssen. – Und, Gott im Himmel, ja, in der Nacht hatte sie ihn liegen und sich im Bett winden und stöhnen und jammern hören, so daß ihr ganz bange wurde, ihn auch noch zu verlieren. – Und dann, als er mit der Katze und dem Hahn angeschleppt kam und die Tiere durchaus mitnehmen wollte, als sie umzogen! – Ach ja, es war nicht leicht für sie gewesen in den Tagen; nein, leicht war es nicht gewesen! Mutter Karen seufzte tief auf und starrte mit ihren klaren, blauen Augen in die leere Luft. Aber Gott der Allmächtige hatte doch in seiner Weisheit alles gut und wohl eingerichtet. Lob und Preis dafür! Sie saßen in ihrem kleinen Hause und hatten Essen und Feuerung genug. Und sie sehnte sich nach keiner Veränderung! – Aber, – ja, Gott vergebe ihr die Sünde! – Manuel hatte ihr eigentlich besser gefallen so wie er war, als sie in die Stadt gezogen waren. Da konnte sie ihn hegen und pflegen, und er war so dankbar für alles gewesen, was sie getan hatte. – Aber seit er die »Offenbarung« gehabt hatte, wie er den Traum von seinem Vater nannte, war er so kurz angebunden und männlich geworden, daß es ganz schrecklich war! Ja, es kam sogar vor, daß er sie hart anließ und donnerwetterte, wenn sie nicht sofort ja zu all den sonderbaren Dingen sagte, die er vorbrachte! – Es war natürlich schön, daß er sich so herausgemacht hatte, er war ja jetzt beinahe ein ganzer Kerl geworden! Aber sie hatte sich den Männern ja immer unterordnen müssen, zu Hause und in der Schule, und dann, als sie sich verheiratet hatte, da wäre es am Ende gar nicht so übel gewesen, wenn sie auch einmal an das Ruder gekommen wäre! – Und dann war Manuel so geizig geworden! Sie mußte Rechenschaft von jedem Ende Zwirn ablegen, das sie im Laden verkaufte. Und ebenso kurz hielt er sie auch, was das Hausstandsgeld betraf! – Aber klug war er geworden, das mußte sie zugeben! Auf alle erdenkliche Weise konnte er Geld verdienen; und wie er arbeiten konnte! Er mußte wohl bald eine ganze Million in seinem Bankbuch haben, so wie er diese letzten fünfzehn Jahre zusammengespart hatte! Karen Thomsen seufzte von neuem, und ihre Augen nahmen einen traurigen Ausdruck an. Wenn der Junge dabei an seine alten Tage und an die ihren dächte, so würde sie ja kein Wort darüber verlieren, sondern ihm nur danken und ihn loben, weil er zusammenhielt und sparte! Aber der Mühlenhof spukte ihm ja im Kopf! Es war förmlich zur fixen Idee bei ihm geworden, daß er den Mühlenhof zurückhaben müsse! – Ach ja! Ach ja! – Und wenn er ihn nun auch wirklich bekäme! Wenn er nun auch so viel zusammengeschrappt hatte, daß er ihn, wenn es so weit war, wieder kaufen konnte! – Es ging doch niemals an! Nie im Leben ging es an! Das war genau so, als wollte er sein Geld in den Mühlteich werfen! Manuel konnte nicht mit der Wirtschaft fertig werden, er war nicht danach angetan, wie klug er sonst auch war. Es würde mit einem Krach enden! Und dann würden sie ihnen das Gehöft nur zum zweiten Male wegnehmen. Jedesmal, wenn Mutter Karen in ihren Gedanken so weit gekommen war, kroch sie in ihrem Lehnstuhl zusammen und schauderte wie vor Kälte, wenn sie der Zukunft gedachte. Und sie faltete die Hände und betete so flehentlich zu dem lieben Gott, daß er doch Manuels Vater veranlassen möge, dem Jungen zu sagen, daß die ganze Sache mit dem Gehöft nur Torheit sei, nichts als Kummer und Unglück und Elend und Herzeleid! Und als es so schien, als wenn der liebe Gott sie nicht erhören wollte, da hatte sie selber ganz sanft und still versucht, den Sohn zur Vernunft zu bringen. Aber er war ganz rasend geworden! Er war in der Stube herumgehüpft und gesprungen, hatte mit dem langen Arm um sich geschlagen und war seitwärts umhergelaufen, hatte laut geschrien und ihr gedroht! Und da war dann Madam Thomsen tief in ihren Stuhl hineingekrochen und hatte nur gesagt: »Nun ja, Manuel! Nun ja, mein Junge! Du verstehst dich ja besser darauf! Du verstehst dich ja besser darauf!« Und während der letzten Jahre hatte sie fast ganz über die Sache geschwiegen, war scheinbar auf den Gedankengang des Sohnes eingegangen und hatte ihm treulich beigestanden, wenn er in seiner Phantasie alles da draußen auf dem verfallenen Familienbesitz ordnete und einrichtete. Und während die Zeit verging und Manuel in Wirklichkeit nichts zu unternehmen schien, um seinen Plan in bezug auf das Gehöft zu verwirklichen, stieg in ihrem Innern eine schwache Hoffnung auf, daß das Ganze nur eine Phantasie, eine Einbildung von seiner Seite sei. Er scharrte das Geld nur zusammen, weil es ihm nun einmal ein Vergnügen geworden war. Und der Mühlenhof diente ihm nur als Vorwand, damit sie ihn gewähren lassen sollte. Sie war ja selber von Bauernart und kannte die angeborene Verschlagenheit der Rasse, sobald es sich um Geld handelte. Sie ihrerseits legte ja auch allwöchentlich fünfzehn bis zwanzig Öre vom Wirtschaftsgeld beiseite. Die Damen des Städtchens hatten eine große Vorliebe für Karen Thomsens Laden. Er blitzte von Reinlichkeit, und die Madam selber war so nett, ja, geradezu »süß«, und in ihrem Wesen so angenehm und gebildet. Zuweilen baten sie wohl, ob sie nicht ein wenig in die Stube gehen und ihre amüsanten Sachen und die alten, sonderbaren Möbel ansehen dürften. »Was für ein Bild ist denn das da?« fragten sie regelmäßig und zeigten auf das Aquarell über dem Sekretär. »Aber mein Gott, das ist ja das Gehöft!« sagte Karen. »Das Gehöft – ? Ach so, der Mühlenhof da draußen?« »Ja!« »Ist es wahr, daß Ihr Sohn die Absicht hat, ihn wieder zu kaufen?« (Karen machte eine verneinende Bewegung mit der Hand.) »Ja, es heißt aber doch so!« (Karen verneinte noch eifriger.) »Man sagt, er spare Geld zusammen, um den väterlichen Besitz zurückkaufen zu können!« »Hihi!« lachte Madam Thomsen und schüttelte energisch den weißen Kopf. Aber die romantische Frau Lassen, die immer irgend etwas »Poetisches« hatte, wofür sie sich interessierte, und die sich eben erst so in Zollkontrolleur Knagsted geirrt hatte, fuhr, ohne sich an Madam Thomsens Ablehnung zu kehren, fort: »Ach Gott, wie reizend muß es doch sein, so wieder in das Heim seiner Väter einziehen zu können, entzückend! Wenn es auch noch so klein ist; denn es ist ja nur ein kleineres Gehöft. Madam Thomsen. – Aber wenn man sich denkt, daß man wieder in denselben Stuben wohnt! Und unter denselben Bäumen sitzt! Und dieselben Äcker pflügt! Ich bitte Sie, Frau Heilbunth! Und des Abends, wenn die Sonne untergeht, das brüllende Vieh in die Ställe zieht, während die heiligen Schläge der Kirchenglocken über die dämmernde Landschaft hintönen, – ach!« In Frau Lassens Hals setzte sich ein Begeisterungskloß fest, sie mußte innehalten. Karen Thomsen aber saß ganz kühl da. »Wir sind mit unserm Los zufrieden«, sagte sie. Und es war nicht möglich, mehr aus ihr herauszubringen. Sonst war sie einer kleinen Unterhaltung durchaus nicht abgeneigt. Sie war ja den größten Teil des Tages allein, während Emanuel seinen verschiedenen Beschäftigungen nachging oder oben auf der Bodenkammer saß und seine Lederarbeiten anfertigte. Zuweilen saßen fünf bis sechs Damen auf einmal in dem kleinen Wohnzimmer; und so kann man sich ja denken, wie die Münder gingen. Es war wie ein Entenstieg zur Abendzeit! »Rapp, Rapp – Rapp«, ging es durcheinander, und die Damen ließen alle kleinen Ereignisse und Skandale des Städtchens Revue passieren. Und Mutter Karen saß in ihrem Lehnstuhl am Fenster und lauschte lächelnd vergnügt. Aber dann konnte plötzlich einmal eine der Damen auf den Einfall kommen, zu sagen: »Ach, Madam Thomsen, Frau Brandstrup möchte so schrecklich gern Ihren Hahn einmal sehen.« »Ach, ja, bitte«, bat Frau Brandstrup, die neu im Kreise war. Sofort verschwand das Lächeln aus Karens Gesicht. »Nein, nein«, sagte sie schnell und schüttelte entsetzt den Kopf. »Manuel mag es nicht.« »Er ist ja aber nicht zu Hause, Madam Thomsen.« »Nein, aber wenn er käme!« »Ach liebe, gute Madam Thomsen!« bettelte Frau Brandstrup. »Nur mal hineingucken?« sagte Frau Heilbunth. »Das kann doch dem Tier wahrhaftig nicht schaden!« meinte Frau Lassen. »Wir kaufen doch immer alles so getreulich bei Ihnen!« sagte Fräulein Rejersen, die schwerhörig war und deswegen ziemlich laut sprach. Die alte Karen wand und drehte sich. Aber es endete stets damit, daß sie nachgab. Manuel hatte ja selber einmal gesagt, man dürfe die Kunden nicht vor den Kopf stoßen. Und wenn er es nun gar nicht einmal erfuhr – –! Sie schlich durch den Laden hinaus, öffnete die Tür ein klein wenig und spähte nach beiden Seiten der Straße, ob der Sohn etwa im Fahrwasser zu erblicken sei. Dann kam sie wieder herein. »Nein, er ist nicht zu sehen«, sagte sie. Und ganz auf den Zehenspitzen ihrer grünen Morgenschuhe bewegte sie sich nach der Tür der Küche, während sie geheimnisvoll mit der Hand winkte. »Kommen Sie dann nur«, flüsterte sie. »Aber Sie müssen sich beeilen, meine Damen!« Und die Damen wurden von ihrem mystischen Gebaren angesteckt und folgten ihr schweigend mit lautlosen Schritten und erwartungsvoll weit geöffneten Augen durch die kleine Küche, in der eine Menge alter Kupfersachen ringsumher an den Wänden hing und wie lauteres Gold blitzte. Draußen auf dem Hofe öffnete Karen die Tür zu dem Schuppen. »Sst!« sagte sie. Und die Damen scharten sich um sie und guckten Kopf an Kopf in den halbdunklen Raum. »Da sitzt er«, sagte Frau Heilbunth leise. »Seht nur! Seht!« Und dort saß Mortensen in seiner Ecke unter dem Fenster. Das Licht fiel nur spärlich durch die winzig kleinen Fensterscheiben. Unbeweglich saß er da, den Kopf auf die Brust gesenkt, die Augen geschlossen. Mager war er und abgezehrt. Kahle Stellen schimmerten rings auf dem Körper hervor; und an dem Schwanz hingen die beiden geknickten, zerzausten Federn. Aber die mächtigen Sporen an seinen Fersen schnitten einander wie zwei Sicheln. – Ein Don Quichotte unter den Vögeln! Plötzlich öffnete der Schnabel des Tieres sich langsam und ruckweise, er machte einen Versuch, den Kopf zu erheben, und seine fast federlosen Flügel bewegten sich schwach. »Jetzt kräht er!« flüsterte Madam Thomsen. »Das kommt, weil es hier heller geworden ist.« Aber es kam nicht ein Laut aus der Kehle des Tieres. Leise schob Madam Thomsen die Tür zu und befestigte den Haken. Und dann kehrte man wieder in das Zimmer zurück. Hier erst lösten sich die Zungen der Damen wieder. »Hu, wie schrecklich er aussah!« sagte Frau Brandstrup schaudernd. »Abscheulich!« sagte Frau Heilbunth. »Daß Sie den behalten mögen!« sagte Frau Lassen. »Sie sollten ihn totschlagen!« schrie Fräulein Rejersen. »Ihn totschlagen!« Mutter Karens Augen öffneten sich weit vor Entsetzen. »Wenn ihm etwas zustößt, dann –« (aber sie schloß schnell den Mund und schwieg). »Was dann?« fragte man. »Ach nichts,« lächelte die Alte in ihrer gewohnten, sanften, höflichen Weise, »das sind ja nur Narrenstreiche.« »Ja, aber was ist es denn? Warum können Sie das abscheuliche Tier nicht totschlagen?« »Sst! Sst!« sagte Karen und guckte unruhig nach der Tür, die zu dem Laden führte. – »Sie müssen nicht so reden, meine Damen! Wenn Manuel käme und es hörte!« Und mehr konnten die Damen nicht aus ihr herausbringen. Aber als die Fremden gegangen waren und Madam Thomsen wieder allein in der Stube sah, fing sie an, sich mit dem Gedanken zu beschäftigen: wenn nun dem Hahn etwas zustieß, so – denn das hatte Manuel ja selber gesagt, daß sie dann das Gehöft niemals bekommen würden. – Und dann konnte sie bis an ihr seliges Ende in Frieden hier sitzenbleiben. – Und dies elende Geschöpf ums Leben zu bringen, war ja – Als aber die Alte in ihrem Gedankengang so weit gelangt war, faßte sie ein schauderndes Entsetzen, daß der liebe Gott ihre sündigen Gedanken lesen könne. Und in ihrer Herzensangst fing sie an zu singen und den Takt mit dem Fuß dazu zu schlagen, um den Teufel und seine ganze böse Sippe aus dem Hause zu vertreiben. »Wir sollen es dem lieben Gott überlassen«, murmelte sie und nahm ihre Näharbeit wieder auf. – »Ach ja! Ach ja! Wer nur den lieben Gott läßt walten –« »Ahem, ahem, ahem. Krr!« »Du mußt in den Ofen spucken, Mortensen.« »Hm! Ja! – Pfui. Kuckuck. Ich wollt', der Teufel holte meinen Husten!« Es war der alte Mühlen- oder Menschen-Mortensen, wie er auch genannt wurde. Er war zu Besuch bei Emanuel. Er kam zuweilen des Sonntags angehumpelt. Und dann zogen die beiden Männer sich auf Thomsens Mansardenstübchen zurück und redeten über die Zeit, die entschwunden war, und die Zeit, die kommen sollte. Mutter Karen liebte diese Zusammenkünfte nicht, denn Mortensen fachte Emanuels fixe Idee mit dem Ankauf des Mühlenhofes zu neuer Glut an; und der Junge pflegte nach so einem Besuch so hochnäsig zu werden, daß man glauben konnte, er thronte schon als Grundbesitzer da draußen! Wären sie dann doch wenigstens unten im Zimmer geblieben und hätten da losgepredigt! Dann hätte sie doch von Zeit zu Zeit ein wenig Wasser ins Feuer gießen können. – Aber stets mußten sie sich oben auf dem Boden verkriechen, obwohl Mortensens schwache Beine kaum die Treppe hinauf- und wieder herunterkommen konnten! Madam Thomsen wandelte manchmal die Lust an, dem alten Mortensen Rattengift zu geben, wenn sie ihn da oben im Zimmer gerade über ihrem Kopf trampeln und husten und sich räuspern hörte. Und sie konnte wohl die Fäuste ballen und zur Decke emporheben, von wo die Stimmen der Männer unaufhörlich zu ihr herabschallten wie ein summendes Murmeln. – – – Emanuel saß am Tische unter dem einzigen Fenster des schrägen Daches. Er war eifrig beschäftigt, Leinwand auf die inneren Flächen eines seiner kleinen, eleganten Handkoffer zu kleben. Der Menschen-Mortensen (diesen Namen hatte ihm Manuel gegeben, um ihn von dem Hahn zu unterscheiden) lag in einen alten Korbstuhl zurückgelehnt und rauchte aus seiner kurzen Pfeife. Er war einstmals ein großer, gutgewachsener Mann gewesen. Jetzt war er vom Alter gebeugt und zusammengeschrumpft. Das Haar hing ihm in langen, schmutziggrauen Zotteln um Ohren und Nacken, und sein Untergesicht war mit borstigen, grauweißen Bartstoppeln bedeckt. Keinen Zahn hatte er mehr im Munde, weshalb die Pfeifenspitze mit einem mit Bindfaden befestigten Lappen umwunden war. Seine alten Gaumen konnten es nämlich nicht aushalten, auf dem harten Horn zu beißen. Seine Augen waren blank und aufmerksam wie die eines Vogels; und seine Nase war krumm und spitz. Aber das Sonderbarste an ihm war doch sein Hals, der aus dem Rockkragen herausragte, lang und dünn, voller Runzeln und kleiner wunderlicher Beutel und Hautlappen, wie der Hals eines Kondors oder eines Kuhnhahns. Und dann war sein linkes Bein steif und doppelt so dick wie sein rechtes. »Nein,« sagte Mortensen und erhob sich mit Anstrengung, so daß der Korbstuhl unter seinen Bewegungen knarrte, »die Menschen heutzutage. Manuel, sind, weiß Gott, nicht das Essen wert, das sie in sich hineinpfropfen.« »Hier ist der Tabak«, sagte Manuel, nahm eine Tüte aus der Tischschieblade und reichte sie ihm. Es war Tabak zu zwölf Öre das Viertelpfund. »Danke, Manuel! – Wo kann ich sie auskratzen?« »In den Ofen hinein!« Mortensen humpelte nach dem Ofen in der Ecke. Er war auf Socken. Er hatte ein Paar ungeheuerliche graue, wollene Strümpfe an. Die Holzschuhe hatte er unten gleich an der Ladentür ausziehen müssen. »Aber dies Individuum ist denn doch das ärgste!« setzte er das Gespräch fort, während er die Pfeife stopfte. »Er hat kein Ehrgefühl, weißt du: und wer kann auf die Dauer ohne das leben? Er führt ein ganz gottloses Leben da drüben im Krug und kommt dann knallduhn und machtlos wie ein Hering nach Hause und wirft sich in die Kissen und wacht auf wie ein Schwein und fängt wieder von vorne an.« »Aber du meinst doch, daß er sich bis zum Dezembertermin hält, was?« »Sich hält, sich hält! Er, er kann wahrhaftig nichts dafür. Es ist ja ein ganz unverschämtes Glück mit der Ernte dies Jahr!« Der Alte humpelte an Emanuel heran und legte ihm eine Hand auf die Schulter. »Er ist das Salz nicht wert, das er ißt, Manuel«, sagte er. »Mistlöcher!« erklärte Mortensen. »Was nützt es wohl, daß die Madam arbeitet wie ein Pferd! Hexen kann sie ja nicht, wenn der Mann ihr nicht beistehen will. Und nun kommt schon wieder was Kleines. Darauf versteht er sich!« Manuel schüttelte den Kopf: »Ja, es gibt viel Sünde auf dieser Welt –« »Na ja, vermehren müssen wir uns ja: Aber es soll doch in nüchternem Zustand vor sich gehen! Ahem, ahem, Krrr!« »Du mußt in den Ofen spucken, Mortensen.« »Ja, – ich respektiere die Vorschriften. – Pfui. Kuckuck! – Der Teufel hole meinen Husten!« Als der Alte seine Pfeife angezündet hatte, setzte er sich in den Stuhl und streckte das kranke Bein lang von sich. »Es ist übrigens ein verteufelt guter Tabak, den du dir hältst«, sagte er und schmauchte wohlbehaglich. »Ja-a.« »Und du rauchst selber immer noch nicht?« »Nein, es schmeckt mir nicht!« »Es schmeckt dir nicht?« – Mortensen riß die Augen ganz entsetzt weit auf. »Pfui, schäm' dich! Nicht schmecken! – Hätte ich meine Pfeife nicht, könnt ich nur gleich einpacken!« »Die Menschen sind ja verschieden!« »Nein, das sind sie nicht.« Es entstand eine längere Pause. Thomsen arbeitete fleißig. Und der Alte dampfte drauflos. Dann drehte er langsam seinen sonderbaren Vogelhals nach dem Fenster herum. »Paff, paff, puh«! sagte er, »das Becken haben sie ja nun glücklich umgestoßen!« Manuel flog von seinem Stuhl in die Höhe. »Was haben sie getan?« fragte er. »Das Taufbecken?« »Ja. Sie haben so lange daran herumgerickelt und gerackelt, bis es auf der Erde gelegen hat.« »Das ist ein heiliges Gerät!« sagte der Kleine leichenblaß vor Erregung. »Das ist es, ja; aber das ist denen verdammt gleichgültig.« Thomsen fing an, seitwärts auf und nieder zu laufen. »Hätte man ihn hier! Hätte man ihn hier!« Und seine Finger krabbelten in der Luft herum. »Ja«, nickte der Menschen-Mortensen verständnisvoll. »Er verdient es weiß Gott nicht besser!« »Sich an einem heiligen Gerät zu vergreifen!« »Ja, es war ein gutes Taufbecken!« »Und es konnte ihn doch nicht genieren, daß es da draußen im Garten stand!« »Nein! – Paff, paff! – Aber die Kinder haben es wohl eigentlich getan!« »Einerlei, wer es getan hat!« »Ach ja! Und er hat sie ja auch selber erzeugt, das Schwein!« »Wenn man doch das Gehöft gleich im Augenblick zurückkaufen könnte!« sagte Emanuel und streckte die gefalteten Hände zur Decke empor. »Wenn man es morgen am Tage kaufen könnte!« »Ja, er verkaufte nur zu gern!« »Wenn er auf den Einfall kommen sollte, die Gebäude niederzureißen!« »Nein, verrückt ist er, aber wahnsinnig ist er denn doch nicht. – Kauf' es doch, Manuel, kauf' es doch!« »Womit sollte man es wohl kaufen!« »Die Leute sagen, daß du Geld hast!« »Die paar Groschen!« Thomsen packte plötzlich den Alten bei der Schulter und schüttelte ihn. »Nein, aber wenn man in der Lotterie gewinnen könnte!« sagte er. »Spielst du?« »Nein!« sagte der Kleine resolut und begann seine Wanderung von neuem. »Ja, dann kannst du natürlich nicht gewinnen!« Wieder blieb Manuel stehen. Er sah seinem Gast starr in die Augen. »Glaubst du an Offenbarungen, Mads Mortensen?« »An Offenbarungen?« »Ja. Was einem so des Nachts erscheint!« »Ist dir denn jemand erschienen?« »Ja!« »Das ist doch des Satans!« Der Alte nahm die Pfeife aus dem Munde. »Was hast du denn gesehen?« »Vater!« »Deinen Vater? Das ist doch des Satans!« »Und er sagte mir, ich sollte das Gehöft zurückkaufen.« »Sagte er das?« »Ja. Wenn erst drei neue Besitzer dagewesen wären, sagte er, sollte ich den Mühlenhof wiederhaben.« Mortensen richtete sich ein wenig in seinem Stuhl auf, reckte seinen langen Hals nach Manuel hinüber und sagte in flüsterndem Ton: »Ich hab' ihn auch gesehen!« »Du hast ihn auch gesehen?« »Ja! – Ich sah ihn in der Nacht, nachdem sie das Taufbecken umgestoßen hatten. Ich saß in der Mühle auf einem Sack und schlief. Da hörte ich die Tür nach draußen knarren, das hatte der Wind getan. Aber als ich mich umwende, steht er an der Treppe, ganz leibhaftig, und sieht mich mit seinen Augen an, so daß es mir eiskalt am Rücken herunterlief. – Das war, hol' mich der Teufel, das Schrecklichste, was mir in meinem ganzen Leben passiert ist.« »Sagte er denn nichts?« fragte Manuel; und auch seine Stimme war zum Flüsterton herabgesunken. »Nein!« »Tat er denn nichts?« »Nein. – Er stand nur da. Und dann war er auf einmal weg! – Ich glaubte, es sei eine Mahnung, daß ich bald davon müßte. Denn die Jahre hat man ja!« »Nein, das war es nicht!« sagte Manuel sehr bestimmt. »Nein, natürlich nicht, natürlich nicht, wenn du ihn auch gesehen hast!« Der Mühlen-Mortensen war ganz feierlich geworden. Und seine Pfeife war ausgegangen. »Du solltest den Mühlenhof haben, wenn Cornelius fort wäre?« fragte er dann, bekam aber im selben Augenblick einen Anfall. Ahem, ahem, krrr, krrr, krrr! »Der Teufel hole meinen Husten! – Krrr, Pfui Teufel. – Nee, das ist wahr, ich sollte ja in den Ofen spucken! – Du solltest den Mühlenhof haben, sagte er, wenn dieser Didrik weg wäre?« Thomsen nickte zerstreut. Sein Gehirn war ganz erfüllt von der Frage, was es wohl zu bedeuten haben könne, daß auch Mads Mortensen eine Offenbarung gehabt hatte. »Ach, du hast aber kein Geld, um ihm den Hof abzukaufen?« fragte der Alte weiter. Emanuel schüttelte den Kopf. »Nein. Aber der liebe Gott wird mir schon helfen.« »Ja–a! Er hilft uns allen ja! – Nein, wir müssen sehen, daß wir Cornelius auf eine andere Art und Weise beseitigen.« »Wie sollte das wohl zugehen?« »Ach, das läßt sich schon machen! – Darf ich mir die Pfeife noch einmal stopfen?« »Ja, gern!« Thomsen hatte sich auf seinen Stuhl an den Tisch gesetzt und verfolgte mit den Augen die Bewegungen des Alten, der durch das Zimmer humpelte, bis an den Ofen und wieder zurück. »Nun?« fragte er dann, als Mortensen sich gesetzt und die Pfeife angezündet hatte. Was meinst du denn?« Mortensen zwinkerte mit seinen klugen Vogelaugen und sah äußerst nachdenklich aus. »Ja–a – Paff, paff!« fing er an und nahm ein paar Züge aus der Pfeife, die so kurz war, daß sie ihm ganz unter der Nase saß. – »Weißt du. – eine Maschine ist ja immer eine Maschine, Manuel!« »Ja!« »Da sind Räder, und da sind Walzen, und da sind Krummhölzer, und da sind Zapfen? – Und das alles greift ineinander und kann schnappen wie die Finger an einer Hand und festhalten – ahem – krrr, krrr! – Wie? – Und sich rund herumdrehen und mahlen und in Stücke zerreißen und zerquetschen!« »Du sprichst von der Mühle?« Thomsen starrte den Alten verständnislos an und ahnte nicht, wohinaus der mit seinem Gerede wollte. »Ich spreche von der Mühle, ja!« nickte Mortensen, – »denn, weißt du, das ist ja auch eine Maschine.« »Ja – ja!« »Weiß Gott, das ist eine Maschine! – Ich kam einmal mit meinem Rock zu nahe heran, und die Zähne faßten danach, und wäre dein Vater nicht dagewesen und hatte das Rad schnell angehalten, so hätte ich nicht mehr viel Hornfische gegessen – Krrr, Pfui Teufel!« »Ja, die Eltern waren auch immer so bange, daß man der Mühle zu nahe kommen könnte, als man noch klein war.« »Ja, Großvater und Mutter Karen! Ja, das weiß ich noch ganz gut. – Aber was ich sagen wollte – (Mortensens Augen wurden trübe und unsicher) – Cornelius kommt ja manchmal in die Mühle, wenn er auch seine Hauptzeit im Krug zubringt –« Manuel schauderte. Es fing an, ihm zu dämmern. »Cornelius?« »Ja, Cornelius! Er ist eigentlich immer besoffen, – nicht? – Wenn man ein bißchen bei ihm herumfingerierte – wie?« »Nein, nein!« sagte Thomsen hastig. Er war leichenblaß geworden. »Mit solchen Dingen darfst du keinen Scherz treiben, Mads Mortensen!« »Scherz! – Ich treibe, weiß Gott, keinen Scherz!« »Ja – aber –« »Muß er denn nicht weg, ehe du den Hof bekommst?« »Ja – aber –« »Nun, da siehst du! – Ach was, ob so ein Maulesel auf diese oder jene Art –« »Nein, nein, das will ich nicht!« »Gut, Manuel, gut! Dann lassen wir die Krauseminze wachsen! – Aber dann kriegst du den Hof auch nicht! – Darf ich mir noch eine Pfeife stopfen?« »Ja, gern!« Mortensen kratzte und stopfte zum dritten Male. »Paff, Paff!« begann er dann wieder. – »Nein? Soll ich ihm nicht einen kleinen Schubs geben?« »Nein, hab' ich dir ja gesagt! Laß den Unsinn!« »Na ja, dann halten wir den Mund! – Aber es war eigentlich nur um deinetwillen, daß man die Arbeit auf sich nehmen wollte! – Und natürlich auch ein klein wenig um meinetwegen; denn ich hab' ja zur Familie gehört, seit ich aus einer Kumme trinken konnte.« »Man bekommt den Hof wohl auch auf andere Weise.« »Na ja –« »Und wenn es dann nachher da draußen spukte?« »Dann brächten wir ihn noch einmal um. Manuel! Dafür gibt es Mittel!« »Nein, nein, man würde weder Tag noch Nacht Ruhe haben.« »Na, du wirst doch nicht gleich seekrank, wenn du eine Laus totknackst?« Thomsen steckte die Finger in die Ohren und hätte am liebsten laut aufgeschrien. »Ich will nichts mehr davon hören!« »Dann schweigen wir davon, dann schweigen wir davon«, nickte der Alte. »Du sagtest ja vorhin selber, daß er sich bis zum Dezembertermin noch halten würde.« »Ja, das hab' ich gesagt!« »Und, kommt Zeit, kommt Rat! Man wird schon Mittel und Wege finden!« »Ahem, ahem, krrr, krrr! – Du kannst doch, soviel ich weiß, kein Geld sch –« »Man wird schon Mittel und Wege finden!« wiederholte Emanuel, »bis zum nächsten Juni ist es noch ein halbes Jahr hin! Was kann nicht inzwischen alles geschehen!« »Ach ja – das Taufbecken kann verkauft werden –« »Verkauft werden!« »Ja, neulich war da ein Quitätshändler draußen auf dem Hof und besah sich das Taufbecken und die Steine.« »Das lügst du!« Manuel packte seinen Gast beim Kragen und schüttelte ihn so, daß sein Kopf vom Halse herunterbaumelte. »Aber Manuel, Ma–nu–el!« Thomsen ließ ihn los. »Das lügst du!« wiederholte er. »Ja, vielleicht habe ich gelogen, ja!« sagte Mortensen und brachte seinen Hals wieder in Fasson. – »Aber du kannst dich ja selbst danach erkundigen!« »Das Taufbecken und Großvaters Tische?« »Ja, Cornelius muß ja was haben, womit er ›Kimi‹ studieren kann, wie er es nennt!« »Und wer – wer wollte sie kaufen?« »Dieser haarige Zollverwalter –« »Knagsted?« »Ja, heißt er so?« »Knagsted? Was wollte er mit den Sachen?« »Seinen Garten damit aufputzen, denk' ich mir, ebenso wie –« »Er hat ja aber keinen Garten!« »So? – hat er keinen? Na, dann wollte er sie wohl nach Deutschland oder nach Serbien oder so wohin verkaufen. Diese Art Menschen kommen ja in der ganzen Welt herum.« Thomsen stürmte wieder im Zimmer auf und nieder. Sein rundes, glattes Gesicht war dunkelrot. Und von Zeit zu Zeit holte er mit dem langen Arm aus und schlug gegen die Decke und die Wände der kleinen Kammer. Der Mühlen-Mortensen aber saß unbeirrt in seinem Korbstuhl und rauchte seine Pfeife. Nur seine blanken Augen bewegten sich. Sie folgten aufmerksam allen Bewegungen des andern. »Nun?« fragte er endlich. »Die Welt wimmelt von Banditen!« »Ach ja, ach ja! – Soll ich es denn tun?« Manuel blieb stehen: »Wozu brauche ich es überhaupt zu wissen?« »Nein, – ach nein. – Aber es ist solch ein Trost, zu zweien zu sein!« »Aber wenn er nun nachher spukt?« »Dafür weiß ich Rat!« »Und wenn es herauskommt?« »Ich bin auch nicht von gestern!« »Ja, aber wenn es doch herauskommt?« »Ahem, ahem, krrr! – Ja, dann hab' ich allein darum gewußt. – Krrr! – Pfui Kuckuck! Der Teufel hol' meinen Husten! Na?« Thomsen atmete hastig und pfeifend. Er hatte eine Hand gegen die Brust gepreßt, als empfände er einen Schmerz. Der Schweiß lief ihm über das Gesicht. »Nun?« wiederholte der Alte. »Man muß des Paters Ansicht hören!« sagte Emanuel kurz. »Hm!« »Vater hat einem den Rat gegeben, das Geld zusammenzusparen.« »Ja, das sagtest du ja!« »Du hast ihn ja auch gesehen!« »Ja, ich habe ihn gesehen! – Und ich glaubte, es wäre eine Mahnung an mich. Aber dann hat es also Cornelius gegolten.« »Davon weiß man nichts.« »Ach nein, er sagte es ja nicht so geradezu!« »Ist es Gottes Wille, daß – daß – dann erhält man Bescheid.« »Ja, dann bekommt man wohl Bescheid – na, dann warten wir also noch!« »Ja!« »Hm! – Paff, paff! – Aber wenn sie nun das Taufbecken und die Tische –« »Daraus wird nichts! Dann kaufe ich sie selber!« »Na ja, – das kannst du ja auch! – Aber es wäre doch wohl billiger, das Ganze auf einem Brett zu kaufen!« Manuel antwortete nicht. Er stand unter dem schrägen Dachfenster, den Rücken der Stube zugewendet. Und er zeichnete mit einem Finger Zahlen und Striche auf die kleinen betauten Fensterscheiben. Der Menschen-Mortensen schielte nach ihm hin. »Ja, dann gehe ich, Manuel«, sagte er und erhob sich aus dem Korbstuhl. »Na –« »Ich habe versprochen, vor vier zu Hause zu sein. Cornelius und die Frau wollen ausgehen, und da habe ich versprochen, nach den Kindern zu sehen.« »So –« »Ja, dann adieu, Manuel. Auf Wiedersehen!« Emanuel wandte sich um. »Adieu!« sagte er zerstreut. »Ja, dann reden wir wohl mal darüber, wenn –« »Ja, ja!« Mortensen näherte sich dem Tische. »Ich kann den Tabak wohl mitnehmen?« Thomsen erwachte plötzlich aus seinen Gedanken. »Den Tabak – ? Ja–a. – Man hatte ja eigentlich gedacht, du sollst ihn rauchen, wenn du hierherkämst –« »Hm, – ja! – Aber meine Pfeife kann ich mir wohl noch mal vollstopfen?« »Ja, stopf' sie nur voll, meinetwegen!« Und Mortensen stopfte und zündete seine Pfeife an und humpelte von dannen. Unterhalb der Gärten am Fjord entlang, lief ein geschnörkelter und gewundener Spaziersteig, kiesbedeckt und eben und von breitkronigen Linden überschattet. Das war die feinste Promenade der Stadt. Wenn man an Sommersonntagen in der Kirche gewesen und Gott gegeben hatte, was Gottes war, so eilte man mit den Gesangbüchern nach Hause und wanderte dann den Spaziersteig entlang, um die Beine ein wenig zu bewegen und sich etwas Motion vor dem Mittagessen zu machen. Die Beine bewegen, ja; und die Augen und den Mund ebenfalls! Denn diese oder jene kleine Evastochter paradierte ja gern mit einem Hut oder einem Umhang, dessen Schnitt, Besatz und Farbe bisher nicht im Städtchen erblickt war. Und wenn der neue Hut dann vorbeistolzierte, oder der revolutionäre Umhang, im Winde flatternd, unkeusch sein buntes Seidenfutter zeigte, da steckten alle die vorjährigen Kopfbedeckungen und Umhänge und alle die mit Lasting gefütterten Jacken die Köpfe zusammen und sangen ein Lied, das sehr wohl dem Gesangbuch hätte einverleibt und unter die Rubrik »Tod und Verdammnis« aufgenommen werden können! Aber acht Tage später wimmelte die Promenade von epochemachenden Hüten und seidenknitternden Sommerjacken. Auch an warmen Abenden, wenn der Wind schlafen gegangen war und die Sonne hinter den Hügeln und Wäldern jenseits des Fjordes versank, wanderten die guten Männer und Frauen der Stadt unter den duftenden Linden, während die Vögel ihr Abendlied sangen und die weiße Kirche hoch oben über den niedrigen Dächern des Städtchens wie Schnee und Marmor schimmerte. Es war an einem solchen Abend. Und der Kies knirschte unter den Füßen der Spaziergänger. Da ging Frau Stadtkassierer Lassen mit Frau Redakteur Heilbunth, die »Siamesischen« nannte man sie. Und da ging Pastor Engelhardt mit seiner kleinen spitznäsigen Frau, die seinen Verkündigungen die Würze verlieh. Und der athletische Bäckermeister Windberg, dessen Mamsells in der Regel Zwillinge bekamen, ging dort. Und der Küster Kiär mit seiner Haushälterin. Und Materialwarenhändler Rübensie und Holzhänder Kühle und die Klassenlotteriekollektrice Brandstrup und noch viele andere. Und auf der Bank, die mit dem Rücken nach Kreisarzt Smiths Garten stand, saß Oberlehrer Clausen, der unglücklicherweise der alten Olivia Rejersen, der Schwester des Bürgermeisters, in die Arme gelaufen war. Sie war stocktaub, das Fräulein Olivia Rejersen, und jedesmal, wenn der Oberlehrer eine ihrer zahlreichen Fragen beantworten wollte, mußte er sich zu ihr herabbeugen und aus voller Kraft seiner Lunge in ein ungeheures Waldhorn von Hörrohr tuten, das sie mit einer unglaublich geschwinden kleinen Bewegung in ihr linkes Ohr pflanzte. Oberlehrer Clausen war der einzige der »Freßsäcke«, der sich jemals herabließ, die Promenade zu besuchen. »Wer kommt denn da?« fragte Fräulein Rejersen, – »die mit den roten Federn!« »Das ist Frau Oppermann!« brüllte der Oberlehrer, in das Waldhorn. »Was sagen Sie, Herr Clausen?« »Frau Oppermann!« »Ach so, – die Hebamme?« »Nein! Sie hat eine Buchhandlung!« »So? Wie heißt denn die Hebamme?« »Frau Fredriksen!« »So, also das ist Frau Fredriksen! Ich kann die beiden Damen nie auseinander halten!« »Nicht?« »Was sagen Sie!« »Nicht?« »Nein, wahrhaftig nicht! Großartig, wie sie sich herausgeputzt hat!« »Ja!« »Was sagen Sie? Sie müssen lauter sprechen!« »Ja-a-a!« Frau Oppermann schritt grüßend und sich verneigend durch die Menge. Ihr folgten ihre fünf Kinder, drei Mädchen und zwei Knaben, allerliebst und schick in Kleidung und Schuhwerk. Jedes Gespräch verstummte, wo sie vorüberglitt. Die Augen der Männer strahlten. Aber die Lippen der Frauen wurden stramm. »Famoses Weib!« sagte Holzhändler Kühle und puffte Materialwarenhändler Rübensie mit dem Ellenbogen in die Seite. – »Dessertschokolade, Alter!« »Suchard N . I«, sagte Rübensie. Und Küster Kiär zupfte, von seiner Haushälterin ungesehen, Bäckermeister Windberg am Rockschoß und flüsterte: »Wiener Torte, wie?« Frau Stadtkassierer Lassen sah sich freilich gezwungen, zu Frau Redakteur Heilbunth zu sagen, sie begriff es nicht, woher diese Frau Oppermann die Kleider bekäme, mit denen sie sich und ihre Kinder herausputzte! »Denn, du lieber Gott, Frau Heilbunth, die Buchhandlung. – ich bitte Sie! Wer kauft wohl Bücher? Die leiht man sich doch!« Was aber Frau Lassen am meisten empörte, war, daß Frau Oppermann auch ein Feueranbeter von J. P. Jakobsen war, und daß sie ihrem ältesten Ableger in der Taufe den Namen Mogens gegeben hatte, während sie, sobald nur jemand es hörte, die übrigen in Bausch und Bogen unter der Bezeichnung: »meine anderen Novellen« zusammenfaßte. Und diese wirklich bedeutende, geistreiche Bemerkung konnte Frau Lassen der Dame nicht verzeihen. Teils weil sie (Frau Lassen) sie nicht selber ausgeheckt hatte. Teils aber, und wohl hauptsächlich, weil die Verbindung der Frau Stadtkassierer mit Herrn Lassen trotz fünfzehnjähriger unwandelbarer Treue stets unfruchtbar geblieben war. Die Sonne war untergegangen. Und über dem Fjord begann der Abendnebel in großen, wogenden Schleiern aufzusteigen. Hin und wieder ging ein leichtes Sausen durch die Kronen der Linden, und die großen, herzförmigen Blätter zitterten auf ihren feinen Stengeln. Der Vogelgesang war verstummt. »Es fängt wahrhaftig schon an, kühl zu werden!« schrie Fräulein Rejersen. »Ja–a!« brüllte der Oberlehrer in das Hörrohr hinein. »Sie sollten nach Hause gehen. Fräulein!« »Ja, ich glaube, das tue ich auch! Adieu. Herr Clausen! Es ist mir ein Vergnügen gewesen!« »Danke, gleichfalls!« »Was sagen Sie?« »Danke, gleichfalls!« »Ach, ich bitte!« Und dann trennten sie sich. Der Oberlehrer blieb allein auf der Bank sitzen. Er drehte den Kopf ein wenig zur Seite und sah sich nach der kleinen alten Dame um, die mit ihrem zierlich erhobenen Kleide von dannen trippelte. Dann lächelte er gutmütig, streckte die Arme in die Luft und gähnte herzhaft. »Sie haben sich anscheinend gut amüsiert!« sagte ein tiefer Baß neben ihm. Es war Bäckermeister Windberg. Der Oberlehrer lachte leise vor sich hin. »Ja, die alten Vögel müssen zusammenhalten«, meinte er. »Kommen Sie mit?« fragte der Bäcker. »Nein, ich glaube, ich bleibe hier noch ein wenig sitzen. Es ist so schön hier! – Sehen Sie, – das sieht wirklich gut aus!« nickte er und zeigte über das Wasser, wo der Schleppdampfer des Städtchens sich vorwärts arbeitete mit aus dem Schornstein sprühenden Funken und Licht hinter den kleinen, runden Fensterscheiben des Maschinenraums. Und dahinter hoben sich die dunklen Masten und der große, schwerfällige Rumpf eines Segelschiffes scharf von dem weißgelben Himmel ab. Der Bäckermeister sah über den Fjord hinaus. »Ach!« sagte er, »das ist ja nur der Schleppdampfer!« Und dann wandte er sich um und ging. Es wurde immer dunkler auf der Promenade. Und in der Stadt wurden die Laternen angesteckt. Denn es war kein Mondschein. »Dumm, Dummelum. Dumdum!« summte der Oberlehrer und schlug den Weg zum Hafen hinab ein. Das Zollgebäude lag dunkel und verschlossen da. »Die leibhaftige Bosheit« war nach Hause gegangen in ihre einsamen Stuben. Hinter den Fenstern der kleinen, niedrigen Häuser am Hafenplatz schimmerte Licht. Und man hörte von drinnen Stimmen, die sprachen, und Gesang und fröhliches Lachen. Zuweilen aber auch brummendes Schelten, Kinderweinen, lautes Geschrei und donnernde Schläge auf den Tisch. Der Oberlehrer bog nach links ab und schlug den Weg ein, der über den Grauen-Bruder-Hügel führte, von wo sich eine Aussicht über das Land nach Westen zu eröffnete und von wo man Häuser und Gehöfte in weiter Ferne auf den nebligen Feldern auftauchen sah. Aber gen Osten, unten am Fuß des Hügels, lagen die Stadt und die Kirche zusammengekrochen, Haus an Haus, wie eine Schar Küchlein unter den Flügeln einer Henne. Und weiter ging er. Vorüber an der Gerberei und der Südmühle, deren nackte Flügel, ein Kreuz bildend, feinen, luftigen Leitern glichen, die direkt in den Himmel hineinführten. Wo aber der Weg wieder abfiel, da war das ausgedehnte Terrain der Eisenbahn. Und hier lag die Stadt offen und ohne Schutz. Die alten, schützenden Linden des Spazierweges waren längst umgehauen, und zu den Zeiten der Tag- und Nachtgleiche strich der Südwestwind ungehindert durch die Straßen und stemmte sich den älteren, gesetzten Bürgern gegen die Brust, wenn sie sich, über den Vandalismus der Jetztzeit murrend, um die Ecken und durch die Torwege kämpften, den Hut tief in die Stirn gedrückt und die Hand verbittert um die Elfenbeinkrücke des spanischen Rohrs geballt. Schwarz und öde lag der Platz hinter dem niedrigen Holzgitter der Eisenbahn. Nur eine vereinzelte Laterne warf hier und da ihr flackerndes Licht über den Wirrwarr von Kurven und Linien der Bahnschienen. Vor einem niedrigen, schwarzgeteerten Holzschuppen an einer Ecke des Platzes hielten zwei Transportwagen. Sie waren halb voll Kohlen, mit deren Abladung man am Nachmittag beschäftigt gewesen war. Und in demselben Augenblick, als der Oberlehrer an dieser Stelle vorüberkam, wurde eine Tür des Schuppens aufgerissen, und ein Mann mit einer Laterne fuhr heraus. »Ihr verdammtes Teufelsdiebespack!« Und im selben Augenblick stürzte ein halbes Dutzend zerlumpter Kinder, Knaben und Mädchen, durcheinander, stolpernd und strauchelnd über die Schienen, aus der Gittertür heraus, quer über den Fahrdamm und in die anstoßenden Straßen hinein! Weg waren sie, ehe noch eine Minute verflossen war! Man hörte die fliehenden Schritte ihrer flachen Holzschuhe und Pantoffel wie kleine, geschwinde Hammerschläge auf das Steinpflaster schlagen, bis sie sich in weiter Ferne in Haustüren und Torwegen verloren. »Das Diebesgelichter!« murmelte der Mann und leuchtete mit seiner Laterne unter die Wagen, »laufen sie hier herum und stehlen Kohlen!« Ein kleines Mädchen von drei bis vier Jahren saß zusammengekrochen in einer Ecke hinter einem der Wagenräder. Ihre Augen standen ihr starr vor Schrecken aus dem Kopf heraus, als der Schein der Laterne auf sie fiel; und ihre Hände und ihr Gesicht waren schwarz von der mütterlichen Erde. Der Mann zog sie hervor. »Du Teufelsdirne!« sagte er. »Ich will dich lehren zu stehlen!« Die Kleine stieß ein gottserbärmliches Geheul aus, und der Boden unter ihr wurde naß. »Willst du machen, daß du nach Hause kommst«, sagte der Mann mit lauter Stimme und stampfte mit beiden Beinen auf die Erde, als wollte er sie verfolgen. Und als jage sie der Teufel, trudelte die Kleine wie ein Ball über die Schienen und verschwand auf demselben Wege wie die andern. »Das ist wohl nicht so ganz leicht, Kristoffer«, sagte der Oberlehrer, der außerhalb des Gitters stehengegeblieben war. Der Bahnwärter hob die Laterne in die Höhe. »Ach, Sie sind es, Herr Oberlehrer!« sagte er. »Nein, weiß Gott ist es nicht leicht! Und man bringt es ja nicht übers Herz, sie zu prügeln. Die Eltern stiften sie ja dazu an! Und nun bekommen sie zu Hause Prügel, weil sie keine Kohlen mitbringen!« »Sie hätten sie ja ruhig ein Paar Stücke aufsammeln lassen können. Kristoffer!« »Wir haben unsere Instruktion. Herr Oberlehrer!« »Ja, das habt Ihr wohl! – Gute Nacht. Kristoffer!« »Gute Nacht, Herr Oberlehrer!« Als der Oberlehrer in der Richtung des Bahnhofgebäudes verschwunden und der Bahnwächter in seinen Schuppen gegangen war, glitt ein kleiner, schiefer Schatten aus einem gegenüberliegenden Torweg hervor. Er guckte sich vorsichtig nach allen Seiten um, ob irgendeine Menschenseele zu entdecken sei. Aber es herrschte Totenstille auf dem Platze, und die Straße lag öde und leer da. Da schlich der Schatten geräuschlos über den Fahrdamm und auf den Weg, der an dem Bahnterrain entlangführte. Als er die Gitterpforte erreichte, durch die die Kinder entschlüpft waren, beugte er sich hinab und nahm mit hastigen, nervös-zitternden Handbewegungen die vier Zipfel eines alten, zerlumpten Schürzenüberrestes zusammen, in dem ein Haufen Kohlen aufgehäuft lag. Dann erhob er sich, spähte abermals vorsichtig nach allen Seiten und kroch seitwärts wie ein Taschenkrebs mit seiner Beute von dannen, in die Bachgasse hinein, die an Bäcker Windbergs Hinterhaus und Kaufmann Becks Speichern entlangläuft und kurz vor dem Nonnentor, ungefähr fünfzig Schritt von Karen Thomsens Haus entfernt, in die Landstraße mündet. Die Turmuhr an der Kirche der Weißen Schwestern schlug zehn. Und von Gottes Himmel herab leuchteten die ewigen Sterne. Der »Luxusbauch« war gestorben. Er hatte daheim bei Tische gesessen und war gerade beim Braten, einem vorzüglichen Kalbsnierenbraten, angelangt, als er plötzlich Messer und Gabel hinlegte, seine Haushälterin bekümmert ansah und sagte: »Ich kann nicht mehr, Mamsell Svendsen!« Worauf er vom Stuhl gesunken war und seinen Geist aufgegeben hatte. Die Kirchentür stand weit geöffnet. Und vom Altar und durch den Mittelgang kamen die »Brüder« Schritt für Schritt mit dem blumengeschmückten Sarge des Entschlafenen daher. Aber schon mitten in der Kirche, ungefähr der Kanzel gegenüber, mußten sie ausruhen. Die Kirchendiener stellten die Schemel unter die Bahre und die sechs Träger ließen die florumwundenen Bügel fahren und atmeten tief auf. Und während die Orgel gedämpft die Melodie zu »Lehr' mich, o Wald, zu welken froh« spielte, changierte man von rechts nach links herüber und wechselte die Plätze. Worauf man, nachdem man sich abermals verschnauft hatte, wieder zugriff und den Sarg durch das Waffenhaus und hinaus bis an den Leichenwagen trug, der vor dem Portal hielt. Eriksens Sarg war von ganz enormem Umfang; ein ganz absonderlicher Sarg war es. Und namentlich war der Deckel unverhältnismäßig hoch und gewölbt. Man hatte nämlich den Fehler begangen, dem Toten die Maschine abzunehmen. Die Erben hatten es für eine unnötige Verschwendung gehalten, sie mit ins Grab zu legen. Aber die Folge dieser Sparsamkeit war, daß der Bauch der Leiche in dem Maße aufgeschwollen war, daß die Kosten für den ungeheuren Sarg bei weitem die Summe überstiegen, die die Maschine möglicherweise einbringen konnte, selbst wenn man das unverschämte Glück haben sollte, sie unter der Hand an einen Liebhaber zu verkaufen. Draußen vor der Kirche wurde die Bahre abermals auf Schemel gesetzt. Es würde Redakteur Heilbunth und den übrigen Brüdern eine absolute Unmöglichkeit gewesen sein, sie auf den Wagen zu heben. Ihre Knie schlotterten ihnen buchstäblich infolge des Ganges durch die Kirche. Stadtkassierer Lassen schwankte und fiel Fabrikant Rössel in die Arme, so überanstrengt war er. Sechs arbeitsgewohnte und muskelstarke Männer traten deswegen vor, wippten den Sarg auf den Wagen und schoben ihn unter den Baldachin. Die Federn sanken zusammen, die Räder bohrten sich in den Kies hinein, und man mußte den Pferden in die Halfter greifen, um sie dazu zu bringen, sich in Bewegung zu setzen. Und dann fingen die Glocken an zu läuten, das Gefolge ordnete sich, und der Zug zog davon. Man fuhr durch die Kierkegade über den Marktplatz, die Südstraße hinauf und bog dann über die Dybensbrücke in den Prinzessinnensteig ein, der zum Friedhof führte. Es war das ein Umweg; aber man wollte dem Verstorbenen Ehre erweisen, indem man dem Gefolge Gelegenheit gab, sich in seiner ganzen Länge zu entfalten. Und imponierend war es. Denn als der Leichenwagen an Bäcker Windbergs Laden vorüberkam, waren die letzten Leidtragenden erst bei Kürschner Hatteras' Eckhaus auf dem Marktplatz angelangt. Alle Häuser hatten halbmast geflaggt. Und die Straßen waren mit Blumen und grünen Zweigen bestreut. Hinter den Ladentüren standen Gesellen und Lehrlinge. Und Frauen und Kinder sahen durch die Fenster der Wohnräume. Rentier Eriksen war eine Spitze gewesen! Man hatte Erde auf den Sarg geworfen und den letzten Gesang gesungen. Die Erben warfen einen wehmütigen Blick auf die teure Kiste hinab und wanderten heim, um ohne Zeugen zu trauern und um Mamsell Svendsen ihren Abschied zu geben. Das Gefolge zerstreute sich. Und in dem Garten der Toten wurde es stille. Nur eine pietätlose Krähe sandte aus dem Wipfel einer der hohen Pappeln vor dem Gitter des Einfahrtstores ihr heiseres Gekrächze über das Grab hin. Die »Freßsäcke« durchschritten die Stadt in einer Gruppe. Alle trugen sie florumhüllte, hohe Hüte; und Nachdenklichkeit lag auf allen Gesichtern. »Ja,« sagte Redakteur Heilbunth, »jetzt hat er Frieden!« »Es war viel Gutes an Eriksen«, sagte Oberlehrer Clausen. »Freilich war viel Gutes an ihm!« sagte Stadtkassierer Lassen. »Seine Fehler hatte er natürlich auch.« »Wer hat die nicht!« sagte Fabrikant Rössel. Nur Zollverwalter Knagsted sagte nichts. Auf der Dybensbrücke blieb man stehen und starrte in das rinnende Wasser. »Wieviel er wohl hinterlassen hat?« fragte der Stadtkassierer. »Ach, so sechzig- bis siebzigtausend Kronen«, sagte der Redakteur. »Ja, ziemlich genau war er«, sagte der Fabrikant. »Ich weiß noch, als die Kirche restauriert werden sollte, war es nicht möglich, mehr als fünfzehn Kronen von ihm loszueisen.« » De mortius nil nisi bene! « sagte der Oberlehrer sanft. Der Zollkontrolleur aber sagte noch immer nichts. Dann gelangte man durch die Südstraße auf den Marktplatz, wo man sich verabschiedete. »Ja dann wird in diesem Jahre wohl nichts aus der Waldpartie?« fragte der Stadtkassierer Lassen. Alle sahen den Vorsitzenden erwartungsvoll an. »Ja–a«, sagte er. »Weshalb? Ich finde doch nicht, daß –« »Ja–a«, sagte Rössel. »Nein!« sagte der Oberlehrer. »Weshalb nicht? Wenn wir ein wenig damit warten, so –« »..Drei, vier Wochen, wie?« meinte der Stadtkassierer. »Ja, wenn er erst genügend verwest ist!« entfuhr es plötzlich Knagstedts Munde. Die »Brüder« zuckten zusammen, und der Oberlehrer wandte sich rasch nach dem Zöllner um. »Du solltest dich schämen!« sagte er. Knagsteds Gesicht nahm einen einfältigen Ausdruck an. »Ja, ich meine nur,« versuchte er, »bei diesem feuchten Wetter –« »Sie meinen, Sie meinen –« brauste der Redakteur auf. »Wir wissen sehr wohl, was Sie meinen!« Und der Stadtkassierer fügte hinzu: »Du wirst wirklich bald zu amüsant!« Und Fabrikant Rössel sagte: »Es gibt aber doch Grenzen, Knagstedt!« Und dann trennte man sich mit einem kurzen »Adieu«. Am Abend desselben Tages zwischen sechs und sieben, als Emanuel Thomsen seine Abschreibarbeit bei dem Hardesvogt beendet hatte, ging er den Prinzessinensteig entlang, auf den Friedhof hinaus. Er begab sich in letzter Zeit häufig hierher, um nachzudenken. In einer Ecke nach dem Felde zu stand eine Bank, halb von Holunderbüschen verdeckt. Das war sein Brutplatz. Gleich einem Holzsplitter, spitz und hart und mit scharfen, schneidenden Kanten, hatte sich des alten Menschen-Mortensen Rat, ein wenig bei Cornelius draußen auf dem Mühlenhof »herumzufingerieren«, in sein Gehirn gebohrt. Tag und Nacht quälte dieser Gedanke ihn und machte ihn zeitweise ganz unzurechnungsfähig. Er konnte vor Nervosität zittern, wenn er auf der Straße Menschen scherzen und lachen sah. Er empfand die größte Lust, sie mit seinen dicksohligen Stiefeln gegen die Schienbeine zu stoßen. Es war kein Sinn darin, daß sie dort umhergingen und sich amüsierten und guter Dinge waren, während er jede Minute am Tage vor Kummer und Elend hätte schreien und jammern können. Zuweilen konnte er, während er ganz ruhig daheim in dem Zimmer hinter dem Laden saß, in eine solche Raserei geraten, daß er plötzlich Mutter Karen mit Schimpfworten und Vorwürfen überschüttete, weil sie zuviel verbrauchte und weil sie nicht Waren genug verkaufte und nicht genug nähte und nicht genug arbeitete und nicht genug Geld verdiente! »Man selber läuft umher und rennt sich die Beine ab!« schrie er und schwenkte drohend den langen Arm. – »Aber du sitzest nur da und machst dich in deinem Stuhl breit und nickst zum Fenster hinaus wie eine Königin oder wie eine Etatsrätin!« »Manuel! Manuel! Wie kannst du nur so zu deiner eigenen Mutter reden!« »Ja – heulen – das verstehst du!« Und brummend wie eine Hummel stürzte Thomsen zur Tür hinaus und die Treppe zu seinem Mansardenstübchen in die Höhe. Vor ein paar Sonntagen war der Menschen-Mortensen wieder zu Besuch in der Stadt gewesen. Aber Rasmus Cornelius war von ihnen mit keiner Silbe erwähnt worden. Der Plan mit dem Mühlenhof hatte ihnen beiden auf der Zungenspitze geschwebt. Aber keiner von beiden hatte davon anfangen wollen. Sie hatten nur jeder in seiner Ecke gesessen und sich gegenseitig finster angestarrt. Und nachdem Mortensen ungefähr eine Viertelstunde drauflosgepafft und gehustet hatte, war er wieder weggehumpelt. »Paff, paff! Ja, dann adieu. Manuel.« »Adieu!« Thomsen hatte, wie gesagt, heute abend Zuflucht auf seinem Brutplatz draußen auf dem Friedhof gesucht. Er hatte den Nacken gegen die Rücklehne der Wand gestützt. Die kleinen, dünnen Beine hingen schlaff herunter, ohne an die Erde zu kommen. Und seine Augen starrten voller Flehen und Verzweiflung zu dem blauen Himmel empor. Er begriff nicht das geringste von der Weltordnung! »Du lieber Gott, Vater da oben in deinem hohen Himmelreich,« murmelte er, »was hat man dir doch nur einmal getan, daß du einen nicht mit dem Wasser deiner Gnade begießen willst! Du fingst ja doch so schön an, lieber Herrgott, indem du einem Nachricht durch den seligen Vater zukommen ließest. Weshalb tatest du das, wenn du keinen Zweck damit verfolgtest? Ach Gott, ach Gott! Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir unsern Schuldigern vergeben! Ich will dir in alle Ewigkeit keine Vorwürfe machen, lieber guter Herrgott, wenn du meine Nummer bald herauskommen läßt und meiner armen, alten Mutter die große Freude schenktest, am Abend ihres Lebens wieder in die Stuben einziehen zu können, wo man seine unschuldigen Kinderjahre verlebt und dich im Geist und in der Wahrheit angebetet hat! O du gnädiger Gott in der Höhe, dein Wille geschehe, wie im Himmel also auch auf Erden! Amen!« Thomsen machte ein Zeichen des Kreuzes auf Brust und Stirn, wie er es Pastor Engelhardt vor dem Altar hatte tun sehen. Und seine kleinen, wasserblauen Augen füllten sich mit Tränen der Rührung über seine eigene fast übermenschliche Demut. Und er fühlte sich gestärkt und getröstet. Gott konnte sich nicht weigern, einem Wesen zu helfen, das so schön verstand, seine Worte zu belegen und sein Herz unter dem unerforschlichen Willen des Höchsten zu beugen! Rechts von der breiten Mittelallee und gerade vor der Eingangstür der Kapelle lag die Grabstätte des Luxusbauchs. Das Grab war am Nachmittag zugeschaufelt, und die gelbe Lehmerde grinste zwischen den Blumen und Kränzen hervor, die zusammengehäuft darüber lagen. Emanuel stand da, die Hände tief in den Hosentaschen und betrachtete die heilige Stätte. Da lag nun Rentier Eriksen und sollte wieder zu Erde werden, davon er genommen war! Man erzählte sich in der Stadt, er sei so entsetzlich aufgeschwollen, daß die Familie befürchtet habe, er würde platzen, ehe sie ihn in die Erde bringen konnten. Das war die Strafe für das unmäßige Essen und Trinken, womit er sich bei Lebzeiten vollgepfropft hatte! Die Rache ist mein, spricht der Herr. Und Gott dem Allmächtigen sei Lob und Dank, daß man so genügsam und anständig – – Die Gitterpforte drüben am Prinzessinnensteig knarrte in ihren Hängen. Und Manuel eilte schnell einen Seitengang hinab und verbarg sich hinter ein paar Büschen. Es war das alte Fräulein Olivia Rejersen, das angetrippelt kam, klein und geschwind, einen Regenschirm in der Hand, während ihr das Waldhorn aus der Kleidertasche hervorguckte. Als sie an der Grabstelle des Luxusbauchs angelangt war, blieb sie stehen und späht vorsichtig nach allen Seiten, wie ein Huhn in einem Erbsenbeet. Thomsen richtete sich auf den Zehenspitzen auf und steckte das Gesicht zwischen den Büschen heraus. Das Göttliche war ganz von ihm abgestreift. Er war jetzt ganz Mensch. Olivia beugte sich über das Grab nieder, schnappte mit ein paar schnellen Griffen drei oder vier der schönsten Blumen weg und verschwand damit hinter der Kapelle. Emanuels sämtliche Glieder wurden steif wie ein Stahlwurm: »Des Bürgermeisters leibliche Schwester!« murmelte er. – »Des Bürgermeisters leibliche Schwester!« Dann schlüpfte er aus seinem Versteck hervor und schlich hinter ihr drein. Als er die Kapelle erreicht hatte, nahm er den Hut ab und schlich sich bis an eine der Ecken. Die Waldhornistin stand gerade vor Schmiedemeister Sörensens Familienbegräbnis. Sie beugte sich über das Gitterwerk und schnitt mit einem kleinen Messer eine Menge Knospen und halb erschlossener Blüten von den Rosensträuchen da drinnen ab. Aber als sie sich umwandte, hatte sie doch keine einzige Blume in den Händen. Dann schwankte sie auf eine neue Grabstätte zu, spähte und schnitt drauflos. Und von einem Grab zum andern lief sie und schnappte hier eine Blume, dort eine Knospe weg. Aber wo in aller Welt blieb sie denn damit? Thomsen zitterte vor Erregung. Und als die alte Dame sich nun auch der Stätte näherte, wo sein Vater und sein Großvater begraben lagen, konnte er sich nicht länger beherrschen. Er sprang aus seinem Versteck hervor, fuhr auf sie ein und packte sie beim Arm, als sie gerade im Begriff war, eine große, dunkelrote Rose abzuschneiden. »Aber meine Dame!« schrie er, und seine Stimme bebte. – »Fräulein! Was machen Sie da?« Olivia stieß einen Schrei aus und ließ das Messer fallen. Als sie aber sah, wer der Angreifer war, ermannte sie sich augenblicklich, richtete ihre kleine Gestalt auf, warf den Kopf stolz in den Nacken und sagte äußerst indigniert: »Aber Mensch!« »Was machen Sie da?« wiederholte Emanuel und packte sie fester beim Arm. »Lassen Sie mich los, verrückte Mannsperson!« sagte sie. Thomsen ließ aber nicht los. »Wo haben Sie die Blumen gelassen?« fragte er. »Lassen Sie mich los, sage ich Ihnen!« »Ich lasse Sie nicht los! (Manuel war leichenblaß vor Erregung.) Was haben Sie mit den Blumen angefangen?« »Was sagen Sie? Ich kann nicht hören, das wissen Sie ja!« »Unsinn!« sagte Thomsen brutal. Und plötzlich riß er ihr den Regenschirm aus der Hand. Er hatte ein grünes Blatt entdeckt, das daraus hervorguckte. »Aber da sind sie ja!« sagte er. Die Waldhornistin kreischte. »Unverschämter Kerl!« Manuel aber spannte resolut den Regenschirm auf; und die Blumen regneten rings um ihn her auf die Erde. Schlagfertig sagte das Fräulein: »Ich habe Erlaubnis von den Familien bekommen!« »Hatten Sie vielleicht auch Erlaubnis, von unsern Gräbern zu stehlen?« Olivia entriß ihm gewandt den Schirm und wollte gehen. »Sie bleiben hier!« sagte er und vertrat ihr den Weg. – »Wir bleiben, beide hier, bis jemand kommt. Auf einem Friedhof zu stehlen !« Die alte Dame konnte nicht hören, was er sagte, aber aus dem Ausdruck seines Gesichts ersah sie, daß die Situation ernsthaft war. Und sie steckte das Waldhorn ins Ohr und fragte: »Was wollen Sie eigentlich von mir, Mensch!« »Ich will Sie der Polizei ausliefern!« trompetete Thomsen wild vor Pflichteifer. »Der Polizei?« »Ja! Auf einem Friedhof zu stehlen!« » Stehlen ! – Die paar Blumen!« »Man darf den Toten nichts wegnehmen!« »Lassen Sie mich jetzt gehen!« »Nein!« »Was sagen Sie?« »Nein!« »Ja, aber ich kann das lange Stehen nicht aushalten«, sagte das Fräulein. »Ich habe Nierensteine!« »Dann setzen wir uns auf eine Bank.« »Was sagen Sie?« »Dann setzen wir uns auf eine Bank.« »Ja, was wollen Sie denn nur, Mensch?« »Ich will Zeugen haben!« »Zeugen?« »Ja, die ganze Stadt soll erfahren, daß Sie hierhergehen und stehlen.« »Ach, lassen Sie mich, bitte, los!« sagte das Fräulein ganz sanft. »Nein! Jetzt rufe ich den Totengräber!« »Um Gottes willen. Mensch!« Emanuel beugte sich ganz tief über das Waldhorn und fragte hastig: »Was wollen Sie mir geben?« »Geben?« »Ja, wenn ich Sie loslasse?« »Wollen Sie Geld haben?« »Ja! Dann will ich nichts sagen. – Beeilen Sie sich, da kommt jemand!« Manuels Augen sprühten Funken, und er glich in diesem Augenblick einem fetten Fuchs, der auf Raub ausgeht. »Beeilen Sie sich! Beeilen Sie sich!« »Ja, aber ich habe doch –« »Jetzt ist es zu spät!« sagte Thomsen und packte sie wieder beim Arm. – »Da ist er!« Auf dem Kieswege hinter der Kapelle wurden schwere, knirschende Schritte hörbar, und der Totengräber kam um die Ecke. »Es soll jetzt geschlossen werden«, sagte er. »Darf ich Sie ersuchen, den Friedhof zu verlassen?« Fräulein Rejersen wand sich, um loszukommen. Manuel aber hielt sie fest. Der Totengräber trat näher heran. »Was geht hier vor sich?« fragte er. Und als er die beiden erkannt hatte, fuhr er fort: »Aber sind Sie denn von Sinnen, Thomsen?« »Das Fräulein hat alle diese Rosen gestohlen!« »Sind Sie verrückt, Thomsen? Lassen Sie sie los!« Manuel gab seine Beute frei, und die Waldhornistin verschwand im selben Augenblick zwischen den Gräbern. »Sehen Sie, alle diese Rosen!« »Ja, ja!« sagte der alte Totengräber und schüttelte den Kopf. Er war weißhaarig und weißbärtig und kannte die Welt. »Hat sie Erlaubnis dazu?« »Bewahre hat sie Erlaubnis dazu, bewahre –« »Das ist eine Grabschändung!« »Ja, das ist es! Das ist es!« »Und darauf steht Strafe!« »Freilich, ja, es steht Strafe darauf! – Gehen Sie aber jetzt, lieber Thomsen! Es soll geschlossen werden!« Manuel starrte den Totengräber wie eine Erscheinung an. »Dürfen die denn hier drinnen stehlen?« fragte er. »Nein, bewahre! Natürlich dürfen sie das nicht!« sagte der Alte und schüttelte von neuem den Kopf. – »Bewahre dürfen sie das! Aber (hier beugte er sich zu dem pflichteifrigen Manuel herab, und seine Stimme ward flüsternd vertraulich) aber sie tun es ja alle zusammen, lieber Thomsen: alle Damen, namentlich die alten Fräulein. Daher nützt es auch nicht, so eine Sache aufzuwühlen. – Helfen Sie mit jetzt die Blumen aufsammeln und nehmen Sie Ihrer Mutter eine Handvoll davon mit. Dann nehme ich den Rest für meine Frau mit, und damit hat die Sache ein Ende!« Und Manuel krümmte seinen Rücken, sammelte sich eine Handvoll Rosen auf, barg sie an seiner Brust, knöpfte den Rock sorgfältig darüber zu und entfernte sich. Es war im September. Und im Städtchen fand der alljährlich Herbstmarkt statt. Flaggen und Wimpel aus allen Ländern und Reichen der Erde flatterten im Winde. Die Südstraße und der Marktplatz waren ein völliges Sammelsurium, halb Industrieausstellung, halb Tingeltangel. An den Bürgersteigen entlang waren Krambuden errichtet; und der Marktplatz zu Füßen der weißen Kirche war mit Zelten bedeckt, in denen die unglaublichsten Sehenswürdigkeiten vorgezeigt wurden: Fette Damen – Magere Männer – Kälber mit sechs Beinen – Wergfresser – Meerjungfrauen – Präsident Carnots Mörder – Und »zwei« Zwillinge in Spiritus. Invaliden mit Leierkasten durchzogen die Stadt. Jeder spielte seine Melodien. Und wenn sie sich begegneten, blieben sie stehen, spielten drauflos, schrien einander an und bedrohten sich gegenseitig mit den Überresten ihrer Glieder. Seit dem frühen Morgen kamen die Bauern in die Stadt gerollt. Und der ganze Ort roch nach Flauschröcken und ff. Portoriko! Auf dem Markt, vor einer Fünfzigörebude, stand Mutter Karens Bruder, Jakob Henriksen, der Küster aus Grästed, mit seiner Tochter Wulfdine. Der Vater wollte der Tochter eine Marktgabe spenden, aber angesichts aller dieser Herrlichkeiten war es unmöglich, zu einem Entschluß zu gelangen. Wulfdines kleine Mäuseaugen verschlangen die Gegenstände, die vor ihr auf dem Tisch der Bude standen. Sie war nicht imstande, einen Entschluß zu fassen! Bald hatte sie die größte Lust zu einem muschelbeklebten Nähkasten, bald zu einem samtüberzogenen Photographierahmen und dann wieder zu einem »echten chinesischen Fächer mit einem spanischen Stiergefecht«. »Nun, Dine,« sagte der Küster, »was soll es denn sein?« Dine lächelte von einem Ohr zum andern und klappte im Rücken zusammen. Sie war so schrecklich genierlich, das Kind, und versank bei der geringsten Veranlassung in den Erdboden. »Ich weiß es wirklich nicht,« sagte sie und errötete und wand sich, »es ist ja alles so reizend!« »Wollen wir den Nähkasten nehmen?« »Gehört eine Nadeldose dazu?« »Ja–a«, sagte die Madam hinter dem Schautisch – »Und ein Nadelkissen und ein Fingerhut und eine Schere.« »Wollen wir ihn denn nehmen, Wulfdine?« Wulfdines Gelenke knackten, so wand und krümmte sie sich. »Ich weiß wirklich nicht –« »Ja – dann nehmen wir den Kasten«, sagte der Küster, reichte ihn seiner Tochter und bezahlte. Wulfdine errötete bis an die Haarwurzeln, und ein glückseliges Lächeln entblößte ihre Gaumen. »Danke!« sagte sie und hielt den Nähkasten auf ihren aufgespreizten Fingern vor sich hin. »Dann komm auch, mein Kind!« »Ich muß ihn mir doch erst einwickeln!« Und sie zog ein rotbuntes Taschentuch aus ihrer Kleidertasche und knüpfte sorgfältig dessen vier Ecken um ihr Kleinod zusammen. Sie gingen ein wenig auf dem Marktplatz umher, besahen die Buden und hörten den Ausrufern zu. Es war gedrängt voll von Marktgästen. »Willst du in irgendeine Bude hineingehen und etwas sehen, Dine?« »Nee!« sagte Dine und versank vor Entsetzen fast in die Erde. Den Kasten trug sie sorgfältig auf dem Arm, als sei es ihr Erstgeborenes. Von Zeit zu Zeit sandte sie ihm einen zärtlichen Blick zu. Der Küster bog in die Südstraße ein. Sie kamen an einem Leierkastenmann vorüber, der die Melodie: »Zwei Drosseln saßen im Buchenbaum« spielte. Dine zog den Vater an dem Rockschoß. »Laß uns einen Augenblick stillstehen!« Und sie standen still. Dine zupfte von neuem: »Hast du nicht ein Kupferstück, Vater?« Der Alte holte das Portemonnaie aus der Tasche und gab ihr das Gewünschte. Wulfdine errötete und klappte zusammen und versank. Dann aber faßte sie plötzlich Mut, wogte hin und legte das Geldstück auf den Leierkasten. »Da!« sagte sie und wogte schleunigst zurück. Der Leiertastenmann nickte und drehte, er hatte nur einen Arm. »Danke, kleines Fröhlen!« sagte er. Und dann beugte er das Gesicht über den Leierkasten, nahm das Geldstück mit den Lippen auf und spie es in eine Blechbüchse, die ihm vorn auf der Brust hing. Und dann fiel er mit zitternder Branntweinstimme in die Melodie ein und sang: »Sie schwiegen vor Kummer und Leiden! Denn, ach, sie sollten scheiden!« Dine stand wie angewurzelt auf dem Straßenpflaster, und in ihren Augen schimmerten Tränen. »Dine!« rief der Vater. – »Dine!« Ein mächtiger Seufzer hob Dines kleinen Busen, dann riß sie sich los und folgte dem Vater. Bei Karen Thomsens war ein schneeweißes Tischtuch auf den Mahagonitisch in der Stube hinter dem Laden ausgebreitet; die Kaffeetassen waren aufgestellt, und im Mittelpunkt stand ein großer Teller mit Kuchen. Von der Straße her erscholl Jahrmarktslärm. »Kommt denn Manuel nicht, Schwester Karen?« fragte der Küster. Die Gäste hatten noch keine Gelegenheit gehabt, ihn zu begrüßen. »Ja-a!« sagte Madam Thomsen, »jetzt wird er wohl bald fertig sein.« Madam Thomsen war in der letzten Zeit so mager und scharf im Gesicht geworden. »Er läßt es sich sauer werden!« sagte Jakob Henriksen. »Ja, er ist sehr eifrig!« Wulfdine saß auf einem Stuhl am Fenster und guckte aus. Auf dem Fensterbrett vor ihr stand der Nähkasten, und von Zeit zu Zeit blies sie ein Staubkorn von einer der Muscheln, blies und trocknete mit dem Taschentuch sorgfältig nach. »Da kommt Manuel!« sagte sie und klappte zusammen. Die Ladenglocke klingelte. »Ich bin es!« sagte eine Stimme. Und Thomsen trat in das Zimmer. Er sah sich um, als erwache er. Dann ging er hin und drückte den Gästen die Hände. »Guten Tag, Onkel Jakob! Guten Tag, Wulfdine!« Hätte Wulfdine eine leere Zementtonne gehabt, in die sie hätte hineinkriechen können, sie würde es getan haben. Es knackte und krachte in ihr vor Geniertheit. Manuel aber schien ihre Verwirrung nicht zu bemerken. »Nun, wie befindet man sich?« fragte er. »Danke, Dine und mir geht es gut; wir beklagen uns nicht!« »Kann ich den Kaffee einschenken, Manuel?« »Gibt es Kaffee, Mutter Karen?« Thomsen sandte seiner Mutter einen wütenden Blick zu. »Ja, ich dachte, weil –« stammelte sie. »Ja, dann schenk' nur ein!« unterbrach Manuel sie. Karen schlich in die Küche hinaus. »Wulfdine wollte ja so gern zu Markt,« begann der Küster. »Hm, ja!« »Und so kamen wir denn hierher. Wir fuhren mit dem Schulzen zusammen.« »So!« Schweigen. »Du hast wohl augenblicklich viel zu tun, Manuel?« begann der Onkel von neuem. »Man muß ja das tägliche Brot verdienen!« »Ja–a. Besuchst du uns nicht einmal am Sonntag?« Wulfdine senkte den Blick und versank in den Fußboden. »Der Sommer ist jetzt ja bald vorüber, Onkel Jakob.« »Hm, das ist er ja. Aber du weißt doch, daß du uns jederzeit willkommen bist!« »Ja – danke, das weiß man –« Manuel ging ratlos im Zimmer auf und nieder. Und seine Verwandten betrachteten ihn mit scheuen Seitenblicken, denn Mutter Karen hatte ihnen, als sie allein waren, ihr Herz ausgeschüttet. »Wir haben auch eine halbe Tonne Kartoffeln mitgebracht«, versuchte der alte Jakob zum dritten Male. »Ich habe sie drüben in den Schuppen hineingesetzt.« »Danke,« nickte Thomsen und klärte sich ein wenig auf, »die wachsen hier in der Stadt ja auch nicht auf den Straßen!« »Nein, natürlich nicht! Aber den Sack möchte ich gern wieder mithaben. Du kannst die Kartoffeln wohl ausschütten.« »Das will ich tun. Hast du Mortensen da drüben gesehen?« »Ja–a!« »Er ist recht jämmerlich!« »Er ist ja schon alt!« »Glaubst du, daß er es diesen Winter noch macht?« »Du solltest ihn gewiß in die Wärme hineinnehmen.« »Wenn er mir nun stürbe!« Manuel blieb plötzlich stehen und starrte den Onkel wild an. »Er hält sich wohl, Manuel!« »Wenn er stürbe, wäre das Ganze vorbei!« »Ach nein, nein!« Wulfdine hatte ihren Kasten mit allen seinen Muscheln über dem Anblick des Vetters gänzlich vergessen. Ihre Augen waren bekümmert, – demütig. Und ihre dicken, roten Hände hatte sie unwillkürlich vor sich in den Schoß gefaltet. Klein, rundlich und untersetzt, wie sie war, glich sie mit ihrem runden Gesicht, ihren kleinen Augen und ihrem blonden Haar Emanuel ganz auffallend. Nur waren die Augen sanfter und gutmütiger, und der Mund war größer und die Lippen voller. Sie war ein paar Jahre jünger als ihr Vetter, mochte neunundzwanzig oder dreißig zählen. Und seit der Zeit, als sie miteinander im Garten des Mühlenhofes gespielt, hatte sie eine scheue, ängstliche Liebe zu ihm gehegt. Sie fand, daß er der schönste Mann sei, den sie jemals gesehen hatte. Sie versank in den Erdboden, wenn er sie nur ansah; und berührte er sie zufällig einmal, so wurde sie blaß und rot und zitterte wie im Fieber. Wenn sie Erlaubnis erhalten hätte, immer um ihn zu sein, seine Kleider zu flicken, seine Strümpfe zu stopfen, so würde sie hier auf Erden kein größeres Glück verlangt haben. Und Manuel selber hatte diese ihre Gefühle längst entdeckt und gedeutet. Und er fand sie natürlich und nahm sie hin wie sein Recht. Ob er sie erwiderte, das hatte er sich niemals klargemacht; er hatte bisher keine Zeit gehabt, sich für Frauen zu interessieren. Mutter Karen kam mit dem Kaffee herein. »Bitte, setzt euch an den Tisch. Jakob und Wulfdine! – Bitte, Emanuel!« Man setzte sich um den Kaffeetisch, und Madam Thomsen schenkte ein. »Du hast die alten Teelöffel noch, Schwester Karen«, sagte der Küster und wog seinen Teelöffel in der Hand. »Ja,« sagte Karen, »man hegt die alten Sachen ja!« Thomsen und Wulfdine saßen nebeneinander. »Bitte, nehmt von dem Kaffeebrot!« Karen war nach wie vor die Gastfreie. Wulfdine klappte über dem Tisch zusammen und bemächtigte sich eines Stückes. Aber sie war in dem Maße verwirrt durch ihre Nachbarschaft, daß ihre Finger plötzlich steif und lahm wurden. Sie saß eine Weile da und bewegte das Stück Kuchen zwischen den Fingern, als verbrenne sie sich daran. Endlich ließ sie es fallen. Und als sie es dann in der Flucht ergreifen wollte, stieß sie in ihrer wahnsinnigen Verlegenheit gegen ihre Tasse, so daß der Kaffee überfloß. »Aber Dine!« schrie der Küster, »wie sitzt du denn da! Tante Karens reines Tischtuch!« Dine schlug die Hände vor das Gesicht und versank in den Fußboden. »Quäle dich darüber nicht, liebe Wulfdine!« sagte Mutter Karen sanft. »Trinke jetzt deinen Kaffee!« Manuel aber saß steif und ärgerlich da. »Wir kamen an dem Mühlenhof vorüber«, sagte Jakob Henriksen, um die Aufmerksamkeit von der Tochter abzulenken. – »Der sieht nicht so aus wie zu eurer Zeit!« »Cornelius ist ein Schweinigel!« brauste Emanuel auf. »Ja, das ist er wohl«, meinte der Küster. »Denkst du noch daran, wieder da hinaus zu ziehen. Manuel?« »Was sollte das wohl nützen!« entgegnete Karen. Der Sohn sandte ihr einen gehässigen Blick zu. »Du redest Unsinn!« sagte er scharf. Madam Thomsen beugte den Kopf über das Tischtuch und sammelte ein paar Krumen auf. Und Wulfdine, die sich ein klein wenig aus ihrem Versteck hervorgewagt hatte, verschwand wieder. Es herrschte tiefes Schweigen im Zimmer. Draußen aber ertönte der Jahrmarktslärm. Man hörte die Leierkasten spielen und auf dem Bürgersteig und dem Straßenpflaster trabten unaufhörlich Menschenfüße vorüber. Man sang und lachte und schrie; und plötzlich fing der Leierkastenmann mit den beiden Drosseln gerade vor der Ladentür zu orgeln an. »Ach!« sagte Wulfdine und entblößte die Gaumen in einem glückseligen Lächeln. »Da ist er!« »Wollen die jungen Leute nicht ein wenig hinausgehen und sich die Herrlichkeit ansehen?« meinte Mutter Karen. Sie wurde immer gleichsam ein wenig kühner, wenn Besuch da war. Dine schielte zu dem Vetter hinüber. »Kommen Vater und Tante Karen nicht mit?« fragte sie. Sie wäre ganz einfach tot gewesen, ehe sie auf die Straße gekommen wäre, wenn sie mit Emanuel hätte allein gehen sollen. »Mutter muß im Laden sein«, sagte Thomsen. »Und für einen selber sind die Zeiten auch nicht danach!« Bruder und Schwester tauschten abermals einen Blick aus. Und Karens Augen waren voller Trübsal und Hoffnungslosigkeit. »Willst du gern auf den Markt, Wulfdine?« fragte der Küster. »Deinetwegen sind wir ja im Grunde doch nur gekommen.« »Ja«, sagte Wulfdine und würde ihr Leben für ein freundliches Wort von dem Vetter gelassen haben. »Ja, dann wollen wir gehen«, sagte der Küster. Mutter Karen saß eine Weile da und wippte mit dem Stuhl hin und her. »Ihr eßt doch hier bei uns, ehe ihr nach Hause fahrt?« fragte sie dann; sie wagte nicht, den Sohn anzusehen. »Danke, Schwester«, antwortete der Küster leise. – »Der Schulze fährt bald wieder! Und der Weg ist lang.« »Ihr müßt aber doch etwas essen!« sagte Madam Thomsen mit verzweifeltem Mut. »Und das könnt ihr doch ebensogut hier tun!« Emanuel erhob sich mit einem Ruck, stellte sich an das Fenster und sah hinaus. Die drei andern drehten langsam ihre Köpfe nach ihm um. Dann legte Mutter Karen ihre Hand auf die des Bruders. Ihr Kinn zitterte, sie preßte die Lippen zusammen und langsam liefen ihr die Tränen von den Wangen herunter. »Na, na, Schwester Karen«, murmelte der Küster. »Es wird schon alles anders werden!« Und Wulfdine schnitt schreckliche Grimassen, als würde sie elektrisiert. Sie war kurz davor, in Tränen auszubrechen. Emanuel aber stand am Fenster und trommelte mit den Fingern an die Scheiben. Und draußen toste der Jahrmarktslärm. Oberlehrer Clausen war der »Leibhaftigen Bosheit« draußen auf der Landstraße, nördlich von der Stadt, begegnet. Sie hatten den Weg zusammen fortgesetzt, waren beim Viertelmeilenstein umgekehrt und wanderten jetzt der Stadt zu. Ein Reiter kam ihnen im Schritt entgegen. Der Oberlehrer puffte Knagsted mit dem Ellenbogen in die Seite und flüsterte: »Das ist Pastor Engelhardt!« Der Pastor ritt vorüber und grüßte. Seine langen Locken umwallten die Schultern. Er hatte einen Zylinder auf und einen Radmantel um. Und sein Antlitz war bleich und verklärt. Esaus Haarzotteln bewegten sich. »Er gleicht dem Engel Gabriel,« sagte er, »der ausgeht, um zu verkündigen.« »Na, na, Knagsted!« lächelte der Oberlehrer. »Hast du es schon gehört, Clausen.« fuhr Esau fort, »daß jetzt ein Erlaß gekommen ist, wonach die Pastoren an den großen Festtagen und zu Hochzeiten und Kindtaufen – im Ornat zur Kirche reiten sollen? Und bei der Konfirmation sollen alle Konfirmanden hinterdrein reiten.« »Unsinn, Knagsted!« »Der Antrag ist in beiden Kammern durchgegangen. Und heute morgen hat es in der Berlingschen Zeitung gestanden.« »Wie kannst du nur auf so etwas verfallen!« sagte Clausen ganz ärgerlich. »Ich habe den Antrag ja nicht gestellt!« »Ach was!« »Nein, der Kultusminister hat es getan. Er ist der Ansicht, daß es unserer eigenen Religion aufhelfen könnte, jetzt, wo der Katholizismus solchen Aufschwung genommen hat.« »Du solltest dich schämen, Knagsted.« »Hast du seine Rede nicht gelesen?« »Du solltest dich schämen, sage ich dir!« »Ja, meinetwegen gern!« Der Oberlehrer schüttelte verzweifelnd den Kopf. Dann blickte er über die vielen kahlen Felder hin und sagte mit einem leisen Seufzer: » Dieser Sommer wäre auch bald wieder hin!« »Ja, gottlob!« »Du sagst gottlob?« »Ja, ich sage gottlob!« »Du bist nie derselben Meinung wie andere.« »Nein. Es gibt ja genug, die derselben Meinung sind.« »Was tut der Sommer dir?« »Ach nein, mir persönlich tut er gerade nichts (Knagsted sprach stets mit unerschütterlichem Ernst). Mir ist es einerlei. Aber die Leute werden so verrückt im Sonnenschein: genau so, als wenn sie in der Lotterie gewonnen hätten. Sie putzen sich und gehen in den Wald und segeln, und dann singen sie und lamentieren und stellen sich an. – Es sollte immer Regenwetter sein!« »Pfui, du verdirbst mir den ganzen Spaziergang, Zöllner!« »Und dann schreiben sie gesperrt in die Zeitungen, daß jetzt der Star gekommen und daß jetzt der Kiebitz gekommen ist. Es würde doch viel sonderbarer sein, wenn sie fortgeblieben wären!« »Liebst du denn die Natur nicht?« »Die Natur? – Nein! – Die kenne ich.« »Und die grünen Bäume und die Blumen und das Meer?« »Das kenne ich alles!« »Du kennst ja aber auch das Regenwetter.« »Ja. Aber dann halten die Leute doch wenigstens den Mund und bleiben im Hause.« »Du gehst doch auch aus!« »Ich gehe um meines Magens willen!« Der Oberlehrer legte sanft seine Hand auf den Arm des Kontrolleurs und sah ihm in die Augen. »Ich glaube, du bist ein unglücklicher Mensch, Knagsted.« »Ja! Welch Frauenzimmer hat die Idee ausgebrütet? Weil man nicht schon längst vor Lachen geplatzt ist, braucht man doch nicht gleich unglücklich zu sein!« »Ich kann dich nicht verstehen, Knagsted«, sagte der Oberlehrer tief bekümmert. – »Ich kann dich wirklich nicht verstehen!« »Das nimm dir nur nicht zu Herzen, kleiner Oberclausen! Zum Teufel auch, wozu solltest du mich wohl verstehen. Immer und ewig müßt ihr ›verstehen‹. Wenn man etwas erst versteht, Mensch, so ist es ja langweilig. Ihr solltet mich lieber im Rathaus gratis bespeisen, weil ich alle hier belustige! – Aber vergiß nicht: Keine heißen Weine! Die verträgt mein Magen nicht!« »Du bist wirklich ein unglücklicher Mensch!« sagte der Oberlehrer mit Überzeugung. »Meinst du, weil ich keine heißen Weine vertragen kann?« »Ach was, du mit deinen heißen Weinen! Nein, deine Seele ist krank!« Der Zöllner lächelte hinter seinem Urwald. »Ja, dann posaune es nur bei deinem nächsten Kaffeeklatsch aus«, sagte er. »Dann bekommst du am Ende zwei Tassen.« »Wenn wir doch nur Einfluß auf dich gewinnen könnten!« »In bezug auf was?« fragte Knagsted und sah seinen Begleiter zum ersten Male an. »Auf deinen innern Menschen –« »Hm! Wie viele Menschen meinst du denn, daß ich habe?« Clausen wurde heftig: »Ich kann es nicht ertragen, daß du so mit den Worten spielst!« sagte er, und das Blut schoß ihm in die Wangen, »du weißt sehr wohl, daß wir gern etwas für dich tun möchten – daß – daß die Stadt dich gern mit sich verschmolzen sähe – dich in die Gesellschaft aufnehmen würde! Du – du gehst hier so verlassen umher, und – und –« Esau blieb stehen. Und indem er seinen schweren Stock hart auf die Steine der Landstraße niedersetzte und beide Hände auf die Krücke stützte, hob er sich auf die Zehenspitzen und steckte dem Freunde seine Haarfülle gerade unter die Nase, indem er brüllte: »Was zum Teufel geht denn euch das an!« Der Oberlehrer wich einen Schritt zurück. »Hast du denn keine Menschenseele, die du liebhast?« fragte er. »Ja!« antwortete Knagsted, »Bismarck und Exkönig Milan von Serbien.« Der Oberlehrer schüttelte trübe den Kopf. Es tat ihm wirklich im Innersten seines Herzens weh, daß er nicht imstande war, etwas für diesen armen Menschen« zu tun. Plötzlich kam ihm ein lichter Gedanke, er sagte: »Aber du fährst ja auch in den Wald!« »Was tue ich?« »Du bist ja im Sommer auch im Walde gewesen!« Die Haarzotteln des Zöllners standen zu Berge. »Ja, ich bin im Walde gewesen!« gab er ruhig zu. »Aber das war hauptsächlich, um mit euch andern Bestien einen Leichenschmaus für Eriksen abzuhalten.« Clausen bebte vor Entrüstung. »Knagsted!« »Ja, dann bekümmere dich in Zukunft nicht um meine Angelegenheiten, lieber Oberclausen!« Dann schritten sie eine Weile schweigend nebeneinander her. Durch das Nonnentor kam ein kleiner, leichtgebauter Federwagen in fliegender Eile gesaust. »Der Killekille-Gutsbesitzer!« sagte der Zollkontrolleur. Der Wagen sauste an ihnen vorüber, so daß der Staub um die Räder flog. Zwei blitzende Schimmel waren vor das Fuhrwerk gespannt, und sie wurden mit kundiger Hand von einem großen, breitschultrigen, blonden Mann gelenkt, dessen weiße Zähne lachten, als er an ihnen vorüberfuhr und flott mit der Peitsche grüßte. »Es ist doch unverantwortlich, wie Heimann immer fährt!« sagte der Oberlehrer. »Er muß nach Hause und Killekille machen!« »Ach was!« »Er baut sich einen neuen Flügel an das Hauptgebäude an!« »So?« »Hast du gar nicht davon gehört?« »Nein!« »Ja! – Eine Schlafstube in der Mitte mit Oberlicht.« »Hm. –« »Und dann sechs Zimmer ringsumher. Das sollen Mädchenstuben werden.« »Daß du mit so etwas Spott treiben kannst, Knagsted!« »Ich spotte gar nicht! – Und dann sollen die Namen der Mädchen an die Türen geschrieben werden, und dann killekillt er sie in alphabetischer Reihenfolge. Und an seinem Geburtstag nimmt er sie alle zusammen vor! – Weißt du, was er alljährlich an Alimentationsgeldern bezahlt?« Clausen antwortet nicht. »Fünfzehnhundert Kronen! Genau soviel, wie mein Gehalt beträgt.« »Und findest du nicht, daß das traurig ist?« »Ach nein, so etwas amüsiert mich.« Und wieder stampften sie schweigend weiter. Der Oberlehrer lang, mager, abgezehrt und friedlich. Knagsted, klein, vierschrötig, behaart und finster und geladen mit allen möglichen Ungeheuerlichkeiten. Ein Pädagog und ein Kobold. – Die Landstraße führte über einen Hügel und fiel dann allmählich nach der Stadt zu ab. Als die beiden Gesellen auf den Gipfel des Berges gelangt waren, zeigte der Zöllner über die Felder auf einige hohe Bäume. »Da unten liegt Thumelumsensheim«, sagte er. Es war der Mühlenhof, dessen Schornsteine zwischen den Bäumen hervorragten. Der Oberlehrer lachte gegen seinen Willen über den Namen. »Ja, du lieber Gott,« sagte er. »der arme Thomsen!« »Du machst dir auch Kummer und Sorge um mancherlei Dinge, lieber Clausen.« »Ja, aber er ist in der Beziehung auch wirklich geisteskrank.« »Ganz verrückt, mit Auszeichnung, ja! Aber dafür lebt er nun einmal. Du hast ja auch deine Hirngeschwulst!« »Ich?« »Freilich! Hast du nicht eine Kunstgärtnerei in allen Fenstern?« Der Oberlehrer lächelte milde bei dem Gedanken. »Ach ja, meine lieben Blumen!« sagte er. »Ja, da siehst du! – Man muß so etwas haben, um es auszuhalten. Heimann zum Beispiel hat sein Killekille. – Und ich habe auch mein Lebenselixier.« »So? – Wirklich?« fragte Clausen sehr interessiert. »Ja, ich sammle Kommata.« »Kom –« »Ja, Kommata! Wenn ich ein Buch lese, so zähle ich sie nach und führe Rechenschaft darüber.« Der Pädagoge stand unsicher da. »Ja – aber –« stammelte er. »Ja – aber – dann, finde ich, kannst du den Inhalt des Buches nicht so recht genießen.« »Nein, das kann ich freilich nicht,« nickte der Waldteufel, »aber das macht ja nichts, wenn ich nur meine lieben Kommata bekomme!« Die Sonne schien in die Ecke hinter der Pumpe in Karen Thomsens Packkiste vom Hofplatz hinab. Und im Sonnenschein stand der Hahn-Mortensen mit seinem struppigen Körper, seinem hängenden Kopf und seinen beiden geknickten Schwanzfedern. Er stand wie gewöhnlich da, ohne sich zu rühren. Er war im Laufe des Sommers noch abgetakelter und jämmerlicher geworden, schmalschultrig und klein und fröstelnd. Und wenn man es nicht besser gewußt hatte, würde man darauf geschworen haben, daß es eine Hahnenleiche sei, die auf einem Misthaufen gefunden und von einer witzigen Person hier aufgestellt war, um furchtsame Seelen zu erschrecken. Auf dem Dach des Bretterschuppens saß ein Haufen Spatzen, die plauderten und zwitscherten und sich wohlgefällig aufbliesen. Der Himmel war hoch und hell, und die Luft war warm. Es war der letzte Sonntag im September. Auf der Schwelle der Küchentür lag »Knors« und spann. Er sah so ungeheuer ehrwürdig-zuverlässig aus, als ob all der Fleischhunger und Blutdurst dieser Welt seinen Gedanken hundert Meilen fern läge. Nur daß er von Zeit zu Zeit sein eines, ihm noch gebliebenes, grünlichgelbes Auge zu den Spatzen erhob, während die Pupille sich ein klein wenig zusammenzog, und die alten, zerrissenen Ohren zitterten. Dann kam ein neuer Spatz geflogen. Der hatte irgend etwas Eßbares im Schnabel. Und sofort entstand Aufregung und Prügelei. Die kleinen Kampfhähne oben auf dem Dach schrien und kreischten und tummelten sich herum und hieben mit Schnäbeln und Klauen aufeinander los und schlugen wild mit den Flügeln. Knors erhob sich vorsichtig und glitt von der Schwelle herab. Seine Schwanzspitze bewegte sich, und er riß die Kiefern auf und schnappte krampfhaft in die leere Luft hinein, als finge er einen eingebildeten Braten. Immer näher glitt er an den Bretterzaun hinan, der in einer Linie mit dem Schuppen lag. Sein ganzer Körper zitterte, und die Pupille in seinem starrenden Auge war schmal wie eine Messerschneide. Die Spatzen jagten noch immer mit Geflatter und Geschrei durcheinander. Da krümmte der Kater den Rücken. Alle seine zehn Krallen kamen aus ihren Futteralen heraus. Und mit einem gewaltigen Sprung schnellte er sich, trotz seiner fünfzehn Jahre, auf den Bretterzaun und sprang von dort auf das Dach. »I–i–ih!« schrie ein Sperling. Knors hielt ihn unter der Pfote fest. Und mit einem Schrei des Entsetzens schnellten die andern kleinen Vögel auf, über das Nachbardach und davon. In seiner Ecke aber saß Mortensen. Er empfand nicht das geringste. Er erhob den Kopf nicht und öffnete auch die Augen nicht. Die Umwelt existierte nicht mehr für dieses Überbleibsel von einem Hahn. In den Thomsenschen Stuben war es still. Karen und Emanuel waren zur Kirche. Es war ja Sonntag, und Thomsen versäumte in der letzten Zeit nie einen Gottesdienst. Sonntag für Sonntag saß er auf seinem Platz, gerade unter der Kanzel, und lauschte angestrengt den Worten des Predigers, ob nicht ein Wink oder eine Äußerung fallen möchte, die ihn allein ihn und seine Lebensfrage, angingen. Er sang die Kirchenlieder von Anfang bis zu Ende mit; er murmelte das Gebet mit dem Küster in der Chortür und summte die Litanei mit, die der Pfarrer vor dem Altar sang. Dreimal im Laufe des Sommers hatte er das heilige Abendmahl genossen. Und er hatte ungefähr eine Krone in den Opferstock gesteckt. Aber es half alles nichts. »Gott hat einen verlassen!« sagte er. »Man findet keine Gnade mehr vor seinem Angesicht.« Ringsumher in der Kirche saßen die Leute Kopf an Kopf in den alten Eichengestühlen. Die »Siamesischen«, Frau Stadtkassierer Lassen und Frau Redaktrice Heilbunth, hatten einander gefunden. Und an diesem Sonntag waren sie so zärtlich miteinander, daß sie aus demselben Gesangbuch sangen, obwohl eine jede von ihnen eines mit Goldschnitt bei sich hatte. Die Orgelklänge brausten über die Menge hin. Und die Septembersonne schien durch die bunten Fensterscheiben und warf hier und da farbige Tinten über die Gesichter der Andächtigen. Frau Buchhändler Oppermann füllte ein ganzes Gestühl aus. Sie war mit Mogens und den andern Novellen erschienen. Geputzt und steif und wohldressiert saßen sie da. Plötzlich aber senkte die eine weibliche Novelle den Kopf und kicherte. Sie hatte einen großen grünen Klecks entdeckt, der sich unaufhörlich auf der Nase der jüngsten männlichen Novelle hin und her bewegte. Es war das Spiel der Sonne durch die hohen Kirchenfenster. »Rithra!« sagte Frau Oppermann strenge. Und die Kleine hielt das Gesangbuch vor den Mund, schloß die Augen und kämpfte. Sie sah aus, als sei sie seekrank, suchte aber sich zu beherrschen. »Ich bitte Sie!« flüsterte Frau Lassen ihrem Siamesischen zu. (Frau Lassen hatte sich voll Gift und Galle gesogen, indem sie Frau Oppermanns Hut betrachtete, und nun war der Schwamm voll.) – »Ich bitte Sie!« sagte sie, »das ist, weiß Gott, ein ganzer Vogel Strauß.« Aber Frau Heilbunth antwortete nicht. Sie machte eine abwehrende Handbewegung und sang andächtig und mit lauter Stimme: »Auf der Welt ist alles nichtig, Nichts ist, was nicht kraftlos wär, Hab' ich Hoheit, ist sie flüchtig. Hab' ich Reichtum –« Auch das kleine Fräulein Rejersen, die Rosenjungfrau vom Friedhof, war ganz in Andacht versunken. Ihr Kopf reichte eben über das Gestühl, und während ihre Augen die schimmernden Orgelpfeifen anstarrten, entströmte der Gesang falsch und wild ihrem weit geöffneten Mund. Sie war hingerissen von religiöser Ekstase, und auf ihren kleinen, alten Wangen brannten rote Flecken. Und dann endete der Gesang, die Orgel verstummte und Pastor Engelhardt bestieg die Kanzel. Die Gemeinde schloß die Gesangbücher und richtete die Blicke aufwärts. Und Olivia pflanzte geschwinde das Waldhorn an seinen Platz. Draußen auf dem Platz vor der Kirche spielten die Kinder. Hier und da standen ein paar Bäume mit Bänken darunter. Hier tummelten sie sich oder saßen sonntäglich rein gewaschen und fein und baumelten mit den kleinen, dicken Beinen in der Luft. Vor einer der Bänke stand der fette Junge der Stadt (jede Stadt hat ja den ihren). Er stand da, die Hände in den Hosentaschen vergraben und mit weitgespreizten Beinen. Den »Klumpen« nannte man ihn. Und er schien aus lauter übermenschlichen Würsten zusammengesetzt zu sein. Augenblicklich war er Zuschauer eines lautlosen, aber verzweifelten Wettkampfes. Zwei vier- bis fünfjährige Kinder, ein Junge und ein Mädchen, ritten auf der Bank, die Gesichter einander zugekehrt. Der Junge war dem Mädchen ganz auf den Leib galoppiert, und die Kleine hatte sich nach und nach zurückziehen müssen und saß nun an dem äußersten Rande der Bank. Der Ritter wollte noch weiter vordringen, aber die Dame wollte, wie das begreiflich war, sich nicht freiwillig herabfallen lassen. Und nun hatten sie die Stirnen gegeneinander gepreßt und drängten aufeinander los, stumm, verbittert dunkelrot im Gesicht und mit blutunterlaufenen Augen. Der Klumpen sah sehr interessiert zu. Aber er rührte sich nicht. Das Mädchen glitt immer näher an den Abgrund heran. Sie hatte in ihrer Verzweiflung die Nägel in das Holz der Bank gegraben, um ihre Stellung zu behaupten. Kein Laut entschlüpfte ihr, kein Wort. Sie wurde immer röter, und ihre Augen standen ihr wie an Stielen aus dem Kopf heraus. Und der Junge drängte drauflos. Rücksichtslos, blind wie ein Mann, der lieber sterben als weichen will, und handelte es sich auch nur um einen Zoll. Sein Mund stand halb offen, und seine kleinen Mäusezähne hatte er zusammengebissen. Dann umklammerte auch er mit seinen kleinen rundlichen Fingern den Rand der Bank; und indem er seine ganze Kraft zusammenraffte, preßte er seine Stirne gegen die des Feindes wie ein Widder in der Kampfeswut. Und was vorauszusehen war, trat ein: Die kleine Dame ließ die Bank los, stieß einen gellenden Schrei aus und fiel auf die Erde. Und da lag sie und brüllte aus voller Kehle, die Beine mit den Sonntagshosen hoch in der Luft. Das Fleisch des Klumpens bewegte sich. Er lachte. »Da rollt sie hin!« sagte er. Und von seinem Sitz herab schaute der Sieger seine Gegnerin ganz verdutzt an. Dann fing auch er an zu heulen. Eine lange, sommersprossige Dirne, die in einiger Entfernung »Paradies« gehüpft hatte, kam herbeigesprungen. »Was habt ihr, Oskar und Christine?« schrie sie. »Könnt ihr euch denn gar nicht vertragen?« »Sie prügeln sich«, sagte der Klumpen. »Dann hättest du sie ja auseinander bringen können, du Fett-Friedrich!« Der Fett-Friedrich aber wandte ihr seine hintersten Würste zu und trabte von dannen. Vor der Kirchentür blieb er wieder stehen. Dort spielten ein paar Knaben »Kopf oder Schrift« an der Mauer. Der Klumpen schüttelte den Kopf. Er hielt jegliche Bewegung für Wahnsinn. Die Spielenden entwickelten einen großen Eifer. Und die Kupferstücke flogen durch die Luft! »Scher' dich weg, Klumpen!« Der Klumpen bewegte sich zwei Zoll nach links. »Weg mit dir, Klumpen!« Der Klumpen bewegte sich zwei Zoll nach rechts. »Nein, mach', daß du ganz weg kommst«, sagte ein kleiner eifriger Spieler und puffte ihn. »Nanu!« sagte der Klumpen, »ich kann hier doch auch stehen!« Und damit ging er hin und stellte sich gegen die Kirchenmauer, genau an die Stelle, gegen die die Jungen ihre Kupfermünzen werfen wollten. » Hier bleibe ich stehen!« sagte er und vergrub die Hände in den Hosentaschen. Der eine Schutzmann des Städtchens, der lange mit dem wütenden Gesicht, Sörensen, kam den Kirchenhügel hinauf. Er witterte mit der Nase wie ein Spürhund. »Steht ihr hier und spielt an der Kirche während des Gottesdienstes?« »Nein!« sagten die Spielenden und griffen nach ihren Münzen. »Was tust du denn da?« fragte er den Fett-Friedrich und ging ihm zu Leibe. Der Klumpen antwortete nicht. Der Schutzmann konnte ja sehen, daß er nichts tat. »Wozu stehst du da?« wiederholte der wütende Mann. »Ich werde die Kirche wohl nicht umstoßen«, meinte der Klumpen. »Bist du frech gegen die Polizei?« »Nein!« »Dann mach', daß du fortkommst!« »Hm!« Sörensen packte ihn beim Arm und zog mit ihm ab. Friedrich folgte widerwillig wie eine störrische Kuh. Und als der Wütende ihn los ließ, blieb er stehen, während die andern Jungen sich unter lautem Hurrarufen aus dem Staube machten. Der Schutzmann drohte ihnen und stürzte sich dann auf eine Gruppe Mädchen, die »Paradies« spielten. »Keinen Lärm während des Gottesdienstes machen«, sagte er. Die Mädchen verschwanden unter Kreischen und Schreien den Kirchenhügel hinab. Den Beschluß bildete die sommersprossige Kinderhüterin, eins der Kleinen an jeder Hand hinter sich her schleppend. Die Kinder heulten vor Angst, denn man hatte ihnen aus pädagogischen Rücksichten erzählt, daß Sörensen der Vater des Schornsteinfegers sei. Und weiter zog der Schutzmann. Er nahm eine Razzia rings um die Kirche vor. Und überall verbreitete er Schrecken und Zerstörung. Schließlich lag der Platz öde und leer da. Nur vor dem Kirchenportal stand der Klumpen fest und unbeweglich auf zwei gespreizten Beinen und vergrub die Hände in den Hosentaschen. Er wandte der Kirche seine Kehrseite zu und starrte apathisch den Hügel hinab, hinter den fliehenden Kindern her. Drinnen in der Kirche aber arbeitete Organist Clemensen im Schweiße seines Angesichts. Clemensen besah die ganz korrekte Kunstauffassung, daß jede Leistung eine Steigerung aufweisen muß; sie muß mit einer Art Apotheose enden. Und er verwendete deswegen seine Gesamtkräfte, wenn er die Gemeinde »hinausspielte«. Es klang, als wenn er mit Holzschuhen an den Tasten entlang trabte. Und am härtesten trat er zu, wenn er sich oben im Baß bewegte. Aber dann, als der Lärm mit Brausen und Dröhnen und Kreischen und Hilfegeschrei in Masten und Takelagen seinen Höhepunkt erreicht hatte, bums! kamen ein Paar sanfte Flötentöne wie von einem Star oder einem wohldressierten Kanarienvogel. Und dann wieder ein ungeheures Getöse, als stürze die Orgel zusammen. Die Musik schwieg. – Alles strömte durch die weitgeöffneten Türen, man begrüßte Freunde und Bekannte, nickte und lächelte und drückte sich religiös-zögernd die Hände. Und das Reden begann: »Eine wunderschöne Predigt!« – »Ja, dieser Pastor Engelhardt, der versteht es!« – »Und Clemensen! Nein, ich bitte Sie, Frau Brandstrup, Clemensens Spiel!« – »Ja, da haben Sie wirklich recht, Frau Lassen, diese Töne!« – »Adieu, adieu, Frau Bürgermeisterin, ich habe mich sehr gefreut, Sie zu sehen!« – Die erste, die aus der Kirche schlüpfte, war Fräulein Olivia. Sie hegte seit der Geschichte auf dem Friedhof eine an Wahnsinn grenzende Angst vor Emanuel Thomsen. Das Wasser lief ihr am Leibe herunter wie einem Fieberpatienten, wenn sie seiner nur von weitem ansichtig wurde. Man konnte ja nie wissen, worauf dieser verrückte Mensch verfallen würde. »Olivia! Olivia!« rief die Bürgermeisterin. »Ich möchte gern mit dir sprechen! Olivia!« »Fräulein Rejersen! Fräulein Rejersen!« schlossen sich diensteifrige Geister an: »Die Frau Bürgermeister will gern mit Ihnen sprechen!« Die Waldhornistin aber stürzte, wie aus einer Kanone geschossen, über den Markt und verschwand mit einem Aufblitzen hinter Kürschner Hatteras' Ecke. Es war die Sonne, die sich in den Jettverzierungen ihres Hutes spiegelte. Hoheitsvoll und majestätisch schritt Frau Oppermann, umgeben von ihren Novellen, durch die Gemeinde. Und es entstand Schweigen, wohin sie kam. Nur Bäckermeister Windberg und Materialwarenhändler Rübensie grüßten tief und ernsthaft, worauf sie die Röcke zuknöpften und tief aufatmeten. »Zwetschentorte!« flüsterte Windberg. »Delikateßfeigen!« murmelte Rübensie. Emanuel Thomsen und Mutter Karen kamen nebeneinander daher, jeder mit einem Gesangbuch unterm Arm. Emanuels Gesicht war finster und zusammengekniffen, und Madam Thomsen sah mager und sorgenvoll aus. Sie nickte ihren Kunden freundlich lächelnd zu, aber das Lächeln war nicht mehr das alte, fröhliche. Und Manuel lüftete den Hut nur widerwillig. Sie glichen ein paar Erben, die sich von dem Erblasser benachteiligt glauben. Der Klumpen stand noch an demselben Fleck. Nur daß er sich umgewendet hatte und auf die Kirchentür starrte. Die Vorübergehenden stießen und pufften ihn. Er aber achtete es nicht und rührte sich nicht. Eine kleine, verwachsene, schwarzgekleidete Dame ward in der Menge sichtbar. Es war die Witwe Frandsen, die Mutter des Klumpen. Sie war mager und blaß und kränklich, und Gott im Himmel mochte wissen, wie sie zu ihrem Friedrich gekommen war. Die Augen des fetten Knaben strahlten, als er sie erblickte. Entschlossen schob er Männer und Frauen beiseite und ging ihr entgegen. Der Klumpen liebte seine kleine Mutter mit der ganzen Kraft seiner armen Seele. Es gab in seinen Augen nichts so Vollkommenes wie sie, nichts so Gutes wie sie und nichts so Mitleiderregendes wie sie. Ein einziges Mal war er aus seinem beschaulichen Gleichgewicht gebracht worden, nämlich eines Tages, als ein Kamerad in höhnischer Weise von ihr gesprochen und ihren armen Rücken eine »Regimentskasse« genannt hatte. Im selben Augenblick, als die Worte gefallen waren, lag der Bursche auf dem Straßenpflaster, alle Würste des Klumpen über sich. Und es wäre wohl kein heiler Knochen an dem Lästermaul geblieben, wenn nicht kräftige Fäuste die beiden Kämpfenden rechtzeitig getrennt hätten. Überall in der Stadt aber hatte der fette Friedlich Ehre für sein Benehmen geerntet, ausgenommen natürlich bei dem Flachgedrückten und dessen Familie. »Nun, liebe Mutter?« lächelte der Klumpen, als er sich bis zu der schwarz gekleideten Dame durchgedrängt hatte und ihr liebkosend die Wange streichelte. »Ja, da bin ich, mein Junge!« nickte sie ihm zu und schob ihren Arm in den seinen. Ihre Stimme klang quieksend und schwindsüchtig. »Es hat lange gedauert, bis du kamst.« »Es war ja ein so großes Gedränge, lieber Fridy.« »Dir hat doch niemand etwas getan?« Die Stirn des Klumpen legte sich in Falten. »Nein! Wer sollte mir wohl etwas tun?« »Soll ich dein Gesangbuch nehmen?« »Danke, lieber Fridy!« Sie sah glücklich und stolz zu ihm auf. »Wollen wir dann gehen?« »Ja –« Und dann gingen die beiden wunderlichen Wesen durch die Menge, die ihnen unwillkürlich Platz machte. Und auf dem Abstieg von dem steilen Kirchenhügel hütete der Klumpen sorgfältig seine kleine Begleiterin, daß sie ihren Fuß an keinen Stein stieß. Auch Emanuel Thomsen wanderte mit seiner Mutter heimwärts. Aber sie gingen nicht Arm in Arm. Er schob sich finster und seitwärts vorwärts, immer ein paar Schritte vor ihr her; und sie trippelte verzagt in seinem Kielwasser. Er trug ihr Gesangbuch nicht, und er erquickte ihr Herz nicht mit freundlichen Worten. Als sie den Laden in der Südstraße erreichten, öffnete er die Tür und ging zuerst hinein. Das Gesangbuch legte er auf den Sekretär in der Hinterstube und ohne der Mutter einen Blick zu schenken, ging er in die Küche hinaus und vertauschte den Sonntagsrock gegen eine Leinwandjacke, hob den Haken von der Küchentür und ging in den Hof hinaus. Ein magerer Sonnenstreif fiel noch in die Ecke hinter der Pumpe hinab. Knors saß auf dem Steinpflaster neben Mortensen und machte Toilette. Er leckte seine Pfote und rieb sich damit eifrig überall im Gesicht. Aus dem einen Ohr guckte ihm eine Spatzenfeder heraus, sonst sah er ganz unschuldig aus. »Miau!« sagte er zärtlich, sobald die Küchentür sich öffnete. Mortensen sagte nichts, empfand wahrscheinlich nichts und zitterte nur hin und wieder wie vor Kälte. Emanuel stand eine Weile da und sah die Tiere an. Der Kater scheuerte sich gegen sein Bein, aber er sprach nicht mit ihm, so wie er das sonst zu tun pflegte. Dann beugte er sich hinab, hob den Hahn-Mortensen in die Höhe und trug ihn in den Schuppen. Und da drinnen, in der Ecke unter dem Fenster, setzte er ihn vorsichtig wieder nieder, häufte das Stroh um ihn her auf und breitete ein Stück von einer alten wollenen Unterjacke über seinen Rücken und ganz über seinen Kopf. Und jetzt sah man von Mortensen nur die langen dünnen Beine mit den gekreuzten Sporen sowie die äußerste Spitze der beiden geknickten Schwanzfedern. Madam Thomsen stand in der Küche und besorgte das Mittagessen, als der Sohn vom Hofe hereinkam. Und er ging an ihr vorüber, ohne zu sprechen. Im Zimmer nahm er die Gesangbücher, sowohl das eigene wie das der Mutter, und rieb sie sorgfältig mit seinem Taschentuch ab, um sie auf ihrem Platz im Sekretär zu verwahren. Als er die Bücher hineingelegt hatte, fiel sein Blick auf Mutter Karens Portemonnaie, den Aufbewahrungsort des spärlichen Wirtschaftsgeldes. Er griff danach mit einer Bewegung, die viel Ähnlichkeit mit der Knors' hatte, als er den Spatz fing, und öffnete es. Es lagen ein paar Kupfermünzen zerstreut in den Fächern und ein paar Zehnöre- und Fünfundzwanzigörestücke und in ein Stück Papier gewickelt eine Krone. Blitzschnell griff er nach dem Papier mit dem Geldstück und ließ es in seiner Westentasche verschwinden. Dann schloß er den Sekretär, ging hin und stellte sich an das Fenster, den Rücken dem Zimmer zugekehrt. Madam Thomsen kam herein, breitete das Tischtuch aus und stellte die Teller hin. Dann holte sie das Essen: Eine Schüssel gekochter Kartoffeln von Onkel Jakobs und eine dünne, wasserklare Sauce. »Ich habe einen Hering gekauft«, sagte sie schüchtern und sandte ihm einen scheuen Blick zu. »Es ist ja doch Sonntag!« »Hm! – Ja, wenn du nur Geld ausgeben kannst!« »Bitte, Manuel. Es ist angerichtet.« »Danke!« Manuel setzte sich auf das Sofa. Und Karen nahm auf einem Stuhl am Ende des Tisches Platz. Sie pellte die Kartoffeln ab und legte sie auf seinen Teller. »Hier ist der Hering.« »Danke, man will nicht davon haben!« »Aber Manuel, – Manuel –« »Man will nicht davon haben, sage ich dir ja!« Sie stellte den Hering hin. Sie selber wagte jetzt auch nicht, ihn anzurühren. Sie setzten ihre Mahlzeit schweigend fort. Mutter Karen kämpfte mit dem Weinen, das nahe daran war, die Herrschaft über sie zu erlangen. Manuels rundes Vollmondgesicht wurde immer roter und roter, und seine Augen nahmen einen lauernden, boshaften Ausdruck an. Das bebende Kinn der Mutter und ihre tränengefüllten Augen versetzten ihn nach und nach in helle Wut. Plötzlich warf er Messer und Gabel klirrend auf den Tisch und sprang auf. »Man hält es wirklich nicht länger aus, hier zu sitzen und deine saure Miene anzusehen«, sagte er, und sein Gesicht war jetzt weiß und bebend. – »Du könntest einen doch wenigstens in Frieden essen lassen.« »Manuel, Manuel!« »Ja, heulen, das kannst du! Das ist auch im Grunde das einzige, was du noch kannst! Man geht auf seine Kammer hinauf!« Und hinaus stürzte er, durch die Küche, die Treppe hinauf und auf den Boden. Und die Türen schlugen polternd hinter ihm zu. Dann trat Totenstille ein. Madam Thomsen hatte das Gesicht in den Händen geborgen und wiegte hilflos den Kopf hin und her. Und in der Sofaecke saß Knors, einäugig, gedankenschwer und weltweise, und die Spatzenfeder guckte ihm aus dem einen Ohr hervor. Die Hebamme Fredriksen war in einem der alleräußersten kleinen Häuser des Städtchens auf Praxis gewesen. Es wehte ein Orkan aus Südwesten, und sie mußte förmlich in kurzem Zuckeltrab über die Graubrüderhügel laufen, so drängte der Sturm auf ihren breiten Rücken und ihr dito Hinterteil los. Die Röcke klappten um ihre Beine wie losgerissene Segel, und der unvermeidliche Beutel, der ihr an einer Schnur über dem Arm hing, riß und zerrte an seiner Kette wie ein kleiner, aufgeregter Mops, der eine Feindin erblickt hat. Unten an der Ecke der Strandstraße und des Hügelweges fuhr plötzlich ein Wirbelwind unter ihre Kleider, blies sie auf wie einen Ballon und drohte, sie gen Himmel zu entführen. »Du allmächtiger Gott,« murmelte die Madam und drehte sich wie ein Kreisel herum, um die Kleider wieder zu ordnen, »wo soll es denn jetzt hingehen!« Dann kam sie bei dem ersten Hause der Strandstraße in Schutz. Und die Kleider sanken wieder auf ihren Platz zurück. »Puh!« sagte sie und blieb einen Augenblick stehen; sie war ganz atemlos und aufgelöst. – »Ein Glück, daß es nicht bei Tageslicht war!« Und dann zuckelte sie weiter. Über ihr raste der Sturm. Gleich einer Schar Untiere fuhr er über die niedrigen Dächer des Hafenplatzes dahin, auf den Fjord hinaus. »Hm! Da ging er hin!« Es war ein Dachstein, der auf dem Pflaster zertrümmerte. »Solch Hundewetter!« Auf der Promenade krachte und knackte es in den Zweigen der Linden. Die letzten Blätter des Sommers wirbelten in Kreisen über dem Kieswege. Und die Flammen der Gaslaternen sausten und kochten und die Gläser klirrten. Madam Fredriksen hatte den Wind jetzt wieder auf dem Rücken. Sie mußte sich kerzengrade halten. Und hin und wieder, wenn ihre Kräfte sie verließen, stürzte sie auf einen Baum zu und umarmte ihn. Plötzlich setzte sie den einen Fuß hart auf die Erde und blieb stehen. Auf der Bank unter der nächsten Laterne saßen ein paar Menschen, ein Mann und eine Frau. Und es klang wie jammerndes Klagen. »Du darfst nicht fortgehen, Niels Peter! Du darfst nicht fortgehen!« schluchzte das Frauenzimmer. »Ja, aber wenn ich nun doch muß , Marie!« »Aber kannst du denn nicht ebensogut hier in der Stadt bleiben?« »Hier ist ja keine Arbeit zu finden, das habe ich dir doch gesagt.« »Ach Gott, ach Gott – Und mich hast du nun ins Unglück gebracht!« »Stell' dich doch nicht so an, Dirn! Daran haben wir wohl beide gleich viel Schuld!« Madam Fredriksen konnte nicht mehr an sich halten. »Was ist denn hier los?« fragte sie und wehte heran. Das Mädchen barg ihr Gesicht in den Händen und konnte vor Weinen nicht sprechen. Aber der Mann, ein junger, bartloser Bursche, sah trotzig auf. Er war blaß und erbittert, und seine Augen schimmerten in dem flackernden Licht der Gaslaterne. »Was wollen Sie?« »Aber das ist ja der Mangel-Karen ihr Niels Peter!« sagte die Madam und bekreuzigte sich. »Ja, was soll das? Was geht das Sie an?!« »Und hast schon das Unglück eines Menschen auf dem Gewissen?« Der Bursche sprang wutentbrannt von der Bank auf. »Scheren Sie sich zum Teufel!« sagte er. »Was laufen Sie hier herum und stecken Ihre Nase in andrer Leute Angelegenheiten!« »Niels Peter! Niels Peter!« schrie das Mädchen und schlang die Arme um ihn. Niels Peter blieb ganz ruhig. »Ich will der Madam ja nichts tun,« sagte er, »wenn sie sich nur um ihre eigenen Angelegenheiten kümmern will.« Madam Fredriksen stand einen Augenblick unschlüssig still. Sie empfand das Bedürfnis, einzuschreiten und ihre rückhaltlose Meinung zu äußern. Es kribbelte in ihr vor Wut. – Dann aber machte sie plötzlich linksum kehrt und entfernte sich. Und von neuem begann das Mädchen zu flehen und zu schluchzen. Es klang so unendlich hoffnungslos durch das Brausen des Sturmes. Die Madam wandte sich unwillkürlich um und blickte zurück. »O diese Männer!« murmelt« sie und ließ empört die Mundwinkel hängen. – »Prügel sollten sie haben!« Der Mond war durchgekommen. Es sah aus, als segelte er in rasender Eile über den Himmel dahin. Bald fuhr er in eine Wolke hinein, bald wieder aus ihr heraus. Die Telephondrähte sangen an ihren Stangen. Und große phantastische Wolken umtanzten die Kirche der Weißen Schwestern oben auf dem Hügel. Die Uhr schlug ein Viertel auf zwei, als Madam Fredriksen aus dem Prinzessinnensteig in die Maren-Schmieds-Gasse bog. Hier konnte sie sich verschnaufen, es war warm und geschützt. Man hörte nur den Sturm über die Dächer hinwegpoltern. Und dann hörte man Rufen und Lachen und Gläserklirren aus »Stadt-Gammelkjöbing« herausklingen. Es war Mitte Oktober. Die »Freßsäcke« feierten ihre erste Winterzusammenkunft. Madam Fredriksen mußte auf dem gegenüberliegenden Trottoir stillstehen, denn die Fenster des Speisesaals waren weit geöffnet, und Tabakrauch und Weindunst strömten auf die Straße hinaus. Und rings um den großen, jetzt abgedeckten Tisch saßen die munteren Brüder. Ihre Gesichter schimmerten vor Fett und Freude. Ihre Augen glänzten. Und ihre Arme fochten demonstrativ in der Luft herum oder lagen vertraulich-liebevoll um die Schultern der Nachbarn geschlungen. Mitten auf dem Tisch thronte eine ungeheure Terrine mit Punsch, garniert mit Zigarrenkisten, Gläsern und Flaschen. Und die alten Herren riefen und schrien, sangen und lachten, so daß die wurmzerfressenen Zahnstummel zum Vorschein kamen und die breiten Bäuche schaukelten. Redakteur Heilbunth lag in seinem Präsidentenstuhl oben an der Tafel. Er war in Hemdärmeln. Des Rockes hatte er sich schon längst entledigt, und die Knöpfe seiner Weste standen offen. Und hoch in der erhobenen Rechten hielt er das dampfende Punschglas. »Wein, Weib und Gesang!« rief er, und sein Gesicht wurde rot wie ein Jahrmarktsballon. – »Wein, Weib und Gesang! – Es lebe der alte Martin Nonnenfreund!« »Ja, ja!« brüllte Schlächtermeister Freisleben und schwang seinen Becher, »darauf kommt es an! Wein und Weiber! Prost, Herr Redakteur! Sie kaufen gewiß konservatives Fleisch, aber ich halte trotzdem Ihr Blatt!« Und dann sang er: »Die beste Frau kriegt man für einen Taler. Für einen Taler, Für einen Taler; Die beste Frau kriegt man für –« »Ja, denn die kann man doch wieder loswerden«, schluchzte Stadtkassierer Lassen. »Ja!« sagte Fabrikant Rössel. »Das ist ein wahres Wort! Es lebe die Frau!« Er hatte den einen Arm um den Hals des Schlächtermeisters geschlungen und klopfte ihn zärtlich auf die Wange. »Bist du nicht unsinnig froh, daß du heute abend mit dabei sein darfst, du Wursthacker?« fragte er. »Ja, darauf kannst du Gift nehmen!« sagte der Schlächter, und seine Augen strahlten. Er war ein Novize, an Stelle des verflossenen Luxusbauches einballotiert; und es war das erstemal, daß er an einer Zusammenkunft teilnahm. »Ich liebe dich, Rössel,« sagte er, »ich liebe dich, als wenn du meine Mutter wärst.« Und in zwanglosem Entzücken schlang er die Arme um den Hals des Fabrikanten und küßte ihn mitten auf den Bart. »Huh! Diese Männer!« sagte Madam Fredriksen draußen auf dem Trottoir. Und dann ging sie weiter. Der Stadtkassierer Lassen richtete sich plötzlich in seinem Stuhl auf und starrte wild um sich. »Konservatives Fleisch?« näselte er. Er pflegte in vorgeschrittener Abendstunde an Schlucken zu leiden und ein wenig schwer von Begriff zu sein. – »Wer – huggup – spricht da von konservativem Fleisch?« Als ihm aber niemand antwortete, sank er wieder zurück. Auch der gute Oberlehrer Clausen konnte einen späten Tropfen nicht vertragen. Aber bei ihm wirkte es in ganz anderer Weise: er wurde »mutig«. Sein langer, rekeliger Körper wurde stramm, sein mildes, gutmütiges Gesicht nahm einen energischen Ausdruck an, und seine weiche Stimme bekam einen scharfen, eindringlichen Ton. Mit seinen wunderlich dünnen, bleichweißen Fingern, die aussahen wie Stangenspargel mit Anhängseln, strich er sich unablässig durch sein spärliches, graugesprenkeltes Haar, das sonst so zierlich mit Scheitel und Pomade frisiert war, so daß es schließlich ganz wild und borstig in die Höhe stand, wie die Stacheln eines südeuropäischen Stachelschweins. Augenblicklich war er im Begriff, auf dem Wege der Suggestion etwas von seiner Urkraft auf den Zollkontrolleur Knagsted zu überführen, der ruhig und beherrscht, wohlgeborgen hinter seinen Haarzotteln neben ihm saß. »Esau!« schrie der gewöhnlich so stille und vorsichtige Mann, indem er mahnend seine Stangenspargel auf die Schulter des Zöllners legte, – »Esau! – Ja, du weißt doch wohl, daß du Esau heißt?« »Freilich weiß ich das!« »Ich liebe dich wie einen Bruder, Esau!« fuhr der Oberlehrer mit begeisterter Rührung in Blick und Mienen fort, »wie einen Bruder – wie einen Freund! Du bist eine interessante Persönlichkeit. Du bist die interessanteste Persönlichkeit in der ganzen Stadt! – Aber du bist ohne Stärke, ohne seelische Spannkraft. Denn du besitzest kein Ideal, Esau Knagsted! – Und ohne Ideal kein Stützpunkt. Ohne Ideal kein Fundament. Ohne Ideal keine Widerstandskraft, – keine Lebensfreude, – ja, Lebensfreude! Und darauf wollten wir hinaus! – Schau' um dich, Knagsted! Schau' dich um am Tische. Sieh diese fröhlichen Menschen, deren Munterkeit durch diesen Saal schallt, – schau' dich um! Und du sitzest schweigend und finster da und nimmst nicht teil. Die Freude ruft dich an, und du antwortest nicht – du bist ein finsterer Genosse. Aber du bist eine interessante Persönlichkeit. – Und du bist mein Freund, und ich würde mein Leben hingeben, wenn du so werden könntest wie wir andern.« Die Tränen rollten dem guten Oberlehrer von den Wangen herab, und seine Finger fuhren durch seine Borsten, die wahnsinnig zu Berge standen wie unter magnetischem Einfluß. Knagsted saß breitschultrig und ruhig da und schien mit Andacht der Rede des Pädagogen zu lauschen. Aber hinter seiner Haarfülle, um den Mund und in den Augen kam und schwand ein leise aufblitzendes Lächeln. Die andern Gäste waren schweigsam geworden und starrten mit trüben, angestrengten Blicken das Paar an. »Du sagst, daß ich ohne Ideal bin, Clausen?« fragte der Zöllner mit finsterer, ernster Stimme. »Ja,« nickte Clausen und machte sich stramm, »ohne Ideal, hab' ich gesagt.« »Da irrst du!« »Das sollte mich – sehr freuen! Aber bisher hast du nicht –« »Kennst du Thummelumsens Hahn?« fragte Knagsted plötzlich und starrte seinem Freund und Bruder ins Gesicht. »Thumme –« »Thummelumsens Hahn, ja! ›Mortensen‹ –« »Nein, – ja, – das heißt« – der Oberlehrer galoppierte durch das Stachelschwein. »Dann kannst du überhaupt nicht mitreden«, sagte Esau. »Wie?« »Deine Auffassung wird dadurch völlig wertlos.« »Ja aber, lieber –« »Und ich verstehe nicht, wie du es wagen kannst, dich zu meinem Richter auszuwerfen.« »Ja aber, liebster Freund –« »Du willst von Lebenswerten reden!« fuhr der Zöllner fort, und seine Stimme klang immer erregter. »Du, der du keine Gelegenheit gehabt hast, das Höchste: Die Gleichgültigkeit gegen das Leben zu beobachten!« »Seine Druckerschwärze stinkt!« näselte Stadtkassierer Lassen mit einer Reminiszenz an den seligen Luxusbauch. »Ja aber, liebster, bester –« stammelte Clausen verwirrt. »Emanuel Thomsens Hahn –? Wie –« Und abermals bewegten sich die Finger durch die Borsten. Knagsted ahmte die Bewegung nach und fuhr dann mit erhobener Stimme und breiten Handbewegungen fort: »Emanuel Thomsens Hahn ist mein Ideal! Freilich werde ich mir niemals Hoffnung machen können, zu einer solchen Stufe erhabener Weltverachtung und imponierender Selbstvertiefung zu gelangen, denn ich bin ja nur ein Mensch! (hier liefen die Finger abermals durch das Haar.) Aber mein ganzes Leben soll dem Streben danach gewidmet sein. Und ich würde mich zehnfach glücklich preisen, wenn du, Clausen (abermals dieselbe Bewegung mit den Fingern), ebenfalls –« »Willst du mich aufziehen?« schrie der Oberlehrer plötzlich, dunkelrot im Gesicht, und packte den Feind beim Arm. »Durchaus nicht!« entgegnete der andere. »Du stehst ja da und tust gerade so wie ich?« »Was tust du denn?« »Ich – ? Ich – soigniere mich!« »Ja, und ich ›soigniere‹ mich ebenfalls! Die Finger gehören mir doch wohl!« »Meine Herren! Meine Herren!« beschwichtigte der Vorsitzende. Alle starrten die Kombattanten mit weitgeöffneten Augen an. Und selbst der kleine Thomsen, der Eigentümer des Ideals, der bisher auf einem Stuhl in der Ecke neben dem Anrichtetisch gesessen hatte und halb eingenickt war, wurde plötzlich ganz wach. »Was haben Sie nur einmal, Clausen?« fragte Fabrikant Rössel, »nur immer ruhig!« »Ja, nur immer ruhig!« sagte der Schlächtermeister. »Wir sind doch gebildete Menschen!« Aber der erregte Pädagog, dem der Traubensaft ins Blut gegangen war, hörte nicht mehr auf die Friedensstimmen. Er näherte sein Angesicht dem des Zöllners und sagte zischend: »Soll ich dir sagen, was du bist? Soll ich dir sagen, was du bist? Weißt du, was du bist? – Du bist die personifizierte Unliebenswürdigkeit, Bosheit, Niedertracht!« »Hu!« – sagte der Schlächter ganz entsetzt. »Hu! Kannst du ihn übertrumpfen, Knagsted?« »Und du,« zischte der Zöllner scheinbar ebenso erregt, »weißt du, was du bist?« »Nein!« »Soll ich es dir sagen?« »Bitte sehr!« »Aber du mußt nicht böse werden. Du mußt so ruhig bleiben, wie du die ganze Zeit gewesen bist!« »Nun?« »Nun? Nun?« riefen auch die andern gespannt und ungeduldig. »Du bist,« sagte Knagsted, und abermals blitzte ein Lächeln hinter seinen Haarzotteln hervor, »du bist ein herzensguter, braver, staatlich pensionierter Oberkinderstubenrührseligkeitsfabrikant!« »Er hat ihn übertrumpft! Er hat ihn übertrumpft!« brüllte der Schlächtermeister und schlug mit den Händen gegen seine Schenkel, »hol' mich der Teufel, er hat ihn übertrumpft! – Eine neue Bowle, kleiner Thummelummelumsen! Ich spendiere sie! Madam Fredriksen hatte sich die Südstraße hinabgekämpft, in der der Südweststurm mit ganzer Gewalt zauste und an ihrer Bekleidung riß und zerrte und durch dieselbe hindurchwehte, so daß sie den kalten Atem des Windes an ihrem nackten Hebammenkörper fühlen konnte. »Ein solches Unwetter ist mir denn doch noch nicht vorgekommen«, sagte sie und klammerte sich mit ihren behandschuhten Fingern an Konditor Lams Mauer fest, um daran entlang um die Ecke in die Pfaffengasse zu gelangen, in der sie wohnte. Endlich siegte sie und befand sich nun abermals in ruhigem Fahrwasser. Aber sie mußte sich gegen die Mauer lehnen, um sich zu verschnaufen und ihren Anzug ein wenig zu ordnen. Das Kleid und die Röcke hatten eine halbe Wendung nach links gemacht. Ein Dachstein stürzte prasselnd hinter ihr nieder. Und in einem etwas weiterhin gelegenen Hause hörte man eine Tür unaufhaltsam auf und zu schlagen. Die Madam lachte. Sie fand, daß dies Toben anfing, humoristisch zu werden. Auf dem Trottoir kam ihr eine lange, gebeugte männliche Gestalt entgegen. Sie war in Tücher und Schals gewickelt und hatte eine Pelzmütze tief über die Ohren gezogen. »Guten Abend, Herr Doktor!« »Wer ist das?« fragte eine mürrische Stimme hinter der Vermummung. »Hebamme Fredriksen!« »Hm! Wollen Sie auf Praxis aus?« »Nein, bin ausgewesen. Und der Herr Doktor?« »Ich muß verdammt, verflucht bis hinter die Eisenbahn!« Ein dichter Nebel entstieg dem Mund des Doktors. Er trug immer eine brennende Pfeife unter den Schals. »Ist es etwas Gefährliches?« fragte die Madam. »Gefährlich, ei was! Ein verfüllter Finger! – Sie kommen ja angelaufen und klingeln einen heraus, damit man ihre Leichdorne beschneidet. – Weht es arg in der Südstraße?« »Ob es weht?« lachte die Madam. »Es stürmt! Ich war kurz davor, mit meinem Beutel und dem ganzen Kram gen Himmel zu fahren.« »Verdammtes Klima!« brummte er aus den Schals heraus. »Hätte in Grönland bleiben sollen. Da ging man nur im Sommer auf Praxis.« »Aber mein Gott, was machten denn die armen Menschen im Winter?« »Sie starben natürlich.« Der Kreisarzt hatte zehn Jahre in Grönland gelebt. Und er sah auf diesen Zeitraum wie auf ein Goldenes Zeitalter zurück. Er hegte und pflegte seine arktischen Erinnerungen; in seiner Wohnung lief ein Blaufuchs herum und an seinem Geburtstag aß er Seehundssteak. »Sie sollten sich einen Assistenten nehmen. Herr Doktor,« sagte die Madam, »für die Nachtbesuche!« »So einen von diesen modernen Windbeuteln, hm!« murmelte er aus den Schals heraus. »Die bilden sich ein, alle Weisheit der Welt mit Löffeln gegessen zu haben, und dabei haben sie nie ein paar Kranke gesehen!« Dann standen sie einige Sekunden schweigend da. Über ihren Köpfen brüllte der Sturm. »Es ist auch wirklich ein Hundewetter«, sagte die Madam endlich. »Um sich aufzuhängen!« murmelte der Distriktsarzt »hm! Dann muß ich wohl weiter.« »Gute Nacht, Herr Doktor!« »Gute Nacht!« Als Madam Fredriksen zu Hause angelangt war und in ihrer offenen Haustür stand, hörte sie den Doktor an Konditor Lams Ecke fluchen und schimpfen. Wie Jakob ehedem mit dem Engel, so kämpfte er jetzt mit dem Sturm, der um die Ecke der Pfaffenstraße dahergefahren kam und sich gegen seine Brust stemmte und ihn umzuwerfen drohte. Sie hörte ihn alle unterirdischen Mächte mit Namen anrufen, von Sr. Majestät dem Satan bis hinab zu dem allergeringsten grönländischen Teufel, wobei er auf das Pflaster stampfte und schnob wie ein von einer Bremse gestochener Brauergaul. Und nun zum drittenmal an diesem Abend verzog unsere Madam die Lippen höhnisch mitleidig und murmelte: »O diese Männer!« Und dann schloß sie ihre Tür und drehte den Schlüssel herum. Als sie aber auf ihrem einsamen Lager lag, entfuhr ihr doch ein Seufzer. Denn sie war erst fünfunddreißig Jahre alt. Und Witwe. Drei Tage hatte das Wetter im Delirium gerast. Der Sturm hatte geheult und gebrüllt, Schornsteine umgeworfen, Telephonstangen abgebrochen, Dachpfannen zertrümmert und Regenschirme umgekippt. Und der Regen hatte den Kalk von der Mauer gewaschen und Kellergänge und Dielen in Seen verwandelt, in denen fröhliche Kinder herumwateten und Holzschuhe und Fußmatten angelten. Aber jetzt war der Anfall überstanden. Der Sturm hatte sich gelegt, um für das nächste Mal Kräfte zu sammeln; und die Regenwolken waren weggetrieben. Auf dem Lindenborger Kirchturm schlug es halb elf. Der Menschen-Mortensen zog ein ungeheures tombakenes Uhrwerk aus der Westentasche und öffnete den Deckel. Ja, es stimmte. Dann nahm er den Schlüssel, der mit einem Ende Bindfaden an der Uhr festgebunden hing und zog sie auf. Darauf hielt er sie ans Ohr und lauschte nachdenklich: »Dickedickedick – Dickedickedick!« sagte sie ein wenig hinkend, aber sehr regelmäßig. Mortensen nickte zufrieden, schloß den Deckel geräuschvoll und ließ die Uhr wieder in die Tasche gleiten. Er saß auf einem halbgefüllten Sack oben auf dem Mühlenboden. Und ein wenig von ihm entfernt, an der Erde, stand eine Laterne. Sie war natürlich besser als nichts, aber viel Licht gab sie nicht. Wohin ihr Schein fiel, sprangen die Balken und das Sparrenwerk vor, grauweiß und gepudert von dem Mehl wie alles hier oben in der Mühle. Mortensen selber saß im Dunkeln. Nur sein steifes Bein ragte in den Lichtkreis hinein. Das Wasser von der Mühlbrettrinne fiel über das Treibrad, und das Mühlwerk war im Gange. Der Menschen-Mortensen dachte daran, ein wenig zu schlummern. Er hatte eben Korn in den Behälter oben unter dem Dach geschüttet und die Räder frisch geschmiert. Nun konnte er ja die Augen immerhin ein klein wenig »wärmen«, wie er es nannte. Er schloß die Augen, fing an, wie ein chinesischer Mandarin zu nicken, und blies die Luft geräuschvoll durch die Nase. Plötzlich aber richtete er sich auf und schob den Rücken in die Höhe; er bekam einen seiner bösen Hustenanfälle. »Ahem – ahem, – krrr!« sagte er. »Pfui Kuckuck! Der Teufel hol' meinen Husten!« Aus einer der Ecken war ein sommervergessener Nachtfalter emporgeflattert. Er schwirrte schwerfällig und schlaftrunken um die Laterne und stieß jeden Augenblick den Kopf gegen das Glas. Es klang, als kratze ein Nagel gegen eine Fensterscheibe. Eine Ratte huschte über den Fußboden. Und noch eine. Und noch eine. Ihre langen, unbehaarten Schwänze schleppten hinter ihnen drein, und ihre Augen zwinkerten aufmerksam. Die Schnauzen bewegten sich, sie witterten nach etwas Eßbarem. Da fand die eine einen winzig kleinen Talglichtstummel der in die Ritzen zwischen zwei Fußbodendielen getreten war. Das war ein Leckerbissen! Aber sofort kamen zwei andere darüber zugestürzt. Es entstand eine Schlägerei. Mortensen rührte sich. Und wupp! waren die Tiere in der Dunkelheit verschwunden. Aber um die Laterne herum setzte der Nachtschwärmer unverdrossen seine fruchtlosen Angriffe fort. »Mortensen,« flüsterte eine Stimme. »Ahem, ahem, krrr! – Der Teufel hol' meinen Husten!« murmelte der Alte im Schlaf. »Mortensen!« »Ja!« sagte Mortensen, der jetzt ganz wach geworden war, und starrte verwirrt nach der Treppe, von woher die Stimme kam. »Bist du allein, Mortensen?« Der Alte reckte seinen langen Vogelhals aus. »Wer ist da?« fragte er. Die Tür unten an der Treppe knarrte. »Ich bin es!« Schleichende Schritte kamen die Stufen hinan, und ein Kopf ward sichtbar. »Wer ist da?« wiederholte Mortensen lauter und machte mit dem steifen Bein Anstalten, sich zu erheben. »Was wollt Ihr hier zu nachtschlafender Zeit?« Die Person stand jetzt auf der obersten Stufe. Es war Manuel Thummelumsen. Er hatte den Hut tief in die Augen gedrückt. Der Rockkragen war in die Höhe geklappt, und er hatte einen kleinen Hausindustriekoffer in der Hand. »Du bist es, Manuel?« sagte der Alte überrascht. »Ja!« »Willst du nach Amerika ?« fragte Mortensen und zeigte mit dem Daumen auf den Koffer. »Ist Cornelius nach Hause gekommen?« Manuel tat, als habe er den Witz des andern nicht gehört. »Ja, er liegt seit über einer Stunde auf seinen Frikandellen.« »War er betrunken?« »Betrunken? Der? Nein, er war schweinemäßig besoffen! Die Frau mußte ihn ins Bett hineindirigieren. Und nun liegt er da und schnarcht ärger als eine Katze. Wär' es nicht um deinetwillen, Manuel, und dann auch um meiner selbst willen, so blieb ich hier nicht die Woche zu Ende.« »Hm!« sagte Manuel, er stand da und betrachtete die alten Stätten sinnend. »Das sind noch dieselben Steine.« »Ja, die Ware wird auch danach! Wenn es Mehl sein soll, so werden es Graupen, und wenn es Graupen sein sollen, so werden es Pfeffernüsse.« »Habt ihr viel zu tun?« »Hm – ja, es kommt so stoßweise.« »Auf dem Weg kann man ja beinah schwimmen!« »Er will ja nichts an der Rinne machen lassen, der Esel! – Weshalb bist du eigentlich gekommen, Manuel?« Mortensen kniff ein Auge zusammen und streckte den Hals vor. »Heute abend nützt es nicht mehr, mein Freund, denn sechs Vollblutpferde könnten ihn nicht von seinem Lager herantransportieren.« Thomsen schüttelte den Kopf und machte eine abwehrende Handbewegung. »Du mit deinem dummen Gerede«, sagte er unwillig. »Du mit deinem Unsinn!« »Ja, ja! lieber Manuel, ja, ja!« murmelte der Alte, »ich rede ja meistens um deinetwillen!« Und dann schwiegen sie. Man hörte nur das Schnurren der Mühlsteine und das Plätschern des Wassers, das über das Treibrad floß. Plötzlich streckte der Menschen-Mortensen den Hals in die Luft und lauschte. »Zum Teufel auch!« sagte er, »hast du etwas Lebendiges in deiner Tasche?« In dem Koffer, den Manuel bei der Treppe hingestellt hatte, ward ein deutliches Knurren und Kratzen hörbar. »Ja,« sagte Thomsen ruhig. »Das sind die Tiere.« »Die Tiere?« »Ja!« »Was für Tiere?« »Knors und Mortensen.« »Hast du jetzt angefangen, mit ihnen herumzulaufen?« fragte der Alte und sah Manuel mit einem Blick an, in dem man den deutlichen Argwohn las, daß der liebe Gott jetzt dem »Jungen« sein bißchen Verstand genommen habe. – »Was zum Teufel willst du mit den Tieren in deinem Koffer?« »Er macht es nicht mehr lange«, sagte Thomsen düster. »Der Hahn nämlich!« »Nein, das ist wohl sonnenklar. Glaubst du aber, daß es nützt, wenn du ihn spazierenführst?« Emanuel achtete nicht auf die Bemerkung des Freundes. Er ging hin, holte den Koffer und trug ihn an das Licht. »Und da meinte man, daß es wohl am besten sein würde, wenn man sie hier herausbrächte, ehe es zu spät wäre«, sagte er. »Hier heraus?« »Ja, denn du weißt doch, daß Vater sagte, man bekäme den Mühlenhof nicht wieder, ehe nicht Knors und der andere die Füße auf den väterlichen Boden gesetzt hätten.« Der Menschen-Mortensen pfiff lange und verständnisvoll. Und der Ausdruck in seinen Augen ging von Besorgnis in Bewunderung über. »Du bist ein Apostel, Manuel«, sagte er. »Du bist ein wahrer Schlauberger, wo es sich darum handelt, in Gedanken zu spekulieren!« »Und dann bekam man über Nacht den Einfall,« fuhr Thomsen voller Stolz und Befriedigung über die Wirkung seiner Worte fort, »daß man sie heute abend mitnehmen und Gottes Willen vollziehen müsse.« »Ja, ja!« »Und nun ist man mit ihnen draußen auf dem Felde gewesen und im Garten und auf dem Hof –« »Ja, ja!« »Und da dachte man, daß sie auch das Haus betreten könnten«, schloß Manuel. – »Dann hat man getan, was man konnte.« »Ahem! ahem! krrr!« räusperte sich Mortensen ganz überwältigt. »Du bist, weiß Gott, ein Prophet. Manuel Thomsen, an dem der liebe Gott seine Freude hat. – Pfui Kuckuck! Hol' der Teufel meinen Husten!« »Willst du mir behilflich sein, sie herauszunehmen?« fragte Emanuel und kauerte nieder, um die Kofferriemen zu lösen. »Das wollt' ich ja gerade!« nickte der Alte eifrig und richtete sich auf dem steifen Bein auf. – »Aber ich kann mich ja nicht bücken, wie du siehst –« »Dann setzen wir den Koffer auf den Sack –« Manuel stellte den Koffer auf einen Sack und öffnete ihn. »Verteufelt, wie der drauflos kratzt!« sagte Mortensen ganz bedenklich, als ein fürchterliches Rumoren aus dem Koffer ertönte. »Ja, Knors ist ein wenig wild geworden. Man hatte ja seine liebe Not mit ihm unten auf dem Hof.« »Das ist auch nicht so, als wenn man in der Equipage fährt, he, he, he! – Tut er dem Hahn denn nichts zuleide?« »Sie sitzen jeder in seinem Fach, weißt du!« »Ach so! Ja, du kannst mehr als bis drei zählen, du hast einen Kopf für zehn! – Aber jetzt kommt er heraus! Da ist er ja!« sagte der Alte ganz ängstlich und schwenkte mit den Fingern in der Luft herum. – »Was für ein Gesicht er hat! Aber du erdrosselst ihn ja, Manuel! Du erdrosselst ihn ja!« »Aber so hilf mir doch, Mensch! Nimm ihn doch!« »Ja, ja! Ja, ja! Aber er zerkratzt mir ja mein Fleisch!« Der Kater hatte seinen Kopf aus dem Koffer herausgezwängt, den Manuel schnell wieder zusammengeklappt hatte. Und nun sah das Tier da in der Klemme und glotzte und zischte wie ein Wahnsinniger, der seinen Kopf durch das Fenster seiner Zelle gezwängt hat. »Aber so faß ihn doch an, so faß ihn doch an!« schrie Thomsen und stampfte auf den Fußboden. »Ja, ja!« sagte der Alte und trippelte umher. »Aber er zerkratzt mich ja, wenn ich ihn anrühre! – Sieh, jetzt zeigt er auch die Krallen! Er ist ganz verrückt geworden!« Manuel preßte den Koffer gegen das eine Bein, wodurch er eine Hand frei bekam, mit der er das Tier im Nacken packte. Knors aber langte mit der Pfote nach ihm aus, so daß alle fünf Krallen Spuren in seiner Haut hinterließen. »Du hättest mir doch auch immer helfen können«, sagte er wütend zu dem Freund. Mortensen schielte zu Manuels fünf roten Streifen hinüber und streckte zögernd eine Hand mit ausgespreizten Fingern vor. Aber dann ließ er plötzlich den Arm sinken und sagte in einem unendlich überlegenen Ton: »Laß ihn los! Zum Teufel, so laß ihn doch los! Es wird ihm ganz gut sein, ein wenig frische Luft zu genießen!« »Ja, aber –« »Ich will ihn schon fangen!« nickte der Alte mit Würde. – »Eine Katze fangen! Es ist doch, soviel ich weiß, kein Krukkedill!« Thomsen zögerte noch einen Augenblick. Aber dann ließ er den Koffer los und Knors fuhr mit einem Satz heraus. Er war infolge des Transports und der Einsperrung vollständig wahnsinnig geworden. Zuerst umkreiste er viermal in rufender Geschwindigkeit die Laterne, wälzte sich auf dem Rücken, focht mit den Pfoten in der Luft herum, miaute, zischte, fauchte, drehte sich wie ein Kreisel, stand wieder auf den Beinen und begann von neuem. Die beiden Freunde standen da und betrachteten den Kater mit tiefem Sinnen. »Er ist ganz verrückt geworden!« erklärte der Menschen-Mortensen dann, »der Teufel ist in ihn hineingefahren! – Aber« – fügte er tröstend hinzu, »das gibt sich wohl wieder.« »Knors! Lieber kleiner Miezemau-Knors!« rief Manuel zärtlich. »So komm doch, du kleiner Miezemaukater!« Aber der kleine Miezemaukater fauchte, machte einen krummen Buckel und zeigte die Krallen, dann sprang er plötzlich mit einem Satz an seinem Herrn vorüber, an dem nächsten Balken hinauf, so daß der Mehlstaub um ihn her stob. Und oben auf dem Balken legte er sich gemütlich nieder und schielte mit seinem schrecklichen Auge zu dem Feind hinab. Mortensen guckte in die Höhe wie ein Huhn nach einem Habicht. »Ja, da liegt er!« sagte er. »Und wie bekommt man ihn wieder herunter?« fragte Manuel. »Zum Teufel auch, laß ihn doch liegen! Der kommt schon, wenn er sich nur erst beruhigt hat!« »Ja, du hast mir aber doch versprochen, daß du ihn fangen willst!« Der Alte machte eine überlegene Handbewegung. »Ich will ihn schon, wenn die Zeit da ist, herbeipraktesieren!« sagte er. »Verlaß dich nur darauf!« Und dann ließen sie den Kater eine Weile Kater sein und wandten sich dem Hahn zu. Thomsen nahm ihn behutsam aus dem andern Fach des Koffers heraus und hielt ihn in den hohlen Händen vor sich hin. »Herr du meines Lebens!« sagte der Alte mitleidvoll, »ja, ja, wie einen die Jahre doch mitnehmen können!« »Ja, elend ist er ja nur!« nickte Manuel und setzte das Tier vorsichtig auf den Fußboden. »Aber deswegen muß er ja auch hier heraus.« Der Menschen-Mortensen berührte den Hahn leise mit der Spitze seines gesunden Fußes. »Du bist doch nicht tot, du altes Gestell?« fragte er. »Nein, tot ist er nicht«, sagte Thomsen und strich mit der Hand sanft über den federlosen Rücken des Tiers. »Warm ist er wenigstens.« »Er stirbt ganz gewiß, ehe du mit ihm nach Hause kommst.« »Ja, aber dann ist er doch hier gewesen.« »Dann ist er hier gewesen, ja! – Und hat seine Mission erfüllt, wie in den Zeitungen steht!« Der Hahn Mortensen war so angegriffen, daß er sich nicht mehr auf den Beinen zu halten vermochte. Er lag platt am Fußboden, und der Hals hing ihm kraftlos an der Seite herab. Ein paarmal versuchte er, den Kopf zu erheben, aber wenn er ihn mühselig ein wenig in die Höhe gebracht hatte, indem er den Schnabel gegen die Dielen stemmte, fiel er matt wieder zurück. Der Menschen-Mortensen stand da und betrachtete diese Bemühungen aufmerksam. »Kaputt!« sagte er und machte eine überlegene Handbewegung. – »Zu Ende, – fertig!« Emanuel nahm das Tier wieder in seine Hände und trug es auf die andere Seite des Mahlganges. »Es kann nicht schaden, wenn er soviel wie möglich be–tritt!« sagte er. »Nein!« nickte der Alte verständnisinnig. »Du kannst auch sehr gut mit ihm in die Küche und auf die Diele hinabgehen. Sie liegen da unten in süßem Schlummer.« »Ach nein!« sagte Manuel und trug den Hahn an eine andere Stelle, »das ist nicht nötig. Jetzt ist er ja draußen auf dem Felde und im Garten und auf dem Hofe gewesen. Und er sollte ja gerade den väterlichen Boden betreten!« »Ach ja! Ach ja! Ist dein Vater eigentlich seither wieder bei dir gewesen?« »Nein!« »Den Dezembertermin über hält Cornelius sich ja wohl.« »Hm!« »Ja, aber zum Juni muß er weg!« »Hm!« »Bist du dann so weit?« »Man denkt, daß es gehen wird«, sagte Thomsen ausweichend. »Jetzt sind die Tiere ja hier gewesen.« »Ja! Wenn es nützen könnte! Aber Geld gehört ja auch dazu!« »Wer nur den lieben Gott läßt walten!« »Ach ja! Hm, ja! Ahem, ahem, krrr! Pfui Kuckuck! Der Teufel hol' meinen Husten! Es bleibt im übrigen bei meinem Anerbieten.« Thomsen hatte den Hahn-Mortensen wieder nach seinem Koffer zurückgetragen und war nun im Begriff, ihn für die Reise einzupacken. Er wickelte ihn in ein großes, gestricktes Tuch. »Man ist ja kein Mörder!« murmelte er, ohne den Blick von der Arbeit zu erheben. »Nein, nein!« sagte der Alte ärgerlich. » Mörder . Aber man hat doch schon früher gesehen, daß ein Schwein sich den Hals bricht!« Emanuel sah hastig und scheu auf. »Er hat Frau und Kinder!« »Frau und Kinder, ach was!« hohnlachte der Menschen-Mortensen und focht aufgeregt mit beiden Händen in der Luft herum. »Die wären ohne ihn auch besser zuwege! – Es ist ja kein Muck mehr in ihm.« fuhr er fort, »er mag keinen Finger mehr rühren! Er hat sich ja um all sein bißchen Verstand gesoffen, wenn er überhaupt jemals welchen gehabt hat!« »Sind wir zu Richtern über andern gesetzt?« »Natürlich sind wir das! Wenn es solche Schweinehunde sind!« Emanuel erhob sich. »Der eine Mensch soll dem andern nicht nach dem Leben trachten!« sagte er mit Salbung. »Nein, das steht ja geschrieben!« »Und wer Tränen säet, wird nimmermehr Freuden ernten!« »Meinst du? Da bin ich freilich anderer Ansicht. Die Tränen –« »Schweig!« sagte Manuel heftig. »Laß uns nicht mehr darüber reden! Wenn man den Mühlenhof wiederbekommen soll, so muß es infolge des Gesetzes und der Propheten sein!« »Ja, das hast du nun bald fünfzehn Jahre lang gesagt, lieber Manuel.« »Ja,« sagte Thomsen mit tiefem Ernst, »aber man hat bisher die Tiere nicht mit hier draußen gehabt, weißt du! Folglich ist man wohl selber schuld daran gewesen.« Mortensen riß seine kleinen Vogelaugen auf und schwieg beschämt. Und indem ihn von neuem die Bewunderung für die ungewöhnliche Begabung des Freundes überkam, gewahrte er gleichsam blitzartig den Zusammenhang der Dinge. Manuel verspürte die Wirkung seiner Worte und sagte selbstbewußt: »Man denkt , will ich dir sagen, ehe man handelt .« »Ja,« nickte der Menschen-Mortensen in tiefster Ehrfurcht, »du hättest, hol' mich der Teufel, Papst werden sollen, Manuel!« Eine Viertelstunde später verabschiedete sich Thummelumsen. Den Kater hatten sie nicht wieder eingefangen. »Wo möchtest du wohl am liebsten liegen. Mörch?« »Hm!« »Neben deiner Frau ist es ja feucht!« »Ach was!« »Und du bist ja so sehr für Wärme und Sonnenschein!« »Unsinn, Knagsted.« »Aber hier ist ein schöner Platz, wie? trocken und angenehm. Hier kannst du dich lange halten.« »Wie kannst du nur solchen Blödsinn reden!« »Und falls Grundwasser da sein sollte, kannst du ja dränieren lassen.« »Ich will nichts mehr hören!« Und der Konsul riß verbittert seinen Arm aus dem des Zöllners und blieb stehen. Sie gingen auf dem Friedhof spazieren. Und Esau wollte absolut, daß sie sich jetzt stante pede ihre Grabstätte auswählten. Der Konsul trug einen Pelz und eine Pelzmütze, der Zollkontrolleur hatte einen Winterrock an. Denn es war kalt. Aber ihren Spaziergang mußten sie machen. Knagsted ging einige Schritte zur Seite, wo ein paar breitkronige, entlaubte Kastanien standen. »Und hier will ich dann liegen«, sagte er und ritzte ein Viereck mit seinem Stock in den Boden. – »Hier ist es im Sommer so herrlich kühl, und ich habe ja Haar genug, um mich warm zu halten.« Mörch antwortete nicht. Er stand noch da und schielte wütend zu dem Freund hinüber. »Weißt du was,« sagte der Zöllner plötzlich, »ich habe einen Gedanken! Du solltest dich wahrhaftig im Pelz begraben lassen, Mörch, dann können wir auch fernerhin spazierengehen.« »So,« sagte Mörch. »jetzt gehe ich!« Und er fing an, nach dem Ausgang zu humpeln. Der andere folgte ihm und nahm ihn wieder unter den Arm. »Ich will dir helfen, lieber Mörch, dann geht es besser.« Sie trippelten schweigend dahin. Der Konsul verbissen und vornübergebeugt, die Augen zu Boden gerichtet; der Zöllner frischen Mutes, aufrecht und gerade, mit stolz erhobenem Kopf. Als sie an Emanuel Thomsens Brutplatz vorüberkamen, der gegen den Wind geschützt lag, und wo die Sonne warm und traulich auf die Bank herabschien, fragte Esau: »Wollen wir uns nicht ein wenig setzen, Mörch? Bist du nicht müde?« »Ja,« sagte der Konsul, »aber ich fürchte, daß ich mich erkälten könnte.« » Hier ? Mitten im Sonnenschein? Nein! Und du bist ja auch warm angezogen.« »Ja, wir können uns meinetwegen gern einen Augenblick hinsetzen.« Der Konsul schielte mißtrauisch zu dem Freund hinüber. Wenn Knagsted rücksichtsvoll wurde, wußte er nämlich, daß immer irgend etwas dahinterstecke. Und dann setzten sie sich. »Siehst du wohl, daß es hier angenehm ist!« »Ja.« Ein Wirbelwind fuhr über das Dach der Kapelle und drehte den Staub auf dem breiten Mittelwege zu einem Kreisel zusammen. Und ein Fetzen Zeitungspapier tummelte sich hoch oben in der Luft und verschwand hinter den Bäumen. »Du hast doch keinen Zug, Mörch?« »Nein. – Du bist ja sehr liebenswürdig!« »Hm! – Aber du bist ja der einzige, an den ich mich hier in der Stadt wirklich angeschlossen habe; da will ich dich natürlich ungern verlieren.« Wütendes Schweigen. »Übrigens ein schöner Herbst, den wir haben!« begann der Zöllner von neuem. »Es weht und stürmt doch jeden Tag!« »Hm, ja!« »Und es stäubt! Ich habe es so satt! Es ist immer dasselbe!« »Nun, – das mußt du nicht sagen! Es ist doch eine Art Abwechslung darin. Den einen Tag stäubt es von der einen und den andern Tag von der andern Seite –« »Unsinn!« Neues Schweigen. Der Konsul war in seinen Pelz zurückgesunken. Und der Zöllner saß da und pfiff leise vor sich hin und klappte mit dem Fuß den Takt auf der Erde dazu. Plötzlich hielt er inne und fragte in gleichgültigem Ton: »Ist es wahr, Mörch, daß du die alte Stine von Rechtsanwalt Petersen hast auf die Straße werfen lassen?« Das aufgedunsene Gesicht des Konsuls quoll aus dem Pelz hervor. »Wa–wa–was?« fragte er. Er war im Augenblick nicht imstande, einen andern Laut hervorzubringen. »Man erzählt es sich!« nickte der Zöllner. »Wer sagt das?« »In der Stadt sagt man es.« »Hm!« »Ich habe aber gesagt, es sei eine infame Lüge!« »Hm –« »Denn ich kenne dich ja!« »Ja –« »Die zehn Kronen alle halbe Jahre –« »Es sind zwanzig!« »Wie?« »Es sind zwanzig!« »Nun ja, meinetwegen zwanzig! Auf die zwanzig Kronen alle halbe Jahre kann es dir wahrhaftig nicht ankommen, wie?« Mörch wand sich. »Zwanzig Kronen hier und zwanzig Kronen da«, sagte er. – »Sie hat seit dem vorigen Oktober keine Miete bezahlt!« »Sie ist krank.« »Davon weiß ich nichts.« »Sie hat über ein halbes Jahr zu Bett gelegen!« »Hm!« »Wir müssen immer hübsch bezahlen, was wir schuldig sind! Ich bin auch schon lange krank gewesen!« Knagsted sah hastig zu dem Freund hinüber. »Ach ja!« sagte er ruhig, »mag sein! Du hast vielleicht recht! Ich bin wohl nur zu weichherzig!« »Ja!« nickte der Konsul mit einem Hoffnungsschimmer, »weshalb soll man auch –« »Nein, – versteht sich! – Sag' einmal, erinnerst du dich deiner Frau noch?« »Meiner Frau –« »Deiner Frau, ja!« »Was für ein Unsinn ist denn das nun wieder?« fragte der Konsul und rückte unruhig auf der Bank hin und her. »Ich frage, ob du dich deiner Frau noch erinnerst?« »Großer Gott, natürlich erinnere ich mich meiner Frau!« »Ja, ich meinte nur. – Es sind ja bald zwölf Jahre her, seit sie starb, da dachte ich –« »Unsinn! Wozu wollen wir darüber reden?« »Ich entsinne mich ihrer noch sehr wohl.« Der Konsul riß seine blöden Augen weit auf. »Du?« »Ja, ich habe sie gekannt.« »Du hast sie gekannt?« Knagsted nickte. »Und deshalb habe ich dich so lieb!« »Wo hast du sie gekannt?« »In der Kronprinzessinstraße, Nummer acht, vierte Etage.« Der Konsul sperrte den Mund weit auf. »Ja, aber – ja, aber,« stammelte er. »da hast du doch nicht verkehrt?« »O ja, zu meiner Zeit! Aber du hast mir den Rang abgelaufen, du Schwerenöter!« »Ich?« »Ja, du! – Das ist ja der Grund, weshalb ich dich so lieb habe!« Es war auch nicht die geringste Erregung bei dem Zöllner zu verspüren. Seine Antworten klangen trocken und nüchtern. »Alvilda – Alvilda hat mir nie davon erzählt,« fuhr Mörch fort, »Alvilda –« »Nein, weshalb sollte sie es auch erzählen? Sie schrieb mir nur, jetzt wolle sie lieber dich haben. Und damit Punktum!« Die Hände des Konsuls tasteten nervös in seinem Schoß. »War't ihr denn – war't ihr denn – verlobt?« »Ja, es war etwas Derartiges.« »Davon, – davon habe ich nichts geahnt –« Knagsted wandte sich heftig nach seinem Opfer um: »Hättest du sie mich sonst behalten lassen?« »Ich – ich –« lallte der Konsul. Er war jetzt ganz von Knagsted paralysiert und zitterte am ganzen Körper. Der Zöllner lächelte. »Sie konnte brillant küssen!« sagte er. »Und jetzt haben die Würmer sie aufgefressen.« »Ach, laß das, – laß das, Knagsted – laß das –« Mörch jammerte wie ein Kind. »Und grüße sie von mir. Du siehst sie wohl zuerst.« Der Konsul wurde schwarzblau im Gesicht und hieb mit seinem Stock kraftlos auf Esau los. »Du bist ein Satan!« fauchte er. Der Zöllner lachte laut. »Nun, nun! Vergiß nicht, daß du krank bist, Mörch!« sagte er dann in freundlich ermahnendem Ton. »Und kranke Leute dürfen sich nicht aufregen.« Der Stock entfiel Mörchs Hand. Es war, als erschlafften alle Nerven in ihm. Er sank auf der Bank zusammen, und indem er seine blaugeschwollenen, zitternden Hände zu seinem Gesicht emporhob, weinte er wie ein Schuljunge, der Prügel bekommen hat: »Du kannst mich doch in Ruhe lassen. Ich habe dir doch nichts getan, – und immer mußt du das Allerscheußlichste zu mir sagen – und mich bange machen. – Ich bin krank – das weißt du recht gut – und trotzdem – und trotzdem. Warum kannst du – mich nicht – in Frieden lassen – ?« Knagsted antwortete nicht. Er hatte sich von der Bank erhoben und stand bleich und unbeweglich da und betrachtete seine Beute – – – – – Die Gitterpforte schrie in ihren Hängen. »Mörch, da kommt jemand!« »Da kommt jemand!« »Ja, – ich will gleich –« Der Konsul machte einen Versuch, sich von der Bank zu erheben, vermochte es aber nicht. Knagsted war ihm behilflich. »Und hier ist dein Stock!« »Danke!« »So komm jetzt!« »Ja –« Und dann gingen sie. Als Thomsen an jenem Abend von dem Mühlenhof heimkehrte, lag der Hahn-Mortensen steif und kalt und tot in seiner Abteilung des kleinen Hausindustriekoffers. Steif und kalt und tot und befreit von den Lasten des Lebens. – – Die alte Mutter Karen ruhte schon lange in den Armen des Schlafes; oder wenigstens lag sie doch in ihrem Bett. Und Manuel schlich durch die Stuben und die Küche auf sein Zimmer hinauf. Droben stand in einer Ecke ein kreuzlahmer Torfkorb, in dem Mortensen die letzten Wochen zugebracht hatte, seitdem das Wetter kühler geworden und es ihm nicht mehr möglich gewesen war, seinen elenden Körper in dem Nest drüben unter dem kleinen Fenster im Schuppen warm zu halten. Thummelumsen hatte die Lampe angezündet und stand nun mit dem entschlafenen Tier in den Händen da. »Jetzt hat man ausgestritten, kleiner Mortensen«, murmelte er. – »Jetzt ist man fertig! – Ach, Herr Gott, ja!« Und Manuel wurde so weh ums Herz. Er weinte gerade nicht, aber im Innern seiner Brust lag doch ein großer, trauriger Klumpen und bedrückte ihn. Und falls nun der Hahn das Zeitliche gesegnet hätte, ehe er draußen auf dem Hofe gewesen wäre! Es durchzuckte ihn wie ein Messerstiche. Da wäre man verloren gewesen! – Aber Gott war gut, und seine Güte währet ewiglich. Er nahm das Tuch von neuem und hüllte es vorsichtig um seinen toten Freund. Mortensens Beine hatten sich steif ausgestreckt und erschienen jetzt, wo der Körper, nachdem der letzte Lebensfunken erloschen, ganz zusammengesunken war, doppelt lang und mager. Aber die mächtigen Sporen kreuzten sich noch ebenso martialisch; und die beiden übriggebliebenen Hahnenfedern saßen noch an ihrem Platz. Wohl hatte man kapituliert, aber in Ehren! Still legte Manuel den Toten in den Korb, entkleidete sich, löschte die Lampe aus und ging zu Bett. Am Morgen, als Mutter und Sohn am Kaffeetisch saßen, schweigend und wortkarg wie gewöhnlich, erhob Thomsen plötzlich den Kopf und sagte: »Mortensen ist über Nacht gestorben.« Madam Thomsens Hände sanken wie gelähmt in ihren Schoß. »Am Gottes willen, Manuel!« sagt sie und starrte ihren Sohn an, als erwarte sie, ihn im selben Augenblick in die Erde sinken zu sehen. Manuel aber verzehrte ruhig seinen kärglich mit Butter bestrichenen Morgenimbiß weiter. »Und Knors?« fragte Karen. »Knors hat sich heute morgen auch noch nicht blicken lassen.« »Knors ist auf dem Mühlenhofe.« »Auf dem –« »Ich war gestern abend mit beiden Tieren da.« »Herr du m –« »Und nun haben sie den väterlichen Boden betreten, wie Vater es gewünscht hat.« Karen rang die Hände. »Und ich glaubte, du hättest dir die Gedanken aus dem Kopf geschlagen, Manuel!« »Fängst du nun wieder mit deinem dummen Gerede an?« brauste der Sohn auf. »Nein, nein, Manuel, nein – aber –« »Aber was?« »Hast du denn – Willst du denn den Mühlenhof–« »Das überlasse du einem nur ruhig!« Und Thomsen erhob sich und begab sich an seine Abschreibearbeit auf dem Hardesamt. Und am Abend, als die Dämmerung hereinbrach, packte er Mortensen in eine Pappschachtel und trug ihn auf den Friedhof hinaus und beerdigte ihn heimlich in dem väterlichen Grabhügel. Eines Morgens, einige Tage später, saßen Madam Thomsen und Emanuel wieder zusammen am Kaffeetisch. Die Ladenglocke ertönte. Eine Stimme rief: »Zeitung!« Es war der Junge mit der Morgenzeitung. »Hole die Zeitung!« kommandierte Thomsen, und seine Hände zitterten. Mutter Karen trippelte hinaus, holte die Zeitung und reichte sie ihm. Er riß sie an sich. Das Papier raschelte in seiner Hand, so nervös war er. »Willst du nicht noch einen Schluck Kaffee haben. Manuel?« »Nein! Verdammt und verflucht! So laß mich doch in Frieden!« (Thomsen pflegte sonst niemals zu fluchen.) Still und geräuschlos machte Mutter Karen sich daran, die Tassen und Teller zusammenzusetzen, um sie in die Küche hinauszutragen. Plötzlich aber stieß sie einen Schrei des Entsetzens aus und stellte schnell alles wieder auf die Serviette. »Manuel! Manuel! Was fehlt dir nun auf einmal?« Die Zeitung war Thomsens Händen entfallen und lag am Fußboden. Er selber lag zurückgelehnt im Sofa, leichenblaß und mit geschlossenen Augen. »Manuel! Manuel!« jammerte die Alte – »Bist du krank geworden, Manuel?« Sie packte ihn in ihrer Verzweiflung an der Schulter und schüttelte ihn. »Sag' mir doch, was dir fehlt, lieber Manuel! Soll ich zum Doktor laufen?« Manuel schlug die Augen auf und sah sich verwirrt um. »Ach Gott, ach Gott!« stöhnte er, »ach Gott, ach Gott im hohen Himmel! Und ich bin mit ihm ins Gericht gegangen! – Bete, Mutter Karen, bete! Danke Gott dem Allmächtigen auf deinen Knien!« »Lieber Manuel! lieber Manuel – daß es ein solches Ende nehmen würde, daß es ein solches Ende nehmen würde!« Emanuel hatte sich vom Sofa herabgleiten lassen. Und indem er seine Hände faltete und sie zu der niedrigen Decke erhob, betete er mit einer sonderbar gellenden Stimme, die voller Gewissensbisse und Reue war, durch die aber auch zugleich die seligste Freude hindurchklang: »Ach lieber Gott, lieber Gott, wie soll man dir doch danken und dich preisen ob deiner großen Güte und Barmherzigkeit! Wie soll man doch deinem Namen in alle Ewigkeit lobsingen? – Man ist dessen nicht wert! Nein, nein, nein, man ist dessen nicht wert, du lieber Gott! Dein himmlischer Name soll Tag und Nacht von meinen Lippen tönen, weil du mir und meiner alten Mutter, die dir in ihrem Herzen lobsingt, soviel Liebe erwiesen hast. – Ach, du lieber Gott und Schöpfer, sei einem nicht böse, wenn man auch zuweilen gegen deinen Willen gemurrt hat! Aber es währte ja so lange, bis du deine himmlische Macht zeigtest, und man ist ja nur ein schwaches, elendes Menschenkind, das deine Wege und Stege nicht kennt! – Herr, Herr, hab' Dank! – hab' Dank! – Und nun kommst du und sammelst glühende Kohlen auf eines Haupte! – Aber siehe, siehe, man liegt zu deinen Füßen und erhebt seine schwachen Hände zu deinem Antlitz aus innerster Seele, um dir für deine große Gnade zu danken! Herr, Herr! Lobe den Herrn, meine Seele, Ich will dich loben bis in den Tod! Weil ich noch Stunden auf Erden zähle, Will ich lobsingen meinem Gott! Amen, Amen, Amen in Jesu Namen!« Thomsen schlug die Hände vor das Gesicht und warf sich wie in Krämpfen auf das Sofa. Mutter Karen war starr vor Entsetzen. »Manuel, Manuel!« wiederholte sie unaufhörlich. – Lieber Manuel, lieber Manuel, was hast du nur? Was hast du nur einmal? Soll ich zum Doktor laufen?« Aber Manuel hörte sie nicht. Da ertönte die Ladenglocke. »Da ist jemand, Manuel! Da kommt jemand! In Jesu heiligem Namen!« Thomsen erhob sich schnell und strich sich mit der Hand über das Gesicht. »Geh! Geh hinaus!« sagte er. »Ja, aber –« »Geh nur! Geh hinaus!« »Ja –ja! –« Kaum war die Mutter zur Tür hinaus, als Manuel nach der Zeitung griff. Ja, da stand es: 23 811 – 50 000! – »Du guter, lieber gnädiger Gott! Du guter, lieber, gnädiger Gott: fünfzigtausend Kronen! – Vier in fünfzig, wieviel ist denn das?« Er holte in fieberhafter Erregung einen kleinen Bleistiftstummel aus der Westentasche und schrieb ein Rechenexempel auf den Rand der Zeitung: »Vier in fünf geht einmal und eins im Sinn – Vier in zehn geht zweimal, und zwei im Sinn – Vier in zwanzig geht fünfmal, zwei Nullen angehängt – zwölftausend und fünfhundert! Zwölftausend und fünfhundert!« »Mutter!« Madam Thomsen kam hereingestürzt. Sie glaubte, der Junge läge in den letzten Zügen. Als sie ihn aber ganz lebendig und aufrecht mitten im Zimmer stehen sah, schloß sie die Tür und sagte: »Die Kunden sind noch da –« Manuel aber ergriff ihre Hand und zog sie an sich: »Man ist schlecht gegen dich gewesen, Mutter Karen«, sagte er weich. – »Man ist manchmal nicht so gewesen, wie man hätte sein sollen –« »Wer? – du?« »Aber jetzt soll es anders werden!« fuhr er fort und streichelte ihren Arm – man verspricht es dir heilig und teuer, liebe Mutter Karen, daß es jetzt anders werden soll!« »Aber Manuel!« – Karen war kurz davor, in Tränen auszubrechen. »Man will jetzt gut gegen alle Menschen sein!« beteuerte Thomsen – »Vom heutigen Tage an will man gut gegen alle Menschen auf der ganzen Erde sein!« »Ach Gott, lieber Manuel –« Die Tränen liefen der guten kleinen Frau an den Wangen herab. »Ja, man ist dir ein schlechter Sohn gewesen –« »Nein, – nein –« »Ein wahres Ungetüm von Sohn!« »Ach nein, nein –!« »Und ein schlechter Mensch ist man gewesen! – Man hat seine eigene Mutter bestohlen!« »Hast du mir die Krone weggenommen?« fragte Karen und riß die Augen weit auf. »Ja, aber jetzt soll alles wieder gut werden, Mutter Karen! Man will so gut, so gut gegen dich sein! Man ist nur schlecht gewesen, weil es einem selber schlecht ergangen ist. – Man wußte ja nicht aus noch ein mit dieser Zukunftshoffnung – Aber jetzt sproßt die Hoffnung, und da wird man gut – Wir wollen in Herrlichkeit und Freude leben, Mutter Karen, und du sollst schöne Kleider bekommen, viele schöne Kleider – und der Mühlenhof soll ausgebessert werden und der Garten und der See und – ach Gott, in deinem hohen Himmelszelt, dir sei ewig Lob und Preis!« Manuel schlang die Arme um seine Mutter und preßte sie heftig an sich. Da rief plötzlich eine Stimme aus dem Laden in durchaus nicht sanfter Tonart: »Madam Thomsen! Wo sind Sie nur auf einmal geblieben?« Und mit einem: »Herr du meines Lebens, die hab' ich ja ganz vergessen!« riß die kleine Frau sich los und stürzte hinaus. Eine halbe Stunde später kam Emanuel von seiner Bodenkammer herunter. Er hatte seinen blauen Eheviotanzug an und hielt seinen steifen Filzhut in der Hand. Mutter Karen sah in ihrem Stuhl und nähte an den ewigen Taschentüchern. Und als sie den Sohn ansah, wollte es ihr scheinen, als sei er gewachsen. »Du willst verreisen, Manuel?« fragte sie schüchtern, denn das sonderbare Benehmen des Sohnes hatte sie ganz verwirrt. »Ja, man will verreisen.« »Ja, aber – das Bureau, Manuel?« Er trat an sie heran und legte eine Hand auf ihre Schulter: »Vom heutigen Tage an bläst man dem Bureau was. Mutter Karen!« »Ja, aber – Manuel – was – ich verstehe nicht, was –« Die Tränen flossen ihr von neuem an den Wangen herab. Thomsens rundes Gesicht strahlte. »Wenn man zurückkommt,« sagte er, »so wird man dir alles mitteilen.« Aber er konnte es doch nicht lassen, in triumphierendem Ton hinzuzufügen: »Jetzt kann man, wenn es einem beliebt, Hofbesitzer werden.« Und plötzlich streckte er in ausgelassener Lustigkeit einen Finger nach Karens Halse aus. »Killekillekille, verwitwete Frau Thummelumsen!« sagte er. »Man kommt mit dem Siebenuhrzuge nach Hause. Wollen Sie zu der Zeit den Tee servieren!« Und dann überwältigte ihn die Freude völlig. Er schlang die Arme um den Hals der Mutter, drückte sie abermals an sich und sagte mit einer vor Freude bebenden Stimme: »Man hätte fast Lust, den Trommelschläger Halberstadt zu mieten, liebe Mutter Karen, und es der ganzen Stadt verkünden zu lassen!« Oberlehrer Clausen schämte sich; er schämte sich und hatte Gewissensbisse. Seit jenem etwas zügellosen Abend im Verein der Freßsäcke schlich er scheu durch die Straßen, wenn er seinen Spaziergang machte. Und er atmete erst wieder normaliter auf, wenn er glücklich zum Stadttor hinaus war und die öden Wege zwischen den grauen herbstlich-melancholischen Feldern entlang wanderte. Er war ein ernster Mann und ein Mann von Selbstzucht. Und deswegen tadelte er sich selber jedesmal hart, wenn die Erinnerung an diesen Abend mit ihrer greinenden Satyrfratze hervorlugte. Er begriff nicht, wie er so die Herrschaft über sich verlieren konnte! Es war ihm schon ein paarmal bei diesen Zusammenkünften im Klub passiert, und jedesmal hatte er sich wochenlang hinterher so elend und schuldbeladen gefühlt, daß er fast wünschte, er wäre ein Maulwurf, um seine Schande fünf Fuß tief unter der Erde verbergen zu können. Er drückte sich blitzschnell in eine Seitengasse, sobald er einen der »Brüder« am Horizont auftauchen sah. Und namentlich ging er ja der »leibhaftigen Bosheit« ängstlich aus dem Wege. Und er machte einen Umweg um das Zollgebäude und dessen Umgebungen, wie eine alternde Stiftsdame einen Dorfkrug oder eine Herrenbadeanstalt sorglich meidet. Aber seine Morgen- und Abendspaziergänge konnte er nicht entbehren; sonst würde ihm das Dasein zwecklos erschienen sein. In der Bredbrostraße war großer Auflauf! Die Blumenkohl-Marie, die Gemüsehändlerin, stand mitten in einem Haufen Menschen draußen vor ihrem Kellerhals. Sie schalt und schimpfte und schrie und erhob ihre geballte, rotschwarze Faust drohend gen Himmel. Im Mittelpunkt des Haufens sah man ein gelbes spanisches Rohr sich heben und senken. Und ein Hund heulte dort aus Leibeskräften. Oberlehrer Clausen kam um die Ecke aus der Wallgasse. Der Menschenhaufen versperrte die ganze schmale Straße und hinderte ihn am Weitergehen. »Was gibt es hier?« fragte er und bohrte sich durch. »Er schlägt meinen Hund tot!« heulte Marie, »er prügelt ihm das Leben aus dem Leibe! Waldine! Waldine! Mein Hund, mein Hund! Da hat er ihn gerade auf den Kopf getroffen!« Die Schläge fielen langsam und taktfest, und der Hund schrie jedesmal, wenn er getroffen wurde, lauter. »Waldine! Waldine!« quietschte die Blumenkohl-Marie. »Reißt ihm den Hund doch weg!« »Er hat ihn ja gebissen!« sagte ein alter Maurergesell in blauer Bluse und weißer Mütze. »Ihm geschieht ganz recht!« »Gestern erst hat er nach mir geschnappt!« nickte eine dicke Frau, die einen Milcheimer in der Hand trug. »Und die Kinder rennt er um!« nickte eine Mutter. »Schlag ihn nur flach!« forderte ein Lehrling auf. »So ein Scheißköter!« Clausen war in den Haufen hineingedrungen und erblickte jetzt einen kleinen, breitschultrigen Mann, der da stand und einen rotbraunen Pudel mit der einen Hand im Genick festhielt, während er mit der andern ein dickes, gelbes spanisches Rohr auf seinem Rücken tanzen ließ. »Mensch!« sagte der Oberlehrer und packte den Mann beim Arm. Der Mensch wandte das Gesicht nach ihm herum. Es war der Zöllner Knagsted. »Du bist es!« sagte der Oberlehrer ganz entsetzt. »Was, um Himmels willen, machst du denn da?« »Vierzehn!« zählte Knagsted, ohne sich stören zu lassen. – »Guten Tag, Clausen, Ich treibe einen Teufel aus! Fünfzehn!« Jedesmal, wenn er eine Zahl nannte, fiel der Stock. »Du schlägst das Tier ja zunicht, Knagsted!« »Gott bewahre! Sechzehn!« »Der Hund soll haben, was ihm zukommt!« grinste der Maurergesell. »Nur immer drauflos, Herr Kontrolleur!« »Siebzehn!« sagte Esau und schlug »drauflos«. Das Tier heulte und fletschte die Zähne. »Puli–zei!« kreischte die Grünmadam plötzlich. »Pulizei! Waldine. Waldine!« »So hör' doch auf. Knagsted!« »Ja, wenn ich fertig bin! – Achtzehn!« »Wie viele soll er denn haben?« »Zweiundzwanzig – Neunzehn!« »Hurra!« schrie der Lehrling. »Das rothaarige Wildschwein!« Die Blumenkohl-Marie langte mit der Faust nach ihm aus. Er aber entschlüpfte ihr. »Gib mir 'ne gelbe Rübe!« sagte er. »Zwanzig!« zählte der Kontrolleur – »Einundzwanzig! – Zweiundzwanzig! – fertig! –« Und er hob den Hund in die Höhe und warf ihn der Grünmadam hin. »Hurra!« brüllte die Menge. – »Lange lebe die Blumenkohl-Marie und ihre Pellkartoffeln!« »Komm jetzt, Clausen. Wir wollen gehen!« »Ja«, sagte Clausen. Und sie bohrten sich heraus und gingen. Als sie um die Ecke gebogen und in die Südstraße gekommen waren, streckte Esau die Arme in die Luft und sagte: »Puh! Das schafft Luft!« »Was hat dir der Hund eigentlich getan?« »Getan hat er mir eigentlich nichts.« »Hat er dich gebissen?« »Nein!« »Ja – aber –« »Ach, ich hatte das Bedürfnis, mich zu rühren. Und dann hat er so eine niederträchtige Physiognomie!« »Ja, das ist aber doch –« »Hast du etwa nicht zuweilen Lust, auf irgend etwas loszudreschen?« »Nein, niemals!« sagte der Oberlehrer sehr bestimmt. »Es muß wohl etwas Lebendiges sein. Wie?« »Nein, niemals!« wiederholte Clausen. »Niemals!« »Nun ja, du hast dich auch wohl in deinem Beruf ausgeprügelt! – Gehst du nach Hause?« »Wie beliebt?« »Ob du jetzt nach Hause gehst?« »Ja –« »Hast du etwas dagegen, wenn ich mitgehe?« »Nei–n!« sagt« der Oberlehrer überrascht. »Es soll mir ein Vergnügen sein!« sagte er, aber es ging ihm ein Stich durchs Herz, denn nun war die Stunde der Abrechnung wohl gekommen. Und er war waffenlos. Sein Gewissen war befleckt. »Ich möchte nämlich deine Blumen gern einmal sehen.« »Es soll mir ein Vergnügen sein, lieber Knagsted!« Sie gingen schweigend weiter. Und es war wie gewöhnlich fast menschenleer in den Straßen. Oberlehrer Clausen wohnte im ersten Stockwerk eines kleinen, alten Fachwerkhauses am Fuße des Kirchenhügels. Vor der Haustür standen zwei breite Sandsteinbänke mit hoher, verschnörkelter Rücklehne aus gleichem Material. Die Bänke gingen lotrecht von der Hausmauer aus und bildeten gleichsam einen kleinen Vorhof, der von zwei großen, breitkronigen Linden beschattet war. Jetzt waren die Bäume ja kahl und entblättert, im Sommer aber war dies ein kühles, schattiges Plätzchen. Der Zöllner blieb auf der Fahrstraße stehen. Und als hätte er das Haus bisher noch nie beachtet, sagte er: »Hier wohnst du ja sehr gemütlich.« »Ja, nicht wahr!« nickte der Oberlehrer erfreut. »Und sieh nur die Haustür!« Sie war niedrig und breit, mit Schnitzereien auf den Füllungen und großen schmiedeeisernen Hängseln. »Ja, die ist sehr schön!« Clausen wurde ganz eifrig. »Das Haus ist im Jahre 1776 erbaut.« erklärte er. »das steht da oben über der Tür.« »Ja, ja!« »Kannst du sehen, was da fehlt?« »Fehlt – ? Nein!« »Ha, ha, ha! Kannst du denn nicht sehen, daß in dem Anno ein N fehlt?« »Wird das mit zwei N geschrieben?« »Ha, ha, ha! Ja! Allerdings! Weißt du denn das nicht?« »Nein! Ist es Latein?« »Ja, lieber Freund, weißt du denn nicht –« »Nein; mit Latein bin ich nie in Berührung gekommen.« »Das ist ja auch wahr! – Aber du kannst mir glauben, daß der Mann, der das Haus gebaut hat. trotzdem sehr stolz auf sein Werk gewesen ist«, fuhr der Oberlehrer vergnügt und redselig fort. – »Und hier auf den Bänken hat er mit seinen Nachbarn des Abends bei Bier und Pfeife gesessen!« Clausens Gesicht strahlte. »Ich habe eine große Vorliebe für alles Alte!« sagte er. – »Aber komm jetzt mit mir hinauf; da ist es auch amüsant!« Sie betraten eine ziemlich große, mit roten Ziegelsteinen gepflasterte Diele. Die Balkendecke war weiß gestrichen und der ganze Raum blau tapeziert. Und an jeder Seite befand sich eine niedrige, weiß gestrichene Tür mit gelbem Messingschloß. Eine schmale, steile Treppe führte in das erste Stockwerk hinauf. »Diesen Weg,« sagte Clausen eifrig, »diesen Weg!« Knagsted fing an zu steigen. »Sie ist ziemlich lotrecht!« sagte er. »Ja, aber das ist gerade das Schöne!« »Hm, ja –« Ganz oben lief ein Geländer links um die Treppenöffnung herum, wodurch gleichsam ein schmaler Balkon an allen Wänden entlang gebildet wurde. »Zwei Zimmer rechts und zwei links«, erklärte Clausen. »So, ich will dir behilflich sein!« Und geschäftig griff er nach dem Hut und dem Stock des Zöllners und half ihm aus dem Überrock. »Ist das nicht ein herrlicher solider Riegel?« fragte er und hängte den Rock an. »Bitte schön!« Und damit öffnete er die Tür zur Linken. »Ich komme gleich! Ich will nur nachsehen, ob die Aufwärterin weggegangen ist.« Knagsted trat ein. »Das ist meine Wohnstube!« stellte der beglückte Pädagog vor. – »Und dahinter liegt das Schlafzimmer. Und drüben auf der anderen Seite ist das Eßzimmer und die Küche.« Er blieb stehen, um Esaus Ausrufe der Bewunderung zu hören. Als er aber eine Weile vergebens gewartet hatte, sagte er selber: »Findest du nicht, daß dies ein nettes Zimmer ist?« »Großartig! Und da haben wir ja die Treibhäuser!« »Ja, ha, ha, ha!« lachte der Oberlehrer seelenvergnügt, »du kannst hingehen und sie dir ansehen.« »Ja, wenn du erlaubst!« Knagsted stand mitten im Zimmer und sah sich um. Auch hier war eine weiß gestrichene Balkendecke und eine altmodische geblümte Tapete. Und die eine ganze Wand bedeckte ein mit Büchern angefülltes Bord. Das Mobiliar bestand aus dunkelpolierten Empiremöbeln, mit Birnbaum eingelegt. Und ringsumher an den Wänden hingen alte Stahlstiche und Lithographien. Vor den zwei niedrigen Fenstern mit den kleinen Scheiben standen die »Treibereien«: zwei große, grüngestrichene Blumentische voller Topfgewächse. Auch auf den Fensterbänken standen Blumen, und im Ofen flackerte ein lustiges Feuer. »Nein, sie ist schon fort,« sagte Clausen und kam wieder herein. »Aber ich kann dir sehr gut selber eine Tasse Kaffee machen, wenn du Lust hast.« »Nein, danke, ich gehe jetzt gleich nach Hause und frühstücke.« »Aber eine Pfeife?« »Ja, die nehme ich gern.« »Meerschaum oder Porzellan?« »Am liebsten so eine recht trockene Porzellanpfeife, wenn du die hast. – Aber hier sind ja gar keine?« Der Oberlehrer lächelte verschmitzt; man konnte sehen, daß er einen großen Schelm hinterm Ohr hatte. »Komm nur mit!« sagte er und öffnete die Tür zum Schlafzimmer. »Komm nur mit!« Es war ganz wie das Zimmer eines jungen Mädchens, so zierlich und sauber bis in die kleinsten Winkel! Vor den Fenstern weiße Gardinen; ein Nachttisch mit weißen, spitzenverzierten Vorhängen und eine weiße, filierte Bettdecke über dem Himmelbett. Esau blieb auf der Schwelle stehen. »Wie kannst du eigentlich dazu kommen, dich jemals zu betrinken, Clausen?« fragte er, »bei so einem Zimmer!« Der Oberlehrer sank buchstäblich in die Knie, so überrumpelte dieser Angriff ihn. Er hatte in seiner fröhlichen, gemütlichen Stimmung völlig vergessen, daß – und nun! Er errötete und stotterte und rang seine Stangenspargel, so daß sie beinahe aus den Gelenken gingen. »Ja, lieber Freund.« sagte er, »bester Freund – ich – ich – es war sehr unrecht von mir, – ich – ich – du bist mir doch deswegen nicht böse? – Ich–« Esau lachte: »Ach, wir haben einander nichts vorzuwerfen, lieber Ober-Clausen!« »Ja – ja, – ich – Und ich habe auch schon immer zu dir auf das Zollgebäude kommen wollen – um dich um Entschuldigung zu bitten, aber –« »Wollen wir uns jetzt nicht eine Pfeife anzünden?« fragte Knagsted. »Du bist mir also nicht böse, lieber Freund?« »Ich bin doch nicht verrückt!« Der Oberlehrer ergriff seine Hand. »Hab' Dank! – Es soll auch nie wieder vorkommen!« Der Zöllner zog seine Hand zurück. »Wollen wir uns denn jetzt nicht eine Pfeife anzünden?« wiederholte er. – »Du Lilienunschuld! – Aber hier sind ja auch keine!« »Dann sprechen wir also nicht mehr darüber, Knagsted!« »Nein! Aber die Pfeife. Mensch!« »Hier, hier!« sagte Clausen und drehte seinen Gast mit dem Gesicht nach der Wohnstubenwand herum – »hier!« »Ach so!« rief Esau ganz überrascht aus. – »Das muß ich sagen! Das ist ja beinahe, als wenn man ins Zeughaus kommt!« Die ganze Wand war mit Pfeifen behängt. Wohl an anderthalbhundert Stück. Sie hingen in der zierlichsten Ordnung. Erst eine Meerschaum- und dann eine Porzellanpfeife usw. usw., der Größe nach. »Ich sammle ja Pfeifen«, erklärte Clausen. »Das kann ich wirklich sehen!« »Willst du eine große oder eine kleine haben?« »Eine mittlere.« Der Oberlehrer ließ seinen Blick über das Arsenal hingleiten. »Dann nehmen wir Nummer achtundzwanzig«, sagte er sehr bestimmt. »Ja, tun wir das!« nickte Knagsted. »Willst du feinen oder grobgeschnittenen Tabak haben?« »Ach Gott, muß ich darüber auch entscheiden! – Groben!« »Fest oder leicht gestopft?« »Du großer Gott: leicht! – Und ein himmelblaues Streichholz mit kanariengelbem Kopf!« Clausen schlug scherzend mit der Hand nach dem Zöllner. »Du bist doch immer der alte, Knagsted!« »Danke, gleichfalls!« sagte Knagsted. Und dann saßen sie drinnen im Wohnzimmer und pafften und plauderten. Sie saßen sehr gemütlich jeder in einer Ecke des Empiresofas, während das Feuer im Ofen prasselte. »Ja, man erzählte es sich!« nickte der Oberlehrer sittlich entrüstet. »Der kleine Thomsen hat sie im Sommer einmal da draußen abgefaßt, als sie Rosen abschnitt!« »Nun ja, mein Gott!« »Das willst du doch nicht etwa verteidigen?« »Verteidigen? – nein –« »Draußen auf dem Friedhof! Auf den Gräbern! Nein, weißt du was!« »Sie sammelt am Ende Rosen –« »Sie sammelt?« »Ja. Vielleicht liebt sie die Rosen so sehr.« »Das ist aber immer noch kein Grund zum Stehlen.« »Stehlen –! Pfui –! Nicht so hart sein! Knagsted wandte sein Gesicht dem Freunde zu: »Sieh mich einmal an, Clausen, – nein, sieh mir gerade in die Augen!« Clausen sah ihn an, jedoch nicht ohne zu blinken. »Woher hast du eigentlich die doppelte Fuchsia dahinten, lieber Clausen?« Clausen wurde dunkelrot wie die Fuchsia. »Ja, siehst du wohl!« nickte Esau, und seine Haarzotteln tanzten vor Wonne. »Alle Sammler ›stehlen‹!« »Ein armseliger Ableger!« murmelte der Pädagog. »Ja, ja! Aber wenn du nun Diamanten gesammelt hättest –! Wie?« Der Zöllner packte seinen Wirt beim Arm – »Du bist doch wohl auf ehrliche Weise zu deinen Pfeifen gekommen? Du hast doch wohl Nummer achtundzwanzig nicht gegrabscht? Ich finde, sie schmeckt ein klein wenig nach dem Zuchthaus!« »Deine Scherze sind immer gleich so grob!« murmelte Clausen ärgerlich. »Ha, ha, ha! – Nein, man soll Kommas sammeln, das ist viel besser! Für die muß man sich selber abarbeiten.« »Sammelst du denn wirklich Kommata?« fragte der Oberlehrer ungläubig. »Weiß Gott, das tue ich! Sieh nur einmal –« (Knagsted zog sein Taschenbuch heraus und blätterte darin), »hier sind die letzten Ergebnisse.« Er zeigte auf ein Blatt und las: »Ewald: Die Fischer: 27 335. Balders Tod: 45 860. Die brutalen Treiber: 39 022. – Ich sammle ja nur aus dänischen Schriftstellern, weißt du. Man muß Spezialist sein. Und das andere wäre ja auch nicht zu bewältigen! – Und wenn ich nun mit Ewald fertig bin«, fuhr er fort, »dann zähle ich alles zusammen. Das ist eigentlich das Amüsanteste. Holberg gibt über sechs Millionen, du! – Aber man muß schrecklich genau sein, denn es ist so ärgerlich, wenn die Rechnung beim zweiten Male nicht stimmt.« »Zählst du sie zweimaI ?« fragte der Pädagog mit Augen, so groß wie Dessertteller. »Ja – ja! Und das zweitemal fange ich von hinten an!« Clausen verfiel in Gedanken. Das muß eine verdammt angenehme Arbeit sein, mit der man sich an langen Winterabenden beschäftigen kann! »Kann ich hineingehen und mir eine frische Pfeife stopfen?« fragte der Zöllner und steckte die Kommata wieder in die Tasche. »Was sagst du?« »Eine frische Pfeife.« »Ja, gern, lieber Freund, gern, sehr gern!« »Welche Nummer soll ich nehmen?« »Ja, Nummer neunundzwanzig wäre mir am liebsten.« »Dann nehme ich natürlich Nummer neunundzwanzig!« »Aber es ist eine Meerschaumpfeife, Knagsted –« »Ich füge mich der Weltordnung«, sagte Knagsted, ging in das Nebenzimmer und stopfte sich die Pfeife. Und nach einer Weile saßen sie wieder traulich jeder in seiner Sofaecke und pafften. Und als die Pfeife zu Ende geraucht war, erhob sich Esau und nahm Abschied von dem Freund. Der Oberlehrer begleitete ihn bis an die Treppe und dankte ihm immer wieder für seinen Besuch. Und dann kehrte er in das Wohnzimmer zurück. Mitten im Zimmer blieb er einen Augenblick stehen und ließ sinnend seine Finger durch das Haar gleiten. Dann ging er mit langen Schritten auf das Bücherbrett zu und entnahm dem zweitobersten Fach ein Buch. Und lächelnd, halb erwartungsvoll und halb verlegen, setzte er sich mit dem Buch an den Schreibtisch. Eine ganz unwiderstehliche Lust, nachzuzählen, wie viele Ausrufungszeichen in Richard dem Dritten von Shakespeare enthalten waren, hatte ihn angewandelt. »Aber nun bitte ich Sie,« sagte der eine Siamesische Zwilling, Frau Lassen, dunkelrot vor Erregung, zu dem andern Siamesischen Zwilling Frau Heilbunth, »ist dies kleine Winkelmaß von Emanuel Thomsen nicht ganz um Sinn und Verstand gekommen, weil er das Glück gehabt hat, die paar lumpigen Groschen in der Lotterie zu gewinnen! Ich komme neulich in den Laden und will eine halbe Elle Gummiband haben, von dem gekrausten, wissen Sie, zu Strumpfbändern – Lassen ist in diesem Punkt ja altmodisch! – und da steckt dieser Eunuch – denn ein wirklicher Mann ist er bei Gott im Himmel nicht! – da steckt er die Nase in die Luft und sagt: ›Meine Frau Mutter betreibt das Geschäft nicht mehr!‹ – Frau Mutter! nun bitte ich Sie! Diese Flickmadam! Und jetzt wollen sie Landwirt werden! Was sagen Sie dazu? Und er ist doch ein ganz gewöhnlicher Kellner im Verein gewesen! Nein, ich sage wirklich mit dem seligen Bjerregaard, wenn Lumpengesindel zu Ehren und Bettelpack zu Geld kommt, so fangen die Hühner an, mit Lackschuhen zu gehen!« Und der Siameser Zwilling Lassen atmete vor Empörung so tief auf, daß die Kinnbänder an des Siameser Heilbunths Visitenhut zu flattern begannen. – Aber die ganze Stadt sprach auch von nichts anderem als von der Familie Thomsen. Wenn Manuel sich wie ein Taschenkrebs in seinem guten Cheviotanzug, der jetzt für alltags herabgesetzt war, durch die Südstraße bewegte, füllten sich alle Ladentüren mit Handlungsgehilfen und gegen alle Fensterscheiben preßten sich flachgedrückte Nasen. Ihn genierte das wenig oder gar nicht; die alte Mutter Karen dahingegen wagte kaum, sich auf der Straße blicken zu lassen, und sie litt die schrecklichsten Qualen, ehe sie sich zum Krämer oder zum Bäcker hineinwagte, um ihre Einkäufe zu machen. Die Kleider wurden ihr von den Frauen und Mädchen, die sie mit gierigen Händen an sich zogen, um sie auszufragen, fast vom Leibe gerissen: »Haben Sie den Mühlenhof gekauft?« »Wollen Sie den Mühlenhof kaufen?« »Haben Sie das Geld geerbt oder haben Sie es verdient oder haben Sie es gewonnen?« »Wieviel Geld haben Sie geerbt oder verdient oder gewonnen?« Die arme Frau kam ganz zerschlagen an allen Gliedern und ganz wirr im Kopf nach Hause, beinahe als habe sie Karussell gefahren, in dem Maße wurde sie von den teilnehmenden Leuten malträtiert. Aber daheim auf dem Sofa in der Hinterstube saß Manuel, das eine Bein großfürstenmäßig über das andere geschlagen, die Zeitung des Städtchens in ihrer ganzen Breite vor sich. Und dann hatte er sich auf das Rauchen gelegt. Er hatte sich eine Pfeife angeschafft, die beinahe ebenso groß war wie er selber. »Man bleibt reichlich lange aus«, sagte er und sah mit seinem scheibenrunden Gesicht von der Zeitung auf. Die Pfeife steckte ihm im linken Mundwinkel. »Man kann ja nicht von ihnen loskommen«, stöhnte die Alte und sank in einen Stuhl. »Sie machen einen ja verrückt mit ihrem Gerede über den Mühlenhof.« »Sind die Leute mit dem Gerede denn noch nicht fertig!« sagte Thomsen überlegen. In seinem Herzen hoffte er, daß sie niemals damit fertig werden möchten.– »Hier ist ein guter Federwagen zum Verkauf angekündigt.« Er schlug flott mit den Fingern auf die Rückseite der Zeitung. »Was meinst du, sollte man hinfahren und sich ihn ansehen?« »Es ist noch lange hin, bis wir Verwendung für einen Wagen haben werden, Manuel –« »Für einen Federwagen hat man immer Verwendung!« »Ja, wenn wir den Hof erst haben –« »Man glaubt, daß man doch einmal hinfährt und ihn sich ansieht!« »Ja, tue du das, Manuel.« Es verging kaum ein Tag, ohne daß Thummelumsen sich nicht irgend etwas »ansah«. Er kaufte selten etwas, denn es wurde ihm nach wie vor sehr sauer, bares Geld herauszurücken. Er ließ sich aber das »Vorkaufsrecht« geben, und dann entfernte er sich mit der Haltung eines Brandmajors. Er ließ sich Pferde vortraben, befühlte Kühe und musterte Schweine und Schafe. Ja, er war sogar ein paarmal ausgefahren, um Gehöfte zu besehen, die er nie im Leben zu kaufen beabsichtigt hatte, da das Familiengehöft in Lindenberg das einzige irdische Gut war, an dessen Besitz ihm etwas gelegen war. Aber er ließ sich in Stall und Scheune herumführen, schätzte den Viehbestand ab und untersuchte die Qualität des Bodens. Worauf er sich das Gehöft »an die Hand geben« ließ, mit der Familie zu Mittag aß und wieder heimwärts zog. Der kleine Emanuel war jetzt ganz glücklich. Die verflossenen fünfzehn Jahre der Sorge und Erniedrigung nahm er als »Prüfung« hin, die ihm Gott auferlegt hatte, um durch Zucht und Härte die Stunde der Erfüllung noch lichter und strahlender zu machen. Und er war Gott in seinem Herzen wirklich dankbar wie ein Kind, dem ein strenger, aber liebevoller Vater endlich den einen brennend und lange gehegten Wunsch erfüllt hat. Und wie ein Kind liebenswürdiger und umgänglicher wird, wenn man ihm seinen Weg sonnig macht, so kam auch jetzt all das Gute und Naiv-Liebenswürdige hervor, was bisher auf dem Grunde von Emanuels Seele geschlummert hatte. Seine Brust schwoll bei dem Gedanken, sich mit der ganzen Welt zu versöhnen, allen die Hände zu drücken und ihnen freundliche, scherzende Worte ins Ohr zu flüstern. Die Stadt aber fand ihn nur noch lächerlicher in seiner strahlenden Siegesfreude und seinem naiven Selbstgefühl. Sie zeigte heimlich mit den Fingern auf ihn und lachte laut hinter seinem Rücken. Thomsen aber sah und hörte nichts, so erfüllt war er von sich selber und von der großen, wunderbaren Gnade, die Gott der Herr ihm hatte widerfahren lassen. Denn er schrieb alles dem lieben Gott zu: »Daß man einer solchen Barmherzigkeit würdig befunden war, Mutter Karen! Aber man preist den Allmächtigen auch täglich auf den Knien!« Und er tat, was er sagte: Jeden Abend, bevor er sein Lager bestieg, kniete er in seinem reichlich langen Nachthemd – einem unveränderten Erbteil seines Vaters – auf der kleinen Flickendecke vor dem Bett nieder und sandte ein heißes Dankgebet zum Himmel empor, weil ihn dieser endlich erhört hatte. Seine Hände waren gefaltet und sein Antlitz inbrünstig gen Himmel erhoben. Und wenn das Dankgebet beendet war, nahm er das Bankbuch, das er immer in der inneren Tasche seines Rockes bei sich trug, öffnete es und betrachtete lange die Summe; dann steckte er das Buch unter das Kopfkissen, legte seinen kugelrunden Edamerkopf auf dem Kissen zur Ruhe und schlief sanft ein, um am nächsten Morgen zu einem neuen wonnevollen Tag zu erwachen. Aber ein wenig »hochnäsig« war er ja freilich geworden, das ließ sich nicht leugnen. Sein Rücken war gerade geworden (Mutter Karen behauptete geradezu, daß er gewachsen sei), der Kopf saß stolz auf dem kurzen Halse, und er bemühte sich, die schiefe Schulter hoch zu halten. Außerdem hatte er sich einen Spazierstock und ein Paar braune Glacéhandschuhe angeschafft, die er nachlässig in der rechten Hand hielt und womit er sich von Zeit zu Zeit gegen die Hüfte schlug. Und des Sonntags erschien er in langem, schwarzem Gehrock und graugestreiften Beinkleidern. Alle seine kleinen Ämter hatte er aufgegeben. »Man hat es nicht mehr nötig, Herr Hardesvogt,« hatte er gesagt, als er seine Kündigung anzeigte, »und Sie werden aus dem Obenangeführten einsehen können, daß sich die Lage der Dinge so verändert hat, daß es sich für einen nicht mehr passen würde, auf Ihrem Bureau zu sitzen und Akten abzuschreiben!« »Das Obenangeführte« bestand darin, daß er dem Hardesvogt unter dem Siegel der Verschwiegenheit anvertraut hatte, daß er die Absicht habe, in allernächster Zukunft sein väterliches Besitztum wieder zurückzukaufen. Und dem Rechtsanwalt gegenüber, bei dem er ebenfalls wöchentlich einige Stunden gearbeitet, hatte er sich in ähnlichen, zierlichen Wendungen ausgedrückt. Dahingegen hatte er gemeint, daß es genügen würde, wenn er seine Stellung als Diener im Klub der Freßsäcke schriftlich in einem an Redakteur Heilbunth gerichteten Schreiben kündigte. Nun, dies alles ging ja im Grunde niemand etwas an! Aber daß er sich eines schönes Tages daheim auf einen Stuhl in den Laden gesetzt und mit einer überirdischen Handbewegung den kauflustigen Damen die Tür gewiesen hatte, indem er sagte, er bedaure sehr, ihre geehrten Aufträge nicht effektuieren zu können, »da meine Frau Mutter mit dem heutigen Tage ihr Geschäft aufgegeben und sich in das Privatleben zurückgezogen hat!« – das veranlaßte Madam Thomsens alte und wirklich treue Kunden, vor Wut und Empörung zu schäumen. Sie stürzten zum Laden hinaus, schlugen die Tür mit einem solchen Lärm hinter sich zu, daß Mutter Karen im Hinterzimmer, wo zu verbleiben sie strengsten Befehl erhalten hatte, jedesmal einen kleinen Schrei ausstieß. Manuel aber lachte laut. Und acht Tage später wurden die Waren und das Inventarium auf öffentlicher Auktion in dem Auktionslokal der Stadt verkauft. Der Fußboden im Laden wurde gemalt, die Wände tapeziert, die alten Möbel, die oben auf dem Boden und im Hahnenschuppen gestanden hatten, wurden ausgepackt, abgerieben und aufgestellt. Und jetzt hatte die Familie Thomsen zwei Salons. Aber obwohl sich Manuel jetzt gleichsam in eine höhere Rangklasse erhoben fühlte, entsagte er trotzdem keineswegs seiner Lieblingsbeschäftigung. Regelmäßig zweimal wöchentlich konnte man ihn früh des Morgens mit Besen und Gießkanne draußen vor dem Hause und auf seiner halben Portion Straße beschäftigt sehen. Und Türschlösser und Fenster erhielten allsonnabendlich ihren Branntweinüberguß und die Möbel ihre Abreibung mit Petroleum. »Das sitzt einem so in den Fingern, Mutter Karen!« sagte der kleine Mann. – »Und dann muß man auch in der Übung bleiben, bis man wieder auf das Gehöft hinauskommt.« Und Mutter Karen schwieg und nickte, wie sie zu allem, was der Sohn tat und sagte, schwieg und nickte. Sie hatte einen an das Mystische grenzenden Respekt vor ihm bekommen, von der Stunde an, wo er es für gut befunden hatte, ihr mitzuteilen, daß Gott der Herr ihn über zwölftausend Kronen in der Lotterie habe gewinnen lassen. Sie war jetzt fest davon überzeugt, daß er mit höheren Mächten im Bunde stehe. Und der Umstand, daß das Geld genau drei (Gott Vater, Gott Sohn und Gott der Heilige Geist) Tage nach Knors' und Mortensens Wallfahrt nach dem Mühlenhof gekommen war, und die »Offenbarung« also ihre Probe bestanden hatte, das hatte sie mit dem unerschütterlichen Glauben erfüllt, daß sowohl jetzt als auch in Zukunft Manuel einzig und allein bestimmen und regieren müsse. Und doch fühlte sie sich zuweilen gleichsam auf schwankenden Wegen! Daß der Junge so plötzlich alle seine Stellungen kündigte; daß er die Kunden zum Laden hinausjagte, und daß er Zwirn und Garn und Band und Knöpfe und den Ladentisch und »die ganze Bescherung« nach dem Hotel fahren und verkaufen ließ, das kam ihr ja wie der größte Wahnsinn vor! – Aber sie murrte nicht. Sie saß nur zusammengesunken in ihrem Stuhl da und grübelte. – Und dann war er ja so überaus sanft und freundlich im Umgang geworden! Wollte die liebe Mutter Karen dieses nicht haben? Wollte die liebe Mutter Karen jenes nicht haben? Die liebe Mutter Karen muß wirklich etwas mehr Wirtschaftsgeld haben! Und ein neues Kleid muß sie haben und einen neuen Schal und eine neue Haube! – Aber, aber, aber – Ein Glück war es nur, daß Manuel nicht sofort hinausgestürzt war und den Mühlenhof gekauft hatte! Da hatte sich doch der alte Mühlen-Mortensen, dieser Klotz, als treuer Freund erwiesen, indem er erklärte, daß Cornelius da draußen besser im Frühling beizukommen sein würde als jetzt, wo er die brillante Ernte gehabt habe, mit der er die schlimmsten Löcher zustopfen konnte. Und der Rechtsanwalt, mit dem der Junge gesprochen, hatte ihm denselben Rat erteilt. – Ach ja, da hatte sie doch wenigstens den Winter, um ihre Gedanken zu ordnen. – Ach ja, ach ja! – Aber, aber, aber – Es war am zehnten November, am Martinsabend. Thomsen war vor acht Tagen bei einem Hofbesitzer in Grästed gewesen, um einen Zuchtbullen zu besehen. Und gleichzeitig hatte er Onkel Jakob einen Besuch abgestattet und ihn und Wulfdine auf eine Martinsgans eingeladen. Manuel und der Küster saßen draußen in dem ehemaligen Laden, der jetzt den Namen Wohnstube erhalten hatte. Die Frauen waren mit dem Decken des Tisches im Hinterzimmer beschäftigt. Und in einem Tiegel auf dem Herd in der Küche prasselte die Gans. Äpfel und Zwetschen füllten ihren Magen, und das ganze Haus war mit dem lieblichen Duft erfüllt. Es war erst fünf Uhr, aber man wollte schon zu Abend essen. Die Gäste hatten einen langen Heimweg. Onkel Jakob sprach nicht viel. Er hatte jetzt an die fünfundzwanzig Jahre seine Stimme in der Kirche und der Schule verschlissen, deswegen ging er außerhalb des Dienstes gern sparsam damit um. Er glich seiner Schwester nicht. Höchstens in bezug auf die sanften, blaugrauen Augen. Im übrigen war er lang und knochig und hatte eine matte, fahle Gesichtsfarbe. Das stark ins Graue spielende Nackenhaar lag in einem zierlichen Bogen über dem kahlen Scheitel. Und dann hatte er einen Hackmesserbart, das heißt, von dem einen Ohr bis zu dem andern ging ein schmaler Streifen struppiger Haare an den Wangen entlang bis unter das Kinn. Und so schmal und beinahe messerscharf erschien diese Bartzier, daß, wenn ihn jemand bei den Ohren genommen und seinen Kopf über einem Küchentisch hin und her gegängelt hätte, man ihn sehr wohl zum Hacken von grünem Kohl hätte verwenden können. Sie sprachen von dem großen Thomsenschen Ereignis. »Ja,« sagte Manuel, »und dann geschah es, daß man die Tiere auf den Hof hinausbrachte, und drei Tage später war Gott mit seiner Gnade da!« »Ach ja, ach ja!« nickte der Küster – »Und nun willst du den Mühlenhof zurückkaufen?« »Man hat ja an nichts weiter gedacht, Onkel, seit man davon verjagt wurde.« »Ach ja, ach ja! Das ist ja auch alles ganz schön!« »Du sollst sehen, was für ein Besitz das wird!« sagte Thomsen mit strahlenden Augen, »genau so wie zu Großvaters Zeiten.« »Ach ja, der Hof hat es auch sehr nötig!« »Der Garten soll umgegraben und der See gereinigt werden, und dann setzt man neue Türen und Fenster ein!« »Aber dazu gehört Geld, Manuel!« »Das hat man«, lachte Thummelumsen und schlug sich auf die Tasche. Dann wurde er plötzlich ernsthaft und fügte hinzu: »Gott der Herr hat ja in reichem Maße seinen Segen über einen ausgegossen, Onkel Jakob!« »Aber die Landwirtschaft?« fragte der Küster, der ja seit fünfundzwanzig Jahren mit dem lieben Gott auf du und du gestanden hatte, sowohl an Sonn- und Fest- wie auch an Wochentagen, und der ihn deswegen ziemlich mit Ruhe hinnahm. »Wie denkst du über die Landwirtschaft?« »Man nimmt sich einen Knecht, einen tüchtigen Großknecht! Und Mortensen besorgt die Mühle. Und Mutter und man selber besorgt das Haus und den Garten. Es wird schon gehen!« »Ach ja, ach ja! Aber Karen ist ja alt!« bemerkte der Küster, und seine Augen wandten sich langsam dem Neffen zu. »Karen ist ein Prachtkerl!« sagte Manuel ausgelassen. »Ach ja, ach ja –« »Und man könnte ja am Ende auch auf den Einfall kommen, sich zu verheiraten, Onkel, jetzt, wo man die Butter zum Brot hat.« »Ja–a!« Die Augen des Alten wurden aufmerksam. »Wenn Gott der Herr einem die dazu passende Frau zuführen wollte.« »Die rechte Frau ist schwer zu finden, Manuel!« »Mit Gottes Hilfe, Onkel! Er hat einem bis dato beigestanden.« »Ach ja, ach ja! – Hast du dich vielleicht schon umgesehen?« »Hm!« Thomsen errötete. »Vielleicht eine von den Töchtern dieser Stadt?« »Nein!« sagte Manuel sehr bestimmt, »eine Stadtdirne nimmt man nicht!« Der Küster seufzte erleichtert auf. »Ach ja, ach ja! Die Frau gedeiht am besten auf den weiten Feldern«, nickte er. Er hatte schon lange Wulfdines Neigung entdeckt. Und jetzt, wo der Schwestersohn sich »aufgebessert« hatte, würde der Alte nichts dagegen haben, daß die Sache in Ordnung kam. Auch Manuel hatte schon an die Kusine gedacht. Nicht, daß irgendeine Art von Liebe in seinem Herzen keimte, nein, aber er hatte gesehen, wie sie in der Schullehrerwohnung in Grästedt still und gehorsam waltete und die Stuben in Ordnung hielt, das Kleinvieh besorgte, Essen kochte und mit aufmerksamen Augen auf den leisesten Wink des Vaters achtete. Kurz, er hatte gefunden, daß sie eine Frau nach seinem Sinn war. Und dann hatte sich ja Onkel Jakob auch ein wenig zurückgelegt, und Wulfdine war das einzige Kind. – Aber wie gesagt, den Weg zu des kleinen Thomsen Herzen hatte sie noch nicht gefunden. »Es gibt so viele traurige Ehen, Onkel Jakob«, sagte er nach einer Pause. »Ach ja, ach ja!« »Ja–a! man hat ja so allerlei gesehen!« »Der Mann soll das Haupt der Familie sein!« »Ja, natürlich! Aber man soll doch auch Liebe zueinander empfinden!« »Die Liebe kommt bei dem engeren Zusammenleben, Manuel!« »Nicht immer, Onkel!« »Ach ja, ach ja! Nicht immer!« nickte der Küster und kratzte sich philosophisch an der linken Seite des Hackmessers. Draußen in der Küche war die Gans aus dem Tiegel genommen und lag nun prasselnd und dampfend auf der Schüssel. Sie war tadellos gebraten: knusprig, hellbraun und glänzend. Und Wulfdine hatte dabei am Steuer gestanden. Madam Thomsen wollte sie examinieren, denn Madam Thomsen hatte ja ebenfalls ihre Gedanken. Und wenn man eine Gans so braten konnte, daß sie »einfarbig« wurde, und noch dazu in einem Tiegel, so war es völlig ausgeschlossen, daß man den einfacheren Speisen nicht gewachsen war. »Dann trag die Gans nur hinein, liebe Dine, und sage, daß angerichtet ist!« Dine trug die Schüssel hinein und stellte sie auf das weiße Tischtuch mitten unter die Hängelampe. »Und sage, daß angerichtet ist!« wiederholte Mutter Karen von der Küche her. – »Jetzt bringe ich die Kartoffeln.« Wulfdine kicherte leise vor sich hin und wand sich wie ein Wurm. Dann machte sie ein Paar Schritte auf die Tür zu, die nach dem »Wohnzimmer« führte. Dort aber blieb sie mit dunkelrotem Kopf stehen und klappte zusammen. »Du bist doch ein schnurriges Frauenzimmer«, schalt die Madam. »So sag' doch, daß angerichtet ist!« »Hihihi!« ertönte es irgendwo aus dem Innern des Mädchens, und sie versank zweimal in den Erdboden. »Willst du es nicht lieber tun, Tante? Ich kann mich wirklich nicht dazu entschließen.« »Kleine Närrin!« sagte Mutter Karen und klopfte sie nachdrücklich auf den Rücken. »Glaubst du etwa, daß Manuel dich auffrißt?« – Dann öffnete sie selber die Tür und sagte: »Angerichtet!« Man ging zu Tische. Der Küster saß auf dem Sofa und die andern jeder an einer Seite des Tisches. Manuel legte vor, und alle starrten mit entzückten Augen auf die fetten Scheiben, die unter seinem Messer fielen. »Pflaumen, Onkel?« fragte Thomsen, indem er das dampfende Füllsel mit einem großen Eßlöffel aus der Gans herausschaufelte. »Ach ja, ach ja!« sagte der Onkel. »Und einige Äpfel!« Der Wirt füllte fünf bis sechs Löffel voll auf seinen Teller. »Und du, Mutter?« »Danke, danke, lieber Manuel, ich kann ja sehr gut selber für mich sorgen. Wulfdine saß da und hantierte einen Flügel zwischen Messer und Gabel. Sie konnte das Gelenk nicht finden. Ihr Teller schaukelte wie bei Seegang unter ihren Bestrebungen. »Gib Dine doch ein Stück Brust, Manuel,« sagte Madam Thomsen, »sie quält sich da mit dem trocknen Flügel ab.« Aller Augen wandten sich dem jungen Mädchen zu. Und im selben Moment segelten Teller, Gänseflügel, Soße und Kartoffeln vom Tisch herab. »Aber Dine!« sagte der Küster. »Was fehlt dir nur einmal!« Dine versank in den Erdboden. »Ihr braucht mich doch nicht alle so anzusehen!« schluchzte sie. »Mir ist, als wenn ich Krämpfe in den Fingern bekäme.« »Laß nur, liebe Wulfdine,« tröstete Emanuel sie. »Laß nur!« Und er sammelte den heruntergefallenen Flügel auf und legte ein Stück schieres Gänsefleisch auf ihren Teller. »So, jetzt laßt sie nur ein wenig unbeachtet!« sagte er. Man aß eine Weile schweigend. Dann sagte Madam Thomsen plötzlich: »Dine hat die Gans gebraten, Manuel!« »Ach ja, ach ja!« nickte der Küster. »Tüchtig in Küche und Keller ist sie! Ich bin ihr leiblicher Vater, aber –« »Wer die nimmt, der wird nicht angeführt«, ergänzte Mutter Karen. Die Jungen saßen eine Weile schweigend da und starrten auf ihre Speisen. »Es ist ja noch Zeit genug, darüber zu sprechen, Mutter Karen und Onkel Jakob«, sagte Manuel dann. »Freilich, freilich –« »Du weißt ja, wie es um sie steht, Manuel.« »Ja, das weiß man, Mutter.« »Ja, sie läuft dir nicht weg, Schwestersohn«, sagte der Küster. »Nein, die bleibt dir,« sagte Karen, »sie hat ja, seit sie ein Kind war, daran gelitten.« Manuel schüttelte ungeduldig den Kopf. »Wollen wir jetzt essen?« fragte er plötzlich. Messer und Gabeln waren während dieser Verhandlungen auf die Teller herabgesunken. – »Soll man dir noch ein Stück abschneiden, Onkel?« »Ach ja, ach ja!« sagte der Onkel. »Ich sage nicht nein!« Und dann aßen sie. Ohne die geringste Rücksicht auf das Zentrum des Themas zu nehmen, hatten sie diese – wenn man sich so ausdrücken darf – Herzensangelegenheit besprochen. Es kümmerte sie wenig, daß Wulfdine mitten unter ihnen saß. Sie behandelten die Sache, als sei die Rede von einer Kuh oder einer stummen Truhe. Und die Heldin selber saß scheinbar taub und blind da und ließ sich wägen, messen und bereden. Kein Gedanke in ihr empörte sich darüber, daß man sie so ausbot und taxierte, kein Blutstropfen geriet in Wallung. Nur im innersten Innern ihres kleinen demütigen Herzens zitterte sie in Angst und Beben, daß Vetter Manuel, die Sonne ihrer Augen, der Palmenbaum ihrer Sehnsucht, sie verschmähen und zu leicht befinden könne. Denn dann würde es für sie ja keine Freude und kein Pläsier hier auf Erden mehr geben! Und auf der andern Seite: Wenn er nun geneigt war und sie haben wollte – »Ach!« Wulfdine war einer Ohnmacht nahe und es wurde ihr schwarz vor den Augen. Nach dem Essen gab es noch eine Tasse Abschiedskaffee. Der Onkel und Manuel saßen auf dem Sofa und pafften jeder an seiner Zigarre. Und die Damen rasselten eifrig mit ihren Strickstrümpfen in der halbdunklen Fensterecke. Es wurde nicht viel gesprochen. Denn die Gans lag schwer im Magen. Und jeder hatte ja auch seine eigenen Gedanken, die ihn beschäftigten. Von Zeit zu Zeit warf Thomsen einen verstohlenen Blick zu der Kusine hinüber. Und wenn es sich dann so traf, daß sich ihre Augen begegneten, versank Wulfdine spornstreichs drei Ellen in den Erdboden. Die Uhr schlug sieben. »Ja, dann mach dich nur fertig, Dine!« sagte der Küster. Dine fuhr auf wie der Teufel aus dem Kasten. Und man nahm Abschied und bedankte sich für den angenehm verlebten Tag. »Ja, man sieht bald einmal bei euch vor«, sagte Manuel, als er den Gästen im Hofe des Kaufmanns auf den Wagen geholfen hatte. »Ach ja, ach ja!« nickte der Küster zurück, »du bist stets willkommen, Schwestersohn! – Na, denn hü! Vorwärts, Lotte!« Und dann rollten sie davon. Die kleine Mutter des »Klumpen« war krank. Eines Vormittags vor ungefähr vierzehn Tagen war Madam Levertin, die Näherin, die das Erdgeschoß unter Frau Frandsens Wohnung bewohnte, mit kreideweißem Gesicht in die Schule gestürzt und hatte gesagt, Friedrich müsse nach Hause kommen, seine Mutter habe einen Blutsturz gehabt und liege in den letzten Zügen. Zufälligerweise war die Madam gerade in die Klasse hineingeplatzt, in der Friedrich – infolge des Schwerkraftgesetzes – den Platz als Ultimus einnahm. Und kaum hatte der Knabe ihre atemlose Mitteilung vernommen, als er sich auch schon von der Bank erhob, Bücher und Butterbrotdose liegen ließ und mit dunkelrotem Kopf und verhaltenem Weinen sagte: »Ich gehe nach Hause, Herr Lauersen!« Und Herr Lauersen ließ ihn gehen, ohne ein Wort zu sagen. Hätte er die geringste Miene gemacht, einen Einwand zu erheben, so wäre Friedrich auch sicher im selben Augenblick über seine Leiche hinweggeschritten. Draußen auf dem Gang riß der Klumpen seine Mütze vom Riegel, stieß Madam Levertin beiseite und stürzte davon. Den Kopf hielt er vornübergebeugt wie ein Tier, das auf einen Angriff gefaßt ist; so eilte er durch die Straßen. Und das Pflaster knirschte unter seinen Schritten. Er stöhnte unter dem Gewicht seines Fleisches, und er war taub und blind für alles, was um ihn her vor sich ging. Er dachte nur an das eine: Ich muß nach Hause und Mutter helfen! Ich muß nach Hause und Mutter helfen! Und alles, was ihm an lebenden Wesen in den Weg kam, mähte er mit seinen Armen weg. Daheim in dem kleinen Schlafstübchen lag die Witwe Frandsen bleich und bewußtlos im Bett. Mitten auf dem weißgescheuerten, reinlichen Fußboden stand eine Blutlache. Und der Kreisarzt Dr. Bister war am Fenster mit einem Glas und einer kleinen Flasche beschäftigt. Der Klumpen stürzte in das Zimmer hinein. Die Augen standen ihm starr in den Höhlen, und seine Brust pfiff wie ein Blasebalg. »Mutter!« sagte er. »Mutter, süße Mutter!« Der Eskimo wandte sich um. »Stille, Junge!« »Mutter, Mutter, Mutter!« jammerte Friedrich leiser. Dr. Bister hielt das Glas in der einen Hand, und mit der anderen packte er den Knaben hart bei der Schulter. »Setze dich auf den Stuhl da und halte deinen Mund. Ich hab' dem verdammten Weib doch gesagt, daß sie dich in der Schule lassen solle! – Setz' dich! Und daß du dich nicht rührst!« Der Klumpen starrte den Arzt blödsinnig an. Aber er gehorchte. Der Doktor trat an das Bett und beugte sich über die Kranke. »Gieße ein wenig Wasser in die Waschschüssel da. Und nimm einen Schwamm!« Der Knabe gehorchte. »Komm damit hierher! Aber trample nicht so! Zieh die Schuhe aus!« Der Klumpen zog leise die Zugschuhe aus und schlich an die Seite des Arztes. »Mutter!« jammerte er von neuem, »süße Mutter!« »Still! Oder ich schmeiße dich zur Tür hinaus.« Der Knabe biß die Zähne aufeinander. Aber die Tränen liefen ihm an den Wangen herab, und die Waschschüssel zitterte in seiner Hand. Das kleine, blasse Gesicht auf dem Kissen vor ihm rührte sich nicht. Die Augen waren fest geschlossen und das Kinn und der Mund waren mit Blut bespritzt. Ihre Augenlider fingen an zu beben, und sie atmete tief auf. Die Finger tasteten suchend umher, Und plötzlich starrte sie mit weitgeöffneten Augen vor sich hin und wollte sich erheben. »Nein, ganz ruhig!« sagte der Arzt schnell. »Sie dürfen sich nicht rühren.« »Ich bin wohl – krank gewesen –« »Ja, aber jetzt ist es überstanden. Sie müssen nur ganz stilliegen.« Sie schloß die Augen wieder. »Ich bin so müde!« »Ja, liegen Sie nur ganz still. – Bleibe du, wo du bist!« Diese Worte waren an Friedrich gerichtet, der das Waschbecken schnell hingesetzt hatte und an das Bett zurückeilte. »Deine Mutter muß Ruhe haben. Setze dich hin!« Der Klumpen setzte sich. Aber die Muskeln um seinen Mund zitterten, und nur mit der größten Kraftanstrengung hielt er das Weinen zurück. »Kein Geplärre!« sagte der Kreisarzt in milderem Ton. – »Wenn du ein tapferer Junge bist, so werde ich deine Mutter bald wieder gesund machen!« Madam Levertin hatte lange unbeweglich wie eine Bildsäule an der Tür gestanden. Sie hatte einen grenzenlosen Respekt vor dem Eskimo Dr. Bister. Sie wußte, daß sie seinem Befehl zuwidergehandelt hatte, indem sie den Klumpen aus der Schule holte. Und sie war zähneklappernd auf ein Donnerwetter gefaßt. Und der Doktor hatte ihr aufgelauert, seit sie das Zimmer betreten, während er sich den Anschein gab, als sei sie Luft für ihn. Plötzlich aber drehte er sich nach ihr um und sagte: »Was steht Sie da und glotzt die Wand an!« Die Madam zuckte vor Entsetzen zusammen. »Waschen Sie das Blut auf!« kommandierte der Eskimo. Und zwei Minuten später lag die Levertin auf den Knien, eine Bütte mit Wasser vor sich, und schrubbte aus Leibeskräften drauflos. Der Arzt trat an das Bett. »Komm hierher, Junge!« Der Klumpen stand da. »Kannst du sehen, wie deine Mutter liegt?« »Ja, Ja–a!« »Laß das Geplärre! – So soll sie liegenbleiben, verstehst du! Sie darf keinen Finger rühren, ehe ich es ihr erlaube. Verstehst du? Ist dir die Sache klar?« »Ja –« »Und sobald sie die Augen aufschlägt, sagst du es ihr. Verstanden?« »Ja!« »Ich kann mich wohl auf dich verlassen? Du hast deine Mutter doch lieb?« »Ja, lieb hat er sie!« beteuerte Madam Levertin. »Kümmern Sie sich um ihre eigenen Angelegenheiten!« Die Madam tauchte unter wie eine Krickente. »Und wenn deine Mutter etwas zu trinken haben will, so halt ihr dies Glas an den Mund. Sie darf den Kopf nicht vom Kissen erheben. Vergiß das nicht!« »Nein!« »Soll Frau Frandsen nicht ausgezogen und ordentlich zu Bett gebracht werden?« fragte die Levertin wütend. Und hätte er sie bei lebendigem Leibe geschunden und dann langsam geröstet, so hätte sie nicht an sich halten können. Der Doktor sprang auf sie zu. »Sind Sie verrückt?« sagte er. Er sprach die ganze Zeit in einem heiseren Flüsterton, aber das machte ihn nur noch schreckeinflößender. »Sind Sie eine Mörderin? Wollen Sie absolut ins Zuchthaus! Haben Sie denn nicht gehört, daß ich sagte, sie dürfe keinen Finger rühren! Wie?« »Ja – ja –« stammelte die Madam und rang in ihrer Verzweiflung das Scheuertuch so kräftig, daß es krumm und trocken wurde wie der Zweig einer hundertjährigen Eiche. »Ja – aber –« »Halten Sie den Mund! Warum haben Sie sich Ihr Maulwerk nicht selber zusammengenäht! Das wäre der Menschheit dienlicher gewesen, als daß Sie den Frauenzimmern, die ebenso verrückt sind wie Sie, Kleider und Unterröcke prühnen.« »Aber, Herr Doktor!« »Raus mit Ihnen! Nun, wird es bald!« Und die Levertin kroch beinahe mit Bütte und Scheuertuch zur Tür hinaus. Der Distriktsarzt holte einen Stuhl und setzte ihn vor das Bett. »Sehe du dich dahin!« sagte er. Der Klumpen setzte sich. »Und daß du dich nicht rührst! In einer halben Stunde bin ich wieder hier. Hast du verstanden?« Dr. Bister zog seinen Rock, Gamaschen und Müffchen aus Klappmützenfell an und ging auf die Tür zu. Plötzlich wandte er sich um, ging zurück und strich dem fetten Friedrich über das Haar. »Du bist ein prächtiger Junge! Deine Mutter wird schon wieder gesund werden.« »Danke –« sagte der Klumpen, und die Tränen liefen ihm an den Wangen herab. Und dann ging Dr. Bister. Aber eine Sekunde später steckte er den Kopf wieder zur Tür herein. »Junge!« »Ja –« »Wie heißt du, Junge?« »Friedrich!« »Nun ja – wenn dieser Maulaffe da draußen,« er zeigte verächtlich mit nach hinten gebogenem Daumen auf die Tür, die zur Küche führte, »wenn sie ein Wort spricht, so schlag sie nieder! Ich nehme es auf mich! Adieu!« Vierzehn lange Tage hatte der Klumpen nun an dem Bett seiner kranken Mutter gesessen. Keine Macht der Welt hätte ihn veranlaßt, das Krankenzimmer auch nur auf eine Stunde zu verlassen. Er versäumte die Schule und er vernachlässigte seine Kameraden. Und wäre eine reitende, silbergestickte Stafette von Sr. Kgl. Hoheit dem Kronprinzen selber gekommen, mit einer Einladung für den Klumpen zu einer Tasse Schokolade aufs Schloß – der Klumpen hätte sicherlich auf die Stafette, auf Se. Kgl. Hoheit und die Schokolade gepfiffen! Unbeweglich saß er auf seinem Stuhl und starrte unverwandt das blasse Antlitz der Kranken an. Er fütterte sie, und er gab ihr zu trinken. Und an dem Tage, als Doktor Bister Erlaubnis erteilt hatte, daß ihr das Kleid ausgezogen wurde, hatte er ihm und der Krankenpflegerin eigenhändig bei dem Umkleiden geholfen. Der Levertin war das Betreten des ersten Stockwerks bei Todesstrafe verboten. Friedrich hatte die Zähne zusammengebissen, und die Tränen waren ihm in die Augen getreten, als die Mutter mit entblößtem Oberkörper dasaß, damit der Doktor ihre Brust und ihren Rücken untersuchen konnte – diesen armen, verkrüppelten Rücken, auf dem »die Regimentskasse« jetzt, wo sie nackend war, wie der Brustknochen bei einem mageren und elendiglich kleinen Vogel hervortrat. Er spähte nach den Augen des Arztes und der Krankenpflegerin, und hätte er das geringste spöttische Aufblitzen darin erblickt, so würde er sich über diese beiden Menschen gestürzt und sie erdrosselt haben. Aber der Eskimo faßte sie so zart und sorgsam an, und die Pflegerin stand ihm so fürsorglich bei, daß der Klumpen ihnen gern in die Arme gestürzt wäre und laut geschluchzt hätte aus schüchterner Dankbarkeit. Überhaupt hatte der dicke Friedrich, während er hier saß und seinen Schatz bewachte, den Eindruck erhalten, daß alle Leute in der ganzen Stadt so gut seien und so voller Verlangen, ihre Mitmenschen zu erfreuen und zu ermuntern. Kein Tag ging zu Ende, ohne daß sich nicht schleichende Schritte auf der Treppe hören ließen. Und wenn die Pflegerin dann hinausging, um nachzusehen, wer es sei, und den Zutritt zum Krankenzimmer zu verwehren, kehrte sie in der Regel zurück und meldete, da seien Blumen von Frau Lassen geschickt und ein kleiner Kuchen von Frau Heilbunth und ein paar Tauben von Frau Oppermann. Und bald war Oberlehrer Clausen dagewesen und hatte eingeguckt, um sich nach dem Befinden zu erkundigen, und bald waren Bäckermeister Windberg oder Holzhändler Rühle dagewesen. Selbst die Bürgermeisterin hatte geschickt und fragen lassen, wie es Frau Frandsen gehe. Und das taube Fräulein Rejersen, »des Bürgermeisters eigene Schwester«, war mit ihrem Waldhorn und einer kleinen Flasche Johannisbeersaft dagewesen. Frau Frandsen lag bleich und kurzatmig im Bett und lächelte. Der Eskimo hatte ihr verboten, mehr zu sprechen, als ganz notwendig war. Und deswegen begnügte sie sich damit, zu lächeln und glücklich auszusehen. »Ich liege hier ja wie eine Prinzessin. Herr Doktor!« sagte sie. »Alle Menschen sind so aufmerksam gegen mich.« »Ja–a,« brummte der Doktor, »das sind sie immer, wenn man unschädlich ist!« Der Klumpen saß auf seinem Stuhl. Seine verschiedenen Würste waren in diesen vierzehn Tagen eingeschrumpft. Und er sah verhältnismäßig mager und angegriffen aus. Frau Frandsen nahm seine Hand und streichelte sie. »Herr Doktor!« begann sie. »Mund halten!« sagte Bister, »habe ich Ihnen nicht verboten, zu sprechen?« »Ja, das haben Sie getan, aber –« »Wollen Sie etwa einen neuen Anfall haben? War der erste vielleicht nicht genügend?« »Gott bewahre!« sagte die kleine Frau ganz entsetzt. »Wollen Sie dann gefälligst die Plappermühle stillstehen lassen?« »Ja, aber ich muß Ihnen etwas sagen, was Friedrich betrifft.« »Finden Sie nicht auch, Herr Doktor, daß er elend aussieht?« Bister nahm ihn in Augenschein. »Er sieht aus wie ein Kapaun«, sagte er. »Meinen Sie aber nicht, daß er sich etwas Bewegung machen sollte? Einen Spaziergang machen?« »Natürlich soll er gehen! Sitzt er den ganzen Tag hier und schlägt die Zeit tot?« »Ja, das tut er! Er will ja nicht hinausgehen.« »Raus mit dir, Junge!« polterte der Eskimo los, jetzt flüsterte er nicht mehr. »Bist du des Teufels? – Dreimal um die Stadt herum!« »Mutter kann doch nicht – allein liegen!« flüsterte er mit verhaltenem Weinen. »Er tut es nicht, Herr Doktor! – Mache jetzt einen Spaziergang, lieber Friedrich!« »Hörst du denn nicht, daß deine Mutter nahe daran ist, sich einen Bruch anzuschreien!« sagte Bister. »Fort mit dir!« Und er zog den Jungen vom Stuhl und puffte ihn bis an die Tür. Aber da blieb Friedrich stehen. »Geh jetzt, lieber Fridy! Ich bitte dich doch so herzlich darum!« »Na, wird es bald!« sagte Bister. »Oder soll ich etwa eine Feuerzange heiß machen?« Der Klumpen warf einen verzweifelten Blick auf das Bett. Dann öffnete er die Tür ganz langsam und ganz wenig und scheuerte sich durch die Spalte. Aber er ging nicht weiter als bis in die Küche. Dort stand er und horchte und wartete, bis der Doktor das Haus verlassen hatte und die Mutter eingeschlafen war. Dann schlich er wieder auf seinen Wachposten zurück. Und wenn dann die Kranke erwachte, erzählte er eine Menge Dinge, die ihm unterwegs begegnet waren, und brachte ihr einen ganzen Haufen Grüße von freundlichen Menschen, die ihn angehalten und sich nach ihrem Befinden erkundigt hatten. Die Stadt war in Aufregung. Es hatte sich ein wirkliches Ereignis zugetragen. Nämlich die folgende Geschichte: Der alte Redakteur Heilbunth hatte eine »Geschäftsreise« nach der Hauptstadt gemacht, – die Gänsefüßchen stammten von der »leibhaftigen Bosheit« – und wollte mit dem letzten Zug zurückkehren. Und die Uhr wurde 11.35, und der Zug kam und hielt und fuhr weiter. Aber es war kein Redakteur da. Daheim in ihrer Wohnung saß Frau Heilbunth und wartete bis ein Viertel über zwölf mit Tee und Kaffeebrot. Dann aber fühlte sie sich beleidigt und ging zu Bett. Noch immer kein Redakteur. Die verlassene Gattin versuchte zu schlafen. Aber jedesmal, wenn die Bornholmer Uhr draußen auf dem Vorplatz mit ihren scharfen Schlägen die Stunde verkündete, erwachte sie und lugte nach dem benachbarten Bett hinüber. Kein Ehemann war da! Und die Uhr schlug zwei, sie schlug drei, vier und fünf! – Endlich gegen sechs Uhr hörte die ihren Leander den Schlüssel in die Haustür stecken. Und nach einer kleinen Weile betrat er das eheliche Schlafgemach. Frau Heilbunth erhob sich in ihrer ganzen Größe. »Mein Gott, Heilbunth, wie ich mich geängstigt habe!« »Hm!« sagte Heilbunth und setzte sich auf einen Stuhl. Er war ungewöhnlich rot im Gesicht und keuchte stark. »Aber wo bist du denn nur gewesen, Heilbunth?« »In Kopenhagen, Mutter, das weißt du ja recht gut!« »Ja, bist du denn aber nicht mit dem Zuge nach Hause gekommen?« »Ja–a, natürlich, hi, hi, hi!« kicherte der Redakteur. »Glaubst du etwa, daß ich hierher gegangen bin?« »Aber jetzt ist es doch Morgen, Heilbunth! Die Uhr ist sechs! Und der letzte Zug kommt ja um halb zwölf Uhr!« »Ja – Hü, hü, ho! Hü, hü, ho! Hohohohu, hi!« pfiff der Redakteur. »Wo bist du denn so lange gewesen?« »Hüo – hüo – huit! Das bekommst du noch früh genug zu wissen, liebe Trine!« »Aber Heilbunth! Bist du denn betrunken?« Der Redakteur lag hintenübergelehnt auf dem Stuhl, der unter den Bewegungen seines Fleisches knarrte, und lachte aus vollem Halse. »Betrunken?« sagte er. »Keine Spur, du liebe Gluckhenne!« »Weswegen lachst du denn so?« An dem ehelichen Himmel zog ein Gewitter auf. »Hi, hi, hi!« gluckste Heilbunth, »das ist eine verteufelte Geschichte! Wenn der liberale Petersen dahinterkommt, bin ich in einem Jahre fertig! – Ich bin ausrangiert, Trine!« »Was bist du?« » Ausrangiert , sage ich dir!« »Ausrangiert – ?« »Ja! Ha, ha, ha! Sie haben mich auf ein Seitengeleise gestellt!« Frau Heilbunth starrte ihn verständnislos an. »Du bist doch betrunken, Heilbunth!« sagte sie mit Nachdruck. »Weiß Gott, ich bin ganz nüchtern, Trine! Ich bin nicht betrunkener als der Rücken meiner Buchdruckerhand!« »Aber was für Reden führst du denn?« »Ja–a – hu–ü, hohohohu, huit! Aber eine verdammte Geschichte ist es darum doch, Trine! Denn, weißt du, Assistent Jörgensen hat mir ja versprochen, reinen Mund zu halten! Aber den Teufel tut er das! Ich tät's auch nicht an seiner Stelle. – Ha, ha, ha! Du hast keinen Begriff davon, Mutter, wie der Mensch lachen kann! Weiß Gott, ich glaubte, er bekäme Krämpfe, als er mich da stehen und das Fenster gerade vor einer Gaslaterne herablassen sah. – Auf dem leeren Platz, auf dem leeren Platz –« »Geh zu Bett, Heilbunth!« sagte die Gattin in strengem Ton. »Du sitzest ja da und redest Blödsinn!« »Ja«, sagte der Redakteur gehorsam und fing an, sich auszuziehen. »Das ist ja wahr, Mutter, ich soll dich vielmals von Svendsens grüßen!« »Da bist du also doch gewesen!« Frau Heilbunth hatte sich demonstrativ in Schlafposition gelegt und das Oberbett bis unter das Kinn hinaufgezogen. »Ob ich dagewesen bin! Mein Gott, da bin ich natürlich gewesen! Wir haben einen ungewöhnlich flotten L'hombre gespielt. Kapitän Regenwurm war da –« »Regenstein!« verbesserte Frau Heilbunth. »Ein ungewöhnlich tüchtiger Mann! Und dann brachten sie mich alle an die Bahn –« »Das ist gewiß sehr notwendig gewesen, Heilbunth!« »Was sagst du, altes Zuckerhuhn! Ich finde, du liegst da so sonderbar und murrst vor dich hin! – Ja, und dann sagten sie, ich sollte doch erster Klasse fahren – Regenwurm, dieser Hund, machte den Vorschlag, ha, ha, ha! Denn, weißt du, wenn noch andere Leute im Abteil gewesen wären, so wäre es ja niemals geschehen! Aber ich schlief ja sofort ein, und da merkte ich nichts. Das kannst du wohl doch verstehen? Und dann kommen diese Menschen und rangieren mich aus. Ha, ha, ha! Das ist die beste Geschichte, die ich jemals gehört habe! Aber ich gebe gern hundert Kronen aus, wenn sie einem andern passiert wäre! Und erst um halb sechs Uhr wache ich auf! Und da lag ich da! Ha, ha ha! Zuerst konnte ich mich auf nichts besinnen! Auf rein gar nichts! Anfangs glaubte ich ja, du hättest mich aus die Chaiselongue verbannt!« Er war an das Bett seiner Frau getreten und stand nun da und sah sie verliebt an. »Was meinst du dazu, liebe Trine, – auf die Chaiselongue, – ich glaubte, meine kleine Mutter hätte mich auf die Chaiselongue verbannt, weil ich einen gar zu flotten L'hombre gespielt hätte, – mein kleines Lamm hätte mich auf die Chaiselongue verbannt. – Kille-Kille-Kille!« Die beleidigte Gattin fuhr in die Höhe: »Heilbunth!« Der Redakteur hatte plötzlich einen Ausfall gegen seine bessere Hälfte gemacht und versucht, sie zu kitzeln. »Heilbunth!« »Ja!« sagte der Verbrecher und stand stramm. »Geh auf die andere Seite und leg' dich schlafen!« »Ja, aber –« »Geh auf die andere Seite und leg' dich schlafen! In dein eigenes Bett, hörst du!« »Ja – aber heute ist doch Mittwoch, liebe Trine, und das ist doch mein Tag –« »Geh hin und leg' dich in dein eigenes Bett, hörst du!« »Ja, ja!« »Und kein Wort mehr davon!« »Nein, – aber einen kleinen Gutenachtkuß, Trine, nicht wahr? Einen kleinen Gutenachtkuß!« »Heilbunth!« »Ja, ich gehe ja schon! Ich gehe ja schon!« Trine legte sich majestätisch in ihr Bett zurück und wandte dem Feind den Rücken zu, indem sie das Federbett fürsorglich bis an die Augen hinaufzog. Und zehn Minuten später krachte das benachbarte Lager unter dem Gewicht von 315 Pfund ziemlich enttäuschten Redakteurfleisches. Natürlich hielt der Eisenbahnassistent Jörgensen nicht reinen Mund! Kaum graute der Tag im Osten, kaum belebten sich die Eisenbahn-, Telegraphen- und Postbureaus, als er auch schon von einem Zimmer ins andere stürzte und das Ereignis der Nacht erzählte. Er schleppte sogar verschiedene Beamte auf den Bahnsteig hinaus und zeigte ihnen den Ort der Tat. Und die Geschichte flog von einem Stockwerk zum andern, türaus, türein, treppauf, treppab. Und selbst der Billettkassierer mußte sie durch sein Guckloch mehrmals wieder von sich geben. Und als sie erst über das Eisenbahngelände hinausgedrungen war, verbreitete sie sich in weniger als einer halben Stunde über die ganze Stadt. Barbier Spitzkuck verließ Messer und Seifenschaum und sauste wie der Wind über die Straße zu Eisenkrämer Tillge hinüber. »Haben Sie schon gehört, Tillge, daß dieser Redakteur Heilbunth die ganze Nacht im Zuge geschlafen hat?« »Das ist doch des Satans!« sagte Tillge. »Sie hatten ihn im Abteil vergessen, und als sie des Morgens hinkamen, steckte er den Kopf zum Fenster hinaus.« »Das ist doch des Satans!« wiederholte Tillge. »Und da hat er die ganze Nacht zugebracht?« »Ja, ja! Und wäre er nicht aufgewacht, so wären sie mit ihm bis nach Korsör und vielleicht bis nach Skagen weitergefahren!« »Das ist doch des Satans!« sagte Tillge nochmals. »Nicht wahr, ja? – Aber 'n Morgen, 'n Morgen, Nachbar! Bei mir sitzt ein eingeseifter Agrarier und wartet auf das Messer!« Und weg war Herr Spitzkuck. Die Nanking-Barbierjacke flatterte wagerecht hinter ihm her in der Luft, als er wieder hinübersauste. Draußen vor dem Grünwarengeschäft in der Brückengasse stand die Blumenkohl-Marie in lebhafter Unterhaltung mit Tischlers Stine. »Ja«, sagte Marie. – sie hatte die Arme über Waldine gekreuzt, deren Hinterkörper an ihr herabhing. »Ja,« sagte sie, – »Redakteurens Annine war selbst heute morgen hier, um ein Bündel Porree zu holen, und sie hatte hinter der Tür gestanden und sie beim Kaffee darüber reden hören! Frau Heilbunth soll außer sich sein vor Wut!« »Hat er denn die ganze Nacht im Zug gelegen?« »Ja, und total betrunken!« »Herr du meines Lebens! Und so einer will zu den Feinen gehören!« sagte Tischlers Stine und bekreuzigte sich. »Die Feinen sind die Ärgsten!« nickte die Blumenkohl-Marie, »das macht all das teure Dreckzeug, womit sie sich vollfüllen!« »Hat ihn denn jemand gesehen?« »Ob ihn jemand gesehen hat? Sie haben ihn vier Mann hoch nach Hause schleppen müssen!« »Hat Annine das erzählt?« »Nee, – aber wie zum Teufel auch sollte er denn sonst nach Hause gekommen sein?« »Ja-a!« »Bei dem Fett, an dem er zu tragen hat!« »Ja, fressen können sie, weiß Gott!« »Und dabei feilscht die Frau doch um zwei Öre, wenn sie was kaufen will.« »Ja, geizig sind sie, weiß Gott!« »Aber, wenn man das weiß, Stine, so setzt man natürlich die Preise danach an!« »Großartig, Marie, hi, hi, hi! Gehört er mit zum Stadtrat?« »Natürlich gehört er dazu!« »Dann schmeißen sie ihn nach dieser Schweinerei doch wohl raus?« »Die und rausschmeißen, Stine! Die trinken, hol' mich der Teufel, alle sieben, die hohen Herren im Rat.« Stine bekreuzigte sich von neuem. »Ja, das sag' ich ja. Marie,« sagte sie dann, »wo ist die Gerechtigkeit, sag' ich.« »In der Hölle!« antwortete der Blumenkohl. Bäckermeister Windberg und Bürgermeister Rejersen begegneten sich auf dem Marktplatz. Der Bürgermeister blieb stehen, und Windberg grüßte tief und geschmeichelt. Er war in Reichsacht, Bäckermeister Windberg, wegen der häufigen Unpäßlichkeiten seiner Mamsellen. Der Bürgermeister sah bekümmert und nachdenklich aus. »Ja, ich brauche wohl nicht zu fragen, ob Sie es gehört haben, mein guter Windberg?« sagte er. Auch des Bäckermeisters Blick war finster. »Eine unangenehme Sache für die Partei, Herr Bürgermeister.« »Eine sehr unangenehme Sache, ja!« »Durch dergleichen Sachen bekommt die Opposition Oberwasser!« »Die Opposition, ja – ja, allerdings –« Plötzlich blitzte ein leises Lächeln in den Augen des Bürgermeisters auf. »Amüsant ist die Geschichte ja aber trotzdem«, sagte er. »Von der Seite gesehen!« Sofort nahm Windbergs Butterteiggesicht denselben Ausdruck an. »Ja, Herr Bürgermeister! Ich gäb' was drum, wenn ich den Redakteur gesehen hätte, als er aufwachte!« »Ja, das wäre viel Geld wert gewesen! – Haben Sie etwas darüber gehört, Windberg, wie er nach Hause gekommen ist?« »Es heißt, ein paar Schaffner hätten ihn getragen.« Des Bürgermeisters Gesicht verfinsterte sich von neuem. »Ja, ja! Es ist wirklich schade um diesen sonst so liebenswürdigen Mann!« Auch Windberg empfand augenblicklich großen Kummer. »Und ein Mann in seinem Alter!« sagte er beinahe mit Tränen in den Augen. »Ja, ja, ja! – Haben Sie ihn heute gesehen?« »Nein.« »Er ist sicher ziemlich geknickt! Hi, hi, hi!« »Ha, ha, ha! An die fünfzig Pfund hat er gewiß eingebüßt!« »Ach nein! Dazu gehört wohl mehr! Hi, hi, hi!« »Ha, ha, ha, ha, dazu gehört wohl mehr!« »Ja, wenn er hätte von der Hauptstadt nach Hause gehen müssen!« »Dann wäre wohl nicht viel mehr als die Hosen durch das Nonnentor eingezogen?« »Hi, hi, hi! – Ein Glück, daß man noch lachen kann! Adieu, Herr Windberg! Hat mich gefreut, Sie begrüßen zu können!« »Adieu, Herr Bürgermeister, adieu! Große Ehre!« An der Table d'hote des Hotels gingen die Wellen hoch, denn mitten in all das Gelächter und die Witze über das redakteurliche Unglück hinein scholl plötzlich Zollkontrolleur Knagsteds Stimme, der bisher ganz schweigend dagesessen, sich mit seinem Essen beschäftigt und den andern zugehört hatte: »Ja, da haben wir einen neuen Beweis für die Bummelwirtschaft auf unseren Eisenbahnen!« Es entstand Totenstille im Saal, alle starrten Esau an. »Sie wollen damit sagen, Herr Zollkontrolleur?« fragte ein jüngerer Eisenbahnassistent spitz. »Ich will damit sagen, daß Ihr wie gewöhnlich im Dienst geschlafen habt«, entgegnete Knagsted. »Wir haben geschlafen?« »Ja!« »Möchten Sie sich nicht ein wenig genauer ausdrücken. Herr Zollkontrolleur?« »N–nein!« Ein paar von den Gästen platzten vor Lachen laut los. Und der kleine Eisenbahnassistent bekam einen dunkelroten Kopf. »Herr Knagsted ist immer so scherzhaft!« »Der Kontrolleur hat, weiß Gott, recht!« sagte ein dicker Handlungsreisender mit einer Diamantnadel. »Die Eisenbahn ist für das Publikum da und nicht umgekehrt.« »Wir können nichts dafür, wenn die Leute sich betrinken!« sagte der Assistent mit verbissenem Ausdruck. »Sich betrinken! Pfui! Pfui!« erklang es ringsumher am Tisch. Knagsted lächelte hinter seiner Haarmasse. »Und dann fuhr der Redakteur obendrein noch erster Klasse!« sagte er. Ein vor Wut feuerroter, funkensprühender Viehkommissionär drehte sich wie ein Kreisel nach ihm um. »Wollen Sie, werter Herr, etwa damit sagen, daß ein Erster-Klasse-Reisender mehr wert ist als ein Dritter-Klasse-Reisender?« »Ja, weiß Gott, das ist meine Ansicht«, nickte der Zöllner ruhig. Der Viehkommissionär sprühte wie eine Esse. »Ei was!« rief er und schlug auf den Tisch, »und ich bin der Ansicht, daß wir alle gleich sind!« Esau sah ihm fest in die Augen. »Das meinen Sie ja gar nicht, mein lieber – Viehhändler!« »Hol' mich der Teufel, das meine ich!« »Gilt Ihnen denn ein Vollblutpferd nicht mehr als ein Droschkengaul?« »Das ist etwas ganz anderes!« »Ja, das ist etwas ganz anderes, Herr Zollkontrolleur!« riefen ein paar Stimmen. »Gott bewahre!« meinte jemand unten am Tisch. »Das muß doch jeder einsehen,« sagte der dicke Handlungsreisende mit der Diamantnadel, »daß ein großer Unterschied zwischen Menschen und Menschen ist!« »Der Zollkontrolleur ist ein Großbürger!« rief der Bahnassistent, der entzückt war, daß man das Thema gewechselt hatte. »Ein Großbürger!« wiederholte die Diamantnadel. »Sie Eisenbahnzwiebel! Warten Sie nur, bis Sie höhere Gage erhalten!« »Gage!« brüllte der Kommissionär. »Ich hab', hol' mich der Teufel, mindestens meine achttausend im Jahr! Aber ich stimme trotzdem für Philipsen!« »Ist das derselbe, der den alten Meyer ermordet hat?« fragte ein kleines, schmächtiges, blasses Männchen, das in Löschpapier reiste. Der ganze Tisch brach in ein schallendes Gelächter aus. Der Kommissionär aber wandte sich mit dunkelrotem Kopf nach dem Witzbold um. »Und ich lasse mich von zehn Probenreiterschnauzen nicht einschüchtern!« sagte er. Alle fuhren in die Höhe. »Was sagt er?« »Probenreiterschnauzen?« »Meint er uns damit?« schrie man. »Natürlich seid ihr damit gemeint, ja! Man hat wohl ebensogut wie ihr seinen Platz hier am Tisch bezahlt! Wollt ihr was von mir?« Und er erhob sich in seiner ganzen Größe. Die Handlungsreisenden scharten sich um ihn. Und es entstand ein mächtiges Rufen und Schreien. Der Wirt kam aus der Küche herbeigestürzt. »Geehrte Herren! Geehrte Herren! Mein Renommee! Mein Renommee!« »Platz!« sagte plötzlich der Mann mit der Diamantnadel und schaffte sich mit Schwimmbewegungen Raum für die Arme. – »Platz, meine Herren! Lassen Sie mich mit dem Ochsentreiber reden!« Und er stellte sich dem Kommissionär von Angesicht zu Angesicht gegenüber. »Du bist mörderisch stark!« sagte er in einem sanften, beinahe zärtlichen Ton, »du bist viel zu stark, um hier im Zimmer zu sein! Du kannst ja keine Luft holen! Komm! Wollen wir nicht ein wenig hinausgehen, lieber Roßkamm? Wie, du willst dich mucksen? – Schwipp! Schwapp! Hallo! Bitte schön!« »Mein Herr! Mein Herr!« schrie der Wirt voller Entsetzen. Die Diamantnadel hatte den Kommissionär um den Leib gefaßt und seine Beine über den einen Arm geschlagen und trug ihn nun so, von sämtlichen Gästen gefolgt, aus dem Lokal hinaus. Nur die »leibhaftige Bosheit« blieb am Tische sitzen und verzehrte in aller Gemütsruhe das Dessert. Es bestand in: Früchten der Jahreszeit. In dem kleinen Thomsenschen Hause am Nonnentor herrschte die lieblichste Harmonie. Emanuel war, seit der liebe Gott ihn erhört hatte, die personifizierte Liebenswürdigkeit und Anhänglichkeit geworden. Nie mehr kam ein böses Wort über seine Lippen. Er scherzte den lieben langen Tag mit der guten Mutter Karen, und er war bemüht, ihr in jeder Hinsicht zu nützen und sie zu erfreuen. Er hatte sich eine Art und Weise, sie zu behandeln, zugelegt, die aus der milden Herablassung eines Grandseigneurs, gemischt mit der ein wenig harselierenden Courtoisie eines liebevollen Sohnes, bestand. Wenn sie ihm am Morgen seinen Kaffee brachte, hielt er seine kleine Stumpfnase über die Tasse und sog den Dampf mit allen Zeichen des Wohlbehagens ein. »Der Java der Gnädigen entzückt einen!« sagte er und sandte ihr einen verliebten Blick zu. »Die Gnädige macht den besten Kaffee in der ganzen Welt!« »Ach, Manuel!« lächelte Madam Thomsen und schlug mit der einen Hand nach ihm. – »Wie du nur redest!« Im Innern aber war sie glückselig über die Galanterie des Sohnes. Sie saß noch immer in dem großen Lehnstuhl am Fenster und nähte fleißig mit ihren geschäftigen Fingern. Jetzt arbeitete sie aber »für das Haus«. Zwischen Manuel und Wulfdine war es ja nämlich jetzt Ernst geworden. Thomsen war ein paarmal in Grästed zu Besuch gewesen, und als er das letztemal nach Hause kam, war die Sache klipp und klar. Das war an einem Dienstag. Und am Sonntag kam Onkel Jakob mit »Dine« in des Schulzen Einspänner angefahren. Thomsen hatte sich als angehender Bräutigam mit großem und kleidsamem Ernst aufgeführt. Jedesmal aber, wenn er mit seiner Braut gesprochen oder sie nur angesehen hatte, war sie zusammengeklappt und hatte das Gesicht mit den Händen bedeckt. Und wenn er seiner liebenden Sehnsucht Ausdruck verleihen und sie berühren wollte, kicherte sie krampfhaft und versank mehrere Fuß tief in den Erdboden. »Aber, – hm, – ja, das wird sich schon geben!« meinte Onkel Jakob. Und Manuel selber gefiel das Benehmen seiner Herzensdame. Er fühlte seine eigene Männlichkeit gleichsam kräftiger akzentuiert neben dieser mimosenhaften Verschämtheit. Das sagte er zu dem Alten. Und alle Teile waren zufrieden. Man redete ein wenig hin und her über die Angelegenheit, und es wurde beschlossen, daß die Hochzeit im Sommer, einen Monat nach dem Rückkauf des Mühlenhofes, stattfinden sollte. Dann hoffte man mit allem soweit in Ordnung zu sein. Und nun saß, wie gesagt, Madam Thomsen da und nähte die Aussteuer. Damit soll natürlich nicht gesagt sein, daß Wulfdine nicht allerlei mit in die Ehe brachte. Im Gegenteil! Aber es war ja immerhin angenehm, alles ein wenig reichlich zu haben. Und weder Manuel noch Mutter Karen hatten seit langer Zeit ihre Garderobe in bezug auf Leibwäsche erneuert. Und jetzt war nicht mehr die Rede davon, daß der »Junge« in dieser Beziehung den Daumen auf den Beutel hielt. Fein und gut sollte die Leinwand sowohl zu den Frauen- wie zu den Männerhemden sein. Während die Mutter mit ihrer Näharbeit beschäftigt war, saß Thomsen vor dem andern Fenster des Zimmers und schnitzte an einem Rahmen. Er hatte der »Gnädigen« den Rücken zugewendet, damit ihm das Licht von der rechten Seite auf die Hand fiel. »Ob man nicht auch gleich ein paar Manschettenhemden nehmen sollte?« fragte er plötzlich und wandte den Kopf nach Mutter Karen um. »Aber mein Gott, Manuel! Manschettenhemden!« sagte die Madam erschrocken. »Du kannst dir ja ein paar Kragen kaufen!« »Das findet man bäurisch!« »Dein Vater trug doch immer Kragen!« »Man muß mit der Zeit fortschreiten, Mutter Karen!« »Ja–a, das muß man wohl!« »Und die Manschettenhemden sitzen besser so vor der Brust.« »Dann nimm du Manschettenhemden, lieber Manuel. Aber ich kann sie nicht nähen. Du mußt wohl in ein Equipierungsgeschäft gehen.« »Man wird sich die Sache überlegen«, nickte Manuel und fing wieder an zu schnitzen. Das Feuer im Ofen prasselte, die Potpourrikruke duftete, und sie plauderten und sahen traulich beieinander. »Mit dem Konsul da drüben soll es sehr schlecht stehen, Manuel.« »So? Ja, er ist schon lange Todeskandidat gewesen.« »Ja. – Und der Zollkontrolleur kommt gar nicht mehr hin, sagt Engeline.« »Ja, wir Menschen sind ja recht unbeständige Wesen, Mutter Karen. Nur gut, daß wir beide zusammenhalten.« »Ja, Gott sei Lob und Dank!« sagte Madam Thomsen mit Inbrunst. – »Ich danke dem lieben Gott immer wieder, daß es so zwischen uns geworden ist.« Emanuel wandte den Kopf um und nickte ihr schräg über die Schulter zu. »Ja, man ist ja oft recht häßlich gewesen«, sagte er. »Weißt da aber wohl, Mutter Karen, wer hier in diesem Rahmen sitzen soll?« Er lächelte verschmitzt. »Nein, woher sollte ich das wohl wissen, lieber Manuel? Ich denke mir, Wulfdine?« Thomsen lachte laut. »Nein, nein«, sagte er. »Da ist ja eine kleine Dame, die zu allererst kommt!« »Ach, du mit deiner Dame!« »Und sie soll ihr feines schwarzes Kleid anhaben und ihre neue Haube aufsetzen. Und dann soll sie in Kabinett photographiert werden und hier sitzen.« »Der ist viel zu fein für mich, Manuel!« »Nein, nein! Das Beste ist nicht zu gut für die Beste! – Willst du nicht eine kleine Schaufel voll Kohlen aufwerfen?« Madam Thomsen erhob sich sofort und parierte Order. Auf dem Rückweg an ihren Platz strich sie Manuel zärtlich über den Rücken. »Du bist ein guter Sohn«, sagte sie. Thomsen nickte ihr über die Schulter zu. »Man hat eine gute Mutter,« sagte er, »das ist die Sache!« »Hi, hi, hi!« lächelte Madam Thomsen, und Tränen der Rührung traten ihr in die Augen. Dann setzte sie sich still in ihren Stuhl. Eine Weile war jeder schweigend mit seinen Gedanken beschäftigt, und im Zimmer wurde es wärmer und wärmer. Dann erhob Madam Thomsen langsam den Kopf von ihrer Näharbeit. »Manuel –« »Ja – –« Eine schwache Röte stieg in die Wangen der kleinen Frau. »Ich möchte dich gern noch etwas fragen, Manuel.« »Nun? Und was ist das denn?« Thomsen arbeitete an einer besonders schwierigen Stelle des Rahmens. »Nur frisch drauflos!« sagte er. »Ja, aber du mußt es mir nicht übelnehmen, Manuel.« »Nein, nein, die Zeiten sind vorbei.« »Ja, siehst du, ich wollte gern. – Hast du – du hast so lange nicht davon gesprochen, ob du – ob du deinen Vater gesehen, – ob er dich wieder besucht hat – –« »Nein, er hat einen nicht besucht.« »Ich finde, das ist sonderbar, Manuel, da ist doch so vielerlei, worüber er dir Bescheid sagen könnte –« »Die Verstorbenen mischen sich nicht in Kleinigkeiten«, sagte Manuel sehr bestimmt. »Nein, aber –« »Und nun hat er einem ja zum Mühlenhof verholfen!« »Ja–a. Aber schon allein deine Verlobung mit Wulfdine!« »Wäre er in seinem Himmel damit nicht einverstanden gewesen, so hätte er wohl abgeraten.« »Ja–a, aber er hat sich auch nicht darüber ausgesprochen, wann du den Hof übernehmen sollst.« »Den übernimmt man, wenn man will !« sagte Manuel ein wenig abweisend. – »Und Mutter Karen soll nicht dasitzen und sich Sorgen machen. Man wird schon zugreifen, wenn der Geist es befiehlt.« Madam Thomsen schwieg eine Weile. »Aber Mortensen meint ja auch, daß du am besten tust, wenn du bis zum Juni damit wartest«, sagte sie dann. »Man wartet, solange man Lust hat!« sagte Manuel mit einem Anflug seiner alten Heftigkeit, »und wandelt die Lust einen morgen an, so kehrte man sich den Teufel an Mortensens Redensarten! Punktum! Und nun reden wir nicht mehr darüber.« Mutter Karen seufzte und schüttelte den Kopf. Dies war die Klippe, an der sie regelmäßig scheiterte. In diesem Punkt war Manuel nicht zu erweichen. So sanft und friedfertig er im übrigen auch geworden war, über seine Absichten bezüglich des Mühlenhofes sprach er sich niemals aus. Und wenn ihm der Einfall kam, ihn morgen zu kaufen, so kaufte er ihn, und wenn ihm auch tausend Menschen davon abrieten! – »Ach du mein Gott, mein Gott, ja!« Emanuel wandte den Kopf ein wenig um. »Man möchte glauben, die Gnädige hätten geseufzt?« sagte er. »Ach ja, das tat ich wohl!« Thomsen erhob sich. »Du bist ein undankbares Geschöpf, liebe Karen Thomsen!« »Aber mein Gott, Manuel!« »Ja, das bist du! Hat uns der liebe Gott denn nicht in jeder Weise beigestanden?« »Ja, ja!« »Und du schämst dich nicht zu stöhnen!« Die kleine Frau faltete flehend die Hände. »Aber wer soll die Bewirtschaftung da draußen übernehmen, Manuel?« sagte sie; das war der Gedanke, der sie Tag und Nacht plagte. »Wer soll die Bewirtschaftung des Gehöftes übernehmen? Du hast dich nie um die Landwirtschaft gekümmert, nein, das hast du nicht getan. Du hast dich ja nur mit dem Garten und den Gebäuden –« Manuel schnitt ihre Rede ab, indem er ihr plötzlich die Hand hinhielt. »Adieu!« sagte er ruhig. »Jetzt will man einen Spaziergang machen.« »Du willst fortgehen, wo wir gerade –« »Ja, man hat Bewegung nötig!« »Ja, aber –« »Adieu!« wiederholte er ohne allen Zorn, aber mit großer Würde. »In einer Stunde, wenn meine Frau Mutter ihre Vernunft wiedergefunden hat, wird sie ihren Sohn wiedersehen!« Er machte eine kleine schiefe Verneigung und entfernte sich. Dergleichen kleine Szenen konnten stattfinden. Wenn aber »der Junge« präzise nach einer Stunde wiederkam, klopfte er Mutter Karen lächelnd und liebenswürdig auf die Schulter und brachte ihr in der Regel einen Kuchen, eine Apfelsine oder eine Tüte Schokoladenplätzchen als Versöhnungsgabe mit. Und das aß sie dann. »Jetzt bekommen wir Schnee!« sagte Frau Stadtkassierer Lassen. Sie war mit ihrem Bündel Strümpfen und wollenen Hosen für die Weihnachtsbescherung bei dem siamesischen Zwilling Heilbunth gewesen. »Jetzt bekommen wir Schnee, Frau Fredriksen! Aber was ist auch ein Weihnachtsfest ohne Schnee, ich bitte Sie!« »Nein!« sagte Frau Fredriksen. Die Damen waren sich an der Ecke der Brückenstraße und der Südstraße begegnet. »Da haben Sie recht, Frau Lassen! – Wenigstens für die, die überhaupt Weihnachten feiern!« fügte sie hinzu. Frau Fredriksen war wie gewöhnlich mit ihrem Emblem, dem Beutel, ausgestattet. »Sie Ärmste müssen in Praxis?« »Ja–a!« seufzte »die Madam« – »die Menschen lassen mir auch nie Ruhe! Eben komme ich aus dem Grünen Weg: Ein Junge! Und schon wieder hält unten beim Kaufmann Lund ein Wagen für mich: Drei Meilen über Land!« »Sie Ärmste!« wiederholte Frau Lassen. »Daß die Leute auch nicht warten können!« Die Madam lächelte. »Na, wenn das so über einen kommt, dann –« »Ja, natürlich! – und wann denken Sie denn, daß Sie wiederkommen?« »So im Lauf der Nacht, wenn's lange währt.« »Sie Ärmste! Am heiligen Abend!« »Ja, das ist auch der einzige Abend, an dem ich gern Urlaub nehmen möchte! – Ja, aber dafür ist man ja, was man ist!« »Sie und Ihre Tochter sollten wohl bei Ihrer Schwester feiern?« »Ja, mit den Kindern beim brennenden Tannenbaum! Karoline geht nun allein; es wäre ja unrecht, wenn sie dasitzen und aufs Ungewisse hin warten sollte.« »Ja, natürlich! – Wo hat Ihre Schwester ihre Gans gekauft?« »Das weiß ich wirklich nicht. Ich denke mir, bei Krögers. – Aber jetzt muß ich weiter! – Adieu, Frau Lassen, und ein fröhliches Fest!« »Fröhliches Fest, Frau Fredriksen! Fröhliches Fest! – Dies herrliche Schneewetter!« »Ja–a!« Frau Fredriksen war schon ein Dutzend Schritte weitergeeilt. Das war am heiligen Abend um drei Uhr nachmittags. Und die Stadtkassiererin war, wie gesagt, bei ihrer Freundin Frau Heilbunth gewesen und hatte dieser ihren Beitrag zu dem großen Tannenbaum gebracht, der zwei Tage nach dem Fest in »Stadt Gammelkjöbings« Theatersaal zu Nutz und Frommen der Kinder aus dem Kinderheim und der Volksschule angezündet werden sollte. Frau Heilbunth war Vorsteherin, und die Gaben strömten herbei. Die Frauen und jungen Mädchen des Städtchens wurden alle so mildtätig und gut, wenn das Weihnachtsfest sich näherte. Sie nähten und strickten, schnitten Tannenbaumschmuck aus und buken Kuchen, und hatten, wie unglaublich es auch klingen mag, kaum Zeit zu den kleinen pikanten Teeniedermetzelungen und Kaffeeklatschereien, die sonst ihren Lieblingszeitvertreib bildeten. Sie hielten sich alle innerhalb ihrer vier Wände. Die Münder waren geschlossen, und die Finger regten sich. Die letzten vierzehn Tage vor dem Fest hatte eine beinahe fieberhafte Geschäftigkeit in den verschiedenen Häusern geherrscht. Und über der ganzen Stadt lagerte ein Duft von Backwerk! Und der Marktplatz und die angrenzenden Straßen hatten einen einzigen großen Tannenwald gebildet, in dem die Kinder mit großen Augen und erwartungsvoll pochenden Herzen umhergingen. Aber es hatte gestürmt und geregnet, und in die Freude hatte sich allerlei Wermut gemischt. – Und dann endlich gestern hatte es zu schneien angefangen. Und diesen Morgen hatte der Wind sich gelegt und der Schnee fiel jetzt in großen, stillen Flocken auf Straßen und Häuser herab. Es waren ein paar Grad Kälte. Die Schneedecke hielt sich. Es versprach das schönste Weihnachtswetter zu werden. Frau Stadtkassierer Lassen toffelte in ihren Galoschen von dannen. Sie trug einen Pelzradmantel und eine Pelzmütze. Die frische Luft hatte ihre vierzigjährigen Wangen gerötet. Und sie ging ganz langsam, um die Schneestimmung zu genießen. Die Stadt machte sich so entzückend mit all diesem Weißen! Und doch konnte sie nicht umhin, im Innersten ihres Herzens zu seufzen. Zu keiner Zeit des Jahres empfand nämlich Frau Lassen die Entbehrung, nicht Mutter zu sein, so schmerzlich wie zum Weihnachtsfest: »Denn wissen Sie was, Frau Heilbunth,« hatte sie gesagt, als sie ihr Wohltätigkeitsbündel ablieferte – »es muß ja ganz gut sein, andern Freude zu bereiten, und das muß man ja auch tun! Aber zu so einer Festzeit entbehrt man es doch, nicht von seinem eigenen Fleisch und Blut umringt zu sein! – Da sitzen dann Lassen und ich in unsern traulichen Stuben, und wir essen Gänsebraten und schenken uns gegenseitig Kleinigkeiten – aber man entbehrt etwas! Ich wenigstens tue es. Lassen ist ja ein Mann und hat seinen Tabak und seinen Grog, aber eine Frau , liebe Frau Heilbunth, eine Frau, die nicht Mutter ist! – Ich begreife es auch wirklich nicht, warum bei uns keine Kinder gekommen sind! Wir sind doch gesunde Menschen! Und Lassen hatte sechs Geschwister, und wir waren elf! – Im Sommer, großer Gott, ja, da ist ja so mancherlei, was die Gedanken ablenken kann, aber im Winter, und namentlich zur Weihnachtszeit , wenn alle Häuser von unschuldiger Fröhlichkeit widerhallen. – Wissen Sie was, Frau Heilbunth, Ihnen will ich es gestehen: Voriges Jahr habe ich am heiligen Abend in der Dämmerstunde auf meinem Fenstertritt gesessen und geweint , während Lassen in die Stadt gegangen war, um noch eine Besorgung zu machen! Und das ist doch, weiß Gott, nicht des lieben Gottes Meinung, als er seinen Sohn hat geboren werden lassen!« Ein silberfeines Schellengeklingel ertönte unten in der Straße. Frau Lassen drehte sich behende um: Der erste Schlitten! Es war der Kille-kille-Gutsbesitzer Heimann mit seinen Schimmeln. Sie tanzten wie die Rehböcke vor dem Schlitten. Auf den Köpfen hatten sie Federbüschel, auf dem Rücken Roßhaarschweife, und ein großes filiertes Schlittennetz umwogte sie. Der Gutsbesitzer selbst stand abgehärtet, blond und stattlich in seinem Bärenpelz, mit Pelzstiefeln und Mütze hinten auf dem Schlitten. Die lange Schlittenpeitsche schleppte wie eine Natter in dem weißen Schnee hinter ihm drein. Und wenn er sie schwang, klang es wie Kanonendonner. Frau Lassen stand in den Anblick versunken da, versunken und empört. Denn der »Kille-kille« war Gammelkjöbings »großes Tier«. Der Schlitten bog auf den Marktplatz ein. Und ein gewaltiger Peitschenknall machte die Gaslaternen erklirren. Hinter Fenstern und Türen sah man große, neugierige Augen. Und die Stadtkassiererin stand wie angewachsen in ihren Galoschen da, obgleich ihre Füße zu frieren anfingen. Sie hatte ihr »Mutterweh« ganz vergessen. In einem großen Bogen fuhr der Schlitten an Kürschner Hatteras' und Krämer Rübensies Läden vorüber und hielt vor der Buchhandlung. »Nun bitte ich Sie!« dachte Frau Lassen und erstarrte. Abermals ertönte ein Peitschenknall über den Marktplatz. Diesmal hallte er von der Kirche zu den Weißen Schwestern oben auf dem Hügel wider. Und noch ein Knall! Die Tür der Buchhandlung wurde schnell geöffnet, und Frau Oppermann kam lächelnd die Treppe herab. Auch sie war ganz in Pelz gehüllt, und auf dem Kopf trug sie einen breitrandigen Filzhut mit Myriaden von wehenden Straußenfedern. »Guten Tag, Heimann!« nickte sie vergnügt. »Das muß man sagen, Sie sind präzise!« Der Gutsbesitzer war vom Schlitten gesprungen und stand nun da und hielt die Decke zur Seite – es war ein Eisbärfell mit Kopf und Pfoten –, damit die Gnädige einsteigen könne. In den Fenstern des ersten Stockwerks lagen alle »Novellen«, um zuzusehen. Jede Ladentür auf dem ganzen Marktplatze war angelehnt, und gegen jede Fensterscheibe drückte sich ein Gesicht flach. »Ruhig!« donnerte der Gutsbesitzer, als die Schimmel zu tanzen anfingen. Und sofort standen sie regungslos da. Der Kavalier stopfte den Eisbären sorgfältig rings um die Dame herum ein und schwang sich dann auf den Kutschersitz. Ein rasselnder Knall. Die Pferde zogen an. Die Schellen klingelten. Die Roßschweife wogten, und das Fuhrwerk sauste von bannen. Oben in den Fenstern nickten die »Novellen« und warfen Kußhände herunter, Frau Oppermann winkte mit ihrem Muff hinauf. Aber vor Frau Lassens Augen war es längst finstere Nacht geworden: »Am heiligen Abend!« murmelte sie, »etwas so Schamloses! Mitten auf dem Marktplatz!« Und sie ging einen Augenblick stark mit dem Gedanken um, zu Frau Heilbunth zurückzukehren und das Ereignis gründlich zu bereden. Da aber ertönte im selben Moment dicht neben ihr eine Stimme: »Ein stolzes Paar, Frau Lassen, nicht wahr?« Sie drehte sich um. »Mein Gott, Sie sind es, Herr Zollkontrolleur!« »Ja, zu Befehl!« »Was sagen Sie denn dazu?« »Was ich sage? Wozu?« »Zu den beiden!« Frau Lassen zeigte in der Richtung des Schlittens, der längst verschwunden war. »Sie freuen sich gewiß, daß sie eine so schöne Fahrt machen können!« »Ja, zusammen !« sagte Frau Lassen. »Zusammen, ja! Sie kleiden sich ja gegenseitig so gut!« »Aber er ist ja doch verheiratet, Mensch, Und sie hat Kinder!« »Das ist ihre Sache!« Die Stadtkassiererin schluckte einen Entrüstungskloß herunter. »Unsere Anschauungen gehen in diesem Punkt wohl sehr weit auseinander, Herr Kontrolleur!« Esaus Haarzotteln gerieten in Bewegung. »Wahrscheinlich!« entgegnete er. Und dann trat eine Pause ein. »Sie wollen verreisen?« sagte Frau Lassen schließlich mit mühsam errungener Fassung. »Knagsted hatte einen Koffer in der Hand und eine Reisedecke über dem Arm. » – Aber wollen wir nicht lieber weitergehen, Frau Lassen? Es ist zu kalt, um stillzustehen. – Gehen Sie nach Hause?« »Ja.« »Dann können wir eine Strecke zusammengehen.« Und sie gingen nebeneinander die Südstraße hinauf. Der Schnee fiel leise und rein auf sie herab. »Herrlich, daß wir Schnee bekommen haben«, sagte Esau. »Ja!« »Es wird schönes Weihnachtswetter!« »Ja!« »Im vergangenen Jahr war es nicht so schön!« »Nein!« »Aber hoffentlich wird es im nächsten Jahr ebenso schön werden!« Die Stadtkassiererin sah ihren Begleiter von der Seite an. Sie entdeckte nur Ernst hinter den Haarzotteln. Da gewann das Urweibliche die Oberhand in ihr, und sie fragte: »Wohin wollen Sie eigentlich reisen?« »Nach Jütland.« »Nach Jütland, so–o –?« »Ja. Nach Ebletoft.« »So? Haben Sie Verwandte dort?« »Ja!« »Das hat man hier in der Stadt ja gar nicht gewußt!« »Nein; das ist etwas, worüber ich nicht zu sprechen pflege.« »Aber, mein Gott, weshalb denn nicht?« »Ach, es ist etwas Illegitimes, will ich Ihnen sagen.« Die Haarzotteln bewegten sich sichtlich. »Etwas – ?« fragte Frau Lassen unsicher. »Ja! Ich hab' da drüben ein Paar Zwillinge!« »Zwill –« Knagsted lächelte entschuldigend. »Ja. Uneheliche – Aber es sind ein paar brillante Jungen! – Ich glaube, weiß Gott, alle Kinder sollten unehelich sein. Man betreibt die Sache gewissermaßen mit mehr Energie –!« »Herr Knagsted!« Die Stadtkassiererin blieb plötzlich stehen. »Ach ja, entschuldigen Sie! Jetzt sehe ich es!« sagte der Zöllner mit einem höflichen Kratzfuß. »Wir sind bei Ihrem Hause angelangt! – Adieu, Frau Lassen! Grüßen Sie den Herrn Gemahl! Und fröhliches Fest!« Frau Lassens bekannter Kloß im Halse verhinderte sie zu antworten. Steif wie eine Hellebarde stand sie vor ihrer Haustür und starrte sittlich gelähmt der leibhaftigen Bosheit nach, diesem Esau, der ruhig und unbeirrt weiterschritt, dem Bahnhof zu. Ununterbrochen und leise schwebten die Schneeflocken herab. Die Dämmerung brach herein, und die Gaslaternen wurden angezündet. Alle Straßen und alle Dächer waren weiß. Auf die Spione an den Fenstern lagerten sich Polster von Schneedaunen, ebenso auf die Pumpen in den Höfen und auf die Kanten der offenstehenden Torflügel. Und wenn ein vorspringender Haken oder Nagel an einer Mauer saß, so wurde auch er weiß. – – – Eine kleine Stadt im Schneegewande, und namentlich an einem Weihnachtsabend, wenn das Gas angezündet ist und die Tannenbaumkerzen hinter den Fensterscheiben schimmern, gehört zu dem Entzückendsten, Traulichsten, was ein Menschenauge zu sehen vermag! So dachte wenigstens Oberlehrer Clausen, der seinen gewöhnlichen Abendspaziergang machte, ehe er sich zu Bürgermeisters begab, wo er das weihnachtliche Abendessen in Gesellschaft der kleinen Rosenliebhaberin, des Fräuleins Olivia Rejersen, »des Bürgermeisters eigener Schwester«, einnehmen sollte. Er kam gerade aus der Schmiedestraße und stand nun auf dem Marktplatz. Groß und weiß lag dieser vor ihm; viel größer als sonst. Die Gaslaternen standen in einem Kranz auf den Trottoiren, und ringsumher in den Häusern waren Lichter und Lampen angezündet. Ganz in der Ferne aber, im Hintergründe des Marktplatzes, ragte die Kirche zu den Weißen Schwestern hoch über alle Dächer empor mit einem gedämpften rötlichen Schimmer hinter den Spitzbogenfenstern. Ganz versunken in die Beschauung stützte sich der Oberlehrer auf seinen Stock. Von dem dunklen Himmel fielen die Schneeflocken dicht und leise, das Auge sah durch sie hindurch wie durch einen Schleier, der alle Konturen auslöschte und alle Ecken und Kanten rund und weich machte. Dann auf einmal war es, als ob die Luft um ihn her von Tönen erfüllt sei, von fernen, wunderbar feierlichen Tönen. Er richtete sich auf und lauschte: Was konnte das nur sein? Die Töne kamen und schwanden aus dem Hintergrund des Marktplatzes, stoßweise wie große rollende Wogen: Sie mußten von der Kirche her kommen! Schnell ging er an dem Trottoir entlang, bis an den Fuß des Kirchenhügels. Und hier erscholl die Musik stärker. Es war, als sänge die Kirche selber, als brausten die Töne aus dem toten Stein heraus und hingen zitternd in der Luft über Seinem Haupte. – Und dann, plötzlich, wurde wieder alles still. Das war schön! dachte er und nickte vor sich hin. Und nach einer Weile blieb er stehen, um zu lauschen, ob nicht der Gesang von neuem beginnen würde. Aber er hörte nur das leise, knisternde Geräusch des fallenden Schnees. Dann wandte er sich um, ging langsam quer über den Marktplatz hinüber, auf die Kirchengasse zu. An der Ecke blieb er stehen: Sollte er? Oder sollte er nicht? Die Kirche zog ihn förmlich zu sich hin. Er fühlte sich so recht in der Stimmung, hineinzugehen und unter den weißen, hell erleuchteten Gewölben zu sitzen und dem Gesang und den Tönen der Orgel zu lauschen. »Nein!« murmelte er plötzlich ganz laut und schlug mit dem Stock auf das Straßenpflaster. » Nein! – Wenn Kaplan Schwartz gepredigt hätte – Aber Pastor Engelhardt – Nein! –« Der Oberlehrer war in der vergangenen Woche mit Pastor Engelhardt in einer Gesellschaft zusammengetroffen, und da hatte dieser, unverschämt, wie die Geistlichen oft sind, ihn in Gegenwart aller Gäste ausgescholten, weil er ein Mitglied des Vereins der Freßsäcke war: »dieses stinkenden Krebsschadens unserer lieben kleinen Stadt, der jedem sittlichen Menschen ein Zeichen des Ärgernisses und ein Gomorra der Verworfenheit sein müsse!« Pastor Engelhardt war fünfunddreißig Jahre alt. Oberlehrer Clausen siebenundsechzig! – – In der Kirchengasse gab es keine Laternen. Aber die Straße war so schmal, und die Häuser waren so niedrig, daß der weiße Schnee und der Schein aus den kleinen Fensterscheiben hinreichend Licht spendeten. Der gute Oberlehrer war ziemlich sentimental veranlagt, und diese Abendwanderungen ringsumher in den Gassen und Straßen der alten Stadt waren ihm eine wahre Herzerquickung. Namentlich an einem Weihnachtsabend und bei Schneewetter! Er schlich in seinen Galoschen dahin, lauschte und spähte. Und wenn er Reden und Lachen hinter den herabgelassenen Rolläden oder den weißen Fenstervorhängen hörte, so blieb er einen Augenblick stehen, um sich mit den fröhlichen Menschen da drinnen zu freuen. Wenn er aber Weinen und Klagen und harte Worte hörte, so machte ihn das traurig. Gern wäre er hineingegangen, um zu vermitteln und zu trösten, aber er wagte es nicht. Teils weil er eine unüberwindliche Scheu empfand, sich unberufen in anderer Leute Angelegenheiten zu mischen, teils, und wohl hauptsächlich, weil er fürchtete, Zeuge von Szenen und Verhältnissen zu werden, die ihm die nüchterne, unbarmherzige Wirklichkeit vor Augen stellen würden. Er wußte, daß es viel Häßliches, Unvollkommenes hier im Leben gab, aber er stand dem nicht gern von Angesicht zu Angesicht gegenüber. Man konnte das vielleicht eine Schwäche bei ihm nennen, man konnte es aber auch als Feinheit und Kultur bezeichnen. Und so nannte er es selber mit Vorliebe. Heute abend war aber wohl kaum ein Grund vorhanden, Befürchtungen in der Beziehung zu hegen. Heute abend, wo hinter allen Mauern nur Frieden und Freude herrschte! Er war fast bis an das Ende der Gasse gekommen. Überall hatte er nur Kinderlachen und fröhliche Stimmen gehört. (In einigen Häusern hatte er sogar einen brennenden Tannenbaum stehen sehen und mit seinen kleinen, gelben Lichtpunkten durch die dünnen Fenstervorhänge schimmern sehen. Aber dann plötzlich – gerade als er an dem allerletzten Haus in der Straße vorüberkam – wurde eine Tür geräuschvoll aufgerissen. Drinnen auf der Diele erscholl Lärm und Geschrei, lautes Getrampel und ein Stöhnen wie im Kampf. Und im nächsten Augenblick taumelte eine Frau über die Türschwelle, fiel platt auf die Erde und blieb mit dem Gesicht im Schnee liegen. »Raus mit dir, du verfluchtes Weibsbild!« schrie eine heisere, wütende Männerstimme, und die Tür fiel dröhnend ins Schloß. Oberlehrer Clausen stand starr vor Entsetzen da. Nun war er gerade in eine so weiche, sanfte Weihnachtsstimmung hineingekommen – Und dann –! Aber er mußte wohl helfen – Er konnte doch nicht untätig stehenbleiben. – Er mußte doch hingehen und sehen, ob die Frau nicht zu Schaden gekommen war. Sie lag noch immer ausgestreckt im Schnee, nur ein paar Schritte von dem Oberlehrer entfernt, regungslos und ohne ein Lebenszeichen von sich zu geben. Er näherte sich ihr zögernd. »Sie haben sich doch nichts getan?« Keine Antwort. Vorsichtig beugte er sich über die auf der Erde Liegende und erfaßte leicht ihren Arm. »Kann ich Ihnen nicht helfen?« fragte er. »Was hatten Sie denn nur einmal?« Jetzt wandte die Frau ihm langsam ihr Gesicht zu, ein rotes, verzerrtes, schmutziges und vom Trunk aufgedunsenes Gesicht. Dem Oberlehrer schauderte es, aber er bezwang sich: »Haben Sie sich verletzt?« fragte er teilnehmend. Die Frau richtete sich ein wenig auf dem Ellbogen auf, starrte ihn mit einem Paar blöden, blutunterlaufenen Augen an. Und indem sie ihm gerade ins Gesicht laut aufstieß, murmelte sie mit wütender, lallender Stimme: »Was schert das dich, du langer Laban! Laß du mich nur liegen!« Der Oberlehrer fuhr einen Schritt zurück und ergriff, von unsagbarem Entsetzen erfaßt, schleunigst die Flucht. Er rannte, was das Zeug halten konnte, bis in die nächste Straße. »Das war ja kein Mensch mehr! Das war ja kein Mensch mehr!« schrie es in ihm. – »Du großer Gott, du großer Gott! wie ist so etwas doch nur möglich!« Ein Zug kam in den Bahnhof hineingebraust. Alle Trittbretter und Wagendächer waren weiß von Schnee. Und die Schaffner schlugen mit den Armen, prusteten und stampften, um den Schnee aus Bart und Kleidern loszuwerden. »Gammelkjöbing! Zehn Minuten Aufenthalt!« Die Abteilungen wurden aufgerissen und die Fahrgäste strömten heraus. »Guten Abend! Guten Abend!« – »Da bist du ja wirklich! das ist nur gut! – Was für ein Weihnachtswetter!« – »Ach, wir waren so bang, daß ihr einschneien würdet!« – »Hier ist Franz! Er ist auch mitgekommen!« – »Guten Tag, lieber Franz! Und herzlich willkommen! – Da wird sich Vetter Julius aber freuen!« – »Ihr hat den Tannenbaum doch nicht angezündet?« – »Nein, nein, wie kannst du das nur denken!« »Hurra, da bin ich! – Fröhliches Fest! Fröhliches Fest! – Soll das aber schön werden!« Oberlehrer Clausen stand auf dem Bahnsteig, mitten in all dem Lärm und Gedränge. Er ließ sich mit Freuden puffen und stoßen. Es war ihm eine Wonne, sich zwischen richtig lebenden Menschen zu fühlen. Deswegen war er hierher gegangen. Das Ereignis in der Kirchengasse hatte ihm keine Ruhe in den leeren Straßen gelassen. »Guten Abend, Herr Clausen! Erwarten Sie jemand?« »Guten Abend, Erich! Nein, ich bin nur hergekommen, um mir die Weihnachtsfreude anzusehen.« Es war einer von Clausens ehemaligen Schülern. Er war eilig und nervös. »Adieu! Adieu!« sagte er, »ich muß machen, daß ich nach Hause komme. Sie erwarten mich nicht!« »Das wird aber eine Freude sein!« lächelte der Oberlehrer. Und weg war Erich. Ein Brautpaar kam Arm in Arm vorüber. Sie sahen nichts, sie hörten nichts, sie sprachen nicht. Aber ihre Gesichter strahlten klar und glückselig wie der Mond in seinem allerfröhlichsten Viertel. – »Sie haben meinen Sohn wohl nicht gesehen, Herr Clausen?« Es war die Klassenlotteriekollektrice Frau Brandstrup. Und es war gerade ihr Sohn gewesen, der den Oberlehrer soeben begrüßt hatte und der nach Hause wollte und die Seinen überraschen. »Ihren Sohn, Frau Brandstrup – erwarten Sie ihn?« »Ach Gott, nein! Er schrieb ja, er könne nicht kommen. Aber ich bin doch hergegangen; es hätte ja trotzdem sein können.« In dem Herzen des guten Oberlehrers tobte ein Kampf: Aber er beherrschte sich: »Nein, ich habe ihn nicht gesehen«, sagte er. Und Frau Brandstrup ging betrübt von dannen. Der Oberlehrer lächelte still vor sich hin: »Wie wird die vor Freude aufschreien, wenn sie ihren Sohn daheim in ihrer Stube vorfindet!« Der Bahnsteig war leer. Die Abteiltüren wurden zugeschlagen. Sie Signalpfeife ertönte: »Fertig!« Die Lokomotive stieß einen gellenden Pfiff aus und fuhr weiter, fort von der Stadt, über die weißen, weihnachtlichen Felder dahin. Draußen vor dem Bahnhofsgebäude sah der Oberlehrer zu dem hellerleuchteten Zifferblatt der Uhr empor. »Halb acht!« – Großer Gott, da sollte er ja bei Bürgermeisters sein! Und er stieß den Stab in den Schnee und holte mit seinen alten Pädagogenbeinen so kräftig aus, wie er vermochte. Oben in der verhältnismäßig breiten Südstraße strahlte Lichtschimmer aus allen Wohnungen. Und es ertönten laute Kinderstimmen, helles Lachen und fröhliche Reden. Und bei Redakteur Heilbunths saß die Gattin am Klavier und spielte: ›Stille Nacht, heilige Nacht –‹ Der Oberlehrer war wieder in Stimmung gekommen. Sanfte und friedliche Gefühle wogten in seiner Seele. Das Ereignis in der Kirchengasse lag schon hinter einem ausgleichenden, verhüllenden Schleier. Er hatte ja seine Stuben mit der Balkendecke, seine Blumen und seine Pfeifen. Und als er auf dem Treppenabsatz vor des Bürgermeisters Hause dem kleinen Fräulein Olivia begegnete, schrie er ihr ganz vergnüglich sein »Fröhliches Fest!« in das Waldhorn. Und sie lächelte und nickte und klopfte und schüttelte den Schnee ab und schrie: »Danke, gleichfalls. Herr Clausen!» Und dann gingen sie hinein und aßen Reisbrei und Gänsebraten und spielten bis elf Uhr Vingt et un um kleine Geschenke. Es hatte angefangen zu wehen. Und der Schnee war mit schweren Regentropfen vermischt, die hart gegen die Fensterscheiben schlugen. »Herr du meines Lebens!» dachte die Hebamme Fredriksen, die von ihrer Entbindungsreise (ein Mädchen) nach Hause rollte, –« die Weihnachtsfreude war nur kurz!» Und sie bat den Kutscher, ein wenig schneller zu fahren. Denn die Kälte drang schneidend durch den Mantel, und der Regen stach ihr in das Gesicht. »Ich glaube, der liebe Gott hat es nicht gut mit mir im Sinn!« dachte sie, »er treibt mich regelmäßig in dem ärgsten Schweinewetter hinaus!« Und dann kroch sie ganz hinten in den Wagensitz hinein, bohrte die Hände tief in den Muff, schloß die Augen und ließ alles über sich ergehen. In dem kleinen Thummelumsenschen Hause merkte man dahingegen nichts von dem Wetter. Man hörte wohl den Wind und das Klatschen des Regens, aber das machte weiter keinen Eindruck. Onkel Jakob und Wulfdine waren am Nachmittag aus Grästed gekommen und sollten der Verabredung nach die Nacht über bei Thomsens bleiben. Und dann am nächsten Tage wollten Mutter Karen und Emanuel mit ihnen nach der Küsterwohnung fahren. Und jetzt waren der Reisbrei und die Gans verzehrt. Die Gardinen waren herabgelassen, die Lampe angezündet, ein Feuer prasselte im Ofen, und die Potpourrikrule duftete. »Gut, daß man bei diesem Wetter im trockenen sitzt!« sagte Emanuel und rieb sich vergnügt die Hände. »Jetzt geht ihr alle in die Ladenstube. Und dann ruft man euch, wenn ihr kommen sollt. Man hat eine kleine Überraschung!« »Ich auch?« fragte Mutter Karen. »Die Gnädige auch, ja! Alle drei!« Und sie verschwanden ganz gehorsam. »Was er jetzt wohl vorhat?« fragte der Küster, als Manuel die Tür hinter ihnen abgeschlossen hatte. »Ach, es sind gewiß Narrenstreiche!« meinte Madam Thomsen. Aber sie lächelte vergnügt dazu. »Er ist jetzt immer so famos gelaunt, Schwester Karen!« »Ja, Gott sei Dank! Ja, er ist wie ausgetauscht! – Setz dich doch, Wulfdine!« Wulfdine setzte sich mit gespitzten Ohren. Man hörte Manuel herumwirtschaften. Bald lief er die Bodentreppe hinauf, bald kam er wieder herunter. Türen wurden auf- und zugemacht. Bald war er draußen auf dem Hof, bald in der Küche und bald wieder in der Stube. Ein Windstoß peitschte einen Regenschauer gegen das Fenster. »Na, na!« sagte der Küster. »Ja, es ist nur gut, daß ihr über Nacht hierbleibt!« »Ach ja, ach ja!« Pause. Der Küster sah zu seiner Schwester hinüber. »Willst du es Manuel sagen, Schwester!« Madam Thomsen errötete leicht. »Ja–a, wenn es nicht besser ist, daß du es ihm sagst, Jakob?« »Hm ja, – nun können wir ja sehen, wie es sich macht.« Wulfdine saß wie auf Kohlen. Keinen Augenblick konnte sie sich ruhig verhalten: Was Manuel wohl nur einmal dort machte! Sie zuckte zusammen. Thomsen schlug mit der Faust gegen die Tür. »Könnt ihr es auch noch aushalten?« fragte er. – »Jetzt ist es auch bald soweit.« Und nach einer kleinen Weile wurde die Tür geöffnet und er stand lächelnd vor der Schwelle. »Herein, herein! Jetzt ist der Zutritt frei!« Dann machte er mit dem langen Arm eine auffordernde Bewegung in das Zimmer hinein und sagte: »Nun?« Und festlich war es! Auf dem Mahagonitisch vor dem Sofa stand in einem Blumentopf ein kleiner Tannenbaum, strahlend von Lichterglanz und voller Herzen und Körbe, rotwangiger Äpfel und vergoldeter Walnüsse. Und unter dem Baume auf dem weißen Tischtuch lagen geheimnisvolle Pakete. Das war das ganze Arrangement, aber reizend war es. »Nein!« sagt« Wulfdine, und ihre kleinen, blanken Augen waren nahe daran, ihre Einfassung zu sprengen. »Ja–a!« nickte der Küster, »das ist was für dich, Dine!« Und Mutter Karen streichelte den Arm des Sohnes und sagte fast unter Tränen: »Das ist lange, lange her, Manuel!« Der kleine Thummelumsen selber aber stand mit einem Lächeln von einem Ohr bis zum andern da, und man konnte sehen, wie sich seine kleinen, dicken Finger, die er in die Hosentaschen gebohrt hatte, vor nervösem Entzücken bewegten. »Jetzt wollen wir singen!« sagte er eifrig. »Nummer 148! – Hier ist dein Gesangbuch, Mutter!« Und dann sangen sie: Onkel Jakob wußte den Gesang ja natürlich auswendig, folglich hatte Madam Thomsen ihr Buch für sich. Und dann sangen sie. »Wie strahlt der Himmel blau und schön, »Wie herrlich ist's ihn anzusehn –« Manuel und Wulfdine aber sangen zusammen aus seinem . Und sie standen dicht nebeneinander und senkten die Gesichter tief über das Buch. Und sie berührte ein paarmal ganz heimlich den Rockärmel des Geliebten und war dann nahe daran, vor Glückseligkeit zu vergehen. Und dann wurde der Baum geplündert, und Manuel verteilte die Geschenke. Seitwärts schob er sich um den Tisch herum wie ein Taschenkrebs. »Das ist für dich, Onkel! – Das ist für dich, Mutter Karen!« »Ach ja, ach ja, Schwestersohn, das –« »Danke, Manuel! Danke, danke, mein Junge!« Der Küster bekam ein Zigarrenfutteral und ein Bündel Zigarren. Und Madam Thomsen bekam ein schönes warmes Tuch und Stoff für sechs Schürzen. Wulfdine aber bekam gar nichts. Verlegen und ganz vernichtet stand sie in einer Ecke. Ihre Mundwinkel fingen an zu zucken. Und ihr kleines Herz konnte den Zusammenhang der Dinge nicht begreifen. »Aber Dine , Manuel?« fragte endlich Madam Thomsen. »Du hast doch wohl Dine nicht vergessen?« Manuel lächelte verschmitzt. »Dine hat mich ja!« sagte er. Dann aber beugte er sich plötzlich hinab und zog den entzückendsten kleinen Handkoffer unter dem Tisch hervor. »Der ist für dich!« sagte er und reichte Dine den Koffer. »Den hat man selber gemacht.« Wulfdine klappte zusammen und versank in den Erdboden, aber sie hatte doch noch Zeit zu flüstern: »Vielen Dank, Manuel!« ehe sie gänzlich verschwand. Thomsen glühte vor Wonne über sein Geheimnis. »Du mußt ihn auch aufmachen!« sagte er; er konnte es nicht länger aushalten. Wulfdine mühte sich mit den Schnallen ab. Aber es war ihr nicht möglich, damit fertig zu werden. »Ich will dir helfen!« sagte Mutter Karen und sprang herzu. Manuel reckte sich in Erwartung der Wirkung auf den Zehenspitzen in die Höhe. »Nein!« sagte Madam Thomsen, als sie den Koffer geöffnet hatte, »das laß ich mir gefallen!« Sie zog einen Pelzkragen heraus. »Und einen Muff!« sagte sie und hielt ihn in der andern Hand empor. »Was sagst du denn dazu. Dine?« Aber dies war zu viel für Wulfdine. Sie sank buchstäblich auf einen Stuhl, und das Gesicht mit ihren Händen bedeckend, schluchzte sie: »Er ist zu gut gegen mich! Er ist viel zu gut gegen mich! –« Man war ein wenig zur Ruhe gekommen. Die Männer sahen jeder in einer Sofaecke und rauchten. Und die Frauen mit ihrem Strickzeug hatten wie gewöhnlich in respektvoller Entfernung an den beiden Fenstern Platz genommen. Den Koffer hatte Wulfdine dicht neben ihren Stuhl auf die Erde gestellt. Von Zeit zu Zeit beugte sie sich heimlich herunter, öffnete ihn ein klein wenig und strich mit ein paar Fingern über den Pelzkragen, vor Wonne und Stolz: er war mit Seide gefüttert! Das Gespräch drehte sich selbstverständlich um den Mühlenhof. Und die Männer führten die Unterhaltung. »Dann mußt du wohl einen Großknecht durch die Zeitung suchen, Schwestersohn, – jetzt, gleich nach Neujahr?« Thomsen zwinkerte ein wenig nervös mit den Augen. »Ja–a, das muß man wohl –« »Willst du mehr als einen Knecht halten?« »Ach, ich denke, ein Hofjunge tut es auch –« »Ach ja, ach ja! – Und Mortensen behältst du wohl in der Mühle?« »Er weiß ja mit dem ganzen Kram Bescheid.« »Ziemlich alt ist er ja!« »Man kann ihm ja auf die Finger sehen. Hast du übrigens gehört, Onkel, wie es unserm Redakteur hier vor einiger Zeit gegangen ist?« Der Küster schielte von seinem Platz aus zu ihm hinüber: Warum wollte er nun wieder nicht mit ihm über den Hof sprechen. Es interessierte ihn als Schwiegervater doch! »Hm ja!« sagte er, »er hat sich ja wohl verschlafen.« »Ja, es ist schrecklich mit diesen Menschen,« sagte Manuel ganz empört, »daß sie nicht anständig leben können.« »Ach ja, ach ja; es gibt ja viele, die das Getränk mehr lieben, als ihnen gut ist.« »Ja, zum Beispiel dieser Cornelius da draußen!« warf Madam Thomsen ein. »Cornelius ist ein Schwein, Mutter Karen! Er rangiert nicht mit ordentlichen Menschen.« »Nein!« »Ihr wollt euch doch ein Mädchen für die Küche und das Gröbste halten?« fragte der Onkel hartnäckig; er wollte der Sache jetzt endlich auf den Grund kommen. »Das werden wir ja sehen; kommt Zeit, kommt Rat!« sagte Manuel kurz, indem er sich erhob. »Ach ja, ach ja! –« der Küster zupfte sich nachdenklich an seinem Hackmesser herum und sandte der Schwester einen ermunternden Blick zu. Sie schüttelte den Kopf und machte eine leise abwehrende Bewegung mit der Hand. Und Wulfdine verschwand hinter ihrem Strickzeug. Die Sache war ja, offen gestanden, die, daß sich Emanuel Thomsen so ausgezeichnet wohl dabei fühlte, hier in der Stadt umherzugehen und den Matador zu spielen. Der Mühlenhof lief ihm ja nicht weg. Er konnte ihn ja kaufen, wann es ihm beliebte. Und er wollte ihn kaufen, selbstverständlich! Deswegen hatte er ja gelitten und gestritten. Aber – aber, er war ihm nun doch in etwas hellerem Glanz erschienen, als er ihn nicht bekommen konnte! – Wohl wollte er ihn kaufen, natürlich wollte er das! Das war ja der einzige Ort in der Welt, wo er leben mochte! Und es würde ein stolzer Augenblick sein, wenn er dort seinen Einzug hielt! Aber es war ja noch ein ganzes halbes Jahr bis dahin. – Sie hätten ihn den Hof nur gleich kaufen lassen sollen, so wie es seine Absicht gewesen war! Aber damals rieten sie ihm alle ab, sowohl der alte Mortensen da draußen, als auch der Rechtsanwalt und Mutter Karen. – Und jetzt wollte er nicht, ehe er Lust hatte! Das Geld gehörte ihm ! Die andern konnten ihre guten Ratschläge für sich behalten! Er wollte die Sache schon deichseln! Punktum! – »Nette Zigarre, Onkel Jakob, wie?« fragte Manuel, indem er seinen Platz auf dem Sofa wieder einnahm und sein rundliches Gesicht in lächelnde Falten legte. »Ach ja, die Zigarre ist ganz gut –« »Bekommen wir nicht eine kleine Tasse Kaffee, Mutter Karen?« »Ja, gern!« sagte Madam Thomsen und legte sofort das Strickzeug nieder, »habt ihr Lust dazu?« »Natürlich haben wir Lust dazu, nicht wahr, Onkel? Zu unserer Zigarre!« »Ja–a!« nickte der Küster. »Zu Kaffee pflegt man ja nie nein zu sagen.« Als der Kaffee getrunken war, saß man noch eine Weile da und sprach von Wind und Wetter. Den Mühlenhof erwähnte niemand mehr. Dann gähnte man ein paarmal. Und endlich zog Manuel seine Uhr aus der Tasche und sagte: »Jetzt ist es wohl nachgerade Schlafenszeit!« »Ach ja, ach ja, das ist es wohl!« Thomsen erhob sich. »Ja, Betten haben wir genug, aber es fehlt an Bettstellen. Da hatte man sich ja gedacht, daß man selber und Onkel Jakob hier unten jeder auf einem Sofa liegen könnte, während man den Damen die Salons oben überließe, wie?« »Ach ja, ach ja!« Madam Thomsen rückte unruhig auf ihrem Stuhl hin und her und sah verstohlen zu ihrem Bruder hinüber. »Ja–a!« begann sie. »siehst du, Bruder Jakob meinte ja, – er findet ja, daß –« Emanuel starrte verwundert von der Mutter zu dem Onkel hinüber. »Wollt ihr hier nicht schlafen?« fragte er beleidigt. »Wollt ihr vielleicht ins Hotel gehen?« »Nein, nein, wir wollen hier schlafen! Natürlich wollen wir hier schlafen!« sagte der Küster, »aber« (er war ein wenig in Verlegenheit, wie er die Sache anschneiden sollte, da sich Manuel ganz verständnislos dazu verhielt) – »aber, da hier so wenig Platz und all dergleichen ist.« fuhr er fort, »so – Jugend ist Jugend! – Wenn deshalb Wulfdine und du Lust habt, in Gottes Namen zusammenzukommen, so – zusammen sollt ihr ja doch, und heute ist ja Heiligabend – und, warum solltet ihr wohl warten, wenn –« Emanuel war allmählich dunkelrot geworden. Die Sprache war ihm vergangen, und er zwinkerte wie wahnsinnig mit den Augenlidern. Der Küster schielte zu ihm hinüber. »Ja, wenn du meinst, daß du lieber warten willst, Manuel –« »Nein, nein!« sagte Thomsen hastig und atemlos. »Aber – aber –« Er sah sich scheu nach Wulfdine um, die schon längst zusammengeklappt und in dem großen Lehnstuhl versunken war. Madame Thomsen legte leise die Hand auf den Arm ihres Sohnes. »Geht, ihr Mannsleute, jetzt nur ein wenig in die Ladenstube«, sagte sie und schob ihn sanft nach der Tür. »Ich will schon –« Und die Männer gingen. Eine Viertelstunde später kam sie mit einem ganzen Arm voll Kissen herunter, mit denen sie dem Bruder ein Bett auf dem Sofa bereitete. Als sie damit fertig war, ging sie hin und öffnete die Tür. »So, hier ist alles in Ordnung, Bruder Jakob«, sagte sie. »Danke, Schwester Karen – Ja, ich bin auch wirklich müde!« – – – – – – – – – – – »Gute Nacht – Und schlaf gut!« sagte Thomsen mit abgewandtem Gesicht. »Gute Nacht, Manuel!« »Gute Nacht! Und fröhliches Fest, Schwestersohn!« Ein Wagen rasselte durch das Nonnentor. Es war die Hebamme Fredriksen, die endlich nach Hause kam. Konsul Mörch verließ jetzt das Bett nicht mehr. Der Herbstregen und die Winterkälte hatten seine letzten Kräfte aufgezehrt. Und zu seinen übrigen Leiden war noch ein Brustkatarrh hinzugetreten, und nun lag er da und hustete und rang nach Luft, und der Arzt sagte, es würde bald zu Ende gehen. Milder gestimmt war aber der Konsul keineswegs. Er schalt und fluchte zwischen den Hustenanfällen, so daß die Krankenpflegerin, Fräulein Lauritzen, die er auf den Befehl des Arztes hatte annehmen müssen, vor Angst bebte. Und sie wäre sicherlich davongelaufen, wenn sie es dem Verein gegenüber, der sie ausgesandt, gewagt hätte. Selbst das Dienstmädchen, die lange Engeline, die sich im übrigen im Laufe der Jahre eine gewisse Sicherheit in der Behandlung ihres alten, mürrischen Herrn erworben hatte, stand oft ganz verzagt und hilflos da. Das Schlimmste war ja, daß der Konsul das Rauchen nicht mehr vertragen konnte. Daß der Arzt es ihm streng untersagt hatte, war ihm einerlei, daran kehrte der alte Mörch sich nicht. Schlimmer war es, daß er jedesmal, sobald er nur die Pfeife angezündet und ein paar Züge getan hatte, von einem kräftigen Husten befallen wurde. – Und wenn er dann wieder sprechen konnte, raste und donnerte und fluchte er, so daß die beiden armen, einsamen Frauenzimmer oft vor Verzweiflung weinten. Die Stadt kümmerte sich nicht weiter um Konsul Mörch. Sie ließ ihn liegen. Er war längst aus der Reihe der Lebenden ausgeschieden. Und dann kam ja freilich noch der Umstand hinzu, daß der Mann niemals populär gewesen war. Im Gegenteil: mürrisch und unumgänglich und sparsam bis zum Geiz, hatte er sich stets zu allem und zu allen in Opposition gestellt. Die Männer hatten ihn nur notgedrungen aufgesucht und die Frauen verabscheuten und haßten ihn beinahe, weil er ein roher Patron in seinem Verhältnis zu seiner Frau gewesen war. Man war fast geneigt, ihm seine Krankheit und seine Leiden zu gönnen. Jedenfalls betrachtete man sie als gerechte Strafe des Himmels. Und nun lag, wie gesagt, Konsul Mörch in seinem einsamen Bett und hatte wohl nicht mehr viele Viertelmeilen bis zu der dunklen Pforte des Todes zurückzulegen. Da geschah es, daß er eines Tages um die Mittagszeit plötzlich in seiner lallenden Sprache zu der Pflegerin sagte: »Ich will mit Zollkontrolleur Knagsted sprechen.« »Wie beliebt, Herr Konsul?« »Ich will mit Zollkontrolleur Knagsted sprechen, sagte ich!« »Ja, ja, ich will gleich –« Und Fräulein Lauritzen stürzte zu Engeline in die Küche hinaus: »Der Herr Konsul will durchaus mit jemand sprechen!« Engeline kam herein: »Was wünschen Herr Konsul?« »Ich will Knagsted sprechen!« »Glauben Herr Konsul nun auch, daß Sie das vertragen können?« »Das ist doch wohl meine Sache.« »Soll ich hinlaufen und ihn holen?« »Ja, natürlich! – Und sage ihm, daß er gleich kommen soll.« »Ja – aber –« »Er soll sofort herkommen, sage ich! Mach, daß du hinkommst!« Und Engeline mußte ihre Küchenarbeit stehen und liegen lassen und in die Stadt laufen, um den Zöllner zu suchen. Sie fand ihn an der Table d'hote in »Stadt Gammelkjöbing«. Er stand sofort auf und folgte ihr. Und die ganze Südstraße geriet in Aufregung, als man die »Leibhaftige Bosheit« an der Seite von des Konsuls Dienstmädchen einherwandern sah. In dem großen, leeren Krankenzimmer herrschte Dämmerung. Das dem Bett zunächst gelegene Fenster war verhängt. An dem anderen Fenster saß Fräulein Lauritzen und häkelte. Ein helles Feuer flammte im Ofen. Und das Fräulein war über ihrer Arbeit eingenickt. Sie mußte im Laufe des Tages hin und wieder einmal heimlich schlafen, denn die Nächte waren am schlimmsten, oft schloß sie kaum die Augen. Draußen auf der Straße fuhr von Zeit zu Zeit ein Wagen vorüber, und dann klirrten die Fensterscheiben, sonst aber war alles still und friedlich. Plötzlich schlug der Konsul mit der flachen Hand heftig auf das Oberbett. Es war eine Art Zwangbewegung, an der er litt, ein krampfhaftes Zucken der Arme. Er selber vermochte sie nicht mehr zu bewegen. Die Pflegerin riß verwirrt die Augen auf. »Wünschen Herr Konsul etwas?« »Ich liege abscheulich!« Das Fräulein trat an das Bett und legte die Kissen zurecht: »Ist es jetzt besser?« »Nein! – Rufen Sie Engeline!« »Aber Herr Konsul haben Engeline ja selber in die Stadt geschickt!« »Hm!« Das Fräulein kehrte an ihren Platz zurück. Einen Augenblick später erfolgte ein neuer Schlag auf das Oberbett: »Geben Sie mir etwas Wasser!« Mörch war bemüht, zu verschleiern, daß er nicht selber Herr dieser Bewegungen war, indem er sich den Anschein gab, als sei das seine Art und Weise zu rufen. Das Fräulein nahm ein Wasserglas und hielt es an seine Lippen. »Sodawasser!« sagte er wütend und stieß mit dem Munde gegen das Glas. »Sie können sich doch denken, daß ich Sodawasser haben will! Wozu sind Sie sonst Krankenpflegerin!« Geduldig zapfte das Fräulein ein wenig Sodawasser aus einem Siphon und reichte es ihm. Dann setzte sie sich wieder hin. Kaum aber hatte sie ihre Häkelarbeit wieder in die Hand genommen, als die lallende Stimme von neuem erscholl: »Eine warme Decke! Die Füße frieren mir!« Und abermals mußte sie aufstehen. Sie wärmte eine wollene Decke am Ofen und wickelte sie vorsichtig und sorgfältig um die Füße des Kranken. Dann schellte die Haustürglocke. Es war Engeline, die den Zollkontrolleur nicht die Hintertreppe hatte hinaufführen wollen. Fräulein Lauritzen ging hinaus und öffnete. »Steht es schlecht mit dem Herrn Konsul?« fragte Knagsted hastig. »Es ist unverändert!« »Kann ich hineingehen?« »Bitte schön!« Der Konsul hob den Kopf einen Zoll vom Kissen empor. »Fräulein Lauritzen soll hinausgehen!« sagte er. »Ja, aber, – Herr Konsul –« »Fräulein Lauritzen soll hinausgehen, sage ich.« »Gehen Sie nur, liebes Fräulein«, flüsterte Knagsted. »Ich will Sie schon rufen, wenn es nötig ist.« Esau näherte sich dem Bett mit ausgestreckter Hand. »Guten Tag, alter Freund! Nun, wie geht es?« »Guten Tag, Zöllner!« lallte der Kranke. »Willst du mir die Hand nicht geben, Mörch?« »Kann nicht! Kann sie nicht mehr aufheben.« Die beiden Freunde hatten sich nicht wiedergesehen seit jenem Tage, wo sie zusammen auf Thummelumsens Brutplatz auf dem Friedhof gesessen hatten. Mörch hatte Engeline verboten, Knagsted einzulassen. Und als der Zöllner ein paarmal vergebens gekommen war, hatte er seine Besuche eingestellt. Jetzt nach Verlauf von vollen fünf Monaten hatte der Konsul nach ihm geschickt. Und sie betrachteten einander deswegen mit forschenden Blicken. Mörch ergriff zuerst das Wort. »Du bist immer noch der alte!« lallte er mit einem mißgünstigen Ausdruck in seinen blöden Augen. »Dich ficht auch nichts an!« »Nein, es geht mir sehr gut!« sagte der Zöllner. »Und wie geht es dir denn, Mörch?« »Schlecht! Mit mir ist es bald aus!« »Nun, nun! Ich finde, du siehst ganz munter aus!« »Unsinn!« Esau nahm einen Stuhl und setzte sich an das Bett. »Es ist tüchtig warm hier bei dir«, sagte er und knöpfte den Überrock auf. »Ja, mich friert immer!« »Was sagt der Doktor denn, Mörch?« »Nichts! Er versteht nichts! Er füllt mich nur mit all dem Jux voll!« Knagsted hätte gern gefragt, weshalb der Freund nach ihm geschickt hatte. Aber er fand, daß er nicht so mit der Tür ins Haus fallen könne. Es würde schon kommen. »Ein nettes Mädchen, die Pflegerin«, sagte er endlich. »Wo hast du die aufgegabelt?« »Der Doktor hat sie mir aufgezwungen! Was soll ich mit ihr!« »Nun, nun –« Mörch, der bisher gerade auf dem Rücken gelegen und zur Decke emporgestarrt hatte, drehte den Kopf jetzt ein wenig herum, sah den Kontrolleur fest an und sagte: »Ich habe mein Testament gemacht!« »So?« lächelte Esau. »Also das hast du getan! Hast du mich denn auch bedacht?« Der Konsul überhörte seinen Scherz. Er war ganz von seinen eigenen Gedanken in Anspruch genommen: »Der Doktor sagte, wenn ich noch Bestimmungen zu treffen hätte, so sollte ich es tun!« »Ja, das kann ja niemals schaden. Du kannst es ja wieder umstoßen, wenn du wieder gesund bist.« »Ich werde nie wieder gesund, Zöllner, nie wieder –« »Rede dir doch nicht solche Grillen ein, Mörch! Natürlich wirst du wieder gesund! Es gibt Leute, die viel elender gewesen sind als du, und die jetzt stolz auf ihren zwei Beinen einhermarschieren.« Der Konsul lag da und bewegte den Kopf hin und her. Plötzlich sagte er: »Ich fürchte mich, Knagsted, du weißt, daß ich mich fürchte –« Esau legte seine behaarte Pfote auf die rote, geschwollene Hand des Freundes. »Mein Gott, Mörch, warum willst du nur solche Grillen fangen!« Mit einer ungeheuren Kraftanstrengung gelang es dem Kranken, sein Gesicht ganz nach dem Zöllner herumzudrehen: »Wenn man tot ist, Knagsted,« fragte er dann, und seine Augen traten ihm vor Angst aus dem Kopf heraus, »was wird dann aus einem?« »Das weiß kein Mensch –« »Was glaubst du?« Esau rückte unruhig auf dem Stuhle hin und her. »Es kommt jetzt nicht darauf an, was ich glaube, Mörch, sondern was du glaubst«, sagte er dann. Der Konsul schloß die Augen und atmete mühsam. »Ich bin wohl – ein schlechter Mensch gewesen«, murmelte er. »Bewahre, alter Freund! Man ist so, wie man ist.« »Das hast du selber damals gesagt, als ich die alte Stine herausgeschmissen hatte.« »Ja, ja, aber du warst damals ja krank.« » Du sagtest, sie wäre auch krank.« »Ja, ja, aber an jenem Tage war ich schlecht.« Der Konsul zwinkerte mit den Augen. »Ist die Tür geschlossen?« fragte er. »Wie?« »Ist die Tür dahinten geschlossen?« »Ja–a!« »Gehe hin und schließe sie ab. Ich möchte dir etwas sagen!« Knagsted ging hin und drehte den Schlüssel herum. »So, jetzt kann niemand hereinkommen!« »Ich habe mein Testament gemacht,« begann der Konsul in flüsterndem Ton, »ich habe mein Testament gemacht – deswegen habe ich dich kommen lassen – denn du sollst es wissen – die andern sind mir alle gleichgültig. – Ich bin ja immer sparsam gewesen – und ich habe Geld verdient, – viel Geld – Aber jetzt habe ich ein Testament gemacht, – und all mein Geld habe ich unter die Armen verteilt – alles, alles – die alte Stine bekommt auch was – und das Kinderheim – und das Jungfrauenstift – und die Gesellenherberge – alle bekommen sie etwas, – alle –« Abermals streichelte Knagsted die geschwollene Hand: »Ja, ja, Mörch, das ist sehr hübsch von dir! – Aber es ist dir gewiß nicht gut, wenn du soviel sprichst!« »Und an das Aussteuerlegat –« fuhr der Kranke fort – »und für zinsenfreie Anleihe für arme Häusler – und für eine neue Orgel – all mein Geld – alles, alles! – Glaubst du denn nicht, Knagsted – daß ich ganz ruhig sterben kann? – Glaubst du das nicht auch?« »Ja, ja, Mörch, ich glaube es zuversichtlich! Du hast gut und schön gehandelt!« »Ja, – denn wozu sollte ich das Geld auch wohl verwenden – wenn ich erst tot bin?« »Nein, ganz recht, das ist sehr verständig!« Der Konsul lag eine Weile da, ohne zu sprechen. Dann starrte er wieder zur Decke empor und seufzte tief auf: »Wenn es nur etwas gäbe, was Fegefeuer hieße,« sagte er dann, »das wäre gut für viele Menschen –« »Ja, aber es gibt ja so etwas, Mörch! Die Katholiken glauben es doch!« »Die Katholiken, ja, aber das geht uns andere nichts an!« »Nein, da hast du wohl recht!« »Und gesündigt haben wir ja alle.« »Das kannst du getrost sagen, Mörch; aber meine Ansicht ist nun einmal, daß der Mensch so handeln muß , wie er handelt!« »Unsinn Knagsted! Wir beide, du wie auch ich, hätten viel besser sein können, wenn wir nur gewollt hätten.« Esau schüttelte den Kopf: »Nein,« sagte er mit Überzeugung, »wir bewegen keinen kleinen Finger, ohne daß es nicht von Ewigkeit her bestimmt wäre.« »Das ist ein schöner Unsinn!« Knagsted senkte resigniert den Kopf: »Ganz wie du willst –« Draußen auf der Straße rasselten zwei Wagen aneinander vorüber. Das Haus erzitterte, und das Gesicht des Konsuls verzog sich schmerzlich. »Willst du nicht Lohe streuen lassen, Mörch? Das dämpft doch den Lärm.« »Nein, das will ich nicht!« entgegnete Mörch wütend. »Gerber Musmann ist immer so hochnäsig gewesen!« »Du könntest die Lohe ja aber von Gerber Johansen nehmen!« »Nein! Der hat mich einmal mit ein Paar Pferden angeschmiert. – Wenn ich keine Lohe haben will, brauche ich doch wohl keine zu nehmen!« »Natürlich brauchst du es nicht, alter Freund!« Pause. Esau sah auf den Freund herab, der mit geschlossenen Augen und schlaff herunterhängenden Mundwinkeln dalag. »Bist du nicht müde, Mörch? Soll ich nicht lieber gehen, damit du ein wenig schlafen kannst?« »Ja,« lallte Mörch – »aber da war noch etwas, worüber ich mit dir sprechen wollte.« »Ich will morgen wiederkommen, wenn du magst!« »Ja!« Der Zöllner erhob sich: »Adieu, Mörch«, sagte er und streichelte ihm die Hand. »Adieu, Knagsted! – Du bist mir also nicht mehr böse, weil ich mich mit Alvilda verheiratet habe –« »Nein, nein! Schlage dir die Gedanken nur aus dem Sinn! Soll ich dem Fräulein sagen, daß sie jetzt wieder hereinkommen soll?« »Ja –« Esau stand schon an der Tür, als er vom Bett her ein leises, glucksendes Lachen zu vernehmen glaubte: »Zöllner, – komm einmal hierher, Zöllner!« Knagsted ging durch das Zimmer zurück. »Was wolltest du?« Der Mund des Konsuls hatte sich zu einem schiefen, boshaften Lächeln verzerrt, und seine Augen hatten ihren alten, lauernden Ausdruck angenommen: »Die andern werden sich schön ärgern, Zöllner!« »Welche andern?« fragte Knagsted, und er hatte ein Gefühl, als spräche der Konsul in Fieberphantasien. »Die andern,« wiederholte der Kranke, »die andern – hi, hi, hi – die mich beerben wollten, – meine Familie –, die Kinder meines Bruders! – die werden sich schön ärgern, hi, hi, hi! wenn sie hören, daß ich ein Testament gemacht habe! – Aber sie haben mich ja niemals besucht – die Lumpen! – Bist du noch da, Zöllner?« fragte er plötzlich und starrte wirr und angsterfüllt in die Luft. »Bist du da? – Wo bist du? Geh nicht von mir!« »Nein, nein,« sagte Esau, »ich bin ja noch hier.« »Ich kann dich nicht sehen! Ich kann dich nicht sehen – –« Der Konsul sprach hastig und stoßweise; und es war, als legte sich ihm eine Haut über die Augen: »Du sollst ja auch etwas erben, Zöllner«, sagte er in jammerndem Ton. »Das wollte ich dir gern sagen, – du sollst auch etwas erben, – dann bleibst du doch wohl hier – warum gehst du von mir!« rief er plötzlich mit vollständig klarer Stimme. – »Ich versinke! Ich versinke! Halte mich fest, das Boot kippt um –« »Fräulein Krankenpflegerin! Schnell! Kommen Sie!« rief Knagsted und hielt den Konsul fest, dessen einer lahmer Arm sich plötzlich krampfhaft in die Höhe hob, während sein Körper sich fast in einem Bogen aufwärts krümmte. »Fräulein, – schnell! schnell!« schrie Knagsted von neuem. Aber die Tür war ja abgeschlossen. Und ehe Esau sie geöffnet hatte und das Fräulein an das Bett eilen konnte, war der Tod mit Konsul Mörch davongewandert. In dem Städtchen hatten sich die Ereignisse in dem letzten halben Jahre förmlich gedrängt. Kaum hatte man das eine Thema gründlich erledigt, als sich schon ein neues wieder einstellte. Zunächst war da der Thomsensche Lotteriegewinn, die Geschäftsauflösung und der geplante Rückkauf des Gehöfts. Dann folgte Redakteur Heilbunths »Ausrangierung«. Dann Knagsteds uneheliche Zwillinge, die für Frau Lassen bis zum heiligen drei Königstage eine Quelle reicher Freude gewesen waren, mit der weihnachtlichen Schlittenfahrt des Kille-kille-Gutsbesitzers und der schönen Frau Oppermann als pièce de résistance . Und nun endlich zum Schluß: Konsul Mörchs Testament. Frau Lassen stöhnte. »Haben Sie je so was gehört!« sagte sie. »Da liegt der alte todkranke Mann auf seinem Lager und heckt sich solche Bosheiten aus! Mein Gott, die Armen sind nun einmal arm, und wenn man sie von seinem Überfluß bedenkt, so ist das hübsch und verständig! Aber Knagsted, Frau Heilbunth! Knagsted! Nun bitte ich Sie? Sechzigtausend Kronen, sagt Lassen! Diesem Satan, der nichts weiter getan hat, als ihn bei lebendigem Leibe quälen! Wenn man rechtmäßige Erben hat! Die reizendsten Menschen, versichere ich Sie! Die Kinder seines leiblichen Bruders! Nein, Recht muß Recht bleiben! Zwei von ihnen waren bei Lassen und haben geweint; nach dem Begräbnis! Sie hatten sich natürlich gedacht – Wer konnte sich auch was anderes denken? So ein Vermögen! Aber so ist Mörch immer gewesen, habe ich zu ihnen gesagt; man wußte nie, wie man mit ihm dran war! Aber, sage ich, Gott im Himmel wird es schon rächen! Trösten Sie sich nur, sagte ich, es gibt doch noch Gerechtigkeit im Weltraum!« Und wie Frau Lassen sprach, so sprachen alle. Auf den Straßen, in den Läden, in den Wohnstuben! Die Empörung war groß und allgemein. Man hatte eine Empfindung, als sei man selber um eine Erbschaft betrogen worden! Und alle, die ältere, wohlhabende Verwandte hatten, verdoppelten diesen gegenüber ihre Zärtlichkeit. Tante Jane und Onkel Siegfried wurden mit Briefen und Einladungen überschüttet. Und wer Kinder hatte, sandte sie mit den entzückendsten kleinen Körbchen voll Kuchen und Obst zu ihnen. Oder, wenn die lieben Angehörigen an entfernten Orten wohnten, ließ man die Kinder photographieren und sandte ihnen die Bilder mit der Unterschrift: Der lieben Tante Jane von ihrem Karlchen! oder: Dem guten Onkel Siegfried von seiner kleinen Elfe! Kurz, es war, als wenn Konsul Mörchs Testament die schlummernden verwandtschaftlichen Gefühle geweckt und die zerstreuten Familienherzen enger aneinander geknüpft hätte. Heute aber fand eine Abendunterhaltung mit nachfolgendem Tanz im Bürgerverein statt. Es war dies die größte und feinste offizielle Festlichkeit des Städtchens. Sie wurde jedes Jahr im Februar abgehalten. Und es gab Damen, die schon im November über ihre Toiletten nachdachten. Im Theatersaal der »Stadt Gammelkjöbing« war die große Gaskrone angezündet, und an den Seiten der sechs vergoldeten Pfeilerspiegel strahlten die Kandelaber. Kopf an Kopf in dichten Reihen saß das Publikum da: die Herren in Frack und weißer Binde, die Damen und jungen Mädchen in den unglaublichsten Toiletten. Es herrschte eine fast andachtsvolle Stille im Raum. Man wagte kaum zu atmen, so gespannt war man. Einige junge Mädchen preßten sogar die Hände aufs Herz, und auf ihren Wangen brannte rote Fieberglut. Und ringsumher in den Ecken stand der Vorstand und feierte Triumph! Es war ja nämlich schließlich gelungen, den berühmten Schriftsteller und Deklamator Henri de Madsen (einen teuren Schüler eines noch berühmteren Schriftstellers und Deklamators, der »Schule gemacht« hatte,) zu bewegen, den Bürgerverein mit seinem Besuch zu beehren. Und was noch wichtiger war: er war wirklich gekommen! Man hatte ihn sicher innerhalb der vier Wände des Hotels! Von dem befrackten und weißbehandschuhten Vorsitzenden des Vereins war er in einem Landauer vom Bahnhof abgeholt worden, und jetzt lag er im »Künstlerzimmer« auf einer Chaiselongue und ließ sich eine Morphiumeinspritzung machen. Im Saal fing man an unruhig zu werden. »Ich finde, es wird nachgerade Zeit!« flüsterte die Bürgermeisterin Rejersen dem Vorstandsmitglied Justizrat Schmalberg zu. »Ja«, gab der Justizrat gleichfalls in flüsterndem Ton zurück. »Frau Bürgermeisterin,« flüsterte er, »der Arzt ist bei ihm!« »Der Arzt ist bei ihm! der Arzt ist bei ihm!« rauschte es wie ein Brausen von Gänseflügeln über die Versammlung hin. »Er ist ja so schwach«, sagte Frau Lassen zu Frau Heilbunth. »Man sagt, er lebt ausschließlich von Champagner und Kaviar!« Die jungen Mädchen erbebten schaudernd. Noch niemals hatten sie etwas so Interessantes gehört. »Und dann trägt er seidenes Unterzeug!« erzählte die eine. »Und Spitzen manschetten!« sagte eine zweite. »Und goldene Armbänder!« flüsterte eine dritte. »Und einen Diamantring durch die Nase!« murmelte der Zöllner, der sich ebenfalls eingestellt hatte, »und Amethyste an den Zehen!« Die Tür im Hintergrunde des Saales wurde leise geöffnet. Aber sie knarrte in ihren Hängen, und das ganze Publikum drehte die Köpfe um. »Nun bitte ich Sie, Frau Heilbunth! Die Familie Thomsen! « Und wirklich! Da war Manuel mit seiner Mutter und Wulfdine. Sie schlichen leise herein und setzten sich bescheiden in eine der hintersten Reihen. »Aber Herr Justizrat!« fragte die Bürgermeisterin ganz entsetzt. »Diese Menschen!« Der Justizrat zuckte beklagend die Achseln: »Er hat sich eingezeichnet und den Beitrag bezahlt. Wir konnten nichts dagegen machen! Und außerdem haben Oberlehrer Clausen und Zollkontrolleur Knagsted seine Annahme empfohlen. – Aber jetzt fängt es an!« Der Vorhang der winzig kleinen Bühne ging auf. Alle Gesichter drehten sich blitzschnell wieder herum. Und ein Stöhnen der Erwartung ging durch den Saal. Es war die Salondekoration des Theaters. Die mit den Flügeltüren. Im Vordergrund stand ein vierbeiniger Mahagonitisch mit einer Wasserflasche (dunkelblau) und einem Glas (hochrot). An der linken Seite des Tisches eine Chaiselongue, an der rechten ein amerikanischer Schaukelstuhl. »Ah!« sagte ein junges Mädchen und kniff ihre Nachbarin kräftig in den Arm, »da ist er!« Die Flügeltür wurde lautlos ein ganz klein wenig geöffnet, und durch die also entstandene Ritze wand sich Henri de Madsen. Verschämt und bescheiden schlich er auf den Zehenspitzen bis an die Lampenreihe, und verlegen mit seinem linken Ohrzipfel spielend, verneigte er sich. Eine donnernde Beifallssalve begrüßte ihn. Die Stadt quittierte für den Ruhm. Der Dichter aber stand jetzt scheinbar ganz unberührt da, lehnte sich mit dem Rücken gegen den Mahagonitisch und starrte mit einem unergründlichen Blick über das Publikum hin. Das eine Bein hatte er über das andere geworfen, so daß man den mit einer Rosette verzierten Lackschuh und die roten seidenen Strümpfe sah. In der Rechten hielt er ein Paar hellgrüne Glacéhandschuhe und in der Linken einen eigelben Zollstock, von denen, die sich auf- und zuklappen lassen, so wie sie die Zimmerleute und Maurer gebrauchen. Sein rotblondes Haar fiel ihm glatt in die Stirn. Sein Gesicht war länglich mit leidendem Ausdruck, und die Iris seiner Augen hatte die Farbe des Absinths. »Meine Damen und Herren –« begann er mit eigentümlich schnarrender Stimme, während er mit seinen Armbändern hinter den Manschetten rasselte, »Meine Damen und Herren –« ehe er aber noch den Satz beendet hatte, fing er plötzlich kokett an, den Umkreis der Tischplatte mit dem Zollstock auszumessen. Dann lachte er forciert, stellte sich wieder auf, zupfte sich ein paarmal am Ohrzipfel, legte den Kopf auf die Seite und sagte: »Meine Damen und Herren! Ich soll die Ehre haben, Ihnen mein reimloses Gedicht: ›Die Vogelspinne‹ vorzutragen!« Worauf er seine hellgrünen Handschuhe oben auf das hochrote Wasserglas legte, das er dann über den Hals der dunkelblauen Wasserfläche stürzte. Er konnte nicht deklamieren, wenn diese drei Farben nicht in dieser Reihenfolge zusammengestellt waren. Nun räusperte er sich, maß ein paar von seinen langen Fingern mit dem Zollstock und begann: »Man sagt, In des Urwaldes Tiefe – Wo die Sonne nicht scheint, Wo der Wind nicht weht – Hinter den dunklen Blättern, Sagt man, Dort lebet Ein Tier, Grausig wie das Schicksal, Grausiger selbst Als die Hyäne, Die leise sich schleicht Hin Durch des Kirchhofs taufeuchtes Gras Und hebet Die Pfoten Langsam, Eine nach der andern Empor – – – Ach, man tut dem Tier unrecht!« Das Publikum saß atemlos vor Erregung da. Nie hatte man etwas Ähnliches gehört! Kein Wunder, daß Henri de Madsens Ruf durch das ganze Land ging! Er deklamierte nicht nur mit dem Munde, sondern auch mit den Augen, den Ohren, der Hand, den Armen, den Beinen und mit dem Zollstock! Keine Sekunde war seine Person in Ruhe. Bald saß er auf dem Tischrande, bald mitten auf der Tischplatte. Bald lag er hingegossen auf der Chaiselongue, bald wiegte er sich orkanmäßig im Schaukelstuhl. Und zweimal lief er auf allen vieren durch die Flügeltür aus und ein! – Und klar und sonor perlten die Verse über seine Lippen. Seine schnarrende Stimme wurde tief und volltönend. Man erlebte alles mit ihm. Man sah die dunklen Tiefen des Urwaldes. Sah die Vogelspinne sich über ihre Beute stürzen, sah, wie sie sie mit ihren vielgelenkigen Armen packte, festhielt, aussog, von sich spie – und die Erregung steigerte sich zur Ekstase, als der Dichter endlich, unter dem Tisch hervor, unter den er jetzt gekrochen war, diese letzten Zeilen in das Publikum schleuderte: »Und also, Vogelspinnengleich, An ihrem mürben Faden In dem dunklen Urwald – Hängt meine Seele Einsam, Verlassen. Allein In dem schwindelnden Raum Zwischen den segelnden Welten – Wo die Sonne nicht scheint, Wo der Wind nicht weht – Und greift mit den Armen, – Leer, Inhaltslos, Hungernd – Greift und verzehrt Der Menschheit Theorien. Der Menschheit Gedanken, Und prüft sie und schleudert sie von sich: Vergebens, vergebens! Und schreiet, Wie Millionen vor mir Und nach mir, Und bittet Flehend Um Licht, Um Klarheit, Um Deutung, Um Lösung, Erklärung. – Oh, du Lenker der Welten! – Von des Weltalls großem, schwerem Preisrebus.« Als er sein Gedicht mit einem Schrei, einem Notruf geendet hatte und wie eine Leiche ausgestreckt unter dem Tische lag, da lag auch Gammelkjöbing zu Henri de Madsens Füßen. Der Saal war gelüftet. Man hatte unten in dem Tummelplatz der Freßsäcke ein stärkendes Abendessen eingenommen, und jetzt sollte getanzt werden. An den Wänden entlang saßen die verheirateten Damen steif und kerzengerade in ihrem Putz und ihrer Frauenwürde. Die Toiletten wurden einer sachkundigen Kritik unterworfen. Und hätte man sich gegenseitig bis auf das Unterzeug untersuchen können, man hätte es sicherlich getan. Die Bürgermeisterin Rejersen schritt an den Reihen entlang. Sie trug ein stahlgraues, seidenes Kleid. Und huldselig herablassend nickte und lächelte sie nach allen Seiten. »Das hat sie zu ihrer silbernen Hochzeit bekommen!« flüsterte Frau Krämer Rübensie Frau Kürschner Hatteras zu. (Sie meinte das Kleid.) »Es ist fünf Jahre alt. Das kann man auch am Schnitt sehen!« Und Frau Hatteras flüsterte zurück: »Ja, und großer Gott, wie sie sich kröpft! Wir leben doch wirklich unter einer freien Verfassung!« Oben auf der Bühne hatte die Musik die Stelle des Dichters eingenommen und begann jetzt, die Violinen zu stimmen. Die Jugend sah erwartungsvoll aus. Die Herren standen rechts, die Damen links aufgestellt. Aber man warf feurige Blicke quer durch den Saal. Der Kille-kille-Gutsbesitzer Heimann kam blond, lächelnd und abgehärtet durch die Tür, die zu den Restaurationslokalen führte. Er hatte Frau Oppermann am Arm. »Bitte zu engagieren, meine Herren!« rief er und klatschte in die behandschuhten Hände. »Bitte zu engagieren!« Und sofort stürzten die Männlein zur Rechten sich über die Fräulein zur Linken. Es entstand eine große Verwirrung von Schwarz und Weiß. »Einen Marsch, Herr Callesen, s'il vous plaît !« rief der Gutsbesitzer zur Musik hinauf. Und Herr Callesen stimmte den Hochzeitsmarsch aus dem »Sommernachtstraum« an. »Ach!« seufzte Wulfdine, die ganz nahe an der Tür in einer Ecke saß. »was für eine Musik, Manuel!« »Wünscht man zu tanzen?« fragte Thomsen galant. Er war in Diplomatenrock und weißen Handschuhen. »Nein, um Gottes willen!« antwortete Wulfdine und klammerte sich an Mutter Karen fest. Mit dem Kille-kille und Frau Oppermann an der Spitze marschierten die tanzenden Paare jetzt schweigend und feierlich rund um den Saal herum. Dies war ja eine Art Vorstellung. Der Gutsbesitzer machte eine Bewegung mit der Hand. »Eine Polka! – Vier Paare, bitte!« »Was haben Sie für einen reizenden Mann!« sagte Fräulein Olivia zu Frau Heimann, die blaß und still in der Nähe der Musik saß und dem Tanz mit großen Augen zuschaute. Frau Heimann zuckte zusammen. »Ja –« »Ja, weiß Gott, er ist reizend! Sie selber tanzen nicht?« »Nein!« »Was sagen Sie?« Das Waldhorn wurde angebracht. »Nein!« »Also nicht?« Nach einer Weile erhob sich Frau Heimann leise und suchte sich einen andern Platz. Die Witwe Frandsen, die kleine verkrüppelte Mutter des »Klumpens«, saß neben Frau Bäckermeister Windberg, einer mächtigen Dame, deren schwarzes Atlaskleid über der Brust einen Ozean von Fleisch in Schranken zu halten schien. Sie sprachen über Henri de Madsens Deklamation. »Verstehen konnte man es ja nicht«, sagte Frau Frandsen. »Aber schön anzuhören war es!« »Ja, daß ein Mensch so was fertig bringt!« sagte Frau Windberg. Sie dachte in erster Linie an die gymnastischen Leistungen des Dichters. »Ja, er hat es in seinem Kopf!« sagte Frau Frandsen. »Aber jetzt soll er ja auch zu Bett gegangen sein!« »Ja, so was muß ja furchtbar angreifen. – Nun spricht die Gräfin schon wieder mit Frau Heilbunth!« »So–o? – tut sie das? – Ja, das tut sie auch wirklich! – Eine schöne Dame, die Gräfin!« »Ja, sie kauft bei uns!« »Ach, tut sie das?« Die gräfliche Familie von Rosenkalk (Vater, Mutter, Sohn und Tochter) erwiesen Gammelkjöbing regelmäßig die Ehre, an dem Februarball teilzunehmen. Die Eltern waren angenehme, einfache Leute, aber die Nachkommenschaft hielt auf Würde. Der Sohn, Graf Julius, lang aufgeschossen und zweiundzwanzigjährig, schlenderte im Saal umher und betrachtete die Bürgertöchter mit einem lebensmüden Ausdruck in den Augen. Er begriff es nicht, daß die Alten sich hierauf einlassen konnten! Und die Tochter, Komtesse Agathe, ebenfalls lang aufgeschossen (aber siebenundzwanzigjährig und aus diesem Grunde etwas verbittert), konnte vor Affektation kaum sprechen. Sie hatte sich ein Jahr in einem Schweizer »Ängstitüh« aufgehalten und hatte infolgedessen ihre Muttersprache zum Teil verlernt. Zollkontrolleur Knagsted nannte sie immer mit dem etwas technisch klingenden Namen: die Schraube ohne Ende. Augenblicklich war sie schweigend und einigermaßen empört Zeugin davon, wie ihr Papa vergnügt lächelnd die Frau Postmeisterin im Saal herumschwenkte. Graf Julius kam vorüber. »Wollen wir in die väterlichen Fußtapfen treten. Agathe?« näselte er und zeigte mit einer müden Handbewegung auf den väterlichen Skandal. »Non, mon chor Schühles!« sagte die Komtesse mit Würde. »Il faut donc pour le moins que nous deux exercions le comme il faut!« Die Musik stimmte einen Lancier an, und man ordnete sich in Quadrillen. Gutsbesitzer Heimann engagierte abermals die Buchhändlerin, was peinliches Aufsehen zu erregen begann. Die Frauen an den Wänden saßen wie auf gerösteten Kastanien. Frau Stadtkassierer Lassen und Frau Redakteur Heilbunth hatten sich zu beiden Seiten von Frau Heimann gesetzt, die bald nicht mehr wußte, wo sie sich vor dem Geklatsche bergen sollte. »Daß Sie es ihm nicht verbieten!« sagte die Stadtkassiererin, vor Empörung bebend. »Daß Sie sich darein finden! – Wenn Lassen sich so etwas unterstände!« »Ich tanze selber ja nicht,« sagte Frau Heimann, »wegen meines Beines.« (Sie glich einer armen kleinen Maus zwischen zwei Katzen.) »Und Heimann tanzt so gern.« Frau Lassen saß eine Weile da und lud. Dann schoß es mit einem Knall aus ihr heraus. »Es ist unmoralisch!« sagte sie, »im allerhöchsten Grad! – Was sagen Sie dazu, Frau Heilbunth?« »Ja, ich muß ja allerdings auch sagen –« Frau Heimann legte ihre kleine behandschuhte Hand weich auf den Arm der Redaktrice: »Sie dürfen es mir nicht übelnehmen, meine Damen,« sagte sie, »wenn ich Sie bitte, mich ein wenig allein zu lassen. Ich bin so müde, ich bin es nicht gewöhnt, mit soviel Menschen zusammenzusein.« »Aber nein!« sagte Frau Lassen. »Herr, du meine Güte!« sagte Frau Heilbunth. »Wenn man einen guten Rat geben will!« »Und helfen will!« Und damit segelten sie beide ab – – Aber Frau Heimann hatte recht. Sie war es wirklich nicht gewohnt, sich im geselligen Leben zu bewegen. Nur hin und wieder einmal mußte sie sich mit ihrem Gatten zusammen zeigen, denn »was würden die Leute sonst wohl sagen!« Emanuel Thomsen stand da und sah dem Tanz mit einem finsteren Ausdruck in seinen kleinen Augen zu. Dieses heutige Fest, auf das er sich so lange gefreut hatte, war ihm zur bitteren Enttäuschung geworden. Er hatte ganz fest geglaubt, daß er eine nicht unbedeutende Rolle spielen würde, daß »die Feinen« ihn in ihren Kreis aufnehmen würden, ja, daß er möglicherweise sogar auf eine freundliche Einladung zu Bürgermeisters gefaßt sein könne. Und nun nahm keine Menschenseele Notiz von ihm! Im Gegenteil, man mied ihn, man zeigte mit den Fingern auf ihn und wandte ihm den Rücken zu, wenn er vorüberkam. Ein paarmal hatte er mit Gewalt versucht, sich geltend zu machen, und hatte sich mit einem kleinen schiefen Diener vor einer der alten Kundinnen seiner Mutter verbeugt. Die Dame hatte aber regelmäßig mit lebhaftem Entsetzen in allen Mienen erklärt, sie sei so außerordentlich müde, daß sie im Augenblick wirklich nicht tanzen könne. Und zwei Minuten später hatte er sie ganz lustig mit einer Standesperson wegwalzen sehen. Und Manuel, der, die ganze Seele voller Wohlwollen für seine Mitmenschen, auf dem Balle erschienen war, erhärtete sein Herz und ballte die Hände in den Hosentaschen! Auch Mutter Karen fühlte sich ungemütlich. Sie sah so allerliebst aus in ihrem guten, schwarzen Kleid und mit der eleganten kleinen Blondenhaube auf dem weißen Haar. Aber niemand sprach mit ihr, ja, die Damen ließen sich kaum herab, ihren ehrfurchtsvollen Gruß zu erwidern. Nur Wulfdinen erschien alles in einem strahlenden Märchenglanz! Zitternd vor Angst und Verlegenheit hatte sie Manuels Befehl, ihn und die Mutter auf den berühmten Februarball zu begleiten, hingenommen. Und man hätte ihr armseliges kleines Lebenslicht für einen alten Groschen kaufen können, als sie hierher wanderte. – Als sie aber erst eine Stunde hier gewesen war, und nach und nach entdeckt hatte, daß niemand die Absicht hatte, sie zu rösten oder aufzufressen, und daß sie ganz still in einer Ecke sitzen und die Musik anhören und den Glanz und die Herrlichkeit anschauen konnte, da hatten ihre Angst und Verzagtheit sich in Seligkeit verkehrt. Und nun saß sie starr vor Begeisterung und Aufregung da und zupfte Madam Thomsen alle Augenblicke am Ärmel und sagte: »Nee, sieh doch bloß. Tante Karen! Wie süß das ist!« Tante Karen aber hatte nur Augen für ihren Sohn. Ihr Mutterherz ahnte, daß ihm dies eine bittere Prüfung war. – Und dabei sah er doch so stattlich aus in seinem langen Rock und seinen weißen »glacierten« Handschuhen! Graf Rosenkalk kam vorüber, fröhlich, herzensgut und lächelnd. »Guten Abend, Herr Thomsen!« sagte er und streckte die Hand aus. »Sie sind doch Herr Thomsen?« Manuel wurde dunkelrot. »Ja, – ja. – jawohl, Euer Exzellenz,« stammelte er, »man – man – man – man hat die Ehre!« Und er verneigte sich fünfmal. »Wie ich höre, werden wir bald wieder Nachbarn«, sagte der Graf. »Ja, – ja – ja, mit Euer Exzellenz Erlaubnis!« »Das freut mich! das freut mich! ha, ha, ha! Ich entsinne mich noch ganz deutlich, wie stattlich der Mühlenhof zu Ihres Vaters und Großvaters Zeiten aussah. (Emanuel vermochte vor Entzücken keinen Ton hervorzubringen.) Lassen Sie mich sehen, daß Sie das Gehöft wieder in Schwung bringen, mein lieber Thomsen. Ich will Sie schon im Auge behalten, ha, ha, ha! Unsere Güter grenzen ja aneinander!« Und Graf Rosenkalk schlug seinem künftigen Nachbarn kordial auf die Schulter, nickte lächelnd und schritt weiter. Thummelumsen sah ihm mit einem Blick nach, wie eine verschüchterte kleine wilde Ente einem brausenden Schwan nachblickt. Darauf stürzte er zu Wulfdine und Mutter Karen hin. »Habt ihr es gesehen – habt ihr es gesehen« (sein ganzes Eidamer Gesicht strahlte vor Erregung) – »habt ihr es gesehen, daß man mit dem Grafen konversiert hat?« Und jede Spur von Mißmut und Menschenfeindlichkeit war aus seinem Herzen gefegt. Die Uhr war zwölf. Die Musik verschnaufte sich und es wurden Erfrischungen herumgereicht. Pli-Hansen stand selber, frisiert und im Frack in der Tür, die zum Restaurant führte und dirigierte die Kellner. Es gab Eis und Sherry. Man langte zu, und das Stimmengewirr stieg zum Himmel empor. Der Kille-Kille kam galant mit einem Teller Eis und einem Glas Sherry zu seiner Frau. »Nun, Luise,« sagte er mit lauter Stimme, »amüsierst du dich, mein Kind?« »Ich bin ein wenig müde, Adolf – von den vielen Menschen.« »Willst du nach Hause?« »Ja, wenn es dir recht ist.« »Natürlich, wenn du müde bist! Aber iß dies nur erst! Prost, Alte!« Er nahm einem der Kellner ein Glas weg, »Prost! Dann bestelle ich also den Wagen. In einer kleinen halben Stunde!« Und weg war er. Frau Heimann aber seufzte. Sie wußte, daß in den nächsten vier Stunden nichts aus der Rückfahrt werden würde. Die Bürgermeisterin hatte sich des Oberlehrers Clausen und des Zöllners bemächtigt und stand nun da und las ihnen den Text, weil sie die Familie Thomsen eingeführt hatten. »Man muß seine Wahl mit Geschmack treffen«, sagte sie. »Wo bleibt sonst die Grenze, meine Herren?« Der Oberlehrer rang seine Spargel und stotterte. Der Zöllner sah finster drein. Da tauchte die kleine Olivia Rosen-Rejersen neben ihnen auf und pflanzte ihr Waldhorn ins Ohr: »Wovon sprecht ihr?« »Ich sage zu den Herren, ich kann es nicht begreifen, was Thomsen hier soll!« posaunte die Bürgermeisterin. »Sst!« sagte Knagsted scharf und sah sich nach den drei elenden wilden Enten um, »nicht so laut!« Olivia aber schrie aus vollem Halse (sie konnte die Kirchhofszene nicht vergessen): »Ja, du hast, weiß Gott, recht, Ferdinandine! Was sollen diese ordinären Menschen hier!« »Thomsens sind sehr ehrenwerte Leute,« sagte der Oberlehrer sanft, » sehr ehrenwerte Leute.« »Und sie sind doch wenigstens im vollen Besitz ihrer fünf Sinne!« fügte der Zöllner in trockenem Tone hinzu. »Was sagen Sie?« Die Haarzotteln der leibhaftigen Bosheit bewegten sich. »Ich summe eine Melodie vor mich hin.« »Was tun Sie?« »Ich summe eine Melodie vor mich hin.« »Sie summen?« »Ja!« »Was summen Sie?« Knagsted beugte sich über das Waldhorn und blies hinein: »Was willst du Rosen pflücken, – Wo andere Rosen blühn? – Sie kleiner Buchfink.« »Aber Herr Zollkontrolleur!« rief die Bürgermeisterin ganz empört aus. Und der Oberlehrer sagte: »Ja, Knagsted, du mußt dich wirklich –« Knagsted aber war linksum geschwenkt und war gegangen. »Im Königshain soll die Hochzeit sein Mit Tanz und klingendem Spiel – –« ertönte es von der Bühne herab, und die Reihen ordneten sich von neuem. Ein erhöhter Glanz lag in den Augen und glühendere Farbe rötete die Wangen. Die schirmenden Arme der Kavaliere schlangen sich fester um die biegsamen Taillen der Damen. Die Herzen pochten, und die Lippen lachten. Man fing an, Mensch zu werden. Der Standesunterschied verwischte sich. Und die Stunde der kritiklosen Engagements hatte geschlagen. Graf Rosenkalk walzte mit der Mutter der Novellen, Frau Oppermann, durch den Saal, und witzig mußte Se. Hochgeboren wohl sein, denn die Dame lachte, daß alle die an den Wänden entlangsitzenden Frauen darob erbleichten. – Ihre Gnaden die Gräfin ließ sich von einem Postbeamten herumdrehen, und Kürschnermeister Hatteras hatte seine behaarte Rechte um die silberne Hochzeitstaille der Frau Bürgermeisterin geschlungen. Der ganze Saal war ein summendes Durcheinander, ein lärmendes, lachendes Summen! »Schneller! Schneller!« rief Gutsbesitzer Heimann, er segelte mit Frau Bäckermeister Windberg dahin und der wogende Orkan der Dame drohte alle Schranken zu sprengen. – »Schneller! Schneller!« schrie er. Und Herr Gallesen ging mit bewunderungswürdiger Meisterschaft zu einem flotten Walzer über. Der Kronleuchter wiegte sich in dem Zugwinde der fliegenden Röcke. Die Prismen des Kandelabers klirrten. Der Fußboden schwankte. Und die aus Leinwand angefertigten Flügeltüren der Salondekoration oben auf der Bühne klappten auf und zu. Um viereinhalb brachen die letzten Gäste auf. »Die Sache hat sich doch ein wenig in die Länge gezogen, Luise«, sagte der Kille-Kille, als er neben seiner Frau in dem geschlossenen Wagen saß. – »Bist du sehr müde?« »Ja, ein wenig«, antwortete Luise. Sie war leichenblaß vor Erschöpfung. »Ach was, zum Teufel! Du kannst es ja morgen wieder einholen!« »Ja–a –« Und dann sprachen sie nicht mehr miteinander. Graf Rosenkalk und Frau schliefen, sobald sie das holperige Straßenpflaster der Stadt hinter sich hatten, in ihrem Pelzwerk auf dem Vordersitz ein. Sie hatten sich vorzüglich amüsiert und schliefen den Schlaf der Gerechten. Auf dem Rücksitz aber saßen der Stammhalter Graf Julius und »die Schraube ohne Ende«, mager, eingeknickt, lebensüberdrüssig und voll des tiefsten Mitleids mit ihren ordinären Eltern. »Mon Dieu donc, Schühles!« sagte die Komtesse plötzlich und packte den Bruder beim Arm, »il me semble, que notre père – notre père – schnarcht?« »Ja,« gähnte Schühles, »das kann er sich jetzt leisten.« Die »Siamesischen« sprachen auf dem Heimwege von der Familie Heimann. »Und nun bitte ich Sie, Frau Heilbunth, wie diese Frau sich dabei benimmt!« »Ja–a!« sagte Frau Heilbunth. »Ich bin, weiß Gott , keine Freundin von Frau Oppermann, das wissen Sie ; aber das muß ich sagen, in diesem Falle trifft Frau Heimann die Hauptschuld !« »Ja–a!« »Ja, das müssen Sie doch auch sagen! Denn wenn man einen Mann fesseln will, so muß man doch, weiß Gott , etwas dazu tun!« Oberlehrer Clausen und Zollkontrolleur Bosheit standen vor des ersteren antiker Haustür. Sie hatten auf dem Heimwege nur über neutrale Sachen geredet. Da faßte sich Clausen plötzlich ein Herz. Gesagt werden mußte es ja doch einmal! »Hör einmal, Knagsted!« begann er zögernd, »erlaube mir – du mußt nicht böse werden, daß ich dich darauf aufmerksam mache – aber – du schadest dir selber sehr dadurch –« »Wodurch?« fragte Knagsted. »Heraus damit!« Die Verwirrung des Oberlehrers steigerte sich. »Durch – durch – durch dein – dein oft ein wenig unbeherrschtes Auftreten.« »Hm!« »Ja, lieber Freund! So zum Beispiel mit Fräulein Rejersen. Was für einen Zweck hat das nur?« »Hm, – ja freilich –« »Siehst du wohl! Habe ich nicht recht?« »Natürlich! – Ich hätte lieber mit ihr tanzen sollen!« »Tanzen – ?« »Ja, sie auffordern und herumdrehen, bis ihr der Atem vergangen wäre und sie Höhrrohr, Zähne und Borderhaar und die ganze Prost Mahlzeit verloren hätte!« »Aber, liebster Knagsted!« »Ja, bester Clausen! Solch altes Bilsenkraut bringt mich nämlich immer zum Niesen, will ich dir sagen! – Aber das begreift dein süßes kleines Bählammherz natürlich nicht! – Willst du jetzt nicht hinaufgehen und dich schlafen legen?« Clausen sah ganz betrübt aus. »Du machst dich schlimmer, als du bist!« sagte er sanft. »Um so größer wird ja dann die Freude sein, wenn ich mich einmal offenbare! – Gute Nacht!« »Ja – aber – Knagsted –« »Gute Nacht!« »Da war noch – ich wollte gern –« »Gute Nacht! – Und grüße die Meerschaumpfeife Nummer neunundzwanzig!« Bei der Familie Thomsen hatte man sich eine kleine Tasse Kaffee gemacht und saß nun in dem nach dem Hofe gelegenen Salon und genoß sie. Emanuel hatte sich eine Zigarre angesteckt und lag bequem ausgestreckt schräg in einer Ecke des Sofas. Die Frauen hatten auf Stühlen Platz genommen. »Freust du dich nun nicht auch, daß du mitgegangen bist, Dine?« fragte Madam Thomsen. »Ja!« sagte Wulfdine mit glänzenden Augen. »Und was ich Vater alles zu erzählen habe! So fein wie sie waren! Und die Musik!« Mutter Karen hatte ein paarmal verstohlen zu Manuel hinübergeguckt, der sich auf dem Heimwege und auch jetzt beim Kaffee schweigend und unzugänglich verhalten hatte. Er lag da und starrte mit tiefsinnigem Blick vor sich hin und sandte kolossale Rauchwolken zur Decke empor. »Ist es dir leid, Manuel?« »Leid? Warum sollte es einem leid sein?« »Hm, – ich weiß nicht, aber –« »Nein, es ist einem keineswegs leid, Mutter Karen! Im Gegenteil! Man hat eine Idee bekommen –« Und abermals versank er in Träumereien. Nach einer Weile sagte Madam Thomsen: »Jetzt ist es wohl am besten, wenn wir uns zur Ruhe begeben, Manuel?« »Ja, ja!« antwortete Thomsen mit einer abwehrenden Handbewegung. »Die Damen können gehen! – Man wird ihnen später folgen!« Und die Damen gingen. Mutter Karen zögernd und von bangen Ahnungen erfüllt. Es beunruhigte sie stets, wenn der Junge Ideen bekam. Man konnte nie wissen, worauf er verfallen würde! Freilich hatte sie die höchste Bewunderung und den größten Respekt vor seinem Kopf und seinem Verstand, aber – aber – aber – Wulfdine hingegen war froh und ruhig. Noch immer erfüllt von den glänzenden Bildern des Abends. Und seit dem heiligen Abend noch vernarrter und verliebter in ihren »süßen« Manuel. Es gab auf der ganzen Welt keinen Menschen, der so schön war wie er! And dann sollte sie diesmal obendrein drei ganze Tage und – und – und – (sie errötete und klappte, schwindelnd vor Glück, zusammen) hi, hi, hi – und drei ganze Nächte hier in der Stadt und – bei ihm bleiben. – Der Winter war vergangen. Draußen über den grünen Feldern hingen die Lerchen und tirilierten vor Freude. Die Frühlingssonne strahlte. Es lag Wachstum in der Luft. Die Schafe bekamen Lämmer, und die Hunde hielten Zusammenkünfte in der Gesellschaft der Leidenschaften. Die Hebamme Fredriksen kam an dem Mühlenhof vorübergefahren. Sie war auf Praxis gewesen (ein Junge); und der glückliche Vater war selber Kutscher. »Jetzt kann er sich bald wieder sehen lassen!« sagte sie und zeigte auf den Hof. Der glückliche Vater (sechs Mädchen und fünf Knaben, der Neugeborene) nickte schwerfällig: »Ach, ja, es sieht ja ganz respektabel aus. – Aber wie lange kann Thomsen sich da halten!« »Er hat ja Geld, Jens Jörensen!« »Das sagen die Leute ja. – Aber er hält sich doch nicht! Das ist eine wahre Fusentaster-Familie! Mit seinem Vater und seinem Großvater war es das reine Komödienspiel – und die hatten nicht mal Kinder zu kleiden und zu füttern.« Madam Fredriksen, die den Grund zu des glücklichen Vaters Pessimismus sehr wohl verstand, sagte: »Ja, Kinder kommen ja nicht von selbsten, Jens Jörensen!« »Nein, weiß Gott! Aber was zum Teufel soll man die langen Winterabende anfangen, wenn man kein Geld hat, um Licht zu brennen!« Frau Fredriksen wandte sich um und musterte prüfend das Gehöft. Ringsumher herrschte geschäftiges Treiben. Auf dem Scheunendach lagen zwei Dachdecker und flickten und stopften. Das Wohnhaus war schon fertig und schimmerte festlich mit seinen weißen Mauern und seinen hellblauen Türen und Fenstern. Auf dem Hofplatz krochen ein paar kleine Mädchen herum und jäteten das Gras zwischen den Steinen aus. Und am Ende des Stallgebäudes stand ein Maurergesell und löschte Kalk und pfiff dazu. Jetzt rollte der Wagen an der Mühle vorüber. Das Rad drehte sich herum, und das Wasser floß plätschernd darüber hin und strömte brausend in den Bach, der unter der Steinkiste hinter den hohen Ulmen verschwand. Und draußen im Garten waren Manuel und der Menschen-Mortensen mit ein paar Häuslerfrauen beim Graben, Harken und Pflanzen. »Halten Sie einen Augenblick!« sagte Frau Fredriksen. Der glückliche Vater murrte unwillig und griff in die Zügel. »Guten Tag, Thomsen!« »Nein, was sieht man!« sagte Thomsen freudig überrascht und schob sich seitwärts im Taschenkrebsgang bis an den Gartenzaun. »Das ist ja wahrhaftig Frau Fredriksen!« »Ja, sie selber leibhaftig!« lachte die Hebamme. »Wie geht es denn, Herr Hofbesitzer?« Manuel lächelte wehmütig: »Man hat ja alle Hände voll, Frau Fredriksen, wenn man den Dreck ausmisten will, den die Schweine hinterlassen haben.« »Ja, aber jetzt kann man es doch schon merken!« »Ach ja, das kann man wohl –« Thomsen sah mager und müde aus. Seine runden Wangen waren eingefallen, und seine Schultern hingen mehr denn je. »Guten Tag, Jens Jörensen!« grüßte er freundlich. Der glückliche Vater aber brummte nur. »Was für eine Menge Menschen Sie in Arbeit haben! Ganz wie auf einem Rittergut!« sagte Frau Fredriksen. »Ja, man muß ja sehen, daß man fertig wird –« »Sie sehen ein wenig angegriffen aus, Thomsen!« »Ach ja, man hat ja kein leichtes Leben –« Jens Jörensen grunzte ungeduldig. »Ja, jetzt geht es gleich weiter«, sagte die Hebamme. »Und Ihre Mutter und Ihre Frau, Thomsen?« »Denen geht es gut, danke! – Die bewegen sich ja vornehmlich im Hause.« Die Hebamme sah verschmitzt aus: »Und wann schicken Sie mir den Wagen, der mich abholen soll?« Thomsen errötete. »Mit solchen Sachen treibt man keinen Scherz«, sagte er. »Hi, hi, hi! – Dann also adieu, Thomsen! Und grüßen Sie auch!« »Wie sieht das Haus in der Stadt aus?« fragte Manuel hastig, beinahe verlegen. »Ja–a, es hält sich ja noch von Ihrer Zeit her, aber –« »Man hätte es nicht verkaufen sollen, Frau Fredriksen.« »Wollen Sie denn jetzt zwei Grundstücke haben?« »Hüh! Hüh!« rief der glückliche Vater und trieb die Pferde mit einem Peitschenhieb an: jetzt wollte er nicht länger halten und dies dumme Gerede mit anhören. »Grüßen Sie auch! Grüßen Sie auch!« rief Frau Fredriksen und winkte. »Und sehen Sie bei mir ein, wenn Sie zur Stadt kommen!« »Danke!« sagte Thomsen, er blieb stehen und sah dem Wagen sehnsüchtig nach, bis er zwischen den Klosterhügeln verschwunden war. Die »Idee«, die Emanuel Thomsen an jenem Abend auf dem Februarball bekommen, hatte die Stadt abermals mit einem epochemachenden Unterhaltungsthema versehen, wahrend sie gleichzeitig Mutter Karens Herzen manchen tiefen Seufzer entlockt hatte. Die »Idee« war nämlich nichts Geringeres als der Entschluß, sofort, stehenden Fußes, allen Ratschlägen und Ermahnungen zum Trotz, den Mühlenhof zurückzukaufen! Und der Grund war einzig und allein der, daß Graf Rosenkalk Thomsen seinen Nachbar genannt hatte. – Jetzt konnte ihm die Stadt den Buckel hinaufkriechen! Mutter Karen hatte ihre Hände gefaltet. »Nein Gott, lieber Manuel, kannst du denn nicht ebenso gut bis zum Juni warten, wo doch –« »Nein!« »Ja, aber weswegen willst du denn durchaus gerade jetzt kaufen, Manuel –« »Weil man es will! – Punktum!« Und der Mühlenhof wurde gekauft. Im März war das Geschäft abgeschlossen. Und jetzt hatte man Mai. – Manuel hatte gestrahlt wie ein Johannisfeuer, als er seinen Einzug hielt. Wulfdine und Onkel Jakob waren eingeladen worden. Und wie ein siegestrunkener Mann hatte Thomsen sie umhergeführt, hatte mit seinen langen Armen gestikuliert, geredet, gelacht, geschwatzt, so daß es in den öden Räumen widerhallte. Es war Portwein und Kaffee gereicht worden, und Manuel hatte eine Rede gehalten, die es mit jeder Rede des Oberlehrers Clausen hätte aufnehmen können. Aber dann kam das »Hinterher«. »Ahem, ahem, Brrr!« räusperte sich der Menschen-Mortensen. Sie gingen umher und betrachteten die Dinge mit kritischem Blick. »Paff, paff!« sagte er und sog an der kleinen Pfeife. »Ja, jetzt gehört uns der Hof, Manuel, – aberrr – hol' der Teufel meinen Husten! –Aberrr, –wir hätten ihn wohl doch billiger gekriegt, wenn wir bis zum Juni gewartet hätten, dann hätten wir dem Schwein das Messer an die Kehle setzen können, wie man zu sagen pflegt!« »Und er hätte Zeit gehabt, das Gehöft noch mehr zu verunjenieren!« entgegnete Manuel. »Freilich, das hätte er – aberrr –« »Er hatte ja schon angefangen, die Fußböden aufzubrechen und zu verbrennen!« »Ja, was zum Teufel sollte er auch machen! Die Gören froren, daß es ein Gotteserbarmen war! Sie waren ganz grün vor Kälte, die armen Würmer –« »Was wollte er auch mit sechs Kindern!« sagte Thomsen empört. » Sieben !« verbesserte Mortensen. »Es waren, weiß Gott, sieben!« »Ja, was wollte er nur einmal mit all den Kindern!« »Ja, wahrhaftig, das hat seine Berechtigung! Aber etwas mußte er ja auch machen! – Ist es wahr, was man sich erzählt, daß wir ihm viertausend Kronen gegeben haben, damit er gleich abzog?« fragte Mortensen plötzlich; er hatte lange den passenden Moment abgewartet, um mit dieser Frage herauszuplatzen. »Er wollte es ja nicht für weniger tun«, antwortete Manuel ausweichend, indem er zur Seite blickte. »Ja, aber was zum Teufel wollen wir jetzt nur mit dem Gehöft anfangen?« entfuhr es dem Alten. Seit Thomsen sein Herr geworden war, sagte er nicht mehr »du«, sondern »wir« zu ihm. »Warum konnten wir uns nicht bis zum Juni bezähmen, wie es doch verabredet war? Dann hätten wir den ganzen Krempel für die Hälfte bekommen!« »Hm!« »Und für die Zinsen müssen wir auch wohl aufkommen und für die Steuern und die Abgaben?« Thomsen wand sich. »Man wollte nun einmal das Gehöft haben! Und das Geld gehört einem doch wohl!« »Paff! Paff! – Ja, das tut es wohl – Ahem, ja! – Aberrr –« »Und man hatte erwartet, du würdest einem beistehen, Mortensen, und statt dessen gehst du hier herum und machst einem die Sache leid! Man kann schon ohnedem genug Schweres haben!« Mortensen paffte gewaltig, und seine kleinen Vogelaugen zwinkerten. »Ich will keine Schwierigkeiten machen«, sagte er. »Manuel weiß sehr gut, daß ich uns immer ein treuer Freund gewesen bin, – Paff, paff, ahem!« »Die schwatzen und reden,« murmelte Thomsen, »sie reden einem die Ohren voll, und man ist schon von Hause aus trübselig genug veranlagt, – ohne dem –« Mortensen traten beinahe die Tränen in die Augen. »Paff, Paff!« dampfte er eifrig und glich einem Greise, der hinter einer Nebelwolke erscheint. »Manuel sollte ihnen das Rauchen beibringen!« »Das Rauchen?« »Ja, sie sollten Tabak rauchen, – Wulfdine und alle die andern! Das ist so ein angenehmes Mittel, um den Leuten den Mund zu stopfen!« Manuel lächelte. »Hm! Wulfdine redet nun gerade nicht mehr, als sie soll, insofern – Aber nun will man Mortensen auch sagen, warum man auf die Idee kam, den Hof sofort zu kaufen!« sagte er plötzlich sehr vertraulich. »Nun?« Der Menschen-Mortensen wuchs förmlich um einige Zoll auf seinem steifen Bein vor Verwunderung. »Ja, siehst du, man hatte ja nicht daran gedacht, den Kauf vor Ende Juni abzuschließen –« »Nein –!« »Aber da war es ja, daß der Graf –« »Der Graf? Was für ein Graf?« »Der Graf drüben auf Lindenholm! mein Nachbar!« sagte Thomsen und reckte sich stolz in die Höhe. »Haben wir mit dem gesprochen?« »Freilich hat man das getan! Auf dem Ball in der Stadt! Man hat überhaupt mit sonst niemand gesprochen! Und er riet einem, sofort zu laufen. Verstehst du nun? Wir unterhielten uns, und er wollte einem schon helfen, sagte er. Man sollte sich nur auf ihn verlassen! Er wäre der beste Freund von Vater und Großvater gewesen. Man könne, wenn man Lust hätte, freimütig zu ihm kommen, direkt in seine Stube hinein. Verstehst du nun, Mortensen, daß ich den Hof kaufte?« »Ja!« sagte der Alte mit ekstatischen Augen. – »Ja!« »Und daß es einem da nicht darauf ankam, Cornelius ein klein wenig mehr zu geben, als –« »Die paar Groschen! Zum Teufel damit! Wenn wir solchen Mann im Rücken haben. – Aber wie, zum Teufel auch, fingen wir es denn an, den zu kapern, Manuel?« » Zu kapern ?« sagte Thomsen und schob die schiefe Schulter in die Höhe, »zu kapern ? Der kam selber persönlich zu einem!« »Ahem, ahem. Brrr! Pfui Teufel! – Wir sind, weiß Gott, ein Napolium, Manuel Thomsen!« Und man ging an die Instandsetzung des Hofes. Schnell sollte es gehen, so wurde denn nicht gespart. Maurer. Tischler und Maler wurden massenweise in Arbeit genommen, und Manuel selber leitete das Ganze. Als das Wohngebäude fertig war, zogen Mutter und Sohn mit Möbeln und Küchengerätschaften und Bildern und allen Habseligkeiten hinaus. Alles wurde ganz genau auf demselben Fleck angebracht, wo es vor fünfzehn Jahren gestanden hatte. Neue Gardinen wurden aufgehängt, Blumentöpfe auf die Fensterbretter gestellt und kleine, elegante Teppiche ringsumher über die Fußböden verteilt. Und dann eines schönen Abends, als die Lampe angezündet war und der Teekessel in der Ofenröhre summte, setzte sich Manuel mit seiner Pfeife in die Sofaecke und wartete darauf, daß die alte, trauliche Daheim-Stimmung sich wieder einfinden sollte. Er dampfte so energisch, daß Madam Thomsen ein paarmal in ihrem Stuhle husten und niesen mußte. Aber das half alles nichts. »Man weiß nicht, wie man sich ausdrücken soll, Mutter Karen,« sagte der kleine Thomsen dann plötzlich, »aber man empfindet so ein Gefühl der Leere in der Brust!« »Aber mein Gott, Manuel, was kann das nur einmal sein?« »Man weiß es nicht, man fühlt es nur!« Madam Thomsen sah bekümmert von ihrem Strickzeug auf. Auch sie fühlte sich gar nicht so recht wohl da draußen. All dies Lärmen und Getreibe mit dem Umzug und den Handwerkern hatte sie ermüdet. Sie sehnte sich nach den kleinen Zimmern in der Stadt und nach dem Straßenpflaster, und nach den Damen, die an ihren Fenstern vorübergingen und zu ihr hereinnickten. Hier mußte sie sich den lieben, langen Tag tummeln und sah nie einen Menschen! – Aber sie verschwieg ihre Sehnsucht. Sie wollte den Jungen nicht traurig machen. Er war ja, leider Gottes, selber nicht in der rosigsten Laune – »Du solltest Wulfdine kommen lassen, Manuel!« »Ja-a!« »Das würde dich am Ende ein wenig ermuntern!« »Ja–a! – Aber man hatte sich ja eigentlich gedacht, Mutter, daß man selber und du eine Zeitlang so allein zusammen in den alten Räumen leben sollte, – so wie in früheren Zeiten.« »In früheren Zeiten!« sagte Karen und schüttelte den Kopf. »Ja, das war dazumal! – Aber Wulfdine könnte mir ja auch ein wenig zur Hand gehen, Manuel!« »Eigentlich war ja die Bestimmung,« sagte Thomsen ausweichend, »daß man erst zusammenziehen wollte, wenn man mit allem in Ordnung gekommen wäre.« »Ja–a, aber darüber würdet ihr euch schon einigen – Und jetzt, wo sie in gesegneten Umständen ist –« Manuel schnitt eine Grimasse: »Man will sich die Sache überlegen!« sagte er. Und das Resultat dieser Überlegung war, daß das junge Paar Mitte April Hochzeit machte. Und nun ging Wulfdine mit ihrem kleinen runden Leib auf dem Mühlenhof umher und war Manuels Frau vor Gott und Menschen. Sobald sich die Erde nur einigermaßen bearbeiten ließ, ging man an die Gartenarbeit. Und die nahm für eine Zeitlang Thummelumsens ganzes Interesse in Anspruch. Auf den Feldern ließ er den Großknecht regieren. Alles im Garten sollte wieder genau wie ehedem instand gesetzt werden. Die Wege wurden abgesteckt, die Rasenfläche und die Beete umgegraben, die Naturbänke ausgebessert und das Taufbecken wieder auf seinen Baumstamm gestellt. Was aber namentlich das Barometer bei dem kleinen Mann zum Steigen gebracht hatte, war, daß Graf Rosenkalk eines Tages mit Kutscher und Diener vorübergefahren kam und an dem Gartenzaun gehalten hatte. »Hallo, Nachbar!« Was Knöpfe und Tragbänder halten wollten, segelte Thomsen taschenkrebsartig über ein neubepflanztes Rosenbeet. Der Graf streckte freundlich eine Hand nach ihm aus. »Guten Tag, guten Tag, Thomsen!« Manuel errötete und barg seine Hände auf dem Rücken: »Man hat ja ein wenig Erde an den Fingern, Eure Exzellenz«, sagte er. »Ei was, ein Landmann! ha, ha, ha!« sagte die Exzellenz, zog aber doch die Hand zurück. »Nun, es freut mich, zu sehen,« fuhr der Graf fort, »daß der Mühlenhof auf dem besten Wege ist, wieder menschlich zu werden!« »Ja, man tut ja, was man kann!« »Ein Schelm, der mehr tut, ha, ha, ha! – Na, adieu, Nachbar! – Ja, Sie kennen ia den Weg nach Lindenholm! – Dann nur zu, in Gottes Namen, Marius!« Und die Füchse tanzten mit Kutscher, Diener und Exzellenz dahin, während Manuel am Gartenzaun stand und sich tief dem Zentrum der Erde zuneigte. Während der drei folgenden Tage strahlte nun das Eidamergesicht des kleinen Thomsen wie das Antlitz eines Engels vor Gottes Thron. Und Wulfdine und Mutter Karen gingen voll froher, vielverheißender Gedanken einher. Aber am Nachmittage des vierten Tages legte Manuel den Diplomatenrock und die grauen Beinkleider an, setzte den steifen Hut auf und nahm seinen Stock in die Hand. Mutter Karen und Wulfdine standen in der Haustür und nickten und lächelten. Und Thomsen begrüßte sie mit einer königlichen Handbewegung, als er aufrecht und männlich wie ein Kammerjunker bei der Scheune um die Ecke bog. Als er aber eine Stunde später scheu und gebrochen, taschenkrebsförmig über den Hofplatz schob, glich er einem Menschen, der Wechsel gefälscht hat und auf frischer Tat ertappt ist. Graf Rosenkalk hatte ihn allerdings empfangen, ja ihm sogar eine Zigarre angeboten. Aber in demselben Augenblick, als Manuel sich und seinen Diplomatenrock in einem der großen hochlehnigen Stühle im Herrenzimmer placieren wollte, hatte der Graf gesagt: »Ja, Sie müssen mich entschuldigen, bester Thomsen, ha, ha, ha! Ich habe aber so verteufelt wenig Zeit. – Ist da aber irgend etwas, was Sie auf dem Herzen haben, lieber Freund, so gehen Sie nur zu meinem Inspektor hinunter. Ich habe ihm Bescheid gesagt. – Er wohnt drüben im Seitenflügel. – Sehen Sie, – dort, die erste Tür rechts! – Adieu! hat mich sehr gefreut, Sie hier bei mir zu sehen! ha, ha ha!« – Und nun stand Emanuel Thomsen, wie gesagt, auf dem wiedererstandenen Erbe seiner Väter am Gartenzaun und starrte sehnsuchtsvoll einem Wagen nach, der in der Richtung nach Gammelkjöbing davonfuhr. Es war an einem Sonntagabend gegen Ende Juli. Unten auf der Promenade, die an den Hintergärten entlanglief, lustwandelten die Ehegatten Gammelkjöbings mit ihren Damen unter den grünen, breitkronigen Linden. – Sie lustwandelten dort in diesem Jahr, wie sie im vorigen gelustwandelt waren und wie sie wohl bis in alle Ewigkeit lustwandeln werden. Draußen über dem Fjord hing die Sonne an dem blauweißen Himmel. Hier und da schimmerte ein Segel, und ein Ruder hob sich glitzernd über dem blanken Wasserspiegel. Die kleinen Vögel sangen ihr Abendlied, und die Kirche der Weißen Schwestern hoch oben über den Dächern der Stadt leuchtete, als sei sie aus Schnee und Marmor erbaut. – Kurz, siehe Seite fünf und die folgenden Seiten! – – – Oberlehrer Clausen hatte die Promenade verlassen und seinen Abendspaziergang angetreten. Er wollte durch das Nonnentor auf die Landstraße hinausgehen. Als er an dem kleinen Thomsenschen Hause in der Südstraße vorüberkam, blieb er stehen. Jetzt wurde dort ein Fettwarengeschäft betrieben. Und in dem Ladenfenster, wo früher feine Spitzen hingen, lagen nun stinkender Käse, Heringe und Stockfisch. Das Türschloß war grünspanig und ungeputzt, die Fensterscheiben matt und schmutzig, und der zierliche Anstrich der Fassade war an vielen Stellen abgestoßen und vom Regen und Straßenschmutz angespritzt. »Ja, wie heißt es doch gleich, du alter Oberclausen?« »... Ach, du bist es, Knagsted!« »Ja, ich bin es. – Aber wie heißt es doch nur gleich?« »Was denn?« »Ach, dies lateinische Sprichwort, mit dem ihr euch so wichtig macht, wenn ihr dasteht und die Schloßruine von Kolding betrachtet oder ein Vollblutpferd, das mit einem Abfuhrwagen dahinzottelt!« » Sic transit gloria mundi ?« zitierte der Oberlehrer mit Pathos. »Ja, ganz recht!« nickte Esau und zeigte auf das heruntergekommene Wohnhaus. – » Sic transit gloria Tummelumcis ! – Wie mag es ihm übrigens da draußen auf seinem Rittergut ergehen?« »Das weiß ich wirklich nicht! Aber er ist sicher im siebenten Himmel, jetzt, wo sein Wunsch in Erfüllung gegangen ist.« »Den Teufel auch ist er das, wenn ich mich auf die Menschen verstehe! – Willst du spazierengehen?« »Ja! –« »Hast du etwas dagegen, daß ich dich begleite?« »Bewahre, lieber Freund.« Und dann marschierten sie ab. Draußen vor dem Nonnentor lagen die breiten Felder und streckten sich in all ihrem frischen Grün. Die Roggenähren nickten im Abendwind, und an den Pappeln am Wege plauderten die Stare. »In diesem Jahre haben wir doch einen herrlichen Sommer!« sagte der Oberlehrer und sah verliebt um sich. »Entzückend!« sagte der Zöllner. – »Aber darüber haben wir gewiß schon im vorigen Jahre gesprochen.« »Ach du, mit deiner ewigen Ironie!« »Ha, ha, ha! Soll ich dir etwas sagen, Clausen?« »Hm?« Esau sah zu dem Freund auf, und seine Haarzotteln bewegten sich. »Ich liebe dich!« »Hm!« »Ja, es ist wahrhaftig wahr, lieber Clausen! – Du wirkst veredelnd auf meine Natur!« »Willst du mich aufziehen?« »Wenn man mit dir zusammen ist, will ich dir sagen, so hat man ein Gefühl, als ob – ja, wie soll ich mich ausdrücken – als ob man mit einem Kind an der Hand über einen Friedhof ginge. – Nein, bitte, kein Wort! – Die Gräber nennt es ›Blumenbeete‹, es klatscht in die Hände vor Freude über die reizenden Grabdenkmäler, und ›tief, tief unten in der Erde liegt Tante Esther, sagt Mama und schläft so süß, so süß, und wenn sie aufwacht, so ist sie droben im Himmel und ist ein Engel geworden so wie Tante Rieke und Onkel Fredrik‹. – Nein, laß mich ausreden. Clausen, laß mich ausreden! – Und weißt du, es hat etwas so Beruhigendes, Friedvolles, mit so einem Kinde zu gehen. Ein erwachsener Mann weiß ja ganz gut, daß das alles Unsinn und Redensarten sind, was das Kind da plaudert, aber trotzdem, Clausen, trotzdem! – Ja, das Jungenband ist mir ja gar nicht ganz richtig gelöst! – Ein erwachsener Mensch, der sehen und hören und riechen und fühlen und schmecken kann, wie es sich in Wirklichkeit verhält: daß die Gräber übertüncht sind, daß die Grabdenkmäler Humbug und daß Tante Rieke und Tante Esther und Onkel Fredrik keine Engel sind! – der hat trotzdem Freude daran, zuweilen einmal einen solchen Spaziergang zu machen – er wird gleichsam ›besser‹ dadurch, er – Wie? he? – ›Unsinn!‹ wie der selige Mörch zu sagen pflegte.« Der Oberlehrer war stehen geblieben und stand nun da und hatte den Zöllner mit glücklichen, innigen Augen angesehen. Jetzt aber sah er tief enttäuscht aus und sagte beinahe unter Tränen: »Warum mußtest du nun so schließen, Knagsted! Das, was du sagtest, war ja doch so schön!« »Ja, es war wirklich reizend! Der Teufel mag wissen, woher ich es habe! – Wollen wir jetzt weitergehen?« Und sie gingen. »Jetzt ziehe ich nach Kopenhagen!« sagte Knagsted plötzlich. »Du ziehst nach Kopenhagen?« »Ja, ich habe geerbt, wie du weißt. Und zum ersten Oktober habe ich meine Zöllnerei gekündigt und ziehe nach Kopenhagen. – Da soll es so unglaublich kluge, begabte Menschen geben! Die will ich mir gern ansehen, – und von ihnen lernen! Kommst du mit?« »Gehst du wirklich fort?« »Ja! Kommst du mit?« »Nein!« »Du kannst ja genau so gut in der Hauptstadt wohnen! Und ich würde dich sehr entbehren!« »Ja–a, – nein, die kleinen Städte sind mir die liebsten. Es ist gemütlich still und friedlich hier in Gammelkjöbing.« »Ja, das finde ich auch!« »Und trotzdem –« »Trotzdem gehe ich fort, ja!« »Aber was willst du da anfangen, Knagsted?« »Ach Gott, liebster Freund, alle die genialen Kater, die da auf zwei Beinen herumspazieren, da gibt's sicherlich genug zu tun!« Der Oberlehrer ging eine Weile schweigend weiter. Dann fragte er: »Wieviel hast du eigentlich geerbt?« Der Zöllner kniff ein Auge zu: »Fünf Millionen, drei Mark und vier Pfennig!« sagte er. »Bist du neidisch, Alter?« »Neidisch –! Nein, aber ich kann nicht verstehen, wie Mörch –« »Hi, hi! Man hat seine Karten fein gespielt, sage ich dir!« »Du, der ihn immer –« »Ja, gerade deswegen! Ich habe ihn intimidiert, so heißt es, glaube ich. Ihm gedroht! Ich hab' ihm gesagt, wenn er mir nichts vermachte, grübe ich ihn wieder aus und legte ihn auf Eis – du weißt, er hatte immer solche Angst, frieren zu müssen!« Der Oberlehrer wieherte. »Hast du denn keinen Funken Ernst in dir, Knagsted?« »Nicht für einen Groschen, – nein! – Aber nun müssen wir wohl umkehren.« Sie waren oben auf dem Hügel angelangt, wo die Landstraße gen Westen, nach der Stadt zu, abfiel und sich gen Osten fortsetzte und in die weite Welt hineinführte. »Da unten liegt Thummelumsenheim!« sagte Esau und zeigte darauf. »Sieh, wie es schimmert mit seinen frischpolierten Schornsteinen!« »Hör einmal, Knagsted –« Clausen stand abermals still. »Wollen wir einmal da hinunter gehen?« »Da hinunter gehen?« »Ja, und Thomsen besuchen? Das können wir ganz gut tun! Wir haben ihn ja doch im Klub eingeführt!« »Na, darüber wird er wohl nicht gerade so sehr entzückt sein!« »Nein, aber – wollen wir hingehen?« »Ja, wenn es dir Pläsier macht, – meinetwegen!« »Und ich glaube auch, daß Thomsen sich freuen wird. Dann hat er doch jemand, dem er die ganze Herrlichkeit präsentieren kann!« »Ja, dann laß uns nur gehen!« Und sie stießen die Stöcke in den Erdboden und bogen in den Seitenweg ein. »Knagsted –« begann der Oberlehrer vorsichtig, als sie eine Strecke gegangen waren. »Ja!« Clausen legte seinen Stangenspargel sanft auf den Arm des Zöllners. »Du mußt nicht böse werden –« Esaus Haarzotteln lächelten. »Ich weiß ganz genau, was du sagen willst, lieber Clausen.« Der Oberlehrer errötete. »Du willst mich bitten, daß ich mich anständig betrage, nicht wahr?« Der Pädagoge wurde noch röter. »Ja – ja, – nein,« stammelte er, – »ja, ich wollte nur sagen, daß –« Knagsted packte den Freund mit seinen beiden behaarten Händen beim Rockaufschlag und schüttelte ihn. »Du großer Gott, wie ich dich liebe, Mensch!« sagte er. »Herr Gott in deinem hohen gestickten Himmel, wie ich dich liebe!« Clausen befreite sich endlich. »Ja, aber Knagsted, du mußt doch zugeben –« »Ja, ja – ich gebe ja zu!« »Daß, wenn wir Menschen nicht –« »Wenn, wenn, Papperlapapp, ja! Wenn meine Tante Räder hätte, so wäre sie ein Omnibus! – Komm jetzt, du großes Kind! Ich will mich so benehmen, als wenn ich zum Tisch des Herrn ginge!« Im Gartenzimmer des Mühlenhofes saßen Manuel, Mutter Karen und Wulfdine. Man sprach nicht, jeder war mit seinen düsteren Gedanken beschäftigt. Die Frauen, die mit ihren Strickzeugen an dem Fenster nach der Landstraße hinaus saßen, warfen von Zeit zu Zeit einen scheuen Seitenblick zu dem Herrn des Hauses hinüber, der zurückgelehnt in der Ecke des großen, alten Sofas lag und seine Pfeife rauchte. Er sah blaß und müde aus, der kleine Thummelumsen, müde und blaß und unglücklich. Denn er begriff nicht mehr das Leitmotiv in der Weltenordnung des allmächtigen Gottes. Fünfzehn lange Jahre hatte man sich abgemüht und gelitten und gestritten, um auf das Gut seiner Väter zurückkehren zu können. Und Gott hatte selber persönlich seine Hand mit im Spiel gehabt und einem seinen Segen verliehen, damit man ans Ziel gelangen konnte – Aber dann: Punktum! – Eine merkwürdig bleischwere Gleichgültigkeit, ein unsagbarer Lebensüberdruß hatten sich seit jenem Tage, als der Mühlenhof sein eigen geworden war, in Manuels Herzen eingenistet. Er konnte nichts dazu tun. Es war ihm nicht möglich, dies Gefühl zu überwinden; es saß da, wenn er des Abends einschlief; es saß da, wenn er des Morgens erwachte. Rastlos war er durch die Zimmer, durch die Ställe, die Scheune und den Garten gewandert. Von einem Tage zum andern hatte er darauf gewartet, daß die Freude darüber, an den alten Stätten leben und sich betätigen zu können, seine Seele erfüllen werde. Aber es kam keine Freude, im Gegenteil, es wurde nur immer trübseliger; die Arbeit, die ihm die Anordnung und die Instandsetzung des Ganzen verursachte, hatte ihn eine Weile zerstreut und interessiert. Jetzt aber, wo sich Hof und Garten so präsentierten, wie es sich gehörte, jetzt ging er starr und stumpfsinnig umher und glotzte alles mit fremden Äugen an. »Man versteht es nicht, Mutter Karen!« sagte er und sah sie mit dem Blick eines kranken, kleinen Kückens an, »man versteht es nicht, was es ist, daß man in den inwendigen Teilen wie aus Holz geworden ist!« Und er setzte sich mit seiner Pfeife still in die Sofaecke und starrte nachdenklich vor sich hin, als wolle er durch die Ringe und Nebel des Tabakqualmes hindurch die dunklen Augen des Schicksals enträtseln. Und dann kam ja auch noch der Umstand hinzu, daß ihm all dies Auf-den-Kopf-Stellen in Hof und Garten soviel Geld kostete. – Und einen Begriff von Landwirtschaft hatte er nicht; der Großknecht konnte ihn betrügen, so arg er wollte. – Und nie im Leben würde er sich dazu herablassen, Rat und Hilfe bei den benachbarten Bauern zu suchen, – um keinen Preis der Welt! – Und der Graf, sein eigentlicher Umgang, hatte ihm die Tür gewiesen. – Es stand in Gottes Ratschlüssen aufgezeichnet, daß man zugrunde gehen sollte. Es nützte nicht, dagegen anzukämpfen. Jetzt sah er es klar und deutlich: Er hätte den Mühlenhof nie zurückkaufen sollen ! »Man tut seine Pflicht, Mutter Karen,« sagte er. »da man ja nun doch einmal hier ist. Aber es macht einem keine Freude.« Sanft und still und friedfertig war er geworden, und nie kam ein heftiges Wort über seine Lippen. Mutter Karen aber seufzte tief und lange. Und es fehlte nicht viel, so hätte sie gewünscht, daß Manuel aufbrausen und schelten und seitwärts laufen und den langen Arm schwingen möge, wie ehemals in der Stadt, damit man doch sehen könne, daß Leben in ihm war, denn dies war ja beinahe, als wenn man eine Leiche im Hause hätte. Und Wulfdine kroch in den Ecken zusammen, klein, verschüchtert und schwanger, und begriff nicht das geringste. Für sie war das Leben ja nur Sonnenschein, wenn Manuel lächelte, und lauter Nebel, Regen und trübes Wetter, wenn er still und bekümmert war. Und die Sonntage waren am schlimmsten; dann ruhte alle Arbeit, und der Hof lag öde und still da, so daß man förmlich zusammenfuhr, wenn nur eine Krähe im Garten krächzte oder eine Ratte raschelnd über den Boden sprang. – Beide Frauen hatten Onkel Jakob ihre Not geklagt. Und der alte Küster hatte bedenklich an dem Hackmesser gezupft: »Ja, ja!« Worauf er zuversichtlich hinzugefügt hatte: »Aber – das gibt sich wohl mit der Zeit.« Draußen auf der Landstraße wurden Schritte hörbar. »Da kommt jemand, Manuel!« Madam Thomsen erhob den Kopf vom Strickzeug. »Weiß Gott, das sind der Oberlehrer und der Zollverwalter!« sagte sie gleichsam erleichtert. – »Ob die hier hereinkommen?« »Hier herein?« sagte Manuel. »Nein, zu uns kommt niemand.« Wulfdine lauschte gespannt. »Sie kommen doch!« sagte sie. »Ja, sie sind draußen auf dem Hofe«, sagte Madam Thomsen. Manuel erhob sich und stellte die Pfeife hin. »Man will den Herren entgegengehen.« Über anderthalb Stunden blieben der Oberlehrer und der Zöllner auf dem Mühlenhof. Thomsen führte sie drinnen und draußen umher, und die Gäste priesen in hohen Tönen alles, was sie sahen. Der kleine Wirt selber schüttelte aber seinen kleinen runden Kopf trübe: »Was nützt das alles? sagte er, »wenn die Freude nicht sprossen will!« Und während seine Augen in der traurigsten Hilflosigkeit umherschweiften, fügte er langsam und tiefsinnig hinzu: » Einem sollten seine Wünsche hier in der Welt wohl niemals erfüllt werden. Herr Zollkontrolleur !« Clausen und Esau trottelten heimwärts. Die Sonne war untergegangen, und die Nebel glitten leicht und wogend über den Fjord. »Nun, kleiner Oberfreund,« sagte Knagsted, »wer hat denn jetzt recht?« Der Pädagog machte eine abwehrende Bewegung mit der Hand und antwortete nicht. Nach einer Weile zupfte ihn der Zöllner am Rockärmel: »Ich bin fest überzeugt, daß du jetzt sinnst, wie man ihnen helfen könnte!« Der Oberlehrer blieb stehen. »Ja, du kannst dich meinetwegen gern lustig machen. Zöllner«, sagte er, und seine alten Wangen röteten sich. – »Aber ich wünsche wirklich von Herzen –« »Nun!« »Daß es ein Junge werden möchte, den die kleine Wulfdine da draußen bekommt, denn das Dasein würde Emanuel Thomsen vielleicht ein wenig leichter erscheinen, wenn er einen Stammherrn bekäme, für den er arbeiten könnte. – Wie? – meinst du nicht auch?« »Hm, ja, vielleicht«, antwortete Esau. »Aber, weißt du, aber es ist doch im Grunde hier in der Welt dumm eingerichtet, Clausen,« fuhr er fort, indem er nach einer vorüberfliegenden Mücke schlug, »daß man nur zwei Sorten Kinder bekommen kann!« »Unsinn, Knagsted!« »Ja, das sagte der selige Mörch auch –« Und dann stießen sie von neuem die Stäbe in den Kies des Weges. Die Dämmerung senkte sich tiefer und tiefer herab. Die Sterne schimmerten an der Himmelswölbung, und hie und da über den dunklen Feldern wurde ein einsames Licht hinter einer Fensterscheibe angezündet. – Und in der Ferne bellte der traditionelle Hund.