Alt-Heidelberg Schauspiel in 5 Aufzügen von Wilhelm Meyer-Förster Personen Karl Heinrich , Erbprinz v. Sachsen-Karlsburg Staatsminister von Haugk , Exc. Hofmarschall Freiherr von Passarge , Exc. Kammerherr Baron von Metzing Kammerherr Baron von Breitenbach Dr. phil. Jüttner Lutz , Kammerdiener Vom Corps »Saxonia«: Detlev Graf von Asterberg Karl Bilz Kurt Engelbrecht von Wedell , Saxo-Borusse Rüder , Gastwirth Frau Rüder Frau Dörffel , deren Tante Kellermann Käthie Herzogl. Bediente: Schölermann Glanz Reuter Kammerherren, Offiziere, Studenten, Musikanten, Diener Zwischen dem 2. und 3. Akte liegt ein Zeitraum von einigen Monaten, zwischen dem 3. und 4. Akte ungefähr 2 Jahre. Uraufführung am 22. November 1901 am Berliner Theater Erster Akt Zweiter Akt Dritter Akt Vierter Akt Fünfter Akt Erster Akt. Vorsaal zu den Zimmern des Fürsten in Karlsburg. Ein düsterer Raum mit Gobelins, wie man ihn in sehr alten Fürstenschlössern findet. Mehrere Gruppen von Kavalieren unterhalten sich im Flüsterton. Die ganze Szene macht einen düstern, schweren Eindruck. 1. Szene. v. Metzing (nervös) . Das dauert heute endlos. – Wer ist drin? v. Breitenberg . Exzellenz von Haugk. v. Metzing . Was ist denn heute Abend? Nichts, wie? Gar nichts. Wie immer. – Ich bin furchtbar müde. v. Breitenberg (phlegmatisch) . Ja, ja. (Blickt auf.) Exzellenz. 2. Szene. Staatsminister (kommt durch die Mitte). v. Metzing . Exzellenz – (verneigt sich) . v. Breitenberg . Exzellenz – (verneigt sich) . Staatsminister (grüßt, – er winkt dem Lakai Glanz) . Kommen Sie mal. Se. Hochfürstliche Durchlaucht empfangen soeben Se. Durchlaucht den Erbprinzen. Sobald Se. Durchlaucht der Erbprinz Sr. Hochfürstlichen Durchlaucht Zimmer verlassen. teilen Sie Sr. Durchlaucht dem Erbprinzen mit, daß ich im höchsten Auftrage Se. Durchlaucht den Erbprinzen um eine kurze Unterredung bitten lasse, Sie rufen mich dann – Sie finden mich drüben. Glanz . Sehr wohl, Exzellenz. Staatsminister . Sie haben verstanden? Glanz . Sehr wohl, Exzellenz. Staatsminister (grüßt kalt die Cavaliere) . Guten Morgen, meine Herren. (Will gehen.) v. Metzing . Gestatten, Exzellenz, wenn man von einem Glückwunsch reden darf – Se. Durchlaucht der Erbprinz hat am gestrigen Vormittag das Reife-Examen für die Universität in einer so glänzenden Weise bestanden, – und, wenn man so sagen darf: gewissermaßen unter den Auspicien Ew. Exzellenz, – daß Ew. Exzellenz wohl ergebensten Glückwunsch gestatten. v. Breitenberg . Ich bitte gleichfalls – Staatsminister . Ja, es war ein – e – sehr gutes Examen, – jawohl. v. Metzing . »Summa cum laude« , wie man hört? Staatsminister . Jawohl, sehr – e – durchaus entsprechend – ja. v. Metzing . Se. Durchlaucht wird nunmehr die Universität zu Heidelberg besuchen – Staatsminister . Ganz recht, Se. Durchlaucht reist bereits morgen. v. Metzing . Ah, das ist sehr interessant. v. Breitenberg . Sehr – Staatsminister . Guten Morgen, meine Herren. (Er geht ab.) v. Metzing (zu Breitenberg) . Wissen Sie, wer mitgeschickt wird? Nach Heidelberg? v. Breitenberg . Hm? v. Metzing . Der Doktor. Der Jüttner. Der Schulmeister. Der dicke Mensch. v. Breitenberg . Na ja. Wer sollte denn sonst –? v. Metzing . Wer? Mein lieber Breitenberg, ein Kavalier! Wenn Se. Durchlaucht die Hochschule bezieht, gewissermaßen zum ersten Mal in die Welt hinaustritt, so hat ihn kein Schulmeister zu begleiten, sondern ein Kavalier! Der mit exakter Sorgfalt jeden Schritt in der korrekt vorgeschriebenen Weise leitet. Das ist meine Ansicht! v. Breitenberg . Na ja. v. Metzing . Das ist meine Ansicht. 3. Szene. Hofmarschall (durch die Mittelthür). Hofmarschall . Ist der Kammerdiener Lutz da? Schölermann . Nein, Exzellenz. Ich werde sofort – Hofmarschall . Man soll ihn suchen. Der Kammerdiener Lutz wird zu Sr. Durchlaucht befohlen. Bitte rasch. Schölermann . Zu Befehl, Exzellenz. Hofmarschall (zurück in das Mittelzimmer, ab) . v. Metzing (halblaut) . Weil hier alles nach der alten gleichgültigen Schablone gehandhabt wird. Dieser Schulmeister hat Sr. Durchlaucht Erziehung geleitet, ergo er geht auch mit nach Heidelberg; ein Mann, der von den einfachsten Regeln des wirklich vornehmen Tons keinen Begriff hat. v. Breitenberg . Aber lieber Freund, regen Sie sich doch nicht auf! v. Metzing . Wenn jemals die Erziehung eines Prinzen in einer eiskalten und gleichgültigen Weise gehandhabt ist, dann hier! Se. Durchlaucht hat sich um seines Neffen Erziehung einfach nie gekümmert. v. Breitenberg (gähnt) . Na ja, na ja. – v. Metzing . Alles Schablone, nichts als Schablone. 4. Szene. Schölermann und Lutz herein. Lutz . Zu Sr. Durchlaucht –? Schölermann . Bitte hier, Herr Lutz. – v. Breitenberg . Da ist ja Lutz – – Lutz . Herr Baron –? v. Breitenberg . Ja. Durchlaucht wünscht Sie zu sprechen. Gehen Sie also. Lutz (ab durch die Mitte) . 5. Szene. Hofmarschall (durch die Mittelthür). Hofmarschall . Meine Herren, ich habe Ihnen die Mittheilung zu machen: Se. Durchlaucht empfängt heute nicht mehr. Dann, meine Herren, bitte ich folgendes zur Notiz zu nehmen (er nimmt ein Papier und liest vor) : Morgen Vormittag 11 Uhr 10 Minuten erfolgt die Abreise Sr. Durchlaucht des Erbprinzen nach Heidelberg. Wenn es der Gesundheitszustand Sr. Hochfürstlichen Durchlaucht gestattet, werden Se. Hochfürstliche Durchlaucht selbst am Bahnhofe anwesend sein. Die Herren vom Hofe erscheinen vollzählig. Die Herren im Straßenanzuge und die Herren Offiziere in Helm und Schärpe. Die entsprechende schriftliche Mittheilung wird den Herren noch zugehen. (verneigt sich kurz) . Guten Morgen, meine Herren. Die Kavaliere (verabschieden sich, ab rechts) . Die Lakaien (öffnen rasch die Thüren) . Hofmarschall . Herr v. Breitenberg, Sie wollen, bitte, mit hinüberkommen. (Ab mit ihm nach links.) 6. Szene. Es bleiben die drei Lakaien, Schölermann, Glanz, Reuter. Die Drei (stehen kurze Zeit bewegungslos. Dann hört man unten im Hof die Wache aufziehen) . ( Pause. ) Glanz . Nun geht der kleine Prinz auch weg. Das war noch der einzige, der alle paar Jahre hier mal laut gelacht hat. Bis sie ihm das auch abgewöhnt haben. Schölermann (bedrückt) . Leise, leise! Glanz . Da sitzt der Alte drinnen! Alle Fenster geschlossen. Das ist kein Schloß, das ist eine Festung. Schölermann . Leise! (Fährt auf.) Herr Lutz! 7. Szene. Lutz (durch die Mitte). Lutz (in glänzender Laune) . Die Herren alle fort? Schön. Sie sind reisefertig, Schölermann? Wie spät? Zwölf. Gut. Warten Sie. (Zu Glanz.) kommen Sie mal her, Glanz. Sie gehen hinauf und packen meine Koffer. Die Koffer Sr. Durchlaucht des Prinzen werden um 4 Uhr nach drüben geschafft. Ich werde selbst hinüber kommen. Alles etwas rasch, wenn ich bitten darf (nickt ihm, zu gehen) . Glanz (ab) . Lutz (zu Reuter) . Ich speise heute bereits um Drei. Theilen Sie das dem Küchenchef mit. Ich wünsche ein ganz kleines, einfaches Menu. Mein Magen wäre nicht ganz in – e – Ordnung. Eine Flasche leichten Bordeaux. Reuter . Sehr wohl, Herr Lutz. (Geht.) Lutz (ruft ihm nach) . Angewärmt. Reuter . Sehr wohl, Herr Lutz. (Ab.) Lutz . Also, lieber Schölermann, – zeigen Sie her, wie sehen Sie aus? Gut. Um Fünf geht Ihr Zug. Wann sind Sie in Heidelberg? Schölermann . Morgen früh um Sieben, Herr Lutz. Lutz . Schön. Sie sind mithin einen vollen Tag eher dort als wir. Sie werden dort die Wohnung, die der Fourier für Se. Durchlaucht gemiethet hat, – e – prüfen und das Nothwendigste für unsere Ankunft vorbereiten. Das ist ja klar. Exzellenz, der Herr Hofmarschall, hat die Sache ja ausführlich mit Ihnen besprochen. Schölermann . Sehr wohl, Herr Lutz. Lutz . Bon. Es handelt sich nun um meine persönlichen Wünsche. Ich habe zwei Zimmer nöthig, die nicht übertrieben groß und – e – wie soll ich sagen, übertrieben luxuriös eingerichtet zu sein brauchen, – denn das, mein Lieber, wird in einem solchen Universitätsnest bei einer für ein Jahr gemietheten Privatwohnung überhaupt schwer zu finden sein, – mein lieber Schölermann, es kommt mir vor allem auf die Behaglichkeit an. Ich muß Wohnräume haben, in denen ich mich wohlfühle. Dabei ist selbstverständlich darauf Rücksicht zu nehmen. daß für Se. Durchlaucht den Prinzen selbst eine Flucht von Zimmern reservirt bleibt, die das Beste darstellt, aber in jedem Falle, mein Lieber, wünsche auch ich so uutergebracht zu sein, daß ich Ihnen sagen kann: Schölermann, ich bin zufriedengestellt. Schölermann . Gewiß, Herr Lutz, gewiß. Lutz . Was die zwei Zimmer anbetrifft, die für diesen Herrn Dr. Jüttner als Erzieher, respective wissenschaftlichen Begleiter Sr. Durchlaucht anzuweisen sind, so – e – in dieser Hinsicht brauchen Sie sich keine Kopfschmerzen zu machen. Leute dieser Art sind für einen Prinzen nothwendig und müssen infolgedessen auch placirt werden. Aber damit auch basta! Die einfachsten Räumlichkeiten sind da immer noch gut genug. Schölermann . Sehr wohl, Herr Lutz. Lutz . Außerdem hat sich dieser Herr Dr. Jüttner in letzter Zeit bisweilen einen Ton erlaubt, speziell mir gegenüber, den man ihm abgewöhnen wird! Ein Mann meiner Position nimmt am Hofe zu Karlsburg eine Stellung ein, während dieser Herr Doctor – lieber Gott, ein Jahr noch, dann braucht man ihn nicht mehr. Dann fliegt er. Schölermann . Gewiß. Lutz . Ich ärgere mich über so was, ich rege mich auf. ( Geht auf und ab, Pause. ) – (Groß.) Also Se. Durchlaucht waren in einer Weise soeben gegen mich von einer Gnade – – wissen Sie, was Se. Hochfürstliche Durchlaucht soeben zu sagen geruhten. »Lutz, ich vertraue auf Sie!« Schölermann . Außerordentlich! Lutz . Se. Durchlaucht der Erbprinz ist in Sachen der großen Welt ein Kind. Ein harmloser junger Herr der von Menschen und Frauen usw. keine Ahnung hat. Der streng gehalten in den vier Wänden von Karlsburg aufgewachsen ist und nie hinausgekommen ist. Schölermann . Sehr richtig, Herr Lutz. Lutz . Deshalb geht nicht irgend ein beliebiger Lakai oder Diener, sondern gehe ich mit nach Heidelberg. Schölermann . Wie – wie – wieso? Lutz . Als der, welcher auch in diesem Heidelberg die kühle, klare, verstandsgemäße Vornehmheit des Hoflebens aufrecht erhält. Also Schölermann, reisen Sie. Sie geben Depesche nach Ihrer Ankunft. Sie sind am Zuge, wenn wir eintreten. Sie sorgen dafür, daß Wagen am Bahnhofe bereit sind usw. Schölermann . Sehr wohl, Herr Lutz. Lutz (gütig) . Auf Wiedersehen in Heidelberg. Schölermann (demüthig) Auf Wiedersehen. Herr Lutz. 8. Szene. Doktor (herein, den Schölermann in der Thür trifft und ihm die Thür ehrerbietig öffnet. Der Doktor ist untersetzt, dick, kurzathmig. Ueber seiner Freude liegt ein trauriger Zug. Er ist ein halbgebrochener Mann, der keinesfalls possenhaft wirken darf). Doktor . Der Prinz nicht da? Schölermann . Se. Durchlaucht ist noch drinnen bei Sr. Hochfürstlichen Durchlaucht. (Ab.) Doktor (zu Lutz) . Holen Sie mal ein Kursbuch. Lutz (eisig) . Ein – e – was? Doktor . Wann ist der Zug morgen in Frankfurt? Wann genau kommen wir nach Heidelberg? Das muß Abends spät sein. Sehen Sie mal gleich nach. Lutz . Wer? Ich? Doktor . Das muß Abends ungefähr acht Uhr sein oder neun. (für sich) Herrgott, morgen Abend in Heidelberg! Morgen Abend in Heidelberg. Noch ein Tag und 'ne Nacht! (laut.) Das Kursbuch liegt in meinem Zimmer, rechts auf dem Tisch. Oder es liegt am Fenster auf dem großen, schwarzen Koffer. Lutz (außer sich) . Erlauben Sie –! Doktor (redet zu sich, aber laut) . Acht Jahre nicht herausgekommen, und morgen Abend ist man in Heidelberg! Lieber Gott, laß einen alten, kranken Schulmeister im lieben Heidelberg wieder Mensch werden. Na. Lutz, Sie werden sich wundern! Sie sind auch so ein Mensch, der Gottes Ewigkeit hier gesessen hat und nicht herausgekommen ist. Waren Sie mal in Heidelberg? Lutz (eisig) . Ich wüßte nicht, wieso. Doktor . Also das Kursbuch, mal fix, mal fix! Lutz (außer sich) . Erlauben Sie, Herr Doktor! Doktor . Was? Lutz . Erlauben Sie, daß ich Ihnen mittheile, daß es nicht meine Aufgabe ist, in diesem Schlosse Botendienste zu leisten! Doktor . Ach, das sind Dummheiten. Ich will das Kursbuch haben. Lutz (zitternd vor Wuth) . Dummheiten!? Doktor . Ich will Ihnen mal was sagen, Lutz. Kommen Sie mir nicht auf der Reise oder gar in Heidelberg mit solchen Geschichten. Sie werden mitgenommen und haben zufrieden zu sein. Ich will mich heute nicht ärgern, ich bin dazu nicht in der Laune. Aber mit solchen Prätensionen kommen Sie mir nicht durch. Das war hier im Karlsburger Schloß Mode, aber in Heidelberg wird das nicht geduldet! Merken Sie sich das. Lutz . Herr – Doktor!! Doktor . Sscht. (für sich.) Man weiß gar nicht, was man noch alles zu besorgen hat. die Uhr vom Uhrmacher, die Wäsche von der Wäscherin, die Bücher einpacken – – Abschiedsbesuche, Abschiedsessen, Abschiedsbowle, Kinder Gottes, man wird wieder jung! (Immer eine unterdrückte, fast wehmüthige Freude.) 9. Szene. Vorige . Staatsminister (von rechts). Ein Lakai (öffnet von außen die Thür.) Lutz (verneigt sich) . Staatsminister . Se. Durchlaucht der Erbprinz ist noch bei Sr. Hochfürstlichen Durchlaucht? Lutz (verneigt sich) . Jawohl, Exzellenz. Staatsminister (geht einmal im Zimmer auf und ab ohne die beiden zu beachten, blickt auf, sieht Lutz, winkt ihm ab) Ich warte hier. Es ist gut. (Er setzt sich.) Lutz (verneigt sich; ab) . Doktor (will gleichfalls gehen, verneigt sich) . Exzellenz – Staatsminister (sieht auf, als ob er ihn erst jetzt bemerke) . Herr Doktor Jüttner, – ich hatte nicht gesehen – Doktor . Ich habe die Ehre, Exzellenz – (will gehen) . Staatsminister . Bitte, bleiben Sie. – – Wollen Sie Platz nehmen. Herr Doktor Jüttner, ich habe im Allerhöchsten Auftrage noch verschiedene Dinge zu besprechen, ja. Die Reifeprüfung Sr. Durchlaucht des Erbprinzen hat gestern in Anwesenheit des Staatsministeriums stattgefunden, und Se. Durchlaucht hat, wie das ja auch nicht anders zu erwarten war, die Prüfung in einer außerordentlich ausgezeichneten Weise hinter sich – e – gebracht. Ja. Sie, Herr Doktor Jüttner, haben seit acht Jahren die wissenschaftliche Ausbildung Sr. Durchlaucht geleitet, und ich habe Ihnen die Mittheilung zu machen, daß aus Anlaß des so überaus glänzend bestandenen Examens Se. Hochfürstliche Durchlaucht Ihnen die Ernennung zum Regierungsrath hiermit zukommen läßt. Doktor . Exzellenz – ich – ich bin überrascht.. Staatsminister . Sie erhalten damit, Herr Regierungsrath, diejenige gefestete Position, die Ihnen gesellschaftlich von nun an einen bestimmten, gesicherten Platz anweist. In diesem Sinne darf ich Ihnen meinen Glückwunsch aussprechen. Doktor . Exzellenz, ich danke. Staatsminister . Sie haben, Herr Regierungsrath, nunmehr ein Jahr voll ernster Verantwortung vor sich. Es ist neuerdings Sitte geworden, die Prinzen fürstlicher Häuser auf die Dauer eines Jahres an dem Studien-Plane einer Universität theil nehmen zu lassen, – ich weiß nicht, ob ich sagen soll: »leider«. Wenn Se. Hochfürstliche Durchlaucht dieser Gepflogenheit zu folgen und Se. Durchlaucht den Erbprinzen nach Heidelberg zu senden beschlossen hat, so geschieht das, Herr Regierungsrath, in der ausdrücklichen Absicht, nichts in dem Habitus der Erziehung auch in diesem Jahre zu ändern. Ich weiß nicht, ob ich mich klar ausdrücke. Doktor (bitter) . O ja, Exzellenz. Staatsminister . Sie wollen, Herr Regierungsrath, heute Nachmittag um 5 Uhr im Ministerium mich noch einmal aufsuchen. um den spezifizirten Studienplan und den Plan, nach welchem das alltägliche Leben Sr. Durchlaucht in Heidelberg reguliert werden soll, entgegenzunehmen. Doktor (steht auf, erregt) . Einen Plan? Staatsminister . Einen Plan, allerdings. Doktor (sehr erregt) . Das soll alles nach einem Plan –? – in Heidelberg nach einem Plan –? Staatsminister (erstaunt, kalt) . Allerdings. Allerdings, Herr Regierungsrath! 10. Szene. Lakai (öffnet von innen die Mittelthür, ruft) . Se. Durchlaucht der Erbprinz. Staatsminister . Ah – (steht auf.) Doktor (ebenso) . ( Pause. ) 11. Szene. Karl Heinrich (erscheint, erst nach kurzer Pause, kommt herein) . Staatsminister (verneigt sich) . Karl Heinrich . Ah, Exzellenz. Guten Morgen, Excellenz. Guten Morgen, Herr Doktor. (etwas unsicher) . Haben Excellenz auf mich gewartet –? Staatsminister . Gestatten mir, Ew. Durchlaucht, meinen ergebensten Glückwunsch Ew. Durchlaucht zu einem glänzend bestandenen Examen auszusprechen. Karl Heinrich . Ich danke, Exzellenz. Ja – und – e – (unsicher) wollen Exzellenz Platz nehmen – Staatsminister . Ew. Durchlaucht wollen mir gestatten, kurz darauf hinzuweisen, welche Directiven Se. Hochfürstliche Durchlaucht für das Heidelberger Studienjahr aufgestellt zu sehen wünscht. Karl Heinrich . Ich bitte. Staatsminister . Se. Hochfürstliche Durchlaucht haben davon abgesehen. einen der Herren vom Hofe Ew. Durchlaucht als Begleiter und Kavalier mitzugeben. Und zwar deshalb, weil Se. Hochfürstliche Durchlaucht ausdrücklich wünscht, daß für die Dauer dieses ganzen Studienjahres die wissenschaftliche Ausbildung in derselben ernsten Weise wie bisher fortgeführt wird. Das Jahr soll für Ew. Durchlaucht so aufgefaßt werden, daß dasselbe nicht dem Vergnügen. sondern in strenger, gemessener Arbeit lediglich der wissenschaftlichen Ausbildung gehört. Karl Heinrich (nickt) . Staatsminister . Wobei natürlich – Doktor (sehr erregt) . Gestatten Exzellenz die Bemerkung, daß – daß – daß – (sucht vergebens nach Worten.) Staatsminister – wobei natürlich Ew. Durchlaucht nicht übersehen wollen, daß schon der Aufenthalt in einer schön gelegenen Stadt wie Heidelberg eine sozusagen Abwechselung bedeutet, die schließlich nicht zu unterschätzen ist. Ew. Durchlaucht haben dort Wald und Berg, die in freien Stunden manche Anregung bieten, und Ew. Durchlaucht künstlerisches Auge wird Gefallen finden an dem altberühmten Schloß, das seinen historischen Reiz hat als Residenz Sr. Majestät des Königs von Böhmen, der als Pfalzgraf nach der Schlacht am Weißen Berge dort Zuflucht suchte. Karl Heinrich (nickt) . Staatsminister . Herr Regierungsrat Dr. Jüttner wird die Aufgabe haben – Karl Heinrich . Regierungsrat? – Staatsminister . Herr Regierungsrat Dr. Jüttner wird die Aufgabe haben, Ew. Durchlaucht in diesem neuen Leben ein ernster Führer zu sein (steht auf) . Lassen Ew. Durchlaucht mich hoffen. daß es mir vergönnt sein möge. nach einem Jahre bei der Rückkehr Ew. Durchlaucht in Wohlbefinden begrüßen zu dürfen. Karl Heinrich . Ich sehe Ew. Exzellenz noch? Staatsminister . Ich darf Ew. Durchlaucht morgen Vormittag bei der Abreise das Geleit geben –? Karl Heinrich . Ich bitte darum, Exzellenz. Staatsminister (verabschiedet sich) . Karl Heinrich (geleitet ihn bis zur Tür) . 12. Szene. Karl Heinrich (und der) Doktor . Doktor (läßt sich in einen Sessel fallen, stöhnt tief auf) . Ach!! Karl Heinrich . Regierungsrat? Doktor . Ja. Und das Kreuz von Sachsen werde ich auch bekommen. Weiß Gott, was noch!! Karl Heinrich . Doktor, was ist denn? Was giebt's denn? Doktor . Ach, Karl Heinz, reise Du allein, ich gehe nicht mit. Ich hab's satt, ich tu's nicht mehr! Macht doch alle, was Ihr wollt, aber laßt mich aus dem Spiel! Acht Jahre hab ich's mitgemacht, ich tu's nicht mehr! Karl Heinrich . Ja. was ist denn? Doktor . Studienplan! Strenge, gemessene Arbeit! Nicht Vergnügen in Heidelberg. sondern ernste, wissenschaftliche Ausbildung! Mach's allein, Karl Heinz. aber ich nicht mit!! Ich nicht mit!! Karl Heinrich . Nun wollen wir vernünftig reden, Doktor. Alter Doktor. Doktor . Ja, alt! Das ist das richtige Wort! Ich war ein junger Kerl. als ich nach Karlsburg kam, und du ein Knirps (er deutet mit der Hand die Kleinheit an) – so. Weiß Gott, ich wäre nicht geblieben, Karl Heinz, wenn's nicht um deinetwillen gewesen wäre, sie haben dich eingemauert, Karl Heinz, ohne Licht, ohne Lust, ohne Freuden, bis zum heutigen Tage. Hundertmal hab' ich fortlaufen wollen, aber ich hab's nicht übers Herz gebracht. Karl Heinrich . Ja. Doktor . Eine Hoffnung hat man gehabt. Eine Freude: Heidelberg! Wir zwei da allein! Zwei Leute, die endlich Menschen werden! Und jetzt kommen sie mit Studienplan! Mit strenger, gemessener Arbeit! Mit was denn noch zum Kuckuck? Karl Heinrich . Aber Doktor! Doktor . Ja, ich bin still, ich werde schweigen! Ich werde kein Wort mehr sagen. Wie kein Mensch hier im Hause ein Wort sagen darf. Das Atmen hat man hier verlernt, erstickt ist man. Erstickt! Karl Heinrich . Doktor, Sie lassen mich nicht allein. Doktor (halblaut) . Siehst du, dieses Heidelberg. Du kennst das nicht, du weißt gar nicht mal, was das heißt. Heidelberg! Das ist, als ob man Sekt trinkt, – oder Unsinn: nicht Sekt! Badischen Wein und Maiwein und dazu Mädels und tolle Jungen! Ich war da drei Jahre, Karl Heinz, aber ich will nicht mehr hin. Karl Heinrich . Doch. Doktor . Reise du allein, aber nimm keinen Regierungsrat mit. Regierungsräte mit Studienplänen in Heidelberg, – das ist so – es gibt gar keinen Vergleich dafür. Es ist albern. das ist das einzige richtige Wort. Karl Heinrich . Doktor, kommen Sie mit, wir trinken ein Glas Wein, Sie müssen auf andere Gedanken kommen, lieber Doktor. Doktor . Nein, nein! Keinen Wein! Keinen Alkohol. Ueberhaupt. was soll ein Mensch in Heidelberg, der keinen Wein mehr trinken darf? Der an Herzverfettung leidet. Sie haben mich in diesem Schlosse zu Tode gemästet! Essen und Trinken, das war die einzige Unterhaltung. Nie Bewegung, ewig Aerger. Acht Jahre, in denen man sich nicht hat bewegen dürfen. Karl Heinrich . Das wird in Heidelberg anders, Doktor. In Heidelberg werden Sie wieder gesund, Doktor. Doktor (setzt sich) . Es ist schon alles gut so. Was brauche ich nach Heidelberg! Ein Mensch wie ich muß nach Karlsbad. Spazieren gehen mit dem Regenschirm und sein Geld als ehrsamer Philister für die Gesundheit verbrauchen. Heidelberg, mein Lieber, ist keine Stadt für alte Stümper! Karl Heinrich . Doktor, lassen Sie mich nicht im Stich. Was soll ich denn anfangen, Doktor? Doktor (weich) . Gib mir deine Hand. So hat er so oft gebettelt, der Junge, immer wenn was nicht in Ordnung war. Und wer hat immer nachgegeben? Der hier! Ja, ja, Karl Heinz, ich thu's schon. Ich komme schon mit. Es geht ja nicht anders. Du sollst nicht sagen, Karl Heinz. wenn du einmal alt geworden bist und an alles zurückdenkst, – sollst nicht sagen: dieser verfluchte Doktor hat mir den Streich gespielt, hat mich ums Beste betrogen, um das beste Jahr, um die Jugend! Karl Heinrich (faßt ihn an beide Schultern, rüttelt ihn; glücklich) . Der Doktor kommt mit! Der alte Doktor kommt mit! Doktor . Und hol's der Teufel, Karl Heinz, jung will ich noch 'mal werden! (Glücklich, aber doch nur halblaut, wie einer, der nur noch halb an das Glück glaubt.) Morgen mittag in der Eisenbahn, wir zwei allein! Eisenach, Frankfurt, Darmstadt, Heidelberg! Der Main und der Neckar! Karl Heinrich (schüttelt ihn) . Der alte Doktor kommt mit!!! ( Man hört unten im Hofe einen kurzen Trommelwirbel. ) Doktor . Jedesmal erschrickt man! Dieses verfluchte Getrommel! Ja trommelt nur, trommelt nur, aber für andere Leute! Für uns zwei wird nicht mehr getrommelt! Karl Heinrich (lacht) . Doktor . Du weißt ja gar nicht, wie's aussieht draußen! Du hast ja keine Ahnung. Du kennst ja nur Kammerherren und Lakaien, Karl Heinz. Du hast ja nie was gesehen! Karl Heinrich . Nicht übertreiben, Doktor! Doktor . Laß mich ausreden, zum Kukuk noch 'mal! Ich sage Dir, Du hast nichts gesehen! Keine Menschen, keine Burschen, keine Mädels, – wenn auch just das vielleicht nicht die Hauptsache ist, – – Du bist ja noch nicht einmal allein über eine Straße gegangen. Karl Heinrich . Darauf kommt's schließlich nicht an. Doktor . Ja, mein Junge, darauf kommt's an. Nur darauf, daß jemand allein über die Straße geht und gehen darf. Komm' mit. (Will gehen, hält noch einmal an, glücklich beide Hände auf Karl Heinrichs Schultern legend.) O mein lieber Karl Heinz, Du sollst Augen machen! Heidelberg! Du sollst Augen machen! Zweiter Akt. Der Garten von Rüders Gasthaus zu Heidelberg. Eine niedrige Mauer schließt den Garten gegen den Neckar ab. Jenseits des Flusses sieht man das Schloß von Heidelberg. 1. Szene. Rüder , Frau Rüder , Frau Dörffel . Rüder . 's ischt halt zu viel! 's ischt zu viel für an einzelnen! Wo ischt die Käthie? Sie soll helfa komma! Fr. Rüder . Du mußt ganz ruhig bleiba, Rüder, – du darfscht nimma heut dei Kopf verliera! Rüder . Send mer still! 's ischt halber acht, nu ischt der Prinz auf der Eisenbahn angekomma! Jede Moment kann der Wage hier sein! Nu will der Prinz sei sechs Zimmer besichtige und sei Abend-Souper verzehre, und deraweil komme um 8 die Herre Studente und wolle im Garten ihre Kommers feiere. Nu müsse die Tische für die Herre Studente nüber geschafft werde, und die Bänke auch, und speise wolle se und trinke, – 's ischt zu viel für an einzelnen Wirth! Die Musikanten (stimmen die Instrumente) . Fr. Rüder . 's ischt bei kein andern Wirth in Heidelberg, daß sie einen leibhaftigen Prinz fürs Semester zur Miethe bekomme. Fr. Dörffel . Bei kein andern. Rüder . Descht koi Frag. – Wo ischt die Käthie? Fr. Rüder . Käthie! Rüder . Sie soll helfa komma. 's ischt alles drunter und drüber. Fr. Dörffel (ruft) . Käthie! Sollscht helfa komma! Rüder . Es müsse die Tische naus geschafft werde. 's ischt nix geschafft! Fr. Rüder (ruft) . Käthie! Käthie (hinter der Bühne) . I komm schon! Rüder . Die Musici solle au anfasse. Sie mache schon Musik, ehe die Herre Studente komme. Fr. Rüder . Sie stimme ja nur. Rüder . Des ischt mir glei, sie müsse anfasse. Erster Musikus . Wo nein denn? Rüder . Drüben nei in den Garte, glei rechts an den Neckar. Vorn sitzen die Schwabe, dann die Vandale, dann die Sachse-Preuße, rechts die Sachse und die Westphale und drüben die Rhenane – (seufzt) . 's ischt a Stückel Arbeit, daß man das alles im Kopf behält. 2. Szene. ( Käthie herein von links. ) Käthie . I hab Zeit genua, mi auszurasten! Hier rufen's. da rufen's –! Meiner Seel und Gott: der Herr Onkel im Frack. No sei so gut, – zeig her, dreh di um – fesch schaut er aus! (Zu den Musikanten) . Des ist recht! Faßt's alle an. Links nüber, so. Schiebt's die Tische naus. so. Alle die Tisch nebeneinand. Gebt's mal da Buschen her. (nimmt vom Tisch einen großen Fliederstrauß.) Fr. Rüder . Des neue weiße Kleid hascht angezoge –? Fr. Dörffel . Des neue weiße Kleid –? Käthie . Wann der Prinz neinkommt und schaut mi an und ich steh da mit dem Buschen und sprech das Gedicht, i krieg an Herzklopfen. Rüder . Er wird di net auffresse. Käthie . Letzt Nacht hab' i von ihm träumt. Er ist die Stiege nauf kommen mit einem goldenen Stern um den Hals, und groß hat er ausgeschaut. Wie i nun das Gedicht hab sagen wollen, kann i das erste Wort net finden. Vor Angst hab i anfangen zu beten. »Jesus Maria, Josef, sagt's mir das erste Wort.« Fr. Rüder . Und da –? Fr. Dörffel . Und da –? Käthie . Da bin i vor Schreck aufgewacht. Rüder . 's ischt, weil das Mädel zu bequem gewesen ischt, auswendig z' lerne. 's wird noch so komme, daß der Prinz umkehre wird und sage wird, er will anderswo wohne. Käthie (lacht) . Des glaub' i a. Jetzt werden mer's einstudieren. Da steht der Herr Onkel, da steht die Frau Tante, da die Frau Großtante. So. Jetzt kommt der Prinz dahier nein. Jetzt tret i vor. Jetzt sag i – nein, 's war falsch. 's ist so: Da steht der Herr Onkel und halt den Buschen in der Hand. Und wie der Prinz neinkommt, tret i vor, und der Herr Onkel halt mi den Buschen entgegen. und i nehm ihn und sag (hört den Lärm der ankommenden Studenten) . Jessus Maria, die Sachsen! Rüder . Nu komma die au schon angefahre! 's ischt zu viel für an einzelnen! 3. Szene. ( Man hört hinter der Bühne Wagen fahren, Peitschen knallen, Hundegebell, laute Rufe, Lachen, eine Guitarre, Lärmen. Dann kommen die »Sachsen«, blaue Mützen mit dunkelblau-hellblau-weißen Bändern. ) Stimme (hinter der Bühne) . Kellermann! Kellermann (hinter der Bühne) . Jawohl! Andere Stimmen (hinter der Bühne) . Kellermann! Kellermann (hinter der Bühne) . Hier! Käthie (ruft nach rechts) . Macht's net solchen Lärm! Ihr macht's mehr Lärm als alle andern z'samm! Halt's doch die Hunde fest! Jessas! Jessas! I. Student (herein) . Die Käthie in Weiß! II. Student (herein) . Alle Wetter! Käthie! Engelbrecht . Schneeweiß! Das ist großartig! Kinder, die Käthie in Weiß! Viele (drängen um Käthie) . Käthie . Laßt's mi außi! Des is mir z' dumm! Die Wägen sollen da nit warten bleiben! Die ganze Gasse tun's versperren, des geht net! Graf Detlev v. Asterberg . Halt!! Kellermann! Kellermann . Herr Graf –? Detlev . Kellermann, entferne die Hunde, denn ich will eine Rede halten. Alle . Bravo! Eine Rede! Bilz . Mach keine Geschichten, Detlev. Detlev . Karlchen, ich wünsche der Schönheit eine Huldigung darzubringen. Du wirst mich daran nicht hindern wollen. Bilz . Sieh mal: die Füchse, und dann – Detlev . Denn Käthie hat ein weißes Kleid angezogen! Von oben bis unten! Man hat mich nie vor einem Weibe knieen gesehen, Ihr werdet das nicht zum zweiten Male zu sehen bekommen. – – Lieben Füchse, sperrt die Augen auf – es ist ein historischer Moment. (Läßt sich auf beide Kniee fallen.) Katharina! Käthie (nimmt lachend seinen Kopf in die Hände) . Haben's di wieder abgestochen, armes Hascherl? Detlev (auf der Guitarre klimpernd) . Ich kniee vor Euch, als getreuer Vasall, Pfalzgräfin, schönste der Frauen – Käthie . Zeig her. Die ganze Backen haben's di wieder zerschlagen – Maria Taferl, so was! Detlev . Befehlt Ihr, so werd ich für Euch zum Narr, Pfalzgräfin, schönste der Frauen! Käthie (rasch zu einem anderen, dessen ganzer Kopf verbunden ist) . Ach und der Seppel! Zeig her! 's geschieht euch recht! Raufbolde seid's ihr! Detlev . Füchse, hebt mich in die Höhe! Kellermann! Kellermann . Herr Graf! Detlev . Einen Stuhl, Kellermann! Ich will mich niederlassen. Onkel Rüder, Ihr habt eine Nichte, die in ihrer jungen Brust einen Stein trägt! Kellermann! Kellermann . Herr Graf! Detlev . Eine Bürste. Käthie . Wie viel seid's ihr denn? 8, 9, 10 – i bring's Bier nach drüben (ab) . Detlev . Wo ist Tante? Wie geht's Euch, Tante Rüder? Was giebt's zu essen? Was Teufel, Onkel, ich sehe Euch in einem Frack? Die Musik (spielt den »Zwerg Perkeo«) . Engelbrecht . Kellermann! Eine Postkarte! Kellermann . Jawohl. Detlev (spielt auf einer Guitarre mit, singt) : »Das war der Zwerg Perkeo, im Heidelberger Schloß. An Wuchse klein und winzig, an Durste riesengroß. Man schalt ihn einen Narren, er dachte: Lieben Leut', Wärt ihr, wie ich, doch alle feucht, fröhlich und gescheit.« Die Uebrigen (singen mit) . Die Musik (beginnt den zweiten Vers) . Detlev . Halt! Musik halt! Also das ist eine Jahrmarktsmusik! Das ist ein Skandalon für ganz Heidelberg! Lieben Musikanten, kommt hier mal her. Erster Musikus . Herr Graf –? Detlev . Liebe Freunde, wenn man die Ehre hat, ein solches Lied zu spielen, so legt man Seele hinein, zum Donnerwetter! Grazie und Humor! Ich werde euch eine Bowle bezahlen, damit eure trocknen Seelen zu kapieren anfangen. Erster Musikus . Schönsten Dank, Herr Graf. Käthie (viele Bierseidel in beiden Händen) . Kommt's alle mit. (Geht links hinten wieder ab, von allen gefolgt.) Detlev . Kellermann! Kellermann . Herr Graf? Detlev . Wir werden diesen Musikanten eine Bowle geben lassen. Kellermann . Jawoll. (Beide ab.) 4. Szene. Rüder . Fr. Rüder . Fr. Dörffel . Dann Lutz und Schölermann . Rüder . 's ischt zu viel für an einzelnen! Fr. Dörffel (eilt herein) . Se kommet! Se kommet! Gucket, do kommet se! Fr. Rüder . Der Prinz? Fr. Dörffel (erregt) . Ja freile! Rüder . Wo ischt die Käthie?! (Man hört einen Wagen vorfahren.) Fr. Rüder . Du muaßt naus. Rüder ! Du muaßt ihn empfange –! Rüder . Wo ischt – wo – wo – –? Lutz (in Zylinder und Gehrock. Sieht sich erstaunt um, dann streng, kalt, jedes Wort betonend) . Ist das hier – richtig? Schölermann . Jawohl, Herr Lutz. Lutz . Dieses – Haus –? Schölermann . Jawohl, Herr Lutz. Rüder (aufgeregt) . Ischt er drauße? Steht der Prinz drauße? Lutz (streng, kalt) . Wer ist der Mann? Schölermann . Der Wirth, Herr Lutz. Rüder (ängstlich, erregt) . Ischt er vor der Thür? Lutz (kalt, von oben) . Se. Durchlaucht geruhen zu Höchstihrer Orientierung eine kurze Rundfahrt durch die Stadt zu unternehmen. Man sorge, daß die Koffer vom Wagen geschafft werden. Rüder (schwer von Begriff) . Ischt er net drauße? Steht er net drauße? Lutz (ernst, aber ohne jede Heftigkeit) . Ich bin erstaunt, Schölermann. Sie befinden sich seit gestern in Heidelberg, um für Se. Durchlaucht ein passendes Quartier ausfindig zu machen. Sie haben es nicht für notwendig gehalten, diesen Mann zu instruieren, wie und in welchen Formen man von Sr. Durchlaucht redet. Schölermann . Herr Lutz – Lutz . Es ist gut. Schölermann . Ich hatte – ich war – Lutz . Ich sage. es ist gut, lieber Schölermann. Sie werden das nachholen. (Hält den Kneifer vor die Augen.) Das Haus liegt am Wasser. Was ist das für ein Wasser? Rüder . 's ischt der Neckar. Lutz . Neckar. Schön. – Ich leide an Rheumatismus, lieber Schölermann, und Sie miethen eine Wohnung am Wasser. Schölermann (ängstlich) . Herr Lutz – Rüder . 's ischt die komfortabelste Studente-Wohnung in Heidelberg. 's hat die letzte drei Semester der Herr Graf von Fürsteberg drobe gewohnt. Die Musikanten (stimmen während dessen ihre Instrumente, man hört das ziemlich entfernt) . Lutz . Ich höre immer Musik. Was ist das für eine Musik? Rüder . Die Herre Studente halte heut Antritts-Kommers. 's komme noch viele. Lutz . Hierher? Rüder . Freile. Lutz . So. – (Er setzt sich, wie jemand, der sehr müde ist und Schweres durchgemacht hat. – Halb für sich.) Man ist zwölf Stunden in der Eisenbahn gefahren, man hat einen Tag hinter sich voll Aergernisse, – nun kommt man in eine Räuberhöhle. Rüder . 's ischt weit und breit die schönste Aussicht aufs Schloß. Lutz . Was für ein Schloß? Schölermann (ganz in Angst) . D – d – drüben – Rüder . Da drübe ischt das Schloß. Lutz . Ich frage. was für ein Schloß? Wem gehört es? Wer wohnt da? Rüder . 's ischt zerschosse. Die Franzose habe es mit Kanonekugele zerschosse. Lutz . Also kein Schloß. Wenn man ein Schloß zerschossen hat, so nenne ich es kein Schloß mehr, sondern eine Ruine. In dieser Stadt scheint alles eine Ruine zu sein. Rüder . Nei, 's ischt die einzige. Lutz . Es ist gut. Rüder . 's ischt die allereinzigste. Lutz . Schölermann! Schölermann . Herr Lutz? Lutz . Der Mann ermüdet mich. – (Seufzt.) Ja, ja, ja, ja. – (Er steht müde auf.) Ich will die Wohnung sehen. Schölermann (eilig) . Bitte hier, Herr Lutz. (Draußen von neuem Peitschenknallen. Lärmen, Wagengerassel, Hundegebell, Lachen, Rufen. Die Musik setzt ein: »Was kommt dort von der Höh'«.) Lutz . Was ist da los? Rüder . Sie kommen! (Ruft) . Käthie! Die Schwabe komme. Fr. Rüder . Die Vandale auch. Rüder . Die Sachse-Preuße! Alle! Sie komme alle! Schafft's Bier! Schafft's Bier! Lutz (betrachtet die Szene aus einer Ecke mit immer steigender Erregung) . Was ist los? Wer kommt? Was für Menschen? 5. Szene. (Die Bühne füllt sich mit Studenten: gelbe Schwaben, blaue Rhenanen, Sachsen-Preußen in weißen Stürmern, rothe Vandalen, grüne Westfalen, dann von links die Sachsen. Die meisten pfeifen oder singen die Melodie mit. Die Hunde werden zusammen gekoppelt, deren Bellen eventl. das Tohuwabohu erhöht. Viele holen Stühle aus dem Hause, andere schlagen auf die Tische. Zahllose Rufe: »Bier!« »Wirthschaft!« »Käthie!« Dabei immer die Musik, die nun langsam leiser wird um nicht den Dialog zu stören.) Erster Student . Tag, Onkel! Zweiter Student . Kinder, ich verdurste! Dritter Student . Wirthschaft! Vierter Student . Wo ist die Käthie?! Rufe . Bier! Wirtschaft! Käthie! Käthie! Onkel! Erster Student . Schmeißt die Köter in den Neckar! Allez! Apport! Andere (singen) . – – »Es ist der Postillon, ça, ça, Postillon usw.« v. Wedell . Millionen-Schwerenoth, was ist das für 'ne Wirthschaft? Keine Käthie, kein Bier – meine Herren, ich schlage vor, dieser Onkel Rüder wird in seinem eigenen Fett geröstet! Und zwar da, wo das Feuer am wärmsten ist!! (rüttelt ihn.) Wo ist die Käthie?! Rüder . I weiß net! v. Wedell (schüttelt ihn) . Wo die Käthie steckt! Rüder (verzweifelt) . 's ischt zu viel für an einzelnen! v. Wedell . Sachsen-Preußen, Silentium! Onkel Rüder, ich wünsche die Käthie zu sehen! Hier am Platze! Sofort! Füchse, man soll suchen! Es soll dieser Käthie eine Ehrung widerfahren, wie sie seit Menschengedenken einem Femininum nicht zutheil wurde! (Lüftet den Stürmer) . Herr Graf v. Asterberg Saxoniae, ich erlaube mir einen Ganzen! Detlev . Sehr angenehm. Ich erlaube mir mitzukommen. v. Wedell . Prosit! (Ein Rufen erhebt sich.) Käthie! (Das Rufen wird immer lauter) Käthie! Käthie! Bravo! (Bis alle Anwesenden, Käthie entgegenschauend, in das Rufen einstimmen.) Käthie (kommt lachend durch die Mitte, die Hände nach beiden Seiten wie schützend, abwehrend emporgehoben) . v. Wedell . Holla, die Käthie!! Alle . Käthie! Käthie! Käthie (unbändig lachend) . Seid's ihr alle verrückt?! v. Wedell . Gib mal die Hand, Käthie. Käthie (wehrt sich) . Los!! v. Wedell . Musik, Silentium! Sachsen-Preußen, Silentium! Käthie . Laßt's mi außi! v. Wedell . Meine Herren, ich bitte um Silentium! Viele . Was ist denn los? Was giebt's? v. Wedell . Meine Herren! Wohllöblicher S. C. von Heidelberg! Meine Herren, wir schreiben den Monat Mai, den Anfang eines glorreichen Semesters. Meine Herren, wen krönt man im Monat Mai? Die Tugend! Die Schönheit! (Lachend.) Halt still, Käthie. Meine Herren, das reizendste Mädchen von Heidelberg und das schönste und tugendhafteste zugleich ist hier Käthie. Meine Herren. ich frage auf Wort, ist einer, der das bestreitet? Käthie (hochroth, fast weinend) . Laßt's mi außi!! v. Wedell (hält sie eisern fest) . Keiner! Meine Herren! Saxo-Borussia verleiht Käthie als dem einzigen Femininum von Heidelberg für heute Abend zur Feier des S. C. -Antrittskommerses das Band! (Legt ihr das Seidenband um die Schulter.) (Erstaunte Zwischenrufe.) Wie?! Was? Das Band? v. Wedell . Saxo-Borussias seidenes, vierfarbenes Band! Käthie, trag es in Ehren! Tusch! Musik (Tusch) . Die Sachsen-Preußen . Bravo! Bravo! Detlev . Hierher, Käthie! Saxonia macht Saxo-Borussia ihr Compliment. Meine Herren, Saxonia schließt sich einem vortrefflichen Beispiele an und tut dasselbe! (Er gibt Käthie das Band) . Trag es in Ehren, Käthie! sollst leben! Musik!! Musik (Tusch) . Die Sachsen . Bravo! Bravo! (Drängen um Käthie, schütteln ihre Hände.) Erster Schwabe . Das Schwaben-Band, Käthie! (Gibt ihr sein Band.) Erster Vandale (gibt ihr sein Band) . Roth-Gold, Käthie! Erster Rhenane (gibt ihr sein Band) . Käthie, das Band vom Rhein! Alle (jubeln, lachen, die Musik lärmt) . Detlev . Gib mir'n Kuß, Käthie! Käthie (sträubt sich) . Nein!. Detlev . Den Kuß fürs Land Tirol! Den Kuß für Heidelberg. (Küßt sie) . Alle . Bravo! Detlev (faßt sie, hebt sie hoch über alle Köpfe) . Käthie soll leben, hoch! Alle . Hoch!!! v. Wedell (reicht ihr ein Glas Bier) . Trink, Käthie! Käthie (hoch oben, lacht) . Ihr seids lieb alle!! I trink Euer aller Wohl! Detlev . Freut Euch des Lebens, Kinder! 's ist Mai! 's ist Jugend! 's ist Heidelberg! (Trägt Käthie auf seinen Schultern hinaus.) Alle (drängen mit) . »Sollst leben, Käthie!« – »Hoch, Käthie!« – »Prosit, Käthie!« – usw. 6. Szene. Lutz und Schölermann (bleiben allein). Lutz (fassungslos) . Was – was bedeutet das? Schölermann (ängstlich) . Herr Lutz – ich weiß es nicht. Lutz . Das sind Indianer! – Sie haben dieses Frauenzimmer gesehen? Schölermann . Jawohl, Herr Lutz. Lutz . Das ist Sodom und Gomorrha! In diesem Hause würde man seines Lebens nicht sicher sein. Es sollen die Koffer wieder heruntergetragen werden, es soll – ja was? (Faßt sich an die Stirn.) Se. Durchlaucht wird im Hotel übernachten – man wird morgen ein anderes Quartier suchen – oder vielmehr gar kein Quartier; diese Stadt ist für Se. Durchlaucht einfach unmöglich! Schölermann . Herr Lutz sollte sich beruhigen – Lutz . Das geht seit heute früh immerfort gegen mich! Mit Keulenschlägen! Schölermann (angstvoll, devot) . Ist etwas geschehen, Herr Lutz? Noch was? Lutz . Wir fuhren aus Karlsburg heute früh um neun. Die Straßen waren voll Menschen, der Bahnhof abgesperrt, etcetera . Se. Hochfürstliche Durchlaucht selbst hatten die Gnade, Se. Durchlaucht zur Bahn zu geleiten. Der Hof war anwesend, die Adjutanten, Se. Exzellenz der Herr Hofmarschall, der Staatsrath v. Giesebrecht, der Präsident v. Jürgens, Herr General v. Lachner, Exzellenz u. s. w. Der Zug kommt, Se. Durchlaucht besteigen mit diesem Dr. Jüttner ein reservirtes Coupé ich selbst ein anderes Coupé – der Zug fährt ab. Schölermann . Fährt ab. Lutz . Ja. Drei Stunden später hält der Zug in Bebra. Ich steige aus meinem Coupé, ich trete an Sr. Durchlaucht Coupé, ich öffne die Thür, ich frage: »Haben Ew. Durchlaucht Befehle?« (Mit zitternder Stimme:) Da beugt sich dieser dicke Mensch von Doktor aus der Thür und sagt – sagt: »Lassen Sie das! Bleiben Sie in Ihrem Coupé! Se. Durchlaucht wünscht zu reisen, ohne aufzufallen!« Sagt das in einem Tone, als ob ich dieses dicken Menschen Bedienter wäre!! Schölermann (verlegen) . Ach – Lutz . Um vier Nachmittags kommen wir nach Frankfurt. Ich gehe in den Wartesaal, um eine Flasche Selters zu trinken, da sitzt Se. Durchlaucht! Schölermann (erschreckt) . Wo? Lutz . Im Wartesaal! Neben diesem Doktor! Se. Durchlaucht trinkt Bier! Hält in der Hand ohne Handschuh ein fettiges Papier mit sogenannten Frankfurter Würsten. Schölermann . – Ach! – Lutz . – ißt davon! Schölermann (total perplex) . Ja – Lutz . Es rennen Leute vorbei, stoßen an Sr. Durchlaucht Stuhl, setzen sich an denselben Tisch, machen Lärm – da hör' ich diesen Doktor schreien. »Kellner! noch zwei!« 7. Szene. Käthie (geht, beide Hände voll leeren Gläsern über die Bühne. Rückwärts ruft sie lachend den Studenten zu) Habts nur Geduld! Einer nach dem andern. Was? – (Lacht, antwortet.) Ja, glei! (Macht im vorbeikommen bei Lutz halt.) Ist er immer noch net da? Der Prinz? Schölermann . Nein. Käthie . Rufts mi, wann er kommt. I geh drüben ins Haus – kehr um die Hand bin i wieder da. I sag ihm an Gedicht, wann er kommt. (Setzt die leeren Seidel an Lutzens Tisch.) Ist er fesch, der Prinz? Ist er sauber? Gelt, die Zimmer droben sind fein staffiert? Die ganze Treppe nauf hab i an Guirlanden gewickelt. Wollt's Ihr zwei an Bier oder an Wein? I bring's Euch. Studenten (rufen hinter der Szene.) Käthie!! Käthie . I komm schon! (Sie stützt die Ellbogen auf Lutzens Tisch.) Im Leben hab i kan wirklichen Prinzen gesehen. Aber den Kaiser hab i gesehen in der Wienerstadt. Lieb hat er ausgeschaut. Lutz (streng) . Welchen Kaiser? Käthie . Den Franzel. I bin nämli von Linz, von weit von dahier. Rufe . Käthie! Käthie . Ja! Ja! Ja!! – Hat er blaue Augen? Ist er groß? I kann's mi net vorstellen, wie er ausschauen wird. Lutz . Aufdringliche Person! Schölermann (springt auf, hastig) . Se. Durchlaucht! (Man hört Wagenrollen.) Lutz . Wo?! Käthie . Marand Josef!! Schölermann . Er kommt! Lutz . Mal die Gläser da weg! Käthie . Jessus die Schürzen! Bind mir doch einer die Schürzen ab! (Rennt an die Hausthür.) Der Prinz! Der Prinz! Lutz . Treten Sie zur Seite, Schölermann, so, – Beide (stehen mit abgezogenen Hüten) . 8. Szene. Rüder , Frau Rüder , Frau Dörffel (herein). Rüder . Wo? Wo? Lutz . Zurück da! Zurück! Käthie . Giebts mir mei Buschen! Jessas und das Gedichtel! Wie fangt's an? Rüder . Wo ischt er? Fr. Rüder . Wo ischt er? Lutz (streng) . Treten Sie zurück! (zu Käthie.) Treten Sie zur Seite! ( Pause, alle stehen erwartungsvoll. ) Käthie . Jetzt der da? Der links? – Hübsch ist er! 9. Szene. Karl Heinrich . Der Doktor . Doktor . Da ist Lutz. Lutz . Ew. Durchlaucht – – – Karl Heinrich (zieht den Hut, grüßt leicht alle. Er ist etwas befangen) . Doktor . Da der Neckar. Drüben, Durchlaucht, das Schloß. Das ist eine famose Aussicht. Karl Heinrich . Sehr schön. Lutz . Ew. Durchlaucht verzeihen, aber dieses Haus – Doktor (schiebt Lutz bei Seite) . Und das kleine Fräulein? (Lacht.) Ein Blumenstrauß –? Käthie . Dem Prinzen, der aus fernem Land, Zu unserm lieben Neckarstrand Gezogen kommt, dem bring' ich hier Des Frühlings allerschönste Zier. Zieh fröhlich ein in unser Haus, Und gehst Du wieder einst hinaus, Dann denke immer treu zurück, An Heidelbergs Studentenglück. – Bitt schön (knixt, giebt ihm den Strauß) . Karl Heinrich (befangen, etwas steif) . Ich danke. (Nimmt den Strauß.) Käthie . Bitt schön. Doktor . Bravo! Das war ja reizend. Wie heißt denn das kleine Fräulein? Käthie . (Knixt.) Käthie! Karl Heinrich (immer noch befangen) . Es war sehr liebenswürdig! Lutz . Ew. Durchlaucht verzeihen. aber ich glaube, bemerken zu müssen, – Doktor (schiebt ihn wieder bei Seite) . Und das der Herr Wirth –? Rüder . s' ischt die größte Ehre in Heidelberg – i bin der Josef Rüder, des ischt mei Frau, die Frau Rüder – wenn der Herr Prinz die hohe Ehre haben wollte und wollte die Schtube besehe – – Karl Heinrich (nickt, will ihm folgen) . Lutz . Wollen Ew. Durchlaucht bemerken, daß dieses Haus für Ew. Durchlaucht in jeder Beziehung ein unmögliches Quartier ist. Karl Heinrich (stutzt) . Wie –? Doktor (grob) . Was heißt das? Lutz . Die Zimmer, Ew. Durchlaucht, sind uralt, die Treppe stockfinster, das ganze Haus von einem derart desspektirlichen Exterieur – Doktor . Das ist ja lächerlich. Lutz . Wie? Doktor . Das ist ja alles dummes Zeug. Paläste giebt's hier nicht. Gott sei Dank, nicht. Käthie (ängstlich, halblaut) . Er will net bleiben –? Lutz (in starrer Beherrschung) . Wollen Ew. Durchlaucht vor allem bemerken, daß sich unten im Hause eine Wirtschaft befindet. Ein Lokal, in dem Studenten und sonst allerhand Leute sich umhertreiben. Wollen Ew. Durchlaucht befehlen, daß für die ersten Tage im Hotel Wohnung genommen wird. Ich lasse die Koffer sofort hinüberschaffen. Karl Heinrich (unsicher.) Wenn Sie meinen – Käthie (tritt schüchtern, bittend einen Schritt vor.) Nein –! Doktor (lächelnd) . Se. Durchlaucht wird dieses schreckliche Haus selbst besichtigen und selbst entscheiden. Karl Heinrich (rasch.) Ja. Rüder. Bitt schön – – Die Musik setzt nebenan voll ein mit dem »Gaudeamus« , alle Studenten singen das Lied. Karl Heinrich (stutzt, horcht) . Was ist das? Lutz . Ew. Durchlaucht, die Studenten. Der ganze Garten sitzt voll von diesen Leuten. Karl Heinrich (hört schweigend den ganzen Vers, alle stehen erwartungsvoll, als ob sie auf seinen Entschluß warten. Als der zweite Vers jubelnd einsetzt, blickt Karl Heinrich um sich wie erwachend) . – – Doktor? Doktor . Ew. Durchlaucht –? Karl Heinrich . Gehen wir hinein. (Ab. Von allen gefolgt.) Doktor (allein. Er will mit, bleibt, horcht, setzt sich müde. – Er hört schweigend den zweiten Vers zu Ende singen.) ( Es ist Abend geworden, das Schloß liegt im Licht der Abendsonne, langsam kommt die Dämmerung. ) Doktor . Gaudeamus! – Die Lebensfreude! – – Und unsereins ist müde und caput. – – – Caput. – – 10. Szene. Käthie (herein, huscht zu ihm) . Bleibt er? Doktor (lacht) . Ich weiß es nicht. Käthie . Er soll bleiben. Doktor . Soll er? Dieses kleine Fräulein wird uns eine Flasche Wein bringen. Vom Badischen. Vom besten. Dann wird man diese Flasche Wein trinken und zu Rate gehen. Verstanden? Käthie . Ja. Doktor . Also vom besten! Käthie . Vom allerbesten! (Läuft ab.) Doktor (allein) . Lieber Gott, ich bitte Dich noch einmal: laß einen alten, kranken Schulmeister im lieben Heidelberg noch einmal gesund werden! Ich will keinen Wein trinken, ich will kein Bier trinken, ich will den halben Tag spazieren laufen – – – daß man noch mal Mensch wird, lieber Gott! – – – Und müde ist man, – – müde! 11. Szene. Karl Heinrich . Doktor – –? Doktor (antwortet nicht, schläft) . Karl Heinrich (zu ihm) . Doktor! Doktor . Was – was ist? Karl Heinrich . Doktor, wir bleiben. Doktor . Wo –? Karl Heinrich . Hier. (Rüttelt ihn.) Nur nicht wieder schlafen, Doktor! (Aufgeregt.) Denken Sie, der ganze Garten voll Studenten! Oben aus dem Fenster sieht man mitten dazwischen. Sie müssen das sehen, kommen Sie mit, gerade unter meinem Fenster. Doktor (noch verschlafen) . Ja, ja – – Karl Heinrich . Da fließt der Neckar, und die ganze Mauer lang haben sie Lampions aufgehängt. Sie müssen das sehen, Doktor! Doktor . Wir bleiben hier? Karl Heinrich . Selbstverständlich. Doktor (gähnt) . Wenn man nur nicht so müde wäre von diesem Eisenbahnfahren. Karl Heinrich . Sie haben ja die halbe Fahrt verschlafen, Doktor. Doktor . Hab' ich das? Dieses Schlafen, das ist mein Unglück. Ich dürfte überhaupt nicht schlafen! – Aber was soll man machen, wenn einem die Augen zufallen! (Gähnt.) Karl Heinrich (drängt) . Nun kommen Sie. Wir wollten doch 'ne Bowle trinken. Wir wollten dort aufbleiben bis zum frühen Morgen. Nur heut nicht schlafen, Doktor. Das ist 'ne Nacht, in der man nicht schlafen darf! Doktor . Wo bleibt denn das Mädel, das den Wein bringen sollte? Weißt Du noch, heute Nachmittag diese Mädels in Frankfurt! Das war 'ne Sorte! Rheinisch-Mainisch! Ne andere Rasse als bei uns! Mein lieber Junge, Du kennst die Mädchen noch nicht. Schadet auch nicht. Man lernt sie früh genug. (schließt die Augen) . Karl Heinrich (stößt ihn an) . Doktor. Doktor (fährt auf) . Ja, ja. Kolleg. Selbstverständlich. Morgen früh schon. Wie sagte Se. Durchlaucht gestern: »Das Universitätsjahr soll für den Prinzen so aufgefaßt werden, daß dasselbe der wissenschaftlichen Ausbildung gehört und nicht dem Vergnügen.« Nicht Vergnügen, nicht Vergnügen – Karl Heinrich (rüttelt ihn) . Aber das geht doch nicht! Dieses Schlafen! Doktor . Was denn? (Sieht sich groß um.) Ja, das ist der Neckar. Er kommt aus Schwaben, von Reutlingen, vom alten Götz. Guter Wein am Neckar Karl Heinrich, lieber Wein – – – – (Er schläft ein.) Karl Heinrich (rüttelt ihn) . Doktor! – – Doktor! – – (Trübe) . – – – Wer drüben sein dürfte! Bei den anderen! Mittun! 12. Szene. Käthie . 's wird bald Nacht. I bring die Lampe. Und da ist der Wein. Meiner Seele, er schläft. Karl Heinrich . Ja. Käthie . I werd ihm an Kissen holen. Karl Heinrich . O, das ist nicht notwendig. Käthie (schenkt ein) . So. – Nu trinken's mal! Karl Heinrich . Danke schön. Käthie . Schmeckt's? Karl Heinrich . Ja, danke. ( Kleine Pause. ) Käthie . 's ist warm heut. Karl Heinrich . Ja. Käthie . – – – – Waren's schon a mal in Heidelberg? Karl Heinrich . Nein. Käthie . Aber vielleicht in Tübingen? Karl Heinrich . Auch nicht. Käthie . – – – – Der Herr von Scheffel ist jetzt a in Heidelberg. Nächste Woche bringen's ihm an Fackelzug. Karl Heinrich . So, so. Käthie . Ja. – – (nach einer Pause zur Seite) : 's ist halt an Prinz. Die san wohl immer an bissel langweilig. – – – – Der Wein schmeckt wohl net? Karl Heinrich . Er ist sehr gut. (Trinkt.) Käthie . Aber teuer ist er dies Jahr. – Für an Prinzen macht das freilich net viel aus. Karl Heinrich . Wie meinen Sie? Käthie . I sag. Für an Prinzen macht das freilich net viel aus, ob der Wein teuer ist. Karl Heinrich . Ach so. Käthie . – – – – Haben's noch andere Brüder? Karl Heinrich . Ob ich was? Käthie (etwas ungeduldig) . Ob's noch andere Brüder haben, die a Prinzen sind? Karl Heinrich . Nein. Käthie . Aber Schwestern? Karl Heinrich . Auch nicht. Käthie (rasch) . Aber zwei Eltern? Karl Heinrich . Die sind tot. Käthie . O wie schrecklich, wie schrecklich! – Ich habe nämlich auch keine Eltern mehr. Karl Heinrich . Oh – Käthie . Also der Herr Fürst in Karlsburg, das is net der Herr Papa –? Karl Heinrich . Das ist mein Onkel. Käthie . Der Herr Onkel – – (Pause.) I bin nämli a weit her, aus Oesterreich. Aber i möcht immer in Heidelberg bleiben, 's ist hier zu schön. (schenkt ein.) Trinken's doch. Karl Heinrich . Danke schön. Käthie . Das Gedichtel, das i hergesagt hab', war das schön? Karl Heinrich (lacht) . Ja. Es hat mir ausgezeichnet gefallen. Käthie . Nein, es war net schön. Karl Heinrich . Nicht? Käthie . I hab's zuerst net auswendig lernen wollen, aber der Herr Onkel und die Frau Tante haben's gewollt. Wenn Sie nun anders ausgesehen hätten, als Sie hier 'nein kamen, da hätt i Ihnen den Buschen wohl geben, aber das Gedichtel hätt i net hergesagt. Karl Heinrich (steht auf) . Anders? Wie hätt ich denn anders aussehen sollen? Käthie . Nun – so – i weiß net – Karl Heinrich . Fräulein Käthie, wie hätt ich denn anders aussehen sollen? (Er zieht sie leise an sich.) Käthie . Nein! Nicht! Karl Heinrich . Käthie. Käthie (macht sich los, fast böse) . I will net, i will net! Denn, daß Sie's ein für alle Mal und glei heut wissen: i bin verlobt; schon bald ein Jahr. Karl Heinrich (verdutzt, beschämt) . Verzeihung – ich – ich – – verzeihen Sie – – Käthie . – – Was man halt so verlobt nennt. – Mit dem Heirathen kann der Franzel noch warten. Er will schon, aber i nicht. – Finden's, daß i sehr österreichisch spreche? Karl Heinrich (verdutzt) . Oesterreichisch –? Käthie . I hab's österreichische ganz verlernt, weil ich's net mag. Weil's der Franzel redet. Er ist nämlich a Wiener. Karl Heinrich . So. Käthie . Sie dachten wohl, er wohnt hier in Heidelberg? Karl Heinrich (verdutzt) . Ja das – das dachte ich. Käthie . Noch nie ist der Franzel in seinem ganzen Leben aus der Wienerstadt herausgekommen. Außer nach Ungarn. Er ist so ein langweiliger Kerl. Wissen's was er ist? A Juckerhändler. Karl Heinrich . Ein was? Käthie . Für die Fiaker kauft er die Rosse, darin ist er sehr gescheit. Und viel Geld verdient er. Drei Häuser hat er in der Leopoldstadt. Letzthin hat er zwei Schimmeln aus Ungarn geholt, die dann (wichtig) der Nicky Esterhazy ihm abgekauft hat. Karl Heinrich . Aber – Käthie . Sehens das ist der Franzel. (Sie holt das Bild aus dem Mieder, indem sie sich abwendet.) Gelt, er ist fesch. (Karl Heinrich betrachtet das Bild über ihre Schulter.) Der Schnurrbart ist das beste, nit wahr? Karl Heinrich . Hm. Käthie . Und i nehm ihn doch nit. Karl Heinrich . Nicht? Käthie . Denn erstens, er könnt bald mein Vater sein, weil er zu Peter und Pauli dreißig wird, und zweitens, i geh nit nach Wien, i mag nit. Karl Heinrich . Wirklich nicht? Käthie . Es ist nämlich so, daß der Frau Tante Rüder ihr Bruder der Vater gewesen ist vom Franzel. Und meine Mutter selig war dem Franzel seinem Vater die Cousine. Wie i schon so klein war, hat's immer geheißen, i soll den Franzel heirathen. Nun zu vorigen Johannes hat er geschrieben, ob i will, und alle haben gesagt, ja, i soll. Da hab i ja gesagt, aber i hab gesagt, nit gleich, und erst will ich noch warten. Karl Heinrich . Aha. Käthie (seufzt) . Denn schließlich heiraten muß jede, nit wahr? Und ewig in Heidelberg bleiben kann man doch auch nicht, gelt? Karl Heinrich . Bewahre. Käthie . Nun muß i gehen. Karl Heinrich . Käthie! (Zieht sie an sich.) Käthie . Nicht – – Karl Heinrich . Süße Käthie. (Küßt sie leise) . Käthie (macht sich halb frei) . Wie heißen denn Sie? Karl Heinrich . Ich? Ich heiße Karl Heinrich. Käthie . Zwei Namen? Karl Heinrich . Ja. Käthie . Karl Heinrich – – das klingt so seltsam – – so – so – (sie nimmt leise seine Hände) – Karl Heinrich (sie schrickt auf) . Da kommt wer! Karl Heinrich . Nicht fort! Käthie . I komm wieder. Karl Heinrich . Aber sicher! Käthie . Sicher. (Ab.) 13. Szene. Detlev (herein). (Dann) Kellermann . Detlev . Füchse! Kellermann! Kinder, hängt da mal Lampions auf! Ist ja stockfinster. (Tastet nach vorn.) Hier bricht man sich den Hals. (Nimmt die Lampe und leuchtet Karl Heinrich ins Gesicht.) Wer ist denn das? Pardon! Karl Heinrich (verlegen) . Bitte. – Detlev . Ich dachte, es wäre Kurt Engelbrecht, – pardon! Karl Heinrich . Oh – Detlev (leuchtet prüfend) . Student, nicht wahr –? Erstes Semester, wie? Neu angekommen, was? Heute –? Karl Heinrich . Allerdings. Detlev (ruft) . Kellermann! Bier her! Kellermann . Jawoll, Herr Graf. (Bringt zwei Gläser Bier.) Detlev . Es soll niemand mich stören. Ich will mein Bier in Ruhe trinken, hier, bei diesem jungen Herrn. (stellt sich vor.) Graf von Asterberg, Saxoniae. Lieber Freund, Sie hat ein Gott hierher geführt. (Leuchtet an den Doktor.) Wer ist denn das? Der alte Herr schläft. Wir wollen ihn schlafen lassen, was? (Lacht.) Karl Heinrich (lacht verlegen mit) . Detlev . Alles, lieber Freund, kann der Mensch in Heidelberg vertragen, nur nicht das sogenannte Alleinsein. Denn wie heißt es im Liede: »Altheidelberg, du feine, du Stadt an Ehren reich, – am Neckar und am Rheine kein andre kommt dir gleich! Stadt fröhlicher Gesellen, an Weisheit schwer und Wein.« – Stimmt das? Karl Heinrich . Ja. Detlev . Ausdrücklich sagt also der Dichter: »Stadt fröhlicher Gesellen!« Und nicht etwa: »Stadt eines fröhlichen Gesellen.« Denn das wäre ein logischer Unsinn. Prost. Karl Heinrich (stößt mit ihm an) . Ihr Wohl. Detlev (bemerkt erstaunt, daß Karl Heinrich sein Glas mit offenem Deckel auf den Tisch zurückgestellt hat. Er schlägt den Deckel zu) . Einen einzigen Tag, lieber Freund, geht der Mensch in Heidelberg ohne Band und Mütze, das ist der erste. Denn was ist die Schönheit von Heidelberg? Band, Mütze, Freunde und eine gute Klinge, was? Karl Heinrich (schwer atmend) . Ja –. Detlev . Ich erlaube mir den Rest aufs Spezielle. (ruft:) Kellermann! Kellermann (bringt neue Gläser) . Karl Heinrich . Ihr Wohl. Detlev . Der alte Herr schnarcht. Er hat einen guten, starken Ton. Wer ist denn das? Karl Heinrich . Der Herr ist mein – e – mein Begleiter. Detlev (leuchtet dem Doktor ins Gesicht) . Er macht einen vertrauenerweckenden Eindruck. Ist er lustig? Was? Karl Heinrich (lacht) . O ja. Detlev . Er soll Conkneipant werden, C. K., Sie verstehen? Karl Heinrich . Nein, ich verstehe nicht. Detlev . Das heißt Mitkneiper, ein Mann, der mitkneipt. Der nicht zum Corps gehört, der aber mitkneipt. Also, lieber Freund, es ist abgemacht. Saxonia sei's Panier!? Karl Heinrich . Ich – ich kann nicht. Detlev . Was! Kann nicht? Das sagt jeder, weil Euch Jungens das Geschwätz von alten Tanten und Frauenzimmern noch im Ohre klingt. Himmelschwerenot, wer zur alma mater kommt, ist sein eigner Herr! Karl Heinrich . Ich – nicht – Detlev . Mein lieber Junge. ich will Dir was sagen. Es ist ein Erfahrungssatz, daß der Mensch nicht allein sein kann. Ein Mensch ohne Freunde geht in die Brüche. Eine Zeitlang läuft die Karre ihren Weg, aber eines Tages giebt es einen Knacks. Ist aus. Karl Heinrich . Ich bin – immer allein gewesen. Detlev . Wieso? Karl Heinrich . Ich war – immer allein. Detlev . Mein Junge, ich verstehe das nicht. Wir kennen uns nicht. Mein Junge, ich gehöre nicht zu den Leuten, die durch Heidelberg laufen, um Füchse zu keilen, denn vom Dutzend gefällt mir kaum der Zwölfte. Gieb mir Deine Hand, mein Junge, Du kommst zu uns. Karl Heinrich . Ich kann nicht. ( Die Musik spielt »Ergo bibamus« , die Studenten singen mit, das Lied klingt durch die Nacht aus einer ziemlichen Entfernung, gedämpft. ) Detlev . Halloh, das Lied! Komm mit. Du kennst das Lied? Karl Heinrich . Nein. Detlev . Natürlich nicht. Niemand kennt es. Das Lied ist vom alten Herrn von Goethe. Weißt Du, mein Junge, wo man die deutsche Poesie studiert? Bei uns! Auf den deutschen Hochschulen! Was sollen wir sagen vom heutigen Tag? Ich dächte nur: ergo bibamus! Er ist nun einmal von besonderem Schlag, Drum immer aufs neue – bibamus! Er führet die Freunde durch's offene Thor, Es glänzen die Wolken, es teilt sich der Flor, Da scheint uns ein Bildchen, ein göttliches, vor, Wir klingen und singen: bibamus!! « Dein Wohl. mein Junge! God save the king! Auf die Freundschaft! Karl Heinrich . Auf die Freundschaft! Detlev (ruft mit Donnerstimme) . Saxonia! Hierher! Alle! Kellermann! Füchse, mal 'ne Mütze her. (Nimmt einem die Mütze vom Kopf, setzt sie Karl Heinrich derb auf) . So! 14. Szene. ( Alle Sachsen herein. ) Engelbrecht . Was ist los? Detlev . Kinder, wir haben einen neuen Fuchs und nicht den schlechtesten. Bilz . Wo? Detlev . Das nennt man Füchse keilen, Karlchen, Nachts um die elfte Stunde, während Du saufst! Bilz (giebt Karl Heinrich artig die Hand) . Ich freue mich – Detlev (rüttelt den Doktor) . Und da noch einer! Der schläft. Ein Conkneipant, der ein höllischer Schnarcher ist. Doktor (wacht auf) . Was ist los? Detlev . Also erlauben die Herren, daß ich sie bekannt mache. Herr – Herr – (denkt nach) Herrgott, nun habe ich den Namen vergessen. Alle (warten einige Sekunden, eine verlegene Pause) . Detlev . Wie war doch der – – Name? Karl Heinrich . Ich bin – der Erbprinz von Sachsen-Karlsburg – ( Alle baff. ) Detlev . Wa–s? Wer–? Donnerwetter! Doktor . Was ist denn los?! Durchlaucht?! Die Mütze?! Was heißt das?! Karl Heinrich . Lieber Doktor – Doktor . Das ist Fastnachtsscherz?! Alles, Karl Heinz, aber das nicht! Karl Heinz. sie hängen mich in Karlsburg an den Galgen! Sie brechen mir das Genick! 15. Szene. Käthie (herein). Detlev . Hierher, Käthie! Die Käthie soll als die Allererste gratuliren. (stellt sie vor) . Das, Käthie, ist Se. Durchlaucht der Erbprinz von Sachsen-Karlsburg. Käthie (lacht fröhlich) . O, i kenn' ihn! S' ist der Karl Heinrich! Doktor . Der »was«?! (Außer sich) . Käthie (lacht) . Der Karl Heinrich! Doktor . Das ist zu viel, das ist – (außer sich) . Was ist denn überhaupt los?! ( Die Musik hat das Mailied begonnen ) Detlev . Alter Herr, der Mai ist gekommen! Doktor . Wer ist gekommen? Karl Heinrich (Käthie an der Hand) . Der Mai ist gekommen! Alle (umringen den Doktor) . Doktor (außer sich) . Ich kriege nie das Kreuz von Sachsen! Dritter Akt. Karl Heinrichs Zimmer in Rüders Hause. Altfränkisch eingerichtet mit der bürgerlichen Eleganz längst vergangener Zeit. An den Wänden Bilder: »Paul u. Virginie« \&c., außerdem eine große Menge kleiner Photographien von Studenten in billigen Fünfgroschenrahmen. Ein Klavier und ein Glasschrank mit Porzellan \&c. Ferner Rappiere, Wappen, Mensurbilder \&c. – – Es ist früh 5 Uhr, die Morgensonne scheint ins Fenster, durch das man Heidelberg sieht. Vor dem einen Fenster ein buntbedrucktes ordinäres Rouleau, das andere Fenster ist geöffnet. – Die Spatzen zwitschern draußen. 1. Szene. Lutz (allein, sitzt in einem Lehnsessel, schläft. – Man sieht einige Sekunden lang diese schlafende Szene. – Eine Thurmuhr schlägt 5 Uhr – – Lutz fährt auf.) Was ist denn – wie? (sieht sich verschlafen, erschreckt um) . Ach so – – – – (sieht nach der Uhr) . – 5 Uhr. – Gott im Himmel, wieder 5 Uhr! Wieder eine Nacht um die Ohren geschlagen! – Dieses Spatzengesindel! Macht einen Skandal! (wirft einen Stein aus dem Fenster, die Spatzen huschen davon) . – – Man ist wie zerbrochen. Um 1 Uhr bin ich aufgewacht, Se. Durchlaucht natürlich nicht zu Hause. Daun um 2 aufgewacht, um 3, um 4 – – – So geht das seit Monaten, jede Woche zwei, dreimal – – Was ist denn mit dem Arm? Ich kann den Arm nicht bewegen – (droht aus dem Fenster) . Verfluchte Stadt! – – – Bald kann ich nicht mehr – – (es klopft) . Wer ist da? 2. Szene. Fr. Dörffel (mit Besen, Eimer, Scheuertuch) . Ischt's erlaubt? Lutz . Was ist? Fr. Dörffel . Ischt der Herr Lutz schon aus dem Bett? Lutz (diabolisch) . Ja, aus dem Bett! Der erste ins Bett und der letzte aus dem Bett. Oder vielmehr überhaupt nicht ins Bett und nicht aus dem Bett. (Faßt sich an den Kopf) . Ich rede schon Unsinn! Mein Kopf ist hohl. Fr. Dörffel . Der Herr Lutz müßte mehr schlafe. Lutz . Schlaf' ich überhaupt noch? Leb' ich wie ein Mensch? Ich leide an Rheumatismus, ich erkälte mich jede Nacht. Fr. Dörffel (wäscht das Zimmer auf, fegt, klopft \&c.) . Hier steht noch dem Herrn Lutz sein Abendesse. Lutz . Zwei Butterbrote und 'ne Flasche Bier! Wenn mir einer in Karlsburg das zum Abendessen bringt, dann schmeiße ich's aus dem Fenster! Fr. Dörffel . I sag's alleweil, 's ischt keiner so zu bedauere, wie der Herr Lutz. Lutz . In Karlsburg trinkt man Abends sein Glas guten alten Bordeaux. Um 10 geh' ich ins Bett. Früh bekomme ich meine Bouillon, Mittags mein Hühnchen. – (Plötzlich ausbrechend.) Weiß man hier überhaupt, wer ich bin? Fr. Dörffel . Jessusmaria! Lutz . Ich bin kein Bedienter, verstehen Sie mich?! Ich bin kein Lakai! Die Pflichten und Rechte eines Kammerdieners sind so genau umschrieben. wie die eines Beamten! Ein Lakai ist ein Handwerker und ein Kammerdiener ein Künstler! Verstehen Sie mich? Fr. Dörffel . Freile, Freile. Lutz . Schuld an allem ist dieser Mensch, dieser Schulmeister! Das geht den ganzen Tag. »Holen Sie mir Kaffee, Lutz!« – »Bürsten Sie mich ab, Lutz!« – »Holen Sie Cigarren, Lutz!« Es fehlte nur noch, daß er etwa sagte: »Putzen Sie mir die Stiefel!« Ich wollte, er sagte es! Es gäbe eine Katastrophe. Fr. Dörffel . Ja, ja, ja, ja. Lutz . Meine liebe Frau Dörffel, es giebt etwas für einen Mann meines Standes, das schlimmer ist, als alles andere. Wenn man das feine Gefühl für die Schranken verliert, welche Stand und Bildung auferlegen. Es kommt vor, daß ich mit Ihnen und den anderen Frauen in der Küche sitze und Kaffee trinke. Weil ich mich aussprechen muß, weil ich nicht ewig allein sein kann. Ich habe die Selbstachtung verloren. Fr. Dörffel . Ja freile, freile. Lutz . – – Gehen Sie jetzt. Ich werde versuchen, eine halbe Stunde zu schlafen. Fr. Dörffel . Die Käthie ischt drauße und kocht Kaffee. Will der Herr Lutz scho Kaffee trinke? Lutz . Nein. Fr. Dörffel (räumt Eimer, Scheuertuch \&c. zusammen; ziemlich umständliche Pause, dann ab) . Lutz . Schlafen, – schlafen! – (Fährt erschreckt auf) . Was ist? (Draußen unten, immer näher kommend, Wagenrollen, Peitschenknallen, Lachen, Zurufe – dann Rufe des Prinzen: »Lutz, heda, Lutz!« – ein Rütteln an der Hausthür.) Lutz . Jawohl! Sofort! Karl Heinrich (draußen.) Lutz! Schließen Sie das Haus auf! Lutz (ans Fenster) . Durchlaucht –? Doktor . Lutz. Den Hausschlüssel!! 3. Szene. Käthie (herein, rasch an's Fenster). Käthie . Jessas! Machen die wieder an Lärm! (Rasch ans Fenster, zieht das Rouleau auf, es wird sonnig hell, ruft aus dem Fenster, lachend.) Schlages doch net die Thüren kaput! Karl Heinrich (draußen) . Morgen Käthie! Käthie . Ihr seid's mir welche! Pfui, schämt's euch! Früh um 5! (Dreht sich um zu Lutz, ungeduldig.) Gehen's doch nunter! Schließen's auf! Mal bissel schnell! Lutz (dem fast die Galle platzt.) »Mal bissel schnell?!!« »Mal bissel schnell!?!!« Käthie (nimmt ihm den Schlüssel aus der Hand.) A langweiliger Mensch! (Beugt sich hinaus) . Gebt's acht! i werf den Schlüssel nunter! Ja, so, Karl Heinz: halt die Mütze! Paß auf! Jetzt! (Wirft.) Karl Heinrich (draußen) . Bravo! Käthie . I komm schon! (Will rasch hinauslaufen, Karl Heinrich entgegen.) Lutz (vertritt ihr den Weg) . Ein was bin ich? Käthie . A Schlafmützen! (Rasch ab) . Lutz . Lutz, halt deinen Verstand bei einander. 4. Szene. Karl Heinrich im Paletot mit aufgeschlagenem Kragen, mit Käthie . Dann Detlev . Dann Bilz und noch einige »Sachsen«. Dann Kellermann . Karl Heinrich (Käthie im Arme haltend) . Heute wird durchgebummelt. Schlafen lohnt sich nicht mehr. Du mußt mit, Käthie! Käthie . Jessas, Deine Hände! Wie Du ausschaust? Karl Heinrich (zeigt die hellen Handschuhe, die ganz voll Staub sind) . Vier Stunden auf dem Bock gesessen, die Zügel gehalten. (Zieht die Handschuhe aus, wirft sie fort) . Hättest mit sein müssen. Der Doktor (herein, Cylinder, hochgeschlagener Rockkragen, Hände in den Hosentaschen. So geht er von links nach rechts über die ganze Bühne.) Detlev . Morgen, Herr von Lutz – Lutz . Herr Graf. Karl Heinrich . Daß die Hunde nicht wieder hereinkommen! Kellermann! Die Biester reißen mir die ganze Wohnung zusammen. Tag, Lutz. Lutz . Ew. Durchlaucht. Karl Heinrich . Gut. daß Sie geschlafen haben, Lutz. Es ist spät geworden, ober vielmehr früh. Lutz . Geschlafen. Ich geschlafen? Karl Heinrich . Wir wollen einen Schnabus trinken, Kinder. Käthie gieb mal! Lutz, vorwärts. Doktor (schlägt das Klavier auf) . Lutz! Lutz (grimmig) . Was? Doktor . Cigaretten her! Detlev . Kinder, hier ist Cognac. hier sind Gläser. Karl Heinz, Du hast ja eine Bibliothek von Liqueur-Pullen. (Ist auf einen Stuhl gestiegen, holt Flaschen von einem Regal) . Nehmt mal hier! Lutz! Käthie . Daß er net vom Stuhl fällt! Haltet's ihn fest! Karl Heinrich . Lutz, die Hunde müssen Wasser bekommen. Holen Sie das Viehzeug in die Küche. Detlev . Lutz! die Gläser. Karl Heinrich . Du wirst uns Kaffee kochen, süße Käthie. Lutz,. Sie können helfen. Oder wollen wir auf dem Schlosse Kaffee trinken? Detlev . In Neckarsteinach. Karl Heinrich (zu Engelbrecht) . Dicker, Du schläfst ja ein. Engelbrecht . Karl Heinz, ich bin verflucht müde. Käthie (lacht.) Der Dicke. Doktor (spielt währenddessen Lecocq's »Madame Angot.« Der Cylinder sitzt schief) . Karl Heinrich . Ne, ne. Doktor! Dies gräßliche Geklimper! Deckel zu! (Schlägt den Deckel zu.) – Das war 'ne Nacht, Käthie! In Jugenheim getanzt, bis morgens drei. Dann auf den Kutschbock, – in jedem Dorf angehalten, die Wirte herausgetrommelt. – Du hättest mit sein sollen. Doktor . Es muß mich einer in's Bett bringen. Alle . Der Doktor! Der Doktor in's Bett! Der Doktor muß schlafen! Karl Heinrich . Lutz! Lutz . Ew. Durchlaucht? Karl Heinrich . Bringen Sie den Herrn Doktor in's Bett. Ziehen Sie ihn aus. Lutz . Ew. Durchlaucht – –!! Karl Heinrich . Na, was ist denn, Doktorchen? Es war zu viel, was? Doktor . Also es ist jetzt ausgemacht, ihr bringt mich in die Grube. Ich bin nach Heidelberg gekommen, um mich zu erholen und mäßig zu leben, – statt dessen richtet ihr mich zu Grunde! Ich habe keine drei Jahre mehr zu leben, nicht zwei, nicht eins. Ich kann nicht Erzieher spielen! – Am wenigsten hier in Heidelberg! Karl Heinrich . Lieben Kinder, ich schmeiße euch jetzt hinaus. Der Doktor muß Ruhe haben, in's Bett. Jetzt ist es sechs, um acht treffen wir uns. Auf dem Schloß. Heute wird durchgezecht. Ich gebe einen türkischen Punsch. Alle (stimmen zu) . Doktor . Ich komme mit. Karl Heinrich (erstaunt) . Was – mit? Doktor . Ihr einen türkischen Punsch und ich in's Bett! Das wär' das Richtige. (Nimmt seinen Hut vom Stuhl.) Wer hat auf meinen Cylinder gesessen?! Lutz! Lutz . Was? Doktor . Bringen Sie meinen neuen Pariser Cylinder. Detlev . Der Doktor ist ausgezeichnet! Käthie . Hier bleibt er. Er soll schlafen gehen. Doktor . Wer?! Ich?! Käthie . Ja. Karl Heinrich . Bravo, Käthie! Alle . Bravo. Doktor . Was erlaubt sich dieses junge Mädchen? Käthie . Er kann ja nicht mehr aus den Augen sehen. Doktor . Sie hat recht, Kinder! Wollt Ihr mich auspressen, wie eine Citrone? Wollt ihr das bischen Lebensmuth, das in diesem kranken Leibe noch vorhanden ist, auspusten? Ich will eine Tasse Thee trinken und zu Bette gehen. Karl Heinrich . Das ist recht, Doktor. Endlich mal vernünftig. Doktor . Lutz, mein Freund, den Arm. Dieser Lutz ist mein Freund. Er liebt mich nicht und weigert sich, einem müden Mann abends die Stiefel auszuziehen, aber er ist eine Seele von einem Menschen. Lutz (empört) . Herr Doktor –! Bilz (giebt ihm einen Arm) . Allons, Doktor. Doktor . Ja, stützt mich. Gute Nacht, Karl Heinz. »Blast, blast, o wären es die schwedischen Hörner!« (Ab mit Lutz und verschiedenen, die ihn lachend begleiten. Käthie auch mit hinaus.) Karl Heinrich . Wer will noch 'ne Cigarre? (Zu Detlev.) Du, nimm den Dicken mit. (Rüttelt Engelbrecht.) Dicker! Engelbrecht . Ja, schön. (Steht verschlafen auf.) Detlev . Ich werde ihn in den Neckar tauchen. Ich gehe baden. Komm mit. Karl Heinrich (rüttelt den Dicken) . Dicker, Du mußt schwimmen. Engelbrecht (an Detlev's Arm, schläft im Stehen) . Is gut. Detlev . Mach mal die Thür auf. (Nimmt den Dicken auf den Rücken, trägt ihn.) Is der schwer. Karl Heinrich (ruft ihm nach) . Fallt nicht die Treppe hinunter. 5. Szene. Käthie (wieder herein). Käthie . Da sitzt ja Kellermann auch noch. Karl Heinrich . Wo? Käthie . Er schläft. Karl Heinrich (rüttelt ihn) . Eine verschlafene Gesellschaft. Kellermann! Kellermann (im Schlaf) . Jawoll! Käthie . Pfui! Nicht doch! Laß ihn schlafen. Karl Heinrich . Er kann doch hier nicht sitzen bleiben. Käthie . Weshalb nicht? Karl Heinrich . Ach wo! Der Alte muß nach Haus. Sieh mal her. Wie müde er aussieht. Käthie . Ja. Karl Heinrich . Den ganzen Tag im Gange, jede Nacht im Gange, immer langsam, aber immer willig. Ein armer Kerl, der auf zwanzig Herren hören muß und es keinem recht machen kann. Zu den Studenten müßten ganz andere Leute gehören, lustige Possenreißer, über die man ständig lachen könnte, – nicht ein so müder Mensch, der Semester für Semester andere Herren bekommt! Käthie . Kellermann – Kellermann . Jawoll! Käthie . Sie müssen nach Haus, Kellermann, sich ausschlafen. Heut brauchen's den ganzen Tag nicht kommen. (Zu Karl Heinrich.) Gelt, er darf mal den ganzen Tag daheim bleiben? Karl Heinrich . Wie alt sind Sie, Kellermann? Kellermann (blickt verschlafen) . Käthie . Wie alt Sie sind, Kellermann! Kellermann . Einundsechzig. Karl Heinrich . Haben Sie Familie? Käthie . Antwortens doch, Kellermann! Redens doch! (Als Kellermann schweigt) Seine Frau ist doch die Frau, die immer kommt, die Wäsche holen, – mit den zwei kleinen Mädeln. Karl Heinrich (nimmt Geld aus der Hosentasche) . Sehen Sie mal hier, Kellermann, das bringen Sie Ihrer Frau mit. Kellermann (total verdutzt, antwortet nicht) . Karl Heinrich (lustig, lacht) . Kellermann, Sie verstehen was vom Trinken. Wenn ich später einmal in Karlsburg das Zepter führe. dann kommen Sie zu mir. Sie sollen mein Kellermeister werden, das paßt auch zu Ihrem Namen, was? Kellermann . Ew. Durchlaucht – Käthie . Lassens Ihna draußen an Kaffee geben, Kellermann, drüben in der Küche. (Kellermann ab.) Karl Heinrich . Mach mal die Fenster auf. (Er sieht aus dem einen Fenster, Käthie aus dem anderen.) Das wird heute ein großartiges Wetter. So ein Wetter, um Bäume auszureißen. Du holst mich ab vom Schloß. Um 10 oder 11. Ich lasse die anderen sitzen, und wir zwei gehen allein. Wie letzten Sonntag. Käthie . Wohin? Karl Heinrich . Auf den Königsstuhl. Käthie . Nach dem Wolfsbrunnen. Karl Heinrich . Weiter. Käthie . Oder in den Odenwald. Karl Heinrich (zieht sie auf seinen Schoß.) ».Es steht ein Baum im Odenwald, der hat viel grüne Aest'« – wir beide kennen den Baum, was? Käthie . Karl Heinz! (Sie liegt in seinem Arm, sie küssen sich lange.) ( Pause. ) Karl Heinrich . Jetzt möchte ich schlafen. So. Müde wird man doch. Käthie . Schlaf. Karl Heinrich (springt auf, reckt sich.) Dazu hat man später Zeit genug! Diese Unmasse Studenten-Bilder! Lauter Fünfgroschenrahmen. (liest) . Karl Hohenlohe 1848/49 – Graf Bredow 1853 – die haben alle hier gewohnt, – alle in diesem Zimmer. Käthie (liest) . 1860. Karl Heinrich . Ein ewiges Kommen und Gehen. (Betrachtet andere.) Immer neue Gesichter, jedes Jahr andere. – Die haben vielleicht auch hier ein liebes Mädel im Arm gehalten. – – Fürstenberg 68/69 –. Käthie (steht an ihn gelehnt) . Karl Heinrich . Die meisten vergessen – und vielleicht die meisten gestorben. Und jetzt sind wir da, Käthie. Käthie . Ja. Karl Heinrich . Wie lange noch? Käthie . Karl Heinz – Karl Heinrich . Und wer wird nach uns kommen? Immer andere – immer andere – – Käthie . Laß doch – Karl Heinrich , Ja. fort damit! Jetzt sind wir die Jungen, Käthie. Wir haben die Jugend. Lange genug haben sie mir die Kehle zugeschnürt und mir alles genommen! – Lach doch, Käthie! Wir müssen was Tolles aufführen, was noch gar nicht da war. Zusammen um die Welt reisen – oder wenigstens nach Paris! Käthie . Nach Paris? Karl Heinrich . Was ist das? Gar nichts. Abends setzen wir uns in den Zug, früh sind wir da Stell Dir das vor! Käthie . Schön wär's schon. Karl Heinrich . Dann wird eingekauft. Seidene Kleider, seidene Strümpfe, ein Federhut. Da wirst Du Augen machen! Dann fahren wir vors Hotel – stell Dir das vor! Käthie . Und dann? Karl Heinrich . Ja, was dann?! Dann wird's immer lustiger, Du bist die Prinzeß, und zwar die allerschönste. Wenn wir Lust haben und Geld, fahren wir noch weiter. Käthie . Du red'st nur so. Karl Heinrich . Was reden! Ich rede nicht! Das Leben muß ausgekostet werden, immer noch mehr. Viel mehr! Wer weiß, wie lange es dauert! Lutz! Käthie . Was soll er? Lutz (herein) . Durchlaucht –? Karl Heinrich . Ein Kursbuch her. Ich will die Züge nachsehen. Lutz . Sehr wohl. (Ab.) Käthie (immer noch halb ungläubig) . 's ist ja net Dein Ernst – Karl Heinrich . Lutz! Lutz (zurück) . Ew. Durchlaucht –? Karl Heinrich . Rückert soll den Wagen schicken, den Zweispänner. zum Selbstkutschiren. Den von heute Nacht. Aber mit frischen Gäulen. Sofort. Lutz . Sehr wohl. (Ab.) Käthie . Wozu? Karl Heinrich . Wir fahren aus, Käthie. Du neben mir auf dem Bock. Käthie . Neben Dir? Karl Heinrich . Mitten durch Heidelberg. Ja, das gefällt Dir. Wir knallen mit der Peitsche, daß die Leute aufwachen und die Köpfe aus den Fenstern stecken. Wir zwei gehören zusammen, süße Käthie! Käthie . Karl Heinz. Karl Heinrich . Lauf, zieh Dein weißes Kleid an. Es muß alles anders werden, Käthie, tausendmal lustiger und tausendmal toller. Es ist immer noch nachzuholen. für zwanzig verlorene Jahre! (Fast bitter) . Das ist, zum Henker, nicht leicht! Käthie . Wie meinst' das? Karl Heinrich (wieder lustig) . Gar nichts mein ich. Galopp, Käthie, Kleid an, Hut auf und dann los! – Käthie . Nach Neckargemünd –? Karl Heinrich . Und morgen nach Paris. Käthie (ab) . Karl Heinrich (allein, pfeift eine Melodie) . – – Was giebt's? Lutz (ist wieder hereingekommen) . Ew. Durchlaucht! Karl Heinrich (gleichgiltig) . Andere Stiefel her, Lutz, und den leinenen Anzug. Lutz . Ew. Durchlaucht – Karl Heinrich . Was ist? Lutz . Se. Exzellenz ist da! Karl Heinrich . Welche Exzellenz? Lutz . Se. Exzellenz der Herr Staatsminister! Karl Heinrich . Sie sind wohl verrückt! Lutz . Se. Exzellenz, der Herr Staatsminister von Haugk. Karl Heinrich . Lutz. Sie sind – Sie – Lutz (tritt an die Tür, öffnet) . Se. Exzellenz, der Herr Staatsminister v. Haugk. (Dann ab.) 7. [6.] Szene. Minister (herein). Minister . Ew. Durchlaucht – Karl Heinrich (verstört) . Ja, was –? Minister . Ew. Durchlaucht verzeihen, wenn ich unerwartet – Karl Heinrich . Exzellenz – sind auf der Durchreise – –? Minister . Durchlaucht, ich komme von Karlsburg. Karl Heinrich . Ja – und –? Minister . Ich bitte um Verzeihung, Durchlaucht zu so früher Morgenstunde zu stören. Ich bin die Nacht durchgefahren, – ich habe Ew. Durchlaucht eine trübe – Nachricht zu überbringen. Karl Heinrich (erregt) . Was?! Minister . Wollen Durchlaucht nicht das Schlimmste befürchten. Es ist – nicht das – Schlimmste. Karl Heinrich . Was?! Minister . Durchlaucht wissen. daß Sr. Hochfürstlichen Durchlaucht Gesundheit schon seit Monaten zu Besorgnissen Anlaß gegeben hat und daß – Karl Heinrich . Daß – –?! Minister . Es trat ein, bereits gestern Vormittag, Durchlaucht, fast um dieselbe Morgenstunde wie jetzt. Es handelt sich um einen – Schlaganfall. Karl Heinrich (faßt sich an den Kopf) . Ja, ja. – Jawohl. – Nehmen Sie Platz, Exzellenz, bitte. – (Geht an die Thür, ruft.) Lutz! Lutz . Durchlaucht? Karl Heinrich . Ja, was wollt' ich sagen? (Ganz geistesabwesend.) Herr Dr. Jüttner möchte herüberkommen. Oder es ist vielleicht nicht nöthig. Er möchte herüberkommen. ( Dumpfe Pause. ) Minister . Es ist, Durchlaucht, ein schwerer Fall, der Lähmungserscheinungen mit sich gebracht hat und diese Erscheinungen wahrscheinlich für längere Zeit, vielleicht sogar für die Lebensdauer hinterlassen wird. Karl Heinrich (immer noch geistesabwesend) . Ganz recht, – ja. Minister . Ob Se. Hochfürstliche Durchlaucht unter solchen Umständen bald wieder in der Lage sein werden, die Geschäfte der Regierung zu übernehmen, erscheint leider kaum sehr wahrscheinlich. Karl Heinrich (dumpf apathisch) . So. Minister . Ein Zustand, Ew. Durchlaucht, der Jahre andauern kann. Karl Heinrich . Jahre –? Minister . Das ist die Ansicht der Aerzte. ( Lange Pause. ) Karl Heinrich . Exzellenz, weshalb kommen Sie hierher? Ich meine, weshalb? Minister . Ew. Durchlaucht haben bei Ew. Durchlaucht Jugend sich mit den Staatsgeschäften wenig oder gar nicht bisher vertraut machen können. Es erscheint bedauerlich, daß Ew. Durchlaucht dieser schweren Aufgabe unter so trüben, unvorhergesehenen Umständen werden näher treten müssen. Karl Heinrich . Ich? Minister . Es kommt bei der Einsetzung der Regentschaft in erster Linie darauf an – Karl Heinrich (außer sich) . Ich soll zurück?!! Minister . Durchlaucht –?! Karl Heinrich . Nach Karlsburg?! Minister . Ew. Durchlaucht wollen in Rücksicht ziehen – Karl Heinrich . Wissen Sie, was Sie von mir verlangen?! Minister . Ich bitte Ew. Durchlaucht – – – Karl Heinrich . Und dann mich festbinden, nicht wahr?! An diesen Kranken?! An den ich seit zwanzig Jahren gekettet war und nicht ausatmen durfte!! (An der Tür, außer sich) . Lutz! Der Doktor soll kommen. Er soll aufstehen! Sofort! Warum kommt er nicht?! – Reden wir nicht mehr darüber. Exzellenz, sparen Sie Ihre Worte. Es ist jedes Wort da überflüssig. Minister . Durchlaucht – Karl Heinrich . Es thut mir leid um meinen Oheim, selbstverständlich, aber das ist auch alles. Ich bin an diesem Hof ewig ein Fremder gewesen, nichts als das. Kenne ich meinen Oheim? Kenne ich Sie, Excellenz? Kenne ich irgend einen? Ja, die Bedienten. die kenne ich! Die Lakaien. Mit den Lakaien hat man mich spazieren geschickt und spielen lassen! Minister . Ew. Durchlaucht – Karl Heinrich . Dann endlich hat man mich losgelassen, man hat mich nach Heidelberg geschickt. Auch nicht, um hier ein Mensch zu werden, sondern um einsam weiter zu vegetieren. Hier hat man mir die Augen geöffnet und mich sehen gelehrt, vom ersten Tage an. – Da gab es kein Fragen und was und wie, – mit offenen Armen haben sie mich aufgenommen. Minister . Ew. Durchlaucht – Karl Heinrich . Ich war ein unmündiges Kind, das nicht gehen und nicht sprechen gelernt hat, das sich wie eine Puppe hin und her schieben ließ. Das nicht einmal lachen konnte! Sie haben's in Heidelberg mich gelehrt – Minister (Pause) . Es steht mir nicht zu, darüber zu urteilen, ob es richtig war, für Ew. Durchlaucht dieses Universitätsjahr auf einer süddeutschen Hochschule für notwendig zu befinden. Karl Heinrich . Steht es Ihnen nicht zu, Exzellenz? Das freut mich, daß Ihr Gewissen mit dieser Verantwortung nicht belastet wird. – Universitätsjahr! Ein Jahr hat zwölf Monate. Ich war vier Monate in Heidelberg. Ich habe keine Neigung, auf die übrigen acht gutwillig zu verzichten. Man hat mir von meiner Jugend genug genommen, so ziemlich alles. Das Wenige, was übrig bleibt, behalte ich! Minister . Heißt das, Ew. Durchlaucht, daß Ew. Durchlaucht entschlossen sind, nicht nach Karlsburg zurückzukehren? Karl Heinrich . Ja. ( Lange Pause ). Minister . Ich sehe aus diesem Dilemma keinen Ausweg. Ew. Durchlaucht sind als Stammhalter des Hauses berufen, die Erbschaft Sr. Hochfürstlichen Durchlaucht anzutreten. – Ew. Durchlaucht sind der einzige, der die Regentschaft in dieser schweren Stunde zu übernehmen das Recht und demnach auch die Pflicht hat. Karl Heinrich . Und wenn ich nicht will? Minister . Wollen Ew. Durchlaucht mich von der Aufgabe entbinden, die Konsequenzen eines solchen Falles darzulegen. Karl Heinrich . Also ich habe keinen Willen, keine Freiheit, keine Selbstbestimmung – ich bin ein Gefangener?! Minister . Das ist mehr oder weniger, Durchlaucht, unser aller Los. Karl Heinrich . Nein! Das ist nicht wahr. Ich war nicht umsonst hier, Exzellenz, ich habe mich umgesehen. Gut, jeder einzelne hier hat ein Leben mit Arbeit vor sich, wie sich's gehört, – aber hinter ihm liegt eine Kinderzeit. Keiner von denen war je allein. Nicht in der Schulzeit, nicht jetzt, und in aller Zukunft auch nicht. Sie sind zu Menschen erzogen und leben sich aus und bleiben Menschen! Mich will man einsperren, schlimmer noch als früher! Minister . Ew. Durchlaucht – – Karl Heinrich (leise) . In das Krankenzimmer. Neben jemand, der zeitlebens ein verbitterter Sonderling war und mich zu Tode foltern wird. (Pause; geht zu ihm, sich selbst überwindend, leise, bittend) . Exzellenz, Sie müssen einen Ausweg finden. Lassen Sie mich hier, Exzellenz. Minister . Ew. Durchlaucht – Karl Heinrich . Lassen Sie mir Zeit, Exzellenz, nur ein Jahr, oder nur einige Monate noch. Ich werde dann zurückkommen, ich verspreche es Ihnen. – Exzellenz –? – Ich – ich –, es wird sich ein Ausweg finden, nicht wahr? Irgendwie, – es muß ein Ausweg – –? Minister . Ich kenne keinen. Karl Heinrich (sieht sich sekundenlang starr um. Dann geht er zurück nach dem Sessel, setzt sich, starrt zu Boden) . ( Lange Pause . ) Minister (spricht ganz langsam, abgewogen) . Ich kann Ew. Durchlaucht nicht zwingen, wie niemand das kann. Ew. Durchlaucht müssen selbst wissen, was zu geschehen hat. Die Summe von Arbeit, die Ew. Durchlaucht erwartet, ist keine geringe. Dem Fernstehenden erscheint das Leben auf den Höhen in einem ewigen Glanze und Sonnenschein, während es nichts anderes bedeutet als eine Unsumme mühseliger Arbeit oft kleiner und kleinlichster Art. Ew. Durchlaucht wollen sich dem entziehen und die heiteren Tage bewahren, – ich kann es nicht ändern. – – – – – Die Fürsten wohnen einsam auf ihren Thronen, eine Kluft trennt sie von allen anderen, selbst von denen, die nach Geburt und Rang dem Throne als Diener am nächsten stehen. Sie müssen einsam bleiben, darin liegt ihre schwere Aufgabe, aber auch ihre Kraft. – – – – (Nach langer Pause.) Durchlaucht? Karl Heinrich (fährt auf, wie aus einem Traum) . Was? – (Steht auf, müde, zerbrochen) . Ja. Ja, – es ist gut, – ich – komme. Minister . Der Kurierzug nach Frankfurt, Ew Durchlaucht, fährt in einer Stunde. Ich darf Durchlaucht am Bahnhof erwarten –? Karl Heinrich (nickt nur) . Minister (ab) . Karl Heinrich (bricht zusammen in einen Stuhl, vergräbt den Kopf in den Händen) . 8. [7.] Szene. Doktor (herein im Schlafrock) . Nach Karlsburg?! Du sollst nach – Karlsburg –?!! Karl Heinrich (schluchzt auf, lehnt sich an den Doktor) . Doktor! Doktor . Karl Heinz, mein Junge! – Aber sieh mal, das ist ja alles – das ist ja vielleicht alles Unsinn – das kann ja jeden Tag sich wieder ändern, nicht wahr? Das dauert ein paar Wochen, und der Alte ist wieder kerngesund. Drei, vier Wochen, dann bist du wieder hier. Se. Durchlaucht war nie krank! Ein Mann von 65 Jahren, der eine Gesundheit hat von Eisen! Jeder Mensch wird schließlich mal krank, und natürlich muß jemand da sein, der ihn vertritt, es ist klar wie die Sonne! Drei Wochen – – Karl Heinrich (müde, wie gebrochen) . Ach, Doktor – – Doktor (redet sich in Zorn, um sich zu betäuben) . Das ist dieses »immer gleich Kopf – hängen lassen«, über das ich mich tausendmal geärgert habe! Diese schwächliche Art, alles im hellsten oder im allerdunkelsten Lichte zu sehen! Das kommt, wenn einer nie ernstlich mit dem Leben hat kämpfen müssen! Karl Heinrich . Meinen Sie –? Doktor . Vierzehn Tage, mein Junge, dann bist du wieder hier. Ich reise mit. Karl Heinrich . Nein, Doktor, Sie bleiben. Wenigstens den Nutzen soll es haben, daß Sie sich auskurieren, und zwar gründlich. Sie werden sich schonen, Doktor, das versprechen Sie mir. Doktor (schlägt die Hände vor das Gesicht, jetzt ist er der Verzweifelte) . Karl Heinrich (tröstend zu ihm) . Sie nehmen meine Zimmer und nebenan den Balkon. Sie können da den ganzen Tag in der Sonne liegen. Die anderen sollen zu Besuch kommen, jeden Tag einer, immer abwechselnd. Nicht wahr? Doktor . Hm. Karl Heinrich . Wenn Sie wünschen, lasse ich Ihnen Lutz hier, zur Bedienung. Doktor (lächelt) . Nein danke, danke herzlich. Karl Heinrich (lächelt) . Nicht –? Doktor (steht mühsam auf) . Karl Heinrich (springt zu, um ihn zu stützen) . Doktor . Laß nur, es geht schon. Du hast nun Eile, und wir wollen den Abschied nicht lang machen. Es wäre ja überhaupt lächerlich, Karl Heinz, bei so was groß feierlich Abschied zu nehmen, bei drei Wochen – aber erstens, weißt du, man kann nicht in die Zukunft sehen, – und dann – es sind nun acht Jahre, daß wir beide immer zusammen waren. Karl Heinrich (nickt traurig) . Doktor . Es könnte ja immerhin sein, daß – daß – daß wir nicht mehr Gelegenheit hätten, uns – noch einmal im Leben auszusprechen – und deshalb: bleib jung. Karl Heinrich, das ist alles, was ich dir wünsche. Bleib so, wie du bist, und wenn sie dich anders machen wollen – alle werden das versuchen – dann kämpfe dagegen. Bleib ein Mensch, Karl Heinz, mit deinem jungen Herzen . . . Vielleicht kommt einmal eine Zeit, in der du an diese Heidelberger Tage und an mich mit anderen Gefühlen denkst als heute, vielleicht mit Mißachtung oder gar mit Zorn. In der du dir sagst: »Ich hätte damals nicht so tief hinabsteigen sollen zu den Menschen und meine Würde anders wahren müssen.« Sie werden dir alle vorreden, das sei wirklich so, und diese kurze Spanne Zeit sei ein unschöner Mißton in deinem Leben. Aber glaube ihnen nicht. (Er drückt ihm die Hand, geht, kehrt noch einmal um und schließt Karl Heinrich stumm in die Arme, geht dann langsam ab.) Karl Heinrich (allein. Er sitzt und starrt vor sich hin. Nach langer Weile schaut er auf, sieht um sich, wie suchend) . – – Doktor – –? 8. Szene. Lutz (bringt eine Reisehandtasche) . Wenn Ew. Durchlaucht vielleicht hier hineinlegen wollen, was Ew. Durchlaucht noch mitzunehmen befehlen – Karl Heinrich . Es ist gut. Lutz . Die Koffer packe ich draußen. Karl Heinrich (antwortet nicht) . Lutz (nach kurzer Pause, in der er auf einen Befehl wartet, ab) . Karl Heinrich – – (athmet tief auf) . Also – 9. Szene. Käthie (hastig, aufgeregt, herein, im weißen Kleide) . Nach Karlsburg? Weshalb? Karl Heinrich (mühsam lächelnd) . Ja, Käthie, es wird heute nichts mit uns beiden, 's ist schade. Es wäre heut so schön gewesen. Bei dem Wetter. Käthie . Ja 's ist schade. (Beide suchen in der nun folgenden Szene sich zu beherrschen; jeder will dem andern nicht zeigen, wie die Angst ihn ergreift, daß sie einander nicht wiedersehen werden. Sie sprechen leise, fast gleichgiltig, aber die Szene muß von Anfang an tief tragisch wirken.) Karl Heinrich (mühsam scherzend) . Aber Neckargemünd läuft uns nicht fort. Wir fahren schon noch hin – zusammen – Käthie . Komm, ich helf' dir, gib – was soll 'nein? Die Bücher – das –? Karl Heinrich . Nun hast du das weiße Kleid angezogen! Käthie . Ja, 's war net nöthig. – – I zieh 's wieder aus. Karl Heinrich . Hm. Käthie . Wann du wiederkommst, schreibst mir a Postkarten vorher. I komme an die Bahn und hol dich ab. Karl Heinrich . Es ist ja auch alles Torheit! Man macht sich die dümmsten Gedanken ohne jeden Grund! Ich bin kein Kind mehr, das sie einsperren können! Wenn sie mich festhalten wollen – es wäre ja denkbar aus irgend welchem Grunde – dann erzwinge ich's. Man kann mir meine Freiheit nicht nehmen, auch er kann's nicht! – Gib her, Käthie. Es eilt. Wie spät ist es? (Sieht nach der Uhr) . Was wäre denn noch mitzunehmen? Sieh dich mal um. Ach nichts. Auf die paar lumpigen Tage oder Wochen. Schließ zu, Käthie. Käthie (kann vor verhaltenen Tränen nicht mehr sprechen) . Karl Heinrich (nach einer Pause, indem er seine Sachen zurechtsucht) . Ja so, die Mütze. (Nimmt die Studentenmütze ab) . Wo ist denn mein Hut? Käthie (holt aus dem Schranke den Hut) . Karl Heinrich (sucht zu lächeln) . Ist der verstaubt. Wie lange habe ich das Ding nicht auf dem Kopfe gehabt. Käthie . Gib. (Sie bürstet den Hut ab.) Karl Heinrich . Und das Band, richtig. Das muß herunter. Leg's mit hinein, Käthie. Die Mütze auch. Käthie (öffnet die Tasche und legt beides hinein) . Karl Heinrich (setzt den Hut auf, nimmt Tasche und Paletot.) Ja, dann wären wir ja so weit. Käthie . Ja. Karl Heinrich . Und nun leb wohl, Käthele. Denk an mich, hörst du? (Küßt sie.) – Hörst du? Käthie (nickt) . Karl Heinrich . Nun wollen wir gehen. Käthie (begleitet ihn, dann plötzlich, dicht vor der Thür, bricht ihr verhaltener Schmerz aus in einem verzweifelten Aufschrei.) Du kommst net wieder!! Karl Heinrich . Käthie – Käthie . Karl Heinz! Du kommst net wieder. Vierter Akt. Zwei Jahre später. – Das Zimmer des Fürsten Karl Heinrich im Schloß zu Karlsburg, dunkel vornehm, einfach. Ein großer Schreibtisch mit elektrischer Arbeitslampe. Regale mit Büchern \&c. 1. Szene. Hofmarschall . Kammerherr . Kammerherr . Die Hochzeit Seiner Durchlaucht ist auf den 27. Mai festgesetzt, das sind noch 14 Tage. Hofmarschall (nickt. – Pause.) – – Dann ist es ein Jahr, daß der hochselige Herr zu Marienberg zur Ruhe getragen wurde. Seitdem ist das Schloß zu Karlsburg nicht mehr ein Krankenhaus, sondern eine Totengruft, in der wir alle begraben sind. (Kammerherr zuckt die Achseln) . – – – Meine Weisheit ist zu Ende. Was aus diesem Hofe werden soll, ich weiß es nicht. – Mein Gott, was hat man nicht von dem jungen Herrn erwartet! Endlich ein Aufatmen, endlich einen Umschwung, einen frischen Zug von Jugend! Ich will nicht von großen Festen reden und Veranstaltungen – aber zum wenigsten ein freundliches Gesicht hatte man erwartet! Eine Theilnahme für die Wünsche des Hofes und des ganzen Landes! Kammerherr . Wenn man erwägt, ein wie liebenswürdiger junger Prinz Se. Durchlaucht einst war, – offen, freundlich. – – – Hofmarschall (bitter) . Nein, Nein. Er hatte schon als Kind diese Menschenscheu, diese Art, sich zurückzuhalten. – Kammerherr . Aber man erzählt von Sr. Durchlaucht Universitätszeit Dinge – Abenteuer – – Hofmarschall . Man erzählt, ja, wie man alles übertreibt. Wenn Se. Durchlaucht durch Karlsburg fährt, so lehnt er im Wagen, kaum daß er je einen Gruß erwidert. Der alte Herr war, – weiß Gott, er war nicht der Leutseligste, im Gegenteil – aber der junge Herr –, lieber Freund, ich gehöre nicht zu den Leuten, die sich leichthin eine Kritik erlauben, – ich bin seit dreißig Jahren der treue Diener seines Herrn, – aber was werden soll, ich weiß es nicht. Es ist zu viel, das erträgt ein alter Mann nicht mehr. Kammerherr . Vielleicht, daß nach Sr. Durchlaucht Heirat das alles sich ändert. Hofmarschall (müde) . Es mag sein, ich weiß es nicht, – ich glaub' es nicht. Eine Konvenienzheirat, weiter nichts. Eine Verlobung, die herbeizuführen der hochselige Herr auf seinem Krankenlager sich ein Jahr hindurch gemüht hat. Wir werden Feste haben und Empfänge und lärmende Ovationen, und drei Tage danach wird dieses Schloß wieder schlafen, eine Totengruft. (Er geht.) Kammerherr (hält ihn an) . Ich hätte noch etwas zu erwähnen, Exzellenz. Hofmarschall . Ja –? Kammerherr . Es hat sich heute Abend ein Mensch vorgestellt, ein merkwürdiges Subjekt, in einem uralten Frack und Zylinder. Ein Mensch aus Heidelberg. Hofmarschall . Und was – e –? Kammerherr . Er will Se. Durchlaucht den Fürsten sprechen. Der Mensch heißt Kellermann. Hofmarschall . So. (Ungeduldig.) Und was? Kammerherr . Er behauptet, bei Sr. Durchlaucht ein Anliegen zu haben, dessen Erfüllung ihm Se. Durchlaucht vor Jahren in Heidelberg zugesagt habe. Hofmarschall . Eine Bettelei, wie immer, schicken Sie das Subjekt fort. Verweisen Sie das Subjekt auf eine schriftliche Eingabe. (Geht.) 2. Szene. Lutz (ist geräuschlos eingetreten, macht sich zu thun. Dann) Schölermann . Lutz (öffnet dem Hofmarschall die Tür) . Exzellenz – – Hofmarschall . Se. Durchlaucht ist noch im Park? Bei dieser nächtlichen Dunkelheit? Lutz . Jawohl, Exzellenz. Hofmarschall . Allein? Lutz . Ja, allein. Hofmarschall . Allein. Wie immer. Ewig allein. (Er geht mit dem Kammerherrn ab.) Schölermann (ist eingetreten, bringt ein Bündel Akten.) Lutz . Da drüben. Auf den Seitentisch. Schölermann (legt die Akten nieder, will wieder gehen) . Lutz . Sehen Sie mal hier. (Nimmt ein Bild im Rahmen vom Schreibtisch.) Das Bild ist heute gekommen. Die neueste Aufnahme. Schölermann . Ah, die Prinzeß! Die Braut. Lutz . Pompöse Figur, was? Schölermann (bewundernd) . Wunderschön, sehr schön. Lutz . Na, vierzehn Tage noch. (Setzt das Bild wieder fort.) Lieber Schölermann, es wird Sie selbst interessiren, und Sie können diese Nachricht im Schloß verbreiten, – aber unter der Hand, nicht auffällig, ich möchte nicht, daß davon übertrieben viel Wesens gemacht würde. Folgendes: Se. Durchlaucht haben geruht, Höchstihrem Kammerdiener Herrn Lutz nach Beendigung der Hochzeitsfeierlichkeiten einen dreiwöchigen Urlaub zu gewähren, den Herr Lutz in Kissingen behufs einer leichten Kur zu verbringen gedenkt. Haben Sie verstanden? Schölermann (erstaunt) . Jawohl, Herr Lutz. Lutz . Herr Lutz schätze diese Auszeichnung um so höher, als ein analoger Fall gütigster Gnade seitens Sr. Hochfürstlichen Durchlaucht nicht bekannt sei. Wann Herr Lutz reisen werde, stehe noch nicht fest, wahrscheinlich aber im Monat Juni. Schölermann . Darf ich Herrn Lutz von Herzen Glück wünschen? Lutz . Danke, mein Lieber. – Weil ich derjenige bin, mein Lieber, der in dieser Schreckenszeit von Heidelberg an Sr. Durchlaucht Seite auszuharren die Kraft besaß – Schölermann . Gewiß – Lutz . Derjenige, der mir in diesem Heidelberg das Leben vergiftet hat, diesem Herr Dr. Jüttner – Gott habe ihn selig, er ist verdorben und gestorben. Wie es zu erwarten war. Obwohl ich wünschen wollte, dieser Herr könnte sehen, was am Hofe zu Karlsburg aus einem Manne geworden ist, den dieser Mensch in einer Weise zu behandeln sich erdreistet hat – die Galle kommt mir heute noch hoch, wenn ich daran denke. ( Ein elektrisches langanhaltendes Klingelzeichen. ) Schölermann (auffahrend) . Se. Durchlaucht! Lutz . Also, lieber Freund, wie ich es Ihnen gesagt habe. Dreiwöchiger Urlaub usw. Die Notiz kann eventuell auch in die Zeitungen lancirt werden. (Er denkt nach.) . »Wie wir erfahren – – – wird Herr Lutz – e – zur Kräftigung seiner etwas geschwächten Gesundheit – etcetera . Schölermann . Sehr wohl, Herr Lutz. Lutz . Schön. Schölermann (ab) . Lutz (tritt an die Thür, öffnet sie weit, steht stumm) . ( Längere Pause . ) 3. Szene. Karl Heinrich (herein, nimmt langsam Cylinder und Handschuhe ab. Sagt kein Wort. Lutz schließt die Thür. – Karl Heinrich nimmt am Schreibtische ein Aktenstück, liest längere Zeit darin, legt es fort, starrt theilnahmslos vor sich hin. Dann kurz, schroff.) Wer ist noch drüben? Lutz . Se. Exzellenz der Herr Hofmarschall. Karl Heinrich . Machen Sie da Licht. Lutz (entzündet die elektrische Lampe mit grünem Schirm auf des Fürsten Schreibtisch) . ( Pause . ) Karl Heinrich . – – Wie spät? Lutz . Halb Zehn, Ew. Durchlaucht. Karl Heinrich . Weshalb sind die Fenster geschlossen – wie? Ich wünsche, daß meine Anordnungen befolgt werden. Lutz . Ew. Durchlaucht – – – Karl Heinrich (antwortet nicht) . Lutz (öffnet hastig) . ( Pause ) Karl Heinrich (setzt sich an den Schreibtisch, liest) . – – Der Herr Hofmarschall. Lutz (eilt an die Thür, spricht hinaus, dann laut) . Se. Exzellenz der Herr Hofmarschall. (Lutz ab.) 4. Szene. Hofmarschall . Ew. Durchlaucht. Karl Heinrich . Nehmen Sie Platz, Exzellenz. Hofmarschall . Es ist nun, Ew. Durchlaucht, das Programm der Hochzeitsfeierlichkeiten seitens der beiden Hofmarschallämter festgesetzt worden. Am 24. d. M. reisen Ew. Durchlaucht von Karlsburg ab, am 27. d. M. findet die Hochzeit statt, und am 1. Juni halten Ew. Durchlaucht mit Ihrer Durchlaucht der Fürstin Einzug in Karlsburg. Karl Heinrich (nickt) . Hofmarschall (räuspert sich) . – – – Am 2. Juni Fackelzug der Bürgerschaft und große Hoftafel, am 3. Juni Gala-Fest im Schlosse, am Tage darauf der Empfang der zur Darbringung ihrer Glückwünsche erscheinenden Deputationen aller Städte. Karl Heinrich (nickt) . Hofmarschall (räuspert sich) . – – – Dann am 5. Juni – Karl Heinrich . Es ist gut, ich danke. Geben Sie, bitte. (Hofmarschall reicht ihm den Entwurf.) – – Ich werde das lesen. – – – Ist sonst – e –? Hofmarschall . Nichts weiter, Ew. Durchlaucht. Karl Heinrich . Ich danke, Exzellenz. Ja, eins! Hofmarschall . Durchlaucht? Karl Heinrich . Ich hatte vor Monaten, oder es ist schon länger her, Auftrag gegeben, daß für den seiner Zeit verstorbenen Doktor Jüttner auf meine Kosten ein – e – Denkstein auf dem Begräbnisplatz in Heidelberg errichtet werden sollte. Ist das geschehen? Hofmarschall . Sicherlich, Ew. Durchlaucht. Ich werde sofort Anlaß nehmen, darüber näheren Bericht einzufordern. Karl Heinrich . Ich bitte darum. Hofmarschall . Herr Doktor Jüttner steht in unser aller Erinnerung. Ich sehe ihn noch, er war ein kleiner, untersetzter Herr, immer liebenswürdig. Er hatte ja die Ehre, sieben oder, wenn ich nicht irre, acht Jahre Ew. Durchlaucht Erziehung zu leiten. Karl Heinrich . Ja. Hofmarschall . Ein ausgezeichneter, pflichtgetreuer Lehrer. Karl Heinrich . Meinen Sie? Hofmarschall (erschreckt) . Ew. Durchlaucht meinen nicht? Karl Heinrich . Es war ein sehr wunderlicher Einfall, diesen Herrn zum Erzieher zu wählen. Hofmarschall (perplex) . D – Durchlaucht –? Karl Heinrich . Es scheint mir das ein Beweis dafür, mit welcher außerordentlichen Gleichgültigkeit man an diesem Hofe damals betreffs meiner Person Anordnungen traf. Hofmarschall . Ich bin – ich war – ich – damals – Karl Heinrich . Der Vorwurf richtet sich nicht gegen Sie, Exzellenz. Hofmarschall . Ich habe geglaubt – ich – ich – man kann sich täuschen in Menschen. Ew. Durchlaucht. – Dieser Doktor, er machte einen äußerlichen Eindruck, aber allerdings, er paßte nicht an einen Hof, er hatte, wenn ich so sagen darf, keine Manieren und war vielleicht auch sonst – Karl Heinrich (scharf, ironisch) . Er war ein Mann, der ein Herz in der Brust hatte, Exzellenz. Hofmarschall (total perplex) . Sicher. Karl Heinrich . Lassen wir ihn ruhen. – (Nach einer Weile verabschiedet er den Hofmarschall durch eine Handbewegung.) Hofmarschall (geht, wendet) . Verzeihung. Ew. Durchlaucht – Karl Heinrich . Was noch? Hofmarschall . Es ist – weil Ew. Durchlaucht von Heidelberg sprachen, ich würde sonst das gar nicht erwähnt haben: es hat sich ein Mensch hier eingefunden heute Abend, der aus Heidelberg kommt und Ew. Durchlaucht zu sprechen wünscht. Karl Heinrich . Wer? Hofmarschall . Der Mann behauptet, bei Ew. Durchlaucht ein Anliegen zu haben, dessen Erfüllung Ew. Durchlaucht ihm seiner Zeit zugesagt hätten. Karl Heinrich (kalt) . Wie heißt der Mensch? Hofmarschall . Kellermann. Karl Heinrich (horcht auf, fährt halb empor) . Kel – ler – mann? Hofmarschall . Jawohl, Durchlaucht, Kellermann. Karl Heinrich (halb für sich, leise) . Aus Heidelberg – Hofmarschall . Aus Heidelberg, Ew. Durchlaucht Karl Heinrich . – (Er nimmt, um seine Erregung zu decken, das Aktenstück, blättert darin.) – Wollen Exzellenz das Aktenstück mitnehmen? Hofmarschall . Ich habe eine Kopie, Ew, Durchlaucht, Karl Heinrich (steht auf) . Ich danke. Hofmarschall (geht) . Karl Heinrich . Exzellenz – Hofmarschall . Durchlaucht? Karl Heinrich . Man soll mir diesen Kellermann hereinschicken. Hofmarschall . Jetzt? Heute noch? Karl Heinrich . Ja. Hofmarschall . Sehr wohl, Durchlaucht (Ab.) Karl Heinrich (steht starr, allein. Lange Pause. Dann leise, abgebrochen, tief erschüttert) . Kellermann –! – – Einer von damals! – Einer von damals! – Wenn auch nur Kellermann. Der armselige Kellermann – – 5. Szene. Lakai (öffnet die Tür) . Kellermann (herein). Karl Heinrich (steht an der entgegengesetzten Seite der Bühne, betrachtet starren Auges Kellermann, der sich ängstlich umsieht, den Zylinder in den Händen. Dann geht er zu ihm hinüber legt die Hände auf seine Schultern) . Kellermann?! Kellermann . Ew. Exzellenz – Karl Heinrich (zieht ihn sanft in die Mitte, ins Licht) . Laß dich ansehen, Kellermann. (Lächelnd und mit einer vor Erregung fast zitternden Stimme) . Er kommt extra von Heidelberg und bringt Frack und Zylinder mit. Er will Kellermeister werden, was? Er hat nicht vergessen, was ich ihm damals versprochen habe. Kellermann . Ew. Durchlaucht – Karl Heinrich . Er hat an mich gedacht, er ganz allein. Du bleibst, Kellermann, du wirst mein Kellermeister, selbstverständlich. Kellermann (nimmt des Fürsten Hände, stürmisch) . Karl Heinrich (lächelt) . Ja, ja, laß nur. Wann bist du gekommen? Heute? Du hast Hunger und vor allem Durst. (Er drückt auf eine elektrische Klingel) . Da setz dich, so. Der alte Kellermann! Ein Lakai (in der Thür) . Karl Heinrich . Bringen Sie Wein und etwas für den Herrn da zu essen. (Lakai ist erstaunt.) Ja hierher. Ohne alle Umstände. Lakai . Sehr wohl, Durchlaucht. (Ab.) Karl Heinrich . Sieh mich mal an, Kellermann, – kennst du mich noch? Hast du mich noch erkannt? Kellermann . O freilich. Karl Heinrich . Wirklich? Hast du? Es sind zwei Jahre her, da ändert man sich. In zwei Jahren geschieht vieles. Kellermann . – – Ob ich auch meine Frau mitbringen darf? Karl Heinrich . Deine Frau mitbringen? Ja, natürlich. Aber meine Wäsche kann sie nicht mehr besorgen, Kellermann, wie in Heidelberg. Oder dachtest du? Kellermann (lacht verlegen) . Karl Heinrich . Nun erzähle, Kellermann, das ist die Hauptsache. Wer ist noch da? Wer ist noch in Heidelberg? Ist der Graf von Asterberg noch dort? Kellermann . Der Graf? Nein! Karl Heinrich . Karl Bilz? Kellermann . Jawohl. Karl Heinrich . Kurt Engelbrecht? Kellermann . Jawohl. Karl Heinrich . Und die anderen? Kellermann . Sonst ist keiner mehr in Heidelberg. Karl Heinrich . Franzius? Kellermann . Nach Berlin. Karl Heinrich . Der kleine Wickede? Kellermann . Der ist nach drüben. Nach Amerika. Karl Heinrich (geht auf und ab. Pause. Halblaut) . Also nur zwei noch in Heidelberg. Zwei Letzte. – Zerstoben. Lakaien (bringen Speisen, Wein, zwei Gläser. Pause) . Karl Heinrich (plötzlich wieder heiterer) . Wer wohnt jetzt in meinen Zimmern? Gehen sie noch alle Vormittag zum Frühschoppen aufs Schloß? Wie ist es mit den Mensuren? Wird in Heidelberg gepaukt oder auf den Dörfern? Kellermann (verwirrt durch so viele fragen) . Ja, ja, jawoll – oder – jawoll – – Karl Heinrich (plötzlich stockend, errötend) . Und dann – was macht diese – Käthie? Kellermann (verständnislos) . Käthie? Karl Heinrich (stockend) . Die – die – in – in Rüders Gasthaus! Kellermann (besinnt sich schwerfällig) . Ja die – ja – ja, die ist auch noch da. Karl Heinrich . Bei Rüder? Kellermann . Ja. bei Rüder. Karl Heinrich . Und – und geht es ihr gut? Kellermann . Ganz gut. Karl Heinrich (eindringlich) . Sie ist immer noch da? Ganz wie früher? Wenn man hinkommt zu Rüders, dann – dann findet man sie noch? Kellermann (erstaunt über des Fürsten Erregung) . Jawoll. Karl Heinrich (kommt ganz nach vorn, beachtet Kellermann nicht mehr, starrt geradeaus) . – Die Jugend, – die man vergessen hat. Wie nur schwächliche Seelen vergessen! – – Nun kommt der Mensch da und erzählt. Erzählt, daß alles noch ist. Jetzt noch ist. Daß da in Heidelberg noch Menschen leben, keine Tagereise entfernt! Ohne mich, – als ob ein Prinz Karl Heinrich nie existiert hat oder zum wenigsten nie für sie notwendig war. – Nie notwendig war. – – ( Pause . ) Kellermann (der getrunken hat) . So ist es in Heidelberg nicht mehr wie früher. Das sagen alle, das sagt auch Herr Bilz. Karl Heinrich . Wie nicht mehr? Kellermann . Als wie damals. Als wie Sie da waren. Karl Heinrich (glücklich) . Sagen sie das? Sagen das alle? Sprechen sie in Heidelberg noch von mir, Kellermann? Kellermann . O ja. Karl Heinrich (reißt ihn hoch) . Hat keiner einmal gefragt, ob ich wiederkommen würde? Oder weshalb ich nicht wiederkäme, Kellermann? Kellermann . Ja, ja, o ja, oft. Karl Heinrich (hastig) . Und die Kleine? Die bei Rüders? Kellermann . Die? – Die? – Die Käthie, richtig, ja, ja, – die hat viel geweint. Karl Heinrich (tritt zurück, von tausend Gefühlen zerrissen, lange Pause) . – – – – (Dann klingelt er.) – – – – Lakai . (herein.) Ew. Durchlaucht? Karl Heinrich . Der alte Herr bekommt Nachtquartier. Hier im Schloß. Es soll gut für ihn gesorgt werden, – verstehen Sie, sehr gut. Lakai . Sehr wohl, Ew. Durchlaucht. Karl Heinrich (geleitet Kellermann an die Tür) . Gehen Sie schlafen, Kellermann, und morgen erzählen Sie mehr. (Kellermann, Lakai ab) . Karl Heinrich (allein, düstere Pause) . Nun wird Brautfahrt gehalten, und das »gereifte Leben« beginnt. Kein Zick-Zack mehr und kein Zur-Seite-springen, – es ist nun alles gut abgemessen und abgezirkelt. – Einen einzigen haben, der jetzt dasäße und spräche: »Karl Heinrich, das ist nicht anders, du mußt das ertragen.« Der einen trösten würde, oder – mein Gott. Mein Gott! – – – – – Diese Totenstille! Alles schläft, das Schloß, die Stadt, das Land, hier schläft alles! – – 10 Uhr Nachts. Da sitzen sie in Heidelberg in Rüders Garten bei Lampions, lachen und sehen nach der Uhr und sagen. »Es ist erst 10 Uhr Nachts.« – – – – Und da kommt Käthie durch den Garten mit ihrer weißen Schürze und gähnt etwas und reibt mit den kleinen Fäusten die Augen – (Er greift nach dem Weinglase.) Trink, Käthie, werde wieder munter! ( Pause. ) (Er fährt auf, entsetzt.) Was war das? Wer rief da? – – »Prost, Karl Heinz« – wer hat das gerufen? (Leise, unheimlich.) Das war des Doktors Stimme. »Prost, Karl Heinz, sollst leben.« – (Leise.) Ja, ich lebe, ein herrliches Leben. – (schenkt ein, hält das Glas gegen die dunkle Ecke.) Doktor! – (Alles totenstill.) Dein Wohl! (Er fällt vornüber auf den Tisch, den Kopf in den Armen begraben.) 6. Szene. Lutz (herein) . Haben Durchlaucht gerufen? – (Als Karl Heinrich nicht antwortet) Ich glaubte – (Tritt näher.) Ew. Durchlaucht –? Karl Heinrich (fährt auf, nervös) . Was? Was ist?! Lutz . Ich glaubte, Ew. Durchlaucht hätten gerufen – Karl Heinrich (hastig) . Sie können nicht schlafen gehen. Es sollen meine Koffer gepackt werden, man soll – ich verreise. Lutz (baff.) Ver – Karl Heinrich . Sie begleiten mich. Sie und Glanz. Wir reisen heute Nacht noch. Nach Heidelberg. (Reißt den Schreibtisch auf) . Da, packen Sie ein! Die Mütze – das Band. Lutz . H – Heidelberg –? Karl Heinrich . Auf einen Tag oder auf zwei. Am Sonntag sind wir zurück. Es ist keine Minute zu verlieren – vorwärts. Lutz (total konsterniert ab) . Karl Heinrich . Ganz habt ihr mich hier nicht besiegt, ganz nicht! Fünfter Akt. Rüders Garten. – Links steht ein langer Tisch mit Holzbänken und Stühlen. 1. Szene. Rüder . Frau Rüder . Frau Dörffel . (Im Hintergrunde Musici, die ihre Instrumente stimmen.) Rüder . Es solle die Musici dort drübe sitze. Es soll ein Extra-Schoppe angeschafft werde für des Fürschten Durchlaucht. 's ischt nix geschafft, wir habe kei Blumegewind, 's ischt alles drunter und drüber! Fr. Rüder . Und die Käthie ischt a net da. Rüder . Wo ischt die Käthie? Fr. Rüder . Sie ischt zu Mittag auf Heidelberg gange, sie wollte einkaufe. Wann das die Käthie wüßt! Daß des Fürschte Durchlaucht wieder komma ischt! Fr. Dörffel . Wann das die Käthie wüßt! Rüder . Es soll einer laufe und die Käthie suche Der Josef soll laufe und soll sie suche. Fr. Rüder . Ja freilich! (Ruft Josef. Ab.) Fr. Dörffel . Josef! (Humpelt auch ab.) 2. Szene. Lutz (von links herein, groß, vornehm, in Gehrock und Zylinder, blickt sich prüfend um) . – – Das soll die Tafel sein, – – es ist gut. Der Platz vorn am Tisch für Se. Durchlaucht. Gut. Etwas abseits von den übrigen. (Rückt den Stuhl ab.) – – So. – – Beachten Sie, was ich Ihnen jetzt sage, Rüder. Der Garten wird für die Dauer der Anwesenheit Sr. Durchlaucht für jedermann gesperrt. Es hat von Ihren sonstigen Gästen, sei es, wer es wolle, niemand Zutritt. Rüder (devot) . Freili net. Desch't koi Frag. Lutz . Die Musikanten sollen mal näher treten. Rüder (ruft) . Die Musici! Heda! (nervös.) Die Musici natürle, die stehe und schaffe nix und häbet d' Köpf' zsema gesteckt und schwätze! Erster Musikus . Mer wird doch au noch schwätze dürfe. Rüder (zornig) . Nix! Lutz (vornehm) . Ruhe! – Sie werden die Ehre haben, vor Se. Hochfürstlichen Durchlaucht nachher einige Stücke zu spielen. Ich mache Sie darauf aufmerksam, daß Sie dabei alle diejenigen Stücke zu vermeiden haben, die einen unanständigen oder pöbelhaften Charakter tragen. Erster Musikus . Herr Kammerdiener? Lutz . Ich kenne diese Studenten-Lieder. Wenn eines davon, trotz dem, was ich Ihnen jetzt sage, gespielt werden sollte, so werden daraus Maßregeln erfolgen, die Ihnen, darauf gebe ich Ihnen mein Wort, nicht angenehm sein sollen. Erster Musikus . Herr Kammerdiener –? Lutz . Es ist gut. Und dann – e – Rüder. – Wir haben jetzt Sechs. Der Wagen soll sich bereit halten, damit Se. Durchlaucht jeden Moment fahren kann. Ich habe mich klar ausgedrückt, wie? Rüder . 's ischt klar, 's ischt ganz klar. (Ab.) 3. Szene. Frau Dörffel (wieder herein mit einem Tablett, auf dem Wein und Gläser stehen) . Bitt schön, Herr Lutz. 's ischt der beste Markgräfler, den wir habe. Mir habe nur noch zwei Flasche davon. Lutz . Danke. (Trinkt.) Ein guter Wein. (Trinkt.) Sehr gut. (Jovial.) Ja, meine liebe Frau Dörffel, es ist ein eigen Ding, die Stätten, an denen man vor Jahren wohnte, wieder zu sehen. Frau Dörffel . 's ischt vieles anders geworde. 's ischt bei uns a nit mehr so, wie früher. 's ischt nur selten noch, daß die Studente komme. Lutz . Weshalb das? Frau Dörffel . 's ischt wohl kei rechter Grund. 's ischt wohl Modesache. Sie habe gesagt, 's Bier sei net mehr so gut, aber 's ischt net wahr. Sie gehe jetzt viel nach Neckargemünd. Lutz (trinkt) . Ja, ja, das Leben ändert sich, und der Mensch selbst ändert sich auch. Wir alle, meine liebe Frau Dörffel, jeder von uns. (Trinkt, schlürft.) Und deshalb, im Vertrauen gesagt, diese Reise Sr. Durchlaucht war ein Fehler. Frau Dörffel (erstaunt) . Lutz (halblaut, geheimnisvoll) . Ich habe Se. Durchlaucht niemals in einer Verfassung gesehen, wie heute Vormittag. Frau Dörffel (ängstlich) . Wie denn? Lutz . Diese Leute, diese Studenten haben kein Taktgefühl. Wenn ein so großer Herr eine kleine Marotte hat und eine derartige Reise ausführt, so reist er incognito. Er verlangt dann, daß die Menschen sich – wie soll ich sagen? – sich heiter stellen. Sie sollen kleine Scherze veranstalten, lustig sein und sich derart benehmen, daß Se. Durchlaucht das Gefühl haben, es ist einmal etwas anderes. Frau Dörffel . Freile, Freile. Lutz . Statt dessen haben die Leute keinen Takt. Se. Durchlaucht haben die Studenten heute morgen im Hotel empfangen, ich war Zeuge, – diese Leute benehmen sich, als wenn man sie in einen Frack gesteckt hätte, damit sie bei Hofe erscheinen. So tritt Se. Durchlaucht ins Zimmer, im einfachen Anzuge, ohne Orden, und lächelt und streckt gütig die Hand entgegen – statt diese Hand zu nehmen, verbeugt sich die Gesellschaft! Der eine tritt vor und hält eine Rede. Frau Dörffel . Ja – Lutz (Pause) . Als Se. Durchlaucht wieder allein war – meine liebe Frau Dörffel, das Gesicht war weiß wie Schnee. Frau Dörffel . Ach. Lutz . – – Weiß wie Schnee. – – – Se. Durchlaucht haben ein Boot beordert und sich den Neckar hinaufrudern lassen, allein. Allein – Sie verstehen! Frau Dörffel (traurig) . Nu hat er ganz allein sei wolle – 's ischt traurig. Lutz . Se. Durchlaucht wird das Boot hier anlegen lassen – Se. Durchlaucht wird mit diesen Studenten noch eine halbe Stunde zusammen sein, dann reisen wir. – Dann ist diese etwas sonderbare Exkursion beendet. – – – Da kommen diese Leute. 4. Szene. Das Korps (herein alle im Frack) . Bilz (zu Lutz) . Ist Se. Durchlaucht bereits anwesend? Lutz . Nein. Bilz . Wird Se. Durchlaucht diesen Abend in Heidelberg bleiben? Lutz . Nein. Se. Durchlaucht reisen um 7 Uhr 30. Ich ersuche die Herren, nicht etwa in Se. Durchlaucht zu dringen, den Aufenthalt zu verlängern. Se. Durchlaucht lassen das den Herren hiermit ausdrücklich sagen. Bilz . Gewiß – Lutz . Se. Durchlaucht hatten gestern Abend bei der Ankunft den Wunsch geäußert, noch einmal hier bei Rüders eine kleine – e – Feier – e – zu veranstalten, wie in früheren Jahren – mit Musik und in – e – studentischer Art – aber Se. Durchlaucht sehen sich genötigt, Höchstihren Aufenthalt in Heidelberg zu verkürzen. Es empfiehlt sich mithin, das Programm möglichst rasch abzuwickeln. Bilz . Gewiß. Lutz (zu Fr. Dörffel) . Ja was ich sagen wollte – das Leben ändert sich. Und wo der Takt nicht angeboren ist oder durch die Erziehung erworben, da ist eben nichts zu machen. Ich werde meinen Wein dort drüben trinken. (Er geht in den Hintergrund, setzt sich an die Ufermauer.) Engelbrecht (wischt sich den Schweiß) . Ich werde dann noch 'ne Rede halten. Es ist sehr schwer. Bilz (ängstlich) . Laß man lieber die Rede. Engelbrecht . Weshalb? Bilz . Ich weiß nicht – aber wenn ich an Karl Heinrich denke, wie er damals war – und nun heute – Lutz (springt auf) . Se. Durchlaucht! Alle (horchen auf) . Se. Durchlaucht! Lutz . Rüder, kommen Sie hierher! An die Brücke! Daß der Kahn nicht gegen das Ufer stößt! Rüder (eilt dorthin) . Lutz (zu dem Korps) . Bitte, meine Herren, treten Sie dort hinüber! Bitte, nicht hierher wenn ich bitten darf – – – – – Engelbrecht . Einer muß ein paar Worte sagen – ( Große, erwartungsvolle Pause. ) Lutz (zieht den Hut) . Alle (ziehende Mützen.) ( Der Fürst ist immer noch nicht zu sehen. ) 5. Szene. Karl Heinrich und der Lakai Glanz . Karl Heinrich (kommt langsam, schweigend durch die Mitte nach vorn, nach beiden Seiten grüßend, kalt, eisig) . Lutz . Der Wagen, Ew. Durchlaucht, steht bereit. Es ist ungefähr noch eine Stunde bis zur Abfahrt des Zuges. Karl Heinrich (nickt) . Lutz (tritt zurück) . Engelbrecht . Ew. Durchlaucht geben uns die Ehre, wenn auch nur für kurze Zeit mit uns zusammen zu sein an einer Stätte, an der Ew. Durchlaucht vor Jahren vielfach Gelegenheit nahmen, in unserer Mitte zu weilen. Wir heißen Ew. Durchlaucht in aller Ehrfurcht hier herzlich und ehrerbietig willkommen. Karl Heinrich . Sie sind bereits eine beträchtliche Reihe von Jahren in Heidelberg, Herr Engelbrecht? – Engelbrecht . – e – e – zehn Semester. Karl Heinrich . Sie hatten damals die Absicht, die juristische Carriere zu ergreifen, oder die Verwaltung. Engelbrecht . Jawohl, Ew. Durchlaucht. Karl Heinrich . Hm. (Zu Bilz.) Sie sind auch noch in Heidelberg? Bilz . Jawohl, Ew. Durchlaucht. Karl Heinrich . Sie gedenken noch länger zu bleiben? Bilz . Ich – ich – ich stehe vor dem Examen, Ew. Durchlaucht. Karl Heinrich (fixiert einen Dritten) . Bilz (stellt vor) . Herr von Bansin. Karl Heinrich . Wo sind Sie her? Bansin . Aus Braunschweig, Ew. Durchlaucht. Karl Heinrich . Sie sind Jurist? Bansin . Jawohl, Ew. Durchlaucht. Karl Heinrich (fixiert einen andern) . Bilz . von Reinicke. Karl Heinrich . Sind Sie schon lange in Heidelberg? Reinicke . Drei Semester, Ew. Durchlaucht. Karl Heinrich (immer eiskalt) . Es gefällt Ihnen hier? Reinicke . Jawohl, Ew. Durchlaucht. Karl Heinrich . Ich habe Gelegenheit genommen, auf dem hiesigen Friedhofe heute das Grab des Herrn Dr. Jüttner zu besuchen. Der Herr Doktor war bei seinen Lebzeiten durch seine Verbindung mit meiner Person auch Ihnen kein Fremder. Ich hätte dementsprechend eigentlich erwartet, das Grab in einem etwas weniger verfallenen Zustande anzutreffen. Bilz . Ew. Durchlaucht, – es ist – es – Karl Heinrich . Ich will Ihnen daraus keinen Vorwurf machen. Sie würden mich aber zu Danke verpflichten, wenn Sie in Zukunft hin und wieder einmal für die Pflege des Grabes Sorge tragen wollten. Engelbrecht . Es wird alles geschehen, Ew. Durchlaucht – Bilz . Es soll sogleich morgen – Karl Heinrich . Dann danke ich Ihnen im voraus. Dieser Tote hat mir nahe gestanden. (Der Fürst winkt Glanz, dieser gibt dem Fürsten die Mütze und nimmt des Fürsten Hut. Trübe Pause, K. H. starrt vor sich hin, dann rafft er sich auf, lächelt.) Was wollte ich sagen –? Meine Herren, setzen wir uns. Die Zeit ist gemessen, und wir wollten doch hier bei Rüder in dem alten Garten noch einmal wenigstens eine Weile zusammensitzen. Ist keine Musik da? Rüder . Freili. Die Musici! Anfange! (Hat ein hohes Bierglas in der Hand.) Karl Heinrich Was machen Sie, Rüder? Noch der Alte? Rüder . Ich danke schön, Ew. Durchlaucht. Karl Heinrich (setzt sich) . Geben Sie mir. (Rüder gibt ihm das Glas.) Bilz . Befehlen Ew. Durchlaucht. daß ein besonderes Lied gespielt werden soll? Karl Heinrich . Irgend was! Es ist ja gleich. Die Musiker (stimmen die Instrumente) . Bilz . Silentium! – Wir trinken mit diesem ersten Glase die Gesundheit dessen, dessen Zugehörigkeit zum Korps Saxonia den glänzendsten Markstein in der Geschichte des Korps für einst, jetzt und alle Zeiten bildet. Se. Durchlaucht beweist durch seine heutige Anwesenheit, daß auch Se. Durchlaucht sich gern der fröhlichen Zeit erinnert, die mir und allen, die an ihr theilnahmen. unvergeßlich bleiben wird. Ad exercitium salamandris 1, 2, 3 – 1, 2, 3 – 1 – 2 – 3! (Die Gläser klirren auf den Tisch.) Karl Heinrich . Ich danke Ihnen. Ich trinke auf Ihr Wohl. (Er geht zu einigen und stößt mit ihnen an.) Musik (spielt: »O alte Burschenherrlichkeit«) . Karl Heinrich (hat schweigend zugehört. Als die Musik zum zweiten Male die Melodie beginnt, richtet er sich auf, wie aus einem Traume) . Ich bitte, singen Sie doch. Weshalb wollen Sie nicht singen? Bilz . Sehr wohl, Ew. Durchlaucht. – Silentium! (Musik hört auf.) Silentium für das Lied. Die Musik (beginnt von neuem, alle singen, aber halblaut, gedrückt, das Lied macht einen sehr wehmüthigen Eindruck) . O alte Burschenherrlichkeit! Wohin bist du geschwunden? Nie kehrst du wieder, goldne Zeit, So froh und ungebunden! Vergebens spähe ich umher, Ich finde deine Spur nicht mehr.     O jerum, jerum, jerum. O quae mutatio rerum! Den Burschenhut bedeckt der Staub, Es sank der Flaus in Trümmer, Der Schläger ward des Rostes Raub, Erblichen ist sein Schimmer, Verklungen der Kommersgesang, Verhallt Rapier- und Sporenklang.     O jerum, jerum, jerum. O quae mutatio rerum! Allein das rechte Burschenherz Kann nimmermehr erkalten; Im Ernste wird, wie hier im Scherz, Der rechte Sinn stets walten; Die alte Schale nur ist fern, Geblieben ist uns doch der Kern.     Und den laßt fest uns halten!     Und den laßt fest uns halten! – – Karl Heinrich (sitzt stumm, von tausend Gefühlen bewegt) . Bilz . Silentium! Cantus ex est! Karl Heinrich (sitzt wie geistesabwesend) . Bilz . – Befehlen Ew. Durchlaucht vielleicht sonst noch ein Lied? – Karl Heinrich (starrt ihn an ohne Verständniß) . Wie? Bilz . Irgend ein Lied, das Ew. Durchlaucht vielleicht besonders genehm sein würde? Karl Heinrich . Nein. ich danke. Bemühen Sie sich nicht. Außerdem: meine Zeit wird zu Ende sein. – (Er steht auf, alle ebenfalls. Er verabschiedet sich kalt, nur von Bilz etwas freundlicher. Alle ab, außer Karl Heinrich.) 6. Szene. Käthie (herein) . Es ist net wahr! – Ihr lügt's ja alle – (sucht in fieberhafter Erregung) es ist net wahr – (sucht, dann plötzlich sieht sie den Fürsten. Mit einem elementaren Aufschrei zu ihm.) Karl Heinz!! Karl Heinrich . Käthie! Käthie . Karl Heinz! Karl Heinz!! Karl Heinrich . Käthie, liebe Käthie! (Sie liegt wie besinnungslos in seinen Armen) . Sieh mich an – Käthie! (Lange Pause.) Käthie . Nun bist du wieder gekommen. Karl Heinrich . Ja. Käthie . – Nun bist du wieder gekommen. Karl Heinrich . Nun bin ich wiedergekommen, Käthie! Käthie . Laß dich anschaun. Bist du's denn noch? Karl Heinrich . Ja. Käthie . Ja, 's ist der Heinz Karl. Derselbe. (Streicht ihm über Gesicht und Haar, zärtlich, wie prüfend.) – A bissel ist er anders geworden – a ganz kleines bissel –. (umarmt ihn stürmisch, außer sich.) Nun bist du wieder gekommen! ( Pause. ) Käthie . Ist's wahr, daß du wieder fort mußt? Jetzt gleich?! Karl Heinrich . Ja, Käthie. Käthie (antwortet nicht, preßt ihn an sich im Schmerz) – Ich hab's gewußt, Karl Heinz, einmal im Leben würdest d' noch kommen. Jeden Tag hab' i gewartet. – (Sie streicht ihm über das Gesicht.) So schmal bist worden, und so blaß, Karl Heinz. Hast viel ausgestanden, gelt? Karl Heinrich . Ja, Käthie. Käthie . So – so – (streichelt ihn) – die schlimmen Falten – so lach einmal wieder. Karl Heinrich . – Zwei Jahre. – Du weißt nicht, Käthie, was das für Jahre gewesen sind. Es gibt keinen Menschen, der so einsam war wie ich. Käthie (angstvoll, dringend) . – Lach einmal wieder. Karl Heinrich (mühsam lächelnd) . – Lachen? Käthie . Ja! So! Noch einmal!! Wie du früher gelacht hast. Lach, Karl Heinz, ach lach doch. Karl Heinrich . Wann war es? Gestern oder vorgestern? Mitten in der Nacht sind wir fortgefahren, hierher. Ich hab es nicht mehr ertragen, einmal mußt ich noch her. Zum letzten Mal. Käthie (lehnt sich an ihn) . Ja. Karl Heinrich . Es war alles, Käthie, wie früher, der Main, der Neckar und – Heidelberg. Nur die Menschen sind anders geworden. Ich habe keinen wieder gefunden. Käthie (schmiegt sich dichter an ihn) . Karl Heinrich . Nur dich, Käthie. Du bist die einzige. Käthie . Karl Heinz – – Karl Heinrich . – – – Du bist die einzige – – Käthie (zieht ihn neben sich auf eine Bank) . Komm. – – Weißt du noch den Tag, als du fortgingst, Karl Heinz? Und wir wollten zusammen in den Odenwald? Karl Heinrich (nickt) . Käthie . Und kutschierten zuzweit nach Neckargemünd – und wollten nach Paris? (Sie lächelt.) Karl Heinrich . Da oben, Käthie, hinter den zwei Fenstern, weißt du' s noch? Du und ich! Käthie (vergräbt den Kopf an seiner Brust) . Karl Heinrich . Draußen die Frühlingsnacht, und alles schlief. Käthie (selig) . Du hieltest mich fest. Karl Heinrich (preßt sie an sich, küßt sie stürmisch) . – – – Käthie! – Süße Käthie! ( Pause . ) Käthie . Lustig sind wir gewesen, wir zwei, das ist nun aus. Oft, wann i mir a Müh geb' und i will's und will's zwingen, lustig kann i nimmer sein. I bin auch alt geworden, gelt, da im Gesicht? Karl Heinrich (lächelnd) . Nein, Käthie. Käthie . Doch. – Und da hier ist's einsam geworden. 's ist net mehr wie früher. Die Studenten kommen net mehr. Oft Abends sitz i ganz allein – – – – Zum Herbst geh' i fort. Karl Heinrich . Wohin? Käthie . Nach Oesterreich. Der Franzel schreibt alle Vierteljahr, i soll komme, er will nun endlich heiraten. Karl Heinrich . Ja. Käthie . I hätt scho lang fortgehen und heiraten sollen, 's war gar zu traurig dahier. – Sixt, Karl Heinz, dann bin i a fort vom lieben Heidelberg. ( Pause . ) Karl Heinrich . Ich halte auch Hochzeit, Käthie, – weißt du's? Käthie . Ja. I hab's gelesen in der Zeitung. I hab mir auch die Bilder kauft, euer beiden Bilder. Die Prinzessin-Braut ist schon sehr schön. – (prüfend, ängstlich) Gelt? Karl Heinrich (zuckt die Achseln, gleichgültig) . Käthie (leise) . Sei lieb zu ihr. Karl Heinrich (faßt sie an beiden Armen, schüttelt sie fast grimmig) . Käthie! (in überströmenden Schmerz) Käthie! Käthie (nimmt seinen Kopf zwischen ihre Hände) . Sei net traurig. Sixt, wann i wüßt, daß du traurig wärst und würdest nimmer wieder heiter werden, – ach, Karl Heinz, dann – dann – ja was sollt i dann anfangen? Dann sollt i nach Wien und Hochzeit halten und mit den Leuten reden und immer dabei denken, daß du nimmer froh wärst, dann doch lieber glei (innig) Karl Heinz, i bitt di!! Karl Heinrich (nimmt sich mühsam zusammen) . Ja – Käthie . Sixt, mit uns Zweien, das hat doch net anders sein können, net wahr? Und das haben wir doch auch immer gewußt. Karl Heinrich (nickt) . Käthie . Na alsdann – Karl Heinrich . – – Ja – – Käthie . Die schöne Jugendzeit, die is halt so kurz – Karl Heinrich (träumend) . Ja – Käthie . Nun wirst du heimfahren, Karl Heinz, und Hochzeit machen, und 's wird alles gut werden. I kann das ja net so verstehn, aber einer wie du, der muß schon den Kopf obenbehalten, gelt? Schon um der vielen anderen wegen, gelt? Karl Heinrich . Kleine Käthie! 7. Szene. Lakai (diskret herein) . Ew. Durchlaucht – Karl Heinrich (blickt auf) . Was –? – Ja. ich komme. Lakai (diskret hinaus; ab) . Käthie . Bleib noch! Karl Heinrich (zieht sie an sich) . Käthie. Käthie (lehnt sich an ihn, die Hände auf seinen Schultern) . Bleib noch. Karl Heinrich . Nun komme ich nicht wieder, Käthie. Käthie . Karl Heinz! Karl Heinrich . Es war die letzte Fahrt nach Heidelberg. aber vielleicht die beste. Es soll vieles anders werden, Käthie, ich verspreche es dir. Käthie (streichelt nur immer seine Wangen, zu ihm emporschauend, wie jemand, der etwas, was er für immer verliert, noch einmal berühren will) . Karl Heinrich . Wir behalten uns, Käthie. Ich vergesse dich nicht und du mich nicht. Wir sehen uns nicht wieder, aber wir vergessen uns nicht. Meine Sehnsucht nach Heidelberg war die Sehnsucht nach dir, – und dich hab' ich wiedergefunden. (Küßt sie lange.) Leb wohl, Käthie. (Er geht.) Käthie (steht mit schlaff herabhängenden Armen, sieht ihm nach) . Karl Heinrich (wendet noch einmal) . Ich habe nur dich lieb gehabt, Käthie, von allen Menschen nur dich. (Küßt sie, geht.) Käthie (steht stumm, starrt ihm nach, sekundenlang. Dann schlägt sie die Hände vor das Gesicht und schluchzt bitterlich) .