Timm Kröger Des Lebens Wegzölle Novellen Des Dichters Geburtshaus: der Krögersche Stammhof in Haale Vorwort » Des Lebens Wegzölle « nenne ich diesen Band und glaube dadurch ein Gemeinsames der vier Erzählungen zu treffen. Früher machten alle je ein besonderes Bändchen aus. Die älteste ist » Der Schulmeister von Handewitt «, es folgen zeitlich » Der Einzige und seine Liebe « (1902/3), » Um den Wegzoll « (1903/4), » Des Reiches Kommen « (1907/8). » Der Schulmeister von Handewitt « (1891/92) erschien 1893, erhielt in der zweiten Auflage (1897)nach wesentlicher Umarbeitung den Titel » Schuld? «, bekam aber bei der letzten Bearbeitung (1905) den alten Namen zurück. Daß die erste Ausgabe in der zweiten Fassung verbessert worden sei, glaubte ich damals, glaube es aber nicht mehr; dagegen möchte ich der dritten Bearbeitung einige Vorzüge gegenüber der ersten zuschreiben. Man hat gefragt: Wo ist eigentlich das zum Modell genommene Dorf? Man kennt wohl ein Dorf Handewitt auf dem Mittelrücken Schleswigs, nicht aber an der Nordsee. Dem gegenüber habe ich schon früher zugestanden, daß es mir ein klein wenig Vergnügen bereitet habe, die Leser irre zu führen, indem ich mein vorgebliches Küstendorf Handewitt taufte, weil ich es nun mal wollte und weil mir der Tonfall des Namens gefiel. Daneben war ich aber und bin ich noch jetzt der Ansicht: je ratloser der Leser hinsichtlich der Modellfrage ist, um so edler, reiner und künstlerischer genießt er das Gebotene. Timm Kröger Um den Wegzoll 1 Der Bauervogt Hans Voß im Dorfe Warl schickte zum Zollwirt Peter Helling, er werde gebeten, Donnerstag nachmittag vier Uhr zu ihm zu kommen, um die Sache mit Hans Rohwer zu vergleichen. Peter wollte nicht hin, aber seine Tochter Anna sagte: »Vater, das mußt du! Das gehört sich so, das schickt sich nicht anders. Und wenn du nicht kommst, erzürnst du das ganze Dorf.« Peter Holling sah nicht gerade darnach aus, als ob er der Höflichkeit und Schicklichkeit auf Kosten seines Eigensinnes viel Spielraum gönne, aber der letzte von Anna angeführte Grund schlug durch. Er war Schenkwirt und Erheber des jetzt streitig gewordenen Wegzolls. Da war es ihm nicht einerlei, wie er mit dem Dorfe stand. »Ich laß mich aber auf nichts ein«, sagte er, als er wegging.   »Da mußt du hin«, sagte des Steinhofers Mutter zu ihrem Sohne Hans Rohwer, als er die gleiche Einladung erhielt. »Das versteht sich«, erwiderte dieser und setzte hinzu: »An mir solls nicht liegen, wenn nichts zustande kommt.« »Du bist hitzig gewesen, Hans«, bemerkte die Alte. »Das bin ich«, entgegnete Hans Rohwer. »Das will ich gern bekennen. Aber wie sagt das Sprichwort? ›De ni doll warrn kann, daegt ni.‹ Ich meine auch, der, dems bei gewissen Sachen nicht überläuft, der hat keine Ehre.« »Denk an Anna!« rief ihm die Mutter nach, als er das Haus verließ. Das Dorf bestand aus verstreuten Einzelgehöften, der Bauervogt Hans Voß wohnte ziemlich weit weg, der Steinhofbauer mußte an der Warler Mühle vorbei. Die Warler Windmühle gehörte dem Vogt zu eigen, er hatte selbst das Handwerk gelernt, wenn er es jetzt auch durch Gesellen betrieb. Hans Rohwer hatte den alten Vogt noch im Mülleranzug gekannt und war als Knabe mit ihm zur Mühlenkappe hinaufgestiegen. Hans Rohwer dachte daran, als er bei der Mühle angekommen war; die Luft war schwül und schwer, Verlangen nach Höhenluft erwachte, er zog seine Uhr: ›Es ist noch Zeit, ich will mal auf die Galerie.‹ Es war Windstille, die Mühle, in der Schere stehend, sah mit ihrem Kopf, mit den Flügeln wie ein großer Vogel aus, der fliegen will. Hans Rohwer wußte noch von seiner Knabenzeit her, daß immer ein Glanz, eine Art Morgenröte auf ihrer Stirn liege; noch jetzt stand ›Aurora‹ mit langen gelben Buchstaben hingemalt an der Kappe. Vom Mühlenberg und zumal von dem in ziemlicher Höhe rund um den Bau laufenden Wandelgang aus hat man die schönste Aussicht. Die Landschaft huldigt dem, der auf dem Berg und auf der Mühle steht und ihr die Ehre antut, sie zu besehen. Feld und Wiese und Wald und Höfe und Häuser werden durch die Ergebenheit gegen ihn zusammengehalten. Sie liegen zu seinen Füßen, ihm zu Liebe zeigen die fließenden Moore und Wiesen ihre Größe, ihre Freiheit, und dehnen sich, ihm zu Willen. Prächtig hingerollte Felder und hinter den Koppeln das große Moor. Unmittelbar hinter den Koppeln? So scheint es. In Wahrheit ist aber noch ein ziemlich breiter, von den Knicken verdeckter Wiesenstreif dazwischen. Nach dem Moor zu liegt auch Hans Rohwers Stelle, der Steinhof, ebenso seines Gegners Besitz, das Zollhaus, nicht nahe beieinander, aber beide am Rande der nach der braunen Steppe abfallenden Koppeln. Und beide in einer Gebüschwolke, die Steinhofwolke in breiten Formen (da herrschen Eichen vor), die Zollhauswolke in gefederten Linien (da streben rasche, ungeduldige Pappeln in die Höhe). Gleich hinter dem Zollhaus ist die Aubrücke. Man sieht den mit Weidenstümpfen besetzten, nach dem Kirchspiel Schönmoor hinüber führenden Weg. Wie ist die Luft so warm und schwer! Nach Schönmoor zu ballt sichs blauschwarz. Die Straße lang und weit und gewunden über das Moor hinführend. ›Das ist der Unglücksweg‹, dachte der Bauer, ›das ist er‹. Hans Rohwer sah lange hin, und wie die Straße so wand sich auch sein reuevoller Sinn. Es war kein einfacher Weg. Anfangs verfolgt man noch seine Baumzeile, bald wirds ein Gewirr, denn rechts und links zweigen sich Torffuhrwege ab, und alle sind wie der Hauptweg mit Weiden bepflanzt. Zwischen Steinhof und Zollhaus auf der Höhe glänzen gelbe Stoppeln. Das sind die Grenzfelder beider Höfe – die Meinerskoppeln. Die Meinerskoppeln bekamen einen langen Blick, machten sie doch ein Hauptstück seines Lebens aus. Ihretwegen ging er heute zum Vogt.   Hans Rohwer und Peter Holling hatten sich geschlagen. Unter eingesessenen Bauern war das, Gott sei Dank! in Warl selten; um so größer daher der Skandal. Der Vogt war zu seinen Räten gegangen. »Da muß man einschreiten«, hatte er ihnen vorgestellt. »Wir müssen versuchen, es wieder einzurichten. Ob es was nützen wird? Peter Zoll ist eigensinnig, und Hans zuweilen hitzig, ich weiß nicht, wir wollens versuchen.« – »Wir wollens versuchen«, hatten die Dorfväter geantwortet. Es tat wirklich not, den Versuch zu machen. Denn kam kein Vergleich zustande, dann mußte sich die zwischen Steinhof und Zollhaus eingetretene Spannung in einen Prozeß austoben, wie Warl ihn noch nicht erlebt hatte. Und die Warler waren doch immer so stolz darauf gewesen, daß sie nicht, wie gewisse Nachbardörfer, ihr Geld nach Advokaten und Gericht trugen.   Der Vogt näherte sich den Siebzigern, hatte aber noch immer sein volles, schwarzes Haar. Bei ihm stellten sich die würdigen Väter der Gemeinde pünktlich ein. Da kamen mit ihren silberbeschlagenen Meerschaumpfeifen die Weißköpfe Sievert Thun und Lüders Timm, ferner Koopmanns Timm (beide hießen richtig Timm Sievers, waren aber nach Vorbesitzern, die vielleicht ein Jahrhundert zurücklagen, Lüders und Koopmanns von Geschlecht zu Geschlecht zubenannt), da kamen die behäbigen Jakob Sierk und Klaus Harms, der magere Johann Rieper und noch ein paar Leute. Die Frau Vogt hatte den großen Leuteeßtisch in die Stube stellen lassen, der Vogt setzte sich obenan, die andern nahmen rundherum Platz. Auch Hans Rohwer tat es auf Wunsch und tat es ohne Ziererei um so mehr, als er in Gemeindeangelegenheiten zur Vertretung gehörte. Er saß schon da, als der Zollwirt Peter Holling kam. »Sett di hier mit ran«, lud der Vogt ein. Aber Peter Holling war dazu nicht zu bewegen. Er setzte sich in der entferntesten Stubenecke auf einen Stuhl. »Hier hör ik her«, wiederholte er hartnäckig. Schließlich, als das Nötigen gar nicht aufhörte, fügte er hinzu: »Da sitzt einer am Tisch, der mir nicht paßt.« Da war denn nichts zu machen, da ließ man ihn in der Ecke. Des Bauervogts Ältester bediente die Kehlen der Männer mit Grog und ihre Pfeifen mit ›Schwefelsticken‹. Das Wetter kam auf; man war mit der Frage, ob es wohl zum Ausbruch kommen werde, noch nicht fertig, da fuhr schon der fahle Widerschein des ersten Blitzes durch die verräucherte Stube. Und der Donner grollte. Auch über den Vergleichsverhandlungen lag Schwüle. Der Steinhofer wollte, aber der Zollwirt wollte nicht. Als nun gar jemand, es soll Koopmanns Timm gewesen sein, die Unklugheit beging, Hans Rohwer zu loben, da war alles aus. »Aber, Peter«, sagte Koopmanns Timm, »du solltest dich nur geben und auch was tun. Hans kommt dir genug entgegen. Man muß nachbarlich sein, und Hans ist ein so guter Mensch!« Peter lachte, es sollte wenigstens Lachen sein. Beim Lachen zeigte er immer das obere Zahnfleisch. »Bin ich denn nicht gut?« fragte er. »Das hab ich nicht gesagt, daß du nicht gut seist«, erwiderte Koopmanns Timm, »du bist so gut, wie wir alle sind. Eben sprach ich von Hans. Denn das muß doch jeder sagen, der ist gut, der läßt keinen im Stich.« Das war zu viel, das konnte Peter nicht aushalten. Der Steinhöfer, der mit seinem breiten, sichern Gang, mit seinem großen Hof und all seinem Geld! In seinen eigenen Sommerroggen war er von ihm niedergeworfen worden, und noch all das andere. Und nun saß der mitten unter den Dorfältesten und ließ sich loben ... »Der, der?« schrie Peter und sprang auf. Mit langem Zeigefinger wies er auf ihn. »Der – der – der ist für die Hölle zu schlecht!« Peter suchte nach einem Bild, nach einem Unglücksfall, schrecklich genug, die Tiefe seiner Mitleidslosigkeit, seines Hasses, zu veranschaulichen. »Wenn der«, kreischte er, »wenn der im Moorgraben sitzt, ich zieh ihn nicht heraus.« Das war ein starkes Stück. In der Moorkuhle, im Moorgraben sitzen, das war nach den in Warl landläufigen Begriffen ungefähr das schlimmste, was einem Menschen passieren konnte. »Peter, Peter«, warnte der Vogt, »nimm din Wör in acht! Uns Herrgott wacht!« Alle drehten sich nach dem Zollwirt um, als wollten sie sagen: ›Siehst du wohl? Noch immer lebt unser Herrgott‹. Denn es wurde ganz dunkel im Zimmer. Und als ein rascher Blitz seine Helle darüber warf, stand wirklich in den Mienen: ›Gott in der Höh bucht die Lästerworte.‹ Ein über das halbe Firmament hinweg grollender Donnerschlag wiederholte: ›Er trägts in seiner Hand!‹ Keiner sagte etwas, auch Hans Rohwer nicht, wenigstens lange Zeit nicht. Der Donner war verhallt und ein paar Minuten vergingen. Dann erst stand Hans auf, trat einen Schritt auf Peter zu und sprach. Er sprach mit dem angenehm klingenden dunkeln Ton seiner Stimme gutmütig, aber dabei ernst und eindrucksvoll: »Das meinst du nicht so, Peter. Du ziehst mich raus, ich zieh dich auch raus, es ist Christenpflicht.« »In meinem Katechismus stehts nicht, daß ichs tu. Du tusts auch nicht.« »Ich tus, denk an mein Wort, ruf nur, ich komm.« »Du kannst ...« Peter brauchte einen häßlichen Ausdruck. Der Himmel nahm ihm das Wort, Blitz und Donnerschlag: das Haus erbebte, Fenster und Groggläser klirrten, die Pendeluhr stand still, des Vogts alter Köter kroch unterm Ofen hervor und fing an zu heulen. Alle griffen nach den Mützen und eilten hinaus. Aber der Weg war eine Au geworden, ein wolkenbruchartiger Regen trieb sie zurück. Hans Voß rief seine Leute, Knechte und Mägde liefen verstört und eilfertig durchs Haus. Es vergingen ein paar Minuten, dann stand der Großknecht pudelnaß vor dem Vogt und meldete, Haus und Hof seien unversehrt, aber die Pappel am Backhaus liege auf dem Steinpflaster. Der Regen hatte nachgelassen, die Bauern besahen den Schaden, staunten, besprachen alles, gingen wieder hinein und unterhielten sich weiter über den Fall. Man erzählte von andern Blitzschlägen, jeder kannte einen, aber man kam immer auf diesen zurück. Dem einen war gewesen, als ob es in der Nebenstube eingeschlagen habe, der andere hatte gemeint, die Scheune sei getroffen worden. »Wo ist Peter?« wurde gefragt. Vom Zollwirt war nichts zu sehen. »Er hat seine Mütze genommen und ist nach Haus gelaufen«, berichtete Sievert Thun, »mitten im Regen.« »Wegen der Nässe brauchts keinen Graben, besser kann der es auch nicht machen«, scherzte jemand. Der Spaß fand keinen Anklang.   Der Streit zwischen Steinhof und Zollhaus hat, als alles erfüllt war, im Mund der Kirchspielskinder ein seltsames Aussehen bekommen. »Sieh«, sagten die Leute, denen alles willkommen ist, ihre auf Lohn und Strafe gestellte Weltanschauung zu rechtfertigen. Man nannte sie die Frommen. »Seht«, sagten sie, »da kann mans wieder mal greifen!« »Unsinn«, antworteten die anderen, die Weltlichen. Wir schlagen uns zu keiner Partei, wir ... erzählen. 2 Jetzt ist es lange her, aber als die Alten vom Rat zusammentraten, waren es erst wenige Tage. Es war um die Roggenerntezeit, nachmittags nach Kaffeetrinken, da ging Hans Rohwer zu Peter Holling, um ihm zu sagen, daß er, Holling, den Knick an der Meinerskoppel morgen früh ›dichten‹ (dicht machen, in wehrhaften Stand setzen) müsse, da er, Rohwer, seine Kühe übermorgen auf die Stoppelweide treibe. Die Knicke der Koppel waren zur Unterhaltung in Strecken abgeteilt, Peter Hollings Anteil hatte, wie Hans Rohwer gesehen, eine schlechte Stelle. Hans Rohwer war ein Bauer, kaum vierzig, kräftig und breitschulterig, frisch und gesund. Er trug einen Naturhülsenstock und ging behäbig, breit und sicher dahin. Der Steinhöfer Bauer war im Dorf wohl gelitten und stand in hohem Ansehen. Vielleicht der reichste, war er nicht hochmütig, gönnte seinen Nachbarn Gutes und konnte auf ein Recht verzichten, wenn man ihm nicht ungehörig kam. Freilich, trumpfte man auf, wollte man ihm mit Gewalt was abtrotzen, dann wurde er eigensinnig und setzte sich auf die Hinterbeine. Sein Verhältnis zum Zollhaus war ein gutes; er war der einzige Sohn der Steinhöferin, der Zollwirt hatte nur eine Tochter, im Alter paßten sie nicht ganz zusammen, aber man erwartete die Verlobung. So sagten einige; andere aber behaupteten, das sei ganz gefehlt, Hans Rohwer wolle überhaupt nicht ›freien.‹ Als Hans zum Zollhaus kam, war Peter gerade dabei, ein Fuhrwerk, das in der Durchfahrt hielt, anzuschirren. Beim Zollhaus war Gast- und Schenkwirtschaft. Es lag am Kreuzweg, ganz ausgezeichnet. Zwei Einfahrten: die eine, deren mächtige Torflügel jetzt zurückgeschlagen waren, dem Fuhrmannsgast freie Fahrt zu geben, fing die Reisenden der Landstraße ab, die andere die, die den Weg über Aubrücke und über das Moor einschlugen. Im Schenkschrank hinter der Tonbank steckten weiche Tücher, die die Grog- und Bierringe fleißig von rohen Eichentischen wischten. Man sah nicht selten zufriedene Gäule, die Zäume auf den Hals zurückgeschlagen, aus den vorgesetzten Krippen futtern. Peter Holling hatte es gut, denn von den Wagen, die über das Moor fuhren, hob er nicht nur, wenn sie einkehrten, das Zehrgeld, sondern er brandschatzte sie auch noch, die einkehrenden sowohl wie die vorbeifahrenden, mit zwei Schillingen Wegzoll. Kehrte ein Fuhrmann ein, so pflegte er freilich Anwandlungen von Großmut zu bekommen und je nach dem Betrag der Zeche wortlos einen Sechsling (soviel wie ein halber Schilling), einen ganzen Schilling, drei Sechslinge oder gar den ganzen Wegzoll mit runden zwei Schillingen zurückzuschieben, während der Rest mit einem angenehmen Kling-klang in die immer mit Kleingeld gefüllte Hosentasche fiel. Es gilt für unhöflich, gleich mit einem Anliegen herauszurücken, ganz besonders, wenn es heikler Natur ist. Deshalb kam Hans nicht sofort mit seinem Ansinnen. Als der Gast abgefahren war, begleitete er den Wirt nach der Au, wo Peter den Wasserstand feststellte, ob das Vieh noch zu trinken habe. Der zur Sicherung des Wegzolls angebrachte Sperrbaum lag schon jahrelang neben dem Pfahl, die Vorrichtung, womit Peter früher den Baum vor den Pferdeköpfen aufsässiger Fuhrleute niedergeschnellt hatte, war verschwunden. »Soll das nicht wieder in Ordnung?« fragte Hans. »Hat keine Eile«, erwiderte Peter. »Die Leute, die hier fahren, wissen alle, daß sie zu zahlen haben, und zahlen auch alle. Ich weiß die Zeit nicht, daß einer durchgebrannt ist. Wenn keiner da ist, halten sie still und knallen mit der Peitsche, bis jemand kommt.« »Ja, wenn das so ist ... will dir nicht wünschen, daß mal einer auf den Einfall kommt, nicht zu zahlen. Vor Gericht, glaube ich, kannst dus nicht durchsetzen.« Wie Hans das sagte, erhielt Peter eine verdrießliche Miene. Er verstand überhaupt nicht viel Spaß. Er hatte zu viel Kleingeld eingenommen. Der ewig sickernde Strom hatte ihn geldgierig und rechthaberisch gemacht, es war ihm auf die Seele gefallen und hatte vieles, das einmal weich und frisch und jung gewesen war, zugedeckt. Ja, die mit ihm jung gewesen, die kannten ihn anders. Er hatte damals freilich auch schon eine unternehmende Nase gehabt, aber doch nicht die Pfrieme, die jetzt in seinem Gesicht saß. So ist sie erst bei dem ewigen Geldschnüffeln geworden. Als er jung war, hielt er sich zu dem nun schon lange verstorbenen Hinrich Beckmann. Ein Durchgänger war er; wenn er getrunken hatte, fing er an zu kreteln und wurde ein Raufbold. Wenn in Schönmoor Jahrmarkt war und die aus Warl ihren Gesang anstimmten, das herausfordernde: »Lustig sind die Warler«, dann zogen sie beide, er und Hinrich Beckmann, die Jacken aus, bereit, jedem aus anderen Bauerlagen, der zu ihrem Gesang auch nur mit einem Auge scheel sah, hinter die Ohren zu schlagen. Aber das war lange her. »Lustig sind die Warler« sang er nicht mehr. Dafür interessierte er sich nicht mehr. Jetzt hatte er Neigung, wütend zu werden, wenn man an sein Hab und Gut kam. Zum Beispiel jetzt, als Hans Rohwer sagte, bei Gericht könne er den Wegzoll nicht durchsetzen. Und er wurde, als er ›drang‹ dreinsah, mager und spitz wie ein Pfahl. Er stand in den fünfziger Jahren und war ein dünner Kostgänger am Herrgottstisch. Etwas Greisengraues hatte seine Erscheinung immer gehabt, da machte es nichts aus, daß sein Haar schon Altersfarbe zeigte. Blauleinen und buntes Überhemd, ohne Rock und Mütze, das war seine gewöhnliche Tracht. Seine Hosen hatten starke Taschen, alle Wegzoll- und Vierschillinge fielen aus freiem Handgelenk hinein. Als der Steinhofer gesagt hatte, bei Gericht könne Peter Holling seinen Wegzoll nicht durchsetzen, warf er giftig hin: »Dir tun wohl die paar Taler leid, die es dir kostet?« Hans blieb ruhig. Er setzte den Knotenstock weit vom Leib und ließ seine Augen auf dem Zollwirt ruhen. »Nachbar«, sagte er, »von mir ist nicht die Rede. Ich komme darüber hinweg, hab bis jetzt noch gar nicht darangedacht, ob ichs sparen könnte. Ich hab nur im allgemeinen gemeint. Aber wenn dirs unangenehm ist, dann sprechen wir nicht davon. Ich kam, dir was zu sagen. Aber ich treff dich nicht bei Laune, da will ichs lieber schreiben. Mein Junge solls herbringen. Zu lange Zeit hats leider nicht, was ich sagen wollte. Adjüs, Peter.« Nun kam Peter zur Vernunft. »Bleib, Hans!« rief er. »Nimms nicht gleich krumm, wenn der Ärger mal über mich kommt.« Er ließ nicht nach, Hans mußte mit ins Wirtszimmer und ein Glas Grog trinken. Peter wollte gut machen, was er schlecht gemacht hatte, er steckte sein bestes Gastwirtsgesicht auf. Er geleitete seinen Besuch in die Schenkstube und war so nett, wie er konnte. Seine Tochter Anna, die nach dem Tode der Mutter das Hauswesen führte, war im Schenkzimmer hinter der Tonbank. Sie sah es dem Vater trotz seines Lachens an, daß er sich geärgert habe oder doch erregt sei. Der schenkte nicht nur seinem Gast, sondern auch sich ein. Bei solchen Anlässen konnte es vorkommen, daß der Zollhauswirt zu viel trank. Strickend saß Anna und hörte auf das Gespräch der Männer, immer in Angst, daß etwas Unangenehmes passiere. Mit seinem Nachbar stieß Peter an. »Nun wollen wir mal die Sache vernünftig bereden.« »Ja«, antwortete dieser, »das wollen wir, aber erst will ich mein Gewerbe anbringen, ich könnte es sonst ganz vergessen. Und es hat Eile. Du mußt morgen die Meinerskoppel dicht machen, da ist eine schlechte Stelle, übermorgen jage ich hinaus.« Das paßte unserm Peter nicht. Er mochte nicht gerne dicht machen, darin war er nachlässig. »Hm, hm!« murmelte er. Da knallte draußen ein Fuhrmann, der seinen Doppelschilling los sein wollte. Peter ging hinaus, den Tribut zu empfangen. Als er zurückkam, war er wieder ein guter Peter und sagte zu, er wolle morgen nachsehen lassen: »Ja, das muß ich denn ... ja wohl tun«, kam es immer noch ein bißchen lang und gequetscht. In dem Augenblick trat Marie Olfers, die bei Peter diente, ein und setzte den Männern zwei heiße Gläser hin. »Ja«, sagte Hans, »daß du morgen in Meinerskoppel dicht machst, da kann ich mich doch drauf verlassen?« »Da kannst du dich drauf verlassen«, erwiderte der Zollwirt. Marie ging in die Küche zurück. »Aber«, sprach Peter weiter, »nun wollen wir mal ganz vernünftig das andere bereden. Wie meintest du das eigentlich, als du sagtest, vor Gericht könnte ich mein Recht nicht durchsetzen?« »Ja, Peter, ich meinte das so, wie ich sagte. Ich meine: ein Recht hast du nicht, und deshalb kannst du es nicht durchsetzen.« Wie ihm das so trocken und dürr ins Gesicht gesagt war, da wurden Peter Hollings gute Vorsätze wieder vom Zorn verzehrt. Eine jähe Röte stieg in sein Gesicht. »Kein Recht?« fuhr er auf. »Dann stehl ich euch wohl die Schillinge?« »Das sagst du, Peter. Ich hab das nicht gesagt.« Dem Zollwirt schwollen die Stirnadern. »Wer was nimmt und hat kein Recht, der stiehlt, und wenn ich kein Recht habe, bin ich ein Dieb.« »Ja, wenn du es wüßtest. Da du es aber nicht weißt und dich im Recht glaubst, nimmst du zwar etwas, wozu du vor dem Gesetz kein Recht hast, bist aber kein Dieb.« »Was, ich ein Dieb? Das sollst du mir wahr machen!« Peter bog sich mit spitzer Nase zornig zu Hans hinüber und schlug auf den Tisch .»Zum Donner nochmal!« begehrte er auf. »Vater!« rief Anna. Eigentlich bemerkten die Männer nun erst, daß sie nicht allein waren. »Vater!« rief Anna und legte ihren Strickstrumpf auf die Tonbank, »sei doch ruhig, sei doch vernünftig! So was, wie du sagst, hat Nachbar doch gar nicht gemeint und auch nicht in den Mund genommen.« »Hast recht, Anna«, sagte Hans, »hast recht, brauchst aber keine Angst zu haben, daß wir in Unfrieden kommen. Dein Vater hat mir zugesagt, wir wollens vernünftig bereden. Und er wird sein Wort halten.« Peter aber schrie seine Tochter an: »Was hast du hier herumzusitzen, wenn Nachbarn was miteinander auszumachen haben?« Anna wußte, wenn Vater in solchem Ton redete, dann mußte man ihn gewähren lassen. Sie ging nach der Küche. ›Was soll das werden, wie wird das enden?‹ seufzte sie. ›Da kommt noch ein großes Erzürnen heraus.‹ Sie kannte ihren Vater: wenn man den Zoll in Zweifel zog, dann behielt er seinen Verstand nicht beisammen. Von der Stube her hörte sie ihren Vater laut und aufgeregt sein Recht darlegen, und dazwischen Hans Rohwer. Aber dessen kräftiges, rollendes Organ blieb ruhig, allmählich schien auch ihr Vater sachter zu werden. Hans Rohwer machte, so viel hörte sie, den Vorschlag, bei dem Amt um eine Entschädigung einzukommen und den Zoll aufzugeben. Aber das warf Peter Holling weit weg. Er wolle es so lassen, wie es sei, sagte er. So und soviel mal tags zwei Schillinge sei auch Geld. Und darauf Hans: »Wunderschönes Geld, wenn dus nur kriegst. Aber wenn sich einer aufsetzt, kriegst dus von keinem mehr.« »Donner und Doria«, hat Peter wieder geflucht, »da soll man mir kommen! Ich hab Papiere.« In der Stube wurde ein Stuhl gerückt. Anna wußte: nun steigt Vater hinauf und kramt die alten Dokumente heraus, die in dem Wandschranke liegen, der über dem Bett eingetäfelt ist. Nun setzt er den Fuß wieder auf die Erde, nun faltet er die Papiere auf dem Tisch auseinander. Ein Reiben, ein Knistern. Hans Rohwer liest. Er liest die altgeheiligten Privilegien des Hauses, das vor Alter gelbe Dokument mit der Frakturschrift der ersten Zeile, mit den Arabesken um den Eingang: ›Wir, Friedrich der Sechste, König von Dänemark, Herzog...‹ und so weiter. Anna kannte die Papiere und hatte sie gelesen, da stand alles verbrieft und beurkundet, der Besitzer vom Zollhaus solle für ewige Zeiten das Recht haben, den Wegschoß von zwei Schillingen zu erheben. Daran ließ sich nicht rütteln, da brauchte Vater keine Angst zu haben, darin hatte Nachbar Rohwer unrecht. Eine ganze Minute lang hörte die horchende Anna nichts. Hans Rohwer war still, er fing also an, sein Unrecht einzusehen. Über die Privilegien konnte er natürlich nicht hinweg, die mußte er lassen, auch, wenn er dreimal las. Aber hör, Hans Rohwer spricht wieder. »Leg die Papiere man wieder weg, Peter. Die kenne ich, das sind dieselben, die auf dem Amt liegen, wo sie jeder lesen kann.« »So? – Na, nu!« »Da kannst du nichts mit beweisen.« »Nichts mit beweisen? Und hier steht ›für ewige Zeiten‹? Ich hab meine Brille nur nicht, aber da muß es stehen.« »Ja, ja«, erwiderte Hans Stimme, »da stehts, aber hier steht auch was« – Anna sah es ordentlich, jetzt legte Hans seinen Finger auf die Stelle, wo was stehen sollte – »da steht was Lateinisches, und darin liegts.« »Kannst du denn Latein?« »Nein«, erwiderte Hans Rohwer. »aber ich kenn einen, der sich darauf versteht.« »Affkatenstreiche«, brauste Peter auf. »Vielleicht«, antwortete Hans Rohwer gleichmütig. »Ich weiß nur: seitdem das Amt Weg und Brücke bessert und wir dafür kontribieren, hat der Wegzoll keinen Grund mehr.« »Affkatensnack!« kam es noch giftiger. Ihr Vater stieß das heraus, wie er die Türklinke in der Hand hatte. Draußen hatte sich ein Fuhrmann gemeldet, den Wegzoll zu zahlen. Durch das Küchenfenster sah Anna, wie ihr Vater das Geld einkassierte. Er mußte einen Preußen wechseln und gab Kleingeld aus der Hosentasche zurück. Einen ganzen Berg schüttete er in die Linke und sammelte die Münze, die er brauchte, heraus. Und eine Weile blieb er stehen, die Hand an der Wagenleiter, mit dem Fuhrmann plaudernd. Das war seine Gewohnheit, er fühlte die Verpflichtung, für einen Doppelschilling höfliche Worte zu sagen. Wie die Ernte ausgefallen sei und ob man wohl gutes Wetter für den Rest und zum Düngerfahren und für die Saat bekomme. Diesmal blieb er aber länger als gewöhnlich. Wie Anna vermutete, um sich abzukühlen, sich zu besinnen. Er hatte auch Gründe, es mit Hans Rohwer nicht zu verderben. Ohne Rock und Mütze stand er am Wagen, die Sonne schien, aber der Himmel war bunt, Wolken segelten, es blies ein rascher Wind vom Himmel und wühlte dem ältlichen Mann in den Haaren. Anna saß in der Stube, als Peter zurückkehrte. Sie hatte es für besser gehalten, zugegen zu sein, sie saß mit ihrem Strickstrumpf wieder hinter der Tonbank. Warum Hans den Brückenzoll wohl bestritt? Konnte er die Sache nicht gehen lassen? Vater hatte die zwei Schillinge immer gehoben, und Großvater und dessen Vater auch, vielleicht noch weiter hinauf. Und nun sollte das alles zu Unrecht geschehen sein? Anna erstarb sonst, wie alle jungen Mädchen im Dorf, in Respekt vor Hans Rohwer, denn er war klug und zum Heiraten nicht zu alt und stattlich, aber – nein, darin konnte sie ihm nicht recht geben. Zur Kosakenzeit ist ein betrunkener Soldat in der Dunkelheit von der Brücke in den Fluß geritten und mit seinem Pferd ertrunken, hat die Großmutter erzählt. Da hat die Brücke zum ersten mal ein Geländer erhalten. Früher sollen die vom Zollhaus die Brücke ausgebessert und den Moorweg unterhalten haben; zu Annas Zeiten ist das wohl nur wenig geschehen. Aber das alles ist ganz einerlei. Was weiß ein junges Mädchen von solchen Sachen! Die blonde Anna sah mit ihrem braun verbrannten netten Gesicht, als sie das dachte, mit blauen Augen sah sie sinnend und Antwort heischend aus ihren schon recht lang geratenen Strickstrumpf und auf ihre fleißigen Hände, als ob ihr von da der Wirrsale Lösung werden müsse. Als Peter wieder hereinkam, hatte er ein verbindliches Wirtsgesicht, seine Tochter schien er nicht zu bemerken. »Hans«, sagte er, »laß gut sein. Wir wollens lassen, wie es ist, und uns nicht erzürnen. Wenn ich zu viel gesagt hab, entschuldige, es war nicht bös gemeint. Da wird viel rausgeschmissen, was obenauf liegt. Wir wollen uns vertragen.« Er reichte seinem Nachbar die Hand. »Bißchen grob warst, von Erzürnen weiß ich eigentlich nichts«, erwiderte dieser. Ja, in diesem Ton, wenn man ihm so kam, dann war er immer zu haben. Peter spendierte zwei Glas. Sie stießen an und tranken das heiße Getränk. »Das nächste Glas zahl ich«, erklärte Hans. Es waren zwei im allgemeinen nüchterne Leute, die tranken jetzt mehr Rumgrog, als für sie dienlich war. Bekamen rote Köpfe, und die roten heißen Köpfe schienen ihnen recht, denn sie waren des Friedens und der Menschenliebe voll. Schließlich wollte Peter noch ein Glas auftragen, aber Hans wehrte ab: »Nicht mehr, nun ists genug, ich soll nur die ›Balance‹ halten, wenn ich nach Hause gehe.« Er suchte nach seiner Mütze, Peter wollte Anna sagen, sie möge suchen helfen, aber Anna war nicht mehr da. Man fand das Gesuchte schließlich auch ohne sie. Im Zimmer war die Luft drückend gewesen, draußen fiel die Abendkühle ins Land. Sie tat den Männern gut, Hans Rohwer bewahrte gute Haltung. Immer ohne Rock und Mütze, begleitete der Zollwirt seinen Gast, bis zum Hecktor von Jochen Vollstedt. Und redete und spaßte, und Hans redete auch, beide sprachen Lustiges, zwischen ihnen war eitel Frieden. Und sie reichten sich die Hände, als Hans Rohwer schließlich, wie immer in selbstbewußter Gradheit, sicher und breit wegging. Er war schon eine ganze Strecke gegangen, da drehte er sich um. »Peter!« rief er. Peter hatte über Jochen Vollstedts Heck gelehnt und bei sich gemißbilligt, daß keine Rüben gesät würden. Nun ließ er Heck und Rüben und schenkte dem Steinhöfer sein Ohr. »Denk an die Meinerskoppel!« rief Hans. »Morgen muß es sein, übermorgen jage ich hinaus.« »Wird besorgt«, kam es von Peter zurück. Hans ging rascher, als es seine Weise war, seines Wesens und seiner Kraft noch getroster als sonst. Und getrost sah er der fliehenden Sonne nach, die weit hinten im Westen, wo das Meer an Büsums grüne Küste branden mochte, unterging. Erst meinte er, sie werde Wasser ziehen, aber die Wolken spalteten sich rechtzeitig, und rund und voll und rot ging der Ball hinab. Man hält das für ein gutes Wetterzeichen. Die Erfahrung hatte den Steinhofbauer sonst vor zu starkem Optimismus behütet, jetzt aber, wo ihm das Blut so kräftig und so warm durch die Adern floß, war er seiner Sache sicher. »Es wird gut«, murmelte er, »mit dem letzten Roggen kann es glücken.« 3 Die Dorfkoppeln fielen nach der Niederung ziemlich jäh, doch hielt sich der vom Zollhaus nach Steinhof führende Weg auf der Höhe. Die daran liegenden Felder gehörten bis zu dem nach Süderau führenden Querweg (wo er die Biegung macht, setzt sich die Grenze an dem Knick der Meinerskoppeln fort), bis dahin gehörte das Land zum Zollhaus, auf der andern Seite war Steinhöfer Grund. Jochim Vollstedt hatte freilich einen kleinen Acker dicht beim Zollhaus, und Henning Vollert hatte bei Störfetten eine Koppel im Zollhausland. »Die soll mir das Zollhaus noch mal teuer bezahlen«, pflegte Henning zu sagen. »Die stört dem Zollpeter die ganze schöne Harmonika, und das macht ihm Angst. Deshalb ist es auch ein Angstklave (Enklave), wie die Affkaten sagen.« Henning hatte zu den Fremdwörtern ein eigentümliches Verhältnis, er liebte, aber mißhandelte sie und fühlte nicht, wie weh seine Bärenklaue tat. »Ich hab so ne Affektatschon, mich gut auszudrücken, und hab Schenie dazu«, pflegte er zu sagen. Auf Henning Vollerts Störfetten lag der Buchweizen in Ackersenf, er sah mehr nach einem Lupinen- als nach einem Kornfeld aus. ›Was Henning wohl dazu sagt‹, dachte der Steinhöfer, da gewahrte er ihn selbst. Henning hatte sich gebückt, nun kam er in die Höhe, gelben Ackersenf in der Hand. Ohne Einleitung fing er mit Hans an: »Sieh, Hans«, sagte er, »ich habe hier Buchweizen gesät, um agrikulturchemisch richtig zu handeln, aber da ist der böse Feind, will sagen die Trockenheit, die wir Anfang Juni hatten, gekommen und hat Unkraut, will sagen Kööken, was die Gelehrten sin Apis nennen, dazwischengeschmissen. Er hat geglaubt, mir damit Moleß anzutun und Schaden zu machen, aber diesmal hats nicht geglückt. Sieh mal, Hans, was für Viehfutter!« Und hielt dem Steinhöfer ein streng riechendes Senfbüschel unter die Nase. Hans stimmte laut zu und dachte im stillen: es ist gut, wenn man sich zu trösten weiß und, falls es sein muß, Köök höher als Buchweizen einschätzt. »Godn Abend, Henning!« sagte er und ging weiter. Nun war die Sonne untergegangen, und Abendrot brannte am Himmel. Bei dem Weg nach Süderau hebt sich das Gelände. Über die Koppeln streichen freie Winde, man sieht über das Moor hinweg die blauen Höhen von Schönmoor. Goldweiden wachsen auf den Knicken, die Äcker heißen hier Hohenmichel. Auf Zollhaus Hohenmichel bewegte sich etwas, es hob sich eine Form vom Abendhimmel ab, wie eines Mädchens breiter Sommerhut. Und als Hans Rohwer näher kam, stand ein Frauenzimmer am Hecktor. »Deern!« rief Hans, »Deern Anna, büst du bat?« »Ja, Nachbar«, scherzte sie, »Anna Holling heet ik, solang mi denken mag.« Es war des Zollwirts Tochter. »Wir haben Flachs gespreitet«, sagte sie, »ich hab mal nachgesehen.« Sie trug ein Mieder mit kurzen Ärmeln und legte ein paar runde Arme auf den Schlagbaum. ›Ist doch ein verdammt hübsches Ding, die Anna Holling‹, dachte Hans. »Nun, wird der Flachs?« fragte er. »Ja, lang dauert es nicht mehr, dann kann er auf die Brache.« Hang Rohwer stand still, seine Augen beschäftigten sich mit Annas reinem Mädchengesicht. »Ja, ja«, sagte er. »Es gibt Gegenden, ich weiß, in Hohn und Erfde über die Eider hinweg, da baut man keinen Flachs mehr. Sie könnens Leinen ebenso billig kaufen, sagen sie. Ja, kaufen können sie, es ist aber auch danach. Nein, da lob ich unsern Hanf und unsern Flachs und unsere alte Sitte.« »Eigengemachtes hält besser«, entgegnete Anna. Hans stand noch immer und sprach mehreres zum Lob der alten Sitten. Anna war nicht gerade blutjung, sie hatte aber ein so gutes Gesicht voll junger Mädchentugend. In ihrem Auge kehrte die Milde des Abendhimmels noch einmal zum Steinhofbauer zurück. Wenn es ihm nicht so lieb gedünkt hätte, so vor ihr zu stehen und mit ihr Aug in Aug zu sprechen: er wäre schon längst weitergegangen. Anna sagte schließlich: »Wenn es nicht unlieb ist, Nachbar, dann plaudere ich mit dir längs. Ich hab einen Gang zu Schane Witt.« Sie gingen nebeneinander her. »Ich will man gestehen, Hans«, fing sie an und stand still so lange, wie nötig war, ihrem Begleiter mit stummer Bitte ins Gesicht zu sehen, »ich will man gestehen, ich hab beim Hochenwichel auf dich gewartet.« »Das freut mich, Anna, das ist nett.« »Ich will dich was bitten, Hans.« »Das ist lieb. Wer bittet und fragt, hat Vertrauen.« »Vater ist so aufbrausend, ich wollt dich bitten, ihm das nicht übel zu nehmen.« »Wir sind als Freunde geschieden, Anna.« »Und dann das andere. Hat Vater wirklich kein Recht auf Weggeld? Und all unsere Papiere, sind die für nichts?« »Laß sein, Anna, es ist keiner da, der klagt.« »Aber wenn nun einer käme, wenn nun einer nicht zahlte?« »Ja, Anna, ich hab gesagt, ich glaube, dann ists zu Ende. Und das ist meine Meinung. Aber was weiß ich? Ich kann nur sagen, dann gibts einen Prozeß. Wie der ausfällt, weiß keiner.« Anna rang die Hände. »O, Hans!« »Was, Anna?« »Ein Prozeß ist was Fürchterliches.« »Ist nicht schön, ist aber auch ja nicht nötig.« »Hans, darf ich sagen?« »Sag!« »Als ich in der Küche saß, da hörte ich so was, als ob du darum prozessieren wolltest. Und da bin ich so unruhig. Es ist ja nicht wegen des Geldes, wir könnens entbehren, es ist nur wegen meines alten Vaters. Du kennst ihn ja, er ist so zornig und so wunderlich. Er würde nicht darüber wegkommen.« Hans Rohwer hatte ihr zweimal in die Rede fallen wollen: »Aber Anna!« »Aber Anna«, sagte er, als er zu Worte kam, wo denkst du hin! Du hast ganz falsch gehört, da kannst du ganz ruhig sein. Ich denk gar nicht daran, zu prozessieren.« »Wirst es auch nicht tun, Hans?« Anna Holling stand mit erhobenen Händen vor dem Steinhöfer. Hans Rohwer wurde verlegen, er nahm seine Mütze ab und kratzte sich den Kopf. »Du fragst und fragst, Anna. Ich soll mich für alle Zukunft festmachen, und das, das siehst du ein, das kann ich nicht. Weiß ich, weißt du, was die Zukunft bringt?« Sie standen unter den Eichen des Steinhofs, Hans faßte Annas Hände. »Begnüge dich, Anna, ich hätte bald Kind gesagt. Anna, gib dich damit zufrieden, ich denk nicht daran, dem Zollhaus das Weggeld abzustreiten, und werde es nie tun, wenn ich nicht dazu getrieben werde, wenn da nicht was Besonderes kommt.« »Was müßte denn passieren, Nachbar, daß dus doch tätest?« »Anna, ich möchts nicht erklären und nicht beschreiben, ich kann mir nichts denken, ich fühl es mehr, daß was ganz Undenkbares kommen müßte, etwas, was ganz unwahrscheinlich ist und sicher nicht kommen wird. Dein Vater ist ein Mensch, er hat, du sagst es selbst, seine Wunderlichkeiten, ich bin auch ein Mensch voller Fehler, habe auch Seiten, wo es weh tut. Und wenn ein Mensch die Besinnung verliert, tut er was, was er eigentlich nicht tun will. Laß es dir genügen, Anna, das wird sicherlich nicht geschehen.« Er hatte ihre Hand nicht losgelassen und schüttelte sie, solange er sprach, auf und ab, zuletzt nahm er nicht nur ihre rechte, sondern auch die linke Hand. Wenn er etwas eifrig beteuerte, machte er es immer so. Sie standen unter den Eichen des Steinhofs im Weg. Des Bauern Mutter saß am Fenster und strickte und lugte hinaus und sah alles mit an. »Was hattest du mit Zollwirts Anna?« fragte sie, als Hans in die Stube trat. Sie blickte mit klugen Augen über die Brille weg: sie war eine alte, gescheite Frau. »Nichts, Mutter, Anna wollte zu Schane Witt, da sind wir zusammen gegangen.« »Und das Diskurieren und Händeschütteln? Das war ja ein Abschied wie nach Amerika!« Ein Lächeln lag um ihren Mund. »Ja, das hatte seinen besondern Grund. Sie ist bange, ich fange mit dem Alten Prozeß an, weißt du, wegen des Weggeldes, und da hab ich ihr die Hand gegeben, daß das keine Not habe.« Die Mutter strickte einmal herum. »Anna ist ein nettes Mädchen«, sagte sie. »Ist sie auch.« Der Strumpf wurde in den Strickkorb zurückgelegt. »Hans«, sagte die Alte, »nun hör mal zu! Sollte das nicht die Rechte sein?« Hans schwieg eine Weile. Es gingen Gedanken durch seinen Kopf. Zukunftsgedanken und Zukunfsbilder. Weiber? hatte er bisher in Scherz und Ernst gesagt, Weiber? – die kenn ich. Eine, wie meine Mutter ist, gibts nicht mehr. Er hatte einmal geliebt, da war er eben konfirmiert gewesen. Geliebt hatte er mit allen Fasern, und war bis in die letzte Faser hinein betrogen worden. Nun war er fertig. Anna Holling war unter seinen Augen groß geworden. Sie war nicht die Schlechteste, aber Besonderes hatte er doch auch an Anna Holling bisher nicht gefunden. Vielleicht bis heute abend. Das war richtig; bei der Begegnung, die er eben mit ihr gehabt, hatte sie so gut ausgesehen und war so nett gewesen. Das Bild war ihm lieb, er mochte es nicht missen. Ihm war, als ob ihm was geschenkt oder ein Geschenk versprochen worden sei. »Was schnackst du, Mutter?« rief er. »Ja«, erwiderte diese eifrig. »Oft genug hab ich von dir gehört, du wolltest nicht heiraten, und oft hab ich dir gesagt: das ist nicht recht. Ja, ich hab gesagt, das ist Sünde. Sieh, du hast den großen Hof und Geld und Gut. Und das soll in alle Winde gehen? Die Rohwers vom Steinhof wohnen hier über hundert Jahre. – Ich bin alt«, fuhr sie fort, und der Haushalt geht über meine Kräfte. Schließlich sag ich: ich kann nicht mehr. Da komme ich aufs Altenteil. Du nimmst dir ein fremdes Menschenkind her und gehst schließlich, wie so viele, ins Garn. Ja, so wird es; wenn es eine darauf anlegt, euch zu kapern, seid ihr immer verloren. Und das ist nicht in Ordnung, ein Mann muß heiraten, nicht aber geheiratet werden. Und Anna ... die kenne ich, die wirft keine Netze aus, und den Haushalt führt sie gut. Die ist echt. Zum Mann gehört die Frau, und zur Frau Kinder. Das ist überall so, das ist Gottes Ordnung und Gottes Bestimmung.« »Sie ist siebenundzwanzig und ich bin elf Jahre älter«,, entgegnete Hans, um was zu sagen. »Nun, ist das nicht wunderschön? Dein Vater war auch zehn Jahre älter als ich, und just so paßt es sich gut.« »Soll ich Schenkwirt werden?« »Bewahre! Das Zollhaus wird an Peters Schwestersohn abgegeben. Dann bleibts in der Familie.« »Und wenn ich auch wollte. Weißt du denn, ob Anna will? Und daß Peter ›ja‹ sagt?« »Na du!« Frau Rohwer schlug ihrem Sohn scherzend auf die Schulter. »Das ist zu albern, da antwort ich gar nicht drauf.« Die Steinhofbäuerin war stolz auf ihren vielbegehrten Sohn. Sie sprachen noch lange, hauptsächlich die alte Frau. Als es spät geworden war, sagte Hans: »Was meinst, Mutter, kann Katrien noch ne Tasse Kaffee kochen? Ja? Dann schwarz und stark! Bei Peter bekam ich süßen Grog, bei Mutter süße Rede. Auf süßen Grog und süße Rede gehört bittere Bohne. Sonst stößt es einem auf, und man wird den Geschmack nicht los.« »Jawohl, mein Sohn«, sagte die alte Frau und ging nach der Küche. ›Das wird!‹ dachte sie. ›Ich will mit ihr reden und ein bißchen vorfühlen.‹   Als Hans Rohwer im Bett lag, konnte er nicht gleich schlafen. Er mußte immer rechnen, was das Zollhaus wohl wert sei, wenn mans zum Bruderpreis an Peters Schwestersohn abtrete, und er mußte zweimal rechnen, weil er bald den Wegzoll mit in Anschlag brachte, bald nicht. Schließlich schlief er aber doch ein und – träumte. Aber nicht vom Zollhaus und auch nicht von Anna Holling und von den Plänen seiner Mutter. Er stand immer bei Henning Vollert auf Störfetten im Köök und kam von der Koppel nicht herunter. »Nein, Hans«, sagte Henning Vollert. »Nein, Hans, das weißt du nicht recht. Buchweizen ist eine Blatt- und Kolbenfurcht mit doldenmäßigem Anschlag, aber sin Apis ist als Furasche eksellent, wie nichts. Sieh mal, Hans, wie die Biester einhauen.« Aber Hans sah keine Biester, er sah nichts als einen gelben Mädchenstrohhut.   In der Kammer des Zollhauses lag Anna Holling kalt und sanft und braun im geblümten Bett und dachte: ›Er ist so stolz, er ist so nett. Ob er mich wohl liebt, wie ich ihn liebe?‹ 4 Als Peter Holling von Jochen Vollstedts Koppel nach Hause gekommen war, fühlte er sich schläfrig und müde. Er saß und gähnte, aß wenig und ging früh zu Bett: »Dat oll Drinken!« Man hörte ihn auf sich scheltend nach seiner Kammer gehn. Er schlief nahe am Dielentor, weil es ihm für den Wegzoll bequemer war. Im Bett fand er nicht die gesuchte Ruhe. Alles, was er mit Hans Rohwer besprochen hatte, lebte wieder auf. Mit dem Brückenzoll kam er nicht zurecht. Wenn ihm der genommen würde – den Gedanken wollte er nicht ausdenken. Es verhielt sich so, wie Hans Rohwer sagte, es stand Lateinisches im Kontrakt, es konnte wohl sein, daß darin etwas enthalten war, was für heute sein Privilegium aufhob. Früher hatte das Zollhaus den Weg gebessert, vor drei Jahren aber, da hatte das Amt die Unterhaltung übernommen, ohne daß, wie es schien, der Brücken- und Wegzoll zur Sprache gebracht worden war. Die Unterhaltungskosten wurden auf die Amtsunkosten verrechnet; zu den Amtsunkosten trugen alle Amtseingesessenen bei. Es war also richtig, was Hans Rohwer gesagt hatte, auch die aus dem Dorf ›kontribierten‹ dazu. Aber, was ging das Zollhaus das an? Man hatte ihn nicht zu den Verhandlungen herangezogen, man hatte ihm nichts gesagt, deshalb ließ er es so, wie es war. Wenn das Amt den Weg machen wollte: ihm nicht zuwider. Er fuhr fort, Sand und Busch dahin zu bringen, wo es dessenungeachtet nötig schien; die Brücke hatte er alle drei Jahre geteert. Daß er den Weg besserte, das schien die Amtswegebehörde niemals bemerkt zu haben. Vor der frisch geteerten Brücke hatte der Wegeinspektor einmal gestanden und hatte gefragt: »Wir streichen doch sonst alle Brücken grauweiß. Wie kommt es, daß diese geteert ist? Ich muß mal mit Bruhn« (Bruhn war der Distriktswegeaufseher in Schönmoor), »ich muß mit Bruhn sprechen. Nun, ein Teeren tuts am Ende auch, ist im feuchten Moor vielleicht besser als graue Farbe.« Dabei war es geblieben, er hatte mit Bruhn nicht gesprochen. Seinem Nachbar Hans, als dessen Freund er geschieden war, mißtraute der Zollwirt wieder, als er im Bett lag. Der große Steinhofbauer paßte, das war ihm klar, nur die Gelegenheit ab, um selbst die Probe auf den Brückenzoll zu machen. Das war am Ende auch natürlich. Just so hätte Peter Holling, stünde er an des Nachbars Stelle, gehandelt; weshalb sollte dieser anders tun? Entschädigung vom Amt? Sich von Herodes zu Pilatus schicken lassen? Nein, darauf wollte er sich nicht einlassen. Der Verkehr war im Steigen, 32, sage zweiunddreißig Schillinge hatte der Zoll in den letzten drei Tagen eingebracht. Das war keine Kleinigkeit! Nein, das Recht wollte er sich nicht für ein Butterbrot nehmen lassen. Endlich kam Peter in seiner Bettstatt zum Entschluß. ›Er ist beim Advokaten gewesen‹, sagte er für sich, ›ich will auch zum Advokaten. Mein Wagen geht ohnehin nach Delf, ich fahre selbst und mache den Umweg zur Stadt.‹   Am folgenden Morgen war Peter, bevor Anna vom Melken zurückkam, auf der Landstraße. Noch vor Mittag fuhr er von Delf durch die Stadt zurück. Den ganzen Weg hatte er geschwankt, ob er zu Advokat Paulsen, der galt für ehrlicher, oder zu Muth, der sollte geriebener sein, gehen wolle. In der Torfahrt des alten Walles änderte er seinen Plan; er wollte zu gar keinem Advokaten, er wollte zum Volksanwalt. Die Studierten – teurer sind sie, und wenn man heimkommt, ist man so klug wie zuvor. Das steckt immer voll von Bedenken und Bedingungen. Wenn sie den Mund auftun, dann scheints, als ob sie einem recht geben wollen. Nachher folgt ein Sermon, der alles zurücknimmt. Und der Bescheid, den man nach Hause tragt, ist schließlich so eingewickelt und umhüllt, daß man ihn kaum noch findet. Peter Holling knipste mit der Peitsche und sagte zu sich, oder wenn man will, zu seiner Fuchsstute: ›Wir fahren zum Volksanwalt Georg Heinrich Joens in Schönmoor.‹ Schönmoor lag am Weg, nicht weit auf der andern Seite des Moors, über das die Straße führte. Es war ein Kirchdorf, hatte eine Kirchspielvogtei, wo kleinere Sachen niederer Gerichtsbarkeit erledigt wurden. Georg Heinrich Joens machte sich als Parteivertreter dabei nützlich oder, wie mans nehmen will, unnütz, befaßte sich mit schriftlichen Eingaben und spielte den Volksanwalt. Mitten im Dorf lag eine Bauernstelle, die nach den Gebäuden nicht gar umfangreich sein konnte, mit einem Vorgarten nach der Straße, dreißig Schritt vielleicht zurück. Ein Mann in den Fünfzigern hatte den Rock ausgezogen und war dabei, zu graben. Peter wechselte mit ihm die Tageszeit. »Ich wollte noch ein bißchen einsäen«, sagte Georg Heinrich Joens zu Peter, denn er war es selbst. Peter, der mit seinem Fuhrwerk im Wege hielt, billigte das. »Ich hätte gern ein paar Worte mit Ihnen gesprochen«, bemerkte er seinerseits. »Kommen Sie rein«, erwiderte Georg Heinrich Joens und steckte den Spaten ein. Der Zollhauswirt fuhr auf die Hofstelle. Gewöhnlich haben die in Erzählungen auftretenden Volksanwälte rote, fette, klebrige Haare, sommersprossige Gesichter; Verschmitztheit, Niederträchtigkeit und Gemeinheit steht ihnen auf der Stirn. Ich muß um Entschuldigung bitten – aber so sah mein Volksanwalt, so sah Georg Heinrich Joens nicht aus. Joens, der nach wenigen Minuten in einem schwarzen, abgeschabten Tuchrock rauchend im Lehnstuhl saß und Peter Hollings Papiere las, machte mit seinem guten, offenen Gesicht den Eindruck eines ehrsamen, besser erzogenen Mannes. Und wenn auch die Augen auffällige Nachbarschaft hielten und die Stirn eng schien, so sprach das nicht gegen eine gute Gesinnung. Das war sicherlich kein in der Lauge abgebrühter Gauner, das war höchstens ein etwas bornierter Mensch. Wie ein kleiner Landpächter sah er aus, der mit seinen Mitteln haushalten muß. Und das traf buchstäblich zu. Er hatte ein Gut besessen und es verprozessiert. Das war so gut wie ein juristisches Examen, dabei hatte er manches angenommen und gelernt und gesehen, wie ein Advokat sich räuspert. Nun hatten seine Freunde ihm zu einer kleinen Pachtung verholfen, wobei er die Volksanwaltschaft im Nebengewerbe betrieb. Während Georg Heinrich Joens die vergilbten Papiere entfaltete und durchlas, gingen die Augen seines Klienten über die großen und wohlbesetzten Bücherregale. So viel Bücher hatte Peter noch niemals auf einem Fleck gesehen, so viel standen, meinte er, nicht einmal bei Advokat Paulsen. Die Menge und das Alter der Einbände! Ob Joens die wohl alle durchgelesen hat? Peter nahm wahr, daß auf dem Rücken eines ganzen Berges langer Bände gedruckt stand: ›Gesetze und Verordnungen.‹ Gesetze und Verordnungen, das erweckte bei Peter ähnliche Gefühle, wie das verschleierte Bild zu Sais bei dem die Wahrheit suchenden Jüngling. Für ihn war Georg Heinrich Joens ein Isispriester, ein Bewahrer der Geheimnisse des geschriebenen Rechts. Ja, wer so viel Bücher hatte, der mußte ein grausam kluger Mensch sein. Und der grausam kluge Mensch schlug mit der flachen Hand gewichtig auf die Privilegien und sah den Zollwirt mit treuherzigen Augen an. »Holling«, sagte er, »das ist ein schwerer und tiefer Kontrakt.« »Ja«, erwiderte Peter. »Latein ist auch drin, und hier stehts.« Er bog sich nach dem Schreibtisch hin und zeigte den Satz mit dem Finger. »Könnt Ihr das verstehen, Joens?« Joens warf einen Blick auf die Stelle und lachte. »Ich wär ein netter Advokat, wenn ich das nicht könnte.« Auf eine Übersetzung ließ er sich aber nicht ein. Er wiederholte, es sei ein schwerer Kontrakt, und da müsse er erst mal die Gesetze nachlesen. Darüber war Peter Holling enttäuscht. »Wißt Ihr denn die Gesetze nicht ›buten Kopp‹?« fragte er. Aber der weise Mann lachte wieder. »Was Ihr euch einbildet, Holling. Seht, das ist so. Es gibt welche Gesetze, das sind die echten, die das festsetzen, was selbstverständlich und nicht abzuändern ist, die weiß man aus dem Kopf. Ich will mal sagen ...« Joens holte sich die Pfeife wieder, zündete sie an und sann nach. »Na, ich will mal sagen, daß man seine Schulden bezahlen muß. Das ist so ein echtes Gesetz« sagte er gewichtig. »Muß denn darüber noch ein Gesetz sein?« »Nein, das ist nicht nötig. Und diese nicht notwendigen Gesetze, die sind eigentlich gar keine Gesetze, die nennt man natürliches Recht, die weiß ein Advokat ausm Kopf.« Peter hatte sich bisher zugetraut, das auch zu wissen. »Und dann gibts welche Gesetze«, fuhr Joens fort, »die meistenteils vernünftig sind und deshalb bei allen Völkern gelten und schwer abgeändert werden. Die hat man auch so am Band.« Joens wollte das mit einem Beispiel belegen. Er lehnte sich zurück und paffte kräftig. Man sah es dem engen Kopf ordentlich an, wie es dahinter arbeitete und wie Verstand und Gedächtnis sich auf die Hinterbeine setzten. »Es läßt sich schwer was finden«, sagte er ein bißchen mißmutig über seine aufsässigen Talente. »Nun, ich will mal sagen, daß ein Unmündiger einen Vormund haben muß. Das wird da hinein fallen. Das ist ja nur ein Exempel, aber ich habs anführen wollen. Bei diesen und solchen Sachen, da weiß man meistens auch Bescheid, ohne daß man die Gesetze ansieht.« Wenn Peter Holling nicht vor einem Mann gesessen hätte, den er für gelehrt hielt, er hätte wahrhaftig geglaubt, was Alltägliches zu hören. Da er aber vor Georg Heinrich Joens saß, so war er gewiß, es stecke ein geheimer Sinn in den Worten. Aus diesem Grunde hörte er ehrfurchtsvoll zu und – bestaunte vorweg das ihm unbekannte Geheime. »Aber«, sprach Gorg Heinrich Joens weiter, stand auf und ging rauchend und gestikulierend vor Peter Holling auf und ab, »und dann gibt es welche Gesetze, die als ein Singuläres, wie wir Juristen sagen, als ein Spezielles dem Natürlichen hinzutreten.« Peter ging es wie ein Mühlrad im Kopf herum, und gerade weil es mit ihm rundum ging, freute er sich über den gestikulierenden Joens. Denn ein Mensch, der so hochtönende unverständliche Worte machen konnte, war sicher ein gelehrter Mann. »Solche Gesetze«, schloß Joens, »die weiß kein Mensch ausm Kopf, die muß man, wenn ein besonderer Fall kommt, nachsehen. Ja, dann muß man in der systematischen und chronologischen Sammlung der Gesetze und Verordnungen« (seine Hand beschrieb einen Kreisausschnitt, worin die ganze Bibliothek an der Wand beschlossen war) »nachlesen, da muß man all die Bücher studieren. Und zu den speziellen Gesetzen gehören die, die in eurem Fall in Betracht kommen.« Er nahm die Papiere in die Hand. »Ich sagte schon, das ist ein schwerer Kontrakt. Ah, Holling, seid so gut und sprecht in einer Stunde wieder vor.« Im allgemeinen war der Eindruck ein guter, den Peter mit hinwegnahm. Er überließ den gelehrten Mann sogar zwei Stunden dem Studium der singulären Rechte und Spezialgesetze und fuhr nach dem nur eine Viertelstunde entfernten Bostedt zu einer dort wohnenden Schwester. Er traf zur Kaffeezeit ein, bekam auch noch Lesefrüchte vom Mittag. Sein Schwager stärkte das Vertrauen zu dem gelehrten Mann, der inzwischen die unechten Gesetze, die allein welche sind, studierte, das Vertrauen zu diesem Mann steigerte er ungemein: »Der, der, der steckt fünf richtige Advokaten in die Tasche«, beteuerte er. Und er erzählte Geschichten von hohen Persönlichkeiten, denen der Mund von Georg Heinrich Joens aus Schönmoor gestopft worden war. Der belobte Mann hatte seinen Spruch auch längst zurecht, als Peter zurückkam. Einiges hatte er noch zu fragen, aber es war wenig. Und dann schoß er los. Sachlich ging er zwar mit dem Gegner scharf um, in der Form aber blieb er mild, und wohlwollend sein Gesicht. Im dunkeln, abgeschabten Tuchrock, das schwarze Haar leicht ergraut, ein wohlgenährtes und doch nicht zu fettes Gesicht, braune, freundliche, dicht zusammenstehende Augen mit dichten, schwarzen Brauen, eine stattliche Gestalt, im Lehnstuhl sitzend, eine lange Hauspfeife in der Hand, bequeme Filzschuhe an den Füßen, Blumentöpfe vor den Fenstern, die Sonne auf dem Schreibtisch, eine gelehrte Bibliothek ringsum. Und da sollte man kein Vertrauen haben? Das Lateinische, lehrte er, heiße etwa: Da ich, der König, so gut gewesen bin, dem damaligen Holling ein Privilegium zu geben, so wird Holling auch gut sein. Er wird was an dem Weg und an der Brücke tun. Eine Verpflichtung, so, daß das Zollhaus es müsse, sei nicht ausgesprochen. Da nun das Zollhaus ohnehin bis in die jüngste Zeit was getan habe, so sei die Sache ganz klar: es dürfe kein Mensch ihm wegen des Privilegiums ›an den Wimpern klimpern‹. Joens drückte sich so aus, er war als junger Mensch in Berlin gewesen und liebte es noch immer, den Berliner zu markieren. »Das Lateinsche«, fragte Peter Zollwirt sanft, »sonst führt das nichts im Mund?« »Gar nichts, Holling.« »Auch nicht, wenn es jetzt ein Amtsweg ist?« »Geht uns gar nichts an.« »Und das Lateinische hat da keine Fußangel?« »Wieso, Fußangel?« »Ich meine, daß da gesagt ist, wenn es so kommt wie jetzt, dann kann das Zollhaus nichts verlangen. Oder daß es doch so ausgelegt werden kann?« Der Volksanwalt blickte auf seine Fingernägel und blieb drei Sekunden lang stumm. Dann sah er seinem Kunden voll und breit in die Augen. »Ihr könnt ganz ruhig sein, Holling. Euch kann nichts passieren. Ich setze meinen Kopf dafür ein.« Peter Holling besah sein Pfand, das gut geformte würdige Haupt, und es gefiel ihm. »Nun bin ich zufrieden«, antwortete er. 5 Es ist nicht nötig, alle Einzelheiten des Gutachtens zu wiederholen; Peter Holling ließ zwei Taler in der Hand des klugen Mannes zurück und fuhr stolz und gehoben nach Hause. Ungewißheit und Zweifel waren nicht mehr. Mit Georg Heinrich Joens im Bunde, da fürchtete er das ganze Amt nicht, frei und sicher und siegesgewiß fuhr er dahin. Es konnte ja auch gar nichts anders sein. Der Mann, der fünf Berufsjuristen, der Pastoren und Schullehrer festgekriegt hatte, der hatte es gesagt: Peter Hollings Recht, hatte er ausgeführt, sei ganz unantastbar. Mit seinem Kopf stand er dafür ein. Ein Kopf! Und was für ein Kopf! Der hatte noch einen! So dachte Peter. Aber da fiel ein verdrießlicher Schatten in seine Seele. Er hatte die Meinerskoppel ganz vergessen. Das war bös, heute hätte es sein sollen, morgen wollte sein Nachbar auf die Stoppel jagen. Er mußte morgen einen Hüter stellen und zugleich den Knick bessern, das verdroß ihn sehr. Langsam fuhr er weiter: Aber ist es denn ausgemacht, daß ich verpflichtet bin, dicht zu machen? Ist da ein Gesetz, das es sagt? Wo steht es geschrieben? Und wenn: ist es ein echtes oder ein unechtes, ein natürliches oder ...? ›Singuläres‹ wollte Peter denken, er dachte aber das ihm geläufigere, für ihn ebenso unverständliche Wort ›schpezifischiertes‹. Rasch entschloß er sich, umzukehren und den klugen Mann zu fragen. Peter Holling hatte Glück. Georg Heinrich Joens begegnete ihm kurz vorm Dorf. Das traf sich gut, der Volksanwalt ließ auch am Wegknüll mit sich reden. Über das Wagenschott weg beim Mergelloch, nicht weit von Krischan Lembkes Wirtshaus, wurde die Sache abgemacht. Der Kluge schob den Hut auf den Hinterkopf und legte die Hand einen Augenblick an die Stirn. Und sprach dann einiges, was Peter Holling nicht verstand, Joens selbst auch nicht. Peter wollte aber ein Nein! er sei zum ›Dichten‹ nicht verpflichtet, und hörte auch ein Nein. Er wollte ganz sicher gehen und fragte deshalb, ob es ein Gesetz darüber gebe. Das verneinte der Mann am Wagenrad. Kein echtes, das gar keins sei? Auch kein ›schpezifischiertes?‹ »Ihr meint eine Spezialverordnung«, berichtigte Joens. »Auch das nicht.« Nun war Peter zufrieden. Er fragte mit einer Handbewegung, der man ansah, daß sie nicht ernst gemeint sei, und mit einem Tonfall, worin der Zusatz lag: die Kleinigkeit wird mir doch nichs kosten? nach seiner Schuldigkeit. Der wohlwollende, schwarzgekleidete Mann, die Hand an der Wagenleiter, verstand Handbewegung und Tonfall, überlegte im Fluge, was für ihn am vorteilhaftesten sei: den halben Taler zu nehmen, der ihm seines Erachtens zukam, oder sich das Ansehen eines uneigennützigen Mannes zu geben und mit dem Verzicht auf die vierundzwanzig Schillinge seinen Acker zu düngen. Ohne daß dem rechtlichen und wohlwollenden schwarzgekleideten Mann sein Gedankengang und sein Eigennutz klar wurden, ließ er seine Augen über Peters magere, streitsüchtige Figur gehen. Er kannte sich aus, das war ergiebiger Boden; der Mann, der hatte das Zeug zu einem Streithammel, der durfte nicht kopfscheu gemacht werden. Georg Heinrich Joens verzichtete und erhielt dafür einen wirklich herzlich gemeinten Händedruck.   Nach diesem Händedruck fuhr der Zollwirt die Straße weiter von Schönmoor weg, an Krischan Lembkes Wirtschaft vorbei, hinunter nach dem Moor. Der letzte Bescheid hatte ihn zufrieden gemacht. Er hatte ein entschiedenes Nein gehört, entschiedener, als es gesprochen worden war. Aber er wollte die Sache mit dem Knick nicht gleich auf die Spitze treiben. Die kleine Elsbe Thöm sollte so lange hüten, bis er mit dem Dichtmachen fertig sei. Auf der Meinerskoppel stand Sommerroggen in Halmen, und was für ein Sommerroggen! Wenn da Hans Nohwers vierzig Kühe hineinfielen – o je, o je! Der kühle Abend kam und reinigte die Luft von dem feinen sandigen Staub der Tagesschwüle. Bisher war Peter erst zwischen Knicken gefahren, dann ein Viertelstündchen auf freier Wiesenfläche, nun begann das Moor, die große, die schwarze, sommergedörrte, Torfgeruch atmende Ebene. Menschenleer. Am Horizont Aufleuchten eines Funkens, vielleicht das blanke, vom roten Gold der sinkenden Sonne getroffene Eisen des letzten Gräbers. Der ging, das schwankende Werkzeug auf der Schulter, nach Haus und Herd. Vor sich unterschied Peter die feinen, blauen Linien der ansteigenden Felder seines Dorfs. Hier ein Punkt: das Zollhaus, dort ein Punkt: der Steinhof, im Hintergrund die Mühle. Aber rechts, da verlief das Moor bis zur Krümmung der Erde. Noch war die Sonne nicht untergegangen. Peter sah fragend nach der Wetterecke. Es sammelten sich Wolken, die Sonne versteckte sich, sie sprengte aber, just wie gestern, vor Untergang die Wand und ging rein und voll hinab. Und als die Sonne hinabgegangen war, stiegen rasche Abendnebel. Die den Damm einrahmenden Weiden standen schon auf fünfzig Schritt in einem See. Der Weg ist gar nicht so ungefährlich, die Gräben tief und grundlos, wer da hineinfällt, ist geliefert, ohne fremde Hilfe kommt da keiner wieder heraus. Er sinkt in den Morast, selbst Schwimmer haben ihre Not. Die Unterirdischen lassen ihn nicht, sie ziehen ihn wie Blei hinab. Ist nicht noch voriges Jahr Fritz Bock, der das Moor kannte wie einer, elendiglich umgekommen? Und wie viele Jahre sinds denn, als man die Leiche des Landstreichers barg? Er ist auf Gemeindeunkosten beerdigt worden, es ist niemals kund geworden, wer er gewesen. Und dann Dierk Trede. Peter war damals ein Halberwachsener, er hat mit angesehen, wie man ihn herausfischte. Alle waren mit Haken und Stangen ausgezogen, den alten Mann zu suchen. Sechs Stunden waren sie dabei und hatten nichts gefunden. Da sagte Krischan Göttsche, er diente als Knecht auf dem Steinhof, der sagte zu Mars Stamerjohann, der die Schusterei im Dorf betrieb, zu dem sagte Krischan: »Ich glaub, hier ist was, faß mal ein bißchen mit an!« Und Krischan und Mars zogen beide und zogen und – zogen. Peter sieht es noch. Es standen ein Dutzend Menschen umher, keiner sprach ein Wort. Das Wasser warf Blasen. Wie sie rieselten, kochend aufstiegen, knatterten, platzten! Da kam was Dickes. Was ist das? Wenn Peter jetzt daran denkt, graust ihm mehr als in dem Augenblick. Erst kam ein Bein mit schönen Schäftestiefeln und dann der ganze Dierk. Krischans Haken war in dem dicken Manchesterstoff fest geworden. In dunkler Nacht über das Moor, ist eine eigene Sache. Alle Dämme sind bepflanzt, die Wege gehen bunt durcheinander. Die zur Torfabfuhr haben plötzlich ein Ende, ein Heck, ein tiefer Quergraben davor. Wenn man fährt, läßt man den Pferden die Zügel, die Pferde finden sich zurecht. Ob ihr Gedächtnis besser ist, ob ihr Geruchssinn mitspielt, ob sie einen sechsten Sinn haben – kein Bauer und kein Fuhrmann weiß das. Aber Bauern und Fuhrleute trauen ihren Gäulen zu, daß sie nach den heimischen Ställen oder dahin gehen, wohin nach ihrem Pferdeverstand ihr Herr will. Peter überließ es seinem Fuchs, den Weg zu suchen. Und der Fuchs bog bald rechts, bald links ein, ging vorsichtig, wo der Weg schlecht war, und trabte, wo er fest schien. Einmal machte er aber auf gutem Wege langsamen Schritt und stand dann plötzlich still. »Nanu?« Peter stieg ab. Es war ziemlich dunkel, es standen wenige Sterne am Himmel. Peter tastete um den Wagen herum. Der Gaul stand vor Heck und Graben. »Hat sich der Fuchs verbiestert – wo bin ich?« fragte Peter, kannte sich aber bald aus. Er hielt vor seinem eigenen Moorteil, da hatte er vor einigen Wochen, als er aus der Stadt gekommen war, Torf geladen. »Du bist ein dummer Kerl!« sagte er zu dem Fuchs. »Siehst du, damals, das war eine andere Sache. Ich hatte einen Bauwagen, und zwei Pferde hatte ich vorgespannt, und dann war es heller Tag. Nein, mein Junge, nun wollen wir gleich nach Haus und nicht erst Torf laden.« Auf dem Damm konnte er nicht wenden, er mußte auf sein Moorteil fahren und die Sperrstangen des Hecks wegnehmen. Es war eine alte Sodstange darunter, die eiserne Eimerklinke klirrte, als er das Holz ungeduldig von sich warf. Es kam quer über den Graben zu liegen. Da ließ er es. Peter Holling kam spät nach Haus, aber Franz, der Knecht, saß noch im Nebel unter den Pappeln und rauchte. Bauer und Knecht spannten aus. »Ist der Hafer ab?« fragte Peter. »Der Hafer ist ab, es sind aber viel Disteln drin«, entgegnete Franz. »Sonst was passiert?« »Nein!« Franz hing das dem Fuchs abgenommene Buggeschirr an die Wand. »Ja doch, die alte Trien Rohwer vom Steinhof ist hier gewesen.« »Was wollte die denn?« »Das weiß ich nicht. Sie hat mit Anna gesprochen. Schlimmes ists wohl nicht gewesen, sie lachten viel und Anna ist, als die Alte wegging, mit ihr längs gegangen.« »So!« Nach fünf Minuten war alles besorgt, der Fuchs graste im Wischhof, die Eulen, alteingesessene Eulen des Zollhauses, fingen an, in den Bäumen zu klagen, und Peter und Franz gingen zu Bett. 6 Die Nacht verging, der Morgen kam. Und kam taufrisch. In den Pappeln und Linden sang und zankte und zirpte es, das Flüßchen hastete unter Büschen und Bäumen am Zollhaus vorbei, rauschte und plätscherte seine Melodien; alles atmete Frieden, und das Zollhaus wartete auf ein paar Brückenschillinge. Da begab sich etwas, was in Jahrzehnten nicht vorgekommen war: es fiel vor Tag ein aus mehreren Gespannen bestehender Flüttgutszug in das Wirtshaus ein. Der kam von hinten her aus Dörfern, die man nur dem Namen nach kannte. Er war den größten Teil der Nacht unterwegs gewesen und wollte weiter übers Moor. Mitgenommene Erfrischungen waren verzehrt, nun frühstückten sie im Zollhause, nun lärmte ein Dutzend mehr und weniger angesäuselter und angetrunkener Männer und Frauen im Zollhaus. Die Reisestimmung war den guten Leuten über den Kopf gewachsen, die Fluggedanken waren von der Umwelt unabhängig geworden – nun kamen Züge an den Tag, die dem Alltagswesen der Braven gewiß fremd waren. Um sechs Uhr trank man Kaffee. Die Männer gossen Rum hinein, eine bedusselte Frau strich dicken Senf aufs Brot und sagte immer: »Wat för schön Honni (Honig)!« Um acht Uhr tanzte man nach der Musik eines Kammvirtuosen: »Herr Schmidt, Herr Schmidt« – Peter hatte genug mit der Herbeischaffung von Getränken und Butterbrot zu tun. Um halb elf gerieten zwei Leute in Meinungsverschiedenheit, Punkt elf fiel der erste Schlag, eine Minute später war eine allgemeine Keilerei im Gange. Jäh auflodernder Zorn des Wirts, Aufkündigung des Gastrechts, wenn nicht sofort Ruhe eintrete. Darauf Ernüchterung, merkliche Abflauung. Man fing an, sich zu erinnern, daß man auch in der Fremde bei lustigem Flütten ein von den Außendingen abhängiger Mensch sei. Was besiegt schien und zur Vordertür hinausgeworfen war, schlüpfte zur Hintertür wieder herein. Ein paar Männlein und Weiblein wurden unwohl, zwei von den gesund Gebliebenen standen Peter Holling bei, sie im Heustall zu betten. Und als endlich – endlich gegen drei Uhr nach Mittag die wilde Gesellschaft über die Brücke ins Moor hineinfuhr, lagen die Kranken in Pferdedecken gewickelt im Wagenstroh. Die ganze Zeit war Peter beschäftigt gewesen, hatte nichts oder wenig gegessen. Nur zwei oder drei Grog hatte er in der Küche trinken können. Er war nicht betrunken, nur angeregt und ein ganz klein wenig gehobener als sonst. Übermenschentum ist erfahrungsgemäß ansteckend, ein wenig mochte auch unser Peter von der gröhlend davonjagenden Gesellschaft abbekommen haben. So fiel das Glücksgefühl, das den Geschäftsmann an seinem guten Tag beseelt, auf günstigen Boden. Es hatte ihn den ganzen Morgen erwärmt. Wer kennt es nicht! Die Bankhalter kennen es, die mit krummer Nase und mit krummem Lächeln auf krummer Lippe am Pult thronen und schmunzelnd sehen, wie das Volk sich an ihre Wechseltische drängt. Der Krämer kennt es, der einem Jungen eine Kanne Syrup einmißt und sechs Köchinnen mit Kontobüchern und Körben vor der Tonbank warten sieht. Auch Peter Holling kannte es. Abends pflegte er alles in die Schublade auszuleeren, was der Tag an Schillingen gebracht hatte. Das Glücksgefühl der Tagesgeschäfte maß sich im wesentlichen nach der Schwere ab, womit der kleine Silberballen in der rechten Hosentasche auf die Lende drückte. Der Bauer des Märchens, der aus dem Glücksberg goldbeladen herauskommt, mißt seinen Schatz, um vorerst im Groben unterrichtet zu sein, mit dem Kannenmaß ab. Peter Holling tat es mit der Hand. Er stand hinter der Tonbank vor der offenen Schublade, die ganze hohle Hand voll Geld. Bevor er es hineinfüllte, fischte er mit den Augen die Taler, die Achtschillingstücke, die Vierschillingsstücke heraus und schätzte die breite Masse der Einzelschillinge und der silbernen Sechslinge. Es war wirklich ein guter Tag. Vier Wagen waren es gewesen, das hatte acht Schillinge Brückengeld gebracht – vier hatte er zurückgegeben und geschenkt. Eigentlich war es in diesem Fall Dummheit, das sah er ein, denn die Leute würden ganz gewiß den Moorweg niemals wieder fahren. Aber so ging es immer, er war eben zu gut für diese Welt. Er war zu gut für die Welt, und über die Diele her kam jemand in vollem Trab, ganz eilig, kam förmlich gelaufen (die Röcke rauschten, es mußte ein Mädchen sein), der Jemand riß die Tür zur Schenkstube auf, und vor dem glücklichen und tugendhaften Peter Holling stand das Kleinmädchen, stand Marie Olfers, rot und heiß und aufgeregt und rief: »Uns' Weert, uns' Weert! Hans Rohwer sin Kauh sünd all in uns' Rogg'n.« Den Teufel noch mal, die Meinerskoppel! Die hatte er ganz vergessen. ›Das macht nichts‹ begehrte das Glücksgefühl und die beiden aus leerem Magen in den Kopf verstiegenen Glas Grog auf. ›Das macht nichts, das kann Hans Rohwer bezahlen. Wo steht das, daß ich dicht machen soll? Freilich, man hält das im Dorf unter Bauern dafür. Aber wo ist das Gesetz? Das steht in keinem, weder in einem echten noch in einem unechten.‹ Peter setzte seine Mütze auf und stürmte nach der Meinerskoppel. Und als er die Verwüstung seines Sommerroggens sah, da stand es bei ihm fest: das alles soll Hans Rohwer bezahlen. Auf der andern Seite des Walls, vom Steinhofer Gebiet her, klang Lärmen und Prahlen und Peitschengeknall und Kuhgebrüll; in der Zollhauskoppel waren der Knecht Franz und der Dienstjunge Jörn dabei, die letzten Rinder durch das Knickloch zurückzujagen. »Halt!« schrie Peter. Fünf Stück waren noch zurück, schwere, wertvolle Tiere. Es kam ihm ein Gedanke. Das altdeutsche Schütt- und Pfändungsrecht war bei Viehübertrittcn freilich außer Gebrauch, gesetzlich aber noch in Geltung. »Halt!« rief Peter. »Laßt, wir wollen sie nach unserm Stall nehmen, wir wollen sie schütten.« Franz war darüber schier verstört. Schütten! 'Das wird den Steinhöfer in Wut bringen', dachte er, wagte es aber nicht zu sagen. Er stellte vor, die Tiere seien über ›unsern‹ Knick gestiegen. Aber Peter wurde heftig und bestand um so mehr auf seiner Anordnung. So hüteten Franz und Jörn die fünf Gehörnten aus dem Heck. Als Franz den Schlagbaum in die Gabel zurückwarf, hörte er plötzlich eine Stimme: »Sag mal, Franz, was hat das zu bedeuten? Die Kühe gehören mir.« Hans Rohwer war aus der Steinhofer Koppel gekommen und stand vor ihm. »De will uns' Weert schütten«, erwiderte Franz. Hans Rohwer schien ruhig, war aber in Wahrheit in heller Wut. »So«, sagte er gedehnt. »Und ist dein Wirt in der Koppel?« »Das ist er.« »Schön.« Der Steinhofer stieg über den Schlagbaum der Zollhauskoppel, Franz wollte das Tor öffnen, aber Hans Rohwer ließ es nicht dazu kommen. Entschlossenen Schrittes ging er in die Tiefe des Feldes. ›Das geht nicht gut‹, dachte Franz. »Jörn«, wendete er sich an den Dienstjungen, »die Kühe nehme ich allein. Du kannst zurückgehen nach dem Wirt und sehen, ob er was für dich zu tun hat.« Franz zwinkerte mit den Augen. »Und kannst mir nachher erzählen, Jörn, verstehst du?« Franz war mit seinen Kühen halb nach Hause, da kam Anna ihm in heller Angst entgegen. »Was sind das für Kühe? Das sind nicht unsere, die gehören nicht uns. Das sind welche vom Steinhof. Franz, was soll das doch einmal?« »Ja, Anna, die will unser Wirt schütten.« »Schütten... wieso schütten? Ich verstehe das nicht.« Sie konnte die Tat ihres Vaters nicht fassen, sie war nach den im Dorf landläufigen Begriffen zu ungeheuerlich. Und als sie alles begriffen und übersehen hatte, da war sie verzweifelt. »Das geht nicht gut, das geht nicht gut«, jammerte sie. »Das wird Hans Rohwer meinem Vater niemals vergeben.« »Das glaub ich auch«, entgegnete Franz. »Hans Rohwer ist auch schon hingegangen. Ich fürchte, es wird zu Streit kommen.« »Gott, mein Gott!« Und in namenloser Angst flog Anna den Weg nach der Meinerskoppel entlang. 7 Auf der Meinerskoppel riß nicht allein der neue Faden, es riß auch die alte Verbindung. Es ruhte ein eigentümliches Verhängnis auf der undichten Stelle im Knick der Meinerskoppel. Der Steinhofbauer war nicht nach dem Zollhaus hinübergekommen, um sich mit dem Zollwirt in dessen Sommerroggen zu prügeln. Bewahre! Er hatte sogar gute Gefühle gegen das Zollhaus und namentlich gegen die Zollhaustochter, es war ihm den ganzen Tag so lieb, wenn er an Anna Hollings Gesicht dachte. ›Es wird nicht anders werden‹, sprach und dachte er weiter, ›sie wird meine Frau. Und es ist auch wohl das beste. Ich will mich Sonntag fein machen und sehen, mit Anna ins Gespräch zu kommen, ob sie mich wohl will.‹ Denkt ein Mann an ein Mädchen, so wie Hans Rohwer an Anna Holling dachte, dann wird er sich sicherlich bald verlieben. Er steckte schon halb drin in der Liebe, er blieb auch dann noch zur Liebe aufgelegt, als ihm die Nachricht gebracht worden war, die Kühe seien in Peter Hollings Sommerroggen. Peter war ja sein zukünftiger Schwiegervater. Verdrießlich war er wohl, er hatte doch ausdrücklich gesagt und Peter hatte versprochen, aber von Zorn wußte er nichts. Aber das von dem Schütten verwandelte alles in gärend Drachengift. Wenn Peter ihn verklagt, ihn geschimpft hätte, das hätte nicht halb so schlimm gewirkt. Aber sein Vieh wegschütten, dabei hörte alles auf! Wann war das jemals vorgekommen? Alte Leute hatten es nicht selbst erlebt, hatten es höchstens von ihren Eltern und Voreltern gehört, gehört als ein Gerücht, da solle mal ein Lateinischer, der auf Hof Neuenrade gewohnt habe, der solle es mal getan haben. Aber unter richtigen Bauersleuten war es nie vorgekommen. Das Gedächtnis der Vorgänge auf der Meinerskoppel hat sich lange erhalten. Wenn zwei Leute sich die Freundschaft wegen Sachen kündigen, die nicht lohnen, dann sagt man wohl: ›Das ist ein Streit wie um Peter Holling seinen Knick.‹ Wenn jemand mit dem Einsatz eines großen Guts kleinen unsicheren Hoffnungen nachjagt, dann spottet man: ›In Kisdorf schoß Klaus Dummerjahn mit Kartaunen nach einem Mückenschwarm, auf der Meinerskoppel wollte Peter Holling nicht dicht machen und verlor das Brückengeld. Wo war man nun am klügsten: in Kisdorf oder auf der Meinerskoppel?‹ Wenn große und zornige Worte mit einem Hitzkopf durchgehen, wenn die vollen Bauernfäuste auf den Eichentisch schlagen, dann ruft ihm ein Ruhiger, ein Friedliebender zu: ›Laß dirs nicht gehen wie Peter Zollhaus‹, oder: ›Über Knickendichten spricht man am besten sachte‹. Wie sich der Vorgang in Peter Hollings Sommerroggen bis zu der Katastrophe steigern konnte, die die ruhigen Dorfleute so aufrüttelte, daß die Dorfväter den von uns berichteten Sühneversuch machten, das wollen wir so genau mitteilen, wie es einem aus den besten Quellen schöpfenden Geschichtsschreiber möglich ist.   Auf der Steinhöfer Meinerskoppel hatte das Kleinmädchen die letzten Kühe aus der Ecke geholt, sie zum Melken zusammenzutreiben. Da hat sie laute, zornige, scheltende Stimmen von der Zollhauskoppel herüber gehört. Peter hat geschrien, hat von seinem Recht und von Affkatenstreichen Gewisser gezetert und beteuert, er sei ein rechtschaffener Mann. Und der Steinhofbauer dazwischen, seine Stimme dumpfer und rollend, wie zorniger Donner: »Ich will dir sagen, was du bist. Ein Viehräuber bist du und ein Filu dazu!« Und nun wieder der schrille Zollhauswirt: »Das sollst du mir wahr machen, da will ich mehr von wissen.« Die Stimmen haben sich überschlagen. »Du bist ja besoffen«, hat Hans Rohwer gesagt, »ein Schwein bist du«, und dann: »Laß mich los, sage ich dir!« Dazwischen dumpfes, unsinniges Stöhnen und Wutknirschen von Peter. Dann hat der Steinhofbauer gerufen: »Laß mich los, oder ich vergesse mich!« »Laß mich los, oder ich vergesse mich!« hatte das Mädchen auf der anderen Seite des Walls gehört, der Steinhofbauer hatte es gesprochen. In diesem Augenblick oder kurz vorher mag es gewesen sein, als Jörn Paulsen, der Dienstjunge, unter den Roggenhalmen im Wallgraben schleichend, nach dem Platz zurückkehrte, wo sein Bauer stand. Schon von weitem hörte er die scheltenden und streitenden Männer. Er glaubte sich eigentlich überflüssig, er hatte das Gefühl, daß die zankenden großen Bauern sich vor ihm, dem Dienstjungen etwas vergäben. Er schämte sich in ihre Seele hinein, es war ihm, als ob er und nicht die Bauern auf unrechtem Wege seien. Das ist nun mal der Fluch unserer Menschenliebe. Er kam sich gedrückt und gedemütigt vor. Zum Trost kaute er an einem Timothyhalm. Er hätte gewünscht, Franz wäre selbst zurückgegangen und hätte ihm das Vieh überlassen. Aber das war nicht. Allmählich kam er bis auf zwanzig Schritt an die abgegraste Stelle heran, wo Hans Rohwer und Peter Holling einander gegenüberstanden. Weiter aber hat der kleine Kerl es nicht gebracht, da ist er starr am Wall stehen geblieben, hat sogar sein Grünfutter vergessen. »Nu, Jörn, was hast gesehen, wie ists denn gewesen?« hat Franz ihn abends, als sie zusammen im Wandbett lagen, ausgefragt. – »Ja«, hat Jörn geantwortet – unter der Bettdecke war er ein ganz Teil mutiger als am Nachmittag mit dem Timothystengel im Mund am Wall – »ja«, hat er erzählt, »unser Wirt hat dem Steinhofwirt die Hand auf die Brust gelegt und hat gesagt: ›Das sollst du mir bezahlen!‹« – »Jörn, vorher sagtest du, unser Wirt habe gesagt, da will ich mehr von wissen.« – »Ja«, entgegnete Jörn und streckte sich behaglich, »das weiß ich denn nicht so genau, ob er gesagt hat, das sollst du bezahlen, oder: da will ich mehr von wissen. Von Affkatenstreichen schnackte er auch.« – »Na, und da?« – »Ja, da hat Hans Rohwer vom Steinhof gesagt: »Laß mich los! Du raubst Vieh«, hat er gesagt, und »viel Lu.« – »Er raube viel Lu?« fragte Franz, »viel Lu? Was meinte er damit?« – »Das weiß ich auch nicht. Und da hat er noch mal gesagt: ›Laß mich los!‹ Aber unser Wirt wollte nicht loslassen.« – »Hatte er ihn denn angefaßt?« – »Ja, das weiß ich denn nicht, aber unser Wirt hatte seine Hand an Hans Rohwers Weste, und da hat Hans Rohwer geschrien: ›Laß mich los, oder – da passiert was!‹« – »Und du?« – »Hans Rohwer hatte immerso vor unserem Wirt gestanden, die Arme und Hände runter.« Jörn streckte seine Arme parallel über die Bettdecke hin. »Und da unser Wirt noch immer nicht losließ, da hat Hans Rohwer so getan« – Jörn machte über der Bettdecke den Versuch, dem Knecht eine Greif- und Wurfbewegung vorzumachen – »und hat unsern Wirt in den Roggen geworfen. Und das hat er dreimal getan, denn unser Wirt sprang immer wieder gegen ihn an. Und zuletzt hat Hans Rohwer gefragt: ›Hast noch nicht genug?‹ Da hat er ihm einen in den Nacken gegeben. Und als er das getan hatte, da ist er über den Wall gesprungen. Unser Wirt wollte mit einem Stein schmeißen, da stand aber unsre Anna vor ihm, und da bin ich weggelaufen.« 8 Alle Leute nahmen für den Steinhofbauer Partei. Daß jeder seinen Knick dicht halten müsse, war im Dorf fester Brauch; Hans Rohwer hatte bei Peter angesagt, hatte ihn gewarnt – was wollte der weiter? Hatte er nicht dicht gemacht, und Hans Rohwers Kühe gingen in seinen Roggen: – es war sein Schade. Und nun gar schütten! Was die Gesetze darüber sagten, das sei ganz einerlei. Unverständig war es selbst dann, wenn die Gesetze es erlaubten. Solche Sachen machte man freundschaftlich, mit Zuziehung zweier getreuer Nachbarn ab. Und nun gar gegenüber einem Großen wie Hans Rohwer! War Hans Rohwer vom Steinhof ihm nicht sicher genug? War der ein Schusterjunge? Es blieb bestehen für und für: der Zollhauswirt war ein Stänker, ein Streitsüchtiger, er hatte einen Querkopf, und der war ihm mal ordentlich gewaschen worden. Das war ganz gut. Die fünf Kühe vom Steinhof standen im Stall des Zollhauses. Peter fütterte sie und nahm die Milch. Das sei sein Recht, hatte Georg Heinrich Joens gesagt. Gleich am andern Tag war der Knecht vom Steinhof gekommen, das Vieh abzuholen, Peter hatte ihm aber nicht schlecht heimgeleuchtet. Man sah den Wirt noch lange ohne Rock und Mütze, in Weste und Überhemd auf windigem Weg stehen, handschlagen und für sich hinschelten. Im Laufe des Vormittags kam ein Steinhofer Bauwagen nach dem Moor über die Brücke zugefahren, ohne anzuhalten und den Wegzoll zu zahlen. Als er zurückkam, wurde er von Peter gestellt. Der Knecht erklärte aber, von seinem Herrn ausdrücklich angewiesen zu sein, nichts zu zahlen. Peter, der noch immer ein aufgeregter Peter war, versuchte, den Pferden in die Zügel zu fallen, konnte aber von Glück sagen, daß er nicht unter die Räder kam. So rasch trieb der Knecht die sich bäumenden Rosse an. Zwischen Zollhaus und Steinhof war Kriegszustand. Zwei Tage arbeitete Peter Holling mit dem Ortszimmermann daran, den Schlagbaum und dessen Maschinerie wieder einzurichten. Das alte im Gras liegende Holz erwies sich als angefault, es mußte ein andrer Tannenbaum herbeigeschafft und eingerichtet werden. Nun war die Sache aber auch in Ordnung. Und als die Sache in Ordnung war, kam auf einem blauen Leiterwagen Hans Rohwer in Person. Das Zollhaus kümmerte ihn nicht, das sah er gar nichts das war für ihn nicht vorhanden; er sah gerade aus und sah nach dem neuen Baum. Da rasselte eine Kettenschnur, der neue Baum bewegte sich, verbeugte sich, verbeugte sich tief, ganz tief, bog sich ganz hinab und schnappte mit kurzem scharfen Geräusch – dicht vor Hans Rohwers Pferdeköpfen schnappte er ein. Der Steinhofbauer sah es mit Gelassenheit an und blickte ordentlich ruhig und wohlwollend drein. Er hielt an, steckte die Peitsche ein und stieg ab. Dem Leitpferd löste er eine Stränge, band die Leine um den Deichselhaken, räusperte sich und ging mit ruhigen, wohlwollenden Schritten nach dem Zollhaus. Peter Holling hatte das alles hinter dem Stubenfenster beobachtet. Nun öffnete er den Fensterflügel. Und die Nachbarn sahen sich in die Augen. »A, Peter«, bat Hans in einem Ton, worin man nichts von Erregung hörte. »Willst nicht so gut sein und den Baum losmachen?« Peter beherrschte sich, doch fiel ein bißchen geifernder Zorn von seinen Lippen. »Jawohl«, antwortete er. »Das kostet bloß zwei Schillinge. Und die vier Schillinge vom Donnerstag krieg ich denn auch wohl gleich.« »Da bist du im Irrtum, Peter, Weggeld kannst du nicht verlangen. »Ja, wenn du so gesinnt bist! Dann mach ich auch den Baum nicht los.« »Das ist gut.« Hans Rohwer kehrte nach seinem Fuhrwerk zurück. Immer sicher und wohlwollend und ruhig. Und hinten aus seinem Wagen zog er, sicher und wohlwollend und ruhig, so zog er etwas Langes heraus. Es war ein langer Stiel. Und auf dem langen Stiel saß eine blanke Art. Und mit der blanken, scharfen Axt schlug er in zwei wuchtigen, wohlwollend aussehenden Schlägen den neuen Baum und die neue Mechanik entzwei. Und stellte die Axt auf den Wagen, dicht bei seinem Sitz, und hakte die Stränge ein und löste die Zügel und stieg auf den Wagen und tat dies alles ruhig und sicher und wohlwollend. Und fuhr langsam durch das Mal und über die Brücke, ohne sich nach dem Zollhauswirt, der sich einstweilen auf gröhlendes Schelten beschränkte, umzusehen. 9 Das Dorf legte sich ins Mittel. Wir wissen, daß es vergeblich geschah. Und dann gings los. Der Prozeß oder vielmehr: die Prozesse gingen los. Der Klaggründe waren mancherlei: Beleidigung, Mißhandlung, Sachbeschädigung, Entschädigung wegen Viehübertritts, Herausgabe von zu Unrecht geschüttetem Vieh, Futtergeld, Früchte! – Sodann der Wegzoll: Possessorium, Petitorium, Zulässigkeit des Possessoriums? Zulässigkeit des Rechtsweges? Zuständigkeit? ... Es ging alles wirr durcheinander, es wurde alles streitig. Der Fall Holling-Rohwer gehörte zu den Bündelprozessen. Um alle Hefte bindet der Sekretär eine Schnur und legt bei jedem Eingang zehn Pfund Akten in den stöhnenden Aktenständer des Richters. Der tägliche Arbeitsstoff erhält dadurch ein achtunggebietendes Aussehen. Von den Geldern, die beide Parteien nach Gericht und Anwalt trugen oder schickten, wollen wir nicht reden; Peter Holling zahlte außerdem an seinen Linksanwalt Georg Heinrich Joens. Hans Rohwer ging einher, als wenn ihn die Sache nicht kümmere, sprach nur davon, wenn er gefragt wurde, und so kühl, als wenn nicht er sondern ein Bauer im Nachbardorf mit Peter Holling prozessiere. Reisen machte er nur, wenn sein Anwalt sie für nötig hielt, Peter Holling aber knatterte mit seinem gelben Kastenwagen Woche für Woche durch Schönmoor zur Stadt und bekam ein hektisches Aussehen. Es regnete arrestatorische und andere Verfügungen, die meisten mit einer Spitze gegen Peter; im Dorf befestigte sich die Ansicht, daß Peter verlieren werde. Inzwischen fuhr jeder über die Brücke, ohne Wegschoß zu zahlen. Die Aufrichtung des Schlagbaumes hatte das Gericht verboten. Viele lachten. Die Wirtschaft im Zollhaus ging schlechter. Peter kaute die Lippen, aber er tröstete sich: »Laß sie nur!« Er legte ein Buch an, worin er Tag für Tag die Wagen, die vorüberfuhren, notierte. »Wer zuletzt lacht, lacht am besten. Wenn alles vorbei ist, komm ich mit meinen Rechnungen bei den Bauern für Brückengeld, bei Hans für Kosten und Schäden. Der Rückgang der Wirtschaft, alles kommt darauf. Da soll der große Hans, den nichts kümmert, wohl Augen machen. Dann soll es wohl ein Ende haben mit seinem Tu-man-so. Seine Ruhe, sein breiter Gang, sein Hülsenstock, es ist ja alles Schein vor den Leuten. Im Grunde ist er bang, daß ihm die Büx bewert.« Die Prozesse hatten schon ein Jahr gedauert. Das Gericht forderte von Hans Rohwer einen Schwur, daß Peter ihm versprochen habe, die Meinerskoppel zu dichten. Es war nun nichts gewisser als das, Marie Olfers hatte es schon beschworen, aber Peter hatte sich eingeredet, er habe gesagt: vielleicht werde er es tun. Hans Rohwer ließ sich nicht beirren und schwor; Peter Holling nannte ihn laut vor Gericht einen Meineidigen und erhielt dafür zehn Taler Ordnungsstrafe. Peter fuhr wütend nach Schönmoor. Joens übernahm es, ihn zu trösten. Sein unverständliches Gedröhne richtete Peter Hollings Zuversicht wirklich auf. »Seid man ganz ruhig, Holling«, sagte der kluge Mann. »Euch die Privilegien wegnehmen, das wäre just so, als wenn der Amtmann, der Kirchspielvogt und der Pastor sich zusammentäten. Euch überfielen. Euch knebelten und vor Euren Augen das Geld aus dem Schrank nähmen. So weit sind wir denn doch noch nicht, das tut unsere Obrigkeit nicht. Ebensowenig wird sie Eure Privilegien für ungültig erklären, die sind so gut wie bar Geld.« Hans Rohwer war zu Fuß nach Schönmoor gegangen; ein dort wohnhafter Schwager hatte angespannt. Aus der Stadt waren sie schon zwei Stunden vor Peter gefahren; Hans Rohwer war, wie Peter in Schönmoor hörte, gleich weitergegangen, Hans Detel Schulz war ihm begegnet. »Der ist schon längst in Steinhof«, sagte Hans Detel, als Peter ihn fragte. Peter fragte danach, weil er seinen Feind auf dem Weg nicht treffen wollte. Um keinen Preis! Es dämmerte schon, als er mit seinem Kastenwagen von Georg Heinrich Joens Hofstelle rollte. Bei Krischan Lembkes Wirtschaft kam ihm der Gedanke, seinem Berufsgenossen Verdienst und sich selber ein Glas Grog zu gönnen. Die Einfahrt war offen, der gelbe Karren fuhr auf Krischan Lembkes Diele. 10 Sein Wagen lenkte auf Krischan Lembkes Diele, um nach einer Stunde zum andern Tor wieder hinauszufahren. Drei Glas hatte Peter erhalten, er fühlte eine angenehme Wärme – sie hob über manches hinweg. Es war ein sternheller Abend; über dem freien Moor wölbte sich der Halbkugel flimmernde Pracht. Peter sah die Lichter grogselig an. Erden und Sonnen solltens sein. Dabei konnte er sich nichts denken, aber schön schauten sie aus. Er wollte sie noch ein bißchen ansehen, konnte aber nicht. Der Kopf fiel ihm nach vorn, der Hals knickte ein, er war daran einzuschlafen und wußte es. Den Fuchs konnte er zwar gewähren lassen, der kannte den Weg. Aber ... schlafen ... schlafen wollte Peter nicht. Er richtete sich auf und straffte die Zügel. Nun war auch der Mond aufgegangen, es war ganz hell. Die Weiden hatten breite Kappen, das Mondlicht rieselte daran weiß herab. Der Fuchs lief im Trab, sein Hinterteil war in wiegender Bewegung, der im kurzen Knoten gebundene Schwanz pendelte im Takt der Schritte. Von den Flanken des Tieres stieg Dampf auf, die Ohren spielten und schüttelten. Es fiel eine Sternschnuppe. Da dachte Peter an den Blitzschlag, der vor Jahren Hinrich Pahls Scheune anzündete und die ganze Heuernte verbrannte. Dann war er auf seiner Hollerwiese, zu mähen. Aber es ging nicht, seine Sense arbeitete wie gegen Weidenstrünke. Er hatte wieder mit dem Schlaf zu tun und riß die Lider gewaltsam auf. Geräuschlos lief der Wagen über den Weggrund. Und wenn er vorüberrollte, verneigten sich die rauhen Weiden. Vor seinen Ohren klang Gesang, es war ihm wenigstens so, als ob jemand singe. Er erkannte das Triumph- und Trotzlied, das Nationallied seines Dorfes – und dachte an seine Jugend. Als er noch jung war, da war er einer. Da war er stolz darauf, Warler zu sein. Warl war aus einem landesherrherrlichen Vorwerk entstanden. Als es niedergelegt worden war, hatten die Käufer einen ganzen Sack voll Rechte erhalten. Wenn nun die Warler sich dieser Rechte erinnerten, wenn sie sich ihrer einsamen Lage, ihrer Eigenart, ihrer Kraft, ihres Eigensinnes, ihrer Treue und ihrer Grobheit – kurz: ihrer Tugenden bewußt wurden, dann brach es aus stolzen Herzen brausend hervor: ›Lustig sind die Warler.‹ Die andern Dörfer versuchten nachzumachen, konnten es aber nicht. Die Gewalt jenes Gesanges beruhte auf dem wuchtigen Trochäus ›Warler‹. Der Sänger wiegt sich schlank und biegsam auf der langen Silbe wie ein Seiltänzer auf dem Tau. Wenn die Sievershüttener, die Oldenborsteler, die Stafstedter mit ihren vielsilbigen unruhigen Namen sangen, so behaupteten Hampelmänner lustig zu sein. An dem Dorfslied richteten sich die Warler auch in der Fremde auf. Die Jahrmärkte wissen davon und von dem ehrfürchtigen Staunen der Umstehenden zu erzählen, wenn die Warler die Runde schlössen und ihre Hymne an die Freude anstimmten. Der Nachtwind rauschte im Schilf, Peter Holling hörte vor seinen Ohren fernher, aber ganz deutlich: ›Lustig sind die Warler‹. Er dachte an Hinrich Beckmann. Der war schon lange tot. Hinrich und er waren beide jung, als er starb. Einen Freund, wie Hinrich Beckmann einer war, hat er niemals wieder besessen. Hinrich Beckmann verstand es, das Trutzlied zu singen. Er hatte wasserblaue Augen und gelbweiße Haare und war der ruhigste Mensch von der Welt – aber wenn das Trutzlied angestimmt wurde, dann warf er alles: Mütze und Jacke und Weste von sich, um ganz frei und ohne Rückhalt sein Bekenntnis für Warl abzulegen. ›Lustig sind die Warler.‹ Daß er den Gesang gar nicht los werden konnte, und er war doch im Warler Moor, – bei Nacht allein im wilden, weiten Warler Moor! Wenn Hinrich Beckmann Sonntags nach Hause ging, so trug er Strümpfe und Zeug, das ihm die Mutter stopfte und flickte, in einem roten Tuch eingeknotet unterm Arm. Und der Wagen lief geräuschlos über das Moor. Plötzlich – ein Ruck! Der Fuchs stand. Und sieh! Vor ihm, an der Grabenkante, geht ein Mann, ein Mann geht ruhig seines Wegs. Es ist doch einer? Im Mondlicht siehts wie der Schatten eines Mannes. »Hü, Fuchs! Willst du mal!« Der Fuchs wollte aber nicht, er schnob und zitterte und – stand. Der Mann hat was unterm Arm ... das ist ein Tuch. Er trägt eine Mütze, die Haare stehen steif vom Kopf. Wer ist das? Um Gotteswillen ... wer? Es ist Hinrich Beckmann – der tote Hinrich. Peter sieht hin, er sieht genauer hin. Der Mann geht ruhig und kümmert sich um nichts. Das ist ja gar nicht wahr! Der Mann, der Schatten, der trägt keine Mütze, er trägt einen Hut. Die Haare stehen auch nicht steif vom Kopf. Und ein Tuch hat er auch nicht unterm Arm ... Der Mann, das ist gar nicht Hinrich Beckmann, Der Mann ist breit und hat einen Handstock, und den setzt er weit vom Leib. Und gebt behäbig. Den ... den, den kannte Peter Holling. Das war der Heuchlerschritt des ruhigen Gewissens. Das war ... Hans Rohwer. Hans Rohwer und er allein auf wildem Moor, und weit und breit die schweigsame Nacht. Die Gräben sind tief und ruhig und geheimnisvoll. Da bettet man ein Opfer weich und still. Ein Klatschen, wie wenn eine Ente ins Wasser taucht. Und dann ein Gurgeln, nicht laut ... lind und leise ... Blasen steigen auf, es rieselt, nicht lange ... dann ist es still. Peter stand wieder dabei, wie Krischan Göttsch und Mars Stammerjohann den toten Dierk Trede aus der Grube zogen. Erst kam ein Bein mit dem neuen Schaftstiefel, und dann der von Moorwasser gedunsene Dierk. Hans Rohwer hatte heute auch in so schönen blanken Schaftstiefeln vor Gericht gestanden. Peter gab dem Fuchs die Peitsche ... der Fuchs warf Schlacken gegen die Wagentrommel... Ihm nach! Wo ist der Mann, wo ist der Schatten? Der Zollwirt sieht nicht Mann noch Schatten. »Brr!« Der Wagen stand, die Weiden standen auch. Neben Peter Holling tuschelte Schilf, Torfmoose quirlten und atmeten. Und voll und prall stand der Mond am Himmel. Peter sah weit, ihn dünkte, wunderbar weit ... wie in eine andere Welt. Und sieh! Weit ab vom Weg über Sümpfe und Moor, da geht was. Ein Schatten wie ein Mann. Mit einem Handstock geht es, breit und gemächlich. Es steigt, es wächst, es ist riesengroß – den Wegstab breit und weit vom Leibe. So geht es ... bis zum Himmel hoch. 11 Es war Winter, und Peter stand vor den Schranken des Gerichts, das Endurteil anzuhören, hinter ihm Georg Heinrich Joens. Der beugte sich zu Peter hinüber: »Wenn wir verlieren, appellieren wir.« Peter nickte – verlieren, das war unmöglich. Aber, er verlor. Peter erhielt in einigen Nebenpunkten recht, in allen Hauptpunkten unrecht, und sollte den größten Teil der Kosten tragen. Das Recht auf Wegschoß wurde ihm abgesprochen. Peter hörte es, begriff aber nicht; ihm war, als ob er mit dem Peter Holling, von dem die Rede war, nichts zu tun habe. Hinter ihm quoll ein Stoßseufzer auf: »Nein, so was!« Es waren Leute, die wegen des Wochenmarkts zur Stadt gekommen, im Gericht zuzuhören. Denn es handelte sich um einen in der Gegend berühmt gewordenen Prozeß. Wenn des Zollwirts gelber Kastenwagen von Schönmoor und Knewelshorst durch die Dörfer gefahren war, hatten viele Augen darauf geruht. Die hatten es jetzt eilig, zum Tor hinauszukommen; man sah den im Wagenstuhl geschüttelten Bauern ordentlich von hinten an, was für eine Neuigkeit sie zu Hause auszukramen hatten. Hans Rohwer war zu Hause geblieben, Peter kannte den Vorwand, der Dachdecker Broder hatte es ihm gestern abend erzählt, und das war der Gipfel der Heuchelei. »Daß ich gewinne«, hatte Hans gesagt, weiß ich, ich darf es jedenfalls annehmen. Ob ich nun die Gewißheit ein paar Stunden früher erhalte, macht nichts aus. Peter ärgert sich, wenn er mich stehen sieht. Warum soll ich ihm das antun? Der arme Mann hat Kummer genug. Und bei Koopmanns Timm feiert man ›Swinsköst‹. Ich geh zu Koopmanns Timm auf Swinsköst.« Es dämmerte stark, als Peter Holling seinen Berater in Schönmoor absetzte. Natürlich sollte appelliert werden, das hatten sie genau besprochen. Die Dunkelheit nahm rasch zu, zwischen den hohen Knicken nach dem Moor hinunter sah Peter kaum die Hand vor Augen. Es war in den kurzen Tagen, es hatte längere Zeit gefroren, nun aber zehrte Tauwetter schon tagelang an Eis und Schnee. Die Wege wurden weich, Schneestreifen blinkten nur noch an Knick und Grabenrand. Das kluge Pferd trat vorsichtig auf, es ging durch Wasser und Schmutz, die Schlacken fielen; zuweilen war es, als fahre der Wagen in der Schwemme. »Wenn ich nur erst bei Krischan Lembke bin,« dachte Peter, »bei Krischan Lembke kehre ich ein, da warte ich, bis der Mond aufgegangen ist.« Bei Krischan Lembke stand der Roßtäuscher und Viehhändler Heinrich Graf, wegen seines lauten Wesens Heinrich Gröhl genannt, in der hell erleuchteten Durchfahrt. Heinrich Gröhl war immer guter Laune, wie die Stalleuchte Peters Gesicht streifte, heulte er – ja, heulte förmlich vor Freundschaft: »Herr du meine Güte! Wer kommt da? Wenn das nicht Peter Zoll ist, will ich Hans heißen!« Eine Meerschaumpfeife im Mund, den Krummstock über den linken Arm gehängt, langte er mit der Rechten zum Wagen hinauf. Wer ihn so sah und hörte, konnte gar nicht darüber im Zweifel sein, daß es für Heinrich keine reinere Freude gebe, als den Zollwirt zu sehen. Nun kam auch der Wirt, der Hausknecht Jörn sprang herzu und schirrte ab, gab dem Fuchs Wasser und gab ihm Heu. Peter Zollhaus war gut aufgehoben. Heinrich Gröhl klopfte und klappte beim Abspannen dem Tier Hüfte und Hals, lobte sein Beinwerk, seinen Rücken, lobte Bug und Hals, tadelte den Kopf und war mit Peter halb in Spaß, halb in Ernst schon im Handeln und Feilschen, bevor noch das erste Glas Grog vor ihnen stand. Heinrich Gröhl war ein Mann in den besten Jahren, breit und kräftig, einer, der sich in den Räumen schenkender Wirte zu bewegen wußte, wie Hofleute auf dem Parkett. Das Gesicht voll und rot, die Augen schlau und gutmütig, Lippen und Mund fleischig, weich, das Kinn entschlossen, eine Hakennase, die auf das alles voll Wagemut hinabsah. Eine kräftig angerauchte Meerschaumpfeife hing ihm an Lippen und Zähnen, wenn sie ihrem Herrn nicht dazu diente, seine Gesten zu unterstützen. Denn Heinrich hatte immer was zu reden, auszuführen, zu beteuern und mit den heiligsten Versicherungen zu bekräftigen, wenn man will: zu beschwören. Heinrich Gröhl war ein Allerweltsmensch, er kannte jeden und war von jedem gekannt, Heinrich Gröhl steckte in einem weichen kuhhaarigen Überrock, von dem für und für ein starker Erdgeruch ausging. Der Zollhauswirt war nicht mehr nüchtern, mehr und mehr erstarkte in ihm der Mut. Die Frische des Roßtäuschers tat ihm wohl, und nun fing auch er an, laut zu werden und seinen Fuchs zu loben. Das paßte aber Heinrich Gröhl nicht, übertrumpfen mochte er sich nicht lassen. Es mußte sein Brauner heran, mit dem konnte der Fuchs gar nicht an einem Tag genannt werden, der Braune war ein Pferd, dem glich auf Gottes Erdboden kein anderes. Peter äußerte Zweifel, und Heinrich Gröhl forderte lärmend die Probe. Jörn, der Knecht, wurde gerufen, es erging an ihn der Befehl, Fuchs und Braunen im Hof vorzuführen. Eigentlich wäre Peter gern bei seinem Grog geblieben, aber es half nichts, er mußte hinaus und eine halbe Stunde lang in dunkler Nacht bei der Stalleuchte zusehen, wie Jörn bald mit dem Fuchs, bald mit dem Braunen über das Pflaster trabte, oder vielmehr Schatten sehen, die man für Pferde halten konnte. Krischan Lembke hielt die Stallaterne, durch den Dunstkreis trabte bald ein Tier, worin Peter seinen Fuchs erkannte, bald ein anderes, das dem Braunen ähnlich sah. Und als sie wieder am Grogtisch saßen, war jeder von ihnen, waren beide überzeugt, das beste Pferd zu haben. Peter Holling merkte, daß der Roßtäuscher mit ihm handeln wolle, war aber so viel bei Sinnen, das grundsätzlich abzulehnen. Sein Fuchs war zu klug, den wollte er behalten. Und in seinem Rausch wurde er groß und großsprecherisch, schlug erst auf den Tisch, reckte dann die Hand gegen Heinrich Gröhl aus und rief: »Hundert Mark wette ich, her mit der Hand, wenn du nicht bange bist! Wir wollen den Fuchs – aber der Mond soll erst aufgegangen sein – dann wollen wir den Fuchs in der Durchfahrt anspannen, die Peitsche ins Futteral stecken, die Leine wird in den Stuhlkasten gelegt. Und, wenn der Fuchs angespannt ist, dann will ich ihm einen Klaps geben und sagen: ›Hü! So, Fuchs, nun zu, nun geh nach Haus! Geh Schritt, wo es tief ist, und zuckele, wo es fest ist!‹ Der Fuchs wird tun, was ich sage, er wird den Wagen ordentlich nach Hause bringen. Und nachdem mein Fuchs abgegangen ist, will ich eine halbe Stunde warten und dann langsam zu Fuß nachgehen. Willst du? Her mit der Hand, wenn du kein Bangbüx bist!« »Topp!« erwiderte Heinrich. Er erwiderte es nicht, er schrie es, jauchzte es. Und umklammerte die magere, dünne Zollwirtshand mit seiner großen, fetten, heißen Faust, wie zum Rütlischwur. »Schlag durch, Krischan! Und ein Rundgang für alle, die im Hause sind. Den Rundgang zahle ich.« Es war zwar ein heiterer und viel belachter, in gewisser Beziehung aber doch ein feierlicher Augenblick. Wetten haben wegen des Wagemuts immer was Feierliches, namentlich Wetten von der Sorte, wie sie eben abgeschlossen worden war. Krischan Lembke und Frau und Matthies Gließmann aus Schönmoor (dieser hatte still und unbeachtet sein Glas in der Ecke getrunken) und Jörn, der hereingerufen war, und noch ein Knecht, ferner zwei Mädchen, die standen alle umher und lachten oder grienten und tranken so viel, wie sich für ihre Stellung schickte, und sahen dem Händedruck, der in ihr Zeugnis gestellt worden war, mit großer Seelenruhe zu. Krischan Lembke schlug die Wette durch. Als der Grog getrunken war und die Knechte und Mädchen das Zimmer verlassen hatten, ging der Roßtäuscher, sich eine Pfeife zu stopfen, nach der Fensterbank, wo der Tabakskasten stand. Er hob die Rolläden erst ein wenig, zog sie dann ganz auf und schrie »Hurra!« Das Haus warf Schatten, weißes Mondlicht lag auf dem Hofplatz. »Hurra!« schrie Heinrich noch einmal, »der Mond ist aufgegangen. Nun wollen wir den Fuchs anschirren.« Es wurde getan, wie in der Wette abgemacht war. Der Fuchs erhielt seine Klapse und seine Weisung. Als sie anfingen anzuschirren, hat der Wirt gesagt: »Der Fuchs muß aber einen Brief am Bug haben, wo drinsteht, daß Peter nachkommt.« – »Das versteht sich, das muß sein«, haben die andern erwidert. Dann gröhlte Heinrich einen langen Strahl und erzählte von einer Wette, die er vor einem Jahr gewonnen habe. Als der Fuchs schließlich zum Tor hinausging, hatte er keinen Zettel und keinen Brief. Nachdem der Fuchs hinaus war, gingen Heinrich Gröhl und Peter Holling wieder in die Wirtsstube und tranken Grog. »Es wird windig«, sagte Krischan Lembke nach einer Weile, »zu lange darfst du nicht mehr sitzen, Peter, wenn du noch nach Haus willst.« Der Wind war wirklich aufgekommen und pfiff und heulte um die Ecken. »Will ich auch nicht«, erwiderte Peter, »will gleich weg.« Ein Glas trank er noch, dann ging er. Es schwammen allerlei Wolken am Himmel, es war recht dunkel. Das Moor ist kalt und öde – öde und tot zumal im Winter bei weichendem Schnee, bei Regen und Wind. Am Tage sah man wenigstens in der letzten Zeit ein Krähenehepaar nach Harm Hamkens Moorknüll, wo sie vermutlich eine Fischniederlage hatten, fliegen. Aber bei Nacht, bei dunkler Nacht, bei weichendem Schnee, bei Sturm und Regen sieht man nichts Lebendes und jeder Baum wird zum Gespenst. Als Peter aus Krischan Lembkes Wirtshaus ging, riß ihn der Grog auf die linke Seite. Wir können auch sagen: er strauchelte ein wenig. Aber er fand sich rasch, und nach wenigen Schritten war er fest. »Fall man nicht!« warnte der Wirt. Sein Handstock stand in der Flurecke, er nahm ihn und lief Peter nach. »Den kannst du brauchen«, sagte er, »da hast du was zum Vorfühlen«. »Ja«, gröhlte der Viehtauscher vom Türbogen her, »du könntest sonst bei deinem Fuchs in den Graben zu liegen kommen. Der Fuchs ist schon drin, du findest ihn vor Harm Hamkens Weg.« Schmauchend in kuhbraunem Rock stand er in hellem Türloch. »Wenn du heute heil nach Hause kommst«, rief er weiter, leih ich morgen dein junges Beinwerk.« »Red' du und der Teufel«, dachte Peter, »hier ist trockener Sand«. Dabei trat er fest auf eine helle Stelle, es spritzte Wasser auf – die trockene Stelle war eine ganz gewöhnliche Wasserlache. Sein rechter Fuß war naß. »Der andere wirds auch werden, das muß sich helfen.« Die Stalleuchte, die Krischan Lembke in der Hand trug, hatte hell über den Weg geleuchtet. Daß der Mond hinter Wolken war, bemerkte Peter erst, als Krischan und die Leuchte und Heinrich Gröhl verschwanden. In der Wetterecke war es schwarz und der Wind wehte ihm scharf auf die rechte Backe. »Es wird ein schwerer Weg«, murmelte Peter Zollwirt, »und jung bin ich auch nicht mehr. Aber, was ist zu machen? Ich habe A gesagt, da muß B folgen.« 12 Im Zollhaus wartete Anna Holling auf die Rückkehr des Vaters; Sonnabends gingen Knechte und Mädchen aus und kamen spät nach Haus, und der Dienstjunge schlief die Nacht bei seinen Eltern. Es regnete, es wehte, und der Wind nahm wunderliche Laute an. Er wühlte in den Bäumen und begann düster zu reden und zu klagen. Von der Brücke her kam er seufzend, versenkte in beide Schornsteine des Zollhauses sein Leid und schlenderte dann gefaßter an den Küchenfenstern, schließlich an der Stube entlang. Es hörte sich an, als ob jemand leise über das Steinpflaster hinweg kümmere, nicht im Heulton der Verzweiflung, sondern in dem müden Ton abgebrühter Weltweisheit, im leisen Ton einer mit allen Nichtigkeiten vertraut gewordenen Ergebung. Und gleich darauf stürzten und prasselten Hagelschauer herab und bestätigten die Richtigkeit seiner Philosophie. Anna wartete auf den Vater. Wie der Prozeß ausgegangen, das wußte sie so gut, als sei sie dabei gewesen. Kassen Siem, vom Ferkelmarkt kommend, war schon am halben Nachmittag zurückgekehrt. Bei Jochim Vollstedts Vuschkoppel hatte er mit Jakob Sierk über die Wagenleiter hinweg gesprochen. Seine Kopf- und Handgeberden hatten gesagt: ›Peter Holling hat verloren, und das schadet ihm nicht.‹ Weshalb kommt Vater nicht? Wo bleibt er so spät? Wie wird er heimkommen? Niedergeschlagen, trostbedürftig? Wird er seiner Tochter, der er doch am nächsten steht, sein Herz ausschütten? Oder wird er hartherzig, hochmütig – vielleicht gar angetrunken mit harten Worten seines Hauses Schwelle überschreiten? Hans Rohwer war im Bett. Er hatte bei Koopmanns Timm zu viel und zu fett gegessen, auch etwas zu viel getrunken – da hatte er einen schweren Schlaf. Bei allem, was er träumte, waren Peter Holling und seine Tochter dabei, und die vom Sturm aufgestörten Hofeichen redeten drein. Nun kam ein scharfer Stoß vom Moor herauf und seufzte und rief und lag hart an den Fenstern seiner Stube und weckte ihn. Der Steinhöfer dachte an seinen Prozeß, er wußte, daß er gewonnen hatte. Und dachte daran, wie der Prozeß in sein Leben eingegriffen habe. Wenn doch der Knick in der Meinerskoppel dicht gewesen wäre! Wie viel hätte er darum gegeben. Wie anders und freundlicher hatte sich dann sein Leben gestaltet! Anna Holling wäre sicher seine Frau geworden. Dem Steinhofbauern war schon lange klar, daß er sich nach der Zollwirtstochter und ihrer Liebe sehne. Als er die Eigenmacht beging, als er den Sperrbaum und die Mechanik entzweischlug, da hatte ihn noch Zorn beherrscht, nachher hatte er nichts lieber gewollt als Frieden. Wie er mit Anna stand, wußte er nicht genau, er hatte aber Grund zu glauben, er stehe sich innerlich so gut mit ihr, wie es den Verhältnissen nach möglich sei. Sie saß wie eingemauert im Zollhaus. In all der Zeit war er ihr einmal begegnet. »Anna«, hatte er gesagt, »kann das gar nicht zurechtkommen?« Staunend und fragend hatte sie ihn angesehen. »Ich meine«, hatte er hinzugesetzt, »kann es nicht zurechtkommen mit mir und dem Vater?« – »Du weißt, Hans, Vater ist so eigen, er will nicht.« Hans hatte ihre Hand ergriffen. »Und mit uns, Anna? Kann das nicht zurechtkommen? Ich meine, willst du meine Frau werden?« Da hatte sie herzbrechend geweint: »Hans, was rührst du in mir auf? Wie kann ich!« Hans Rohwer überdachte das zwischen Wachen und Traum. Und draußen schickte der Sturm vom Moor herauf seine windigen Boten. Und wie vorher lag es hart an den Fensterläden seiner Stube. Nun räusperte es sich, und eine keuchende Stimme, wie vom Blasebalg, wenn der Dorfschmied seine Kohlen aufglüht, oder wie ein asthmatisches Roß nach scharfem Ritt, sagte: »Will dir was erzählen« (dem Sprecher wurde die Luft knapp) »draußen ist ein Mann ... der pfeift aus dem letzten Loch. Er ist vom Weg abgekommen. Als ich wegging, lag er im Graben.« »Im Graben, das ist nicht gut«, erwiderte Hans Rohwer. »Ist es auch nicht, aber ich habs selbst gesehen.« Die Stimme schnappte nach Luft. »Er schickt mich, dir zu sagen ...« Im Zimmer erhob sich ein Schlürfen. »Sieh hin, da ist er selbst. Oder doch eine Hülse seiner Gedanken.« Und wieder: »Sieh doch, da steht er!« Hans richtete sich im Bett auf. Als er schlafen gegangen war, hatte er die Lampe ausgemacht, nun aber war es ganz hell. Und am Ofen, da stand etwas. Es war ein Mann, der trug ein langes Stück Holz in der Hand. Es war die Stange, die als Sperrholz bei Peter Hollings Moorteil dient. Hans Rohwer kannte sie, es war noch der Eisenbeschlag der Eimerklinke daran. Er hatte Stange und Klinke oft im Moor gesehen. Sie lag schon lange quer über dem Graben. Und den Mann mit dem Angstgesicht, mit den starren Augen, kannte er auch. Das war der Zollwirt, mit dem er prozessierte. Peter Holling war es, triefend von Wasser, von Schmutz und Morast. Und Wasser und Schmutz und Morast tropften und liefen auf die reinen Dielen. Hans Rohwer stand mit bloßen Füßen im Hemd vor seinem Bett. Das Wasser sickerte zu ihm hin. Und er starrte die Erscheinung an. »Was willst du, Peter?« Die Gestalt blieb stumm. Nur die Augen rollten. »Sag, soll ich helfen?« Nun bewegte sichs im Gesicht, und Laute gingen durch den Raum. Aber Hans verstand nicht. Es klang wie Flügelflattern gefangener Vögel. Dann wie Quetschlaute Gewürgter. Endlich löste es sich mit dünner, hohler Stimme: »Du sagtest, ich sollt rufen. Ich rufe dich, hilf!« »Ich komme«, antwortete Hans und griff nach den Kleidern. Wir hätten sagen sollen: er wollte greifen. Denn jetzt erst erwachte er und fand sich in dunkler Stube im Bett.   Ist es ein Zeichen? Er dachte noch darüber nach, da schlug jemand an das Fenster und rief seinen Namen. Es war eine weibliche Stimme, voll von dunkler verhaltener Angst. Er erkannte sie, Anna stand vor seiner Tür. Mit einem Ruck flog das Fenster auf. »Was ist, Anna?« Seine Lampe beleuchtete ein bleiches Gesicht; sie wollte sprechen, konnte aber nicht gleich, sie konnte nur weinen. »Was führt dich her, Anna?« fragte er leise. Da faßte sie sich: »Angst, Not, Sorge, Hans. Ich weiß keinen Andern als dich.« »Wenn geholfen werden muß, bist du an rechter Stelle.« »Wir müssen Vater suchen. Er ist nicht gekommen.« Und sie erzählte, wie Fuchs und Wagen heimgekehrt seien, aber nicht der Vater. »Ich fürchte, es ist ihm was zugestoßen.« Der Steinhöfer antwortete nicht, er ließ Anna schweigend ins Haus. Er sah, er wußte, wo der Zollwirt war. Wo der Sperrbaum hingehört, da lag er im Graben und ertrank. Und die Gedanken seiner Todesangst hatten den Feind gerufen, die Erfüllung des einstmals gegebenen Versprechens gefordert. ›Ruf nur, ich komme!‹ Er hatte es gesagt, er wollte es einlösen. »Ich danke dir, Anna«, sagte er und faßte warm ihre Hände. »Ich danke dir, Anna, daß du an mich gedacht hast. Ich ziehe meinen besten Renner aus dem Stall und sprenge hinunter. Ich fürchte, es ist keine Zeit zu verlieren. Und du und mein Mädchen und mein Knecht Johann, ihr fahrt nach. Es sollen warme Betten und Decken mitgenommen werden– sie werden nötig sein. Wir treffen uns beim Moorteil des Zollhauses.« »Beim Moorteil?« »Ich weiß, da ist er.« 13 Mürrisch und unzufrieden rauschte der geschwollene Fluß durch das enge Brückensiel. Quark! sagte ein Rabe, der beim Zollhaus wohnte und in nasser Novemberstille aus seinen Pappeln nach Jochim Vollstedts verlassener Buschkoppel flog. Still! rauschte es in den Bäumen; sie hoben unwillige Äste und Zweige zum grauen Himmel, sie waren groß und gerade und kahl, und Wasser tropfte herab. ›Still!‹ sagten sie; ›der Zollwirt ist krank, der Zollwirt schläft.‹ Peter Holling war zum Sterben krank. Das Schenkgeschäft war nach dem Dielentor verlegt, die Lehmdiele mit Strohballen vollgepfropft, den Schall zu dämpfen. Der Kranke lag im Wandbett der Gartenstube, man kam vom Garten her und kam auf leisen Sohlen. Wenn jemand mit lautem Gruß ins Zimmer trat, so bat die still erhobene Hand der treuen Tochter, die unbekümmerte Tagesfreude zurückzudrängen. Der Zollwirt liegt auf den Tod, aber er – schläft. Er schläft und träumt. Die Nacht – die schreckliche Nacht hat ihn nicht allein verwandelt, sie hat auch sein Gedächtnis ausgelöscht.   In Sturm und Regen suchte er seinen Pfad, er war nicht ganz Herr seiner selbst, aber er glaubte auf dem rechten Weg zu sein. Ganz unversehens versank er, der Graben verschluckte ihn. Verzweifelnd griff er um sich, packte die Sperrstange und blieb hängen. Er hing wie ein Gekreuzigter im kalten Sumpf und Moor. Der Tod reckte die Hand nach ihm aus. Das wußte er. Er dachte an den Fluch, den er dem Steinhöfer zugeschleudert hatte. Und dachte an die Milde seines Feindes: ›Ruf nach mir, ich komme‹, hatte er gesagt. Nun rief er und schickte seine Gedanken: »Hans Rohwer, mein Feind, mein Widersacher, du hasts mir zugesagt. Nun komm, es geht mir ans Leben!« Er hatte gut rufen im einsamen Moor. Es war weit bis zum Dorf. Er hing im kalten Wasser. Die Füße, die Beine, der Leib starben ab, der Frost stieg zum Herzen. Wie ein Schächer hing er vor den Pforten der Ewigkeit. Und sein Leben zog an ihm vorüber; was er gehaßt, was er geliebt hatte, das ganze Leben war ihm Tand und Mär. Ob er wirklich verpflichtet gewesen war, auf der Meinerskoppel dicht zu machen? Wie weit und nichtig lag es hinter ihm! War Hans in Notwehr, als er ihn in den Sommerroggen warf? Und wie stand es mit seinen und seines Hauses Privilegien? Der Brückenzoll, der Wegzoll, um den er jetzt in Wasser und Morast verging. Und was gibt es für verschiedene Gesetze? Georg Heinrich Joens raucht aus einer Weichselpfeife und trägt einen schwarzen Rock. Ihm war, als habe er mit dem wegen aller dieser Sachen prozessierenden Peter Holling nichts zu schaffen. Er begriff nicht, wie daran jemals sein Herz habe hängen können. Er wollte sich dem alten, so lang vergessenen Gott der Kindheit zuwenden, er wollte jetzt am letzten Ende den Wegzoll, den er so lange in schnöder Tasche behalten hatte, für die Fahrt ins Himmelreich zahlen, er wollte sich und seinem Gott die Glaubenssätze vorbeten, die er einstmals gelernt hatte, aber er kriegte sie nicht zusammen. Da sprach eine Stimme in ihm: ›Es ist nicht nötig. Ersäufe du nur den alten Adam mit allen Sünden und bösen Lüsten in diesem Graben, und du bist ein Verwandelter, ein Auferstandener, ein Lebendiger bist du, ob du gleich stirbst.‹ Und siehe! Die furchtbaren Stunden des Leidens gaben seiner Seele mehr als die vielen tausend, wo er Kleingeld in seine Hosentasche gefüllt hatte. Er war ein Geretteter, bevor der Helfer kam, bevor – Hans Rohwer nahte. Ein Beben und Zittern ging durch den Boden, kleine Wellenhufschläge eines galoppierenden Pferdes. Und die Nacht, die Winde, Ried und Rohr fingen an zu rauschen: ›Der, den du gerufen hast, er kommt. Hans Rohwer ist da.‹ Peter Holling hing wie ein halb fühlloser Körper am krampfhaft umklammerten Reck. Und er lebte kaum noch, er erlebte nur verschleiert, was der Steinhöfer tat. Noch war er nicht durch das schwarze Tor geschritten, seine Seele keuchte erst den dunklen Pfad. Aber der milde Petrus hatte ihn schon gesehen und nach dem richtigen Schlüssel der für Peter Holling bereiteten Zelle gekramt. Er brauchte den Schlüssel vorderhand nicht. Peter stand freilich dicht vor der Tür, aber da kam ein starker Arm und riß ihn noch einmal zurück in die Welt seiner Irrtümer und Leiden. 14 Der Doktor zuckt die Achseln und schüttelt den Kopf, er hat an die Wegnahme der für immer fühllos gewordenen Glieder gedacht. Der Zollwirt ist alt, da hat er von diesem Eingriff abgesehen. Meistens schläft der Kranke. Und selten oder nie wacht er ganz, er lebt in einer anderen, eigentümlich humoristisch verzerrten Welt. Was ihn quält, was ihn verbittert hat, das Elend seiner jähzornigen und rachgierigen, seiner rechthaberischen Seele ist für immer in dem Moorgraben ersäuft und ertrunken. Heinrich Gröhl hat ihm seine Beine abgeliehen – das ist die Erklärung für die toten Glieder, das plagt ihn, nun muß er im Bett liegen, bis es Heinrich gefällt, ihm sein Eigentum zurückzugeben. »Das ist doch zu toll«, klagt er. »Aber so ist Heinrich Gröhl immer, mit den Worten oben hinaus, aber die Tat, Zusagen halten, da fehlts!« Anna soll hinschicken, Peter will seine Beine wiederhaben. Wenn ein Wagen vorüberfährt, wenn die Peitsche knallt, dann muß Anna hinausgehen und Brückengeld holen. Er wundert sich, wie rasch die Leute abgefertigt werden. Er macht das Geräusch nach, wenn die Wagen über die Brücke rollen. »Holterkapolter«, sagt er, »das geht flink. Ich machte es anders, ich sprach immer ein paar Minuten mit den Leuten, wie sichs schickt, da dauerte es länger.« Der Prozeß, sein Unfall, alle diese Sachen sind in seinem Gedächtnis ausgelöscht. Die Jugend, seine Jugend, seine lachende Jugend steigt herauf. »Ich träume immer von Hinrich Beckmann«, erzählt er. »Ich traf ihn auf dem Stafstedter Bahnhof. Da geht Hinrich, die Haare immer noch gelb und steif vom Kopf, da geht er mit seinem Tuchbündel, das er Sonntags zu seiner Mutter brachte. ›Na‹, sag ich im Traum; ›Hinnerk, du hier?‹ – ›Ja‹, sagt er. – ›Ja, Hinnerk‹, sag ich da wieder, ›bist du nicht tot?‹ – ›Ja‹, antwortet er, ›das bin ich, das kann ich nicht leugnen.‹ – ›Ja, Hinnerk‹, fang ich wieder an, ›dann hast du hier doch nichts mehr verloren?‹ – ›Na‹, sagt er so recht verwundert, ›wenn man doch Urlaub hat‹. – ›Hast denn Urlaub?‹ frag ich. – ›Ja‹, sagt er, ›bis August, und so lang bleib ich hier.‹ Und geht mit seinem Tuch auf und ab. Er hatte son eigenen Schwung, sich das Bündelchen unter den Arm zu stopfen.« Am meisten beschäftigen ihn aber die Beine, die Heinrich Gröhl von ihm geliehen hat. »Anna«, sagte er eines Tages zu seiner Tochter, »kommt denn unser Nachbar Hans nicht mal? Oder weiß er gar nicht, daß ich liegen muß?« »Vater, ich wills ihm sagen, er wird gern mal kommen!« »Könntest hinschicken, meine Tochter! Und dann laß dabei sagen, ob er nicht mal nachsehen wolle. In großen Haushaltungen fällt viel ab. Es wäre doch wunderlich, wenn nicht ein Paar abgesetzte, aber im Notfall noch zu gebrauchende Beine zu finden wären. Sind ja leicht gut genug. Ich brauchte dann doch nicht mehr zu liegen und könnte umhergehen, bis Heinrich Gröhl meine wiedergebracht hat.«   Als Peter eines Tages (er war wieder auf dem Stafstedter Bahnhof mit dem toten Hinrich Beckmann zusammengetroffen), als er eines Tages aufwachte, sah er Hans Rohwer und Anna an seinem Bett Hand in Hand. Der Kranke war verwundert. »Was ist das für einer? Kenn ich den, Anna?« »Vater«, antwortete Anna, »den kennst du ganz gut, das ist unser guter Nachbar Hans Rohwer.« Der Kranke lächelte. »Si, so«, summte er, »das ist ja wahr. Hans Rohwer von Steinhof. Von dir hab ich auch geträumt. Ein schwarzes Pferd war dabei, naß von Schweiß, wie aus der Schwemme, da hab ich drauf geritten.« Eine Weile schwieg er, dann fragte er plötzlich: »Und meine Beine? Hast mir 'n paar mitgebracht?« Hans Rohwer ging auf die Vorstellung ein. »Es tut mir furchtbar leid, Nachbar«, antwortete er. »Es hat sich nichts gefunden, die Köchin hat alles weggetan. Aber ich hab neue bestellt – in drei Tagen sollen sie fertig sein, und Heinrich Gröhl will auch bringen.« Peter Holling hörte nicht mehr, es war einer ins Zimmer gekommen, der das Schicksal alles Lebendigen darstellt – der alle Dinge beherrschende Tod. Er stellte sich zu Hans und Anna an den Bettrand und rollte vor Peter Hollings Seele Bilder auf, die er mitgebracht hatte – ausgelöscht gewesene, jetzt um so frischer erstandene; das Streiten in der Schenkstube, die Meinerskoppel, die Axthiebe, den Fluch, den Prozeß, die Fahrten über das Moor, die Wette, die Stunden, die entsetzlichen Stunden im Graben. Auf schäumendem Roß kam sein Feind, sein Widersacher, und rettete ihn. Die Liebenden fühlten die Nähe der Majestät, Anna umfaßte den sterbenden Vater: »Vergib!« bat sie. Da erwachte der Kranke aus seinen Träumen und fuhr auf: »Ich vergeben? Was hätte ich zu vergeben, aber ich brauche Vergebung. Hans, komm her, recht nahe her, hör mich an, du weißt gar nicht, wie tief ich in deiner Schuld bin.« Der Steinhofer nahm des Kranken Hand und streichelte sie. »Und wäre deine Sünde tief wie das Meer, sie ist vergessen und vergeben. Und Sünder sind wir allzumal, ich wie du.« »Sag nicht zu früh das gute Wort. Komm recht nah heran mit deinem Ohr, ich hab dir was zu sagen.« Und er fing an zu bekennen. Von seinen bösen Gedanken sprach er, von den Racheplänen, von der Erscheinung im Moor. »Ich schlug auf den Fuchs, es sollte dein letztes Stündlein sein. Aber Gott hob dich hinweg und ließ dich groß und hoch, weit weg von mir, über Sümpfe schreiten, wo sonst keines Menschen Fuß gehen kann.« »Ja«, erwiderte der Steinhofer, »es ist alles Einbildung gewesen, auch deine Schuld. Es mag ein Gedanke, ein Bild aufgetaucht sein, womit du spieltest, aber etwas, was du wirklich wolltest, ist es nicht gewesen, daher nichts, was dir als Schuld zuzurechnen ist. Und selbst wenn – mein Herz weiß nichts von Zorn, darin ist kein Buch aufgelegt für Rache und für Groll, am allerwenigsten für Missetat, die nicht begangen worden ist. Hans Rohwer hielt noch immer die Hand des Sterbenden. »Bist ein dummer Kerl«, fuhr er fort, »ein Quälgeist an dir selbst. Ich war nicht im Moor, und du, das heißt, der klare, wache Peter, auch nicht, nicht meiner Anna guter Vater. Das Andere war nichts als Spiel deines Ärgers. Versuchs nur und komm dem lieben Gott mit solchem Tand, er hört dich gar nicht an, die Engel stehn und lachen über dich.« »Du spaßtest immer, Hans!« Über das todesmüde Gesicht flog ein glückliches Lächeln. »Ich sah euch Hand in Hand, warum tut ihr das nicht mehr?« Der Steinhofer umarmte seine Braut. »Das ist recht«, murmelte der Kranke. »Hans, du kriegst eine gute Frau.« Das ist das Letzte gewesen, was er gesprochen hat. Die Dinge der Welt begannen vor ihm zu versinken. Einmal summte er etwas. Es hörte sich von den Lippen eines Sterbenden wunderlich an. Man hätte glauben können, er summte oder versuchte zu summen: ›Lustig sind die Warler‹ Das Atmen wurde leiser, immer leiser und immer kürzer... ganz kurz... stockte... setzte aus, kam wieder, schließlich war alles still. Vorher ein langes Geräusch, wie wenn ein Fläschchen unter Wasser voll läuft, mit einer Art Glucksen endigend. Etwas Speichel trat aus dem Mund. Der Tod fing an, die Züge zu meißeln. Anna lag weinend an Hans Rohwers breiter Brust. Der Einzige und seine Liebe 1 Ein Liedchen summt in uns nach, das wir einstmal von dem himmelhochjauchzenden Glück eines Schneidergesellen sangen. ›Glück und Glas, wie leicht bricht das!‹ Wie wurde es mit dem Glück unseres Schneiders? Sie war des Kätners Harder Rickers Tochter und hieß Katrien oder Tine und wohnte gleich an Meister Eggerts Garten unter einem niedrigen Dach, die Tür hinter stark verholzten Johannisbeerbüschen. Als dreizehnjähriger Junge hatte er sie gesehen (sie war damals ein sehr kleines und sehr lustiges Mädchen gewesen), als eben freigesprochener junger Geselle hatte er sie wiedergetroffen und die Bekanntschaft erneuert. Frau Meister hatte einen Topf mit Honig zu Harders hinüberschicken wollen, und er hatte den Topf hinübergetragen. Topf und Herz hatte er in der Rauchkate zurückgelassen, Tines Liebe aber mitgenommen.   Verliebte sind Egoisten. Reimer war verliebt und dachte nur an seine Braut, an sich und sein Glück. Alte und junge Leute starben, Kinder wurden geboren. Es war wie immer: Fallholz und morsche Stämme, junger Auftrieb. Reimer aber kümmerte sich nicht um fremdes Leid und nahm nicht Teil an fremder Freude. Freund Hein machte in der Nachbarschaft Besuch, holte den alten Boldt aus dem warmen Nest, Reimer war im Sarggefolge, dachte aber dabei wenig an Tod und Unsterblichkeit, dachte nicht einmal viel an das, was der Pastor sagte – er dachte an Tine. Ein heftiger Sturm kam auf und brach von Maaßens Windmühle einen Flügel ab; die Trümmer hätten bald den Müllergesellen erschlagen, das Gerücht lief rasch wie der Wind durch den Ort, viele eilten hin, Reimer aber nicht. Er gab nur auf Meister Rickers Haus acht, wohnte doch unter diesem Dach seine Tine. Der Wind hatte eine Stelle im Strohdach zergeigt, Reimer stieg in Graus und Sturm hinauf, schleppte eine Egge am Tau mit, band sie auf der schadhaften Stelle fest und beschwerte den Verband mit einem großen Stein. Tine stand mit wehendem Haar und flatternder Schürze, hielt die Leiter mit beiden Händen und zitterte und bat. »Reimer, ik mag gar ni sehn«, sagte sie, wandte dabei aber keinen Blick von ihrem Liebsten. Reimer lebte nur in seiner Liebe. Alle Leute schlugen die Hände über den Kopf zusammen: Peter, der ehrliche Peter Ranck hatte Papiere gefälscht und ... saß. Reimer hatte ihn, wenn auch nur flüchtig, gekannt; ihn kümmerte das Kapitalverbrechen des Orts keinen Deut. Krischan Jakob Meier hatte sein Holzgeschäft verkauft, der Käufer sollte aus der Gegend des Orts stammen, man sprach davon, daß Krischan Jakob einen unmenschlichen Preis erhalte, man klagte, wie alles so teuer werde, daß es gar nicht mehr angehen könne. Reimer hörte nicht darauf; er saß, wenn er Zeit hatte, bei seiner Braut, leistete ihr, wo es ging, Gesellschaft und war nur in ihrer Nähe ein Mensch. Jawohl, Verliebte sind Egoisten, und Reimer Stieper hatte das Recht, egoistisch zu sein. Vor der Hand wollte die Glücksgöttin ihm nämlich nur wenig von ihrem süßen Trank einschenken (einen Tassenkopf voll, schätzen wir), und Reimer wußte es. Nach dem Ratschluß von Harder Rickers mußte er nämlich (je eher, je lieber) auf Wanderschaft, wie es die Zunftgesetze noch um die Mitte des vorigen Jahrhunderts vorschrieben, und erst nach Rückkehr und nach Ablegung der Meisterprüfung stand die Hochzeit in Aussicht. Und deshalb durfte er in der knappen Zeit, wo er aus dem Tassenkopf schlürfte, an nichts anderes denken als an Tine und an sein Glück, soweit das überhaupt noch Glück genannt werden konnte, was einstweilen auf eine so kurze Zeit bemessen war. So lange durfte er wenigstens bei ihr sein, so oft es ging.   Eines Abends ... Er trat, wie gewöhnlich, bei Meister Rickers in die Stube, Dämmerung fiel in den Raum, da saß der Schatten eines Mannes, mit dem der Meister sprach, auf einem Stuhl. Der Unbekannte unterhielt sich über ein Holzgeschäft, denn auch Harder Rickers kaufte als Zimmermann ab und zu einen Stamm. Mit der Vorstellung seiner Gäste hat der kleine Mann es ja nicht eilig; aus den Reden aber entnahm Reimer Stieper, daß der Käufer von Krischan Jakobs Holzhandel auf dem Stuhl saß. Reimer wußte nicht genau, was ... aber der hoch- und plattdeutsch sprechende Fremde hatte in seiner Rede, in seiner sicheren Freiheit, sich zu geben, in einer Haltung etwas an sich, das ihm bekannt vorkam, das ihn an jemand erinnerte – er wußte nur nicht, an wen. Da trat Tine mit Licht ein, und Reimer fuhr überrascht von seinem Sitz auf. Der große, breite, blonde, städtisch gekleidete, so selbstzufrieden und so energisch auf Harders Lehnstuhl hingepflanzte Mann war ebenso überrascht. »Reimerchen?« – »Jochen Riese?« – kam es fast gleichzeitig von ihren Lippen. »Du, Reimerchen?« rief Jochen. »Was treibst du denn hier?« »Ja«, antwortete Reimer, »was soll ein Schneidergesell wohl anders tun als schneidern? Ich spiel aber auch ein bißchen Bräutigam, und dies kleine Mädchen« (er legte den Arm um Tine) »ist meine Braut.« Jochen sah das Mädchen mit unverhohlener Bewunderung an. »Alle Wetter!« entfuhr es ihm. Er war von der blühenden Mädchenerscheinung ganz überrascht. Und er konnte es wohl sein, so frisch und schmuck und blond und blauäugig wie sie war. Reimern schlug er auf die Schulter. »Das hätte ich dir nicht zugetraut«, setzte er hinzu. »Donnerwetter«, und wieder ging sein scharfes, graues Auge an Tine, an ihrem Beiderwandrock und Leinenspenzer, an der vollen jungfräulichen Erscheinung auf und ab. »Süh, de ol Reimer, de ol Jung, wer harr bat dacht?« Es lag etwas darin, was dem Mädchen nicht gefiel. Und was er nachher sprach, verwischte diesen Eindruck nicht. Eine gewisse Jovialität, ja, aber es kam alles so großspurig, so protzig, herausfordernd heraus. Jochen Riese hätte gern noch länger in der Hütte verweilt, die solche Schätze barg, aber dringende Geschäfte trieben ihn nach Hause. Als er weg war, fragte Tine, ob das der sei, von dem Reimer so viel erzählt habe, und Reimer antwortete: »Das ist er.« Sie hatten zusammen die Schule besucht, Jochen kurz vor der Konfirmation stehend, Reimer als junger Knabe. Die Zügel waren dem alten Lehrer etwas aus den Händen geglitten, die unter Knaben üblichen Balgereien hatten überhand genommen; Reimer mit seiner schwächlichen Leibesbeschaffenheit und mit seinem weichen Herzen wäre unter die Füße gekommen, wenn Jochen Ries nicht seine Hand über ihn gehalten hätte. Das hatte er denn ehrlich getan, dafür aber auch blinde Unterwerfung verlangt. Die hatte Reimer geleistet, dazu hatten sich sogar viel größere Jungen bequemen müssen, als er. Denn Jochen war nach Körperkraft, Rücksichtslosigkeit und Draufgängern unbestritten der ›Baas‹, den man nicht gerne zum Feinde hatte, mit dem selbst der ›Schulmeister‹ nicht gerne anband. Ein rechtes Bauernkind war er niemals gewesen. Sein Vater war Forstwart und stammte aus hochdeutscher Gegend und ging noch vor Jochens Einsegnung dorthin zurück. Jetzt war der Sohn über fünfzig Prozent städtisch geworden. Er hatte den Holzhandel in einer Stadt erlernt, hatte einen amerikanischen Onkel beerbt und stand nun, seiner Art entsprechend, früh auf eigenen Füßen. Das also war der berühmte Jochen Riese. – »Ich mag deinen Jochen nicht«, sagte Tine zu ihrem Bräutigam. 2 Reimer war ein junger, schwarzbrauner Schneidersmann und hatte große kastanienbraune, immer wie mit Traum und Schlaf kämpfende Augen. Der Holzmann Riese dagegen war ein Bild von Kraft und Gesundheit und seine straffen Glieder immer bereit, wenigstens scheinbar bereit, seinem Zeug, so bequem ihm auch Rock und Weste und Beinkleider angemessen sein mochten, die Nähte zu sprengen. Wenn jemand auf den Einfall gekommen wäre, sich beide bei Kraftproben zu denken oder gar als Kämpfer, dann konnte es nicht zweifelhaft sein, wer Sieger bleiben mußte. Einstweilen ging der Schwache dem Starken aus dem Wege, und als der Herbst gekommen war, überließ er ihm sogar notgedrungen insofern räumlich das Feld, als er die Wanderschaft antrat Mit Stecken und Ranzen ging es stracks gen Süden, wo man den Anschluß an die neuerbaute Chaussee gewann ... hinaus in die weite Welt. Das Kirchdorf, das er verließ, lag hoch, zu seinen Füßen rings umher die kleinen Ortschaften, die dahin eingepfarrt waren und von dem ansehnlichen Turm und dessen gelbem Gockelhahn überwacht wurden. Tine begleitete ihren Bräutigam ein kleines Stündchen bis zum nächsten Dorf. Es wehten rauhe Winde, es war ein richtiges Abschiedswetter, ein regenschweres. In der am Ende des Dorfs gelegenen kleinen Schenke kehrte das Pärchen ein. Die Wirtsfrau kannte sie, übersah sofort die Lage der Dinge und bat sie in die ›beste Stube‹. Da hatten die jungen Leute denn das, was sie brauchten – ein einsames, ihnen alleingehöriges Stübchen und Stündchen. Sie baten um Kaffee und Brot und Käse, Reimer bestellte zwei Eier und zwei Kornschnäpse nach. War es das letzte mal, so wollten sie auch aus dem vollen schlemmen. Sie tauschten ihre Abschiedsgeschenke aus, Reimer verehrte seiner Braut ein gelbes, blankes Schmuckstück, das er im Spenzer festnestelte, kramte dann im Ranzen und zog ein schönes Spruchbuch mit Goldschnitt hervor. Die erste Seite war schon beschrieben: Dir gab ein Gott Zufriedenheit Und einen muntern Sinn; Nun wandle du im Rosenpfad Den Lebensweg dahin. Neben diesem Spruch war eine rote Rose, wie man sie in Papierläden kaufte, dick mit Mehlkleister aufgepappt. Es sah nicht schön aus, aber ihnen kam es schön vor, und das ist die Hauptsache. Tine steckte ihrem Reimer eine Taschenuhr in die Weste. Es war ein altes Erbstück von einem Ohm. Dann lachte sie; auch sie hatte ein Spruchbuch. Spruchbücher waren, zumal bei jungen Mädchen, Mode. Alle Sprüche waren auf ›Rosen‹ und ›Vergißmeinnicht‹ und ›Lebenspfad‹ abgestimmt. Tines Spruchbuch war schöner als das von Reimer. Es hatte nicht nur Goldschnitt, nein, die Rosen- und Vergißmeinnichtsträuße waren dem Papier in schönen Farben aufgedruckt. Und wie sauber hatte ihre Hand das erste mit dem herzigen Veilchen geschmückte Blatt beschrieben: Nun wandre hin den Lebensweg Den Lebensweg bis an das Grab; Ich wünsche viele Rosen dir Und werf sie auf den Pfad hinab. Doch wenn du meine Blume siehst, Die Blume mit dem lieb Gesicht, Die Blume ist ein Gruß von mir – Lieb Reimer du, vergiß mein nicht. Der Schneider las und las und wurde mit dem Lesen nicht fertig. Er fing an wunderlich mit den Lippen zu ziehen, scheuerte die Augen, am Ende schluchzte er und lag weinend an Hals und Brust seiner Tine. Und da weinte Tine auch. Wir wollen nicht schlecht von ihnen denken. Es ist schon wegen geringerer Ursachen geweint worden. Die Ungewißheit ihres Glücks, ihrer Zukunft lag klar vor Augen. Die Ahnung, daß zumal von Jochens Seite Unglück kommen könnte, lastete wie Gewitterschwere. Es war noch nicht zum Grollen und Donnern gekommen, um so schwüler und drückender spürten sie das, was drohte. Aber davon sprachen sie nicht, es war das Unausgesprochene, Dämonische. Und wer den furchtbaren Ernst des Lebens, wegen dessen wir Erlösung begehren, versteht, der wird den in der besten Stube beschlossenen Frieden nicht stören wollen. Wir ziehen den Schlüssel ab und wachen über die innerliche Einkehr des Paares. Es benahm sich, wie fast immer in solchen Lagen geschieht, unbeholfen und trocken und täppisch, um nicht zu sagen: dumm. Das Weinen ließ nach, aber reden taten sie wenig, das wenige abgebrochen. Und dann sagten sie wieder gar nichts, drückten sich nur stumm die Hände. Und als sie schließlich das Schweigen brachen, geschah es mit ausgesucht nüchternen Worten. Vor der Hand aber saßen sie Hand in Hand und – schwiegen. Zwei gipserne Pausengel, die auf der Konsole standen, waren auch aufs Maul geschlagen, der eine sogar auf die Nase, denn er hatte keine. Und beide machten betrübte Gesichter. Der Ofenbeileger mit eingeknickten eisernen Drehbeinen war ganz Mitleid. Ganz still war es. Und doch klang in ihnen von irgend woher Chorgesang und brausender Orgelklang. Und als es recht voll daherströmte, stand Reimer auf und sagte die denkwürdigen Worte: »Dat is hier banni kold und min Tied ward 't ok al, Tine.« Hundert Schritte hinter der Schenke war ein Kreuzweg. Da machten sies kurz, da reichten sie sich zum letzten mal die Hände. Noch immer war es windig und trübe und regnerisch. Auf der Landstraße, wie Tine ihm nachsah, nahm Reimer sich in der Tat wie ein Lebenspilger aus. Sie (er glaubte sie schon längst auf dem Heimweg) stand noch lange auf dem Knick hinter einer Stechpalme und sandte ihm Blicke und Segenswünsche nach – ›Rosen auf den Lebenspfad‹. Er konnte sie brauchen; lang und weit und lehmig dehnte sich die Straße. ›Und dann und wann ein Vergißmeinnicht am Weg‹ – ›bis zum Grab.‹ Ganz hinten, wo der Weg sich bog und ein Knick sich vorschob, war etwas. Tine hielt es für einen Mann, der auf dem Wall stand. Und er bewegte sich, als ob er grabe. Was grub er? Das Grab ihres Glückes?   Allerdings war es ein Mann, sogar einer, der sich aufs Graben verstand, aber keiner auf dem Knickwall, sondern einer, der im Wagen fuhr. Und was Tine für die Bewegung des Grabens gehalten hatte, war die schwingende Armbewegung eines mit sich selbst zufriedenen Kutschers, der seine Peitsche mit Schwungbewegungen von oben nach unten neben dem Handpferd knallen oder vielmehr knipsen ließ. Am besten geht es mit der Sorte, die der Bauer ›Rattensteert‹ nennt und auch als Nachahmung eines Rattenschwanzes gelten kann. Der mit dem Rattensteert knipsende Mann sah frisch und frech in die Welt hinein, und hieß Jochen Riese. Reimer Stieper begegnete ihm. »Brr! Reimerchen, Jung, du gehst?« Reimer legte die Hand auf die Wagenleiter. »Ja, ik gah, dat ward Tied!« »Nun, es muß ja wohl sein, aber hast mir nicht Adjüs gesagt.« »Das hätte ich wohl tun sollen. Aber da kam so viel zusammen, es lag mir so schwer.« »Ich verstehe«, lachte Jochen, »Braut und Liebe und so was.« »Das wars.« »Soll ich dir was sagen?« fing Jochen an. »Es taugt nicht, daß du dich so früh mit ner Braut abgegeben hast. Du bist nichts, du hast nichts, Jahre des Wanderns liegen vor dir. Ihr werdet alt und welk, wenn ihr euch überhaupt bekommt. Du bist ein schmuckes Kerlchen, du meinst vielleicht, du kommst gut zu sitzen bei Meister Rickers, wenn was draus wird. Aber da hat eine Eule gesessen. Ich weiß, ich habe ja mit ihm zu tun, er ist zu dumm, er hat sich ›verhandelt‹, es steht nicht gut. Und was du brauchst, ist eine Braut, die Geld hat. Die wirst du leicht kriegen, wenn du vernünftig bist.« Jochen hatte, während er sprach, bald ins Weite, bald nach dem Fuchs gesehen, nun mußte er aber Reimer Stieper ansehen, so arbeitete es in dessen Gesicht. Er lachte. »Krieg nur keinen roten Kopf! Ich meine es gut mit dir. Deine Katrien – ja, fein und hübsch und sauber ist sie, das muß man ihr lassen. Aber sie hat auch was anderes nötig als einen Schneider, der noch nicht gewandert hat, dem noch manches Jahr dahinläuft, bevor er Meister wird, wenn er es überhaupt wird. Du siehst, ich sage, wie meine Meinung ist, ich rede Leuten nicht nach dem Bart. Das macht, ich meine es gut mit dir, Reimer.« Reimer hatte bisher platt gesprochen, nun fing er an hochdeutsch zu sprechen. Es war ein wenig steifer als bei Jochen, allerlei nicht dahin gehörige unreine Laute rollten nebenher, aber im allgemeinen ging es doch ganz gut. »Ich will annehmen, daß dus gut meinst. Aber es ist nun mal so: Tine und ich gehören zusammen.« »Tine und ich gehören zusammen«, machte Jochen nach. »Papperlapapp! Du kennst mich, Reimer«, fuhr er fort, »ich heiße Jochen Riese. Und wenn Jochen Riese sagt: Es ist so, dann ist es auch so. Und ich sage: such dir eine andere Braut, die was mitbringt! Ich denke mir ungefähr so, wie bei Meister Eggert, aber bei einem, der ›reines Folium‹ hat. Es ist eine gutgehende Werkstatt, meinetwegen vier, sechs, acht Gesellen. Und der Meister möchte sich zur Ruhe setzen und hat eine Tochter. Und die Tochter ist hübsch und nett, ich sehe nicht ein, warum sie es nicht sein soll. Na, und das andere macht sich von selbst.« »Jochen, du machst Spaß!« Reimers Gesicht war finster. »Dat kanns ni in Eernst meen'«, fügte er hinzu. Jochen Riese sah ihn verwundert an. So hatte er ihn noch nicht gesehen, das Reimerchen, so gefährlich. Der Junge sprühte ja ordentlich aus den braunen Augen. Jochen besann sich und ging behutsam vor. »Das war natürlich Spaß«, erwiderte er und fing wieder an zu knipsen, »So darfst du es selbstverständlich nicht machen. Ich meine nur, ob ihr es auch ordentlich überlegt habt. Laßt ein Jahr oder zwei ins Land gehen und seht, wie ihr dann über die Sache denkt. Oder laßt es, wie es ist. Ich will ja nur dein Bestes.« Der Wagen kam in langsame Bewegung. Jochen reichte seinem Schulkameraden die Rechte. »Leb also wohl, Reimerchen, und nichts für ungut. Und viel Glück auf die Wanderschaft! Du wirst viel erleben, halt alte Freunde in Andenken und komm gesund zurück!« ›Die Tine hat ihn begleitet‹ dachte Jochen. ›Ich will sie einholen und auf den Wagen nehmen.‹ Er lockerte die Zügel und ließ den Rattenschwanz pfeifen. Tine war wirklich noch in dem Dorf, wo sie mit Reimer eingekehrt war, als Jochens Wagen über die holperige Straße daherstieß und knatterte. Sie erkannte ihn von weitem. Ein feiner Instinkt veranlaßte sie, ihm aus dem Weg zu gehen. Sie trat bei dem Höker Sievers in den Laden und stand vor der Tonbank, und Sievers wog ihr ein Pfund Pflaumen ab, als Jochen breit und behäbig vorüberrasselte. 3 In den letzten zwanzig Jahren war mehrere male Feuer im Kirchdorf gewesen, wobei einmal sieben Wohnhäuser in Asche gelegt worden waren. Da versah man die neuaufgebauten mit rotem Ziegeldach, es war überhaupt Mode geworden, harte Bedachung an Stelle des alten Strohdaches zu verwenden. Harder Rickers Kate aber trotzte der Mode und ihren Neuerungen, ihr altes Strohdach überzog sich mehr und mehr mit dunkeln und grünen Flechten und Moosen, philosophierte nach wie vor hinter den Johannisbeerbüschen, die immer größer wurden und immer mehr und immer schnöder ihrer Bestimmung, Blüten und Frucht zu tragen, vergaßen. Tine hatte sie schon längst entfernen wollen, aber damit war Harder nicht einverstanden gewesen. Wie an der Kate und am Strohdach, so hielt er auch an ihrer Umgebung mit Einschluß der großen Büsche fest. Seien sie, so meinte er, auch zu nichts anderem nütze, so versteckten sie doch den Seiteneingang unter dem gar niedrigen Dach. Rund um das alte Rauchhaus reichte das Dach auf Manneshöhe und weniger bis an die Erde. Das heißt: die beiden Schmalfronten ausgenommen. An der Dorfstraße, bei der großen Tür ging sogar ein kleines Fuder Heu hinein, und nach dem Garten bei den Stubenfenstern war es ebenso hoch wie die freilich kaum acht Fuß messende Zimmerdecke. Kleine blumengeschmückte Fenster träumten dort nach dem nahen Haselknickwall hinaus, der den Garten von der Kuhweide schied, die zu Harders Kate gehörte. Und über die Weide hinüber und, wenn der Wind die schwanken Zweige bog, durch die Haseln hindurch, schimmerten die mächtig und immer mächtiger sich dehnenden und streckenden Gebäude des Großhändlers Nies. Blumengeschmückte Bleifenster grüßten und träumten nach den Haseln hinaus, und faltigen Augenlidern gleich beschattete sie das weite überhängende Dach und die darüber sauber angebrachten Reusen und Netze seines Herrn, mit denen Harder Sonntags fischen zu gehen pflegte. Die Zeit ging hin. Tine kochte und scheuerte und hielt ihren kleinen Hausstand blank und in Ordnung. Es ging in alter Weise, ihr Vater war leidlich gesund, und sie war es auch. Die kleine Stube schien immer in Dämmerstimmung eingelullt. Es kamen viele alte Freunde, zu erzählen und sich was erzählen zu lassen und Harder Rickers Tabak aufzurauchen, zumal wenn die wirkliche ›Schummerstunde‹ nach des Tages Last und Arbeit herankam. Aber die Zahl der alten Freunde vergrößerte sich nicht. Krankheit und Alter ließen Unterbrechungen eintreten, dann und wann kam einer gar nicht mehr. Dafür mußte Tine dann ihrem Vater eine sehr fragwürdige Angströhre vom Boden holen und abstauben und sein schwarzes Zeug herkriegen, was Harder aufsetzte und anzog, um sich einem gleichgekleideten Sarggefolge anzuschließen. Die Zahl der abgehenden alten Freunde wurde durch hinzukommende neue nicht vollständig ersetzt. Allerdings war einer darunter, der durch sein lautes Wesen, durch sein Geld und durch seine Geschäftsklugheit viele andere aufwog. Selbstverständlich war das Jochen Riese. Harder hatte schon früher bei seiner Zimmerei dann und wann einen Holzstamm gekauft und bearbeitet, der Nebenverdienst erhöhte sich, seitdem er in Jochen einen gut zahlenden Abnehmer gefunden hatte. Der plauderte auch gern mit dem Alten und erachtete dessen schlichten Holzstuhl nicht zu gering, den Großkaufmann aufzunehmen, des Zimmermanns Pfälzer nicht zu schlecht, seine Meerschaumpfeife damit zu füllen. Der Sommer kam und verging. Und der Winter auch, und noch einmal, und dann noch einmal. Tine fing schon an, die Wochen zu zählen, wo sie auf Reimers Rückkehr hoffen durfte, und war gutes Muts. Da trat etwas ein, was sie sich nicht erklären konnte. Reimer schrieb nicht mehr. Reimer schrieb nicht mehr, oder genau ausgedrückt: es liefen keine Briefe mehr von ihm ein. Es konnte ja auch an der Post liegen. Es war ja schon früher ein Brief an Tine und auch einer an Reimer verloren gegangen. Zu häufig schrieb man damals schon nicht wegen der hohen Kosten. In den Elbherzogtümern waren die Fürsten von Thurn und Taxis noch im Besitz der Gerechtsame, ein in das innere Deutschland versendeter Brief war eine Seltenheit und ein Risiko, die Kostenberechnung machte dem Meister der Post viel Plage. Meistens wurde von dem Absender ein Vorschuß erhoben, wegen dessen er zu ihm in Abrechnung blieb. Ein Brief war eigentlich eine Art Frachtstück, von einem wirklichen hauptsächlich nur durch die Größe unterschieden. Im Kirchdorf war das Postwesen nun gar nicht auf der Höhe, die Posthalterei nicht einmal im Ort, sondern auf einem Nachbargut, die Briefbestellung war gelegentlich und geschah in der Regel durch Weißbrotträger oder Metzger. Das sah Jochen Riese, und sein großer Geist fand es unerträglich. Auf seine Veranlassung kamen Posthalterei und Verwaltung nach dem Kirchdorf in die Hände des dafür geeigneten Mannes. Selbstverständlich war das Jochen Riese. Und für die Briefbestellung im Ort wurde ein eigener Briefträger angestellt. Und gleich nach diesem Umschwung blieben Reimers Briefe aus. Tine sah die Veränderung nicht gerne, ihr war es nicht lieb, daß sie jetzt gewissermaßen die Post aus Jochens Hand entgegennehmen müsse. Ihr Widerwille blieb der alte, mochte er seiner dreisten, zugreifenden Natur auch noch so sehr Zügel anlegen. Verstellung war eigentlich des Holzhändlers Sache nicht, durch die zur Schau getragene Gleichgültigkeit sah man das heimliche Begehren, und wenn es jetzt auch noch wie ein träges Krokodil im Sumpf lag. Es galt auch bald für ein öffentliches Geheimnis, daß Jochen Riese es auf Katrien Rickers abgesehen habe. Wie ein träges Krokodil. Es war auch das ratsamste; denn bei dem leisesten Versuch der Zudringlichkeit hüllte Katrien sich in Unnahbarkeit, zog wie ein Burgherr alle Brücken auf, die über die Gräben führten. Und, wo er gar zugriff, wurde sie ein aufgerollter Igel von lauter Nadeln und Spitzen. Es helfe, meinte Jochen, nur ein gewaltsamer Durchbruch, und er war entschlossen, ihn gelegentlich zu versuchen. Es lag doch wohl nicht an der Post. In dem letzten Brief hatte Reimer die Absicht ausgesprochen, die kleinen Nester, wo er bisher gearbeitet hatte, mit einer großen Stadt zu vertauschen. Er lerne da mehr und sammle mehr Erfahrung. Bei seinem jetzigen Meister könne er ohnehin nicht länger bleiben, denn es werde immer offenbarer, daß der ihn an seine lange, gelbe Tochter verkuppeln wolle. Tine hatte kräftig dagegen geschrieben, das heißt: gegen den Plan, in die Großstadt zu ziehen. Meister Eggert wolle ihm sein Geschäft abtreten, für hier zu Hause lerne er in kleinen Örtern genug. Freilich: der Meister müsse wohl gewechselt werden. Der Brief war unbeantwortet geblieben. »Die Ratschläge hat er übel genommen«, riet Härder. – ›Ob es wohl an der Post liegt?‹ dachte Katrien. Daß Reimer ihr untreu werden könne, war ein ihr ganz unmöglicher Gedanke. – »Es können doch nicht alle Briefe verloren gehen, Reimer müßte sich doch wieder melden. Wo er ist, wissen wir nicht, unsern Wohnort kennt er.« So redete Harder. »Es liegt nicht an der Post.« – »Wenn es nur nicht an dem neuen Postmeister liegt«, entgegnete Katrien. – »Was willst du damit sagen?« fuhr Harder auf. – »O, ich meine nur.« Ihr Vertrauen wankte nicht, aber immer bestimmter wurde die Richtung ihres Verdachts. Sie fragte bei dem letzten Meister an, was ihm von Reimer bekannt sei. Die Antwort stellte lediglich klar, daß Reimer nicht mehr da sei und wohl nicht in Frieden mit dem Alten auseinandergekommen war. Sie war spitz und lakonisch: »Mit Fagapunden bemenge ich mir nicht. Paul Sinzenhagen.« Durch Harder wurde die Antwort im Ort bekannter, als gut war, und in Jochen Riese brachte sie den Entschluß zur Reife, den Sturm zu versuchen. Zu einer ungewohnten Vormittagsstunde kam er und traf Katrien allein in der Stube. »Also mit Fagapunden will Sinzenhagen sich nicht bemengen.« So führte er sich ein und warf sich lachend in Harders Lehnstuhl. Er hatte ein nervös machendes Lachen, konnte dabei aber ein für Liebhaber psysiognomischer Studien unbezahlbares Gesicht aufstellen, so offen und ehrlich und gutmütig und gemütlich mit einem Anflug von Grimm. ›Du weißt, wie ich es meine‹, stand darin. ›Wir verstehen uns ganz prächtig, deine Augen dringen in die Tiefe meines unergründlichen Schalkshumors. Jochen Riese sitzt vor dir, Jochen Riese ist ein Ausnahmemensch. Jochen kann mehr als Brot essen, darf sich mehr herausnehmen als unsers lieben Herrgotts Dutzendware.‹ Katrien saß am Fenster, nähte und antwortete keine Silbe. Aber das ficht Jochen Riese nicht an, wieder lacht er. »Was meinst, Tinchen? Ich denk, da ist was Weibliches dabei.« Keine Antwort. »Mach doch nicht son Gesicht, Tinchen! Ich glaube wirklich, da ist was Weibliches dabei. Es müßte ja auch wunderlich zugehen, wenn er nicht schon längst was Schmuckes an der Hand hätte. Ein Kerlchen wie der!« Die von der Umworbenen hierzu gemachte Miene war wohl nicht nach seinem Wunsch. Denn er fuhr fort: »Aber Tine, ich bitte, mach nicht son verregnetes Gesicht. Nimm es leicht! Will er nicht, wir lassen ihn. Schwärmt er im Lande umher und schiert sich nicht um uns, so kümmern wir uns auch nicht um ihn.« Er lächelte bei diesen Worten und tat es mit süß tuenden Lippen. »Tine«, wiederholte er. Da entgegnete sie scharf: »Riese, laß das mit ›Tine‹. Katrien Rickers ist mein Name.« Die Röte des Zornes stieg ihm ins Gesicht, aber er bezwang sich: »Ah, sind gnädiges Fräulein geworden.« Und dann wieder lächelnd: »Aber für mich wird Tinchen keine Gnädige sein wollen.« Er mochte viel verstehen, der große Holzmann, auf die Gesinnung und Stimmung von Frauen verstand er sich jedenfalls schlecht, denn sonst hätte er nicht gewagt, in dem alten Ton fortzufahren. »Tinchen«, schmachtete er und hatte wieder einen süßen, spitzen Mund. »Laß das, Riese«, war die Antwort, »es ist mein Ernst. Ich mag dein ›Tinchen‹ nicht. Es liegt ja doch nur obenauf.« »Obenauf?« scherzte Jochen. »Du kennst mein Herz noch lange nicht.« Er hatte Lust mehr zu deklamieren, unterließ es aber, weil er nicht weiter wußte, verfiel daher auf sein altes Mittel. Er lachte, lachte laut und zutraulich, so wie ein guter Kerl nur lachen kann. »Was kenn ich nicht? Dein Herz kenn ich nicht! Riese? Hast du denn wirklich so was?« Katrien wollte so grob werden, wie ihre Natur zuließ. Er hatte ihr weh getan, sie wollte ihm wieder weh tun. Sie wollte, ohne es zu wissen, einen Bruch, der nie mehr heilen könne. Vielleicht wäre es auch so geworden, wenn ihr der Zorn nicht so gut gestanden hätte und Jochen nicht so verliebt gewesen wäre. Aber wie schön kleideten der Sanften, der Blonden, die Blutwellen in dem feinen Geäder! Der große Holzhändler mochte so klug sein wie immer, auf Frauenzimmer, jedenfalls in seiner gegenwärtigen Lage, verstand er sich schlecht. Er hätte sonst nicht nach ihrer Hand gegriffen und, als sie sie wegzog, zu ihr gesagt: »Tinchen, sei gut. Kannst nicht ein bißchen lieb mit mir sein?« Und zum allerwenigsten hätte er sie mit seiner großen Hand am Kinn gefaßt. Als sie die Hand des Verhaßten fühlte, ergoß sich ein Funkenstrom der Empörung durch ihre Glieder und nahm ihr alle Selbstbeherrschung und nahm ihr alles schöne Maß. »Verfluchter«, schrie sie, »dreimal verfluchter Judas! Hand weg, oder ich schlage dich in dein bübisches Gesicht.« Da zog Jochen Riese seine Hand zurück, und sein Gesicht war unheimlich verändert ... kupferrot, die Stirnader dick geschwollen. Den Mund verzerrte furchtbare Wut, die Lippen klafften auseinander, das Raubtierähnliche an ihm trat hervor, ein schreckliches Gebiß legte sich bloß. Das dauerte aber nicht lange ... dann lachte er wieder, aber anders als sonst. In frechen, hohen Tönen ... kichernd aus Gaumen und Mund ... von Hohn gesättigt. Allmählich glättete sich seine Haltung dann wieder zu der Überlegenheit, die er so lange beiseite gesetzt hatte. Diese unausstehliche Überlegenheit nahm von allen ihren Herrlichkeiten wieder Besitz. So war er wieder Herr seiner Stimme und seines Zornes geworden, als er die Angebetete anschrie: »Unverschämte Dirn, was bildest dir ein? Was hast denn und was bist denn? Da tut man, was man kann, und ist lieb und freundlich, und dann das? Das wagst du bei Jochen Riese? Du meinst Jochen Riese zu kennen, aber du kennst ihn lange nicht. Du glaubst, mit ihm spielen zu können, aber ich sag dir, wer mit mir spielt, verliert die Partie. Nein, so was, ... so was Infames, so ne Niederträchtigkeit! Und ich heiße Jochen Riese, und wenn der sagt: So ist es, und so wird es, dann wird es auch so. Du glaubst, ich habe kein Ehrgefühl, und ich will dir zeigen, daß ich ein feines Ehrgefühl habe. Will zugeben, bin in deine Larve verschossen, und wünsche dich zur Frau. Bisher hätte ich allenfalls davon ablassen können, nun aber wirds mir zur Ehrensache. Nun, so sage ich: du sollst meine Frau werden, und ich heiße Jochen Riese.« Und zum Überdruß wieder das unerträgliche Lachen, dabei auf den Tisch trommelnd. »Das gnädige Fräulein hat nicht dulden wollen, daß ich ›liebes Tinchen‹ zu ihm sage – es soll die Zeit kommen, wo sie mich darum bitten wird und mich ›lieber Jochen‹ nennt. Ich habe dich nicht berühren dürfen, es soll die Zeit kommen, wo du mich bittest, dich zu nehmen. Ja, so wahr ich Jochen Riese heiße« (er erhob die Faust, wie um in den Tisch zu schlagen, besann sich aber und schlug nur auf sein Knie), »es soll die Zeit kommen, wo du mich um mein Jawort angehst mit ausdrücklicher und aufrichtiger Erklärung, daß alles aus reiner Herzensliebe geschieht.« Jochen Riese hatte Phantasie. Im Geiste sah er die Szene, die er prophezeite. Er fühlte so was wie Rauschen einer Palme über seinem Haupt. Palmenrauschen gehörte zu seinen stillen Träumen. Als junger Mensch hatte er ein Theaterstück gesehen, wo ein, wie wir jetzt sagen würden, wo ein ›Übermensch‹ alles beherrscht und zunichte gemacht hatte. Ein paar Szenen hatten sich (ein ganz zufälliger Umstand) in einer Art Treibhaus unter Palmen abgespielt. Seitdem hatte sich bei ihm die Idee verdichtet, daß zu einem Siege Palmen gehörten und daß er seine besten Triumphe unter Palmen feiern werde. Und das Rauschen der Zukunft hörte er jetzt über seinem Haupt. Merkwürdigerweise war in Katrien die Bewegung um so mehr zurückgestaut, je zorniger Jochen geworden war. Und bei der Ausschüttung ihres Gegners war sie schließlich eiskalt. Sie erwiderte daher mit einer Ruhe, die wunderlich mit dem Vorhergegangenen in Widerspruch stand: »Riese, ich hörte nicht genau. Aber mir war, als ob es auf einen Heiratsantrag hinauslief. Das geht nun ja nicht, da ich, wie du weißt, schon einen Bräutigam habe.« Jochen Riese hatte dafür nur ein verwundertes Achselzucken und machte Miene, die Stube zu verlassen, als das Mädchen fortfuhr: »Nur noch ein Wort an unsern Postmeister! Sollte es nicht angehen können, daß Briefe von Reimer auf deiner Post zurückgeblieben wären? Vielleicht läßest du mal nachsehen.« Da bekam Jochen Riese, wenn möglich, einen noch röteren Kopf und ein noch mehr verwundertes Gesicht als vorher, ging eilfertig weg und machte die Tür sachter hinter sich zu, als man nach dem, was vorhergegangen war, hätte erwarten können. 4 Der große Mann mit dem seinen Ehrgefühl schnob zwar zornig über die Diele aus dem Hause, fühlte sich aber doch nicht ganz auf der Höhe. Die Ruhe des Mädchens, die Redensart von den Briefen, die auf der Post geblieben sein könnten – das trat ihm als eine Macht entgegen, womit er nicht gerechnet hatte. Aber um so notwendiger war es, daß er Sieger blieb. Er bog in die Dorfstraße ein, ging an den Nachbargrundstücken von Boldt und Bornholdt hin nach seiner Holzhandlung und – dachte. Was dachte er? Wunderlicherweise überlegte er, wo er wohl eine tüchtige Palme erstehen könne. Immer mehr verdichtete sich Palmenrauschen oder Blumenhain zum Symbol seines zukünftigen Siegs. Denn der große Jochen war im Grunde ein nicht so ganz kleiner Phantast. Harder Rickers erfuhr noch an demselben Tag von seiner Tochter, was sich zugetragen hatte. Von einem Gang, den er nach dem Wald gemacht, zurückgekehrt, sah er von weitem die eilfertige Flucht des Holzhändlers aus seinem Hause, fand darauf die Tochter blaß und still und einsilbig in der Stube, fragte nach der Ursache und erfuhr nach anfänglichem Zögern den Hergang. Wenigstens ungefähr. Bei der Erzählung konnte er immer nur rufen: »Katrien« (das war die erste positive Sorge), dann »Tinchen« (das war die Steigerung), »liebes Tinchen« (das war die höchste Angst), und da war Katrien mit ihrer Erzählung zu Ende. Er redete und warnte, sein Vaterherz war bekümmert, und doch können wir es nicht einmal in allen Punkten loben. Es war kein schlechtes; aus reinem Vergnügen hegte es keine Diebs- und Mordgedanken. Aber die praktische Lebensklugheit stand ihm doch höher als die reine zweck- und ziellose Moral. Er hielt es für ganz in der Ordnung, daß Katrien dem wandernden Reimer die Treue halte. Aber Reimer muß doch auch Treue halten. Und daß er nicht mehr schrieb, sah nicht nach Treue aus. Und wenn nun ein Mann wie Jochen, der reiche Jochen Riese, es sich in den Kopf gesetzt hat, die Katrien zu heiraten, dann erhielt die Sache doch ein ganz anderes Gesicht. Dann war es seines Erachtens eine an Schlechtigkeit grenzende Torheit, wenn nur ein Wort im Wege stand und das für wichtig genug gehalten wurde, ein unerhörtes Glück fahren zu lassen. Was war denn ein Wort? Eine Zusage, aber eine, die sich nach den Umständen richtete. Und was war Liebe? Eigentlich eine eingebildete Empfindung – alles zusammen gegenüber dem Glanz des Goldes und Wohlleben ein Schlagbaum aus Spinngewebe, den zu respektieren beinahe lächerlich war. Mit einem Wort: Harder Rickers war nicht besser, als die Menschen gewöhnlich sind. Und dann kam noch folgendes. Jochen brachte den Holzhandel im Dorf zu nie gekannter Blüte. Und Harder verdiente gut bei Jochen. Was er bisher an Holz verarbeitet und was er erstanden hatte, war geradezu lächerlich im Vergleich zu dem Geschäftsumfang, seitdem Jochen da war. Jochen mußte heidenmäßig viel Geld haben, so wie er die Sachen führte und alles bar bezahlte. Nein, das durfte sein liebes Tinchen ihrem Vater nicht antun, daß sie diesen Geschäftemacher abwendig machte, daß sie einen solchen Schwiegersohn vor die Tür setzte. Nun, das werde schon alles wieder in Ordnung kommen, sie solle nur nicht ›sipp‹ und launisch sein, nicht ›so tun‹, wie man wohl sagt, das heißt: Jochen nicht nachlaufen ... bewahre! ... aber auch nicht die Gekränkte und Unversöhnliche spielen. Harder verlangte nichts weiter als ein Benehmen, wie wenn der Streit nicht vorgekommen sei. Die geschäftlichen Gründe machten Eindruck auf Katrien. »Das tut mir leid, Vater«, gestand sie, »daran habe ich gar nicht gedacht. Ich will zu vergessen suchen, was geschehen ist.« Sie wollte den häßlichen Vorfall in ihrem Gedächtnis auslöschen, wenigstens so tun. »Nur das eine, das kann ich nicht, Vater«, sagte sie. »Das tu ich nicht, niemals! Meinem Reimer bleib ich treu. Daß er lebt, fühl ich. Daß er nicht anders sein kann als gut und treu, das weiß ich. Auf seine Rückkehr will ich warten, und sollte ich alt und grau dabei werden.«   Jochen, der Einzige, führte aus, was Katrien versprochen hatte. Harder gegenüber tat er, als sei nichts vorgekommen. Als dieser am folgenden Tag zu ihm auf den Holzplatz ging, nahm Jochen ihm das Wort aus dem Munde. Er hatte die Fähigkeit, über alles hinwegzukommen, und von diesem Hilfsmittel machte er ausgiebigen Gebrauch. »Na, Harder (du hast doch nichts dagegen, oder soll ich Rickers sagen?), hat Mamsell (Tinchen darf ich nicht mehr sagen), hat sie dir erzählt, was für einen Tanz wir aufgeführt haben?« Harder teilte mit, was er wußte, und fing an zu beschwichtigen; er schimpfte in seiner Weise auf die Frauensleute und ihre ›Flausen‹, er wusch seine Hände in Unschuld, Jochen möge es ihm nicht nachtragen. »Hältst mich eigentlich für einen Kindskopf? Das sollte ich ihrem alten, braven, fleißigen Vater nachtragen, wenn ein Mädel kratzbürstig wird? Ich nehms überhaupt nicht so schwer. Da ist Reimer, ist fortgelaufen, läßt sie im Stich (paß auf, er wird sie im Stich lassen!), aber sie hängt noch an ihm und will sich nicht gewöhnen. Und ich ... nun ich ... ich in meiner Unschuld ... schlag ein Wort raus ... sie wird wild ... und grob ... ich werfs auf die scherzhafte Seite, da wird sie saugrob. Da werd ich zornig ... ein Wort gibt das andere ... im Zorn wird manches dahergeredet, was gar nicht so gemeint ist – und die Verfluchung ist fertig.« »Ja«, erwiderte Harder, »so wirds wohl gewesen sein, und Katrien denkt jetzt auch anders über die Sache. – Was meinst, Jochen, wenn wir beide hinübergingen?« Aber Jochen schüttelte den Kopf. »Nein, nein, Harder, das geht doch nicht. Ich bin nicht rachsüchtig, und das Mädchen mag ich leiden. Da jetzt nichts daraus wird, kann ich dirs ja gerne sagen: ich hätte sie gern zur Frau Holzhändlerin gemacht; aber das, nach dem, was sie mir an den Kopf geworfen hat, das kann ich nicht, da bin ich wunderlich, da hab ich ein zu feines Ehrgefühl zu, außerdem heiß ich Jochen Riese. Eigentlich bin ich doch, was man so nennt, rausgeschmissen worden. Ehe ich ihr wieder in den Weg laufe, muß sie sich zuvor hierher bemühen ... natürlich mit dir.« Und dabei blieb es, soviel Harder Rickers auch noch auf ihn einreden mochte. Schließlich nahm dieser von weiteren Versuchen Abstand, nur die Versicherung wollte er noch haben, daß es geschäftlich zwischen ihnen beim alten bleibe. Das Lachen, das der Große, der Großmütige, der Einzige nach solch dummer Frage anschlug, war geradezu ein Siegesgesang über alle kleinliche Denkungsart. »Harder Rickers!« rief er, »bist du denn ganz von Gott verlassen? Weil deine Tochter mich nicht haben will, weil sie mich ausgescholten hat – versteht sich, ganz ungerecht ausgescholten hat, und darauf von mir bekommen hat, was ihr zukam – deshalb sollte ich kein Geschäft mehr mit ihrem Vater machen wollen, dem ehrlichsten Kerl, der jemals die Axt geführt hat? Na, wäre noch schöner. Da denke ich ganz anders, ich will dirs beweisen. Du wolltest vorgestern für den Stamm auf deiner Weide siebzehn haben, ich wollte nur fünfzehn geben, heute gebe ich siebzehn, obwohl er mit fünfzehn bezahlt ist. Abgemacht?« Er hielt die Hand hin, der Alte schlug mit Freuden ein. Das war ein Kerl, das war wirklich einer. Wie war Tinchen doch dumm! Er war ganz hin vor Bewunderung. Unserm Meister war nichts klarer, als daß Jochen ein großer Mann sei, und da Jochen nun in der Tat ein langer Mensch war, so sah Meister Rickers buchstäblich zu ihm auf. »Jochen«, sagte er, und seine Stimme zitterte vor Feierlichkeit. »Was, guter Meister?« ›Was bist für ein Mann, ich wollt, ich war ein Mann wie du, so reich, so klug, so erfahren, so großmütig und so gut!‹ Harder sprach wie immer plattdeutsch: »Dat is ja ganz gräsi«, sagte er wörtlich. »Du büst jo n ganz gräsigen Kerl. So vel Geld un hes so vel lehrt, und büst so good, so gräsi good. Jochen, wat büst förn Mann!« Jochen lachte. Er fing in hoher Stimmlage an und ging tief hinunter, so wie die Hand eines alten Harfners die Tonleiter hinab über die Saiten tippt oder wie ein Kind in Holzpantoffeln die Treppe runterläuft: alle ins Freie führenden Türen sind offen, da schallt es, und die oberen Treppenstufen klingen in hoher Tonlage. ›So ein Kerl bin ich nun mal‹, das lag drin, ›aber ich trag meine Größe mit Würde.‹ »So weit wie ich«, erwiderte er bescheiden, »wirst du es in deinem Alter nicht mehr bringen. Aber etwas werden wir auch noch für dich herausarbeiten können; auf mich kannst allezeit rechnen, an mir solls nicht fehlen.« Meister Rickers schwamm in Wonne. Sein Blick ging über die Stämme, die gesägt werden sollten, über die Bretter, die reinlich aufgeschichtet waren. Welch ein Reichtum! Jochen führte ihn, als zeige er dem Zimmermann alles zum ersten mal, und diesem war zumute, als habe er es noch niemals gesehen. Vor einer Partie schlanker, junger Eschen blieb er stehen. »Schönes Holz, doch Nutzholz?« »Daraus werden Schiffsstaken«, erklärte Jochen. »Du kennst die langen, leichten und doch starken Stangen, womit Schifferknechte die großen Flußkähne fortstaken. – Hör mal Meister!« Er dämpfte seine Stimme. »Man kennt das hierzulande nicht. Die Leute sind zu dumm. Ich sags keinem, aber dir will ichs anvertrauen. Da läßt sich viel Geld bei verdienen. Aber kennen muß man so was. Vier Schillinge kostet mir der Stamm, vier Schillinge sind meine Unkosten, noch zwei für Unvorhergesehenes, sind zehn Schillinge, drei Mark bekomme ich wieder. Der Hegereiter (aber unter uns!) ist auch zu dumm und doch schon dreißig Jahr hier, da muß mans ausnutzen. Wenn ein Klügerer kommt, dann ists vorbei. Hundert Stück liegen da, zweitausend sind noch zu haben. Weißt was?« Jochens Augen richteten sich voll auf den kleinen Mann; es lag viel Gutmütigkeit und Gutherzigkeit darin. »Weißt was, Harder Rickers? Ich will dir einen Beweis geben, wie ich bin und wie gut ich es mit dir meine. Wir wollen das Geschäft zusammen machen. Ich will das Geld hergeben, was dazu nötig ist. Du sollst das Fällen der Stämme leiten und das Aufladen und den Transport. Ich will dir dafür aufkommen, daß dich kein Verlust trifft, und den Gewinn will ich mit dir teilen. – Was? Was sagst du nun? Mein ichs gut oder mein ichs nicht gut? Ist Jochen Riese ein guter oder ein schlechter Kerl? – Hier meine Hand, schlag ein!« Harder Rickers hätte nicht Harder Rickers sein müssen, er hätte ein Tor sein müssen, wollte er ein solches Angebot ausschlagen. Er schlug ein, in seinem Innern tief überzeugt, daß der liebe Gott vor etwa dreißig Jahren sich eines Tages entschlossen gehabt habe, nach so mancher Tagesware mal einen wirklich tüchtigen und klugen und dabei einen unerhört edlen Menschen zu schaffen, und daß Jochen Riese das Ergebnis dieses Gottesentschlusses sei. Zugleich richtete er seine eigene Seele, die heute früh noch platt am Boden gelegen, auf. So ein ganz gewöhnlicher Mensch mußte doch auch er nicht sein, da er gewürdigt werde, die Zuneigung eines so herrlichen Mannes und seine Güte zu genießen. Sein Hochgefühl wurde nur durch einen Nebengedanken getrübt. Da war ein armseliger Handwerksbursche mit einem Wachstuchranzen, der irgendwo auf staubiger Landstraße daherwanderte und sich kümmerlich von Sauerkraut und einem Heringsrücken nährte. In den Gegenden, die auf der anderen Seite der Elbe liegen und von Gott im Zorn erschaffen sind, nährten sich nämlich alle Leute, nach landläufiger, auch von Harder geteilter Ansicht, von Sauerkraut und ein bißchen Hering. Dieser Geselle wanderte nun schon Jahre, um Meister zu werden. Und Harder hatte ihm seine Tochter versprochen.   Das Geschäft wurde gemacht und verlief nach Wunsch. Meister Rickers erhielt von Jochen gerade keine Tausende, aber doch eine ganz erhebliche Summe als seinen Geschäftsanteil am Gewinn des Eschengeschäfts ausbezahlt. Nun hatte er die Freude des Geldgewinnes ohne körperliche Arbeit gekostet, nun war kein Halten mehr, nun wollte er mehr und mehr. Bei Jochen wollte aber die ›Kompagnie‹ nicht mehr passen. Bald stand dieser Grund, bald ein anderer entgegen; er ermunterte aber zu eigenen Unternehmungen. »Aber Betriebskapital?« warf Harder ein. »Noch ist mein Vermögen klein.« »Was bist du für ein guter, dummer Kerl, Harder!« antwortete der überlegene Jochen. »Bin ich denn nicht da? Kann ich nicht aushelfen, wenn es bei dir mangelt? Du kannst mir eine Hypothek geben. Etwas ist doch auch dein Häuschen und die Weide wert. Wenn du dann Geld brauchst, ziehst du einen Wechsel auf mich.« »Was soll ich ziehen?« fragte der unschuldige Meister. Jochen lachte, und nun hatte er dazu wirklich Grund. Denn Wechselziehen und Harder Rickers, das paßte, wie die Faust aufs Auge. »Ich will dirs erklären«, sagte Jochen. »Komm mit nach dem Kontor.« Nun bekam Harder Rickers die erste Stunde im Wechselrecht mit praktischen Beispielen aus der Hypothekenlehre. Wie war das alles so einfach, so klar, wie war es so leicht, Geld zu machen! Man schreibt auf so einem länglichen Blatt Papier, wo schon alles gedruckt ist, man füllt eine Summe aus, man schreibt seinen Namen unten rechts (das bedeutet das), man schreibt seinen Namen quer (das bedeutet das), man schreibt seinen Namen hinten auf die leere Seite, und dann fällt einem das Geld in den Schoß ... eine ganz herrliche Einrichtung. Wenn Harder Rickers im Augenblick etwas bedauerte, so war es das, daß er so lange auf der Welt gelebt hatte, ohne die rein ideale Freude des Wechselverkehrs zu kennen. Er rechnete kurz nach. Er war jetzt zweiundsechzig Jahre alt geworden, Jochen Riese vielleicht dreißig. Von Rechts wegen hätte er mindestens schon zweiunddreißig Jahre hindurch die Seligkeit des Wechselziehens genießen sollen. Das lebhafte Dankgefühl, das ihn gegen den lieben Gott beseelte, der alles, alles, auch den Wechselverkehr macht, wurde nur ein bißchen gemindert durch den stillen, seinem Schöpfer gemachten Vorwurf, daß er ihn zweiunddreißig, sage zweiunddreißig Jahre wie einen Wilden auf der Welt ohne Kenntnis dieser geradezu erstaunlichen Einrichtung hatte hinleben lassen. Damit war denn der neue Lauf seines Lebensschiffchens gegeben. 5 Der Kurs war gegeben, Harder Rickers war Holzhändler, freilich nur ein kleiner, aber immer noch zu groß für seine Mittel. Die an den Zimmerplatz stoßende Weide hatte sich in einen Holzplatz verwandelt. Harder machte seinem Ideal Jochen Riese alles nach und bemühte sich, zu räuspern und zu spucken wie er. Was helfen einem Mann, der mit Blindheit geschlagen ist, Töchter, und wenn sie auch noch so klug sind! Katrien sah klar, wie es kommen mußte. Sie bat, sie flehte, sie beschwor. Aber das alles war machtlos bei dem am Goldfieber erkrankten Meister Harder. Er liebte seine Tochter, aber er betete zu Jochen Riese und nicht zu seiner Katrien. Er schlief und schnarchte nicht mehr so ruhig, wie er früher geschlafen hatte, er wachte ganze Stunden. Und in langen schlaflosen Stunden der stillen Nacht mußte er immer (er mochte wollen oder nicht), mußte immer rechnen, mehr kopfrechnen, als er je in der Schule getan hatte. Anfangs rechnete er aus, wieviel Gewinn er davontragen werde, und schlug ärgerlich auf die Decke, weil er sich verrechnete, da er bald eine Null zu wenig, bald eine zu viel genommen hatte. Aber allmählich – ganz allmählich – mußte er anders rechnen, die Verluste ziffernmäßig feststellen, die er erlitten hatte oder demnächst erleiden müsse. Und endlich bedurfte es schon einer ganz haarscharfen und verwickelten Rechnung, um klar zu machen, wieviel seine Schulden mehr betrügen als sein Vermögen, wenn er das Haus zu soviel und die Weide mit soviel und seine Waren mit soviel ansetze und seine Ausstände ›alle einkriege‹. Schließlich war es aber doch nicht mehr wegzuleugnen, daß er mehr Schulden als Vermögen hatte. Aber da kam die Hoffnungsseligkeit. Man sagt es den Schwindsüchtigen nach, daß sie sich über ihren Zustand täuschen und ewig hoffnungsvoll bleiben. Aber sind die, die am Schwund der Lungen leiden, hoffnungsvoll, so sind die am Vermögensschwund Leidenden hoffnungsselig. Dort ist sie eine häufige, hier aber eine fast regelmäßige Erscheinung. Wenn der Kanzleidiener des Gerichts schon die Tinte, womit ihre Falliterklärung unterschrieben wird, dem Richter ins Glas gießt, wenn die Formulare ihres Konkursproklams bereits im Fach zur nächsten Verwendung nach oben gerückt sind und bei jedem Luftzug erbeben – dann sind sie noch immer im Besitz der Überzeugung, alle Verlegenheiten, die sie gewissen Zufälligkeiten und gewissen Schlechtigkeiten zuschreiben, beseitigen zu können. Für die ganze Welt mag ihre geschäftliche Unfähigkeit klar sein wie der Tag, sie selbst würden es nicht zugeben wollen, auch wenn wieder mal ein Walfisch den göttlichen Befehl erhielte, einen Jonas auszuspeien, und dieser Jonas die ganz aparte Sendung bekäme, ihnen zu predigen, wie dumm sie eigentlich seien. Eine ganze Zeitlang dauerte die Seligkeit des Wechselziehens. Harder hatte unten und hinten und quer – meistens quer – geschrieben. Beim Schreiben war Harder in der Schule Nummer zwei gewesen; es machte ihm jetzt eine kindische Freude, die lange entwöhnten Finger wieder geschmeidig zu machen. Erst hatte er seinen Namen hingepflügt, und sein Freund hatte dem Dokument durch sein ›Joachim Riese‹ erst seinen Wert gegeben, auf Grund dessen es, zum Erstaunen von Harder, als bares Geld bei der Bank in der Stadt angenommen worden war. Rieses Namenszug hatte auf ihn starken Eindruck gemacht; die selbstbewußte, einzige, wichtige Hand! Wie er in allem seinen Meister nachzuahmen sich bemühte, so auch in der Schrift. ›Harder Rickers‹ sollte aussehen wie das ›Joachim Rieses‹ jeder Buchstabe seines ehrlichen Namens sollte ebenso wie die J, die R und so weiter bei Riese sagen: ›Das bin ich, und ich bin der Einzige‹. Aber erst nach langer Übung gelang ihm – nicht das, was er wollte, aber doch eine Annäherung, erst das Gewicht und dann eine Art Fluß der geläufig hingeworfenen Buchstaben. Aber seiner merkwürdigen, wir wollen sagen kindischen Eitelkeit, genügte das nicht. Je mehr Jochen Riese vor ihm aufwuchs, um so knechtischer glaubte er ihn nachahmen zu müssen. Er saß ganze Sonntage in seinem Bretterschuppen draußen auf dem Holzplatz, den er sein ›Kontor‹ nannte, und malte Joachim Rieses Namen. Dabei dachte der ehrliche Meister bewußterweise noch mit keiner Faser an einen anderen Zweck als an den, ebenso charaktervoll zu schreiben wie Jochen. Sein böser Dämon aber stand hinter seinem Stuhl und sah auf die besser und immer besser gelingenden Übungen des alten Mannes. Harder wollte hinter das Geheimnis jener charaktervollen Zeichen kommen, er wollte ihre mystische Seele ergründen. Aber hinter seinem Stuhl standen seine innersten, seine werdenden, da standen seine zukünftigen Gedanken. Wenn der Alte im Kontor Buchstaben malte, dann saß Katrien in der Stube. Sie lebten sich ganz auseinander. Selbst den Kaffee brachte sie ihm in den Bretterverschlag. Einmal war er wieder dabei, Namen zu schreiben, als ihn das Tassengeklirr aufschreckte. Da war es ihm plötzlich, als ob er etwas Unerlaubtes tue. Er versuchte den Bogen zu verstecken. Aber Katrien hatte es bemerkt, sie zog schweigend – sie war überhaupt still und schweigsam geworden – die arme Katrien zog den Bogen ruhig unter dem Hauptbuch hervor und betrachtete das vollgekritzelte Blatt. »Vater!« rief sie. »Was, mein Tinchen?« »Du ahmst Jochens Handschrift nach, Vater. Das ist nichts Gutes, das führt ins Verderben.« Bleich und strafend stand sie vor ihm. Der Alte sah aus wie ein ertappter Junge. Aber er versuchte sich zu fassen. »Mach doch nicht so Anstalten, Katrien«, sagte er. »Was Hab ich denn getan? Ich schreib seinen Namen, um zu sehen, wie man es macht, daß es nach was aussieht.« »O Vater! Was du gedacht hast, was du gewollt hast, ich weiß es nicht, ich will es dir glauben. Ich weiß aber auch, daß du seinen Namen mißbrauchen wirst, wenn es sich mal um das Letzte handelt.« Erst zerknüllte sie den Bogen. Aber dann genügte ihr diese symbolische Vernichtung nicht. Sie strich ihn mit der Hand wieder glatt und zerriß ihn dann in hundert Stücke. Sie brach in krampfhaftes Weinen aus und bedeckte ihre Augen. »O Vater, was tust du! Du meinst, spielen zu dürfen in deinem Sinn. Aber solch Spiel führt zu keinem guten Ende.« Sie ließ die Augen frei und warf sich dem alten Mann an die Brust. »Ich weiß, wie es steht, hör ich dich doch Nacht für Nacht rechnen, Zahlen und nichts als Zahlen. Der Gerichtsdiener kommt Tag für Tag. Ich weiß nicht, was er bringt, aber ich weiß, daß es Unheil ist. Das ist schlimm, aber das Schlimmste ist es nicht, das soll alles nichts machen. Es ist Unglück, vielleicht Ungeschick, aber keine Unehrlichkeit. Sie werden kommen und nehmen, was wir haben. Laß sie, wir wollens tragen. Ich bin jung und gesund und stark. Und du, bist du nicht auch rüstig und hast von Natur ein gutes Herz? Wir wollens hingeben, aber ehrlich, ehrlich wollen wir bleiben!« Der arme Meister! In solcher Lage hatte er sich noch nicht gesehen. Anfangs hatte er zornig werden wollen, und bei dem, was die Katrien ihm zutraute, glaubte er tausend Gründe dazu zu haben. Aber er konnte mit seinem ›Aufbegehren‹ nicht zustande kommen. Es war wunderlich, irgendwoher sprach eine Stimme: ›Sie hat recht, du bist schon jetzt ein halb verlorener Mann.‹ So mußte er es aufgeben, wütend zu werden, er wurde nur gerührt. Und dann kam ein fürchterliches Mitleid mit sich selbst und mit der Tine über ihn. Er weinte mit der Tochter zusammen. Schließlich faßte er sich. »Kind, Katrien«, sagte er, »du siehst es zu schlimm an, so steht die Sach doch nicht.« Von der Möglichkeit, unehrlich zu werden, schwieg er. Wog er sein sittliches Schwergewicht und befand es zu leicht?   Vier Wochen ging es hin. Harder stand vor Jochen Riese in dessen Kontor, ein Wechselblankett in der Hand. Es handelte sich um nochmalige Verlängerung. Er sah alt und grau und verzagt aus; Jochen, der Einzige, der Wohltäter, hatte ein verflucht geschäftliches Gehaben. »Tus, Jochen!« wiederholte Harder. »Tus, sonst bin ich verloren.« »Tus, Jochen, sonst bin ich verloren«, ahmte ihm der andere nach. »Und das soll für mich ein Grund sein, Tausende wegzuwerfen.« »Ich bitte ja nur um deine Unterschrift«, entgegnete Harder. »Ja um meine Unterschrift, um Jochen Rieses Unterschrift, die so viel wert ist wie klingendes Bargeld. Ich muß es doch bezahlen, denn du kannst es nicht und wirst es in Zukunft auch nicht können. Wenn ich hier meinen Namen hinschreibe, meinen guten, ehrlichen Namen, sieh so!« (er malte sein Joachim Riese auf ein Stück Papier), »dann zieht jeder den Hut. Aber dein »Harder Rickers« ist nichts als Luft, für die auf der Bank, und für mich auch.« Jochen war in Gefahr, sich im Hochgefühl zu verlieren. »Ja, aber«, wagte Harder zu unterbrechen, »wenn du später zahlen mußt, dann mußt dus ja auch, wenn du nicht schreibst.« »Dummer Kerl, siehst du denn nicht, daß just das meine Rettung ist? Ich prolongiere nicht, nicht wahr? Der Wechsel ist fällig, nicht wahr? Die Bank verlangt es von mir, nicht wahr? Ich deponiere es bei der Bank und klage gegen dich, pfände deine Holzvorräte, deine Mobilien, deine Forderungen, mache die Hypothek an dem Haus geltend; das Häuschen wird gerichtlich verkauft, alles wird gerichtlich verkauft, soweit es nötig ist – und ich bin gedeckt. Bin ich ein gutmütiger Hans Narr und prolongiere, dann machst du, so gewiß wie zweimal zwei vier ist, neue Dummheiten und fährst die Karre immer tiefer in den Dreck. Nicht wahr? Andere kommen mir zuvor – ich weiß, du bist bei Partsch \& Ehrich gewesen, die haben natürlich auch Wechsel in Händen (weh, oh weh, die Prozente!), du hast vielleicht schon die Klage bekommen, nicht wahr? Nach drei Monaten ist das Nest ausgenommen, und ich habe das Nachsehen. – Und wenns noch einen Zweck hätte!« fügte Jochen hinzu. »Aber bei dir ist Hopfen und Malz verloren.« Meistes Harder sagte gar nichts; er fühlte, daß Jochen Riese recht hatte. »Wie konntest du auch so unsinnige Geschäfte machen?« fing Jochen wieder an. »Weiß Gott, ich habe dir geraten, als wäre ich dein leiblicher Vater. Und so lange du mit mir gingst, wars gut; du verdientest Geld, und die Sache machte sich. Dann, ja dann wolltest du selbst der Kluge sein und hast dich denn auch hineinlegen lassen, daß es man so raucht. Nun sieh auch zu, wie du herauskommst!« Jochen hatte vergessen, daß Harder sich erst auf seinen Rat selbständig gemacht hatte. »Jochen«, bat Harder wieder, »nur dies eine mal noch. Ich sehe es ein, ich war nicht klug, aber es wird anders werden, Jochen!« »Riese ist mein Name!« unterbrach ihn hart und herrisch sein väterlicher Berater, der Mann mit dem seinen Ehrgefühl. »Also Riese, Herr Riese, wenn dus lieber willst. Ich tu alles, um dich zu erweichen. Ich falle dir zu Füßen, ich knie vor dir.« Er tat es wirklich. Jochen aber stellte sich ans Fenster und fing an zu pfeifen. Er pfiff seine Lieblingsmelodie: »Muß i denn, muß i denn zum Städtelein hinaus«, brach aber ab und kehrte sich rasch um. »Rickers«, sagte er, »du machst dich zum Narren und außerdem sandig. So was verfängt bei mir nicht.« »Jochen«, redete Harder Rickers ihn noch einmal verbotener Weise an, »Hab Mitleid mit mir, und wenn nicht mit mir, so doch mit meiner Tochter! Das Kind vergeht.« ›Se översteit dat ni‹, drückte Harder sich aus. »So, so«, murrte Jochen und sah befriedigt drein. »Fräulein Tochter kommt es hart an!« Er lächelte so fein, wie er konnte, und flötete sein ›Muß i denn‹ so leise, wie er vermochte. Dann machte er ein ernstes Gesicht und setzte sich breit in seinen Stuhl. Seinem Freund hatte er keinen angeboten, der stand, wie sichs für einen Bittsteller schickt, am Schreibtisch, die Mütze in der Hand. Nun sah man erst, wie häßlich der Holzhändler eigentlich war. In diesem Augenblick waren seine Haare gar nicht blond, sondern rot. Jochen Riese sann nach. Erst lagen die Augen glanzlos in ihren Höhlen, sie waren nach innen gerichtet und besahen die Seele, die ihr Eigner hatte. Dann schlossen sie sich ganz. Riese wurde nach außen ganz blind, um seine Pläne um so deutlicher zu prüfen. Er fing an zu lächeln und mit den Fingern auf die Tischlatte zu trommeln. »Die Katrien ist also traurig«, sagte der blinde Jochen. Meister Harder weinte selbst, als er antwortete: »Sie weint Tag und Nacht.« Nun öffnete Jochen die Lider, er hatte wieder Augen. »Vielleicht gibt es noch Mittel«, sagte er groß und gemessen. »Ich unterschreibe das Ding nicht nur, sondern löse es auch ein, ohne Ersatz zu beanspruchen.« »Jochen, du wolltest ...« Ein Hoffnungsstrahl, an den Harder vorläufig selbst noch nicht glaubte, fiel in seine Seele. »Ja, ich wollte, aber ich stelle meine Bedingungen: Du holst sofort deine Tochter. Deine Tochter bittet mich, sie zu heiraten, und ersucht mich, ›liebes Tinchen‹ zu ihr zu sagen. Und dann sagt sie ›mein lieber Jochen‹ zu mir und erklärt mich für einen guten Menschen und sagt, daß sie mich liebt, und zwar aus dem Grunde ihres Herzens und mit reiner, aufrichtiger Liebe. Und wie sichs für Brautleute schickt, umarmt sie mich und küßt mich. Und wenn das alles geschehen ist, dann unterschreibe ich den Wechsel, und das andere, was ich versprochen habe, gebe ich schriftlich.« »Aber Jochen ...« »Was ist?« fragte dieser. »Das tut Katrien nicht.« »Dann ist Katrien ein undankbares Mädchen und eine lieblose Tochter, dann unterschreib ich auch den Wechsel nicht.« »Das ist ja ganz unnatürlich und unmenschlich«, eiferte der Alte. »Ich bin nun mal für das Unnatürliche und Unmenschliche.« Ein Arbeiter trat ein. »Ja, ja«, rief Jochen ihm entgegen, »geh nur, ich komm.« »Du mußt mich wirklich entschuldigen«, wandte er sich an Harder. »Ich geh jetzt. Ich hab Geschäfte. Du kennst ja meine Meinung, und nach der Kontoruhr kannst du deine Rübe einstellen. Also nach einer Stunde.« Als der Alte das Zimmer verlassen hatte, rief Jochen den Arbeiter zurück. »Wir wollen es jetzt lassen, Krischan«, sagte er. »Heute nachmittag ist auch noch früh genug. Ich komme heute nachmittag.« Krischan verschwand durch die Tür nach dem Schneideraum. Um ihn kümmerte sich Jochen nicht. Jochen verfolgte durch das Fenster den langsam über den Hof gehenden Harder. Dann trat er zurück, warf die Arme in die Luft und lachte laut auf, aber nicht aus dem Kehlkopf, sondern aus voller Brust. »Die soll mir schon kommen! Endlich, endlich! – Ich will sie feierlich empfangen. Leider fehlt mir die Palme. Will mal sehen, was sich mit den Sachen machen läßt, die ich besitze.« »Lene! Heinrich!« rief er durchs Haus. In seiner Wohnstube ließ Joachim Riese zusammentragen und auf Reolen amphitheatralisch aufbauen, was seine Räume an Gewächsen bargen. Dem großen Spiegel gegenüber richtete er seinen die Palme vertreten sollenden Blumenhain her. Da wollte er Braut und Brautvater empfangen. Mit gravitätischer Miene setzte er sich hinein und wartete auf Katriens Liebeserklärung. Er wartete eine Stunde. Katrien kam nicht. Er wartete noch eine in seinem Hain. Und die nicht kamen, waren Harder und Katrien. Da gab er Befehl, alles wieder wegzutragen. »Verrücktheit!« sagte Lene. »Blödsinn!« drückte sich Heinrich aus. Aber sie schafften nach dem Gebot. 6 Meister Harder ging also nicht in den Blumenhain. Meister Harder machte sich am andern Tag auf zur Stadt. Ein auf Jochens Namen ausgefülltes Wechselformular hatte er in der Tasche. Noch war es nichts mehr und nichts weniger, als ein im Kontor zustande gekommenes Übungsblatt. Er hatte es eingesteckt, er wußte selbst nicht, weshalb. »Wenn ich es nun täte, wenn ich es nun täte«, sagte er für sich. »Wäre es ein Unrecht? Nein, es wäre kein Unrecht. Nach drei Monaten kommts zum Zahlen. Dann hab ich meine Sachen in der Reihe. Es kräht kein Hund und kein Hahn danach. Da ist kein Unrecht bei.« Die ganze Nacht hatte er gerechnet, sein Sinnen zersonnen und dadurch um alles Unterscheidungsvermögen für bös und gut gebracht. Er hatte herausgerechnet, daß sich alles ebnen lasse, wenn nur der Wechsel verlängert werde. Das war aber notwendig, sonst war er verloren. Seiner Tochter hatte er weder von dem wunderlichen Ansinnen ihres Liebhabers gesagt, noch von dieser Reise. Sie sah zu scharf, sie hätte sicher durch seine Jacke hindurch den Wechsel, auf dem ›Joachim Riese‹ so groß quer herübergeschrieben war, gesehen. Nein, die Sache wollte er allein abmachen, und dann wollte er sehen, seine Ausstände einzubekommen und alles in Ordnung bringen. Es war eine mäßig große Provinzialstadt, wohin Harder seine Schritte lenkte. Nicht gerade von überwiegender allgemeiner Bedeutung, immerhin aber Bank- und Warenhaus für die Umgebung, zu der auch der vielleicht zwei Meilen entfernte Wohnort von Harder Rickers gehört. Bis zum Nobiskrug, eine halbe Stunde vom Ort entfernt, führt ein düsterer Weg zwischen Waldgehegen, fünf Minuten vor dem Wirtshaus liegt, so recht in der Einsamkeit, eine kleine Mooskate. Hier hatte Peter Rank, der falsche Papiere gemacht hatte und nun saß, gewohnt. Dessen Frau rief Harder Rickers an und bat ihn, sich nach ihrem Mann umzuhören. Das traf ihn wie Donnerschlag. War das eine Warnung des Himmels? War er im Begriff, sich zum Schuld- und Schicksalsgenossen von Peter zu machen! Aber lange ertrug sein Wille, der sich in der Erreichung seines Zieles gehemmt sah, diese Störung nicht. Nein, mit Peter Rank hatte er nichts zu tun. Mit Peter war das eine ganz andere Sache. Der hatte Hans Hollers Namen unter einen Bürgschaftsschein geschrieben, ohne dazu ein Recht gehabt zu haben. Denn Hans Holler hatte beschworen, daß er dem Peter nichts versprochen habe, wenn Peter auch bei seiner Behauptung geblieben war. Aber er und Jochen! Wie oft hatte Jochen Riese ihm gesagt, ihn nicht im Stich zu lassen und Wechsel zu verlängern, wenn es mal mit Geld nicht passe. Einmal, zweimal, dreimal hatte er es denn auch getan. Nun wollte er es nicht mehr. War das nicht himmelschreiendes Unrecht? Wer konnte ihm verdenken, daß er jetzt selbst den Namen schrieb, den Jochen Riese zu schreiben verpflichtet war? War das Unrecht? Nein, das war kein bißchen Unrecht. Das Bankgebäude hatte ein hohes Schieferdach. Mit seinen roten Ziegelsteinwänden sah es solide und einfach und wahr aus. Zu dem Haupteingang führten schwere Steinstufen. Vor der Haupttür lagen Granitblöcke, schwer und massig, wie das Gewissen nach begangener Tat. Kurz vor Mittag trottete Harder Rickers die Stufen hinauf. Er war von unansehnlicher Figur, ein kleiner Bauer, und in den letzten Monaten war er alt und welk geworden. Zwar war sein Haar noch voll und dicht, aber grau und steif war es, so daß es sich der Mütze nur widerwillig bequemte. Es schien den leichten Deckel heben zu wollen, und an den Schläfen und Ohren strebte es eigensinnig in die Weite. Es war, zumal als er nach verrichteter Sache über die Granitplatten wieder hinabschritt, ein borstiges, widersetzliches Haar, ein Haar, das Wert darauf legte, auf einem ehrlichen Kopfe zu wachsen. Harder hatte sein Bankgeschäft besorgt, der Auftrag der Frau Rank war ihm ganz entfallen, er hätte also nach Hause gehen können, aber er tat es nicht. Das Bankhaus hielt ihn, als sei es ein Magnet und als sei er eine Stecknadel. Er mußte immer an das Stück Papier und an Rieses Namenszug denken, der darauf stand. Für sein Leben gern hätte er noch einmal in die Kontorfenster hineingesehen, ob das Papier wirklich im Fache liege und nicht vielleicht als verdächtig nachgeprüft werde. Und immer zweifelhafter wurde ihm sein sittliches und juristisches Recht, Rieses Namen in der Weise zu gebrauchen. »Ja«, sagte sein Gewissen; »du behauptest zwar, Jochen Riese sei verpflichtet gewesen, seinen Namen zu schreiben. Das ist aber doch sehr fraglich. Und wenn auch – eine Fälschung, einen Betrug hast du doch begangen. Denn du sagst durch das Papier allen, durch deren Hände es geht, daß Riese die Unterschrift geschrieben hat. Und das ist nicht wahr. Du bist ein Fälscher und Betrüger! Eine andere Bezeichnung gibts nicht dafür.« »So schlimm ists doch nicht«, redete er auf sein Gewissen ein: »Ich bin doch kein Verbrecher wie ... wie ... nun, wie Peter Rank.« »Ich sehe nur den Unterschied: bei Peter Rank handelte es sich um ebenso viele Hunderte wie bei dir um Tausende«, antwortete das Gewissen. »Ach, hättest du das vorher gesagt!« seufzte Harder. Diese Beschwerde hatte Berechtigung. Vor der Tat leistet unser böser Wille an moralischer Schönfärberei das Mögliche. Die Moralanschauung muß sich gefallen lassen, dem Interesse zu dienen, die glänzende Seite des Zieles wird grell beleuchtet, die keck zugreifende Hand wird empfohlen. Überall sieht man Eideshelfer für das eigene Recht. Die Warner schweigen oder sind doch von dem Willen so eingeschüchtert, daß sie Eindringliches nicht leisten. Aber nach der Tat, wenn es zu spät ist, da helfen die Eideshelfer, da werden die schüchternen Warner dreist, da werden sie herzlose und unerbittliche Ankläger. Der alte Mann begann die Bank zu umkreisen. »Hätte ich es nicht getan! Katrien, meine gute Katrien!« Was sollte er beginnen? Sollte er vor die Kasse hintreten, den Wechsel wieder fordern und sich der Fälschung anklagen? Ach nein, das ging nicht! Den alten Wechsel konnte er nicht zurückgeben, den hatte er gleich zerrissen, man würde ihn verhaften. Jochen Riese würde Nachricht erhalten. Das alles war klar. Harder ging und ging. Er wanderte ruhelos in den Straßen umher, aber das schreckliche Bankhaus, das den falschen Wechsel barg, behielt er im Auge. An der Hinterseite war es von Höfen und Häusern eingeschlossen, man mußte, wollte man darum herumgehen, durch einsame Gassen und Gäßchen. Das war für einen alten Mann mit abstrebendem ehrlichem Haar eine rechte Mühsal. Aber er unterzog sich dieser Mühsal, er mußte das große Gebäude mit dem roten Dach sehen, und wenn es einmal durch Giebel und Dächer, wie zum Beispiel in der Torstraße, verdeckt war; dann steigerte sich die Beklemmung bis zur Atemnot. Die Torstraße ist schmal und feucht und übelriechend. Sie ist auf der einen Seite durch niedrige Häuser, auf der anderen Seite durch eine hohe Mauer begrenzt, deren regelrechte Fugen die tägliche Augenweide für die Fenster der anderen Häuserzeile bilden. Harder kannte die Mauer, jeder kannte sie – sie faßte den Hof des Zuchthauses ein. Harder Rickers schrak heftig zusammen. Unmittelbar vor ihm hatte sich klirrend und rasselnd ein Tor geöffnet, eine Patrouille mit geschultertem Gewehr führte einen Trupp Sträflinge vor sich her. Zwei zerlumpten Knaben, die sich grade an der Jacke hatten, schien das so wichtig, daß sie ihre Balgerei einstellten. »Dat sünd Galeerensklaven«, erklärte der eine, »de arbeit op n Stadtwall mit n Kugel ant Been.« – »Kiek«, erwiderte der andere, »se hebbt en gel Been un en swart.« Die Sache war dem Meister Harder nicht neu. Als er noch eine intakte Seele besaß, hatte er sich zu seiner mehreren seelischen Erhebung die Sache selbst angesehen. Die Züchtlinge verrichteten in der Tat schwere Karrenarbeit mit einer Kugel am Bein. Es ist doch ein eigener Genuß – das Gefühl sittlicher Höhe, wenn man weiß, daß einem so was nicht passieren kann. Wie oft und mit welchem Behagen hatte er bei allem Mitleid das früher gefühlt. Die Sträflinge hatten alle graue Gesichter, überall standen Wachen mit geladenem Gewehr dabei. Einmal hatte er auch seinen Freund Peter in der Karre getroffen, er hatte mit ihm sprechen wollen, war aber barsch auf die Sprechstunde in der Anstalt verwiesen worden. Der Beamte hatte den Mittwoch genannt, und nun war es Mittwoch, und auch die Stunde war richtig, und von Frau Rank hatte er Bestellung zu verrichten. Peter Rank wurde in seinen Augen zu einem Kameraden, zu einem Unglücklichen, den wollte er besuchen. Hauptsächlich aber wollte er ihn fragen, ob es wahr sei, daß Hans Holler auch ihm, just wie in seinem Fall, die Unterschrift versprochen gehabt habe. Wenige Minuten später war er im Sprechsaal der Anstalt. Als die Tür hinter ihm zufiel und abgeschlossen wurde, mußte er an einen Sargdeckel denken. Dieses Schlüssel- und Kettengeklirr, ihm war immer, als müßte die nächste Handschelle sich um seine Knöchel legen. Überall roch es nach Teer und Öl, und alle Leute hatten bleierne Gesichtsfarbe.   Um dieselbe Zeit, als Harder Rickers sich beim Kastellan des Zuchthauses meldete, sprach ein halb städtisch, halb bäurisch gekleideter, selbstbewußt tuender junger Mann auf der Bank vor. Das war Jochen Riese. Er wurde seiner Bedeutung und seinem Vermögen entsprechend empfangen und behandelt und in das Direktionszimmer genötigt. Der fällige Wechsel von Rickers sei doch eingelöst? warf er hin. »Selbstverständlich, Sie haben ja prolongiert«, lautete die Antwort. Man legte ihm das von Harder abgegebene Papier vor. Mit lächelnder krauser Lippe und mit krausem Kinn prüfte der große Jochen Meister Rickers Kunst. Sein Gesicht fiel auf. »Mit dem Wechsel ist es doch in Ordnung?« »Darüber möchte ich mir eine Erklärung vorbehalten«, war die reservierte Antwort. »Spaß!« lachte der Direktor. »Der alte ehrliche Harder.« »So denke ich auch«, antwortete der Diplomat. »Die Sache wird gewiß in Ordnung kommen.«   Jochen hatte mit der Handlung Paap \& Co. ein gutes Geschäft geschlossen, er hatte im Adler gegessen, er hatte eine gute Zigarre geraucht, er hatte eine Flasche Wein getrunken, der Fuchs vor seinem Einspänner war mutig und gut eingefahren. Als er, nach Hause zurückkehrend, durch die Königstraße knatterte, grüßte man rechts und links – Jochen Riese war ausgezeichneter Laune. Eben hatte er das Stadttor hinter sich, da holte er den mühsam daherstiefelnden Harder ein. »Holla!« rief er. »Holla, Meister Rickers.« Er pfiff und zog die Zügel an, steckte den Peitschenstiel ins Futteral. Der Fuchs stand wie ein Baum. »Harder«, wiederholte er, »bißchen mitfahren?« Er lachte dabei aus voller Kehle. Harder stand still, ohne sich zu wundern, wie der Unglücksnachbar so plötzlich daherkomme. Er wunderte sich über nichts mehr. – Mitfahren wollte er nicht. Er dankte. Jochen lachte noch immer, lachte ihm voll ins Gesicht. »Was lachst du?« fragte Harder. Es war ihm wirklich unbegreiflich, wie heute jemand lachen könne. »Ich bin vergnügt, Meister. Soll ich da nicht lachen? Wart nur, Nachbar. Morgen sollst du auch lachen. Morgen wollen wir alle lachen. Morgen. – Jawohl, morgen! Gestern habt ihr mich im Stich gelassen, morgen werdet ihr das nicht tun. Es ist der zweite Termin, einen dritten gebe ich nicht.« Er zog seine Uhr. »Es ist fünf Minuten nach vier. Morgen um diese Stunde, also vier Uhr, wünsche ich euch zu sehen. Meine Bedingungen sind die alten. Du brauchst nichts zu sagen, Harder. Ich weiß, daß ihr kommt, du und deine Fräulein Tochter, die ... na die ...« Er schüttelte heftig den Kopf, als wenn er den Namen suche und nicht finde. »Wie heißt sie doch gleich?« »Katrien heißt sie«, antwortete Meister Rickers demütig. Jochen Riese mit dem feinen Ehrgefühl lachte wieder. »Das ist ja auch wahr. Wie konnte ich das vergessen! Darüber erzürnten wir uns ja gerade. Tinchen darf ich nicht sagen – ›Katrien Rickers ist mein Name‹.« Er ahmte des Mädchens Stimme nach und brach wieder in schallendes Lachen aus. »Lach nicht!« bat der Alte. Es ging ihm wirklich durch Mark und Bein. »Kannst du mein Lachen nicht leiden, Schwiegervater? Dann laß ich es selbstverständlich.« Er lachte nicht mehr; um so listiger verzog er den Mund. »Was tut man nicht dem Vater seiner Braut zuliebe! Wir wollen nicht mehr davon reden, es gibt ja noch mehr, was interessiert. Zum Beispiel, Harder, warst – auf der Bank?« Harder wurde kaum noch rot. Jochen wußte natürlich alles, es kam nichts mehr unerwartet. »Ich war da«, gestand er. »Das find ich nett, Harder! Ich sprach übrigens auch mal vor und freute mich, wie du schreiben kannst, Meister.« »Ich weiß, Jochen. Ich bitt dich, schweig davon!« »Du bist ein wunderlicher Heiliger, Nachbar. Nun kannst auch das nicht vertragen. Lachen soll ich nicht, von der Bank und von Wechseln willst du nicht hören. Was soll man denn eigentlich mit dir reden? Na, wollens versuchen. Warst bei Peter Rank?« Der Sprecher bog sich zu Harder hinüber, so weit es ging. »Hast du ihn besucht?« fragte er schmierig. »Ja«, antwortete Harder. Ihm war jetzt alles einerlei. »Sehr vernünftig. Man kann nicht wissen, wo man noch mal sein Brot ißt. Wenn mans kennt, dann gewöhnt man sich um so eher. Wie gehts denn dem ehrlichen Peter?« Harder schwieg. »Hat dir natürlich erzählt, daß Hans Holler der Schuldige ist. Er hatte ja versprochen, ihm mit Bürgschaft zu dienen. Aber das Gericht hat gesagt, das seien Redensarten, das sei kein Versprechen, kein bestimmtes Versprechen, das allein vor dem Gesetz binde. Und selbst, wenn auch alles so wäre, haben sie gesagt, Fälschung bleibe Fälschung und werde mit Zuchthaus bestraft. Nicht wahr, das alles hat er dir erzählt? – Wieviel Jahre bekam Peter doch?« fragte er weiter. »Viereinhalb.« »Viereinhalb, und erst drei vorüber. Noch einundeinhalbes Jahr, Tag für Tag in der Karre mit ner Kugel am Bein. Das würde uns nicht behagen, was, Meister? Aber da ist nichts zu machen. Und das müssen wir doch sagen, Meister: verdient hat der ehrliche Peter seine viereinhalb Jahre redlich. Wohin solls führen, wenn man sich nicht mehr auf die Unterschrift verlassen kann? Das empfinden wir Geschäftsleute am ersten. Nicht wahr, Meister?« Der Alte stöhnte. »Schweig, Jochen!« »Weshalb soll ich schweigen? Was bist du komisch! Das, was Peter getan hat und was er zu verbüßen hat, das geht uns beide doch nichts an.« »Bitte, lieber Jochen, hör auf. Ich beschwöre dich bei deiner Seligkeit, ich beschwöre dich bei meiner Katrien!« »Wenn du die Katrien anrufst, dann muß ich freilich still sein.« »Wir kommen morgen, du sollst nicht umsonst warten.« Harder war ganz zerknirscht. »Das ist mir angenehm zu hören. Ihr sollt mir sehr willkommen sein. Dann ist ja alles gut. Und nun sei kein Narr, Schwiegervater, und steig auf! Wir fahren zusammen ins Dorf.« »Laß mich allein, Jochen! Ich bitte dich, ich flehe dich an. Ich kann nicht, ich kann nicht.« »Komischer Kauz! Dein Wille geschehe!« Er nahm die Peitsche aus dem Futteral und lockerte die Zügel. »Ja, alter Fuchs«, redete er zum Pferd hinüber, »wir fahren allein weiter. Unser Schwiegervater kann heute noch nicht. Aber morgen kann er. Komm!« So rollte Jochen rasch davon. 7 Am folgenden Tag, punkt vier Uhr, wie Jochen bestimmt hatte, ist dessen Verlobung mit Katrien zustande gekommen. Mit all dem Pomp und all der Herrlichkeit, die er vorbereitet hatte, mit der ganzen Wucht, die er zur Bedingung gemacht hatte, anfangs und, soweit er beteiligt war, auch mit der beabsichtigten Heiterkeit. Eine Palme hatte sich freilich mit dem besten Willen nicht beschaffen lassen, aber sonst war der nach Lene und Heinrichs Ansicht wahnsinnige, auf Reolen und Bänken hinter dem Lehnstuhl des Hausherrn, gegenüber dem goldenen Wandspiegel aufgestellte Blumenhain fertig. Heinrich hatte einen Birkenbaum und eine Stechpalme hinzutun müssen. Sie sollten an Stelle der fehlenden Palme über dem Haupte des Siegers der Stimmung durch gelegentliches Rauschen nachhelfen. Gerüchte kommen und entstehen und vergehen wie Federwolken in heißen Sommertagen. Im Dorfe heißt es: Bei Harder Rickers ist was nicht in Ordnung, aber der Holzhändler wird alles in die Reihe bringen und die Katrien heiraten. Was stürzen die Nachbarn ans Fenster? Sie stürzen ans Fenster, weil die von dem Gerücht betroffenen Personen leibhaftig über die Straße gehen und beim Holzhändler einbiegen. Der alte Meister Rickers mit abstehenden grauen Spießern, Katrien jung und schön und blaß und bleich, aber wie ein Steinbild so ruhig und starr. Es scheint, als ob sie sich nach dem Kontor wenden wollen, aber Heinrich erscheint und redet auf sie ein. Da verschwinden sie über die Schwelle des Wohnhauses. In Jochens bester Stube ist es gewesen. Jochen sitzt in seinem Blumen-, Birken- und Stechpalmenwald, besieht sich im Spiegel und findet ausnehmend Gefallen an sich und lächelt und lacht und ist freundlich und glücklich und steht auf und bietet die Hand, bietet beide Hände und heißt Vater und Tochter willkommen und sagt, daß er sich aufrichtig über ihr Kommen freue. Und Katrien bleibt kalt und ruhig und fängt an zu sprechen. Es handle sich um eine Geschäftsangelegenheit ... »Nicht ein bißchen Herzenssache?« unterbricht sie Jochen. Er ist jetzt ein guter, aber ein völlig guter Kerl. »Nichts für ungut«, erwidert die Angeredete. »Ich weiß es nicht. Du, Jochen, magst es nehmen, wofür du magst. Ich kann in diesem Augenblick Geschäft und Herz nicht genau unterscheiden. Mein Herz ist etwas krank.« »Es wird schon wieder gesund werden«, tröstet der gute Kerl. Katrien ist eine redende Bildsäule. »Ich habe dich einstmals beleidigt, ich habe dich treulos und bübisch genannt, ich habe dir Herz und Gemüt abgesprochen. Ich habe dir unrecht getan, ich bitte dir alles ab. Du hast es vorausgesagt, es trifft ein, es wird alles eintreffen, was du prophezeit hast.« »Das freut mich«, sagt Jochen. »So komm ich«, sie zögert einen Augenblick, fährt dann aber unbewegt fort: »so komme ich denn mit meinem Vater, dich zu bitten, mich zu deiner Frau zu machen.« Dem Holzhändler lacht das Herz im Leibe. Er will auch mit dem Gesicht, mit dem Mund, mit seinem Kehlkopf lachen, wie er sonst lachen tut, er will über seinen Sieg lachen, er will über das Lächerliche des ganzen Vorgangs lachen, er will aber auch gemütlich und gutmütig lachen, um seiner Braut über diese nun mal von ihm beschlossene, daher unabänderliche Demütigung hinwegzuhelfen, aber er lacht doch nicht. Seine Braut ist eigentümlich bleich und ernst. Er sucht sein Bild und ihr Bild im Spiegel, aber auch dort wird ihm nicht das erlösende Lachen. Denn auch im Spiegel ist sie ein Bild mit erloschenen Marmoraugen. Er antwortet daher ganz angemessen und ganz ernst. »Recht gern heirate ich dich. Das ist ja immer mein höchster Wunsch gewesen, Katrien.« »Mein guter Jochen«, erwiderte die Steinerne, »du mußt Tinchen sagen, mein liebes Tinchen!« »Mit großem Vergnügen mache ich dich zu meiner Frau, mein liebes, geliebtes Tinchen. Ist es so recht?« So war es recht. »Was ich noch fragen wollte, liebes Tinchen, liebst du mich?« »Aus reiner Neigung und aus tiefem Herzensgrunde. Warum sollte ich dich nicht lieben! Du bist ja der beste und edelste Mensch von der Welt. Du meinst es mit allen Menschen so gut.« »Wahr ist es schon. Aber es ist doch wohl mehr, als ich verdiene.« »Nicht doch, Geliebter. Du verdienst eine bessere Liebe, als ich dir gewähren kann. Komm in meine Arme!« Als Jochen Riese von Katrien Rickers den Bräutigamskuß erhielt – das war ein Vorgang im Blumenhain, der einfach als rührend bezeichnet werden kann. Zugleich schwebte der Geist der Erhabenheit über den Blumentöpfen, über den Birkenreisern und über der Stechpalme. Wie es kam ... gleichviel ... aber es war etwas da, das die Bäumchen des Blumenhains schüttelte. Darob schlugen die Zweiglein knisternd und raschelnd zusammen. Andere Ohren als die von Jochen Riese hätten andere Lieder gehört; dem großen Holzhändler aber erklang es wie Lorbeergetuschel ungetrübter Siege.   Es gibt eitle Leute, die sich bescheiden geben, im geheimen aber von einem brennenden Ehrgeiz verzehrt werden. Und es gibt eitle, selbstgerechte Menschen, die es jedem sagen, wie vortrefflich sie sind. Diese Offenheit steht mit einer gewissen kindlichen Gemütsanlage in Verbindung, die eine Freude daran hat, anderen Leuten gegenüber sich als Wohltäter auszuzeichnen. Sie können grausam sein, diese Leute, wenn es ihre Ruhm- und Ehrsucht mit sich bringt. Vor allen Dingen soll der Gegner sich demütigen. Hat er das getan, so hört er auf, ein Gegner zu sein. Dann ist er nur noch ein Armer, ein Unterdrückter, ein Schutzbedürftiger. Da wird sofort die Seite des wohltätigen Beschützers und des großen Wohltäters hervorgekehrt. Aber das geschieht offen, protzend und eitel. Denn da diese Leute nun mal als Protzen geboren sind, so protzen sie auch mit ihrer Gesinnung. Die Demütigungsszene war glatt von statten gegangen. Nun war Jochen Riese der große Wohltäter. »So, Schwiegervater«, sagte er, »nun wollen wir das Geschäftliche ordnen. Du gehörst nun zu meiner Familie. Wie ein Sohn will ich an dir handeln. Heute sollst du Jochen Riese kennen lernen, wie er eigentlich ist. Siehst du, Vater, ich habe eine harte Hand. Ich hab aber auch eine weiche.« Er legte eine dicke Brieftasche auf den Tisch und entnahm daraus ein Papier. »Kennst dus? Besieh es genau. Hier steht mein Name ›Joachim Riese‹ quer über dem Wechsel, aber nicht von mir geschrieben. Ich habe ihn heute früh eingelöst.« Er nahm den Wechsel in die Hand und faßte das Papier in der Mitte, um es zu zerreißen. Darauf Katrien: »Halt!« »Warum, Liebe?« fragte Jochen und lächelte glücklich. »Nein«, sagte er, »einhalten, wenn es gilt, ein gutes Werk zu tun, das tut Jochen Riese nicht. Sieh, Jochen Riese macht das so: Ritsch, ratsch! Er ist nicht mehr, er ist niemals gewesen.« Die Fetzen flogen in den Papierkorb. »O!« seufzte Katrien. Jochen hielt es für ein Weibergestöhne, das nichts zu bedeuten habe. Er sah in den Spiegel, sein Bild gefiel ihm. »Ich habe auch meine Ehre«, sagte er stolz. »Ich hab es versprochen, ich hab es gehalten; ich heiße Jochen Riese.« Ein Seitenblick ging wieder nach dem Spiegel. »Und nun, Vater, zu dem anderen. O je, o je«, seufzte er und tat komisch und kratzte den Kopf, »was hast dir da zusammengeschnorrt! Hier ... Partsch \& Ehrich ... vertrauenerweckende Leute ... hartgesottene Wucherer. Ich hab ihnen die Hölle ordentlich heiß gemacht. Und es hat sich gelohnt. Vierzig Prozent haben sie gestrichen, aber betrogen sind sie sicherlich nicht. Und hier Meier \& Wolf leihen auch auf Wechsel, sind aber doch ein gut Teil anständiger. Bei denen Hab ich mich aufs Bitten gelegt ... fünfundzwanzig haben sie abgelassen und haben doch noch ganz gewiß einen hübschen Rebbes. – Und hier die Rechnungen.« Als Jochen sie aus der Brieftasche zog, wurde sie recht dünn. »Die von Paap, von Hansen, von Molzen, von Lubeseder, Franzen, Johannsen, und wie sie alle heißen« (Jochen warf eine ganze Handvoll Rechnungen auf den Tisch) »... alle quittiert, alles ehrliche Forderungen für ehrlich gelieferte Waren. Die haben ihr Geld selbstverständlich ohne Abzug erhalten.« Jochen griff wieder nach der Tasche. Da rief Katrien, und ein heftiges Rot färbte das Marmorgesicht: »Jochen, lieber Jochen. Zum ersten mal nenne ich dich so mit ein wenig Aufrichtigkeit und nicht nur Komödie spielend. Ich bitt dich, Jochen, hör auf, es sprengt mir das Herz.« Er verstand sie wieder nicht. »O nein, Katrien«, sagte er, »da sei ruhig, es wird mir nicht zu viel. Wir behalten noch«, lachte er, »sei nur ganz ruhig.« Er schwelgte förmlich in Selbstlosigkeit. Über die Züge des Mannes mit dem feinen Ehrgefühl flog etwas, das wie Glück aussah, wie das Glück, das unsere Seele nach guter Tat besser macht. – Palmen über dem Scheitel, Lorbeeren in den Locken! – Wenn sie auch nicht da waren, ihr Getuschel lag ihm doch im Ohr. Er war auf der Höhe, der Spiegel sagte es ihm; es handelte sich aber auch um den besten Trumpf, um seine sittlichste Tat. Das letzte Papier zog er aus der Tasche. Nun war sie ganz dünn und faltig. »Seht her!« sagte Jochen. »Hier ist ein Kontrakt, den ich mit meinem Schwiegervater eingehen will. Ich übernehme den ganzen Kram, ich übernehme ihn mit ›Schuld und Unschuld‹. Und die Kate soll dir, solange du lebst, verbleiben, als ob du freier Eigentümer wärst. Ich setze dir einen Altenteil aus – du darfst jeden Tag Braten essen und Weinsuppe, soviel du magst« (Jochen lachte zwar, aber er lachte genügsam über seinen Witz). »Und auf meiner Holzhandlung soll dein Altenteil eingetragen werden, du darfst selbst sagen, wieviel du gebrauchst. Dir, lieber Vater, soll es gut gehen, selbst wenn es mir mal schlecht ginge. – Nun?« Jochen sah den Alten an und Katrien an, und wieder den Alten und nochmals Katrien. »Nun, was sagt ihr? Ist Jochen Riese ein guter Kerl oder ein schlechter?« Über Harder kam es. Es übermannte ihn. Vor Rührung konnte er nicht reden, er konnte nur einzelne Worte herausstoßen. So sehr lag ihm der Krampf in Kinn und Rachen. Jochen Riese sei ein guter, der beste Mann. Harder sprach eigentlich nicht, er würgte nur. Sprechen konnte er nicht. So sehr war er überwältigt. Aber Katrien legte ihrem Bräutigam die Hand auf die Schulter. In tiefer Bewegung. In ihrem Gesicht ein verhaltenes krampfhaftes Schluchzen. »Nicht weiter, Jochen. Ich wollte einfallen, aber du hast mich nicht verstanden. Ich will dir was sagen, ich will dir was abbitten, bevor es zu spät. Das andere, das war ja nur Eulenspiegelei, weil du es so wolltest. Aber das, was ich jetzt sage, kommt aus aufrichtigem Herzen. Ich habe zwar immer gewußt, daß der gut aufgehoben ist, der es über sich gewinnt, sich dir und deinem Willen zu unterwerfen. Aber ich hab dich darin doch wohl unterschätzt.« Jochen Riese lachte. »Siehst du wohl, Tinchen! Habe ich nicht immer gesagt, wir würden uns finden?« Er lachte wieder so, wie ein guter Mensch über eine gute Tat lacht. »Lach nicht so laut!« bat Katrien, »Dein Lachen geht mir durch und durch, ich kann es nicht ertragen. Sie ist so furchtbar ernst, diese Stunde. So, Jochen, wie du es verstehst, habe ich es nicht gemeint. Ich wollte dir ein gutes Wort sagen, bevor ich gehe. Denn wisse, in wenigen Stunden wirst du sagen, ich habe dich betrogen.« »Du mich betrogen? Du gehen? Wie sollen wir das verstehen? Willst nach Amerika? Da wird nichts aus. Ich laß dich nicht. Wir lassen sie nicht, nicht wahr, Harder?« Katrien war totenbleich. Sie griff sich krampfhaft nach dem Herzen. Dann legte sie die Arme ihrem Vater sanft um den Hals. Und küßte ihn. »Guter Vater, dich gehts zuerst an, dir tu ich das größte Weh.« Sie löste ihre Arme und gab Jochen die Hand. »Auch von dir möcht ich in Frieden gehen. Auch dich, Jochen, bitte ich um Vergebung. Ich geh von euch.« »Von uns? Wohin? Was soll das heißen?« »Ich geh, weil ich Gift genommen habe und nur noch wenige Stunden lebe.« 8 Heinrich jagte ein Pferd tot nach dem Doktor. Das half alles nicht – Katrien starb. Und wurde von Jochen mit großem Pomp begraben. Das war seine letzte Protzerei. Er wurde ruhig und still. Dem alten Rickers hielt er sein Wort. Abends saß er in seinem Kontor und rechnete und träumte. Wer über den Holzhof ging, sah ihn, grell von der Lampe beschienen.   »Unser Wirt«, redete ihn eines Abends sein Hausknecht – es war noch immer der alte Heinrich – an, »wollen Sie nicht lieber die Vorhänge zuziehen? Es schleicht hier schon ein paar Abende ein Mensch herum und sieht und starrt hinein. Und er hat was bei sich, ich weiß nicht, ist es eine Flinte oder ein Stock. – Wirt ... da ist er wieder ...« Der Knecht bückte sich nach dem Fenster. »Da beim Heck«, flüsterte er, »nun beim Pfahl, da geht er um die Ecke.« Es dämmerte, aber nach der Torfahrt konnte man doch hinsehen. Da ging es wie ein Schatten ... Eine dunkle Gestalt ging über den Hof. »Ach was, Heinrich! Mich machst du nicht graulen. Was kann das sein! Ein wilder Fußsteig führt von der Försterei über unseren Hof. Der Hegereiter hat einen neuen Gehilfen bekommen. Was meinst du, sieht der Mann anständig aus?« »Anständig? ... Ja, das kann man nicht anders sagen. Er ist gut im Zeug und scheint nicht alt. Aber einen Bart hat er ... so ... lang.« Peter zeigte eine Viertelelle seine Weste hinunter. »Seinen Bart fürcht ich nicht. Es wird ein neuer Forstwart sein ... Laß den Mann ruhig gehen! Mein Holzhof ist keine beste Stube, der kann einen fremden Schritt vertragen.« Es wurde dunkler, der Holzhändler saß noch immer bei unverhängten Fenstern. Und rechnete? Nein, rechnen tat er nicht. Er dachte an seine Schuld und an die starren, unerbittlichen Züge der Totenmaske. Ob er das Bild der steinernen Anklage wohl jemals vergessen werde? Joachim Riese, der Einzige, war nicht wieder zu erkennen. Er grübelte, und er grämte sich. Er träumte immer mit offenen Augen, er merkte auch jetzt nicht, daß er nicht mehr allein war. »Jochen«, weckte ihn eine Stimme. Ein Wettergebräunter stand vor ihm, ein Mann mit dichtem Haar und vollem Bart. Er hatte etwas in der Stubenecke auf den Tisch gelegt, Jochen sah nicht, was es war. Der Mann wollte wild aussehen, sah aber nicht wild aus. Es lag zu viel Güte um die Schläfen, zuviel Ehrlichkeit in den Augen. »Kennst du mich?« fragte der wilde, der ehrliche Mann. »Du kennst mich nicht mehr. Ich heiße Reimer, bin ein Schneidersmann. Einstmals dein Jugendfreund, jetzt dein Feind. Du hast mein Glück gemordet.« »Ah!« sagte der Holzhändler. »Das freut mich, Reimer, daß du kommst. Du kommst doch, mich zu töten.« Beide sahen sich stumm in die Augen. »Wie soll ichs nehmen?« brach Reimer das Schweigen. »Du spaßest vielleicht, aber soviel ist richtig: seit Tagen schleiche ich hier herum, um dich wie einen Hund niederzuknallen. Aber ich hatte nicht das Herz. Zum Mörder reichts bei mir nicht. Ich bin entweder zu gutmütig oder zu feige. Es liegt wohl in meiner Natur.« Jochen lächelte. »Ja, Reimer. So gehts, wenn man sich was zumutet, was einem fremd ist. Mir wärs schon recht und dienlich gewesen. Aber deinetwegen, Reimerchen, ist es gut, daß du nicht das Herz fandest. Du kennst die Gesichter der Toten nicht, die auf dem Kirchhof liegen ...« Die Prahlstimme des Holzhändlers wurde ganz gedämpft und ganz leise. »Wenn man nämlich schuld dran ist, daß sie dort liegen. Ich trag so ein steinern Gesicht mit mir herum. Je dunkler es um mich ist, um so ernster und drohender blickt es. Deshalb muß ich es ja immer hell um mich haben. Deine Flinte, Reimer, wäre für mich schon ganz gut. Es fragt sich nur, ob auch für dich. Mich hätte sie vielleicht von meinen Gesicht befreit, dafür hättest du ein anderes gehabt, guter Junge. Für dich ist es gut, daß du nicht den Mut hattest.« Reimer verwunderte sich je länger, je mehr. Was war aus Joachim Riese geworden? »Ja«, sagte er, »wenn es so steht, wenn die Toten selbst ihre Sache führen, dann habe ich hier nichts mehr zu suchen.« Er wollte gehen und suchte nach dem in der Ecke niedergelegten Ding. Jochen aber war ihm zuvorgekommen. Er wog es in der Hand und schlug damit klatschend gegen seine Waden. »Sieh da, eine Peitsche für Dackel und Hühnerhund, wie sie ein Jäger in der Wildtasche trägt. Bei Johannes Kock gekauft. Ganz neu. Man handelt bei Johannes Kock gut und billig. Was, Reimer? Die hab ich wohl kosten sollen, weil der Mut zum Gewehr nicht langte.« Jochen Riese lächelte. »Ja«, gestand Reimer. »So ungefähr stimmts. Aber ich seh, es ist nicht mehr nötig. Bei mir reichts auch wohl nicht zum Büttel.« »Schade um den Gedanken, Reimer!« Jochen wog das zum Zuschlagen lüsterne Ding in der Hand. »Drei, vier Striche ... nein, was sag ich ... dreißig, vierzig, damit von deiner Hand in mein Gesicht ... mein Blut an die Wände ... Das wäre Wohltat.« Jochen drängte ihm das Instrument in die Hand. »Tu es, Reimer! Füg mir Schmerz zu, schneidendes körperliches Weh. Es wird Arzenei für meine Seele sein.« »Wunderlicher Mensch!« »Du willst nicht, du kannst nicht? ... Nein, du kannst wirklich nicht. Deine Seele ist immer weich gewesen, und ist so geblieben. Nun, so tu ein Ganzes und vergib mir! Vergib mir so recht von Herzen, dann wird ihr Bild freundlichere Züge annehmen. Wir sind Schicksalsgenossen, Reimer. Du hast sie geliebt, wie deine Natur ist, wie die Engel lieben. Ich war mit einer anderen Seele in die Welt gestellt und hab auf meine Art geliebt. Das war eine andere Liebe, die Menschen wollen sie gar nicht für Liebe gelten lassen. Aber Liebe war es doch. Vergib mir, Reimer!« Der Schneider im Bart wußte nicht, was er sagen sollte. »Ich kann nicht, Jochen!« kam es aus schwerer Brust. »Das Gefühl der Rache ist dahin, und auch der Haß. Hassen kann ich nicht, oder nicht mehr. Aber vergeben ... so ganz aus Herzensgrund vergeben, daß kein Groll zurückbleibt? Ich hoffe, ich glaube, es wird die Zeit kommen, wo ich auch das vermag. Aber heute ... jetzt ... kann ich es noch nicht. Laß mich gehen!« Der Holzhändler streckte die Hand aus. Reimer Stieper sah es nicht oder tat doch so. »Gute Nacht!« Und die Tür fiel hinter ihm ins Schloß. Der Schulmeister von Handewitt Erster Teil 1 An flacher Nordlandsküste hinter Handewitt schläft und atmet das Meer: hohe Flut – tiefe Ebbe. Ein ewiges Steigen und Sinken der Gewichtsschalen, die der gute Mond am Wagebalken über den Gewässern unserer Erde hält, ohne daß sich das Zünglein einstellt. Sind die Wogen über die weiten Flächen des Ebbegrundes zurückgewichen, so drängt das Meer alsbald in sein altes Bett zurück. Es ergießt sich aus unsichtbaren Quellen, quirlt und gurgelt in schlammigen Prielen, schwillt zu Strömen, erweitert sich zu Sammelteichen und triumphiert als rollender, schaumspritzender Wogenschwall, daß es wiedergewonnen, was die träge Ebbe verlor. Eine nichtige Freude: mag auch die Flut ruhmredig ihre Schaumflocken werfen, schon führt der Ebbestrom Wasser und Welle wieder zu Tal. Ein fester Deich umrahmt eine breite Bucht in weitausholender Linie und verliert sich nach Süden und Norden in endloser Ferne – getreuer, stetiger Begleiter und Schutz der gewundenen Ufer. An einem Abend – es war eher ein klarer Winter- als Frühlingsabend – stand auf dem Deich ein langbeiniges Menschenkind und sah der ins Meer hinabfröstelnden Sonne nach. Jetzt blinkte nur noch der Reifen ihrer Bogensehne, mit dem Gold der letzten Strahlengarbe schmückten weiße, in geringer Höhe schwimmende Wölkchen ihre weich zerfranzten, flaumigen Säume: die Pracht des Abendrots stieg herauf. Eine alte Frau karrte über den Strand dem Meere zu, den Fang ausgespannter Fischnetze zu bergen. Im Schlick und Schlamm krochen Taschenkrebse, ein Schwarm von Möven war kreischend und flügelschlagend der weichenden Flut gefolgt, drei Schafe weideten in Winterpelzen winterliches Gras und die ersten Frühlingsmoose am Deiche. Klaus Wippesteert, seines Zeichens eine gebildete Krähe, dem Vollbauern Peter Kölln aus Handewitt gehörig, hackte einem toten Seehund in die Weichen. Die alle waren Wesen ohne Interesse für die Idee des Schönen; der allem vernünftige Zuschauer war der Mann auf dem Deiche, der langbeinige Schulmeister von Handewitt. Und seine stille Freude wog vor dem Werkmeister der Natur das tausendfache Ah! entzückter Mengen auf; deshalb kam auch eine Extrabeilage, die sonst zu dieser Jahreszeit selten gewährt wird. Die Flucht der ebbenden Gewässer hatte viele Sammelstellen der Salzflut im triefenden Strande zurückgelassen, sie bildeten die Schleifflächen eines ungeheuren Krystalls, der dem Schulmeister leuchtenden Zauber mit berückenden Farben in die Augen warf. Für Klaus Wippesteert hatte der Sonnenuntergang die Bedeutung: an der Gesindetafel von Peter Kölln gibt es gleich Speckschnitte und Mehlklöße. In aller Gemächlichkeit trat er den Heimweg an. Als fliegender Spaziergänger strich er lässig über die Marschen bis zur Dünenkette von Handewitt. Über den Dünen erhob er sich zu größerer Höhe, der Sandgeruch war ihm unangenehm, und auf sein Gemüt wirkte es niederschlagend, daß sich nichts für eine rechtschaffene Krähe fand. Die zerzauste Eiche am Rande der Sandregion erfüllte ihn mit Wehmut. In ihrer Krone war er in schwankendem Neste aus dem Ei gebrütet worden. Von seiner Höhe überschaute er Handewitt, die verschlungenen, buschigen Wege, seine Häuser, seine Höfe und Gehöfte, den ragenden Schulhof auf dem Schierenberg, den großen Handewitter Forst im Hintergrunde und das breit ausladende Gehöft seines Herrn, auf dessen Hofstelle er in raschem Fall hinabtauchte. Er würgte schon die erste Speckschwarte, als noch des Schulmeisters lange Beine den Weg durch die Wiesen maßen.   Unsere Geschichte ereignete sich zu einer Zeit, wo ein im Examen verunglückter Gottesgelehrter noch immer gut genug für einen Dorfschulmeister war. Rudolf Schmidt war ein Schiffbrüchiger dieser Art. Aber er machte sich nicht allzu viel daraus. Er wußte, daß unser Geschick am fremden Herdfeuer geschmiedet wird und Unabänderliches zu beklagen schien ihm töricht. Der Händedruck seines Freundes, Professors Friedrich Helm, dessen kleine auf dem Bahnsteig gehaltene Standrede waren die letzten Erinnerungen an eine hinter ihm versunkene Kulturwelt. Seitdem war er mit sich und seiner Philosophie und mit seiner Mutter, einer einfachen Frau, allein. Ihm eignete nicht die Art, Leute zu verpflichten, er hatte nicht viele Freunde, dafür um so treuere, denn die, die auf den Grund seiner Seele sahen, waren Leute, bei denen Verwandtes anklang. Und der treueste war der grundgelehrte Dr. Friedrich Helm, Meister im Sanskrit und Arabischen, Deuter und Übersetzer von allerlei Keilschriften und dunklen Hieroglyphen, Inhaber hoher akademischer Grade. Theologie hatte er seinen Eltern zuliebe studiert, das wurde zum Bruch seines Gemüts. Er sah sich in einen Widerstreit versetzt und ließ die Theologie. Wenn er nur etwas anderes angefangen hätte! Aber leider fehlte es daran; er hatte viele Interessen, war aber geistig zu bequem, an einem Punkte fest zu werden. Sein Studium zerfloß wie ein auf dem Straßendamm ausgegossener Eimer Wasser. Das staut zwar um jeden Pflasterstein ein kleines Meer auf, aber es trägt nicht mehr als einen leichten Federflaum. Und noch immer mochte er lieber über das Arbeiten nachdenken und einen Gänsekiel schneiden, als ihn ins schwarze Tintenfaß tauchen. Er trug, so strafpredigte ihn oft sein Freund an, zu schwer an der Erschaffung und Erhaltung der Welt und durfte doch dem lieben Gott seine Beihilfe gern entziehen. Und jetzt machte die Einsamkeit dem Träumer eine kindliche Freude. Dem großen Sanskritkenner war das gar nicht recht. Schon auf dem Bahnsteig predigte er: »Reiße dich wieder los, solange du noch Augenblicke hast, dich in Handewitt unglücklich zu fühlen. Ein Halbaffe willst du doch nicht werden? Ich prophezeie aber, du wirst es. Auf die Dauer gehts nicht, dazu bist du zu sehr das, was man gebildet nennt.« »Was?« hatte Rudolf aufbegehrt. »Ich, der nur im Alleinsein gedeiht?« Friedrich hatte gelacht. »Ja, das glaubst du, ich aber glaub es nicht. Keiner hält es aus, da mache ich auch vor Rudolf Schmidt nicht Halt, er mag sich mit seiner Einsamkeitssucht brüsten, wie immer – brüsten in aller Aufrichtigkeit und in gutem Glauben. In drei Jahren bist du entweder wahnsinnig oder verbauert; im Notfall rechne ich auf den ersten Fall, da es das vornehmere und auch freundlichere Geschick ist. Denn der Wahnsinn kann bei dir nur ein fideler sein. Ich möchte dich aber möglichst lange bei Verstand behalten und verschreibe deshalb dies Rezept: jeden Tag oder jede Woche, allenfalls auch allmonatlich ... wies kommt, nach Bedarf ... ein bißchen Tagebuch, Ausströmung des Ich, der Eindrücke, wenn in Handewitt hiervon die Rede sein kann. Ja, ja – Selbstbespiegelung ist es und als solches nicht schön. Aber was hilfts, es ist Arzenei, und da kommts auf den Geschmack nicht an. Es handelt sich darum, der Entartung gewisser Organe vorzubeugen. Und einen besseren Ersatz als das Tagebuch kenne ich nicht. So hoffe ich denn, dich als halbwegs Vernünftigen wiederzubekommen. Im Notfall reise ich selbst mit der Zwangsjacke nach Handewitt, um dich einzufangen.« Rudolf hatte zwar gescherzt, wie es Friedrich getan, aber ganz hatte die Rede ihren Beruf nicht verfehlt. Sie kam seiner Neigung für Tagebücher entgegen, er besaß noch ein altes, ein blaues Heft, und das erzählte in der ersten Hälfte kindliche Schulgeschichten und kindliche Gelübde, sich dereinst durch die enge Pforte zu zwängen, während in der zweiten Hälfte Reim und Rhythmus die an eine gewisse D... gerichteten Bekenntnisse beherrschten. Und niemals hatte er sich überwinden können, die Verse schlecht zu finden. Die letzte Eintragung war von altem Datum. Dora hatte einen andern genommen – die ewig alte, die ewig neue Geschichte. Rudolf hatte versucht, in ergreifenden Versen und Rhythmen die Sterne anzuklagen. Es war ihm nicht gelungen. Aber schließlich konnte er als lachender Philosoph in gewichtigen Trochäen sein Weh zerstampfen. Als Schulmeister von Handewitt hatte er nun wieder ein Buch geheftet (der Umschlag war hellgrau ergeben), weiter war sein Vorhaben noch nicht gediehen. Nun aber sollte Ernst gemacht werden. Eine stählerne Feder, mit Handewitter Galläpfeln getränkt, sollte die Wahrheit stahlhart berichten. Mit diesem Entschluß nahm er die Steigung des Schierenbergs. Die Dunkelheit war auf Handewitt gefallen, der Vollmond hatte sie aber vergeistigt. Dessen feistes Gesicht beleuchtete die schwarzen Fensterreihen der Schulstuben und die durch Lampenlicht erhellten Rolladen des Wohnzimmers, als er seine Stube aufklinkte.   Seine Mutter war für morgen bei Frau Kölln zum Kaffee gebeten. Peter Kölln selbst hoffte, wie sie mitteilte, den Schulmeister (die Ferien dauerten noch an) für einen Flüttgutszug (der Neubauer vom Hof Birkenrade, der aus dem Osten kam, war abzuholen) zu gewinnen. Sie plauderten noch eine Weile, dann ging die alte Frau zu Bett. Und als sie zu Bett gegangen war, ließ Rudolf Schmidt die Teemaschine wieder summen und machte sich einen Punsch. Er setzte sich, kostete, trank, stopfte die lange Schulmeisterpfeife, räumte Bücher vom Schreibtisch, nahm eine Feder, tauchte sie in die von seinem Amtsvorweser übernommene Galläpfeltinte und begann. Die starke Rauchwolke, die sein Haupt umlagerte, sprach von einem lebhaften Interesse des Schreibers an seiner Arbeit, Falten und sonnige Glätte, die seine Stirn bald beschatteten, bald erhellten, von einem wichtigen Vorhaben. Nach einer Weile legte er einen Bogen in das graue Heft. »Der Bann wäre gebrochen«, murmelte er, »dem ersten Blatt werden weitere folgen.«   Es ist geschehen, wie Rudolf Schmidt sagte. Im folgenden Kapitel wollen wir lesen, was in den Blättern stand. 2 Das Schulschloß von Handewitt liegt im höchsten Punkt des Geländes, hoch oben auf unserm Schimborasso, genannt Schierenberg, und auf meiner Höhe bilde ich mir ein, König zu sein, habe ich doch von meinem Herrschersitz einen prächtigen Rundblick über das Reich. Die dunkle Masse im Osten: das ist der Handewitter Forst; der schneeige Streifen im Westen, leuchtend wie Kreidefelsen von Moen: die weiße Sanddüne. Und weiter hinaus fliegt der Blick dorthin, wo meine Seele das unbegrenzte Meer sucht und sieht oder doch zu sehen glaubt. Und darüber das weiße Schwanengefieder der Wogenkämme. In der Regel freilich schließt der von der Küste sich herwälzende Rauch ungeheurer Nebelschiffe auch dem phantasievollsten Auge die Lider. Die Sanddünen schneiden unser langgestrecktes, aus weit zerstreuten Höhen bestehendes Küstendorf nach Westen ab; einzelne Anbauer (›Abbauer‹, wie es im Kanzleistil heißt) taten das Äußerste und schoben ihre einsamen Katen bis an die Ausläufer der in mehrere Trossen zusammengerollten Hügelkette. Eigenartige Berge, die Dünen, deren weiße Glatze der spärliche langhaarige Sandhafer nicht verdeckt, Wellenberge aus fliegendem Sand, aufgeregt und wild, wie erstarrte, brandende Meerflut. Hier haust nach alter Sage ein überirdisches Wesen, der ›Dünengeist von Handewitt‹, dessen Dasein schon anno 1729 eine nicht bezweifelte Tatsache war, wie ich durch die Güte Christian Normanns aus dem Kircheninventarium von Siethfelde, wohin das damals noch kirchlich wilde Handewitt eingepfarrt wurde, ersehen habe. Seine Hochehrwürden, der Herr Pastor Ösam begleiten jenen Zuwachs mit dem Stoßseufzer: »In den Handewitter Dünen geht ein Gespenst um, mit grünen Augen und langem Binsenhaar, das im Dünensande den rauhen Nordwind durch rohes Gelächter überschreit, und unter den Wohnstuben der Bauern, wenn sie das Vaterunser beten, höhnisch lacht, was nicht wenig zu dem Rufe jenes Dorfes, als eines von Gott und seinen Engeln verlassenen, beigetragen hat. So ist denn der böse Ort unserer Seelsorge überantwortet, nun gilt es, dem listigen Feinde furchtlos entgegenzutreten. Viel Arbeit im Weinberge des Herrn, doch auch des Verdienstes viel vor des Ewigen Antlitz«. Der wackere Seelenhirte fügt ihm aber bitteres Unrecht zu. Das ist kein Teufel, sondern ein Naturgeist, ein legitimer Sohn aus der Ehe der Salzflut mit dem sandigen Strande, dem sie nun schon von Ewigkeit her mit ihren grollenden und wetternden Gardinenpredigten in den Ohren liegt. Dieser unsterbliche Herr ist, wie ich von meinen Dorfeingesessenen erfahre, ein sanfter Geist, und am wenigsten lacht er laut und roh. Er ist ein stiller Freund des Alleinseins, der an dem Leben und Treiben von Handewitt ein beschauliches Genügen findet, froh, in seinem unwirtlichen Nest selten belästigt zu werden. Ja, wenn einmal ein Jägersmann, füllt ihm gleich der Sand die Stiefelschäfte, den Schritt in die Dünen lenkt, dann findet der Alte noch immer eine sichere Schlucht, die ihn verbirgt. Verschwiegene Gänge führen den Feinschmecker der Einsamkeit tief hinab in die Höhlen der Erdeingeweide, durch ein Netz von Minen und Gängen auf traute Lauscherplätzchen unter die Wohnungen der Bauern. Sicherlich hat in seiner Jugend das jetzt hinter Schlick und Schlamm zurücktretende Meer den Fuß der Dünen umbrandet, er wird sich in schaumspritzenden Wogen mit Wasserjungfern belustigt haben. In reiferen Jahren vertrug er wohl das Gelächter der Frauenzimmer nicht mehr. So zog er sich in die Düne zurück. Das Dorf gefällt ihm wegen der einsamen Lage. Von Osten und Süden her versteckt es sich hinter großen fiskalischen Waldungen, nach Westen und Norden ist es durch Dünen und Sumpfland wie von der Welt und ihrem Geräusch so auch von dem Meere geschieden. In behaglicher, wunschloser Ruhe sehen wir Handewitter die gackernden und schnatternden Völker der Wanderschwäne und ihrer Verwandten über die Baumgruppen unserer Höfe streben, indem wir uns derweilen unserer gefüllten Torfställe und Holzschuppen für den kommenden Winter getrösten. Im Frühjahre bewillkommt unsere Dorfjugend mit dem bekannten Ringelreim ›Adebar Langbeen‹ den gravitätischen Ägypter, wenn er hinter dem Spaten der die Wasserzüge lösenden Bauern die frechsten Frösche verspeist oder von der Dachfirst her gesunden Handewitter Nachwuchs verheißungsvoll klappert. Für den Stadtbewohner liegt Handewitt ›achter de Ooken‹, das heißt: unaussprechlich weit ab von seinem Orte, dem Sitz der Kultur, draußen, unmittelbar an der Himmelswand, wo die Menschen nur noch bellen und die Aufgabe haben, den Sonnenball allabendlich niederzuziehen, damit die lichte Glut im Meere zischend verlösche. Ist es bei dieser Sachlage ein Wunder, daß Handewitt sich eigene Gebräuche und Sitten schafft? Mir scheint: es ist nichts natürlicher als das. Vergißt die Welt uns Handewitter, so haben wir Handewitter auch ein Recht, die Welt zu vergessen. Wollte man die Gebräuche schwarz auf weiß sammeln, es würde ein stattlicher Band werden. Denn die Vorschriften sind, bei aller Freiheit des Handewitter Betragens im allgemeinen, doch bei einzelnen Vorkommnissen recht verzwickt. Zum Beispiel, wie der Handewitter grüßt, wie er ißt und Kaffee trinkt, wie er zur rechten Zeit dumm und wiederum, wenn es notwendig ist, klug ist, in welchen Fällen (zum Beispiel Pferdehandel und Steuerzahlen) er nicht alles zu sagen braucht. In der Kunst, den Taler festzuhalten, sind wir Meister. Durch unsere pfiffige Verschlagenheit haben wir großen Ruhm erlangt, fast zu viel, denn unser Ort wird nicht gern von Handelsleuten besucht. »Sie sind mir zu jüdisch, die Handewitter«, sagt Veitel Mosessohn, »mit denen habe ich nicht gerne zu tun.« Als ein unbedachter Stellenschlächter sich einmal mit der Zerlegung einer Handewitter Hufe befaßt hat, ist er gerupft und matt aus dem Nest gekommen, was von allen Ortskundigen vorausgesehen worden war. Für sie war er schon ein Gegenstand des Mitleids, als er in der Dorfschenke die ersten Verbindungen mit den Bauern anknüpfte, und sie in seiner arglosen Einfalt für so dumm hielt, wie sie sich stellten. Schon damals lag auf seinem Haupte die Märtyrerglorie des Opferlammes, über dessen Wolle die Handewitter bereits die Würfel warfen, als es noch vom goldenen Vließe träumte.   Selbstherrscher der Handewitter Jugend! – Ein reinlich geflicktes Kleid hat was Rührendes, erinnert an sorgende Mütter. – Das sind meine Freuden. Der Erste im Dorf? – Unsinn! – Peter Kölln hat viel mehr Ansehen als ich. Aber ein bißchen König bin ich doch, denn unsere Regierung regiert so wenig wie möglich, und mein Freund Christian Normann, Pastor von Siethfelde (ich sag noch immer Krischan), ist mein Schulinspektor und Vorgesetzter. Seine Aufsicht fühl ich kaum als Druck. Krischan und meine Kleinigkeit sind uns immer einig gewesen, sind es auch jetzt. Der Erste im Dorf ist Peter Kölln, hat auch eine Figur, eine Würde, ein Gesicht danach. Den Kirchspielsbevollmächtigten sieht man ihm auf zwanzig Schritt an. Sein Haar tritt an den Schläfen zurück, um so unternehmender fällt ein Büschel über der breiten Stirn freie Mitte. Es ist noch dunkel, glänzend, er glättet es auch gern. Er weiß, daß er der Aristokrat von Handewitt ist, das den Ort mit der Welt da draußen verknüpfende Mittelglied. Das hieraus sich ergebende Pflichtbewußtsein liegt bequem und breit auf dem großen Charaktergesicht des Großbauern. Er hatte mich eingeladen, an dem Flüttgutszug von Handewitt nach Fahrenkrug teilzunehmen. Der am Gehege belegene Hof Birkenrade war von einem neuen Besitzer, wie es scheint, mit dem Gelde eines Grafen Nesselkron angekauft worden; das Flüttgut soll in Fahrenkrug abgeholt werden. Von meiner Flüttgutsreise will ich heut erzählen. Lange vor Tagesanbruch fuhren wir auf Leiterwagen weg. Tag und Nacht lagen noch in voller Jungfräulichkeit auf Feld und Flur, das Meer schickte salzige Brisen hinter uns her. Ich dachte an den Dünengeist und immer glaubte ich seinen Schritt neben unserm Wagen zu vernehmen. Als die Sonne kam und die Felder dampften, da blieb mein Gnom zurück. Er ist ein bißchen lichtscheu, da lohnte es nicht mehr. Wir aber waren schon auf fremder Gemeinde Grund und Boden und verfolgten knatternd unseren Weg. Deichselschläge und Kettengeklirr gestatteten nur ein Gespräch mit den allernächsten Nachbarn über Acker und Anwesen, die am Wege lagen. Die Wagenlenker in ihrer gebogenen Stabgitterlehne des aufgeschnallten Wagenstuhls waren im wesentlichen auf vertrauliche Unterhaltungen mit ihren unverdrossenen Pferden beschränkt. Peter Kölln und ich voran mit unseren Falben. Zehn Minuten saß ich hinten auf dem Sitzbrett und sah rückwärts. Was ich sah, paßte so gut zu meinen Gedanken. Die schüttelnden Köpfe und Körper verarbeitete meine Schulmeisterphilosophie zur unermüdlichen Ablehnung der Welt und ihrer Freuden. Dicht hinter uns Martin Heesch mit einem Paar frischer Schimmel. Er ist eine große, knochige Gestalt, die nur aus Ecken und Kanten zu bestehen scheint. Gebeugt und zusammengeschüttelt saß er in seinem Stuhl, wie auf dem Schüttelsieb einer Staubmühle. Hinrich Lucht hielt sich so scharf hinter Martin, daß seine Pferde über das Hinterheck prusteten. Hinrich ist ein kräftiger Mann, seine Hornhände sprechen von viel Arbeit, sein ungebeugter breiter Rücken von mancher Tonne Weizen, die er die Bodenleiter hinaufgetragen hat. Da waren Jörn Lüders, Thoms Heeschen und andere. Franz und Fritz (Voß und Wulff heißen sie, es sind Vettern) waren hinten, ich sah ihre Formen nur verschwommen. Ich kann nicht sagen, daß sie mir die liebsten sind, aber ihre Art vertreten sie ganz tüchtig, haben weitabstehende Ohren, tragen ihre Schläue faustdick dahinter, sind auch nicht neumodisch. Sie behalten die gute alte Topffrisur bei. Ein Milchtopf wird auf den Kopf gestülpt, und abgeschnitten, was hervorlugt. Um neun Uhr morgens brachte unser Wagenpark ein großes Dorf, das an unserem Wege lag, in Aufregung. Vor jedem Bauernhause riß ein zähnefletschender Hektor an der Kette, stattliche Hähne krähten auf Strohdiemen und Misthaufen. Die Straße eine lange Lästerallee heulender Hofhunde. Rechts und links stockte der Tanz der Dreschflegel, im Milchzuber ruhte der Schrubber rotwangiger Spülmädchen und: Vör jede Fensterrut Ene kleene Menschenschnut. Dicht hinter dem Dorfe bog unsere Karawane in den großen Viert ein. Sie verkroch sich in hohes Gestrüpp, die Sonne hinter Wolken: es schlossen Nebel, Eichen- und Kiefergehölz uns von der Außenwelt ab, nach einer Stunde tauchten die in grauer Wetterstimmung auseinandergezerrten Formen der Häuser von Fahrenkrug vor uns auf. Ein feiner Regen sprühte uns ins Gesicht, wir Handewitter machen aber nicht viel Wesen aus Gegend und Regen. Der Wirt hatte so viel Besuch nicht erwartet, er wurde lebhaft; seine Lebhaftigkeit wuchs, als auch Gespanne von der anderen Seite (es waren die erwarteten) in den Hof einbogen. Es kostete viel Zurückschieben und Vorwärtsleiten, bevor an ein Absträngen der Pferde zu denken war. Die neu hinzugekommenen Wagen hatten blau lackierte Bretter, worauf eine Grafenkrone gemalt war; die feurigen, glänzenden Rappen plagte der Übermut des herrschaftlichen Hafers. Unsere Handewitter Leiterwagen waren rot gestrichen, trugen keine Krone, sie waren mit wohlgenährten Ackergäulen bespannt, die, von Häcksel und Roggenmehl aufgeweitet, aus warmen Nüstern stoisch in die Morgenluft dampften. Der Vollmacht und Vogt Peter Kölln maß mit bedächtigen Schritten noch immer die Pferdeställe, als seine Bauern schon in der Wirtsstube Grog und Kavelings (›Lütt un Lütt‹) tranken, in der Küche aber drei blonde Fahrenkruger Bauernmädel mit Todesverachtung Butterbrot strichen und Wurst und Käse schnitten. »Das gefällt mir nicht«, redete der würdige Handewitter mehr in sich als in mich, seinen Begleiter, hinein. »Sein Flüttgut den Knechten anvertrauen und uns Handewittern nicht die Ehre antun! So was ist uns in Handewitt noch nicht passiert. Wundere dich, Peter, wundern, nur wundern und nicht ärgern!« Er tippte sich ernsthaft an die Stirn, um den Angesprochenen darüber, daß er gemeint sei, nicht im Zweifel zu lassen. »Man muß viel durchmachen, warum nicht das?« Vollmacht war unwillig, aber mit Maß. Nichts war maßlos an Peter Kölln. Wir waren in den Ställen, Peter Köllns Auge konnte von den prächtigen Tieren der adeligen Gutsherrschaft nicht los. Einem glatten, schwarzbraunen Wallach sah er in die feurigen Augen, seine Hand strich über die weiche Wolle der vornehmen Decken, in deren Muster Wappen und Grafenkrone derer von Nesselkron den Grundbaß bildeten. »Es wird wohl ein richtiger Junker sein«, faßte er seine Betrachtungen zusammen, »und bei dem Grafen scheint er lieb Kind. Nun, wir werden ja sehen.« Peter Kölln fuhr mit der Hand über das Haar, als wir über die Schwelle des Gastzimmers schritten. Über die Person des neuen Besitzers war in Handewitt bis dahin wenig mehr bekannt geworden, als daß er gräflicher Jäger gewesen. Der Handel war von einem alten silbergrauen Herrn abgeschlossen worden, der wegen seiner Schlichtheit einen überaus günstigen Eindruck in Handewitt gemacht hatte, zumal auf Peter Kölln, der aufgesucht und als Auskunftsperson zu Rate gezogen worden war. Er sollte ein Ohm der jungen Jägersfrau sein. Drüben mußten wohl andere Gebräuche sein, sonst hätte es nicht geschehen können, daß der Neubauer, den die Handewitter Wirte persönlich empfangen wollten, gar nicht mitkam. Nun, das mochte hingehen, was aber mußten das für Haushalter sein, die nicht bei ihren Sachen blieben? Peter schüttelte noch sein Vollmachtsgesicht, als wir die Schwelle der Gaststube überschritten. Im Wirtszimmer das adelige Gut rechts, das Dorf Handewitt links. Der ärgste Hunger der Bauern war gestillt, Teller mit Käserinde und Wursthaut schob man zurück, Martin stopfte sein Pfeifchen, schlug Feuer, öffnete den Deckel und verschloß den Zündschwamm, bestellte ein Glas Grog nach, schlug die Beine übereinander und begann eine Unterhaltung mit den Gutsknechten. Sein Verhör betraf die persönlichen Verhältnisse des Neubauern und war so eingehend, als wäre er Untersuchungsrichter. Was auch tropfte, bei Franz Voß wuchsen die Ohrlöffel, so wichtig erschien ihm das Drum und Dran des sagenhaften Jägers. Viel war es nicht, der Gutsknecht war verstockt und einsilbig, es war eine Art Boxerkampf zwischen seiner Schweigsamkeit und Martins Fragelust. Er aß noch immer Speck und Brot. Fräulein Sophie war, das erfuhr man, junges Mädchen bei der Gräfin gewesen, der Graf nehme sich des jungen Paares an. Das sei doch wunderlich, meinte Martin, daß der Graf so viel Geld für einen Jäger und seine junge Frau zahle. Der Grauleinene schob ein paar Worte durch Lippen und Speck, lachte, zeigte ein weißes, schadenfrohes Gebiß und meinte, das gehe ihn und auch wohl die Gemeinde Handewitt nichts an. Nun mischte sich Peter Kölln ein. Das sei doch eine merkwürdige Sache, daß der Jäger nicht einmal sein Flüttgut begleite. Der Grauleinene wetzte sein Taschenmesser am Holzbricken, prüfte die Stahlfläche, ließ die Klinge einschnappen, steckte das Messer in die Tasche und erwiderte, der Graf lasse sie in seiner Kutsche hinfahren. Die Frau sei in andern Umständen. Da lachten Fritz und Franz, da kamen ihre Löffel hoch, da stießen sie sich in die Seite und betrugen sich so unanständig, daß Peter Kölln seine Untertanen durch einen strengen Blick bestrafte. Als der Wagenpark sich in Bewegung setzte, der Heimat entgegen, hatte jeder Handewitter sein Teil an Mobilien und Hausgerät. Franz Voß und Fritz Wulff führten außerdem als Schmuggelware eine kleine Geschichte in der Wagentruhe mit sich, eine Geschichte, so niedlich und interessant, daß sie jeden Handewitter fesseln mußte: die junge Frau und der Graf, der Jäger und klingende Taler; ein Trauschein macht alles wett.   Am andern Morgen kam Peter Kölln eifrig daher, er hatte von dem netten Ohm einen sehr ... sehr höflichen Brief erhalten, das Nichterscheinen war entschuldigt, Peter Kölln war gebeten, einstweilen Stelle zu vertreten und abladen zu lassen. Sonntag kämen sie selbst. Peter Kölln war Feuer und Flamme, seine Frau auch, sie meinten, wir müßten die Neuen ein bißchen nett empfangen. Das taten wir denn auch. Birkenrade liegt weit ab vom Dorfe, es ist der einsamste Hof im einsamen Dorf – abseits von dem Grundstock des Orts, allein im buschigen Versteck, unmittelbar an dem großen fiskalischen, weiße Birkenstämme bis dicht an das Gehöft herandrängenden Forst. Quer durch die vorbeiführende Dorfstraße schießt zwischen hohen und steilen Ufern ein Bach, in dessen raschem Strom die Forelle steht, und nicht weit vom Hoftor überspannt eine baufällige Brücke das Flüßchen. Sie wird die ›Hollbrügg‹ (hohle Brücke) genannt. Weshalb? Das gehört zu den Rätseln von Handewitt. Vielleicht trifft das dumpfe Rollen der vorsichtig über die morschen Bretter geleiteten Fuhrwerke das Ohr der Dorfbewohner in besonders hohler Klangfarbe. Übrigens sind Brücke und Bach ›Spökelort‹ denn auf dem Gewässer brennt ein ›Licht‹. Daneben begibt sich bei Haus und Stall allerlei Unheimliches. Eine weibliche, durchsichtige Riesengestalt spinnt zwischen zwölf und eins ein schemenhaftes Garn auf einem großen Gespensterspinnrad. Eine Schere trägt sie im Gürtel, und wie Totenhemde bleichts, wenn Mondschein ist, auf dem Rasen. Dergleichen Nacht für Nacht mit anzusehen, macht nicht fett. So glauben denn auch die alten Giebel den Kummer kaum noch tragen zu können. Sie neigen sich bedenklich nach vorn, in angstvoller Annäherung, um ihre Not auszutauschen. Wenn sie Arme hätten, so würden sie sich gewiß umschlingen. Die Auffassung der Dorfsleute ist freilich eine dem Idealen abgewandte: sie sehen in den geknickten Gestalten Männer, die sich in geheimnisvollen Nöten befinden. Wir hatten Birkenrade so gut eingerichtet, wie es ging. Wir warteten, und auf Steinwall und Brückengeländer wartete auch ein Häuflein junger Knechte. Es konnte vier Uhr geworden sein, da rollte ein herrschaftlicher Wagen auf den Hof, im Anblick der Kutscherlivree nahmen die Mienen der Zaunkönige die Starrheit der Verzückung an, der kurze Pfeifenstummel blieb an den Vorderzähnen hängen. Brr! ... Brr! ... Die Rosse dampften. In der Kutsche zerrte jemand am Fenster, mit kurzem Schlag fiel es herab. Erst zeigte sich eine junge, beringte, dann eine ältere Hand. Inzwischen hatte Vollmacht den Griff erfaßt und die Tür geöffnet. Mit einer gewissen Genugtuung ließ er sich von den Gräflichen in aller Form städtischen Zeremoniells angesichts Handewitt begrüßen, und stellte seinerseits mich und meine Mutter vor. Den beabsichtigten Erfolg erreichte er aber nicht ungeteilt, denn mancher Handewitter Junge rümpfte die Nase. Als der Herr seiner Nichte beim Aussteigen half, gab es wieder Rippenstöße, die junge Frau war offensichtlich gesegneten Leibes. Endlich erschien auch der Junker Jäger. Betreffs des alten Herrn lief es von links nach rechts fragend über den Steinwall: »Wokeen is dat?« von rechts nach links staute es zurück: »Dat is ehr Ohm; de will den Hof verwalten.« Der alte Herr lüftete auch nach dem Steinwall hin den Hut. Das bereitete Verlegenheit, man wußte nicht recht, wie mans erwidern sollte. Hier und da nahm jemand die Mütze ab, verdeckte aber die Befangenheit durch raspelndes Kratzen der Kopfhaut – eine Bemühung, deren Ergebnis der alte Herr nicht abwartete, vielmehr der jungen Frau, die sich auch verneigt hatte, den Arm bot. Der Junker Jäger in grüngrauer Joppe salutierte mit militärischer Geste und zusammengeschlagenen Stiefelhacken in Handewitt hinein und schnarrte ein »Gehorsamer Diener!« durch den dichten, braunen Schnurrbart in die Menge, worüber die nicht übertünchte Jugend in Gelächter ausbrach. Handewitts Jugend war nicht auf der Höhe, aber Peter Kölln war es. Die Stubentür war von Grün umrahmt, ein Gedicht darüber; die junge Frau las es, und las es lange. Es lautete: Willkommen hier in Handewitt! Bringt Ii man recht vel Freden mit. Denn kommt dat anner all to Schick, Un an Ju Disch sitt Dag und Nacht Dat rode Glück un lacht un lacht. Die Stube war wohnlich, der Tisch gedeckt, die Dienstmädchen der Frau Vollmacht trugen einen großen Braten daher; da half kein Sträuben: die Herrschaften von Birkenrade mußten sich die Bewirtung in ihrem Heim gefallen lassen. Erst bei dem Nachtisch stellte sich das richtige Verhältnis wieder her, als die junge Frau einen schwarzen Tee aufgoß, so prächtig, wie ihn Handewitt noch nicht geschmeckt hatte. In Handewitt schätzt man die Schönheit der Frauen nach der Frische der Gesichtsfarbe: zum ersten mal kam die Formel ins Wanken. Die Frau Jägerin war blaß und zart und fein, und dabei anmutig und schöner als alle ihre Schwestern im Dorf. Und gar die zarte Schicklichkeit, womit sie ihre Hoffnung trug! Der Vollmacht Kölln konnte den ganzen Abend, wenn er an ihre schwarzen Augen und an ihr dunkles Haar dachte, nicht zur Ruhe kommen. Als wir beim Nachhauseweg im Brammer Weg mit Martin Heesch zusammenstießen, lohte seine Begeisterung wieder auf. Wir Männer traten seitwärts zu einer verschwiegenen Gruppe zusammen und ließen die Weiber passieren. »Jung«, schlug Peter Kölln los, »wenn se dat Og gan lett, dat treckt dör. Man föhlt sik so minn und nix.« Doch zurück zum Tee! Der schmucke Jäger hat ein etwas fettes, aber nettes Gesicht mit einem Anflug von Gedunsenheit. Es steckte in einem wohlgepflegten Bart und sagte allen Anwesenden, daß es sehr wohl wisse, auf stattlichem Rumpfe zu sitzen. Alles war Wohlgefälligkeit und Gutmütigkeit. Mit Befriedigung sog er den Klang seines Organs ein, wenn er uns Handewittern sein ›gehorsamst‹ und ›ergebenst‹ entgegenschnarrte. Aber der Erfolg, womit er sich an dem landwirtschaftlichen Gespräch zu beteiligen versuchte, war mäßig. Er genoß reichlich Rum zu seinem Tee. Seiner Frau gegenüber war er zärtlicher, als ihr in Gegenwart von Fremden nötig schien. Sie wehrte gelassen ab mit einem sanften: »Laß, Heinrich!« Bei dem Tee kam Peter nicht auf seine Kosten. In Verkennung eines festen Handewitter Gebrauchs, den Gast bis zur siebenten Tasse zu nötigen, nahm die junge Frau schon nach der zweiten Tasse die Versicherung der Eheleute Kölln, daß sie genug hätten, für bare Münze. Frau Vollmacht mußte sich entschließen (der Vollmacht folgte dem Beispiel), nach Handewitter Sitte den Tassenkopf auf die Seite zu legen und den Löffel durchs Tassenohr zu ziehen, was von den Adeligen mit Verwunderung wahrgenommen wurde. Da waren Persetter und seine Mutter doch klügere Leute. Wir genossen den herrlichen Tee nach Schicklichkeit und Gefallen. Als ich das letzte Blatt – Monate gingen inzwischen hin – in mein graues, ergebenes Heft legte, sagte ich zu mir: das nächste mal schreibst du was anderes hinein, von Birkenrade sei es bis weiter genug. Ich wartete und wartete und fand, da ich meinem Vorsatz treu bleiben wollte – nichts. Ich fand das Dorf arm an hervortretenden Erscheinungen und Ereignissen. Ich bemerkte nur: ganz Handewitt sah mit vorgebeugtem Halse nach Birkenrade hin. Da tat ich es und tu ich es auch und schreibe von Birkenrade. Anfangs ereignete sich nicht viel ... Die junge Frau sah ihrer Stunde entgegen und hielt sich zu Hause; der Junker Jäger, so heißt er im Dorf, ging wie eine Saatkrähe durch seine Äcker, und auch der alte Ohm machte es sich mit seiner langen Pfeife nicht allzu unbequem. Die Fledermäuse der Gerüchte schwirrten um die Topfregale, worauf Handewitt in den Abendstunden eine Pfeife Tabak und einen Mundvoll Schnack in Zufriedenheit zu verzehren pflegt. Als der Prinz geboren und auf den feudalen Namen Kurt getauft worden war, behaupteten Handewitter, eine elegante Kutsche sei in der Abenddämmerung in Birkenrade eingetroffen und habe sich vor Tagesanbruch nach dem fabelhaften Osten zur Rückfahrt aufgemacht. Der Insasse sollte der Graf selbst gewesen sein, und die Neugier, ob der Prinz ihm etwa zufällig ähnele, ihn hergeführt haben. Während der kleine Kurt noch in der Wiege nach Fliegen griff, taufte ihn schon der Volksmund ›Graf von Birkenrade‹. Und diese Bezeichnung ist ein Teil seiner Person geworden, den er so wenig ablegen kann wie den schwarzen Augapfel seines feinen Gesichtchens, das er seiner Mama, der sagenhaften ›Gräfin von Birkenrade‹, aus dem Antlitz gestohlen hat. Im Dorfmund heißt sie ›die Gräfin‹ – es mag anzüglich klingen, ist aber in der Hauptsache doch wohl nicht so gemeint. Es mögen unterschiedliche Beweggründe zusammenwirken, ursprünglich mag man sich dabei an die Gerüchte erinnert haben, die aus dem Osten kamen, dann aber verkehrte das seine, vornehme, von der heimischen Art so ganz abweichende Wesen dieser Frau das in eine Huldigung, was Herabsetzung sein könnte. Der ›Fleck an der Ehre‹ ist in Vergessenheit geraten, die Handewitter müßten nicht Naturkinder sein, die sie sind, wenn sies behalten hätten. Christian Normann muß auch hier auf manches Unrechte das Siegel der Rechtmäßigkeit drücken. Geschieht es auch gebührendermaßen mit strafenden Worten – man nimmts mit Demut, man nimmts mit Gelassenheit hin. Vor dem ›Jäger‹ (so nennen wir ihn, seinen Namen kennen wir kaum) macht unsere Ehrfurcht Halt, den Grafentitel legen wir ihm nicht zu. Die Frau ist viel zu gut für ihn – sagen wir. Sollten die recht haben, die ihn nicht als einen Gelegenheitstrinker, sondern einen im Hause und außer dem Hause dem Trunk ergebenen Tagedieb nennen? Die Gräfin verehrt man, und doch wäre ihr auf ein Haar ein großes Leid zugefügt worden. Die Unkenntnis der Handewitter Gebräuche war daran schuld. Von jedem Zuzügler wird ein ›Nieburbeer‹, förmliches Gelage mit Bier und Branntwein, verlangt, ursprünglich wohl eine Erkenntlichkeit für das Holen des Flüttguts, dann zu einer Ehrenpflicht gegenüber der ganzen Dorfschaft verallgemeinert. Nachdem die Frau aus den Wochen gekommen war, erwartete man allgemein die übliche Festlichkeit. Die Bewohner von Birkenrade hatten hiervon keine Ahnung. Der alte Ohm hatte jeden einzelnen Bauern, der ein Fuhrwerk gestellt hatte, aufgesucht, hatte ihm gedankt und die Bereitwilligkeit von Birkenrade zu Gegendiensten versichert; der Jäger hatte bei passender Gelegenheit im Kruge eine Bowle Punsch gestiftet – nun erachtete man die Rechnung für ausgeglichen. Handewitt aber beanspruchte das übliche Gelage, worauf jeder Dienstjunge ein Recht hat. So beschritt man den vorgeschriebenen Weg des Zwanges. Da waren zunächst Briefe ohne Unterschrift, die das Recht der Gemeinde versteckt andeuteten, zu senden. Sie hatten den gewünschten Erfolg nicht, weil sie nicht verstanden wurden. Also stärkere Beschwörungen: die große Dielentür von Birkenrade wurde nächtlicherweise geteert. Das wurde um so mehr mißverstanden, als das Teeren der Tür, der Wind und Wetter ohnehin jede Farbe genommen hatten, eine große Wohltat war und das von Rissen und Sprüngen bedeckte Holz den willkommenen Belag gierig aufsog. Im stillen freute sich Birkenrade über den diensteifrigen nächtlichen Kobold, und die Frau von Birkenrade scherzte: das sei am Ende der Dünengeist, von dem man in Handewitt so viel rede. Nun blieb noch ein Mittel: die Verbreitung von Spottgedichten. Bäurische Unerbittlichkeit und Rücksichtslosigkeit griff zu einem grausamen. Die Verse des Bürgerschen Gedichtes ›Des Pfarrers Tochter zu Taubenheim‹ waren in Handewitt heimisch; die Zeilen, die man auf rohem Zettel an das Geländer der Hollbrügg klebte, lauteten: Der Graf: Ich laß es mir kosten ein gutes Stück Geld, Und wenn dir mein hübscher Jäger gefällt. Dann können wirs weiter ja treiben. Zum Glück fand Vollmacht das Blatt, bevor es in Birkenrade bemerkt worden war. Er vernichtete es und klärte die Bewohner von Birkenrade mit einfachen Worten darüber auf, was man von ihnen erwarte. Nun wurde mit Vergnügen das gewährt, was Handewitt ertrotzt zu haben glaubte. Der Herr Professor Friedrich Helm wird es vielleicht für das erste Zeichen der von ihm gefürchteten Verbauerung halten, daß der Schulmeister von Handewitt das Gelage mitfeierte. Aber ich kann nicht helfen – meine Mutter und ich waren dabei, Peter Kölln und Gattin selbstverständlich auch. Peter war gönnerhafte Höflichkeit, in der Hauptsache kam ich ihm aber zuvor. Die Gräfin sagte mir den ersten Tanz zu. Als die feine Frau ihr geschmackvolles Wollkleid unter die Beiderwandröcke mischte, begegnete man ihr von allen Seiten mit Achtung. Im übrigen nahm die Festlichkeit die herkömmlichen Züge einer ländlichen Lustbarkeit an. Unter der großen Tür standen die Handewitter Bauern und neckten und hänselten sich gutmütig üblicherweise mit derbem Witz, was der Ohm mit heiterem Interesse, der Jäger mit blödem Lächeln anhörte. Nur wenn hier und da einmal eine derbe Faust in das Gebiet der platten Zote hinübergriff, blitzte in seinem Vollbart das frohe Verständnis auf, daß es ungemein spaßig zugehe. Der Weise des Dorfes, Kätner Kaspar Schulz, beschäftigte sich auf solchen Gelagen mit der Zergliederung der Frauenseele. Er hatte in der ›Hörn‹ einen Kreis von Zuhörerinnen reiferen Alters, die nicht mehr den ersten Tanz beanspruchten, versammelt und hielt Vorträge über die Eigenheiten der Frau in kaustischen, mit Sinnsprüchen geschmückten Übertreibungen. Er wurde sowohl ihrer Schlauheit wie ihrer Verstandeseinfalt gerecht. Kaspars Mannslist ist behend, Frugenslist awer ohne End rief in dem schäkernden und kreischenden Kreis Jubel und Beifall, Frugens hebbt lange Hoor und korten Verstand lauten Widerspruch hervor. Und als der gottlose Kaspar sich gar zu dem Frugensminsch mag keen Frugensminsch lieden hinreißen ließ, tobte alles, was einen Frauenrock und lange Haare trug, den unheimlichen, lachenden Weisen, der durch Herz und Nieren sah, in komischer Wut an. Inzwischen wurde in der Wohnstube unaufhörlich Kaffee verschänkt, und im Nebenzimmer spielte man ›föftein Streeck‹. An einem Tischchen in der Ecke machten sich die größten Drückeberger vor den Steuern, Klaus Ohrt und Mars Ott, das Vergnügen, mit dem Gelde zu prahlen, indem sie mit straffen Geldbeuteln die polierte Platte mißhandelten. Auf der Diele übte Hans Heuk in den Pausen vor der weißgeschürzten weiblichen Jugend seine gewandten Pas, ließ seine Tanzkunst und seine blankgewichsten Stiefel loben, wie sichs gebührte, und zeigte sich als Allerweltsschmetterling. Seine Lorbeeren ließen Detlev Bock nicht ruhen; er wollte Hans im Bajazzokostüm übertreffen und trank daher vor den Schönen drei Schnäpse aus, die er mit seiner Rechten unter das Bein durchschob. Der Hexenkessel summte und sang und war dem Sieden nahe. Wir hielten es für passend, Abschied zu nehmen. Vollmachts schlossen sich uns an, die meisten Handewitter empfahlen sich französisch. Die Frau von Birkenrade und der alte Herr drangen auf längeres Verweilen nicht. Es war hohe Zeit, daß wir gingen, denn schon begannen Übermut und Trunkenheit sich die Hemdärmel aufzukrämpen. Die Paare flogen juchzend und jauchzend über den Brettersaal der Lehmdiele, und draußen im Garten, an den Wänden von Haus und Scheuer, um Stroh- und Heudiemen huschten dunkle Gestalten und flatternde Gewänder. Ab und zu tauchten lang vermißte, sieghaft aussehende Paare aus verschwiegenen Ecken auf, um wild daher zu stürmen; der Stine Kelting zog man einen verräterischen Strohalm aus dem Haar. Nach unserm Weggang und nachdem auch die Hausfrau und der Alte zu Bett gegangen sind, hat man die letzte Schranke abgebrochen. Der Jäger hat sich vollständig betrunken, die Flasche ist nicht aus seiner Hand gekommen, er hat nur noch Blödsinn gelallt und hat alle Handewitter und Handewitterinnen, namentlich die letzteren, umarmen wollen. Anfangs hat es zu Gelächter, dann zu heftigen Auseinandersetzungen Veranlassung gegeben. Hans Heuk hat mit ihm angestoßen: »Auf den kleinen Grafen von Birkenrade.« Da hat ihm der Jäger das Schnapsglas ins Gesicht geschlagen. Blut und Glassplitter sind umhergespritzt, der Jäger hat einen Faustschlag erhalten; wie an einen Magnetberg sind rechts und links Kämpfer in den brüllenden, blutenden Knäuel geflogen. Hocherhobene und dumpf niedersausende Arme haben, wie von einer Kurbel gedreht, mit einem gewissen Rhythmus in dem verflixten Rattenkönig gearbeitet. Der Verlauf dieses unliebsamen Vorganges entsprach dem herkömmlichen. Mehrere Tage taten die mit blauen, zerschundenen Gesichtern umherlaufenden Schläger sehr aufgeregt und drohten mit gerichtlichen Klagen, die aber, wohlerwogen, unterblieben. Im Grunde waren ja alle beteiligten Handewitter – von dem Neubauern vorläufig abgesehen – nüchterne, arbeitsame Menschen, die sich ihrer Überrumpelung durch den Alkohol schämten, jedoch nicht allzusehr, denn Ähnliches hatte sich schon in den besten Familien ereignet. Also:»Lat scheeten!« Es fand eine Aussöhnung unter den Beteiligten statt, als man das sogenannte ›Nachbeer‹ in der Dorfschenke, zwei Wochen später, feierte. Der Jäger betrank sich wieder und kam auf seine Liebkosungen zurück. Das verbaten sich die Handewitter, da schloß das Versöhnungsfest mit einer kleinen Nachfeier der Schlägerei, wobei der ›hergelaufene Adelige‹ von den Eingeborenen weidlich durchgewalkt wurde.   Handewitt wendet sich dem persönlichen Verhältnisse der Ehegatten mit schmerzlichem Interesse für die Gräfin zu. Man hört, daß es in Birkenrade nicht gut bestellt ist. Das rote Glück, das nach dem Wunsche von Peter Kölln Tag für Tag mit am Tische sitzen und zu jedem Löffel Suppe lachen soll, ist dort wohl nicht Gast. Jedenfalls sieht die junge Frau nicht darnach aus, als ob sie Mühe habe, den Glanz ihres Glücks zu tragen. Es erhellt immer mehr, daß der Junker im Begriff ist, ein Trinker zu werden, wenn er es nicht schon geworden ist. An sein nächtliches Ausbleiben gewöhnt man sich allmählich in Birkenrade, wie die Dienstboten jedem erzählen. Der alte Herr ist noch da, er wohnt aber in der Gartenstube im Kreuzbau. Die Knechte schlafen in der Dielenkammer, die Mädchen in der Stube über dem Keller. Nur die junge Frau hält mit ihrem Knaben Nachtruhe in der neben der Wohnstube befindlichen Schlafstube, wo auch das Bett ihres Mannes ist. Wenn er durch das angelehnte Fenster den Schlüssel von der Fensterbank nimmt, das Schloß aufdreht, die Tür in den schreienden Angeln bewegt und nach dem Schlafzimmer tappt, so mag sein Weibchen sich des Augenblicks getrösten, wo die Bettstelle unter dem Trunkenen erkracht und der rasselnde Schlaf ihn aus dem zweifelhaften Glück ihrer jungen Ehe hinwegführt.   Ich liebe Handewitt, weil ich die Einsamkeit liebe, aber ich liebe auch die Welt und ihre Freuden. Sie hat noch immer Anrecht auf mein Herz, wenn ich sie auch zu fliehen scheine. Was ist der Mensch doch für ein rätselhaftes Ding! Ich fliehe, was ich liebe. Habe ichs mit andern gemein oder ist bei mir allein den großen Wünschen eine noch größere Zaghaftigkeit beigesellt? Ich habe immer geflohen, was ich liebe. Mit meiner Jugendliebe war es ebenso. Ihren Spuren folgte ich als treuer Toggenburger, wenn mich niemand, wenn – vor allen Dingen – sie selbst mich nicht sah. Sobald mir aber ihr Kattunkleid entgegenwehte, brach ich wie ein gescholtener Hund, durch den Wegknick.   Warum ist alles, was ich wünsche, was ich denke, mit so schwerer Fracht von Wies und Warums und Fragen nach dem Grund beschwert?   Ich gehe zur Düne und suche die Einsamkeit, die Freiheit. Denn die Natur allein erscheint mir ehrlich in ihrem großen Schweigen, bei ihr füllt sich meine Seele mit Bildern ohne die Schwere von Warum und Wie. – Ruhig und erhaben ist sie im tobenden Sturm, erhaben auch, wenn die Sonne lacht – Natur, der große Himmel darüber hergespannt, sie sind, wie du, mein armes Herz: die Ketten fallen ab das Irdische entweicht, die Ewigkeit tut ihre Tore auf.   Ihr Gesicht ist von der ausgesuchten Art, woraus Verwunderung mit Kinderblick hinausfragt in die Welt. Heut schienen ihre Lippen zu der Frage geschürzt, wie es doch komme, daß die große Welt nichts von dem Frieden des Handewitter Paradieses wisse, in Kinderjahren mag das feine Gesichtchen nach dem lieben Gott gefragt haben, der die Welt so schön und gut eingerichtet habe, aber um ihre Mundwinkel liegen die Schatten der späteren Frage, weshalb die Welt so gar abscheulich sei, und jetzt buchstabiere ich in den feinen Zügen: mein Herz wundert sich über meine Miene, es laßt sich nichts vormachen, glaubt meinem Gesicht nicht, es weiß, daß meine Seele traurig ist. Wir waren bei Normanns zusammen und sprachen über unsere Landschaft. »Die Jugend«, sagte Normann, »interessiert mehr das Was als das Wie; auf sie macht Gottnatur nur durch gewisse sinnfällige Kraftleistungen wie Hochgebirge, Niagara und Meeressturm Eindruck. Die Poesie der Sandwege dagegen, der grünen, von Haseln und Erlen eingefaßten, irgend wohin in lauschige Einsamkeit sich verlierenden Redder, der Reiz eines am Rande gelber Kiesgruben wachsenden Grasbüschels, die Erhabenheit des weiten Blachfeldes brauner Heide, schwarzer Sümpfe und Moore – diese Sorte Poesie geht uns erst später auf. Da arbeitet die Natur für die reifere, den Indianergeschichten entwachsene Jugend.« »Ist die Handewitter Düne schön?« fragte man. Da sagte sie, von der ich rede: »Ob ich aus dem Eindruck, den die Dünen auf mich machen, schließen darf, daß ich sie schön finde, weiß ich nicht. Aber die Sandgebilde wirken stark auf mein Gemüt. Mich beherrscht bei ihrem Anblick zwar das Gefühl der Einsamkeit, der Traurigkeit, aber der Natur fühle ich mich doch näher. Ich verstehe sie, und das erfüllt mich mit einer Empfindung, die ich, es mag nun richtig sein oder nicht, erhaben nennen möchte.« Erhabene Traurigkeit – das ists!   Ich wandele zuweilen mit ihr die Schlangenlinien der sandigen Wege durch das merkwürdige Gebirge. Dann lese ich mehr von ihren Mienen den Eindruck ab, als daß ich sie zum Reden veranlasse. Noch öfter gehe ich als einsamer Spaziergänger über Berg und Tal und denke über sie und ihre Schicksale nach. Dann bitte ich auch meinen Bergen die Verkennung ab. Sie ist nicht unversöhnlich, die stets reisefertige Gesellschaft aus fliegendem Sand. Die weißen Spitzen und Wände erzählen mir von Jahrtausenden. Sie tragen Heiligenschein um ihre sonderbar gestalteten Gipfel und rufen zu frommen und zu unfrommen, aber immer zu Gedanken auf. Wo war der Mensch, als die grollende Meerflut sich von dein Fuß dieser Düne zurückzog und den ersten Schlick und Schlamm vorlagerte? Immer bin ich ein andächtiger Zuhörer. Es ist mir eine Kleinigkeit, über einige Jahrmillionen hinwegzusteigen, ich höre im weichen, warmen Sand dahingestreckt die brausenden Meereswogen an den Dünenstrand klatschen, sehe sie die mitgeführte nasse Erde von Muscheln, Gestein und Seetang sieben, sichten, säubern, bis die Ebbe sie trocknet, die Sonne sie zu weißem Mehl zerstäubt und der erste West sie über die Düne bläst. Die Bergkette läuft meilenweit an der Küste hin und schließt sich dann dem natürlichen Höhenzuge an, der an der großen Strommündung steil zum Meere abfällt. Die zusammengerollten Ketten frappieren im Hügellande als schaumspritzende Brandung, aber von Handewitt aus gesehen verläuft der weiße Kamm rein und schön, wie die Linie eines südlichen Gebirgszugs. Und wenn der Sturm die schweren, blaßgrünen Halme des Sandhafers schüttelt, so rieselt das Rauschen wie rinnender Sand.   »Ist es eine Tugend, ist es eine Untugend, daß ich mich um die Nichtigkeiten der Welt wenig kümmere, daß ich meine Befriedigung nicht in der Zerstreuung, sondern in der Sammlung suche? Bin ich ein Selbstsüchtiger, weil ich nicht müde werde, in mir selbst den besten Gegenstand meines Nachdenkens zu erkennen? Ist es Jagdfrevel, wenn ich das gehetzte Wild meiner Gedanken aus den geheimsten Schlupfwinkeln aufstöre? Bin ich hochmütig, weil ich die große Welt für entbehrlich halte und den Schulmeister von Handewitt für befugt, sich aus ihr so wenig zu machen, wie die Welt aus dem Lehrer Rudolf Schmidt?« So sprach meine Hauptseele. Ich habe nämlich zwei: des Leibes Wirtin, die Hauptseele, und eine andere, die bei ihr als Stütze oder Gesellschafterin in Stellung ist. »Lassen wir unseren Rudolf Schmidt außen vor«, äußerte die Stütze. »Geben Sie zu, daß es verdienstvoller ist, sich mit anderen als mit sich selber zu beschäftigen?« Die Wirtin gab es nicht zu, die Stütze ärgerte sich und wurde verdrießlich; die Wirtin fing an zu schulmeistern; die Seelen stritten sich. Meine Hauptseele machte Anleihen bei den Pessimisten und meinte, eigentlich sei jedes Dasein Schmerz. »Schmerz?« kreischte die in ihren heiligsten Gefühlen gekränkte Stütze. »Jawohl: Schmerz«, wiederholte die Hauptseele, »Beweis die Langeweile. Langeweile ist die durch keine positive Daseinsfreude neutralisierte Normaldosis des Daseinsschmerzes. Und der langweilt sich am wenigsten, der sich selbst nicht herumklügelt.« »Sie sprechen, als wenn Sie Philosophie und nicht Gottesgelahrtheit studiert hätten, aber Ihr System klappert an allen Enden. Das Verdienstvolle einer Handlung besteht ja eben darin, dem eigenen Glück zu entsagen, das Glück anderer herbeizuführen. Sie aber kennen keinen Gott und keinen Nächsten, Sie kennen nur sich selbst.« Die Hauptseele wollte wieder lachen, tat es aber nicht, um die Freundin nicht noch mehr zu erbittern. Die Kindlichkeit der ihr vorgetragenen Ansichten erregte ihr Mitleid, und das machte sie menschlich mild. Sie trat mit großer Geduld Gemeinplätze breit und faltete mit kühlem Ernst Begriffe und Beweise auseinander, die ihr geläufig waren, daher trivial erschienen. Wollen und das eigene Bedürfnis befriedigen, sei eines und dasselbe. Nur durch das Mittel des eigenen Glücks und der eigenen Befriedigung könne der Mensch das Wohlergehen anderer auch nur wollen. »Mit Ihnen ist nicht zu streiten«, knurrte die Oppositionsseele. »Sie hantieren mit Worten, wie Herkules in der Posse mit Gewichten. Es sieht aus wie Kraftleistung, aber jeder weiß, daß es papierne Zentner sind. Aber, weshalb soll ich Ihnen den Spaß der Athletenwürde verderben?« An dem kleinen Streit erfreute ich mich, als die erste Morgenröte des schönsten Tages, den Handewitt je sah, über die Baumwipfel des Handewitter Forstes in mein Schlafzimmer lachte. Ich stand auf, fing mit Waschen und Ankleiden an, alles still für mich überdenkend. Im allgemeinen war ich mit der Wirtin meines Leibes einverstanden und lobte sie. Und als ich mit grobem Tuch Hals und Nacken frottierte, unterlag es für mich keinem Zweifel: die Lust und Freude des Wohltuns entzünde sich freilich an dem im Auge des Nächsten aufleuchtenden Glück, vermittelt jedoch durch die Erkenntnis, daß das die reinste und schönste Freude sei, die man sich selbst bereiten könne. Mit dieser Erkenntnis kam ich in die Kleider, beim letzten Kämmen und Bürsten hielt sie noch vor, und tiefsinnig blickte ich in meine Stiefelschäfte – des Geistes voll. Ich konnte nichts Verwerfliches an meiner Liebe zur Einsamkeit, an meinem Selbstgenugsein finden. Ich sah nicht ein, daß ich verpflichtet sein solle, mich in das Weltgewühl zu stürzen, mich den Qualen eines ohnmächtigen Mitleids auszusetzen. Was konnte die Welt mir bieten? Der Frieden eines ruhigen Zimmers war immer meine Wonne gewesen. Wird jemals der Gedanke deiner Herr werden, aus dem Edenfrieden des Dorfs zurückzukehren in die sogenannte Welt, um den dir zukommenden Anteil an des Lebens angeblicher Freude zu fordern? So fragte ich mich. »Nimmermehr!« erklärte die Hauptseele. »Abwarten!« sagte die andere. In guter Stimmung fand mich die vierte Morgenstunde schon als Spaziergänger auf den Sandwegen von Handewitt. Ich horchte auf den Schritt meiner intelligiblen Persönlichkeit, die ich neben mir verspürte. Lange, lange Zeit überhörte ich die lieben Sänger: Drossel, Finken und die mir so werten Gassenbuben, die Spatzen, obgleich sie ihr Bestes vor den Ohren des Schulmeisters von Handewitt taten. Aber als ichs schließlich wahrnahm, da freute ich mich der Welt mit einem so offensichtlichen Überschuß des Vergnügens über die Daseinskrankheit, daß ich (man stelle sich vor, ein Schulmeister!) einen Gassenhauer anstimmte, den mein Gedächtnis aus einer längst verflossenen Knabenzeit heraufwarf: »Ach, das Leben ist doch schön, man muß es nur verstehn!« Keine Ahnungssonde wird die Tiefe meines Gemüts, die Stärke des Gedankensturms ausmessen, der mich bei diesem Kantus durchtobte. Die weißen Birkenstämme des Birkenrader Forstes tauchten vor dem Sänger auf und hörten in gemessener Haltung zu. »Er ist etwas verschnupft, singt aber gar nicht übel«, wisperte ein schlankes Stämmchen seiner Mama zu, die mit gesenktem Kopf sich zu ihm hinabneigte. Den reichen Haarschmuck hatte die junge Birkenfrau über das Gesicht geschlagen, den Nachttau schüttelte sie aus den langen Strähnen; es schien, als wollte sie mit dem Kämmen beginnen. »Na, na, Kind!« antwortete die Mutter. So kam ich nach Birkenrade. Bei Birkenrade fielen Humor und Stimmung jäh zu Boden, da wurde ich grausam ernüchtert. Aus dem Fenster drang roher Lärm, die Dielenfenster waren unverhängt, es war taghell. Der Jäger war auf der Diele, Hans Gliß und Mars Gramm, bekannte Liederliche eines Nachbardorfes, sangen: »Lustig sind die Hardebüller«. Hans Gliß tanzte mit der Butterkanne, der Jäger machte dazu auf einem Kamm Musik. Als ich das sah, da arbeitete ich mit einem Fehlbetrag im Konto. Ich ging rasch vorüber, und das war gut: es kam eine Flasche durchs Fenster geflogen und zerplatzte am ›Sodschlengel‹. Der Jäger ist auch diesmal von seinen Gästen gehauen worden. So vergalt man ihm die Gastfreiheit mit Hieben, die vor dem allgemeinen Sittenkodex nicht bestehen können. In das Handewitter Gesetz bin ich nicht genügend eingeweiht, um zu wissen, ob das seinen Vorschriften entsprach. Im Traum aber sah ich den Alten vom Berge. Er war sehr aufgeräumt und trug die von ihm belauschte Prügelei mit grotesken Einzelheiten vor, wobei er sich die Seiten vor Vergnügen hielt und bis zum Prusten lachte. Er denke, erklärte er, milde über die Ausschreitungen, wisse er doch, daß alle Hiebe gut und ehrlich gemeint seien. Auch gönne er dem Jäger eine eindringliche Lehre. Könne er ihn schon als Tagedieb nicht leiden, so sei er ihm als Trunkenbold vollends verhaßt. Ich kann ihm nur recht geben im Traum und im Wachen, der Jäger treibt es zu arg. Es ist klar, daß Handewitt jetzt mit einem richtigen Säufer versehen ist, der nicht nur bei Gelagen, sondern auch sonst in der Gosse liegt.   Der Graf von Nesselkron wohnt ja nicht am Ende der Welt; die Erde steckt voll von Helfershelfern, wenn es sich darum handelt, den blanken Ehrenschild des Nächsten zu trüben. So wäre das Geheimnis der Gräfin gewiß leicht zu entschleiern. Aber ich werde mich hüten, es zu tun. Was wird das Ergebnis sein? Irgend eine Sünde wider den heiligen Geist der Gesellschaft, viel Liebe, Glauben, viel Niedertracht, und, im landläufigen Sinn, eine Schuld der Gräfin. Freche Gleichgültigkeit gegen Zucht und Sitte einerseits, Steinigen einer Gefallenen andrerseits, pharisäische Tugend – alles kleidet gleich schlecht. Ich weiß nichts und will nichts wissen. Ich pfeife auf das Gefasel, es soll ihr keinen Gran meiner Hochachtung entziehen. Und schrie ihr Vergehen gen Himmel, wie der Brudermord am Plankenzaun des Paradieses: in meinen Augen hat sie Engelsfittiche, so rauschend, schön und lang, daß sie einen Pfuhl von Sünde überdachen. 3 Lieber Rudolf! Trifft es nicht zu, was ich Dir sagte? In Handewitt kommt entweder Deine Phantasie oder Dein Verstand in Unordnung: Wahnsinn oder trostlose Verbauerung. Vor dem Verbauern, glaube ich, bist Du freilich durch Deine eigentümliche närrisch philosophische Lebensauffassung vor der Hand geschützt, aber die Verrücktheit tippt bereits mit unheimlichem Finger an Deine Stirn. Sag selbst, Dein Dünenkobold, der neben Euren Leiterwagen einhertrottet, Deine beiden Seelen, namentlich die Seele in Schlafstelle, eine Birke, die sich kämmt – das sind doch starke Sachen. Übrigens eine ansprechende Narrheit, wie ich sie bei meinem Freund Rudolf nicht anders erwartet habe, aber lieber hätte ich Dich doch aus dem Nest mit einem halbwegs hellen Verstand heraus. Als das größere Unglück würde ich es freilich, nach wie vor, betrachten, wenn aus Deiner Schwärmerei für eine Gewisse eine ernsthafte Neigung oder gar was Schlimmeres wie Ehe und dergleichen entstünde. Da habe ich denn beim Durchlesen Deines Tagebuchs den lieben Himmel feierlichst – hörst Du? – ganz ernsthaft und feierlich gedankt, daß Deine Gräfin schon verheiratet ist. Denn bei Licht besehen, lieber Rudolf, bist Du schon verliebt, und ich sage Dir auf den Kopf: Du würdest auf sie reinfallen, wenn der fürtreffliche Gemahl jenes reizenden Wesens in Kürze sein feuchtes Leben in Euren Pfützen und Gräben beschließen möchte. Deshalb habe ich auch den lieben Gott ersucht, ihn vor Ungemach zu bewahren, ihm als Begleiter bei seinen nächtlichen Bierreisen – trifft die Sache wohl nicht genau, sagen wir lieber: bei seinen Kümmelreisen – einen Engel mitzugeben, der ihn mit kräftigem Glorienscheine an allen abschüssigen Sand- und Mergelgruben vorüber nach Birkenrade leuchte. Der gute Gott möge, so habe ich ferner gebeten, ihm auch den abscheulichsten Fusel zur heilsamen Medizin werden lassen und seinen sterblichen Teil gegen eine Sintflut von Alkohol festigen. Ist aber erst Deine liebe Gräfin alt und welk, so habe ich nichts dagegen, daß er sachte hinüber deliriert; denn Runzeln schützen vor Liebe, und aus Runzeln heraus stellt kein Frauengesicht verfängliche Fragen an das Schicksal. Nicht wahr, Lieber? Kapitale Narrheiten, wie die angedeuteten, wirst Du mir keinenfalls antun. Deine Gräfin ist gewiß eine ausgezeichnete Frau, aber sie hat etwas auf dem Kerbholz, um deswillen unsere Gesellschaft sie auf offenem Markte steinigt. Und mit Recht! sage ich. Du magst unsere Welt betrachten, wie Du willst, überall hat die Form mehr Bedeutung als die Sache. So ist es bei den Zahmen und so bei den Wilden. Und wiederum sage ich: anders geht es auch nicht. Ein staatlich abgestempeltes Diplom über den Wert seiner Person kann nicht jeder vorzeigen; erkennen läßt er sich auch sonst nicht gleich. Da muß schon die ›gute Gesellschaft‹ die Richtlinien aufstellen, die ihren Kodex füllen. Wehe also dem, der die Form für ein Ding hält, das eine nebensächliche Behandlung verträgt. Bei Euch in Handewitt ists ja auch nicht anders. Endlich solltest Du Deine wahnsinnigen Vorstellungen von einem in Nirgendwo heimischen reinen Menschentum aufgeben. Und, hast Du das vermocht, dann ist die Stunde gekommen, wo Rudolf Schmidt in die Welt zurückkehrt. Und daß diese Welt einem so ausgezeichneten Mitglied auch den Teller am großen Eß- und einen Platz am Arbeitstisch nicht versagen wird, das bezweifle ich keinen Augenblick. Darüber habe ich schon Gedanken, wovon ich so lange schweige, bis ich sie Dir in der Fassung bestimmter Vorschläge vorlegen kann. Vor einigen Tagen dachte ich noch stark an die Zwangsjacke, heute aber sehe ich mildere Zukunftsbilder. Ich glaube, Dein Horoskop steht günstig, die Sterne sagen mir, daß es nur auf Dich allein ankommt, und daß bei Dir die Rechnung nicht versagen wird. Deshalb: ob kurz, ob lang, ich weiß, Du wirst nicht bleiben, was zu sein Dir jetzt gefällt. Wir werden uns auf einem Gebiete, das uns beiden gemeinsam ist, wieder begegnen. In dieser Zuversicht begrüße ich Dich. Dein alter Freund Friedrich   Nach Empfang dieses Briefes ging Rudolf in seiner Stube auf und ab. Helm hatte eine Stelle berührt, die empfindlich, daher vielleicht nicht ganz in Ordnung war. »Mein lieber Friedrich«, strafpredigte er den abwesenden Freund an, »alle Rechte eines Freundes und Gönners in Ehren. Aber diese Warnerrolle, das geht denn doch zu weit! Wer sagt dir denn, daß ich verliebt bin? Stand ein Wort davon in meinen Blättern? Und wie willst du in deiner akademischen Allwissenheit beurteilen, ob ich hier in Handewitt liebe oder nicht? Und dann ... erlaube ... dieser Ton, worin du von meiner Freundin sprichst, diese Herzlosigkeit ... ich muß dir einmal deinen Standpunkt klar machen.« Und er setzte sich an den bekannten Schreibtisch, er nahm einen Bogen, an Friedrich Helm zu schreiben, auf dessen Haupt seinen Zorn und seinen Groll zu entladen, ihn gehörig – in aller Freundschaft, das versteht sich – zurechtzusetzen, zu sagen, daß es ihm gar nicht einfalle, verliebt zu sein, daß er die Gräfin nur bemitleide, wenn er auch nicht bestreiten wolle, von ihrer Art angezogen zu werden. Auch wahre er sich der Gesellschaft gegenüber das Recht, ihr vor allen seine Achtung zu schenken ... Aber lieben? ... »Ich habe in meiner Jugend geliebt, ein Jahrzehnt hindurch, lieber Friedrich. Das war eine Liebe, der gegenüber eine ganze Welt – ich wiederhole: die ganze Welt – federleicht wog, derentwegen ich ein Verbrechen hätte begehen können. Ja, wegen ihrer schönen Augen hätte ich gestohlen und gemordet. Das ist, das war Liebe, aber Frau Sophie von Birkenrade? Lieber Freund, da schoß deine Weisheit doch sehr daneben.« So, in diesem Sinn, wenn möglich mit diesen Worten, wollte er schreiben. Er begann auch, schrieb einige Zeilen, dann stockte er. Es wurde ihm zweifelhaft, ob er berechtigt sei, einen so hohen Ton anzuschlagen. Zweiter Teil 1 Es vergingen Jahre, und Rudolf Schmidt blieb Schulmeister von Handewitt. Im Zeitenstrom rauschte Welle auf Welle vorüber, wogte und wusch. Hier und da setzte ein Haus ein paar Fach am Stallende an, auf roten Brandmauern und breiter als das Wohnende. Das lugte daraus hervor, wie aus ihrem Gehäuse die Schnecke. Jungen, die bei Ankunft des neuen Schulmeisters noch Barbier im Ziegenstall gespielt hatten, wurden mit dem ersten Bart versehen. Dem Vollmacht war etwas Reif ins Haar gefallen. Hier hatte sich ein Alter, dort ein Junger zur Ruhe gestreckt, aber der Klapperstorch fischte noch immer fleißig im Sumpf. Junge Frauen vergalten als Mütter die Schelte, die sie einstmals als Kindermädchen eingeheimst hatten, und trockneten auf Hecke und Zaun ominöse quadratförmige Tüchlein. Man sorgte und mühte sich, wie man es überall tut. Im Frühling hastete man, die Frühjahrssaat zu bestellen, um Zeit zu haben, Knick und Wälle zu befestigen und den Kompost zur Weide zu bringen, bevor noch die Heuernte begann. Davon war noch nicht das letzte Fuder geborgen, und schon strich der Schnitter die Sense zur Roggenernte. Ruhte endlich der Kranz auf der letzten Getreidefuhre, war der Grummet daheim, die Wintersaat bestellt, so fegten die ersten Vorposten des Nordwest über die Herbstfärbung. Und dann kam der Winter und deckte Feld und Flur und Weg und Steg weiß und weich zu, so gründlich, daß alles für immer vorbei zu sein schien. Handewitt arbeitete aber auch im Winter ruhelos. Überall tanzten Dreschflegel auf klangvollem Tennestrich, und im Wald arbeitete die Axt des Holzschlägers bei klingendem Frost. Aber so viele Giebel in Handewitt auch neue Sparren ansetzten und von dem aufgestopften Heu gepreßt wurden: die alten Dächer von Birkenrade träumten weder von neuen Dachsparren noch von Heu, dies war ihnen unter des Jägers Verwaltung ein unbekanntes Ding geworden. Dieser, der Fürsorge und Lehren des Ohms satt, hatte nämlich die Wirtschaft selbst in die Hand genommen, und nach menschlicher Voraussicht mußten Birkenrade und sein Besitzer der Verlotterung entgegengehen. Der Alte blieb zwar vorderhand auf dem Hof, er wollte der jungen Frau in Notfällen zur Hand sein, aber daß seine Hand nicht mehr auf Birkenrade ruhte, zeigte sich bald. Die Giebel zogen sich schief und schiefer; die Türen an Haus und Scheuern folgten dem Vorgange der Giebel. Im Sturm klapperte manch loses Brett; hier und da erschien eine Latte im schäbigen Dach. Das Steinpflaster der Hofstelle wurde verkauft, nun watete man in Wasser und Schmutz. Die Schlagbäume und Hecktore vermorschten und verfaulten; durch die mit dem Fleiße eines Jahrhunderts gesättigte Ackerkrume des Heidebodens brach die jungfräuliche Erika wieder hervor. Denn Birkenrade verhandelte den Dünger um ein Billiges, gute Nachbarn leiteten mit Hütt! und Ho! ihre schwerbeladenen Wagen aus der Grube. Große, starkknochige Pferde spannten die Sehnen, ihr Huf schlug Funken an dem Granit, der als versprengter Rest der Steindecke im Wege lag. Der Jäger trieb es für Handewitt ärger, als man es im Dorfe ertragen wollte. Er wurde außer Verkehr gesetzt, und auch das war für Frau Sophie ein weiterer Grund, sich noch mehr auf sich zurückzuziehen. Der hübsche dunkle Knabe wuchs heran, an ihn verschwendete sie ihre Liebe. In dem Geschick mit ihrem Mann sah sie Vergeltung im herben Sinn, in ihrem Kind sollte sichs, so hoffte sie, noch mal gütig erfüllen, und solange sie ihr Kind habe, wollte sie kein Gegenstand des Mitleids sein. »Ich glaube an eine Schuld«, erklärte sie, »und hoffe zu Gott, daß ich bei der Prüfung etwas, und sei es auch nur wenig, in meinem Schuldbuch tilge. Denn der Allvater droben ist, daran halte ich fest, ein allgütiger Gott. Ich darf ihm aber nicht aus der Schule laufen, ich bin auch entschlossen, es nicht zu tun. Jeder Tag, der mir Leid bringt, soll mich daran erinnern, daß ich als Büßerin nach Birkenrade kam. So hoffe ich denn zu ertragen, was mir verhängt sein wird, solange der Grund nicht wankt, auf dem ich stehe. Dieser Grund ist die Liebe zu meinem Kinde; die gütige Vorsehung wird nicht wollen, daß ich diese Liebe jemals entbehre oder eine neue Schuld auf mich lüde.« Mit dem Jäger ging es steil bergab. Noch vor einem Jahr hatte es bei dem im Grunde gutmütigen Mann nicht an Gelöbnissen gefehlt, sich zu bessern, an weinerlichen Selbstanklagen, daß seine Frau um seinetwillen so viel leiden müsse. Aber mit zunehmender Verwilderung verlor er den Geschmack an den Bußpredigten seiner Frau und an eigenen Bußübungen. Sein Äußeres bestätigte immer eindringlicher, daß an ihm nichts mehr zu retten sei. Sein rotes, vom Alkohol verwüstetes Gesicht wußte nur noch wenig von der einstmaligen Schönheit des schmucken Jägers; es verlor mehr und mehr die reinlichen Züge. Mit der grünen, gegen den Bauernrock vertauschten Joppe hatte er die Straffheit seiner Haltung ausgezogen, seines höflichen »ergebenst« und »gehorsamst« hatte er sich für eine schlimme Ungebundenheit entäußert. Gutmütig mochte man ihn zuweilen noch nennen können, nämlich dann, wenn er ganz frei und ganz nüchtern war. Leider traf dies immer seltener zu. Und die trunkenen Zustände bekamen auf die Dauer einen immer bösartigeren Charakter. Anfangs war es das Stadium der Albernheit mit der Richtung auf fixe Ideen. Bald hielt er sich für einen Abgesandten der Regierung, eine bessere Entwässerung der Handewitter Wiesen in die Wege zu leiten, und fuhr mit hohem Hut von Hof zu Hof, bald spielte er sich als Laienprediger auf und hielt witzig sein sollende Strafpredigten. Über alles lachte Handewitt von der Düne bis zum Forst. Dann kam der Stich ins Gefährliche. Klaus Heuk hatte mit ihm Streit in der Schenke gehabt. Als er unversehens bei Birkenrade vorbeiging, knallte ein Flintenlauf aus der Pferdeluke, die Schrotladung prasselte über seinem Haupt in einen Weidenbusch.   Die Denkwürdigkeiten des Schulmeisters erhielten Ergänzungen:   Lange wird man die arme Frau nicht mehr mit ihm allein lassen können. Er ist nicht mehr bei Sinnen und für seine Umgebung gefahrbringend. Vor ungefähr kreuzten sich unsere Wege, ich suchte vorüber zu kommen, aber er vertrat mir den Weg. Man könnte solche Szene lächerlich finden, wenn sie nicht zum Weinen traurig wäre. Er beschuldigt seine Frau der Untreue, auch ich stehe auf der Liste. Er war übrigens betrunken und nach seiner Meinung stark geistreich, so daß man nicht daraus klug wird, wieviel er von dem, was er sagt, selbst glaubt.   Es geht nicht mehr. Der alte Ohm ist vom Hofe gejagt. Man sagt: Eifersucht ... Unglaublich, und nicht helfen können! Nun ist es geschehen. Ich habe ihr gesagt, was ich für sie fühle, ich habe sie in meinen Armen gehalten. Mit dem Alten war der letzte Friede aus Birkenrade entwichen. Sie suchte mich auf, in voller Verstörung über die ihr angetane Schmach. Ich sah auf den Grund ihres Herzens, eines trüben, leidgewohnten Herzens, und sah auch das, was sie ihre Schuld nennt. Als sie mich entließ, waren wir, wenn man will, beide schuldig geworden. Ich wollte sie trösten, und über dem Trösten gestand ich ihr meine Liebe ... Und dann ... ja, dann lagen wir uns in den Armen und küßten uns ... küßten uns, bis sie sich mit allen Zeichen des Schreckens losriß.   Der Abend kam, ich ging in die Dünen, war dort, wie immer, allein ... doch hatte ich es noch niemals so empfunden. Kein Laut im Dorfe von Osten her, kein Hundegebell, kein Käuzchenruf; kein Rauschen und Brausen vom Meer, kein Kehllaut melancholischer Möven. Stummes Wetterleuchten über dräuenden Wolkenmassen, die Berge zürnten: was brichst du unsern Frieden? Die Dünenwege sind einsam und mühsam; die Stiefelsohle wühlt und grafft tief im Sand. Dafür umspannt die Herrschaft meines Gedankens von dieser Sandwüste aus den Erdenrund. Und ergießt der Vollmond sein bleiches Licht über den Wogengischt des Gebirgskammes, so huschen leichte Schatten über schimmernde Bergwände und entschlüpfen in der Schluchten mystisches Schwarz. Ungetüm auf Ungetüm scheint uns zu beschleichen, vor uns zu fliehen. So sah ich den Dünengeist, als ich den mondbeglänzten, schneeigten Gipfel der Jungfrau erklomm. Er befand sich auf dem zum Teil mit Heide bedeckten Mönch und schien zu schwärmen und zu spintisieren, just wie der Schreiber dieser Zeilen. Das freche Menschenkind ließ er nicht aus den Augen, bis er vor meinem Schatten langsam hinter die Bergwand versank. Es hat seine Richtigkeit: es wächst ihm Sandhafer auf dem Haupt; in seinen Augen funkelt das Geheimnis grüner, leuchtender Meerflut. Und nun dieser Zettel: »Geliebter! Ich will Sie nicht belügen, ich will Sie so nennen, wie mein Herz es befiehlt. Ich danke dem Himmel für die Sekunde des Glücks, die ich erlebt habe. Sie soll das Beste bleiben, was meine Seele verschließt, und auf meinen Knien bitte ich den Herrn der Höhe, sie mir nicht zur Schuld anzurechnen. Behalte mich lieb, Geliebter, aber ganz im stillen, nur ein ganz klein wenig.« Es war ein Wetter für unglücklich verliebte Seelen. Schon, als ich in der Düne war, gestern, vorgestern – ich weiß nicht mehr, wann – schon damals funkelte ein wetterleuchtender Gott mit blitzender Gedankenkrone um das Haupt vom Erdenrund herauf – heute nacht ging es unter Blitz und Donner auf Handewitt hernieder. Der Horizont rings umher ein brüllendes, ein feurige Spieße werfendes Verderben. Flammensäulen ringsum, eine hohe von Siethfelde her. Wir Handewitter standen, sobald der Regen nachgelassen hatte, auf der Dorfstraße. Bei Birkenrade hatte es eingeschlagen, der große Weidenbaum am Hecktor liegt zerschmettert. Christian Normanns Turm ist hin, heute früh vermißten wir die Spitze, vor einer Stunde wurde uns Bestätigung. Der Blitz ist hineingefahren, der Turm ist bis auf das Feldsteingemäuer zerstört, glücklicherweise schützte ein scharfer Nord die Kirche und das Kirchendach. Es wird einen neuen Turm geben, vielleicht einen schöneren, der alte Weidenbaum aber wird sich nicht mehr erholen. Ich finde, der Blitz ist ungeschickt in der Wahl seiner brennenden Liebe. Damals, im Handewitter Schulhof, die eine Sekunde, wo ich sie in meinen Armen hielt, das Haus in lichter Lohe, und wir, sie und ich, in Glut und stürzendem Gebälk begraben!   Die ganze Nacht haben Verstand und Herz in mir Zwiesprache gehalten. Wohin ist mein Gleichmut und wohin meine Ruhe! Wie groß und sicher war ich, als ich mich unterwand, alles auf mich zu nehmen: Ruhm und Schande, Armut und Reichtum. Glück und Unglück. Wußte ich mich doch selbst mit dem Bewußtsein eines verfehlten Lebens abzufinden. Die Reue gehört der Torheit an, eine Liebesleidenschaft, die nur Leid bringen könne, war Narrheit. Ich fühlte mich als ein Stück der Natur, ich wußte, daß ich, wie sie, nur durch Stoß und Gegenstoß in Bewegung gesetzt werde, und felsenfest war mein Glaube, daß diese Sicherheit mir niemals fehlen werde. Mein Verstand und mein Herz hatten Zwiesprache, der gute nüchterne Verstand behielt das Wort. »Das geht nicht, und, weil es nicht geht, darf ich es nicht wollen. Und deshalb will ich es auch nicht.« Mein Verstand, der gute, klare, nüchterne Verstand, suchte sich durch lautes Wesen zu stählen. Er schrie geradezu in die Nacht hinein: »Ich will nicht!« 2. Diese Blätter blieben dem großen Akademiker unbekannt. In dem Verkehr mit ihm wurde das Tagebuch nicht erwähnt, und von der Frau Sophie verlautete kein Wort. Dagegen war der Schriftwechsel in anderer Hinsicht ein lebhafter geworden. Rudolf arbeitete. Er hatte sich in eine kleine Ecke der großen Wissenschaft hineingegraben, er hatte einen Kreis seines Schaffens gefunden oder glaubte doch gefunden zu haben, woran der Schöpfer gedacht haben könnte, als das ›Werde!‹ an ihn erging. Ihn hob das Gefühl, darin noch etwas Tüchtiges zu leisten. Endlich hatte er, so nahm er an, die Flucht seiner Neigungen festgehalten und auf einen Gegenstand vereinigt, der ihm Erfolg verhieß. Die Anregung gab die Handewitter Düne. Ein fetter, wenn auch nicht breiter Streifen fruchtbarer Marscherde trennte sie von der Küste. Oberhalb der Bucht grollte eine Brandung, die jede Marschbildung auszuschließen pflegt. Es zeigten sich auch die Anfänge von neuen Dünenketten, deren Stoff vorläufig der Meeressaum noch roh und ungeordnet unter einer weichen Sanddecke verbarg. Welche Umstände hatten die Marschbildung ermöglicht, und welche Veränderungen sie gehemmt? Welche Ortsverschiebung hatte das Wandern der Berge zur Folge gehabt? Von der Düne kam er auf die Marschbildung in dem Gebiet des breiten Grenzstromes seines Landes überhaupt. Die Gliederung der Eindeichung dieser Marschen wich von der in benachbarten Kögen ab. Wie, wenn seine Marschen nicht dem Festlande angegliedert worden wären, sondern sich aus Inseln entwickelt hätten und erst allmählich mit dem Festlande durch Anschlickung verbunden worden wären? Sprachen doch schon römische Schriftsteller von mehreren Strommündungen. Lag es nicht nahe, anzunehmen, daß damals noch Priele – breite, flache Gewässer – die höher gelegenen Teile, die jetzt Marschen sind, umspülten? Das interessierte ihn. Und zugleich stellte sich die Frage nach der Art, wie das neue Land besiedelt worden sei, anspruchsvoll vor ihm auf. Manches wies auf die Einwanderung holländischer Kolonisten hin, die vielleicht auch die Kunst des Deichbaues aus ihrer Heimat mitgebracht hatten. Indem er so vom Schreibtische aus die Jahrhunderte auf und ab wanderte, wurde er unversehens in die politischen Kämpfe verwickelt, die über den Erdstrich dahingerast waren. Er sah sich zurückgeworfen in die Normannenzüge, wo die Strommarschen noch unzugängliche Sümpfe gewesen waren und der geängstigten Bevölkerung offener Küstenstriche als Zuflucht vor blutigen Raubzügen gedient hatten. Durch seinen Freund erhielt er aus der Universitätsbibliothek die bisherige Literatur. So entstand in ihm ein bestimmtes, wenn auch nicht lückenloses Bild des Werdens und der Entwicklung der Marschen. Schon jetzt hätte er dem Alten Neues hinzutun können. Um so herzlicher war seine Freude, als es ihm gelang, neue Quellen zu entdecken, Aufzeichnungen und Chroniken früherer Pfarramtsverweser von Siethfelde, die er aufstöberte. Ihr Inhalt versetzte ihn in langst verflossene Jahrhunderte zurück und überlieferte ihm ein getreues Bild damaliger Zustände. In dem naiven Chronikenstil wendete sich das Bild reizvoll und verklärt dem Forscher zu. Christian Normann hatte mit Rudolf zusammen auf dem Boden des großen Pfarrgebäudes Nachforschung gehalten; sie fanden eine verstaubte Kiste. Hurra! Die enthielt in festverschnürten Bündeln die chronologisch geordneten Denkwürdigkeiten des Pastors Tiburtius von Bishorst. Rudolf studierte darin, so oft und so viel es seine Zeit erlaubte. Es war ein eigener Genuß, zu sehen, wie sich manche alte Ansicht als unhaltbar erwies, noch mehr, wenn die neue Quelle über viele Zweifel des Forschers, über Lücken hinweghalf. Zum ersten mal empfand Rudolf reine Forscherfreude. Ungetrübt war sie, gesättigt aber nicht, denn der gewissenhafte Tiburtius wies öfters auf eine von ihm benutzte ältere Quelle hin, Aufzeichnungen eines Amtsverwesers aus dem Zeitalter der Reformation. Die Auffindung der echten Institutionen von Gajus kann nicht heißer ersehnt worden sein, als der Schulmeister von Handewitt die Entdeckung einer Schrift erstrebte, die nach allen Anzeichen von entscheidender Wichtigkeit sein mußte. Im Pfarrhause war die Chronik nicht, jede Ecke, jeder Winkel war durchsucht, also hinauf auf den Kirchenboden, hinein in das Gerümpel, das die Jahrhunderte dort abgelagert hatten. Am zweiten Tage kam Rudolf strahlend die Treppe herab; im Arme hielt er, selbst von Spinngeweb und Staub bedeckt, die doppelt in Staub und Spinngeweb eingesargte Chronik. Die Mühe war keine vergebliche gewesen, Specovius stand weit über Tiburtius. Rudolf Schmidt war eingeladen, an dem Ruhme der Forscher teilzunehmen. Es ist schwer zu sagen, ob sein Genuß höher war, wenn er seine Annahmen bewiesen fand, oder wenn er seine Ansichten zu berichtigen genötigt war und seine Einsicht in den historischen Zusammenhang erweiterte. Aber über allem stand die Freude des Schulmeisters, der nunmehr wußte, wozu er tauge. In diesen Gedanken begegnete Rudolf sich mit einem Briefe seines Freundes: »An dem Erfolg Deiner Forschungen, Liebster, kannst Du keine größere Freude haben, als Dein noch immer getreuer Leibbursche Friedrich empfindet. Endlich zeigt sichs, wozu die Schöpfung ein so vortreffliches Hirn und Herz machte: sie wollte einen fleißigen, klugen Mann, der mit Liebe, ja, mit schwärmerischer Liebe sich in die Geschichte seines Landes und seiner Heimat vertieft. Und ist es auch nur ein kleiner Fleck der großen Erde, den Du ausgemessen hast, wo Du den Herzschlag der schaffenden Natur belauschtest: der Gewinn fällt doch dem großen Kosmos zu, von dem Du in Deiner Marsch ein kleines Stückchen unter die Lupe nahmst. In den Anlagen übersende ich Dir die Abdrücke Deiner beiden prächtig geschriebenen Aufsätze, die die Redaktion des ›Globus‹ mit Dank empfing. Und zugleich sende ich Dir das Honorar. Die wissenschaftliche Welt wartet gespannt auf das Erscheinen Deines Buches. Sie muß Bedeutendes von einem Manne erhoffen, der mit so entschiedenem Erfolg in die gelehrte Welt eintritt. Schulmeister von Handewitt! Nicht mehr lange! Wir haben schon einen Posten ausersehen, der ihn und seine liebe Frau Mutter und, wenn er sich mal sollte beweiben wollen, auch seine Familie ernähren wird, der überdies – das ist ja die Hauptsache – seinen Neigungen entspricht und ihm Zeit zu wissenschaftlichen Arbeiten läßt. An der hiesigen Bibliothek ist er ausgeschrieben. Dir, lieber Rudolf, ist er gesichert; es erübrigt nur noch, daß Du willst und Dich bewirbst. Ich schweige von allem, wovon Deine lieben Briefe schweigen, hoffe aber auf eine frische, fröhliche Zusage und rufe: auf Wiedersehen!« Auch bei diesem Briefe mißfiel dem Empfänger die eine Hindeutung. Das Angebot nahm er nach schwerem Kampfe nicht an. Noch wurde er in Handewitt gehalten. Er – konnte sich nicht losreißen, wollte es nicht einmal. So schrieb er denn an seinen Freund eine schlecht begründete Absage. 3 Der Junker Jäger war ursprünglich das gewesen, was man einen guten Kerl nennt – gutmütig, roh, flach, eitel. Die Wiederannäherungsversuche an seine Frau trieben durch die Verwilderung noch ab und zu eine Blüte. Aber es hatte bald ein Ende. Der chronische Größenwahn, die Entartung der Teile, worauf die seinen Reize der Milde und Gerechtigkeit nicht mehr wirkten, ließen für die Berücksichtigung anderer keinen Raum. Die Liebe zum Ich nahm einen um so breiteren Platz ein, je weniger liebenswert es war, und tötete schließlich wie Unkraut alle edleren Regungen, woran wir so gern bei dem schönen Klang des Wortes ›Gemüt‹ denken. Größenwahn und Roheit verunreinigten seine Phantasie, Wahnbilder und Sinneswahrnehmungen gestalteten sich in seiner Vorstellung ungesondert zu einer gefälschten Welt, die nirgends bestand und nichtsdestoweniger die Beweggründe seines Handelns hergab. Er verfiel mehr und mehr der Narrheit. Wegen der Richtung, die seine Einbildung nahm, war es eine Narrheit gefährlicher Art. Er sang und sprach Unanständigkeiten und wußte ihnen Beziehung auf den Ruf seiner Frau zu geben; er gestaltete die alten, schon der Vergessenheit angehörenden Gerüchte zu wirklichen Geschichten. Dann prahlte er wieder mit dem Grafensohn in seinem Hause und wollte selbst erlauchter Abkunft sein. So schleifte er die Ehre seiner Frau wie seiner Mutter durch den Wegeschmutz von Handewitt. Niemand war für einen Klatsch, dem er sich in besserer Zeit entgegengestemmt hatte, geschäftiger als er selbst. Und daneben die immer leichter geweckte Eifersucht, die immer häufiger wiederkehrende Redensart, daß er keinen Verkehr seiner Frau mit fremden Männern dulde. Für einen halbwegs Sachkundigen war es klar, daß er nicht mehr bei gesunden Sinnen war, daß er entmündigt und in eine Anstalt gebracht werden müßte. Rudolf dachte das in die Hand zu nehmen. Und da er dazu die Mitwirkung der Frau Sophie bedurfte, so sann er, trotz des Verbots, weiter darüber nach, wann und wo er sie wohl am besten spreche. Er verfiel auf die bevorstehende Einweihungsfeier des neuen Turms und ließ sie bitten, nach Beendigung des Gottesdienstes im Hinrichsenschen Redder in Siethfelde zu sein.   Der neue Turm wurde eingeweiht; selbst die bekannten ältesten Leute erinnerten sich einer Feier, wie sie jetzt begangen wurde, nicht. Turmapfel und Wetterfahne – beide glänzend vergoldet – warteten schon lange in der Scheune des Gasthofs ›Zum weißen Roß‹ ihrer Erhebung und wurden allgemein angestaunt. Der Knopf blieb im Umfang nicht viel hinter einem Wagenrad zurück, und der Wetterhahn erinnerte in seiner Größe, in seinem Glanz eher an das Roß eines apokalyptischen Reiters als an den Hahn, der auf dem Mist kräht. Der Verwunderung darüber, daß beide auf der Wetterstange zur Größe eines gewöhnlichen Turmapfels, eines gewöhnlichen Hahnes zusammenschrumpfen, war kein Ende. Auch noch in anderer Beziehung forderte der Turmknopf die Ehrfurcht der Gemeinde heraus. In seinem runden Bäuchlein barg er die öffentlichen Geheimnisse vom Kirchspiel. Das Verzeichnis der von dem Klempner Schulz eingelöteten Schriftstücke ging von Mund zu Mund und erschien in den ›Nachrichten‹ des benachbarten Städtchens. Zeitungen, Zeitschriften, Abschriften des Kircheninventariums, statistische, von dem Ortspfarrer aufgenommene Tabellen, die Bilder des Pastors, der Kirchenjuraten, der Lehrer des Kirchspiels (Rudolf Schmidt war darunter), der Gemeindevorsteher (Peter Köllns Gedächtnis kam auf die Nachwelt), die von dem Organisten Piening verfaßte Jubelhymne des heutigen Tages (sie sollte geblasen und gesungen werden, sobald Apfel und Wetterhahn auf den Turm gebracht würden) und manches andere. Mit dem zuletzt genannten Teil begann die Feier. Auf dem Turmdach, unmittelbar unter der Wetterstange, befand sich der Bau eines in kühnen Linien emporstrebenden Gerüstes, das in dem oben zusammenlaufenden Sprossendreieck die Turmstange überragte. In schwindelnder Höhe erwartete dort der kühne Meister den blinkenden Apfel, der am Flaschenzug sich langsam erhob. Sobald er über dem Kirchendach in blauer luftiger Höhe schwebte und schwebend stieg, brach die Jubelhymne oder vielmehr die allen Gesang überschmetternde Tubamusik los. Jetzt hing der Apfel über der Turmstange; sicher und furchtlos, unbekümmert um die haarsträubende Höhe, hinübergebeugt, leitete der Meister das Ungetüm den ihm bestimmten Weg, mit dumpfem Rasseln schurrte der klein gewordene Koloß bis zu dem für ihn bestimmten Sitz hinab. Der Wetterhahn flog denselben Flug, ebenfalls begleitet von dem Gesang der Gemeinde, und bald saß er herausfordernd auf der Stange. – Seht, o, seht! – was tut er? Der Kühne sitzt auf dem Rücken des Flügelpferdes, ruft Hurra! und schwenkt den Hut. Nur schwindelfreie Männer vermochten den Anblick zu ertragen, die meisten senkten den Blick, es zog ihnen durch Nacken und Rückgrat. Unter den Frauen hörte man viel Gekreisch, ein Ohnmachtsanfall kam auch vor, und alle waren froh, als der Wagehals unter Beifallsgeschrei auf einem balkonartigen Vorsprung in der Turmluke unterhalb der neuen Uhr erschien, um die übliche gereimte Rede zu halten. Neben ihm stand sein Gehilfe mit Flaschen und Gläsern. Das war der Mundschenk, der die Glaser zu füllen hatte. Eine gereimte Rede stieg, es lebte, was nur irgendwie mit dem Bau und der Kirche in eine Beziehung gebracht werden konnte. Nach jedem Hoch flog das geleerte Glas an die Wand, und schließlich auch die Flasche. – Gewissenhafte Leute und Zähler haben unglaubliche Behauptungen aufgestellt. Wir lassen die Zahl dahingestellt, aber es war mehr, als ein Mann trinken sollte. Da lief das Gerede durch die Gemeinde, es sei gar kein Wein, was der Mann da trinke, das sei Selterwasser mit Himbeer. Es kam vom Wirt im ›Weißen Roß‹. Er hatte hinzugefügt, daß er die Getränke zum Selbstkostenpreis berechne, auch die entzwei geworfenen Gläser und Flaschen. Die Kostennotiz fanden seine Freunde nicht wichtig; sie fiel wie eine Quecksilberkugel unmittelbar vor dem Munde des Sprechers zu Boden, während die andere Neuigkeit, wie aus einem Drehturme geschossen, eine hundertköpfige Menge sättigte, als ob sich das Speisungswunder wiederholte. Ja, all die Gläser und Flaschen, die am Turm von Siethfelde zerschellten! Den Sinn dieses Symbols hat das Kirchspiel noch heutzutage nicht erfaßt, und die Hoffnung, daß man die zarte Andeutung der Feierlichkeit des Augenblicks jemals verstehen werde, ist durchaus eitel, da der verletzte Sparsamkeitsinstinkt einfach nicht wissen will, daß die zwecklose Vernichtung von Vermögensgegenständen doch einen Zweck haben könne. Die Rede war kaum überstanden, da läuteten schon die neuen Glocken zum Gottesdienste. Die gläubige Menge lechzte nach etwas religiöser Erbauung, nach etwas Gemütszerknirschung, denn sie war entschlossen, nach dem Gottesdienst den Freuden dieser Welt im Tanz nachzugehen, vielleicht auch in aller Unschuld ein wenig zu sündigen. Pastor Normann entledigte sich seiner Aufgabe mit Geschmack. Er fuhr als sanfter Melanchthon fein säuberlich daher, wie es seinem Wesen entsprach. Heute konnte er durchaus seiner Denkart folgen, da er wußte, daß seiner Gemeinde der grobkörnige Luther nicht erspart bleibe, der denn auch gleich nach Normanns Predigt in der Person des hohen Würdenträgers eines Bischofs der evangelischen Landeskirche die Kanzel ausfüllte. Da donnerte es denn Wehe und Höllenglut, als schlüge aufs neue der Blitz in den Turm. Die Gemeinde ließ es ergeben geschehen; sie wußte, daß der Herr Bischof es nicht so böse meine, daß er die Friedenssonne wieder scheinen lassen werde. Zum Schluß säuselten denn auch mildere Lüfte, und eine ganze Menge Tauben kehrten mit einem richtigen Olivenhain zurück. Bei dem Verlassen des Gotteshauses teilte sich der Strom in drei Flüsse, die im wesentlichen den drei Dörfergruppen: Wester-, Oster- und Süderkog des Kirchspiels entsprachen. Jede Gruppe hielt sich bei Jahrmärkten und anderen mit Tanz verbundenen Festlichkeiten an ein bestimmtes Lokal. Die Kirchgänger beschleunigten ihre Schritte, es galt zunächst, dem Magen sein Recht zuteil werden zu lassen. Lange wird es nicht dauern, dann locken rechts und links schmetternde Hörner, locken sanfte Geigen und fröhliche Klarinetten zum lustigen, frommen Walzer. Rudolf war der Feier und Predigt nur mit einem Bruchteil seiner Gedanken gefolgt. Sein Herz war anderswo. Nachdem er Sophiens Kleid in der Menge gesehen hatte, machten Freude und Erwartung ihn mehr erzittern als das Grausen bei den halsbrecherischen Künsten des Meisters vom Turm. In der Kirche war, als seine Freundin sich im Frauenstand niederließ, für Andacht wenig Raum. Jetzt wußte er, daß sie seiner Einladung zu folgen im Begriff sei. »Du sollst nicht begehren deines Nächsten Weib! Wer ein Weib anstehet, ihrer zu begehren, der hat schon mit ihr die Ehe gebrochen in seinem Herzen!« Der Redner im Priesterrock berücksichtigte alle Sünden und böse Lüste, hatte aber die schärfste Geißel für die Geschlechtsliebe und wollte sie, wenn man ihn beim Wort nahm, ganz ertöten. Aber Rudolf dachte daran, daß der geistliche Würdenträger glücklicher Gatte sei; da sah er Öl in die empörten Wogen fließen. Von der Kanzel aber brauste es weiter, und unter ihr sündigte Rudolf eine liebe, süße Sünde. Sie war ihm nahe – nicht lange, und er wird ihre Hände küssen. Er wollte sie wieder lächeln machen – es tat not, sie hatte so bleich gesehen und so verhärmt. Für Rudolf gab es eine eigentliche Schuld nicht, er hielt die Meinung der Menschen, daß sie frei handelten, für eine irrige – er konnte das, was wir Gewissensbisse nennen, abstoßen. Die dunkle, blasse Frau dagegen, die scheinbar so ruhig im Weiberstand saß, innerlich aber so schweren Kampf bestand, war im Grunde ihres Herzens eine kleine Egoistin, in dem Sinne, wie es auch der Beste ist. Sie war im frommen, orthodoxen Glauben der Kirche erzogen, und wenn auch hier und da Zweifel an ihre Seele gepocht hatten: an dem großen Weltgericht, dem Lohn der Gerechten, der Bestrafung der Ungerechten, hielt sie fest. Und die Sehnsucht, dereinst den Kindern Gottes zugezählt zu werden, verließ sie keinen Augenblick. Hierfür war sie bereit, zu dulden. Der Tod hatte nichts Schreckliches für sie, er zeigte vielmehr die milden Züge eines Erlösers, jenseits des schwarzen Tors bliesen Posaunenengel die Freude Gottes ein. So dachte sie. Sie wollte keine neue Schuld auf sich laden und wollte doch gern dem nahe sein, dem ihr Herz gehörte. Den auf sie einstürmenden Beweggründen stand sie tapfer auf der Bresche. Eigentlich wollte sie nicht hin. Eigentlich! Sie fand sich aber im Hinrichsenschen Redder ein. 4 Im Kirchdorf gab es einen Ziehharmonikamusikus, der Blohm hieß und Blümchen genannt wurde, für gewöhnlich schneiderte, aber die Musik im Nebengewerbe betrieb. Er war ein kleiner, buckliger Mann mit klugen, blauen Kinderaugen. Wenn Jahrmarkt war, dann saß er vor Heinrich Otts Haus und spielte, ging auch mal umher, kehrte aber immer wieder nach seinem roten, gedrehten Holzstuhl, den er vor Heinrich Otts Haus hingestellt hatte, zurück. So tat er auch jetzt. Seine Lieder flogen wie Mariengarn und Distelsamen um Giebel und Erker, über die Häuser und Gärten hinweg. Man brauchte ihn selbst nicht zu sehen, die Harmonika hatte es so an sich, in den Äther zu heben, man brauchte nur Blümchens Harmonika zu hören: »Steh ich am Eisengitter« oder eine andere seiner schwermütigen Weisen, dann wußte man gleich: in Siethfelde ist was los. Den Kindern, die sich im Lindenschatten drehten, schenkte er seine Musik umsonst, im übrigen erwartete er von gutdenkenden, harmonikaliebenden, fröhlichen Leuten eine kleine Beisteuer. Blümchen, das Mohrsche Kuchenzelt und dann der Aaljohann, der geschmorte Sachen an der Kirchhofspforte ausbot – wenn die nicht gewesen wären, dann hätte Siethfelde schon, als die Sonne noch hoch stand, kaum was Besonderes an sich gehabt. Aber halt! Die Fenster der Tanzböden waren geöffnet, von dort drang Geschwärm und Gejohle. Am schlimmsten war es bei Wulff, da war der Handewitter Jäger Mittelpunkt. Er rieb sich an Pastor und Kirchspielvogt: so was kühn Geistreiches war in Siethfelde noch nicht verbrochen worden, da fielen die Lachsalven zuweilen dröhnend, zuweilen schmetternd, immer laut auf die Straße. Als die Dämmerung kam, gingen und fuhren die meisten Leute nach Haus. Das Kuchenzelt wurde abgebrochen, der Aalmann packte seine Waren, Blümchen hörte man auch nicht mehr. Es wogte nur noch von den Tanzsälen her. Und als um zehn Uhr der Mond aufgegangen war, sah man in den Gassen kaum einen Menschen. Nur in den Ecken ... standen die üblichen Paare. Da kam die Landstraße vom Dorfe Grauel her ein einsamer Mann. Er war lang und langbeinig, der Schritt nicht alt, nicht steif, nur müde, wie vom langen Gehen. Der Mann war Rudolf Schmidt. Der Schulmeister von Handewitt? – Woher? Nach seiner Zusammenkunft mit Frau Sophie war sie mit dem Wagen ihres Nachbarn heimgekehrt, Rudolf aber hatte sich entschlossen, einen langen Spaziergang zu machen und dabei auf Umwegen nach Handewitt zurückzukehren. Er war aber in der Irre gegangen, stundenlang war er umhergelaufen, war schon müde und abgespannt, als er wenigstens wieder auf den Kirchort stieß. Nun war er dessen froh und beschloß, in einem Gasthaus Unterschlupf zu suchen. Er wählte den ›Springenden Hirsch‹. Der ›Springende Hirsch‹ war eigentlich kein Tanzlokal, sondern Sammelplatz ruhiger Leute. Heute aber hörte Rudolf, als er über die Schwelle schritt, nicht ohne Verdruß Töne, wie Musik. Die große Wohnstube fand er ausgeräumt, es war auch hier für ein Tänzchen Raum gemacht worden. Und schon bewegte sich darin der fröhliche Reigen nach Blümchens Ziehharmonika. Blümchen saß in der Ecke und zog mit großer Hingebung an seinem Ungetüm, die Tänzer drehten sich ohne viel Lärm, Rudolf stand in der Tür, sah zu, und es schwand sein Verdruß. Die Zärtlichkeit, womit Blümchen sein Instrument behandelte, die Willigkeit, mit der es seine Töne hergab, der Zug sich gleichsam entschuldigenden Triumphs um des Schneiders schmale Lippen, wenn alles ihm zu Willen war – Rudolf sah und sah, obgleich er recht müde war, sich nicht satt. Am Flur gegenüber im Gastzimmer war man bei Bier und Kartenspiel, nicht alle nüchtern, aber keiner zu schlimm betrunken. Ein Wachtmeister stützte sich auf sein blinkendes Wehrgehenk, stand an der Tonbank und tat mit dem Schenkmädchen schön. Die Wirtsfrau hatte für ihren späten Gast nur ein kleines Gemach neben der Tanzstube. Rudolf war damit zufrieden: er hatte die Gabe, wenn er müde war, überall schlafen zu können. Von der Tanzgesellschaft trennte ihn nur eine dünne Wand; es klang wie ein Wiegenlied zu ihm her, er freute sich, die Glieder lösten sich, er war sicher, bald einzuschlafen, und froh, noch ein Weilchen zuhören zu können. Das Register war klein, Blümchen spielte immer denselben Walzer. Aber der wogte zu Rudolf wie aus Morgengesängen seliger Geister, er überredete seine Seele zum Flug, und Rudolf flog gern ... Ein rührender Aufschwung, drei machtvolle Züge ... schluchzende, freudeschluchzende, zur Himmelfahrt zwingende Töne, Unschuldsengel, den Takt mit den Flügeln schlagend ... darauf ein derber, gutmütig spaßender, zur Erde niederziehender, den Flieger im Sand zurücklassender Baß. Pausen gab Blümchen nicht viel. Sobald er die erste Note aus dem Blasebalg zog, hörte das Summen und Plaudern auf. Schritte (die Tänzer wählten) und dann die schurrende, schleifende, dem Hüonschen Zauberhifthorn gehorsame Gesellschaft. Der Schulmeister war im Begriff einzuschlafen. Die Füße der Tänzer wurden Trippelschritte eines Tausendfüßlers, dann Sprünge eines Krokodils. Und tiefer sank der Schläfer, wohin keine Ziehharmonika und kein Tanzschritt reichte. Nacht ... Eine weite Ebene ... Brennende Sterne ... der Himmel grünlich-schwarz, von fliegendem Funkengeschwärm durchzogen ... Am Rande der Welt ein Flammenmeer ... Das war Rom ... Rudolf Schmidt war Nero ... er hatte den Brand angefacht, er freute sich seiner Tat. Nein, es war nicht Rom, sondern Birkenrade; er hatte es nicht getan, er freute sich nicht, er war zum Tode betrübt ... Klitsch, klatsch! – Der Wind trugs ihm zu. So klingt es, wenn die Geißel auf einen nackten Körper fällt. Und sieh, und sieh! Da kommt sie, die geschlagen wird. Die Hände auf dem Rücken, das dunkle Haar auf die Büste fallend, vornübergeneigt, wortlos ... so zog sie an ihm vorüber. Und hinter ihr ein strenges Frauenbild ... härenes Gewand... tiefgefurchte Züge... die Lederriemen mit knöcherner Faust auf den nackten Leib und mit jedem Schlag einen Vers wuchtend: Ich bin die Schuld, Und das ist meine Liebe. Zu strafen bin ich hergesandt, Der Hölle Qual zu lindern ist mein Amt. Ich bin die Schuld, Und das ist meine Liebe. Rudolf Schmidt kannte die Geschlagene. Er fing an, wach zu werden, er fühlte, daß er träume, die Schläge nahmen dumpfe Klangfarbe an ... Rudolf richtete sich im Bett auf. Klang das nicht wie Faustschläge auf die Tischplatte? Er war wach geworden, er wußte, wo er war, er horchte. Im Nebenzimmer tobte Zank, tobte Lärm ... andere Leute, als Blümchen und sein Volk. Laute Stimmen ... eine lärmende, rücksichtslose ... Lallen eines anderen, eines Trunkenen, der seine Zunge nicht in der Gewalt hatte... Rede, Gegenrede. ... Junker Jäger. Der Rücksichtslose schlug in den Tisch. »Bist ein schlechter Kerl, wenn du nicht mit mir Brüderschaft trinkst!« Der Jäger setzte etwas auseinander. Alles lachte... der Rücksichtslose am lautesten. »So ists recht, Bruder! Wir gehören zusammen, und wenn deine Frau auch zehnmal eine Gräfin ist«. Zorniges Schäumen und Würgen, und dazwischen der Rücksichtslose: »Was? – Was sagst du? – Was willst du? Junge, ich rate dir! – Junge, nimm deinen Fuß weg! – Meinst, ich hab die Stiefel gestohlen? Zwei Schritt vom Leibe, sonst gibts was! Verstehst mich? – Willst mir den Mund verbieten, verbieten von deiner Frau zu sprechen? – Ich hab sie gesehen, ich mag sie leiden, hat was Gräfliches, ist auch ja beim Grafen gewesen.« Stimmengefecht: ein Verständiger ... ein Aufreizender. Der Verständige: »Still, sag ich, du siehst doch, daß er sich nicht kennt.« Der Aufreizende: »Warum sollen die Siethfelder immer still sein? Laß die Handewitter das Maul doch auch halten!« »Seid man ganz ruhig«, überschrie der Rücksichtslose die Verständigen und die Unverständigen, »den möcht ich sehen, der mir den Mund stopft. Hör mal zu, Jäger, will dir was erzählen ... Mit mir hats keine Not, ich seh sie nur an, davon leidet sie nicht, bin ihr auch viel zu grob. Aber andere, da bleibts nicht beim Ansehen ...« Tumult ... Zischen ... Wutschnauben ... Beschwichtigung ... Aufhetzen. »Er soll den Mund halten!« befahl die energische, die verständige Stimme. »Man sieht doch, er macht ihn unklug. Er kriegt den Schlag, oder es gibt anderes Unglück.« »Der?« Getöse. Der Rücksichtslose drohend, in schäumender Wut: »Diese Faust fährt jedem in die Fresse, der mir den Mund verbietet. Hör zu, Jäger, dich gehts an! – Ich hatte die Pferde weggebracht nach unsrer Buschkoppel an Hinrichsens Redder. Da höre ich was ... Ich denk, was ist? Hin, ganz leise, ... guck durch den Knick... was seh ich? Haha, haha, was seh ich? – Ich muß lachen. Soll ich sagen, wer da war? Deine Frau wars und nicht allein. Hatte einen guten Freund bei sich. Junge, Junge, ich sage dir, die konntens, die waren zärtlich. Küssen, daß mans durch den Knick hörte. Und was wars für einer? Ein Langer, Hab ihn mal gesehen, wird ein Schulmeister oder so was sein. Schwarzer Schlapphut, graue Hosen, Sommersprossen, Haare wie meines Bauern Gelber«. Ein Schrei unterbrach ihn, kein menschlicher: das Brüllen eines Tieres – Stoßen, Balgen, Drängen – ein Tisch wird umgestoßen, ein Flaschengericht bricht zusammen. Darauf Schurren eines Schleppsäbels und die Kommandostimme des Wachtmeisters, den Lärm zur tiefen Stille niederwuchtend: »Im Namen des Gesetzes! Sie sind verhaftet, kommen Sie! ... Wie? ... Was sagen Sie... ich soll nicht wagen?« Schläge...Ringkampf ... Stöhnen. Ein Körper fällt schwer zu Boden. »Bindet ihn«, befiehlt die Obrigkeit, »und dann mit ihm nach Nummer Sicher.« 5 Am folgenden Morgen wurde der Jäger nach Aufnahme polizeilicher Vernehmungen entlassen und traf gleich darauf in Birkenrade ein. Rudolf war um die Sicherheit der Geliebten besorgt und bot sich als Wächter an. Es war ein unzweckmäßiger Vorschlag, Sophie lehnte ihn auch ab. »Um Gotteswillen nicht«, schrieb sie. »Das könnte das Unglück herbeiführen, was deine Liebe verhindern will. Nein, von deiner Seite nichts unternehmen, darum bitte ich dich dringend. Ich kenne ihn, für die nächsten Tage folgt nach der Aufregung Niedergeschlagenheit, da bin ich sicher. Ich habe an Ohm geschrieben, übermorgen reise ich mit Kurt dahin.« 6 Frau Sophie suchte früh die Ruhe auf, auch das Gesinde ging zu Bett. Das Abendrot brannte noch am Himmel, und schon schnarchte es rechts und links in Verschlag und Kammer. Die letzte Feuergarbe des untergegangenen Tagesgestirnes verglomm wie Weltenbrand am Horizont; aus Wiese und Wald schlich auf leisen Zehen die Nacht herbei und umstellte den einsamen Hof. Aus dem Halbmond des Dachfensters schlüpfte eine gelbgefleckte Katze, schwang sich in die über das Dach gebreitete Linde, kletterte mit gewandter Pfote an Ast und Stamm zur Erde und verschwand auf Samtschuhen im Wald, im Dornbusch ein Rotkehlchen zu beschleichen. Dort hing der Räuber im Gezweige, die Krallen zum Griff bereit. Derweilen schlich im Hause der Wahnsinn. Das tappte vom Anbau her, wo der wilde Jäger hauste, das schlich auf unhörbaren Sohlen. Der Wahnsinn wars, ein sein Vorhaben erwägender, die Mittel sichtender und sondernder Wahnsinn, in seinem Gehege vernünftig wie der gesunde Verstand. Der Jäger ging im eigenen Hause wie ein Räuber um, es flimmerte ihm vor den Augen, in den Ecken webten Schatten. Drückte sich was in dem Winkel? ... Kamen Geräusche aus Kammer und Stall? ... Regte sich was? So schoß es durch das Gehirn des Narren. Die Besorgnis, ein Vorhaben möchte mißlingen, ist bei keinem größer, als bei Verbrechern und Narren. Es war aber nichts, kein Grund zur Besorgnis: Schläfer warens, die ein zweckloser Traum äffte. Ein Knecht mähte stöhnend im grünen Gras, die Sense stieß auf Kieferstämme. Den Dienstjungen begleitete das kreischende Pfluggestell die Furche hinauf, die Furche hinab – alles im Traum, immer im Traum. – »Brr!« Das Schnarchen hörte auf. »Hü!« Da setzte es wieder ein. Eine Bettstatt erkrachte, der Schläfer legte sich auf die andere Seite. Der Wahnsinnige tappte weiter die Diele entlang an den Pferdeställen vorbei, durch den Vorflur. Die Zimmertür bewegte sich in den Angeln. Schrill und scharf klangs hinein in den Raum, heraus nach der Tenne, an der Balkendecke entlang, durch die Bodenluke hinauf, verhallend im Sparrenwerk und Dachstuhl. Dem Wahnsinnigen klopfte das Herz. 7 Feuer! Feuer!... Im Dorf, zumal bei Nacht, ist es ein Schreckensruf – Birkenrade brennt!... Bei Birkenrade ist der Horizont rot... Man rannte hin, man fand: – die Einzelheiten wühlten alle Gemüter auf. Verbrechen über Verbrechen! Brandstiftung, Totschlag, Mord! Den Kleinen hatte man bei Ausbruch des Feuers in seinem Bett tot aufgefunden. Der Schädel war ihm eingeschlagen. So glimpflich hatte man mit der Mutter nicht verfahren wollen; unter ihrem Bett fand man den Herd des angelegten Brandes. Ein Wunder war es zu nennen, daß sie nicht in Qualm und Rauch erstickt war. Ihr Jammer hatte das Krachen des stürzenden Gebälks, des polternden Mauerwerks übertönt. Da war der entsetzliche Jäger erschienen, schmutzig, trunken, singend. Er hatte die Gruppe der Leute umkreist und war in die Nacht, die ihn ausgespieen, zurückgetaucht. Am folgenden Tage waren Polizei und Justiz zur Stelle, der Gensdarm mit großem Schleppsäbel, der Polizeirichter mit seinem Sekretär, der Staatsanwalt, der den goldenen Klemmer nicht von der Hakennase ließ. Es gab aber nichts mehr zu richten; den armen Wahnsinnigen zog man tot aus dem Brückengraben. Sophie war im Nachbarhause, sie hatte keine Träne, sie konnte nur mit trockenen Augen grübeln und brüten. ›Er hat mein Kind erschlagen, er hatte ein Recht dazu. Es war ein erlogenes Kind, als es auf seinen Namen getauft wurde; er tötete die ihm aufgedrungene Frucht der Sünde. Das ist recht und in Ordnung. Ich habe sein Leben gebrochen, seine Jugend vergiftet, ich habe ihm nicht einmal die Liebe und auch nicht die Treue bewahrt. Dafür tötet er mich. Auch das ist recht!‹ Sie wollte ihrem Leben ein Ende machen. Vor einem Glück an Rudolfs Seite erschrak sie jetzt, jeder Tag wäre Erinnerung an ihre Schuld gewesen. Ihr Kind war nicht mehr, was hielt sie zurück? ... Eines nur war noch zu überwinden. Es lag ihr die Stimme der Kirche im Ohr: du sollst nicht! Alle Sünden kann man bereuen, diese nicht. Es ist die größte Sünde... Es flog ihr viel durch den Sinn ... in ihrer Not wurde die Arme zur Sophistin an ihrem Glauben. Sie machte dem lieben Gott vorstellig, es sei doch nur ein Fehler in der Form, und bat ihn, ein Auge zuzudrücken. Konnte sie nicht vor der Tat durch ihr inbrünstiges, vor seinen Thron gebrachtes Gebet die Buße tun? Daran klammerte sich die Hoffnung einer armen Seele, die um ihr Heil bangte und zagte. Sie rang im Gebet mit ihrem ewigen Vater, ja, sie nötigte seinem milden Lächeln (sie sah das Lächeln, das die Gewißheit der ewigen Seligkeit in ihre sterbensfrohe Seele goß), sie nötigte dem heiter und milde lächelnden ewigen Vater im heißen Flehen die Versicherung ab, er wolle dies eine mal zu ihren Gunsten eine Ausnahme machen, freilich unter dem Vorbehalt (dem Himmelspförtner diktierte er die Anweisung in die Feder), daß sich in Zukunft niemand auf diesen Präzedenzfall solle berufen können, er selbst wolle von Fall zu Fall entscheiden. Nun war sie bereit zu sterben, dahin zu gehen, wo man die Gerechten mit der Krone des ewigen Lebens schmückt, den Traurigen die Tränen trocknet, wo wir die Hände derer drücken, die uns lieb und teuer gewesen sind, wo wir wieder an der Mutterbrust schluchzen, weinen und jauchzen dürfen wie dereinst, als wir noch nicht Böses und Gutes unterschieden. Sterben? Das Dasein abwerfen, ohne ein Zeichen der Liebe für ihn? Auf ihrer Stirn lag Verklärung, als sie sich zum Schreiben niederließ. Und Siegesgesang durchbrauste die Abschiedszeilen, die sie für ihren geliebten Freund Rudolf Schmidt, den Schulmeister von Handewitt, hinterließ. 8 Mondlicht lag auf der weißen Firn der Dünenkette, als die Gräfin von Birkenrade die vom Winde verschüttete, tiefsandige Wagenspur, die sich durch das Dünengebirge wand, durchwatete. Die Glocke des neuen Turmes von Siethfelde hatte in zwölf dumpfen Schlägen die Mitternachtstunde verkündet (der Klang war andeutungsweise in der klaren Mondnacht herübergezittert), als sie unbemerkt die Wohnung verlassen hatte und mit behutsamen Schritten durch die Ortschaft gewandert war. Wo Steinpflaster bei den Gehöften den weichen Wegboden unterbrochen, hatte sie ihre Schritte nach Möglichkeit gedämpft und sie war unbemerkt vorübergeglitten. Einige Male hatten Hunde angeschlagen und an der Kette gezerrt. Bei Peter Kölln war das Fenster erklungen, eine Zipfelmütze an der Fensterbrüstung erschienen: »Kusch di, Hektor, wat tierst di?« Bald lag die letzte menschliche Wohnung hinter ihr. Es war eine einsame Kate am Heideweg, der zur Düne leitete. Dort wohnte der Weise des Dorfes, Kaspar Schulz, dessen kaustischer Humor sie erfreut hatte. Mannslist ist behend, Frugenslist awer ohn End – so klang es noch vom Nieburbeer her in ihrem Ohr. Mit entscheidenden Schicksalswendungen verbinden sich kleine, kriechende Gedanken. So gedachte die Gräfin wunderlicherweise auf ihrem letzten Gang der Sinnsprüche des Kaspar vor seinem Hause. Ihr Auge umfaßte die vom Zwielicht des Mondes umflorte ärmliche Wohnung, die Esse, die blinkenden Fenster, sie gaben Zeugnis, daß auch dieses Heim Vertreter der Welt umfriede, in der sie so lange gelebt hatte. Für einen Augenblick fühlte sie sich ermüdet. So rastete sie am Schlagbaum der Koppel. Kaum wagte sie ihre Augen von dem Frieden, dem letzten irdischen, den ihr Auge sah, zu lösen. Ein langer Scheidegruß, den Handewitt empfing. Vorbei! Sie war in der Welt der Dünen. Eine lange, gleißende, im steten Winde reisefertige Bergkette. Blaßgrüner Sandhafer, der binsengleich emporgerichtet ist, oder Büscheln vergleichbar in langen Strähnen herabfällt, hat Mühe und Not, das Gebirge vor den Stößen des Westwindes dort festzuhalten, wo ein verschollenes Meer es aufgewühlt hat. Hier also hauste der Dünengeist, das kleine Männchen in erdfarbenem Rock und hohen Sandstiefeln, die grünen, funkelnden Nixaugen in tiefen Höhlen des faltenreichen Gnomengesichts. Sandhafer wächst auf unförmigem Schädel und umrahmt weich herabwallend das launig gekniffene Kinn. Das alles flog durch ihre Seele, ohne den Reiz des Grauens. Wer den Fuß ins Leere zu setzen entschlossen ist, der ist vor Schauder gefeit. Und an der Biegung der vor ihr dämmernden Wegwindung erwartete sie der Dünengeist in eigener Person, und nichts schien ihr natürlicher als das. Das faltige, starre Borstengesicht, das grüne Auge, sie sah es genau. Und ohne Furcht näherte sie sich der Erscheinung. Die stützte sich auf einen soliden Wanderknotenstock und bewegte die Hand zum Gruße. Was war da zu verwundern? Hatte doch der Gnom, der Sage nach, das ganze Dorf unterwühlt und unter jedem Hause sein Lauscherplätzchen. So kannte er jeden Dorfseingesessenen genau. Aber im Weitergehen löste sich alles vor ihren Augen auf. Das Binsenhaar wuchs als steifer Hafer am Rande des Hügels, und darunter strähnte der lange Büschel des Barts. Im reichlichen Regengeriesel der Dünenwandung leuchtete und schattete der trügerische Mond. Sie schritt vorüber, wie ein Wanderer, der einer langen Tagereise gedenkt. Aber neben sich hörte sie den unsichtbaren Schritt des Gespenstes. Und als sie das Vorland hinter dem Gebirge durchmaß, der Salzflut entgegen, deren Brise über die Weiden strich, vernahm sie die Stimme des Geistes – ein tiefes, wohlklingendes, mildes Organ. Er beglückwünschte sich zu der Begleitung, denn auch ihn treibe die Sehnsucht nach dem ewigen Meer. Im Nebel versuchte er, sich zu zeigen. Aber es war nicht mehr der Dünengeist, die Todbereite sah ihr verklärtes Selbst. Für einen Augenblick ... dann nahm der Morgenstreif den Nebel hinweg.   Am Strande wartete sie, bis die Sonne erschien. Und als das Tagesgestirn Morgenrot und Nebel durchbrach, beleuchtete es ein wogendes, brausendes, unendliches Meer. Sonnenpfeile jagten die Wassernebel von den Sandbänken hinaus zur schaumspritzenden Flut. Dort schaukelten Schwärme von Möven, und am Horizont tummelte ein Volk behender Delphine. Die uferlose Unendlichkeit vor sich, schritt sie mutig in den Tod. Die Wellen ergossen sich über ihren Fuß, umschlossen stürmischer Leib und Brust. Und als die Flut Brust und Herz umschmeichelte, watete sie mit erhobenen Armen zur Freiheit hinan. Eine große, grüne Woge mit weißer Krone nahm sie hinweg, überschlug sich in Schaumspritzen und Entzücken, und herzte und wiegte und schaukelte den köstlichen Fund. Das Meer ließ sie lebend nicht mehr. Wogen und Wellen wälzten heran, hoben die tote Gräfin auf grünliche, schäumende Gipfel und versenkten sie tief in rauschende Flut. Sie schleuderten sie auf weiche Sandbänke und zogen sie langsam zurück ins gähnende Meer. Auf bunten Muscheln und wellenartig geripptem Sand ließen sie sie. Eine weiße Schaumflut staute noch einmal zurück und warf sich über das bleiche Gesicht. Aber schon grollte das gurgelnde Meer, rief die Wasser zurück und zog den Atem ein. 9 Mein lieber Friedrich! Freund Hein, der alte Sichelmann, hat um mich herum so gründlich aufgeräumt, ich habe so oft seine Bekanntschaft machen müssen, daß ich ihn füglich zu meinen Freunden rechnen darf. Im Traum sehe ich ihn oft, und stets ist er bereit, seine Gestalt zu wandeln und zu wechseln. Ich sehe ihn als ernsten Bootsmann, die Sturmhaube auf wettergebräunter Stirn, wie er den Nachen vom Lande stößt, als blasenden, mit flotter Hahnenfeder geschmückten Postillon, der mit gelassener Hand feurige Rosse zügelt, als Hofarzt und bebrillten Geheimrat, der uns das ewige Schlafmittel verschreibt und den Streusand über sein Rezept schüttet. Niemals aber sah ich das klappernde Knochengerippe, womit man die großen Menschenkinder schreckt. Stets hat er für mich einen freundlichen Gruß, und wenn ichs recht verstehe, so bedeutet das Nicken: Geduld, lieber Freund, vorderhand habe ich noch andere Passagiere. Aber dereinst wirst auch du mit mir die Reise in die ewigen Weidegründe antreten; dann darfst du deine Lämmer in Frieden hüten. Du hast jetzt alles gelesen, was ich aufschrieb, ich teilte Dir auch das Trauerspiel von Birkenrade ausführlich mit. Meine Sophie fanden wir am Strand, ihr Antlitz gab Zeugnis von dem Frieden, mit dem sie dahingegangen war. Fast ergrimmte ich über die melancholischen Möven, deren Klagelieder der Wind zerfaserte. Die Verblichene ruht an der Seite ihres Kindes, und nicht weit davon schläft der tolle Jäger – in Frieden. Die Friedensglocken des neuen Turmes taten ihr Bestes, die Kirche sprach ihren Segen über die Gräber; wir Zurückgebliebenen weinten ihr das Herzeleid nach, womit wir Menschen unsern eigenen Schmerz so gern beklagen. Ein stilles Wäldchen umrahmt den Friedhof, und fröhliche grüne Buchen beschatten das Grab meiner Freundin und eine benachbarte stille Gruft. Von diesem Grabe habe ich nur ein Wort zu sagen: dort ruht – meine Mutter. So weiß ich denn auf engstem Raume, was mir lieb und teuer war. Es ist mir, lieber Freund, nicht leicht geworden, mein sicheres Gefühl der Verantwortungslosigkeit wiederzugewinnen. Ich habe Dir nichts verhehlt. Du weißt, wie es um mich stand, was ich verloren habe. Du kannst beurteilen, inwieweit ich mich, sozusagen, schuldig gemacht habe. Lange, lange Zeit hindurch wollte ich mich, der Rahel des Evangelisten gleich, nicht trösten lassen, die Pflege meines Schmerzes und meines Schuldgefühls war mein Lebenszweck, war meine Freude. Aber ich habe es überwunden, die alte Weltanschauung ist wieder mein eigen. Anfangs kam sie als schlichter und schlecht empfangener Gast, dem man den Platz am Herde versagt, dann kämpfte sie mit den Eindringlingen um die Herrschaft, endlich trieb sie Schuld und Reue mit Geißelhieben zum Tor hinaus. So ist es mir gelungen, das Gedächtnis der Verstorbenen über eine Stimmung hinweg zu heben, die in dem Gleichnis dieser Welt befangen blieb. Wandele ich auch noch in dem Lichte irdischer Sonnen, so bin ich mir doch schon meines von Raum und Zeit losgelösten Wesens halb und halb bewußt. So rechne ich denn das Bewußtsein der Wesenseinheit mit ihr zu meinen stillen Freuden. Ich entdeckte in mir Neigungen, die ich mit besserer Einsicht abzulegen hoffen darf. Selbst wenn die Wahl meines Charakters auf meine Rechnung zu stellen sein sollte, lebe ich der Zuversicht, einen Durchschnittszug getan zu haben, kann daher eine in dem allgemeinen menschlichen Los nicht beruhende besondere Veranlassung zu Vorwürfen nicht ermitteln. Da entspreche ich denn auch Deinem Wunsche, mich der Welt wiederzugeben. Aber auch das ist für mich eine Begebenheit, die mir nicht mehr und nicht weniger zu Gunsten oder zu Lasten zu schreiben ist als die Eroberung Galliens durch Julius Cäsar. Der Gewinn meines hiesigen Aufenthalts soll mir nicht verloren sein. Und vielleicht zwingt mich doch noch einmal die Sehnsucht, zurückzukehren zu der herzlichen Freude, die Natur und Menschen mir gewährten. Danke ichs doch ihrem stillen Frieden, daß ich es vermochte, meine nach allen Richtungen der Windrose auseinandergehenden Neigungen zu sammeln. Es ist ein bescheidenes Pfund, das mir gegeben, aber nicht länger will ich mich dem Befehl, damit nach Kräften zu wuchern, widersetzen. Während Du diese Epistel liesest, rase ich auf dem Schienenstrang zu Dir. Und wenn Du das Gelesene überdenkst, schurren vielleicht schon meine Handewitter Bauernstiefel über die Treppenläufer, die in die elegante Wohnung des Professors führen. Horch, schon klopfts! Dreist und sicher, Naturbursche, ein bißchen zu sehr vielleicht, umarmt Dich Rudolf, der mal Schulmeister von Handewitt war. Des Reiches Kommen 1 Wo immer sie sich trafen, der Notar und der Geistliche, da stritten sie sich. Ihre Ansichten näherten sich zu sehr, um voneinander lassen zu können, wichen aber zu weit voneinander ab, sich ganz zu einigen. Nun waren sie im Knickweg einer Dorfgemeinde aufeinandergestoßen, der Notar und sein Sekretär im weichen Landauer, der Geistliche am Wagentritt im Gehrock, einen derben Wanderstock in der Rechten. Das Gespräch kam auf eine vor wenigen Wochen verstorbene, stadtbekannte Persönlichkeit. Wie ein Armenhäusler hatte der Mann gelebt, in seinem Nachlaß fand man märchenhafte Schätze. Bei dem Geistlichen fiel das Wort: »So gehts, wenn der Materialismus sich zum Wahn versteigt«, worauf der Jurist die Ansicht äußerte, man könne hier ebensogut von Idealismus sprechen. Er sah schmal und kränklich, ein bißchen pedantisch und schulmeisterlich aus, holte auch jetzt, seine These zu verteidigen, zu einer Abhandlung über die Psyche des Geizigen aus. Der raffe zwar Verkehrsmacht zusammen, so viel er fassen könne, tue es aber nur wegen der Idee, die in der blanken Münze ihren Niederschlag finde. Er wolle zwar mächtig sein, denke aber nicht daran, von seiner Machtfülle Gebrauch zu machen. Gefeit vor Ruhm und Ehrsucht, ein verkappter Donnergott, der seinen Hammer nicht fliegen lasse. Er kleide sich nicht allein in härene Gewänder, sondern wolle die Welt auch überreden, daß er keinen besseren Rock bezahlen könne. Der Propst, eine hochgewachsene, prächtige Priestergestalt, wollte die Ehrenbezeichung des Idealismus für die Hingabe irdischer Güter gegen sittliche, jenseits persönlicher Erfahrung liegende Ziele gelten lassen. Er war ein rüstiger Fußgänger, seine Krankenbesuche machte er meistens mit dem Wanderstab ab. Beim Abschied fragte der Notar: »Sie kommen von Westerhusen?« »Und das soll wahr sein.« »Und waren bei Peter Schmidt?« »Stimmt.« »Da habe ich auch zu tun.« »Ich hörte, Peter Schmidt will Testament machen.« »Richtig. Aber um drei Uhr muß ich in Bültenbrooksdamm sein. Da ist Erbteilung; auf dem Rückweg fahre ich bei Peter Schmidt vor. Er ist ja schon lange krank, und Sie besuchen ihn, wie ich höre, zuweilen. Halten Sie ihn für verfügungsfähig?« »Peter Schmidt ist bei gesunder Vernunft«, antwortete der Propst. »Waltet auch keine Gefahr im Verzuge ob, ich meine im Verzuge einiger Stunden? Es paßt mir besser für den Rückweg. Auf Bültenbrooksdamm bin ich gemeldet; was ich da zu tun habe, ist eigentlich meine Reise. Wenn keine Bedenken sind, dann will ich das Geschäft bei Peter Schmidt auf den Abend verschieben. Was meinen Sie, hat das Gefahr?« »So wie Peter Schmidt jetzt ist«, erwiderte der Geistliche, »ist er schon lange. Es liegt freilich ein Herzfehler vor, es kann über kurz und lang zu Ende gehen, heute aber war er ganz gut.« »Dann will ich es bei meinem Plan lassen.« »Wissen Sie um Schmidts Verhältnisse Bescheid?« fing der Propst wieder an. »Da ist ein Bruder in Amerika, ich glaube, den wollen die beiden hiesigen, Peter und der andere, der die Stelle hat (Hinnerk heißt er ja wohl), übergehen. Mir schien das nicht in Ordnung zu sein, und da habe ich dem Kranken ein bißchen ins Gewissen geredet. Wie stehen Sie dazu?« »Will mal sehen. Es kommt auf die Umstände an.« »Die Umstände, glaube ich, sind die, daß Peter eine tüchtige Schale Zorn mit ins Grab nehmen möchte und daß der andere seinen Segen dazu gibt.« »Wenn das ist, Propst, dann wird die Gewissenspauke wohl am Platze gewesen sein.« Nun schieden sie wirklich. Der Wagen bewegte sich stöhnend und federnd dem Dorf entgegen und stieß den weich in die Polster gelehnten Notar und dessen Schreiber hin und her. Das Dorf war weitläufig gebaut, jeder Hof in eigenem Ackerland, hinter Koppel und Hecken leuchteten Wiesen auf, Wiesen von abgeblaßtem Grün. Ein Kenner hätte aus der Farbe gefolgert, daß der Untergrund Moor sei, ein schwarzumrandetes Hochmoor wuchs hinter ihnen auf. Und es reichte bis zum Himmelsrand. Es war eine eigentümliche, in ihrer großzügigen Folgerichtigkeit etwas eigensinnige Gegend, ihre Wirkung anfangs beklemmend, dann aber befreiend. Dem Wagen begegneten wenige Menschen. Sie schritten hastig, die Mütze rückend, mit einer gewissen Unbekümmertheit vorüber. Der Vogelsang ist, sagen die Gelehrten, nicht nur ein Lied der Liebe, er ist vor allen Dingen der Kriegsruf für die ›Gewere‹ des Futterplatzes. Daran wurde man gemahnt beim Anblick der Höfe in ihrer trotzigen Einsamkeit. Zuweilen quoll über die Hofwälle ein Peitschenknall und predigte: ›So weit wie meine Schwingung reicht, nenn ich Grund und Boden mein‹. Hinter dem Gefährt lag ein großer Wald, den hatte man durchfahren, da war es kühl und schattig gewesen. Der Dorfweg war trockener und sandiger, es ging bergan, aber nach nicht langer Zeit hatte man den höchsten Punkt. Auf dem Bock sitzt Hein Möller, erster Fuhrknecht bei dem Gespannhalter des Städtchens, hier im Dorfe geboren und sich noch immer von hier fühlend, immer das Leitseil in Händen habend, wenn der Justizrat seinen Sprengel bereist. Der Rat kennt ihn, und er kennt den Rat, sie verstehen sich und sind miteinander vertraut, Hein kennt aber nicht allein den Rat und die Gegend, er kennt auch die Geschichten, wovon der Westwind in dem Eichenkranz der Häuser raunt. An eine solche schon halb zur Dorfsage gewordene Geschichte dachte der Rat: »Hein, was war doch das für einer, der hier bei Nacht und Nebel mit seines Bruders Braut über das Moor nach Amerika ging?« Wenn man von Hein Möllers Gesicht sagen wollte, es sehe gutmütig und ehrlich aus, so hieße das Eulen nach Athen tragen, denn das versteht sich bei einem so alten Fuhrmann von selbst. Ein bißchen Nußknackervisage war freilich dabei. Seine Stimme ein wenig belegt; wenn er sprach, lächelte er listig und lustig vom Kinn bis zur Nase und zugleich mit den Augen. »Ja«, entgegnete er, »Herr Rat, das war Hinnerk Schmidt, und der, der nach Amerika ging, war Hans Schmidt, und die Deern, das war Mars Lüders seine Anna.« Nun erinnerte sich der Justizrat. Es waren dieselben Schmidts, bei denen er heute abend ein Testament aufnehmen wird. »Dann ist Hans wohl der Bruder, von dem der Propst sagte?« »Das ist so, Herr Rat.« Nun nahm sich der Justizrat vor, noch mehr bei dem Testament ein Auge darauf zu haben, daß dem Amerikaner kein Unrecht widerfahre. Er sah in die Weite und sah die fliehende Wucht der Gegend. »Sehen Sie«, wandte er sich an seinen Gehilfen, wie groß und schön und gewaltig!« Der überlegte gerade, ob er wohl zum Skatabend rechtzeitig nach Hause komme oder diese Oase seines Daseins schwänzen müsse; mitten hinein fiel die Gewalt der Gegend. »Sie belieben, Herr Rat?« »Das da!« Und des Justizrats Hand machte einen Bogen: »Wir wollens ansehen; halt mal still, Hein!« Hinter dem Moor begann das Land des Dufts und der blauen Poesie; der Ackerboden und seine Hecken schwangen sich mit einer gewissen Feierlichkeit hinab. Beide Herren sahen an Hein Möller vorbei und über Hein Möller hinweg in die Gegend. Der Notar schwieg, sein Gehilfe auch, der Rat setzte sich, der andere folgte ihm und machte nun der Gegend sein Kompliment. »Man kann weit sehen«, sagte er. Und dann fuhr man weiter. Der Justizrat interessierte sich für mancherlei, er sah die mit Dachreth gedeckten Bauernhäuser und trug seinem Begleiter eine kurze Geschichte der menschlichen Wohnung vor, beim einfachen Windfang anfangend; er tadelte dabei die Achsenrichtung der meistens mit der Breitseite gegen die Windrichtung gestellten Gebäude. Da könne man freilich die überall als Windbrecher hingepflanzten Eichen und Pappeln nicht entbehren. Hein hatte das mit angehört, er drehte sich um und bemerkte: »Herr Rat, nehmen Sie nicht für ungut! Aber was Sie da sagen, das kommt daher, daß der hiesige Zimmermann alle Häuser mit den Stuben an den Weg stellt. Und weil der Weg nach Westen geht, da pustet dann der Westwind voll aufs Dach. Und auch ist es so Mode bei den Zimmerleuten dahier, daß sie hohe Sparren aufsetzen. Sie sagen, das gibt Platz auf dem Böhn, und Heu und Korn sagen sie, gehören ins Haus und nicht in Diemen. Da kann der Bauer nichts bei tun, da muß er bauen, wie der Zimmermann will.« Der Notar lachte. »Wenn alles hier einen eigenen Kopf hat, weshalb nicht auch der Zimmermann? Das scheint mir ganz in der Ordnung zu sein.« »Dachhäuser«, fuhr Hein fort, »sollen ja nun nicht mehr sein. Sehen, Herr Rat«, der Sprecher zeigte auf einen Neubau, »nun macht man Kniestöcke und legt ein Dach von Pappe darauf. Die sind niedriger und flacher.« »Jawohl, aber es sieht übel aus.« »Gleich kommt«, fing Hein nach einer Weile wieder an, »gleich kommt Peter Schmidt seine Berlehnskate, wo Sie nachher hin sollen, die ist aus roten Steinen und hat Säulen vor der Tür. Süht heel schmuck aus.« Sie fuhren langsam an dem gelobten Haus vorüber. Mit den roten Steinen, den weißen Fugen, den in Zement abgeputzten Säulen schrie es förmlich aus dem Gebüsch heraus, wie schmuck es sei. »Hinnerk Schmidt, der die Stelle hat, wohnt man altmodisch, Säulen hat er aber auch vor der Tür.« Hein Möller zeigte auf das mit altem, breitem Strohdach zwischen den Bäumen hervortretende, aber von der Straße mißtrauisch abgerückte Bauernhaus. »Er könnte gern neue Brandmauern aufsetzen, hat ja Geld genug. – Süh, da steht er am Hecktor!« setzte der Sprecher mit gedämpfter Stimme hinzu. Am Hecktor stand ein magerer, kaum mittelgroßer, in Weste und Beinkleid von Blauleinen gekleideter, rockloser Mann von unbestimmtem Alter. Er war im Begriff, seine auf den Melkplatz treibende Herde hineinzuzählen. Als der Wagen näher kam, zog er die Mütze. Sie war abgetragen und saß auf braunblonden, wirren Haaren. Hinnerk Schmidt setzte sie rasch wieder auf, um eine Dungkarre worauf man eine kleine Schaufel sah, aus der Fahrstraße auf die Seite zu schieben. »Godn Dag, Schmidt!« Ein rotbraun verbranntes Gesicht mit harten, etwas starren, aber nicht unfeinen Bauernzügen sah aus grauen, tiefen Augen herauf. Die Treuherzigkeit der Dorfleute lag darin, aber auch ihre Eigenwilligkeit. Um Kinn und Mund und Brauen hatte sie ihre Linien gezogen. »Gegen acht, denke ich, bin ich so weit. Paßt es dann?« »Es paßt immer. Kann ich die Zeugen zu acht bestellen?« »Bitte. Sie nehmen doch Nachbarn, die nicht mit Ihrer Familie verwandt sind?« »Jawohl, Herr Justizrat.« »Ihr Bruder ist wohlauf?« »So as ümmer, Herr Rat. Sük ist er ja man, das ist er aber ja schon lange«. »Wenn ich in Bültenbrooksdamm fertig bin, komme ich gleich her.« »Is god so, Herr Rat.« Ein kleines Mädchen trieb die Kühe, die von der Weide geholt waren, entgegen. Es war eine große, stattliche, buntgefleckte Herde, der Wagen fuhr langsam durch den lebendigen Strom. Die Herde war vorüber, Hein nahm wieder das Wort: »Herr Rat, haben Sie die Schuvkar gesehen?« »Die habe ich gesehen. Was ist mit der Schuvkar?« »Je, die Leute sagen ja: wenn die Küh zu Haus sind, dann muß die Kuhdeern damit den Weg zurückfahren und aufschüffeln, was die Küh unterwegs verloren haben.« Der Justizrat wagte ein Lachen. »Schullt wahr sin?« »Je, ich weiß nicht. Aber die Leute halten ihn für nau und wunderlich. Manchmal sagen sie auch ›Hinnerk mitn Fellerbüdel‹ zu ihm.« »Wo kommt das her?« Hein Möller räusperte kurz und vergnügt eine kleine Heiserkeit hinweg, machte eine halbe Wendung nach hinten und erzählte: »Je, das ist so ne Geschichte. As Hinnerk noch ein jung Kerl wesen is und sein Oll noch auf dem Hof gedauert hat, da hat er sich mal mit Johann Hargens (nu ist Hargens ein alter Mann, und es geht ihm schlecht), mit dem hat er sich zusammengetan, um ein bißchen Geld mit dem Goshandel zu verdienen, indem sie die Gös mager gekauft haben, fett gemacht und dann durch die Dörfer damit getrieben haben. Aber der Handel ist slecht gegangen, die Gös haben auf dem Marsch ihr Fett und auch ihre Federn verloren. Johann Hargens ist nun ein Mensch, der alles licht nimmt, Hinnerk ist aber schon damals einer west, der alles swarz und swer angesehen hat. Und er hat alle Federn, die die Gös fallen gelassen, in einen großen Beutel gesammelt. Und schließlich hat er geweint.« Hein Möller drehte sich noch etwas weiter herum und lachte über das ganze Nußknackergesicht: »Da hat Johann Hargens so halb spöttisch zu ihm gesagt: ›Nä, Hinnerk, ween schaft ni! Un wenn kok vun Dör to Dör mit di gan schall und üm Brot bern: ween schaft ni, Hinnerk!‹ Da ist Hinnerk ganz still geworden, aber den Fellerbüdel hat er mit nach Hause bröcht – n ganzen Sack voll. Aber was drin gewesen, hat nicht viel getaugt, Dunen sünd da wenig mang wesen.« So sprach Hein Möller und kehrte, als er fertig geredet hatte, das Gesicht den Pferden wieder zu. »Dann ist er wohl sehr geizig?« Hein mit halber Wendung: »Nau ist er, geizig kann man wohl nicht sagen. Nau und sparsam ist er. Was ihm nicht gehört, läßt er liegen, aber das, von dem er glaubt, daß es ihm zukomme, das nimmt er von ... wie man so sagt, vom Altar. Aber er ist auch wieder gut. Kleine Leute haben viel Gutes bei ihm, und as der alten Witfrau Kracht, die in Martin Matthiessens Kate wohnte, ihr ganzer Kram aufgebrannt ist und nichts versichert gehabt hat, da hat er ihr hundert blanke Taler auf den Tisch gezahlt und ihr geschenkt. Abel Kracht hat nichts nachsagen sollen, hat es aber doch herumgebracht.« »Das war ein guter Streich«, lobte der Notar. »Ja, slecht is er nich, Herr Rat.« Sie fuhren weiter. Der Beamte ließ sich die bei dem heutigen Geschäft zu erledigenden Punkte durch den Kopf gehen und beriet mit seinem Sekretär. Die Erbteilung in Bültenbrooksdamm wird nicht viel Schwierigkeiten machen, sind lauter ruhige, anständige, vornehm denkende Leute. Der älteste Sohn bekommt die Stelle zur Bruder- und Schwestertaxe, die beiden Schwestern eine Geldabfindung. Hoch kann sie nicht ausfallen, es ruhen Schulden auf dem Hof, beide Mädchen haben aber nette Partien gemacht und sind in guten Brotstellen. Und dann dachte er an das Schmidtsche Testament. »Hein Möller, habe ich recht gehört, hat Peter Schmidt mal in der Lotterie gewonnen?« »Das sagt man.« »Wie viel?« »Die Leute schnacken von velen Dusend, es soll ein Teil vom großen Los gewesen sein. Ich glaub, Herr Rat, Peter und Hinnerk wollen es durch Sie festmachen, daß Hans, der nach Amerika gegangen ist, nichts davon kriegt.« »Sagten Sie nicht, Hein, daß Hinnerk Schmidt mit dem Mädchen, das mit dem Bruder wegging, versprochen gewesen sei?« »Ganz recht, Herr Rat. Das hatten die Alten noch zurechtgemacht. Und nun kam das so: Peter und Hinnerk sind ja Zwillinge, liker old, und man weiß noch heutzutage nicht, wer von ihnen zuerst geboren worden ist. Nun ist hier ja ... dat is doch so, Herr Rat, nicht wahr? ... man hört ja immer so ... ich mein, daß hier Rechtens ist, daß der Älteste die Stelle kriegt. Wie nun der Alte starb und nichts gemacht hatte, da wußte man nicht, wer denn eigentlich Bauer werden müsse, ob Hinnerk oder Peter. Wer weiß, sie hätten sich, so viel sie auch voneinander halten, vielleicht darum verschiert. Da ist der Allerweltsadvokat Karl Schnoor von Bargenhusen, der von Mutterseite mit ihnen verwandt ist, dazugekommen und hat gesagt: ›Da muß um gelost werden. Der eine kriegt die Stelle, der andere kriegt die Kate und Verlehnt.‹ Und da haben sie gelost, und Hinnerk hat den Längsten gezogen und Peter hat die Kate und Verlehnt bekommen. Und die Kate ist ganz neu aufrepariert worden und hat die schmucken Säulen gekriegt.« »Das ist ja alles ganz gut, Hein, ich mein aber, wie war es mit der Braut?« »Ja«, war die eifrige Antwort, »das wollte ich man sagen. As Hinnerk Schmidt die Stelle zugefallen war, da wollte er Hochzeit machen, aber süh mal an! – da war die Braut weg.« »Mit Hans?« warf der Rat fragend ein. »Ja, mit Hans. Eines Morgens war sie nicht da, und Hans war auch nicht da, und der Kahn, der in der Au bei Ephraims Wiese liegt, war auf der andern Seite. Da waren sie mit übergesetzt. Und dann waren sie übers Moor gegangen. Und dann müssen sie mit dem Eiderdampfer, der bei Breiholz hält, hinunter nach Tönning, gefahren sein. Lange Zeit wußte man gar nicht, wo sie geblieben. Dann schrieben sie aus Amerika.« »Wenn die Deern Hans lieber leiden mochte als Hinnerk – weshalb versprach sie sich denn mit Hinnerk?« »Das hat wohl so seine Haken gehabt, Herr Rat. As sie sich versprochen haben, da hat der alte Schmidt doch gelebt und auch der alte Mars Lüders. Nun aber waren die beide nacheinander tot geblieben. Mars und der alte Schmidt hatten es in der Hauptsache wohl miteinander ausgemacht. Im Dorf munkelte man aber schon immer, daß Hinnerk Schmidt von seiner Braut betrogen werde, daß sie mit Hans gehe. Hinnerk Schmidt ist nun aber so, daß er kein Arg hat; nachher hat er es ja allerdings schwer genug genommen.« »Hat er es schwer genommen?« »Ja, er ging immer so schuls umher und bildete sich ein, er könne sich vor Leuten nicht mehr sehen lassen. Einige sagen sogar, er habe sichs Leben nehmen wollen, aber Peter sei darüber zugekommen. Ganz ist er erst wieder geworden, als Maleen Lohsen seine Frau geworden. Die hat ihn zurechtgekriegt. Damals war sie noch frisch und kräftig, seitdem sie aber die große Krankheit dörgemacht hat, ist sie man släfrig und swack.« »Hat Hinnerk denn viel von der Lüders Deern gehalten?« »Viel mochte wohl der Schimpf und der Blam tun, ein bißchen hat er sich doch auch wohl in das falsche Ding verkuckt gehabt. Er behängte sie ja mit Gold, was doch sonst nicht seine Art und Wies war.« Der Wagen näherte sich der Niederung und den Mooren. Nicht weit von Bültenbrooksdamm kam ein junger bleicher Mann, einen Milchtopf am Bandseil tragend. Im Vorbeifahren fing man einen Blick auf aus geduldigen, immer hoffenden Leidensaugen, wie sie den Lungenkranken eigentümlich sind. Der Jüngling rückte höflich die Mütze. Außer Hörweite, fragte der Notar: »War das nicht der junge Heitmann?« »Ja, das war Klaus Heitmann, Mutter Heitmannsch vom Moor ihr einzigster Sohn.« »Sieht nicht gut aus, der junge Mensch.« »Ja, Herr Rat, sied de Tied, wo he die Geschichte gehabt hat, ist er man swach.« »Welche Geschichte?« »Na, die Geschichte mit der Rühmannsch Deern. Herr Rat erinnern wohl, Klaus Heitmann kam zum Schwur, daß er nichts mit ihr zu tun gehabt habe.« Der Justizrat erinnerte sich der Sache, er hatte Klaus Heitmann vertreten. »Was hat der Prozeß mit seiner Gesundheit zu tun?« »Je, seitdem er sich losgeflucht hat, swewt er nur noch so.« »Halten Dorfsleute dafür, daß der Schwur nicht recht gewesen ist?« Hein Möller knipste mit der Peitsche. »Es sind da zwei Partien, Herr Rat«, erzählte er in seinem platten Hochdeutsch. »Die einen sagen (und das sind ja wull die mehrsten) die sagen, er hat falsch geflucht, und deshalb holt ihn der Deubel und er swindt so allmählich bei lebendigem Leibe. Die andern sagen, es ist alles Lüge und Höhnergloben. Klaus Heitmann ist immer man flödig gewesen, und nun hat er, wie er, das Moor urbar zu machen, die tiefen Grabens gezogen hat, da hat er zuviel bei gekriegt.« »Und diese andern werden wohl recht haben. Klaus Heitmann hat bei mir und auf das Gericht guten Eindruck gemacht«, erwiderte der Justizrat. »Und die Rühmannsch, was die Deern ist, taugte in ihrer Haut nichts, und die Olsche, was die Mutter ist, noch weniger«, fügte Hein hinzu. »Taugte nichts, Hein?« »Taugte nichts in ihrer Haut, Herr Rat. Die war eine Allerweltsbraut, die hatte mit dem halben Dorf zu tun, und mit dem fremden Schmiedsgesellen fand man sie überall, wo ein Strohdiemen stand. Aber der Kerl ging weg, bevor die Sache so weit war, hatte auch nichts und gehörte zum losbannig Volk. Nun, da mußte denn ein anderer dran glauben. Klaus Heitmann kriegte eine eigene Kate, kriegte Land und Sand. Warum denn nicht Klaus? Ob er aber ganz frei von ihr gewesen, so daß er den Schwur tun konnte, das weiß man ja nicht.« »Herr Rat«, fuhr er nach kurzer Pause fort, »ist das wahr, daß ein Mädchen auch dann noch was verlangen kann, wenn sie mit mehreren Bräutigams zu tun gehabt hat? Die Leute sagen ja so.« »Und die Leute sagen recht. Das heißt: eigentlich ist es nur das Kind. Und es ist nicht überall in Preußen so. Aber bei uns hierzulande ist es jetzt noch so. Alle sind zu zahlen schuldig, bis das Kind hat, was die Gesetze vorschreiben.« »Wissen Sie, Herr Rat, was die Leute sagen?« »Was sagen die denn?« »Die sagen: Was die Rühmannsch ist – Hinnerk Schmidt hat ihr auch abhandeln müssen.« »Ei was!« »Je, ja, das sagen sie.« »Hein, sehens sich vor!« Der Anruf bezog sich auf eine breit geladene Roggenfuhre, die ihnen entgegen kam. Hein Möller fuhr scharf an den Knick und redete mit seinen Pferden. Als alles vorüber war, kam er auf den Fall Heitmann-Rühmann-Schmidt zurück. »Wokeen will sagen, daß Klaus Heitmann falsch geflucht hat? Aber dat he just domals die Swind kriegen muß!« »Die kriegen andere Leute auch«, warf der Rat ein. »Dat segg ik ok«, entgegnete Hein. Nun raffte sich der Sekretär auch zu einer Bemerkung auf. »Vielleicht ist es gar nicht so schlimm mit seiner Brust«, sagte er. Hein kratzte sich den Kopf. »Ich weiß doch nicht, Herr Sekretär. Die alte Wieb vom Moor, was Klaus seine Mutter ist, sagte mir vor vierzehn Tagen: Zweimal hat Klaus es vom Tode geholt, nu graut mi vorm drütten mal.« Hein Möller schwieg, und der Notar überschlug die heute anstehenden Amtsgeschäfte. Nicht lange, dann bog der Wagen in das Hecktor eines Gehöftes ein. Man war auf Bültenbrooksdamm, unmittelbar vor der großen Ebene der Wiesen. Die Erben standen am Heck, den Notar zu empfangen. 2 Ob Hinnerk das, was seine Kühe unterwegs vergeudeten sonst aufsammeln ließ, bleibe dahingestellt. An dem Tag, als er vor dem Justizrat am Hecktor den Deckel lüftete, hat er es nicht getan, an dem Tag schob er, als der letzte Kuhschwanz hineingezählt worden war, und die Milchmädchen mit Eimern und Kesseln zur Melkenriegel hinüberrasselten, die Karre auf die Hofstelle und ging in seine Wohnstube. Seine Frau, die, wenn nötig war, beim Melken mit zugriff, war dabei, sich dafür zurechtzumachen. Aber Hinnerk sagte: »Laß, Maleen! Pack ein bißchen auf und mach schier! Klock acht kommt der Justizrat zu Peter, ich muß ihn reinnötigen.« »So«, erwiderte seine Frau, »er kommt also wirklich. Das gibt viel Kosten und Stempel.« »Wat wesen mutt, mutt wesen«, antwortete Hinnerk. Maleen tat, wie ihr geheißen worden war, packte auf und nahm allerlei Schürzen und Unterröcke, die an den Wänden hingen, weg und trug sie nach der Kammer. Mit einem Fahrtuch kehrte sie zurück und fing an zu wischen. Sie war eine rund – zu rund gewordene Frau, sprach mit müder Zunge und ging mit fallendem Schritt, hatte schwarzes, volles Haar und braune, müde Augen. Einstmals hatte sie gut ausgesehen, die schön geschwungenen Brauen, ein in dem immer verschleierten Blick zurückgebliebenes Etwas sprachen dafür, und die Hautfarbe immer noch frisch und rein. »Je, Hinnerk«, entgegnete sie und trug ihres Mannes Sonntagshose, die hinter dem Ofen gehangen hatte, ebenfalls hinaus, »mut dat würkli wesen?« Darauf antwortete Hinnerk nicht mehr. Hinnerk Schmidt hatte keine Nachkommenschaft, er und Maleen waren Bruder- und Schwesterkinder, sie hatte ihm den Hausstand geführt. Geheiratet hatte er sie erst, als ihm die ärgerliche Geschichte mit der Rühmanndeern passiert war. Die Rühmann hatte bei ihm als Mädchen gedient. Sinnlich und sittlich hatte Hinnerk sich immer in Schranken gehalten, für die vollblütige Rühmann hatte er nun gar nichts übrig gehabt, aber das mannstolle Frauenzimmer war in seine Stube gekommen. Über alle Augenblicke seines Lebens glaubte er einigermaßen vor Gott und vor sich selbst bestehen zu können, jener Stunde schämte er sich von Grund aus, und seine Scham kannte keine Grenzen, als er schließlich über die letzten Gründe der Rühmann ins klare gekommen war. Aber da half es denn nicht, da zog er, um so wenig wie möglich bei der schmutzigen Geschichte genannt zu werden, um, soweit es möglich war, bei sich selbst sofort von der Sache loszukommen, da zog er den Beutel und legte der alten Rühmann, die übrigens eine wahre Megäre war und wie eine Megäre die aus der Liederlichkeit ihrer Tochter erwachsenden Ansprüche vertrat, der legte er blanke tausend Mark auf den Tisch und ließ sich dafür einen Schein unterschreiben, daß sein Name bei der Sache nicht genannt werden solle. Einen solchen Schein hielt Hinnerk für rechtsverbindlich, die beiden Damen Rühmann glücklicherweise auch. Es ist eine böse Sache gewesen, sie hat aber gute Folgen gehabt. Als Hinnerk um Tausend leichter aus der Rühmannkate zurückkehrte, ging er in die Kammer seiner Haushälterin Maleen, erzählte ihr offen, was geschehen war, und fragte sie, ob sie seine Frau werden wolle. Da dauerte es nicht lange, und Hinnerk mitn Fellerbüdel schlief gesichert vor Überfällen unter eheweiblichem Schutz. Hinnerk hatte auf Maleens Frage, ob es wirklich sein müsse, nicht geantwortet, das war seine Gewohnheit, wenn ein Einwurf zu überlegen war. Seine Frau wußte das und nahm sein Schweigen nicht übel. Sie wischte in der Stube herum und wischte weiter, als Hinnerk Schmidt nach seiner Mütze griff. »Wullt röwer na Kat?« fragte sie. Das Gartenhaus, worin der kranke Bruder wohnte, war rechtlich ein Zubehör der an Hinnerk gefallenen Landstelle. Zur Wohnung für Menschen eingerichtete Nebengebäude fallen unter den Gattungsbegriff ›Kate‹. »Wullt na Peter?« wiederholte sie. »Ja«, erwiderte ihr Mann, die Mütze in der Hand. »Von wegen des Testaments?« »Ja.« »Sollte es nötig sein?« »Das ist doch.« »Es gibt viele Kosten, und es ist jeden Tag was zu bezahlen.« »Das magst wohl sagen, aber da ist doch wohl nichts beizumachen.« »Du mußt wissen, Hinnerk«, erwiderte sie und stand, das Wischtuch in der Hand. »Früher habt ihr es nicht für nötig gehalten. Es gibt Kosten und Stempel und auch noch Steuer; zu bezahlen ist jeden Tag, und mein seliger Vater pflegte zu sagen: Afkaten und Uhrmakers, wenn die einem begegnen, denn man forts dörchn Knick!« Maleen sprach selten so viele Worte auf einmal, und auf Erzählungen und Gleichnisse ließ sie sich selten ein. Die Rede machte ihren Mann nachdenklich, er nahm langsam seine Mütze und sagte halb für sich und halb zu Maleen: »Je, noch weer t Tied.« Und dann ging er aus der Tür, den Kranken aufzusuchen. 3 Nicht nur Hein Möller glaubte, daß Peter Schmidt viel Geld gewonnen habe. Es war wirklich so, Peter Schmidt war durch einen Glückszufall ein begüterter, nach bäurischer Schätzung ein reicher Mann geworden, und es war in der Gegend bekannt, obgleich et und Hinnerk sich die größte Mühe gegeben hatten, es zu verheimlichen. Ein hausierender, auf den Namen Nathan nicht getaufter Mann, war der Urheber dieses Glücks. Er hatte das Los angeboten, Peter hatte es erst zurückgewiesen und schließlich widerwillig genommen. Nicht lange darauf war Nathan mit der Nachricht des schier märchenhaften Glücks wiedererschienen. Und als die Glücksmär gekommen, waren die beiden Brüder in aller Stille zur Stadt gefahren, hatten den Schatz gehoben, in preußische Konsols umgesetzt, in ein eisernes, feuerfestes Kistchen hineingetan und das Kistchen nächtlich und heimlich unter Peter Schmidts Bettstelle in einem dazu hergerichteten Hohlraum verborgen. Nur dem Auge eines, der darum weiß, konnte der scharfe Sägeschnitt in den Dielen auffallen. Was mit dem Schatz geschehen solle, wenn Peter die Augen zumache, darüber waren die Brüder seit Peters Krankheit einig. Hans, der nach Amerika ausgewanderte Bruder, (im übrigen mag er seinen Teil erben) sollte von diesem Glücksfall nichts abhaben. Einem Rechtsgelehrten wäre bei dieser Verabredung aufgefallen, daß durchaus zweifelhaft gelassen wurde, ob eine Verfügung unter Lebenden oder eine solche von Todes wegen beabsichtigt sei. Er hätte auch wohl darauf aufmerksam machen mögen, daß das Gesetz dabei den Formen Wichtigkeit beilege. Aber das wußten weder Hinnerk noch Peter, und daran dachten sie nicht. »Das Geld ist dein«, so drückte Peter sich aus, wenn darauf die Rede kam, »die Kiste auch. Und wenn ich die Augen zumache, dann trägst du sie gleich nach deinem Hause hinüber. Das braucht keine Obrigkeit und kein Gericht und kein Mensch zu wissen.« »Ja, Bruder«, hatte Hinnerk geantwortet, »dann trag ich es gleich hinüber.« »Nicht wahr, Hinnerk, das Loch, wo das hinein soll, hast du fertig?« »Das ist in der Reihe«, antwortete Hinnerk dann. So hatten sie es oft besprochen. Die nicht mehr junge Abel Fehrsen, die dem kranken Peter den Hausstand führte, wird, so lange ihr Herr lebt, bei ihm bleiben. Für sie sind Gelder auf der Sparkasse belegt, das ist in Ordnung. Es war also, wie beide Brüder die Rechtslage auffaßten eigentlich kein Grund, ein Testament zu machen. Es wäre das sicherlich gar nicht in Frage gekommen, wenn der Justizrat nicht die Erbschichtung in Bültenbrooksdamm zu erledigen gehabt hätte. Vielleicht sei es gar kein glücklicher Einfall gewesen, ihn zu bestellen – dachte Hinnerk Schmidt, als er nach dem Gartenhaus hinüberschritt. Von dem Lotteriegewinn sollte der Amerikaner nichts haben. Peter und Hinnerk waren rechtliche Leute; jemand um das zu verkürzen, was ihm zukam, das fiel ihnen nicht ein. Auch Hans, so schlecht er und seine Frau auch gehandelt hatten, sollte alles haben, was er als Sohn des Hauses erwarten und beanspruchen konnte, und wenn es auch nur mittelbar vom Hofe kam. Mithin sollte er seinen redlichen Teil von Peters Hausvermögen erben. Aber nicht von dem Lotteriegewinn. Was hatte der Lotteriegewinn mit dem Hof zu tun? Der Lotteriegewinn war Peter aus Himmelshöhen durch Gottes Ratschluß in den Schoß gefallen, das war ein Geschenk Seiner Liebe, und als ein Geschenk der Liebe sollte er weitergegeben werden. Der gebührte nur dem, den der Schenker wirklich mit Liebe umfaßte. Wenn man nun auch seinen leiblichen Bruder nicht gerade hassen konnte und hassen wollte... warme Liebe war doch was anderes als das, was man für Hans fühlte. Der Gedanke, ein Testament zu machen, war nur nebenbei mitgenommen worden, als man gehört hatte, der Justizrat komme nach Bültenbrooksdamm... war mitgenommen worden, um ganz sicher zu gehen, um etwas zum Aufweisen zu haben, wenn Hans sich melden sollte. An die Kosten hatte man kaum gedacht, die konnten doch nicht aller Welt sein. Nun aber kam Maleen mit dem Stempel und mit der Steuer, und das fiel Hinnerk schwer aufs Herz, namentlich tat es die Erbschaftssteuer, die er bisher ganz übersehen hatte. Zwischen dem Bauernhaus und Peters Kate lag der zum Verlehntshaus gehörige Garten, hüben und drüben gingen Pforten von den Hofstellen hinein. Hinnerk ging durch den Garten und dachte an die Kosten. Und ob es wirklich nötig sei, eine Urkunde zu machen, und ob das alles nicht gespart werden könne. Wenn er den Kasten gleich nach Peters Verscheiden hinübertrage, sei ja alles in Ordnung. Ob Kosten und Steuer nicht wirklich gespart werden könnten? Und es fiel ihm ein, daß die Geschwister nach Prozenten zahlen müßten. Zu Hause hatte er einen sogenannten Volksanwalt, einen Rechtskalender, der zwar nicht für Hinnerks Provinz, sondern für das Gebiet des preußischen Landrechts abgefaßt war, daher hier nicht galt. Hinnerk wußte das aber nicht und holte sich fleißig Rat aus dem ›preußischen‹ Rechtskalender, wenn er über sein Recht Auskunft haben wollte. Er beschloß, gleich nach seinem Haus zurückzukehren und wegen der Erbschaftssteuer nachzusehen. Seine Hand lag schon, als er das dachte, auf dem Türdrücker der Kate. Peters Haushälterin saß nahend am Fenster, er klopfte an die Scheiben und teilte ihr mit, der Justizrat komme um acht Uhr, er wolle noch was nachsehen, nachher kehre er gleich ein. Dann ging er, immer in Gedanken, nach seinem Haus zurück. Er glaubte mal gehört zu haben, daß Vollgeschwister zwei Prozent zahlten. Das wäre ja fürchterlich! Nun, Hinnerk hat ja das Buch und wird sehen. Die Dienstmädchen waren noch beim Melken, das Haus schien menschenleer. Der Bauer ging über Diele und Vordiele in eine nach dem Garten hinaus belegene Hinterstube. Sie war, als Hinnerk noch Junggeselle war, seine Schlafstube gewesen, dort hatte ihn das Schicksal schwach gesehen, jetzt barg sie außer dem neuen Sielengeschirr seine Bibliothek. Selten kam jemand hinein, und noch seltener wurde gelüftet. Die Bibliothek stand auf einem kleinen, an einer Schnur aufgehängten Bücherbrett: Bibel und Gesangbuch, die holsteinische Wasserlösungsordnung, die er bei einer Vorflutstreitigkeit angeschafft hatte, ein Punktierbuch, ein Vieharzneibuch, ein Hausschatz allgemeinen Wissens, ein Predigtenbuch von dem Generalsuperintendenten Jensen, eine Gesindeordnung und endlich der Rechts- und Kostenkalender. Über dem Bücherbrett an einem eisernen Wandhaken, der früher das Bort der längst in Scherben gegangenen Suppen- und Punschterrinen seiner Großeltern getragen hatte, hing das gut eingefettete Sonntagsbuggeschirr des Stuhlwagens, doch lagen die Halskoppeln und Zäume auf einem gewölbten, grün lackierten, die Leinenschätze enthaltenden hohen Koffer. Hinnerk mitn Fellerbüdel nahm den Rechtskalender, suchte lange Zeit, suchte darauf im Register und fand schließlich das, was er suchte. »Vollgeschwister zahlen zwei Prozent«, sagte der Rechtskalender. Und darauf konnte Hinnerk sich verlassen, denn in diesem Punkte gab es ein allgemeines preußisches, alle Provinzen umfassendes Recht. Zwei vom Hundert! Hinnerk wurde in Gedanken ganz blaß, faßte sich aber, nahm das Buch und stellte es aufs Brett zurück. Er stand mitten in der Stube und sah, ohne sich bewußt zu werden, was er sah, auf einen alten, schwarz eingerahmten, die Himmelfahrt Christi darstellenden Holzschnitt, der an der Wand hing. Das Bild war alt und vergilbt und stockig, der Rahmen undicht geworden. Staub und Feuchtigkeit waren unter die Glasdecke gedrungen und hatten eine Zeichnung aufgetragen, farbig nicht schön, denn es sah aus, als sei Kaffeesatz darüber hergelaufen, in den Linien aber kühn: eine Gebirgswand mit vielen Schroffen und Zinken. Hinnerk sah es und dachte an die Tausende, die in Peters Geldkiste schlummerten, an die Gebühren und an die zwei Prozent, und fragte sich, ob es nicht eine Dummheit gewesen sei, den Justizrat zu bitten. Je länger er stand und auf die kühnen Linien der Kaffeesatzzeichnung sah, desto gewisser wurde es für ihn, daß ein Testament nicht allein nicht nötig, sondern sogar schädlich war. »Ja, das ist so«, sprach Hinnerk Schmidt für sich und wollte eben zu seinem Bruder zurückkehren, als die alte Abel, so eilig wie sie konnte, über die Diele geschräkelt kam und ihm sagte, Peter lasse ihn bitten, gleich zu kommen. »Ik komm forts«, antwortete er. Er holte Abel noch im Steig des Verlehntsgartens ein. 4 Der Nutznießer des Gartenhauses kam nicht mehr aus dem Lehnstuhl heraus, er war ein bedauernswerter Mann, seine sich mehr und mehr steigernden Atemnöte waren furchtbarer Art. Die Umgebung wußte, daß seine Tage gezählt seien, und auch Peter Schmidt selbst wollte sich nicht mehr darüber täuschen. Er war vom Leben satt. Er bereitete sich auf die große Reise vor und klammerte sich an die Tröstungen der Religion. Ein einfacher, christlicher Mann, war ihm der fromme Glaube an das Jenseits der letzte Stecken und Stab. Früher hatte Peter Schmidt es mit der Religion nicht so ernst genommen, aber je mehr er sich der Küste der Ewigkeit näherte, desto leuchtender erhob sich vor ihm die ewige Stadt des himmlischen Jerusalems. Denn für ihn ging die Sonne unter, die Schatten des Abends mischten ihre Aschenwölkchen in den lichten Tag, und der helle Geigenstrich der Freude schwamm nur noch windverweht im Äther. In den wachen Träumen seiner schlaflosen Nachte war ein für und für gehörter, von den Zinnen des neuen Jerusalems herüberfließender Posaunenruf das Tröstlichste. Auch in seinem Leben hatte es an Tönen, die den Eitelkeiten und Nichtigkeiten der Welt angehörten, nicht gefehlt. Wohin waren sie? Sie waren verstummt, dafür trat nun manches hervor, das von ihnen überschrien gewesen war. Klarer und schwerer aber auch die Sorge, ob er nicht unter der Last seines Tuns und Lassens vor den Toren der ewigen Stadt und angesichts ihrer Herrlichkeit im Feuerpfuhl der Hölle versinken müsse, ob er nicht, wenn es zum Gericht ging, vor dem Buch erblassen müsse, in dem seine Taten und seine Worte und seine Gedanken niedergeschrieben standen. Hinnerk ahnte zwar den Seelenzustand seines ihm wesensverwandten Bruders, sprach aber in dumpfer, stumpfer Schweigsamkeit nicht davon. Und dumpf und stumpf war auch die Liebe, die er für Peter fühlte. Gott hatte sie gewissermaßen als zwei Hälften eines Ganzen in die Welt gesetzt, da war es nicht nötig, mit den Lippen von den Gefühlen zu sprechen, die beide im Herzen trugen und beide im Herzen des andern wußten. Es ist so peinlich, Rührsames zu sagen, zumal etwas zu sagen, was wie Erklärung einer Zuneigung klingt. Daß Peter in seinem Lehnstuhl oft an die Ewigkeit denke, erschien Hinnerk Schmidt natürlich. Er tat es nach reichlichem christlichem Hausgebrauch auch. Und je näher es zum Sterben kommt, um so mehr wird er es tun. Das ist mit Krankheit und Sterben vermacht. Aber daß die Sterbegedanken besser seien als die in gesunden Tagen gedachten, folgte für ihn nicht daraus. Ohne auf seine Kraft zu trotzen, hielt er die in einem gesunden Leibe wohnenden Gedanken für gesunder als die eines Kranken. Der Propst besuchte Peter, wenn der Weg ihn vorbeiführte. Er war ein angenehmer und vornehmer Mann, wurde sonst auch von Hinnerk gern gesehen, aber den seelsorgerischen Zuspruch an Peter überwachte er mit Sorge. Er fand den Kranken nachher immer in einer gesteigerten Gewissensnot, in einer nervösen Angst, irgend jemand wehgetan zu haben. Und nun ging Hinnerk mit Abel durch den Gartensteig nach Peter Schmidts Kate. »Ist da was Besonderes?« fragte er. Der Propst sei dagewesen, lautete die Antwort, Hinnerk Schmidt hatte, als er das hörte, ein unangenehmes Gefühl. Jawohl, der Propst war dagewesen und hatte dem Notar auf seine Weise die Wege bereitet, hatte versucht, die Kuppelglanzstimmung des Kranken, seine Gewissensweichheit zum Friedenmachen mit dem Bruder in Amerika auszunutzen. »Je vollständiger«, hatte er gesagt, »wir Frieden mit der Welt machen, um so eher gelangen wir zum Frieden mit Gott.« Das die Einleitung, das der Grundton. »Aber wie? Kann ich Frieden, machen mit jemand, der nicht da ist? Ich sage: Du kannst es! Wie, fragst du, reicht meine Hand über den großen Ozean? Ja, antworte ich, so weit reicht eine Hand, die sich in Liebe streckt. Vor Gott sind tausend Meilen wie die paar Zoll, die deine Finger umspannen. Zwei Brüder gingen im Zorn voneinander und behielten ihren Zorn. Und als der Weggegangene nach langer Trennung zurückkehrte, machte Esau sich auf, ihn mit Waffen und Wehr zu empfangen. Aber Gott rührte sein Herz, und Jakob und Esau hingen einander weinend am Halse. Nicht aber genügt das äußere Zeichen der Liebe. Nicht daran hat Gott Wohlgefallen. Kuß und Umarmung gelten ihm nichts, wenn nicht die Liebe im Herzen wohnt. Gott sieht aufs Herz. Und deshalb, o Menschenkind, kannst du auch Frieden machen mit einem, der weit entfernt ist und nichts davon weiß. Du kannst es, wenn Liebe in deinem Herzen wohnt. Aber es muß eine tätige Liebe sein, eine, die gutmacht was noch gutgemacht werden kann. Bloß gedachte Liebe ist nicht mehr wert als müßige Lippenliebe. Allein ist sie nichts, stumme Gedankenliebe ist eine taube Nuß. Sie muß die Probe der Tat vertragen. Und wohl dem, der auf Erden Gelegenheit hat, die Echtheit seiner Liebe im Feuer der Tat zu erhärten.« So hatte der Propst gepredigt. Zum Schluß war er ganz deutlich geworden. »Schmidt«, hatte er gesagt, »Sie haben einen Bruder in Amerika. Wenn Sie Ihr Haus bestellen, dann denken Sie an ihn! Und wenn Sie nur deshalb Ihren letzten Willen aufsetzen wollen, damit Sie ihm nichts als Ihr Mißfallen hinterlassen, dann ändern Sie lieber Ihren Vorsatz und lassen es ganz, lassen es bei dem, was das Gesetz bestimmt. Entziehen Sie Ihrem Bruder nichts von der Liebe, die er als Ihr Bruder verlangen kann. Und wie Sie in diesem Punkt handeln, das gehört mit dazu, auch daran erkenne man Ihre tätige Liebe. Und so wollen wir, Liebe im Herzen, mit dem ewigen Gebet unseres Erlösers vor den Thron des Höchsten treten.« Dann war das Vaterunser gefolgt und das Amen. Und der Kranke hatte gehofft, nun sei alles zu Ende. Aber der Propst hatte sich an seinen eigenen Worten erwärmt und hatte wieder das Wort genommen: »Zwei Bitten hat uns der Herr hinterlassen, dunkel und unserem Verständnis schwer eingehend. Da ist das Gebet: zu uns komme Dein Reich! Es sind Bücherschränke voll Weisheit darüber zusammengeschrieben worden, und man hat die Tiefe dieses Wortes nicht ausgeschöpft. Nach des Heilands Worten kommt sein Reich nicht mit äußeren Gebärden, sondern es ist inwendig in uns. Und wieder sagt er: Du sollst Gott über alles lieben und deinen Nächsten, wie dich selbst. Und ich meine, zu dem ist das Reich Gottes gekommen, der dies Gebot erfüllt hat, dessen Wesen durch die Gnade Gottes so umgewandelt worden ist, daß er nicht anders kann, als in Gott das Gute und damit auch seinen Nächsten lieben. Und gerade das ist die Erfüllung der Bedingung, die wir unsrer Bitte um Vergebung der Sünden anhängen. Ja, lieber Schmidt: Vergib uns unsre Schuld, wie wir vergeben unfern Schuldigem ... ja, unsern Schuldigern, nicht anders!« Damit hatte der Geistliche den Kranken verlassen, und die Rede war bei Peter Schmidt auf einen Boden gefallen, worin sie Wurzel faßte und rasch aufschoß. Es kann steinigtes Land, kann aber auch fruchtbarer Boden gewesen sein. So stand es mit Peter Schmidt. Den ganzen Tag kam er von dem Gedanken, daß er Frieden mit Hans in Amerika machen müsse, nicht los. Er wollte Vergebung der Sünden finden, mußte daher selbst vergeben. Hans hatte sich zwar nicht direkt gegen ihn vergangen, mittelbar war er aber doch mitgetroffen worden. Hans in Amerika gehörte zu seinen Schuldigern. Hätte ein Seelenscheidekünstler diese Gedanken daraufhin prüfen wollen, ob Peter seinen Bruder nun plötzlich mehr liebe, als er früher getan hatte, so stünde er dem Ergebnis vielleicht achselzuckend gegenüber. Aber Peter Schmidt hielt das, was jetzt bei ihm zugunsten seines Bruders sprach, für Liebe. Er lag, nach Luft und Atem ringend, in seinem Lehnstuhl und träumte mit wachen Sinnen. Den ganzen Tag hörte er für und für ein nach Beendigung der irdischen Wallfahrt bei seinem Erscheinen in der Ewigkeit geführtes plattdeutsches Zwiegespräch. »Wat s dat för een?« kam es wie aus einer Gewitterwolke heraus. Und es war die Stimme des lieben Gottes. Ein junger schöner Mann mit Flügeln an den Schultern (ein Erzengel) antwortete: »Dat is Peter Schmidt von Westerhusen.« – »Is he mit Groll kam, or ohn Groll?« fragte der liebe Gott weiter. – »He seggt jo ohn Groll«, entgegnete der Engel. – »Dat s all goden Schnack«, erwiderte der große Gott. – »Wo ist mit dat Testament? Hett he Testament makt? Wenn he Testament makt hett, hört he hier ni her! Denn kann he man sin Gang gan. Denn hett Musje Satan wull Platz för em.« Stundenlang lag Peter in seinem Stuhl, nicht schlafend, nicht träumend, noch weniger wachend, und immer hörte er das Gespräch. Wenn es zu Ende war, fing es wieder von vorne an: »Wat is dat för een?« Antwort des Erzengels: »Dat is Peter Schmidt ut Westerhusen.« Und so weiter. Wenn wir nicht wohl sind und liegen wach im Bett, und unsere Schlafstube ist hell, und sie hat, wie so oft, eine Wandtapete, worauf große unmögliche Blumen sich in einförmigem Rhythmus durcheinander winden – wehe uns, wenn unsere Gedanken anfangen, sich gegen unsern Willen aufzulehnen, unsere Augen in ihren Dienst nehmen und Augen und Seele die Blumenwege hinauf- und hinabschwingen lassen! Wehe auch dem kranken Peter Schmidt, der im Lehnstuhl sitzt und immerzu, immerlos das plattdeutsche Gottesgespräch anhören mußte und erfahren mußte, Musje Satan habe einen Ofen für ihn geheizt, wenn er ein Testament mache. Wer, an Peters Stelle, hätte den Gedanken nicht aufgegeben, ein Testament zu machen? 5 Peter Schmidt wollte kein Testament machen, Hinnerk Schmidt wollte es auch nicht – in der Sache einig, wichen sie in den Gründen voneinander ab. Peter wollte es um das Reich Gottes nicht, für das er zu kämpfen glaubte, Hinnerk wegen der runden, gelben Dinger nicht, auf deren Schriftseite die Worte ›Deutsches Reich‹ stehen. Hinnerk lag es unbequem, den kranken Bruder zu überzeugen der kranke Mann im Lehnstuhl bebte vor Bange, Hinnerk Schmidt die Notwendigkeit zu zeigen. Er liebte seinen Bruder, hatte aber auch Angst vor ihm. Ein paar mal war Hinnerk heftig geworden und aufgebraust, das war ihm durch, alle Glieder gefahren; daran, daß das wiederkomme, mochte er nicht denken. Hinnerk Schmidt wünschte, daß die Unterredung ohne Zeugen stattfinde. »Abel«, sagte er zur Haushälterin, als sie vor der Haustür angekommen waren, »Peter und ich haben ein paar Worte miteinander zu reden. Wenn du ein bißchen beim Melken mittun wolltest ...« »Gern«, entgegnete die gutmütige Abel und schräkelte auf ihren alten Beinen durch den Garten nach dem Hof zurück. Hinnerk öffnete die Haustür, die zur Wohnung seines Bruders führte, hielt aber die Schelle an (der Kranke konnte den Ton nicht vertragen) und ging leise in die Stube. »Na, Broer, wo geit?« »Ni good.« »Regst dich wohl auf, weil der Justizrat kommen will. Und hast gar keinen Grund.« Peter Schmidt ging auf diese Einleitung nicht ein, weil er sie nicht verstand. »Broer«, sagte er, »ich lebe nicht mehr lang.« »Ah, Peter, bilde dir nur nichts ein!« »Nä, Hinnerk, es dauert nicht mehr lang. Und der Propst hat gesagt, ich darf Hans nicht verkürzen.« »De Propst? De Propst schnackt wull wat. Wat geit den Propst uns Saken an?« Peter schwieg. »Wat geit em dat an?« hatte Hinnerk gesagt, und erst allmählich wurde ihm klar, was es im Gefolge habe, wenn es nach dem Propsten gehe. Und als es ihm klar geworden war, fuhr er auf, Gewitter im Ton. »Wat s dat för n Schnack? Un du, und du?« Er stand in hellem Zorn vor seines Bruders Stuhl und wußte nicht, wie es dem Kranken tat, und wollte es auch nicht. Darin hatte der Justizrat recht, der Geizige geht wie ein verkleideter Donnergott durchs Leben, er will den Donnerkeil, will ihn aber nicht fliegen lassen. Hinnerk Schmidt war vielleicht kein Geizhals, aber der Gedanke, sich etwas von der Fülle der Macht, die im Gelde liegt, nehmen zu lassen, war ihm unerträglich. Und der Lotteriegewinn war ja schon sein eigen. Sollte er sich diese klingende Macht von dem Propsten nehmen lassen? Gott hatte in seiner Güte den Lotterieschatz dem Bruder geschenkt, damit er zusammen mit ihm, mit Hinnerk Schmidt, seine Freude daran habe. So war seine Vorstellung, da mußte er wohl Schmerz, einen schier körperlichen Schmerz fühlen bei dem, was Peter sagte. Er mochte den Gedanken nicht ausdenken. Er war ja gutmütig, und auf eigentlichen Haß war seine Seele niemals gestimmt. Aber wenn er seinen Bruder Hans, der ihm das angetan hatte, nicht liebte, damit meinte er frei vor dem himmlischen Richter bestehen zu können. Deshalb rief er: »Wat seggst du? Wat is dat? Wat is dat för n Schnack?« und rief es laut und drohend vor seinem kranken Bruder. Aber das dauerte nur kurze Zeit, ein Blick auf den kranken Mann, und das in den dunkelsten Winkel seiner Seele gestobene Mitleid brach wieder hervor. Er setzte sich auf einen Stuhl, zwang sich zur Ruhe, versuchte zu lachen. »Nimm mir nicht übel, Peter, du machst Spaß, ich Hab es für Ernst gehalten. Nun seh ich, wie du es meinst. Und das ist recht, Spaß muß sein. So lange, wie der Mensch spaßt, so lange lebt er. Lachen und Spaß ist die beste Medizin, sagt ein altes Sprichwort.« Die Augen des Kranken sahen den Sprecher traurig an. Peter Schmidt fühlte, daß er den Frieden mit seinem Gewissen nur um den Preis des Unfriedens mit Hinnerk erlangen könne. Denn noch immer ging es die Tapetengirlande auf und ab, das alberne Gespräch: »Wat is dat för een?« »Dat is ...« und so weiter. Es mußte sein: die Sorge um die ewige Seligkeit war größer als der Schmerz um Hinnerks Liebe. »Hinnerk«, antwortete er, »mach mirs nicht zu schwer. Bestell den Justizrat ab: Hans soll eben so viel haben wie du. Ich will kein Testament machen.« Hinnerk saß und hörte, verstand die Worte, faßte aber den Sinn nicht. Oder vielmehr: er faßte den Sinn wohl, aber er glaubte diesem Sinn nicht. Noch immer hielt er eine Wendung für möglich, die den ihm das Erbe wegnehmenden Mummenschanz wegfege und alles wieder zurechtbringe. Er dachte an den Geschichtenerzähler Adolf Steen. Wenn Adolf Steen seine Lügengeschichten vorbrachte, pflegte Hinnerk ruhig zuzuhören und am Schluß zu sagen: ›Adolf, hol di man fast‹ oder: ›Dat mak anner Lüd wies‹ Ihm war auch jetzt, als müsse er sagen: Peter hol di man fast – dat mak anner Lud wies! Er stand auf und schritt in der Stube auf und ab. »Jung, Peter«, rief er. »Als Spaß bißchen viel, und im Ernst kannst dus nicht meinen.« Er sah nicht nach seinem Bruder hin. Hätte er es getan, dann würde er die kummervolle Bitte in des andern Auge gesehen haben: ›Es geht nicht anders, finde dich darin! Bleibt nicht genug für dich, wenn du mit Hans teilst? Hinnerk, sei gut, um meinetwillen. Hör! ich kann keine Luft kriegen, ich sterbe, ich ersticke an deinem Zorn.‹ Hinnerk hörte wohl das Röcheln, die langen, pfeifenden Laute, aber es drang nicht hin nach der Stelle, wo es das Bewußtsein des Augenblicks in die Fänge nimmt. Und weil er sich der Bedeutung der von ihm gehörten Geräusche nicht bewußt wurde, achtete er nicht darauf. Man war ja auch solche Anfälle bei Peter gewohnt. Hinnerk schritt, die Augen auf die Bretterfugen des Fußbodens gerichtet, die Stube auf und ab. Da brachte Peter heraus: »De Propst hett seggt, min Seligkeit hängt darvon af.« Hinnerk hatte vor dem Propsten viel Respekt, hier war es aber die unglückliche Erwähnung des Seelsorgers, die Hinnerk Schmidt alle Selbstbeherrschung nahm. Er stand wieder mit Zornesaugen vor Peter: »Nein, mein Jung – da wird nichts aus, das laß ich mir nicht gefallen.« Peter konnte nur würgen und schluchzen: »Aber Hinnerk, lieber Hinnerk ...« Er müsse doch selig werden, ob Hinnerk denn wolle, daß er ewig in der Hölle brenne? Aber Hinnerk lief wieder durch die Stube und schalt laut und heftig, das sei son Priestergeschwätz. Und ob Peter denn glaube, selig zu werden, wenn er ihm das nehme, was ihm schon gehöre? Ja, ihm schon gehöre. Was da im Kasten sei, habe er ihm wohl zehnmal geschenkt, und er habe schon auf dem Schulweg gelernt: eenmal gebn un denn weller nehm, is eben so god, as teinmal stehln. Und wieder stand er vor Peter: »Sag, ists wahr, hast mir das geschenkt?« »Ja, das hab ich getan«, würgte der Kranke. »Sühst du woll!« lachte Hinnerk und fing wieder an, auf und ab zu gehen. Und es verlief sich die Zornflut. Worüber streiten wir uns denn eigentlich? dachte er. Peter will kein Testament machen; war er, Hinnerk, nicht herübergekommen, die Errichtung des Testaments zu verhindern? Das, was im Kasten war, gehörte ihm, daran konnte selbst ein Testament seines Bruders nichts mehr ändern. Ja, wenn er sich recht bedachte, so gehörte es gar nicht zum Nachlaß. Vom Lehnstuhl kamen wieder die Würglaute des Anfalles. Der arme Bruder! Hinnerk wollte ihm sagen, daß er bereit sei, den Notar abzubestellen, daß er damit einverstanden sei, daß das Testament nicht gemacht werde. Weiter brauchte darüber nicht gesprochen zu werden – dann war alles gut. Der arme, kranke Mann! Wie er röchelt und nach Luft ringt! Wenn mans nicht schon so oft gehört und mitgemacht hätte, dann könnte man glauben, es sei das letzte. Hinnerk mitn Fellerbüdel tat es herzlich leid, heftig geworden zu sein. Er nahm sich vor, es durch verdoppelte Liebe wieder gutzumachen. »Peter«, sagte er, noch immer auf und ab gehend, »bist mein lieber Bruder. Es soll werden, wie du sagst, es soll kein Testament gemacht werden. Und dem Justizrat will ich Bescheid sagen.« Hinnerk Schmidt hat später darüber nachgedacht, ob diese Worte noch von seinem Bruder Peter gehört worden seien, ob der versöhnt, wenigstens halb versöhnt mit ihm aus dem Leben geschieden sei. Er glaubte etwas wie Dank aus seinen letzten Seufzern vernommen zu haben. Aber es sind doch Stunden gekommen, wo er es bezweifelte. Hinnerk Schmidt setzte sich in den Lehnstuhl und sah zum Fenster hinaus, immer überlegend, wie er am besten, wenn das mal eintrete, was bald kommen müsse, seine Rechte wahre. So saß er einige Zeit – dann war er mit dem Überlegen zu Ende. Und als er zu Ende war, sagte er laut: »Ja, min Broer, denn is je allns god! ... Na, wo geit di dat?« Und erst, als er gesagt hatte: »Na, wo geit di dat?« da sah er nach dem Sessel hin, in dem der Kranke lag. Und erschrak. Peter war tot. Er rüttelte ihn, er rief ihn an ... Peter war aus dem Leben geschieden. 6 Zwei gleich wuchtige Gedanken lagen, als Hinnerk Schmidt sah, wie die Sache stand, in seiner Seele: erstens Trauer und Schmerz darüber, daß die letzten Augenblicke des Dahingegangenen durch sein Ungestüm verdüstert worden waren, zweitens – die eiserne Kiste. Und wenn er auch in bitterer Reue aufseufzte und schon jetzt empfand, wie oft im Andenken an diesen Augenblick er es noch tun müsse, und wenn er auch mit voller Klarheit dem letzten Wunsch des Verblichenen zuwiderhandelte, so war er doch entschlossen so wie er es früher mit Peter besprochen hatte, die Kiste an sich zu nehmen. Denn es war sein Recht, er nahm nur sein Gut. Die harte Unerbittlichkeit, die in seinem Wesen lag, verhinderte ihn, einen Plan zu entwurzeln, der schon so viele Jahre hindurch für diese Stunde entworfen worden war. Denn er nahm das, was ihm zukam, wie Hein Möller gesagt hatte, wenn es sein mußte, vom Altar; er mußte den Plan ausführen, er konnte nichts anders. Und was er nun tat, er tat es in der Überzeugung, daß er um keines Haares Breite vom Pfade des Rechts und davon, was ihm das Gewissen vorschreibe, abweiche, und daß Gott in der Höhe Wohlgefallen an seinem Tun habe. Er war mit dem Toten allein im Haus – also wohlan! Aber so viel Zeit ließ er sich, dem Bruder die Backen und die kalten Hände zu streicheln und die weitgeöffneten Augen zuzumachen. Er kramte auch ein Tuch aus der Kommode und band es dem Bruder um Scheitel und Kinn, denn der Mund stand offen. Dann aber ging er aus der Stube, stieg die Bodenleiter hinan, suchte und fand einen Sack, warf aus der Bodenluke etwas Stroh und kletterte die Sprossen wieder hinab. In die Stube zurückgekehrt, schloß er die Tür und rollte die Fenstervorhänge herab. Dann rückte er das Bett ab und fand den Sägestrich in den Brettern und hob den Deckel ab und legte die Höhlung und den Stahlkasten frei und hob den Kasten heraus und legte den Deckel an die alte Stelle und schob auch das Bett dahin zurück. Und fühlte sich in seinem Recht. Und fühlte sich immer in seinem Recht und nahm die Schlüssel zu dem Kistchen dem Toten aus den Kleidern. Und als er das tat, schoß zum ersten mal die Frage in ihm auf, ob er das auch dürfe. Aber ohne Zagen und Zögern jagte er auch diese Zweifel davon. Der Tote saß in seitlich gerichteter Lage, die Tasche war eingeklemmt, Hinnerk mußte seinen Bruder aufrecht hinsetzen, um zur Tasche zu kommen; es war ihm, als ob der Tote sich wehre. Aber Hinnerk durfte dem Widerstand des Toten unmöglich mehr Gewicht beimessen als dem des Lebenden, und tat, was er tun wollte. Hinnerk verstand es, aus Roggenstroh haltbare Bänder zu drehen, er tat es und umwickelte damit das Kistchen. Erst wußte er gar nicht, warum er das tat, aber als er sich genau fragte, da wurde es ihm klar, es sollte die Form des Kistchens im Sack nicht erkennbar sein. Wer wollte kommen und sagen, daß er was weggenommen habe? Tag für Tag sieht man Dorfleute, die was im Sack tragen, und kein Mensch denkt sich was dabei. Es wäre kaum nötig gewesen, so viel Umstände mit dem Stroh zu machen. Denn als er mit seinem Sack durch den Garten und dann über die Hofstelle und die Diele entlang ging, begegnete ihm kein Mensch. Das Kuhhaus war im angebauten Querflügel. Dahin ging er, ließ das Stroh zurück und trug dann die Kiste im Beutel nach seiner Bettstatt. Erst klemmte sich der Deckel des Verstecks, er mußte Gewalt anwenden; das war aber das einzige, was ihm widerfuhr. In der nächsten Minute waren Kiste und Inhalt wohlverwahrt. Und als alles besorgt war, da ging er durch die Küche und durch den zum Ausseihen der Milch vor dem Keller benutzten Raum und durch noch eine Ecke des alten winkeligen Hauses nach der sogenannten neuen Hörn. Dort fand er Abel und Maleen (das Melkgeschäft war beendigt) beide beim Pahlen von Erbsen. Und Hinnerk trat mit ernstem Gesicht hinzu: »Wir müssen hinüber nach der Kate. Peter ist bei Gott dem Herrn.« »Herr Jesus«, rief Abel, »und ich war nicht dabei! O Gott, o Gott, mein Gott!« Sie schlug die Hände zusammen. Maleen schüttete die Erbsen aus ihrem Schoß in den blanken Kessel und sagte nur: »De arm Peter, is he dor mit dör?« Hinnerk gab Anordnungen wegen Totenfrau und Leichenkleidung und Sargtischler. Die Köchin sollte dem Notar entgegengehen und ihn abbestellen. Schließlich entschied Hinnerk aber anders: mit dem Notar, das wollte er selbst besorgen. Aber es war nicht mehr nötig. Denn als er über den Hofplatz ging, bog die Kutsche zum Heck herein und fuhr an den Säulen unter den Bäumen vor. »Wir sind eher fertig geworden, als wir dachten«, hieß es. »Nun wollen wir das mit dem Testament in Ordnung machen. Sie sind wohl so gut und lassen die Zeugen rufen.« »Tut nicht mehr nötig«, erwiderte Hinnerk und stand trocken und ernst und kalt am Wagentritt. »Mein Bruder ist eben verschieden.« Als er das sagte, erzählte kein Zug in seinem Gesicht etwas anderes als von dem Ernst, der solchem Augenblick angemessen ist. »Was Sie sagen!« entgegnete der Beamte. »Ah!« kam es vom Sekretär, nun glückte es noch mit dem Skat. »Das ist bedauerlich«, fuhr der Notar fort. »Ich hatte freilich in Bültenbrooksdamm den Termin zu drei Uhr angesetzt, aber, wenn ich das geahnt hätte! Und Sie meinten ja auch, Ihr Bruder sei wie immer!« »Weer he ok«, erwiderte Hinnerk und erzählte von den Anfällen. Wer habe denken können, daß just jetzt ... »Sie sind wohl der leidende Teil, daß kein Testament zustande gekommen ist?« warf der Notar ein. »Muß hingenommen werden.« Hinnerk war ganz ergeben. Hein Möller fragte, ob er gleich wenden könne. Hinnerk Schmidt bat freilich, ein bißchen ›intokam‹, aber der Wagen fuhr nach dem Hoftor und auf die Landstraße hinaus. 7 Bei den Begräbnisfeierlichkeiten war noch gutes Wetter, und warmes Sonnengold fiel durch die Dielenfenster auf die lange Festtafel der ortsüblichen Grabmahlzeit. Aber gleich darauf sank die Quecksilbersäule, da kamen regenschwere Stürme auf, da brachen sie vom Moor her über das Dorf herein. Die für jene Gegenden so wichtige Heuernte war gefährdet, die Bauern sahen es ohne Verdruß und ohne Ärger, zumal Hinnerk Schmidt. Was der Himmel sündigte, fiel nicht in den Kreis seiner Verantwortung, fiel nicht ihm zur Last. Wenn Hinnerk mitn Fellerbüdel die Federn seiner Gänse aufsammelte oder die Schubkarre hinter seiner Herde hergehen ließ, dann gehorchte er nicht anders dem Zwange einer Pflicht, als wenn er mit der Sense die letzten Sumpfgräser am Rande der tiefen Au wegschnitt. Es war nicht ohne Gefahr, der alte Fehrs war dabei ertrunken. Das machte nichts aus, dafür war er ein getreuer Knecht, es war sein Amt. Die Leitung des Wetters hatte der liebe Gott sich vorbehalten, ließ der auf sein schönes Heu regnen, dann hatte nicht er schuld; an ihm war es nur, zu kehren und zu wenden und so gut zu bergen, wie es die Umstände zuließen. Gleich nach dem Todesfall war der Sekretär des Amtsgerichts gekommen, hatte Peters Nachlaß aufgeschrieben und dann an Hinnerk Schmidt zur Verwahrung anvertraut. So sei die Vorschrift, weil ein Miterbe außer Landes sei. Sobald dieser einen im Lande ansässigen Bevollmächtigten bestellt habe, werde der Nachlaß freigegeben werden. Von dem, was in der Stahlkiste sich befand, war nicht die Rede gewesen, und in Hinnerk Schmidt hatte auch nicht die leiseste Stimme zu behaupten gewagt, daß er das angeben müsse. Nach festem Brauch wird in der Kirche für das selige Ableben eines Entschlafenen gedankt, das zog sich hin, weil Hinnerk geglaubt hatte, es komme von selbst, während er Antrag stellen und Gebühren und Kosten dafür zahlen mußte. Nun hatte er es aber nachgeholt, und nun stieg der Dank durch des Priesters Mund zum Herrn empor. Und Hinnerk und Maleen saßen unter der Kanzel, sie im Frauenstand, er im Männerstand. In Gebeten und Danksagungen klang die Predigt aus. Hinnerk folgte dem Dankgebet für das Unsterbliche seines geliebten Bruders mit fest gefalteten Händen. Je fester man die Hände bindet, um so vorbehaltsloser ergibt man sich der Gnade Gottes. Er flocht und preßte die Finger, obgleich er hoffte, sein Bruder habe die Fürbitte nicht nötig. Wenn irgendeiner, so stand dieser Dulder rein vor Gottes Richterstuhl. Aber, soweit in seinem Vermögen lag, wollte Hinnerk dem Verewigten doch helfen. Und wer wußte denn gewiß, wie der Verblichene vor dem Ewigen bestehe? In seiner Predigt hatte der Propst eine Lehre verkündigt, die Hinnerk neu war und ihn beinahe erschreckt hatte. Der Kreis unseres sittlichen Dürfens, hatte er ausgeführt, decke sich nicht mit dem weiten Kreis des von dem Staat abgesteckten Beliebens. »Wie, fragt mancher, ist das, was ich nehme, was ich tue, wenn die Gesetze es erlauben, nicht mein Recht? Wie komme ich dazu, mich in meinen gesetzlichen Befugnissen einschränken zu lassen? Kann das, was das Gesetz gestattet, mir als Sünde angerechnet werden? Ich sage: Ja, es kann. Es kann die Ausübung eines Rechtes schwere Sünde sein. Du gehst hartherzig an der Armut vorüber – es ist dein Recht, aber es ist Sünde. Du gehst an einem Wasser vorbei, es kämpft jemand mit den Wellen, du kannst retten, ohne dich selbst in Gefahr zu bringen. Aber du tust es nicht, du gehst vorüber. Wer wagt es, dich zu schelten, bist du nicht in deinem Recht? Wer wagt es? Ich wage es, ich sage: Du bist ein hartherziger Sünder.« Das und anderes hatte der Propst gesagt, eine Flut von Beispielen hatte sich über die Gemeinde ergossen, die ganze Stufenfolge von der Bosheit und der Hartherzigkeit an bis zu den Fällen, wo man gegen Anstand und Sitte verstößt und doch nur tut, was man darf. Und dann ging es an die Untersuchung der schwankenden Grenzen formeller Befugnisse. »Kannst du in allen Fällen sagen: das ist mein Recht? Wer wagt es, sich allezeit mit der Gewißheit zu brüsten, er sei im Recht? Frage einen Rechtsgelehrten: Du wirst öfter den Zweifel, ob du im Recht seiest, als Gewißheit mit nach Hause nehmen, und nicht zu oft liegt die Sache so, daß du bestimmt weißt, du darfst. Wenn du aber nimmst oder behältst, obgleich du zweifelst, so nimmst du das Unrecht in deinen Willen auf, und es hängt nur von dem Zufall ab, ob du es auch äußerlich begehst. Das weltliche Recht ist, wie du siehst, unsicher; sicher und gewiß ist aber dein sittliches Dürfen. Denn dafür trägst du den Wertmesser in deiner Brust: die Stimme des Gewissens. Deshalb, o Menschenkind, rüttele dein Gewissen auf, daß es wach bleibe und nicht schlafen gehe. Frage dein Gewissen und lausche, was es sagt! Und wenn es auch nur zögert und stammelt, dir zu sagen, du seiest nach den Vorschriften des Staats und Gottes im Recht; und du hörst nicht die in solchem Stottern und Zögern enthaltene Warnung, oder tust gar das, was zu tun die innere Stimme untersagt, dann wandelst du in Schuld und Sünde.« So ungefähr hatte der Propst gepredigt. Hinnerk war dabei zumute, als wenn er auf ihn ziele. Hörte er immer auf den Warner und Tadler in seiner Brust? War er wirklich im Recht vor Gott und vor der Moral oder auch nur vor der Welt? – Hinnerk Schmidt fühlte sich beklommen, er schob es auf die hallende Kirchenluft und hoffte, es werde vergehen, wenn er wieder im Freien sei. Zur Hälfte war es schon Erlösung, als die Gemeinde die Schlußverse sang. Klingling! Klingling! – Der Klingelbeutel. Er kam vom Altar her. Die Kirchenjuraten, die sonst mit ihm gehen, waren verhindert gewesen, es hatte für Vertretung gesorgt werden müssen, so kam es, daß erst nach der Predigt und nicht schon wie sonst beim ersten Gesang der lange Stab durch die Sitzreihen geschoben wurde. Nun meldeten sich die frommen Glöcklein. Fein und rund riefen sie: ›Wir kommen und fordern ... haltet euch bereit! – Kling-kling ... wir kommen ... gebt! gebt!‹ Tagelöhner und andere kleine Leute, die oft zur Kirche gehen, aber wenig Geld haben, verneigen sich vor dem Seidengestrickten und legen nichts hinein. Hinnerk versah sich sonst immer, wenn er zur Kirche ging, mit Zehnpfennigstücken. Nun griff er, als die kleinen, runden Glocken riefen, in seine Taschen und fand nichts kleineres als ein Markstück. Er griff rechts und links in alle Taschen, aber die kleinste Münze war eine Mark. Es kam ihm ungeheuerlich vor, ein Markstück in den Klingelbeutel zu tun. Wenn er hundert an die Armen zahlte, dann hatte er was davon. Er konnte nachrechnen, wer es bekam, und wußte ganz genau, wie sie sich freuten. Und wenn er die hundert an die alte Kracht gab, dann noch mehr. Dann hatte er ein Gefühl wie damals, als man die Fähre durch die Fuhlenau baute. Man hatte Findlingssteine zusammengefahren, zwei Tage war er mit seinem Knecht dabei, sie ins Wasser zu werfen. Jeder einzelne Stein war nichts, aber jeder sagte ›plumps‹ das Wasser spritzte hoch auf, aber er wußte, wenn sie nun erst alle drin seien – dann ist die Furt fertig. Mit dem Klingelbeutel war es ganz anders. ›Kling‹ sagte es zwar auch, aber ganz leise, und es war, als wenn er einen Flintsteinspitter in den Fluß werfe. Kein Mensch wußte, wo er blieb, er versank lautlos im Schlamm. Es war just so, wie wenn ein Kätner seinen Liter Milch in die große Sammelmeiereibütte gießt. Niemand weiß, wer seinen Tropfen bekommen hat. Und noch immer schien es ihm unmöglich, eine Mark zu geben. Aber der Klingelbeutel kam näher, und nun schob sich der aus Samt und Seide und aus Perlen Gewirkte am langen Stab langsam die Bank entlang zu ihm hin. ›Verneige dich wie ein kleiner Mann‹, sagte er zu sich und sagte es, bis der Beutel ganz nahe war. Aber er tat es zu seiner eigenen Überraschung nicht. Er tat seinen Tropfen in die große Sammelbütte. Ein kleiner scharfer Schlag, halb Klang, halb Stoß – seine Mark war drin, der Prachtbeutel schüttelte sich und läutete seinen Dank und ging weiter. Maleen verneigte sich immer vor der seidenen Mütze, wenn ihr Mann im Mannsstand saß. Es mußte heute ein besonderer Kirchentag sein, denn zum Gesang gab es noch eine Nachfeier, die der Propst durch eine vom Altar her gehaltene Rede würzte. Der Propst predigte auch hier über das Kommen des Reiches Gottes. »Dein Reich komme!« Für Hinnerk waren es immer Rätselworte gewesen, auch heute blieben sie ihm dunkel wie sonst. In unser Herz soll das Reich Gottes kommen als die Liebe zu Gott, und in ihrer Folge soll sie die Menschenliebe darin entzünden. »Und wenn du so recht tief dein Einssein mit Gott und mit allen Gottesgeschöpfen, zumal mit deinen Mitbrüdern in Menschengestalt, fühlst, sie daher auch liebst, als wären sie in ihrer Person und in ihrem Bewußtsein nicht von dir verschieden, wenn du fühlst, du liebest das Gute nicht zu eigenem Nutz und Frommen, sondern weil es eine aus deiner Gesinnung sprießende Notwendigkeit ist, weil du nicht anders kannst, dann ist«, so sagte der Propst, »das Reich Gottes in dir, dann Hab nur acht, daß Weltlust und Weltfreude es nicht wieder daraus verdrängen!« 8 Als Hinnerk Schmidt nach Hause fuhr, sprach er mit seiner Maleen über das, was der Propst gesagt hatte. Maleen hatte noch weniger verstanden als er. Sie hatte alles auf das Tun bezogen. Sie hatte verstanden, wir sollten das Gute tun. – »Ja«, erwiderte Hinnerk, »ja, Maleen, das war ja just nichts Neues.« – ›Neues?‹ dachte Maleen. ›Muß eine Predigt denn was Neues enthalten?‹ Ihr war der Gottesdienst immer ein Wortgeklingel, das sich nett anhörte und andächtig machte, im übrigen aber für und für die alten Sätze wiederholte. Hinnerk und Maleen aßen sonst mit ihren Leuten zusammen an einem Tisch, nun trug die Köchin für sie allein auf, denn es war schon abgegessen worden. Und nach dem Essen ging Maleen, wie immer Sonntags, ein paar Stunden zu Bett, mal ordentlich auszuschlafen. Hinnerk aber wühlte in seinen Gedanken weiter, ging nach der Hinterstube und nahm die Familienbibel, die neben der Holsteinischen Wasserlösungsordnung stand, vom Bücherbrett. Und setzte sich in den Lehnstuhl seiner Wohnstube und fing an zu lesen. Er hielt sich für ein Kind Gottes und nicht für ein Weltkind, für ein Kind des Lichts und nicht für ein Kind der Finsternis. Dafür wird er in den Himmel kommen, und die Kinder der Finsternis werden in der Hölle brennen. Am besten hatte ihm immer das Gleichnis gefallen von dem Herrn, der über Land reist und derweilen seinen Knechten Goldpfunde zur treuen Verwaltung, zur fleißigen Vermehrung übergibt. Darin erblickte er die Rechtfertigung seiner Denk- und Handlungsweise, darauf hatte seine Ansicht von der Gleichheit des Dürfens in rechtlicher, des Müssens in sittlicher Beziehung beruht, welche Gleichheit der Propst in Zweifel gezogen hatte. Wie konnte er die Pflicht des Haushalters anders verstehen, als er tat? Stand es nicht klar und deutlich im Buch, was seine Pflicht war? Hab und Gut vermehren, Grundstücke gut bewirtschaften, Kapitalien sicher zinsbar anlegen, allenfalls eine offene Hand haben, wo es nötig war, für sich selbst aber keine überflüssigen Ausgaben machen. Die Freude des Habens, die Freude an der Idee der in dem Gelde verkörperten Macht hielt er für eine dem lieben Gott wohlgefällige Lust. Das alles las er aus dem Gleichnis heraus. Hinnerk mitn Fellerbüdel schlug es auf und las es noch einmal durch. Beim Lesen befestigte sich seine Auffassung noch mehr. Er glaubte schon etwas von der Ruhe zu spüren, die mit Gottes Reich in unser Herz kommt. Er fühlte sogar Mitleid mit den armen Verdammten. Lazarus hätte ganz gewiß gern die brennenden Wunden des reichen Mannes mit seinem Finger gekühlt. Er war sich bewußt, nicht weniger barmherzig zu sein als Lazarus. Sich selbst sah er und hörte er in einem weißgewaschenen Kleide vor Jehovas Thron Halleluja singen. Es kam ihm freilich ein bißchen schemenhaft vor: er, Hinnerk Schmidt von Westerhusen, in einem weißen Kleid, das war ihm genierlich, alles in allem etwas verschwommen. Wie greifbar und hörbar blubberte dagegen das siedende Pech im Höllenpfuhl! Aber die Zuversicht ewiger Seligkeit blieb doch sein Stecken und sein Stab. Er hatte das Buch zugemacht und auf den Tisch hingelegt und dachte an den Schatz, der unter seiner Bettstatt verborgen war. Er nahm die Bibel noch einmal her. Die Blätter fielen wieder in den Evangelien auseinander, Hinnerk las, er las den Spruch: »Was hülfe es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewönne, und nähme doch Schaden an seiner Seele?« Die Sterbestunde seines Bruders kam in unheimlicher Klarheit herauf; die Worte des Propsten verhallten dumpf und drohend vor seinem Ohr: du darfst nicht alles, was die Welt dir zu tun gestattet! Hinnerk schüttelte sich, er schüttelte es ab. ›Nein‹, sagte er zu sich, ›da sei man ganz ruhig! Das hat nichts zu sagen. Du bist auf Gott wohlgefälligen Wegen‹. Und wieder blätterte er in der Bibel, sein Auge lief über die Geschichte von dem reichen Jüngling. Die Gesetze und die Propheten hat er von Jugend auf gehalten, nun fordert Christus von ihm, Hab und Gut den Armen geben, das Kreuz auf sich nehmen und ihm, dem Heiland, nachfolgen. Und das vermochte der Jüngling nicht über sich, er ging weinend davon, ›denn er war sehr reich‹. Christus aber spricht das harte Wort: »Wahrlich, ich sage euch: Eher wird ein Kamel durch ein Nadelöhr gehen, denn ein Reicher ins Himmelreich kommen.« Hinnerk Schmidt seufzte, saß vor dem Buch und blätterte, ohne zu lesen. Dann fing er wieder an. Die heiligen Gebote des Mitleids und der Menschenliebe, der Ertötung von Rache und Zorn sprachen auf ihn ein: »Wer zwei Röcke hat, der gebe dem, der keinen hat, und wer Speise hat, tue dasselbe.« Wo er auch das Buch der Bücher aufschlug, immer und überall fand sich ein Widerhaken, der in seiner Seele blieb. »Wenn du deine Gabe auf dem Altar opferst und wirst allda gedenken, daß dein Bruder etwas wider dich habe, so laß allda vor dem Altar deine Gabe und gehe zuvor hin und versöhne dich mit deinem Bruder, und alsdann komm und opfere deine Gabe!« Jeder Bibelspruch wendete sich gegen ihn. Was war das? Wollte die Bibel was von ihm? Wand an Wand neben der Wohnstube war die Küche, Hinnerk Schmidt hörte ein helles Sprackelfeuer auf dem Herd. Die Köchin hatte den Kaffeekessel aufgehängt und trocknes Fallholz (Sprock) auf den offenen Schwibbogenherd getan. Hinnerk hörte es knattern, hörte auch das Wehen der heißen Flammen. Zwanzig Jahre etwa mochte es her sein, da war seines Nachbars Hof abgebrannt, und der Sohn des Eigners war dabei umgekommen. Er hatte die Pferde retten wollen, das Dach war zusammengeschossen, er war noch lebend aus den Flammen gezogen, aber nach wenigen Stunden unter großen Qualen verschieden. Als Hinnerk noch die Dorfschule besuchte, da hatte der Lehrer mal ein Märchen vorgelesen ... ein Gedicht ... ein Bild ... als Krücke der Phantasie zur Vorstellung der Ewigkeit. Fern in Indien ist ein Berg vom härtesten Diamant in Kegelgestalt. Tausend Hamburger Ruten hat er im Durchmesser und tausend Ruten ist er hoch. Und alle tausend Jahre kommt ein Vogel geflogen, der wetzt seinen Schnabel an dem harten Diamantberg, und wenn der ganze, große Bergkegel weggewetzt worden ist, dann ist die erste Sekunde der Ewigkeit verflossen. – O, Ewigkeit, du Donnerwort! Ohne Aufhören am lebendigen Leibe brennen! Hinnerk öffnete die Tür zur Küche, rote Flammen schlugen hoch in die Esse hinauf. »Wieb, mutt to Kaffeekaken son grot Für?« sagte er und machte, ohne Antwort abzuwarten, die Tür wieder zu. Die roten Flammen hatten sein Gleichgewicht vollends erschüttert. Ein Frostschauer zog durch seinen Leib, die Bibel legte er auf die Schatulle. Auf der Schatulle fand er einen Brief, ein Schreiben, das der Briefträger in seiner Abwesenheit dorthin gelegt haben mochte. Hinnerk Schmidt öffnete. Das Erbschaftssteueramt verlangte ein Verzeichnis des von seinem Bruder hinterlassenen Nachlasses nach beigefügtem Formular und die Versicherung der Richtigkeit. Hinnerk Schmidt entschloß sich, das, was in dem Kasten war, in das Verzeichnis mit aufzunehmen. Er wollte alles hineinschreiben, und es sollte gleich geschehen. 9 Als die Köchin den Kaffee in der Wohnstube auftrug, war Hinnerk mitn Fellerbüddel nach der Hinterstube gegangen. Maleen rief ihn, er aber antwortete von innen heraus, sie möge nur trinken, mit ihm dauere es noch. Man hörte ihn die Rolläden der Fenster herunterlassen und die Tür abschließen. Zweimal kam er nach der Wohnstube zurück, jedesmal die Tür sorgfältig hinter sich abschließend. Das erste mal geschah es, um Papier und Feder und Tinte, das andere mal, eine Schere zu holen. Als er das zweite mal kam, sprach Maleen: »De Kaffee ward jo kold!« Hinnerk antwortete: »Dat mutt sik helpen« und verschwand wieder. Erst nach einer Stunde kam er zurück, die Schere in der Rechten und einen Pack Zinsscheine, die er gleich in die Schatulle legte, in der Linken. Das Verzeichnis war nicht aufgestellt worden, sein direkt nach der engen Pforte steuernder Wille hatte eine Hemmung erfahren, als er die schmucken Zeichnungen und Arabesken der Staatsobligationen und die prächtige Frakturschrift gesehen hatte und mit den fälligen Zinsscheinen ein kleines Vermögen in seine Hände gefallen war. Er glaubte als ein frommer und getreuer Knecht verpflichtet zu sein, dafür ein neues Papier zu kaufen und zu den alten in den Kasten zu legen. Jedenfalls wollte er erst gründlich überlegen, bevor er den Inhalt des Kastens in das Nachlaßverzeichnis aufnehme. So was, dachte er, macht man nicht ›aufn Stutz‹. Eine Guttat wäre und bliebe es, und zwar Guttat gegen einen, der es nicht um ihn verdient habe. Verpflichtet sei er zu gar nichts, da könne er seinen heiligsten Eid auf leisten. Ihm sei es geschenkt, und ihm gehöre es zu. So sprach das Kind des Lichts zu sich selbst. ›Nein, Hinnerk‹, so redete das Kind des Lichts sich an, ›darüber wollen wir erst mal ruhig zu Bett gehen, das wollen wir beschlafen‹. »Schall k den Kaffee en betn weller ant Tür setten, Hinnerk?« »Ja, dat do.« Hinnerk Schmidt hatte sogar vergessen, daß dasselbe Feuer, an dem er seinen Kaffee wärmte, auch in der Hölle brenne, und als Maleen den Kaffee schließlich auftrug, hatte er sich seine lange Pfeife angezündet, da rauchte er mit so viel Behagen, wie sein Wesen überhaupt aufwies, da trank er die Höllenglut des Kaffees mit Appetit. Maleen fragte, ob er den Brief vom Erbschaftssteueramt gelesen habe und was er dazu sage. Peters Lotteriegewinn brauche doch nicht mit aufgeschrieben zu werden, der gehöre doch nicht mit dazu. »Dat hett Peter di ja schenkt«, sagte sie und richtete ihre müden braunen Augen auf ihren Mann. »Nein«, antwortete Hinnerk, »das schreibe ich nicht mit auf.« »Maleen«, bemerkte er nach einer Weile, »ich will es gleich in Ordnung machen und unterschreiben. Der Sekretär sagt, ich brauche nur eine Abschrift des von ihm aufgenommenen anzulegen und die Richtigkeit zu bescheinigen. Einmal muß es doch sein, dann kann der Briefträger es morgen gleich mitnehmen.« Er tat, wie er gesagt hatte, tat das an das Erbschaftssteueramt gerichtete Schreiben in einen Umschlag und steckte es in der Stube über der Tür zwischen Türrahmen und Täfelung. Da wurden die für den Briefträger bestimmten Postsachen alle hingetan. Aber der Brief blieb nicht da. Hinnerk hatte abends schon im Bett gelegen, da stand er wieder auf und schritt auf bloßen Füßen nach der Tür. »Wat wullt du?« fragte Maleen. »Ah, nichts«, antwortete er. Er nahm den über dem Türrahmen steckenden Brief leise weg und schloß ihn in seine Schatulle. 10 Und es vergingen viele Wochen, die Ernte war größtenteils beschafft, da tat Hinnerk das Papier eines Sonntags wieder hin über den Türrahmen und tat es ganz leise und ganz verstohlen, als begehe er etwas Unerlaubtes. Das Verzeichnis steckte zwischen Wand und Türrahmen, aber immer dünkte es Hinnerk eine Beruhigung, wenn sein Auge im Laufe des Nachmittags dahin ging und das Papier noch sah. Nach dem Abendessen fand er sich allein im Hause. Das Gesinde war ausgegangen, Maleen hatte sich, wie öfters, müde und angegriffen gefühlt und das Bett früh aufgesucht. Eine ganze Stunde saß Hinnerk allein rauchend vor der Haustür unter seinen Eichen. Die Niederung rollte ihre Nebel immer höher nach dem Dorf hinauf. Tau fiel auf die Erde, die Luft war feucht und schwer. Eine trübe Kälte legte sich auf seinen unbedeckten Kopf, immer drückender wurde die Einsamkeit. Hinnerk Schmidt war des Alleinseins gewohnt. Heute aber fühlte er zum ersten mal ein Verhältnis zur Natur und empfand, daß sie zu ihm sprach. Sie sprach von dem über dem Türrahmen steckenden Brief, und ob es nicht geratener sei, ihn vorläufig wieder in die Schatulle zu legen. Aber Hinnerk Schmidt beschloß, es auf eine Art Gottesurteil ankommen zu lassen. Morgen kommt der Briefträger Jochen Thomsen. Die Zeitung pflegt er beim Nachbarn niederzulegen, dessen Kinder sie herbringen, Briefe aber gibt er persönlich ab, und dann holt er einfach vom Türrahmen herunter, was da steckt. Hinnerk wollte es darauf ankommen lassen, wie der Verlauf der Dinge sein werde. Mit einigermaßen ruhigem Gewissen ging er zu Bett aber im Traum kam die Sorge. Er hatte die ganze Nacht mit etwas Schwerem zu tun, er konnte aber nicht sagen, was. Aber es war etwas, das gar nicht anging, gar nicht zu ertragen war. Erst gegen Morgen gewann es Gestalt. Da saß er, so träumte Hinnerk, unter seinen Eichen, und am Himmel stand ein großer roter Schweifstern. Der warf rotes Feuer auf die Erde und Hinnerk Schmidt wußte, daß die Erde untergehen müsse. Und er war Schuld daran, denn er brauchte nur aufzustehen und den Brief vom Türrahmen zu nehmen, dann war der Weltuntergang abgewendet. Aber er vermochte sich nicht so weit aufzuraffen, es zu tun. So dauerte der Traum, bis der Großknecht in die Stube trat und, wie er jeden Morgen tat, die Scheunenschlüssel vom Haken nahm. Da erwachte Hinnerk Schmidt und stand rasch auf. Denn er erinnerte sich, daß er sich vorgenommen habe, heute bei der Ernte selbst Hand mit anzulegen. Und vor den Tagesgeschäften versanken Traum und Weltuntergang. Die Roggenernte war beendigt, die Haferernte zur Not, mit dem Mähen des Buchweizens sollte angefangen werden. Hinnerk machte nach dem Frühstück seinen gewohnten Rundgang durch den Hof. Die Mäher waren vorweg gegangen, über die Hauskoppel blinkten aber noch die Sensen und die weißen Schürzen der Mädchen herüber. Hinnerk Schmidt hatte vor, beim Stucken zu helfen, und war dabei, die Stiefel anzuziehen, als Jochen Thomsen in die Stubentür trat und einen Brief sowie die Zeitung auf den Tisch legte. Das über dem Türrahmen steckende Schreiben holte er herunter und fragte: »Schall dat mit?« Der Bauer stieß mit der Stiefelhacke auf den Fußboden. Er empfand es als eine Art Vergewaltigung von Jochen, daß er ihn zur Entscheidung nötige. Warum fragte Jochen überhaupt? Das tat er doch sonst nicht. Durch die Frage brachte er ihn um die Ausrede vor seinem Gewissen, er sei noch gar nicht fest entschlossen gewesen, den Brief abzuschicken. Er antwortete daher nicht gleich, stieß vielmehr mit der Stiefelhacke gegen die Schwelle der Stubentür. »Nu, wollen sie nicht?« warf Jochen ein. »Nein, sind eingetrocknet, überm Spann zu eng.« »Dann muß Mars Schuster sie aufblöcken.« »Denk ich auch«, antwortete der Bauer, rief auf seine Frau und forderte das neue Stiefelpaar, das in der Kellerstube sei. »Ja«, redete Jochen weiter, »Stiefel, die man nicht täglich trägt, werden eng und brüchig«. Er wog den Brief noch immer in der Hand und wiederholte seine Frage: »Schall dat mit?« »De Breef? – Ja, de schall mit.« Hinnerk fühlte, daß dies Wort ein Markstein auf seinem Lebenswege sei. Jochen Thomsen aber steckte das Papier gleichmütig in seine Ledertasche. Die neuen Lederstiefel waren nicht gleich zu finden, die alten hatte der Bauer abgestreift, nun schlüpfte er vorderhand wieder in seine Pantoffeln. Und in Pantoffeln schlürfte er nach dem Hofplatz hinaus, als Jochen Thomsen durch die Pforte ging. Er atmete tief, die Stubenluft hatte schwer auf ihm gelegen. Die Sonne stand noch nicht hoch, sie sah unter den Laubkronen her und malte den Schatten des eilfertig davongehenden Briefträgers langgestreckt am Boden hin, den Oberkörper am Scheunendach emporreckend. Das Gehen, das Handschlagen übertrug sich dort in eine schwingende Bewegung, der Schatten wurde klein und kleiner; dem Nachschauenden war dabei zumute, als ob Jochen Thomsen sein gutes Gewissen in der Ledertasche davontrage. Hinnerk Schmidt stand und sah. Jochen Thomsen wird gleich am Fußsteig sein, der über Viehdals Kamp führt, dann werden er und sein Schatten hinter dem Knick verschwinden. Aber bevor sie verschwanden, kamen sie in Ruhe und ein kleinerer Schatten war daneben. Neben Jochen Thomsen stand ein Knabe, Hinnerk sah hin und erkannte ihn. Es war der Sohn der Rühmann, derselbe, der dem fremden Schmiedegesellen so ähnlich sieht und noch immer keinen Vater hat. Kein anderer Knabe im Dorf steht so alt auf seinen jungen Beinen und steckt so tief in der Mütze. Von ihm wußte Hinnerk sich frei, mit dem hatte er nichts zu tun. Aber er fühlte immer wieder die Scham über seine schwächste Stunde, wenn er ihn sah. Hinnerk hatte nach der Buchweizenkoppel gewollt, aber die Sorge, dem vermaledeiten Jungen zu begegnen, bewog ihn, aus dem Dielentor die Richtung nach den Wiesen zu nehmen. Das heißt: so hatte er beschlossen. Aber er kam auch dazu nicht. Er war noch auf der langen Diele, da hörte er die Haustür gehen, und eine laute Stimme die Hausfrau begrüßen. »Tausend noch mal, das ist ein Jahr! Das gibt Taler, was? Das mögt Ihr wohl. Ist Hinnerk zu Haus?« 11 Hinnerk Schmidt kannte die Stimme und den Sprecher (so sprach niemand im Dorf); es war ein volles, gesättigtes, dunkles Organ – Karl Ohm Schnoor aus Bargenhusen, derselbe, der einst die Verlosung geleitet hatte. Und Hinnerk Schmidt dachte, als er die Stimme hörte, an seine Sorgen und dachte weiter: der kommt zur rechten Zeit. Wenn einer, dann kann der helfen, dann kann der Licht geben. Ich will Karl Ohm fragen, einen Klügeren gibt es nicht, der nimmt es mit jedem Advokaten auf. Er kehrte um und bewillkommte Karl Schnoor. Karl Ohm gab vor, in eigenen Geschäften zu reisen. Er habe nur nicht vorbeigehen wollen – in Wahrheit kam er nach Westerhusen, um in Anlaß des Erbfalles eine kleine Abgabe zu heben. Leider war er auf solche gelegentliche kleine Tribute angewiesen. Karl Schnoor, jetzt an der Grenze der Sechziger stehend, war in jungen Jahren ein schöner Mann gewesen und auch jetzt noch ein gut aussehender. Er hatte ein regelmäßiges, sogar edelgeformtes Bronzegesicht antiken Schnitts. Wenn er lachte, mochte dem Zauber seiner Liebenswürdigkeit widerstehen, wer konnte. Seine Hautfarbe war von angenehmem Ton, das volle Haar (die weich hingeworfenen Wellen glänzten wie geglättet von zarter Liebe Hand) konnte noch immer für dunkelbraun gelten. Er war der kluge Mann der Gegend, in allen knifflichen Fällen ihr Berater, aber man hätte unrecht getan, ihn Winkeladvokat zu nennen. Nein, das war er nicht, dazu war er zu vornehm. Er hatte nicht gerne, daß man ihn aufsuchte und um Rat fragte, er besuchte lieber seine Freunde, und dabei fielen seine Ratschläge im angenehmen Plauderton des Besuchers. Ihm für seine Ratschläge Geld anbieten – das hätte man keinem raten mögen. Nein, so war Karl Schnoor nicht, seinen Rat gab er umsonst, was er erwartete, war nicht der Rede wert, nichts als freundwillige Gefälligkeit in Verlegenheitsfallen durch Hingabe kleiner Darlehen. In seiner Jugend hatte er, was damals noch selten war, eine Fortbildungsanstalt besucht, die sich ›Ackerbauschule‹ nannte, er hatte von seinem Vater einen großen Hof geerbt, hatte den Hof verkauft, war das Geld, das er herausbekommen hatte, losgeworden – nun wohnte er in Bargenhusen zur Miete, und kein Mensch wußte so recht, wovon er lebe. Wovon bezahlte Karl Schnoor seine Miete, sein Essen, sein Reisegeld, und das, was er am Leibe trug? Und dabei immer nobel und anständig, in seiner Kleidung immer eine Art städtischen Schnitts, gute steifleinene Wäsche im Brustlatz, weiße, das Ohr sägende Vatermörder – das wollte doch bezahlt sein! ... Nun, man kannte das Geheimnis und, man raunte es einander kaum noch als solches in die Ohren, sondern sprach es geradehin aus: Karl Ohm war auf Anleihen angewiesen bei Leuten, die nicht klagten. Und, weil Karl Schnoor dafür allgemein eingeschätzt wurde, deshalb fühlte jeder, den Karl Schnoor begrüßte, eine Art Ameisenlaufen den Rücken hinunter nach den Schenkeln zu, nach der Gegend hin, wo die Geldknippe sitzt. Von Hinnerk Schmidt ließ er sich, wenngleich die Verwandtschaft unheimlich weitläufig war, Ohm nennen. Um so mehr bekam Hinnerk das Frösteln, wenn er Karl Ohm sah. Er fühlte es zwar auch jetzt, es war aber durch den Gedanken gemildert, daß Ohm ihm mit seiner Weltklugheit nützen könne. Hinnerk Schmidt war so freundlich, wie er seinem Wesen nach sein konnte. Karl Schnoor war gewohnt, süßsauer empfangen zu werden, er war es auch in Westerhusen gewohnt und darauf vorbereitet, er verstand dann aber gut, das Saure durch Witze und durch Geschichten hinwegzuspaßen. Auf Westerhusen empfangen zu werden, wie er jetzt aufgenommen wurde, darüber war er ganz erstaunt. Und es kamen ihm Ahnungen, die die richtige Bahn streiften, er sprach auch gleich von dem Trauerfall: »Hinnerk, wer hätte das gedacht? Nun deckt den guten Peter die Kirchhofserde.« Hinnerk Schmidt war die Einleitung willkommen, da ließ sich das brenzliche Stück gleich anschneiden. Er benutzte auch die erste Gelegenheit, wie Maleen nach der Küche ging, ein Frühstück aufzutragen, dazu, sein Herz aufzuknöpfen, und erzählte, was zu erzählen war. Nur die Höhe des Gewinnes verschwieg er: »Es ist nicht ganz wenig.« Weiter sagte er nichts, es kam auch ja nicht darauf an. Weshalb sollte er Ohms Anleihe unnötig in die Höhe schnellen? Hinnerk hatte kaum begonnen vorzutragen, als Ohm anfing mit Mund und Lippen und Augen zu strahlen. Und als Hinnerk weiter erzählte, rieb er sich die Hände und ging in der Stube auf und ab. Und nach Beendigung des Berichts nahm er beide Hände seines Neffen, bewegte sie hin und her, breitete seine und des Neffen Hände und Arme auseinander und führte sie wieder zusammen und ließ sie los, räusperte sich laut und lachte. »Hinnerk«, rief er, »bester Hinnerk, da wolltest du was von abgeben? Hinnerk, guter Hinnerk, du bist ja wohl rein nicht recht klug! Deine ›Deklarasiong‹« (er sprach das Wort mit dem feinsten französischen Nasenrohrklang) »die ist ganz in Ordnung, da hast du kein Titelchen hinzuzusetzen oder davon abzunehmen. Nein, Hinnerk, das wolltest du mit dem Amerikaner aufteilen, mit dem Luftikus, mit dem, der so an dir gehandelt hat, dich auf den Tod beleidigt hat? Junge, Junge, du mußt aber ein Herz haben! Junge, Junge, du mußt abern Berg Geld haben!« »Es ist nicht aller Welt«, erwiderte Hinnerk. »Einerlei.« Ohm zündete die ihm dargebotene Meerschaumpfeife an (sie stammte von Hinnerks Vater her) und stieß die ersten Züge heftig heraus: Ja, eine edle Entrüstung drängte ihn, auf den Tisch zu schlagen. »Dem Bengel was abgeben? Wenn es noch ein andrer wäre! Aber ihm? Dir gehört es zu, dir ist es mit warmer Hand geschenkt; nein, das kann dir kein Mensch wegnehmen.« »Ohm«, antwortete Hinnerk, »da fällt mir ein Stein von der Brust.« »Laß ihn fallen, Hinnerk! Es taugt nicht, Steine auf der Brust zu tragen.« Ohm lachte über das barocke Wort. Der Bauer von Westerhusen fühlte sich entlastet, so frei wie lange nicht, und das Gefühl der Freiheit und Dankbarkeit schäumte über. »Karl Ohm«, rief er, »du bist n gräsig kloken Kerl!« Der von Bargenhusen rauchte und schmunzelte: »Klok hin, klok her, bleib nur fest, verplapper dich nur nicht! Dann kann dir keiner was tun!« »Aber wenn Hans kommt oder das Gericht – was kann daraus werden?« »Nichts kann daraus werden. Das heißt«, setzte und rauchte Ohm bedächtig hinzu, »höchstens ein Schwur.« »Ein Schwur!« Hinnerk Schmidt schrak auf und sah seinen Berater trostlos an. »Wenn ich es beschwören soll, das kann ich nicht, ich habe die Kiste ja gleich herübergetragen.« Karl Ohm Schnoor sah ihn an, lächelte sieghaft und ein bißchen mitleidig. »Junge!« sagte er und rauchte. Und nach einer Pause ernst: »Das verstehst du nicht, Hinnerk. Du sollst nicht beschwören, daß du die Kiste nicht weggetragen hast, du sollst nur beschwören, daß du alles, was zum Nachlaß gehört, aufgeschrieben hast. Du hast nicht nötig, anzugeben, was du weggetragen hast, wieviel es gewesen ist. Denn das, was in der Kiste war, was du wegbrachtest, gehörte nicht zum Nachlaß, das war dir geschenkt, gehörte dir zu. Und, wenn du gefragt wirst, gib nichts an. Das sind nichts als Fallen. Sag einfach: das, was aufgeschrieben ist, das ist der Nachlaß, auf weiteres Fragen würdest du nicht antworten.« Hinnerk Schmidt wurde lebendig, das verstand er, das faßte er. »Du hast recht, so kann ich es beschwören.« Seine Gemütsrechtfertigung hatte auf schwankendem Grunde geruht, war verblaßt und zeitweilig abhanden gekommen, nun kam Karl Schnoor von Bargenhusen und gab sie ihm zurück, gab das in knapper, greifbarer Form, was dunkel in seinem Gefühl gelegen hatte. Nun wußte er sich sicher, nun vergaß er des Pröpsten und seiner Predigt, nun sprangen die Blütenknospen reinen Glücks. Es drängte ihn ins Freie, er mußte sein Glück äußern, er hätte dem Ohm auch gar zu gern, auf die Gefahr hin, bei der Darlehnsbitte höher eingeschätzt zu werden, die Größe und den Reichtum und die Pracht seiner Felder und seiner Ernte gezeigt. »Willst meinen Buchweizen mal sehen?« fragte er. »Da steht auch noch etwas Hafer, willst das mal sehen?« »Jawohl«, erwiderte Ohm. So gingen sie ins Feld. 12 Der Tagelöhner Johann Kock folgte ihnen nach. »Klaus int Moor schall heel slecht sin«, erzählte er. Der Amtsrichter solle kommen und Testament machen. Es war Hinnerk Schmidt unangenehm, gerade jetzt an den jungen Menschen, der gleich nach Leistung des Eides die Schwindsucht bekommen hatte, erinnert zu werden. »Warum auch nicht?« Das kam ärgerlich von den Lippen des meistens so ruhigen Hinnerk Schmidt. Ein Frauenzimmer, nicht jung, nicht alt, in kurzärmliger Jacke ... fette Formen, um den Mund ein Zug von Gier und Rücksichtslosigkeit, begegnete ihnen auf der Hasenkoppel. »Godn Dag!« – »Godn Dag!« – Weiter sprach man nicht miteinander. Es war die Rühmann, dieselbe, die dabei gewesen war, als Hinnerk Schmidt ihrer Mutter eintausend Mark in blanken Goldstücken vorgezählt hatte. Damals, bei dem Klingen des Geldes, war der triumphierende Zug um ihren Mund entstanden. Und Hinnerk kam es vor, als erscheine er immer wieder, wenn sie ihn sah. »Sie will mit dem Amtsrichter sprechen«, bemerkte Johann. Hinnerk Schmidt hörte nicht hin, er sprach mit Karl Schnoor über den Klee der Hasenkoppel. Nun waren sie auf der Moorkoppel. Der Buchweizen reichte den Männern ans Kinn, das war einer der konnte sich sehen lassen. Karl Ohm bewunderte ihn auch tüchtig, fing aber bald an, davon zu reden, was er selbst gebaut hatte, als er noch Besitzer vom Gut Kuhlen war. Nach dem Buchweizen lobten sie den Hafer der Dreieckskoppel und kamen dann nach der Buchweizenkoppel zurück. Inzwischen hatte der von Karl Ohm Schnoor auf Gut Kuhlen gebaute Buchweizen es auf acht Fuß Länge gebracht. Ein städtischer Herr lief zwischen den Stuckenreihen herum. »Süh, de Gerichtsrat«, sagte Johann. Ein ältlicher Herr mit ernsten, wenn nicht gar strengen Zügen schritt quer über die Stücke und über Abzugsgräben auf sie zu. Hinnerk rückte die Mütze, Karl Schnoor nahm den Hut ab – es war wirklich der Richter des Bezirks. Er wendete sich an den Bauer und kam ohne Vorrede auf sein Anliegen. Beim Nachlaßverzeichnis sei noch ein Punkt aufzuklären. Ob Hinnerk ein paar Stunden opfern könne. Hinnerk Schmidt dachte an seinen Schatz, es wurde ihm unbehaglich, aber er verzog keine Miene, als er erwiderte: »Was sein muß, muß sein.« 13 Alle drei gingen. Im Gartenhaus wurden die Sachen nach dem Verzeichnis noch einmal vorgezeigt. »Ihr Bruder war lange krank?« »Jawohl.« »Und Sie besorgten seine Geschäfte?« »Ist auch was vergessen, was nicht im Protokoll steht?« »Ich glaube nicht.« »Sie selbst haben nichts?« »Wie sollte ich was haben?« »Die Frage kommt Ihnen wunderlich vor?« »Ein bißchen wunderlich ist mir das.« »Und doch muß ich noch einmal fragen: Schmidt, Sie haben doch nichts weggebracht?« Hinnerk Schmidts sonnverbranntes Gesicht wurde um einen Ton bleicher. Karl Schnoor ging im Zimmer umher, er kam zufällig in Hinnerks Nähe, zwei Finger an den Lippen. Der in seinen Akten blätternde Richter sah auf und warf ihm einen scharfen Blick zu. »Zurzeit ist hier eine nichtöffentliche, gerichtliche Verhandlung« sagte er. »Ich darf Sie wohl bitten, mich so lange mit Schmidt allein zu lassen.« »Wie Sie befehlen!« Karl Ohm Schnoor verbeugte sich weltmännisch und verließ das Zimmer. »Schmidt«, fing der Richter wieder an, »nun komme ich auf meine Frage zurück. Sie haben doch nichts weggebracht?« »Herr Rat, ich weiß nicht, ob ich nötig habe, darauf zu antworten. Aber ich wills tun und sagen, ich habe nichts weggebracht, was zum Nachlaß gehört.« Der Amtsrichter sah ihm scharf in die Augen. »Sie betonen: was zum Nachlaß gehört. Haben Sie denn was weggebracht, was nach Ihrer Ansicht nicht dazu gehört?« Hinnerk Schmidt schwieg. »Besinnen Sie sich!« »Da brauch ich mich nicht zu besinnen, ich habe nichts weggebracht, was zum Nachlaß gehört.« »Also nichts, was zum Nachlaß gehört?« »Nein.« »Schönt Da muß ich weiter fragen: Hat Ihr Bruder in der Lotterie gewonnen?« »Ja.« »Wieviel?« »Das möcht ich nicht gern sagen.« »Es soll viel gewesen sein.« »Herr Rat, was wissen da andre Leute von.« »Nun einerlei, ob viel, ob wenig: Wo ist das Geld?« Hinnerk Schmidt antwortete nicht. »Ist es in den aufgeführten Hypotheken angelegt?« »Nein.« »Also in den Staatspapieren?« »Nein.« »Da frage ich: Wo ist der Gewinn?« »Der gehörte Peter nicht mehr.« »Wem gehörte er denn?« Hinnerk Schmidt schwieg. Mit verschleierten Augen und festgeschlossenen Lippen stand er vor dem Richter. »Ich meine«, fing der Beamte wieder an, »wenn der Verstorbene den Gewinn nicht mehr hatte, wo ist er denn geblieben? Sie sollten es wissen, Sie besorgten ja Ihres Bruders Geschäfte.« »Herr Rat, nehmen Sie mir nicht übel! Sie fragen und fragen, wie es Ihre Pflicht ist. Ich möchte aber nichts sagen.« »Schmidt, das kommt nicht von Ihnen.« Hinnerk Schmidt schwieg. »Sie verweigern die Auskunft?« »Herr Rat, wenn das der Name dafür ist, dann ist es wohl so. Ich nehme an, daß ich das darf.« »Dürfen?« antwortete der Richter. »Nein, denn weder das Gesetz, noch Ihr Gewissen geben Ihnen dazu ein Recht. Sie dürfen es nur insoweit, als ich für heute kein Mittel habe. Sie zur Antwort zu nötigen. Aber damit ist die Sache nicht gut und nicht vorbei. Ich muß Sie darauf aufmerksam machen. Ihr Bruder, der Miterbe, kann einen Schwur vor Gericht verlangen, daß Sie den Nachlaß vollständig und richtig angegeben und auch von ihm nichts abhanden gebracht haben.« »Wenn er das kann, dann muß er das tun«, erwiderte Hinnerk mitn Fellerbüdel trocken. Damit war das Verhör zu Ende, der Richter schrieb nur noch das Protokoll. Es stand darin die vorläufig unbeeidigte Versicherung Hinnerk Schmidts, daß seine Angaben wahr seien, ferner seine Bereitwilligkeit, das auf Erfordern zu beschwören. »Nicht wahr, das ist so richtig?« »Ganz richtig, Herr Rat.« »Dann unterschreiben Sie.« Das tat Hinnerk. 14 Die Tür hatte sich mehrere mal leise geöffnet, das war die gute, alte Abel, die schon lange darauf brannte, den vornehmen Besuch zu bewirten. Und kaum war das ungemütliche Verhandeln vorbei, da kam sie mit Tischtuch und Tellern, eine große, dampfende Suppenterrine folgte, und der gestrenge Rat mußte sich eine bäuerliche Fleischbrühe gefallen lassen. Karl Schnoor nahm bei Tisch das Wort, soweit es die Schicklichkeit, wie er sie verstand, zuließ. Und das mußte man ihm lassen: erzählen, das konnte er. Karl Ohm Schnoor war dem Richter wohl von Hörensagen bekannt, vielleicht nicht von der allerbesten Seite. Der Rat hielt seine Heiterkeit im Zaum und lächelte kaum, wenn Karl Ohm ein lautes Lachen so bestimmt erwartet hatte, daß er sichs selbst gestattete. Aber, als Karl Ohm Schnoor die Geschichte von dem Buchweizenkloß erzählte, der von einem Teller herabfiel, unbemerkt unter und hinter eine Lade rollte und dort ein Jahr liegen blieb, sich zu einem Ungetüm auswachsend, das, wie man schließlich die Lade rückte, fürchterlich aussah, Schimmelfühlfäden hatte von einem Meter Länge, so fürchterlich aussah, daß alles in Entsetzen davonstob und dann mit Mistforken zurückkehrte, von denen man keinen Gebrauch machte, vielmehr, damit kein Unglück geschehe, dem Untier von oben her, indem man die Zimmerdecke aufbrach, zu Leibe ging ... als Karl Ohm diese Geschichte erzählte, da war der Rat in Gefahr, aus der Rolle zu fallen. Der Erzähler nötigte (dem übelwollenden Rat gegenüber ein schöner Triumph), dem Amtsrichter nötigte er nicht allein ein Lächeln, sondern sogar ein leises, freilich von den widerwilligen Kiefern unterdrücktes Lachen ab. Gleich nach Tisch fuhr der Richter davon. Auf dem Heimwege wollte der Lotterieschatz ihm nicht aus dem Kopf. Hinnerk Schmidt hat wahrscheinlich das Geld von Peter mit warmer Hand geschenkt erhalten. »Ja, ja, so wird es sein.« Der Gerichtsrat sah auf die im Sandweg mahlenden Räder. Da nun, dachte er weiter, die Schenkung jedenfalls nicht gerichtlich ›insinuiert‹ worden ist, und die altrömische Bestimmung von den 500 Solidi bei uns noch immer zu Recht besteht, so könnten im günstigsten Fall gültig nicht mehr als 4666[2/3] Mark in Hinnerk Schmidts Vermögen übertragen worden sein. Schade, daß ich nicht daran gedacht habe, ihn hierauf aufmerksam zu machen. Denn für ehrlich halte ich ihn trotz alledem. Sein Rückhalt ist der witzige Ohm, und der allein ist schuld daran, daß er sich auf Heimlichkeiten versteift. 15 Nach des Richters Abreise kam Karl Ohms Laune zur vollen Blüte. Hinnerk und Maleen konnten den Reichtum allein unmöglich verzehren, gegen Abend mußten ein paar Nachbarn dazu gebeten werden. Ein Bauer namens Ferdinand Lucht, der, nebenbei gesagt, mit seinen Vettern um eine Staatsobligation prozessierte, gehörte auch dazu. Die Gesellschaft blieb spät beisammen, und Karl Ohm hatte immer das Wort, und immer erzählte er von Rechtssachen, und überall war durch seinen Rat eine günstige Wendung herbeigeführt worden. Mehrere Male war es schon bei den Gerichten gewesen und hatte bös ausgesehen, dann war aber, nachdem er den Leuten die Sache klargemacht hatte, der Advokat herzugeholt worden, um anzuhören, was Karl Schnoor aus Bargenhusen für einen Ausweg gefunden habe. Der Advokat hatte sich dann immer hinter die Ohren gekratzt und gesagt: »Deuker noch n mal, da hab ich gar nicht daran gedacht! ... Ja, ja, das muß gehen. Nun wollen wir es schon kriegen.« ... Ja, nachdem Karl Schnoor ihm ein Licht aufgesteckt hatte, da war es freilich keine Kunst mehr, da wollte er es wohl kriegen. Wie er dabei lachen konnte, der Allerwelts-Karl-Ohm! Als man die Sitzung am späten Abend aufhob, sagte der Besuch: »Zum Zehnuhrzug muß ich am Bahnhof sein. Solltest mich wohl hinfahren können, Hinnerk?« »Das kann angehen.« Selten hatte Hinnerk Schmidt eine Zusage so gern gegeben. »Ich habe doch bei Voß in Oldenborstel zu tun«, setzte er hinzu. Die Nachbarn standen, die Mütze in der Hand, sich zu empfehlen. Ferdinand Lucht zog aber den klugen Ohm noch in die Ecke und setzte ihm mit abgetönter Stimme etwas auseinander. »Sieh, Hinnerk«, rief Karl Schnoor, »da ist Ferdinand, der streitet auch um seines Ohms bißchen Geld. Der Alte hat ihm auf dem Sterbebett ein Staatspapier geschenkt, und die anderen wollen das nicht gelten lassen. Aber Ferdinand hat seinen Prozeß gewonnen, und das Kreisgericht hat gesagt, da könnten sie nicht daran tippen, das sollten sie wohl stehen lassen. War das nicht so, Ferdinand?« »Ja«, entgegnete Ferdinand Lucht, »so ist es. Aber die anderen sind weitergegangen, und nun ist die Sache beim Appellgericht.« »Das laß sie man ruhig tun«, prahlte Karl. »Es gibt immer Leute, die nie klug werden, die sich nicht genug Kosten machen können.« »Sie sagen«, erklärte Ferdinand, »es hätte vor Gericht gemacht werden müssen.« »Vor Gericht?« schrie Karl Ohm. »Das ist ja Unsinn! Und das sollte das Kreisgericht nicht gewußt haben?!« An dem Abend ging Hinnerk als ein vollkommen Glücklicher zu Bett. Ohne Aderlaß wird es freilich nicht abgehen, etwas Rauhreif wird auf die Blüte fallen ... das muß sich helfen. Der Reif kam aber doch bißchen stärker, als er erwartet hatte, und fiel gleich nach dem Morgenkaffee, als Hinnerk seinen Besuch durch die Pferdeställe führte. Eben hatte Karl den braunen Wallach gelobt, der auf der Tierschau ehrenvolle Erwähnung gefunden, da trat er rasch auf die hinter den Pferden sich hinziehende Karrenbahn zurück. »Ah, Hinnerk!« Und dies »Ah, Hinnerk« kam zwar ein bißchen gedämpft, rollte aber doch braun und voll und treuherzig wie auf Freundschaftswalzen daher. Karl Ohm stellte sein bestes Lächeln auf, zwei Reihen guterhaltener Zähne leuchteten Hinnerk Schmidt entgegen. »Na?« erwiderte Hinnerk. Sein Ton war kurz und ahnungsvoll. Und dann kam das, was kommen mußte, die in wattenweiche Redensarten eingewickelte Bitte um ein Darlehn. Augenblickliche Umstände ... sie wurden großzügig vorgetragen. »Wieviel?« »Hundert Taler.« Über die Höhe war Hinnerk mitn Fellerbüddel erschrocken. Erst sprach er davon, er habe gar nicht so viel Geld im Hause, aber Karl Ohm lachte, lachte ihm mit leuchtenden braunen Augen ins Gesicht. »Ich nehme auch Coupons.« Nun versuchte Hinnerk mitn Fellerbüddel abzudingen. Aber Karl Ohm Schnoor hatte schon in des Neffen Miene gelesen, daß das nichts weiter als ein Hinhalten und Zappeln sei, und daß ihm die hundert sicher, wenn er nur fest bleibe. Karl Schnoor bedauerte, nicht hundert und fünfzig gefordert zu haben. »Will mal sehen« antwortete Hinnerk schließlich trocken und gequält. »Wenn du mir eine Schere gibst, helf ich beim Couponschneiden«, lachte der lustige Ohm. Er hatte immer ein spaßiges Wort. Es bedurfte aber so großer Anstalten nicht. Als sie die Pferdeställe verlassen hatten und wieder in der Wohnstube waren, ging Hinnerk mit weitem, wogendem Schritt nach der Schatulle, schloß auf, kramte hinter der Klappe, klimperte mit Geld (Karl Schnoors geübtes Ohr hörte heraus, daß es Goldstücke seien) und zählte dann, wie ein entschlossener gefaßter Mann, die damals erst eingeführten Goldstücke, fünfzehn für Butter gelöste jungfräuliche Doppelkronen, seinem Berater in die Hand. Er hätte aber lieber Papier nehmen sollen, denn Maleen war plötzlich in der Stube, nahm ihre Schürze ab, hängte sie an einen Nagel, nahm eine andere vom Haken, band sie vor, sah müde und interesselos aus und sagte: »Dat is jo vel Geld.« Die Männer schwiegen. Und als sie nach einer Weile wieder allein waren, da stellte Karl Ohm ›um Lebens- und Sterbenswillen‹ eine kleine Handschrift aus. Und dann wurde angespannt. Von Maleen verabschiedete sich der Gast in guter Laune, er fand sogar Worte des Trostes für die hundert Taler. Er hoffe, sagte er, seine Schuld nach nicht langer Zeit abzahlen zu können. Bei dieser wohl etwas kühnen Zusage hatte er den Kopf in den Nacken geworfen und sah die Zimmerdecke verschämt an. »Und dann, Maleen«, setzte er hinzu und war wieder ein den Leuten frei in die Augen blickender Mann, »du mußt bedenken, daß mitunter ein guter Rat viel mehr wert ist als hundert Taler.« Hinnerk stand dabei, die Mütze auf dem Kopfe, die Peitsche in der Hand. Er schluckte ein paar mal trocken nieder, wie er zu tun pflegte, wenn es galt, einen Verdruß zu verstauen. Seine Stimmung war immer noch ein bißchen angetrocknet, als es zum Hecktor hinausging. 16 Aber diese Stimmung dauerte nicht. Mit Karl Ohm Schnoor bei gutem Wetter auf einem Korbwagen, wenn der gleich ein bißchen stieß, in die Welt fahren, dann kann es nicht fehlen. Karl Ohm war in einer geradezu verklärten Laune, und da sollten Verdruß und Ärger bleiben? Karl Ohm Schnoor tat, was er immer in Gesellschaft anderer tat, er erzählte. Er erzählte und erzählte, eine Pfeife nach der andern aus seinem ledernen Tabaksbeutel stopfend. Als sie die Ohrsener Feldmark erreichten, kam er auf seine Reise nach Kopenhagen, von der niemals festgestellt worden ist, ob Karl Schnoors Phantasie sie allein oder mit Karl Schnoor zusammen gemacht hat. Es war, berichtete er, in den fünfziger Jahren, als der Däne die neue Steuer ausschrieb; da war Karl Schnoor als Wortführer einer Landesdeputation nach Kopenhagen ›kommittiert‹ worden. Die Rede, die er dem Ministerium gehalten haben wollte, mußte Hinnerk Schmidt bis zu Ende anhören. Er tat es auch gern, denn nichts macht auf den Bauer mehr Eindruck als die Phrasengießkanne der freien Rede, wie ein großer Mann sich mal ausgedrückt hat. Und Karl Schnoor sprach zu Hinnerk Schmidt wie Gagern zu Bismarck im Tone eines Volksredners. Er ritt seinen besten Phantasiegaul ... Man denke: ein bankerotter, vom Hof gekommener Landmann, trotz alles Getues ein einfacher, ungelehrter Bauer – Wortführer einer Landesabordnung in Steuersachen! Das war schwer zu glauben. Aber das war einerlei ... Karl Schnoor in die Augen sehen, ihn handschlagen sehen, ihn reden und lachen hören, und dann nicht glauben – das gab es nicht, wenigstens bei Hinnerk Schmidt nicht. Hinnerk Schmidt glaubte ihm, Karl Schnoor glaubte es beinahe selbst. ›Exzellenzen!‹ so hatte er gepredigt. ›Sie glauben und sagen, es ist Ruhe im Lande. Aber ich sage, es ist nicht an dem. Ruhe? Ja, wenn Sie die Ruhe des Kirchhofs meinen oder besser: die Ruhe des Feuerbergs Vesuv, als Gras auf seinem Krater wuchs, bevor er Pompeji verschüttete.‹ – Hier schaltete der Redner so viel ein, wie nötig war, seinem Hörer die zum Verständnis dieses Bildes notwendigen geschichtlichen Kenntnisse zu übermitteln, nahm dann aber mit um so größerem Eifer den Faden seiner Rede wieder auf. – ›Meine Herren, Sie meinen die Revolution sei tot, die Flamme erloschen ... Tot? ... Erloschen? ... Erloschen, weil die hellen Flammen nicht hervorschießen, weil Sie die roten Flammen nicht sehen? Wahrlich, meine Herren Exzellenzen, Hüter des Staats, wahrlich ich sage Ihnen: es ist noch da, das Feuer, unter der Asche glüht und glast es, und. bei Ihnen, meine Herren Exzellenzen, steht es, ob es wirklich verlöschen oder ein großes Feuer werden soll. Es wird verlöschen und tot sein, wenn man kein Öl hineingießt, wenn man die letzten Funken austritt. Das heißt, wenn man denen, die in den langen Kriegsjahren um Hab und Gut gekommen sind, eine milde Hand reicht. Aber wehe, wenn blinde Herrschsucht die Leiden vermehrt, wenn ungerechte unselige Maßnahmen getroffen werden! Und eine unselige Maßnahme nenne ich diese Steuer. Meine Herren Exzellenzen! Wer Wind säet, wird Sturm ernten. Und der Sturm wird die Asche zerstäuben, wird zur hellen Flamme aufwirbeln, was jetzt ein kleiner Funke ist. Ja, meine Herren Minister, gießen Sie nur fleißig Öl hinein, Sie werden sehen, was darnach kommt. Die Flammen, die roten Flammen werden auflodern und werden ...‹ »Ich sah die Exzellenzen an, es war ein halbes Dutzend da, sie saßen im Halbkreis, und sie waren ganz still und stumm, und es war ein Saal, groß wie eine Kirche. Ich sah sie an und hatte meine Rechte erhoben und war begeistert, und meine Begeisterung hallte in meiner Stimme nach. ›Unsere Menschenrechte‹, sagte ich, ›hängen unveräußerlich in den Wolken des Himmels, und wenn man sie uns nicht gibt werden wir sie herunterlangen. Und wenn wir sie herunterholen, dann, meine Herren Exzellenzen, wird der Holzstoß hell auflodern, und die Flammen werden das Haus des Staates verzehren, und Sie, meine Herren Exzellenzen, ja selbst Seine Majestät der König, alle werden unter den Trümmern begraben.‹« Die Wirkung dieser Rede von Karl Ohm war (nicht damals bei den Ministern, sondern jetzt auf dem Federwagen Hinnerk Schmidts), da war ihre Wirkung ganz außerordentlich. Der Wagen fuhr zwischen hohen Knicken, die die Tonschwingungen der bald rollend, bald hallend vorgetragenen Deklamation hübsch zusammenhielten. Die Pferde hoben die Köpfe und ›glupten‹ hinter sich, sie waren der Meinung, daß man sie ausschelte, und warteten auf die Peitsche. Durch den zur rechten Hand sich hinziehenden Knick sah ein kleines Mädchen, das auf einer Koppel Gänse hütete, und zeigte dabei ein blondes, erstauntes, ein bißchen dummerhaftes, demütiges Gesicht ... zu Hause wird sie erzählen, daß ein Pastor vorbeigefahren sei, der im Wagen gepredigt habe. Dem Wagen begegnete ein Trupp großer Kälber. Die wußten auch nicht, was aus dem schreienden Mann zu machen sei, erschraken maßlos und kehrten dem Widerstand ihres kleinen Hirten, der sich umgerannt und weinend im Sande wieder fand, sie kehrten diesem zum Trotz um und liefen nach dem Dorfe zurück. So wurde alles in der Natur ringsum von Karl Schnoor an seine Nichtigkeit und an des Redners Überlegenheit erinnert. Hinnerk hatte oratorische Leistungen der Art noch niemals gehört und war förmlich erdrückt. Lange Zeit wußte er nichts zu sagen; endlich pfiff und schnalzte er zu den Pferden hinüber, bewegte die Peitsche und sprach das Wort »Hü!« Und als die Rosse sich in Trab gesetzt hatten, sah er den Ohm mit seinem rotverbrannten Gesicht, mit seinen treuen, tiefen Augen an und beglückwünschte ihn in einem Satz, woraus Kenner das stille Jauchzen seiner Bewunderung heraushören. Er sagte: »Junge ja, Ohm, dat hest ehr awer god seggt – das hast ihnen gut gegeben.« »Und ob ichs ihnen gesagt habe!« fiel Karl Ohm ein. »In Kopenhagen prophezeite man mir, man werde mich einstecken. Ich antwortete: ›Lat s' mi man instecken, se lat mi ok wull weller rut.‹« Wie gutmütig das Lächeln seiner Lippen, wenn er so überlegen hin sagte: »se lat mi ok wull weller rut.« Kurz vor dem Bahnhof verließ Ohm Schnoor das Gefährt. Die Pferde waren nicht lokomotivensicher. Hinnerk wendete den Wagen und stieg dann auch selbst auf einen Augenblick ab. Den Fuß am Tritt, nahm er, ganz gegen seine Gewohnheit, umständlich Abschied von seinem Ohm. Er band sogar die Pferde mit dem Leitseil am Deichselhaken fest und bedankte sich, die Hand des Alten in seiner Rechten. »Ohm«, sagte er, »da kann ich mich doch auf verlassen?« »Daß ich in Kopenhagen gewesen bin?« »Nein, was du mir über die Papiere gesagt hast.« »Jung, was denkst du von mir! Ich werde dich doch nicht ins Unglück bringen!« »Also ganz gewiß?« »So gewiß, as ik Karl Schnoor heet.« Hinnerk Schmidt ließ Ohm Schnoors Rechte und fragte dann: Kannst mir die Hand auf geben?« »Hier!« beteuerte der große Ohm, und eine runde, weiche Hand legte sich in Hinnerks. »Hinnerk«, sagte er feierlich, »ich will nicht selig werden, wenn ich dich belogen habe.« Das überzeugte Hinnerk, das machte seine Rührung fließen. Er fuhr in die Rocktasche und brachte ein Papier ans Licht. »Dat is din Schien.« »Dat seh ik.« »Un nu is he dat.« Hinnerk zerriß den Schein und ließ die Fetzen fallen. »So bün ik ok ni. För wat is wat.« »Jung, Hinnerk!« »De Schien is betalt, Ohm.« Ohm hielt es für angemessen, sein Gesicht auf einen Augenblick zu verdüstern (er nahm ja keine Geschenke und kein Honorar), ließ sich aber besänftigen. Und, da er eigentlich niemals oder doch selten Darlehen zurückzahlte, am allerwenigsten aber in diesem Fall daran gedacht hatte, so war seine Rührung über die Güte seines Neffen entsprechend maßvoll. Den Schein hatte er fröhlich wie auch in andern Fällen unterschrieben mit dem inneren Vorbehalt, daß er nicht ernst genommen werden dürfe. 17 Aus Oldenborstel kehrte Hinnerk erst gegen Abend heim. An dem Hecktor der Lohkoppel stand die Großdeern. »Uns' Weert!« »Was ist?« »Hab hier schon eine halbe Stunde gestanden.« Die Hausfrau, erzählte sie, sei zu Dorf gegangen, da seien ein Mann und eine Frau gekommen, die täten so wunderlich, wollten ihren Namen nicht sagen, wollten auf den Bauern warten. Und seien durch das ganze Haus gegangen und hätten alles, auch das in der Kate besehen. Und wenn sie sprächen, da kämen so wunderliche Worte in vor. Und die Frau trüge son wunderlichen Hut, und nun säßen beide in der Stube. Was konnten das für Leute sein? Sonst spannte Hinnerk immer selbst aus, nun überließ er Pferde und Wagen den Knechten, ging mit langausholenden Schritten über die große Diele und trat mit plierenden Augen in die von Baumschatten verdunkelte Stube. Richtig – am Glockenhaus saßen zwei Menschen, ein Mann und eine Frau. »Godn Dag!« Die am Glockengehäuse kicherten und schüttelten sich innerlich wie vor unbändigem Spaß. »Dank«, erwiderten sie, blieben aber sitzen. »Ob he uns wull kennt?« hörte Hinnerk. Hinnerk Schmidts Augen gewöhnten sich an das Halbdunkel. Was vor ihm saß, hielt er für ein Ehepaar, und es hatte eine rotbraune, an Indianerfarbe erinnernde Gesichtsfarbe. Die Frau war zwar bäurisch gekleidet, jedoch nicht wie bei ihm zu Lande Mode, Wollrock und Spenster, sondern in einen bunten Ladenstoff. Eine gelbe, vielleicht goldene Kette ringelte sich über die breite, aber wenig üppig ausgefallene Brust, die Rechte schmückten Ringe. Sie war nicht jung, nicht alt, hatte grob geschnittene, aber nicht unschöne Züge und dunkelblondes, schlicht gescheiteltes Haar unter dem Federhut von einer im Dorf nicht üblichen Form. Lustiger Triumph im Gesicht. »Was sagst du doch einmal dazu?« fragte es mit breitem Lächeln zu Hinnerk hinüber. »Daß wir wiederkommen, er und ich? Was sagst du dazu?« So sprach sogar die rote Hand im bunten Kleiderschoß, die hielt ein weißes Taschentuch und faltete daran herum. Hinnerk Schmidt stand vor Anna Lüders, seiner ehemaligen Braut, und stand vor Hans, seinem amerikanischen Bruder. Als ein sehniger, magerer Mann lag der auf einem Stuhle, Beine vorgestreckt, die Hände in den Taschen einer offenbar zu weit geratenen Hose – Hans Schmidt. Und Hans Schmidt lachte ebenfalls über das sonnverbrannte Gesicht und sagte: »Dat harrs di wull ni dacht?« »Nä«, erwiderte sein Bruder, »dat harr ik mi ni dröm laten.« Und wieder lachte Hans. »Jung, Jung, wo kommt man dor henlang?« Das war eine schöne Bescherung, und das Gefühl, womit Hinnerk Schmidt die Bescherung entgegennahm, war ein Mischmasch von Verwunderung, Enttäuschung und Sorge. Daß die Amerikaner hier waren, wunderte ihn, daß Anna Lüders, die ihm einstmals wie ein höheres Wesen vorgekommen war, eine gealterte und ausgedörrte Frau geworden, tat ihm weh. Die gealterte und ausgedörrte Frau, wie sie vor ihm saß, war ihm fremd, als habe er sie niemals gekannt. Und neben diesen Gedanken die kaum noch eine Ungewißheit darstellende Empfindung, daß sich nun die Sache mit dem, was in dem Kistchen verborgen sei, entscheiden müsse. Aber alle Verwunderung und Enttäuschung und Sorge durchbrach der Gedanke der Pflicht, die Besucher ordentlich und freundlich zu empfangen. »Sollt willkommen sein!« sprach er und gab Bruder und Schwägerin die Hand. Das war die erste Begrüßung. Die lange Entwöhnung, das, was zwischen dem Wirt und seinen Gästen gestanden hatte und noch stand, machte, daß sie ziemlich hölzern ausfiel. Hans versuchte zwar zu scherzen und zu lachen, und Hinnerk Schmidt erwiderte, daß er ihn, wenn Anna nicht gewesen wäre, bei dem schönen Spitzbart gar nicht erkannt haben würde. Dann sagte eine Minute lang keiner ein Wort. Das war peinlich, Hinnerk Schmidt ging in die anstoßende Kammer und kehrte mit einem Tabakskasten zurück, den er mit steifem Arm auf den Tisch stellte. »Willst mal rauchen? Hast n Pfeife, oder soll ich geben?« »Ich rauche nur Zigarren.« »Da kann ich auf Stund nicht mit aufwarten, aber ich will holen lassen.« Der Besuch bat um Obdach für ein paar Tage. Das sagte Hinnerk Schmidt zu. Sie wollten sich einige Zeit in der Gegend aufhalten, alte Bekannte aufsuchen, Kiel und Hamburg besehen und Berlin besuchen und eine Harzreise machen und dann über Paris und London nach Amerika zurück. Es ging ihnen gut, sie hatten drüben eine Farm von fünfhundert Acker, fünf Kinder und hatten was vor sich gebracht. Maleen, die von ihrem Gang zurückkehrte, trug nichts zur Belebung bei. Sie begrüßte mit der ihr eigenen müden Ruhe den Besuch ohne freundliche Worte und ohne harte Worte. 18 »Hinnerk, wi sünd domals betjen stapelbots wegkamen«, sagte Anna geborene Lüders am folgenden Morgen beim Frühstück. »Dat weet Gott.« »Wat ji wull för n Gesicht makt hebt, as wi ni dor weern?« »Lat, dat sünd ole Geschichten, de dot weh, Anna. Un uns' ol Moer un Peter sünd op n Karkhof.« »Ach ja«, seufzte Hans, »de god Moer un de god Peter.« »Mi dünkt«, fing Anna wieder an, »mi dünkt, Hinnerk, wi sprekt uns mol doröwer ut.« »Meenst du, Anna? Mi ist dorbi, as wenn man in Karkhofseer rümwöhlt.« »Nä, kannst di op verlaten, een ward frieer um de Bost.« »Je, as du meenst«, erwiderte Hinnerk Schmidt. »Ik wull di blots mal fragen: Büst mi doch ni mehr dull?« Hinnerk Schmidt versicherte, er habe nichts gegen sie, und Anna gab umfangreiche Erklärungen, weshalb sie ihn nicht habe nehmen können. Und nochmals fragte sie Hinnerk Schmidt: »Büst mi na dull?« Und wieder versicherte Hinnerk, das sei nicht der Fall. »Nu«, fiel Hans ein. »Wenn du ehr ni mehr dull büst, dann gib ihr man mal n Süßen.« Er belachte seinen Einfall, Anna war kußfreudig gestimmt, Hinnerk wehrte sich erst ein bißchen, aber er küßte. Die Lippen seiner Schwägerin waren trocken, auch etwas gesprungen, sein Gesicht verriet keine Bewegung, als er es tat. »Maleen, wat seggst du darto?« fragte Hans. Maleen nahm die Kanne und schenkte ihrer amerikanischen Schwägerin die Tasse noch mal voll. »Ik segg: wat vun de Näs in de Mund fallt, is ni weg, dat blifft in de Familie.« 19 Das amerikanische Ehepaar machte Besuche in der Umgegend und kehrte immer wieder nach Westerhusen, wo sie ruhig und still bewirtet wurden, zurück. Und keiner schien an den Punkt zu denken, der Hinnerks Sorge ausmachte. Und schließlich rüstete man zum Abschied, und noch immer war kein Wort über Peters Nachlaß und darüber, wie man teilen wolle, gesprochen worden. Der Wagen war angespannt, und Hans und Anna im Begriff, ihren Fuß auf den Tritt zu setzen. In Rock und Hut und Mantel standen sie in der Stube. Da fing Anna an: »Hinnerk, wir haben noch nicht darüber gesprochen, aber Peter hat ja noch ein bißchen Sachen nachgelassen. Wir haben sie besehen.« Hinnerk Schmidt schloß schweigend die Schatulle auf und legte die Abschrift des Nachlaßverzeichnisses auf den Tisch. »Dor is dat«, sagte er dann. Das Papier blieb unberührt. »Wenn das die Abschrift vom Gericht ist, die haben wir auch bekommen. Es ist ja alles taxiert, und die Taxe nehmen wir an. Und wenn du die Sachen für die Taxe haben willst, dann ist es gut.« »Das ist mir recht«, entgegnete Hinnerk. »Und auch die Hypotheken, denn kannst du ja unsern Part in Geld ausbezahlen.« »Wenn es nicht auf den Stutz zu sein braucht, will ich es gern tun.« »Auf den Stutz ist es nicht nötig, Bruder«, nahm Hans das Wort. »Advokat Rau hat meine Vollmacht. Bezahl an ihn, wie es dir paßt.« Ein Advokat dazwischen, das war Hinnerk. freilich nicht recht, aber er antwortete ruhig: »Schön, denn weiß ich ja Bescheid.« »Ja und denn ...« sagte Anna. »Ja und denn ...« fiel Hans ein. »Laß mich«, entschied Anna, »ich will es sagen. Du hast es nicht so mit die Wörtern, kannst dich nicht so verdeffendieren.« »Wir meinen, Hinnerk, da ist ja noch Geld, was Peter in der Lotterie gewonnen hat ...« Hinnerk hatte es heraufkommen sehen, er dachte an Karl Ohm Schnoor und – schwieg. »Ich meine, da müssen wir doch auch unsern Part von abhaben.« »Ja, das mein ich auch«, fiel Hans ein und fing an, auf und ab zugehen. »Hans«, erwiderte Hinnerk, »ich wollte mich eigentlich nicht darüber aussprechen, will aber auch keinen Unfrieden mit euch haben. Deshalb sage ich soviel: Es ist wahr, Peter hat Geld gewonnen.« »Wieviel ist es?« fragte Hans. »Es ist nicht grad wenig«, war die Antwort. »Aber das ist einerlei, denn es ist bei Lebzeiten verschenkt, da ist nichts von im Nachlaß.« Anna faßte ihren Mann an der Schulter. »Hörst du, Hans? All das Geld ist verschenkt ...« Die Augen der roten, magern Frau brannten. »Hab ich es nicht gesagt? Das wird herauskommen, Hab ich gesagt ... es ist verschenkt. Nicht wahr, Hinnerk. es ist an dich verschenkt? ...« Hinnerk Schmidt schwieg, seine Schwägerin brach in ein hysterisches Lachen aus. »Verschenkt?« schrie sie. »Kann es nicht auch gestohlen sein?« Hans verwies es ihr. »Lat!« sagte er. Aber sie kehrte sich nicht daran. Maleen hatte sich auf einen Stuhl gesetzt, sie konnte das lange Stehen nicht vertragen. An sie wandte sich Anna. »Maleen«, rief sie, Hinnerk hat seine Sprache verloren, hast du sie vielleicht gefunden? Was sagst du denn dazu, Maleen?« »Das sind Männersachen«, antwortete diese, »da kümmere ich mich nicht um.« Sie war ganz ruhig, um so wilder und zorniger lachte Anna. Da trat ihr Mann fest auf. »Still!« befahl er. »Hinnerk und Maleen haben uns gut aufgenommen. Dafür sind wir ihnen Dank schuldig. Sie sind in ihrem Hause, da brauchen sie sich Auslachen und Ausschelten nicht gefallen zu lassen.« »Sieh, Hinnerk«, wandte er sich an seinen Bruder. »Du sagst, du willst in Frieden mit uns auseinander. Sieh, das möchten wir auch. Du sagst, es ist verschenkt, willst nicht sagen, an wen, aber ich nehme an, es ist an dich verschenkt, und das wird denn auch wohl deine Meinung sein. Gut! Nun habe ich aber auch Verantwortung vor meiner Familie, hab wohl bißchen vor mich gebracht, bin aber nicht reich. Und hab fünf unversorgte Kinder. Du und Peter habt hier Freude und Leid miteinander getragen, das ist wahr, und ich war in Amerika und war euch ein Fremder, und was ich tat, mag für den, der nicht in die Sache hineinsah, sich nicht gut ausgenommen haben. Du sollst Vorzug haben, da will ich gar nicht dagegen sein, deshalb schlage ich vor, du zwei Drittel, ich ein Drittel. Nicht wahr, so wollen wirs machen. Ich will ja nicht auf den letzten Taler, auch nicht auf das letzte Tausend sehen, aber etwas wirst du mir doch abgeben wollen. Mach es mit Rau ab! Biete uns etwas, und wenn es nicht zu wenig ist, dann solls gut sein.« Wenn Hinnerk nur ein bißchen mehr mit dem Mund voran gewesen wäre ... wenn es ihm nur gegeben gewesen wäre, zu zeigen, daß er treuen Worten den Zugang zum Herzen nicht versperre ... wenn er nur gesagt hätte, was er meinte: ›hab Dank, Bruder, ich wills in meinem Herzen bewegen und sehen, was sich tun läßt‹ ... wenn auch nur seine Frau etwas anders, etwas lebhafter, etwas mehr obenauf gewesen wäre, ihm das Wort weggenommen hätte – die Brüder wären wie Brüder, und die Frauen wie Schwestern auseinandergegangen. Das Samenkorn, das schon anfing zu keimen, wäre ein Friedensbaum geworden, aber Hinnerk Schmidt konnte nun mal nicht über seine Art hinweg, konnte nicht über seinen Schatten springen ... nicht das, was er so gern getan hätte, konnte nicht das sagen, was er so gern gesagt hätte, konnte gar nichts sagen ... er konnte nicht einmal durch sein Auge Kunde von seiner Gesinnung geben ... er konnte sich nur in ein sich düster und verstockt ausnehmendes Schweigen hüllen. Und Maleen fand es passend, just jetzt den Frühstückstisch abzukramen und zwischen Stube und Küche hin und her zu fallen. In Betracht kam auch, daß des Bruders Antrag in Widerspruch stand mit der Unerbittlichkeit von Westerhusen, worin Hinnerk aufgewachsen war und noch immer lebte und webte. Das, was Hans vorschlug, war das nicht das Zugeständnis eines Unrechts? Zwei Drittel und ein Drittel? Eher hätte er dem Amerikaner schon den ganzen Betrag überlassen können, wenn dieser nur sein Recht anerkannte. Die Amerikaner standen noch immer in Hut und Rock und Mantel. Sie waren zu lange von der Heimat weggewesen, hatten zu viel mit anders gearteten Menschen verkehrt, um den Bruder und Schwager zu verstehen. Eine ganze Minute warteten sie auf Antwort, und als nichts kam, da blieb für sie nur eine Auslegung. »Ja, Anna, denn hilft es wohl nicht«, sagte Hans. Er reichte seinem Bruder die Hand. »Adjüs, Hinnerk! Dats n slimm Ogenblick! Adjüs, Maleen!« Er gab auch ihr die Hand. Maleen setzte eine Schüssel, die sie hinauszutragen im Begriff gewesen war, auf einen Tisch, wischte die Finger in der Schürze ab: »Adjüs Hans, und denn besäuk mal weller!« »Ich hab schon Adjüs gesagt«, bemerkte Anna mit spitzem, scharfem Gesicht, »das ist schon abgemacht.« Damit ging sie aus der Tür. Wenn nur das nicht hinzugekommen wäre! Gegen Hans ließ sich nicht viel sagen; der hatte seine Worte gut gesetzt, aber das scharfe, spitze, rachsüchtige Wesen der früheren Braut konnte Hinnerk nicht vergessen. Das stachelte ihn zum Eigensinn auf. Maleen sagte nicht viel, die Silben, die sie, als der Wagen mit dem Besuch aus der Heckpforte herausgefahren war, sprach, ließen sich zählen, aber jedes trocken und dröhnig hin gesprochene Wort hatte einen Widerhaken. »Mich dünkt, Anna hat mehr Hitze in sich als Zeug an sich ...« Nach einer Pause: »Mit dem Adjüsgeben ist sie was sparsam, wenn sie im Hausstand ebenso sparsam ist, dann müssen gute Umstände bei ihr sein.« 20 Und alles trug dazu bei, daß Hinnerk fester als je entschlossen war, auf seiner Bahn bis ans Ende gradeaus zu fahren und alles von den Schienen zu werfen, was sich ihm entgegenstelle. Es dauerte nicht lange, da wurde Hinnerk zur Ableistung des Offenbarungseides vor das Amtsgericht geladen. Das war ihm ganz recht. Je eher, je lieber! Er fühlte sich ganz fest, als rechtlicher Mann konnte er gar nicht anders. Seine Frau befestigte ihn in der Überzeugung, wenn sie der Schwägerin nachmachte – »Adjüs gewn, dor bin ik jo al mit klar – dat kunn se mal stolt rutbringen und denn frie ut de Dör gahn.« Einmal, zweimal, mehrere Male stieg es in Hinnerk Schmidts Seele auf: Frag den Justizrat! Aber solche Gedanken dachte er wieder hinweg, er wollte keine Hemmungen. Eine Lokomotive kann freilich viel beiseite werfen, ist aber die Masse zu schwer, dann wird sie aus der Bahn geworfen. Hinnerk Schmidt wollte sich aber nicht aus der Bahn werfen lassen. Bei seiner Terminsfahrt zur Stadt traf er in der Ausspannwirtschaft Ferdinand Lucht. Der erzählte ihm, beim Appellgericht habe er nun doch noch um 1333[1/3] Mark und ein Viertel der Kosten verspielt. Alles, was über 4666[2/3] Mark hinausgehe, sei nicht gültig geschenkt gewesen, da dafür die Protokollierung bei Gericht nötig. Hinnerk Schmidt hörte es an, aber sein auf Schienen daherrollender Entschluß warf es auf die Seite. Bevor er den Eid leistete, stellte Rechtsanwalt Rau einige Fragen. Die zerbrachen wie Glas. Rau hatte rote Haare, der Umstand bestärkte Hinnerk Schmidt merkwürdigerweise in der Überzeugung, daß er selbst im Recht sei, und erinnerte ihn an den Prozeß, den Peter Hoops mit dem Juden Elias wegen eines kupfernen Kessels geführt hatte. Dessen Sieg war von einem Eid, den er, Peter Hoops, schwören sollte, abhängig gemacht. Als Peter die Wahrheit bei Gott, dem Allwissenden und Allmächtigen, beteuert hatte, sprang Elias vor und rief: »So, Peter, nu bist du deine Seele los« – worauf Peter griente und trocken antwortete: »Und du din Ketel.« Hinnerk Schmidt wußte, es sei noch nie ein Eid mit besserem Gewissen geschworen worden als der, den er jetzt auf die Finger nahm. Wie oft hatte er innerlich vor diesem Augenblick gebangt! Er war ja ein gewissenhafter Mann, nun aber war er überzeugt, die Lage der Tatsachen und ihre rechtliche Bedeutung so genau wie einer zu übersehen ... Vor Gott hintreten, sein ewiges Heil einsetzen! ... Die Schauer des zürnenden Gottes waren über ihn gekommen, und nun, wo er die Finger, seine Hand zu dem Rächer aller Freveltaten emporhob – nun war ihm so leicht und frei. Nun dachte er an Peter Hoops und dessen Kessel und lachte innerlich über den Juden Elias und sah triumphierend und stolz auf den rothaarigen am Pult stehenden Advokaten. Hinnerk Schmidt war ein altmodischer Mann. Nach seiner Ansicht gehörten die brennenden Lichter, die das Feuer der Hölle darstellen, zum richtigen Schwur, ferner Bibel und Kruzifix und dann das dunkle, der Herrlichkeit der Welt abgekehrte Gewand des Priesters. Die neue Zeit hatte das bei dem Großbetrieb ihrer Verhandlungen beseitigt. Hinnerk wußte es, hatte aber doch vor dem Schwur die Frage gewagt, ob nicht Lichter angesteckt werden könnten, Kruzifix und Bibel herbeigeschafft und ein Priester ihn verwarnen könne. Bibel und Kruzifix holte man darauf herbei, im übrigen konnte der Bitte nicht entsprochen werden, sie machte aber einen guten Eindruck. Der Richter hielt selbst die Vermahnungsrede, er sprach gut und scharf, aber Hinnerk mit dem Fellerbüdel hielt stand und über die Auseinandersetzungen donnerte der Dampfwagen hinweg. Hinnerk schwor. Und als das Protokoll in Ordnung gebracht war, wurde Hinnerk entlassen, mit reiner Seele wandte er sich zum Gehen. Und in dem Augenblick wie er sich umdrehte, sah er einen aus der Tür des Zuhörerraumes gehenden Mann. Er gewahrte nicht das Gesicht, sah eigentlich nur den Rücken, und doch kamen ihm Formen und Gang bekannt vor. Aber wer es auch war und gewesen sein mochte, er dachte nicht mehr daran. Hinnerk fühlte sich froh und frei, und weil er froh und frei empfand, ging er gegen seine Gewohnheit in der Stadt von Haus zu Haus überallhin, wo er nur einigermaßen bekannt war. Als wenn ihm zum zweiten male ein Vermögen geschenkt worden wäre, so war ihm zumute, und dabei tat er Dinge, die ihm sonst fremd waren. Vom Kaufmann Jaaks kaufte er eine alte Kutsche (man denke, Hinnerk Schmidt von Westerhusen eine Kutsche!), im Weißen Roß würfelte er sogar mit dem Schlachter Elend um zwei Glas Bier. Aber noch in der Stadt stockte das Glücksgefühl und die Gegenströmung trat ein. Ziemlich unvermittelt brachen die so lange unterdrückten Gedanken hervor. An die Stelle der ersten Erregung trat das Grübeln darüber, was geschehen war. Zum ersten mal hatte er einen Eid geschworen, und was für einen! Und alles, was beiseite geworfen war, lag wieder auf seiner Bahn. Was er früher gedacht hatte, wie er vor dem Allmächtigen gezittert hatte, was Ferdinand Lucht gesagt hatte und was der Richter gewarnt hatte. Alles bohrte sich in seine Seele ein und warf quälende Betrachtungen auf. Wenn er Falsches beschworen hätte, wenn er, Hinnerk Schmidt von Westerhusen, seine Seele dem höllischen Feuer überantwortet hätte! Und die Schauer des zürnenden Gottes rieselten ihm über den Leib. An der Mauer der Straßenzeile leuchtete ein weißes Schild: »Justizrat Ernst Bauer, Rechtsanwalt und Notar«, und nun fiel ihm ein, wie er daran gedacht hatte, diesen Mann, der ihn aus dem Meer der Zweifel retten konnte, wenn er nicht vollends untertauchte ... diesen Mann zu befragen. Und Hinnerk stolperte die Treppe hinauf. Nach einer halben Stunde kehrte er zurück. Äußerlich ruhig. In der Ausspannherberge bezahlte er seine Schuldigkeit; der Hausknecht war gerade nicht zur Stelle, Hinnerk Schmidt spannte selbst die Pferde vor. 21 Dick und schwül war es schon am Vormittag gewesen. Es ist freilich spät im Herbst, aber, paßt auf! es kommt noch ein Gewitter. So hatten Wettererfahrene prophezeit. Hinnerk Schmidt fuhr in scharfem Trabe nach Hause. In der langen Votshorstwiese lag das Heu vom zweiten Schnitt (Ettgrön) in Schwaden, das mußte vor dem Regen in Diemen gebracht werden, das im Wischhofe konnte zur Not gefahren werden. Und es war nicht mehr zu bezweifeln, daß es regnen werde. Wer sich nur einigermaßen auf die Sprache des Horizonts verstand, der wußte, daß die kleinen, unruhigen scharfeckigen Gebilde, die im Luftmeer schwammen, schwarz aussahen und dabei weißliche Bauchdecken hatten, die Vorboten einer schwarzen Wetterwand seien. Hinnerk Schmidt ließ die Peitsche über die Pferde pfeifen. Ihn trieb eine Sorge, die er aus dem Bureau des Anwalts mitgenommen hatte, nach Hause, die wirtschaftliche kam erst in zweiter Linie in Betracht. Von der Höhe des Dorfweges aus nahm er wahr, daß das Heu aus dem Wischhof geborgen war, und daß seine Leute jetzt dabei seien, auf der langen Votshorst Diemen zu machen. Maleen und die Mädchen waren beim Melken; im Hof war niemand, das Fuhrwerk in Empfang zu nehmen. Der Bauer spannte ab, schirrte die Pferde aus, zog sie in den Stall, gab ihnen Futter, schob den Wagen ins Schauer, schloß die ringsum offenstehenden Türen vor dem grollenden Wetter und schritt über die Diele nach den Stuben. Und in dem Augenblick zuckte der erste Blitz fahl über das Dunkel hin. Und als er die Stubentür öffnete und über die Schwelle schritt, erhob sich am Glockengehäuse in der von Wolken und Baumschatten verdunkelten Ecke eine Gestalt – ein Mann. 22 Am Glockengehäuse erhob sich ein Mensch. »Godn Abend«, sagte Hinnerk, aber der Fremde antwortete nicht. Da zog Hinnerk Schmidt aus der an der Wand hängenden Büchse ein Streichhölzchen. »Godn Abend, segg ik«, wiederholte er dabei. »Brauchst kein Licht anzuzünden«, entgegnete der Unbekannte. Die Stimme war Hinnerk bekannt, klang aber tiefer als sonst. »Brauchst kein Licht zu machen.« Aber da zuckte schon das Flämmchen auf. Und es standen sich zwei Brüder gegenüber, der Bauer von Westerhusen und Hans Schmidt aus Amerika. »Bist noch hier, Hans?« »Ja, ich wollte dich schwören sehen.« Hinnerk Schmidt schwieg. Nach einer Weile sprach er: »Nun ist ja alles klar, Hans.« Nach dem, was in des Bauern Seele vorging, klang es wie eine Unwahrheit, war es aber nicht. Er wollte sagen: »Nun ist mir klar, daß ich im Irrtum gewesen bin. Sei mein guter Bruder, wir wollen redlich teilen.« So sagte und wollte der Hinnerk Schmidt, der auf dem untersten Boden seiner Seele das Wort führte. Aber es lag eine dicke Schicht darüber, die das warme Wort nicht durchbrechen konnte, und scheinbar sprach ein anderer Hinnerk. Wie in Storms Märchen flog ein Rabe zu seinen Häupten, trug ihm die Verdunkelungsbrille nach und ließ sie immer dann auf seine Nase fallen, wenn es galt, klar zu sehen. Hinnerk war der vom Schicksal Gehänselte, die besten Worte, die ihm auf der Zunge lagen, brachte er nicht über seine Lippen, während der Amerikaner das »nun ist alles klar« so verstand, wie er es verstehen mußte. »Hast recht, Hinnerk, nun ist klar, was mein Bruder für einer ist.« Und dann schwiegen beide. »Sett di dal, Hans!« brachte Hinnerk endlich heraus. Und wieder Schweigen, Hans setzte sich nicht, ging vielmehr in der Stube auf und ab. Es war schwüle Stimmung, das Wetter kam auf. »Heut nacht bleibst du doch?« Da leuchtete ein greller Blitz durch die Stube und die Hammerschläge des Gottes Thor rüttelten an den Vesten des Hauses. »Du bleibst doch bei uns?« wiederholte Hinnerk. Die ersten Regentropfen schlugen an die Scheiben. Hans lachte höhnisch auf. »Es wird ein starkes Wetter«, fuhr Hinnerk fort, »vom Westen zieht es herauf und auch vom Norden.« Und wieder lachte sein Bruder. »Und laß es vom Westen kommen und vom Norden, es wird überall sicherer sein als bei dir. Gott, hab ich gehört, sieht seine Leute an, wenn es blitzt und donnert.« Und er griff nach seinem Hut und ging noch einmal in der Stube auf und ab. Und blieb vor seinem Bruder stehen und sah ihn an und zischte: »Meineidiger!« Und ging auf und ab und blieb wieder stehen und flüsterte und zischte wieder: »Meineidiger! Ich brauch es nicht laut zu sagen. Der Teufel ist dir auf den Hacken, und er hat große Ohren. Laut will ichs nicht sagen, aber ins Gesicht sollst dus haben. Meineidiger, der du bist! Und deshalb stehe ich hier!« Und als er dies gesagt hatte, ging er. Im Türrahmen kehrte er sich noch einmal um. »An diesen Tag wirst du denken, Bruder, wenn du in der Hölle sitzst und bratest. Es kann einem leid tun, aber du hast es selbst gewollt. Und du bist mündig und mußt selbst wissen, was für eine Behausung du für deine unsterbliche Seele bestellst. Schlaf gut, mein Bruder, wenn du nach der Tat noch schlafen kannst.« Hinnerk Schmidt antwortete kein Wort, in seinem Innern aber schrie es laut: ›Er hat recht, du bist ein Meineidiger, ein ewig Verdammter!‹ Überall im Hause hörte er schon das Singen und Wehen der höllischen Flammen, Ein tobendes Wetter ging über Westerhusen hin, und alle Wetterzeichen waren ihm nichts als Drohgeberden des zürnenden Gottes, die Feuerspieße und Hammerschläge des großen Thor so gut wie das Rauschen des aus geborstenem Himmel herabstürzenden Regens. 23 »Klaus im Moor, sagt man, ist ganz schlecht«, fing Johann an. »Das ist er ja schon lange«, antwortete der Bauer. »Aber diesmal geht es wohl zu Ende. Wieb hat Boten an den Propsten geschickt, Klaus will das Nachtmahl haben.« Hinnerk antwortete nichts, er und Johann gingen nebeneinander her. Hinnerk Schmidt und sein getreuer Johann gingen zum Düngerspreiten übers Feld, und es war ein nasses, ungemütliches Wetter. Das Gewitter war in einen Landregen übergegangen, nun regnete es schon mehrere Tage, und weder mit dem Dünger, den man auf die für die Wintersaat bestimmten Felder brachte, noch mit der Nachmahd hatte es rechten Fortgang. »Anna Rühmannsch«, fing Johann wieder an, »sagt, daß Klaus falsch geflucht.« »Es läßt sich viel sagen.« Hinnerk Schmidt schritt noch einmal so weit aus, und hart und scharf fielen die Worte von seinen Lippen. – Rühmannsch sagts, die ganze Welt sagts. – Er preßte die Lippen fest aufeinander, als könnte er dadurch Johann und auch sein Gewissen stumm machen. Sie gingen über die Bleicherkoppel, nahmen einen Knick und den darüber führenden Steg und waren nun auf dem Hahnenkamp. ›Was der Bauer wohl hat?‹ dachte Johann. Er konnte das unnatürliche wortlose Nebeneinanderhergehen nicht leiden, um so weniger, als er selten mit den anderen Knechten zusammen arbeitete. So wußte er denn auch nichts von seines Herrn gerichtlichen Sachen. Und es brach wieder bei ihm durch: »Wunderlich ist doch, daß die Swind bei Klaus kommen ist, als er geschworen hat! Und was fiel er aus dem Zeug und was wurde er klein und krückelig in der Büx. Wie ne Räucherwurst in der Pelle.« Und dem Bauern war plötzlich zumute, als ob auch er abmagern müsse, ja, als ob er schon mager geworden sei, als ob ihm jedermann von hinten am schlotternden Blauzeug ansehen müsse, daß er falsch geschworen habe. »Andere Leute kriegen doch auch die Swind.« Es klang beinahe bittend, wie er das sagte. Und er setzte seinen Fuß auf das nach Nachbar Sievers Moorkoppel hinüberleitende Steigbrett. Es war nichts mehr von barscher Bestimmtheit drin, es war gradezu Flehen, doch nicht alles auf den Schwur zurückzuführen. »Dats wull wahr«, antwortete Johann. Und sie schwiegen und gingen. Aber nach wenigen Schritten stand Johann still und zeigte auf ein ihnen entgegenkommendes Mädchen. »Süh, da ist das Frauensmensch auch ja wieder zu Gang.« Es war die Rühmann; Hinnerk Schmidt nahm große Schritte, Johann trat in seine Spuren und dem Bauer war zumute, als sei der Knecht sein Gewissen, das aufgeplusterte Frauenzimmer aber mit seinem nackten Hals und mit den nackten Armen, als sei das die ihm nachjagende Rache. Aber dann besann er sich darauf, daß er vor dem Richtertisch nach seiner besten Überzeugung geschworen habe. Und als er sich darauf besonnen hatte, stellte er sich wie früher das Zeugnis aus, ein Kind des Lichts zu sein. Doch wieder weckte ihn Johann. »Es muß nicht schön sein, auf dem Letzten zu liegen, wenn man falsch Eid getan hat.« ›Wie wird mir in der Todesstunde sein!‹ dachte Hinnerk. »In die Hölle kommen und immer brennen«, sprach Johann. Schweigen. »Ob ein falscher Eid wohl vergeben werden kann?« Johann gab sich selbst die Antwort: »Ich glaube nicht.« Da wendete Hinnerk Schmidt sich um, er hatte einen roten Kopf. »Halt den Mund, Johann, versündige dich nicht. Wenn Klaus geschworen hat, wird er auch wissen, daß ers konnte.« Hinnerk Schmidt richtete seine Augen zum Wolkendach des Himmels. ›Der weiß, Johann, der wird richten.‹ So ungefähr hatte er sagen wollen, aber er brachte den Anruf des Ewigen nicht über die Lippen. Die Wolken zogen und ballten sich, eine stand hoch und weiß in blauer Luft. Dem Bauer von Westerhausen kam sie wie Gottes Richterstuhl vor, und der Allerhöchste saß darauf. Hinnerk Schmidt sah auch die Schale des Zorns in seinen Händen. 24 Man hörte, daß heute beide Pastoren verhindert seien, und daß der Propst erst morgen kommen könne. In der Nacht fing es wieder zu regnen an, und auch in den Morgenstunden des folgenden Tages blieb das Wetter unverändert. Hinnerk Schmidt schritt in ledernen Wasserstiefeln aus dem Hecktor seines Hofes, nach den Moorwiesen hinunterzugehen, wo das Jungvieh weidete, da kreuzte seinen Weg eine städtische Kutsche mit Hein Möller auf dem Bock. Der Wagen hielt, der Propst saß darin, der öffnete den Schlag und war sehr befriedigt, Hinnerk Schmidt zu treffen. »Wir fahren zum jungen Heitmann«, sprach er, »seine Seele verlangt nach den Tröstungen der Religion. Wenn es Ihnen nicht ungelegen kommt, wollte ich Sie bitten, mit mir längs zu fahren. Ich muß was fragen. Sie kennen ja Land und Leute.« »Es kommt mir nicht unpaß, Herr Propst, ich habe denselben Weg.« Hinnerk stieg ein, und der Wagen setzte sich in Bewegung. Der Regen ließ beim Fahren nach, es fielen nur noch große, glänzende Tropfen, die Sonne warf Lichter der Hoffnung über das dampfende Feld. Der Geistliche ließ das Fenster herab und schaute hinaus. »Was für ein Bild! Die Weite, die Ebene, die Moore, die Wiesen! Und überall Opferdampf, überall des nassen Segens Überfluß und überall Wucht und Schwere!« »Aber, Schmidt, was ich sagen wollte ... Der junge kranke Mann läßt mir sagen, ich möchte nicht säumen zu kommen, er müsse mir was anvertrauen. Welcher Art kann das wohl sein? Das hätte ich gern gewußt. Man muß den Ton darauf stimmen, es ihm leicht zu machen. Was meinen Sie – was kann das sein?« Hinnerk Schmidt schwieg. Hinnerk Schmidt erschrak. Dräute ihm denn Tag für Tag der Herr in der Höhe mit seiner Donnerfaust? Stand nicht alles und jedes wider ihn auf? Der Propst hatte große, graue Augen. Er las seinen Beichtkindern, sagte man, die innersten Gedanken ab, bei Hinnerk Schmidt aber las er verkehrt. Von Hinnerk Schmidts Eid und von dessen Eidessache wußte er nichts, er wußte nur, daß kein Testament zustande gekommen war. Das Stammern und Zaudern führte er auf andere Gründe zurück. »Selbstverständlich«, bemerkte er, »bleibt das, was wir hier sprechen, unter uns.« Wenn es einen Menschen gibt, der helfen kann, dachte der Bauer, dann ist es der Propst. Klaus wird falsch geschworen haben, nun, da er den Fuß ins Jenseits setzt, schaudert ihn. Ich will dem Propsten sagen, was ich weiß, ich will ihn fragen, wie man die Sünde büßen kann, wenn sie überhaupt abzubüßen ist. Mehr und mehr verdüsterte sich das Bild der Tat vor Hinnerks Gewissen. Wie war er frei gewesen, als er vom Gericht heruntergekommen, seine Geschäfte in der Stadt gemacht, als er mit Jaaks gescherzt, von dem er die Kutsche kaufte, als er im Weißen Roß mit Elend gewürfelt hatte! Wer hatte ihn jemals am Spieltisch gesehen, wer mit einem Würfelbecher in der Hand? Er hatte sich dabei täppisch benommen, den Becher gehoben, als sei es eine Wurfschaufel ... die knöchernen Dinger waren vom Tisch hinunter in die Stube gerollt. »Wenn Sie was wissen, sagen Sies nur frei heraus!« ermunterte der Geistliche. Und endlich fand Hinnerk Schmidt das Wort. »Man schnackt allerlei.« »Was schnackt man denn?« »Er hat sich von einer Dirne frei geschworen.« »Und da meint man, es könnte mit dem Eid nicht in Ordnung gewesen sein?« »Einige sagen so, andere anders.« »Wie war denn die Sache?« Da erzählte Hinnerk Schmidt, was er wußte. Daß er selbst auch von der Rühmann herangekriegt worden war, das erzählte er nicht, das war ja nicht nötig. Und wie er redete, saß er zitternd und fröstelnd und mit bebender Seele vor dem Mann, dem er eine Art Vertretung des Jenseits und eine gewisse Schlüsselgewalt zur Himmelskammer beimaß. Ob man, wenn man falsch geschworen habe, im Höllenpfuhl ewig brennen muß? Er wollte den ›Priester‹ danach fragen. Hinnerk wollte fragen, konnte aber lange nicht. Kinn und Lippen kamen in krampfhafte Bewegung, wenn seine Gedanken nach Wort und Bild rangen. Schließlich brachte er es aber doch heraus: »Kann der, der falsch Eid getan hat, noch selig werden?« Der Geistliche antwortete nicht gleich, Hinnerk Schmidt zweifelte, ob er gehört und verstanden worden sei. Der Propst schloß die Augen und murmelte: »In meines Vaters Hause sind viele Wohnungen.« Hatte er gehört? Sein Gesicht wandte sich voll und fragend dem Bauern zu: »Was meinten Sie, Schmidt?« Und noch einmal stammelte der Angeredete: »Ob ein falscher Eid vergeben werden kann?« Der Geistliche wiegte sein Haupt. Es war ein volles, lockiges, graues Haupt. »Nach der Schrift können alle Sünden vergeben werden, nur nicht die wider den Heiligen Geist.« »Ist das der falsche Eid?« fragte Hinnerk leise. Seine Hoffnung, seine Verzweiflung hing an dieser Frage. »Sie schürfen tief, Schmidt, Sie pochen an die größten Rätsel unserer Lehre. Ja, was ist Sünde wider den Heiligen Geist? Darüber ist viel geredet und geschrieben worden. Wir stehen und bekennen: wir wissen es nicht. Ich denke so: Allen kann vergeben werden, nur nicht denen, die ihr Herz und ihr Gewissen vorsätzlich verhärten.« Hinnerk Schmidt wurde froh, als er das hörte. Die Stimme des Gewissens vernahm er Tag für Tag und Stunde für Stunde, und er war bereit, sie zu vernehmen, Tag für Tag und Stunde für Stunde. Die vorsätzliche Ertötung des Gewissens, die vorsätzlich herbeigeführte Herzenshärtigkeit – das ist die Sünde wider den Heiligen Geist, die allein kann nicht vergeben werden. Alle anderen Fehler und Sünden gehen in dem großen Erlösungswerk auf. Das Frösteln und Beben war vorüber. Hinnerk Schmidt hörte sogar jauchzende Stimmen in seiner Seele. Und wenn er noch etwas hinzufragte – eigentlich war es ganz überflüssig, aber er wollte es doch tun. Er fragte: »Alle anderen Sünden werden vergeben, auch der falsche Eid?« »Die anderen Sünden können, und auch der falsche Eid kann vergeben werden: Aber der Sünder muß in aufrichtiger Zerknirschung ...« ›In aufrichtiger Zerknirschung‹, dachte Hinnerk Schmidt, ›das stimmt bei mir‹. »In aufrichtiger Zerknirschung«, fuhr der Pastor fort, »bereuen, Besserung geloben und sich auch wirklich bessern.« ›Jawohl, wirklich bessern‹, gelobte Hinnerk Schmidt in seinem Herzen. »Dazu gehört vor allen Dingen, an äußeren Werten wieder gut zu machen, was gut zu machen ist. Wer um Geld und Geldeswert einen Eid geleistet hat, gebe mit Zins und Zinseszinsen dem, der dadurch Schaden erlitten hat! Wer aus falscher Ehrsucht unrichtig geschworen hat, der demütige sich doppelt. Und vor allem gebe einer, der so schwere Sünden auf sich geladen hat, der weltlichen Obrigkeit, was der weltlichen Obrigkeit gebührt. Er bitte um Strafe und nehme sein Kreuz in Demut auf sich.« Als Hinnerk Schmidt das hörte, wollte der Jubel schier verstummen. Anders als der Pastor sagte, konnte es gar nicht sein, und doch hatte er diese Seite der Sache noch nicht scharf beleuchtet. Er fühlte, es sei doch eine eigene Sache, die Fülle der in den Staatsschuldverschreibungen (die losen Zinsscheine gar nicht mitgerechnet) enthaltenen Macht hinzugeben und dazu noch zwei Prozent Erbschaftssteuer zu zahlen. Und dann das Schwerste ... die Strafe, der Verlust der Ehre, die Nacht des Kerkers und die Schmach. »Brr!« klang es vom Bock, der Wagen hielt. Hein Möller öffnete den Schlag. Sie waren am Rande des wilden Moores vor der Heitmannkate. Der Regen hatte aufgehört; aber rund um die Hauswand herum plätscherte die Traufe vom Strohdach. Dicht am Häuschen ein kleiner Garten mit Sonnenblumen und Bauerrosen, ein paar urbar gemachte, durch einen Wall eingefriedigte Felder; weiße, sanfte Birken darauf, das einzig Erwärmende einer fröstelnden Umgebung. Dicht hinter Garten und Koppeln dräute das Moor. Wie ein schwarzes, wie ein schweres Gewissen, dachte Hinnerk Schmidt. Mutter Heitmann stand mit verweintem Gesicht an der Pforte: »Herr Propst ik glöv, dat ward hoch Tied.« 25 Auf Hinnerks Moorwiese weidete Jungvieh. Die vom Regen geschwollenen Gräben begannen aus den Ufern zu treten; Hinnerk öffnete, kurz entschlossen, den Schlagbaum und ließ es darauf ankommen, ob die von dem Wasser in die Enge getriebenen Tiere den Weg nach Hause finden würden. Er beging und besah seine und der Nachbarn Wiesen, ob wohl für diesen Herbst auf weitere Ausnutzung des Weidegrundes zu rechnen sei. Und dann kehrte er nach der Heitmannwohnung zurück. Der Geistliche trat gerade aus der Tür. »Ich habe seine letzten Seufzer gehört«, sagte er. »Er hat mir sein Innerstes geöffnet. Sie können es überall erzählen. Er hat unter dem Gerücht unschuldig gelitten, er hat mit dem Mädchen in dem Sinne nichts zu tun gehabt. Und daß das wahr ist, dafür lege ich meine Hand ins Feuer. Am Rande der Ewigkeit lügt man nicht – am wenigsten ein Mann wie der.« Diese Gnaden- und Freudenbotschaft wirkte bei Hinnerk wie ein Donnerschlag. In allen Gewissensängsten war es ihm eine Art Trost gewesen, einen Dorfsgenossen in der Hölle zu haben. Nun sah er diesen Glücklichen in die Sphären der Seligen entrückt, nun war sein eigenes Los um so entsetzlicher. Und tief empfand er seine Unzulänglichkeit hüben wie drüben. Alles, was er tat und dachte, geschah zu seinem eigenen Nutzen, zu eigenem Frommen, aus Furcht allein war sein Wille und war sein Wesen weich. Dein Reich komme! Erst, wenn man das Gute denkt und tut, weil man nicht anders kann, so hatte der Propst gepredigt, dann erst ist das Reich Gottes da. Für ihn lag es in nebelhafter Ferne. Hein Möller nahm den Pferden die Decken ab, der Geistliche bot Hinnerk auch für die Rückfahrt nach Westerhusen einen Platz im Wagen an, der Bauer kroch ohne Dank hinein. Seine Unbeholfenheit und Unhöflichkeit war ihm dabei halb bewußt, aber er fand kein passendes Wort. Und als er saß, vergrub er sein Gesicht in beide Hände. Der Propst wunderte sich. »Stand Ihnen der junge Mann so nahe?« fragte er. Schluchzen lief durch die harte Bauerngestalt – Hinnerk Schmidt weinte. »Fassen Sie sich, Schmidt«, ermahnte der Propst. »Ich weiß nicht, was Sie so erschüttert. Sterben ist Leben, der junge Dulder ist bei Gott.« Hinnerk Schmidt gab sein Gesicht frei, seine Züge waren vor Weinen verstört. »Das ist es«, schluchzte er, »ich weine ja nicht um ihn, ich weine um mich. Ich tu alles, was ich tu, um mich selbst. Wenn doch Gottes Reich zu mir käme!« »Wenn Sie so darum bitten, dann kommt es sicherlich«, war die Antwort. »Aber sagen Sie, was bewegt Sie so?« »Herr Propst, ich will es Ihnen sagen. Klaus hat einen Eid geschworen und kann damit vor Gott bestehen. Ich habe auch einen geschworen, damit werde ich nicht bestehen, denn mein Eid ist ein falscher gewesen.« Der alte Herr war ganz verstört, schlug die Hände zusammen. »Aber, Schmidt! Was ist? Sagen Sie!« Da fing der Bauer von Westerhusen an zu erzählen. Aber was er vortrug, war noch durcheinander gerüttelt, das Maß seiner Fehle trat nicht klar hervor. »Mein lieber Schmidt«, unterbrach der Seelsorger, »ich sehe nicht klar. In Ihrer Vorstellung halten Sie, wie mir scheint, jetzt vieles für bösen Willen, was damals, als Sie schworen, Irrtum und Unwissenheit, vielleicht frevelhafter Irrtum, aber doch wohl ein Irrtum war. Für heute wollen wir es gut sei lassen, morgen erwarte ich Sie in meinem Hause; da wollen wir es gründlich durchsprechen. Inzwischen unterreden Sie sich mit dem ewigen Vater und bleiben Sie fest auf dem Pfad, den Sie jetzt gehen. Wahrheit, schonungslose Wahrheit gegen sich, sei Ihre Richtschnur, die Gnade Gottes Ihr Ziel, und immerdar leuchte es vor Ihren Augen! Und wenn Sie die Buße jetzt auch zu Ihrem eigenen Nutzen und aus Furcht tun – schließlich handeln Sie doch noch mal aus eigenem Wesen heraus nach Wahrheit und nach Liebe und Güte. Dann lieben Sie Ihren Nächsten wie sich selbst und Gott über alles. Und Gottes Reich ist in Ihnen. Es kommt ja nicht mit äußeren Gebärden, still kommt es und sanft, und mit leisen Schritten wird es auch bei Ihnen einkehren.« 26 Am folgenden Morgen beichtete Hinnerk Schmidt seinem Seelsorger. Zwei Stunden unterredete er sich mit ihm. und als er aus der Tür trat, ging er zuerst nach der Post, eine Depesche an Hans und dessen Frau nach Hamburg aufzugeben. Und dann begleitete der Propst ihn nach dem Gericht – Hinnerk Schmidt stellte sich den Behörden. Auf dem Gericht sah er sich nach dem Gerichtsdiener und nach den Ketten um, da er sich selbst schuldig sprach. Aber es geschah nichts dergleichen, der Fall war nicht danach angetan, den vermöglichen Hinnerk Schmidt in Haft zu nehmen. Und nach drei Monaten saß er auf der Bank der Angeklagten vor dem Schwurgericht. Die Verhandlung ließ sich für den Angeklagten gut an. Milde und Wohlwollen webten in dem Raum, und die, die sich darauf verstanden, lasen in breiter Schrift an den Wänden die Worte: Hinnerk Schmidt wird freigesprochen werden. Der Angeklagte las es nicht, er sah keine geschriebenen Weissagungen und nicht die Hand der Zukunft an der Wand. Und doch saß er ruhig und gesammelt auf der Sünderbank des Gerichts. Der Freispruch wird ihm nicht unerwünscht kommen, eine Verurteilung aber auch nicht. So saß er da als ein Unverletzlicher, dem nichts geschehen kann. Bruder und Schwägerin waren auf sein Telegramm nach Westerhusen zurückgekommen, mit denen hatte er richtig aufgeteilt, mit denen hatte er sich ausgesöhnt, die letzte Abgabe seiner Tat war er jetzt im Begriff zu zahlen. Dem Rechte war Genüge geschehen. Aber das befriedigte Hinnerk Schmidt in seiner Büßerstimmung nicht. In ihm wühlte und wogte es, er müsse (sein Prozeß möge so ausgehen oder anders) dem vom ihm verletzten sittlichen Recht zur Sühne seinen Teil am Gewinn den Armen geben. Dabei dachte er wohl nicht einmal an Lohn und Strafe im Jenseits. Das glaubte er wenigstens, so empfand er, und so fühlte er sich glücklich. Er täuschte sich nicht mehr, er wollte das Gute, wollte es nicht zu seinem eigenen Heile, wollte es nur deshalb, weil es das Gute war. Und das machte ihn froh, gab ihm süßen Frieden. O Gott, frohlockte er, ich glaube wirklich, du sendest mir dein Reich! Noch ist es nicht da, aber es naht, es kommt, schon fühle ich sein sanftes Wehen. Er wollte alles den Armen geben, er wußte nur noch nicht, wie und wem. Der Ärmste im Dorf war der alte Hargens, mit dem er einstmals zusammen das Gänsegeschäft gemacht hatte. Federn hatte er aufgesammelt. Wie er daran dachte, schien es ihm kaum glaublich. Johann Hargens war zwar auf nichts gekommen, aber ihm konnte er doch nicht alles geben. Was sollte der mit all dem Geld? Den Schatz verteilen? Nein, das war auch nicht das Rechte. Das war, wie Flintsteine in die Fuhlenau werfen. Aus sich selbst wurde er mit dem Punkt nicht fertig, er wußte nicht, wie es anzufangen sei, sein Gut den Armen geben. Er wollte den Propst und den Justizrat fragen, wie man das mache. So grübelte er, während die Zeugen vernommen wurden und dann der Staatsanwalt sprach und auch, als darauf sein Verteidiger, Justizrat Bauer, redete. Immer dachte er: wie das wohl anzufangen ist? Er allein konnte das nicht durchdenken, er zweifelte auch, ob der Notar und der Geistliche das wüßten. Aber durch all die Zweifel hindurch frohlockte es in ihm: Gottes Reich ist mir nahe. Er hörte nur leicht hin, als der Staatsanwalt das Schuldig des wissentlichen Meineids gegen ihn in Antrag brachte. Das war ja ganz einerlei, denn das Reich Gottes macht nicht vor Zuchthaus- und Gefängnismauern Halt. Äußerlich sah man ihm nicht an, was er dachte, äußerlich angesehen, saß er mit rotem Gesicht auf der Anklagebank, die Züge ruhig, gelassen, ein bißchen schlafmützig und müde. Hinter dem Richtertisch führten zwei junge, im Vorbereitungsdienst beschäftigte Herren ein Nebenprotokoll. Den Angeklagten nahmen sie gelegentlich unter ihre Kneifer. Der eine legte die flache Hand an die Stirn, die Dicke des Brettes zu veranschaulichen, das Hinnerk Schmidt vor seinem Verstandskasten trage, der andere machte aus seiner Linken ein Sprachrohr und flüsterte: »Stupor!« Und beide dankten dem Schöpfer, daß sie nicht waren wie der. Dem Verteidiger kam es darauf an, die Gedankenmaschine freizulegen, bei deren Gangart Hinnerk Schmidt so handeln mußte, wie geschehen. Daß der von seinem Klienten geleistete Eid sachlich nicht zu Recht bestehen könne, gab er, nachdem er die Rechtslage nach allen Seiten beleuchtet hatte, zu. Er prüfte, welchen Wert die mit Peter Schmidt bei Lebzeiten getroffene, dann einseitig von dem Verstorbenen unmittelbar vor seinem Tode zurückgenommene Abmachung vor dem Recht in Anspruch nehmen könne, und kam zu dem Ergebnis: Hinnerk hatte kein Recht, die Sachen von dem Nachlaßverzeichnis auszuschließen. Ob er einen persönlichen Anspruch gegen die Erben auf Herausgabe des Schatzes habe, solle dahin gestellt bleiben. Der Rechtsanwalt behauptete indessen, Hinnerk Schmidt sei derart im guten Glauben gewesen, daß weder ein wissentlich falscher Eid, noch auch ein fahrlässiger Falscheid in Frage komme. Der Angeklagte selbst hatte ihm dazu in der Verhandlung wenig Stoff geliefert. Wenn Karl Ohm Schnoor aus Bargenhusen nicht dagewesen wäre, hätte es um die Darlegung seiner inneren Erlebnisse mißlich ausgesehen. Aber da kam Karl Schnoor. Der Staatsanwalt hatte ihn wegen Anstiftung oder Beihilfe anklagen wollen, das Gericht hatte aber das Verfahren gegen ihn eingestellt. Eines anderen Selbstbewußtsein hätte darunter gelitten, Karl Ohm Schnoor fühlte sich gehoben. Und eifrig und feurig blieb er bei allem, was er zu Hinnerk Schmidt gesagt hatte, und holte zu schwungvollen Reden aus, wobei er die Idealität und Unerschütterlichkeit der Rechtsgrundsätze darzulegen versuchte. Es war schade, daß der Mann auf dem Richterstuhle so gar keine Auffassung für Feuer und Begeisterung hatte und den Flieger immer wieder zur festen, dauernden Erde herunterholte. Ein noch besserer Zeuge war der Propst, der mit Genehmigung seines Beichtkindes sachlich und ausführlich mitteilte, was er wußte. So kamen die Geschworenen in die Lage, das parlamentarische Räderwerk in Hinnerk Schmidts Seele arbeiten zu sehen. »Aber«, warf der Staatsanwalt ein, »Ferdinand Lücht hat ihm vor dem Schwur einen Fall mitgeteilt, aus dem der Angeklagte entnehmen mußte, daß die Schenkung höchstens zum Wert von 4666 2/3 Mark zu Recht bestehe.« Als der Staatsanwalt das gesagt hatte, stand Hinnerk Schmidt auf und sagte: »Das ist wahr, das hat er mir gesagt.« Der Vorsitzende nahm Veranlassung, die Beweisaufnahme noch einmal zu eröffnen und den Angeklagten zu fragen: »Ja, Schmidt, mußten Sie sich da nicht sagen, daß das auch bei Ihnen gelte?« »Ja, Herr Präsident. Ich glaube, im ersten Augenblick habe ich so was gedacht. Aber es war mir, namentlich das mit dem Bruch und mit der Zahl, so wunderlich, als ob es gar nicht angehen könne, und nachher habe ich es ganz vergessen gehabt. Und daß der Amtsrichter davon etwas gesagt hat, ist mir nicht bewußt. Daß es doch so sei, das und vieles mehr hat mir der Justizrat erst gesagt, aber das war nach dem Schwur. Als ich schwor, glaubte ich ganz fest, wahr zu schwören.« »Schmidt, früher waren Sie Ihrer Sache doch nicht so sicher; Sie haben den Zeugen Schnoor befragt, weshalb nicht vor dem Schwur den Justizrat?« Hinnerk Schmidt schwieg. »Wenn Sie das Rechte gewollt haben«, fuhr der Vorsitzende fort, »weshalb glaubten Sie Karl Schnoor, der die Sache doch nicht studiert hat, weshalb folgten Sie diesem Rat (es war ein schlechter Rat), weshalb hüllten Sie sich in Schweigen, als der Amtsgerichtsrat Sie vernahm? Warum gingen Sie ihm gegenüber nicht offen vor, teilten den Sachverhalt, wie er lag, mit? Es wäre zu Protokoll genommen worden, auch Ihr Protest. Sie konnten dann Ihre Rechte noch immer verfechten.« Hinnerk Schmidt sagte zwar einige Zeit nichts, aber man sah, wie seine Lippen arbeiteten. Dann kam es: »Das habe ich nicht gekannt.« »Mag sein«, erwiderte der Vorsitzende. »Mir kommt es überhaupt so vor, Sie sind, wie man so sagt, in die Sache ›hineingedöst‹. Wissentlich Falsches wollten Sie nicht beschwören, ich meine so, daß Sie beim Schwur der Unwahrheit scharf ins Gesicht sahen. Sie fragten aber keinen Rechtsverständigen und hüllten sich in Schweigen, weil sie befürchteten, etwas zu erfahren, was Ihnen Gewissensnot bereiten könnte, mehr, als Sie ohnehin schon hatten. Und Sie wollten das schöne Geld doch gar zu gern für sich allein behalten. Und in dem Augenblick, als Sie schworen, hatten Sie sichs so fest eingeredet, Sie seien im Recht, daß die Zweifel hinter Ihnen lagen. Ist es so, Schmidt?« Da antwortete Hinnerk Schmidt: »Just so ist es, Präsident.« Nach diesen Worten setzte er sich nieder, stand aber gleich wieder auf und fügte hinzu: »Damals war aber Gottes Reich noch fern von mir.« »Was war fern von Ihnen?« fragte der Vorsitzende, er glaubte sich verhört zu haben. Hinnerk Schmidt erhob sich noch einmal und antwortete: »Gottes Reich!« und nahm schnell wieder auf seiner Bank Platz. Ob dieser Antwort lief ein gutmütig überlegenes Lächeln von der Bank der Geschworenen nach dem Richtertisch; am Katzentisch der Nebenprotokolle fror es auf den Gesichtern der Jünglinge fest. »Mit der letzten Äußerung ist ein fahrlässiger Falscheid gegeben«, bemerkte der Staatsanwalt. Staatsanwalt und Verteidiger wiederholten ihre Anträge, Hinnerk Schmidt hatte nichts mehr zu sagen. Die Geschworenen berieten nicht lange, dann sprachen sie Hinnerk Schmidt von Westerhusen von der gegen ihn erhobenen Anklage frei. Sie nahmen weder wissentlichen Meineid noch fahrlässigen Falscheid an. 27 Auf Westerhusen hatte der Bauer die Milchkühe zum ersten mal ins junge Gras gelassen, da bog Hein Möller mit Mohrs großem Landauer, worin die beiden erwarteten Herren, der Justizrat und der Propst, saßen, in das Hoftor ein. Und alles sah, als sie kamen, friedlich, gewissermaßen feierlich aus. Der weite Platz vor der Tür war, was man früher nicht immer sagen konnte, rein gefegt, die alten Eichenkronen sahen gefälliger herab als sonst. Und wie der ganze Hof, so waren auch Hinnerk und Maleen, obgleich es ein Wochentag war, sonntäglich gekleidet, und sonntäglich gesonnen erwarteten sie vor der grün gestrichenen, mit Säulen geschmückten Haustür ihre Gäste. Nach einigen Stunden fuhr der Wagen wieder davon, da war es geschehen, da hatte der Notar die vorschriftsmäßig vollzogenen Urkunden in amtlicher Verwahrung. Der von Hinnerk erwogene Plan war in einer milden Stiftung verwirklicht worden, an deren fein abgewogenen Bestimmungen der Justizrat und der Propst in gleicher Weise beteiligt waren. Hinnerk hatte alles, was ihm von dem Lotterieschatz verblieben war, dieser Stiftung überwiesen. Die Verwendung der Einkünfte diente den Armen und Bedürftigen, sie werden ohne Verzug beginnen, Segen auszugießen. Für des alten Hargens Zukunft ist gesorgt. Gemächlich fuhr der Wagen zur Höhe hinan, hinter den Reisenden ein roter Abendhimmel, vor ihnen der Wald und sein großes Schweigen. In Westerhusen wuchern die Dornen an Knick und Hecke, die Brut der Sänger zu hegen. Deshalb ist es auch wegen seiner Nachtigallen berühmt; wo ein paar Eichen und Buchen den Hausfrieden bewachen, rollen die Schlager herab. Vor dem Wald hielt Hein Möller an, die Wagenlaternen anzuzünden, dann zuckelten die Pferde im Zwielicht der Kreuzstrahlen einher. Denn im Wald war es dunkel, nur in dem Streifen, der über dem Weg zwischen den hohen Laubkronen frei blieb, glänzten die Sterne auf. Die beiden Freunde schnitten die alte Frage an: ›Ist des Menschen Charakter veränderlich?‹ Der Notar neigte dazu, sie zu verneinen, war aber nicht vermessen genug, das Rätsel unsrer Seele auf eine Gedankenspule zu zwängen, die im besten Fall von derselben Seele in Tätigkeit gesetzt wird. »Ich denke mir, im Bild zu reden, die Sache so. Es könnte sein wie bei dem, was die Erde hervorbringt. Im Waldesschatten kann nur gedeihen, was wenig Licht braucht oder gar nur wenig Licht verträgt. Den Samen streut die Natur ja überall hin. Man haue aber die Stämme ab, lasse Luft und Wärme auf den Boden fallen, sofort schießen die Sonnenkinder der Blumen und Gräser auf. Und der Grund und Boden bleibt dabei der alte. Mit dem Menschen mag es ähnlich sein. Er ist und bleibt der, der er war. Aber man haue die Hölzer weg, die seine Seele trüben, lasse Licht hineinfluten und Liebe, und – siehe! die Sonne zeitigt wärmere, von Licht und Farbe gesättigte Gedanken. Und sind erst die Gedanken da, dann folgen die guten Taten nach. Die Theologie sagt dann: Es kam Gottes Reich. Ist es nicht so?« »Es ist ein Bild«, erwiderte der Propst. Der Justizrat wandte sich zum Kutschersitz. »Hein!« rief er. Hein Möller machte langsam halblinks Kehrt. »Wat meent Se, Hein? Kann man sik betern?« Eine halbe Minute fuhr Hein Möller weiter, es war zweifelhaft, ob er gehört hatte; dann drehte er sich au seinem Kutschbock herum und antwortete: »Ich weiß nicht, Herr Rat. As ich beim Kommiß weer, da hatten wir einen in unsrer Kompagnie, der konnte nichts liegen lassen, wenn es nicht gerade ein Mühlstein war. Zu dem hab ich ümmers gesagt: »Fritz, beter di!« Hat das abersten nicht getan, er ist im Zuchthaus gestorben. Und als ich im Hannoverschen diente, da wurde beim Amtsgericht ein Vagabund eingeliefert, hatte nicht viel auf der Liste, einen kleinen Diebstahl, sonst immer nur gebettelt und Land gestrichen. Er hatte ein nettes Wesen an sich und konnte wunderschön schreiben, da nahm ihn der Sekretär, als er seine Strafe abgesessen hatte, als Schreiber an. Und es ging wunderschön, alle Leute sagten: der hat sich gebetert. Und nach Jahren freite er eine junge Witwe, und die hatte auch noch ein Haus. Und war allgemein beliebt, und in den Vereins- und Singstunden, so man Liedertafeln nannte, führte er das große Wort. Der hat sich gebetert, sagte die ganze Stadt und sagte es immer wieder. Aber als zwei Jahre um waren, da hieß es auf einmal: Koslowski (so hieß nämlich der Mann) Koslowski ist weg. Und so war es auch. Es war um die Zeit, wo die Lerchen anfangen zu singen, da war er wieder auf die Landstraße gegangen. Und das nicht allein. Die Koffer seiner Frau hatte er erbrochen und alles Geld mitgenommen und des Gerichtssekretärs Sommerüberzieher, der im Vorzimmer des Bureaus hing, auch. Da stellte sich heraus: es war gar nicht wahr, als wir glaubten, er sei beter geworden, denn im Grunde hatte er sich gar nicht gebetert.« Eine kleine Weile sagte Hein Möller nichts. Dann fing er noch einmal an: »Wir haben bei Fuhrhalter Mohr mal einen Wallach gehabt, der war Krippenbeißer, der kriegte eine Krippe aus hartem Zement. Darauf hat er sich einen Zahn ausgebissen. Der hat sich auch nicht gebetert. Aber was der da ist, der Swarte (Hein winkte sachte mit der Peitsche nach dem Handpferd hinüber) der war, als wir ihn kriegten, bang vor der Eisenbahn. Da bin ich eine Woche lang mitn nachn Bahnhof gefahren. Nun macht er sich gar nichts daraus und geht mang die Dampfers, als wären es Heuwagen. Der hat sich gebetert.«