Jeanne Marni Stille Existenzen Einzig autorisierte Übersetzung aus dem Französischen von Franziska Gräfin zu Reventlow   Paris Leipzig München Verlag von Albert Langen   1899 Sein Grab (Auf dem Kirchhof Montmartre. Es ist zehn Uhr morgens an einem ausnahmsweise regenfreien Junitage. Madame Mael, 39 Jahre alt. Sie ist immer noch schön, trotz ihrer frühzeitig ergrauten Haare. Madame d'Alysse, 35 Jahre, eine schlanke, hübsche Blondine mit harten, grauen Augen und einem eigensinnigen Zug um den Mund. Beide Damm sind in tiefer Trauer, sie tragen große Sträuße von Rosen, Narzissen, Iris und Stiefmütterchen. Sie begegnen sich am Eingang des Friedhofs.) Madame Mael: »Sie hier? Und zu dieser Tageszeit?« Madame d'Alysse: »Wie Sie sehen. – Guten Morgen, Liebste.« Madame Mael: »Guten Morgen, Madelon. Ich dachte, Sie wären schon auf dem Lande?« Madame d'Alysse: »Wir haben unsre Abreise wieder verschoben. Das Wetter war gar zu schlecht. – Wie geht es Ihrer Tochter?« Madame Mael: »Danke, sehr gut. Sie ist mit Miß Roberts im Louvre.« Madame d'Alysse: »Louvre? – Im Magazin?« Madame Mael: »Nein, im Museum.« Sie gehen während des Gesprächs weiter. Dann bleibt Madame Mael stehen. »Ich muß hier nach links abbiegen.« Madame d'Alysse: »Ich auch.« Madame Mael: »Sie auch? Ich dachte, das Grab Ihres Vaters läge dort in der dritten Allee rechts?« Madame d'Alysse: »Ja, das thut es auch (sie zeigt auf eine kleine Allee), aber ich habe dort auch noch ein Grab zu schmücken.« Madame Mael: »So, dann haben wir denselben Weg.« Sie gehen stillschweigend weiter. Dann bleibt Madame d'Alysse plötzlich vor einem einfachen Eisengitter stehen.) »So, da ist es.« Sie kniet nieder und legt einen großen Strauß lila Iris auf den einfachen Stein mit der Inschrift: Hier ruht Boniface Ruchet, Professor. Gestorben im Alter von 63 Jahren. Betet für ihn! Madame Mael (macht ein erstauntes Gesicht und sagt ganz leise): »Madeleine, wer ist Boniface Ruchet?« Madame d'Alysse (ebenso leise): »Er war – Ich will es Ihnen nachher erzählen – einen Augenblick.« (Sie senkt den Kopf und betet. In einem nahestehenden Baum singt ein Vogel. Madame Mael geht währenddem auf eine kleine weiße Kapelle zu, die von vier dunklen, fast schwarzen Cypressen umgeben ist. Dann richtet Madame d'Alysse sich wieder auf und folgt ihr.) (Jetzt kniet Madame Mael nieder. Ohne die Kapelle zu betreten, befestigt sie einen Riesenstrauß von Rosen an der Pforte. Langes Stillschweigen. Die Allee ist ganz menschenleer, in der Ferne hört man dumpfes Wagengerassel, dann und wann knistert ein vertrockneter Zweig.) Madame d'Alysse (nähert sich Madame Mael und berührt leise ihre Schulter): »Henriette.« (Madame Mael fährt zusammen): »Ja!« (Dann schlägt sie das Kreuz und erhebt sich.) Madame d'Alysse: »Kommen Sie jetzt?« Madame Mael: »Gleich.« (Sie wirft noch einen Blick auf die Kapelle, dann folgt sie ihrer Freundin.) Madame d'Alysse (als ob sie zu sich selber spräche): »Nein, das könnte ich nicht.« Madame Mael: »Was denn?« Madame d'Alysse: »Ich könnte nicht so handeln wie Sie.« Madame Mael: »Wie meinen Sie das?« Madame d'Alysse: »Sie bringen der Maitresse Ihres Gatten Blumen ans Grab.« Madame Mael: »Nein, Liebste, nicht ihr – die Blumen sind für ihn.« Madame d'Alysse: »Nun ja, natürlich – aber da sie in einem Grabe ruhen, gilt es ihr mit.« (Kurze Pause.) »O Henriette, wie konnten Sie das zugeben? Sie – eine Frau wie Sie! Wie konnten Sie es zulassen, daß man diese Fremde hier an der Seite Ihres Mannes begraben hat?« Madame Mael: »Er hat mich darum gebeten. – Sie haben gemeinsam den Tod gesucht. Ich fühlte nicht das Recht in mir, sie nach dem Tode zu trennen. – An meiner Stelle hätten Sie ebenso gehandelt.« Madame d'Alysse: »Niemals.« Madame Mael: »Doch – – Sie hätten gar nicht anders können.« Madame d'Alysse: »Aber ich versichre Sie, ich hätte es nicht gethan. Ich wäre nicht imstande, so großmütig zu handeln. Wenn mein Mann sich so gegen mich benommen hätte wie der Ihre und wenn ich ihn so geliebt hätte wie Sie – dann hätte ich ihn wenigstens nach dem Tode für mich haben wollen. Das ist denn doch wirklich nicht zu viel verlangt, daß man seinen Mann, wenn er gestorben ist, nicht mehr mit einer andern teilen will!« Madame Mael: »Ich sage Ihnen noch einmal, Madeleine, er hat mich darum gebeten, mich angefleht, er hat es von mir verlangt, ihn nicht mehr von jener Frau zu trennen. Und ich habe ihm gehorcht – wenn auch meine Liebe und mein Stolz sich darunter gewunden hat.« Madame d'Alysse: »Und Marguerite?« Madame Mael: »Meine Tochter denkt ebenso wie ich!« Madame d'Alysse: »Und sie kommt auch hierher? – an das Grab?« Madame Mael: »Ja, sehr oft.« Madame d'Alysse (bewegt): »Ich bewundere Ihre Seelengröße – ich wollte, ich wäre so wie Sie und Ihre Tochter. (Madame Mael bleibt stehen.) Sie wollen schon wieder gehen?« Madame Mael: »Ja, ich habe vor dem Frühstück noch eine Menge Besorgungen zu machen. Wir wollen nämlich auch morgen abreisen – nach Anjou.« Madame d'Alysse: »Warten Sie noch einen Augenblick. Es thut mir so wohl, mit Ihnen zu sprechen. Wollen Sie mir noch ein paar Minuten schenken?« Madame Mael (lächelnd): »Aber mit dem größten Vergnügen.« Madame d'Alysse blickt sie mit gespannter Aufmerksamkeit an. »Sagen Sie mir ganz offen – Sie halten mich gewiß für recht böse – Sie finden, daß ich hart und kalt bin, nicht wahr?« Madame Mael: »Aber Gott bewahre. Wie kommen Sie darauf? Ich halte Sie weder für böse, noch für hart oder kalt. Im Gegenteil, ich glaube, Sie sind ungewöhnlich aufrichtig, gut und edel.« Madame d'Alysse: »Und Sie halten mich für eine sehr – sehr anständige Frau? Madame Mael (mit Überzeugung): »Ja.« Madame d'Alysse: »Nun und darin täuschen Sie sich – ich bin nicht so tugendhaft wie Sie glauben. (Madame Mael blickt sie erstaunt an.) Nicht wahr, das hätten Sie nicht gedacht?« Madame Mael (sanft): »Nun, es überrascht mich in der That.« Madame d'Alysse: »Ja, es ist etwas in meinem Leben gewesen – ein Geheimnis – und das will ich Ihnen anvertrauen.« Madame Mael: »Warum?« Madame d'Alysse: »Weil ich Ihnen mein Herz ausschütten möchte. – Sie haben das Grab gesehen, wo ich vorhin die lila Iris niedergelegt habe?« Madame Mael: »Boniface – –?« Madame d'Alysse: »Ja, Boniface Ruchet. Nun, Henriette, diesem braven Mann verdanke ich es, daß ich vor Ihnen nicht zu erröten brauche. Er hat mich vor einer Schuld bewahrt, die nie wieder gut zu machen gewesen wäre.« Madame Mael: »Wie das?« Madame d'Alysse: »Ich will Ihnen erzählen, wie es kam. – Eines Tages, wie Ihr Mann bei mir war – –« Madame Mael: »Ah.« Madame d'Alysse: »Er war mir sehr sympathisch – Ihr Mann – ich hatte ihn wirklich gern. Er war auch ein Charmeur, nicht wahr? Und ich war damals ein wenig verliebt in ihn – o nicht sehr arg, aber doch ein bischen verliebt. Also wie gesagt, an jenem Tage besuchte er mich. Es war in der Dämmerstunde – ich ließ kein Licht kommen, ich weiß selbst nicht warum. Ich fühlte so eine Art seltsamer Mattigkeit und konnte mich nicht entschließen, dem Mädchen zu klingeln. So blieben wir denn im Halbdunkel sitzen – Ihr Mann und ich, ohne ein Wort zu reden. Dann faßte er plötzlich meine Hand. Ich weiß, Henriette, ich hätte sie ihm entziehen sollen. Ich weiß, daß es schlecht von mir war, aber es war so schön, es that mir so wohl, meine Hand in der seinen zu fühlen, daß ich sie ihm ließ. Ich ging sogar noch weiter, ich preßte meine Hand fest gegen die seine. – Das ermutigte ihn natürlich – er zog mich an sich und unsere Lippen berührten sich beinah, als plötzlich die Thür geöffnet wurde. Es war Boniface Ruchet, der Mathematikprofessor meines Sohnes. Damals, in jenem Augenblick war ich böse auf den guten alten Vater Boniface, sogar sehr böse, aber später habe ich eingesehen, was für einen Dienst er, ohne es selbst zu ahnen, mir geleistet hatte, ich habe ihm im Stillen dafür gedankt und dann – –« Madame Mael: »Und deshalb haben Sie ihm heute Blumen ans Grab getragen? – Aus Dankbarkeit?« Madame d'Alysse: »Ja – er hat mich davor bewahrt, eine niedrige Handlung zu begehen, es wäre ein abscheulicher Vertrauensbruch von mir gewesen, denn ich war doch Ihre Freundin – ich bin es immer noch (etwas zaghaft), nicht wahr, ich bin immer noch Ihre Freundin?« Madame Mael (drückt ihr die Hand): »Mehr wie je.« (Beide schweigen tief bewegt. Madame Mael faßt sich zuerst wieder und macht ein paar Schritte vorwärts. Madame d'Alysse folgt ihr): »Sie reisen also bestimmt morgen nach Anjou?« Madame Mael: »Ja. Und ich hoffe, daß Sie im September auf ein paar Tage zu uns kommen, nicht wahr?« Madame d'Alysse: »Ja gewiß, ich komme, wenn die Jagden beginnen, vielleicht noch eher. – Auf Wiedersehen, liebste Henriette, geben sie Marguerite einen Kuß von mir, aber, daß Sie es ja nicht vergessen.« Madame Mael: »Nein, ich vergesse es nicht.« (Dann deutet sie auf die Blumen, die Madame d'Alysse in der Hand hält.) »Sind all diese Blumen für das Grab Ihres Vaters bestimmt?« Madame d'Alysse: »Ja.« Madame Mael: »Wissen Sie, was Sie thun sollten? – Sie sollten ein paar davon dort unten niederlegen – sehen Sie diese Stiefmütterchen, diese schönen samtschwarzen Stiefmütterchen.« Madame d'Alysse: »Dort unten? Meinen Sie die Kapelle, wo Ihr Mann ruht, mit seiner –« Madame Mael: »Mit seiner Maitresse – ja.« Madame d'Alysse (errötet heftig): »O Henriette.« Madame Mael (mit traurigem Lächeln): »Wollen Sie denn eifersüchtiger sein wie ich, Madeleine?« (Sie drücken sich noch einmal die Hand, dann trennen sie sich. Madame Mael geht langsam dem Ausgang zu. Ein schmerzlicher, nachdenklicher Zug liegt auf ihrem Gesicht. Madame d'Alysse sieht ihr nach, zögernd sucht sie dann die schönsten Stiefmütterchen aus ihrem Strauß zusammen und saugt ihren leichten, unbestimmten Duft ein. Sie denkt einen Augenblick tief nach, dann wirft sie die Blumen mit einer heftigen Bewegung auf die Erde und zertritt sie.) Anatoles Liebesleid Anatole Loursain, 55 Jahre alt. Ganz Paris kennt ihn, den dicken Vaudevilledichter mit seiner großen Glatze, dem ewig lächelnden Komikergesicht und den lustig zwinkernden Augen. Jeder weiß, daß wir »Madame à la Migraine« , »Bols de Gargotes « und »Echec et mat« – den letzten großen Erfolg der » Folies Tragiques « – seiner Feder verdanken. Madame Loursain, 40 Jahre, dabei immer noch eine begehrenswerte Erscheinung mit offenem, frischem Gesicht, klarem Teint und jugendlichem Mund. Die zurückfallenden Ärmel ihres Nachthemdes lassen die schön geformten, weißen Arme frei. Es ist nämlich ein Uhr nachts. Monsieur und Madame Loursain sind eben aus dem Theater gekommen und ruhen jetzt auf dem gemeinsamen Lager. Ein Zwischenraum von etwa 40 Centimetern trennt sie voneinander. Aber dies schmale Stückchen weißes Leinen erfüllt seinen Zweck ebenso gut, als ob es ein breiter Fluß wäre, der zwischen ihnen dahinrauschte. Ein herzlicher Händedruck morgens und abends stellt für einen Augenblick eine Art Freundschaftsbrücke von einem Ufer zum andern her. Monsieur Loursain liest den Theaterbericht im Temps. Die Lektüre scheint ihn sichtlich zu befriedigen, trotzdem ballt er schließlich das Blatt zusammen, seufzt tief auf und löscht die Lampe aus.) Madame Loursain: »Bist du schon müde?« Anatole: »Ja.« Madame Loursain: »Ist Sarcey heute langweilig?« Anatole: »Im Gegenteil, sehr interessant.« Madame Loursain: »Was sagt er denn?« Anatole: »Ach, nichts Besonderes.« Madame Loursain: »Gute Nacht, mein Freund.« Anatole: »Gute Nacht, Claire.« (Die Freundschaftsbrücke. – Lange Pause. – Madame Loursain liegt regungslos da und blickt mit weit offenen Augen ins Dunkle. Sie denkt nach. Anatole wälzt sich unruhig hin und her, sie hört, wie er unter dem Kopfkissen nach seinem Taschentuch sucht, sich leise schneuzt – dann ein verhaltnes Aufatmen wie von unterdrückten Thränen.) Madame Loursain: »Anatole.« Anatole: »Was denn?« Madame Loursain: »Du weinst?« Anatole: »Nein.« Madame Loursain: »Doch, ich höre es ja. Warum weinst du denn, mein Dicker?« Anatole: »Nein, ich weine nicht, ich hab nur Schnupfen. Ich habe mich heute abend, als wir aus den Nouveautés kamen, erkältet.« Madame Loursain: »Nicht wahr, das Stück von Eugène Pistouillet ist mehr wie trostlos? Der Saal war fast leer, und das an einem Sonntag, noch dazu bei der zweiten Aufführung – das elende Dings wird keine acht Aufführungen erleben – meinst du nicht auch?« Anatole (düster): »Kaum.« Madame Loursain: »Warum sagst du das so traurig? Freust du dich denn nicht darüber?« Anatole (mit einer Stimme, die wie aus weiter Ferne herüberklingt): »Es giebt Stunden im Leben, wo selbst der Hereinfall eines Kollegen einen kalt läßt.« Madame Loursain: »Aber solche Stunden sind äußerst selten. Und bei dir steckt fast immer eine unglückliche Liebe dahinter. Bist du denn schon wieder einmal verliebt, mein armer Schatz?« Anatole (mit schwacher Stimme): »Gott bewahre, was für eine Idee!« Madame Loursain: »Ja, ja, du bist wieder verliebt – du hast heute abend fast nichts gegessen. Und bei dir will das viel sagen. (Besorgt.) Wenn es nur keine zweite Madeleine Hébé ist – die hat dich wirklich unglücklich genug gemacht.« Anatole: »Sag nur ruhig: uns unglücklich gemacht. Du warst ja so eifersüchtig auf sie (mit naiver Wut) , sie war schuld daran, daß du damals krank wurdest – das verfluchte Weibsbild. Das werde ich ihr niemals verzeihen. Nein, nein, diesmal ist es keine Madeleine Hébé, Gott sei Dank.« Madame Loursain: »Wer denn, Anatole?« Anatole: »Es ist – – aber – (er thut so, als ob er aus Zartgefühl nicht davon sprechen wollte) ich sehe nicht ein, wozu – mir scheint –« Madame Loursain: »Aber weshalb denn? Du hast vorhin geweint – du bist ganz traurig – so sag es mir doch – es wird dir wohl thun, dich auszusprechen.« Anatole: »Wenn meine Zeitgenossen das hörten, würden sie hart über mich urteilen. Es ist eigentlich doch nicht üblich, daß man seiner Frau solche Liebesgeschichten anvertraut.« Madame Loursain: »Seiner Frau vielleicht nicht. – Aber ich bin seit drei Jahren eigentlich nicht mehr deine Frau, mein Schatz. Ich bin deine Schwester, deine Freundin, deine alte Mama. Hast du nicht schon damals, wie wir noch ganz jung waren, immer gesagt, ich ginge mit dir um wie eine alte Henne mit ihrem Küchlein?« Anatole: »Und ich habe mich immer benommen wie ein Hanswurst – ja wirklich wie ein rechter Hanswurst.« Madame Loursain: »Mein Gott, aber du siehst doch, daß ich mich nicht verändert habe, ich bin immer noch die alte Henne, die ihr Küchlein beschützt, die Mama, die ihr Baby trösten muß. – Also, wer ist es denn? – sag es mir doch. – Natürlich eine Schauspielerin? – nicht wahr?« Anatole: »Nein, von denen hab ich genug. Und dann bin ich darin überhaupt derselben Ansicht wie Dumas junior – du kennst doch seinen berühmten Ausspruch? – (Im Anekdotenton.) Dumas wurde eines Tages beschuldigt, er habe ein Verhältnis mit einem sehr hübschen Mädchen, das in seinen Stücken auftrat. Er verteidigte sich mit den Worten: ›Ihr wißt doch selbst, daß ein Architekt niemals mit seinen Maurern Brüderschaft macht.‹« Madame Loursain: »Was beweist das? Höchstens, daß er ein undankbarer Mensch war, denn – –« Anatole: »Nun ja, aber im Princip hat er doch recht gehabt. – Weißt du nicht mehr, was für Unannehmlichkeiten ich mit Andrée Silouy gehabt habe?« Madame Loursain: »O ja, mit ihr wie mit allen andern. Gar nicht zu reden von der schon erwähnten Madeleine Hébé.« Anatole: »Ah, die steckt dir immer noch in den Gliedern?« Madame Loursain: »Ja, das ist wahr, aber ich begreife ganz gut, daß du sie schneller vergessen hast wie ich. – Nun, wer ist es denn aber diesmal? Wahrscheinlich irgend eine Cocotte?« Anatole: »Oho, Cocotte! Was du dir gleich denkst. Du übertreibst immer so. Mein Gott, sie ist nicht gerade eine Prinzessin, aber deshalb braucht sie doch noch keine Cocotte zu sein. Sie ist eine unabhängige, frei denkende Frau. (Kurze Pause.) – Und heute abend reist sie mit einem ihrer Freunde nach Rußland, er hat sie einfach gezwungen, mitzugehen.« Madame Loursain: »Ist es ein Russe?« Anatole: »Nein, ein Neger, aber er will den Winter in Moskau verleben.« Madame Loursain: »Und warum geht denn diese – – diese Dame mit ihm?« Anatole: »Ach warum? Immer dieselbe Geschichte. Warum thut man überhaupt etwas, was man lieber nicht thun möchte? – Warum? Das weißt du doch ebenso gut wie ich. Das Leben ist nun mal so – das verfluchte Leben! Sie muß einfach, die Unglückliche. Sie kann doch nicht nur von Couplets leben. Man darf auch nicht ungerecht sein.« Madame Loursain: »Du willst damit wohl sagen, daß sie nicht nur von deinen Couplets leben kann?« Anatole: »Kurz und gut. Sie muß mit ihm gehen. (Mit veränderter Stimme.) Sie ist sogar schon fort. – Sie muß jetzt schon über die belgische Grenze sein. – Mein Gott, wann werde ich das erste Telegramm von ihr bekommen?« Madame Loursain: »Morgen früh.« Anatole: »Glaubst du wirklich?« Madame Loursain: »Aber natürlich.« Anatole: »Wenn sie mir nur überhaupt telegraphieren kann. Der schwarze Kerl bewacht sie wie ein Argus, er ist fortwährend auf der Lauer. Und wenn er nur den geringsten Verdacht auf sie hat – bums giebt es eine Ohrfeige. Sie muß sich wie ein Teppich von ihm ausklopfen lassen, das arme Geschöpf.« Madame Loursain: »Und auf dich hat er keinen Verdacht?« Anatole: »Nein, ich bin zu dick, er hat unbegrenztes Zutrauen zu mir, weil ich so dick bin und –« Madame Loursain: »Und das mißbrauchst du in dieser Weise?« Anatole: »Nun, das ist doch immer so.« Madame Loursain: »Und die ganze Geschichte macht dir also wirklich Vergnügen?« Anatole (fast weinend): »Sehe ich etwa aus wie ein Mensch, der glücklich ist? – O Gott, nein. Ich leide, ich leide ganz entsetzlich. Siehst du, meine liebe, gute Claire, ich leide so darunter, weil ich fühle, daß ich trotz meiner 50 Jahre, trotz meiner Glatze und meinem grauen Bart innerlich noch so verzweifelt jung geblieben bin. Ja, ich bin viel zu jung geblieben, ich bin immer noch wie ein grüner Junge. Alles macht Eindruck auf mich, alles reißt mich mit fort. Und du, mein liebes, einziges Frauchen, du hast dein ganzes Leben damit zugebracht, meine Dummheiten zu vertuschen, wieder gut zu machen und mir immer wieder zu verzeihen. Und du thust das mit einem Takt, einer Milde und einem Edelmut, der – –« (er hält ganz überwältigt inne). Madame Loursain (gerührt): »Anatole! Komm, mein Schatz, beruhige dich doch. (Pause.) – Liebst du sie denn wirklich so?« Anatole (feurig): »Ich bin ganz weg in sie. Sie ist so chic. Stelle dir eine Frau vor, die für 5000 Franks mit Rubinen und Smaragden besetzte Schildkröten auf der Brust trägt und an der Taille lauter schwarze Iris –« Madame Loursain: »Das ist jedenfalls dem Neger zu Ehren.« Anatole: »Und alles das mit soviel Geschmack. Sie ist das Originellste, was man sich denken kann. Verstehst du, was ich meine?« Madame Loursain: »O ja, sehr gut.« Anatole: »Und zu denken, daß sie jetzt fort ist, daß ich sie nicht einmal in Gedanken begleiten kann – Gerade das ist so schrecklich!« Madame Loursain: »Aber wenn du im Kursbuch nachsiehst – kannst du ihr doch in Gedanken folgen.« Anatole: »Das ist ein Gedanke. (Er fährt rasch aus dem Bett.) Wo ist denn das Kursbuch?« Madame Loursain: »In deinem Arbeitszimmer, auf dem kleinen Sekretär am Fenster.« Anatole: »Ich will es gleich holen. (Er steckt die Lampe an.) Bist du sehr müde, Claire?« Madame Loursain: »Nein, warum meinst du?« Anatole: »Weil ich dich bitten möchte, mir ein bischen beim Nachschlagen zu helfen. Ich kann mich in den verwünschten Dingern nie zurecht finden.« (Madame Loursain giebt keine Antwort. Sie setzt sich im Bett auf und ist mit Vergnügen bereit, mit ihrem Mann die Reiseroute des interessanten Flüchtlings von Paris nach Berlin zu verfolgen.) Die Mutter (Scene: die Wohnung des blutjungen Sekretärs Maxime Clavier, der von seinen Kollegen im Bureau des berühmten Advokaten Le Taon nur der »schöne Clavier« genannt wird. Es ist ein winziges Zimmerchen in Batignolles, Rue du Mont-Dore. Die Einrichtung besteht in einer hübschen Bibliothek, einem Schreibtisch von Nußbaumholz, drei ungleichen Stühlen und einem kleinen, gelbseidenen Sofa, das gewöhnlich mit Büchern, Papieren und Aktenstößen vollgepackt ist. Heute – es ist an einem Frühlingsnachmittag um halb sechs Uhr – liegen sämtliche Bücher und Papiere auf dem Boden und statt dessen sieht man auf dem Sofa eine Dame sitzen. Es ist Madame de Brauver, eine schon etwas angeherbstelte, aber immer noch dekorative Erscheinung. Ihre Frisur ist etwas derangiert und ihre Wangen glühen. Sie ist damit beschäftigt, ihre – etwas zu enge – Taille wieder zuzuhaken und den Samtkragen zu schließen.) Maxime: »Darf ich Ihnen nicht helfen?« Madame de Brauver: »Ja, aber seien Sie vorsichtig. Reißen Sie mich nicht an den Haaren, ich trage sie so niedrig aufgesteckt.« Maxime: »Wirklich, Sie haben einen wunderbar schonen Hals!« (Er läßt sie auf den Nacken.) Madame de Brauver (lächelnd) : »Also ich gefalle Ihnen?« Maxime: »Mehr wie ich sagen kann.« Madame de Brauver (im selben Tone fortfahrend) : »Und Sie fühlen sich jetzt glücklich?« Maxime: »Viel zu glücklich. Wollen Sie mir versprechen, mich nicht auszulachen, wenn ich etwas Dummes sage?« Madame de Brauver: »Gewiß.« Maxime: »Nun, ich bin so glücklich, daß ich am liebsten weinen mochte – es ist zu kindisch.« Madame de Brauver: »Aber durchaus nicht. Es beweist nur, daß Sie sehr sensibel sind.« Maxime: »Und nervös – entsetzlich nervös.« Madame de Brauver: »Ja, das ist wahr. Sie haben einen nervösen Mund, Ihre Lippen beben bei der geringsten Gemütsbewegung – das wirkt ungemein aufregend.« Maxime: »Wirklich?« Madame de Brauver: »O ja. – Wo sind meine Handschuhe?« (Sie bückt sich, um sie aufzuheben.) Maxime: »Machen Sie sich keine Mühe, ich bitte Sie – ich hebe sie Ihnen schon auf. (Er kriecht auf allen Vieren auf dem dürftigen, abgenutzten Teppich herum.) Madame de Brauver: »O lassen Sie nur, ich habe sie schon. Da sind sie! Danke sehr.« Maxime (erhebt sich wieder und blickt Madame de Brauver mit liebevoller Bewunderung an): »Wollen Sie schon gehen?« Madame de Brauver: »Ich muß.« Maxime: »Bleiben Sie noch – nur eine Minute.« Madame de Brauver: »Es geht nicht, ich habe ein Rendezvous um sechs und es ist schon dreiviertel.« Maxime: »Ein Rendezvous? mit wem denn?« Madame de Brauver: »Sind Sie eifersüchtig? – Jetzt schon?« Maxime: »Ja, ich bin eifersüchtig. – Was ist es für ein Rendezvous?« Madame de Brauver: »Mit Ihrem Chef – Ihrem berühmten und gefürchteten Chef. – Sie werden doch nicht etwa denken, daß ich Sie mit diesem Monstrum betrügen werde? – Um so mehr als –« Maxime: »Nun?« Madame de Brauver: »Als er für die Vertretung in meinem Prozeß eine geradezu enorme Summe verlangt hat (sie lacht mit Ostentation) , und da Sie sehen, daß ich gern zu diesem Opfer bereit bin, um – aber daran denke ich nicht, nein, ich denke wirklich nicht an mich selbst dabei.« (Maxime hat übrigens schon öfters von ihrem einstigen Verhältnis mit Alexis Kerva reden hören, einem gewissen Operettentenor, der sie sehr viel Geld gekostet haben soll.) »Nein, gewiß nicht – aber sehen Sie sich immerhin vor, der Chef ist sehr unternehmend.« Madame de Brauver: »Sie dürfen ganz ruhig sein. Übrigens kann ich sowieso keine häßlichen Männer leiden. Ein häßlicher Mann ist mir unsagbar zuwider.« (Sie bindet den Schleier um.) Maxime: »Wann sehen wir uns wieder?« Madame de Brauver: »Wann möchten Sie mich denn wiedersehen?« Maxime: »Sobald wie möglich – morgen?« Madame de Brauver: »Und wo?« Maxime: »Wo Sie wollen.« Madame de Brauver: »Also sagen wir, wieder hier. Es ist am sichersten.« Maxime (während er die Bücher und Akten wieder auf das Sofa niederlegt): »Ach, hier ist es so ungemütlich.« Madame de Brauver (zeigt auf eine Seitenthür): »Ist das Ihr Schlafzimmer?« Maxime: »Ja, aber –« Madame de Brauver: »Nun, was denn?« Maxime: »Ein Freund von mir, der vorübergehend in Paris ist, wohnt momentan bei mir. Ich konnte nicht gut anders, wie ihn aufnehmen.« Madame de Brauver: »Nun, und ist dieser Freund denn den ganzen Tag da? Geht er niemals aus?« Maxime: »O doch, aber er kann jeden Augenblick wieder nach Hause kommen, nicht wahr?« Madame de Brauver (sehr kühl): »Gut denn. Wenn Sie die Gesellschaft Ihres Freundes der meinen vorziehen, so bestehe ich natürlich nicht weiter darauf.« (Sie geht auf die Thür zu.) »Adieu!« Maxime (faßt sie um die Taille und sucht sie zurückzuhalten): »Lucy, liebste Lucy.« Madame de Brauver (macht sich los): »Nein, lassen Sie mich.« Maxime (drückt sie noch fester an sich): »Lucy, ich bitte Sie (leise) , ich flehe dich an, bleib – geh nicht im Zorn von mir fort. Ich versichre dich – ich schwöre dir, daß es nicht geht. Hörst du, was ich dir sage. Ich kann dich nicht in meinem Zimmer empfangen. Es ist einfach unmöglich. Komm, denk doch ein wenig nach. Glaubst du denn, daß, wenn es irgend möglich wäre – daß ich mir diese unsagbare Freude versagen würde?« Madame de Brauver: »Sie haben also eine Maitresse?« Maxime: »Nein.« Madame de Brauver: »Natürlich haben Sie eine Maitresse. Sie haben mich belogen, als Sie mir neulich sagten, daß Sie frei seien. – Wissen Sie noch, was Sie damals zu mir sagten, als Sie in Taons Wartezimmer anfingen, mir die Cour zu machen? oder haben Sie es schon wieder vergessen?« Maxime: »Ich habe Ihnen gesagt, daß ich Sie liebe und das ist auch wahr.« Madame de Brauver: »Sie haben mir aber auch gesagt, daß Sie noch nie ein Weib geliebt hätten – daß Sie ganz allein ständen – daß es ein gutes Werk sei, wenn ich Sie besuchen wollte, denn der »petit épicier de Montrouge« , von Francois Coppée gesungen, sei bei weitem nicht so interessant wie Sie, der kleine Advokat von Batignolles, der immer noch keine Prozesse zu führen hat. Kurz, Sie haben mir die Sache so dargestellt, daß ich mich wirklich entschlossen habe, Ihre vier Treppen hinaufzuklettern, erst einmal, dann noch einmal und dann heute wieder – heute – wo ich so thöricht gewesen bin, Ihnen alles zu gewähren.« Maxime: »Bereuen Sie es jetzt schon?« Madame de Brauver: »Beinah. Sie haben eine sehr eigentümliche Art und Weise, mir Ihre Dankbarkeit zu zeigen. Sie finden es augenscheinlich ganz selbstverständlich, daß Madame de Brauver – die Frau des Kommandanten Brauver – Ihnen ihre Tugend opfert, die sie bisher aufs strengste bewahrt hat. Sie bilden sich am Ende ein, weil mein Mann den Antrag auf Scheidung gestellt hat – dessen Grundlosigkeit Monsieur le Taon übrigens vor Gericht beweisen wird – daß ich mein Leben von jetzt an allen möglichen jungen Juristen von Paris widmen werde? – O da kennen Sie mich schlecht, mein Lieber. Was ich heute gethan habe, war eine Handlung, die ich selten – ich darf mit gutem Gewissen sagen – die ich noch nie in meinem Leben begangen habe.« Maxime: »Davon bin ich fest überzeugt. Vollkommen überzeugt! Derartige Gedanken liegen mir völlig fern. Meine schöne geliebte Lucy – geben Sie mir Ihre Hände, Ihre reizenden Hände – so – und hören Sie, was ich Ihnen sagen werde. Zuerst und vor allem bete ich Sie an – das glauben Sie mir doch, nicht wahr? Und dann – wenn ich Sie nicht so bei mir empfangen kann, wie Sie möchten und wie ich selbst es so brennend wünsche – so liegt es daran – sehen Sie, ich habe hier nicht allein zu befehlen – ich – (er zögert einen Augenblick) ich bin nicht allein.« Madame de Brauver: »Da haben wir's ja. Sie haben eine Maitresse, ich hab's ja gleich gesagt. Und es ist nicht schwer zu erraten, wer es ist. Natürlich diese Frau, die mir die Hausthür geöffnet hat, wenn ich kam – Sie hat mich so mißtrauisch und feindselig angesehen. Ich hab es mir gleich gedacht. Schon an der Art, wie sie mich von oben bis unten betrachtet hat. Ich kann Ihnen beim besten Willen keine Komplimente über den Gegenstand Ihrer Wahl sagen – sie ist wenigstens zwanzig Jahre älter wie Sie. Und dann – ein Dienstmädchen – Du lieber Gott. Ich verzichte darauf, mit dieser Küchenfee zu rivalisieren. Ich ziehe es vor, das Feld zu räumen.« (Sie macht Miene, zu gehen.) Maxime (folgt ihr, ohne sie länger zurückzuhalten): »Sie irren sich, Sie ahnen gar nicht, wie sehr Sie sich irren.« Madame de Brauver: »Nein, ich irre mich nicht. Mein Instinkt sagt mir, daß diese Frau keine gewöhnliche Dienstmagd ist, und sie muß früher sehr schön gewesen sein. Aber es steckt irgend etwas dahinter, ich bin ganz überzeugt davon. Wissen Sie noch, als ich vorgestern hier war, bat ich Sie um ein Glas Wasser, weil ich Durst hatte. Sie wollten durchaus nicht, daß ich dem Mädchen schellte. – Es wäre doch wirklich nichts dabei gewesen, ihr zu schellen und zu sagen: Bringen Sie ein Glas Wasser! Aber Sie wollten es durchaus nicht haben. Dann sind Sie selbst gegangen und haben das Wasser geholt. Ich begreife ganz gut, daß Sie dem Mädchen die Demütigung ersparen wollten, mich zu bedienen. – Es war übrigens meine Absicht, ihr eine kleine Freundlichkeit zu erweisen. Als ich das nächste Mal kam und sie mir wieder die Hausthür öffnete, habe ich ihr ein kleines Geldstück in die Hand gedrückt – es waren zehn Franks. Sie hat kein Wort gesagt, aber das Geldstück ist auf die Erde gerollt und sie hat es mit dem Fuß fortgestoßen – und dann –« Maxime (er ist leichenblaß geworden): »Sie haben meiner Mutter Geld angeboten?« Madame de Brauver: »Was – diese – diese Frau ist –?« Maxime: »Ja, es ist meine Mutter – meine elende, abscheuliche Eitelkeit hat mich daran gehindert, es Ihnen gleich zu sagen. – Diese Frau mit der blauen Schürze ist meine Mama. Und wollen Sie wissen wie es hat geschehen können, daß Sie sie für eine Dienstmagd gehalten haben? Nachdem sie Jahrelang mit der größten Aufopferung alles für mich hingegeben hat, bleibt ihr jetzt nichts mehr übrig, wie für mich zu arbeiten und mir ihren Stolz zum Opfer zu bringen – – und das thut sie Tag für Tag.« (Er hält inne, die Bewegung schnürt ihm die Kehle zu.) Madame de Brauver (verlegen) : »Es thut mir wirklich unendlich leid. Aber das konnte ich doch nicht ahnen.« Maxime: »Nein, das ist klar. Es ist einzig und allein meine Schuld – es wäre an mir gewesen –« (Er öffnet die Thür.) »Leben Sie wohl, Madame.« Madame de Brauver: »Adieu, mein Herr.« (Sie geht langsam die Treppe hinunter und wartet darauf, daß Maxime ihr nachstürzen oder sie zurückholen wird. Aber er denkt nicht mehr an sie. Er ist in die Küche gegangen und jetzt liegt er auf den Knieen vor einer einfach gekleideten Frau, die ihr Gesicht mit der Schürze verhüllt und leise weint. Er küßt ihr die roten, aufgesprungenen Hände und murmelt immer wieder): »Vergieb mir, Mama, vergieb mir.« Warum er nicht wollte (Luise Marain, 28 Jahre alt, schlank und schmächtig, mit blassem Gesicht und dunkelblauen Augen, unter denen tiefe Schatten liegen. Die Augenlider sind stark gerötet. Ihr Anzug ist einfach und schmucklos, aber sauber. Madame Savoncru, 47 Jahre, breites, rotes, lächelndes Gesicht, ein weißwollener Shawl in Form einer Kapuze über den graugesprenkelten, stark zurückgekämmten Haaren drapiert. Sie trägt eine große, blaue Schürze mit Taschen und einen Korb auf den Knieen. Die Scene spielt im Tramway, Linie la Villette-Champs Elysées an einem Herbstabend um acht Uhr. Der Wagen hält an der Ecke des Boulevard Malesherbes und der Kondukteur ruft die Nummern ab: 74, 75, 76, 77 –«) Luise: »78? – da.« (Sie reicht ihm das Billet, steigt rasch ein und setzt sich auf den einzigen, noch leeren Platz neben Madame Savoncru, die sie anfangs gar nicht bemerkt.) (Madame Savoncru berührt leise ihren Arm): »Nun, ist man so stolz geworden, daß man seine alten Freunde nicht mehr kennt?« Luise: »Ach, Sie sind's, Madame Savoncru? Nein, das hätt' ich wirklich nicht gedacht. – Wie geht es Ihnen denn?« Madame Savoncru: »Nun, es könnte schlechter gehen. Ich hab' mich nicht zu beklagen. Immer gut bei Appetit – wenn ich nur nicht so dick wäre. Aber was wollen Sie? Man muß sich halt so aufbrauchen wie man ist, nicht wahr?« (Sie lacht.) Luise (lächelnd): »Nun, freilich. – Und wie geht das Geschäft?« Madame Savoncru: »O, so so, la la. – Man frettet sich eben so durch.« Luise: »Und Ihre Tochter?« Madame Savoncru: »O, die ist noch ganz wie sonst. Immer mit der Nase in den Büchern. Sie sieht und hört nichts anderes. Sie will jetzt als Lehrerin an irgend eine Staatsschule. Die schwierigste Stellung, die man sich denken kann, glaube ich. Aber das schreckt sie nicht ab.« Luise: »Aber sie muß sich doch beinah den Kopf zerbrechen?« Madame Savoncru: »Nun, sie will es ja nicht anders, grade das macht ihr Freude. Mein Mann und ich hätten es lieber gesehen, daß sie uns im Laden die Kasse geführt hätte. Aber mein Gott, man ist doch nicht dazu da, seine Kinder unglücklich zu machen. Wenn sie es nicht durchsetzt, ist das Unglück ja schließlich nicht so groß. Wir haben dann wenigstens nicht die Verpflichtung, sie zu trösten, Savoncru und ich.« Luise (nachdenklich, ohne jede Bitterkeit): »Sie hat doch gute Eltern, Ihre Tochter, sie ist wirklich gut daran.« Madame Savoncru (zögernd): »Haben Sie – Ihre Tante schon lange nicht mehr gesehn?« Luise: »Seit zwei Jahren nicht mehr – seit –« Madame Savoncru: »Seit Sie nicht mehr bei ihr wohnen?« Luise: »Ja. Wie geht es ihr denn?« Madame Savoncru: »O ich glaube ganz gut. Aber wir sprechen uns selten – das heißt so gut wie gar nicht – guten Morgen – guten Abend – es regnet – schönes Wetter heute – das ist alles. Sie hat ihre Arbeit und ich auch, da ist keine Zeit zum schwätzen. (Kurze Pause.) Sind Sie denn immer noch bös miteinander? Luise: »Nein – es ist nur –« Madame Savoncru: »Sie wollen nichts mit ihr zu thun haben?« Luise: »O ich habe gar nichts gegen sie, aber – es ist nur, weil Viktor – aber wozu soll ich Ihnen alles das erzählen? Es hat ja keinen Zweck.« Madame Savoncru: »Aber vielleicht thut es Ihnen gut, einmal darüber zu sprechen.« Luise (wendet sich ab): »O Madame Savoncru.« Madame Savoncru: »Nun freilich – Kleine – freilich – man braucht ja nur Ihre Augen anzusehen. Man sieht Ihnen an, daß Sie öfter weinen wie lachen. – Gehn Sie, ich kann es mir ja sowieso denken, wie die Geschichte ist. Er hat Sie schließlich doch nicht geheiratet – Ihr schöner Viktor – ist es nicht so?« Luise (senkt den Kopf). Madame Savoncru: »Nun, und was weiter? Das ist mir 'ne schöne Geschichte. Und jetzt sitzen Sie da, und es ist zu spät. – Es ist immer ein Glücksfall, wenn der Mann einen nicht sitzen läßt. Wenn ich Savoncru vor der Hochzeit nachgegeben hätte, wäre es mir ebenso gegangen. Er hätte mir ein Kind angehängt, und der Myrtenkranz wäre zum Teufel gewesen. Aber Savoncru ist ein anständiger Mensch.« Luise (lebhaft): »Das ist Viktor auch. Er kann es nur nicht leiden, wenn man ihn zu etwas zwingen will. Er hat eben seinen eigenen Kopf. Und wenn man ihm etwas aufzwingt, wird er wild. Tante ist ihm in die Quere gekommen.« Madame Savoncru: »Weshalb denn?« Luise: »Weil – Wissen Sie noch, damals, wie er mich immer besuchte – Madame Savoncru: »O, ich erinnere mich noch, als ob es gestern gewesen wäre.« Luise: »Er hatte einen ganz schönen Verdienst – 10 Franks pro Tag. Und ich brachte es bei Mlle. Cordely auf 5 Franks 60. Wir wären gar nicht schlecht dran gewesen, wenn wir geheiratet hätten. Ich hatte angefangen Modellrüschen und Jabots zu machen, die ich mir selbst ausdachte – so was wird sehr gut bezahlt. Ich wäre nie in Verlegenheit um Näherei gewesen, ich kann auch ganz gut schneidern, ich würde es nicht gerade riskieren, ein elegantes Jackett zu machen, aber eine Bluse oder meinetwegen auch einen Umhang bringe ich ganz gut fertig. Ich will mich damit nicht rühmen, aber es ist wirklich wahr, Madame Savoncru.« Madame Savoncru: »Ja, ich weiß, Sie waren immer so geschickt, aber warum ist denn die Heirat nicht zustande gekommen?« Luise: »Mein Gott – das Unglück hat es gewollt, daß Viktor eine Erbschaft machte. Es war ja nicht viel, so ein paar hundert Franks. – Also an einem Freitag Abend kommt er wie gewöhnlich zu uns. Aber er war nicht so lustig und nett wie sonst, er sah ganz sorgenvoll aus. »Es ist zu dumm«, sagte er, »aber nun werde ich hinreisen müssen wegen der Erbschaft von meinem Onkel Scipio«. »So«, sagte meine Tante, »war der Herr Onkel wohlhabend?« »O, ein paar 1000 Franksscheine werden wohl dabei herauskommen«, sagt Viktor. Er wußte natürlich noch gar nicht, wieviel es war, er sagte das nur so, weil er es selbst hoffte. »Also dann wünsche ich Ihnen gute Reise und fröhliche Rückkehr«, sagt meine Tante. Dann ging ich eine Flasche Weißwein und einen Liter Kastanien holen, und eine Stunde später ging er ganz wie immer fort. Es ging alles ganz anständig zu – – ich will mich nicht damit rühmen, aber damals wär ich ihm schön gekommen, wenn er keinen Respekt vor mir gehabt hätte.« Madame Savoncru: »Also ganz wie ein Mann, der weiß, was sich gehört – nicht wahr, Luise?« Luise: »Ja, so war er damals wirklich. Aber kaum ist er die Stiegen herunter, so fängt meine Tante an, »na, du wirst schon sehen«, sagt sie mir, »wie der sich aufspielen wird, wenn er erst das Geld hat, der Hanswurst. Da magst du nur zuschauen, wo du bleibst.« Und dann fängt sie an mir alles mögliche über ihn zu erzählen. – Aber es war mir ganz egal. Ich bin nun einmal so, wenn ich jemand gern hab', ist es mir ganz einerlei, was die andern über ihn reden.« Madame Savoncru: »Mir geht es ebenso. Ich bin ganz dumm mit meiner Vertrauensseligkeit. Es ist noch keine zehn Jahr her, seit ich angefangen habe, den Leuten nicht mehr zu borgen. Früher war ich immer gleich damit bei der Hand. Aber die Kunden sind nicht so zart wie man denkt. Nun und dann?« Luise: »Also ich gehe am nächsten Morgen ins Atelier. Es war gerade nicht viel zu thun und so kam ich schon um sechs Uhr wieder nach Haus. Die Thür ist verschlossen. Ich frage die Nachbarn, aber niemand wußte, wo meine Tante war. Dann geh ich zur Portiersfrau: »Wo ist denn meine Tante?« »Sie wird gleich wiederkommen«, sagt die, »da ist sie ja schon«. Und wirklich, sie kam gerade zurück und machte ein ganz komisches Gesicht. »Wo kommst du denn her?« frage ich. – »Ich komme von Viktor.« »Was wolltest du denn bei ihm?« – »Ich hab' deine Sachen hingebracht.« »Meine Sachen, was soll das heißen?« ich war ganz konfus. »Du hast meine Sachen zu Viktor getragen?« – »Ja.« – »Aber wozu?« Madame Savoncru: »Ja, was sollte denn das?« Luise: »Um mich mit ihm zusammenzubringen, verstehen Sie? Sie hatte genug davon, meine Mutter zu spielen, und weil ich den ganzen Tag für mich arbeitete um zu heiraten, so warf sie mich einfach heraus – das war die ganze Geschichte. Sie schickte mich ihm auf den Hals. Sie glaubte, er wäre dadurch gezwungen, seine Pflicht zu thun. – O Gott, wie hab' ich damals geweint. Auf den Knieen hab' ich vor ihr gelegen, Madame Savoncru, auf den Knieen. »Tante, Tante, schick mich nur nicht fort. Wo soll ich denn hin? Ich hab' weder Vater noch Mutter, ich hab' niemand auf der Welt wie dich, schick mich nicht fort.« Aber sie wollte nicht hören. »Geh du nur zu ihm, wenn er dich heiratet, ehe er seine Erbschaft hat, muß er dich nachher auch behalten. Geh zu ihm, sag ich dir.« – Dann hat sie mich zur Thür hinausgestoßen. Ich war schlimmer dran wie ein verlaufener Hund. Zwei Stunden lang hab' ich auf der Straße gestanden und geweint. Dann bin ich gelaufen, immer weiter gelaufen wie eine Wahnsinnige, mitten in der Nacht. Um Mitternacht bin ich dann schließlich wieder zu meiner Tante gegangen. Sie hat mich nicht eingelassen. Und dann ging ich zu Viktor. Er schlief schon. Auf seiner Kommode lagen meine Kleider, meine Unterröcke, all meine Sachen. Als ich das sah, kam es mir vor, als ob es die abgelegten Kleider meines einstigen Selbst, die Kleider einer andern Luise seien, die jetzt gestorben war. – Dann wurde ich ohnmächtig.« – (Sie kann vor Bewegung nicht weiter sprechen.) Madame Savoncru (mit Thränen in den Augen): »Armes Kind – und warum hat Viktor? –« Luise: »Ich hab' es Ihnen ja schon gesagt. Es hat ihn geärgert, daß man ihn zwingen wollte. »Wir werden heiraten, wenn ich will, wenn es mir paßt, und es ist nicht gesagt, ob es mir überhaupt paßt«, das kriege ich jetzt alle Tage zu hören.« Madame Savoncru: »Aber glauben Sie nicht, daß er es doch schließlich thun wird – wegen den Kindern. Wenn Sie schon zwei haben, mein Gott, wegen den Kindern wird er es doch thun.« Luise: »Ich hab' doch nur die Kleine.« Madame Savoncru (wirft einen vielsagenden Blick auf ihre Taille): »Und eins unterwegs?« Luise: »In vier Monaten.« Madame Savoncru (steht auf): »Da sind wir schon an der Place Blanche. Ich muß aussteigen – ach Gott, es ist wirklich ein Elend. Was haben wir Frauen überhaupt von unserm Leben? es ist nicht der Mühe wert. Also adieu. Nur Mut und viel Glück! Geben Sie mir die Hand. – (Sie schütteln sich die Hände.) Haben Sie noch weit bis zu Haus?« Luise: »'Ne halbe Stunde.« Madame Savoncru (im Hinausgehen): »Ist es Ihnen nicht langweilig, so lange allein zu fahren?« Luise: »O nein, ich habe zu viel zu denken.« Er (Es ist am 1. Januar um die Mittagszeit. In dem Eßzimmer der kleinen – mehr wie bescheiden eingerichteten – Wohnung, Rue Pavée, ist es schon so dunkel, daß man die Hängelampe angesteckt hat. Madame Boisil, 39 Jahre alt. Obgleich ihr Gesicht durch Blatternarben entstellt ist, sieht man noch, daß sie früher sehr schön gewesen sein muß. Ihre Zähne sind weiß und frisch geblieben und ein mildes Lächeln spielt um ihren Mund. Martha Boisil, ein großes üppiges Mädchen von 18 Jahren. Die dichten schwarzen Augenbrauen verleihen ihrer Stirn einen eigensinnigen Ausdruck. In ihrem ganzen Wesen liegt etwas Freimütiges, Entschlossenes, fast Brüskes. Lily, 5 Jahre alt; ein schlankes, graziöses Kind. Sie hat etwas von einer weißen Maus mit ihrem aufgeweckten Gesichtchen, in dem ein paar kleine schwarze, boshafte Augen funkeln. Madame Boisil und Martha sind damit beschäftigt, den Tisch zu decken. Lily ist auf einen Stuhl gestiegen, um besser zusehen zu können.) Madame Boisil (tritt etwas zurück, um den Effekt zu beurteilen): »So, wenn wir jetzt noch Blumen hinstellen, ist es gar nicht so übel.« Martha: »Ja, Blumen müssen wir noch haben und dann die Karaffen, Mama.« Madame Boisil: »Das ist wahr, die Karaffen hab' ich ganz vergessen – unsere schönen geschliffenen Karaffen. Hol' sie doch gleich – willst du, Liebling?« Lily (klettert von ihrem Stuhl herunter): »Ach, laß mich, Mama, laß mich.« Madame Boisil: »Nein, mein Schatz, du bist noch zu klein, du machst sie mir kaput.« Lily: »Nein, nein, ich mach' sie nicht kaput.« Madame Boisil: »Doch, du könntest sie zu leicht zerbrechen.« Lily: »Ach bitte, Mama, ich zerbrech' sie gewiß nicht.« Martha: »Gott, ist die kleine Krabbe eigensinnig. Wenn man dir doch sagt, daß du sie kaput machst! Wirst du wohl die Hände davon lassen? – Na, ich danke, Mama würde schön traurig sein, wenn ihrem Service etwas passierte.« Lily: »Traurig? Mama, würdest du weinen?« Madame Boisil (lächelnd): »O, die Mamas weinen nicht so leicht, das thun nur die kleinen Mädchen.« Lily (gekränkt, mit einem Seitenblick auf Martha): »Die großen Mädchen auch, Mama – nicht wahr, Martha?« Martha (zerstreut): »Was denn?« Lily (wie vorhin): »O du weißt schon, heute morgen, als ich au dein Bett kam, um dir fröhliches Neujahr zu wünschen – da hast du furchtbar geweint.« Martha (errötet heftig): »Geh doch, du Dummes, das ist ja nicht wahr.« Lily: »Doch ist es wahr.« Madame Boisil: »Was hattest du denn, Martha?« Martha: »Aber nichts, Mama, gar nichts.« Lily: »Und dann hast du gesagt: ›Er kommt nicht, du wirst sehen, Lily, er kommt nicht.‹« Madame Boisil: »Was, du hattest Angst, daß er nicht kommen würde? Aber er hat es uns doch versprochen.« Martha (bitter): »O, es wäre ja nicht das erste Mal gewesen, daß er sein Versprechen bricht.« Madame Boisil: »Nun ja, an andern Tagen vielleicht. Aber am Neujahrstag – –« Martha: »Wie war es denn voriges Jahr?« Madame Boisil: »Voriges Jahr war er krank.« Martha (ironisch): »Hast du das wirklich geglaubt?« Madame Boisil: »Ja. – (Pause.) Wie kannst du überhaupt in diesem Ton von deinem Vater sprechen?« Martha: »Wieso in diesem Ton? Ich spreche nicht anders wie sonst.« Madame Boisil: »Du scheinst es selbst nicht zu merken, aber seit einiger Zeit liegt ein ganz eigentümlicher, beinah scharfer Ton in deiner Stimme, wenn von ihm die Rede ist. Und dann dein Gesicht. Du solltest nur selbst einmal sehen, was für ein Gesicht du dabei machst! – Nein, mein Kind, das ist nicht recht von dir.« Martha: »Es thut mir sehr leid, Mama, aber es ist wirklich ganz unwillkürlich.« Madame Boisil: »Das glaube ich dir gern. – Aber du weißt doch, daß er dich ganz besonders lieb hat. Du bist nicht diejenige, die sich über ihn zu beklagen hat.« Martha: »Wenn ich es wäre, würde ich wahrscheinlich gar nichts sagen. – Ich würde deinem Beispiel folgen – oder doch wenigstens versuchen, so wie du alles ohne ein Wort der Klage hinzunehmen. Aber ich weiß nicht, ob ich deinen Mut hätte.« Madame Boisil (mit einem bedeutsamen Blick auf Lily): »Sieh dich vor, Martha.« Martha (zu Lily) »Lily, willst du mir einen Gefallen thun?« Lily (eifrig): »Was denn?« Martha: »Geh in mein Zimmer und paß auf, wenn Papa kommt. Wenn du den Wagen vor unserm Hause halten siehst, so komm schnell und sag mir Bescheid.« Lily (mißtrauisch): »Warum willst du mich fortschicken?« Martha: »Damit ich die Austern aufmachen kann, ehe Papa da ist, du Närrchen.« Lily: »Giebt es heut Austern zum Frühstück?« Martha: »Austern, junge Hühner und Crême.« Lily: »Und Kuchen dazu?« Martha: »Ja.« Lily: »Viele Kuchen, von den kleinen gelben, die so knacken?« Martha: »Ja, und dann noch Waffeln und Konfekt.« Lily (hüpft vor Freude): »O wie schön.« Madame Boisil: »Du hast also Austern bekommen?« Martha: »Ich habe darum geschrieben. Es sind Colchester, das Dutzend zu sechs Franks. Hier in unserm Viertel sind sie gar zu teuer – und da Austern das einzige sind, was er wirklich gern ißt – –« Madame Boisil: »Da hast du recht gethan, mein Kind.« Martha: »Ich hoffe nur, daß sie gut sind, und daß er es nicht bereuen wird, mit uns zu frühstücken.« Madame Boisil (vorwurfsvoll): »O Martha, fängst du schon wieder an?« Martha (erfaßt ihre beiden Hände): »Ja, Mutter, laß mich heute einmal reden. Es muß heraus, ich kann es nicht mehr hinunterschlucken.« Madame Boisil (mit traurigem, resigniertem Blick): »Nun so sprich – ich höre.« Martha: »O nicht so, Mama, sieh mich wieder freundlich an mit deinen guten Augen. – (Sie faßt die Hände ihrer Mutter und preßt sie gegen ihr Herz.) Fühlst du, wie es schlägt? Weil ich so Angst habe – so furchtbare Angst, meiner süßen Mama Kummer zu machen. – So – darf ich jetzt wirklich sprechen – willst du mich auch wirklich anhören?« Madame Boisil: »Ja, sprich nur.« Martha: »Gut – also – sieh Mama, ich kann mich nicht an den Gedanken gewöhnen, daß Papa eine andere Frau hat wie dich, daß er eine kleine Tochter hat, die nicht meine Schwester ist. Ich kann mich nicht darein finden, daß er reich, sehr reich ist, während wir uns so einschränken müssen. Es kommt mir so ungerecht, so grausam, so empörend vor.« Madame Boisil: »Aber Martha, mein liebes Kind –« Martha: »Warum hast du damals vor vier Jahren in die Scheidung gewilligt? Ich bitte dich, sag mir, warum?« Madame Boisil: »Um ihn glücklich zu machen. Er liebte eine schöne, reiche, junge Frau und sie liebte ihn. Sie war frei und niemand hatte ihr etwas vorzuwerfen – ich war das einzige Hindernis, das zwischen ihnen stand. – Du hättest ebenso gehandelt wie ich.« Martha (aus tiefster Seele): »Nein – ich hätte meinem Mann gesagt: als du mich heiratetest, war ich ebenso schön, ebenso jung, ebenso reich wie jene andere. Dein Leichtsinn hat mich um mein Vermögen gebracht, die Krankheit hat mich entstellt und die Zeit hat mich gealtert. Meine Treue und meine Liebe sind unverändert geblieben, um so trauriger, wenn dir das nicht mehr genügt. Aber ich hab' dich lieb, du gehörst mir, und ich will nicht von dir lassen.« Madame Boisil: »O, das hättest du sicher nicht gesagt. Auf ein so elendes Glück hättest du ebenso wie ich lieber ganz verzichtet. Was hat es denn für einen Wert, einen Mann mit Gewalt an sich zu fesseln, der nur an eine andere denkt und sich nach ihr sehnt. Nein, das wäre die furchtbarste Qual, die man sich denken kann. Glaube mir, es ist tausend Mal besser, sich die Liebe gewaltsam aus dem Herzen zu reißen, als sie langsam und unter tausend Nadelstichen verbluten zu lassen.« Martha (mit harter Stimme): »Aber für uns, um unserer Zukunft willen hattest du lieber alles ertragen sollen, wie in die Scheidung willigen.« Madame Boisil: »Und ihr hättet alles das mit ansehen sollen? – diese fortwährenden Kämpfe, diese ewigen Streitereien – das ganze unheilbare Zerwürfnis zwischen uns? Was für ein Beispiel wäre das für euch gewesen! – Nein, das habe ich euch ersparen wollen.« Martha: »Und deshalb hast du uns unseren Vater genommen?« Madame Boisil: »Weil ich hoffte, daß er euch dann wenigstens ein Freund bleiben würde.« Martha: »Und du glaubst, daß Papa jetzt wirklich ein Freund für uns ist. Sieh ihn doch an, wenn er jetzt kommt – mit verlegenem, mürrischem Gesicht, wie ein Schuldner, der seinen Gläubigern Rechenschaft abzulegen hat. Lily fliegt ihm um den Hals, er berührt ihre Stirn kaum mit den Lippen – ich stehe daneben und sehne mich nach einem liebevollen Wort, und dann sagt er höchstens: Du wirst ja immer dicker, es ist wirklich unglaublich. – Und du selbst – er reicht dir die Hand und blickt dabei fort, um deine Blatternarben nicht zu sehen. Und weil er sehr wohl fühlt, daß all die glänzenden Ringe an seinen weißen, wohlgepflegten Händen, daß sein schöner Pelz und seine elegante Kleidung in diesem dürftigen Zimmer hier peinlich wirken, wird er uns erzählen, daß er bis an den Hals in Geldverlegenheiten steckt, daß wir mit unseren 300 Franks im Monat eigentlich viel besser daran sind wie er mit seinen 500 000. – Ist es nicht so, Mutter, sag doch, ist es nicht so?« Madame Boisil (in Thränen ausbrechend): »Wenn du wüßtest, wie grausam du bist, mein armes Kind.« Lily (kommt voller Freude hereingesprungen): »Papa kommt, Papa kommt, Papa kommt.« Martha (mit erzwungener Ruhe): »Ah, kommt er wirklich schon? Das ist ja merkwürdig früh. – Komm Lily, wir wollen die Austern aufmachen.« Lily: »Nicht wahr, du giebst mir die obere Schale. Da ist immer noch ein bischen drin.« Martha: »Ja, du Leckermaul.« Madame Boisil (mit leiser, flehender Stimme): »Martha, nicht wahr, du bist freundlich gegen ihn – trotz alledem – ich bitte dich, sei nicht unfreundlich gegen deinen Vater.« Martha: »Du darfst ganz ruhig sein, Mama. (Plötzlich fällt sie ihrer Mutter um den Hals und küßt sie wie wahnsinnig.) Weine nur nicht, Mama, du sollst nicht weinen. Verzeih mir, daß ich dir deine kleine Freude verdorben habe. Es war unrecht von mir. Man soll so lieben können wie du. Ich bete dich an, meine süße Mama, und ich bin so stolz auf dich.« (Es klingelt. Lily stürzt davon, um die Thür zu öffnen. Die beiden Frauen blicken sich tief bewegt an und lächeln. Dann hört Martha, wie ihre Mutter, vor Glück bebend, leise vor sich hin murmelt): »Er ist da – er ist wirklich da.« Hinter den Coulissen (An einem Winterabend um halb neun, im obersten Stockwerk der »Gaîtés Champetres« . Ein kleines Zimmer am äußersten Ende eines langen Korridors. Es ist die Garderobe der fünf Tänzerinnen, deren Namen mit Kreide an der Thür angeschrieben sind: Paèle Rémy Achart Folain Bernale Paèle und Rémy treten ohne besondere Eile ein. Sie haben noch Zeit genug. Beide sind dunkel gekleidet, mit großen, extravaganten Hüten. Ein müder Zug liegt auf den jungen Gesichtern. Sie lassen sich, jede vor ihrem Schminktisch, nieder, auf dem noch die fettigen, mit roten und schwarzen Farbflecken bedeckten Servietten liegen.) Paèle (reckt sich und gähnt): »Ah – Aaaaaaah –« Rémy (macht ihr nach): »Ahaaaaaah. – Du steckst mich an mit deiner Gähnerei.« Paèle: »Herrgott, bin ich müde. (Sie gähnt wieder.) Ich gäbe, Gott weiß was darum, wenn ich einen Augenblick schlafen könnte.« Rémy: »Nun, so thu' es doch, dich hindert ja kein Mensch daran. Es ist noch Zeit genug.« Paèle: »Ach nein, vom schlafen wird mir erst recht schlecht. Ich hab' schon solche Magenschmerzen.« Rémy: »Magenschmerzen?« Paèle: »Ja, so arg, daß ich mir Mühe geben muß, nicht laut aufzuschreien.« Rémy: »Mir geht es ebenso mit den Füßen. Ich. glaube, sie würden einfach brüllen, wenn sie könnten.« Paèle: »So thu doch ›Eau Sédatives‹ darauf.« Rémy: »Ach, das hilft mir schon längst nicht mehr. Aber man hat mir gesagt, Tomaten wären gut für Fußschmerzen.« Paèle: »Frische?« Rémy: »Natürlich frische. Bei den eingemachten weiß man nie, was drin ist. Nein, danke schön, da hätt' ich zu viel Angst. Aber frische Tomaten, als Pflaster unter den großen Zeh gelegt, sollen Wunder thun.« Paèle: »Hast du es denn schon versucht?« Rémy: »Nein, ich bekomme sie erst. Ich habe Bernale gebeten, mir welche zu besorgen. Sie bringt sie heute Abend mit.« Paèle (während sie ihre Bluse auszieht): »Wenn sie nur welche bekommt. Um diese Jahreszeit ist es gar nicht so leicht, Tomaten sind doch eigentlich eine Sommerfrucht.« Rémy: »O, sie findet gewiß welche. Ich bin überzeugt, daß sie ganz Paris danach abläuft.« Paèle: »Ja, das ist gewiß, Bernale ist sehr gefällig.« Rémy (während sie ihr Korsett ablegt): »Und so gut. Es ist unglaublich, wie jemand so gut sein kann, ohne einen damit zu langweilen. Sie ist die Beste vom ganzen Theater – auch in Bezug auf die Moral.« Paèle: »Offen gesagt, anfangs hab' ich nicht recht an ihre Tugend geglaubt.« ( Sie fängt an, sich zu schminken .) Rémy: »Ich auch nicht. Sie hat zu schöne Beine und ihr Busen ist so chic. Ich hab' mir oft gesagt, es ist unmöglich, daß sie mit alle dem nur ihren Mann beglückt.« Paèle: »Und noch dazu ist er gar nicht so anziehend, dieser magere kleine Gustav. Er sieht so gerupft aus.« Rémy: »Und so schmächtig. Er ist der schwächste von all unsern Maschinisten.« Paèle: »Und sie hat doch so viel Geschmack und ist so hübsch.« Rémy: »Nun freilich – – da kommt Achart.« ( Achart ist ein hübsches Mädchen mit kecker Stumpfnase. Sie trägt einen ungeheuren Rembrandthut und ein viel zu elegantes Cape von dunkelrotem Samt.) Achart: »– Abend, meine Damen.« Paèle und Rémy: »– Abend, Achart.« Rémy (die gerade dabei ist, sich die Nasenlöcher zu schminken): »Donnerwetter, du hast ja ein neues Cape an.« Achart: »Wie du siehst. Chic, nicht wahr?« Paèle: »Es ist viel zu groß für dich. Es schneidet dich so in der Mitte durch. Bei kleinen Figuren sehen solche lange Dinger nicht gut aus.« Achart (gekränkt und spöttisch): »Findest du wirklich? Sag doch lieber gleich, daß es zu grün ist.« Paèle (naiv): »Grün? aber es ist doch rot. Ich kann es übrigens nicht leiden, wenn man in Rot auf der Straße geht. Es ist so ordinär und cocottenhaft. Ich geh' niemals in Rot aus.« Achart: »Du setzt dich halt lieber in Rot ans Fenster. Das ist jedenfalls bequemer.« Paèle (drohend): »Was sagst du da? sag das nicht noch einmal.« Rémy (vermittelnd): »Na, fangt nur nicht gleich mit eurem Krakehl an. Ihr habt noch den ganzen Abend Zeit, euch die Augen auszukratzen.« (In diesem Augenblick erscheint Folain. Sie sieht aus wie eine Zeichnung von Gerbault in der »Vie parisienne , schlank und dabei doch voll, mit einem reizenden runden Gesichtchen.) Folain: »– Abend, meine Damen.« Alle: »– Abend, Folain.« Folain: »Ihr seid schon geschminkt? Ist es schon so spät?« Rémy: »Fünf Minuten vor neun.« Folain: »Hat es schon zum erstenmal geklingelt?« Paèle: »O schon lange.« Folain (wirft ihren Mantel auf einen Stuhl): »Herrgott, da muß ich eilen.« (Sie kleidet sich hastig aus.) Rémy: »Sag doch, Folain, hast du Bernale nicht getroffen?« Folain: »Ja, sie ist drunten bei der Portiersfrau und giebt ihrer Kleinen die Brust. Wenn das Kind schläft, kommt sie gleich herauf.« Rémy: »Hat sie dir nicht gesagt, ob sie Tomaten für mich bekommen hat?« Folain: »Nein, gar nichts. – Übrigens, da wir gerade bei Bernale sind, habt ihr die große Neuigkeit schon gehört?« Alle: »Nein, was denn?« Folain: »Da muß ich es euch doch schnell erzählen, eh sie kommt. Denkt euch, es hat sich jemand in sie verschossen.« Paèle: »O, das wär nicht der Erste.« Achart: »So schweig doch – immer muß sie unterbrechen.« Rémy: »Bitte, von wem sprichst du?« Paèle (zu Rémy und Achart): »So laßt Folain doch erzählen. Ihr könnt euch ja nachher immer noch die Augen auskratzen.« Folain (das ganze Gesicht voll Cold-Cream, erzählt rasch weiter): »Also – ganz gewiß ist es nicht der Erste, der sich in Bernale verknallt, aber so was Nobles findet man nicht alle Tage auf der Straße. Denkt euch nur, ein Prinz, ein wirklicher Prinz, und Geld hat er auch und jung und hübsch ist er.« Rémy: »Du kennst ihn?« Folain: »Warte nur – also, er sieht Bernale im Ballett –« Rémy: »In welchem?« Folain: »Bacchis – weißt du noch, sie war als weiblicher Faun und sah entzückend aus mit den Ziegenfellhöschen und dem rosa Tricot, mit ihren bloßen Armen und den kleinen Füßchen. – Kurz, der Prinz ist ganz weg. Er kann nicht mehr schlafen, er ist ganz krank. Es läßt ihm keine Ruhe mehr, er muß sie absolut haben.« Paèle: »Der arme Kerl.« Folain: »Er schreibt ihr, schickt ihr die riesigsten Bouquets, kurz, der ganze Klimbim. Aber sie reagiert auf nichts. Das ärgert ihn, er ist es nicht gewöhnt, abgewiesen zu werden, denkt euch doch, ein Prinz! Der kann sich so was doch nicht gefallen lassen. Er zieht also Erkundigungen ein, und als er erfährt, daß seine Flamme die Frau eines Maschinisten ist, die zwischen den Proben und Vorstellungen kocht, wäscht und ihr Baby stillt, ist er ganz wütend darüber, daß sie nicht mit ihm anbändeln will. Und nun denkt euch, was er thut.« Rémy: »Geschwind, Bernale wird gleich kommen.« Folain: »Also, er läßt sich Lina de Mézidon vorstellen, ihr wißt doch, diese chice Cocotte, die in den nächsten Tagen bei uns als Prima Tourta debütieren soll. Unter dem Vorwand, mit Mézidon zu plaudern, wird er also hinter die Coulissen kommen, aber in Wirklichkeit nur, um Bernale die Cour zu machen. – Versteht ihr – das wird fidel werden.« Achart: »Und wer weiß, ob nicht für uns andern auch etwas dabei herausspringt – zum Beispiel für dich, Folain.« Folain (harmlos): »Für mich oder irgend eine von den andern. Das ist Glückssache. Das große Los kann jeder gewinnen.« Paèle: »Ja, aber einstweilen hat Bernale die meiste Aussicht.« Rémy: »Nun, ihr wißt doch, daß sie sich auf so etwas nicht einläßt. – Aha, da kommt sie.« (Bernale kommt wie ein Wirbelwind hereingestürzt. Sie ist wirklich ein auffallend schönes Geschöpf mit ihrem rosigen, blühenden Gesicht und dem vollen blonden Haar. Bernale: »– Abend, meine Damen.« Alle: »–Abend, Bernale,« Rémy: »Du kommst noch gerade zur rechten Zeit, hast du meine Tomaten?« Bernale (giebt ihr ein Paket): »Da sind sie.« Rémy: »O, das ist lieb von dir. Sind sie auch recht weich?« Bernale: »Ich hab' die besten genommen, die ich finden konnte. Aber teuer sind sie. Sechs Sous das Stück. Ich war ganz entsetzt und hab' so lange gehandelt, bis die Gemüsefrau sie mir etwas billiger gelassen hat – sechs Stück für 35 Sous. Da ist die Rechnung.« (Sie hält Rémy ein zerknittertes Stück Papier hin.) »Höre mal, das ist ein teures Pflaster. Ich weiß schon, wenn man Schmerzen hat, denkt man nicht daran, was die Mittel kosten – aber immerhin 35 Sous!« (Damit fängt sie rasch an, sich zu entkleiden. Als sie die Taille auszieht, kommt ein grauleinenes Korsett, wie die Ammen es tragen, zum Vorschein. Das Hemd ist von grobem Stoff, aber blendend weiß. Dann läßt sie den schwarzwollenen Unterrock fallen. Die andern sehen ihr nachdenklich und aufmerksam zu.) Rémy: »Wie geht es denn der Kleinen?« Bernale: »O, sie schläft. Sie war so artig heute! Denk dir, sie hat den ganzen Tag nur viermal zu trinken verlangt. Da bin ich ganz schön mit meiner Wäsche fertig geworden. Das Asyl Ein großes, niedriges Gebäude am Montparnasse, dicht bei den Festungswällen. Das Haus macht einen freundlichen, hellen Eindruck. Zu beiden Seiten der Thür sind weiße Marmortafeln angebracht, die in goldenen Buchstaben die Inschrift tragen: »Arbeitsasyl für schwangere Frauen«. Mlle. Basles, 37 Jahre alt, sie ist groß und schlank, ihr Gesicht trägt die Spuren einstiger Schönheit. Julien Loran, 42 Jahr. Ein stattlicher blonder Mann, äußerst elegant mit etwas geckenhaftem Anstrich. Mlle. Basles sitzt vor ihrem Sekretär in dem kleinen Zimmer, das zugleich als Bureau und als Salon dient und dessen ganze Einrichtung aus einem kleinen Nähtisch, einem Stuhl und einem Lehnsessel besteht. Sie hält Juliens Visitenkarte in der Hand und dreht sie unentschlossen, mit nachdenklichem Gesicht hm und her. – Neben ihr steht eine Krankenwärterin in grauem Kleid und weißer Schürze und scheint aus einen Befehl zu warten. Mlle. Basles: »Wo ist der Herr, Célestine?« Célestine: »Im Korridor, gnädiges Fräulein.« Mlle. Vasles: »Und er besteht darauf, vorgelassen zu werden?« Célestine: »Er hat gesagt, daß er mit der Vorsteherin zu sprechen wünscht.« Mlle. Vasles: »Gut denn. (Célestine will hinausgehen.) Nein, warten Sie noch. Wissen Sie ganz bestimmt, daß Sie ihm gesagt haben, ich sei zu Hause?« Célestine: »Ja, gnädiges Fräulein.« Mlle. Vasles: »So, dann laß ich bitten.« (Célestine geht. Einen Augenblick später führt sie Julien herein.) Mlle. Vasles (reicht ihm die Hand): »Guten Tag, Julien.« Julien: »Guten Tag, Martha.« Mlle. Vasles: »Sie müssen entschuldigen, daß ich Sie so lange habe warten lassen, aber –« Julien: »Sie haben sich wohl erst besonnen, ob Sie meinen Besuch annehmen wollten?« Mlle. Vasles: »Ja, offen gesagt, ich konnte mich nicht gleich entschließen. – Aber nehmen Sie doch Platz.« Julien (setzt sich): »Ich danke Ihnen, daß Sie es dennoch gethan haben. – Denken Sie sich, daß ich seit vier Wochen aus Tunis zurück bin und erst gestern Ihre Adresse erfahren habe, noch dazu ganz zufällig.« Mlle: Vasles: »Wirklich?« Julien: »Ja, mein Freund Doktor Miquel hat mir von Ihnen gesprochen.« Mlle. Vasles: »Wahrscheinlich kennt er einen von unseren Anstaltsärzten.« Julien: »Ja, den Doktor Touron.« Mlle. Vasles: »Aha.« Julien: »Und – es geht Ihnen gut?« Mlle. Vasles: »Ausgezeichnet sogar.« (Er blickt sie aufmerksam an.) – »Warum sehen Sie mich so an? – Ich habe mich wohl sehr verändert, wie?« Julien (galant): »Kaum, nur ein leichter heller Schimmer in Ihren schönen schwarzen Haaren.« Mlle. Vasles (einfach): »Ja, ich werde schon sehr grau. – Aber Sie sind noch ganz derselbe wie früher.« Julien (in leichtem Konversationston): »Man wehrt sich eben so gut man kann – aber trotzdem haben diese zehn Jahre –« Mlle. Vasles: »Zwölf.« Julien: »Sind es wirklich schon zwölf Jahre?« Mlle. Vasles: »Ja, ich weiß es ganz bestimmt.« Julien: »Mein Gott, wie die Zeit fliegt. Schon zwölf Jahre. – Nein, es ist unmöglich.« Mlle. Vasles: »Ich war damals 25 – jetzt bin ich 37 – rechnen Sie nur nach.« Julien: »Sie haben recht, zwölf Jahre.« (Beide schweigen und blicken vor sich hin, als ob sie an längst vergangene Zeiten dächten.) Julien: »Glauben Sie mir, gestern, als Doktor Miquel Ihren Namen nannte, war mir zu Mut, als ob ich einen Schlag vor die Brust bekäme.« Mlle. Basles: »Ist das wirklich wahr?« Julien: »Ich schwöre Ihnen, daß es wahr ist. (Er schlägt sich vor die Brust.) Sehen Sie, so. Es ist keine Übertreibung, daß ich förmlich geschwankt habe.« Mlle. Basles: »Die Reue!« Julien: »Vielleicht ja. – Ich habe in diesem einen Moment unseren ganzen Roman noch einmal in Gedanken durchlebt, unseren schönen kurzen Roman. (Er hält inne und fährt dann mit gedämpfter Stimme fort.) Martha, ich habe wie ein Schurke an Ihnen gehandelt.« Mlle. Basles: »An mir? Nein – meinetwegen brauchen Sie sich keine Vorwürfe zu machen, aber an Rose haben Sie ein schweres Verbrechen begangen.« Julien: »Sie meinen jenes Mädchen?« Mlle. Vasles: »Ja, meine damalige Kammerjungfer. Sehen Sie, Julien, nach meiner Ansicht liegt Ihre Schuld nicht darin, daß Sie als mein Verlobter in meinem eignen Hause ein Verhältnis mit dem Mädchen anfingen, sondern –« Julien: »Und doch hat Ihre Mutter aus diesem Grunde unsere Verlobung rückgängig gemacht –« Mlle. Vasles (fortfahrend): »Sondern darin, daß Sie die Unglückliche verließen, wie sie schon ein Kind von Ihnen unter dem Herzen trug. Sie hat sich nicht mehr zu helfen gewußt und hat in ihrer Verzweiflung den Tod gesucht.« Julien: »Rose hat sich umgebracht? – Das glaube ich nicht.« Mlle. Vasles: »Es ist die volle Wahrheit.« Julien: »Wann denn?« Mlle. Vasles: »Gleich, nachdem Sie nach Tunis gegangen sind.« Julien (etwas bleich geworden): »Nun, und – und das Kind?« Mlle. Vasles: »Sie hat es mit sich hinabgenommen.« Julien: »Aber – aber das ist ja eine Tragödie – eine entsetzliche Tragödie, was Sie mir da erzählen, liebe Freundin.« Mlle. Vasles: »Ja, das ist es auch, aber eine Tragödie, die nicht zu den Seltenheiten gehört. Es kommt fast alle Tage vor, daß ein verlassenes Mädchen sich umbringt. Um wenigstens ein Paar von diesen Unglücklichen zu retten, habe ich dieses Asyl gegründet.« Julien: »Was? – In dem Gedanken an Rose haben Sie das gethan?« Mlle. Vasles: »Ja.« Julien: »Sie haben – Und ich Thor bildete mir ein –« Mlle. Vasles: »Was denn?« Julien: »Nein, ich schäme mich, es Ihnen einzugestehen, was ich in meiner blödsinnigen Eitelkeit mir einzureden versuchte.« Mlle. Vasles (mit wehmütigem Lächeln): »Mein Gott, lieber Freund. Vielleicht war auch etwas persönlicher Schmerz mit dabei – ich war sehr unglücklich damals, das wissen Sie wohl. Und dann habe ich mich auf die Wohlthätigkeit geworfen – ohne eigentlich den inneren Beruf dazu zu fühlen, etwa so wie andere Frauen in der Religion Trost suchen, wenn ihnen das Leben zu weh gethan hat. Aber jetzt habe ich wirklich den inneren Beruf – o, Sie ahnen gar nicht, wie glücklich ich mich dabei fühle. Wenn ich Ihnen sage, daß ich mich für nichts auf der Welt mehr interessiere, wie für mein Asyl und meine Schützlinge.« Julien: »Haben Sie denn viele?« Mlle. Vasles: »Vierzig! Mein Haus ist nicht sehr groß, aber gut in Ordnung gehalten. Wollen Sie es sich nicht einmal ansehen?« Julien: »Mit Vergnügen – aber warten Sie noch ein wenig. – Sagen Sie mir nur noch eins – Sie haben dieses Werk aus Ihren eigenen Mitteln gegründet?« Mlle. Vasles: »Nun freilich.« Julien (naiv): »Aber niemand ahnt etwas davon – ich habe nie darüber sprechen hören.« Mlle. Vasles (lächelnd): »O, ich habe auch keine Notizen an die Zeitungen geschickt.« Julien: »Aber Sie müssen sich ja ganz zu Grunde richten, wenn Sie all diese Leute auf eigene Kosten unterhalten. Vierzig Frauen, das mag ein schönes Stück Geld kosten.« Mlle. Vasles: »Ja, und bedenken Sie nur, daß sie alle für zwei essen. Und glauben Sie nicht, daß ich ihnen etwas Schlechtes vorsetze. – Nein, sie bekommen alle Tage ihren guten Braten und Gemüse dazu. – Apropos –« Julien: »Was denn?« Mlle. Vasles: »Haben Sie Ihr Gut immer noch?« Julien: »Nun freilich.« Mlle. Vasles: »Wissen Sie, was Sie thun könnten, wenn Sie sehr liebenswürdig sein wollen?« Julien: »Aber gewiß will ich liebenswürdig sein.« Mlle. Vasles: »Dann denken Sie an uns, wenn die Obstzeit kommt und schicken Sie uns ein paar Körbe mit Kirschen. Sie ahnen gar nicht, wie meine Frauen hinter so etwas her sind – wie die Kinder. Sie sollten nur einmal sehen, wie sie über ihr Dessert herfallen.« Julien: »Ich werde Ihnen jede Woche einen großen Korb mit Obst herüberschicken.« Mlle. Vasles: »Herzlichen Dank.« Julien: »Ist das alles. Brauchen Sie sonst nichts? Milch zum Beispiel?« Mlle. Vasles: »O, ich will Sie aber doch nicht so ausnutzen.« Julien: »Es wird mich nur freuen, wenn ich ein wenig an Ihrem Werk mitarbeiten darf. Wirklich, Sie brauchen sich nicht zu genieren. Sie kennen ja unsere Meierei und wissen, daß die Milch vorzüglich ist. Soll ich Ihnen welche schicken?« Mlle. Vasles (mit hellem, jugendlichem Lachen): »Nun also. Dann schicken Sie mir nur Ihre Milch. Gerade jetzt habe ich sechs Frauen, die eine Milchkur brauchen. Da wird es mir eine große Hilfe sein. (Sie erhebt sich.) Aber jetzt will ich Ihnen mein Asyl zeigen, Sie müssen alles sehen, die Schlafsäle, den Arbeitsraum –« Julien: »Sie lassen Ihre Schützlinge also auch arbeiten?« Mlle. Vasles: »O, nur wenn sie wollen. Gezwungen werden sie nicht dazu. Und was sie damit verdienen, gehört ihnen selbst – ohne Abzug.« Julien: »Sind viele hübsche Frauen darunter?« Mlle. Vasles: »O, in diesem Zustand ist eine Frau sehr selten hübsch, selbst in guten und glücklichen Verhältnissen. Und da es meist arme verlassene Mädchen sind – –« Julien: »Das ist wahr. – Aber wissen Sie, nach dem, was Sie mir von Rose erzählt haben, ist mir heute nicht danach zu Mut, diese unglücklichen Frauen zu sehen. All die alten Erinnerungen – – Es würde mir zu weh thun. Lieber ein anderes Mal. – Nicht wahr, Sie verstehen mich?« Mlle. Vasles (mit einem Lächeln, in dem ein leichter Anflug von Ironie liegt): »O ja. Aber werden Sie wirklich wiederkommen?« Julien: »Aber was denken Sie denn von mir? Ich verspreche Ihnen, daß ich komme.« (Er geht rasch auf die Thür zu, Mlle. Vasles begleitet ihn.) Julien: »Auf Wiedersehen. Auf baldiges Wiedersehen, liebste Freundin!« Mlle. Vasles (mit tiefer, voller Stimme): »Leben Sie wohl, Julien.« Toilette Rue Germain-Pilon, um sechs Uhr abends, mitten im Winter. Draußen schneit es. Scene: ein ehemaliges Atelier, das zugleich als Schlafzimmer, als Salon, als Küche und als Eßzimmer zu dienen scheint. Die Einrichtung besteht nur aus einem Schlafsofa, einem Spiegelschrank, einem Klavier, einem großen unpolierten Holztisch und einem Büffet à la Henri III. An der Wand hängen verschiedene Kasserollen, die durch einen großen Vorhang nur halb verdeckt werden. Lucien Dargais. Ein großer, schöner, blonder Mann von etwa 28 Jahren, mit stolz geschwungener Nase, klaren, blauen Kinderaugen und rötlichem Bart. Er sitzt in Hemdsärmeln vor dem Kamin, den ganzen Kopf voll Papilloten. Céline Dargais, 25 Jahre alt. Sie sieht fast aus wie eine große Puppe mit ihrem runden, rosigen, lachenden Gesicht, das von lichtblondem Haar umrahmt ist. Céline kniet vor dem Kamin und macht die Brennschere heiß. Lucien: »Thu sie jetzt heraus, Linon, sie muß allmählich schon rotglühend sein.« Céline (zieht die Brennschere heraus): »Nein, es ist gerade recht so. Nun wollen wir mal sehen, ob es geht.« (Sie nähert sich ihm mit der Schere. Lucien weicht zurück:) »Gieb acht, du wirst mir die ganzen Haare verbrennen.« Céline: »Aber keine Spur, du Dummer, sie ist schon ganz kalt. Laß mich nur machen.« (Sie versucht die erste Papillote mit der Schere zu fassen.) Lucien: »Geht es?« Céline: »Es wird schon gehen.« Lucien: »Höre mal, wenn es nicht geht, reiße ich die ganze Geschichte herunter.« Céline: »So, das möchte ich denn doch sehen, nachdem ich mir solche Mühe mit deinen Locken gegeben habe. Das wäre denn doch zu arg. Rühr dich nicht, sonst kriegst du eine Ohrfeige.« (Sie giebt ihm lachend einen kleinen Schlag auf die Backe.) Lucien (ebenfalls lachend): »O du Feigling.« (Er will sie küssen.) Céline: »Komm – halt still.« Lucien: »Wird es denn auch lange genug halten?« Céline: »Nun freilich, den ganzen Abend.« Lucien: »Aber ich werde mich lächerlich machen mit meinen Locken. Ich sehe aus wie eine große Puppe – wie ein Jesuskind.« Céline (zuckt die Achseln): »Hast du schon mal ein Jesuskind mit rotem Bart und einem Zwicker gesehen? – Red' doch nicht so dumm! Soll ich dir sagen, wie du aussehen wirst? Wie ein schöner Mann mit natürlich gewelltem Haar. Ich kämme und bürste dich so lange, bis es tadellos sitzt, bis nur noch ein Anflug von Locken da ist. (Schmeichelnd.) O du wirst entzückend aussehen, mein Schatz.« Lucien: »Meine süße kleine Linon.« (Er will sie umarmen, sie entwindet sich ihm und läuft wieder an den Kamin, um die Brennschere zu wärmen.) Lucien (nimmt eine Karte vom Tisch und liest laut vor): »Herzog und Herzogin von Abbeville geben sich die Ehre, Monsieur und Madame Lucien Dargais zum Diner, Mittwoch, den 19. Januar um halb acht, einzuladen. (Pause.) Du, Linon –« Céline: »Was denn?« Lucien: »Es ist zu schade, daß du nicht mitgehst.« Céline: »Aber warum denn? Es macht doch nichts.« Lucien: »Hättest du wirklich nicht dein blauseidenes Kleid wieder herrichten können?« Céline: »Nein, beim besten Willen nicht. Ich hab' mir vor zwei Monaten einen wattierten Unterrock daraus gemacht.« Lucien: »Einen Unterrock? Aber du trägst ihn ja nie?« Céline: »Er ist mir zu warm, und da wir keine Bettdecke haben –« Lucien: »Armes Kindchen. Das kommt davon, wenn man einen armen Dichter heiratet. Du hattest nur das eine seidene Kleid und jetzt brauchen wir es als Bettdecke. Mein Gott, wann wird das endlich mal ein Ende nehmen.« (Er schüttelt traurig den Kopf.) Céline (lebhaft): »Jetzt hätte ich dir fast das Ohr verbrannt. Wirst du wohl endlich still halten? – Wann es ein Ende nimmt? Wer weiß – vielleicht schon heute abend. Und dann – hab' ich mich denn jemals beklagt? – Sehe ich aus wie eine unglückliche Frau? Schau deine Linon doch nur an. Sieht sie wirklich so melancholisch aus?« (Sie zeigt ihm lachend ihren kleinen roten Mund mit den blitzenden Zähnen.) Lucien (seinen Gedankengang weiter verfolgend): »Wenn du nur ein Kleid gehabt hättest, dann wärst du heute mitgegangen. Es ist zu schade – wo wir zum erstenmal zu einem großen Diner eingeladen sind.« Céline: »Soll ich ganz aufrichtig sein? – Weißt du, eigentlich bleibe ich viel lieber zu Haus. Ich hätte zu viel Angst gehabt, dich deine Gedichte vordeklamieren zu hören.« Lucien: »Glaubst du denn, daß man mich dazu auffordern wird?« Céline: »Aber deshalb hat man dich doch eingeladen, Schatz. Der Herzog hat natürlich von dir gehört – von deinem Talent –« Lucien: »François Coppée hat ihm gesagt, er solle uns einladen.« Céline: »Nun, das ist ja möglich. Aber du kannst dir denken, daß es ihm Freude macht, mit einem jungen, vielversprechenden Dichter zu glänzen. Das ist nun einmal so bei diesen Leuten. – Etwas von deinem Ruhm fällt ja doch auf sie zurück, wenn sie dich lanciert haben. – Aber was wirst du ihnen denn deklamieren?« Lucien: »Was meinst du?« Céline: »Etwas, was Eindruck macht.« Lucien: »Vielleicht meinen tragischen Noel du Hère ?« (Er deklamiert mit düsterem Pathos.) »Le cadavre était nue sur la table de marbre. Les pieds rigides –« Céline: »O aber Schatz, denk doch bei einem Diner! Das würde den Leuten den Appetit verderben – solche Geschichten mit Leichen und bloßen Füßen. Fällt dir denn gar nichts anderes ein?« Lucien: »Nun, dann die ›Vision du Mage‹ : ›Anneau de Salomon. Parlez ô Clavicules. Pantarles, érigez les Cieux‹ –« Céline: »Ja, weißt du, das ist ganz großartig, aber ich glaube, es ist zu sonderbar – sie werden es gewiß nicht verstehen.« Lucien (ärgerlich): »Nicht verstehen? Glaubst du denn, daß es eine Gesellschaft von Dummköpfen ist? Weißt du, wer alles da sein wird? Jules Lemaître, Ludovic Halévy, Sully Prudhomme, Jules Claretie –« Céline: »Der Direktor der Comédie française? Lucien: »Nun freilich.« Céline: »So? Aber Lulu, dann mußt du doch natürlich die Fragmente von deinem Drama L'Immortalité cérébrale nehmen.« (Sie fängt an zu deklamieren.) »Sesostris n'est pas mort. Sa Mémoire vive Dans les Cerveaux – –« »Und dann im zweiten Akt, weißt du, wo es so anfängt: ›Le mauvais riche avec ses bagues. ‹ Und wo es dann am Schluß heißt: › Voleur gavé, vomis ton or‹ – – Lucien: »Aber ich bitte dich, bei so reichen Leuten – das würde taktlos aussehen. Ich werde statt dessen die ›Toisons de l'Orgie‹ wählen. Es liegt so etwas berauschend Wollüstiges darin. ›Les nudités féminines en blanc majeur‹ – « Céline (unterbricht ihn): »Aber die Damen – du vergißt ganz, daß auch Damen unter der Gesellschaft sein werden. Du wirst ihr Schamgefühl verletzen, mein Liebling.« Lucien: »Ach, diese verfluchte Prüderie. – In der Kunst muß man sagen dürfen was man will, sonst ist es nichts damit.« (Er strengt sein Gedächtnis an, um etwas anderes zu finden.) »Was meinst du zu der ›Prière d'un Agonisant‹? « (Mit Donnerstimme.) »Seigneur, Seigneur, ayez pitié – –« Céline (zögernd): »Ja, es ist wunderschön, aber vielleicht zu überwältigend.« (Sie scheint tief nachzudenken, während sie ihm die Locken auskämmt. Dann fällt sie ihm plötzlich um den Hals.) »So, jetzt haben wir's. Jetzt bist du schön wie ein junger Gott. Nun steh nur auf. (Lucien gehorcht.) So, nun stell dich an den Kamin, wie du heute abend im Salon der Herzogin dastehen wirst, wenn du deine Gedichte deklamierst. So ist es sehr schön. Und nun schau mich an, nein, nicht so, solche Augen darfst du nicht machen. Sieh mich so an, als ob ich eine ganz fremde Dame wäre –« Lucien: »Eine schöne Dame?« Céline: »Nicht allzu schön. Aber sehr elegant, dekolletiert mit Blumen und Diamanten und all dem Tralala. – So ist's recht, und nun sag mir ganz langsam die ›Libellules de la Vie‹ her.« Lucien (in verträumtem Ton): » Les libellules de la Vie – Partez ce soir, fuyez demain – « Céline (nachdenklich): »Ja, das wird Eindruck machen, das muß Eindruck machen. Aber – aber nur vier Strophen, das ist zu kurz, sie werden gleich noch eins verlangen.« Lucien: »Und wenn sie nun keins mehr wollen?« Céline: »Ach, du bist dumm, du wirst einen wahnsinnigen Erfolg haben, ganz gewiß. – Und wenn sie dann noch mehr hören wollen, so deklamierst du ihnen ›N'aimez mie‹ . – Komm, fang an, ich warte darauf.« Lucien (in demselben verliebten, etwas schleppenden Ton): »Vous le connaissez, les ensorceleuses, Dont les coeurs très froids enflamment nos coeurs – Voici le printemps – –« Céline (wirft sich ihm an die Brust): »O du Einziger, du bist ein Genie. Ja, ja, ich weiß eine kleine Frau, die heißt Linon und hat einen genialen Mann. Ja, mein Herr (sie bedeckt ihn mit Küssen). Aber was ist die Uhr? Schon sieben. Und du bist noch nicht fertig. Eil' dich, mein Schatz, ich hole dir schnell einen Wagen.« Lucien: »Nein, nein, das will ich nicht haben. Du könntest dich erkälten. Ich werde schon unterwegs einen finden.« Céline: »Und klatschnaß ankommen wie der richtige verhungerte Dichter? Nein, ich danke schön. Ich muß sowieso fort, um mir was zum Essen zu kaufen.« Lucien (während er sich rasch ankleidet): »Aber kauf dir wenigstens etwas Gutes. Eine Pastete – ein Paar Krammetsvögel und Kuchen – nicht wahr, du kaufst dir Kuchen?« Celine (während sie sich in einen großen Wollshawl hüllt): »Ja, ja, sei nur ruhig. (Mit sanfter Stimme.) Nicht wahr, du schaust mir heute Abend nicht zu viel nach all den schönen dekolletierten Damen mit ihren üppigen weißen Schultern? – Du denkst auch ein bischen an deine kleine Linon, die nicht so schön und üppig ist (dabei zeigt sie auf ihren mädchenhaft zarten Busen) – aber ihr Herz gehört nur dir allein.« Lucien (gerührt): »Ja, ich werde nur an meine süße kleine Frau denken. Was mach ich mir aus den andern? Meinetwegen mögen sie alle zum Teufel gehen. – Aber willst du dich wirklich hinauswagen? – hast du was Vernünftiges an den Füßen?« Celine: »Ja, ich hab' meine Stiefel an. (Sie macht die Thür auf.) O wie kalt. Nimm nur ja dein Halstuch mit. – Ich bin gleich wieder da.« (Dann hört man sie rasch die Treppe hinablaufen.) Das Testament eines Kindes Im Studierzimmer Monsieur Envoix', eines bekannten Pariser Notars, um elf Uhr morgens, an einem Frühlingstage. Monsieur Envoix, 62 Jahre alt, dickes rosiges, bis auf den kurzen weißen Backenbart glattrasiertes Gesicht. Sein Blick ist klug und dabei wohlwollend. Emily Reidet, ein schmächtiges, hochaufgeschossenes Mädchen von 17 Jahren. Die dichte braune Haarfülle scheint fast zu schwer für das blasse schmale Gesichtchen. Sie trägt ein gutsitzendes blaues Tuchkostüm mit schwarzer Federboa und einen kleinen Strohhut mit Kornblumen garniert. Die ganze Toilette macht einen distinguierten und dabei doch einfachen Eindruck. Emily ist eben in das Sprechzimmer des Notars getreten, er fordert sie auf, Platz zu nehmen und blickt sie dabei fragend und etwas überrascht an. Emily: »Kennen Sie mich nicht mehr, Monsieur Envoix?« Envoix: »Ich glaube allerdings, daß ich schon das Vergnügen gehabt habe.« (Er sucht sich zu besinnen.) Emily: »Wir haben uns im vorigen Monat bei den Eltern meiner Freundin Alice Dulesmes getroffen – –« Envoix: »Ja, richtig – ich weiß schon – ich weiß schon – Mlle. Reidet, nicht wahr?« Emily: »Ja, mein Herr.« Envoix: »Als mein Schreiber Sie anmeldete, verstand ich ›Mlle. Beillet‹. – So heißt nämlich eine halbgelähmte Klientin von mir, die ihr Zimmer seit dreiundvierzig Jahren nicht verlassen hat. Nun, und da können Sie sich mein Erstaunen vorstellen.« (Er lächelt – sie lächelt ebenfalls, aber ihr Gesicht behält dabei seinen traurigen, sorgenvollen Ausdruck.) Envoix: »Übrigens glaubte ich auch, daß Sie schon wieder mit Ihrer Frau Mutter nach Angers zurückgekehrt seien. Wie geht es denn Ihrer Frau Mutter?« Emily: »O danke, sehr gut.« Envoix: »Sind Sie denn ganz allein gekommen?« Emily: »Ja, mit einer Droschke. – Mama ist drüben in der Rue Lazare bei Boniface. Wissen Sie – der Friseur Boniface.« Envoix (ganz ernst) : »Boniface? – Ja, ja, ich weiß schon. Also Ihre Frau Mutter –« Emily: »Sie läßt sich die Haare brennen. – In Angers giebt es keinen guten Friseur und wenn wir in Paris sind, benützt sie die Gelegenheit, um – – Und da es immer ziemlich lange dauert, hat sie mich währenddem zu Lody geschickt –« Envoix: »Zu wem?« Emily: »Wissen Sie nicht, das Hutgeschäft –« Envoix (lächelnd) : »Hören Sie mal, es ist schon viel, daß ich Boniface kennen soll – nun soll ich auch noch wissen, wer Lody ist – das können Sie wirklich nicht von mir verlangen.« Emily (ebenfalls lächelnd): »Ja, das ist wahr – Also auf dem Weg zu Lody bin ich an Ihrer Wohnung vorbeigekommen und da dachte ich, ich wollte einen Augenblick bei Ihnen vorsprechen und Sie um einen kleinen Rat bitten –« Envoix: »Mich um Rat bitten? Hat Ihre Mutter nicht einen Rechtsanwalt in Angers?« Emily: »O ja, Monsieur Pâquis.« Envoix: »Warum haben Sie sich denn nicht an diesen Herrn gewandt?« Emily: »Er ist jetzt gerade verreist, und dann –« Envoix: »Nun, und dann?« Emily: »Wissen Sie, ich glaube, Monsieur Pâquis ist auch nicht ganz diskret.« Envoix: »So? und mich halten Sie für diskret?« Emily: »Ja.« Envoix: »Sie scheinen ja großes Zutrauen zu mir zu haben.« Emily: »Ja, das hab' ich auch. Alice hat mir so viel von Ihnen erzählt. Sie hat mir gesagt, daß Sie so gut sein – sie liebt Sie wie einen Vater.« Envoix: »Sagen Sie lieber wie einen Großvater. Ja, ich hab' sie auch sehr lieb, die kleine Alice. – Aber nun sagen Sie mir erst einmal, um was es sich handelt?« Emily: »Ach, ich glaube es ist eigentlich eine ganz einfache Geschichte, aber ich bin so dumm in solchen Sachen. (In kindlichem Ton.) Ich möchte nämlich mein Testament machen – geht das?« Envoix: »Wie alt sind Sie?« Emily: »Siebzehn. Ich bin eben siebzehn geworden. Aber nicht wahr, man kann schon mit siebzehn Jahren sein Testament machen – ich bin doch nicht mehr zu jung dazu?« Envoix: »O nein, – Aber warum wollen Sie es thun?« Emily: »Damit Mama keine Unannehmlichkeiten hat, wenn ich einmal sterbe. Ich muß Ihnen zur Erklärung sagen, daß ich von meinem Vater und meinen Großeltern ein sehr großes Vermögen geerbt habe. Mama bezieht nur die Zinsen davon – und wenn ich ohne Testament sterben sollte –« Envoix (mit berufsmäßiger Ruhe): »Wenn Sie ohne Testament sterben sollten, fällt Ihrer Mutter die Hälfte Ihres Vermögens zu.« Emily: »Nur die Hälfte – das ist es ja eben. Die Hälfte ist nicht genug. Ich möchte, daß Mama alles bekäme. Sie braucht so viel Geld, sie hat so viele Bedürfnisse. Sehen Sie, es vergeht kein Tag, wo sie mir nicht sagt: ›Wenn ich so viel Vermögen hätte wie du, würde ich dies und das thun – wenn ich so reich wäre wie du, würde ich mir dies und das kaufen, mir dieses oder jenes Vergnügen nicht versagen‹ – kurz, Mama muß einfach viel Geld haben, sehr viel Geld – verstehen Sie? sie kann ohne das nicht existieren. – Solange ich lebe, wird sie natürlich so viel haben, wie sie will – so viel ich überhaupt besitze. – Aber wenn ich sterben sollte –« Envoix: »Sie können Ihrer Mutter aber nicht das ganze Vermögen hinterlassen, das Gesetz läßt es nicht zu.« Emily: »O, aber es muß doch irgend einen Ausweg geben. – Ich bitte Sie, sagen Sie mir, ob es nicht irgendwie angeht?« Envoix: »Solange Sie minderjährig sind, nein. – Aber wer hat Sie denn auf den Gedanken gebracht, Ihr Testament zu machen? Wie kommen Sie zu diesem merkwürdigen Entschluß – ein Kind wie Sie? Emily (sie ist plötzlich dunkelrot geworden): »O, ich bin kein Kind mehr. Ich bin sogar schon mündig. Mama hat mich vor drei Monaten mündig sprechen lassen.« Envoix: »Nun ja, ich verstehe. – Aber wozu soll Ihnen das nützen?« Emily (als ob sie eine Lektion aufsagte): »Um über mein Vermögen verfügen zu können.« Envoix (lebhaft): »Verfügen? Aber davon ist keine Rede – absolut keine Rede. Wer Ihnen das gesagt hat, hat Ihnen den reinen Unsinn vorgeredet. Es ist doch nicht etwa Ihre Mutter gewesen?« Emily: »Doch, meine Mutter hat es mir gesagt. Sie hat sich also geirrt?« Envoix: »Aber vollständig. Ihre Mündigkeit verleiht Ihnen nur das Recht, Ihr Vermögen selbst zu verwalten, aber nicht darüber zu verfügen. Gott bewahre, das wäre denn doch gar zu bequem. Es ist schon sehr viel, wenn Sie es selbst verwalten dürfen. (Pause, dann fährt er in mildem Tone fort.) Und seit Sie mündig sind, denken Sie daran, Ihr Testament zu machen?« Emily: »Ja, und dann –« (Sie zögert.) Envoix: »Nun, was wollten Sie sagen?« Emily: »Und dann auch, weil ich neulich etwas gehört habe – es war der reine Zufall, ich habe es gewiß nicht gewollt. Aber ich habe zufällig etwas gehört, was mich in dem Augenblick schmerzlich berührt hat – aber nur für den Augenblick.« Envoix: »Nun, was haben Sie denn gehört?« Emily: »O, es war ein Gespräch zwischen Mama und Monsieur Pâquis – ein Gespräch, in dem von mir die Rede war.« Envoix: »Was haben die beiden denn über Sie gesprochen?« Emily: »Erst hörte ich wie Mama sagte: ›die Kleine hat dasselbe Leiden wie ihr Vater. Sie könnte eines Tages unerwartet sterben. Und wenn sie stirbt, bin ich ruiniert‹. ›Lassen Sie sie mündig sprechen‹, antwortete Monsieur Pâquis, ›und dann ein Testament zu Ihren Gunsten machen‹.« Envoix: »Ah. – (Pause.) Also auf Veranlassung Ihrer Mutter sind Sie heute zu mir gekommen?« Emily: »O nein, gewiß nicht. Kein Mensch weiß, daß ich Sie aufgesucht habe. Mama hat niemals auch nur ein Wort davon gesagt, daß ich ein Testament machen soll. – Ich bin ganz von selbst zu dem Entschluß gekommen. Envoix: »Ist das wirklich wahr? Können Sie mit gutem Gewissen behaupten, daß Ihre Mutter Sie nicht hergeschickt hat?« (Er blickt sie fest an.) Emily (in höchster Verwirrung, mit Thränen in den Augen): »Aber mein Herr, ich habe Ihnen doch gesagt, daß sie nichts davon weiß – daß sie gar nichts davon ahnt. – Sie ist drüben bei Boniface –« Envoix: »Um sich frisieren zu lassen – ich weiß schon. – Nein, mein Kind – Sie nehmen es doch nicht übel, wenn ich Sie so anrede?« Emily: »Nein, gewiß nicht.« Envoix: »Also sehen Sie, mein Kind, da noch niemand gestorben ist, weil er sein Testament gemacht hat, so habe ich nichts weiter dagegen einzuwenden. Aber machen Sie es zu Hause, in aller Ruhe, wenn Ihre Aufregung sich etwas gelegt hat.« Emily: »Würden Sie es nicht jetzt für mich aufsetzen – jetzt gleich?« Envoix: »Nein, ganz gewiß nicht. Ich könnte Sie vielleicht irgendwie dabei beeinflussen und das will ich nicht.« Emily: »Wenn ich Sie aber dringend darum bitte?« Envoix: »Nein, nein, auf keinen Fall. (Gutmütig scherzend.) Wenn Sie einen Ehekontrakt aufgesetzt haben wollen, stehe ich jederzeit zu Ihrer Verfügung, aber dies – nein – (Er steht auf.) Ich habe die Ehre –« Emily (die ebenfalls aufgestanden ist) : »Also dann bitte ich sehr um Entschuldigung, daß ich Sie gestört habe und danke Ihnen –« Envoix: »Aber wieso denn? Im Gegenteil, es thut mir leid, daß ich Ihnen nicht dienen kann.« (Er geleitet sie bis an die Thür und verabschiedet sich mit einer tiefen Verbeugung.) (Als Emily dann allein auf der Treppe ist, schlägt sie den Schleier zurück und trocknet die Thränen, die ihr über die Wangen herablaufen. Dann denkt sie ganz verzweifelt): »Was wird Mama nur sagen? Sie wird gewiß glauben, daß ich es nicht richtig angefangen habe oder daß ich überhaupt nicht will.« Die »Gailhardine« Die Scene spielt im Entresol eines der großen neuen Häuser am Boulevard de Courcelles. Es ist neun Uhr morgens, an einem dunkeln, regnerischen Herbsttag. Madame Leclère, 50 Jahre alt, eine kleine, zierliche Frau, die früher entzückend schön gewesen sein muß. Ihr feines Gesicht mit dem krausen blonden Haar wäre vielleicht immer noch hübsch, aber es ist von zahllosen tiefen Falten durchfurcht und die tiefumringten Augen haben einen scheuen, ängstlichen Ausdruck. Madame Leclère trägt ein etwas altmodisches schwarzes Kleid mit einer schwarzen Tüllrüsche um den Hals und einen dunkeln Strohhut mit Veilchen garniert. Sie steht schon über eine Stunde in dem Vorzimmer, das mit übertriebenem Luxus eingerichtet ist und wartet darauf, vorgelassen zu werden. Obgleich sie die Erste gewesen ist, ist ihr immer wieder jemand anders zuvorgekommen: erst ein Priester, dann ein Mann in Radfahrerkostüm, dann wieder zwei Damen, erst eine alte und dann eine junge, die mit ihrem geschminkten Gesicht und dem roten Samtbarett fast wie ein Page aus irgend einer Operette aussieht – schließlich noch ein ernstblickender Herr mit einer Ledertasche unter dem Arm. Aber jetzt ist sie an der Reihe. Ein Diener führt sie in das Sprechzimmer des Arztes. – Es ist der berühmte Doktor Gailhardin, der ein allgemein bekanntes Lebenselixir, die »Gailhardine«, erfunden hat. Monsieur Gailhard ist ein korpulenter Herr mit dunklem Haar und struppigem, graugesprenkeltem Bart. Seine scharfen blauen Augen haben einen Stich ins Grünliche, und die starken Kinnladen, die dicken, roten Lippen geben seinem Gesicht etwas Brutales. Er sitzt in seinem Lehnstuhl vor dem Schreibtisch. Als er Madame Leclère eintreten sieht, richtet er sich plötzlich auf und blickt sie erstaunt an. Monsieur Gailhard: »Sie sind es?« Madame Leclère: »Ja, ich bin es.« Monsieur Gailhard (nimmt einen Zettel vom Tisch): »Madame Helbor? – Heißen Sie denn jetzt Helbor?« Madame Leclère: »Helbor ist mein Mädchenname – ich habe gedacht, wenn ich meinen wirklichen Namen angäbe –« Monsieur Gailhard (barsch): »Setzen Sie sich.« (Sie setzt sich, ihre Hände beben, man sieht, daß sie sehr erregt ist.) Monsieur Gailhard: »Waren Sie nicht schon einmal hier?« Madame Leclère: »Ja, vorige Woche – aber man sagte mir, Sie seien auf der Jagd,« Monsieur Gailhard (eitel): »Ja, mein Freund, der Herzog von Abbeville, hatte mich zur Jagd eingeladen. (Pause.) Nun – Sie haben mir etwas zu sagen? – Um was handelt es sich? (Er blickt auf die Uhr.) Schon 20 Minuten über neun. Sie müssen entschuldigen, wenn ich Sie bitte, sich zu beeilen. Ich habe heute sehr wenig Zeit. Um ein Viertel nach zehn muß ich im Laboratorium sein. (Er richtet sich hoch auf und sieht sie hart, beinahe feindselig an.) Madame Leclère (zögernd): »Sie entschuldigen – ich – ich bin etwas verwirrt. Ich habe gewiß nicht erwartet, daß Sie sich gerade über meinen Besuch freuen würden – aber – aber auf einen solchen Empfang war ich doch nicht gefaßt – nach allem, was – das hätte ich nicht für möglich gehalten – nach allem, was –« (Sie wendet das Gesicht ab, um ihre Thränen zu verbergen.) Monsieur Gailhard: »Aber ich bitte Sie! Lassen Sie sich nicht so gehen. Nehmen Sie sich zusammen. Sie werden doch nicht etwa darüber weinen, daß ich Ihnen jetzt – nach sieben Jahren! – nicht ohne weiteres zu Füßen falle. Für solche Kindereien sind wir jetzt beide zu alt. – Lassen Sie uns also vernünftig miteinander reden, ich bitte Sie. Sie haben irgend ein Anliegen an mich, nicht wahr? Sagen Sie mir, um was es sich handelt.« Madame Leclère (Ihre Thränen gewaltsam bezwingend): »Ja, Sie haben recht. – Ich will Ihnen sagen, weshalb ich gekommen bin: ich wollte Sie bitten, mir zu helfen – das für mich zu thun, was ich damals vor zehn Jahren mit tausend Freuden für Sie gethan habe. – Sie brauchten damals 20 000 Franks, um die »Gailhardine« zu lancieren. Ich war in der Lage, Ihnen die Summe zu geben – es war alles – was ich besaß. Ich habe es Ihnen ohne weiteres mit Freuden gegeben – nicht wahr, das wissen Sie noch?« Monsieur Gailhard: »Ja, das ist wahr. Aber ich möchte Sie daran erinnern, daß ich Ihnen Ihre 20 000 Franks innerhalb drei Jahren mit hohen Zinsen zurückgezahlt habe. – Was verlangen Sie denn jetzt noch von mir?« Madame Leclère: »Ich habe nichts von Ihnen zu verlangen. Ich weiß, daß Sie mir nichts mehr schuldig sind. – Aber ich – ich bin in einer so entsetzlichen Lage, daß ich mich keinen Augenblick besinnen würde, mir das Leben zu nehmen, wenn ich allein auf der Welt dastände. Nur um meiner Tochter willen habe ich mich zu diesem Schritt entschlossen. Ihr Mann ist gestorben und hat sie mit ihren drei Kindern im tiefsten Elend zurückgelassen. Es ist meine Pflicht, nichts unversucht zu lassen, was sie und ihre Kleinen retten könnte. (Pause – dann fährt sie mit leiser, unsicherer Stimme fort.) Adrien, wollen Sie mir – wollen Sie uns 10 000 Franks leihen?« Monsieur Gailhard (fährt auf): »10 000 Franks?« Madame Leclère: »Ja.« Monsieur Gailhard: »10 000 Franks? – Aber wo denken Sie hin? So viel habe ich ja selbst nicht. – Ah, meine teure Freundin, Sie scheinen zu glauben, daß ich ein reicher Mann bin, weil ich mit der »Gailhardine« Glück gehabt habe und weil Sie sehen, daß ich jetzt anständig eingerichtet bin. – Aber da sind Sie sehr im Irrtum. Ich bin nicht reich – Gott bewahre. – Im Gegenteil, ich bin oft in der größten Verlegenheit, Sie haben keine Ahnung, was allein die Reklame kostet und ich habe mit allen großen Zeitungen Verträge abgeschlossen. Und dann mein Haushalt. – Mein Haushalt richtet mich einfach zu Grunde. Meine Frau ist nicht imstande zu rechnen – sie hat keine Ahnung von dem Werte des Geldes – sie wirft es förmlich zum Fenster hinaus. Mein Gott, wenn ich an Ihre Sparsamkeit denke. Was Sie mit dem bischen Geld alles möglich zu machen wußten – all die guten kleinen Gerichte, die Sie mir auf dem Ofen meiner Junggesellenwohnung bereiteten. Ich fühle, daß diese Erinnerungen mich ungerecht machen – gegen meine Familie und gegen alle andern – vor allem gegen meinen Koch, der mich mit seinen kostspieligen Leckerbissen zu Grunde richtet. (Er bemüht sich, tief aufzuseufzen.) – Ach nein, ich bin nicht so gut daran, wie Sie glauben. Ich habe ungeheure Verpflichtungen, denen ich nachkommen muß. Wenn ich Ihnen sage, daß ich mich schon lange besinne, ob ich mir eine Automobile leisten kann oder nicht! – Nicht wahr, das wundert Sie? Aber es ist wirklich so. Die »Gailhardine« bringt mir 100 000 Franks Reingewinn im Jahr ein und dabei bin ich nicht in der Lage, mir eine Automobile zu kaufen.« Madame Leclère: »Ich will ja nicht die Summe selbst – ich bitte Sie nur, Bürgschaft für mich zu leisten. Meine Tochter und ich möchten ein kleines Papiergeschäft übernehmen, aber man verlangt 10 000 Franks Kaution. Ihre Bürgschaft würde genügen. Adrien, ich bitte Sie – ich flehe Sie an – ich versichere Ihnen, daß es mir namenlos peinlich ist, mit diesem Anliegen zu Ihnen zu kommen. Es thut mir weh, Sie daran erinnern zu müssen, was ich Ihnen einst gewesen bin. – Ich rechne es mir ja nicht zum Verdienst an, daß ich mich damals für Sie aufgeopfert habe – es geschah ja nur aus Liebe. Und doch werden Sie sich vielleicht noch daran erinnern, daß die »Gailhardine« eigentlich meine Idee war. Wissen Sie noch – es war an einem Sonntag Abend. Sie tranken ein Glas Marianiwein und da sagte ich zu Ihnen: ›Da du bei all deiner Begabung immer noch keine Praxis hast, solltest du es einmal versuchen, so einen Gesundheitswein zu erfinden.‹ ›Aber woraus?‹ antworteten Sie. Und dann riet ich Ihnen alle möglichen Sachen, aus denen er zusammengesetzt werden sollte. Und es gelang wirklich, und wir waren so glücklich, Adrien – wissen Sie noch, wie selig wir waren, als Sie die erste Flasche »Gailhardine« verkauft hatten – um 14 Franks und sie war uns nur auf 1 Frank 85 zu stehen gekommen. Wir haben getanzt vor Freude, wir waren beide ganz toll vor Freude.« (Von der Erinnerung überwältigt, fängt sie an zu schluchzen.) Monsieur Gailhard (steht auf): »Beruhigen Sie sich. – Ich weiß ganz gut, was ich Ihnen verdanke. Es war überflüssig, daß Sie es mir noch einmal erzählten – und noch dazu so laut – (Er geht an die Thür und vergewissert sich, ob auch niemand im Vorzimmer ist.) – Aber es ist nicht gerade großmütig von Ihnen gehandelt, daß Sie mich dadurch zwingen wollen, 10 000 Franks aus der Kasse zu nehmen, ohne meinen Associé über deren Verwendung aufklären zu können. Denn ich führe das Geschäft nicht allein. – Und was die Bürgschaft betrifft, die ich für Sie leisten soll – das ist unmöglich – absolut unmöglich.« Madame Leclère (mit gebrochener Stimme): »Warum?« Monsieur Gailhard: »Erlassen Sie es mir, Ihnen die verschiedenen Gründe aufzuzählen. Es mag Ihnen genügen, wenn ich Ihnen sage, daß meine Frau nichts von Ihrer Existenz ahnt. Wenn ich plötzlich sterben sollte, würde sie aufs höchste erstaunt sein, wenn sie etwas davon erführe. – Es thut mir sehr leid, aber ich muß Ihnen offen sagen, daß Sie nicht auf mich rechnen dürfen. Wozu soll ich unnütze Hoffnungen in Ihnen erwecken? – Es ist völlig ausgeschlossen, daß ich Ihnen helfen kann.« Madame Leclère (bricht in Thränen aus). Monsieur Gailhard (kalt): »Therese, fassen Sie sich. Ich muß gleich gehen, ich muß ins Laboratorium.« Madame Leclère (erhebt sich mühsam. Sie trocknet ihre Augen, zieht den Schleier vors Gesicht und geht auf die Thür zu:) »Ja, ich gehe schon – ich gehe schon.« Monsieur Gailhard (folgt ihr): »Wo wohnen Sie? Lassen Sie mir Ihre Adresse hier.« Madame Leclère: »Wozu?« (Sie öffnet die Thür, Monsieur Gailhard geleitet sie durch das Vorzimmer und sagt dann absichtlich laut:) »Auf Wiedersehen, Madame, es freut mich, daß die »Gailhardine« Ihnen so gut bekommt. Ich werde Ihnen also noch sechs Flaschen schicken. Ich empfehle mich Ihnen.« (Dann zieht er sich mit einer tiefen Verbeugung zurück. Als die Hausthür sich hinter ihr geschlossen hat, wendet er sich an den Diener:) »Sie haben die Dame gesehen, nicht wahr? – Wenn sie jemals wiederkommen sollte, bin ich nicht zu sprechen.« Sein Artikel André Vallon, 30 Jahre alt, schön? – o nein, aber sympathisch und gewinnend. Er ist Schriftsteller und hat trotz seiner Jugend schon einen Namen. Seine Sachen sind raffiniert modern, es liegt beinahe etwas krankhaftes darin. Georgette Vallon, 25 Jahre, die Tochter des berühmten Dichters Leopold Bronze, der durch sein tragisches Ende bekannt ist. Sie hat dasselbe feingeschnittene Profil wie ihr Vater, mit den großen träumerischen Augen und dem schöngeformten, kindlichen Mund. Scene: der Garten einer kleinen Villa in Rueil, die gerade am Haltepunkt der Dampftrambahn liegt. Es ist im Sommer. Auf den stürmischen Tag ist ein milder Abend gefolgt. Man hat eben die Blumen begossen, die jetzt die Luft mit ihren tausendfachen Wohlgerüchen erfüllen. Unter einem Baum steht ein Kinderwagen, in dem ein Baby schläft. Ein kleines Mädchen von vier bis fünf Jahren spielt auf dem Boden mit einer großen Puppe und daneben sitzt eine Kinderfrau mit weißer Mütze und näht. Georgette geht ihrem Mann entgegen, der gerade aus der Trambahn steigt: »Nun?« André: »Alles in Ordnung.« Georgette: »Fest abgemacht?« André: »Ja, ich habe eben den Vertrag auf ein Jahr unterzeichnet – vier Artikel im Monat – gerade das, was ich wollte. Bist du zufrieden?« Georgette: »O ja, sehr.« (Er tritt in den Garten und macht die Thür hinter sich zu, dann legt er den Arm um die Taille seiner Frau und giebt ihr einen Kuß.) André: »Was macht Baby?« (Er will auf das Kind zugehen.) Georgette: »O weck ihn nicht auf, André. Marie und ich haben so viel Mühe gehabt, bis er eingeschlafen ist. Der Sturm hatte ihn nervös gemacht und er wollte absolut nicht schlafen. Aber er hat tüchtig getrunken und ist ganz munter.« André (blickt seine kleine Tochter an, die so vertieft in ihr Spiel ist, daß sie ihn gar nicht bemerkt): »Und Suzon?« Georgette: »Sie spielt Mama. Du siehst, sie ist ganz artig. – Willst du hier draußen bleiben oder hineingehen?« André: »O, ich bleibe lieber noch etwas hier.« (Er setzt sich auf eine Bank und seine Frau nimmt neben ihm Platz. Dann nimmt sie eine Stickerei aus dem Nähkorb, der neben ihr auf einem Tisch steht. André betrachtet schweigend ihr ruhiges Gesicht, während er sich mit dem Hut Kühlung zufächelt.) André: »Gott, ist es heiß! In der Trambahn war es beinah zum umfallen.« Georgette: »Willst du etwas trinken?« (Sie macht Miene aufzustehen.) André: »O nein, bemüh dich nicht. Nachher! (Pause.) Sag doch, Schatz – Georgette: »Was denn?« André: »Du bist wirklich merkwürdig. Freust du dich denn gar nicht, daß ich Mitarbeiter an der ›Feuille‹ geworden bin, am ersten Blatt von Paris?« Georgette: »Aber ich bin ganz selig darüber, André.« André: »Selig? Nun, das sieht man dir aber nicht an.– Du fragst nicht einmal nach den näheren Umständen?« Georgette: »Aber ich weiß doch, daß du das viele Fragen nicht leiden kannst.« André: »Überflüssige Fragen, nein. Aber heute ist es doch was anderes. 1200 Franks mehr oder weniger im Monat, das ist doch keine Kleinigkeit!« Georgette: »Also, du bekommst für den Artikel?« André: »300 Franks, gerade so viel, wie ich verlangt habe.« Georgette: »Und wirst natürlich ins Hauptblatt kommen?« André: »Nun freilich.« Georgette: »Und an einem bestimmten Tage?« André: »Ja, am Sonntag. Alle Sonntage wird ein Artikel von mir erscheinen. – Das ist der günstigste Tag, den es giebt. All die Leute, die während der Woche keine Zeit zum Zeitungslesen haben, holen es am Sonntag nach. Da wird man viel schneller bekannt.« Georgette: »War der Chefredakteur liebenswürdig?« André: »Und wie! Unglaublich liebenswürdig sogar. Er hat sich noch daran erinnert, daß wir zu gleicher Zeit Mitarbeiter des ›Semaine agricole‹ waren.« Georgette: »Nun ja, seit der Zeit habt ihr beide euren Weg gemacht. Du besonders. – Hoffentlich hat er dir etwas über dein Talent gesagt?« André (belustigt): »O, er hat mir gesagt, ich sei ein Genie und dann hat er mich ›junger Meister‹ genannt.« (Er erhebt die Hand und sagt pathetisch:) »Ein Ge – nie! – Nun, Schatz, für das Genie muß ich aber doch eine Belohnung haben. Komm, gieb deinem genialen Mann einen schönen Kuß.« Georgette (beugt sich über ihn und küßt ihn zärtlich, fast mütterlich auf die Stirn:) »Du eitler Mann. – Nun, und wann wirst du denn anfangen, für die ›Feuille‹ zu arbeiten? Diese Woche schon?« André: »O nein. Erst nächsten Monat. Es muß doch erst etwas Reklame gemacht werden, verstehst du: ›Wir sind erfreulicherweise in der Lage, unsern Lesern mitzuteilen, daß wir den geistvollen Schriftsteller André Vallon als Mitarbeiter für unser Blatt gewonnen haben. Derselbe etc. Außerdem bin ich mit meinem Stück für die Folies-Tragiques noch nicht fertig. – Apropos, hast du nicht vielleicht eine Photographie gefunden?« Georgette (zitternd): »Eine Photographie?« André: »Nun ja.« Georgette (mit veränderter Stimme): »Das Bild einer nackten Frau?« André (verbessert sie): »Im Tricot.« Georgette: »Ja, das hab' ich gefunden – wie ich deinen Paletot ausschüttelte –« André: »Wie ein Pflaumenbaum, von dem man die Früchte herunterschüttelt – wann denn?« Georgette: »Letzten Montag.« André: »Warum hast du es mir denn nicht gleich wiedergegeben?« Georgette: »Weil –« André: »Ich hab' es schon überall gesucht. – Und wenn ich jetzt nicht selbst davon angefangen hätte –« Georgette: »O, du magst ganz ruhig sein. Es wäre nicht verloren gegangen. Ich hatte die Absicht, es dir heute wiederzugeben. – Siehst du (sie wühlt in ihrem Nähkorb und giebt ihm dann ein Couvert), da ist es.« André (nimmt das Couvert an sich, ohne die Photographie anzusehen): »Danke schön. (Pause.) Du glaubst am Ende gar –« Georgette (kurz): »Ja!« André: »Aber du irrst dich. Die Sache ist nicht so wie du glaubst. Laß mich dir erklären –« Georgette (sanft): »Nein, erkläre mir nichts. Bitte, sag mir nichts, es ist mir lieber so –« André: »Ich will es dir aber erklären. (Er nimmt die Photographie aus dem Couvert.) Es ist eine amerikanische Schauspielerin, die in meinem Stück in den Folies Tragiques auftreten will. Sie hat mir deswegen geschrieben und ihr Bild geschickt. Ich will dir den Brief zeigen, damit du dich überzeugst –« (Er will seine Brieftasche herausnehmen, aber Georgette verhindert ihn daran:) »Wozu? ich würde dir ja doch schließlich alles verzeihen – das weißt du ja. Laß uns lieber nicht mehr davon sprechen,« André (trocken): »Wie du willst. Es wundert mich nur, daß du zwei Tage lang herumgehst und kein Wort von dem Bilde erwähnst. Weißt du, mein Schatz, es ist gerade kein angenehmes Gefühl für mich, daß du dich so verstellst.« Georgette (sehr sanft): »Erstens, mein lieber André, habe ich das Bild nicht zwei, sondern fünf Tage lang behalten, ohne dir etwas davon zu sagen. Montag abend hast du es verloren und heute ist schon Freitag. Ich habe also fünf Tage lang geschwiegen. Ja, ich habe es fertig gebracht, so lange zu schweigen – soll ich dir sagen, warum?« André (etwas spöttisch): »Ja, bitte.« Georgette: »Ich habe geschwiegen, weil du arbeitetest. Du solltest Donnerstag deinen Artikel für die ›Revue mauve‹ abliefern und ich fürchtete, es möchte eine Scene geben, wenn ich dich um eine Erklärung gebeten hätte. Ich weiß ja, wie nervös du bist, wie alles dich gleich erregt. – Du wärest nicht mehr imstande gewesen, weiter zu arbeiten. Denke nur daran, in was für einem Zustand du am Dienstag warst, du hast nicht einmal zu Mittag gegessen und den ganzen Abend warst du so traurig, so verzweifelt, weil du glaubtest, daß dein Artikel mißlungen sei. Weißt du noch, wir saßen bis zwei Uhr morgens ohne Lampe im Salon und du sagtest mir immer wieder: ›Siehst du, es ist nichts mehr mit mir, ich kann nichts mehr schreiben‹. Ich hielt dich in meinen Armen und fühlte, wie dein armes Herz schlug. Glaubst du, ich hätte den Mut gehabt, dich in diesem Moment mit einer Eifersuchtsscene zu quälen, wo du schon so müde und verzweifelt warst? Nein, das konnte ich nicht. Am nächsten Morgen hast du dich dann wieder an deinen Artikel gesetzt und diesmal ging es. O und du warst so zufrieden! Sollte ich dir diesen Moment, wo du nach all der Qual, nach all der Anstrengung endlich aufatmetest, die mühsam errungene Freude wieder verderben? Das hab' ich nicht gewollt, André!« André: »Und Donnerstag?« Georgette: »Donnerstag warst du den ganzen Tag in Paris. – Am Morgen dachte ich wohl daran, mit dir zu sprechen, aber ich konnte es wieder nicht über mich gewinnen, ich sah ja, mit welcher Sorge du an den Ausgang deiner Verhandlungen mit dem Chefredakteur dachtest, wie du dich davor fürchtetest, daß es sich wieder zerschlagen könnte.« André (bitter): »Wenn du mich wirklich lieb hättest –« Georgette: »Wenn ich dich lieb hätte, (mit Wärme) André, ich hab' dich ja so lieb – was verlangst du denn von mir? – Daß ich dir Scenen machen soll?« André (ebenso): »Also nur, um mich nicht in meiner Arbeit zu stören?« Georgette: »Ja, um dich nicht in deiner Arbeit zu stören. Deiner Arbeit verdanke ich es ja, daß meine Kinder die herrliche Luft hier draußen atmen dürfen. – Und dann hab' ich auch daran gedacht, was ein anderer großer Dichter – was mein armer Vater hat leiden müssen – meine Mama hatte keinen Respekt vor seiner Arbeit – wie hat sie ihn gequält mit ihren Vorwürfen, ihren ewigen Spöttereien. Du weißt ja auch, wie es geendigt hat. Mein armer Vater hat sich selbst das Leben genommen.« (Bleich vor Erregung steht sie jetzt auf und ruft ihre kleine Tochter. Suzon kommt eilig angelaufen und fliegt ihrem Papa um den Hals.) André: »Grüß Gott, Suzon.« Suzon: »Grüß Gott, Papachen. (Dann zeigt sie auf die Photographie:) Was ist das, Papa?« André (nimmt das Kind auf den Schoß, dann zerreißt er die Photographie in tausend Stücke): »Nichts, mein Liebling!« Schuld und Liebe Madame Desclés, 46 Jahre alt, Monsieur Desclés, 50 Jahre alt, Victoire. Scene: Eine elegante Wohnung am Boulevard Malesherbes Sieben Uhr abends mitten im Winter. Draußen schneit es. Madame Desclés sitzt in ihrem Zimmer vor dem Schreibtisch und schreibt einen Brief. Sie ist zum Ausgehen angekleidet – einfache, dunkle Toilette, schwarzer Hut. Auf dem Stuhl neben ihr sieht man eine Reifetasche und einen Pelzmantel. Victoire geht aus und ein und bringt das Zimmer in Ordnung. Madame Descles (schreibt): – – »Um ihretwillen, um unserer Kinder willen verlasse ich Dein Haus. Sie haben mich darum gebeten. Gabriel wird mich heute abend abholen, wenn er aus dem Bureau kommt. Er will es nicht länger mehr dulden, daß ich hier bleibe und wochenlang auf Dich warte, ohne zu ahnen, wo Du überhaupt bist. – Er sagt, ich hätte genug gelitten, er will es nicht mehr mit ansehen. – Das Maß ist voll – es muß ein Ende gemacht werden. – Und Jean denkt ebenso wie sein Bruder. Sie wollen von jetzt an mit mir zusammenleben, für mich arbeiten. So werde ich den Rest meines Lebens, wenn ich auch nicht mehr glücklich sein kann, doch wenigstens in Ruhe und von meinen Mitmenschen geachtet, verbringen. Ich hätte gewünscht, Dir das alles mündlich sagen zu können – aber seit elf Tagen bist Du nicht mehr nach Hause gekommen. Wenn Du nicht Deine Kleider und Deine Wäsche hättest holen lassen, so hätte ich annehmen müssen, daß Du tot seist. Gestern hat man Dich beim Rennen gesehen, mit Madame Fertil. – Hüte Dich vor dieser Frau – sie ist schön, sie ist anziehend, aber denke daran, wie sie Monsieur de Sairés zu Grunde gerichtet hat. Er hat sich aus Verzweiflung eine Kugel durch den Kopf gejagt. Womit gedenkst Du sie zu bezahlen? Ich kann Dir nichts mehr geben, ich habe nichts mehr. Du hast alles durchgebracht, meine Mitgift, meine Schmucksachen – alles. Ich glaube, das Mobiliar hast Du auf meinen Namen schreiben lassen. – Wenn Du es verkaufen kannst, so verkaufe es. Ich habe die Dienstboten abgelohnt. Josef hat 1000 Franks von mir verlangt, die er Dir geliehen haben will. Ist es wahr, daß Du sie ihm schuldig bist? Ich bin nicht in der Lage, sie ihm wiederzugeben. Ich habe nicht mehr so viel. 300 Franks nehme ich mit – es ist alles, was ich besitze. Es ist mir sehr unangenehm, daß ich Josef das Geld nicht geben kann. Der Mensch hat einen schlechten Charakter und ist schwatzhaft. Er soll die abscheulichsten Sachen über Dich herumerzählt haben. Ich rate Dir, wenn Du nach Hause kommst, gieb ihm sobald wie möglich sein Geld wieder und schick ihn dann sofort weg. – Aber wann wirst Du nach Hause kommen?« Victoire: »Madame!« Madame Desclés: »Nun, was giebt's?« Victoire: »Ich glaube, Monsieur kommt.« Madame Desclés: »Monsieur Gabriel?« Victoire: »Nein, Monsieur!« (In diesem Augenblick wird rasch die Thür geöffnet und Monsieur Desclés erscheint. Victoire entfernt sich.) Madame Desclés: »Was? – was – du bist es?« Monsieur Desclés: »Ja, ich bin es. (Er ist leichenblaß und anscheinend erregt. Tiefe Schatten liegen unter seinen Augen, er sieht seine Frau ängstlich und verstört an.) Hat niemand nach mir gefragt?« Madame Desclés: »Nein.« Monsieur Desclés: »Ist das ganz gewiß?« Madame Desclés: »Ja, ganz gewiß.« Monsieur Desclés (sinkt in einen Lehnstuhl) : »Ah – ich kann nicht mehr. (Dann schlägt er beide Hände vors Gesicht.) Ah!« – (Pause. – Madame Desclés blickt stillschweigend auf ihren Mann, der völlig zusammengebrochen dasitzt. Dann zuckt sie leicht die Achseln, faltet ihren Brief zusammen, steckt ihn in das Couvert und legt ihn auf den Tisch. Dann nimmt sie ihren Mantel und geht auf die Thür zu. Monsieur Desclés blickt auf:) »Wohin willst du? Willst du fortgehn?« Madame Desclés: »Ja, ich gehe fort.« Monsieur Desclés: »Was? Du gehst fort – ganz fort?« Madame Desclés: »Ja.« Monsieur Desclés: »Für lange?« Madame Desclés: »Für immer.« Monsieur Desclés: »Du willst mich verlassen – du hast wohl genug von mir?« Madame Desclés: »Ja.« Monsieur Desclés: »Da hast du recht. Geh nur. Es ist das beste, was du thun kannst. Gerade in diesem Moment (bitter) – ja, gerade in diesem Moment. – Nun, warum gehst du denn nicht? Worauf wartest du noch?« Madame Desclés: »Ich warte auf Gabriel, er sollte mich abholen.« Monsieur Desclés: »Du willst mit zu ihm gehen?« Madame Desclés: »Ja, zu ihm und Jean. Wir drei wollen von jetzt an zusammenleben. (Pause.) Leb wohl, Lucien!« Monsieur Desclés (kalt): »Adieu!« (Sie macht einige Schritte vorwärts. Als sie schon auf der Schwelle steht, wendet sie sich noch einmal um und wirft einen letzten Blick auf ihren Mann. Er hat das Gesicht wieder mit beiden Händen bedeckt, seine Finger beben und ein dumpfes Schluchzen ringt sich aus seiner Brust:) Madame Desclés (ohne näher zu treten): »Warum weinst du? Was fehlt dir?« Monsieur Desclés: »Nichts, nichts – es ist nichts. Laß mich allein – geh nur.« Madame Desclés: »Was ist dir geschehen? Sag, was ist dir geschehen?« Monsieur Desclés (läßt die Hände sinken, sein Gesicht ist von furchtbarer Angst entstellt): »Ich sag' dir ja, laß mich allein – ich muß allein sein. – Was kümmert es dich jetzt noch, ob mir etwas geschehen ist. Du hast dich ja für immer von mir losgesagt. – So geh doch – geh doch.« Madame Desclés (nachdenklich): »Ja – ja – ich – ich will fort (sie bleibt immer noch an der Thür stehen) , aber kann ich dir wirklich nichts mehr helfen?« Monsieur Desclés: »Nein – jetzt nicht mehr.« Madame Desclés (immer noch in der Thür): »Weißt du das ganz gewiß – (Er giebt keine Antwort.) Sieh, wenn du weinst, muß etwas sehr Ernstes vorgefallen sein. Du weinst nicht leicht. So hab doch Vertrauen zu mir. Warum weinst du? Willst du es mir nicht sagen?« Monsieur Desclés: »Nein – du willst fort von mir. – Du willst mich verlassen – mich ganz allein lassen – gerade in dem Augenblick, wo eine schwere Gefahr –« Madame Desclés: »Gefahr? Was für eine Gefahr?« Monsieur Desclés: »Kannst du es dir denn nicht denken? Hast du denn nichts gesehen – nichts geahnt? (Er steht auf und geht mit großen Schritten im Zimmer auf und ab.) Du hast gewußt, daß ich ein wahnsinniges Abenteurerleben führte – hast du denn nie daran gedacht, daß ich eines Tages den Hals dabei brechen könnte? – Nun, jetzt ist es glücklich so weit – es ist aus mit mir. Ich werde dies Zimmer nicht wieder verlassen. Es ist ein Wunder, daß es nicht schon längst so weit gekommen ist. Meine Söhne sind nicht so naiv wie du, sie wissen ganz gut, wie die Sache liegt. Deshalb haben sie sich auch von mir zurückgezogen – sie wollen nichts mehr von ihrem Vater wissen, sie empfinden nur noch Abscheu vor dem väterlichen Hause. O, sie haben es rasch begriffen. – Aber darum handelt es sich jetzt nicht. – Willst du wirklich wissen, was geschehen ist?« Madame Desclés: »Ja.« Monsieur Desclés: »Nun, ich warte darauf, daß man mich verhaften wird – es kann jeden Augenblick geschehen. Vielleicht noch heute abend – aber jedenfalls morgen früh.« Madame Desclés: »Verhaften? Warum? was hast du gethan?« Monsieur Desclés: »Ich habe gestohlen. – O, ich bitte dich, frag mich nicht nach den Einzelheiten. Begnüge dich mit der Thatsache – die ich nicht ableugnen kann, weil man mich auf frischer That ertappt hat. (Beide schweigen.) Nun – du schreist nicht auf – du wirst nicht ohnmächtig vor Entsetzen?« Madame Desclés (mit leichenblassem Gesicht und weit aufgerissenen Augen, ihre Stimme klingt leise und pfeifend): »Schweig – es ist jemand im Vorzimmer. Vielleicht ist es schon – (sie schaudert am ganzen Körper) vielleicht ist es die Polizei. Hörst du? (noch leiser) hörst du?« Monsieur Desclés (ebenfalls schaudernd): »Ja, ja, ich höre.« (Er faßt instinktiv ihre Hand und stützt sich auf sie. Eine Minute der entsetzlichsten Angst – dann öffnet sich die Thür und Victoire erscheint) Victoire: »Madame, Monsieur Gabriel ist da.« Madame Desclés (atmet auf): »Ach, lassen Sie ihn einen Augenblick im Salon warten.« Victoire: »Der junge Herr ist wieder hinuntergegangen. Er läßt Madame sagen, daß er sie unten im Wagen erwartet.« Monsieur Desclés: »Haben Sie ihm gesagt, daß ich hier bin?« Victoire: »Ja, Monsieur.« Monsieur Desclés: »Gut, tragen Sie die Reisetasche hinunter. Madame wird Ihnen gleich nachkommen.« Victoire (will die Tasche nehmen, aber Madame Desclés faßt sie am Arm). Madame Desclés: »Lassen Sie sie noch da.« Victoire (überrascht): »Aber Madame!« Madame Desclés: »Lassen Sie sie da.« Monsieur Desclés: »Hast du vielleicht deinen Entschluß wieder geändert?« Madame Desclés: »Ja.« Monsieur Desclés: »Du willst nicht fort?« Madame Desclés: »Nein.« Monsieur Desclés: »Dann mußt du wenigstens Gabriel Bescheid sagen lassen.« Madame Desclés (kurz): »Das ist wahr. (Zu Victoire) Gehen Sie hinunter und sagen Sie meinem Sohn, daß ich nicht kommen kann. Er soll nicht auf mich warten. Ich werde ihm schreiben.« Victoire (ärgerlich): »Gut, Madame. – Und der große Koffer?« Madame Desclés: »Lassen Sie ihn wieder heraufbringen.« (Victoire wirft einen mißtrauischen Blick auf die beiden und geht dann langsam hinaus.) Der Onkel Henri Chorsan. 32 Jahre alt. Emma Chorsan, 26 Jahre alt. Rue Victor-Massé, eine kleine Wohnung im 5. Stock auf den Hof hinaus. Es ist ein Sommerabend. Emma in einem stark verblichenen und verwaschenen Peignoir aus rosa gestreiftem Oxford. Sie ist damit beschäftigt den Tisch zu decken, den sie nah ans Fenster herangerückt hat. Durch die offenstehende Thür sieht man in eine dunkle Küche, in der nur eine kleine Petroleumlampe brennt. Henri ist eben nach Hause gekommen und kleidet sich um. Er zieht ein leinenes Jackett an und pfeift dabei vor sich hin. Henri: »Sag' mal, Mama!« Emma: »Was denn, mein Schatz?« Henri: »Können wir bald essen?« Emma: »Ja, in zwei Minuten – hast du Hunger?« Henri: »Und wie! Giebt es denn was Gutes heut?« Emma: »Ich hab' ein Huhn gekauft.« Henri: »Donnerwetter!« Emma: »O, es war nicht teuer.« Henri: »Ein Gelegenheitskauf?« Emma: »Du willst mich wohl auslachen? Denk dir, es hat nur 2 Francs 50 gekostet. Mit Reis und Tomatensauce ist es ein sehr ausgiebiges Essen. Du wirst schon sehen.« Henri: »Hast du denn auch 'was Kaltes dazu?« Emma: »Ja, Bohnensalat.« Henri: »Aber ohne Zwiebeln hoffentlich?« Emma: »Ja, ohne Zwiebeln. – Willst du nach dem Essen noch ausgehen?« Henri: »Ich muß noch auf einen Moment zu Max Julien, ich bin ihm vorhin begegnet. Er will mich mit einem Intimus von Carré, dem Direktor der Opera Comique bekannt machen. Der Mann soll sehr einflußreich sein und kann jedenfalls eine nützliche Bekanntschaft für mich werden.« Emma: »Ist Carré denn jetzt in Paris?« Henri: »Nein, ich glaube kaum. Aber er wird ihm von mir erzählen, verstehst du? sowie er zurückkommt.« Emma: »O, aber Carré wird dich doch wenigstens dem Namen nach kennen?« Henri: »Schwerlich.« Emma: »Aber ich bitte dich. Vorige Woche hat er doch erst eine von deinen Schülerinnen engagiert? Er wird doch wissen, bei wem sie gelernt hat. Er muß doch wissen, wer der Komponist des Grêlon-Walzers ist!« Henri (lachend): »Du bist wunderbar. Glaubst du wirklich, daß er sich dafür interessiert, bei wem seine Choristinnen studiert haben?« Emma: »Erstmal ist Mlle. Caille keine Choristin. Sie wird in kleinen Rollen beschäftigt, und dann, mein Lieber – der Autor eines Walzers, der in ganz Paris gespielt wird, ist doch keine unbekannte Größe. Ein Operettendirektor hat überhaupt gar nicht das Recht dich nicht zu kennen.« Henri (scherzend): »Schaut mir doch die kleine Frau an, wie sie ihren Mann in Schutz nimmt. (Er umarmt sie.) Den Teufel auch. Wenn ich nicht noch mal ein berühmtes Talent werde mit einem ganzen Sack voll Geld – dann ist es gewiß nicht deine Schuld. (Er klopft sich auf die Stirn.) Nein, dann hab' ich wirklich nichts da drin, dann bin ich einfach ein Kretin, ein talentloser Kretin. (Er umarmt sie noch einmal.) Du Goldkind. – So, aber nun gieb uns zu futtern, ich komme um vor Hunger.« Emma: »Ja, es ist alles fertig. – O Schatz, aber ich habe vergessen in den Keller zu gehen. Willst du es für mich thun, es wäre zu lieb von dir.« Henri: »Mit Vergnügen. Gieb mir nur den Korb und den Schlüssel.« (Sie giebt es ihm. Während er fort ist, schneidet sie Brot in die Suppe, stellt eine Karaffe mit Wasser auf den Tisch und macht alles fertig. Dabei trällert sie dieselbe Melodie vor sich hin, die ihr Mann vorhin gepfiffen hat. Selbstverständlich ist es der Grêlon-Walzer.) Henri (kommt zurück, er stellt den Korb auf die Erde und schwingt einen Brief in der Hand): »Mama, eine große Neuigkeit.« Emma: »Eine gute?« Henri: »Brillant sogar – dein Onkel Silvain ist gestorben.« Emma (ergriffen): »Nein, wirklich?« Henri: »Nun, ich sag's dir ja. Freitag Abend um 10 Uhr ist er zusammengeklappt. Schau her.« Emma (entfaltet den Brief und liest laut vor): »Ach – vom Rechtsanwalt –« »Madame, Ich beehre mich Ihnen mitzuteilen, daß Ihr Onkel mütterlicherseits, Monsieur Silvain Duvale, gestern, Freitag, abends um 10 Uhr in seiner Wohnung, rue de Rivoli 378, verstorben ist. Da Sie die einzige Erbin des Verstorbenen sind, fällt Ihnen das nicht unbeträchtliche Vermögen desselben zu. Ich ersuche Sie deshalb am Montag oder Dienstag Morgen bei mir vorzusprechen. Mit vorzüglicher Hochachtung Cyrille Envoix, Notar.« (Pause. Emma faltet den Brief mechanisch wieder zusammen): »Also ist Onkel Silvain wirklich tot!« Henri: »Nun, da ist eben ein alter Taugenichts weniger auf der Welt.« Emma: »O Henri!« Henri: »Warum ›O Henri‹ – war dein Onkel etwa kein alter Taugenichts?« Emma: »Nun ja, aber jetzt, wo er tot ist.« – Henri: »Achtung vor seinen Gebeinen, nicht wahr? Nein, mein Schatz, siehst du, das ist etwas, was mich geradezu wütend machen kann – wenn man vor dem größten Scheusal auf einmal Respekt haben soll, nur weil es tot ist. – Freitag Abend um ¾ 10 Uhr war dein Onkel Silvain noch der größte Schurke, den man sich denken kann – ein Mann, der die armen Leute unbarmherzig ausgebeutet, der ihnen ohne einen Funken von Mitleid das Geld aus der Tasche gelockt hat – habe ich Recht oder nicht? – Und von 10 Uhr an ist er plötzlich eine Respektsperson für mich. Sei so gut und sag' mir weshalb? Nur, weil er gestorben ist, weil er zum erstenmal etwas gethan hat, was keinem anderen Schaden bringt – und noch dazu unfreiwillig – nein, mein Kind. – – So, aber jetzt komm und gieb mir etwas Suppe, sie ist gewiß schon kalt.« (Sie setzen sich zu Tisch. Emma reicht ihm Suppe, sie fangen stillschweigend an zu essen. Beide sind augenscheinlich ganz mit ihren Gedanken beschäftigt.) Henri: »Ich möchte doch wissen, was Monsieur Envoix unter einem ›nicht ganz unbeträchtlichen Vermögen‹ versteht.« Emma: »Das ahne ich auch nicht.« Henri: »2 bis 300 000 Francs, vielleicht noch mehr. Da sind wir fein heraus (er schiebt den Teller zurück). Komisch, ich habe gar keinen Hunger mehr. Die Geschichte ist mir förmlich in den Magen gefahren – es ist so sonderbar, zu denken, daß wir jetzt mit einemmal reiche Leute sind.« Emma (einfach – während sie das Huhn tranchiert): »Hast du die Absicht es anzunehmen?« Henri: »Was?« Emma (während sie ihm vorlegt): »Onkel Silvains Vermögen.« Henri: »Nun natürlich! Warum nicht? da du doch seine Erbin bist.« Emma: »O du weißt, mir liegt nichts dran. Wenn es sich nur um mich handelt (sie giebt ihm Sauce auf den Teller) . Mir wäre es ebenso lieb, wenn wir so weiterlebten wie jetzt.« Henri: »In dieser ewigen Geldnot – ich bitte dich.« Emma: »Nein, es ist ganz mein Ernst. Ich fühle mich sehr glücklich so – soll ich dir offen meine Meinung sagen? Versprichst du mir, daß du mich nicht auslachen willst?« Henri: »Ja, das versprech ich dir.« Emma: »Siehst du, ich würde mich viel mehr freuen, wenn du einen oder zwei Schüler mehr bekommst, als wenn wir auf diese Weise plötzlich reich würden. Nicht wahr, das ist furchtbar dumm von mir?« Henri (nachdenklich): »Denk nur, was man alles mit 300 000 Francs thun könnte.« Emma (während sie den Salat anrichtet): »Vor allem könnte man sie all den Unglücklichen wiedergeben, die mein Onkel betrogen und ins Elend gebracht hat. Dann würden wir wirklich Freude daran haben.« Henri: »Ist das dein Ernst?« Emma: »Ja, vollkommen.« Henri: »Bist du verrückt geworden? Höre mal, du redest wie ein Kind von sechs Jahren. Hast du jemals gesehen, daß man zum Beispiel in einem Laden sein Geld wieder zurückbekommt.« Emma: »Aber du hast doch selbst eben noch gesagt, daß Onkel Silvain ein altes Scheusal war, das die armen Leute ausgebeutet hat. Könntest du dich denn wirklich entschließen sein Geld anzunehmen, an dem so viel Thränen, so viel Blut und Elend klebt? – Pfui, nein, mir graut davor. Geh, Henri, ich weiß, daß du ebenso fühlst wie ich. Du bist zu gut, du wärest gar nicht imstande dich an dem zu freuen, was so viele unglücklich gemacht hat. Nein, ich kenne dich, Henri, du hättest das Geld auch nicht genommen, du hättest dich geschämt es zu nehmen.« Henri (ganz bestürzt): »Glaubst du wirklich?« Emma: »Ich bin fest überzeugt davon. (Sie steht auf und setzt sich ihm auf den Schoß.) Hab doch Vertrauen zu deiner kleinen Mama, mein Schatz – zu deiner kleinen Mama, die so stolz auf dich ist. Ja, sie ist stolz darauf die Frau eines rechtschaffenen Mannes zu sein, den alle Welt achtet und bewundert. Wenn du wüßtest wie schön es ist den Namen eines Künstlers zu tragen, von dem alle sagen: er hat Talent und ist ein anständiger Mensch. Nein, dieses Glück darfst du mir nicht rauben.« – (Sie küßt ihn und ihre Augen füllen sich mit Thränen.) Henri (gerührt): »Ach, du Närrchen.« (Er streichelt sie leise ohne ein Wort zu sagen.) Emma: »Nun?« Henri: »Ich will thun, was du für richtig hältst – denn im Grunde –« Emma (strahlend) : »Im Grunde?« – Henri: »Bin ich ganz deiner Meinung. Ich wollte es nur nicht eingestehen. Siehst du, wir sind so ganz eins, daß jeder dasselbe fühlt und denkt wie der andre. Und deshalb werden wir uns auch immer lieb behalten, denn seiner selbst wird man niemals müde. – (Er geht plötzlich in einen anderen Ton über.) Giebt es auch noch was zum Dessert?« Emma: »Ja, mein Schatz, – Aprikosen. Ich wollte Pfirsiche nehmen, aber sie sind gar zu teuer.« (Sie steht auf und stellt rasch die Früchte auf den Tisch, während Henri sie voller Liebe und Bewunderung anblickt.) Madame Brous Empfangsabend Eine reinliche helle Küche, deren weitgeöffnete Fenster auf den schönen Garten des Nachbarhauses hinausgehen. Madame Brou, 33 Jahre alt, eine hübsche, brünette, etwas korpulente Frau mit heitern, lebhaften Zügen. Sie trägt ein helles, nett und geschmackvoll gemachtes Sommerkleid mit feinen Stickereien an Hals und Armen. Madame Brou sitzt am Fenster und hülst Erbsen aus. Die kleine 5jährige Germaine hockt daneben auf einem Schemel und zählt mit ernstem Gesicht die leeren Schoten. Germaine hat überhaupt kein Profil; unter den dichten, blonden Locken, die über ihr rundes, gutmütiges Kindergesicht herabfallen, sieht man nur ein paar große Augen, eine winzige Stumpfnase und ein rotes Mündchen, das fast wie eine frische, kleine Erdbeere aussieht. Es ist ½ 6 Uhr abends, im Sommer. Plötzlich wird an die Küchenthür geklopft. Madame Brou: »Herein!« (Jetzt erscheint Madame Derle, eine blutjunge, einfach gekleidete Frau mit schüchternem Wesen.) Madame Derle: »O, ich störe Sie gewiß.« Madame Brou: »Aber absolut nicht. Treten Sie doch näher.« Madame Derle (zögernd): »Sie müssen verzeihen, aber da Sie mir sagten, daß Sie zwischen 5 und 7 zu Hause sind.« – Madame Brou: »Das ist recht, daß Sie gekommen sind. Sie stören mich wirklich nicht im mindesten. (Sie steht auf und rückt einen Stuhl heran, zu Germaine.) Komm, mein Liebling, mach' Platz, damit Madame Derle sich setzen kann.« Germaine (thut als ob sie etwas zur Seite rückte). Madame Brou: »Aber so mach doch Platz, wirst du wohl etwas höflicher gegen die Mama deiner kleinen Freundin sein?« Germaine: »Lily?« Madame Derle: »Ja, ich bin Lilys Mama.« Germaine: »Warum ist Lily heute nicht in die Anlagen gekommen?« Madame Brou: »Morgen kommt sie wieder. Mach' Platz da, Germaine.« (Germaine macht etwas unwillig Platz. Madame Derle setzt sich. – Pause.) Madame Derle (in den Garten hinausblickend): »Was für schöne Bäume haben Sie hier!« Madame Brou: »Nicht wahr? Der reine Park und noch dazu mitten in der Stadt.« Madame Derle: »Die Leute, denen der Garten gehört, wissen es wahrscheinlich gar nicht zu schätzen.« Madame Brou: »Das ist wohl möglich, aber ich bin sehr froh darüber, so ins Grüne blicken zu können.« Madame Derle: »Geht die ganze Wohnung auf den Garten hinaus?« Madame Brou: »O nein, nur die Küche. Von den andern Zimmern aus sieht man nur in einen trübseligen, feuchten Hof hinab.« Madame Derle: »Daß Sie immer so vergnügt sind, Madame Brou, Sie lachen den ganzen Tag.« Madame Brou: »Das muß man auch, den Kindern zu lieb. Die Kleinen haben es nicht gern, wenn man ihnen ein mürrisches Gesicht zeigt.« Madame Derle: »Und Sie sind auch gewiß recht glücklich. Man sieht es Ihnen an.« Madame Brou: »Ach mein Gott, ich habe auch meine kleinen Leiden wie jedes andere. (Sie steht auf und nimmt eine Kasserolle von der Wand.) – Sie entschuldigen, wenn ich meine Erbsen aufs Feuer setze?« Madame Derle: »Aber ich bitte Sie, lassen Sie sich nur nicht stören.« Madame Brou (zu Germaine): »Geh jetzt ein bischen draußen spielen, mein Liebling, willst du?« Germaine (ohne sich zu rühren): »Draußen?« Madame Brou: »Ja. Madame Derle möchte mit mir sprechen.« Madame Derle: »O die Kleine stört mich nicht, sie ist ja so artig. Bleib nur da, mein Herzenskind.« Germaine (die gar nicht daran gedacht hat, hinauszugehen, rückt sich auf ihrem Schemel zurecht. Ihr Gesicht nimmt einen aufmerksamen Ausdruck an). Madame Brou: »Übrigens ist sie auch nicht schwatzhaft.« Madame Derle: »Gerade wie Lily. Man braucht ihr nur zu sagen, Lily, darüber darfst du nicht sprechen, – dann kann man ganz ruhig sein, daß sie keinem Menschen ein Wort sagt.« Madame Brou: »Sie ist überhaupt ein kluges Kind.« Madame Derle: »O nicht mehr wie alle andern. Aber sie lebt ja immer mit mir zusammen. Wir sind ganz unzertrennlich voneinander.« Germaine: »Warum ist sie denn heute nicht mitgekommen?« Madame Brou: »Schweig doch, Kind.« Madame Derle: »Weil sie bei ihrer Großmama auf dem Land ist. Aber heute abend kommt sie wieder.« Germaine: »Wenn Paul und ich zu Großmama aufs Land gehen, kommt Mama immer mit, nicht wahr Mamachen?« Madame Brou: »Wirst du nun endlich mal den Schnabel halten? (Freundlich zu Madame Derle.) Lily ist wohl bei Ihrer Schwiegermutter? Haben Sie sich denn immer noch nicht mit ihr ausgesöhnt?« Madame Derle: »Aber was denken Sie? Meine Schwiegermutter giebt meinem Mann ja recht. Sie findet, daß die Schuld auf meiner Seite ist.« Madame Brou: »Die Schuld? Nein, gewiß nicht. Aber Sie sind vielleicht nicht geduldig und nachsichtig genug gegen ihn. – Sie nehmen es mir doch nicht übel, wenn ich so offen mit Ihnen rede?« Madame Derle: »Im Gegenteil, ich bitte Sie darum. Deshalb bin ich ja gerade zu ihnen gekommen. Sie sind mir gleich so sympathisch gewesen, – damals wie wir uns zum erstenmal in den Anlagen trafen. Ich habe mich gleich zu Ihnen hingezogen gefühlt.« Madame Brou: »Das ist sehr lieb von Ihnen.« Madame Derle: »Glauben Sie mir, es ist wirklich so. Und haben wir ja auch so viele Berührungspunkte miteinander. Wir sind beide Beamtentöchter. Unsere Männer haben denselben Beruf, unsere Babys stehen in demselben Alter.« – Madame Brou (lächelnd): »Ja, aber ich habe außerdem noch einen großen Jungen von 12 Jahren« – Germaine: »Paul, mein Bruder Paul.« Madame Brou: »Ich bin doch viel älter wie Sie und deshalb möchte ich Ihnen einen Rat geben – weil Sie mich darum gebeten haben – Sie sollten Ihrem Mann verzeihen.« Madame Derle: »Nein, das kann ich nicht. Es wäre zu feige von mir. Ich kann es nicht.« Madame Brou: »Zu feige? Sie fangen ja erst an zu leben, kleine Frau. Möchten Sie nie eine größere Feigheit begehen, wie daß Sie dem Vater Ihres Kindes seine kleinen Schwächen verzeihen.« Madame Derle: »Er hat mich zu tief gekränkt, ich habe zu viel darunter gelitten.« Madame Brou: »Ach, die Männer sind nun einmal so. Einer feinfühlenden Frau wird dieses Leid nie erspart bleiben. Aber dafür hat sie auch eine große Freude, die kein Mensch ihr rauben kann.« Madame Derle: »Was meinen Sie damit?« Madame Brou: »Die Freude, die darin liegt sich aufzuopfern.« Madame Derle: »Ach, das ist eine traurige Freude.« Madame Brou: »Und doch liegt so viel Glück darin. Sehen Sie, so des Abends, wenn mein Mann im Café ist, wenn ich die Teller abgespült und alles in Ordnung gebracht habe und nun bei meiner Lampe sitze – die Kinder schlafen im Nebenzimmer – ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie glücklich ich mich dann fühle, was für eine tiefe Freude da über mich kommt.« Madame Derle: »Nun ja, Sie haben eben einen guten Mann.« Madame Brou (mit einem unruhigen Blick auf Germaine): »Gewiß, mein Mann ist nicht böse.« Germaine: »O Mamachen, Papa macht dich so oft traurig. Weißt du noch neulich, wie er gesagt hat: ›Nun ja, es ist eine Cocotte, aber ich habe Cocotten nun einmal gern‹. – Und dann ist er so bös geworden und dann« – Madame Brou: »Schweig, Germaine.« (Pause. Sie thut die Erbsen in die Kasserolle und giebt etwas Speck, Butter und drei Stück Zucker dazu.) »Sehen Sie, wie ich die Erbsen koche. Das Rezept habe ich von einer sehr tüchtigen Köchin. Sie werden sehr zart so.« Germaine (leise, als ob sie nur zu sich selbst spräche): »Und dann hat Paul gesagt: warum schreit Papa so, wenn er ein Huhn essen möchte. Eine Cocotte ist doch ein Huhn, Mamachen – und dann« – Madame Brou: »Pfui, das ist unartig von dir, alles so auszuplaudern. Wenn du jetzt nicht gleich stillschweigst, schick ich dich zur Strafe hinaus.« Germaine (noch leiser): »Und dann hat Mamachen geweint und dann gelacht.« – Madame Derle (steht auf): »Sagen Sie mir, was ich thun soll, Madame Brou, ich werde alles thun, was Sie mir sagen.« Madame Brou: »O, Sie brauchen gar nichts besonderes zu thun. – Ihr Mann kommt doch abends nach Hause?« Madame Derle: »Bis jetzt, ja.« Madame Brou: »Nun, dann seien Sie ganz so wie früher gegen ihn – nur keine Scenen und vor allem keine Auseinandersetzungen. Sie dürfen ihn nicht durch Ihre Verzeihung demütigen, verstehen Sie mich – das würde ihn nur gegen Sie aufbringen.« Madame Derle: »Ja, ich verstehe.« Madame Brou: »Im Grunde ist es ja alles so einfach. Denken Sie, daß Ihr Mann ein großes Kind ist, das sich leicht zu allem möglichen hinreißen läßt und das man nicht dafür verantwortlich machen kann. Dann werden Sie schon den rechten Ton finden. Vor allem sagen Sie ihm nichts, was ihn reizen oder verletzen könnte, Sie würden ihn dadurch nur veranlassen Thorheiten zu begehen, die vielleicht nie wieder gut gemacht werden können. – Sie werden schon sehen, mit etwas Geduld und gutem Willen gewöhnt man sich an manches, was einem anfangs unerträglich vorkommt. Und vor allem denken Sie an Lily.« – Madame Derle (bewegt): »Meine kleine Lily.« Germaine: »Lily ist meine Freundin. Wir spielen immer zusammen in den Anlagen. Und Lily thut alles, was ich will.« Madame Brou: »Ich will Sie wirklich nicht hinauswerfen, Madame Derle, aber Sie müssen doch gewiß auch noch Ihr Mittagsessen herrichten.« Madame Derle: »O, ich war heute so traurig und mutlos, daß ich gar nicht daran gedacht habe. Ich werde etwas kalten Aufschnitt beim Charkutier holen.« Madame Brou: »Sehen Sie, kleine Frau, das ist wieder nicht recht von Ihnen. Sie sollten sich durch Ihre Stimmung nicht hindern lassen, Lily alle Tage ihre warme Suppe zu geben.« Madame Derle: »Ja, Sie haben recht. Ich werde ihr eine Brotsuppe machen.« Madame Brou: »So, das ist vernünftig. – Also auf Wiedersehen morgen in den Anlagen.« Madame Derle: »Darf ich Sie auch einmal wieder hier besuchen?« Madame Brou: »Nun, natürlich. Es wird mich nur freuen. Zwischen 5 und 7 finden Sie mich immer zu Hause. Um diese Zeit« – Germaine: »Da kocht Mamachen immer.« (Dann nehmen sie mit herzlichem Händedruck Abschied voneinander.) Marcelle Ein Gartenhaus in Courberoie, dicht am Bahnhof. 8 Uhr morgens, an einem schönen Herbsttag. Marcelle Verdyait, 26 Jahre alt, sanfte, sympathische, schon etwas verblühte Züge. Madame Verdyait, 48 Jahre. Ein düstrer, leidenschaftlicher, gequälter Ausdruck liegt auf ihrem Gesicht mit den schönen, glänzenden Augen und den blendendweißen Zähnen. Die dunkeln, von einzelnen grauen Fäden durchzogenen Haare fließen wie eine dichte Mähne auf das spitzenbesetzte Kopfkissen nieder. Sie liegt im Bett und blickt nachdenklich und starr vor sich hin. Josephine, 32 Jahr, ein dickes, gutmütiges Landmädchen mit blassem Gesicht, feuerroten Armen und blauen Händen. Sie tritt in das Zimmer und trägt ein Tablett mit einer Kaffeekanne, einer Zuckerdose, einem silbernen Rahmtopf, einer feinen Tasse von Sèvreporzellan und einigen gerösteten Brotschnitten. Marcelle (leise zu Josephine): »Stellen Sie es dorthin, ich will versuchen Mama zum essen zu bewegen.« Josephine: »Und Ihr Zug?« Marcelle: »Ich fahre erst um 9 Uhr 20. Ich habe heute nur eine Stunde um 10 Uhr zu geben und eine um ¼ nach 11. Da brauch' ich nicht so zu eilen.« Josephine: »Und um Eins werden Sie total abgehetzt wiederkommen, nicht wahr?« Marcelle: »Ja, zum Frühstück bin ich wieder da.« Josephine (murmelt zwischen den Zähnen): »Ja, um Madame wieder zu füttern und ihr verrücktes Geschwätz mit anzuhören. Na, wenn ich hier zu sagen hätte.« (Sie zuckt die Achseln, setzt das Tablett auf den Tisch und geht wieder hinaus.) Marcelle (nähert sich dem Bett ihrer Mutter): »Guten Morgen, liebste Mama.« (Sie will ihr einen Kuß geben, aber Madame Verdyait wendet den Kopf ab.) Madame Verdyait: »Guten Morgen, Fräulein.« Marcelle: »Da ist dein Frühstück. Hast du heute etwas Hunger?« Madame Verdyait: »Warum fragen Sie mich? Sie wissen doch, daß ich keinen Hunger mehr haben darf.« Marcelle: »Sieh mal, da ist Kaffee und ein paar geröstete Brotschnitten mit Butter. Sie sind noch ganz warm. Die ißt du ja so gern. Komm, nimm ein Stückchen!« Madame Verdyait (stößt den Teller zurück) : »Ich danke – hat sie – hat sie das Butterbrot gesehen?« Marcelle: »Wer?« Madame Verdyait: »Marcelle.« Marcelle: »Ich hab' sie dir ja selbst zurecht gemacht.« Madame Verdyait: »So, das freut mich, denn Marcelle würde wütend werden, wenn sie es sähe. Denken Sie sich nur, sie will es absolut nicht haben, daß ich etwas esse.« Marcelle: »Trink doch auch ein bischen Milch, Mama.« Madame Verdyait: »Nein. – Sie läßt mich tagelang ohne Nahrung hier liegen. Ist das nicht entsetzlich? daß meine Tochter so gegen ihre eigene Mutter sein kann. Sie ist einfach ein Ungeheuer, nicht wahr?« Marcelle: »Wenn du nur einen Schluck Milch trinken wolltest – nur einen Schluck. Das ist wirklich nicht zu viel. Komm, zwing dich dazu, ich bitte dich.« Madame Verdyait: »Lassen Sie mich in Ruh, ich will nicht. (In geheimnisvollem Ton.) Ich glaube, sie hofft mich auf diese Weise umzubringen – sie möchte mich los sein. Sie schämt sich meiner, verstehen Sie? sie schämt sich meiner – wegen dieser Gefängnisgeschichte.« Marcelle (fährt zusammen und blickt ängstlich nach der Thür, durch die Josephine eben verschwunden ist) . Madame Verdyait: »Warum sehen Sie so nach der Thür?« Marcelle: »Aber, daran denke ich ja gar nicht.« Madame Verdyait: »Doch, Sie haben nach der Thür gesehen, Glauben Sie, daß Marcelle horchen könnte?« Marcelle: »Nein!« Madame Verdyait: »Sehen Sie doch nach, ob sie nicht im Korridor ist.« Marcelle: »Es ist wirklich überflüssig.« Madame Verdyait (heftig): »Aber Sie sollen nachsehen, ob Marcelle nicht da ist. Ich will es. Thun Sie es sofort.« Marcelle (geht an die Thür und macht sie weit auf). Madame Verdyait: »Nun?« Marcelle: »Es ist niemand da?« Madame Verdyait: »Hat sie sich nicht vielleicht hinter der Thür versteckt?« Marcelle: »Nein.« Madame Verdyait: »Schwören Sie es mir?« Marcelle: »Ja, ich schwöre es dir.« Madame Verdyait: »So, dann kommen Sie her zu mir – ganz nah, – ich möchte Ihnen etwas erzählen, – Sie werden dann alles besser verstehen (sie blickt sie durchbohrend an) , aber Sie werden es Marcelle nicht wiedersagen?« Marcelle: »Unter einer Bedingung, nämlich, daß du jetzt etwas ißt. Sieh, nur dies kleine Stückchen Brot. Komm, zerbeiß es mit deinen schönen, weißen Zähnen. Du hast so wunderschöne Zähne, sie sind viel weißer wie meine. Komm, nimm es. Sieh wie schön braun und knusperig es ist.« Madame Verdyait: »Würde es Ihnen wirklich Freude machen, wenn ich meine Milch trinke?« Marcelle (flehend): »Ach thu es doch.« Madame Verdyait: »Nun, dann geben Sie mir einen Löffel voll, aber nur einen Löffel.« – Marcelle (giebt ihr die Milch wie einem kleinen Kind löffelweise in den Mund). Madame Verdyait: »So und nun hören Sie, was ich Ihnen erzählen will. – Ich habe früher einmal ein Verbrechen begangen. Ich weiß nicht mehr, wann es war. Ich habe irgend jemand umgebracht. Ich kann mich aber nicht recht mehr besinnen, wer es war. Es war ein Mann, ein ganz junger Mann, glaube ich, aber es ist schon lange, lange her. Nun, und dann hat man mich verhaftet, und mich ins Gefängnis gebracht. O und ich habe dort so gefroren und die Bettücher hatten einen so abscheulichen Geruch. Das konnte ich gar nicht ertragen. Ich weiß nicht, ob Sie bemerkt haben, wie empfindlich ich gegen alles bin, was mit meinem Körper in Berührung kommt. Sehen Sie mal mein Kopfkissen an, es ist von ganz feinem rosa Battist und schön parfümiert. Solche Sachen hab' ich so gern, – mir wird sonst immer so leicht übel. Und im Gefängnis roch das Bett immer so feucht und abscheulich – es war einfach schrecklich. Und dann in der Nacht liefen lauter Tiere in meiner Zelle herum. Ich hörte sie immer herumrasen mit ihren weichen Pfoten. Und dann hatte ich solche Angst, aber ich wagte nicht mein Gesicht in den Kissen zu verbergen – wegen dem schrecklichen Geruch. Das hat mich krank gemacht und dann hat man mich in ein anderes Gefängnis gebracht und da hörte man immer die Menschen schreien – Gott im Himmel, wie hab ich sie manchmal schreien hören. Und dann kam Marcelle eines Tages um mich abzuholen, aber anstatt mich in meine Wohnung zurückzubringen, hat sie mich hierher geführt, in dieses kleine Häuschen. Und dann ist sie wieder fortgegangen und hat mich ganz allein gelassen. Sie kommt niemals zu mir. Ich glaube, sie möchte, daß ich hier vor Hunger stürbe um mein Verbrechen zu sühnen, – jenes Verbrechen, an das ich mich nicht mehr erinnern kann. Sehen Sie, das war es, was ich Ihnen sagen wollte und dann noch etwas anderes. – Warten Sie einen Augenblick, ich wollte Ihnen noch etwas anderes erzählen. Ich wollte Sie um etwas fragen. Wollen Sie mir versprechen, daß Sie nicht böse werden?« Marcelle (mühsam ihre Thränen bezwingend): »O du weißt doch, daß ich niemals böse werde.« Madame Verdyait: »Ich wollte Sie nur fragen, weshalb – weshalb Sie mich immer duzen. Ja, sagen Sie mir doch nur, weshalb? Und warum nennen Sie mich Mama? Sehe ich Ihrer Mutter so ähnlich? Sie haben Ihre Mutter wohl verloren?« Marcelle: »Nein, nein, ich habe sie nicht verloren. Sie lebt noch, ja, sie lebt noch. O Mama, liebste Mama, sieh mich doch an, erkenne mich doch.« (Sie will sie umarmen.) Madame Verdyait (entwindet sich ihr): »O nein, nur das nicht. Lassen Sie mich, ich mag das nicht. Ich kann keine Küsserei und keine Rührung leiden, es ist mir zuwider. – Ich will jetzt aufstehen. Schellen Sie doch, bitte, dem Mädchen, dieser elenden Magd mit den roten Händen. Sie soll mir heißes Wasser bringen. Ich habe nämlich keine Kammerjungfer mehr. Marcelle hat sie mir weggenommen. Ich muß mich jetzt von einem Mädchen bedienen lassen, das die Hände voller Frostbeulen hat.« Marcelle: »Aber Mama, ich bediene dich doch auch.« Madame Verdyait: »Ja, Sie sind sehr liebenswürdig gegen mich. Sie thun alles, was Marcelle hätte thun sollen. Aber sie hat mich verlassen. Sie wollte lieber mit ihrem Vater und ihrem Bruder Rogo zusammenleben – das ist ganz klar. Und wenn ich stürbe, würden sie alle drei froh sein.« Josephine (kommt mit dem heißen Wasser): »Mademoiselle, wenn Sie mit dem Zug um 9 Uhr 20 fahren wollen, haben Sie keine Zeit zu verlieren, es sind nur noch fünf Minuten.« Marcelle: »Ja, ich hole nur meinen Hut.« (Sie verläßt das Zimmer.) Josephine (folgt ihr): »Haben Sie sie zum essen gebracht?« Marcelle: »Sie hat nur ganz wenig genommen. Ich hab' so Angst, daß sie noch ganz von Kräften kommt, meine arme Mama.« Josephine: »Aber sie ist trotz ihrer Schwäche doch noch recht boshaft.« Marcelle: »O nein, das ist sie wirklich nicht.« Josephine: »Ja, sie ist boshaft. Sie wird Ihnen schließlich noch mal etwas anthun zum Zeichen, daß sie Sie wiedererkennt. Sie werden schon sehen. (Sie hält ihr eine Rolle mit Noten hin.) Da sind Ihre Noten.« Marcelle: »Danke schön. Und bleiben Sie bei ihr, Josephine, ich bitte Sie, lassen Sie Mama nicht allein. (Sie stürzt davon.) Josephine (steigt wieder die Treppe hinauf und denkt bei sich selbst): »Es ist schrecklich mit anzusehen, wie Mademoiselle sich für diese Verrückte plagt, die es nicht einmal merkt. Sie versagt sich selbst das Notwendigste, um ihrer Mutter etwas zu Gute zu thun, und alles ohne den geringsten Dank. Nein, wahrhaftig, es wäre gescheiter, wenn sie sie in eine Anstalt thäte, wo man ihre Krankheit mit kaltem Wasser und einer Zwangsjacke kurierte wie bei allen andern Verrückten.«