Marie Nathusius Elisabeth. I. Band Eine Geschichte, die nicht mit der Heirath schließt. 1870 1. Des Großvaters Bruder. Ich weiß gar nicht, warum gerade ich heirathen soll! sagte Herr Karl von Budmar ärgerlich und ging dabei heftig im Zimmer auf und ab. Friedrich, sein jüngerer Bruder, saß im Sofa und trommelte mit den Fingern auf die Lehne. Warum gerade ich, – fuhr der ältere wieder fort: das Leben ist schon voller Mühe und Sorge, und nun dazu diese Unannehmlichkeit. Er blieb jetzt fragend vor dem Bruder stehen. Die Sache ist ganz einfach, entgegnete dieser lächelnd, Du sollst heirathen, weil Du Dich verlobt hast. Ja, das war der Fehler! sagte Karl lebhaft, es ist unbegreiflich, wie ich dazu gekommen bin. – Lieber Fritz, ich bin sehr unglücklich! setzte er mit einem tiefen Seufzer hinzu. Was ist denn wieder vorgefallen? fragte der Bruder jetzt theilnehmend. Vorgefallen ist gar nichts, fuhr der Bräutigam auf, es ist nur ein Factum da, eine Thatsache mit ihren unvermeidlichen Folgen. Heute komme ich hin, – ich versäume keinen Morgen, mich nach dem Befinden meiner Braut und dem Befinden meiner Schwiegermutter zu erkundigen, – heute nimmt mich die Schwiegermutter schon auf dem Flur in Empfang und flüstert: Morgen ist Charlottchens Geburtstag, es ist Ihnen wohl lieb, das zu wissen. – Ich frage Dich nun, Fritz, warum mir das lieb sein soll? Du wirst Dich doch freuen, daß Deine Braut geboren ist, entgegnete dieser lachend. Ja, freuen, – das ist ganz gut, seufzte Karl, seit heute Morgen aber zerbreche ich mir den Kopf, was ich morgen anfangen soll. Du sollst ihr etwas schenken, das ist wieder ganz einfach, war des Bruders Antwort. Das weiß ich auch, nahm Karl eifrig das Wort, nun aber stürmen Fragen und Bedenken auf mich ein, die Frage ist: soll ich etwas Nützliches oder etwas Ueberflüssiges schenken. Das letzte ist gegen meine Grundsätze, und wenn ich mich auch darüber hinwegsetze, was die Kaffee-Gesellschaft den Nachmittag zu meiner Bräutigams-Gabe sagt, ob sie mich poetisch, oder prosaisch, oder splendide, oder geizig nennt, was mich doch wieder im Grunde in eine unangenehme Aufregung versetzt, – kurz und gut, wenn ich mich auch über alles hinwegsetzen wollte, so bin ich heute Abend eben so weit als heute Morgen, ich habe kein Geschenk, ja es ist mir nicht einmal eine annähernde Idee von etwas Passendem gekommen; ich bin überzeugt, der morgende Tag kommt heran und ich weiß noch nichts. Ich sage Dir, seitdem ich verlobt bin, stürzen mich so ähnliche Vorfälle von einer fieberhaften Aufregung in die andere, ich kann gar keinen klaren Gedanken mehr fassen, außer dem einen: wenn ich nur nicht verlobt wäre! Das wird alles aufhören, wenn Du verheirathet bist, tröstete Fritz. Nein, Fritz, das wird nicht aufhören, versicherte Karl, man wird immer größere Ansprüche an mich machen. Wenn meine Schwiegermama erzählt von ihrem Mann selig, von seinen liebenswürdigen Eigenschaften, von der glücklichen Ehe, die sie geführt, dann wird mir angst und bange, denn alle diese liebenswürdigen rücksichtvollen Eigenschaften gehen mir ab, und ich sehe meine Zukunft deutlich vor Augen, ich werde mich fortwährend in einer entsetzlichen Spannung befinden, um nur herauszustudieren, wie ein glücklicher Ehemann sich betragen muß, und das halten meine Nerven nicht aus. Du willst aber Charlottchen und nicht ihre Mutter heirathen, nahm der Bruder wieder das Wort, und Charlottchen ist das anspruchsloseste, einfachste Mädchen, was ich kenne. Ja, ja, unterbrach ihn Karl, das weiß ich, aber ich verstehe nicht mit Frauenzimmern umzugehen, und – Fritz, setzte er kopfschüttelnd hinzu, Du mußt zugeben, es ist doch ein wunderliches Volk. Fritz sah sehr spaßhaft aus, aber er nahm sich zusammen und fragte ernsthaft: Wie meinst Du das? Zum Beispiel, begann der Gefragte eifrig, gestern war ich den ganzen Nachmittag drüben, wir haben uns wohl zwei Stunden schön unterhalten, ich habe erzählt, sie haben zugehört, wie es sich gehört. Die Frauenzimmer begriffen vollständig, daß ich mein Gut in kurzer Zeit auf doppelten Werth bringen muß, erstens wenn wir die Brache ganz und gar abschaffen und durch Anbau von Futterkräutern dem Futtermangel abhelfen, und zweitens, was die natürliche Folge davon ist, die Stallfütterung einführen. Fritz, Du lächelst, unterbrach sich der Redende ärgerlich, Du glaubst das nicht. Die Verdoppelung des Werthes habe ich noch nicht vollständig begriffen, entgegnete der Bruder, und Du siehst, daß Charlottchen und die Schwiegermama vortreffliche Damen sind und weit mehr praktischen Verstand haben als ich. Aber Du wolltest noch etwas anderes erzählen. Ja, nahm Karl wieder seufzend das Wort, nun denke Dir, nach dieser vernünftigen Unterhaltung, wobei Charlottchen Filet machte und ich ihr immer den Zwirn auf die Nadeln wickelte, denn wie gesagt, wenn mir irgend wie eine bestimmte Pflicht obliegt, die versäume ich nie, nach dieser Unterhaltung trat die Dämmerung ein, die Mama ging in die Küche, Charlottchen legte die Arbeit fort, wir traten unwillkürlich an das Fenster, weil der Mond schien. Da legt Charlottchen ihren Kopf an meine Schulter und flüstert: O, Karl, sieh, wie golden der Mond über den grünen Baumgipfeln aufsteigt! – Jetzt, Fritz, denke Dir meine Lage. – Mir fiel nicht ein sterbendes Wörtchen ein, was auf den goldnen Mond paßte, ich sah schweigend den unglücklichen goldnen Mond an und überlegte mir, wann dieser penible Zustand ein Ende nehmen würde, und tröstete mich damit: daß er jedenfalls ein Ende nehmen müsse. Da stand plötzlich die Mama an meiner andern Seite, beide Damen mißverstanden mein Schweigen und meine Stimmung völlig, sie stimmten an: »Guter Mond, du gehst so stille in den Abendwolken hin.« Ich habe das ganze Lied anhören müssen, dann schwiegen wir alle, und dann sprach die Mama von ihrem lieben Mann selig, wie er auch so gern singen hörte, und wie sie ein Herz und eine Seele waren, und wie er überhaupt eine zarte, seine Seele war. Ich war sehr froh, als ich wieder zu Hause war. – Lieber Bruder Fritz, setzte er nach einer Pause hinzu, liebst Du Mondenscheinlieder? Warum nicht? entgegnete Fritz lächelnd; wenn Du sie aber nicht liebst, so sage das Charlottchen, und ich bin überzeugt, sie wird aus Güte und Gefälligkeit zu Dir in Deiner Gegenwart nie singen. Ja, sie ist sehr gütig und sehr freundlich, sagte der Bräutigam nachdenklich. Du hättest kein passenderes Mädchen auf der ganzen Welt wählen können, versicherte der Bruder. Sie ist auch sehr verständig, fuhr der Bräutigam fort. Und sehr hübsch, fügte der Bruder wieder hinzu. Ich bin überzeugt, sie muß einen jeden andern Mann glücklich machen, nahm Karl jetzt feierlich das Wort. Lieber Fritz, die Menschen sind sehr verschieden in der Welt, – Du liebst die Mondenscheinlieder – Du darfst mich nicht mißverstehen, unterbrach Fritz ihn schnell, ich habe Charlottchen lieb, ich wünsche, daß sie Deine Frau wird, aber weiter reicht meine Liebe nicht. Also weiter nicht! seufzte der Bruder, – dann weiß ich nicht, was aus dem armen Mädchen werden soll, es fällt schwer, so jemandes Hoffnungen zu täuschen, und doch kann ich nicht anders, ich bin keine feine, zarte Seele und kann kein Charlottchen glücklich machen, mit dem besten Willen nicht, und das ist ärgerlich. Wenn ich heirathe, will ich auch ein glücklicher und liebenswürdiger Ehemann sein. Du mußt Dir das nicht zu schwer denken, unterbrach ihn der Bruder. Und Du mußt erst Deine Erfahrungen machen, fuhr der Bräutigam eifrig fort, meine Schwiegermutter z. B. sagt: »Wir Frauenzimmer sind zartbesaitete Seelen, nichts thut uns wohler, als wenn der Freund unserer Seele aufmerksam, rücksichtsvoll, zartfühlend gegen uns ist; ist er das nicht, so verkümmert unsere Liebe, und mit der Liebe unser Leben.« Nun aber, lieber Fritz, denke Dir lebhaft solch ein Feld von zarten Rücksichten, die meistens so zart sind, daß man gar nichts davon ahndet, ja deren Verstoß wir nur merken an den verkümmerten Blicken der zartbesaiteten Seele, die neben Dir wandelt, – ich begreife nicht, daß die Menschen einen glücklichen, liebenswürdigen Ehemann nicht als das größte Wunder anstaunen. Du betrachtest die Sache von einem rein egoistischen Standpunkt, nahm Fritz das Wort. Die Lebensaufgabe von uns Männern ist, die zartbesaiteten Seelen, wie Du sie nennst, – oder wie wir Herren der Schöpfung sagen, das schwache Geschlecht, – glücklich zu machen; wenn das auch nicht immer leicht ist, so ist und bleibt es unser Beruf, unsere Lebensaufgabe, die Ehe soll eben eine Prüfungsschule des Lebens für uns werden. Karl hatte dem Bruder verwundert zugehört. Richtig! – nahm er jetzt schnell das Wort: Du nennst die Ehe eine Prüfungs- oder Leidensschule, damit bin ich einverstanden; ich sehe aber nicht ein, warum ich mich ohne Noth hinein begeben soll. Du siehst das nicht ein, weil Du eben ein Egoist bist, entgegnete Fritz, obgleich Du mit dem guten Charlottchen gar keine Prüfungen zu fürchten hättest. Ich muß Dir gestehen, Charlottchen wäre mir zu gütig, zu nachgebend, sie macht zu wenig Ansprüche; wenn ich mir eine zartbesaitete Seele erwähle, muß sie etwas lebhafter und selbständiger sein und mir die Prüfungsschule nicht gar zu leicht machen. – Karl sah den Bruder wieder verwundert an, dies war ihm völlig unverständlich, er verlangte aber auch kein Verständniß, er verlangte jetzt etwas anderes. Beide Brüder saßen zusammen im Sofa, überlegten reiflich, und Fritz überzeugte sich, daß Charlottchen von der Stimmung ihres unglücklichen Bräutigams wenigstens hören müsse; er zweifelte aber auch nicht, daß sie ihn in ihrer großen Herzensgüte gleich freilassen würde. Freilich wurde das arme Mädchen in den Erwartungen ihrer Zukunft sehr getäuscht. Sie lebte mit ihrer Mutter, einer armen Offizierswittwe, in ziemlich dürftigen Umständen, und die Aussicht, Frau von Budmar zu werden, war zwar eine sehr bescheidene, aber war doch immer eine Aussicht. Dagegen konnte Fritz den Bruder bei der Verlobung auch nicht des Leichtsinns beschuldigen, ja es war diesem selbst die größte Ueberraschung, den Bräutigamsstand von einer so sonderbaren Seite kennen zu lernen. Der alte Herr von Budmar war vor einem Jahre gestorben, der älteste Sohn, Karl, erbte das Gut, welches an der Stadtmauer von Woltheim, einer kleinen Provinzialstadt gelegen, schon seit Jahrhunderten der Patrizier-Familie von Budmar zu eigen war. Das Gut war sehr unbedeutend, und obgleich in der Familie Budmar adelige Sitte und Bildung herrschte, so durfte sie doch äußeren Aufwand kaum mehr machen als die reichen Ackerbürger des Städtchens. Seit den letzten zehn Jahren war das Budmarsche Haus ganz und gar vereinsamt, die Mutter, eine vortreffliche, liebenswürdige Frau, war gestorben, der Vater lag fortwährend krank, Karl, der als ältester Sohn die Leitung des Gutes übernommen, vertiefte sich in landwirtschaftliche Studien und überließ sich dabei ungestört seinen Eigentümlichkeiten, die ihn mehr zur Arbeit und Abgeschlossenheit als zum Vergnügen und zum Verkehr mit Menschen zogen. Der jüngere Sohn Fritz war Kürassier-Offizier in Braunhausen, der benachbarten Garnison, und eine weit jüngere Schwester wurde von einer Tante in Schlesien erzogen. Daß man nach dem Tode des alten Herrn dem jungen Herrn Karl eine Frau wünschte, war ganz natürlich, er selbst fand das. Der Verkehr mit der alten Wirthschafterin und die Aufsicht über Bettkisten und Wäscheschränke war ihm ärgerlich, eine Frau sollte ihn von diesen Unbequemlichkeiten befreien. Ebenso leicht als ihm der Entschluß zum Heirathen wurde, wurde ihm auch die Wahl. Ganz nahe dem Gute, ebenfalls vor dem Thore, wohnte Frau von Lindeman mit ihrer Tochter Charlottchen. Charlottchen war ein verständiges und anspruchsloses Mädchen und ihre Mutter eine sehr gescheite Frau. Wenn Herr Karl von Budmar aus dem Felde kam und an der Gartenlaube vorbei passirte, knüpfte er nicht selten eine Unterhaltung mit der zuvorkommenden Frau an, sie nahm ja so lebhaften Theil an seinen ökonomischen Interessen, hatte selbst die Werke des Edlen von Kleefeld gelesen, und sprach über Bodenverbesserungen und Klee- und Esparsettenbau wie ein Buch. So war der Umgang angeknüpft, und die Verlobung mit Charlottchen war eine einfache Sache, bei der die Schwiegermama die Hauptrolle spielte. – Gleich nach der Verlobung war der Bräutigam sehr glücklich und zufrieden, er sprach mit der Schwiegermama gründlich über Ausstattung und Einrichtung, und über Charlottchens Pflichten als fleißige und umsichtige Hausfrau. Daß sie außer der umsichtigen Hausfrau auch eine zartbesaitete Seele war und er sich als glücklicher Bräutigam in einem Felde von unendlichen Rücksichten bewegen müsse, das ahnete er nicht. Je mehr ihm das klar ward, und je mehr seine Schwiegermama ihn zur zarten feinen Seele heranbilden wollte, je größer ward die fieberhafte Aufregung seiner Nerven. Er sah seinen Beruf deutlich vor Augen, nämlich nicht zu heirathen und ein guter alter Onkel zu werden, der an den Familienfreuden der Geschwister so viel Theil nimmt als er gerade Lust hat, und außerdem den Werth des Familiengutes durch sein ausgezeichnetes Wirtschaften auf den doppelten Werth bringt. Als er heute dem Bruder seine Kämpfe und seine Pläne mittheilte, wurde er besonders lebhaft als er auf den letzten Punkt kam, er vergaß sein Unglück, schwelgte in grünen Klee- und rothen Esparsettenbreiten, und zauberte mit seiner Fantasie veredelte Viehherden in neugebaute Ställe. Er bat den Bruder dringend, zu heirathen, und versprach ihm beträchtliche Geldsummen und Fuhren von Lebensmitteln in die Lieutenantswirthschaft zu liefern. Fritz lächelte bei diesen Versprechungen und er war nicht mit Unrecht mißtrauisch; es war bei dem langjährigen Wirthschaften des guten Bruders noch wenig herausgekommen, was er ihm übrigens nicht zum Vorwurf machen konnte, da er selbst wenig von solchen Dingen verstand und wenig darauf gab. Daß, wenn der Bruder solchen Entschluß faßte, seine eigene äußere Lage sicherer wurde und er eher an Heirathen denken konnte, war ausgemacht, besonders da er entschlossen war, bei seiner Wahl nicht auf Geld zu sehen. Er verschwieg jetzt dem Bruder nicht, daß er allerdings die Absicht habe, sich in die Prüfungs- und Leidensschule der Ehe zu begeben, und daß sein Herz schon längst die Wahl getroffen. 2. Wie der Großvater ein Bräutigam ward. Noch an demselben Abend, es war im Monat August, saß Fritz von Budmar mit Charlottchen und der gescheiten Frau von Lindeman in der Gartenlaube, und theilte den beiden Damen die Gesinnungen des Bruders mit. Fritz hatte sich nicht getäuscht, Charlottchen war augenblicklich bereit ihre Ansprüche aufzugeben. Sie versicherte, sie habe das kommen sehen, sie erzählte von allerhand Ahnungen und seltsamen Zeichen, und tröstete selbst die Mutter, die ihre Klagen und Seufzer nicht ganz zurückhalten konnte. Auf diese Klagen war Fritz vorbereitet, er versicherte, die beiden Damen würden immer als zu ihrer Familie gehörig betrachtet werden, die Hochachtung des Bruders für Frau von Lindeman sei unbeschreiblich, und derselbe hoffe, die Zeit würde die Vorgänge der letzten Wochen verwischen, und er dürfe als guter Nachbar wieder in der Gartenlaube vorsprechen und in einem vernünftigen Gespräche mit den Damen sein Vergnügen finden. Es sollte sich von selbst verstehen, daß der Nachbar für den kleinen Haushalt der Damen zu sorgen habe, ja nach dem Tode der Mutter wollten beide Brüder für Charlottchen als für eine Schwester sorgen. Charlottchen vergoß sanfte Thränen der Rührung bei diesen Worten, und Frau von Lindeman versicherte: Ja der Karl, er ist wunderlich und seltsam, aber er ist ein braver und edler Mann, wie Schade, daß er nicht glücklich sein will! Die Menschen sind so verschieden, entgegnete Fritz. Nur in dem einen sind sie gleich, sie suchen alle ihr Glück, sagte Frau von Lindeman wieder und: Lieber Herr von Budmar, fügte sie aufrichtig hinzu, ich wünsche von Herzen, daß Sie es finden mögen. Fritz drückte ihr die Hand und entfernte sich. Charlottchen sah ihm mit feuchten Augen nach. O du arme junge Seele, dachte sein teilnehmendes Herz, ich kann dir freilich nicht helfen, aber du hättest ein besseres Schicksal verdient, als einsam und sehnend durch das Leben zu ziehen; zwanzig Jahre erst zurückgelegt, fünfzig vielleicht hast du noch vor dir. Fünfzig schöne Frühlinge und Sommer mit goldenem Mondenschein und Nachtigallensang, fünfzig lange Winter, die lang in der Einsamkeit und schnell im traulichen Kreise vergehen. Vergehen, ja vergehen, und wenn das Leben vorüber, was folgt dann? – Von Charlottchen und von ihrem jungen Herzen kam er mit seinen Gedanken auf sein eigenes Leben. Vier und zwanzig Jahre liegen hinter dir, fünfzig Jahre auch vielleicht noch vor dir, was wird dir das lange Leben bringen? Wird es heißen: wenn es köstlich gewesen, ist es Mühe und Arbeit gewesen? Die Hoffnungen sind dann vielleicht verblühet, die Thatkraft verschwunden, der Reiz des Lebens abgestumpft, ja was folgt dann? Ueber diese Frage hinaus konnte der Frager nicht kommen. – Er war ein vortrefflicher junger Mann, ein edler Mann, doch ist das alles nicht genug, es kann eine Zeit lang wohl befriedigen, es kann Umgebungen beglücken, aber das Glück und den Hausfrieden im eigenen Herzen bringt es nicht. Die Welt ist schön, die Welt ist wunderschön, – ging er in seinen Betrachtungen weiter, – was willst du, Herz, nur mit dieser Sehnsucht, mit diesem Drängen und Streben und Unruhen? Ja du Herz bist eben thöricht, fragst nicht nach Gründen und Verstand, jetzt treibt es dich mit Ungestüm in eine Prüfungs- und Leidensschule hinein, in ein Feld von zarten Rücksichten, du stellst dir Freud und Leid gleich hold und süß vor, du zwingst selbst den Geist dir unterthänig zu sein und thöricht zu denken und zu träumen, ja der ganze Mann muß auf seiner Hut sein, damit er nicht durch solch ein Herz zum Thoren wird und Hoheit und Kraft und Würde aus den Augen verliert. Während dieser Gedanken war der junge Mann an der Stadtmauer entlang nach dem entgegengesetzten Ende gelangt, wo ein prächtiger Eichenwald an das Städtchen grenzt. Unter den ersten hohen Eichen lag die Oberförsterei, ein altes befreundetes Haus der Budmarschen Familie. Der Oberförster Braumann war ein Kriegskamerad des verstorbenen Herrn von Budmar, er hatte eine Frau und eine achtzehnjährige Nichte, war ein rechtschaffener Mann, der gern Moral predigte, aber weder eine feine zarte Seele, noch ein guter Christ. Daß seine Frau beides war, wußte er nicht zu schätzen, er lobte sie aber: Sie ist eine vortreffliche Frau, pflegte er zu sagen, versteht Disziplin und weiß wer der Herr im Hause ist. An das Lob seiner Frau knüpfte er gern die Klagen über seine Nichte. Es ist ein Blitzmädchen, sagte er, sie hält nie an der Stange, ist voller Kapriolen, und muß einen jeden braven Mann kreuzunglücklich machen. Daß sie einen Mann kriegen wird, dies Blitz-Mariechen, daran zweifle ich gar nicht, setzte er seufzend hinzu, denn sie kann es einem anthun. – Wenn ihm über solche Strafrede die Pfeife ausgegangen war, und sein Pflegetöchterchen geschäftig den brennenden Fidibus holte, um das angestiftete Unheil wieder gut zu machen, dabei aber höchst respectwidrig zu lächeln wagte, dann wußte er nicht, ob er sich ärgern oder sich freuen sollte, und hätte die gute freundliche Tante nicht als Vermittlerin dazwischen gestanden, wäre es wohl ein Kampf ohne Ende gewesen; denn Marie, dem Onkel an Geist überlegen und äußerst selbständig, fand keinen Hebel in ihrer Seele, der sie zum Nachgeben und Fügen in ein tyrannisches und wunderliches Regiment bewegen sollte. Als der junge Herr von Budmar sein Ziel erreichte, war es dämmrig geworden, der Abendstern tauchte golden am blauen Himmel auf, und es war überaus schön und friedlich in der Welt. Er trat durch die Gatterthür in die Oberförsterei, die Hunde schlugen nicht an bei seinem Kommen, sie kamen ihm wedelnd entgegen, begrüßten ihn und liefen dann nach dem Hause zurück. Vor der Hausthür stand die schlanke Marie mit der weißen Stirn und den großen hellen Augen, sie trug ein schlichtes weißes Kleid mit sehr kurzer Taille und langem Rocke, und auf den lichtbraunen Locken ein rothes Fanchon-Tüchelchen. Sie hatte den Kommenden jedenfalls bemerkt, aber sie that, als habe sie es nicht, und ging mit den Hunden spielend nach der andern Seite des Hauses hin. Da stand nun der junge Mann mit thörichtem Herzklopfen. Er fand sich sehr getäuscht, denn bei seinen Betrachtungen vorhin waren ihm nebenher gar wunderbare Bilder durch die Seele gegangen. Er hatte sich vorgestellt, er sähe sich beim Eintreten in die Oberförsterei mit freudigen Blicken und holdem Lächeln empfangen, darauf fand er sich neben dem Oberförster, dem alten Freunde, er theilte ihm die Auflösung von des Bruders Verlobung mit, und ebenso des Bruders dringenden Wunsch, ihn selbst, den jüngeren Bruder, bald verheirathet zu sehen, auch von dem zu hoffenden doppelten Werth des Gutes ließ er einfließen, ein Wort hätte ja das andere geben können, und schließlich wäre eine vorläufige Anfrage um Mariechens Hand ganz natürlich gewesen. Wie seltsam geht es nicht zuweilen in der Welt her, es war ja möglich, er wurde heute noch ein glücklicher Bräutigam. Nach solchen Bildern war dieser Empfang, obwohl er dessen Grund zu kennen glaubte, eine bittere Täuschung. Als er gestern auf der Oberförsterei war, hatte das übermüthige Mädchen mit vieler Kunst und mit vielem Vergnügen den alten Magister Loci dargestellt, wie er mit dem Onkel von der Jagd kommt, dann mit ihm eine wilde Ente verzehrt. Es war das sehr spaßhaft und unterhaltend anzusehen und anzuhören, aber dem liebenden Herzen unseres edlen jungen Mannes war nicht wohl dabei, er konnte diesen Spaß nicht schön finden, und ließ die Geliebte zwar in ganz leidlich angenehmen Worten, aber doch deutlich seine Meinung merken. Sie sah ihn mit ihren hellen Augen groß an, erröthete, schwieg, und schwieg so lange als er dort war. Sie hatte sich die Sache zu Herzen genommen, das war klar, aber in einer anderen Art als er hoffte. – Als sie jetzt so schnöde seinen Blicken entschwand, begann sein Herz zu demonstriren: Du hast ihr gestern Weh gethan, sie ist einmal ein fröhliches Gemüth und hat es nicht böse gemeint, sie war bei dem Schauspiel wirklich äußerst kindlich und gutherzig, und es muß bitter sein von jemand getadelt zu werden, den man lieb hat, und gar mit Unrecht getadelt zu werden. Nun eile ihr nach, so schnell du kannst, und bitte sie um Verzeihung. – Aber der Mann war auf seiner Hut. Halt ein du thörichtes Herz! sagte er zürnend; wo bliebe da meine Hoheit und Würde, nein, ich habe Recht und sie hat Unrecht, und wenn sie meine Liebe durch solchen Tadel nicht hindurch fühlen kann, dann klingen und stimmen unsere Herzen nicht zusammen, und Freud und Leid der Herzen wird nicht hold und süß sein. Mit trauerndem Herzen aber festen Schritten trat er in das Haus und in die offene Stube. Die Frau Oberförsterin saß allein und feiernd in der dämmrigen Stube am Fenster. Ich störe wohl? fragte Herr von Budmar. Durchaus nicht, lieber Fritz, entgegnete die freundliche Frau, und nöthigte ihn, ihr gegenüber Platz zu nehmen. Sie haben gelesen, fuhr er fort. Eine offene Bibel lag neben ihr. Sie nickte nur, beide schwiegen. – Nach einer Pause begann sie: Auch Ihnen gehört dieser Reichthum. Sie legte bei diesen Worten ihre seine weiße Hand auf das große Bibelbuch. Ja, auch mir, entgegnete er seufzend, und doch – Sie sind noch kein Hilfsbedürftiger, fuhr sie lächelnd fort, Sie sind jung und stolz und kühn, und erwarten viel von sich und von der Welt. Ja, jung und stolz, sagte er mit etwas wehmüthigem Ton, ein rechter König nach dem Schein, aber man darf nicht immer in sein Königreich hinein schauen, da ist es oft eine Armseligkeit und ein Schwanken und eine Mutlosigkeit, man weiß nicht, ob man darüber weinen oder lachen soll. Es giebt nichts Schöneres, als wenn ein kluger und begabter und großer Mann in Demuth seine Knie beugt vor Einem, der noch größer und erhabener über ihm ist, sagte die Oberförsterin wieder. Es wäre wohl gut, wenn unsere Hoffnung und unsere Sehnsucht ein besseres Ziel hätte, als diese arme Erde, entgegnete der junge Mann. Bemühen Sie Sich nicht daran zu zweifeln, lieber Fritz, fuhr die Oberförsterin fort, kommen Sie mit Kindes Sinn und Kindes Recht, und bleiben Sie nicht außen stehen wie ein armer fremder Bettler. Marie trat jetzt ein und unterbrach die Unterhaltung. Komm her, Mariechen, ich habe lieben Besuch, sagte die Tante. So –? sagte Mariechen und kam langsam nähen Wir haben uns schon gesehen, entgegnete Fritz sehr ruhig. Die Tante war aufgestanden um Licht zu holen, Marie ging verlegen in das andere Fenster, an den ernsten Mienen des Freundes hatte sie gesehen, wie die Sachen standen. Sie hatte einmal versuchen wollen, ob sie nicht die Königin eines unterthänigen Dieners spielen könne, und da saß nun der König, und ihre Liebe und Verehrung zu ihm war mit seiner Größe gestiegen. Dieser Liebe zu Gefallen wollte sie jetzt gern demüthig sein und wußte es nur gar nicht anzufangen. Fritz trat zu ihr und fragte: Wollten Sie mich vorhin nicht sehen? Die Wahrheit zu umgehen kam ihr nicht in den Sinn; das Nein aber wollte nicht über ihre Lippen. Morgen reise ich ab, und dann werde ich Sie in langer Zeit nicht mehr stören, sprach er weiter, und obwohl er es versuchte ruhig und kühl zu reden, so konnte er doch den eigenen Schmerz im Tone der Stimme nicht verhehlen. Sie schwieg immer noch, aber sie mußte sich wohl zum Reden entschließen, er griff schon nach der Mütze, vielleicht noch eine Minute, und er hatte das Zimmer verlassen. Verzeihen Sie mir erst, begann sie stockend. Ein Freudenstrahl ging durch sein Herz und leuchtete aus seinen Augen. Ich werde nie wieder spotten, fügte sie etwas muthiger hinzu. Er reichte ihr die Hand und lächelte. Er hätte nun auch allerhand sagen können, vielleicht: daß er es besser lernen wolle mit ihr umzugehen; aber es war nichts nöthig, sie verstanden sich wohl und es war alles gut. Des Onkels laute Stimme störte sie, er kehrte eben von einer Geschäftsreise zurück, und seine Frau, Licht bringend, trat mit ihm in das Zimmer. Nun ja, da ist der Fritz, sagte der Oberförster und begann mit dem jungen Freunde die Unterhaltung, wie er es seit Jahren gewohnt war, in ganz vertraulicher Weise. Er sollte sich zu ihm auf das Kanapee setzen, und während dem die Frauenzimmer das Abendessen besorgten, mit ihm eine Pfeife rauchen. Nun Marie, die Pfeifen her! rief der Onkel im gewöhnlichen Commandoton. Das Mädchen reichte eine Pfeife dem Onkel, und eine dem Gast, darauf wollte sie der Tante in die Küche folgen. Fidibus! rief der Onkel ärgerlich. Marie kehrte schnell zurück, in glücklicher Zerstreuung hatte sie den gewohnten Dienst vergessen, sie steckte den Fidibus am Lichte an und, blieb gebückt damit vor dem Onkel stehen, bis die Pfeife brannte. Der Onkel machte jetzt ein befehlendes Zeichen nach den Gaste hin, sie weigerte sich gar nicht dem Freunde zu dienen, aber er war eine zu zarte Seele, er konnte unmöglich einen solchen Commandodienst von ihr annehmen, er sprang auf, groß und hoch stand er vor ihr, nahm ihr mit einer Verbeugung das Papier aus der Hand und bediente sich selbst. – Der Onkel brummte und schüttelte den Kopf und Marie eilte aus dem Zimmer. Jetzt saßen beide Männer allein neben einander, und Fritz bedachte mit Herzklopfen, daß die Sache wirklich so weit war, als er Angesichts des Abendsterns geträumt, und ein Wort das andere geben könne. Er erzählte genau des Bruders Herzenskämpfe und Entschlüsse und Wünsche. Der Oberförster zankte tüchtig über den Sonderling und war dagegen sehr einverstanden mit den Heiraths-Absichten des jüngeren Bruders. Ein Wort gab nun wirklich das andere, und die Anfrage um Mariechens Hand ward gemacht ohne große Schwierigkeit. Der Onkel war sehr erstaunt, ja er wollte dem jungen Freunde vorreden, das Mädchen passe nicht für ihn, er sei zu nachgebend; aber der junge Freund war gescheit genug, er ließ den alten Herrn erst reden, machte dann seine Entgegnungen, und der Schluß der Unterredung war des Onkels Versicherung: das Mädchen gäbe er doch niemanden lieber als ihm. – Als der glückliche Bewerber, um die Sache so weit als möglich zu bringen, erwähnte, Mariechen müßte doch gefragt werden, – fuhr der alte Herr wieder ärgerlich auf: in seinem Hause solle die verderbliche Mode, daß ein Mädchen gefragt würde, nicht aufkommen; so jemand gefragt werde, so habe er auch das Recht zu antworten, Marie aber solle auf der Stelle wissen, was zu ihrem Glück beschlossen sei. Tante und Nichte wurden gerufen, der alte Herr begann seine Rede, die aber nicht recht fließen wollte, ja als er das Mädchen vor sich sah, ward es ihm bedenklich, ob sie sich ihr Glück von ihm anbefehlen lassen würde. Er athmete tief auf und es fiel ihm ein Stein von der Brust, als der Fritz dem Mädchen freundlich die Hand gab, und sie ihn so bescheiden und glücklich ansah. Tante und Nichte wurden nach einigen gegenseitigen feierlichen Redensarten wieder entlassen und der arme Bräutigam mußte auf dem Kanapee sitzen bleiben, um eine Geschäftsfrage anzuhören, bei der die Frauenzimmer überflüssig waren. Endlich fiel dem alten Herrn die Pfeife aus der Hand, und er saß nach lieber Gewohnheit schlummernd neben dem ungeduldigen Gaste. Dieser verließ jetzt schnell genug das Zimmer, der helle Mondenschein leuchtete ihm die Treppe hinauf über den großen Saal nach dem wohlbekannten Rückzugs-Stübchen der guten Tante. Die Thür war nur angelehnt, er hörte flüstern, noch einmal stand er nachdenklich vor der ersehnten Minute seines Glückes und vor den Pflichten und Würden seines neuen Amtes. Ja du willst rechtschaffen sein, dachte er bewegt, und willst sie sehr glücklich machen, willst sie auf Händen tragen und es nicht immer zu genau nehmen mit der Hoheit; es sind Frauen zarte Wesen, sie sind schwach, und unsere Kraft besteht darin, daß wir nicht auch schwach sind. Er trat leise ein, Tante und Nichte knieten auf dem Tritt im Fenster und der Mondenschein lag lieblich auf den beiden Gestalten. Darf ich kommen? fragte er leise. Er kniete neben sie, und die mütterliche Frau legte die Hände der jungen Leute in einander und sagte: Ja, so sollt Ihr Euren Brautstand anfangen, mit gefalteten Händen und den Blick da hinauf, der Herr führe Euch, Er sei Euer bestes Theil; wenn Euch das wunderbar klingt, glaubt es nur erst, Ihr werdet es dann erfahren. O nein, es klang ihnen nicht wunderbar, Marie hatte trotz ihrer fröhlichen Natur und ihres scheinbar leichten Sinnes eine warme Liebe zum Herrn wohlverborgen in ihrem Herzen, und was war es denn, was den jungen Mann seit lange zu der stillen würdigen Frau in der Oberförsterei und zu ihrem Zögling hinzog? Ein Anknüpfungspunkt mit dem Frieden, der höher ist als alle Vernunft, war sicher in ihm, ein Faden, der schon außer der vergänglichen Welt seinen Halt hatte. Der Herr selbst wollte den Faden weiter spinnen und schaffte daran auch in dieser Stunde. Die drei saßen noch lange beisammen. Der Herr zieht die Seinen durch Glück und Unglück zu sich, sagte die Tante; wir möchten uns alle wohl lieber durch Glück ziehen lassen, doch ist es noch eine Frage, ob uns das leichter ist. Wo der Herr mehr Last auflegt, giebt er auch mehr Kraft, ja es erschließt sich uns bei den oft äußeren drückenden und einförmigen Lebensverhältnissen eine Wunderwelt, die uns alles um uns vergessen läßt, die uns mit unbeschreiblichem Frieden erfüllt, die förmlich unsere menschlichen Gefühle umzaubern kann: der Aerger wird abgestumpft, der Kummer aufgelöst, die Einsamkeit zur Wonne. Wollte ich von mir reden, setzte sie zögernd hinzu, so könnte ich nur sagen, daß der Herr mich einzig zum Glück und zur Freude geführt. O liebe Tante, Sie sprechen so, damit wir Sie nicht bedauern sollen, flüsterte Marie mit feuchten Augen und legte ihren Kopf an des Freundes Brust. Du irrst Dich, entgegnete die Tante lächelnd, und ich wünschte, Du möchtest mich verstehen. Ich freue mich Deines Glücks, ja Dein Glück ist eben wieder ein Freudenbecher, den der Herr mir reicht, für andere ist das Herz zaghafter als für sich selbst, ich habe mich sehr gefürchtet Dich je unglücklich zu sehen. Ihre Stimme wurde hier bewegt, und Marie ergriff die Hände der theuren Frau und küßte sie mit lautem Schluchzen. Nicht so, sagte die Oberförsterin mit schneller Fassung, ich will Euer Herz nicht weich machen, Ihr seid glücklich und ich bin glücklich, und Ihr müßt es jetzt dulden, daß ich Euch Verse vorlese, recht zu Eurem Vergnügen und passend auf Euren Stand. Die Tante griff nach einem alten Liederbuche und begann zu lesen. Dem Bräutigam war das sehr lieb, sie saßen Hand in Hand, den Worten lauschend, die in der Seele wiederklangen. Ein getreues Herze wissen Hat des höchsten Schatzes Preis. Der ist selig zu begrüßen. Der ein treues Herze weiß. Mir ist wohl bei höchstem Schmerze, Denn ich weiß ein treues Herze. Läuft das Glücke gleich zu Zeiten Anders als man will und meint: Ein getreues Herz hilft streiten Wider alles was ist feind. Mir ist wohl bei höchstem Schmerze, Denn ich weiß ein treues Herze. Sein Vergnügen steht alleine In des andern Redlichkeit, Hält des andern Noth für seine. Weicht nicht, auch bei böser Zeit. Mir ist wohl bei höchstem Schmerze, Denn ich weiß ein treues Herze. Nichts ist süßers, als zwei Treue, Wenn sie eines worden sein: Dies ists deß ich mich erfreue, Und sie giebt ihr Ja auch drein. Mir ist wohl bei höchstem Schmerze, Denn ich weiß ein treues Heize. Gefällt Euch das? fragte die Tante freundlich. – Das Brautpaar nickte sehr einverstanden. – Ja es ist ein schönes Lied, fuhr die Tante fort, aber ein noch schöneres will ich Euch am Hochzeitstag vorlesen, und so ist es gut für heute. Fritz war durch das Gatterthor getreten, er sah noch einmal zurück auf das Gehöft, das so hell und friedlich im Mondenscheine lag, der tiefblaue Himmel breitete sich weit darüber hin, und am Himmel schimmerten unzählige Sterne. Warum war denn sein Herz so selig? Ja du lieber Verstand, das kann ich dir nicht erklären, das ist eben ein Wunder, und du bist ein zu armseliger Wicht um Wunder zu begreifen. 3. Der Großeltern Hochzeit. Am 12. Mai 1805 war der Himmel besonders strahlend und der junge Wald duftend, die Blüthen silberweiß, die Aurikeln glänzend in den farbigen Sammetkleidern, und aus der frischen thauigen Wiese schauten hundert und tausend bunte helle Aeuglein heraus und schimmerten wie lichte Seide und Edelgestein. Aus der Gartenmauer am Budmarschen Gute führte eine kleine Pforte auf eine große Wiese, durch die Wiese hindurch schlängelte sich ein heller Bach, von hohen Rüstern umschattet, bis eine halbe Stunde weiter das Bächlein eine Seitenrichtung nahm und dieser Wiesengrund von grünen Tannenhöhen beschlossen wurde. Nach dieser Höhe wanderte an seinem Hochzeitmorgen das Brautpaar, von hier aus waren die Thürme von Braunhausen, der Garnison des Bräutigams, zu sehen, und von hier aus und zugleich von der Höhe des Glückes, auf die ihr schönster Festtag sie geführt, wollten sie hinabsehen auf ihren künftigen Wohnort und auf die Zukunft, die gar weit und reich vor ihnen lag. So einsamer Spaziergang war ihnen im ganzen Brautstande nicht geworden, das Spazierengehen war noch nicht so recht an der Mode, und noch dazu ein solches Umherlaufen in Feld und Flur, wie es der Oberförster nannte. Aber heute mußte er schon seine Einwilligung dazu geben, er durfte auch nicht schelten über unnütze Zeitverschwendung, denn die Freundinnen und Basen des Hauses hatten ihn versichert, an ihrem Ehrentage dürfe eine Braut nichts schaffen, wenn nicht ihr ganzes Leben voller Unruhe und Sorgen bleiben solle. Auf der Spitze des Tannenberges saß also feiernd das Brautpaar. Sie sagten sich nicht nur: Ich liebe Dich! und wieder: Ich liebe Dich sehr! und: Wie sehr lieb ich Dich! – nein sie hatten beide die bestimmte Sehnsucht, daß diese Liebe ihnen der Leitstern zu etwas Besserem sein sollte, und wußten auch etwas Besseres zu reden. Mir klingen heute immer die Worte in der Seele, begann Marie: »Ich habe dich je und je geliebet, darum habe ich dich zu mir gezogen aus lauter Güte.« Ja, ich fühle es wohl, der Herr will mich durch Güte ziehen, fügte sie hinzu. Bist Du dessen so gewiß? fragte der Bräutigam lächelnd. Sie sah ihn mit ihren hellen Augen nachdenklich an. Ja, Fritz, ich weiß was ich an Dir habe, sagte sie, ich weiß auch was der Herr mir mit Dir geben will, und ich muß auch darin des Herrn Willen und Thun deutlich erkennen, es könnte mir sonst bange werben. Warum bange? fragte der Bräutigam verwundert. Weil ich nicht recht begreifen kann, warum Du mich lieb hast, und warum Du mich immer lieb haben sollst. Das läßt sich auch schwerlich vordemonstriren, entgegnete Fritz; ebenso wenig wirst Du mir erklären können, warum Du mir folgen willst in das kleine Häuschen dort unten, das zu klein ist für schimmernde Lust und lautes Vergnügen und doch groß genug zu vielen Sorgen, und warum Du heut das Gebot annehmen willst: Er soll dein Herr sein. Es ist wirklich seltsam, sagte Marie und freudig leuchteten ihre Augen, daß mir nichts lieber ist als dies Gebot. Das ist eben das Schöne der Liebe, daß sie sich nicht erklären und nicht verdienen läßt, sagte Fritz. Du zweifelst aber dennoch nicht an unserer Liebe, nahm Marie lebhaft das Wort. Ich denke, ich weiß nichts Gewisseres als dies, war des Bräutigams vergnügte Antwort. Nun ja, ich zweifle auch nicht, fuhr Marie fort, ich habe aber in der letzten Zeit viel darüber nachgedacht, unsere begabten großen Dichter verstehen es schön zu schildern das Wunderbare in der Liebe, sie müssen es zugeben, daß es etwas Unerklärliches ist um den Zug, der Herzen zusammenführt; wenn diese gescheiten Leute das annehmen zwischen zwei armen schwachen Menschenherzen, weil sie es eben an sich erfahren, warum wollen sie ein wunderbares Liebesgeheimniß zwischen dem Herzen Gottes und seinen Kindern nicht annehmen? Der Bräutigam hörte der Schülerin der guten theuren Tante lächelnd zu, aber er hörte sie gern, und im Grunde seines Herzens fanden diese Worte einen ernsteren Anklang, als er sich augenblicklich bewußt war. Ich weiß nicht, ich meine, wer nur irgend aufmerksam ist auf die Irrgänge seiner Natur und seines Lebens, fuhr die Braut fort, der müßte leicht auf den Schluß kommen: daß die Auflösung alles Irrens nur in einer Erlösung aus großer Liebe und aus Gnaden sei. Wenn diese Menschen sagen: ich bedarf der Gnade nicht, ich bin ein rechtschaffener Mensch, bin gescheit und vernünftig, kann mir wohl durch eigene Kraft, durch eigenes Verdienst die Liebe Gottes erwerben, wozu bedarf es da erst so wunderbarer und geheimnißvoller Dinge als eines Liebes- und Erlösungsrathes aus Gnaden ganz ohne eigenes Verdienst und eigene Würdigkeit! – es ist ebenso, als wenn ich zu Dir sagen wollte: Du mußt mich lieben, ich bin ein braves rechtschaffenes Mädchen, habe den besten Willen und fühle jugendliche Kraft in mir zu schönen Thaten und zu großem Schaffen; ich habe freilich Fehler, die haben aber alle Menschen, und es wäre sehr ungerecht, wolltest Du mir die anrechnen. Wäre diese Forderung nicht unverschämt und müßte sie nicht gerade Deine Liebe von mir abwenden? Der einzige vernünftige Grund, der sich hören ließe, wäre nur der: Liebe mich doch, weil ich Dich so sehr liebe! Gewiß ein Grund, der sich gern hören läßt, entgegnete der Bräutigam, das aber will ich auch gern festhalten, daß unsere Ehe im Himmel geschlossen und unsere Liebe der Wille und das Thun des Herrn ist. Es kann mir dann nicht bange werden um Deine Liebe. Und wenn Zeiten kommen, die sicher nicht ausbleiben, wo ich Dir nicht ganz ein rechtschaffener und vernünftiger Herr bin, so bist Du doch vergnügt, weil Du weißt, unsere Ehe ist im Himmel geschlossen, und weil Du weißt, daß es des Herrn Wille ist, daß Du auch einmal einem wunderlichen Herrn folgen sollst. Und wenn dann die wunderlichen Wolken vorüber sind, dann werde ich Dich desto herzlicher lieben. Nun denke Dir, Mariechen, wenn so unsere Liebe immer wächst, wie das sein wird, wenn wir unsere goldene Hochzeit feiern. Die goldene? fragte die Braut verwundert. Warum nicht? fuhr der Bräutigam fort, es kann ja wohl des Herrn Wille sein. Fünfzig Jahre? das ist lange! entgegnete die Braut, dann werde ich nicht mehr – sie stockte und lächelte. So hübsch sein? fragte er. – Sie nickte. – O, das wollen wir abwarten, tröstete er vergnügt, und nun gingen sie heim. Sie hatten dem Bruder einen Morgenbesuch versprochen, sie mußten ja sehen, wie er ihre Hochzeit feiern ließ. Das alte graue Haus mit den Wappen über den Thüren, den hohen Fenstern und großen Räumen war festlich mit Blumen geschmückt, und sonderbar genug, die guten Nachbarinnen, Frau von Lindeman und Charlottchen, hatten dabei geholfen. Dagegen war ihnen in einer schönen weißen Serviette ein hoher Kuchenberg hinüber geschickt, denn Herr Karl von Budmar ließ es sich angelegen sein, bei dieser Gelegenheit, und wie immer bei ähnlichen, ihnen seine unveränderte Freundschaft zu bezeugen. Er war heute besonders glücklich. Alle Leute im Hofe wurden mit Kuchen, Braten und Wein tractirt. Er versicherte dem Brautpaar ganz ernstlich, er sei so froh, daß er den Bruder so weit habe, und sei noch froher, daß er nicht selber mit Hochzeit feiern müsse. Mit dem Hochzeitstage an und für sich hatte er nicht ganz Unrecht; es war für das Brautpaar eine Aufgabe, erst des alten Magisters Traurede anzuhören, und sich dann durch ein Heer von Vettern und Muhmen und Basen durchzuschlagen. Die schönste Viertelstunde des ganzen Tages war die, als der Bräutigam in schöner Uniform, den Myrthenstrauß vor der Brust, zur Tante kam, um die geschmückte Braut zu holen. In dem kleinen bekannten Stübchen waren sie einige Minuten vor dem Hochzeiten und Basentrubel gesichert, und der Tante Abschiedsworte und ihr Segen waren dem Brautpaar wohl sehr lieb. Zum Schluß reichte sie ihnen das versprochene Hochzeitslied. Sie las es nicht selbst vor, sie verließ das Zimmer, und das Brautpaar war ganz allein und konnte die schönen Worte recht in das Herz einschließen: Wohl einem Haus, wo Jesus Christ Allem das All in Allem ist! Ja, wenn er nicht darinnen war: Wie finster wärs, wie arm und leer. Wohl, wenn ein solches Haus der Welt Ein Vorbild vor die Augen stellt, Daß ohne Gottesdienst im Geist Das äußre Werk nichts ist und heißt. Wohl, wenn das Rauchwerk im Gebet Beständig in die Höhe geht, Und man nichts treibet fort und fort, Als Gottes Werk und Gottes Wort! Wohl, wenn im äußerlichen Stand Mit fleißiger, getreuer Hand Ein jegliches nach seiner Art Den Geist der Eintracht offenbart! Wohl, wenn die Eltern gläubig sind, Und wenn sie Kind und Kindeskind Versäumen nicht am ewgen Glück! Dann bleibet ihrer keins zurück. So mach ich denn zu dieser Stund Samt meinem Hause diesen Bund: Wich alles Volk auch von ihm fern, Ich und mein Haus stehn bei dem Herrn. Nachdem die Hochzeit mit aller Freude und Unruhe vorübergegangen, war der Oberförster sehr verstimmt; er wollte es sich nicht gestehen, daß er die Nichte vermisse, und doch war es so. – Es waren einige Monate so vergangen, als er eines Morgens in die Wohnstube trat und ganz verwundert stehen blieb. Ueber dem Sofa hingen in goldenen Rahmen zwei Bilder, o so ähnlich als das Leben selbst. Der Fritz im dunklen Uniform-Oberrock, mit der hohen Stirn, der kühnen feinen Nase und dem sprechenden Munde, und daneben Marie mit den lichten strahlenden Augen, den hellbraunen Locken, im zarten weißseidenen Brautkleid, eine Rose vor der Brust: Der Oberförster stand schweigend davor, und seine Frau, ungesehen, beobachtete mit freudiger Spannung sein Erstaunen. Jetzt wandte er sich, er sah sie und errieth den Zusammenhang. Hast Du das veranstaltet? fragte er mit stockender Stimme. Sie nickte nur. Er setzte sich davor auf einen Stuhl und kämpfte wie ein Kind mit den Thränen. Die größte Freude, die mir noch passiren konnte! sagte er wieder und reichte seiner lieben zartfühlenden und zartsorgenden Frau dankbar die Hand. Die Bilder hingen hier im Festtagskleide und in Festtagsruhe von einem Jahr zum andern, während das junge Paar dort drüben hinter den Bergen lebte und Freuden und Sorgen viel Raum fanden in dem kleinen Häuschen. 4. Bis zur Silberhochzeit. Fünfundzwanzig Jahre sind vorüber, das alte graue Haus mit den Wappen über den Thüren ist wieder festlich mit Blumen geschmückt, der Himmel steht so weit und rein und blau darüber, duftend ist der junge Wald, die Aurikeln prangen im farbigen Sammet, die Nachtigallen singen am silberhellen Bach, und im jungen Grün der Wiese hatte sich wieder die liebe lichte buntschimmernde Blumengesellschaft eingefunden. Ja, die Frühlingswelt war dieselbe als vor fünfundzwanzig Jahren, aber die Menschenwelt war sehr verändert. In der Oberförsterei waren neue Bewohner, die wenig Verkehr mit den Bewohnern des alten grauen Hauses hatten. Die beiden stattlichen Bilder in den goldenen Rahmen waren hierher übergesiedelt, sie hingen in der Familienstube über dem künstlich geschnitzten Nußbaum-Sofa mit dem kirschrothen Damast-Ueberzuge. Auf dem Sofa saßen zwei Leute, den Bildern sehr ähnlich, nur – hübscher geworden, nach gegenseitiger Uebereinkunft. Klang das thöricht? Nein, so soll es immer sein. Das Fleisch macht Raum dem Geiste, die Züge waren wohl schmaler und scharfer geworden, aber die in fünfundzwanzig Jahren erlebte Liebe und Freude war darin zu lesen, und die zusammen erlebten Sorgen und Prüfungszeiten, die der Herr seinen Kindern schickt, um sie zu ziehen und wachsen zu lassen in dem, das, wie die selige Tante so gut zu schildern wußte, eine Wunderwelt sich aufschließt, darinnen alle menschlichen Gefühle umgezaubert werden. Das alles lebte in den Augen und in den Zügen, und es war kein Wunder, daß sich die Leute mit so getreuen Herzen schöner fanden als vor fünfundzwanzig Jahren. Aber auch die Welt und der Kreis, in dem sie lebten, war ihnen schöner und reicher geworden. Die Tante war zwar gestorben, und das war für beide ein großer Verlust, aber die fünfzehn Jahre, die sie noch mit ihr zusammen verlebt hatten, waren auch wieder ein Reichthum zu nennen. Und welch ein reicher Kinderkreis war um sie versammelt, ja selbst zwei Enkel nahmen die Herzen der Großeltern in Anspruch, fast mit wärmerer Liebe als die eigenen kleinen Kinder es gethan. Daß der jugendliche Großvater nicht mehr Offizier, sondern Rentmeister war, und nicht in dem kleinen Hause hinter den Tannenbergen, sondern hier im geräumigen väterlichen Hause wohnte, hatte der Krieg veranlaßt. Ein Jahr hatte er mit seiner jungen Frau im ungestörten Glück verlebt, da kam das unglückliche Jahr 1806. Er mußte in das Feld, und obgleich der Frieden des nächsten Jahres ihn wieder in die Garnison zurückführte, so ruhten die Folgen des Krieges und selbst die des Friedens schwer auf ihm und seiner Familie. Bruder Karl, der so viel für den verheirateten Bruder thun wollte, wußte in den Jahren der Bedrückung selbst nicht ein und aus, konnte sich selbst kaum über Wasser halten. Bruder Fritz mußte von dem Lieutenants-Gehalte leben, und es war natürlich, daß Sorgen und Noth hier oft recht laut an die Thüre pochten. Die gute Tante Oberförsterin, die noch zehn Jahre als Wittwe ihren eigenen kleinen Haushalt in Woltheim hatte, brachte ein Stück nach dem andern, um die nöthigsten Lücken in dem jungen Haushalt auszufüllen, und nahm der Nichte dadurch manche schwere Sorge ab. Sie that aber noch mehr, sie nahm Theil an den Sorgen der reichen Kinderstube, Sorgen, die von der Welt wenig getheilt und nie hoch genug gewürdigt werden. Da heißt es wohl: das Kind ist krank, und nach Wochen heißt es: das Kind ist wieder gesund; welche Kämpfe diese Wochen in sich fassen, wie da ein Mutterherz ringen muß in Geduld und Glauben, wie es auf den Wogen der Hoffnung hoch hinauf und sehr tief hinab getragen wird, und wie es wohl ganz verzagen müßte, wenn es nicht die eine treue Hand vor sich sähe, die es ergreifen und bittend rufen darf: Herr, hilf mir, denn ich verderbe! das alles wird nur von Eingeweihten ermessen. In diesen kleinen und doch so bangen Sorgen in der Kinderstube des kleinen Häuschens dort hinter den Tannenbergen gesellten sich ernstere. Ein liebliches Kind starb im zarten Alter, der Vater mußte mit dem anbrechenden Befreiungskriege von neuem ins Feld ziehen, und Armuth und Noth wurden immer drückender. Aber der Herr half immer hindurch, Trost fehlte nicht, selbst in den bittersten Stunden, die Kinder blühten fröhlich auf bei schmaler Kost, und die schweren Zeiten gingen an ihnen fast unbemerkt vorüber, ja Glück und Lust der Kinder nahmen das ganze Häuschen so in Anspruch, daß Sorgen und Noth der Eltern davor fliehen mußten. In der Schlacht von Leipzig lähmte ein Schuß des Vaters linken Arm, er war nun zum Dienst unfähig und erhielt nach dem Frieden die Rentmeister-Stelle in seiner Vaterstadt. Die ganze Familie siedelte nun in das alte große Haus mit den geräumigen Stuben und Kammern über, die, wie Onkel Karl zufrieden versicherte, doch nun ihre Zinsen brachten. Mit der Familie zog aber auch Charlottchen ein, ihre Mutter war gestorben, und es war sehr einfach und wünschenswerth, sie als liebreiche und helfende Kinderfreundin im Hause zu haben. Außerdem wurde noch ein Hauslehrer genommen, der nach dem Ausspruch einer Familienkonferenz billiger zu erhalten war, als die vielen Jungens auf einem Gymnasium. Das war nun ein großer Kreis und ein rechter Umschwung in dem alten Hause, es gab auch wunderliche Verwickelungen, und es gehörte eben dazu ein Bruder Fritz, der bei aller Hoheit und Würde eine so seine zarte Seele war, und die Frau seines Herzens mit ihrer frischen Gewandtheit, und das gefühlvolle Charlottchen und der wunderliche gutherzige Onkel Karl, und die ganze lustige Kinderschaar, um die Verwickelung immer wieder gemächlich auszugleichen. Meinen Sie, Charlottchen, daß der Wilhelm schon wieder eine neue Hose braucht? so fragte einst Onkel Karl bedenklich, indem er sich mit seiner Pfeife in der Kinderstube etablirte; ich weiß nicht, zu meiner Zeit konnten Jungens in dem Alter noch Flecken vor den Knien tragen. Ei wenn sie von derselben Couleur sind, sagte Charlottchen freundlich. Natürlich, fiel Onkel Karl ihr in das Wort, von derselben Couleur müßten sie sein; die Großtante hatte damals mit ihren blöden Augen dem Max einen Changeant auf das Braune gesetzt, das sah abscheulich aus, und ich bin dafür, wir müssen unseren Stand respektiren. Darin haben Sie sehr recht, versicherte Charlottchen. Es gehört eben die rechte Umsicht dazu, fuhr der Onkel fort, in keinem Stücke darf man zu weit gehen, und ich muß mit Schmerz gestehen, meinem Bruder gehen die rechten praktischen Eigenschaften eines Hausvaters völlig ab. Zu dem Changeant hat er gelacht, der Max hat ihn wirklich aufgetragen, und dagegen kann meine Schwägerin die Hand immer im Beutel haben, wenn es ihr beliebt, den Kindern etwas anzuschaffen. Ich bin durchaus nicht für Wilhelms Hose, und es ärgert mich sehr, wenn die Hose gekauft wird. O Herr von Budmar, tröstete Charlottchen, die Sache muß sich ändern lassen, sie ist allerdings von Wichtigkeit. Ja von Wichtigkeit, bekräftigte Onkel Karl, denn eine Kleinigkeit kömmt zur anderen, und es ist des Prinzipes wegen bei den vielen Kindern. Sie glauben nicht, Charlottchen, setzte er mit besonderem Nachdruck hinzu, wie schwer es ist, aus unserem Gute etwas zu machen. Sie wissen ja am besten, wie es mein Denken und Arbeiten ist seit langer Zeit. Ja wohl, schon damals mit dem Klee und Futterbau, siel ihm Charlottchen in die Rede. Richtig! fuhr er fort, jetzt stecke ich nun mitten in der rationellen Landwirtschaft, aber ich versichere Sie, wenn so viel neue Hosen angeschafft werden, und überhaupt ein solcher großer Hausstand nicht mit Umsicht geleitet wird, wir kommen auf keinen grünen Zweig. Ja Charlottchen, Sie können glauben, es wird mir zuweilen angst und bange, was aus den vielen Kindern werden soll. Aber herrliche Kinder! entgegnete Charlottchen, keines wird aus der Art schlagen. Elisabeth, die älteste Tochter, die nach der alten Großtante den Namen führte, unterbrach jetzt das Gespräch, indem sie zu Tische rief. Onkel Karl und Charlottchen folgten ihr. Welch eine herrliche lange Tafel war das. Der Onkel Karl saß oben an, anders hatte es Bruder Fritz nicht gewollt, und so gehörte es sich auch. Ihm zur Rechten saß die Frau Schwägerin, zur andern Seite der Bruder; Charlottchen nahm an der einen Seite den Mittelpunkt zwischen den Kindern ein und der Herr Hofmeister an der anderen Seite. An den gehaltenen Mienen des Onkel Karl war deutlich zu sehen, daß er etwas auf dem Herzen habe. Kinder und Eltern merkten das, und die Frau Rentmeisterin konnte eine unangenehme Spannung nicht unterdrücken. Ihr Mann aber reichte ihr lächelnd die Hand über den Tisch, was so viel heißen sollte: Laß Dichs nicht beunruhigen, liebe Frau, Du kannst glauben, es ist ganz ohne Wichtigkeit. – Der Vater sprach das Tischgebet, darauf folgte ein Rauschen und Rücken und Klappern der Teller, und dann begann der Onkel feierlich: Fritz, meinst Du, daß der Wilhelm schon wieder eine neue Hose nöthig hat? Ich weiß wirklich nicht, lieber Bruder, entgegnete der Rentmeister harmlos. Herr Formschneider, wandte er sich zum Hauslehrer, Sie müßten das besser wissen als ich. Ich glaube: ja, – entgegnete der Gefragte lächelnd. Mein geehrtester Herr Formschneider, sagte der Onkel, – er gebrauchte diese höfliche Anrede nur, wenn er ärgerlich war, – ich habe geglaubt, der größte Nutzen eines Hauslehrers wäre der, daß man durch ihn die öffentliche Schule vermeidet und die Kinder in der Häuslichkeit kleiden kann wie man will. Herr Formschneider, der mit dem Geiste des Hauses und mit den theuren Eltern seiner Pflegebefohlenen sich wohl eingelebt hatte, wußte genau, wie er sich jetzt zu verhalten hatte. Allerdings, entgegnete er ernsthaft, ist das ein großer Vortheil: wir können hier in unserem eignen kleinen Königreiche leben, wie wir wollen, es kömmt nur auf einen hohen Entschluß an, ich bin überzeugt, es wird weder unsere noch Wilhelms Ruhe stören, wenn die Sonntags-Hose noch einmal sein ausreparirt wird. Wir geben sie der guten Großtante, scherzte der Vater. Nein ich übernehme es selbst, entgegnete die Mutter freundlich. Dem Onkel zuckten die buschigen Augenbrauen auf und nieder, seine Stimmung war umgeschlagen, die große Bereitwilligkeit von allen Seiten, in seine praktischen Anordnungen einzugehen, war ihm fast unangenehm. Aber es sollte heute noch ein ganz anderer Angriff seinen armen Nerven bevorstehen. Als die Suppe gegessen war, kam eine Schüssel mit Kartoffeln, eine mit Hammelfleisch und ein großer Napf mit Zwiebelbrühe. Die Bewegung aus des Onkels Gesicht verschwand plötzlich, und mit großer Spannung schaute er auf die Zwiebelbrühe. Das war nämlich ein Gericht was Bruder Fritz nie essen mochte, deswegen hatte es, seine Frau auch nie gemacht und die Kinder kannten es nicht, so lange sie dort hinter den Bergen wohnten. Als es nach des Onkels Anordnung zum ersten Mal auf dem Tische erschien, sahen es die Kinder an, der Geruch schon schien ihnen unangenehm, sie reichten es schweigend einer dem andern. Der Onkel war sehr aufgeregt darüber, er sprach von der Nützlichkeit der deutschen Gewürze und schalt es eine große Sünde an der Kindererziehung, wenn die jungen Magen mit ausländischen scharfen Gewürzen so verfeinert würden, daß sie keinen Geschmack an einer einfachen deutschen kräftigen Brühe von Kümmel und Zwiebeln finden wollten. Bruder Fritz disputirte damals mit ihm darüber im scherzhaften Ton; als die Brühe aber sehr bald darauf von der gefälligen Schwägerin wieder auf den Tisch gebracht wurde, ging der Vater mit gutem Beispiel voran, er nahm eine gehörige Portion, und das war das Zeichen des allgemeinen Angriffs, ein jedes Kind nahm Zwiebelbrühe. Damit aber war noch nicht erreicht, daß ihnen das Essen Vergnügen machte, nein allem Anscheine nach wurde es ihnen herzlich sauer, und das Hinunterquälen und Gesichterschneiden dabei griff des Onkels Nerven so sehr an, daß er diesmal heftiger für seine Zwiebelbrühe eiferte als das erste mal, und die Erziehungskunst des Bruders gröblich in Zweifel zog. Ja es war ihm eigentlich unbegreiflich, wie die Jungens einmal durch die Welt kommen sollten, wenn sie keine Zwiebelbrühe essen konnten, denn an fremden Tischen durften sie sich doch so jämmerlich nicht haben, wenn ihnen dies köstliche Gericht angenöthigt wurde. Der Vater hatte darauf die Kinder scherzend ausgescholten über die Grimassen, und die Sache war abgemacht. Was sollte nun heute der ungewöhnlich große Napf mit dem kräftig duftenden Essen? Einen besonderen Grund mußte es haben, denn die Kinder lächelten sich an und flüsterten mit einander. Kartoffeln und Fleisch wurden ausgetheilt und jetzt setzte sich der verhängnißvolle Napf in Bewegung. Die Mutter nahm etwas, der Onkel auch, dann nahm der Vater, aber schon bedeutend mehr, dann kamen die Kinder an die Reihe, und es war nun, als ob sie nicht schnell genug des Napfes habhaft werden könnten, eins fuhr immer muthiger und tiefer in das Zwiebelessen als das andere. Der Onkel wagte kaum zu athmen. Was soll das bedeuten? dachte er. Und, – fügte ganz leise sein weiches Onkelherz hinzu, wenn die Tischordnung aufrecht erhalten werden soll, und ein jedes seinen Teller abessen muß, so wird das ein entsetzliches Schauspiel werden. Er hatte den Napf verfolgt bis zu einem kleinen fünfjährigen Jungen, der neben der Mutter saß, auch er fuhr mit dem Löffel tapfer in den Napf und immer wieder hinein. Mäxchen, es ist Zwiebelbrühe! rief jetzt der erschrockene Onkel warnend. – Der Kleine kniff die Lippen schmunzelnd zusammen, sah den Onkel von der Seite an und nickte, er ersparte sich die Worte: Das weiß ich recht gut. Paß auf, Onkel Karl, sagte jetzt der Rentmeister mit erzwungener Gravität: jetzt Kinder, – ein – zwei – drei! – Mit einem Mal fuhren alle Löffel klapperndin die Zwiebelbrühe, und in nicht viel längerer Zeit, als das Kommando dauerte, war die Arbeit gethan. Brav, Kinder! rief der Vater. Und nun Bruder, wandte er sich triumfierend zum verstummten Onkel, zweifelst Du noch an unserer guten Erziehung? Zweifelst Du noch, daß die Jungens durch die Welt kommen? Ein allgemeines Vergnügen und Jubeln der Kinder konnte jetzt nicht unterdrückt werden, und das kam dem Onkel sehr erwünscht, es war ihm wahrlich das Weinen nahe gekommen, und so schwankte er mit seiner Nervenaufregung glücklich zum Lachen hinüber. Er rief dann den größten von den Jungens, den schlanken Wilhelm, der schon etwas auf seinen Anzug gab, und dem das Garderobekapitel nicht ganz gleichgiltig gewesen war, und flüsterte ihm in das Ohr: Wilhelm! ich schenke Dir, weiß Gott, eine neue Hose. So und ähnlich lösten sich die Verwicklungen, und je mehr man sich daran gewöhnte, und je größer die Kinder wurden, desto mehr wurden diese Verwicklungen eigentlich nur Anlaß zum Vergnügen. Die Zeit war ganz unbemerkt heran gekommen, wo man von den erwachsenen Kindern des Herrn Rentmeisters sprach, und im Winter 1824 war die größte Neuigkeit in Woltheim: der Herr Landrathsverweser Kühneman wünschte sich mit Elise Budmar zu verloben. Der Herr Landrathsverweser war eigentlich Assessor, er war nur einstweilen hergeschickt, um die erledigte Landrathsstelle zu versehen. Er war ein ausgezeichnet kluger und feingebildeter Mann, seine Eltern lebten noch in Berlin, und es waren ihm in einem sogenannten Geheimraths-Kreise alle ästhetischen Bildungsmittel, welche Literatur und Kunst in sich fassen, von Jugend an dargeboten. Er kam sehr ungern nach Woltheim, und hielt sich bald nur ganz zur Oberförsterei, wo die Frau Oberförsterin, eine reiche Oekonomentochter, ein feines Haus zu machen suchte und Umgang mit den Offiziers-Familien der nahen Garnison und mit der Landnachbarschaft hatte. Hier am Spieltisch hörte der junge Landrath ganz gelegentlich erzählen, daß im Budmarschen Hause nicht gespielt würde, nicht weil es Herr von Budmar in jeder Art verdammen wollte, aber weil man in seinem Hause, wie er sagte, etwas Besseres vorzunehmen wüßte. Es wurde darüber gescherzt und hin und her gesprochen. Dem ästhetisch gebildeten Herrn Kühneman ging das aber doch durch den Kopf, er war neugierig zu wissen, was im Budmarschen Hause vorgenommen würde, denn er fing an sich zu langweilen bei seinen Spielpartien. Es ward ihm nicht schwer, sich mit dem Herrn Rentmeister zu befreunden, und er fand den Mann ganz anders, als er sich gedacht, noch mehr aber ward er überrascht von dem Familienleben im Budmarschen Hause. Die Kinder waren alle sehr wohl unterrichtet, es wurde viel musizirt, fremde Sprachen wurden getrieben, der Vater selbst machte sie mit den besten Erscheinungen der alten und neueren Literatur bekannt, nicht nur wie ein Schulmeister, nein er selbst hatte Interesse daran. Ebenso die Mutter, die mit den erwachsenen Kindern eigentlich erst recht angefangen zu lernen und zu üben und Freude an solchen Dingen zu finden. Daß Elise, die älteste Tochter, eine fast gründlichere Bildung hatte, als die ihm bekannten Mädchen in der Residenz, war dem jungen Landrath bald deutlich genug, aber noch deutlicher, daß schöner und liebenswürdiger gar niemand in der Welt sein könne. Elisens Eltern merkten diese Gesinnungen bald, und die Mutter war wenig einverstanden damit. Ich weiß nicht, sagte sie bedenklich zu ihrem Manne, ich möchte unsere Elise nicht an der Seite dieses Mannes sehen. Warum nicht? fragte der Vater. Sie müßte in der Stadt wohnen, entgegnete die Mutter seufzend, und noch dazu in einem Kreise, wo Bildung und Kunst über alles gilt; denn Kühnemans ganzes Streben ist, in seine Heimath zurück, und es wird ihm auch gelingen. Hältst Du das für ein Unglück? fragte der Vater lächelnd. Vielleicht kein Unglück, aber ich halte es für eine große Gefahr, besonders für Elisen, die so viel auf ihren Verstand und ihr Wissen giebt. Kühneman aber ist ein braver Mann und fühlt sich wohl in unserem Hause, er hat auch durchaus keinen Widerspruch gegen alles Positive, er hat mir erst kürzlich versichert, er studire mit großem Interesse Luthers Werke. Thut er es für jetzt mit dem Verstande, so laß ihn, der Herr wird weiter helfen. Und giebt Elise zu viel auf ihren Verstand, so laß sie erfahren, wie weit sie damit gelangt. Nein, ich habe den Mann von Herzen lieb, und ich habe keinen Grund ihn abzuweisen. Wir können unsere Kinder nicht von der Welt abschließen, sie müssen hindurch mit des Herrn Hilfe. Wir dürfen uns nicht einbilden, daß wir mit einer christlichen Erziehung den Kindern alle eigenen inneren Kämpfe ersparen wollen. Wir wollen einen guten Grund legen und wollen für sie beten, dann mögen sie sich mit des Herrn Hilfe durcharbeiten. Sie aber von dieser Arbeit, von diesen Kämpfen zurückhalten zu wollen, sie ganz abzuschließen, ist wieder eine Gefahr in der christlichen Erziehung. Die Kinder müssen sich hindurcharbeiten durch Schiller und Göthe und Shakspeare, durch Classiker und Romantiker und durch das ganze Heer der großen feinen Geister, auch durch Volkslieder und Liebeslieder, Sonaten und Ouvertüren. Der junge Geist will Nahrung haben, es ist besser, diese Nahrung wird ihm gereicht nach weiser Einsicht und nach weisem Maaße, als wenn er sie mit leichtem Sinn und großer Begier sich selber sucht. Der Geist kann auch an allen diesen Dingen wachsen, aber er wird sie, wenn er außerdem in gesunder Luft und Zucht steht, im Wachsen abschütteln als zu eng und zu klein. Ja übergieb nur Deine Pflänzlein dem himmlischen Ober-Gärtner, bitte ihn um Thau und Sonnenschein, und denk nur nicht, daß Du mit Deinen Sorgen viel ausrichten kannst. Kleine Kinder, kleine Sorgen, große Kinder, große Sorgen! sagte die Mutter nachdenklich, aber doch sehr getröstet und sehr einverstanden mit ihrem weisen Eheherrn. Das Sorgen würde ich in Deiner Stelle lassen, sagte dieser freundlich. Lasse es einmal! entgegnete sie seufzend: das ganze Leben ist für ein Mutterherz eine Schule, wo sie lernen soll nicht zu sorgen, aber so recht wird sie mit der Aufgabe nicht fertig, erst sorgt sie für sich, für die kleinen Kinder, dann sorgt sie für die großen Kinder. Dann für die Enkel, fiel ihr Mann scherzend ein. Ja freilich, sagte sie ernsthaft, so wird es kommen. Jetzt sorge ich mich um Elisen, ob ihr Herz sich nicht täuschen wird, und ob sie sich einst gegen ihren Mann auch so betragen wird, wie es sich gehört, ob sie liebenswürdig genug ist, um glücklich zu sein. Ob sie ihn mit dem richtigen Maaße unter dem Pantoffel haben wird, fügte der Mann wieder scherzend hinzu. Da wäre sie beinahe böse geworden, solche Anspielungen konnte sie nicht leiden, sie war fest überzeugt, daß von ihrer Seite nie regiert wurde, und wünschte das anerkannt zu sehen; aber selbst die Anerkennung, indem sie leicht von Seiten des Gemahls einen Beigeschmack liebenswürdiger Fügsamkeit hatte, war ihr nicht recht, darum blieb dieser Punkt am besten unerörtert. Trotz aller Bedenken und aller Sorgen verlobte sich Elise mit dem Herrn Landrathsverweser. Ja das Herz der Mutter wurde sehr warm, als sie die Tochter glücklich sah, und als der neue Sohn mit kindlicher Liebe und Verehrung ihr entgegen kam und Ansprüche an ihre mütterliche Gegenliebe machte. Daß der künftige Schwiegersohn nicht adlig war, kam bei den Eltern nicht in Betracht, nur Onkel Karl konnte sich nicht ganz darüber hinwegsetzen, und Charlottchen wurde wieder die Vertraute seines Mißvergnügens. Ich weiß nicht, worin es liegt, sagte er, aber es ist nun einmal so: er ist nicht adlig, und ich hätte gewünscht, Elise wäre in ihrem Stande geblieben. Charlottchen war gefällig genug zu erwiedern: Ja es ist ein Jammerschade, daß sie eine Mesalliance macht. Das war dem Onkel zu viel, er wollte ja eben widersprochen sein. Eine Mesalliance können Sie es wieder nicht nennen, entgegnete er eifrig, Kühneman ist so ausgezeichnet, so gescheit und so bedeutend. Und von so vornehmen Manieren, fügte Charlottchen wieder hinzu. Dann, Charlottchen, müssen Sie bedenken, daß es jetzt anders ist als zu unserer Zeit mit dem Adel, das Verdienst gilt jetzt eigentlich mehr als der Adel, so bürgerliche Leute steigen zu den höchsten Ehrenstellen hinauf, selbst bis zum Minister. Wenn unser Elischen eine Frau Ministerin wird, so ist es gerade passend für sie, versicherte Charlottchen: Frau Minister Kühneman, geborne von Budmar. Onkel Karl nickte, und sie waren beide getröstet. Für jetzt wurde Elischen nur eine Frau Assessorin. Die Beschäftigung in Woltheim nahm für den Bräutigam ein Ende, er kehrte wieder in seine alte Stellung zurück. Die Brautzeit war für das ganze Budmarsche Haus eine sehr bewegte Zeit, die Mutter besonders hatte viel zu schaffen und zu sorgen, aber für sie gerade gab es auch reiche und tröstliche Stunden. Das waren die einsamen, die sie mit dem Brautpaar verlebte, wo sie ihnen vieles an das Herz zu legen hatte und gern gehört wurde, wo sie ihnen auch das schöne Verlobungs- und Hochzeitslied, das Erbstück von der seligen Tante, übergab. Wenn sie auch fühlte, daß die bewegte Stimmung und das liebende Herz des Bräutigams ihren Antheil daran hatten, so konnte sie doch an der Aufrichtigkeit seines guten Willens nicht zweifeln, als er feierlich nachsprach: So mach ich denn zu dieser Stund Samt meinem Hause diesen Bund: Wich alles Volk auch von ihm fern, Ich und mein Haus stehn bei dem Herrn. Mit der Hochzeit waren der Mutter Sorgen aber nicht vorüber, nein es schien, als ob jetzt das Leben erst recht beweglich werden wollte. In die nächsten Jahre fielen die leidigen großen Examina der ältesten Sühne, die das Recht haben einer Mutter Unruhe zu verursachen. Dazwischen hatte das sechzehnjährige Julchen Lust eine Herzensneigung anzuknüpfen, die eben nur eine Selbsttäuschung war und nicht gelitten werden durfte. Dann folgten die Großmuttersorgen, es mußte hin und her gereist werden, daheim aber waren auch noch ziemlich kleine Kinder in der Kinderstube, ja, es war wirklich der Höhepunkt in der Bewegung und Mannigfaltigkeit des Familienlebens eingetreten. Mitten auf diesen Höhepunkt fiel die silberne Hochzeit. Das Silber-Paar erkannte es, daß gerade die viele Bewegung in der Familie, die Arbeit, die Sorgen, die Unruhe, ihr schönster und bester Reichthum war. Sie hatten nur ein Herz zum Loben und Preisen und Danken, und der Gedanke an weiter Sorgen und weiter Arbeiten war ihnen ein seliges Glück. Heute aber war weder von Arbeit noch von Sorge die Rede, es war, als ob sie ein hochgehendes Meer verlassen und ausgestiegen wären auf einer Insel, wo die Sonne des Glückes und Friedens und eine ganze Blumenwelt der Freude sie umgab. Heute war kaum ein Raum im alten großen Hause, der nicht benutzt war. Die alte Kinderstube war von der Frau Regierungsräthin Kühneman mit ihren zwei Kleinen eingenommen, der Herr Regierungsrath selbst wohnte mit den großen Jungen zusammen, schien auch wirklich an jugendlicher Lust und Uebermuth mit ihnen wetteifern zu wollen. Die großen Jungen aber waren der 23jährige Wilhelm, ein junger Auskultator, der 21jährige Adolf, ein Student, der 17jährige Max, ein schlanker Kadett. Julchen und die jüngere Schwester Marie waren die getreuen Tanten von Elisens Kindern. Der unconfirmirte Knabe befand sich noch unter der Obhut des Hauslehrers. Außer den Kindern war aber noch die Frau Oberst von Reifenhagen, die einzige Schwester der Gebrüder von Budmar, mit zwei Kindern im Hause. Sie hatte sich weit später verheirathet als der Rentmeister, so daß ihre jüngste Tochter Emilie nur zwei Jahre älter war als dessen älteste vierjährige Enkelin, die vom. ganzen Hause bewunderte und geliebte Elisabeth. Dann wollte gern auch noch ein junger Mann zur Familie gezählt werden, der zwar nicht zur Hausgenossenschaft gehörte, das war der neue Oberförster Herr von Schulz, der seit einem Jahre, wo sein Vorgänger Forstmeister ward, die Stelle in Woltheim inne hatte. Julchens blaue Augen hatten sein Herz ganz und gar hingenommen, Julchen schien nicht unzufrieden damit, und ihre Eltern hatten nicht nur nichts dagegen, sondern der Mutter war es sogar ein Herzenswunsch. Der Oberförster war ein gescheiter Mann, war treu und rechtschaffen und gottesfürchtig, und die Mutter meinte, auf der alten lieben Oberförsterei sei ihr Töchterlein ganz besonders wohl geborgen. Dies angehende Brautpaar gehörte eigentlich recht dazu, um das Vergnügen des Familienkreises vollständig zu machen. Am Morgen des Festtages kam Onkel Karl zu Charlottchen, um das Plauderstündchen, was ihm nach den vielen Jahren zur unentbehrlichen Gewohnheit geworden war, zu genießen. Er war heute etwas angegriffen, der Polterabend hatte zu lange gedauert, die schönen Verkleidungen und Deklamirstücke, wie sie Charlottchen nannte, wollten kein Ende nehmen, samt Gesang und Tanz und Vergnügen der jungen Leute. Die Sache ist ausgemacht, begann der Onkel, Julchen nimmt den Oberförster, und ich bin es sehr zufrieden, denn wissen Sie, Charlottchen, es ist immer für ein Mädchen am besten gesorgt, wenn sie heirathet. Er sagte das ganz ohne Beziehung, und Charlottchen nahm es so. Am besten ist es, entgegnete sie freundlich. Und welch eine schöne Partie! fügte sie hinzu. Sie können glauben, fuhr der Onkel fort, es fällt mir immer ein Stein vom Herzen, wenn eines von unseren vielen Kindern versorgt ist. Gewiß, gewiß, war ihre Antwort. Freilich, fuhr er wieder fort, heißt es jetzt immer: Thu nur auf dein Beutelein! und ich sage Ihnen, dies Jahr wird ein schweres Jahr. Erstens Julchens Ausstattung; dann wird der Max Offizier und will equipirt sein, noch dazu will der Junge zur Kavallerie gehen. Ich kann es ihm zwar nicht verdenken, fügte er einverstanden hinzu, wenn ich Militär würde, ginge ich auch nur zur Kavallerie; aber die Equipirung kostet noch einmal so viel als bei der Infanterie. Sie werden alles möglich machen, Herr von Budmar, versicherte Charlottchen gerührt; es ist doch wahr, Gottes reicher Segen liegt auf Ihrem Wirtschaften! Nun ja, entgegnete Onkel Karl, und ich hoffe auch, wir werden die Kinder alle standesgemäß durchbringen. Welch herrliche Kinder! ein wahrer Stolz! warf Charlottchen dazwischen. Recht gut erzogene Kinder, sagte der Onkel wieder; sie könnten vielleicht noch etwas sparsamer sein, aber mein Bruder Fritz ist selbst kein Held im Sparen. Meine Ideen, unser Gut so etwas bedeutender zu machen, so heraus zu arbeiten, habe ich für jetzt aufgegeben, denn, Charlottchen, wenn man immer herausziehen, immer geben und geben soll, kann man nichts hineinstecken. Ich versichere Sie, ich bin jetzt gerade so weit, als ich vor dreißig Jahren war. Daß Bruder Fritz nichts vom Wirthschaften versteht, ist klar – Hm, hm – sagte Charlottchen. Sie wollte keine Einwendung machen, und wollte auch dem Herrn Rentmeister nicht zu nahe treten. Daß Bruder Fritz aber sich immer noch nicht überzeugen will, fuhr der Onkel Karl fort, daß das Gut sich nothwendig verbessern muß, wenn ich nur thun könnte, wie ich wollte, – das ist beinahe ärgerlich. Sehen Sie, Charlottchen, mit den wenigen Kräften, die mir zu Gebote stehen, befinde ich mich eigentlich immer in einem Holter-Polter, so zu sagen, der aufregende Gedanke, immer baar Geld zu erzielen, läßt mich gar nicht zum vernünftigen rationellen Wirtschaften kommen. Ich begreife das, sagte Charlottchen theilnehmend. In einigen Jahren aber hoffe ich doch meine Verbesserungen vorzunehmen, fuhr er fort, wenn der Wilhelm Assessor ist, und Adolf nicht mehr so viel braucht, und Max Offizier ist, und wir auch Julchen nicht mehr auf unserer Tasche haben, dann tritt eine Erholungszeit ein, man kann wieder zu Athem kommen. Ich habe die Absicht, dem Wilhelm ein ganz anderes Gut zu überlassen, als es jetzt ist. Er wird hoffentlich Landrath hier und so ein recht würdiges Oberhaupt der Budmarschen Familie. Herrlich, herrlich! versicherte Charlottchen, und beide vertieften sich wieder in Landwirthschaft und herrliche Aussichten der Zukunft. Onkel Karl kam auf Bodenverbesserung und Futterkräuter, Charlottchen erinnerte ihn an die Schriften des Edlen von Kleefeld, mußte sich aber von ihm belehren lassen, daß diese längst aus der Mode waren. Von dieser gemächlichen Unterhaltung gestärkt, konnte sich Onkel Karl wieder in die Bewegung des Festes begeben. Und welch ein Fest war es: nicht allein der Himmel war blau und die ganze Frühlingswelt in Lust und Freude, in den Herzen und Augen der Menschen war es ebenso licht und freudenhell. Lieber Bruder Karl, sagte der Rentmeister, Du glaubst nicht, wie schön eine Silberhochzeit ist, – ich will Dir zwar das Herz nicht mehr schwer machen. Nein, nein, sagte Karl lachend, obgleich sein Lachen, weil seine buschigen Augenbrauen beinahe zusammengewachsen waren, einen seltsamen Anstrich von Grämlichkeit hatte, – nein, lieber Fritz, sagte er, ich danke Gott, daß wir so weit sind, ich denke doch, der unruhigste und mühsamste Theil unseres Lebens ist abgewickelt. Glaube doch das nicht, sagte Fritz: wenn wir mit den Kindern fertig sind, dann kommen die Enkel dran. Die Enkel? fragte Onkel Karl ganz verdutzt. Ja, natürlich die Enkel. Ei, was gehen uns die Enkel an, da mögen die Eltern für sorgen! Ich sage Dir, Fritz, ein für allemal – In dem Augenblick kam die kleine vierjährige Elisabeth herangesprungen und rief: Nicht wahr, Onkel Karl, morgen suchen wir Kiebitzeier zusammen? Sie schüttelte dabei kühn den hellen Lockenkopf und sah mit den freudestrahlenden Augen fragend den alten Onkel an. Ja, Lieschen, wir suchen Kiebitzeier zusammen, versicherte der Onkel und nahm das wirklich holdselige Kind auf seinen Arm. Aber, fuhr Lieschen fort, Du mußt auch zwei Ziegenböcke vor einen Wagen spannen, dann will ich Dich fahren. Ich habe aber keine Ziegenböcke und auch keinen Wagen, entgegnete der Onkel bedauernd. Dann mußt Du einen für Geld kaufen, belehrte ihn das kluge Lieschen. Nun ja, Lieschen, wir wollen sehen, sagte der Onkel ernsthaft, wenn Du wiederkommst. Ich will aber nicht fort von Dir, berichtigte das Kind, ich will bei Großmama und Großpapa bleiben, ich will auch alle Tage Kiebitzeier suchen, und will Deinen Spitz in das Bette legen, und will mit Dir Kaffee trinken mit Zucker. Das ist auch wahr, Lieschen, Du kannst den Sommer hier bleiben, sagte der alte Onkel ganz erfreut. – Fritz, wandte er sich zum Bruder, ich glaube wirklich, das Kind bliebe bei uns. Warum nicht, entgegnete der Rentmeister, setzte aber ernsthaft thuend hinzu: Wir wollen uns aber hüten vor solcher Last, da mögen die Eltern für sorgen, wir haben genug mit den eigenen Kindern zu schaffen, wir kommen sonst nie auf einen grünen Zweig. Für solch ein kleines Wesen werden wir auch noch sorgen können, sagte Onkel Karl beinahe ärgerlich. So? entgegnete Fritz, so kleine Wesen, merkst Du aber, machen Ansprüche, ein Wagen und zwei Ziegenböcke – Sind auch nicht die Welt, fügte der Onkel wieder hinzu. Ja, Lieschen, wandte er sich zu dem Kind, Du sollst auch hier bleiben, Du sollst auch einen kleinen Wagen haben. – Das Kind lächelte den Onkel glücklich an und lief fort. Nun, Bruder, nahm jetzt der Rentmeister vergnügt das Wort: ich habe nichts dagegen, wenn Du meine Enkel so behandelst, aber ich merke schon, Du hast ein Großmutterherz und vergissest die Erziehungskunst bei der jüngeren Generation. Ein Großmutterherz? fragte die Silberbraut und trat näher. Sie hatte die letzten Worte gehört und sagte zum Schwager: Nicht wahr, lieber Bruder, für dies Kind muß man ein Herz haben, so schön und liebenswürdig ist keins von unseren Kindern gewesen. Du bist parteiisch, weil es Dir so ähnlich ist, versicherte ihr Mann. Mir ähnlich? Gewiß nicht. Ich bin nie so feurig und doch so liebreich gewesen als dies Kind, sagte die Großmutter. Deine Erziehung war anders, entgegnete der Großvater, Du mußtest Dich von Jugend an in gehöriger Ordnung und Ruhe verhalten. Da sprang Lieschen wieder heran, sie umfaßte die Großmama und sagte: Großmama, ich habe Dich so lieb! Die Großmama küßte das Kind auf die Stirn. Großpapa, ich habe Dich aber auch so lieb! sagte Lieschen wieder und umfaßte den Großpapa. Das freut mich, entgegnete dieser. – Und den Onkel habe ich lieb, fuhr Lieschen fort, – und die ganze Welt habe ich lieb, – und die Stühle habe ich lieb, – o, und die Tische habe ich sehr lieb. Sie umfaßte eines nach dem andern und drückte es herzhaft, – dann sprang sie wieder fort. O, du liebreiches Kind! sagte die Großmutter ganz entzückt. Ja, lieber Fritz, wandte sie sich zu dem jugendlichen Silberbräutigam, indem sie sich beide auf das Sofa setzten, das Sorgen für unsere Kinder habe ich immer mehr verlernt und will es mit des Herrn Hilfe noch mehr verlernen. Ich will auch gewiß nicht für meine Enkel sorgen, aber für dieses Kind mußt Du es mir erlauben, Du mußt da Nachsicht mit mir haben, oder noch besser, Du mußt mit mir sorgen. Es ist mir, wenn ich es ansehe, als ob der Herr es gerade uns auf die Seele legen wolle. Ich erlaube es Dir, Du liebes Großmutterherz, sagte der Gemahl, es ist auch möglich, ich sorge mit Dir, ich weiß noch nicht. Das Kind wird uns zwar nicht viel Sorgen machen, fuhr die Großmutter fort, ein Herz, so voll Liebe, muß glücklich sein und auch beglücken. Das ist nicht ausgemacht, sagte lächelnd der Großvater: ein Kind, das Tische und Stühle so warm an das Herz nimmt, kann auch die Welt mit Liebe fassen. Nicht doch, bat das Großmutterherz, Lieschen ist so weichherzig, sie wird sich so leicht ziehen lassen, so leicht auf den rechten Weg geleiten. Aber sie hat auch ihren eigenen Willen bei dem weichen Herzen, entgegnete wieder der Mann. Die Aufmerksamkeit der Großeltern wurde jetzt zu dem Kind selbst geleitet, das mit der etwas älteren Emilie von Reifenhagen ein lebhaftes Gespräch begann. Bitte Emilie, ich will Deinen Gartenhut nehmen, sagte Lieschen sehr bittend. Wo hast Du denn Deinen? fragte Emilie. Den weiß ich nicht, entgegnete Lieschen, aber ich will gerne Deinen haben, der Onkel Karl will mir ein Kiebitznest zeigen. Du bist immer ein so unordentliches Kind, sagte Emilie altklug, und ich will Dir meinen Hut nicht borgen. Bitte, bitte, Emilie! Onkel Karl will gleich fortgehen und ich kann meinen Hut nicht finden. Nein, wenn ich Dir meinen gebe, habe ich keinen, sagte Emilie. Du kannst ja meinen nehmen, der liegt im Garten, rieth Lieschen, und ich will jetzt Deinen nehmen. Nein, sagte Emilie wieder, Du bist so unordentlich, und Du willst meinen Hut auch wegwerfen. In Lieschens kleinem Gesichte zuckten schon Blitze des Unwillens und der Ungeduld, sie sagte aber noch einmal: Aber der Onkel will fort und ich möchte Deinen Hut! Nein, nein, nein! versicherte Emilie. Altes dummes Mädchen! rief da Lieschen, dann – bautz! folgte eine Ohrfeige, dann noch ein tüchtiger Schub, alles so schnell, daß die überraschte Emilie das Gleichgewicht verlor und schreiend zur Erde fiel. Die Großmutter hatte gleich im Anfange des Streites aufstehen und ihn schlichten wollen, aber ihr Mann verhinderte es und sah mit Spannung dem Ausgang entgegen. Da haben wir es! sagte er jetzt. Nein, Mariechen, wandte er sich zu seiner Silberbraut, so ein Brausekopf bist Du nicht gewesen, und ich kann es Dir nicht verargen, wenn Du um sie sorgst. Die schreiende Emilie versammelte bald einen Kreis von Autoritäten und Nicht-Autoritäten um sich, es folgte eine Erziehungsscene, die aber des hohen Festtags wegen sehr milde und kurz gefaßt wurde. Die Scene war überhaupt von keinem Einfluß weiter, und das Fest ward gefeiert in ungetrübter Fröhlichkeit und schloß mit Danken und Preisen aller Herzen. Nach dem Feste verließ man wieder die glückliche Insel, ein jeder bestieg sein eigen Schifflein und trieb in die Wogen hinaus, und mit der Hoffnung eines ähnlichen Ruhepunktes wünschte man sich ein fröhliches Wiedersehen. 5. Die Frau Geheimeräthin. Vierzehn Jahre sind wieder vorüber, die Welt hat sich sehr verändert, die Gemüthlichkeit scheint daraus verbannt, sie hat wenigstens einen andern Charakter angenommen, und es ist eine Entscheidung eingetreten, der sich niemand leicht entziehen kann, es heißt: Entweder, oder! – Auch in dem lieben alten Hause sieht es anders aus, die Kindlein sind alle ausgeflogen und versorgt, die Eltern einsam geworden, Geburten und Sterbefälle haben in der ausgebreiteten Familie Freud und Leid gebracht. Die Großeltern haben Freud und Leid getheilt, aber doch nur aus der Ferne; ihre Herzen sind ruhiger geworden, selbst die Großmutter, je mehr sie ihr Herz da oben hinauf geschickt, je mehr hat sie Freud und Leid zu würdigen gelernt. Das eine aber erfüllte beide mit Dank und Lob, daß ihre ganze Familie sich für das einzige Heil entschieden, ein Glied mehr als das andere, ein jedes nach seiner Eigenthümlichkeit und seinen Kräften, und eines mehr als das andere – nicht der Sorge, aber der Fürbitte des getreuen Elternpaares bedürftig. Es war ein trüber Novembertag, der Wind brauste. Regen und Schneeschauer wirbelten durch einander, es war schon dämmerig, obgleich es kaum vier Uhr war. Die Frau Geheimeräthin Kühneman stand am Fenster, sie schaute sinnend nach dem düstern Himmel, nach den grauen Häusern und der schmutzigen Straße. Sie war eine schöne, stattliche Frau, ihre dunkeln Locken waren untadelhaft, ihre Farben noch frisch, nur ihre Züge waren gröber und stärker geworden, ebenso ihre Figur. Sie kehrte von dem Fenster wieder an den Schreibtisch zurück, hier lag ein angefangener Brief und die aufgeschlagene Bibel. Sie hatte geschrieben und hatte gelesen, – gelesen, aber nur mit Seufzen, sie konnte ihre Gedanken nicht zusammenhalten, sie konnte sich nicht erbauen. Ihr Gewissen machte ihr Vorwürfe, daß sie es heute nicht in der frühen Morgenstunde gethan, ehe die Arbeiten und Zerstreuungen des Tages sie in Anspruch nahmen. Sie hatte es so von ihrer Mutter gelernt, hatte es gethan in der Jugend, und suchte das Versprechen, das sie der Mutter gab, dieser Gewohnheit treu zu bleiben, auch zu halten. Daß es nicht immer dazu kam, machte ihr selbst das Herz schwer, aber es gab dann auch Entschuldigungen und Gründe. Eine Hausfrau, eine Mutter wird oft früh schon durch Berufsarbeiten gestört, sie kann sich ihnen nicht entziehen, ja, sie darf es nicht und in manchen Fällen ist die Erfüllung ihrer Pflicht ein besserer Gottesdienst als Bibellesen. Auch ist die Andacht, die der Hausherr vor dem Frühstück hält, eigentlich hinreichend für die Sammlung des Tages. Aber fügte das Gewissen hinzu, wenn du nicht Zeit und Gedanken zu deiner einsamen kurzen Andacht hast, bist du auch gewöhnlich bei der allgemeinen Andacht zerstreut, und dann ist kein Segen im Tage, er bringt kaum später ruhige Zeit, und es fehlt die rechte Freudigkeit zum Gebet. – So ging es ihr heute, ihr Herz war schwer, das ganze Leben lag schwer auf ihr. Sie schrieb weiter an Schwester Julchen: »Es ist nicht immer gleich, aber zuweilen fühle ich, wie schwer das Stadtleben auf mir lastet, nicht allein auf mir, auf unserm ganzen Familienleben. Ihr könnt thun was Ihr wollt, seid König auf Eurer Oberförsterei, könnt Euer Leben einrichten nach Eurem Gefallen; ich kann das nicht, ich lebe in einem Kreise von Rücksichten, die mich, so kömmt es mir vor, immer enger einschnüren. Ich sehe Dich lächeln, Du meinst, wenn wir diese Rücksichten ignoriren, so sind sie auch nicht vorhanden. Darin irrst Du, liebe Schwester. Deines Mannes Stellung ist eine selbständige, niemand steht über ihm, er ist eben ein kleiner König in seinem Reiche; mein Mann dagegen hat Rücksichten zu nehmen auf seine Collegen, er ist verpflichtet mit ihnen zu verkehren, diese Verpflichtung bringt uns mehr, als wir wünschen, in die Welt hinein, und an dieses Eine knüpfen sich hundert feine Fäden, die das Netz immer enger ziehen. Daß diese Fäden sich mehren mit dem Heranwachsen unserer Kinder, das ist natürlich: es steht mir ein großer Kampf bevor. Elisabeth ist zum ersten Balle eingeladen, wenn wir nicht unartig sein wollen, müssen wir hingehen, mein Mann kann seine Stellung nicht ignoriren, und darum auch nicht die Rücksichten, die sich daran knüpfen. Für Elisabeth wünsche ich es nicht, und doch, glaube ich, darf ich sie nicht mit Gewalt zurückhalten, sie ist noch so unfertig trotz des besten Willens. Und meinst Du, daß ich der Familie meines Mannes keine Rücksichten schuldig bin? Du glaubst nicht wie schwer es ist, den Einfluß dieser beiden Tanten von den Kindern abzuwenden, besonders von Elisabeth. Sie haben Elisabeth so herzlich lieb, sie ist eigentlich der Stolz und die Freude ihres einsamen Lebens, und wenn ich nicht undankbar sein will, darf ich nicht leugnen, daß sie an Elisabeths Bildung Mühe und Zeit gewandt und uns manches erleichtert haben. Du meinst wieder, es ist nicht nöthig, das ein Mädchen so viel weiß, aber liebes Julchen, wir dürfen uns den Anforderungen der Zeit nicht ganz entziehen, ich bin es meinen Kindern schuldig, daß sie ihrem Stande gemäß erzogen werden. – Ich muß Dir gestehen, es geht mir heute wie ein Rad im Kopfe herum. Wenn ich an meine Jugend denke, an unser Leben daheim, welch ein harmloser fröhlicher Sinn lebte in unserm Hause; jetzt erst begreife ich das Glück der Mutter. Liebe Julie, soll das ein Vorwurf sein für meinen Mann? Nein gewiß nicht. Er ist treu und brav, aber er hat keine Zeit, mit mir und den Kindern zu leben, und wenn ihm nach seinen Berufsgeschäften und seinem nothwendigen geselligen Verkehr noch einige Stunden dazu bleiben, so ist er nicht immer in der Laune, um mit den Kindern in der rechten Weise zu verkehren. Eben so geht es mir, ich muß zu meinem Kummer gestehen; ich habe immer zu schaffen und zu sorgen, um den Haushalt in gehöriger Ordnung zu erhalten, den Haushalt eines hochgestellten Beamten ohne Vermögen, – Du kannst nicht ermessen, was das sagen will.« Hier wurde die Schreiberin unterbrochen. Es klingelte an der Flurthür, ein Wagen war vorgefahren, und zwei Damen folgten dem anmeldenden Mädchen auf dem Fuße. Nun liebe Elise, da sind wir, sagte die ältere Dame, wir wollen ein Dämmerstündchen mit Euch verleben. Elise grüßte die Tante Reifenhagen, denn diese war es, und die zwanzigjährige Emilie mit großer Herzlichkeit. Der General, der Gemahl der Tante, war erst seit wenigen Wochen nach Berlin versetzt, und Elise, als ihr die Gewißheit davon wurde, freute sich sehr auf diese gute und auf festem Grunde stehende Tante und hoffte, sie sollte ihr eine Hilfe durch das Labyrinth des Stadtlebens werden. Zugleich aber, das hatte sie sich gleich klar gemacht, wurde ihr Leben auch verwickelter, es entstanden Familien-Rücksichten wieder nach dieser Seite hin, und wenn auch die gute so überaus liebreiche Tante ihr nie unbequem werden konnte, Cousine Emilie mit dem fein geschlossenen Munde, dem festen Willen und der ganz und gar abgeschlossenen Richtung war beinahe zu fürchten. Wo ist Elisabeth? fragte Emilie dringend. Sie ist in der englischen Stunde, war Elisens Antwort. Elisabeth ist Ostern confirmirt, und ich denke, dann hört alles Studieren auf? sagte Emilie scherzend. Ich möchte, es wäre so! entgegnete Elise mit einem Seufzer. Diese fatalen theuern Stunden! Aber Elisabeth würde ganz aus der Uebung kommen, weil sie außerdem nicht Gelegenheit zum englisch Sprechen hat. Und wozu lernt sie so eifrig? fragte die gute Tante harmlos. Weil es doch zu ihrer Ausbildung gehört! entgegnete Elise rasch. Emilie wollte etwas entgegnen, ihre Mutter aber brach die Unterhaltung ah. Sie erzählte jetzt von ihrer neuen Einrichtung, von der überwundenen Unruhe, und wie es ihnen schon ganz heimlich in der neuen Wohnung sei. Dann sprach sie in recht warmer Liebe den Wunsch aus, mit der Nichte recht eng und mütterlich zu verkehren, und Emilie fügte aufrichtig hinzu, wie sie sich freue, den Verwandten so viel näher gerückt zu sein. – Elise war gerührt von diesem herzlichen Entgegenkommen und, angegriffen und bewegt von der Stimmung des Tages, war sie nahe daran, der guten Tante ihr Herz auszuschütten, ähnlich als sie es Schwester Julchen gethan, als die Flurthür klingelte und bald darauf zwei Damen in das Zimmer traten. Wie sehr zur unrechten Zeit kamen die beiden Schwestern des Geheimerath Kühneman, Tante Paula und Tante Wina, wie sie hier im Hause genannt wurden. Elise stellte die Schwägerinnen der Tante vor; Emilie hatte bei einem längeren Sommeraufenthalt in Woltheim schon ihre Bekanntschaft gemacht, und beiden Theilen war es damals sehr bald klar geworden, daß ihrer Freundschaft kaum zu überwindende Hindernisse im Wege standen. Die beiden Tanten waren übrigens zu gut erzogen, um nicht dennoch freundlich und höflich zu sein. Ueberdem aber waren sie zu sehr erfüllt mit eignen Angelegenheiten, um sich mit den fremden Eindringlingen in den ihnen so theuren Familienkreis für heute viel einzulassen. Liebe Elise, begann Tante Wina, wir kommen wegen der Toiletten-Angelegenheiten, Du wirst etwas in Echoque gesetzt sein durch diese plötzliche Einladung, wir wollen uns aber zur Hilfe anbieten. Es ist durchaus noch nicht bestimmt, ob wir hingehen, entgegnete Elise abwehrend. Ich bitte Euch, fuhr Wina auf, versucht es doch nicht zu excelliren in absurden Grillen. Was soll denn aus Elisabeth werden? Ihr habt sie lange genug als Kind behandelt, man erwartet allgemein, daß Ihr sie diesen Winter in die Welt einführt. In die Welt? fragte Elise gereizt. Ich gebrauche nur diesen herkömmlichen Ausdruck, entschuldigte Wina; ich weiß recht gut, daß Ihr nicht in der Welt lebt, wir wollen es auch nicht. Ja am allerwenigsten möchten wir unsere lieblich blühende Elisabeth in einen Strudel stürzen, der ihr geistig und leiblich gefährlich werden könnte; aber hin und wieder eine Gesellschaft, ein Familienball, was soll ihr das thun? Man muß auch nicht zu weit gehn, nahm Tante Paula bedächtig das Wort, ein junges Mädchen will ihr Vergnügen haben, und unsere Elisabeth tanzt so gern. Das liebe unschuldige Ding! fiel Wina wieder ein, laßt sie doch umherspringen und fröhlich sein. Das kann man alles, auch ohne einen Ball, warf Emilie etwas spöttisch ein. O ja, der Geschmack ist verschieden, nahm Wina mit einiger Schärfe das Wort; es wird uns auch nicht einfallen, über die Natur oder Unnatur jedes Geschmackes zu richten. Der natürliche Geschmack der meisten jungen Mädchen ist auf Bälle zu gehen, entgegnete Emilie ruhig, wir danken es aber unserer Erziehung, wenn wir uns nicht natürlichen Neigungen hingeben. Wina ward feuerroth, die Generalin sah Emilien warnend an, und Elise nahm schnell das Wort. Laß das, liebe Emilie, Du würdest Dich mit meinen Schwägerinnen nicht verständigen. Du weißt aber, daß ich mit Dir einer Meinung bin, und siehst, daß die lieben Tanten (fügte sie scherzend hinzu) hergekommen sind, mich eines Besseren zu belehren. Belehren laß ich mich freilich nicht, sagte sie wieder ernsthaft und in einer gewissen hastigen Verlegenheit: aber ich sehe schon im voraus, daß wir uns nach allen Kämpfen doch für dieses Mal den Wünschen unserer Freunde werden fügen müssen. Die Folgen von auffallender Rücksichtslosigkeit und Unfreundlichkeit würden meinem Manne im Verkehr mit seinen Collegen doch schwer werden, ebenso mir. Ich hoffe aber, es geschieht nur dieses eine Mal. Wir wollen uns gefällig zeigen, für die Zukunft werden wir uns besser vorbereiten, Elisabeth soll um diese Zeit häufig zu den Großeltern reisen. Ihr werdet aber den armen Sträfling vorher um seine Einwilligung fragen! warf Wina bitter dazwischen. Elisabeth ist sehr gern in Woltheim, versicherte die Mutter hastig; sie ist ja mehr dort als hier gewesen. Uebrigens, liebe Tante, wandte sie sich wieder zur Generalin, ist dies nur ein Familienball beim Geheimerath von Bauer, meines Mannes nächstem Collegen. Gehört er zu Eurem näheren Bekanntenkreise? fragte die Tante sanft. Das gerade nicht – sagte Elise wieder etwas verlegen. Und nun sind wir hergekommen, unterbrach sie Tante Wina schnell, um von Dir zu hören, wie wir unser liebes Kind kleiden sollen, denn wir lassen es uns nicht nehmen, Elisabeth den ersten Ballanzug zu schenken. Ueber weißen Krepp sind wir beide einig. Das ist so zart und duftig. Welche Farben aber wählen wir dazu? Ich bin für Himmelblau, Elisabeth ist trotz der braunen Augen und der braunen Locken doch mehr blond zu nennen, es ist beides so sehr hell und licht, dazu diese himmlischen zarten Farben. Piquanter würde jedenfalls Ponceauroth sein, sagte Paula. Ich überlasse Euch ganz und gar diese Toiletten-Angelegenheiten, versicherte Elise scherzend, mir ist es gleich, ob Ihr Blau oder Ponceau wählt. Nicht doch, liebe Elise! belehrte Wina, ganz gleichgiltig darf es einer Mutter nicht sein, es ist Elisabeths erstes Auftreten in der Welt und das ist oft wichtig für das ganze Leben. Meinen Sie im Ernst, daß Sie mit Blau oder Roth auf Elisabeths Geschick Einfluß üben können? fragte Emilie, die bis jetzt geschwiegen, – nicht, wie Tante Wina bestimmt glaubte, aus böser Absicht, nein, nur in der guten Absicht sich von den Damen nicht zur Heftigkeit reizen zu lassen. Das ging ihr aber doch zu weit. Meine liebe Emilie, ich spreche aus Erfahrung, sagte Wina wieder scharf, und die geht Ihnen noch ab. Und ich überlasse Euch das Blau oder Roth, nahm Elise vermittelnd das Wort, so ist die Sache abgemacht. Ja die liebe Elise! wandte sich Tante Paula gutmüthig zur Generalin, sie hat wirklich ihre Noth mit den sechs Kindern. Wir würden gern immer kommen und ihr helfen, aber sie läßt uns nicht. – Elise schwieg und seufzte, sie konnte nicht sagen: Eure Nähe würde mir weit lästiger sein, als meine Arbeit, – und Tante Paula fuhr fort: Sieht sie nicht ganz angegriffen aus? Aber ich weiß, seit drei Nächten ist sie nicht vor ein Uhr zu Bette gekommen, sie hat den kleinen Mädchen Jacken geschneidert. Warum thust Du das? fragte die Generalin mit freundlichem Vorwurf. Liebe Tante, entgegnete Elise, weil eine ganz geringe Schneiderin täglich 10 Sgr. kostet. Rechne ich dazu die Verköstigung, so ist dies eine Ausgabe, die ich berücksichtigen muß. Aber ich muß wirklich gestehen, ich fühle mich etwas angegriffen, meine Nerven können dies späte Aufsein nicht vertragen. Diese Nervenschwäche ist traurig, sagte die Generalin teilnehmend, weil dadurch die Stimmung so leicht bedrückt wird. Gewiß, entgegnete Elise, man kann mit den Kindern nicht so frisch und vergnügt sein, wie man möchte, und wie man sollte. Nein liebe Elise, begann Emilie, zwar etwas lebhaft, aber sehr freundlich, ich würde doch Elisabeth allein Englisch studieren lassen, und mir es für das Stundengeld bequem machen und eine Schneiderin nehmen. Wenn Du einmal Mutterpflichten zu erfüllen hast, entgegnete Elise ziemlich selbstgefällig, so wirst Du anders darüber denken. Gewiß nicht, – fuhr Emilie auf, ich würde es für Sünde halten, wenn es meine Nerven zerstört und mich untauglich macht zum Frisch- und Fröhlichsein. Von ein paar Nachtwachen werden die Nerven nicht zerstört, versicherte Wina, es kommt da vieles zusammen und liegt auch in der Anlage. Meine Mutter muß herrliche Nerven gehabt haben, sagte Elise, ich erinnere mich kaum, daß sie nicht immer frisch und vergnügt mit uns gewesen wäre, ebenso wie der Vater. Ich muß aber Emilien Recht geben, nahm die Generalin das Wort, Deine Mutter würde auch nicht theure englische Stunden bezahlt haben, um sie durch Nachtwachen wieder einzubringen, und Dein Vater, fügte sie etwas zögernd hinzu, würde das nicht gelitten haben. Elise schwieg, weil Tante Wina das Reden für sie übernommen. Mit hochrothen Wangen und starkem Eifer setzte sie den Unterschied der Verhältnisse und des ganzen Lebens in Woltheim und Berlin auseinander, – als glücklicher Weise die Thür klingelte und nach wenigen Minuten Elisabeth in das Zimmer trat. Sie war wirklich sehr hübsch, ihre hellen nußbraunen Augen strahlten von Freude und Güte. Dabei war ihre feine schlanke Gestalt voller Bewegung und Leben und ihr Wesen fröhlich und harmlos wie eines Kindes. Sie begrüßte die Tante Generalin mit herzlicher Umarmung, ebenso Emilien, dann wandte sie sich zu Paula und Wina, ebenso freundlich, nur weniger rücksichtsvoll. Wir haben eben Deine Balltoilette bestimmt, hub Tante Wina an. Bitte sehr! entgegnete Elisabeth, die werde ich selbst bestimmen. Sei vorsichtig, Elisabeth! warnte die Mutter, die Tanten möchten Dir den Anzug schenken. Ei wie gütig! rief Elisabeth, und die Tanten begannen nun dasselbe Kapitel vom weißen Krepp und von Himmelblau und Ponceau. Mit weißem Krepp bin ich einverstanden, versicherte Elisabeth herablassend, dazu aber nehmen wir Kornblumenblau, das liebe ich so sehr. Das Kind hat nicht Unrecht, entgegnete Tante Wina lächelnd, Himmelblau ist etwas sentimental und Ponceau anspruchsvoll, dies dunklere Blau hält so schön die Mitte. Das Gespräch war wieder in Gefahr weitläufig zu werden, die Mutter schickte darum Elisabeth fort, den Thee zu besorgen, und die Tanten, die sich nicht sehr wohl in der Generalin und ihrer Tochter Nähe fühlten, empfahlen sich. Sie hatten in aller Eile vielerlei mit ihrem Liebling, ihrem Verzug, wie sie selbst die Nichte nannten, zu flüstern, und die Mutter warnte ihr Töchterlein, nicht zu bestimmt auf den Ball zu rechnen, da der Vater noch nicht zugesagt. Elise war darauf mit der Tante und mit Emilien allein. Ihre Nerven waren durch den letzten Besuch nicht gestärkt, ja ihre Stimmung war so bedrückt, daß sie es nicht lassen konnte, der Tante ihr Herz auszuschütten. Die Tante aber saß traurig dabei, sie sagte im Stillen: O daß du kalt oder warm wärest! Wehe über dieses Modechristenthum: gläubige Prediger hören, Bibellesen, Hausandachten halten, von christlichen Erzählungen erfüllt sein, und dabei fortwährend Conflicte mit der Welt und Unfrieden im Haus und im Herzen. Es ist mir lieb, sagte Elise mit bewegter Stimme, daß Ihr gleich einmal tief hineinschaut in unser Familienleben. Diese Kämpfe währen, so lange ich verheirathet bin, und es ist mir als wären sie mir nicht so schwer geworden, da die Eltern meines Mannes noch lebten, als jetzt, wo die beiden Tanten Elisabeth so sehr in Anspruch nehmen. Ich glaube das, sagte die Tante theilnehmend. Obgleich unsere Ansichten so verschieden sind, fuhr Elise fort, Familien-Rücksichten zwingen mich mit ihnen zu verkehren. Gewiß, entgegnete die Tante, aber – Aber? fragte Elise dringend. Du sollst Gott mehr gehorchen als den Menschen, schloß die Tante. Wenn man nur immer entschieden wüßte, was man thun sollte! nahm Elise seufzend das Wort; es giebt Conflicte, wo man wirklich nicht ein und aus weiß. Wenn Du den Herrn aufrichtig lieb hast und aufrichtig bittest um Rath, wird er Dich nie ohne Rath lassen, sagte die Tante liebreich. Elise schwieg, ihr Gewissen sagte ihr, daß sie den Rath des Herrn oft deutlich genug hörte, aber nicht die Kraft hatte ihn zu befolgen. Es kömmt nur auf Treue an, fuhr die Tante fort; wir müssen treu sein im Kleinen. Ist es uns nicht gleich gegeben, daß unser Leben, unser ganzer Haushalt nach dem Worte Gottes geführt wird, so laß uns nur treu haushalten mit dem, was uns gegeben ist. Dir wurden fromme Eltern und eine fromme gottesfürchtige Erziehung, Du hast Erkenntniß in Gottes Wort und Sehnsucht nach etwas Besserem, als was die Welt Dir bietet: was hindert Dich nun, nach dieser Erkenntniß zu leben und dieser Sehnsucht zu folgen? Was hindert Dich daran? Familienrücksichten? Berufsrücksichten? Nein, Du kannst sie nicht vorschieben, würdest Du wagen mit solchen Entschuldigungen vor den Herrn zu treten? – Elise schwieg und forderte dadurch die Tante zum Weiterreden auf. – Denke Dir, liebe Elise, Du wüßtest, daß Du in einem Vierteljahr sterben solltest, würdest Du Dich entschließen können Deine junge Tochter noch vorher in eine Welt voll Gefahren einzuführen, wo Du gewiß weißt, sie kann dort nichts gewinnen? – ich nenne den besten Fall, – die Wahrscheinlichkeit liegt aber auf der anderen Seite, sie wird etwas verlieren. Ja, wenn Du Deinen Tod so nahe vor Dir wüßtest, würdest Du halbe Nächte hindurch schneidern, Dir Kraft und Stimmung dazu rauben, mit der Familie nach Herzenswunsch und Herzenspflicht leben zu können, nur um Elisabeth Gelegenheit zum englisch Sprechen zu geben und zugleich auch den Kindern eine Toilette zu verschaffen, die, genau untersucht, vielleicht auch nur aus äußeren Rücksichten angeschafft würde? Elise sah die Tante unverwandt an, Thränen füllten ihre Augen. Das unglückliche Stadtleben lastet auf mir, sagte sie bewegt; wenn ich wie Julchen leben könnte, wie glücklich wollte ich sein! Was hält Dich davon ab? Unser ganzer Bekanntenkreis. In welcher Hinsicht zum Beispiel? Ich muß mich und meine Kinder doch ungefähr so kleiden, wie es in diesem Kreise Sitte ist, mein Mann muß doch mit seinen Collegen verkehren, wir müssen, wenn auch so wenig als möglich, diese Geselligkeit erwiedern. Einigen von unseren Bekannten wird das nicht schwer, weil sie reich sind, – und die anderen thun es aus denselben Rücksichten. Und Ihr macht Euch gegenseitig das Leben schwer, fiel die Tante ein. Liebe Elise! fuhr sie jetzt dringender fort, das Leben ist gerade so, wie wir es ansehen, die Idee ist es, die unserem Leben Farbe und Charakter verleiht. Wenn Du Deine Kinder elegant und modern angezogen hast, so fühlst Du eine gewisse Befriedigung, Du freust Dich darüber und denkst, die Leute sollen sich auch darüber freuen, sollen sie bewundern, sollen das recht und schön finden. Wenn Du im Gegentheil Deine Kinder so einfach als möglich anziehst, Dich gar nicht nach der Mode, nur nach Deinem guten Geschmack und nach den Sachen richtest, die Du gerade hast, so wirst Du ebenfalls ein Publikum finden, was sich darüber freut und Dich bewundert, und es ist doch keine Frage, welches Publikum uns lieber sein wird. Elise lächelte und seufzte. Du mußt wissen, liebe Elise, fuhr die Tante wieder fort, ich spreche aus Erfahrung, ich habe mir ebenso eine Welt voll Rücksichten geschaffen, die mir Glück und Frieden raubte. In der ersten kleinen Garnison-Stadt hatten wir nur Umgang mit Offizieren und mit der adligen Nachbarschaft. Daß wir kein Vermögen hatten, war bekannt, und doch wollte ich das Wunder möglich machen und meinen Kindern, meinem ganzen Haushalte einen vornehmen adligen Anstrich geben. Wenn wir allein waren und bei verschlossenen Thüren, that ich die geringste Arbeit, um zu sparen; ich war sehr genau und entzog den Kindern manche unschuldige Freude, nur immer um tüchtig zu sparen. Frisches Obst für die Kinder im Sommer zu kaufen war nicht erlaubt, dagegen kostete das Einmachen von feinen Früchten und Gelees viel Geld, es war aber Nothwendigkeit, wenn ich mit den Damen meiner Bekanntschaft rivalisiren wollte. Daß ich von unserem ganzen Bekannten-Kreise bewundert wurde, als eine geschickte und kluge und gewandte Hausfrau und Mutter, schien mir ein Ersatz. Daß ich aber der wahren Ordnung in hundert Stücken zu nahe trat, um dem äußeren Scheine zu genügen, daß ich, überhäuft von Arbeit und Sorgen, den Kindern auf harmlose, freundliche Fragen eine unfreundliche Antwort gab, und ihnen oft genug eine ungeschickte und unkluge Mutter war, das konnte ich mir nicht verhehlen, ich hatte Erkenntniß genug und hatte eigentlich den besten Willen, gegen meine Fehler zu kämpfen. Meine armen Kinder waren am schlimmsten daran. Mit ihnen fröhlich und harmlos ein Kind zu sein, an ihr inneres Wohlbefinden, an die Verschönerung ihrer kleinen Welt zu denken, hatte ich nicht Zeit. Die Sorgen, was werden wir essen und trinken, womit werden wir uns kleiden, wie werden wir unsere Kinder gut erzogen und gescheit und klug machen, und wie werden wir überhaupt unser Haus in den Ruf eines liebenswürdigen bringen, nahmen meine Gedanken in Anspruch. Diese Sorgen schüttelte ich meistens nur ab in unsern Gesellschaften, da war ich belebt und fröhlich und liebenswürdig, meine Kinder aber hatten davon nichts. Wie ich es Dir hier schildere, sieht es in tausend und aber tausend Familien unserer gebildeten Stände aus; sie leben für diese Welt und ernten den Unfrieden und die Unruhe dieser Welt. Ich habe mich so hingequält, bis eine heftige Krankheit mich zur Besinnung brachte. O liebe Elise, sagte die Tante bewegt, ich fühlte mich am Rande des Grabes, ich sah die Kinder verlassen, bange, trauernd, und die Täuschung meines Lebens lastete auf meiner Seele. Der Herr aber schenkte mir das Leben wieder. Mit welcher heißen Liebe umfaßte ich da meine Kinder, wie erkannte ich so deutlich meinen Beruf, wie erkannte ich mein sündliches Leben, – was mir meine Umgebungen als ein pflichtgetreues vorgeschmeichelt. Mit meiner Genesung begann ein anderes Leben in unserem Hause, und mein lieber Mann war sehr zufrieden damit. Ja ich glaube, in so thörichte eitle Rücksichten verwickeln sich am liebsten die Frauen, wenigstens könnten sie gewiß ihre Männer, die ohnehin in ihrem Berufsleben so manchem Zwange unterworfen sind, bald dazu bewegen, im eigenen Hause die traurigen Zwangsjacken abzuwerfen, wenn sie ihnen statt eines Umgangs, der hauptsächlich nur dem Schein zu genügen sucht, die rechte Behaglichkeit eines ungestörten und erquickenden Familienlebens bereiteten. Elise, obgleich sie sich in dem gezeichneten Bilde vielfach getroffen fühlte, konnte das der Tante doch nicht zugestehen. Sie wollte durchaus schon das Rechte erfaßt haben und ihr ganzes Haus sollte davon zeugen. Liebe Tante, ich versichere Dich, das alles sollte mir gar nicht schwer werden, wir leben doch eigentlich nur in einem christlichen Kreise. Die Tante nickte, sie sah aber dabei etwas besonders aus. Aber die Familienrücksichten, fuhr Elise eifrig fort, diese beiden Tanten, – o Du glaubst nicht, wie schwer das ist. Haben die Tanten eigentlich andern Umgang als Ihr? sagte Emilie, die bis jetzt bescheiden geschwiegen. Sie haben mehr Umgang als wir, erwiederte Elise, allerdings gehören sie auch zu unserem Kreise. Giebt es denn in diesem Kreise Bälle? forschte Emilie weiter. Bauers gehören nicht zu unserem näheren Umgang, entgegnete Elise, wir laden uns nur gegenseitig zu größeren Gesellschaften ein. Uebrigens werdet Ihr doch nicht größere Gesellschaften und Bälle ganz und gar verwerfen wollen? Der Onkel war als Regimentscommandeur doch auch gezwungen Gesellschaften und Bälle zu geben? Gesellschaften wohl, entgegnete Emilie schnell, aber er war nicht gezwungen seine Töchter zum Tanzen herzugeben. Ja liebe Elise, nahm die Tante sanfter das Wort, es war mir immer ein schwerer Gedanke, meine lieben Mädchen, die ich auf meiner Seele trug, die ich gern bewahren wollte vor dem Gifthauch, der schon manche Blume verkümmert hat, wenn ich sie mit Männern sollte tanzen sehen, die durch ihre Gesinnung sonst von unserem Familienkreis ausgeschlossen waren. Das aber ist nicht zu vermeiden, wenn wir sie in fremden Kreisen tanzen lassen. Ich will damit nicht sagen, daß es unbedingt jedem Mädchen schaden muß, wenn sie einen Ball besucht, dagegen spricht die Erfahrung. Ich will auch nicht sagen, daß wir unsere Kinder ganz und gar von der sogenannten Gesellschaft ausschließen können und müssen. Ja, ich möchte ernsthaft warnen, – sie schaute dabei unwillkürlich auf Emilien, – alle Menschen in dieser sogenannten Gesellschaft gleich hart zu beurtheilen; aber unser Leben soll dennoch bezeugen, daß wir entschieden nur dem einen Herrn dienen, und unser selbstgewählter Umgang muß mit uns auf gleichem Grunde stehen. Wir sollen wachen und beten, daß die Welt nicht an uns heran kann, und dabei treu sein in der geringsten Kleinigkeit und die Treue in der geringsten Kleinigkeit keine Minute aufschieben. Die Treue eines solchen Sinnes segnet der Herr, und mit diesem Sinn können wir für uns und unsere Kinder desto ruhiger sein, wenn uns der Zufall oder Berufspflichten wider unseren Willen in weltliche Kreise hineinführen. Es ist uns auch dies letztere, obgleich wir uns nicht davor gefürchtet haben, selten begegnet, denn je entschiedener wir bekennen und danach wandeln, je leichter wird uns alles, und auch die Geselligkeit. Es verlangt ja niemand in das Haus, der sich nicht auch wohl fühlt darin, und zwar wohl fühlt darin ohne die gegenseitige Spannung, liebenswürdig und interessant sein zu müssen. Das Urtheil und die Liebe der Freunde hängen nicht von einem Tage ab, und die Hausfrau darf an eingemachte Früchte, Toilette und interessante Unterhaltung gerade so viel denken, als es die Gastfreundschaft verlangt. Die Interessen gehen über so kleine unwichtige Dinge hinaus, und der Größe der Interessen angemessen ist das Vergnügen des Zusammenseins, Freude und Friede und Wohlbehagen. Liebe Tante, das alles, hoffe ich zum Herrn, werdet Ihr in unserem Kreise auch finden, entgegnete die Nichte etwas gereizt. Liebe Elise! nahm die Tante jetzt ziemlich feierlich das Wort: einer Mutter, die ihre Tochter auf einen Ball führt, weil sie noch schwankt zwischen dem Herrn und zwischen der Welt, weil sie sich nicht losmachen kann von Eitelkeit, Sorgen und Rücksichten, die allein der Welt angehören, spreche ich das Recht ab für sie zu beten. Tante, rief Elise ziemlich heftig, wie kannst Du so hart sein! Wenn eine Mutter bittet: »Herr, führe meine Tochter nicht in Versuchung« ist es nicht fast wie Spott, wenn sie selbst die Tochter hinein führt? Wie viele unschuldige junge Mädchen tanzen, und es schadet ihnen wirklich nichts! entgegnete Elise wieder. Damit würdest Du aussprechen, daß für junge unschuldige Mädchen die Fürbitte überhaupt nicht nöthig ist, denn die größte Versuchung, die es für junge unschuldige Mädchen geben kann, sind doch wohl diese Art Bälle. So hältst Du das Tanzen überhaupt für unerlaubt? unterbrach sie Elise. Und doch erlaubt es selbst Luther, ich kann Dir Stellen sagen, wo er darüber spricht, fast wörtlich weiß ich sie auswendig. – Die Tante wollte sie unterbrechen, aber sie litt es nicht und fuhr eifrig fort. Er sagt: Vom Tanzen muß man das Gleiche wie vom Schmuck sagen: es bringt viel Anregung zur Sünde, wenn es ohne Maaß und Zucht geschieht, aber weil das Tanzen auch der Welt Brauch ist bei jungen Leuten, die zur Ehe greifen, und es eben auch züchtig und nur zur Freude geschieht, so ist es nicht zu verdammen. Daraus sollen die hoffärtigen Heiligen nicht Sünde machen, wenn es nur nicht zum Mißbrauch geschieht. – Er sagt auch: Wo es züchtig zugeht, lasse ich der Hochzeit ihr Recht und tanze immerhin. Der Glaube und die Liebe läßt sich nicht austanzen. Die jungen Kinder tanzen ja ohne Sünde; das thue auch, und werde ein Kind, so schadet dir der Tanz nicht. Elise hatte das ziemlich triumfirend gesagt und die Tante freundlich zugehört, nicht ohne einige Seitenblicke auf Emilien, die unruhig zu werden schien. Jetzt nahm die Tante das Wort: Ich bin mit Luther ganz einverstanden, auch wir verwerfen das Tanzen nicht geradezu. Vor allen Dingen aber bedenke, ob Dir Luther erlauben würde, mit weltlichen und ungläubigen Leuten denselben Weg zu ziehen und mit ihnen zu tanzen. Liebe Tante, wir verkehren aber nicht mit weltlichen ungläubigen Leuten! unterbrach sie Elise lebhaft. Prüfe Dich einmal aufrichtig, fuhr die Tante ruhig fort, was Dich bewegt auf diesen Ball zu gehen. Du mußt es gewiß zugeben, Du führst Deine Tochter geradezu und so ganz ohne Noth in die Welt hinein, und widersprichst mit diesem Acte der christlichen Erziehung, die Du ihr mit Wachen und Beten wolltest angedeihen lassen, ganz und gar. Wenn Luther hier vom Tanzen redet, so denkt er an Hochzeiten und Familienfeste in kleinen befreundeten Kreisen. Zu Deiner Eltern Silberhochzeit haben wir alle fröhlich getanzt, das war eben nur um unserer Freude einen Ausdruck zu geben, und niemand wird sich ein Gewissen daraus gemacht haben. Ebenso ist in unserem Hause und auch bei unseren Freunden zuweilen an festlichen Tagen getanzt worden: die jungen Männer, denen es erlaubt war, mit unseren Töchtern zu tanzen, waren von uns geachtet und wohlgelitten, und mit Vergnügen sahen wir Eltern der Jugend zu, die fröhlich und gewiß in Luthers Sinne getanzt hat. Freilich auch hier mit Unterschied, einer mit mehr Vergnügen als der andere. Emilie hat selbst hier nicht getanzt, fügte sie lächelnd hinzu. Wir können ihr das weder zum Vorwurf noch zur Tugend anrechnen, es ist ebenso, als wenn ein Mädchen mehr Neigung zum Heirathen hat, und ein anderes in ein Kloster zu gehen, oder wie es ja unsere evangelischen Jungfrauen auch thun, ihr Leben ernsten Zwecken zu weihen. Der Apostel spricht sich deutlich genug darüber aus, es kommt auf den inneren Beruf an. Der eine ist ernst schon von Jugend auf, der andere fröhlich; die Hauptsache ist und bleibt doch, daß wir uns von ganzer Seele dem Herrn ergeben, uns streng abwenden und absondern von der Welt Ansichten und Meinungen und Gebräuchen und Freuden, entschieden bekennen nicht nur in Worten, sondern durch unser ganzes Leben, daß wir Kinder Gottes sein und unseren Reichthum, unser Glück und unseren Frieden nicht vertauschen wollen mit einer so armseligen gemachten Scheinwelt. O, setzte die Tante warm hinzu, wem der Herr Kinder geschenkt hat, sollte gar keine andere Freude, Unterhaltung suchen, als mit seinen Kindern, – ich sage suchen, denn es findet sich dann manche liebe Seele, die, von dem warmen Lichtstrahl eines solchen Familienlebens angezogen, gern dazwischen ist. Wenn ein Familienleben mit kleinen Kindern treu und gewissenhaft vor dem Herrn ist, wenn die Kinder aufwachsen in dem Einen, was der Seele Licht und Leben und Freude giebt, dann wird sich auch das Leben mit großen Kindern der Welt gegenüber leicht und natürlich gestalten. Solche Kinder entbehren nicht die Freuden der Welt, sie finden täglich und stündlich etwas weit Besseres im Hause, sie fühlen sich da so heimisch und wohl, daß ihnen der Gedanke, in die sehr thörichte Welt hinausgeführt zu werden, unheimlich oder auch komisch vorkommt, je nachdem die Anlagen sind. Es schließt dies alles nicht aus, daß wir unsere Kinder lehren (und ihnen selbst natürlich mit gutem Beispiel darin vorangehen), den Nächsten dort in der Welt auf dem Herzen zu tragen, ihnen zu dienen und zu helfen, ja von uns soll ihnen liebreicher und bereitwilliger gedient werden als von ihren Freunden in der Welt. Elise schwieg. Sie fühlte die Wahrheit dieser Schilderung nur zu gut. Es war ja das getreue Bild ihrer Jugend, ihres Lebens im elterlichen Hause selbst. Die Erinnerung daran war auch der schmerzende Stachel, der ihr im Herzen saß und sie keinen Frieden, keine Genugthuung finden ließ, trotz ihres Fleißes, trotz ihrer Hausfrauentreue vom Morgen bis zum Abend. Sie suchte den Grund ihres Unbehagens, ihres Unfriedens, des ganzen Unsegens, der auf ihrem Familienleben ruhte, so gern in den Folgen des Stadtlebens. Als sie im vergangenen Herbst der Mutter ihre Noth darüber klagte, hatte diese gesagt: Meinst Du, daß den armen Städtern die Seligkeit vom Herrn rund abgesprochen und der Weg zur Seligkeit, zum Frieden und zur süßen Gemeinschaft mit Ihm abgesperrt ist? O nein: Warte nicht auf andere Zeiten, nicht auf andern Ort und Stand, Denn Gott hätt es schon geändert, hätt er es für gut erkannt. Hoffe nicht auf dies und das, was noch soll allhie geschehen; Richte von dem Augenblicke nur dein Herz dem Himmel zu; Such in Hoffnung jener Freude nur allein die wahre Ruh, Und verspare deine Lust (mußt du hier mit Thränen säen) Bis zu jener Ewigkeit. Denn je mehr man sich enthält, Und sich aller Ding entschlägt; desto süßer wird die Freude Und die Herrlichkeit dort sein. Drum so kämpfe, meid und leide, Seufze stets: Mein Licht und Führer, zeuch mich, zeuch mich von der Welt. Laß mit jedem Tritt und Schritt mich zur Ewigkeit nur eilen, Und nicht einen Augenblick mich in etwas mehr verweilen. Wenn Dich dies noch schwer und bitter dünkt, hatte die Mutter gesagt, so glaube nur, daß Dein Herz nicht dem Herrn, sondern der Welt gehört. Der Stachel aber und die Unruhe in Deinem Herzen, ja, das ist der Segen meiner Fürbitten für mein armes liebes Kind. So hatte die Mutter mit Thränen geschlossen. Elise hatte mit ihr geweint, und mit ihr einen Bund des Gebetes gemacht, dem sie ja auch in jeder frühen Morgenstunde nachzuleben suchte. Trotz des Gebetes waren aber ihre Stimmungen verschieden. Zuweilen dachte sie: Die Mutter hat Recht und es ruht der Segen schon auf ihrem irdischen Leben. Dann wieder konnte sie sagen: Wenn die Mutter in einer großen Stadt hätte leben müssen, würde es anders gewesen sein, sie kann es nicht beurtheilen, und es muß sicher möglich sein bei äußerer auch verschiedener Lebensart denselben Kern zu bewahren. Die Tante hatte in ihrem jetzigen Gespräch das ganz und gar bestritten und Elise konnte nicht das Stadtleben als Entschuldigung vorbringen, weil die Tante in ganz ähnlichen, ja vielleicht noch schwierigeren Verhältnissen lebte, als sie selbst. Verlegen und unzufrieden und mit zitternder Stimme sagte sie jetzt: Der Ball, der unsere Frage jetzt veranlaßte, hat mich und meinen Mann schon Kämpfe gekostet, aber wir haben uns wirklich beide mit Luthers Worten heute beruhigt. Ihr könnt Luther nicht so mißverstehen, nahm die Tante noch einmal dringend das Wort. Wenn Du seine Schriften bei der Hand hättest, wollte ich Dir auch zeigen, wie mißbilligend er von dem »öffentlichen Tanzen« – und dazu gehören doch Eure Bälle – spricht, wodurch unsäglich viel Sünden entstünden. Und wie er sich überhaupt zu dem Treiben der Welt stellt. Einer Stelle erinnere ich mich deutlich. Die Welt ist die Welt, sagt er da, ja eine Unwelt, ein Feind Gottes. Man darf in der Welt nichts suchen was Gott gefalle, denn da ist eine Sünde über die andere. Man spürt auch den großen Zorn Gottes, doch lacht man und hüpft und springt, ist lustig und guter Dinge, gleich als wenn keine Gefahr vorhanden, sondern alles unser Thun gut und köstlich Ding wäre. – Liebe Elise, ich möchte Dir heute so dringend abrathen, weil Ihr, wenn Ihr Elisabeth einmal beginnen laßt, sie schwer wieder zurückziehen könnt. So wie diese Gelegenheit werden sich eine Menge Gelegenheiten darbieten, und wenn Ihr jetzt nicht den Muth zum Ausschlagen habt, werdet Ihr ihn nie haben dürfen. Sollte nicht Elisabeth selbst irre werden, fügte Emilie ziemlich bescheiden hinzu, dergleichen mit ihrer christlichen Erziehung zusammen zu reimen? In dem Augenblick trat Elisabeth selbst herein, sie trug sehr künstliche feine Butterbrode und Theekuchen, und das Mädchen folgte mit dem Theekessel und mit den anderen nöthigen Sachen. Nun will ich Euch Lieben schön bewirthen, sagte sie fröhlich. Um diese Zeit Thee trinken ist gar so hübsch, wenn ich das einmal haben kann, werde ich es einrichten. Dann gehe ich immer vorher in der Dämmerung spazieren, ich liebe es sehr, wenn es so wie heute stürmt und etwas wüst ist, darauf ist es zu schön in einem gut eingerichteten Wohnzimmer. Deiner Fantasie wird es nicht schwer werden, den Thee hinzu zu denken, sagte lächelnd die Mutter, und außerdem ist Dir das Vergnügen erlaubt. Nein, Mama, hier geht das doch nicht recht, entgegnete Elisabeth, die Kleinen lassen mich selten in Ruhe, und dann ist es bei uns zu unruhig überhaupt. Komm nur recht oft zu mir, sagte Emilie, wir wollen Thee zusammen trinken und lesen und musiziren, ich habe das Reich allein, weil ich das kleinste Kind bin. Schön, liebe Emilie, ich komme! rief Elisabeth und umarmte dabei die Quasi-Tante so herzlich, als wie sie damals Tische und Stühle umarmt hatte. In den nächsten Tagen freilich kann ich nicht kommen, fügte sie nachdenklich hinzu, morgen und übermorgen bin ich in Pension bei den Tanten, da wird geschneidert, dann kömmt der Ball. – Elisabeth war zu klug, um nicht an den Zügen der Mutter zu merken, daß ihr das Gespräch nicht angenehm sei; ihr Herz aber war zu voll, sie konnte unmöglich schon schweigen. Liebe Tante! begann sie komisch und feierlich, ich bitte Dich, rede der Mama nicht ab nach dem Ball zu gehen, ich freue mich zu sehr darauf. Ich habe schon abgeredet, entgegnete die Tante sanft. Und ich verspreche Dir, fiel Emilie ein, den ganzen Winter hindurch die herrlichsten Thee-Abende, wenn Du den Ball aufgiebst. O herzensliebe Emilie, lachte Elisabeth, erst gehe ich auf den Ball, und dann folgen die herrlichen Thee-Abende. Liebe Tante, wandte sie sich ziemlich altklug zur Generalin, Du weißt vielleicht nicht, daß es hier in Berlin Mode ist, daß auch gläubige Leute Bälle, Conzerte und Theater besuchen. Elisabeth, Du bist ein albernes Kind, unterbrach sie die Mutter ärgerlich, und die Tante fühlte deutlich, daß dies Gespräch nicht wieder begonnen werden dürfe. Sie fragte nach den kleinen Kindern und verlangte sie hier zu haben. Elisabeth eilte mit Emilien fort, und beide kehrten mit drei Kleinen, einem fünfjährigen Knaben und zwei etwas älteren Mädchen zurück. Einige Minuten später kamen auch Fritz und Karl, die beiden Gymnasiasten, die in des Vaters Zimmer gearbeitet hatten, und die gute Tante und ebenso Emilie hatten bald eine fröhliche und harmlose Unterhaltung in Gang gebracht. 6. Vorbereitungen zum Ball. Den Nachmittag vor dem Ball war im Kühnemanschen Hause große Aufregung, besonders in der Kinderstube. Auf einen Ball gehen, so etwas war noch nicht dagewesen. Die kleinste Charlotte hatte es auch nicht begriffen, was das zu bedeuten hatte. Auf einen Ball will Elisabeth gehen? fragte sie kopfschüttelnd: das ist wohl ein recht großer Ball? O nein! belehrte das etwas ältere Mariechen, es ist nur ein Familienball. Ach so – ein Familienball. Aber kullert der denn nicht immer? fragte Charlottchen weiter. – Ein allgemeines Gelächter ward dem armen Charlottchen zur Antwort. Ein Ball ist eine große Gesellschaft, nahm Mariechen wieder belehrend das Wort. Und weil die Leute dort tanzen und springen und alles kunterbunt durcheinander geht, fügte Fritz hinzu, darum heißt es ein Ball. Dem kleinen Charlottchen schien ein wunderliches Bild durch den Kopf zu gehen, sie sah ganz nachdenklich Schwester Elisabeth an. Ich weiß nur gar nicht, warum Elisabeth Tanzstunde gehabt hat und wir nicht, begann Karl, ein lustiger und begabter Junge, mit dem die Eltern aber nicht immer zufrieden sein konnten. Weil Ihr dumme Jungens seid, entgegnete Elisabeth scherzend. Du willst aber heute mit Herren tanzen, die auch dumme Jungens waren, wenn sie es nicht noch sind, fuhr Karl fort. Bst! drohte Elisabeth, Du hörtest doch von Papa, daß Herr von Bauer dem Großpapa seine Kürassiere aus Braunhausen her bestellt hat? Kürassiere? fragte Charlottchen wieder erstaunt. Ja ein ganzes Regiment! versicherte Karl. Aber Elisabeth, begann Charlottchen warnend, warum gehst Du nur dahin, wo ein Ball ist, und wo auch Soldaten sind? Charlottchen ist bange, sie nehmen Elisabeth gefangen, lachte Karl. – Charlottchen nickte. Es sind ja Freunde, belehrte Mariechen, und Papa und Mama gehen ja auch mit und bringen Elisabeth wieder mit. Fritz, der älteste Bruder, ein sehr vernünftiger und guter Junge, dem Großvater, dessen Namen er trug, auch sehr ähnlich, trat jetzt zu Elisabeth und sagte: Ich weiß doch gar nicht, Elisabeth, wie Du gern auf diesen Ball gehen kannst? Würdest Du es Ostern geglaubt haben? Er erinnerte an Ostern, weil sie da zusammen confirmirt waren; sie hatten von einem gläubigen Prediger vorzüglichen Unterricht gehabt, und Elisabeth mit ihrer warmen Empfindung war ganz davon hingenommen. Aber was diese schöne Confirmation und darauf ein längerer Aufenthalt bei den Großeltern in ihr angeregt, war durch die weichlichen ästhetischen Tanten und durch das Schwanken der Mutter in Gefahr gerathen. Die Eltern gehen aber mit mir hin, entgegnete Elisabeth halblaut. Sie würden sehr froh sein, wenn Du sagst, Du möchtest nicht, sagte Fritz wieder. – Elisabeth sah ihn nachdenklich an. – Und wenn Du es jetzt noch sagst! fuhr er hastig fort. Ja, ja, rief Karl, und für das Geld, was der Wagen kostet, und für das Trinkgeld, was Papa geben muß, hole ich einen Haufen Pfeffernüsse und Zuckersachen, wir spielen alle zusammen Schimmelspiel. Ja, ja, riefen die Kinder jubelnd, das wäre weit schöner. Aber Kinder, seid doch nicht albern! nahm Elisabeth gereizt das Wort, denkt doch an die Tanten und mein weißes Kreppkleid mit den blauen Schleifen. – Der Sturm beruhigte sich und Elisabeth schlüpfte während der Zeit hinaus in das Wohnzimmer, wo sie ganz allein war. Sie setzte sich an das Clavier, ohne zu spielen, ihr junges Herz war gedankenschwer. Dieser Ball, der ihr von den Tanten als etwas ganz unschuldiges und passendes vorgestellt war, hatte, obgleich sie es nicht merken ließ, ihr doch genug Bedenken gemacht. Fritzens Erinnerung an Ostern brachte sie jetzt ganz aus dem Gleichgewicht. Was hatte sie Ostern gelobt! Wie hatte sie ihr Herz da ganz ihrem Heiland hingegeben! Und das war so selig und wunderschön, sie hatte es niemand beschreiben können und auch wollen, nur die Großmutter, die so gut verstand, einem das Herz weich zu machen, hatte sie es merken lassen, und die Großmutter hatte innigen Theil daran genommen. Wenn die Großmutter wüßte, daß du einen Ball besuchen willst, dachte sie, und mit Offizieren umherspringen, wie Mariechen sagte! – O es wurde ihr angst und bange! Sie griff nach einem Notenbuche, saß erst stumm davor, dann griff sie einzelne Noten, dann sang sie ganz leise: Herr ich lieb Dich, Herr ich lieb Dich, Ach, von Herzen lieb ich Dich! Laß mich nicht von Dir abwenden, Und von falscher Lieb verblenden; Eitler Lieb will mich entschlagen, Daß aus Herzensgrund kann sagen: Herr ich lieb Dich, Herr ich lieb Dich! Ach, von Herzen lieb ich Dich! Nein, weiter konnte sie nicht singen, sie fühlte es, der Herr wollte sie nicht hören, wie konnte sie singen: »Eitler Lieb will mich entschlagen« – eben im Begriff sehr untreu zu sein? Lieber Herr! fügte sie seufzend hinzu, ich werde mich nicht wieder darauf einlassen; jetzt muß ich wohl der Tanten Kleid anziehen; aber behüte mich nur und verzeihe mir, o laß mich einst selig werden! – Thränen tropften leise auf ihre Hände, sie wagte kaum zu bitten und wußte kaum was sie bitten wollte, – aber wollte doch das Herz dem Herrn geben, und saß so weinend und schwankend wie ein schwaches Rohr. Sie hätte jetzt die Tanzlust gern daran gegeben, wenn ihr nur jemand geholfen hätte. Während die Tochter hier mit schwachem sehnendem Herzen weinte, ruhete nebenan im Kabinett die Mutter und weinte recht bittere Thränen. Sie hatte kaum gewußt, wie es eigentlich im Herzen der Tochter aussah, sie hatte aber gebetet, so oft und so dringend, für ihre Kinder und besonders für die heranwachsende Tochter; jetzt fuhr es wie ein Blitz durch ihre Seele, was dieser Gesang bedeuten solle: »Herr, ich lieb dich, Herr, ich lieb dich.« Sie will den Herrn lieben, will sich gern der eitlen Lieb entschlagen, und die ungetreue Mutter ist ihr hinderlich dazu. Wie kann ein betendes Mutterherz so viel Eitelkeit in sich verbergen! Die Tochter ist so schön, spricht es, soll sie im Verborgenen verblühn? Sie kann ja ihr irdisches Glück machen, ohne das himmlische zu versäumen. Es kommen gerade in diese Gesellschaft so viele vornehme Leute, es wäre doch schön, wenn die theure Tochter in diesem Kreise einen vornehmen Mann, aber auch einen würdigen Mann kennen lernte; man wird ja nicht zugeben, daß sie einen unwürdigen wählt. Wo soll sonst ein Mädchen überhaupt Männer kennen lernen als in größeren Gesellschaften? – Wenn sich vor solchen Gedanken ein Mutterherz schämt und sie nicht aufkommen lassen will, dann naht sich der Verführer auf eine andere Weise: Wo soll sich eine Tochter bilden, als im Verkehr mit Menschen, wo soll sie fest und selbständig werden als eben hier? Einseitigkeit und Hochmuth sind Fehler, denen am besten im Umgang mit anderen Menschen, besonders mit fremden und uns überlegenen Menschen Abbruch gethan wird; also kann es unter Umständen recht gut sein eine Tochter aus dem Hause hinaus in die Welt zu führen, und es wäre doch sehr traurig, wenn sie nicht so fest wäre und über solchen Gefahren stände. – – Solche Welt-Klugheit wird sich rächen. Nein Mutterherz, du kannst für deine Tochter nicht beten, wenn du nicht glaubst, ja so recht selig und fest überzeugt bist, der Herr, der jedes Haar auf unserem Haupte gezählt hat, der werde auch deiner Tochter den zu ihrem Heil erwählten Mann zuführen, ohne dein Sinnen und ohne deine menschlichen Gedanken, und deine Tochter wird gebildet, selbständig und verständig werden auch ohne die Mittel, welche ordinäre Weltklugheit dir räth. Der Herr wird Rath schaffen, wenn du nur getreu vor ihm wandelst. – Mit so vieler mütterlicher Thorheit und Eitelkeit im Herzen darfst du aber nicht beten und um Hilfe bitten. Glaubst du nicht, daß die Fehler, die du in deinem Herzen hegst, – noch so verborgen hegst, – sie werden dich an deinen Kindern strafen? – Ja das ist eben das Wunderbare und Geheimnißvolle, du magst mit Wort und Lehre deine geheimen Fehler ganz eifrig und geschickt verbergen, sie werden sich an den Kindern dennoch offenbaren. Das ist der Fluch des Welt-Geistes, der sich nicht durch schöne Worte bannen läßt. Die Kinder wissen nicht, wie es im Herzen der Mutter aussieht, ihr Wissen und Verstand kann ganz anders denken, aber sie fühlen es, es liegt hemmend auf ihrem eigentlichen Seelenleben. Eben so aber ist es mit dem Gottes-Geiste, wenn er da still und verborgen im Herzen wohnet und Gewalt darin hat, so wird er Zeugniß von sich geben ohne viel Worte und Lehren, er wird eben so geheimnißvoll Segen um sich verbreiten. Wenn ein Mutterherz immer nur recht um Kraft bitten könnte, diese verborgene Eitelkeit ihres Herzens, die gar oft im tugendlichen Gewande zu erscheinen wagt, zu überwinden, wenn es mit rechter Freudigkeit beten könnte: Ich wünsche für meine Kinder kein Ansehen vor der Welt, weder daß sie klug, oder schön, oder vornehm und liebenswürdig vor der Welt sind, – ob die Söhne Carriere machen oder ob die Töchter sich verheirathen, ich wünsche nur, daß du, Herr, sie ansiehest, daß du ihnen, Herr, hier schon deinen Frieden, dein Glück schenkst und sie einst ewig selig machst. Ein so ganz demüthiges armes Mutterherz muß den Kindern die beste Mauer gegen Eitelkeit und Weltlust sein. Und dennoch wird es herrlich auch die Erfahrung machen: Trachtet am ersten nach dem Reiche Gottes, so wird euch alles andere zufallen. Das heißt, es wird euch zufallen was nöthig ist, und Kinder, deren Aufmerksamkeit von Jugend auf nicht auf besondere irdische Genüsse gewendet ist, legen daran einen anderen Maaßstab, als Kinder der Welt. Alle diese Gedanken kannte Elisabeths Mutter, es waren ja nur die innigsten Rathschläge und Segenswünsche ihrer eigenen theuren Mutter, und es war eben die geheimnißvolle Macht eines treuen Mutterherzens, die ihr eigenes nicht ruhen ließ in den Versuchungen, die das Stadtleben und der Familienkreis, in den sie hineingerathen, ihr entgegen führten. Sie weinte jetzt, sie weinte über sich und ihre Kinder, denn ehe sie Elisabeths Gesang gehört, stand sie auch an der Kinderstubenthür, von dem lauten Lachen der Kinder herbei gelockt, und hörte ihre Gespräche von den Soldaten, Karls Vorschlag, Zuckerwerk zu holen, und Elisabeths Entgegnung auf Fritzens Mahnung: »Die Eltern gehen aber mit mir hin.« Die Eltern – das konnte die Mutter fast auf sich allein beziehen, denn ihr Mann würde, wenn sie es gewünscht hätte, sie und die Tochter von solcher Geselligkeit dispensirt haben. Er fügte sich, was das Familienleben anbetraf den Wünschen seiner Frau gern, er hatte sie und die Kinder zu herzlich lieb; ja er würde sicher heute Abend aus eigener Bequemlichkeit ein fröhliches allgemeines Schimmelspiel dem Balle vorgezogen haben. Ein Unrecht in dieser Geselligkeit zu finden, hatte er sich bis jetzt nicht entscheiden können, weil für ihn keine Gefahr darin lag. Daß er seine Pflichten als Oberhaupt des Hauses darin übersah, lag in einer gewissen Ruhe und Behaglichkeit, und in der ganz anderen Lebensanschauung von Jugend auf, die ihn nicht zu den inneren Conflicten kommen ließ, welche seiner Frau so viel Glück und Frieden raubten. – Ist es denn so sehr schwer eine gewissenhafte Mutter zu sein? fragte sie sich jetzt traurig, ich fühle mich in einem Labyrinthe, ich kann mich nicht heraus finden, und den Herrn darf ich darum nicht fragen. In dem Augenblicke klingelte die Flurthür. Sie stand schnell auf, trocknete ihre Thränen und trat in das Wohnzimmer. Elisabeth hatte dasselbe gethan, und beide begegneten sich im Vorsaal, um die eintretenden Tanten zu empfangen. Wie seltsam war das, es währte gar nicht lange, daß beide mit den Tanten geredet hatten, als es beiden beinahe war, als hätten sie nur unruhig geträumt. Die Tanten waren so vergnügt, und was sie sagten, klang so einfach und verständig. Das ist die Gewalt des Weltgeistes, der alles so glatt und verständig und dem alten Adam so angenehm hervorzubringen weiß. So habe ich also bis jetzt an Elisabeths Kleide genäht, sagte Tante Wina unter anderem, ich habe die Achseln ganz und gar wieder aufgetrennt, habe sie ausgelassen, nun wird die ganze Taille dadurch leichter und kindlicher sein. Unserer Schneiderin fehlt wirklich der rechte Esprit, sie macht einem achtzehnjährigen Mädchen ein Kleid gerade so fest und adrett als einem vierzigjährigen, trotz meines Predigens. Aber seht! sagte Tante Paula entzückt, als die Schwester das weiße luftige Gewand aus dem großen Korbe nahm: ist es nicht entzückend, ist es nicht himmlisch? Es ist wenigstens sehr geschmackvoll und einfach, und gerade für unsere Elisabeth, fügte Wina hinzu. Elisabeths Augen leuchteten hell auf bei diesem herrlichen Anblick. Die Mutter aber schaute theilnahmlos auf das Geschenk der Tanten. Wina, mit den scharfen schwarzen Augen, deutete augenblicklich dieses Schweigen nach ihrer Weise; sie dachte aber auch: Wie kann man nur so schwankend, so wunderlich sein, ja sie weiß selbst nicht was sie will! Und in dem Gefühl des guten Rechtes und der Ueberlegenheit nahm sie die Gelegenheit wahr, ihre herrlichen Grundsätze auf eine feierliche eindringliche Weise auszusprechen. Hier also, meine liebe Elisabeth, wandte sie sich zu dieser, überreiche ich Dir Dein erstes Ballkleid, nun freue Dich darüber, freue dich recht herzlich, denn es kömmt der Jugend zu, sich über solche Dinge zu freuen, es kömmt der Jugend zu, harmlos und fröhlich zu sein. Dabei, meine liebe Elisabeth, sollst Du doch ernsthaft sein und auf Gottes Wegen gehen, Du sollst Deine ernsten heiligen Stunden haben; aber alles zu seiner Zeit, und wie schon Paulus sagt, nichts zur Unzeit. Die Mutter stand wie auf Kohlen bei dieser Rede, aber sie hatte nicht das Recht etwas dagegen zu sagen: zuweilen auf Gottes Wegen gehen, zuweilen nicht, das schien ja ihr eigenes Motto zu sein. Aber anhören konnte sie solch Geschwätz nicht länger und zu Winas großem Mißvergnügen unterbrach sie es plötzlich und sagte: Ich habe heftiges Kopfweh heute. – Das war keine Unwahrheit, sie hatte stundenlang im Kabinett geruht. Arme Elise! entgegnete die theilnehmende Paula; aber ich habe es Dir gleich angesehen, daß es nicht ganz richtig mit Dir war. Willst Du nicht lieber hier bleiben? fragte Wina. O nein, lächelte Elise etwas ironisch, dann müßte ja dies herrliche Ballkleid auch hier bleiben. Du würdest uns also Deine Tochter nicht anvertrauen? fragte Wina scharf. Ich weiß nicht, entgegnete Elise, Du wirst aber natürlich finden, daß eine Mutter ihre Tochter gern selbst auf den ersten Ball führt. Beide Tanten mißverstanden die Schwägerin in gleicher Weise, sie dachten nur, die Mutter wünsche den Eindruck zu sehen, den die Tochter bei ihrem ersten Erscheinen machen werde. – Das glaube ich Dir, entgegnete Wina mit einem feinen Lächeln. Noch dazu eine solche Tochter! fügte Paula neckend hinzu. Die Mutter ging, der Kinder Abendbrot zu bestimmen. Die Uebrigen traten jetzt in die Kinderstube, hier sollte die Toilette vor sich gehen. Auch die beiden Tanten, um das Fahren zu vereinfachen, waren in den Hauskleidern hergegangen, und wollten sich hier erst in die Staatskleider werfen. Wina, die völlig davon überzeugt war, daß dieser erste Ball im Leben der Nichte ein wichtiger Abschnitt und ein passender Zeitpunkt zum Ermahnen und zum Erziehen für sie sei, nahm mit Eifer und Würde das vorhin unterbrochene Gespräch wieder auf und fügte zu Paulas letzten Worten hinzu: Ich finde, dieses Töchterlein könnte noch in vielen Stücken anders sein. – Elisabeth sah sie groß an. – Ja Elisabeth, fuhr die Tante fort, gerade so wie Du mich jetzt ansiehst, möchte ich, könntest Du nicht aus Deinen großen Augen sehen, Du hast so etwas Zuversichtliches, das steht einem jungen Mädchen nicht gut. Wie ein Veilchen so bescheiden, mit gesenktem Haupte, mußt Du stehen, fügte Paula hinzu. Ja, liebe Elisabeth, fuhr Wina feierlich fort, bedenke daß Du heute in der Welt zuerst erscheinst, daß viele Augen auf Dich gerichtet sind, nun bitte ich Dich, sei zurückhaltend in Worten und Mienen. Eine gewisse Kargheit in Worten ist weit anziehender, als wenn man gleich den Mund so voll nimmt. Du mußt auch in Deinen Bewegungen gehaltener sein. Ich rede nicht von Steifheit, nein, die Lebendigkeit muß von einem edlen feinen Zügel gehalten werden, die Lebendigkeit muß lieblich sein. Ich mag es nun sehr gern, wenn ein junges Mädchen etwas verlegen ist, versicherte Paula. Ihr müßt sie erst zu einem Schauspieler schicken, rieth Fritz, der bis jetzt stumm in der Ecke gegessen, humoristisch, aber nicht sehr übel gemeint. Ich verbitte mir das, junger Herr! strafte Wina, ich meine nicht, daß Elisabeth diese Bescheidenheit und Demuth spielen soll, sie soll sie wirklich im Herzen haben. Wenn sie heute damit beginnt und sich vielleicht auch etwas dazu zwingt, so kann ihr das gar nicht schaden. Elisabeth hielt den Kopf jetzt etwas höher, warf die Oberlippe auf und sagte kurz: Ich bin nun gerade so, wie ich bin, und werde heute Abend nicht anders sein. So? fragte Wina scharf, und was ist Dir das Urtheil der Welt? Das ist mir gar nichts! entgegnete Elisabeth stolz. Nun wirklich, eine schöne Erziehung! fuhr Wina heftig auf; zu meiner Zeit würde man sich davor entsetzt haben. Woher kömmt aber diese Verwirrung? Wenn den Kindern gesagt wird, nichts auf das Gerede der Menschen zu geben. Im Gegentheil, Kinder müssen von Jugend auf sich geniren lernen, sie müssen ihre Augen auf die Erwachsenen gerichtet haben, und Tadel und Anerkennung müssen ihnen zu Herzen gehen. O welche Verwirrung der Begriffe! dachten Fritz und Elisabeth, Fritz aber kam diesmal der Schwester zuvor und sagte ganz bedächtig, aber auch ganz freundlich: Liebe Tante, uns ist nicht gelehrt, uns über das Urtheil guter, frommer Menschen hinwegzusetzen, sondern über das Urtheil der Welt, das ist ein großer Unterschied. Das letztere kann man nicht früh genug lernen, und dieser Abschnitt ward in unserer Religionsstunde sehr gründlich genommen. Die Menschenfurcht, die Gewohnheit, von Kindheit an Rücksichten auf die Welt zu nehmen, ist für Tausende das Hinderniß zur Seligkeit. Ja denke Dir, Tante, Tausende von Menschen, die den Herrn Jesus lieb haben, ihm gern dienen möchten, thun es nicht, aus Furcht vor den Menschen, aus den elendesten Rücksichten. Nun sage mal, ist das nicht wirklich des Teufels Macht, die hinter solchen Rücksichten steckt, die Tausende in das ewige Verderben lockt? Also auf das Urtheil der Welt etwas zu geben, ist geradezu auf dem Wege nach der Hölle sein. Fritz übertreibe nicht so! rief Wina ärgerlich. Ich übertreibe wirklich nicht, versicherte Fritz treuherzig, denn eigentlich, Tante sollen wir nicht einmal auf das Urtheil frommer Menschen etwas geben. Hat das auch Euer Herr Pastor gesagt? fragte Wina höhnend. Ja freilich, fuhr Fritz fort, so lange wir vom Urtheil der Menschen abhängen, fehlt uns der rechte Friede, denn auch die besten Menschen sind schwankend in ihren Urtheilen und können sich auch irren; wir sollen nur uns immer mit dem Herrn berathen, ob wir recht oder unrecht thun, darum giebt Er uns die klarste Antwort auf unsere Gebete. Und es kommt hinzu: wenn wir allein das Urtheil des Herrn vor Augen haben, so bringt uns das nicht bloß Frieden, sondern auch die Liebe guter frommer Menschen ganz von selbst. Wina war zu gescheit und die Sache war zu klar, sie konnte nichts dagegen sagen, ja sie war auch im Stande einmal gelegentlich Aehnliches zu sagen, sie nahm sich schnell zusammen und hatte einige Phrasen des Weltgeistes, der zuweilen sehr edel und hochtrabend einherstolzirt, bei der Hand. Das versteht sich von selbst, Fritz, begann sie, das Bewußtsein des eigenen Rechtthuns befriedigt allerdings – Halt! rief Fritz: Tante! dies Bewußtsein darf keine Christenseele haben, das führt auch geradezu in die Hölle. Fritz, sei nicht absurd! versetzte die Tante ärgerlich. Das will ich Dir klar beweisen, fuhr Fritz im Schüler-Eifer fort! Ich nehme das Beispiel, was unser Herr Pastor nahm. Denke Dir ein rechtschaffenes Kind, es ist fleißig, es macht keine dummen Streiche, es ist reinlich, nascht nicht, lügt nicht – Ist höflich und bescheiden, fügte Wina hinzu. Ja freilich, höflich und bescheiden, wiederholte Fritz, und von sehr guten Manieren, aber nur gegen fremde Leute, gegen seine Eltern aber ist es trotz aller Tugenden lieblos und undankbar. Diese Liebe, die es jeden Tag fühlt, durch die es eigentlich nur lebt, läßt es lau, es denkt eben mehr an Lernen und Klugwerden und Geachtetsein von den fremden Gästen, die in das Haus kommen, als die Eltern so von ganzem Herzen zu lieben und ihnen zu danken für alle die Wohlthaten, die es von ihnen empfängt. Denke Dir, wie abscheulich ist so ein kaltherziges, undankbares Kind trotz seiner Tugenden, und ist es nicht ein fortwährender Kummer für die Eltern, ein solches Kind im Hause zu haben? Müssen sie nicht sehr zürnen über solche Tugenden, die das Herz des Kindes ihnen so entfremden? Müssen sie nicht ein Kind vorziehen, was weniger klug und gescheit ist, auch nicht so fleißig, auch zuweilen seine Kleider nicht so ackurat hält, und darum auch von den Gästen nicht so hoch geschätzt wird, wenn es dagegen aber die Eltern herzlich lieb hat, ihnen immer diese Liebe zu zeigen sucht, auch so dankbar ist für jede Wohlthat und nur spricht: Liebe Eltern, ich verdiene es wohl nicht, daß Ihr so gütig gegen mich seid, ich kann Euch auch keine Wohlthat wieder erweisen, aber ich will Euch immer mehr lieb haben, und ich will Euch zur Liebe auch immer mehr meine Fehler ablegen. Sage mal, Tante, wird ihnen ein solches Kind nicht weit lieber sein, als ein so selbstgerechter Schlingel, der da sagt: Die Menschen loben mich und sagen, ich bin ein rechtschaffener Junge, warum sollten meine Eltern nicht mit mir zufrieden sein? ich bedarf der Gnade und der Liebe meiner Eltern nicht; das Gefühl, daß ich ein rechtschaffener Junge bin, giebt mir Frieden und Beruhigung. Sage mal Tante, müßte ein solcher Bursche nicht aus dem Hause geworfen werden, bis er sich eines Besseren besinnt? Und wenn er in seinem Hochmuth und seiner Blindheit für die Güte und Barmherzigkeit der Eltern (diese Blindheit ist eben nur eine Folge des Hochmuths) wenn er sich nicht entschließen kann zur Demuth und Buße und zum Bitten, dann muß er nothwendig verstoßen bleiben. Das Vaterhaus aber ist das Himmelreich, darinnen wir ganz ohne unser eigen Verdienst schon mit der Taufe aufgenommen sind und darinnen uns eben nur die Liebe und Gnade des Vaters hält. Ein Kind, das diese Wahrheit fühlt, kann nicht sagen: Das Gefühl meiner Rechtschaffenheit befriedigt mich, sondern es sagt: Ich müßte doch immer traurig und unruhig sein, weil ich nie so bin, wie ich sein müßte; das Gute, was ich oft thun will, unterlasse ich aus Trägheit und Zerstreutheit, und zum Bösen, was ich eigentlich nicht thun will, lasse ich mich leicht verleiten. Ich bin dennoch nicht traurig, weil mein lieber Vater im Himmel mich aus Gnade selig machen wird. Die Gnade und das Erbarmen ist aber, daß er seinen eingebornen Sohn in die Welt gesandt hat, weil es denn kein anderes Mittel gab uns zu erlösen von Sünde und Tod. Dieser Liebesrath ist ein Geheimniß. Wie zwischen Eltern und Kindern ein Geheimniß der Liebesmacht besteht, was wir mit dem Verstande nicht begreifen und erklären können, wohl aber fühlen und erleben, eben so ist diese geheimnißvolle Liebesmacht zwischen Kindern Gottes und ihrem Heiland und Erlöser, der für uns gelebt hat und gestorben ist, und uns eine höhere Weltordnung als die jetzt sichtbare, das ist, das ewige selige Leben in seinem Himmelreiche offenbart hat. Wina staunte den gelehrten Neffen an, sie ließ sich das aber nicht merken. Ebenso wenig daß ihre Weisheit nun zu Ende sei. Es versteht sich ganz von selbst, daß Kinder ihre Eltern lieb haben, sagte sie kurz, das schließt nicht aus, auch gegen Freunde und Familien-Mitglieder artig und rücksichtsvoll zu sein. Jetzt aber ersuche ich die jungen Herrn das Zimmer zu verlassen, wir wollen Toilette machen! fügte sie hinzu. Dem Befehle wurde Folge geleistet, und das Werk ward begonnen und mit gehöriger Umständlichkeit beendet. Der Wagen fuhr natürlich zu früh vor, der Vater klopfte einigemal ungeduldig an die Thür, bis die Mutter entschieden ein Ende machte, und die rauschenden, leicht beschuhten Damen im Wagen Platz fanden. Während der Fahrt herrschte tiefes Schweigen. Die Mutter hatte Kopfweh, Tante Wina war verstimmt über die verschrobene Bildung der jetzigen Jugend, Tante Paula sann, wie dem unangenehmen Schweigen abzuhelfen sei, und Elisabeths Herz hatte noch nie so geklopft als unter diesem weißen Kreppkleide. Der Weg führte durch den Thiergarten. Gedankenvoll schaute sie auf die vorüberziehenden Bäume, die ihre grauen kahlen Aeste weit ausstreckten und vom trüben Licht der Laternen beleuchtet oft wunderliche Figuren machten. Also wirklich noch wenige Minuten und du wirst auf einem Balle sein! dachte sie und eine leichte fieberhafte Bewegung rieselte durch ihre Nerven bei dieser Vorstellung. Sie hatte ein Recht, sich in weit größerer Spannung zu befinden als viele andere Mädchen, denn sie hatte einen Ball nur immer als etwas Ungewöhnliches, Fernliegendes nennen hören. Ob es recht oder unrecht sei, darüber war sie gänzlich in Verwirrung gerathen. Mit ihrer bisherigen Lehr- und Erziehungs-Weise stimmte es keineswegs, aber die Eltern gingen doch mit ihr, damit beruhigte sie das bange Gefühl in ihrer Seele und hielt sich desto fester an den Ausspruch der Tante: Der Jugend kommt es zu, fröhlich zu sein, man kann deswegen doch ernst sein, aber alles zu seiner Zeit. 7. Ein gefährlicher Mensch. Die Thüren des Ballsaales thaten sich auf, die Mutter ging voran, Elisabeth dicht hinter ihr, die Tanten folgten. Welch ein Zauber von Licht und Duft und wunderbarem Rauschen und Flüstern! – Ja ein Zauber, Elisabeth war ganz und gar hingenommen, und zu Winas Entzücken schlug sie, während aller Augen auf sie gerichtet waren, die ihrigen sehr bescheiden nieder. Jetzt wurde sie verschiedenen älteren Damen vorgestellt, sie machte dabei ihre Verbeugungen, ganz wie es einem so jungen Mädchen beim ersten Erscheinen geziemt, und befand sich endlich glücklich an der Mutter Seite sitzend. Jetzt wagte sie sich umzusehen, sie erhob etwas kühner das Haupt, sie grüßte hier und dort jemand Bekanntes, – dann fielen ihre Blicke auf das Ende des Saales, wo die Herren versammelt standen. Ja wirklich! des Großvaters Kürassiere aus Braunhausen, wenigstens drei oder vier: die Uniformen sahen prächtig aus, einer von den Herren aber ragte beinahe um eines Hauptes Länge über seine Kameraden hinaus. Wer ist nur diese schöne Erscheinung? flüsterte Tante Wina der Frau vom Hause zu. Ein wahrer Kriegsgott! lächelte Paula. Elisabeth hörte die Antwort nicht, die Geigen wurden gestimmt, es kam eine Bewegung unter die Herren, die Herzen der jungen Mädchen und ebenso der Mütter klopften mächtig, denn – wer wird aufgefordert, wer bleibt sitzen? Liebste Frau Geheimerath Kühneman, begann Elisens Nachbarin, eine gutmüthige oberflächliche Frau Doctorin, Sie werden es nun auch kennen lernen, was es heißt, eine Tochter auf Bälle führen. Es ist einem doch wahrhaftig nicht gleichgiltig, ob das Mädchen sitzen bleibt, ich versichere Sie, man ist nicht eher ruhig, als bis sie wenigstens zu vier bis fünf Tänzen engagirt ist. Elise lächelte etwas von oben herab und sagte: Das soll mir wirklich gleichgiltig sein; wenn Elisabeth nicht viel tanzt, so ist es ihr desto gesunder. – Aber ganz gleichgiltig war es ihr doch nicht, und sie fühlte, wie ihre offenherzige Nachbarin, eine gewisse Unruhe, eine Spannung, so viel sie auch dagegen zu kämpfen suchte. Jetzt begann die Musik, die Herren durchkreuzten den Saal, die Doctorin drückte der Geheimeräthin krampfhaft die Hand und flüsterte: Sehen Sie, liebste Kühneman, unsere bleiben sitzen! Die beiden artigen Töchter saßen neben den Müttern mit gesenkten Augen, es war ein entsetzlicher Augenblick der Entscheidung. Das ist aber unerträglich unangenehm! dachte Elisabeth plötzlich. Ist es nicht ein Unsinn, eine rechte Demüthigung, hier wie auf einem Präsentirteller zu sitzen? Diese albernen dummen Herren, ich frage gar nichts danach, ob sie mich auffordern; ich möchte nur, ich wäre zu Hause und spielte mit den Kindern Schimmelspiel! Mitten in ihrem Zürnen sah sie zwei dunkele Gestalten vor sich und: Herr von Kadden! sagte die eine Gestalt und entfernte sich schnell, während der Vorgestellte zum Tanz aufforderte. Als Elisabeth aufschaute, war es ihr, als sähe sie nur ein Paar dunkelblaue Augen, die ganz seltsam auf sie gerichtet waren, zugleich aber erkannte sie, daß diese Augen dem schlanken Kürassier angehörten, den die Tanten vorhin so bewundert hatten. Sie ging einige Minuten feierlich neben diesem fremden Manne her, dann flog sie wirbelnd mit ihm im Kreise umher. Jetzt ruhten sie und die Unterhaltung mußte beginnen. Der Tänzer war noch jung, er schien nicht sehr fertig mit solcher Conversation und begann mit den einfachen Worten: Sie tanzen wohl gern? – Er sah dabei so gutmüthig und freundlich aus, daß ihn Elisabeth ruhig ansehen konnte. Ich weiß es eigentlich nicht, entgegnete sie lächelnd, es ist ja mein erster Ball, den ich erlebe. Der erste Ball? fragte er verwundert, und ich bin so glücklich Sie einzuführen. Sie werden hier in Berlin oft genug Gelegenheit zum Tanzen haben, fügte er hinzu. Ich weiß noch nicht, ob ich das benutzen werde, entgegnete Elisabeth. – Er sah sie verwundert an. – Ich muß doch erst sehen, wie mir dieser Ball gefällt, fuhr sie fort. Nicht gefallen? fragte er wieder verwundert. Das junge Mädchen neben meiner Mama tanzt so wenig, sie ist auch jetzt nicht aufgefordert, in ihrer Stelle ginge ich gewiß nicht wieder auf einen Ball. Das ist wahr, versicherte er treuherzig, es muß für junge Damen sehr unangenehm sein, sich so zu präsentiren und doch nicht gewählt zu werden. Ja wirklich! versicherte Elisabeth und warf die Oberlippe etwas kühn in die Höhe: als ich vor dem Tanze dort saß, ärgerte ich mich über mich selbst, daß ich hergegangen, und wünschte, ich wäre zu Hause und spielte mit meinen Geschwistern um Pfeffernüsse. Der Tänzer lachte und versicherte, sie würde nie wieder Gelegenheit zu solchem Aerger finden. Warum nicht? entgegnete sie altklug, das wird sich vor jedem Tanz wiederholen. Nein, gewiß nicht, fiel er hastig ein, wenn Sie mir z. B. erlaubten, daß ich Sie zu allen Tänzen engagirte – Das wäre ja langweilig, entgegnete sie eben so schnell. Ja freilich, das ist wahr, sagte er, indem sein bräunliches Gesicht sich noch dunkeler färbte; es ist zu viel verlangt. Ich meine aber für meinen Tänzer, begann Elisabeth jetzt etwas verlegen; es war ihr plötzlich klar, daß sie Tante Winas Rath vergessen und viel zu viel und zu offenherzig geplaudert hatte. – Ihr Tänzer schwieg, sie hatte ihn gewiß beleidigt, und das hatte sie nicht gewollt. – Wenn ich einmal hergegangen bin, fuhr sie fort, so muß ich das Unangenehme auch kennen lernen, das ist mir gerade recht. Sie sah ihn bei den Worten mit ihren hellen Augen so fragend an, daß es ihm wie ein Zauber durch das Herz ging, die kleine Aufregung war vergessen. So darf ich aber um einen Tanz um den anderen bitten? fragte er dringend. Elisabeth lächelte und nahm es an. Sie wurde jetzt um eine Extratour gebeten, sie mußte es abschlagen, weil es die Mama streng verboten, ließ sich aber von demselben Herren zum folgenden Tanze engagiren. Also für den nächsten Tanz ist auch gesorgt, sagte Herr von Kadden theilnehmend. Nun wird es mich aber gewiß sehr aufregen, entgegnete Elisabeth lachend, ob meine Nachbarin da, Doctors Laura, wieder nicht aufgefordert wird; das arme Mädchen besucht seit zehn Jahren die Bälle, sie geht auf jeden Ball mit dem Wunsch und der Hoffnung zu tanzen, und wird meistens getäuscht. Ist das nicht eine schreckliche fixe Idee? Es ist ordentlich peinigend, neben Mutter oder Tochter zu sitzen. Ich werde die Tänze, die ich noch frei habe, mit Doctors Laura tanzen, sagte Herr von Kadden ganz ernsthaft. Das würde aber auch langweilig sein, sagte sie ungläubig. Nein, im Gegentheil, das wird mir Vergnügen machen, entgegnete er kurz. Die Reihe zum Tanzen war jetzt wieder an ihnen, und Elisabeth kehrte darauf zu ihrem Platze zurück. Tante Wina stand wie ein Stoßvogel vor ihr, sie mußte ja das Kind beaufsichtigen, führen und belehren. Aber liebe Elisabeth, wie kann man mit einem fremden Herrn so gesprächig sein! Dann mußt Du auch nie einen ganzen Tanz abwarten. Elisabeth fühlte, daß die Tante Recht hatte, und sagte verlegen und entschuldigend: Er that aber gar nicht fremd. Desto fremder mußt Du thun! eiferte die Tante. Sie lächelte dann so holdselig, strich der Nichte die Locken von der Stirn, und suchte durch dieses Zärtlichthun den Inhalt ihrer Worte zu verdecken. Die Tante war ja außerdem so entzückt von der schönen Nichte und von der Bewunderung, die sie augenscheinlich jetzt schon eingeerntet. Elisabeths Mutter war nicht entzückt, ihr Herz war sehr schwer, sie fühlte recht gut, daß Elisabeths lebhaftes frisches Wesen sich wenig nach der Tante Belehrungen richten würde, im Grunde waren ja auch diese Belehrungen ganz und gar dem System entgegen, nach dem Elisabeth von den Großeltern und auch von der Mutter erzogen war, denn an Lehren hatte es die Mutter nie fehlen lassen. Und doch hatte die Tante Recht, auf einem Balle darf man nicht sein, wie man ist, da muß man, um anständig und schicklich zu sein, ein fremdes Wesen annehmen. Wenn Elisabeth mit irgend einem bekannten und befreundeten Herrn so gesprochen hätte, so war sie nicht zu tadeln, es war ganz natürlich so, aber diese harmlose Offenheit zu einem wildfremden Mann – was kann daraus entstehen? Die Mutter hatte das Paar während des Tanzes mit Spannung verfolgt, sie hatte ihre holde liebe Tochter hineingeführt mitten in den höchsten Zauber, den die Welt einem jungen Mädchen bieten kann. Wird sie sich nicht davon hinnehmen lassen? Das ist die bange Frage des Mutterherzens. – Du Thörin! warum führst du sie in solche Gefahr? Ja warum? Es war ihr, wenn sie die Augen des jungen Mannes beobachtete, die zuweilen so sanftmüthig von den langen dunkelen Wimpern bedeckt waren, und dann wieder so lebhaft aufblitzten, als ob diese Augen Einfluß auf ihr Familienglück und ihren Frieden haben müßten. Sie tröstete sich aber: Heute Abend siehst du überall Gespenster, wie viele hundert Mädchen gehen auf Bälle, ohne daß es ihnen schadet. Freilich, wie viele gehen hin, wo man den geheimen Wurm, der an ihrer Seele nagt, nicht merkt. Sie heirathen dann, und in einer oberflächlichen oder unglücklichen Ehe wird nicht weiter nach den Folgen der Ballbesuche gefragt. Die Töchter werden von solchen Müttern auch wieder hingeführt, weil ein Ball doch immer ein anregender Lichtpunkt in einem solchen armseligen elenden Familienleben ist. Elisabeth hatte kaum einige Minuten gesessen, als sie zum zweiten Tanze geholt wurde. Die Frau Doctorin hatte der Geheimeräthin Hand wieder krampfhaft gefaßt, ihre Laura senkte die goldenen Aehren ihres Hauptes nieder und schaute mit klopfendem Herzen auf ihre weißen Glacé-Handschuh, als der schlanke Kriegsgott vor ihr stand und sie zum Contretanze abholte. Er stellte sich mit seiner Dame gerade Elisabeth vis à vis und sah so vertraulich lächelnd hinüber, daß es der Mutter heiß im Herzen ward. Jetzt wechselten die Paare, Elisabeth stand der Mutter zugewendet, und wirklich auch sie sah ähnlich lächelnd nach dem vis à vis. Der Tanz war zu Ende, Elisabeth kehrte zurück, und wieder wie ein Stoßvogel stand Wina vor ihr, ihre schwarzen scharfen Augen hatten das sonderbare Zulächeln ebenfalls bemerkt. Was hattest Du nur mit Herrn von Kadden? fragte Wina und nahm damit der Mutter die Frage ab. Das ist ein seltsamer Mensch, lachte Elisabeth, er sagte mir vorhin, er wolle alle freien Tänze mit Laura tanzen; ich glaubte es eigentlich nicht, und er lachte etwas, als er sie mir vis à vis brachte. Wie unvorsichtig ist es aber mit dem Mädchen so oft zu tanzen! zürnte Wina. Warum denn? fragte Elisabeth. Er kann ihr etwas in den Kopf setzen, denn so oft tanzt man mit einem jungen Mädchen nicht ohne ein besonderes Interesse. Elisabeth erröthete und setzte der Tante eifrig aus einander, daß er es thue, um dem armen Mädchen einmal ein Vergnügen zu machen. Die Tanten dagegen, denn Paula war auch herzugetreten, sie fanden das beide doch sehr unpassend und unvorsichtig, bis Elisabeth etwas ärgerlich sagte: Nun sie wird doch noch im Zweifel bleiben, wem seine Aufmerksamkeit gilt, denn er will immer abwechselnd mit mir und Laura tanzen. Wie entsetzlich ist das! fuhr Wina auf. Mit niemand anders? Wie rücksichtslos gegen die Tochter vom Hause, und welch ein Gerede wird das geben, er macht Dich und Laura lächerlich, Du wirst mit Laura zusammen eine komische Figur spielen. Es ist eine Malice von ihm, ein junges Mädchen, die zum ersten Mal erscheint, in ein Gerede zu bringen. Du unglückliches Kind, Du bist jedenfalls Schuld daran durch Deine unpassende Vertraulichkeit! schloß sie ihre scharfe flüsternde Rede. Der Mensch sieht aber auch wirklich furchtbar aus! seufzte Paula, – als der Gefürchtete plötzlich vor Elisabeth stand und sehr freudig, zugleich aber mit dem bekannten Lächeln ihre Hand ergriff. Elise hatte nun ihre Noth, die aufgeregten Tanten zu beruhigen, es waren ja das ungereimte Befürchtungen und es war ihr auch ziemlich gleich, ob Elisabeth mit Laura zusammen im Tagesgespräch diese kleine Rolle spielte, sie fürchtete nicht die Malice des jungen Mannes, sondern etwas Schlimmeres. Wina aber samt der Schwester schoben zu der Frau vom Hause und schütteten der ihr Herz aus und zogen Erkundigungen ein über den furchtbaren Mann. Das sieht ihm ganz ähnlich! lachte Frau von Bauer; wir nehmen ihm das nicht übel, und es ist auch wirklich keine Malice dahinter, es ist ein äußerst gutmüthiger liebenswürdiger und gescheiter Mensch, aber er ist entsetzlich heftig. Wissen Sie, daß er bei seinen Kameraden nur der Hitzkopf heißt, weil er im Streiten, Schlagen und Schießen wahrhaft tollkühn ist und in seiner großen Heftigkeit leicht Händel bekommt. Welch ein furchtbarer Mensch! seufzte Paula. Sehen Sie nur unser liebes Kind in seinen Armen. Wenn die Sachen so stehen, versicherte Wina weise, so werde ich Elisabeth warnen, höchst vorsichtig zu sein, sie mag ruhig die engagirten Tänze mit ihm tanzen. Ja man hat oft genug gehört von Duellen, fiel Paula ein, die aus Unvorsichtigkeit junger Damen entstanden! Frau von Bauer beruhigte die Damen so gut sie konnte, und diese ergaben sich in ihr Schicksal, warteten aber in fieberhafter Spannung das Ende des Tanzes ab. Jetzt hatten sie Elisabeth wieder in ihrer Mitte, und jetzt berichteten sie von den eingezogenen Erkundigungen, und überflutheten die arme Elisabeth mit einem Heer von Vorsichtsmaßregeln gegen diesen tollkühnen, allezeit schlagfertigen Hitzkopf. – Elisabeth war ganz verblüfft. Sie vielleicht die Ursache eines Duelles! Sie sollte vorsichtig aber doch höflich sein! Sollte schweigsam und doch nicht zu wortkarg sein! Einen großen Abstand mit ihrem früheren Betragen durfte er nicht bemerken, um nicht mißtrauisch zu werden! Kurz und gut, sie war verwirrt von den vielen Worten, es ging ihr wie ein Mühlrad im Kopfe herum, und es war gut, daß sie den nächsten Tanz mit einem anderen Herren zu tanzen hatte und sich erst wieder besinnen konnte. Während dessen tanzte Herr von Kadden wirklich wieder mit Laura und stand darauf mit seinen freudigen strahlenden Zügen vor Elisabeth. Jetzt war sie anders zu ihm. Herrlich! flüsterte Wina der Schwester zu. Excellent! entgegnete Paula. So fein und so gehalten! triumfirte Wina. Er wird ihre Erziehung bewundern, versicherte Paula. Aber da – plötzlich lachte sie ganz ungehalten, während er sich zu ihr beugte, als ob er zu inquiriren habe. So war es auch. Elisabeth versuchte ernsthaft und zurückhaltend zu sein, er merkte es in seiner Lebendigkeit nicht gleich, doch endlich, ja es war zu auffallend. Habe ich Sie beleidigt? fragte er leise und sah sie dabei so vertrauend und bittend an, daß ein unwillkürliches Nein aus ihren Lippen flog. – Was ist aber? forschte er weiter. Sie lächelte nur, aber er forschte weiter, und sie konnte nicht widerstehen, sie verieth ihm scherzend, warum man sie zur Vorsicht gemahnt. Man hat also über mich geredet? fragte er hastig und dunkel zog es über seine Stirn. Elisabeth war jetzt um eine Antwort verlegen und schalt sich sehr voreilig. Meine Kameraden vielleicht? fragte er noch einmal. Nun war es schon mit dem Duell richtig, – dachte Elisabeth. O nein, sagte sie schnell, nur meine alten Tanten fürchten sich entsetzlich vor Duellen. Mit denen kann ich mich aber nicht duelliren, sagte er plötzlich scherzend, und Elisabeth lachte herzlich. Sie kamen jetzt auf ein sehr anziehendes Kapitel: Elisabeth konnte nicht begreifen, wie man sich überhaupt duelliren könne, und er sollte ihr zugeben, daß den Duellen meistens nur sehr nichtige Ursachen zu Grunde lägen, sehr oft unüberlegte Heftigkeit. Sie sprach mit großer Weisheit, und er schien Respect vor ihr zu haben, denn er hörte aufmerksam. Kennen Sie aber das Gefühl nicht, begann er darauf, wenn es plötzlich in der Brust so heiß und unruhig wird, und immer heftiger wogt und drängt und immer höher steigt und den Athem nehmen möchte? O ja, das kenne ich wohl von meiner Jugend her, entgegnete Elisabeth lachend, diese Gefühle gingen immer vorher, wenn ich mich mit meinen Brüdern faßte, wie wir es nannten. Wenn man älter wird, bekämpft man es natürlich. Bekämpfen? fragte er verwundert, dann sind Ihnen diese Gefühle unbekannt; bekämpfen kann man sie nicht, dadurch würde die Sache nur schlimmer. Bei mir ist das einzige Mittel, wenn ich einige Minuten sehr heftig toben darf, dann ist es gut. Sind Ihnen die Folgen dieser Heftigkeit nicht sehr unangenehm? fragte Elisabeth wieder sehr weise. Nun, ich habe da ein herrliches Auskunftsmittel gefunden, entgegnete er vergnügt: wenn man nur eine Person hat, an der man seinen Aerger zuweilen auslassen kann, so ist man zu den anderen Leuten sanftmüthig, es kann das ordentlich zur Gewohnheit werden. Da habe ich nun einen vorzüglich guten Burschen, mit dem habe ich ausgemacht, daß er sich meine Heftigkeit ruhig gefallen läßt; die Ohrfeigen, die er bei solcher Gelegenheit davon trägt, werden ihm reichlich vergütet, und wir leben ganz vergnügt und brüderlich zusammen. Das finde ich entsetzlich, sagte Elisabeth kopfschüttelnd, Sie müßten es doch bekämpfen, man kann das freilich nicht durch eigene Kraft. – Sie stockte hier, weil sie fühlte, daß sie auf ein so ernsthaftes Gebiet nicht gerathen dürfe. Er hatte aber doch verstanden, was sie sagen wollte, und entgegnete schnell und lächelnd: Nicht durch eigene Kraft? Wodurch denn? Durch eine höhere Macht, entgegnete Elisabeth verlegen. Junge Damen kämpfen wohl mit einer höheren Macht, fuhr er ebenso lächelnd fort, wie ich auch als Kind sicher glaubte, ein Engel wache an meinem Bette und ginge mit mir spazieren, damit mir nichts Schlimmes passiere. Elisabeth sah ihn groß an. Also wirklich, das ist ein Mensch, der keinen Glauben hat, ein Spötter, und dabei ein so schwacher Mensch, daß er seinen Bedienten für Geld prügelt. Meinen Sie, daß keine höhere Kraft uns bewegen kann als die eigene Willenskraft? fragte sie eifrig. Die eigene Willenskraft liegt einem Manne wohl am nächsten, entgegnete er bestimmt. Aber ich will mich auch gern eines Besseren belehren lassen, fügte er lächelnd hinzu. Ich habe meinen Großeltern zu Liebe meine Heftigkeit zu bekämpfen gesucht, fuhr Elisabeth ebenso eifrig fort, noch als ziemlich großes Mädchen konnte ich gleich mit den Füßen stampfen und um mich schlagen; die Liebe zu den Großeltern ist also eine größere Kraft als mein eigner Wille. Ich habe aber weder Großeltern noch Eltern, ich habe nur eine Schwester, und die ist ganz einverstanden mit dem Auskunftsmittel was ich gefunden, und räth mir, ja dabei zu bleiben. Da hätte sie Ihnen etwas Besseres rathen können, entgegnete Elisabeth kurz. Sie hält aber auch nichts von den Engel-Theorien, setzte er mit demselben leichten spöttischen Lächeln hinzu. Das reizte Elisabeth mächtig, sie fühlte es heiß am Herzen wallen, und weil es sich nicht paßte mit dem Fuße zu stampfen, sagte sie sehr stolz: Ich finde es für einen Soldaten ziemlich feige, sich einen Prügeljungen zu halten, anstatt seine Leidenschaften zu bekämpfen. Haben Sie wohl je in einer Lebensgeschichte von großen Männern Aehnliches gefunden? – Sie merkte nicht, wie ihm das sehr unangenehm zu hören war, und fuhr ebenso eifrig fort: Ich würde doch eher rathen, wenn es einmal nicht möglich ist, solches Aufbrausen zu bekämpfen, gleich beim Beginnen fortzueilen und ganz allein gegen sich selbst zu toben. Der Tänzer an ihrer Seite antwortete nicht, es lag eine sehr ernste Wolke auf seinem erglühten Gesicht. Elisabeth war selbst erschrocken über ihre Rede, und es war ihr lieb, daß die Musik verstummte und sie wieder ihren Platz neben der Mutter nehmen konnte. Du hattest aber einmal das Tanzen versäumt, sagte diese ruhig. Ja, Mama, begann Elisabeth in höchster Aufregung (beide Tanten hatten sich neugierig vor die Sprecherin gestellt), wir waren in einem höchst ernsthaften Gespräch; das ist aber ein schrecklicher Mensch, ein wirklicher Spötter. Unbegreiflich wie Bauers ein solche Person einladen können! seufzte Wina. Meinst Du, daß viele von den Tänzern dort anders über Religion denken? fragte Elise. Sie lassen es sich wenigstens nicht merken, versicherte Paula, haben etwas Anständiges und Rücksichtsvolles, wie allerliebst ist Herr von Stottenheim! – Herr von Stottenheim war ein etwas älterer sehr gewandter Lieutenant, der sich Paulas Gunst durch eine halbstündliche Unterhaltung gewonnen. Gerade von dem weiß ich durch meinen Schwager, den Oberförster, daß er sehr weltlich und oberflächlich ist, entgegnete Elise, und die Offenheit und Harmlosigkeit des Herrn von Kadden ist nicht das Schlimmste. Ja, Mama, er ist sehr offenherzig und gutmüthig, versicherte Elisabeth verständig, ihm wäre vielleicht noch zu helfen, wenn er besser belehrt würde. Wina wollte eben auffahren, als der Besprochene dicht an ihnen vorüber ging und Fräulein Laura aufforderte. Wirklich, er bleibt dabei! flüsterte Wina. Solch ein absurder Mensch! es ist der Gesellschaft schon aufgefallen, ein Herr scherzte vorhin ganz laut über die Wahl dieser beiden Tänzerinnen. Wenn man nur einen Grund wüßte, ihm das nächstemal Elisabeth zu versagen, diese Unterbrechung wäre allein Rettung. Wina, ich bitte Dich! unterbrach sie Paula ängstlich, fange keine Händel mit diesem Menschen an. Ja, seufzte Wina, wir sind nun einmal dazwischen, und Elisabeth muß mit ihm tanzen; aber ich begreife Bauers nicht. Beide Tanten wußten nicht, wie durch ihr Geplauder der Schwägerin Herz immer schwerer wurde, aber für jetzt war nichts zu ändern. Elisabeth tanzte diesen Tanz mit Herrn von Stottenheim. – Es ist doch wunderbar, dachte sie, mit diesem Herrn wird es dir gar nicht schwer, zurückhaltend und schweigsam zu sein, auf alle seine Worte hat man gleich eine so hübsche passende Antwort bereit. Endlich sprach er von ihrem Großvater, dem alten vortrefflichen Herr von Budmar, der ganz in seiner Nachbarschaft wohne. Ja, entgegnete Elisabeth, und Sie wissen, daß er auch Kürassier gewesen ist in demselben Regiment. Und ein rechter Glanzpunkt des Regiments! versicherte er verbindlich. Ein braver und ein frommer Soldat, entgegnete Elisabeth unwillkürlich mit denselben Worten, mit denen ihn neulich ein alter Bekannter genannt. Diese beiden Eigenschaften gehören auch nothwendig zusammen, versicherte Herr von Stottenheim äußerst pathetisch. – Elisabeth sah ihn verwundert an. – Gnädigstes Fräulein, fuhr er fort, glauben Sie, daß unter der rauhen Außenseite eines Kriegers nicht auch edele, zarte Gefühle schlummern können? – Elisabeth lächelte und er fuhr in der Art fort zu sprechen, wie er glaubte, daß es einer Enkelin des Herrn von Budmar, dessen Richtung ihm wohl bekannt war, gefallen möchte, bis der Tanz von Neuem begann und der Unterhaltung ein Ende machte. Nein, Mama, begann Elisabeth wieder zu berichten, den Herrn von Stottenheim mußt Du vom Großpapa und von edlen und frommen Empfindungen reden hören! Er ist ein gewandter Mann und weiß von allem zu reden, entgegnete die Mutter ruhig. Ja, er ist ein Heuchler, fuhr Elisabeth fort, und das ist viel schlimmer. Du siehst, in welcher Gesellschaft wir uns befinden, lächelte die Mutter: wenn Du alle Deine Tänzer examiniren könntest, Du würdest nicht viel Erfreuliches erfahren. Elisabeth nickte und flüsterte lächelnd: Mama, mein Ideal finde ich hier nicht. Die Mutter lächelte auch, es waren ihr diese Worte ordentlich ein Trost, obgleich sie den Versicherungen ihres lebhaften Töchterchens nicht sehr viel trauen konnte. Jetzt wurden die Geigen wieder gestimmt, und Elisabeth konnte mit dem besten Willen ihr Herz nicht ruhig philosophiren. Wird der zürnende Tänzer dich auffordern, oder nicht? dachte sie; und wie unerträglich, wenn er dann schweigend neben dir steht! – Die Musik begann, ihre Nachbarinnen wurden zum Tanze geholt, Herr von Kadden blieb ungestört mit einem älteren Herrn im Gespräch. Nur wenige Minuten aber, da standen drei Herren vor ihr und baten um den Tanz. Es entstand mit Tante Wina und Paula zusammen eine wichtige Berathung, ob Elisabeth mit einem andern tanzen dürfe oder nicht. Herr von Kadden scheint sein Engagement vergessen zu haben, sagte Wina. Aber ich bitte Euch, wartet noch, bat Paula ängstlich, fangt mit dem Menschen keinen Streit an. Ich finde es äußerst rücksichtslos von ihm, versicherte der Sohn des Hauses, einer von den drei engagirenden Tänzern, ärgerlich; ich werde hingehen und ihn erinnern. Elisabeth verbat sich das ernstlich, sie wünschte diesen Tanz zu ruhen, und ihre Mutter war eben dabei, ihre Zustimmung zu dieser Ruhe zu geben, als Herr von Kadden in den Kreis trat, sehr ernsthaft und ohne ein Wort der Höflichkeit sein Recht in Anspruch nahm und seine Dame holte. Der junge Herr von Bauer fand dies ganze Wesen sehr unpassend, Wina zuckte ärgerlich die Achseln, und Paula flehte nach allen Seiten hin um Sanftmuth, wegen dieses gefährlichen Menschen. Das Paar, das der Gegenstand ihrer Aufmerksamkeit war, flog einigemal im Reigen mit herum. Dann stand Elisabeth schweigend neben ihrem Tänzer, der mit festgeschlossenem Munde und düsteren Blicken ebenso schweigsam blieb. Das ist aber ein heftiger Mensch, dachte Elisabeth, und verdient seinen Spitznamen mit Recht. Wie kann man auf einem Balle so sein, wie kann er sich von einem jungen Mädchen so beleidigen lassen! Es war als ob er etwas sagen wollte, er konnte sich nicht überwinden; Elisabeth aber fühlte deutlich, daß seine Hand zitterte, als er sie zum Tanze ergriff. Sie konnte unmöglich noch einmal so neben ihm stehen und unmöglich noch einmal mit ihm tanzen; sie verbeugte sich, als die Tour vorüber war, ein Zeichen, daß sie auf ihren Platz zurück geleitet zu sein wünschte. Jetzt möchte ich am liebsten nach Hause fahren, sagte Elisabeth dringend, ich habe wirklich genug. Den nächsten Tanz mit Herrn von Bauer mußt Du noch tanzen, bestimmte Wina, aber dann vor dem Cottillon fort. Ja wohl, ja wohl, stimmte Paula bei, es ist mir heute ordentlich unheimlich hier. Wina strafte sie mit einem scharfen Blick, sie war zwar auch nicht befriedigt, aber die Klugheit verbot das merken zu lassen, es sollten doch mehr Bälle und hoffentlich schönere folgen. Der nächste Tanz war ein Contretanz, Herr von Bauer holte Elisabeth, und richtig – Herr von Kadden stand mit Laura ihnen gegenüber. Welche Malice! flüsterte Wina und biß die Lippen auf einander. Da trat die Frau des Hauses lachend heran. Herr von Kadden ist wie immer eigenthümlich, das Interesse für ihr schönes Nichtchen sucht er mit Fräulein Laura zu verbergen, er giebt der Sache einen Anschein des Scherzes. Also meinen Sie nicht, daß es Malice ist? fragte Paula. Malice und Herr von Kadden? Nein, das reimt sich nicht zusammen, versicherte Frau von Bauer; er ist, wie ich Ihnen sage, etwas rasch von Entschlüssen, etwas eigenthümlich. Alles nicht sehr angenehme Eigenschaften, fiel Wina ein, und begann nun der liebenswürdigen Wirthin feine Vorwürfe über das Einladen eines solchen Herren zumachen. Während dessen tanzte Elisabeth, aber wie im Traume, ohne aufzusehen. Sie fühlte die dunkelblauen Augen auf ihr ruhen, und drängte eine dunkele Macht mit Gewalt von sich zurück. Warum kannst du ihn nicht ansehen? Du willst ihn ruhig ansehen, entschloß sie sich fest. Die Damen hatten gewechselt, er mußte ihr die Hand reichen sie blickte auf und sah wieder nur die Augen, die ganz traurig und bittend auf sie gerichtet waren. Sie konnte ihn nicht ruhig ansehen, es ward ihr bange, sie sehnte sich, alles möchte ein Ende haben. Wenigstens der Tanz hat ein Ende! dachte sie beruhigt, als sie bei der Mutter und den Tanten saß, um sich abzukühlen. Der Vater kam jetzt auch näher, sie wären alle gern fortgefahren, aber der Wagen war noch nicht da. Sie beschlossen, in ein anstoßendes Kabinet zu gehen, um allen Fragen nach Elisabeth auszuweichen, denn die Geigen wurden schon wieder gestimmt. – In dem Augenblick stand Herr vor Kadden vor ihnen, nicht ernsthaft und unhöflich, nein sehr bescheiden bat er um den versprochenen Cotillon. Elisabeths Mutter entgegnete freundlich, daß Elisabeth nicht die Erlaubniß hätte sich zu engagiren, da gleich Anfangs beschlossen war, diesen Tanz nicht abzuwarten. Herr von Kadden bat aber so dringend und bat so treuherzig nur um zwei Touren, daß der Vater, der es harmlos hörte, und von der Aufregung der Tanten nichts wußte, die Erlaubniß zu den zwei Touren gab. Dahin gingen sie beide, und Elisabeth auch mit fröhlichem Herzen, obgleich sie sich das nicht gestehen wollte. Ich mußte noch einmal mit Ihnen tanzen, flüsterte er leise, ich mußte Sie um Verzeihung bitten. Elisabeth schwieg. Zum Beweis, daß Sie mir verziehen haben, sagen Sie mir, daß ich sehr albern gewesen bin, bat er dringend. Sie mußte lächeln. – Da werde ich mich hüten, sagte sie. Nun ist es gut, entgegnete er zufrieden, damit haben Sie mir verziehen, und haben mir zugestanden, daß ich wirklich albern gewesen bin. Nein, nicht albern, unterbrach sie ihn: zum Fürchten. Zum Fürchten? fragte er erstaunt; aber es dauert nur immer einige Minuten, setzte er gutmüthig hinzu. O nein länger, sagte sie belehrend. Ja diesmal, weil ich mich nicht aussprechen konnte. Aber jetzt, fuhr er freudig fort, habe ich mich entschlossen, daß mein Bursche nie wieder eine Ohrfeige von mir haben soll. Freilich, schloß er scherzend, wenn der gute Junge sich über den Ausfall dieser Accidenzien beklagt, so haben Sie es auf Ihrem Gewissen. Für eine überwundene Ohrfeige würde ich ihn immer doppelt zahlen! rieth Elisabeth, und ihre hellen Augensterne strahlten wieder im harmlosen Vergnügen. Ja, das will ich auch thun, versicherte Herr von Kadden, damit ich mich nicht allein des gewonnenen Sieges freue. Ich werde aber, begann er jetzt leiser, nicht allein mit meinem guten Willen kämpfen, ich werde eine andere Macht zur Hilfe haben. Elisabeth erröthete und schlug die Augen nieder. Sie konnte nicht wissen, was es heißen sollte, und dachte auch nicht darüber nach, aber die dunkele Macht stand wieder vor ihr; sie war wie im Traume, als er sie zum Tanze führte, und war wie im Traume, als der Vater zu ihr kam und freundlich den Wagen meldete. Sie folgte dem Vater und wurde dann völlig von den Tanten durch den Saal escortirt, damit der kühne junge Mann sich nicht noch einmal nahen, vielleicht gar als Hilfe beim Umthun der Mäntel erscheinen möchte. Er stand aber ruhig in der Saalthür, als sie hinausgingen, und grüßte nur ehrerbietig, wie es sich gehörte. Im Wagen wurde die Unterhaltung nur von den beiden Tanten geführt, Mutter und Tochter saßen sich schweigend gegenüber und schauten in die Nacht. Beiden schwebte ein Bild vor der Seele, und beiden mit einem bangen Vorgefühl. Ein aufmerksames Mutterherz hat ein besonderes Zartgefühl und hat ein geheimes Verständniß mit dem Tochterherzen. War es denn ein Unrecht, wenn Elisabeth sich in einen Mann verliebte, der ihr mit Bewilligung der Eltern so nahe geführt wurde? Elise erinnerte sich, daß ihre Mutter einst sagte: Die jungen Männer, die mit meinen Töchtern tanzen dürfen, müssen mir auch als Schwiegersöhne nicht ganz unwillkommen sein. Welch ein schrecklicher Gedanke, daß einer von diesen Männern sollte Elisabeth als sein Eigenthum fordern! Elisabeth eine Weltdame – sie ist schön, lebendig, gütig und fröhlich, ganz dazu angelegt! Dieser elende Ball; der selbst die Tanten nicht befriedigt hatte, – es wäre von größter Unwichtigkeit geblieben, wenn sie ausgeschlagen, das fühlte sie immer deutlicher. Warum hatte sie nicht längst ausgesprochen: ich führe meine Tochter nicht in die sogenannte Gesellschaft ein, – das wäre einfach, würdig und passend zu der Richtung gewesen, die sie vertreten wollte. Dieser Kreis ihrer Bekannten würde sich gar nicht gewundert haben, nur etwas raisonnirt, aber nicht lange, und das war wirklich ohne Bedeutung. Die Bekannten wunderten sich auch nicht, daß sie hingekommen, die Welt ist oberflächlich, sie nimmt alles, wie es ihr gegeben wird, und lobt und tadelt, wie es ihr gerade einfällt, oder wie ein Tonangeber den Anfang macht. – Dies soll eine Erfahrung für das ganze Leben sein, dachte Elise. Welche Gelöbnisse machte sie dem Herrn auf dieser dunkeln Fahrt durch den Thiergarten. Die Mutter war mit Elisabeth allein im Zimmer, sie hatten die Hüllen abgeworfen, Elisabeth trat vor den Spiegel. Erschrocken ging sie zurück. Mama, habe ich auf dem Ball auch so ausgesehen? fragte sie hastig. Ja freilich, entgegnete die Mutter zerstreut. Elisabeth nahm sie bei der Hand, ging mit ihr zum Spiegel und sagte: Sieh nur! – Das war allerdings kein erquicklicher Anblick, Kleid und Bänder und Blumen zerknittert, die Locken verwirrt, die Züge bleich und vertanzt. Nein, mein Kind, sagte die Mutter hastig, die kalte Fahrt hat Dich bleich gemacht, Du warest auf dem Ball erhitzt; nun aber schnell zu Bett, morgen ist mein Töchterlein wieder frisch und ist wieder die alte. Elisabeth umarmte die Mutter und – brach plötzlich in einen Thränenstrom aus. Liebes Kind! tröstete die Mutter, aber es war ihr weh, entsetzlich weh in der Brust: – Du bist jetzt angegriffen und aufgeregt, Du kannst das Tanzen und das lange Aufsein nicht vertragen. Ich gehe nie wieder auf einen Ball! schluchzte Elisabeth. Und ich führe Dich nie wieder dahin, fügte die Mutter bewegt hinzu. Elisabeth ging zur Ruhe, von der Mutter liebreich beruhigt, und schlief bald ein. 8. Nach dem Ball. Am späten Morgen stand sie auf, aber doch nicht frisch, – einen Tag nach dem Ball ist das nicht zu verlangen, da ist man abgespannt und hat zu nichts Lust. Die Tanten kamen mit teilnehmenden Erkundigungen nach der geliebten Nichte, und es ward der leidige Ball ganz gegen der Mutter Wunsch wieder gründlich besprochen. Elisabeth lachte über den wunderlichen Herrn von Kadden und über Laura, und fragte Tante Paula neckend, ob sie noch nichts von einem Duell gehört. Tante Wina aber wollte wieder mit hochweisen Belehrungen der Nichte nützlich werden und begann feierlich: Wenn Du wieder auf einem Ball erscheinst – Bitte, Tante, bemühe Dich nicht, unterbrach sie Elisabeth, ich gehe nie wieder auf einen Ball. In dem Augenblick wurden zwei Herren gemeldet,. Herr von Bauer und sein Vetter, Herr von Stottenheim. Der Frau Geheimeräthin war das gar nicht recht, aber die Tochter war auf einem Ball erschienen, man nahm mit gutem Recht an, daß die Eltern nun auch ihrerseits einen geben mußten, und die Tänzer machten im voraus Visite, bei der passenden Gelegenheit, sich nach dem Befinden der Damen zu erkundigen. Elise eilte zu ihrem Mann, um ihn zur Hilfe zu holen. Sie hatte ihm schon gestern Abend ihr Herz ausgeschüttet, und that es jetzt mit einigen Klagen und Seufzern über diese Visite. Mein Kind, sagte der Geheimerath lächelnd, dem ersten Schritte folgen andere, und wir müssen sie geduldig und anständig mitthun. Das wird aber vorübergehen, und wir werden uns künftig gleich vor dem ersten Schritte mehr in Acht nehmen müssen. Wenn Dich die Sache so aufregt, werde ich Dich sicher nie wieder auf einen Ball bringen. Sie traten jetzt in das Wohnzimmer. Paula fragte eben Herrn von Stottenheim nach seiner Rückreise in die Garnison. Dieser entgegnete, daß, obgleich ihr Urlaub bis zum Abend reiche, sie doch bei Zeiten aufzubrechen dachten; fügte aber daran eine blühende Schilderung, wie einer seiner Kameraden, Herr von Kadden, nach dem Balle noch vier Stunden im Thiergarten herumgestürzt sei, und jetzt schlafe wie ein Bär. Wenn er aber beabsichtigt, auch den Mittagszug zu verschlafen, fuhr er fort, so werde ich ihn seinem Schicksal überlassen; ich habe nicht Lust, mit dem Abendzuge zu fahren, und dann bei diesem schauderhaften Wetter einen nächtlichen Ritt von beinahe einer Stunde zu machen. Paula und Wina begannen ihr Herz auszuschütten über diesen sonderbaren jungen Mann, und Herr von Stottenheim erklärte, daß er dem Auftrage seines Onkels, einige flotte Tänzer mitzubringen, nicht besser habe genügen können, als wenn er Kadden brachte, denn Doctors Lauras würde sicher nicht so viel getanzt haben ohne diesen liebenswürdigen Tänzer. – Der Geheimerath hörte bei dieser Gelegenheit von der Geschichte mit Laura, welche die Tanten mit der vorgefaßten Meinung als unbestrittene Bosheit hinstellten. Herr von Stottenheim vertheidigte den Kameraden eifrig. Das ist bloße Gutmütigkeit, theilweise Großmuth und theilweise harmloser Uebermuth, versicherte er. Eines wundert mich nur: warum er sich auf Fräulein Laura beschränkte. Ich erinnere mich, daß er auf einem Ball die lächerliche Idee faßte, nur immer mit den Damen zu tanzen, die sitzen geblieben waren, und er hat es zu unser aller Spaß durchgeführt.. – Der Geheimerath fand das allerliebst und sehr amüsant, und hörte mit Interesse weiter von ihm reden, daß er nicht allein ein flotter Tänzer, sondern auch ein geschickter Schläger und ein toller Reiter sei. Kein Pferd sei ihm zu wild, versicherte Herr von Stottenheim, er bändigt es; er ist im höchsten Grad tollkühn und man muß sich nur wundern, daß er noch nicht zerschmettert ist. – Mutter und Tochter sprachen kein Wort, die Mutter hörte mit Spannung auf das Urtheil ihres Mannes, der dies ganz unbefangen sehr gute Eigenschaften eines Soldaten nannte und dann über andere Dinge sprach, bis die Herren sich entfernten. Als Elisabeth allein war, versuchte sie wieder allerhand vorzunehmen, aber es ging nicht. Sie hatte die Arbeit in der Hand, oder ein Buch, oder saß am Clavier, immer war ein Bild ihr zur Seite. Nach Tisch sollte sie ruhen, die Mutter hatte ihr das Kabinet angewiesen. Schlafen konnte sie nicht, sie war es nicht gewohnt am Tage. Sie lag mit offenen Augen und mit geschlossenen Augen, und immer stand das eine Bild ihr zur Seite. Da richtete sie sich plötzlich auf, warf den Kopf in die Höhe und dachte entschieden: Ich will nicht an ihn denken! Sind es Versuchungen mich zu beunruhigen? So will ich sie überwinden, ich will nicht so thörichten Gedanken und Bildern folgen. Sie stand auf, nahm ein Arbeitszeug zur Hand, ging in die Kinderstube und versuchte dort fleißig und fröhlich zu sein, und wirklich das Bild verließ sie dort und die Mutter stärkte sich an Elisabeths Frohsinn. Mädchen, die von Jugend auf in der herkömmlichen Welt leben, hören von Bällen, von den Ereignissen dort, von Verlieben und Verloben oft früh genug, als etwas sich von selbst verstehendem. Sie gehen dann selbst auf Bälle, und beabsichtigen natürlich sich zu verlieben und zu verloben. Es kommt auch selten ein Mädchen von ihrem ersten Ball zurück, daß nicht ihr Herz, oder wenigstens ihre Fantasie mehr oder weniger mit einem Bilde beschäftigt ist. Daß es nicht recht ist, solchen Fantasien nachhängen, ist ihr nie gesagt; es ist nur der Lauf der Welt so, und ist auch sehr angenehm, das Herz beschäftigt zu haben. Diese erste Neigung wird oft sogar sehr ernst und heilig gehalten, sie ist ja hoffentlich für die Ewigkeit. Aber glücklicher Weise wechseln die Bälle und wechseln die Herren, das Herz muß sich an den Wechsel gewöhnen, das Herz muß immer oberflächlicher lieben lernen, und so veroberflächlicht macht es auf keine besonderen Eigenthümlichkeiten bei dem Gegenstande seiner Liebe mehr Anspruch. Es wählt, wenn es irgend angeht, liebt dann auch, wie es in Romanen beschrieben ist, bis diese Liebe in einer ganz oberflächlichen armseligen Ehe ihr Ende findet. Da machen entweder Gewohnheit oder Gutmüthigkeit das Leben erträglich, oder Aerger und Unfrieden eine Hölle daraus. Daß sich zwei Leute nach fünfundzwanzig Jahren nur schöner finden sollen, und daß die Liebe immer wundersamer und mächtiger und verklärter werden soll, klingt der Welt wie Schwärmerei. Ja eine Liebe, die der Erde angehört, verblüht mit der irdischen Gestalt; eine Liebe, die der Seele angehört, wächst mit dieser immer seliger zum Himmel hinauf. Elisabeth hatte von den Tanten allerdings manchen Unsinn gehört, der auch in ihrem beweglichen Herzen Nahrung gesucht, aber der Mutter ernste Grundsätze und der Verkehr mit der lieben theuren und so jugendlich fühlenden Großmama hatten immer dagegen gewirkt. Die Großmama, die jetzt mehr Zeit hatte, mit der Enkelin, als die arme Stadtmutter mit ihrer Tochter zu verkehren, hatte vor nicht langer Zeit erst gesagt: Liebe Elisabeth, wenn Dein Herz einmal thut, als ob es nicht ganz ruhig wäre, so bemühe Dich es ruhig zu machen, halte es für eine Sünde gleich solchen Fantasien und Gedanken nachzuhängen. Die Gewalt, die Du darüber übst, wird ein Prüfstein sein, ob die Sache Thorheit ist, oder ob sie vom Herrn ist. Dieser Ermahnung eingedenk sollte Elisabeths Herz ruhig sein. Ein solcher leichtfertiger Mensch, ein solcher Spötter, ich möchte gar nicht an ihn denken! – sagte sie sich ernsthaft: – es ist nur dies wunderliche Zusammensein auf dem Ball, was mich beunruhigt, und das ist eine Strafe! Warum bin ich hingegangen! Wenn ich es nicht bald überwinden kann, dann reise ich zur Großmama und erzähle ihr alles, – dann es ist doch eigentlich nur ein Unsinn, setzte sie kühn hinzu. Ihrem Vorsatz getreu, der ihr eben das Stillsitzen und Träumen verbot, ging sie um 4 Uhr nach der englischen Stunde. Da der Weg nicht nahe war und es früh dämmrig wurde, sollte sie Fritz um 5 Uhr abholen. Sie schritt rüstig durch die Straßen, ihr Ziel war eine Gegend, wo die Häuser unansehnlich und die Läden klein sind, wo selten elegante Leute und Wagen zu finden sind, aber viel Kinder auf den Straßen spielen trotz des Schmutzes. Sie schritt durch einen Thorweg, dann in einen engen dunkelen Gang, eine schmale Treppe hinauf, die durch eine kleine Oellampe erleuchtet wurde. Hier war die Klingel und die Thür, die sie zu ihrer englischen Lehrerin führte. Wenn du hier in dieser engen, düsteren Welt leben müßtest, würde dir das Herz brechen! dachte sie. Dabei wurde es ihr so wunderbar warm im Herzen, als hätte es einen großen Reichthum zu verbergen. Was ist denn? dachte sie plötzlich. Dann hielt sie ihre Hand nachdenklich und traurig vor die Stirn und trat ein. Die Engländerin war ein Mädchen, nicht mehr jung, sie war in verschiedenen Häusern Gouvernante gewesen und erfreute sich jetzt eines kleinen eigenen Haushaltes und der lang ersehnten Ruhe. Sie wohnte in einem Stadttheil, wo die Miethen billiger sind, wo eben eine Menge anständiger Leute wohnen, die weder Geschäfte noch Neigung in belebtere Straßen ziehen. Ihre kleine Wohnung war sehr comfortabel eingerichtet, mit Teppichen und schönen Blattpflanzen und Bildern und Büchern, meistens Geschenke ihrer gewesenen Zöglinge. Sie selbst war darinnen die Seele, sie war fein und liebenswürdig und eine aufrichtige Christin. Die anderen Schülerinnen waren noch nicht da, Elisabeth hatte es in ihrer Unruhe etwas früher hergetrieben. Es war ihr auch ganz recht, sie hatte die gute Miß herzlich lieb, und eben so war es von der andern Seite; ja wenn Elisabeth die Sprechstunden aufgegeben hätte des theuren Geldes wegen, sie hätte jedenfalls als Freundin kommen müssen. Ich habe eben einen herrlichen Choral entdeckt, sagte die Miß nach der gewöhnlichen Begrüßung, und nachdem Elisabeth sich traulich zu ihr gesetzt hatte. Er war mir früher ganz unbekannt. Dabei leuchteten ihre Augen sehr glücklich, und sie nahm ein Buch, das vor ihr aufgeschlagen lag, und begann zu lesen: Mein schönste Zier und Kleinod bist Auf Erden Du, Herr Jesu Christ! Dich will ich lassen walten, Und allezeit In Lieb und Leid Im Herzen Dich behalten. Dein Lieb und Treu für alles geht, Kein Ding auf Erd so fest besteht: Solchs muß man frei bekennen; Drum soll nicht Tod, Nicht Angst und Noth Von Deiner Lieb mich trennen. Elisabeth schwieg. – Sie sind ja so nachdenklich, und sagen kein Wort, begann die freundliche Miß: was haben Sie denn? finden Sie es nicht schön? O doch, sagte Elisabeth lächelnd, es gefällt mir sehr gut, und soll ich Ihnen sagen, was mich beschäftigte? – Die Miß nickte. – Als ich hier über den düsteren Flur ging und hier an Ihr einsames Leben dachte, da ward es mir ordentlich bange, und nun ich Sie sehe, und so glücklich und freudig sehe, da schäme ich mich. Liebe Elisabeth, sagte die Miß, Sie werden das vielleicht schwärmerisch finden, wenn ich Ihnen sage, daß ich mein Glück und meine Seligkeit oft nicht beschreiben kann. Ich möchte mit keinem jungen Mädchen tauschen, deren Leben noch weit ausgebreitet vor ihr liegt; ich bin in einem sichern Hafen eingelaufen, und mich kann kein Sturm mehr erschüttern. Ich bitte meinen Herrn und Heiland nur um einen sanften Tod, wenn er mich wird in seinen schönen Himmel rufen. Ja Sie sind sehr glücklich, das weiß ich wohl, entgegnete Elisabeth. Ihnen, fuhr die Miß fort, wird der Herr keinen so einsamen Weg bestimmt haben; aber wie der Weg auch sein mag, der Herr wird mit Ihnen gehen, das weiß ich, Sie werden ihn nicht lassen. Elisabeth sah in das Buch und sprach: »Dein Lieb und Treu für alles geht.« – Wissen Sie denn, liebe Miß, daß ich gestern auf einem Ball gewesen bin? fuhr sie fort, und da habe ich ein böses Gewissen. Ein Ball, sagte die Miß freundlich, ist wohl nicht unter jeder Bedingung eine Sünde, meiner lieben Comtesse Adelheid wurde es sogar zu einer Tugend gerechnet, daß sie so ungern ging und es doch auf Befehl des Vaters willig und ohne Widerspruch that. Der wird es auch nie geschadet haben, unterbrach sie Elisabeth schnell; aber ich ging aus eigentlicher Lust an Vergnügen, es ist mir zuweilen zu eng im Haus, ich muß etwas erleben, es muß wundervoll um mich herum sein, und nach herrlicher Musik in einem schönen Aschenbrödel-Kleide mit einem Prinzen tanzen, das hatte ich mir schön gedacht. Und war es nicht schön? Nein, sagte Elisabeth, es war erst etwas zauberisch, aber dann wüst und bange, ich weiß selbst nicht, – ich gehe nie wieder auf einen solchen Ball! Die Ankunft der andern Schülerinnen unterbrach diese Unterhaltung, die englische Conversation nahm ihren Anfang. Es wurde von lauter gleichgiltigen Dingen gesprochen, Elisabeth fing an sich zu langweilen. Ja wenn sie mit der Miß hätte länger allein sein können, sie hätte, ohne ihre eigentliche Noth zu berühren, doch ihr Herz aussprechen können; so ward es ihr immer schwerer, sie konnte dieselben Gefühle, die sie beim Kommen hatte, nicht überwinden. Sie sah auf die einsame Straße, auf den trüben Himmel und auf ein kleines bleiches Mädchen, das in einer vertragenen schwarzen Sanmetjacke in einer Hausthür stand, eine Puppe im Arm und die frierenden Hände in eine Schürze gewickelt. Du armes Kind! dachte sie, du bist nicht froh, das Leben scheint dir gewiß nicht wundervoll, es giebt auch mehr Unglück in der Welt als Glück, und mir ist heute auch traurig zu Sinne. – Sie athmete tief auf, als Fritz kam, und rüstete sich schnell um ihren Mitschülerinnen zuvorzukommen. Das Geschwisterpaar war schon durch einige kleinere Straßen gegangen, als sie in die lange Kochstraße einbogen, die in Nebel, Dämmerung und Schmutz eben nichts einladendes hatte. Sieh nur, Fritz! sagte Elisabeth, wie öde eine solche Straße aussieht, die Häuser alle so todt und unheimlich. Wenn es einmal eine Stadt ist, muß auch Leben und Licht darin sein. Ich weiß nicht, in diesen Straßen bekomme ich immer Heimweh und Herzweh. Das macht, weil Du niemand Bekanntes hier hast, entgegnete Fritz ruhig. Sie gingen schweigend und schnell neben einander, als ihnen eine hohe Figur entgegen kam, fest in einen militärischen Mantel gehüllt, eine weiße Mütze tief in die Stirn gedrückt. Elisabeth erschrak. Dann dachte sie: du bist eine Thörin, du wirst nun hinter jedem Militär den furchtbaren Mann erblicken. – Er kam aber näher und war es wirklich. Er sah auf, er stutzte, dann flog es wie Sonnenschein über seine Züge. Sie sahen sich beide an, ohne zu überlegen, wie sie sich wohl ansehen müßten; er überlegte auch nicht, was hinter Elisabeths Verlegenheit und Verwirrung verborgen war. Sie wollte grüßend an ihm vorüber, das war ihm aber unmöglich, er dachte in seinem Glücke gar nicht daran. – Wo kommen Sie hier her? fragte er ganz erstaunt. Aus der englischen Stunde, war Elisabeths Antwort. Er wandte sich um und ging nun langsam neben ihnen her. Ich habe in diesem trostlosen Stadttheil eine alte Tante aufgesucht, begann er, es war mir im Gasthofe so unerträglich, und ich sehnte mich nach einer Menschenseele, an deren Theilnahme ich ein Recht habe. Aber können Sie sich eine alte Dame denken, fuhr er aufgeregt fort, die, als ich ihr meine Noth geklagt habe, sagen kann: »Ja so einsam habe ich mich oft gefühlt, man gewöhnt sich nach und nach daran, ich habe auch niemand, der mich lieb hat, ich habe aber Umgang, denn ohne Umgang würde das Leben sehr einförmig sein. Ich habe sogar viel Umgang, doch zweifle ich, ob mich meine Freundinnen lieb haben, sie sind zu unausstehlich; die einzigen Wesen, die mich aufrichtig lieb haben, (und ihre Stimme wurde dabei ganz gerührt) das sind diese lieben Geschöpfe, diese drei Hunde. Komm Diana, sieh, das ist mein Neffe Otto! den mußt Du sehr lieb haben. Und hier, Du süßer Joli, Du ahnest nicht, wen Du hier vor Dir siehst! Ja lieber Otto, sagte sie zu mir, wenn ich sterbe, werde ich Deiner Liebe dies holde Geschöpf vermachen, er müßte in dieser liebeleeren Welt sich todt grämen. Die Diana und Bella hoffe ich zu überleben.« In dem Styl ging es weiter, ich konnte es nicht anhören, es trieb mich fort, und wie ich durch die Straßen ging, dachte ich: hier zu leben wäre doch unmöglich, die Gedanken können an nichts anknüpfen, ein Haus sieht so fremd und so traurig aus wie das andere. – Als er das sprach, sah er wirklich ernsthaft und traurig aus. Elisabeth hat eben dasselbe bemerkt, begann Fritz bedächtig, die Ursache ist aber nur, weil hier wenig Bekannte wohnen, und es liegt nicht an diesen Häusern, es liegt an uns selbst. Herr von Kadden gab ihm Recht, er fand es jetzt nicht mehr einsam hier, und es war wunderbar, daß er gleiche Empfindungen mit Elisabeth gehabt. – Elisabeth war verlegen und begann hastig: Nein, es liegt nicht nur an den Häusern, und es wohnen auch nicht nur alte Damen hier, die sich mit ihren Hunden trösten; meine Engländerin lebt hier so glücklich und froh, sie möchte mit keinem Menschen tauschen. Und lebt sie ganz allein? fragte Herr von Kadden theilnehmend. Ganz allein, entgegnete Elisabeth, ihre wenigen Verwandten, sind in England; – aber sie ist fromm, fügte sie zagend hinzu. Sie ist fromm, wiederholte ihr Nachbar leise. Sie sah ihn forschend an, er hatte die Augen gesenkt und sah ernst aus, die langen dunkelen Augenwimpern ruhten wie tiefe Schatten unter den geschlossenen Augen. Dazu bemerkte Elisabeth jetzt erst, daß er sehr bleich war. – Sind Sie krank? fragte sie schnell und ohne zu überlegen. Augenblicklich nicht, sagte er ruhig und sah sie mit den großen Augen theilnehmend an, aber traurig sah er dabei doch aus. Sie wollen heute Abend abreisen? fragte sie ebenso schnell. Das muß ich, war seine Antwort. Herr von Stottenheim, fuhr sie fort, hat uns heute Morgen erzählt, Sie würden sich nicht vor einem gefährlichen Nachtritt fürchten, weil Sie stets tollkühn wären. Auf einem Pferde fürchte ich mich nicht, entgegnete er ruhig. Er sagte aber, es wäre ein Wunder, daß Sie noch nicht zerschmettert wären, fuhr Elisabeth fort. Das hoffe ich doch nicht, entgegnete er lächelnd. Sie verlassen sich auf Ihre Geschicklichkeit? fragte sie. Das thue ich freilich, war seine Antwort, aber ich habe auch schon erfahren, daß sich der liebe Gott um mich bekümmert. – Elisabeth sah ihn verwundert an. – Ich bin ja kein Gottesleugner, sägte er gutmüthig. Soldaten müssen ja wohl in die Kirche gehen? forschte sie neugierig. Freilich, wir selbst müssen unsere Leute hinführen, war seine Antwort. Man ginge auch gern hin, wenn wir einen anderen Pastor hätten, fügte er hinzu. Wie ist er denn? fragte Elisabeth weiter. Er ist zu wunderlich, er spricht nur immer von der Hölle und von der Verdammniß. Und das wollen Sie nicht hören, sagte Elisabeth bedächtig. Ein jeder schafft sich seinen Himmel und seine Hölle selbst in seinem Innern, ein jeder hat sich nur vor Schlechtigkeiten zu hüten, und das kann ich mit einem guten festen Willen, sagte Herr von Kadden ernsthaft. Elisabeth sagte nichts. Wie konnte sie auch zu einem fremden Menschen von ihrem Glauben reden? Fritz aber mußte diese Gelegenheit benutzen und auch einmal etwas sagen. Mit diesen Ansichten ist Ihnen wenig geholfen, wenn Sie auch kein Gottesleugner sind, versicherte er kühn. Elisabeth erschrak fast, sie fürchtete Herr von Kadden möchte das übel aufnehmen, und fügte schnell hinzu: Mit diesen Ansichten, glaube ich, kann man nur glücklich sein, so lange man jung und gesund und vergnügt ist; wenn man aber alt wird und wird krank und der Tod rückt immer näher? Das sind traurige Gedanken, sagte er treuherzig, die muß man gar nicht herankommen lassen. Da zieh ich doch einen Glauben vor, unterbrach sie ihn, der mir in allen Fällen Trost ist, ja mehr als Trost! Er sah sie ungläubig und lächelnd an. Lieben Sie Mährchen? fragte er plötzlich! Ja freilich. Da ist von goldnen Schlössern und schönen Prinzessinnen und Wünschelruthen und Zaubergärten die Rede, fuhr er fort, und als Kind hat man das alles geglaubt und das war schön. Elisabeth schwieg, sie wußte wohl, was er damit sagen wollte. Sie waren jetzt in eine belebtere Straße gebogen, und konnten nicht drei neben einander gehen, Fritz ging gedankenlos voran, und ließ die Schwester mit ihrem hohen Begleiter folgen. Als sie jetzt schweigend neben einander gingen, dachte Elisabeth plötzlich: Jetzt weiß ich, warum es so dunkel und schwer wie ein Unglück auf meiner Seele liegt: er wird in der dunkeln Nacht unvorsichtig sein und verunglücken, und es wird mich schrecklich kümmern, ich werde immer denken, wie er so gottvergessen dahin muß. Aber es giebt so viele ungläubige Männer, Herr von Bauer und Herr von Stottenheim sie sind eben so, und ich kann sie doch nicht bekehren. Sie sind auch nicht in der Gefahr, in dieser Nacht zu verunglücken; ich muß ihn wenigstens ermahnen, nicht tollkühn zu sein. Es war seltsam, als ob er ihre Gedanken errathen hätte. Wie hat der Nebel in den wenigen Minuten zugenommen, nahm er das Wort, man sieht kaum die einzelnen Lichter auftauchen. Sie zwang sich zum Scherz und sagte: Die Nacht wird herrlich dunkel werden, eine gute Gelegenheit zum Zerschmettern. O ich werde mich hüten, sagte er ebenso scherzend ich werde so vorsichtig reiten, daß mein gutes Pferd gar nicht wissen wird, wen es trägt und mein Bursche ganz bedenklich sein wird, ob er seinen Herrn abgeholt hat. Er wird freilich auch einen andern Herrn nach Hause bringen. Mir ist es heute, als ob ich wieder an Mährchen glauben sollte, sagte er etwas leiser, zuweilen, als ob es ein sehr frohes, und dann, als ob es ein trauriges wäre. Elisabeth sagte hastig und verlegen: Ja, es wird sehr dunkel werden, und jetzt will ich mir hier Bleifedern kaufen. Sie wünschen mir vorher noch eine glückliche Reise, bat er, indem er vor ihr stand und sie so vertrauend ansah, als ob sie längst Bekannte wären. Das thue ich, sagte sie, und hätte gern einen Scherz hinzugefügt, aber es fiel ihr nichts ein. Ohne zu wissen, was er that, reichte er ihr die Hand; erst als er sah, wie sie ihm nur die Fingerspitzen zögernd reichte, erschrak er und eilte fort. Um nicht zu lügen muß ich mir hier Bleifedern kaufen, sagte Elisabeth zum Bruder, aber ich konnte nicht anders von ihm fortkommen. Warum denn auch? fragte Fritz. Ich glaube, es schickt sich nicht, sagte die Schwester. Heute Morgen aber sah ich Herrn von Bauer eine ganze Weile neben Fräulein von Wedell gehen, entgegnete Fritz. Denke Dir, wenn die Tanten mich neben dem gefürchteten Mann hätten gehen sehen, scherzte Elisabeth. Ich finde ihn gar nicht so fürchterlich, versicherte Fritz. Daß er ein so armer Mann ist und keinen Glauben hat, thut einem leid; es liegt aber wirklich oft nur an der Erziehung, fügte er sachverständig hinzu, sie sind so zu sagen über die Maaßen vernachlässigt. Elisabeth war damit einverstanden, und das Geschwisterpaar, das seit der Confirmation sich besonders freundschaftlich eingelebt, vertiefte sich in diesen Gegenstand, bis sie ihre Wohnung erreichten. 9. Ein Reiseplan. Es war im Monat Januar, ein wunderschöner Wintertag, die Sonne ging rosig unter, rosig glänzten die leicht beschneiten Bäume, und rosig die Dächer des weiten Berlins. Der Geheimerath Kühneman mit Frau und Kindern hatte einen prächtigen winterlichen Spaziergang gemacht. Sie gingen jetzt alle, Große und Kleine, nach einer von den Straßen vor dem Potsdamer Thore, wo der Onkel General von Reifenhagen wohnte. Dieser Shakspeare-Abend jeden Dienstag war, wie Mariechen versicherte, ein schöner Abend, weil die Kinder da mit in Gesellschaft gehen durften. Die gute Tante wußte wohl, daß es armen Kindern sehr einsam um das Herz ist, wenn die Eltern in Gesellschaft sind und sie mit den Dienstboten bleiben müssen, und darum, meinte sie, müsse das nicht zu oft vorkommen. Wenn auch an diesem Abende mehrere Stunden vorgelesen wurde, was die Kinder nichts anging, so fanden sie doch im Nebenzimmer während dessen einen Haufen Haselnüsse und das Post- und Reisespiel, und die großen Leute waren so gütig, vor und nach dem Lesen und in den Pausen mit ihnen zu scherzen, zu spielen und fröhlich zu sein. Feste Gäste dieses Leseabends waren außer den beiden Familien noch der junge Pastor Schlösser, der Lieutenant von Reifenhagen, Vetter des Generals, und Frau von Warmholz mit ihrer Tochter Klärchen. Sie alle waren einig im Glauben an einen Herrn, außerdem aber waren sie sehr verschieden. Es ist eine große Beschränktheit der Weltleute, daß sie wohl meinen, gläubige Menschen wären gerade einer wie der andere, ernsthaft, feierlich und langweilig. Daß es hier ebenso lustige wie ernsthafte, komische und kluge, einseitige, beschränkte und geistvolle giebt, möchten sie nicht glauben. Während die übrigen Gäste noch erwartet wurden, waren Elise und die Tante Generalin allein im Wohnzimmer, Emilie und Elisabeth tummelten sich mit den Kindern im Nebenzimmer. Du glaubst nicht, liebe Tante, wie sehr wir uns immer auf diesen Abend freuen, sagte Elise, indem sie sich behaglich in die Sofaecke lehnte; mir ist es besonders lieb, ich weiß die Kinder versorgt und amüsirt, die großen und die kleinen, das habe ich früher nie gehabt, und es erinnert mich so sehr an unser Leben im elterlichen Hause. Ja, entgegnete die Tante freundlich, es klingt zwar etwas seltsam, aber ich verlange, die Eltern müssen sich mit ihrem Umgange nach den Kindern richten: wenn die Kinder klein sind, müssen die Eltern auch Kinder sein und Leute einladen, die das verstehen. Läßt sich das in einem Stadtleben durchführen? fragte Elise zaghaft. Ausnahmen werden gestattet, lächelte die Tante, aber Du wirst es erfahren, wie herrlich sich alles gestaltet, wenn nur erst das Princip in einem Hause aufgestellt ist, daß den Kindern die meiste Liebe, die meiste Zeit und die meiste Rücksicht gehören müsse. Diese Zeit, für die Kinder verwendet, ist ein Kapital was die besten Zinsen trägt. Du siehst ja, wie ich mich bestrebe, das recht zu finden, sagte Elise lächelnd, – und liebe Tante, fügte sie hinzu, ich glaube, ich habe in den letzten Monaten etwas gelernt, ich bin weit fröhlicher und frischer mit den Kindern. Du warest ja gut angelernt von Deiner Mutter, entgegnete die Tante. Ich gestehe auch, fuhr Elise fort, daß ich mich eigentlich an Elisabeth versündigt habe, ich habe sie allein gehen lassen, habe nicht recht für ihr Vergnügen gesorgt. Meine Entschuldigung ist zwar, daß ich so viel mit den kleinen Kindern zu thun hatte und unsere Verhältnisse mir nicht erlaubten viel Hilfe zu nehmen, und außerdem die mancherlei Geselligkeit, die durch die nöthigen Vorbereitungen so viel Zeit und Gedanken in Anspruch nimmt. Elisabeth ist so lieblich und frisch zugleich, sagte die Tante. Sie ist aber noch so unsicher und wechselnd! entgegnete Elise seufzend. In der Adventszeit hat sie so eifrig mit Fritz Kirchengeschichte studiert, hat gesungen und beim Arbeiten Lieder gelernt, und außerdem mit den Kindern so viel gespielt. Nach Weihnachten war sie ganz anders, sie seufzte, es sei doch oft langweilig in der Welt, sie ließ nicht nach, sie mußte mit den Tanten nach den Conzerten, und neulich, als meines Mannes Schwester aus Königsberg hier war, war es durchaus nicht zu vermeiden, sie ist mit meinem Mann und den Schwägerinnen im Theater gewesen. Das habe ich gehört, sagte die Tante ruhig; Du siehst, daß Du für Elisabeths Unterhaltung sorgen mußt, wenn sie es nicht selbst thun soll. Ich habe in dieser Zeit viel mit meinem Mann überlegt, nahm Elise nachdenklich das Wort, ob wirklich Conzerte und Theater besuchen sich nicht mit unserer Lebensrichtung verträgt. Mein Mann ist in allen solchen Sachen so ruhig, kann sie leicht entbehren, und räth mir, wenn es mich beunruhigt, sie zu lassen. Für ein Unrecht hält er es indessen nicht; wenn ich es aber nicht für ein Unrecht halte, weiß ich nicht, warum ich alle diese Dinge nicht als Bildungsmittel benutzen kann. Wenn mich jemand fragt, begann die Tante, würde ich antworten: Gehe so lange hin, als du es nicht lassen kannst. – Elise sah sie fragend an. – Die Tante fuhr fort: So ist es mit all den einzelnen Fragen über Dinge, die an und für sich nicht Sünde sind, die den Christen beunruhigen, oft bei dem besten Willen beunruhigen, weil er nicht weiß, was er thun soll, und auch von Freunden verschieden berathen wird. Da ist meine Antwort eben: thue es, so lange du es nicht lassen kannst. Mit der Antwort will ich nicht die Gewissen beschweren, ich möchte nur die Sehnsucht von den Dingen dieser Welt ab nach oben hinziehen. Dann möchte ich noch hinzufügen: Eines schickt sich nicht für alle. Wem der Herr viel vertraut hat, der sollte ganz besonders vorsichtig sein. Ich möchte aber damit nicht sagen: Bezeuget der Welt, daß ihr fromme Leute seid, indem ihr weder Bälle, noch weltliche Conzerte, noch Theater besucht; das wollen wir durch ganz andere Dinge bezeugen. Wir sollen gottselig vor dem Herrn leben, wir sollen streben mit einem neuen Herzen in einem neuen Leben zu wandeln, dann werden alle diese einzelnen Fragen sich lösen, wie die herbstlichen abgelebten Blätter den jungen Frühlingstrieben weichen müssen. Zu beurtheilen und zu richten, wie weit in einem Herzen das neue Leben durchgedrungen, und wie weit ältere Lebensgewohnheiten diesem neuen Leben hinderlich oder unschädlich sind, wage ich nicht. Die Verhältnisse, in denen die Menschen leben, sind so verschieden, ebenso die Gefahren und die Versuchungen, ich möchte nur für mich und für alle, denen mein Einfluß etwas sein kann, wachen und beten, daß ein neues junges Leben frisch und freudig der Sonne entgegen sprießt, und daß es alles hinwegdrängt, was seinem Hinanstreben hinderlich ist. Ich für mich frage gar nichts danach, entgegnete Elise, ebenso wenig als mein Mann; wie ist es aber mit den Kindern, wenn sie nun einmal in einer großen Stadt leben? Können sie nicht von Kunst und Musik Nutzen haben, und dürfen wir sie, wenn sie sich danach sehnen, mit Gewalt zurückhalten? Kunst und Poesie sind mir als Bildungsmittel für meine Kinder sehr willkommen, entgegnete die Tante, was ihnen aber im Theater und in den gewöhnlichen Conzerten Schädliches dazu gereicht wird, hebt allen Nutzen, den sie von Kunst und Poesie haben können, wieder auf, Ueberlege Dir einmal, ob die Berliner jungen Mädchen, die häufig Theater und Conzerte besuchen, für ihren inneren Menschen davon Vortheil haben. Ich behaupte: Schaden, und ich kann nur allen Eltern, die in einer Stadt wohnen, rathen, die Töchter so ländlich als möglich zu erziehen, denn eine gründliche ländliche Erziehung ist jeder städtischen vorzuziehen. Liebe Elise, Du hast es selbst erfahren, als Du nach Berlin kamest, fügte die Tante lächelnd hinzu: Deine schönen Volkslieder, Deine Sonaten von Beethoven, die Du mit dem Cantor so wohl eingeübt hattest, und die Du eben darum so gut vortragen konntest, weil Deine Bildung und Deine Gefühle einfach und nicht veroberflächlicht waren, wurden förmlich bewundert. Ueber Shakspeare, Schiller und Göthe und viele ihrer Genossen konntest Du reden und hattest entschiedene Urtheile darüber. Du hattest sie aber kennen gelernt im traulichen Kreise, wo Du Dein ganzes Gemüth ungestört darauf richten konntest. Denke dagegen ein Berliner Mädchen im Theater, – welche zerstreuenden Gedanken bei ihr während des Kunstgenusses nebenherlaufen. Man würde Dir da entgegnen, sagte Elise, daß ein Stück auf der Bühne mit all den Mitteln, die der Bühne zu Gebote stehen, weit mehr Eindruck macht, als wenn man es nur liest. Das bestreite ich, fiel die Tante eifrig ein, eine jugendliche frische Phantasie bedarf dieser Hilfsmittel nicht, und ich bleibe dabei, daß eine Theater- und Conzertbildung mehr veroberflächlicht als Nutzen bringt. Ich habe in meiner Jugend beides besucht; im Theater wurden sehr selten Stücke gegeben, die zu meiner Bildung hätten dienen können, und in den verschiedenen Logen- und Harmonie-Conzerten, und welchen Namen sie auch hatten, habe ich mich, und ich darf behaupten ziemlich alle Anwesenden, die mit mir nicht kunstverständig waren, bei dem musikalischen Theil, besonders bei den Simfonien und ernsteren Stücken sehr gelangweilt, leichtere Melodien und Gesang ließen wir noch passiren; aber der gesellige Theil des Conzertes war doch die Hauptsache. Du hast in allem Recht, sagte Elise, wie sollte ich zu Elisabeths Bildung Theater und Conzerte nöthig finden? – so thöricht bin ich wirklich nicht. Aber was soll ich thun, wenn sie danach verlangt, soll ich sie mit Gewalt zurückhalten? Die Tante schwieg nachdenklich – nach einer Pause begann sie: Mit Gewalt zurückhalten? Nein. Ich meine aber mit des Herrn Hilfe kann es vermieden werden. Ich wiederhole: den Kindern muß es im elterlichen Hause wohl sein von klein an, man kann gar nicht fröhlich genug mit ihnen sein. Man muß ihnen behilflich sein zu allerhand Spaß und Zeitvertreib, wie die verschiedenen Eigenthümlichkeiten der Kinder es verlangen und es ihrem Alter angemessen ist. Dadurch entsteht kein weltliches Leben und Treiben im Hause, sondern ein kindliches und jugendliches Leben. Wird das aus einem Hause, wo Kinder sind, verbannt, so werden sie sich, sind sie von Natur fröhlich, außer dem Hause und den Eltern verborgen Nahrung suchen, oder sie werden, wenn sie ernsthaft sind und sich den Eltern fügen müssen, in der Blüthe verkümmern, frühreif und unnatürlich werden. Kinder, die so nach Herzenslust im väterlichen Hause aufwachsen, können gar kein lebhaftes Verlangen haben nach Dingen, die sich mit ihrem heimathlichen Boden, mit der ihnen eigenen Lebenslust nicht vertragen. Es können Zeiten und Verhältnisse für die Kinder eintreten (wenn sie nicht eintreten, ist es desto besser), wo sie wünschen solche Dinge kennen zu lernen. Sie mögen es thun, sie mögen die Welt beurtheilen und würdigen lernen, sie mögen sich durchkämpfen durch die verschiedenen Lebensperioden, aber nur um fester und selbständiger auf dem Grunde zu stehen, auf dem ihr Jugendleben und ihre Erziehung gegründet ist. Wir haben unsere erwachsenen Kinder, weil die Veranlassung dazu nahe lag, selbst in das Theater geführt, sie haben es angesehen, haben sich amüsirt, haben sich geärgert, nach ihren verschiedenen Eigenthümlichkeiten. Weil dies Vergnügen aber weiter nicht in unserer Hausordnung zu finden war, haben sie auch nicht weiter danach verlangt. So laß Dich auch nie durch einzelne Fälle beunruhigen, lebe Dich in das Reich Gottes, dessen König unser Herr und Heiland ist, und zu dem er uns fortwährend so dringend einladet, immer mehr mit Liebe und Treue hinein, steige mit Deinen Gebeten immer mehr und immer höher hinauf: je mehr Du Dich dahinein lebst, wo Du ewig wünschtest zu sein, je mehr siehst Du die Welt, und was sie Dir Sündliches zu bieten hat, im rechten Lichte, und Du siehst dann wieder, was Du nicht lassen kannst, Du sagst Dich ganz und gar los von der Welt und lebst nur für Deinen Herrn. Frau von Warmholz und Klärchen kamen jetzt, und mit ihnen traten Emilie, Elisabeth und Fritz in das Zimmer. Zugleich von der anderen Seite erschienen der General und der Geheimerath. Lieber Onkel, begann Elisabeth schmeichelnd zum General, bestimme doch als Hausherr, daß heut Romeo und Julie anfangen wird! Mein Kind, ich habe hier gar nichts zu bestimmen, lachte der Onkel, ich bin nur ein geduldeter Gast, der das Recht hat sich fortzustehlen, wenn es ihm zu gelehrt wird. Hier ist Emilie, glaube ich, Hausherr. Ach, Emilie liest den Romeo nicht, sagte Elisabeth ärgerlich. Du hast ihn ja in vergangener Woche erst gesehen! entgegnete Emilie. Darum eben, ich möchte ihn gern noch einmal hören, bat Elisabeth. Er gehört nicht zu meinen Lieblingen, war Emiliens Antwort. O doch, schön ist er! versicherte Frau von Warmholz. Ihre blauen Augen schauten dabei sehr strahlend um sich und die vielen hellbraunen Ringellocken bewegten sich lebhaft. Der Anfang scheint mir zu unnatürlich, entgegnete Emilie. Klärchen, eine kleine sehr starke Blondine, legte ihre runden weißen Hände vor sich auf den Tisch und sagte sehr bedächtig: Ja, die Liebesgeschichte geht mit unerhörter Schnelligkeit vor sich. Ein allgemeines Gelächter war die Antwort. Klärchen war das schon gewohnt und fragte in ihrer gewohnten Ruhe: Habe ich vielleicht etwas Unrechtes gesagt? Durchaus nicht! versicherten die andern, und ihre Mutter sagte: Aus Dir, mein Klärchen, wird nie eine Julia. Zu den anderen gewendet fügte sie hinzu: Shakspeare hat aber doch recht: jede tiefe wahre Neigung faßt mit wenigen Ausnahmen Wurzel beim ersten Sehen, nur daß wir Kinder des Nordens die Sache für uns behalten, sie erwägen und überlegen, wenn sie ein Italiener gleich ausspricht. Wie kann ich aber jemanden vom Ansehen lieben? ich muß doch wissen, warum ich ihn liebe, warf Emilie etwas wegwerfend ein. Pst! rief der Geheimerath, da bist Du auf einem Irrwege, man liebt nicht der guten Eigenschaften wegen, das ist etwas geheimnißvolles mit der Liebe, sie fragt nicht nach Wissen und nach Gründen. Emilie schüttelte den Kopf. Wir haben auch eigentlich nichts dabei zu risquiren, sagte Frau von Warmholz, unser Herz leitet uns oft sicherer als unser Wissen. Richtig! fiel Klärchen ein, mein Herz würde sich doch nie in einen heftigen aufbrausenden und launigen Mann verlieben. In einen, der an der Leber leidet, fiel der General scherzend ein. Das wäre schrecklich! entgegnete Klärchen, obgleich so ein armer Mensch nicht schuld an seinen Launen ist. Die Sache steht aber so, Klärchen, nahm ihre Mutter lebhaft das Wort, Dein Wissen und Dein Verstand würde sich vielleicht nie einen Mann wählen, der heftig und launig ist, und Dein Herz könnte sich doch darin verlieben, in der geheimnißvollen Ahnung, daß es Dir weit besser ist, einen lebhaften, als einen flegmatischen Mann zu haben. Ja wenn ich zuweilen lebhaft bin und Dich damit quäle, fügte sie scherzend hinzu, so bin ich es nur aus Pflichtgefühl, Dir zum Nutzen. Erstens, Du liebe Mama, bist Du immer lebhaft, entgegnete Klärchen gutmüthig, und dann kannst Du es nicht anders sein, und ich füge mich ganz verständig, weil Du meine Mutter bist. Und später könntest Du Dich fügen, weil es Dein Mann ist, warf die Mutter ein, und ihm zu Liebe würdest Du seine Fehler tragen. Klärchen schüttelte den Kopf. Ich könnte es auch gar nicht schlimm finden, sagte Elisabeth fröhlich, wenn man sich zuweilen zankt. Und wieder versöhnt, fügte der General hinzu. – Elisabeth nickte. Nein, nein, sagte Klärchen bedächtig, in der Fantasie mag das gehen, in der Wirklichkeit ist es aber sicher sehr ärgerlich, wenn so ein geliebter, liebenswürdiger Gegenstand ungezogen gegen uns ist. Er wird sich doch aber auch ändern, entgegnete Elisabeth höchst verständig. Das ist die allergrößte Mädchen-Thorheit, fiel ihr Emilie eifrig in die Rede, wenn sie glauben, daß ein Mann sich aus Liebe zu ihnen ändern würde. Das glaube ich auch, sagte Klärchen einverstanden, und es ist weit rathsamer, ein Mädchen nimmt sich gleich vor, mit Liebe die Fehler zu tragen, sie geht da wenigstens sicherer, weil es mit der Besserung doch immer fraglich ist. Jetzt schüttelte Elisabeth den Kopf. Während Emiliens und Klärchens Worten war die Thür leise aufgegangen, und Pastor Schlösser und der Lieutenant von Reifenhagen waren eingetreten. Von einem Mann, der an der Leber leidet, ist die Rede? fragte Herr von Reifenhagen jetzt scherzend. Aber nicht von Dir, lieber Theodor, fiel der General eben so ein. Das sehe ich aber auch nicht ein, wandte sich der Vetter zu Emilien, warum ein Mann aus Liebe sich nicht bessern könnte. Was meinen Sie, lieber Schlösser? Ich meine, nahm dieser ziemlich verlegen das Wort, es ist gerade der Zweck der Liebe eine gegenseitige Veredlung. Der Vetter wollte weiter inquiriren, aber ein Blick der Tante veranlaßte ihn zum Schweigen. Es war ja allen bekannt, daß Schlössers und Emiliens Herzen sich gefunden hatten. Emilie hatte sicher herausgefühlt was ihr fehlte, ein Mann der über ihr stand, an dem sie nichts zu tadeln noch vorzuhalten hatte. Die Generalin nahm jetzt schnell selbst das Wort: Ueber Liebe läßt sich eigentlich gar nicht debattiren, weil so viele Täuschungen des Herzens diesen Namen in Anspruch nehmen, sagte sie und erklärte dann den beiden nachgekommenen Herren ganz kurz, worum es sich gehandelt habe. Da kann ich aus meiner Erfahrung hinzufügen, daß ich mich als tanzender junger Mann sehr oft verliebt habe, versicherte Herr von Reifenhagen; ich wußte nie warum, es wurde mir nur immer klar, wenn es aufhörte. In dem ganz veräußerlichten und oberflächlichen Weltleben kann von einer tiefen und wahrhaftigen Liebe selten die Rede sein, entgegnete Elise. Ja, fiel die Tante freundlich ein, und der liebe Gott ist denn oft ein recht barmherziger Hüter seiner leichtsinnigen Kinder. Das ist nicht ohne Anspielung, sagte der General, wir haben uns auch auf einem Balle kennen lernen und haben uns gleich verliebt. Und es soll damit der Jugend kein Vorbild gegeben sein, fügte die Generalin lächelnd hinzu, es nimmt nicht oft einen so guten Ausgang. Ich war es nicht werth, wie der Herr mich so treulich geführt hat, und es war nicht mein Verdienst, daß ich einen so braven Mann bekam; die meisten meiner Bekannten, die nicht leichtsinniger waren als ich, sind sehr unglücklich geworden und ganz in der Welt untergegangen. Wir beide könnten aber Emiliens Behauptung am besten widerlegen, sagte der General. Ich habe mich doch wohl aus Liebe zu meiner Frau geändert; freilich ich merkte bald, daß ich eine so – Die Generalin küßte dem alten Eheherrn die Hand und legte ihm zugleich den Finger auf den Mund. Da sieht man doch, nahm er nach dieser Unterbrechung das Wort, daß ich unter dem Pantoffel stehe. Emilie schlug vor mit dem Lesen zu beginnen, Schlösser und der Vetter griffen nach dem Hamlet. Sie mußten abwechselnd vorlesen, die Damen hatten vertragsmäßig die Erlaubniß, sich mit Handarbeiten zu beschäftigen, der General und der Geheimerath dagegen durften eine Cigarre rauchen. Nachdem eine Abtheilung gelesen war, während darüber discutirt wurde, sagte Klärchen leise zu Elisabeth: Ich habe Dich wirklich bewundert, Du stickst und trennst, und stickst und trennst immer wieder auf. – Elisabeth ward sehr roth. – Hast Du Dich so sehr in Hamlet vertieft? flüsterte Klärchen weiter. – Elisabeth war zu wahrheitsliebend, sie schüttelte den Kopf, beinah hätte sie hinzugesetzt: Ich dachte nur an Romeo, – aber sie legte unwillkürlich den Finger an den Mund, welches Zeichen Klärchen auch gewissenhaft auf sich bezog und nichts weiter sagte. Während der größeren Hälfte des Lesens hatte der General gefehlt. Als es vorüber, kam er mit einem Brief in der Hand herein. Ich habe hier einen Brief von Bruder Fritz, sagte er. Vom Großpapa! rief Elisabeth lebhaft. Elise und ihr Mann erkundigten sich nach dem Befinden der Lieben in Woltheim, und der General erzählte erst, daß Onkel Karl die Grippe hatte, dann nahm er den Brief selbst und las, weil allgemein danach verlangt wurde, daraus vor: – »Seitdem Bruder Karl wieder sein Zimmer verlassen kann, ist seine gute Laune auf dem Wege der Besserung. Gestern traf ich ihn bei Charlottchen, wo er sie über rationelle Landwirtschaft belehrte und versicherte; der einzige Grund, warum es mit unserem Gute nicht vorwärts wolle, sei der, weil er keine Brennerei habe anlegen dürfen. Sagen Sie lieber: wollen , theurer Herr von Budmar! fiel ihm Charlottchen in die Rede. Nun, ja, wollen, wiederholte Karl, ich sehe wohl ein, daß es Sünde ist. Warum wollen wir unser Gewissen mit einer Brennerei beschweren? fuhr Charlottchen fort; denken Sie, wenn einstens Hunderte von Trunkenbolden uns aus der Hölle herauf anklagen wollten. Sie haben ganz Recht Charlottchen, aber wissen Sie, daß es Menschen giebt, die darüber lachen können. – Ich glaube, daß wir dort oben einst ganz anders über die Bewirthschaftung eines Gutes denken werden als jetzt; fügte er nachdenklich hinzu. Gewiß, gewiß! versicherte Charlottchen. Würden unsere Kinder wohl glücklicher sein, wenn sie jedes ein paar tausend Thaler mehr hätten? fragte er weiter. Nein, versicherte Charlottchen, gerade weil wir hier nie viel nach Geld spekulirt haben, hat unser lieber Herr Gott die Kinder so gesegnet – es sind doch herrliche Kinder! und so viele liebe Enkel! Nun Charlottchen, ich habe auch meine Sorgen gehabt, keiner weiß das besser als Sie. Aber Sie müssen gestehen, daß des Herrn Segen ganz besonders auf Ihrem Wirthschaften ruhte, entgegnete Charlottchen wieder und fuhr dann fort in ihrer einfältigen Art ihn von seinen Wirthschaftssorgen, die das unveränderte Thema ihrer Unterhaltung sind, abzuziehen und ihm vorzustellen: wie wird es sein, wenn wir dort oben sind. Ihre schönen Mondschein- und Nachtigallen-Stimmungen, die ihn in der Jugend so angegriffen, sind ihm in einer etwas ernsteren und veredelten Form nicht mehr unangenehm. Ja Charlottchen ist ein Schatz, wenn auch sehr unscheinbar, sie wird einst in ihrer Demuth und Bescheidenheit an der Himmelspforte stehen bleiben, der Herr aber wird ihr einen besseren Platz anweisen.« Der Brief schloß mit Berichten aus der Oberförsterei, mit Grüßen und Versicherungen, und die Zuhörer sprachen darauf in Ernst und Scherz über Onkel Karl und Charlottchen. Weißt Du, Mama, begann Elisabeth plötzlich eifrig, ich müßte doch wohl hin und Onkel Karl auch unterhalten? Die Mutter hatte nur ein Lächeln als Antwort darauf. Aber der Gedanke war nicht übel, jetzt gerade, wo die Versuchungen und Zerstreuungen des Winters erst recht beginnen sollten, war Elisabeth bei den Großeltern am besten aufgehoben. Wenn nur dieser Winter erst glücklich vorüber ist! dachte Elise, bis künftigen Winter wirst du einen ganz anderen Einfluß auf Elisabeth gewonnen haben! Daß der Vorschlag von Elisabeth ausging, war unerwartet, nicht allein der Mutter, auch den anderen. Du Elisabeth im Winter bei den Großeltern? fragte Emilie. Du würdest es nicht lange aushalten. Nicht aushalten? rief Elisabeth; wenn ich nur lange Urlaub bekomme. Aber im Winter! gab Klärchen auch zu bedenken. Deine Großeltern und Onkel Karl und Charlottchen leben wie im Kloster. Und doch vergnügt! fuhr Elisabeth fort. Dann habe ich die Oberförsterei, bei den vielen Kindern ist immer etwas los, und Tante Julchen und der Onkel sind zu vergnügt. Außerdem steht mir beim Großpapa das ganze Gut zu Gebote, mich zu amüsiren, und nicht wahr, Papa, das sind fünfhundert Morgen Land? Wenigstens! sagte der Geheimerath. Sie müssen aber bedenken, Fräulein Elisabeth, daß Sie kein Kind mehr sind, Sie sind confirmirt, warf Herr von Reifenhagen ein, Sie können mit dem alten Friedrich nicht mehr nach Holz fahren, noch mit Onkel Karl Korn aufmessen. So wird sich etwas anderes finden, triumfierte Elisabeth, wenn die Eltern nur die Erlaubniß geben. Die Eltern hatten nichts einzuwenden, und die Tante Generalin und der Onkel waren ordentlich erfreut über Elisabeths ländlichen Geschmack. Der Onkel selbst brachte sie auf allerhand vergnügliche Ideen; er schlug ihr vor, da sie mit dem alten Friedrich nicht mehr auf dem Ackerwagen fahren dürfte, so sollte sie mit ihm ausreiten; die alten dicken Schimmel müßten stattlich aussehen, und jedenfalls müßte in dem conservativen Hause das stahlgrüne Reitkleid von der Großmutter noch vorhanden sein. Richtig, richtig! rief Elisabeth und klatschte in die Hände: Charlottchen packt jeden Monat April eine große Mottenkiste, ich habe ihr oft genug geholfen das Kienölpapier dazwischen legen, da habe ich das stahlgrüne Kleid gesehen, und habe auch einen leberfarbenen Frack mit Silbertressen gesehen, der stammt von Friedrich, in seiner Jugend ist er herausgewachsen, aber jetzt paßt er gewiß wieder. Elise stimmte nun in dieses sehr lustige Thema ein, erzählte, wie das Jagdkleid und der Frack oft genug von ihr und den Geschwistern zu Verkleidungen benutzt, und nur auf des Vaters bestimmten Wunsch vor der gefährlichen, immer zum Zerschneiden bereiten Scheere der Mutter gerettet wurden. – Der Schluß der Unterhaltung war, daß Elise ihr Töchterlein selbst nach Woltheim bringen wolle, gleich am andern Morgen sollte ein Brief sie anmelden und die Schimmel nach der Eisenbahnstation bestellen. Gegen Abend des anderen Tages traten Tante Wina und Paula mit ihrer Schwägerin in die Kinderstube. Hier ist der arme Sträfling, sagte Elise freundlich, fragt ihn selbst. Du willst wirklich nach Woltheim? wandte sich Wina scharf an Elisabeth. Und wie gern! sagte Elisabeth und umarmte dabei die Tanten in höchst stürmischer Weise. An Dir ist Hopfen und Malz verloren! zürnte Wina. Gestern erst habe ich der Schwester nach Königsberg geschrieben, wie sehr Dich der Romeo erfreut hat! fügte Paula hinzu. Das hat er auch, sagte Elisabeth ziemlich erstaunt. Jetzt will sie aber auf Großpapas Schimmeln spazieren reiten, erzählte Karl höchst wichtig. Unsinn! rief Tante Wina heftig, ein vernünftiges und wohlerzogenes Mädchen wird daran nicht denken. Ich will es aber wirklich, versicherte Elisabeth fröhlich. Und Großpapa erlaubt das? fragte Wina spöttisch. Ich hoffe sehr, entgegnete Elisabeth. Aber welche Lebensgefahr für Dich! warnte Paula. O nein, tröstete Karl, die alten Schimmel sind nicht gefährlich. Ja, die alten Schimmel werden mit Elisabeths Wunsch auch nicht einverstanden sein, scherzte die Mutter. Wie lange gedenkst Du fortzubleiben? fragte Wina. Bis zur Fastenzeit geht meine Erlaubniß, entgegnete Elisabeth. – Wina verstand die Absicht: in der Fastenzeit hatte Elise von jeher (darin war sie ihren Eltern treu geblieben) jedes laute zerstreuende Vergnügen – und ganz mit des Mannes Einverständniß – aus der Hausordnung gestrichen. Du bist ein wetterwendisch Ding, zürnte Wina immer noch, zuweilen schwärmst Du für das Stadt- und dann wieder für das Landleben. Eigentlich schwärme ich für das Landleben, versicherte Elisabeth; Euch zu Liebe habe ich es nur für das Stadtleben versucht. Auch bin ich noch nicht ganz sicher darüber. Uns zu Liebe könntest Du uns auch um Rath fragen bei solchen Reiseplänen! sagte Wina. Ich wußte aber vorher, daß Ihr nicht damit einverstanden waret, entgegnete Elisabeth aufrichtig. Die Mutter war aus dem Zimmer gegangen, und Wina, dadurch muthiger, sagte schnell: Weil wir nicht wünschen, daß Du verbauerst. Elisabeth sah die Tante stolz an, sie hatte schon eine Antwort auf den Lippen, als die gutmüthige Paula sagte: Kinder, zankt Euch nur nicht zum Abschied! Du mußt bedenken, liebe Elisabeth, daß wir sehr traurig sind, wenn Du fort gehst. Wenn ich wieder komme, werde ich Euch sehr oft besuchen, versicherte Elisabeth, von Paulas Worten völlig überzeugt und gerührt. Morgen Abend kann ich aber auch noch bei Euch sein, fügte sie hinzu, Tante Wina, da gebt Ihr mir eine Abschiedsfête! Du bist ein Schelm! lächelte Wina, schon zur Versöhnung geneigt, und es bedurfte nur noch wenige von Elisabeths fröhlichen Scherzen, um die Tanten-Herzen in völlige Begeisterung zu versetzen. 10. Unverhofftes Begegnen. Am Morgen nach der Abschiedsfête ging der Geheimerath Kühneman mit Frau und Kindern nach der Eisenbahn; nur Karl als praktisches Genie fuhr Koffer und Reisetaschen in einer Droschke hin. Die Kinder hatten eine unendliche Reihe von Bestellungen zu machen an die Lieben jung und alt in Woltheim, und es war für Elisabeth eine ziemliche Geduldsprobe, alles anzuhören; aber sie war sehr liebenswürdig und hatte für jeden Auftrag eine freundliche Antwort, bis sie mit der Mutter im Wagen saß und nur noch mit freundlichen Blicken und Winken antworten konnte. Bei der Fahrt waren Mutter und Tochter schweigsam. Die Mutter war auch wirklich vom Packen, vom Einrichten der Wirtschaft und dem ganzen unruhigen Morgen sehr angegriffen, aber sie hatte sehr angenehme Gedanken, sie dachte mit Freude an Elisabeths leichten Abschied vom winterlichen lebhaften Berlin und war überzeugt, daß ihr Töchterlein ganz unberührt davon geblieben war. Sie knüpfte daran die herrlichsten Pläne für ihr häusliches Leben für den künftigen Winter und für alle Zeiten. Elisabeth hatte auch angenehme Gedanken. Das Leben bei den Großeltern malte sie sich wundervoll aus, aber ein Bild tauchte darin auf, das ihr jedesmal einen heißen Strahl durch ihr Herz sandte, ein Bild, das sie in der ganzen Adventszeit wirklich ernsthaft zu verbannen suchte, das aber immer wieder auftauchte, und seit dem Romeo-Abend ihr ganzes Herz erfüllte. In derselben Zeit fuhr der alte Friedrich mit den alten Schimmeln und der alten Glaskutsche nach der Bahn. Beide, Pferde und Wagen, waren nahe an dreißig Jahre alt. Noch sehr gut im Stande, hatten sie keine Veranlassung zum Wechsel gegeben. Sie hatten in ihrem Erscheinen auch etwas ungemein ehrwürdiges und wurden in der ganzen Gegend respectirt. Wenn die Schimmel im bedächtigen Schritt oder Trabe daher kamen, da sagten die Leute in den kleinen Städten und in den Dörfern, die jungen und die alten: Ah, der gnädige Herr von Woltheim! und an der kleinen Eisenbahnstation wurde dieser Equipage weit mehr Aufmerksamkeit geschenkt als den eleganten und modernen Equipagen der umwohnenden Oekonomen. Als Friedrich in sehr langsamem Schritte – natürlich, denn der Wagen war leer, – an Braunhausen vorbei fuhr, kam plötzlich ein Reiter, ein junger Offizier, herbei geflogen. Fahren Sie nach der Bahn? fragte er. Aufzuwarten, Herr Lieutenant! entgegnete Friedrich und faßte an seinen Hut. Die Schimmel standen von selbst still. Wen holen Sie dort ab? fragte der Lieutenant weiter. Die Frau Geheimeräthin und das Fräulein, war Friedrichs Antwort. Der junge Herr sah nach seiner Uhr: In einer halben Stunde kommt der Zug, Sie werden zu spät kommen, sagte er. Ja, ja, das ist wahr, entgegnete Friedrich einverstanden, und dahin flog der Reiter, und die Schimmel schritten bedächtig weiter. Ein flinker Bursche! sagte Friedrich schmunzelnd, das Herz lacht einem im Leibe, wenn mans sieht. Nun, als wir jung waren, konnten wir auch reiten, der gnädige Herr immer Nummer Eins, und Friedrich Kaseman blieb nicht gern zurück. Ja der Soldatenstand ist ein schöner Stand, aber wenn man alt wird, geht es nicht mehr. Ich und meine Schimmel kommen auch nicht zur rechten Zeit nach der Bahn, aber es läßt sich nichts erzwingen in der Welt, und zuverlässig sind wir von Grunde aus. Zuverlässig war er, aber zur rechten Zeit war er nicht an der Bahn. Elisabeth und die Mutter spähten schon von weitem nach den Schimmeln: Sie sind wirklich nicht da! war die gegenseitige Versicherung. – Der Zug hielt an, zu gleicher Zeit sprengte ein Reiter herbei; als der schrillende Ton der Locomotive durch die Luft zitterte, stieg das Pferd kerzengerade in die Luft. Es war eben so schnell gebändigt, der Reiter schwang sich aus dem Sattel, warf den Zügel einem Arbeitsmann zu und eilte nach dem Perron. Unsere beiden Reisenden hatten alles mit angesehen, der Mutter fiel eine Last auf die Seele, es war ihr, als ob sie verblendet war, und jetzt alles klar vor sich sah. Herr von Kadden hier? Sollte das mit Elisabeths fröhlichem Abschied zusammen hängen? Und wie sonderbar! schien es nicht, als ob sie förmlich erwartet wären? Ein schrecklicher Verdacht stieg in ihrer Seele auf. Sie schaute nach Elisabeth, aber da war weder von einem bösen Gewissen noch von Verlegenheit etwas zu sehen, die freudigste Ueberraschung strahlte aus den großen hellen Augen. Es ist doch zu wunderbar, daß er hier ist! dachte sie. Als der Schaffner die Thür öffnete, stand Herr von Kadden schon hier, er schaute so offenherzig und so glücklich aus den jugendlichen, winterfrischen Zügen, daß der Mutter Herz selbst warm wurde, und sie nicht anders konnte als seinen Gruß freundlich erwiedern. Ich komme, Ihnen zu sagen, daß Ihr Wagen erst in einer halben Stunde hier sein kann, sagte er zuvorkommend. Woher wissen Sie das? fragte die Geheimeräthin. Ich bin ihm auf einem Spazierritt begegnet, war Herrn von Kaddens Antwort, ich kenne die Equipage recht gut, bei unseren Uebungen hält sie oft als Zuschauer in der Nähe. Ja, der Kutscher ist Kürassier gewesen, entgegnete Elise, und hat immer noch seine Freude am Militär. Sie stockte dann. Sie wußte nicht, ob sie Fußsäcke und Reisetasche, die Herr von Kadden indessen, als sich von selbst verstehend, hingenommen, ihm überlassen dürfe, sie war verlegener als die Tochter, die den Ritterdienst herablassend angenommen. Nach der ersten freudigen Ueberraschung, die ihm ja entgangen war, betrug sich Elisabeth als ein höchst verständiges Mädchen, und als sie seinen fragenden und zwischen Freud und Leid zagenden Blicken begegnete, wandte sie sich schnell nach seinem Pferde und fragte: ob ihn das wilde Thier damals in der Nacht glücklich nach Hause gebracht. Er bejahte und fügte hinzu: Ich bin seitdem schon dreimal in Berlin gewesen, haben Sie des Freitags nicht mehr die englischen Stunden? Schon lange nicht mehr, entgegnete Elisabeth ohne aufzusehen, ich besuche die Engländerin nur noch zuweilen. Sie waren dabei in das Restaurations-Häuschen getreten, die Geheimeräthin begrüßte sich mit der bekannten Wirthin und bestellte, wie gewöhnlich, etwas Kaffee. Mit ihnen zu gleicher Zeit waren einige Bauersleute in die einzige erwärmte Stube getreten, die Wirthin ordnete für ihre vornehmen Gäste aber die beste Ecke darin. Herr von Kadden folgte dem natürlichen Gefühl: wer die Tochter haben will, halte es mit der Mutter. Während Elisabeth in dem einen Fenster stand, lehnte er im andern, der sehr gescheiten und scharf um sich blickenden Frau Geheimeräthin gegenüber. Die bange Ahnung, die sie bei seinem ersten Erscheinen auf dem Balle erfaßt hatte, bedrückte ihr Herz, aber sie war vernünftig genug, sich jetzt in die Umstände zu fügen. Sie nahm sich sogar vor, ihn bei dieser Gelegenheit zu prüfen. Sie begann diese Prüfung mit einigen Fragen nach bekannten Familien in Braunhausen. Er war in seinem Urtheil nicht zurückhaltend, ganz harmlos und meistens sehr treffend sprach er sich aus. Er war noch nicht lange in Braunhausen, er wünschte in Familien eingeführt zu werden, einige waren ihm zu gewöhnlich, einige zu langweilig, – und der Landrath – er hielt einen Augenblick inne und erröthete. – Die Geheimeräthin lächelte: der Landrath war ein »Pietist.« – Er ist jedenfalls ein sehr tactloser Mann, vollendete Herr von Kadden ruhig seinen angefangenen Satz. Die Geheimeräthin konnte nicht widersprechen, weil er Recht hatte. Er erzählte schnell weiter, daß er aber neulich mit mehreren Freunden den Herrn von Budmar als einen früheren Kameraden aufgesucht. – Auch das! dachte Elise seufzend. – Es ist mir in dem alten patriarchalischen Hause ganz wohl geworden, sagte er warm, und es ist mir noch nie so aufgefallen, daß ich eigentlich ein heimathloser Mensch, ein rechtes Soldatenkind bin. Elise fragte nach seinen Eltern, nach seiner Familie, und er erzählte, daß seine Eltern früh gestorben waren; sein Großvater, auch ein alter Militär, hatte ihn, ehe er nach dem Kadettenhause kam, einige Jahre bei sich gehabt, die einzige Schwester war in einem Institut erzogen und jetzt am Rhein an einen Offizier verheirathet. Ich könnte meinen Burschen beneiden, fügte er ganz ernsthaft hinzu, wenn er von seinem Dorfe und von seiner ganzen Verwandtschaft so stolz erzählt. Ach ja, die Heimath und ein großer Familienkreis ist ein rechter Reichthum, sagte Elise freundlich. Sie fing an, den Sprecher mit Theilnahme zu betrachten. Eines hat mich aber doch sehr gefreut, fuhr Herr von Kadden lebhaft fort: im vergangenen Jahr, als ich majorenn wurde, hat mir mein Vormund einen alten Nußbaumkoffer geschickt; der Großvater hatte ausdrücklich im Testament verordnet, daß er nicht verkauft werden durfte, trotz des Vormundes Vorstellungen, daß der Transport vom Rhein her, wo der Großvater zuletzt lebte, seinen Werth ziemlich übersteigen würde. Der Koffer ist ein Erbstück vom Urgroßvater, einige noch ungebrauchte und von meiner Urgroßmutter gesponnene Gedecke lagen darin und einige alte Bücher, auch eine alte große Bilderbibel mit einer kleinen Familienchronik und Briefe meiner Eltern, besonders meiner Mutter. – Elise hörte theilnehmend zu, und auch Elisabeth war neugierig näher getreten. – Der Koffer ist mein liebstes Möbel in meiner Stube, fuhr er fort, obgleich meine Kameraden mich darüber necken. Wenn es mir zuweilen so heimathlos zu Sinne ist, dann setze ich mich vor den Koffer und denke, wie meine Urgroßmutter und meine Großmutter davor gestanden, und was sie wohl alle erlebt haben, ob sie fröhlich oder traurig gewesen sind, und wenn mein Bursche groß thut mit seiner Verwandtschaft, dann zeige ich ihm Sachen aus dem alten Koffer. Das Leinen bewundert er als Sachverständiger, und wenn ich Besuch habe, legen wir auch immer Servietten davon auf. So eine Familienchronik in einer Bibel ist sehr schön, sagte Elisabeth. Ja, seit hundert Jahren ist jedes Familienglied eingetragen, fuhr der junge Mann fort, mein Name ist der letzte. Der Großvater hat einen Bibelspruch dabei geschrieben. Und welchen? fragte Elisabeth schnell. Ich weiß wirklich nicht genau, war die etwas verlegene Antwort. In dem Augenblicke fuhren die Schimmel vor die Thür und Elisabeth verließ das Zimmer, sie zu begrüßen. Da sind wir glücklich angekommen, sagte Friedrich und nahm seinen schwarzen Tressenhut ab. Elisabeth erkundigte sich nach Großpapa und Großmama, nach Onkel und Tanten, und erhielt auf alle Fragen die gewünschte Antwort. Wenn es die Herrschaften erlauben, so sollen meine Schimmel erst ein Stück Brot verzehren, sagte Friedrich, denn zurück müssen sie traben, daß hilft allewege nicht. Und Du trinkst hier erst Kaffee! entgegnete Elisabeth. Friedrich schmunzelte, und die Wirthin, die in der Thüre stand, erbot sich sogleich einige Tassen nachzutrichtern. Elisabeth holte aus der eigenen Tasche Weißbrot heraus, um die Schimmel zu füttern, da kam auch der Arbeitsmann mit Herrn von Kaddens schönem nußbraunen Renner näher. Der ist eher angekommen wie ich, sagte Friedrich. Der Arbeitsmann lachte. Ob er wohl Weißbrot frißt? fragte Elisabeth und hielt ihm ein Stückchen hin. Ja wirklich! rief sie vergnügt, er scheint es gern zu nehmen. In dem Augenblick trat Herr von Kadden heraus, und an sein Pferd gelehnt sah er zu, wie Elisabeth mit großem Entzücken die drei Pferde fütterte. Am Fenster aber stand noch eine Zuschauerin, und mit immer schwererem Herzen, ihre bange Ahnung schien ihr nur gewisser zu werden. – Aber dieser junge ganz unselbständige Mensch der Führer und Herr ihrer Elisabeth, die ja selbst noch ein ganz unselbständiges Kind war! Sie schaute nachdenklich auf das sehr hübsche Paar, Elisabeth im feinen dunkelwollenen Kleide hatte ein großes blaues crêpe de chine Tuch umgeschlungen und hinten zugeknüpft, sie war vergnügt wie ein Kind, er dagegen sah heute im schlichten dunkeln Oberrock solider und männlicher aus als im Ballkostüm, und ernsthaft fast traurig schien er jetzt. Ja als er so an sein Pferd gelehnt stand, überlegte er sich, daß er wohl zu kühn sich hier zu den Damen gesellt und gar kein Recht habe einzudringen in einen so fremden Familienkreis. Er, ein Fremder hier und ein Fremder überall. Elisabeth hatte ihn heute kaum angesehen. Welches von Deinen Pferden ist wohl das sanfteste? wandte sich Elisabeth zu Friedrich, der, als sie mit dem Weißbrot fertig war, jetzt mit seinem Schwarzbrot näher trat. Sanft sind sie alle beide, versicherte Friedrich und nach einem Augenblick der Ueberlegung fügte er hinzu: Der Ypsilanti hier wäre vielleicht noch ruhiger. Als Damenpferd betrachtet? fuhr Elisabeth sachverständig fort. Als Damenpferd – nun ja – er hat einen leichteren Trab, war Friedrichs Antwort. Galloppiren kann er wohl nicht mehr? fragte Elisabeth ziemlich zaghaft. Ach nein, galloppiren thut er nicht mehr. Man kann ihm also am besten einen Damensattel auflegen. Damensattel! fragte Friedrich verwundert, – ach nein. O doch, Friedrich, sagte Elisabeth sehr bestimmt, ich will zuweilen reiten. Reiten? ei was! entgegnete Friedrich mit steigendem Erstaunen. Du weißt doch, fuhr Elisabeth fort, die Großmama hat noch ein stahlgrünes Reitkleid. Ja, ja, fiel Friedrich lebhaft ein, die gnädige Frau war eine wunderschöne Reiterin. Und Dein Reitfrack ist auch noch da. Wirklich? sagte Friedrich und ein herzliches Lachen folgte. Ja, da war ich ein schlanker Junge, nachher als Kürassier ging ich in die Breite. Aber Friedrich, jetzt wird es Dir wieder passen, sagte Elisabeth ganz ernsthaft. Nein, nein, entgegnete Friedrich und schüttelte sein altes Haupt. Ich habe mich aber sehr darauf gefreut, versicherte Elisabeth. Hm, hm, – sagte Friedrich, ja liebes Fräulein, das ist nur kein Plaisir mehr für mich und für die Schimmel, und es läßt sich nichts erzwingen in der Welt. Elisabeth sah jetzt zum ersten mal in ihrem Eifer zu Herrn von Kadden auf, und der hatte über dieser Unterredung seinen Kummer vergessen, und biß die Lippen auf einander, um sein Lachen zu verbergen. Sie merkte es aber wohl und sagte noch eifriger: Ich sehe gar nicht ein, warum das nicht gehen soll. Wie schade, daß mein Pferd nicht als Damenpferd zugeritten ist! sagte Herr von Kadden zuvorkommend. Mit einem solchen Hitzkopf möchte ich auch reiten! entgegnete Elisabeth ärgerlich und wandte sich zur Hausthür, wo eben die Mutter erschienen war. Es entspann sich eine kurze Unterredung zwischen Friedrich und der Frau Geheimeräthin: noch zehn Minuten – dann sollten die Schimmel fertig sein, und für ihren alten Freund winkte die Wirthin schon mit dem Kaffee. So wollen wir bei dem schönen Wetter langsam vorangehen, schlug die Mutter Elisabeth vor. Elisabeth war sehr einverstanden und schickte sich zum Gehen an. Doch nicht ohne Hut und Mantel? lächelte die Mutter. Im Augenblick sprang Herr von Kadden hinein und kam mit beidem zurück. Er war Elisabeth beim Anlegen behilflich, er hoffte doch auf einen dankbaren Blick, aber sie dankte ohne ihn anzusehen. Jetzt wurde er ungeduldig: Du bist ein Narr! dachte er, es ist sehr vernünftig, wenn du so schnell als möglich fortreitest und die Sache aufgiebst; der alte Erbkoffer hat für dich mehr Theilnahme als das Mädchen! Elisabeth fühlte deutlich seine Stimmung; wie er ganz unwillkürlich mit der zuckenden Hand nach dem Zügel seines Pferdes griff, da sah sie auf, sie sah in die großen dunkelblauen Augen, wie sie düster auf ihr ruhten, und sie sagte mit einem zaghaften Lächeln: Ob es wirklich mit den Schimmeln nicht geht? Ich glaube nicht, sagte er, und sah nicht mehr böse aber doch traurig aus. Warum haben Sie denn meinen Vorschlag so unfreundlich zurückgewiesen? fügte er hinzu. Die Mutter hatte jetzt ihr Gespräch mit der Wirthin vollendet und wandte sich zu Herrn von Kadden; sie wünschte, er möchte sich empfehlen, und wollte es sonst an seiner statt thun. Er aber athmete tief auf, ließ die Hand vom Zügel los und bat um die Erlaubniß, sie etwas begleiten zu dürfen. Sie mußte ihm wohl gegeben werden, und alle drei gingen einen sehr hübschen Weg durch einen jungen Tannenwald voran. Es ist zauberhaft schön hier im Walde! sagte die Mutter: diese Ruhe und dieser Glanz, es ist doch hier anders als im Thiergarten. Mir ist es als ob ich träume, fügte Elisabeth hinzu, plötzlich aus dem lauten Berlin heraus bin ich hier im einsamen Walde, und hier unter der Tanne wächst wunderschönes Moos! rief sie fröhlich und bückte sich zum pflücken. Herr von Kadden bückte sich auch, ihr beim Sammeln behilflich zu sein. Sie hatten schnell beide ein Sträußchen in der Hand, er reichte ihr seines, griff aber zugleich fragend nach dem ihrigen. Sie zögerte, aber gab es ihm, pflückte erröthend noch einige Tannenspitzen dazu, und eilte zur Mutter, die nur wenige Schritte voraus stehen geblieben war. Herr von Kadden pflückte sich auch einige Tannenspitzen hinzu und steckte das Sträußchen sorgsam in die Brusttasche seiner Uniform. Elisabeths Mutter sah bloß das letztere, und fand nichts auffallendes dabei, sie wunderte sich aber, als er plötzlich so sehr fröhlich war und Elisabeth wieder auf den Ypsilanti brachte und diese herrliche Idee humoristisch weiter ausführte. Elisabeth wehrte sich, wollte auch böse sein, er aber hatte sein Sträußchen in der Tasche und hatte keine Furcht. Die Schimmel kamen endlich, die Damen stiegen ein, und er eilte zurück, um nur noch einmal grüßend an ihnen vorüberzufliegen. 11. Bei den Großeltern. Vier Tage war Elisabeth bei den Großeltern, als die Mutter abreiste. Sie ließ ihr Töchterlein und auch ihre Sorgen zurück. Die Großeltern waren beide so sehr ruhig, sie hatten schon mehr in der Welt erlebt. Die Oberförsterin hatte auch in ihrer Jugend eine thörichte Liebe gehabt, und hatte nachher einen so braven Mann bekommen. Elisabeths warmes Herz wird noch öfter etwas schneller klopfen, und Herr von Kadden darf gegen ein so hübsches Mädchen aufmerksam sein, ohne ernstliche Absichten zu haben. Die Großeltern wollten aber doch die Sache ernstlich untersuchen, der Großmama sollte es nicht schwer werden, Elisabeths Herz zu erforschen, sie war ja des Kindes allerbeste Freundin. Elise mußte das zugeben, obwohl sie ein bitteres Gefühl dabei nicht überwinden konnte. Zu ihrer Entschuldigung sagte sie: Elisabeth ist so viel bei der Großmutter gewesen, es ist ja ganz natürlich. Es ist aber doch entsetzlich schwer, wenn eine erwachsene Tochter dem Mutterherzen fremd ist, wenn sie nie kommt, sich warm anzuschmiegen und einen Blick des Verständnisses zu suchen. Zwischen Elisabeth und der Mutter war das aber nie eingeführt, die Mutter war ihr immer eine treue Lehrerin und Rathgeberin, aber nie die Vertraute ihrer kindischen Vergnügungen und Fantasien, nie eine warme fröhliche Freundin ihrer Jugend gewesen; woher sollte jetzt plötzlich eine so innige Gemeinschaft, das Bedürfniß nach Mittheilung kommen? Während Elise immer wieder dasselbe Thema überlegte und sich selbst damit peinigte, war Elisabeth bei den Großeltern sehr vergnügt, ihre tanzenden Füße und ihre singende Stimme wurden Trepp auf Trepp ab gehört, sie unterhielt Charlottchen und Onkel Karl und die Wirthschafterin und den alten Friedrich, kommandirte, wo es irgend ging, und fühlte und versicherte nur den zu sehr geliebten und zu sehr verehrten Großeltern gegenüber, daß sie noch etwas unvollkommen sei und sich noch etwas ändern müsse. Der Kürassier-Lieutenant war von den Großeltern bald vergessen, Elisabeth schien auch Besseres zu thun zu haben, als sich mit einer geheimen Neigung umherzutragen. Den Tag, nachdem Elisabeths Mutter abgereist, war es in der Welt sehr kalt und sehr nebelig; Mittag erst drang die Sonne durch, erst mit einigen Strahlen, dann immer heller und heller glänzend besiegte sie die Nebelmassen und schuf zugleich eine Pracht- und Wunderscene. Sterne und Blüthen waren auf die Welt gesäet und schmückten und umstrahlten die mächtigsten Bäume, wie die kleinsten Blumen und Gräser. Die Großeltern hatten Mittagsruhe gehalten, sie traten an das Fenster und schauten in herzlicher Bewunderung die Schönheit an. Man braucht gar nicht große Reisen zu machen, sagte die Großmama, um die Wunder der Erde zu sehen. Ja, liebes Mariechen, entgegnete der Großpapa, man hat nur aus seinem Fenster zu sehen; dies ist doch ein Schöpferwerk, das eine Menschenseele zum Staunen und Preisen zwingt. – Er machte ein Fenster auf und ihre Augen schauten weit hin über diese winterliche Frühlingspracht. Der kleine Garten, der hinter dem Hause lag, jetzt nicht mehr durch die alte Mauer von der Wiese getrennt, die Wiese aber war mit hübschen Baumgruppen bepflanzt und mit einer Hecke eingefaßt. Es war dies der Großmama erster Wunsch, als sie das Haus bezog. Schwager Karl hatte die Ausführung nicht leicht gefunden, weil einige Wege, die durch die Wiese sich schlängeln mußten, dem Futterbaue Abbruch thaten, aber er hatte sich endlich gutmüthig gefügt. Aus den Fenstern des Wohnzimmers schauten die Großeltern bis zu den Tannenbergen, und es war ihnen Winter und Sommer dieser offene Blick in die schöne weite Welt eine Freude. Beim Oeffnen des Fensters hatte sich eine ganze Schaar von niedlichen kleinen Haubenlerchen und Goldammern eingefunden, sie hüpften und tanzten auf dem weißen Schnee herum, pickten an den Kristall-Blüthen hier und dort, aber schienen doch noch etwas Besseres zu erwarten. Die Großmutter griff lächelnd nach einem Kästchen mit Futter, sie streute aus und hatte eine kindliche Freude über die kleinen hungrigen Geschöpfe, und ihr Mann stand betrachtend dabei und schaute glücklich auf die lieben hellen Augen, die ihn in der Jugend entzückt und die jetzt noch seines Herzens Lust und Wonne waren. Das vereinzelte Klingeln eines Schellengeläutes drang jetzt her. Wirklich! sagte der Großpapa lachend, Elisabeth hat sich den alten Schlitten von Friedrich vorholen lassen. Wenn es ihr nur Vergnügen macht! sagte die Großmama gütig. Da knarrte der Thorweg, der vom Hofe nach dem Garten führte, und Ypsilanti erschien, ein rothsammetnes Schellengeläute auf dem breiten weißen Rücken, dahinter Elisabeth in einem Schlitten, an dem ein ganzer Sternenhimmel prangte, und sie selbst in feinster Toilette, – man sah es ihr an, daß sie imponiren wollte. Hintenauf aber – nein, da mußten die Großeltern beide herzlich lachen, – da saß Friedrichs schlanker Stalljunge in Stulpenstiefeln, Tressenhut und dem lederfarbenen Reitfrack, mit einer mächtigen Peitsche bewaffnet knallte er pflichtmäßigst, während Elisabeth die Zügel führte und den bedächtigen Trab des Ypsilanti leitete. Das Ganze sieht übrigens allerliebst aus, versicherte die Großmama. Elisabeth mit triumfierenden Blicken fuhr bei den Großeltern vor, um sich versichern zu lassen, daß dieses ganze Arrangement schön genug sei, um Oberförsters Kinder in der Stadt herum zu fahren. Der Großpapa war mit dieser Versicherung schnell bei der Hand. Er sagte das Ganze habe einen fürstlichen Anstrich, sie werde Woltheim damit alarmiren. Er fügte noch einige Regeln wegen des rechtzeitigen Hott und Hü dazu, um den entgegenkommenden Wagen nicht in die Räder zu fahren, und Elisabeth, die nicht zum erstenmal den Zügel hielt, verließ durch denselben Thorweg den Garten, um sich auf dem Hofe erst von Onkel Karl und von Charlottchen bewundern zu lassen und dann nach der Oberförsterei zu fahren. Hier entstand ein völliger Aufstand bei ihrem Erscheinen, Hof- und Hauspersonal versammelte sich um die elegante Schlittenequipage, und die Kinder nahmen mit Staunen und Entzücken die Plätze neben der kühnen und schönen Berliner Cousine ein. Die Frau Oberförsterin schüttelte zwar etwas bedenklich den Kopf zu diesem ganz und gar jugendlichen Inhalt des Schlittens, ihr Mann aber beruhigte sie, daß Ypsilanti Alter und Bedächtigkeit für alle zusammen habe, und selbst das Ausbiegen allein besorgen werde. So ging es glänzend durch die Stadt. Die kleinen Häuser und die großen Häuser und die Stadtkirche und das alte Rathhaus, mit den alten Linden davor, sahen prächtig aus im winterlichen Schmucke. Elisabeths Herz war sehr frisch. O wie wunderschön ist die Welt, ihr guten Tanten Paula und Wina, ihr wißt gar nicht, daß man keiner anderen Freude bedarf, als die der Herr erlaubt hat, und ich will auch gar nicht nach anderen Dingen fragen. Wenn ich jetzt in Berlin wäre, triebe ich die Kinder zum Thor hinaus und führe sie auf dem Eise und im Schnee, und in Romeo und Julie gehe ich sicher nie wieder, das macht nur confus, ich weiß selbst nicht, wie mir so sonderbar zu Sinne war, und die Mutter hat recht, man hat wirklich keinen Vortheil davon! So waren Elisabeths Gedanken. Dazwischen aber hatte sie allerhand fröhliche Dinge mit den Kindern zu besprechen, bis sie endlich wieder nach der Oberförsterei hinlenkte, um ihre Schutzbefohlenen abzuliefern. Darauf fuhr sie um die Stadt herum zurück. Als sie schon nahe bei den Großeltern war, fiel ihr ein, daß sie noch ein Stückchen so ganz allein die Kirschenallee hinauffahren könnte, – die Bäume sahen gegen den blauen Himmel gerade aus, als ob sie in Blüthe ständen. Wir fahren dann oben über die Schaafbrücke auf die Wiese, und kommen durch den Garten zurück, wandte sie sich zu ihrem kleinen Kutscher. Ja wohl, gnädig Fräulein! war seine Antwort, und seine Peitsche knallte, und die Schellen klingelten, und lustig ging es die Kirschenallee hinauf. Sie hielten an der Schaafbrücke, Elisabeth sah sich bedächtig um. Die Brücke ist etwas schmaler, als unser Schlitten, bemerkte sie. – Allem Anschein nach, war des Kutschers Antwort. – So steigen wir aus und halten den Schlitten von der Seite, bestimmte Elisabeth. Sie fand keine Gegenrede. Eben waren beide ausgestiegen, als zwei Reiter über die Wiese daher flogen. Um Gottes Willen, mein gnädigstes Fräulein, sein Sie vorsichtig! rief Herr von Stottenheim. Er war es und Herr von Kadden mit ihm, beide auf einem Ritt zum Besuch bei den Großeltern begriffen. Herr von Kadden seinerseits schien nicht sehr mit der Gefahr der Fuhrwerks beschäftigt, er lächelte und staunte den Schlitten und den Kutscher und die Dame an. Doch war er schon abgestiegen, um beim Hinüberbringen des Schlittens behilflich zu sein. Elisabeth nahm alle ihre Würde zusammen. Ich bitte dringend, sich nicht zu bemühen, sagte sie feierlich, ich bedarf keiner Hilfe, ich will nicht in den Verdacht kommen, als hätte ich etwas Unbedachtes unternommen. Herr von Stottenheim ereiferte sich in vielen Worten von seinem Pferde herab, während Herr von Kadden die Zügel des seinigen um eine Weide warf und hinab auf den gefrorenen Bach stieg, um den Ausgang beobachten zu können. Elisabeth aber war ganz ruhig, sie überließ Ypsilanti sich selbst und hielt mit Hilfe des kräftigen Burschen den Schlitten an der einen Seite in die Höhe, es waren ja nur wenige Schritte und sie waren hinüber. Herr von Kadden war ihr beim Einsteigen behilflich und war ganz mit ihr einverstanden, daß hier gar nichts zu befürchten war, während sein Kamerad sich erbot, voran zu reiten und die Großeltern von der glücklich überstandenen Gefahr zu benachrichtigen. Sie werden aber bei der Wahrheit bleiben! warnte Elisabeth stolz und fuhr davon. Ich bitte Dich, Kadden, entscheide Dich bald! sagte Herr von Stottenheim, als sein Freund das Pferd bestieg: ich sage Dir, noch nie hat ein Mädchen so sehr mein Herz bewegt, aber ich handle als Freund. – Der andere entgegnete gar nichts, er lächelte nur, gab seinem Pferde die Sporen und flog davon. So reite doch nicht so unvernünftig! rief Stottenheim ärgerlich. Die beiden Herren erreichten auf dem geraden Wege weit eher ihr Ziel als Ypsilanti, und als Herr von Stottenheim den Großeltern sehr blühend den gefährlichen Uebergang über die Beresina schilderte, eilte sein junger Freund durch den Gartensaal, um den eben ankommenden Schlitten in Empfang zu nehmen. Elisabeth stieg aus, beide wechselten sehr unbedeutende Worte mit einander, aber zwei Herzen, die sich lieb haben, fragen am allerwenigsten danach, ob sie geistreich reden. Elisabeth trat sehr frisch in das Zimmer und erzählte vergnüglich von ihrer Fahrt. Onkel Karl und Charlottchen waren dazu gekommen, sie gehörten mit zu dem Kreis ihrer Zuhörer und Bewunderer. Die Gesellschaft hatte sich niedergelassen und nahm nun einen sehr gemüthlichen Charakter an. Eine große gemalte Kaffeekanne und einige Teller gut conservirter Weihnachts-Wecke wurden aufgetragen. Elisabeth ordnete die Tassen, wahrend Charlottchen mit ihrem unzertrennlichen Strickzeug zufrieden im Armstuhl saß. Die beiden alten Herren griffen zu den Pfeifen, den jungen Herren wurden Cigarren überreicht. Als die Großmama, wie ihr ja vom alten Onkel Oberförster schon gelehrt war, dem Großpapa einen Fidibus reichen wollte, kam er ihr mit derselben Zartheit als am Verlobungstage zuvor und bediente sich selbst; ein gegenseitiges Lächeln war die verständliche Erklärung dazu. – Ein allerliebstes altes Paar! dachte Herr von Stottenheim, und seines Nachbars warmes Herz ward mächtig erfüllt von guten Vorsätzen. Bei aller Gemüthlichkeit ließen die Großeltern aber eine Sache nicht aus den Augen: sie wollten prüfen. Anscheinend harmlos wandte sich der Großvater mit seinen Fragen meistens an Herrn von Kadden, und es war ordentlich ärgerlich, wie dessen älterer Kamerad fast immer die Antwort und in sehr fließender Weise übernahm. Jetzt machte der Großvater einen Hauptangriff: Sagen Sie mal, Herr von Kadden, begann er, wodurch haben Sie sich den Spitznamen Hitzkopf erworben? Sie sehen doch so ruhig aus. Das ist eben die Gefährlichkeit bei der Sache, nahm Herr von Stottenheim wieder schnell das Wort, er sieht immer aus, als ob er nicht fünf zählen könne, als ob er der vernünftigste Junge von der Welt sei, und dabei geht man in seiner Gesellschaft wie auf einem schlummernden Krater. Sehr gut gesagt, entgegnete Herr von Kadden lächelnd, aber auf solchen Angriff müßte es, wenn es mit dem Krater seine Richtigkeit hätte, in mir jetzt im Stillen brausen, und ich spüre noch nichts. Nun ja, der Wahrheit die Ehre! fuhr Herr von Stottenheim fort, seit einiger Zeit ist eine wunderbare Veränderung mit ihm vorgegangen, wenigstens erzählt sein Bursche mit Erstaunen, daß die kleinen Scenen, die sonst ihr Zusammenleben würzten, ganz weggefallen. Herr von Kadden wandte sich lächelnd zu Elisabeth, die neben ihm saß, sie lächelte wieder, und er sagte leise: Ich habe ihm aber immer das doppelte geschenkt! Niemand achtete sehr darauf, weil die allgemeine Aufmerksamkeit auf den Erzähler gerichtet war. Dagegen hörten Elisabeth und ihr Nachbar nicht, daß Stottenheim fortfuhr: Nur gestern ist der arme Kerl, der Bursche, mit einigen tüchtigen Ohrfeigen regalirt worden, und warum? Sein wunderlicher Herr hat da auf seinen Schatz, auf den alten Erbkoffer, ein Gläschen mit etwas Moos und Tannen gestellt – Stottenheim! rief jetzt Herr von Kadden kurz und sein Gesicht flammte in heftiger Erregung. Ich bitte Dich, – ein Scherz! sagte Herr von Stottenheim; aber ich schweige augenblicklich – Herr von Kadden will es uns gewiß selbst erzählen, scherzte der Großpapa. Mein Freund versteht das besser als ich, war die sehr kurze Antwort. Es entstand eine kleine Pause. Der Bursche hat das Glas also umgestoßen? sagte die Großmama freundlich. Nein, es war eine rechte Eselei von dem Burschen, berichtete Herr von Stottenheim, er hat es beim Ordnen des Zimmers ungefragt in den Kehricht geworfen. Er hatte nun zwar seinem Herrn eine ganze Fuhre von Moos und Tannenzweigen besorgen wollen, aber dem war nicht damit gedient. Herr von Stottenheim hatte so muthig weiter erzählt, weil er merkte, daß bei dem Freunde die Gefahr schnell vorüber war. Dieser sah vor sich nieder und lächelte, und er lächelte, weil er dachte: so mag sie es denn hören, daß mir der Strauß sehr lieb war. Die Großmama hatte indessen ihre Gedanken: ein Moos- und Tannensträußchen hatte ja Elisabeth auch auf ihrer Komode stehen. War es Erziehungs-Grundsatz, daß der Bursche die Ohrfeigen erhielt? fragte der Großpapa mit angenommenem Ernste. Eigentlich wohl nicht, sagte Herr von Kadden ebenso; aber, setzte er treuherzig hinzu, ich begreife nicht, wie man bei solchen Gelegenheiten ruhig sein kann. Das glaube ich wohl, sagte der Großpapa nachdenklich. Uebrigens, begann Herr von Stottenheim, führt Kadden dieser kleinen Privatangelegenheiten wegen den Namen nicht, nein, es sind das ganz andere Gründe, Gründe, die ihm nur zum Ruhm und zur Ehre gereichen, es ist ein Uebermaaß von Geschicklichkeit und Muth und Kraft, das ihn fortwährend den größten Gefahren aussetzt, und sie sind in der That für ihn nicht da. – Stottenheim, um seinen Freund völlig zu versöhnen, wollte in wortreicher Art einige unglaubliche Dinge berichten, doch brachte ihn Herr von Kadden durch fortwährende komische Einwürfe so aus dem Context, daß man nicht recht klug daraus wurde und bald von andern Dingen sprach. Herr von Stottenheim vertiefte sich eifrig mit Onkel Karl in Landwirthschaft, er erzählte viel von einem herrlichen Gute seines Bruders, während die Großmama freundlich sich nach Herrn von Kaddens Familie erkundigte. Kadden? sagte der Großpapa plötzlich lebhaft: eben fällt mir ein, daß ich mit einem Offizier, einem Herrn von Kadden, nach der Schlacht bei Leipzig mehrere Tage zusammen in einem Bauernhause lag, ich hatte einen Schuß durch den linken Arm bekommen, mein Kamerad aber war schwer verwundet. Vielleicht mein Großvater! sagte Herr von Kadden freudig. Hat Ihr Großvater den Feldzug mitgemacht? Und ich weiß, daß er bei Leipzig verwundet ward, versicherte der junge Offizier. Wir theilten uns damals unsere Schicksale mit, fuhr der Großpapa fort, ich erzählte ihm von meiner Frau und meinen kleinen Kindern daheim, er war Wittwer und empfahl mir seinen einzigen Sohn, der damals auf einer Militärschule war. Das war mein Vater! rief Herr von Kadden wieder sehr freudig. Aber schon als wir uns trennen mußten, war seine Genesung gesichert und ich habe nie wieder von ihm gehört, schloß der Großpapa. Das ist mein Großvater gewesen, wiederholte Herr von Kadden, und beschrieb nun den alten Herrn und bestätigte, daß gerade in der Zeit sein Vater auf der Militärschule war. Ja wunderbar kommen die Leute in der Welt zusammen, sagte Herr von Budmar nachdenklich; das ist also der Großvater, der Ihnen den Koffer und die Bibel geschickt hat? Kadden bejahte und sprach mit Liebe von dem Aufenthalt bei dem alten Herrn, seiner einzigen kurzen Heimath. Wie heißt der Bibelspruch, den er Ihnen zum Geburtstag eingeschrieben hat? fragte die Großmama. Ich habe es doch vergessen, sagte der junge Mann verlegen. Man sprach nun weiter von der Kriegszeit. Charlottchen erzählte, wie einmal ihre Mama in Verzweiflung war, weil die Russen ihrer ganzen kleinen Gänseheerde die Köpfe abgerissen, die Federn verstreut und die Thiere gebraten hatten. Ja, bei mir gebraten! fügte Onkel Karl hinzu, ich weiß den Tag recht gut, ich mußte den sauren Kohl dazu geben. Es war eine schreckliche Zeit, an ein vernünftiges Wirthschaften war gar nicht zu denken, und es ward einem oft ganz verwirrt im Kopfe. Ich wollte damals gerade die Breite an der Lehmkuhle – Ja ja, unterbrach der Großvater den Bericht: es war eine schlimme Zeit, aber der Herr hat treulich hindurch geholfen. Charlottchen und die Großmama stimmten ein, und Herr von Stottenheim machte dem Besuche jetzt ein Ende. Als eben die letzte Abendröthe am Himmel verblühte, standen die Großeltern und Elisabeth am Fenster und sahen die beiden Reiter langsam über die weiße Wiese dahin reiten. Alle drei schwiegen. Elisabeth hatte sich an die Großmama gelehnt. Nach einer Weile begann der Großvater ernsthaft: Es ist doch sehr wehmüthig zu sehen, wie so viele Menschen ohne Heimath und ohne Heimathszug in der Welt umherziehen. Wenn nach dieser Welt nichts weiter folgte, so wäre es doch wahrlich nicht der Mühe werth zu leben. – Die Großmama nahm seine Hand und sah ihn mit dem feinen schönen Gesichte nachdenklich an. – In der Jugend, fuhr er fort, haben die Menschen meistens den bestimmten Sehnsuchtszug im Herzen, aber sie suchen Erfüllung in der Welt, und wenn die Welt das Sehnen und Hoffen und selig in die Zukunft Schauen abgestumpft, dann meinen sie, sie haben die Jugend genossen, jetzt folgt nun das leidige Alter, es ist der Lauf der Welt und ist nicht zu ändern. Ja der Lauf der Welt ist es, der hinterlistigen und nichtswürdigen Welt, die jugendliche Herzen verführt und verblendet, ihnen Glück und Wonne verheißt, um sie ganz arm und elend zu machen. Die Welt ist voll giftigem Undank, sie lohnt die Liebe ihrer Kinder mit Verderben und Elend, mit entsetzlichem Elend, kaum zu beschreiben, obwohl die Kinder der Welt das einer dem anderen zu verbergen suchen. Sie kommen zusammen, äußerlich ganz angenehm und zufrieden, sie suchen sich gefällig gegenseitig zu zerstreuen, aber die einsamen leeren Stunden, wenn das Gefühl des Alters sich naht, das Abnehmen der Kräfte und der Lust an Vergnügungen und Zerstreuungen der Welt, das Absterben der Freunde, das Herannahen des Todes, die Qualen der Todesfurcht, das verbirgt einer dem andern. Ja sie heucheln sich das Gegentheil vor, sie wagen sich nicht heraus mit ihrem Elend, und gegen solche Qualen hat die vielbewunderte Welt auch keinen Trost. Wer mit der Welt lebt, vergeht und verdirbt mit der Welt, und wer einst im Gottesreiche leben will, muß hier schon darin leben, denn es ist nicht nur dort oben, es ist auch hier mächtig und gewaltig unter uns, die Gläubigen leben schon hier darin und sind selig darin. Für sie giebt es auch keine Furcht mehr, als die Furcht vor der Sünde, für sie giebt es keine Gefahr mehr, sie können nichts verlieren, ihre Güter sind ihnen gesichert, selbst ihre Lieben, ihre Freunde kann der Tod ihnen nicht entreißen, es ist nur ein kurzes Alleinwallen bis der Tod selbst kommt, – kein gefürchteter Feind, nein der Freund, der von einer noch unvollkommenen und unruhigen Welt nach einer seligen Welt führt. Wenn die Kinder der Welt so etwas hören, dann meinen sie, das ist Schwärmerei, das sind Fantasiebilder. Die Thoren! sie sprechen in ihrem Herzen: es ist kein Gott, denn der Gott, den sie ganz ehrbar und rechtschaffen anzubeten meinen, das ist ein selbstgeschaffenes Unding, ein grausamer Gott, der seine unglücklichen Kinder arm und elend und ohne Hoffnung, Glauben und Trost läßt. Ja, sie haben Ohren und hören nicht, sie haben Augen und sehen nicht, sie sind verblendet im Hochmuth. Der Hochmuth ist die Sünde, die in der ganzen heiligen Schrift am härtesten gestraft wird, und der Hochmuth führt die Kinder der Welt in das Verderben. Sie bewundern ihre eigene Klugheit, der Hochmuth macht sie verwirrt. Sie gehen in selbstzufriedener Beschränktheit durch die Welt, sind erstaunt über ihre Industrie und Gelehrtheit, mit dem Funken Verstand, den ihnen der Herr gegeben hat, wollen sie den Herrn selbst meistern und verleugnen. Sie ahnen nicht, daß der Herr, der diese unsichtbare Weltordnung geschaffen, auch eine weitere und reichere und freiere Weltordnung schaffen konnte, und die Offenbarungen dieser höheren Weltordnung belachen sie in ihrem kindischen Aberwitz. Aber, Großvater, begann Elisabeth, viele Menschen haben nicht Gelegenheit vom Reiche Gottes zu hören, sie werden ganz anders erzogen. Hier in unseren Christenländern, entgegnete der Großvater, hören sie alle von dem Herrn Christus, und der Herr Christus, wenn sie ihn nicht verwerfen, ist für alle da. Diese jungen Offiziere, fuhr er fort, – sie hatten ihn ja eigentlich zu der Rede veranlaßt, – sie haben einen Heiland nicht nöthig. Kann man wohl einen selbstzufriedneren Menschen sehen, als Herr von Stottenheim? Und sein jüngerer Freund sieht die alte Erbbibel gar nicht an, den Bibelvers, den ihm sein Großvater als bestes Erbstück auf den Lebensweg mitgegeben, er kennt ihn gar nicht. Elisabeth mußte schweigen. Hatte Herr von Kadden ihr nicht selbst gesagt: Der Prediger spricht so wunderlich von Himmel und Hölle, Himmel und Hölle aber schaffe ich mir selbst durch ein gutes Gewissen? – Ein Himmel, der im Bewußtsein der eigenen Gerechtigkeit besteht! Wenn dem so Sicheren einmal die Augen über seinen Zustand aufgehen, wenn er sieht, wie weit seine Gerechtigkeit reicht dem heiligen Herrn gegenüber, was wird dann aus seinem Himmel? Diese Selbstgerechtigkeit, dieses Tugendfantom ist ja der selbstgeschaffene Gott, von dem der Großvater eben gesprochen, der hinterlistig einen sehr tugendlichen Himmel schafft, um dann eine ewige Hölle hinterher zu schicken. Aber mit dem Einen hat der Großpapa doch unrecht, dachte sie weiter; viele Menschen wissen nicht, was sie mit dem Herrn Christus verwerfen, und er, der so sicher auf seine Tugend trotzt: wenn er es wüßte, er würde es auch nicht thun. Die Sehnsucht und das Heimweh ist ihnen unverständlich, und wenn er da vor dem alten Koffer sitzt, darinnen die Bibel liegt, und er meint, sein einsames Herz sehnt sich nach einer Heimath, so ist es Sehnsucht nach Frieden und Seligkeit. Ja, wenn man ihm den Weg dahin zeigte, er würde ihn doch wohl gehen; wenn er nun ordentlich belehrt würde, und wenn er, aus Liebe zu mir – Elisabeth stockte in ihren Gedanken. Du Thörin! Aus Liebe zu dir soll er gläubig sich zum Herrn wenden? Ach nein, du bist ja selbst so schwach, könntest du dich nicht eher aus Liebe zu ihm zur Welt wenden? Zur Welt, und dann arm und elend mit ihm? O nein Herr, ich kann Dich nie verwerfen, ich will es nie vergessen, daß ich arm und schwach bin, und daß Du an Liebe und Gnade reich mein Erlöser bist. O halte Du mich, wenn ich schwanke; aber Herr, halte Du ihn auch, setzte ihr zitterndes Herz hinzu, denn ich werde ihn doch wohl immer auf meiner Seele tragen müssen. Es war jetzt tiefe Dämmerung in der Stube, die Großeltern saßen schweigend auf dem Sofa, Elisabeth stand allein. Ihre Gedanken wurden immer unruhiger und banger und sehnsuchtsvoller, sie trat an das Klavier, sie griff einzelne Noten, dann sang sie leise, die Großeltern stimmten ebenso ein: Aus tiefer Noth schrei ich zu Dir, Herr Gott, erhör mein Rufen, Dein gnädig Ohren kehr zu mir Und meiner Bitt sie öffne. Denn so Du willst das sehen an, Was Sünd und Unrecht ist gethan. Wer kann, Herr, vor Dir bleiben? Bei Dir gilt nichts denn Gnad und Gunst, Die Sünde zu vergeben, Es ist doch unser Thun umsonst Auch in dem besten Leben, Vor Dir niemand sich rühmen kann, Es muß Dich fürchten jederman Und Deiner Gnade leben. Liebe Elisabeth, sagte der Großpapa freundlich, wenn Du dies Lied nie vergißt, wenn Du es immer mit recht demüthigem Herzen rufen kannst, so magst Du in sehr tiefer Noth stecken, der Herr wird Dich doch erretten. Elisabeth war aufgestanden und hatte sich zu den Füßen der Großeltern gesetzt. Wenn ich in einer Herrenhuter Gemeine lebte, so wäre es besser für mich, sagte sie. Möchtest Du das? fragte der Großvater lächelnd. Elisabeth schüttelte den Kopf. Ja, sagte die Großmama, äußerlich würde es vielleicht in einer Herrenhuter Gemeine für Dich nicht so viel Versuchungen geben, aber Dein Herz und den Kampf mit der Sünde würdest Du auch da empfinden, und den Herrn Christus, den treuen Hirten, der Dich sucht und trägt, hast Du ebenso hier als dort. Nachdem die Gefahr ist, hilft er auch, ja dem bangen und verirrten Schäflein geht er am liebsten nach. Ich weiß wohl, fügte sie hinzu, Du wirst überwinden, aber, liebe Elisabeth, ich möchte Dich auch vor Unglück bewahren, vor schweren Kämpfen, darum sei wachsam und treu. – Elisabeth schwieg. – Die Welt ist nicht schwer zu überwinden, fuhr die Großmutter freundlich fort, für uns, die wir darüber stehen, ihre Bande sind uns wie Spinnenweb, wenn es uns anfliegen möchte, lächeln wir und es zergeht uns in den Händen. Die aber, die nicht den Muth haben mit der Welt zu brechen, die da meinen, es lasse sich ein christlich Leben damit vereinen, denen wird das nichtige Gewebe zu Stricken, und wenn sie sich auch gern losmachen könnten, und sich losgemacht haben, so fühlen sie sich doch immer wieder von allen Seiten gebunden, und ihr Leben ist ein fortwährender Kampf, und sie seufzen, wie schwer es doch sei, ein Christ zu sein. Gesunde Sinne können es kaum begreifen, aber freilich, der Teufel ist ein mächtiger Herr, und ein guter Philosoph. Ich möchte gar nicht anders leben, als Ihr lebt, sagte Elisabeth, ich finde das am allerschönsten. Dann wünsche ich Dir nur einen so braven Mann, als ich bekommen habe, entgegnete die Großmama. Mein Mann wird doch leben wollen, wie ich lebe? sagte Elisabeth mit einem Versuch zum Scherze. Darum muß er eben brav sein, schloß die Großmama. 12. Der Kürassier zur rechten Zeit. Dem einen schönen Wintertage folgten mehr, und Elisabeth war es zufrieden, sie wurde ihres Schlittenvergnügens nicht müde. Sie fuhr die Großeltern in der blühenden Kirschallee, und Charlottchen und die Leute aus der Oberförsterei in der Stadt umher. Außerdem machte sie weite Spaziergänge, begleitete den Onkel Oberförster nach den Schlägen, oder sie inspicirte auch Hof und Wirthschaft, um den Onkel Karl zu unterhalten. Sie war ganz und gar befriedigt von ihrem Land-Aufenthalt. Das Mädchen sieht wirklich nicht aus, als ob sie eine stille Neigung hätte, sagte der Großvater zu seiner lieben Frau. Ich weiß aber, entgegnete sie lächelnd, daß man trotzdem äußerlich recht vergnügt und übermüthig sein kann. Richtig, sagte der Großvater nachdenklich, ich wußte selbst kaum, wie es damals in Deinem Herzen stand. Ja, fuhr die Großmama fort, das ist auch ein sonderbares Ding: zuweilen ist es, als ob man nur träume und es sei alles nicht wahr, dann schlägt man sich dies Hangen und Bangen aus dem Sinn und ist frisch und fröhlich, und dann ist es wieder, als ob es doch wahr sei, und dann ist das Herz wieder schwer. Wenigstens bei uns Mädchen ist das so, fügte sie ernsthaft hinzu. Und bei uns Jünglingen auch, sagte der Großpapa vergnügt, aber wir wollen uns um andere Mädchen und Jünglinge doch wohl nicht mehr sorgen. Wollen? nein, sagte sie, aber – An demselben Tage kam eine Einladung von Oberförsters. Mariechen, das zwölfjährige Töchterlein, erschien ganz feierlich, der Papa hatte in diesen Tagen einen schönen Hirsch geschossen. Da soll es gewiß heut Abend die Leber geben unterbrach sie der Großpapa, Mama Julchen versteht zu wirthschaften. O nein, entgegnete Mariechen ganz gereizt, die Leber haben wir Mittag schon gegessen, es giebt heute Abend ein Blatt, und Du weißt, Großpapa, ein Blatt ist eben so zart als der Rücken, es war ein wunderschönes junges Thier. Die Mama wird auch noch das Halsstück dazu braten, damit es sehr reichlich ist, denn Onkel Karl und Charlottchen müssen mitkommen. Der Doctor ist bei uns gewesen und hat gesagt, mit der großen Kutsche kann der Onkel ausfahren, und es wäre ihm sehr gut, wenn er nicht immer in der Stube sitzt. Die Einladung wurde angenommen. Mariechen ging aber nicht gleich fort, sie nahm Elisabeth in eine Fensternische, sie hatte ganz heimlich herrliche Dinge mit ihr zu besprechen. Ich habe mir zu heute Abend eine künstliche Vorstellung ausgedacht, begann sie eifrig, wir wollen den Tell aufführen, Du weißt, den Tell von Schiller. – Elisabeth nickte. – Du sollst eine gewisse Bertha spielen, fuhr Mariechen fort, das ist die vornehmste im ganzen Stück, Herr Rennicke (das war der Rechnungsführer) hat den Geßler übernommen, ich bin die Frau von Tell. Max hat den Tell schon wunderschön eingeübt, die Kleinen spielen dann auch mit, und einen großen Apfel hat uns Mama schon gegeben. Habt Ihr aber schon das Costüm? fragte Elisabeth theilnehmend. Beinah alles fertig, versicherte Mariechen: ich ziehe eine schwarze Sammetjacke über einen weißen Unterrock und eine Tändelschürze mit rosa Schleifen. Tell hat eine Jagdmütze mit einer Feder, nun fehlt der Geßler noch, und Du mußt nun sehr wie eine Dame aussehen. Schlank wie eine Ritterdame, fiel Elisabeth ein, ich will mir das schon überlegen! Ihre Augen leuchteten in kindlicher Freude und in Güte zugleich. Auch einen herrlichen Rittermantel für den Geßler will ich machen, ich stecke meine Boa um Großmama ihr Sammetmäntelchen. O das wird aber zu schön! versicherte Mariechen und klatschte in die Hände, und als der Großpapa neugierig that und näher trat, wurde er feierlich ersucht, sich nicht durch Neugierde einen ungewöhnlichen Genuß, der ihm für heute Abend bestimmt sei, zu verderben. Mariechen verließ endlich die theure Cousine, ganz erfüllt von der Wichtigkeit und Schönheit ihres Vorhabens, und Elisabeth überlegte ebenso ernsthaft, wie sie als die gewisse Bertha sich zu. kleiden habe. Höre, liebe Großmama, begann sie Nachmittag beim Kaffee, nachdem sie in Charlottchens Stube den Geßler-Mantel zur eignen höchsten Zufriedenheit vollendet hatte: Du mußt mir nun noch den Schlüssel zu Deinem alten Kleiderschrank erlauben, ich weiß da ein schönes weißes Kleid mit einer kurzen Taille. Aber nicht mein Hochzeitskleid, warf die Großmama ein. Nein, versicherte Elisabeth, ich meine das mit den vielen Stickereien, ich habe es zu nöthig. Die Großmama verstand sich auf diese Notwendigkeiten und war gewohnt Kindern und Enkeln bei so künstlichen Vorstellungen gefällig zu sein, sie gab also den Schlüssel und Elisabeth lief damit oben auf den großen Flur und verschwand dann mit ihren Schätzen in Charlottchens Zimmer. Charlottchen war zu glücklich über das liebe Kind, sie war ihr auch beim Aus- und Anziehen behilflich, denn natürlich mußte sie das Kleid hier erst anprobiren, ehe sie als Fräulein Bertha erscheinen konnte. Sie trat vor den Spiegel, als eben Charlottchen sich vor sie stellte, um sie zu bewundern: Liebe Elisabeth! rief sie jetzt, das ist wirklich rührend, herzbewegend, Du siehst ackurat wie Deine Großmama aus! Nur noch das Haar ändern, sagte Elisabeth geschäftig. Sie selbst fand diese Aehnlichkeit und war entzückt darüber. Sie legte ihre lichtbraunen Locken mit Charlottchens Seitenkämmen etwas zurück, nahm die Flechte aus dem Nacken und steckte sie mit einem Kamme hoch auf den Kopf. So! rief sie jetzt: und nun hilft es nicht, Großpapa soll mich sehen, er wird sich zu sehr freuen, ich stelle mich neben Großmamas Bild. Charlottchen mußte voran und die Großeltern bitten, einen Augenblick das Wohnzimmer zu verlassen. Elisabeth forderte Onkel Karl dringend auf, sogleich mit ihr zu kommen, und nun ging der Spaß an. Sie setzte sich auf das Sofa, gerade unter das Bild der Großmama, Onkel Karl und Charlottchen standen bewundernd gegenüber, der dunkelroth leuchtende winterliche Abendhimmel erfüllte die Stube mit einer magischen Beleuchtung, da rief Elisabeth: Nur herein, Ihr lieben Zuschauer! Wirklich, der Großpapa stand verwundert: das war seine jugendliche Braut, dieselbe Gestalt, aber auch derselbe übermüthige und doch so gütige Ausdruck in den hellen Augen. Ja, sagte Onkel Karl und rieb sich vergnügt die Hände: das Bild wie es leibt und lebt, nun fehlt nur noch der Kürassier-Offizier, dann wäre die Sache fertig. Da klopfte es an die Thür. – Gleich darauf trat herein – Herr von Kadden. Die kleine Gesellschaft war fast erschrocken, und der Großvater hatte seine Noth, den Onkel Karl von der Wiederholung seiner letzten Worte abzuhalten. Der Gast mußte die Erklärung der vergnüglichen Scene hören, aber es war ihm ebenso wie dem Onkel Karl auffallend, daß hier nur der Kürassier fehlte, um das Bild vollständig zu machen. Elisabeth war aufgestanden, und er war zu ihr getreten. Da standen sie beide in jugendlicher Schönheit, vom Abendlicht umstrahlt und wenig im Stande ihre Empfindungen zu verbergen, als sie einige verlegene Worte zusammen redeten. Der Onkel räusperte sich und rieb sich die Hände, es ward ihm zu schwer nicht zu sagen: Da ist ja der Kürassier! und ein hübscher Kürassier! Charlottchen aber reichte ihm ihre Tabacksdose, die sie ihm zu Gefallen sich angewöhnt hatte zu führen und zu benutzen, und sah ihn mit stillen Thränen an; es war ihr beim Anblick dieses Bildes gerade zu Muthe als damals, wo sie sagte: O Karl, wie golden steigt der Mond auf! Die Großmama selbst, die sonst immer so gewandt und fein ihre Geistesgegenwart behaupten konnte, war aus dem Gleichgewicht, Herr von Kadden hatte sie nicht allein durch sein wunderbares Hinzutreten überrascht, sein Anblick bewegte ihr Herz. Und der Großpapa dachte: Es scheint da doch unter euren alten Augen etwas vor sich zu gehen. Das Sorgen für unser liebes Kind aber wollen wir doch Dem überlassen, ohne den kein Sperling vom Dache fällt. Elisabeth entfernte sich schnell, um sich umzukleiden, und Herr von Kadden erzählte nun den Großeltern, daß er mit Stottenheim von einer längstgegebenen Erlaubniß des Herrn Oberförsters Gebrauch gemacht und die Oberförsterei aufgesucht habe. Vorher aber mußte er hierher kommen und einen Brief seines Großvaters, den er im alten Koffer zwischen den Briefen an seinen Vater gefunden, mittheilen. Ich habe mich gefreut wie ein Kind, sagte er warm, der Großvater, spricht darin von seinem Liegen in Brachnitz – Ja so hieß das Dorf! fiel Herr von Budmar ein. Und spricht von Ihnen mit so großer Liebe, das müssen Sie lesen. Herr von Budmar nahm den Brief und trat damit an das Fenster. Den Bibelspruch habe ich mir auch angesehen und habe ihn auswendig gelernt, wandte sich der junge Mann unterdessen zur Großmama. – Sie sah ihn freundlich fragend an. – Er steht Jeremias 31, V. 3.: »Ich habe dich je und je geliebet, darum habe ich dich zu mir gezogen aus lauter Güte.« Das ist ein schöner Spruch, sagte die Großmama nachdenklich, und ist eigentlich ein rechter Herzensspruch von mir; ich wünsche von Herzen, daß der Herr Ihnen den Spruch in seiner ganzen Bedeutung erfüllen möge. Ja, sagte Herr von Kadden, der Vers hat mich sehr gefreut, er klang wie eine Profezeihung für die Zukunft. Die Großmama ging nun, wenn auch sehr zartfühlend, auf die Sache näher ein und überzeugte sich bald, daß der junge Mann diese Profezeihung für die Zukunft nicht auf sein Seelenheil, sondern auf sein Lebensglück überhaupt beziehen wollte. Der Herr Gott sollte ihn glücklich machen, das war sein Hoffen und Wünschen, und wie nahe Elisabeth mit diesem Hoffen in Verbindung stand, war aus seiner ganzen Erregung und seiner Rede wohl zu fühlen. Herr von Budmar reichte seiner Frau den Brief, und sie las, während er mit Herrn von Kadden darüber weiter sprach. Brachnitz, den 9. November 1813. Lieber Johann! Durch Gottes Gnade scheint es, soll mir das Leben noch einmal geschenkt sein. Ich bin es wohl zufrieden, weil ich meine, daß Du armer Junge mich noch nöthig hast, obgleich der Herr Gott Dir ein treuerer Vater sein kann als ich. Ich habe acht Tage zusammen gelegen mit einem lieben theuern Mann, einem Herrn von Budmar, er weiß es kaum, wie seine Nähe mir ein Trost war, als ich mich am Rande des Grabes fühlte. Wenn Du einmal in der Welt verlassen bist, so darfst Du Dich an ihn wenden, er hat mir versprochen, er will Dir ein Freund und Rathgeber sein. Ich fühle mich noch sehr schwach, Gott weiß es, wie es mit mir wird, und ich bin es wohl zufrieden. Es erfolgten nun noch einige Anordnungen und zuletzt auch die genaue Adresse des Herrn von Budmar. Die Großmama hielt das Blatt gedankenvoll in der Hand. Wie wunderbar, daß der Enkel diesen Brief brachte! Brachte er nicht mit ihm eine Art Anwartschaft auf des Herrn von Budmar Freundschaft? War er denn nicht ebenso verlassen als der Sohn Johann? Als Herr von Stottenheim bei seinem ersten Besuche den Freund schilderte, wie er so gerne in dem alten Erbkoffer seine Heimath liebe, und daß er neulich dazu gekommen, wie er seiner alten Wirthin, einer braven Bürgersfrau, sein Leinen gezeigt, um ihr deutlich zu machen, daß er auch eine Groß- und eine Urgroßmutter hatte, das hatte ihr eigenes Herz bewegt und sie hatte den jungen Mann mit Theilnahme betrachtet. Was halfen aber jetzt alle Reflexionen? Die Wirklichkeit ging ganz leise und harmlos neben her, ohne davon Notiz zu nehmen. Elisabeth erschien wieder im Hauskleide, dann wurde die große Kutsche angekündigt, Charlottchen und Onkel Karl machten sich reisefertig. Die Großeltern wollten zu Fuße gehn, erstens war es ein kurzer hübscher Gang, und dann mußten sie die jungen Leute begleiten, denn Herr von Kadden hatte natürlich um Erlaubniß gebeten, sich gleich anschließen zu dürfen. Man ging durch den Gartensaal in den Garten und gelangte bald durch eine kleine Pforte in die Kirschenallee. Herr von Kadden ging mit Elisabeth, die Großeltern folgten, zuweilen blieb das junge Paar stehen, um die langsamer Folgenden zu erwarten. In der Kirschenallee brach Elisabeth vorsichtig einen langen Zweig ab, der wunderschön mit Kristall-Sternchen und -Blüthen geschmückt war. Herr von Kadden nahm ihn etwas lebhaft aus ihrer Hand und die Sternchen fielen ab. O! sagte er bedauernd, – aber solche Blumen liebe ich nicht, sie sind doch zu vergänglich. Mir sind diese auch lieber, die unter den kleinen braunen Knospen verborgen sind, sagte Elisabeth, und der winterliche Frühling erfreut ja auch nur, weil man dabei gern an den wirklichen denkt. In der Allee und dann bis zur Oberförsterei war der Weg breit genug, die jungen Leute blieben nun mit den Großeltern zusammen und alle freuten sich über die schöne weiße Welt und den verblühenden Abendhimmel. Die Frau Oberförsterin, durch Herrn von Stottenheim schon von Kaddens Besuch bei den Großeltern benachrichtigt, nahm die Großmama gleich bei Seite, um ein Privatgespräch über diesen höchst interessanten Gegenstand mit ihr anzuknüpfen. Die Mama konnte nicht leugnen, daß von seiner Seite eine Neigung befürchtet würde. Und Elisabeths warmes Herz? fügte Julchen bedenklich hinzu. Weißt Du, daß sich Bürgermeisters Anna heimlich verlobt hat? Die Eltern haben es jetzt erst erfahren und es ist öffentlich gemacht. – Die Mama erschrak ordentlich, – Elisabeth würde zwar das nicht thun, aber was ist nicht möglich in der Welt? und das Kind war ihnen anvertraut. Nein, man durfte die Sache nicht mehr ganz gleichgiltig nehmen, sie mußte ernstlich überlegt werden, die Großmama mußte selbst Elisabeth schnell nach Berlin bringen und mit der Tochter sprechen. Während Elisabeth mit den Kindern im Eßzimmer mittelst einer Waschleine und verschiedener Decken und Teppiche einen Vorhang zu fabriziren suchte, saß die große Gesellschaft in derselben Ecke, wo der Großvater einst dem alten Onkel Oberförster seine Liebe anvertraute. Das Gespräch kam sogleich auf die Verlobung von Bürgermeisters Anna. Ich begreife nicht, sagte Herr von Budmar ernsthaft, wie der Bürgermeister seine Tochter einem Manne anvertrauen kann, der so schändlich gehandelt hat. Wie so? fragte Herr von Stottenheim neugierig. Er hat sich heimlich mit dem Mädchen verlobt und hat den Eltern nichts davon gesagt, war Herrn von Budmars Antwort. Halten Sie das für ein so großes Unrecht? fragte jener verwundert. Ein Mädchen zur Lüge und Verstellung zu verleiten und zur Uebertretung des vierten Gebotes? fragte Herr von Budmar ebenso verwundert; das kann doch nur in unseren zerfahrenen Zeiten, wo alle von Gott verordneten Verhältnisse frech mit Füßen getreten werden, so ungeahndet geschehen, so als ob es nur das unschuldige Thun zweier liebenden Herzen wäre. Glauben Sie mir, setzte er lebhaft hinzu, Gottes Segen kann da nicht sein, wo seine Gebote übertreten werden. Das Mädchen wird bald genug mit dem gewissenlosen Liebhaber eine sehr moderne Ehe führen. Herr von Stottenheim schwieg, indem er sehr einverstanden mit dem Kopfe nickte, und der Oberförster erzählte, daß der Bräutigam nicht viel tauge, und für Annas Glück nicht viel zu hoffen sei. Herr von Kadden war schweigsam. Selbst als die künstlichen Vorstellungen der Kinder vor sich gingen und wirklich sehr unterhaltend waren, stand er mit untergeschlagenen Armen nachdenklich im Fenster. Die Frau Oberförsterin gerieth darüber in eine sichtliche Unruhe, sie versuchte es immer wieder, ihn in ihrer gemüthlichen und sehr gesprächigen Art herbei zu ziehen, und dann war er mit seinen treuherzigen Augen auch gern bereit theilzunehmen, aber es währte nicht lange. Sie sind musikalisch? fragte sie endlich. Er singt himmlisch! war Stottenheims Antwort. Das war der Frau Oberförsterin angenehm zu hören, sie öffnete schnell das Instrument und Herr von Kadden weigerte sich nicht länger. Er spielte erst einige Accorde und sang dann die Lorelei: Ich weiß nicht was soll es bedeuten, Daß ich so traurig bin, Ein Mährchen aus alten Zeiten Das kömmt mir nicht aus dem Sinn. Ja, diesesmal hatte Herr von Stottenheim nicht übertrieben, die Zuhörer waren sehr erfreut über eine solche Stimme. Mama Julchen, in jugendlichem Eifer, holte den Arion hervor, er mußte mit ihr ein Duett singen. Dieses herrliche Duett zu hören, versicherte sie die Gesellschaft, wird Euch nur Freude machen. Die Sache wird immer bedenklicher, – dachte die Großmama und sah auf Elisabeth, er ist wirklich sehr hübsch und liebenswürdig. Dann sah sie auf ihren Mann und erinnerte sich ihrer Jugendgefühle: Nun freilich, neben meinem lieben Fritz darf er nicht stehen, dachte sie, aber neben Herrn von Stottenheim und hundert andern jungen Leuten ist er doch eine liebenswürdige und herrliche Erscheinung. Sie überlegte und sorgte wieder so großmütterlich, wahrend die Wirklichkeit immer leisen sicheren Schrittes nebenher ging. Das Duett war gesungen, jetzt waren die Kinder an der Reihe, man war sehr musikalisch hier im Hause, und die Großeltern hatten ebenso große Freude an der Musik. Der Großpapa war während des Kinder-Conzertes an das Klavier getreten und zufällig etwas näher zu Herrn von Kadden, der wieder hörend und betrachtend in einem Fenster stand. – Wollen Sie mich einen Augenblick hören? flüsterte Herr von Kadden plötzlich, und holte tief Athem. Der alte Herr erschrak wirklich, er ahnete was kommen sollte, aber er konnte die Bitte nicht abschlagen und trat höflich näher. Ich bin heut bange geworden, ich möchte mich einmal übereilen, begann der junge Mann zagend, darum sollen Sie es eher wissen als Ihre Enkelin. Sie müssen mir rathen. Lieber Herr von Kadden, entgegnete der Großpapa hastig, Sie irren sich vielleicht, Sie wissen, wie oft eine Neigung wechselt. Finden Sie meine Liebe nicht begreiflich? unterbrach ihn Herr von Kadden sehr bescheiden. Begreiflich, o ja, aber – – Das Conzert nahm eben ein Ende. – Sie versprechen mir für jetzt, vorsichtig zu sein. Herr von Kadden reichte ihm schnell die Hand. Darf ich wieder kommen? fragte er leise. Ich komme in diesen Tagen und mache den beiden Herren meine Gegenvisite, sagte der Großpapa laut, weil der aufhörende Gesang eine Privat-Unterhaltung nicht gut zuließ. Herr von Stottenheim, an den die Rede mit gerichtet war, ergoß sich in Ausdrücken der Höflichkeit über diese ganz unerwartete Aussicht, und führte noch einige Zeit die Unterhaltung, bis die Zeit des Aufbruchs erschienen war. – Herr von Kadden suchte sein Wort gewissenhaft zu halten, er sprach den Abend nicht mehr mit Elisabeth und empfahl sich ihr eben so höflich und ruhig als den übrigen. 13. Ein bedenklicher Auftrag. Einige Tage später fuhr die ehrwürdige Kutsche mit den Schimmeln vor, die Großeltern wollten mit Elisabeth nach Braunhausen. Schon im Herbst hatte ein neuer Regimentskommandeur bei Herrn von Budmar und bei Oberförsters mit Frau und Töchtern Visite gemacht, sie wäre vielleicht niemals erwiedert worden, aber bei dieser Gelegenheit, wo Herr von Budmar den jungen Herren einen Gegenbesuch versprochen hatte, durfte der Kommandeur nicht vernachlässigt werden. Die Großmama und Elisabeth fuhren also mit. Am Thore stieg Herr von Budmar aus, er wollte erst die beiden Herren aufsuchen und sich dann mit Frau und Enkelin treffen. Der Oberst von Bonsak, seine Frau und die vier Fräulein waren sehr erfreut über so lieben Besuch. Der Herr des Hauses blieb sogleich bei den älteren Damen, um Herrn von Budmar zu erwarten, während die jungen Mädchen in einer niedlichen, hinter Efeu-Gittern verborgenen Ecke Platz nahmen. Die beiden ältesten Fräulein waren schon etwas verblüht, aber dennoch nicht alt, die dritte war überhaupt nicht hübsch, aber Adolfine, die jüngste, erst sechszehn Jahr alt, war eine sehr blühende und feurige Schönheit. Elisabeth sollte von der Residenz berichten, von Bällen und Theater; sie that es, so gut sie es konnte, verstummte aber immer mehr vor der Gesprächigkeit der Schwestern. Braunhausen ist eigentlich ein elendes Nest, sagte Adolfine, und es ist ein Unglück, daß wir gerade jetzt, wo ich mich amüsiren will, hierher versetzt sind. Du bist ein albernes Kind, scherzte die ältere Schwester, für Dich wird sich wohl hier noch Unterhaltung finden lassen. So? – sagte Adolfine und schüttelte den dunkelen Lockenkopf sehr graciös; vier unverheirathete Lieutenants existiren hier nur, die Bälle sind schrecklich langweilig. Und der eine Tänzer, der beste, tanzt nur mit den Damen, die sitzen geblieben sind, lachte eine andere Schwester. So möchte ich am liebsten immer sitzen bleiben! entgegnete Adolfine in affectirter Naivetät, die aber von den Schwestern gern als baare Münze genommen wurde. Elisabeth nahm sich fest vor, nicht roth zu werden bei einem gewissen Namen, und wirklich, als die eine Schwester fragte: Sie kennen ja die Herren von Stottenheim und Kadden? sagte sie ziemlich gefaßt: Ja, ich habe sie gesehen. Kadden ist sehr nett, versicherte die älteste Schwester herablassend, und hat mit Adolfinen immer seinen Spaß. Hatte – fiel Adolfine ein; Stottenheim versichert, sein Freund leide jetzt viel an Kopfschmerz, darum sei er so ernsthaft. Ja, Papa meint, er sei jetzt auch nicht mehr so unsinnig mit seinem Reiten, fügte die andere Schwester hinzu. Ich liebe nun dieses muthige Wesen, versicherte Adolfine kühn, ich werde mit Papa auch reiten und dann mit den Herren ein steaple chase mitreiten. Die Schwestern lachten und versicherten, sie sei ein rechtes Soldatenkind, und Elisabeth dachte: Deine Idee mit Ypsilanti darfst du nicht erzählen, sonst lachen sie dich aus. Und dabei ward ihr es schwer im Herzen. Ja sie konnte hier nicht frisch und fröhlich sein, diese Art Unterhaltung hatte sie nie geführt, denn vom Reiten kamen sie wieder auf Bälle, und von Bällen auf Bilderstellen, und immer so weiter. In der nächsten Woche sollte große Soiree bei ihnen sein, sie wollten Bilder stellen, dann tanzen. Herr von Kadden muß der Egmont sein und ich das Käthchen, sagte Adolfine wieder ganz naiv. Käthchen muß blond sein! versicherte die älteste Schwester, Du bist zu italienisch, Du und Cäcilie Ihr könnt die beiden Eleonoren vorstellen. Adolfine schüttelte ihre Locken. Es ist ein abscheuliches Mädchen, das ist ihr zu langweilig, lachte Cäcilie. Liebes Fräulein, Sie müssen künftige Woche auch herkommen, bat die älteste Schwester, die Elisabeth mit großem Interesse angesehen und sich vorgenommen hatte, das liebliche blöde Mädchen, daß bei den Großeltern, den bekannten Pietisten, ein entsetzliches Leben führen mußte, freundlich zu bemuttern. Ach nein, sagte Elisabeth. Sie müßten mit Herrn von Stottenheim das trauernde Königspaar machen, rief Adolfine. Die Schwestern lachten laut und Elisabeth sagte etwas kühner: Ach nein, das möcht ich nicht. Warum denn nicht? fragte Adolfine. Mit fremden Herren – begann sie und schüttelte den Kopf. Adolfine machte große Augen, aber schwieg. Haben Sie nicht Sehnsucht nach Berlin? fragte Cäcilie. Es muß Ihnen doch einsam sein bei den Großeltern. Elisabeth wollte doch zeigen, daß sie weder langweilig sei, noch sich langweile, sie erzählte die herrliche Aufführung von Wilhelm Tell und ihre Schlittenfahrten. Die Schwestern fanden es allerliebst, aber was sie auszusetzen hatten, war nur Adolfine in ihrer Naivetät dreist genug zu sagen: Also wirklich, Sie können sich noch mit Kindern amüsiren? – Elisabeth sah sie verwundert an. – Die Schwestern lachten aber wieder herzlich und die älteste sagte: Es ist ein abscheuliches Mädchen; seitdem sie confirmirt ist, meint sie, sie müsse immer junge Herren zu ihrer Unterhaltung haben. Die jungen Damen wurden jetzt an den Theetisch beordert, wo eben Herr von Budmar hinzugekommen war, es entstand eine allgemeine Unterhaltung, woran die Töchter des Obersten ganz natürlich und liebenswürdig Theil nahmen. Nach sehr kurzer Zeit wurde Herr von Stottenheim gemeldet. Er war sehr aufgeregt, daß er den Besuch des verehrten theuren Herrn von Budmar versäumt hatte. Wir müssen uns geradezu in einer Straße verfehlt haben, war seine Versicherung, ich war nur zu Kadden gegangen, um zu sehen, wie es dem armen Jungen geht; in derselben Zeit haben Sie ihn verlassen. Was macht Herr von Kadden? fragte Frau von Bonsak teilnehmend. Immer diesen benommenen Kopf! war Stottenheims Antwort. Ich forderte ihn auf mit herzukommen, denn die Unterhaltung mit seinem Burschen und der guten Frau Friedrichs muß ihm ja den Kopf nur dummer machen, er lehnte aber entschieden ab. Unwohl habe ich ihn nicht gefunden, sagte Herr von Budmar unbefangen. Doch, doch, versicherte der Kommandeur, er ist wirklich seit einiger Zeit anders. Es fehlt ihm der rechte Lebensmuth, fiel Stottenheim ein. Vielleicht der Uebermuth, lächelte Herr von Budmar, und das ist ja, nach dem was man von ihm hört, ganz wünschenswerth. Schaden kann es ihm freilich nicht, wenn er sich etwas beruhigt, sagt der Oberst lachend. Es ist aber doch ein Vergnügen, ihn reiten zu sehen: in vergangener Woche setzte er über einen Hohlweg, wo alle seine Kameraden für besser fanden zurück zu bleiben, und als er drüben war, sah er sich ganz verwundert um, warum niemand folgte. Ich zankte ihn gehörig aus, daß er so ganz ohne Noth das schöne Pferd und den eigenen Hals risquirte und schlug ihm vor, etwas hinauf zu reiten und so zurück zu kommen; er aber ritt noch eine Strecke ruhig hin, wandte dann, sauste daher und. stand neben uns. Auf dem Pferde, hat er mir versprochen, soll ich im Frühjahr reiten! sagte Adolfine vergnügt. Frau von Budmar sah forschend das hübsche Mädchen an. Sie wird immer wie ein Kind betrachtet, sagte Frau von Bonsak entschuldigend, die jungen Leute haben ihren Spaß mit ihr. Herr von Stottenheim neckte sich mit Adolfinen, als noch eine junge Dame erschien, die als Fräulein Amalie Keller, Tochter der verwittweten Frau Präsidentin Keller, vorgestellt wurde. Während die alten Herrschaften unter einander sprachen, wandte sich Herr von Stottenheim ganz zu den jungen Damen, die jetzt mit der Freundin ganz besonders lebhaft waren. Also in künftiger Woche bei Euch? sagte Amalie. Dazu ist alles leicht arrangirt. Wir wollen doch aber die Bilder noch überlegen: Herr von Kadden und Cäcilie als Egmont und Klärchen. Adolfine möchte so gern das Klärchen sein, warf Cäcilie ein. O nein, bestimmte Amalie entschieden, Adolfine paßt nicht zum Klärchen. Sie könnte aber ein hübsches Edelfräulein sein, fügte sie nachdenklich hinzu. So schlage ich vor, mein gnädigstes Fräulein, nahm Stottenheim sachverständig das Wort: wir nehmen Kadden zum Edelknaben, weil er so jugendlich ist, und ich übernehme den etwas würdevolleren Grafen Egmont. – Die Mädchen gaben lachend ihre Einwilligung, und der Bilderabend wurde in der Art weiter besprochen. In der Woche darauf, begann jetzt Amalie höchst wichtig, wird Mama bitten, und weil wir nicht Raum zum Tanzen haben, bleibt es dabei, wir spielen ein Lustspiel. Ein französisches? fragte die älteste Schwester. Um Gottes Willen nicht! fiel Stottenheim ein, plagen Sie uns und das Publikum doch nicht. Ein deutsches ist nur gar zu schwer zu finden, meinte Cäcilie. Mama meint, es bleibt uns kaum etwas anderes als Kotzebue. Der hat auch allerliebste Sachen geschrieben, versicherte Stottenheim sehr verständig, und die Mädchen nahmen sich vor, noch heute Abend ein Stück auszuwählen. Herr von Stottenheim hatte zuweilen forschende Blicke auf Elisabeth gerichtet, noch mehr aber Amalie mit ihren hellblauen klugen Augen. Sie wundern sich wohl über eine schweigsame junge Dame? wandte er sich jetzt an diese, aber ich versichere Sie, diese junge Dame kann auch lebhaft sein. Ich erwartete immer, Sie würden uns mit einigem guten Rath aus der Residenz zu Hilfe kommen, sagte Fräulein Amalie mit einem Gesicht, das noch hinzufügte: Ich bedarf zwar des Rathes nicht. Davon verstehe ich gar nichts, war Elisabeths Antwort. Freilich, Sie sind noch jung, fuhr Amalie fort, und es gehört eine gewisse Uebung dazu. Sie werden es aber schnell genug lernen. Elisabeth lächelte etwas ironisch. Nehmen Sie sich in Acht, Fräulein Keller, nahm Herr von Stottenheim das Wort, damit Sie nicht eine Strafpredigt von dem Berliner Fräulein hören. Wie so? fragte Amalie keck, dann fiel ihr wohl die bekannte Richtung der Budmarschen Familie ein und sie fügte lächelnd hinzu: Sie halten das doch nicht für Sünde? Elisabeth schwieg verlegen. Für Sünde! rief Adolfine und lachte laut auf. Elisabeth ärgerte sich; um nicht gar zu dumm zu erscheinen, sagte sie hastig: Wenn auch nicht für Sünde, es ist unpassend. Unpassend? riefen jetzt die Mädchen verwundert, und Elisabeth, um ihren Fehler wieder gut zu machen, fügte hinzu: Meine Eltern und meine Großeltern sagen es. Aber gestehen Sie nur, lachte Adolfine wieder, Sie würden es gern mitthun, wenn Sie es dürften. O nein! war Elisabeths schnelle Antwort. Meine junge Damen, gestritten wird nicht! nahm Herr von Stottenheim ganz väterlich das Wort, die Sache hat zu vielerlei Seiten. Die jungen Damen schienen damit einverstanden, ja Elisabeth war sehr froh, als dies Kapitel abgebrochen wurde, sie war ja selbst so unklar und unselbständig solchen Dingen gegenüber, so sehr sich auch ihr Gefühl sträubte gegen den ganzen Ton, in welchem die Mädchen unter einander verkehrten und welcher zeigte, wie ihre ganze Seele in den eitlen Dingen versunken war. Sie hatten sich jetzt zu der übrigen Gesellschaft gewandt. Hier versicherte eben der Oberst, nachdem man Wetter und Wege, Gegend und Nachbarschaft besprochen: Braunhausen sei ein sehr angenehmer Ort, es lasse sich hier eben so gut als in einer großen Stadt leben. Denken Sie, wandte er sich zu Herrn von Budmar, ehegestern hat meine Frau einen Ball eröffnet. Und Papa hat auch getanzt, fügte Adolfine hinzu. Ja, aber nicht mit meiner alten Frau, scherzte der Oberst, nur mit jungen hübschen Frauen. Wie häßlich klingt das! dachte Elisabeth, so würde der Großpapa nicht scherzen. Die Schimmel fuhren endlich vor, und Elisabeth war froh, als sie im Wagen saß. Sie konnte es selbst sich nicht erklären, aber sie hatte sich dort so verlassen gefühlt, es war ihr fast bange geworden zwischen den schwatzenden Mädchen, besonders aber waren ihr Adolfinens schöne Züge und ihr ganzes auffallendes Wesen unangenehm. Nun, Elisabeth, wie hat es Dir gefallen? fragte der Großvater, als sie die Stadt hinter sich hatten. Die Mädchen sind doch ganz anders als meine Bekannten, entgegnete Elisabeth nachdenklich. Ich hoffe, daß Dir Deine Mutter andere Freundinnen zuführte, sagte die Großmama freundlich. Wißt Ihr, daß mir angst und bange da geworden ist? fuhr Elisabeth fort. Es ist aber gut, sagte die Großmama, daß Du solchen Kreis einmal kennen gelernt hast, nicht wahr? Man kömmt sich darinnen wie in der Fremde vor. Lieber Fritz, wandte sie sich zu ihrem Mann, es war mir doch heute, als ob ich ein junges Mädchen wäre, und es war mir so lieb, daß ich Dich als Schutz zur Seite hatte. Du müßtest mich nur zuweilen zu solchen Leuten führen, damit ich immer dankbarer fühle, wie gut es mir in der Welt geworden ist. Das zu erkennen hast Du nun Zeit genug gehabt, entgegnete der Großpapa scherzend. O nein, fuhr die Großmama fort, das geht mir zuweilen noch wie ein Blitz durch die Seele, und ich staune dann, wenn ich meine Lebensführung betrachte, und es ist mir, als ob ich dem Herrn bis jetzt vergessen hätte zu danken, und müßte alles nachholen. War das nicht sehr häßlich von Herrn von Bonsak, zürnte Elisabeth, daß er sagte: er tanze lieber mit jungen hübschen Frauen als mit seiner Frau? Das hätte ich mich unterstehen sollen zu sagen! fiel der Großpapa scherzhaft ein. Ja, sagte die Großmama, das würde mir schön Herzweh machen. Ihr seht nun, nahm der Großvater ziemlich ernsthaft das Wort, daß Ihr verwöhnt seid in Eurer Gefühlsweise, und daß der Welt Art und Weise Euch nicht gefallen möchte. In der Welt, fuhr die Großmama eifrig fort, dauert eine ewige Liebe nicht viel länger als die Flitterwochen, darauf folgt, wenn das Glück gut ist, eine Freundschaft, die nur rechtschaffen, aber nicht zart zu sein braucht, – und das eben nur, wenn das Glück gut ist. Die Frauen sind aber so vernünftig und verlangen nicht anderes, sagte der Großvater, und darum giebt es noch genug leidliche Ehen. Höre mal, Großpapa, begann Elisabeth nachdrücklich, ich werde einmal sehr viel verlangen. Ja, das fürchte ich auch, war seine Antwort. Jetzt schwiegen alle drei. Nach einer Pause begann der Großvater, und es schien fast, als ob er einen Anlauf nähme: Höre, liebe Elisabeth, es ist jetzt ganz passend, daß ich einen Auftrag ausrichte. Elisabeths Herz fing mächtig an zu klopfen. Sie wußte, wo der Großvater Nachmittag gewesen war, – und doch – er konnte von daher keinen Auftrag haben. Du weißt doch wohl schon, daß Du leidlich hübsch bist, fuhr er fort. Ihr Herz wurde wieder leichter. Also nur ein Scherz! dachte sie und sagte lachend: Wenn Ihr sagt, daß ich der Großmama ähnlich sehe. Nun ja, fuhr der Großvater fort, Du wirst Dich auch wahrscheinlich nicht wundern, wenn Dich andere Leute hübsch finden, besonders nach den heutigen Erfahrungen, wo Du etwas gemerkt hast, wie es in der Welt hergeht, und Du wirst den Auftrag, den ich Dir von daher, und zwar versprochenermaßen selbst bringen muß, zu würdigen wissen. Elisabeth ward es wieder bedenklich zu Sinne. Kurz und gut, fuhr der Großvater fort, ein junger Herr hat mir angezeigt, daß er Dich hübscher und liebenswürdiger findet, als alle Damen seiner Bekanntschaft, und daß er hofft, diese Gefühle sind unveränderlich. Er machte eine Pause, Elisabeth wagte kaum zu athmen. Ich habe das bezweifelt, und er hat mir das Versprechen gegeben, bis zum Mai wenigstens sich durchaus um uns nicht zu bekümmern, und zu prüfen, ob ihm die jungen Damen seiner Bekanntschaft nicht besser gefallen. Ich zweifle gar nicht daran, daß, wenn er im Frühjahr Adolfinen Reitstunde giebt, seine unveränderlichen Gefühle in Gefahr gerathen, und wir wollen es ihm auch nicht übel nehmen. Für jetzt habe ich ihm das Gegenversprechen geben müssen, Dir von seinen Gefühlen und von meinen Wünschen darüber zu sagen, damit Du Dich nicht wunderst über ihn und ihn nicht mißverstehst, wenn er uns in Ruhe läßt. Du kannst darum auch ruhig die festgesetzten acht Tage noch bei uns bleiben, und überlegst Dir schön, was von einer solchen Lieutenantsliebe zu halten ist. Wie gut war es, daß der Großvater das hier im dunkeln Wagen sagte. Sie war so überrascht und so erschrocken, und wußte nicht, ob sie bange sein, oder sich freuen müsse. Daß er sie lieb hatte, und hatte es sogar ausgesprochen, das ging ihr doch zu wunderbar durch das Herz. Aber war es denn Ernst? Sie konnte es nicht glauben. Der Großvater war nicht überrascht durch ihr Schweigen und fuhr fort: Wundere Dich auch nicht, wenn Du einmal jemand hübsch und liebenswürdig findest, junge Herzen sind leicht bewegt; doch laß es nur Gedanken sein, die über Deinen Kopf fliegen, wenn Du es ihnen nicht wehren kannst; hege und pflege sie nicht. Und dann fügte die Großmama warm hinzu, überlasse alles dem Herrn, dem lieben, treuen Gott dort oben, der weiß es wohl zu machen. Wenn man ihm so Herzenssachen hingiebt, sollte es selbst wie Herzweh scheinen, so giebt es dafür wohl später große Herzensfreude. – Elisabeth beugte sich zur Großmama und legte ihre heißen Wangen auf die lieben Hände. Als denselben Abend die Großeltern allein waren, war die Großmama doch neugierig, sie wollte von der sonderbaren Conferenz Näheres wissen, und ihr Mann erzählte etwas weitläuftiger, wovon er Elisabeth bloß das End-Resultat mitgetheilt hatte. Ja, sagte er dann, es ist ein junger Mann, gerade wie man ihn in einem Roman nöthig hat, hübsch und offenherzig, aufbrausend und großmüthig, ein Romanschreiber würde nun diesen edlen Mann durch eine wahre tiefe Liebe zu einem Engel werden lassen; schade, daß es in der Wirklichkeit nicht gelingt. Und Elisabeth, fürchte ich, hofft das auch, sagte die Großmama sorglich. Er wenigstens hofft es, fuhr der Großvater fort. Er versichert, die Liebe zu Elisabeth hätte ihn jetzt schon zu einem anderen Menschen gemacht. Ich erklärte ihm, daß von einer Liebe, die nicht auf Gottes Wort und Gottes Furcht gegründet, auch durchaus nichts zu erwarten sei, sie sei Strohfeuer, und viele Ehen hätten in einer hochfliegenden, wundervollen Liebe ihren Anfang genommen, und mit einer Scheidung geendet. Er hörte alles ganz ruhig an, aber ich sah, wie es in seinem Innern tobte. Er biß die Lippen auf einander, kniff die Finger krampfhaft zusammen, und ich konnte mir deutlich Scenen ausmalen, die einer Scheidung vorangehen. Lieber Fritz! sagte die Großmama entsetzt. Ja mein Kind, fuhr er fort, ein so junger, lebensfrischer, leidenschaftlicher Mann, dem nichts helfend zur Seite steht als seine guten Vorsätze, das ist wohl schlimm. Ich versuchte ihn wieder zu beruhigen, denn soll ich es Dir gestehen, trotz seiner wüthenden Blicke fühlte ich doch große Theilnahme für ihn, da plötzlich reichte er mir die Hand, und sagte seufzend: Verzeihen Sie mir, aber wenn Sie wüßten, wie Sie mich quälen. Ich meinte, ich hätte auch wohl genug gesprochen, ich wollte nun aufhören; aber er bat mich wie ein Kind, ich möchte nur alles sagen, was ich für nöthig fände, er versprach geduldig und sanft zu bleiben. Ich stellte ihm vor, daß Elisabeth auch wohl kindisch, herrschsüchtig und eigensinnig sein könnte. Er fand diese Fehler liebenswürdig. Das hast Du einstmal aber auch gefunden, sagte die Großmama ernsthaft. Ja, das habe ich, entgegnete der Großpapa, ich bin auch aus Liebe zu Dir in die Oberförsterei gegangen und habe aus Liebe zu Dir mich mit der Tante ernsthaft unterhalten und gute Vorsätze gefaßt, aber mein guter Wille und mein Gewissen waren doch nicht mein Gott, ich fühlte mich gern klein einem Größeren gegenüber, und habe Seine Hilfe nicht für unnütz gehalten. Und dann habe ich doch nie die Hände geballt und mit den Füßen gestampft, fügte er lächelnd hinzu. Nun ja, das wäre freilich sehr schlimm gewesen, versicherte sie wieder. Als ich ihm ferner sagte, das Herz müsse bereit sein, auch wenn die Stimmung nicht die rechte sei, die Frau zu ehren, zu lieben und auf Händen zu tragen, nur darum, weil der Herr, der den heiligen Ehebund eingesetzt, es so verlange, versicherte er ganz warm und treuherzig: der Grund würde nie bei ihm nöthig sein, und sein Gewissen würde es ihm selbst nie erlauben, gegen seine Frau anders zu sein, als sich gehöre. Es ist unmöglich ihn von der Hilflosigkeit so guter Vorsätze und guter Gewissenhaftigkeit zu überzeugen, schloß der Großvater, denn ich kann ihm doch kein neues Herz andisputiren. Es war wieder eine Woche vergangen, am nächsten Tage sollte Elisabeth abreisen, als der Onkel Oberförster noch einmal den Nachmittag kam, um Elisabeth auf der Großmutter besonderen Wunsch zu einem weiteren Spaziergang abzuholen. Sie war in den letzten Tagen kaum aus der Stube gewesen, der schöne Winter war plötzlich heftigem Thauwetter gewichen, und Regen und Wind hatten jeden Spaziergang unmöglich gemacht. Heute war das Wetter besser, und der Onkel wollte Elisabeth in den Wald führen, wo die Wege leidlich waren. Daß er gerade nach den Tannenbergen wollte, war der Großmama nicht recht, doch konnte sie es dem Schwiegersohn nicht sagen, und stand nur nachdenklich am Fenster, als beide über die graue Wiese schritten. Das arme Kind! dachte sie: ihre Unbefangenheit ist fort, sie ist noch so jung, hätte noch lange ihre Jugend harmlos genießen und erst verständiger werden können. Wenn es ein Mann aus unseren Kreisen wäre, sollte es mir nicht bangen; an einer festen Stütze würde sie fest werden. Warum habe ich für sie immer besonders gesorgt, – und doch muß es so des Herrn Wille sein! Warum ging Elise auf den Ball, warum mußte er dorthin kommen, und warum gerade aus unserer Garnison? Wie mag ihr nun um das Herz sein? Ich weiß aus meiner Jugend, es ist eine schöne Zeit. – Elisabeth zu fragen hatte sich die Großmutter wohl gehütet. Durch Aussprechen nehmen Herzenssachen oft erst den bestimmten Charakter an, und zwischen allen Sorgen hoffte sie immer noch, es sollte glücklich vorübergehen. Ganz ähnlich hatte sie es ja mit Julchen erlebt, sogar hatte damals der junge Mann die Erklärung dem jungen warmherzigen Mädchen selbst gemacht, das war noch weit schlimmer. Weiter tröstete sie sich: wie oft kommen solche Geschichten in der Welt vor, und bei Elisabeth durfte man gar nicht hoffen, daß sie so ganz vor kleinen Herzens-Erregungen bewahrt werden möchte. Während die gute Großmutter das Sorgen nicht lassen konnte, wanderte Elisabeth den Tannenbergen zu. Ihr Herz war sehr froh. Wenn sie nach der andern Richtung in die Eichen hinein gemußt hätte, gewiß hätte sie Herzweh gehabt. Gott hat es so gefügt, dachte sie, und es ist vielleicht eine Belohnung, weil ich immerfort gekämpft habe mit den Gedanken, die mir über den Kopf flogen. – Oben auf dem höchsten Punkte schaute sie nach Braunhausen hinab, die Thürme lagen unter einem dunkeln Wolkendamm, der Wind sauste über die farblose winterliche Gegend. Der Onkel ließ Elisabeth nicht lange hier stehen und führte sie in den schützenden Wald. Da, wo der Berg sich nach der rechten Seite zu einer feuchten Niederung hinabsenkt, war der eigentliche Holzschlag, nach welchem der Onkel wollte. Es war ein kleines Ellern-Revier. Schon von weitem leuchteten die feuerrothen abgeschlagenen Stämme und die aufgeklafterten Scheite der Ellern. Elisabeth freute sich über den hübschen Anblick und versicherte den Onkel, daß ein Ellernschlag der allerhübscheste sei, und wie sie ihm danke, daß er sie gerade hierher geführt. – Als sie näher kamen, fanden sie auch ein Feuer angezündet, die graue Rauchsäule zog sich in einzelnen dunkeln Tannen hinauf und zerrann dann gegen den düstern grauen Himmel. Der Onkel ging, um mit den Holzschlägern zu reden, während Elisabeth sich auf einen Stamm an das Feuer setzte. Sie lehnte sich mit dem Rücken an aufgeklaftertes Holz und hielt ihre schwarzen Lederstiefelchen nahe der warmen Gluth, sie hatte kalte nasse Füße. Als sie ganz allein saß, ging der Kampf mit den Gedanken wieder an. Hier ist es so schön, dachte sie, wie wird es mir sein, wenn ich wieder zu Hause bin? Es wird mir sein, als ob ich geträumt habe. Vielleicht ist es gut, dort in der Stadt mit den dunkeln Thürmen ist mein Glück nicht zu finden, da stellen sie Bilder und tanzen und reiten und sprechen sehr viel, da fühle ich mich verlassen. Bei uns kann es ihm nicht behagen, es wird ihm bange werden, oder er wird lächeln und sagen: Ich bedarf eures Glaubens nicht, ich schaffe mir Himmel und Hölle selbst. Heute, wußte sie, war die Festlichkeit bei Bonsaks, heute mußte er dort einen Edelknaben spielen. Ja, da muß er sich wohl fühlen, da wird er gefeiert, und bei uns wird er nicht gefeiert. Aber mein Herz? – Sie senkte die Blicke in die Kohlengluth und kämpfte mit den Gedanken. Sie hörte jetzt Schritte und Rauschen an den feinen Ellern-Wasen, sie sah nicht auf, Holzschläger und Arbeiter waren ja rund herum, bis endlich das Schnaufen eines Pferdes sie erschreckte. Sie sah auf, und ganz nahe am Waldrande stand mit seinem schönen braunen Pferde ein junger Mann, der ihr wohl bekannt war. Er zögerte nicht, führte das Pferd vorsichtig über das geschlagene Holz hin und stand jetzt neben ihr. Beide reflectirten nicht weiter, ob sie sich über dies Begegnen freuen dürften. Sie war aufgestanden; um ihre Verwirrung zu verbergen, streichelte sie den Hals des schönen Thieres. Er erzählte, daß er vom Waldwege drüben den Holzschlag gesehen, und beim Näherkommen zu seiner Verwunderung – er unterdrückte ein lieberes Wort – ihre Gestalt zwischen den kräuselnden Rauchwolken erkannt habe. Sie fragte, wie alt das Pferd wohl sei, und er entgegnete, es sei fünf Jahr, und dann sagte sie, neulich in der Sonne hätte es weit heller ausgesehen, es wäre doch wohl beinahe schwarz? und er versicherte: es wäre ganz gewiß braun. Da trat der Oberförster heran, der während der Zeit mit einem Holzhauer ganz in der Nähe gesprochen hatte. Er war verwundert den Herrn hier zu sehen, und ließ sich den Grund erzählen. Auf seine Einladung, hier am romantischen Feuer einige Augenblicke Platz zu nehmen, dankte Herr von Kadden. Ach Sie haben heute eine große Geschichte bei Ihrem Obersten? sagte der Oberförster. Das treibt mich nicht, war seine Antwort. Sie sind doch wohl ein Hauptacteur? fuhr der Oberförster fort. Nein, ich bin ganz überflüssig, entgegnete jener. Der Oberförster war beschäftigt sich eine Cigarre anzuzünden, Elisabeth bückte sich zum Feuer und hielt ihm lächelnd einen herrlichen glühenden Ast hin. Wollen Sie nicht auch die schöne Gelegenheit benutzen? fragte der Oberförster gemüthlich, und zeigte dabei auf die erloschene Cigarre, die Herr von Kadden in der Hand hielt. Er war bereit, Elisabeth übergab ihm den Ast, und er dankte und empfahl sich. Er führte das Pferd langsam über das Holz, setzte sich am Waldesrand auf, sah sich noch einmal um, ohne zu grüßen, und verschwand dann langsam zwischen den braunen Baumstämmen. Der Oberförster sah ihm ein Stückchen schweigend nach und trat dann mit seiner Nichte den Rückweg an. Hier liefere ich meine liebe Nichte wieder ab! sagte der Onkel, als er mit Elisabeth zu den Großeltern eintrat; sie kann wacker laufen. Aber es war hübsch? wandte er sich zu Elisabeth. Wunderhübsch! wiederholte Elisabeth, und die Großmama sah mit warmem Herzen auf das jugendliche Gesicht, das von der Luft geröthet, umgeben von den zerwehten Locken besonders frisch und kindlich war. Wir hatten aber auch ein Abenteuer, fuhr der Onkel ruhig fort, ein junger Kürassier verirrte sich nach unserem Holzschlag. Herr von Kadden? fragte die Großmutter unwillkürlich. Ja, Herr von Kadden war es, fuhr der Oberförster fort; er hatte es aber sehr eilig, ich habe auch nie einen so ernsthaften Menschen gesehen, – nicht wahr, Elisabeth er hat uns kaum Adieu gesagt. Das hat er doch wohl, entgegnete Elisabeth, und verließ das Zimmer, um ihre Sachen fortzutragen. Der Onkel ging aber gleich hinter ihr her. Es ist doch seltsam, sagte die Großmutter zu ihrem lieben Gemahl, wie sie sich immer treffen müssen! – Er nickte. – Aber hübsch ist es von ihm, daß er sein Versprechen so pünktlich hält; er weiß doch, daß sie übermorgen abreist, und hätte gewiß noch gern mit ihr gesprochen. Ja, sagte der Großvater, die Sache wird mir bedenklich, besonders bedenklich, weil das Großmutterherz auch schon Sympathien für ihn hat. Wenn es aber wirklich nicht anders ist, so werden wir auch am besten thun, wenn wir ihn recht lieb haben, und mit unserer Liebe sein junges Herz gewinnen. Die Großmama sah ihn einverstanden an und verabredete noch, daß sie Elisabeth selbst nach Berlin bringen wollte und dort die Sache ruhig mit den Eltern besprechen. Tochter Julchen, die gute Frau Oberförsterin, das war ausgemacht, dürfte jetzt davon nichts hören, wenn die Sache glücklich in aller Stille vorüber gehen sollte. 14. Auf der Höhe des Glücks. Es war am ersten Mai, der Himmel war bedeckt, leichte Regenschauer fielen zuweilen auf das junge Grün, da saßen die Großeltern in einem Haufen Briefe vertieft, die eben von den entfernten Kindern eingegangen waren. Dem Herrn sei Dank, es sind ja keine großen Sorgen darin! sagte die Großmama; wenn aber der Wilhelm und der Max uns wieder näher kämen, wollt ich mich freuen. Wir schenken ihnen das Reisegeld, sagte der Großpapa, diesen Sommer sollen sie kommen, und im Herbst reisen wir nach Marie und sehen uns das kleinste Enkelchen an. Die Großmama lächelte und lehnte sich in die Sofaecke zurück, sie hatte heute heftig Kopfweh, sie konnte nichts vornehmen und liebte es, hübsch nachdenklich und ungestört zu ruhen. Da plötzlich klopfte es an die Thür und eben so schnell trat herein – Herr von Kadden. Ach so – sagte der Großpapa und ging dem jungen Manne höflich entgegen. Es ist heute der erste Mai, sagte Herr von Kadden mit einem tiefen Athemzug, als ob er eine schwere Arbeit hinter sich hatte. Herr von Budmar sah fragend nach seiner Frau, er schien mit dem Gaste das Zimmer verlassen zu wollen, aber sie kam ihm zuvor mit der Bitte hierzubleiben. Ihr Kopfweh kam gar nicht in Betracht bei dem Interesse, was die Erscheinung des Gastes in ihr erregte. Ich habe wohl nicht erst zu fragen, warum Sie kommen? begann Herr von Budmar, Ihr Kommen selbst ist Erklärung genug. Ja, ich hoffe, Sie verlangen nun keine Proben weiter, sagte Herr von Kadden etwas lebhaft, ich sehne mich nach Gewißheit. Sie haben meine Enkelin seitdem nicht gesehen? fragte Herr von Budmar. Doch einmal, in Berlin in der Behrenstraße, war die Antwort. Aber nicht gesprochen? fuhr der Großpapa fort. Eigentlich nicht, entgegnete der Gefragte, ich schenkte ihr aber einen Veilchenstrauß, den ich gerade in der Hand hatte. So? sagte Herr von Budmar ernsthaft und schwieg, dann. Sie halten das nicht für eine Verletzung meines Versprechens? sagte Herr von Kadden hastig und ein hohes Roth flog über seine Züge. Herr von Budmar nahm sich zusammen, wandte sich zu seiner Frau und sagte lächelnd: Die Entscheidung möchte ich einem andern Gerichtshof überlassen. Ich hatte es gar nicht beabsichtigt, setzte Herr von Kadden ruhig hinzu, ich war selbst überrascht. Die Großmama lächelte so gütig, daß von diesem Gerichtshofe nichts zu fürchten war. Das Begegnen war aber ein Glück, fuhr der junge Mann fort, – es wäre mir sehr schwer geworden, – ich war damals zu voreilig mit meinem Versprechen gewesen. Ein braver Soldat muß sich auch selbst überwinden können, sagte der Großpapa. Und wenn die Sache wirklich so steht, fügte er hinzu, rathe ich Ihnen vor allen Dingen, uns nicht als Ihre Feinde zu betrachten. Er reichte Herrn von Kadden die Hand und sah ihn freundlich an. Da verschwand plötzlich die Spannung aus des jungen Mannes Zügen, vertrauend in Blick und Ton sagte er: O dann ist alles gut! Ich fürchte aber meine Freundschaft wird Ihnen unbequem werden, nahm Herr von Budmar das Wort. – Der andere sah ihn fragend an. – Blieben Sie uns ferne stehen, so hätten Sie mich nur als einen gefälligen Mann sehen sollen; wollen Sie zu uns gehören, so räumen Sie mir Freundes Recht und Freundes Pflicht ein, ich darf Sie nicht in Ruhe lassen, – ja ich versichere Sie, es gehört von Ihrer Seite kein geringer Muth dazu, sich in unsere Familie hinein zu wünschen. Ich fürchte mich aber nicht, entgegnete Herr von Kadden lächelnd. Weil Sie die Gefahr nicht kennen, fuhr Herr von Budmar fort: ja ich werde das Recht des Freundes sogleich in Anspruch nehmen und Sie mit einem ernsthaften, Gespräche beunruhigen, welches Sie vielleicht für sehr unnöthig halten. Ich höre aber gern, entgegnete Herr von Kadden. Ich knüpfe an unser Gespräch im Winter an, begann der Großpapa: Sie haben mir offen gestanden, Sie können unseren Glauben nicht theilen, Sie halten ihn aber auch nicht für nöthig um glücklich zu sein. Wenn Elisabeth mich so lieb hat, als ich sie, so denke ich, wir müssen glücklich sein, sagte Herr von Kadden bescheiden. Einen Punkt haben Sie mir damals schon zugegeben, nahm Herr von Budmar wieder das Wort, daß Ihr Glaube und Ihr Glück über diese Welt nicht hinaus gehen. Sie können sich nicht vorstellen, was nach dem Tode folgen wird, und halten diese Vorstellungen lieber von sich fern, es ist Ihnen dabei unheimlich und unbehaglich zu Sinne. Elisabeth ist von Jugend auf gelehrt und erzogen im Glauben an unsern Heiland, den Herrn Jesus Christ, im Glauben, daß kein Glück, kein Heil außer ihm ist, daß dieses Leben armselig ist, aber auch daß dieser Zeit Leiden nicht werth sind der Herrlichkeit und ewigen Seligkeit des Himmels, sie würde, wenn auch mit schwachem Herzen, doch mit fester Zuversicht sagen können: Ich will hier in diesem kurzen Leben lieber unglücklich sein, wenn ich dort nur mit allen, die mein Herz lieb hat, selig werde. Alle, die ihr Herz lieb hat, da werden Sie oben an stehen sollen, sagte die Großmama liebreich. Ich fürchte mich nicht vor diesem Glauben, fiel Herr von Kadden ein, ja ich glaube, daß Sie sehr glücklich darin sind, aber ich kann nicht begreifen, wie man das glauben kann. Ich fahre fort, sagte der Großvater: wenn Elisabeth, trotz der großen Kluft, die zwischen Ihren gegenseitigen Welt- und Himmelsanschauungen liegt, Ihnen ihr Herz schenken kann, so ist das jedenfalls mit der glücklichen Hoffnung, daß Sie einst mit ihr denselben Glauben, Glück und Seligkeit theilen werden. Es ist aber dies nicht Elisabeths Hoffnung allein, es ist ebenso auch unsere Hoffnung. Wenn jemand ein Glied unserer Familie wird, so kann er sich weder unserer Liebe noch dem wunderbaren Einfluß entziehen, den der heilige Geist einem Familienleben verleiht, das nur von ihm überhaupt Kraft und Leben hat. Auf diese Gefahr wollte ich Sie aufmerksam machen, disputiren und streiten werden wir nicht, aber unsere Liebe wird sie beunruhigen, unsere Gebete werden Sie drängen, und je mehr wir fühlen, daß Sie ein schwaches und hilfsbedürftiges Kind sind, je herzlicher werden wir Sie lieben, je inniger für Sie beten; haben Sie Muth, das alles geduldig über sich ergehen zu lassen? Werden Sie Elisabeth nie in dieser Liebe beirren, nie mit Absicht ihr eigenes junges Glaubensleben angreifen und beunruhigen, sie nie absichtlich zu etwas veranlassen und bereden, was gegen dieses Glaubensleben streitet? Das Versprechen kann ich von Ihnen verlangen. Der junge Mann reichte ihm entschlossen die Hand. Welche Macht war es, die in den Worten des guten Großvaters lag und die sein Herz so weich machte? Sie wollen mich aufnehmen und mich wie ihr Kind lieben, das klang ihm so lieblich. – Als er dem Großvater die Hand reichte und sah, wie der alte Herr selbst bewegt und ergriffen war von der eigenen Rede, da zuckte es um seine Lippen, ein ungewohnter Schleier schimmerte vor seinen Augen, und er sagte leise: Ich will mich gern lieben lassen. Die Großmutter hatte sich aufgerichtet, sie sah ihn theilnehmend an, er nahm ihre Hand und führte sie bewegt an seine Lippen, sie beugte sich über ihn, küßte ihn auf die Stirn und strich ihm liebreich das Haar zur Seite. Er hatte sich nicht aufrichten mögen, er mußte jetzt wirklich weinen, er war ja nicht gewohnt von so lieber sanfter Hand sich liebkosen zu lassen. Der Großpapa faßte sich zuerst und sagte: Morgen über acht Tage kommt mein Schwiegersohn mit seiner ganzen Familie. Ich wollte aber nach Berlin, fiel Herr von Kadden ein. O bitte, sagte die Großmama, wir möchten unsere liebe Elisabeth doch lieber hier haben. So warte ich noch, entgegnete Herr von Kadden schnell, aber mit einem tiefen Seufzer. Es wurde nun noch verabredet, daß Herr von Kadden zweimal in dieser Woche kommen dürfe, wo möglich ohne alles Aufsehen. Dann versprach der Großvater, gleich am ersten Abend mit seinen Kindern zu sprechen und sofort Bescheid zu senden. Er erwähnte dabei, daß allerdings sowohl seine Tochter als auch sein Schwiegersohn schon darum wüßten. Auch Elisabeth dürfen wir vorher fragen? fügte er dann hinzu. Herr von Kadden nickte und lächelte. Hier war er seiner Sache wohl gewiß, und da er die Großeltern für sich hatte, fürchtete er Elisabeths Eltern nicht mehr und ritt sehr getrost davon. An demselben Nachmittag kam Stottenheim zu ihm. Ich bitte Dich um alles in der Welt! rief er beim Eintreten lachend, was hattest Du heut Mittag vor! Beim heftigsten Platzregen bist Du Schritt vor Schritt durch die Breite Straße geritten, ohne aufzusehen, ich stand mit den jungen Damen bei Bonsaks am Fenster, wir wollten uns halb todt lachen. Adolfine meinte, es sei der erste Mai, Du genössest den Regen um groß zu werden. – Kadden sah ihn verwundert an und schien sich zu besinnen. – Wo warest Du denn gewesen? fügte der Freund hinzu. Bei den Großeltern, war des Gefragten ziemlich zerstreute Antwort. Bei den Großeltern? fragte Stottenheim verwundert: wo sind denn Deine Großeltern? Meine nicht, lachte Kadden jetzt und that als ob er gescherzt, es ist aber ein solcher Typus von Großeltern in dem alten Paar, daß ich glaubte, Du hättest es errathen. Ach so – in Woltheim? sagte Stottenheim. Fällt Dir wieder etwas ein? setzte er lächelnd hinzu. Mir fällt gar nicht wieder etwas ein, wiederholte Kadden. Ich hoffe auch nicht, fuhr Stottenheim fort, Du würdest sonst ein junges zartes Herz zur Verzweiflung bringen. – Kadden sah ihn fragend an. – Ich meine Adolfine, sie verfolgt Dein Thun und Treiben mit größter Neugier, sie erkundigte sich neulich erst, ob Fräulein Kühneman wieder in Woltheim sei, und ob Budmars Offiziere bei sich sehen. Die unausstehliche Person! fuhr Kadden auf. Ungalanter Mensch! lachte Stottenheim, – wenn ich mir das zu Nutze machen dürfte, wenn ich sie von Deinem kalten Herzen überzeugen dürfte! Ich erlaube es Dir, war Kaddens Antwort, und das Gespräch ward hiermit abgebrochen. Die acht Tage waren dem sehnenden und hoffenden Herzen dort hinter den grünen Tannenbergen nicht so schnell vergangen als den Großeltern, aber sie waren doch vergangen. Die guten Schimmel waren nach der Eisenbahn geschickt, um die Frau Geheimeräthin und die Kinder zu holen; der Geheimerath und Fritz und Karl waren zu Fuß gewandert. Noch an demselben Abend conferirten Eltern und Großeltern, das Resultat war einfach. Nach allen Erkundigungen war Herr von Kadden ein solider, rechtschaffener, ja ein besonders zartfühlender und edler Mann, selbst Vermögen hatte er genug um einen Hausstand angemessen führen zu können. Der Geheimerath erinnerte an seine eigne Jugend, er hoffte, daß der Herr auch hier weiter helfen würde. Elise war zwar auch einverstanden, aber mit schwerem Herzen; es war ihr, als ob sie die Folgen dieses Schrittes allein auf ihrem Gewissen tragen müsse. Sie tröstete sich zwar, daß sie nicht allein die jungen Leute zusammengeführt habe, daß es auch der Herr gethan. Wie wunderbar waren ihre Ahnungen, als sie den jungen Mann zuerst erblickte, wie wunderbar war er immer wieder der Tochter begegnet! nein, des Herrn Wille war es jedenfalls – ihr zum Glück oder zum Kreuz, das mußte sie geduldig abwarten. Daß der Unfrieden, der seit so lange an ihrer Seele nagte, zu einer Krisis gekommen, war schon ein großer Segen dieses Winters. Noth treibt zu Gott, Noth macht wachsam. Die Großmutter schloß die Unterredung mit dem Rathe, sich noch ernsthafter zum Gebete für die Kinder zu vereinen und noch ernsthafter und treuer an sich selbst zu arbeiten, weil der Herr ja den Kindern seiner Frommen Segen verheißen habe. Elise verließ schnell das Zimmer, sie mußte mit ihren Thränen kämpfen, dort oben in ihrem eigenen einsamen Stübchen stand sie am Fenster und schaute hinauf nach dem Frühlings-Himmel und den glänzenden Sternen. O Herr, strafe meine Kinder nicht mit meinem Schwanken, sprach ihr zitterndes Herz, mit meiner Unsicherheit, mit dem selbstgemachten Unfrieden. Ich bin wie der Knecht, der wohl weiß, was er thun soll, und thut es doch nicht, weil er klüger sein will als sein Herr. Der Herr hat gesagt: Du kannst nicht zweien Herren dienen, nicht Gott und der Welt, und der Knecht sagt: Das werde ich doch erst versuchen müssen, ehe ich es glaube. Habe ich es genug versucht? O gewiß, Herr, – erbarme Dich meines armen Herzens, mache mich doch endlich stark, laß mich nicht fragen nach der Welt Ehre, der Welt Beifall, ich will nicht klug und angesehen sein, ich will eine demüthige und eine treue Mutter sein, Herr segne mich und meine Kinder! Sie las jetzt die zwei Lieder, die in der letzten Zeit ihre Seele bewegten, die einst ein Kind Gottes in eigner Seelennoth zum eigenen Trost gesungen: Es kostet viel, ein Christ zu sein Und nach dem Sinn des reinen Geistes leben: Denn der Natur geht es gar sauer ein. Sich immerdar in Christi Tod zu geben; Und ist hier gleich ein Kampf wohl ausgericht: Das machts noch nicht. Man muß hier stets auf Schlangen gehn, Die ihren Gift in unsre Fersen bringen; Da kostets Müh, auf seiner Hut zu stehn. Daß nicht der Gift kann in die Seele dringen. Wenn mans versucht, so spürt man mit der Zeit Die Wichtigkeit. Doch ist es wohl der Mühe werth, Wenn man mit Ernst die Herrlichkeit erwäget, Die ewiglich ein solcher Mensch erfährt, Der sich hier stets aufs Himmlische geleget. Es hat wohl Müh; die Gnade aber macht, Daß mans nicht acht. Auf, auf, mein Geist ermüde nicht Dich durch die Macht der Finsterniß zu reißen: Was sorgest du, da dirs an Kraft gebricht? Bedenke, was für Kraft uns Gott verheißen! Wie gut wird sichs doch nach der Arbeit ruhn: Wie wohl wirds thun. Und das Gegenstück: Es ist nicht schwer, ein Christ zu sein Und nach dem Sinn des reinen Geistes leben; Zwar der Natur geht es gar sauer ein, Sich immerdar in Christi Tod zu geben: Doch führt die Gnade selbst zu aller Zeit Den schweren Streit. Du darfst ja nur ein Kindlein sein, Du darfst ja nur die leichte Liebe üben. O blöder Geist, schau doch, wie gut ers mein! Das kleinste Kind kann ja die Mutter lieben! Drum fürchte dich nur ferner nicht so sehr: Es ist nicht schwer! Dein Vater fordert nur das Herz, Daß er es selbst mit reiner Gnade fülle. Der fromme Gott macht dir gar keinen Schmerz, Die Unlust schafft in dir dein eigner Wille; Drum übergieb ihn willig in den Tod. So hats nicht Noth. Laß nur dein Herz im Glauben ruhn, Wenn dich will Nacht und Finsternis bedecken; Dein Vater wird nichts Schlimmes mit dir thun; Vor keinem Sturm und Wind darfst du erschrecken. Ja, siehst du endlich ferner keine Spur, So glaube nur. So wird dein Licht aufs neu entstehn, Und wirst dein Heil in großer Klarheit schauen; Was du geglaubt, wirst du dann vor dir sehn; Drum darfst du nur dem frommen Vater trauen, O Seele, sieh doch, wie ein wahrer Christ So selig ist. Auf, auf, mein Geist, was säumest du, Dich deinem Gott ganz kindlich zu ergeben? Geh ein, mein Herz, geneuß die süße Ruh! In Friede sollst du vor dem Vater schweben: Die Sorg und Last wirf nur getrost und kühn Allein auf ihn. Der andere Tag war hold und schön, wie ein Maientag sein muß. Der Geheimerath ging mit seiner Frau in einem kleinen Bosquet auf und ab, die Kinder spielten auf dem grünen Rasen unter blühenden Bäumen, und Elisabeth saß mit den Großeltern im Gartensaal. Sie wußte alles – und es war ihr wundervoll zu Sinne, es konnte keiner holdseligen Prinzessin im allerschönsten Mährchen schöner zu Sinne sein. Es war ihr aber auch, als ob es ein Traum oder ein Mährchen sei, wenn sie dachte, daß er, dessen Bild ja wirklich vom ersten Mal wo sie ihn gesehen, ihr immerfort zur Seite war, und trotz alles Kampfes immer wieder aufgetaucht, daß er sollte nun wirklich ihr eigen sein, es war doch, als ob sie den Gedanken gar nicht fassen könne. Die Großeltern sahen in ihren verklärten Zügen was in ihrem Innern vorging, sie sahen aber auch die Unruhe und Befangenheit und die wunderbare Spannung, in der sie sich befand. Um eilf Uhr hatte Herr von Kadden die Erlaubniß zu kommen, noch war es nicht ganz so weit, die Großeltern wollten ihr gewiß die Zeit verkürzen, sie sprachen mit ihr, der Großvater aber auf seltsame Weise, halb im Scherz, wie er es liebte, aber er sprach auch ernst wie ein alter Mann heute, dachte Elisabeth, seine Jugend hat er vergessen. Bilde Dir nur nicht ein, liebes Kind, daß, weil er Dich lieb hat, er nun Dein gehorsamer Diener sein muß, sagte der Großvater; das ist eine Täuschung, an der schon manches Glück gescheitert ist. Er kann Dich sehr lieb haben und hat doch oft einen anderen Willen als Du, Du bist immer diejenige, die nachgeben muß. – Elisabeth sah den Großvater ungläubig an. Wenn du freundlich gegen ihn bist, dachte sie, wird er glücklich sein, nur immer deine Wünsche erforschen zu können. – Und wenn er schon als Bräutigam zuweilen seinen eigenen Willen hat, wundere Dich nicht, sondern freue Dich; er ist aufrichtig und lebhaft, da wird er eben jetzt sein, wie er später ist, Du mußt da schon lernen, fein sanft und artig sein. – Elisabeth lächelte. Der Großvater sprach ja auch nur scherzend. Jetzt dachte sie: Mir zu Liebe wird er nie heftig sein, er hat jetzt schon dagegen gekämpft. – Deine Großmutter war eine liebe, demüthige Seele, fuhr der Großvater fort, sie sagte mir am Hochzeitstage, sie nähme nichts lieberes als das Gebot an: Und er soll Dein Herr sein. Dein Herr sein? wiederholte Elisabeth verwundert. Großpapa, das ist aber nicht mehr Mode, fügte sie schnell hinzu. Nicht mehr Mode? fuhr der Großvater fast erschrocken auf, – Elisabeth versuche es nie, auch nur zum Spaß und in der Thorheit Gottes Ordnung umzustoßen, die einzige Hoffnung Deines Glückes beruht darauf, wenn Du diese Worte mit demüthigem Herzen annimmst. Dann wirst Du seine Fehler tragen, immer wieder freundlich und liebreich sein, und das ist der einzige Weg, mit Männern fertig zu werden. Wir können das nicht vertragen, wenn da eine liebe zarte Seele neben uns steht, zankt und schmollt und uns bessern will. Nicht wahr liebe Frau? Du würdest damit nicht weit mit mir gekommen sein? Die Großmutter lächelte, sie hatte ja von Anfang an zu viel Respekt vor ihm gehabt, die kleinen Versuche, ihrem Eigensinne zu folgen, waren bald so gänzlich mißglückt, daß sie ihn lieber aufgegeben. Elisabeth aber dachte: Was spricht der Großvater für Unsinn! Unfreundlich gegen mich sein, und ich dennoch liebreich und demüthig, und abwarten, bis er wieder freundlich ist: das habe ich kaum gegen Eltern und Großeltern gekonnt, – nein, wenn er wirklich gegen mich heftig ist, so bin ich böse, das kann er dann nicht ertragen und ist die Sache gut. – Der Großvater verstand ihr Schweigen recht gut, sie hatte sich bei harmlosen Gelegenheiten oft genug über diesen Punkt ausgesprochen. Das Schweigen mit dem wegwerfenden kecken Mienenspiel reizte ihn aber noch mehr zu reden, er fuhr fort: Wenn die Großmama mit mir schon mußte behutsam umgehen, so bedenke, daß ich nicht einmal heftig und aufbrausend bin, wie ein gewisser junger Mann. Großpapa! er ändert sich ja! sagte Elisabeth leise. Von dem Wahne wollte ich Dich eben heilen, fiel der Großvater ihr in die Rede, als ob Du von der Liebe alles erwarten, ihr alles bieten könntest, nein Du mußt gewaltig zart mit ihr umgehen. Trotz der allerschönsten und herrlichsten Liebe wird er gelegentlich aufbrausen: willst Du ihm dann Vorwürfe machen? Elisabeth nickte. Gut, sagte der Großvater eifrig, dann wird er noch heftiger, dann Du noch unartiger, und Du hast eine Ohrfeige fort, Du weißt nicht wie. Großvater! rief Elisabeth zürnend und ward feuerroth. Nun ja, daß Du Dich wehrst, daran zweifle ich nicht! setzte er hinzu. Die Großmama lächelte und sagte: Nein, das thut sie nicht. Da möchte ich eher sterben, flüsterte Elisabeth. Großvater, wie kannst Du so etwas von gebildeten Leuten reden, fügte sie zürnend hinzu. Mein Kind, es giebt weit vornehmere Ehen, wo so etwas vorfällt, warnte der Großvater; die Sünde fragt nicht nach der Bildung. Elisabeth versuchte zu lächeln, aber der Großvater hatte es doch zu arg gemacht, sie hätte weinen mögen. Als er jetzt an das Fenster trat, legte sie ihre heißen Wangen wieder auf die Hände der Großmama, zu deren Füßen sie saß. Diese flüsterte leise: Liebe Elisabeth, der Großpapa hat doch Recht, Du wirst nie sanftmüthig und nachgebend genug sein können. Wenn Ihr aber beide einmal doch heftig seid, so besinne Dich, eile fort und bete ein Vater Unser für Dich, das ist ein gutes Mittel. Elisabeth nickte. Aber, dachte sie, sich tröstend: sie kennen ihn beide nicht, sie werden sich wundern, wenn wir sehr glücklich sind. Ich werde nicht unfreundlich und unartig sein, das war nur hier zuweilen gegen Tante Julchen, die mischt sich aber in alle Dinge, die sie nichts angehen. Er wird auch nicht unfreundlich gegen mich sein, und wenn er es wäre, würde es ihm schnell genug leid sein. Sie wollte sich gern besinnen, wie er aussah, wenn er böse war; sie konnte es durchaus nicht, sie sah ihn nur immer, wie er ihr den Veilchenstrauß gab. Das war einer von den Frühlingstagen, die das Herz so sehnsuchtsvoll machen. Die Kinder spielten lustig auf den Straßen im hellen Sonnenschein, viele Fenster waren geöffnet, damit die laue Frühlingsluft ihren Einzug halten könnte, und hoch über den Häusern zogen leichte weiße Wolken am lichtblauen Himmel. Dort über den Tannenbergen ziehen auch die leichten Frühlingswolken und der Sonnenschein liegt darauf, und er wird auch in die Ferne schauen – hatte sie gedacht, als sie durch die Behrenstraße ging. Sie wollte sich eben durch einen Haufen fröhlicher Kinder hindurch winden, da stand er vor ihr. Er gab ihr den Veilchenstrauß, – und so sah sie ihn jetzt noch vor sich. Mit diesem Bilde vergaß sie auch die wunderlichen Worte des wunderlichen Großvaters, es ward ihr wieder so wundervoll zu Sinne, wie einer Mährchen-Prinzessin, die nun das Ende der Geschichte erreicht hat: der schöne Königssohn kommt, die Hochzeit ward in großer Freude gehalten, und sie lebten vergnügt zusammen wie die Haidelerchen in aller Glückseligkeit, so lange es Gott gefiel. Der Großvater war in die Gartenthür getreten, die Großmutter sah von Zeit zu Zeit nach der Uhr, es war schon über halb zwölf. Da kommt er – zu Fuß – das wundert mich! sagte der Großvater jetzt. Elisabeth sprang auf. Du willst doch nicht fort? fragte die Großmutter. Nur in dies Zimmer, sagte Elisabeth hastig und eilte in die offenstehende Wohnstube. Herr von Kadden trat ein. Zu Fuß? in der Hitze? begrüßte ihn der Großpapa freundlich. Ich muß es recht zu meiner Beschämung gestehen, ich habe heute einen dummen Streich gemacht! sagte der Eintretende seufzend. Die Großeltern sahen ihn erstaunt an. Der Dienst hatte mich länger aufgehalten als ich glaubte, ich wollte die versäumte Zeit mit dem Reiten einbringen, da ist mir das Pferd gestürzt. O! sagten die Großeltern bedauernd. Aber das arme Pferd, was ist denn aus ihm geworden? fügte der Großpapa hinzu. Ich habe dabei gestanden, bis mein Bursche mir nachkam, es war auch wieder auf den Beinen, der Bursche hat es hinkend zurückgeführt. Der Großpapa lächelte, doch hielt er mit jeder Bemerkung zurück und sagte nur, daß er seinen Schwiegersohn und seine Tochter rufen wolle. Als er den Gartensaal verlassen, saß der junge Mann bei der Großmutter, er küßte ihre Hand und sagte bittend: Heute dürfen Sie mich nicht schelten, Sie müssen mich trösten, ich hatte den Ritt, ich weiß nicht, eigentlich wie ein Orakel angesehen. Als ich mich auf das Pferd setzte, war es mir, als ob mir die ganze Welt gehörte, ich flog, um jeden Umweg zu sparen, über den großen Anger am Thor, ich setzte über den breiten Bach, es sollte kein Hinderniß für mich geben, und vor dem Walde der kleine Graben, wirklich sonst nicht der Rede werth, bringt mein Pferd zum Stürzen und ich habe da bei dem armen Thiere stehen müssen mit der Ungeduld im Herzen. Lassen Sie es uns nur als eine Vorbedeutung nehmen, nahm die Großmama gütig das Wort, alle Ihre kühnen Steckenpferde werden stürzen, und Sie werden fein demüthig das Ziel erreichen, was Ihnen der Herr bestimmt hat. Und glücklich sein, fügte er kindlich hinzu. Und glücklich sein, wiederholte die Großmutter. Jetzt trat Herr von Budmar mit Elisabeths Eltern ein, Elisabeth wurde auch gerufen, und es erfolgte eine von den feierlichen Scenen, von der nachher niemand den Hergang so recht genau selber weiß. Die Großeltern hatten ja auch vorher mit Braut und Bräutigam gesprochen, sie sagten jetzt nicht viel. Der Geheimerath liebte diese Scenen nicht und kürzte sie so viel wie möglich ab. Elise, die Mutter, die Hauptperson, hatte nicht den Muth sich so zu zeigen, wie es ihr um das Herz war, es fehlte ihr die Freudigkeit. Die Uebrigen hatten das Zimmer verlassen, sie sollte allein sein mit dem Brautpaar, sie konnte ja einige erbauliche Worte und das schöne Verlobungslied dem Brautpaar mit auf den Weg geben; aber sie konnte sich nicht entschließen. Sie verließ selbst schnell das Zimmer und trocknete ihre Thränen wieder im einsamen Stübchen mit der tröstlichen Hoffnung, sich später gewiß einzuleben mit der lieben Tochter und dem neuen Sohne. Warum aber jetzt nicht gleich entschieden heraustreten mit dem, was ihr Herz erfüllte, jetzt wo die Herzen des Brautpaares so gern bereit waren, etwas Besonderes und Seliges zu hören? Aber sie hatte nicht den Muth, das zu glauben. Sie fürchtete, der junge Mann möchte sie mißverstehen, könnte lächeln zu ihrem Thun, sie wollte ihn erst nach und nach einführen in ihr Familienleben und dann gewiß nicht zurückhalten. Elisabeth befand sich also plötzlich mit ihrem Bräutigam allein im Wohnzimmer, zagend und glücklich stand sie an seiner Seite. Es war ihr aber doch, als ob bei der Verlobung etwas gefehlt hätte, – sie wußte, wie es bei der Großmutter und bei der Mutter gewesen, – und ihr Herz war so selig und dankbar: wenn sie allein gewesen, würde sie jetzt dem lieben Gott erst recht selig gedankt haben. Der Bräutigam hatte ihre beiden Hände gefaßt, es war ihm selbst noch wie ein Traum, daß er ihr so gegenüber stehen durfte. Weißt Du, Elisabeth, begann er flüsternd, als wir beide im Winter hier unter diesen Bildern standen? – Elisabeth nickte. – Den Abend habe ich den lieben Gott ordentlich gebeten, daß er Dich mir schenken sollte, fügte er eben so leise hinzu. Elisabeths große Augen leuchteten hell auf; ja sie sah ihn sehr freudig an: Darum hat er es erhört! sagte sie. Und wir wollen ihn auch immer wieder bitten, fügte sie stockend hinzu. Ich will es immer besser von Dir lernen, versprach er weich. Wenn wir auch nicht viel wissen, fuhr sie eben so zagend fort, so können wir nur zusammen ein Vater Unser beten. Ob ich das wohl noch kann? fragte er seufzend. Ihre vier Hände noch verschlungen, sahen sie sich schweigend an. Er versuchte leise für sich das Vater Unser, sie sprach es im Herzen auch und folgte mit Spannung seinen Lippen und seinen Zügen. Jetzt ward es licht in diesen Zügen: Ich kann es ganz gut, sagte er bewegt und seine Augen waren feucht. Er nahm Elisabeth zum erstenmal an sein Herz und das war nun erst die rechte Verlobung. Wenn wir einmal, flüsterte Elisabeth – Aber wie unpassend ist das! fiel ihr ein. Wenn ich einmal, verbesserte sie sich, unfreundlich bin – Du meinst mich, fiel er lächelnd ein. Sie schüttelte ernsthaft den Kopf und wiederholte: Wenn ich unfreundlich bin und wir werden es dann beide, und wir können uns nicht gleich helfen, da wollen wir fortgehen und für uns ein Vater Unser beten, das ist sehr gut, das wollen wir uns versprechen, – nicht wahr? bat sie und sah den Bräutigam beinahe demüthig an. – Und: Ich möchte alles thun was Du wünschest, versicherte er treuherzig; aber das wird gewiß nicht nöthig sein, fügte er noch hinzu. Der Tag war wunderschön. Natürlich folgte Nachmittag und Abend ein Familienfest, Oberförsters waren dort, und die Gesellschaft war zahlreich an großen und kleinen Leuten. Charlottchen versicherte, sie habe alles vorher gewußt; seit dem Abend, wo Onkel Karl den Kürassier-Offizier herbei gewünscht, da hatte sie wohl sechs Mal ihre selige Mutter im Sarge liegen sehen, das war immer das sicherste Zeichen einer nahen Hochzeit. Onkel Karl rieb sich sehr vergnügt die Hände und sagte Elisabeth im Vertrauen, er habe für Kürassiere eine besondere Vorliebe und er würde in den Lieutenants-Haushalt hinter den Bergen manch Töpfchen und Tröpfchen fließen lassen. Oberförsters Mariechen setzte dem neuen Vetter sehr verständig aus einander, daß es ihr lieb sein würde, wenn er von nun an bei ihren Vorstellungen die Stelle des Herrn Rennicke, des Rechnungsführers, übernehmen möchte, da derselbe sich immer recht ungeschickt anstelle. Der übermüthige kleine Karl aber quälte das kleine Schwesterchen Charlottchen, er erzählte, der große Kürassier hätte Schwester Elisabeth wirklich erobert und würde sie mit sich nehmen, so daß die ältere Schwester Marie ihre Noth hatte, dem Charlottchen auseinanderzusetzen: er sei aber doch Elisabeths Freund und habe sie sehr lieb. Als Elisabeth am Abend der Großmama Gute Nacht sagte, ließ sie dem Großpapa bestellen, sie hätte sich die Sache überlegt und wollte wirklich so sanftmüthig und liebenswürdig als die Großmama werden. Der Verlobungstag war ein Sonnabend gewesen und weil der Geheimerath mit seinen Gymnasiasten eigentlich keine Ferien hatte, kehrte er mit ihnen am Sonntag nach Berlin zurück, während Elise mit den übrigen Kindern noch vierzehn Tage bei den Eltern verweilte. Diese vierzehn Tage waren für die ganze Familie ungetrübte, blüthenreiche Maientage. Elisabeth war eine liebliche und sehr glückliche Braut, und der Bräutigam, dessen Sehnsucht sich bis jetzt mit der Tradition des alten Erbkoffers begnügen mußte, konnte es kaum fassen, jetzt der Mittelpunkt so vieler Liebe und so vieles Glückes zu sein. Auch nicht der leiseste Hauch eines Wölkchens trübte den Himmel seiner Laune und seiner Stimmung, und er war auch nur liebreich und aufmerksam und zart gegen seine Braut, er war es gegen alle Familienmitglieder. Elise ward bald mit ihrer Mutter einig, daß er ein sehr liebenswürdiger Mann sei, sie wünschten ihm nur beide mehr Selbständigkeit, besonders gegen Elisabeth, die wie eine kleine Königin ihn beherrschte. Elise hatte ihm freundliche Vorstellungen gemacht, ihr Töchterlein nicht zu sehr zu verwöhnen, er hatte aber doch gebeten, es ihm zu erlauben, da es ihn zu glücklich mache, es sei auch nicht so schlimm als es scheine, da die Verwöhnung ganz gegenseitig wäre. So war es auch, nur daß es ihm mehr Vergnügen machte seiner kleinen Königin zu dienen, als sie zu regieren, und sie dagegen sehr bereit und ebenso gewandt war zum Herrschen in dem ihr eingeräumten Reiche; beide aber überzeugten sich immer mehr, daß es nur ihrer wunderseligen Liebe bedürfe um glücklich, gut und liebenswürdig zu sein. 15. Familien-Aufregungen. Nachdem die vierzehn Tage vorüber waren, ging der Bräutigam mit nach Berlin, um sich dort der übrigen Familie vorzustellen. Die Ueberraschung über diese unerwartete Verlobung war hier groß genug gewesen, ebenso die Aufregung bei einigen Gliedern. Tante Wina und Tante Paula waren, gleich nachdem sie vom Bruder die Nachricht erhalten und ihm gründlich ihre Mißbilligung anzuhören gegeben, nach Generals geeilt, um auch hier ihr Herz auszuschütten, und zum erstenmal fanden sie in Emilien eine Gesinnungsgenossin. Emilie war ebenso unzufrieden als sie, wenn auch die Ursachen ihrer Unzufriedenheit sehr verschieden waren. Den ersten besten jungen Mann zu wählen! klagte Wina. Ja, den ersten besten jungen Mann, wiederholte Emilie, von dem man voraussetzen kann, daß er sie in die Welt führt, daß er ihr kein Halt und keine Stütze ist. Der sie für immer von Berlin fortführt, wo wir glaubten, das Vergnügen des Zusammenlebens sollte erst recht beginnen, fuhr Wina fort. Sie konnte hier eine weit glänzendere und vornehmere Partie machen, sagte Paula offenherzig; sie ist ja auffallend schön, sie konnte in Berlin bleiben und wir konnten Theil an ihrem Glück nehmen. Sie konnte wenigstens noch abwarten, versicherte Wina, sie ist noch so jung, ich begreife Elisen nicht. Ja ich begreife Elisen nicht, wiederholte Emilie, gleich Elisabeths erster kindischer Neigung nachzugeben. Elisabeth ist aber im neunzehnten Jahre, sagte die Generalin lächelnd, sie ist danach ganz berechtigt, eine Neigung zu fassen, und nach allem was man gehört hat, soll Herr von Kadden ein recht braver, liebenswürdiger Mann sein, fügte sie hinzu. Emilie wollte etwas entgegnen, ein ernster Blick der Mutter ließ sie schweigen, die Generalin wollte mit den Tanten nicht auf ein Kapitel kommen, bei dem an keine Verständigung zu denken war. Als die beiden Damen wenig getröstet ihren Abschied genommen hatten, erschien gleich darauf der Pastor Schlösser, der Verlobte Emiliens schon seit Ostern, und nach noch wenigen Minuten kam Klärchen Warmholz hinzu. Das Thema der Unterhaltung blieb Elisabeths Verlobung. Nachdem das äußere Factum besprochen war, zu dem so wenig Klärchen als Schlösser viel sagen konnten, weil sie beide den Bräutigam nicht kannten, nahm Emilie sehr ernsthaft das Wort: Aber Mutter, wie konntest Du nur den Tanten sagen, daß Herr von Kadden ein liebenswürdiger und braver Mann sei! Warum nicht? fragte die Generalin sanft. Weil er es in unserem Sinne nicht ist, entgegnete Emilie eifrig; im Sinne der Welt mag ers sein, aber wir dürfen der Welt gegenüber unsere Ansicht nie verleugnen. Die Generalin sagte jetzt mahnend: Nach dem, was uns Elisabeths Vater von dem Bräutigam berichtet hat, wollen wir vorsichtig sein mit unserem Urtheil, er ist nach aller Uebereinstimmung ein braver und rechtschaffener junger Mann; mit der Lebensrichtung der Familie ist er gründlich bekannt gemacht, er hat versichert, daß er, obgleich er sie nicht theilen könne, doch auch nichts dagegen habe und sich willig der Führung so vieler Liebe anvertraue. Wir können jetzt nur bitten und wünschen, daß diese Liebe ihm wirklich zur rechten Führerin wird. O, Mutter, zürnte Emilie, Du wirst doch nicht auch glauben, daß eine solche Liebe zum Glauben führen kann? Nein, der Herr muß der Führer sein, war der Mutter ruhige Antwort, aber er kann solche Liebe auch als Werkzeug benutzen. Du hast doch schon im Winter von Fritz gehört, fuhr Emilie eifrig fort, wie dieser Herr von Kadden ein selbstgerechter und tugendsatter Mann ist; wenn Ihr also seine Rechtschaffenheit so sehr heraushebt, so muß ich immer wieder sagen, daß diese gerade für ihn ein Hinderniß zum Glauben ist. Der Herr Christus ist aber auch für tugendsatte Leute da, warf Schlösser lächelnd ein. – Es war Emilien sehr unangenehm, daß ihr Bräutigam nicht auf ihre Seite trat, und sie sagte gereizt: Also ist es uns nicht erlaubt, ein Urtheil über Weltleute zu haben, wir müssen sie entschuldigen und nur immer sagen: Der Herr Christus kann sie auch noch selig machen? Schlösser sah seine Braut ernsthaft an und schwieg. Es entstand eine Pause. Klärchen in ihrer Neigung zu Ruhe und Frieden mußte die Vermittlerin sein. Liebe Emilie, begann sie bedächtig, ein Urtheil sollen wir allerdings haben, es kommt nur sehr auf die Art an, wie sich das Urtheil in unserem Herzen gestaltet. Daß Herr von Kadden ein Mann ist, der unseren Glauben nicht nöthig hat, glaube ich schon, der liebe Gott hat ihn aber doch in eine gläubige Familie geführt. Nun sagt sein Verstand: Du hättest etwas Vernünftigeres thun können, als dich mit Leuten einlassen, die alle nicht recht gescheit sind! Sein Herz aber sagt: Es gefällt mir aber so wohl, und es thut so wohl, so glückliche Leute zu sehen und so viel aufrichtige Liebe. Da freuen wir uns nun herzlich, daß der verständige, tugendhafte Mann zwischen uns gerathen ist, und unser innigster Wunsch ist, daß er sich so wohl bei uns fühlt und nicht danach fragt, was sein alberner Verstand dagegen einzuwenden hat. Ja, Klärchen, entgegnete die Generalin, wenn er sagt, daß er sich wohl bei uns fühlt, wollen wir ihn freundlich willkommen heißen. Klärchen aber hatte es eilig und schloß jetzt ihre kurze Morgenvisite, und das Brautpaar war mit der Mutter wieder allein. Emilie war zu sehr gereizt, um nicht dasselbe Thema weiter zu besprechen. Ich habe auch nichts dagegen, daß wir freundlich gegen ihn sind, begann sie von neuem, aber wir können doch nicht leugnen, daß wir Elisabeth einen anderen Mann wünschen möchten, und wenn Elise ein Gewissen hat, so kann sie unmöglich darüber hin kommen, daß sie Elisabeth damals auf den Ball geführt hat. Sie wird sich allerdings die Folgen dieses Balles zurechnen, entgegnete die Mutter, obgleich Elisabeth eine ähnliche Neigung auch bei andern Gelegenheiten fassen konnte. Elise thut einem um so mehr leid, da sie wirklich so ernsthaft kämpft, sich von der Welt loszureißen. Ernsthaft kämpft? fragte Emilie. Ich finde es traurig, daß ein Christ, der nun wirklich die Einsicht hat, wie nichtig und ohnmächtig und bedeutungslos die Welt ist, sich doch nicht losreißen kann, immer wieder kämpft und immer wieder schwankt, und immer wieder mit der Welt liebäugelt. Es liegt schon in Gottes Gerechtigkeit, daß er so etwas strafen muß; ja wenn man es überlegt, so müßte man fast wünschen, daß die Folgen dieser Verlobung recht schwer sind: würden sonst nicht Eltern und Tochter in dem Glauben bestärkt werden, daß es gar nicht so gefährlich ist, zuweilen in der Welt und mit der Welt zu leben? Gott ist gerecht und muß die abtrünnigen Kinder strafen, nahm Schlösser das Wort, aber er ist auch barmherzig und kann in seiner Liebe thun, wie er will. Kinder, die sich zu ihm bekannt haben, sind deswegen noch nicht ohne Sünde, unser Weg bis an unsern Tod ist ein fortwährender Kampf mit der Sünde. Der eine kämpft mit seiner Lauheit, seiner Schwäche, daß er sich immer noch mit der Welt befreunden muß, da er doch möchte ganz dem Herrn angehören; der andere kämpft mit seinem Hochmuth, seiner Lust zum Splitterrichten, während er den Balken in seinem Auge nicht sieht. Beide tragen die Folgen ihrer Sünde, den Unfrieden davon, beiden wünscht man aber nicht, daß Gottes Gerechtigkeit, sondern seine Barmherzigkeit sie richten möge. Wir sind alle Glieder eines Leibes, eines trägt und leidet und betet für das andere, keines könnte aber so lieblos und vorwitzig sein und behaupten, dem schwachen, immer fort wieder fallenden und aufstehenden Kinde sei nur durch harte Strafe zu helfen. So lange es den Vater anruft, hat es auch Hoffnung auf Barmherzigkeit, und der Herr hat oft Gedanken des Friedens, wo unsere lieblosen Herzen Unfrieden profezeihen. Emilie hatte diese ganz ruhig und besonnen gesprochenen Worte in großer Spannung angehört, ihr Gesicht glühte, mit zitternder Stimme begann sie: Ich begreife nicht, wie Ihr mich so mißverstehen könnt. Es ist so einfach: Ihr könnt doch nicht verlangen, wenn ich eine Sache blau sehe, ich soll aus schwächlichem Friedens-Gefühl sagen: sie ist weiß. – Die Mutter sah sie warnend an, sie aber fuhr heftig fort: Wir sind nicht lieblos, wenn wir unserem schwachen Bruder Hilfe wünschen, sollte die Arznei auch in den nothwendigen selbstgeschaffenen Folgen der eigenen Sünde liegen. Liebe Emilie, sagte der Bräutigam mit einem trauernden Lächeln: es ist gut, daß der Herr Christus barmherziger ist als wir Menschen, er ließ nicht gleich Feuer vom Himmel fallen, als seine Jünger ihn zornig darum baten, und ich hoffe, der armen Elisabeth wird es auch nicht so schwer ergehen, als Du als liebreicher Arzt ihr verordnen möchtest. Wilhelm! rief sie mit stockender Stimme. Ja, sagte er sanft und freundlich, ich gehe jetzt und Du überlegst Dir die Sache. Er reichte ihr die Hand, sie hielt das Taschentuch vor die Augen, und er entfernte sich. Die Generalin wollte sich auch entfernen, aber Emilie bat sie zu bleiben. Ich begreife es doch nicht, liebe Mutter, sagte sie mit Thränen, wie Du mich auch so mißverstehen kannst. Hast Du Elisen nicht selbst vor dem Ball gewarnt? Hast Du ihr nicht gesagt, daß eine Mutter nicht beten darf, die ihre Tochter auf einen solchen Ball führt? Hast Du ihr nicht vorgestellt, welche Herren der Tochter dort zugeführt werden? Jetzt, wo alle unsere Befürchtungen eingetroffen sind, sollen wir plötzlich eingestehen, daß unsere Befürchtungen Täuschungen und der albernen Tanten Ansichten von der Welt und solchen Dingen die rechten sind; wir sollen wünschen, daß sie recht und wir unrecht haben, damit sie also desto sicherer sich der Welt ergeben. Nein, liebe Emilie, entgegnete die Mutter, das wollen wir nicht wünschen. Wir wollen wünschen, daß sie trotz ihrer Schwachheit sich doch immer fester und entschiedener dem Herrn zuwenden möchten. Du kennst auch Elisen genug und weißt, daß sie die Gerechtigkeit des Herrn fürchtet und sich nach seiner Gnade sehnt. Denke, wie der Herr selbst Geduld und Langmuth hat mit dem sündigen Treiben der Welt, wie er mit Barmherzigkeit immer wieder ruft und lockt, seine Sonne scheinen läßt über Gerechte und Ungerechte, – wie sollten wir nun auf unsere Mitknechte die Gerechtigkeit des Herrn herabwünschen, da wir selbst mit bangem Herzen sprechen müssen: »Aus tiefer Noth schrei ich zu Dir.« Und: »Denn so Du willst das sehen an, was Sünd und Unrecht ist gethan, wer kann Herr vor Dir bleiben?« Und weiter: »Bei Dir gilt nichts, denn Gnad und Gunst, die Sünden zu vergeben; es ist doch unser Thun umsonst, auch in dem besten Leben.« – Also, liebe Emilie, wollten wir Dir zu bedenken geben, daß wir alle, ob wir dem Herrn tausend Pfund, oder zehn Pfund schulden, seine Gerechtigkeit fürchten, und für uns alle seine Gnade erbitten müssen. Wir gehören alle zu den Schalksknechten, die dem Herrn tausend Pfund schulden und doch den Nächsten drängen, daß er bezahle, was er uns schuldig ist; wer das leugnet ist vom Hochmuth verblendet. Da unsere Seligkeit so ganz von der Barmherzigkeit des Herrn abhängt, da müssen wir uns in der Barmherzigkeit wohl üben und immer, wenn es an uns ist, zu richten oder barmherzig zu sein, zitternd nach der Barmherzigkeit greifen. Meinst Du denn, daß ich es nicht thue? fragte Emilie in derselben Erregung. In diesem Fall hast Du es nicht gethan. Fürchte Dich, daß Elisabeths liebevolles und kindliches Herz Dich nicht beschäme, Du weißt, daß der Herr spricht: Die Letzten werden die Ersten sein. O liebe Mutter, sagte Emilie, willst Du mir jetzt Elisabeth zum Muster stellen? Der Herr weiß, wie sehr ich wünsche, daß sie fest wird und Ihm folgt; wohin hat sie aber ihre warme Liebe bis jetzt gewandt? Haben wir sie bis jetzt nicht beide beklagt und bedauert? Soll ich das alles mir verhehlen, um nur nachsichtig sein zu können? Ich beklage sie auch noch, nahm die Mutter jetzt mit einigem Unwillen das Wort, ich beklage sie; wenn sie ihre Liebe der Welt zuwendet und dadurch den Herrn betrübt, aber ich beklage Dich doppelt, wenn Du durch Lieblosigkeit den Herrn betrübst und zugleich Deine Umgebungen unglücklich machst. Die Mutter verließ das Zimmer, und Emilie eilte auch fort und verschloß sich im eignen Stübchen. So hatte die Mutter noch nie gesprochen; sie hatte sie zwar oft zur Demuth und Nachsicht ermahnt, aber die Befürchtung, daß sie ihre Umgebungen unglücklich mache, hatte sie noch nie gehört. Sie überlegte es jetzt, wie sie von ihren Freunden geehrt, bewundert und geliebt wurde; wie ja auch ihr Bräutigam, gleich nachdem er sie kennen gelernt, zu ihren Verehrern gehörte; wie er es anerkennend ausgesprochen, daß viele junge Mädchen ihr nachfolgen möchten im Dienste und in der Liebe zum Herrn. Nur ein gleiches Verlangen, dem Herrn zu dienen und ihn zu lieben, hatte ihre Herzen zusammengeführt, mit Stolz und Freude hatte er daran gedacht, einst eine solche Pfarrfrau zu haben. Freilich war es nach der Verlobung, weil sie da natürlich noch offener mit ihren Gedanken heraustrat, zu Gesprächen gekommen, wo er die Einfalt und Liebe des Weibes über alles Wissen und über alle Werke setzte, und sie hatte mit großen Schmerzen das auf sich beziehen müssen; aber es war doch nur ein leises Hindeuten und sie hatte den Bräutigam bald überzeugt, daß auch sie die Werke und das Wissen nicht überschätze. Heute war ihr jedenfalls Unrecht gethan. Sollte ihr jetzt Elisabeth, die von allen als ein unfertiges Kind betrachtet wurde, zum Vorbild gegeben werden? Sollte ihr nicht ein Urtheil erlaubt sein? War das lieblos, wenn sie ihr Umkehr zum Herrn wünschte, sollte es auch Umkehr durch Kreuz sein? Eine Entschuldigung unhaltbarer als die andere suchte ihr Verstand hervor; den eigentlichen Kern ihrer Sünde hielt sie von sich ab, wollte ihrer Mutter und ihrem Bräutigam gegenüber nicht von der Höhe, die ihr so gut anstand, herunter in das Thal der Demuth steigen, sie wollte nicht so ernstlich durch sie an die Worte erinnert werden: »Denn wenn Du willst das sehen an, was Sünd und Unrecht ist gethan, wer kann Herr vor Dir bleiben!« Sie war ja eine Christin, eine aufmerksame Christin, die sich solche Worte selbst zu Gemüthe führt. Sie war in einem trostlosen Zustande. Sie konnte auch nicht bei Tische erscheinen. Als die Mutter kam, sie zu fragen, bat sie, ungestört bleiben zu dürfen, und die Mutter nahm sie mit Thränen an ihr Herz und konnte ihr nichts sagen. War sie denn nicht selbst um Emiliens Entwicklung längst besorgt? Hier in Berlin, wo sie in einem Kreise von Gläubigen so viel Anerkennung fand, war ihre Sicherheit sehr gewachsen, und die Liebe des ausgezeichneten und begabten jungen Mannes hatte ihr Herz nicht zur Demuth sondern zur Hoheit geführt. Daß selbst der Bräutigam darüber trauerte, würde sich Emilie nie gestanden haben, aber die Mutter fühlte es mit Bangen, und eine Scene wie die heutige hatte sie immer schon erwartet. Der Herr wird ihr helfen! dachte die trauernde Mutter, wir müssen alle die Last unserer Sünde tragen, der Herr allein kann sie lehren, um Barmherzigkeit bitten. Gegen Abend klopfte es an Emiliens Thür, sie ahnete wer es war, und ihr Herz hatte sich nicht getäuscht. Ihr Bräutigam trat ein, und an seinem Gesicht war zu sehen, daß die letzten Stunden ihm nicht süß waren. Er reichte ihr die Hand, sie legte ihren Kopf an seine Brust und sagte weinend: Wie weh hast Du mir heute gethan! So verzeihe mir, entgegnete er mit sehr weicher Stimme. Du hast mich mißverstanden, fuhr sie fort. Nein ich habe Dich nicht mißverstanden, liebe Emilie, sagte er ernst. Du hast mir gewiß Unrecht gethan! versicherte sie warm. Ich habe Dir nicht Unrecht gethan, war wieder seine ruhige Antwort. Meinst Du denn? begann sie – Nicht liebe Emilie, unterbrach er sie, wir beginnen nicht noch einmal den Streit, Dein Verstand möchte Dich immer mehr in die Irre führen und den Herrn betrüben. Wenn wir Frieden haben wollen, bleibt Dir nur der eine Weg: Beuge Dich unter meinen und Deiner Mutter Ausspruch, daß Du Unrecht hast. Welch ein Verlangen! dachte Emilie erschrocken; wie kann ein wahrheitsliebender Mensch gegen seine Überzeugung solch einen Ausspruch thun! – Was sollte aber werden? fragte sie weiter: konnte ihr Herz nicht nachgeben? konnte sie nicht demüthig sein? nicht auch einmal Unrecht leiden? Ein geübter Christ kann das alles, er verleugnet sich selbst, er will gar nichts sein und gelten. – Ja, den Feinden gegenüber kann ein Christ das alles leiden, verkannt und mißverstanden sein, was Feindes Mund spricht, ist nicht bitter; »wo aber Dich ein Freund veracht't, wird Deine Demuth irr gemacht.« Ist denn demüthig sein so schwer? Sie hatte ja so herrlich darüber reden können. Ist es denn unmöglich, unschuldig leiden? Dem Herrn Christus zu Liebe hatte sie immer so viel Muth gehabt Unrecht zu haben, nachzugeben. Wo war denn der Muth geblieben, als sie nun wirklich sich beugen sollte? Einem Herzen, darinnen der Stolz mächtiger als die Demuth, ist der Kampf sehr schwer. Dem Herrn die Schuld bekennen, das geht noch, aber nur nicht den Menschen. Emilie stand an die Schulter des Bräutigams gelehnt und er gab ihr geduldig Zeit zur Ueberlegung. Es währte aber sehr lange, sein Herz wurde immer trauriger, er nahm ihren Kopf leise höher, er sah sie so liebreich und so traurig und so bittend an. Da ward ihre Seele bewegt. Warum ist er traurig? Um deinetwillen. Bist du so vieler Liebe werth? Sie erfaßte seine Hand und schluchzend sagte sie: Verzeihe mir, Wilhelm, ich habe Unrecht. Da war beiden eine Last von der Seele, es war ihr wie einem Kinde, nie, nie hatte sie sich so wohl gefühlt. O ich danke Dir! sagte sie und konnte nichts weiter sagen; aber er verstand sie wohl, er wußte ja, daß nichts seliger ist, als demüthig sein, und dem Herzen nicht wohler ist, als wenn es allen Hochmuth, alles selbstgerechte Wesen über Bord geworfen. Sie wollte jetzt ihr Herz noch ausschütten, aber er litt es nicht. Wir wollen es beide im Herzen still bewegen, sagte er. Er führte sie zur Mutter, und als diese beide so bald kommen hörte, wußte sie, daß ihre Gebete erhört waren. An Emilien war diese Demüthigung wohl zu merken. Sollte es eine wirkliche Umkehr sein? dachte die zagende Mutter. Ach nein, der Kampf mit der Lieblingssünde, wenn er auch immer weniger mächtig wird, er währt bis an das Ende. Emilie ward in der nächsten Zeit nicht in Versuchung geführt, nur als Elise erschien mit dem jugendlichen und überglücklichen Brautpaar, da ward es ihr bange. – War es denn möglich? selbst Elise schaute mit Stolz auf den neuen Sohn. Er war sehr einnehmend, daß Elisabeth nicht widerstehen konnte war natürlich; aber daß die Mutter sich verblenden ließ, war doch unbegreiflich. Elisabeth mußte ihr volles Herz der lieben Cousine auch noch privatim ausschütten, sie nahm Emilien bei Seite, umarmte sie lebhaft und sagte so freudig: Liebe Herzens-Emilie, nicht wahr, eine Braut sein, ist doch zu schön? Gewiß, entgegnete Emilie lächelnd, aber ziemlich verlegen. Solch ein Glück habe ich mir nie träumen lassen, fuhr Elisabeth fort, aber ich bin auch dem lieben Gott sehr dankbar dafür. Es ist wohl schön, wenn man ein treues Herz gefunden hat, war Emiliens Antwort. Und nun das liebe schöne Leben vor sich! sagte Elisabeth freudig. Das liebe schöne Leben wird aber auch seine schweren Stunden bringen, konnte Emilie jetzt nicht lassen zu sagen. Nun, ja, – aber mit einem getreuen Herzen, Du weißt doch, liebe Emilie? sagte Elisabeth wieder, indem sie der ernsthaften Braut Hände ergriff und sie innig drückte. Emilie hätte große Lust gehabt zu sagen: Verlasse Dich nur nicht auf solche Liebe und Treue, denn sie ist nicht auf einen Felsen, sondern sie ist nur auf Sand gebaut. – Aber der Bräutigam hatte schon ungeduldig nach Elisabeth geschaut, ihre Blicke begegneten sich, er hielt ihr verstohlen seine Hand hin, und schnell eilte sie und saß Hand in Hand an seiner Seite. Als Emilie mit den Eltern wieder allein war, konnte sie nichts dagegen sagen, als beide den Bräutigam recht liebenswürdig fanden. Wie er so offen aus den Augen schaut, das ist viel werth, sagte der General. Dabei hat er etwas Ritterliches und Zartes, und die kleine Elisabeth schwebt in Wonne. Der liebe Gott scheint auch hier der barmherzige Hüter seiner leichtsinnigen Kinder sein zu wollen, fügte die Generalin freundlich hinzu. Ich wünsche es von Herzen, sagte Emilie jetzt. Ja, so weit hatte sie es wirklich gebracht, sie konnte es nur noch nicht glauben . Noch leichter aber, als bei Generals war dem Brautpaar der Sieg bei Tante Paula und Wina geworden. Ein gemeinschaftlicher Spaziergang im Thiergarten war beinah hinreichend, ihre Gemüther zu beruhigen. Dieses auffallend schöne Paar, das eine allgemeine Bewunderung erregte, war ja ihre Nichte und ihr Neffe. Dazu war der Neffe wirklich aufmerksam gegen die Tanten, und als ihnen bei einem harmlosen Geplauder das Brautpaar auseinandersetzte, daß ein eigenes Tantenstübchen einst im neuen Haushalt gegründet werden sollte, da waren sie ganz glücklich und zufriedengestellt. 16. Blauer Himmel und Wolken im Brautstande. Der Sommer verging in ungestörtem Vergnügen. Gegenseitige Besuche wurden häufig gemacht, Herr von Kadden war in Berlin, oder Elisabeth war bei den Großeltern. Das letzte freilich nicht so oft, als es das Brautpaar gewünscht hätte, – die Mutter wollte sich das Beisammensein mit der Tochter nicht mehr verkürzen lassen. Ueberdem mußte Elisabeth wirthschaften lernen, studieren am Kochen, Waschen und Plätten, denn bisher hatten ihre wissenschaftlichen Studien ihr dazu nicht Zeit gelassen. Sie war auch äußerst geschäftig und wißbegierig, und es war spaßhaft, wenn sie dem Bräutigam von Zeit zu Zeit ihre erworbenen Kenntnisse mittheilte und ihn zu überzeugen suchte, daß sie die Kunst des Haushaltens und Sparens bis in das Unglaubliche treiben würde. Es kömmt wirklich nur auf die Art an, wie etwas zubereitet wird, konnte sie versichern, die Zuthaten sind Nebensache, – von fünfzehn guten Kaffeebohnen drei Tassen. Also auf eine Tasse fünf Bohnen, dividirte der Bräutigam richtig. Falsch gerechnet! triumfirte sie: eine Tasse von fünf Bohnen ist weit schlechter als drei Tassen von fünfzehn Bohnen. Sie setzte ihm die Behandlung auseinander und die Sache war unzweifelhaft. – Dann ist es sehr sparsam, altes Brot zu essen, versicherte sie. Aber frisches Brot schmeckt besser, warf er ein. Aber auch altes schmeckt recht gut, fuhr sie fort, und dann muß man nie zu feine Butter kaufen, die ist erstens sehr theuer, und man nimmt weit mehr davon. Also, zog der Bräutigam ernsthaft den Schluß, ich habe Aussichten auf dünnen Kaffee, altes Brot und schlechte Butter. Elisabeth zürnte: das Vergnügen, eine Musterwirthschaft zu führen, gehe doch wirklich über frisches Brot und Sahnenbutter. Herr von Kadden wandte sich an den Schwiegervater, um sich belehren zu lassen, wie weit in dieser Hinsicht das Regiment der Frauen reiche. Darin sind wir gänzlich drunter durch, versicherte dieser, und es sind uns nur Bittschriften gestattet. Elisabeth lachte und dachte mit nicht geringer Sicherheit: ich möchte eigentlich wissen, wo meines Regimentes Grenzen ihren Anfang nehmen. Wenn Elisabeth in Woltheim war, nahm sie sich sehr zusammen, die Großeltern ließen hin und wieder ein Wörtchen fallen, was ihr störend war. Die Großeltern irrten sich natürlich; wenn man sich gegenseitig so lieb hat, ist das Glück gesichert! war immer wieder ihr stiller Triumf. Lest und sprecht Ihr auch zuweilen ernsthafte Dinge? fragte die Großmama einst in einer traulichen Stunde. Bis jetzt, liebe Großmama, sind wir eigentlich noch nicht dazu gekommen, war Elisabeths Antwort. Aber ich danke dem Herrn täglich für mein Glück, fuhr sie fort, und wenn die unruhige Brautzeit erst vorüber ist, dann will ich meine Zelt auch schön ordnen, und wir wollen täglich zusammen lesen. Habt Ihr das verabredet? fragte die Großmama. Nein, entgegnete Elisabeth, aber ich habe es mir fest vorgenommen, wir sind auch jetzt nur immer so flüchtig zusammen, die Zeit ist im Sommer so schnell hingegangen. Schon im Winter soll das besser werden, da geht man nicht so viel spazieren. Ihr studiert aber Englisch zusammen? fragte die Großmama. Das haben wir aufgegeben, entgegnete Elisabeth lachend; denke Dir, daß wir uns dabei immer gezankt haben. Er sprach so viele Worte anders aus als ich, und meinte, es sei recht; und ich werde es doch besser wissen, meine Miß ist in den vornehmsten Häusern gewesen. Als wir merkten, daß es ohne ein bischen Confusion nicht gehen wollte, haben wir es ganz gelassen, – Du glaubst nicht, wie vernünftig wir sind. Ihr hättet Euch aber lieber vertragen sollen, rieth die Großmama, das wäre noch vernünftiger gewesen. Lieber den Streit lassen, als die Sache; Gelegenheit zum Streit werdet Ihr sonst immer finden. So musizirt Ihr zusammen, seid nicht ganz einig, und laßt es lieber. Ihr geht zusammen spazieren, zankt Euch leicht dabei, und seid so vernünftig lieber nicht spazieren zu gehen. Großmama, tröstete Elisabeth, es war ja nicht schlimm, es war alles nur Scherz. – Ein Vaterunser haben wir noch nicht nöthig gehabt zu beten, setzte sie lächelnd hinzu. Schiebe es ja nicht zu lange auf, warnte die Großmama wieder. Ja, liebe Elisabeth, wenn Ihr wieder einmal nicht ganz einig seid, so versuche es, nachzugeben; es ist weit besser, Du lernst es jetzt schon, Du glaubst auch nicht, wie schön das ist. Elisabeth nickte freundlich. Er ist auch immer gleich so gütig, wenn ich ihm nur etwas entgegen komme, sagte sie glücklich. Im October wurde Elisabeths neunzehnter Geburtstag bei den Großeltern gefeiert, ihre Eltern und Geschwister waren dort. Es war ein froher Tag. Als der Großvater die Morgenandacht hielt, auf das verflossene Jahr zurück schaute und das Brautpaar aufforderte, ihre Herzen in Dank und Liebe dem Herrn zu geben, drückte der Bräutigam Elisabeths Hand, und seine Gedanken erschienen einmal da oben in recht aufrichtiger dankender Hingabe. Am Geburtstage wurde auch die Hochzeit festgesetzt: im Frühjahr, wenn die Veilchen blühten, sollte sie sein. Die Wohnung wurde schon besprochen, man überlegte, welcher Stadttheil der beste sei, auch auf den nöthigen Raum, die nöthigen Möbel wurde gedacht. Kurz und gut, die Sache sollte nun Ernst werden. Elisabeth war sehr eifrig, sich in ihre neue Hausfrauen-Würde immer mehr einzuleben, und konnte zuweilen äußerst vernünftig reden. Nachdem Eltern und Geschwister abgereist waren, hatte sie die Erlaubniß noch vierzehn Tage zu bleiben, als letzten längern Besuch bei den Großeltern. Den Winter wollte sie dann in Ruhe und Fleiß bei der Mutter zubringen. Die Herbsttage waren gerade wunderschön, der Bräutigam erschien jeden Mittag und blieb bis zum Abend, und jeder Tag brachte irgend einen hübschen Spaziergang oder eine Fahrt oder ein Familienvergnügen mit Oberförsters. In Braunhausen hatte das Brautpaar einige Visiten gemacht, außerdem aber keinen Verkehr angeknüpft. Das Publikum war nicht ganz zufrieden damit, wenigstens meinte es, das Recht dadurch zu haben, dem Brautpaar gegenüber eine kritische Stellung einzunehmen. Höre mal, Kadden, begann Herr von Stottenheim eines Tages feierlich, ich muß wirklich einmal als Freund zu Dir reden, Du vernachlässigst Deine Bekannten hier in einem solchen Grade, daß es Dir später schwer werden wird, mit Deiner jungen Frau in diesem Kreise zu leben. Ich vernachlässige sie? fragte Kadden verwundert. Ja, freilich, seitdem Du Dich verlobt hast, bist Du für uns nicht mehr da. Du läßt Dich von der Familie wirklich zu sehr hinnehmen, zu sehr beherrschen, ein Mann muß doch seine Selbständigkeit bewahren. Ich versichere Dich, lachte Kadden, daß es immer mein selbständiges Verlangen ist, wenn ich mit der Familie bin, weil es mir außerordentlich wohl da ist. Du bist ein guter Junge, sagte Stottenheim väterlich, Du läßt Dich da umgarnen, ohne daß Du es ahnst, es müßte Dir doch jedenfalls Vergnügen machen, mit Deiner reizenden Braut in unseren Gesellschaften auch einmal zu erscheinen. Dazu hat sie keine Lust, entgegnete Kadden schnell. Da haben wir es! rief Stottenheim, das wollte ich eben sagen, wenn sie keine Lust hat, muß sie es aus Rücksicht für Dich und Deine Freunde thun. Sie verlangt, daß Du Dich in ihre Lebensweise hineinfügst, das geht natürlich von ihrer Familie aus; Du mußt Dich aber nicht ganz und gar regieren lassen, sie müssen doch auch fühlen, welche Rücksichten sie Dir schuldig sind. Kadden fühlte es heiß werden in seiner Brust. Die Vorstellungen des Freundes hatten leider etwas Wahres, er hatte einige Mal Wünsche geäußert mit Elisabeth an Partien, welche seine städtischen Freunde unternahmen, theilzunehmen, aber es war ihm ausgeredet worden, und da er sich mit Elisabeth überall glücklich fühlte, hatte er seine Wünsche schnell aufgegeben. Sich in der Art, wie er es eben von Stottenheim erfuhr, von seinen Freunden besprochen zu wissen, war ihm gar nicht angenehm; er unterdrückte aber diese Gefühle und sagte scherzend: Wenn es mir mehr Vergnügen macht, mit meiner Braut dort zu sein, als hier in Euren Gesellschaften, so müßt ihr gestehen, daß ich mein gutes Theil an der Regierung habe. Ich wiederhole noch einmal, Du täuschest Dich, entgegnete Stottenheim eifrig, und ich sage Dir, laß Dir die Leutchen nicht über den Kopf wachsen. Ich bestreite ja ihre Liebenswürdigkeit nicht, ich fühle mich selbst sehr wohl zwischen ihnen, aber Du darfst darüber Deine Freunde hier nicht ganz und gar vernachlässigen, und wenn sie Dich dazu verleiten wollen, mußt Du ein Mann sein, mußt Dir überlegen, daß es so nicht geht, und nach Deinem eigenen Einsehen handeln. Bist Du nun fertig? fragte Kadden kurz. – Stottenheim wollte etwas entgegnen. – Ich danke Dir schön, fuhr Kadden fort, beruhige Dich aber, ich werde die Sache ganz zu Deiner Zufriedenheit lösen. Ich war gefaßt, auf einige Gereiztheit von Deiner Seite, nahm Stottenheim äußerst freundschaftlich das Wort, ich nehme es Dir auch nicht übel, ich habe es für meine Pflicht gehalten Dich zu warnen. Du willst doch hier mit uns leben. Daß der glückliche Rausch, in dem Du Dich jetzt befindest, vorübergehen wird und muß, bist Du gescheit genug einzusehen. Den Umgang, den Du jetzt abgebrochen, wirst Du natürlich nachher wieder anknüpfen müssen, Du kannst Dich dann nicht wundern, wenn Du piquirte Gesichter findest. Außerdem hat dieses Wechseln etwas Unselbständiges, Unbedachtes. Ich habe aber durchaus meinen Umgang hier nicht absichtlich abgebrochen, unterbrach ihn Kadden ärgerlich, es hat sich so ganz natürlich gestaltet, und wird sich, wenn ich verheirathet bin, ganz natürlich wieder anders gestalten. Mit der Antwort bin ich vollständig zufrieden, sagte Stottenheim und reichte dem Freunde die Hand. Nun thue mir aber den Gefallen und nimm an der Jagd morgen Theil, Der Oberst läßt Dir für den Rückweg einen Platz in seinem Wagen anbieten, das Diner wird spät, und in der Nacht zu reiten ist gerade nicht angenehm. Kadden war einen Augenblick nachdenklich, er fühlte wirklich, daß er eigentlich keinen freien Entschluß in solchen Stücken mehr habe. Elisabeth war nur noch zwei Tage in Woltheim: würde sie es leiden, daß er einen Tag davon einer Hetzjagd widmete? Erstens liebte sie für ihn das Jagen, weil sie sein tolles Reiten dabei fürchtete, gar nicht, und dann um so einer albernen Gesellschaft, wie sie gern bereit war zu sagen, den ganzen Tag von ihr zu bleiben, war auch kaum denkbar. – Meine Braut ist nur noch zwei Tage in Woltheim, sagte er jetzt mit erzwungener Ruhe; daß ich da lieber mit ihr, als auf der Jagd bin, wirst Du natürlich finden. Wir sind wieder auf dem alten Punkt, entgegnete Stottenheim, Du sollst es aus Klugheit thun, Du sollst deinen Freunden beweisen, daß Du nicht ganz und gar unter dem Pantoffel stehst, noch thun kannst was Du willst. Unsinn! zürnte Kadden. Thue es mir zu Liebe, bat Stottenheim, der es wirklich in seiner Art ganz aufrichtig meinte. Ich habe es eigentlich über mich genommen und gar nicht bezweifelt, daß Du die Einladung annehmen würdest. Gut! sagte Kadden jetzt schnell, ich will kommen. Natürlich bleibe ich nicht zum Diner, sondern reite nach der Jagd sogleich nach Woltheim. Der Freund war sehr einverstanden. Er sprach noch: wie man mit der gehörigen Klugheit sich eine Stellung in der Welt bewahren müsse, wie man mit einem gewissen klugen Benehmen Anstoß nach allen Seiten hin vermeiden könne, und auf diese Weise ein nach allen Seiten hin angenehmes Mitglied der menschlichen Gesellschaft sei. Kadden sagte sehr wenig dazu, in seinem Innern kochte es, und er war froh, als der gesprächige Freund sich entfernte und er den Weg nach Woltheim antreten konnte. So viel hatte er im Umgang mit Herrn von Budmar schon gelernt, daß er die Haltlosigkeit und Leere von Stottenheims Lebensansichten herausfühlte, ihnen aber entgegen zu treten fehlte es ihm an Muth und auch an Erkenntniß. Auch seiner Schwiegermutter Grundgedanke bei allen ernsteren Gesprächen war immer, weil sie davon so gut aus Erfahrung sprechen konnte: nur äußeren leeren Rücksichten nicht das eigene Glück zu opfern. Er war mit ihr immer ganz einverstanden gewesen, hatte es sich auch ganz leicht vorgestellt, wenn er mit Elisabeth nur glücklich sein durfte, nach der ganzen Welt nicht zu fragen, und hatte sich dabei sein häusliches Leben mit ihr sehr lieblich und friedlich ausgemalt. Daß die Wogen der Welt von außen her ein solches Leben bedrohen, wohl gar erschüttern können, und oft schon durch die geringfügigsten Dinge, wenn dies Leben nur auf den leichten Sand der Gemüthlichkeit, die holden Regungen eines schwachen Menschenherzens, und nicht auf einen Felsengrund gebauet ist, das hatte er nicht gedacht. – Er ritt sehr langsam nach Woltheim, er konnte sich es nicht verbergen, daß er eigentlich Furcht habe, seiner kleinen sehr verwöhnten Königin einmal einen festen Entschluß, der allerdings etwas thöricht war, mitzutheilen. – Thöricht? fragte er sich, warum denn? Du wirst doch die Hetzjagden nicht aufgeben wollen, da sie dir so viel Vergnügen machen? Nein, aufgeben nicht, war die Antwort, aber morgen wärest du lieber mit deiner holden Braut als mit den Herren gewesen, ganz abgesehen davon, daß man einer Braut zu Liebe auch sonst wohl ein Vergnügen aufgeben könnte. Also nur aus Schwäche, aus Furcht vor dem albernen Gerede der Menschen hatte er das Versprechen gegeben. Er hatte es oft gehört in der Familie, deren gefährliche Lebensluft er jetzt athmen mußte, daß Gottes Wort in allen Dingen der sicherste Führer ist, auch in allen Kleinigkeiten, die unwichtig erscheinen, aber doch eigentlich nicht unwichtig sind, weil eben das ganze Leben mit so Kleinigkeiten zusammenhängt. Ein Mann, der Gottes Wort zur Richtschnur hätte, würde erhaben sein über lächerlichen Stolz und Menschenfurcht bei solcher Gelegenheit. Ein solcher Mann würde ganz ruhig und fröhlich gesagt haben: »Ob die Menschen denken, ich stehe unter oder über dem Pantoffel, das ist mir sehr gleich; ich werde jetzt thun was recht und mir und meiner Braut lieb ist. Eure Theilnahme für mein Glück oder Unglück verweise ich auf die Zukunft, wartet es ruhig ab.« Mit diesem Ausspruch hätte er seine Selbständigkeit am besten bewiesen. Ja das ist nun noch die wunderbare Seite der Sache, daß, wo Gottes Wort die Grundlage ist, alles nicht nur auf die angenehmste Art erledigt wird, auch auf die klügste Art. Aehnliche Gedanken kamen dem nachdenklichen Bräutigam fast gegen seinen Willen, er war zu gescheit, um nicht wirklich zu fühlen, daß seine Willenskraft, seine guten Vorsätze hier doch der Versuchung unterlegen waren. Er ärgerte sich entsetzlich über sich selbst, dann entschuldigte er sich wieder und sagte sich: die ganze Sache sei eine Lumperei und gar der Betrachtung nicht werth. Daß ihm dabei wieder der Großvaters Worte einfielen: »Wie ein Mann die kleinen Dinge im Leben behandelt, so behandelt er auch die großen« – ließ ihn auch diesen Trost nicht recht genießen. In dieser Stimmung kam er in Woltheim an. Elisabeth war lieblich und fröhlich wie immer. Sie hatte immer wieder neue Ideen mitzutheilen und neue Aufträge zu geben. Heute war es ein Blumenfenster in der neuen Wohnung, – aber ja nach der Mittagsseite hin, – und ein kleiner Hühnerstall zu den englischen Hühnern, die Onkel Karl ihr versprochen. Die Hühner, das war ausgezeichnet berechnet, sollten mit den Pferden zusammen wohnen, damit kein Körnlein Hafer umkommen möchte. Herr von Kadden wurde vergnügt mit ihr und vergaß ganz und gar die fatale Hetzjagd. Sie inquirirte aber auch nach den Fenstermaaßen der neuen Wohnung, die er jeden Tag versprochen und die sie nothwendig zu den Vorhängen und Roulleaux haben mußte. Er hatte sie wirklich wieder vergessen. So bringst Du sie morgen jedenfalls! bat sie dringend. Morgen wird es doch nicht gehen, begann er jetzt und dachte dabei: Nur Muth! wissen muß sie es jetzt, aber ich werde sehr freundlich und ruhig sprechen. Warum nicht? fragte sie schnell. Morgen früh muß ich nach Breitenfelde zur Hetzjagd. Sie sah ihn verwundert an. Ich thue es sehr ungern, fügte er freundlich hinzu, es ließ sich aber nicht umgehen. Wer zwingt Dich dazu? fragte sie. Meine Freunde wünschen es sehr. Du konntest aber wissen, daß ich es eben so sehr nicht wünsche, sagte sie zürnend; ich begreife gar nicht, wie Du es versprechen kannst, ohne erst mit mir zu reden. Es war mir unangenehm, es abzuschlagen, und ich hoffte, Du würdest es mir zu Liebe schon erlauben, entgegnete er lächelnd, obgleich er schon fühlte, daß er nicht, wie bei früheren kleinen Streitigkeiten, über der Sache stand und Elisabeths ungezogenen herrschenden Ton amüsant finden konnte. Erlauben? nein; – aber meinetwegen kannst Du thun was Du willst! sagte sie ganz böse. Er fühlte es in seiner Brust etwas heiß werden. Jetzt ist sie wirklich nicht liebenswürdig, dachte er; er sagte aber nichts und sah sie nur ernsthaft an. Sage nur nicht daß Du es ungern thust, fuhr sie in großer Erregung fort, ein Mann wird sich doch nicht zu solchen dummen Dingen zwingen lassen. Ich habe es ungern versprochen, sagte er immer ernsthafter, jetzt wird es mir freilich leichter hinzugehen. Wie kannst Du mir das aber wieder sagen? entgegnete sie mit zitternder Stimme. Ueberlege Dir einmal, was Du gesagt hast, war seine kurze Antwort, dann verließ er den Gartensaal und ging in das Nebenzimmer zu den Großeltern. Also hier doch Grenzen deines Regiments, – dachte Elisabeth, – den Freunden zu Gefallen ist er unfreundlich gegen dich! Sie war an das Fenster getreten, die bunten herbstlichen Blätter auf den Wegen und auf dem Rasen lagen so still im Sonnenscheine, die Bäume mit dem wenigen Laube schimmerten wohl prächtig gegen den tiefblauen Himmel, aber es war alles so schweigsam und wehmüthig, vertrocknete Blumen hingen traurig ihre Köpfe, und einzelne Bienen summten suchend umher, ohne viel zu finden. Elisabeth dachte an die schönen Maientage, wo Blüthen und Frühlingsschmuck im Ueberfluß; es war ihr, als ob die Blumen und Blüthen ihrer Liebeswelt auch alle verblühet wären. Wenn er unfreundlich gegen dich ist, kannst du nicht glücklich sein, – stellte sie ihre Betrachtungen an; – du bist zwar etwas heftig gewesen – Und warum? Würde der Vater die Mutter fragen, wenn er für sich eine Einladung annehmen will? Oder der Onkel Oberförster würde er die Tante erst fragen? Nein. Sie hatte sich ihre Liebe aber auch weit sonniger und schöner gedacht. – Was würden die Großeltern sagen, wenn sie den Streit gehört hätten? Sie erröthete etwas vor Ueberraschung, als sie ihre Worte überlegte. – Aber, fügte sie hinzu, ähnlich habe ich schon öfter gezankt, und er hat darüber gelacht und mich zufrieden gemacht, – er war heut übler Laune. Daß aber überhaupt ein Wechsel in seinen Launen stattfinden könne, war eben die erste bittere Erfahrung, die sie machte. – Der Schluß ihrer Betrachtung war, noch abzuwarten, ob er nicht doch zuerst würde wieder freundlich sein. Es war Mittag, man setzte sich zu Tische. Onkel Karl und Charlottchen und die Großeltern waren gesprächig und vergnügt wie immer, auch Herr von Kadden sprach lebhaft mit, aber die Großeltern merkten gleich, daß es zwischen dem Brautpaar nicht ganz richtig sei. Bei Gelegenheit, daß vom folgenden Tage die Rede war, erwähnte er beiläufig: daß er morgen zu einer Hetzjagd nach Breitenfelde eingeladen sei und auch hingehen müsse. Also dies der Grund! dachte der kluge Großpapa sogleich, und er freute sich, daß Elisabeth die Erfahrung machte, wie es nicht immer nach ihrem Willen gehe. Das ist ja schön! wandte er sich zu dem jungen Mann, es ist auch herrliches Jagdwetter. Zum Diner hatte ich eigentlich nicht die Absicht zu bleiben, begann Herr von Kadden. Ei warum denn nicht? unterbrach ihn der Großvater verwundert. Die Jagddiners sind zwar nicht in allen Häusern schön, setzte er lächelnd hinzu, aber in Breitenfelde kann man es schon aushalten. Aushalten, ja; aber ich habe mir aus solchen Gesellschaften nie viel gemacht, versicherte der junge Mann mit einem aufrichtigen einfachen Ton. Desto besser, entgegnete die Großmama freundlich, wir Frauen lieben diese Herren-Diners nicht sehr. Elisabeth hatte sich in wahrer Herzensangst zu Charlottchen gewandt und ließ sich von ihr allerhand erzählen, bis die Unterhaltung zwischen den Großeltern und dem Bräutigam eine andere Richtung genommen hatte und die Tafel dann aufgehoben wurde. Die Großeltern mußten jetzt Mittagsruhe halten, das Brautpaar ging wie gewöhnlich um diese Zeit in den Gartensaal, wo Elisabeth mit einer Arbeit, beschäftigt sich von dem Bräutigam vorlesen ließ. Ob er wirklich vorlesen kann? dachte sie gespannt; ich könnte es nicht, ich könnte nicht einmal reden.– Ganz fest und ruhig griff er nach dem Buch und fragte ebenso: Ich soll doch vorlesen? – Sie nickte nur. »Das Wort der Frau« war es, was sie in dieser Zeit angefangen hatten; es war so schön und so romantisch, Elisabeth hatte es selbst ausgewählt. Das Wort der Frau hatte auch in dem Gedichte auf eine so liebliche Weise die bestimmende Macht. Wenn sie sich freilich in diesen fürstlichen Frauen jetzt spiegeln wollte, mußte sie sehr traurig sein. – Als sie so eine Weile neben ihm saß, und er nie aufsah, um sie freundlich anzublicken, da ward es ihr ganz bange, Sie fühlte deutlich, daß er nicht würde zuerst wieder freundlich sein, daß sie jetzt nachgeben müsse; sie wollte das auch lieber, als ihn so kalt und fremd neben sich sehen. Sie legte plötzlich ihre Hand sanft auf das Buch und sagte: O bitte, lieber Otto, lies nicht mehr. Er sah sie erst fragend an, aber er war selbst froh, daß dieser peinliche Zustand aufhören sollte, und hatte nicht viel Neigung, ihren bittenden Blicken zu widerstehen; ja es wurde ihm ordentlich schwer, ihre Versicherung ruhig mit anzuhören, daß sie wirklich sehr ungezogen gewesen, und daß er ihr zur Strafe auch zum Diner bleiben möchte. Doch hörte er es ruhig mit an. Der Großvater hatte ihn durch das zwar an und für sich unbedeutende Gespräch bei Tische doch bedeutend gestärkt. Er berührte auch den kleinen Streit nicht mehr, aber Elisabeth sah an seinen glücklichen Augen, daß er völlig versöhnt sei. Als sie beide wieder bei den Großeltern erschienen, merkten diese sogleich, wie die Sachen standen; sie merkten auch an Elisabeths kindlicher und glücklicher Fügsamkeit und an seiner zwar sehr liebreichen aber ruhigen Würde, daß Elisabeth einmal hatte nachgeben müssen. Als am späten Abend das Brautpaar in der Saalthür Abschied nahm, sagte er glücklich: Wenn Du so liebenswürdig bist, werde ich doch nicht morgen fort können. O doch, Du mußt hin! versicherte sie, ich bitte Dich darum, dann verschmerze ich es eher, daß ich so ungezogen war. Ich weiß doch noch nicht, sagte er lächelnd. Als er das Pferd bestiegen hatte, und sie ihm noch einmal die Hand hinauf reichte, bat sie nachdrücklich: Du darfst nicht eher kommen als morgen Abend! Am folgenden Morgen ganz früh erschien Stottenheim bei seinem Freund. Du gehst doch mit? fragte er hastig. Ich weiß doch noch nicht, entgegnete dieser lächelnd. Also wirklich keine Erlaubniß erhalten? sagte Stottenheim mit höchst weisem Kopfschütteln. Im Gegentheil, versicherte Kadden freudig, wenn ich mitgehe, thue ich es nur auf Befehl meiner Braut. – Stottenheim sah ihn verwundert an.– Und der Großpapa, fuhr Kadden fort, hat mich dringend aufgefordert, auch zum Diner zu bleiben. Wahrhaftig? sagte der verwunderte Freund. Es ist aber allerliebst, fügte er hinzu, und Du gehst nun mit. Meine Braut, sagte Herr von Kadden, wird nur trotz des erlassenen Befehles sehr glücklich sein, wenn ich sie überrasche. Ihr könnt aber morgen glücklich sein! lachte Stottenheim, und nachdem der Bräutigam noch etwas innerlich hin und her geschwankt, entschloß er sich mit dem Freunde zu gehen, und gab dem Burschen Befehl, das Pferd bereit zu machen. An demselben Morgen ging Elisabeth schon früh spazieren, es war so thauig und frisch und sonnig glänzend, und sie war so glücklich. Sie hatte ihre kleine Bibel, mitgenommen und wollte dort, wo die Tannen beginnen, an einem stillen sonnigen Platz sich hinsetzen und lesen. Es war das in letzter Zeit selten vorgekommen, sie hatte dem lieben Gott nur immer kurze Visiten gemacht, nur ihm ihr volles glückliches Herz entgegengebracht, erfüllt von Dank und erfüllt von der Bitte um Dauer des Glücks., Sie hatte ihn aber auch vertröstet, daß sie später sich recht viel und regelmäßig ernsthaft beschäftigen würde. Wenn sie erst verheirathet war, wollte sie nicht mehr so zerstreut und so viel mit anderen Dingen beschäftigt sein. Sie saß vor dem Tannenwalde, hatte die Bibel vor sich – und schlug sie doch nicht auf. – Warum hatte sie sich wohl hier hingesetzt, wo sie die Kirschenallee, den Weg von Braunhausen übersehen konnte? Sie war eine Thörin, sie hatte im Herzen die stille Hoffnung, der Bräutigam möchte die Jagd trotz ihres gestrengen Befehles aufgeben und kommen, und da er der Jagd wegen Urlaub hatte, konnte er auch schon früh kommen. Darum saß sie hier, schaute wartend nach der Kirschallee und vergaß daß liebe Buch auf ihrem Schooße. Sie saß aber und sann, und ging hin und her, und saß wieder, er kam nicht, – sie mußte endlich ihre thörichte Hoffnung aufgeben, und den Rückweg antreten. – Ohne zu lesen? Sie war heute zu unruhig, konnte ihre Gedanken nicht sammeln, aber im Gehen noch einmal die Bibel aufschlagen, und das Aufgeschlagene sich zum Tröste deuten, das that sie recht gern. Sie nahm die Psalmen und ihre Augen fielen auf die Worte: »Hienieden auf Erden rufe ich zu Dir, wenn mein Herz in Angst ist; Du wollest mich führen auf einen hohen Felsen. Denn Du bist meine Zuversicht, ein starker Thurm vor meinen Feinden.« Ach ja, ich habe noch viel Feinde in mir, sagte sie sich seufzend, ich weiß nicht wie es werden soll! Lieber Herr, verzeihe mir nur, daß ich thue, als ob ich ohne Dich könnte glücklich sein, ich weiß es recht gut, daß es so nicht geht, aber jetzt bin ich sehr schwach. Jetzt quält mich der Gedanke, wie, es mit unserer Liebe wird, ob er mich Wohl jetzt noch so lieb hat als im Anfang, und ob ich ihn heut so lieb habe, als ich ihn gestern hatte? Nach dem was gestern vorgefallen ist, hätte er heute gerade kommen müssen, und mich damit belohnen. Wenn er mein Herz so recht verstände, so müßte er wissen, daß es mich sehr glücklich machte, wenn er kam, und dann wäre alles gut gewesen. Aber so ist es doch sehr bedenklich, ob der Großpapa nicht recht hat, daß eine gegenseitige Liebe nicht hinreicht und ausreicht zum Glück und Trost in allen Fällen. Es bleibt mir jetzt gar nichts anderes übrig, als liebreich und freundlich gegen ihn zu sein, sonst wird die Sache wieder schlimm; denn darin scheint der Großpapa auch recht zu haben, daß Männer es nicht vertragen können, wenn man ihnen Vorwürfe macht, und das ist doch gewiß sehr schlimm. Ich habe gedacht, man könnte alles aus Liebe ertragen; aber wenn man sich zankt und sich ärgert, da merkt man auch nichts von der Liebe, also die Liebe hilft einem in solcher Noth gerade gar nicht. In solchen Fällen muß man vielleicht ein Vater Unser beten und den lieben Gott um Hilfe bitten, daß man auch gern thut, was man thun muß. Aber es ist doch anders, wie ich es mir gedacht und geträumt habe, und traurig ist das jedenfalls. Mit solchen Gedanken beschäftigte sich Elisabeth den lieben langen Tag, sie überzeugte sich dabei aber auch immer mehr, daß sie den Bräutigam wirklich freundlich und liebreich empfangen müsse, und stärkte sich zu diesem vernünftigen Entschluß mit sanftmüthigen und liebreichen Gedanken. Als die Nachmittagssonne sich wieder leise hinabsenkte in Westen, wandelte sie ganz einsam fort, dem Bräutigam entgegen. Sie war auch kaum einige hundert Schritte in der Allee hinauf gegangen, als er daher geflogen kam. Warum erschrak sie sich denn, anstatt sich zu freuen? Ach der Groll, mit dem sie den Tag über gekämpft hatte, der regte sich wieder in ihrem Herzen. Wenn er dich so lieb hatte als früher, er würde nicht den ganzen Tag fortgegangen sein, da wir den langen Winter getrennt sein sollen, und wenn er dich recht lieb hätte, hätte er deine Sehnsucht mitgefühlt. Als sie so dachte, ward es ihr immer banger und heißer um das Herz – nein, es ist schrecklich, du kannst ihm zu Liebe jetzt nicht freundlich sein, du hast ihn heut nicht so lieb als gestern, sprach sie mit bester Ueberzeugung. Aber er kam ja immer näher, sie mußte sich entschließen. Sie hätte ihn weinend begrüßen mögen und ihm sagen: Ich bin so sehr traurig, weil ich Dich heut nicht so lieb haben kann als früher. Was sollte dann aber werden? Dann wird es nur schlimmer und deine Noth größer. – Sie blieb stehen, hatte die Hände krampfhaft in einander gefaßt. O lieber Herr, kann ich denn Dir zu Liebe nicht nachgeben und freundlich sein? Hilf mir doch, daß ich gar nicht daran denke, ob er mir Unrecht gethan hat. Laß mich nur an Dich denken, und denken, daß Du es verlangst, ich soll jetzt von Herzen freundlich und sanftmüthig sein. – Ich werde es doch nicht ganz verlernt haben, dem Herrn zu Liebe etwas zu thun, dachte sie und es ward ihr plötzlich ganz selig zu Sinne. Ja dem Herrn zu Liebe, dem Herrn, der mir immer mit gleicher Liebe und Treue nahe ist, und dem ich so lange gar nichts zu Liebe gethan habe, dem kann ich heut etwas zu Liebe thun. Als der Gefürchtete vor ihr hielt, sich aus dem Sattel schwang und sie freudig begrüßte, da konnte sie ihm ganz offen und liebreich in die Augen schauen. Das Pferd am Zügel haltend, ging er neben ihr her. Du glaubst nicht, liebe Elisabeth, wie ich mich nach Dir gesehnt habe, sagte er warm. Ich auch, war ihre leise aber freundliche Antwort. Weißt Du, daß ich heute Morgen beinahe doch zu Dir gekommen wäre? fuhr er fort. Sie lehnte sich zur Antwort nur an seine Schulter. Er neigte sich und sah sie fragend an: ja sie hatte Thränen in den Augen, aber sie schaute auf, so lieblich und freundlich, sie schien weder zu zürnen, noch war sie traurig; sie war ihm aber unverständlich. Er brach einen schwanken Zweig von einem jungen Baum und sagte: Weißt Du, Elisabeth, als die Eisblumen daran blühten, und diese Blätter in den seinen braunen Knospen saßen? – Elisabeth nickte. – Jetzt fallen diese Blatter ab, aber es sind darunter wieder kleine braune Knospen. Und die Sonne und der schöne blaue Himmel ist immer wieder da, um sie herauszulocken, fiel Elisabeth ein. O ich habe heute immer in den schönen blauen Himmel sehen müssen, fuhr sie fort, ich wollte ihn ergründen und schaute so tief hinein, und je tiefer ich schaute, je wohler und stiller ward es mir im Herzen. Das Blau ist so wunderbar schön, so wie der Frieden selbst. Darum ist auch Blau die Farbe der Treue, sagte er. Und Treue ist schöner als Liebe, fiel sie schnell ein; dann war sie bange, ob sie ihre heutigen Kämpfe nicht verrathen habe, und schaute ihn unwillkürlich zagend an. Er. ging nachdenklich neben ihr her, es ward ihm immer deutlicher, sie war heute anders, – er war es kaum gewohnt, sie nicht immer hüpfen und scherzen zu sehen. Sie kamen an einem Kastanienbaume vorbei, der seine bunten Blätter weit auf den Weg und auf den Rasen gestreut hatte; die schrägen warmen Sonnenstrahlen fielen aber so voll und golden auf die kleine Birkenbank, die darunter stand, daß Herr von Kadden unwillkürlich vor dem einladenden Plätzchen stehen blieb. Ja, schnell warf er den Zügel des Pferdes um einen Ast und führte Elisabeth nach der Bank. Sie setzten sich, er nahm ihre beide Hände, sah sie forschend an und sagte: Nun liebe Elisabeth, sage mir erst, was Du auf dem Herzen hast. Der Angriff war unerwartet, Thränen stürzten aus ihren Augen. Er bat sie zu reden, das ging nicht sogleich. Er fragte: Weinst Du um mich? Sie versicherte jetzt, daß sie nicht weine, weil sie traurig sei, aber sie wollte ihm auch alles erzählen, wenn er ihr versprechen wollte, nicht böse zu sein. Das Versprechen gab er von ganzem Herzen. Sie erzählte von ihren Erwartungen heute Morgen, von ihren Kämpfen den Tag über, von den guten Vorsätzen, aber auch daß, als sie ihn von weitem kommen sah, sie ihn gar nicht lieb hatte. Es war aber eigentlich nicht wahr, erzählte sie schnell, mit dem Groll im Herzen konnte ich die Liebe nur nicht fühlen. Aber ich konnte mich nicht überwinden, mit aller Kraft des Herzens nicht, weil mein Herz matt war. Da wollt ich dem Herrn zu Liebe nachgeben und freundlich sein, und da habe ich es gekonnt. – Der Bräutigam sah sie so nachdenkend und teilnehmend an. – Nun bin ich so herzlich froh, fuhr sie lebhafter fort, seitdem ich erfahren habe, daß ich alles, was mich hindern will, Dich zu lieben, dem Herrn bringen kann; nun bin ich nicht mehr so bange, wie ich den ganzen Tag gewesen bin. Ich will mich auch nicht weiter fürchten, was auch kommen mag. Liebe Elisabeth, ich will auch alles dem Herrn bringen, was Dich hindert mich zu lieben, sagte er bewegt; ich habe es, auch zum ersten Male recht deutlich erfahren, daß der gute Wille und die festen Entschlüsse schwach sind. Du mußt mir verzeihen, und mich dennoch lieb haben. Es soll ja immer besser werden, setzte er weich hinzu. Wir wollen nicht glauben, daß wir vollkommen sind, sagte sie leise, damit wir uns nicht so wundern und betrüben. Er küßte sie schweigend auf die helle Stirn, stand dann eilig auf und führte sie dem Hause zu, wo die Großmutter schon ungeduldig in die Saalthür getreten war. Wie seltsam war das, als ob die Großeltern die Stimmung des Brautpaares mitfühlten, sie waren so ernsthaft und sinnig und friedlich. Sie saßen auf dem Sofa, die Großmama hatte ihren Kopf an des Mannes Schulter gelehnt. Elisabeth saß ebenso an ihres Bräutigams Seite und hörte schweigend, wie er mit dem Großvater ernste Dinge sprach. Eigentliche Glaubens-Artikel wurden nie besprochen, aber der Großvater verstand es wohl, auch ohne Schlagwörter die rechte Sache hervorzubringen. Heute sprach er wieder von der Seelen Noth, weil er hoffte, wenn die jungen Leute so recht von der Seelennoth ergriffen wären, würden sie auch nach der Seelenhilfe fragen. Herr von Kadden war heut zum erstenmal aufmerksam und wißbegierig. Elisabeth schaute zuweilen sinnend zu ihm hinauf um sich so glücklich zu überzeugen, daß er es auch wirklich sei, der neben ihr saß. Sie erinnerte sich lebhaft des Abends im vergangenen Winter, wo der Großvater so ernsthaft sprach von der Macht der Welt, wie sie so viele junge Seelen in der Noth und in das Verderben führt. Damals hatte sie mit zagendem Herzen an die eigene Seligkeit gedacht und nicht gewagt, seiner zu gedenken; heute durfte sie aus voller Seele seine Seligkeit mit ihrer eigenen zusammenschließen. In ihrem Herzen klang jetzt wieder das Lied: »Aus tiefer Noth schrei ich zu Dir,« und als der Großvater eine Pause machte, stand sie leise auf und ging in den Gartensaal, wo das Instrument noch stand, sie konnte das Lied nicht zurückdrängen, sie mußte es singen. Sie hatte kaum einige Strofen gesungen, als der Bräutigam neben ihr stand und mit seiner schönen Tenorstimme einstimmte: Denn wenn Du willst das sehen an Was Sünd und Unrecht ist gethan, Wer will, Herr, vor Dir bleiben? Bei Dir gilt nichts denn Gnad und Gunst Die Sünde zu vergeben, Es ist doch unser Thun umsonst Auch in dem besten Leben, Vor Dir niemand sich rühmen kann, Es muß Dich fürchten jederman Und Deiner Gnade leben. Als Elisabeth jetzt aufhörte, nahm er das Buch selbst in die Hand und las das Lied für sich zu Ende. Die Großeltern hatten zugehört und der Großvater sagte leise: Wir müssen nie traurig sein, wenn Wolken und auch kleine Ungewitter ihr Liebesleben trüben, Noth treibt zu Gott. Möchten sie ihrer Seelen Noth kennen lernen, ehe sie in der Welt auftreten, wo dann diese Welt es nicht lassen wird, ihre Gefühle und Begriffe verwirren zu wollen. Dein Großmutterherz muß nicht immer wollen ein übermüthiges Brautpaar sehen. Den Abend war Herr von Kadden noch lange auf und beschäftigt mit den Erlebnissen der letzten Tage. Noch nie hatte Elisabeths Bild seine Seele so bewegt als heute. Ja, es giebt ein geheimnißvolles Seelenleben, eine geheimnißvolle Welt dort über uns, und die Fäden zwischen beiden sind es allein, welche dem Leben Reiz und der Seele Bewegung verleihen. Was die Welt Süßestes bieten konnte, war ihm ja im vollsten Maaße geboten, eine Liebe, die ihn ganz beglückte, aber mitten in dem Glücke konnte er oft den Gedanken nicht von sich weisen: Kann das Glück so bleiben? Die Welt scherzte über dieses Flitterwochen-Glück, die Erfahrung hatte es sie gelehrt, daß eine solche liebliche Brautliebe der Macht und der Gewohnheit der Zeit weichen muß: sollte es seiner Liebe besser ergehen? Sein Verstand hatte ihn bei solchen Gedanken oft schon auf seltsame Wege geführt. So wie Elisabeth dir gefallen hat, kann sie nicht auch anderen gefallen? Und warum wieder soll sie dich immer lieb haben? Wenn Zeit und Gewohnheit die Liebe abgekühlt, könnte nicht ein anderer erscheinen, der ihrer Liebe würdiger war, als er selbst, war er denn nicht ein schwacher Mensch trotz aller guten Vorsätze? Elisabeth hatte ihm nie auch die leiseste Veranlassung zur Eifersucht gegeben; die äußere Gelegenheit hatte gefehlt, aber Elisabeth vernachlässigte seinetwegen auch alle, die ihr bisher lieb waren, und wollte nichts anderes, als ganz ungetheilt ihn lieben. Sie will es, wird sie aber äußeren Einflüssen widerstehen können? sie ist doch nicht mehr als ein liebliches Kind. In der Nähe der Großeltern hatte er immer gefühlt, obgleich er es sich nicht erklären konnte, daß Zeit und Gewohnheit ihrer Liebe nichts anhaben konnten. Heute hatte der Großvater wieder gesagt: »Lieben und leiden zusammen, zusammen der Seelen Noth tragen, das ist das Unvergängliche und Selige an der Liebe, das Liebes-Glück, was dieser Welt nur angehört, müssen wir auch dieser Welt preisgeben.« Er hatte Aehnliches öfter gehört und es blieb ihm unverständlich. Wie kann »Seelennoth zusammen tragen« das Beste von der Liebe sein? Heute, nach den Erlebnissen der beiden Tage, war ihm das Verständniß geworden, er hatte hineinblicken dürfen in die geheimnißvolle Welt dort über sich, Elisabeth in ihrer Seelennoth, in ihrem Kampf und ihrem Siege, war jetzt erst sein geworden. Elisabeth war nicht nur ein schwaches liebliches Kind, sie war stärker als er selbst, stark durch ihre kindliche Demuth. Wie war ihm denn, dem Manne mit dem festen Willen und dem guten Gewissen, in der ersten und so leichten Versuchung, als er ihr gegenüber zum ersten Mal fühlte daß sie unliebenswürdig sei? Seine Liebe zeigte ihm keinen Weg, weil er nicht Liebe, nur Aerger fühlte, und obgleich er sich äußerlich zusammennahm, war er innerlich doch in Noth, und wußte sich nicht anders zu helfen, als daß er aufstand und böse davon ging. Wie wäre es denn geworden, wenn Elisabeth nicht zuerst kam? Nun freilich, gestern hatte sie Unrecht und mußte kommen, konnte er sich beruhigen; wenn sie aber heute, wo ihr Herz doch eigentlich Recht hatte, nicht dem Herrn übergeben hatte, was sie in ihrer Liebe hindern wollte, wenn sie launig und verstimmt war, was wäre denn geworden? Er fühlte sich hier vor einem Labyrinthe, aber er mußte hindurch. Elisabeth mit ihrem zarten Gewissen und ihrer zarten Gefühlswelt brachte sich schon durch solche Kleinigkeiten in Seelennoth, und suchte in solchen Kleinigkeiten die rechte Hilfe; von ihr konnte er sich jetzt nicht vorstellen, wie es anders hätte kommen können. Er dachte an ein Mädchen wie Adolfine, und zwar nicht ohne Erröthen. Bei seinem Herkommen hatte sie ihn bezaubert, er fand sie interessant und hinreißend. Nur zuweilen fühlte er ein leises Widerstreben gegen ihre Naivetät, sein gesundes, richtiges Gefühl hielt ihn ab, seiner thörichten Neigung schnell zu folgen, und es war ein Glück, daß diese Naivetät ihm das Recht gab, Adolfinen ganz wie ein Kind zu behandeln und sich zur rechten Zeit zurückzuziehen. – Adolfine neben Elisabeth, – er mußte tief Athem holen. Der Unterschied war ihm jetzt erst verständlich. Beide schön, kindlich und gutmüthig, die eine ist trunken von der Welt Schönheit und Lust, die andere schaut mit Liebe und Sehnsucht höher hinauf. »Wir wollen dem Herrn übergeben, was uns in unserer Liebe hindern möchte,« – das sollte ihm jetzt ein Trosteswort sein, wenn ihn der Verstand auf seltsame Wege führen wollte. Trotz unserer Fehler werden wir uns lieben können, trotz der schwachen Herzen und der schwankenden Liebe. Gemeinsame Seelennoth bindet die Herzen selig zusammen, doch Glück und Lust der Welt führt sie auseinander.– Es waren dies heut nicht Reflexionen, nein, sein Verstand hätte sich gern gesträubt, das zu begreifen; es war aber das Leben seiner Seele, der warme Pulsschlag seines Herzens. Er fühlte es, Elisabeths Herz konnte sich nie wieder von ihm wenden, eine Macht hielt sie gebunden und diese Macht mußte sie halten in aller Noth, die er und die Welt und das eigne Herz ihr machten. Und wie war es mit ihm? – Er streckte unwillkürlich seine Arme aus: – Ostern ist sie mein eigen, ich will sie bewahren, wie mein Herzblatt, ich will mit ihr ein Kind sein, demüthig will ich sein, ich will mich von ihr führen lassen in eine Welt, die ich nicht begreife, nach der ich mich aber sehne, in der mein Glück unvergänglich und selig sein wird. Bei diesen Betrachtungen war ihm immer die Melodie vor dem Geiste, die er mit Elisabeth heut Abend gesungen – die Melodie war mit seiner Stimmung verwebt, sie war aber an und für sich ergreifend. Er versuchte sie auf dem Klavier zu finden, dann hatte er auch die Worte gern gewußt. Er selbst hatte kein Gesangbuch, er hatte es sich längst anschaffen wollen und hatte es immer wieder vergessen. Sein Bursche hatte jedenfalls auch keines und war auch nicht zu Hause, er entschloß sich seine Wirthin selbst darum zu bitten. Die gefällige Frau Friedrichs griff schnell zu ihrem besten mit dem Goldschnitt und dem goldenen Kreuz darauf und reichte es dem Herrn Lieutenant, und es kam ihm so ein leichter Anflug von Schaam und Verlegenheit, als er es hinnahm. Er hatte auch Mühe das Lied zu finden, da er den Anfang nicht wußte. Er erinnerte sich endlich, daß es jedenfalls bei den Bußliedern stehen müsse, und fand es nun. Er spielte und sang es ganz durch; ohne eigentlichen Glauben und ohne eigentliche Buße that es seiner Seele wohl, dieses Lied sich einzuprägen, und er legte das Gesangbuch bei Seite mit dem festen Entschluß, sich morgen ein eignes holen zu lassen. Elisabeth war wieder in Berlin und Herr von Kadden ruhig in Braunhausen. Das eintretende stürmische nasse Wetter nöthigte beide ein sehr einförmiges Leben zu führen. Er mußte sich mit dem Kreise begnügen, den er hatte langweilig finden lernen. Nach Woltheim konnte er wegen des schlechten Wetters und Weges selten, und nach Berlin zu kommen hatte er vor Weihnachten nur einmal Erlaubniß. Es machte sich ganz von selbst, daß er den Umgang, den er im Sommer vernachlässigt hatte, wieder anknüpfte. Des Mittags aß er mit seinen unverheiratheten Kameraden zusammen, und hörte die gewöhnliche Unterhaltung von Gesellschaften, von jungen Damen, von Avancements in den verschiedenen Regimentern, und von Pferden und Hunden und Jagden wie gewöhnlich mit an. Nach Tisch kam Herr von Stottenheim oft stundenlang und unterhielt ihn mit vielen gutmüthigen Worten ohne großen Inhalt, oder seine jüngeren Kameraden kamen auf sein Zimmer und waren übermüthig hier. Sein Zimmer war, so lange er in Braunhausen war, der Versammlungsort; wenn er auch solide war, so war er doch generös. Es verging fast kein Tag, daß der Bursche nicht Tischzeug aus dem alten Erbkoffer holen und irgend etwas auftischen mußte. Außer dieser Privat-Geselligkeit besuchte er auch wieder einige verheirathete Kameraden, und wurde besonders von der Bonsakschen Familie, ganz gegen Stottenheims Erwarten, freundschaftlich herangezogen. Frau von Bonsak und die älteren Töchter, die nur die Unterhaltung im Auge hatten, freuten sich schon auf den Umgang mit der liebenswürdigen jungen Frau von Kadden, und Adolfine war so hingenommen von neuen Herzens-Angelegenheiten, daß sie den ungezogenen Herrn von Kadden längst vergessen hatte. Die Frau Oberst war sogar so gütig, sich für seine neue häusliche Einrichtung zu interessiren, ihm zu rathen und Besorgungen zu übernehmen. Die Alltäglichkeit mit ihrer unscheinbaren Macht übt eine große Gewalt über den menschlichen Geist. Herr von Kadden fühlte diese Art zu leben, zu sprechen und zu denken, dies ganze Treiben, bald wieder als ein ganz natürliches und herkömmliches. Das Leben mit seiner Braut, ihr Reden und Denken hätte er niemand verrathen mögen, es kam ihm selbst wohl wunderselig, aber so fremd und eigenthümlich vor; ebenso die Erlebnisse in den letzten Herbsttagen erschienen ihm fast schwärmerisch. Das Gesangbuch, das er sich seinem Vorsatz getreu sogleich holen ließ, lag unbenutzt auf dem Klavier. Aehnlich war es auch mit Elisabeth. Ihr leichter Sinn hatte sich bald über die kleinen bedenklichen Scenen mit dem Bräutigam hinweggesetzt, sie war völlig überzeugt, daß sie eine Thörin war und sich ohne Nutzen selbst geplagt, es war ja alles schön und wundervoll, und ihre Briefe waren holdselige, bräutliche Briefe. Ernste Sachen mit dem Bräutigam zu besprechen, war einmal nicht eingeführt. Er war es nie gewohnt, dachte sie, und wenn man nicht gewohnt ist, so etwas auszusprechen, so ist es schwer; man behält es lieber für sich. Seine Briefe waren aber so zart und schön, so ernst und männlich, daß neben der Liebe sich ein Gefühl des Respektes immer mehr geltend machte. – Sie las zwischen den Zeilen alles, was er in ernsten, bewegten Augenblicken ausgesprochen, wieder heraus. – Eben so war es mit ihren Briefen: wenn sie auch nie über religiöse Gefühle sprach, so waren sie doch durchweht von dem Geiste, den sie sich wenigstens sehnte zum Führer zu haben, und die liebliche kindliche Welt, die sie ihm so ganz ohne Rückhalt erschloß, bewegte sein Herz mehr, als es sein Verstand zugeben wollte. 17. Der letzte Winter in Berlin. Die Wochen bis Weihnachten waren endlich vergangen, der Bräutigam reiste nach Berlin und blieb dort bis nach Neujahr. Die Tage waren wunderschön und die ganze Kühnemansche Familie gewann den geliebten Otto ihrer Elisabeth immer lieber. Elise bemerkte mit Freude, daß er Elisabeth gegenüber doch eine Art Uebergewicht gewonnen, bei den kleinen Neckereien und Streitigkeiten, die zwischen beiden vorkamen, blieb er vernünftig und besonnen, so daß auch Elisabeth viel schneller vernünftig und liebenswürdig wurde. Wie viel die bedenklichen Scenen im Herbst zu diesem Fortschritt beigetragen, machte sich das Brautpaar selbst nicht klar. Wenn er ihr oft genug erlaubte, zu Emiliens förmlichem Entsetzen, die Königin zu spielen und äußerst anspruchsvoll zu sein, so bedurfte es doch nur eines gewissen, schnellen, fragenden Blickes, um sie vorsichtig zu machen. Wenn sie dann schnell nachgab und er wieder derselbe aufmerksame Bräutigam war, merkte außer einer einzigen Person niemand anders, daß er nur den geringsten Antheil an ihrer Fügsamkeit hatte. Diese eine Person war Schlösser, und seltsam war es, daß die beiden so verschiedenen Männer sich zu einander hingezogen fühlten, sie wußten es mit ihrer Freundschaft nur noch nicht recht anzufangen, aber bei allen Gelegenheiten zeigten sie schnelles Verständniß. Dagegen aber war Emilie Herrn von Kadden unerträglich, und der gute Ruf der Sanftmuth und Besonnenheit, den er sich in der ersten Hälfte seines Besuches erworben, scheiterte in der zweiten Hälfte einige Mal sehr auffallend im Zusammensein mit ihr. Das letzte Mal war er nahe daran, sehr heftig und rücksichtslos gegen sie zu sein, aber Schlösser reichte ihm freundlich die Hand und sagte: Lieber Vetter, mit jungen Damen muß man Nachsicht haben. Das wirkte wie ein Zauber. Verzeihen Sie mir, lieber Schlösser, daß ich mich mit Fräulein Emilie nicht gut vertragen kann, sagte er seufzend, dann wandte er sich wie im Scherz zu Emilien und fügte hinzu: Ich fürchte auch fast, wir werden es nie recht gut lernen. Ich fürchte es auch, entgegnete sie kalt, und die Sache war abgemacht. Kadden schüttete seiner Schwiegermutter darüber das Herz aus, als er bald darauf mit ihr allein war. Der arme Schlösser! versicherte er eifrig, er kann mit ihr nicht glücklich sein; mich würde das Mädchen zur Verzweiflung bringen. Ich weiß nicht, – nun ich will nichts weiter sagen. Lieber Otto, sagte Elise freundlich, wir sollen aber gegenseitig Geduld mit einander haben. Mit der kann kein Mann Geduld haben, fiel er heftig ein. Schlösser kann es, sagte Elise ruhig. Nun, da helfe ihm der liebe Gott! fügte Kadden. seufzend hinzu. Elise mußte lächeln, aber sie benutzte diese Gelegenheit, ihm Emiliens Eigenthümlichkeit gründlich auseinanderzusetzen, ihre Fehler und ihre guten Seiten. Daß ihr Verstand ihr oft Noth mache, gab sie zu. Dagegen mußte sie ihre aufopfernde Liebe nach allen Seiten hin loben: daß sie keine Mühe scheute, die liebsten Wünsche daran gäbe im Dienste des Herrn, im Dienste seiner Armen und Kinder und Kranken. Sie mußte auch schildern, wie Emilie die Schärfe und Härte ihres Sinnes erkenne, wie sie die Ehrfurcht und Liebe gegen die Eltern nie verletze, ebenso gegen den Bräutigam ihre Fehler mit allem Ernst bekämpfe. Kadden hatte theilnehmend zugehört und schien auch geneigt sich überzeugen zu lassen. Ich möchte mein Unrecht gegen Emilien wohl einsehen, sagte er, ich würde auch bereit sein ihr das zu sagen, aber ich fürchte mich vor ihrer Charakterstärke, wenn sie trotz des Aergers, den sie gegen mich hat, sich gnädig herabließe mir zu verzeihen, anstatt ganz offenherzig mit mir zu zanken. Elise tadelte diesen neuen Angriff und versicherte, sie wünsche nur, Elisabeth lernte ihre Fehler eben so zu überwinden als Emilie und nähme sich deren Gewissenhaftigkeit zum Muster. Liebe Mutter, Du irrst Dich in Elisabeth, begann Herr von Kadden. Wirst Du nicht mehr Geduld mit ihr haben müssen, als Schlösser mit Emilien? fragte Elise lächelnd. O wenn ich nur ein Achtel von Schlössers Ruhe hätte! entgegnete er schnell. Du hast sie aber nicht? fragte sie wieder. – Er schüttelte lächelnd den Kopf. – Du siehst also, mein lieber Otto, daß wir alle unsere Fehler haben, und daß wir uns alle mit Geduld tragen müssen. In dem Augenblick trat Elisabeth herein, und das Brautpaar stand Arm in Arm vor der Mutter, als sie sagte: Ihr beide werdet das auch nöthig haben. Das werden wir auch; aber um uns sorge Dich nicht, versicherte der Bräutigam warm, wir wollen unsere Sache schon gut machen. Mit Gottes Hilfe, fügte sie freundlich hinzu, und das Brautpaar nickte einverstanden. Am Tage nach Neujahr machte Herr von Kadden noch einige Abschiedsbesuche, Elisabeth war mit ihm. Nachdem sie bei Frau von Warmholz gewesen waren, gingen sie zu der alten Tante, der Hundefreundin. Elisabeth hatte diese Bekanntschaft gleich nach ihrer Verlobung gemacht, hatte auch ihre Besuche, die sie als Nichte zu machen hatte, pflichtmäßigst fortgesetzt. Die alte Dame war sehr erfreut darüber, ja versicherte einmal ernsthaft, daß sie schwanke, ob die holde Nichte ihr nicht lieber sei als die geliebte Diane. Als das Brautpaar zurück durch die winterlichen düstern Straßen ging, erinnerten sie sich beide des ähnlichen Tages, wo sie sich hier so unerwartet begegneten. Elisabeth erzählte ihm, daß sie gefürchtet hätte, er möchte die Nacht verunglücken, und welche Besorgnisse sie wegen seines Glaubens hatte. Sie erzählte es so vertrauend und freudig, daß es ihm der beste Beweis war, sie sei jetzt sicher über seinen Glauben, sie sei sicher, daß er seinen öden Gewissens-Himmel mit einem Himmel voll Gnade und Liebe vertauscht hatte; das that ihm sehr wohl und er dankte es ihr mit liebreichem Blick. Das schöne Weihnachtsfest, welches er zum erstenmal in einer Familie verlebte, besonders in dem gläubigen Kinderkreise, von dem seine Elisabeth ihm das lieblichste Kind war, hatte ihn neue Blicke thun lassen in die geheimnißvolle Welt dort über sich. Die Fäden, die da von oben herab jetzt wieder seine Seele umfaßten, hätte er umklammern mögen, um sich nie wieder abgerissen und zweifelnd und ohne Halt zu fühlen. Er begleitete Elisabeth nach Hause und ging dann noch allein, Schlösser einen Besuch zu machen. Er wurde freundlich begrüßt, aber beide Männer standen sich doch verlegen gegenüber, weil die Freundschaft ihrer Herzen noch zu zart war und sich nicht herauswagte an das Tageslicht. Ich störe Sie gewiß, sagte Herr von Kadden bescheiden, Sie haben Wichtigeres zu thun. Aber nichts Lieberes, fiel Schlösser mit Wärme ein. Ehe ich abreise, muß ich Ihnen eine Bitte mittheilen, begann Kadden. – Schlösser sah ihn fragend an. – Sie müssen Ostern meine Traurede übernehmen, fuhr Kadden dringend fort. Ich? fragte Schlösser verwundert. Ich würde es Ihnen gewiß nicht recht machen, fügte er lächelnd hinzu. Trauen Sie mir nur das Beste zu, sagte der Bittsteller wieder, ich möchte ja gern mit allem, was sie zu sagen haben, einverstanden sein. Schlösser versicherte lächelnd, daß er ihm wirklich das Beste zutraue und sich die Sache überlegen wolle. Es thut mir leid, daß ich nicht öfter mit Ihnen sein kann, begann Herr von Kadden darauf wieder etwas zaghaft. Schlösser reichte ihm die Hand und sagte: Ganz im Vertrauen will ich Ihnen sagen, daß ich wahrscheinlich Pastor in Wendstädt werde, der zweiten Eisenbahnstation von Ihnen, und daß ich mich herzlich freue, Sie und Elisabeth dann öfters sehen zu können. Diese Aussicht wurde von beiden mit Theilnahme besprochen. Wendstädt war mit der Eisenbahn in einer halben Stunde zu erreichen und lag am Wege nach Berlin, also oft genug mußte sich Gelegenheit zu Besuchen finden. Schlösser hoffte, wenn der Wunsch mit dieser Stelle in Erfüllung ging, dann auch im Sommer heirathen zu können. Ich will dann auch gewiß besser lernen, mich mit Emilien zu vertragen, versicherte Herr von Kadden scherzend, ich muß Sie um Verzeihung bitten, daß ich oft so unartig gegen Ihre Braut gewesen bin. In Ihrer Stelle wäre ich es auch gewesen, entgegnete Schlösser ebenso scherzend. Ja, eben aber doch nur in meiner Stelle, sagte Herr von Kadden mit einem leichten Seufzer. Nun ja, der Herr weiß es, wie er die Herzen zusammen führt, nahm Schlösser das Wort, es ist gut, daß Elisabeth nicht wie Emilie ist. Das gerade aber reizt mich an ihr, fuhr Herr von Kadden lebhaft auf, daß sie Elisabeth stets wie ein unbedeutendes Kind behandelt. Emilie hat Unrecht, sagte Schlüsser ernst, sie wird sich aber selbst davon überzeugen müssen. Kadden war mit diesem Ausspruch zufrieden und der Besuch endete bald darauf zu beider Zufriedenheit. Ende Januar, an einem schönen Wintertage, ging der Geheimerath Kühneman wieder mit seiner Familie zu Generals zum Shakspeare-Abend. Elisabeth hatte heute einen Brief vom Bräutigam bekommen mit dem Auftrage, Schlösser an sein Versprechen mit der Traurede zu erinnern. Den Auftrag wollte sie gern ausrichten, sie hatte Schlössern herzlich lieb. Als sie ankamen, waren alle Mitglieder schon versammelt, nur Emilie fehlte, sie war noch in einem Verein. Wird es denn mit diesen christlichen Vereinen nicht gar zu viel jetzt? fragte der General kopfschüttelnd. Es hat sich in der letzten Zeit für Emilien die Arbeit sehr gehäuft, entgegnete seine Frau. Ja, das ist, weil wir ohne Ihr Töchterlein nicht recht bestehen können, begann Frau von Warmholz; sie ist die Seele von allem, unermüdlich in der Arbeit und so umsichtig und praktisch, jede Sache greift sie bei dem rechten Ende an. Noch eine Haupteigenschaft, begann Klärchen, sie weiß hübsch Ordnung zu halten und den unendlich verschiedenen Ansichten der vielen Damen die Spitze zu bieten. Herrlich, herrlich kann sie das, lachte Frau von Warmholz. Liebste Freundin, wandte sie sich zur Generalin Sie hätten Ihr Töchterlein am vergangenen Freilag sehen sollen, wie sie sich mit der kleinen Vorsteherin, mit der Frau M ... zankte. Sie hatte aber natürlich Recht, wir waren alle auf ihrer Seite, Frau M ... mußte nachgeben. Ja, sagte Elise freundlich, sie ist recht dazu geschaffen, solchen Sachen vorzustehen. Die Generalin schwieg, und Schlösser schwieg, Frau von Warmholz nur ergoß sich wieder in Lob und Bewunderung Emiliens. Elisabeth hatte dem Gespräche aufmerksam zugehört und wandte sich jetzt zu Schlösser, von dem sie übrigens das Versprechen der Traurede schon erhalten hatte: Emilie hat mir gerathen in Braunhausen einen kleinen Missionsverein anzufangen, das kann ich doch nicht? – Schlösser lächelte. – Wenn die älteren Damen einen anfangen und ich darf in aller Stille teilnehmen – sagte sie wieder. Ja in aller Stille, wiederholte Schlösser. Und dann muß ich erst fragen, ob Otto es mir erlaubt; Emilie sagt, solche Dinge müßte er mir erlauben. Müßte? fragte Schlösser verwundert. Ich soll mich nicht wie ein Kind haben, klagte Elisabeth, in Glaubenssachen dürfte ich mich nicht beirren lassen, der Herr Christus müßte immer der erste Herr in meinem Leben sein. Das soll er auch, entgegnete Schlösser ruhig, aber der Herr Christus hat nicht befohlen, daß eine Frau gegen den Willen ihres Mannes an einem Missionsverein Theil nimmt; er sagt: Gehorsam ist besser denn Opfer, und ich werde in Ihrer Traurede Ihnen sehr einprägen: »Und er soll Dein Herr sein,« – setzte er lächelnd hinzu. Elisabeth sah ihn mit ihren großen Augen freudig an. Ich werde Otto auch immer erst fragen, sagte sie, und wenn ich es sehr wünsche, wird er mir später solche Sachen auch erlauben. Ja, fangen Sie nur Ihren jungen Haushalt in aller Stille mit dem Herrn an, sagte Schlösser, leben Sie sich erst mit Ihren Leuten, mit den nächsten Umgebungen im Sinne des Herrn ein, dann ist ihm auch gedient. Wenn ich das nur erst kann, – unterbrach ihn Elisabeth bedenklich. Ohne den Herrn sind wir schwach und mit dem Herrn sind wir stark, war Schlössers freundliche Antwort. – Elisabeth nickte ebenso freundlich. Schlösser war der einzige in diesem Kreise, der sie nicht immer ermahnte, tadelte und bange machte, sondern ihr auch Muth machte. Liebster Herr Pastor, wandte sich Frau von Warmholz jetzt lebhaft zu Schlösser, und alle ihre Ringellocken tanzten um ihren feinen Kopf: Sie müssen einmal mit der Sprache heraus, Sie sind in diesem Winter immer so schweigsam, wenn wir von unseren Vereinen sprechen? Das ist doch seltsam. Haben Sie etwas dagegen? Gegen die Vereine gewiß nicht, entgegnete Schlösser ruhig, nach meinen Erfahrungen aber scheint mir die Sache für die Theilnehmerinnen etwas bedenklich. Für uns? rief Frau von Warmholz verwundert. Nicht für alle gleich, war Schlössers Antwort. Der Herr Pastor meint, begann Klärchen nachdenklich, wenn es zu viel Zeit hinnimmt, zu viel Kräfte, wie bei der armen Emilie, die gar nicht zur Ruhe kommen kann. Schlösser nickte und sah vor sich nieder. Es ist mir doch ordentlich lieb, begann der junge Reifenhagen, daß ein Mann, auf dessen Urtheil man etwas giebt, gegen diesen Vereinseifer ist. Ich kenne eine Dame, ich will sie aber nicht nennen, die über diese christlichen Pflichten ihre kleinen geringen Hausfrauen-Pflichten beinahe unter ihrer Würde hält. Ja sie verlangt, daß Mann und Kinder mit Freudigkeit sich von ihr vernachlässigen lassen und sie verehren ihres hohen Berufs wegen. Der Mann ist auch dumm und thut es. Herr von Reifenhagen, Sie sind abscheulich! zankte Frau von Warmholz. Wenn eine Frau besondere Gaben hat, für einen größeren Kreis zu wirken, so wäre es doch Unrecht, sie abzuhalten. Ich würde, sagte er, einer Frau nie erlauben in einem größeren Kreise zu wirken, ehe sie nicht die unbedeutendsten Pflichten, die ihr als Hausfrau und Mutter obliegen, gethan hat, und eine Frau, die Mann und Kinder hat, hat eigentlich hinlänglich Beruf. Wenn sie gern mildthätig ist und gern dem Herrn auch außer dem Hause dienen will, wird ihr das Leben genug Gelegenheit bieten, es in aller Stille zu thun. Vereine kosten an und für sich zu viel Zeit, Vereine sind für Damen, die keinen Beruf haben, recht schön, und Fräulein Emilien, der angehenden jungen Frau Pastorin, kömmt es zu, ihre herrlichen Gaben so schön anzuwenden. Schlösser schwieg immer noch und sah lächelnd vor sich hin. Jetzt trat Emilie ein, schnell athmend und zerstreut nach verschiedenen Seiten hin grüßend sagte sie: Ich habe wohl auf mich warten lassen? Ja mein Kind, entgegnete Frau von Warmholz, wir können mit unserem Shakspeare aber auch recht gut auf Dich warten. Emilie setzte sich seufzend neben den Bräutigam. Heute bin ich ordentlich abgespannt, sagte sie. Nun erzählen Sie, was Sie heute alles erlebt haben, begann ihr Vetter Theodor. Das würde wenig Erfreuliches sein, entgegnete Emilie mit einem etwas würdevollen Lächeln. Liebe Emilie, kann ich Dir nicht zuweilen Wege abnehmen? erbot sich Elisabeth schnell, ich möchte es doch wohl sehen, wie es bei so armen Leuten aussieht. Nein, Kind, Du kannst meine Wege nicht thun, entgegnete Emilie lächelnd. Elisabeth erröthete. Oder ich könnte mit Dir gehen, setzte sie verlegen hinzu. Das ginge vielleicht, war Emiliens herablassende Antwort. Liebe Emilie, begann Frau von Warmholz eifrig, es ist gut, daß Du gekommen bist; Du sollst mit mir unsere Vereine gegen diese Herren vertheidigen. Welche Herren? fragte Emilie verwundert. Diese jungen Herren? sagte Frau von Warmholz und zeigte auf Schlösser und Reifenhagen; unser Hauptfeind aber ist Herr von Reifenhagen. Das bezweifle ich noch, warf Schlösser ein. Du wärest gegen unsere Vereine, wandte sich Emilie ziemlich scharf zum Bräutigam. Nicht gegen die Vereine? erklärte Schlösser noch einmal, ich befürchte nur, daß einzelne Mitglieder diese Thätigkeit nicht vertragen können. Wie so? fragte Frau von Warmholz ungeduldig. Wenn Sie in mich dringen, nahm Schlösser jetzt ernsthaft das Wort, so will ich meine Meinung darüber sagen. Wenige Frauen-Gemüther können es vertragen, fortwährend nach außen hin gezogen und beschäftigt oder gar der Mittelpunkt eines öffentlichen Wirkungskreises zu sein, da ihr eigentlicher Beruf ist, in der Demuth und Einfalt zu wandeln. Es ist uns Männern schon unmöglich, immer zu geben, ohne im Stillen zu sammeln und zu nehmen; noch schwerer aber ist es für Frauen. Unter diesen ungewohnten Anforderungen, die fortwährend an sie gemacht werden, müssen sie selbst innerlich entbehren, und wenn ich über Emilien erst bestimmen darf, werde ich ihr ein Jahr Ruhe von allen solchen Dingen verordnen, damit sie wieder Kräfte sammeln kann. Wilhelm! zürnte Emilie beinahe erschrocken. Recht so, Herr Schwiegersohn, recht so! fiel der General ihr in das Wort und augenblicklich entstand zwischen dem General und seinem Neffen und dem Geheimerath Kühneman ein lebhaftes Gespräch, so daß die Uebrigen schweigen mußten. Das Resultat blieb unklar. Der Geheimerath konnte nicht eigentlich klagen, weil seine Frau nie zu lebhaft teilgenommen an diesem Dienst der christlichen Frauen. Der junge Herr von Reifenhagen hatte nur die äußeren Vernachlässigungen im Auge und der General wußte den Grund seiner Unzufriedenheit selbst nicht recht zu erklären. Die Sache ist die, nahm Emilie endlich ruhig das Wort, die Herren meinen, wir taugen nicht einen größeren Wirkungskreis zu haben, wir seien allein für das Haus und ihre Bequemlichkeit da. An mich hatte ich nicht gedacht, versetzte Schlösser freundlich, wenn ich Dich ein Jahr von aller Arbeit dispensiren möchte, nur an Dich allein, liebe Emilie. Ich bitte Dich, Wilhelm, unterbrach ihn die Braut, kränke mich nicht mit Deinen Scherzen; Du weißt recht gut, wie ich gewöhnt bin an diese liebe Arbeit. Mein Freund, begann Frau von Warmholz wieder lebhaft, man darf sein Licht nicht unter den Scheffel stellen, und Emilie ist berufen, überall Feuer anzuzünden, ich sehe in ihr schon das Ideal einer Pfarrersfrau. Ich auch, unterbrach sie Schlösser, eine stille, demüthige Pfarrersfrau, die weder Vorsteherin von Jungfrauen-Vereinen noch Kinderschulen noch Suppenanstalten ist. Emiliens Lippen zitterten, aber sie schwieg. Heute nach der ungewöhnlichen Anstrengung in Werken der Liebe hatte sie wirklich Anerkennung erwartet von dem Bräutigam, er war entsetzlich rücksichtslos. Aber liebster Schlösser, fragte Frau von Warmholz, ist es denn nicht ein großes Verdienst, solche Dinge in das Leben zu rufen? Und Emilie thut es mit so großer Freudigkeit. Ich könnte auch ohne diese Thätigkeit nicht leben, sagte Emilie eifrig, alles andere in der Welt kömmt mir so nichtig vor. Daß Du ohne diese Dinge nicht meinst leben zu können, sollte Dich aufmerksam machen, ob es Dir gut ist, sagte der Bräutigam. Das Amt der stillen, einfältigen Pfarrersfrau ist jedenfalls schwerer, als das einer bewunderten Gründerin von schönen Vereinen. Einfältige Leute giebt es ja genug in der Welt! fuhr Emilie heraus. – Sie war gereizt und hatte es nicht so schlimm gemeint, aber allen Zuhörern ging plötzlich ein Licht auf von Schlössers eigentlicher Meinung. Für Emilien war diese Thätigkeit kein Opfer, es war bei aller Aufrichtigkeit, mit der sie dem Herrn dienen wollte, zugleich die schönste Nahrung ihrer Lieblingssünden. Schlösser selbst blieb auch nach Emiliens Aeußerung ruhig, er wußte, daß sie nur gereizt war, und dachte jetzt nicht schlimmer als vorher von ihr. Er reichte ihr die Hand zur Versöhnung, und sie bezwang ebenso schnell ihre Aufregung und versuchte zu lächeln. Frau von Warmholz, um eine verlegene Pause zu vermeiden, sagte schnell: Jetzt habe ich es verstanden, nur für die zu Eifrigen ist eine Gefahr in dieser Thätigkeit, also für mein Klärchen und mich durchaus nicht, wir dürfen ruhig weiter arbeiten. Bis Klärchens zukünftiger Gemahl, sollte er auch zu dieser Männer-Verschwörung gehören, Protest einlegt! scherzte der General. Klärchen sah auf ihre Arbeit, um ihre Verlegenheit zu verbergen, und Elise übernahm gefällig für sie eine scherzende Antwort. Der junge Reifenhagen mit seinen hübschen Augen und etwas leidenden Zügen hatte seine Blicke nachdenklich auf Klärchen gerichtet; es war dem kleinen Kreise langst kein Zweifel mehr, daß das arme Klärchen trotz ihres widerstrebenden Verstandes einem leberkranken Mann ihr Herz geschenkt, und die Ruhe ihres sanften Gemüthes die Gereiztheit und die Launen eines geliebten, liebenswürdigen Gegenstandes ausgleichen sollte. Das Lesen nahm jetzt seinen Anfang und die Unterhaltung damit eine andere Richtung. Emilie hatte bald mit großer Tapferkeit ihre Aufregung überwunden und sprach über das Gelesene mit ihrer gewöhnlichen Ruhe und Umsicht, bis die Gäste und auch der Vater das Zimmer verlassen hatten und sie mit Schlösser und der Mutter allein war. Es ist wohl gut, wir kommen noch einmal auf unser Gespräch von heut Abend zurück, sagte Schlösser jetzt freundlich. Die Mutter zeigte sich sehr einverstanden damit, und man sah es Emiliens Zügen an, daß sie sich zu einem Kampfe rüste. Schlössers scharfer Blick hatte sie sogleich durchschaut. Nicht so, liebe Emilie! sagte er, ich habe durchaus nicht Absichten mit Dir zu streiten, Du weißt, ich bin kein Freund davon. Aber Du wirst erlauben, daß ich mich vertheidige, fiel sie schnell ein. Auch das ist nicht nöthig, war seine Antwort, ich vertheidige Dich weit besser, als Du es selbst thust. Doch nicht immer, sagte Emilie seufzend, heute hast Du mich beschuldigt, als ob ich bei allem, was ich thue, nur meine Ehre und nicht des Herrn Ehre suche. Nein gewiß, versicherte Schlösser ernsthaft, das thust Du nicht, und dennoch muß ich dabei bleiben, daß es Dir besser ist, Du versuchst es einmal, still und einfältig zu leben. Ich kann es Dir jetzt nicht beweisen, Du wirst den Segen solcher Stille und solches Verborgenseins selbst erfahren müssen. Ich habe auch nicht daran gedacht, Dich in Deiner jetzigen Thätigkeit, die so vielen Menschen zum Segen ist, zu stören; nur würde ich Dir einen neuen äußeren Lebensabschnitt recht in ruhiger Sammlung anzufangen rathen. Was dann aus diesem stillen, verborgenen Leben heraus sich nach und nach gestaltet, wird Dir Thätigkeit genug sein. Liebe Emilie, nahm die Mutter das Wort, ich würde Dir auch dann nicht rathen, an die Spitze von Vereinen und ähnlichen Dingen zu treten, es werden sich immer passende Persönlichkeiten dazu finden, und Du kannst unbemerkt Deinen Einfluß üben und mit Deinen Erfahrungen nützen. Ihr seid ja außerordentlich besorgt um mich, sagte Emilie jetzt ziemlich ironisch, aber – fügte sie mit Nachdruck hinzu – ich will alle diese Dinge lassen, ich will in aller Stille mit dem Herrn leben, ich will Euch zeigen, daß mir an der Geschäftigkeit nichts liegt. Da haben wir es, lächelte Schlösser, sie will immer etwas zeigen, Du sollst eben gar nichts zeigen wollen, Du sollst auch nichts sein wollen. Emilie stutzte. Ihr scheint mich immer mißverstehen zu wollen, nahm sie dann das Wort. Ich soll nichts sein wollen; ich soll also plötzlich gedankenlos sein und mein ganzes inneres Leben zum Schlafen bringen. Ich soll auch meinen Umgebungen plötzlich eine andere sein, soll z. B. zu Elisabeth sagen: Ich habe Unrecht gehabt, wenn ich Dich zu allerhand Thätigkeit und besserer Zeitanwendung aufforderte; es ist weit besser, so gedankenlos und kindlich zu leben, als Du es thust. Das sollst Du nicht Elisabeth, das sollst Du Dir sagen, unterbrach sie der Bräutigam; sie ist kindlich und harmlos genug, man kann ihr schon etwas Ernst anrathen. Ich warne Dich aber, von Elisabeth nicht gar zu herablassend zu reden, sagte die Mutter. Ihr wollt sie mir wieder zum Muster stellen? fragte Emilie mit einem gewissen Kopfschütteln, als ob es wirklich etwas zu Unglaubliches sei. Du weißt recht gut, was wir wollen, liebe Emilie, sagte die Mutter sanft, laß Dich von Deinem Verstand nicht in die Irre führen. Aber wenn man einmal so gescheit ist, so ist das schwer? scherzte Schlösser und sah der Braut forschend und theilnehmend in die Augen. Ja schwer, flüsterte sie, als er jetzt Abschied nahm. Mit des Herrn Hilfe! sagte er eben so leise, und ging dann fort. Als er aus dem Hause trat, kam ihm Herr von Reifenhagen noch einmal entgegen. Ich habe Sie hier erwartet, sagte er schnell, ich muß Ihnen eine Mittheilung machen. Aber keine Ueberraschung! entgegnete Schlösser. Herr von Reifenhagen lächelte und erzählte, daß er nach reiflicher Ueberlegung so eben auf dem Heimwege eine Anfrage gewagt, und von der Mutter und von Klärchen das vorläufige Jawort erhalten habe. Klärchen hatte zwar erst gemeint, ob sie nicht besser passe, ganz im Stillen bei den Vereinen zu arbeiten, aber er sei doch bei der Bitte geblieben, ihre christliche Liebe und Geduld an ihm zu üben. Nur zu einer solchen bescheidenen Seele durfte ich kommen, schloß er seinen Bericht, eine andere würde es mit mir nicht aushalten. Ohne des Herrn Hilfe sind wir alle schwach, entgegnete Schlösser, und es ist gut, wenn man das schon in den ersten rosigen Zeiten einsieht, fügte er scherzend hinzu. Beide Männer trennten sich jetzt, beide gedachten diesen Abend mit Hoffen und Bangen viel an die Zukunft, und beide hatten bei ihren verschiedenen Betrachtungen die Worte in der Seele: Ohne des Herrn Hilfe sind wir alle schwach. 18. Die Hochzeit. Es war an einem wunderlieblichen Tage, vierzehn Tage nach Ostern, – der Himmel war blau und lau die Luft, die Lerchen sangen und die Veilchen blühten, die Kinder lärmten vor den Thüren und die Sperlinge unter den Fenstern, die Tauben trippelten lebhaft auf den Dächern hin und her, oder flogen mit den silbernen Fittigen im goldenen Sonnenschein, –da war es im alten grauen Hause von Woltheim wieder festlich und lebhaft. Elisabeths Hochzeit wurde gefeiert. Der beschränkte Stadthaushalt in Berlin hatte eine große Familien-Versammlung nicht zugelassen, darum war der Großeltern und Oberförsters Vorschlag, die Hochzeit in Woltheim zu feiern, gern angenommen, und da glücklicher Weise weder in Geheimeraths noch in Oberförsters Kinderstube Masern oder Stickhusten oder Schnupfenfieber, sondern alles sehr wohl auf war, so war die Hochzeit ein Fest für Große und Kleine. Am Polterabend hatte es natürlich auch nicht an künstlichen Vorstellungen gefehlt, Elisabeth konnte zwar zu der Kinder Mißvergnügen nicht dabei mitwirken, dagegen waren Frau von Warmholz, die mit ihrem Brautpaar sich so gern zu diesem Feste laden ließ, und besonders Tante Wina und die Frau Oberförsterin erfinderisch gewesen, die Verse flössen nur von den Lippen der Jugend, rührend und komisch und feierlich, wie es der Gegenstand verlangte. Aber auch uneingeladene Gäste waren, wie wohl zu erwarten war, gekommen. Zu ihnen gehörte Herr von Stottenheim mit seinen jüngeren Kameraden, und Elisabeth, die Königin des Festes, nahm die Huldigungen, die ihr von allen Seiten, den glücklichen Bräutigam an der Spitze, gebracht wurden, mit unverholenem Entzücken entgegen. Am Hochzeitsmorgen war es unruhig im Haus, und Elisabeth schlich sich hinaus in den stillen Garten und ging in der sonnigen Kirschenallee hinauf, den lieben bekannten Weg. Sehr bald sah sie den Erwarteten daher kommen, und ebenso bald sah sie ihn vor sich. Er schwang sich wie gewöhnlich gleich vom Pferde und begrüßte sie: Zum letzten Mal bist Du mir so entgegen gekommen, sagte er bewegt, jetzt sollen wir nie, nie wieder getrennt sein! Sie sah ihn mit ihren großen Augen so wunderlieblich und vertrauend an, daß er wieder dachte: Du willst sie wie dein Herzblatt bewahren. Er übergab jetzt dem nachfolgenden Burschen sein Pferd, Elisabeth hatte ihm vorgeschlagen, da es im Hause so unruhig sei, einen Spaziergang zu machen. Beide gingen denselben Weg, den die Großeltern an ihrem Hochzeitsmorgen wählten. Oben auf den Tannenbergen saßen sie im stillen Frühlingssonnenschein und schauten hinab auf die Thürme von Braunhausen. Sie unterhielten sich nicht so ernsthaft, als damals ihre Vorgänger; sie waren ja zu sehr überzeugt, daß es nur ihrer Liebe bedürfe zu ihrem Glücke. Die kleinen trüben Erfahrungen, die sie im Brautstande gemacht, waren jetzt sehr natürlich vergessen. Der Bräutigam hatte sich immer mehr überzeugt, daß er seine Elisabeth jetzt erst recht kennen lernte; er wollte sie gewiß auf Händen tragen, er wollte nur zart und rücksichtsvoll mit ihr umgehen, ihre Fehler wollte er tragen mit wenigstens so viel Geduld, als Schlösser die Fehler seiner Emilie trug. Elisabeth dagegen zweifelte gar nicht, daß der Bräutigam immer liebenswürdiger geworden sei. Das war auch natürlich. Woher sollte er wissen, mit Damen umzugehen? Er war ja von Jugend auf nur mit Männern gewesen; sie hatte es ihn erst lehren müssen, und da er ein so gelehriger Schüler war, sah sie es sicher voraus, daß er es nur immer noch besser lernen werde. Der Bräutigam erwähnte jetzt scherzend, daß hier einst die Großmama ihren Bräutigam versicherte, sie höre nichts lieber als das Gebot: »Er soll dein Herr sein.« Er sagte es scherzend, weil ihm jetzt selbst die Möglichkeit solcher Herrschaft fern lag. Von der Großmama aber war das ganz natürlich, nahm Elisabeth weise das Wort, sie hatte gesehen, daß der alte Großonkel seine Frau so tyrannisch behandelte, und daß die gute Großtante so fügsam und nachgebend war. In den Zeiten damals war das oft Sitte, die Großmama war darum schon glücklich, einem so liebenswürdigen Herrn folgen zu müssen, und konnte das wohl aussprechen, aber ich habe ihr schon gesagt, daß sich die Zeiten geändert haben, und daß alles so etwas nicht mehr Mode ist. – Der Bräutigam lächelte, aber schien doch ganz einverstanden. – Zu so Verstandesheirathen, oder wenn die Töchter Ja sagen mußten, weil die Eltern Ja gesagt, da paßte das auch noch, fuhr Elisabeth fort; wenn man sich aber lieb hat, ist die Sache anders, da möchte man doch gar nicht leiden, daß der eine mehr gilt als der andere. Der Bräutigam nickte wieder und hörte wenigstens ebenso aufmerksam zu, als der Bräutigam damals seiner Braut, die ihm in aller Demuth auseinandersetzte, sie könne nicht begreifen, daß er sie immer lieben würde, die seine Liebe als ein Gnadengeschenk des Herrn betrachtete und die Bewahrung auch der Gnade überlassen wollte. Daß diese Demuth, mit der sie in dem Bräutigam einen Herrn sehen wollte, diesen, weil er eben eine zarte Seele war, gar nicht zur Herrschaft kommen ließ, war ihr selbst nicht bewußt geworden. Ihre Enkelin sah die Sache anders an. Sieh mal, lieber Otto, fuhr sie wieder belehrend fort: wenn ich Unrecht habe, werde ich es einsehen; wenn Du Unrecht hast, mußt Du es aber auch einsehen. Natürlich, versicherte der glückliche Bräutigam. Wenn wir aber beide Unrecht haben? setzte er lächelnd hinzu. Dann müssen wir es beide einsehen, bestimmte sie kurz, und die Sache war erledigt. Als sie nach Hause kamen, war es Zeit zum Ankleiden. Elisabeth wurde von der Großmutter und von der Mutter, – alle andere Hilfe hatte sie sich, zu Tante Winas Entrüstung, ernsthaft verbeten, – in Empfang genommen und in Elisens altem Stübchen erlebten die drei eine schöne selige Stunde zusammen. Elisabeth war es zwar, als ob sie träume, sie ließ sich wie ein Kind schmücken, hörte auch alle die lieben freundlichen und ernsten Worte der Mutter und Großmutter gern an, war mit allem einverstanden, es war und blieb ihr aber doch nur wie ein Traum. Sie war fertig, der Bräutigam durfte eintreten. Elise war so bewegt, sie konnte den beiden eben so bewegten Kindern wenig sagen, und zu ihrer inneren Betrübniß hatte sie sich schon vorher gestehen müssen, daß sie gegen den Sohn doch nie so herzlich und offen mit ihren innersten Gedanken herausgetreten war, als sie es sich vorgenommen. Sie hatte immer noch zu sehr berechnet, wie er zu behandeln sei, daß heißt, wie sie von Glaubenssachen am klügsten mit ihm reden müsse, und die Klugheit kommt in solchen Stücken nicht weit; die Einfalt fühlt sich sicherer auf Grund und Boden des Glaubens. Sie hatte zwar oft ganz hübsch ernst und mütterlich mit ihm geredet, aber eine jede nicht gläubige, aber wohlmeinende und rechtschaffene Mutter hätte mit ihm so reden können. Die Großmama dagegen war gleich von Anfang an anders zu dem neuen Sohn; harmlos und offen hatte sie ihn immer den ganzen Reichthum ihres Glaubenslebens schauen lassen und dem heiligen Geiste überlassen, was er damit wirken möchte. Der wirkt auch besser als alle menschliche Klugheit, und der junge Mann liebte die Großmama mit einer kindlichen Hingabe, die ihn selbst glücklich machte. Wie gern hörte er jetzt ihre lieben Worte und ihre schönen Segenswünsche, die unumwunden den Herrn Christus als einzigen Heilsweg priesen. Ihr habt zwar eine bessere Traurede zu erwarten, als damals ich und mein lieber Fritz, schloß sie, aber die Minuten vor der Trauung, wo wir so allein uns sammeln konnten, waren doch gar zu schön, die sollt Ihr auch haben und sollt auch mein schönes Hochzeitslied zusammen lesen. Sie verließ mit Elisen das Zimmer, und das Brautpaar stand allein am Fenster. Er hatte das Blatt und las das Lied, Elisabeth kannte es und sah nicht hinein, sie las in seinen Zügen und las in seinen Augen, und lehnte sich an ihn, so ganz vertrauend seiner Liebe und Güte und seinem Schutze, als ob nun für sie hier in der Welt nichts mehr zu fürchten sei. Er hatte gelesen: Wohl einem Haus, wo Jesus Christ Allein das All in Allem ist! Ja wenn er nicht darinnen wär, Wie finster wärs, wie arm und leer. Das konnte er noch nicht recht fassen, aber sein Herz war weich und von Dank und Glück erfüllt; daß er überhaupt nur einen Hausstand anfangen sollte, bewegte ihn schon. Dem Herrn, der ihn aus seinem einsamen öden Leben in diese Fülle von Liebe und Freude geführt, dem sollte sein Leben gewiß gehören, das verstand sich ebenso sehr von selbst, als sein Glück, was so reich und weit vor ihm ausgebreitet lag. Für Dich ist das Lied auch, liebe Elisabeth, sagte er zur Braut. Ich kann es aber auswendig, entgegnete sie leise. Den letzten Vers lasen sie noch einmal zusammen: So mach ich denn zu dieser Stund Samt meinem Hause diesen Bund: Wich alles Volk auch von ihm fern, Ich und mein Haus stehn bei dem Herrn. Elisabeth hatte bei dem Lesen keine bestimmten Gedanken, noch weniger Vorsätze, es verstand sich auch bei ihr alles von selbst, nichts erschien ihr heute natürlicher und leichter als fromm sein, liebenswürdig und glücklich sein. Mit dieser Stimmung stand das Brautpaar dem lieben Schlösser gegenüber, sie hörten beide, daß seine Rede ernst und ganz nach der alten Mode war, und waren auch damit einverstanden. Nach der Trauung wußten sie aber kaum viel davon, besonders Elisabeth. Das wunderbare und ergreifende des ganzen Actes hatte sie zu sehr hingenommen. Vom Einsteigen in den Wagen an – dann die neugierige Menge des kleinen Städtchens und die feierliche geputzte Verwandtschaft, – der Mann ihr zur Seite – alles, alles kam ihr wie ein Traum vor. Selbst bei dem feierlichen Mittagsessen konnte sie sich noch nicht recht fassen, erst als nach Tische die Gesellschaft sich in die verschiedenen Zimmer, in den Gartensaal und vor dem Saal in den schönen warmen Sonnenschein zerstreute, da kam sie zu sich selbst. Sie war jetzt liebenswürdig nach allen Seiten. Die Großmama wurde von ihr hin und wieder umarmt mit großer Innigkeit, dem Großpapa küßte sie die Hand, der Mutter setzte sie sehr ernsthaft auseinander, wie sie ihre Wirtschaftsbücher führen wolle und kaum erwarten könne, ihre neues Mädchen anzulernen, – aber ganz nach ihrer Weise zu kochen, nicht nach Tante Julchens Art. Das Mädchens war nämlich ein älteres, schon von der Tante angelerntes. Der Tante Julchen machte sie indessen doch Freundschaftsversicherungen, dankte herzlich für alle Mühe, die sie von ihrer Hochzeit hatte, und versicherte aufrichtig, sie würde sich nie mehr mit ihr zanken, sondern sehr gute Nachbarschaft halten. Sie freute sich besonders auf schöne musikalische Abende in der Oberförsterei, sie konnte recht gut zu Fuße von Braunhausen nach Woltheim gehen, und der Onkel Oberförster hatte ihr schon versprochen, sie im Winter, besonders des Abends, fahren zu lassen. Onkel Karl aber knüpfte an Elisabeths Verheirathung besondere Spekulationen. Sie sollte ihm bei den Damen ihrer Bekanntschaft feste Butter-, Milch- und Eier-Kunden verschaffen, damit er nicht immer genöthigt sei, sich auf die Ehrlichkeit der Botin zu verlassen. Er hatte Charlottchen begreiflich gemacht: wöchentlich an 60 Pfund Butter einen Silbersechser profitirt, macht jede Woche einen Thaler, das Jahr aber 52 Thaler. Dies Geld sollte unter der Gestalt von Schinken, Schlacken, Kartoffeln, Kohl und Rüben wieder in Elisabeths Wirtschaft wandeln, so blieb es in der Familie und war doch eine reine Ersparniß. Charlottchen war gerührt von dieser herrlichen Idee, und bewunderte, wie immer, die weise Umsicht und wirthschaftliche Kunst des guten Herrn von Budmar. Elisabeth hatte gegen diesen Vorschlag natürlich auch nichts einzuwenden und jetzt eben erzählte sie ihrem lieben Otto, und zwar in des Onkels Gegenwart, der mit dem ganzen Gesichte und noch mehr mit dem Herzen lachte, daß ihn die Befürchtung wegen der schlechten Butter nicht beunruhigen dürfe, da sie von der feinsten und berühmtesten Butter der ganzen Gegend, und zwar bei ermäßigtem Preise, speisen würden. Bald darauf stand sie wieder sehr lieblich und demüthig neben dem Bräutigam, als ihnen Schlösser die Abschrift seiner Traurede übergab. Beide versprachen, nächsten Sonntag Nachmittag die Rede noch einmal in rechter Sammlung zu lesen und zu Herzen zu nehmen. Schlösser war so brüderlich und herzlich und auch fröhlich mit Elisabeth, daß Emilie es mit dem besten Willen nicht lassen konnte, sich zu wundern. Niemand, niemand fordert sie zum Ernst auf! dachte sie. Daß diese entsetzlichen Tanten Wina und Paula sie umschmeicheln und vergöttern, ist nicht zu vermeiden, wir aber sollten es doch besser mit ihr meinen und sie nicht so sicher in ihren thörichten Hoffnungen und Erwartungen hingehen lassen. Elisabeth trat jetzt zu ihr und zu gleicher Zeit auch Klärchen. Elisabeth, aus deren Augen heute mehr als je nur Güte und Freude leuchtete, sagte zu den Freundinnen: Ich hoffe, daß Ihr jetzt endlich Respect vor mir habt, denn ich bin verheirathet und Ihr seid doch nur Bräute. Das hilft Dir noch wenig, entgegnete Emilie mit großer Ruhe; wenn Du uns einen Blick in die Zukunft thun lassen könntest, ob Du uns wirklich ein Vorbild sein kannst, so wollt ich Respect vor Dir haben. Liebe Emilie, bat Elisabeth noch scherzend aber doch etwas verletzt, Du wirst mir doch heut an meinem schönsten Festtag nicht bange machen wollen? Ich weiß nicht, welcher Tag in Deinem ganzen Leben geeigneter wäre, Dich aufmerksam zu machen auf das, was Dir noth thut, war Emiliens feste Antwort. Du traust mir doch aber wenig zu, nahm Elisabeth ernster das Wort, das ist unrecht, Du weißt ja gar nicht, wie es in meinem Herzen aussieht. Du täuschest Dich eben über Dein Herz, begann Emilie jetzt etwas eifriger; wenn Du dabei bleibst, alles mit so leichtem Sinn, mit solcher Freude und Sicherheit zu betrachten, kannst Du nicht glücklich sein. Elisabeth erröthete und sah zürnend auf die Sprecherin, und da sie doch nicht wie in ihrer Jugend sagen konnte: Altes dummes Mädchen! auch ihr keine Ohrfeige geben und sie umrennen konnte, wandte sie sich schnell von ihr. Das gute Großmutterherz hatte auch diesmal die Scene beobachtet. Obgleich sie die Worte nicht alle verstanden hatte, wußte sie den Sinn. Sie trocknete jetzt Elisabeths Thränen und rieth ihr so warm und innig, gar nicht nach der Meinung der Menschen zu hören und in aller Noth sich an den Herrn zu halten. Elisabeth lächelte durch Thränen und konnte sich auch entschließen, Emilien freundlich Lebewohl zu sagen, als die Zeit des Abschiedes kam. Der Tante Wina war es jetzt gestattet, nachdem Elisabeth das Brautkleid mit dem Reisekleid vertauscht hatte, auf den jugendlichen Kopf das erste Häubchen zu setzen. Der Bräutigam stand daneben, und Wina benutzte diese Gelegenheit gern, sich etwas wichtig zu machen. Sie begann eine feierliche Rede von dem Werthe edler Frauenwürde, als Herrn von Kaddens guter Bursche unglücklicher Weise die Thür aufmachte und Elisabeth zum erstenmal anredete: Gnädige Frau, sollen denn die Sachen alle in den Wagen? Elisabeth lachte, schaute mit Vergnügen hinauf zu ihrem jungen Gemahl, gab auch mit großer Umsicht ihre Befehle, von der feierlichen Wirkung aber von Winas einstudirter Rede war durchaus nichts mehr zu erwarten.