Paul de Kock Ein guter Kerl 1857 Charakterschwäche ist der einzige Fehler, dem man nicht abhelfen kann. De Larochefoucauld, Marimen. Erstes Kapitel. Ein Omnibus. Gibt's Wohl etwas Drolligeres, als eine Person, die hinter einem Omnibus dreinläuft, der schon drei- bis vierhundert Schritte Vorsprung hat und sich immer weiter entfernt, weil der Conducteur rechts und links sieht, seine Münze zählt, die Blicke aber nicht auf den säumigen Wanderer richtet? Ist's ein Mann, so läuft er, bleibt dann stehen, streckt die Hände hoch in die Luft, schwingt seinen Hut oder Regenschirm, wenn er einen hat; wirbelt seinen Arm in der Höhe, als wollte er den Tambourmajor spielen; läßt Rufe erschallen, als he! he! ... ho! ho! ... Conducteur! ... hum! hum! ... dann läuft er wieder ein wenig hinterher und marschirt im Koth, um den verdammten Wagen einzuholen, den er doch nur besteigen will, um fein säuberlich und zierlich an den Ort seiner Bestimmung zu gelangen. Ist die nacheilende Person ein Frauenzimmer, dann läuft sie entweder gar nicht, oder sie läuft immer; die Damen verstehen sich nicht auf halbe Maßregeln, sie sind schneller entschlossen als wir, und zudem laufen sie mit Anmuth, haben noch die Gewandtheit, die besten Stellen des Pflasters auszusuchen, ohne es dabei an Zeichen für den Conducteur fehlen zu lassen; freilich halten sie ihr Kleid etwas stark in die Höhe; was liegt aber im Ganzen daran, seine Waden zu zeigen, namentlich wenn sie hübsch voll und abgerundet sind? und im Allgemeinen läßt man nur solche sehen. Diesmal war's ein junger Mann, welcher dem Wagen zu sechs Sous nachlief. Ein ziemlich hübscher Junge von mittlerer Größe, gutgewachsen, von gemächlicher und sanfter Physiognomie, sauber gekleidet und von anständiger Haltung; endlich erreichte er den Omnibus, der die Boulevards entlang auf die Magdalenenkirche zusteuerte, der Wagen war schon stark bevölkert. »Gibt's noch Platz, Conducteur? – Ja, mein Herr, rechts, im Hintergrund. Wenn die Herren zur Rechten so gütig sein wollen, etwas zusammen zu rücken.« Der junge Mann steigt ein, sucht sich zwischen ausgespreizten Beinen, vorgestreckten Knieen, nassen Regenschirmen, kothigen Füßen und übellaunigen Gesichtern durchzuwinden; denn bist du je in einem Omnibus gefahren, lieber Leser oder Leserin (was wahrscheinlich ist, wenn du eine große Stadt bewohnst oder bewohnt hast), so mußtest du die Bemerkung machen, daß, wenn der Wagen schon etwas besetzt ist, die Ankunft eines neuen Mitreisenden stets einen üblen Eindruck auf allen Gesichtern hervorbringt: erstlich wegen des Anhaltens, und dann denkt man, genirt, gedrückt zu werden, der Ankömmling wird daher nicht gut aufgenommen und Niemand rührt sich, ihm Platz zu machen. Es wundert mich, daß die Unternehmer solcher Wagen noch nicht auf den Gedanken gekommen sind, sie durch eine Art Scheidewand in die bestimmte Anzahl Plätze abzutheilen; dann wären diese wenigstens sichtbar und man hätte nicht oft seinen Nachbar auf sich liegen; ist's eine hübsche Nachbarin, so geht's noch an. Dem jungen Manne gelang es indeß, bis zur Mitte des Wagens vorzudringen, und mit Hülfe des herabhängenden Riemens brauchte er sich nicht auf die Kniee derer zu lehnen, an welchen sein Weg ihn vorüberführte, um während der kitzlichen Passage nicht zu fallen. Er setzt sich zwischen einen dicken Herrn, welcher sehr mißvergnügt zu sein scheint, daß man gerade neben ihm Platz nimmt, und eine etwas bejahrte Dame, welche zurückweicht und sich hin und her dreht, als ob die Berührung ihres Kleides durch den Frack des jungen Mannes ihr unanständig vorgekommen wäre. »Sie werden uns einpressen wie die Häringe!« brummt der ungeheure Herr, wobei er die Beine auf eine Art ausspreizt, daß er sehr behaglich sitzt. Die Dame sagt nichts; da aber eine Falte ihres Kleides unter ihren neuen Nachbar kam, zieht sie solche schnell zurück, mit einer Miene von Würde, von Sprödigkeit, kurz mit einer von jenen Mienen, welche nichts beweisen, als daß man keine Anmuth des Charakters besitze. Der junge Mann sucht, so gut wie möglich, Platz zu nehmen, ohne dem Brummen des Nachbars oder den Mienen der Nachbarin besondere Aufmerksamkeit zu schenken. Als er, so zu sagen, festsitzt, wirft er die Augen rings umher auf seine Reisegefährten. Diese Revue ist das Pikanteste auf einer Fahrt im Omnibus. Selten enthält ein Wagen, worin man fünfzehn und öfters achtzehn Personen zusammenpfercht, nicht mindestens zwei oder drei jener Originale, welche einem Beobachter Freude machen. Ich bedaure die griesgrämigen Leute, welche die Augen nicht aufschlagen, und sich an ihrem Platz zusammenkauern, ohne nur ein einziges Mal den Kopf zu drehen. Diese empfinden alle Unannehmlichkeiten eines öffentlichen Wagens, ohne dessen Annehmlichkeiten zu kennen. Neben der Dame mit der vornehmen Miene war ein gutes, dickes Mütterchen in Haube und Schürze, eine Art Landbewohnerin, so ein Mittelding zwischen niederem Stadtvolk und Bäuerin, welche das äußerste Ende der Vorstädte bewohnen und ganz aus ihrer Sphäre gerissen scheinen, wenn sie in das Herz von Paris kommen. Neben dem Nachbar, der es sehr übel nahm, daß man sich ihm näherte, saß ein alter, dürrer Herr in abgeschabtem, schwarzen Frack; er suchte seit seiner Ankunft im Wagen in allen Taschen umher, und hatte, wie es schien, unendliche Mühe, die sechs Sous zusammenzubringen. Nun kam eine Dame, weder schön noch häßlich, weder jung noch alt, von jenen Personen eine, die nichts Lächerliches an sich haben und der Kritik keine Blöße bieten; denn es gibt auch solche. Unser Neuangekommener hatte seine Bank gemustert und blickte jetzt nach der linken Seite. Vorn saß eine Art Näherin von mittlerem Alter mit einem Kinde von fünf bis sechs Jahren auf den Knieen, einem Korb zwischen den Beinen und einem großen Paket an der Seite. Hierauf kam ein Mann mit einer Blouse, einer Kappe von Otternfell, Kamaschen von Leder und mit Nägeln beschlagenen Schuhen; er roch nach Knoblauch, Zwiebeln und Wein, wie eine Matelote à la mariniére , und lehnte sich bald an den Nachbar, bald an die Nachbarin, welche er für Kopfkissen zu nehmen schien. Neben ihm saß ein junges, ziemlich hübsches Mädchen von ehrbarem und züchtigem Wesen, die nicht wußte, wohin sie ihre Augen wenden sollte, um denen der Gegenübersitzenden nicht zu begegnen, und sie daher senkte, obgleich das sehr langweilig ist. Auf diese junge Person folgte eine Art Stutzer mit einer Brille und gelben Handschuhen, der sein Möglichstes thut, um von seiner hübschen Nachbarin bemerkt zu werden, sich wundert, daß sie ihn nicht anblickt, und aus Aerger die Augen auf eine andere zu seiner Rechten befindliche Frau wirft, welche öffentliche Wagen gewohnt sein mag, und mit ihren Augen keineswegs in Verlegenheit ist; denn sie läßt dieselben halblächelnd auf allen männlichen Personen des Omnibus ruhen, zeichnet jedoch dabei den dicken Herrn, der es gern bequem hat, besonders aus, weil dieser Herr, wenn gleich keine liebenswürdige Miene, doch sehr feine Wäsche und Hemdenknöpfe mit Diamanten trägt; es gibt Damen, welche das augenblicklich verführt. Ein Mann, ohne besondern Anstand und auffallende Gesichtszüge, sowie der Conducteur bildeten die übrige Bevölkerung des Omnibus. Doch das machte zusammen nur zwölf Reisende, und obgleich der Wagen ganz voll zu sein schien, so war es dem Conducteur noch nicht genug; er wollte, mit Einrechnung des mitten im Hintergrund angebrachten, seine fünfzehn Plätze besetzt haben; und da der Regen einen schönen Junitag verunziert, war es mehr als wahrscheinlich, daß der Omnibus bald seine volle Zahl haben werde. »Die Plätze, wenn's beliebt!« rief der Conducteur, sich an die Reisenden wendend, wobei er jedoch unverwandt nach der Straße schaute, um weitere Rekruten aufzunehmen. Die erste Dame zahlt. Der alte Herr, der all' seine Taschen ausleerte, schob endlich dem Conducteur einige schwere Sousstücke in die Hand, welcher nach vorgenommener Zählung zu ihm sagte: »Es fehlt noch ein Sou, mein Herr.« »Wie, noch ein Sou? Ich bin gewiß, daß ich Ihnen das Ganze gegeben habe.« »Nein, mein Herr, Sie haben mir nur fünf Sous gegeben; hier sind sie.« »Nun freilich, fünf Sous! ist das nicht genug? – Nein, mein Herr, die Fahrt kostet sechs Sous. – Wie so, sechs Sous und seit wann denn? – Schon sehr lange, mein Herr! – Sonst kostete es nur fünf Sous; warum hat man denn aufgeschlagen? das kommt mir lächerlich vor. – Sonst führte man Sie nicht von der Bastille bis zur Magdalenenkirche; man mußte an der Porte Saint-Martin noch einmal bezahlen. – Was geht das mich an, ich fahre nicht bis zur Magdalenenkirche, ich steige an der Porte Saint-Denis aus; streng genommen, dürfte ich nur die Hälfte bezahlen, man macht den Aufschlag auch bekannt. – Mein Herr, oben steht geschrieben: dreißig Centimen. – Ich verstehe mich nicht auf die Centimen, das ist eine Rechnung der Revolution; man sollte schreiben sechs Sous, dann wüßte ich, wie ich daran wäre. Auch spielte der Kutscher sonst für fünf Sous mit seinem Fuß die Trompete, jetzt ist's theurer, und ich höre keine Musik mehr. Nun macht Eure Runde, Ihr sollt Euern Sou sogleich erhalten.« »Für Einen,« schreit der dicke Herr mit den Diamantenknöpfen, indem er ein Zwanzigsousstück hinreichte. Wahrhaftig, er thut wohl an der Bemerkung, daß er nur Einer sei, der Conducteur hätte sich irren und doppelte Zahlung verlangen können. Unser junger Mann hat bezahlt. Seine Nachbarin hat ihr Geld in der Hand, sie streckt den Arm aus und erwartet, daß man den Preis ihres Platzes dem Conducteur übergebe; ihr Nachbar blickt das junge Mädchen ihm gegenüber an und der dicke Herr scheint nicht geneigt, irgend Jemand nützlich zu sein. Der Mann mit der Blouse streckt seine braune nervigte Hand aus, um das Geld der Dame weiter zu bieten, welche beinahe genöthigt ist, einer Person von gemeinem Schlage durch Kopfnicken zu danken; wie unangenehm! Warum fahret ihr aber mit dem Omnibus, wenn ihr so stolz seid? Der Name dieses Wagens schon sollte euch belehren, daß man hier weder Rang noch Geburt kennt; daß hier ein Untereinander ist, alle Klassen, alle Stände vermischt sind; es ist ein völlig liberales Fuhrwerk und doch ward es vor der Julirevolution eingerichtet. »Da, nehmt Conducteur, und vor der Passage de l'Opéra laßt mich aussteigen,« sagt die Dame, welche die Augen stets niederschlägt. »Sogleich, Madame, bezahlen Sie, wenn die Reihe an Ihnen ist. He! da unten rechts, Ihr Platz, wenn's beliebt!« Diese Worte gehen das dicke Mütterchen an. Sie sucht alsbald in der Tasche ihrer Schürze, wobei sie sagt: »Ja so! ganz richtig ! Ei schaut, ich dachte nicht mehr ans Bezahlen, ich wäre nur so fortgefahren, wäre bequem ... Nun, ich habe gerade keine kleine Münze; seht, Herr Postillon, da sind hundert Sous, gebt mir heraus.« Und das gute Weib hält ihrer sauertöpfischen Nachbarin ihr Hundertsousstück hin; diese rührt sich nicht und mag sich nicht die Mühe geben, den Arm etwas zu strecken, um Jemand gefällig zu sein, obgleich sie wenige Augenblicke vorher dieselbe Dienstleistung begehrt und erlangt hat. Aber es gibt solche Leute, die glauben, man sei ihnen Alles schuldig, Rücksichten, Zuvorkommenheiten, Gefälligkeiten; sie aber dürfen Niemand etwas thun. Arme Tropfen! Ihr dauert mich! Von welchem Teige meint ihr denn geknetet zu sein, daß ihr von Leuten, welche ihr zum erstenmal seht, Achtung, Höflichkeit, Aufmerksamkeiten verlangt, die ihr ihnen verweigert? Ist's, weil ihr besser gekleidet seid? Allein es gibt Betrüger, Freudenmädchen, deren Kleidung stets nach neuester Mode ist, das möchte also nichts beweisen. Ist's, weil ihr Geld in der Tasche habt? Allein der Reichthum war nie ein Zeichen des Verdienstes; zudem ist sein Ursprung öfters höchst verächtlich! Ist's, weil ihr großes Talent, großes Genie habt? O nein! Leute von wahrem Talent sind nicht unverschämt; man muß das Denjenigen überlassen, welche bemerkt werden wollen, wäre es auch nur durch ihre Dummheit, jenen Schmierern, trotz der invita Minerva ; jenen Geschöpfen, welche der Neid frißt, die Mißgunst austrocknet, und die Alles lächerlich finden, um sich für ihr Unvermögen zur Selbstthätigkeit zu rächen. Also weil ihr Dummköpfe seid, handelt ihr so! ... O! dann begreife ich, lasse den Grund gelten, und gestehe, daß ihr euch nicht anders benehmen könnet . Unser junger Reisender nahm das Hundertsousstück aus den Händen des dicken Mütterchens und reichte es dem Conducteur, der es in den Mund nimmt, sich umdreht und die Schnur anzieht, worauf der Wagen hält. »Will er uns noch Jemand hereinsetzen?« fragte der dicke Herr. »Wie unangenehm, so oft anzuhalten!« bemerkt der Stutzer mit der Brille, sich, wie es schien, an die junge Person mit den gesenkten Augen wendend; »ich, ich bin gerade in Geschäften, habe Eile. Sind Sie auch pressirt, mein Fräulein?« Man antwortet: »Nein, mein Herr!« ganz leise, beinahe unverständlich, dreht sich dann zur Seite, um das Gespräch nicht fortzusetzen. Ein Neuangekommener erscheint am Eingang: ein kleines Männchen mit lebenslustigem Gesicht, rother Nase, hervorstehenden Augen, ein Etwas an ihm verräth den Comptoirmenschen. Er hat einen ganz durchnäßten Regenschirm in der Hand und reibt ihn auf seinem Wege nach dem Hintergrund an den Knieen und Füßen der Mitfahrenden, wobei er sich mit liebenswürdiger Miene verneigt, rechts und links grüßt und Jedem auf die Füße tritt. »Links, hinten ist noch Platz ... Madame, nehmen Sie doch Ihr Paket zu sich. – Ich habe ja meinen Kleinen schon ... – Das geht mich nichts an; dann hätten Sie zwei Plätze nehmen sollen; so wie Sie nur einen bezahlen, dürfen Sie nicht Ihr Paket, Ihr Kind und Ihren Korb neben sich auf die Bank legen; da wäre mit vier Personen mein Wagen voll! Das kann nicht sein. – O! nicht alle Conducteurs sind so ungefällig, wie Sie! – Thut mir leid, allein ich muß meine fünfzehn Plätze haben.« »Herr vom Schlage, Sie haben mir auf meine hundert Sous noch nicht herausgegeben!« ruft das dicke Mütterchen mit besorglicher Miene. – »Sogleich, Madame. Nun, rücken Sie doch da unten ein wenig zusammen!« »Gebt mir Euern Kleinen, Weibchen,« sagt der Mann in der Blouse zu seiner Nachbarin, »dann könnt Ihr Euer Paket zu Euch nehmen. – Ah! Herr ... Sie sind sehr gütig, verbinden mich sehr. Willst Du zu dem Herrn gehen, Lolo? – O, nein! er ist zu häßlich,« antwortet das Kind, das Gesicht verziehend. Der Mann in der Blouse lacht über die Antwort des Kindes und nimmt es auf seine Kniee, mit den Worten: »Komm immerhin, Dicker, ich fresse Dich nicht!« Und somit wechselt das Kind seinen Sitz, ein Beweis, daß man nach Knoblauch und Zwiebel riechen, und doch sehr gefällig sein kann; übrigens ist darum dieser Geruch nicht minder unangenehm. Mittlerweile gelangte der Herr mit der freundlichen Miene in seine hintere Ecke, nachdem er seinen Regenschirm über die ganze Gesellschaft sich hatte ergießen lassen. »Wie hübsch das ist, da komme man geputzt in einen Omnibus!« bemerkte der Stutzer. »Sehen Sie, mein Fräulein, Ihr Kleid ist gleichfalls ganz durchnäßt.« Das Frauenzimmer antwortet nichts und begnügt sich, die Spuren des Regenschirms mit ihrem Taschentuch zu verwischen. »Conducteur, Ihr setzt mich vor der Straße Caumartin ab,« sagt der Neuangekommene. »Ja, mein Herr. Wer hat noch nicht bezahlt?« »Herr Fuhrmann,« ruft das dicke Mütterchen mit gerecktem Halse, »Ihr habt mir mein Geld noch nicht zurückgegeben, ich zahlte mit einem Hundertsousstück.« »Im Augenblick, Madame, ich habe noch nicht genug Münze. Es ist mir noch Jemand einen Sou schuldig.« Nun beugt sich der Herr im abgetragenen Frack zu dem Conducteur und sagt ihm etwas ins Ohr; dieser antwortet nichts, fordert aber seinen Sou nicht mehr. Ich habe öfters gesehen, daß Conducteurs mit größter Artigkeit unbekannten Leuten, welche Geld mitzunehmen vergessen hatten, borgten; zahlt man ihnen später das Schuldiggebliebene? Ich möchte es gerne glauben: wahrscheinlich bat der alte Herr um Kredit von einem Sou. Armer Mann! war's wirklich, weil er nicht wechseln lassen wollte? Der Conducteur zieht die Schnur, der Wagen hält; neues Murren der Fahrenden. »Was, wieder Jemand? aber man ist ja vollzählig, es gibt keinen Platz mehr, wenigstens wenn man uns nicht auf den Schooß sitzen soll.« »O nein! meine Herren, noch sind zwei Plätze leer, einer rechts und der andere an der Rückwand. Rücken Sie daher zusammen, dort unten rechts.« Auf dem Tritt des Wagens erscheint eine sehr hübsche Dame, von schönem Wuchse. Es wäre Schade gewesen, wenn man sie hätte vom Regen einnetzen lassen. Sie bleibt stehen, blickt in den Wagen mit den Worten: »Aber ich sehe keinen Platz. – Doch, Madame, o! es sind noch zwei frei.« Damit läßt der Conducteur die Dame einsteigen, welche umherspäht, wo sie unter den vielen Leuten Platz finden könne. Zum Glück für sie ist der junge Mann, dessen Porträt wir zeichneten, für weibliche Reize keineswegs unempfindlich; auch war's ihm nicht unangenehm, von seiner griesgrämigen Nachbarin wegzukommen; er rückt daher fester an seinen dicken Nebenmann, unbekümmert um dessen Gebrumme, Klagen oder Aerger, und wie die junge Dame ein kleines Plätzchen erblickt, plumpt sie herab, denn auf diese Weise setzt man sich beinahe immer in einem Omnibus. »Ach, Madame! Sie erdrücken mich!« rief die Alte im seidenen Kleide. – »Madame, es thut mir sehr leid, allein man behauptet, es habe noch Platz. – Sitzen Sie näher zu mir, Madame,« sagte unser junger Mann. Für unsere Dame war dies eine schwere Aufgabe, denn sie saß dicht an ihm, und da diese Stellung ihr nicht sehr comfortabel erschien, wäre, sie im Gegentheil lieber etwas weggerückt, doch war dieser junge Mann wenigstens artig, hatte ein ehrbares Aussehen. Die hübsche Frau beschloß daher, sich geduldig in ihre Lage zu fügen. Der junge Mann rührt sich nicht mehr und seine Wangen überziehen sich mit feurigem Roth; darin liegt nichts Erstaunliches; wir wissen, daß die Reibung zweier Körper diese erhitzt und sie am Ende verbrennen würde. »Ich hoffe, jetzt hat's ein Ende und er wird uns Niemand mehr hereinbringen,« sagt der dicke Herr, mit einem Blick auf den Conducteur, welcher fortwährend nach den Boulevards schaut. »Ja, warum gibt er mir denn auf meinen Thaler nicht heraus?« ruft das alte Mütterchen, sich an ihr Gegenüber mit dem Regenschirm wendend. – »Hat's vielleicht vergessen. Ja freilich, wär' ein schöner Spaß. Hört einmal! Herr mit der Mütze, meine Münze, wenn's gefällig ist! – Hier, Madame! Ihr Platz dort unten links.« Die dicke Frau hat ihre Münze empfangen und ist jetzt beruhigter. Der Wagen rollt einige Minuten ohne Gespräch im Innern fort. Die Einen begaffen ihre Nachbarn, Andere sehen durch die Fenster; Einige denken nur an ihre Geschäfte. Der Mann in der Blouse allein spricht; er plaudert mit dem Kind, das sich an ihn gewöhnt hat, läßt es auf den Knieen reiten und hüpfen und gibt ihm seine Tabaksdose zum Spielen; das Kind hat diese nach langem Versuchen endlich geöffnet und wirft den ganzen Inhalt auf den Boden, was viele Freude zu machen scheint. Seine Mutter erschöpft sich in Entschuldigungen; der Mann mit den Diamantknöpfen zuckt die Achsel und murmelt: »Wie liebenswürdig sind doch die Kinder! der kleine Schlingel hat's absichtlich gethan.« In diesem Augenblicke erleidet der Wagen eine tüchtige Erschütterung; es ist Jemand, ohne den Conducteur halten lassen zu wollen, auf den Fußtritt gesprungen. Der Conducteur tritt zur Seite und sagt: »Im Hintergrund, mein Herr, ist noch ein Platz.« Der zuletzt Gekommene ist ein Militär, Unteroffizier in Husarenuniform, jung, groß, mit starkem, schwarzen Schnurrbart, was im Verein mit Augen und Brauen von derselben Farbe, stark geprägten Zügen und einer dunkeln, braunen Gesichtsfarbe, seiner ganzen Physiognomie etwas Hartes und Zurückstoßendes gibt. »Wo Teufel soll sich denn dieser Herr hinsetzen?« sagte der dicke Mann, doch diesmal nur halblaut und mit unverschämtem Ton. Der Militär scheint gar nicht in Verlegenheit; er geht voran, schiebt Kniee und Beine zurück, schaut rechts und links, wie um sich einen Platz auszuwählen, und plumpt dann plötzlich, nachdem er die junge bescheidene Dame genauer betrachtet hatte, zwischen dieser und dem schönen Herrn mit der Brille nieder. »O weh, mein Herr! was machen Sie denn da. Hier ist kein Platz. Sie liegen auf uns!« schreit der Stutzer, auf welchen der Militär niederfiel. »Bah, bah! man rücke zusammen. Das wird sich schon geben; man sagte mir ja, es habe noch Platz.« »Aber nicht hier, mein Herr, sondern im Hintergrund. Conducteur, saget es dem Herrn doch, macht doch, daß er weggeht.« »Machen, daß ich weggehe? ha! den möchte ich doch sehen, der das machte. Mein Fräulein, ich will mich bemühen, Ihnen so wenig als möglich lästig zu sein, will mich ganz dünn machen, nicht des Herrn, sondern Ihretwegen.« Die junge Person sagt nichts, weicht aber zurück, so weit sie kann; allein es saßen schon sieben auf der Bank, und die Ankunft des Militärs zwängte Jedermann ein, wie einen Schraubstock. »Aber, mein Herr,« begann der Brillenmann aufs Neue, »man sagt Ihnen ja, es sei ein Platz an der Hinterwand, dort wären Sie weit besser. – Nun! so gehen Sie hin, wenn's Ihnen geschickt ist; ich befinde mich hier gut und bleibe.« »Ich will dorthin sitzen,« ruft das Männchen mit dem Regenschirm, mir ist's gleich, wo ich bin, wenn's nur im Wagen ist.« Diesem Arrangement haben die Reisenden der Linken zu verdanken, daß sie wieder frei athmen können, und der Unteroffizier macht sich's bequemer, wobei er sagt: »Ich wußte wohl, daß Platz da sei und die Sache sich geben werde.« »Voll!« schrie der Conducteur dem Kutscher zu. »Welches Glück!« bemerkte der Dicke, »wir dürfen hoffentlich nun nicht mehr anhalten!« »Welches verfluchte, hundsföttische Wetter!« rief der Militär dazwischen, indem er seinen Tschako abnahm und vor sich hin abschüttelte. »Glücklicherweise gehe ich nicht auf die Parade! Hier, Conducteur! da ist Ihr quibus . Rücken Sie doch etwas hinauf, mein Herr, damit wir das Fräulein nicht belästigen. Entschuldigen Sie, mein Herr, aber ich muß für meine Beine auch Platz haben, und Sie rühren Ihre zwei Säulen ebenso wenig, als der Triumphbogen!« Letzteres galt dem Herrn mit den Diamantknöpfen, der sich dem Militär gerade gegenüber befand und dessen eines Knie dieser auf die Seite schob, um sich bequemer ausdehnen zu können. Der Dicke bläst sich noch mehr auf, sein Gesicht schwillt an, er schnaubt wie ein Gaul, indem er antwortet: »Mein Herr, ich sehe nicht ein, warum ich mich geniren sollte. Was haben Sie nöthig, Ihre Beine auszustrecken. – Anders kann ich mich nicht im Wagen halten. Ich frage Sie, was macht Ihnen das? man richtet sich etwas ein, damit Punktum! Mein Fräulein, scheuen Sie sich nicht, sich an mich zu lehnen, es wird mich im Gegentheil freuen. Verfluchtes Wetter, da ist nun wieder der ganze Tag verdorben.« »Kutscher! Conducteur! halt, haltet doch! ich will einsteigen ...« Diese Rufe ertönten von der Straße und gingen von einer weiblichen Stimme aus. Der Conducteur zieht an der Schnur, damit der Wagen halte; da bricht im Omnibus ein Murren des Aufruhrs aus. »Es gibt keinen Platz mehr, Conducteur! Haltet Ihr uns zum Narren? wo wollt Ihr denn noch Jemand hinsetzen?« schreit man von allen Seiten. »An meinen Platz,« antwortet ruhig der Conducteur, »und ich bleibe auf dem Tritt stehen.« »Mordelement, laßt das Weibchen hereinkommen, ist sie hübsch, so nehme ich sie auf meine Kniee! es steht mir hoffentlich frei, galant zu sein.« Das Weibchen, das jetzt die Stufen herauf klettert, ist eine ungeheure Kugel von vierzig bis fünfzig Jahren, deren Reize dergestalt voluminös sind, daß man weder ihre Taille, noch irgend eine ihrer Formen unterscheiden kann; ihr ganzes Individuum scheint nur eine einzige Form zu haben, nämlich die einer Tonne. Der Conducteur schiebt sie in den Wagen und läßt seinen niedern Rücksitz herab, während der Militär ausruft: »Ha! Bomben und Granaten! das ginge mir ab, wenn ich eine solche Festung auf meinen Schooß nehmen müßte!« Doch die Dame hielt bei dem Platz des Conducteurs nicht an, sie dachte, sie könne sich tiefer im Wagen setzen, steigt über die sie abwehrenden Füße hinweg; in diesem Augenblicke beginnt der Wagen seine Bewegung wieder, da verliert die ungeheure Reisende das Gleichgewicht und fällt zuerst auf den dicken Herrn, der sie auf den Militär zurückwirft; dieser schiebt sie auf den kleinen magern Alten. Auf solche Weise wäre mit der Dame Ball gespielt worden, hätte der schwarze Herr die Kraft gehabt, die auf ihn gefallene Masse abzuwälzen; aber er vermochte nur dumpfes Stöhnen hervorzubringen. Schon legte die Dame ihr Kleid zurecht, um an diesem Platze zu bleiben, denn sie bemerkte allem Anschein nach nicht, daß sie einen kleinen Herrn unter ihrem ungeheuern Hintertheil habe; aber der Militär rief ihr zu: »Madame, Sie haben Jemand umgebracht, es ist nicht anders möglich, Sie liegen auf einem kleinen dürren Herrn, der nichts spricht, weil er erstickt.« Nun weist der Conducteur der Dame ihren Platz und gibt ihr zu verstehen, daß sie sich dahin zu setzen habe. Die Reisende richtet sich auf und gelangt erst zum Rücksitz, nachdem sie noch auf mehrere Personen gefallen war; der Abgeschabene aber kommt wieder zu sich und die Ruhe im Omnibus ist hergestellt. Seit fünf Minuten vielleicht rollte derselbe ohne Aufenthalt fort, etwas ziemlich Seltenes in einem Wagen zu sechs Sous. Eine Hitze von dreißig Graden herrschte im Innern, weil die Kugelförmige, welche den Platz des Conducteurs einnahm, den Eingang völlig verdeckte und das Zuströmen frischer Luft hemmte. Der Militär, welcher sehr beweglich schien und gerne schwatzte, stieß von Zeit zu Zeit Flüche über das Wetter aus, und wollte hierauf ein Gespräch mit seiner jungen Nachbarin anspinnen; da aber diese keine Antwort gab, so suchte der Husar, den es langweilen mochte, rein verlorene Galanterien anzuspinnen, etwas Anderes im Wagen auf. Indem er so Jeden die Musterung passiren ließ, hafteten seine Augen auf dem jungen Manne, welcher der schönen Dame Platz gemacht hatte; er fixirt ihn, betrachtet ihn einige Augenblicke und ruft dann aus: »Potz alle Wetter! ich irre mich nicht ... da unten sehe ich Karl Darville, einen Schulkameraden ...« Der junge Mann, welchem diese Worte galten, schlägt die Augen auf, sieht seinerseits den Unteroffizier an und antwortet: »Ja, mein Herr, ja, ich heiße wirklich so, aber ich erinnere mich nicht ...« »Wie, Du erkennst Mongérand nicht ... Emile Mongérand? – War's möglich ... wie, Du wärst's, Mongérand ... Dich hätte ich nicht wieder erkannt ... diesen Schnurrbart ... diese Uniform? – Ja freilich, das verändert etwas! und dann das martialische Aussehen ... Zudem sind's nun mindestens sieben Jahre, seit wir uns nicht mehr gesehen ... ich war damals neunzehn Jahre alt und Du, glaube ich, ebenfalls ... Ah! denkst Du noch an alle unsere Tollheiten, unsere Streiche im Collegium ... – Ja, ja, ich denke noch daran!« »Es scheint, diese Herren unterhalten sich da, als wären sie zu Hause,« sagt der Stutzer mit spöttischer Miene, indem er der steifen Dame zulächelte; diese verzieht den Mund mit einem Blick auf den Diamantknopfigen; der letztere aber lächelt nie, sondern schreit dem Kutscher mit gebieterischer Stimme zu: »Ihr laßt mich an der Straße Richelieu aussteigen ... man erstickt in diesem Wagen.« »Kutscher, sind wir noch nicht an der Porte Saint-Denis?« fragt der im abgeschabenen Frack. – »O! da sind wir vorüber, wir sind jetzt auf dem Boulevard Poissonnière. – Ach, mein Gott! und ich gehe in die Vorstadt Saint-Denis. Ich sagte Euch, Ihr sollt mich dort absetzen. – Nein, mein Herr, das habt Ihr mir nicht gesagt. – Wie angenehm, jetzt muß ich zwei Boulevards zu Fuß zurück, und es regnet entsetzlich! ... aber so haltet doch wenigstens jetzt! – Sie können absteigen, mein Herr! – Nein, so lange der Wagen noch eine Bewegung macht, steige ich nicht ab. Ich habe keine Lust, auf Jedermann hinzufallen, wie Madame hier.« Endlich rührt sich der Wagen nicht mehr; die dicke Dame, welche den Eingang versperrt, tritt für einen Augenblick zur Seite, der alte Herr steigt brummend ab, sucht vergeblich nach einer rein gekehrten Stelle, um die Trottoirs zu erreichen und läuft im Trabe nach der Porte Saint-Denis. »Ja, mein lieber Karl! wie närrisch, einander nach sieben Jahren in einem Omnibus wiederzufinden! der Regen ist indeß daran Schuld, denn sonst marschirte ich zu Fuß bis zur Vorstadt Saint-Honoré. Ich erkannte Dich anfangs nicht wieder; nicht daß Du verändert wärest, allein Du warst hinter dieser Dame versteckt, ich sah nur Deine Nasenspitze. Bist Du fortwährend ein guter Junge, ein guter Kerl, wie früher?« »Mein Charakter ist nicht anders geworden, ich bin immer der gleiche. – Nun, das laß ich mir gefallen, ich liebe nur die guten Kerls, nicht aber die Heimtückischen und Heuchler!« »Gewiß,« fiel das Männchen mit dem Regenschirm, mit freundlichem Gesicht gegen den Husaren, ein, »ein Mann soll liebenswürdig in Gesellschaft sein, das ist weit angenehmer.« Der Militär sieht den Herrn mit schalkhafter Miene an und brummt vor sich hin: »Ei, wer spricht denn mit dem da?« Hierauf wendet er sich an seinen Jugendfreund, ohne auf die Dazwischensitzenden zu achten. »Hör' einmal, Karl, erinnerst Du Dich noch unserer Pedanten im Collegium, der Streiche, die wir ihnen spielten? Sie gaben mir Pensum's auf, weil ich nicht an's Latein anbiß. Verfluchtes Latein! ich konnte nie zehn Worte davon behalten; braucht ein Mann das, um sich zu erklären? Mißfällt mir Einer oder sieht mich schief an: gebe ich ihm dann ein paar Ohrfeigen auf Lateinisch? finde ich eine Frau nach meinem Geschmack, sage ich ihr dann auf Lateinisch, daß ich sie anbete? Da hielte sie mich für einen Magister oder einen Kirchengänger ...« »Ha! ha! ha! gerade wie bei mir,« fällt der Mann mit dem Regenschirm lachend wieder ein, »ich verstand nie ein Wort Latein ... und doch ...« Der Militär sieht diesen Herrn abermals mit verwundertem Gesichte an und sagt zu ihm: »Erlauben Sie mir, mein Herr, ich spreche nicht mit Ihnen, sondern mit meinem Freunde; antworten Sie, wenn man's für geeignet hält, Sie mit ins Gespräch zu ziehen.« Das kleine Männchen erwidert nichts, es begnügt sich, mit dem Kopf zu nicken und sieht hinaus, ob es noch regnet. »Da ist die Straße Montmartre ... Wer hat nach der Straße Montmartre gefragt?« schreit der Conducteur. »Ich,« sagt die Frau mit dem Paket, dem Kind und dem Korb, und sie versucht, ihren Auszug zu bewerkstelligen, was den Wagen drei Minuten hinsperrt. Die junge bescheidene Person steigt gleichfalls aus. Etwas weiter unten geht der Dicke seiner Wege, und das Frauenzimmer, das in die Passage de l'Opéra wollte, steigt indeß mit diesem Herrn ab. Der Wagen fängt an, leichter zu werden; die Jugendfreunde können einander näher rücken. Jeden Augenblick gibt Jemand dem Conducteur ein Zeichen, was den Unteroffizier am Ende so ungeduldig macht, daß er ausruft: »Wird das Absteigen und Halten bald einmal aus sein? Was ist denn das für eine Manier? so macht man wohl eine Meile in sechs Stunden.« Endlich gelangt der Wagen an seine Bestimmung; es blieb nur noch der Mann mit der Blouse, die Bäuerin und die beiden Freunde, als man an der Station des Boulevard de la Madeleine still hielt. Zweites Kapitel Eine Artigkeit. Der Husarenunteroffizier nahm unsern jungen Mann, den er im Omnibus wieder gefunden, unter dem Arm und zog ihn mit schnellen Schritten nach einem Café, welches die Ecke der Straße Saint-Honoré bildete. »Der brave Karl ... Sieh, ich versichere Dich, es macht mir viele Freude, Dich wieder zu sehen ... Du weißt, ich bin offenherzig: wenn ich die Leute nicht liebe, mache ich ihnen kein freundliches Gesicht; aber für Dich hegte ich immer Freundschaft.« »Bin's überzeugt und glaube mir, auch mich freut's ebenso, wieder einmal einen alten Schulkameraden zu treffen. Aber wohin führst Du mich denn da?« »Zum Henker, ins Café: wir werden einander doch hoffentlich nicht augenblicklich verlassen? wir trinken ein Glas Punsch zur Feier dieses Zusammentreffens.« »Mein Freund! ich habe sehr wenig Zeit, man wartet meiner mit dem Essen bei meiner Mutter, in der Straße Verte. Man speist frühe bei ihr, und ich habe mich schon etwas verspätet.« »Nun, so verspätest Du Dich noch mehr! Beim Teufel! auch ich habe Geschäfte, bin erwartet! allein man soll warten, und damit Punktum; ich lache darüber! Ueberdies wirst Du um ein Glas Punsch zu trinken die Erlaubniß Deiner Mutter nicht bedürfen; mir scheint, Du wärest groß genug, um jetzt allein gehen zu können. – O! gewiß, ich thue, was mir beliebt, aber ...– Ach! so geh doch und sei kein Kind mehr! und wenn man Dir eine Artigkeit erweisen will, so laufe nicht davon, als ob man Dich fressen wollte.« Man war vor dem Café. Mongérand öffnet, und Karl tritt ein, um seinen Freund nicht vor den Kopf zu stoßen; er weiß, derselbe wäre fähig, böse zu werden, wenn er das angebotene Glas Punsch nicht annähme. Es gibt viele solche Leute in der Welt: bieten sie einem etwas an, so darf man's nicht ausschlagen, bei Vermeidung, sie sehr übler Laune und sogar ernstlich böse zu machen. Ihr kommt vom Frühstück, habt weder Durst noch Hunger; oft bekommt's euch auch übel, wenn ihr zwischen euern Mahlzeiten sonst noch etwas genießt, doch das ist gleich; habt ihr das Unglück, einem dieser Individuen zu begegnen, so wird es euch nicht loslassen: »Wir wollen etwas zu uns nehmen. – Danke, habe so eben gefrühstückt, bedarf nichts. – O! schöner Grund! Auch ich habe gefrühstückt, doch ein Glas Glühwein schadet nie etwas. – Verzeihen Sie; Morgens bringt's mich aus meiner Ordnung! – Ha! Sie machen mich lachen. Kommen Sie doch! – Ich kann nicht. – Vorwärts, kommen Sie doch! was sollen denn diese Umstände heißen?« Und man treibt euch, ob ihr gut oder übel wollet, in ein Café, und setzt euch Punsch, Bier oder Liqueur vor. Glücklich noch, wenn man euch nicht zwingt, eine Cotelette zu essen! Ihr habt zwei Stunden von eurer Zeit verloren, eure Rendezvous versäumt und seid den ganzen Tag unwohl, weil ihr eine von jenen Personen getroffen habt, welche mit aller Gewalt regaliren wollen, und euch damit eine Artigkeit erwiesen oder sich sehr liebenswürdig gegen euch gezeigt zu haben meinen. Gott behüte und bewahre dich, lieber Leser, vor solchen Freunden; oder mache es wenigstens wie ich, schlage es bestimmt, fest aus; gehe von ihnen, wenn sie die Thüre eines Café aufmachen. Zwar werden sie dich nicht für einen guten Kerl gelten lassen; man wird dich sogar mit verschiedenen Ehrentiteln traktiren, als: »Zieraffe, Original, Bär, ungeselliger Mensch;« allein du befindest dich besser dabei, und das ist die Hauptsache. »Kellner, Punsch!« rief Mongérand, sich Karl Darville gegenüber an einen Tisch setzend. Mittlerweile entspinnt sich das Gespräch: »Du bist also jetzt beim Militär? – Ja, mein Freund, noch bin ich's, aber nicht mehr lange. Gegenwärtig befinde ich mich in Urlaub zu Paris, doch möchte ich meinen völligen Abschied; ich habe am Soldatenleben genug. Mit dem neunzehnten Jahre trat ich ein, weil ich sogleich Oberst zu werden wähnte, aber das geht nicht so hitzig! Nach sieben Jahren nicht weiter als Unteroffizier zu sein, das langweilt mich. Zudem schlägt man sich nicht, ich aber bin Soldat geworden, um mich zu schlagen. Freilich habe ich mich mehr als zwanzigmal mit meinen Kameraden geschlagen, welche Händel mit mir anfingen, doch das ist nicht dasselbe. Da geht's gleich auf die Wachtstube oder in den Arrest; ich stehe dafür, von den sieben Jahren habe ich gewiß die Hälfte im Gefängniß zugebracht. Auch mache ich ihnen seit einiger Zeit so viele Streiche, daß man mir meinen Abschied sicherlich nicht verweigern wird. Kürzlich habe ich geerbt, so ein vierzigtausend Franken, von einem Oheim väterlicher Seite, meinem letzten Anverwandten. Damit kann man sich lustig machen, umherschlendern oder etwas treiben ... und im Frieden leben, denn Du weißt, ich liebe den Frieden, verabscheue die Händel. Nun! Kellner, Sakerment, wo bleibt der Punsch, läßt man uns nur so sitzen?« »Hier, hier, mein Herr! – Nur schnell, ich warte nicht gerne. Und Du, Karl, erzähle mir, was Du getrieben hast, seit ich Dich aus dem Gesichte verlor; denn ich will annehmen, daß Du nicht beständig unter den Unterröcken Deiner Mutter bliebst, daß Du Abenteuer, Liebschaften hattest ... ein Mann muß doch wohl Mann sein. – O! ich habe mich belustigt, aber keine sehr pikante Abenteuer gehabt. Mein Vater, der, wie Du weißt, Großhandel mit Seidewaaren trieb, ist vor fünf Jahren gestorben; nun wollte sich meine Mutter von den Geschäften zurückziehen, und mich fand man noch zu jung, um sie fortzuführen. Jetzt denkt man daran, mich zu etabliren; bald bin ich sechsundzwanzig Jahre alt, und werde wahrscheinlich wieder ein Handlungshaus übernehmen, weil man einmal etwas beginnen muß.– Meiner Treu, ich sehe gar nicht ein, warum man sich mit Arbeiten plagen sollte, wenn man Geld hat ... Trink' doch! – Danke, habe so eben getrunken. – Gleichviel, trink' immer zu! wir nehmen dann eine andere Bowle. – O nein! das würde mich berauschen. – Ha! ha! mach' doch keine Weiberfrazzen. Kellner! eine andere Bowle, und stärker als diese. Ihr zuckert den Punsch zu sehr, das ist Damenpunsch. Pfui! ich liebe ihn etwas derb. Sieh, Karl, ich bin Dein Freund, bin's immer gewesen, denn Du bist ein guter Kerl. In der Anstalt machtest Du nie den Angeber, gingst nie durch, wenn es Hiebe setzte oder auszutheilen gab; gut! jetzt bist Du ein Mann, willst Dich etabliren; wenn ich Dir einen Rath ertheilen darf, so ist's der, nimm ein reiches Weib, denn die Liebe, die kennen wir, die ist gut für einen halben Tag; aber das Vermögen ist die Hauptsache. – Man kann ein reiches Weib nehmen und sie lieben. – Meinetwegen! liebe Deine Frau, darin sehe ich gerade nichts Nachtheiliges. Höre, ich werde Dir nie schlechten Rath geben, dazu bin ich unfähig; aber sei Herr in Deinem Hause! Geh, komm, thu, was Dir beliebt, und lege über Nichts Rechenschaft ab; hast Du's einmal auf diesem Fuß angefangen, so wird Dein Hauswesen ganz allein fortgehen. Auf Deine Gesundheit! Sieh, wahrscheinlich verheirathe ich mich auch, sowie ich die Uniform an den Nagel gehängt habe; und gewiß, ich werde meine Frau glücklich machen, weil ich Grundsätze besitze: aber sie muß ganz nach meinem Willen leben ... Was gaffst Du denn so nach Deiner Uhr? – Mein Freund, ich sehe, es ist bald fünf Uhr und ich muß ... – Ei! was geht's uns an, ob es vier oder fünf Uhr ist? Bist Du nicht Dein eigener Herr, sprich? – Freilich; aber ... – Nun, also bleibe ruhig. Auch ich bin mein eigener Herr, werde es aber noch mehr sein, wenn ich wieder im Civilstand bin. Das möchte ich doch wohl sehen, daß Du mich jetzt schon verließest! Deinetwegen habe ich die kleine Nachbarin vom Omnibus aufgegeben. Du weißt die, die immer die Augen niederschlug; sie war fest, wie eine Eichel, davon hab' ich mich überzeugt. – Aber sie sah ehrbar aus. – Gut, was weiter? ist das nicht ein Grund mehr, um fest zu sein? auch mag ich nur ehrbare Frauenzimmer leiden. Und Du, Spitzbube, Du lagst beinahe unter Deiner ebenso hübschen Nachbarin vergraben, und hattest, so viel ich sehen konnte, Deine Hände auch nicht in der Tasche. – O! ich schwöre Dir, ich war ganz ruhig; der enge Raum zwang mich, sie ein wenig zu geniren, aber ich hätte mir nicht erlaubt ... – O! o! nicht erlaubt! ... spiel' doch nicht den Blöden! Auf Deine Gesundheit, Karl! – Wahrhaftig, man erwartet mich bei meiner Mutter; die Stunde der Mittagstafel ist vorüber, und sie ließ mich versprechen, heute gewiß nicht zu fehlen. Ich glaube, sie hat Gesellschaft. – Wenn man Gäste hat, ißt man immer später. Wenn Du auch die Suppe und das Rindfleisch versäumst, was ist's dann für ein großes Unglück! bin ich nicht ein Stückchen Ochsensfleisch werth? Mich erwartet man bei Rozat. Nun, zum Henker! Du kennst ja Rozat? er ist auch ein alter Schulfreund. Erinnerst Du Dich an Julius Rozat? ein großer Blondkopf, mit fadem Gesicht, etwas duckmäuserig. Ich prügelte mich deßhalb mehr als einmal mit ihm; er keifte immer mit den Andern. »Aha! ja, ich erinnere mich sehr gut. Wie, ihr seid jetzt Freunde? Und in der Pension konntet ihr einander, wie mir's schien, nicht ausstehen. – Was soll man machen? ich bin ihm begegnet, er kam auf mich zu, reichte mir die Hand; Du weißt, ich trage nichts nach; was sind überdies Bubenstreitigkeiten? die bedeuten nichts: er hat mich in sein Haus eingeladen, ich ging hin; er wohnt nur ein paar Schritte von hier in der Straße Saint-Florentin, ist verheirathet, hat ein hübsches Weibchen, die er glücklich zu machen scheint, denn sie herzen und küssen einander immer.– Und was treibt Rozat? – Erstlich weißt Du, er hat Vermögen, wird eine reiche Frau genommen haben ; dann gibt er sich ein wenig mit Geschäften ab; am allermeisten thut er, glaube ich, in der Literatur. – Ah! er ist Dichter, Schriftsteller? – So etwas, wie er mir sagt; er spricht stets von dem, was er macht, habe aber nie etwas von ihm gesehen; allein er behauptet, in seinem Portefeuille befinden sich eine Menge Meisterwerke. Ha! ha! er hat mir indeß Gedichte vorgelesen, die mir gar nicht gefielen. Von den Versen mag ich eigentlich nur lustige Lieder. Du gehst mit mir zu Rozat, es wird ihm Freude machen, wenn er Dich wieder sieht, und dann drei Schulkameraden beisammen, das ist hübsch, da ist man vergnügt. – Heute gehe ich nicht mit, weil man mich bei meiner Mutter erwartet. – Zu Deiner Mutier gehst Du nachher. Potz tausend, Rozat erwartet mich auch zum Essen ; mir fällt sogar ein, daß ich ihm versprechen mußte, früh zu kommen, weil es heute Sonntag ist und wir nachher ins Theater gehen sollten. Komm zu Rozat, wir bleiben nur fünf Minuten dort, und dann begleite ich Dich bis an die Thüre Deiner Mutter; ich hoffe, das ist liebenswürdig und Du hast nichts mehr zu sagen? – Nein, wenn Du mir versprichst ... – Dabei bleibt's, laß uns gehen.« Drittes Kapitel. Rozat's Hauswesen. Mongérand, der sehr groß ist, langt dergestalt aus, daß er seinen Freund beinahe zu fortwährenden Sprüngen nöthigt, damit derselbe nicht zurückbleibt. Karl Darville ging nur mit Widerstreben zu ihrem ehemaligen Kameraden; er dachte immer, daß man bei seiner Mutter auf ihn warte, und das ärgerte ihn; auf der andern Seite war er für die ihm von Mongérand bezeugte Freundschaft empfänglich, und es wäre ihm leid gewesen, dessen Entgegenkommen unerwidert lassen zu müssen; dazu gesellte sich noch die Eigenliebe des jungen Mannes, der sich nicht den Anschein geben mochte, als bedürfte er der Erlaubniß seiner Eltern, um zu thun, was er wollte. Einfältige Eigenliebe das! nur liederliche Bursche verspotten junge Leute, die ihren Eltern folgsam sind; weit weniger Dummheiten beginge man im Laufe seines Lebens, wenn man die Mutter stets um Erlaubniß fragen könnte. Zur Straße St. Florentin war's nicht weit, man langt bei Julius Rozat an, der mit seiner Frau und seinem Kinde, einem Knaben von drei bis vier Jahren, bei Tische sitzt. Herr Rozat, der einige Jahre älter sein mag als seine beiden Schulfreunde, ist groß, blondhaarig, hat Locken, langes, blasses Gesicht, auf welchem jedoch beinahe fortwährend ein Lächeln steht, das auf Tücke hindeutet und einer Frage ziemlich ähnlich sieht; er hat tiefliegende Augen, ein honigsüßes Stimmlein, einen Ton erzwungener Gutmüthigkeit; so ist der ehemalige Kamerad dieser Herrn. Seine Frau ist jung, etwas bleich, eingefallene Wangen, im Ganzen hübsch, wiewohl von wenig angenehmem Wesen. Dies Ehepaar war also bei Tische, wie Mongérand, ohne dem Dienstmädchen zum Anmelden Zeit zu lassen, Karl hinter sich her ziehend, ins Zimmer tritt; denn der letztere, nicht gewohnt, so militärisch zu Werke zu gehen, zögerte, sich bei Unbekannten zum erstenmale vorzustellen, besonders im Augenblicke der Mittagstafel. »Da bin ich! nicht wahr, ein wenig spät? ah! ich habe unterwegs einen Rekruten angeworben und bring' ihn euch mit. Ha so! willst Du vorwärts kommen, Karl? er läßt sich bei den Haaren herbeiziehen, als ob er ein altes Weib umarmen sollte.« Der Herr und die Frau vom Hause sind sogleich aufgestanden. Letztere begrüßt Karl – bietet ihm einen Stuhl, während Herr Rozat ausruft: »Wahrhaftig, Mongérand, Du bist sehr liebenswürdig, man erwartet Dich Punkt vier Uhr. So war's ausgemacht, weil meine Frau ins Theater gehen will, und Du weißt, ich bin gewohnt, zu thun, was ihr Freude machen kann. Jetzt ist's halb sechs Uhr. Mein Herr, haben Sie doch die Güte, Platz zu nehmen.« »Ach! Du glaubst, Rozat, man könne in Paris gehen wie man wolle; ich finde jeden Augenblick etwas, das mich aufhält. Uebrigens habt ihr nicht gewartet und habt wohl gethan.« »Meine Frau war dessen bedürftig und mein Kleiner auch: ich fürchtete, zu langes Warten möchte ihnen schädlich sein. Du hast noch nicht zu Mittag gegessen? – Nein, gewiß nicht. – Manette, bring das weggenommene Couvert wieder ... – Einen Augenblick! einen Augenblick! Betrachte doch zuerst die Person, die ich Dir mitgebracht. Erkennst Du den guten Jungen da nicht mehr?« Herr Rozat sieht Karl, mit dem er noch nichts gesprochen hatte, aufmerksam an, und begnügt sich, ihn zu begrüßen. »Ei, mein Gott, ja jetzt hab' ich's. Es ist unser Pensionsfreund, Karl Darville! – Er selbst, mein Herr! – Ah! mein Herr, es freut mich unendlich, Sie wieder zu sehen.« »Wollt ihr euch über mich lustig machen mit eurem Herr,« fiel Mongérand ein, indem er sie Behufs einer Umarmung so gegeneinander stieß, daß sie beinahe den Tisch umgeworfen hätten. »Sollen Schulkameraden, gute Kerls wie wir, mit solchem Ceremoniel mit einander sprechen? man umarmt sich, duzt sich, das kommt ganz von selbst.« Der Aufforderung des Militärs ungeachtet, beschränkt sich das Wiedererkennen zwischen Karl Darville und Herrn Rozat auf einen Händedruck; das Duzen erfolgte nicht daraus. »Meiner Treu, Sie haben sich nicht verändert, und wenn Sie mir nicht so ganz unerwartet gekommen wären, hätte ich Sie auf den ersten Blick erkannt. – Auch Sie sind mir derselbe,« erwidert Karl. – »O! ich, ich bin indeß älter als Sie; um vier Jahre, glaube ich.« »Gleichviel, wir sind alle drei recht hübsch,« sagte Mongérand, sich zu Tische setzend; »nicht wahr, Madame Rozat, die drei Freunde sind nicht übel?« Madame Rozat antwortet nur durch ein Kopfnicken und Lächeln, aber das Lächeln stand nicht gut zu ihren rothgeweinten Augen. »Schnell, Manette, noch ein Couvert; mein alter Kamerad wird so gütig sein, unser frugales Mahl ohne Umstände anzunehmen. Wir werden vielleicht etwas enge sitzen, aber seiner Freunde wegen genirt man sich gern. Wir haben schon Suppe und Rindfleisch gegessen, doch es muß noch warm sein, nicht wahr, meine Liebe?« »Ja, ich hatte gesagt, man soll's zum Feuer stellen?« »Ich fühle mich sehr geschmeichelt durch Ihre Einladung,« sagt Karl, »aber es ist mir unmöglich, sie anzunehmen. – Warum denn? – Mongérand weiß, daß ich bei meiner Mutter erwartet werde, und sogar schon längst dort sein sollte. – Ach! das thut mir leid ... also kein zweites Couvert, Manette!« Herr Rozat dringt nicht in ihn, und Madame hatte ihrem Dienstmädchen schon durch Zeichen bedeutet, daß das Couvert überflüssig sei, als Mongérand, der sich am Tische festgesetzt hatte, seinen Teller an den des Knaben stößt und ruft: »Gib nur her. Mädchen, gib nur das zweite Couvert her, setz' es neben das meinige, es ist noch Platz; höre nicht auf Karl, Rozat! ich sage Dir, er ißt mit uns ... und wir wollen lachen; Madame Rozat verbietet das Lachen nicht. Sieh, Karl, Deine Mutter hatte Dich zum Essen eingeladen, wahrscheinlich speisest Du aber oft mit Deiner Mutter. – Ja, beinahe alle Sonntage. – Aha! ihr hört's! er gesteht, er esse alle Sonntage dort, und ein einziges Mal, daß er sich mit zwei alten Kameraden wieder zusammenfindet, mit zwei Freunden, die er seit beinahe acht Jahren nicht mehr gesehen hat, wollte er ihnen nicht ein Familienessen zum Opfer bringen? Wie unterhaltend ist zudem so ein Familienessen ! Lieber wollte ich allein auf meinem Zimmer mit einer Kreuzersemmel mein Mahl halten! – Mongérand, nicht daß es mir nicht sehr in eurer Gesellschaft gefiele, aber ich sagte Dir, meine Mutter habe heute Gesellschaft. – Ach ja, es gibt etwas Besonderes, etwas Extra. Man wird einen Zwiebelkuchen gemacht haben, und Du liebst das ...« »Ha! ha! ha!« lachte Rozat höhnisch, »Mongérand, was Du da sagst, ist sehr boshaft, Du möchtest unsern alten Kameraden als ein Leckermaul hinstellen!« Karl ist unschlüssig, er sieht nach seiner Uhr: halb sechs Uhr vorüber; schon lange muß man bei seiner Mutter zu Tische sein, und vielleicht wartet man nicht mehr auf ihn. Er läßt sich durch Mongérands Bitten hinreißen und setzt sich neben ihn, was der Madame Rozat kein sehr großes Vergnügen zu machen scheint, doch ruft sie ihrem Dienstmädchen zu: »Trage die Suppe wieder auf!« »Ha! Vivat!« jubelt Mongérand, Karl auf die Kniee tätschelnd; »nun, ich sehe, Du bist immer noch ein guter Kerl wie im Collegium! Erinnerst Du Dich noch, Rozat, daß Karl diesen Beinamen hatte? – Ja, ja, ich erinnere mich. – Manette, Du bringst auch das Rindfleisch noch einmal. – O! ich danke, Madame, darauf sehe ich nicht; ich bin der Meinung, man sollte dieses Gericht ganz weglassen, das ist Teufelszeug. Nicht wahr, Du verlangst's auch nicht mehr, Karl?« »Aber, meine Herren,« sagte die Herrin des Hauses, »ich muß Ihnen bemerklich machen, daß Sie kein großes Essen erhalten werden, darauf war ich nicht gefaßt, daß wir unserer Fünfe sein werden; da wir ins Theater wollen, mochte ich mich nicht viel mit der Küche beschäftigen, und meine Magd ist so linkisch ... ein Braten und Gemüse ist Alles, was Sie noch dazu bekommen.« »Köstlich, Madame, immer genug. Ist es ein Militär anders gewöhnt? Haben Sie etwa Selzerwasser? – Nein, wir trinken keins. – Schade, da kann man doppelt so viel essen. Rücke doch ein wenig, Coco; wie alt ist der kleine Knirps? – Bald vier Jahre. – Er ist stark ... hat eine abscheuliche Nase ... vielleicht verwächst es sich. Wer schenkt zu trinken ein?« Rozat schenkt ein, indem er seinen Gästen zulächelt, während seine Frau, wahrscheinlich mißvergnügt über die Behauptung, daß ihr Sohn eine abscheuliche Nase habe, Manetten wiederholt, sie solle das Rindfleisch wieder auftragen, da sie den Herren durchaus davon vorlegen will. »Wahrhaftig,« ruft Mongérand, das Rindfleisch zurückschiebend, »man mag sagen, was man will, es geht doch nichts über Schulfreunde, das ist eine beständige aufrichtige Freundschaft; das ganze Leben hindurch sieht man einander stets mit Vergnügen wieder.« »Ja, gewiß,« sagt Rozat, den Kalbsbraten in äußerst dünne Scheibchen zerschneidend; »ja, die Schulfreundschaft, o! die ist herrlich ; und was ist aus dem kleinen Saint-Alfort, der zu gleicher Zeit mit Dir ins Militär trat, geworden? – Nicht viel! er war nicht zu einem guten Soldaten geschaffen ... ein Geck, ein Eingebildeter. – O! er kennt sich nicht vor Stolz, sprach nur von seinen Eroberungen, von den Weibern, die er verführt. Der arme Teufel; ich glaube, seine Liste war nicht groß; er war häßlich, einfältig langweilig. – Und kommst Du noch immer mit Desmoulins zusammen, den ich manchmal mit Dir spazieren gehen sah ? – Nein, Gott sei Dank! bildet er sich nicht ein, er sei ein Schriftsteller, weil er einige Viertels- oder Fünftels-Vaudevilles gemacht hat? – Ah! man hat Stücke von ihm gespielt! – Du bist sehr gütig, das Stücke zu nennen ... zusammengestoppeltes, altes, elendes Zeug! – So, so, und läßt denn Du nichts aufführen? – Ei, mein Gott! nicht, daß man mich nicht mit Bitten bestürmte! alle Direktoren sagten mir: geben Sie uns doch Etwas, es soll augenblicklich gespielt werden. Wenn ich Zeit habe, will ich ihnen etwas zusenden. Aber der Desmoulins führt nur seine Stücke und deren Wiederaufführungen im Mund; ich ließ ihm zwei oder dreimal sagen, ich sei ausgegangen, und dem Himmel sei Dank, wir sehen ihn nicht mehr.« »Und was ist aus Bonneval geworden?« fragte Karl; »der war ein sehr liebenswürdiger Junge. – Ja liebenswürdig, bei Tische, aber recht dumm, recht unbeholfen in Geschäften. Seine Eltern hatten ihm einiges Vermögen hinterlassen, er brachte Alles durch, verschwendete und verspielte es. Unter uns, ich glaube, er lief den Dirnen nach.« »Ei, Potz Donnerwetter! meine Herren, es gibt sehr hübsche Dirnen und ... Ach ! Verzeihung, Madame Rozat, ich dachte nicht an Ihre Gegenwart. Uebrigens scherzte ich nur; seien Sie unbesorgt, ich verführe Ihren Gemahl nicht. Er ist ein zu gesetzter, zu geordneter Mann.« »O! meine Frau ist ruhig; sie weiß überdies, wie sehr ich sie liebe; nicht wahr, mein Hühnchen?« Bei diesen Worten ergreift Herr Rozat die Hand seiner Frau und küßt sie zärtlich. Diese läßt es geschehen, indem sie nach der Standuhr sieht. »Wohlan also, meine Herren, auf das Vergnügen des Wiedersehens alter Schulkameraden!« ruft Mongérand, selbst sein Glas füllend. »O mein Herr! was machen Sie denn da. Sie schenken meinem Sohne zu viel Wein ein. – Bah! warum denn! ein Knabe muß sich ans Weintrinken gewöhnen. – Ich sehe die Nothwendigkeit nicht ein. August, Du wirst hoffentlich den puren Wein nicht trinken. – Lassen Sie ihn doch, er wächst dann schneller. – August, es wird Dir übel machen.« Das Kind trinkt immer zu, der pure Wein schmeckt ihm. Herr Rozat reicht seinen Braten herum, von welchem Mongérand sogleich drei Scheibchen nimmt, indem er sagt: »Pest, Rozat, Du schneidest es so fein, wie Metallbeschlag, Du erinnerst Dich also noch an die Art, wie wir's in der Pension erhielten? – Ah! je dünner, desto zarter.« »Ich will eine Essiggurke,« sagte der kleine August dazwischen. »Nein, Du hast schon welche gegessen,« antwortet die Mama. – »Ich will noch eine.« »Hier, mein Freund, nimm, da hast Du eine Gurke,« sagt Mongérand, indem er die größte heraussucht und auf den Teller des Kindes legt.« »Aber, mein Herr, ich versichere Sie, er hatte genug, es ist nicht gut für die Brust und ... – Ach! gehen Sie doch, Madame, wollen Sie Ihren Sohn denn ätzen? Soll er sich vor einer Gurke fürchten? Sein Magen gewöhnt sich daran. Wenn man von Allem ißt, wird man kräftig. Hör', mein Kleiner, willst Du Kalbfleisch? – Ich will ihm welches geben, mein Herr! – Warum sich derangiren, ich sitze neben ihm, will für ihn sorgen, iß, mein Dicker, iß, und mach' Dir's bequem ... O! mit mir wirst Du gut auskommen!« Madame Rozat sagt nichts mehr, aber jeden Augenblick sieht sie nach der Uhr. Ihr Mann macht die Honneurs in seinem Hause mit jener kalten, steifen Höflichkeit, welche weder Heiterkeit noch Appetit hervorruft; er scheint seinen Schulkameraden bloß zeigen zu wollen, daß er wohlhabend und sein Hauswesen gut eingerichtet ist; auch ermangelt er nicht, von Zeit zu Zeit dem Dienstmädchen zuzurufen: »Gib mir doch andere Couverts zum Serviren; ich glaube, es kann nicht daran fehlen. Warum hast Du nicht Teller mit goldener Einfassung gebracht? Gib Kelchgläser her, nicht zu Champagner, die mit den geschliffenen Füßen.« Mongérand ißt und trinkt für viere; er hält den Braten in dem Augenblick zurück, wo Madame ihn abtragen lassen will, um noch zwei Scheibchen zu nehmen, und stopft den Knaben an seiner Seite fortwährend übervoll, ohne Rücksicht auf die Einwendungen der Mutter. Nicht lange, so ruft Karl, welcher die häufigen Blicke der Madame Rozat nach der Standuhr und ihre üble Laune bemerkt: »Aber, Madame wünscht ins Theater zu gehen. Wir müssen uns beeilen, die Tafel zu verlassen.« »Es ist wahr, mein Herr,« erwidert Madame Rozat, »mein Mann versprach mir, mich ins Vaudeville zu führen; ich bin schon sehr lange nicht mehr dort gewesen, und ...« »Wie kann man das Schauspiel lieben?« fällt Mongérand ein; »ich halt's nicht drei Stunden aus, an der nämlichen Stelle eingeschlossen zu sein; und am Sonntag ist es so voll, daß man erstickt; zudem verhindert der eingefallene Regen am Spazierengehen; es ist schon halb sieben Uhr, da bekommen Sie keinen Platz mehr.« »Mongérand hat Recht,« sagt Rozat, »ich glaube, liebe Freundin, es wird weit besser sein, die Partie auf einen andern Tag zu verlegen; ehe wir im Theater ankämen, wäre es sieben Uhr, Du würdest nicht gut placirt, und Du weißt, ich habe keine Freude, wenn Dir's fehlt.« »Ja! ich weiß, Sie sind sehr gefällig!« erwidert Madame ärgerlich; »ich freute mich längst auf das Vaudeville, und da ist nun abermals meine Hoffnung getäuscht!« »Nun, Gute, sei artig! Du machst diese Herren glauben, Du seiest böse. Nun, man küsse mich ... sogleich.« Und Herr Rozat beugt sich gegen seine Frau, welche ihrem Gemahl die Wange hinhält, als ob sie ihren Gästen Käs anböte. »Ich hatte Dir's ja gesagt, Karl,« schreit Mongérand, »das ist ein allerliebstes Pärchen, die Rozat! ein paar Turteltauben ... immer verliebt, immer liebkosend; das gibt Lust zum Heirathen, und weil Du Dich etabliren willst, so rathe ich Dir, sie zum Muster zu nehmen. Hier, Kleiner, hast Du Kirschen. – Er hat schon erhalten, mein Herr! – Gut, gut, so drücken diese die andern hinunter; schluck nur immer, mein Dicker, und da hast Du Biscuit, laß Dich nicht stören und sprich nichts!« »Ah! Sie wollen sich vermählen, Herr Karl?« fragt Rozat lächelnd. »In einiger Zeit; meine Mutter wünscht es. – Sie haben ohne Zweifel schon gewählt? sind vielleicht sehr verliebt? – Nein, ich versichere Sie, noch ziehe ich keine vor; ich kenne sehr liebenswürdige Frauenzimmer, bin aber noch nicht entschlossen. – Heirathe Thaler, Karl, das ist besser als die schönsten Augen; mit Thalern kann man überdies alle möglichen Augen bekommen. Ich sage das nur im Spaß, Madame Rozat, um Sie in Harnisch zu bringen, denn Niemand hat mehr Gefühl für die Süßigkeiten der ehelichen Liebe als ich.« »Wenn das auch nicht wäre, mein Herr, würde es mich keineswegs beleidigen,« entgegnete die Herrin des Hauses trocken. Der Nachtisch wird aufgetragen, Madame Rozat spricht kein Wort mehr, ihr Gemahl macht sich viel mit einer Platte von chinesischem Porzellan zu schaffen, auf welcher die Kelchgläser herbeigebracht werden; er thut sein Möglichstes, damit seine Gäste die Schönheit der Platte bewundern. Karl läßt sich von Mongérand einschenken, welcher hantirt, als ob er zu Hause wäre, und die Unterhaltung zu beleben sucht; da er jedoch sieht, daß man nicht wärmer wird, und sein Wirth auf das Ausleeren sämmtlicher Flaschen nicht erpicht zu sein scheint, so steht er, sobald Kaffee und Liqueur getrunken sind, von seinem Sitze auf und beginnt: »Wie wär's, meine Herren, wenn wir eine kleine Billardpartie machten? ich glaube, das wäre nicht unangenehm. Rozat ist stark darin, aber auch ich spiele gut! Und Du, Karl? – Ich spiele nicht gerade schlecht. – Beim Teufel! ich bin begierig, Deine Kunst zu sehen. Aber, meine Herren, drei Partien, nicht weiter. Madame, das verspreche ich Ihnen und schicke Ihnen Ihren Gemahl in einer halben Stunde wieder.« »O ! mein Herr, Sie können ihn behalten, so lange Sie mögen! – Ah! da sagen Sie nicht, was Sie denken, Madame; nun denn, meine Herren, ist mein Vorschlag angenommen?« »Ja, ja! wir können Billard spielen,« sagt Rozat; »zudem regnet es, man kann nicht spazieren gehen, und wenn's unserem Freund Freude macht ... – Ich thue, was man will,« fällt Karl ein ... – »Was man will, ha! daran erkenne ich Dich ... immer ein guter Kerl, der Sakerments-Karl ... Ach! Madame, bitte um Vergebung ... Garnisonsgewohnheiten, werde sie aber ablegen. Auf den Weg, meine Herren!« »Ich will mitgehen, Papa,« ruft der kleine Knabe, indem er seinem Vater nachläuft. – Aber, August, ich komme augenblicklich wieder. – Ich will fort! es ist Sonntag! ich gehe nie aus! – Willst Du schweigen! was soll das heißen! – Nun, potz Donnerwetter, nehmen wir das Kind, ich übernehme den Buben, gebe auf ihn Acht. Komm mit mir, Kleiner, o! wir vertragen uns recht gut.« Mongérand nimmt das Kind auf den Arm. Madame Rozat sieht ihren Gemahl an und sagt: »Ich bitte Sie, auch auf Ihren Sohn Acht zu haben. – Ja, ja, meine liebe Freundin, ich bring Dir ihn bald wieder; auf Wiedersehen, meine Gute. Nun, läßt man mich fortgehen, man küßt mich nicht?« »Durchaus Psyche und Amor,« sagt Mongérand, wie er sieht, daß Rozat seine Frau küßt. »Madame, wir bringen Ihnen unsere Huldigungen dar.« Karl verneigt sich tief vor der Herrin des Hauses, welche ihre Gäste mit einem sehr kalten Gruße verabschiedet. Die Herren gehen die Treppe hinab. Mongérand führt den kleinen August. An der Hausthüre bemerkt Rozat, daß er sein Schnupftuch vergessen hat; er kehrt um, indem er seinen Freunden sagt: »Gehet ganz langsam voran, ich komme gleich wieder zu euch. – Ueberdies gehen wir nur ins Café an der Ecke,« bemerkte Mongérand. »Mein Sacktuch ... wo ist denn mein Sacktuch?« spricht Rozat, in den Salon tretend, wo seine Frau am Fenster sitzt. »Weiß ich das? habe ich unaufhörlich die Augen auf Ihrem Sacktuch?« entgegnet Madame, ohne sich zu rühren. »Was Sie immer für eine Art haben, unartig und bitter zu antworten! – Ja, Sie dürfen etwas sagen! Ihre Manieren sind so liebenswürdig! ... wenn Niemand da ist! ... – Ich habe ... ich habe ... Wollen Sie mich nicht gar lehren, wie ich mich zu benehmen habe, während ich das Recht hätte, mich zu beklagen? Glauben Sie, Madame, ich hätte nicht bemerkt, mit welcher Kälte und beinahe Unhöflichkeit Sie meine Collegienfreunde behandelt haben? – Hübsche Freunde, die Ihrigen; der Mongérand führt sich auf, als wäre er in einer Kaserne! der Andere, den man nie gesehen hat und der sogleich ein Essen annimmt; und kaum haben sie gegessen, so laufen sie weg, als wären sie in einem Wirthshaus; und ihretwegen hindert man mich, ins Schauspiel zu gehen, läßt mich da den Abend ganz allein zubringen; da heißt's, unterhalte Dich, wie Du kannst! Ha! das ist doch zu stark! ich hoffe, sie werden nicht mehr hier speisen! – Sie werden hier speisen, wenn ich's haben will ... verstehen Sie, Madame ... weil ich Herr bin, zu empfangen und einzuladen nach meinem Gutdünken. – Und ich Herrin, ihnen ein böses Gesicht zu machen. – Unterstehen Sie sich ... dann werden Sie sehen ... – Was werde ich sehen? Sagen Sie's gefälligst! – Kurz, Sie werden sehen ... – O! glauben Sie nicht, mir Furcht einzujagen ... mich zittern zu machen! ich weiß wohl, wenn Sie's wagten, wären Sie im Stande, mich zu schlagen. – Hm ! welche Hölle von einem Haus! – Ja, wenn Sie daheim sind!« In diesem Augenblicke trat das Dienstmädchen in den Salon; Herr Rozat ergreift sein Sacktuch, das er auf einem Lehnstuhl findet und geht, einige Worte vor sich hinbrummend, davon. Viertes Kapitel. Eine Billardscene. Herr Rozat ist wieder mit seinen Freunden zusammengetroffen, sein Lächeln steht wieder auf seinen Lippen und seine Stimme ist süß wie Honig. »Ihre Frau Gemahlin ist vielleicht böse, daß wir Sie zum Billardspielen mitgenommen haben?« begann Karl. »Nein, o nein! meine Frau will überdies nie etwas Anderes, als ich; wir sind beständig einig, nie wird ein Wort lauter gesprochen als das andere.« »Siehst Du, Karl,« belehrt Mongérand, »das schreibt sich daher: Rozat hat mit seiner Frau auf dem rechten Fuße angefangen; er ist nicht wie ein Dummkopf, der nicht auszugehen wagt, aus Furcht, seine Frau möchte eine böse Miene machen. Pfui! ein Mann mag artig gegen seine Frau sein, gut; aber er soll sich nie geniren. Alles kommt darauf an, wie man sich gleich vom Anfang der Ehe zeigt, später geht's ganz von selbst ... und Du hast Rozat und seine Ehehälfte gesehen ... eine Lämmerwirthschaft! man möchte es auf einer Bonbonnière abmalen.« Man tritt ins Café und geht in den Billardsaal hinein, welcher hinten hinaus liegt und zwei Billards enthält; das eine ist von drei jungen Leuten besetzt; die Neuangekommenen nehmen das andere in Beschlag, und Mongérand bestellt vor allen Dingen Punsch. Rozat wirft einen flüchtigen Blick auf die Journale, sieht nach, was man über ein neues Stück sagt, und ruft aus: »Wieder ein Grundgedanke, den man mir gestohlen ... der sechste! Ha! die Niederträchtigen! sonst können sie nichts thun! – Theilst Du denn Deine Grundgedanken Jedermann mit, daß man sie Dir stiehlt? – Ei! mein lieber Freund, es genügt, ein wenig in Gesellschaft darüber zu schwatzen; wie der Blitz machen sie ein Stück daraus; das wird in Wahrheit entsetzlich! – Warum machst Du nicht selbst das Stück daraus? – Und woher die Zeit nehmen? ich bin so beschäftigt! – Nun, ans Billard, ich will Dir Carambolagen daraus machen. Kellner! Makaronen mit dem Punsch und Biscuit, man muß dem Schlingel da etwas zu thun geben. – Mongérand, ich bitte Dich, schone meinen Sohn, er ist schon sehr lecker. – Wirst Du nicht gar Angst bekommen, wie Deine Frau? Ist er lecker, desto besser, Du warst es auch ganz schrecklich im Collegium, wann Du den Andern ihr Frühstück wegrapstest. Wohlan, meine Herren, zeiget eure Kunst; wir spielen um den Punsch.« Mongérand ergreift einen Stab, und die Herren bekämpfen einander auf dem Billard. Herr Rozat bemüht sich, aus Eigenliebe, gut zu spielen; Karl, nunmehr fest entschlossen, diesen Tag zum Opfer zu bringen und nicht mehr zu seiner Mutter zu gehen, spielt mit Vergnügen, weil ihm das Billard Freude macht! Mongérand benetzt die Partie mit einigen Gläsern Punsch, gießt auch dem Kleinen davon ein, der schon an seiner zwölften Makarone ißt und den es bereits Mühe kostet, sein Biscuit hinunter zu würgen. Die jungen Leute auf dem andern Billard sind Handlungscommis; sie trinken gleichfalls Punsch und überlassen sich einer sehr geräuschvollen Heiterkeit. Mehr als einmal blickte Mongérand nach ihnen hinüber und brummte: »Allem Anscheine nach gehören diese Herren zu den Leuten, die sich nur Sonntags belustigen und dabei für die ganze Woche aufladen! man muß ihnen ihr Gelärme verzeihen, wenn ich jedoch ein Journal läse, hätte ich sie schon gebeten, stille zu sein.« »Wir erheitern uns, sie können dasselbe thun,« sagt Karl. – »Getroffen, zudem bin ich nicht streitsüchtig und liebe den Frieden, darum ärgert's mich auch, wenn ich solches Geschrei höre.« Seit mehr als einer Stunde sind unsere Collegienfreunde bei ihrem Spiel. Herr Rozat denkt nicht an die Rückkehr zu seiner Frau, er verliert und will das Feld nicht räumen. Der kleine August indeß, welcher dem Punsch und den Kuchen unablässig zuspricht, rief schon mehrmals: »Papa, ich will fortgehen, es ist mir übel!« Aber der Papa gab dem Sohn keine Antwort und Mongérand sagt zu dem Kleinen: »Reibe Dir den Bauch, mein Dicker, so vergeht's wieder.« Plötzlich verdoppelt sich der Lärm bei der Partie ihrer Nachbarn; jetzt ist's kein Gelächter mehr, man streitet, man zankt sich. »Ich hatte zwei Partien gewonnen, mit dieser hier bin ich nun nichts mehr schuldig;« schreit ein kleiner junger Mensch, der nicht viel höher, als das Billard ist, dem aber die Augen ganz aus dem Kopf heraushängen. »Nein, nein, Du gewannst nur eine: Friedrich hat schlecht markirt. – 's ist nicht wahr, Du bist ein Betrüger. – Du, Du verwirrst allemal die Rechnung, wenn's an's Bezahlen geht. – Ich bin den Punsch nicht schuldig. – Doch, doch!« Der Streit währte fort, ohne übrigens ernsthafter zu werden; nur der kleinere der jungen Leute war zornig, die beiden andern schienen zu lachen und ihn zu hänseln. Mongérand sagte zu seinen Freunden: »Ihr seht, sie werden nie eins werden, wenn ich mich nicht drein lege; ich muß durchaus vermitteln.« Damit schreitet Mongérand auf die drei Handlungscommis mit den Worten zu: »Was gibt's da, meine Herren, laßt hören, ich will die Sache in Ordnung bringen.« »Papa, ich will fortgehen, ich habe jetzt Bauchweh,« rief der kleine Rozat weinend. »Gut, gut, August, sogleich, Du hättest bei Deiner Mutter bleiben sollen. He, Herr Darville, während Mongérand da unten perorirt, wollen wir beide eine Partie spielen; ich spiele um meinen Verlust. – Gerne.« Die jungen Leute suchen dem Militär den Grund ihres Streites der nicht sehr ernsthaft ist, zu erklären. »Ich weiß bestimmt, ich habe drei Partien gewonnen,« sagte der Kleinste, »und Friedrich sagt, es sei nicht wahr.« »Sagt der Herr zu Ihnen, es sei nicht wahr, so ist dies das Nämliche, als wenn er sagte, Sie hätten gelogen. Folglich beleidigt er Sie, das ist klar; ich meine, Sie dürfen das nicht dulden. – Nein, mein Herr, ich beleidige ihn nicht; er behauptet, ich hätte die Partie falsch markirt. – Ihr Freund glaubt also, Sie wollen ihm unrecht thun, ihn bestehlen, für wen hält er Sie? – Er sagt sogar, ich betrüge ihn. – Sie betrügen ihn! Donnerwetter! einem Menschen sagen, er betrüge! und Sie haben ihm nicht eins ins Gesicht geschlagen? das ist so viel, als wenn er Sie einen Spitzbuben hieße! Sie sind dem Herrn ein Paar Ohrfeigen oder einige Klingenhiebe schuldig. – Aha! verstehst Du, Friedrich, Du hast mich beleidigt. Ich will mich rächen.« Und das junge Männchen will auf seinen Freund losspringen, es will sich schlagen, schreit und kennt sich nicht mehr; doch gelingt's einem andern Ruhigeren, ihn abzuhalten, indem derselbe bemerkt: »Willst Du Dein Maul halten, Benard! Schlägt man sich unter Freunden? Höre nicht auf den Herrn! was hat er nöthig, sich in unsere Sachen zu mischen, Dich aufzubringen? Haben wir ihn um Rath gefragt? Er soll uns in Ruhe lassen!« »Was ist das für ein Ton, junger Milchbart!« rief Mongérand, seinen Schnurrbart zwirbelnd; »glauben Sie, Sie können mit mir reden, wie mit Ihren Hasenfüßen von Kameraden. Was schere ich mich um solche Naseweise!« Auf das Wort Naseweis laufen die jungen Leute nach Billardstöcken und wollen über den Militär herfallen. Dieser hat seinen Stab in der Hand, schlägt ein Rad damit, wie mit einem Säbel und schreit, während er sich so vertheidigt, fortwährend: »Ja, ihr seid naseweise Ellenmeßreiter, und ich will euch allen Dreien euer Theil geben.« »Wir werden Ihnen zeigen, daß man nicht Soldat zu sein braucht, um sich schlagen zu können. Rufen Sie nur Ihre Freunde herbei, wir wollen nicht Drei gegen Einen sein. – Gerne, wir sind auch unserer Drei, und wenn ich nicht allein abkomme, werden meine Freunde die Partie vervollständigen. Herbei Karl, Rozat, es handelt sich darum, Kugeln mit diesen Herren zu wechseln, nur um zu sehen, ob sie zielen können.« Seit der Handel ernstlicher geworden ist, macht sich Rozat viel mit seinem Sohn zu schaffen; ex nimmt ihn auf den Arm, befühlt ihn, fragt ihn aus und ruft: »Ach, mein Gott! der Junge ist krank ... sehr krank ... eine Indigestion ... wird zu viel Punsch getrunken haben ... er hat seinen Schwindel ... ich muß ihn schnell nach Hause tragen. Armes Kind, was wird seine Mutter sagen?« Herr Rozat greift eiligst nach seinem Hut und verschwindet mit seinem Knaben in dem Augenblick, wo der Besitzer des Café, durch den Lärm herbeigezogen, in den Billardsaal tritt. Karl nähert sich Mongérand, fragt, was es gebe, und statt aller Antwort sagt ihm sein Freund: »Wir werden uns morgen früh mit diesen Herren schlagen, das ist abgemacht, ich bestimme die Stunde des Zusammentreffens, hinsichtlich der Waffen habe ich Pistolen gewählt; sorge für nichts, ich habe welche und hole Dich in Deinem Hause ab.« Mit dieser Erklärung ist Karl nicht sehr zufrieden; er sieht nicht ein, warum er sich mit Leuten schlagen soll, mit denen er kein Wort gewechselt hat. Aber der kleine Commis, welchen die andern Benard nennen, macht einen Höllenlärm; in der Hand hält er vier Queues, läuft besessen um die Billards herum, will sich augenblicklich schlagen, gleichviel mit wem, und inzwischen hat er schon zwei Lampen zerbrochen. »Meine Herren, ich dulde keine Händel in meinem Hause,« sagt der Herr des Café mit festem Tone; »ihr geht auf der Stelle fort und macht die Sache draußen ab, oder ich lasse die Wache holen und euch arretiren.« »Sie lassen uns arretiren, Sie!« entgegnet Mongérand, den Wirth von Kopf bis zu Fuß betrachtend. »Ha! das wäre, das möchte ich doch einmal sehen; und seit wann ist's verboten, sich in einem Café zu streiten, wenn's mir gefällig ist, mich mit den Herren zu schießen; was kommt Sie an, daß Sie sich in unsere Angelegenheiten mischen wollen?« »Ich, ich will mich auf der Stelle schlagen. Ich will mich schlagen, so lang ich im Zorn bin!« schreit der kleine Benard; »ich will den großen Lümmel lehren, mich einen Ellenmeßreiter zu heißen. – Schon gut, Männchen, ich will Dir morgen Dein Theil geben.« »Und ich will es Dir sogleich geben.« Hiemit ergreift der junge Mann einen Stuhl und wirft ihn nach Mongérand's Kopf; dieser aber sieht das Möbel auf seine Stirne zufliegen, beugt sich zur Seite und der Stuhl trifft Karl gerade ins Gesicht. »Warte, Karl, ich räche Dich!« schreit Mongérand: alsbald stiegen Punschnapf und Gläser nach dem Kopf der Commis, welche im Begriff sind, das Schuldige heimzugeben, als die Kellner des Café, von ihrem Herrn herbeigerufen, sich ins Mittel legen und die Kämpen austreiben. Wohl oder übel, sind die jungen Leute auf der Straße: Mongérand folgt ihnen unter dem Ruf: »Einen Augenblick, meine Herren, wartet auf mich ... halt, ich lasse euch nicht aus den Augen ... wir wollen Zeit und Ort auf morgen bestimmen. Komm, Karl, folge mir; alsdann kehren wir wieder um und erklären uns mit dem Herrn Cafétier, der einen gar zu hohen Ton anstimmt.« Mongérand ist fort; Karl will hinterdrein, noch ganz betäubt von diesem Auftritt und dem Tabouret, welches ihm das Gesicht wund schlug; allein der Herr des Café hält ihn zurück mit den Worten: »Einen Augenblick, mein Herr, wenn's gefällig ist; wenn ich die drei jungen Leute da abziehen ließ, so geschah's, weil ich sie kenne, sie arbeiten in einer Handlung hier in der Nähe, und ich weiß, wo ich sie finden kann, um für ihre Zeche und was sie zerbrochen, mein Geld zu erhalten; Sie aber, mein Herr, kenne ich nicht und ... – Richtig, mein Herr. O! ich will bezahlen. Verzeihung, ich dachte nicht daran; ich war durch diesen Auftritt so überrascht ... – Sie haben da einen entsetzlich streitsüchtigen Freund, dem ich nicht rathe, wieder zu kommen und Lärm zu machen, denn ich dulde es nicht. – Ich versichere Sie, er ist nicht bösartig, vielleicht ist ihm der Punsch in den Kopf gestiegen. – Sie sind im Gesicht verletzt, Herr, wollen Sie Wasser, Verband? – Danke, es ist nichts; einige Quetschungen an der Nase, nur unangenehm, weil man's so sieht.« Karl bezahlt Punsch, die zerbrochenen Gläser, die Billardkosten und geht aus dem Café in der Meinung, er werde Mongerand auf der Straße finden, sieht aber weder seinen Freund, noch seinen Gegner; er ruft den Namen Mongerand, keine Antwort. Der junge Mann zögert, geht mit sich zu Rathe, er hat keine große Lust, Mongerand nachzulaufen, um sich den andern Tag zu schlagen. »Er sagte, er wolle mich in meinem Hause abholen,« spricht Karl bei sich selbst, die Straße entlang gehend. »Meiner Treu, ich will ihn gern davon entbinden. Ueberhaupt, warum sollte ich mich mit den jungen Leuten schlagen? Zwar habe ich einen Stuhl ins Gesicht erhalten, allein nach ihm hatte man geworfen. Teufel von Mongerand, er ist ein guter Kerl, ein alter Kamerad; es freute mich, ihn wieder zu sehen; allein er war immer ein großer Lärmer. Rozat ist fort, er hat den Ausgang nicht abgewartet. Daß ich diesen Tag so zubringen würde, darauf war ich nicht gefaßt; an all dem ist indeß der Omnibus Schuld, oder vielmehr der Regen, denn sonst wäre ich zu Fuße zu meiner Mutter gegangen, hätte bei ihr gespeist, und auf morgen kein Duell.« Der Gedanke an dieses Duell ist Karl sehr widerlich. Plötzlich kommt ihm ein Einfall, der ihn erleichtert; Mongerand kennt seine Adresse nicht, er hatte sie ihm noch nicht gegeben, wie sollte er ihn also am andern Tage abholen können? »Meiner Treu! ich werde ihm nicht nachlaufen und sie ihm geben,« spricht er bei sich selbst; »erst halb zehn Uhr ... wenn ich zu meiner Mutter ginge ... ja, man wird mich schmähen; ich sage, es sei mir ein Unfall zugestoßen, ich sei auf dem Wege zu ihr gefallen, und meine Schramme an der Nase mag als Beweis dienen. So sei's! eilen wir in die Straße Verte.« Fünftes Kapitel. Eine Gesellschaft in Erwartung. Während Mongerand sich beim Absteigen aus dem Omnibus seines Freundes Karl Darville bemächtigt, ihn ins Café , von da zu Herrn Rozat, hierauf zum Billard geschleppt hatte, war in einem alterthümlichen Hause der kleinen Straße Verte eine ehrenwerthe Gesellschaft in einem sehr großen und trübseligen Gemache, wie sie beinahe alle in der genannten Straße sind, versammelt. Diese Gesellschaft war erschienen auf Einladung der Wittwe Darville, Karls Mutter, welche sich, nach mehr als zwanzigjähriger Comptoirarbeit, beim Tode ihres Gatten von der Handlung zurückgezogen und in der Straße Verte eingebürgert hatte, um eine ehrbare Wohlhabenheit und süße Ruhe zu genießen. Madame Darville war über die fünfzig hinaus; sie liebte ihren Sohn sehr, hatte ihm jedoch immer eine ernste Miene und strengen Ton gezeigt, und selten verlor ihr Gesicht seine eigenthümliche Würde. Auch war ihr Sohn gewohnt, blindlings und ohne Murren zu gehorchen, was in Hinsicht seines Vaters, vor dem er keine Furcht hatte, nicht in gleichem Grade der Fall war. So wahr ist es, daß Kinder, wie Männer, nur der Furcht weichen; übrigens gar kein Beweis unseres guten Naturells. Madame Darville, welche auf diesen Tag große Plane baute, hatte ihrer Köchin Babette aufgegeben, ein großes und glänzendes Mahl zu bereiten. Man hatte Herrn Formerey, den alten Chef eines blühenden Commissionshandlungshauses, eingeladen, einen Mann, der nie in seinem Leben eine schuldige Zahlung verweigert hatte, und die strenge Pünktlichkeit seiner Handelsgeschäfte auf alles Uebrige anwandte. Herr Formerey war ganz besonders gebeten worden, seine Nichte mitzubringen, eine junge Person von neunzehn Jahren, kürzlich erst aus der Pension zurückgekommen und an die Spitze seines Hauses gestellt, das sie schon sehr gut leitete. Man hatte ferner Herrn und Madame Benjoin gebeten, alte, gleichfalls vom Handel zurückgezogene Freunde; die Frau beschäftigte sich zur Ausfüllung ihrer Mußestunden mit der Zucht von Seidenraupen und der Mann mit Erlernung der Guitarre. Dann ein junges, im Hause wohnhaftes Ehepaar, Nachbarn, mit denen man gerne eine freundschaftliche Verbindung unterhielt. Der Mann war bei vorkommender Gelegenheit heiter und aufgeräumt; freilich zeigte sich eine solche selten bei Madame Darville, allein das konnte vorkommen, und dann war es gut, wenn man einen gefälligen Freund hatte, der lachte, scherzte und die stockende Unterhaltung wieder in Schwung brachte. Außerdem Herrn Boudinette, einen alten Junggesellen, der bei den Damen noch den Galanten spielte, sein Gedächtniß mit all dem vollpfropfte, was er Morgens in Journalen und Brochuren auffing, um es Abends wieder preiszugeben, und der seinen grauen Backenbart mit einer blonden Perrücke verbergen zu können wähnte. Endlich noch Herrn und Madame Bringuet, weitläufige Anverwandte des seligen Herrn Darville. Herr Bringuet war ein alter, unlängst aus dem Dienst getretener Soldat, und seine Gattin, die ihn beständig in die Garnisonen begleitet hatte, pflegte stets zu sagen: »Unser Oberst, unser Major und unser Regiment.« Alles war auf vier Uhr geladen worden, und Babette versprach, eine halbe Stunde später solle die Suppe auf der Tafel stehen. Madame Darville hegte die Ueberzeugung, ihr Sohn werde vor der bestimmten Stunde erschienen sein, weil er, obgleich gern herumschlendernd und gaffend, doch bei seiner Mutter nie auf sich warten ließ. Herr Formerey, der pünktliche, war nebst seiner Nichte mit dem Schlag vier Uhr eingetroffen. »Sehr liebenswürdig, daß Sie nicht auf sich warten lassen,« begann Madame Darville, als sie den Oheim und die Nichte erblickte. »Ich, auf mich warten lassen? nie! ein Kaufmann muß seinem Worte treu bleiben, denn sonst ist's nicht der Mühe werth, daß er es gibt. Das ist mein Grundsatz ... Leonie, begrüße doch Madame!« »Wie Sie größer, schöner geworden sind, seit ich Sie nicht mehr gesehen habe! es sind jetzt Wohl sieben Jahre her. Sie waren noch ein Kind, liebe Leonie, Sie werden sich meiner nicht mehr erinnern können?« »O! verzeihen Sie, Madame, ich finde Sie nicht verändert. – Wie liebenswürdig sie ist; auch sagt man, sie sei schon eine gute Hausfrau; man muß ihr einen Gemahl geben, der sie recht glücklich macht und ihre vortrefflichen Eigenschaften zu schätzen weiß.« Herr Formerey lächelt der Frau Darville mit der Miene des Einverständnisses zu. Die junge Person schlägt die Augen nieder, wie Mädchen stets zu thun pflegen, wenn man ihnen von einem Gemahl spricht; überdies erröthet Leonie auch, und ihr Herz schlägt gewaltig, denn seit einigen Tagen hat ihr Oheim so oft von dem Sohne der Madame Darville gesprochen, daß verschiedene Gedanken ihren Geist beschäftigen; sie ahnt, was man mit ihr vor hat. Leonie ist hübsch, und ohne daß ihre Schönheit ausgezeichnet wäre, gefällt Alles an ihr, weil ihre Züge ein Verein von Sanftmuth und Lieblichkeit sind, ihre Bescheidenheit nicht übertrieben, ihre Anmuth natürlich ist und ihr Lächeln einen eigenen Reiz hat. Und da die Bescheidenheit vor einer gewissen Neugierde nicht bewahrt, so hatte Leonie ihre großen braunen Augen gemächlich im Zimmer umherlaufen lassen, um zu sehen, ob der junge, in Rede stehende Mann da sei. »Es wundert mich, daß mein Sohn noch nicht angelangt ist,« sagt Madame Darville. – »Sie haben ihm vielleicht nicht gesagt, um vier Uhr,« versetzt der Negociant. – »Verzeihen Sie. – So geht wahrscheinlich seine Uhr nach.« Herr und Frau Benjoin folgen dem Oheim Formerey und seiner Nichte bald. Herkömmliche Begrüßungen und Complimente; man nimmt Platz, plaudert; Madame Benjoin geht ins Einzelne über ihre Seidenraupenschachteln ein, und während seine Frau schwatzt, sind die Finger von Herrn Benjoin's rechter Hand in beständiger Bewegung, damit er einen auf seiner Guitarre einstudirten Griff nicht vergißt. Hierauf kommen Herr und Madame Dupré, der junge Nachbar und seine Frau. Neue Verbeugungen, neue Erkundigungen über die beiderseitige Gesundheit, neue angebotene und angenommene Stühle. Man weiß, es ist bei jeder neu eintretenden Person die nämliche Ceremonie, und wahrhaftig, man dürfte wohl ein wenig Abwechslung in diese Förmlichkeiten bringen, denn immer und ewig dasselbe zu thun, ist nicht sehr belustigend. »Und wo ist denn Herr Karl?« fragt Herr Dupré . »Ja, wo ist denn Ihr Herr Sohn?« sagt Madame Benjoin. – »Ich wollte mich gerade nach ihm erkundigen,« ruft Herr Benjoin nach. »Ich erwarte ihn. Es wundert mich, daß er noch nicht hier ist. Sonst ist er nicht gewöhnt, länger auszubleiben. Ah! man klingelt, er ist's ohne Zweifel.« Nicht lange, so geht die Thüre des Salons auf und ... Herr Boudinette erscheint; beim Anblick der blonden Perrücke erschrack Fräulein Leonie einen Augenblick, faßte sich jedoch bald wieder und dachte bei sich: »Wie einfältig war ich! kann der Sohn der Madame Darville schon eine Perrücke tragen!« Herr Boudinette weicht etwas von dem bisher befolgten Gange ab: nachdem er gegrüßt, bleibt er gewöhnlich mitten im Kreise stehen und lehnt sich dann, sogar mitten im Sommer, mit dem Rücken und ausgebreiteten Fracksfügeln an den Kamin, wie um die Wärme des Kaminschirms zu genießen. »Was gibt's heute Neues, Herr Boudinette?« fragt Madame Darville; »denn Sie wissen stets, was sich Interessantes in der Stadt ereignet.« »Ah! Madame, ich weiß nicht mehr als Jedermann. Es ist wahr, ich gehe viel hin und her und beobachte gerne, ich bin ein eifriger Beobachter, so z. B. glaube ich, daß Ihre Uhr nachgeht: Sie haben erst ein Viertel und es ist zwanzig Minuten; ich hab's im Vorübergehen an der Uhr der Tuilerien bemerkt.« »Schon vier Uhr zwanzig Minuten, und mein Sohn nicht da; sehr sonderbar! Ah! ich höre klingeln!« Aufs Neue harrt Fräulein Leonie, bis die Salonthüre aufgeht, was nicht lange währt. Allein der Sohn des Hauses ist es nicht. Ein Herr und eine Dame von reifem Alter machten die üblichen Begrüßungen; an der Haltung des Mannes erkennt man den ehemaligen Militär, aus dem Gesicht seiner Frau läßt sich abnehmen, daß sie sehr schön gewesen sein muß. »Ah! meine Base Bringuet und ihr Gemahl,« sagt Madame Darville, indem sie den Neuangekommenen entgegengeht. »Schön, sehr schön, Jedermann ist pünktlich ... nur noch mein Sohn fehlt, aber er kann gewiß nicht lange ausbleiben! es muß ihn irgend etwas aufgehalten haben.« Jedes setzt sich, mit Ausnahme des Herrn Boudinette, welcher seine Frackflügel fortwährend auseinander schlägt. »Ich habe das Essen auf halb fünf Uhr bestellt,« begann Madame Darville wieder nach einer Weile; »ich dachte, es werde Allen genehm sein. Sie, Herr Formerey, Sie essen gewöhnlich etwas später.« »Punkt fünf Uhr, Madame, allein ich kann meinen Magen vorrichten.« »Ich, ich bin an Alles gewöhnt,« fiel Madame Bringuet ein, »wir haben unsere Essenszeit so oft gewechselt! ... als wir in Lille in Garnison lagen, aßen wir um zwei Uhr; in Mans erst um vier Uhr, und wenn uns unser Oberst zum Essen einlud, ließ er uns bis sechs Uhr warten! nicht wahr, Bringuet? – Ja, zuweilen.« »Mein Gott! habe ich auch den Schrank mit meinen Seidenraupen verschlossen?« ruft plötzlich Madame Benjoin, mit einem Blick auf ihren Mann, dazwischen. Dieser aber gewahrte so eben in einer Ecke des Salons eine alte Laute an der Wand; er steht auf, geht auf die Laute zu und sagt: »Ah, Teufel! spielen Sie dieses Instrument, Madame Darville? – Ach! ehemals! aber seit vielen Jahren hab' ich es nicht mehr berührt! – Und ich habe mich an die Guitarre gehalten, seit ich aus dem Handelsfache heraus bin, und es macht mir viele Freude. – Wahrhaftig, Herr Benjoin,« sagt die Dame mit den Seidenraupen, »wie wagen Sie zu sagen, daß Sie im sechzigsten Jahre noch die Guitarre erlernen? – Warum denn nicht, liebe Frau, man lernt in jedem Alter!« »Gewiß,« bemerkt Herr Boudinette, »und ich habe irgendwo gelesen, daß Cato im achtzigsten Jahre tanzen gelernt habe! ... Ach! mein Herr! ... gewiß nur auf Verordnung des Arztes! – Nein, Madame, seines Vergnügens halber.« »Halb ist vorüber,« sagt Herr Formerey, die Stirne runzelnd, »Herr Karl muß seine Uhr verloren haben!« »Im Norden,« fiel Herr Bringuet ein, »haben wir schon bejahrte Männer, welche noch sehr gut tanzen, und einen weit graziöseren Tanz als hier. Freilich ist man gesunder in jenen Gegenden.« »Sind Sie Musiker, Herr Boudinette?« fragt der alte Benjoin, die Laute von der Wand herabnehmend und eine Saite anschlagend. »Ich, ja ... bin's gewesen. Ich spielte vielerlei, habe aber Alles an den Nagel gehängt ... andere Zeiten, andere Sorgen! wie der Eremit der Chaussée d'Antin sagt.« »Schade, daß nur noch eine Saite an diesem Instrumente ist, es muß wohltönend gewesen sein.« »Herr Benjoin, werden Sie endlich aufhören, diese Saite brummen zu lassen? Saubere Musik! ... man möchte glauben, es sei ein ganzes Dutzend Wespen im Zimmer.« »Wir hatten einen Unterlieutenant, welcher Guitarre spielte wie ein Engel, und dabei eine herrliche Stimme sang! ... auch waren alle Frauenzimmer zum Tollwerden in ihn verliebt. Erinnerst Du Dich, Bringuet? – Ja, ja.« »Ist das Fräulein musikalisch?« fragt Madame Dupré mit einem Blick auf Leonie. – »Ich singe ein wenig, Madame!« »Im Norden gibt's vorzügliche Musiker,« nimmt Herr Bringuet wieder das Wort, »gute Instrumentisten und Tonsetzer ... Gruetry, Mehul kamen von daher, und sie hielten Manchem die Wage.« »Mein Gott! was ist meinem Sohn widerfahren! ... drei Viertel auf fünf Uhr ... Ich begreife es gar nicht ... Thut mir unendlich leid, daß er die Gesellschaft warten läßt. Freilich hatte ich ihm nichts von dem Besuche gesagt, den ich erhalten werde; ich wollte ihm eine angenehme Ueberraschung bereiten ...« »Und er hat sich zu etwas Anderem verleiten lassen,« fiel Herr Dupré ein; »bei einem jungen Manne ist das zu entschuldigen! ... man hat Freunde, die einen abholen; man hat ... alle mögliche Gelegenheit, sich zu belustigen ... hi! hi!« »O! nein, mein Herr, von dem Allem sucht mein Sohn nichts auf. Ist er übrigens in zehn Minuten nicht hier, gewiß, so werden wir essen.« »Man muß ihm mindestens noch eine Viertelstunde geben,« sagt Madame Dupré. – »Ich bin sicher, Alles ist bereit. Babette! Babette! ist das Essen fertig?« »Ja, Madame,« sagte die Köchin im Hereinkommen, »ich bin schon lange mit Allem fertig, soll ich auftragen? – In zehn Minuten, ich werde klingeln. – Wie unangenehm, eine so große Mahlzeit warm zu halten!« »Ein Essen aufgewärmt, war niemals etwas werth!« brummt Herr Boudinette citirend, indem er sich umdreht und der Gesellschaft das Hintertheil seiner Hosen zeigt. »Was ich jedoch da sage, geschieht nicht, weil es mir eilte, ich warte so lange man will. Man hat überdies jetzt vortreffliche Vorrichtungen, um die Gerichte warm zu erhalten. Unter den Schüsseln verborgene Lampen, glühende Backsteine oder siedendes Wasser. Wir sind in dem Jahrhundert der Verbesserungen.« »O nein, mein Herr, nein,« sagt Herr Bringuet, »man hat nichts verbessert! man kannte das Alles ehemals auch, oder aber bediente man sich gleich guter Vorrichtungen.« »Nun, da schleicht Benjoin wieder um die alte Laute herum: er wird noch ein Narr mit seiner Musik. Stellen Sie sich vor, meine Damen, bei Nacht kann er davor nicht schlafen! er zählt nur seine Pausen. Ich höre ihn vor sich hin murmeln: eine schwarze und eine weiße macht eine Achtelsnote! Und dann schlägt er den Takt mit Händen, Füßen und dem ganzen Körper, und da bewegt er sich hin und her und hindert mich am Schlafen. Diese Nacht dauerte es, ich weiß nicht wie lange! – Ich studirte einen Takt in drei Tempo's, liebe Frau, und das sind die schwierigsten. – Ach! wenn ich nicht Jemand zum Fußwärmen brauchte, ließe ich Sie sicherlich Ihre Takte allein in Ihrem Bette schlagen. – Was Teufels, Frau, ich schikanire Dich nicht mit Deinen Seidenraupen, mit denen Du alle Schränke anfüllst, laß mich Musiker werden ... la, la, si, si! re, re, mi, mi, fa, fa, ut, ut, nein, do, do heißt es, man sagt nicht mehr ut! – Ei! du mein Gott, dies wiederhole ich Dir ja die ganze Nacht: mach' »do do« ein für allemal und hör' doch damit auf!« Während dieses kleinen ehelichen Zwiesprachs zwischen Herrn und Frau Benjoin thut Karls Mutter ihr Möglichstes, ihre Gäste zu beschäftigen und zu unterhalten, damit ihnen die Zeit weniger lange werde; besondere Aufmerksamkeit aber schenkt sie Herrn Formerey; sie kennt die strengen Grundsätze des Negocianten; sieht, wie seine Stirne sich immer mehr in Falten legt; sie fürchtet, das Nichtworthalten ihres Sohnes möchte die projektirte Heirath vereiteln, und obgleich sie im Innern sehr gegen denselben aufgebracht ist, sucht sie ihn doch zu entschuldigen. »Es ist nicht möglich! ... es muß meinem Sohn etwas zugestoßen sein ... nie in seinem Leben hat er bei mir auf sich warten lassen; glücklicherweise halten Sie, Herr Formerey, nicht auf zu frühes Mittagspeisen.« »Ja, ohne Zweifel, Madame, ich kann warten; bestimmt man mir aber demungeachtet eine Stunde, so richte ich mich darnach; ich frühstücke dann mehr oder weniger.« »Und die gute Leonie, sie sagt gar nichts. – Meine Nichte ist zu wohlerzogen, um etwas zu sagen: überdies soll ein Frauenzimmer warten, bis man mit ihr spricht. – Bedürfen Sie etwas, meine liebe Freundin? – Nein, Madame, o! ich versichere Sie, ich denke nicht im Geringsten ans Mittagessen!« »Ich muß im Gegentheil gestehen, daß ich sehr stark daran denke,« sagt Herr Boudinette, im Salon auf und ab gehend. »Und was haben Sie mit Ihrem Neffen, Leoniens Bruder, gemacht, Herr Formerey?« fragt Madame Darville, die sich das Gespräch im Gang zu erhalten bemüht. »Aha! mein Neffe Adiran. O ! der ist ein unruhiger Kopf! einer von den Leuten, die nicht in einem Comptoir sitzen mögen; er wollte reisen, um sein Glück zu machen, da ging er fort nach New-York mit einem kleinen Zehrpfennig.« »Bringuet, hast Du wenigstens Dein zweites Frühstück zu Dir genommen?« rief die Gattin des ehemaligen Militärs ihrem Manne zu. – »Ja, ja. – Ah ! das lasse ich mir gefallen, es gibt Tage, wo Du's versäumst. Stellen Sie sich vor, Madame, er ißt gar nicht mehr, und beim Regiment hatte er einen höllischen Appetit.« »O! im Norden ißt man gut! Es ist wahr, dort jagt man brav; an Wild fehlt's nicht; gingen wir mit einem Kameraden auf die Jagd, brachten wir so viel heim, als wir nur tragen konnten.« »Und Sie sagen, er sei mit einem Zehrpfennig abgereist,« fährt Madame Darville, einen Seufzer der Ungeduld unterdrückend, fort. Und in was bestand dieser Zehrpfennig?« Ehe Herr Formerey antwortete, ward die Klingel mit Heftigkeit angezogen. »Ah! da ist er! da ist er!« rief Madame Darville, freudig wieder aufathmend. Dieser Ausdruck der Zufriedenheit theilt sich allen Gesichtern mit, denn die Einen haben großen Hunger, die Andern sonstige Beweggründe, zu wünschen, es möchte der Sohn des Hauses sein. »Er kam ein wenig spät,« sagt Herr Boudinette, »nun ist er endlich da; also allen Sündern Erbarmen!« »O! das ist gleich! ich werde ihn auszanken,« sprach Mama, das Auge nicht von der Thüre wendend. Endlich öffnet man. Babette, die Köchin, erscheint und ruft: »Madame, die kleinen Pastetchen sind's.« Nie brachten kleine Pastetchen eine ähnliche Gemüthsaufregung hervor; alle Gesichter verlängerten sich, der Ausdruck des Vergnügens schwand, um dem Aerger über getäuschte Hoffnung Platz zu machen; die Stirnen umwölkten sich wieder, mehrere Gäste können sich einiger Bewegungen des Unmuths nicht entschlagen, und Madame Darville selbst kann nicht umhin, auszurufen: »Ach! mein Gott! die kleinen Pastetchen; ach! während ich so fest glaubte, es sei mein Sohn, sind's die kleinen Pastetchen; wie unangenehm!« »O nein !« sagt Boudinette, »die kleinen Pasteten haben nichts Unangenehmes, sie sind im Gegentheil sehr gut, müssen aber warm gegessen werden; aufgewärmt taugen sie nichts mehr.« »Nein, aufwärmen lassen sie sich nicht gut,« schwatzt Herr Benjoin nach, wobei er vor sich hinsummt: »Fa, fi, la, mi, re, mi!« Der übrige Theil der Gesellschaft bleibt stille, aber dieses Stillschweigen hat etwas Beredtes; es erzeugt die üble Laune, welche sich bei allen Gästen einzustellen beginnt, denn der Magen wird dringend. »Wohlan,« sagt Madame Darville, »ich sehe schon, daß man nicht mehr auf Karl zählen darf, und daß wir Unrecht thäten, länger zu warten. Was halten die Damen davon?« »Ich thue, was man will,« erwidert Madame Benjoin. »Bei Andern habe ich nie eigenen Willen.« sagt Madame Bringuet. Aber diese beiden Antworten werden mit einem Tone gemacht, welcher sagen will: Wir sollten schon lange bei Tische sein. »Und welches ist Ihre Meinung, Herr Boudinette, soll man essen, soll man noch warten?« »Madame,« versetzt Boudinette, indem er endlich seine Rockflügel freiließ, »ein geistreicher Mann antwortete bei einer ähnlichen Gelegenheit: »›Essen hindert nicht am Warten, aber Warten hindert am Essen›« »Ah! ein sehr guter Witz! Herrliche Antwort,« rief die ganze Gesellschaft einstimmig. »In diesem Fall, meine Herren, reichen Sie den Damen die Hand.« Diese Einladung wird auf der Stelle in Vollzug gesetzt. Herr Benjoin entfernt sich von der Zither, um der Madame Bringuet die Hand zu bieten, deren Gemahl Madame Dupré führt. Herr Formerey machte sich zum Cavalier der Herrin des Hauses, und die arme Leonie ist genöthigt, den ihr dargereichten Arm des Herrn Boudinette zu nehmen, in Ermanglung eines jüngern Führers, den sie natürlich vorgezogen hätte. Auch bei Tische sollte die junge Person neben Karl sitzen; da aber die Mama immer noch auf das Erscheinen ihres Sohnes hofft, ließ sie das Couvert frei und sagte zu Leonie: »Nicht wahr, es genirt Sie nicht, liebe Freundin? – Nein, Madame, gewiß nicht, – Noch hoffe ich, mein Sohn werde kommen ... wir essen langsam ... so wird er uns einholen.« »Ja,« sagt Boudinette, voll Freude bei Tische zu sein. »O! wir können langsam essen ... darin sehe ich nichts Unpassendes.« Aber der Empfehlung der Herrin des Hauses ungeachtet, stehen Suppe, die kleinen Pastetchen und ersten Vorgerichte nicht lange vor den nur ihrem Hunger gehorchenden Gästen. Nachdem jedoch das erste Bedürfniß befriedigt ist, genießt man die Tafelfreuden besser; man fängt zu plaudern an, bemüht sich, liebenswürdig zu sein. Bei den Genüssen lobt Herr Bringuet die Kohlköpfe des Nordens, welche seiner Behauptung zufolge beinahe von selbst kochen. Herr Boudinette bricht in Lobeserhebungen über Alles aus, was er ißt; und Herr Dupré, welcher auf mehreren Gesichtern eine durch die Abwesenheit Karls hervorgebrachte finstere Wolke gewahrt, trägt sein Möglichstes zur Erheiterung bei und beginnt mit allerlei Witzen und Wortspielen. »Ha, ha! wie drollig ist doch Herr Dupré!« lacht Madame Darville etwas erzwungen ... »Buttfische, Herr Formerey? ... – Gerne, Madame.« Karls Mutter ist äußerst besorgt um den Negocianten, sie empfiehlt Herrn Dupré, seinem Nachbar, ihn beim Einschenken nicht zu vergessen; Madame Darville hofft, Herr Formerey werde, wenn er ein gutes Mahl halte, sein Gesicht etwas aufklären. Ununterbrochen ißt und trinkt der Negociant, aber er behält ein eiskaltes Phlegma. »Herrlich, der Buttfisch,« ruft Herr Boudinette, »ich nehme noch ein zweites Mal.« »Als wir noch in Verdun in Garnison lagen, nimmt Madame Bringuet das Wort, »aßen wir alle Tage köstliche Fische. Wir hatten einen Quartiermeister, der ein leidenschaftlicher Fischer war. Er besaß alle Arten von Netzen, Angeln ... Erinnerst Du Dich, Bringuet? – Ja, ja, o! im Norden fängt man prächtige Fische!« »Zieht man viele Seidenraupen im Norden? – O! nein, Madame; im Süden, in der Gegend von Grenoble beschäftigt man sich hauptsächlich damit ... und dort pflanzt man die weiße Maulbeere, ihre Nahrung.« »Dort wollen wir uns ein kleines Landhaus kaufen und uns dahin zurückziehen, wenn Du willst, Benjoin. – Will mich nicht zurückziehen ... habe keine Lust, unter weißen Maulbeeren zu leben,« erwidert Herr Benjoin, indem er seine Finger krachen läßt. »Meine Frau will immer, ich soll mich zurückziehen und mit Seidenraupen in einer Wüste und Einöde leben! wie lustig das wäre! – Wer spricht Ihnen von Wüsten und Einöden? Sie werden ein sehr harter Mann, Herr Benjoin, seit Sie mit Ihrer Tonleiter umgehen. – Und doch versichert man, die Musik mache liebenswürdiger,« fiel Herr Boudinette ein, » emollit mores! ... Ich möchte noch um ein wenig Ochsenziemer bitten; er ist vorzüglich. – Aeußerst zart. – Köstlich.« Während dieses Concerts von Lobeserhebungen über den Ochsenziemer beobachtet Leonie, zwischen einem leeren Couvert und Herrn Benjoin sitzend, tiefes Schweigen und begnügt sich, durch Verbeugungen zu danken, wenn man ihr etwas anbietet. Das junge Mädchen langweilt sich, denn sie hat Niemand von ihrem Alter und ihrem Geschlecht, mit dem sie über jene unbedeutenden Gegenstände schwatzen könnte, welche zuweilen ein Lächeln hervorrufen. Madame Dupré allein könnte sich mit Leonien verstehen, allein die junge Nachbarin ist am andern Ende der Tafel, und was gibt es Traurigeres, als ein großes Mahl ohne Mitgäste, die uns gefallen, oder sonst eine liebenswürdige Nachbarschaft? wie lang, wie ewigdauernd erscheint es uns! Wie sehr wünscht man seinen Platz am Kamin und seine zwar minder reichlich versehene Tafel zurück, vor der man aber lachen, seinen Gefühlen freien Lauf lassen, oder nach Belieben einsilbig und mürrisch sein kann. Endlich kommt man an den Nachtisch. Herr Dupré, die Unmacht seiner Bemühungen zur Aufheiterung der Gesellschaft einsehend, nimmt sich die Mühe nicht mehr, nach Wortspielen zu haschen und Herr Formerey ruft, nachdem er seine Kinnladen tüchtig in Bewegung gesetzt hatte, aus: »Sie sehen, Madame Darville, wir haben sehr wohl daran gethan, nicht auf Ihren Herrn Sohn zu warten. – Wahr, ich gestehe,« erwidert die Mama, sich in die Lippen beißend. »Doch versichere ich Sie, es beunruhigt mich, und wenn er diesen Abend nicht noch kommt, lasse ich mich morgen in aller Frühe erkundigen, ob er nicht krank ist.« »Ei nein! krank ist er nicht,« ruft Herr Boudinette dazwischen; »es wird irgend eine lustige Partie dahinter stecken, und das hat ihn verhindert, zu Mamachen zu kommen! was Teufel! wir kennen das, wir Männer.« »Ihre Vermuthungen sind grundfalsch, Herr Boudinette,« versetzt Madame Darville etwas bitter. »Karl macht keine lustigen Partien! er ist ein wohlerzogener junger Mann ... das bitte ich zu glauben.« »Ei! mein Gott, Base,« fiel Madame Bringuet ein, »möchten Sie nicht gar glauben machen. Ihr Sohn sei ein Cato ... das wäre, ein trauriges Lob für ihn. Wir hatten einen Oberlieutenant, welcher der aufrichtigste Taugenichts war. Er machte allen Frauenzimmern den Hof. Im Scherze sagte ich manchmal zu ihm: Mein Oberlieutenant, Sie sind ein großes Ungeheuer! ... Erinnerst Du Dich, Bringuet? – Ja, ja. – Nun gut, das hinderte ihn nicht, eine prächtige Heirath zu machen ... – Ja, im Norden. – Nein, nein, ich spreche von der Heirath des Oberlieutenants. – Nun ja! er verheirathete sich im Norden.« Madame Darville, wie es schien, ziemlich mißvergnügt über das, was man von ihrem Sohne dachte, erhebt sich von der Tafel, gibt das Zeichen zur Rückkehr in den Salon, wo der Kaffee die Gäste erwartet. Ein neuer Genuß für die Feinschmecker, für Leonie jedoch nur ein Dekorationswechsel, ohne daß das Stück belustigender wäre, und ehe der Kaffee getrunken ist und einige Kartenpartien arrangirt sind, an welchen Leonie ebenfalls keinen Theil nehmen wird, muß man sich immer hübsch steif auf dem Stuhle halten und seine Langweile verbergen. Sechstes Kapitel. Der gelehrte Hund. – Kartenpartie. – Endlich kommt er. Noch sitzt man beim Kaffee, als die Klingel gezogen wird. Diesmal bringt dies auf die Mehrzahl der Gäste wenig Eindruck hervor. Sie haben gegessen, was liegt ihnen jetzt daran, ob der junge Darville kommt oder nicht. Bei Madame Darville und Leonie ist dies nicht der Fall; bei der einen wirkt die mütterliche Zärtlichkeit, bei der andern eine lebhaft angeregte Neugierde. Aber noch ehe die Thüre des Salons aufgeht, vernimmt man Hundegebell. Da schwindet die freudige Erwartung, welche das Gesicht der Mama belebte, wieder; sie weiß, ihr Sohn hat keinen Hund und würde sich nicht auf diese Art ankündigen. Wirklich stellt sich auch ein alter hagerer Herr in Begleitung eines großen Pudels, vor dessen heftigem Bellen man die Complimente seines Herrn nicht hört, der Gesellschaft vor. »Ei! Herr Clinette!« ruft Madame Darville, »ah! wie unartig, wie böse sind Sie, warum nicht früher gekommen? Sie hätten mit uns speisen sollen.« Der Herr hätte antworten können: warum haben Sie mich nicht eingeladen, vielleicht wäre ich gekommen; wer aber Lebensart besitzt, sagt nicht, was er denkt. Herr Clinette erschöpft sich in Verbeugungen. »Sie sind zu gütig, Madame, wäre mir nicht möglich gewesen (in diesem Fall muß man anderswo zu Gast geladen worden sein). Ich speiste mit einem alten Freund ... Medor, schweig! ... als er ins Theater ging, verließ ich ihn ... Still doch, Medor! ... Die Freude, das Vergnügen, Sie zu sehen, machen ihn so laut. Medor, küsse der Madame Darville die Hand, augenblicklich.« Medor kommt herbei, statt aber die dargebotene Hand zu lecken, springt er nach dem Kleid der Mama und schnappt nach ihrem Knie. »Ha! der Schurke! er ist in seinen Tollheiten; doch gleichviel, er soll Ihnen die Hand küssen. Allons, Medor, hier!« Mit gesenktem Kopf kommt der Hund zurück und leckt endlich die Hand der Dame; mit triumphirender Miene blickt sein Gebieter um sich her, während Herr Dupré seiner Frau zuflüstert: »Wir werden genöthigt werden, abermals alle Kunststücke des Hundes anzusehen, wie lustig! so oft Herr Clinette irgend wohin kommt, muß man, wie's scheint, eine Vorstellung von Medor's Exercitien aushalten.« »In der That,« ruft Clinette, nachdem er die Benjoin begrüßt hat: »Medor, geschwind hierher, küsse Madame Benjoin die Hand; du erkennst Madame Benjoin gewiß, denn sie hat dir Zucker gegeben, und das liebst du sehr.« Zum Beweis, wahrscheinlich, daß er die Dame wieder erkennt, nähert sich Medor derselben, riecht an ihrem Kleide, hebt dann den Fuß auf. Madame Benjoin stößt einen Schrei aus, die ganze Gesellschaft fängt an zu lachen, Herr Clinette aber packt seinen Pudel beim Ohr. »He! Hallunke! Schlingel! was wolltest du da machen? O! fürchten Sie nichts, Madame, Medor ist gewiß unfähig, sich in Gesellschaft zu vergessen; er wollte Ihnen nur einen kleinen Spaß machen; doch, er soll Ihnen die Hand küssen.« »Ich bestehe nicht darauf!« entgegnet Madame Benjoin; »bitte, zwingen Sie ihn zu nichts. – O! er thut's gutwillig. Hieher, Schurke, oder ich prügle dich!« Knurrend und zähnefletschend gehorcht der Pudel; allein sein Herr gibt ihm einen leichten Puff und die Hand der Madame Benjoin wird endlich geleckt; sicherlich etwas sehr Unangenehmes. Man darf nicht glauben, Herr Clinette werde dabei stehen bleiben. Nachdem er noch zwei Hände der Gesellschaft mit vieler Mühe hatte lecken lassen, ruft er: »Das ist nicht Alles, wir wissen wohl etwas Anderes zu thun! Allons, Medor, zeige der Gesellschaft Deine Talente! mach' auf der Stelle den Todten!« Der Hund legt sich mitten im Salon auf den Rücken, was einen sonderbaren Anblick gewährt; er reibt sich auf dem Teppich, wie die Esel im Sande, und der alte Herr perorirt wie ein Ausrufer: »Sie sehen, meine Damen, der arme Medor ist todt, o! es ist aus; er rührt sich nicht mehr ... ach, mein Gott! was fangen wir mit ihm an? wahrlich! wir werfen ihn in's Wasser ... holla! einen Commissionär, um den Todten fortzuschaffen.« Herr Clinette patscht in die Hand, alsbald steht der Hund auf und geht durch. Große Freude seines Herrn, allgemeine Beifallsbezeugung der Gesellschaft, welche hofft, damit werde es aus sein. »Wird man diesen Abend nichts treiben, als die Kunststücke des Hundes ansehen?« fragt Boudinette, auf Dupré zutretend. – Sprechen Sie nicht davon, das ist wenigstens das fünfzehnte Mal, daß ich dieser Geschichte beiwohne; so oft Herr Clinette kommt, soll sein Hund die Gesellschaft unterhalten, mich unterhält er gar nicht.« »Ach!« bemerkte Madame Bringuet, »wir hatten einen sehr artigen Pudel beim Regiment; er kam auf die Parade, zum Exerciren, zum ...« »Exerciren!« unterbrach Herr Clinette das redselige Regimentsweib; »o! Madame, Sie sollten diesen hier exerciren sehen, wie einen alten Grenadier, es ist außerordentlich; komm, Medor! aufrecht! man halte das Gewehr!« Die alte Stechpalme des Herrn Clinette stellt das Gewehr vor, und nachdem sich der Pudel an der Wand aufgerichtet, steht er wirklich auf den Hinterfüßen und hält den Stock mit den vorderen Pfoten. Der Herr des Thieres, in der Meinung, die Gesellschaft könne nicht müde werden, Medors schöne Haltung zu bewundern, bleibt mit aufgehobenem Arm, drohender Miene neben dem Hund stehen, damit sich derselbe nicht rührt. Wenigstens drei Minuten währt dies. Boudinette hat es genug, er ruft daher der Madame Darville zu: »werden wir diesen Abend nicht eine kleine Partie Ecarté machen? – Um Vergebung ... man stellt eben die Spieltische zurecht.« Mißvergnügt, daß man vom Kartenspiel spricht, wenn man sehen kann, wie sein Pudel Schildwache steht, läßt Clinette seinen Arm sinken, und in demselben Augenblicke läßt Medor den Stock fallen und schlüpft unter ein Sopha, wahrscheinlich, damit er nicht mehr exerciren darf. »Er hat die Waffen gestreckt! Sie sehen, wie er das Commando vollzieht.« »Wer will mit mir das Ecarté beginnen?« fragt Boudinette. – »Ah! Sie haben zu viel Glück, Sie gewinnen immer; gleichviel, ich will's wagen.« Mit diesen Worten nimmt Madame Benjoin dem Herrn Boudinette gegenüber Platz; ein großer Theil der Gesellschaft reiht sich um das Spiel her, wobei bis zu fünf Sous parirt wird. Leonie allein blieb entfernter auf einem Stuhle sitzen. Der alte Clinette will seinen Hund durchaus unter dem Sopha hervortreiben. Diesen Augenblick der Beschäftigung ihrer Gäste benützt Madame Darville, um sich neben Leonien zu setzen und mit ihr zu plaudern. »Nun denn, mein liebes Kind, haben sie sich ein wenig bei mir unterhalten? – Ja, Madame, sehr. – O! bei Tafel waren wir indeß nicht heiter. Ich gestehe Ihnen, ich war ärgerlich über meines Sohnes Abwesenheit und darum konnte ich nicht so vergnügt sein, als ich mir's versprach. – Das finde ich begreiflich, Madame. – Mein Sohn ist nicht gewohnt, seine Schuldigkeit zu versäumen. Er ist ein guter, aufrichtiger und gefühlvoller Junge, und sein einziger Fehler vielleicht, daß er zu gut und zu gefällig gegen seine Freunde ist. Er thut Alles, was sie wollen, abschlagen kann er nichts. Doch einmal verheirathet, wird er thun, was seine Frau will, sich von ihr leiten lassen.« Leonie sagt hierauf nichts; sie begnügt sich, gegen Madame Darville, welche des Mädchens Hand ergriff und liebkoste, zu lächeln. »Zwei Sous fehlen noch; wer will zwei Sous auf unsere Seite halten?« ruft Boudinette dazwischen.– »Hier,« sagt Herr Bringuet. – »Aber Du hattest ja schon zwei gesetzt,« bemerkt Madame Bringuet ihrem Ehemann. – »Nun, das macht vier. – Ach, mein Freund, bitte, werde nicht hitzig; ich liebe so hohes Spiel nicht!« »Sie haben Karl früher gesehen,« fährt Madame Darville fort, noch immer Leoniens Hand in der ihrigen haltend. – »Ach! Madame, vielleicht ehe ich in die Pension kam, das ist aber schon sehr lange her; ich erinnere mich Ihres Herrn Sohnes nicht mehr. – Ein hübscher Junge ... sehr gut gewachsen ... sanfte Miene ...« »Ha! Kerl! Schlingel! ich will dich lehren, dich unter dem Sopha verstecken! – Ai, ai, ai! – O! schrei nur! zur Strafe stehst du da unten in die Ecke, ich will dir eine Pfeife ins Maul stecken und du mußt rauchen.« Dadurch hofft Herr Clinette die Aufmerksamkeit wieder auf Medor zu lenken, den er aufs Neue auf die Hinterfüße stellt, indem er ihm ein zusammengerolltes Papier in Form einer Pfeife in das Maul steckt; allein die Gesellschaft ist vom Spiel völlig in Anspruch genommen, man würdigt den rauchenden Medor keines Blicks; Herr Clinette gibt sich vergebliche Mühe. »Da, jetzt verliere ich,« sagt Herr Boudinette, sein Geld zählend; »so eben gewann ich, aber man läßt mich mein Spiel forciren. Wie dumm ist's, wenn man sich hinreißen läßt, mehr zu setzen, als man im Sinn hat ... ich verliere ... meine Schuld ... warum habe ich das Spiel forcirt!« Während sich Herr Boudinette bittere Vorwürfe, macht, weil er fünfzehn Sous verliert, kommt Madame Bringuet in Zug und gewinnt Allen ab. »Nicht möglich, sich gegen Madame zu halten,« sagt Herr Dupré aufstehend, »da paßt sie nun zum fünften Mal.« »Wahrhaftig! als ich in Givet in Garnison lag, habe ich an einem Abend neunzehnmal hinter einander gepaßt. – Sie sind also noch nicht zu Ende? schön! ein guter Trost! – Mein Gott! wie dumm ist's, sein Spiel forciren!« beginnt Herr Boudinette aufs Neue, wobei er mit verzweiflungsvoller Miene um den Spieltisch rennt. »Wie viel Uhr ist's, Benjoin? – La, la, si, si, so; ich will Dir's sagen, Liebe, ... mi, mi ... halb zehn Uhr. – Ach! mein Gott! hören Sie doch mit Ihren Noten auf! Sie würden weit besser daran thun, wenn Sie mir riethen, wie ich Madame Bringuet aus dem Sattel zu heben versuchen soll. – Ai, ai! – Ha! Schurke, du willst deine Pfeife fahren lassen! du behältst sie und bleibst eine Stunde so, wenn's mir beliebt. – Könnten Sie Ihren Hund nicht zum Schweigen bringen, Herr Clinette; man hört ja nichts beim Spiel. – Er raucht in diesem Augenblicke, Madame, und ist übellaunisch; man muß ihn entschuldigen, wenn Sie's aber wünschen, soll er sagen: Meine gute Mama! – Nein, nein, danke schön, er soll lieber still sein. – Abermals verloren ... Madame bleibt den ganzen Abend am Spiel. – Das mag mir eine Warnung sein, mein Spiel zu forciren!« seufzt Boudinette wieder heraus. Herr Formerey geht vom Spieltisch und tritt zu seiner Nichte. Der Negociant sieht nach der Uhr. »Sie werden doch nicht ans Fortgehen denken?« redet ihn die Herrin des Hauses an. – »Ja, es ist drei Viertel auf zehn Uhr, und wir werden bald aufbrechen müssen. – Haben Sie gute Geschäfte gemacht? – Ich gewinne zehn Sous ... Ei nun! der Abend ist verstrichen und Ihr Herr Sohn nicht erschienen ... ich hielt ihn ... für pünktlicher in seinem Vorhaben, und da ... ein junger Mensch, der sein Wort nicht hält ... hm! das ist nicht gut. – Ich wollte wetten, es ist Karl irgend etwas zugestoßen; ich werde bald den Portier zu ihm schicken.« Die Klingel ertönt wieder; Madame Darville hört auf zu sprechen, sie lauscht in gespannter Erwartung; übrigens schmeichelt sie sich nicht mehr, ihr Sohn werde es sein; wenn die Hoffnung so oft getäuscht wurde, mag man sich derselben gar nicht mehr überlassen, und gerade da werden unsere Wünsche beinahe immer befriedigt. Diesmal tritt Karl in den Salon; überrascht durch die große Gesellschaft, bleibt er stehen; in Folge der Vorfälle des Abends und des genossenen Punsches war er etwas in Unordnung; hiezu noch sein aufgeritztes, wundes Gesicht, was seinem Eintritt etwas Theatralisches verlieh. »Ah, da sind Sie, mein Herr!« begann die Mama, indem sie eine strenge Miene annahm, obgleich sie im Grund ihres Herzens sehr zufrieden war, daß sich ihre Besorgnisse als ungegründet herausstellten. »Sie kommen zu einer schönen Stunde ... Oder kommen Sie zufällig zum Mittagessen, mein Herr; das wäre noch drolliger! seine Mutter warten lassen ... und eine ganze Gesellschaft!« »Meine Mutter ... Verzeihung ... allein ich wußte nicht ... – Treten Sie doch vor, mein Herr, daß man Sie wenigstens sieht. Ach! Himmel! was hat er im Gesicht? Was ist Dir zugestoßen, mein Freund? Du bist verletzt! ach! ich war gewiß, daß Dir ein Unglück begegnet wäre!« Schon trat der Ton der Zärtlichkeit an die Stelle des Tons der Strenge; Madame Darville umfängt ihren Sohn mit den Armen, läßt ihn sitzen, fragt ihn aus und gibt ihm keine Zeit zum antworten. Leonie betrachtet den jungen Mann; seine Verletzungen sind leicht; weit entfernt, ihn zu entstellen, geben sie ihm etwas Interessanteres, und das junge Mädchen fühlt sich bereits durch seinen Unfall bewegt. Die Nichtspielenden umstehen den Sohn des Hauses und erkundigen sich gleichfalls nach dem, was ihm widerfahren. Herr Clinette allein bleibt bei seinem Medor, zu welchem er sagt: »Küsse sogleich Herrn Karl die Hand, zum Beweis, daß Du wohlgezogen bist.« Endlich findet Karl Zeit zum antworten, was er mit einer gewissen Verlegenheit thut, da er in seiner Geschichte nicht ganz fest ist. »Ich war auf dem Wege hieher, meine Mutter, zum Mittagsmahl ... es war noch nicht vier Uhr ... ich ging schnell ... es war glatt ... Sie wissen, es fing gerade an zu regnen ... Vor mir sehe ich einen Omnibus ... will ihm nachlaufen ... und da ich immer nach dem Conducteur starrte, bemerkte ich einen Stein am Wege nicht ... gleite aus, falle ... und richte mir das Gesicht so zu, wie Sie es sehen.« »Ach! mein Gott! armer Junge! Hast Du vielen Schaden genommen? – O nein, nur die Nase hat etwas gelitten!« »Und ist es an den Kopf gegangen?« fragt Herr Benjoin, mit dummer Miene näher tretend. »Ich glaube, die Nase ist am Kopf,« erwidert Karl lächelnd, »Ah! so! richtig! ... ich wollte sagen ... la, la, si ... si ... sol, so, so!« »Warum bist Du aber nach dem Unfall nicht sogleich gekommen?« fragt Madame Darville weiter. »Ach! ich war ganz mit Koth bedeckt, das Gesicht schmutzig. Ich dachte mir, Sie hätten Gesellschaft, und mich auf diese Art vorzustellen durfte ich nicht wagen; darum kehrte ich nach Hause zurück, und erst jetzt entschloß ich mich, Ihnen mein Abenteuer zu erzählen. – Armer Junge! ... er ist nicht Schuld! ... Was sagte ich Ihnen so eben, Herr Formerey?« Seit Karls Erzählung verloren sich die Wolken auf der Stirne des Negocianten; er nähert sich ihm, schüttelt ihm die Hand und sagt: »Nun bin ich Ihnen nicht mehr böse; ich war es, weil mir die Pünktlichkeit über Alles geht.« »Sie würden, glaube ich, wohl daran thun, einen Trank gegen das Wundfieber zu nehmen,« sagte Herr Dupré. – »O nein! mein Herr, nein,« entgegnete Herr Bringuet, »das nützt nicht das Geringste! im Norden haben sie ein vortreffliches Kraut für Quetschungen ... es heißt ... warten Sie doch ...« »Nanziger Wasser vielleicht?« bemerkt Benjoin summend. – »Nein, mein Herr, ich spreche ja von einer Pflanze.« »Ich sehe wohl, es wird nicht gefährlich sein,« sagt Dupré, auf Karls Schulter klopfend; hierauf tritt der Nachbar wieder zu seiner Frau und flüstert dieser zu: »Der junge Mensch riecht entsetzlich nach Punsch! – Vielleicht hat er zu viel getrunken und ist deßwegen gefallen. – Etwas hat er sicherlich gehabt.« »Medor, komm hieher und springe zu Herrn Karl Darville. – Ah! guten Abend, Herr Clinette. – Guten Abend, bester Freund; er wird zu Ihnen springen, eins ... zwei! ... vorwärts doch! so ist's recht! ... Ach! es thut mir leid, daß Sie nicht früher kamen; Medor machte alle seine Kunststücke ganz vollkommen. – O! ich kenne seine Talente.« »Hier, mein Freund, ist Fräulein Leonie, Herrn Formerey's Nichte, die Du seit vielen Jahren nicht gesehen hast ... sie war erst zehn Jahre alt, als sie in eine Pension trat.« Karl verbeugt sich etwas linkisch, Leonie antwortet durch einen schüchternen Knix, und die beiden jungen Leute wissen nicht, was sie sich sagen sollen. »Ihr erkennt einander nicht mehr; ich glaub' es wohl. Leonie besonders ist sehr verändert; sie war nur ein kleines Mädchen, und jetzt ist sie ein großes schönes Frauenzimmer.« »Fünf Sous sind noch offen auf Seite der Verlierenden,« schreit Madame Bringuet, »ist kein Liebhaber dazu da. Setzen Sie hoch die fünf Sous, Herr Boudinette! – Nein, Madame, ich habe mein Spiel nur zu sehr schon forcirt ... und bin durch meine Schuld im Verlust.« »Ich halte die fünf Sous,« sagt Herr Formerey, wieder zum Spieltisch tretend. Erfreut, daß es den Negocianten nicht mehr zum Fortgehen drängt, zieht Madame Darville daraus eine günstige Vorbedeutung; sie läßt ihren Sohn mit Leonien allein, damit sie schneller Bekanntschaft machen. Wenn die Eltern dazu auffordern, geht das jedoch nicht so leicht, als wenn der Zufall uns einander nahe bringt. Karl gehört indeß nicht zu den schüchternen jungen Leuten, welche nach einem Mädchen nicht einmal die Augen aufzuschlagen wagen; gewiß, er ist gewohnt, ihnen frei ins Gesicht zu sehen. Verlegenheit in diesem Fall ist kein Beweis, höchstens nur davon, daß die Person uns gefällt, denn bei einer Person, die uns nicht gefällt, ist man nie in Verlegenheit, man kümmert sich wenig um deren Urtheil über uns; mag es gut oder schlecht sein, darauf legt man keinen Werth; gefällt sie uns aber, so ist's ein ganz Anderes, dann wünscht man selbst zu gefallen und man weiß nicht, wie man's beginnen und angreifen soll. Karl findet Leonie sehr hübsch und alsbald denkt er an den sehnlichen Wunsch seiner Mutter, ihn zu verheirathen. Gleich bei Karls Eintritt ins Zimmer fühlte Leonie ein Interesse für ihn, erstlich weil man ihn zanken wollte, und dann seines Unfalls wegen. So waren sie gegenseitig sehr günstig für einander gestimmt. Nach einigen unbedeutenden Worten, einigen nichtssagenden Fragen, verstehen sie sich endlich, und ihr Gespräch wird interessanter. Karl bedauert, daß er so spät gekommen, und verwünscht sein Zusammentreffen mit Mongerand; als sich die Gesellschaft zum Aufbrechen rüstet, ruft er aus: »Mein Gott! wie bös bin ich mir, daß ich das Mittagessen versäumte! – Warum böse auf sich sein,« entgegnet das Mädchen sanft, »da die Schuld nicht an Ihnen liegt? – O! gewiß ... doch meines Falls ungeachtet wäre ich gekommen, wenn ich gedacht ... wenn ich geahnt hätte ...« Mit seinen auf das Mädchen gehefteten Augen vollendet er den Satz. Diese Art zu endigen, was man nicht recht zu sagen weiß, ist immer gut, sie gilt für Verstand und wirkt oft mehr. Die Gesellschaft verläßt das Spiel und denkt ans Fortgehen. »Madame Bringuet hatte außerordentlich Glück,« sagt Herr Dupré, »sie hat zwölfmal gepaßt! – Ganz gut, mein Herr, bei alldem gewinne ich nur sechzehn Sous. – Ah! das ist ein wenig stark! – Ja, Herr, nicht weiter, denn Anfangs verlor ich viel. – Höchst sonderbar, Jedermann verliert und Sie gewinnen nur sechzehn Sous. – Ich weiß, was ich in der Tasche hatte, mein Herr! ... Gib mir meinen Shawl, Bringuet!« »Es gibt Leute, welche nie sagen wollen, was sie gewinnen,« murmelte Herr Dupré, sich gegen Boudinette wendend, »das ist eine seltsame Manier, und verlieren Sie zwanzig Sous, so sagen sie: »Ich verliere drei Franken.« »Ich weiß, was ich verliere,« antwortet Boudinette ärgerlich, »und das ist meine Schuld; auch soll man mich nicht wieder d'ran kriegen, daß ich mein Spiel forcire!« Die Damen werfen ihre Shawls um, die Männer greifen nach Hut und Stock. Herr Benjoin schlingt seiner Frau einen Boa um den Hals, wobei er etwas vor sich hinsummt. Leonie steht auf, verabschiedet sich von Madame Darville, welche sie küßt und sagt: »Ich hoffe, wir sehen uns bald wieder ... aber mein Sohn geht denselben Weg wie Sie ... er wird Sie begleiten.« »Ich habe die Ehre, dem Fräulein meinen Arm anzubieten,« sagt Karl, »wenn Herr Formerey es erlaubt. – Gerne, mein lieber Freund: wo wohnen Sie? – Straße Montmartre. – Und wir beim Platz de la Victoire, wir können zusammengehen.« »Haben Sie Ihren Regenschirm, Herr Benjoin? – Ja, Frau! – Gewöhnlich vergessen Sie ihn überall. Gute Nacht, Madame Darville! – Gute Nacht, meine Damen! – Medor, sag' der Madame Darville gute Nacht ... geh' ... auf der Stelle!« Statt zu der Herrin des Hauses zu gehen, macht sich Medor zur Thüre hinaus, er ist schon auf der Treppe, Herr Clinette läuft ihm nach und will ihn zurückbringen; zum Glück für die Gesellschaft ist der Hund eigensinnig, und so geht die Geschichte zu Ende. Auch Karl nahm von seiner Mutter mit dem Versprechen Abschied, am andern Tage wiederzukommen; Fräulein Leonie am Arm, geht er mit des Oheims Erlaubniß mit ihr die Treppe hinab. Herr und Madame Benjoin sind die letzten, da Madame aus Furcht, sich zu beschmutzen, sehr langsam geht. Der alte Soldat und seine Ehehälfte marschiren die Vorstadt du Roule hinauf und Herr Boudinette grüßt und entfernt sich allein, damit er die ganze Länge seines Weges frei und ungehindert brummen und sich über das Forciren seines Spiels auszanken kann. Karl bleibt mit der Familie Formerey allein, auf den Platz de la Victoire zusteuernd. Die Unterhaltung dreht sich um unbedeutende Dinge, da aber der Regen das Pflaster schlecht gemacht, so ist Leonie öfters genöthigt, sich, um nicht auszugleiten, auf den Arm ihres Cavaliers zu lehnen, und Karl empfindet stets ein süßes Vergnügen dabei; er wünschte, sie möchte bei jedem Schritte ausgleiten, um sie öfters halten zu können; er wünschte vielleicht, sie möchte fallen, um mit ihr zu fallen, denn das Drücken des Arms einer hübschen Dame ... bringt strafbare Gedanken hervor. Um nach Herrn Formerey's Wohnung zu gelangen, folgt man am Ende der Vorstadt Saint-Honoré der gegenüber beginnenden Straße. Karl wagt nicht, einen andern Weg in Vorschlag zu bringen, da dies der nächste ist; doch nur mit geheimem Widerstreben bedenkt er, daß man an dem Café vorüber müsse, worin er einen Theil des Abends Billard gespielt hatte. Noch ist man etwa zweihundert Schritte vom Café; Karl fand einen Vorwand, quer über die Straße zu gehen, um mindestens die andere Seite derselben zu halten. Es ist nicht weiter als halb elf Uhr, das Café steht offen. Man kommt näher; Karl ist nicht ruhig; aber wie wird ihm erst, als er Mongérands Stimme erkennt und ihn selbst unter der Thüre mit Jemand im Gespräche sieht. Ihm schwindelt; erblickt Mongérand ihn, so ist kein Zweifel, daß er angeredet wird; alsdann kommt sein ganzes Lügengewebe vom heutigen Abend an den Tag, und wie steht er dann in den Augen Leoniens und ihres Oheims da. Der arme Tropf überschaut in einem Augenblicke Alles, was aus diesem Zusammentreffen hervorgehen kann, und doch muß er vorwärts, Rückschreiten oder Stehenbleiben sind gleich unmöglich. Wahrscheinlich bemerkt Leonie, daß sie ihr Cavalier nicht mehr so gut stützt, denn sie sagt zu ihm: »Was haben Sie denn, Herr Karl! ... habe ich Ihnen so eben beim Ausgleiten auf den Fuß getreten?« – Nein, mein Fräulein, das ist's nicht ... sondern mein Fuß drehte sich! ... es ist so glatt ... und das thut mir ein wenig weh.« »So will ich Ihnen den Arm geben, lieber Freund,« fiel Herr Formerey ein, »fürchten Sie nichts, stützen Sie sich auf mich, ho! ich bin fest ... ich gleite nicht.« Der Vorschlag ist Karl nicht unangenehm; er faßt Herrn Formerey's Arm und befindet sich so zwischen Oheim und Nichte. Schon ist man nahe am Café; da Mongérand nicht leise zu sprechen pflegt, versteht man jedes seiner Worte.« »Was Donnerwetter! nur so lief er weg. – Ja, mein Herr, Ihr Freund ging hinter Ihnen drein, Sie aufzusuchen. – Ei! diese kleinen Ladenschwengel haben mich, der Teufel weiß, wie weit fortgelockt ... und er kam nicht wieder? – Nein, mein Herr.« – »Sicherlich sucht er mich überall ... allein ich muß ihn finden, morgen schlage ich mich und er muß mit von der Partie sein ... Ho, he! Karl!« »Karl, ruft man?« sagt Leonie. – »O! ich bin's nicht gemeint,« erwidert der junge Mann, schneller gehend; glücklicherweise war man am Café vorüber. »Daß Sie es nicht sind, glaube ich wohl,« bemerkte Herr Formerey, »denn der Rufende sprach von einem Duell ... einem Streit ... er scheint mir einer von den liederlichen Kerls, welche ihr Leben in den Caféhäusern zubringen.« Karl erwidert nichts, aber er athmet freier, weil das Café ins Dunkel zurücksinkt und die »Hoho, Karl!« immer schwächer in der Ferne verhallen. Vor Formerey's Wohnung verabschiedet sich der junge Mann, Leoniens Oheim ladet ihn jedoch auf die freundschaftlichste Weise zum Besuche ein; Karl versichert, daß er die Erlaubniß benützen werde. Allein geblieben, sinnt der junge Mann wieder nach. Soll er nach Hause gehen oder ins Café, wo ihn Mongérand erwartet, zurückkehren; seine Unschlüssigkeit erreicht bald ihr Ende. Leoniens Bild ist zu frisch, die Hoffnung des Wiedersehens zu süß für Karl, als daß er Lust hätte, sich am andern Tage zu schlagen; und für was sich schlagen? Der junge Darville kam in seine Wohnung in der Straße Montmartre, indem er bei sich selbst sprach: »Es thut mir übrigens leid, daß ich den armen Mongérand vergeblich nach mir rufen lassen muß ... was geht mich aber im Ganzen diese Geschichte an? ... holt er mich ab, ist es immer noch Zeit, mit ihm zu gehen.« Mit Gedanken an Leonie, an die Heirathspläne seiner Mutter, die freundschaftliche Miene des Onkel Formerey legt er sich zu Bette, und er schläft ein, indem er bei sich spricht: »Das ist, glaube ich, die Frau, wie ich sie brauche ... noch habe ich keine getroffen, welche mir so sehr gefallen hätte, und wenn ich ihr ebenfalls gefiele ...« Ein unbekanntes Etwas sagt Karl, es sei dies der Fall; dieses Etwas sieht man bei einer jungen noch unerfahrenen Person sogleich, und es trügt selten, während man bei koketten Damen einem Blick, einem Lächeln, das häufig nichts beweist und doch viel sagen zu wollen scheint, nicht trauen darf. Frühzeitig erwacht Karl wieder; ist man sehr von einem Gegenstande eingenommen, so schläft man wenig. Seine Gedanken sind bei Herrn Formerey's reizender Nichte und so versinkt er in folgendes Selbstgespräch: »Ja ... ich werde wohl daran thun, wenn ich mich verheirathe ... das Junggesellenleben ist nicht so köstlich, als man sagt ... und dann muß man doch auch einmal etwas treiben ... sich etabliren ... Mein Vater hinterließ mir so ein sechzigtausend Franken ... zum Herumschlendern ist's schon genug ... mit einer Frau aber ... mit Kindern braucht man mehr ... Zwar habe ich keine besonders große Freude am Handel ... doch was macht das? ich gewöhne mich wieder daran ... wenn nur Mongérand meine Adresse nicht aufgefunden hat, ist Alles recht ... sehen wir, wie viel Uhr ist es ... noch nicht sieben ... o! ich glaube, er wäre doch schon gekommen ... Beim Duelliren muß man früh auf sein.« Demungeachtet ist Karl beständig auf der Lauer; beim geringsten Laut von der Treppe her meint er, sein Freund, der Husar, hole ihn; allein es schlägt sieben, es schlägt acht Uhr und Karl gewinnt wieder etwas Ruhe. Um zehn Uhr war noch Niemand erschienen, er denkt daher, er könne ausgehen. Er läuft schnurstracks zu seiner Mutter, wohl ahnend, sie werde mit ihm von Fräulein Formerey sprechen. Erfreut durch den Eifer ihres Sohnes, lenkt Madame Darville bald das Gespräch auf Leonie. »Wie find'st Du sie, Karl? – Sehr schön und liebenswürdig! – Das ist noch nicht Alles, mein Sohn, hiemit verbindet sie vortreffliche Eigenschaften. Sie ist sanft, gut, sparsam, nicht gefallsüchtig; kurz, sie wird eine vollkommene Familienmutter geben. – Spielt sie Klavier? – Nein, sie ist nicht musikalisch. – Schade! da ich nicht übel Violin spiele, hätten wir zusammen Musik gemacht. – Wenn Du Leonie heirathest, mein Sohn, so bedenke wohl, daß es nicht geschieht, um Musik zu machen, Geld verdienen ist weit besser. – Mein Gott, liebe Mutter, das weiß ich, allein man arbeitet nicht immer, man bleibt nicht beständig vor seinem Schreibtisch. – O! ich weiß wohl, Karl, Du hast keine große Lust zur Arbeit; wenn Du indeß Leoniens Gatte wirst, mußt Du anders denken. So viel mir bekannt ist, hat Herr Formerey die Absicht, sich nach Leoniens Vermählung vom Geschäft zurückzuziehen; als Heirathsgut gibt er seiner Nichte sein vortreffliches Handlungshaus nebst Waarenlager. Allein man muß sich an die Spitze des Etablissements stellen und Herrn Formerey, einen tüchtigen Arbeiter, ersetzen. – Seien Sie überzeugt, liebe Mutter, wenn ich einmal an der Spitze eines Hauses stehe, werde ich es zu leiten wissen, jetzt thue ich nichts ... nun, weil ich nichts zu thun habe. Aber einmal in den Geschäften ... bin ich mit Leib und Seele darin. – Sehr gut, mein Sohn, und Leonie gefällt Dir? – O sehr. – Desto besser. So geh denn zu Herrn Formerey ... ohne Zweifel hat er Dir's erlaubt ... mache Leonien den Hof, und gefällst Du ihr gleichfalls, so wird die Sache hoffentlich bald im Reinen sein. Aber wahrhaftig, ich zitterte, als ich sah, daß Du nicht zum Essen kamst, denn ich kenne Herrn Formerey; dieser Mangel an Pünktlichkeit hatte ihn bereits ziemlich ungünstig für Dich gestimmt! Glücklicherweise hast Du Deine Unschuld bewiesen.« Karl wendet die Augen ab, und fährt dann nach einer Weile fort: Ah! diesen Morgen habe ich einen alten Jugendfreund getroffen, Mongérand ... Erinnern Sie sich, liebe Mutter, Mongérand, den ich zuweilen zu Ihnen gebracht. – War er nicht groß, braun, schwarz, ziemlich häßlich? – Häßlich ... o nein. – Händelsüchtig, streitig? kurz, Derjenige, welcher stets Katze und Hund hintereinander hetzte und einmal den Pförtner prügeln wollte? ... – Ach ja ... aus Scherz. – Ein sehr liederlicher Geselle, so viel ich mich entsinne, und was treibt dieser Mongérand jetzt? – Er ist Soldat. – Das Beste, was er thun konnte. Sieh, Karl, folge mir und erneuere Deine ehemalige Verbindung mit diesem jungen Manne nicht; meiner Meinung nach kann er Dir weder gutes Beispiel, noch guten Rath geben. – Aber, Mutter, ein Schulkamerad ... – Was beweist das? Ach, mein Sohn, in der Pension muß man der Freund aller seiner Kameraden sein, man ist da noch zu jung, um in den Charakteren eine andere Sympathie zu suchen, als die gleiche Liebe zum Spiel, dasselbe Verlangen, seine Erholungsstunden gut anzuwenden. Männer aber werden nicht mehr von so nichtigen Beweggründen geleitet, wenn sie die Schülerbank verlassen haben; die Studienfreundschaften, welche man uns in den Lustspielen so rühmt, verschwinden und vergehen, wie alle Träume der Jünglingsjahre, wenn man ins reifere Alter tritt. Kurz, ich hoffe von Dir, daß Du Deinen Herrn Mongérand nicht zu mir führst.« Karl besteht nicht darauf und bald verläßt er seine Mutter, um sich zu Herrn Formerey zu begeben. Der Negociant arbeitet an seinem Hauptbuch und Leonie schreibt Wechsel in das Notizbuch ein. Einem Frauenzimmer, welches Bücher führt und als erster Commis dient, den Hof zu machen, ist ziemlich schwer. Der Oheim drückte dem jungen Mann die Hand und setzte sich dann wieder zu seinem Hauptbuch; Leonie spricht mit Karl, ohne ihre Feder wegzulegen, wodurch das Gespräch manche Unterbrechung erleidet;, allein Leonie weiß, daß ihr Oheim böse würde, wenn sie ihr Geschäft auf die Seite legte. Karl bietet sich daher zum Summiren an; durch dieses Mittel macht er sich dem Oheim angenehm und bleibt bei der Nichte. Herr Formerey nimmt den Vorschlag an und setzt den jungen Mann vor eine Strazza. Häufig läßt er die Augen über die Zahlen weg zu Leonie laufen und addirt falsch. Diese lächelt Karl zu, während sie ihre Feder zu schneiden scheint; diese Art, den Hof zu machen, ist nicht sehr mittheilend, aber die wahre Liebe ist mit Wenigem zufrieden, besonders, wenn Hoffnung da ist, später völlig beglückt zu werden. Herr Formerey ist mit Karl, dessen Additionen er noch nicht nachgesehen hat, sehr zufrieden. Der junge Mann macht sich's zur Gewohnheit, täglich an den Büchern des Negocianten zu arbeiten; er setzt auf die Rechnungen vier und vier macht zwölf, weil er jeden Augenblick nach Leonien hinüberschielt, und diese macht Dintenkleckse auf ihre Schreibereien, weil sie beim Eintauchen der Feder die Augen auf den jungen Mann wirft. Endlich geht Herr Formerey Karls Berechnungen durch; er findet sie alle falsch; seine Stirne zieht sich zusammen und er sagt zu demselben: »Sie haben guten Willen, sind aber nicht sehr stark im Addiren.« Karl wird roth, sieht indeß die Nothwendigkeit zur Verstellung nicht ein; er gesteht, Leoniens Gegenwart lasse ihm das Vermögen, gut zu rechnen, nicht mehr. Herr Formerey lächelt; er war auch jung, und meint, sei Karl erst einmal verheirathet, so werde er sich im Addiren nicht mehr irren. Nun geht er zu Madame Darville; der Mama waren die häufigen Besuche ihres Sohnes beim Negocianten nicht unbekannt. »Ihr Sohn hat sein Einmaleins vergessen und meine Nichte macht nichts mehr als Dintenkleckse,« lautete Herrn Formerey's Anrede. – »Drum sind sie verliebt und es ist Zeit, sie zu verheirathen. – Ich bin auch dieser Meinung; zwar ist Karl nicht stark in der Schreiberei, hat aber guten Willen; seine Frau wird ihn anleiten und so geht's. Verheirathen wir sie!« Bei übereinstimmenden Gesinnungen ist man bald im Reinen: man bestimmt, die Hochzeit solle in vierzehn Tagen vor sich gehen. Dies kündigt Herr Formerey den jungen Liebenden bei seiner Nachhausekunft an. In seiner Freude wirft Karl das Dintenfaß über die Bücher um; Leonie schneidet sich in die Finger, statt in die Feder, und Herr Formerey wiederholt: »Ja, gewiß, es ist Zeit, sie zu verheirathen, sonst sehe ich nicht mehr klar in meinen Büchern.« Karl kehrte unter Gedanken an Leonie, an sein bevorstehendes Glück, und mit Plänen, wie man deren vor der Hochzeit macht, nach Hause zurück; Pläne macht man freilich auch nachher noch: denn hier auf Erden bringen wir einen großen Theil unseres Lebens damit zu. Ach! was sollte aus uns werden, wenn wir keine Pläne mehr zu machen, keine Wünsche für morgen, keine Hoffnung für die Zukunft mehr hätten?« Plötzlich bleibt Karl stehen; er bemerkt, daß er sich vor Herrn Rozats Hause befindet, bei welchem er vor vierzehn Tagen gegessen hat. Er besinnt sich, daß er seitdem nicht mehr hier war, was nicht sehr artig ist; er denkt, seine bevorstehende Heirath dürfe ihn nicht unhöflich machen, und er entschließt sich, seinem Jugendfreund, bei dem er gegessen, einen Besuch abzustatten. Man läßt ihn in den Salon treten, wo Madame arbeitet, ihren Knaben an der Seite; höflich, aber kalt ist der Empfang, und Karl hat bereits Lust, fortzugehen, als der große Blondin im Schlafrock, mit Papieren in der Hand, anrückt. »Ei! Herr Darville ... freut mich, Sie wieder zu sehen ... Verzeihung, wenn ich Sie warten ließ; allein ich las Verse ... ein kleines Gedicht, das man mir zur Kritik unterstellte ... O! wahrhaftig, es ist erbärmlich ... bejammernswert, weder Geist, noch Erfindung, noch Gedanken ... Ich will zum Verfasser sagen: Werden Sie lieber Maurer! ... Wie liebenswürdig, daß Sie uns besuchten ... noch gestern sprach ich von Ihnen mit meiner Frau ... – Und ich entschuldige mich, daß ich nicht bälder meinen Besuch abstattete ... wenn man jedoch im Begriff ist, sich zu etabliren ... sich zu verheirathen, so hat man, wie Sie wissen, wenig Zeit für sich. – Ach! Sie wollen sich also wirklich verheirathen? ... sehr gut! ... Sie haben Recht ... Gibt's ein größeres Glück, als das am eigenen Herde? ... bei einer angebeteten Frau ... die uns liebt ... nicht wahr, liebe Freundin, das ist Glück?« Herr Rozat küßt seine Frau auf die Stirne, geht dann im Zimmer auf und ab, vor sich hin murmelnd: »Ein schwaches Blümlein ist das Weib, bedarf der Stütze; Wen hat es. als den Mann, der liebend es beschütze?« »Diese Verse habe ich für meine Frau zu ihrem Geburtstag gemacht; so wie ich Zeit habe, werde ich sie in einer Sammlung erscheinen lassen. Und mit wem vermählen Sie sich denn?« Karl geht etwas ins Nähere über seine Zukünftige und das ihm bestimmte Handlungshaus ein. Bei der Nachricht, daß sein Collegienfreund eine gute Heirath abschließt, wird Herr Rozat freundschaftlicher; sogar Madame scheint etwas weniger kalt. »Hoffentlich werden wir mit Ihrer Frau Gemahlin Bekanntschaft machen,« fährt Rozat fort; »Sie werden so gütig sein, sie zu uns zu führen. – Ja gewiß, wir müssen einander besuchen. – Hast Du meinem alten Kameraden etwas angeboten, mein Täubchen? – Zu gütig, ich bedarf nichts. – Ohne Umstände ... ich hoffe, Sie werden thun wie bei Freunden. – Ja und ich danke Ihnen. Da gerade von Freunden die Rede ist, geben Sie mir doch gefälligst Nachricht über Mongérand, den ich, seit ich mit ihm bei Ihnen speiste, nicht mehr gesehen habe. – Wie, Sie haben ihn noch nicht besucht? – Ich weiß nicht einmal seine Adresse. – Beim Teufel, er wäre beinahe getödtet worden ... er hat sich, wie es scheint, geschlagen ... – Ja, wegen des Streits im Café ... Sie wissen wohl ...– Meiner Treu, nein, ich war mit meinem Sohn, der unwohl war, beschäftigt, und habe diesen nach Hause gebracht ...« »In einem sauberen Zustand,« fällt Madame Rozat ein; »er hatte eine entsetzliche Indigestion! ... war betrunken! ... ein Kind von drei Jahren betrunken machen! – Nun, liebe Freundin, was ist da zu thun? und da es geschah ... ohne daß wir's bemerkten ... Kurz, Mongérand schlug sich: er erhielt eine Kugel in den Unterleib, man wird ihn retten, doch kann er mindestens vor drei Wochen nicht ausgehen! – Armer Junge! Ha, ich werde ihn besuchen ... gewiß, ich thu's. Wo wohnt er? – Hier ist seine Adresse. Es wird ihm Vergnügen machen, Sie zu sehen; ich ging einmal zu ihm ... und werde, wenn ich Zeit habe, meinen Besuch wiederholen.« Karl verabschiedet sich bald von Herrn und Madame Rozat; man begleitet ihn bis zur Thüre und erst nach wiederholten Freundschaftsversicherungen verläßt ihn sein alter Kamerad. »Beinahe wäre der arme Mongérand getödtet worden,« spricht Karl im Nachhausegehen bei sich selbst. »Es ist mir eben so lieb, daß er mich nicht abholte ... vielleicht wäre ich todt oder verwundet und könnte in vierzehn Tagen Leonie nicht heirathen!« Doch bald verjagen der Gedanke an seine Ehe, die Erinnerung an die Geliebte jedes andere Gefühl von ihm, und am andern Tage denkt er nicht mehr an einen Besuch bei dem Verwundeten, weil es ihn mehr drängt, sich zu Leonien zu begeben; so vergaß Karl stets über dem Glück des Augenblicks alles Uebrige; es gibt viele derartige Leute. Siebentes Kapitel. Was geschah? Der Dintenkleckse seiner Nichte, Karls falscher Additionen überdrüssig, hatte Herr Formerey den Verbindungstag unserer jungen Leute nicht hinausgeschoben; zudem konnte der Negociant, ein strenger Beobachter seines Worts, nicht die Absicht haben, demselben in einer so wichtigen Angelegenheit untreu zu werden. Er hatte indeß mehrmals, wenn er Karl mit seinem Handel bekannt zu machen suchte, geseufzt und die Brauen zusammengezogen, und dabei gesprochen: der junge Mann hat's nicht weit gebracht! ... er kann den Gang der Geschäfte nach nicht auffassen. Doch er hat guten Willen, bei fortwährendem Eifer wird das Uebrige schon kommen. Warum hat aber auch sein Vater, ein Kaufmann wie ich, seinen Sohn bis ins achtzehnte Jahr im Collegium gelassen, statt ihn mit fünfzehn Jahren nach Haus zu nehmen und vor seine Bücher zu setzen, da er weder einen Arzt noch einen Advokaten aus ihm machen wollte? ... Das ist jetzt aber die Manier der Eltern! ein junger Mensch soll seine Klassen durchlaufen, seine Rhetorik und Humaniora loshaben. Zu was nützt der ganze Quark? ... der Geist kann nicht eingelernt werden; wer, um einen ordentlichen Brief zu schreiben, Lektionen im Geschmack, in der Eleganz nöthig hat, sich die Vorlesungen seiner Lehrer wieder ins Gedächtniß rufen muß, wird nie zu schreiben verstehen und stets ein Dummkopf bleiben, wenn er auch gleich seine Rhetorik und seine Humaniora absolvirt hat. Hätte man den jungen Menschen mit sechzehn Jahren vor ein Conto corrente gesetzt, so verstände er vollkommen, wie man eine Rechnung abschließt und eine Bilanz zieht; dafür hat er in der Welt das unnütze, im College ihm beigebrachte Zeug vergessen und muß jetzt das Nützliche, das er nicht versteht, lernen! Dumme Erziehungsmethode! Und aufs Neue revidirte Herr Formerey Karls Arbeit und seufzte abermals; allein er setzte alle Verstöße des jungen Mannes auf Rechnung der Liebe, und schmeichelte sich, er werde, einmal verheirathet, weniger zerstreut sein: ein Raisonnement, das allen Regeln der Wahrscheinlichkeit gemäß war. Die Verlobung ging vor sich. Schön durch ihre Reize, ihre Liebe, ihre Schamhaftigkeit und ihren Putz, ward Leonie noch durch den jungfräulichen Myrthenkranz, den zu tragen sie würdig war, geschmückt. Trunken von Liebe und Glück, konnte Karl nicht müde werden, seine Frau zu betrachten; voll Feuer sprach er den Schwur aus, sie glücklich zu machen und zu beschützen. Hierauf begaben sich sämmtliche Hochzeitgäste in den Cadran-Bleu, wo Hochzeitfest und Ball abgehalten werden sollten. Eine zahlreiche Gesellschaft war für diesen großen Tag zusammenberufen worden. Man sah Herrn und Madame Benjoin, Base Bringuet und ihren Gatten, die Nachbarn Dupré, Herrn Boudinette, nebst einer Menge sonstiger Freunde und Bekannten. Herrn Clinette hatte man indeß nicht gebeten, weil man wußte, daß er nicht ohne seinen Hund ausging und man den Tanz Medors Kunststücken vorzog. Das Mahl war heiter ... wie ein Hochzeitmahl sein kann, wenn die Brautleute nicht der Handwerksklasse angehören; das heißt, man hatte wenig gelacht, nicht zu viel gegessen und gar nicht gesungen. Herr Benjoin spielte Spinett auf dem Tische, nur um die Elasticität seiner Finger zu erhalten; Boudinette ließ einige seit zwanzig Jahren wohlbekannte Witze los; Madame Bringuet sprach von ihrem Major, ihrem Oberst, und ihr Mann rühmte die Kohlköpfe des Nordens. Abends jedoch ward Alles von den melodischen Klängen des Orchesters elektrisirt. Süße Wirkungen der Musik, welche sonst ernsten und trübsinnigen Leuten das Verlangen mittheilt, zu hüpfen und ihre Beine im Takt zu bewegen. Die ehrbarste, sogar die sprödeste und gezierteste Dame widersteht dem Ritornell beim Contretanz nicht; sie vergibt ihre Hand und stürzt sich auf den Tummelplatz, um sich so anmuthig und graziös als möglich zu schaukeln. Wohl gemerkt: nicht immer die lebhaftesten, leichtsinnigsten Damen sind es, welche sich beim Tanz am beweglichsten zeigen; diese machen zuweilen nur abgemessene, kaum bemerkbare Schritte, während Personen, die man immer nur ernst und in ehrbarer Haltung einherschreiten sah, hier am meisten hüpfen und sich der Freude aus vollem Herzen hingeben ... Glückliche Leibesübung, die Gram und Sorgen verscheucht ... wenigstens für so lange, als die Quadrille währt; wie konnten sich Leute finden, bösartig genug, um dich zu verbieten? feierte man nicht zu allen Zeiten glückliche Begebenheiten durch Tanzen, und von David, der nur angethan mit einem Hemd von Linnen (ein Kostüm, das wir beim Ball noch nicht adoptirt haben) vor der Bundeslade tanzte, bis herab zur Prophetin Maria, Aarons Schwester, welche zur Feier hes Uebergangs über das rothe Meer mit einem Tambourin zu tanzen anfing; von den heiligen Tänzen der Perser, Egypter und der alten Griechen an bis heute wurden alle großen Begebenheiten und glorreichen Siege durch festliche Tänze gefeiert. Was wäre ein Fest, bei dem man nicht tanzte? Gott selbst sagt, wie er seinem Volke das Ende seiner Gefangenschaft verspricht: »Ich werde dir deine Cimbeln wiedergeben, Jungfrau von Israel, und du wirst wieder tanzen in deinen fröhlichen Versammlungen.« Ein chinesischer Lehrsatz sagt: »Einen Fürsten kann man nach dem Zustand des Tanzes unter seiner Regierung beurtheilen.« Wie viele Beispiele kommen diesem Lehrsätze zu Hülfe! Unter Heinrich IV., der, wie man sagt, selbst berühmt in den Tricotets war, tanzte man viel. Beim Tanze erholte sich der Bearner von den Mühseligkeiten des Kriegs. Unter seiner Regierung ward eine große Zahl von Balleten aufgeführt, und der ernste Sully wirkte bei all diesen Festen als Akteur mit, die der König ohne den Antheil seines Ministers nicht erheiternd gefunden hätte. Unter Ludwig XIII., traurigen Andenkens, tanzte man wenig, und die Ballete waren nur Schnurren, Karikaturen von schlechtem Geschmack: le ballet de maître Galimatias, pour le grand bal de la douairière de Billsbabaut et de son Fanfan de Sotteville , hieß eine der Tanzlustbarkeiten unter Ludwig XIII. Damals wollte man sich betäuben, sich zwingen, lustig zu sein, aber die Herrschaft des Tanzes war zu Ende. Unter Ludwig XIV. gewann er seine frühere Anmuth und Herrschaft wieder; die Epoche, wo dieser König selbst in Balleten auftrat, war nicht die minder glückliche seiner Regierung. Laßt uns also tanzen, weil es uns Freude macht; laßt uns tanzen, weil diese Leibesübung zugleich heilsam für die Gesundheit ist; tanzen laßt uns aber insbesondere, wenn es uns von der Langweile retten kann, politische Kannengießereien anhören zu müssen! Bei Karls und Leoniens Hochzeit ward viel getanzt; die Braut kam nicht aus dem Tanzsaale, denn die Braut muß von allen Tänzern der Gesellschaft engagirt werden; das ist in der Ordnung, wiewohl es nicht immer ein Vergnügen ist. Gleich einem jungen Mann hatte sich Herr Benjoin seine Tour vorbehalten; mit seinen Fingern accompagnirte er das Orchester; mehr als einmal irrte seine Frau in den Figuren des Contretanzes, wahrscheinlich dachte sie gerade an ihre Seidenraupen. Herr Boudinette trat auf die niedlichen Füßchen, die den seinigen zu nahekamen, und an einigen Garnituren blieb er hängen; diese kleinen Unfälle jedoch ausgenommen, war der Ball äußerst heiter vorübergegangen; und Herr Formerey hatte, als er Karl so voll Eifer beim Tanze sah, mehr als einmal bei sich selbst gesprochen: wäre der Springinsfeld eben so fertig in der doppelten Buchhaltung, würde er drei Commis aufwiegen. Er war zu Ende dieser festliche Tag, dieser Tag der Epoche in unserem Leben! denn Alles endigt, aber nicht Alles erneut sich wieder, man mag sagen, was man will. Karl hatte eine Gattin, die er liebte, von der er zärtlich geliebt ward, in seinen Armen, und gewiß, den Tag nach seiner Hochzeit war er nicht an dem Conte corrente gesessen. Herr Formerey hatte, als gewissenhafter Beobachter seines Worts, die Neuvermählten in sein ihnen abgetretenes Handlungshaus eingesetzt und war acht Tage nach der Hochzeit auf sein kleines Landgut in der Champagne abgereist, wo er seine Tage in Ruhe zu beschließen, und das er nur hie und da zum Zweck einer kleinen Belustigungsreise nach der Hauptstadt zu verlassen gedachte. Vor seiner Abreise hatte der gute Onkel noch Madame Darville beauftragt, über seine Kinder zu wachen, und Leonien Arbeitsamkeit und Eifer bei Einleitung ihres Mannes in die Handlungsgeschäfte empfohlen. Allein Leonie stand unter dem Einfluß der Liebe; sie verehrte ihren Mann, machte sich's zur Aufgabe, ihm zu gefallen und in allen Dingen angenehm zu sein, und Karl fand es besser, der Liebe zu pflegen, als im Hauptbuch zu blättern. Wie einem Manne widerstehen, den man liebt, wenn er uns küßt, mit uns schäkert und uns liebkost? Leonie meinte, eine Frau sei ihrem Manne völlige Unterwürfigkeit schuldig, auch ließ sie sich mit der besten Miene von der Welt liebkosen. Hie und da versuchte sie's freilich, von Arbeit, Kasse und Rechnungen zu sprechen! Karl schloß sie dann in seine Arme und sagte: »Wir haben noch Zeit! ... ich küsse Dich lieber! – Aber, mein Freund, diese Rechnung hier hat Eile. – Nun, so komm, wir wollen sie miteinander machen.« Damit nahm Karl seine Frau auf die Kniee, – nicht das beste Mittel, gut zu rechnen, ein Mittel, das nothwendigerweise Zerstreuungen, hierauf noch Anderes herbeiführte, so daß nicht Leonie es war, die Karl'n belehrte, sondern daß er es über sich nahm, seine Frau zu unterrichten: ein Vergnügen, das nicht allen Ehemännern zu Theil wird. Lassen wir einige Zeit verstreichen, und Liebkosungen wie Zerstreuungen werden minder häufig sein. Schade übrigens! Achtes Kapitel. Häusliches Leben. Mehrere Monate waren seit Karls und Leoniens Vermählung verflossen; Karl nahm seine Frau nicht mehr auf den Schooß, um zu addiren, er beschäftigte sich etwas mit seinen Handelsangelegenheiten. Leonie trug die Frucht der Liebkosungen ihres Gemahls unter dem Herzen; sie war immer gleich sanft, gleich gut, da ihr Mann sie übrigens nicht mehr am Schreiben hinderte, hatte sie sich wieder an ihre Bücher gemacht und suchte die Zeit einzubringen, welche zwar nicht verloren, doch anders verwendet worden war. Leonie gewahrte bald, daß ihr Gatte in den Geschäften nicht die nämliche Emsigkeit, denselben Eifer zeige, als ihr Oheim; ihm dies aber bemerklich zu machen, wagte sie nicht. Mehrmals hatte Karl wichtige Zusammenkünfte und vortheilhafte Geschäfte versäumt, weil er einem Freunde begegnet war, der ihm ein Frühstück oder eine Billardpartie vorgeschlagen hatte, was er abzuweisen nie die Kraft besaß. Seine Frau zankte jedoch, aus Furcht, langweilig zu werden, nicht mit ihm; einmal hatte Karl geäußert, er könne es nicht leiden, wenn man brumme und murre, und wie sollte man auch mit einem Manne zanken, der sich artig, galant, verliebt zeigt und den kleinsten Wünschen seiner Frau zuvorkommt. Bemerkte Leonie auf dem Spaziergang einen Shawl, ein Kleid, dessen Stoff ihr gefiel, gleich brachte man ihr am andern Tag Kleid und Shawl; dasselbe war mit Hüten und Geschmeide der Fall. Sagte Leonie zu ihrem Gatten: Du läßt mir nichts zu wünschen übrig, bist gar zu galant gegen mich, lieber Freund, so antwortete Karl: »Ei! warum sollte ich Dir nicht kaufen, was Dir gefällt. Wir sind wohlhabend, ich will Dir geben, was Dein Herz begehrt; ich wünsche, daß Du stets völlig nach der Mode geputzt bist, mit einem Wort, meine Frau soll mir Ehre machen.« Glücklicherweise war Leonie nicht kokett, denn in kurzer Zeit würde sie ihre Schränke voll Putz und Geschmeide gehabt haben; doch weit entfernt hievon, nahm sie die Gewohnheit an, beim Ausgehen mit ihm nicht mehr vor einem Laden stehen zu bleiben, für keinen ihr in die Augen fallenden Gegenstand mehr eine Vorliebe zu zeigen. Leonie war eine seltene Frau; man wird mir einwenden, es fänden sich vielleicht viele solche, wenn die Ehemänner so galant wären, wie der ihrige, was gleichfalls sehr selten ist. Mama Darville besuchte ihre Kinder häufig; sie fragte Leonie, ob Karl sie glücklich mache. »O ja!« antwortete dann die junge Frau. »Wie sollte ich mit Ihrem Sohn nicht glücklich sein? er ist gut, er thut, was man will!« Entzückt kehrte die Mama heim; dem Onkel Formerey schrieb sie: »Das Hauswesen geht vortrefflich: unsere jungen Leute sind einig; ich bin recht zufrieden.« Daraus zog der Oheim den Schluß, die Neuvermählten leben ganz ihren Geschäften und ihr Handel gedeihe. Als Karl eines Tages einer wichtigen Angelegenheit halber ausgegangen war, kam er mit einem großen, elegant gekleideten Herrn zurück, welcher Leonie auf pretentiöse Weise begrüßte. »Liebe Freundin,« redete Karl sie an, »hier stelle ich Dir einen meiner Schulkameraden, Herrn Rozat, vor.« Leonie empfängt den Freund ihres Gatten mit Zuvorkommenheit; Herr Rozat verbeugt sich tief vor Karls Gemahlin, wobei er zu diesem spricht: »Ich mache Ihnen mein Compliment, mein Lieber; man hatte mich durch die Behauptung, Sie hätten eine der schönsten Frauen von Paris, nicht getäuscht.« Leonie erröthet; Karl antwortet: »Wer sagte Ihnen das? – Ah! Jemand ... auf dessen Namen ich mich nicht mehr entsinne ... kurz, ich sehe, man übertrieb nicht. Sie sind ein glücklicher Sterblicher. – Sie dürfen sich hoffentlich ebenfalls nicht beklagen: Ihre Frau Gemahlin ist sehr hübsch. – O! gewiß ... Teufel ... weit entfernt, mich zu beklagen ... doch hindert das nicht, die Schönheit überall zu bewundern, wo man sie trifft.« »Schönheit ist nur ein vergängliches Gut,« fiel Leonie ein, »und ich bin der Meinung, daß eine Frau, die sonst nichts besäße, ihren Gatten nicht lange beglücken würde; ich gefalle mir in dem Glauben, um einen Mann zu fesseln, sei noch etwas mehr erforderlich.« »Ausnehmend schön gedacht!« ruft Herr Rozat aus, »ein Beweis, daß Madame mit ihren physischen Vorzügen auch herrliche Tugenden vereint.« Leonie antwortet nicht mehr, aus Furcht, sich abermals ein Compliment von dem Herrn zuzuziehen, der sie Jedem nur so mir nichts dir nichts ins Gesicht wirft, und sie ist froh, wie ihr Mann das Gespräch auf etwas Anderes lenkt. »Ei, geben Sie mir doch auch Nachricht von Mongérand; ich bekenne mich sehr strafbar ... habe ihn völlig vergessen ... allein ich war im Begriff, mich zu verheirathen, das ist meine Entschuldigung.« »Und wer möchte Sie beim Anblick Ihrer Frau Gemahlin nicht freisprechen?« erwidert Herr Rozat mit dem Lächeln eines Mannes, der mit seinen Worten sehr zufrieden ist. »Ich hoffe, er ist wenigstens von seiner Wunde geheilt? – Schon lange denkt er nicht mehr daran ... o! seither hat er schon Manches vorgenommen. Erstlich erhielt er durch meine Verwendung seinen Abschied; nachdem er hierauf seine Erbschaftsangelegenheiten in Ordnung gebracht, reiste er plötzlich nach Lyon ... rathen Sie, warum? ... hinter einer Frau drein, in die er sich verliebte, und zwar einer Frau, die ihn verspottete! während meine Schwägerin, die ich ihm zudachte, ganz für ihn paßte; mag man sich aber noch so viele Mühe für Andere geben, so erntet man doch nur Undank! ich sollte indeß daran gewöhnt sein; wie oft ist's mir nicht schon begegnet! Kurz, er verheirathete sich in Lyon. – Wie? er ist verheirathet? – Ja, mit derselben Frau, welche nicht weit her war, wie ich glaube. Uebrigens gefällt sie ihm, allem Anschein nach; er schrieb mir, seine Frau werde einen Modeladen übernehmen; es wird gehen, so lang es mag. – Der arme Mongérand! so sitzt er also in Lyon fest; wir sehen ihn nicht mehr. – Ich wette, es steht nicht lange an, so kommt er wieder nach Paris; er ist nicht der Mann, der irgendwo ruhig bleiben könnte. Ich habe indeß nicht ermangelt, ihm kluge Rathschläge, wohlgemeinte Ermahnungen zu geben; denn mit vollem Herzen gehöre ich meinen Freunden an; allein es gibt Leute, bei denen Alles vergebens ist. Sie, lieber Karl! scheinen mir ein hübsches Etablissement zu haben? – O ja. – Sie machen glänzende Geschäfte? – Das kann Ihnen meine Frau besser sagen, als ich; sie ist den ganzen Tag über unsern Büchern. – Wie! Madame arbeitet auch in Ihrer Schreibstube? Madame vereinigt somit alle Fähigkeiten und Tugenden!« »Ich bin der Meinung, mein Herr, daß, wenn man Handel treibt, eine Frau sich ebenso gut damit befassen sollte, wie ihr Mann. – Es gibt so viele Frauen, welche nichts von der Buchhaltung verstehen. Die meinige, zum Beispiel! ich bin überzeugt, keine viermal jährlich rührt sie eine Feder an; sie würde fürchten ihre Finger durch Dinte zu beschmutzen. – Alsdann beschäftigt sich Madame mit der Nadel, und das ist immerhin gearbeitet. – Ja, gewiß, nur ein anderes Genre. Es freut mich, daß ich Sie getroffen habe, lieber Karl; ich dachte oft an Sie, häufig waren Sie Gegenstand meiner Unterredungen mit meiner Frau, ich kannte Ihre Adresse, wagte aber nicht, Ihnen mit meiner Gegenwart beschwerlich zu fallen. – Fällt man einem alten Kameraden beschwerlich? wir müssen einander öfters besuchen. – Mit innigstem Vergnügen. – Sie bringen Madame mit zu uns. – Sie wird entzückt sein, mit Ihrer Frau Gemahlin Bekanntschaft anzuknüpfen. – Kommen Sie ohne Umstände zum Mittagessen zu uns. – Gar zu gütig; wollen später einmal sehen. – Nein, nicht ... wir müssen sogleich einen Tag in dieser Woche festsetzen, auf diese Weise sieht man einander bälder wieder; nun bestimmen Sie mir den Tag!« sagte Karl. – »Wahrhaftig, mein Herr,« erwiderte Rozat, »Sie sind zu artig; allein ich kann nicht nur so ... – Ei! warum denn nicht? Madame Rozat wird hoffentlich das von Ihnen gegebene Versprechen nicht mißbilligen. – O! nie; mein Wille ist auch der ihrige, wir haben zusammen nur einen Willen. – Nun also, Donnerstag, wenn's Ihnen anständig ist. – Donnerstag, es sei. – Wir zählen auf Sie. Ueberdies werden wir bis dahin Ihre Frau Gemahlin selbst noch einladen. – Ihr Besuch wird uns großes Vergnügen gewähren.« Nachdem noch einige Artigkeiten gewechselt waren, nimmt Rozat von Karl und Leonien Abschied, nicht ohne der jungen Frau weitere Complimente zugeworfen zu haben. »Wie findest Du Rozat, fragte Karl seine Frau gleich nach der Entfernung des großen blonden Herrn. – »Lieber Karl, Deine Freunde werden stets die meinigen sein; dieser macht jedoch gar zu viele Complimente, wie mir scheint. – Eine Gesellschaftsangewöhnung. – Meiner Ansicht nach kann man nicht aufrichtig sein, wenn man beständig ein Compliment und ein Lächeln für jede Gelegenheit auf den Lippen hat; und was auch dieser Herr sagen möge, so halte ich mich doch nicht für eine der schönsten Frauen von Paris. – Wie sonderbar Du bist! Du tadelst, was Andern gefallen würde. – Mein Gott! ich tadle nicht; ich sage nur, daß dieser Herr gar zu übertriebene Complimente macht. Uebrigens ist er Dein Schulkamerad, Dein Freund, Du darfst gewiß sein, daß ich ihn immer mit Vergnügen empfangen werde, und ist seine Frau liebenswürdig, so mache ich sie gerne zu meiner Gesellschafterin. Doch sage mir, wie steht's mit dem Geschäft, das Du diesen Morgen in Ordnung bringen solltest? – Ach! meiner Treu, das kam mir ganz aus dem Sinn; ich traf auf Rozat, wir schlenderten zusammen umher, und ich wollte ihn Dir zuführen: morgen will ich jedoch hingehen. – Morgen ist's vielleicht nicht mehr Zeit, das wäre sehr nachtheilig; auf diese Weise hast Du schon mehrere bedeutende Aufträge versäumt. – Ah, liebe Freundin, murre nicht, ich bitte Dich, Du weißt, es langweilt mich sehr; nichts ist unerträglicher, als eine Frau, welche der geringsten Kleinigkeit wegen schmält!« Leonie schweigt, seufzt indeß und setzt sich traurig wieder vor ihren Schreibpult, denn sie sieht voraus, daß ihr Mann die Gelegenheiten zu Emporbringung ihrer Handlung häufig versäumen werde. Karl aber geht in sein Schlafzimmer und beschäftigt sich mit Violinspielen. Zwei Tage später begeben sich die Neuvermählten zu Herrn Rozat, dessen Gemahlin sie mit großen Freudenbezeigungen empfängt. Nach Verfluß von zehn Minuten erscheint Herr Rozat, wie immer, mit einem Manuscript in der Hand. »Wie? mein alter Schulkamerad und seine Gemahlin! und Du setztest mich nicht auf der Stelle davon in Kenntniß, Celine; das ist gar nicht schön. – Ich wußte, daß Du an der Arbeit warst. – Gleichviel! Du hättest August nach mir schicken sollen.« »Du schlägst mich, wenn ich Dich in Deinem Kabinet störe,« sagt der kleine Knabe mit trotziger Miene; »noch gestern gabst Du mir einen Tritt vor den Hintern, weil ...« Herr Rozat nimmt den Kleinen eiligst auf seine Kniee und küßt ihn, um ihn zum Schweigen zu bringen. Gewiß, wenn man dichtet, mit dem Kopf arbeitet, wird man nicht gerne gestört; besuchen uns aber gute Freunde, o! dann ist's ganz etwas Anderes.« »Wenn aber Herr Martingue kommt,« fährt der kleine Bube fort, »sagst Du ihm auch, daß es Dir Vergnügen mache, und wenn er fort ist, zankst Du, daß man ihn hereinließ.« »Hast Du Madame etwas angeboten, liebe Freundin!« ruft Herr Rozat aus, indem er seinen Sohn etwas ungestüm zum Spielen in ein anderes Gemach schickt. »Madame will nichts annehmen,« entgegnet Celine, völlig beschäftigt, die Toilette der Madame Darville Stück für Stück genau zu betrachten. – »In der Lage von Madame bedarf man immer etwas. Thun Sie hier, als wären Sie zu Hause, nur unter dieser Bedingung nehmen wir Ihre liebenswürdige Einladung an.« Dank der unermüdlichen Geschwätzigkeit des Herrn Rozat, geräth das Gespräch nicht ins Stocken. Leonie macht die Bemerkung, daß dieser mit Complimenten für die Damen so verschwenderische Herr sich selbst ebenfalls gut bedenkt und nichts erzählt, ohne Lobeserhebungen seiner selbst dabei anzubringen. Nach einem Besuch von einer halben Stunde, während welcher Herr Rozat das Gespräch durch Liebkosungen seiner Frau zu unterbrechen verstand, nahmen Karl und Leonie Abschied. »Auf Donnerstag,« sagte Karl. – »Auf Donnerstag, dabei bleibt's. – Sie müssen Ihr Söhnlein mitbringen, Madame,« bemerkt Leonie der Madame Rozat. – »O! Sie sind sehr gütig. – Nein, nein,« ruft der Papa, »er ist zu wild, zu lärmend in Gesellschaft. – O ! das heißt, er hält sich sehr ruhig, wenn man's verlangt,« versetzt die Mama, »und ich weiß nicht, warum Sie das sagen. – Aber, mein Täubchen, ich sage das ... Uebrigens weißt Du wohl, ich thue stets, was Dir angenehm sein kann. Sind Sie wie ich, Karl? ich kann meiner Frau nicht widerstehen. – Wahrlich, Leonie thut gleichfalls, was ich will. – Doch lassen Sie ihr hoffentlich stets ihren Willen! o! mein Lieber, wir wollen den Damen ihren Willen lassen; sie bilden die schönere Hälfte des menschlichen Geschlechts, und zu ihren Füßen sollten wir unser Leben zubringen. – Das fände ich etwas ermüdend! – Ach! Sie sagen nicht, was Sie denken.« Während Herr Rozat diese hübschen Alfanzereien vorbrachte, nahm er seine Frau beim Kinn, welche Alles mit sich anfangen ließ, wie jene Katzen, die man tanzen läßt und die ihre Ohren herabhängen, weil sie nicht zu kratzen wagen. Endlich kehren Karl und seine Frau wieder nach Hause. Leonie findet bei Madame Rozat jene liebenswürdige Heiterkeit, jenes ungezierte Wesen, das Vertrauen hervorruft, nicht, da sie jedoch nach einer ersten Zusammenkunft nicht urtheilen wollte, schmeichelte sie sich, dieselbe werde ihr in der Folge mehr Sympathie einflößen. Leonie wünschte eine Freundin zu finden, gegen welche sie ohne Zwang ihr Herz ausschütten könnte, eine Freundin, welche ihre kleinen Plane, ihre Hoffnungen anhörte, welcher sie ihre Freuden und Wonnen erzählte; denn bereits nimmt sie wahr, daß ein Gemahl selten eine solche Freundin ersetzt; daß der liebevollste, der freundlichste, nicht immer geneigt oder gestimmt ist, jene tausend Kleinigkeiten anzuhören, welche eine Frau so gerne sagt, hört und anvertraut. Seit sie jedoch die Gesellschaft besucht, dieselbe kennen zu lernen anfängt, sieht Leonie wohl, wie selten wahre Freundschaft unter Frauen ist, auf welcher gebrechlichen Grundlage jenes Gebäude von Gefühlen ruht, welches so viele Leute zur Schau tragen. Im Gegensatze von seiner Frau, welche die Personen vorher genau kennen will, ehe sie sich mit denselben verbindet, ist Karl sogleich ein Busenfreund der Freunde seiner Freunde; ein Frühstück oder ein Glas Bier in gleicher Gesellschaft genossen, genügt ihm, Bekanntschaft zu machen. Er wird den angebotenen Punsch annehmen, in eine Lustpartie einwilligen, die von Leuten vorgeschlagen wird, welche er zum erstenmale sieht; geht er aus einem Café, wo er anfangs nur eine Person kannte, so wird er drei oder vier Individuen die Hand drücken, welche mit seinem Freunde schwatzten. Zwar läuft man auf solche Weise große Gefahr, seine Freundschaft zu prostituiren; dagegen sieht aber Karl nur Leute, welche ihm kräftig die Hand schütteln, freundschaftlich auf die Schulter klopfen, und von allen Seiten hört er sagen: Sprecht mir von Karl! der ist ein Mann! er thut, was man will, ist bei allen Partien! o! ein seelenguter Kerl. Zu ihrem Gastmahl am Donnerstag wünscht Leonie noch andere Personen als Herrn und Madame Rozat einzuladen; sie weiß, daß, wenn man zum erstenmal Gesellschaft bei Tisch empfängt, es gar zu ungenirt herauskäme, wenn man nur so en famille wäre. Die junge Frau wollte ihre Schwiegermutter, Karl aber sagte zu ihr: »Laden wir meine Mutter ein, so können wir nicht lachen, nicht lustig sein. Du weißt, sie hat immer ihre ceremonienhafte Miene, die, besonders wenn man sie nicht kennt, zurückhaltend macht; für ein andermal also! Ueberlasse mir die Besorgung der Einladungen, ich werde sehr artige Männer bringen, über die Du entzückt sein wirst. – Man bedarf aber auch einiger Damen. – Nun gut! so fordere ich die Base Bringuet auf, sie ist heiter; eine Frau, die einen Theil ihres Lebens in Garnisonen zugebracht hat, wird wegen kleiner Scherzworte nicht böse ... dann habe ich einen Niederländer, einen gutmüthigen, dicken Kerl, Reisenden für sein Handlungshaus, Herrn Vanflouck; Vetter Bringuet spricht mit ihm über den Norden. – Was ist das für ein Herr Vanflouck, ich kenne ihn nicht. – Ei freilich; er fragte zwei- oder dreimal im Laden nach mir. – Wie, etwa der Herr, der auf eine Stunde Wegs nach der Tabakspfeife riecht? – Nun! weiter? was liegt denn daran, wenn man nach der Pfeife riecht; die Niederländer rauchen den ganzen Tag und das hindert sie nicht, recht gute Geschäfte zu machen. Herr Vanflouck ist Theilhaber eines bedeutenden Hauses in Lille: Du willst immer, ich soll an die Geschäfte denken, solltest also froh sein; mich in Verbindung mit diesem Manne zu wissen. Ha! um mit ihm Handel zu treiben, muß man trinken, essen und lange tafeln; er beginnt sein Mittagsmahl um vier Uhr und ist um elf damit noch nicht zu Ende. – Aber, mein Freund! ... – Aber, Liebe! laß mich die Gesellschaft einladen und ich stehe Dir dafür, wir werden einen liebenswürdigen Kreis bekommen.« Leonie sagt nichts mehr; sie ist seit den ersten Tagen ihrer Ehe gewohnt, nachzugeben, aus Furcht, ihren Mann zu ärgern; es wäre ihr indeß leicht gewesen, mehr Autorität in ihrem Hause zu behaupten, und Karl hätte sich dabei nicht übler befunden; Leute, welche Allem ihren Lauf lassen, bedürfen eines Anhaltpunktes, der sie hemmt und manchmal zurückhält; Leonie ist aber so sanft, so gut, daß sie nicht als Herrin aufzutreten wagt, aus Furcht, die Rechte ihres Gatten anzutasten. Donnerstag rückte heran. Karl bedeutet seiner Frau, daß er als Gesellschaft für die Familie Rozat acht seiner Freunde zur Tafel geladen habe. »Acht !« rief Leonie mit einer Bewegung des Erstaunens aus. »Gestern waren's ja nur vier. – Seitdem habe ich noch vier weitere getroffen, welche ich vergessen hatte. – Mit Madame Bringuet und ihrem Mann werden wir unserer vierzehn sein! – Nun ja, warum nicht? je mehr Narren, um so mehr Gelächter; Du wirst sehen, lauter sehr liebenswürdige, gute Kerls.« Leonie läßt sich die Namen dieser acht Herren nennen; den plumpen Holländer Vanflouck ausgenommen, der manchmal ihren Mann ins Café abholte, sind ihr alle übrigen unbekannt. Karl behauptet jedoch, es seien Leute, mit welchen er täglich im Geschäftsverkehr sei, und es liege in seinem Interesse, sie an seiner Tafel zu empfangen. Leonie ist beinahe entsetzt, so viele Leute speisen zu sollen; sie fürchtet, ihr Mahl möchte nicht glänzend genug sein; eilfertig ertheilt sie ihrer Köchin neue Befehle, verlängert ihren Tisch und während Karl, sich auf seinem Sessel schaukelnd, wiederholt: Wie lustig wollen wir sein! rennt seine Frau, ihrer Schwangerschaft ungeachtet, hin und her, eilt von der Küche in die Speisekammer, untersucht, ob Alles gerüstet ist, ob zum Nachtisch nichts fehle, und hat noch keine Zeit zu ihrer Toilette gehabt, als die Stunde, wo die Gesellschaft anlangen soll, herbeikommt: Verlegenheit, Widerwärtigkeit, Aerger und Mühe, dies ist beinahe immer das Loos einer Hausfrau, wenn sie ein großes Gastmahl gibt; ist's nicht höchst unangenehm, sich so viel um Leute zu quälen, welche man kaum oder gar nicht kennt? Die Gesellschaft erscheint. Leonie ist noch mit Ankleiden beschäftigt, und um das Unglück voll zu machen, hat ihre Magd noch zu viel in der Küche zu thun, als daß sie ihr das Kleid zuheften könnte. Karl empfängt daher die Gesellschaft. Die Rozat haben ihren Sohn mitgebracht; während der große blonde Herr seinen Freund becomplimentirt, macht seine Frau mit den Augen das Inventarium aller Mobilien des Salons. Base Bringuet und ihr Gemahl lassen nicht auf sich warten, und Madame Rozat, wahrscheinlich mit der Inspektion des Salons fertig, fängt die der Toilette von Madame Bringuet an. Bald erscheinen auch die durch Karl geladenen Männer: der Eine zeigt ein ungenirtes Wesen, welches an Grobheit grenzt; der Andere hält sich steif wie ein Block; ein Dritter ist kothig wie ein Pudel; wieder ein Anderer tritt im Ballanzug auf und fürchtet sich vor jeder Bewegung, die denselben in Unordnung bringen könnte. Madame Rozat hat vollauf mit Beobachtung Alles dessen zu thun; kaum findet sie Zeit, der Madame Bringuet, welche ein Gespräch anzuknüpfen sucht, einige Worte zu erwidern. »Wo ist denn aber Madame?« ruft Herr Rozat. – »Ja, wo ist Madame? – Sie wird sogleich erscheinen ... wahrscheinlich noch etwas nachzusehen ... – Wenn Sie wollen, Vetter, so helfe ich ihr; ich weiß, was es heißt, Leute bei Tische haben. Erinnerst Du Dich, Bringuet, einmal hatten wir acht Offiziere unseres Regiments beim Mittagessen, und gerade an diesem Tage wird meine Magd krank ... wie verhext. Nun, ich zog mich doch aus der Patsche ... freilich machte Herr Bringuet die Crêmes, er macht sie wie ein Engel. Ah! da kommt ja meine Base!« Leonie erscheint, roth durch die Eile, die nöthig war, ermüdet, weil sie sich allein ankleiden und seit dem Morgen auf den Beinen sein mußte. Gleichwohl weiß sie ihrem Gesicht jenen liebenswürdigen Ausdruck zu geben, welcher den Geladenen schmeichelt. Während sie den sieben ihr unbekannten Herren ihre Verbeugungen zurückgibt, flüsterte Madame Rozat bereits ihrem Gemahl zu: »Ihr Kleid sitzt ihr schlecht ... vornen zu kurz. – Sie ist ja schwanger ... Kein Grund, um schlecht gekleidet zu sein, dann legt man ein Kleid, als Ueberrock gemacht, an.« Ehe Leonie Zeit hatte, sich zu setzen, hat sie schon drei Complimente von Herrn Rozat. Seine Frau läßt ihren Sohn vortreten und präsentirt ihn mit den Worten: »Sie sehen, ich habe von Ihrer Erlaubniß Gebrauch gemacht. – Daran haben Sie sehr wohl gethan,« versetzt Leonie mit Aerger, bedenkend, daß ihr nun ein weiteres Couvert vonnöthen ist. »Ha wahrhaftig, Sie haben da viele Leute,« sagt Base Bringuet. »Wer sind denn aber all diese Herren da? – Freunde meines Mannes, mit denen er Geschäfte macht. – Der Eine da hätte sich wohl vorher säubern lassen dürfen,« flüstert Madame Rozat ihrem Gemahl ins Ohr. – »Aber, liebe Base, diese große Gesellschaft auf einmal muß Ihnen viel Ungelegenheit und Mühe verursachen? – Ist's nicht ein Vergnügen, Madame? – O! nein, nicht immer; ich weiß, was das heißt, habe öfters Gastmahle gegeben, und an dem Tag, wo meine Magd krank wurde, und ich acht Offiziere zu traktiren hatte ... wir lagen damals zu Givet in Garnison ... nein ... wo war es denn? ... – Verzeihung, ich gehöre Ihnen sogleich wieder.« Madame Bringuet, welche weiß, was Gäste traktiren heißt, vergaß, daß an diesen Tagen die Hausfrau keine Zeit zum Anhören langer Geschichten hat; Leonie ging, um das Couvert des kleinen August zu besorgen. Karl schwatzt mit seinen Freunden; sind diese Herren einmal im Zug, so hört man sein eigenes Wort nicht mehr, Jeder läßt sich freien Lauf und schreit, als wäre er im Café. Herr und Madame Rozat blicken einander mit boshaftem Lächeln an, und die Dame sagt halblaut: »Wie wird's erst nach dem Essen sein?« Leonie erscheint wieder. Ihr Mahl ist fertig; man wartet nur noch auf Herrn Vanflouck; roth, keuchend, von Schweiß triefend, seiner Gewohnheit gemäß, kommt der Holländer endlich herbei. »Bester Herr Vanflouck, ich fürchtete, Sie möchten meine Einladung vergessen haben,« redet Karl ihn an. – »O nein! ein Mittagessen vergesse ich nie; aber ich war genöthigt, mit einem Freund zu frühstücken, und wahrlich, das hat uns bis jetzt aufgehalten. So eben stehe ich von der Tafel auf. – Ha! desto schlimmer, das wird Sie am Mittagessen hindern. – Nein, nein! ich esse darum nicht weniger. O! wenn ich zu Paris bin, ist mein Magen an diese Lebensweise gewöhnt! Nur möchte ich Sie zuerst um einen Kelch Bitteren ersuchen, dann spüre ich nichts mehr von meinem Frühstück.« »Mein Gott! welch ein Bauch!« sagt Dame Bringuet zu Madame Rozat. – »Ja! der Kerl hat etwas Thierartiges an sich.« Man bringt Herrn Vanflouck das Glas Bittern, welches ihm das Vermögen verleiht, den Gargantua zu spielen. Nunmehr begibt sich die Gesellschaft in den Speisesaal. Rozat reicht Leonien die Hand und bringt dabei einen leichten Druck der Fingerspitzen an. Das Mahl ist glänzend, Leonie befürchtet stets, es möchte nicht hinreichend sein. Karls Freunde lassen demselben Gerechtigkeit widerfahren, und Herr Vanflouck thut, als hätte sein Frühstück nur in Thee bestanden. Madame Rozat zählt die Schüsseln aller Gerichte, und merkt sich genau, was an Tafelgeschirr vorhanden ist; dies und ihr Sohn, den sie bei sich zu haben wünschte, geben ihr hinlängliche Beschäftigung. Herr Rozat sitzt neben der Herrin des Hauses, welche er unaufhörlich, unter Lächeln oder Seufzen, mit Complimenten bombardirt, was Leonie so langweilt, daß sie bedauert, nicht lieber den kothbespritzten Herrn neben sich gesetzt zu haben, welcher wenigstens nur zum Essen den Mund aufthut und nur daran denkt, die besten Bissen für sich zu erhaschen. Madame Bringuet findet ihren Platz neben einem Herrn, der früher diente, sie spricht mit ihm von allen ihren ehemaligen Garnisonen. Ihr Gemahl geräth beinahe mit Herrn Vanflouck in Streit, weil der Holländer, als schlechter Patriot, erklärt, er ziehe die Pariser Küche der des Nordens vor. Man ist schon lange beim Nachtisch und Herr Vanflouck geberdet sich fortwährend, als wäre man erst am Anfange des Mahls; diesem Herrn zu gefallen, welcher nicht gerne den Platz wechselt, trank man den Kaffee bei Tisch. Man ißt nicht mehr und die Unterhaltung allein hält noch an der Tafel zurück; Herr Vanflouck hingegen ließ eine Flasche Bordeaux neben sich hinstellen, während des Plauderns trinkt er, ißt dann wieder etwas dazwischen, und ist seine Flasche leer, so bittet er um eine andere; er scheint keineswegs geneigt, die Tafel zu verlassen. Ungeduldig fährt Madame Rozat auf ihrem Stuhl hin und her, sagt aber zu ihrem Sohn: halte Dich doch ruhig, man wird sogleich aufstehen; o! ich sehe wohl, es kostet Dich Mühe, da zu bleiben! Base Bringuet bemerkte schon längst: es macht sehr warm hier! Ihr Mann zieht jedesmal sein Glas zurück, so oft ihm sein Nachbar Vanflouck einschenken will, wobei er stets sagt: genug, ich trinke nichts mehr! Leonie nimmt Alles wohl in Acht und sie erinnert sich, was ihr Gatte von Vanfloucks Gewohnheiten sagte, deßhalb entschließt sie sich, von der Tafel aufzustehen, indem sie mit Recht denkt, daß man, um eine Person zufrieden zu stellen, nicht alle Uebrigen zur Langweile verdammen müsse. Steht die Hausfrau vom Tische auf, so ist dies für Jeden das Zeichen, ein Gleiches zu thun; der dicke Holländer bequemt sich jedoch dieser Sitte nicht. Er bleibt sitzen und schwatzt, trinkt und ißt. Karl leistet ihm Gesellschaft und auch zwei andere Herren entschließen sich, dem unerschrockenen Zecher die Stange zu halten. Leonie und die Damen verfügen sich, von einigen Herren gefolgt, in den Salon; zwei von Karls Freunden jedoch griffen nach ihren Hüten und gingen vom Tische weg, schnurstracks aus dem Hause. Drei Weitere thun, nach einigen Gängen durch den Salon, ein Gleiches. »Der Herr, der im Rocher de Cancale gefrühstückt hatte, ist ein herber Cumpan,« sagt Madame Bringuet. – »Ja,« entgegnete Madame Rozat, »die Wermuthessenz bekam ihm recht gut ... Welcher Fresser! er scheint nicht übel aufgelegt, die Nacht bei Tafel zuzubringen. – Im Norden pflegt man ziemlich lange sitzen zu bleiben. – Eine gar nicht liebenswürdige Mode,« nimmt Herr Rozat das Wort, »was sollen dann die Damen bei Tische machen, wenn das Mahl zu Ende ist? ... immer trinken! das ist gemein ... Rücke doch Deine Füße näher zum Feuer, mein Täubchen, Du scheinst kalt zu haben.« »Ah! wie gerne sehe ich's so,« fällt Madame Bringuet ein, »daß ein Mann zuvorkommend gegen seine Frau ist. – Ist dies denn nicht Pflicht und Vergnügen, Madame,« versetzt Rozat, mit der Hand seiner Frau in die seinige tätschelnd. – »Ja, mein Herr, es ist Pflicht, aber nicht alle Ehemänner erfüllen sie ... Nicht Deinetwegen sage ich das, Bringuet! Du erfüllst Alles, Alles!« »Ich gestehe,« fährt Rozat fort, »es thut mir wehe, wenn ich einen Mann mit rauhem Ton, griesgrämiger Miene zu seiner Frau sprechen sehe; es kommt vielleicht von meiner Erziehung her, hängt an einer gewissen Zartheit des Gefühls, welche nicht Jedermann besitzt.« »Wollen Sie nicht eine Partie machen?« wendet sich Leonie an die Gesellschaft im Salon, während Madame Rozat ihre Füße wärmt und dabei den Kamin und das darauf Befindliche ihrer Prüfung unterwirft. »O! liebe Base, um ein Spiel anzufangen, ist's sehr spät, halb zehn Uhr vorüber; bedenken Sie doch, wir blieben sehr lange bei Tisch, auch gaben Sie uns ein Essen, das gar kein Ende nehmen wollte. – Ein herrliches Essen,« sagt Rozat, »und Sie hatten uns einen Empfang ohne Umstände versprochen; ach, wie fremd! das heißt nicht, uns als Freunde behandeln. – Bei Ihrem nächsten Besuche soll's ganz ohne Ceremonie geschehen. – Das hoffen wir sehr.« »Aber hat denn Ihr Holländer im Sinn, die ganze Nacht bei Tische zu bleiben,« ruft Madame Bringuet aus. »Welch ein Gesell, dieser Herr Van ... fou ... fou ... wie nennen Sie ihn? – Vanflouck. – Ach! Vanflouck heißt er. Sieh doch einmal nach, Bringuet, was er noch bei Tische macht.« Herr Bringuet wirft einen Blick in den Speisesaal und sagt beim Zurückkommen: »Herr Vanflouck ißt, trinkt und spricht fortwährend; aber man muß es ihm lassen, er sieht nicht im mindesten erhitzter aus, als wie er zu Tische saß. Im Norden trinkt man viel, ohne sich zu berauschen. – Ein trauriger Vorzug,« bemerkt Madame Rozat, »lieber ist mir ein Mann, der schnell betrunken wird, da ist's doch bälder vorüber. – Und wenn ich mich betränke, Böse, würdest Du mich nicht mehr lieben,« versetzt Herr Rozat, seine Frau liebkosend. – »Nein, gewiß, ich würde Dich verabscheuen! – Hm! das könntest Du nicht; komm, gib mir die Hand.« »Welch hübsche Ehe!« rief Madame Bringuet aus, »das sieht man mit Vergnügen. Bringuet, Du mußt das Handküssen wieder bei mir anfangen, es verjüngt uns.« Im Augenblick, wo die Damen ihre Shawls zum Aufbruch anlegen, entschließt sich Vanflouck, Karl zu folgen, welcher sich, um von der Familie Rozat Abschied zu nehmen, von der Tafel erhoben hatte. Wenn der handfeste Holländer seiner häufigen Trankopfer ungeachtet die Besinnung behielt, so ist dies bei den beiden andern Herren, die ihm Gesellschaft leisten wollten, nicht der Fall; sie sind roth, wie Krebse, und das Athemholen wird ihnen so schwer, daß man den Nordwind blasen zu hören glaubt. Selbst Karl ist durch das Ausharren bei seinen Gästen etwas lebhafter geworden. Wie bei Tische, so will Herr Vanflouck auch im Salon Alle überstrahlen. Er spricht über Alles ab, möchte bei den Damen den Liebenswürdigen spielen; bringt nur plumpe und derbe Scherz- und Witzworte ohne Geist und Würze vor und verwickelt sich in große Sätze, aus denen er sich gar nicht mehr herauswinden kann. Die beiden andern Gäste blasen nur, sie sprechen nicht; brechen aber bei jedem Worte Vanfloucks in unmäßiges Gelächter aus. Die Familie Rozat ist fort, die Bringuet folgten ihr. Vanflouck allein scheint nicht ans Aufbrechen zu denken, und seit er aufgestanden, hat er schon dreimal Wasser mit Wein vermischt getrunken! Zum Glück für Leonie greifen die beiden andern Herren, welche nicht beim Blasen stehen bleiben können, nach ihren Hüten und wollen weiter; der Holländer entschließt sich, mit ihnen zu gehen, weil einer derselben davon sprach, daß er noch Punsch trinke. Als aber Herr Vanflouck, der stets etwas Geistreiches zu sagen wähnt, sich von der Herrin des Hauses verabschiedet, klopft er Karl auf die Schulter und ruft: »Madame, Sie haben da einen sehr schätzenswerthen Gemahl! und gewiß ist's, ich zweifle nicht daran, daß Sie es gleichfalls sind; allein er ist ein sehr achtungswerther Mann, und, meiner Treu, ich rathe Ihnen, ihn zu behalten, denn ich achte ihn sehr.« Hiemit grüßt Herr Vanflouck und zieht sich voller Freude über seine Worte zurück, indem er die beiden Herren, welche die Stufen der Treppe nicht mehr finden, vor sich hertreibt. »Ein herrliches Mahl, das wir da hatten!« sagt Karl, zu seiner Frau zurückkommend, »man war gewiß recht lustig! – O ja!« erwidert Leonie. Doch fügt die junge Frau leise hinzu: »ich bin aber sehr froh, daß es vorüber ist!« Neuntes Kapitel. Die Ohrringe. Herr Rozat macht seinem Freunde Karl häufige Besuche; dieser ist jedoch selten zu Hause, weil ihn der Holländer Vanstouck ganze Tage im Café festhält, wo er ihn, um ein Geschäft zu beendigen, zehn andere versäumen läßt. Leonie empfängt daher den Herrn Rozat. Diese Besuche langweilten die junge Frau, welche sich nicht an den honigsüßen Ton des großen Blondin, an seine Complimente und seine mit Eigenlob vermischten Galanterien gewöhnen konnte; aber sie wagte nicht, einem Freund ihres Gatten böse Miene zumachen. Ist seine Frau bei ihm, so liebkost sie Rozat, ja er küßt sogar seine Celine vor seinen Freunden; Leonie kann es nicht anders, als sonderbar finden, daß Eheleute, welche Muße genug haben, einander unter vier Augen Zeichen ihrer Liebe zu geben, sich vor den Leuten wie junge Liebende benehmen, welche kaum einen Augenblick haben, sich sehen zu können. Eines Tages sagt Herr Rozat, welcher die geheimen Gefühle Leoniens ausforschen zu wollen scheint, im Gespräch über Karl mit zuckersüßer Stimme zu ihr: »Er ist ein guter Junge; gerne will ich glauben, daß er den Schatz, den er besitzt, zu würdigen weiß; was mich aber wundert, ist, daß er so kalt gegen Sie ist, nie jene galanten freundlichen Worte, jene zärtlichen Liebkosungen, welche ein Beweis von Herzlichkeit sind ...« »Mein Herr,« versetzt Leonie trocken, »meiner Meinung nach haben Ehegatten Zeit genug, einander ihre Liebe zu beweisen, ohne daß Sie dazu den Augenblick wählen, wo sie in Gesellschaft sind. Denn mag auch ein Mann seine Frau vor den Leuten liebkosen, küssen, so ist mir das kein Beweis, daß er sie im vertrauteren Zusammenleben glücklich macht. Die zärtlichsten Gefühle erheischen das meiste Geheimniß; die öffentlich zur Schau getragenen verlieren in meinen Augen viel von ihrem Werth.« »Madame,« erwidert Rozat, sich in die Lippen beißend, »Jeder versteht die Liebe auf seine Weise.« Doch will Leonie seit diesem Gespräch weit weniger eheliche Liebkosungen in Gesellschaft bemerkt haben. Leonie schenkt einem Mädchen das Leben, welches von Karl mit Freudentaumel empfangen wird; wie er sein Kind zum erstenmale küßt, ruft er aus: »sie soll alle Talente haben, Musik, Zeichnen lernen und immer wie ein kleiner Juwel gekleidet sein; mit drei Jahren gebe ich ihr eine Uhr.« Leonie lächelt und sagt zu ihrem Manne: »Was Du ihr hauptsächlich geben mußt, mein Freund, ist eine Mitgift; Du weißt, daß man ohne dies die Mädchen nicht verheirathen kann! Suche demnach Geld zu verdienen und unsern Handel wieder empor zu bringen, der seit einiger Zeit nicht zum Besten geht. – Sei ruhig! es wird kommen; Vanstouck hat mir aufs Neue zwei starke Commissionen versprochen! meiner Tochter werde ich hunderttausend Franken geben, nicht weniger.« Um zur Mitgift seiner Tochter den Grund zu legen, eilt Karl zu seinen Freunden und kündigt ihnen die Geburt der Kleinen an, und zur Feier dieser glücklichen Begebenheit ißt er mit dem Einen Austern, Kalbsrippchen mit einem Zweiten, spielt mit einem Dritten um den Kaffee, trinkt mit Vanstouck Bier und bringt einen Tag, den er seiner Frau hätte widmen sollen, außer dem Hause zu. Leonie beklagt sich nicht, weil sie sieht, daß ihr Mann sie immer liebt, und eine Frau übersieht demjenigen Manches, der ihr wenigstens Zärtlichkeit bezeugt. Mama Darville gab ihrer Enkelin den Namen Laura, und Leonie, welche ihre Gesundheit und Sorge für ihr Hauswesen des Vergnügens, ihre Tochter zu säugen, berauben, trennt sich von derselben, bereits sehnsüchtig dem Augenblick ihrer Rückkunft entgegensehend. Aber die junge Frau gewahrt, daß Karl, so lange sie das Bett hütet, sich keineswegs um den Handel bekümmert; die ihm von Vanstouck verschafften Commissionen waren beinahe alle schlecht ausgefallen; die Korrespondenten führten über die schlechte Beschaffenheit der ihnen übersandten Waaren Klage; mehrere verweigerten deren Annahme; die Zahlungen gehen nicht ein, und die den Lieferanten gegebenen Billets müssen eingelöst werden. Leonie wird unruhig, quält sich, sie beschwört ihren Mann, seinen Geschäften doch mehr Sorgfalt zu widmen; Karl verspricht's, und sein Schwur, nur noch an seine Bereicherung denken zu wollen, ist ganz aufrichtig; sobald er aber außer dem Hause ist, vergißt er das seiner Frau gegebene Versprechen und läßt sich von Vanstouck oder einem Andern verleiten, um seinen Ruf als guter Kerl zu bewahren. Kaum wieder hergestellt, nimmt Leonie ihren Platz vor dem Schreibtische aufs Neue ein, untersucht die Bücher, in welche ihr Mann nur selten einen Blick wirft. Mit Entsetzen sieht sie, wie viele Verluste ein Jahr schon über ein Haus gebracht hat, welches ihr Oheim so fruchtbringend zu machen wußte. Ihrer Schwiegermutter verbirgt Leonie die Besorgnisse, welche auf sie einzustürmen beginnen, denn Madame Darville würde ihrem Sohn heftige Vorwürfe machen; das könnte Karl nur erbittern, statt ihn klüger zu machen. Allein die junge Frau ist nicht immer im Stande, ihren Kummer zu verbergen, besonders wenn ihr Mann erst spät Abends heimkommt, nachdem er gleich am Morgen ausgegangen war. Karl bleibt still, wenn seine Frau zankt; im Grunde seiner Seele fühlt er wohl, daß sie Recht hat. Höchst selten verhehlt uns unser Gewissen die Wahrheit. Karl fühlt sich seiner Frau gegenüber nicht behaglich, wenn er so eben seine Zeit mit guten Freunden verschlenderte; statt sich aber durch eine Umarmung Leoniens zu entschuldigen, wenn er sie schweigsam und traurig sieht, greift er schnell wieder nach seinem Hut und läuft auf's Neue weg. Diesen Ausweg ergreifen oft die Ehemänner, wenn sie Unrecht haben; der kürzeste zwar, doch nicht der beste. Das Ende eines Monats erscheint, Leonie soll sechstausend Franken bezahlen und hat nur die Hälfte davon in ihrer Kasse. Schon am Morgen wollte Karl Billete escomptiren lassen und kommt, seiner Gewohnheit gemäß, nicht zum Mittagessen heim. Am Abend machten Herr und Madame Rozat der Frau ihren Besuch, welche sich zu einer freundlichen Miene und Verhehlung ihres Kummers zwingt. Auch Madame Rozat fehlte, wie es schien, etwas; man mußte ihr die Worte auspressen, und ihr eines Auge ist von einem dunkeln blauen Mal umgeben. Herr Rozat hingegen ist süßlich und galant, wie gewöhnlich; er scheint sogar noch weit zuvorkommender gegen seine Frau. »Wo ist denn der werthe Gemahl,« beginnt der große Blondkopf, »wir treffen ihn selten zu Hause; er geht jetzt sehr häufig aus? – Ja,« antwortet Leonie, mit Mühe einen Seufzer unterdrückend; »seine Geschäfte nöthigen ihn zu Ausgängen. – Wenn's Geschäfte sind, läßt sich nichts dagegen einwenden. Karl macht, wie es scheint, viele. Ihre Handlung geht immer gut? – Ja, mein Herr, sehr gut. Was haben Sie denn aber am Auge, Madame Rozat, wie haben Sie sich zugerichtet! sind Sie gefallen? – Ja,« ruft Herr Rozat aus, ohne seiner Frau Zeit zum Antworten zu lassen, »sie ist gefallen ... ausgerutscht: sie ist viel zu lebhaft, und da sieht man, wohin uns die Lebhaftigkeit führt; das wird ihr aber nicht mehr vorkommen, nicht wahr, mein Täubchen? – Hoffentlich,« versetzt Madame Rozat, ohne die Augen aufzuschlagen, »sonst ... weiß ich wohl, was ich thun werde, und wenn man mich auf's Aeußerste treibt ... – Ach! ja, freilich ... man hat Dich gestoßen, jetzt erst fällt mir's bei ... Nun, laß mich dies Auge küssen, das wird's heilen. – Nein, ist nicht nöthig, das heilt's gar nicht! – Ach! Du bist diesen Abend unartig!« Leonie schenkt dem Zwiesprach der beiden Eheleute wenig Aufmerksamkeit; sie lauscht, denn sie hört Jemand, bald ruft sie voll Freude aus: »Ach! da ist Karl!« Karl, der mit Vanstouck zu Mittag gespeist, ist röther als gewöhnlich, und schreit, als ob er's mit Taubohrigen zu thun hätte. Leonie steht auf den ersten Blick, daß ihr Mann etwas angetrunken ist; ihre Stirne legt sich in Falten. Herr Rozat reicht seinem Freunde boshaft lächelnd die Hand, während Celine zwischen den Zähnen murmelt: »wie hübsch!« »Hier bin ich,« schreit Karl mit lustiger Miene. »Guten Abend, Rozat, guten Abend, Madame. Ich konnte nicht zum Essen heim kommen, weil ich mit Vanstouck von einem Brüssler aufgehalten, zu Grignon geführt und köstlich traktirt worden bin.« »Du kennst also diesen Brüssler?« nimmt Leonie kalt das Wort. – »Nein, ich sah ihn zum erstenmal; aber er ist ein sehr angenehmer Mann, so gerade aus, zudem ein vertrauter Freund Vanstoucks.« »Und die Freunde unserer Freunde sind unsere Freunde,« lacht Rozat. – »Wahrhaftig, wenn die Leute uns dringend einladen, fällt das Abschlagen schwer; ich wollte indeß heimkommen, ich wußte, daß Du mich erwartetest. – Doch hast Du wenigstens die Angelegenheiten ins Reine gebracht, derentwegen Du ausgingst? – Sei ruhig, beunruhige Dich nicht. – Ich beunruhige mich nicht, aber ... – Aber, aber Madame, ich will Ihnen beweisen, daß ich an Sie gedacht habe, immer an Sie denke ...« Bei diesen Worten zieht Karl ein Schächtelchen aus der Tasche, auf welches die Augen der Madame Rozat bereits haften, während Leonie ruhig sagt: »Wie, mein Freund, abermals ein Geschenk?« Karl öffnet das Schächtelchen und langt ein paar herrliche, mit Diamanten reich besetzte Ohrringe daraus hervor, welche er seiner Frau mit den Worten überreicht: »Als Du vor acht Tagen mit mir im Palais-Royal spazieren gingst, nöthigte ich Dich, vor einer Bude stehen zu bleiben, fragte Dich, was Dir am meisten gefiele, da wiesest Du auf diese Ohrringe, ich bringe sie Dir hiermit.« »Ausnehmend galant!« rief Herr Rozat, »einer der Züge, wie ich sie liebe, sie öfters mache.« »Habe noch nie etwas davon bemerkt!« sagt Madame Rozat halblaut. Leonie nahm die Ohrringe, schien aber durch dieses Geschenk nicht sehr erfreut, und mit einigem Zögern erwidert sie: »Mein Gott, lieber Freund, ich hatte gesagt, ich fände diese Ohrgehänge hübsch, weil Du durchaus meinen Geschmack wissen wolltest; das war jedoch kein Grund, sie mir zu kaufen; ein so kostbarer Schmuck ... ist eine Tollheit!« Eine noch dunklere Flamme steigt in Karls Gesicht auf; er weicht einige Schritte zurück und ruft zornig: »Da mache man seiner Frau Geschenke, damit sie auf diese Weise aufgenommen werden! wahrlich, das ist widrig; da möchte der friedliebendste, sanfteste Mann wüthend werden; die Frauen verdienen unsere Aufmerksamkeit für sie nicht.« Noch nie hatte Leonie ihren Mann aufgebracht gegen sie gesehen; sie erblaßt: große Tropfen rinnen ihr aus den Augen; Rozat beißt sich in die Lippen, und seine Frau murmelt abermals: »Wie hübsch!« »Nun, nun, lieber Karl,« sagt Rozat mit einer Miene von Gutmüthigkeit, »Sie sagen da nicht, was Sie denken ... die Frauen verdienen stets unsere Huldigung, unsere Aufmerksamkeit und unsere Verehrung! ...« Noch ehe Herr Rozat ausgesprochen hat, erhob sich Leonie von ihrem Sitze, warf sich hastig ihrem Gatten in die Arme und barg ihren Kopf an seiner Brust, indem sie hervorstotterte: »Ach! bester Freund, sei nicht böse; ich hatte Unrecht und bitte Dich um Verzeihung!« Bei Karl ist der Zorn nicht von langer Dauer, er blickt seine Frau an und küßt sie zärtlich. »Eine herrliche Gruppe, eine Gruppe zum malen!« rief Rozat, indem er sein Taschentuch hervorzog, um sich zu schneuzen; »nicht wahr, mein Täubchen, man sieht's mit Vergnügen?« Das Täubchen, ganz in Betrachtung und Schätzung des Werths der Ohrringe versunken, welche Leonie auf dem Tische ausgebreitet hat, antwortet: »O! sehr schön! Prächtig, voll Feuer!« Ihrem Gatten Freude zu machen, legt Leonie die Ohrgehänge sogleich an; Madame Rozat kann mit Lobeserhebungen über die Schönheit des Geschenks gar nicht fertig werden; Herr Rozat behauptet, Madame Darville überstrahle Alles, das Feuer ihrer Augen thue den schönsten Diamanten Eintrag, aber die Augen der armen Leonie sind noch durch die eben vergossenen Thränen verdunkelt. Karl ist wieder so lustig und lärmend geworden wie zuvor, und in voller Bewunderung seiner Frau ruft er aus: »Ich wußte wohl, daß sie ihr wunderhübsch stehen würden ... o! ich will, daß meine Frau nur das Beste trage. Sei ruhig, ich werde mich darnach einrichten.« »Ich denke, wie Karl,« nimmt Rozat das Wort, »meine Frau soll nur Schönes tragen, und da ich einen sehr guten Geschmack habe, kaufe ich nur das Auserlesenste. Ich habe ein Paar herrliche Girandolen in Petto, noch schöner als diese hier, und an einem der nächsten Morgen, mein Täubchen, bringe ich sie Dir zum Frühstück.« Dabei fährt Herr Rozat seiner Frau mit der Hand über den untern Theil des Gesichts, kitzelt sie leicht am Kinn, aber Madame Rozat verzieht die Miene nicht. Endlich verabschieden sich die beiden Eheleute von Karl und seiner Frau. In der Straße angelangt, sagt Madame Rozat seufzend: »Herr Darville verdient, wie es scheint, viel Geld, um seiner Frau solche Geschenke zu machen.« »O! das ist kein Beweis! er ist diesen Abend betrunken. Nun, sind Sie bald mit dem Zurückschlagen Ihres Kleides fertig, und entschließen Sie sich, meinen Arm zu nehmen? – Wenn er auch betrunken ist, so liebt er doch jedenfalls seine Frau, sucht ihr Freude zu machen. Daß man sich bei der Tafel vergißt, kann man verzeihen; aber nicht, daß man sich dem Zorn überläßt und in Wuth ausbricht, wie ein Schuhflicker! – Eine sanfte Frau muß man lieben, eine Frau, welche ihren Gatten um Verzeihung bittet, wenn sie Unrecht zu haben glaubt, wie Madame Darville so eben that. Aber eine zänkische, störrische Frau hat man bald dicksatt! – Der Ausdruck ist hübsch und von gutem Geschmack, ich mache Ihnen mein Compliment. – Jedenfalls so gut als Ihr Schuhflicker, mit dem Sie mich gerade bedachten. – Nehmen Sie sich in Acht, mein Herr, Sie bespritzen mich mit Koth. – Ist's Ihnen nicht recht, so gehen Sie allein. – O! recht gerne!« Alsbald läßt Madame Rozat den Arm ihres Gatten los, und so kehren sie, jedes einer andern Seite der Straße folgend, nach Hause zurück. Allein mit ihrem Manne, sagt Leonie, die Ohrgehänge aufs Neue bewundernd, schüchtern: »Ich wollte Dich nicht böse machen, Freund, als ich sagte, dieses Geschenk sei eine Tollheit; ich fürchtete nur, es möchte sehr hoch kommen. – Ach nein, fünfzehnhundert und fünfzig Franken. Eine Kleinigkeit. – O! ich sage nicht, sie seien nicht sehr schön; aber in diesem Augenblicke, wo wir so viel zu zahlen haben, wo so viele Billets protestirt wurden ... Du weißt, es fehlten uns für übermorgen tausend Thaler, Du hast sie also aufgetrieben? – Ja, ja, ich habe sie, es fehlen nur die fünfzehnhundertfünfzig Franken, welche ich für diesen Schmuck gab.« Leonie erwidert nichts, sie unterdrückt einen Seufzer, welcher ihren Mann ärgern würde. Am andern Tage ist sie jedoch genöthigt, die zu ihren Zahlungen nöthige Summe zu borgen, weil Karl ihr Diamant-Ohrgehänge bringen wollte. Zehntes Kapitel. Rückkehr Mongérands. »Wo ist der verdammte Schlingel Karl! daß ich ihn sehe, ihn küsse!« ruft ein großer Herr mit sonnverbranntem Gesicht, der eines Tags sehr ungezwungen in Leoniens Schreibstube trat. »Mein Mann ist ausgegangen, mein Herr, aber ... – Ach! Sie sind seine Frau, schöne Dame; in der That, ich erinnere mich, daß man sagte, er sei verheirathet, und auch ich habe mich verheirathet, seit ich Karl nicht mehr sah; vor einem Jahre beging ich diese Dummheit, und nun sind's zehn Monate, daß ich's übergenug habe; aber Gott sei Dank, es ist aus: ich habe den gordischen Knoten entzwei gehauen! meine Frau mag thun, was ihr beliebt, mir gleich! ich mache mich wieder zum Junggesellen: wir haben uns mit dem Versprechen, einander nie wieder zu sehen, getrennt; wir hatten beide genug. Es freut mich, Madame, die Bekanntschaft der Gemahlin meines Collegienfreundes zu machen. Karl hat mit Ihnen gewiß oft von mir gesprochen? – Ihr Name, mein Herr? – Ach ja! richtig, den hätte ich Ihnen zuerst sagen sollen: Mongérand, Emil Mongérand, Karls Schulkamerad, dann Husarenunteroffizier, dann Modehändler, dann verheirathet, dann ... ich weiß nicht, was noch mehr ... aber stets treuer und ergebener Freund, woran Karl hoffentlich nie zweifelte.« »Ihr Name ist mir nicht unbekannt, mein Herr, ich erinnere mich wirklich, daß mein Mann denselben öfters nannte. – Ha! sapperlott, wenn er mich vergessen hätte, wäre er ein elender Chinese! aber er ist ein guter Kerl, ich kenne ihn, unfähig, seine Freunde zu vergessen; Sie sagen also, er sei ausgegangen; wo ist er? – Er sollte auf die Börse gehen, vielleicht ist er aber in dem Café de la Rotonde, oder in dem an der Straßenecke eingetreten. – O! dann finde ich ihn, ich kenne alle Café's. Jetzt gehe ich, ihn aufzusuchen, Madame, sage Ihnen aber nicht Lebewohl, denn ich hoffe, das Vergnügen des Wiedersehens zu haben. – Mein Herr, die Freunde meines Mannes sind mir stets willkommen. – Zweifle nicht daran, Madame; Ihr Diener.« Schon ist Mongérand weit, und Leonie setzt sich wieder an ihr Schreibpult, bei sich selbst sprechend: Ach! mein Gott! was ist das für ein neuer Freund Karls, welcher freie Ton, welche seltsame Art, sich auszudrücken durch Fluchen bei jedem Satze. Herr Bringuet ist ein alter Soldat, doch flucht er darum nicht. Indessen ist das Gesicht dieses Mongérand ziemlich offenherzig, und seiner Wachstubenmanieren ungeachtet würde ich ihn immer noch dem Herrn Rozat vorziehen, der mich mit seinen Complimenten und seinem Händedrücken zu langweilen anfängt.« Im Laufe des Tages kommt Karl nach Hause, ohne Mongérand gesehen zu haben, seine Frau setzt ihn von dem erhaltenen Besuch in Kenntniß. »Mongérand in Paris ... ha! das freut mich, ist ein so guter Junge; warum hast Du ihn nicht zum Essen geladen? – Ich wußte ja nicht, ob ich durfte! dieser Herr hat einen so ungezwungenen Ton, eine so freie Art des Ausdrucks. – Ah! so bist Du augenblicklich erschreckt; Mongérand ist ein wackerer Junge, überdies ein Kamerad aus dem Collegium? – Was macht das? mein Freund! es kann täglich vorkommen, daß ein Mensch, der in der Pension unser Freund war, ein sehr schlechtes Subjekt in der Gesellschaft wird, und daß wir mit ihm studirt haben, ist kein Zwang zu späterem Umgang mit ihm. – Ah! Du machst's wie meine Mutter, willst mir Moral predigen; wer hat Dir gesagt, Mongérand sei ein schlechtes Subjekt? meinst Du, weil er im Gespräch zuweilen flucht? – Nein, aber er hat seine Frau verlassen ... – Um nach Paris zu kommen? – Nein, völlig verlassen, wie er sagt. – So höre doch, wenn seine Frau ihn unglücklich machte. Bei Ehehändeln kann man nie wissen, wer Unrecht hat. Es ist mir ärgerlich, daß Du ihm nicht sagtest, er solle zum Essen kommen, gerade heute, wo ich Vanflouck eingeladen.« »Herr Vanflouck kommt zum Essen?« versetzt Leonie mit einer Bewegung des Unwillens. – »Ja, ist Dir das auch zuwider? – Ich kann nicht sagen, daß es mich freut, einen Mann beim Essen zu haben, welcher den ganzen Abend bei Tische bleibt. – Du bist nicht gehalten, ihm fortwährend Gesellschaft zu leisten, wenn nur ich bleibe. – Ja, und dann bekommt es Dir übel ... es gewöhnt Dich ans Trinken. – Ha! Leonie, Du scheinst mich für ein Kind anzusehen, das sich nicht zu benehmen weiß, am Ende werde ich das überdrüssig.« Leonie spricht nichts mehr, die Stunde des Mittagessens kommt, Vanflouck erscheint, auf zehn Schritte nach Branntwein und Liqueur riechend und sich das Gesicht abwischend, wobei er sagt: »Mit dem Brüssler habe ich so eben köstliches Bier getrunken, dann ließen wir uns Cognac geben, um das Bier zuzudecken, hierauf Wermuthessenz, um Alles zuzudecken.« Im Augenblick, wo man sich zu Tische sehen will, hört man die Thüren ungestüm aufreißen; Mongérand tritt in den Speisesaal und fliegt Karl an den Hals. »Ach! ich wußte wohl, daß ich Dich am Ende finden würde, – Du bist's, lieber Mongérand; freut mich sehr, daß Du wieder zurückkamst: wirst Du mit uns essen? – Beim Henker! fragt man so etwas? – Ich zankte mit meiner Frau, daß sie Dich nicht einlud. – Braucht's bei mir eine Einladung ... hat man bei einem alten Kameraden nicht immer sein Couvert? Aber Sakerment, ich habe Dich wenigstens in zwanzig Cafés aufgesucht, unter anderen auch in dem, wo wir den Streit hatten, Du weißt ... – Ja, ja! – Damals fand ich Dich nicht mehr, um Dich mit mir zu schlagen.« »Sich zu schlagen!« ruft Leonie entsetzt. »Wie, mein Mann sollte sich schlagen? – Ja; o! ein kleiner Zwist, eine Lapperei mit Gelbschnäbeln, wiewohl ich eine Kugel in den Leib erhielt; mehr als sechs Wochen hütete ich das Bett und Du hast mich nicht besucht. – Ich wußte Deine Adresse nicht ... sonst ... – Das dachte ich mir nachher, und darum bin ich Dir nicht böse gewesen. Nun bin ich aber wieder in Paris zurück, das ich nicht mehr verlassen will, und hoffentlich werden wir einander öfter sehen.« Herr Vanflouck betrachtet Mongérand mit einem gewissen Staunen, er scheint verwundert, daß Jemand in seiner Gegenwart so lange spricht, gereizt, daß Mongérand noch gar nicht that, als ob er ihn bemerkt hätte; dieser aber setzte sich zwischen Karl und seiner Frau zu Tische und fuhr während des Essens in seinem Redeflusse fort. »Deine Frau hat Dir ohne Zweifel gesagt, daß ich von der meinigen gegangen bin ... – Ja, Leonie sagte mir ... Wie kommt's aber, erst seit so Kurzem verheirathet? – Ah! mir schien, als wär's seit hundert Jahren! ... erstlich hatte ich Unrecht, mich zu verheirathen ... paßt nicht für mich! ... besonders Unrecht hatte ich aber, diese Frau zu nehmen. Rozat sagte mir vorher: Du wirst's bereuen, à propos , siehst Du Rozat? – Ja, sehr oft. – Auch ein sauberer Patron! er kannte meine Adresse und wußte um meine Krankheit ... es hatte aber keine Gefahr, daß er mich besuchte ... Sprecht mir nicht von Freunden, Madame, sind fast ebenso flatterhaft, wie eine Geliebte! ... nicht um Ihres Gemahls willen sage ich dieses, ich halte ihn für einen bessern Kerl, als die übrigen. – Und da denken Sie richtig, mein Herr,« entgegnete Leonie, an welche Mongérand sich zuletzt richtete. »Dieser Fisch ist vortrefflich,« fällt Vanflouck ein, bemüht, das Wort wieder an sich zu reißen, und besonders, es zu behalten. »Mit meinem Freund, dem Brüssler, aß ich frische, kleine Sardellen, die köstlich waren; ich glaube, sie kamen von ...« »Um wieder auf meine Frau zurückzukommen,« fährt Mongérand fort, ohne sich im mindesten um den sprechenden Vanflouck zu bekümmern, »ich gestehe, ich war sehr verliebt in sie; o! sehr verliebt. Eine reizende Brünette, eine störrische Teufelsmiene! starre Augen, das hatte mir den Kopf verrückt; kurz, ich war gefangen. Sie wollte geheirathet sein ... und ich heirathete, hab's aber sehr schnell bereut ... erstlich, wenn man eine Frau drei Monate kennt ... dann gute Nacht mit der Liebe, man kann sie auswendig und es ist immer das Gleiche!« Leonie vermag eine durch Mongérands Worte verursachte Bewegung des Mißvergnügens nicht zurückhalten, sie rückt ihren Stuhl etwas von ihm weg, während Karl ausruft: »Ah! Mongérand! diese Behauptung ist nicht richtig; seit achtzehn Monaten bin ich geheirathet und liebe meine Frau immer gleich sehr ...« Leonie dankt Karl durch ein Lächeln, Mongérand erwidert: »Aber, mein Freund, Du verstehst mich nicht. Du liebst Deine Frau fortwährend, weil sie sanft, gut, unterwürfig ist, darum hast Du Freundschaft für sie, herzliche Freundschaft; weiter braucht's nicht, um glücklich zu sein ... Liebe jedoch hast Du keine mehr, weil nach dem Honigmonat nie mehr ein Mann in seine Frau verliebt ist! ...« »Wahrhaftig, mein Herr,« sagt Leonie, beinahe mit Thränen in den Augen, »ich weiß nicht, warum Sie durchaus wollen, daß mein Mann mich nicht mehr liebe!« »Meine liebe, kleine Dame, ich finde es ganz in der Ordnung, daß er liebt, wie ein guter Freund, ein guter Gatte seine Frau lieben kann, und ließe er's hieran fehlen, wäre ich im Gegentheil der erste, ihn zu tadeln; nur sprechen Sie mir nicht von Liebe, das ist Kinderei, Larifari! Man liebt eine Geliebte, man betet sie an, ist in sie vernarrt! nun gut, und was ist die Folge davon? sie gehört uns; nach einigen Wochen wird man ihrer überdrüssig, fängt Händel aus dem Stegreif an, um mit ihr zu brechen. Zu unserer Frau hingegen kommen wir immer wieder, wenn sie sich ganz ihrem Hauswesen widmet und uns nicht quält, und ist sie, wie sich's gebührt, so führt man sie manchmal spazieren. Sie sehen, gute Freundschaft taugt mehr als Liebe.« Leonie antwortet nichts, Vanflouck beeilt sich, diesen Augenblick zu benützen, wo Mongérand eine Pause macht: »Daß ich dieses Café entdeckt, wo es so vortreffliches Bier gibt ... etwas ziemlich Seltenes in Paris ... ist mir sehr lieb. Freilich bin ich während meines jedesmaligen Aufenthalts in Paris so ziemlich gewohnt ...« »Ich habe also meine Frau verlassen,« nimmt Mongérand seine Erzählung wieder auf, indem er Vanflouck neuerdings das Wort abschneidet. »Ich hätte sie indeß auf einen guten Weg bringen mögen; gleich in den ersten Tagen unserer Ehe hatte ich ihr bedeutet, daß ich beständig Herr meines Willens sein, gehen, kommen wolle, ohne je Rechenschaft darüber abzulegen; denn Alles kommt auf den Anfang an; zeigt man sich da nicht fest, ist man verloren!« »Es scheint übrigens, daß es Ihnen nicht gelang, mein Herr,« sagt Leonie etwas ironisch. »Was kann man da machen, Madame, Alles hat seine Ausnahme! Es gibt Frauen, welche nicht einsehen wollen, was billig, vernünftig ist, kurz, was sein muß. Meiner Treu, sagte ich zu der meinigen: trennen wir uns; Sie haben Ihren Handel, der im Gange ist, ich habe mein Geld, guten Abend, und so bin ich nun hier.« »Was gedenkst Du in Paris zu thun? – O! wir werden sehen: Du weißt, mir ist eine Erbschaft zugefallen, mir eilt's nicht, ich habe Geld ... werde mich besinnen ... inzwischen laß uns trinken auf die Freude des Wiedersehens.« Karl und Mongérand stoßen an. Vanflouck hält nicht mit, er trinkt allein und spricht dann: »Ihr Bordeaux war das letzte Mal besser, wie mir scheint? – Ist übrigens der nämliche. – Dann liegt's am Pfropf.« Endlich entschließt sich Mongérand zu essen, und dem dicken Flamänder gelingt's, das Wort zu erhaschen. Doch wendet er sich beständig an Karl. Leonie spricht nichts, sinnend sitzt sie, und ihre Gedanken bringen die Heiterkeit nicht auf ihr Gesicht. Der Kaffee wird herumgereicht. Leonie erhebt sich bald und geht in den Salon, ihren Mann zwischen seinen beiden Freunden zurücklassend, welche geneigt scheinen, einander im Aufstehen von der Tafel auspassen zu wollen. Nicht lange, so hat's Mongérand satt, den Herrn Vanflouck sprechen zu hören und trinken zu sehen; er steht daher mit den Worten auf: »Wollen wir nicht frische Luft schöpfen, etwas trinken ... eine Cigarre rauchen?« »Sogleich,« erwidert Karl, der nicht aufzustehen wagt, weil Vanflouck eine Hand auf seinen Arm gelegt hat und ihm unter fortwährendem Sprechen sagen zu wollen scheint: Sie müssen hier bleiben. Mongérand sucht Leonie auf: »Ha! was ist denn das für ein dicker Klotz, der mit uns speiste und sich an Karl anklammert, um ihn am Weggehen zu verhindern?« »Ein Freund meines Mannes,« entgegnet Leonie düster. – »Ein Freund! Tausend Schwerenoth! wo Teufels hat er sich einen solchen Freund ausgesucht; dieser Mensch sieht aus wie ein Kalb, nach dem Kaffee fängt er wieder an zu trinken. – So geschwind wird er die Tafel nicht verlassen; gewöhnlich bringt er den ganzen Abend dabei hin. – Ha! so mag er allein sitzen bleiben, Karl'n soll er aber sicherlich nicht hinhalten; er muß sich ohnedies bei diesem Herrn nicht besonders unterhalten. – Karl ist so sehr gewöhnt den Willen seiner Freunde zu thun! – Ja! es ist wahr, er ist ein guter Kerl; das ist aber kein Grund, dumm zu sein. Warten Sie, ich will ihn von seinem Vanflouck losmachen.« Mongérand kehrt in das Speisezimmer zurück, und ohne abzuwarten, bis Vanflouck seine Erklärung beendigt hat, wie er den Salmen gerne esse, ruft er aus: »He Karl! ich möchte eine Partie Billard spielen. Du wirst hoffentlich einen Freund, den Du seit beinahe zwei Jahren nicht mehr gesehen, nicht den ganzen Abend warten lassen? Ueberdies muß es Dich verdammt langweilen, so ewige Zeit bei Tische zu bleiben. Der Herr kann hier schlafen, wenn's ihm Freude macht; das ist aber kein Grund, auch die Andern einzuschläfern.« Karl benützt die Gelegenheit und steht auf; Vanflouck wird purpurroth vor Zorn und schreit: »Ich weiß nicht, mein Herr, aus welcher Veranlassung Sie mich auf diese Art anfahren? ... wenn wir bei Tische bleiben, so gefiel es uns allem Anschein nach! und nie habe ich gesehen, daß man den Herrn des Hauses zum Ausgehen nöthigte, wenn er noch im Begriff ist, zu Mittag zu essen! – Ho! ho! lieber Herr! im Begriff zu Mittag zu essen, das ist herrlich! hoffentlich haben Sie zu Mittag gegessen und reichlich! ich begreife sogar nicht, wo Sie Alles hinschieben konnten, was Sie verschlangen.« »Wie, mein Herr! was ich verschlang? – Das soll kein Vorwurf von mir sein! Sie befinden sich wohl, damit Punktum. Aber ich sage, wir wollen an die freie Luft; Sie sind lange genug bei Tische. – Wenn ich mich jedoch hier wohl befinde, mein Herr, wenn ich mit Herrn Darville von Geschäften spreche! – Sie sprechen eben so gut auswärts. – Was soll das heißen? auswärts! ... allein ich ... – Ha! zum Henker, Sie langweilen mich auch! Komm mit mir, Karl, weil ich es will, und wenn Sie's nicht zufrieden sind, so haben Sie's mit mir zu thun, verstehen Sie, Herr Vanflouck! nun wollen wir schweigen, denn ich kann kein Geschrei leiden und liebe den Frieden! Donnerwetter!« Karl thut sein Möglichstes, um die Eintracht zwischen seinen beiden Gästen wieder herzustellen; er versucht Mongérand zu beruhigen, schenkt dem Flamänder zu trinken ein; aber der Eine ist bereits erhitzt, und der Andere erstickt beinahe vor Zorn. Wie Karl bemerkt, daß diese Herrn nicht sich zu verständigen geneigt sind, entschließt er sich, Mongérand, welcher ihn schon bei einem Arme hält und nach der Thüre zieht, nachzugeben. Er geht, indem er Vanflouck noch zuruft: »Wir spielen eine Partie Billard, kommen Sie doch mit uns; Mongérand hatte nicht die Absicht, Sie zu beleidigen ... kommen Sie, wir trinken Punsch.« Vanflouck gibt keine Antwort und folgt den beiden Herren nicht; nachdem er noch ein Glas Bordeaux getrunken, verläßt er die Tafel und begibt sich zu Leonien; dieser war der stattgefundene Streit nicht unlieb, weil sie hoffte, er werde ihr einen dieser Herren vom Halse schaffen. »Haben Sie verstanden, Madame, was sich der Herr mir zu sagen erlaubte?« schrie Vanflouck, auf Leonien zutretend. »Mein Herr ... ja, ich glaubte zu verstehen ... so ein kleiner Zank. – Aber, Madame, wahrhaftig, nie sah man etwas Aehnliches! Wie? ich speise bei meinem Freund ... und ein Herr, den ich noch nirgends getroffen, erlaubt sich, mich anzufahren, es schlecht zu finden, daß ich bei Tische sitzen bleibe und mit Ihrem Gemahl spreche ... Außerordentlich! ... werde eine üble Verdauung davon haben ... wollen Sie mir gefälligst ein Glas Zuckerwasser geben. – Ja, mein Herr.« Vanflouck trinkt sein Zuckerwasser, indem er noch immer Ausrufungen hören läßt: »Ich gestehe, ich kann mich gar nicht fassen ... und Herr Darville gibt diesem Menschen nach, geht mit ihm aus! – Meiner Meinung nach das beste Mittel, Ihrem Streit ein Ende zu machen. – Sie haben Recht; vielleicht gab er aus Vorsicht nach, und ich weiß ihm Dank. Dieser Herr aber! so bei andern Leuten zu verfahren, wie ein von der Kette Gelassener! ... Wer ist denn dieser Mensch, Madame? – Ein alter Schulkamerad meines Mannes. – Ah! der garstige Mensch! Wird er Sie wohl öfters besuchen? – Sehr wahrscheinlich, mein Herr; mein Mann sagte zu ihm, sein Couvert sei immer bei uns gedeckt. – Desto schlimmer! ... thut mir Leid für Sie, Madame ... wird Ihre übrigen Bekannten vertreiben; was mich betrifft, so erkläre ich Ihnen, daß ich mich nie wieder mit diesem Menschen zusammen finden möchte, indem sonst leicht etwas Unangenehmes daraus entstehen könnte. Ich schätze Ihren Herrn Gemahl sehr; aber, so lange er diesen Händelsüchtigen in seinem Hause empfangt, werde ich nicht bei ihm essen! Ich rathe Ihnen sehr, Herrn Darville zum Bruch mit ihm aufzufordern. – Mein Mann liebt ihn bedeutend, mein Herr, und würde es nicht zum Besten aufnehmen, wenn man sich üble Nachreden über ihn erlaubte. – Alsdann, Madame, wird's mich verscheuchen, doch ... ich habe die Ehre, Sie zu grüßen.« Damit trollt sich Herr Vanflouck von hinnen, wiederholt ausrufend: »Ah! der garstige Mensch! ah! so etwas ist mir noch nie vorgekommen!« Leonie wäre es lieb, den Herrn Vanflouck los zu sein, nur thut's ihr leid, der Ankunft Mongérands, dessen Manieren und insbesondere dessen Reden ihr sehr mißfielen, diesen Dienst danken zu müssen. Mit Schrecken sieht die junge Frau, welche Innigkeit zwischen Mongérand und ihrem Manne herrscht, und jetzt, wo sich Karl mehr als je seinen Handelsangelegenheiten widmen sollte, fürchtet sie, dieser Freund, der sich in Paris festsetzen will, möchte ihn aufs Neue von seinen Geschäften abziehen. »Wäre nur wenigstens meine Tochter größer, hätte ich sie bei mir!« spricht Leonie bei sich selbst, mit einem düstern Blick auf den Stundenzeiger ihrer Uhr, »dann käme die Zeit mir minder lange vor! ich wäre nicht mehr allein, hätte eine Gesellschaft, eine Gefährtin; denn meine Tochter soll meine Freundin werden ... und vielleicht würde die Gegenwart seines Kindes meinen Mann ans Haus fesseln; ja! hätte ich meine Tochter, so wäre ich weit glücklicher, hätte ich sie da ... bei mir ... doch meine Laura ist erst neun Monate alt! ... wie lange muß ich noch allein harren! ...« Sie seufzt; düstere Gedanken mischen sich, all ihren Bemühungen zum Trotz, in ihre Träume zukünftigen Glücks. Es schlägt elf Uhr und Karl kommt nicht wieder; über diese Stunde pflegt er gewöhnlich nicht auszubleiben. Leonie, gewohnt, auf ihren Gatten zu warten, setzt sich zum Kamin und zählt jede Minute: »Wahrscheinlich hält ihn sein Freund zurück,« spricht sie bei sich selbst, »ihr erstes Wiedersehen. Ich will hoffen, daß ihn dieser Mongérand nicht immer so lange behält.« Mitternacht geht indessen vorüber. Leonie wird unruhig, sie zittert, es möchte ihrem Manne etwas zugestoßen sein; sie erinnert sich, daß Mongérand sagte, Karl hätte sich einmal schlagen sollen. Sie öffnet das Fenster, blickt in die Straße, lauscht; selten nur schallen noch Schritte von Vorübergehenden, und der röthliche Schein der Straßenlaterne erlaubt keinen sehr weiten Blick. Weitere drei Viertelstunden verstießen. Es ist kalt, ein Schauer durchrieselt sie, sie bemerkt es nicht, nicht mit sich ist sie beschäftigt, um ihren Mann ist ihr bange; verwundet, sterbend, ermordet stellt sie bereits ihn sich vor. Endlich vernimmt man Tritte; vor dem Hause hält ein Mann, und Leonie sinkt auf ihren Stuhl am Fenster zurück und murmelt: »Er ist's!« In der That, Karl ist's. Bald steht er an der Seite seiner Frau, eine Arie vor sich hin summend, nach Punsch und der Pfeife riechend und dunkelroth von Gesichtsfarbe. Weinend steht Leonie auf und umfängt den Gatten mit ihren Armen: »Ach! ... da bist Du!« ... ruft sie aus. »Nun ja! da bin ich,« entgegnet Karl mit verwunderter Miene; »was hast Du denn? glaubtest Du, ich sei verloren?« »Ach, ich glaubte Dich todt, verwundet, was weiß ich? Meine Einbildungskraft gebar die entsetzlichsten Gedanken ... Aber sieh einmal nach der Uhr, bald ein Uhr Morgens; so spät kommst Du mir nach Hause. – Ah! ich wurde aufgehalten. Mongérand traf alte Kameraden von seinem Regiment; wir spielten eine Partie mit den Herren ... Teufel! Du mußt sehr warm haben, um beim offenen Fenster zu bleiben. – Ich wollte sehen, ob ich Dich nicht bemerke oder kommen höre. – So, so, und auf diese Art bekommt man den Schnupfen. – Ach! ich dachte nicht an mich! – Du mußt vernünftiger werden, liebe Freundin. Was Teufel! man kann täglich Bekannte treffen, aufgehalten werden; ich kann nicht jeden Vorschlag abweisen ... Soll ich etwa sagen: Meine Herren, ich kann keine Partie spielen oder kein Glas Punsch trinken, weil meine Frau auf mich wartet und mich zanken könnte? Da würde man mich schön ausspotten. Ein ander Mal leg' Dich zu Bette, das ist weit besser. – So lang Du nicht zu Hause bist, vermag ich nicht zu schlafen! – Doch, doch! Du wirst Dich daran gewöhnen! – Ah! Du hast also im Sinn, künftig nicht mehr vor Mitternacht nach Hause zu kommen? – Das sage ich nicht, zufällig kann's aber geschehen. Nun! jetzt weinst Du; was sollen all diese Dummheiten da? – O! ich sehe zum Voraus, dieser Herr Mongérand wird Dir schlechten Rath ertheilen, Dich von mir entfernen. Er sagt, nach drei Monaten könne man seine Frau nicht mehr lieben; es sei immer das Gleiche! ah! welche abscheuliche Grundsätze! – O nein, nein! glaube das nicht; Mongérand selbst sagt's nur aus Spaß. Nun, weine nicht mehr; Du weißt wohl, daß ich Dich liebe, nur Dich liebe. – Wenn ich Dir aber immer gleich erschiene? ... – Wenn ich Dich aber liebe, ist's nicht genug? – Ach ja! aber ... wenn ... Du ...« Karls Küsse ersticken die Stimme seiner Frau, welche immer murmelte: »Ach! ... ja ... das Gleiche.« Elftes Kapitel. Zwei Freunde. Onkel Formerey, der sich zuweilen nach Paris begeben sollte, um seine Nichte und ihren Mann zu besuchen, konnte sein Vorhaben nicht ausführen; das Zipperlein verhinderte die Reise; es bannte den alten Negocianten in seine Stube, in seinen Armstuhl, wo es ihn langweilt, daß er nur selten Briefe von seiner Nichte und nie ein Wort von Karl empfängt, allein er denkt, dieser habe, ganz seinen Geschäften lebend, keine Zeit zum Schreiben; damit entschuldigt ihn der Greis. Von Leoniens Bruder erhielt Herr Formerey Nachrichten; der junge Mann hat das Mitgenommene gut verwerthet, aber den ganzen Ertrag in schlechten Spekulationen verloren; nunmehr verließ er Amerika, um sich nach Indien zu begeben, und Herr Formerey endigt den Brief, worin er Leonien Meldung davon macht mit den Worten: »Dein Bruder Adrian will nirgends gut thun: wer bald dies, bald jenes treibt, wird nicht reich: dieser Junge da wird nie ein guter Kaufmann werden.« »Armer Adrian!« spricht Leonie bei sich selbst, »wäre er hier, hätte ich doch wenigstens Jemand, dem ich meinen Kummer anvertrauen könnte. Auch Karls Freund wäre er, nicht wie die, welche sich diesen Namen beilegen und ihn von seinem Hauswesen entfernen, ihn täglich in seinen Geschäften stören ... Daß diese Leute seine Freunde sind, kann ich nicht glauben, so verstehe ich die Freundschaft nicht. Allein mein Bruder ist in weiter Ferne; vielleicht sehe ich ihn nie wieder! ... und Karl vernachlässigt seine Geschäfte völlig ... unsere Verpflichtungen werden immer größer; ich zittere, wenn ich in unser Kassenbuch blicke. Ist er bei mir, so verspricht er, sich mit dem Allem zu beschäftigen; aber einmal außer dem Hause, läßt er sich durch den Einen oder den Andern hinreißen ... Wenn ich seiner Mutter meine Besorgnisse mittheilte? Sie würde mit ihrem Sohn sprechen! Karl vielleicht auf sie mehr hören, als auf mich? ... Mich aber über meinen Mann beklagen! ... o! nein ... er liebt mich immer, und so lange er mich liebt, will ich keine Klage führen.« Was Leonie vorausgesehen, ist eingetroffen: Mongérands Zurückkunft macht Karl noch unordentlicher. Setzt er sich zufällig vor sein Schreibpult und will zu arbeiten versuchen, gleich kommt der lange Schreier, um ihn abzuholen; lärmend, fluchend und eine Cigarre rauchend tritt er ein, klopft Karl auf die Schulter und spricht: »Was Teufel machst Du denn diesen Morgen? ... man erwartet uns da unten; es gibt frische Austern. Du weißt, Germon hat gestern mit mir verloren.« »Mein Mann hat viel zu arbeiten, mein Herr,« sagt Leonie, mit einem Blick auf Karl, damit er bleibe. »O! seien Sie ruhig, Madame, er soll bald zurück sein, ein Dutzend Austern essen und ein Glas Chablis trinken! ... ist schnell abgethan! ... und Karl ist dann nur um so frischer für sein Geschäft ... Nun, Donnerwetter! komm doch ... wir sind lauter gute Kerls ... allein man hat geschworen, daß man nicht ohne Dich frühstücke.« Mit dem Versprechen baldigen Wiederkommens folgt Karl seinem Freund; auf der Straße spricht Mongérand: »Ist's so, brauchst Du die Erlaubniß Deiner Frau zum Ausgehen? O! das wär' einmal gar zu drollig! – Nein, nein, ich wollte arbeiten; doch gewiß, es steht mir frei, zu thun, was mir beliebt. – Nun, das laß ich mir gefallen, sonst würde ich Dir sagen: wirf eiligst das Joch ab, tritt Alles unter die Füße! die Weiber sind, wie wir sie machen, siehst Du! ein Mann, der sich unter den Pantoffel gibt, ist ein Dummkopf. Ich liebe die Frauen, achte sie, bin zuvorkommend gegen dieselben, und werde Dir nie schlechten Rath geben; aber Mohrenwetter! sei Mann! zeige Dich! laß Dich nicht regieren; läßt Du's einmal geschehen, bist Du verloren! – Ich wiederhole Dir, meine Frau ist sanft wie ein Lamm; ich fange mit ihr an, was ich will. – Gut, dann liebe sie, sei artig, freundlich gegen sie, aber laß Dich nicht regieren; sei Herr in Deinem Hause und Du wirst glücklich sein!« Mongérands Rathschlägen wird geneigteres Ohr geliehen, als Leoniens sanften Ermahnungen. Warum? Mongérand wiederholt Karln das im Café vor seinen Freunden; jeder der Herren will deutlicher zu verstehen geben, daß er Herr in seinem Hause sei; wer seiner Frau nachzugeben, sie um Rath zu fragen schiene, würde zum Gespötte werden; und diese Herren schlagen einen elenden Gemeinplatz, einen schlechten Witz eines ihrer Vergnügensgefährten höher an, als die Bitten und Thränen ihrer Frauen! Armselige Männer das, welche ihr Leben lang schreien, sie seien Herren in ihrem Haus, und zum Beweis nur Dummheiten machen! Die Zeit vergeht, ohne daß Karl gesetzter wird, Leonie wiederholt unaufhörlich, er werde sein Handlungshaus zu Grunde richten, ihre Lage werde bedenklich, und wenn er sich nicht ordentlicher benehme, werden sie ihre Verpflichtungen nicht mehr ehrenvoll erfüllen können. »Ich will arbeiten wie ein Neger!« sagt dann Karl, seine Frau küssend; »sei ganz unbesorgt, ich habe prächtige Geschäfte vor; Du glaubst, ich gehe nur des Vergnügens wegen aus? O! ich denke auch an's Geldverdienen. Vanflouck will mich mit einem Ausländer zusammenführen, welcher große Einkäufe zu machen hat. Ich sage Dir, es wird besser gehen, und ich gebe Dir einen schönen Kaschemir, den ich für Dich ins Auge gefaßt habe.« »Ich verlange keinen Kaschemir von Dir, mein Freund, aber wir haben eine Tochter, denk' an sie, wenn Du nicht an mich denkst. – Ich werde an uns Alle denken; ich habe für diesen Morgen ein herrliches Geschäft, eine Zusammenkunft mit einem Makler. – Geh also hin und versäume es nicht!« Karl geht mit dem Entschluß, seine Geschäfte zu besorgen. Nur aus Gewohnheit und um einen Blick auf die Journale zu werfen, tritt er ins Café; dort trifft er Mongérand beim Frühstück: »Setz Dich hieher,« ruft dieser ihm zu: »da vor mich hin ... Kellner, noch ein Couvert! – Nein, ich habe ein Stelldichein diesen Morgen. – Um welche Zeit? – Um zwölf Uhr. – Kaum ist's elf Uhr, hast wohl noch Zeit ...« Karl nimmt Mongérand gegenüber Platz; darauf erscheinen zwei andere Freunde, dann ein dritter; das Frühstück zieht sich in die Länge; es schlägt ein Uhr, Karl erinnert sich an sein Stelldichein und geht. Noch hat er keine hundert Schritte gemacht, als ihm Vanflouck in den Weg rennt; der dicke Holländer bemächtigt sich seines Armes und sagt: »Freut mich, daß ich Sie sehe, denn ich gehe nicht mehr in Ihr Haus, um nicht auf Ihren Teufelsfreund zu stoßen, habe jedoch viel mit Ihnen zu sprechen. – Man erwartet mich um zwölf Uhr. – So erwartet man Sie nicht mehr, da es ein Uhr ist! – Verzeihen Sie mir. Nun! wohin gehen Sie denn? – Rue d'Antin. – Ich gehe mit, wir schwatzen unterwegs; zuerst trinken wir irgendwo ein Glas Bittern! – Aber! ... – Ah! Sie sind ein guter Kerl? ... ja oder nein? – Ich denke, ja. – Dann werden Sie mein Glas Bittern annehmen.« Man tritt ins Café, Vanflouck setzt sich hier nie für kurze Zeit. Der Bittere ist nur das Vorspiel für andere Liqueure. Karl möchte fort, aber Vanflouck schwatzt immerwährend; sieht er Karl nach der Uhr blicken, sagt er zu ihm: »Wir gehen!« steht aber nicht auf. Um zwei Uhr endlich gelingt es Karl, sich zu der Person zu begeben, die ihn erwartet hatte, aber ausgegangen war, als sie ihn nicht kommen sah. Leonie hat ihre Tochter wieder zu sich genommen; die kleine Laura fängt zu sprechen an; Karl küßt sie oft mit voller Zärtlichkeit; er liebt sein Kind; die süßesten Gefühle der Natur sind in seinem Herzen keineswegs erstickt, dies hält auch die junge Mutter aufrecht und läßt sie auf eine geordnetere Lebensweise ihres Mannes hoffen. Seit sie ihre Tochter bei sich hat, wird ihr die Zeit nicht mehr lang, und obgleich die kleine Laura mit ihrer Mutter noch nicht plaudern kann, zieht diese doch ihre Gesellschaft jeder andern vor, und an der Wiege ihres Kindes sitzend, wartet sie geduldiger auf ihren Mann. Die Rozat besuchen fortwährend Karls Hause; doch nur selten ist der Freund mit den Honigpartien bei den von Mongérand vorgeschlagenen Wirthshauspartien. »Rozat ist ein Lauwasserhahn!« sagt Mongérand, wenn der lange Blondkopf einen Gang ins Café ausschlägt, »er hat nie heißer in den Hundstagen! ... er fürchtet, sich krank zu machen ... aus der Ordnung zu kommen, wenn er mit uns geht! ... da laß ich mir Karl gefallen! das ist ein Mann! auch hat ihn Jeder gern! ... man reißt sich um seine Gesellschaft! ...« Herr Rozat hat keine Lust, mit Mongérand zu gehen, weil er weiß, daß bei ihm die Lustpartien nur selten ohne einen Streit ablaufen; und da er Leoniens Kummer über die verschwenderische Lebensweise ihres Mannes bemerkte, affektirt er vor der jungen Frau eine Gesetztheit, welche seinem Herzen ferne liegt. »Diese Herren mögen umherschwärmen,« sagt Rozat, wenn er mit seiner Gattin und Leonie zurückbleibt; »mich verführt's nicht; ich weiß nicht, welches Vergnügen man daran finden kann, seinen Abend in den Café's zuzubringen! man ist so gut in seinem Hauswesen! ich hing stets mit Liebe an Haus und Herd! ...« »Ach, Madame!« spricht Leonie dann wohl zu Frau Rozat, »wie glücklich sind Sie, einen Gatten zu besitzen, der nicht gerne ausgeht!« »O ja!« murmelt die Angeredete bitter lächelnd, vor sich hin, »ich bin sehr glücklich! es möchte einem Angst und bange machen! ...« Herr Rozat bringt indeß seine Frau nicht jedesmal mit; in Karls Haus namentlich geht er lieber allein; er ist der Abwesenheit seines Freundes beinahe sicher, und ein Tête-é-tête mit Leonien däucht dem großen Blondkopf etwas besonders Angenehmes; er bemüht sich alsdann, die verführerischsten Mienen zu machen, die süßeste Stimme anzunehmen und die liebenswürdigsten Dinge zu sagen. Bei Leonien sind aber alle Bemühungen, alle Verführungskünste verloren; sie bemerkt solche nicht oder stellt sich wenigstens so. Das wundert nun Herrn Rozat, welcher sich für sehr verführerisch hält und nicht glaubt, daß ihm irgend eine Frau widerstehen könne, bedeutend. Als er eines Abends wieder einen Besuch bei Karl abstattet, findet er, wie gewöhnlich, Leonie ohne andere Gesellschaft, als ihr Töchterchen in der Wiege. Die junge Mutter scheint düsterer als sonst, ihre Augen sind rothgeweint und noch feucht; Rozat hält den Augenblick zum Anerbieten seiner Tröstungen für günstig. »Karl ist ausgegangen?« fragt er mit gleichgültiger Miene. – »Ja, mein Herr. – O! ich bildete mir wohl ein, daß ich ihn nicht fände, und bin seinetwegen auch nicht gekommen. Er ist aber sehr selten zu Hause? – Ach ja! – Wahrhaftig, ich begreife sein Benehmen nicht! ... eine junge, schöne liebenswürdige Frau zu haben, welche alle Vorzüge in sich vereint, und sie so allein zu lassen! verlassen! o! das ist schlecht, sehr schlecht! An Ihrer Stelle, Madame, würde ich mich an einem Manne rächen, welcher die Reize und den Schatz, den er besitzt, nicht zu würdigen versteht.« »Mich rächen?« versetzt Leonie naiv, »und wie denn? ...« Rozat rückt seinen Stuhl naher: eine solche Frage, meint er, sei eine Aufforderung zu einer Erklärung, man ermuthige ihn zum Sprechen. Er lächelt, seufzt, blickt zuerst Leoniens Fuß an, hierauf ihre Hand, dann ihre Kniee: er verdreht die Augen, als wolle er in Ohnmacht fallen, und endlich murmelt er: »Sie fragen, wie? – Ja freilich, mein Herr; denn ich habe gar nicht verstanden, was Sie mir eigentlich sagen wollten.« »Sie haben nicht verstanden? ... die Damen verstehen sich indeß auf Anspielungen! – Es scheint, mein Verstand ist weniger durchdringend, als der der übrigen. – O! er ist's im Gegentheil vollkommen; wie Alles, was sich in Ihrer Person vereinigt. Sie sind ein Zusammenfluß aller Reize. – Aber Sie geben mir keine Antwort auf meine Frage, mein Herr! – Doch, ich komme gerade darauf, wenn ich Ihnen sage, daß, wer Ihre Reize nicht zu schätzen weiß, unwürdig ist, sie zu besitzen, daß Sie nicht geschaffen sind, in beständiger Abgeschiedenheit zu leben ... daß es noch andere Männer gibt, welche Sie anzubeten, ihnen zu huldigen wissen ... daß ich um ein zärtliches Geständniß von Ihren Lippen mein Leben hingäbe ... daß ich die verzehrende Flamme, welche Sie in mir anfachten, nicht länger bergen kann ... daß ...« »Was wagen Sie mir zu sagen? Herr!« ruft Leonie aufstehend und sich von Rozat entfernend. »An die Gattin Ihres Freundes erlauben Sie sich solche Reden? – Ei, und warum denn nicht? Wenn mein Freund seine Gattin vernachlässigt, so kommt es, glaube ich, eher mir, als Andern zu, ihr die verdienten Huldigungen darzubringen ...« »Ah! mein Herr! ... und Sie geben sich für Karls Freund aus! ... – Aber Sie sind ein Kind! Sie betrachten die Dinge nicht aus dem rechten Gesichtspunkt; erstlich ist die Liebe, welche Sie mir einflößen, unendlich viel stärker, als meine Freundschaft für ihn, und dann, welchen Schaden brächte es ihm wohl? Bei mir haben Sie nicht die geringste Schwatzhaftigkeit zu befürchten; ich würde Sie anbeten ... würde Sie ...« »Ha! zu viel, mein Herr! ich weiß nicht, was Sie kühn genug zu solchen Reden machen konnte? Hoffentlich werden sie jedoch zum letztenmal an mich gerichtet! sonst, mein Herr, müßte ich meinen Gatten von Ihren Gefühlen für mich in Kenntniß setzen; und wiewohl Sie es von Seiten eines Freundes ganz natürlich finden, glaube ich doch nicht, daß er es ebenso aufnehmen würde ...« Herr Rozat steht wie vom Donner gerührt, er hoffte, seine Erklärung und das Spiel seiner Augen würden eine ganz andere Wirkung hervorbringen. Er weiß nicht mehr, was er sagen soll; nach einer Weile stottert er hervor: »Möglich, Madame, daß mich mein Gefühl für Sie zu weit führte, doch werden Sie nicht so bösartig sein ...« »Nein, mein Herr, wenn Sie, wie ich hoffe, nie wieder auf diesen Gegenstand zurückkommen, werde ich Ihre Reden von diesem Abend aus meinem Gedächtniß zu verwischen wissen; ich verspreche, nicht im Mindesten mehr daran zu denken.« Rozat schweigt auf's Neue; Leonie hat keine Lust, das Schweigen zu brechen; Karls Freund ergreift seinen Hut und verabschiedet sich, mit Mühe durch ein Lächeln den in ihm tobenden Zorn und Aerger verbergend. Leonie grüßt ihn höflich und sagt ihm dann, da eine Frau ihre Rache immer durch einen boshaften Zug beschließen muß: »Wollen Sie gefälligst Ihrer Frau Gemahlin viel Liebes und Gutes von mir ausrichten und sie in meinem Namen küssen.« »Werde nicht ermangeln, Madame,« antwortet Rozat mit erstickter Stimme, wobei er wegen seiner Eilfertigkeit im Fortgehen mit dem Kopf an die Thüre rennt. »Und diesen Menschen hält Karl für seinen Freund!« spricht Leonie bei sich selbst; »ach! ich fürchte sehr, die Mehrzahl Derer, mit denen er sein Leben hinbringt, sind nicht mehr werth, als dieser Rozat! ... Und um in der Gesellschaft solcher Leute zu sein, um ihren Beifall zu erlangen, vernachlässigt Karl sein Hauswesen, seinen Handel. Tugend, wahres Glück haben demnach nicht viele Reize. O, meine Laura! soll auf diese Weise die glänzende Zukunft sich verwirklichen, in welcher Dein Vater Dich wiegt?« Am andern Tage nach Rozats Liebeserklärung empfängt Leonie die Nachricht von der Nichtbezahlung zweier abgegebener Wechsel, welche man zur Wiedereinlösung vorweisen werde. An diesem Tage noch sollen die achttausend Franken bezahlt werden; aber seit langer Zeit hat Karls Kasse für solche unvorhergesehene Zufälle keine Hülfsgelder mehr. Leonie läuft eiligst zu ihrem Manne, welcher gerade einige Saiten über seine Violine spannt, sie zeigt ihm den eben erhaltenen Brief mit dem Ausrufe: »Wie machen wir's? eine solche Summe haben wir nicht! doch müssen diese beiden Tratten eingelöst werden, ehe wir von den Ausstellern bezahlt sind.« »Teufel!« spricht Karl, »haben wir diese achttausend Franken nicht in der Kasse? – Brauchen könnten wir's wohl! ... Wenn Du häufiger in unsere Bücher schautest, würdest Du unsere Lage besser kennen. – Wahrlich, ich kann nicht immer an die Bücher festgebannt sein! ... Eine schlechte Quintsaite das ... hat Knoten, ich wette, sie bricht. – Bedenke, lieber Freund, daß man heute noch wegen der Einlösung kommen wird! – Ich verstehe wohl ... heute ... schau! ... krach ... was hatte ich Dir gesagt? ... schlechte Quinte, taugt nichts! – Ich kann Deine Gleichgültigkeit nicht begreifen, Karl, es handelt sich hier um die Ehre Deiner Unterschrift und Du hörst mich nicht. – Bitte um Vergebung, liebe Freundin, ich höre und verstehe Dich, aber ich sehe die Nothwendigkeit nicht ein, warum man augenblicklich unruhig, untröstlich sein soll! ... Ei, mein Gott, diese achttausend Franken will ich schon auftreiben! Habe ich nicht Freunde? ich stehe mit Jedermann gut! ... Ich lasse die Violine, denn ich sehe, daß Dich's ärgert; will mich ankleiden und auf den Weg machen. Ich wette, die uns nöthige Summe ist bald gefunden; wir geben sie zudem ungesäumt wieder zurück. – Ich fürchte sehr, Karl, Du möchtest über die Gesinnungen der Leute, welche sich Deine Freunde nennen, in großem Irrthum sein! – Bah! die Menschen sind nicht so schlecht, als man glaubt. Und meinst Du, ich könne auf meine Schulkameraden nicht zählen? Richtig, gestern früh begegnete ich Rozat, wie er Geld auf der Staatskasse erhoben hatte; er ist bei Kasse, ich gehe zu ihm.« »Nein, Karl, nein, ich bitte Dich herzlich,« rief Leonie, ihren Mann am Arm zurückhaltend; »wende Dich nicht an Herrn Rozat ... es wäre mir ärgerlich ... würde mir Kummer machen. – Warum denn? – Weil ich überzeugt bin, daß er Dir's abschlüge. – O! Du hast immer eine schlechte Meinung von den Personen, die ich liebe; ich bin sicher, Rozat schlägt mir's nicht ab! – Wäre es aber nicht besser, wenn Du Dich an Deine Mutter wendetest, statt bei Freunden zu borgen? ... sie würde uns nicht abweisen.« »Da werde ich mich wohl hüten und der Mutter meine Verlegenheit erzählen! das trüge mir Strafpredigten, Moral ein! es schiene, als wisse man sich nicht zu benehmen. Ueberdies hat meine Mutter diese Summe wahrscheinlich gar nicht; sie gab mir, was mir von meinem Vater aus gebührte und behielt nur so viel, um anständig zu leben, aber nicht, um sich noch Ersparnisse zu machen. Es bleibt dabei, ich gehe zu Rozat.« Leonie hält ihren Gatten noch immer beim Arm; sie kann den Gedanken nicht ertragen, daß er denjenigen um einen Dienst anspricht, der am vorigen Abend seine Frau verführen wollte; sie weiß nicht, wie sie diesen Schritt verhindern soll, denn sie möchte das versprochene Schweigen nicht brechen. »Laß mich doch fortgehen, Leonie! – Ach! es würde mir wahrhaftig Kummer machen, wenn Du bei diesen Leuten da borgtest; vielleicht ist's kleinlich von meiner Seite! allein sie halten uns für reich, für wohlhabend wenigstens, und Du willst sie von dem Gegentheil belehren? – Kann man im Handel nicht in die Klemme kommen? – Freilich; allein ich kenne Madame Rozat, sie wird sagen: Herr Darville würde besser daran thun, wenn er seiner Frau keine so schönen Ohrringe kaufte und so viel in Reserve behielte, daß er seine Wechsel remboursiren kann! – Ah! Du glaubst, sie würde so sprechen?« Diese Bemerkung bringt Karl zum Nachdenken, er scheint zu zaudern; in diesem Augenblicke tritt Mongérand in das Gemach. »Nun, nun! was gibt's denn diesen Morgen? ich finde euch Beide etwas düster. Madame ist noch ernster als gewöhnlich, und Du selbst, Karl, siehst etwas ärgerlich aus ... hat's Ehehändel gegeben?« »O nein! mein Herr,« versetzte Leonie, »wir haben nie Händel. – Nun, das läßt sich hören! Donnerwetter! denn ich liebe den Frieden bei meinen Freunden, wie überall. – Sieh, Mongérand, ich will Dir sagen, was uns ein wenig quält; wir haben heute noch achttausend Franken zu zahlen und diese Summe fehlt uns. – Gut, hast Du keine Freunde? – Doch ... das sagte ich auch zu meiner Frau, und als Du kamst, wollte ich gerade zu Rozat gehen, der soll mir's borgen ... – Zu Rozat? der möchte einen närrischen Borger abgeben! Ehe ich geerbt hatte, wollte er mir nie hundert Franken leihen, unter dem Vorwand, das Heimgeben würde mich in Verlegenheit bringen; so wie ich aber einmal Geld hatte, o! da bot er mir seine Börse an! Ei und warum wendetest Du Dich nicht lieber an mich, als an Rozat? ... ich bin, glaube ich, zum mindesten eben so gut Dein Freund, als er ... – Aber Mongérand, ich wußte nicht, ob ... – Ob ich bei Kasse sei ... O! ich habe noch nicht Alles durchgebracht! so viel ich weiß, habe ich noch acht bis neuntausend Franken. Ist nichts mehr vorhanden, so will ich wieder ans Geldverdienen denken. Laß hören, wie viel brauchst Du? achttausend Franken? – Ja. – Warte zwanzig Minuten, ich nehme ein Cabriolet ... an der Ecke sage ich, man solle uns Austern aufmachen ... sogleich bin ich dann zurück.« Noch ehe man ihm antworten konnte, war Mongérand weg, und noch sind die zwanzig Minuten nicht verflossen, als er mit dem Geld wieder erscheint und es mit den Worten auf den Schreibtisch legt: »Da hast Du, was Du brauchst, jetzt bist Du ruhig, komm, laß uns frühstücken!« »Diesen Dienst werd' ich Dir nie vergessen, Freund,« entgegnet Karl, seinem Kameraden die Hand drückend. – »Geh doch! ist's nicht ganz natürlich? Komm, frühstücken! – Aber mein Mann hat Ihnen keinen Schein gegeben,« bemerkt Leonie ... »Warten Sie! das ist gleich geschehen ... – Einen Schein! ... für wen halten Sie mich? ... seid ihr Betrüger, eins oder das Andere? Nein, nein, nie einen Schein unter Freunden, das ist unnöthig! ... Vorwärts, Karl.« Karl küßt seine Frau und raunt ihr ins Ohr: »Glaubst Du jetzt, daß dieser mein Freund ist?« Seine Frau erwidert nichts, allein seufzend spricht sie bei sich selbst: »Ach! vielleicht ist's ein Unglück, daß wir ihm Verbindlichkeiten schuldig sind! ...« Zwölftes Kapitel. Eine Partie anderer Art. Leonie traf Anstalt, daß ihr Mann nicht lange Mongérands Schuldner blieb; aber nach Tilgung seiner Schuld bewahrte Karl nicht weniger die innigste Dankbarkeit für seinen Freund. Die Art, auf welche dieser ihm den Dienst leistete, das dabei an den Tag gelegte Vertrauen vermehrte noch Karls Freundschaft für den Jugendgefährten, und das unbedeutendste Wort gegen denselben würde sehr übel von ihm aufgenommen werden. Die Folge dieser Begebenheit ist, daß Karl noch weniger zu Hause bleibt; denn nun kann er keine von Mongérand vorgeschlagene Partie, kein Mittagessen, keinen Spaziergang mehr abweisen; lieber würde er dreimal frühstücken, auf die Gefahr hin, sich krank zu machen, ehe er die von Mongérand angebotenen Kalbsrippchen oder Austern nicht annähme; und daran besonders erkennt man einen guten Kerl: er ißt immer, selbst wenn er keinen Hunger mehr hat; er trinkt noch, selbst wenn er sich schon berauscht fühlt; er geht spazieren, wenn er müde ist, oder läßt sich in einer Kneipe einräuchern, wenn er Lust zum Spazierengehen hätte; ja, er steigt zu Pferde, ohne daß er reiten kann und jagt auf Tod und Leben, und das Alles, damit er mit einem gewissen Stolz, die Hände in den Taschen, sagen kann: »O! ich thue Alles, was man will!« Leonie hatte daher Recht gehabt, zu seufzen, als sie von Mongérand einen Dienst empfing, wiewohl sie seine Gefälligkeit anerkannte; allein Leonie sah voraus, daß dieser Dienst sie theuer zu stehen kommen würde, und hierin irrte sie nicht ... Jemanden, den man nicht achtet, Dankbarkeit schuldig zu sein, ist ein Unglück, und Leonie konnte denjenigen nicht achten, welcher Karl jeden Tag von seinem Hause fern hielt und seine Geschäfte gänzlich vernachlässigen ließ. Und doch hätte Karl mehr als je an die Zukunft denken sollen; abermals trägt seine Frau ein Pfand seiner Zärtlichkeit unter ihrem Herzen; mit überschwänglicher Freude empfing er diese Nachricht; er küßte seine Gattin und rief aus: »Das wird ein Knabe! ich bin's sicher! ... O! ich wäre überglücklich, wenn ich einen Knaben hätte! ... ich werde ihm alle möglichen Lehrer geben! ... Er soll eine ausgezeichnete Erziehung erhalten! ... O! Du wirst sehen, Leonie, wie gut ich ihn erziehen werde!« »Mein Freund, um ihn gut zu erziehen, ihm alle Lehrer zu geben, müssen wir wohlhabend sein, das bedenke zuerst; schon haben wir eine Tochter, dann also zwei Kinder ... Karl, wäre es jetzt nicht Zeit, ernstlich an Emporbringung unseres Handels zu denken? ...« »Ich denke ja auch daran, ich versichere Dich. – Das sollte man nicht glauben! Du bist nie zu Hause, blickst nicht in Deine Bücher! – Ich weiß, daß Du sie sehr gut führst, ich verlasse mich darin auf Dich. – Ich kann nicht Alles thun ... und in einiger Zeit werde ich mich weniger mit meiner Schreiberei beschäftigen können ... – O! wenn Du in Deiner Schwangerschaft weiter voran bist, arbeite ich für zwei. – Das sagtest Du mir schon lange. – Nicht meine Schuld, wenn man mich stört. – Du brauchst nur nicht alle an Dich ergehende Einladungen anzunehmen. – Es gibt Leute, welche böse werden, wenn man ihre Artigkeiten ausschlägt. – Bei Mongérand hast Du aber nicht nöthig, Dich zu geniren; Du darfst ohne Umschweife mit ihm sein. – Bin es auch. – Nun gut! Gestern gingst Du aus! für einen Augenblick, wie Du mir sagtest, und kamst erst um Mitternacht nach Hause. – Weil man mich als vierten Mann zu einer Dominopartie brauchte, welche kein Ende nehmen wollte. – Du liebst also das Domino sehr, mein Freund? – Ganz und gar nicht; dieses Spiel ist mir im Gegentheil höchst langweilig. – Und Du spielst es den ganzen Abend ? – Um meinen Freunden Vergnügen zu machen. – Und kannst nicht früh heimkommen, um Deiner Frau Vergnügen zu machen?« Seit seine Erklärung so schlecht aufgenommen wurde, geht Rozat weniger oft in Karls Haus, und trifft er dann Leonien allein, so affektirt er eine melancholische Miene, erhebt die Augen zum Himmel, oder heftet sie starr auf den Boden und scheint seine Seufzer zu ersticken; da er jedoch kein Wort mehr von dem sagte, was Leonie nicht hören will, so behandelt diese ihn wie zuvor, das heißt, mit völligster Gleichgültigkeit, und dies ärgert den schönen Blondkopf nicht wenig; denn es gibt Leute, welche die Gleichgültigkeit einer Frau, der sie gefallen möchten, nicht ertragen können; es wäre ihnen lieber, wenn sie Haß, Zorn in ihren Augen fänden, als jene eiskalte Höflichkeit, welche nicht einmal erlaubt, böse zu werden. Es gibt andere, philosophischere, welche sich bescheiden und nach einiger Zeit selbst erstaunen bei dem Gedanken, daß sie in diese Person je verliebt gewesen sind. Leonie rückt in ihrer Schwangerschaft vor, Karl hält aber sein gegebenes Versprechen nicht. Zuweilen beklagt sich die junge Frau, allein man wird es müde, denjenigen mit Bitten zu bestürmen, der sie nicht hört. In Küssen und Liebkosungen ihrer kleinen Laura sucht Leonie Zerstreuung von ihren Besorgnissen und ihrem Kummer. Die Kleine zählt über zwei Jahre, kann ihrer Mutter Antwort geben, welche, sie auf ihren Knieen wiegend, öfters bei sich selbst spricht: »Diese wird hoffentlich meine Freundin, meine treue Gefährtin werden; sie wird ihr Glück nicht ferne von mir suchen.« Karls Nachlässigkeit hat ihm bereits das Vertrauen mehrerer seiner Geschäftsfreunde entzogen: eines Tages, als Leonie, noch trauriger als gewöhnlich, ihre Tochter an das Herz drückend, bittere Thränen vergoß, steht plötzlich Madame Darville vor ihr. Seit einiger Zeit ging Karls Mutter nur sehr wenig aus; ihre Krankheit hat sich verschlimmert, sie verließ daher selten ihre Wohnung, wo einige Freunde ihr Gesellschaft leisteten. Sie beklagte sich, daß sie ihren Sohn und seine Frau nur von Zeit zu Zeit sehe, allein sie dachte, die Sorge für ihr Hauswesen sei's, was sie ihres Besuchs beraube. »Hier bin ich,« begann Madame Darville, ihre Schwiegertochter küssend; »Ihr kommt nicht zu mir und so muß wohl ich zu Euch kommen, obgleich ich mich nicht sehr wohl befinde. Laß einmal die Kleine sehen, daß ich sie küsse ... O'. wie hübsch wir sind! ... Sie packen sie zu sehr ein, liebe Schwiegertochter, die Kleine erstickt ja; man muß ein Kind nicht so mit Kleidern überladen. – Sehen Sie doch einmal, Mama, wie schöne Haare sie schon hat. – Ja, ja, sie ist sehr niedlich, sie gleicht meinem Sohn; man darf sie aber nicht zu sehr bedecken ... Um auf meinen Sohn zu kommen! warum besucht er mich denn nicht? Ist er nicht auf seinem Comptoir? – Nein, in diesem Augenblick nicht. – Und wo geht er denn um diese Zeit hin? Sie können nicht immer im Laden sein; Ihr Zustand fordert Ruhe; Sie scheinen ermüdet; Ihre Augen sind sehr roth! Ei! du mein Gott! was geht denn hier vor? Haben Sie geweint, liebe Freundin? – O nein, Mama; ich versichere Sie, daß ... – Ich sage Ihnen, Sie haben geweint! Sollte Karl Ihnen Kummer gemacht haben? Nun! erzählen Sie mir's. Liebt Sie mein Sohn nicht mehr? – O doch! Dem Himmel sei Dank, er liebt mich noch immer! Ach! wenn er mich nicht mehr liebte, dann hätte ich keinen Muth mehr, wäre recht unglücklich! – Nun gut! was macht Sie denn aber weinen? Bedenken Sie, Leonie, daß ich ebenfalls Ihre Mutter bin; erzählen Sie mir Ihre kleinen Kümmernisse.« Von ihrer Schwiegermutter gedrängt, theilt Leonie dieser einen Theil ihrer Besorgnisse mit; wobei sie indeß sich Mühe gibt, Karl als wider seinen Willen fortgerissen darzustellen, und selbst seine Fehler zu beschönigen sucht; aber Madame Darville, welche ihren Sohn ganz mit seinem Handel beschäftigt glaubte, wird äußerst aufgebracht gegen ihn, und ist besonders damit höchst unzufrieden, daß er Mongérand zu seinem Gesellschafter macht. »Dieser Mongérand ist ein liederlicher Bursche, ein Taugenichts, dessen bin ich gewiß!« ruft Madame Darville aus: »in der Pension stiftete er immer Streit und Händel, er war Schuld, daß mein Sohn dreimal an Sonntagen mit großen Beulen am Kopf nach Hause kam; schon als Knabe konnte ich denselben nie leiden; ich sagte Karl, er solle ihn nicht wieder sehen, seine Gesellschaft fliehen ... aber man will nicht auf seine Mutter hören ... lieber macht man dumme Streiche.« Leonie sucht ihre Schwiegermutter zu besänftigen, als Karl plötzlich nach Hause kommt und bei dem Anblick seiner Mutter etwas erstaunt stehen bleibt. »Mich erwarteten Sie nicht, mein Sohn!« redete ihn Madame Darville mit ernster Miene an. »Aber ich muß wohl zu Ihnen kommen, weil Ihnen Ihre großen Geschäfte keine Zeit zu einem Besuche bei mir übrig lassen ... weil Sie Ihren Freund Mongérand nicht verlassen können.« Karl gibt keine Antwort, aber sein Gesicht wird finster; Leonie bereut es sehr, ihren Kummer der Schwiegermutter mitgetheilt zu haben; diese fährt fort: »Ich gestehe, mein Sohn, ich entschuldigte Ihre Vernachlässigung hinsichtlich meiner, weil ich glaubte, Sie leben gänzlich Ihren Geschäften, Ihrem Handel, ... doch weit entfernt! vielmehr vernehme ich, daß Sie beinahe nie zu Hause sind, Ihre Frau, Ihr Kind, Ihre Handlung verlassen ... Ha! Karl, das ist schlecht, sehr schlecht! Sie konnten nie einer Lustpartie widerstehen ... aber durch die Ehe, glaubte ich, würden Sie gescheiter werden. – Ich weiß nicht, warum Sie mir das sagen, meine Mutter! ... wenn jedoch meine Frau über meine Aufführung Klage zu führen hatte, so scheint mir's, hätte sie sich mit ihren Vorwürfen zuerst an mich wenden sollen.« »Ach nein, lieber Freund, ich habe mich nicht über Dich beklagt,« antwortete Leonie, das Sacktuch vor die Augen haltend, »ich habe nur von Deinen Bekanntschaften gesprochen, die Dich manchmal abhalten.« »Ihre Frau wollte mir nichts sagen,« nimmt Madame Darville wieder das Wort, »aber glauben Sie, ich hätte ihre rothgeweinten, feuchten Augen nicht gesehen, hätte nicht tief in ihrem Innern gelesen? Sie ist zu gut vielleicht, darin liegt Ihr einziger Fehler; sie beklagt sich nicht, aber ich beklage mich; Sie sind nicht zu Hause, kommen nie zu mir und gehen mit einem Mongérand ...« »Ich weiß, meine Mutter, daß Sie Mongérand nicht lieben und irgend ein Vorurtheil gegen ihn haben, es ist jedoch sehr schlecht gegründet; Mongérand ist mein aufrichtiger Freund, das hat er mir bewiesen, hat mir seine Kasse aufgethan, als ich mich in Verlegenheit befand ... daran hätte meine Frau denken sollen, eher, als Sie gegen ihn erbittern.« »Ihre Frau hat mir nicht gesagt, daß Sie Geld brauchten; ohne Zweifel hätte sie gefürchtet, mich durch Belehrung über den schlechten Stand Ihrer Angelegenheiten zu betrüben ... und das nach dreijährigem Etablissement? ... Ha! mein Sohn, so führte Herr Formerey sein Haus nicht! ... Ich wiederhole Ihnen: nicht dadurch, daß Sie Ihre Tage außer dem Hause zubringen, nicht durch den Umgang mit Leuten, die beständig in Café's und Bierkneipen herumliegen, werden Sie Ihren Handel gut umtreiben ... arbeiten müssen Sie, und insbesondere zu verhindern suchen, daß sich Ihr Weibchen durch Arbeiten an Ihrer Stelle zu sehr anstrenge und krank mache. Ich denke, mein Sohn, Sie werden ordentlicher, häuslicher werden, sonst wäre ich gezwungen, mich mit Ihnen zu überwerfen, und ich hoffe, es wird Ihnen an der Freundschaft Ihrer Mutter noch etwas gelegen sein.« Nach diesen Worten küßt Madame Darville ihre Schwiegertochter und ihre Enkelin und geht weg, indem sie Karl noch zuruft: »Ich werde mich erkundigen, mein Sohn, ob Sie meinen Rath beherzigt haben.« Die Mama ist fort; Leonie halt noch immer ihre Tochter in den Armen; sie wagt nicht zu sprechen, blickt ihren Mann verstohlen an und fürchtet Zorn aus seinen Augen blitzen zu sehen. Karl scheint wirklich sehr schlechter Laune; einige Minuten bleibt er nachdenklich stehen, nachdem er hierauf ausgerufen: »An diesen Auftritt werde ich denken!« greift er wieder nach seinem Hut und verläßt eiligst das Zimmer. Karl läuft nach dem Café, wo er Mongérand zu finden pflegt, dieser ist jedoch nicht da; nur Vanstouck sitzt bei seinem dritten Gläschen Bittern und schreit ihm zu: »Kommen Sie doch zu mir her, lieber Darville; ich erwarte zwei Landsleute, mit welchen ich speise ... Sie sollen dabei sein ... inzwischen machen wir ein Domino ... und sprechen von Geschäften ...« Karl fühlt sich nicht zum Dominospielen aufgelegt, er bedarf der Zerstreuung, er muß seiner Galle Luft machen, und das vorgeschlagene Spiel verführt ihn nicht; er schützt Geschäfte vor und geht, ohne auf Vanstouck zu hören, welcher ihm nachschreit: »Ich gebe Ihnen zehn vor und lasse Ihnen immer den ersten Stein ...« Seit einer Weile ergeht sich Karl im Garten des Palais-Royal, als ihn Rozat am Arme faßt: »Guten Tag, vortrefflicher Freund, was machen Sie hier? warten Sie auf Jemanden? – Nein, ich spaziere umher, mich zu zerstreuen, bin heute so geärgert worden. – Geärgert! ... durch wen denn? – Meine Frau führte bei meiner Mutter Klage, daß ich meine Geschäfte vernachlässige und diese hielt mir eine Strafpredigt! – O! ich verstehe! ... geht mir mit einer Frau, welche sich bei der Schwiegermutter beklagt! da nehmen die Scenen kein Ende mehr ... erbärmlich! ... Meine Frau hatte auch so einen Oheim, welchem sie im Anfang unserer Ehe all mein Thun und Treiben hinbrachte. Eines Tages wollte mir der Onkel Vorstellungen machen, mir vorschreiben, wie ich mich zu benehmen habe; da packte ich ihn bei den Ohren und warf ihn zur Thüre hinaus, um ihn zu lehren, sich in mein Hauswesen zu mischen. – Wie, Sie warfen Ihren Oheim zur Thüre hinaus? – Ja, mein Freund! O! ich bin schrecklich, wenn man meine Rechte antasten will! ... meine Frau sieht keine einzige Person ihrer Familie ... ich trug Sorge, sie mit allen ihren Anverwandten zu entzweien; diese ertheilten ihr schlechten Rath. Seitdem leben Madame Rozat und ich wie Turteltauben; Sie selbst waren Zeuge davon. – Ja; o! ein reizendes Eheleben; meine Frau ist ebenfalls sanft, aber ... – Aber ich glaube, sie mengt sich zu viel in Ihre Angelegenheiten, was bedeutende Nachtheile hat ... Sehen Sie, da kommt Mongérand, ich wette, er wird ebenso sprechen, wie ich.« Wirklich kam Mongérand gerade auf seine Freunde zu, klopft Karl auf die Schulter, während Rozat mit fuchsschwänzischer Miene fortfuhr: »Komm, lieber Mongérand, komm, hilf mir unsern guten Karl zerstreuen; er hat heute Kummer, weil ihm seine Frau Scenen macht, sich bei seiner Mutter, seinen Verwandten beklagt. – Ei! nein, nein, es ist nichts,« sagt Karl, »ich will Euch mit dieser Geschichte nicht langweilen.« »Was ist's?« fragt Mongérand, »Ehehändel! o! albernes Zeug! ... schreit die Frau, so nimmt man seinen Hut und geht. Kommt man wieder und sie schreit noch, so sagt man zu ihr: Liebe Freundin, einen Monat lang werde ich gegen Dich sein, wie eine Marmorstatue. Diese Drohung erschreckt sie immer, dann schweigt sie.« »Es scheint indeß, daß Du mit dem Allem Deine Frau nicht am Schreien zu hindern vermochtest,« versetzt Rozat mit schalkhafter Miene. »Ha! kein Wunder! während ich die Statue bei ihr machte, spielte sie sehr lebhafte Scenen mit Andern; dadurch wurde, wie sich von selbst versteht, mein Verfahren illusorisch; thu' mir aber den Gefallen, Rozat, und sprich mir nicht von meiner Frau, seit ich in Paris zurück bin, bilde ich mir ein, ich sei Junggeselle, und liebe es nicht, an das Gegentheil erinnert zu werden. Ich will Euch daher sagen, meine kleinen Krieger, daß ich für heute die schönste Lustpartie habe. Meiner Treu, Karl, wenn Du dabei sein willst, stehe ich Dir für Zerstreuung und Lustigkeit ...« »Was ist's denn für eine Partie?« fragt Rozat. »O! Dich geht das nicht an, Dich, Du Lauwasserhahn; es handelt sich von Frauen ... und was für Frauen! ... verstehst Du, Du könntest in unserer Gesellschaft verdorben werden ...« »Wie! warum sagst Du mir das?« schrie Rozat, der, als er von Frauen sprechen hörte, beide Nasenlöcher aufsperrte, als wollte er das Palais-Royal einathmen. »Weil Du jedesmal, so oft ich mit Karl ins Café oder zum Traiteur gehe, nicht mitgehen willst. – Ich habe nicht immer Zeit, wenn jedoch von Frauenzimmern die Rede ist, o! da bleibe ich nie zurück. – Wirklich, Du kommst, wie es scheint, ins Feuer ... Und was sagst Du, Karl, über meinen Vorschlag?« Karl scheint unschlüssig, er murmelt: »Aber ... ich kenne diese Damen nicht!« »O, Du wirst schnell Bekanntschaft machen! – Laß einmal zuerst hören, was sind es für Damen?« bemerkte Rozat. »Ich sage Dir, es sind ausgezeichnete Damen, von gutem Ton; die eine kenne ich nicht, aber die andere ist eine gewisse reizende Brünette, hübsch rund, leicht entzündlich ... ah! wie Gas ... davon kann ich reden, vor meiner Abreise nach Lyon war sie sechs Monate meine Maitresse; gestern traf ich sie in der Straße du Sentier, gekleidet wie eine Herzogin! Kaschemir, verzierter Hut, kurz, prächtig! Ich rede sie an, sie erkennt mich wieder wie einen alten Freund, für welchen man immer noch einige Neigung verspürt: ich bitte sie um die Erlaubniß, sie besuchen zu dürfen, für den Augenblick empfängt sie jedoch Niemand, eines gewissen Engländers wegen, welcher eifersüchtig ist, wie ein Türke; ich sage zu ihr: »süße Freundin, ich begreife Ihre Rücksichten für Mylord, kann man sich aber nicht anderswo treffen?« sie erwiderte hierauf, daß sie heute mit einer Cousine zu Mittag speisen solle, daß sie aber, wenn ich ihnen beiden ein Essen geben wolle, es über sich nehme, ihre Verwandte mitzubringen; ich nehme, wie sich's gebührt, dies an, und heute um fünf Uhr werde ich die Damen in den Tuilerien ... vor dem Spartacus finden.« Damit ist die Bildsäule des Spartacus von der Künstlerhand Foyatier's im Tuileriengarten gemeint. Anm. des Uebers. »Und Du kennst die andere nicht?« fragt Rozat weiter, »Du weißt nicht, ob sie hübsch ist? ... – Madame Stephano, dies ist der Name meiner ehemaligen Geliebten, sagte mir, ihre Base sei reizend. – Gut! dann paßt's für mich ... ich bin mit dabei ... ist mir gerade recht! ... Und Du, Karl? ...« »Ich ... ich weiß nicht ... mit Frauenzimmern speisen! ... wenn's meine Frau erführe ... – O! o! o! der Unschuldige! das gutmüthige Kind! ... er fürchtet die Ruthe. – Nein, aber ... – Ei was, hör' einmal, Karl, denkst Du ernstlich, daß Dich Deine Frau für treu hält? – Ja gewiß, und darin hat sie Recht! – Ha! ha! ha! Spaßvogel, ich habe zu gute Meinung von Dir, um Dich anzuhören ... Gibt's Ehemänner, die ihren Frauen treu sind? – Nein, sagte Rozat, die wären schwerer zu finden, als vierblätteriger Klee! – Siehst Du, Karl! man liebt seine Frau, das ist gut, billig; Du weißt, ich bin für gute Behandlung und werde Dir nie schlechten Rath geben; das hindert jedoch nicht an Zerstreuungen für Geist und Herz; zudem sage ich ja nicht, Du sollest sogleich eine dieser Damen zur Maitresse nehmen; sie möchten Dich vielleicht gar nicht. Ich sage Dir nur, wir wollen ein liebenswürdiges und flottes Mittagessen halten, und schlage Dir vor, mit dabei zu sein: das ist Alles. – Gut! ich nehm' es ja an. – Geh doch, Du läßt Dich recht am Ohr ziehen, um glücklich zu werden! – Aber, Mongérand, Du weißt, ich wollte auch dabei sein. – So komm; o! ich nehme mit, wen mir beliebt! Heloise wird's nicht übel nehmen. – Nennt sich Madame Stephano Heloise? – Ja, schöner Blondkopf. – Schade, daß sie nicht zwei Cousinen mitbringt ... Dann hätte jeder von uns eine Schönheit zu verehren. – Ja, allein sie wird nur eine mitbringen. Uebrigens möge das Euch nicht betrüben, meine Kinder, ich bin in Heloise nicht mehr verliebt, und wenn sie einem von Euch gefällt, so erlaube ich ihm, die Festung anzugreifen ... das heißt, glaube ich, sich für seine Freunde aufopfern! – O! Du sollst nicht nöthig haben, für mich Opfer zu bringen,« fiel Karl ein, »ich habe keine Eroberungsabsichten auf diese Damen. – Du hast keine Absichten ... kann man für das stehen, was man thun wird ? ... es gibt nichts Einfältigeres, als einen Mann, welcher für seine Solidität stehen will! – Wahr!« bemerkt Rozat, »was mich betrifft, so habe ich viele Absichten ... ich will einige Ausgänge machen; wo ist der Sammelplatz, meine Herren? – Hier in diesem Café, wo ich mit Karl bis fünf Uhr Billard spiele. – Gut! ich werde nicht auf mich warten lassen.« Rozat hat sich entfernt; Mongérand führt Karl auf's Billard; dieser spielt verkehrt, weil der Gedanke, mit Damen zu speisen, ihm eine gewisse Gemüthsbewegung verursacht, worein sich die Erinnerung an Leonie mischt; die Zeit vergeht, kurz vor fünf Uhr kommt Rozat wieder; bei seinem Anblick bricht Mongérand in ein unmäßiges Gelächter aus. »Ah! Karl! sieh doch einmal den schönen Blondkopf an! nicht ohne Absicht ist er von uns gegangen! schau, welch ein Anzug! das neue Kleid, eng anschließende Hosen, und ich glaube gar, Gott verzeihe mir, Herzstriche! – Meine Herren, ich dachte, wenn man mit Damen speise, müsse man ein wenig gekleidet sein, das ist Alles. – Ich aber bin im Ueberrock, schwarzer Halsbinde,« fiel Karl ein, »vielleicht sollte ich einen Frack haben. – Ha ! ha ! ha! wißt Ihr, daß Ihr mir wie ein paar Rekruten vorkommt! der Eine mit seiner Toilette und der Andere mit seiner Furcht, schlecht auszusehen! Sind Männer, wie wir, nicht immer hübsch? Der einfachste Rock, mit einem gewissen Anstand getragen, genügt für den verführerischen Mann, um sich geliebt zu machen. Vorwärts, meine Herren, faßt einen erhabeneren Gedanken von Euch selbst, und laßt diese Damen vor dem Spartacus nicht schimmlig werden.« Man macht sich auf den Weg nach dem Tuileriengarten; unterwegs lacht Mongsrand noch über Rozat, welcher ganz mit wohlriechenden Wassern und Oelen beschmiert und begossen ist. Am Versammlungsort angelangt, findet man noch Niemand daselbst. »Wenn sie in zehn Minuten nicht da sind,« sagt Mongérand, »so speisen wir ohne sie; man muß die Frauenzimmer nicht daran gewöhnen, auf sich warten zu lassen. – Das wäre aber sehr ungalant,« versetzt Rozat, mit einem wohlgefälligen Blick auf seine Person. – »Still, meine Herren! keine Bemerkung; ich erblicke die Damen und gehe ihnen entgegen.« Zwei Frauenzimmer näherten sich von der großen Allee her: die eine etwa dreißig Jahre alt, wohlbeleibt, braun, schaukelt mit etwas zu viel Affektation ihre schlanken Hüften; ihr Gesicht ist lebhaft, von gesunder Farbe, und ihre schwarzen Augen haben einen starken Glanz; das Ganze ihrer Züge hat nichts Ausgezeichnetes; aber es liegt darin jener Ausdruck, welcher den Männern stets gefällt, besonders bei einer Frau, aus der sie nur ihre Maitresse machen wollen. Mongérands beide Gefährten erkannten sie bereits als Madame Stephano. Diese Dame trägt ein etwas zerknittertes Kleid von schwarzer Seide, einen schönen Shawl, einen Federnhut und in der Hand einen großen Blumenstrauß. Das andere Frauenzimmer ist jünger; ihr hoher Wuchs eleganter, ihr blasses Gesicht vornehmer; eine hübsche Blondine mit blauen Augen; ihre Stirne strahlt nicht von dem Glanze der Unschuld, in ihrem Blick jedoch liegt etwas Höhnisches, das beinahe wie Stolz aussieht. Ihr Anzug besteht aus einem hellseidenen Kleid, einfachem, aber geschmackvollerem Hut, als der der Madame Stephano; endlich hält auch sie ein Blumenbouquet in der Hand. Während Mongérand den Damen entgegengeht, betrachten sie Rozat und Karl genauer: »Meiner Treu, beide sehr hübsch!« ruft Rozat, indem er seinen Hosenträger kürzer schnallt, da seine Beinkleider noch eine Falte werfen. »Ja, nicht übel; doch wäre mir die Große lieber. – Die Große ist schön, die Andere dicker. Ich liebe die dicken Frauen. – Die Ihrige scheint mir indeß mager? – Ein Grund weiter: im Ganzen sind beide sehr reizend ... Ein Teufelskerl, der Mongérand, er hat prächtige Bekanntschaften! ... Ah! sie kommen näher; gehen auch wir vorwärts. – Meine Damen,« sagt Mongérand. »hier sind meine Freunde, welche, wie ich Ihnen sagte, um die Gunst baten, mit Ihnen speisen zu dürfen, und ich habe sie ihnen gewährt, denn sie sind wie ich, aufrichtige, lustige Gesellen. Da ist zuerst der schöne Blondkopf, eigentlich Rozat, welcher ein Bad von wohlriechendem Wasser genommen, ehe er sich Ihnen vorstellte.« »Ah! Mongérand! ich bitte Dich ... Er ist sehr boshaft, nicht wahr, meine Damen? Doch ich verzeihe ihm diese Stichelreden wegen des Vergnügens, das er mir in diesem Augenblicke verschafft.« »Sehr schön,« versetzt Mongérand. »O! er ist ein leibhaftiges Madrigal! ... Was Karl betrifft, den ich Ihnen hier präsentire, der ist ein vortrefflicher Junge, und zwar von vielem Geist, ohne daß er gerade hervortritt, besonders wenn er nicht an seine Handelsgeschäfte denkt; denn er ist ein schrecklicher Mensch; er denkt nur daran, Geld zu verdienen.« Während Mongérand spricht, blickt Madame Stephano voll Unruhe bald rechts, bald links, bald vor sich, bald hinter sich. Endlich flüstert sie Mongérand zu: »Wir wollen nicht länger hier bleiben, ich fürchte mich vor Begegnungen. – Aha! ich verstehe, man sieht zuweilen Engländer in diesem Garten! ... Vorwärts, meine Herren! reichet den Damen den Arm und dann im Geschwindschritt! Wir gehen in die Straße Rivoli, dort gibt's gute Traiteurs und 's ist ganz nahe.« Rozat steht neben Madame Stephano und bietet dieser seinen Arm an, indeß Karl den seinigen beinahe mit Schüchternheit der Cousine reicht. Die Damen hängen sich daran, als nähmen sie den Arm ihrer Dienstmädchen, und so schreitet man der Straße Rivoli zu. Mongérand läßt sich einen kleinen Salon anweisen, befaßt sich mit der Speisekarte und sagt zu seinen Freunden: »Unterhalten Sie die Damen, meine Herren, während ich für gute Bewirthung sorge.« Die Damen haben noch eine ernste und beinahe gezierte Miene, welche Rozat sehr aus der Fassung bringt; er geht von einer zur andern und lauert, auf welche seine Complimente und sein Gesicht den meisten Eindruck machen. Karl spricht nichts; allein er findet die große Blondine sehr nach seinem Geschmack, und auf sie sind seine schmachtenden Blicke vorzüglich gerichtet. »Ei was! meine Liebesengel, es scheint mir, als lachet ihr in euch hinein,« nimmt Mongérand das Wort, nachdem er mit der Speisekarte zu Ende ist. »Donnerwetter noch einmal! seien wir doch ein wenig heiterer oder ich werde böse! Hier hast Du hoffentlich keine Furcht mehr vor Deinem Engländer, Heloise?« »Ah! Mongérand! welcher Schwätzer, wie indiskret! – Verzeihung, edle Dame, ich hätte Sie vielleicht nicht dutzen sollen, des Anstandes wegen; dann mußte man's mir aber vorher sagen!« »Ah! wissen Sie, daß Sie heute sehr kaustisch sind! – Ja,« spricht Rozat nach, »er ist sehr kaustisch, sehr spöttisch! – Ah! schöner Blondkopf, ich verstehe mich nicht wie Du, schmachtende Augen zu machen, ich muß mich an etwas Anderes halten ... Das ist also die holde Cousine! ... sie ist sehr hübsch! und gerne möchte ich das Recht haben, sie gleichfalls zu dutzen! ...« Die Damen blicken einander an, die Cousine anfangs mit ihrer höhnischen Miene, endlich stimmt sie jedoch in Heloisens Lachen mit ein, als diese ihr zuruft: »Mongérand mußt Du entschuldigen, liebe Helena, er ist ein Narr! er spricht was ihm in den Kopf kommt. – Das sehe ich. – Ja, meine Damen, und hoffentlich werden meine Freunde ein Gleiches thun, denn Donnerwetter! bis jetzt machen sie mir keine Ehre! ... Aber da kommt das Essen, das soll sie aufheitern.« Man setzt sich zu Tische. Karl neben der schönen Helena, Rozat zwischen den beiden Cousinen: Mongérand servirt, schwatzt, lacht, flucht und gibt sich alle Mühe, seine Gäste zu beleben. Die Damen scheinen zurückhaltend. Karl weiß nicht, wie er seine Nachbarin behandeln soll; bald hat er Lust, einen vertraulichen Ton anzunehmen, aber eine kleine höhnische Miene Helena's erregt in ihm die Furcht, sie böse gemacht zu haben, und dann nimmt er wieder sein ehrfurchtsvolles Wesen vor, welches die schöne Cousine lächeln macht. Rozat hatte das Unglück, Suppe über seine Weste zu gießen, und dieser Vorfall machte ihn bestürzt. Mongérand läßt den Madera kreisen, welchen er als den Lieblingswein der Madame Stephano kennt. Helena macht Umstände bis sie ihn annimmt, doch Heloisens Bitten bestimmen sie dazu. Der Madera macht Karl weniger schüchtern, Helena weniger ernst, Heloise geschwätziger und Mongérand lärmender. Selbst Rozat vergißt am Ende die Flecken seiner Weste; er sucht den Fuß der dicken Brünette, um den seinigen darauf zu setzen; nach langem Suchen glaubt er ihn gefunden zu haben; er streckt sein Bein aus, drückt, und Mongérand fängt an wie besessen zu fluchen, wobei er ausruft: »Die Pest ersticke das dumme Thier! Ich wette, das ist Rozat! ... er suchte Heloisens Fuß und tritt mich auf meine Hühneraugen ... Höre, schöner Blondkopf, mache Madame den Hof über dem Tisch, man erlaubt Dir's, aber unterhalb desselben halte Dich ruhig, weil Du nur Unheil anrichtest.« Dieser Zwischenfall macht die Damen viel lachen. Rozat entschließt sich, seine Neigung für Madame Stephano nicht mehr zu verbergen; er greift sie mit Augen, Knien und Händen zumal an; von Zeit zu Zeit sagt die reizende Heloise, wahrend sie Helenen antwortet, mit Mongérand scherzt und lacht, zu Rozat: »Aber mein Herr, rücken Sie doch Ihr Knie weg, ich bitte Sie! ... legen Sie nicht immer die Hände auf mich, Sie zerknittern meinen Anzug!« »Wenn Du nicht gesetzter bist, Rozat, so lass' ich Dich am Straftischchen essen,« fällt Mongérand ein, »wir sind noch nicht am Dessert und Du kannst Dich schon nicht mehr halten! da sieh Karl an: welch ein Benehmen! er ißt, trinkt, macht den Hof, ohne daß man's merkt.« Karl ist in der That kühner geworden, er wagte einige Complimente, einige verblümte Erklärungen; Helena hatte die Güte, ihren Nachbar eines Blicks zu würdigen; sie gewahrte, daß er ein hübscher Junge sei, ihre höhnische Miene machte etwas Liebenswürdigerem Platz. Der Nachtisch nebst dem Champagner machen vollends Alles guter Laune und Madame Stephano, welche eine schöne Stimme zu haben wähnt, sagt: »Jetzt will ich Euch Aschenbrödel singen! 's ist alt, bleibt aber immer hübsch.« Beim zweiten Vers ruft Mongérand aus: »Der Teufel hol' Dein Aschenbrödel! immer die nämliche Leier! 's ist zum Einschlafen! da höre ich Fanfan la Tulipe lieber!« »Ach! Mongérand, lass' mich doch meine Romanze singen! was macht's Dir denn? was Du da sagst, ist nicht artig von Dir.« Dabei stehen der Madame Stephano bereits Thränen in den Augen, weil sie beim Nachtisch stets sehr gerührt wird. »Hören Sie nicht auf ihn, anbetungswürdige Frau,« nimmt Rozat das Wort, Heloisen an die Kniee stoßend, »singen Sie nur, singen Sie immerhin; ich wollte es hätte vierzig Verse, um Sie länger hören zu können. – Sie sind gar zu galant ... ziehen Sie Ihre Hand zurück, ich bitte Sie ... – Was macht's denn, wenn ich meine Hand da habe? ... – Wie, was es macht? ... das ist zu stark! ... Ach! mein Herr, so hören Sie doch auf, ich bitte Sie! – Was treibst Du denn, Rozat? versteckst Du Dich unter dem Tisch? – Nein ... ich suchte meine Serviette. – Und darum heißt man Aschenbrödel mich.« »Madame singt nicht?« fragt Karl seine Nachbarin. – »Verzeihen Sie; aber ich singe nie ohne Begleitung ... ich bin an mein Piano gewöhnt, und ohne Musik singen, ist gar zu kahl! – Nun gut, schöne Cousine,« versetzt Mongérand, »wir können Sie mit dem Trommeln unserer Messerklingen auf den Tisch accompagniren. – Sehr verbunden! das wäre gar zu harmonisch! – Helene läßt sich etwas bitten, weil sie eine Stimme zu Trillern hat; sie sollte ins Théatre aux Bouffes eintreten, und nahm Unterricht bei Bandini, nicht wahr? – Bei Bordogni, meine Liebe! – Ach ja! ich verwechsle die italienischen Namen immer. Mongérand gib mir noch Madera, ich habe ihn lieber, als den Champagner. – Gerne, doch unter der Bedingung, daß Du nicht mehr singst, bescheiden, unterthänig bist, und nur sehr wenig in Gesellschaft gehst ... nicht wahr, diese Romanze ist Dir gar nicht anständig? ... – Ach! wie boshaft; er neckt mich gerne! ... Gehen Sie doch mit Ihrer Hand da weg, mein Herr, ich bitte Sie! – Sie sind bezaubernd ... ach! singen Sie mir noch einmal Aschenbrödel. – Ja, gerne ... doch lassen Sie meine Kniee in Ruh'. – Kann man bei Ihnen ruhig bleiben? Sie versetzen mich in den Himmel! – So kneipen Sie mich nicht! ... – Ich habe nie so herrliche Augen gesehen, wie die Ihrigen! – Und darum heißt man Aschenbrödel mich ...« »Ah! so, Du bleibst dabei!« ruft Mongérand, und nun fängt er an aus voller Kehle zu singen: »Wenn man im Thaler trinken geht.« Damit überschreit er Madame Stephano, welche jetzt zu weinen beginnt. Rozat weiß nicht, was er thun soll, um die gefühlvolle Heloise zu trösten; Karl drückt Helena's Hand auf's Zärtlichste, ohne sich um das Treiben der Uebrigen zu bekümmern, denn die höhnisch-stolze Miene der schönen Base ist etwas Lieblicherem, Schmachtendem gewichen, was ihr sehr gut steht. Mongérand bricht beim genaueren Anblick seiner Freunde in schallendes Gelächter aus und singt noch stärker, wobei er mit zwei Messerheften auf dem Tisch trommelt. So geht's bereits eine Weile fort; Mongérand läßt sich weder im Singen noch im Trommeln stören; plötzlich trocknet Heloise ihre Thränen und ruft: »Ja! wahrhaftig, ich bin recht einfältig, daß ich weine; wir wollen sehen, wer die schönste Stimme hat.« Madame fängt hiemit auf's Neue ihr Aschenbrödel aus aller Kraft ihrer Lungenflügel zu singen an, und zwar so, daß Rozat, ganz entsetzt darüber, mit seinem Stuhle rückwärts fährt; Mongérand, der nicht besiegt werden will, ergreift zwei Flaschen, stößt sie gegen einander und schlägt mit seinen Füßen den Takt. Helene hält ihre Ohren zu, Karl weiß gar nicht mehr, wo er ist; Rozat wird völlig berauscht und will sich überzeugen, ob Madame Stephano ihre Strumpfbänder über oder unter dem Knie bindet. Da geht plötzlich die Thüre auf, der Kellner tritt mit verlegener Miene herein, Alles schweigt und sieht auf ihn. »Verzeihung, mein Herr,« beginnt derselbe, sich an Mongérand wendend. »Allein mein Meister schickt mich, Ihnen zu sagen, daß man in seinem Restaurant keine Katzenmusiken zu geben pflege ... die Personen, welche neben Ihnen speisen, beklagen sich über den Lärm ... man bittet Sie daher um die Gefälligkeit, etwas weniger laut zu sein.« »Was heulst Du mir da vor? Wenn man bezahlt, steht's dann nicht Jedem frei, zu thun, was ihm beliebt? Geh' zum Teufel, und sag' den Personen, welche sich über den Lärm beklagen, daß, wenn sie nicht zufrieden sind, ich sie einlade, meinen Vollmond zu küssen l« Ganz betreten über die ihm gegebene Antwort, macht sich der Kellner davon. Bleich und zitternd ist Rozat von seinem Stuhl aufgestanden, eilt nach seinem Hute und bietet Heloisen ihren Shawl mit den Worten: »Lassen Sie uns fortgehen! folgen Sie mir, lassen Sie uns auf der Stelle fortgehen! es wird Lärm hier geben! ich möchte Sie dem nicht ausgesetzt sehen! Kommen Sie, ich führe Sie nach Hause zurück ... Sie singen mir Aschenbrödel im Wagen ...« Madame Stephano läßt sich ihren Shawl umwerfen, ihren Hut aufsetzen; es gelüstet sie nicht mehr, irgend etwas zu genießen, zum Kampf mit Mongérand fühlt sie keine Kraft mehr und wünscht sich ins Freie. Helene, welche ihre Freundin zum Aufbruch bereit sieht, will sich ebenfalls dazu anschicken, allein Mongérand steht auf, stellt sich vor die Thüre, wobei er schreit: »Wer macht mir da solch hundsföttisches, feiges Zeug vor! ... Ihr wollt durchgehen wie ein Regiment Mäuse, weil man unverschämterweise findet, daß wir zu viel Lärm machen! Mohrensapperment! nein, ihr geht nicht! Niemand darf fort! ich weiche nicht von der Stelle.« Mit diesen Worten nimmt Mongérand einen Stuhl und setzt sich vor die Thüre. »Aber lieber Freund,« entgegnet Rozat, »man darf doch diese Damen keiner Scene aussetzen ... – O! diese Damen haben schon ganz andere gesehen, sind schon an dergleichen gewöhnt. – Du bist aber nicht vernünftig; Du sagst zu dem Kellner, es könne Jedermann Deinen Vollmond küssen ! – Es geschehe, wie ich gesagt habe! – Doch diese Damen sind unwohl, sie bedürfen frischer Luft. – Ist nicht wahr! Du willst, Deiner Gewohnheit gemäß, durchgehen. Ich bin sicher, Karl würde mich nicht so im Stich lassen; setzt es Schläge, so ergreift er nicht das Hasenpanier, wie Du. – Ich will nur diese Damen nach Hause begleiten, lieber Freund, dann komme ich wieder und schlage mich die ganze Nacht, wenn Du willst. – O ! freilich! ... auf Dich könnte man lange warten.« Noch hatte Karl kein Wort gesprochen; aber auch er war durch den Madera, Champagner, Helenens schöne Augen und den Lärm erhitzt; mit entschlossener Miene tritt er vor Mongérand: »Es scheint, man hat uns beleidigt, mein Freund, ich habe nicht recht verstanden, verlasse mich jedoch auf Dich. Wir wollen nicht abwarten, bis man hier mit uns spricht, sondern den Damen das Geschrei ersparen; wir beide wollen daher diejenigen aufsuchen, welche sich gegen uns zu verfehlen wagten, und sie für ihre Unverschämtheit zur Rede stellen.« Mongérand steht auf, fällt Karl um den Hals, erdrückt ihn beinahe in seiner Umarmung und schreit: »Nun, das laß ich mir gefallen, das ist ein Kerl! Du sprichst wie Napoleon! Laß uns unsere Leute aufsuchen ... Sie, meine Damen erwarten uns hier!« Mongérand öffnet die Thüre und geht mit Karl hinaus. Kaum sind sie weg, so sagt Rozat: »Meine Damen, glauben Sie mir, das gibt etwas Garstiges; wir wollen uns davon machen; meine Pflicht ist, über Sie zu wachen, und ich will Sie in Sicherheit bringen.« Dieses stimmt ganz mit dem Wunsche der Madame Stephano überein; Helene ist nicht dieser Meinung; sie will auf Karl warten, welcher sehr nach ihrem Geschmacke zu sein anfängt; Heloise besteht jedoch auf dem Fortgehen, indem sie sagt: »Diese Herren mögen uns auf der Straße einholen, ich will nicht bei einem Kampfe bleiben; ich verabscheue die Schlägereien ... und darum heißt man ...« Helene gibt nach, Rozat entschlüpft mit den Damen durch einen finstern Gang, worin sich Niemand befindet, sie gehen die Treppe hinab, an einigen Kellnern vorüber, welche auf die Seite stehen, um ihnen Platz zu machen, und bald gelangen sie auf die Straße. Während Rozat einen Wagen herbeiholt, zanken sich die beiden Cousinen: Helene findet es sehr unschicklich, daß man die beiden Cavaliere verläßt, welche sich zur Verteidigung ihrer Rechte schlagen wollen. Madame Stephano, aufgebracht über Mongérand, weil er mit den Messern auf den Tisch trommelte, so lange sie Aschenbrödel sang, sagte, sein Benehmen sei von der gemeinsten Art gewesen. »Warum nimmst Du dann aber ein Essen von ihm an?« entgegnet Helene. – »Ach! ich wußte nicht, daß er so pöbelhaft geworden ist, sonst hätte ich's gewiß nicht angenommen. – So ein großer Lärmmacher er auch sein mag, so ist er mir doch lieber, als Dein Herr Rozat, der so feig ist, wie ein Hase! – Sagte ich Dir, ich liebe diesen Blondkopf? ... Dir ist's leid, weil Du fürchtest, Du möchtest den Unschuldigen verlieren, welcher Dich wie ein keusches Rosenmädchen bewunderte! – O! ich habe ihm meine Adresse gegeben! – Dann beruhige Dich, er wird Dir wieder zulaufen.« Rozat, der mit dem Wagen erscheint, macht diesem Gespräch ein Ende; er läßt die beiden Damen einsteigen, setzt sich zu ihnen; Madame Stephano gibt ihre Adresse, und man fährt fort, ohne sich weiter um die bei dem Traiteur Zurückgebliebenen zu bekümmern. Inzwischen waren Mongérand und Karl zuerst durch mehrere Gänge geeilt, wobei sie aus vollem Halse schrieen: »Wer hat sich erlaubt, zu sagen, daß wir Lärm machten? ... hier sind wir, um den Klägern Antwort zu geben!« Niemand antwortet. Mongérand öffnet ein Kabinet, Karl ein anderes; der erstere findet ein altes, bei Pflaumen und Mandeln halb eingeschlafenes Pärchen; der letztere stört einen jungen Mann, welcher mit einem hübschen Frauenzimmer, sitzend, blinde Kuh zu spielen scheint; alle diese Leute versichern sogleich, daß sie keine Klage geführt; und unsere beiden Schreier wollen ihre Nachforschungen fortsetzen, als der Besitzer des Restaurant vor ihnen erscheint. Der Kellner hatte seinem Herrn die ihm gegebene Antwort hinterbracht. Dieser sah nun ein, daß Leute, welche solchen Lärm machten, schon nicht mehr im Stande seien, Vernunft anzunehmen, und daß man mit ihnen sachte fahren müsse, um einen unangenehmeren Auftritt zu vermeiden; er hatte daher den Personen, welche die Nachbarschaft der Sänger belästigte, andere Kabinette anweisen lassen, und wollte Mongérand zu besänftigen suchen, als dieser mit Karl vor ihm stand. »Mein Herr! und Sie sind der Besitzer dieses Etablissements? – Ja, meine Herren! – Und Sie erlauben sich, uns durch einen Kellner sagen zu lassen, wir sollen nicht mehr singen! Vernehmen Sie denn, daß man noch nie, weder mir, noch meiner Gesellschaft Stillschweigen auferlegt hat!« »Nein, man wird uns nicht zum Schweigen bringen! Donnerwetter, Sackerment!« schreit Karl seinerseits, seinen Freund zum Muster nehmend. »Meine Herren, beruhigen Sie sich, ich bitte Sie! das Alles ist ein Mißverständniß; ich zankte meinen Kellner ab; er hat ohne meine Erlaubniß mit Ihnen gesprochen; nie hatte ich die Absicht, Sie in irgend etwas zu geniren. – Das läßt sich hören ... Aber die Personen, welche sich über Lärm beklagten ... – Sind fort ... ich sagte, wenn sie nicht zufrieden seien, sollen sie gehen ... Sie können ganz nach Ihrem Gefallen singen. – Gut also! Sie sind ein braver Mann; wir sind keine Kinder, denen man durch Drohungen Stillschweigen auferlegt; nicht wahr, Karl? – Nein! tausend Millionen Kreuz. – Komm wieder zu den Damen ... und Sie, Traiteur, schicken uns Champagner.« Nicht ohne Mühe gelangen die beiden Freunde wieder in ihren Salon: ganz versteinert bleiben sie stehen, als sie Niemand mehr in demselben finden. »Fort!« sagt Karl betroffen. Mongérand flucht wie besessen und reißt beinahe die Klingelschnur entzwei. Zitternd läuft der Kellner herbei. »Was ist aus der Gesellschaft geworden, die wir hier ließen? – Mein Herr ... die Gesellschaft ... die beiden Damen und der Herr? – Ja! sah man sie weggehen? – Mein Herr, ich glaube ja; zwei meiner Kameraden sahen sie auf der Treppe. – Und Deine Kameraden haben sie an diesem Stückchen nicht gehindert. – Mein Herr, sie wußten nicht ... Sie hatten nichts vorher gesagt ... – Ihr seid alle Einfaltspinsel; und sie sagten nichts? – Nein, mein Herr. – Schurke von Rozat! Gans von Heloise! – Mein Freund, man muß ihnen nachlaufen. – Nein, Frauenzimmern läuft man nie nach! in seinen Partien bist Du noch nicht erfahren; überdies kann mir Madame Stephano gestohlen werden, wie ein fauler Apfel! – Aber mir nicht Helene! sicherlich hat man sie wider ihren Willen weggeführt! ich bin rasend in sie verliebt! – Wirst sie wiederfinden ... Kellner! Biscuit von Rheims. – Ich habe keine Lust mehr, etwas zu genießen, mein Freund; lieber möchte ich ... – Und ich sage Dir, wir essen Biscuit zu unserem Champagner und laufen den beiden Dirnen nicht nach; aber das erste Mal, wo ich Rozat treffe, ziehe ich ihn an den Ohren, daß sie so lang werden, wie bei einem Wachtelhund! – Aber ... – Nun, so trink! – Die schöne Blondine kommt mir nicht aus dem Sinn. – Willst Du, daß es mousirt? – Ich glaube, ich mißfalle ihr nicht ... – Und das Alles, weil ich sie Aschenbrödel nicht nach ihrem Gefallen singen lassen wollte ... Ha! Heloise, das sollst du mir bezahlen. – O! Helene, wie schön sind deine Augen ... sie gab mir ihre Adresse. – Ich spreche nicht mehr mit ihr. – Morgen gehe ich zu ihr. – Aber sie muß mir meinen Ring wieder geben, den sie mir gestern vom Finger nahm.« Auf diese Weise sprechen diese Herren fort, ohne einander zu antworten; hierauf fängt Mongérand zu singen an, um zu sehen, ob man ihm wieder Stille gebietet, und da man ihn ungehindert schreien läßt, schweigt er bald und sagt zu Karl: »Laß uns gehen!« Mongérand bezahlt die Karte, wirft dem Kellner einen Fünffrankenthaler als Trinkgeld mit den Worten hin: »Hier, damit Du siehst, daß wir keine Filze sind;« nimmt hierauf Karl am Arm, der eines Führers wohl bedarf. Eine Weile schlendern Beide umher, der eine Heloise verwünschend, der andere nach Helene seufzend. Sie treten in mehrere Cafés, trinken in dem einen Bier, in dem andern Punsch; und um ein Uhr Morgens befindet sich Karl endlich vor seiner Wohnung, ohne nur zu wissen, wie er dahin gekommen. An der Wand umhertappend, geht er die Treppe hinauf; ein Rest von Verstand läßt ihn befürchten, Geräusch zu machen; mit dem Anblick von Haus und Herd muß man wohl auch einige Erinnerung an dort Zurückgelassene wieder finden. Er gelangt in sein Schlafzimmer, wo Leonie neben der Wiege ihrer Tochter der Ruhe pflegt. Die junge Frau wartet nicht mehr auf ihren Mann, denn er hat's ihr verboten, und jetzt schläft sie ein, ehe er nach Hause kommt; wie man sich an Alles gewöhnt, selbst an das, was Kummer verursacht. In diesem Gemach brennt beständig ein Licht, zögernd schreitet Karl vorwärts, es freut ihn, wie er seine Frau und Tochter eingeschlafen sieht; in diesem Augenblicke würde ihn ein einziges Wort, ein Gute-Nacht-Gruß seiner Tochter in Verlegenheit bringen. So schnell als er kann, entkleidet er sich, ohne einen Blick auf das Bett; so sachte als möglich schlüpft er neben seine Frau und glaubt sich gerettet, als sein Kopf auf das Kissen zurücksinkt, ohne daß Leonie erwachte. Es wird ihm indeß schwer, den Schlaf zu finden, er brennt, ist aufgeregt, während Leonie an seiner Seite so leicht, so sanft athmet, daß man lange lauschen muß, um sie zu hören. Endlich gelingt's ihm, in eine Art Erschöpfung zu verfallen, er erwacht aber in einer halben Stunde wieder daraus, in Folge eines Uebelbefindens, das mit jedem Augenblicke zunimmt. Er kann einige Klagetöne, einiges Gestöhne nicht unterdrücken. Leonie erwacht und ruft aus: »Was hast Du denn, mein Freund? Du schläfst nicht? – Nein, ich kann nicht schlafen. – Leidest Du? – Ja, ich empfinde ein Uebelsein; das Mahl wahrscheinlich; ich fühle mich unwohl. – Warte ... warte, ich stehe auf. – Wenn Du dem Dienstmädchen riefest. – Das arme Mädchen schläft ganz oben, sie arbeitet den ganzen Tag und bedarf der Ruhe. Ich werde Dich pflegen, Dir das Nöthige zu geben wissen.« Leonie steht auf, verschluckt die Widerwärtigkeit ihrer Lage, und beeilt sich, ein Kleid überzuwerfen und Feuer anzumachen; in einigen Minuten ist der Thee fertig, den die junge Frau ihrem Gatten reicht. Nach einer Weile fühlt sich dieser besser, seine Augen schließen sich und er schläft wieder ein. Erst nachdem Leonie sicher ist, daß Karl fest schläft, entschließt sie sich wieder zum Niederliegen; vorher stellt sie Alles neben sich, was ihr Mann bedürfte, wenn er wieder erwachen sollte. Nach diesen Vorsichtsmaßregeln legt sie sich an seine Seite, aber beinahe wider ihren Willen schläft sie ein; und wenn auch ihre Augen sich schließen, lauscht ihr aufmerksames Ohr doch noch, ob ihr Mann nicht stöhne. Dreizehntes Kapitel. Völlige Zerrüttung. Den Tag nach einer Orgie steht man noch immer unter dem Einflusse der geistigen Getränke, die man im Uebermaß genossen; der Geist ist gedrückt, das Herz krank, der Körper gelähmt; man kann nichts thun, das heißt, sich keiner Arbeit, welche Aufmerksamkeit und Richtigkeit des Urtheils erfordert, mit Erfolg unterziehen; aber die Ausschweifungen des vorigen Tages wieder von Neuem beginnen, kann man sehr gut: dies thun auch gewöhnlich jene wackern Zechbrüder, welche behaupten, das sei kein gutes Fest, welches nicht sein Nachfest habe. Seiner Gewohnheit gemäß ging Karl aus, unter dem Vorgeben, die Luft werde ihm gut thun. Auch Leonie hätte Ausgehen, Bewegung nöthig, ihr Zustand erfordert es und ihr Arzt rieth es ihr an; verließe sie jedoch das Haus, so wäre Niemand da, der über irgend etwas Rede stehen könnte; ihr alter Commis ist nicht mehr bei ihnen und sein Nachfolger noch wenig mit den Geschäften vertraut; Leonie bleibt zu Hause, weil ihr Mann nicht da bleiben will. Karl denkt an die schöne Helene, doch ist er nicht mehr in jenem Zustande der Trunkenheit von gestern, und trotz seines Wunsches, das junge Frauenzimmer wiederzusehen, zaudert er, besinnt sich; es gibt sogar Augenblicke, wo er sich sagt: »Ich würde besser thun, wenn ich nicht zu ihr ginge; denn wenn meine Frau erführe, daß ich solche Bekanntschaften habe! ... ich weiß indeß nicht, wie sie es erfahren sollte ... ich werde es ihr sicherlich nicht sagen! ... Gehen wir einmal zu Mongérand.« Dieser liegt noch im Bette, als Karl in sein Zimmer tritt; er war ebenfalls unpäßlich und hatte keine Gattin, die seiner pflegte. »Bist Du unwohl gewesen wie ich?« fragt Karl seinen Freund. – »Ja, ein wenig; o! das ist nichts; mit drei oder vier Cigarren drücken wir's hinunter, und diesen Abend sind wir frisch wie eine Rose. Ei nun! hast Du die Blonde besucht? – Nein, und ich gestehe Dir, daß ich nicht weiß, ob ich hingehen soll; wenn meine Frau entdeckte, daß ich zu ... – Mein Gott! wie dumm bist Du doch mit Deiner Frau, Du dauerst mich, Karl! hat Deine Frau nicht genug mit ihrer Haushaltung, mit ihren Kindern zu schaffen! meinst Du nicht gar, sie amüsire sich, Dir nachschleichen zu lassen? – O! nein, das sage ich nicht. – Was schwatzest Du dann? Vorausgesetzt, daß ein Mann nur seine beiden Ohren wieder ganz nach Hause bringt, hat man ihn weiter nichts zu fragen; dann immer artige, zuvorkommende Behandlung; so ist eine Frau glücklich wie der Fisch im Wasser. – Ah! diese Helene ist sehr verführerisch. – Uebrigens sage ich Dir ja nicht, Du sollest sie zur Maitresse nehmen; gefällt sie Dir, hast Du eine Laune für sie, so befriedige diese und damit Punktum: aber binde Dich nicht; nur Einfaltspinsel begehen die Dummheit, sich zu binden. – Ja, ich weiß wohl, ich könnte zu ihr gehen, ohne deßhalb ... Aber sieh, ich kenne mich, sehe ich sie wieder, so erhitzt sich mein Blut aufs Neue! Bestimmt, ich thue besser, wenn ich nicht hingehe. – Du mußt mir indeß die Gefälligkeit erweisen, wenigstens einmal hinzugehen, um sie zu bitten, daß sie Heloisen um Rücksendung meines Ringes angeht. Ich mag mit Madame Stephano nichts mehr zu thun haben, ihr Benehmen von gestern ärgert mich; allein ich will meinen Ring! und sie soll ihn mir zurückschicken, oder ich schlage alle Spiegel in ihrem Hause entzwei; das sagst Du der Cousine. – Wohlan, es sei! ich gehe ein Mal Dir zu gefallen, dann aber nicht wieder. – Das ist Deine Sache.« Helene war eines von den Frauenzimmern, welche Putz- und Vergnügungssucht vom rechten Wege abgeführt hatte; da sie einige Erziehung genossen, war sie nicht lächerlich, wenn sie ihre stolze und höhnische Miene annahm. Ihre Schönheit hatte zahlreiche Verehrer herbeigelockt; einem sehr reichen Fürsten, der sie mit Geschenken überhäufte, war sie nach Rußland gefolgt; bald aber wurde sie Rußlands und des Fürsten satt; mit einem Rest ihres großen Reichthums war sie nach Frankreich zurückgekehrt, lebte auf hohem Fuße, und bis sie denjenigen auserwählt, welcher den russischen Fürsten würdig ersetzen sollte, erlaubte sie sich als schöne Frau einige Launen und Grillen, welche indeß keine weitere Folgerung zuließen. Die Cousine der Madame Stephano bewohnte ein schönes, im besten Geschmack möblirtes Gemach. In Helenens Wohnung angelangt, ward Karl durch die überall um ihn herrschende Eleganz eingeschüchtert, und sprach bei sich selbst: »Als ich gestern die Eroberung dieser Dame gemacht zu haben wähnte, war ich betrunken. Mongérand spricht von ihr, als wenn man nur kommen dürfte; er irrt sich! ich glaube, zwischen den beiden Cousinen ist eine große Verschiedenheit.« Karl wird angemeldet und eingeführt; das holde Lächeln, mit dem man ihn empfängt, verleiht ihm wieder etwas Sicherheit. Helene sitzt auf einem Sopha, gibt ihm ein Zeichen, neben ihr Platz zu nehmen, wobei sie sagt: »Ich erwartete Sie.« »Sie erwarteten mich? – Gewiß! habe ich Ihnen nicht gestern erlaubt, mich zu besuchen? Und wenn ich solches gestatte, pflegt man's zu benützen. – Ich glaub's ... – Gestern werden Sie sehr böse gegen uns gewesen sein? ich wollte auf Sie warten, aber Heloise und der Herr haben mich beinahe mit Gewalt fortgezogen unter der Versicherung, es werde eine Schlägerei geben. – Nein, Alles ging gut vorüber, allein Mongérand ist gegen Madame Stephano aufgebracht. – O! sie werden sich wieder aussöhnen. – Er bittet Sie durch mich, Sie möchten ihr den ihm genommenen Ring wieder abfordern. – Ah! das wäre ... verlangt man je etwas von Damen zurück! Herr Mongérand hat keine Lebensart ... Treten Sie doch näher ... fürchten Sie sich vor mir? – Das denken Sie selbst nicht. – Man möchte es aber beinahe glauben. – Ich erwiedere Mongérand, daß Sie seinen Auftrag nicht übernehmen? – Ja, sagen Sie ihm, daß ... ha! ha! ha! ... sind Sie nur hiehergekommen, um mir von Ihrem Freund und seinem Ring zu sprechen?« Diese Frage ist von lieblichen Blicken und einem Lachen begleitet, welches die reizendsten Zähne sehen läßt. Karl weiß nicht mehr, wo er ist. Beinahe schlägt er die Augen nieder. Helene lacht noch mehr, so daß er sich am Ende selbst sagt: »Ich glaube, ich stehe wie ein Tölpel hier.« Um sich ein anderes Ansehen zu geben, fängt er an, Helenens Hand zu ergreifen und zärtlich zu küssen; da die Augen der schönen Frau ihm zu sagen schienen: »Nun, das laß ich mir gefallen!« raubt er bald einen Kuß von ihren Lippen, und dann von ihrem Busen. Allem nach ist die Handlungsweise völlig nach Helenens Geschmack und so endigt sich dieser Besuch erst, wie Karl nichts Weiteres mehr zu rauben findet. Noch ganz betäubt von seinem Siege, verläßt er Helene; sein Glück setzt ihn in Erstaunen; es drängt ihn, dasselbe mitzutheilen; zu Hause kann er aber eine solche Mittheilung nicht machen, er möchte im Gegentheil die Erinnerung an sein Haus und seine Ehe aus seinem Gedächtniß verbannen! er sucht daher Mongérand auf, welchen er im Café im Gespräch mit mehreren Freunden findet. Karl zieht ihn auf die Seite. »Du siehst den Glücklichsten der Männer. – Desto besser für Dich. – Ich habe über Helene triumphirt. – Das hättest Du mit vielen Andern gemein. – Ach, mein Freund, sie ist reizend, anbetungswürdig! – Bist Du doch wunderlich, und um mir das zu sagen, nimmst Du mich auf die Seite ... Meine Herren, Karl hat so eben eine Eroberung gemacht und ist darob ganz verwundert.« Mongérand tritt wieder zu seinen Freunden, Karl folgt ihm mit den Worten: »So schweig doch! – Warum schweigen? sollte man nicht meinen, Du kommst von der Jungfrau von Orleans! Und mein Ring? – Kurz, es ist unnöthig, daß Jedermann um mein Abenteuer weiß. – Ah! er ist einzig; er glaubt, er habe ein seltenes Abenteuer gehabt. Und mein Ring, Donnerwetter? – Sie übernimmt es nicht, ihn zurückzufordern. – Gut, gut, so fordere ich ihn selbst zurück! wenn ich Heloise treffe, dann wollen wir etwas ernsthaft mit einander reden. – Ich führe sie diesen Abend ins Theater. – Heloise? – Ei nein, Helene! sie wünscht in die Oper zu gehen und hat mich gebeten, sie hinzuführen. – Ah so! einen Augenblick ... Du fliegst ... Du fliegst wie eine Elster; hoffentlich führst Du sie wenigstens in eine geschlossene vergitterte Loge, wenn's Dir möglich ist, damit Du Dich nicht allen Blicken mit ihr aussetzest. Vergiß nicht, daß Du verheirathet bist! ... belustige Dich, habe Maitressen! ... das ist gut, allein bewahre die Rücksichten und gute Behandlung gegen Deine Gattin, sonst werde ich böse mit Dir. – Sei ruhig, ich gehe viel lieber in eine vergitterte Loge! – Hm, Schurke! Du wirst höchst liederlich; ich werde auf Dich Acht geben müssen, denn sonst würdest Du Dich zu Grunde richten.« Karl speiste mit seinen Freunden, und Abends trifft er wieder mit seiner schönen Helene zusammen, die er ins Theater führt. Da jedoch Alles ein Ende nimmt und Karl noch nicht gewohnt ist, außer dem Hause zu schlafen, geht er um zwei Uhr Morgens heim, noch ganz außer sich über seine Eroberung. Der Anblick seiner schlafenden Gattin, der Wiege seiner Tochter, wirft einigen Schatten auf die wollüstigen Bilder des Tages. Noch eilfertiger als gestern entkleidet er sich und sucht im Schlafe Vergessenheit und Täuschungen. Leonie ahnt nicht, daß ihr Gatte eine Maitresse habe, indeß bemerkt sie, daß er sich von ihr entfernt, sie auf jede Weise vernachlässigt, was er bisher nicht that; aber sie will keine Klage führen, denn seit ihre Schwiegermutter dem Sohne Vorstellungen machte, bewies dieser seiner Frau weniger Liebe. Karl ist keiner von den Menschen, welche eine Schwäche durch geheimnißvollen Schleier entschuldigen. Zwar möchte er nicht, daß man ihn mit Helene träfe, will sie aber zu einem Traiteur, ins Schauspiel, auf das Land geführt sein, so wagt er keine abschlägige Antwort. Ohne sie gerade zu unterhalten, macht er ihr doch häufig Geschenke; für Helene, welche an die Gaben eines russischen Fürsten gewöhnt ist, sind dies nur Kleinigkeiten; er muß seine Kasse angreifen oder borgen. Karl fühlt, daß er Dummheiten begeht, aber er geht immer den gleichen Weg fort. Ist er zu Hause, so verursacht ihm der Anblick seiner Frau und Tochter ein gewisses Mißbehagen. »Du küssest mich nicht mehr, wenn Du ausgehst,« sagt Leonie zu ihm. – »Du nimmst mich nicht mehr in Deine Arme, Papa!« die kleine Laura. »Ah! ... ich bin so sehr von meinen Geschäften eingenommen. – Liebst Du uns nicht mehr, mein Freund?« fragt Leonie. – »Doch ... o! ich liebe euch immer ... allein man erwartet mich und ich habe keine Zeit, mich aufzuhalten.« In der Eile gibt er Frau und Tochter einen Kuß und geht, um sich über sein Verfahren zu betäuben. Unglücklicher Weise gelingt ihm dies nur zu schnell; kaum ist er weg, so vergißt er sein Hauswesen und denkt nur noch an seine Zerstreuung, entweder mit seinen Freunden oder seiner Maitresse, und den folgenden Tag fängt er aufs Neue an, um sich aufs Neue zu übertäuben. Leonien erlaubt ihre Gesundheit das Arbeiten am Schreibpult nicht mehr; entsetzt über die Zerrüttung ihrer Angelegenheiten, hat sie nicht einmal mehr die Kraft dazu. So kommt das Ziel ihrer Schwangerschaft heran und sie schenkt einem Knaben das Leben; dies würde sie mit höchster Freude erfüllen, wenn ihr Mann gegenwärtig wäre, um die Freude mit ihr zu theilen. Aber am Tage von Leoniens Niederkunft ist Karl vom frühen Morgen an abwesend, vergebens sucht man ihn überall; eine Fremde empfängt ihren Sohn und gibt ihm den ersten Kuß. Die arme Leonie hofft, das Glück, einen Sohn zu haben, werde den Gatten vernünftiger machen; jeden Augenblick erkundigt sie sich, ob er nicht zurückgekommen sei. Der Tag vergeht, ohne daß Karl nach Hause kommt; erst nach Mitternacht trifft er ein, bleich und matt von seinen Ausschweifungen. Ganz erstaunt bleibt er stehen, als ihm eine Wärterin ein neugeborenes Kind reicht. »Ein Knabe ist's, mein Freund,« ruft Leonie aus, welche ihren Gatten heimkommen hörte. – »Ah! ein Knabe! ... Wie, Du bist entbunden? – Ja, im Laufe des Tages ... O! ich litt sehr, und Du warst nicht da! – Hätte ich's gewußt, so ... – Ja, ich will gerne glauben, daß wenn Du es gewußt hättest, Du wenigstens nach Hause gekommen wärest ... Aber so küsse doch Deinen Sohn, freut Dich's nicht, daß Du einen Sohn hast?« »O! freilich, es freut mich sehr!« Karl nimmt das Kind, betrachtet es genau und küßt es. Da vergißt die arme Mutter die Leiden des Tages. »Ein prächtiges Kind!« sagt die Wärterin. – »Ja, ich finde es auch sehr schön ... Und die Amme? – Man hat ihr geschrieben, morgen wird sie hier sein. Ein Knabe, ein Knabe! ach! welche Freude; ich bin sicher, Karl, er wird Dir gleichen! – Er wird mir gleichen? sagst Du ...« Karl schlägt die Augen nieder, er schämt sich beinahe. Schnell gibt er das Kind der Wärterin zurück und spricht zu seiner Frau: »Du mußt der Ruhe sehr bedürfen. – O ja! aber ich konnte nicht einschlafen, ehe ich Dich Deinen Sohn küssen sah. – Jetzt schlafe, ruhe aus; Du wirst lange das Bett hüten müssen ... Dir abwarten ... O! vor sechs Wochen lasse ich Dich nicht wieder an Deinen Schreibtisch. – Ach! ... und unsere Angelegenheiten sind sehr verwickelt. Ich kann mich nicht mehr daraus finden. – Sei ruhig, ich bringe Alles in Ordnung, denke nur an Deine Gesundheit.« Karl läßt seine Frau allein und begibt sich in das für ihn eingeräumte Zimmer. Die Betrachtungen, die er hier anstellt, sind nicht mehr so heiter; endlich legt er sich zu Bette, während er bei sich selbst spricht: »O! wenn ich mich einmal an die Arbeit mache ... wird's schon gut gehen ...« Den andern Tag versucht er zu arbeiten, aber sein durch Ausschweifungen erschlaffter Geist ist nicht zu den Berechnungen geschickt, die er machen sollte. Sein Commis kommt zu ihm und sägt: »Mein Herr, für das Ende des Monats haben Sie viel zu bezahlen und auf keine eingehenden Gelder zu hoffen.« »Gut!« versetzte Karl ärgerlich, die vor ihm liegenden Bücher von sich schleudernd. »Das Alles macht mich ganz wirre im Kopf. Ich suche meine Freunde auf ... bringen Sie die Bücher in Ordnung ... das ist Ihr Geschäft.« Während der ersten Tage nach der Geburt seines Sohnes speist Karl zu Hause und kommt nicht so spät heim; aber die Amme hat das Kind fortgenommen, seine Frau, wiewohl noch schwach, ist nicht krank; da fängt er sein gewohntes Leben wieder an, ohne auf die wiederholten Bemerkungen seines Commis zu hören: »Herr das Ende des Monats! denken Sie an das Ende des Monats!« Karl denkt nur an eine Partie, von der ihm Helene gesprochen. Seine schöne Maitresse, plötzlich vom Landleben bezaubert, hat ein Häuschen im Thale von Montmorency gemiethet; sie fordert von ihm, er solle zwei Tage mit ihr dort zubringen. »Mich zwei Tage von Hause entfernen, ist unmöglich!« sagt Karl. – »Unmöglich!« versetzt Helene lächerlich; »gleich großen Männern, kenne ich dieses Wort nicht. – Aber in meinem Hause ... – Werden Sie tausend Vorwände finden ... Geschäfte ... eine Geldeintreibung, was weiß ich? – Aber ... – Wie, Sie thun, was Ihre Freunde wollen und mir widerstehen Sie? – Weil ... – Genug! ich will es! ... Morgen reisen wir ab. Ich erwarte Sie um zwei Uhr; oder sehe Sie nie wieder.« Den andern Tag dreht sich Karl im Zimmer seiner Frau hin und her. Er weiß nicht, auf welche Art er ihr seine zweitägige Abwesenheit beibringen soll. Leonie, die seine Verlegenheit bemerkt, leitet selbst das Gespräch ein: »Du scheinst unruhig ... verlegen, mein Freund ... gibt's etwas Neues? – Nein ... das heißt ... Du weißt, daß wir Gelder bedürfen. – Ich bin mit unsern Geschäften nicht mehr auf dem Laufenden, doch weiß ich, daß sie schlecht gehen. – Es bietet mir Jemand Vorschüsse an ... diese Person ist auf ... dem Lande und hat mir für heute ein Stelldichein gegeben, mir sogar das Versprechen abgenommen, daß ich den Tag mit ihr zubringe ... – Ah! Herr Mongérand ist gewiß von der Partie? – Nein; o! ich schwöre Dir, es ist nicht so. – Weit von hier? – Ja, acht Stunden ungefähr, in der Gegend von Meaux. – Das ist beinahe eine Reise ... Du hast mich nie so lange verlassen ... Aber Du wirst Morgen wieder kommen? – Ich hoffe ... – Wie, Du bist dessen nicht gewiß? – Man könnte mich aufhalten wollen ... doch nein, nein, ich komme morgen wieder.« »Geh also,« sagte Leonie traurig, ihrem Gatten die Hand reichend, »geh, da es in unserem Interesse ist. Ich glaube Dir, Karl, Du wirst mich nicht täuschen wollen, nicht wahr?« »O! welcher Gedanke! ... Leb wohl, liebe Freundin, gehe nicht an die Luft, Du mußt Deiner gut pflegen.« »Adieu, Papa,« ruft die kleine Laura, ihrem Vater die kleinen Arme entgegenstreckend. – »Adieu, Töchterchen, adieu! – Du denkst an uns und bringst mir etwas mit, nicht wahr? – Ja, ich verspreche Dir's.« Damit machte sich Karl schnell davon, wie jene Kinder, welche einen tollen Streich begehen und fürchten, der Lehrer möchte es gewahr werden. Einmal außer dem Hause, denkt Karl nur noch an das Vergnügen, welches er während der zwei Tage mit Helene auf dem Land genießen wird. Diese lächelt ihm zu, als sie ihn kommen sieht, streckt ihm die Hand entgegen mit den Worten: »Nun, das ist schön! Sie sind ein herrlicher Mann.« Man reist ab. Noch ist man nicht lange in dem kleinen Hause, wo die schöne Frau die Landluft einathmen will, als noch mehrere galante Damen mit ihren Cavalieren eintreffen, welchen Helene auf ihrem Landhause Stelldichein gab, denn sie will hier nicht mit Karl allein leben; Helene ist nicht sentimental. Der erste Tag vergeht mit Spazierengehen, Esels- und Pferdsritten, Tollheiten aller Art; am zweiten besucht man die merkwürdigsten Ansichten der Gegend und speist im Freien zu Mittag; am dritten will Karl nach Paris zurückkehren, aber es ist heute das Fest von Montmorency, man tanzt, und Helene verlangt, daß ihr Geliebter noch einen Tag bleibt, um sie auf den Ball zu führen. Karl kann's nicht abschlagen; unter diesen Vergnügungen findet er kaum Zeit zu einer flüchtigen Erinnerung an Paris und die, welche er dort gelassen. Die Stunde des Balls erscheint; Helene ist bezaubernd durch Putz und Reize; beinahe stolz reicht ihr Karl den Arm. Der Ball ist stark besucht und viele junge Elegants von Paris sind gekommen, sich hier zu zeigen. Man lorgnettirt, bewundert Helenen: Karl ist ihr Tänzer, seine Augen strahlen vor Freude. Aber während eines Contretanzes ist er im Stande, das Gespräch zweier junger Leute zu hören, welche hinter ihm ihren Standpunkt genommen haben. »Der Ball ist hübsch. – Ja, es hat schöne Frauenzimmer da. – Ich bin seit gestern hier. – Ich kam erst diesen Abend. – Welche Neuigkeiten aus Paris? – Nichts Interessantes ... Ach! das Haus Darville hat seine Zahlungen eingestellt. – Darville ... kenne es nicht. Was war es? – Ein Commissionshaus, früher sehr gut, seit einiger Zeit aber nahm es ab. Gestern hatten wir siebentausend Franken zu erheben ... nichts ... man zahlt nicht mehr ... und wir waren nicht die Einzigen ... – Ah! Teufel, das ist unangenehm ... Komm doch hieher ... da ist ein hübsches Landmädchen.« Die jungen Leute entfernen sich. Karl steht unbeweglich, niedergedonnert, er wagt weder sich umzuwenden, noch die Augen aufzuschlagen. »Nun, nun, mein Freund, an was denken Sie denn?« schreckte ihn Helene aus seiner Betäubung auf. »Chassiren, croissiren Sie, es ist an uns ... – Ach! Verzeihung ... Ich ... – Vorwärts doch ... jetzt en avant deux .« »Im Ganzen,« spricht Karl bei sich, »ist's vielleicht gar nicht wahr ... überdies werde ich bei meiner Rückkunft Alles in Ordnung bringen ...« Und Leoniens Gatte fährt fort, mit seiner Maitresse zu tanzen. Vierzehntes Kapitel. Wohnungsveränderung. Helena bleibt auf dem Lande, wo sie sich sehr gefällt. Den Tag nach dem Ball von Montmorency kehrte Karl allein nach Paris zurück; drei Tage, nachdem er Leonie verlassen hatte, und seinem Versprechen gemäß innerhalb vierundzwanzig Stunden zurück sein sollte. In der Nähe seiner Wohnung angelangt, fällt es ihm erst ein, daß seine Frau in Unruhe sein konnte; er macht sich auf einigen Zank gefaßt, doch spricht er bei sich selbst: »Ich gebe ihr keine Antwort ... dann ist sie schnell wieder besänftigt. Leonie ist nicht bösartig ... Wenn sie nur nicht weiß, daß wir am Ende des Monats nicht bezahlten ... dieses verfluchte Ende des Monats! vorgestern war's ... es war mir völlig aus dem Sinn gekommen! ...« In seinem Hause findet Karl Alles düster und still; sein Commis ist nicht auf dem Comptoir, der Laden geschlossen. Seine Frau befindet sich mit dem Töchterchen allein; Leonie vergießt Thränen; mit ihrer Hand unterstützt sie das sinkende Haupt, und die Röthe, das Anschwellen ihrer Augen verkündigen, daß ihre Zähren schon lange fließen. Die kleine Laura, auf einem Tabouret zu Leoniens Füßen sitzend, überläßt sich ihren gewohnten Spielen nicht; man möchte sagen, sie theile schon den Schmerz ihrer Mutter; unverwandt hängen ihre Augen an derselben und scheinen mit Inbrunst um ein Lächeln zu flehen. Bei diesem Anblick fühlt sich Karl gerührt; Reue steigt in ihm auf; betroffen bleibt er vor Frau und Kind stehen. Leonie hat ihn gesehen und fährt fort zu weinen, doch geht kein Wort des Vorwurfs, kein Laut der Klage über ihre Lippen. Dieses Schweigen macht mehr Eindruck auf Karl, als eine Scene und Ausbrüche des Zorns und Unmuths; er bricht das Schweigen zuerst: »Warum denn so weinen, Leonie? ich war länger abwesend, als ich gesagt hatte, das ist wahr ... allein man ist nicht immer Herr seiner selbst ... Es scheint mir, daß ich keine Erlaubniß nöthig haben werde, um einige Tage auf dem Lande zuzubringen?« »Nein, es steht Ihnen frei, Ihre Frau, Ihr Kind zu verlassen ... ich weiß, daß ich nicht mehr die Macht habe, Sie zu Hause zu halten ... durften Sie aber auch die Ehre Ihres Namens ... dieses Hauses, das mein Oheim Ihnen übergeben, zu Grunde richten ... durften Sie es Ihrem Vergnügen opfern? ... Ist dies die Erbschaft, welche Sie Ihren Kindern hinterlassen wollen? Und Ihr Sohn! ... der arme Kleine! Meine Thränen bezeichneten seine Geburt! eine Fremde empfing ihn in ihren Armen! ... Sein Vater harrte nicht ungeduldig seines ersten Lauts! ... und heute kümmert er sich wenig um den Namen, den er ihm lassen wird!« »Ach, Leonie! höre auf, ich bitte Dich! das Alles ist höchst langweilig! Sieh, Laura, da habe ich Dir Pfefferkuchen und Gerstenzucker mitgebracht. Sie nehmen immer Alles auf's Schlimmste ... man hat am Ende des Monats die vorgewiesenen Billete nicht bezahlt ... allein man wird sie bezahlen.« »Bringen Sie Geld? ...« Karl kratzt sich hinter dem Ohr und geht im Zimmer auf und ab, wobei er stottert: »Geld ... nein ... ich bringe keins ... Ah! da Laura, nimm noch diesen Lebkuchen, ich habe ihn vergessen ... Allein ich werde Geld bekommen, ich werde schon finden, man hat mir welches versprochen ... überdies sind meine Freunde da, und Sie haben gesehen, daß ich auf sie zählen kann.« »Wissen Sie aber auch, wie viel wir jetzt im Ganzen schuldig sind? – Meiner Treu, nein, ich weiß es nicht genau. – Ich weiß es; denn seit gestern bin ich nicht von unsern Büchern weggekommen; ich habe Alles zusammengestellt, Alles berechnet ... – Da hattest Du Unrecht! ... ich empfahl Dir, Deiner zu pflegen ... nicht zu arbeiten ... Du wirst Dich noch krank machen ... Was Teufels! Deine Gesundheit vor Allem! so will ich's ... – Ach! nur Seelenruhe würde mir diese geben! ... Nun, so wisse denn! wir schulden achtundsechzigtausend Franken! – So viel? – Ja ... denn es kamen eine Menge Leute, von welchen Sie seit drei Monaten borgten und dafür Scheine ausstellten ... Was haben Sie denn mit all' diesem Geld angefangen, mein Freund? ... – Ich weiß nicht ... allem Anschein nach hatte ich's nöthig. – Karl, antworten Sie mir aufrichtig: Sie wissen, ich bin nachsichtig! ... spielen Sie gegenwärtig? ... – Ob ich spiele? ... ja, Billard ... auch zuweilen Ecarté ... aber nie um große Summen. – Sie gehen also nicht in Spielhäuser? – Nein ... o, pfui! ... das würde mir keine Freude machen! – Kurz, wir schulden diese Summe ... Vordem wären wir, wenn wir sie bezahlt .. hätten, noch wohlhabend geblieben; jetzt haben wir nichts mehr, wenn es geschieht ... Und doch müssen wir bezahlen, Karl, wir müssen! um Ihrem Sohne keinen entehrten Namen zu hinterlassen! – Ich werde bezahlen ... das ist auch meine Absicht ... und dann sei ruhig, ich werde Geschäfte machen ... bessere ... auf unsern Handel verstand ich mich nicht ganz recht ... in einem andern Zweig werde ich jedoch glücklicher sein. Ich gehe, meine Freunde aufzusuchen und ...« Karl schickt sich zum Weggehen an, als seine Mutter erscheint, er erräth an dem Ausdruck ihrer Züge, daß Madame Darville von dem verwirrten Stand seiner Angelegenheiten unterrichtet ist. »Bleiben Sie, mein Herr, ich muß mit Ihnen sprechen ... in Gegenwart Ihrer Frau,« begann die Mutter, indem sie sich auf einen Stuhl niederließ. »Entsetzliches hab' ich vernommen ... wie! Sie haben Ihre Verbindlichkeiten nicht erfüllt, haben Bankerot gemacht? das war man so geschäftig, mir mitzutheilen; denn es gibt immer Leute, die es drängt, uns das Herz zu durchbohren! Ist es wahr, Karl, haben Sie wirklich Ihr Haus zu Grunde gerichtet? – Meine Mutter, ich gestehe, ich habe Schulden ... aber ich werde sie bezahlen ... ich hoffe, Alles zu bezahlen ... – Sie hoffen ... so hat man mich also nicht getäuscht! ... Armer Herr Formerey! was wird aus ihm werden, wenn er diese Nachricht erhält! ... Und welches Loos bereiten Sie Ihrer Frau, Ihren Kindern? Leonie ... so sanft ... so gesetzt ... ha! Ihr Betragen ist schändlich, mein Sohn! ... eine so hübsche Frau verlassen, und öffentlich mit einer Maitresse gehen! ... ja, öffentlich; denn ich, ich habe Sie mit einer großen Blondine ins Theater gehen sehen ...« »Großer Gott,« rief Leonie, welche mit sichtbarer Herzensbeklemmung die letzten Worte der Madame Darville hörte. »Eine Maitresse ... ein anderes Weib ... er liebt mich nicht mehr ... ach, Madame! Sie hätten es mir doch nicht sagen sollen! ...« Leonie stößt einen tiefen Seufzer aus, ihre Augen schließen sich, sie verliert das Bewußtsein. Karl trägt sie auf ihr Bett, während er zu seiner Mutter sagt: »In welchen Zustand versetzen Sie sie! ... macht es Ihnen Freude, sie so zu sehen? – Wie ... sie kannte Ihre Untreue nicht ... unglückliche Leonie! ... ach! hätte ich das gewußt! ... allein in der Regel bemerken es die Frauen nur zu gut, wenn ihre Männer sie betrügen! Geben Sie ihr schnell etwas aus jenem Fläschchen ... arme Frau! ... doch es wird nicht von Bedeutung sein ... man stirbt nicht daran! ... und das ist noch ein Glück ... Sorgen Sie für dieselbe ... wachen Sie über sie ... Suchen Sie Verzeihung zu erlangen ... sie wird Ihnen vergeben ... sie ist so gut ... sie kommt wieder zu sich ... darum lasse ich Sie allein ... in diesem Augenblicke wäre meine Gegenwart zu viel ... Doch hier, mein Sohn, nehmen Sie dieses ... es wird Ihnen aus der Verlegenheit helfen. Ich habe meine Renten verkauft, hier sind zwei Dritttheile des Ertrags ... das Uebrige werde ich für eine jährliche Leibrente abtreten, damit ich noch zu leben habe. Zwar haben Sie alsdann bei meinem Tode nichts mehr zu erben, aber Sie bewahren jetzt Ihre Ehre und das ist mehr werth, als Geld und Gut ... dieser Summe habe ich noch einige Ersparnisse beigefügt: da nehmen Sie diese Brieftasche; sie enthält dreiunddreißigtausend Franken. – Ach! meine Mutter! wie sehr bin ich gerührt ... – Schon gut ... sorgen Sie für Ihre Frau ... für Ihr Hauswesen ... werden Sie vernünftig; dies ist die beste Art, mir zu danken.« Madame Darville verläßt, nachdem sie noch ihre Enkelin geküßt, das Zimmer. Karl springt seiner Frau bei. Weinend ruft Laura ihrer Mutter und bittet sie, die Augen wieder aufzuschlagen. Leonie kommt endlich zu sich, aber nur um neue Thränen zu vergießen, und um den Blicken ihres Gatten nicht zu begegnen, wendet sie den Kopf ab. Für solche Auftritte wenig geschaffen, schlägt Karl seinen gewohnten Ausweg ein, er geht fort, nachdem er seiner Tochter noch zugeflüstert: »Sage Deiner Mutter, ich werde bald wieder heimkommen.« Er sucht Mongérand auf, welchen er auf dem Boulevard trifft; wie der ehemalige Husar Karl'n erblickt, stößt er einige Rufe der Verwunderung aus und beginnt alsdann: »Wo, Teufel, kommst Du her? Seit drei Tagen hat man Dich nicht gesehen. – Ich bin mit Helena auf dem Lande gewesen. – Pest, welch' großartige Lebensweise! – Während ich mich belustigte, gingen die Geschäfte hier schlecht! ... ich habe zu bezahlen ... viel ... meine Mutter hat mir wohl etwas gegeben, das reicht aber nicht aus. Kannst Du mir Geld leihen? – Nein, mein Freund, ich bin beinahe auf dem Trockenen. Sieh, ich dachte, ich wollte Mäkler werden; he, was sagst Du dazu? – Ich sage, daß ich in Kurzem gleichfalls etwas beginnen muß. Teufel! ich muß Geld haben. Und meine Frau erfährt so eben, daß ich mit Helena gewesen bin! nun gibt's nichts als Thränen, Seufzer! ich weiß nicht, wohin ich mich verkriechen soll. Ich gestehe, ich sehe sie nicht gerne betrübt. – Deine Frau ist kindisch genug, zu weinen, weil Du Maitressen hast? Ha! das wäre stark! ich hielt sie für vernünftiger! sie hat sich also noch nicht auf die Höhe des Jahrhunderts geschwungen? Aber sei ruhig! es wird schon kommen, sie wird sich daran gewöhnen; in einiger Zeit greift sie's nicht im mindesten mehr an. Die Hauptsache wäre jetzt, Dir Geld aufzutreiben ... Donnerwetter! wenn ich welches hätte! ... – O! ich weiß wohl! ... – Laß uns einen Gang ins Café machen ... zu den Freunden ... vielleicht findest Du, was Du brauchst.« Die Freunde im Café, immer bei der Hand, um Billard zu spielen oder zu frühstücken, sind nicht liebenswürdig, wenn man Geld von ihnen borgen will. Diese Herren haben wohl welches zu ihrem Vergnügen, nie aber um Andere zu verbinden. Der dicke Vanflouck, der sich gerade im Café befindet und verstanden hat, welchen Dienst Karl von seinen Freunden verlangt, schluckt seinen Bittern verkehrt hinab, um schneller damit fertig zu werden, und verläßt das Café, sich stellend, als bemerke er Darville nicht. »Da geht der Menschenfresser durch!« sagt Mongérand, wie er Vanflouck verschwinden sieht. »Ich weiß nicht, hast Du oder ich ihm Furcht gemacht, nie aber sah ich ihn eine Tafel so flink verlassen. – O! er hätte mich nicht verbinden können; er klagt beständig über die Geschäfte. – Eine pfiffige, von vielen Leuten in Anwendung gebrachte Manier, damit man sie um nichts angeht. – Ei, aber ich vergaß ... o! der ist im Stand, mir zu dienen, und wird sich nicht weigern, zu diesem will ich gehen. – Zu wem denn? – Zu Rozat. – Rozat! seit er Aschenbrödel entführt, habe ich ihn nicht ein einziges Mal getroffen; ich glaube, er versteckt sich, wenn er mich sieht; gleichviel, ist er gefällig gegen Dich, so verzeihe ich ihm den uns gespielten Streich gerne.« Karl begibt sich auf der Stelle zu Rozat; der schöne Blondkopf ist zu Hause; eingehüllt in seinen persischen Schlafrock; er spricht mit ziemlich aufgeregter Stimme zu seiner Frau; bei Karls Ankunft schweigt man jedoch. »Guten Tag, lieber Freund ... ach! der gute Darville; ich habe ihn schon lange nicht mehr gesehen; er ist, glaube ich, dicker geworden. Celine findest Du nicht, daß Herr Darville dicker geworden ist!« Celine wirft auf Karl einen Seitenblick und erwidert trocken: »Ich finde den Herrn im Gegentheil magerer.« »Magerer, ah! zum Beispiel, meine Liebe, Du scherzest! nein, gewiß, er ist nicht magerer.« »Daran liegt wenig, ob ich dicker oder magerer bin,« sagt Karl, »davon ist jetzt nicht die Rede; mein lieber Rozat, ich komme, Sie um einen Dienst zu bitten ... – Einen Dienst! o! sprechen Sie, mein Freund, ich gehöre ganz Ihnen; von was handelt es sich? – Mir Geld zu leihen, und zwar so viel als möglich, denn ich habe große Zahlungen zu machen.« Rozat wird weiß bis in die Nasenspitze, sein Gesicht verlängert sich, er zieht sein Kinn hinter die Halsbinde zurück und hustet mehrmals, während seine Frau auf Karl Augen macht, welche sagen zu wollen scheinen: »Sie müssen sehr kühn sein, um Geld bei uns zu entlehnen! sie wundert sich, daß ihr Mann noch nicht eine förmliche abschlägige Antwort ertheilt habe; allein Rozat will Karl schonen, besonders in Gegenwart seiner Frau; er fürchtet, sein Collegienfreund möchte von Madame Stephano sprechen; nachdem er noch mehrere Male gehustet, steht er plötzlich auf und sagt zu Karl: »Kommen wir in mein Kabinet, dort können wir besser von Geschäften sprechen, hier ist es zu geräuschvoll.« »Zu geräuschvoll!« versetzt Madame Rozat mit spöttischer Miene. »O, eine saubere Ausrede, das! ... August ist in der Schule! Allem Anschein nach haben Sie Geheimnisse mit dem Herrn ... mir ist's ganz gleich!« Rozat thut nicht, als ob er seine Frau verstünde. Karl folgt ihm in sein Kabinet. Dort angelangt, schließt der erstere die Thüre, schiebt den Riegel vor, macht das Fenster zu, endlich geht er nun auf Karl zu, drückt ihm heftig die Hand, indem er mit dumpfer Stimme murmelt: »Mein Freund, es ist mir sehr lieb, daß wir allein sind; vor meiner Frau konnte ich Ihnen keine Antwort geben ... so wissen Sie denn, ich habe Tollheiten gemacht für Heloise ... Sie wissen ja ... Madame Stephano, welche so gut singt: Und darum nennt man ... – Ja, ja, ich weiß! Zum Henker, Helena's Base. – Richtig, Helena's, in die Sie verliebt waren. Sie ... – Und die mich seit jener Zeit anbetet ... – Wahrhaftig ... Kurz, mein Freund, ich ließ mich zu Geschenken, zu Festlichkeiten hinreißen. Mit einem Wort, in diesem Augenblicke stecke ich tief in Schulden, und weit entfernt, Ihnen leihen zu können, muß ich für mich selbst Geld auftreiben. Glauben Sie mir, es ist mir äußerst leid, es Ihnen abschlagen zu müssen. – Ei, mein Lieber! da Sie's nicht vermögen, bin ich Ihnen keineswegs böse, und wenn ich welches hätte, würde ich's Ihnen sogleich anbieten. – Der gute Darville ... Ihre Angelegenheiten sind also in Unordnung? – Ein wenig. – Ich glaube, Sie haben auch eine sehr kokette Frau! – Ach nein. – O! doch, sie ist kokett, sie muß diamantne Ohrgehänge, Kaschemirs haben. – Das heißt, ich gebe ihr das Alles. – Es gibt Frauen, welche ihre Männer an so unklugen Ausgaben zu hindern wissen ... aber die Ihrige, im Gegentheil ... – Rozat, ich bin ein guter Kerl, ein sehr guter Kerl, aber ich kann es nicht leiden, daß man schlecht von meiner Frau spricht, weil sie es nicht verdient. – Mein Freund, das ist nichts Schlechtes, ich mache Ihnen nur bemerklich ... – Gut, jetzt ist's genug. Ich kann Schwachheiten, dummes, sogar einfältiges Zeug treiben, aber im Grund meines Herzens fühle ich mein Unrecht. Unglücklicherweise bin ich nie stark genug, es wieder gut zu machen ... vielleicht kommt das noch; übrigens liebe ich meine Frau, liebe meine Kinder, und wer schlecht von ihnen spricht, hat es mit mir zu thun. – Mein Gott, Sie gerathen in Zorn, haben mich unrecht verstanden. – Sie können mir den Dienst nicht leisten, desto schlimmer; auf Wiedersehen, Rozat! – Auf das Vergnügen des Wiedersehens, mein Freund! Hier, schlagen Sie diese Seitentreppe ein, da begegnen Sie meiner Frau nicht, und zudem ist's näher.« Ohne etwas zu der von seiner Mutter erhaltenen Summe hinzufügen zu können und in Furcht vor weiteren Thränen seiner Frau, kommt Karl nach Hause. Er findet sie düster, schweigsam, doch sich bemühend, das Weinen zu unterdrücken; er theilt ihr mit, welche vergebliche Schritte er gethan, um Geld aufzutreiben und händigt ihr die Brieftasche seiner Mutter ein. Zu andern Zeiten hatte sich Leonie durch den Versuch ihres Gatten bei Rozat erniedrigt gefühlt; jetzt hört sie ruhig seine Erzählung an, ohne darüber angegriffen zu erscheinen; ein anderer, schneidenderer Kummer erfüllt ihr Herz. Es ist das Vorrecht großer Schmerzen, daß sie zu andern keine Stelle mehr übrig lassen; ein in seinen zartesten Neigungen gebrochenes Gemüth erträgt mit großer Ruhe, mit einer Art von Gleichgültigkeit alle übrigen Leiden, welche das Schicksal ihm zuschickt. Leonie rafft ihre ganze Kraft zusammen, um aus der Lage, worin ihr Gatte sie gebracht, herauszukommen. Durch ihre Sorgfalt werden die Gläubiger berufen, die Schulden bezahlt; freilich müßte man die größten Opfer bringen. Glücklich noch, daß sie ihrem Manne einen Namen ohne Makel bewahrt, erträgt sie muthig ihren Unfall. Bei Onkel Formerey war dies nicht ebenso; als der alte Negociant vernahm, der Gemahl seiner Nichte habe die Zahlungen eingestellt, bekam er einen so heftigen Anfall der Gicht, daß er in wenigen Stunden unterlag. Während Leonie den Brief mit der Nachricht von des Oheims Tode erhielt, empfing Karl ein zierliches Billet von Helena; die schöne Blondine meldete ihm darin, daß sie so eben einen würdigen Nachfolger für ihren russischen Fürsten gefunden habe, und bedeutete ihm, daß sie nun das Vergnügen seiner Besuche entbehren müsse. »Da begehe man Thorheiten um solcher Weiber willen!« sprach Karl bei sich selbst, »indem er das Billet in seiner Hand zerknitterte; genau genommen, war sie eine Kokette, und es ist mir nicht unlieb, sie los geworden zu sein!« Karl bemüht sich nun, sich seiner Frau wieder zu nähern und seine Fehler bei ihr in Vergessenheit zu bringen. Mit Sanftmuth nimmt Leonie die Liebkosungen ihres Gatten hin und sagt, ihm die Hand reichend: ich habe Dir vergeben; vergib mir auch Deinerseits, wenn ich noch traurig bin, meinen Kummer noch nicht bewältigen kann! Ich weiß wohl, daß ich eine Thörin bin, daß eine Frau nicht hoffen darf, ihr Gatte werde ihr beständig treu bleiben; allein ich hatte es geträumt! und das Erwachen fällt mir schwer.« Man verließ die bisherige Wohnung, welche mit dem verlorenen Laden zusammenhing. Onkel Formerey hinterließ so ein dreißigtausend Franken, wovon Leonien die Hälfte zufiel; hiemit, und den Trümmern früheren Besitztums kann man schon einige Zeit hindurch die Begebenheiten abwarten. Karl will eine schöne Wohnung für fünfzehnhundert Franken miethen, Leonie brachte es dahin, daß man eine bescheidenere und minder theure nahm; beim Einziehen rief Karl aus: »So wohnen wir denn also hier bis auf bessere Zeiten, aber ich schmeichle mir, wir werden diese Gemächer bald mit eleganteren vertauschen. Fünfzehntes Kapitel Eine Hochzeit in der Weinlese von Burgund. Es gibt in Paris wirklich eine Speise- und Weinwirthschaft aux Vendanges de Bourgogne (zur Weinlese von Burgund) betitelt, die von mittleren und geringeren Klassen oft zu Hochzeiten benützt wird. Anm. d Uebers. »Ah! Rozat hat Dir nichts geliehen, weil er sich Heloisens wegen in Schulden gesteckt hat!« rief Mongérand eines Morgens auf einem Spaziergang mit seinem Freunde längs dem Kanal; siehst Du, Karl, diese Antwort kommt mir wie eine schlecht ersonnene Lüge vor! – Warum? – Weil ich weiß, daß Rozat nicht lange in Heloisens Gunst stand; ich werde es aber aufklären; das erste Mal, wo ich Aschenbrödel wieder treffe, spreche ich mit ihr: sie hat mir meinen Ring zurückgegeben, ich bin ihr nicht mehr böse. Aber Donnerwetter! hat Rozat Dich belogen, so will ich ihm dann sein Theil geben; ich bin nicht händelsüchtig und liebe den Frieden, aber ich mag keinen Gauner und Egoisten, der nichts für seine Freunde thut, zum Gesellschafter! Ich zum Beispiel habe bald keinen Sou mehr, aber ich bin sicher, daß Du mir leihen wirst, sobald ich nichts mehr habe. – Wohl gedacht! Dank der Erbschaft von dem Oheim meiner Frau und dem uns noch Gebliebenen, wir haben noch Zeit vor uns. – O! glaube nicht, daß ich auf Deine Kosten leben wolle! das ist nicht meine Art! ich habe Pläne, um Geld zu verdienen; es gelüstet mich, einen Wein- oder Branntweinhandel anzufangen ... auf diesen Handelszweig verstehe ich mich ziemlich gut; und ist mein Geschäft einmal im Gang, mache ich Dich zum Theilhaber an demselben! ... d. h. wenn es Dir einleuchtet. – O ja ... wenn man nur Geld dabei gewinnt! – Beim Teufel! Wein und Brandwein findet immer Abnehmer ... Sieh', wir wollen in der Weinlese von Burgund zu Mittag essen, dorthin habe ich einen Weinunterkäufer bestellt, welcher mir Muster überbringen soll, da werden wir über das Alles sprechen ... – Leonie nahm mir das Versprechen ab, bald nach Hause zu kommen. – Das wirst Du auch ... wir haben noch Zeit! – Mein Töchterchen hat den Keuchhusten, und ... – Ha, ha, ha! ... verfluchter Ofenhocker! geh! ha, ha, ha! er fürchtet sich, in der Stadt zu speisen, weil sein Töchterchen den Keuchhusten hat! – Du verstehst nicht, Mongérand; meine Frau wird gleich unruhig, wenn ihr Mädchen krank ist, und sie wünscht, ich solle zu Hause sein, um ... – Um der Kleinen Arznei einzugeben ... He? Ha, ha, ha! ... Vorwärts, komm doch, Gebrechlicher! bring Du Deinem Töchterchen Mandel mit, das bekommt ihr besser, als Thee und Tränke.« Karl läßt sich, seiner Gewohnheit gemäß, überreden und begleitet Mongérand in die Weinlese von Burgund . Die Herren begeben sich in ein Kabinet, das mit dem Garten gleichläuft und von wo man den großen Salon mit den Glasthüren erblickt, der sich damals zu ebener Erde befand. Es war ein Samstag und an diesem Tage ist immer wenigstens eine Hochzeit bei jedem Restaurant, welcher große Salons in seinem Hause hat. Der Samstag ist in Paris der Lieblingstag zur Knüpfung ehelicher Bande, und man erräth den Grund davon leicht: dem Neuvermählten, in der Hoffnung, sich in seiner Hochzeitnacht etwas anstrengen zu müssen, ist es lieb, wenn er den andern Tag nicht zu arbeiten braucht. Ist er ein Schreibereiverwandter, ein Handlungscommis, ein Handwerker oder Arbeiter u. s. w., so läßt nur der Sonntag ihm völlige Freiheit; darum wählt man den Samstag vorzugsweise zur Hochzeit, und demzufolge sollten sich in der Nacht vom Samstag auf den Sonntag am meisten, man weiß schon was, nehmen und genommen werden; wenigstens liebe ich, es zu glauben! Es war also eine Hochzeit in der Weinlese von Burgund! sie fand in dem großen, auf den Garten gehenden Salon mit den Glasthüren statt (der Herr des Etablissements hatte sein Restaurant noch nicht auf die moderne Art herrichten lassen, wie wir ihn heutzutage sehen). Die Hochzeit hinderte die Bedienung der Kabinette keineswegs, weil der Chef dieses Hauses sich darauf versteht, und die Kellner überall bei der Hand sind, wo man ihrer bedarf; es ist hier nicht wie bei jenen kleinen Traiteurs, welche den Kopf verlieren, wenn sie drei Gesellschaften anrücken sehen. Der Weinunterkäufer läßt die beiden Freunde nicht lange warten: er ist ein kleiner, runder, völlig rother Mann, dessen Gesicht mit Finnen ganz besäet ist, der beständig zweimal das Nämliche wiederholt und sich stets entweder Nase, Ohr, Schenkel oder Hinterbacken kratzt, wodurch er seiner Nachbarschaft kein großes Vertrauen einflößt. »Ah! da ist Herr Boursinet,« ruft Mongérand, dem kleinen rothen Mann in die Hand schlagend; »gut, er ist pünktlich!« »Guten Tag, meine Herren ... ich grüße Sie ... ich bringe Muster ... Muster ...!« Und Herr Boursinet langt vier Schoppenbouteillen aus der Tasche, welche er auf den Tisch stellt. »Gut, Herr Boursinet! beim Nachtisch wollen wir es kosten ... zuerst müssen wir sehen, ob hier Wein und Küche gut ist?« »Es scheint mir,« bemerkt Boursinet, sich an der Nase kratzend, »man sollte lieber vorher kosten ... vorher kosten ... – Und warum? – Weil, nachdem wir gespeist und andere Weine getrunken haben, Sie weniger die Qualität schätzen können ... die Qualität schätzen können ... – Lassen Sie mich doch, alter Makler! mein Geschmack ist immer vortrefflich! ... zuerst wollen wir zu Mittag essen ... O! o! ... es scheint, wir werden während des Essens Musik zu hören bekommen! es ist eine Hochzeit hier ... ohne Zweifel können wir die Braut sehen! ... – Ist sie hübsch? ... ist sie hübsch? ... – Weiß ich das?« Die Herren lassen sich ein gutes Mahl auftragen; Mongérands Grundsatz ist, man dürfe erst dann sparen, wenn man es nicht mehr anders machen könne. Anfangs spricht man von Geschäften; Boursinet will durchaus Weine anbringen und versichert Mongérand, er werde ihm zu vortrefflichen Spekulationen verhelfen, weil er ihm die Waaren unter dem gewöhnlichen Preis verschaffe. Die ganze Zeit über, daß Mongérand dem Makler zuhört, blickt er in den Garten, wo sich die Hochzeitgäste ergehen; auf einmal fängt er an zu schreien: »Alle diese Weiber da sind so häßlich, daß es einem Angst macht! ... wo hat man alle diese Plaudertaschen zusammengefischt; die machen sich den Rang in der Häßlichkeit streitig!« »Es scheint mir indeß,« versetzte Herr Boursinet, sich am Beine kratzend, »daß ich da so eben eine gesehen habe, die gar nicht übel ist.« »Schweigt doch, alter Mäkler; hoffentlich verstehen Sie sich auf die Weine besser, als auf die Weiber, sonst kaufte ich Ihre Flüssigkeit nicht. Laßt uns Ihre Muster kosten ... es sind feine Weine, habt Ihr mir gesagt?« »O! sehr fein ... sehr fein ... altes Gewächs ... altes Gewächs ... – Wie sagtet Ihr? – Ich sagte altes Gewächs. – Ah! gut ... ich hatte etwas Anderes verstanden ... kosten wir ... Bist Du dabei, Karl ... verdammter Nikodemus, der nicht mit Freunden speisen wollte, weil seine Tochter den Keuchhusten hat! – Du siehst wohl, daß ich gekommen bin ... – Ich hätte auch sehen mögen, daß Du nicht gekommen wärest! ... Dann hätte ich Dich tüchtig durchgeprügelt ... d. h. nein, ich hätte Dich nicht geprügelt, weil ich Achtung vor Dir habe! ... Sehen wir 'mal diesen Wein ... was ist es für eine Sorte? ... – Beaune Qualität ... Beaune ... erste ... – Gut, ich verstehe ... Er ist sehr gut, nicht wahr, Karl? – Vortrefflich. – Ich nehme Ihren Beaune. – Ich kann Ihnen sechs Fässer davon überlassen ... davon überlassen ... – Ich nehme alle sechs. Gehen wir zu einem andern Muster! ... Ihre Muster sind sehr klein! ...« Die vier Schoppenbouteillen sind geleert, Mongérand findet sie köstlich, er kauft, was Boursinet ihm anbietet; wahrend er im Zug ist, würde er die ganze Niederlage auskaufen. Die Pariser Weinniederlage oder Weinhalle ist eine der größten Anstalten dieser Art in der Welt; sie bildet eine eigene Stadt in der Stadt mit Straßen, Plätzen u. s. w., die nach den darin aufbewahrten Weinen benannt sind; z. B. Burgunderstraße etc., es stehen in derselben oft über 400.000 Fässer, die Weine in Flaschen ungerechnet. Anm. d. Uebers. Diese Herren, welche schon sehr viel gegessen und getrunken haben, werden durch die Muster nun berauscht. Karl flucht beinahe eben so viel, als sein Freund, Boursinet kratzt sich, als wollte er sich die Nase ausreißen, und Mongérand, der immer ein Auge auf den Garten hat, ruft bei jedem Frauenzimmer von der Hochzeit, das in seinen Gesichtskreis kommt: »Pfui, das häßliche Thier! ... wollen Sie sich fortmachen!« Glücklicherweise haben die Personen, denen dies Compliment gilt, ihn noch nicht verstanden, oder nicht gedacht, daß es sie angehe. Um sich den Rest zu geben, verlangt Mongérand Champagner; er fragt den sie bedienenden Kellner, wer die Brautleute seien. »Wahrhaftig, das weiß ich nicht, Herr ...; ich glaube indeß, ek ist ein Geflügelhändler ... – Geh, sag ihm von mir: seine Frau erinnere mich an das Lied von der Mutter Camus ... Sieh, Boursinet hier, mein Mäkler ... der gewiß recht häßlich ist, stellte, ich wette darauf, mit einer Haube auf dem Kopf, die schönste Frau von der Hochzeit da drüben vor ...« »Ei! Sie glauben da zu spassen,« fiel Boursinet ein, »ich habe mich mehrmals als Frau verkleidet, mehrmals als Frau verkleidet. – Das geschah doch, um als Vogelscheuche zu dienen? Gleichviel, laßt uns trinken ... und so bin ich nun im Weinhandel. – Ja, im Wein ... im Wein. – Ja so, mein Boursinetchen, es waltet nur noch ein geringer Anstand ob ... der, daß ich keinen Sou habe, meine Einkäufe zu bezahlen. – Man wird sich arrangiren ... sich arrangiren ... das läßt sich hören. – Sie geben gute Billete ... gute Billete. – O! gerne ... ich gebe Ihnen so viel Sie wollen! ... – Endossirt durch einen Freund. – Man braucht noch einen Freund ... nun gut! da ist Karl, der wird's endossiren.« »Ja, gewiß!« spricht Karl, der bereits doppelt sieht, »ich endossire was Du willst. – Gut ... man erkundigt sich ... erkundigt sich ... – Was soll das heißen, erkundigt sich ... wisse, alter Boursinet, unsere Unterschrift ist Goldes werth ... ich rathe Dir, öfters so gute zu bekommen ... das wird besser für Dich sein, als an Deiner Nase zu kratzen. – Nicht meinetwegen spreche ich ... ich bin nur Makler ... nur Makler ... doch ich denke, es wird sich machen ... wird sich machen. – Nun, so laßt uns trinken und anstoßen auf das Gelingen meines Unternehmens ... es freut mich, daß ich nun in den Weinen bin.« Während diese Herren ihren Champagner trinken, ist die Nacht schon längst hereingebrochen und die Hochzeitsfestlichkeiten haben dem Balle Platz gemacht; man hört Musik; durch die Glasscheiben sieht man die Tänzer sich tummeln. Plötzlich schlägt Mongérand auf den Tisch und spricht: »Ich wette, daß ich auf der Hochzeit des Lerchenhändlers tanze. – Und ich auch!« ruft Karl ... – »Ich wette, nein,« versetzte Boursinet, »Sie sind nicht eingeladen ... nicht eingeladen. – Haben wir eine Einladung nöthig ... Ihr sollt sehen, alter Boursinet. – Ach! ja von außen ... von außen ... ich blicke durch die Scheiben ... die Scheiben ... – Und wir, Karl, vorwärts, den Kopf in die Höhe, wichtige Miene und den Fuß angezogen.« Mongérand und Karl gehen aus dem Kabinet, geben einander den Arm, um mehr Haltung zu gewinnen und sich gegenseitig zu unterstützen; sie nehmen ihre Richtung nach dem Tanzsalon, von Herrn Boursinet gefolgt, der sich jedoch wohl hütet, einzutreten. Der Contretanz war so eben zu Ende; die Männer spielten die Artigen, die Galanten; die Frauen lachten und neckten ihre Tänzer, und das Alles bei Staub, Hitze und einem sehr unzweifelhaften Weingeruch. In diesem Augenblicke treten Mongérand und Karl Arm in Arm, den Hut auf den Ohren sitzend, in stolzer Haltung ein, der Eine roth, wie ein Krebs, der Andere blaß wie der Tod, beide aber mit der unverschämtesten Miene von der Welt; sie beginnen damit, den Saal der Länge und Breite nach zu durchmessen und den Frauen steif ins Gesicht zu sehen. »Wer sind diese Herren da?« fragt der Bräutigam einen Vetter, »sind es Verwandte meiner Frau? Warte, ich will den Schwiegervater fragen.« Der Schwiegervater erklärt, die Herren seien ihm unbekannt; die Eltern, Verwandte, Freunde, kurz alle Hochzeitsgäste treten flüsternd zusammen; auch die Frauen befragen sich untereinander. »Gewiß,« sagt der Bräutigam, »da Niemand diese Herren kennt, so sind es Unbekannte. – Er hat Recht. – Er hat Recht. – Ich glaube daher, daß man sie fragen muß, warum sie hier hereingekommen sind, und sie bitten, fortzugehen ... – Ja ...ja.« »Ich nehme es über mich, mit ihnen zu reden, mein Tochtermann,« versetzt der Schwiegervater, welcher einen so steifen und hohen Vatermörder trägt, der ihm die beiden Ohren in die Höhe drückt, daß seine Physiognomie etwas von einem Widder hat. »Die Herren scheinen mir ein wenig getrunken zu haben ... – Ja ... ja, sie haben getrunken. – Man muß suchen, ihnen auf sanfte Art Vernunft beizubringen ... Wollen Sie darauf nicht hören, so werfen wir sie zur Thüre hinaus.« Seinen Kragen, auf die Gefahr, seine Ohren abzuschlitzen, noch höher ziehend, tritt der Schwiegerpapa vor. Er bleibt vor Mongérand stehen, welcher Karl anstößt, und beide Herren fangen an, dem Schwiegervater ins Gesicht zu lachen. Dieser nimmt es schon sehr übel, daß man bei seinem Anblick lacht, und er spricht mit näselndem Tone: »Meine Herren, ich bin der Schwiegervater des Bräutigams; ich komme in seinem Namen und im Namen der ganzen Gesellschaft, Sie zu fragen, wie Sie hier hereingekommen sind zu dieser Hochzeit, welche eine bürgerliche und Privathochzeit ist.« »Ho, ho! ein prächtiger Kerl der Schwiegerpapa! er sieht aus, als käme er aus einem Bockshorn heraus ... Und dieser Vatermörder ... Karl ... sieh doch einmal diesen Vatermörder ... ich glaube, er ist von Kartenpapier! ...« Damit brechen die Herren in ein noch schallenderes Gelächter aus. Nun wendet sich der Schwiegervater um zu seinem Tochtermann und anderen Verwandten, welche mit dem Ruf hervortreten: »Diese beiden Menschen da sind toll und voll besoffen. – Zur Thüre hinaus, zur Thüre hinaus!« wiederholen mehrere. Hochzeitsgäste. »Wer hat zu sagen gewagt, zur Thüre hinaus?« schreit Mongérand. – »Wer ist so unverschämt und sagt, wir seien toll und voll gesoffen?« schreit Karl. »Noch einmal, meine Herren,« nimmt der Bräutigam das Wort, »weßhalb sind Sie hierhergekommen? – Wir sind gekommen, um zu tanzen ... aber nicht mit euern Weibern, die sind gar zu häßlich ...« Damit will Mongérand eine Kreiswendung machen; im Umdrehen stößt er mit dem Fuß unter die Frackflügel des Schwiegerpapa. Dies ist das Zeichen zur Schlacht. Sämmtliche Männer von der Hochzeit fallen über Karl und Mongérand her; Fußtritte, Fauststöße regnen von allen Seiten auf die beiden Freunde, welche wohl einige zurückgeben, aber nicht stark genug sind, um gegen dreißig Männer mit derben Fäusten zu kämpfen; sie sind im Begriff, erdrückt zu werden, als der Herr des Hauses mit mehreren Kellnern erscheint. Er erkundigte sich nach der Ursache des Streites, und nicht ohne Mühe gelingt es ihm, sich durch das Gewirre Bahn zu machen, indem er zu den Hochzeitsleuten sagt: »Meine Herren ... ich bitte, hören Sie auf ... Sie sehen wohl, daß diese Herren nicht bei Verstand waren; ... lassen Sie mich dieselben wegführen.« Den Verwandten und Freunden, welche zufrieden gestellt sind, daß die beiden Fremden tüchtig durchgeprügelt sind, ist nichts lieber, als wieder tanzen zu können; sie lassen daher ihre Gegner gerne abziehen. Bei diesen aber ist es nicht derselbe Fall: wüthend über ihre Niederlage, wollen sie sich noch schlagen. Aus Mongérand's Mund quillt Blut. Karl hängen die Augen beinahe aus dem Kopfe heraus; sechs Kellner und der Herr des Hauses sind nöthig, um sie aus dem Salon zu bringen. Endlich ist's gelungen, sie sind im Garten, der Restaurateur läßt die Thüre besetzen und redet den beiden Freunden zu, nach Hause zu gehen. »Nach Hause gehen,« schreit Mongérand, »nach Hause gehen! nachdem ich von diesen Lumpenkerls geprügelt bin? nein, Donnerwetter, ich gehe nicht, ich erwarte sie hier.« »Und ich will durch das Fenster wieder hinein!« schreit Karl fortstürzend; nur mit Mühe kann man ihn davon abhalten. »Meine Herren,« nimmt der Restaurateur wieder das Wort, »ich will keine Auftritte hier; was wollen Sie überdies gegen eine ganze Gesellschaft ausrichten? – Wenn's keine feige Schurken sind, schlagen sie sich einzeln mit uns. – Sie haben aber den Bräutigam und den Schwiegervater beleidigt. – Das ist uns gleich! – Meine Herren Sie müssen sich zurückziehen. – Nein! ich will mich schlagen. – Und ich auch. – Lassen Sie doch diesen Mann ruhig heirathen. – Wir müssen eine Genugthuung haben ... ein Rendezvous ... kurz, ihre Adresse. – Ihre Adresse! Ah! das ist ein anderes; so warten Sie.« Der Wirth flüstert einem seiner Kellner etwas ins Ohr; dieser entfernt sich und kommt nach einigen Minuten mit einem kleinen Papier wieder, welches er seinem Herrn einhändigt. Der letztere stellt es Mongérand mit den Worten zu: »Da, meine Herren, ist die Adresse des Bräutigams und Schwiegervaters, morgen werden sie zu Hause sein; jetzt sind Sie so gefällig und gehen Sie fort. – Ah! bravo! meinetwegen, so kann es gehen, ruft Mongérand; den Papierstreifen in die Tasche schiebend. Diesen Abend mögen sie tanzen, morgen aber wollen wir wieder anfangen. – Ja, meine Herren, morgen thun Sie, was Ihnen beliebt. Da sind Ihre Hüte ... Guten Abend. – Nun gut, und wo ist denn Boursinet; he, Boursinet! – Dieser Herr ist schon lange fort. – Wie, ohne uns ... Boursinet ... und unsere Karte? – Ist bezahlt, ist bezahlt. Guten Abend, meine Herren.« Damit schob der Restaurateur Karl und Mongérand vor sich her. Auf diese Art gelangten sie in die Straße, worauf man die Thüre hinter ihnen zuschloß und die beiden Freunde an den Ufern des Kanals stehen ließ. Einige Minuten brauchen sie, um sich gehörig zu sammeln und auszukennen; sie tasten an sich herum, blicken einander an und gehen einige Schritte. Karl'n war ein Flügel seines Kleides vom Leibe gerissen, seine Halsbinde zerfetzt, das Gesicht aufs Uebelste zugerichtet; Mongérand ist ungefähr in demselben Zustande und überdies sein Hut eingeschlagen. »Das war ein vermaledeiter Abend,« beginnt endlich Mongérand, Karl unter dem Arme fassend, »aber sie sollen's uns entgelten. – Ha! ich bin rasend vor Zorn, daß wir unterlegen sind: – Wollen wir umkehren und sie auf der Stelle packen! – Recht.« Nun kehren die beiden Freunde wiederum zu der Weinlese von Burgund , klopfen, lärmen und schreien: »Macht uns auf, wir wollen uns lieber sogleich schlagen! macht auf oder kommt heraus!« Man läßt sie lärmen, antwortet ihnen aber nicht. Müde des vergeblichen Klopfens, stellen sich die Herren endlich zufrieden, gehen fort, brummend: »Für morgen also.« Es ist Nacht. Längs dem Kanal schritten sie Arm in Arm dahin, indem sie sich Mühe gaben, nicht zu wanken. So laufen sie lange fort, die frische Luft betäubt sie noch mehr. Mongérand glaubt sich auf den Quai's, und statt über die Brücke zu gehen, welche sie in die Straße de Lancey führen würde, bleibt er stehen und sagt: »Einen Augenblick, so kämen wir in die Vorstadt St. Germain, und das ist nicht unser Weg. – Du glaubst ... wie! wir wären also verirrt. – Ei nein ... laß Dich führen ... wir biegen in die Straße St. Denis ein ... rechts.« Während die Herren die Straße des Recollets hinaufgehen, wundern sie sich, daß die Buden schon geschlossen sind. Nach langem Marsche kommen sie an die Barrière du Combat. Wie Karl dieselbe von ferne erblickt, sagt er: »Sonderbar, die Porte St. Denis kommt mir kleiner vor als sonst! – Wahrscheinlich ist's die Porte St. Martin.« Unter der Laterne der Barrière bleiben sie indeß stehen und sehen in die Höhe. »Aber die Pest soll mich ersticken! Karl, das ist weder die Porte St. Martin, noch die Porte St. Denis. – Da siehst Du ... Deine Schuld. – Die Schuld Boursinets ... hätte er auf uns gewartet ... sollte er auch verirrt sein ... He! Boursinet!« »Wo kommen wir da hin, Kamerad?« fragt Karl einen Accisebeamten. – In die Poudrette. – In die Poudrette! das ist hübsch. Wo Teufels sind wir denn? – An der Barrière du Combat. – Nicht möglich! der verfluchte Boursinet ist daran Schuld! und um in die Straße Poissonnière zu kommen ... – Gehen Sie immer da hinab bis zum Kanal und dann über die Brücke. – Danke, Freund. Komm, Mongérand. – Ah! einen Augenblick! ... laß mich, so lange wir noch unter einem Lichte stehen, die Adresse unserer Leute betrachten, mit denen wir uns morgen früh schlagen sollen, denn wir müssen ja doch deßhalb zusammenkommen.« Mongérand zieht den erhaltenen Papierstreifen aus der Tasche, dreht ihn hin und her und murmelt: »Welche Dummheit, mit Bleistift zu schreiben. Man kann's beinahe nicht mehr lesen. Ah! warte, da hab' ich's ... Pi ... Piche ... Pichardin ... rue des Mauvaises Paroles ... Keine Numero. Wahrscheinlich sind sie bekannt ... wir werden sie schon finden. – Gehen wir diesen Abend hin? – Nein, wir gehen ganz ordentlich nach Haus; morgen aber, Karl, holst Du mich recht frühe ab, und dann wollen wir die Herren Pichardin, Vater und Schwiegersohn, aufwecken.« Die beiden Freunde führen einander wieder beim Arm, gehen hinab bis zum Kanal, entschließen sich diesmal, die Brücke zu passiren und gelangen auf den Boulevard. Karl wohnt in der Straße Poissonnière; bald ist er in der Nähe seiner Wohnung, und Mongérand verläßt ihn an der Ecke des Boulevard, ihm noch wiederholend: »Morgen früh ... es ist eine Ehrensache ... Ich rechne auf Dich.« Karl sagt zu und langt vor seiner Thüre an; es scheint, daß der Anblick seiner Wohnung ihn ein wenig zur Besinnung bringt, eilends steigt er die Treppe hinauf, tritt in sein Zimmer und zeigt sich vor seiner Frau, indem er eine lachende Miene affektirt, damit diese nichts ahne. Allein er vergaß die Unordnung seiner Toilette, und Leonie stößt bei seinem Anblick einen Schrei aus. »Ach, mein Gott! was ist Dir denn zugestoßen? – Mir? nichts! – Was hast Du denn? – Ich habe mit Mongérand gespeist, das ist Alles. – O! ich dachte wohl, daß Du bei dem seiest. Aber es ist Dir gewiß etwas zugestoßen. Dein Kleid ist ganz zerrissen. – Bah! sieh, das hatte ich nicht einmal bemerkt; wahrscheinlich bin ich hängen geblieben, – Deine Halsbinde ist in Fetzen und Dein Gesicht ... Ach! Karl, Du hast Dich geschlagen! – Das heißt, man hat uns geschlagen! – O mein Gott! mein Gott! was ist denn geschehen? – Schrei nicht so laut, Du weckst Deine Tochter auf ... guten Abend, Laura ... Hat sie diesen Abend viel gehustet? – Ei! was kümmert Dich das? Du hast nicht an uns gedacht! – O! doch, und der Beweis ist, daß ich Bisquit von Rheims für euch beide in die Tasche gesteckt habe ... Ah! ... es scheint, das ist in der Tasche, die ich verloren habe ... – Karl, ich beschwöre Dich ... erzähle mir, was Dir zugestoßen ist ... komm, setze Dich ... ruhe aus ... So ist's recht ... willst Du etwas zu Dir nehmen ... Zuckerwasser ... – Ja, ich möchte wohl ... denn ich bin etwas angegriffen.« Leonie, welche den Zustand ihres Gatten nun recht ins Auge faßt, beschäftigt sich zuerst mit der Sorge für seine Gesundheit und fürchtet, ihn zu ärgern. Während ihm seine Frau Zuckerwasser bereitet, setzt sich Karl zum Bette seiner Tochter, küßt die kleine Laura, welche ausruft: »O! Papa ... Du riechst ... warte doch ... wie wenn unsere Magd Fische kocht ... – Du meinst ... ich habe indeß keine gegessen. – Papa, Mama hat Nachrichten vom lieb Brüderchen erhalten ... es befindet sich wohl ... und ist sehr hübsch. – Ah! desto besser, meine Tochter ... Ah! er ist sehr hübsch ... Du bist ein Liebesengel ... Du ... Was soll ich Dir morgen kaufen? ... sprich ... – Was Du willst, Papa ... eine recht große Puppe. – Gut ... sei ruhig.« Leonie kommt zurück, reicht ihrem Gatten das Verlangte, ergreift hierauf seine beiden Hände und beginnt: »Jetzt, Karl, sag mir doch, warum hast Du Dich geschlagen? – Warum ... ja ... das ist gekommen ... Ach! ja, ich erinnere mich ... Bei dem Traiteur, wo wir speisten, war eine Hochzeit ... Mongérand und ich sahen dem Tanze zu ... die Bauernlümmel wollten uns zur Thüre hinauswerfen ... Du siehst wohl, daß wir uns das nicht gefallen lassen konnten ... Ich weiß nicht, was wir zu ihnen sagten ... allein sie fielen Alle über uns her ... Alle! ... welche Niederträchtigkeit ... da gingen wir fort ... aber morgen ... o! morgen, werden wir den Bräutigam und seinen Schwiegervater wieder finden ... Mongérand hat ihre Adresse, ich werde ihn abholen und ... – Großer Gott, was sagst Du, Karl! ... Du hättest Lust, Dich morgen wieder zu schlagen ... – Gewiß ... – Ach! mein Freund, Du bedenkst nicht, was Du da sprichst ... diesen entsetzlichen Gedanken hegst Du nicht ... Dich zu schlagen ... und was haben Dir jene Leute gethan, daß Du ihr Vergnügen störtest? ... Du warst ... ein wenig betrunken, Mongérand ohne Zweifel viel; wer sagt Dir, daß ihr es nicht waret, die Unrecht hatten? – Gleichviel, sie haben uns geschlagen ... und die Ehre fordert, daß wir Genugthuung nehmen. – Die Ehre ... Ach! Karl, Ihr mißbraucht dieses Wort ... eure Ehre bestand darin, daß ihr keine Händel suchtet mit Leuten, die euch gewiß nichts sagten. Und wer sind diese Personen ... gegen wen wollt ihr euch schlagen? ... Ihr kennt sie vielleicht gar nicht ... – Nein ... doch ... ich glaube, es sind Geflügelverkäufer ... – Und mit solchen Leuten wollt, ihr euch messen? ... – Wisse, Frau, ein Mann ist so viel werth als ein anderer ... – Ein Mann ist so viel werth als ein anderer? ... O! nein ... dieser Grundsatz ist falsch! ... ein Schurke ist nicht so viel werth als ein ehrlicher Mann! ... ein Raufbold ... ein Mensch, der, auf seine Geschicklichkeit gestützt, seinen Nebenmenschen reizt und herausfordert, ist nicht so viel werth als ein guter Familienvater, dessen Existenz die seiner Kinder sichert. – Karl ... denke nicht mehr an diese Sache ... die, welche Dich mißhandelten, haben es ohne Zweifel schon vergessen ... Nicht wahr, Karl, Du schlägst Dich morgen nicht? ... – O! doch ... ich muß ... Mongérand erwartet mich sehr früh ... – Du mußt? ... und wenn Du fällst, sollen also deine Frau und Kinder vor Jammer sterben? Ich bitte Dich kniefällig, mein Freund, denke nicht mehr daran, Dich zu schlagen ... Laura, bitt' auch Du Deinen Vater! beschwöre ihn, sich morgen nicht zu schlagen.« Leonie ist vor ihrem Gatten, dessen eine Hand sie zwischen den ihrigen hält und mit ihren Thränen benetzt, auf die Kniee gesunken. Die kleine Laura setzt sich in ihrem Bette und spricht mit gefalteten Händen, wie bei ihrem Abendgebet: »Papa, ich bitte Dich, schlage Dich morgen nicht, Du siehst wohl, es würde Mama Kummer machen.« Karl ist bewegt, mit der Hand vor den Augen sagt er: »Nun gut ... morgen wollen wir sehen, ... zuerst laßt mich ins Bett ... schlaf, Töchterchen.« Mehr wünscht Leonie nicht, als ihren Gatten sich zur Ruhe legen zu sehen, bald schließen sich auch seine Augen; Leonie legt sich gleichfalls nieder, kann jedoch keine Minute des Schlummers genießen; die Furcht, ihr Mann möchte sich am andern Morgen schlagen, hält sie die ganze Nacht hindurch wach, sie bittet den Himmel, er möchte Karl lange schlafen lassen, damit die Stunde seines Stelldicheins vor seinem Erwachen vorübergehe. Sobald der Tag graut, erhebt sie sich leise von ihrem Lager, zieht sorgfältig die Vorhänge zusammen und verbietet ihrem Dienstmädchen den Eintritt, damit kein Geräusch in seinem Schlafzimmer entstehe, dann setzt sie sich in eine Ecke, aufmerksam, regungslos, bei der mindesten Bewegung ihres Gatten erzitternd, den Blick auf die Standuhr geheftet und leichter athmend, je mehr der Stundenzeiger vorrückt. Der Himmel erbarmt sich ihres Kummers; erst nach neun Uhr erwacht Karl. Er sucht seine Gedanken zu sammeln, blickt im Zimmer umher, doch plötzlich ruft er aus: »Ach! mein Gott! .... heute frühe ... erwartete mich Mongérand ... Wie viel Uhr ist's denn? – Halb elf Uhr, antwortet Leonie, sich vor die Uhr stellend. – So spät! ... wär's möglich ... wie ...« Leonie holt ihre Tochter aus ihrem Bett und trägt sie eiligst zu Karl, indem sie sagt: »Mein Freund, küsse Deine Tochter ... da ... leg' sie neben Dich ... liebst Du sie denn nicht mehr?« Karl küßt Frau und Kind. In diesem Augenblicke wird die Klingel mit Heftigkeit angezogen, Leonie erbleicht und zittert, Karl horcht in gespannter Erwartung: Mongérand erscheint ... Leonie wandelt eine Todesschwäche an. »Keinen Knopf von einem Pichardin!« schreit Mongérand bei seinem Eintritt. »Ich habe die ganze Straße des Mauvaises Paroles durchstreift ... sie haben uns eine falsche Adresse gegeben! ... diese Lumpenkerls verstehen sich auf nichts, als mit der Faust zu schlagen! Hierauf ging ich zum Traiteur und forderte eine Erklärung ... der versicherte mich, daß er sie eben so wenig kenne, als wir und nicht wiedersehen werde. Demnach hast Du wohl daran gethan, Dich in Deinem Bette zu dehnen.« »O mein Gott! wie danke ich Dir!« sagte Leonie zum Himmel blickend, »mein Mann wird sich nicht schlagen! ... – Nein! mein Frauchen, nein ... Seien Sie überdies unbesorgt! ... wenn Karl bei mir ist, dürfen Sie immer ruhig sein ... ich bin nicht streitsüchtig und liebe den Frieden! ... – Können Sie das sagen, mein Herr! ... da Sie diesen Morgen mit meinem Gatten ein Stelldichein genommen haben, um diese unselige Geschichte weiter zu verfolgen? ... – Hören Sie doch, es gibt Ausnahmsfälle! ... mir wurde der Hut eingeschlagen! ... und wenn ich je den Schwiegervater oder den Tochtermann wieder finde ... doch genug! ... sprechen wir nicht mehr davon. Karl, ich will Dich abholen, um zu Boursinet zu gehen. Es handelt sich um ein gutes Geschäft, Madame Darville; ich fange den Weinhandel an ... und den Branntweinhandel; Karl hält mit ... so gewinnen wir Geld wie Heu.« »Ja,« fällt Karl ein, »und vielleicht kann ich in Kurzem ein Cabriolet nehmen ... He ... was sagst Du dazu, Leonie?« »Nichts, mein Freund, ich habe keinen andern Ehrgeiz, als meine Kinder gut erziehen, gut ausstatten zu können. – Gut denn! ich aber habe Ehrgeiz! ... ich will, daß Du immer mit der höchsten Eleganz gekleidet sein sollst ... Seit einiger Zeit vernachlässigst Du Deinen Putz zu sehr ... – Wenn ich Dir nur gefalle,« versetzte Leonie seufzend, »ist das nicht genug? – Ja, aber Du sollst auch glänzen ... man soll, wenn man Dich anblickt, sagen: diese Dame hier trägt sich nach dem neuesten Geschmack!« »Er hat Recht,« sagt Mongérand; »hat man eine sanfte Frau, welche nicht immer schreit, und uns unsern Willen läßt, so darf man ihr nichts verweigern ... Ach! hätte ich ein sanfte Frau gehabt, würde ich sie mit Geschenken erdrückt haben! ...« Inzwischen hat sich Karl angekleidet und schickt sich an, seinem Freund zu folgen ... Im Augenblick ihres Weggehens läuft ihnen Leonie nach und sagt noch zitternd zu Mongérand: »Nicht wahr, Sie nehmen ihn nicht fort, sich zu schlagen?« »Ach nein, mein Frauchen! ... seien Sie ruhig ... das ist aus! ... nur wenn wir der Hochzeit begegnen, geben wir ihr einen Tritt und damit Punktum ... – Ach, mein Herr! ... – Fürchte nichts,« versetzt Karl, »wir werden ihr nicht begegnen.« Mongérand ist entschlossen, den Weinhandel zu unternehmen, weil er sich für einen Kenner in diesem Handelszweige hält und, an seinem letzten Thaler nagend, die Nothwendigkeit fühlt, weitere zu verdienen. Der Makler Boursinet verschafft ihm gegen von Karl endossirte Wechsel für zehntausend Franken Waaren; man hat Vertrauen in Darville's Unterschrift, weil man weiß, daß er noch Ressourcen hat, und ehe er sich vom Handel zurückzog, alle seine Schulden bezahlte. Karl soll einen Antheil an dem Gewinn seines Freundes erhalten; in Erwartung dieses Gewinns kauft er seiner Frau neue Kleider, seinem Töchterchen die schönsten Spielsachen, ohne auf Leoniens Vorstellungen hören zu wollen, welche Mongérand nicht für fähig hält, irgend ein Unternehmen klug durchzuführen. In der That fängt auch Mongérand, nachdem er von Karl noch das Geld zur Miethe eines Magazins für die erstandenen Weine entlehnt hatte, damit an, den Gewinn für mehrere abgesetzte Fässer sogleich zu verschlemmen, hierauf verkauft er an Wirthshausfreunde, welche ihn nicht bezahlen, und führt alle seine Bekannten in sein Magazin, wo der neue Kaufmann und seine Freunde, um sich zu überzeugen, daß die Waare hier nicht verdirbt, vom Morgen bis Abend trinken. Die Verfallzeit der Wechsel kommt! Mongérand kann nicht bezahlen, man hält sich daher an Karl. »Du hast also für Mongérand gutgesprochen?« fragt Leonie, als sie ihren Gatten zweitausend Franken auf die Wechselbriefe seines Freundes bezahlen sieht. – »War ich's nicht schuldig? ... hat er mir nicht früher auch geliehen und zwar ohne nur ein Billet zu wollen? ... – Ja ... ich erinnere mich, daß er Dir diesen Dienst leistete, und welchen Kummer es mir damals machte. Diese zwei Billete sind wenigstens die einzigen, welche Du unterzeichnet hast?« »Es sind noch fünf ... oder sechs ... allein Mongérand wird die übrigen bezahlen ... o! da bin ich ruhig! – Karl, es scheint mir, man sei seinen Kindern mehr schuldig, als seinen Freunden; das hättest Du bedenken sollen, ehe Du die Wechsel endossirtest. – Ich sage Dir, er wird mir's zurückzahlen.« Doch auch die übrigen Billette werden bei Karl vorgewiesen, denn Mongérand löst sie nicht ein und kann auch keine Vergütung leisten; auf diese Weise zahlt Karl innerhalb acht Monaten zehntausend Franken für den, dessen Bürge er war, ungerechnet das zur Miethe des Magazins vorgestreckte Geld. »Ich habe diese Wohnung aufgekündigt,« sagt Leonie eines Morgens zu ihrem Gatten. – »Warum denn? ... – Wir haben nur noch etwa tausend Thaler übrig; meinst Du, man könnte damit, wenn man keine Anstellung hat ... ja nicht einmal sich in seinen Ausgaben einzurichten weiß, meinst Du, man könne damit große Sprünge machen? ... Wir können keine Wohnung für siebenhundert Franken mehr brauchen ... ich habe eine für hundert Thaler gemiethet ... das ist noch viel! ... möchten wir lange darin bleiben können! ... – Ach! Leonie ... welcher Einfall! ... dieser Weinhandel ist schlecht ausgefallen, allein Mongérand wird mir eines Tages Alles wieder ersetzen, was er mir schuldet, er ist ein Ehrenmann! – Ich weiß nicht, worin die Ehre jener Leute besteht, welche mit dem Bewußtsein der Unmöglichkeit des Heimzahlens entlehnen, welche sich keinen Genuß des Lebens versagen, während die, die für sie bürgten, Alles entbehren, um für jene bezahlen zu können: Mongérand wird Dir nichts zurückgeben; Deine Mutter kann Dir keine Hülfe mehr leisten, kaum bleibt ihr so viel, daß sie ehrenvoll leben kann. Ich verabschiede unser Dienstmädchen ... wir können sie nicht mehr behalten ... ebenso will ich mich bemühen, Arbeit im Sticken und Feinnähen zu bekommen! – Du für Andere arbeiten! ... ach! ... das werde ich nicht dulden! – Ich aber werde es noch weniger dulden, daß es meinen Kindern an etwas fehlt! ... – Was fehlte ihnen bis jetzt? – Nichts ... doch mir bangt vor der Zukunft! ... habe ich denn keine Ursache, davor zu erzittern? ... – Nein ... nein! ... beruhige Dich, Alles wird besser gehen, als Du glaubst! ... gestern traf ich Rozat, er entschuldigte sich mit Familienangelegenheiten, daß er uns seit lange nicht mehr besuchte ... er sagte mir jedoch, er werde kommen, er habe mir ein vortheilhaftes Anerbieten zu machen. – Wenn Du darauf baust, Karl, so dauerst Du mich, das darf uns indeß am Ausziehen nicht hindern.« Diesmal hat sich Leonie im Marais in einer bescheidenen Wohnung eingemiethet, welche, obgleich klein, angenehm und sauber ist. Karl verzieht indeß das Gesicht, wie bei seinem Eintritt in die Wohnung, die er jetzt zu verlassen gezwungen ist, und abermals spricht er: »Ich schmeichle mir, wir werden nicht lange hierbleiben!« Sechzehntes Kapitel. Eine Rache Mongérand's. Leonie ließ ihren Sohn von der Amme zurückkommen; der kleine Felix zählt erst siebzehn Monate, Leonie findet jedoch Oekonomie und Vergnügen darin, ihn bei sich zu haben. All ihre Zeit theilt sie zwischen der Sorge für ihr Hauswesen, ihren Kindern und der Stickerei, die sie für eine Modehändlerin fertigt; wenn sie zwischen ihren beiden Kindern arbeitet, fühlt sie sich nicht unglücklich, ein Wort von ihrem Mädchen, ein Blick von ihrem Knaben machen sie alle Thorheiten ihres Gatten und die schwankende Lage, in die er sie gebracht, vergessen. Karl ergibt sich nicht eben so leicht darein, wenn er zu Hause ist; eines Morgens, als er seine Frau arbeiten sieht, ruft er aus: »Das bringt mich zur Verzweiflung, daß ich Dich für Andere arbeiten sehe! ... Du solltest reich, ... glücklich sein! ... – Ich beklage mich nicht, mein Freund, besonders wenn Du bei uns bleibst. – Ja, aber ich, ich kann es nicht ruhig mit ansehen ... es schmerzt mich! ... Und dann, wenn man denkt, daß ich daran Schuld bin! ... das heißt! die Umstände ... denn ich hatte immer die Absicht, gute Geschäfte zu machen! Meine Mutter ist böse gegen mich! ... ich wage nicht mehr, zu ihr zu gehen ... – Da hast Du Unrecht, Karl, Du mußt zu ihr gehen ... nicht, sie um etwas zu bitten, sondern Dich zu entschuldigen ... – Ja, ich werde mich dazu entschließen müssen! ... Seit vierzehn Tagen weiß ich nicht, was aus Mongérand geworden ist? ... ohne Zweifel meint er, ich sei wegen des für ihn bezahlten Geldes böse auf ihn und darum weicht er mir aus! ... er hat Unrecht! ... ich bin nicht der Mann, ihm Vorwürfe zu machen, er machte schlechte Spekulationen, das ist ein Unglück! ... – Möchtest Du ihn nicht mehr treffen, so würde ich diesen Verlust noch als ein Glück betrachten! – Und der Rozat, der mich besuchen sollte ... – Mein einziger Wunsch ist, daß er nicht kommt! ... Dieser Mensch ist nie Dein Freund gewesen. – Warum sagst Du das? ... Du kannst keine Antwort geben ... bloßes Vorurtheil und damit Punktum! – Aber Karl, was brauchst Du diese Leute da? ... genügt Dir denn die Gesellschaft Deiner Frau, Deiner Kinder nicht? sieh Deinen Sohn! der Dir so sehr gleicht! einige Worte stammelt! sieh Deine Laura, die erst vier und ein halbes Jahr zählt und schon so verständig, so artig ist, und ihrer Mutter gerne helfen, ihr an die Hand gehen möchte!« »Ja ... das ist sehr schön,« erwidert Karl, seine Tochter küssend; dann macht er ein paar Gänge durch das Zimmer und legt sich unter das Fenster, um das ihn befallende Gähnen zu verbergen. »Wiewohl diese Wohnung nicht mehr die Eleganz unserer früheren hat,« fährt Leonie fort, »würde ich mich doch schnell eingewöhnen, Karl, wenn Du Dir mit uns darin zu gefallen schienest! – Sagte ich Dir, ich gefalle mir nicht darin? ... doch ich gehe aus ... man muß sich wohl ein wenig rühren ... etwas zu thun suchen ... und dann greift es mich an, wenn ich Dich arbeiten sehe! ... es thut mir weh! ... ich bedarf einiger Zerstreuung.« Karls Kummer ist jedoch nie von langer Dauer; hatte er einmal die Schwelle seiner Wohnung hinter sich, so verschwanden seine Erinnerungen, und traf er auf Jemanden, der ihm eine Lustpartie vorschlug, so nahm er's an und war der fröhlichste Geselle; Niemand, der ihn so spielen, singen, lachen und trinken sah, hätte gedacht, daß er sein ganzes Vermögen verschwendet habe und daß seine Frau arbeite, damit seine Kinder keinen Mangel leiden. Und doch sind Männer wie Karl nicht selten, man findet sie in Restaurants und Kaffeehäusern: diese Leute thun nichts, als umherschlendern, sich belustigen, oder gut essen und trinken; zu Hause bei ihnen arbeitet man, friert man, und manchmal fehlt es am täglichen Brod. Mongérand hatte mit seinen Freunden die Ueberreste seines Waarenvorraths vollends ausgetrunken; täglich wurde der ehemalige Husar, je mehr er sich dem Trunke ergab, auch händelsüchtiger, gröber und ungebührlicher; er verlor die wenigen guten Manieren, die er beim Austritt aus dem Regiment noch besaß; jetzt war es nicht mehr der barsche und kurz abgebrochene Ton, welchen man einem Soldaten verzeiht, es war das pöbelhafte, schamlose Wesen jener Menschen, die sich über alle Schicklichkeit, über allen Anstand hinwegsetzen und ein Recht zu haben vermeinen, den Personen, die dieses noch achten, ins Gesicht zu lachen. Nachdem er eines Tages in einer Winkelkneipe drei Gläser Branntwein hintereinander hinabgestürzt hatte, schlägt er sich an die Stirn, drückt den schon etwas abgenützten Hut tief in die Augen und begibt sich zu dem Unterkäufer Boursinet, den er mit Abziehen von Mustern beschäftigt findet. »Boursinet, mein Freund,« redet Mongérand ihn an, indem er sich gleich einer Flasche bemächtigt und sie auf einen Zug leert, »ich habe keinen Sou mehr ... ich bin auf dem Trockenen ... – Und mein Muster ... Muster ... – Von Deinem Muster ist jetzt keine Rede ... höre mich an! – Es war Malaga ... Malaga ... – Er roch verteufelt nach Kandis ... Höre, Boursinetchen, ich weiß nicht, wie es kam, allein meine Waare ging zum Teufel, ohne daß mir irgend ein Gewinn blieb. – Es war Malaga ... Malaga ...« jammert Boursinet; sich am Kinn kratzend. –»Ah! Donnerwetter! willst Du mich anhören? ... Du mußt mir andere Weine verschaffen, denn Karl hat diese da bezahlt und ich will's ihm mit dem Gewinn an den zweiten ersetzen. – Sehr leicht, allein ... dazu braucht's eine Sicherheitsleistung ... Sicherheitsleistung. – Wie, alter Schwätzer! ... Du willst wieder eine Sicherheit ... habe ich Dir meine ersten Wechsel nicht richtig bezahlt? – Nicht Sie ... nicht Sie ... – Ich oder ein Anderer, die Hauptsache ist, daß man sie bezahlt hat, und wenn Karl wieder für mich endossirte ... – Man möchte ihn nicht mehr, er ist ausgezogen ... ausgezogen ... ist genirt, hat einen Theil seines Hausgeräths verkauft ... – Was beweist das? ... allem Anschein nach hatte er zu viel! O! warte, ich habe meinen Mann, wenn der nicht für mich gut steht, breche ich ihn entzwei. Das ist ein reicher Kauz und Du kannst Dich nach ihm erkundigen. Warte, ich verschlucke noch ein Muster von Deinem Malaga, und will dann sehen, ob der schöne Blondkopf würdig ist, mein Freund zu sein ... Ueberdies habe ich ihm schon lange eine Erklärung abzufordern, das Alles nehme ich nun zusammen.« Mongérand läßt eine zweite Flasche verschwinden, drückt seinen Hut in die gehörige Form, geht fort und läßt Boursinet, sich verzweiflungsvoll an der Nase kratzend, allein. Nach Rozat's Behausung schlägt Mongérand den Weg ein; bald ist er dort; ohne auf die Frage des Pförtners, wohin er gehe, zu antworten, steigt er die Treppe hinauf. Hier findet er August, wie er, auf dem Treppengeländer reitend, herabrutscht. Im Vorbeigehen gibt er ihm einen Klapps auf den Hintern, worüber der Knabe eine ganze Stunde lang heult, tritt hierauf durch die offenstehende Vorthüre in Rozat's Wohnung ein, geht durch die Vorzimmer in den Speisesaal; lautes Reden zweier sich streitenden Personen benachrichtigt ihn, daß Jemand im Salon ist; er erkennt Herrn und Madame Rozat an der Stimme, bleibt stehen und horcht, ehe er die Thüre öffnet. »Das mag ich nicht länger ertragen ... mir sogar das Nothwendige verweigern ... das muß ein Ende nehmen. – Die Rechnungen für Ihre Fetzen werde ich nicht bezahlen ... ein Hut für vierzig Franken, wie niederträchtig! Lassen Sie mich in Ruhe, Madame, bringen Sie mich nicht zur Wuth! – Ich kümmere mich viel um Ihre Wuth! wenn Sie mich anrühren, schreie ich nach der Wache!« »Nun, nun! was gibt's denn? sind aus den Turteltauben Habichte geworden?« sagt Mongérand, plötzlich die Thüre des Salons öffnend, worin Madame Rozat mit flammenden Augen, unordentlichen Haaren umherging, während ihr Mann voll Zorn ein Stückchen Papier in der Hand zerknitterte. Beim Anblick Mongérands wirft sich Madame ärgerlich auf ein hinten im Gemach angebrachtes Ruhebett. Rozat schiebt das Papier in seine Tasche und bemüht sich, ein freundliches Gesicht zu machen. »Ah! Du bist's, Mongérand. – Ja, ich bin's! Mit wem Teufels hattet's denn ihr beide zu thun? – O! es ist nichts; ich wiederholte mit Celine ein Sprüchwort ... ein kleines Lustspiel, das wir in Gesellschaft spielen sollen. – Ah! ihr wiederholtet ein Stück ... wahrscheinlich das Hauswesen des Schuhflickers , nach dem, was ich gehört habe? – Ja,« versetzt Madame mit Ironie, »richtig, das ist's, was wir täglich spielen! – Mein lieber Mongérand, wenn Du mir nichts Wichtiges zu sagen hast, so gestehe ich Dir, in diesem Augenblicke bin ich etwas pressirt ... habe viel zu thun, und ...« Ohne zu antworten, breitet sich Mongérand in einem Lehnstuhle aus, nimmt seine Cigarre aus dem Mund, spuckt auf den Fußteppich und kreuzt seine mit Koth überzogenen Stiefel übereinander. Rozat, der vor ihm stehen geblieben ist, scheint sehr mißvergnügt über diese Vorspiele, welche keineswegs die Absicht schnellen Abzugs verkündigen. »Mein lieber Rozat,« sagt Mongérand, die kleingebrannte Cigarre wieder in den Mund schiebend, »Du mußt wohl Zeit haben, mich anzuhören; für seine Freunde sollte das immer der Fall sein. Zudem handelt es sich um eine wichtige Sache.« »Nun gut, folge mir; gehen wir in mein Kabinet,« versetzt Rozat mit unruhiger Miene. »Nein, nicht nöthig, wir können hier recht gut plaudern; Deine Frau hindert mich nicht, im Gegentheil ... freut mich ihre Gegenwart sehr ... ich liebe die Damen. – Aber ich ... – Setz Dich doch, ich bitte Dich ... Du magst nicht sitzen; ... nun, wie's beliebt! ... Hier meine Angelegenheit: Gegenwärtig treibe ich den Weinhandel; noch habe ich nicht viel dabei gewonnen, doch das wird kommen; die ersten von mir an Zahlungsstatt für die erhaltenen Waaren ausgestellten Wechsel hat Karl endossirt, sogar bezahlt; sehr gut, Karl ist ein guter Kerl, er hat meine Achtung. Nunmehr brauche ich weitere Waaren und einen andern Endosseur. Mehrmals botest Du mir Deine Dienste an, ich nehme sie in Anspruch; ich werde für etwa zehntausend Franken Billete machen, welche Du zu endossiren so gefällig bist, das versteht sich, nicht wahr? ... Sie haben einen starken Schnupfen, Madame? – Nein, mein Herr, sondern nur ein starker Lachreiz hat mich so eben angegriffen. – O! lachen Sie ... geniren Sie sich nicht ... ich lache auch gern. Nun denn, Rozat, Du stehst da wie ein Oelgötze, hast Du mich nicht verstanden?« »O freilich, o! ich habe sehr gut verstanden. Aber mein lieber Mongérand, Du weißt sonach nicht, was es heißt, für Jemand gutstehen? – Für die Personen bezahlen, wenn sie der Ansprache nicht Genüge leisten. – Richtig! und mit was hoffst Du zu bezahlen? – Kuriose Frage! wenn ich Mittel hätte, brauchte ich keinen Bürgen. – Und ich bürge nur für die, welche bezahlen. – Ah! auf diese Weise riskirst Du? – Meine Umstände erlauben mir nicht, für Andere zu bezahlen. Ueberdies muß man im Leben für Niemand Bürge sein. – Dein Satz da ist sehr hübsch; nun, so will ich Dir einen andern Vorschlag machen; spreche nicht für mich gut, sondern leihe mir die Summe, die ich brauche; das ist mir eben so lieb. – Wenn ich leihen könnte, könnte ich auch bürgen, allein das ist unmöglich. – Wahrhaftig, Spitzbube! – Mongérand, was bedeutet das ... dieser Ton ... – Ist der meinige; Deinetwegen werde ich ihn nicht ändern: glaubst Du, langer Rollenkopf, ich werde mich mit den Ausflüchten begnügen, welche Du Karl'n gabst, als er Dich um einen Dienst bat? – Mongérand, Du thust Unrecht, wenn Du glaubst, es sei Böswilligkeit; frag nur einmal Celine; sie wird Dir sagen, daß wir in diesem Augenblicke selbst sehr in Verlegenheit sind. – Von Celinen ist jetzt keine Rede, sondern von Aschenbrödel will ich Dir sprechen, oder von Madame Stephano , wenn Dir's lieber ist!« Rozat wird blaß, er zittert, während seine Frau ausruft: »Aschenbrödel! ... Madame Stephano! ... was sind das für Frauenzimmer? – Das ist eine und dieselbe Weibsperson, eine Brünette von lebhafter Gesichtsfarbe und mit sehr ausdrucksvollen Formen. Wir hielten ein gewisses kleines Mahl mit ihr, dem es nicht an Würze fehlte!« »Ah! welche Abscheulichkeit! welche Niederträchtigkeit! der Herr führt Frauenzimmer zu Gastmahlen und weigert sich, die Rechnung meiner Putzmacherin zu bezahlen!« »Was Du da thust, Mongérand, ist recht heimtückisch!« sagt Rozat zornig, im Zimmer auf und ab schreitend. »Wenn ich übrigens mit zwei Damen gespeist habe, so hattest doch Du sie mitgebracht; ich kannte sie nicht.« »Ja, aber Du hast sie heimgeführt, Benjamin! Du fürchtetest so sehr, Aschenbrödel möchte Dir entschlüpfen, daß Du mit ihr und ihrer Cousine noch vor dem Ende der Mahlzeit durchgingst. Ha! tausend Schwerenoth! an diesem Tage mußte man den Lauwasserzapfen sehen, da war er entsetzlich hitzig!« »Ha! das Ungeheuer von einem Mann! und mich weigert man sich ins Theater zu führen! läßt mich zu Fuß gehen, wenn es regnet!« Mongérand, höre auf, ich bitte Dich, oder ich ... – Bei Leibe, ich mag nicht aufhören, ich. Ha! Du glaubst, ich lasse mir meine Damen vom Dessert weg entführen und nehme das nur so für einen Spaß! Wenn Du gegen Karl gefällig gewesen wärest, so hätte ich Dir verziehen! aber Du hast tausend Lügen gegen ihn hervorgebracht. Du wagtest ihm zu sagen. Deine Liebe zu Heloisen habe Dich in Schulden gesteckt; Du habest ihretwegen Thorheiten begangen! Allein ich habe sie gesprochen und weiß, was daran ist! Nur zweimal führtest Du sie ins Theater, und zwar in verdeckte Logen, weil das wohlfeiler ist als die Baignoirs. – In die verdeckte Loge!« schrie Madame Rozat dazwischen. »Ah! mein Herr, Sie gehen mit Frauenzimmern in die kleinen verdeckten Logen! welche Unanständigkeit! – An Geschenken hast Du ihr nur ein elendes Riechfläschchen von Opal gegeben, auf dessen Beschlag man keine Vergoldung mehr sieht. – Ein Riechfläschchen von Opal!« fährt Madame Rozat fort; »ja, dann ist's das meinige, ich bin sicher, es ist das meinige ... von hier ist's verschwunden, und der Herr behauptete, August habe es beim Spielen verloren! Mich berauben, um seinen Maitressen Geschenke zu machen! wie schändlich!« »Sie wissen nicht, was Sie sagen, Madame!« schreit Rozat, zitternd vor Zorn. »Ich habe Ihnen nichts genommen! Und Sie, mein Herr, gehen Sie aus meinem Zimmer und haben Sie nicht die Unverschämtheit, sich je wieder hier blicken zu lassen!« »Ah! höre, lieber Engel, spielen wir nicht den Eisenfresser, sonst breche ich Alles hier zusammen. Ich will gerade fortgehen, weil ich gesagt habe, was ich sagen wollte; komm mir jedoch in Zukunft nicht mehr in den Weg, sonst möchte es leicht sein, daß ich nicht bei Worten mit Dir stehen bliebe; Du verstehst mich? ich bin ganz gelassen ... liebe den Frieden, aber schlechte Witze nehme ich übel. Leb wohl, Rozat! Madame, ich bringe Ihnen meine Huldigungen dar. Jetzt, Turteltauben, könnt Ihr in euren Scenen aus dem Hauswesen des Schuhflickers wieder fortfahren!« Mit diesen Worten entfernt sich Mongérand, Rozat in dem Augenblicke verlassend, wo er in seinem Zorn eine Porzellantasse zerbricht, während seine Frau ihr Schnupftuch zu Fetzen reißt. Siebenzehntes Kapitel. Was sie befürchtete. Leoniens Hoffnung wird abermals getäuscht; sie schmeichelte sich, Mongérand werde es nicht mehr wagen, vor ihren Gatten zu treten, nachdem er ihn beinahe völlig zu Grunde gerichtet; doch eines Morgens tritt der Collegienfreund mit eben so heiterer, eben so unbefangener Miene in ihre kleine Wohnung, als vor der Geschichte mit den Wechselbriefen. Um wo möglich ihren Kummer über diesen Besuch zu verbergen, schlägt die junge Frau die Augen nieder. »Hier bin ich, meine Kinder, habt mich lange nicht gesehen; was kann man machen? Geschäfte ... Ah! sapperlott! ich kann nicht mehr ... bin schnell heraufgekommen ... Eure neue Wohnung war beinahe nicht aufzufinden. Ei! nun, es ist hübsch hier! recht hübsch! Ihr seid noch sehr gut logirt!« Leonie lächelt bitter und antwortet nichts. Karl murmelt: »Nur ein wenig hoch oben! – Ah! es gibt noch höhere Wohnungen als diese! ... und dann ist die Luft hier oben gesünder als weiter unten; besser für eure Kinder ... und die Aussicht ... Ah! die verdammt prächtige Aussicht! die Hügel St. Chaumont und den Père-Lachaise sieht man, als wäre man dort, äußerst angenehm. Und mit den Geschäften, Karl, geht's da wieder ein wenig? – Nein, ich weiß gar nicht, zu was ich mich entschließen soll. – Ach! mein Freund, das erfordert Vorsicht ... Ich, ich bin mit meinen Weinen in die Patsche gekommen ... Du weißt auch etwas davon! doch sei ruhig, ich ersetze Dir Alles wieder! ... nie lag es in meiner Absicht, Dich in Schaden zu bringen, daran zweifelst Du hoffentlich nicht? – Nein, oh! ich weiß wohl, sowie Du wieder etwas hast ... – Sollst Du zuerst bezahlt werden! Hör einmal, ich habe Rozat besucht ... ein Hundsfott, er weigerte sich, für mich gut zu stehen, dafür behandelte ich ihn auch wie er's verdiente; zudem hatte ich immer noch seine Flucht mit den Damen auf dem Herzen, an jenem Tage, wo wir zusammen speisten ...« »Welche Damen? ... mit wem habt Ihr denn gespeist?« rief Leonie aus, indem sie Karl scharf anblickte. Dieser tritt Mongérand auf den Fuß und stottert: »Aber nein ... ich war nicht dabei ...« »Ha, so, willst Du aufhören, mir auf den Fuß zu treten ... Ha! ha! ... ist der Karl doch wunderbar; weil seine Frau da ist, soll ich nicht von dem Essen mit unsern Schönen sprechen! Ei mein Gott! ... Deine Frau weiß wohl, daß sich die Männer belustigen müssen! ... daß der Gesetzteste nie auch einer nur leichten Anlockung widersteht, daß wir alle lustige Gesellen sind. Nicht wahr, Madame Darville, Sie wissen wohl, daß Ihr Gemahl nicht besser ist als die Andern? ... Allein mit dem Alter vergeht das Alles, man bekommt Rheumatismen, Gicht, Schmerzen ... dann kehrt man wieder um zu seiner Frau, welche uns mit Flanell reibt, wahrend wir in die Glut des Kamins spucken ... und damit ist Jedermann zufrieden.« Leonie wandte den Kopf ab und hielt ein Tuch vor die Augen; sie scheint gar nicht zufrieden mit der Zukunft, welche Mongérand ihr verheißt. Karl, welcher bemerkt, daß seine Frau nicht in der besten Stimmung ist, steht auf, indem er zu seinem Freunde sagt: »Wollen wir einen Gang machen? ... – Das wollte ich Dir so eben vorschlagen! Ueberdies bedarf ich Deiner heute ... Ich muß Dich um einen Dienst bitten. »Einen Dienst?« fragt Leonie, Mongérand besorgt anblickend. »O! erschrecken Sie nicht, schöne Dame, es handelt sich nur um eine Lustpartie, und Karl wird mir einen Dienst leisten, wenn er dabei ist ... S'ist Dir recht, Karl, nicht wahr? – Gewiß!« Traurig blickt Leonie nach ihrem Gatten, der schnell nach seinem Hute greift und sich zum Fortgehen anschickt. Wie er seine Frau küssen will, raunt ihm diese ins Ohr: »Ich zittere jedesmal, wenn ich Dich mit diesem Menschen gehen sehe ... er ist so zänkisch ... schon mehrmals hat er Dich in böse Händel verwickelt und Du gehst abermals mit ihm! ... Warum bleibst Du nicht lieber bei uns? ... Deine kleine Laura singt Dir ein Lied, das ich sie gelehrt ... Dein Sohn reitet auf Deinem Knie.« »Meine liebe Freundin, ich habe noch Zeit genug, Laura singen zu hören und Felix auf meinen Knieen reiten zu lassen. Ich mag's Mongérand nicht abschlagen ... es würde ihn böse machen ... Bald bin ich wieder hier.« Karl will sich entfernen, Leonie ruft ihn zurück mit den Worten: »Du gehst, ohne Deine Kinder zu küssen?« Karl küßt seine Kinder, während Mongérand eine Galoppade pfeift; endlich geht er mit seinem Freunde fort, welcher auf der Treppe zu ihm sagt: Hast Du nicht vergessen, auch die Katze zu küssen? – Ach! Mongérand! ... wie unartig, was Du da sagst! – D'rum stehst Du vor Deiner Frau wie so ein rechter Tropf, daß Du mich wirklich dauerst. Doch lassen wir das! ... zum Teufel mit den Mühseligkeiten des Ehelebens, wir wollen nur an unser Vergnügen denken! ... – Gerne, denn seit einigen Tagen langweile ich mich entsetzlich. – Ich glaub's, wenn Du bei dem Strickzeug Deiner Frau bleibst ... – Was willst Du denn heute mit mir machen? – Nun höre, um was es sich handelt: da ich, nachdem mir Rozat seine Bürgschaft verweigert hatte, von dem kleinen Schlingel von Boursinet keinen Wein mehr erhalten konnte, war ich beinahe ganz auf dem Sand und in großer Verlegenheit ... ich mochte inzwischen nicht noch mehr von Dir entlehnen ... als mir die leidenschaftlichste, überspannteste, verliebteste Frau, welche je in den Mauern von Paris war ... und es gibt doch hier gewiß sehr zärtliche, davon kann ich auch reden ... in den Wurf, oder besser gesagt, in die Arme fiel ... – Kurz, diese Dame? – Zuerst magst du wissen ... doch ich kann Dir das Alles nicht erzählen, ohne eine Erfrischung zu mir zunehmen ... Komm ... hier herein ... – Hier ... das ist ein Weinschank. – Richtig! wo der weiße Wein vortrefflich ist. – Aber eine Kneipe ... – Kneipe! Weinschank! ... was macht das? ... wenn nur der weiße Wein hier gut ist! Wer stolz ist, mein Freund, kommt oft in Gefahr, schlecht zu speisen! – Aber ... – Ach! sieh, geh doch hinein! ...« Mongérand schiebt Karln vorwärts in die Weinschenke, wo er mit einer gewissen Aengstlichkeit um sich blickt. Mongérand hingegen scheint ein häufiger Gast des Hauses, flugs geht er eine Treppe hinan, welche in einen Salon des Entresol führt, wo meist mit Wein befleckte Tücher über die Tische gebreitet sind; Mongérand setzt sich: »Du siehst, es ist hübsch hier? ... – Aber ... es riecht teufelmäßig nach Wein? – Soll es nach Gewürznelken riechen? Du bist kein großer Philosoph! ... Kellner, weißen! ... vom Nämlichen, wo ich gewöhnlich habe ... doch darf er besser sein! ...« Sobald der Kellner aufgetragen und die Herren getrunken haben, fährt Mongérand in seiner Erzählung fort: »Ich sagte Dir also, ich hätte die Eroberung einer Frau gemacht, welche zärtlich ist wie ein Huhn und verliebt wie eine Kätzin! im Theater aux Funambules sah ich sie zum erstenmal ... – Du gehst in die Funambles , Du? ... – Warum nicht? das sind meine Galerien! ... Ich bin mit mehreren der dortigen Künstler bekannt ... Kurz, meine Eroberung hatte ein Ungeheuer von einem Mann bei sich, so dick und fett wie der Elephant auf dem Bastilleplatz. Du begreifst, daß mich das gar nicht hinderte, mit Aug' und Hand zu spielen, wenn sich Gelegenheit bot; ich folgte der Dame und ihrem ungeheuren Cavalier ... Du weißt, ich bin kein Geselle, der die Dinge in die Länge zieht; als der Cavalier von seiner Schönen heraus war, warf ich Steine nach den Fenstern, um meine Gegenwart bemerklich zu machen ... Anfangs irrte ich mich im Fenster, was den Nachbar, dessen Scheiben ich einwarf, sehr übler Laune machte ... gilt mir übrigens gleich! doch, Kleiner, ich will mich kurz fassen; ich hatte gefallen, Bekanntschaft war bald gemacht und ich erfuhr, daß meine Prinzessin von dem dicken Herrn, welcher eine Zuckerraffinerie und Thaler besitzt, daß man mit der Schaufel darin wühlen kann, unterhalten werde. In der Glut ihrer Leidenschaft wollte mir die Schöne ihren dicken Liebhaber opfern; Du weißt jedoch, ich bin nicht romantisch; ich sagte zu ihr: gemach, mit Deinem dicken Zuckermann hast Du die raffinirtesten Genüsse des Lebens! ich könnte Dir nicht einmal ein Glas Zuckerwasser bieten. Behalte Deinen Zuckerhutmann für das Notwendige und mich für das Angenehme! ... Hieß das nicht als galanter Mann gehandelt? he ... – Aber ich sehe noch nicht ein, in wiefern das mich angeht! ... Hat Deine Schöne auch eine Base, wie Madame Stephano?« »Nein! ... o! sie hatte nie Verwandte! ... dazu ist sie zu wohl erzogen. Laß mich also zu Ende kommen. Zu meinen Besuchen bei Themire ... der Name meiner Ueberspannten ... wählte ich die Augenblicke, wo der Zuckermann nicht kommen soll; ich begegnete indeß dem Dicken mehr als einmal auf der Treppe, und obwohl ich ihm Platz machte, blickte er mich doch voll Ingrimm an ... er hatte mich als den schönen Liebhaber von den Funambules her erkannt. Ich erfuhr durch Themire, daß er Argwohn hegt; kurz, er ist eifersüchtig auf mich, so daß Themire nicht mehr mit mir auszugehen und mir auf dem Spaziergang den Arm zu geben wagt; und doch ist dies unangenehm, denn ihr Zuckersieder läßt ihr viel freie Zeit, und ich finde, daß man nicht immer in einem Zimmer bleiben kann, weil die heißeste Liebe am Ende doch gar zu sehr nach der Stube röche.« Mongérand hat aufgehört zu sprechen und trinkt; noch immer sieht Karl ihn fragend an. »Was Donnerwetter, Karl, Du verstehst noch nicht, was ich von Dir will? ... – Nein, noch nicht! ... – Du sollst mit uns gehen, Du sollst Themiren auf unsern ländlichen und andern Spaziergängen den Arm geben ... sollst mit uns speisen! ... Themire bezahlt immer, das geht Dich nichts an; da wir einander gar nicht gleich sehen, so wird, wenn man sie auf diese Weise trifft und es dem Zuckermann steckt, die von ihrem Cavalier gemachte Schilderung seinen Verdacht nicht erregen ... – Aber ... – Still! laß mich ausreden: Du kannst Dir einbilden, daß sie von Dir sprechen wird ... Du bist ihr Bruder, den sie erwartet! ... der von seinen Reisen zurückkommt und seine Schwester spazieren führt, das ist ganz einfach! – Du sagst so eben, sie habe keine Verwandte! ... – Hat man keine, so macht man sich welche! ... das ist viel bequemer! ... – Aber ... – Nun, dabei bleibt's: Du bist Themirens Bruder und reichst ihr den Arm! ... ich, ich bin Dein Freund; sieht man mich bei euch, so hat mich der Zufall mit euch zusammengeführt. – Wenn aber! ... – Du nimmst an! ... dabei bleibt's! Du bist immer ein guter Kerl, und jetzt laß uns Themiren aufsuchen, welche im rothen Schwan in Groß-Caillou Fische zu essen wünscht!« Obgleich Karl nichts weniger als zufrieden mit seiner Rolle, als Themirens Bruder, ist, so willigt er doch ein, nach seiner alten angenommenen Gewohnheit, für seine Freunde zu thun, auch was ihm keine Freude macht. Man geht aus der Schenke. Mongérand führt ihn dem Boulevard St. Antoine zu: »Themire wohnt in der Straße St. Antoine, allein sie soll uns auf dem Boulevard Bourdon erwarten; ein andermal holst Du sie in ihrem Hause ab, das ist besser, und erspart ihr die Mühe, auf der Lauer zu stehen.« Die Herren kommen auf dem Boulevard Bourdon an; vor der Straße de la Cerisaire ging eine große und wohlbeleibte Frau von sechsunddreißig bis vierzig Jahren, anspruchsvoll gekleidet, auf und ab; an ihrem linken Arm hängt ein Shawl und ihre Haube ist mit Blumen, Bändern und Spitzen überladen; ihr Kleid schlägt sie so in die Höhe, daß sie noch mehr als die Waden zeigt. »Das ist Themire!« ruft Mongérand aus. »Arme Kleine! ... stets pünktlich auf ihrem Posten, wie ein preußischer Soldat ... nie ließ sie nur eine Sekunde auf sich warten ...« »Wie! ... diese Person da ist Deine Geliebte? – Ei! warum denn nicht? ... meinst Du, ich fürchte mich vor einer großen Frau? ... – Nein ... sondern ... – Ah! ich errathe! Du findest Dich etwas klein, um ihren Bruder vorzustellen! ... das sieht man jedoch alle Tage! ... es gibt viele Kinder, die größer sind, als ihr Vater! Reden wir sie an! ...« Im Augenblick, wo die beiden Freunde bei der Dicken anlangen, zieht diese eine tüchtige Prise Tabak heraus und bringt voll Anmuth ihren Zeigefinger unter eine Nase, die im Stande ist, eine Unze zu fassen. Auge, Mund und sämmtliche stark ausgedrückte Züge stehen in vollkommenem Einklang mit ihrer Natur. »Hier, sind wir, Kleine,« sagt Mongérand, »und ich stelle Dir Deinen Bruder vor! ...« Fräulein Themire verbeugt sich anmuthig vor Karl und antwortet mit zimperlicher Stimme: »Der Herr will also gefälligst ...? der Herr weiß also ...? Sie haben also dem Herrn erzählt ...? – Ei freilich! Sapperlott! ... Braucht es wohl viele Umstände, um einem Freund zu sagen: Du machst den Bruder meiner Geliebten, damit wir den Feind täuschen? ... – Ah! wie verschlagen er ist! ... Ach! schweigen Sie! ... Verschlagener!« versetzt Themire zimperlich, indem Sie ein weißes Sacktuch voll Tabak aus ihrem Beutel zieht. – »Nun, Karl, gib Deiner Schwester den Arm, und dann auf den Weg nach dem rothen Schwan, mit aller uns möglichen Anmuth.« Karl, der bis jetzt nur Bücklinge machte, bietet der dicken Mamsell den Arm; abermals lächelnd nimmt diese ihn an und man setzt sich in Marsch; Mongérand läuft neben Karl her und läßt das Gespräch nie ins Stocken gerathen; Themire spricht wenig, sie begnügt sich damit, bei jedem Fluche ihres Geliebten auszurufen: Ach, der Verschlagene! und jeden Augenblick den Kopf vorzustrecken, um ihn besser zu sehen, was ihre Nase ziemlich häufig in Berührung mit dem Gesichte ihres Cavaliers bringt, obgleich dieser bei jeder avancirenden Kopfbewegung seiner vorgeblichen Schwester eine rückgängige macht. Man kommt nach Gros-Caillou. Karl mit gerädertem Arm, weil sich Themire im Gehen ganz dem ihres Führers überläßt; die Wohlgerüche aus der dampfenden Küche geben ihm jedoch seine Fröhlichkeit wieder, welche er unterwegs verloren hatte. Mongérand will in einem Salon speisen; er findet es lustiger, als in einem Kabinet. Themire ist sanft, wie ein Lamm; sie thut, was ihr Geliebter will. Dieser bestellt das Essen und sorgt, daß es an nichts fehle. Karl, wohl einsehend, daß jetzt der angenehmste Theil seiner Rolle zu erfüllen sei, thut es Themiren gleich; sie ißt und trinkt wie ein Wolf, und unterbricht sich nur auf einen Augenblick in diesen interessanten Verrichtungen, um Mongérand zärtlich anzublicken und zu sagen: »Wie gut dieser Verschlagene ein Mahl bestellt! ... ah! wie er zu leben versteht!« »Ha! Donnerwetter! freilich verstehe ich zu leben; geh, Kleine, es fehlt mir nur eine Million jährlicher Einkünfte, um alle meine Annehmlichkeiten zu entfalten! Karl, laß uns auf die Gesundheit Deiner Schwester trinken ... Bist Du zufrieden mit Deinem Bruder? er ist ein guter Kerl, mein Zögling ... Er ist hübsch!« Themire verneigt sich zierlich; während sie zum drittenmal von der Tafel abwesend ist, sagt Mongérand zu Karl: »Wie findest Du sie? ... – Ein hübsches Weib! ... – Ich glaube beim Teufel wohl! – Doch wäre mir das Gesicht der Madame Stephano lieber. – O sei still! diese wiegt allein zehn wie Heloise auf und ist das beste weibliche Geschöpf von der Welt! für mich würde sie sogar Schlechtigkeiten begehen! Und wenn Du sie singen hörtest ... das laß ich mir gefallen! das ist keine Vogelorgel, wie Aschenbrödel ... sondern eine Donnerstimme ... prächtig! ... Ich will sie bitten, zu singen. – Nicht nöthig. – Doch, weil ich will, daß Du den Unterschied zwischen ihrem Singen und ihrem Sprechen hörest. – Aber in einem Salon ... es sind Leute hier. – Das kümmert mich sehr wenig. Wer nicht zufrieden ist, wird's uns sagen ... wir sind die Leute, um zu antworten ... – Das ist richtig.« Themire kommt zurück. Beim Nachtisch bittet Mongérand, zu singen. Themire ziert sich, blickt auf die Tische und murmelt: »Ich wage es nicht.« »Du sollst es wagen, weil ich's verlange,« entgegnet Mongérand; »ja, noch mehr, ich ermächtige Dich, in Deinem vollen Glanze aufzutreten. Diese Leute da sind überglücklich, wenn sie Dich hören; sie werden Dir danken und Dich um Wiederholung bitten; thun sie's nicht, so sind es Dummköpfe.« Themire widerstrebt nicht länger, sondern stimmt an: » Ha! welche Lust, Soldat zu sein. « Mit einer Miene der Bewunderung hört Mongérand zu und läßt seine Blicke im Salon umherlaufen, um zu sehen, ob man gleichfalls entzückt sei. Bei den ersten Tönen Themirens erhob männiglich im Salon die Augen voll Erstaunen. Anfangs glaubte man, mit einigen Stellen des Stücks wegzukommen; allein die Sängerin fährt fort, und ihre Stimme ist so gewaltig, daß man nicht einmal mehr das Rasseln der Teller hört. Zwei junge, an der Hinterwand des Saales sitzende Leute erlauben sich einiges Gelächter. Mongérand wendet sich nach ihrer Seite, indem er mit Stentorstimme ruft: »Still doch da unten! ... hören Sie nicht, daß man singt?« »Das möchte ziemlich schwer zu überhören sein!« murmelt ein alter Herr im Rücken Mongérand's; sogleich beugt sich der letztere gegen diesen: »Was haben Sie gesagt? –Ich sagte, mein Herr ... diese Herren sollten wohl hören, daß Madame singt ... – Ah, sehr gut! und es muß ihnen angenehm die Ohren kitzeln, nicht wahr? – Ja, mein Herr ... sehr angenehm.« Der alte Herr ruft indeß eiligst den Kellner, fragt, wie viel er schuldig sei, und geht fort, während Themire aus voller Kehle wiederholt: »Ha! welche Lust ... ha! welche Lust ...« Mehrere andere Personen ahmen dem alten Herrn nach. Mongérand sieht die an ihm Vorüberkommenden von der Seite an. Dann klatscht er aus Leibeskräften und stößt Karl an, worauf dieser ein Gleiches thut. »Ei! nun, bist Du entzückt?« sagte Mongérand zu seinem Freund, als Themire geendigt hatte. – »Ich bin ganz außer mir! ... – Das glaube ich ... sie hat eine Stimme, die wohl ihren Mann betäubt ... Eine andere Melodie, Schätzchen, so lang Du noch im Zuge bist. – Ach! ich weiß nicht, ob ich soll ... – Nur zu ...Kleine ... mein Lieblingslied: In der Kasern' erwart' ich Dich ! zudem bildet das die Fortsetzung von: Ha! welche Lust! Soldat zu sein ! – Ach, der Abgefeimte! ich muß ihm singen, was er will! ... Aber Du wirst alsdann Champagner kommen lassen. – So viel Dir beliebt ... einen ganzen Korb voll, wenn Du's verlangst ... Kellner, Champagner! und sorgen Sie, daß man dort unten still ist. – Aber, mein Herr, ich kann die Personen hier nicht am Sprechen hindern. – Doch! wenn Madame singt, muß man still sein oder ich werde die Leute zum Schweigen bringen!« Ohne eine weitere Einwendung zu wagen, entfernt sich der Kellner. Themire beginnt ihr zweites Stück. Noch hat sie nicht bis zur Hälfte gesungen, als Niemand mehr im Salon ist, als die beiden jungen Leute; alle übrigen Gäste haben die Flucht ergriffen, diese aber halten bestens Stand; bei ihrem Kaffee sitzend, werfen sie einander bedeutungsvolle Blicke zu, verstecken ihr Gesicht hinter dem Taschentuch, und halten sich bei jeder Roulade Themirens den Bauch. Mongérand bemerkte die Pantomimen dieser beiden Herrn und schien sehr ärgerlich darüber; während eines Trillers der Sängerin tönt ein schlecht verhaltenes Lachen aus dem Hintergrund des Salons hervor. Mongérand steht auf und geht gerade auf den Tisch zu, an dem die Lacher sitzen, von welchen der Aelteste noch keine zwanzig Jahre zählt. »Was nöthigt Ihnen ein so unanständiges Gelächter ab, während Madame singt?« fragt Mongérand, den beiden jungen Leuten starr ins Gesicht sehend. Der Eine von ihnen geräth in Verwirrung und schägt die Augen nieder, sein Gefährte, entschlossener, entgegnet mit stolzem Blick auf den Frager: »Mein Herr, ich glaube, das Lachen steht Jedem frei, besonders wenn man so vergnügt ist, wie wir. – Ihr seid vergnügt? – Das will ich meinen: mein Freund sagt, nicht um hundert Franken würde er den heutigen Abend hergeben, und ich, ich wollte in die italienische Oper und Madame Malibran singen hören, habe aber darauf verzichtet, um der hier befindlichen Dame zu lauschen ... – Bah! wahrhaftig ... aus Vergnügen lachen Sie also? – Fragen Sie nur meinen Freund. – Nun gut alsdann ... Ihr seid gute Jungen und werdet ein Glas Champagner mit uns trinken. – Sehr gerne.« Die jungen Leute waren Schreiber bei einem Anwalt, und stets bereit, jede Gelegenheit zur Belustigung zu ergreifen; sie zogen den Champagner einem Duell vor, und der listige Ordner dieser Angelegenheit folgt nebst seinem Kameraden voll Freude dem barschen Mongérand, welcher sie Themiren mit den Worten vorstellt: »Da, Schätzchen, sind zwei junge Gesangfreunde; sie wollten ins Theater gehen, zogen aber vor, hier zu bleiben und Dich anzuhören ... Wir lassen noch etwas Champagner herausbringen und Du singst uns dann die große Arie des Kalifen: »Von jedem Land, Euch zu gefallen.« Das ist ihr Meisterstück, meine Herren, und das will genug sagen.« Themire macht den jungen Leuten eine liebenswürdige Verbeugung. Karl'n ist dieser Ausgang der Sache gar nicht unlieb; er sah bereits einen Auftritt in der Weise des in der Weinlese von Burgund kommen. Der Champagner erscheint, die beiden Schreiber sprechen den Gläsern wacker zu, so daß Mongérand kaum Zeit hat, die Pfropfe springen zu lassen. Themire singt ihre Arie vom Kalifen; die Herren klatschen stürmischen Beifall. Endlich, nachdem in der Schnelligkeit vier Flaschen Champagner geleert worden sind, verläßt die Gesellschaft den rothen Schwan. Die beiden jungen Schreiber entfernen sich mit erneuerten Versicherungen ihrer Bewunderung, und Themire hängt sich an Karls und Mongérands Arm, welche sie in eine Miethkutsche bugsiren, und so fährt die Gesellschaft zur Straße Antoine zurück. Dieser Partie folgen bald mehrere andere; Karl schlägt keine aus. Mehrmals begegnete ihm auf dem Wege mit Themiren zu einem Stelldichein, das ihnen Mongérand gegeben, ein dicker Herr, welcher ihn aufmerksam betrachtete. »Das ist mein Raffineur!« sagte Themire dann ganz leise: »Seien Sie nur ganz unbefangen, er hält sie für meinen Bruder. Karl erwiderte nichts, die Blicke dieses Menschen erscheinen ihm nicht wohlwollend. Nun gibt er sich das Versprechen, nicht mehr Themirens Bruder zu spielen; doch schon den andern Tag nimmt er eine neue Partie an. Indeß er nur an sein Vergnügen denkt, unbekümmert um die Zukunft, arbeitet und wacht seine Frau bei ihren Kindern, und wenn sie ihn fragt, was er so häufig mit Mongérand zu thun habe, antwortet er: »Wir gehen spazieren und philosophiren. Es thut mir zu wehe, wenn ich Dich arbeiten sehe, deßhalb gehe ich aus.« Als er eines Tages mit der dicken Themire wiederum den Weg nach den elysäischen Feldern einschlug, wo sie mit Mongérand zusammentreffen sollten, erblickt Karl auf den Boulevards den Herrn, welchen Themire ihren Zuckermann nennt. Er geht auf sie zu und sagt, ohne Karl nur zu begrüßen, zu der Dame: »Wohin gehen Sie? – Ein wenig spazieren mit meinem Bruder, den Sie hier sehen. – Ja, ja, ich weiß ... Sie haben mir's oft genug gesagt ... gut.« Damit entfernte sich der Herr ohne Weiteres, während der vorgebliche Bruder seinen Hut abnahm. »Ihr Raffineur ist nicht sehr artig,« sagte Karl. – »O! der ist ein Original! kehren Sie sich nicht an seine närrischen Einfälle! Ach Gott! wenn Mongérand wollte! ... eine Hütte genügte mir! ... dann wäre ich den wunderlichen Anfällen dieses plumpen Bären nicht mehr ausgesetzt! – Ja, allein ich glaube, Mongérand ist kein Freund von Hütten! – Sie glauben! ... wie Schade! ... ich war geboren, Schafe zu hüten, ich ... unmöglich könnte ich aber ohne einen Schäfer leben.« Man trifft mit Mongérand zusammen: Karl theilt ihm das Zugestoßene mit, was ihm jedoch gar keine Aufmerksamkeit zu verdienen scheint; er denkt nur an ein gutes Mahl; dies beschäftigt ihn stets am meisten bei seinen Ausflügen mit der Geliebten, welche in der That sehr schlecht ankäme, wenn sie ihm eine Hütte anböte. Man verfügte sich zu einem gut renommirten Tratteur. Man speist mit andern Gesellschaften in einem kleinen Saal und sitzt noch beim Nachtisch, als zwei neue Gäste in den Saal treten; es ist der Raffineur mit einem großen Bengel von gleicher Dicke. Als Themire ihren Zuckermann erkannte, schob sie ihr Eingemachtes in die Nase statt in den Mund; Karl erblaßte; Mongérand, der gerade sein Glas in der Hand hatte, trank ruhig und sagte: »Gut, wir werden bald sehen, was diese Herren wollen!« Man schwebt nicht lange in Ungewißheit: der dicke Herr tritt auf die Tafel zu, an welcher seine Schöne sitzt. Er blickt sie, sowie Mongérand, mit wüthenden Augen an und ruft aus: »Auf diese Weise also geht man mit seinem Bruder spazieren?« »Nun? und weiter?« fragt Mongérand. »Wir sind auch spazieren gegangen,« stottert Themire, »und als hierauf mein Bruder seinen Freund traf, lud er ihn ein, mit uns zu speisen.« »Das ist wahr!« bestätigte Karl. – »Das ist wahr!« fuhr der Raffineur fort, Karl'n näher tretend, »das ist wahr, daß Sie gelogen haben ... – Mein Herr ... – Sie sind nicht Themirens Bruder ... das sind Flausen ... – Mein Herr ... – Sie sind mit dem andern Schurken da einverstanden, mich zu hintergehen ... aber sehen Sie, da haben Sie Ihr Theil.« Noch sind die Worte nicht völlig ausgesprochen, als schon eine derbe Ohrfeige auf Karls Wange sitzt. Ehe dieser Zeit hatte, wieder zu sich zu kommen, war Mongérand mit einem Satz über den Tisch hinüber und packte den Raffineur an der Gurgel, wüthend stürzt Karl auf das andere Individuum und zerschlägt ihm eine Schüssel auf der Nase. Das Alles ging so schnell, daß die nebenan Speisenden noch nicht die Zeit gehabt hatten, ihre Plätze zu verlassen. Themire schreit, heult, brüllt; die Kellner laufen herbei. Alles steht auf. Endlich gelingt es, die Kämpfenden auseinander zu bringen. »Laßt uns hinausgehen, meine Herren,« sagt Mongérand; »solche Beleidigungen macht man nicht auf diese Weise ab. Es ist unnöthig, weitere Teller zu zerschlagen. Da müssen wir Blei haben. – Das will ich gerade,« entgegnet der Zuckersieder. »Allein ich wollte die Unterhandlung gerne einleiten.« Die vier Männer gehen zusammen aus dem Zimmer. Themire bleibt bei Tische. Sie weint, jammert, stößt mit dem Kopf an die Wand und thut ihr Möglichstes, um in Ohnmacht zu sinken. Nach fünf Minuten kommen Karl und Mongérand zurück, der letztere eben so lustig, wie vor dem Streit, der erstere weit ernsthafter. »Ach, da sind sie!« ruft Themire und wirft sich in Mongérands Arme, welcher, zum Glück für ihn, an die Mauer gelehnt war. »Gut, gut! die Sache ist abgemacht. – Abgemacht schon? – Beim Henker! wir werden uns diesen Abend nicht schlagen; man sieht ja nichts mehr; auf morgen also ... um sechs Uhr! das Rendezvous ist bestimmt, und Niemand hat Lust, dabei zu fehlen; nicht wahr, Karl? – Nein, gewiß nicht! – Wie, ihr schlagt euch morgen? – Ja, Schätzchen, und ich glaube, wir wollen deßhalb ein feine Flasche weiter trinken! nicht, daß wir Wein brauchten, um uns Muth zu machen, sondern weil der Herr uns ärgerte, und den Aerger muß man verschlucken!« Man setzt sich wieder zu Tische; doch nur Mongérand ist heiter. Umsonst will Karl ein Lachen affektiren; jeden Augenblick verfällt er wieder in düsteres Sinnen; und Themire, welche einige Stunden vorher nur eine Hütte und einen Schäfer wünschte, gibt jetzt zu erkennen, daß ihr ein Bruch mit dem Raffineur sehr unangenehm wäre. »Hellauf, meine Kinder!« sagt Mongérand, »erheitert euch doch! Daß wir morgen eine kleine Partie mit jenem Herrn haben, darf uns heute Abend nicht geniren! Es thut mir nur leid, daß Karl in die Geschichte verwickelt ist! allein er hat eine Ohrfeige erhalten und muß seinem Mann den Garaus machen! Morgen früh um drei Viertel auf sechs Uhr bin ich vor Deiner Thüre, Karl! ist's nöthig, daß ich hinaufkomme? – Nein, o! hüte Dich davor wohl! ich werde nicht auf mich warten lassen! – Bin's überzeugt, denn dieses geht über den Spaß! Ich nehme Pistolen mit. Du brauchst Dich nicht darum zu kümmern. Was mich ärgert, ist, daß Du Dich zuerst gegen das dicke Thier, das Dich beohrfeigte, schlagen mußt, so daß, wenn Du ihn sogleich tödtest, wie ich hoffe, ich nicht mehr das Vergnügen haben kann, mit ihm abzurechnen!« »Wie! ihr wollt meinen Zuckerfabrikanten tödten?« rief Themire besorgt. – »Ja, theure Themire! mit Deiner gütigen Erlaubniß! – Aber ... doch! ... wenn ihr ihn umbringt ... kann er mich ja nicht mehr unterhalten und ... – Thut mir leid! das wird ihn lehren, ein andermal weniger brutal zu sein. – Aber ich möchte lieber ... – In dieser Sache gibt es kein Aber! – So hören Sie doch, Mongérand; Sie würden mir großen Schaden thun und ... – Ah! Donnerwetter! nun ist's genug! schweigen wir augenblicklich und seien wir liebenswürdig! oder ich würde glauben, Sie hätten Ihren Zuckermamn geliebt!« Themire schweigt, schmollt jedoch. Endlich denkt man ans Aufbrechen, und zum erstenmale sieht Themire, während ihr Liebhaber zahlt, nach dem Betrag und brummt zwischen den Zähnen: »Wie dumm, so viel Geld auf einmal zu verzehren!« Karl beeilt sich, seine Gesellschaft zu verlassen, um allein zu sein; wie er sich von Mongérand und seiner Schönen entfernt, ruft ihm der ehemalige Husar noch nach: »Auf morgen!« »Ja, auf morgen!« wiederholt sich Karl, langsam den Weg nach seiner Wohnung einschlagend: »Morgen soll ich mich schlagen! und für wen? für eine Frau, die ich verachte, denn weil ich mich für ihren Bruder ausgab, empfing ich diese ... Ach! ich dachte oft, es werde ein schlechtes Ende nehmen! ... Wenn Leonie darum wüßte! ... Erst wenn sie eingeschlafen ist, will ich nach Hause gehen! wenn sie mich sieht! ... meine Verwirrung, meine Verlegenheit würden ihr vielleicht Argwohn einflößen! ... Und würde ich getödtet in diesem Zweikampf! ... Ha, denken wir nicht an all das Zeug! seien wir Mann, wie Mongérand sagt!« Bis gegen Mitternacht geht Karl umher, versuchend die trüben Betrachtungen zu verscheuchen, welche haufenweise auf ihn einstürmen. Endlich kehrt er nach Hause: seinen Schlüssel hat er bei sich. Leonie und ihre Kinder, deren Bettchen neben dem ihrigen stehen, schlafen. Karl betrachtet seine Kinder eine Weile; es scheint ihm, als liebe er sie in diesem Augenblicke weit mehr; so ist es immer, was man zu verlieren fürchtet, liebt man viel inniger; von Denen kann man sich beinahe nicht mehr losreißen, die man zum letztenmal in seine Arme zu schließen fürchtet. Laura's schöne Züge haben schon das Sanfte der Züge ihrer Mutter; das freundliche Gesicht seines Felix scheint selbst im Schlafe noch zu lächeln. »Wie hübsch sie sind!« spricht Karl, in ihren Anblick versunken, bei sich selbst. »Und morgen werde ich mich schlagen! ... sie vielleicht ihres Vaters berauben! Desjenigen, der über ihre Kindheit wachen, sie lieben sollte! Ha! ich bin ein Taugenichts! ein Wicht! ich verabscheue, hasse mich selbst! ich begehe nichts als Thorheiten!« Karl machte allerlei Geberden, indem er ins Feuer gerieth; Leonie dreht sich in ihrem Bett, da hält er inne, aus Furcht, sie zu erwecken; eiligst legt er sich nieder, in der Hoffnung, der Schlaf werde seine Sinne ruhiger machen; doch vergebens sucht er einzuschlafen; er zählt jede Stunde der Nacht. Nicht Furcht vor dem Zweikampfe am andern Tage ist's, was ihn wach erhält; es fehlt ihm nicht an Muth, sondern das Leidwesen, in eine Sache verwickelt zu sein, wo ihm selbst der Sieg keine Ehre machen kann. Der Tag ist erschienen. Um fünf Uhr steht Karl auf; ganz sachte küßt er seine Frau; es kostet ihn Mühe, von ihr zu scheiden, indeß er will fort sein, ehe sie erwacht. Er ist angekleidet, im Begriff zu gehen! ... noch einmal kehrt er sich um zu seinen Kindern, auch sie möchte er küssen, er sagt sich, vielleicht sei es zum letztenmal. Schon hat er seine Lippen auf die rosenrothen Wangen seines Felix gedrückt, nun thut er ein Gleiches bei Laura ... diese aber schlägt die Augen auf und stammelt: Du bist's, Papachen? Du bist da! ... ach! Du trägst mich in Dein Bett, nicht wahr?« »Stille! Stille! mein Töchterchen!« sagt Karl, ihr durch Zeichen bedeutend, daß sie sich nicht rühren solle; »bleib' liegen! ... schlaf! ... schlaf noch mehr, liebe Laura! es ist noch sehr frühe! ... – Aber warum bist Du denn schon angekleidet, Papa? – Ich ... ich muß ausgehen! ... Mach aber kein Geräusch! Du darfst Deine Mutter nicht aufwecken! ... – Gut! ich will wieder einschlafen! ... bring aber mir und lieb Brüderchen ein Brödchen zum Frühstück mit! ... Du weißt wohl, von den Brödchen, die so gut sind! ... willst Du, Papa? – Ja! ... ja! ... Adieu, liebes Kind! ... schlaf ... ich bitte Dich!« Noch einmal küßt Karl seine Tochter und entfernt sich dann eiligst. Es war Zeit, er fühlte seinen Muth schwinden. Endlich ist er in der Straße; hier sieht er Mongérand, seine Pfeife rauchend, mit großen Schritten auf- und abgehen; sein Anblick ermuthigt ihn wieder, er nimmt ihn schnell am Arm. »Pest ... Du bist früh! Die Stunde ist noch nicht da ... allein ich kam immerhin, denn ich dachte, ich könne meine Pfeife eben so gut auf der Straße, als in meinem Hause rauchen. – Laß uns gehen; wo ist das Rendezvous ? – Auf den Hügeln von Saint-Chaumont ... O! gehen wir nicht so schnell, wir haben noch Zeit ... Meine Pistolen habe ich in der Tasche ...und gute! ... Ah! laß Dir erzählen ... wie ich Dich gestern verließ, hatte ich noch eine Scene mit Themiren! ... jetzt ist's ihr leid um ihren Raffineur! ... Wie sauber! ... o! die Launischen! ... Kurz, wir sind entzweit für immer ... darüber lache ich! ... Und Du? ... nun denn! ... Du hörst mich nicht! ... – Doch! ich höre Dich wohl!« Auf dem ganzen Wege spricht Mongérand fort: Karl gibt nur einsilbige Antworten: er beeilt sich sehr, und alle Augenblicke ruft Mongérand aus : »Donnerwetter! ... geh doch nicht so schnell l ... wenn die Herren vor uns da sind, sollen sie warten!« Endlich langt man auf dem zur Ausfechtung des Streites gewählten Orte an; Karls Beleidiger ist mit seinem gestrigen Begleiter schon auf dem Platze. »Vielleicht sind wir etwas spät,« sagt Mongérand, »allein ich habe keine Uhr und dachte, wir hätten noch Zeit vor uns ... Vorwärts, Karl, Du machst mit dem Herrn den Anfang ... Hast Du kein Glück, so werde ich Dich rächen; denn da ich der Liebhaber der verführerischen Themire war, so geht mich's meiner Meinung nach auch ein wenig an! Der dicke Mann erwidert nichts; er begnügt sich, seinem Sekundanten seine Pistolen zu übergeben; man ladet, zählt die Schritte ab. »Hier, Karl,« sagt Mongérand, seinem Freund eine Pistole reichend, an Dir ist der erste Schuß ... gedenke an meine Lektionen!« Hastig greift Karl nach der Waffe; wie wenn es ihn beständig drängte, ein Ende zu machen, zielt er und drückt alsbald ab, trifft aber seinen Gegner nicht. Nun zielt dieser, zielt ziemlich lange und bald liegt Karl in seinem Blute. Achtzehntes Kapitel. Ein Arbeiter. Leonie hatte sich sehr verwundert, als sie beim Erwachen ihren Gatten nicht an ihrer Seite sah; Karl, der sehr spät nach Hause zu kommen pflegte, war nicht gewohnt, früh aufzustehen. Anfangs fürchtete sie, ihr Mann möchte seit dem vorigen Tage gar nicht heimgekommen sein; die kleine Laura beruhigte sie jedoch mit den Worten: »O! ich habe den Papa diesen Morgen gesehen; er küßte mich und das hat mich aufgeweckt ... – Er küßte Dich diesen Morgen? – Ja, Mama ... und dann empfahl er mir, kein Geräusch zu machen, so lange Du schliefest ... – Und er sagte Dir nicht, wohin er so früh ging? ... – Nein ... Allein er wird nicht lange ausbleiben; denn er soll mir und meinem Bruder ein Milchbrod zum Frühstück bringen.« Leonie denkt, ihr Gatte werde wieder irgend ein Rendezvous mit Mongérand haben, oder sei er vielleicht in der endlichen Hoffnung, eine Stelle zu erhalten, ausgegangen; sie kleidet inzwischen ihre Kinder an; man verschiebt den Augenblick des Frühstücks in der Erwartung, Karl werde zurückkommen; allein die Zeit vergeht, ohne den Familienvater in den Kreis der Seinigen zurückzuführen. Der kleine, zwei Jahre alte Felix ruft, er habe Hunger; Laura hingegen will noch auf das ihr vom Vater versprochene Milchbrod warten. »O! das ist ganz vergeblich, liebe Tochter,« sagt Leonie seufzend! »Dein Vater hat sein Versprechen vergessen ... zähle nicht mehr darauf ... Frühstücke, mit Deinem Bruder, liebe Laura, und warte nicht länger.« Man frühstückte trauriger, als gewöhnlich; heute zum erstenmal ist Karl nicht bei diesem ersten Frühmahle gegenwärtig. Leonie fühlt eine unbeschreibliche Beklemmung und Laura wiederholt von Zeit zu Zeit: »Böser Papa! ... der uns nicht bringt, um was ich ihn gebeten habe ... wenn er heimkommt, küsse ich ihn nicht ... nicht wahr, Mama? ... – O doch! ... doch, meine Tochter! ... man muß ihn immer gleich sehr lieben! ... man darf's nicht machen, wie er!« Leonie nimmt wieder ihre Arbeit zur Hand und seht sich an ihren gewohnten Platz beim Fenster, wiewohl sie sehr selten nach dem blickt, was auswärts vorgeht. Wenn sie sonst beim Arbeiten ihre Kinder um sich her spielen sah, das Geplauder ihrer kleinen Laura hörte, dann fand sie die Zeit in der Regel nicht lang; heute aber erscheinen ihr die Stunden wie Ewigkeiten, denn sie. verflossen, ohne ihr den Gatten zuzuführen. Obgleich sie an seine Abwesenheit gewöhnt ist, hat sie doch ihre sonstige Ergebung nicht; Karl ist so frühe ausgegangen, daß es ihr außerordentlich dünkt; aufs Neue befragt sie ihre Tochter, sie will wissen, ob ihr Vater besser gekleidet gewesen sei, ob er trauriger oder freudiger geschienen habe; Laura weiß nur zu wiederholen: »Er hat mich viel geküßt und fürchtete, Du möchtest aufwachen ...« »Er fürchtete, ich möchte aufwachen! ...« sprach Leonie, welche ein neuer Schrecken erfaßte, bei sich selbst. »Mein Gott! ... warum so viele Furcht! ... sollte abermals ... Er war gestern mit Mongérand! ... Ha! ... ich zittere ... und er kommt nicht zurück!« Der Morgen verging, es schlagt drei Uhr und Karl ist in seinem Hause nicht wieder erschienen. Nun vermag Leonie nicht mehr zu arbeiten, sie hält es nicht mehr an ihrem Platze aus. Gäbe es einen Thürhüter im Hause, wäre sie schon längst hinabgegangen, um ihn auszufragen; so aber ist keiner da und Leonie schwatzt nicht viel mit den übrigen Hausbewohnern; sie weiß nicht einmal, wer unter und neben ihr wohnt. Nur eine einzige Person im Hause kennt sie oder trifft sie wenigstens öfter als andere auf der Treppe; dies ist ein junger Mensch, der höchstens achtzehn Jahre zu zählen scheint und ein kleines Mansardenstübchen bewohnt, dessen Fenster demjenigen, woran sie zu arbeiten pflegt, beinahe gegenüber ist. Dieser Jüngling heißt Justin: ist zweiundzwanzig Jahre alt; allein seine Stimme ist so sanft, seine Physiognomie so unschuldig, sein ganzes Wesen so schüchtern, daß man ihm höchstens achtzehn Jahre geben würde. Greift höflich, gefällig, dienstfertig gegen Jedermann und der Ton, mit welchem er mit einem Frauenzimmer spricht, möchte für viele unserer Salonstutzer beschämend sein; und doch ist Justin nur ein Arbeiter, ein Schreiner: freilich hat er nie Laternen zusammengeworfen, Aufläufe vergrößert und sich in Politik gemischt, das ist nicht sein Geschmack; er zieht es vor, zu arbeiten, sich in seinem Handwerk zu vervollkommnen, gewandter, geschickter zu werden, Geld zu verdienen, um seine Mutter und seine Schwestern zu unterstützen. Mehrere seiner Kameraden machten sich zuweilen über ihn lustig; einige gingen sogar so weit, daß sie ihm sagten: »Du mengst Dich nicht in die Begebenheiten des Tages, Du lebst ganz als Dunkelmann!« Allein Justin kümmert sich weder um ihre Vorwürfe, noch um ihre Spöttereien, und trotz seines sanften Stimmchens hat er eben so viel und vielleicht mehr Muth, als die lautesten Schreier, er antwortet dann auf solchen Vorhalt: »Ich suche Belehrung; ich lese die Werke, welche meinen Verstand, meine Beurtheilungskraft erleuchten können; von dieser Lektüre bleibt mir immer etwas; habe ich neue Kenntnisse erworben, so finde ich mich glücklich; solches lern' ich indeß erst nach vollbrachter Arbeit, denn vor Allem muß ich meine Mutter ernähren, mich anständig kleiden, ohne daß ich dabei Jemanden zur Last falle oder etwas borge: ihr, die ihr eure Arbeit vernachlässigt, um euch mit Politik zu beschäftigen, seid ihr darum glücklicher, zufriedener? ... Wenn ich euch den ganzen Tag lachen und singen sehe, so könnte es mich verführen; doch weit entfernt! ... seit ihr diese Sucht habt, seid ihr beständig übler Laune! ... beständig in einem Zustand des Zorns und der Aufregung! ... immer Unglück vorhersehend! das ganze Jahr hindurch fließt ihr über von Galle, und täglich suchet ihr das noch Andern mitzutheilen! ... Welch trauriges Dasein! ... und dadurch glaubt ihr mich anlocken zu können? ... nein, wahrhaftig nicht! ... Gott bewahre mich, das ganze Jahr hindurch übler Laune zu sein! ...« Deßhalb blieb Justin, der selten mit seinen Kameraden ging, häufig in seinem Stübchen. Indem er so, an seinem Fenster sitzend, las, halte er seine Nachbarin ein Stockwerk unter ihm erblickt, jene junge Frau, welche unablässig arbeitete, und nur aufhörte, um ihre Kinder zu liebkosen. Obgleich Kummer und Leiden das frische ihrer Gesichtsfarbe abgestreift und Furchen in ihre Wangen gegraben hatten, so war Leonie doch immer hübsch, und dann lag in ihrem Gesicht etwas Sanftes, Wohlanständiges, Schwermüthiges, das sogleich für sie einnahm. Es war nicht jene aufgeweckte Miene einer Grisette, welche an Andern beim Herausgehen aus einem Salon, wo eine anständige Haltung vorgeschrieben ist, gefällt; für einen an öfteren Umgang mit Grisetten gewöhnten Arbeiter stand sie um so höher; und wiewohl Leoniens Anzug so einfach war, als der jener Frauenzimmer, so lag doch ein großer Unterschied in der Art, wie sie ihn trug, und dieser Unterschied war es, welcher Justin entzüchte, bezauberte. Er konnte Leonie ganz nach Belieben betrachten; denn bei der Arbeit schlug die junge Frau nur die Augen auf, um sie auf ihre Kinder zu richten; den jungen Arbeiter, der von dem Fenster seiner Mansarde aus sie zuweilen ganze Stunden lang betrachtete, der sein Buch darüber vergaß, sogar vergaß, daß man ihn bei seiner Mutter erwartete, den sah sie nicht. So harrte Justin, folgte jeder Bewegung Leoniens und seufzte; er wagte sich nicht zu gestehen, daß er in seine Nachbarin verliebt sei, und doch war er nicht unerfahren genug, daß er nicht verstanden hätte, was im Grunde seines Herzens vorging. Wenn er aber Liebe zu der jungen Frau fühlte, so war dies eine völlig reine, durch keine strafbare Hoffnung entheiligte Liebe; beinahe jene Liebe eines jungen sittsamen Mädchens, welches ihr Sehnen darauf beschränkt, den Geliebten zu sehen, und in ihren Träumen sein Bild mit allen Reizen, allen Tugenden schmückt. Eine solche Liebe ist selten bei einem jungen Manne von zweiundzwanzig Jahren; besitzt man ein kostbares seltenes Gut, so bewahrt man es sorgfältig, und so bewahrte auch Justin seine Liebe im Grunde seines Herzens. Was ihn wunderte, war, daß der Gatte seiner schönen Nachbarin beinahe seine ganze Zeit fern von seiner Frau zubrachte, daß er ihn auch an ihrer Seite kalt bleiben sah und derselbe weder liebenswürdig, noch verliebt schien; denn zuweilen hinter einem großen Vorhang sitzend, sah Justin sie noch, wenn er auch nicht für beobachtend gelten wollte; er begriff nicht, daß Karl beinahe gleichgültig die Liebkosungen derjenigen hinnahm, in deren Betrachtung er selbst ganze Stunden versunken blieb. Seit Justin Leonie zur Nachbarin hatte, ging er noch weniger aus; kaum hatte er seine Arbeit beendigt, so eilte er in sein Stübchen zurück, das er nicht mehr gegen das schönste Gemach vertauscht hätte. Er wies alle ihm vorgeschlagene Lustpartien von sich, ging nicht mehr spazieren und sprach bei sich selbst: »Sie geht nie aus; ihr Gatte führt sie weder ins Schauspiel, noch ins Freie, auch ich kann wohl zu Hause bleiben.« Es kam ihm fast vor, als leiste er ihr Gesellschaft. Justin wagte nicht, mit ihr zu sprechen und doch hätte er so gerne eine Gelegenheit finden mögen, ihr einen Dienst zu erzeigen, ihr etwas brauchbar zu sein, nur um ein Wort, einen Blick von ihr zu erlangen, um ihr nicht gänzlich unbekannt zu bleiben; nicht einmal der Gedanke, ihr den Eindruck, den sie auf ihn hervorgebracht, bemerklich zu machen, stieg in ihm auf; und doch sagte er, wenn er nach stundenlanger, stiller Betrachtung sich vom Fenster zurückzog, trauernd zu sich selbst: »Und bliebe ich ein ganzes Jahr hier, würde sie mir keine Aufmerksamkeit schenken! ...« Hörte er aber seine Nachbarin die Thüre öffnen und die Treppe Herabkommen, irgend einen Einkauf zu besorgen, da öffnete er seine Thüre und lauschte auf der Hausflur, ob er die Nachbarin nicht zurückkommen höre. So wie er von unten herauf den Schall ihrer Tritte vernahm, ging er ebenfalls hinab, damit er das Vergnügen habe, ihr zu begegnen: »Ich werde sie ganz in der Nähe sehen, vielleicht wird ihr Kleid das meinige berühren ... Ach! wie glücklich werde ich sein! ...« sagte er dann zu sich. Und zitternd ging er hinab, das Herz schlug ihm bei der Hoffnung an solches Glück; so wie er aber nahe zu Leonien kam, ward der arme Junge so bewegt, daß er die Augen niederschlug, sich zur Seite hart an die Wand stellte und Leonie ging vorüber, ohne daß er nur wußte, ob sie ihn angesehen habe. Einmal indeß kam Leonie von einem Spaziergang mit ihren Kindern heim; auf dem Rückweg hatte sie Felix, der noch nicht viel gehen konnte, getragen; ihren Sohn auf dem einen Arme, ihrer Tochter die Hand des andern reichend, stieg die junge Mutter die Treppe herauf. Die Müdigkeit zwang sie, nach jedem Stockwerk Halt zu machen, Schweißtropfen rannen ihr von der Stirne, als Justin, von der Arbeit nach Hause kommend, zu ihr trat. An diesem Tage hatte er mehr Muth, er nahm Felix von dem Arm seiner Mutter, indem er ausrief: »Erlauben Sie mir, Madame, Ihnen eine kleine Mühe zu ersparen!« Leicht war das Kind bis vor seine Thüre getragen, er aber machte sich davon, ohne den Dank der Mutter abzuwarten. Von diesem Tage an grüßte ihn Leonie verbindlich, so oft sie ihm begegnete. In dem Augenblicke, wo Leonie auf Karl wartet, wo sie sich quält und härmt, auf den geringsten Laut horcht, ob es nicht ihr zurückkommender Gatte sei, lassen sich Tritte auf der Treppe vernehmen, sie kommen näher, nun sind sie ganz nahe ... »Ah! er ist's!« ruft Leonie uni öffnet schnell die Thüre, welche auf den Hausgang führt ... da erblickt sie Justin. Wie niedergedonnert bleibt Leonie stehen, ein tiefer Seufzer entsteigt ihrer Brust, während ihre Lippen murmeln: »Er ist es nicht!« Auch die Kinder sind herbeigesprungen und traurig wiederholen sie: »Nein, das ist nicht Papa!« Justin bemerkte Leoniens Kummer, ihre Unruhe; der Wunsch, ihr nützlich zu werden, macht ihn weniger schüchtern, er wagt zu sprechen: Was haben Sie, Madame? Sie scheinen unruhig? ... wäre Ihrem Herrn Gemahl etwas zugestoßen ...« »Nein ... nein, mein Herr, ich hoffe wenigstens, allein er ging heute so früh aus ... und ohne mit mir zu sprechen ... Haben Sie ihn diesen Morgen nicht auf der Treppe getroffen, mein Herr?« »Nein, Madame! – Ohne Zweifel thue ich Unrecht, daß ich mich quäle; häufig kommt er erst sehr spät Abends nach Hause ... – O! ja, denn Sie sind beinahe immer allein ...« Justin erröthet, nachdem er diese Worte gesprochen, er fürchtet, etwas Unschickliches gesagt zu haben. Der junge Mann beeiferte sich fortzufahren: »Wenn Sie wüßten, Madame, in welcher Richtung Ihr Gatte etwa sein kann ... würde ich eilen ... Erkundigung einziehen ... dann zurückkommen und Ihnen Nachricht bringen ... ich wäre so glücklich, wenn ich Ihnen in etwas dienen könnte ...« »Ach! ich danke Ihnen, mein Herr, allein ich weiß nichts; ... wo er sich befindet, ist mir stets unbekannt ... Er sollte sehr bald zurückkommen, nach dem, was er zu meiner Tochter sagte ... aber er wird einen Freund getroffen haben, der ihn mitnahm ... ich danke Ihnen, mein Herr. Kommen wir herein, meine Kinder!« Leonie verbeugte sich vor Justin und schloß ihre Thüre wieder zu; der junge Arbeiter blieb auf der Hausflur stehen, beglückt, mit Leonien gesprochen zu haben, und hoch niedergeschlagen,, daß er sie traurig sieht und ihr die Ruhe nicht wieder geben kann. Er geht mit sich selbst zu Rathe, was er thun könne; wo sollte er sich aber nach dem Ersehnten erkundigen, da seine Frau selbst nicht weiß, wo er ist ... Indeß geht er die Treppe wieder hinab; auf der Straße angelangt, schreitet er auf und ab, bald hierhin, bald dorthin, zwar ohne sich weit von seiner Wohnung zu entfernen, doch in der Hoffnung, den Gatten seiner Nachbarin zu erspähen, die Blicke weithin sendend. Eine Stunde etwa mag er's so treiben, als sich eine Menschenmasse heranwälzt, die etwas, das er noch nicht unterscheiden kann, umgibt; den Gesuchten findet er nicht darunter; der Knäul macht jedoch vor dem Eingang seines Hauses Halt, nun kehrt Justin um, drängt sich durch die versammelten Leute, deren Augen Mitleiden ausdrücken; er erblickt eine Tragbahre, auf welcher ein Verwundeter besinnungslos ausgestreckt liegt; er erkennt den Unglücklichen, es ist Leoniens Gatte. »O mein Gott! ... sollte er todt sein? ... und seine arme Frau harrt seiner! ...« sagt Justin, indem er einen Schrei der Verzweiflung ausstößt. »Ei nein, nein, Donnerwetter, er ist nicht todt!« antwortet Mongérand, der neben den Trägern steht und mit allen Neugierigen perorirt! »allein er ist nicht viel besser ... Doch sagte ein Wundarzt dort unten, er werde vielleicht wieder aufkommen ... Uebrigens habe ich ihn gerächt, wenn er stirbt! sein Gegner erhielt auch eine Spalte in den rechten Lungenflügel. Vorwärts, Kinder ... der Mann da muß hinaufgeschafft werden ... und zwar nicht weiter als in den vierten Stock ... mit Erlaubnis! ...« »Ach, meine Herren! einen Augenblick, ich bitte ... Und seine Frau ... seine arme Frau! ... ich will sie zuerst vorbereiten, sonst würde sie sterben! ... – Wie Ihnen beliebt, Kleiner; überdies können Sie wohl denken, daß man den Mann nicht wie einen Ballen Baumwolle hinaufspedirt, da braucht's Vorsicht und Zeit.« Justin ist schon auf der Treppe, eilfertig stiegt er hinan, klopft an Leoniens Thüre; diese öffnet abermals in der Meinung, es sei ihr Gatte. Aber Justin's blasses und entstelltes Gesicht macht sie starr vor Entsetzen; sie liest ein Unglück in seinen Augen. »Was gibt es ... Ich bitte Sie, mein Herr, was haben Sie mir mitzutheilen?« brachte sie bebend hervor; und Justin weiß nicht, wie er antworten soll, er fürchtet sich, zu sprechen, er stottert: »Madame ... Ihr Gatte ... – Mein Gatte ... nun denn ... Sie haben ihn gesehen? – Ja ... Madame ... – Es ist ihm etwas zugestoßen ... ich lese es in Ihren Augen ... – Erschrecken Sie nicht, Madame ... Ihr Gatte hat sich, wie es scheint, duellirt ... – Duellirt ... meine Ahnungen haben mich also nicht getäuscht! – Er ist verwundet ... allein er wird gesund werden ... o! er wird geheilt werden ... – Aber wo ist er ... Ach, mein Herr! führen Sie mich zu ihm. – Man bringt ihn ... hier ist er, Madame!« Wirklich langte auch der traurige Zug an. Beim Anblick ihres Gatten, der ohne Bewußtsein und in erschreckender Blässe daliegt, vermag Leonie den auf sie einstürmenden Gefühlen nicht zu widerstehen, sie schreit laut auf, ihre Augen schließen sich, sie sinkt in Justin's Arme, der sie in ihr Zimmer zurück trägt, wo Laura, als sie Vater und Mutter in diesem Zustande sieht, jämmerlich weint. Inmitten dieser Scene des Jammers läßt Mongérand, welcher stets dieselbe Kaltblütigkeit bewahrt, seinen Freund in ein Bett bringen, während sich Justin bemüht, Leonie wieder ins Leben zu rufen. »O! die Frau macht mir keine Sorge!« sagt Mongérand, »eine Frau weint und dann trocknen die Thränen wieder ... an den Mann muß man jetzt denken! He, ihr Andern, ich habe euch reichlich belohnt! ... geht, holt einen Wundarzt ... und Sie, junger Mann, schicken Sie uns eine Krankenwärterin! ... eine Nachbarin ... eine Pförtnerin! ... Wie, Donnerwetter! gibt's kein Weib in diesem Hause! ... Doch nein, in der That, bleiben Sie, ich suche selbst eine Wärterin! ... und komme dann nicht wieder! ... denn ich bin sicher, Karls Frau ist böse auf mich! ... Und doch bin ich keineswegs daran Schuld! ... Ihr Mann hat zwar wegen Themiren eine Ohrfeige erhalten, allein das konnte ich nicht voraussehen! ... Um sechs Uhr ungefähr ward er verwundet, wenn man ihn nicht bälder herbrachte, so ist die Ursache, daß ich ihn zuerst in eine Herberge tragen ließ, wo er die erste Hülfe empfing; und dann war es nicht leicht, Träger zu finden! ... doch die junge Frau schlagt die Augen wieder auf! ... ich gehe durch und will Leute schicken! ... Ha! Schuft von einem Raffineur! ... er hat seine Portion bekommen!« Mongérand ist fort; Leonie schlägt die Augen wieder auf, sie ordnet ihre Gedanken, hierauf eilt sie zu ihrem Manne, den sie mit Küssen und Thränen bedeckt, wobei sie ausruft: »Er hört mich nicht! ... sie haben ihn umgebracht!« »Nein, Madame, er liegt nur in Ohnmacht,« versetzte Justin, »eine natürliche Folge des Transports! Ich eile, einen Wundarzt zu holen! – O! ja ... den besten ... den geschicktesten! ... bringen Sie ihn gleich mit! – Auf der Stelle! Doch ich gehe ... Sie können nicht allein bleiben! alle Männer sind fort, mein Gott sie handelten nur für Geld! o! ich weiß! ja!« Justin stürzt hinaus; er pocht im nächsten Stock weiter unten, an allen Thüren des Hauses; überall sagt er: »Ich bitte, gehen Sie in den vierten Stock hinauf zu einer Dame, deren Gatte verwundet ist!« Nicht überall ist man mitleidig, und es gibt Nachbarinnen, welche ihre Thüren wieder verschließen und zu Haufe bleiben, allein es gibt auch andere, welche dieser Bitte Folge leisten und sich zu Leonie begeben, der sie ihre Sorgfalt angedeihen lassen, während Justin einen Wundarzt holt. Bald kommt der junge Arbeiter mit einem Manne der Kunst zurück; Karl erlangte sein Bewußtsein wieder, er erkennt Frau und Kinder, zum Sprechen hat er aber noch keine Kraft. Der Chirurg untersucht die Wunde, findet sie bedenklich und erklärt, er könne noch nichts über deren Zustand aussprechen; nachdem er seine Anordnungen getroffen, will er sich entfernen; Leonie wirft sich ihm zu Füßen und ruft: »Mein Herr, kommen Sie diesen Abend wieder! ... alle Tage, alle Stunden, wenn es sein muß! Ach, mein Herr, geben Sie mir meinen Gatten wieder! kein Opfer soll mir für eine so große Wohlthat zu schwer sein!« Der Wundarzt hebt sie auf, beruhigt sie und entfernt sich mit dem Versprechen, eifrig bei ihrem Gatten zu sein. Nun gehen auch die Damen vom Hause; Justin allein bleibt, er bemüht sich, Laura zu trösten, welche weint, wie sie ihren Vater krank sieht; Felix ist noch in dem glücklichern Alter, wo das Unglück seine Schläge versetzt, ohne uns zu betrüben. Leonie bemüht sich, ihren Muth wieder zu beleben; sie fühlt, daß sie desselben mehr als je bedürfe; neben dem Bette nimmt sie ihren Platz, und hier, die Augen auf den Verwundeten geheftet, auf jede seiner Bewegungen lauernd, gibt sie sich selbst das Versprechen, ihn keine Minute aus dem Gesicht zu verlieren, bis sein Leben außer Gefahr sei. Justin ist immer noch da, sie bemerkt es nicht; er nähert sich ihr und sagt schüchtern: »Ich will eine Wärterin holen, nicht wahr, Madame? denn Sie können nicht immer hier bleiben, um bei Ihrem Gatten zu wachen! – O! doch! doch! ich will immer hier bleiben! – Aber, Madame, Sie würden sich ums Leben bringen! und was würde aus den armen Kindern, wenn Sie nicht mehr wären! Ach, Madame, aus Mitleid für diese! ... schonen Sie Ihre Kräfte! erlauben Sie mir wenigstens, Sie abzulösen! bleiben Sie den Tag hier an diesem Bett, bei Nacht werde ich wachen! Ich bin jung! stark, mir würde es nicht im mindesten nachtheilig sein, während es Sie gleichfalls krank machte! Sie, die sich durch Arbeiten schon so sehr anstrengen! Madame, ich erbitte es mir als eine Gnade, weisen Sie mich nicht ab!« Mit gefalteten Händen flehte er Leonie an; diese schlägt ihr thränenvolles Auge zu ihm auf, reicht ihm die Hand und murmelt: »Mein Gott, wie gütig sind Sie, Herr! ich hatte noch nicht daran gedacht, Ihnen zu danken! Ach! ich weiß nicht, wodurch wir so viele Theilnahme verdient haben! Wenn mir aber mein Kummer noch nicht erlaubte, Ihnen meine ganze Dankbarkeit zu bezeigen, so glauben Sie mir, daß ich darum nicht weniger tief fühle, was Sie schon für uns gethan. – Dankbarkeit! ... ach! Madame, ich bin nur zu glücklich, wenn ich Ihnen nützlich sein kann! Wenn Sie wüßten, was ich Alles empfinde! was ... ich ...« Justin findet keine Worte mehr, er verwirrt sich, schweigt, senkt ganz beschämt die Augen, ohne daß er's wagt, die ihm dargebotene Hand zu berühren, die an sein Herz zu drücken er doch brennt. In diesem Augenblicke pocht man stark an die Thüre, Justin öffnet; eine Frau von etwa fünfzig Jahren, lang, dürr, gelb, in rundem Häubchen und Hauskleid, tritt mit den Worten ein: »Ist hier ein Kranker und erwartet man hier eine Wärterin? ein großer, schöner, brauner Herr schickt mich her! ... und er trieb mich an, er drängte mich! ... nicht einmal so viel Zeit ließ er mir, um eine andere Haube aufzusetzen! ich sagte bei mir: das ist ein sehr eiliger Herr da!« Leonie hörte die Wärterin an und schien nachzudenken; Justin würde Alles in der Welt geben, wenn sie dieselbe fortschickte und ihm erlaubte, die Nächte bei dem Verwundeten zuzubringen. Leonie hält jedoch nicht für schicklich, die Anerbietungen des jungen Arbeiters anzunehmen; sie denkt, er müsse, nachdem er einen großen Theil des Tages hindurch gearbeitet habe, bei Nacht der Ruhe bedürfen; und obgleich sie entschlossen ist, ebenfalls bei ihrem Gatten zu wachen, so lange er in Gefahr schwebt, so fühlt sie doch, daß sie Jemand brauchender ihr beistände; darum erwidert sie der Wärterin: »Ja, Madame, hier bedarf man Ihrer!« Traurig läßt Justin den Kopf auf die Brust herabsinken; Leonie tritt ihm näher und dankt ihm mit jenem Ausdruck, der so schnell zum Herzen dringt. »So vielen Dank verdiene ich nicht, Madame,« antwortet Justins; »wenn sie aber irgend etwas brauchen! ... und wäre es am Ende von Paris ... und wäre es mitten in der Nacht! so bin ich bei der Hand, Madame; hier im Dachstübchen! ... haben Sie die Güte, dies nicht zu vergessen!« Mit diesen Worten entfernte er sich. Madame Tripet (der Name der Krankenwärterin) ist schon mit ihrer Einrichtung im Zimmer beschäftigt; sie sieht, wohin man jede Tasse, jedes Gefäß stellt, rückt und schiebt Alles hin und her, geht, kommt, und wirft dabei einen Blick auf ihren Kranken; dann rückt sie das Kopfkissen zurecht, zieht den Vorhang auf, legt etwas auf das Bett; kurz sie ist gleich einem Soldaten, der in eine neue Kaserne kommt und sich mit allen Oertlichkeiten bekannt machen will. Die Kinder blicken scheu, als wäre sie das Pelzmännchen, nach Madame Tripet, wie sie hin und wieder, da- und dorthin geht; selbst bei Leonien erregt es ein unheimliches Gefühl, dieses fremde Gesicht um sich zu haben, und in der That, es gibt nichts Langweiligeres, Unerträglicheres, als wenn man einen Unbekannten in seinem eigenen Hause Alles durcheinanderwühlen und sich zum Herrn aufwerfen sieht. Doch würde Leonie, in der Hoffnung, ihr Gatte werde besser gepflegt werden, noch ganz andere Widerwärtigkeiten erdulden. Madame Tripet verrichtet gewissenhaft ihr Amt; sie verbindet sogar viel Eigenliebe damit, allein sie ermüdet, erdrückt durch lauter Sorgfalt, und da sie sich für gelehrter hält als die Aerzte, darf man nichts von dem abweisen, was sie verordnet. Nicht zufrieden, sich mit ihrem Kranken zu befassen, will sich Madame Tripet, wenn sie in einem Hause ist, auch um die Gesundheitsumstände sämmtlicher, dem Hause Angehörigen bekümmern, selbst wenn sie sich wohl befinden. Am Abend kam der Wundarzt wieder; er ertheilt der Wärterin seine Befehle, diese aber schüttelt den Kopf und scheint sagen zu wollen: »Ich weiß besser, was man zu thun hat!« Leonie sucht in den Augen des Chirurgen, zu lesen, ob sie fürchten oder hoffen darf. »Ich kann Sie noch nicht völlig beruhigen,« sagt der Doktor, »die Wunde ist sehr bedeutend! ... Ehe wir einen Ausspruch thun, wollen wir noch zuvor warten! ...« »Dieser Mensch da kommt mir wie ein Esel vor!« sagt die Wärterin, nachdem der Chirurg fort ist; »soll man sich nicht stets über den Zustand eines Kranken aussprechen! ... Doch das mag Sie nicht beunruhigen! ... ich bin da, ich! ... und ich wiege zehn Aerzte auf! ... Ich brachte Kinder wieder zum Leben, die bereits todt waren! ... eines davon hatte innerliche und äußerliche Convulsionen! ... diese faßten es vom Bibus bis zur Haarwurzel! ... – Aber mein Mann, Madame! ... – Ich nahm's in meine Arme, setzte es ans Fenster, und pitsch, patsch! ... ich drehte es um, wie ein kleines Paket! ... und der Arzt behauptete, das Kind habe keine Convulsionen! ... –Mein Mann, Madame! ... – Ihr Mann hat sich, wie es scheint, geschlagen! ... und warum hat er sich geschlagen? – Ach! das weiß ich nicht! ... – Bah! ... er hatte es Ihnen nicht gesagt! ... Hm! ohne Zweifel eines Frauenzimmers wegen! ... – Hat Ihnen Herr Mongérand nicht davon gesprochen? – Wer ist der Mongérand? – Die Person, welche Sie holte! – Ah! der schöne Braune! ... er fluchte wie ein Fuhrmann! er scheint ein liederlicher Geselle! ... ich kenne ihn nicht, er trat bei mir ein, schreiend wie besessen! er sagte mir: beeilen Sie sich! ... Ich beeilte mich; und wahrlich, ein wenig später hätte er mich nicht gefunden, denn ich begegnete unterwegs einer Dame, welche mich für ihr Fräulein holen wollte, die mit ihrem Dritten in den Wochen liegt; ich sagte: Thut mir äußerst leid, allein ich bin nicht frei! ... – aber mein Mann, Madame! ... glauben Sie, er werde genesen? – Warum nicht! ... wird man nicht immer genesen, wenn man gut verpflegt wird? ... und ich darf sagen, darauf verstehe ich mich; allein nicht die geringste Unvorsichtigkeit darf man sich erlauben ... nichts ohne meine Zustimmung, sonst stehe ich nicht mehr für meinen Kranken!« Leonie spricht nichts mehr; sie legt ihre Kinder schlafen und setzt sich neben das Lager ihres Gatten; sie erklärt, daß sie die Nacht an dieser Stelle zubringen wolle, was die Wärterin sehr ärgert, weil sie meint, das heiße in ihre Befugnisse eingreifen; allein Leonie, entschlossen, in diesem Punkte nicht nachzugeben, läßt sie schwatzen, und bleibt bei ihrem Gatten; nachdem Madame Tripet hierauf lange zwischen den Zähnen gemurmelt, nimmt sie sich vor, einzuschlafen, zur Strafe für Leonie, die sich erlaubt, für sie zu wachen. Zwölf Tage lang ist Karls Zustand höchst bedrohlich; zweimal täglich besucht ihn der Wundarzt. Noch hat Leonie keine Stunde Ruhe genossen: sie wollte nicht vom Bette ihres Gatten weichen, obgleich der Chirurg mehrmals zu ihr sagte: »Sie sind nicht vernünftig, Madame, Sie richten Ihre Gesundheit zu Grunde, Sie bedürfen des Schlafes! – Ach! mein Herr, versetzte dann die junge Frau: so lange mein Gatte in Gefahr ist, kann ich nicht schlafen! ... Sie sehen daher wohl, daß es unnöthig ist, mich niederzulegen! ...« Leoniens Handlungsweise macht der Madame Tripet unsäglich viel Aerger, daher sie beständig wiederholt: »wenn Madame sich zur Krankenwärterin aufwerfen will, so sehe ich gar nicht ein, warum sie mich kommen ließ; ich glaube indeß, daß ich mein Geschäft verstehe!« Und zum Beweis, daß sie ihr Geschäft versteht, wirft sie in der bescheidenen kleinen Haushaltung Alles durcheinander; man findet keinen Platz mehr zum Sitzen, keine leere Kanne mehr. In drei Wasserkesseln kocht Madame Tripet ein und denselben Trank; in allen Gläsern schmiert sie Syrup herum, in alle Tassen bringt sie Zucker; unaufhörlich ist sie in Bewegung und thut keinen Schritt, ohne wenigstens zwei Kaffeekannen in der Hand zu haben; sie stößt die Kinder herum, wenn sie sich auf ihrem Wege befinden; zu der kleinen Laura sagt sie: »Geh doch! Schildkröte! ... weg da! ... und zum kleinen Felix; wenn ich Deine Mutter wäre, würdest Du oft die Ruthe bekommen!« Die Kinder flüchten sich dann zu ihrer Mutter; Laura fragt, ob Madame Tripet bald fortgehen werde. Leonie tröstet ihre Kinder und sagt, sie möchten Geduld haben, bis ihr Vater außer Gefahr sei. Justin erkundigte sich jeden Morgen und jeden Abend nach Karls Befinden, und fragte, ob er Leonien nicht irgend einen Dienst leisten könne. Bei Justins Erscheinen brechen die Kinder in ein Freudengeschrei aus und laufen zu ihm hin. Er ist bereits ihr Freund; er spricht nicht wie Madame Tripet mit ihnen, sondern küßt und liebkost sie, und bringt ihnen öfters Kuchen. Leonie wagt nicht, dem jungen Arbeiter zu verbieten, daß er ihren Kindern Leckereien bringe, aus Furcht, ihn zu kränken; er sieht so zufrieden aus, wenn Laura und ihr Bruder vergnügt sind; und die junge Mutter selbst ist so glücklich durch die ihren Kindern zu Theil gewordene Freude!« Mehrmals erkundigte man sich nach Karls Gesundheit von Seiten Mongérands, der keine Lust hat, sich selbst zu zeigen. Bald schickt er einen Aufwärter aus einer Weinschenke, bald einen Commissionär mit dem Auftrag, sich seine Commission bezahlen zu lassen; ein andermal kommt ein halb Besoffener, der wie wüthend klopft, mit Schreien in die Stube tritt und einen Knoblauch- und Branntweingeruch verbreitet, der das Wasser aus den Augen treibt. Alle diese Botschaften werden von Leonien sehr kalt aufgenommen, und niemals unterläßt sie, Mongérand sagen zu lassen, daß ihr Mann keine Besuche annehmen könne. Endlich bessert sich der Zustand des Kranken und der Arzt haftet für seine Wiederherstellung. Leonie vergißt alle Mühe, alle Leiden, als sie vernimmt, daß sie nichts mehr für das Aufkommen ihres Gatten zu befürchten habe; sie küßt ihre Kinder und würde in ihrer Freude sogar Madame Tripet küssen; allein die Wärterin, ohne Zweifel um diesen Ausbruch des Glücks zu mäßigen, beeilt sich, nach dem Abgang des Arztes zu sagen: »Ihr Gatte kann genesen! ... ich sage nicht nein! ... aber noch ist er's nicht! es können Zufälle eintreten ... Rückfälle sich zeigen ... o! er ist noch nicht außer Gefahr! ... Ich wartete einem Kinde ab, welches der Arzt auch für geheilt erklärte! ... ich, ich war gewiß, daß es noch innerliche Convulsionen hatte; das schloß ich aus seinem Meconium ; darum gab ich ihm Aether und Münze ein, und in acht Tagen war das Kind todt.« Leonie hört nicht auf Madame Tripet, dem Arzt glaubt sie lieber und hat Recht; täglich bessert sich Karls Zustand. Nun denkt Leonie daran, zu Madame Darville zu schicken; so lange ihr Mann in Gefahr geschwebt hatte, wollte sie die Mutter durch diese Benachrichtigung nicht betrüben; jetzt fürchtet sie nicht mehr, ihr sagen zu lassen, sie möchte ihren Sohn besuchen, und sie denkt, der Anblick seiner Mutter werde Karls völlige Genesung nur beschleunigen können. Zur Besorgung dieses Auftrags bei Madame Darville wendet sich Leonie an Justin. Entzückt, seiner Nachbarin einen Dienst leisten zu können, wird sich der junge Arbeiter seiner Botschaft mit aller nöthigen Schonung entledigen. Mit dem Versprechen schleuniger Besorgung geht er; es währt auch in der That nicht lange, bis er wieder zurückkommt, allein sein Gesicht ist traurig und Leonie ruft ans: »Hätten Sie mir abermals ein Unglück zu verkündigen?« »Die Mutter Ihres Herrn Gemahls ist krank,« erwiderte Justin; »sie erfuhr das Duell ihres Sohnes und seine gefährliche Verwundung ... es hat sich Jemand beeifert, sie davon zu unterrichten; seit dieser Zeit hütet sie das Bett.« »Arme Dame! und sie entblößte sich beinahe von Allem um unsertwillen! ... jetzt hat sie nichts mehr, als das durchaus Notwendige! ... Mein Gott! wie unglücklich bin ich, daß ich nichts mehr für Andere thun kann ... Ach ... bald werden wir selbst abermals die Wohnung ändern! ... in einer Dachstube werde ich meine Kinder erziehen müssen! ...« »Was sagen Sie, Madame, Sie gedächten dieses Haus zu verlassen! ... – Ich weiß nicht ... vielleicht ... doch mein Mann ist gerettet, ich muß mich recht glücklich schätzen ... Aber seine Mutter weiß wenigstens, daß er außer Gefahr ist? – Ja, Madame; nach dem, was mir die Pförtnerin ihres Hauses sagte, scheint es, daß die Personen, welche Herr Mongérand zu Ihnen schickte, Befehl hatten, der Madame Darville sofort Nachricht zu geben. – Dieser Mongérand! ... mein Gott! ... ich soll also immer von diesem Menschen sprechen hören!« Leonie dankt Justin, der sich mit beklemmtem Herzen entfernt, weil die junge Frau vom Verlassen des Hauses sprach. Leonie wünscht sich der Madame Tripet zu entledigen; auch bedenkt sie, daß sie bald den Wundarzt, der ihren Gatten behandelte, werde bezahlen müssen, und sie besitzt nicht mehr das zu diesen Ausgaben nothwendige Geld; noch hat sie aber einige Kostbarkeiten, schöne Kleider, Shawls, die Trümmer ihres früheren Vermögens; sie packt Alles zusammen und entschließt sich, es zu verkaufen. Ohne Bedauern, ohne eine Thräne zu vergießen, beraubt sie sich dieser Gegenstände, welche in den Augen vieler Frauen so großen Werth haben; allein sie sagt sich: »Karl ist gerettet! das Weitere ist unbedeutend in Vergleich mit seinem Dasein.« Die Wärterin wird bezahlt und verabschiedet. Es scheint, daß man freier athmet in Karls Wohnung, seit Madame Tripet nicht mehr da ist. Die Kinder scheuen sich nicht mehr, zu lachen und zu spielen, Leonie gibt ihrem Manne zu trinken, wenn es ihr gefällt, und Karl kann mit seiner Frau schwatzen, ohne daß man ihn schmäht, weil er spricht. Glücklich! hundertmal glücklich die, welche eine Gattin und Kinder besitzen, die am Tage des Leidens sie mit liebevoller Sorgfalt umgeben! Seit Madame Tripet nicht mehr zwischen den beiden Ehegatten steht, hat Leonie ihren Mann schon mehrmals befragt, was den Zweikampf herbeigeführt habe, der ihn beinahe das Leben gekostet. Anfangs antwortete Karl nicht auf diese Fragen, eines Morgens jedoch gestand er seiner Frau, aufs Neue von ihr bestürmt, die Wahrheit. »Demnach hast Du,« rief Leonie aus, »für eine Maitresse Mongérands beinahe das Leben verloren! ... für eine Frau, die noch einen andern Geliebten hat und die Du verachten mußt! ... und eines solchen Geschöpfes wegen hättest Du Deine Kinder ihres Vaters, mich meines Gatten beraubt!« »Meine liebe Freundin, ich hatte eine Ohrfeige erhalten; darum schlug ich mich, und nicht dieser Frau wegen. – Diese Beschimpfung wäre Dir nicht geworden, wenn Du nicht in schlechter Gesellschaft gewesen wärest. – Möglich. – Künftig wirst Du wenigstens vernünftiger sein? Wirst Du aufhören, nur den Willen Deiner Freunde zu thun? – O! ich verspreche Dir, daß ich nicht mehr den Bruder von irgend Jemand spiele. – Du wirst nicht mehr mit Mongérand gehen? – Kam er während meiner Krankheit nicht? – Nein, er schickte her. – Und weiß meine Mutter! ... – Ja, Mongérand ließ sich gleichfalls angelegen sein, sie von Deinem Zweikampf in Kenntniß zu setzen, seit dieser Zeit ist sie krank. – Der Schwätzer ... So wie ich ausgehen kann, werde ich meine Mutter besuchen ... unglücklicherweise kehren meine Kräfte nicht schnell wieder. – Der Wundarzt sagte, Deine Wiedergenesung werde langwierig sein, Du müssest Dich sehr schonen ... – Aergerlich! – Langweilst Du Dich denn bei uns? – Nein, aber ... ich möchte etwas treiben. Ich sehe Dich unablässig arbeiten ... Du strengst Dich zu sehr an. – Ich muß Wohl einiges Geld verdienen ... wir haben keines mehr! Deine Krankheit kostete uns viel ... – Das ist betrübend ... doch wenn ich im Stande bin, auszugehen, sollst Du sehen! .... ich werde Geschäfte machen ... Meine arme kleine Laura ... sie hat ein Häubchen, wie Pförtnerskinder, während sie einen eleganten Faltenhut haben sollte. Und Du! ... Du bist angezogen wie eine Näherin! ... o verfluchtes Schicksal ... freilich bin ich auch ein wenig daran Schuld. – Beruhige Dich, mein Freund, genese ... dann wollen wir weiter sehen ... – Du hast Recht ... es ist Thorheit, wenn man sich Kummer macht. Gib mir meine Violine ... daß ich mir die Zeit damit vertreibe.« Seit Karl in der Genesung begriffen ist, wagt Justin nicht mehr, alle Tage nach ihm zu fragen, allein er hat seinen Platz am Fenster eingenommen und sieht Leonie, welche jetzt, wenn sie den Kopf erhebt, ihn freundschaftlich grüßt, aufs Neue arbeiten. Seufzend spricht er bei sich selbst: »Wenn ich sie nicht mehr sprechen darf, bin ich wenigstens kein Fremder mehr für sie!« Karl ist wieder völlig hergestellt; er kann ausgehen und hat seine Mutter besucht, welche in der Umarmung ihres Sohnes ihre Kräfte wieder zu erlangen scheint. »Mein lieber Karl,« sagt sie zu ihm, »ich that für Dich, was ich konnte ... diese Krankheit hat Dich in Verlegenheit gebracht ... ich sehe das ein ... ich übergab den Leuten, welche von Seiten Deiner Frau kamen, Alles, worüber ich noch verfügen konnte ... – Wie, meine Mutter ... was wollen Sie sagen? – Ach! Deine Frau hat Dir's vielleicht verheimlicht, um Dich nicht zu betrüben ... allein es ist besser, man wendet sich an seine Mutter, als an Fremde ... nur hatte ich gewünscht, daß Leonie mir nicht so oft Betrunkene zuschickte ... Wahrscheinlich hatte sie keine Wahl und kannte die Treue dieser Leute ... Gerne hätte ich mehr für Euch thun mögen ... Du weißt jedoch, daß ich nichts mehr als meine Leibrenten habe! ...« Karl begnügt sich, seiner Mutter zu danken, ihr schöne Versprechungen für die Zukunft zu machen. Er ahnt, daß etwas Mongérand'sches hinter dieser Geschichte steckt, und diesmal ist er höchst aufgebracht gegen ihn; allein er hält es für unnöthig, Leonien davon zu unterrichten. Bei seiner Nachhausekunft sieht Karl mit Erstaunen Kleinhändler einen Theil seiner Möbeln forttragen. »Mein Freund,« sagt Leonie, »wir müssen abermals ausziehen; diese Wohnung ist zu theuer für uns, ich habe eine andere in den ... Mansarden gemiethet ... in einem Hause, das auf den Kanal geht ... Alle unsere Möbeln hätten jedoch nicht Platz, daher habe ich einen Theil verkauft ... und zudem wird uns das eine Zeitlang zum Lebensunterhalt dienen.« Karl schneidet ein Gesicht, nach einigen Minuten wird er jedoch wieder heiter und ruft aus: »Im Ganzen genommen, werde ich, wenn ich Geld habe, andere und schönere Möbel kaufen; Du hast wohl gethan.« Einige Tage darauf zieht man aus, um zwei kleine Zimmerchen in einem fünften Stocke in Besitz zu nehmen; bei jeder Ortsveränderung wird Leonie düsterer. Diesmal suchen ihre Augen, ehe sie ihre frühere Wohnung verläßt, Justin an seinem Fenster; sie möchten dem jungen Mann, der ihr während der Krankheit ihres Gatten so viele Anhänglichkeit bewiesen hat, noch danken, sie erblickt ihn jedoch nicht; der junge Arbeiter war zu gleicher Zeit mit den Commissionären, welche Karls Möbeln wegtrugen, ausgegangen. Neunzehntes Kapitel. Das Dachstübchen und die Violine. Die Wohnung, welche Karl und seine Familie einnimmt, ist in einem ziemlich hübschen, neugebauten Hause, an den Ufern des Kanals, allein die beiden kleinen Gemächer, aus denen das Ganze besteht, sind im obersten Stockwerk des Hauses gelegen und dergestalt unter dem Dach, daß man nur im ersten Zimmer aufrecht gehen kann; das seiner Zeit an die Mauern geklebte Papier ist größtenteils lose und abgerissen; Alles an diesem Aufenthalt athmet Elend, und obgleich Béranger sagte: » Dans un grenier qu'on est bien à vingt ans « (Mit zwanzig Jahren ist's uns auch unter dem Dache wohl), so hat doch ein Dachboden nichts Anziehendes, und selbst mit zwanzig Jahren, wenn man hier bleibt, geschieht es nur, weil man's nicht anders machen kann. Leonie fühlt einige Thränen in ihren Augen, als sie in ihre neue Wohnung tritt, doch schnell trocknet sie dieselben wieder und beschäftigt sich mit der Einrichtung; die kleine Laura seufzt und sagt ganz leise zu ihrer Mutter: »Die andere Wohnung war mir viel lieber!« Karl setzt sich in eine Ecke und bemüht sich, seinen Sohn zu lehren: » En avant, Fanfan la Tulipe .« Leonie setzt sich wieder ans Sticken und Festoniren; mit dem frühen Morgen nimmt sie ihre Arbeit zur Hand; sie wünschte mit ihrer Nadel ihr Hauswesen unterhalten zu können; allein sie sitzt sich beinahe zusammen und sieht mit Schrecken, daß sie mit ihrer Arbeit nie den Bedürfnissen ihrer Familie genügen könne. Karl geht etwas weniger aus, weil er ohne Geld zum Verschleudern sich auswärts nicht mehr so sehr belustigt. Zu Hause spielt er die Violine, das ist seine Lieblingsbeschäftigung; obgleich er nicht sehr geschickt ist und häufig falsch spielt, ruft er doch aus: »Ich hätte Musiker werden sollen ... das war mein Beruf ... allein man wollte mich in die Handlung stecken ... man hatte Unrecht ... ich werde nie meinen Sohn zu einem Beruf zwingen! ... er mag Advokat oder Arzt, Künstler oder Soldat werden, ich lasse ihn Alles lernen und gebe ihm freie Wahl.« Leonie antwortet nichts, traurig blickt sie jedoch auf ihren Sohn, dessen Kleider sehr abgetragen sind, und erhebt die Augen zum Himmel. Wenn Karl ausgeht verfehlt er nicht beim Nachhausekommen sich zu erkundigen, ob sich Mongerand gezeigt habe: »Nein, dem Himmel sei Dank!« erwidert dann Leonie. »Dem Himmel sei Dank! das ist bald gesagt ... allein er ist mir Geld schuldig ... und ... – Mein Freund, das wird er Dir nie wieder geben ... betrachte es als verloren! – Verloren! ... wir wollen sehen ... Ich muß mich mit ihm verständigen ... ich weiß nicht, wo er sich versteckt, daß ich ihn nicht mehr finden kann ... O! sei ruhig, Leonie, ich habe keine Lust mehr, mit Mongérand zu gehen, ich bin zu aufgebracht auf ihn; und wenn ich ihn zu treffen wünsche, so ist es, um ihm den Kopf zu waschen. – Das sagst Du, Karl, allein ich kenne Dich! ... Du bist ein zu guter Kerl , wie Deine Freunde sagen, um irgend einem lange böse zu sein; wenn Du Mongérand wieder siehst, wirst Du ihm schnell verzeihen; besser ist's. Du sprichst gar nicht mehr mit ihm.« Kaum sind vierzehn Tage verflossen, seit man die Mansarde bewohnt, als Karls Mutter zu leben aufhört. Leonie, welche bis zu ihren letzten Augenblicken bei ihr geblieben war, trug immer Sorge, ihr die traurige Lage, in welche ihr Gatte sie gebracht, zu verbergen, und so stirbt Madame Darville, wenigstens ohne die ganze Wahrheit zu kennen. Um ihrem Sohne nützlich zu sein, hatte sie Schulden gemacht. Das Mobiliar, welches sie hinterläßt, ist kaum hinreichend, diese zu decken. Karls Lage wird also durch diese Begebenheit um nichts geändert. Seit Leonie, zu ihrem Entsetzen, ihre Kinder vom Elend bedroht sieht, dachte sie schon mehr als einmal au ihren Bruder, an jenen Adrian, der schon sehr jung in fremde Länder reiste. Adrian hatte seiner Schwester stets eine zärtliche Anhänglichkeit bewiesen, und Leonie sprach bei sich selbst: »Hätte mein Bruder Glück gemacht, käme er reich zurück! o meine Kinder, da würde es euch, deß bin ich ganz sicher, an nichts mehr fehlen.« Doch auch diese Hoffnung wird ihr geraubt; Adrian hatte durch einen Schiffbruch sämmtliche Früchte seiner Spekulationen verloren; er war ohne einen Heller in Havre eingetroffen und hatte sich schnell den Antheil, der ihm von seines Oheims Formerey Nachlaß zukam, überschicken lassen. Mit dieser Summe hatte er sich augenblicklich wieder eingeschifft, sogar ohne nach Paris zu kommen und seine Schwester zu besuchen. Der Ehrgeiz des jungen Seefahrers war durch den geringen Erfolg seiner Unternehmungen gekränkt, und er hatte sich das Versprechen gegeben, seine Verwandten nicht wieder zu sehen, oder aber sich nur als Besitzer eines unabhängigen Vermögens vor ihnen zu zeigen. Zwei Monate verstrichen, und Karl hörte nichts von Mongérand; Vanstouck, sowie alle Freunde vom Café entfernen sich bei seiner Annäherung, weil man an der Miene eines Mannes beinahe immer erkennt, wenn er die Andern nicht mehr freihalten kann. Nachdem er eines Morgens lange Zeit auf seiner Violine herumgekratzt, geht er aus, um seiner Gewohnheit gemäß auf den Boulevards umherzuschlendern. Die kleine Laura, welche hinabgegangen war, etwas zu holen, kam mit ganz vergnügter Miene heim, indem sie sagte: »Ach! ich bin recht vergnügt ... jetzt werden wir uns hier nicht mehr so sehr langweilen ... unser guter Freund ... unser Nachbar von dort unten ... Du weißt wohl, Mama, der junge Mann, welcher uns Kuchen gab ... – Herr Justin? – Ja, Herr Justin, nun gut, der wohnt auch in diesem Hause. – Wer hat Dir's gesagt mein Töchterchen? – Ich habe ihn so eben gesehen ... er ist da eingetreten! unserer Thüre gegenüber auf dem Boden. – Wahrscheinlich besuchte er einen Bekannten. – Aber so höre doch, er sagte mir, indem er mich küßte: wenn ihr mich braucht, ich bin wieder euer Nachbar. – Das hat er Dir gesagt ... sonderbar! – Soll ich ihm sagen, daß er zu uns komme?« Leonie antwortet nichts, sie besinnt sich, allein Laura ist bereits auf der Hausflur, wo sie ruft: »Herr Justin, kommen Sie zu uns, Mama ist es recht.« Eine Minute darauf erscheint der junge Arbeiter auf der Thürschwelle, wo er schüchtern stehen bleibt. »Nun denn! Herr Justin, warum treten Sie denn nicht ein?« sagte Leonie mit einer Verbeugung. »Fürchten Sie sich vor unserer neuen Wohnung! ... ach! Sie sehen wohl, daß wir bei dem Tausche nicht gewonnen haben!« Justin macht einige Schritte, indem er seinen Hut zwischen seinen Händen hin- und herdreht. Er bleibt vor Leonie stehen und murmelt: »Wahr, Madame, diese Wohnung ist recht abscheulich für Sie!« »Für mich nicht mehr, als für meinen Mann; was wollen Sie? man muß das Mißgeschick ertragen! Hätte ich keine Kinder, würde ich dem Elend trotzen! für sie möchte ich jedoch ...« Leonie hält inne, wendet die Augen ab und zerdrückt einige Thränen, hierauf fährt sie mit sicherer Stimme fort: »Ist es wahr, daß Sie auch in diesem Hause unser Nachbar sind?« »Ja, Madame, seit gestern; ich bewohne das Zimmer Ihrer Thüre gegenüber. Es gefiel mir nicht mehr in dem Hause, das Sie nicht mehr bewohnten ... die Gewohnheit, Sie arbeiten zu sehen ... ich suchte Sie immer an Ihrem Fenster ... kurz, als das Zimmer hier neben frei wurde, habe ich es schnell gemiethet ... Und ... Sie sind nicht böse, Madame, daß ich meine Wohnung neben Ihnen aufgeschlagen habe.« »Warum sollte ich böse darüber sein; ich habe die Theilnahme, die Sie uns während der Krankheit meines Mannes bezeugten, und Alles, was Sie damals für uns thaten, nicht vergessen.« »Ach! Madame, wenn ich Ihnen wieder zu Etwas nützlich sein könnte, wäre ich so glücklich, so vergnügt ... Für Sie wünschte ich so sehnlich ...« Justin gerieth ins Feuer; Leonie hebt die Augen zu ihm auf; er erröthet und kann nicht mehr weiter reden; Leoniens Blicke hatten etwas Ehrfurchtgebietendes, Strenges, das dem Arbeiter die Rede abgeschnitten hatte; in der jungen Frau stieg eine Ahnung des geheimen Beweggrundes von Justins Ergebenheit auf. Ein augenblickliches Schweigen tritt ein. Justin ist verlegen, Leonie ernsthafter, doch gibt sie Justin ein Zeichen, Platz zu nehmen, dieser bleibt aber fortwährend stehen. »Warum fetzen Sie sich nicht, Herr Justin?« fragt Leonie nach einer Weile, ihre Arbeit wieder ergreifend. »Madame, ich würde fürchten, Sie zu belästigen, und dann muß ich an die Arbeit gehen. – Sie sind Kunstschreiner, glaube ich? – Ja, Madame. – Lebt Ihre Mutter noch? –Ja, Gott sei Dank, ich habe noch eine Mutter und zwei Schwestern, welche mich zärtlich lieben! – Das gereicht Ihnen zum Lob ... Sie sind arbeitsam, geordnet, Sie werden es zu Etwas bringen! ... Doch Sie müssen uns besuchen, wenn mein Gatte hier ist; es wird ihn freuen, mit einem so gefälligen Manne, wie Sie sind, Bekanntschaft zu machen.« Justin zieht das Gesicht in leichte Falten, endlich entgegnet er: »Ich überschätze mich nicht, Madame, ich bin nur ein Arbeiter ... und ich weiß, Sie haben nicht immer unter dem Dache gewohnt; meine Gesellschaft würde ohne Zweifel Ihrem Herrn Gemahl nicht anständig sein.« »Sie irren sich! ... Ach! ich wollte dem Himmel danken, wenn er nie andere gehabt hätte! ... ein Arbeiter, wie Sie, ist mehr werth, als alle die Freunde, die er besaß!« Leonie seufzt bei diesen Worten, und ein neues Schweigen tritt ein. Justin, immer stehend, mit gesenkten Augen, möchte sich verabschieden und doch nicht fortgehen; endlich nähert sich ihm der kleine Felix und sagt, sich an ihn anklammernd: »Haben Sie heute Kuchen?« »Nein, heute habe ich keinen,« versetzte Justin »morgen aber ...« »Mein Sohn,« sagt Leonie mit strenger Miene, »es ist sehr unartig, von den Personen, welche hieher kommen, Kuchen zu fordern; Du scheinst ein Leckermaul. Herr Justin, es würde mir unangenehm sein, wenn Sie ihnen immer etwas mitbrächten ... und Sie werden mich nicht erzürnen wollen?« »Nein, gewiß nicht, Madame; allein ich hoffte, Sie würden wohl so gütig sein, es mir zu erlauben ... Ihre Kinder sind so hübsch ... ich liebe sie so sehr ...« »Nun gut! Sie müssen heirathen, Herr Justin, Sie werden als Familienvater bei Frau und Kindern gewiß recht glücklich sein.« Justin erwidert nichts, allein er erblaßt; hierauf geht er plötzlich, ohne die Augen zu Leonien aufzuschlagen, fort, stotternd: »Ich grüße Sie, Madame.« Nach Justins Abgehen nimmt Leonie, der es leid ist, daß sie mit ihrem Sohne strenge sprechen mußte, denselben auf ihren Schooß, liebkost ihn, bedeckt ihn mit Küssen und sagt: »Armer Kleiner, sei nicht betrübt! Dein Papa wird Dir Kuchen geben. – Papa gibt mir nie welche ...« »Ich, ich habe nichts gefordert!« fällt Laura ein, sich an den Arm ihrer Mutter hängend. – »O! Du bist auch schon sechsthalb Jahre alt ... bist schon gescheit! – Ach! das ist einerlei, ich habe doch auch gerne Kuchen! – Arme Kinder! die ich so glücklich hätte sehen mögen! deren kleinsten Wünschen zuvorzukommen, mir ein Vergnügen gemacht hätte! so muß ich Euch denn Alles entbehren lassen, was das Glück eures Alters ausmacht! darf mich nicht weiden an eurer kindischen Freude beim Anblick von Spielerei und Naschwerk! ... schon Entbehrungen! schon die Armuth kennen ... o mein Gott, mein Gott!« Leonie brach in heftiges Weinen aus, indem sie ihre Kinder küßte. Laura sieht die Zähren der Mutter und ruft: »Du hast Kummer, Mama ... vielleicht weil wir Kuchen verlangten! ... o! weine nicht mehr! wir werden nie mehr verlangen ... ich verspreche Dir's!« Leonie antwortet nur durch Küsse. In diesem Augenblicke kommt Karl nach Hause; er scheint übler Laune. »Was hast Du denn, mein Freund?« fragt ihn seine Frau. »Der Dummkopf von Pförtner sagt mir so eben, daß die Hausbewohner sich über mein Violinspielen beklagen ... Ist man jetzt nicht mehr frei? ... Es belustigt mich, Musik zu machen! Die Dame unter uns behauptet, ich wecke sie mit meinem Instrument zu früh auf ... Ohne Zweifel ein Zieraffe. Ich sagte zum Pförtner: Wenn die Dame da unten nicht zufrieden ist, braucht sie nur zu kommen und es mir selbst zu sagen. – Ach! Karl, machen wir uns die Nachbarn nicht zu Feinden! Du kannst ja Deine Violine später vornehmen. – Ich nehme sie im Gegentheile bälder. – Diese Dame ist vielleicht bejahrt, krank? – Nein, ich habe darnach gefragt. Es ist eine noch junge Frau, welche allein wohnt, irgend eine galante Dame! ihretwegen mag ich mir keinen Zwang anthun! Ueberdies will ich meine Kinder in der Musik unterrichten, das steht mir, glaube ich, wohl frei!« Damit langt Karl seine Violine vom Nagel und fängt an, einen Contretanz zu spielen, wobei er den Takt mit dem Fuße stampft. Erst als er den Bogen nicht mehr bewegen kann, hört er auf. Beim Nachhausekommen von seinem Abendspaziergang ergreift er sein Instrument aufs Neue, umsonst fordert ihn Leonie auf, nicht so stark zu spielen; Karl wird hartnäckig; und da seine Kinder daran gewöhnt sind, beim Klang seines Instrumentes einzuschlafen, ist er keineswegs geneigt, es so bald aufzugeben, als man mehrere Schläge an ihrem Stubenboden hört. »Hörst Du?« sagt Leonie. – »Was? – Die Nachbarin klopft! – Gilt mir ganz gleich; sie darf nur tanzen. – Aber mein Freund, es ist vielleicht Mitternacht vorüber ... Wir wissen die Stunde hier nicht mehr ... – Nein, nein, es ist nicht Mitternacht! ... Ueberdies belustigt mich das Violinspielen! ... Und dann ... werde ich sehr fest! – Wenn es nur wenigstens zu etwas gut wäre! ... Ich, ich fühle meine Kräfte täglich mehr schwinden! – Leg Dich ins Bett, ich spiele Dir eine Polonaise, damit Du einschläfst.« Leonie wollte sich niederlegen, als man an ihre Thüre klopft. »Nun, das ist ein sehr später Besuch!« sagt Karl. »Sollte es der junge Nachbar sein, von dem Du mir heute gesprochen hast? – O! ich denke nicht, daß er sich um diese Stunde zeigt! ... Wer ist da? – Machen Sie auf ... es ist die Nachbarin von unten. – Ach! die Nachbarin!« sagt Karl lachend, »sie hat gesehen, daß ihre Stöße mit dem Besen nichts nützen, sie kommt selbst.« Leonie öffnet. Eine Dame im Nachtkleid, mit ziemlich eleganter Haube und einem Armleuchter in der Hand tritt mit den Worten ein: »Gewiß, mein Herr, Sie thun es aus Bosheit; mit so viel Hartnäckigkeit hat noch nie Jemand Violine gespielt ... Es ist Mitternacht vorüber, und ...« Statt der Dame zu antworten, stößt Karl einen Schrei der Ueberraschung aus, Leonie ebenfalls, indem sie hinzusetzt: »Madame Rozat!« Nun betrachtet die Nachbarin beide genauer, hält ihr Licht vor und schreit ihrerseits: »Was seh ich! ... Herr und Madame Darville! ... hier! ... in diesem Dachboden! ... in dieser Mansarde wollt' ich sagen! ... Ach! mein Gott! ist's wohl möglich! ...« »Ja, Madame,« versetzt Leonie, der Madame Rozat einen Stuhl bietend, »wir sind es wirklich! ... das Schicksal ist uns nicht günstig gewesen, und, wie Sie sagten, wir bewohnen beinahe einen Dachboden! ...« »O! aber nur für den Augenblick!« ruft Karl, »man ist mir viel Geld schuldig, und wenn man mir's bezahlt hat, nehmen wir ein anderes Lokal.« »Wahrhaftig, ich kann's gar nicht glauben!« fährt Madame Rozat, Platz nehmend, fort. »Ach, mein Gott! ... Leute, welche ein Etablissement hatten! ... und in so kurzer Zeit! ... das sitzt mir auf die Nerven!« »Aber Sie selbst, Madame,« nimmt Leonie, welche den Beileidsbezeigungen der Madame Rozat ein Ziel setzen möchte, das Wort, »wie kommt es, daß Sie jetzt allein wohnen? – Wissen Sie denn nicht, daß ich von meinem Manne geschieden bin? – Geschieden von Ihrem Manne! ... – Ja, Gott sei Dank! seit beinahe sieben Monaten ... Ach! es scheint mir, als wäre ich seit dieser Zeit im Paradies! ... – Sie haben einander verlassen? und Rozat schmeichelte Ihnen immer! – Ha! ha! ... Trauen Sie dem, was man vor den Leuten thut, Herr Darville! Ach! ich habe schöne Dinge erlebt! ... Herr Rozat ist ein ungeschlachtes Wesen! ... der niederträchtigste Charakter, falsch, heimtückisch, boshaft, brutal! ... ja brutal! ... nachdem er mich vor den Leuten geküßt hatte, kneipte, ja schlug er mich, wenn wir allein waren! ... Ach! jenen Schafen der guten Gesellschaft, welche jeden Augenblick bereit scheinen, ihrer Frau zu Füßen zu fallen, darf man nicht trauen; überhaupt affektirt man anmuthige Manieren beinahe immer nur, um Erbärmlichkeiten dahinter zu verstecken. Kurz, wir haben uns getrennt; schon lange hätten wir es thun sollen! ... Mein Sohn ist im Collegium, Herr Rozat bezahlt die Pension; auch ist er gehalten, mir eine zu bezahlen, und ich lebe auf sehr angenehme Weise; ich empfange meine Freunde, gebe kleine Thee- und Punschgesellschaften; da ich jedoch gerne schlafe, bitte ich Sie, Herr Darville, halten Sie mich mit Ihrer Violine nicht wach! ... es ist zu unangenehm!« »Seien Sie ruhig, Madame,« versetzt Leonie, »jetzt, da mein Mann weiß, daß Sie unsere Nachbarin sind, wird Sie seine Violine nicht mehr stören.« »Sehr liebenswürdig von Ihnen. Ach, mein Gott! es thut mir sehr weh ... daß Sie so unglücklich sind! ... Wenn man die Leute kannte, und findet sie hernach wieder ... das thut einem leid! Es wundert mich sogar, daß Sie Contretänze spielen können! ... Ist's jetzt Ihr Erwerbszweig? – Nein, Madame, es geschieht zu meinem Vergnügen. – Ach, Gott! wo ist die Zeit, in der Sie Ihrer Frau so schöne Ohrenringe schenkten! ... ich erinnere mich noch; ... doch ich will mich schlafen legen, denn ich bin müde und habe morgen viel zu thun, ich gebe eine kleine Abendgesellschaft. Adieu, mein Herr und Madame, ich habe die Ehre, Sie zu grüßen ... Bemühen Sie sich nicht, ich bitte Sie; ich habe ein Licht.« Madame Rozat ist fort, und Leonie kann nicht umhin, auszurufen: »Wie beleidigend das Mitleid dieser Frau ist ... und man muß es erdulden! ...« Karl gibt keine Antwort, er hängt seine Violine an die Wand und legt sich, ohne ein Wort zu sprechen, zu Bett; der Anblick der Madame Rozat ist ihm gleichfalls nicht erquicklich gewesen. Leoniens Gesundheit nimmt von Tag zu Tag ab, und doch will sie unablässig arbeiten und wachen, damit es ihren Kindern wenigstens nicht am Notwendigen gebreche. Da Justin seine Nachbarin nicht mehr durch das Fenster erblicken kann, weil die seinigen den ihrigen nicht mehr gegenüberliegen, erlaubt er sich, zuweilen des Morgens nach dem Befinden zu fragen, indem er die Vorthüre halbwegs öffnet. »Treten Sie doch ein, Herr Justin!« ruft dann Karl dem jungen Arbeiter zu; dieser aber schützt immer seine Arbeitszeit vor, welche ihm keinen Aufenthalt gestatte, und macht sich schnell davon, ohne Platz nehmen zu wollen. Ist Karl nicht da, so tritt Justin, nachdem er den Kopf hereingestreckt, sachte ins Zimmer, nähert sich Leonien, bleibt aufrecht vor ihr stehen, und während er jeden Augenblick wiederholt, daß er fortgehen müsse, bleibt er, in Betrachtung versunken, vor seiner Nachbarin. Eines Morgens, an welchem Justin schon lange da ist, Leonien anblickend, wenn sie die Augen auf ihrer Arbeit hat, die seinigen jedoch senkend, so wie sie zu ihm aufsieht, sagt letztere lächelnd: »Vergessen Sie Ihre Arbeitsstunde nicht?« Justin seufzt tief auf und antwortet: »Es ist wahr, Madame, wenn ich hier bin, ... kann ich nicht mehr fortgehen! ... da Sie mir's aber sagen ... – Nicht um Sie fortzuweisen, Herr Justin, geschah's, sondern weil ich bemerkte, daß Sie nie Zeit haben zu schwatzen, wenn mein Mann da ist, während Sie sich gerne aufhalten, wenn er abwesend ist: ich gestehe Ihnen, das kommt mir sonderbar vor!« Justin erröthet und murmelt zwischen den Zähnen: »Madame ... weil ... ich wage Ihnen die Ursache nicht zu sagen ... ich fürchte Sie zu erzürnen! ... – Ich denke nicht, Herr Justin, daß Sie mir etwas zu sagen haben, was eine ehrbare Frau nicht hören dürfte; erklären Sie sich daher! ... – Nun wohl, Madame, ich liebe Ihren Herrn Gemahl nicht! ... – Sie lieben ihn nicht!« fährt Leonie lächelnd fort; »und was hat er Ihnen denn gethan? ... – Gethan hat er mir freilich nichts ... allein es ist stärker als ich ... ich liebe ihn nicht! ... denn ich sehe wohl, er macht Sie nicht glücklich ... wie Sie es sein sollten! ... Sie, Madame, geschaffen, in Wohlhabenheit zu leben, bewohnen einen Dachboden, und martern sich ab mit Arbeiten, um ihre Kinder zu ernähren! ... während er vom Morgen bis zum Abend nichts thut als Spazierengehen oder Violinspielen! ... ach! das zu sehen, thut mir weh! ... und es kostet mich viel Ueberwindung, ihm nicht zu sagen, was ich denke! ...« »Mein Herr,« versetzt Leonie mit ernster, verweisender Miene, »wer sagte Ihnen, daß mein Mann mich unglücklich mache, daß unser Unglück seine Schuld sei? Wer hat Ihnen erlaubt, über sein Benehmen abzusprechen? Wenn ich arbeite, so gefällt es mir wahrscheinlich; haben Sie je eine Klage, einen Vorwurf gegen meinen Gatten über meine Lippen kommen hören?« »O! nein, Madame, aber ... – Dann, mein Herr, sind Ihre Vermuthungen mehr als unbescheiden! ... Uebel von meinem Manne sprechen, heißt es auch über mich thun! ... ja es ist noch mehr! denn Beleidigungen, die mich persönlich beträfen, könnte ich verzeihen, während ich diejenigen nie entschuldigen werde, welche Karl treffen!« »Mein Gott! Madame, ich fühl's, ich hatte Unrecht, es Ihnen zu sagen ... allein wünschte so sehnlich, Sie glücklich zu sehen! ...« »Genug, Herr Justin! Ihre Arbeit ruft Sie, säumen Sie nicht länger!« Justin hat Thränen in den Augen, er macht einige Schritte gegen die Thüre, kommt aber zu Leonie zurück, indem er stammelt: »Madame! ... ich bitte Sie um Verzeihung! ... ich bin nur ein Arbeiter ... habe keine Lebensart, sonst hätte ich Ihnen das nicht gesagt ... Ach! Madame, ich wäre untröstlich, wenn Sie böse gegen mich bleiben!« »Nun gut! ich will's vergessen, Herr Justin, allein Sie werden mir ein Vergnügen machen, wenn Sie nur bei uns eintreten, während mein Mann zu Hause ist.« Justin antwortet nichts, er küßt die Kinder, grüßt Leonie und geht sehr niedergeschlagen von dannen, bedenkend, daß er sie nun nicht mehr nach Gefallen sehen und betrachten könne. Inzwischen kam der Winter heran und Leonie kann ihrem Sohne die warmen Kleider, deren er bedarf, nicht anschaffen; sie ist äußerst betrübt und bringt einen Theil der Nächte mit Arbeiten zu; Karl schlägt sich vor die Stirn, stampft mit dem Fuß auf den Boden, haut mit der Faust nach dem Kamin, nennt sich Nichtswürdiger, Elender, Galgenstrick, geht dann spazieren, sieht eine Stunde den Hanswursten auf der Straße zu und betrachtet die politischen Karikaturen. Madame Rozat hat seitdem keinen Fuß mehr zu ihrer ehemaligen Bekannten gesetzt und richtet es sogar so ein, daß sie ihr nicht mehr auf der Treppe begegnet, wahrscheinlich, weil es derselben zu wehe thäte, in Folge ihres außerordentlichen Mitgefühls. Als Karl von einem seiner Spaziergänge nach Hause kommt, wird er von seinem Pförtner gestellt: »Der Herr spielt die Violine! ... demzufolge ist der Herr Musiker, wie ich vermuthe?« redete ihn der Pförtner an, ohne seine Schlafmütze abzunehmen, weil er mit einem Bewohner der Mansarden spricht. »Nun denn! weiter?« versetzte Karl ungeduldig, »hat sich Madame Rozat aufs Neue beschwert? – Nein, nein, mein Herr! o! davon ist keine Rede mehr! ... einer meiner Freunde ... Bedienter hier neben in der Straße Saint-Louis; ich sage hier neben, es ist aber auch wirklich nicht zu weit, wenn man durch die Straße de la Tour geht ... – Nun! kommen Sie zur Sache, Herr Bertrand! – Also mein Freund, der Bediente Braillard. Sie haben ihn vielleicht manchmal in meiner Loge gesehen ... ein Kleiner ... Magerer ... – Ei! nein, ich kenne Braillard nicht ... aber was will er? – Hier ist's: er kam diesen Morgen zu mir und sagte, daß die Tochter seines Herrn sich heirathen werde! ... das Fräulein hat volle neunundzwanzig Jahre, ist nicht hübsch, und Sie sehen wohl ein, daß man sie nicht ungerne unter die Haube bringt, um so mehr, als das Fräulein trotz ihrer Häßlichkeit darauf zu halten scheint, einen schönen Mann zu bekommen; es sind jedoch Leute, die etwas haben, und Sie wissen wohl, daß es Leute gibt, die nichts haben und sich doch verheiraten! – Aber was geht mich das Alles an, Herr Bertrand! ... – Ah! Herr Braillard sagte mir also: in zehn Tagen wird man das Fräulein verheirathen und morgen gibt man bei uns einen kleinen Verlobungsball, in welchem mein Herr seinen Schwiegersohn seiner ganzen Familie vorstellt: es wird sehr glänzend werden, ein wahrhafter Gesellschaftsball, und ich bin im Aufsuchen einer Violine begriffen, um die ganze Nacht zum Tanze aufzuspielen; die ganze Nacht, d. h. es wird vielleicht um zwei oder drei aufhören! ... man weiß nicht gerade ... Kennst Du einen Spielmann? fragte mich Braillard. Ich sagte anfangs nein! dann denke ich an Sie, mein Herr! Ei, aber sage ich zu Braillard, sieh, in der That, wir haben im fünften Stock einen Geiger von erster Stärke, denn man hört ihn im ganzen Hause, wenn er anfängt, und ich glaube, der würde für euch passen! ... Nun gut, sagte mir Braillard, mach' ihm den Vorschlag für morgen! ... um acht Uhr Abends muß man im Hause sein! ... man zahlt fünfzehn Franken. Ich sage: Das ist nicht zu viel, aber es ist ordentlich! denn da eingehalten wird, ist's wahrscheinlich, daß man für den Musikanten sorgt, und ein guter Schluck bei Nacht ist nicht unangenehm. Da habe ich's übernommen, es dem Herrn vorzuschlagen, und ich denke, es wird ihm nicht unlieb sein, zu ...« »Nein, ich spiele Andern nicht zum Tanze auf!« entgegnete Karl ärgerlich, und geht alsbald die Treppe hinauf, während der Pförtner ausruft: »Schaut! das ist doch zu närrisch! ... die fünfzehn Franken nicht verdienen zu wollen; und sein kleines Mädchen hat zerrissene Schuhe! ... das hab' ich wohl gesehen, ich! ... Wem spielt er denn zum Tanze auf? den Ratten und Mäusen wahrscheinlich!« Karl tritt in seine Wohnung; seine Frau hat verweinte Augen; seit einigen Tagen macht ihr die Gesundheit des kleinen Felix Sorge; er ist weniger heiter und spielt nicht mehr; sie hält ihn in ihren Armen, sie fürchtet, er möchte frieren, und die kleine Laura bläst in die Finger und läuft, um sich zu erwärmen, im Zimmer umher. Karl ist von diesem Bilde des Elends gerührt, er setzt sich in eine Ecke, indem er bei sich selbst spricht: »Uebrigens! ... wenn ich ihnen aufspiele ... fünfzehn Franken ... ist schon etwas! ...« Er nähert sich seiner Frau und sagt: »Mit Deiner Nadel verdienst Du keine fünfzehn Franken in einem Tag, nicht wahr? ... – Ach! ... nur mit vieler Anstrengung verdiene ich fünfzehn Sous ... Warum fragst Du mich aber das? ... – Weil ... so eben ... hat der Pförtner mit mir gesprochen ... kurz, man schlägt mir vor, einer Gesellschaft eine ganze Nacht Tanzmusik zu machen, und man bietet mir fünfzehn Franken dafür ...« Mit ängstlicher Spannung blickt Leonie ihren Gatten an, denn ihre Kinder frieren, und sie ist der Ansicht, kein Geschäft sei zu schmählich, um ihnen das Nöthige zu verschaffen. »Nun denn! mein Freund,« sagte sie endlich, »was hast Du geantwortet? – Du kannst Dir wohl denken, daß es mich nicht belustigt, den Fiedler zu machen ... ich lernte die Violine zu meiner Erholung und nicht, um Andern zum Tanze zu spielen ...« »Ja,« versetzte Leonie traurig, »ich fühle, wie viel Unangenehmes es für Dich haben würde ... allein wenn das Unglück uns niederdrückt, ist man häufig recht froh, wenn man die Talente als Hilfsquelle hat, die wir uns zu unserem Vergnügen aneigneten. Kurz, Du hast ... – Ich hab's ausgeschlagen.« Leonie sagt nichts mehr und drückt ihren Sohn fest an ihr Herz. Karl hat Hunger, er öffnet eine Schublade und findet nur trockenes Brod. Er ruft aus: »Wo ist denn das Mittagessen? – Man hat mich heute nicht bezahlt ... wir haben nichts weiteres. – Teufel! ... ein erbärmliches Mahl ... Schurke von Mongérand! ... hm! ... wenn ich ihn träfe! ... ich weiß nicht, was ich ihm thäte ... mich in der Verlegenheit zu lassen ... nachdem er noch borgte bei meiner ...« Karl endigt seinen Satz zwischen den Zähnen, er kaut einige Zeit an seinem Brod, dann steht er auf und ruft aus: »Wohlan, ich bin entschlossen, ihnen Tanzmusik zu machen! ...« Leonie erhebt den Kopf, ihre Augen beleben sich wieder, und sogleich beginnt sie: »Aber der Pförtner, wenn Du's ihm abgeschlagen hast ... – O, sein Freund Braillard kann noch nicht wieder gekommen sein ... Laura, gehe, sage zum Portier, ich nehme bestimmt seinen Vorschlag für morgen an. – Geh, Laura, geh schnell, mein liebes Kind!« Laura geht hinab und Karl fährt fort: »Es ist mir nicht unlieb, daß ich nicht sogleich eingewilligt habe ... man muß nicht thun, als warte man auf so etwas. Uebrigens kennen mich die Leute, zu denen ich gehe, ohne Zweifel gar nicht! ... und wie Du sagst, man muß aus seinem Talent Nutzen ziehen.« Laura kommt zurück; es war noch Zeit, Braillard war gerade bei seinem Freund Bertrand; beim Empfang von Karls Antwort sagte er: »Also ist die Sache abgemacht, auf morgen Abend Punkt acht Uhr,« damit schrieb er die Adresse seines Herrn auf ein Papier, welches Laura ihrem Vater überbringt. Karl liest: » Herr Tigré, ehemaliger Rauhhändler ,« er schiebt die Adresse in die Tasche, indem er sagt: »Sehr gut! von dem Herrn Tigré habe ich nie sprechen hören.« Leonie athmet wieder auf; ein Strahl von Glück geht in ihren Zügen auf; ihre Kinder sind heiterer, weil sie sie lächeln sehen, Karl übt sich den ganzen Abend in neumodischen Stücken: diesmal jedoch ermüdet der Klang des Instruments seine Frau nicht. Am folgenden Tage beschäftigt sich Leonie mit der Toilette ihres Mannes, sie will nicht, daß er schmutzig in der Gesellschaft erscheine; sie weiß, daß der Anzug sogar bei einem Contretanzspieler imponirt, und man findet, daß Karl minder schlecht spielt, wenn er gut gekleidet auftritt. Die Effekten ihres Mannes sind nicht mehr neu, durch vieles Ausklopfen und Bürsten gelingt es ihr indeß, sie noch sehr gut aussehend zu machen. Karl kleidet sich lange vor der bestimmten Stunde an, seine Frau betrachtet, bewundert ihn; sie liebt ihn fortwährend, und wenn er nicht schlechte Gewohnheiten in den zuletzt von ihm besuchten Gesellschaften angenommen hätte, stellte er noch viel vor; aber in diesem Augenblicke vergißt Leonie all sein Unrecht, sie hat nur den Dienst vor den Augen, den er seiner Familie zu leisten im Begriffe steht, und Karl hat diese so wenig daran gewöhnt, welchen von ihm zu empfangen, daß es ihr jetzt um so mehr Vergnügen verursacht. Die Nacht ist gekommen. »Man darf die Stunde nicht versäumen, mein Freund,« erinnerte Leonie. – »Ohne Zweifel, doch Du weißt, daß ich keine Uhr mehr habe. – Laura, sieh, ob Herr Justin zu Hause ist und frag' ihn genau, wie viel Uhr es sei. – Ja Mama.« Die kleine Laura geht zu dem jungen Arbeiter, dessen Thüre halb offen steht; er schließt sie nie vor dem Augenblick, wo er sich schlafen legt, in der Hoffnung, seine Nachbarin zu sehen oder wenigstens zu hören. Justin macht eine Bewegung der Freude, als er Laura in sein Zimmer treten sieht. »Wünschen Sie etwas, meine Freundin, bedarf Ihre Mama meiner? – Mein Herr, ich komme, um nach der Zeit zu fragen, weil mein Papa diesen Abend auf den Ball geht, und er darf nicht fehlen, denn er wird die Tanzmusik machen, er nimmt deßhalb eine Violine mit ... Es ist recht hübsch, wenn man Violine zum Tanze spielen kann, nicht wahr, mein Herr?« Während dieser Worte blickte das junge Mädchen nach zwei großen Kuchen auf einem Tische; es konnte die Augen nicht davon abwenden: das arme Kind hatte den ganzen Tag nur Brod und ein wenig Zucker gegessen, weil seine Mutter erst den andern Tag bezahlt werden sollte. Justin sah auf seine Uhr: »Es ist sieben Uhr,« sagte er zu der Kleinen, die noch in Betrachtung der Kuchen an dem Tische stand. »Dank, Herr Justin!« Laura will sich entfernen, aber der junge Mann, welcher bemerkt, wohin sie blickt, sagt zu ihr: »Für Sie und Ihren Bruder habe ich das gekauft ... ich wage jedoch nicht, es Ihnen anzubieten, aus Furcht, Ihre Mama zu erzürnen ... welche schon böse auf mich ist.« »O! heute würde es sie vielleicht nicht erzürnen ... denn sie sieht diesen Abend recht gut gelaunt aus. – Wahrhaftig ... Nun gut ... wir wollen sehen ... sogleich.« Laura wagt nicht länger zu bleiben, sie eilt, ihren Eltern die Antwort zu bringen. Karl hat noch Zeit, sich auf seinem Instrument zu üben und sich alle Contretänze, die er kann, ins Gedächtniß zurückzurufen. Endlich verstreicht die Stunde, und er schickt sich fortzugehen an; er nimmt seine Violine unter den Arm, küßt seine Kinder und Leonie, welche ihn zärtlich an ihren Busen drückt, indem sie ihm sagt: »Ich werde Dich erwarten und nicht schlafen ... – Doch, doch, schlafe ... Du weißt wohl, es kann bis fünf oder sechs Uhr währen; es ist nicht nöthig, daß Du Dich durch Wachen ermüdest ... leb wohl! ... Alles, was ich wünsche, ist, daß ich mich nicht in den Stücken verwirre.« Leonie begleitet ihren Mann hinaus und leuchtet ihm die Treppe hinab, gefolgt von ihren beiden Kindern, als sie wieder heraufkommen, finden sie Justin vor der Thüre mit dem Kuchen in der Hand. Justin macht seiner Nachbarin eine tiefe Verbeugung, welche mit liebenswürdiger Miene zu ihm sagt: »Guten Abend, Herr Justin!« Die Art, mit welcher Leonie diese Worte sprach, gibt dem jungen Arbeiter ein wenig Muth. Er tritt näher mit den Worten: »Zürnen Sie mir immer noch, Madame? – O, mein Gott! nein, sprechen wir nicht mehr davon ... doch es ist bald acht Uhr, ich will meine Kinder zu Bett legen und dann ein Gleiches thun, denn ich bin sehr müde ... – Wenn Sie mir gütigst erlauben wollten, Madame ... den Kleinen diese Kuchen anzubieten ... es wäre mir ein Beweis, daß Sie völlig vergessen haben, was ich neulich sagte. – In diesem Fall gerne, Herr Justin!« Im Grund des Herzens war Leonie sehr froh, daß ihre Kinder dieses kleine Geschenk empfangen konnten. Justin gibt es ihnen, entzückt, Verzeihung erlangt zu haben. Laura und ihr Bruder nehmen die Kuchen mit der ganzen Freude ihres Alters, vermehrt noch durch die erduldeten Entbehrungen. Endlich sagt man sich gute Nacht, und jedes kehrt vergnügten Herzens in sein Zimmer zurück: es braucht bei manchen Personen oft so wenig, um sie glücklich zu machen! ...« Zwanzigstes Kapitel. Der Verlobungsball. Karl schlägt den Weg nach der Straße Saint-Louis ein, Violine und Bogen, in Ermanglung eines Futterals, unter dem linken Arm; die ganze Länge des Weges wiederholt er sich: »Nach der ersten Figur kommt ein Eté ... dann ein Poule ... dann ... O! ich werde mich wohl aller Figuren erinnern; es handelt sich nur darum, mir die zu diesen Figuren gehörigen Contretanze zurückzurufen. Meiner Treu, um so schlimmer! ... ich spiele auf gut Glück! Uebrigens denke ich, daß man bei Herrn Tigré, einem ehemaligen Rauhhändler, nicht weiter davon verstehen wird, als ich. Als Schlußstück spiele ich ihnen: En avant, Fanfan la Tulipe! diese Melodie habe ich am besten los ... Aha! da ist die bezeichnete Hausnummer ... ein Hofthor ... Lampen auf den beiden Ecksteinen ... hier muß es sein ... Und ich, ich gehe auf den Ball, um für fünfzehn Franken Musik zu machen ... während ich ehemals ... Ach! meine Mutter hat wohl gethan, daß sie starb! ... hätte sie das vernommen ... es würde ihr zu viel Kummer gemacht haben! ... Schurke von Mongérand! ... Und er entlehnte Geld von ihr in meinem Namen, so lange ich krank war! Wenn ich ihn sähe, wollte ich ihn nach Verdienst behandeln ... Wohlan ... treten wir ein! ... Ich werde an meine armen Kinder denken ... das gibt mir Muth zum Spielen!« Karl geht durch das Hofthor ein und ruft dem Pförtner zu: »Herr Tigré? –Im zweiten Stock links. Es ist überdies beleuchtet.« Auf sein Klingeln vor der Thüre des zweiten Stocks erscheint ein Bedienter mit wichtiger, geschäftiger Miene, welcher ihn einläßt und, seine Violine gewahr werdend, ausruft: »Ah! Sie sind der Musiker, der bei meinem Freunde Bertrand wohnt, nicht wahr? – Richtig. – Ah! gut, sehr gut! Ich habe Sie bestellt ... habe mit Bertrand den Preis ausgemacht ... Sie wissen ... fünfzehn Franken ... – Ja, ja, ich weiß. – Und seien Sie ruhig, ich werde für Sie sorgen ... zu trinken gebe ich Ihnen, so viel Sie wollen ... dürfen sich nicht geniren, wenn Sie Durst haben ... Sollen reinen Wein bekommen ... Habt das lieber, ihr Herren, als Zuckerwasser!« Ein Mann von etwa fünfzig Jahren, nicht einmal vier und einen halben Fuß groß, mit blonder Perrücke, schwarzem Backenbart, dicken Waden und einem Glasauge kommt mit den Worten aus dem Salon: »Wer hat geklingelt, Braillard? Ist's mein Schwiegersohn? – Nein, Herr, es ist die Musik. – Ah! gut! die Musik, sehr gut; wir werden sogleich tanzen; meine Tochter brennt vor Begierde, zu tanzen. Kommen Sie, Herr Musikus.« Herr Tigré führt Karl in einen Salon von geringer Größe, in welchem schon mehr als dreißig Personen aufgeschichtet sind. Beim Anblick der steifen, schwerfälligen Gestalten, der geschmacklosen Aufzüge, sieht Karl auf der Stelle, daß er es mit keinen Besuchern Tolbecque's, Collinet's, Mufard's zu thun hat; das beruhigt ihn; er hofft, man werde keine neuen Contretänze von ihm verlangen, was ihn sehr in Verlegenheit setzen würde. »Die Musik ist da ... Man wird tanzen!« ruft Herr Tigré, in den Salon tretend. Ein Murmeln der Zufriedenheit antwortet auf diese Verkündigung. Eine sehr große Dame tritt, zwischen den Beinen der Gesellschaft hindurchblickend, vor; Madame Tigré ist es, die ihren Gatten aufsucht; sie sagt zu ihm: »Wo wollen Sie die Musik aufstellen, Herr Tigré? ... es ist nicht leicht, einen Platz zu finden ... wir haben so viele Leute! ... Und mein Schwiegersohn ist noch nicht da! ... Flora ist sehr ärgerlich darüber; sie schmollt beträchtlich! – Sie soll tanzen, das wird ihr Geduld geben ... Meine Herren und Damen, ein wenig Platz für die Musik, wenn's gefällig ist.« In einer Ecke des Salons macht man endlich ein Winkelchen ausfindig. Braillard, der seinem Herrn folgte, scheint Alles thun zu wollen; er rückt die Stühle, schiebt die Lehnsessel von ihrem Platze, schraubt die Lampen höher und sagt zu Karl: »Wollen Sie ein Notenpult? – Nein, nicht nöthig, ich spiele auswendig. – Sie spielen auswendig, Teufel!« Damit wendet sich Braillard um, zieht Herrn Tigré an seinem Kleid und raunt ihm ins Ohr: »Der Musikus spielt auswendig! ... Sagen Sie 'mal, Herr, da hat uns Bertrand einen famosen Künstler verschafft!« »Braillard, geht doch und bereitet Zuckerwasser!« ruft Madame Tigré mit gebieterischer Miene. »Ja, Madame.« Ehe er jedoch ins Vorzimmer zurückkehrt, geht er wieder zu Karl und flüstert ihm zu: »Wenn Sie Durst haben, so geniren Sie sich nicht, ich werde für Sie sorgen ... reinen Wein!« Inmitten der Menge bemerkt Karl ein kleines, schlecht gewachsenes, gelbes, mit Sommerflecken über und über besäetes Frauenzimmer, deren Nase man vergebens zwischen zwei ungeheuren Backen sucht, welch letztere bei dem Punkt, wo sie sich am nächsten stehen, allem Andern mehr gleich sehen, als einem Gesicht. Dieses Frauenzimmer geht unablässig im Salon hin und wieder, blickt ins Vorzimmer und ruft einmal über das andere: »Mein Gott, er kommt nicht! ... Was macht er denn?« Dies ist Flora Tigré, die Tochter des Hauses, deren Verlobung man feiert. Ein schon bejahrter Herr, an dem Alles, vom Kopf bis zu den Füßen, spitzig ist, dessen Nase und Kinn die ganze Gesellschaft stechen zu wollen scheinen, nähert sich Fräulein Flora mit den Worten: »Werde ich das Vergnügen haben, die erste Tour mit Ihnen zu tanzen, meine Nichte?« – »Lieber Onkel Cäsar, Sie sind sehr artig; ich habe schon zwei meiner Vettern abgewiesen, weil ich die erste mit meinem Zukünftigen zu tanzen gedachte, da er aber noch nicht erschienen ist, werde ich mit Ihnen tanzen. – Nun, so will ich meine Handschuhe anziehen.« Damit zieht Onkel Cäsar eichelfarbene Handschuhe aus der Tasche, in welche er seine langen, krummen Finger hineinzuzwingen versucht. Karl läßt die Saiten der Violine erklingen; alsbald zeigt sich ein Ausdruck der Heiterkeit auf allen Gesichtern; es scheint, diese Leute hören zum erstenmal in ihrem Leben eine Violine. Jeder wendet sich lächelnd nach dem Musiker um, welcher zwei oder drei Akkorde hören läßt. Man stellt sich auf; Karl spielt auf gut Glück die Contretänze, die ihm gerade beifallen. Was die Figuren betrifft, so haspeln die Tänzer solche nach allen Melodien ab. Die erste Quadrille geht ziemlich gut vorüber, während der zweiten macht ein junger Mann die Bemerkung: »Die Figur, wenn's gefällig ist!« – »Nach Belieben,« antwortet Karl. – »Nach Belieben ... ei, ich kenne sie nicht! – Nach Belieben, das ist der Cavalier allein!« ruft Onkel Cäsar, welcher diese Figur sehr liebt. Während Karl seine zweite Quadrille spielt, setzt sich Herr Tigré neben eine Dame, unfern des Musikers, und dieser hört folgendes Gespräch: »Mein Vetter, ich bin sehr begierig, die Bekanntschaft Ihres Schwiegersohnes zu machen. – Sie werden ihn sehen, er kann nicht lange mehr ausbleiben ... ich wette, er beschäftigt sich mit irgend einer Galanterie für Flora ... Ein allerliebster Junge; ... von einer Liebenswürdigkeit, einer Heiterkeit ... o! ein Lebemann! schön, hübsch, braun ... ein ehemaliger Militär ... – Decorirt? – Nein ... wäre es jedoch geworden, als er sich gerade vom Dienste zurückzog. – Er war Offizier? – Gewiß ... als er seinen Abschied nahm, war er daran, Oberst zu werden ... er hatte ein Duell mit seinem General ... Oho! er ist ein Mann, den man nicht zu lange anblicken darf! – Es scheint mir jedoch, Vetter, diese Heirath sei sehr schnell abgeschlossen worden, und Sie kennen Ihren künftigen Schwiegersohn nur erst seit ganz kurzer Zeit. – Das ist wahr ... höchstens seit zwei Monaten ... im Theater de la Gaîté machten wir seine Bekanntschaft; ich war mit meiner Gattin und meiner Tochter dort ... in einem Zwischenakte gehe ich hinaus; bis ich zurückkam, hatte sich ein Mann, der Bemerkungen meiner Frau und meiner Tochter ungeachtet, erlaubt, meinen Platz einzunehmen ... ich, ich will meinen Platz ... nichts ... ich schreie ... drohe ... Sie wissen, ich bin nicht sehr geduldig! ... eben wollte ich die Wache herbeiholen, als ein schöner Mann vortritt, und ohne weitere Umstände meinen Streitkopf im Genick packt und unter die nächste Bank wirft. Sie sehen wohl ein, daß ich diesen Dienst zu Herzen nahm. Das Gespräch entspann sich; am Ende des Schauspiels ging der Herr mit uns und bot meiner Gattin den Arm; wir fanden ihn so liebenswürdig, daß wir ihn einluden, uns zu besuchen; den andern Tag war er bei uns; jeden Morgen und Abend kam er wieder. Bald sah ich, daß es meiner Tochter wegen geschah, und Flora ihrerseits sagte zu uns: Meine lieben Eltern, das ist der Mann, den ich mir geträumt hatte ... dieser soll mein Gatte werden, oder ich bleibe ledig. Sie sehen wohl ein, liebe Base, daß ich's nun für angemessen erachtete, der Sache auf den Grund zu gehen; überdies macht Emil (der Taufname meines Schwiegersohns) nicht viel Umschweife. Ich sprach zu ihm: »Mein Freund, Sie scheinen meiner Tochter den Hof zu machen; wir sind rechtschaffene Leute, man muß die Sache zu Ende führen ... Flora ist zu verheirathen, ich gebe ihr sechzigtausend Franken baar und bei unserem Tod wird sie als einzige Tochter unser ganzes übriges Vermögen erhalten; ist Ihnen dies anständig? Er schlug sich an die Stirn, schien sich einen Augenblick zu besinnen, und rief dann aus: Ja, es ist mir ganz anständig! – Ich fragte ihn, was er habe, er erwiderte mit der größten Offenheit: nichts, als Hoffnungen. Ich weiß, ich hätte eine bessere Partie treffen können, aber während dieser Unterredung mit ihrem Liebhaber fiel Flora im Zimmer ihrer Mutter in Krämpfe, daß vier Mann genöthigt waren, sie zu halten. Ueberdies ist Emil von sehr guter Familie, ich habe mich darnach erkundigt. Kurz, Alles war schnell entschieden, abgemacht, und von heute über acht Tage werden wir sie zur Kirche führen. Es ist bereits Alles für diesen Tag bestellt ... ich schmeichle mir, unsere Anzüge sollen vom besten und neuesten Geschmack sein ... es muß Aufsehen erregen ... ich ließ mir die berühmtesten Kaufläden bezeichnen: bei Wetzel bestellte ich mir einen schwarzen Frack und halbanliegende Beinkleider; das Kleid meiner Tochter wird bei Fräulein Palmyra gemacht, ein Bouquet von Orangeblüten bei Rattier; der Hut meiner Gemahlin endlich wird aus dem eleganten Modewaarenmagazin von Fräulein Alerina Larose hervorgehen: wenn man gegen unsere Toilette etwas zu sagen findet, muß man sehr kitzlich sein! ... doch ich glaube, ich höre meinen Schwiegersohn.« Ein Gemurmel, eine plötzliche Bewegung in der Versammlung waren in der That durch die Ankunft des Zukünftigen veranlaßt. Fräulein Tigré, mitten im Tanze, endigt ihre Figur nicht, sie ruft aus: »Ah! da ist er, da ist er, ich höre ihn! ...« Damit geht sie einem großen schwarzgekleideten Herrn entgegen, welcher eben, zwei große Blumensträuße in der Hand, in den Salon tritt; er lächelt Jedem mit der unbefangensten Miene zu, fängt damit an, daß er Floren, welche er beinahe mit den Augen verschlingt, die Hand küßt, ihr einen Blumenstrauß reicht; einen andern bietet er Madame Tigré, dem Papa klopft er auf die Schulter, grüßt die ganze Familie, umarmt die Tanten und Basen und befindet sich am Ende dieser ganzen Bewegung vor Karl, welcher, Mongérand erkennend, bestürzt dasteht. Als die Umarmungen und Vorstellungen zu Ende sind, heißt es: »Nun laßt uns tanzen ... an den Platz! ... – Mein Schwiegersohn, Emil Mongérand, wird mit Flora tanzen! ...« ruft Herr Tigré; »Base Cloutaut, wir wollen ihre Gegenpartie machen.« Allein Karl steht noch immer unbeweglich; er blickt Mongérand an und rührt seinen Bogen nicht. »Vorwärts doch, Musik! ...« schreien mehrere Tänzer. In diesem Augenblicke erkennt Mongérand Karl, dessen Augen auf ihn geheftet sind; er erräth sogleich den Grund des hartnäckigen Schweigens der Violine; ohne verlegen zu scheinen, eilt er auf Karl zu, faßt seine Hand und schüttelt sie gewaltig, indem er ausruft: »Ei! ich irre mich nicht, das ist mein wackerer La Valeur ... !« »Wie? Sie kennen unsern Violinspieler? ...« sagt Herr Tigré, während die Gesellschaft erstaunt bald auf den Schwiegersohn, bald auf den Musiker blickt. »Ob ich ihn kenne!« versetzt Mongérand, »das will ich meinen! er ist einer meiner ehemaligen Husaren ... ein Tapferer ... der mir zweimal das Leben gerettet ... Ah, Donnerwetter! ... es freut mich, ihn hier wiederzusehen ... Der arme La Valeur! ... sein Kriegsname ...« »Ah einer seiner alten Husaren!« sagt Madame Tigré, »dann ist's begreiflich! ...« Inzwischen winkt Mongérand Karl sehr bedeutungsvoll mit den Augen und murmelt ihm verstohlen zwischen den Zähnen zu: »Schweig! ... schwatze besonders kein dummes Zeug! – Mongérand, Du bist ein Schurke! ... ein niederträchtiger Kerl! – Halt doch Dein Maul! – Bei meiner Mutter hast Du unter meinem Namen Geld geborgt! – Um Dir Alles wiederzugeben, bin ich hier ... – Du kannst dieses Frauenzimmer nicht ehelichen, denn Du bist verheirathet. – Was macht Dir das? ... das sind meine Sachen ... meine Frau muß todt sein ... ich stelle mir vor, ich sei Wittwer ... Nun, mach uns Musik ... Aber ... – Still! ... Wie viel sollst Du erhalten? – Fünfzehn Franken.– Ich mache, daß Du sechsunddreißig bekommst. – Aber ich kann nicht zugeben ...« Mongérand hört auf, leise mit Karl zu sprechen, entfernt sich von ihm mit den Worten: »Wohlan, mein Tapferer! es freut mich, daß sich Deine Familie wohl befindet; spiel' uns einen von den hübschen Contretänzen, mit denen Du uns in den Garnisonen ergötztest! ... Stellen wir uns auf, meine göttliche Flora!« Hiemit stellt sich Mongérand mit seiner Zukünftigen dem Herrn Tigré und der Base Cloutaut gegenüber; die Tänzer erwarteten nur noch das Signal der Violine, um loszubrechen. Nachdem Karl noch etwas gezaudert, ergreift er endlich sein Instrument wieder und spielt Mongérand auf. »Sehr gut! wie ein Engel die Musik!« ruft Mongérand jeden Augenblick. »Er spielt uns sehr oft Fanfan la Tulipe !« sagt ein junger Tänzer neben dem Bräutigam. »Das Schöne kann man nicht zu oft spielen, mein Herr, und ich kenne keine passendere Melodie zum Tanzen, als diese!« Mongérand sagt das mit so bestimmter Miene, daß man seine Meinung theilt. Nach beendigtem Contretanz führt er Flora an ihren Sitz zurück, wobei er ihre Taille etwas weit unten mit seinen Händen umfängt und drückt, was ein wenig frei erscheinen möchte, wenn Mongérand die Familie Tigré nicht völlig verblendet hätte. Der ehemalige Pelzhändler geht zu allen seinen Verwandten und sagt zu ihnen der Reihe nach: »Nun denn! wie findet Ihr meinen Schwiegersohn? ... he! ... nicht wahr, er ist liebenswürdig? ... er hat freien Anstand, die Gewohnheiten der großen Welt! ... das sieht man auf der Stelle! ...« Mama Tigré sagt ihrerseits das Nämliche, sie stützt sich besonders auf das Physische. Ihr zufolge ist ihr Schwiegersohn der schönste Mann von Paris; und so viel ist gewiß, daß Madame Tigré, an den Wuchs ihres Gatten gewöhnt, Mongérand für einen Patagonier nehmen könnte. Verwandte und Bekannte antworten, wie immer bei solcher Gelegenheit, indem sie in noch größere Lobeserhebungen des zukünftigen Schwiegersohns ausbrechen; ein einziges, neben Flora sitzendes Frauenzimmer erlaubt sich gegen diese die Bemerkung: »Dein Bräutigam riecht stark nach der Pfeife! – Das muß sein!« entgegnete Fräulein Tigré, mit zornigem Blick auf das junge Mädchen, und diese schlägt die Augen nieder und stottert: »Ah! das wußte ich nicht! ...« Nach dem Contretanz kommt Braillard, nimmt Karl bei dem Arm, zieht ihn nach dem Vorzimmer hinaus vor einen Tisch, auf welchen er ihm ein bis zum Rande mit Wein gefülltes Glas stellt. »Trinken Sie das! ... wenn da Wasser drunter ist, will ich nicht Braillard heißen! ... ich weiß es gewiß, ich fülle ihn in Flaschen!« Während Karl sich erfrischt, kommt auch Mongérand ins Vorzimmer; wie er Braillard bei Karl stehen sieht, sagt er zu diesem: »Man erwartet Euch im Salon! ... mein Schwiegervater sucht Euch!« Braillard verbeugt sich und läuft eilfertig in den Salon. Jetzt kann Mongérand mit Karl schwatzen. »Wahrhaftig, mein armer Karl, Dich hier zu treffen, dachte ich nicht! ... – Ich glaub's! ... Du siehst, so weit ist's mit mir gekommen, daß ich Violine zum Tanzen spielen muß. – Wenn man's mit so vieler Anmuth thut wie Du, ist man sehr glücklich! – Doch, Mongérand, ich begreife Dich nicht! ... wie wagst Du es, Dich vor diesen guten Leuten zu zeigen, um ihre Tochter zu heirathen? – Was willst Du? Anfänglich dachte ich an nichts, als recht oft bei Vater Tigré zu schmausen; plötzlich wird die kleine Pelzhändlerin zum Tollwerden in mich verliebt! ... der Vater bietet mir seine Tochter an ... nebst sechzigtausend Franken! ... die ganze Familie lag zu meinen Füßen! ... ich hatte nicht die Kraft, Nein zu sagen. – Du durftest nur sagen, daß Du verheirathet seist! – Bin nicht so dumm! ... – Aber Du kannst das Mädchen nicht heirathen ... – Mittlerweile schmeichelt man mir, behandelt mich artig, liebkost mich und ich lasse mir's wohl sein; man leiht mir sogar Geld! ... der Schwiegervater, dem ich zu verstehen gab, daß ich in der Klemme sei, bot mir seine Börse an! ... der ehrenwerthe Schwiegervater! ... er gleicht ein wenig einem Leopard, nicht wahr? – Wenn aber Jemand in die Versammlung käme, der Dich kennte und sagte ... – Bah! ich verheiratete mich in Lyon! alle diese braven Anverwandten sind nie über Saint-Cloud hinausgekommen! – Aber ... – Still! ... genug geschwätzt ... Flora sucht mich!« Flora trat wirklich ins Vorzimmer, sie eilt auf Mongérand zu, indem sie ihm mit einer Stimme zuruft, welche sie für kindlich hält: »Was treiben Sie denn hier, statt im Salon zu sein? – Ich sorge für meinen alten Husaren ... reiche ihm Erfrischung! ... Beim Regiment war er ein Tapferer, den ich wie mein Pferd liebte. – Aber ich langweile mich da drinnen ohne Sie! – Ah! sapperlott, Sie sind zu artig! – Und dann hätte ich große Lust, ein wenig zu walzen. – Wir werden viel walzen, mein Schätzchen, ich walze wie ein Bär. – Ach! sehen Sie, da ist die Tochter meiner Tante Clodomir, welche besser zu walzen behauptet, als ich! – Wir werfen sie beim Walzen zur Erde, wenn es Ihnen Vergnügen macht! – Nein! aber ich will länger drehen, als sie! Nicht wahr, Sie werden mich nicht fallen lassen, wenn mir schwindlig wird? – Eher fiele ich mit Ihnen! – Wie finden Sie meine Familie? – Prächtig! – Man findet auch Sie sehr liebenswürdig! – Dies ist gewöhnlich der Eindruck, den ich hervorbringe! – Ah! lassen Sie uns walzen! – Wohlan! La Valeur, komm, alter Kamerad! Du spielst uns einen rechten Walzer auf! ... schmiere ein paar Loth Kolophonium auf Deinen Bogen, damit es besser klingt.« Mongérand kehrt in den Salon zurück, Flora in den Armen haltend, als wenn er bereits walzte. Karl ist sehr in Verlegenheit! er kann keinen Walzer; indeß stellt sich der Zukünftige bereits mit seiner Verlobten dar, sie gehen im Schritt und Mongérand ruft: »Platz! ... Platz! ...« als wenn er einen Wettlauf beginnen wollte. Drei Paare schicken sich zur Nachahmung an; man wartet nur noch auf die Violine; Karl thut, als stimme er, aber er kommt damit nicht zu Ende, und inzwischen läuft Papa Tigré zu all seinen Verwandten und sagt: »Sie werden sehen, wie mein Schwiegersohn mit Flora walzt! ... sie sind im Stande und halten gar nicht mehr an!« Die Violine ist noch immer am Stimmen; die Walzlustigen werden ungeduldig; Mongérand macht schreckliche Augen auf Karl, wobei er ihm zuruft: »Ei, La Valeur: geht's diesen Abend so fort? willst Du eine Guitarre aus Deiner Violine machen?« Karl entschließt sich endlich, da er nichts Besseres auffindet, ein Tra la la zu spielen. Die Tänzer fangen an, haben jedoch viele Mühe, im Takt zu bleiben, weil Karls Tra la la nicht in drei Tempo's geht. Mongérand ist geschickter, er macht auf der Stelle einen Hopswalzer daraus und läßt Flora an den übrigen, unterwegs stecken gebliebenen Tänzern vorüberspringen. »Wissen Sie keinen andern Walzer, mein Herr?« fragt einer der Tänzer, zu Karl gewendet; dieser antwortet nur dadurch, daß er sein Tra la la etwas stärker spielt. Mongérand hält indeß nicht an, er führt Flora durch die Lüfte dahin, kaum vermag das Auge ihnen zu folgen, und Herr Tigré ruft aus: »Sie sehen wohl, daß diese Melodie gut ist ... und daß mein Schwiegersohn sie vorzüglich tanzt ... Ach! mein Gott, wie sie drehen! es ist schauderhaft.« Fräulein Flora hatte bereits drei Aufsteckkämmchen verloren, die ganze eine Seite ihres Haarputzes war aufgelöst und wallte über ihre Schultern herab; dennoch verlangte sie nicht anzuhalten, sondern stotterte: »meine Ba ... se ... Clodo ... mir ... muß wüthend ... sein! ...« und Mongérand begnügte sich damit, seine Wendungen zu machen, indem er an alle auf seinem Wege Befindliche Fußtritte austheilte: »Tra Tra Tra ... la la la ... Ah! sapperlott, wie gut das geht!« Der Walzer, oder besser gesagt der Hopser, währte noch immer, als ein Herr von reifem Alter in den Salon trat. Herr Tigré geht ihm mit dem Ausrufe entgegen: »Ei! das ist ja mein alter Freund Richard ... sehr liebenswürdig von Dir, daß Du gekommen bist. – Meiner Treu, kaum habe ich mir Zeit zum Ausruhen genommen. Diesen Morgen langte ich von Lyon an, fand Deinen Brief in meinem Hause und hier bin ich. – Der liebe Richard ... Meine Frau, unser Freund Richard, unser alter Lyoner Korrespondent ist da.« Madame Tigré begrüßt den Neuangekommenen; »Sie verheirathen also Flora? – Ja, mein Freund, die Sache ist abgemacht, entschieden ... von heute über acht Tage ist die große Feierlichkeit. – Wo ist denn die liebe Flora? – Sie walzt mit ihrem Bräutigam ... der schöne braune Mann ... Sieh, da kommen sie vorüber ... Gib auf Deine Füße Acht! ... Seit zwanzig Minuten drehen sie schon!« Herr Richard betrachtet den Bräutigam, je länger er aber auf ihn blickt, einen um so sonderbareren Ausdruck nehmen seine Züge an. »Nun denn, wie findest Du meinen Schwiegersohn?« fragt Herr Tigré. – »Ja, ich finde ihn ... ich begreife es nicht ... es ist nicht möglich ... – Wie so, ist's nicht möglich, daß Du ihn findest ... hier ist er ... sieh, wohin ich deute ... – Wie nennst Du ihn? – Emil Mongérand. – Richtig, er ist es! ... – Du kennst ihn? – Ja, gewiß, ich kenne ihn! ... Doch Du scherzest, nicht wahr ... der kann nicht Dein Schwiegersohn sein? – Doch, beim Henker, er ist es ... Warum sollte er es denn nicht sein? – Weil dieser Mensch verheirathet ist. – Verheirathet? – Ja, ja, ganz richtig verheirathet ... Beim Henker! ich weiß etwas davon, ich diente ihm in Lyon, wo er Niemand kannte, als Zeuge, und noch sind es keine acht Tage, daß ich seine Frau wieder gesehen! ... – Ha! welche Schändlichkeit!« Madame sank auf einen Sessel, welcher auf Tante Clodomir stürzt. Papa Tigré rief in seiner Verzweiflung aus: »Mein Schwiegersohn verheirathet!« und schon gehen diese Worte von Mund zu Mund; die jungen Mädchen blicken einander mit zufriedener Miene an, weil es immer eine große Freude ist, wenn man sich über ein anderes Frauenzimmer lustig machen kann; mit dummer Miene treten die ältern Verwandten zusammen; Madame Tigré wird ohnmächtig, ihr Gatte läuft seiner Tochter und Mongérand nach und ruft ihnen zu: »Haltet! haltet ein mit dem Walzen! ... das ist niederträchtig! ... unerhört! ...« »Aber mein Vater, da mir nicht schwindlig wird!« ruft Flora hüpfend. – »Geben Sie auf Ihre Füße Acht, Schwiegerpapa!« Der ehemalige Rauhhändler kann seine Tochter nicht erwischen. Onkel Cäsar jedoch, der so eben vernahm, um was es sich handelt, läuft auf Karl zu und entreißt ihm seine Violine. Dieser kühne Streich macht dem Tanz nothwendigerweise ein Ende. »Warum denn aufhören?« sagt Mongérand, »wir hätten noch lange fortgemacht.« Der alte Tigré, der vor lauter Zorn kaum sprechen kann, tritt mit seinem Freund Richard vor und sagt zu Mongérand: »Erkennen Sie diesen Herrn?« Mongérand blickt den Neuangekommenen an, verzerrt sein Gesicht ein wenig, und antwortet alsdann: »Wer ist der Herr?« »Wie, Herr Mongérand, Sie erkennen Denjenigen nicht, der vor sechs und einem halben Jahre das Vergnügen hatte, Ihnen bei Ihrer Verheirathung in Lyon als Zeuge zu dienen.« »Verheirathet ... in Lyon! ...« ruft Flora ihrerseits aus. »Was sind das für Fabeln ... ich wette, es sind Bosheiten ... Ich leide nicht, daß man schlecht von meinem Bräutigam spricht! ... Laß hören, Papa, antwortet ... was gibt's denn hier ... man ist ganz bestürzt. – Meine Tochter, der Herr hinterging Dich! er hinterging uns ... Antworten Sie, mein Herr ... sind Sie verheirathet? – Ich verheirathete mich einst, das ist wahr! ... allein ich muß Wittwer sein! – Nein, mein Herr, Sie sind es nicht,« versetzte der alte Richard, »denn erst vor Kurzem habe ich Ihre Frau Gemahlin gesehen, und sie befindet sich sehr wohl! – Das ist nicht wahr, mein Herr! ... oder bin ich der Betrogene, indem man mir schrieb, daß sie todt sei!« »Ach! mein Gott! mein Gott!« jammert Flora, »man hatte wohl nöthig, uns das mitzutheilen!« »Mein Herr!« nimmt Onkel Cäsar, mit entschlossener Miene auf Mongérand zugehend, das Wort, »wissen Sie, daß man nicht auf solche Weise mit einer Familie sein Spiel treibt, die seit dreißig Jahren im Pelzhandel ist, und daß wir könnten ... – Ich weiß! ... ich weiß, daß Sie mich langweilen! ... Lassen Sie sich in den Rauch hängen, sich und Ihre Nichte ... wir heirathen einander nicht mehr, gute Nacht!« »Man muß ihn von hier fortjagen!« schrien alle junge Vettern, entrüstet über die wenig achtungsvolle Weise, mit welcher Mongérand dem Onkel Cäsar antwortete, während Flora neben ihrer Mutter in Ohnmacht fiel. »Wer spricht davon, mich fortzujagen,« schreit Mongérand, sich stolz mitten in den Salon stellend, der möge vortreten, er hat es mit mir zu thun ... Karl, komm, stell Dich an meine Linke und laß uns einen ehrenvollen Rückzug bewerkstelligen.« Seit dem Anfang des Auftritts sucht Karl, voraussehend, daß es ernsthaft werden wird, sich aus dem Staube zu machen, allein er möchte gerne seine Geige wieder haben, welche Onkel Cäsar ihm abgenommen. Plötzlich sieht er sich umringt, durch alle junge Leute der Gesellschaft fortgeschoben, die sich vereinigen, um Mongérand zum Fortgehen zu zwingen. Dieser will Stand halten, die Menge zurücktreiben, er ist genöthigt, der Uebermacht zu weichen: schon befindet er sich, wie Karl, nahe an der Vorderthüre, als der Onkel Cäsar Karl seine Violine mit den Worten hinbietet: »Nehmt! da habt Ihr Eure schlechte Geige.« Doch im Augenblick, wo Karl sie ergreifen will, bemächtigt sich Mongérand derselben und zerschlägt sie dem Herrn Cäsar auf der Nase, wobei er sagt: »Seht, hier ist mein Abschied!« Diese Handlung bringt die ganze Gesellschaft zur Wuth, nun braucht man keine Schonung mehr, um Karl und Mongérand hinauszutreiben, die man auch auf sehr brutale Weise die Treppe hinuntexerpedirt. Endlich schließt sich die Hausthüre hinter ihnen. »Donnerwetter! vermaledeite Hochzeit!« schreit Mongérand, »Alles ging so gut ohne das alte Vieh, das ganz besonders aus Lyon eintrifft, um das Fest zu verderben! Und meine Frau lebt noch immer ... Hab' ich doch Unglück! ... Nun denn, Karl ... mein armer Freund ... Du sprichst nichts! Du bist ganz verdutzt! ...« »Ich kann nicht mehr ... ich bin gerädert ... von Stößen zermalmt! ... – Die Unverschämten ... sie schlugen hart darauf los! ... – Und meine arme Violine! – Ha! wahrlich, die ist gekocht, dem Onkel Cäsar gab ich sie zum Verschlucken! – Ach! mein Gott! ... – Wirst Du nicht jammern wie ein Kind! ... komm mit mir, laß uns zu Nacht essen; noch bleiben mir einige Thaler übrig, die Trümmer dessen, was der Schwiegerpapa mir geliehen, wir wollen uns restauriren, wieder erfrischen, und mit dem Glas in der Hand die gefühlvolle Flora und ihre ehrenwerthe Familie vergessen ... Komm, sag ich Dir ... ich kaufe Dir eine andere Geige, so wie ich einen Blinden treffe ... Vorwärts! ... keine Gedanken! ... auf den Weg!« Mongérand faßt Karl am Arm, und dieser läßt sich abermals hinreißen. Einundzwanzigstes Kapitel. Großmüthige Lügen. Mit der Hoffnung glücklichen Erwachens war Leonie eingeschlafen. Sie dachte, ihr Mann werde durch diese erste Hülfe, die er seiner Familie zu bieten im Begriff stehe, aufgemuntert, nicht mehr in beschämender Unthätigkeit leben wollen. Sie schmeichelte sich, er werde ihr in Erziehung ihrer Kinder beistehen, und diese Hoffnung hatte ihr einen friedlicheren Schlummer bereitet. Vor sechs Uhr erwachte sie indeß wieder; Karl ist noch nicht zurück. Sie wundert sich über die lange Dauer des Balls. Es ist Tag und schon gehen die Arbeiter an ihr Geschäft. Noch macht sich Leonie keine Sorge und Angst, doch ist ihr Herz beengt: sie öffnet die Thüre, um Karl bälder zu hören, wenn er die Treppe heraufkommt ... Niemand erscheint noch. Endlich läßt sich eine Stimme vernehmen; sie kommt von unten; es spricht Jemand sehr laut im Hof. Es ist nicht Karls Stimme; allein Leonie, verwundert, daß ein Anderer, als ihr Mann so früh in das Haus komme, geht leise ein Stockwerk hinab, dann ein weiteres; es kommt ihr vor, als spräche man von ihrem Gatten; endlich gelangt sie zur Loge des Pförtners. Braillard ist's, der Diener des Herrn Tigré, welcher, weil seine Herrschaft nicht ins Bett gehen wollte, die ganze Nacht gewacht, und sich bei Anbruch des Tages beeifert hatte, seinem Freunde Bertrand die Vorfälle der Nacht zu erzählen. »Wie, ist's möglich!« sagte der Portier, »eine solche Geschichte hat sich zugetragen! Ja, ich bin sicher, das kommt noch weiter als vor das Zuchtpolizeigericht! ... Eine Frau heirathen wollen, wenn man schon im Unvermögen einer andern ist; ich glaube, das nennt man Polygram ! – Richtig, der Bräutigam war ein Polygram! das schrie auch die ganze Familie, indem man zu meinem Herrn sagte, er solle ihn vor den Tribunalen verfolgen! Ach, mein armer Braillard, welche Verwirrung mußte das bei euch verursachen! – Wir sind Alle krank davon ... Fräulein Flora war am schlimmsten, denn sie betete diesen Falschen an! ... diesen Polygram von Mongérand! ... sie war närrisch in ihn verliebt.« »Mongérand!« spricht Leonie bebend bei sich selbst; »mein Gott! Mongérand sagt er!« »Durch diese Geschichte muß euer Ball traurig ausgefallen sein. – Nun, Anfangs ging es recht gut ... die ganze Familie tanzte! Der Lyoner Herr, der diesen Mongérand kannte, kam erst sehr spät. – Und wäret ihr mit dem Geiger aus diesem Hause, den ich euch zuschickte, zufrieden? – Ah! weil gerade von dem Geiger die Rede ist! ... ich habe Dir noch nicht Alles erzählt! ... der ist, wie es scheint, auch ein sauberer Bursche! Stell Dir vor, er kannte den Andern! ... war der Mitschuldige unseres Heirathers. – Bah! wahrhaftig? – Ja, Bertrand, sie waren im Einverständniß! der Andere nannte ihn La Valeur. So daß, als man ihn zur Thüre Hinaustreiben wollte, Dein Lumpenkerl von einem Musiker Mongérand zu Hülfe kam; sie haben dem Herrn Cäsar, dem Oheim des Fräuleins, die Nase zerschlagen. O! Du kannst Dir wohl denken, daß man sie nun nicht mehr schonte; sie wurden tüchtig durchgewalkt! halbtodt auf der Straße gelassen!« Ein Jammerschrei unterbrach hier Braillards Erzählung; Leonie war es, welche bewußtlos vor der Loge des Pförtners niedersank. »Ach! mein Gott!« sagte Bertrand, als er Leonien erkannte, »die Frau des Musikanten ... sie hat Dich vielleicht gehört! ... die arme Frau!« Ehe der Pförtner und Braillard Hülfe zu holen sich entschlossen, hatte Justin seine Nachbarin gefaßt und sie in seinen Armen aufgerichtet; er hatte sie aus ihrem Zimmer gehen hören und war ihr einige Augenblicke nachher gefolgt. Er wendet Alles an, Leonie wieder ins Leben zurückzurufen; sie hört ihn nicht; erschreckende Blässe ist über ihr Gesicht ausgegossen. »Gehen Sie, Herr Bertrand, holen Sie einen Arzt, Hülfe,« ruft Justin aus, »beeilen Sie sich, ich trage sie unterdessen in ihr Zimmer zurück! – Aber, mein Herr! ... weil ... wenn ... – Ich bezahle Ihre Bemühung ... zahle die Aerzte ... stehe für Alles ... Aber so gehen Sie doch!« Der Thürhüter entschließt sich, er geht: Justin kehrt, Leonie in den Armen haltend, in den fünften Stock zurück, trägt sie in ihr Zimmer auf ihr Bett; noch immer ist sie in demselben Zustande, Justin weiß nicht, was er machen soll, er verzweifelt, weint, denn er glaubt, Leonie werde sterben. Er wirft sich vor ihr auf die Kniee, er nimmt ihre starren Hände, um sie in den seinigen zu erwärmen. »Ach! sterben Sie nicht, Madame, stotterte er, sterben Sie nicht! der Himmel wird nicht erlauben, daß Sie fortwährend unglücklich sind.« Nur ein feines Stimmchen gibt Justin Antwort, es ist die des kleinen, so eben erwachten Felix, welcher ächzt und zu trinken begehrt; eine lebhafte Röthe färbt die Wangen des Kindes, dessen Athemholen kurz und unterdrückt ist. Justin weiß nicht, was er ihm geben soll, er läuft von dem Kinde zur Mutter, öffnet die Schränke, sucht Zucker, will Feuer anzünden, es gelingt ihm nicht, und er geräth außer sich. Endlich kommt der Pförtner mit dem Arzt herbei. Der Doktor läßt Leonien zur Ader; sie kommt wieder zu sich, aber nur um in ein entsetzliches Delirium zu verfallen; sie ruft ihren Mann, glaubt ihn ermordet zu sehen, und klagt Mongérand der Schuld aller ihrer Leiden an. Der Arzt erklärt, daß man bei ihr wachen müsse, so lange dieser Zustand daure, und Justin schwört, sie nicht zu verlassen. Hierauf untersucht der Arzt den kleinen Felix, er findet starkes Fieber bei ihm und schreibt seine Rezepte; inzwischen war Justin in seinem Zimmer gewesen und drückte dem Arzt beim Zurückkommen ein Goldstück in die Hand, indem er ihn beschwor, Leonien zu retten. Dieser beruhigte ihn, verspricht der Kranken alle Sorgfalt zu widmen, und legt im Weggehen das Goldstück, welches Justin ihn anzunehmen genöthigt hatte, flüchtig wieder auf den Stuhl; der Pförtner, dem Justin Geld gegeben, trug die Rezepte in die Apotheke. Jetzt ist Justin genöthigt, die inzwischen erwachte Laura zu trösten, welche bitterlich weint, weil ihre Mutter sie nicht erkennt. »Beruhigen Sie sich, liebe Kleine,« sagt Justin, »Ihre Mutter wird nicht immer so grausenvolle Zornreden haben; unsere Sorgfalt, die des Arztes, werden ihr die Gesundheit wieder geben! Weinen Sie nicht mehr, denn Sie würden sich ebenfalls krank machen und könnten Ihre Mama nicht mehr pflegen.« Dieser Grund leuchtete Laura ein, sie trocknete ihre Thränen. »Das ist wahr, Herr Justin!« murmelte sie, »ich darf mich nicht kindisch zeigen! ... Nur bei Nacht werde ich noch weinen! ... wenn Mama schläft ... Aber wo ist denn mein Papa?« Justin weiß nicht, was er antworten soll, als Jemand in die Mansarde tritt. Es ist Karl, der jetzt erst aus dem Wirthshause, wo er mit Mongérand die Nacht zugebracht hat, nach Hause kommt, und dessen Augen, kleiner als gewöhnlich, nicht verkünden, daß Mäßigkeit in dieser Nacht seine Begleiterin gewesen. Mit dem Fidelbogen in der Hand ist er ins Zimmer getreten; verwundert bleibt er stehen, wie er Justin am Bette sitzend und die kleine Laura neben ihm weinend erblickt. »Was gibt es denn?« ruft er mit einer Stimme, die er imposant machen möchte. Justin steht auf, führt ihn zum Bett, zeigt ihm seine Frau, welche irre Blicke um sich her wirft, und spricht dann: »Sie hielt Sie für todt! ... ermordet! ... Seit gestern kamen Sie nicht nach Hause! ... Sehen Sie, mein Herr, in welchem Zustand Sie Ihre Frau und Ihren Kleinen wieder finden!« Karl betrachtet seine Frau, seinen Sohn; eine plötzliche Veränderung geht in allen seinen Gesichtszügen vor; er fährt mit der Hand über die Stirne, indem er murmelt: »Leonie! ... meine Gattin! ... sie hört mich nicht mehr! ... Verfluchte Nacht!! ... Ja! ich bin ein Unglückseliger! ... ein Elender! ... Adieu, adieu, Laura!« »Wo wollen Sie hin, mein Herr? – Mich in den Kanal stürzen, das ist das Beste, was ich jetzt thun kann! – Sich das Leben nehmen! ... Ha! mein Herr! darin liegt also Ihr ganzer Muth! ... Nachdem Sie Frau und Kinder in diese traurige Lage gebracht, wollen Sie dieselben verlassen, statt sich Mühe zu geben, sie glücklicher zu machen! ... Nein, mein Herr, nein, so darf sich ein Ehrenmann ... ein Familienvater nicht aufführen! ... Wird Ihr Tod Ihren Kindern Brod geben?« »Sie haben Recht, Herr Justin; Sie sind ein wackerer junger Mann! Ich war abermals im Begriff, eine Thorheit zu begehen ... doch ich hätte mich wohl noch umgesehen, ehe ich ins Wasser gesprungen wäre; es war noch Folge meiner Trunkenheit. Ach! ich fange an, mich zu erholen ... Wer konnte meine Frau so Erschrecken? ... Ich bin diese Nacht nicht zurückgekommen! allein der Ball, zu dem ich gegangen war, konnte bis Tag währen! Zwar gab es eine Scene ... man prügelte sich ein wenig ... doch das ist nicht meine Schuld! ... Mongérand nahm mich dann zum Nachtessen mit zu einem Traiteur ... Während des Gesprächs schliefen wir ein: da mich Leonie auf dem Ball glauben mußte, sah ich nichts Unrechtes darin, die Nacht bei Tische zuzubringen. Was mich diesen Morgen beim Nachhausegehen schmerzte, war, daß ich meine Violine, die bei der Schlacht zu Grunde gegangen, nicht mehr besaß, und meiner Frau das Geld, das ich gestern zu verdienen hoffte, nicht bringen konnte. »Das möge Ihnen keinen Kummer machen, mein Herr; ich habe einige Ersparnisse, die ich meiner Arbeit zu verdanken habe, erlauben Sie mir, alle durch die Krankheit Ihrer Gemahlin und Ihres Sohnes veranlaßten Ausgaben auf mich zu nehmen ... Ihnen zu leihen, was Sie bedürfen; sowie Sie können, geben Sie mir's wieder. – Ich weiß nicht, Herr Justin, wie ich es erkennen soll! ... Ach! diesen Dienst werde ich nie vergessen ... eines Tages hoffe ich vergelten zu können ... – Sprechen wir nicht davon; meine einzige Bitte an Sie, mein Herr, besteht für jetzt darin, daß Sie, wenn Madame ihre Geisteskräfte wieder erlangt hat, ihr von diesem geringen Dienst, den ich Ihnen leiste, nichts sagen, lassen Sie ihr den Glauben, daß Sie durch Ihre Arbeit einiges Geld verdienen, Sie wird vergnügter darüber sein, und mich wird es nicht minder glücklich machen, Sie verbinden zu können.« Karl drückt Justin die Hand und murmelt: »Sie sind besser gegen mich als alle meine Freunde! Was Mongérand betrifft, so war ich sehr böse auf ihn ... allein er versicherte mich, ich habe sehr Unrecht, ihm zu zürnen. – Nach einigen Worten indeß, welche dem Pförtner und einem bei ihm unten gewesenen Manne entschlüpften ... glaube ich, daß dieser Herr Mongérand Schuld an den Begebenheiten dieser Nacht war ... – Still! wenn meine Frau hörte. – Sie weiß Alles, und das eben hat sie in diesen Zustand versetzt. – Da wird sie gegen Mongérand noch weit aufgebrachter sein ... und er schwur mir, nur um mich zu entschädigen, habe er sich zum Bräutigam von Fräulein Tigré gemacht ... Wenn Sie ihn kennten, ich versichere Sie, man vermag nicht, ihm lange zu zürnen ... er will sich durchaus mit meiner Frau aussöhnen ... darum ist er unten und wartet, bis ich ihm herauf rufe? – Ach! mein Herr, aus Mitleid für Ihre Frau Gemahlin thun Sie das nicht! in diesem Augenblicke ist sie etwas ruhiger, würde sie jedoch die Stimme desjenigen vernehmen, dessen Anblick ihr verhaßt ist, so könnte es ihr bedeutend nachtheilig werden! – Sie glauben? ...« »Ja, Papa,« fällt die kleine Laura, sich an ihren Vater anschmiegend, ein. »Mama sagte, sie wäre sehr unglücklich, wenn Herr Mongérand wieder hieher käme. – Gut denn! in diesem Fall will ich ihm sagen, er solle fortgehen.« Karl ist im Begriff aufzustehen, als man die Thüre öffnet und Mongérand den Kopf ins Zimmer streckt, indem er sagt: »Nun, Donnerwetter! Du ließest mich da im Hofe stehen, um die Zeit der Syringenblüte abzuwarten! ... wo ist Deine Frau, daß ich mich mit ihr aussöhne? ... ich lebe gerne mit Jedermann im Frieden.« Karl geht Mongérand entgegen, wobei er ihm mit Zeichen bedeutet, er solle schweigen, Justin runzelt die Stirne und zieht die Vorhänge des Krankenbettes sorgfältig über einander. »Was gibt's denn hier?« fährt Mongérand fort, »spricht man hier nur durch Pantomimen? – Meine Frau ist sehr krank ... sie hat, wie, weiß ich nicht, die Begebenheiten dieser Nacht erfahren ... sie glaubte mich ermordet ... jetzt hat sie das hitzige Fieber und redet irre ... – Kleinigkeit! ... ich hatte das fünf oder sechs Mal! ... man muß sie schwitzen lassen! – Mein Sohn ... mein kleiner Felix ist gleichfalls krank geworden! ... Alles stürmt auf einmal über mich her! ... – Eine Kinderkrankheit! ... morgen denkt er nicht mehr daran. Mein Freund, wenn man Talent hat, wenn man so fertig auf der Violine ist, wie Du, darf man der Zukunft wegen nicht besorgt sein ... Du hast Dein Vermögen in Deinen Fingern. Stellen Sie sich vor, mein Herr, er spielte heute Nacht die Violine wie ein Türke! ... – Aber ich habe keine Violine mehr, denn Du zerschlugst sie im Handgemenge ... – Das ist wahr! ... Was willst Du? Eine Bewegung des Zorns, sonst hatte ich nichts bei der Hand ... – Du versprachst mir eine andere ... – Ja, ich versprach Dir's ... ich erinnere mich ... aber diese Nacht haben wir den ganzen Rest meines Geldbeutels aufgezehrt ... Seit einiger Zeit lebte ich wie der Vogel im Hanfsamen ... die kleine Pelzhändlerin überhäufte mich mit süßen Geschenken ... und nun will meine Frau in Lyon nicht gestorben sein! ... Das ist niederträchtig von ihr! ...« Mit diesen Worten greift Mongérand nach einem Stuhl und will sich setzen, als er das Zwanzig-Frankenstück, welches der Arzt zurückgelassen und das noch von Niemand gesehen worden war, unter sich bemerkt. »Wie willst Du mir eine Violine verschaffen, wenn Du kein Geld mehr hast?« fragt Karl; »und doch habe ich keine andere Hülfsquelle mehr, um etwas zu verdienen ... wir sind gerade in der Jahrszeit der Bälle ... ich würde Beschäftigung gefunden haben.« »Wer hindert Dich unterdessen selbst eine zu kaufen?« entgegnet Mongerand, das Goldstück zeigend. »Es scheint, daß Du nicht so genirt bist, als Dir zu sagen beliebt, da Goldfüchse in Deinem Zimmer herumspringen.« Karl ist ganz erstaunt: »Gold! das gehört nicht mein ... ist dieses Stück Ihnen, Herr Justin?« »Nein, mein Herr,« versetzt der junge Arbeiter, etwas verlegen, »ich weiß nicht, was Sie sagen wollen.« »Dann wird's aus meiner Tasche gefallen sein,« sagt Mongérand; ein Ueberbleibsel meines Glücks, das ich nicht mehr in meinem Besitz glaubte; es soll mir zum Ankauf einer Geige für Dich dienen ... Komm mit mir, ich kenne einen Musiker von den Funambules, der immer welche zum Verkaufe hat ... es wäre sogar möglich, daß er Dir eine Stelle bei seinem Theater ... im Orchester verschaffte ... das wäre hübsch ... komm ... – Nein, ich weiche nicht von meiner Frau, so lange sie in diesem Zustande ist. – Dann gehe ich allein, diesen Abend hast Du Deine Sache.« Mongérand schiebt das Goldstück in seine Tasche, gibt Laura einen leichten Schlag auf die Wange, klopft Karl auf die Schulter und entfernt sich mit den Worten: »Ich kaufe Dir einen Stradivarius! ...« »Herr Karl,« sagt Justin, »wenn Ihnen daran liegt, Ihre Frau der Gesundheit wieder geschenkt zu sehen, so lassen Sie diesen Menschen Ihre Wohnung nie wieder betreten ... Hier ... sehen Sie ... sie ist aufgeregter ... man möchte sagen, die Stimme dieses Herrn Mongérand verdoppele ihr Uebel.« »Wohlan denn,« sagte Karl traurig, nach seiner Frau blickend, »ich will dem Pförtner sagen, er solle Mongérand nicht mehr herauf lassen ... nachdem er mir jedenfalls die Violine gebracht hat.« Der Tag verstreicht; Leoniens Zustand ist fortwährend eine gänzliche Ermattung, während welcher sie ihrer Geistesfähigkeiten beraubt scheint; diese Abspannung wird nur durch erschreckende Anfälle von Irrereden unterbrochen. Justin verdoppelt seine Sorgfalt und seinen Eifer; er sorgt für Alles, sieht selbst nach, wessen man bedarf, und findet dabei noch Zeit, Laura zu trösten und den Muth ihres Vaters wieder aufzurichten. Am Abend übergibt Mongérand dem Pförtner eine Violine; die wohl sechs Franken werth ist. Der dem Herrn Bertrand ertheilte Auftrag war überflüssig: Mongérand hat keine Lust, in ein Haus zu gehen, wo man leise sprechen muß. Der Arzt kam wieder, und findet den kleinen Felix übler, er fürchtet eine Hirnentzündung, welche das zarte Alter nur schwer erträgt. Er wünschte, seine Wiege möchte nicht in dem gleichen Zimmer mit dem Bett der Mutter stehen, damit das Kind eine gesündere Luft einathme. Justin erbietet sich, den Kleinen in das seinige zu tragen, und der Arzt stimmt diesem Vorhaben bei; man sieht, er leidet dabei, die beiden Kranken an einer so elenden Stätte zu finden. Die Wiege des Knäbchens ist von Justin in seine Wohnung getragen; um jedoch bei dem Kinde zu wachen, muß er sich von der Mutter entfernen. Zwar ist Leoniens Gatte gegenwärtig und doch kostet es Justin viele Ueberwindung; endlich bedenkt er, daß er, über das Kind wachend, der armen Mutter dennoch nützlich sei, und nimmt sich vor, sich die Nacht hindurch mehr als einmal nach ihrem Zustand zu erkundigen. Wie lang ist sie, diese Nacht des Wachens und der bangen Besorgniß; nur mit Mühe konnte man Laura zum Niederlegen bringen; auch sie wollte bei ihrer Mutter wachen, immer noch in der Hoffnung, ein Wort, einen Blick von ihr zu erlangen, von ihr erkannt zu werden. Die Nacht bringt keine Veränderung bei Leonien hervor, während der Zustand ihres Sohnes beängstigender wird. Die Hirnentzündung ist ausgebrochen, und mit dem Erscheinen der Morgenröthe ging Justin, den Arzt zu holen; dieser verschwendet alle Hülfsmittel seiner Kunst an das Kind, scheint jedoch wenig Hoffnung darauf zu bauen. »Arme Mutter,« sagte er, »vielleicht ist's ein Glück, daß sie nichts von dem sieht, was um sie her vorgeht.« Karl wiegt sich beständig in Hoffnungen, er kann nicht glauben, daß sein Kind in Gefahr schwebe. Da ihm beifiel, daß einer von seinen Kaffeehausfreunden Zähne auszog und die Arzneikunde ausübte, so will er diesen sprechen, ihm den Zustand seiner Frau und seines Sohnes schildern und seine Meinung einholen; gegen Abend geht er aus, läßt Laura bei ihrer Mutter zurück, und Justin, der sich zwischen ihn und seinem Sohne theilt. Zwei Stunden sind seit Karls Weggang verflossen, der kleine Felix befindet sich übler; Justin verzweifelt; er möchte Jemand bei sich haben; wen kann man aber in diesem Hause rufen? Der Pförtner will seine Loge nicht verlassen und Madame Rozat erklärte, sie trete niemals bei kranken Leuten ein. »Dieses Kind befindet sich sehr schlecht,« spricht Justin bei sich, »vielleicht wird eine Krisis eintreten? wäre vielleicht eine mir unbekannte Hülfe möglich? ... Doch in der Straße wohnt ein Apotheker ... holen wir ihn ... ich bitte ihn so inständig, daß er schon darein willigt, mich zu begleiten.« Der junge Arbeiter geht aus seinem Zimmer in das Karls. Laura befindet sich bei ihrer Mutter, welche seit dem Morgen ruhiger ist und endlich sich einem Schlafe zu überlassen scheint. Justin winkt der Kleinen zu sich her. »Ihr Bruder ist schlimmer, meine arme Laura; ich will nach Jemand sehen und ihn herführen ... können Sie einige Augenblicke bei ihm bleiben? – O! ja, Herr Justin, denn bei Mama geht's besser; ich glaube, sie schläft ... Gerne will ich meines Bruders warten ... und ihm eine Geschichte erzählen ... zu seiner Unterhaltung. – Ach! er wird Sie nicht verstehen, liebes Kind, doch ich will mich beeilen ... kommen Sie!« Laura tritt in Justins Gemach, setzt sich neben die Wiege ihres Bruders, dessen Fieberhitze sie erschreckt. »Was muß man ihm geben?« fragt sie. – »Er will nichts nehmen ... wachen Sie nur über ihn ... – Ja, mein Herr, und dann will ich den lieben Gott bitten, daß er meinem Bruder und Mama die Gesundheit wieder schenkt. – Ja, bitten Sie ihn, arme Kleine! ... wessen Gebete sollte er denn erhören, wenn er für die eines Kindes taub bliebe! ...« Eiligst geht Justin die Treppe hinab und begibt sich zum nächsten Apotheker; allein der Herr ist abwesend, und die Gehülfen können nicht ausgehen, überdies würden sie ohne Beistimmung eines Arztes nichts zu verordnen wagen. Justin läuft zu mehreren andern, bis er einen zum Mitgehen bewegt; allein die Zeit verstreicht, ehe man bereit ist, zu folgen; endlich bricht man auf. An der Thüre seiner Wohnung trifft Justin auf Karl, der ebenfalls nach Hause kam, ohne den Freund, den er um Rath fragen wollte, getroffen zu haben. Eilfertig geht man hinauf; als man in Justins Wohnung tritt, kommt die kleine Laura ihnen behutsam entgegen und sagt mit leiser Stimme: »Macht kein Geräusch! mein Bruder rührt sich gar nicht mehr. Auch er ist eingeschlafen.« Karl eilt zu dem Bette seines Kindes; Justins Befürchtungen waren gegründet, der kleine Felix war nicht mehr. Ein Schmerzenslaut entfährt der armen Laura bei der Aeußerung, ihr Bruder sei gestorben; Justin nimmt und preßt sie in seine Arme, indem er zu ihr sagt: »Liebes Kind, aus Mitleid für Ihre Mutter, mäßigen Sie Ihren Schmerz, hüten Sie sich wohl, ihr zu sagen, daß ihr Bruder nicht mehr ist; denn alsdann würde auch sie sterben. Und Sie, Herr Karl, kommen Sie ... entfernen Sie sich von diesem, Ihr Herz zerfleischenden Schauspiel ... Kommen Sie zu Ihrer Gattin, die Ihnen bleibt; bemühen wir uns, wenigstens ihr das Leben zu erhalten, und verhehlen wir ihr insbesondere das Unglück, das sie so eben betroffen hat!« Von Schmerz gebeugt, läßt sich Karl, ohne ein Wort zu sprechen, von Justin fortführen. Den Kopf in seinen Händen bergend, setzt er sich vor Leoniens Bett. Der kleinen Laura flüstert Justin leise zu: Gehen Sie zu Ihrem Vater, küssen Sie ihn ... verlassen Sie ihn nicht mehr, Ihre Liebkosungen mögen ihn erinnern, daß er noch nicht Alles verlor.« Nachdem Justin dem armen Kleinen alle Sorgfalt hatte angedeihen lassen, befaßt er sich auch noch mit den traurigen, durch seinen Tod veranlaßten Einzelnheiten. Als Belohnung seiner Bemühungen bittet der junge Arbeiter den Himmel um Leoniens Rettung; der stärkende Schlummer, in den sie verfallen ist, scheint dem Arzt von guter Vorbedeutung; er ist der Ansicht, mit dem Erwachen werde auch ihr Bewußtsein wiedergekehrt sein. »Und was werden wir antworten,« sagte Karl, »wenn sie uns nach ihrem Sohne fragt?« »Wir sagen, der Arzt, welcher Madame behandelt, habe gefunden, daß ihr Sohn sich in üblen Umständen befinde, und gerathen, ihn die Landluft einathmen zu lassen ... ich aber hätte eine Tante, welche vier Stunden von hier in Gagny wohne, zu dieser nun, wo man seiner sorgsam warte, hätte ich ihn gebracht. Ohne Zweifel muß Ihre Frau eines Tages die traurige Wahrheit vernehmen, doch warten wir wenigstens, bis sie hinlängliche Kräfte zur Ertragung ihres Unglücks erlangt hat; ich bin der Meinung, man dürfe sich nie beeilen, dasjenige mitzutheilen, was Kummer verursachen müsse! wir ziehen den Arzt mit ins Spiel, damit er uns nicht Lügen straft. Billigen Sie das von mir Ausgedachte, mein Herr?« »Ja,« entgegnete Karl, »verbergen wir ihr den Tod ihres Sohnes, so gut wir können! ... Laura, Du hast wohl verstanden, mein Töchterchen ... man sagt, Dein Bruder sei auf dem Lande! ... Herr Justin habe ihn dahin gebracht.« »O! ja, Papa! ... sei unbesorgt, ich werde nichts sagen, was Mama nachtheilig sein könnte!« Acht Stunden nach diesem Gespräch erwacht Leonie aus dem langen Schlummer, der das verzehrende Fieber von ihr nahm. Unruhig liefen ihre Augen im Zimmer umher und fielen auf ihren Mann und ihre Tochter, und das Lächeln erscheint wieder auf ihren Lippen, sie streckt ihnen die Arme entgegen; Mann und Tochter eilen, sie zu umarmen. »Ach! nicht wahr, ich bin sehr krank gewesen?« murmelte sie mit schwacher Stimme: »ich glaubte Dich ermordet, Karl! ... das war ein Traum.« »Wenigstens eine von dem Dummkopf von Portier ganz entstellte Geschichte! ... Es gab wohl einen Streit ... der mich aber nichts anging! ... Du siehst, ich bin unverletzt! ...« »Ah! Du bist's, liebe Laura! ... und Herr Justin ist auch da! ... – Ja, seit Du krank bist, ist er nicht von uns gewichen, hat keinen Augenblick Ruhe genossen ... – Der gute junge Mann! ... von ihm wundert's mich nicht! ... Aber mein Felix? ... wo ist denn mein Sohn? Ich fühlte doch, daß mir etwas fehlte!« »Meine liebe Leonie,« nimmt Karl das Wort, indem er sich bemüht, nicht bewegt zu erscheinen, »ich hoffe, Du wirst mein Thun billigen: unser Sohn war etwas leidend, der Arzt behauptete, er bedürfe der Landluft; Herr Justin hat eine Tante in Gagny, er erbot sich, ihr unser Kind anzuvertrauen und ...« »O mein Kind! ... Ihr habt mir meinen Sohn genommen? ...« rief Leonie voll Schmerz aus. »Madame,« fiel Justin ein, »bedenken Sie, daß es zur Wiedererlangung seiner Gesundheit geschah ... – Sind Sie aber sicher, daß man seiner pflegt? ... wird man ihn bei Ihrer Tante lieben? – Ja, Madame, ich gebe Ihnen mein Wort! ... – Ist es weit? – Vier Stunden von hier. – Sie besuchen ihn oft, um mir Nachricht von ihm zu bringen? ... – Ja, Madame! ... – Und ich selbst darf ihn sehen, ihn küssen, sowie ich wohler bin! Nicht wahr, Karl, mein erster Ausgang soll ein Besuch bei meinem Sohne sein? ...« Justin wendet den Kopf ab, die kleine Laura stellt sich, als suche sie Etwas, um die hervorbrechenden Thränen zu verbergen. Karl antwortet schnell: »Ja, ja, wenn Du völlig wieder hergestellt bist! ... vorerst mußt Du nur an Deine Gesundheit denken. – Aber nicht wahr, ihr täuschet mich nicht? ... mein Felix war nicht kränker? – Nein, Madame! ich bitte, beruhigen Sie sich! ... – Wohlan! da was ihr thatet, zu seinem Besten geschah, so muß ich beistimmen; ich weiß Wohl, daß der arme Kleine hier ... bei einem Kranken nicht sehr gut aufgehoben wäre! ... man darf seine Kinder nicht bloß um seiner selbst willen lieben ... Du weichst nicht von mir, Laura, und dann sprechen wir von Deinem Bruder! ... Ach ! ich fühle mich noch sehr schwach ! ... – Genieße der Ruhe, Leonie, so will's der Arzt ...« Leonie fügte sich den Wünschen ihres Gatten. Der Arzt kommt; Justin verabredet sich mit ihm, und er billigt die der Kranken vorgebrachte Unwahrheit. Er findet sie besser, erklärt jedoch, daß sie großer Sorgfalt, anhaltender Ruhe bedürfe, und namentlich lange Zeit hindurch an keine Arbeit von ihrer Seite zu denken sei, wenn sie ihre Gesundheit wieder völlig erlangen solle. Justin folgt dem Doktor auf die Treppe, wo er alles Mögliche thut, ihn zur Annahme der Belohnung für seine Mühe zu bewegen; er kann jedoch nicht dazu gelangen: »Mein lieber Freund,« sagt der Arzt zu ihm, »ich habe meine Gewohnheiten, von denen ich nie abgehe: bei reichen Leuten lasse ich mich sehr gut bezahlen, steige ich aber in eine Dachstube hinauf, so geschieht dies immer gratis; damit gleicht es sich aus.« Leonie ist sehr in Unruhe, bis sie weiß, wer ihre Bedürfnisse bestreitet. So wie sie einen Augenblick dazu findet, fragt sie ihren Gatten, ob er an dem Tage, wo er die Violine spielte, die ihm zugesagte Belohnung erhalten habe. »Ja freilich,« versetzt Karl, »und ich habe sogar während Deiner Krankheit weitere, noch einträglichere Gelegenheiten gefunden! ... da unser junger Nachbar hier blieb, um bei Dir zu wachen, habe ich's zur Vermehrung unserer Hülfsmittel angenommen.« »Ah! desto besser, mein Freund! diese Nachricht nimmt eine Last von mir! ... Ich sagte bei mir selbst: Wie konnte er die durch meine Krankheit verursachten Kosten bestreiten! ich dachte, der junge Mann ... Herr Justin habe Dir vielleicht Geld vorgestreckt, denn ich glaube, er wäre wohl im Stande, uns all das Seinige anzubieten! ... es wäre aber doch hart, diesem armen Jungen zur Last zu fallen ... er ist nur ein Arbeiter und kann gleichfalls nicht reich sein! ... – Ohne Zweifel; da dies jedoch nicht der Fall ist, brauchst Du Dich nicht mehr zu quälen! – Und nicht wahr, Du siehst Mongérànd, der bei der Abendunterhaltung die Ursache eines Streites gewesen war ... nicht mehr? ... Du warst so aufgebracht gegen ihn! ... – O! er bat mich um Verzeihung! ... er wollte Dich sogar sehen ... sich mit Dir aussöhnen ... – Erspare mir seinen Anblick, ich fühle es, es würde mich angreifen! ... Du warst so böse auf ihn! ... auf diese Weise also hältst Du Deine Entschlüsse! ... – Man kann nicht immer böse sein! ... – Geh nicht mehr mit ihm, Karl, er würde Dich von den Geschäften abwendig machen, wenn die Vorsehung so gnädig ist, Dir welche zuzuweisen! ... – Sei doch ruhig: jetzt bin ich bekannt, im Schwung ... ich wäre im Stande, ein Orchester zu leiten.« Leonie glaubt Alles, was ihr Gatte sagt; sie wünscht sich Glück, daß er mit Hülfe seines schwachen Talents auf der Violine seine Familie erhalten kann. Karl wünscht wirklich Gelegenheit zur Beschäftigung: seit der Abendgesellschaft bei Herrn Tigré hat aber noch Niemand daran gedacht, ihn zu verwenden, und durch wen könnte er empfohlen werden, da er keine Gesellschaft besucht? Justin geht nur an seine Arbeit und zuweilen zu seiner Mutter, dort könnte er Karls Violine nicht anbringen. Leonie befindet sich zwar besser, ist aber noch äußerst schwach; aufstehen kann sie noch nicht und noch weniger arbeiten, was sie am meisten betrübt. Jeden Augenblick, den Justin nicht der Arbeit widmet, bringt er bei ihr zu, und da er sieht, wie sehr sie sich bekümmert, ihrer Familie nicht nützlich sein zu können, ersinnt er jeden Tag irgend eine neue List, sie glauben zu machen, daß ihr Mann viel zu thun habe; wenn er kommt, sagt er zu Karl: »Bei dem Portier hat man nach Ihnen gefragt und eine Adresse hinterlegt, damit Sie mit Ihrer Violine zu einer Abendgesellschaft kommen!« Ein andermal gibt er vor, Jemanden begegnet zu sein, der ihn gebeten habe, ihm einen Musiker für eine Hochzeit oder ein Fest zu verschaffen. Karl, mit ins Geheimniß gezogen, geht alsdann mit seinem Instrument unter dem Arm fort; Leonie ist dann ruhiger, ein wenig Heiterkeit zeigt sich wieder auf ihrem Gesicht, und Justin, der sie von der Last der Erkenntlichkeit befreit, findet sich durch den Strahl der Freude, der aus ihren Augen glänzt, hinlänglich belohnt. Doch die Abwesenheit ihres Sohnes ist eine große Entbehrung für die arme Mutter; um sich dafür zu entschädigen, daß sie ihn nicht sieht, spricht sie beständig von ihm; sie wünscht nur darum die Wiedererlangung ihrer Kräfte, um bälder auf das Land zu gehen, wo sie ihn glaubt; in allen ihren Hoffnungen, in allen ihren Plänen für die Wiederkehr der schönen Jahreszeit nimmt ihr Sohn eine Stelle ein. Es ist peinlich, wenn man hören muß wie sich Jemand in einem Glücke wieget, von dem man weiß, daß es ihm nie zu Theil werden wird! Justin's und Laura's Herz wird jedesmal zerrissen, wenn sie Leonien von Felix sprechen, und ihre Freude, ihn wiederzusehen, ausdrücken hören; damit Karl seine Frau nicht hört, geht er beinahe jeden Abend aus; vorgeblich, um bei einer Abendgesellschaft Violine zu spielen, in Wirklichkeit aber, um mit Mongérand einen Theil des Geldes zu vergeuden, welches der junge Arbeiter ihm heimlich zusteckt. Während seiner Abwesenheit leistet Justin nach der Rückkunft von seiner Arbeit Laura und ihrer Mutter Gesellschaft; neben dem Bette der in der Genesung Begriffenen sitzend, Laura zuweilen auf seine Arme nehmend, hört er seufzend Leonie von ihrem Sohne sprechen. »Mein armer Felix! wie sehr wird es mich freuen, ihn wiederzusehen!« sagt Leonie eines Tages, die Hand ihrer Tochter in der ihrigen drückend, »ich fühle an dem Kummer, den mir seine Abwesenheit verursacht, wie theuer er mir ist! ... doch liebe ich Dich darum nicht weniger zärtlich, meine gute Laura! ... aber Du und Dein Bruder, ihr seid mein ganzes Gut, meine ganze Hoffnung für die Zukunft! ... mein Herz trennt euch nicht in meinem Andenken! ... O! nicht wahr, Laura, Du liebst Deinen Bruder auch recht sehr? ... und ich bin sicher, daß Dich seine Abwesenheit eben so sehr langweilt, als ihn? ... he ... antworte doch? ...« »Ja, Mama ... ich bin traurig, daß ich ihn nicht mehr sehe,« antwortet Laura, sich nach Kräften bemühend, die Thränen, die ihr in den Augen stehen, zurückzuhalten. »Ei! wie, liebes Kind ... das macht Dich weinen? ... geschieht es aus Kummer, weil Du Deinen Bruder nicht mehr siehst? ... – Ja, Mama, aus Kummer ... – Arme Kleine, küsse mich ... doch wir werden ihn bald wieder sehen ... Herr Justin ... Sie, der Sie so gut ... so gefällig für mich sind ... ach! wenn Sie mir eine große Freude machen wollten! ...« »Sprechen Sie, Madame, was muß ich thun? ... – Nach Gagny zu Ihrer Tante gehen, meinen Sohn besuchen und mir Nachricht von ihm bringen ... – Ich gehe, Madame ... – Können Sie es morgen thun? ... – Ja, Madame. – Ah! desto besser ... Um welche Stunde fährt der Wagen ab? ... wann werden Sie wieder zurück sein? ... – Ich gehe sehr frühe und werde um vier Uhr zurück sein ... – Ach! Sie werden ihn sehen ... ihn für mich küssen! ... Sie fragen ihn, ob er mich dort nicht vergesse? ... und wiederholen mir seine Worte! ... – Ja, Madame.« Am andern Tag stellt sich Justin, als reise er nach Gagny; und beim Zurückkommen nach dem Essen muß er Leonie Nachrichten von ihrem Sohne bringen; er sieht sie noch so schwach, so leidend, daß er sich wohl hütet, sie die traurige Wahrheit ahnen zu lassen. Auf diese Weise unterhält man Leoniens Irrthum, und die arme Mutter fährt fort, sich in Täuschungen zu wiegen. Zweiundzwanzigstes Kapitel. Das Orchester einer Kneipe. Das schöne schwarze Kleid, das Mongérand mit der Börse des Papa Tigré gekauft hatte, ward verkauft; gegen eine Kappe und fünf Franken baar Geld der neue Hut vertauscht; kurz, von dem glänzendsten Kostüm des Verlobungsballs ist nichts mehr übrig, als die schwarzen Beinkleider, welche mit einem alten Jagdfrack, den der ehemalige Husar trägt, einen seltsamen Contrast bilden; da jedoch Mongérand nicht sehr geduldig aussieht, so erlauben sich Diejenigen, welche seinen Aufzug possirlich finden, doch nicht, ihm ins Gesicht zu lachen. Karl hatte nicht immer Geld zum Zechen; Justin, der das Verfahren seines Nachbars bemerkte, besorgte häufig selbst den Einkauf der für Leoniens kleine Haushaltung notwendigen Lebensmittel, indem er dieser sagte, es geschehe, um Karl zu verbinden und die Mühe des Ganges zu ersparen. Leonie that, als glaube sie Justin; sie ließ sich jedoch nicht beständig von seinem Vorgeben tauschendem bitteres Lächeln, ein Seufzer, die ihr dann entschlüpften, bewiesen, daß sie einen Theil der Verbindlichkeiten errieth, welche sie dem jungen Arbeiter schuldig war. Mongérand befand sich in sehr übler Laune, daß er keine Flora mehr zu betrügen, keine Themire mehr spazieren zu führen, über die Börse keines Freundes mehr zu verfügen hatte. Karl langweilte sich, ins Café einzutreten, nur um Journale zu lesen und sich am Ofen zu wärmen, er war unzufrieden mit sich selbst, seiner vergangenen Lebensweise, seiner gegenwärtigen Unthätigkeit, und suchte sich zu betäuben, weil dies für viele Leute bälder geschehen ist, als sich zu bessern. Eines Morgens geht Mongérand mit heiterer Miene als gewöhnlich auf Karl zu; er hat eine Hand in die Seite gestemmt und in seiner Physiognomie liegt etwas Triumphirendes, so daß Karl zu ihm sagt: »Was ist Dir denn widerfahren?« »Endlich haben meine Schritte glücklichen Erfolg gehabt! ... wir sind placirt, mein Lieber! – Wie ... wir? ... alle Beide? – Ei freilich, alle Beide ... ich habe sogar noch einen Platz zu vergeben ... Wenn ich einmal anfange, ich, dann geht es gut! – Und wo sind wir denn placirt? – In einem Orchester, zum Henker! – Wirklich? ... bei der großen Oper? – Nicht ganz, man muß doch wohl einen Anfang machen ... In der Courtille.. unterhalb von Belleville ... im Salon zu den zwei Freunden werden wir unser Talent entfalten ... – Ha, wie, bist Du auch Musiker, Du? ... – Das geht Dich nichts an ... sei ruhig ... ich werde das Meinige thun ... – Und in einer Kneipe? – Nun, ja denn! ... was liegt daran? ... wenn man uns nur gut bezahlt ... und dessen habe ich mich versichert ... ich ließ mir ein Haftgeld geben, das wir auf der Stelle verzehren wollen ... Folge mir, die Austern warten schon ... und Du wirst Bekanntschaft mit dem braven Mann« machen, der uns diese gute Lese verschaffte.« Karl folgt Mongérand in eine kleine Winkelschenke, sie treten in ein Zimmer, wo der Tisch gedeckt und die Austern bereits aufgetragen sind: hier sitzt ein guter Alter mit einem Weingesicht voll Finnen, in einen schlechten haselnußfarbenen, mit Flecken von verschiedenen Farben besetzten Wintermantel gehüllt. »Vater Duhaut,« sprach Mongérand beim Eintritt, »ich stelle Ihnen hier meinen Freund Karl vor, den ersten Violinisten für den Contretanz!« Der gute Alte zieht seinen Hut ab und verbeugt sich vor einer gegenüberstehenden Tafel. »Was macht er denn da?« fragt Karl leise. – »Ach! gib darauf keine Acht, er ist blind, was ihn indeß nicht hindert, die Clarinette gleich einem Tiroler zu spielen! Nun, Vater Duhaut, zu Tische! die Austern sind aufgetragen! ...« »Ah, gerne!« versetzt Vater Duhaut, indem er sich anschickt, auf eine Partie Teller zu sitzen; allein Mongérand faßt ihn beim Arm und geleitet ihn an seinen Platz, wo der alte Spielmann beweist, daß er zum Essen nicht zu sehen braucht, denn seine Hände tappen unaufhörlich auf dem Tische umher, und wenn er nichts mehr in den Schüsseln findet, greift er in die Teller seiner Nachbarn. »Mein lieber Karl,« nimmt Mongérand das Wort, indem er die Gläser mit schlechtem weißen Weine vollgießt, der die Austern hinabschwemmt, »Du siehst in dem Vater Duhaut einen der besten Musiker der Courtille; seit fünfundvierzig Jahren spielt er dort zum Tanze! nicht wahr, alte Clarinette? – Meiner Treu, ja! denn ich habe ungefähr im zehnten Jahre angefangen! ... Wo ist mein Glas? ... – Da, Ihr habt es! ... auf Eure Gesundheit! ... Vater Duhaut ist blind geworden, das hat ihm jedoch nichts von seiner Geschicklichkeit benommen! ... – Meiner Treu, nein! ... ich glaube, daß ich im Gegentheil ein feineres Gehör bekommen habe! – So fein, daß Vater Duhaut, welcher mit gutem Grund das Vertrauen aller Traiteurs besitzt, welche tanzen lassen, vom großen Saint Martin bis zur Ile-d'Amour, den Auftrag erhielt, das Orchester des Balls zu reformiren. – Meiner Treu, ja! weil die Musiker, aus denen es bestand, der Conscription verfallen sind, ei! ei! – Wie, bist Du auch der Conscription verfallen. Du, meine arme Clarinette? – O! bei mir ist's schon lange vorbei! ... Sind keine Austern mehr da? – Nein, Vater Duhaut ... und ich benachrichtige Euch, daß Ihr in diesem Augenblick meine Schalen nehmt! ... aber hier sind Kalbsrippchen mit Essiggurken, die Ihr gerne eßt, wie ich glaube! – Meiner Treu, ja! ... ei! ei! ... ich bin gut hier! – Kurz, Karl, nachdem ich Gelegenheit gehabt habe, die Bekanntschaft des ehrenwerthen Vater Duhaut zu machen, wie er eines Abends von der Courtille zurückkommend, hartnäckig auf seinen Hund losprügelte, der sich einfallen ließ, verliebt zu sein, so sprach ich ihm von Dir, von Deinem seltenen Talent auf der Violine, von der originellen Art, wie Du das Trallala zu einem Walzer arrangirtest; er wünschte Dich kennen zu lernen, zu verwenden; allein ich machte ihm begreiflich, daß du Chef des Orchesters sein wolltest; nunmehr bietet er Dir an, die Musik der beiden Freunde zu leiten, wovon er selbst ein Mitglied sein wird ... Nicht wahr, alte Clarinette, Du wirst dabei spielen? Meiner Treu, ja! um so mehr, als ich für den Augenblick frei bin! – Nehmt Euch in Acht, Vater Duhaut, Ihr kommt mit Euern Fingern in die Schüssel! ... – Ich suche mein Brod! ... – Ihr habt Alles gegessen, ich will Euch aber anderes geben ... Ah! Donnerwetter, die Clarinette läßt sich's schmecken! – Ha so! hört einmal, meine Kinder! zu einem guten Orchester müssen wir unserer viere sein! – Das werden wir auch ... – Die erste Violine ... man braucht nur eine ... – Das ist Karl! – Eine Clarinette ... – Das seid Ihr. – Eine Baßgeige. – Die habe ich für Euch; ich habe Einen unter der Hand, der eben aus dem Conservatorium kommt. – Und endlich eine Pauke. – O! die übernehme ich! ... Ihr werdet sehen, wie ich spiele ... man soll eine Kanone zu hören glauben! ... Und sechs Franken für die Person, nicht wahr? – Ja, und zwanzig Sous außerdem für den Chef des Orchesters. – Sehr gut, Alter! ... Du hast mir bereits fünf Franken gegeben, folglich bist Du uns noch vierzehn Franken schuldig! – Der Unternehmer des Balls wird bezahlen! ... er war so gefällig, mir die hundert Sous vorzustrecken, weil ich mich verbürgte, ihm für heute Abend ein Orchester zu bekommen. – Sehr gut! ... Ha so, die Instrumente werden hoffentlich dort sein? denn ich habe zu Hause ebensowenig eine große, als kleine Trommel! – Die Baßgeige und die Pauke sind im Orchester des Ballsaals! Die kommen nie daraus weg! – Nun, das laß ich mir gefallen; was Karl betrifft, der wird seine Violine mitbringen! ... er hat eine ganz ausgezeichnete.– Wenn wir diesen Morgen eine kleine Probe halten könnten? Nein, Vater Duhaut, das ist unnöthig, Künstler wie wir haben keine Probe nöthig! es wird besser gehen, als wir nur wünschen. – Meiner Treu, ja, in der That! ... Gibt's nichts mehr zu essen? – Nein, Vater Duhaut, denn, Donnerwetter, Ihr verschlingt Alles wie ein Haifisch! – Alsdann will ich wieder in die Courtille zurück; ich habe unten einen Gesellschafter! ... Auf diesen Abend um sechs Uhr zu den » zwei Freunden ...« – Geht, meine arme Clarinette, rechnet auf uns!« Vater Duhaut geht mit seinem Hund am Arm eines Freundes; Mongérand bezahlt und verläßt mit Karl die Schenke; unterwegs beginnt der erstere: »Nun denn! Du bist hoffentlich zufrieden? – Aber ... in einer Kneipe spielen ... – Ei! Donnerwetter, für das Talent gibt's keine unbedeutenden Orte! ... die großen Schauspieler, welche der Bühne Ehre machen, haben beinahe alle auf den kleinen Theatern der Boulevards zu spielen angefangen. Zudem hatten wir Geld nöthig! ... Wir haben sonach noch vierzehn Franken zu theilen! – Nein! weil Du den Baß noch bezahlen mußt. – Ah! Du bist doch immer ein guter Kerl! Du glaubst, ich werde da so Jemanden sechs Franken geben, damit er auf einer groben Saite Brr, Brr mache? so dumm bin ich nicht! ich will einen Baßgeigenspieler finden, dem ich zehn Sous bezahle, das ist genug! – Pah! wahrhaftig! – Sieh, das kleine Kerlchen, das vor Deiner Thüre sitzt ... Stiefel wichst und Commissionen besorgt, der paßt für mich! ... hier wären wir nahe bei ihm, Du sollst sehen, wie ich ihn für zehn Sous anwerbe!« Mongérand winkt dem kleinen, an Karls Wohnung lebenden Savoyarden; das Kind beeilt sich zu fragen, was man von ihm wolle. »Du besorgst Commissionen, Kleiner, nicht wahr? – Ja, Moussier. – Doch am Abend mußt Du nichts zu thun haben. – Nein, Moussier. – Willst Du diesen Abend zehn Sous verdienen, und vielleicht noch Erfrischungen dazu? – Ja, Moussier, gerne. – So bleibst Du heute Abend von sechs bis zwölf Uhr bei uns. – Ja, Moussier, und was soll ich machen? – Sei ruhig, das ist nicht schwer. Sei um drei Viertel auf sechs Uhr bereit; Du folgst diesem Herrn, wenn er aus seinem Hause geht. – Ja, Moussier. – Adieu, Karl: heute Abend an unserem gewöhnlichen Zusammenkunftsort ... und vergiß nicht den Contrebaß mitzubringen.« Mongérand entfernt sich. Karl steigt in seine Wohnung hinauf; er ist ganz munter und aufgeräumt, reibt sich die Hände und nimmt beim Eintritt in sein Zimmer sogleich die Violine herab. Leonie war aufgestanden; seit drei Tagen begann sie ihr Bett während einiger Stunden zu verlassen, sie schleppte sich bis zu einem Sessel am Kamin, wo es durch Justins Sorgfalt nie an Holz fehlte. Hier machte die Wiedergenesende, betrübt, noch nichts arbeiten zu können, Plane für die Zeit, wo sie ihre Kräfte wieder erlangt hätte, und sprach, während sie ihre Tochter küßte und liebkoste, unaufhörlich von ihrem Sohn. Leonie bemerkt Karls heitere Miene, sie sieht ihn seine Geige herabnehmen und sagt daher: »Du hast wieder Beschäftigung gefunden? – Ja, meine liebe Freundin! – Ah ! der Himmel erbarmt sich unserer. – Diesen Abend bin ich Kapellmeister. – Und wo denn? – Bei einem Ball ... – Einem Gesellschaftsball? – Ja ... bei einer öffentlichen Gesellschaft ... – Und wer verschaffte Dir das? – Jemand ... den Du nicht kennst.« – Karl war verlegen. Leonie gewahrte es, sie hört nun auf, ihn zu befragen. Als er sich ihr jedoch nähert, spricht sie: »Du hast in der Stadt gefrühstückt. – Nun gut, weiter? – Mit wem? – Ah! zum Henker! ... mit wem! ... Was macht Dir das, ich kann also nicht einmal eine Artigkeit von Jemanden annehmen. – Karl, Du bist Dein eigener Herr, allein Du weißt, daß es eine Person gibt, welche Du nicht mehr sehen wolltest ... – Geh, genug davon, laß mich einstudiren auf diesen Abend; ich leite ein Orchester, und es liegt mir daran, daß es gut gehe.« Leonie schweigt, Karl spielt seine Contretänze wieder durch, um halb sechs Uhr schickt er sich zum Fortgehen an, mit seiner Geige unter dem Arm, seine Frau sagt zu ihm: »Aber Du hast keine frische Wäsche angelegt ... Du bürstest Dich nicht einmal ... – O! ich bin so ziemlich sauber! ... Adieu, ich nehme meinen Schlüssel mit, denn man soll bis zwölf Uhr tanzen ... Ermüde Dich nicht ... lege Dich zu Bett, schlafe ... das wird Dir gut thun.« Karl ist fort. An der Hausthüre angelangt, gibt er dem kleinen Savoyarden einen Wink, der ihm sogleich folgt, und nicht lange, so treffen sie mit Mongérand zusammen, der bei ihrem Anblick ausruft: »Sehr gut ... Ach, Donnerwetter, welchen Teufels-Sabbath werden wir im Verein mit der alten Clarinette machen! – Ich bin nicht so ruhig, wie du ... Versteht der Kleine den Contrebaß zu spielen? ... – Wenn ich Dir sage, es ist hinlänglich, daß er den Fiedelbogen auf den Saiten hin und her spazieren läßt ... gleichviel auf welcher Seite ... glaubst Du denn , die Leute, denen wir zum Tanze aufspielen, hatten ein so zartes Ohr? ... Nicht bloß ein-, sondern zehnmal sah ich auf Dorftänzen die Baßgeige von einem Straßenjungen gestrichen, der keinen Begriff von der Musik hatte. Ueberdies bin ich da mit meiner Pauke ... ich übertäube euch Alle, wenn ihr nicht richtig spielt! ... bum! ... bum! ... Ah! wie ich drauf losschlagen will. Vorwärts ... Kleiner, Du marschirst hinter uns d'rein!« Man langt in der Courtille an; Vater Duhaut prügelte gerade seinen Hund vor der Thüre der Schenke, deren Orchester er gebildet hatte. »Hier sind wir, alte Clarinette, führet uns ein! – Ah! meiner Treu, ja ... wir wollen hinauf ... Seid ihr alle Drei da? ... Ja, ja. – Der Herr, der die Baßgeige spielt, ist dabei? – Ja doch, wir sind Alle da. – Nun gut, so folgt mir, ich kenne Alles im Hause.« Vater Duhaut tritt ein und gewinnt die Treppe, welche zum Salon führt. Der Herr des Etablissements, der gerade an seinem Einnahmetisch sitzt, ruft ihm zu: »Nun, bringt Ihr mir ein Orchester, Vater Duhaut? – Ja, ja, die Herren sind es, die mir folgen. – Ah! gut! ... Ei, der Tausend, es ist ein Kind unter Euren Herren. – Dieses Kind hat das Genie der Kunst!« entgegnet Mongérand, stolz vor den Traiteur tretend, »und ich denke, Ihr werdet nicht oft Künstler bekommen, wie wir sind!« »O! mein Herr, ich bin ganz ruhig,« antwortet der Traiteur, auf welchen Mongérands Versicherung ihren Eindruck nicht verfehlt. »Nur hinauf ... meine Herren, und fangt gefälligst sogleich an! es sind schon viele Tänzer oben.« Unsere Künstler begeben sich in den Tanzsaal; in der Mitte desselben ist ein großes Orchester aufgerichtet, welches bequem zehn Musiker fassen könnte; durch eine kleine, hinten angebrachte hölzerne Stiege gelangt man dahin. Vater Duhaut klettert wie ein Eichhorn hinauf. Karl folgt ihm, Mongérand desgleichen, wobei er dem kleinen Kerlchen zuruft, ebenfalls nachzukommen. Hier ist die große Trommel nebst dem mächtigen Schlegel aufgehängt, etwas weiter unten lehnt die Baßgeige. Inzwischen geht Mongérand auf und ab, indem er ausruft: »Ah! Donnerwetter, hier also sollen wir uns versuchen!« »Meiner Treu, ja,« sagt Vater Duhaut, sein Instrument aus der Tasche ziehend. »Ha so, was sagte denn aber der Wirth so eben ... sieht der Contrabassist wie ein Kind aus? – Ah! ... von ferne ... weil er etwas klein ist ... Stimmet an, meine Freunde!« Während Vater Duhaut Karln den Ton angibt, setzt Mongérand den kleinen Savoyarden vor die Baßgeige, gibt ihm den Bogen in die Hand und belehrt ihn: »Sieh, Alles, was Du zu thun hast, ist. Deinen Bogen auf diesen Saiten, gleichviel auf welcher, hin und her spazieren zu lassen ... da es jedoch deren drei hat, so spielst Du, damit es schöner ist, bald auf der einen, bald auf der andern. – Ja, Moussier. – Wenn ich Dich ansehe, streichst Du zwei zugleich, und aus Leibeskräften, verstehst Du? – Ja, Moussier. – Versuch's ein wenig vor mir.« Der Savoyard fährt mit seinem Bogen auf den Saiten des Instruments hin und her, statt dies aber mit dem Roßhaar zu thun, nimmt er die Holzseite, was einen unendlich unangenehmen Ton hervorbringt, und zwar so sehr, daß die gewöhnlichen Tänzer des Balls »der beiden Freunde«, die doch gerade keine zarten Nerven haben, zu schreien anfangen: »Ach! welche Hundemusik!« Mongérand gibt dem kleinen Kerlchen einen Tritt und dreht ihm den Bogen mit den Worten um: »Das soll Dich lehren, musikalisch zu werden! ... Gib Achtung, Schlingel!« Das kleine Kerlchen reibt sich unter Gesichterschneiden an dem gezüchtigten Theil; Vater Duhaut tritt näher und spricht: »Was hat er denn? – Nichts, Clarinette, die Baßgeige stimmt. – Ah! laßt hören, gebt mir gefälligst Euer A an.« Mongérand winkt dem Kleinen, mit seinem Bogen zu spielen, und zufällig trifft er die verlangte Note. »Ihr seid zu hoch!« bemerkt der Blinde. »So sehe ich mich auf den Boden, Moussier,« erwiedert das gute Kerlchen. – »Wie? Ihr wollt Euch fetzen ... was sagt denn der Contrebaß da? ... – Vorwärts, Vater Duhaut ... laßt uns anfangen ... Ihr verliert eine unendliche Zeit mit dem Stimmen, und das ist hier überflüssig ... man wird da unten ungeduldig.« Wirklich hatten auch die gewöhnlichen Gäste bereits ihre Damen aufgefordert, stellten sich auf und riefen: »Die Musik! die Musik!« Vater Duhaut zog eine Rolle mit Musikblättern aus der Tasche, welche er Karl mit den Worten darreicht: »Nicht wahr, Ihr werdet diese spielen? ... fangt bei der ersten Quadrille an.« »Das werde ich nicht spielen,« versetzt Karl, »ich lese die Noten nicht vom Blatt weg ... sie zu lernen, brauche ich acht Tage; ich spiele, was ich weiß. – Ah! meiner Treu, das ist sauber!« versetzt Vater Duhaut, zornig mit dem Fuße stampfend. »Wie soll ich meine Partie machen, wenn ich nicht weiß, was Ihr spielen werdet? ... Wie, ein so berühmter Violinist kann keine Noten, lesen ... Wenn ich das gewußt hätte!« »He, alte Clarinette, macht nicht den Bösartigen!« fällt Mongérand ein, den Blinden zum Sitzen nöthigend; »mach' Du Deinen Theil oder mach' ihn nicht! da scher' ich mich nichts drum ... aber brumme nicht, sonst nehme ich Dich zu meiner Pauke.« Brummend setzt Vater Duhaut seine Clarinette an, Karl macht mit seiner Violine den Anfang, Mongérand paukt auf die große Trommel los, als wollte er sie entzwei schlagen, der kleine Savoyarde streicht, Mongérand erschreckt anblickend, auf seinen drei Saiten herum. Zum Glück kennt Vater Duhaut die von Karl gespielten Contretänze, was ihm seine gute Laune wieder gibt; er bläst seine Partie mit aller Kraft seiner Lungenflügel, um es Mongérand gleich zu thun. So geht die Quadrille ohne Hinderniß zu Ende, nur rufen die Tänzer zuweilen: »Die große Trommel nicht so stark.« Doch Mongérand, entzückt über den Lärm, den er macht und der ihn selbst betäubt, hörte die Bemerkungen der Tänzer nicht. »Nun gut! Vater Duhaut, ich glaube, das war ganz ordentlich gebrummt?« sagte Mongérand nach beendigtem Contretanz. »Ja ... diese kenne ich ... aber der Baß macht ... – Desto besser, ich wollte, er machte uns auf der Stelle eine Torte, denn ich habe Hunger. Ha so, theilt man hier keine Erfrischungen unter die Musiker aus? – Ah! doch, freilich ... eine Flasche für den Abend. – Eine Flasche für Alle? Meiner Treu, ja. – Wie großmüthig! ... Holla, Kellner! Wein, Gläser, vier Flaschen sogleich. Der Kellner sieht Mongérand verwundert an und erwiedert: »Vier Flaschen ... so viel gibt man der Musik nie. – Gib uns schnell, was ich verlange, Dickkopf, und mach' keine Einwendungen, denn das mißfällt mir.« Der Kellner geht und fragt seinen Herrn um Rath. »Bring' ihnen, was sie verlangen,« sagt dieser, »was sie zu viel nehmen, ziehe ich ihnen an ihrer Einnahme ab.« Man bringt dem Orchester Wein, Mongérand schenkt die Gläser voll; er theilt davon dem kleinen Savoyarden, Vater Duhaut und Karl mit. Inzwischen ist der Wirth in den Tanzsaal heraufgekommen und ruft den Musikern zu: »Vorwärts doch, Orchester! Ihr belustigt euch mit Trinken und spielt nicht, so geht's nicht an.« Mongérand begnügt sich, dem Wirth ins Gesicht zu lachen, und führt einen Schlag auf die große Pauke als Zeichen des Anfangs. »Welche Contretänze spielt ihr?« fragte Vater Duhaut. »Die nämlichen!« antwortet Mongérand, seine Halsbinde stolz bis zur Nase hinaufziehend. »Sie sind zu gut, als daß man sie nicht aufs Neue spielen sollte. – Ja,« ruft Karl, bereits etwas erhitzt, aus, »die nämlichen mit Variationen.« Die nämlichen Contretänze werden gespielt: nur fährt diesmal der kleine Savoyarde, der den Wein nicht gewohnt und schon benebelt ist, wie ein Besessener mit seinem Bogen hin und her, damit er noch größern Lärm mache, was ihm von Zeit zu Zeit einen Blick des Beifalls von Seiten Mongérands einträgt. Während der Pauker nach der Quadrille die Gläser seiner Collegen füllt, nähert sich der Wirth dem Orchester mit den Worten: »Man beklagt sich, daß die große Trommel zu viel Lärm mache ... man hört die übrigen Instrumente nicht.« »Wer beklagt sich darüber?« fragt Mongérand, sich mit seinem Glas in der Hand über das Geländer des Orchesters herabbeugend. »Ei, wer sonst, als die Tänzer? – So sagen Sie ihnen, sie sollen sich um ihre Beine bekümmern und uns in Ruhe lassen ... ich werde etwas stärker spielen und damit Punktum. – Aber erlauben Sie mir, mein Herr, mir scheint, daß ich hier der Herr bin ... und wenn ich Ihnen sage, Sie sollen weniger stark spielen, so müssen Sie auf mich hören. – Das wäre närrisch! wir sind Herren in unserem Orchester; gehen Sie nur in Ihre Küche, dort mögen Sie glänzen ... Auf Ihre Gesundheit, lieber Freund!« Höchst mißvergnügt über den Ton von Mongérands Antwort, flüstert der Wirth der Clarinette heimlich zu: »Vater Duhaut! Ihr habt mir da sehr störrische Musiker gebracht ... sie wollen nicht auf mich hören.« Vater Duhaut, durch die vielen ihm zu Theil gewordenen guten Schlucke weich gestimmt, antwortet aber kopfschüttelnd: »Ach, meiner Treue! ... es sind sehr liebenswürdige Künstler ... Sie regaliren mich seit diesem Morgen!« »Voran doch, Musik!« schreit ein kleiner Mann im Stutzfrack, ein alter Kunde des Hauses, der während der Zwischenakte des Tanzes seine Beine und Schenkel beständig bewegt, um sich in Athem zu erhalten. »Das geht ja gar nicht da oben! ... die Musiker trinken nur, statt zu spielen!« »Wer hat da von den Musikern gesprochen?« fragt Mongérand, sich rittlings auf seine Pauke setzend. »Wenn man uns etwas zu sagen hat, so bin ich da, um Antwort zu geben! ... auch um drein zu schlagen, wenn es nöthig ist.« Die Gäste, sowohl Tänzer als Trinker, sahen Mongérand verwundert an; ein Murren läßt sich vernehmen; man findet das Benehmen des Paukers höchst unverschämt, und da es unter den Hausgästen Kerls gibt, welche eben solche Streitköpfe sind, wie Mongérand, so ist schon davon die Rede, in das Orchester hin, aufzusteigen und den Musiker, der sie zu verhöhnen scheint, daraus zu vertreiben. Vater Duhaut hat einige der unter den Tänzern gewechselten Reden gehört, er tappt daher nach dem Hintergrunde ihrer Estrade und sagt zu dem kleinen Savoyarden: »Man muß nicht gleich Alles so übel nehmen und die Tänzer herausfordern ... es ist hier nicht gut, sie zum Zorn zu reizen ...« »Ich, Moussier, ich habe gar nichts genommen! ... Ich habe nur die zwei Gläser getrunken, die man mir einschenkte.– Wer ist denn da?« ruft der Blinde mit dem Fuße stampfend, »läßt man denn Fremde in unser Orchester herauf?« Der Herr des Hauses bemüht sich, die Gäste zu beruhigen und sie glauben zu machen, daß der Pauker mit den Worten, ich bin da um drein zu schlagen, nur von seiner großen Trommel sprechen wollte. Diese Erklärung besänftigt die Gemüther, und diesen Augenblick ergreifend, läuft der Wirth schnell zur Musik und sagt zu Karl: »Herr Violinist, ich fordere Sie auf, den Contretanz augenblicklich anzufangen.« Karl hält es für klug, diesem Verlangen zu willfahren, denn die Blicke der Tänzer sind nichts weniger als beruhigend. Er nimmt seine Violine und sagt zu Vater Duhaut: »Den nämlichen mit andern Variationen!« Die Quadrille wird angefangen; Mongérand bleibt rittlings auf seinem Instrument, was ihn nicht hindert, mitzumachen, indem er gewandt zwischen seinen Füßen hinabpaukt. Doch kaum sind zwei Figuren zu Ende, als mehrere Tänzer ausrufen: »Ha so, das ist immer die nämliche Leier! ... Machen sich die da oben über uns lustig? ... Holla ho! ... Musik! andere Contretänze ... und schneller als diese! ... Etwas Neues ... Hübsches! ...« »Ja, etwas Zierliches! ...« bemerkt der kleine Mann im Stutzfräckchen. »Glauben Sie denn, wir werden es nicht tanzen können? ... – He da, he da! andere Contretänze!« Karl hielt inne, er wendet sich dem Vater Duhaut zu, der sehr geschäftig nach seinem Glase sucht, das er nicht mehr auf dem Boden findet, weil der kleine Baßgeiger sich erlaubte, es während einer Pause zu nehmen und auszutrinken. »Nun bist Du schön in Verlegenheit,« sagte Mongérand, »spiel' ihnen tra la la! ... – O nein, ich weiß andere Contretänze ... Aber werdet Ihr mitmachen können? – Geh doch! geh doch! ich bin meiner Sache sicher. – Und Ihr, Vater Duhaut?« »Ich hatte es unter meinen Sessel gestellt und finde nun nichts mehr! ...« antwortet der Blinde, in seinem Suchen fortfahrend. Karl will die Tänzer nicht länger warten lassen; er fängt eine andere Quadrille an, Mongérand geht mit seinem Instrument den alten Gang fort; der kleine Savoyarde, nunmehr total besoffen, ist nicht mehr im Stande, den Bogen zu führen; Vater Duhaut nimmt seine Clarinette in den Mund, da er aber das von Karl angefangene Stück nicht kennt, so spielt er die Kreuz und Quer kleine Weisen, welche mit der Violine nicht im mindesten zusammenstimmen. Karl thut es in den Ohren weh; zornig blickt er auf den Blinden und ruft ihm zu: »Das geht nicht! ... Seid lieber still!« Allein Vater Duhaut will durchaus accompagniren, Karl ist ganz außer sich, er hält inne; die Clarinette macht's ihm nach; der Contrebaß ist eingeschlafen; Mongérand allein fährt fort, und die Tänzer sind darauf hingewiesen, bei den Soli's der großen Trommel zu figuren. Ein allgemeines Murren erhebt sich im Saal; Aller Blicke sind auf das Orchester gerichtet; ein Mezgerknecht aus der Umgegend ruft Mongérand zu: »Hör einmal, großer Lümmel! ... statt daß Du Dich belustigst, als Bacchus auf Deiner Trommel zu spielen, schweig lieber und laß die Violine und die Clarinette fortmachen ... He da! Fiedler! ... schläfst Du! ...« »Ich bin hier, um die Pauke zu schlagen, und werde nicht schweigen,« antwortete Mongérand, indem er zu den Schlägen auf das Fell der Pauke noch Fußstütze auf das Holz derselben fügt. Diese Rufe werden von drohenden Geberden, Flüchen und Fußstampfen begleitet; man umgibt das Orchester, setzt den Fuß an, um hinaufzusteigen. Karl nimmt seine Violine unter den Arm, der Blinde tappt nach der Treppe umher, der kleine Savoyarde, vom Lärm aufgeweckt, versteckt sich hinter der Baßgeige; Mongérand fährt fort, auf sein Instrument loszuschlagen, indem er dazu singt: » V'là le batringue, que va commencer !« (Nun wird der Lumpentanz den Anfang nehmen!) Der Wirth kam herbei, macht sich Platz durch die Menge, tritt ans Orchester und ruft Mongérand zu: »Ich verbiete Euch, auf diesem Instrument fortzuspielen, und befehle Euch, fortzugehen.« »Ach! ich soll nicht mehr auf Deiner Pauke spielen!« versetzt Mongérand; »nun gut, so soll auch kein Anderer mehr darauf spielen.« Mit diesen Worten thut der alte Husar einen so kräftigen Fußtritt auf die große Trommel, daß das Fell durchlöchert wird, und sich beinahe im nämlichen Augenblick umwendend, tritt er mit einem zweiten Stoß auch die andere Seite des Instruments ein. Ein allgemeines Geschrei erhebt sich in dem Saal; die gewöhnlichen Tänzer und der Wirth selbst kennen sich nicht mehr; die Einen wollen das Orchester von vorn mit Sturm nehmen, die Andern versuchen, durch die kleine Treppe von hinten einzudringen; Mongérand bietet allen Vorderen die Stirn, indem er sich des Holzwerks der Pauke wie einer Keule bedient; Alle, die heraufzusteigen versuchen, treibt er zurück und wirft sie hinab; Karl ruft er zu: »Vertheidige die andere Seite! nimm die Baßgeige als Barrikade und den Vater Duhaut als spanischen Reiter!« Karl versucht Wohl, den Uebergang über die Treppe streitig zu machen, allein Vater Duhaut will nicht als spanischer Reiter dienen. Die Angreifer, von vorn abgetrieben, stürzen sich in Masse auf die hintere Seite; die Baßgeige wird zertrümmert; Mongérand packt den Vater Duhaut und schiebt ihn vor die Treppe mit den Worten: »Haltet den Andrang aus!« Der Blinde schreit, brüllt, indem er ohne Unterschied um sich her schlägt; die Treppe wird erstürmt, Vater Duhaut zurückgeworfen, das Orchester forcirt, und Mongérand so wie Karl in dem Augenblicke arretirt, wo der kleine Savoyarde, an der einen Brüstung des Orchesters hinaufkletternd, auf den Boden hinunter rutscht. Die Kellner und Aufwärter hatten die Polizei zu Hülfe gerufen, damit die Ruhestörer festgenommen würden; die Wache kam herbei, ein Korporal läßt Karl und Mongérand greifen; man führt sie fort auf den Posten, während der kleine Savoyarde durch die Menge sich hinschleicht, die Thüre gewinnt und entrinnt. Dreiundzwanzigstes Kapitel. Er kommt zu spät. Es war erst neun Uhr Abends; Leonie lag im Bette, schlief aber nicht. Die kleine Laura wollte noch wachen, weil ihr Freund Justin da war, und ihr, sie auf seinen Knieen schaukelnd, sehr unterhaltende Geschichtchen erzählte. Justin ward des Erzählens nicht müde, um dem Kinde Freude zu machen und länger bei der Mutter bleiben zu können; Leonie hörte mit zerstreuter Miene zu, lächelte zuweilen und seufzte öfter. Der junge Mann, der bei seinem Sprechen mit Laura jeder Bewegung Leoniens folgte, sagte bald zu dieser: »Fühlen Sie sich diesen Abend unwohler, Madame, Sie scheinen beengt?« »Nein ... nein, Herr Justin, es ist mir gut ... allein mein Mann sagte mir nicht, in welchen Stadttheil er gehe ... wenn ihm etwas zustieße ... so würde ich's nicht erfahren! ... – Ei, Madame, warum sich denn im Voraus beunruhigen? ... Ihrem Gemahl wird nichts zustoßen ... gegenwärtig ist er gesetzt, vernünftig ... er will sich alle Mühe geben, Sie glücklich zu machen ... Ach! er muß so stolz, so glücklich sein, Sie zur Gattin zu haben!« »Sie glauben, Herr Justin? Sie beurtheilen mich zu nachsichtig! ... Sie wissen nicht, daß ein Mann bei seiner Frau das sehr natürlich findet, was Sie Tugenden zu nennen belieben ... ihr Vorhandensein fällt ihm nicht auf, nur ihren Mangel würde er bemerken ... Wenn Sie verheirathet sind, werden Sie vielleicht eben so sein.« »Ich sagte Ihnen bereits, Madame, daß ich mich nie verheirathen werde! ... – Dies in Ihrem Alter zu sagen, ist eine Thorheit! ... – O nein! denn ... ich werde nie eine Frau finden, wie ... eine Frau, welche ...« Justin wagt nicht, seine Gedanken vollends auszusprechen: er schlägt die Augen nieder und schweigt. Nach einer Weile ruft Leonie aus: »Wie langsam meine Kräfte wiederkehren! ... Mein Gott! wann werde ich denn meinen Sohn in meine Arme schließen können! ... Werden Sie bald nach Gagny zu Ihrer Tante gehen, Herr Justin? ...« »Wann Sie wollen, Madame! – Ach! dann wünschte ich, daß es bald geschehen möchte! ... ich fürchte, Sie um Ihre Zeit zu bringen! – Diese ist nicht verloren, wenn ich Ihnen nützlich bin. – Wodurch habe ich denn eine so völlige Hingebung verdient ... Sie kennen uns erst seit so Kurzem? – Lange, ehe ich mit Ihnen sprach, kannte ich Sie, Madame; wenigstens sah ich Sie ... von meinem Fenster aus ... und ich bin der Meinung, daß es Freundschaften gibt, die nicht alt zu sein brauchen, um dauerhaft zu sein ... – Ja, die Zeit trägt nichts zu den Gefühlen bei ... denn es gibt viele alte Freunde, auf welche man nicht rechnen kann! ... Laura, laß unsern Nachbar in sein Zimmer gehen ... es ist Zeit, daß Du zu Bette gehst, meine Tochter ... und ich halte es für unnöthig, auf Deinen Vater zu warten ... er wird ohne Zweifel spät zurückkommen! – Mama, ich habe keine Lust zu schlafen ... Noch ein Geschichtchen, Herr Justin ...« Das gerade wünscht Herr Justin; er will anfangen, als man anklopft. »Man hat geklopft!« sagt Leonie mit einem Gefühl des Entsetzens. »Karl kann's nicht schon sein! ... zudem hat er seinen Schlüssel; wollen Sie nachsehen, Herr Justin!« Der junge Arbeiter öffnet; ein kleiner Savoyarde zeigt sich auf dem Gang. »Ein Kind ist's,« sagt Justin. – »Ah! der Kleine, der sich immer an unsere Thüre stellt!« ruft Laura. – »In der That,« fährt Justin fort, »ich erkenne ihn ... es ist der kleine Savoyarde von unten! ... Ganz recht! was willst Du? ... Was verlangst Du?« »Ich will meine zehn Sous holen!« versetzt der Kleine, ohne näher zu kommen. – »Seine zehn Sous! was soll das heißen? ... laß hören, tritt ein und erkläre Dich!« Der kleine Savoyarde entschließt sich, einzutreten, und Leonie winkt ihm zu sich her. »Du verlangst zehn Sous? Wer ist Dir's denn hier schuldig? – Wahrlich ... Ihr Mann! ... der Portier sagte mir, daß Moussier Karl hier wohne ... Ich kenne Moussier Karl wohl! ich sehe ihn alle Tage aus- und eingehen ... – Ja, gewiß, Herr Karl ist mein Mann, und hier wohnt er ... Wenn er Dir schuldig ist, will ich Dich bezahlen ... Warum kommst Du aber so spät, um Dein Geld zu fordern? – Ha! Drum komme ich von dort außen ... wohin mich Ihr Mann mitgenommen hatte, mit einem andern Moussier, seinem Freund, welcher der Befehlshaber der Musik des Balles war! ... – Was sagt er? ... Mein Mann hatte Dich diesen Abend mit sich genommen? – Ja, Madame, und man sollte mir zehn Sous geben, damit ich auf einem großen Instrument spiele, welches sie Bassa nennen! ... ich sollte bis Mitternacht spielen ... da man sich aber schlug, statt zu tanzen, so bin ich durchgegangen, während sie sich prügelten.« »Mein Gott! Herr Justin, welches neue Unglück zeigt mir dieses Kind da an? ... – Beruhigen Sie sich, Madame, der Kleine weiß vielleicht nicht, was er spricht! ... – O! ... doch ich weiß wohl, was ich spreche! ... weil ich beinahe auch geschlagen worden wäre! ... – Man hat sich geschlagen! Aber wo kommst Du her? wo hast Du meinen Mann gelassen? – Ich komme von der Courtille ... hinter der Barrière von Belleville ... in einem recht schönen Ort, wo es recht warm ist, wo man Wein trinkt und tanzt! ... – Und mein Mann machte Tanzmusik? – Ja, Madame, er spielte auf der kleinen Geige, ein Alter, der nicht hell sieht, blies die Flöte, der Moussier, ein Freund von Moussier Karl, polterte auf einer Trommel herum, und ich strich die Saiten einer großen Geige, die sehr hart war! – Und warum hat man sich geschlagen? – Ah! ich weiß nicht! – Aber mein Mann mischte sich wenigstens nicht in diese Geschichte! – O! ganz im Gegentheil! Moussier Karl und sein Freund prügelten sich am meisten! Der alte Moussier mit der Flöte schrie: er wollte keine Schläge! ... – Ach! großer Gott! was hat er denn wieder gethan! ... Wo hast Du aber meinen Mann gelassen? ... was machte er, als Du fortgingst? sprich! antworte! ...« »Ei! ... als ich zu entwischen suchte, war die Wache gekommen, und man arretirte Moussier Karl, wie ich fortging! ...« »Arretirt! ... Karl! ... ach! mein Gott! ... was hatte er denn gethan? ...« Damit ließ Leonie ihren Kopf auf das Kissen zurücksinken, sie schien das Bewußtsein verloren zu haben; Laura erfaßte den Arm ihrer Mutter, kletterte zu ihr auf das Bett, um ihr Gesicht zu erreichen, und rief: »Mama! Mama! ... mach Dir doch keinen Kummer! ...« Justin bemüht sich, Leonien zu beruhigen und ins Leben zurückzurufen, und verwünscht den Jungen, der diese betrübende Kunde überbrachte. Unbeweglich bleibt der kleine Savoyarde mitten im Zimmer stehen und murmelt vor sich hin: »Potz! ich glaubte, diese Dame werde recht froh sein, zu wissen, daß man ihren Mann arretirt habe! ...« Leonie macht eine letzte Anstrengung: sie nimmt ihre Kräfte zusammen und sagt zu Justin: »Noch einen Dienst ... aus Mitleid, gehen Sie mit diesem Kind! es soll Sie dahin führen, wo mein Mann war, Sie erkundigen sich, was er gethan, was die Ursache seiner Festnehmung ist ... alsdann bemühen Sie sich, zu ihm zu gelangen ... ihn frei zu machen ... gehen Sie ... ich zähle die Minuten! ...« »Ach! Madame, ich bin zu Allem bereit, was Sie wünschen! kann ich Sie aber in diesem Augenblicke allein lassen! ... in diesem Zustand ... lassen Sie mich Jemanden herbeirufen! – Nein, ich bedarf nichts, als Nachrichten von meinem Manne! ... gehen Sie ... ach! säumen Sie nicht länger! ... – Sie wollen es ... ich gehe! Komm, Kleiner, komm, führe mich! ...« Justin entfernt sich mit dem kleinen Savoyarden; Leonie bleibt mit ihrem Töchterchen allein; sie drückt diese in ihre Arme, wobei sie wiederholt ausruft: »O! meine arme Laura! Dein Vater sitzt gefangen ... dies letzte Unglück fehlte uns noch ... das werde ich nicht ertragen können! ...« Die kleine Laura sucht ihre Mutter zu trösten, Leonie gibt sich jedoch den entsetzlichsten Vermuthungen hin; ihr ohnedies schon kranker Geist wird durch diesen neuen Unfall so sehr zerrüttet, daß sie alle Hoffnung, allen Muth verliert, und jeder Augenblick vergrößert noch ihre Angst und ihren Schrecken. Es schlägt elf Uhr, und Justin ist noch nicht zurück. Leonie spricht nicht mehr, sie horcht, lauscht ... ihr Athem ist gedrängt, keuchend ... ja, sie hört die süßen Worte ihrer Tochter nicht mehr, welche mit dem Schlafe ringt, um ihrer Mutter Gesellschaft zu leisten. In dieser düsteren Lage verfließt eine weitere halbe Stunde; endlich hört man Jemand eiligst die Treppe heraufkommen, die Thüre geht auf ... Justin erscheint ... aber ist allein. Leonie stößt einen schwachen Jammerlaut aus und läßt dann ihren Kopf zurücksinken. »Beruhigen Sie sich, Madame,« ruft Justin, dem Bette näher tretend; »Herr Karl läuft nicht die mindeste Gefahr! ich habe ihn gesehen ... ihn gesprochen ... Morgen ... morgen früh wird er Ihnen wiedergeschenkt sein, man hat es mir geschworen! ...« »Ist es wirklich wahr, täuschen Sie mich nicht? – Nein, Madame. Der Gegenstand des Streites ist sehr unbedeutend ... der Herr Mongérand, welcher mit Ihrem Manne war, hat vom Orchester aus, wo er spielte, einige Tänzer beleidigt, höhnisch herausgefordert und dann Löcher in die große Trommel getreten! ... daher der Streit, die Schlägerei, doch nichts Ernstliches, nichts Beängstigendes. Ich bin auf die Wachtstube gegangen, wo man Ihren Gatten zurückhält, ich habe für ihn gutgesprochen, meine Adresse gegeben, dem Wirth Schadenersatz für das Zerbrochene angeboten; der Chef des Postens sagte mir, er könne Herrn Karl diesen Abend noch nicht gehen lassen, morgen soll er aber frei sein! ...« »Und das Alles ist wirklich so ... nicht wahr, Herr Justin? – Ich schwöre es Ihnen bei meiner Ehre! – O mein Gott! ... wie mir das zusetzte! ... Und meine Tochter, meine arme Tochter, welche sich nicht niederlegte und mich zu trösten versuchte! Geh, liebes Kind, leg Dich ins Bett! ... Warte, daß ich Dich noch küsse! ... – Du weinst nicht mehr, Mama? ... – Nein, liebe Laura. – Du wirst auch schlafen? – Ja.« Laura legt sich schlafen; Justin hilft der Kleinen noch, dann kommt er zu Leonien zurück, deren Züge durch die Begebenheiten des Abends ganz verstört scheinen. »Wie befinden Sie sich jetzt, Madame? – Ach! ich habe sehr gelitten! ... im Herzen ... auf der Brust ... überall ... doch es wird vorübergehen. – Sie leiden noch, ich sehe es, Madame! Wollen Sie mir Ihrerseits auch eine Bitte gewähren? – Eine Bitte, ich ... Justin! ... Ach! ... was vermag ich denn für Sie? – Mir erlauben, diese Nacht bei Ihnen zu wachen ... hier unten zu bleiben ... auf diesem Stuhl! ... Sie sind krank ... wenn ich Sie allein, ohne Beistand wüßte, würde ich gar keiner Ruhe genießen! ... Hier wäre ich ruhiger! ... ich muß Ihrem Gatten für Sie bürgen! ... Madame, weisen Sie mich nicht ab! ...« Einige Minuten gibt Leonie keine Antwort, endlich murmelt sie mit einer Stimme, deren Ausdruck etwas Feierliches hat: »Nun gut! ja ... diese Nacht ... bleiben Sie bei mir.« Leonie scheint schöpft, sie schließt die Augen. Zufrieden, daß er sich nicht entfernen darf, setzt sich Justin einige Schritte vor dem Krankenbette auf einen Stuhl; die Lampe richtet er so, daß ihr Schein die Kranke nicht belästigen kann, und überläßt sich seinen Betrachtungen, indem er zuweilen den Kopf aufrichtet, um zu horchen, ob man schlaft, wobei er jeden Athemzug Leoniens zu vernehmen sich bemüht. Es ist drei Uhr Morgens; die Stille, welche bis jetzt im Zimmer geherrscht, wird durch ein dumpfes Stöhnen Leoniens unterbrochen; Justin nähert sich ihr mit der Frage: »Was haben Sie?« »Ich fühle mich sehr übel,« erwiderte die junge Frau mit erloschener Stimme; »die Vorfälle dieses Abends haben mich getödtet! ... ich hatte nicht die Kraft, sie zu ertragen! – Ach, Madame! Sie befinden sich übel! ... ich will Hülfe ... einen Arzt holen! ... – Gehen Sie nicht, Justin ... er käme zu spät ... Bleiben Sie bei mir ... damit ich mit Ihnen spreche ... so lange ich noch die Kraft dazu habe ... – O! Sie werden nicht sterben ... denken Sie nicht daran! ... Nein, Madame! Sie werden nicht sterben! ... O, sagen Sie mir das nicht! – Justin ... ein Arzt wäre unnöthig ... und jede Hülfe ebenfalls! ... Mein Leben erlischt ... ich fühle es wohl. – Madame! Erbarmen! ... O! sehen Sie ... ich werde Ihnen beizustehen ... Ihnen alles Nöthige zu geben wissen ... O, es ist nichts! ... eine Schwäche ... aber sterben ... Sie ... kann das sein? ...« Damit rennt Justin wie wahnsinnig im Zimmer umher, wobei er in den Arzneikolben und Mixturen, welche Leonie gewöhnlich nahm, suchte; dann kommt er zurück; wirft sich vor ihrem Bett auf die Kniee, und benetzt die Hand der jungen Frau mit seinen Thränen. »Justin! ... Sie beweinen mich, Sie! ... Und meine Tochter ... sie schläft ... Ach! man darf sie nicht aufwecken. Laura ... Felix! Sie werden sie nicht verlassen, Herr Justin, nicht wahr? ... – Aber Madame, Sie werden nicht sterben! o, sagen Sie mir, daß Sie nicht sterben! – Karl wird zu spät kommen! ... Justin ... ich danke Ihnen für Alles, was Sie an mir gethan haben ... Gerne hätte ich noch meinen Sohn sehen, küssen, an mein Herz drücken mögen! ... mein armer Felix! ... Er ist nicht mehr krank ... nicht wahr? ... Sie haben mir's gesagt ... doch ... ich will noch einmal zu Gott beten für ihn! ...« Leoniens Stimme erlosch; bald hört sie auf, verständlich zu werden, dann läßt sich auch kein Laut mehr hören, und die Hand, welche Justin in der seinigen hält, wird starr und kalt ... Lange, sehr lange bleibt der junge Arbeiter vor dem Schmerzenslager auf den Knieen. Noch immer hält er Leoniens Hand zwischen den seinigen gepreßt, er drückt sie, bedeckt sie mit Küssen, mit Thränen, vermag sie jedoch nicht zu erwärmen; noch immer rief er Leonien, als sie ihn schon lange nicht mehr hören konnte; endlich malt sich eine düstere Niedergeschlagenheit in Justins Augen. »Sie ist gestorben!« ruft er aus ... »und unglücklich gestorben! ... O mein Gott! was soll ich jetzt anfangen, da ich sie nicht mehr sehen werde!« In seiner Verzweiflung stößt er seine Stirne gegen die Pfeiler des Bettes, schluchzt und bleibt bis es Tag wird vor demselben, während Laura, unbekannt mit dem Verlust, der sie betroffen, nur einige Schritte von ihm einen friedlichen und sanften Schlummer genießt. Es war schon ziemlich lange Tag, als man die Vorthüre der Wohnung öffnete; Karl ist's, welchen der Chef des Postens endlich freigelassen hat. Leise tritt er herein, in der Meinung, seine Frau schlafe noch. Er erblickt Justin auf den Knieen, die Stirne auf den Rand des Bettes gelehnt ... und endlich erblickt er seine Frau ... Anfangs hat Karl keine Ahnung der entsetzlichen Wahrheit; als diese jedoch ihm unzweifelhaft vor Augen liegt, überläßt er sich der heftigsten Verzweiflung; er bricht in Verwünschungen gegen das Geschick, gegen sich selbst aus. Justin ist genöthigt, seinen eigenen Schmerz zu vergessen, um den seinigen zu besänftigen: »Sie wecken Ihre Tochter auf,« sagt er zu Karl, »bedenken Sie, daß die arme Kleine nur noch Sie hat!« Laura schlug die Augen auf und ihr erstes Wort rief ihre Mutter. Justin nimmt die kleine in seine Arme; er will ihr ein zu schmerzliches Schauspiel entziehen, und trägt sie in sein Zimmer; aber Laura fragt beständig nach ihrer Mutter; sie hört das Jammern ihres Vaters und ihr dem Alter vorangeeilter Verstand läßt sie den ganzen Umfang ihres Verlustes ermessen. Da es Justin nicht gelingt, ihren Schmerz zu stillen, so bittet er Karl, bei seiner Tochter zu bleiben, allein will er an Leoniens Seite wachen, abermals allein es über sich nehmend, daß ihr die letzten Ehren erwiesen werden, denn Karl hatte weder den Muth noch die Mittel dazu: Justins Freundschaft nimmt nicht ab am Tage des Unglücks; sie scheint im Gegentheil neue Kräfte zu gewinnen, und doch ist sein Herz nicht das wenigst zerrissene. Fünf Tage sind seit Leoniens Tod verflossen. Karl und seine Tochter blieben fortwährend in Justins Zimmer; noch hatten sie nicht den Muth gehabt, das Gemach zu betreten, wo der Eine die Gattin, die Andere die Mutter vergeblich suchen sollten; gleichwohl entschließt sich Karl eines Morgens, um die Gefälligkeit des jungen Arbeiters nicht zu mißbrauchen, zur Rückkehr in seine Wohnung. Beim Anblick der Orte, wo er seine Frau zum letzten Male gesehen, fühlt Karl seine Kräfte schwinden, kraftlos sinkt er auf einen Stuhl. Laura, welche ihrem Vater folgte, geht vorsichtig, als wenn sie noch immer fürchtete, ihre Mutter aufzuwecken. Sie meint, das Vergangene sei nur ein Traum; eilends nähert sie sich dem Betts und schlägt die Vorhänge auseinander ... Jetzt erst bricht ihr Schluchzen aus und mit dem Rufe: »Sie wird also nicht wieder kommen!« überläßt sie sich ihrem Wehklagen. Justin hat nicht die Kraft, sie zu trösten; er vermag nicht zu sprechen, und doch kam er seit Leoniens Tod täglich hieher, um die Orte wieder zu sehen, die sie bewohnte. Man verlebt höchst traurige Tage in der Mansarde, wo die sanfte, schöne Frau nun nicht mehr weilt. Die Gegenwart der von uns geliebten Person reicht hin, Glück, Licht und Leben über unsere ganze Umgebung zu verbreiten. Sie ist die Leuchte, welche den Pfad des Pilgers erhellt; erlischt sie, so ist Alles um ihn her trübe und finster. Karl gibt sich einer düstern Fühllosigkeit hin, und wenn er auf seine Tochter blickt, so zieht sich seine Stirne noch mehr in Falten; er zittert für die Zukunft seines Kindes. Justin sorgt für die kleine Haushaltung, er arbeitet, ernährt, tröstet; doch spricht Karl zuweilen bei sich selbst: »Das kann nicht immer so fortgehen.« Es sind nun drei Wochen, daß Leonie nicht mehr ist, als eines Morgens stark an die Thüre gepocht wird. Karl öffnet: ein noch junger Mann zeigt sich, dessen schwarzbraunes Gesicht von den brennenden Strahlen der Sonne gefärbt scheint; seine etwas rauhe Physiognomie ist indeß nicht ohne Reiz. Sein Anzug ist einfach, kündigt jedoch Wohlhabenheit an; rasch tritt derselbe in das Zimmer. »Wohnt hier Madame Karl Darville?« Verwundert blickt Karl den Unbekannten an und murmelt: »Madame ... Darville ... Sie fragen ... nach Leonien? ...« »Ei freilich! gewiß! nach Leonien, meiner guten Leonie, meiner Schwester, die ich seit sehr langer Zeit nicht mehr gesehen habe! ...« »Ihre Schwester ... wie! mein Herr ... Sie wären ... – Adrian Formerey ... Leoniens Bruder, von dem sie gewiß öfters gesprochen hat, wenn Sie, wie ich denke, ihr Gatte sind ... – O! ja! mein Herr ... ja, sie sprach häufig von Ihnen! sie hatte Sie nicht vergessen! ... – Aber wo ist sie denn? ... ich brenne vor Verlangen, sie zu umarmen ... Nun ... warum dieses Schweigen? ... diese Thränen? ... – Leonie ist nicht mehr ... seit drei Wochen habe ich sie verloren ... – Ach, mein Gott! ... todt! ... meine arme Schwester!« Adrian hält sein Taschentuch vor die Augen und bleibt einige Minuten stille. Endlich fährt er, im Zimmer rings umher blickend, fort: »Leonie ist gestorben ... und vor Kummer ... vor Elend vielleicht ... denn ich weiß Alles, mein Herr! als ich nach Frankreich zurückkam, mich für die Zukunft hier festzusetzen, zog ich Erkundigung ein über meine Schwester, über ihren Gatten ... über Alles, was dieser gethan hat; und was ich vernommen, gereicht nicht zu Ihrem Lob! Der elende Winkel, in welchem meine Schwester gestorben ist, beweist mir, daß ich nicht getäuscht worden bin ... Herr Darville, Sie vergaßen, daß man Ihnen das Glück, die Zukunft eines mit allen Tugenden begabten Weibes anvertraut hatte! ... Doch zu was noch Vorwürfe? ... meine arme Schwester! ... ich kam zu spät! ... Sie hatten Kinder, wie man mir sagte? ...« »Meinen Sohn hab' ich verloren,« erwiedert Karl, der die Augen nicht mehr zu Adrian zu erheben wagt, »jetzt habe ich nur noch eine Tochter von sechs Jahren.« »Wo ist sie denn?« Die kleine Laura, durch die Gegenwart des Fremden erschreckt, hatte sich in einer Ecke des Zimmers versteckt, ihr Vater holt sie hervor und führt sie vor ihren Oheim, der sie betrachtet, dann in seine Arme nimmt und mit Küssen bedeckt: »ich bin Dein Onkel« ... sagt er zu ihr, »ich will auch Dein Vater sein ... nicht wahr, Du wirst mich lieben? denn ich werde Dich recht sehr lieben.« »Ja, mein Herr ... – Nenne mich Deinen Onkel. – Ja, mein Onkel,« versetzt Laura, schon beruhigt und günstiger für den Unbekannten gestimmt; Kinder lassen sich leicht durch Liebkosungen verführen. Nachdem Adrian die kleine Laura nochmals geküßt hat, stellt er sie auf den Boden und sagt zu Karl, fortwährend seinen barschen, kurzen Ton beibehaltend: »Herr Darville, ich habe lange die Welt durchwandert; ich wollte mir ein glänzendes Vermögen sammeln und dachte, man dürfe sich zu diesem Behuf einige Mühe geben. Anfangs begünstigte mich das Schicksal, doch ein Schiffbruch mit meinen Waaren betrog meine Hoffnung. Uebrigens mit der letzten Erbschaft meines Oheims habe ich mir in kurzer Zeit fünftausend Franken Renten erworben; dies ist nicht viel ... doch genug, um davon zu leben, ohne fremder Hülfe zu bedürfen. Neue Unfälle fürchtend ... weniger ehrgeizig, vielleicht auch des herumirrenden Lebens müde, komme ich zurück nach Frankreich, mich festzusetzen. Ich hoffte, meine Schwester hier zu finden ... sie ist nicht mehr ... Ich weiß, daß Sie seit mehreren Jahren nichts mehr treiben ... meine arme Leonie ist in einem Dachboden gestorben ... wollen Sie hier ihre Tochter erziehen? ... – Mein Herr ... – Ich spreche vielleicht rauh mit Ihnen, allein ich verstand nie zierliche Phrasen zu machen; ich komme zur Sache: Haben Sie jetzt Arbeit ... eine Anstellung? – Nein, mein Herr ... – Und was soll aus diesem Kinde werden? Es darf nicht unglücklich sein, wie seine Mutter. Ich mache Ihnen nun folgenden Vorschlag: Sie übergeben mir Laura ... übergeben sie mir aber ganz und gar ... treten mir alle Ihre Rechte auf sie ab ... ich will solche nur zu ihrem Glück gebrauchen. Von heute an verpflichte ich mich, mich nie zu verheiraten, meiner Nichte mein ganzes Besitzthum zu hinterlassen und ihr zwei Dritttheile meines Vermögens zur Ausstattung zu geben ... – Ach! mein Herr, welche Güte! – Nur mache ich eine Bedingung dabei ... diese ist ... daß Sie nicht einmal kommen, Ihre Tochter zu besuchen; denn ich verhehle Ihnen nicht, der Anblick des Mannes, der meine Schwester so unglücklich machte, ist mir widerlich, und ich sehe keine Notwendigkeit, irgend eine Verbindung mit Ihnen zu unterhalten! ... – Wie, mein Herr, mich für immer meiner Tochter berauben ... ? Und wenn mir das Schicksal eines Tages weniger entgegen wäre ... wenn ich durch Arbeit einen Theil des Verlorenen wieder erlangte, würden Sie mir da die Zurückgabe meiner Laura verweigern? – Nein, mein Herr ... dies ist nicht mein Gedanke, und ich will Ihnen sogar die Mittel geben, aus Ihrer gegenwärtigen Lage herauszukommen. Kehren Sie eines Tags zu mir zurück mit dem Beweise, daß Sie eine andere Lebensweise zu führen verstehen, daß Sie im Stande sind, Ihre Tochter zu erziehen, auszustatten: – im Augenblick lege ich sie wieder in Ihre Arme ... so lange Sie ihr jedoch nur Jammer und Elend zu bieten haben, bleibt sie bei ihrem Onkel. Dies sind meine Bedingungen; jetzt gehe ich zu einem Notar, um den Ankauf eines in Pierresitte befindlichen Hauses vollends ins Reine zu bringen; dorthin will ich mich zurückziehen, dorthin werde ich meine Nichte führen und mich ganz der Sorge für ihre Erziehung widmen. Denken Sie darüber nach, diesen Abend komme ich wieder, Ihre Antwort zu vernehmen.« Noch einmal drückt Adrian die kleine Laura in seine Arme, grüßt Karl durch ein Kopfnicken und geht rasch hinweg, wiederholend: »Auf diesen Abend!« Düster und sinnend bleibt Karl auf seinem Sessel zurück, sein Herz zieht sich zusammen, wenn er auf seine Tochter blickt; allein er spricht bei sich selbst: Es geschieht zu ihrem Glück ... Justin kann nicht immer für uns sorgen ... und wenn mir mein Schwager außerdem noch die Mittel gibt, etwas anzufangen, so bin ich sicher, mich zu bereichern! ... man hat nicht immer Unglück ... Dann komme ich wieder, fordere meine Tochter zurück, und er wird sie mir geben, ... und als Aussteuer soll sie Alles erhalten, was ich erworben ... denn ich hänge nicht am Geld! das Glück meiner Tochter ist mein einziger Wunsch!« Nach dem Essen kommt Justin wieder; Karl setzt ihn von dem erhaltenen Besuch und dem Vorschlag seines Schwagers in Kenntniß. Dem jungen Arbeiter entfährt ein Freudenschrei bei der Nachricht einer für Laura so glücklichen Begebenheit; er nimmt sie behende in seine Arme, küßt sie und sagt: »Arme Kleine, ich werde Dich nicht mehr sehen, doch wirst Du glücklich werden; Deine Zukunft ist gesichert, und es scheint mir, daß der Schatten Deiner Mutter vor Freude zittert! ... nicht wahr, Herr Karl, Sie haben eingewilligt?« »Diesen Abend wird Laura's Oheim kommen, meine Antwort zu erfahren ... Glauben Sie, Justin, es falle mir nicht schwer, mich von meiner Tochter zu trennen? ... sie ist noch mein einziges Gut! – O! ja, mein Herr, ich fühle, es muß hart sein? ... Doch der Gedanke, daß es ihr an nichts mehr fehlen wird, daß sie eine Erziehung erhält ... welche Sie ihr nicht würden geben können, dieser Gedanke muß Ihren Schmerz lindern. – Gewiß ... und da sich überdies mein Schwager verbindlich macht, mir meine Tochter zurückzugeben, sowie ich eine Ausstattung für sie habe, so schmeichle ich mir, sie bald wieder zurückzuerhalten.« Die kleine Laura hörte diesem Gespräche zu, aber sie verstand nicht, was man vorhatte; ihr Vater rief ihr und sagte: »Meine Tochter, Du wirst mich verlassen, um bei Deinem Onkel zu wohnen ... bei dem Herrn, der diesen Morgen hier gewesen.« »Ich mag Dich nicht verlassen!« versetzt Laura, ihre kleinen Arme um ihres Vaters Hals schlingend. »Du wirst sehr glücklich werden, liebe Freundin ... Dein Onkel wird Dir geben, was Du wünschest ... Du bewohnst ein schönes Haus ... er hat einen schönen Garten dabei, wo Du springen und Dich belustigen kannst.« »Ich mag Dich nicht verlassen!« wiederholt Laura, sich fester an ihren Vater anschmiegend. »Laura,« sagte Justin, »Sie sind schon verständig ... und lieben Ihre Mama sehr, wenn sie noch lebte, würde es sie recht freuen, Sie mit Ihrem Onkel gehen zu sehen ... doch auch von dort, wo sie ist, muß sie es wünschen ... – Ah! es wird also meiner Mama noch Vergnügen machen? – Ja.« Die Kleine sagt nichts mehr; sie ist tief betrübt, wagt aber nicht zu weinen. Der Abend kommt heran, und Leoniens Bruder läßt nicht auf sich warten. »Nun denn,« redet er Karl an, »wozu haben Sie sich entschlossen? – Nehmen Sie sie hin, mein Herr ... ich bin zu Allem bereit. – Gut ... seien Sie versichert, daß ich Alles thun werde, ihr ein glückliches Loos zu bereiten. Hier, mein Herr, nehmen Sie diese Brieftasche ... sie enthält dreitausend Franken ... ich hatte nicht so viel, als ich meine Reisen antrat ... Wenn Sie mir folgen, so gehen Sie nach New-York oder nach Batavia; dort kann man sein Glück neu gründen ... Auf, meine kleine Laura, komm ... wir wollen gehen ... – Wie, mein Herr, jetzt schon!« rief Karl entsetzt. – »Ei! was soll das Zögern? ein Wagen wartet unser ... Wer ist der junge Mann, der da unten weint? – Ein junger Arbeiter, der uns die aufrichtigste Anhänglichkeit bezeigte; während Leoniens Krankheit versah er uns mit allem Nothwendigen ... seit ihrem Tod ist's abermals er, dem wir Alles verdanken.« Adrian tritt Justin näher, streckt ihm die Hand entgegen und drückt die seinige herzlich mit den Worten: »Für solche Dienste gibt es keinen Dank ... Wenn Sie Laura sehen wollen, so kommen Sie nach Pierresitte, zu Adrian Formerey, dort werden Sie stets willkommen sein ... Wohlan, meine Nichte, laß uns gehen.« Weinend umfing Laura ihren Vater mit ihren Armen, sie konnte sich nicht zur Trennung von ihm entschließen. Justin nimmt sie am Arm, führt sie ihrem Oheim zu und flüstert ihr ganz leise ins Ohr: »Denken Sie an Ihre Mutter!« und das arme Kind läßt sich von ihrem Onkel wegbringen. Einen Theil des Abends bringt Karl mit Wehklagen, hierauf mit Pläneschmieden für die Zukunft zu. Justin leistet ihm Gesellschaft, mehr der Erinnerung an seine Frau wegen, als aus Freundschaft, denn er konnte keine Anhänglichkeit an den Mann haben, welcher Leonie so unglücklich gemacht hatte. Am folgenden Morgen ging Justin an seine Arbeit, nachdem er noch zu Karl gesagt: »Glauben Sie mir, mein Herr, folgen Sie dem Rath Ihres Schwagers und reisen Sie nach Ostindien oder Amerika ... erstlich wird Sie das von Ihrem Kummer zerstreuen; alsdann laufen Sie dort nicht Gefahr, Leuten zu begegnen, welche Sie auf andere Gedanken bringen.« Nicht lange, so geht Karl aus: »In der That, spricht er bei sich selbst, man darf nicht immer in Verzweiflung sein, das führt zu nichts ... ich muß mir ein anständiges Vermögen er, werben ... Nun, wir wollen einen Platz nach Havre bestellen, von wo aus ich mich nach Ostindien einschiffe.« Noch ist Karl keine zweihundert Schritte von seiner Wohnung entfernt, als er sich von Jemand am Arm gefaßt fühlt: es ist Mongérand, mit einem modernen Hut auf dem Kopf und einem neuen Rock. »Ha! Donnerwetter, da bist Du, welches Glück! seit acht Tagen laure ich auf Dich, ich glaubte, Du wollest leben wie die Maulwürfe ... und die Schnauze nicht mehr an das Tageslicht bringen ... – Ach! Mongérand ... seit wir uns nicht mehr gesehen ... habe ich herben Kummer gehabt! ... – Ich, ich im Gegentheil nur Glück! ... – Meine arme Frau ist gestorben! ... – Das betrübt Dich, ich gebe es zu ... aber die meinige ist gleichfalls gestorben, und dies ist's, was mich freut! ... – Ach! Leonie war so gut! – Das ist richtig ... ihr hattet euch lieb, ihr paßtet für einander ... Du betetest sie an, und hattest Recht; aber Du hast sie auch so glücklich als möglich gemacht ... hast immer gut an ihr gehandelt, Dir demzufolge keine Vorwürfe zu machen ... und wenn Du zehn Jahre um sie weinen würdest, so brächte sie das doch nicht mehr zurück. Ich hingegen verabscheute meine Gattin, die es mir reichlich heimgab ... ich kann sie also nicht bedauern ... Was ich bedaure, ist, daß sie nicht einige Monate früher gestorben ist, weil ich dann Flora Tigré geheirathet hätte, welche jetzt die Frau eines Lichterfabrikanten ist ... doch, ich werde eine Andere finden! ... und meine Verewigte hinterließ mir ein hübsches kleines Sümmchen ... zweihundert Louisd'ors, welche sie vor ihrem Tode keine Zeit mehr gehabt hatte. Andern zu schenken, ich habe nun diese süße Frucht ihrer Ersparnisse eingezogen ... Ich bin bei Geld ... bin Wittwer! und wenn ich nicht vergnügt wäre, müßte ich einen sehr schlechten Charakter haben!« »Der Bruder meiner Frau, der nach Frankreich zurückgekommen, hat mir das Anerbieten gemacht, meine Tochter zu sich zu nehmen ... sie zu seiner Erbin zu machen ... ich habe eingewilligt ...« »Daran thatest Du wohl, nun bist Du frei, wie der Vogel in der Luft; ich mache Dich zum Theilhaber an meinem Glück. – Mein Schwager, der mich in den Stand setzen wollte, etwas anzufangen, nöthigte mich, tausend Thaler anzunehmen ... – Du hast tausend Thaler ... ich zweihundert Louis! ... Lieber Freund, da sind wir die zwei besten Partien von Frankreich ... – O! ich will durchaus Geld verdienen, um meine Tochter zurückzufordern ... ich verlasse Paris .. und gehe nach Ostindien ... – Ah! Teufel! ... wie hoch Du hinaus willst! ... Laß uns reisen, es sei; aber sogleich nach Indien! ... dort ist's ein wenig heiß! Glaub' mir, wir wollen zuerst nach England; ich habe irgend einer Lady den Kopf zu verdrehen; sie muß eine Million haben, mich heirathen, davon gebe ich Dir die Hälfte und Du hast dann nicht nöthig, Dich in den Niagara zu stürzen. – Aber was soll ich in England thun ... – Du issest Plumpudding . – Doch ... ich wollte ... – Nachher gehen wir, wohin Du willst ... Eine kleine Reise nach England kann uns nicht schaden! ... Nun, Karl, Du siehst, ich bin ein guter Kerl; hoffentlich wirft Du es ebenfalls bleiben ... Komm, wir bestellen unsere Plätze nach Calais.« Mongérand schiebt seinen Arm in den Karls, sie entfernen sich zusammen. In einer nahegelegenen Straße kommt ein junger Mann bei Ihnen vorüber; er blickt sie an, bleibt stehen; Karl schlägt die Augen nieder und beflügelt seine Schritte. Es war Justin, welcher, Karl Arm in Arm mit Mongérand sehend, betroffen stehen geblieben war. Vierundzwanzigstes Kapitel. Acht Jahre später. – Spaziergang auf dem Père-Lachaise. Die Zeit verstrich, Adrian Formerey hat sein Versprechen gehalten; jeden seiner Augenblicke weihte er seiner Nichte, die er liebt, als wäre sie sein eigen Kind, er hält ihr Lehrer und läßt sie unter seinen Augen lernen, denn er will sie nicht von sich entfernen. Anfangs war Laura nach der Trennung von ihrem Vater traurig gewesen; nach und nach führte die zärtliche Sorgfalt, die Freundschaft ihres Oheims, der Aufenthalt in einem schönen Hause, der Genuß eines herrlichen Gartens wieder Freude in ihr Herz und freundliches Lächeln auf ihre Lippen. Es ist ganz natürlich, daß ein Kind seine ersten Neigungen vergißt ... wie selten doch sind wir ihnen im reiferen Alter treu! ... doch fragte Laura öfters um Nachricht von ihrem Vater; aber Adrian ward alsdann ernster und erwiderte kurz: »Ich weiß nicht, wann er wiederkommen wird.« Dagegen hörte Leoniens Bruder sehr gerne, wenn sie von ihrer Mutter sprach; er ließ seine Nichte die geringfügigsten Umstände, welche ihr Gedächtniß ihr zurückrief, wiederholen; mit Rührung hörte er ihr zu, wobei er zuweilen ausrief: »Arme Leonie!« hierauf nahm er Laura in seine Arme und küßte sie, hinzufügend: »Du wirst gut und liebenswürdig werden, wie sie! ... aber Du sollst glücklicher sein.« Laura wuchs heran, von Tag zu Tag ward sie schöner, ohne daß sie darum an Sanftmuth, Gefühl und Dankbarkeit verlor; sie machte das Glück ihres Oheims, Alle, die sie kannten, liebten sie. In der angenehmen Zurückgezogenheit, welche ihr Oheim gewählt hatte, verfloß ihre Jugend friedlich unter Studien und unschuldigen Vergnügungen; nichts störte fürder den Frieden ihrer Tage, und Adrian sagte oft in ihren Anblick versunken: »Armes Kind! ich wußte wohl sicher, daß er nicht käme, Dich zurückzufordern!« Justin hatte die Erlaubniß von Laura's Oheim, Leoniens Tochter zu besuchen, benützt; und Adrian Formerey hieß den jungen Arbeiter stets aufs Freundlichste willkommen. Als dieser sich jedoch überzeugt hatte, daß Laura glücklich sei, daß sie die Unfälle ihrer ersten Jahre vergessen habe, da ging er weniger häufig zu ihr und machte ihr endlich nur noch seltene Besuche; denn Laura's Anblick riß stets aufs Neue die Wunden des armen Justin auf. An einem schönen Septembermorgen schritten zwei Männer auf der Straße nach Paris bei der Barrière von Clichy vorwärts; sie waren schmutzig, schlecht gekleidet und schlecht beschuht, der Eine bleich und abgezehrt, hatte die Augen auf den Boden geheftet, seine Züge verkündeten Leiden und Muthlosigkeit; der Andere, wiewohl sein Kostüm um nichts reicher war, trug Kopf und Nase hoch, hatte den Hut herausfordernd auf der Seite sitzen und drehte eine schlechte Weidengerte in seiner Hand. Im Augenblicke, wo sie die Varrière passiren sollten, hielt der Erstere an und rief: »Nein! ... so wie ich hier bin, trete ich nicht in Paris ein ... und noch dazu beim hellen Tage ... wenn ich von einem alten Freunde erkannt würde ... Ha, Mongérand! das ist also der Erfolg jener schönen Plane, die wir vor acht Jahren uns bildeten, als wir Paris verließen! ... Warum mußte ich Dir damals begegnen! Dich anhören! ... Hätte ich den Rath von Leoniens Bruder befolgt, käme ich jetzt vielleicht reich zurück! ...« »Willst Du Deine Jeremiaden wieder anfangen, Karl? Donnerwetter, Du wirst höchst langweilig. Wir haben kein Glück gemacht! ... ist das mein Fehler? ... in England war ich auf dem Punkt, zwanzig Frauen zu heirathen ... ich weiß nicht, warum sie alle im entscheidenden Augenblicke anderen Sinnes wurden. In Deutschland ging's nicht übel; aber die eigensinnigen Deutschen sind teufelmäßig streitsüchtig! ich war unaufhörlich genöthigt, mich zu schlagen! ... ich, der nur den Frieden liebt ... Hierauf haben wir Italien, die Alpen, einen Theil Böhmens durchwandert ... o! wir haben manches Land gesehen ... das Reisen ist belehrend, es wird uns gut kommen ... wir sind keine Unbesonnene mehr ... Wenn Du willst, so schreiben wir unsere Reisen zur Belehrung der Jugend.« »Und meine Tochter ... meine arme Laura! ... seit acht Jahren habe ich sie nicht gesehen ... ach! sie wird wohl nicht mehr an mich denken! ... und ich habe kein Recht, sie von ihrem Onkel zurückzufordern.« »Wie mir scheint, ein großes Glück für sie ... was Teufel würdest Du mit Deiner Tochter machen? ... Nun, vorwärts! ...« »Ich mag noch nicht nach Paris hinein. Ich bleibe an den äußern Boulevards ... geh' wohin Du willst ... laß mich ...« »Ist er drollig! ... was gibt's denn heute ... man möchte sagen, er mache den Trotzkopf! ...« Karl gibt keine Antwort. Längs den neuen Boulevards geht sein Weg; Mongérand folgt ihm in der Entfernung von einigen Schritten, indem er allein das Gespräch fortsetzt: »Noch sind wir nicht ohne Hülfsquellen ... erstlich hab' ich noch sieben Franken in der Tasche ... Du besitzest noch immer Dein Talent auf der Violine ... das uns mehr als einmal in fremden Landen nützlich gewesen ... außerdem habe ich diese schöne Tabaksdose von Schildkrötenschale mit goldenen Scharniren, welche mir meine letzte Eroberung gegeben, und dieses Paar Pistolen, ein Geschenk des alten Militär für die Leitung des Orchesters bei seiner Hochzeit; dieser brave Mann sagte zu uns: Sie werden Euch unterwegs zu Eurer Vertheidigung dienlich sein ... Meine erste Sorge in Paris soll sein, die Pistolen oder die Tabaksdose zu verkaufen, um Dir eine Violine anzuschaffen ... dann gründe ich einen freien Ball auf Subscription ... sechs Franken monatlich; man tanzt alle Tage und kann dabei rauchen. He, was sagst Du dazu ... Karl? ... Ha, Donnerwetter! wenn Du taub wirft, kannst Du meinen Ball nicht gut leiten.« Karl geht seines Weges fort und antwortet nicht mehr. Als sie bei der Barrière von Ménilmontant vorüberkamen, stößt Mongérand einen Schrei aus und faßt Karl mit den Worten beim Arm: »Welches hübsche Zusammentreffen! sieh einmal das Paar an, das hier heraufkommt ... erkennst Du sie an ihrem griesgrämigen Gesicht? ... Rozat ist's ... Rozat mit seiner Frau ... sie hatten einander verlassen, und werden jetzt wieder beisammen sein ... – Ei, was kümmern mich diese Leute? – Ich will Ihnen ein Paar Worte sagen.« Mongérand bleibt stehen, Karl setzt seinen Weg fort. Herr Rozat und seine Frau kamen gegen Ménilmontant herauf. Ihre Toilette ist sehr einfach und zeugt nicht mehr von Wohlhabenheit. Der Herr stützte sich auf seinen Stock, Madame trug etwas in einem Tuche. Der erstere brummte, daß Madame sich an ihn hängte, und die letztere, daß sie ein Paket tragen mußte. Mongérand stellte sich vor sie hin, mit dem Ausruf: »Guten Tag, alte Turteltauben! ...« Herr und Madame Rozat hielten mit einer Bewegung des Staunens an und wollten dann seitwärts abbiegen. »Lassen Sie uns doch gehen, mein Herr, wir kennen Sie nicht,« antwortet Rozat trocken. »Ah! Du erkennst mich nicht, schöner Blondkopf! nun wohl, ich kenne Dich, obgleich Dir der Name schöner Blondkopf nicht mehr ansteht; denn Du bist seit acht Jahren gewaltig häßlich geworden! ... Und auch Madame hat sich zu ihrem Nachtheil sehr verändert; ich sage es nicht, um ihr ein Compliment zu machen! Gott! wie alt seid ihr Beide geworden! ...« »Ah! ... das ist, glaube ich, Herr Mongérand ... – Er selbst, lieber Freund, der, wie Ioconde, lange Zeit die Welt durchwandert hat ! Ihr habt Euch wieder ausgesöhnt, zärtliches Paar?« »Ja!« versetzt Madame Rozat mit ironischer Miene, »nachdem der Herr sein Alles mit Weibsleuten durchgebracht hatte, kam er zu mir zurück ... und jetzt muß ich seinen Rheumatismus pflegen. – Ihr seid Beide recht rührend ... Hört einmal, ich werde einen Ball auf Subscription eröffnen, und da es mir vorkommt, als könnet ihr das Tanzen gut brauchen, so biete ich Euch ein Abonnement an. – Was bedeuten diese schlechten Witze? Laßt uns gehen, mein Herr, wir haben Eile, man erwartet uns. Nun, Madame, vorwärts! – Ihr wollt nicht subscribiren? so lebt wohl, liebenswürdiges Ehepaar; auf Ehre, ihr dauert mich, daß ihr so abscheulich häßlich geworden seid, so arg ist's denn doch nicht erlaubt.« Rozat und seine Frau entfernen sich, Mongérand zum Teufel wünschend; dieser folgt dem von Karl eingeschlagenen Weg, holt ihn aber erst vor dem Eingang des Gottesackers du Père-Lachaise ein, wo Karl stehen geblieben ist und in Betrachtungen versunken scheint. »Was machst Du da vor diesem Kirchhof? – Ich denke, daß hier die Ruhestätte meiner Gattin und meines Sohnes sei! ich habe Lust, einzutreten. – In was soll das gut sein? ... wenn man's nicht anders machen kann, ist's noch Zeit genug, da einzutreten ... da gehe ich lieber in diese Weinschenke, die ich dort unten erblicke. – Und ich will in den Kirchhof. – Nach Belieben.« Mongérand nimmt die Richtung nach einer Weinkneipe und Karl geht mit bewegtem Herzen, feuchten Augen, langsam, feierlichen Schrittes in das große Feld der Ruhe. Es liegt in dessen Umkreise etwas Imposantes, Ergreifendes, etwas, das uns in Nachsinnen versenkt. Wer vermöchte fühllos zu bleiben bei dem Anblick dieser Gräber, dieser Kreuze, dieser Denkmäler der Achtung und der Liebe? Warum müssen aber zuweilen lächerliche oder prahlerische Inschriften selbst hier auf dieser Stätte der Todten an die Thorheit oder die Eitelkeit der Lebenden erinnern? Ihr, die ihr beklommenen Herzens unter diesen Gräbern wandelt, die ihr aber noch keinen Gegenstand eurer innigen Liebe zu beweinen hattet, ermesset, mit welchen Empfindungen man eine Gattin oder einen Sohn hierher geleiten muß; wenn es aber noch einen herbern Schmerz gibt, so ist's gewiß der, wenn man nicht weiß, wo die Asche unserer Lieben ruht, um vor ihrem Grabe niederknien und ihrem Gedächtniß einige Blumen weihen zu können. Solchen Schmerz empfindet Karl in diesem Augenblicke; er beneidet die Frauen, die jungen Gatten, welche das letzte Asyl des Gegenstandes ihrer Zärtlichkeit besuchen; neidisch folgten ihnen seine Blicke; die Einen legen Kränze auf dem Grabstein nieder. Andere pflücken eine Blume, welche innerhalb des umzäunten Raumes auf dem Grabe ihrer Lieben aufgeblüht ist, oder erneuern sie die von der Zeit verwelkten. »Ach, sie sind weniger unglücklich als ich,« spricht Karl bei sich selbst. »Ich fühle, daß es noch möglich ist, auch an diesem traurigen Orte einige Tröstungen zu holen ... Es ist ein Trost, sich sagen zu können: Ich bin bei ihr! ... Ich aber! ... ich vermochte nicht einmal ihr ein Denkmal setzen zu lassen ... Meine Frau, mein Sohn! ... wo möget ihr schlafen? ... Mein müdes Haupt kann nicht auf der Erde ruhen, die euch birgt ... Ach, mein Herz ist zerfleischt ...« Unter diesem marternden Selbstgespräch schritt Karl durch die Gräber hin, den Kopf auf die Brust gesenkt, mit blutendem Herzen; sobald er Jemand gewahrte, entfernte er sich eilends und suchte die düstersten Stellen auf, um sich hier ungehindert seinem Schmerz zu überlassen. Auf der Höhe des Todtenfeldes angelangt, befindet er sich vor einer dichten Baumwand in einer Art von Umzäunung, wohin des Tages Helle nur mit Mühe dringt; Thränenweiden verdecken hier beinahe völlig ein bescheidenes Grabmal. Karl setzt sich vor demselben nieder; dieser düstere Ort gefällt ihm; er lehnt seinen Kopf an das Eisengitter, welches das Grabmal umgibt, und geraume Zeit verharrt er in dieser Stellung; er sieht und hört nichts um sich her, er ist wie erstarrt in seinen Erinnerungen. Endlich kommt er wieder zu sich; er fühlt sich besser: ein wenig Ruhe kehrte wieder in seiner Seele ein. Rings fallen seine Blicke umher, er will wissen, wer in diesem Grabe ruht, das ihm als Stützpunkt diente; auf dem Stein, den das Gitter beschützt, liest er die Worte: » Hier ruhen Leonie und ihr Sohn Felix .« »Leonie! ... Felix! ...« ruft Karl aus, vor dem Grabmal auf die Kniee fallend. »Meine Frau! mein Sohn! ruhet ihr hier! ... ihr müßt es sein ... ich fühle es an dem Zauber, der an diesem Orte mich bewegte. Diesen Frieden, der in meine Seele eingezogen ist, habt ihr mir zugesandt ... Doch ein Grabmal, Blumen, welche man pflegt, unterhält ... wie wäre dies möglich? ... wer hat denn für euch gethan, was ich hätte thun sollen! ...« Ein leichtes Rauschen läßt sich durch die Bäume vernehmen. Karl schlägt die Augen auf, ein Mann kam auf das Grabmal zu, er tritt näher ... Karl stößt einen Schrei aus, wie er ihn erkennt. »Justin! ... Justin an diesen Orten ... Ach! er ist es abermals, dem ich diesen letzten Trost verdanke ... Sie ist da! nicht wahr, Justin? meine Frau und mein Sohn sind hier bei uns? ...« »Ja mein Herr,« versetzt Justin, der Karl jetzt erkannte und von dem Zustand der Entblößung, in welchem er ihn wieder findet, ergriffen scheint. »Ja, Ihre Frau und Ihr Sohn ruhen hier ... Zuerst hatte ich diesen kleinen Raum gekauft ... später ließ ich diesen Grabstein aufrichten. Er ist sehr bescheiden ... doch ein einfacher Stein genügt, um die Geliebten zu beweinen. Jede Woche besuche ich dieses Grab ... ich unterhalte Blumen in diesem kleinen Räume ... Kommen Sie ... treten Sie mit mir ein ... Gleich mir, wird Ihnen dünken, Sie seien noch bei ihnen.« Justin öffnet die Thüre, welche durch die eiserne Umzäunung des Grabes führt; hier befindet sich wiederum eine kleine Stelle, auf welcher Leoniens Lieblingsblumen gepflanzt sind. Karl lehnt seine Stirne auf den Stein, zu wiederholten Malen küßt er denselben, die Worte murmelnd: »meine Frau! ... mein Sohn!« So bleibt er lange Zeit, während seine Thränen reichlich stießen. Justin von seinem Schmerz gerührt, ist genöthigt, ihn zu trösten. »Ach! Herr Justin,« ruft Karl aus, »Sie müssen hier in Ihren Erinnerungen die Belohnung für all das Gute finden, das Sie an uns gethan ... ich aber bin hier niedergebeugt von meinen Gewissensbissen! ... Ich fühle, daß ich durch meine Lebensweise den Tod einer Frau herbeigeführt habe, welche nicht einen einzigen Tag aufhörte, mir die zärtlichste Liebe zu beweisen.« »Wenn sie Sie hören kann, Herr Karl, so seien Sie überzeugt, daß sie Ihnen verzeiht und nicht will, daß Sie sich der Verzweiflung hingeben.« Justin gewahrt, daß Karl nicht die Kraft hat, seinen Schmerz zu ertragen, er entfernt ihn von dem Grabmal, dessen Gitterthüre er wieder verschließt, und zieht ihn dann weithin mit sich fort; aber noch ehe sie das letzte Asyl Leoniens aus dem Gesicht verlieren, wenden Beide den Kopf häufig zurück, um es noch einmal zu erblicken. Nachdem sie lange fortgeschritten sind, sagt Karl, der wieder zu sich selbst gekommen ist, zu seinem Begleiter: »Nach achtjähriger Abwesenheit lange ich so eben an ... ich weiß nicht, ob der Himmel mir nicht Alles entrissen hat ... Wissen Sie, ob Laura? ...« »Sie lebt, mein Herr; sie ist beinahe eben so schön geworden als ihre Mutter; noch nicht sehr lange habe ich sie gesehen. Sie ist fortwährend bei ihrem Onkel, der sie zärtlich liebt, alle Sorgfalt auf ihre Erziehung verwendet.« »Sie lebt! ... ha! ich athme wieder ... aber ... ach! sie lebt nicht mehr für mich! ... Sie wissen die Bedingungen, welche ihr Oheim mir auferlegt! ... Ich hoffte, ich werde eines Tages ... aber nein! ... ich komme arm, elend zurück ... ich kann mein Kind nicht zurückverlangen! ... Gleichviel! ich will es sehen ... o! ich will es sehen!« »Es kann Sie nicht betrüben, Ihre Tochter glücklich zu wissen, Sie können nicht wünschen, ihr Glück zu trüben! – Ich verstehe Sie, Justin, der Anblick ihres Vaters ... in einem so erbärmlichen Zustand ... würde das Herz meiner armen Laura zerreißen! ... In der That ... Sie haben Recht! – Das sage ich nicht, wenn Sie aber ein wenig warteten ... – Sie ist immer in Pierresitte, nicht wahr? – Ja, mein Herr. – Das genügt; adieu, Justin!« Sie waren beim Eingang des Gottesackers angelangt; Justin läuft Karl nach und halt ihn mit den Worten auf: »Mein Herr, warum verlassen Sie mich so schnell? ... Ich habe Ihnen nichts anerbieten ... vorschlagen können ... Ich habe nicht viel Geld bei mir ... doch ... wenn ich wagen dürfte! ...« Justin hatte seine Börse gezogen, drehte sie in seinen Händen hin und her, und seine Augen baten Karl, sie anzunehmen; dieser stößt das dargebotene Geld zurück: »Ich danke Ihnen, Justin,« entgegnete er, »ich bedarf nichts! – Ach, mein Herr! Sie weisen mich ab ... – Ich wiederhole Ihnen, ich bedarf nichts ... Sie haben schon genug für mich gethan! – Wenn Sie dieses Geld ausschlagen, mein Herr, so versprechen, schwören Sie mir, daß Sie in Paris zu mir kommen wollen; da, hier ist meine Adresse; ich bin jetzt selbst etablirt, habe einen Laden; das Glück hat meine Arbeiten begünstigt; ich bin allein, unverheirathet und demzufolge Herr meines Guts ... Sie kommen zu mir, nicht wahr, mein Herr!« Karl nimmt die Adresse, schiebt sie in die Tasche und drückt Justin die Hand mit den Worten: »Ja, ich werde Sie besuchen ... wenn ich meine Tochter gesehen habe!« Hierauf verläßt er eilfertigen Schrittes den Gottesacker. Fünfundzwanzigstes Kapitel. Ende der Reise. »Nun! wo Teufels rennst Du denn auf diese Art hin?« ruft Mongérand, der in dem Augenblicke aus der Schenke getreten war, wo Karl den Kirchhof verließ. »He, Donnerwetter! wirst Du mir antworten! Muß die Gesellschaft der Todten uns gegen die Lebenden unhöflich machen? Du läufst, als ob man Dich verfolgte ... und gehst die äußern Boulevards hinan, statt Dich nach Paris hineinzuziehen!« »Wie viel Uhr ist es?« fragt Karl, ohne anzuhalten. »Ja ... es muß jetzt nahe an zwölf Uhr sein! – Ah! da habe ich noch Zeit ... ich komme noch gut vor Nacht an! – Du kommst an ... und wo denn? – In Pierresitte. – Was willst Du dort machen? – Meine Tochter sehen. – Deine Tochter! ... nichts drängt Dich ... komm doch vorerst einige Tage nach Paris, um auszuruhen! ... – Nein ... – Ich sage Dir, das ist unvernünftig ... Du sollst jetzt nicht gehen!« Mongérand faßt Karl beim Arm und will ihn zurückhalten, dieser reißt sich mit Gewalt los, indem er mit dem Ausdruck des höchsten Zornes ruft: »Laß mich! ... laß mich! ... ich habe Dich nur zu viel angehört! Folge mir nicht! ... Verschone mich für immer mit Deiner Gegenwart!« Mongérand steht ganz erstarrt von dem Ton, in welchem Karl ihm antwortete; er läßt seinen Arm los und Karl setzt seinen Weg mit verdoppelter Schnelligkeit fort, ohne ein einziges Mal hinter sich zu blicken, um zu sehen, was aus Mongérand wird. Ein einziger Gedanke beschäftigt ihn: er will seine Tochter wieder sehen; sein Aufenthalt im Gottesacker, die Gegenwart Justins, der Anblick des Grabmals seiner Frau und seines Sohnes führten ihm, da sie alles Vergangene in sein Gedächtniß zurückriefen, zu gleicher Zeit auch alle seine Fehltritte wieder vor Augen, und weit entfernt, daß er sich solche jetzt zu verbergen gesucht hätte, klagt er sich an, verwünscht sich selbst; der elende Zustand, in welchem er nach achtjähriger Abwesenheit zurückkehrt, verschließt ihm das Hülfsmittel der Selbsttäuschungen; der Reiche verschafft sich solche durch sein Gold, für den Armen gibt es jedoch nichts, als die nackte, traurige Wirklichkeit. Karl gelangte auf die Straße von St. Denis, welche er als den kürzesten Weg nach Pierresitte kennt. Er gelangt nach St. Denis, welches er ohne Aufenthalt durchschreitet, und aus Furcht, sich zu irren, läßt er sich nochmals den Weg nach Pierresitte weisen; zuweilen versagten ihm die Kräfte: er ist genöthigt, sich an einen Baum zu lehnen, um wieder Athem zu holen; endlich erscheinen die ersten Häuser des Dorfes vor seinen Augen, und er vergißt seine Erschöpfung mit dem Trostspruch: »Meine Tochter hier!« Beim Eingang des Dorfes angelangt, geht er langsamer, er sucht Jemand, der ihm über die Lage von Adrians Haus Auskunft geben könnte. Zu diesem Behuf wendet er sich an die erste Bäuerin, die er erblickt. »Könnt Ihr mir die Wohnung des Herrn Formerey bezeichnen? – Herr Formerey ... ist das nicht ein Herr, der eine recht hübsche Tochter von dreizehn bis vierzehn Jahren hat? ... – Eine Tochter ... eine Nichte wollt Ihr sagen. – Ah, gut! Tochter, Nichte! ich weiß nicht, ich! ... aber ich glaubte, es sei seine Tochter! – Nun gut, seine Wohnung? – Geht diesen Weg fort, dann das erste Nebengäßchen links, dann die Straße am Ende ... so werdet Ihr ein Haus mit grünen Jalousieläden sehen ... dort ist's.« Karl dankt und schlägt den bezeichneten Weg ein, traurig bei sich selbst sprechend: »Man glaubt, es sei seine Tochter, die seinige ... und doch sprach dieses Weib von meiner Laura ... Sie ist also recht schön! Wie aber sie sehen? ... denn nur sehen will ich sie ... Da ich sie nicht von ihrem Onkel zurückverlangen kann, warum sollte ich das Glück, die Ruhe meiner Tochter trüben, indem ich ihr den Vater im Elend und von Gewissensbissen gefoltert zeigte? Nein, meine arme Laura, ich will Dir keine Thränen auspressen! ... Deine Mutter hat meinetwillen deren genug vergossen ... Aber ich will Dich sehen, Dich nach Gefallen betrachten! ... damit ich wenigstens diese letzte Freude genieße.« Dabei schritt Karl immer zu. Plötzlich bleibt er stehen, er ist am Ende des Gäßchens, erblickt das ihm beschriebene Haus. Sein Herz schlägt gewaltig und seine Kniee drohen, unter ihm zu brechen. »Hier ist's! ... ja, hier muß es sein! ... das ist richtig die beschriebene Wohnung ... diese damit zusammenhängende Mauer ... ist ohne Zweifel der Garten ... er muß sehr groß sein ... auch das Haus ist schön ... Wenn ich nur wüßte, wo das Fenster ihres Zimmers ist ... doch in diesem Augenblicke lustwandelt sie vielleicht im Garten ... was soll ich thun? ... Nie werde ich anzuklopfen wagen ... Gut denn, wenn es sein muß, bleibe ich da unten stehen ... unter diesen Bäumen ... ich bringe die Nacht hier zu ... ich bleibe hier, bis meine Tochter herauskommt ... bis ich sie sehen konnte.« Karl geht längs der Mauer hin, häufig nach den Fenstern des Hauses zurückblickend, ob sich nicht Jemand an demselben zeigt; keine Seele erscheint. Karl fühlt die Müdigkeit, die ihn einige Augenblicke zuvor noch niederdrückte, nicht mehr, so heftig ist sein Gemüth bewegt, sein ganzes Wesen in Aufregung; er sucht eine Oeffnung oder wenigstens ein Gitterthor, durch welches er in den Garten sehen könnte; während er seinen Kopf vorstreckt, glaubt er die Stimme seiner Tochter vernehmen zu können, und bebt beim mindesten Laut zusammen. Nachdem er der Mauer ziemlich lange gefolgt ist, findet er eine kleine, halbangelehnte Thüre; er drückt sie behutsam auf und kann bequem in den Garten sehen; in seiner Freude macht er einige Schritte in das Innere desselben, als er in geringer Entfernung einen Gärtner arbeiten sieht. Karl bleibt stehen und wagt sich nicht weiter vorwärts; der Gärtner erhebt den Kopf, betrachtet die Person an der Thüre, und fährt dann in seiner Arbeit wieder fort. Karl durchläuft den großen und gut unterhaltenen Garten mit den Augen; der Gedanke, daß seine Tochter hier sich ergehe, daß diese Bäume, diese Boskete seit acht Jahren die Zeugen ihrer Spiele gewesen, verursacht ihm eine Gemüthsbewegung, die ihn nöthigt, sich an die Mauer zu lehnen: hier bleibt er in Betrachtung versunken und rührt sich nicht. Der Gärtner, verwundert, daß ein Mensch so lange auf ein und derselben Stelle bleibe, und zwar ohne ein Wort zu sprechen, blickte von Zeit zu Zeit nach ihm auf, um zu sehen, was er mache; aber Karl rührte sich nicht, er schaute nach dem Hause hin, bei sich sprechend: »Vielleicht kommt sie ...« »Nun denn, mein armer Mann, es scheint, der Garten ist nach Eurem Geschmack,« sprach endlich der Gärtner, zu Karl gewendet. »Ja, mein Herr, ja ... Ich bitte um Verzeihung, daß ich dageblieben bin, allein ... – O, das macht nichts ... wahrhaftig! Ihr hindert mich nicht am Arbeiten ... Wenn Ihr eintreten wollt, um den Garten besser zu sehen, so genirt Euch nicht. – Ich danke Euch ... befürchte jedoch, wenn die Herrn des Hauses kämen ... – O! die würden es nicht mißbilligen, daß ich Euch eintreten hieß ... Das Fräulein ist gut ... ein junges Mädchen, das meiner Treu recht artig ist ... Ihr seht ermüdet aus, ich bin überzeugt, daß, wenn sie Euch sähe, sie Euch etwas zu Eurer Erfrischung reichen würde. – Ihr glaubt? ...« Karl macht einige Schritte in dem Garten; beinahe hat er Lust, sich vor seiner Tochter zu zeigen, denn seit acht Jahren haben sich seine Züge sehr verändert, und der elende Anzug, der ihn bedeckt, muß ihn vollends in den Augen eines Kindes unkenntlich machen, das bei seiner Trennung von ihm noch keine sechs Jahre zählte. Doch ein Gedanke hält ihn zurück, er sagt zum Gärtner: »Und der Herr dieser Wohnung? – Herr Formerey? ... ah! der ist auch ein braver Mann ... Freilich ist er nicht so angenehm, wie seine Nichte ... er ist ein barscher, schneller Herr ... gleichwohl aber ein Ehrenmann! – Und in diesem Augenblicke ... ist er ausgegangen? – Nein, wahrhaftig, so eben ging er hier spazieren ... er ist, glaube ich, jetzt in der Gegend des Hauses.« Karl weicht zurück und gewinnt schnell die Gartenthüre wieder; lächelnd fährt der Gärtner fort: »Nun denn, macht Euch Herr Formerey Angst? ... ich sage Euch ja, daß er, seiner rauhen Miene ungeachtet, nichts weniger als bösartig ist. –O! das ist's nicht ... ich wollte nur seine Nichte sehen, nur sie erblicken ... denn man sagt, sie sei so gut ... – Wenn Ihr sie nur sehen wollt, so wird das sehr leicht sein, da legt sie sich gerade unter ihr Fenster, welches in das Gäßchen geht.« Noch hat der Gärtner nicht ausgesprochen, als Karls Blicke schon auf dem Hause haften ... so eben gewahrte er seine Tochter; alsbald, ohne weiter zu antworten, ohne nur dem Gärtner zu danken, ist er zum Garten hinaus, er bemerkte, daß er vom Gäßchen aus näher bei seiner Tochter sein werde, und er läuft eilends längs der Mauer hin, näher zum Hause. Je mehr er aber die ihn von seiner Tochter trennende Entfernung sich vermindern sieht, um so mehr nimmt die Geschwindigkeit seiner Schritte ab, wie bei Einem, der im Augenblicke das süßeste Glück zu genießen, vor demselben zurückweicht, aus Furcht, es möchte nur ein Traum sein. Endlich ist er beinahe unter dem Fenster seiner Tochter, und er kann sie ganz nach Gefallen betrachten; in diesem Augenblicke blickt Laura fernhin über die Landschaft, und sieht die so nahe bei ihr befindliche Person nicht. Karl hat nicht Augen genug, seine Tochter zu betrachten, vielmehr betrachtet er sie auch mit seiner Seele, mit seinem Herzen, denn ein Vater betrachtet sein Kind mit allen Geistes- und Körperkräften seines Seins. Karl findet in der vierzehnjährigen Laura das anmuthige Wesen, die unschuldige Sanftmuth wieder, welche seine Tochter in ihrer Kindheit hatte, und welche die Zeit, weit entfernt, sie zu schwächen, nur noch mehr entfaltete; sie hat auch schon die Haltung, Stellung, das harmonische Wesen ihrer Mutter; darum glaubt Karl im Wiedersehen seiner Tochter auch seine Frau wiederzufinden. Plötzlich senkt Laura die Augen; da erblickt sie den auf dem Weg vor ihrem Fenster Stehenden, dessen Augen mit einem so seltsamen Ausdruck auf ihr haften; anfangs empfindet das Mädchen ein Gefühl des Schreckens dabei, bald verschwindet jedoch ihre Furcht und macht dem Mitleid Platz: sie glaubt Thränen in den Augen des Unbekannten zu sehen; wie sie ihn nun aufmerksamer betrachtet, seine Hände sich falten und nach ihr emporstrecken sieht, da zweifelt sie nicht mehr, es sei ein Unglücklicher, der ihr Mitleid anrufe. »Warten Sie! warten Sie! ...« ruft sie ihm zu, und verläßt schnell das Fenster. »Ach, sie ist weg!« spricht Karl bei sich, »doch sie sagte, ich sollte warten ... was will sie? ... werde ich sie noch einmal sehen! ... Arme Kleine! ... auch sie schien bei meinem Anblick bewegt, gerührt ... sie erkennt mich nicht! ...« Seine Augen weichen nicht von dem Fenster, wo seine Tochter stand. Nicht lange, so erscheint Laura wieder; sie hält ein großes Stück Brod und ein Zehnsousstück in der Hand, welches sie ihrem Vater mit den Worten zuwirft: »Nehmt ... gerne möchte ich mehr thun können!« Karl fühlte wie einen Dolchstich im Herzen, als er das Almosen seiner Tochter empfing; indeß rafft er das Brod und das Geldstück zusammen, führt es an seine Lippen, küßt es zu wiederholten Malen, indem er es mit seinen Thränen benetzt und stottert: »Dank ... dank, liebes Kind!« »Mein Gott! warum so weinen, armer Mann!« sagte Laura gerührt; »Sie müssen nicht verzweifeln ... man ist nicht immer unglücklich ... Sie dauern mich; Adieu ... ich will zum Himmel für Sie beten!« Laura verließ das Fenster und verschloß es wieder; Karl bleibt an derselben Stelle, die Augen auf das Fenster geheftet, an dem er seine Tochter gesehen. Ein halbe Stunde verstreicht, und noch steht er da; nur ist sein Haupt jetzt gebeugt und die Augen blicken zur Erde; ein düsterer Ausdruck belebt sie, seit seine Thränen zu fließen aufhören. Mit Anstrengung reißt er sich von diesem Platz los: »Armes Kind!« spricht er bei sich selbst, »wenn sie wüßte, daß sie ihrem Vater ein Almosen gab ... ach! sie möge es nie erfahren! ... mich nie wiedersehen! ... stören wir ihre Ruhe nicht mehr! ...« Langsam und ohne zu wissen wohin, ging Karl vorwärts; er befand sich auf einem mit Bäumen besetzten Weg und entfernte sich vom Dorfe, als er seinen Namen rufen hörte; er schauderte zusammen, denn er erkannte Mongérands Stimme. Der ehemalige Husar war an einen Baum gelehnt und sah hohnlachend Karl daherkommen. »Holla ho! Du warst nicht darauf gefaßt, mich hier zu treffen, nicht wahr? ... was willst Du? ... ich folgte Dir gerade, weil Du mir verboten hattest, mit Dir zu gehen ... meine Gewohnheit ist, immer das zu thun, was man mir verbietet.« »Werden Sie mir nicht endlich gestatten, meinem Schmerze nachzuhängen?« versetzt Karl ungeduldig; »ha! ich habe Sie nur zu oft auf meinem Wege getroffen!« »Ich habe mir in den Kopf gesetzt, Dir Gesellschaft zu leisten. – Und ich kann Ihre Gegenwart nicht mehr ertragen ... sie vermehrt meine Verzweiflung! Sie sind Schuld an all' meinem Unglück, Sie haben mich verleitet, Thorheit auf Thorheit zu begehen ... – Ha! ha! ha! dieser Witz ist gut ... ich bin Schuld, daß der Herr das Vergnügen, die Weiber und die Tafel liebte ... – Ohne Ihre Nachschlage hätte ich auf meine Frau gehört ... hätte ihren Tod nicht herbeigeführt! ... – Ha, so! weißt Du, daß Du anfängst rasend langweilig zu werden? – Und wissen Sie, was ich so eben erlitt! ... meine Tochter warf mir dieses Stück Brod zu ... hielt mich für einen Bettler ... und ich konnte mich nicht nennen! ... und werde sie nie wieder in meine Arme drücken und meine Tochter nennen können! ... Ach! dieser Gedanke bringt mich zur Verzweiflung, er tödtet mich! ... Noch einmal, lassen Sie mich! ... Mein Herr, ich gehe nach dieser Seite ... wählen Sie eine andere und erscheinen Sie nie wieder vor meinen Augen! – Hör' einmal, Karl, Du nimmst einen Ton an, den ich schon lange an einem Andern gezüchtigt hätte! ...« Mit diesen Worten stellte sich Mongérand vor Karl, um ihm den Weg zu versperren; dieser stößt ihn ungestüm mit seinem Arme zurück und geht weiter. »Unverschämter!« rief Mongérand aus, »wenn ich nicht Mitleid mit Dir hätte! ...« »Mitleid!« schrie Karl, schnell wieder umkehrend und wüthende Blicke auf Mongérand schießend; »Du hast Mitleid mit mir, Elender ... diese Schmach allein fehlte mir noch! ... Ha! hüte Dich, daß ich nicht den Tod meiner Frau und meines Sohnes räche! – Karl ... bring mich nicht noch mehr auf! ... – Du hast Waffen ... laß sehen, ob Du für die Beleidigungen, die Du ausstößest, auch Genugthuung zu geben weißt! ... Gib mir eine Deiner Pistolen! ... – Karl ... geh fort ... ich halte Dich nicht länger auf ... geh fort ... ich werde Dir nicht folgen ... – Ha! Feiger! Du bist also nur zu Niederträchtigkeiten gut!« »Feiger!« schrie Mongérand mit funkelnden Augen. »Du zwingst mich dazu, Karl ... wohlan denn! Donnerwetter! schlagen wir uns, weil Du es willst!« Mongérand zieht zwei Pistolen aus der Tasche, untersucht, ob sie geladen sind, und reicht Karl eine derselben mit den Worten: »Geh zehn Schritte rückwärts und schieß!« »Schießen Sie zuerst!« versetzt Karl, nachdem er einige Schritte rückwärts gemacht. »Nun, Donnerwetter! so schießen wir mit einander, damit es ein Ende nimmt. Karl macht ein Zeichen, daß er einwillige. Die beiden Gegner fassen sich kaum ins Auge, beide Schüsse gehen zu gleicher Zeit los; Mongérand hörte die Kugel an seinen Ohren vorüber sausen, Karl empfing die seines Gegners; er fällt und haucht beinahe in demselben Augenblicke sein Leben aus, noch den Namen Laura stotternd. Mongérand trat auf Karl zu. Erst will er ihm beispringen, als er aber bemerkt, daß er todt ist, begnügt er sich, die Pistolen wieder in seine Tasche zu schieben und entfernt sich mit den Worten: » Schade ... er war ein guter Kerl !«