Historietten von E. Kossak.     Zweite vermehrte Auflage.   Berlin, 1859. Verlag von Reinhold Schlingmann.     Inhalts-Verzeichniß.         Sommerwohnungen     Des Banquiers Sommerwohnung     Die Mauerritzen vor dem Thore     Amphibien von Häusern und Menschen     Absteigequartiere Das Zellengefängniß bei Berlin Ein Familienball Der Pianist als Friseur Der erste April Der Kellner Die Stillvergnügten Aus dem Knabenleben Silhouetten     Der Bratenbarde     Das Männerquartett     Der Sonntagsreiter und sein Roß     Der Schusterjunge     Die Berliner Musikantenbörse     Cigarrenläden Der große Arzt Seebadegeschichten Der Damenkaffee Alte Knaben     1. Er steht früh auf     2. Er bleibt spät auf Eine privatliterarische Gesellschaft Fastelabend Tag und Nacht Eine Localberühmtheit Was sich die Flöte vorbläst     Sommerwohnungen. Wie es Vögel im Käficht, Pflanzen im Topfe, Hunde an der Kette giebt, so existirt auch eine Landluft im Topfe und ein Mensch im Käficht, der die Nase ins Freie steckt und mit den Beinen an die Stadt gefesselt ist, der den Tag über an der Kette im städtischen Geschäft liegt und alle Abende losgelassen wird. Dieser Zustand pflegt mit einem Worte » Sommerwohnung « genannt zu werden. Wer ihn einmal genossen hat, der wird sein Lebenlang die Erinnerung daran nicht wieder los. Am passendsten kann der Zustand der meisten Städter in der Sommerwohnung mit den Lebensgewohnheiten einer Fledermaus verglichen werden. Am Tage im düstern und räucherigen Geschäft hängen, die Augen gegen das Licht verschließen, Abends ausfliegen, sich in der Dämmerung umhertummeln und Morgens wieder in die dunkle Bucht zurückkriechen – das ist ihre Sommerwelt . Besser befinden sich die Städterinnen . Wenn sie eine Sommerwohnung beziehen, so verpflanzt man sie für die Dauer der besseren Jahreszeit ganz und gar ins Freie und sie flattern nur als Schmetterlinge in die Stadt, um sich in diesem oder jenem Putzgeschäfte niederzulassen. So genießt das schöne Geschlecht , das sich undankbar gegen sein Geschick meistens über sein Loos zu beklagen pflegt, auch hier den Vorzug vor den Herren der Schöpfung , insofern nämlich Jemand noch Herr 2 in einem Hause ist, dessen ganzer Werth schon in dem Hypothekenbuche der unsichtbaren Welt steht. Sommerwohnung – o daß doch die lieblichsten Laute, in der Nähe vernommen, sich oft in Disharmonieen, und die schönsten Aussichten, von Nahem betrachtet, sich in traurige Fragmente auflösen! Das ferne Seufzen des Windes ist in der Nähe ein heulender Zahnschmerzenjammer und die schönste Berglandschaft ein Chaos von alten Steinen, welkem Moos und durchnäßten Ueberziehern – Sommerwohnung , du bist wie die Leidenschaften , nur aus einer angemessenen Distanz schön, denn eigentlich bestehst du aus langweiligen Tagen mit feuchten Lederschuhen, klirrenden und bebenden Fenstern mit dem ewigen Wischtuch unter der Nase, beschaulichen Wanzen und Fliegen von beharrlicher Freundschaft, Raupen an Fäden, hinfallenden Kindern und zu Ende gegangenem Kaffee, schlechtem Fleisch und unaufhörlichem Gemüse – Sommerwohnung , du bist nichts anderes, als permanenter Besuch aus der Stadt . Aber wir wollen uns nicht übereilen. Der Sommer ist lang und wir können mit Muße ein Blatt nach dem andern in unserem Bilderbuche umkehren. Des Banquiers Sommerwohnung. Nicht Jeder hat ein Rittergut, nicht Jeder pflügt nach Horaz väterliche Gefilde mit eigenen Ochsen, nicht Jeder kann sich zur Saison der Kartoffelaussaat in ländliche Abgeschiedenheit zurückziehen und seine alten Fracks mit Schwalbenschwänzen von den Kossäthen als neue Schneiderprodukte bewundern lassen, nicht Jeder kann sich fern von der Stadt auf der grünen Weide von den Rechnungsstrapazen des Winters erholen. Der Banquier ist ein Mann der Stadt; er darf sich höchstens bis zu seiner 3 Sommerwohnung entfernen. Der Banquier muß also zuerst eine Sommerwohnung haben und diese pflegt, möge er sie nun gekauft oder nur gemiethet haben, der höchste und edelste Ausdruck einer Sommerwohnung zu sein. Sie liegt an einer vielbefahrenen und berittenen Straße, von der sie durch ein Eisengitter getrennt wird. Wenn sie einmal mit einer italienischen Villa Aehnlichkeit besitzt, so sieht sie ein anderes Mal wie ein unerhörter, noch nie dagewesener Gehirnstein aus, von dem ein Baumeister operirt worden ist. In diesem Falle zweifelt kein Mensch daran, daß nur der Mauerschwamm, das Podagra, die Kopfgicht und das kalte Fieber darin behaglich wohnen und sich glücklich fühlen werden, selbst wenn ein solches Ungeheuer von einer Sommerwohnung angeblich über den Leisten der Alhambra geschlagen sein sollte. Wehe dem Baumeister, der im Vaterlande der rothen Hundepflaumen und grünen Stachelbeercompots ein Alhambrist sein will! Die Familie des reichen Banquiers fühlt sich aber durch solche kleinlichen Bedenklichkeiten nicht abgehalten, Villa oder Alhambra zu beziehen, wenn sie nur eine freie Aussicht auf die zwischen zwölf und zwei Uhr Mittags vorübersprengende Kavallerie bieten. Keine Banquierswohnung ohne pittoreske Dragoner- und Ulanen-Lieutenants! Als Steffens die Insekten fliegende Blumen nannte, hatte er noch nicht über reitende Kohlköpfe und Spargel nachgedacht. Vor dem Sommerhause steht in einem grünen morschen Kübel oder in windbrüchiger Steinvase die statutenmäßige Aloe , als welche einen schönen südlichen Effekt hervorbringt und mit einer Guitarre correspondirt, die zu dem angemessenen Ave Maria mißbraucht wird. Wenn irgend möglich, so liegt an der Straße ein von Tausendfüßen und Kellerwürmern unterwühlter Pavillon, in dem von Unten aus gesehen handarbeitende Frauenzimmer mit fleckigen ungeheuren Helgoländerhüten sich einbilden, »himmlisch«, »reizend«, »unwiderstehlich« zu sein, auch wenn sie tornisterblonde Haare, falsche Zähne und Schaumklöße 4 statt Nasen haben. Statt des Pavillons muß aber meistens ein Söller, Altan oder Balkon ausreichen, von dem nie endendes liebliches Gelächter erschallt, wodurch die Maid ihre Gegenwart so gern dem nichts ahnenden und getrost seinen Glimmstengel rauchenden Jüngling verräth. Von diesen Söllern fallen zuweilen Taschentücher, rollen Knäuel, fliegen Muster im Winde weg, und zwar unglücklicher Weise stets, wenn die Promenade am belebtesten ist. Mitten in der Sommerwohnung dieses Schlages steht ein störriger Miethsgaul von Piano, den die Familie, um ihren guten Flügel zu schonen, in Sommerweide genommen hat. An diesem mit Stahlsaiten bezogenen Trog letzt sich die Tochter des Hauses oder auch die junge Frau an Lind'schen und Viardot'schen Arien, denn sie ist unmaßgeblicher Weise eine Schülerin von Teschner, Stern oder Jähns. Durch eine unverzeihliche Nachlässigkeit des Magistrates ist dergleichen Gesang bisher noch nicht mit zehn Thalern pro Sommer besteuert worden, obgleich er als die eigentliche Ursache der Vertreibung der Grasmücken und Nachtigallen längst erkannt ist. Die sommerwohnende Familie thut Alles im Freien; sie benutzt die Natur wie ein Pferd, das für einen Sonntagnachmittag vermiethet worden ist. Ihr Enthusiasmus für die frische Luft mit Mannspersonen reitet immer Galopp, kehrt nirgends ein und kommt schweißtriefend und struppirt Abends in den Stall. Sie fassen die Idee der Sommerwohnung als die Beziehung des Menschen zur staubigen Landstraße auf. Kein mäßiger Regen, sondern nur ein Gewitter kann sie unter Dach und Fach treiben. Mit Pflanzerei beschäftigen sie sich ganz besonders, doch sind es weniger die Kinder Flora's, als die Kinder der Klempner und Schmiede, wie Gießkannen, Hacken, Harken und Spaten, womit sie von der Straße aus in angenehmer Perspektive stehen und auf den Beeten nichts thun, als den Haß braver und stiller Regenwürmer auf sich laden. Sie füttern mit vielem Anstande die Spatzen 5 mit Milchbrod und tragen Dreierkränze von Kornblumen um die Hüte, nebst gelben Bastkleidern und schwarzseidenen Schürzen. Ja wenn nichts fruchtet, entblöden sie sich selbst nicht, in diesem Costüm auf die Landstraße herauszukommen und in den Gängen des Thiergartens zu wandeln, doch muß der Wahrheit gemäß bemerkt werden, daß nur die garstigsten Frauenzimmer in solche Excesse verfallen. Es fehlt in solchen Familien nie an kleineren Söhnen und Brüdern, die mit Steinen durch das Gitter werfen und nach Umständen von den Söllern Sonntags, wo sie keine Schularbeiten haben, den Spaziergängern auf die Hüte spucken. Diese kleineren Knaben sind eine besondere Zierde einiger Thiergartenwohnungen und noch lange nicht nach Verdienst gewürdigt, d. h. durchgehauen. Sie werden in der Woche mit dem Omnibus herein- und hinausgebracht, schwärmen für die Omnibuscondukteure, essen bei ärmeren Verwandten in der Stadt und haben unter allen Schulkindern stets die besten Censuren, auch genießen sie den Privatunterricht des Ordinarius der Klasse. Abends kommt der Hausherr hinaus, nach den Vermögensverhältnissen in eigener Equipage, Droschke oder Omnibus. Für diese unglücklichen Männer wird die Sommerwohnung zur bittersten Strapaze ihres Lebens. Das sogenannte »Land« ist gemeinhin für sie nur ein Angstpunkt, um eine Viertelmeile entfernt von dem Telegraphenbüreau, dem Arnheimschen Geldschrank und der Ressource. Wie Robert Burns schwermüthig bemerkte: »Mein Herz ist im Hochland, mein Herz ist bei Dir!« so singen sie: »Mein Herz ist hinter dem Museum, mein Herz ist neben dem Dom!« Sie müssen alle Abende mit Spargeln, grünen Erbsen, gebratenen Hühnchen, Krebsen und Aalen über ihre Vertreibung aus der Stadt getröstet werden. In sich versunken rauchen sie ihre Cigarren, und man darf ihnen nachrühmen, daß sie gute rauchen, wundern sich über die sonderbare Geschäftssitte, daß der Mond den Vorschuß an Licht, den er von der Sonne empfangen, durch Jasmingebüsche und blühende Linden an die 6 Erde abzahlt, und verachten die Johanniswürmchen, weil sie nicht zu beschneiden sind. Am Sonntage wird stets in des Banquiers Sommerwohnung ein angenehmes kleines Diner gegeben. Dann stellen sich die ärmeren Verwandten, einige liebesieche neugebackene Assessoren und Lieutenants in weißen Pantalons ein und entwickeln ungeachtet der Hitze einen kolossalen Appetit. An solchen Tagen steht bei den Schultern der jungen Damen im Kalender Vollmond und bei den Kehlen der jungen Esser Sturmfluth . Der Hausherr tuschelt in kurzen Intervallen mit dem ersten Buchhalter des Geschäftes, der einzelne Sonntagsfinessen der Geldwelt hinausgebracht hat, und versenkt sich, aber nicht so weit in den Ernst der Staatspapiere, um nicht den Cours der Flaschen zu beobachten und durch Winke den Bedienten zu bedeuten, wohin »die kleinere Sorte« gesetzt werden soll, gleichwie er auch jede hinausspazierende Bartneige wie eine scheidende Geliebte bis unter die Thür mit den Augen verfolgt. Nach Tisch folgt der ländliche Kaffee mit aufgeknöpften Uniformen und weißen Westen, die noch vom Kadettenhause herstammen. Die Unterhaltung wird jetzt so geistreich, daß Bello der Wachtelhund, Caro der gastlich aufgenommene Hühnerhund und Jack, der Affenpintscher sich für befugt halten, durch eingestreute blaffende und kläffende Bemerkungen etwas zur allgemeinen Heiterkeit beizutragen, was ihnen ungestraft hingeht, da alle Damen zu gleicher Zeit sprechen und alle Herren im Chorus lachen. Die älteren Herren ziehen sich alsbald in einen Pavillon des hinteren Gartens zurück und fröhnen dem Kartenspiele zu hohen Einsätzen; die jüngere Welt wirft sich auf die Vergnügungen, welche allem lebenslustigen Volk, wie Fohlen, Kälbern und Ferkeln, die liebsten, sie springt umher oder tanzt zu dem gemietheten Klapperkasten. Die Nacht bricht herein, die Alten spielen noch, die Jungen tanzen noch und leise steigt der Mond herauf und wundert sich, was die Menschen aus seiner Sommernacht machen. 7 Die Mauerritzen vor dem Thore. Eine Sommerwohnung um jeden Preis! Das ist das Ultimatum der meisten Frauen am Anfange des Mai's. Eine Sommerwohnung um jeden Preis – der vierzig Thaler nicht übersteigen darf. Diese vierzig Thaler stehen an der Polargrenze der Sommerwohnungen mit den Gesichtern nach den Wendekreisen der anständig gemäßigten Zone; man kann sie unter eine Kategorie – der Mauerritzen vor dem Thore zusammenfassen. Um deutlich zu machen, welche Excesse in diesem Gebiete begangen werden können, muß man mit der untersten Klasse der Sommerwohnungen anfangen. Leute aus der Stadt, die sich nie so weit herabgelassen haben, an einem dieser Orte ihren Sommer zuzubringen, Leute, die Abends nach gemachtem Spaziergange ihr Abendessen in einem eleganten öffentlichen Garten verzehren, wissen gar nicht, an was für Orten der mit Sommerwohnungsmanie behaftete unglückliche Mensch hausen kann. An solchen Orten gebehrdet sich selbst der Sommer , dieser grundgütige Herr, der Jedem etwas in den Hut wirft, wie ein verdrießlicher englischer Reisender, nimmt nirgends Platz, rümpft überall die Nase und bleibt lieber im Freien, ehe er seine werthe Persönlichkeit in derartigen Kümmernissen unterbringt und seine sofortige Degradirung in irgend eine schlechtere Jahreszeit wagt. Die Mauerritze der untersten Klasse genießt nie den wohlthätigen Sonnenschein. Das einzige Fenster, über das sie disponiren kann, geht auf Pferdeställe hinaus, deren Hauptreize in den glücklichen Lichteffekten beruhen, die von den Strahlen der untergehenden Sonne auf ihren Dächern gebildet werden. Rechts und links beobachten zwei kolossale Brandmauern ein chinesisch-russisches Absperrungssystem. Neben dem Fenster der sommerlichen Mauerritze gähnt vor dem Hause ein tiefer Abgrund. Er wird nicht von der Mistgrube gebildet, denn diese ist etwas weiter und näher an den Pferdeställen 8 gelegen, sondern von einer eingegrabenen Tonne zum Auffangen des Regenwassers für die Herren Domestiquen im Vorderhause und in den Stallungen. Der erste Sterbliche, der diese Tonne eingrub, hatte schon eine Ahnung von der Bedeutung, die sie im Laufe der Jahre gewinnen sollte. Man kann nämlich, vor dieser Tonne stehend, Alles sehen, was in der Mauerritze geschieht. Die Kutscherfrauen und Bedientendamen sind deshalb unaufhörlich mit dem Schöpfen von Regenwasser beschäftigt, so unwahrscheinlich an und für sich auch diese ewige große Wäsche jedem unparteiischen Kenner von Reinigungsangelegenheiten vorkommen mag. Links, neben dem Eingange und unter seinem Fenster besitzt der Sommerbewohner der Mauerritze ein kleines Beet zu Lehen, ihm vom Vermiether feierlich durch einen großen Lehensakt für den Sommer überlassen. Die unvermeidliche Kresse, ein eingesetztes Monatsrosenstöckchen und der hartnäckige und zähe türkische Weizen theilen sich in die vegetativen Kräfte dieses traurigen Stückchens Erde und wachsen gegen das Ende des Sommers allmälig bis an das Fenster empor, wie unheilbar kranke Kinder, die man in der sicheren Voraussicht ihres Todes doch so zärtlich verpflegt, als ob sie die Stütze unseres Alters werden sollten. Oft sterben sie aber auch vorzeitig eines gewaltsamen Todes durch die Gefräßigkeit des Hammels , der als Spielgefährte und Vertrauter der Kutscherkinder allen Willen genießt. In so beschaffenen Mauerritzen wohnen immer Leute mit wankender Gesundheit und schwindsüchtiger Kasse, arme Leute, denen die Aerzte geboten haben, zur Erhaltung ihres Lebens, an dem gesunden Tisch der Sommerluft Theil zu nehmen, Morgenfrische zu trinken, in Schattenkühle zu baden und fern vom Getreibe des Weltlärms zu wohnen, Leute, für die eine Sommerwohnung nur der Hausflur des Grabes ist. Noch ist es keinem Staate eingefallen, Sommerhospitäler für seine unglücklichsten, hoffnungslosen Angehörigen einzurichten. Hier wohnt ein überarbeiteter kleiner Beamter, oder eine junge schwindsüchtige 9 Mutter mit ihrem einzigen Kinde. Allein wie in jedem Menschen noch Etwas ist, worauf das Auge mit Behagen haften kann, so hat auch jede Sommerwohnung ihren Rest Poesie. Neben den Pferdeställen öffnet sich eine Spalte, nicht breiter als die ganze Mauerritze, mit der Aussicht auf eine grüne Wiese. Auf ihr weilt, wie auf einem Firmament des Sommers, das Auge des armen Bewohners. Wenn die ersten Maiblumen auf dem Grase erscheinen, wenn der Regen das junge Grün erfrischt hat, wenn die Schnitter Heu machen, wenn der Teppich dann seine Pracht wieder herstellt, giebt es ebenso viele Festtage und Fernblicke. Und darum sind sie nicht ärmer als alle Sterblichen, denn der Menschen Bewußtsein ist Fernblick in die Vergangenheit und Zukunft, ihre Gegenwart aber nicht besser als Pferdestall, Wassertonne und hohe schreckliche Brandmauern. Wären nur nicht noch die Fliegen in der Mauerritze. Sie machen es sich bequem, trotz der Schattenseite. Nur die Anfänger in den Naturwissenschaften sind nämlich noch der kindischen Ansicht, daß die Fliege sich wie der Adler , des Blickes in die Sonne vorzugsweise erfreue; die Fliege liebt den Schatten wie der Mensch. Am gemüthlichsten und anhänglichsten zeigt sich aber ihr Naturell, wenn sie bei einem unglücklichen Sommergaste eingezogen ist. Wenn Alle ihn verlassen haben, bleibt sie bei ihm, sie verharrt wie der Hund des Armen selbst bei seiner Leiche. Morgens weckt sie ihn aus dem süßesten Schlummer, sie prüft mit ihren zierlichen Füßen, ob der Kaffee nicht zu heiß, ob der Zucker hinlänglich süß, ob die Semmel nicht zu fett geschmiert sei. Sie ißt mit ihm Mittags aus einer Schüssel, sie leidet nicht, daß er nach Tische sich dem schädlichen Schlafe hingiebt, sie umgaukelt ihn auf seinen Spaziergängen, sie erhält ihn endlich Abends so lange als möglich munter, ehe sie selbst zur Ruhe geht und ihn ihrer Freundin, der Mücke , empfiehlt, die mit zartem lang ausgesponnenen Gesäusel um sein müdes Haupt schwebt, und seine Haut als ein Album betrachtet, um die 10 Nachtgedanken der talentvollen Insekten darein zu schreiben. Ergreift der gegen so viele Freundschaft undankbare Mensch die Klappe der Vernichtung, so weiß sie scherzend und neckisch auszuweichen, stellt er den bitteren Trank der Quassia auf, so naschen nur die Nachgebornen des geflügelten Geschlechts davon, eine alte erfahrene Fliege vermeidet den Todtenkopf des Fliegenpapiers und den noch schändlicheren Fliegenleim, diese grausamste Todesart eines anmuthigen Zweiflüglergeschlechts. Die alte Fliege der Sommerwohnung ist durch nichts abzuschrecken; sie ist ein unvermeidliches Uebel wie der Tod und – die Geburt. Nicht Jeder erleidet in der bescheidensten Art von Sommerwohnungen all dieses aufgezählte Unglück; es giebt Bewohner von Mauerritzen, mit denen auch der gefühlvollste Studiosus der menschlichen Zustände kein Mitleid empfinden kann, sondern vielmehr über sie in namenlose Wuth geräth. Ein alter Rentier mit fünfhundert Thalern jährlicher Einnahme bezieht in jedem Jahre eine Mauerritze. Seit zwanzig Jahren hat kein anderer Mensch darin gewohnt, die verfallenen Möbel bleiben den Winter über darin, die Sommerpfeife wird mit jedem Frühling wieder zur Hand genommen, derselbe uralte Sommerrock wieder angezogen, dasselbe heillose verrunzelte Gesicht wieder zum Fenster hinausgesteckt. Der alte Rentier ist trotz seiner Mauerritze in dem Bezirk des ganzen Grundstückes die wichtigste Person; er ist Vicewirth . Der eigentliche Herr wohnt in der Stadt und kommt nie heraus; er verachtet die Leidenschaft des Menschen für Sommerwohnungen als eine alberne Schwäche, wie die Neigung, sich satt zu essen, das Gesicht zu waschen, die Nägel abzuschneiden und reine Wäsche anzulegen. Er thut für sich und seine Häuser nicht eher etwas, als bis ihm das Dach über dem Kopfe und das Hemde auf dem Leibe in Stücken geht. Aus diesem Grunde braucht er einen Vielgetreuen, und dieser Vielgetreue ist der alte Rentier, der umsonst in der Mauerritze wohnende Vicewirth. Seiner Beobachtung ist 11 ein halbes Dutzend Familien anvertraut, Familien mit Kindern! Der alte Rentier weiß weder, wie einem Familienmitgliede, noch wie einem Kinde zu Muthe ist, er selbst ist nämlich, beglaubigten Nachrichten zufolge, gleich als »der alte Rentier« zur Welt gekommen, hat seiner Amme mit der Tabackspfeife in die Zähne gestoßen und ist unmittelbar darauf in die Mauerritze gezogen, um seinen Lebenslauf zu erfüllen, der darin besteht, anderen Menschen Lust und Freude am Leben zu vergällen. Sein erster Blick am Morgen gilt der Sonne, doch würde man irren, wollte man daraus auf ein Wohlgefallen an dem schönen Stern schließen; er berechnet nur das Wetter für den Tag und ob die Kinder heute im Garten spielen werden. Dann füttert er den alten Dompfaffen, einen widerwärtigen Kerl, trotz ihm selber, einäugig und mit abschreckender Physiognomie, der in seiner Jugend einmal weggeflogen war, aber am andern Tage freiwillig wiederkam, weil er sich mit keinem anderen Vogel vertragen konnte. Nun beginnt des Herrn Tagewerk. An allen Sommerwohnungen geht er vorüber und wünscht mit einem Gesicht, das die Einwohner betrachten, wie nicht assekurirte Aecker ein aufsteigendes Hagelwetter, »allerseits einen schönsten guten Morgen!« Er weiß seine täglichen Glückwünsche so gewandt einzurichten, daß er jedesmal wenigstens eine Person bis auf den Tod erschreckt, bald den Hausherrn, wenn er sich rasirt, bald die Hausfrau, wenn sie vor dem Spiegel steht, bald das kleine Kind, wenn es die volle Milchtasse zum Munde führt. Dann geht er den Vormittag über im Garten umher und sieht alle Kinder mit dem bösen Blick an. So gewiß ist die Thatsache, daß auf diesem Complexus von Sommerwohnungen die kleineren zarteren Kinder immer kränkeln und sich nie aus der Stube zu gehen trauen. Nachdem er in seiner Mauerritze – kein Mensch weiß was – zu Mittag gespeist hat, vergnügt er sich nach Tisch, Bettelleute aus dem Garten zu jagen, Jungen mit Blumenbouquets oder großen Waldhörnern abzuknuffen, Leierkästen zu verscheuchen, kleine 12 Mädchen mit Kornblumen anzubrüllen, Kuchenfrauen anzudonnern. Hat er zu allen diesen Vergnügungen keine Gelegenheit, weichen ihm die Gemißhandelten endlich für einige Tage aus, so stellt er sich wenigstens an die Gartenthür und droht ihnen von Weitem mit seinem kurzen und verschmirgelten Weichselrohr. Dann durchstreift er wieder den Garten, und sieht nach, was die Miether zum Abendbrod essen, wer Besuch hat, ob ein Kind eine Blume abgerissen und ob Jemand einen Hund mitgebracht hat. Ist Letzteres der Fall, so genießt er den Silberblick seines Lebens. Mit ihrem unnachahmlichen Instinkt errathen die Hunde sowohl, ob sie sich an irgend einem Orte contractwidrig befinden, als auch, wer ihnen wohl oder übel will . So wie sie den alten Rentier sehen, bemächtigt sich ihrer eine unermeßliche Niedergeschlagenheit; ihr richtiger Takt sagt ihnen, daß er in seinem verbrieften Recht sei und ein erbarmungsloses Herz habe. Sie sehen jammervoll ihre Herren an, sie winseln, sie suchen sich unter Damenkleidern zu verbergen – vergebens! Der alte Rentier setzt mit teuflischem Grimme die Contractbedingungen auseinander, spickt sie mit Argumenten und dringt auf sofortige Exmission der Importirten. Es muß nachgegeben werden. Cane Moppelino riecht den Braten und beeilt sich, gesenkten Schwanzes die Gartenthür zu erreichen, aber der Vicewirth kennt einen ganz nahen Richtweg und Moppelino erhält im Augenblick seines Entweichens einen Hieb mit dem Weichselrohr, den er zu den unvergeßlichsten Erinnerungen seines Lebens rechnet. Der alte Rentier in seiner Mauerritze wird deßhalb, wie ein nicht zu vertreibendes bösartiges Ungeziefer von der ganzen Nachbarschaft betrachtet. Die anmuthigste Gestalt nehmen die Mauerritzen an, wenn sie wie Bienenzellen nur Theile eines großen Sommerstaates sind, wenn jeder Mauerritze auch eine kleine schattige Laube entspricht und eine niedliche schattige Wiese Gemeingut Aller ist. Unter so glücklichen Bedingungen entwickelt sich ein anmuthiger Communismus 13 zwischen den mit geringen Glücksgütern gesegneten, aber zufriedenen Familien. Die Hausväter kommen Abends zusammen hinaus, die Hausfrauen haben das Abendessen gemeinschaftlich servirt, man spielt, man plaudert vor Schlafengehen, man sieht das Feuerwerk in dem öffentlichen Garten des Nachbarn, über den Zaun, von der Kehrseite an, man hilft sich in Verlegenheiten des Haushaltes; man entwickelt, mit kurzen Worten, die angenehmen Seiten des Menschen, wie sie auch zur Zeit der aufstrebenden Vegetation vorzugsweise rasch zur Blüthe kommen. Man irrt sich nicht, wenn man diese kleinen Gemeinden, falls der Zufall wohlwollende und sanfte Naturen zusammengewürfelt hat, unter die schönsten und segensreichsten Formen der Sommerwohnungen rechnet. Die Kranken genesen, die Gesunden erstarken, die Kinder gedeihen und der Sinn für einfache Freuden wächst in den Herzen wie ein junger kräftiger Sprößling empor. Amphibien von Häusern und Menschen. Nur wenig über dem Spiegel des Meeres erhaben, liegen einige schattige Stellen des Thiergartens, auf welchen der Naturforscher, wenn er seine »Ansichten aus der Berliner Natur« schreibt, mit dem scharfen Blicke der Wissenschaft zu verweilen gezwungen ist. Das uralte und doch ewig junge Element des Wassers hat hier seine bleibende Wohnstätte aufgeschlagen, aber es ist nicht das Wasser, wie es trübe schäumend aus der blaugrünen Grotte des Gletschers schießt, wie es in hellen Tropfen vom Himmel fällt, wie es in flüssigem Krystall über den Fels rieselt, wie es um den Ufersand des Oceans tändelt; es ist ein in der Rangordnung der Gewässer sehr niedrig stehendes Fluidum, besitzt, als eine unerschöpfliche Fundgrube von Infusorien, nur für die Besitzer von Sonnenmikroskopen 14 eine große Wichtigkeit, und wird mit einem sehr unwissenschaftlichen, ja nichts weniger als allgemein geachteten, aber volksthümlich bezeichnenden Namen »Puhl« genannt. An seinen Gestaden berückt der Knabe mit rothem Lappen den frommen Frosch, um ihn zu Hause der Katze, oder der Schlange im Grase vorzuwerfen, fängt der wißhegierige Jüngling den gefräßigen Wasserkäfer, hält sich der erfahrene Mann die Nase zu, wenn er vorüber geht. Undurchdringliches Entenflott macht den Spiegel dieser Gewässer blind, die Trauerweiden heben wie zierliche Damen die Enden ihrer grünen wehenden Gewänder auf, um sich nicht zu beschmutzen, und die stämmigen Erlen stehen, wie Fischer in Wasserstiefeln, resignirt in den faulenden Lachen. Die Geschichte der Mark kann sich nicht erinnern, diese Gewässer je fließend gesehen zu haben. Als der Thiergarten noch ein Urwald war, wälzten sich in ihnen die Ursäue. Als der Thiergarten ein wohlgezähmter Park geworden war, baute man an ihren Ufern Sommerwohnungen. Die Sommerwohnungen an den Wassern Berlins sind die Amphibien unter den Häusern. In ihren Kellern steht das Wasser selbst in den trockensten Sommern kniehoch. Verzweifelt harrt die heimathlose Ratte an dem Rande des Abgrundes und findet nicht, wo sie ihr Haupt hinlege. Längst sind die Kellerwürmer ausgezogen, Schimmel verziert die Wände, am trüben Fenster wachsen namen- und blüthenlose Gewächse, die untersten Stufen der Kellertreppe sind verfault, und nicht giftige, aber dennoch nicht eßbare Schwämme wuchern in den Ecken. Wenn die Hitze in der Mitte des Sommers steigt, dringen pestilenzialische Dünste gen Himmel und vergiften die ganze Wohnung. Der Mensch ist, was auch die Scholaren der Prießnitzschen Philosophie sagen mögen, nicht zu einem Amphibium geschaffen; aber er kann es werden, wie der Mensch Alles werden kann. Er braucht nur so lange zu warten, bis alle trocknen Sommerwohnungen vermiethet sind, er braucht nur eine eigensinnige Frau zu haben, die auf einem 15 Quartier im Thiergarten besteht, und die Naturgeschichte verzeichnet seinen Namen ohne Aufschub in die Rubrik der kaltblütigen Thiere. Dieser Prozeß der Umwandlung einer gesunden warmblütigen Familie in etwas Eidechsenartiges ist zu merkwürdig und lehrreich, als daß er nicht ausführlicher dargelegt werden sollte. Der Umzug ist glücklich besorgt. Alle älteren Möbel, wie man sie im Mai zu Tausenden gleich gebrechlichen Hospitaliten in die Sommerwohnungen hinauswanken sieht, sind aufgestellt, der Abend ist hereingebrochen, etwas aus der Nähe herbeigeholte saure Milch hat Alle nach dem sauren Tagewerke gelabt, man ist zu Bette gegangen. Die Familie schläft in dem Hauptzimmer, das Dienstmädchen ist in einer Art von Kajüte untergebracht. Das Zimmer, in dem dieses aus Berlin gebürtige Wesen wohnt, hat wirklich Manches von einer billigen Schiffsgelegenheit nach Amerika. Obgleich Niemand etwas dem Wasser Aehnliches darin bemerkt, so macht es doch den Eindruck, als ob es im Schiffsraum eines lecken Fahrzeuges läge. Durch eine merkwürdige Ideenassociation fallen Jedem unwillkührlich schreckliche Geschichten von Fahrzeugen ein, die bei Nacht auf einen verborgenen Felsen stießen, von Passagieren, die durch rasendes Pumpen das Schiff flott erhalten helfen mußten, von Nothschüssen, von einem Floß, auf dem die Mannschaft wochenlang auf dem Ocean umherschwamm, von verhungerten Matrosen, die sich untereinander verloosten und aufaßen. So wenig Phantasie das Dienstmädchen auch hat, so scheint ihr doch eine Ahnung von Ungeheuerlichkeiten aufzusteigen. Sie legt sich murrend zu Bette. »Ich weiß nicht, liebes Kind, es ist hier eine so sonderbare Luft, öffne doch ein wenig das Fenster!« sagt die Frau zu ihrem Manne, der noch eine stillschweigende Nachtcigarre raucht. »Es kommt mir auch so vor«, antwortet der Mann, »vielleicht rührt es daher, daß lange Niemand hier gewohnt hat.« 16 In einiger Verstimmung schläft man ein, da erschallt plötzlich aus der Schlafkammer des Mädchens ein Jammergeschrei, wie es der Mensch ausstößt, weniger wenn er an seiner Ehre, als wenn ihm an seinem Leibe wehe gethan wird. Das Ehepaar erwacht mit einem tödtlichen Schrecken; die Kinder fahren aus ihren Betten in die Höhe und singen ohne Weiteres die zweite Stimme zu den Lamentationen der Köchin. Was bedeutet das Geschrei? drangen blutige Mörder in den ländlichen Aufenthalt? erkühnte sich ein Tarquinius der Kaserne . . . . . ? erschien der entsetzten Jungfrau ein Geist aus dem Dr. Justinus Kerner? Die Sache klärt sich in einer weit harmloseren Weise auf. Die Köchin ist zwar erwacht, weil ihr etwas wie eine eiskalte Hand in das Gesicht gefaßt hat, allein als die Person entschlossen zugegriffen, war es kein Geist gewesen, sondern nur ein kleines kaltblütiges Thier, das Anciennitätsrechte an die Sommerwohnung besaß, da es seinen Winterschlaf daselbst gehalten – eine Kröte . Ohne die unausbleibliche Begleitung der Maus war dieses harmlose Geschöpf noch »Abends späte« den steilen Berg einer Köchinnennase hinangestiegen. Der Morgen findet die unglückliche Familie in einer namenlosen Verlegenheit. Die Köchin hat die ewigen unveräußerlichen Rechte der Küchendragoner vom Himmel gerissen, und einen Brief an ihre Mutter geschrieben, um sie hinauszurufen, und mit ihrer Hülfe außer der Ziehzeit von einer Familie loszukommen, wo Kröten ungestraft einsprechen dürfen. Die Verwirrung wird durch das Jüngste noch gesteigert. Es hat sich auf ein Fußbänkchen in den Winkel gesetzt und scheint eben in Begriff zu stehen, in das Genus der Chamäleons überzugehen. Im Wechsel der Farben bewegt sich das Jüngste wenigstens schon sehr glücklich zwischen Gelb und Blau. Ganz besonders schön aber ist der Moment, wo sich ein prachtvolles Fiebergrün selbst dem Weißen im Auge mittheilt. Das Jüngste, ein ungemein früh entwickeltes Skrophelkind, hat das gelungenste Wechselfieber der Jahreszeit. Um das 17 Elend zu erhöhen, kann man kein Feuer anzünden. Alle Zündhölzer sind in einer Nacht durch die Feuchtigkeit der Wohnung unbrauchbar geworden. Man muß, weil man leider nicht wie die Karaiben durch Reiben zweier Hölzer Feuer anzuzünden versteht, drei Häuser weiter Zündhölzer holen, da auch die neueingezogenen Nachbarn an demselben Uebelstande leiden. Am zweiten Tage bekommt das Nachjüngste, am dritten das Aelteste, am vierten die Hausfrau, am fünften die Köchin das Fieber. Noch ist Niemand auf die scharfsinnige Idee gekommen, daß dieses communistische Fieber mit der Wohnung zusammenhänge, man hat es bisher auf einen gewissen anrüchigen, aus Hamburg zum Präsent geschickten Seefisch geschoben, dann auf eine Leberwurst von höchst zweifelhaftem Charakter; als aber die Hausfrau am sechsten Tage einen Koffer öffnet, in dem sie alte Klaviernoten aufbewahrt hat, und sich nun auf dem Titelblatt des Sehnsuchtswalzers eine zarte Vegetation zeigt, wie sie sich in den Tintenfässern fleißiger Schulkinder und Schriftsteller zu entwickeln pflegt: da fällt es ihr wie Schuppen von den Augen. Die Wohnung ist feucht! So wie der Hausherr Mittags zum Essen herauskommt, wird Lärm geschlagen, alle Möbel werden von den Wänden gerückt, alle Winkel durchstöbert und wirklich die grauenvollsten und doch erhabensten Dinge entdeckt. Die unendliche Treibkraft der Natur, die ihre Keime selbst in die feuchte Nacht einer berliner Sommerwohnung streut, läßt überall – etwas wachsen . Bald sind es niedliche kleine Moose auf einer Seegrasmatratze, bald allerliebste gelbe Pilzchen auf neuen Stiefelschäften, bald ein feiner Schimmel auf einer ledernen Schreibmappe; in dieser Wohnung giebt es nichts Unfruchtbares! Die Familie starrt mit stummem Entsetzen diese botanischen Phänomene an. »Wir müssen auf der Stelle nach der Stadt ziehen!« ruft die Hausfrau und drückt das Jüngste, das heute weniger grün, als bläulichgrau aussieht, an ihr Mutterherz. »Du vergißt, liebes Kind,« antwortete der Hausherr, »daß wir in unserer Stadtwohnung den Maurer in der Küche, den Tischler im Corridor, den Tapezierer in der Putzstube, den Töpfer in der Eßstube und den Maler überall haben, daß der Sommer vergehen kann, ehe das Quartier in der Stadt ausgetrocknet sein wird, und daß wir aus dem Regen in die Traufe kommen können.« »Ach, das sind wir schon!« seufzte die Arme, »wir wollten der Nässe entfliehen und sind in einen See gerathen – sieh nur das Kind an, wie gelb es ist!« Das Kind ist wirklich in einer halben Minute schön saffrangelb geworden. »Du siehst also, es hilft uns nichts, wir müssen aushalten, so gut wir können,« bemerkt der Hausherr, der sich eine Art Philosoph zu sein schmeichelt. »Schenke der Köchin ein billiges Jaconnetkleid, damit sie nicht murrt, und dann frage den Arzt nach Mitteln gegen die Feuchtigkeit. Man muß dergleichen haben. Ich erinnere mich, einmal darüber etwas im Pfennigmagazin gelesen zu haben. Wir müssen Ventilatoren anbringen, wie man sie auf den Schiffen hat, Windfänge, die den frischen Luftzug in die unteren Räume leiten. Beruhige Dich nur, es wird sich Alles geben!« Aber es giebt sich nicht. Das Fieber setzt sich in der Familie, wie die Russen in den Donaufürstenthümern fest, die Köchin sinnt, ungeachtet des Jaconnetkleides, auf Flucht zu ihrer Mutter, und auch der Hausherr, der den größten Theil des Tages in der Stadt zubringt und sich bis jetzt gehalten hat, beginnt zu kränkeln. Bei ihm äußert sich die Sommerwohnung aber nicht als Fieber, sondern als Rheumatismus. Er hat Reißen in allen Gliedern und schildert dem Hausarzt sein Leiden, analog der Empfindung eines alten Königsmörders, wenn beim Viertheilen die Pferde zuerst angezogen. An was gewöhnt man sich zuletzt nicht? Hat doch ein Märtyrer auf der Folter schlafen können! Nach vier Wochen hat sich die Familie in ihr Schicksal gefunden. 19 »Wir sind jetzt alle Amphibien geworden! aber ich möchte wohl wissen, ob alle Amphibien auch Fieber und Reißen haben?« bemerkt der scherzhafte Hausherr in einem Augenblicke, wo das Gliederreißen ihm einige Ruhe vergönnt. Der unerwartete Besuch einer Kröte erschreckt Niemanden mehr, die Kinder jagen sich mit den jungen Fröschen, suchen Regenwürmer und füttern ihre Wasserkäfer damit. Der Schimmel, die Moose und Pilze werden geduldig abgekratzt und das Fieber wird wie ein etwas launischer, aber doch lieber alter Freund betrachtet. Die Familie setzt sich an warmen Tagen, wie ein Schwarm durchnäßter Sperlinge, an die Sonne und trocknet ihre matten Glieder. »Wenn wir wieder nach der Stadt kommen, Kinderchen, werden wir Alle gesund werden!« tröstet die Hausfrau, da alle bitteren Pulver des Hausarztes nicht anschlagen. Man freut sich förmlich auf die Stadtwohnung, wie sich andere Leute auf eine Badereise freuen, denn man hat eingesehen, daß der märkische Sand nur eine hohle Redensart, der Thiergartensumpf aber eine »tiefe« Wahrheit ist. Endlich wird es selbst dem Fieber zu langweilig, die armen Kinder zu plagen, es weicht vor der trockenen Wärme des August, der Hausherr verliert seinen obligaten Rheumatismus und an einem schönen Morgen zeigt sich auf der Schwelle der Gartenthür – die erste Maus . Die Wasser der Sündfluth sind verronnen – eine Maus konnte im Keller wieder festen Fuß fassen. Die erste Maus wird mit derselben freudigen Rührung begrüßt, wie die Primula veris und die erste Schwalbe; noch nie sind an eine Maus so viele poetische Empfindungen verschwendet worden. Wie die Tausendfüße und Scorpionen in Neapel Vorboten des Lenzes, ist diese Maus die Vorläuferin eines gesunden Herbstes, eines abgedankten Arztes, eines Striches unter die Apothekerrechnung! Am Tage darauf zeigt sich auf den Backen des Jüngsten ein Anflug von der Morgenröthe der Gesundheit, die Familie geht 20 allmählig aus dem Stadium der Amphibien wieder in das der Säugethiere über. Die Tragödie der Sümpfe hat ihre Versöhnung gefunden. Absteigequartiere. »Nichts läßt sich schwerer ertragen, als eine Reihe von guten Tagen!« so etwa äußert sich einmal Goethe mitten in einer Epoche, wo ihm alles Herrliche des Lebens in glücklicher Fülle zuströmte, und darum ist es besser, setzen wir bescheidentlich hinzu, daß der Mensch nicht den ganzen Sommer über auf dem Lande oder im Freien wohnt, sondern nur ein Absteigequartier besitzt, und in Mußestunden bei schönem Wetter hinauskommt. Wir wollen unsern Freunden hier das große Geheimniß des Absteigequartiers verrathen, nicht jenes von der Polizei verfolgten, das leider unser verderbtes Zeitalter nur allzugenau kennt, sondern ein Geheimniß, um das die Allerwenigsten wissen. Der Mensch frißt mit großer Herablassung die Auster und viele andere Schaal- und Panzerthiere, er zertritt rücksichtslos das Gehäuse der Schnecke, des Menschen Magd fegt ohne Erbarmen die traulichen schattigen Boudoirs der Spinne aus den Ecken, und derselbe Mensch bedenkt nicht, daß er nichts Besseres sei, als eben diese zertretenen, weggefegten, aufgefressenen Thiere. Wie sie, baut er, um zu leben, aus der Nichtsnutzigkeit seiner selbst ein Gehäuse um sein denkendes Theil, er spinnt sich Winkel von grauen Fäden, aus denen er aus dem Hinterhalt auf seine Beute schießt, er kneipt mit selbstgemachten Scheeren seine Brüder; der Mensch ist nicht besser als andere Thiere; er kann unmöglich unter die anständigen Leute gerechnet werden. Und doch, wenn man den Menschen genauer prüft, kann man ihn nicht ganz 21 verloren geben; es steckt in ihm etwas Aehnliches, wie das seltsame Juwel, das uralte Kröten nach der Sage im Kopfe tragen sollen. Was im Menschen verborgen ruht, muß nur aus dem kalkigen Schneckenhause, dem steinigen Krebspanzer, den staubigen Spinnenwinkeln, die er sich in seiner jammervollen Tagesarbeit zusammengeschwitzt und gesponnen hat, zuweilen hinaus an den blauen Himmel, wo schöne Sterne von Gedanken und Gefühlen kreisen! Das ist das Geheimniß des besseren reuigen Menschen aus der tiefen Erbärmlichkeit unseres Daseins, daß er ein helles sonniges Absteigequartier besitzt, wohin er nach der Ackerarbeit um das Brod seinen Sessel hinausrückt in den Garten der Unsterblichen, die für uns Stümper und Bettler gepflanzt haben. Ob er sich dann hinaussetzt unter die mächtigen dunklen Blätter des Shakespeare, oder die Nachtschatten des Calderon, ob er mit Göthe's Blumen das Haupt kränzt oder sich an Schiller's Spalieren labt, das ist Alles gleichbedeutend. Ob Einer in den Veda's oder in dem Todtenbuch von Memphis wohnt, ob er sich ein Sommerhaus von gesammeltem bunten Schmetterlingsstaub oder von Infusorienschalen baut, das ist seine Sache. Es kommt nur darauf an, daß Jeder hinaus muß aus den trockenen Brodrinden in sein Absteigequartier. Nun giebt es aber Viele und es sind ja die Meisten , die von solcher Wohnung nichts wissen wollen und – können, die aber doch ein dunkles Bedürfniß spüren, nicht immer in der Stallfütterung zu stehen, sondern auch einmal auf das wohlige Gras zu gehen, diese nehmen das Absteigequartier buchstäblich und miethen es vor den Thoren. Darum darf jedoch sein Einfluß nicht gering angeschlagen werden, auch das kleinste Sanssouci ist im Stande, vor der Welt zu retten. Es giebt Absteigequartiere, die den ganzen Sommer über nicht mehr kosten, als die Landpartie eines Sonntags, wie sie eine wohlhabende Familie zu unternehmen pflegt. Zwei alte Jungfern miethen sich eine Fliederlaube vor dem Thore, gehen alle Tage hinaus, ziehen zwischen sich 22 und der Welt einen Bindfaden quer über den Eingang und trinken ihren einsiedlerischen Kaffee. Vor zwanzig Jahren saßen beide am fashionablen Ende der Stadt unter einem gestickten Zelte und warteten des Freiers, der nach ihrem Kränzlein käme. Väter sind nicht unsterblich, Capitalien nicht unantastbar, das Barometer der Börse hat auch nur eine Glasröhre und die Jungfern wurden alt und arm. Anfangs fuhren sie auf die Welt los wie die Boa und die Tigerin auf den armen Wanderer zwischen ihnen, allein sie stürzten mit ihren Zungen die Welt nicht um, an der schon andre Leute als sie vergeblich gerüttelt haben. Dann wurden sie allmählig ruhiger. Sie saßen zwar im Sommer nicht mehr vor einem stolzen Landhause, allein sie saßen in einer blühenden Fliederlaube. Den früheren Fliederwald ihrer väterlichen Villa hatten sie vor lauter Bäumen nicht gesehen; den einen wohlthätigen Fliederstamm sahen und liebten sie. Die Natur hatte sie veredelt. Sie schimpften nicht mehr auf die Menschen, so sehr diese es auch verdienen mochten; Armuth und Einsamkeit hatten die bösen Zungen geheilt. Sie liebten beinahe die Welt, seit sie sich durch ihrer Hände Arbeit darin lebendig erhalten mußten. Ein junger Poet , seines Zeichens ein beginnender Rechtskundiger, hat beschlossen, um ein Werk, das seinen Namen auf die fernsten Geschlechter bringen soll, in Muße und Ungestörtheit zu vollenden, ein Absteigequartier vor der Stadt zu miethen. Wenn die Termine zu Ende sind, wenn er die unergründlichen und unaufhörlichen Häkeleien und Schimpfereien, welche alle auf dem Stadtgericht zusammenfließen, Mittags durchwatet hat, zieht er sich in seine Garteneinsamkeit zurück. Am offenen Fenster des Stübchens steht ein Schreibtisch, an ihm käut der Dichter zum Dessert – seine Feder. Es hat Einer irgendwo gesagt, wo es Etwas Gutes in der Welt gäbe, da sei desselben auch immer viel; nach diesem Ausspruch lassen sich einige Zweifel hegen über die Verse des Referendarius, denn er verfertigt im Laufe eines Nachmittags ihrer 23 nicht viele . Die Verse gehen dem armen Manne nicht mit der Leichtigkeit ab, welche ein Zeichen von einer gesunden poetischen Constitution zu sein pflegt. Ohne künstliche Anregungsmittel, ohne einige Seiten im Lord Byron oder Heine gelesen zu haben, bringt er nicht das geringste Häuflein Reime zu Stande. Nicht fünf Schritte vor seinem Fenster stehen aber mehrere Bienenstöcke, und während er sich abängstigt, tragen die Bienen den süßen Honig in die zarten durchsichtigen Zellen, die sich wie die Stanzen eines Lobgedichtes auf die Natur und den Sommer kunstvoll ineinanderfügen. Er hört das melodische Summen der geflügelten Arbeiter und seufzt dabei ob seiner lyrischen Walkmühle; endlich kommt es bei ihm zum Durchbruch. An einem herrlichen Abend thut eine Schwalbe seinem Manuscript, was ihre Aeltermutter dem Tobias that, und er springt auf und ruft das Gegentheil des anch' io sono pittore – »nein, ich bin kein Dichter!« Der Referendarius geht auf der Stelle in sich, er zerschneidet die Lyrik in Fidibusstreifen, ahmt den Bienen nach, hat also keine Reste mehr, braucht keine Ausputzer der Vorgesetzten zu fürchten und spielt in seinem Absteigequartier höchstens noch mit Freunden einige Robber Whist. Die Welt hat einen schlechten Dichter verloren und einen guten Stadtgerichtsrath gewonnen. »Lieber Doktor«, sagte im Mai ein Erbhämorrhoidarius und des deutschen Reiches würdiger Erzhypochonder, »lieber Doktor, es ist mit mir vorbei, hier sehen Sie – hier, hier sticht es – hier zuckt es alle Abende, wenn ich mich zu Bett lege, ich kann mich den Tag über nicht von der Stelle bewegen, habe Mittags einen krankhaften Heißhunger, offenbar den sogenannten falschen Appetit, und schwelle täglich mehr an. Ich glaube, es ist die Wassersucht, wenn es nicht der Magenkrebs ist, worauf dieses Kneifen unter der Herzgrube zu deuten scheint. Etwas Gicht und Podagra ist unter jeder Bedingung dabei im Spiele.« »Sie müssen ein Absteigequartier vor dem 24 Thore miethen!« antwortete der schlaue Arzt. »Kann ich denn nicht lieber gleich eine Sommerwohnung nehmen?« fragte der Erzhypochonder. »Nein«, sagt der Arzt, der ihn zum Gehen veranlassen will, »Sie müssen in der Stadt schlafen, aber schon um fünf Uhr hinausgehen und im Freien den Brunnen trinken, auch würde ich Ihnen rathen, sich mit Gartencultur abzugeben. Wenn sie selbst graben und pflanzen, Unkraut jäten und begießen, machen Sie alle Experimente der schwedischen Heilgymnastik durch!« »Soll ich nicht lieber ganz in die Anstalt für schwedische Heilgymnastik gehen, ich habe einmal die Heilgymnastik von Dr. Neumann gelesen, und denke mir, daß die »halbstrecktreppstehende Seitenbeugung«, oder die »neigwendspaltensitzende Lendendrückung«, vielleicht auch die »schenkelgegenklaftertiefkrümmende Rückenerhebung« sehr gesund sein muß?« »Sie werden thun, was ich Ihnen verordne!« sagt der Arzt, »wenn Sie den Brunnen getrunken haben, sollen Sie schwimmen und baden, darum können Sie nicht in einer entfernten Sommerwohnung Tag und Nacht bleiben!« Der gehorsame Knabe beginnt also zu graben und zu säen; unter Seufzen und Stöhnen trägt er selbst das Wasser herbei und ruht nach gethaner Arbeit auf den harten Schemeln des Gärtners in der Vorstadt, bei dem er sein Absteigequartier genommen hat. Keine Droschke, kein Omnibus fährt früh Morgens hinaus; er ist lediglich aus sein eignes Pedal, wie eine Melodie am Klavier auf den Baß angewiesen. Allmählig geht mit ihm eine Veränderung vor. Früher hatte er an jedem Morgen nur neu hervorbrechende Keime von Krankheiten beobachtet, jetzt wird seine Aufmerksamkeit durch die gesunde Vegetation rings um ihn her gefesselt. Des deutschen Reiches Hämorrhoidarius fängt wieder an zu glauben, daß es noch einige gesunde Gegenstände in der Welt gebe, und daß er selbst mit der Zeit wohl noch dazu gehören könne. Er bringt es sogar schon so weit, Abends in ein Sommertheater zu 25 gehen und über einen elenden Witz zu lachen. Die Moral des Mährchens vom Sultan mit dem Ballschlägel, aus Tausend und eine Nacht, hat sich an ihm bewährt. Heil dem Manne, der mit den Seinigen nur ein Absteigequartier hat; er kann nie durch ein feindliches Besuchscorps meuchlings von der Stadtseite her überfallen werden. Ein gutes Absteigequartier ohne Küche ist wie eine bombenfeste Kasematte. Nur das unglückliche Hessenland hat erfahren, als man ihm zehntausend Knödelmägen auf Execution schickte, wie einer Familie in der Sommerwohnung zu Muthe ist, wenn sie plötzlich und unvorbereitet von lieben Freunden occupirt wird. Im erhebenden Bewußtsein seiner Sicherheit kann der Mensch von der höheren Zinne des Absteigequartiers philosophisch auf die Leiden einer solchen Razzia herabblicken. Wir aber sind gezwungen, die Reihe heiterer Sommerlandschaften mit einem düstern Tableau zu schließen; wir dürfen unseren Lesern auch die Nachtseite des Landlebens, die Kehrseite der Münze nicht verbergen. Arglos sitzt eine Familie im Schatten einer deutschen Linde und hat eben ihren Kaffee verzehrt, nur noch Karlchen, des Vaters letztgemaltes sprechend ähnliches Portrait, beschäftigt sich damit, einige untergehende Semmelbrocken aus seinem stark mit Milch und Wasser verfälschten Kinderkaffee zu fischen, da öffnet sich die Gartenthür und mit Freudengeschrei bricht die theuerste Freundin des Hauses, begleitet von den lieben Ihrigen, in den Garten. Jede plötzlich einfallende Familie stößt ein Freudengeschrei aus, weil sie zu Fuß hinausgegangen und froh ist, angekommen zu sein und gratis bewirthet zu werden. Andere erklären dies Geschrei, wie den Trommelwirbel am Schaffot – um die letzten Worte Ludwigs XVI. zu übertäuben. Der nichtswürdiger Weise überfallenen Hausfrau fällt die Handarbeit vor die Füße, denn kaum hat sie das feindliche Corps erblickt, so berechnet sie auch schon die Kosten der Invasion und vergleicht den Festungsproviant von einem halben Brode und anderthalb Vierteln Schlackwurst 26 mit der Kopfzahl der Neuhinzugekommenen. Leider hat eine Familie, die fast eine halbe Meile im Sommer zu Fuße gegangen ist, einen ächt bairischen Appetit. Das unglückliche Weib muß ihren Jammer hinter der Maske der »aufrichtigen« Freude verbergen; die beiden Freundinnen haben sich so lange nicht gesehen, die Kinder spielen so gern mit einander – »mein Mann kommt vom Büreau nach!« (ja er kommt , dieser verdammte Kerl) – »Sie wohnen wirklich reizend, meine Liebe! den Bäcker und Schlächter haben Sie gewiß auch in der Nähe?« – »Keinen Kaffee, meine Liebe! nur unseretwegen keine Umstände! wir haben schon in der Stadt Kaffee getrunken!« Die Invasionsarmee läßt sich indessen erweichen und trinkt noch einmal Kaffee, den die Hausfrau selber kochen muß, da das Dienstmädchen unterdessen auf eine Zwiebackexpedition ausgesandt wird. Nach dem Kaffee vertheilen sich die Kinder im Garten und Karlchen vom Hause namentlich beeilt sich, Karlchen aus der Fremde einen künstlichen Hafen zu zeigen, den er neben einem gewissen »stillen Meer« heimlich angelegt hat. Jetzt unterhalten sich die Damen ungestört über weibliche Politik: die Mägdeangelegenheiten, die ewige orientalische Frage oder das Frankreich des Hauses. Noch ist keine Stunde verflossen, so läßt sich aus der Tiefe des Hofes ein Jammergeschrei vernehmen – Karlchen vom Hause bringt das städtische Karlchen geführt. Das unglückliche Kind hat beim Hafenbau Schaden genommen und ist bis an den Hals in das stille Meer gefallen! »Nirgends befindet sich der Mensch besser, als am Busen seiner Familie!« Armes Karlchen, ehe du darin einstimmen kannst, wirst du erst mit wenigstens zwölf Gießkannen Wasser begossen, dann von der murrenden Magd ganz entkleidet, dann warm gebadet, dann mit Eau de Cologne gewaschen, dann in des andern Karlchen's Kleider gesteckt und dann an den Busen deiner Mutter gedrückt. Dieses Abenteuer hat dem Besuch aus der Stadt eine andere Wendung gegeben. Man spricht nur noch von dem Abenteuer, die Kinder erwarten die 27 Väter schon lange vorher am Gitter, um zuerst die Nachricht zu überbringen, das Abenteuer ruft lange Geschichtserzählungen von ähnlichen Ereignissen hervor, es duftet in das spärliche Abendessen hinein, es giebt Stoff beim Abschiede, Stoff auf dem Heimwege, Stoff zu einem furchtbaren Fluch der Sommerbewohner über die Besucher aus der Stadt, endlich Stoff zu zwei großartigen Ausprügelungen der beiden Karlchen! Darum Heil dem Manne, der nur ein Absteigequartier gemiethet hat! 28   Das Zellengefängniß bei Berlin. An dem Ufer der Spree, in der Nähe der Zelte stehend, sieht der Spaziergänger über Wiesen und Baumgipfel in der Ferne einen seltsamen Haufen von Mauern und Thürmen emporragen. Neben den klar übersichtlichen Verhältnissen der an den pittoresken Styl schottischer Burgen erinnernden Kaserne der Dragoner, erscheint jenes Gewirr noch neuer Mauern als die wunderliche Anlage eines eigensinnigen und menschenfeindlichen Bauherrn. Man verfolgt den Weg über das Wasser, läßt die großartige Kaserne zur Linken und hat nach einer halben Stunde den unregelmäßigen Bezirk erreicht, über dessen hohe Mauern öde Wachtthürme und lange kahle Dächer schauen. Nur hie und da tritt ein Vorbau mit hellen Glasfenstern, geschmückt durch Vorhänge und freundliche Blumentöpfe, aus der nüchternen Umfriedigung hervor und erweckt einige heitere Gedanken. Dieser scheinbar verworrene Bau, dieser abgesperrte, so barock geformte Mauerklumpen ist ein tief überdachtes Menschenwerk, ein reiflich berechneter Mikrokosmus, der seinen traurigen Zweck in einem nahe an die Vollkommenheit der Verzweiflung grenzenden Grade erfüllt. Es ist die neue Strafanstalt , der architektonische Ausdruck für ein modernes philosophisches Criminalsystem. Auf das Zeichen mit der Glocke öffnet sich eine schwere Thür, man steht in einer Vorhalle mit der Aussicht auf 29 einen kleinen saubern Hof und den Eingang zum Hauptgebäude. Der Beamte weist dem Eintretenden mit leisen Worten den Weg; eine stumme Schildwache geht klirrend auf und ab. Das Zwitschern eines Fluges Sperlinge ist das einzige Geräusch des Lebendigen und doch sind hier in der zeitigen Nachmittagsstunde nahe an tausend Menschen mit rastloser Arbeit beschäftigt. Ueber einige Stufen schreitet man in einen langen, winterlich dunklen aber wohl erwärmten Corridor. Die vortrefflichen Dielen des Fußbodens sind gleich dem elegantesten Salon dunkelbraun gebohnt, reinliche feste Strohmatten bilden einen Weg für die Fußgänger und zahlreiche Thüren mit Nummern führen zu eben so vielen Büreaus der inneren Verwaltung. Eben sind einige Sträflinge beschäftigt, mit Besen, Tüchern und Bürsten den Glanz einer getrübten Stelle des Parquets wieder herzustellen. Sie verrichten dieses Geschäft mit einer Vorsicht, als wollte die Thätigkeit der Hände mit dem Schweigen ihrer geschlossenen Lippen wetteifern. Ein Beamter öffnet rechts ein Seitenzimmer, um darin den Director der Anstalt aufzusuchen, von dessen Erlaubniß die Besichtigung der Anstalt abhängig gemacht wird. Das Zimmer, in dem man wartet, enthält eine altarähnliche Vorrichtung, bestehend aus einem Vorhange von dunklem Stoff und den darüber stehenden Tafeln der zehn Gebote. Einige Stufen hinter dem grünbezogenen großen Schreibtische erhöhen die Würde dieser Stätte. Hier werden ernste Verhandlungen, seien sie kirchlicher, seien sie gerichtlicher Art, mit den Sträflingen vorgenommen, Sühneversuche in Scheidungsklagen, eindringliche Ermahnungen; hier werden auch die Todesurtheile vier und zwanzig Stunden vor der Vollstreckung vorgelesen. Nach kurzer Zeit kommt der Beamte zurück und bringt die Erlaubniß des Directors. Jetzt thut sich das Gitter des Geheimnisses vor dem Eintretenden auf, ein eisernes schweres Gitter, und man steht in dem Mittelpunkte, von dem aus sich vier lange Radien entfernen, von denen zwei in einer Fronte 30 zusammenfallen, auf welcher die beiden andern in einem Winkel von sechzig Graden stehen. Diese vier langen und schmalen Säle, wenn man sie so nennen will, sind zwei Stockwerke hoch und bis zur Höhe des Daches vom Mittelpunkt eines gedachten Halbkreises, der die vier Radien umspannt, vollkommen zu überwachen. In den beiden Stockwerken liegen Thür an Thür die einzelnen Zellen und ein auf leichten geschmackvollen Eisenconstructionen ruhender, mit polirten Schieferplatten belegter Gang, zu dem man auf eisernen zierlichen Treppchen hinaufsteigt, fährt an allen Wänden hin. Ein zweiter Gang, der sich über diesem Hauptpfade in kleineren Dimensionen unter dem Dache hinzieht, dient zu verschiedenen häuslichen Verrichtungen, Reinigungsgeschäften und Inspectionen. So weit die Blicke tragen, herrscht überall die makelloseste Reinlichkeit, mit der nur die Verdecke eines englischen Kriegsschiffes wetteifern können. Der Fußboden ist spiegelblank polirt, auf den Strohmatten ist kein Flecken zu bemerken, die eisernen Verschränkungen der oberen Gänge schimmern rostfrei in ihrer natürlichen Farbe, und kein Fenster, auch nicht das der reinlichsten Hausfrau, kann sich neben den klaren Scheiben des mittleren halbrunden Raumes sehen lassen. Die milde Wärme einer Dampfröhrenheizung durchdringt alle Räume. Von Waffen, von Zwangsmitteln keine Spur. Der Director Bormann , ein stattlicher Herr in reifen Jahren, mit hellen, scharfen aber gutmüthigen Augen, mit menschenfreundlichen Zügen und ruhig-zuversichtlichem Wesen, steht in schlichter bürgerlicher Hauskleidung vor dem Gitter und sendet eben seine forschenden Blicke nach allen Richtungen. Nirgend zeigen sich in den weiten kahlen schweigenden Räumen menschliche Wesen, nur am Ende des langen Saales zur Rechten brennt ein behagliches Feuer und eine nicht unbeträchtliche Anzahl Personen sitzt lautlos beschäftigt an einem langen Tische. Ein kurzsichtiges Auge erkennt in dieser Entfernung nichts Näheres. Später entdeckt man, daß es die Schneider unter den Sträflingen sind, welche 31 hier die schadhaften Kleidungsstücke der Anstalt ausbessern und an dem Feuer die Bolzen ihrer Bügeleisen erhitzen. Die Hunderte von Thüren sind alle geschlossen wie Augen Verstorbener. Sie scheinen in ihrer ehernen Ruhe von innen vermauert zu sein, und doch schafft hinter jeder ein Mensch an unendlichem, oft auf die Hälfte, noch öfter auf die ganze Länge eines Lebens berechneten Tagewerke. An einem Tagewerke des Zwanges , nicht der freien Arbeit . Einige Zellen stehen leer. Ihre Bewohner, die sich durch geregeltes Betragen und Fleiß das Vertrauen des Directors und der Inspectoren erworben haben, sind ihren erlernten Handwerken oder Kunstfertigkeiten gemäß, in den Werkstätten, Küchen, Bäckereien, Mühlen und Schmieden beschäftigt. Die Fenster jeder Zelle sind von außen mit starken Eisenstäben verwahrt, aber es ist ein Irrthum, wenn man behauptet hat, daß die Scheiben aus mattgeschliffenem Glase bestehen. Es sind helle Fenster, und ein kleiner Apparat gestattet den Gefangenen, nach Belieben frische Luft in seine Zelle zu lassen. Der Anblick des Himmels und seiner wechselnden Phänomene steht ihm frei; sie sind der einzige Wechsel in der aschgrauen Einförmigkeit seiner Tage. Der Sieg der Himmelsbläue über die fliehenden Wolken, der spät heranschleichende Mond in schlafloser Nacht, der Abglanz der Abendröthe und der goldene Planet des grünlichen Zwielichtes bereiten ihm wehmüthig beschauliche Feststunden, wenn seine Seele durch die lange Einsamkeit und die Trennung vom Verbrechen für erhabne Empfindungen und die Sympathie der Naturmächte urbar gemacht worden ist. Kein grünes Blatt, keine Blume findet den Weg in die einsame Zelle, aber die allerbarmende Luft trägt auf ihren Flügeln einen leisen Hauch des Frühlings, den stärkenden Duft des Heu's und der Erntefelder über Land und Wasser in den Sarg des Lebenden. Die Zelle ist durch eine starke Thür mit einem kunstvollen Schlosse verwahrt. In der oberen Hälfte derselben 32 befindet sich eine von außen zu öffnende Klappe, welche dazu bestimmt ist, dem Gefangenen seine Bedürfnisse zu reichen, wenn er durch die Schwere seiner Verbrechen oder ungebändigtes Betragen sich der Begünstigung verlustig gemacht hat, seine Zelle zu verlassen. Da einzelne Verwegene ungeachtet aller Wachsamkeit die Klappe durchschnitten und darauf mittelst Nachschlüssels die Thür ihrer Zelle zu öffnen versucht haben, ist neuerdings eine eigenthümliche Vorrichtung angebracht worden, welche bis jetzt die gewaltsamsten und sinnreichsten Befreiungsversuche der Gefangenen zu Schanden gemacht hat. Mit dieser Klappe parallel läuft ein kleiner, mit starkem Glase bedeckter Quereinschnitt, der eben nur breit genug ist, um von innen das Auge des Hereinblickenden zu erkennen. Mit einem seitwärts verschiebbaren Blech bedeckt, dient er dazu, den Inspectoren in jedem Augenblicke die genaueste Beobachtung des Eingekerkerten möglich zu machen. In der Ecke zur Linken des Fensters ist ein kleines hölzernes Gesims oder Fach in die Wand eingelassen; es ist bestimmt, die Eß- und Trinkgeräthschaften aufzubewahren. Aus dickem Zinn verfertigt und auf das Sorgfältigste gereinigt und geputzt, glänzen Schüsseln, Becher und Löffel wie die kostbarsten Silbergeräthe in den Schaufenstern der Juweliere. Da alle Speisen mit dem Löffel genossen werden und der Gebrauch schneidender Instrumente erklärlicher Weise aufgehoben ist, zeigt sich nicht die geringste Schramme, und die alterthümlichen Zinngefäße, welche, auf braunen Eichenschränken schimmernd, den Stolz unserer einfachen Vorfahren bildeten, halten nicht den Vergleich mit diesen Schätzen der Gefangenschaft aus. An derselben Seite steht ein kleines Tischchen mit einem hölzernen Stuhle. Hier verrichtet der Gefangene die Arbeit, welche ihm angewiesen ist und die Kosten seines Unterhaltes deckt. Hinter seinem Platze steht ein in die Wand mündender geruchsfreier Reinlichkeitsapparat, auf welchen den Tag über die zusammengerollte Hängematte, Matratze und Decke ruht. An jeder Seite mit zwei starken, aber 33 um jeden Mißbrauch zu verhindern, möglichst kurzen Haken versehen, wird diese Hängematte allabendlich an zwei rechts und links befindlichen festen eisernen Stangen quer durch die Zelle, etwa zwei Fuß hoch über dem Fußboden ausgespannt. Leichtere Verbrecher schlafen in den unteren Räumen der Strafanstalt gemeinschaftlich und es muß mit einem bedauernden Seitenblick hinzugefügt werden, daß, abgesehen von Millionen Armen, selbst unsere Soldaten , wie sie wenigstens in älteren Kasernen oder Privatgebäuden untergebracht sind, keine so gesunden und wohl ventilirten Schlafstätten haben. Die Luft ist frisch und mäßig warm, die blaugemusterten Betten sind sauber und es läßt sich nicht die geringste Spur von Ungeziefer entdecken. Allen diesen, zwar bis auf die äußerste Nothwendigkeit beschränkten, aber tüchtigen Vorkehrungen, entspricht die Sorge für leibliche Gesundheit und Reinlichkeit der Gefangenen. Ihre schwere Entbehrung der Freiheit wird nicht durch den Mangel an Sanitätsmaßregeln verschärft. Allwöchentlich ist jeder Gefangene in den Stand gesetzt, ja durch die Hausordnung gezwungen, ein warmes Bad zu nehmen. Die dazu bestimmten Zinkwannen mit spiegelblanken Messinghähnen und gut gedieltem reinlichen Fußboden der Badekammern beschämen nicht allein die öffentlichen unentgeltlichen Armenbäder, sondern auch die unteren billigen Klassen der berliner Badeanstalten. Eine Douche und Brause in einer besonderen Kammer dient vornehmlich als heilsames Palliativmittel gegen fingirten Wahnsinn und simulirte Anfälle von Tobsucht, wie sie hier öfter bei Verbrechern vorkommen, die nach der Charité gebracht zu werden wünschen, von wo aus ihnen das Entwischen wesentlich erleichtert ist. Von Morgens sechs Uhr bis in die frühen Abendstunden sind die Gefangenen mit ihren Arbeiten und Mahlzeiten beschäftigt. Sie erhalten dreimal täglich eine reichliche vegetabilische Kost nebst fünf Viertelpfund groben Brodes, dessen Sorte bei älteren und schwächeren Leuten verbessert wird. Es ist gut ausgebacken und etwas 34 feiner als das Militaircommisbrod. Schwere Handarbeiter genießen eine stärkere Ration und Abends einen Becher leichten Braunbiers. Viermal jährlich an den drei großen Festtagen und dem Geburtstage des Königs wird dieser Mahlzeit Fleisch hinzugefügt, doch ist den Gefangenen gestattet, den zwölften Theil ihres Verdienstes für Häringe, Bier, Butter und Schnupftaback auszugeben. Ein anderes Zwölftel wird regelmäßig zurückgelegt, um einen Fond für den Ablauf der Strafzeit zu bilden, welcher dem Befreiten eine kleine Lebensbasis giebt. Es sind Gefangene da, deren Ersparnisse bereits jetzt hundert Thaler übersteigen. Alles, was sonst durch die Handarbeit erworben ist, wird als Unterhalt des Individuums berechnet, so daß die Anstalt sich in einem wesentlichen Zweige selbst erhält. Die Existenz der Gefangenen ist nicht, wie die der Armuth täglich in Frage gestellt. Die Mehrzahl unserer Dürftigen erfreut sich weder einer so regelmäßigen und ausreichenden Kost, noch einer so sorgfältigen Pflege ihrer Gesundheit; der Segen einer emsigen Handarbeit ruht auf dem Hause, und doch dämmert ein unheimlicher Geist in jedem Winkel, der eindringende Lichtstrahl stimmt die Seele traurig und auch das ruhigste Gemüth empfindet den heftigen Wunsch nach schleuniger Entfernung. Es ist das eiserne Gesetz des Ortes: das unverbrüchliche Schweigen, welches diese gespenstische Wirkung hervorbringt. Jede großartige Stille erzeugt im Menschen ein Gefühl von Erhabenheit. Die lautlose Beschaulichkeit einer wilden Hochgebirgslandschaft, ein dämmernder windstiller Morgen auf hoher See, die zermorschenden nächtlichen Ruinen einer alten romantischen Stadt, die schattige feierliche Ruhe eines gothischen Domes drängen lebhaftere Gefühle zurück und drücken dem Geiste unwiderstehlich ihren scharf ausgeprägten Stempel auf. Aber es liegt nichts Niederschlagendes in dieser melancholischen Stimmung. Der Geist bemächtigt sich ihrer und indem er die unbestimmte Trauer zu dem Begriff der Natur und Geschichtsnothwendigkeit 35 erhebt, genießt er sich selbst als das Herrschende und Denkende, ohne dessen Gegenwart diese Erhabenheiten nichts Besseres wären, als der unerfüllte Raum. Ein Anderes ist es mit dem Grabesschweigen der Eingekerkerten. Eine große in Betrachtung versunkene religiöse Genossenschaft und das stille Auditorium eines Kunstwerkes verzichten freiwillig auf Mittheilung und Meinungsäußerung. Den Gefangenen ist das Schweigen eine Strafe ; es ist mehr, es ist die lebendige und doch todte Zuchtruthe, deren schmerzliche Streiche sie in jedem Augenblick empfinden. Der Beobachter fühlt sich nach kurzer Zeit von derselben bangen und dumpfigen Geistesatmosphäre angesteckt, er wird, so lange er verweilt, von einem furchtbaren Gesetz überwacht, und die moralische Kraft desselben ist so groß, daß es sich wie die Stille der Natur des ganzen Menschen bemächtigt. Allein es wird nicht als ein Accord der großen Weltharmonie in einen logischen Begriff aufgelöst; es bleibt schwer auf dem Herzen liegen oder erscheint als eine tragische Verletzung eines Menschenrechtes, als eine schreckliche Nothwehr der Gesellschaft gegen die Auflehnung der Individuen. Das Schweigen des Zellengefängnisses ist die Vergeltung der vorlauten That . Hier leben Hunderte von lebendigen Menschen thätig neben einander, doch ist ihre Zusammensetzung nur eine atomistische , nur die Schwerkraft hält sie fest und diese Schwerkraft ist das Verbot der Rede. Die neuere Zeit hat das traurige Verdienst eines solchen Raffinements, der Empfindung des lebendigen Todes, des Grabes, mitten in der angestrengten Arbeit, der hermetischen Absperrung der Gedanken. Die Theorie des ganzen Systems und dieses Gefängnisses insbesondere ruht auf dem Prinzip des Schweigens und ist deshalb unantastbar mit der Totalität der Erscheinung verwachsen. Was die Subordination in den modernen Armeen, ist das Schweigen bei dieser stets gegen die Gesellschaft bewaffneten, nur momentan unschädlich gemachten Körperschaft. Einige Personen beherrschen mehr 36 als siebenhundert Männer, den Auswurf einer großen Monarchie, sie herrschen ohne Waffen, nur durch die Macht einer Idee, und der criminalistische Calcül ist scharfsinnig genug gewesen, das Schweigen zu diesem Zwecke auszubeuten. Sehr strenge Strafen, wie Entziehung der Kost, Einsperrung auf Latten, Handfesseln u. dgl. m. folgten auf einmalige und wiederholte Verletzung des Gebotes. Nur die Beamten dürfen an die Gefangenen das Wort richten; diese sind einander nichts als die stummen Ziffern einer Zahlenreihe. Und wenn sie zu Hunderten an einem Arbeitstische sitzen; kein Wort darf über ihre Lippen kommen. Erst hier erkennt man, welche freiheitzeugende Kraft in der lebendigen Rede liegt. Wie ein kühner Gedanke sich oft ohne nachzuweisende Organe, kurze Zeit, nachdem er ausgesprochen wurde, über große Gebiete, gewaltigen Menschenmassen sympathetisch mittheilt und sie zu ungewöhnlichen Thaten aufstachelt, so unterdrückt hier das schwere Interdikt der Rede, das Bewußtsein des absoluten Mangels an allem Freisinn und Frohsinn, die Rachegedanken von nahe an tausend einst tollkühner und thatkräftiger Männer. Schon auf dem ersten, lebhafter zum Herzen andringenden Blutstropfen wird der dumpfe Wunsch nach gewaltsamer Befreiung in der Mehrzahl erstickt. Allabendlich versammelt der Director, umgeben von drei oder vier Inspektoren, in der großen Centralhalle die nicht ausschließlich zu einsamem Gefängniß verurtheilten Gefangenen und der Geistliche verliest ohne Furcht vor ihnen, von der Höhe der ersten Galerie die üblichen Gebete. Die Gefangenen sehen die rettenden Schlüssel in den Händen weniger Unbewaffneter, ein Gitter, ein gerader Gang und eine nur wenige Mann starke Wache trennen sie von der Landstraße, dem nahen Walde, der großen Stadt, wo Tausende von verdächtigen Personen ihnen ein Obdach gewähren würden, es bedürfte nur eines wilden Rufes: Drauf los! und die wenigen Beamten und Soldaten wären überwältigt, die Schaar ergösse sich wie ein 37 glühender verderblicher Lavastrom über Stadt und Land – aber nein – jener wilde Ruf wird und kann nie erschallen. Nur die erhitzte Phantasie eines Neulings im Kerkerwesen malt sich solche wesenlosen Schrecken aus. Wären diese Menschen noch im Vollgefühl ihrer Stärke, ihres sonstigen Unternehmungsgeistes; an ihrer mangelnden Spürkraft liegt es nicht, wenn sie diese ihnen günstigen Umstände unbeachtet und unbenutzt lassen. Der Gedanke des Schweigens hat eine magische zerstörende, wie der Gedanke der Rede eine zauberische producirende Gewalt. Auf sich allein angewiesen, der gewohnten geistigen Nahrung, und wäre es auch nur die neuer verbrecherischer Unternehmungen, frecher Schwelgereien oder endlich allein der schlauen Vertheidigung, beraubt, ist jedes Gemüth einer Zersetzung anheimgefallen. Analog der Diskussion der Rede, haben sich hier Parteien des Schweigens gebildet. Erhöbe ein Frecher seine Stimme und forderte zum Aufruhr heraus, es würde sofort eine Anzahl Reuiger baldiger Befreiung Hoffnungsvoller, der Gnade Vertrauender über ihn herfallen und ihn zu Boden werfen. Der mächtigste Schutz der Beamten ist diese stille Umwandlung der Seelen zum Bessern und wenn menschenfreundliche Gesinnungen nicht umhin können, sich in der Theorie gegen das Schweigen aufzulehnen, in der Praxis bewährt es sich als ein heroisches Mittel, wie alle starken Gifte. Bei genauer Forschung entdeckt man jedoch die Ausnahmen. Es giebt unbeugsame, steinerne Naturen, Menschen, die für das Schaffot prädestinirt scheinen, wenn eine solche Annahme nicht allzu wenig philosophisch wäre; diese Wesen werden durch das Schweigen zum Aeußersten getrieben. Ein junger, einst energischer Gefangener erhob sich gewaltsam gegen den Wächter, er griff ihn mit solcher Wuth an, daß ein herbeieilender Beamter von seiner Waffe Gebrauch machen mußte; der Gefangene verlor dabei den Arm. Seit dieser Zeit hat ein dem Blödsinn ähnlicher Zustand sich seiner bemächtigt. Er nimmt keine Nahrung zu sich und wird wie ein kleines Kind durch die Wächter 38 gefüttert. Ein Anderer wollte sich um jeden Preis aus dieser Oede retten. Er durchbrach die Decke seiner im zweiten Stock gelegenen Zelle, kroch den Ventilationskanal entlang in den Schornstein, stieg in der Röhre desselben an neun Fuß empor und kehrte erst um, als ihm durch den Anblick der nahen Schildwache und die furchtbare Höhe die Hoffnungslosigkeit seines Unternehmens vor Augen trat. Die Beamten fanden ihn am Morgen in einem jämmerlichen Zustande, resignirt auf seinem Lager ausgestreckt. Um diesen und ähnliche Waghalse unschädlich zu machen, ist man auf das Auskunftsmittel verfallen, ihnen Abends alle ihre Kleidungsstücke wegzunehmen, ihnen bei besonderer Hartnäckigkeit die Nacht über Handschellen anzulegen und sie alle zwei Stunden durch die Thürklappe wecken zu lassen, wobei sie sich aufrichten und ihre Schellen zeigen müssen. Die humane Direktion wendet jedoch diese energischen Maßregeln nur sparsam und in den seltenen Ausnahmefällen an, welche die Regierung in der Gefängnißordnung ausdrücklich bezeichnet hat. Aber welche Einwendungen lassen sich gegen diese noch machen, wenn ein Bösewicht nach beendetem Sonntagsgottesdienst, in der Nähe von fünfzig Mann Wache mit geladenen Gewehren, den gußeisernen Altarleuchter ergriff und den nächsten Wächter zu Boden streckte?! Die Wirklichkeit wirft der Philosophie entsetzliche Widersprüche in den Weg – es giebt doch menschliche Raubthiere mit ausgeprägtem Mordsinn und eingeschränkter Willensfreiheit. Wir gingen an der Zelle des Schneiderlehrlings Haube , eines jugendlichen Mörders, vorüber. Seit seiner Verurtheilung hat er dieselbe noch nicht – außer vielleicht zum gemeinsamen Gottesdienste – verlassen. Ich schob geräuschlos das Blech von der schmalen Spalte. Haube saß an dem Tischchen und nähte, eine dürftige Gestalt mit dickem stark entwickeltem knorrigen Hinterkopfe. Gehört konnte er meine Bewegung nicht haben, denn er arbeitete noch einige Augenblicke ruhig weiter, aber war es nun eine mysteriöse Schärfung des 39 Gemeingefühls, wie wir sie bei Blinden wahrnehmen, oder der Einfluß des menschlichen Auges – plötzlich drehte er, wie von einem schmerzlichen elektrischen Schlage getroffen, den Kopf herum und ich sah in ein wildes widerwärtiges Gesicht. Die Physiognomik und die Kraneologie mußten in dieser barocken Physiognomie und grotesken Schädelbildung einige ihrer wesentlichen Hypothesen bestätigt finden. Ich prallte vor einem so beleidigenden Ausdruck betroffen zurück und die Oeffnung war wieder geschlossen. Die Gesetzgebung darf diesen Creaturen gegenüber das Recht der zu verhängenden Todesstrafen nicht aufgeben; sie ist die Nothwehr der Gesammtheit gegen den Einzelnen! Einen wohlthuenderen Eindruck machen diejenigen Gefangenen, welche durch Milderungsgründe bei ihren Verbrechen, durch musterhaftes Benehmen und Gehorsam, sich selbst die Aussicht auf dereinstige Gnade eröffnet haben. Ein älterer einst unbescholtener Einwohner, der im Zorn und nach schwerer Kränkung seiner Gattenrechte einen Mord an seinem Weibe beging und auf Verwendung der Berliner Geistlichkeit begnadigt wurde, arbeitet im Verwaltungsbureau und betritt nur seine Zelle, um dort zu essen und zu schlafen. Wenn es einst die Billigkeit gestattet, wird den wiederholten Bitten seiner Angehörigen um Befreiung nicht Gewährung versagt werden. Die Pforte schloß sich hinter uns. In Strömen goß der Regen herab, der Tag ging zur Neige, aus den Feldern stieg ein wüster Nebel, und doch schmeckte die rauhe ungesunde Luft besser, als die warme behagliche Atmosphäre des prächtigen Kerkers. Es war die Luft der Freiheit. Ich verweilte noch einen Augenblick vor der stummen verschlossenen Thür. – Einst wurde in armen Verhältnissen ein Kind mit den edelsten Anlagen geboren. Herangewachsen sollte es den Handel erlernen, aber seine großartige Seele lehnte sich selbst gegen die Idee auch der kleinsten, nach den Gesetzen nicht strafbaren 40 Uebervortheilung auf. Fournier erfand ein wunderbares System der schönen friedlichen Gemüther, ein System der liebenden Freiwilligkeit, ein System gestillter Thränen der Noth und Sorge! Es wurde niedergeschrieben und in alle Welt gesandt, aber es blieb ein phantastischer Traum. Der Erfinder, versunken in seine Träume, malte die geliebten Trugbilder immer weiter aus, der Krieg schlachtete Millionen, Europa wurde neu vertheilt, die Völker erhielten nichts – da starb der edle Schwärmer – seine Schüler schrieben den Hauptsatz seiner Philosophie, das Ideal eines unbefleckten Lebens auf den kleinen Leichenstein: Die Neigungen stehen in einem geraden Verhältnisse zu den Schicksalen der Menschen . Furchtbare Ironie des Schicksals – hier in dem fünfgezackten Stern des Zwanges war er erfüllt, der Traum des großen Socialisten: hier waren die Schicksale der Menschen, genau von ihren Neigungen bestimmt, in Erfüllung gegangen – hier arbeiteten Alle für ihre Gesellschaft – hier kam Allen gleich viel oder gleich wenig zu gute; – er ist todt – er hat die Verspottung seiner idealen Dichtung, die Erfindung des Gesellschaftskerkers, der socialistischen Zwangsarbeit nicht erlebt – die Menschheit konnte ihn nur parodiren – seinem Fluge zu folgen vermochte sie nicht! 41   Ein Familienball. Nicht der alte Adel allein besitzt seinen Familienstolz, auch die Bürgerschaft weiß sich etwas damit. Der einzige Unterschied ist der, daß ein Adliger sich seiner Familie am meisten erfreut, wenn er rückwärts in die Vergangenheit auf die lange Reihe ihrer Mitglieder blickt, ein Bürgerlicher hingegen sich in einer höheren Stimmung fühlt, wenn er seine ganze Familie in der Gegenwart um sich versammelt steht. Ja, es ist eine höhere Stimmung, ein stärkeres Selbstgefühl, das sich des bescheidenen Bürgers bemächtigt, wenn er Alles, was irgend durch die Bande der Blutsverwandtschaft, und wären es auch nur die letzten dünnsten Zwirnsfäden einer Stiefvetterschaft oder eines Schwagertantenthums, um sich bei einem frohen Feste vereinigt sieht. Dann fühlt er sich wie die Fliege, die mit Hunderten ihrer Verwandten auf dem Rande der Zuckerdose sitzt, als Mitglied einer Korporation, die durch die Zahl ersetzt, was ihr an Macht und Würde abgeht, dann dünkt er sich ein kleiner souverainer Fürst unter seinen Unterthanen und Steuerpflichtigen. Welches Hoffest kann sich aber an Aufwand von stolzen Empfindungen mit einer Feierlichkeit vergleichen, die aus der Allianz mehrerer Familien hervorgeht. Greifen wir jedoch nicht dem Gange der Ereignisse vor. Schon lange hat sich in gewissen Kreisen der Gesellschaft in den weiblichen Gemüthern ein gefährlicher 42 Zündstoff angesammelt. Nur mit Murren haben sich die würdigen Mütter der Heerde in die traurige Nothwendigkeit gefügt, die Stammväter der verschiedenen Häuser allabendlich in die respectiven verschiedenen Bierhäuser abziehen zu sehen, nur nothgedrungen ertragen sie die Abwesenheit der Gatten in einer Stunde, wo dieselben in den jüngeren Jahren ebenso gern freiwillig zu Hause blieben, als sie sich jetzt entfernen; »die Gedanken wuchern in der Luft«, sagt Elise Schmidt im Macchiavelli und »die Blätter tragen es rauschend weiter«, bemerkte einmal L. Rellstab in den Venetianern; deshalb kommen zuletzt alle Hausfrauen auf einen und denselben Gedanken. »Schändlich sei es«, bemerken sie in indirekter Rede à la Livius hinter dem Rücken der Bierhäusler, »die armen Frauen Abends immer allein zu lassen und das Geld im Wirthshause todtzuschlagen. Wenn die Männer immer behaupten, sie könnten nicht ohne Politik leben, so wüßten auch sie Dinge zu nennen, ohne die sie nicht leben könnten. Die Gesetze des Staates und die Gebräuche der Gesellschaft seien nur von den Männern allein gemacht; die Frauen hätten nicht mit im Rathe gesessen, deshalb wären sie ein unterdrücktes vernachlässigtes Geschlecht. Die Töchter Dieser seien herangewachsen und die Söhne Jener größtentheils schon etablirt, aber es komme davon her, daß die Söhne die Töchter nie kennen lernen, wenn die Söhne eine andere Sorte von Töchtern aufsuchen, wenn dagegen die eigentlichen Töchter der Treuen als alte Jungfern sitzen blieben; weil die Väter nicht für die Familien sorgten, weil die Familien nie zusammenkämen.« Mit weniger vorsichtigen und leise angedeuteten Wendungen sagt eine jede Hausfrau ihrem Gespons dasselbe in direkter Rede. Sie sagt es so lange, bis es Keiner mehr aushalten kann, und Jeder der Hausfrau endlich das Feld räumt und gestattet, daß man darüber berathen möge, unter welcher Form die Familien denn endlich zusammenkommen sollen. Ueber diesen wichtigen Punkt, den jetzt die Mütter mit Lebhaftigkeit aufgreifen, kommen sie mit einer der Diplomatie anzuempfehlenden 43 Schnelligkeit ins Reine. Was Anderes können sie wollen, als einen Familienball? Wenn sich solche Familien ein Fest geben, können die Räumlichkeiten nicht groß genug sein, aber denjenigen gebührt immer der Vorzug, die ein wenig von der Stadt entfernt liegen. Sie feiern ihre Lustbarkeiten so zu sagen am liebsten in Aranjuez, und können nicht von Herzen vergnügt sein, wenn in die Winterfeste nicht etwas von der Eigenthümlichkeit einer Landpartie hereinragt. Die nöthigen Vorkehrungen sind beendet, der Saal ist gemiethet, die Anzahl der Couverts ist bestimmt, nur noch über gewisse Punkte der Toilette walten Streitigkeiten und Zweifel ob. Man kann in Ballangelegenheiten der Familien, wie in den Kriegen der Völker behaupten, daß der Ball und der Krieg eigentlich das Wenigste dabei seien, wenn nur nicht die leidigen Störungen der Handelsverhältnisse wären. Das weibliche Geschlecht betrachtet ein neues Kleid als ein ebenso wichtiges Erforderniß zum Balle, wie der Feldherr die Munition und Equipage der Armee. Deshalb halten viele Familienväter einen Ball für gleichbedeutend mit einem Deficit in ihrem Wirthschaftsetat. Die bürgerliche Weiblichkeit besteht aber heut zu Tage ebenso streng auf dem Ballrechte des neuen Kleides, als die russische Dame der Kaiserin, die täglich ein neues Kleid für unentbehrlich hält. Die Auswahl der Toilette zu einem Familienballe wohlhabender Bürger bringt eine erhöhete Unruhe in die Bazare; sie bringt die Schuhmacher, deren weiße Atlasschuhe sämmtlich zu klein sind, an den Rand eines gelinden Wahnsinns; sie bringt den Handschuhmachern doppelten Verdienst, denn fast alle Handschuhe platzen beim ersten Anprobiren, und es dauert lange, ehe alle Frostbeulen und rothen walzenförmigen Finger ihre Enveloppen gefunden haben. Schon sind sämmtliche Frisirmamsellen zweiten Ranges mit Beschlag belegt, schon ist das Ochsenpfotenfett mit Lavendelöl, dem Schrecken aller aristokratischen Nasen, bereitet, und die reichste der Familienmütter, eines Schlächters braves Weib, hat einen falschen Zopf 44 erworben, der an Dicke keinem Pferdeschwanz etwas nachgiebt, ja vielleicht den Stolz eines Pascha von drei Roßschweifen befriedigen würde. Alle jene großen Wagen mit rothen verschossenen Böcken und schwerfälligen Kasten, in denen man sich immer eine Hebeamme mit einem rosa überzogenen Säugling und einigen kleinen Geschwistern mit Zuckerzwiebacken in Händen denkt, sind schon acht Tage vorher mit Beschlag belegt. Ein ordentlicher Familienball steht immer isolirt da; er ist so beschaffen, daß an demselben Tage kein zweiter seines Gleichen gefeiert werden kann! – Der Tag des Ballfestes ist ein Trauertag für alle Familienmitglieder, welche zu Hause bleiben müssen, denn obwohl der Begriff der tanzfähigen Familie selbst bis auf diejenigen Kinder ausgedehnt wird, welche bei den Kunstreitern das Recht der halben Entréen genießen, giebt es doch noch anderthalb Dutzend von jüngerem Nachwuchs, auf dessen Wasserdichtigkeit man sich schlechterdings nicht verlassen kann. Diese hoffnungsvolle Jugend, die schon den ganzen Tag über kläglich geheult hat, wird endlich in den letzten Momenten durch das Versprechen von Milchreis zum Abendbrode beschwichtigt, und fügt sich in das Unvermeidliche, Vater, Mutter und ältere Geschwister abfahren zu sehen. Wer nie die Ehre gehabt hat, zu einem Familienballe eingeladen und in einer Taufkutsche abgeholt zu sein, der kennt nicht die Qualen von Bürgerinnen, die ihre neuen steifen Kleider hoch aufgehoben haben und, in der Kutsche sitzend, jede Bewegung der männlichen Individuen mit der Todesangst der Eitelkeit betrachten. Wer aber nie mit ausgestiegen ist, der kennt nicht die berühmten Kutschenaufmacher, die Vormittags Stiefel putzen, und Abends hülfreich nach den zartbehandschuhten Händen und weißen Aermeln der Damen greifen, um ihnen beim Aussteigen behülflich zu sein! Diese Kutschenaufmacher sind die größten Toilettenfeinde eines Familienballes. Wie tobt und winselt die Musik, wie wohlgesteift sitzen 45 die Töchter auf den Divans an der Wand, wie fett sind die Mütter, was für sonderbare Fracks tragen die Väter, um ihre höchst merkwürdigen Zebrawesten zu verstecken, wie gestriegelt sind die Söhne und was für große Füße haben Alle! Aber der Merkwürdigste von Allen ist der Maître de plaisir . Wenn dieser Mann den heutigen Abend übersteht und morgen noch seine Pflicht im Detailverkauf der holländischen Heringe, des Zimmts und der Raffinade thut, so sei die Vergänglichkeit der irdischen Dinge Lügen gestraft und Unsterblichkeit, dein Name sei Handlungsdiener! Wer anders aber dürfte sich wohl dazu eignen, einem Familienballe in Grazie voranzuleuchten? Wer kennt besser alle die Touren des Contretanzes, wie sie hier beliebt sind? Wer drückt den Töchtern zärtlicher die Hände? Wer hat klassische Witze für die Mamas? Wer überragt an Genie und Tournüre wohl, gleich ihm, alle jungen Schuster und Schneider der Gegend? Er trägt einen Frack à la Münchhausen, Beinkleider von ungarisch knappem Schnitt, eine feuerfarbene Sammtweste, à la Samiel, die sich in seinen lackirten Stiefeln, wie ein Ausbruch des Vesuv im Golf von Neapel, spiegelt; was schadet es bei diesen Vorzügen, wenn er einige falsche Zähne sein eigen nennt, daß sein charmantes blondes Haar in schief anstrebender Verzweiflung in die Höhe gekämmt ist, um wie die üppige Waldung der Vorberge den kahlen Gebirgsgipfel zu verstecken? Die Männer bewundern und hassen ihn; die Frauen lieben ihn darum desto inniger. Er gehört zu keiner Familie des Saales und eben darum beherrscht er alle, er gleicht dem Repräsentanten einer Dynastie von Eindringlingen. Nie sah man das würdigere Ebenbild eines Louis . Schon ist der Thee servirt, schon haben die ersten drei Jünglinge, zu denen er gelangt, die Rumflasche ausgeleert, um sich Muth zu machen, schon ist die Musik in die Polonaise aus Faust verfallen, schon knöpfen sich einige Greise die Fracks zu, um über Kreuz ihre Weiber aufzufordern. Der Familienball hat begonnen. Er gewährt das 46 anmuthige Bild eines großen Ensembletanzes auf dem Theater, freilich nicht der Kunst, sondern des Umstandes wegen, daß jede Tänzerin ihren Tänzer gefunden hat. Auf diesem Balle bleibt Niemand sitzen; hier giebt es keine Jungfrauen, die nur deshalb nicht zum Reigentanze aufgezogen werden, weil ihre chronologische Tabelle etwas zu hoch hinaufreicht; hier tanzen selbst die Großmütter. Und sollte es ja an Männern fehlen, so ergreifen die Weiber einander und walzen so lange, bis irgend ein witziger Schäker diese Gelegenheit ergreift, sich niedlich zu machen, um sie durch einen kühnen Griff zu trennen. Der Tanz dieses Bundesballes oder Ballbundes nimmt besonders darum einen leidenschaftlicheren Charakter an, weil hier nicht, wie es auf andern Bällen üblich ist, abkühlende Erfrischungen, sondern nur Stimulantia, heiße starke Punsche und scharfgewürzte Glühweine herumgereicht werden. Da Feste dieser Art leider nur alljährlich einmal vorkommen, so ist man bestrebt, den engen Kreis der menschlichen Laienbelustigungen nach allen Seiten hin zu genießen. Aber da des Lebens ungetrübte Freude keinem Sterblichen zu Theil wird, so erzeugen sich im Verlaufe des Abends einzelne Uebelstände, welche der Geschichtsschreiber, als wichtige nur bei einem Familienballe vorkommende Momente, nicht übersehen darf. Daß einige kaum eingesegnete Knaben, welche hier die Erstlinge eines kunstlosen Tanzes produciren, besiegt von der Gewalt des Düsseldorfer Punschextractes, zum größten Schaden der steifen Klappen ihrer Confirmationsfracks, mit ihm capituliren, und hinausgeführt, mit improvisirtem Kamillenthee besänftigt werden müssen, scheint nicht wichtig zu sein, da die schauerlich ächzenden romantischen Horntöne der Besiegten nicht bis in den Tanzsaal dringen und hinreichend Kutscher vorhanden sind, ihnen die Köpfe zu halten. Daß aber beim Essen einer Schlächterfürstin von ungeschickter Kellnerhand eine kalte Chocoladenspeise auf das Sammtkleid geschüttet wird, ist ein bedeutendes Ereigniß, welches dadurch an Erheblichkeit gewinnt, daß der Kellner die 47 Quittung über die geleistete Lieferung, von den fünf vanillesauce-triefenden Fingern der Empfängerin, auf die Backen erhält. Zur Sittengeschichte dieser Bälle ist es aber das Bedeutsamste, daß sich stets nach genossenem Souper ein unwiderstehlicher Trieb der Herren bemächtigt, die Damen zu kitzeln . Dieser Drang giebt sich so allgemein, so öffentlich kund, daß auch der strengste Sittenrichter kaum darin etwas Zweideutiges wahrnehmen wird. Es ist eben die Art, wie sich dies Geschlecht nach der Tafel freut! Ueber diesen Bestrebungen die sociale Frage zu lösen, ist es drei Uhr Morgens geworden. Die verzweifelnden Kutscher knallen ihre Peitschen fast zu Schanden, die Musikanten blasen zum Erbarmen falsch und mehrere Knaben und Greise schlafen schon längst in Nebenzimmern auf Rohrstühlen – der Familienball tobt noch immer weiter und in einigen nahegelegenen Gehöften stimmen die treuen vierbeinigen Wächter in den Höllenlärm mit ein. Endlich machen die draußen in der unheimlichen Nacht wartenden Kutscher durch eine in den Tanzsaal dringende Sturmpetition dem Feste ein Ende. Die Blessirten des Bacchus werden aus allen Winkeln des Schlachtfeldes zusammengesucht, die in Stumpfsinn versunkenen Kinder munter gerüttelt, die gequetschten Hüte zurechtgebogen, die Kleider grade gestrichen, und bei Anbruch des Tages passirt die müde Heerde des Vergnügens, an den staunenden Accisebeamten vorbei, die Thore der Stadt. 48   Der Pianist als Friseur. Auf einer kleinen Vergnügungsreise in ein böhmisches Bad trat ich in Dresden, wo ich einen Tag verweilte, in eine bekannte Musikalienhandlung, und musterte, während ich mit dem mir befreundeten Besitzer über die Dresdener Musikzustände plauderte, die auf seinem Ladentische ausliegenden neuesten Musikalien. Nicht immer sind es die werthvollsten Kunstwerke und Waaren, die man an Schaufenster stellt und auf Ladentische auslegt; aber es sind immer die Neuesten und Modernsten. Unter bekannten Namen von allerlei Passagenschreibern fiel mir plötzlich eine neue Firma auf, die es schon bis zu Opus 12 gebracht hatte, ohne daß mir, der ich mich speciell für den Verfall der Klaviermusik interessire, bisher das Geringste von diesem neuen Talente zu Ohren gekommen war. Ich las die Verlagsanzeige; das Werk gehörte einer Dresdener Firma; ich schlug das Heft auf, es war eine elegante Salonpiece, nicht besser und nicht schlechter als zehntausend andere dieser Stubenfliegen. »Eine Lokalvirtuosität?« fragte ich den Verleger, »oder ein stundengebender Jüngling, der zwanzig Exemplare in den Häusern absetzt und zehn aus seiner Tasche bezahlt, um das Vergnügen zu genießen, sich gedruckt zu sehen und einen Vorwand zu haben, sein lithographisches Konterfei an die Ladenthür hängen zu lassen, als Unsterblichkeit in effigie ?« 49 »Weder eine Lokalvirtuosität, noch ein Klavierlehrer, sondern ein wahrhaft seltener Mann, ein Phänomen in unserer klavierwüthigen Zeit ist der Komponist dieses Stückes. Wenn sie sich einen Augenblick setzen wollen, will ich Ihnen das Nähere erzählen.« Ich setzte mich mit Behaglichkeit und der frohen Ahnung, etwas durchaus Neues zu hören, in den etwas harten Korbstuhl und hing an den Lippen meines Dresdener Rhapsoden, der vom erhabenen Pfühl seines mit Leder bezogenen Komptoirstuhles aus also begann: Vor nicht allzulanger Zeit kommt ein junger angenehmer Mann in meinen Laden, und erinnert mich daran, daß es Zeit sei, meine Haare zu kürzen. Ich antworte ihm, daß es allerdings Zeit sei. Darauf bittet er mich, Platz zu nehmen, zieht Kamm, Scheere und Bürste aus der Tasche und bereitet sich zum ernsten Werke. Etwas erstaunt, sage ich ihm, daß das Amt meines Leibfriseurs besetzt sei, und daß seit vielen Jahren ein alter Landsmann und Stadtgenosse die Sorge für meinen Kopf übernommen habe. »Ganz recht, mein Herr,« antwortet der junge Mann mit unerschütterlicher Ruhe, »aber dieser alte Herr hat sich zur Ruhe gesetzt und mir sein Geschäft verkauft. Sie sind deshalb als Kunde in meinen Besitz übergegangen und ich beeile mich, wie Sie sehen, zur festgesetzten Zeit mein verbrieftes Recht wahrzunehmen.« Der junge Friseur sagte dies mit einer so angenehmen Art, alle seine Manieren waren so einnehmend, daß ich ihm erwiederte, wie auch ich bereit sei, alle meine alten Pflichten gegen seinen Vorfahren auf ihn zu übertragen. Ich müsse ihn nur bitten, einen Augenblick zu warten, damit ich einen angefangenen Brief, der in einer Viertelstunde zur Post müsse, vollenden könne. »Wenn Sie erlauben, so spiele ich unterdessen ein wenig Klavier, Ihr Flügel scheint ein sehr schönes neues Instrument zu sein«, sagte der Friseur und warf einen verliebten Blick auf meinen allerdings vortrefflichen Wiener Streicher. 50 »Sind Sie denn musikalisch?« fragte ich erstaunt. »Ein wenig – zu meinem Vergnügen – wenn ich gerade bei meinen Kunden ein Instrument vorfinde.« Gnade Gott meinen Ohren! dachte ich im Stillen, indem ich ihm winkte, Platz zu nehmen, und die Feder ergriff. Aber ich sollte vor Erstaunen nicht zum Schreiben kommen. Mein Friseur setzte sich mit aller nonchalanten Eleganz eines Concertspielers von Fach an den Flügel, warf ein Paar vehemente und schwierige Passagen heraus, schleuderte mit Oktaven-Eruptionen um sich, mischte dann einige Chopin'sche Etüdenarpeggien hinein und ging hierauf zu einem modernen italienischen Thema über, das er in freier Phantasie in einer Weise variirte, die mich lebhaft an die Manier Thalberg's erinnerte. Der Mensch wurde mir unheimlich; ich legte die Feder hin und trat an das Instrument. Mein Friseur war ein vollendeter Pianist, seine Manier verrieth die trefflichste Schule, er konnte sofort in jedem Concerte eine ehrenvolle Stelle einnehmen. Schon kam ich auf die Vermuthung, irgend einen neuen Stern der Virtuosität vor mir zu haben, der sich unter dieser ungewöhnlichen Form als Original bekannt machen wollte, als der Pianist aufsprang, Kamm, Bürste und Scheere ergriff, und nach der Hinterstube eilte, um sein Amt anzutreten. »Um des Himmels willen, wer sind Sie?« rief ich erstaunt, »sind Sie ein Friseur, der Pianist, oder ein Pianist, der Friseur geworden ist?« »Das Letztere. Ich habe mich von Jugend an dem Klavierspiel gewidmet, Kompositionslehre studirt, Reisen im Auslande gemacht, Concerte gegeben, allein Sie wissen als bedeutender Verleger am besten, wie es damit geht. Man kann vor Freibilletten spielen, aber von Freibilletten nicht leben; mit dem verwelkten Lorbeer der Zeitungen kann man keinen Hund aus dem Ofen locken. So lange ich Concertgeber war, habe ich nicht das trockne Brot gehabt. Da wurde ich der Sache überdrüssig –« 51 »Sie konnten ja aber Unterricht geben?« fiel ich ihm in's Wort. »Ich habe es in früheren Jahren versucht – es war mir nicht möglich. Um den Preis der äußersten Erniedrigung meiner Kunst wollte ich die ungehinderte Beschäftigung mit ihr nicht verkaufen. In Paris habe ich umgesattelt. Der Markt war dort so mit Virtuosen überschwemmt, daß man mit jedem Handwerk mehr als mit dem Klavierschaarwerk verdienen konnte; ich beschloß, ein Handwerk zu erlernen.« »Also sind auch wir mitten in Europa schon so weit gekommen, daß unsere Künstler wie in Amerika zum Werkzeug greifen müssen!« »Meine Wahl fiel auf die Kunst des Friseurs – ich besaß ja einmal die Fingerfertigkeit! Bei einem geschickten Pariser Coiffeur begab ich mich in die Lehre und in Zeit von wenigen Monaten hatte ich Alles gelernt, was in diesem Fach zu erlernen ist. Von da kehrte ich rasch nach Deutschland zurück und versuchte, mich hie und da zu etabliren, bis es mir gelungen ist, hier in Dresden ein altes Geschäft anzukaufen. Die nöthigen Schritte zu meiner Niederlassung bei der Behörde sind gethan und ich erfreue mich schon einer hübschen Kundschaft.« Ganz erstaunt über diese Erzählung hatte ich mich in der Hinterstube vor den Spiegel gesetzt und den Frisirmantel umgenommen. Die Scheere des Pianisten tanzte so lustig um meinen Kopf, wie einst in einer Etue de salon über die Tasten. Er schnitt die Haare so sanft, daß ich wohl wünschte, alle unsere Friseure erlernten das Piano, oder alle unsere großen Pianisten legten sich auf das Haarschneiden. Als er meinen Kopf mit Macassaröl so zierlich eingerieben hatte, als ob er die verhauchenden Accorde einer Beethoven'schen Sonate behandelte, fragte ich ihn, ob er auch komponire? »Gewiß,« sagte er bescheiden, »ich habe auch schon Einiges herausgegeben.« Hier unterbrach ich meinerseits den Verleger mit den 52 Worten: »Und Sie haben seitdem Mehreres von ihm auf dem Lager und die Sachen gehen?« Der Mann lächelte und nickte mit dem Kopfe. Ich bat, mir das Heft einzuwickeln und als Andenken mitzugeben. Es ist ein großes rosenfarbenes Heft mit der riesigen Aufschrift: L'Arpeggio, grande Etude par E. Ballmüller . Op. 12. In der Mitte des inneren Titelblattes befindet sich ein Medaillon, in dem mit sauber gescheiteltem Haar und wohlgestutztem Barte das Portrait des Friseurs prangt. Das Musikstück besteht in einer Melodie, zu der sechzehn Seiten lang Daumen und Zeigefinger ein Tremolo ausführen, und da die gehaltenen Noten nach oben, die tremulirenden nach unten gestrichen sind, so gleicht jedes System ominös genug einem ausgebrochenen Kamme. Mit traurigen Empfindungen über das Loos unserer Talente setzte ich mich an das Piano und flog das Tonstück durch. Als ich es beendet hatte, fühlte ich mich wesentlich erleichtert. Ich beklagte den jungen Mann nicht mehr – er hatte Recht gethan, Friseur zu werden – die Natur hatte ihn dazu bestimmt! 53   Der erste April. Das erste Einheizen kann auf die letzte Fliege des Sommers keinen erfreulicheren Eindruck machen, als der erste warme Tag des Frühlings auf die letzten hypochondrisch-winterlichen Gedanken des Menschen. Du allmächtige Sonne, großer Ofen des Planetensystems, mit deinen unverwüstlichen Holzvorräthen, belebst die zweibeinige Fliege, die sich auf Alles setzt und mit ihrer Rüsselfeder aus Allem eine Portion Nahrungsstoff saugt, um es auf reinem Papier wieder abzusetzen und mitunter Fliegenpapier zum Confisciren daraus zu machen. Allmächtiger Ofen unserer Strecke Weltall, wenn du die Wolkenklappe aufmachst, öffnen wir dir zu Ehren die Fenster und lassen die kostenfreie kosmische Heizung in unsere Zimmer. Welche Freude, am ersten April aus meinem Fenster sehen zu dürfen, nicht durch gefrorne und bethaute Scheiben, denen erst ein Lappen den Staar stechen mußte, nein, aus offenem sonnenhellem Fenster! Erster April , einst warst du ein von dem jungen Sterblichen mit Sehnsucht erwarteter Kalendertermin. An diesem Tage wurden längst gesammelte Tabackspapiere mit Unlauterkeiten gefüllt, oben mit ein wenig Taback plattirt, sauber und sorgfältig versiegelt und vor dem Fenster auf der Straße verloren. Geschwister und Spielkameraden von bescheidenen Fähigkeiten und kindlicher Naturwissenschaft wurden in die Apotheke nach Mückenfett 54 entboten. Anonyme scherzhafte Briefe wurden abgesandt und manche spätere Ohrfeige, um der genossenen Freuden willen, nicht geachtet. Das ist vorbei auf immerdar. Mit acht und dreißig Jahren ist der erste April nur noch ein Tag, an dem die Miethe bezahlt und ein neuer Sommerpaletot bestellt wird. Nur wenn der erste April auch ein schöner Tag ist, dann bringt er jene sanften unschuldigen Freuden mit sich, jene kleinen Polizeivergehen, auf die keine Haussuchung folgen kann, als da sind: aus dem Fenster spucken, oder die Anwendung der einzigen Feuergewehre, deren Besitz noch gestattet ist: der Cigarren. Auf diese Art habe ich schon oft meinen ersten April genossen. Das sanfte Frühlingsgefühl bezahlter Miethe wogte in meiner Brust, die braune Bremer Primel, die den ganzen Winter in der Stube unter meiner Nase geblüht hatte, räucherte lustig blau gen Himmel; ich durfte aus unbesteuerten Fenster des kostenfreien Sonnenscheines mich erfreuen und meinen Kaffee dazu trinken. Alles athmete Freude auf der Straße, die Jungen spielten mit Murmeln ihre Partie Straßenbillard, die Hündlein berochen sich zuthulicher, freundlicher wedelte der Constabler mit seinem Säbel hinter der schwarzen Conditorköchin her, selbst der Haken des Knochensammlers tändelte anmuthiger im Rinnstein – ach, mich überkamen doch traurige Gedanken. Was half es mir, daß ich aus dem Fenster spucken, daß ich meine Cigarrenasche ungestraft hinunter fallen lassen konnte? die reine Freude an diesen Genüssen war doch dahin. Der Himmel war blau, die Sonne schien golden und ihr mächtiger Glanz kam mir wie ein großes Fenster vor, aus dem jener Geist sah, den viele Philosophen vor all den Dingen der Welt, wie den Wald vor lauter Bäumen nicht sehen wollten. Verwegen wandte ich das Auge empor, um ihn zu erblicken, als mich der feurige Strahl unbarmherzig blendete. Aber ich hatte genug bemerkt, genug für meinen Frieden und das Glück meines Zeitalters. Er lag wirklich in dem Fenster und 55 machte sich ein überirdisches Aprilvergnügen; ich hatte deutlich in seinem erhabenen Gesichte den Zweifel gelesen, der auch mich armen Sterblichen schon gequält hatte: ob auf Deutschland heruntergespuckt werden sollte oder nicht? Wie wenn er es thäte? wenn er ein österreichisch-bayrisches Sodom und Gomorrha? mit seiner Asche ein norddeutsches Herkulanum und Pompeji veranstaltete? Ich schloß das geblendete Auge, der Gedanke war zu furchtbar, auf solche übernatürliche Weise den politischen Verdienst der letzten Jahre einkassiren zu müssen; ich vertiefte mich resignirt in das Studium der irdischen Dinge und in den Lauf der Begebenheiten, den wir auf Bürgersteig und Trottoir wahrnehmen. Auf Erden war Ziehzeit . Der erste April hatte sie Alle aus verschollenen Hofwohnungen, Kellern, Hinterhäusern und Dachstuben an's Licht gebracht, die Stiefkinder des Schicksals. Vor meinen Augen zog ein großes bewegliches Panorama von Plunderlandschaften vorüber und ich fühlte in mir den » pittore « erwachen, den jeder fühlende Mensch im Busen trägt, wenn er ihn auch nicht immer laut werden läßt. Auch die Musik zu dem Schauspiel fehlte nicht. Bald fiel ein kleiner Stehspiegel von seinem Wagen und klingelte lustig zu den Pirouetten einiger großen kopfwackelnden Gummibäume, bald stürzte eine Gießkanne voll Kinderspielzeug zu Boden und begleitete einige alte Sophas, die sich vor ihrem Ende noch einmal auf den Weg gemacht hatten, bald klapperten mehrere Kessel und Kasserolendilettanten so hart vor der gläsernen Nase eines Mahagoni-Bücherschrankes, daß mir um die bürgerliche Ruhe der darin schlummernden Klassiker bange wurde. Am meisten jammerten mich die Stühle . Wenn auch durch das Schaukelsystem einiger Leichtsinnigen ihre conservative Gesinnung zuweilen wankend gemacht wird, erfreuen sie sich doch im Ganzen einer behaglichen Stabilität. Die Ziehzeiten sind die Revolutionen der Stühle. Verzweiflungsvoll strecken sie dann zu Tausenden alle Viere gen Himmel und zerborstene Rohrsplitter umwehen 56 schauerlich ihre gefurchten, von sitzender Lebensweise zerrütteten Stirnen. Eben so beklagenswerth sind die Spieltische . Wie launische Hunde hinken sie meistens auf drei Beinen einher. Was soll man von den Spiegeln sagen? Nicht immer kann zärtliche Fürsorge ein glattes ungetrübtes Dasein vor den rauhen Püffen des Schicksals beschützen und wo sich vielleicht vor wenigen Stunden noch das Bild eines Narcissus oder einer Hebe spiegelte, gähnt jetzt eine auf die Lehre von den Dreiecken gestützte Lücke. Alte Kommoden halten ihre schäbigen Schiebkästen wie leere Bettlerhände auf; unbezogne Guitarren liegen auf dem Bauche in Causeusen und Plüschsophas, Tabackspfeifen umschlingen zärtlich Offizierdegen und Rapiere, Hyacinthentöpfe gucken aus Puddingformen, Klaviere lehnen sich an Waschfässer, ganze Ladeneinrichtungen taumeln schwerfällig durch die Straßen – aber der Mensch ist der Mittelpunkt der Schöpfung und der Ziehzeit. Si fractus illabatur orbis, impavidum ferient ruinae. »Und wenn die ganze Pastete in tausend Granatstücken entzwei geht, Möbelfuhrwerke lassen sich darum keine grauen Haare wachsen!« singt Horaz in einer seiner Oden an Mäcenas, als dieser im Herbst von seiner Villa wieder nach Rom zog und der Dichter die Lampen tragend hinter dem Möbelwagen mitging. Meiner Wohnung gegenüber fand ich die besten Belege zu diesem schönen Citat aus dem Poeten der Primaner. Der Streitwagen der Möbelrevolution fuhr vor. Einige Herren in Jacken, welche früher Röcke gewesen waren und sich aus Lebensüberdruß die Schöße abgeschnitten hatten, sprangen herunter und breiteten einen Haufen Lumpen nebst einigen alten Tuchecken auf dem Trottoir aus. Auf dieses Signal erschien die Familienmutter, das jüngste Kind auf dem Arme, den kleinsten Knaben an der Hand. Sie rettete, um bei dem drohenden Einsturz ihr Theuerstes zu erhalten, zuerst die Kinder. Mit dem Ausdruck des innigsten Dankes gegen die Vorsehung schaute der Vater ihnen aus dem Fenster nach; er hatte beschlossen »auf den Trümmern zu 57 verweilen.« Bald erschienen auch die ersten Anzeichen der Emigration. Zuerst ein Kleiderschrank, dessen Ellbogen hart mit der Flurwand zusammengekommen waren, dann ein Schreibsecretair, dem das oberste kleine Schubfach, wie eine Zunge, lang aus dem Halse hing: um ihn versammelten sich mehrere tödtlich getroffene Stühle, wie die Kinder um ihre Mutter Niobe. Dann kamen sie mit einem sterbenden Schlafsopha heraus; er war gräßlich verstümmelt. An einer Ecke der Treppe war sein Brustbein zerschmettert und man sah die ganze Anatomie von Sprungfedern und Pferdehaar in schrecklicher Naturwahrheit zu Tage liegen. Weniger Umstände wurde mit dem Wasch- und Küchengeschirr gemacht. Einen Kessel setzte man so gründlich auf das Pflaster nieder, daß seine Physiognomie diese Narbe bis an den jüngsten Tag der Waschkessel nicht mehr los werden kann und ein Kübel verlor bei einer ähnlichen Affaire den Boden unter den Füßen, worüber einige Eimer erschrocken aus Rand und Band gingen. Als Alles aufgepackt war, erschien der arme Hausherr. Er war blaß, aber noch ganz; die Seinigen haben wenigstens den Hausvater unzerbrochen wiedererhalten. Was ist das? Zwei Soldaten, das Seitengewehr an der Hüfte, ziehen ein kleines Wägelchen mit einem Unterofficiersmobiliar, die Unterofficierin geht hinterdrein. So werden aus dem heißen Gefecht hoffnungslose Verwundete in die Ambulance geschleppt, wie dieser Küchenschrank und dieser Großvaterstuhl. Hinterdrein fährt ein Sonnenbruder auf einem Schiebkarren das Ameublement des berliner Studenten, den abgeschabten Lederkoffer, ein rothgebeiztes Stehpult, eine Holzkiste mit Büchern, den Tabackskasten und zwei schartige Säbel nebst Fechthandschuhen. Nach zehn Minuten erscheinen zwei Träger, unter Aufsicht eines Dritten. Sie schleppen langsam auf einer Bahre einen Trimeau, der in seinen grünwollenen Mantel gehüllt, vornehmlich und verächtlich auf seine armen Collegen sieht, die verschämt ihre blanken – Gesichter gegen die Mauer kehren. 58 Unter allen Hausthüren stehen mit abgetakelten Schlafröcken angethan, drohende Tabacksspieße in den Händen, die Wirthe und ermahnen die Möhelfuhrleute – nicht die Möbel, sondern die Wände , in Acht zu nehmen. Mägde mit großen Körben drängen sich an ihnen vorbei und stoßen sie heimtückisch in die Rippen, zur freundlichen Erinnerung an alte Treppenbegießungsconflicte und belauschte Soldatenflurgespräche. Unter freiem Himmel werden die Schlüssel ausgehändigt, von dem Hausschlüssel an bis zu dem unscheinbaren einfachen Instrument, das wie ein Dorfhund stets ein Stück Holz am Halse trägt. Nun bricht allgemach die Dunkelheit herein, die Straßenjugend benutzt sie, um das Pferd des Möhelwagens am Schwanz zu zerren, es zieht unwillig an, die Geräthschaften stoßen ächzend gegen einander, ein Junge wird erwischt und mit einem großen Kochlöffel verarbeitet – der Himmel bezieht sich wieder, es wird kühl und der erste April nähert sich seinem Ende. Ich schließe mein Fenster, in stiller Klause brennt freundlich die Lampe, zwar regt sich nicht die Nächstenliebe , aber doch die Eigenliebe . Vom Pulte nehme ich, ein Gegenstück zu Faust – die Bibel? nein, den Miethscontract, und indem ich mein geliebtes Original aus dem Juristischen ins Deutsche übertrage, entdecke ich mit stillem Entzücken, daß mein Contract noch zwei Jahre lang Gültigkeit hat, und daß mir meine häusliche Ruhe durch diese gerichtliche Assekuranz gesichert ist. Kein Schiffskapitain, der in seines Rheders eisernem Geldkasten die schriftlichen Garantieen und Bürgschaften für den Werth des ihm anvertrauten Fahrzeuges wohlverschlossen weiß, zieht sich daher mit größerer philosophischer Ruhe als ich, in seine Cajüte zurück. 59   Der Kellner. Unter allen Klassen, von welcher der Dichter, in seiner Zueignung der Tragödie Faust, am Neujahrsmorgen sang: »Ihr naht Euch wieder, schwankende Gestalten, die sich so oft dem trüben Blick gezeigt«, verdienen selbst die gratulirenden Küster und Nachtwächter nicht die liebevolle Aufmerksamkeit, welche dem das ganze Jahr hindurch geplagten Kellner grade in den ersten Tagen des Januar gebührt. Der Ehrentag des Kellners ist der, an dem er seine Jahrestrinkgelder einkassirt; an diesem Tage widmet auch die Literatur ihm einen ihrer festlichen Artikel. Eine Monographie des Kellners ist unseres Wissens noch nicht geschrieben worden. Mannigfaltige entscheidende Gründe haben zur Constatirung dieser Thatsache mitgewirkt und Stolz und Scham spielten hierbei auf eine merkwürdige Weise in einander hinüber. Denn diejenigen Schriftsteller , aus deren Styl und Ideenfolge man errathen kann, daß sie früher Kellner gewesen sind, pflegen die äußerste Verschwiegenheit über ihre bürgerlichen Antecedentien zu beobachten, und diejenigen Kellner , aus deren mangelhafter Bildungsstufe hervorgeht, daß sie die Treppe der Literatur hinabgefallen und vorher als Schriftsteller gewirkt haben, treiben die falsche Scham so weit, tiefes Dunkel über ihre Vergangenheit zu breiten und jede literarische Enthüllung über ihren neuen Stand sorgfältig zu vermeiden. Aus diesem Grunde bleibt dem 60 Geschichtsschreiber des Kellners nichts übrig, als sich selbst an die Quellen des Studiums zu begeben, und den Kellner am Faß, am Billard, im Ballsaal und an der Table d'hôte zu verfolgen. Große, umfassende und kostspielige Beobachtungen waren hierzu erforderlich, und nur ein vieljähriges, in Wirthshäusern zugebrachtes Leben konnte das nöthige Material an die Hand liefern, aber es gewährt dem Geschichtsschreiber keine geringe Beruhigung, daß jetzt endlich sein Blick dergestalt geschärft ist, daß er im gegenwärtigen Augenblick selbst in den ausgezeichnetsten Kreisen der Gesellschaft und in den distinguirtesten Ständen und Aemtern oft mit tiefer Rührung an alten und jungen Personen diejenigen Eigenschaften entdeckt, welche die Zierde eines jeden guten Kellners zu bilden pflegen. Denn wenn allerdings das Ideal eines solchen nicht ohne einen gewissen Grad ergebenster Dienstbarkeit gedacht werden kann, so darf ihm doch ebenso wenig die nöthige Insolvenz und Brutalität gegen Untergebene und ins Wirthshaus dringende Supplikanten fehlen, so daß auch den Beamten des Bierfasses und der Billardbälle Demuth nach Oben und Hochmuth nach Unten schmücken müssen. Wie im Mittelalter Ritter und Knappen, so verhalten sich in neuerer Zeit Wirth und Kellner zu einander; aber wie sonst fast jeder Knappe nach Verlauf einer bestimmten Frist von seinem Gebieter zum Ritter geschlagen wurde, so pflegen jetzt die meisten Kellner nach Abschluß hinreichender Ersparnisse ihre Brodherren zu schlagen und selbst Wirthe zu werden. Auch besteht noch heute eine geheimnißvolle Wechselbeziehung selbst zwischen Rittern und Kellnern, denn wie einst so mancher Knappe seinem Herrn das Leben auf dem Schlachtfelde rettete, so schützt mancher Kellner durch Zahlungsvertagung seinen armen Ritter an dem Mittagstische vor dem Hungertode. Schon als Knabe verräth der Kellner frühzeitig seinen künftigen Beruf. Er fertigt seine Schularbeiten nie an und deutet durch regelmäßiges Zuspätkommen am Morgen sein Talent für Spätaufbleiben an. Nur eine schöne 61 schriftstellerische Begabung entwickelt sich durch eine fleißig geübte Correspondenz mit den jüngeren und zarteren Köchinnen und Stubenmädchen seines Reviers, welche ihn zuerst als geheimen Secretair in ihren Beziehungen zur Stammrolle brauchen, nach zurückgelegtem Termine der Einsegnung zur Mannsperson jedoch auch ihm selber militairische Vorrechte zugestehen. So entwickelt sich organisch der Kellner im großen Hôtel. Er beginnt seine Laufbahn als Zimmerkellner in den Hofwohnungen des dritten Stockwerks, erhält dann die Front nach vorn heraus, steigt später von Stockwerk zu Stockwerk herab und wird endlich die rechte Hand des Oberkellners, bis dieser sich selbst etablirt und er seine Stelle einnimmt. So ist die Laufbahn des Hôtelkellners nicht, wie die Laufbahn anderer großer Männer der Oeffentlichkeit ein Steigen , sondern ein Sinken , so daß man von ihm mit Recht sagen kann, er sei allmälig bis zu den höchsten Ehren seines Standes herabgesunken. Das dritte Stockwerk ist die eigentliche Bildungsschule des Hôtelkellners. Hier beschäftigt er sich fleißig mit der Correspondenz – der Fremden, liest in ihrer Abwesenheit bei den ungeregelten und ungeriegelten Zuständen der Schlösser alle ihre Papiere durch, giebt sich, da im dritten Stockwerke sehr viele außer dem Hause wohnende Geschäftsleute wohnen, ein wenig mit der französischen Sprache ab, in welcher ihm der französische Kellner des ersten Stockes, der Emigrant und Legitimist, behülflich ist, und erwirbt sich eine ziemliche Menschenkenntniß in Betreff der Trinkgelder. Nach einem Jahre ist er weiter gekommen als Gall und Schewe, und erkennt aus dem bloßen Klingeln einer Person, welche Anlagen, Trinkgeld zu bezahlen, dieselbe besitzt. Sind diese hinreichend entwickelt, so erscheint er auf das Geläut; fehlen sie ganz, oder scheinen sie ihm auch nur verkümmert, so kehrt er sich so wenig an die Stubenklingel, als an die Kirchenglocke. Ist der Hôtelkellner endlich im ersten Stocke angelangt, so hat er sich dem protegirten Friseur des Hauses so weit unterworfen, daß dieser ihm, wenn er Vormittags 62 die fremden Damen bedient, auch seine Haare brennt. In diesem Stadium ist er bereits soweit herausgefüttert, daß er sich mit der Venus Kallipygos auf einen und denselben Theil etwas zu Gute thut, und eng anliegende Pantalons nebst einer knappen Jacke trägt. Wie an dem menschlichen Kinn mit fortschreitender Entwickelung Bärte, so wachsen an dieser Jacke allmälig Schöße, je mehr sich der Zimmerkellner des ersten Stockes der Würde des Oberkellners nähert. Jetzt steht er auch schon nicht mehr auf dem Flur und in der Thür des Hôtels, er blickt nicht mehr mit unendlicher Verachtung auf die Stadtbewohner herab, weil sie nie in einem Hôtel wohnen, folglich ihm auch nie Trinkgelder bezahlen; er hat wie der beste türkische Pascha seinen Harem unter den Hôtel verbündeten Schönheiten, raucht seine Rabattcigarren, behorcht politische Gespräche, trägt ächte Oberhemden mit Knöpfen von Kristall, und sieht es gern, wenn der neue Kellner aus dem dritten Stock ihn für einen herablassenden Herrn hält. Mit der Erreichung der Oberkellnerwürde verschwindet er aus der Sphäre der Kellnerschaft; ihn fesselt die Rechnungslegung und das Studium jener feinen Wissenschaft, welche darum die doppelte italienische Buchhaltung heißt, weil auf ächt italienische Weise sowohl der Herr des Hôtels, als der Gast betrogen wird. Als Oberkellner steht ihm der Weg auch zu den höchsten städtischen Würden offen. Nur wenige Schritte führen zum Hausbesitz, zum Gemeindeverordneten, zum Wahlmanne – und warum sollte endlich ein ehemaliger Oberkellner nicht auch die Interessen des einheimischen Volkes eben so gut, als die des besuchenden fremden Volkes mit Erfolg wahrnehmen? Eine gewaltige Kluft gähnt zwischen der Aristokratie der Kellner und ihrer großen bürgerlichen Fraktion. Nicht Jeden führt ein gefälliges Aeußere, ein hochfliegender Geist und ein cäsarischer Glücksstern in ein Hôtel; die Wiege der Meisten hat nur Sonntags neben dem Schweinebraten und der sauren Gurke ihres Vaters gestanden. Wenn ein Junge von verschiedenen Meistern 63 wegen verschiedener Vergehen verschiedene Male fortgejagt worden ist, darf er mit gerechtem Vertrauen aussprechen, daß die Anlagen eines Billardkellners in ihm schmachvoll vom bornirten Zunftgeiste verkannt worden seien. Schon frühzeitig hat er dieses edle Spiel, das auf die Anziehung und Abstoßung der Kräfte in der Natur gegründet ist, und durch den Namen »Karoline« schon die zarte Jugend des Knaben mit lieblichen Phantasien erfüllte, geübt. Die Entlassung aus dem Handwerke führt ihn endlich dem Berufe dieser schönen Kunst in die Arme; er übt die als Knabe gewonnene Fertigkeit als Jüngling und Mann. Meister auf der grünen Fläche, verbindet er sich auf halben Gewinn mit Billardgaunern, welche ihm Ankömmlinge aus der Provinz zuführen, die er zwei auch wohl drei Partien gewinnen läßt, bis sie, kühn gemacht, hohe Wetten mit den zusehenden Diplomaten eingehen und elendiglich ausgezogen werden. Auf dieser Stufe der Kunst und Industrie angelangt, pachtet er von seinem Herrn das Billard, verheirathet sich und erzieht seine Knaben zu des Vaters Beruf, sobald ihrem Arm der Speer nicht mehr zu schwer ist, und sie mit Hülfe einer Fußbank mit der Nase über die Bande reichen können. Nicht so einträglich und kunstvoll ist das Amt des Speisekellners ; nur wenn er in der Wirthschaft eines großen Restaurants fungirt, wird seine Thätigkeit mit silbernen Früchten gesegnet; für gewöhnlich ist sein Leben sauer , wie die Kartoffeln, welche er servirt, sein Erwerb mager , wie die aufgetragene Suppe, die bedienten Gäste gleichen an Zähigkeit dem von ihnen verzehrten Rindfleische, und in dem täglichen Mittagswettrennen von der Küche nach den Eßzimmern bringt er es sammt seinen Collegen zu nichts als einem netten Ansatz zur Schwindsucht. Im Sommer pflegt dieser Kellner die allgemeine Niederlage der Speisegeschäfte zu benutzen, und eine Brunnenreise anzutreten, welche darin besteht, daß er sich in einem Badeorte verdingt und bei Tische aufwartet. Dann feiert er oft rührende Momente des Wiedersehens 64 mit einzelnen Badegästen, die ihm mit zwei oder drei Thalern »durchgebrannt« sind und nun in der vornehmen Vertraulichkeit der Bäder nicht mehr entwischen können. Im Winter dreht sich seine Einbildungskraft um den Neujahrstag und die aus den Gratulationen der Stammgäste entspringenden Trinkgelder. Schon vor Weihnachten läßt er kleine Cigarrenspitzen und Thonpfeifen mit Blumenguirlanden und Flittergold anfertigen, welche mit vielversprechendem Blicke den regelmäßig und auch wohl den unregelmäßig Speisenden angeboten und mit Achtgroschenstücken königlich belohnt werden. Außerdem stehen für diejenigen, welche nur zuweilen Tischgenossen sind, Teller umher, auf denen einzelne Acht- und Viergroschenstücke als verführerische Lockvögel ausgebreitet liegen. Diese Kellner sind nur arm, und selten wirft ihr kleines, aber anständiges Nebengeschäft etwas ab. Dieses besteht darin, daß sie gern Achtgroschenstücke beim Herausgeben als Viergroschenstücke betrachtet wissen wollen, daß sie zerstreute Schachspieler und Dominospieler gern zweimal bezahlen lassen, und daß sie zu Boden gefallene Taschentücher und Cigarrentaschen im Stillen aufheben und einige Tage darauf durch die dritte Hand das Finderlohn einziehen. Oft haben sie auch nebenbei einen kleinen Cigarrenhandel, doch findet sich diese Art von Betriebsamkeit im Ganzen mehr bei den Bierkellnern . Diese Klasse muß noch einer Betrachtung unterworfen werden, ehe sie, verdrängt durch die Biermamsells, ganz vom Erdboden verschwindet. Der Bierkellner ist der Proletarier unter den Kellnern; er bildet den naturgemäßen Uebergang zum Bierzapfer und zum Hausknecht. Seit dem Erscheinen der Biermamsells sind wirklich viele dieser Unglücklichen noch bis unter den Besen hinabgesunken. Auf dem Bierkellner lastet wie auf dem Polen das melancholische Bewußtsein des untergehenden Stammes. Um seinen gebeugten Sinn aufzurichten, trinkt er stets das erste Seidel vom frisch angestochenen Fasse, schwört aber stets vor den Gästen, daß das letzte Seidel jenes erste sei. 65 Eine sanfte Trauer lagert auf seiner Stirn, Strohhalme und Federn auf seiner groben Jacke, deren rechter Aermel oft die Stelle des Taschentuches vertreten muß. Er ißt aus angeborner Sparsamkeit Alles auf, was die Gäste auf den Tellern übrig gelassen haben, und streicht gern ein Seidel mehr mit Kreide an, wenn er merkt, daß ein Gast unzurechnungsfähig wird. Arbeitet er mit Biermamsells zusammen, so steht er entsetzlich unter ihrem Pantoffel, besorgt ihre kleinen Bestellungen, putzt ihre Schuhe und genießt gewisse Prozente von dem Ertrage, den das Privatgeschäft seiner Beschützerin abgeworfen hat. Ihm blüht aber kein Neujahr , wenn für seine Herrinnen auch ein fortwährender Sylvesterabend ist. Weisen diese drei Klassen ganz bestimmte Physiognomien auf, so giebt es doch unter ihnen zahlreiche und auffallende Spielarten, welche theils durch die Orte, an denen sie thätig sind, theils durch ihren früheren Lebenslauf bedingt werden. Nicht Jeder ist Kellner durch freie Wahl; das Leben, wie es oft hochstehenden Naturen die Serviette über den Arm hängt, und Händen, die einst Schwert, Zaum und Feder geführt, den Präsentirteller in die Hand drückt, gefällt sich darin, auch zuweilen aus Stallknechten, Laufjungen und Droschkenkutschern Kellner zu schaffen. Dann erlebt man eigenthümliche, durch Wetteifer mit den feineren Standesgenossen hervorgerufene Bildungsversuche. Bald bestrebt sich ein solcher, das Spiel der Guitarre zu erlernen, bald kämpft er mit dem feuchten Flachs auf seiner Schädelfläche, wenn es sich hartnäckig sträubt, die moderne Frisur anzunehmen, bald versucht er, seine rothblauen Kutscherkrallen, das Entsetzen aller Gäste, denen er ihre Portionen bringt, durch kosmetische Mittel zu bleichen, bald studirt er vor dem Spiegel, ehe Leute kommen, die angenehmsten akademischen Stellungen ein, welche irgend beim Apportiren der Coteletten und grünen Aale vorkommen können! Vor den Thoren der Stadt überrascht man oft in halbländlichen Etablissements, in frühen Nachmittagsstunden, die geistreichen Studien und Uebungen 66 der Eleven der höheren Kellnerei. Durchaus ein Anderer ist der Kellner aus Liebhaberei an Trinkgeldern und auszuleckenden Tellerresten. Diesen findet man nur bei Traiteurs erster Klasse. Ein notorischer Hausbesitzer wartete jahrelang von neun Uhr Abends bis lange nach Mitternacht in schwarzem Frack und weißer Halsbinde in Berlin unter den Linden auf. Er lebte von dem, was die Gäste auf den Tellern übrig ließen, stillte seinen Durst in den verschiedenartigsten Bartneigen, und engagirte sich auch zuweilen bei Familienfesten als Lohnbedienter. Als er nach langer Bedrückung seiner kleinen Miether endlich vor Schreck starb, weil sein eigener Sohn in Begleitung eines Frauenzimmers in dem Hôtel seiner Wirksamkeit erschien und zwei Flaschen Cliquot in Eis nebst einigen anderen Eßbarkeiten, ohne ihn zu erkennen, bei ihm bestellte, fand man in seinem Nachlasse eine höchst interessante Sammlung von silbernen Löffeln, Uhren und werthvollen Dosen, von denen man anzunehmen berechtigt war, daß er sie zum Lohne für treue und aufmerksame Dienste von dankbaren Gästen und Festgebern zum Geschenk erhalten hatte. So endet ein alter Dilettant , aber das endliche Loos des invaliden Kellners, wenn er es nicht zur eigenen Wirthschaft bringt, ist traurig und herzerschütternd. Einige beschließen ihr Leben in Kellern und verkaufen die rohen Zuthaten zu den gekochten Mahlzeiten, die sie einst in gaserhellte Räume, elegant auftretend, getragen haben; andere pachten den Milchertrag von benachbarten Rittergütern und fahren mit Hunden; die letzte Klasse endlich wandert im Sommer aus und führt auf Exerzierplätzen und an Volksvergnügungsorten ein Squatterdasein voll wehmüthigen Erinnerungen mit sauren und Pfeffergurken. Aber hier in der Unermeßlichkeit der Prairien erkennt man nicht mehr unter der kümmelgebräunten Gesichtsfarbe den feinen Mann, dessen Ideal einst war, bei dem drohenden Ruf der Hungrigen durch die Worte: »Gleich, gleich, meine Herren!« die Gleichheit , wenn auch nicht vor dem Gesetz , so doch vor der Schüssel herzustellen! 67   Die Stillvergnügten. Die Vergnügungen der heutigen Welt sind so scharf instrumentirt, so dick versilbert und vergoldet, so breit angelegt, so prahlerisch in die Augen fallend, daß sie die Belustigungen aus der guten alten Zeit ganz in den Hintergrund gedrängt haben. In dem wüsten Lärm der modernen Opern und Ballets, im Rausch üppiger Diners, die wie ein blutiger Hohn gegen die gekochten Kartoffelschaalen unserer armen Arbeiterfamilien aussehen, in dem Tumult der lüderlichen Maskenbälle, haben sich aber die Ueberbleibsel der Vergangenheit nicht ganz verloren. Wir wollen versuchen, zum erheiternden Contrast mit dem, was man augenblicklich Vergnügen nennt, diese kleinen Idyllen in zwangloser Form auszumalen. Wenden wir uns zuerst zum Kartenspiel , so müssen wir förmliche Entdeckungsreisen anstellen, wahre privatpolizeiliche Recherchen und Haussuchungen unternehmen, um das Kartenkränzchen von sonst aufzufinden. Aber das Kartenkränzchen ist nicht durch das Kaffeehaus und Ressourcenspiel, nicht durch das Casinowhist à einen Thaler der Fisch, nicht durch den verbotenen »Tempeldienst« und »meine Tante, deine Tante« verdrängt worden; es besteht noch in unentweihtem Glanze, beschützt von den ehrwürdigen Veteranen des weiblichen Geschlechts, und huldigt den unveräußerlichen Gesetzen des Boston . Das Kartenkränzchen blüht wie das Veilchen im Verborgenen, aber es ist zugleich ein starker Stamm 68 und kräftig wie die Eiche. Die Jahre können ihm nichts anhaben; es ist, wie die Collegien der Richter, immer vollzählig, und wenn der Tod eine Lücke reißt, wird sie schnell durch ein jüngeres dauerhafteres Mitglied wieder ausgefüllt. Betrachten wir die Genossen des Kartenkränzchens. Wenn die Jungfrau in die Jahre tritt, in welchen auch das letzte hoffnungsgrüne Blatt vom Baume der Liebe abgefallen ist, wenn die Mutter ihre Tochter verheirathet und glücklich versorgt, die Großmutter die Enkel gut gerathen sieht, beginnt für sie alle das Kartenspiel einen ungemeinen Reiz zu erhalten. Ihre Zungen sind im Verlauf der Zeiten stumpfer geworden, sie haben einsehen gelernt, daß die Welt, ungeachtet ihrer herben Kaffeekritik, ungestört ihren Lauf weiter fortsetzt, und statt der Intriguen der Liebe und Ehe, erfreuen sie sich an den mannigfaltigen und unschuldigen Combinationen des kleinen Buches der zwei und fünfzig Blätter. Zunächst pflegt das Kartenkränzchen nur als ein kleines Quartett von vier Großtanten zu bestehen; allein es währt nicht lange, so erfüllt der Ruhm und Preis seines stillen Glückes alle stammverwandten Kreise, und der kleine Kartenclub muß größere Dimensionen annehmen. Noch ist kein Jahr verflossen, so zählt er schon so viele Mitglieder, daß mehrere Zimmer von den Kartenspielerinnen angefüllt werden, und das Comité, das aus den ältesten und ehrwürdigsten Damen besteht, den Club für unwiderruflich begrenzt erklären muß. Man glaube nicht, daß die Kartenkränzchen an der in Damengesellschaften so beliebten Anarchie in der Conversation und Uebertreibung in der Bewirthung leiden; sie sind vielmehr so wohl organisirt wie die Staatsinstitute. Jedes Mitglied ist verpflichtet, einer bestimmten Reihefolge nach, die nur durch Krankheit oder – große Wäsche gestört werden kann, die Gesellschaft bei sich aufzunehmen; und es bestehen strenge Verpflegungsgesetze, die bei einer Strafe an die Bundeskasse nicht übertreten werden dürfen. Da die Damen sich erst mit dem Glockenschlage fünf Uhr versammeln, wird stillschweigend vorausgesetzt, daß sie 69 sämmtlich Kaffee getrunken haben. Während also, um einen genügenden Grund für die Bête zu gewinnen, viermal herum Misère gespielt wird, präsentiren die dienenden Geister Obsttorte oder dergleichen wenig belästigende Confituren, worauf die Partien ungestört verlaufen. Um acht Uhr erscheint der Thee mit einer vorschriftsmäßigen, je nach den zahlreichen, aber nichts desto weniger strenge befolgten Statuten, verschiedenen Begleitung von belegten Butterbröden und abermaligem Kuchen. Die stillvergnügten Spielerinnen sind so ganz in Beschlag genommen, daß sie sich keine Zeit lassen, von ihren Sitzen aufzustehen, sondern wie Patrouillen gleichsam im Sattel soupiren. Eine Stunde später ist der Club laut Paragraph geschlossen, und die Gesellschaft auf dem Wege nach Hause, um in den Federn zu liegen, wenn das moderne Kartenspiel sein verderbliches Walten erst beginnt. Nicht allein diese Aeußerlichkeiten der Sinnengenüsse sind regulirt, sondern auch die pecuniären Dimensionen des Spieles. Es ist so eingerichtet, daß Niemand sein Glück darin machen, und Keiner durch Unglück darin um sein irdisches und himmlisches Heil kommen kann. Das gutmüthige Kartenkränzchen hat hundert Points für gleichbedeutend mit fünf Silbergroschen erklärt, und damit dem Banquerutt, dem Kassendiebstahl, dem Mißbrauch des Vertrauens und dem Selbstmord einen stählernen Damm errichtet. Wer seinen schwärzesten Tag gehabt hat, kann höchstens so weit herunter gekommen sein, daß er sich die Droschke zur Heimkehr zu versagen nothwendig fühlt; landesflüchtig braucht Niemand zu werden. Das Kartenkränzchen weiß nichts von schlaflosen Nächten, nichts von zerbissenen Nägeln, von zerkratzten Busen, von ausgerissenen Haaren; ein Defizit von zwanzig Silbergroschen ist schon eine in den Annalen des Vereins das größte Aufsehen erregende Thatsache. Mag es in Familien zuweilen vorkommen, daß ein galanter Hausherr zum Vergnügen der Damen ein Bänkchen legt und in den schwärmerischen Seelen unbesonnen den Spielteufel herauf 70 beschwört; in unserm Kartenkränzchen kommt so etwas nicht vor. Wie gewisse Mysterien des Alterthums, ist es rein weiblicher Natur, und obwohl kein eindringender Mann in Stücke gerissen werden würde, hüten sich doch alle männliche Anverwandte aus natürlichem Instincte, dem stillvergnügten Kartenbunde zu nahe zu kommen. Wer vermag die Fülle der Seligkeit zu schildern, die in diesen vier und zwanzig bis dreißig edlen Herzen blüht, wenn sie wöchentlich zwei Mal zusammenkommen und die anmuthigen Wechselfälle des Boston erproben? Die bittersüßen Schmerzen der Liebe quälen sie nicht mehr, die Störungen der Kindererziehung liegen weit hinter ihnen, das eheliche Verhältniß selber gilt ihnen nur noch für einen ruhig milden Klang der Freundschaft; eine Partie Boston ist für sie die letzte Rose des Sommers, der letzte Bissen am Tisch des Lebens, und sie hegen ihr Kartenspiel mit der Zärtlichkeit, welche alte Leute stets für Steckenpferde zu nähren pflegen. Nun es in ihrem Dasein so ruhig, wie auf einem Friedhofe geworden ist, ersetzt ihnen das Boston auch die Aufregungen des Schicksals, und der Gewinn oder Verlust von zehn Stichen in der besten Farbe verursacht im ganzen Kränzchen eine Unterbrechung der Partien nebst den lebhaftesten Debatten. Das verdorbene männliche Geschlecht weiß die verschwiegenen Freuden eines solchen edlen Frauenbundes keinesweges zu schätzen; es wird nicht mehr durch das Spiel, sondern nur noch durch den Gewinn gereizt. Die Stillvergnügten der jüngeren weiblichen Welt sind die Mitglieder der Lesekränzchen mit vertheilten Rollen. Man denke hierbei nicht an dergleichen Vorlesungen mit schnurrbärtigen Referendarien und philosophischen Doctoren als Posa und Don Carlos, dem lederfarbenen Junggesellen-Professor als Philipp, und dem goldbrilligen Hausarzt als Domingo; wir reden von den zarten jungfränlichen Lesekränzchen, die sich aus eben entlassenen Pensionsschwärmerinnen und Schülerinnen der ersten Klasse rekrutiren. Nur in den unschuldigen Jahren 71 der weiblichen Begeisterung für eine berühmte Schauspielerin ist die Bildung unsers Lesekränzchens möglich; sobald die Begeisterung auf einen berühmten Schauspieler übertragen wird, ist es die höchste Zeit, daß die Rollen Posa's und Don Carlos' mit männlichen Individuen besetzt werden. Die Vorlesungen mit vertheilten Rollen finden unter solcher Geheimnißkrämerei und Verschwiegenheit statt, daß oft der Herr Vater und die Brüder kein Sterbenswörtchen davon erfahren. Diese Hausfractionen sind mit ihrem gemüthlichen Spott die natürlichen Feinde des aufkeimenden poetischen Enthusiasmus der armen verfolgten Backfische. Unglücklich ist die Siebzehnjährige, die einen fünfzehnjährigen Bruder hat, doppelt unglücklich, wenn sie auch noch einen neunzehnjährigen besitzt. Jener wird sie bis aufs Blut necken, dieser sie wie ein Pedant hofmeistern. Die unschuldigsten beneidenswerthesten Freuden der Menschen werden, wie die schönsten duftigsten Blumen, am meisten von der Plumpheit gestört oder beschädigt. Die jungfränlichen Lesekränzchen werden klug veranstaltet, wenn der Herr Vater sich auf der Ressource befindet und die Herren Brüder durch Privatlectionen außer dem Hause gefesselt sind. Wie die Nymphen der Diana stäuben sie auseinander, wenn ein männlicher Fuß ihr lispelndes Heiligthum entweiht; nur auf den Zehen schleichend darf man sich ihnen nahen und nur dem Ohre ist es gestattet, sie zu belauschen. Von dieser Andacht und Inbrunst der Vorlesung hat die heutige Kunst der Bühne keine Ahnung mehr; mit einem Fünkchen dieser Begeisterung für die Dichtung könnte man ein ganzes trocken deklamirtes Schiller'sches Trauerspiel mit bengalischen Flammen illuminiren, einen ausgestopften Liebhaber lebendig, ja unsterblich machen; aber ein so zartes Feuer schwebt wie das Licht der Sterne unerreichbar über dem schuldbewußten Leben. – Es klingelt, die getreuen Zofen ihrer jungen reizenden Herrinnen sind mit Muffen, Halskragen und Mänteln eingetroffen, um sie sicher vor Anfechtungen der verdorbenen Menschen nach Hause zu geleiten, der ironisch schmunzelnde Hausherr 72 tritt ein, die Absätze der Brüder in der oberen Etage werden laut; ihr lieblichen Nymphen flieht mit eurer Jungfrau von Orleans oder Maria Stuart, ehe ihr der hausbackenen Prosa und der wohlfeilen Secundaner-Ironie in die Hände fallt. Das Streichquartett hat einst eine glänzende Rolle unter den geistigen Erholungen der vornehmen Welt gespielt; Kaiser und Könige haben es nicht unter ihrer Würde gehalten, die zweite Violine oder die Bratsche zu spielen und die herrlichsten Meisterwerke der Nation sind auf Bestellung kunstsinniger fürstlicher Mäcenate entstanden. Seit die glücklichsten Söhne der Welt in ihre Paläste nicht mehr vierstimmige Kammermusik sondern Tänzerinnen bestellen, ist das Streichquartett die Domaine der Stillvergnügten geworden. Man hat in der heutigen Zeit über die Abnahme der Freundschaftsbündnisse nicht minder geklagt, als über das Aussterben der wahren Liebe; man hat Unrecht daran gethan. Wenn es während der lieblichen Luftschwingungen klingenden Goldes und Silbers noch immer Leidenschaften auf Leben und Tod giebt, gehören nur vier Streichinstrumente dazu, um eine Quadrupelallianz von Damon und Pythias, Orestes und Pylades zu bilden. In Darmsaiten und Roßhaaren liegt für das männliche Geschlecht eine wunderbare sympathetische Kraft. Eine Violine in einsiedlerischen Registratorshänden kann der stillen Nacht nicht ihr Leid klagen, ohne, wie ein lyrisch gestimmter Kater, die Stimme eines Unterstradivarius in der Nachbarschaft zu wecken. Bald wetteifern Beide, ohne der an die Wand pochenden Stiefelknechte der im Schlaf gestörten Nachbarn zu achten, in kühnen Passagen, Arpeggien und Trillern und bald ergiebt sich die unverkennbare Ueberlegenheit des registratorischen Paganini. Das Verhältniß zwischen erster und zweiter Violine hat sich zwanglos aus den Umständen selber ergeben. Die beiden Violinisten achten und ehren sich, noch ehe sie einander kennen gelernt. In der zweiten Nacht mischt sich plötzlich ein dumpfer Laut in ihren Wetteifer; 73 er klingt nicht wie »Unkenruf an Teichen«, aber wie eine Bratsche, die vom Boden zwischen alten Hüten, zerbrochenen Guckkästen und ausgedientem Kinderspielzeug hervorgeholt, abgestäubt und frisch bezogen worden ist. Diese verführte Bratsche hat ihr jahrelanges Stillschweigen gebrochen und ächzt verständnißinnig in die jubelnden Violinklänge hinein. In der dritten Nacht wiederholt sich das Tonspiel, aber alle zehn Minuten unterbrechen sich die Virtuosen, um zu lauschen, ob ihre Locktöne nicht ein etwa in der Gegend hausendes Cello geködert haben. Da erschallt nach langem Harren endlich, erst leise, dann stärker, ein so tiefes Summen, daß die drei Virtuosen, in der ehrfurchtsvollen Ueberzeugung, es auf ihren höherstrebenden Instrumenten nicht hervorbringen zu können, dieselben, wie Faust in der Osternacht die Phiole, überrascht niedersetzen und dem ergreifenden Gesange zuhören. Er entstammt einem starken Cello, aber sein Spieler ist nur schwach. Der Ton dieses Cellos hat etwas Widersetzliches, Starres, als ob es seinen individuellen Mißmuth über die Fehlgriffe äußern wollte, die sich sein leider rechtmäßiger Besitzer darauf erlaubt. Das schöne Cello bockt und bäumt sich, wie ein edles Roß, das von den Händen eines Sonntagsreiters mißhandelt wird. Was kümmert aber sein Zorn die Violinen und die Bratsche; der Vierte im Bunde ist gefunden, und schon am folgenden Tage findet die Organisation des Quartetts der Stillvergnügten statt. Die idyllischen Musiker kommen zusammen und reden mit einander, als hätten sie sich schon von Kindesbeinen an gekannt, und als nun gar der Name »Haydn« ausgesprochen wird, umarmen sie sich und drücken einander die Hände, als wären sie eines Vaters Söhne und zum festlichen Besuche aus fernen Provinzen zusammengereist. Ihr Quartett kommt an jedem Sonnabend um sechs Uhr abwechselnd bei jedem der Musikbündler zusammen und wirkt bis neun Uhr Abends, worauf ein frugales sokratisches Mahl folgt, gewürzt mit tiefsinnigen, nur durch Kauen unterbrochenen Gesprächen über die göttlichen alten 74 Tonsetzer, und mit kleinen anmuthigen Neckereien, wie sie unter Musikern vorkommen, die nicht ganz Herren ihrer Instrumente sind und zuweilen auch von der Buchstäblichkeit der vorliegenden Noten abweichen. Man glaube nicht, daß ein solches stillvergnügtes Streichquartett so elegant, glatt und ruhig dahinströmt, wie einst das Spiel der Gebrüder Müller oder anderer Kammermusikmeister; unser wirklich geheimes Quartett muß im Schweiße des Angesichts der Muse abgetrotzt werden. Die stillvergnügten Künstler üben ihre einzelnen Stimmen mit einer so großen Gewissenhaftigkeit, daß sie meistens zu einer subjectiven, höchst originellen Auffassung gelangen, die später sich mit dem Ensemble vereinbaren läßt und ganz unerwartete, theoretisch noch nicht untersuchte Combinationen zu Wege bringt. Mit den Lösungen dieser musikalischen Wirren hat das Quartett, namentlich bei ihm noch unbekannten Werken stets vollauf zu thun; dafür ist seine Freude aber auch desto größer, wenn zuletzt eine liebliche Musik zu Stande kommt, die zwar nicht ganz genau dem ursprünglichen Plane ihres Componisten treu bleibt, aber als eine Kunstäußerung unbescholtener und geachteter Staatsbürger immerhin eine sehr achtungswerthe Stellung im Reiche der Kunst einnimmt, denn auch die neuesten berühmtesten Meister lehren uns, daß es nicht sowohl darauf ankommt, die alten Regeln zu befolgen, als überhaupt nur Regeln, gleichviel wer sie aufgestellt hat, wenn sie uns nur persönlich behagen, was man denn auch aus den strahlenden Blicken der Stillvergnügten und aus ihren heimlichen Seligkeitsseufzern deutlich erkennt. Das Quartett genießt in Familie und Verwandtschaft eine fast abgöttische Verehrung; es ersetzt den genügsamen Zuhörern Oper und Concert, Spiel und Gesang. Wenn der betreffende Hausvater z. B. seine Bratsche zur Hand nimmt und einige abgerissene Begleitungsstellen, an denen dieser »Esel des Orchesters« so reich zu sein pflegt, bedächtig herunter streicht, lauschen seine Kleinen, wie auf die mysteriösen Hauche der Aeolsharfe, und betrachten das 75 räthselhafte Instrument mit der Ehrfurcht von Wilden, als ob es eine eigene Seele besäße. Wie das so oft von den Reichen muthwillig verschleuderte Geld in den Händen der Armen, kommt die schlechte Musik in den Häusern der Stillvergnügten wieder zu Ehren. Vater Haydn , der volksthümlichste aller Componisten, die je gelebt haben, muß fast immer seine Quartette an den musikalischen Pranger stellen lassen; könnte er aber das Entzücken der Stillvergnügten mit ansehen, er würde lächeln und verzeihen, er würde gewiß verzeihen und sich die Ohren zuhalten. Die Frauen sitzen still mit den Strickzeugen oder in der Stickerei begriffenen Pantoffeln im Nebenzimmer, die Kinder hocken auf Fußbänkchen; wer aufsteht, schleicht ängstlich auf den Zehen einher, als liege nicht nur die Partitur des Quartetts in den letzten Zügen, sondern ein wirklicher theurer Mensch und lieber Angehöriger – glückselige, unschuldsvolle Zustände, man kennt euch nicht in den Häusern, wo schon der Junge, mit dem Miethszettel aus den Unaussprechlichen, das Clavier drischt oder die Violine zwickt und streicht, wo von eingeladenen Künstlern wohl conditionirte Galamusik gemacht wird, und jedes Fräulein den Erlkönig oder trockene Blumen, wie jede Feldgrille ihre Naturzwitscherei, vortragen kann. Außer diesem lauten Spiel der Stillvergnügten giebt es aber noch ein schweigendes, das sie kaum minder beglückt und über die Mühen des Lebens tröstet; es heißt Vierschach . Dieses öde und langweilige, beschränkte und ideenlose Spiel wird nie von den eigentlichen Schachvirtuosen gespielt; es gehört den verkommenen bequemen Schachphilistern. Zum eigentlichen Schach verhält es sich, wie die Gans zum Schwan, der Kantschu zum Schwert, der Droschkengaul zum Rennpferde, und der Ehrgeiz nach einem Orden zur Ruhmsucht. Es gehören dazu bescheidene Geister, verstockte Gemüther und trockene Temperamente, die an den kleinen immer wiederkehrenden Kniffen dieses Spiels ihr Genügen finden. Vorzeitig gealterte 76 und ungerechter Weise zurückgesetzte Assessoren, Privat-Philologen, pensionirte Polizeiräthe, taub gewordene Musikdirectoren und emeritirte Zahnärzte lieben das Vierschach am leidenschaftlichsten, wenn man ihre amphihienkühle Anhänglichkeit eine Leidenschaft nennen kann. Das Spiel ist diesen Allen willkommen, weil es ihnen fortwährend Gelegenheit giebt, unter dem Anschein des Nachdenkens über seine Verwickelungen den eigenen melancholischen Grübeleien nachzuhängen, ohne die Lippen öffnen zu dürfen. Der Assessor träumt von gut dotirten Präsidenturen, der Philologe von bequemen Hauslehrerstellen mit reichlicher Station, der Polizeirath von munteren Spitzbübchen, die er in besseren jungen Tagen überlistet, der taube Musikdirector von den Festabenden, an denen er den Dirigentenstab geschwungen, der Zahnbrecher, mit jetzt zitternden Fingern, an die seligen Momente, wenn die Patienten, wie Aale unter dem Messer der Köchin, sich unter seinen stählernen grausam schimmernden Instrumenten krümmten. Die hölzernen Figuren stehen unbeweglich vor ihnen und starren sie mit leblosen Gesichtern an, die beiden schlecht geputzten Lampen – so fügt es sich immer im Vierschach der armen Junggesellen – werfen ein unangenehmes Licht auf die schwarzweißen Schachfelder, vier starre Physiognomien und gesenkte Häupter hängen darüber, wie Gewitterwolken über einem schlecht bestellten, dünn bewachsenen Haferfelde! Und dennoch sind diese vier Spieler stillvergnügt auf ihre Weise; ja, ihr Vergnügen kann sogar einen gewissen rauschenden Charakter annehmen, wenn von einem Unaufmerksamen ein Fehler begangen wird, der seinen gegenübersitzenden Mitspieler ins Verderben stürzt. Dann kommen erst langsam, später in rascher Folge, allerlei bittere Bemerkungen hervor, allerlei giftig scharfe Anzüglichkeiten, die ihnen so viele Freude zu machen scheinen, wie den Ottern und Vipern das Beißen. Die schwer beladenen Herzen schütten die Bürde auf die Häupter der Freunde, aber nie entsteht ein nachhaltiger Ingrimm; 77 man sagt sich die Grobheiten, wie weniger eigenthümliche Leute Liebenswürdigkeiten, das Genre der Vierschachspieler bringt es einmal so mit sich. Wenn zwei Partieen beendet sind, stehen die Freunde schweigend auf, nehmen Mantel und Hut, und gehen jeder für sich zu einem andern Restaurant, um zu Nacht zu essen; das ist das originellste Stillvergnügtsein der Ungeselligen, der Cultus des Vierschach, die traurigste Belustigung auf Erden. 78   Aus dem Knabenleben. Berlin hat durch seinen Ueberfluß an minorennen Taugenichtsen, verdorbenen Schuljungen und talentvollen Vagabunden eine gewisse Berühmtheit erlangt. Nicht nur der Berliner Gassenjunge darf auf seinen Ruf stolz sein; sehr viele Söhne wohlhabender Eltern sind ganz dazu geartet, ihm diesen traurigen Lorbeer streitig zu machen. Schon frühzeitig entwickelt der Knabe von Berlin, wie wir zum Unterschiede von dem professionellen Straßenjungen ihn nennen wollen, eine besondere Neigung, hinter die Schule zu gehen. Die Conditoreien, die Schaufenster der Läden und die freien Plätze mit ihrem lebendigen Volks- und Handelstreiben erscheinen seinem beweglichen Sinne ungleich anziehender als die trockenen Regeln der lateinischen Declinationen, die Hauptsätze der Geometrie und die unerquicklichen Jahreszahlen der alten Geschichte. Ohne den Faust zu kennen, hält er aus Instinkt die Theorie für zu grau, um über ihr des Lebens grüngoldenen Baum unbestiegen wachsen zu lassen. Noch nicht trocken hinter den Ohren, wirft er sich schon in den Strudel der städtischen Ereignisse, und genießt das Leben in seinen Aepfeln, Bonbons und Chokoladenplätzchen. Vier Stunden Vormittags und zwei am Nachmittage scheinen ihm nicht zu lange für die Spaziergänge und Beobachtungen eines angehenden Philosophen für die Welt. Die Menge der Stadtviertel erleichtert seine Unternehmungen, und die 79 einzige Vorsicht, die er zu beobachten nöthig hat, besteht nur darin, daß er auf seinen Streifereien den engeren Bezirk seines angestammten Gymnasiums vermeidet. Lange kann er sein Treiben fortsetzen, ohne entdeckt zu werden, denn er ahmt als ein Talent in den bildenden Künsten, die Unterschrift seines Vaters nach und unterschreibt selber die eigenen Entschuldigungszettel. Inzwischen leiden doch seine Schularbeiten entsetzlich unter diesem genialen Wanderleben, und die halbjährige Censur erreicht endlich einen Grad von Schlechtigkeit, daß selbst dem nachsichtigen Papa der Verstand stille steht. Väter, die sich allabendlich mit ihren Söhnen beschäftigen, ihre Arbeiten durchsehen und ihren Eifer anspornen, gehören schon zu den Berliner Sehenswürdigkeiten. Auch der Vater, dessen Sohn wir hier portraitiren, nimmt sich seines Sprößlings nicht häufiger an, als die Universitätsprofessoren ihrer Studenten, d. h. halbjährlich bei Unterschrift der Quittungsbögen; er liest nur die Censur und quittirt durch seinen Namen den richtigen Empfang der Nachrichten über die jüngste wissenschaftliche Vergangenheit des jungen Herrn. Ob die Censur ein wenig besser oder schlechter war, kümmert ihn im Ganzen wenig, da er von seinen eigenen Schuljahren nicht die vortheilhafteste Meinung hegt, und doch ein geachteter, ja, was ihm wichtiger scheint, ein reicher Mann geworden ist. Diese Censur jedoch fesselt seine Aufmerksamkeit gleich durch ihre Einleitung. Sie spricht unverholen großes Bedauern darüber aus, daß ein so fähiger Knabe durch häufige Krankheit an dem Besuche der Schule wöchentlich mehrmals verhindert worden ist! Der Vater traut kaum seinen Augen, da er die Zahl der Versäumnisse aus »Krankheitsrücksichten« mit dem ihm wohlbekannten fabelhaften »Appetit« des jungen Schulschwänzers vergleicht. Er liest weiter und staunt immer mehr. Sein Sohn zeichnet sich durch einen tief in ihm liegenden Abscheu vor den alten Sprachen aus, ohne der Mathematik deshalb gewissenhafter Rechnung zu tragen. Wenn seine Leistungen in der Muttersprache 80 dagegen bedeutend genannt werden können, so sind darunter dennoch nicht die schriftlichen Ausarbeitungen zu verstehen, sondern nur die lehhaften mündlichen Unterhandlungen mit seinen Nebenmännern während des Unterrichtes und die scharfen Lakonismen gegen die Lehrer, welche ihn zur Rede zu stellen pflegen. Er ist deshalb wiederholt mit entehrenden Schulstrafen belegt worden, ohne daß diese auf ihn einen sichtbaren Eindruck hinterlassen hätten. Als Philosoph steht er hoch über dem verschrobenen modernen Ehrbegriff. Der erschütterte rathlose Vater eilt zum Director des Gymnasiums, dem Manne der Erfahrung, der Geduld, der seufzenden Eltern und Vormünder; er will Licht und erhält statt desselben einen Sack voll Dunkel. Aber der menschenfreundliche Director weidet sich nur wenige Minuten an seinen Leiden; mit einigen Zügen meisterhafter Analyse entwirrt er das Schreckensgewebe bübischer Faulheit und Tücke. Von den Fürsten, Hofleuten und Völkern mag es wahr sein, daß sie aus der Geschichte nichts lernen; von den Gymnasial-Directoren kann man so etwas nicht behaupten. Sie halten die Welt besser zusammen, als man nach dem ersten oberflächlichen Anblick glauben sollte, und sie kennen diese Welt. Aus den Gemüthern und Geistern der Jungen sammeln sie ihre Erfahrungen, und was sind denn von einem allgemein menschlichen Gesichtspunkte aus betrachtet, alle geschichtlichen Persönlichkeiten anders als großgewordene Jungen? finden sich nicht schon alle Pfiffe und Kniffe der Historie in den sechs Abtheilungen der Gymnasien? studirt nicht die leichtsinnige Jugend ebenso vergebens die kostbaren Schriften des Alterthums, wie ihre Eltern die Lehren der neueren Weltbegebenheiten? Wenn Rabbi Akiba sagt: »Alles schon dagewesen!« so meint er nur: auf der Schule . Deshalb liegt vor den Augen eines tüchtigen Directors ein solcher aufsätziger, fauler, gaunerischer berliner Junge da, wie ein anatomisches Präparat auf dem Tische der Charité. »Ich sehe Ihren Kummer, mein Herr,« spricht der 81 weise Mann, »hier muß rasch Einhalt gethan werden, ehe es zu spät ist. Die Schule hat gegen den Knaben ihre Pflicht erfüllt, so weit dies möglich war, aber das Haus hat die Schule nicht genügend unterstützt. Sie haben es an der häuslichen Ueberwachung fehlen lassen. Der Knabe muß in eine strenge Pension gethan werden.« Wie nach einem trübseligen Regentage die Sonne im letzten Moment noch eine schmale Spalte in dem dunklen Wolkenschirm findet und mit einem wundervollen verklärenden Lichte die arme verstimmt daliegende Erde anblinzelt, daß sie wieder wie die Heimath des vernünftigen Menschen aussieht, so verbreitet das einzige Wort »Pension« über das Antlitz des unglücklichen Vaters einen verjüngenden Rosenschimmer. »Ich bin kein Freund von Pensionen,« fährt der Director fort, »wenn sie von leichtsinnigen Eltern nur dazu benutzt werden, um sich gutgearteter Kinder zu entledigen, die keine andere Fehler haben, als daß sie eben neugierige, unruhige und laute Wesen sind; aber ich statuire Ausnahmen. Wenn Eltern auf dem Lande wohnen . . . . .« Der Vater macht ein Gesicht, als wollte er sagen, daß dieses nicht sein Fall sei, und öffnet schon den Mund, aber der Director sieht ihn mit großem, Sterbliche prüfenden Auge an, einem Auge, in dem die vollständige Bedeutung der Strafbarkeit liegt, einen docirenden Schulmann zu unterbrechen, und der Vater ist auf der Stelle reuig und gebessert. »Wenn Eltern auf dem Lande wohnen,« betont der Director mit ernster Miene, »dürfen sie ihre Kinder in eine städtische Pension geben!« Er könnte hinzusetzen: »wenn Eltern so wenig Häuslichkeit besitzen, daß sie mitten in Berlin so gut wie in der Prairie wohnen,« oder: »wenn Eltern Söhne haben, die statt in die Schule, auf das Land gehen,« aber er sagt weniger pikant, wie es sich für einen ernsten Pädagogen ziemt: »wenn Eltern ferner sich vermöge ihrer Geschäfte oder ihres Gesundheitszustandes so wenig um ihre 82 Kinder kümmern können, daß diese bei lebhaftem Temperament in Gefahr stehen, ein Opfer der Versuchungen der großen Stadt zu werden, so ist es ihnen nicht nur erlaubt, sondern sie sind verpflichtet, ihre Kinder in Pension zu thun.« »Können Sie mir eine gute Pension für meinen Eugen empfehlen?« fragt der Vater sehr erleichtert. »Eine gute und eine strenge Pension. Ihr Eugen kann erst wieder gut behandelt werden, wenn er eine Zeitlang strenge behandelt worden ist. Der Doctor Schlagentzwei ist mein alter Freund und Universitätsgenosse; er könnte Ihren Eugen in sein Haus nehmen.« Der Vater scheint innerlich bei dem ominösen Namen des Doctors einige Scrupel elterlicher Zärtlichkeit zu empfinden, allein er hat schon so viel Respekt vor dem Director, daß er sie nicht laut werden läßt. Dieser bemerkt sehr wohl den Gemüthsvorgang und setzt hinzu: »Doctor Schlagentzwei beherbergt in seinem Hause jährlich wenigstens ein Dutzend meiner Gymnasiasten und leitet selbst ihre häuslichen Arbeiten. Die Abiturienten aus seiner Pension pflegen im Examen stets am besten zu bestehen.« Da hieraus erhellt, daß Knaben, welche es bis zum Abiturienten-Examen bringen und gut bestehen, nicht vorher als Opfer eines allerdings verhängnißvollen Namens gefallen sein können, beruhigt sich der Vater und überläßt dem Director das Weitere. »Ich möchte vorläufig mit Doctor Schlagentzwei sprechen,« bemerkt dieser, »da wir jetzt am Anfange eines neuen Cursus stehen, werden wahrscheinlich in seinem Hause einige Veränderungen vor sich gehen und er kann für Ihren Eugen bei dieser guten Gelegenheit gleich Platz machen. Haben Sie unterdessen die Güte, dem Knaben die Veränderung anzuzeigen.« Mit schwerem Herzen, auf dem alle Unterlassungssünden eines gewissenlosen Vaters lasten, begiebt sich der schwache Mann nach Hause und zeigt dem unternehmenden 83 Knaben an, daß er noch in den Ferien »Pensionair« werden solle. »Wo?« fragt lakonisch Eugen, dem gewisse Pensionen oder Freistätten junger Grafen vorschweben. »Beim Doctor Schlagentzwei,« sagt der Vater kleinlaut mit abgewandtem Gesicht und verläßt das Zimmer. Kaum hat er den Rücken gekehrt, so schleicht Eugen in das Zimmer der Mama und stiehlt seine Sparbüchse. Dann steckt er sein Terzerol in die Tasche, nimmt das Glas mit den beiden Laubfröschen unter den Arm und geht aus. Eugen hat beschlossen, mit dem Abendzuge nach Potsdam zu reisen und von da aus sich für die englische Fremdenlegion anwerben zu lassen. Nur in einer Richtung ist es schwer, Berlin mit der Eisenbahn zu verlassen, wenn man keine Legitimation besitzt, aber da Potsdam nicht in dieser Richtung liegt, so beachtet Niemand Eugen und er langt mit Einbruch der Nacht glücklich unter den architektonischen Schöpfungen Friedrichs des Großen an. Die Fahrt in der kühlen Abendluft hat ihn ein wenig verstimmt, er spürt Appetit und erinnert sich des häuslichen Soupers, bei dem er wahrscheinlich in diesem Augenblick vermißt wird. Empfindsamkeit ist nicht die Sache Eugens; er hat nur die einzige Sorge, etwas Gutes zu Abend zu essen und behaglich zu schlafen. Von einer Vergnügungspartie mit seinen Eltern erinnert er sich, in der Nähe des Schlosses in einem Hôtel sehr gut gespeist und zwei Apfelsinen bei Seite gebracht zu haben. Hier beschließt Eugen einzukehren, und seine ursprüngliche gute Laune kehrt beim Anblick der hellerleuchteten Fenster sofort wieder. Festen Fußes kehrt er ein, überzeugt sich beim Schimmer des Lichtes im Flur, daß die Laubfrösche auf der Fahrt keinen Schaden genommen haben und läßt sich behaglich an den gedeckten Tisch nieder. Nachdem er ein Beafsteack und ein Viertel Rothwein mit einer für seine Jahre frühreifen Standhaftigkeit verzehrt hat, begehrt er sein Nachtlager . Man führt ihn artig drei Treppen hoch in ein Hinterzimmer, setzt zwei Lichter unter den Spiegel 84 und fragt, wann »Herr Eugen« morgen frühe den Kaffee befehle. »Kennen Sie mich denn?« fragt der entsetzte Knabe den Kellner. »Ganz gewiß. Der Herr Inspector haben uns ausdrücklich auf die Seele gebunden, auf Herrn Eugen recht Acht zu geben und ihn nicht eher fortzulassen, als bis der Herr Inspector ihn selber gesprochen haben.« Nach diesen Worten verläßt der Kellner das Zimmer und dreht den Schlüssel zwei Mal um. Eugen beschließt zu sterben, er hat die Wahl zwischen einem kühnen Sprunge zum Fenster hinaus und einem Pistolenschuß. Er öffnet das Fenster und überzeugt sich zu seinem Entsetzen, daß selbiges nicht auf die Straße, sondern auf einen nach schmutziger Wäsche duftenden Kasten in eine wohlverrammelte Kammer führt, er zieht die Pistole und erinnert sich zu spät, daß man zum Erschießen Pulver und Blei brauche. Eugen beschließt also, zu leben, und statt die Pistole abzubrennen, brennt er die letzte väterliche Cigarre an, die ihm vom jüngsten Beutezuge übrig geblieben ist. »Kann dieser Inspector nicht ein Freund des elterlichen Hauses sein, der ihm die Merkwürdigkeiten Potsdams zeigen will? Nichts weiter, die Sache ist einfach: legen wir uns auf das Ohr.« Eugen hat in der Klasse niemals aufgemerkt, auch nicht, als die Geheimnisse des electromagnetischen Telegraphen erklärt worden sind, deßhalb combinirt er nicht, daß er beim Ausreißen von seinem Vater bemerkt, aber nicht mehr eingeholt worden sei, daß der Vater nach Abfahrt des Zuges dem wachthabenden Lieutenant den Namen des Flüchtlings genannt und nach Potsdam telegraphirt habe, man möge dort auf Eugen ein scharfes Auge richten, kein Aufsehen erregen, ihn aber so fest machen, daß er am andern Morgen mit leichter Mühe nach Berlin zurücktransportirt werden könne. Die Polizei hat Alles mit ihrer bekannten Virtuosität ausgeführt. Mit dem ersten Fußtritt auf den Potsdamer Perron war Engen, ohne es zu ahnen, Arrestant. Als Eugen am andern Morgen die Augen aufschlägt, 85 sieht er einen freundlichen alten Herrn neben seinem Bette sitzen und eine Prise nehmen. »Sie sind der Herr Inspector?« fragte Eugen, etwas empört über die malitiöse Gelassenheit des alten Herrn. »Ja Kleiner, ich bin der Polizeiinspector, und wenn Du mein Sohn wärst, würde ich Dich hier im Bette durchfuchteln, daß Du vierzehn Tage liegen bleiben solltest. Jetzt ziehe die Kleider an und komm mit, Du mußt nach Berlin zurück.« »Aber ich will nicht nach Berlin, ich will nicht in die Pension, ich will nach Sebastopol.« »Du sollst auch nach Sebastopol kommen, Kleiner,« schmunzelt der alte Herr, »aber auf der Landkarte, mein Sohn, wie es sich für Dich paßt, jetzt mach' rasch.« Der Inspector sieht dabei so unternehmend aus, daß Eugen es für gerathen hält, keinen weitern Widerstand zu leisten, sondern sich als politischer Märtyrer in sein Schicksal zu fügen. »Nun trinke Deinen Kaffee und iß ein Milchbrod – es ist ein kalter Morgen.« Auch das thut Eugen, und nun geht es nach dem Bahnhofe, wo der Herr Inspector ihn einem ganz unscheinbaren Manne mit sehr kurzen dicken Fingern übergiebt, welche der Unscheinbare um Eugen's linkes Handgelenk legt und erst auf dem Berliner Bahnhofe wieder losläßt. Hier steht der Vater und ein Herr in einem kaffeebraunen abgeschabten Rocke, dessen Haupt ein abgestoßener Hut und eine Art mit grau durchschossenes früher goldenes Vließ von Haaren bedeckt. »Dies ist der Missethäter, Herr Doctor,« sagt Eugen's Vater und empfängt seinen Knaben aus des Unscheinbaren Händen, welche dieser sofort zum Trinkgelde krümmt. »Ich habe sie schon schlimmer gehabt,« lispelt gleichgültig Doctor Schlagentzwei und kehrt Eugen ein wenig bei den Schultern seitwärts, als wenn er sich durch Ocularinspection überzeugen wollte, ob alle Prügel, die er ihm zugedacht, auch auf seinem Rücken Platz haben würden, »zwei waren bis Hamburg gekommen, zu Fuß, und mit einem lebendigen Meerschweinchen, aber wir bekamen sie doch noch, sie hatten an den beiden letzten Tagen nur 86 von Mohrrüben gelebt.« Alles das erzählte der Doctor ganz tonlos, ganz in tiefe Gedanken verloren, man sieht ihm ordentlich an, daß Hamburg, die Jungen, das Meerschweinchen und die Mohrrüben vor seinem innern Auge schweben. Eugen schaudert; er schaudert noch mehr, als sein Vater scheidend sagt: »Jetzt wirst Du mit dem Herrn Doctor nach Hause gehen; es ist Alles besorgt, ich werde mich nach Deiner Aufführung erkundigen.« Es wäre nun allerdings dem jungen Flüchtlinge sehr gleichgültig, ob der schwache und vielleicht überrumpelte Vater dergleichen thäte, aber dieser Doctor schaut weit wißbegieriger nach der Aufführung von Knaben aus, als Eugen lieb ist. Der Vater verschwindet und der Doctor geht gelassen voran, als ob es gar keinen Eugen in der Welt gebe. Keine Besorgniß vor Ausreißen, kein argwöhnisches Umblicken, kein Festhalten – der ganze Mann klassische unerschütterliche Ruhe, philologisches Vorsichhinschauen, ein antiker Charakter. Mit gesenkten Ohren schleicht Eugen hinter dem entsetzlichen Menschen her; aller Muth ist von ihm gewichen. Er war zu eisernem Widerstand entschlossen, er wollte sich auf die unveräußerlichen Rechte der Menschen stützen, aber er war nicht darauf vorbereitet, vollständig ignorirt als der Galgenvögel Kleinsten Einer betrachtet zu werden. Der Doctor wohnt ganz in der Nähe, in den neuen Straßen vor dem Potsdamer Thore; er besitzt dort ein eigenes, aus gebesserten Jungen aufgebautes Haus, das er nie ohne stille Lust betrachtet. Kein Portier bewacht argwöhnisch einen verschlossenen Flur; es ist ein vergnügliches, Zutrauen erweckendes Haus, durchaus eingerichtet, zu kommen und zu gehen, wie Jeder will. Sie schreiten über einen gepflasterten Hof, auf dem moderne Cochinchina-Hühner ihr Wesen treiben, und betreten ein zweistöckiges Hintergebäude, auf dessen Flur man die Aussicht auf einen neu angelegten allerliebsten Garten genießt. »Ich werde Dich jetzt meiner Frau vorstellen,« sagt der Doctor und steigt rechts einige Stufen in ein 87 Souterrain hinab, aus dem ein kräftiger Bouillongeruch quillt. Eine derbe Frau mit harten Zügen, die Frau Doctorin selber, dirigirt dort zwei Mägde, die in großen Töpfen rühren. »Hier ist Eugen, liebes Kind, Du bist wohl so gut, ihm sein Bett im Schlafsaal anzuweisen, ich muß in die Stadt gehen.« Ohne Rachsucht, ohne Leidenschaft, läßt der Doctor wieder den alten Hut über sein von den Zähnen der Zeit aber nicht von denen des Kammes ruinirtes Haupthaar fallen und entfernt sich. »Nun Eugen, ich hoffe, es wird Dir bei uns gefallen,« sagt die Frau Doctorin, »Du mußt nur hübsch artig sein, dann wird Alles gut werden.« Sie geht mit einem großen Schlüsselbunde voran und öffnet eine Treppe hoch ein weites vierfenstriges, nach dem inneren Hofe gelegenes Zimmer, einen Schlafsaal für acht bis zehn Knaben. »Hier ist Dein Bett und in der oberen Schieblade der Kommode kannst Du Deine Bücher und Wäsche verwahren; die beiden Kleiderschränke gehören Euch allen gemeinschaftlich, packe jetzt Deine Kiste aus und dann finde Dich zum Essen ein, wenn Du die Glocke läuten hörst.« Sie läßt Eugen allein, der sich in die Neuheit seiner Lage so gut als möglich zu finden sucht. Im elterlichen Hause besaß er ein eigenes Zimmer mit eleganten Möbeln, einen feinen Schreibtisch, ein Sopha, ja einen kleinen Lehnstuhl; hier findet er nichts als eine eiserne Bettstelle zwischen einer Menge ähnlicher, eine demüthige birkene Kommode und einen vielerfahrenen abgestumpften Stiefelknecht. Das Lokal macht auf ihn den Eindruck eines Gefängnisses, trotzdem alle Thüren offen stehen und die kühnsten Reisepläne in ferne Welttheile ungestört ausgeführt werden könnten. Nicht einmal die gestern gestohlene Sparbüchse mit einigen zwanzig Thalern haben die arglosen Menschen Eugen abgenommen. Eugen kennt indessen noch nicht das menschliche Gemüth; er steht unter dem Einfluß einer mächtigen Idee und wird sich nicht klar darüber. In der 88 Ruhe des Doctors, in der soliden Wirthschaftlichkeit seiner Frau, in der spartanisch kurzen Redeweise Beider, in der Einfachheit des Haushaltes schlummert ein Geist der Strenge, den verwegen herauszufordern, nicht räthlich sein möchte. Eugen reflectirt nicht weiter, sondern stopft seine Bücher wie Kraut und Rüben in die Kommode, läßt den Schlüssel stecken und eilt hinaus, um den Garten zu besichtigen. An der Thür begegnet ihm wieder die Frau Doctorin. »Bist Du mit Deinem Einpacken fertig, Eugen?« fragt die resolute Frau und geht an die Kommode. Aber kaum hat sie die Schieblade herausgezogen, als sie auch schon ruft: »Nein mein Kind, mit dieser Unordnung wirst Du bei uns nicht durchkommen – gleich noch einmal gepackt – die Großen nach unten – die Kleinen nach oben – nein diese Kinder – wie kann man sich in den Kraut zurecht finden.« Eugen kehrt langsam um, wirft die Lippen auf und geht mit sichtlicher Ermüdung an das Geschäft. So etwas hat ihm noch Niemand zugemuthet: zu Hause hieß das schon eine musterhafte Ordnung, und er erhielt ein Zweigroschenstück zur Belohnung. Unter Assistenz der Penelope vollbringt er jedoch das lästige Werk und wird diesmal in Gnaden entlassen. Er eilt nach dem Garten; der Garten ist verschlossen und mit einem Vorhängeschloß versehen. Er sieht sich im Hofe um, ob die Wassertonne offen ist, um mit einem Stock hineinzuschlagen; die Tonne ist mit einem Deckel verschlossen. Ringsum Todtenstille, nur aus den oberen Gemächern des zweiten Stockes ertönt ein monotones Summen; Eugen athmet schwer auf – da erschallt die rettende Tischglocke – er eilt ins Haus. Beim Eintritt in den Speisesaal fühlt sich Eugen überrascht, eine große, wenn auch nicht glänzende Tischgesellschaft versammelt zu finden. Man weist ihm einen Platz an, dem gegenüber ein schweres silbernes Serviettenband, das Geschenk eines gebesserten Goldschmiedsohnes, den Sitz des Dr. Schlagentzwei anzeigt, und Eugen sieht sich, bis 89 die Suppe die ungetheilte Aufmerksamkeit von ihm abzieht, den forschenden Blicken von zwanzig bis dreißig Knaben jedes Alters ausgesetzt. Wir wollen die jungen Herren ihre vortreffliche Bouillon essen lassen und uns so stellen, als bemerken wir nicht das prüfende Gesicht des Doctors, der als ein großer praktischer Philosoph die Eßmethode unseres Eugen studirt, um daraus einen Schluß auf seine Schnelligkeit im Arbeiten zu ziehen; jetzt beschäftigt uns nur die Knabengesellschaft. Dr. Schlagentzwei hat einen Ruf als Erzieher, Knabenzurichter, Bubenbesserer, Abiturienteneinpeitscher, einen Ruf, der mit dem Gesichte nach dem Nordpol gekehrt, mit der Linken den Rhein, mit der Rechten die chinesische Mauer berührt. So weit die Zunge ungezogener Schlingel ausgestreckt wird, kennt man auch den Dr. Schlagentzwei. Ein betrübter Vater preist ihn dem Andern an, ein sorgenvoller Onkel tröstet mit ihm einen fünfzig Meilen weiter entfernten Onkel, nicht Flüsse, Gebirge und Seen halten den pädagogischen Ruhm des Dr. Schlagentzwei in Berlin auf; aus allen Weltgegenden bringt man die Kindlein zu ihm. Der Friedenscongreß hat wohl schwerlich eine ethnographisch bunter tätowirte Physiognomie besessen, als die Tischgesellschaft der Eleven des Dr. Schlagentzwei. Alle wissenschaftlich festgestellten Racen können darin ihre jugendlichen Vertreter nachweisen, und Alle vertragen sich wie die Thiere im Paradiese, ehe sie als muthmaßliche Complicen Adams und der Schlange hinausgetrieben und mit einander verfeindet wurden; Dank der Energie des unsterblichen Doctors. Merkwürdiger Weise stellen die Berliner das stärkste Contingent. Nicht die russischen und polnischen Provinzen, nicht Ungarn und Galizien, nicht die Türkei und Aegypten liefern solche Ausbeute, wie die Stadt am Fuße des Kreuzberges. Die Zöglinge aus der Fremde pflegen nur die Fehler der Naturkinder, der Indianer, höchstens der Kannibalen zu haben, die kleinen Berliner sind mit allen Gebrechen der Civilisation beladen. Der Unterschied ist, daß Jene vielleicht – unter 90 Umständen – wer kann es mit Bestimmtheit in Abrede stellen – etwas Menschenfleisch zu essen verstehen; diese aber mit Entschlossenheit alles Menschenfleisch von den Knochen ihrer Eltern und Vormünder langsam, lothweise und teuflisch raffinirt herunterärgern. Gegen alle diese kleinen Angewohnheiten ist der Dr. Schlagentzwei gut; die Natur hat ihn ganz besonders als Corrector ihrer Fehler angestellt. Der Doctor besitzt die beneidenswerthe Eigenschaft, daß er einen Menschen ansehen kann, ohne daß dieser die geringste Ahnung davon hat. Scheinbar theilnahmlos oder in seinen Teller vertieft, faßt der Doctor dennoch die ganze Tischgesellschaft, wie ein Feldherr seine kämpfende Armee ins Auge. Keiner ist davor sicher, entdeckt zu werden, wenn er die geringste Unregelmäßigkeit begeht. »Jan, reiße Dein Suppenfleisch nicht mit den Vorderpfoten auseinander,« sagt der Doctor ohne aufzublicken zu einem kleinen Ausländer, dem Sohne eines Holländers und einer Eingebornen von Borneo, den sein Vater zur Abrichtung und darauf folgenden Erziehung nach Berlin gebracht hat. Der arme Jan ist erst seit zwei Monaten mit so künstlichen Geräthschaften, wie Löffel, Messer, Gabeln, Taschentücher u. dgl. m. bekannt geworden und lebt noch immer so ungenirt, wie seine haarigen Vorbilder auf den Palmen der heimathlichen Insel. Sein olivenfarbiges Fell hat in Folge der Verlegenheit ein schmutzig feuerheerdrothes Colorit angenommen. »Georg, Du wirst wohlthun, Deinen Teller nicht mit den Fingern auszuwischen,« murmelt der Doctor tonlos, aber bei der Universalstille rings umher doch hörbar, einem kleinen Pausback aus Weißrußland zu, der nach Berlin gebracht worden ist, weil alle Künste deutscher Hauslehrer an ihm fehlgeschlagen sind. »Komm einmal her, Arthur!« so ruft er, wenn möglich noch leiser, einen hübschen jungen Berliner, welcher seine Nachbaren rechts und links mit den Beinen gestoßen hat. Arthur erscheint hinter dem Stuhle des Doctors mit 91 so rothen Backen, als wenn er die mit Bestimmtheit erwarteten Ohrfeigen schon einkassirt hätte. Aber der Doctor ist weit davon entfernt, ihm »ein Leid zu thun«; er speist von dem eben aufgetragenen Pudding, demselben, den die Mägde unter Oberaufsicht der Frau Doctorin mit Vehemenz eingerührt haben, so ruhig, als gäbe es keinen Arthur auf Erden. Dieser ist offenbar tief gebeugt über eine so empörende Vernachlässigung. Lieber nähme er eine, auch zwei Ohrfeigen, und würde zum Pudding an seinen Platz zurückgeschickt. Nichts von alledem; ohne Theilnahme an den irdischen Genüssen seiner Commilitonen muß er am Horizont des Tisches stehen bleiben und der Pudding mit der Kirschensauce geht an seinem Munde vorüber, wie die Wolke am Vollmonde. Der Doctor weiß zu strafen . Nachdem auch nicht so viel von dem Pudding übrig geblieben ist, um die Jüngste der Fliegen zu sättigen, sagt er mit äußerster Bonhommie: »Du kannst Dich wieder setzen, lieber Arthur!« Er sagt » lieber Arthur«– ein Anderer, ein schlechter Pädagog hätte wahrscheinlich »Schlingel« gesagt, aber nein, der Doctor Schlagentzwei weiß, daß eine Entziehungskur, namentlich bei Pudding, vollkommen gegen ein Uebermaaß von muthwilliger Lebenskraft ausreicht, ohne daß es nöthig wäre, obenein die menschliche Würde zu demüthigen. Die Tafel wird aufgehoben und Eugen entfernt sich mit seinen Genossen auf den Spielplatz, bis die Glocke wieder an die Arbeit ruft. Er ist mit dem Essen durchaus zufrieden gewesen, ja er hat zu Hause an Wochentagen nie so gut gespeist. Die Gerichte waren vortrefflich und die Portionen überreichlich; er fühlt, daß die reale Seite seiner künftigen Existenz gesichert ist, und läßt sich, ohne noch den leisesten Gedanken an die Flucht aus dem Vaterhause und seine schmähliche Wiederergreifung zu hegen, in allerlei heitere Spiele ein. Da erschallt die Glocke und die ganze Gesellschaft stäubt auseinander. Eugen bleibt allein, und zwar etwas rathlos, auf dem Hofe zurück; er soll nicht lange zwischen Thür und Angel schweben. Das Fenster der zweiten Etage 92 öffnet sich, der Kopf des Doctors, diesmal ohne Hut und nur von dem verschlissenen Heiligenschein seiner fuchsigen Haare umgeben, erscheint und ruft: »Eugen!« Der kleine Flüchtling beeilt sich, dem Befehl des gestrengen Herrn nachzukommen; der Doctor hat angefangen, ihm ein wenig zu imponiren. Eugen findet ihn in einem kleinen einfenstrigen Zimmer, dessen ganzes Mobiliar in einem winzigen Stehpult aus Kienenholz, einem mit Wachstuch überzogenen Tisch, wenigen Stühlen und einem kleinen Bücherregal mit einem Dutzend Schulbücher besteht. »Bringe mir einmal Deine Hefte, Eugen,« sagt der Doctor und stochert mit einer alten Feder in seinen Zähnen. Eugen steigt mit schwerem Herzen in den Schlafsaal hinab und holt seine Hefte. Die Erinnerung an diese erfüllt ihn immer, wie die meisten großen Männer der Gegenwart das, was von ihnen in den Annalen der Geschichte verzeichnet steht, mit Herzklopfen und Bangigkeit. Seine Hefte sind schändliche Schmierereien, nichts als Sudelarbeiten, höchstens von einigem Werth durch ganz besondere Federzeichnungen von den Köpfen seiner Lehrer mit langen Nasen und Ohren. Eugen legt mit zitternden Händen diese Documente einer jahrelangen Faulheit auf das Stehpult und stellt sich außer Schußweite auf. »Also das sind Deine Hefte, Eugen?« fragt der Doctor und besieht das von Tinte pichende Packet, an dem eine Menge grauen Zwirnes niederhängt, »da wirst Du Dir wohl neue machen müssen.« Zugleich ergreift der furchtbare Pädagog ein Heft nach dem andern und reißt sie alle mit einem Ruck mitten durch, gleichviel ob sie vier, fünf, sechs oder mehr Bogen stark sind. August der Starke, König von Polen, obgleich er ein Hufeisen aufbiegen und einen Thaler, wie ein Rosenblatt zusammenrollen konnte, hätte ihm mit Verwunderung zugesehen. Aber als nun die ganze Literatur auf einem Haufen liegt, geschieht etwas Unerhörtes, der Doctor rafft, wie empört über so viele Liederlichkeit und Schmutzerei den ganzen Berg von Fetzen zusammen und wirft ihn 93 Eugen an den Kopf, so daß dieser über und über damit bedeckt ist. Dann aber verfällt der Doctor wieder in seine frühere Ruhe und geht einige Male gelassen durch das Zimmer, indem er wieder kaltblütig in seinem Gebiß stochert. Eugen ist vernichtet. Alles, was sich um ihn zuträgt, ist so sonderbar, weicht so auffallend von dem ab, was er erwartet hatte, daß er sich vollkommen aus seinem frivolen Ideenkreise herausgerissen fühlt. Verleitet durch den verhängnißvollen Namen seines philologischen Principales, war er auf Schläge gefaßt gewesen, welche verdient zu haben, ihm eine leise Stimme in seinem Gewissen zuflüsterte und nun straft man ihn, wie in der Hölle des Dante, an dem, womit er gesündigt hat. Er würde weinen, wenn ein kleiner Berliner überhaupt so leicht Thränen vergösse; er beißt dafür die Zähne zusammen. »Jetzt entferne Dich in den Arbeitssaal und melde Dich bei Herrn Dr. Optativus.« So herrscht ihn der Doctor an und Eugen begiebt sich zu dem philologischen Alter Ego seines Chefs. Der Arbeitssaal ist ein großer öder Raum, in der Mitte besetzt mit fünf bis sechs Reihen Bänke und einem erhöhten Katheder, seine Wände sind mit groben Landkarten decorirt und einigen kleinen Gesimsen, auf denen schlecht ausgestopfte Thiere stehen, Beiträge dankbarer Eleven, von der Decke hängt eine eiserne dreiarmige Lampe zur Beleuchtung mit Gasäther herab. In diesem Arbeitssaal sitzen sämmtliche Berliner Pensionaire und fertigen unter Oberaufsicht des Dr. Optativus ihre Ferienarbeiten für die verschiedenen Gymnasialklassen an. Dieser Mann belegt Eugen mit Beschlag, setzt ihn an die scharfe Ecke neben das Katheder und instruirt den Knaben. Dr. Optativus kennt die Geheimnisse des Lehrplanes und der Aufgaben aller Klassen des Gymnasiums, welches die Pensionaire besuchen. Sein lächerliches Aussehen – er gleicht einem Kaliban von natürlichem Sohne des Lexikons und der Grammatik – hat ihn aus allen Lehranstalten entfernt; nur eine philologische Besserungsanstalt konnte sich noch seiner bedienen. Er bildet die 94 Ergänzung zum Gymnasium, den wirklichen Geh. Rath aller Declinationen, Conjugationen, Exercitia, Extemporalia und mathematischen Aufgaben. Er lebt so in den Lehrkursen und kennt die Manieren aller Lehrer so genau, daß er durch einen Zaubermantel an die Stelle eines Jeden von ihnen versetzt, streng logisch und grammatikalisch in dem abgebrochenen Satze seines Vorgängers fortfahren würde. Dr. Optativus ist ein Schatz für Dr. Schlagentzwei, er verhält sich zu dem großen Meister, wie die Executivbehörde zu ihrer Regierung. Den Dr. Schlagentzwei fürchten die Pensionaire, den Dr. Optativus hassen sie; beliebt ist Keiner von Beiden. Eugen wacht am ersten Morgen seines Pensionslebens von dem gellenden Ton einer Glocke auf, welche sich wie eine metallene Klatschschwester in das Gesammttreiben der Pension des Dr. Schlagentzwei mischt. Unser Berliner Prinz war zu Hause daran gewöhnt, auf die mahnende Stimme des weckenden Vaters durch einen verstärkten und verbesserten Morgenschlaf in zweiter Auflage zu antworten, aber er bemerkt rings um sich her beim ersten Glockenton ein solches Aufspringen seiner Saalgenossen, eine solche Jagd nach den Waschschüsseln, Zahnbürsten und Kämmen, daß er den weisen Mann zu spielen beschließt und gleichfalls rasch aufsteht. Wie wohl er daran gethan, geht aus dem Gesicht des Dr. Schlagentzwei hervor, das durch die Thürritze sieht, oder vielmehr den Hutkopf, mit dem es zu so früher Tageszeit schon bedeckt ist, prüfend durchsteckt. Der Hutkopf, auf den etwas von der Scharfsichtigkeit seines Trägers übergegangen zu sein scheint, zieht sich, offenbar von der Sachlage befriedigt, zurück und die Knabengesellschaft eilt auf einen zweiten Ruf der Glocke an das Frühstück. Gleich nach diesem beginnt wieder die grammatikalische Arbeit mit dem Dr. Optativus an der Spitze. Dieser unvergleichliche Mann sieht so sehr nach »gestern« aus, daß er offenbar in seinen Kleidern und zwar zwischen den Blättern der Zumptschen Grammatik bivouakirt haben muß. Eine andere Erklärung seines ungeschwächten 95 Exterieurs ist durchaus nicht zulässig. Mit dem Gleichmuth unsterblicher Götter verbessert er sofort wieder grammatikalische Schnitzer, corrigirt Rechenfehler und zerreißt flüchtig geschriebene Hefte. Eugen kommt auf den Gedanken, daß diese Anstalt eine Plantage für weiße Knaben sein müsse. Da die Schulzeit aber nahe ist und heute nach den Ferien der Unterricht zum ersten Male wieder beginnt, eilt er mit leichterem Herzen »auf den Stall«, wie die Berliner Gymnasiasten den Musentempel klassischer Bildung zu nennen lieben. Er hofft, sich durch einige Widersetzlichkeit gegen den Ordinarius der Klasse von dem Pensionszwange zu erholen. Als daher die Reihe an ihn kommt, die Verse des Ovid zu übersetzen, gelingt es seinem improvisatorischen Talent leicht, durch eine komische Wendung das Gelächter der ganzen Klasse hervorzuzaubern. Sonst pflegte die Folge eines solchen Intermezzo's die augenblickliche Degradation in eine niedrigere Klasse zu sein, wo Eugen eine bis zwei Stunden zubringen mußte; heut schweigt der Lehrer und ruft ohne Weiteres Eugens Nachbar auf. »Sonderbar!« denkt unser junge Ritter, »sollte man seit meinem Ausreißen mich fürchten?« Er fängt laute Unterhaltungen mit den Nachbarn aus den vorderen und hinteren Bänken an – keine Einwendung des Ordinarius! Die Stunde verfließt und Eugen ist ungestraft geblieben. In sehr glücklichem Humor langt er Mittags zwölf Uhr in der Pensionsanstalt an. Aus natürlicher Dankbarkeit wirft er mit dem Ovid, der ihm heute so gute Gelegenheit zur Entfaltung seiner Energie gegeben hat, nach einer eingewanderten Katze auf dem Flur, und begiebt sich in den Schlafsaal an das hölzerne Reservoir seiner Bücher. Noch sind nicht zwei Minuten verflossen, als der kleine Asiate die Thür öffnet und Eugen auf das Zimmer des Doctors beordert. Der winzige Mensch von den heißen Inseln sieht sehr verlegen aus; mit dem Instinkt eines Naturkindes wittert er etwas in der Atmosphäre, das Sturm bedeutet. Dies befremdet Eugen, aber er 96 betritt festen Fußes das Allerheiligste der Pension. Der Doctor geht auf und ab, und hat den Hut abgenommen. Wenn dies bei hohen Bergen gutes Wetter bedeutet, so verkündet es bei berühmten Pädagogen Sturm und Hagel. »Was hast Du heute in der Klasse gewagt?« ruft der Schreckliche und Eugen tritt vor dem vernichtenden Blick und der Grabesstimme einen Schritt zurück. »Was soll der Ordinarius von meiner Erziehung denken? wirst Du einziger Junge mein Haus in Verruf bringen?« Kaum hat der Doctor diese kurze Anrede gehalten, als sich auch schon aus seinen Händen mit mysteriöser Geschwindigkeit, die nur in atmosphärischen Processen ihres Gleichen hat, ein Rohrstöckchen entwickelt und in einem rasend schnellen Zeitmaaß auf Eugens Rücken zu hüpfen beginnt. Eugen stößt einen wilden Racheschrei aus und sucht eine Deckung hinter dem Tisch in der Mitte des Zimmers, aber – unbegreiflich – ganz unerklärlich – obgleich der Doctor ruhig stehen bleibt, reicht er doch überall hin, wo Eugen sich zu decken sucht. Der Baumeister des Hauses muß mit Rücksicht auf solche Vorkommnisse mit dem Stöckchen das Maaß zu diesem Zimmer genommen haben. Zugleich wird der Doctor, wie die Temperatur während eines Donnerwetters, immer kühler und gelassener, je länger er fuchtelt. Wenn Prügel irgend wie mit Regenwasser verglichen werden dürfen, so hat Eugen keinen trockenen Faden am Leibe. Der Doctor scheint es darauf angelegt zu haben, Eugen gewissenhafter zu behandeln, als die Alten den Achill, dem doch noch immer eine verwundbare Stelle an der Ferse blieb; er ist mit seinem Styx »in fester Form« überall hingelangt. Wir nehmen Anstand, die Gefühle eines Berliner Knaben aus gutem Hause zu schildern, der zum ersten Male in seinem Leben eine correcte Tracht Prügel erhalten hat. Von diesem Augenblick an beginnt in Eugen's Dasein eine ganz neue Zeitrechnung; der Knabe hat auch die Nachtseite der Naturwissenschaft kennen gelernt. Seine Gefährten betrachten ihn, als er sich wieder bei 97 ihnen einstellt, mit der Ehrfurcht, die den Gemüthern der Sterblichen jedes große Unglück einzuflößen pflegt, und dann auch wieder mit der Genugthuung, abermals einen Genossen des gleichen Mißgeschicks zu besitzen. Wäre Eugen schon tiefer in die Sitten des Hauses eingedrungen, er wüßte, daß jeder jugendliche Bewohner desselben einmal eine solche Tracht doch erhalten muß. Wie der wahre Dichter die Weihe des Leidens, so genießt hier jeder Ankömmling seine Tracht und wird erst dadurch eingebürgert. Ehe er den schnellen Rohrstock des Doctors nicht gekostet, heimelt Keinen das Haus an. In dem Stäbchen liegt etwas Magisches; es bannt die Zöglinge, stimmt ihre Sitten milder, beflügelt ihren Gang, schärft ihr Gedächtniß, beschleunigt ihre Federn und besänftigt ihre Rede, auch wenn sie nie wieder mit ihm in Berührung kommen. Der Knabe von Berlin bessert sich sichtlich. Seine Hefte nehmen die Gestalt menschlicher Aufzeichnungen wieder an und gleichen nicht wie früher zufällig zusammengewürfelten Naturbildungen aus Papier, Tinte und grauem Zwirn. Er widerspricht den Lehrern nicht mehr, da ihm jetzt die wunderbare Wechselbeziehung zwischen Schule und Haus aufgegangen ist. Auch wandelt er nicht mehr hinter die Schule, vielmehr betrachtet er diese schon als einen Zufluchtsort gegen die Arbeitsstunde in der Pension, wie die Strafgefangenen sich an den Wegeverbesserungen im Freien, wo sie nur von Soldaten bewacht werden, von der Arbeit unter den Augen der Aufseher in der Anstalt erholen. Selbst in seiner Klavierstunde überkommt ihn etwas von musikalischem Genius; er übt, während er früher nur lose Streiche gegen seinen armen Lehrer verübt hat. Wenn sein Leben sich auch weiterhin in ähnlicher Consequenz der Tugend und Folgsamkeit entwickelt, muß Eugen einst eine Zierde des Staates, vielleicht gar ein Geh. Rath werden. Man denkt bei ihm zu Hause bereits an eine solche Carriere, und aus Erkenntlichkeit beschließt der Vater, dem Doctor Schlagentzwei, dem Regenerator seines Jungen, um Weihnachten eine »nachhaltige« Freude zu machen. 98 Die Geburtstage eines Pensionsvorstehers und seiner Gemahlin, namentlich aber das Weihnachtsfest, sind die Solitaire im Kranze des Jahres. Damit soll nicht behauptet werden, daß die Eltern der Berliner Pensionaire nicht auch zu anderen Zeiten ihre Erkenntlichkeit zu beweisen suchten. Das Bewußtsein, einen Taugenichts ohne Aufwand von eigener Mühe und Sorge gebessert zu sehen, ist wirklich Rehböcke, Hasen, Baumkuchen, Körbe mit Wein und Früchten werth. Um Weihnachten darf man einer Pension in höherem Style nicht mit Victualien kommen; unter Krystall, Porzellan und Silber wagt man ihr nichts anzubieten. Die Servante der Frau Dr. Schlagentzwei, in der die wackere Dame noch nach guter alter Sitte ihr Silber aufbewahrt, will von Dankbarkeits-Zuckerkörben, Freundschafts-Fruchtschaalen und Rührungs-Tassen mit goldenen Theelöffeln fast aus ihren Fugen gehen. Eugens Vater hält es unter seiner Würde, etwas in die Wirthschaft zu schenken: er fragt seinen jetzt wieder hoffnungsvollen Sohn, was dem Doctor wohl Freude machen würde? Der Knabe hat Anfangs nicht üble Lust, seinen Erzeuger ein wenig zum Besten zu haben und einige sehr merkwürdige Geschenke vorzuschlagen, als da sind: zwei goldene Laubfrösche in einer Punschbowle (ein Symbol der in Potsdam hinterlassenen armen Creaturen) oder einen ächten Rohrstock mit einem Smaragdknopf zum Durchwalken kleiner Knaben, oder auch einen neuen – Hut , allein er entschlägt sich der spaßhaften Gedanken und bringt eine goldene Tabacksdose in Vorschlag. Der Doctor nimmt nämlich zuweilen heimliche Prisen zur Wiederherstellung des nervösen Gleichgewichts oder zur Erweckung schwungvoller pädagogischer Inspiration – er nimmt sie – horribile dictu – wie der Doctor von schnöden Aufsätzen zu sagen pflegt, aus einer leidigen Papierdüte; was könnte ihm angenehmer sein, als ein goldener Behälter für seinen ausgetrockneten Chausséestaub! Die Dose wird am heiligen Abend, begleitet von einer gestammelten Rede, übergeben und mit Herablassung 99 angenommen; fast gleichzeitig erhält der Director ein hübsches Oelgemälde, angeblich den Gewinn aus der Verloosung des Kunstvereins. Wenn je eine schlimme Sache zum Besten gewandt worden ist, so sind darunter die Angelegenheiten Eugens zu verstehen. Der Rohrstock in der Stube des Dr. Schlagentzwei ist für ihn jetzt ebensowenig vorhanden, als der vergiftete Pfeil irgend eines Indianers in Südamerika, er darf auf seiner Kommode im Schlafsaal ein Glas mit Eidechsen und Salamandern halten, ja er wird selbst nicht angeschnauzt, als er einmal die Hausordnung übertritt und nach zehn Uhr an einem Sonntage nach Hause kommt. Alle Parteien sind versöhnt, nur ein Mann wandelt ewig unbeachtet und unbeschenkt im Arbeitssaal umher, der Homunculus der Grammatik, der schweinslederne Dr. Optativus. Keine Dose, keinen Löffel, keine Sahnenkanne, nur alle Weihnachten eine Sandtorte und zwei Flaschen holzsauren Medoc von dem Schlagentzwei'schen Ehepaar, sonst bringen sie ihm nichts ein – die gebesserten Knaben von Berlin. 100   Silhouetten. Der Bratenbarde. Nicht ohne tiefen Sinn stellt man den Victualiensänger ersten Ranges unter die Barden , denn wenn diese ihre Uebungen nur im Schatten alter stattlicher Haine, an üppigen Opferaltären anstellten, läßt sich der Bratenbarde auch nur an reichbesetzten Tafeln, im Schatten alter Weinsorten, nieder. Er ist fast immer ein lebenslänglich engagirter Theatersänger und meistens Bassist . In der zarteren Natur der Tenorstimme ist es begründet, daß ein Mensch, dessen hohes B eine längere Reihe von Jahren dauern soll, sich von den Strapazen großer Diners und Soupers möglichst fern halten muß. Die Baßstimme hingegen ist so wenig empfindlich gegen den Einfluß minder unschuldiger Flüssigkeiten als Wasser, daß der große Kritiker und Musiker Matheson sogar ausdrücklich bemerkte: »Gutes Eulenburger Bier bringt den Baßgesang herfür! « Die Mehrzahl komischer Arien und Lieder ist zudem für die Baßstimme geschrieben, so daß jeder talentvolle Besitzer eines tiefen Organes gleichsam eine Menge Entremets und Dessertschüsseln in seinem Brustkasten mitbringt. Der höhere Bratenbarde giebt sich keinen Täuschungen über seine Lage hin; er weiß, daß er nicht seiner Persönlichkeit wegen zu Gesellschaften gezogen wird. Sie 101 ist das unter den Persönlichkeiten, was die Fußbürste unter angenehmen weichen Zahnbürsten, der Karbatsch unter den Spazierstöcken, das Commisbrod unter den Biscuits vorstellt; sie ist gewissermaßen aus lauter »Persönlichkeiten« zusammengesetzt. Der höhere Bratenbarde weiß, daß man ihn seiner Stimme wegen einladet; seiner Gurgel wegen nimmt er die Einladung an. Er ist weit davon entfernt, daraus ein Geheimniß zu machen. Der Wirth berechnet gewisse schwere Sorten für ihn, wie ein Admiral seine größten Bomben für die Festigkeit mancher Mauern. So wenig als eine Lokomotive, wenn sie nicht gehörig geheizt worden ist, setzt sich das Organ des Bratenbarden in Bewegung. Nüchtern singt er nur die unvermeidlichen Oberpriester und Tyrannen der großen Oper; leere Becher erhebt er nur in Jessonda, Vestalin und Olympia gen Himmel; im bürgerlichen Leben, an den Brettern, die den Mittagstisch bedeuten, fordert er gutes Maaß und bessere Sorten . Er entblödet sich nicht, dem Bedienten einen Wein, der ihm nicht mundet, über die Achsel zurückzureichen und in der Eile seine englische Gabel an den Dräthen der Champagnerflaschen zu zerbrechen. Die Taschen seines morschen Leibrocks sind durch jahrelangen Gebrauch unabsehbar vertieft. Wenn man von ihm auch nicht sagen kann, daß er als ein Kängeruh der Musik seine Jungen darin umherträgt, so schleppt er darin doch alle seinen Händen erreichbaren Victualien für sie nach Hause. Gleich nach dem Fisch leert er den Tafelaufsatz in seiner Nähe und läßt sich in seinem Werke nicht durch die verächtlichen Blicke der Wirthin und das Kichern der Mägdelein beirren. »Ein guter Mensch in seinem dunkeln Drange ist sich des rechten Weges wohl bewußt.« Von beiden Seiten seines Stuhles hängen die Backentaschen seines Fracks in die Tiefe hinab, aber immer noch ist darin Platz für einige Apfelsinen, Wallnüsse und Bonbons; er hat, wie die Natur nach der Meinung der Alten, einen Abscheu vor dem leeren Raume . In den Zwischenakten des Mahles singt er, ohne 102 Zögern so viel und was man will; der Wirth sagt vorher nur mit freundlichem Kopfnicken: »Unser Krampolini, unser Kohlrabi wird uns etwas singen, meine Damen und Herren!« Die Stimme klingt natürlich nach einer so starken Belastung der untern Schiffsräume nicht sonderlich; man könnte ihren Ton sogar mit dem einer Tabackspfeife vergleichen, deren Schlauch durch einen Polacken verstopft wird, wenn es überhaupt lebenslänglich engagirte Tabackspfeifen von so großem Kaliber gäbe. Ist der höhere Bratenbarde mit dem Essen, namentlich aber mit den Weinen unzufrieden gewesen, so vermag ihn keine Macht der Erde wieder an denselben Ort zu bringen. Ueberhaupt singt er nirgends, wo nicht warm gegessen und getrunken wird; Landparthieen mit Naturreizen, kalter Küche und ansäuerlichen Rheinweinen sind für ihn nicht da. Zu bequem und zu stolz für diese kleinen menschlichen Schwachheiten, zieht er es dann vor, auf eigene Rechnung die Kegelbahn des Zirkels der gleichgesinnten Eingeweihten zu besuchen und aus seiner Tasche zu leben. »Mit Kleinigkeiten habe ich mich nie abgegeben«, kann er mit Franz Moor sagen, »ich war nie ein gemeiner Sänger.« Aber wir dürfen nicht verschweigen, daß der höhere Bratenbarde eigentlich doch ein guter Kerl ist und in Wohlthätigkeits-Concerten mitwirkt, wenn in Momenten der Trockenheit seiner Kehle, die Augen ihm naß werden und er seines Häufleins Kinder gedenkt. Das Männerquartett. Wenn sonst meist Kriegshandwerk und Jagd die Männer auf Leben und Tod verbanden, so ist es jetzt die sanftere Kunst und zwar der sorgenbannende Gesang. Um ihm zu huldigen, schließen sich vier Männer, deren 103 Stimmen, wie die vier Elemente nach der alten Theorie, den Inbegriff ihrer Welt bedeuten, eng aneinander, und leben sich zusammen so in die süße Gewohnheit des Gesanges hinein, daß sie sich vor den Augen der Menschen nicht mehr trennen, und wenigstens an allen Abenden vereinigt gesehen und gehört werden. Das Männerquartett bietet eine der schönsten vollgültigsten Bürgschaften für unsere Gesittung und zahllose Componisten haben sich befleißigt, ihm ihre Talente zu Gebote zu stellen, als gäbe es keine würdigeren Altäre, um darauf die Früchte ihres frommen Fleißes niederzulegen. Unser Zeitalter, in gewisser Hinsicht allerdings sehr frivol, sehr wenig geneigt, die zarteren Forderungen des Herzens anzuerkennen, und sogar zum Spotte aufgelegt, achtet nichtsdestoweniger das Männerquartett als ein Verhältniß, welchem die bürgerliche Gesellschaft auf alle mögliche Weise ihren Schutz angedeihen lassen muß. Vier junge Männer, zu einander geführt durch ungleiche Stimmen und gleichen Hunger und Durst, verbinden sich auf Tod und Leben, bei Tag und Nacht, in Regen und Sonnenschein, dem vierstimmigen Gesange obzuliegen. Die argwöhnische, polizeiliche Ueberwachung tritt zurück; sie bedürfen keiner Erlaubniß zu ihren Zusammenkünften; die vier Gesangsbündler kommen durch die Welt, wie die Currendeknaben, wie die Buddhaisten mit ihrer irdenen Bettelpfanne. Wo sie die Mäuler zum Singen öffnen, werden sie ihnen mit Braten und Kuchen gestopft; das Männerquartett ist die am meisten ästhetische Art der verschämten Armuth. Es ist zugleich die billigste Form der Abendunterhaltung. Ohne andere Instrumente, als vier unverwüstliche Windschläuche in vier Brustkasten, bedarf es nur eines centnerschweren Bündels schlecht geschriebener Noten und in Ausnahmefällen höchstens einer Stimmgabel zur Wiederherstellung der erschütterten Ordnung und Reihefolge der Tonarten. Wenn ein müder Greis eine Viertelmeile weit vor der Stadt bei 104 Sonnenaufgang beerdigt wird, wenn ein Liebhaber seiner Holden um Mitternacht ein Ständchen bringen will, wenn es bei einem solennen Diner die Absingung patriotischer Compositionen gilt, wenn es auf die Erheiterung einer Gesellschaft, die Ergänzung einer ausgefallenen Concertnummer ankommt: das Männerquartett leiht unverdrossen seine Kräfte. Es ist im Stande, sowohl mit leerem als mit vollem Magen zu singen, sowohl mit leichtem als mit schwerem Kopfe; nur befleißigt es sich vor Tisch gern rührender Volkslieder, wehmüthiger Alpengesänge und erstarkender Vaterlandsmelodieen, nach Tische aber wilder Trink- und Kampflieder. Wenn das Männerquartett seinen hartnäckigen Tag hat, ruht es nicht eher, als bis es aus dem Keller des Wirthes eine bessere Weinsorte, als die übliche Medocwichse, herauf gesungen hat, doch verschmäht es wiederum auch nicht in demüthiger Selbstverläugnung auf Hausfluren und in Höfen lauwarmen Ständchenpunsch und Serenadentorte unter aufgespannten Regenschirmen zu verzehren. Wie die vier Farben eines Kartenspieles vereinzelt sich zu keinem Spiele eignen, so taugt ein aus seinem Bunde gerissenes Mitglied eines ächten Männerquartetts zu nichts Musikalischem; vereinigt sind sie eine Armee. Sanft singend wiegen sie ganze Straßen in Schlaf; brüllend ermuntern sie die umfangreichsten Polizeibezirke. Wie verschieden auch die Lebensläufe und Beschäftigungen der Einzelnen sein mögen, sobald sie einander zu Gesicht bekommen, probiren sie ihre Stimmen mit dem bekannten Lalalala! Gehen sie spazieren und sie bemerken einen Busch oder eine Düngergrube, so versuchen sie das schlummernde Echo der Gegend zu wecken. Auf Wasserpartieen singen sie so lange, bis die über so viele Ausdauer entsetzten Frösche vom Zuhören heiser werden. Auf großen Landpartieen mit Damen in runden Strohhüten, Vätern mit langen Pfeifen, ganzen Schinken und Bröden auf vierspännigen Wagen, feiert das Männerquartett seine eigentlichen Triumphe. Malerisch um den Stamm eines alten Baumes gruppirt, wird es von der 105 ganzen Gesellschaft umlagert und von der versammelten Dorfjugend grinsend angestarrt. Dann singt es sein ganzes Repertoir ab. Noch ehe der Morgenthau abgetrocknet ist, hat es schon zwölf Müller- und Wanderburschenlieder mit Brummstimmen gesungen, und wenn der späte Mond bei der Heimkehr aufgeht, beginnt es seinen ersten Cyklus von Heimathsklängen mit den ein und zwanzig: »Gute Nacht an Liebchen.« Alle Welt verehrt und liebt das Männerquartett, nur die undankbare Presse übersieht es mit vornehmer Verachtung, und um diesen Vorwurf von uns abzuwälzen, haben wir ihm dieses kleine Monument unserer Dankbarkeit für genossenes zahlloses Gute hiermit aufgerichtet und gewidmet. Der Sonntagsreiter und sein Roß. Unbeirrt von den Fortschritten der preußischen Pferdezucht und Reitkunst, existirt noch eine beträchtliche Anzahl von Rossen und Reitern in Berlin, zu deren Studium diese Zeilen einige Anregung und Anleitung geben sollen. Diese Reiter werden Sonntagsreiter und ihre Rosse Miethsgäule, Klepper, oder auch wohl unter besonders gravirenden Umständen Schindmähren genannt. Sie gehören zu Berlins Eigenthümlichkeiten und sind in keiner Stadt Deutschlands in ähnlicher Vollkommenheit zu finden. Der Sonntagsreiter erhielt seinen Namen, wie viele belletristischen Blätter, von seinem einmaligen Erscheinen in der Woche, am Tage des Herrn. Das Corps rekrutirte sich damals aus solchen jungen Leuten, welche an den gewöhnlichen Tagen durch den Verkauf von Heringen, grüner Seife, Calicot und Cattun sich an chevaleresken Uebungen verhindert sahen. Seitdem aber die socialen Grenzen des Corps weiter gesteckt sind, und die verschiedenartigsten 106 Kreise ihr Contingent zu demselben stellen, die Uebungen auch an jedem Wochentage angestellt werden, belegt man mit obigem Namen alle berittenen Personen, an denen man die Symptome einer gewissen, von den Regeln der Schule abweichenden Reitart wahrnimmt. Wie der Autodidact in den Wissenschaften, hat der Sonntagsreiter keine systematischen Studien gemacht und er kennt die Vortheile seiner Beschäftigung nur so weit, als er sie durch zufällige Beobachtungen und Mittheilungen von Leidensgefährten gefunden und erhalten hat. Aus diesen Gründen lebt er in einer fortwährenden Abhängigkeit von dem Thiere seiner Wahl, und harmonirt mit jenen Privatbesitzern edler Pferde, welche »spazierenreiten« nennen, wenn diese sie bei einem Ausgange auf dem Rücken mitnehmen und aus Nachsicht sitzen lassen. Das Roß des Sonntagsreiters läßt sich nur schwer in eine der Klassen der Pferdewelt unterbringen; es besitzt von den bekannten Fehlern immer einige, von den Tugenden nie die geringste. Seine meistens üble Laune wird leider nicht durch eine nahrhafte Kost im Stalle verbessert und sein Umgang mit den verschiedenartigsten Reitern dient nicht dazu, ihm mehr Achtung vor dem menschlichen Geschlechte einzuflößen. Das Sonntagsroß gehört zu den Originalen unter den Pferden, denn ein vielbewegtes Leben ist stets seinem jetzigen Berufe vorangegangen. Bald lebt es in alten militairischen Erinnerungen, bald in Hetzjagdträumen; dieses könnte von einer stolzen Vergangenheit in der Gabel des glänzenden Cabriolets, jenes von den anmuthigen Situationen eines beglückten Damenpferdes erzählen. Rosse und Bücher werden bei Seite geworfen, wenn sie nicht mehr setzen und abgesetzt werden können. Die Sonntagspferde sind die Maculatur ihres Geschlechts. Fort mit dem veralteten Roman in die Materialwaarenhandlung – fort mit dem abgetriebenen Luxuspferde in den Reitstall. Arme Leute treiben Aufwand mit den abgelegten Kleidern der Reichen; unbesonnene Jünglinge brüsten sich auf ihren ausrangirten Pferden. Wenn 107 das Sonntagsroß den Ton des Cavalleriesignals hört, wenn es an den Thürflügeln eines Palastes vorüberkommt, wohin es einst einen erhabenen Herrn getragen, wenn es einen Sportsmann in rothem Rock erblickt; dann, o Knabe von einem Sonntagsreiter, raffe die Fragmente deiner Reitkunst zusammen, oder ergreife das Brett des Schiffbrüchigen: den Sattelknopf. Der Sonntagsreiter und sein Roß bilden den logischen Gegensatz zu den alten Centauren. So fest in diesen die Menschen- und Pferdenatur zusammengewachsen war, so lose verbunden sind jene beiden. Der zarte Duft schwebt nicht sicherer auf der Pfirsich, der Hauch nicht bleibender auf dem blanken Stahl, als ein Sonntagscavallerist auf einem Miethsgaule. Seine Schenkel sind nicht stärker mit ihm verknüpft, als der Lebensfunke mit einem Kaninchendasein. Ein Griff in den Nacken tödtet das Kaninchen; ein Seitensprung setzt ihn auf den Sand. Reiten heißt bei ihm so viel, als gewagte Speculationen treiben; Absteigen so viel, als aus einer großen Lebensgefahr gerettet, von einer schweren Krankheit genesen zu sein, oder ein verloren geglaubtes Kapital erhalten zu haben. Früher, als der Besitz guter Pferde noch nicht ein so allgemeiner und die Reitkunst unter den Privatleuten noch nicht so weit verbreitet war, zeigten sich die Sonntagsreiter häufiger auf den Promenaden und Landstraßen nach beliebten Vergnügungsörtern. Obwohl ihre Zahl stark zugenommen hat, so können sie jetzt doch Anwandlungen von Scham nicht unterdrücken, und vermeiden die besuchteren Wege so viel als möglich. Wie kostbare Schmetterlinge besitzen sie eine Ahnung davon, daß man sie sucht , um sie auf die Nadel – der Satyre zu spießen. Sie haben deshalb eigenthümliche Begriffe von den nächsten Wegen nach einem Orte. Denken wir uns z. B. einen Sonntagsreiter, der von der Spandauer Straße aus nach Charlottenburg will, so wird er nicht die Linden und die große Chaussee entlang reiten, sondern im Schritt, durch die neue Friedrichsstraße, die Dorotheenstraße heimlich zu 108 erreichen suchen, sich die Mauer entlang rasch zum Brandenburger Thore hinaus schmiegen, und am Unterbaum die Spree passiren, um am naiven Moabiter Ufer einen unbeachteten Trab oder Galopp zu riskiren, und oben, nahe am Schloß, Charlottenburg unentdeckt zu erreichen. Wo ihm aber von soliden Pferden und reitkundigen Leuten, namentlich von Cavallerieoffizieren, keine Concurrenz gemacht wird, traut er sich hervor, und wagt es, seinem Thiere Einiges mit der Reitpeitsche zu verabfolgen. Wer den ächten Sonntagsreiter beobachten will, muß an einen Kreuzweg gehen. Hier zeigt er sich und sein Pferd, wie die Magier des Mittelalters in seinem Element. Fast niemals trifft es sich so glücklich, daß der Plan des Reiters mit dem des Pferdes übereinstimmt; aber meistens verläuft alles, wie in einem Seelenkampfe der tugendhaften und lästerlichen Gefühle, und zwar so, daß der Reiter die strenge Moral des sandigen Feldweges, das tückische Roß die Wollust der breiten, nach einer schattigen Krippe führenden Chaussee vertritt. Als der Alcide an dem bekannten Scheidewege stand, war er zum Glück für den heilsamen Schluß der Fabel und alle Schuljungen der Nachwelt – nicht beritten . So oft man also auf einer vielbesuchten Chaussee einen finsterblickenden Reiter ohne Sporen, mit tief in den Bügeln steckenden Füßen, auf einem heitern, ja verklärt aussehenden Pferde erblickt, darf man als gewiß annehmen, daß er wider seinen Willen spazieren geritten ist. Wir wissen nicht, ob die englischen Lebensversicherungsanstalten Policen an Leute ertheilen, welche der gefährlichen Leidenschaft des Sonntagsreitens ergeben sind. So selten allerdings der curiose Fall vorkommen mag, wo ein Jüngling dieser Gattung schon an die Versicherung seiner kostbaren Existenz denkt, wollen wir doch die Aufmerksamkeit auf diesen Punkt hiermit gelenkt haben. Im Interesse der Gesellschaften müßte am Sonntage , wie im Kriege und während der Cholera die Police ruhen , oder ein höherer Beitrag erlegt werden. Dem Sonntagsreiter stößt sehr 109 oft »Etwas« zu. Im Allgemeinen stehen freilich so excentrische Pferde, wie jener kleine Schimmel, der vor unseren Augen seinen jungen Schneider auf dem ehemaligen Exerzierplatze am Brandenburger Thore mit den Zähnen bei den Hosen packte und aus dem Sattel zog, dann aber merkwürdiger Weise bei ihm stehen blieb und sich mit satanischem Lächeln der gelungenen Bosheit erfreute, sehr vereinzelt da, allein es fehlt doch nicht an höchst selbstständigen Subjecten. Das Reiben an Zäunen ist häufiger, als man glaubt, und Bocken oder Bäumen haben schon so manchen Ritter vom Syrupsfasse und der Elle in den Staub gebettet. Der Sonntagsreiter wird an einem Tage vom Pferde, an sechs Tagen vom – Wolfe geplagt. Wir brauchen wohl unseren erfahrenen Lesern nicht das Leiden zu beschreiben, welches einen so ominösen Namen trägt, aber so furchtbar sind die realen Schmerzen, die es bereitet, so dringend ist das Bedürfniß, sie zu heilen, daß ein volksthümlicher Berzelius ein Eau de loup erfunden und es allen unglücklichen vom Wolf gebissenen Sonntagsreitern gewidmet hat. Der Schusterjunge. Die politischen Ereignisse der letzten Jahre haben es dahin gebracht, daß unser Straßenleben wieder in die alten Geleise zurückgekehrt ist; der Meinungsaustausch im Freien hat aufgehört, feierliche Aufzüge giebt es nur noch im Theater oder außerhalb des zweimeiligen Umkreises von Berlin; wenn man das weibliche Geschlecht ganz aus dem Spiele läßt, könnte man sogar von dem männlichen behaupten, daß es gar keine öffentlichen Personen mehr giebt. Nur die Jungen lassen sich ihre Freiheit nicht nehmen und nehmen sich für ihr Theil wenigstens 110 so viel Straßenfreiheit, als möglich. Sie betrachten sich als die Bürger des kommenden Jahrhunderts, und der ungebundene Ton ihrer Rede ist der Ausdruck einer tiefen Verachtung unserer gesunkenen Zustände. Man pflegt deshalb auch von einer Schrift oder einem Journale, wenn sie sich einer rücksichtslosen Rhetorik befleißigen, im lobenden Sinne zu sagen, daß sie von Straßenjungen geschrieben seien. Aber das ist nun einmal der Hauptunterschied zwischen der antiken und modernen Welt, daß damals auf öffentlichem Markte die Alten, jetzt die Jungen das große Wort führen. Nicht die Ausgrabungen der Antiken können uns aufhelfen, sondern die Begräbnisse unserer Antiken; den Jungen soll nun einmal die Welt gehören! Unter den modernen deutschen Jungen steht der Berliner Schusterjunge oben an. Schon als embryonischer Schuster ist er das, was der Schneider erst als Geselle wird: ein rother Republikaner, ein ikarischer Communist, ein gefundenes Essen für Staatsgerichtshöfe. Aber der kleine Schuster steht nicht unter , sondern über den Gesetzen; er zittert nicht vor dem Strafgesetzbuch, sondern vor dem Spannriemen. Der Schusterjunge sitzt meistens in einem tiefen Keller oder in einer dunkeln Hinterstube; aber es kommt der Augenblick, wo die Meisterin ihn entbietet, um den sauren Hering oder den süßen Syrup zu holen, oder wo der Meister ihn mit Schäften oder Vorschuhen entsendet; dann tritt er als Schusterjunge ersten Ranges ins Leben. Noch Niemand hat das Problem gelöst, warum der Schuster in gereiften Jahren einen unwiderstehlichen Hang zu philosophischen und moralischen Betrachtungen , in der Jugend einen unwiderstehlichen Thatendrang besitzt. Wie sonst aus tapfern Rittern die frömmsten Eremiten wurden, so jetzt aus den verwegensten Schusterjungen die contemplativsten Schuster. Es ist nicht unmöglich, daß die Reue über verübte Jugendsünden zu dieser melancholischen Richtung beiträgt, daß, wer alle Genüsse des Lebens gekostet, wer in gleicher 111 Weise den Finger in die Syrupstasse und die Zunge in den scharfen Gurkenessig getaucht hat, in reiferen Jahren nur zu geneigt ist, das Verwerfliche dieser Handlungen einzusehen und an Andern durch Hiebe zu bestrafen. So viel ist gewiß, daß in keinem andern Gewerke, als bei den Schustern, eine tiefere Kluft gähnt zwischen den Neigungen der Meister und ihrer Jungen . Nur die Meisterin differirt in ihren Ansichten vielleicht noch mehr von ihren Schutzbefohlenen. Daher ist das häusliche Leben der Schusterjungen fast immer das Dasein eines Karthäusers. Zum Schweigen verurtheilt, wichst er den Pechdrath, und sein einziger Trost ist, daß ihm Niemand die Butter vom Brode nehmen kann, weil es, wie ein Oelbild vom Pinsel, nur gefirnißt wird. Er kennt nicht den Hausfrieden, sondern nur den Hauskrieg; alle nicht bezahlten Rechnungen empfängt er mit dem Rücken baar von seinem Meister; die Meisterin aber händigt an ihn alle die Volkstrachten aus, die von Rechtswegen der Buckel ihrer eigenen Kinder empfangen müßte. Dafür rächt er sich an der Menschheit auf der Straße. Wie jene berühmten orientalischen Tyrannen, läßt er sie die Langeweile entgelten, die er in seinem Harem erdulden muß. Es ist seine Lieblingsbeschäftigung, um zwölf oder vier Uhr den aus der Schule kommenden Muttersöhnchen aufzulauern und ihnen Katzenköpfe zu verabreichen. Diese Leidenschaft ist in ihm so unüberwindlich, daß er keinen Kampf, selbst mit dem größten Jungen scheut, um dem ungestümen Drange seines edlen Herzens zu willfahren. Seine chagrinartige Haut unterstützt ungemein seine Tapferkeit; wie hörnen Siegfried ist er gefeit gegen Knuffe und Püffe, aber wie Achilles hat er eine schwache Stelle, doch nicht die Ferse, sondern die Haare, an denen die Meisterin ewig läutet. Er geht stets auf der Mitte des Trottoirs, und schlägt sich mit den Stiefeln in der Hand immer durch den dicksten Haufen. Da er nur Sonntags zuweilen ins Theater kommt, so reißt er für gewöhnlich die Theaterzettel als unnütze Waare von den Ecken. Sein Witz ist 112 beißend, ja vernichtend; mit scharfem Auge erkennt er sofort die Schwäche eines Jeden. Wie der Igel ist er gerüstet, sofort seine Stacheln herauszukehren. Aber nicht nur gegen die Menschen richtet er seine Zorneswuth, auch das Thierreich leidet von seiner wilden Gesinnung. Wehe dem Hunde, der ihn arglos in seine Nähe kommen läßt, eines betäubenden Schlages um die Ohren darf er als sicheren Lohn gewiß sein; wehe der Katze, die ihn zärtlich anmiaut und gekraut zu werden hofft, mit pechigen mörderischen Fingern kneipt er sie in den Schwanz, ihres Geschlechtes feine Zier. Außerhalb fürchtet er Niemand; er disputirt selbst mit dem Constabler an der Ecke und treibt ihn durch seine Argumente in die Enge. In den Zeitungen ist er wohl belesen, da er sie stets vor seinem Herrn auf offener Straße studirt. Seine Lieblingslektüre ist der »Publicist« und interessiren ihn besonders alle mit Anwendung von Gewalt verbundenen Criminalfälle. Wenn er es haben kann, raucht er gern seine Cigarre auf der Straße und verschmäht es auch nicht, weggeworfene Stummel wieder in Brand und in den Mund zu stecken. Bei den Kunden seines Herrn ist er fast immer beliebt und seine Trinkgelder fallen meistens reichlich aus; nur besitzt er die verzeihliche Schwäche, sie seinem Meister nicht, wie der Contract eigentlich verlangt, auszuliefern. Eine vortreffliche Seite an ihm ist seine Liebe zu kleinen Kindern. Diese Liebe ist um so merkwürdiger, als er einen Sonntag um den andern zu Hause bleiben und das jüngste Schusterkind warten muß. Dann scheint er seinen Charakter abgelegt zu haben; er sitzt stille vor der Hausthür und schaukelt das kleine Pechvögelchen. Es wäre Niemandem zu rathen, ihn darüber aufziehen zu wollen, sonst legt er das Kind hinter die Hausthür und fällt wie ein grimmiger Löwe über den Satyriker her. Die Natur giebt in der Jugend des Schusters Alles aus, was sie von Gewaltsamkeit und Thatkraft an ihn wenden wollte; der heranwachsende Schusterjunge wird ruhiger, friedliebender, sein Witz verliert sich, wie die Flügel an gewissen Insekten, 113 wenn sie ihrer nicht mehr bedürfen; er prügelt Niemanden auf der Straße mehr, wenn man aufgehört hat, ihn zu Hause zu schlagen; er wird von Jahr zu Jahr einsilbiger und schwermüthiger, und zuletzt ist er ein Charakter, wie sie jetzt in allen Verhältnissen des Lebens am häufigsten sind und die Oberhand haben; er ist ein alter Schuster! Die Berliner Musikantenbörse. Ein düsteres Verhängniß ruht auf den Concerten, Niemand will sie bezahlen, die Freibillets haben ihre Anziehungskraft verloren und die Zeit steht vor der Thür, wo bewaffnete Banden von Concert-Guerillas im Schatten des Kastanienwäldchens oder unter der großen Freitreppe des Schauspielhauses lauern, den harmlosen Wanderer überfallen und meuchlings in ein Klavier- oder Violin-Concert schleppen werden. Immer mehr neigt sich das Virtuosenthum zum Proletariat, bald werden wir berühmte Namen unter den Hausarmen sehen, schon sind die meisten Soiréen nur ein verschämter Bettel; nur eine Musik wird noch bezahlt, nur eine Art der Kunst giebt es, die nicht nach Brod , sondern auch zuweilen nach Wurst und Schinken geht. Sie heißt fahrendes Musikantenthum und hat ihren Sammelplatz und ihre Börse zwischen der Neuen Wache und Universität. Mittags um die zwölfte Stunde, wenn der Tambour sein Grab verläßt, der Hautboist sich auf der Parade neben dem Zeughause bei Wind und Wetter die Schwindsucht an den Hals bläst, die Wache, mit frischem Brode instrumentirt und mit blankem Lederzeug besaitet, ihren Posten bezieht, Mittags, wenn der Taugenichts mit den Händen in den Taschen seines und – eines fremden Rockes, der unentgeltlichen Harmonie der militärischen Sphären lauscht, bildet sich neben dem sogenannten 114 Erfrischungszelt die Musikantenbörse . Hier werden die musikalischen Geschäfte des Tages abgeschlossen. Etwa funfzig Männer stecken die Köpfe zusammen und umgeben einen Großhändler der Tages- und Nachtmusik, welcher mit ihnen für das laufende Datum abrechnet. Bei Geheimraths ist Ball, fünf Mann in schwarzen Fracks mit weißen Halsbinden werden gewünscht; es entspinnt sich also eine Debatte darüber, wer zu Geheimraths gehen solle. Andere, die von dem Großmeister designirt sind, können nicht gehen, weil sie weder einen schwarzen Frack, noch weiße Halsbinden haben, Andere, die beides besitzen, sind leider schon für einen Wurstpicknick engagirt. Was thun? man tauscht nicht mit den musikalischen Geschäften, aber man tauscht mit den Kleidern. Die fünf Mann borgen sich für Geheimraths die Fracks und Halsbinden der Wurstpicknickisten! Gastwirth Piefkenfeld ist aus der Vorstadt hereingekommen, meldet sich an der Börse und wünscht vier Mann »zum Tanzvergnügen«, zwei Violinen, Klarinette und Baß. Weder auf weiß getragene Fracks, noch auf schwarze Wäsche wird gesehen – nur Ausdauer – eiserne Consequenz! Zum Abendbrod giebt es warmes Essen, Bier und Branntwein nach Belieben – Ende vier Uhr – aber Niemand will gehen. »Mir ist neulich bei Ihnen mein Hut über den Kopf geschlagen worden, Herr Piefkenfeld,« sagt ein kleiner Mann, bei dem es für gewisse Leute ein Hochgenuß sein muß, ihm den Hut einzutreiben. »Mir haben sie den Hals von der Violine gebrochen,« fügt ein langer Mensch hinzu, ein so unbegreiflich langer, daß, wenn er spielt, seine Geige sich unter denen befindet, deren der Himmel voll hängt. »Sehen Sie hier, Herr Piefkenfeld,« murmelt ein dicker Hornist mit anklagendem Tone und zeigt sein Instrument, an dem man noch die Spuren schrecklicher Quetschungen wahrnimmt. »Es war ganz zusammengekeilt,« seufzt der Hornist, »sie haben es erst verarbeitet, mich dann darüber 115 geworfen und dann, dann haben sie sich auf uns Beide gesetzt!« Bei dieser lamentabeln Beschreibung der Schicksale eines Hornisten und Hornes auf einer vorstädtischen Belustigung veranstaltet die ganze Börse ein mißbilligendes Kopfschütteln. »Kinder, Kinder, was ist das?« ruft Piefkenfeld und präsentirt ringsum seine Dose mit Nessing, »Kinder, Ihr werdet mich doch nicht sitzen lassen. Sie schlagen mir alle Knochen im Leibe entzwei, wenn keine ordentliche Musik da ist. Kinder, es giebt heute keine Prügel, wer sich untersteht anzufangen, wird vorher hinausgeschmissen. Verlaßt Euch darauf, es setzt heute nichts – ich nehme Alles auf mich.« »Sie haben die Prügel gut auf sich nehmen, die wir bekommen haben, Herr Piefkenfeld,« bemerkte der Kleine vom zerquetschten Hute mit gelungener Ironie. »Ich deponire zehn Thaler für den Schaden und die Reparaturkosten an den Instrumenten,« sagt endlich der verzweifelte Piefkenfeld. Nun entschließt sich das geforderte Quartett zu gehen. »Acht Mann zu einer Nachtmusik um elf Uhr!« ruft der Musikmeister, » Was ist des Preußen Vaterland? – Annenpolka – Marsch aus dem Propheten – eine Ouverture , mehr wird nicht verlangt, hernach wird auf den Flur hineingegangen, dann giebt es Wein und Sandtorte, Hurrah! Vivat hoch! und Tusch geblasen!« Die Nachtmusik wird rasch arrangirt und zwar von mehreren Künstlern, die aus Bequemlichkeits- und anderen Gründen am liebsten im Paletot erscheinen. »Eine Violine zum Klavier, für die ganze Nacht, aber fin ,« heißt es jetzt, »wer will?« Das Wort » fin « scheint sich wie eine gewaltige natürliche Grenze zwischen die Gelüste einiger Violinisten und Clavieristen zu stellen. »Es werden doch zwei » fin « kommen können?« ruft ermunternd der Großmeister. Nachdem zwei junge Herren 116 mit einigen Andern vertrauliche Mittheilungen gepflogen haben, wie es scheint, weniger über das Repertoir der Musikstücke, als der Kleidungsstücke, melden sie sich und erfahren das Nähere über Ort und Zeit. Nun endlich alle Tagesgeschäfte geordnet sind, verläuft sich das Häuflein eben so ruhig, als es sich versammelt hatte. Die Musik sänftigt ja die Sitten und veredelt das Herz. So sieht es im Winter an der Musikantenbörse aus; anders ist das Geschäft im Sommer . Der Musikant führt in der schönen Jahreszeit ein Leben im Freien. Sein Instrument erschallt unter schattigen Bäumen vor Kaffee- und Biertrinkern, in Scheunen bei ländlichen Festen, er macht Kirchenmusik auf Dörfern und bläst Choräle an Gräbern. Im Sommer kann sich der Mensch mit mehrerer Gemüthlichkeit selbst begraben lassen. Während der vornehme Concertgeber in seiner Dachstube am Hungertuche nagt, oder die besuchtesten Badeörter beklappert und bestreicht, zieht der fahrende Musikant von seiner Börse, glücklich und mit leichtem Herzen, in's Freie. Am frühen Morgen hat er eine einträgliche Morgenmusik gebracht, um neun Uhr am Sarge eines reichen Holzhändlers: »Nun ruhen alle Wälder«, geblasen, um elf Uhr macht er sich auf und geht mit seinen Genossen über Land zum Kirchweihfeste oder zum Erntekranze. Auf dem Lande giebt es keine Prügel. Dort wird die Kunst noch im Künstler geehrt. Wenn in den Städten der Erisapfel erst in den Saal geworfen und das erste Stuhlbein abgebrochen wird, geht man auf dem Lande schon zu Bette. Die fahrenden Musikanten kommen nach Hause, nicht beladen mit Prügeln, sondern mit Würsten, Schinken, Kuchen, Bauerbrod, Butter, Käse und einem Beutelchen voll baaren Geldes. Für die Transportmittel ist gesorgt. Es giebt einen Contrabaß , den Touristen unter den Contrabässen. Dieser Riese macht im Sommer alle Reisen über Land auf den Schultern zweier Träger. Vermöge einer starken 117 eisenbeschlagenen Spitze ist er in den Stand gesetzt, auf jedem Boden festen Fuß zu fassen, hinten befindet sich eine Klappe, die vielleicht seinen Ton beeinträchtigt, aber ihm eine nationalökonomische Tendenz verleiht. Wenn er ausgebrummt hat, dann öffnet man ihn und der Contrabaß verwandelt sich in einen transportabeln Speiseschrank . Alle Gottesgabe, die den Nachmittag und Abend über zurückgelegt worden ist, spaziert in den Contrabaß, man hockt ihn auf, und statt der rumpelnden Grundbässe zu Galoppaden und Polkas schallen jetzt klappernde Würste und Schinkenknochen aus seinem Innern. So kommt man an das Thor; der Contrabaß ist ein alter Bekannter der Accise, er wird visitirt wie ein Schlächterwagen oder eine Mehlfuhre. Um Mitternacht ist die ganze Musikantenschaft in den Federn. Glückliche Künstler! ihr fürchtet keine kritische Feder, ihr braucht keine Visiten zu machen, keine Anzeigen zu bezahlen, keine Zettel drucken zu lassen, keine mißgünstige Collegen um Mitwirkung anzusprechen, keinem Concertarrangeur einen Prozentsatz zu geben, ihr zittert vor keiner öffentlichen Meinung , sondern nur vor heimlichen Thätlichkeiten , gegen die ihr als entschlossene Männer euch eurer Haut wehren könnt. Wohl euch, an eurer Börse werden keine gewagten Geschäfte gemacht, der ultimo eurer Abrechnung am Morgen bringt euch stets Gewinn, Alles tanzt nach eurer Pfeife, und durch eure Börsenspeculation wird kein Leichtgläubiger um Hab und Gut gebracht. Cigarrenläden. Johnstons Chemie des täglichen Lebens mit ihrer lehrreichen Abhandlung über den Taback, nebst den Angaben über den unermeßlichen Verbrauch Deutschlands, ist ganz 118 dazu geeignet, den Geist von der Theorie des Tabacks auf seine Berliner Praxis übergehen zu lassen. Schon vielen denkenden Köpfen des In- und Auslandes ist die Menge der hiesigen Cigarrenläden so sehr aufgefallen, daß bei der weit geringeren Anzahl der Schlächter- und Bäckerläden jenes alte Vorurtheil beinahe gerechtfertigt erscheint, nach welchem die Naturalverpflegung von Berlin nur den mäßigsten Ansprüchen des Magens gerecht zu werden trachtet. Erfahren wir außerdem von Johnston, daß anhaltendes Tabackrauchen den Hunger zu beschwichtigen im Stande ist, so fassen wir eine höhere Meinung von den Cigarrenläden, und erblicken nicht allein solche Geschäfte darin, welche nur ihren Besitzern eine scheinbare Sättigung vorheucheln, sondern verdienstliche Anstalten, die von den modernen Staaten auf alle mögliche Weise in Schutz genommen werden sollten. Mit Rücksicht auf diese hungerstillende Eigenschaft des Tabackrauchens haben also wahrscheinlich einige erleuchtete Regierungen die Sache der Nation zu der ihrigen, und aus dem Taback ein Monopol gemacht. Es ziemt jeder Mutter, ihren Kindern die Nahrung in eigener Person vorzulegen. Wenn wir aber bei dem Tabacksverkaufe von Berlin stehen bleiben, so fällt uns jedoch auch ebenso sehr, als die hungerstillende, die dursterregende Eigenschaft des Tabacks auf, zumal wir hinter jeder Pumpe und neben jeder Bierstube auch einen Cigarrenladen mit Bestimmtheit antreffen werden. Wir sprechen hier nicht von den exclusiven Lokalen, nicht von den Großkaufleuten in feinen Cigarren mit ihren Kistchen, die, obgleich nur mit zierlichen Tabacksröhrchen gefüllt, doch ebenso viele werthvolle Chatoullen repräsentiren; wir besuchen diesmal nur die Proletarier des Tabacks. Wenn in allen anderen Handelszweigen eine Befähigung, eine längere Erfahrung und Ausbildung vorausgesetzt wird, so glaubt Jeder einen Cigarrentrödel ohne solche Eigenschaften etabliren zu können. Die meisten Besitzer von Cigarrenläden sind die Dilettanten des Handelsstandes. Da Jeder raucht, glaubt er mit dem Rauche 119 auch die Kennerschaft eingesogen zu haben. Es gehört nicht viel dazu, um einen Cigarrenladen zu etabliren, ein Minimum von Credit, eine Mauerritze und einige Thaler zu baaren Auslagen für die Ladeneinrichtung und die Gasröhren. Man verschaffe sich aber vor allen Dingen mehrere Hundert leere Kisten, aus denen man einige vielversprechende Mauern im Laden aufrichtet. Mit einer solchen Umwallung muß sich die Reputation des neuen Cigarrenhändlers gegen böswillige Concurrenten und Zweifler im Publikum zu vertheidigen suchen. Die obersten Ziegeln dieser Mauern werden aber durch gefüllte Cigarrenkisten gebildet, die nach Erforderniß als besondere Raritäten heruntergeholt und vor den Augen verwöhnterer Käufer geöffnet werden können. In einem, durch einen Glasdeckel weniger gegen den Staub, als gegen lange Finger zu schützenden Kasten liegen, sorgfältig sortirt, alle Glimmstengelein in einzelnen Fächern. Sie werden theils an unscheinbaren Nummern, theils an wohlthuenden Fremdnamen erkannt. Eine Kundschaft von Droschkenkutschern, Gesellen und Soldaten begnügt sich mit der einfachen Nummer, die jungen Lords, Knights und Earls von Elle und Waageschale fordern tönende Titel. In der Sache wird damit keine Veränderung hervorgebracht. Betrachten wir diese köstliche Waare ein wenig näher. Die heimtückische »Esperanza« ist eine wahrhaft feuerfeste Cigarre, zu der Lungen wie Borsig'sche Blasebälge gehören. Die kleine »Fides« hat den Teufel im Leibe und brennt mit rasender Eile, während sie zuweilen kleine glühende Kohlenstückchen auf die Kleider fallen läßt. Die große dicke »Hermandad« glimmt langsam, wie der Meiler eines Kohlenbrenners, und das Feuer frißt immer nur an einer Seite bis an die Lippen hinauf. Die winzige, trockene »Isabella« spritzelt ein kleines Salpeterfeuerwerk um sich und lodert gerade zwei Minuten; zur Noth kann man damit schon statt mit Pulver eine Pistole laden. Die unsterbliche»Granada« hat man bis zu Ende geraucht und 120 es noch nicht entdeckt. Sie kohlt so arg, daß man dasselbe Exemplar der radikalen Vertilgung wegen eigentlich zweimal rauchen müßte. Manche Cigarrenhändler suchen das Vertrauen ihrer Käufer dadurch zu erhöhen, daß sie ihnen alle Sorten vorrauchen und mit verzückten Augen den Rauch mit hohler Hand der Nase zuzuschleudern versuchen, als wäre der Verlust auch nur eines Qualm-Atoms ein unersetzlicher Schaden. Der proletarische Cigarrenladen hat keinen festen Käuferkreis, sondern nur eine sogenannte Laufkundschaft. Er verkauft nie Kisten oder auch nur Packete von fünfundzwanzig Stück und Dutzende, sondern nur höchstens – sechs Stück. Das größte Geschäft wird bei dem Verkauf von 1 / 1000 Kisten nebst freier Emballage gemacht. Sonntags nach der Kirche bis gegen Mitternacht ist die Blüthe des Unternehmens. Dann nimmt der feierliche Grenadier dem befreiten Schusterknaben von dreizehn Jahren, der finstere, unvollkommen gewaschene Schlosser dem krummbeinigen geleckten Schneider, die rothnasige Nr. 1111 dem einsprechenden Nachtwächter den brennenden Fidibus aus der Hand. Aber keiner greift wieder zum Thürdrücker, ohne vorher seine Finger in das riesige Büffelhorn getaucht zu haben, das, mit schlechtestem Schnupftaback gefüllt, wie ein muhamedanisches Karavanserai zur Erquickung aller Nasen offen steht. Die Woche hindurch ruht das Geschäft im Ganzen; nur am Mittwoch und Sonnabend versehen sich die Landleute mit ihrem Bedarf an uckermärkischen Varinas. Aber an den Wochentagen dienen dafür die Cigarrenläden höheren Zwecken; sie erfüllen die Mission, welche früher den Barbierstuben oblag. Seit die Barbiere in unglaublicher Nachgiebigkeit gegen den menschlichen Eigensinn, den Kunden bis in die Schlafzimmer nachlaufen, sind die nach Seife duftenden Hallen der Redefreiheit verödet. Jetzt versuchen die Cigarrenläden sie zu ersetzen. Alle Neuigkeiten fangen sich dort zuerst. Die Nachricht vom ausgerissenen Pintscher, vom verbrühten Kinde, von der fortgeschickten Köchin wird man am ausführlichsten und 121 correctesten jedesmal im Cigarrenladen erfahren. Aber es bleibt nicht bei den kleinen Vorkommnissen des bürgerlichen Lebens. Besitzer von Cigarrenläden sind meistens Mißvergnügte und sehen wie Verrina gern zahme Verschworene bei sich. Wenn man neben der Thür eine Bank oder gar ein kleines Sopha erblickt, so kann man gewiß sein, daß von dort aus die gediegensten Vorschläge zur Verbesserung der städtischen Finanzen und Straßenreinigung, wie zur Verminderung der Abgaben, in die Environs des Tabackgeschäftes verbreitet worden sind. Ein eigentlicher Segen ruht auf keiner dieser Miniaturhandlungen. Sie haben eine Zukunft, wie ihre Waare – Rauch und Asche. An einem schönen Morgen, gleich nach dem Ersten des Quartals, klettert ein Mann eine Leiter hinauf und kehrt mit der Firma in das niedere Erdenleben zurück, nach einer Stunde werden auf einem Wagen die leeren Kisten abgeholt, welche zum Theil so ausgetrocknet sind, daß sie dem auspackenden Jungen unter den Händen zerbrechen, die sonstige Ladeneinrichtung hat der Nachfolger erworben – der Besitzer ist aufgeraucht – die Pfeife muß ausgeklopft werden. Schon vorgestern hat er seine Pässe nach Amerika genommen, weil er nicht langer der Versuchung widerstehen konnte, endlich einmal wirklichen Taback kennen zu lernen. 122   Der große Arzt. Jede Stadt von einiger Bedeutung hat ihre Doctoren, die zweispännig, einspännig und als Infanterie des Asklepios, den großen und kleinen Krieg gegen Tod und Krankheit führen, aber nur Wenige unter ihnen arbeiten sich zum Range eines Feldherrn der Medicin in die Höhe. In der Kunst, Wunden zu schlagen und sie zu heilen, waltet auf gleiche Weise das blinde Glück. Man kann mit dem Talente eines Türenne Lieutenant, und mit den Gaben eines Heim Unterarzt in einem Lazareth, Privatdocent und Laufdoctor bleiben. Freilich giebt es eine Art, das Glück zu corrigiren, doch mehr als einmal haben wir die sieben ächten Bücher der unsterblichen Aphorismen des Hippokrates, und selbst die Sammlung der falschen gelesen, aus denen Schiller sein Motto zu den Räubern entlehnte, ohne den wichtigsten Lehrsatz für einen ehrgeizigen Arzt zu finden. Hippocrates allerdings schrieb nur zum Besten der Kranken und nicht der Doctoren, wie schon aus den Nachrichten der Alten hervorgeht, daß sein Ruf nach seinem Tode bedeutender gewesen sei, als bei seinen Lebzeiten. Der Größte der Aerzte verstand noch nicht die Kunst, ein großer Arzt zu werden; er war es und dachte darum nicht daran, es scheinen zu wollen. Erst der neuesten Zeit blieb es vorbehalten, eine Gattung Männer zu erzeugen, die sich weder durch ihre Schriften, noch durch ihre Kuren ausgezeichnet haben und doch für große Aerzte 123 gehalten werden. Um der jüngeren Generation, zumal der Heilbeflissenen, einen Fingerzeig für ihr Gedeihen in dieser sonderbar zusammengesetzten und wunderlich gearteten Welt zu geben, die wir »unsere Zeit« nennen, haben wir diese, auf jahrelange Beobachtungen gestützten Bemerkungen niedergeschrieben und in das Bild des »großen Arztes« eingerahmt, wie er vielleicht irgendwo existirt, denn auch der Principe des Macchiavelli war nicht ganz ein Werk der combinatorischen Phantasie seines Urhebers, sondern ein wirklicher Cesar Borgia, das Muster des politischen, wie unser Arzt der Mann des medicinischen Scheines . Der große Arzt hat nichts gemein mit den kleinen Doctoren, gleichsam den Vicaren des Arzneicultus; er gleicht den englischen Bischöfen, die sich nur mit den wichtigsten Angelegenheiten der Kirche beschäftigen, den größten Theil der Einnahmen verzehren, und die Sorge für die Gemeindemitglieder den weniger begünstigten Individuen ihrer Gilde überlassen. Fern von dem hastigen Durcheinander klappriger Doctorwagen, den confusen Consultationen in schlechtem Latein, den spärlichen Jahreshonoraren, und unbehelligt vom nächtlichen Herausklopfen sitzt der große Arzt in seinem Studirzimmer und lauert wie der Ameisenlöwe, was das Schicksal in seine Grube hinabrollen lassen wird. Wie Franz Moor ausrief: »ich bin kein gemeiner Mörder, ich habe mich nie mit Kleinigkeiten abgegeben,« sagt er zu sich selber: »ich nehme keine regelmäßige Praxis an, ich spare mich für die verwickelten Fälle der Menschheit auf, für die Momente, wo es an einem Haare hängt, ob die Aufführung des Daseins ein Lustspiel oder ein Trauerspiel heißen soll. Ich warte, bis die Kunst meiner Collegen erschöpft ist, gelingt es mir dann den Kranken zu heilen, so ist die Ehre mein, so haben sie allein die Schande davon!« Ohne diese Philosophie schwingt man sich nie zu einem großen Arzte empor. Man mag sich mit dem Tode täglich in allen Gestalten umherbalgen, man bleibt eben darum der 124 gemeine Soldat der Medicin; aus sicherer Ferne dem Kampfe zuzuschauen, charakterisirt den Oberbefehlshaber. Der blinde Autoritätsglaube der Kranken und Doctoren mästet den großen Arzt. Er wird gerufen, wenn das Leben seinen Proceß in allen früheren Instanzen verloren hat. Soll er aber kommen, so ist eine genaue Bezeichnung des Standes ebenso nothwendig, als die der Wohnung. Nur weil sie seiner eigenen Behausung näher liegen, besucht er wohlhabende Stadttheile, ohne zweimal dazu aufgefordert zu sein. Mit ernster strenger Haltung betritt er das Krankenzimmer, sein Gesicht hat durch lange Selbstbeherrschung einen lapidarischen Charakter angenommen: Hals und Kinn steckt er wie der vorsichtige Talleyrand, der die Muskeln um die Unterlippe als die ärgsten Verräther ironischer Gedanken kannte, in eine steife weiße Halsbinde. Die erste Begegnung mit der Umgebung des Kranken zeichnet sich durch ungeheure Grobheit aus. Welches Standes und Vermögens die Familie des Kranken auch sein mag; sie muß einsehen lernen, daß hier ein seltener Mann nur mit äußerstem Widerwillen einen Theil seiner über Alles kostbaren Zeit opfert. Diamant und Perle stecken beide in einer rauhen Hülle. Er fixirt lange den Leidenden, und unbemerkt das Mobiliar, die Teppiche, die Gardinen, die Wandgemälde. Hierauf stellt er ein unermeßlich weitschichtiges Krankenexamen an, welches dem Leidenden und seinen Angehörigen eine ferne Perspective auf alle möglichen Uebel des menschlichen Geschlechts eröffnet. Wenn er sich überzeugt hat, daß nicht Nahrungssorgen oder verfehlte Börsenspeculationen einen Mitantheil an der Krankheit haben, erhebt er sich und sagt mit etwas freundlicheren Mienen: »Ich bin über den Sitz des Uebels noch nicht mit mir einig, ich werde wiederkommen.« Dann entfernt er sich, ein Gebrumm von »Adieu« und »Morgen« ausstoßend. Durch diese unübertreffliche Taktik ist Alles gewonnen und der arme Hausarzt in den tiefsten Pfuhl der Mißachtung hinabgestürzt. Der berühmte Mann ist noch nicht mit sich einig geworden – er wird zu Hause 125 nachdenken – wiederkommen – ja, man sieht klar: wahre Größe ist stets bescheiden. Es wird seinem Honorar in Gedanken schon ein Doppelfriedrichsd'or zugelegt. Sehr pünktlich erscheint der große Arzt am nächsten Morgen wieder. Er hat nachgedacht und gefunden, daß er trotz den Quacksalbern auf den alten holländischen Bildern, das Wasser des Kranken sehen – ist dieser ein sehr wohlhabender Mann – sogar chemisch untersuchen müsse. Solche Gründlichkeit ist noch nicht dagewesen; man beginnt für ihn zu schwärmen; man erklärt ihn für den ersten der Sterblichen und der Bediente muß des Doctors Oberrock am Ofen wärmen und im Vorzimmer mit Hut und Stock auf ihn warten. Gegen die regulären Aerzte befleißigt sich der berühmte Mann eines kolossalen Hochmuthes;»wir wollen ja sehen,« ist Alles, was er, mit halbgeschlossenen Augen zur Erde blickend, und mit dem Stock imaginaire Buchstaben auf den Fußboden malend, auf ihre Berichte erwiedert. Da man ihn stets nur in den schlimmsten Lagen ruft, so befolgt er meistens die weise Theorie, alle Arzneimittel auszusetzen und die entgegengesetzte Diät der vom Hausarzte angeordneten befolgen zu lassen. Sehr oft wird dadurch der Anschein einer momentanen Besserung bewirkt und der Kranke triumphirt. Kommen nun die hinkenden Boten nach, so nimmt der große Arzt die Familie bei Seite und murmelt mit düsterer Stimme: »Sie haben mich zu spät gerufen, Alles hätte gut werden können, wenn nicht . . .« Dann geht er und überläßt mit tückisch mitleidigem Lächeln dem Hausarzte die Besorgung der wissenschaftlichen Exequien mit Morphin und Moschus; er wäscht wie Pontius Pilatus seine Hände in Unschuld und wiegt die Goldstücke seines Honorares auf den Fingerspitzen. In der Diagnose ihrer Krankheitszustände findet er seines Gleichen nicht auf Erden. Angenehmer ist es ihm freilich, wenn sein Patient durch das Wohlwollen der Natur am Leben bleibt. Dann bittet er wohl, Satelliten von jüngeren Aerzten mitbringen und ihnen den wunderbarsten aller Fälle vorlegen zu 126 dürfen. Diese Aerzte sind die papiernen Trompeten seines Ruhmes im Auslande und seine Markthelfer in der Stadt. Wenn der große Arzt sich anfangs weigert , einen Kranken zu besuchen, weil seine Zeit es ihm nicht gestattet, so pflegt dieser Kranke stets sehr reich zu sein. Es ist ungemein scharfsinnig von ihm, bereitwilliger einen ärmeren Patienten zu besuchen. Fremden Nationalitäten pflegt er durch seine Kunstgriffe zu imponiren, um ihre Zahlungslust zu schärfen. Den Polen kann er heute nicht besuchen, weil er bei einem polnischen Prinzen zum Diner eingeladen ist, den Italiener nicht, weil er sofort brieflich dem Arzte eines Cardinals antworten muß, den Franzosen nicht, weil der Gesandte ihn rufen ließ. Seine Mittel pflegen entweder sehr einfach oder sehr excentrisch zu sein. Verordnet er Bäder, so sind es stets die wunderlichsten und entlegensten. Reiche schickt er nach Vichy oder Pisa, nach einem tollen ungarischen Bade, oder in irgend ein kurioses Seebad, wo man nichts als Fische essen, auf Seegras schlafen und mit Sand spielen muß, wenn man nicht vor langer Weile sterben will; aber immer bezweckt ein solches Bad das Gegentheil der Wirkung, die der Hausarzt für angemessen hielt. Der große Arzt verdiente nicht seinen Ruf, wenn seine Medicin nicht eine dunkle unergründliche Geheimlehre wäre, unerreichbar für den gemeinen Menschenverstand und die bisherigen Erfahrungen der Wissenschaft. Zeitweilig würdigt er seine Getreuen einzelner pythischer Orakelsprüche, und diese erzählen dann von schauerlichen quintären Krankheitsformen, mythischen Abnormitäten in der Natur, wahnsinnigen Stimmungen im Organismus und totalen Schöpfungsverrücktheiten, in die der Magier geblickt habe, aber um der schwachen Fassungskraft der armen Menschen willen mit Mund und Feder schweigen müsse. Wenn der große Arzt aber die Sterblichen einer Mittheilung würdigt, so bedient er sich dazu, wie die vornehmen Herren, fremder Köpfe und Hände. Nie schreibt er selber etwas, sondern inspirirt nur 127 seine Vertrauten. Bei geeigneten Gelegenheiten läßt er dann kopfschüttelnd durchblicken, daß er von seinem Jünger nur halb begriffen worden sei. Thut es Noth, so desavouirt er ihn auch wohl gänzlich. Mit den kleinen Koketterien der Aerzte hat unser Mann nichts zu schaffen. Er giebt sich nicht das Ansehen, so viel beschäftigt zu sein, um aus seinem Wagen ein transparentes Lesezimmer machen zu müssen. Wenn er fährt, so sitzt er zwischen den beiden englischen Spiegelscheiben so unbeweglich, nur nicht so schön, wie ein Putzkopf in dem Schaufenster eines Friseurs, und scheint in erhabene, aber traurige Gedanken versunken. Sein Hauptkunstgriff ist: zu rechter Zeit liebenswürdig zu sein. In diesem Punkte giebt sich seine gründliche Menschenkenntniß am glänzendsten kund, und Tausende seiner Collegen ringen sich nicht bis zu seiner Höhe empor, weil sie nie die wunderbare Kunst lernen, Grobheit mit Anmuth rechtzeitig zu vertauschen oder abwechseln zu lassen. Unser Mann könnte seine exclusive Stellung in der Welt nicht behaupten, wenn die Fachgenossen sich verbündeten, ihm zu widerstehen und ihn zu entlarven; der Welt zu sagen, daß er nicht mehr geleistet habe, als einer ihrer Unbedeutendsten, daß keine große geniale Heilung durch ihn bewirkt worden; allein der große Arzt ist unantastbar. Enthüllungen über ihn wären Enthüllungen über das eigentliche Wesen der modernen Heilkunst; darum heißt es – der Rest ist Schweigen . 128   Seebadgeschichten. Die warmen Strahlen der Julisonne erhitzten die Atmosphäre unter unseren Strohhüten und zwangen uns wiederholt, sie vor ihr ehrerbietig zu lüften, als wir, aus einer Stettiner Droschke steigend, an Bord des gekupferten Dampfbootes Merkur gingen, dem wir uns bis Swinemünde anvertrauen wollten. Das Schiff hatte ein Zutrauen erweckendes Aussehen. Der weiße Kopf des Merkur mit dem blank vergoldeten Flügelhute sah zuversichtlich in die gelbgraue Oder hinab, gepolsterte Bänke und reinliche Feldstühle standen und lagen in regelmäßiger Ordnung auf dem Hinterdeck und die Mannschaft nahm uns zuvorkommend unsere Sachen ab. Man wolle sich nicht durch romantische Seeschreiber, wie den Capitain Marryat und den guten Smidt , vom Meere abschrecken lassen. Wer sein Passagiergeld bezahlt, hat nicht zu befürchten, wie die jungen Midshipmen, welche als junge Taugenichtse von ihren Familien an Bord geschickt werden, der bekannten Seemannsgrobheit zu verfallen. Auf einem Oderdampfboot ist Alles noch süß wie das Wasser, und doch ragt schon ein wenig von der maritimen Biederkeit in das Gebahren der Mannschaft herein. Die Paketträger der Eisenbahnen sind zartfühlende behutsame Operateure an Koffern und Schachteln gegen die hartherzigen Matrosen, die euer Gepäck in den Schiffsraum versenken. Man lernt erst die kräftige Constitution eines Koffers und 129 die zähe Opposition eines Bettsackes kennen, wenn man sieht, wie sie unter Deck wie in die Hölle versenkt werden; aber man zittert für irgend ein Kästchen weiblichen Geschlechtes mit einem französischen Hute oder für eine Pappschachtel, der das precaire Dasein eines Gibus anvertraut worden ist. So blickt ein Philosoph seinen Lieben nach, wenn sie in die Gruft versenkt werden. Der Glaube tröstet ihn, daß er sie alle wohlbehalten wiedersehen werde; der Zweifel flüstert dazwischen – es ist eine Trennung für immer! Der gefräßige Schlund der dunklen Lücke verschluckt Alles und zwei dämonisch verbrannte und mit Theer parfümirte Hände langen fortwährend aus einer räthselhaften Tiefe, wie das Verhängniß der Oderschifffahrt empor, und fordern neue Opfer. Und auf allen Gesichtern aller ankommenden Passagiere liest man immer dieselbe schmerzliche Empfindung und denselben Zweifel an einer dereinstigen Auferstehung. Die Maschine im Raume geht das nichts an. Sie brodelt, unbekümmert um die schwachmüthigen Sorgen der in's Seebad reisenden Menschheit, ihr heißes Wasser, und bringt ein Geräusch hervor, als wenn ein Cyklop vor langer Weile mit riesigen Fingern auf einem eisernen Schilde trommelte. Allmählich hat sich das Verdeck gefüllt und Stühle und Bänke sind reichlich besetzt. Schon irrt der einzige Schiffskellner mit bitteren Sicherheitsschnäpsen auf dem ersten Platze umher und präsentirt sie einigen Personen mit besonders zaghaften Gemüthern und empfindlichen Magen. Schon werden kleine Flaschen mit Porter von jungen Leuten vertilgt, denen man ansieht, daß sie für alte Weltumsegler gehalten werden wollen. Schon zittern einige nervenschwache Frauenzimmer, als die weiße Büste des Merkur eine unangenehme Verneigung gegen den ernsthaften schwarzen Wladimir, das große russische Postdampfschiff, macht, das sich zur Abreise rüstet und viel von einem wanzenartigen Gekrabbel seiner rothbefriesten Matrosen auszustehen scheint. Um die Geister noch mehr einzuschüchtern, wird jetzt die Schiffsklingel mehrmals heftig geläutet, worauf noch verschiedene 130 Personen und Obstkörbe an Bord eilen und es sich auf dem Vorderdeck bequem machen. Endlich ist der entscheidende Moment der Abfahrt eingetreten, die Maschine stößt Laute des verbissenen Ingrimmes aus, der Merkur schießt in die Mitte des Flusses, und die verwegenen Seefahrer aus allen preußischen Provinzen und angrenzenden Landestheilen werfen noch einen wehmüthigen Blick auf das gastliche Ufer Stettins zurück, das so lieblich nach frischem Theer und bejahrten Seefischen duftet. Da erschallt von der Backbordseite ein banger Ruf – »Himmel – es ist doch Niemand in's Wasser gefallen?« – hört man die Damen schreien – ein Tau wird hinabgeworfen, die Maschine gestopft – man wirft eine Strickleiter aus – ein schäbiger Mann mit einer Clarinette klettert über die Galerie, ein dito mit einer Posaune, mehrere dito mit noch mehreren Clarinetten, Trompeten und Posaunen. Alle Besorgnisse sind zerstreut; es ist nichts Unglückweissagendes vorgefallen; der Merkur hat nur seinen täglichen Bedarf an Schiffsmusik eingenommen. Jetzt sind sämmtliche Hindernisse beseitigt; nichts steht unserer Betrachtung der harmlosen Schönheit der Oderufer entgegen, aber die Prüfung der Passagiere verspricht ungleich ergiebiger zu werden. Fangen wir mit der polnischen Familie an, mit der polnischen Familie, die nicht eine feine großstädtische cultivirte Familie ist, sondern die Blüthe des sarmatischen Landlebens, der unverfälschte Ausdruck des alten Polens, das Napoleon charakterisirte, wenn er ihm nachrühmte, daß er dort ein fünftes Element, den D . . . k kennen gelernt habe. Vielleicht gab es noch nie einen Verein von erträglich modern gekleideten Frauenzimmern – die polnische Familie ist nämlich vollkommen herrenlos – dem der Stempel der Bedürftigkeit einer längeren Reihe von Bädern und Abwaschungen so auf die Stirn, auf die Hälse und – Finger geprägt wäre! Man erstaunt noch mehr, wenn man aus ihren lebhaften Gesprächen und Fingerzeigen erräth, daß sie mit der 131 Gegend bekannt sind, also schon mehrmals die Reise gemacht haben, denn die erdartigen Ablagerungen auf ihrer Oberfläche lassen auf eine Jahre lange ungestörte Ruhe der Niederschläge zurückschließen. Ja ein Geognost würde möglicherweise diese polnischen Frauenzimmer in die Periode der Alluvialbildung, wenn nicht noch weiter hinauf datiren. Ihre unglaublich leichte Bekleidung beunruhigt aber nicht weiter den Menschenfreund wegen möglicher Erkältungen, da sie augenscheinlich im Schutze ihrer natürlichen Erdrinde sich einer behaglichen und gesunden Temperatur erfreuen. Eine andere Familie kommt aus dem Innern der Provinz und wahrscheinlich aus einer jener kleinen Städte, deren Namen nur von der Presse erwähnt wird, wenn sie von Gewitter, Hagelschlag oder einem Bösewicht überfallen worden, der ihre Gebüsche unsicher macht oder im Schulsaal ein Klavierconcert giebt. Wer die Geschichte Noah's aufmerksam gelesen hat, kann sich eine Vorstellung von diesem angenehmen Bunde verwandter guter Menschen machen. Sie hat, wie der Erbauer der Arche, Alles mitgenommen, sogar die räderlose Karre des jüngsten Söhnchens, die kopflose Puppe des Töchterchens und alle langen Pfeifen des Stammvaters. Forschen wir nicht weiter im Schiffsraum nach, was diese Provinzialfamilie noch weiter mitgenommen hat, sie scheint sich von nichts trennen zu können und zu Allem fähig zu sein. Dort sitzt ein altes gemüthliches Ehepaar bei einander, zärtlich wie zwei vertrocknete Pflaumen an einem Zweige, von dem sie die Herbststürme nicht herabzuschütteln vermochten. Er scheint ihr Muth zuzusprechen; sie hört ihm zu, wie er ihr vor fünfzig Jahren etwas Anderes zugesprochen hat, was weniger für die Oeffentlichkeit war, als die Seekrankheit. Mehrere Herren verwahren sich durch Mienen absoluter Sicherheit gegen den Verdacht, eine so niedrige Krankheit zu bekommen, Andere nehmen Ballast von Beefsteaks und Karbonaden ein, um sicherer im Fahrwasser zu gehen, und noch Andere, als deren Repräsentant 132 wohl ein anscheinend wenig mehr als dreißig Pfund und einige Loth wiegender Herr mit einem feinen frostigen Strohhütchen und einem dünnen Stöckchen gelten kann, schlürfen kühlende säuerliche Getränke. Augenscheinlich bereitet sich die ganze Gesellschaft an Bord nach den besten Theorien zum Empfange jenes Ungeheuers vor, das da draußen auf der weiten Fläche zu lauern scheint, welche der Capitain »das Papenwasser« ueuut, eine erweiterte Oder oder ein verengertes Haff! Als ob sie gegen alle düstere Ahnungen ankämpfen wollte, beginnt jetzt die Schiffsmusik ihre Bestrebungen, allein es ist schwer, sie näher zu beschreiben. Zwar lassen sich nicht alle Vermuthungen unterdrücken, daß es doch wohl Märsche und Tänze mit bekannten Namen und von beliebten Componisten seien, was diese Blech- und Holzinstrumente verarbeiten, allein auf der andern Seite sprechen triftige Gründe wieder dagegen. Die eignen Zuthaten der Schiffsmusik überwiegen nämlich in einem so hohen Maaße, daß man diese Märsche und Tänze nicht allein für ihr unbestrittenes Eigenthum, sondern auch für Schöpfungen in voller Unabhängigkeit von allen pedantischen Clauseln der Harmonielehre erklären muß. Diese Ansicht gewinnt an Bestimmtheit, nachdem man ihre Leistungen mit ihren geschriebenen Noten verglichen und sich überzeugt hat, daß sie sich eben so wenig danach richten, als die Staaten nach den Vorschriften der Religion, von der sie sich »christliche Staaten« nennen. Auch sehen diese Musiker weit »unabhängiger« aus, wie wir uns vorsichtig zur See und an einem Bord mit ihnen ausdrücken, als die vagabondirenden Talente des Festlandes, sie verhalten sich zu diesen, wie die Barbaresken des Mittelmeers zu den regelmäßigen Kapern; auch in Betracht der Collekte unterscheiden sie sich wesentlich von ihnen. Selbige wird nämlich durch eine alte, einst grün lackirte Büchse von der Größe eines jungen hoffnungsvollen Wallmörsers vollzogen und verräth bei dem herausfordernden Schütteln ihres Trägers einen eisernen Fond von Hosenknöpfen. 133 So sehr die Musik, die Meister der Töne, ihre Art, das Honorar einzukassiren, auch die Seefahrer beschäftigen, so wenig können sie die Seekrankheit entfernt halten. Ein frischer Nordwester kommt dem Merkur aus dem Haff entgegen und das alte brave Schiff, das schon von verschiedenen jugendlicheren Dampfböten zum Aerger aller Jünger Merkurs überholt worden ist, stampft ungeduldig mit seinen nassen Beinen und wehrt sich gegen den zudringlichen Wind. »Wenn wir bei der Insel Wollin vorbei sind, kommen wir wieder in ruhiges Wasser,« soll der Capitain in der Nähe des Verschlages bemerkt haben, wo die hitzigen Getränke verkauft werden und wo jetzt eben ein starker Andrang stattfindet. Der Andrang der Geister der Tiefe ist indessen mächtiger als die Kraft der hochfahrenden spirituösen Geister; es beginnen die Opfer auf dem Altar des Poseidon! Zuerst fällt die älteste Tochter einer liebenswürdigen Familie. Ach, nicht die Ermahnungen eines würdigen Vaters, nicht das Flehen einer zärtlichen Mutter konnten sie retten! Lang ausgestreckt auf eine Bank, wirft sie jämmerliche Blicke auf die hartherzige Menschheit – ha, wer lacht da? – ja es lachen wirklich Einige – ganz besonders der kleine Kerl mit der Tabacksnase aus Angermünde! Kaum ist diese erste Blüthe geknickt, so sieht man die Mannschaft des Schiffes mit ganz neuen weißverzinnten Blechpfannen umherschleichen und sie heimlich unter Stühle und Bänke schieben. Der Anblick dieser verdammten Blechpfannen, die Niemand für das hält, was sie sein könnten, für Beefsteakmaschinen, läßt die Empörung ausbrechen. Das alte Ehepaar wird schwer betroffen. Er hält nicht mehr ihre Hand , er hält ihren Kopf! Die Provinzialfamilie ist vollkommen zersprengt und in ihre einzelnen Mitglieder aufgelöst, und diese Mitglieder gebehrden sich wieder im Einzelnen, als sollten auch sie gewaltsam zersprengt werden. Der leicht wiegende Herr ist wie weggeblasen – hoffentlich ist er nicht durch Versehen 134 mit dem Inhalt seiner Blechpfanne über Bord gegangen. Die Menschen sind indessen nicht so schlecht, als eine alte stehende Redensart behauptet; es macht sich an Bord ein allgemeines Mitleid geltend – weil sich Keiner mehr ganz sicher fühlt. Nur mit Einem hat Niemand Mitleid, trotzdem dieser Eine gerade am härtesten vom Schicksal geschlagen worden ist. Der kleine Kerl aus Angermünde, der sein ganzes Gepäck, lauter mit »Angermünde« fett signirte Schachteln, bei sich hat, der zuerst über die Leiden der Maid gelacht hat – dieses moralische Ungeheuer ist seekrank geworden. So seekrank, daß eine Blechpfanne sich zu ihm verhält, wie eine Tasse zu dem Inhalte eines Oxhoftes, daß er sich weit über Bord hinausgelegt hat und hinausbrüllt in das Haff, wie ein am Meere gelegener Vulkan. Aber es hat Niemand mit ihm Mitleid, er ist so unpopulair, daß jedesmal, wenn er einen neuen Anlauf zu seinen Expectorationen an die Gottheiten des Haffs nimmt, die ganze, noch gesunde Gesellschaft ein höllisches Hohngelächter aufschlägt und nur ein grauer Bootsmann bei ihm bleibt und ihn bei den Beinen an Bord hält, so wie er die Gepäckstücke mit »Angermünde« überwacht. Nur eine Gruppe zeigt sich vollkommen taktfest gegen die Seekrankheit: die ganze polnische Familie , und die Verfasser von Reisehandbüchern zur See dürften sich als Mittel gegen die Seekrankheit für die Folge wohl nicht jene besondere Eigenthümlichkeit der Familie als »konservativ« entgehen lassen. Das früher geäußerte Gutachten des Capitains zeigt seine Richtigkeit. Kaum ist die sandige und mit Fichten bewachsene Küste der Insel Wollin passirt, so hört das impertinente Schaukeln des Schiffes auf, die Passagiere richten sich einer nach dem andern wieder auf, Niemand riecht mehr an Citronenscheiben und eine enorme Menge Tassen mit schwarzem Kaffee wird herumpräsentirt. Columbus, als an jenem verhängnißvollen Morgen endlich die Küste von Amerika vor ihm aufstieg, konnte nicht vergnügter ausgesehen haben wie die Seefahrer, als endlich 135 der bescheidene Hafen von Swinemünde sie empfing und die Eingebornen des Landes, sämmtlich am Quai aufgestellt, sie mit gastlicher Neugier zu erwarten schienen. Noch einmal schnarchte die Schiffsmusik in ihre Trompeten, noch einmal röchelte die Maschine und dann legte der Merkur bei. Die Menschen hatten nun zwar die Gefahren der Seereise überstanden, aber es fragte sich, wie dieselbe dem – Gepäck bekommen war? Als wenn in dem Schacht eines Bergwerks ein Unglück geschehen ist, drängten sich die Inhaber um die Luke, aus der nun die Gepäckstücke eben so wild gen Himmel flogen, als sie zur Hölle gefahren waren. Die weise Einrichtung des Gepäckzettels besteht nicht zur See; hier mußte Jeder sehen, wo er bleibe, wie er's treibe – und wer steht, daß er nicht falle, denn die Frauenzimmer hatten sehr spitzige Ellenbogen und arbeiteten sich ohne alle Rücksichten gegen Milz und Leber der männlichen Reisenden nach vorn durch, um ihr Theuerstes – ihre Bettsäcke wieder zu erhalten. Und nun ereignete sich das Unerwartetste, das Wunderbarste: Alles kam wohlerhalten an das Tageslicht. Wie beim Tischrücken schienen alle Gesetze der Mechanik aufgehoben zu sein, große Matrosen standen auf Pappschachteln, ohne sie zu zerquetschen, schwere Koffer quetschten Mantelsäcke und Reisetaschen, ohne daß sie barsten, und alle Hutschachteln waren am Leben geblieben. Nie feierte die Menschheit nach langer Unterdrückung ein schöneres Fest der Wiedervereinigung mit ihren heiligsten Gütern, und dieses Fest wurde an der Küste von Swinemünde gefeiert! Der berühmte Badeort, das nasse Ziel unserer touristischen Bestrebungen, liegt hart an der Swine, dem mittleren Ausfluß der Oder, und wird gegen die Fluthen derselben durch ein Bollwerk aus Holz und Steinen, gegen die Fluth der historischen Umwälzungen aber durch seine Unbedeutendheit geschützt. Zur Beruhigung für alle diejenigen; welche vor einer etwa sogleich folgenden antiquarischen Auseinandersetzung zittern sollten, bemerken wir 136 sogleich, daß von Niederlassungen der Römer keine Spuren vorhanden sind, daß aber allerdings, um ein für alle Mal den historischen Punkt zu beseitigen, phönizische Münzen gefunden sein mögen, wenn man aus dem noch in erfreulicher Frische herrschenden numismatischen Eifer der Einwohner einen Rückschluß auf die Zustände ihrer Vorfahren wagen darf. Denn nur aus der Hoffnung, gelegentlich seltnere Stücke zu finden, läßt sich die Begierde erklären, welche sie nach allen Geldsorten der ankommenden Badegäste äußern. Außerdem giebt es in dem Orte wenig Altes , ausgenommen das – Fleisch , welches theils weit hergebracht werden muß, theils so lange aufbewahrt wird, bis es eine gewisse Weihe der Vergangenheit erhalten hat, doch machen einige öffentliche Orte von dieser Regel eine rühmliche Ausnahme. Die Einwohner selbst sind Ichthyophagen der strengsten Disciplin und kochen alle Fische grün , verstehen es aber nicht, sie nach den Regeln der Kunst zu braten , indem sie dieselben, wie die Inquisition ihre Ketzer, meistens ohne Butter dem Feuer anvertrauen, woraus jener schmerzliche Zustand derselben entsteht, den wir mit dem Ausdruck »gesengten Hauptes« bezeichnen. Jeder berühmte Ort hat seinen Nationalgeruch; Berlin duftet nach den Rinnsteinen, Venedig und Hamburg nach den Kanälen, Moskau nach Juchten, München nach Bierhefen, Scheermeißel nach Knoblauch und Swinemünde nach Theer und geräucherten Flundern. Letztere Bewohner des Meeres bilden sowohl einen wichtigen Exportartikel, als auch ein Hauptnahrungsmittel der Einwohner. Wenn sie aber alle größeren Exemplare mit abgerissenen Köpfen – der Flundern nämlich – auf Reisen zu schicken pflegen, so lieben sie es, aus den kleineren Fischen Packete von Dreien zu machen, welche aus je zwei dickeren Stücken als Einband und einem ganz dünnen Dinge als Materie bestehen. Hierin wird jeder denkende Geist unter den Neueren die unverkennbare Aehnlichkeit mit Musenalmanachen und Gedichtsammlungen erkennen. Da dieses Triumvirat von Flundern durch einen 137 mitten durchgezogenen derben Zwirns- oder Wollenfaden, der zuweilen von alten Strümpfen herzurühren scheint, miteinander verbunden sind, so sieht ein solcher Flundervorrath in der Entfernung eines Pistolenschusses, wie eine in Unordnung gerathene Bibliothek von lederbraunen Klassikern aus. Diese Speise würzen die Landeskinder durch die vortrefflichen Kartoffeln, die sie in dem noch vortrefflicheren Sande der heimischen Scholle bauen, in Betreff alles Uebrigen aber blicken sie vertrauungsvoll nach Stettin und nach dem Meere. Die Fauna der Gegend ist nicht mannigfaltig, doch pflanzen sich die vorhandenen Thiergeschlechter mit außerordentlicher Fruchtbarkeit fort. Ein Aussterben des Flohs steht nicht zu befürchten, auch herrscht ein Ueberfluß an Mücken der verschiedenartigsten Größe, welche zwischen der Natur des ausgewachsenen Maikäfers und der jungen, eben dem Schweizersahnenkäse entflohenen Fliege hin- und herschwankt. Außerdem hält sich die Saison über in der Strandgegend eine gewisse Klasse von grauen breitköpfigen Stechfliegen auf, denen die Damen, welche von diesen galanten Insecten bevorzugt werden, große rothe Beulen verdanken, die indessen nur wenige Tage anhalten und durch ihre Aufforderung zu anhaltendem Kratzen eine allen Badegästen heilsame körperliche Bewegung veranlassen. Was sind aber alle Uebelstände, der Mangel eines zarten Beefsteaks und eines fetten, kräftig duftenden Portweins, gegen die unermeßlichen Wohlthaten des Seebades und der Seeluft! – Es war an einem Sonntage in den friedlichen Morgenstunden, wann die Konstabler die Ladenbesitzer auffordern, sofort die Läden zu schließen, die Droschken an den Kirchen langsam vorbeifahren müssen, der Briefträger bei der uckermärkischen Havannah seine Siesta hält, der greise Wüstling über den Hof in den Weinkeller schleicht, um den heimlichen Madeira zu schlürfen: als ich am Ufer des Meeres spazieren ging. Die Ufer von Heringsdorf und Misdroy lagen im hellen Sonnenschein. Um die 138 Tannenwaldung ihrer Hügel spann sich ein zarter blaugrünlicher Dunst und der dürftige Sand sah auf zwei Meilen Entfernung so golden romantisch aus, wie die italienische und deutsche menschliche Bettelarmuth in den Bergen. Aus Nordwest wehte ein frischer Wind herüber und jagte die Wellen immer höher auf den Strand, die reine Bläue der Gewässer sprach anregend zum Geiste und das Brausen der Brandung blies wie eine Trompete ganze Geschwader von guten munteren Gedanken wach. So wandelte ich im Herrn vergnügt, denn ich war ganz und gar mein eigener Herr, in der köstlichen feuchten Meereskühle, als zu meinen Füßen aus der letzten Welle die schwarzen glatten Haare eines menschlichen Hauptes auftauchten. Langsam hob das Wasser die stolze Zier der Stirn und rann dann zurück, indem sich die Haare wieder an den Schädel schmiegten, der tief im Sande vergraben schien. Himmel! was war das? Welcher unglückliche Schiffbrüchige hatte hier, fern von der trauernden Gattin und den zarten Kindlein, das nasse Bett gefunden, wo nach Klopstock's schönen Worten »Stürme das Grab ihm erhöh'n!« Oder hatte der Mord die hagern harten Hände aus dem Hinterhalte nach einem beklagenswerthen Badegaste gestreckt? Gab es außer den bekannten Verbrechern des Pitaval noch unerforschte Strandmörder? Hatte sich vielleicht ein Leander von Swinemünde um eine Hero zu Heringdorf bemüht und war ein Opfer der göttlichen Leidenschaft geworden, die selbst die Geschlechter der Fische beherrscht? Waren es endlich die sterblichen Reste eines unvorsichtigen Badegastes und hatte die Badedirection die unverzeihliche Nachlässigkeit begangen, sich weiter nicht um die fernere Carriere des Ertrunkenen zu bekümmern? Die Scene unterbrach schmerzlich meinen Sabbathfrieden, aber die Religion und das Strafgesetzbuch legten mir strenge Pflichten auf und verboten mir jedes feige Zaudern. Die Religion sagte: Rette ihn, wenn Rettung möglich ist; das Strafgesetzbuch rief: Gehe hin und mache die Anzeige, damit man constatire, ob Kennzeichen äußerer 139 Gewalt vorhanden sind und in diesem Falle auf die Thäter fahnde! Zwischen Kirche und Staat entschied ich mich für die Erstere. Von dem Ertrunkenen oder Gemordeten ragte nur der Scheitel aus dem Sande hervor und ließ auf ein jugendlich blühendes Lebensalter schließen; der ganze übrige Körper lag tief im Sande und schien absichtlich fest verscharrt oder auch durch die Gewalt der Winde nach und nach mit Sand bedeckt. Wollte man Hülfe bringen, so mußte man zuerst den Kopf frei machen. Nach längerem Suchen fand ich endlich ein zugespitztes Stück Holz, das zu meinem Zwecke dienlich war. Mit vorsichtigen Händen begann ich den Sand an der Seite wegzuräumen, um nicht den armen Leichnam zu verletzen und vielleicht die spätere Obduction auf Irrwege zu führen, die leicht den möglichen Prozeß so verwirren konnten, als die bekannten Tätowirungen in der Ebermannschen Streitsache – da wich plötzlich das behaarte Haupt vor meinem improvisirten Spaten zurück. Erschrocken suchte ich es festzuhalten und hob auf der Spitze des Holzes – eine schöne neue Perrücke aus der See. Die Aermste war beim Baden ertrunken. Ihr junger eitler Herr ging vielleicht auf Freiersfüßen und wollte sein zartestes Geheimniß selbst nicht vor Bademeistern und schwatzhaften Badegästen enthüllen, oder gar seine Kahlköpfigkeit von dem mitbadenden Schwiegerpapa enthüllen lassen. Er war, vertrauend auf die Kunst der modernen Friseure, in das Reich Neptun's hinabgestiegen, als ihn der zornige Gott erfaßte und sich die Erstlinge seiner falschen Locken als Opfer ausbat. Thränenden Auges mag er dem falschen Kopfschmuck, der ihn zum Antinous machte, nachgeblickt haben – er mag an jenem Tage nicht an der Table d'hôte erschienen, sondern so lange bettlägerig und von unerhörten Kopfschmerzen gefoltert worden sein, bis Lohsé von Berlin einen neuen »Jüngling« geschickt hatte. Mit Pietät zog ich die Perrücke weiter auf den Sand, trug sie dann auf eine Bank und hing sie über das Geländer, um sie von Sonne und Wind trocknen zu lassen; dann ging ich von 140 dannen, in dem lohnenden Bewußtsein einer vollbrachten guten That, und forschte abermals nach dem Auswurfe der Ostsee. Mein erster Fund hatte mir Muth und Lust gemacht, die Erzeugnisse des Meeres gründlicher zu erforschen. Wer das Haar eines göttergleichen Jünglings gefunden hatte, konnte auch so glücklich sein, wenn nicht eine ganze schaumgeborne Aphrodite, so doch einzelne in Paris verfertigte Theile derselben, als Strandgut zu entdecken und sich nach dem alten Strandrecht anzueignen. Doch die Gunst des Schicksals lächelte mir nicht ferner, oder die Lockenscheitel des schönen Geschlechts saßen fester; ich fand nichts weiter, als einige von der See ausgeworfene Cigarrenenden, Tang, Gräten, todte kleine Heringe, Flundern und winzige kleine Muscheln. Der Strand der Ostsee hat nichts gemein mit dem Conchylienreichthum der kaufmännischen Schaufenster von Swinemünde, wo die köstlichen Papiernautilus, Riesenmuscheln und Korallen sauber geglättet paradiren. Der Ostseestrand ist ein Proletarier; was man nicht hineinwirft, kann er auch nicht ans Land werfen. Als ich in meine Wohnung heimkehrte, war das Resultat meines ersten Fischzuges verschwunden. Der rechtmäßige Eigenthümer schien sich die Perrücke nicht wieder angeeignet zu haben, allein einige Fischer , die ihre Netze am Sabbath ausbesserten, lächelten so vergnügt, als ob sie einen kolossalen Stör gefangen hätten. Was hatte ich gethan? Welche Folgen konnte meine menschenfreundliche Gesinnung haben? Wenn nun die gebräunten stämmigen Männer nach Swinemünde hineingingen, der hohen Obrigkeit diese »Ergänzung« zu einem ordentlichen jungen Manne übergaben, und nun im Badeanzeiger das Signalement derselben nebst Finderlohn veröffentlicht wurde? – Erschüttert floh ich von dannen und verbarg heimgekehrt mein Haupt in einen Teller vortrefflicher Aale, bei denen ich mir zuschwur, nie wieder fürwitziger Weise den Strand zu durchforschen, sondern mich am andern und den folgenden Morgen ungetheilt den Studien im Männerbade 141 zu widmen und auch wohl geeignete Nachforschungen über die Ereignisse und Sitten der Besucherinnen des Frauenbades anzustellen. Die Gesellschaft in einem Seebade wird nicht im Gesellschaftshause, im Salon, am Kartentisch, an der Table d'hôte erkannt; um hinter ihre Geheimnisse zu kommen, muß man wenigstens bis an die Kniee ins Wasser gehen. Die Gesellschaft des Seebades muß studirt werden, wenn sie sich Angesichts des Meeres enthüllt, wie die große Gemeinschaft der Menschen Angesichts des Moralgesetzes. Dem Wasser und dem Moralgesetze gegenüber sind alle äußeren Hüllen und Trugdekorationen vom Uebel. An der Schneegränze und am Niveau des Meeres hören alle conventionellen Schnurren auf. Die Affenschande von Rang und Ehre wohnt in den mittleren Regionen, wo der Hafer und die Disteln wachsen. Schiller, wenn er sagte: »Auf den Bergen ist Freiheit!« hätte hinzusetzen können: »und am Strande des Meeres!« Es gilt dasselbe von beiden Linien, wo die Vegetation und mit ihr die krause, verworrene, vielfach zerfaserte und zerrissene Gesinnung des Menschen aufhört! Im Wasser sein, heißt im Grabe sein, und über die letzten Grashalme hinausschreiten, ist schon ein Vorgeschmack von dem friedlichen Erloschensein, wenn die Grashalme über uns eine strenge Schneegränze gegen die unruhigen Lebendigen bilden. Wie die Inquisition, als sie ihrer Zeit das Scepter der Welt führte, im Feuer alle Differenzen ausglich und sämmtlichen Ketzern die gottlosen Gesinnungen ausbriet , so schicken heute die Aerzte ihre sämmtlichen Patienten ins Seebad und lassen sie von dem mächtigen Elemente auswaschen , wenn sie gegen die Dogmatik des Gesundheitskatechismus gesündigt haben. Im Seebade kommen daher alle Ketzer in Sanitätsangelegenheiten zusammen. Die Stubenhocker und Bücherwürmer, die Aktenmenschen und Kriegshämorrhoidarien (denn das heutige Kriegswesen gehört offenbar schon in die Branche der sitzenden Lebensarten), die abgeblaßten Mädchen und die bleichsüchtigen 142 Knospen, die Mütter und solche, die es werden wollen, die Väter und ihre Stellvertreter: sie alle kommen im Seebade zusammen. Die Galerie von Badezellen ist eine reichere Fundgrube für Beobachtungen, als die Foyers der größten Theater, die Kirchenstühle, die Whistpartien, die Theezirkel, die Parlamente und die Expectorationen der Presse. Ueberall reservirt sich der Mensch einen letzten Rest von einer Maske, einen schwachen Anflug von Schminke; wenn aber der letzte Strumpf gefallen ist, wenn das Hemde am Nagel hängt und der Bademantel »den Menschen an sich«, entkleidet von allen den elenden Abstractionen der Welt, wie das Leichentuch umfangen hat, dann sehen wir, was wir an einander haben, und frei von den äußeren Schranken und den » Leute machenden Kleidern«, spricht der Mensch zum Menschen: Die jetzige Generation ist sehr mager , ganz außerordentlich mager! Nachdem alle norddeutschen Organe über die Thierschau des Längeren und Breiteren ohne alle falsche Scham gesprochen und ihre unverhüllten Meinungen über die Gestalten von Pferden, Ochsen, Schafen und Schweinen gesagt haben, glauben wir keinen Anstoß zu erwecken, wenn wir bei der seltenen Gelegenheit einer Menschenschau unser Gutachten über die verschiedenen Mästungsmethoden und Stallfütterungen abgeben. Aus dem Exterieur der heutigen Menschheit, wie sie in den mehr als fünfhundert Exemplaren eines Ostseebades an den Tag tritt, läßt sich nur auf eine mangelhafte Naturalverpflegung und sehr schlechte Abwartung schließen. Im Ganzen wird offenbar noch schlechter gefüttert , als geputzt . Die gediegenste Klasse sind augenscheinlich mehrere würdige Oekonome und Amtleute. Sie sind gut bei Fleisch, von kräftigem Muskelbau und vortrefflichem Humor zu Wasser und zu Lande. Es schmerzt uns, dasselbe nicht von den anwesenden Militairpersonen sagen zu können. Wir sprechen namentlich von den aktiven Vertheidigern des Vaterlandes, da die verdienten Pensionäre das Ihrige in Krieg und Frieden 143 in so vollem Maße gethan haben, daß sie hier nicht mehr wohl in Betracht kommen können. Wir haben wirklich nicht für möglich gehalten, daß der menschliche Körper es bis zu dieser ätherischen, elfenartigen Feinheit und Durchsichtigkeit bringen könne, welche wir nach Ablegung gewisser ausgestopfter Uniformen zu bewundern Gelegenheit hatten. Welche Gefühle von Sicherheit müssen in der Brust dieser jungen Tapfern wohnen, wenn sie sich in dem Kartätschenfeuer des Feindes sagen, welche unbedeutenden Chancen für den Erfolg des Geschützes die geringen Dimensionen ihrer Gliedmaßen bieten, und wie unangefochten eigentlich ein menschliches Gebilde aus mathematischen Linien dem Kugelhagel entgegen treten könne. Diese Glieder durchschneiden, scharf wie Ruder, die Fluthen und sind vollkommen unkenntlich, wenn sie später, durch ihre natürliche Watte vervollständigt, im Ballsaale in einer sanften griechischen Rundung prangen. Gewisse bejahrte Rentiers verrathen zwar eine ausgezeichnete Verpflegung, allein die geringe Anstrengung hat sie schwammig werden lassen, und der Diogenes, der seine Laterne am Gestade des Meeres ausgelöscht hat, wendet sich von ihnen mit Entrüstung ab, indem er sie den Kennern der Landwirthschaft überweist. Fast eben so mangelhaft gestaltet, als die jüngeren Vaterlandsvertheidiger, sind die mosaischen Männer, deren sich aus den umliegenden Ortschaften eine unbegreiflich große Anzahl angefunden hat. Das gesetzte Essen, das diese frommen Bekenner des alten Testaments und des Talmuds doch wenigstens einmal in der Woche zu sich nehmen, scheint auf ihr sterbliches Gerüste nicht den günstigen zu erwartenden Einfluß ausgeübt zu haben und die betrübliche Verkümmerung ihrer Gliedmaßen wirft ein neues und frappantes Licht auf jenen absonderlichen Wunsch des Shylock im Kaufmann von Venedig. Es läßt sich nämlich sehr wohl begreifen, warum der bigotte Mosaiker von der Giudecca gerade ein Pfund Fleisch von dem wahrscheinlich sehr wohl genährten und gutgestalteten 144 Antonio haben wollte. Andererseits geht aus diesem verzeihlichen Wunsche hervor, daß schon damals die Badevorkehrungen in Venedig besser waren, als sie leider gegenwärtig sind, und daß Shylock den Antonio früher gesehen und als vollwichtigen Mann gewürdigt haben mußte. Doch würde es den Shylocks von Stettin, Anklam und Greifswald leider sehr schwer werden, einen genügenden Antonio in den nördlichen Seebädern zu finden, und müßten sie ihren Wunsch dahin modificiren, daß sie sich, statt eines Pfundes Fleisch, nur die statutenmäßige Knochenbeilage ausbäten. Von den vorhandenen Schulmeistern, Geistlichen, Beamten und sonstigen Privatgelehrten schweigen wir, da es eine Linie giebt, wo das Wort und die Typen der herkömmlichen Begriffe nicht mehr ausreichen, um Zustände zu schildern, die innerhalb des Etats des Cultusministeriums liegen, und vor allen Dingen eine schleunige Anwendung von Schinken, Eierspeisen, Rostbeefs und starken Bieren erheischen, ehe die deutsche heitere Presse so viel Stoff bei ihnen vorfinden kann, um ihre launigen Betrachtungen daran zu knüpfen. Wer aber den Ellenbogen und das Knie in seiner ausgeprägtesten Entfaltung kennen lernen will, dem würde der Badesteig ein ganzes anatomisches Museum von osteologischen Präparaten ersetzen und ihn belehren, daß auch das Knochensystem des Menschen für sich allein ein ganz erträgliches Dasein führen könne. Wenn alle diese Menschen an das Proscenium der See hinaustreten, wo der kühle Morgen seinen Nebelvorhang aufgezogen hat, und die zahllosen neugierigen Häupter der Wellen nun auf die unglückseligen Schauspieler blicken, giebt es eine Reihe der köstlichsten dramatischen Scenen. In jedem, auch dem tapfersten Menschen tritt kurz vor dem entscheidenden Sprunge ins Wasser jener Zustand der Wasserscheu ein, den wir in unserer eigensinnigen Legislatur nur bei den armen Hunden so strafbar finden. Es ist eine Analogie des Kanonenfiebers , das selbst die ältesten Soldaten vor dem Beginn der Schlacht empfinden können, ganz wie manche alte Matrosen bei der 145 Ausfahrt aus dem Hafen Anflüge der Seekrankheit . Die meisten Armensünder gehen entschlossener die verhängnißvollen Stufen hinan , als die traurigen Badegäste die Stufen zur See hinab steigen. Nach langem Umhergaffen, Reiben und Zagen erfolgt endlich der entscheidende Sprung, und ein erstickter Aufschrei ist Alles, was im ersten Moment von dem Opfer übrig bleibt. Zwei Freunde nehmen jedesmal gleichsam für das Leben Abschied, ehe sie sich in das Wasser stürzen. Ihre Freundschaft ist so groß, daß sie niemals dieselbe Treppe wählen, um sich in die Wellen zu werfen, gleichsam als ob sie Einer dem Andern den traurigen Anblick des Momentes entziehen wollten, wo sich, wenn auch nur für wenige Sekunden, der grüne weißgestickte Schleier der See über den Häuptern voll edler Gedanken ausbreitet. Mit welchem Entzücken sehen sich dann nach einer bangen Minute des Ausschnaufens und heftigen Prustens die herrlichen Freunde zehn Fuß weiter auf der rettenden Sandbank wieder, wo sie schon ein halbes Dutzend häßlicher Kerle finden, die sich über die Achseln nach den heranrollenden Wellen umsehen und kein Tröpfchen verloren gehen lassen wollen, wie die Chemiker, wenn sie einen Dukaten in Königswasser aufgelöst haben. Wie freudig betreten die göttlichen Dioskuren später dann das Land, in Gestalt des festen Brettes; wie malerisch hüllen sie sich in die feuchten Mäntel, wie zärtlich blicken sich ihre treuen Augen und selbst ihre treuen Hühneraugen untereinander an – nicht die Liebe Hero's und Leander's allein ist fähig, im Wasser zu sterben, auch die Freundschaft Müller's und Schultze's! Dort schleicht Einer isolirt ins Wasser; eine rothe Badekappe macht ihn unter den vielen gelben Mützen und behaarten oder kahlen Schädeln weithin bemerkbar, wie die feurig glänzende Mohnblume unter Kuh- und Gänseblumen. Sein in die Tinten der Leberkrankheit getauchtes Gesicht blickt mürrisch in die See; noch phantasirt er, ob sie tiefer sei, als seine Hypochondrie, da schleicht von hinten ein Bube herbei, kein Freund , sondern nur ein College 146 der Schulmeisterei, und stößt ihn unbarmherzig in den zwei Fuß tiefen Abgrund, um dann hinterdrein zu springen und den Ueberraschten unterzutauchen, daß die rothe Badekappe wie ein Karfunkel aus grüner Meeresnacht aufleuchtet. Ein fetter Herr liegt behaglich wie eine Insel der Seligen im Wasser. Sein Rücken ist so breit, daß die herangespülten Seegräser eine Art Bank auf ihm angesetzt haben und den Gegensatz bilden zu seinem Wanste, den er schon auf dem Lande zu einer Austernbank bestimmt hat. Die magern Herren verkriechen sich da, wo das Wasser am tiefsten ist, und die Knaben halten sich da auf, wo es am seichtesten ist. Sie gehen wider alle Lehren der Gesundheitslehre nur bis an die Kniee ins Wasser, und bemühen sich dann, durch die verschiedenartigen Ränke der Jugend, den Gegner zu Boden zu werfen und unterzutauchen. Wer mit trocknem Leibe aus dem Kampfe hervorgeht, wird von den Uebrigen als Sieger betrachtet. Aber nicht immer bleiben diese Seeschlachten ohne Intervention. Wenn ein großer Junge den kleinen Abraham so lange untergetaucht hat, daß er einen empfindlichen Mangel an Lebensluft verspürt und zu fürchten steht, daß der Stamm um ein hoffnungsvolles Mitglied verkürzt werde, stellt sich zur rechten Zeit der Bademeister als vermittelnde Seemacht ein, und jagt den großen Jungen aus dem Bosporus in seine Badezelle. Sollen wir nun noch einen bei fünf Thalern Strafe verbotenen Blick nach dem Damenbade werfen? Sollen wir ergründen, ob wir unter den langsam schleichenden, in Bademänteln tief vermummten trübseligen Gestalten eine der Heldinnen der Diners und Sonntagstänze wiedererkennen? Nein – niemals! Wenn jene griechische Schönheit vor dem ganzen Hellas unbekleidet in die See stieg, so hat unsere Epoche ihre triftigen Gründe, den Bademantel niemals abzuwerfen. Sein wir nicht unbescheiden, und wenn wir selbst vor dem Schicksal des dummen Aktäon und vor der Anwesenheit jeglicher Diana vollkommen sicher sind. 147   Der Damen-Kaffee. Zur Erlegung des zarten Zobels und zur Schonung seiner kostbaren Hülle sind die gewöhnlichen Schußwaffen viel zu grob und plump; man bedient sich, um seiner habhaft zu werden, leichter Bolzen und kleiner Bogen. Die Moral dieser Bemerkung möchte sein, daß die ordinaire Stahlfeder und Schreibart für die duftige Poesie des »Damenkaffees« nicht anwendbar, sondern der Beistand irgend eines Backfisches von Muse anzurufen ist, um elegantes Schreibmaterial und einen gefälligeren Styl zu erzielen. Vielleicht ist eine männliche Hand überhaupt nicht geeignet, diesen gefährlichen Stoff zu skizziren. So aufmerksam wir uns aber in der humoristischen Literatur umgeschaut, wir haben kein Erzeugniß des weiblichen Schreibtisches entdeckt, das von diesem wichtigen Gegenstande handelte, und wir müssen annehmen, das schöne Geschlecht fürchte, seine feierlichen Kaffeeversammlungen durch die Feder zu profaniren. Wir fühlen uns daher zu verdoppelter Vorsicht veranlaßt, indem wir eine Skizze des Damenkaffees zu schreiben wagen. Diese bedeutsame Festlichkeit pflegt meistens anberaumt zu werden, wenn der Gemahl des Hauses zu einem Diner geladen, auf einer Geschäftsreise befindlich, oder durch amtliche Geschäfte bis spät in den Abend hinein gefesselt ist. Wenn ein Damenkaffee stattfindet, ohne daß der Gemahl in Wirklichkeit durch eine dieser Ursachen von Hause 148 entfernt wird, so kann man annehmen, daß er die Gelegenheit nicht unbenutzt vorübergehen lassen wird, sondern einen plausiblen Vorwand erfinden, und seine Zeit wohl auszubeuten verstehen wird. Daher entspricht es ganz dem Geiste der neueren Geschichte, wenn im Gegensatze zu dem Alterthume, das aus dem Zusammensein der Diana mit ihren Nymphen einen Aktäon hervorgehen ließ, der Damenkaffee oft Veranlassung giebt, daß grade die liebenswürdige Wirthin von dem bedauerlichen Schicksal jenes kühnen Jägers ereilt wird. Wenn neue oder gewaschene Gardinen den Salon zieren, wenn ein Fortepiano oder ein großer Teppich angeschafft worden, dann pflegt auch der Damenkaffee genügend herangereift zu sein. Er beginnt mit einem allgemeinem Fensterputzen, Poliren der Thürgriffe und Abstäuben der Möbel und Bilder. Wenn dieses Geschäft beendet ist, fängt es von Neuem an und wird mit Erbitterung bis an den Mittag des wichtigen Tages fortgesetzt. Der Messingbestand an Ofenthüren, Zangen und Drückern mag für gewöhnlich noch so blank polirt sein, jetzt wird er bis zu einem trügerischen Goldglanz emporgeängstigt. Dann kommt die Reihe an die Epheuplantage. Welche Dame umgäbe sich nicht am liebsten mit diesem geduldigen und nachgiebigen Gewächse, das am besten um und auf Ruinen gedeiht! Die ganze Epheuvegetation wird gewaschen und von den welken Blättern gereinigt. Erst dann läßt man ein Gleiches der Blumenetagère und den sonderbaren Krüppeln widerfahren, welche man Palmen zu nennen beliebt. Aber der Epheu bleibt immer der Liebling. Ist er doch das eigentliche Symbol des Mannes, wie er sein sollte, aber nicht ist, eines anschmiegenden bescheidenen Wesens, das gern im Schatten steht, billig zu unterhalten ist, sich an allen Enden beschneiden läßt, und, mit Kaffeegrund ernährt, am üppigsten gedeiht! – Die Auswahl der Kaffeeserviette ist keine Kleinigkeit. Was dem Bataillon seine Fahne, das ist für eine Kaffeegesellschaft die Serviette, nur muß sie nicht möglichst zerschossen und zerschlissen, sondern neu, bunt gewebt und glänzend sein. 149 Wenn die junge Garde nicht zusammentreffen kann, ohne von Hunden und Pferden zu reden, versammelt sich nicht die alte Garde von Damen, ohne mit einer Kritik von der Serviette zu beginnen und auf die Dynastie des Tischzeuges überzugehen. Das beste Service wird aufgebaut, alles vorhandene Silber auf das gewaltsamste geputzt und dem Auge wohlgefällig arrangirt, die verschiedenen Kuchen geschichtet und die erforderliche geschlagene Sahne, so wichtig wie die Auster bei einem Herrendiner, an der kühlsten Stelle im Hause aufbewahrt. Allmählig rückt die Stunde heran, in der die Wirthin Gäste erwarten kann. Man ist bei einem Damenkaffee nie pünktlich, das Erscheinen richtet sich nach dem beabsichtigten Effekte, je nachdem man auf das Tageslicht oder den Lampenschein Toilette gemacht hat. Damen, die vermöge ihres Standes auf die schärfste Sophaecke Ansprüche erheben können, erscheinen stets, wie commandirende Generäle bei der Parade, zuletzt, und bringen eine von allgemeinem Präsentiren der Handarbeiten begleitete Störung hervor. Ehe alle Eingeladenen versammelt sind, nimmt das Gespräch keine bestimmte Richtung an. Es bilden sich kleinere Gruppen, die sich in noch leisem Tone unterhalten. Man äußert sich in geistreicher Weise über Potichinomanie, englische Stickereien und moderne Aermel- und Kragenfaçons; man bewundert eine anwesende Haube, und beneidet ein eintretendes Kleid, ein schweres Armband, eine Uhr, nicht größer als ein Viergroschenstück, und begeistert sich in Kaffee für die spätere Ventilirung der heiligsten Interessen des schönen Geschlechts. Unterdessen haben die Arbeiten nicht eine Sekunde lang aufgehört. Alle anwesenden Damen sticheln, als hinge der Bissen trockenen Brodes für den nächsten Tag von der Vollendung der vorliegenden Borte oder sonstigen Tapisserie ab. Wenn Talleyrand meinte, die Sprache sei da, um die Gedanken zu verbergen, so meinen wir, daß, wo Gedanken fehlen, es kein besseres Mittel giebt, ihren Mangel zu verstecken, als weibliche Handarbeiten. Nebenbei 150 lassen sich aber für begabte hoffnungsvolle Naturen hinter Cannevas- und Battistläppchen die gefährlichsten Ausfälle und Bonmots vorbereiten. Sie sind die Redouten, hinter denen der weibliche Witz plötzlich hervorbricht und den arglosen Gegner vernichtet. Der unglückliche Mann hat in der Gesellschaft nichts, hinter dem er das Auge verbergen kann, wenn er auf Verrätherei sinnt. Erst seitdem ich mehrere Damenkaffees belauscht habe, ist mir in voller Klarheit aufgegangen, was es mit dem Gewande der Dejanira für eine Bewandniß hatte. O über diese kurzsichtigen Philologen, die den tiefsinnigsten Mythus Griechenlands in plumper Wörtlichkeit auffassen! Nicht in das Blut des Nessus hatte Dejanira das Gewand getaucht, es war nur eine Handarbeit, hinter der hervor sie dem Herakles das Leben so sauer gemacht, ihm so viele tödtlich verwundende Spitzen gegeben hatte, daß er sich von Hyllus auf den Oeta tragen und lieber verbrennen ließ, ehe er noch länger Stand hielt. Von den Stoffen geht die Conversation bald zu den Hallen derer über, welche, wie die Natur den Stoffwechsel aller Dinge, so doch wenigstens den des schönen Geschlechts mit wahrer Allmacht befördern; man verliert sich in die Modetempel, man kritisirt die letzten Posten von Kleidern, Mantillen, Bändern, Tüchern, die jüngste Acquisition im Fache der Verkaufsmamsellen, und kommt durch eine elegante Wendung auf das kaufende Damenpublikum. Der Damenkaffee hat nun seinen Culminationspunkt erreicht; er schwebt auf der Höhe der philosophischen Meditation, der psychologischen Analyse, der humanistischen Intentionen. Niemals ist eine größere Verläumdung gegen die freundlichere Hälfte des menschlichen Geschlechts ausgesprochen worden, als von jenem Bösewichte, der die Gefährtinnen des Mannes zu malitiöser Kritik und unberufener Sorge um das Befinden und Gedeihen des Nächsten, vornehmlich aber der Nächstin, geneigt schilderte. Eine wohlwollendere Beurtheilung fremder Schwächen, als z. B. in einem Damenkaffee stattfindet, der denn doch als der 151 reinste Ausdruck schöner weiblicher Geselligkeit betrachtet werden darf, wird man nicht leicht in einer andern Sphäre antreffen. Alle Worte sind in tiefen, bittern Schmerz über die Hinfälligkeit des weiblichen Wesens getaucht, das z. B. eine schwere Atlasrobe gekauft, während seine Mittel ihm angeblich höchstens zerknitterbaren Changeant gestatten. Wie sehr wird der arme Mann dieses Wesens bedauert, jener Märtyrer, dessen glatzköpfiger Hut nun schon das dritte Stiftungsfest erlebt; wie elegisch spricht man von den Kindern, welche die Dame in der Sophaecke, wohlbemerkt, die gelbseidene Dame grand mousseux première qualité , neulich mit großen Butterbröden – Bröden, nicht Semmeln – vor der Thür spielend gesehen hat, obgleich ihre hübschen Skrophelchen wohl auf Semmeln Anspruch machen könnten; wie mißbilligt man die Knechtschaft der Dienstmädchen jenes Wesens, die nicht satt zu essen bekommen, da sich das Hausmädchen neulich einen großen Pfefferkuchen gekauft hat, – man weiß es gewiß und findet es sehr – sehr Unrecht von der geizigen Hausfrau, daß sie das arme Mädchen so hungern läßt. Der Rath der Alten oder die Pairskammer beschäftigt sich so mit der socialen Frage; die zweite Kammer, deren Mitglieder unter vierzig Jahren zählen müssen, ist inzwischen auf das Schauspiel, oder besser, auf das Schauspielpersonal gekommen. Die ersten Liebhaber genießen das unverbrüchliche Recht, unerschöpflichen Unterhaltungsstoff für Damenkaffees zu liefern, wie Louis Napoleon für die Bierbänke. Der ersten Liebhaberin wird, zur Ehre des schönen Geschlechts sei es gesagt, kein geringerer Antheil geschenkt. Der Corpsgeist bringt es mit sich, daß man sie als die öffentliche Vertreterin der amorosen Interessen mit nicht minderer Hochachtung betrachtet, als die Männer ein bedeutendes liberales Parlamentsmitglied. Versteht die Dame zugleich »Toilette zu machen«, so wird sie doppelt geschätzt. Man könnte fast auf die Idee kommen, daß die Damen glauben, ein moderner Paris würde, abermals aufgefordert, zwischen drei göttlichen Schönheiten den 152 Schiedsrichter zu spielen, nicht wie sein Vorfahr, ganz abgesehen von den Ausgeburten des Modenjournals, sondern einfach der glänzendsten Toilette den streitigen Apfel überreichen. – Bald darauf nimmt der Damenkaffee eine neue Physiognomie an; das obligate hitzige Getränk nebst den dazu gehörigen Torten wird umhergereicht. Da die Kunst, eine weise gemischte Bowle zu verfassen, selbst unter Männern so weit verloren gegangen ist, daß nur noch wenige Eingeweihte ihre mystischen Regeln kennen und ausüben, darf man von den Damenkardinälen keine zu großen Erwartungen hegen. Es wird aber wohl keinen Mann geben, sein Gaumen sei denn vollständig verwahrlost, der nicht bei seiner Heimkehr das hinter seinem Rücken fabricirte Gebräu für denselben Stoff erklärte, der in Houwald's bekanntem Trauerspiel: die Heimkehr, eine so große Rolle spielte, nämlich für langsam wirkendes Gift . Einer der angewandten Stoffe, natürlich den Wein selber stets ausgenommen, muß in der Mischung immer die Oberhand behalten. Gewöhnlich herrscht der Zucker vor, sehr oft die Ananas oder die Bitterkeit der Pomeranze, daß man allenfalls an ein Ananascompot oder an magenstärkende eingemachte Pomeranzenschalen glauben kann. Hinter diese drei Stoffe verstecken sich gern die angewandten Weine, wie das nur mit Kattun und Calicot bekleidete letzte Glied des Corps de Ballet hinter die in Seide gleißenden vorderen Reihen. Sie sind stets die jüngsten, kleinsten und noch nicht abgelagerten. Nach dem Genuß der verderblichen Feuchtigkeit bricht die Anarchie herein. Die Tassenrunde der Königin Ginevra vor dem Sopha wird gestört, der Rath der Alten wirft sich an den Bostontisch und das Fortepiano wird aufgeklappt und beklimpert, um die Wilhelmine Claus oder die Jenny Lind des Damenkaffees zur Kundgebung aufzustacheln. So kratzt der kunstsinnige Schneider im Mai mit seiner Scheere auf dem Bügeleisen, wenn er die tückisch schweigende Nachtigall vor dem Fenster zum Gesange 153 anreizen will. Der Erfolg läßt nicht lange auf sich warten. Zwar ist kein Herr zugegen, auf dessen Herz zu zielen wäre; allein Mütter, die seit zehn Jahren theure Gesangs- und Klavierstunden bezahlen, lassen mit demselben Fanatismus, selbst in engern Damenkreisen, ihre Töchter singen und spielen, als die Sportmänner nur unter sich mit ihren Rennern wetteifern. Nachdem einige Nocturnes, Phantasieen und Salonwalzer weidlich ausgeklopft, und »Gnade Robert – Gna . . . a . . . a . . . de für mi . . . i . . . ch!« ausgehaucht worden sind, fällt man über die armen Lehrer her. Piquirte Pro's und Contra's erheben sich auf beiden Seiten. Die Sternianerinnen widersprechen den Jähnsenistinnen, die Teschnerianerinnen blicken herab auf eine arme Julius Schneiderin, und eine angebliche »Manuel Garcia« (sie hat sich nur ein halbes Jahr lang in Cöln bei einer Tante aufgehalten) hüllt sich mit spöttischen Blicken in ein vornehmes diplomatisches Stillschweigen. Vom Gesange gelangt man auf die Sängerinnen, was natürlich so viel heißt, als auf Johanna Wagner. Jede Virago ist der Stolz sämmtlicher Damen. Sie bewundern die männlichen Eigenschaften der Kraft und Größe merkwürdiger Weise auch an dem eigenen Geschlechte und vermögen sogar sich leidenschaftlich darin zu verlieben. Johanna Wagner erregt den meisten Enthusiasmus unter den Damen, während wohl nie ein Mann für Mantius selbst in seinen guten Jahren geschwärmt hat. Rasch ist die Zeit herangerückt, daß die Damen sich entfernen. Schon sind einzelne Hausknechte und Mägde angelangt, um mit Ueberbleibseln in den Gläsern in der Küche besänftigt zu werden. Auch ein Hausherr, der eigentliche Hausknecht seines chez soi findet sich ein, um das Weib seines Herzens heimzuführen. Man bedient sich seiner, um bei den Rüstungen in der Garderobe den Damen die Mäntel überzuhängen, wobei er eine auffallende Dienstfertigkeit gegen die Jüngeren verräth, welche sich sogar bis auf die Ueberziehschuhe erstreckt. Endlich sind alle Schleier, Muffen, Handschuhe und Kragen 154 gefunden , und der Moment der Trennung – des letzten Abschiedes naht. Ich habe Verwandten, die über den Ocean schifften, für immer Lebewohl gesagt, ich habe von Menschen, die wahrlich Ursache hatten, noch eine Weile im Leben zurückzubleiben, auf ihrem Sterbebette Abschied genommen, ich habe dabei gestanden, als Verurtheilte hart am Schaffot ihren bewegten Richtern zum letzten Male die Hand so heftig drückten, als wollten sie sich daran festhalten – was ist das Alles gegen die Schmerzen, gegen das Anklammern, das Adieurufen, das Nachlaufen, Winken und Wedeln bei dem Fahrwohl nach einem Damenkaffee. Nicht der Ocean und der unfreiwillige oder unwillkommene Tod können diese Phänomene des Kummers hervorrufen; man glaubt, daß es sich um eine Zerstampfung aller Atome handelt, und daß auf diese heißen Küsse nichts weiter folgen könne, als – erbarmungslose Vernichtung und Ausmerzung aus dem Universum. 155   Alte Knaben. 1. Er steht früh auf. Vor drei Jahren bewohnte ich, größerer Bequemlichkeit in Redaktionssachen halber den Hinterflügel einer Druckerei. Der Sommer war verflossen, der Oktober kam, die alten Blätter der freien Natur fielen ab und die Literatur setzte neue Blätter an, Tag und Nacht ächzten und klappten die Schnellpressen, täglich entließ der Druckereibesitzer die alten Laufburschen und nahm neue an, täglich entleerte der Möbelwagen das Vorderhaus und füllte es von Neuem; die untrüglichen Zeichen des Herbstes waren da. Es war in den ersten Tagen des Oktober, als ich lange vor Tagesanbruch durch ein seltsames Geräusch geweckt wurde, das nichts mit dem Lärm einer Druckerei, bei welchem ich, wie der Müller in seiner Mühle, ruhig weiter zu schlafen pflegte, gemein hatte. Das Geräusch schien von der gegenüberliegenden Seite des Hofes herzuschallen. Es kam mir vor, als ob ein großer Schwimmvogel heftig in ein Bassin untertauchte, das Wasser von den Flügeln schüttelte und an's Ufer sprang. Dieses Manöver wiederholte sich mehrmals rasch hintereinander. Zugleich ließ sich ein furchtbares Prusten und Schnaufen vernehmen. Da ich genau wußte, daß kein Menageriebesitzer seine Bude im Hofe aufgeschlagen hatte, also kein Pelikan oder Eisbär die gebräuchlichen Abwaschungen vornehmen konnte, sprang ich 156 auf, kleidete mich rasch an, schlug die Vorhänge zurück und bemerkte, daß die Fenster eines großen, meiner Wohnung gegenüberliegenden Zimmers, in dem Niemand im Laufe des Sommers gewohnt hatte, offen standen. Eine große Astrallampe erhellte das Gemach und in der Mitte desselben stand eine riesige runde Wasserkufe. Anfangs bemerkte ich keine Bewohner, aber plötzlich sprang von der rechten Seite her ein langer alter Mensch von unglaublicher Magerkeit mit wahrer Wuth in die Kufe, aus dem Dunkel der linken Seite stürzte sich ein Soldat im alten Militairmantel mit aufgeftreiften Aermeln über ihn her und bearbeitete den Langen in dem Wasser, als ob er ihn ersäufen wollte. Dann sprang der Alte prustend heraus und das Experiment begann von Neuem. Zuletzt ergriff der Soldat eine Bürste von der Größe der gewöhnlichen Treppenreinigungsinstrumente, und bearbeitete den Alten, daß er ihm das Fleisch von den Knochen gebürstet hätte, wenn solches vorhanden gewesen wäre. Der Soldat entfernte sich und mir fiel ein, daß ich durch meine Neugier indiskreter Zuschauer einer häuslichen Scene geworden war. Vollständig ermuntert, kleide ich mich an und zünde Licht an. Von der andern Seite erschallt jetzt das mächtige Räuspern einer Stimme. Ich glaubte anfangs, mein Nachbar rücke einen Kleiderschrank zurecht. »Guten Morgen – guten Morgen!« höre ich von einem heiseren, aber kräftigen Basse herüberrufen. Auch ich öffne das Fenster und rufe »Guten Morgen.« Jetzt steht mein Nachbar auf einem Stuhle am Mittelpfeiler und schwenkt abwechselnd seine Beine in der Luft umher, als wollte er sie aus den Gelenken schleudern. »Schöner frischer Morgen!« schreit er, »ich mache mir jetzt etwas Bewegung.« Kaum hatte er diese Worte gesprochen, als er mit allem Kraftaufwand seiner Lungen das bekannte Lied: »Ich bin ein Preuße, kennt ihr meine Farben?« intonirte. Der Mann machte sich also auch mit der Lunge eine heilsame Bewegung. Mitten in dem patriotischen Gesange wird aber das Fenster einer 157 benachbarten Dachstube aufgerissen, ein Kopf mit zerzausten Haaren, halb von einem zerfetzten baumwollenen Taschentuche bedeckt, guckt heraus, sieht und hört einige Sekunden zu und schreit dann auf Sächsisch: »Sie da, Sie, Dreubund, schreien Sie nicht zu nachtschlafender Zeit – Sie da – still – ruhig Dreubund!« Damals blühte gerade dieser Bund und Rellstab hatte seinen berühmten Artikel: »Heil dem Treubunde!« geschrieben, in Folge dessen sämmtliche Papiere zehn Procente stiegen. Der Mann der baumelnden Beine unterbrach That und Sang, lauschte, sah zum Fenster hinaus, entdeckte den Baumwollegekrönten und rief mit hoher Gelassenheit: »ruhig im Gliede!« – »Wenn Sie nicht ruhig saind, muß die Bollizei morgen broklamird werten, singen Sie bei Dage, Dreubund!« »Still Sachsen – ich bin ein Preuße, kennt ihr meine Farben?« Das Dachfenster Sachsens wird mit dem Refrain: Bollizei, zugeschlagen und die Bewegung der Beine und Lungen nähert sich ihrem Ende. Die Uhr des nahen Krankenhauses schlägt vier . »Wollen Sie mit mir Kaffee trinken?« ruft jetzt der Preuße, »schönen, heißen Roggenkaffee, Commisbrod und gute Faßbutter, Nachbar? Kommen Sie herüber, Nachbar, Sie scheinen auch gern früh aufzustehen?« Ich weigre mich, weil ich, einmal ermuntert, nun auch meine Zeit zweckmäßig benutzen will. »Dann lassen Sie es bleiben,« ruft der Preuße. Kaum sitze ich am Schreibtische, so höre ich wieder seine Stimme: »Warum baden Sie nicht kalt, Nachbar, soll ich hinüber kommen und Sie begießen?« Ich danke ihm verbindlichst und er ruft wieder, aber jetzt schon etwas kleinlauter über die abschlägige Antwort: »Dann lassen Sie es bleiben!« Mein Kaffee kocht und ich zünde die Cigarre an. Der Frühaufsteher hat seinen Roggenextract genossen, er bemüht sich demnächst, die Morgenstunde unter angenehmen Zerstreuungen zuzubringen. Ich höre, wie er mehrere Nägel in die Wand schlägt und wie deshalb ein über ihm wohnender Hausvater mit dem Stiefelknecht auf den Fußhoden pocht. 158 Der Preuße läßt nun aus Rache das Commisbrod zu Boden fallen, besinnt sich aber eines Besseren und zimmert an einem alten Koffer – Alles bei offenem Fenster und rauher Oktoberluft. Es wird stiller; leises Geräusch – was macht er jetzt? Er putzt ein Paar Sporen und nagelt sie an seine Stiefel. – »Nachbar, Nachbar!« »Was wollen Sie denn?« »Haben Sie nicht etwas zu lesen? Mir wird schauerlich die Zeit lang.« »Was soll es denn sein?« »Was Patriotisches oder einen alten Kalender?« »Ich muß bedauern, ich kann Ihnen nur den neuen Kalender geben.« »Wollen die Herren sich nicht leiser unterhalten? Hier oben liegt eine Kranke,« ruft plötzlich noch artig genug der Hausvater von oben. »Eine Kranke?« sagte der Preuße, »was fehlt ihr denn? ist Ihre Frau krank? begießen Sie sie mit kaltem Wasser – soll ich Ihnen beim Abreiben helfen?« Der Hausvater schließt sein Fenster und ist vernünftig genug, dem Heilkünstler gar nicht zu antworten. Ich arbeite weiter. Von einem klirrenden Geräusch fahre ich empor; mein Nachbar schreit eben: verdammte Katzen! er hat mit einem leeren Blumentopf nach einer unter meinen Fenstern promenirenden Mies geworfen. Er sieht, daß ich eine Bewegung der Ungeduld mache und versucht mich zu besänftigen. »Lassen Sie sich nicht stören, Nachbar, ich kann die Katzen nicht leiden – Sie halten doch keine?« – »Nein.« – »Ich prügle sie durch, wenn ich sie sehe; schon mit mehr als zwanzig Hauswirthen habe ich mich der Katzen wegen erzürnt.« –»Nun, und wer soll denn die Mäuse fangen?« –»Ich mause selber, wollen Sie einmal meine Fallen sehen, ich habe zwei Arten, eine zum Lebendigfangen und eine, worin gleich kalte Küche aus ihnen gemacht wird, ich will gleich den Drath frisch zuspitzen, sie pfeifen ganz verdammt, wenn er ihnen durch den Leib fährt; es giebt nichts Weichlicheres 159 als solche Mäuse. – Husch, Katz' – da ist sie schon wieder.« Der Preuße holt ein großes Bierglas, füllt es mit Wasser und begießt die Katze mit großer Gewandtheit über den ganzen Hof weg. Die Sonne geht auf, ein katzenjämmerlicher Strahl bricht aus trübem Gewölk und erhellt die Gestalt meines liebenswürdigen Nachbars. Ein verrunzeltes Gesicht mit einem Paar treuherziger aber dummer Augen, verschönert durch einen abgetragenen Schnurrbart blickt gutmüthig zu meiner Wohnung herüber und salutirt militairisch mit einer langen Pfeife, die gegen eine alte Soldatenmütze erhoben wird. »Noch eine Stunde, ehe das verdammte Weib mit der Zeitung kommt. So wie sie da ist, werde ich sie Ihnen vorlesen.« »Um Gotteswillen,« schreie ich aus Leibeskräften über den Hof, »lassen Sie mich arbeiten, sehen Sie denn nicht, daß ich vor Ihren ewigen Redensarten zu nichts komme.« »Nun, nun, Nachbar,« sagte der alte Preuße, »Nachbarschaft muß doch sein, und Sie stehen ja auch gerne früh auf.« »Nur, weil Sie mich geweckt haben – erbarmen Sie sich wenigstens und lassen Sie mich meine Zeit anwenden.« Er nickt beifällig mit dem Kopfe und raucht weiter; ich schlage das Fenster wieder zu. Ein Mädchen tritt aus dem Hause, reibt sich die Augen und geht an den Brunnen. »Wie heißen Sie, liebes Kind?« Das Mädchen schweigt mürrisch. »Sie heißen gewiß Jettchen, sagen Sie einmal, Jettchen, Ihre Herrschaft ist krank, hat mir Ihr Herr erzählt; sagen Sie Ihrer Madam', sie möchte sich kalt begießen lassen; wie viel Kinder hat Ihre Herrschaft? Sie haben gewiß auch schon einen Liebsten, Jettchen.« Dabei lachte der alte Preuße kolossal und noch mehr, als ihm das Mädchen die Zunge ausstreckt. »Ganz gesund, Jettchen, ganz roth, wie eine frische Kalbszunge; grüßen Sie Ihren Herrn, Jettchen; wollen Sie nicht einen Brief auf 160 die Stadtpost mitnehmen, wenn Sie nach Milchbrod gehen, Sie bekommen auch einen Kuß.« Das Mädchen brummt etwas vor sich hin und geht, dagegen kommt die Frau mit der Zeitung. »Sie kriegen nichts zu Neujahr!« schreit der Preuße herunter; noch ehe die Frau ihren Korb geöffnet hat, »Sie kommen alle Tage später – Nachbar, die Zeitung ist da, die Zeitung!« Wuthentbrannt antworte ich ihm nicht mehr, aber ich gehe um zehn Uhr zum Wirthe, wo ich schon Sachsen und den Hausvater finde, mit denen ich eine Tripelallianz gegen das alte Preußen schließe. »Ich gebe ihm noch drei Tage Frist,« sprach der Wirth nach Schillers Bürgschaft. Am vierten Tage mußte er laut Contract die Wohnung räumen. – Der Unglückliche war ein unverbesserlicher Frühaufsteher gewesen. 2. Er bleibt spät auf. In einer hiesigen berühmten Weinhandlung befindet sich ein langes dunkles Hinterzimmer mit zwei Gasflammen; ein großes ungastliches Sopha mit einer Rückenlehne, so hart und heilkräftig wie ein orthopädisches Gradsitzungswerkzeug, zieht sich hinter einem mit Wachstuch bezogenen Tische als zweite Parallele an der Wand entlang, und zwei Senfnäpfe, deren jeder rechts und links ein Pfeffer- und Salzfäßchen vertraulich am Arme hält, vervollständigen die Ausstattung des Gemaches. Die Kunst hat nichts für den Schmuck der Wände gethan, so wenig als für das Bild des General Wrangel, der auf einer bunt colorirten Lithographie, in der Stellung, ohne welche nie gestattet ist, einen Feldherrn und sein Roß abzubilden, für Schleswig-Holstein in die Schranken galoppirt. Dennoch ruht eine geheime Magie in dem anscheinend so ärmlichen Raume. Am Tage nie betreten, es sei denn zu 161 vertraulichen Conferenzen des Wirthes mit einem Weinreisenden, kann er am Abend, namentlich nach dem Theater, kaum die Zahl seiner Gäste fassen. Dann scheint die Atmosphäre des Zimmers, dem Durste der Kommenden nach zu schließen, salziger als die Küstenluft der Nordsee oder des adriatischen Meeres zu sein. Man trinkt wie das Kameel nach einem achttägigen Wüstenmarsch an der Quelle der Oase, aber man ißt verhältnißmäßig nur wenig, wie überall, wo große Trinker den Appetit zu verscheuchen pflegen. Nach elf Uhr lichtet sich die Versammlung, Jünglinge mit den ersten Anflügen des Podagra's, fahnenflüchtige Ehemänner mit nicht stichhaltigen Vorwänden zum Längerbleiben, regelmäßig und richtig gehende Junggesellen und zufällig Einsprechende nehmen sämmtlich um diese Stunde den Thürdrücker und den Hut in die Hand. Um halb zwölf Uhr tritt ein alter Herr von gemessenem Anstande in das Zimmer, der Kellner nimmt ihm den braunen Sackpaletot mit lebenssattem Fuchspelzkragen ab, der alte Herr geht, die Hände langsam reibend, zwei Mal an der ganzen Länge des Tisches, die Gäste musternd, auf und ab, und setzt sich dann in die dem Ofen zunächst gelegene Ecke des Sopha's. Diese Ecke wird von gewöhnlichen Gästen ihrer Temperatur wegen vermieden; sie hält die richtige Mitte zwischen einem Brütofen und einem Bäckerherde. Auf diesem Platze richtet sich der Herr ein, nachdem er mit dem Feuerhaken die eiserne Ofenthür geöffnet und die Coaksstücke symmetrisch geordnet hat, dann sagt er mit entschlossenem Tone: »August, ein Achtel!« Alle diese Eigenschaften und Vorbereitungen würden aber die Aufmerksamkeit eines anwesenden Neulings der Weinstube nicht hinreichend spannen, wenn nicht die Nase des alten Herrn dabei wäre. Wie ein plötzlich am Firmament auftauchender Komet die Augen sämmtlicher Astronomen von den regelmäßigen Stammgästen des Himmels abzuziehen pflegt, so auch die Nase Aller Blicke von den 162 uninteressanteren Personen und Gliedmaaßen der Anwesenden. In tyrischen Purpur getaucht, erhebt sich ein gewaltiger Berggipfel einsam aus abendröthlicher Beleuchtung, ewiger Schnupftaback bedeckt seinen Gipfel und eine Warze mit struppigen schwarzen Haaren deutet die äußerste Grenze der Bartvegetation an. Sieben Vorberge von jungen Nasen verkünden, daß die Thätigkeit dieses vulkanischen Bodens noch nicht ruhe und jeder Augenblick die ursprüngliche Gestalt des pittoresken Landschaftsbildes verändern könne. Alle übrigen Partieen des Gesichtes treten vor solcher Nase zurück; wie der Karfunkelstein der romantischen Schule überglüht sie der Menschen Logik und Besonnenheit. Der Artigste vergißt die Paragraphen des Meisters Alberti und starrt unverwandten Blickes das koboldartige Gebilde an, und der Unartigste untersteht sich, laut zu lachen. In Deutschland gab es nur noch eine derartige Nase und diese gehörte einem sehr genialen Tonsetzer in Dessau . »August, ein Achtel!« Noch sind nicht fünf Minuten verflossen, als dieser zweite Ruf erschallt, und der alte Herr mit solcher Gelassenheit seine Beine nach dem glimmenden Ofen ausstreckt, als wollte er die Gesellschaft noch um Mitternacht mit frischen Eisbeinen bewirthen. »August, ein Achtel!« Ist es die Hitze des Ofens oder die innere Trockenheit des Temperaments, zum dritten Male in zehn Minuten wird August in Thätigkeit gesetzt. Im Mittelalter gab es großartige, aber uncultivirte Trinker, welche ohne Schwierigkeit das mit Wein gefüllte Spülfaß austranken, das neunzehnte Jahrhundert hat den Achteltrinker gezeugt, denn das Geschlecht derer von Schweinichen ist unsterblich. »August, ein Achtel!« Die anwesende Gesellschaft wird durch das Achtelspiel gefesselt, sie versammelt sich in der Nähe des Ofens um den alten Herrn, wie die Kindlein um die 163 märchenerzählende Großmutter, und nun ist der alte Herr in seinem Elemente. »August, ein Achtel!« Seine treuherzigen Augen beleben sich, er erzählt einige kleine Stadtgeschichten von Ehemännern unter dem eisernen Joche des Pantoffels, die sich nicht unterstehen dürfen, nach zehn Uhr nach Hause zu kommen, er lobt den Genuß des Weines bei nächtlicher Stille, er regt die Gesellschaft so lebhaft an, daß diese mit großem Geräusch Champagner bestellt, daß der Wirth selbst mit wohlgefälligem Schmunzeln erscheint und mit dem alten Herrn vertrauliche Blicke wechselt. Aber eingeladen, am Genusse des brausenden Sektes Theil zu nehmen, sagt er nur: »August, ein Achtel!« Nun kommen die Mordgeschichten, Geschichten, die schon hundert Mal erzählt, nach zwölf Uhr und bei der Flasche ewig neu sind, Geschichten, die wie die erzählenden Mordkerle eine unverwüstliche Lebenskraft haben. Solche Geschichten lassen sich jedoch nicht mit trockenem Munde erzählen, und da mit vorrückender Nacht das Glas immer kleiner und der Durst immer größer zu werden scheint, heißt es wieder: »August, ein Achtel!« Was ist der Mensch? Der Schatten eines Rauches – eine Spanne Leben und rings Schlaf – eine unaufgelöste Dissonanz – eine Schneeflocke am ersten Mai – ein Schwefelholz im Ofen bei achtzehn Grad Reaumur – der Mensch ist ein Blatt, das welk wird, wenn seine Zeit gekommen ist, abfällt und hinausgetragen werden muß in die Todtenkammer – also trugen sie den Jüngling hinaus, in der Blüthe seiner Jahre, den Jüngling, den die zärtliche Mutter am Abend noch nüchtern gesehen hatte, und der am Morgen schreien wird, wie der Hirsch nach frischem Wasser, so nach dem sauren Hering – der alte Herr kann nur mitleidig die Achseln zucken über den Jünglinge fällenden Champagner. »August, ein Achtel!« 164 Wie befindet sich der Jüngling? »Hoffnungslos vor der Hand,« lautet die Antwort. Eine Nachtdroschke ist das Einzige, dessen er für heute noch auf Erden bedarf oder für morgen? O, es giebt Zeiten, wo der Mensch noch im Gestern lebt und der morgende Tag schon angefangen hat – oder sollte des alten Herrn Zeitrechnung vielleicht um zwölf Uhr Mittags beginnen und er erst um diese Stunde seinem Tage den Namen geben? »August, ein Achtel!« Das sind Dinge, um darüber den Verstand zu verlieren, gewichtige Daseinsfragen, sich überschlagende Kategorieen, ernsthafte Arbeiten für Philosophen, aber nicht für eine Gesellschaft, die nun einmal fröhlich beisammen ist und nicht weiß, wie sie den angebrochenen Abend zubringen soll. Einer wagt es, ein kleines Spiel vorzuschlagen, da widersetzt sich der Alte von der Nase mit Macht. Das sei der alten Deutschen Erbfehler gewesen, daß sie bei dem guten Trunke auch das schlechte Spiel getrieben; besser sei es, das Geld an die Gottheit des Bacchus, als an sterbliche Menschen zu verlieren, darum: »August, ein Achtel!« Wer steht da am Büffet im Nebenzimmer? in der Urväter Mantel gehüllt, des Auerochsen Horn um die Schultern hängend, in der Hand den gewaltigen Spieß, am Gürtel die Schlüssel der Stadt – ein siegreicher König der Nacht? – nein, der Nachtwächter . Das späte Licht und die Kälte der frühen Stunde haben ihn hineingelockt, er wünscht den Herren einen schönen guten Morgen, und der Alte von der Nase sagt: »August, geben Sie dem Nachtwächter auf meine Rechnung ein Achtel.« »August, mir auch ein Achtel!« Der Nachtwächter trinkt stehend auf die Gesundheit der Anwesenden, stößt mit der Großnase an und fragt, ob einer von den Herren wünsche, nach Hause gebracht zu werden, es habe stark geregnet und sei ein wenig glatt? Die Gesellschaft hat den Regen so wenig gehört, als Hüon und Rezia bei Wieland den Seesturm; sie ist daher 165 einigermaßen überrascht. Einige gehen schon tief, wie holländische Kauffartheischiffe mit Ballast, Andere empfinden den schrecklichen Rückschlag des Weines und verfallen in ein leises Frösteln – man beschließt aufzubrechen. Die Zeche wird bezahlt, die nächtliche Toilette gemacht; man taumelt hinaus und stellt sich unter den Oberbefehl des Nachtwächters, der die Führung der Avantgarde mit den Worten übernimmt: »Aufgepaßt, meine Herren, der Rinnstein kommt.« Halt! wird plötzlich der Arrieregarde nachgerufen. August bringt verschiedenes Vergessene, wie Tabacksdosen, Cigarrentaschen und Foulards. Der Wein bewirkt ja, wie der Trunk aus Lethe, Vergessenheit der irdischen Dinge. Einer nur bleibt zurück, der Alte von der Nase. Langsam steht er auf, zieht den Paletot an, setzt sich wieder, legt die Beine lang auf das harte Sopha, seufzt und sagt: »August, ein Achtel!« August hört ihn nicht gleich, weil er in sämmtlichen angrenzenden Zimmern die Gasflammen auslöscht, die Zeitungen auf einen Haufen packt und die Stühle unter den Tisch rückt. Der Alte ruft also mit stärkerer Stimme: »August, ein Achtel!« August bringt das Achtel, aber nicht mehr mit der früheren Spannkraft. Es schlägt drei Uhr und der arme Mensch kann sich kaum noch auf den Beinen erhalten. Seine Augen sind trübe, er magert von Stunde zu Stunde sichtlich ab, noch eine Stunde und er gleicht dem Portrait des Suppenpeter in seinem letzten Stadium. »August, noch ein Achtel!« »Aber, mein Gott, es hat ja schon drei geschlagen –« »August, gieb mir noch ein Achtel – August, Du bist mein Freund!« »Meinetwegen, das ist aber das Letzte; denken Sie, wenn Jeder so lange aufbleiben wollte, wie Sie, was sollte dann aus uns armen Kellnern werden, die den ganzen Abend und die Nacht durch auf den Beinen bleiben sollen und am Tage noch ihr eigenes Geschäft haben?« 166 Der Alte von der Nase hat das Achtel ausgetrunken. – »August, gieb mir noch ein Achtel!« – August verläßt. das Zimmer und sagt halblaut: »Es ist nicht auszuhalten, alle Woche einmal die Wirthschaft mit ihm – er bekommt keinen Tropfen mehr!« Zugleich stellt er sich neben das Büffet und zählt auf einer kleinen schwarzen Tafel gewisse ureinfache Zeichen, welche die Zahl der genossenen Achtel auf die leichtest faßliche Weise ausdrücken. Er kommt wieder und sagt tonlos: » Vierzehn .« Nun wird Rothnase ernsthaft böse: »Vierzehn? nur vierzehn? so wenig habe ich noch in meinem Leben nicht an einem Abend getrunken. Hätte ich nicht schon vorher in der Leipzigerstraße zwanzig Achtel getrunken, Ihr solltet mich nicht so schnell loswerden. So seid Ihr Alle, Ihr seid undankbares Volk. Alle Woche komme ich nur einmal her, damit Euch das Spätaufbleiben nicht schadet, und wenn die Reihe an Euch ist, seid ihr niederträchtig gegen mich und wollt mich in die kalte Nacht hinausstoßen – August, noch ein Achtel – August, wenn Du ein Mensch bist, erbarme Dich – komm, gieb mir einen Kuß – sei mein Freund, August!« Der Kellner ist unerbittlich. Er zündet den Wachsstock bei der letzten Gasflamme an und löscht diese selbst aus. Ein unheimliches Halbdunkel zerstört alle eitlen Hoffnungen auf das letzte Achtel. Der Alte setzt den Hut auf und spricht: »August, ich werde das nächste Mal bezahlen;« er bezahlt nämlich stets seinen Wein erst acht Tage später. Die Hausthür wird geöffnet, fällt hinter dem Alten in's Schloß – da klopft er noch einmal an. »Was vergessen?« – »Ja, August, ich habe vergessen, Dir gute Nacht zu sagen, bleibe mein Freund, August, hörst Du – gute Nacht! 167   Eine privatliterarische Gesellschaft. Das Leben eines Journalisten in einer großen Stadt läßt sich nicht ganz unpassend mit dem trostlosen Zustande eines ungebändigten Rosses vergleichen, das von Stallmeisters Händen zu absoluter Folgsamkeit herangebildet werden soll. Ein solches Roß steht angebunden vor seiner Raufe voller Heu und Hafer, begierig zu fressen und zu saufen, allein sobald es zu einem oder dem andern Miene macht, rührt ein seitwärts im Verborgenen sitzender Unhold den unglücklichen Gaul mit einer Ruthe an, daß er zusammenschaudert und von den fortlaufenden Störungen endlich in einen träumerisch weichen Zustand verfällt, in dem er Alles mit sich machen läßt, was mit Candare, Peitsche und Sporen zusammenhängt. Auch der Tag des Journalisten verfließt unter der unaufhörlich angewandten Ruthe der preßbedürftigen Besucher, wenn aber der Abend herankommt, der die Fesseln aller Wesen lösen soll, erreichen seine Leiden ihren Höhenpunkt; er ist von 6 Uhr an der Leibeigene der Theater, Concerte und Gesellschaften. Das Schicksal wirft ihn unbarmherzig hin und her, heute darf er sich in einem bequemen Lehnstuhl der Oper dehnen, morgen spielen Azteken um seine Kniee, heute speist er am Tische eines Banquiers alle die guten Sachen, wie sie Leute, die nicht nur sollen , sondern auch haben , auftischen, morgen – doch ich darf dem Laufe der Ereignisse nicht unkünstlerischer Weise vorgreifen. Wie die Presse sich 168 um Alles bekümmert, und Alle sich um die Presse bekümmern, bedürfen ihrer unglaublich viele Personen und laden unverholen ihre Vertreter zu sich ein. So war auch ich schon seit geraumer Zeit von einem mich gelegentlich in dem Theater aufgreifenden Ehepaare hartnäckig eingeladen worden, eine seiner Abendgesellschaften zu besuchen. Als liebreizende Lockung fügte die Gemahlin stets hinzu, daß es bei ihr sehr literarisch zuginge und daß sie viele »solcher Leute« bei sich sehe. Lange hatte ich mit der Zähigkeit Malakoffs widerstanden, allein jeder noch so feste Platz muß sich einmal ergeben, alle meine Redensarten waren abgeschnitten, mein Muth war gesunken, die Bedingungen versprachen ehrenvoll zu werden; ich gab mich endlich gefangen und versprach der nächsten Einladung zu folgen. Zwar verhehlte ich mir nicht, daß die Folgen dieses Besuches die Bekanntschaften von wenigstens zwölf lyrischen Dichtern und Dichterinnen sein würden, die sämmtlich papierne Lorbeerkränze aus meinen Händen erwarteten, allein zugleich sagte ich mir, daß ein Kritiker nie etwas bei dem Lobe schlechter Gedichte wagt, da kein Mensch sich durch eigene Lectüre von dem Gegentheil zu überzeugen pflegt, und ein triviales Sprichwort ohnehin die Regel vorschreibt, über die Todten nur Gutes zu sagen. An dem bestimmten Tage trat ich die Wanderung in die entfernte Stadtgegend an, wo die privatliterarische Gesellschaft stattfinden sollte. Vier hellerleuchtete Fenster verriethen mir in einer Straßenzone, wo nach acht Uhr alle Familien um eine Lampe in der warmen Hinterstube sitzen, daß ich mich am Orte des Festes befinde. Das Viergestirn der Literatur schimmerte mir in dieser lichtarmen Sphäre der Oeleinschränkung und der Brennmaterialersparung freundlich entgegen, und in erhobener Stimmung zog ich in dem großen stillen, im modernen Papiermaché-Style erbauten Hause die unheimlich laut schallende Glocke. Ein offenbar in Civillivrée gesteckter, für den Abend zur Bedienung geliehener Offizierbursche öffnete mir mit dem allerliebsten naiven Appell, der diese in der »Bildungsschule 169 des Volkes« erzogenen, nicht durch Lakaienthum und Trinkgeldfischerei verwüsteten Jünglinge auszeichnet. Im feurigen Diensteifer zog er mir mit dem Oberrock auch den Frack aus, drückte dann, in der eiligen Verlegenheit, den Irrthum rasch wieder gut zu machen, meinen Hut mit den Knieen gegen die Wand, trat mir zweimal auf die Hühneraugen und hing dann erst die Sachen an den Nagel. Wahrscheinlich wären alle diese Uebereilungen nicht vorgekommen, wenn ich ihn durch eigene Thätigkeit unterstützt und gehemmt hätte, allein meine Blicke waren vom ersten Augenblicke an durch ein Phänomen gefesselt, das allen bisherigen Beobachtungen zu fremd war, um nicht auf meine Geisteskräfte Beschlag zu legen. Das kleine nach dem Hofe hinausgehende Hinterzimmerchen, außer dem Belagerungszustande augenscheinlich das Allerheiligste des jungen Hausherrn, war heute zur Garderobe umgestaltet worden. Auf dem Schreibtische erhob sich das seltsamste Gebäude von der Welt, errichtet aus glänzenden Pickelhauben, die, tütenartig übereinandergestülpt, eine ähnliche Mauer bildeten, wie in der Oper »Alcidor« die Schilder der geharnischten Männer des Prinzen. Augenscheinlich stand ich an der Schwelle einer überwiegend militairisch-literarischen Gesellschaft. Beim Eintritt wimmelte es denn auch von jungen liebenswürdigen Lieutenants, mit denen mich der Wirth der Reihe nach bekannt machte. In Folge dessen sah ich mich alsbald in anziehende Gespräche über die Eigenschaften einer Menge von Garnisonsstädten der preußischen Monarchie verwickelt, die erst durch das übliche Theeanerbieten unterbrochen wurden. Eine lange Erfahrung hat mich gelehrt, daß man, was das Verhältniß des Thee's zum Magen anlangt, letzteren fast überall für unreines Geschirr ansieht, das lauwarmen Wassers zu seiner Reinigung bedarf; aber ich bekenne, noch niemals eine so tückische kleine Rumflasche erlebt zu haben. Trotz ihrer winzigen Natur klemmte sie ihren Pfropfen so fest an sich, wie eine große Holsteiner Auster die Schaalen, und da es vorläufig noch keine Rumflaschenmesser wie 170 Austernmesser giebt, und außerdem bei fortgesetzten Versuchen das ganze Theebrett in Gefahr gerieth, standen wir Alle, selbst meine jüngsten Kriegsgefährten mit eingeschlossen, von ferneren Versuchen ab, die »Widerspenstige« in eine »bezähmte« zu verwandeln. Wenn zu diesem Geschäfte ein Kraftaufwand nöthig war, so forderte die Versüßung des Thee's, vermöge der Unscheinbarkeit der Zuckersplitter so viele Zeit, daß jene nur ungenügend, gleich der Verproviantirung mit weniger »altdeutschem« als »altem« Napfkuchen erfolgen konnte. Nach Ueberwindung dieser Wasser- und Landplagen wurde ich in das eigentliche Hauptzimmer bugsirt und mehreren Personen vorgestellt, die ihre Orden in großer officieller Figur im Knopfloch oder auf der Brust trugen und sich untereinander bald »Herr Präsident«, bald »Herr General« titulirten, mir aber vollkommen unbekannt waren. Dieser Umstand, obgleich gemildert durch eine fast strafbare Herablassung dieser Aristokraten, erzeugte in mir jenes Gefühl von Niedergeschlagenheit, dessen sich auch der unabhängigste Mensch nicht ganz erwehren kann, wenn er auf Grund mangelnder Verdienste um den Staat, mit unausgefülltem Knopfloch in der Mitte decorirter Helden dasteht. Ich schlich mich, ohne mit mehreren alten zahnlosen Damen, die nichts Geringeres als Excellenzen sein durften, eine Unterhaltung anzuknüpfen, in die Lieutenantshalle zurück und erquickte mein Gemüth an der Frische und dankbaren Unbefangenheit, mit der diese blühenden Jünglinge literarische Anmerkungen aufnahmen, die meine Bescheidenheit als nicht unterstützt von der Gunst des Augenblicks beurtheilen mußte. Schon war ich im besten Zuge, ein »Löwe«, »Mann im Monde«, »Celebrität« oder sonst etwas zu werden, als ein officiöses oder halb officielles Geräusch im Hauptsalon entweder die Ankunft der wichtigsten Person, oder den Beginn des Ereignisses des Abends ankündigte. Letzteres war der Fall; der amtliche Vorleser der privatliterarischen Gesellschaft hatte sich eingefunden. Man erkannte ihn, wie an den schwarzen Pappdeckeln die Küster, wenn sie 171 mit Hochzeits- oder Taufzeugen Fechtübungen unternehmen, an einem dünnen, rothen Maroquinumschlag, hinter welchem Schanddeckel er mehreren Ansehens wegen das vorzulesende Manuscript oder Buch zu halten und gesellschafts- oder hoffähig zu machen pflegte. Beim Anblick dieses bleichen und mageren, aber pathetischen Mannes, der bei wohlgestutztem Knebelbarte und heftig rotirenden Augen den Vorleser von Profession nicht verbergen konnte, entstand eine lebhafte Bewegung, die mir zum Theil an äußerste Niedergeschlagenheit zu grenzen schien. Die vorhandenen Stühle waren von Präsidenten und Generälen, oder von den Präsidentinnen und Generalinnen besetzt, und es war gegründete Aussicht vorhanden, die Vorlesung stehenden Fußes anzuhören. Nebenbei trugen die wenigen Civilisten ihre Hüte noch in den Händen und die Officiere ihre Schwerter an der Hüfte. Aber auch wenn wir gewollt hätten, wäre ein Niederlegen der Waffen und Ablegen der Hüte unmöglich gewesen. Die Fensternischen standen voller Etagèren mit beängstigend kleinen Pomadenbüchschen, in denen Zwergpflanzen darbten, die sonstigen Möbel waren, um Platz zu gewinnen, so nahe an die Wand gerückt und so dicht mit Nippes bedeckt, daß Niemand sich getraute, ihnen zu nahe zu kommen, und die Hochebene des Ofens bestrich ein riesiger Gipsadler bis an den Rand mit seinen Flügeln. Wir blickten einander noch bekümmert an, als die liebenswürdige junge Wirthin ein zum Erschrecken kleines Tischchen mit zwei Stearinkerzen mitten in den Rittersaal stellte und den Vorleser durch eine Verneigung und demüthiges Niederschlagen der Augen einlud, an's Werk zu gehen. Jetzt entstand für mich wieder die Frage, wie wohl dieser Rhapsode seine Beine zwischen denen des hölzernen Vierfüßlers durchschieben würde, allein er kannte augenscheinlich das Tischchen und löste das Problem im Sinne des genialen Columbus, indem er es, wie Chiron den jungen Achilles, zärtlich zwischen seine Kniee nahm. Hierauf klappte er, gleich den Alligatoren nach den Berichten der Reisenden, 172 mehrmals heftig mit den Kinnladen zusammen, als ob er die Stärke der Muskelbänder erproben wollte, und begann das Heldengedicht, denn ein solches war es zu meinem Entsetzen. Der modernen gemüthsläppischen Schule angehörig, spielte es im Reiche der Ungezieferromantik und behandelte Leben, Leiden und Thaten eines Holzkäfers, sowie seine unglückliche Liebe zu einer spröden Bremse. Es kamen darin Heimchen, Libellen, Tag- und Nachtschmetterlinge, ein Chor von Kleidermotten und zwei ergraute Wespen vor; bald handelte das Gedicht in dem Holze eines morschen Wäschekastens, bald unter dem rothen Zelte des Himmels am grünen Bache zwischen blauen Gräsern, bald in einem Paar alter Pelzstiefeln, bald auf dem weißen Arme einer zarten Schönen als schwarzes hüpfendes Pünktchen, bald auf holländischem Käse unter einer Glasglocke, welche die Heldin des Gedichtes, die spröde Bremse, in schnöder Kerkerhaft hielt. Fast alle landesüblichen Insecten kamen darin als äußerst zartfühlende, in regelrechten Versmaaßen sprechende Persönlichkeiten vor, und geberdeten sich so lyrisch zudringlich, daß ich über den Effekt nachsann, welcher entstehen mußte, wenn ein feindlicher Menschendämon plötzlich unter die Gesellschaft mit persischem Insectenpulver geriethe. Der Vorleser las und las, er verschlang Stanzen und Capitel, wie das eiserne feuerfeste Pferd eines Courierzuges, in Nacht begrabene Dämme und Brücken, Tunnel und Nebenstationen. Unter eintönigem Stentordonner ging es weiter, als ob seine Lungen auf die Bombardementsprobe von Sebastopol patentirt worden wären, weiter mit achthundert Pferdekraft. Mir schwindelte der Kopf, mir zitterten die müden Beine unter dem Leibe; da machte er eine Pause: die Kunstpause der kalten Speise. Nie wurde eine Erfrischung innerlich freudiger, äußerlich mit größerer Gleichgültigkeit empfangen. Wir ahnten wie König Ankäos von Samos nicht, daß zwischen dem Rande der Schüssel und der Lippe noch eine weite Kluft gähnt. Die Speise war eine nahe Anverwandte der kleinen 173 Rumflasche; sie trennte sich nicht gern von dem Stammverbande. Hatte man mit Mühe ein Stück von der Masse abgearbeitet, so blieb es am Löffel hängen, hatte man es von diesem endlich losgeschüttelt, so klebte es an dem Glastellerchen, dann steckte der Löffel fest und zuletzt verkleisterte die zähe Substanz die Zähne. Keiner aß sie ungestraft, als der Vorleser, der ihre Gefahren als Intimus des Hauses kannte und sie in großen ganzen Bissen verschlang. Nun begann eine Episode des Gedichtes »Ohrwurms Erwachen«, ich aber schmiegte mich leise in das erste Zimmer zurück und suchte bei einigen Albums Trost. Wie erschrak ich jedoch, als ich die vergoldeten Einbände aufschlug, und Stammbücher der Mutter, Groß- und Urgroßmutter, Predigten, Kochbücher und verschollene Kinderschriften voll trockener Blumen entdeckte! Ich hatte die sträflichste Indiscretion begangen; diese Albums waren nur Scheinalbums, der Büchertisch ein Scheinbüchertisch, das Ganze unnahbar für die Eingeweihten; ein roher Fremdling hatte es entweiht, das zarte Vertrauen der Hausfrau getäuscht, den Schleier der Isis gelüftet – Wahnsinn oder Tod mußte mein Loos sein. Zerschmettert ließ ich vor Schrecken den Hut fallen, knickte, als einige junge Krieger sich nach mir umsahen, das junge Dasein eines der überall wuchernden Cactus, und drückte in der Eile, ihn und den Hut aufzuheben, fast den Trümeau durch eine retrospektive Gebehrde ein. Seitdem rührte ich mich nicht mehr und dachte in der Stellung eines Obelisken darüber nach, wie wenig ein Literat von Fach in eine privatliterarische Gesellschaft tauge. Viele Stunden mögen so verstrichen sein; ich weiß nur, daß ich den Wächter in wenigen nachmitternächtlichen Lauten pfeifen hörte und dann den Ruf: zu Tisch – zu Tisch, vernahm. Unter Schwertergeklirr, Rauschen seidener Kleider und dem Knistern der Tressen und Orden, verfügten wir uns in feierlichem Zuge in den Speisesaal, eine dürftig erleuchtete ehemalige Schlafstube, die nach Ausräumung der Betten mit einem gedeckten Hufeisen beschlagen worden war. Als die Lampen und beiden 174 Vorleserlichter aus dem anderen Zimmer herbeigebracht worden waren, besserte sich die Beleuchtung, nicht so die Temperatur. In der künstlichen Hitze des dunstenden Ofens schwebte die hartnäckige Kälte eines seit Wochen nicht geheizten Zimmers. Wer wollte, konnte in diesem zufälligen Umstande eine Allegorie der mit ein wenig Wahrheit vergoldeten Lüge unseres Jahrhunderts erblicken. Die trockenen Kalbs- und Schöpsenbraten, die sauren Gurken und die rehbergig dünnen Sandtorten waren keine Lüge, eben so wenig die Zahnstoppeln meiner Nachbarin, der verwittweten Frau Geh. Kriegsräthin und der Wolfsappetit des Essers zur Rechten, eines Herrn Appellationsgerichtspräsidenten. Nie hatte ich bei der männlichen und weiblichen Bureaukratie diesen schwärmerischen Hang zu den lieben Alltäglichkeiten des Tisches wahrgenommen, nie selber weniger gegessen. Der Wirth, die nöthigende Liebenswürdigkeit, die um die Tafel springende Aufopferung selber, ließ mir keine Muße, meine verwirrten Gedanken und gestörten Ueberzeugungen zu ordnen. »Sie trinken ja nicht!« »Warum trinken Sie nicht?« »Er schmeckt Ihnen hoffentlich?« »Ich beziehe ihn direkt!« sprach's, trank und schwenkte die Flasche, deren einzig passendes Etiquett ein Todtenkopf und zwei gekreuzte Gebeine gewesen wäre. Besseren Château Lamort hatte ich noch nirgends getrunken. Und doch schienen nur die Wenigsten meiner Ansicht zu sein! es entwickelte sich sogar eine gewisse Weinlaune, ein der Sorte entsprechender ansäuerlicher Galgenhumor, doch muß ich hinzusetzen, daß die alten Damen, denn junge waren außer der Frau Wirthin keine zugegen, dem geringen Zuckergehalt der räthselhaften Feuchte stark nachhalfen. Die Heiterkeit ward universell, der Vorleser explodirte in einem gereimten Toast auf »dies gastliche Haus«, »dies edle Paar«, »deutsche Männer, Frauen und Jungfrauen« und ein stilles Glas wurde dem in die Heimath auf Remonte gegangenen Dichter der »Holzkäferiade« gewidmet. Dann ward es still, dann schlug es in der Ferne etwas 175 auf dem Thurme, dann drängten wir uns complimentirend hinaus, warfen Pickelhauben um, erlebten noch einen Kampf des Hausschlüssels mit dem Schlüsselloch, gaben dem Sieger ein Trinkgeld und standen im Freien. Da fühlte ich, wie sich ein Arm durch den meinen schlang; er gehörte einem Kollegen, mit dem ich seit einiger Zeit etwas gespannt war, da ich seine lyrische Käfersammlung getadelt hatte. »Alles sei vergessen«, sagte der liebenswürdige junge Mann, – »Sie hatten Recht – einmal und nie wieder, Holzkäfer wird aus Versehen todtgehobelt, Ohrwurm ist am gebrochenen Herzen gestorben, und Bremse in ein Käsekloster bei Limburg gegangen – verwünschte Romantik und verwünschte grobe Kost – Sie haben auch nichts gegessen; ich habe es wohl bemerkt – der Tag bricht an – frühstücken wir also – hier ist eine vortreffliche Trüffelwurst, meine letzte Reserve – Brod habe ich oben bei Seite praktizirt.« Wir gingen schweigend durch die öden Straßen und aßen. »Halt,« sagte mein Begleiter »wenn Sie einen Artikel darüber schreiben sollten, so vergessen Sie ja nicht anzugeben, daß alle Präsidenten und Generäle, die Sie gesehen haben, schon seit länger als einem Menschenalter pensionirt sind!« 176   Fastelabend. Bei diesem gemüthlich und fast mittelalterlich klingenden, wohllautenden Namen wird der muthwilligste Abend des ganzen Jahres überall gerufen, wo man ihn noch als einen alten lustigen Freund am eigenen Herde erwartet und nicht als einen schellenlauten jungen Thoren außer dem Hause auf fremder Diele und bei rauschender Ballmusik aufsucht. Dem nordischen Carneval leuchtet keine hesperische Sonne, und seine letzten feierlichen Stunden sitzen am Ofen, dem würdigen Hausaltar der langen Winterabende, der Bratäpfel, Gespenstergeschichten und Punschbowlen; der nordische Fastnachtsabend hat deshalb im Laufe der Jahre, da, wo er noch im Schooße der Familie gefeiert wird, eine selbstständige Physiognomie angenommen. Wenn die südlichen Nationen und ihre Nachbaren es lieben, den Uebermuth und die Tollheit im Freien spazieren gehen zu lassen, zieht der ächte, ernsthafte und höchst respectable Nordländer es vor, die Excesse seines Lebens auf dem Felde des Humors bei verschlossenen Thüren und herabgelassenen Fenstervorhängen zu begehen. Es giebt noch Familien, die sich die Erinnerungen an die gute alte Zeit erhalten haben und ihren »Fastelabend« auf eigenthümliche, selbstständige Weise feiern. In solchen Familien, die gewöhnlich sehr groß sind und unter ihren einzelnen Gliedern und Zweigen immer enge zusammenhalten, giebt es stets einen Patriarchen, dem ein heilig 177 geachtetes Herkommen aus der Zeit der Vorfahren die Feier aller hervorragenden Festtage des Jahres auferlegt. Gewöhnlich erbt er diese Pflicht von einem noch älteren Patriarchen, den endlich die Zeit aus dem Kreise der Kinder und Enkel ausrangirt und in den Lehnstuhl, die Vorschule der Philosophie des Jenseits, geschickt hat. Die Sitte, bei einem derartigen, noch rüstigen Stammhalter der Familie an Festtagen zu speisen und sich gütlich zu thun, ist noch ein schwacher, aber schöner Ueberrest aus dem grauen Alterthum. Aber in den biblischen Zeiten hatte der spendende Hausvater es leichter, als in der vielfach zusammengesetzten Gegenwart und bei dem verfeinerten Geschmack der Zeitgenossen. Den alten würdigen Herren wurde, wie wir mit Erbauung lesen, die Beköstigung ihrer Verwandten, Gäste, oder der sie besuchenden Engel nicht schwerer, als die Auswahl. Sie liefen selber zu der Heerde, ergriffen ein fettes, gemästetes Kalb, schlachteten es und bucken ungesäuertes Brod, während die Oberältesten, Helden und Könige des Heidenthums, wie uns Homer belehrt, Rinder, Schweine und Ziegenbraten vorzogen, sogar, wenn wir uns auf unsere Lectüre, vorbehaltlich der Fachphilologen, verlassen dürfen, ihren Kälbern niemals ein Leid anthaten. Der Patriarch des Fastelabends und seine gute Alte, die Patriarchin, stehen dagegen noch ganz auf biblischem Boden; sie bewirthen ihre Lieben nie mit einem andern, als einem Kalbsbraten. Die Auffindung besagten Objectes von geeigneter Größe beschäftigt die liebenswürdige alte Dame schon Tage lang vorher und erfüllt ihr harmloses Gemüth mit schweren Sorgen. Sie würde es für eine nie mehr zu tilgende Schande halten, statt eines Monstrebratens, an dem sich alle Gäste sättigen können, zwei kleinere aufzutischen; diese goldbraun geröstete Riesenmasse gilt ihr für ein poetisches Symbol der Einheit und Verträglichkeit der Verwandtschaft, für ein künftiges Band der Treue ihrer Dienstleute, für das nothwendige Opfer des Fastelabends. Während sie sich zu Lande mit so großen Sorgen abmüht und die abnehmende 178 Körperconstitution der Kälber der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts beklagt und verwünscht, leidet ihr trefflicher Gemahl zu Wasser keine geringeren Qualen. Kein Hafenbassin seiner Wirthschaft und keine Bowle der Porzellanfabriken des Ortes genügt ihm, um darin die Quantität des kräftigen Punsches anzufertigen, ohne den nun einmal in unsern Breitegraden der Gnome des Fastelabends sich befinden würde, wie ein Fisch im dürren Sande. Die kriegerischen Erfahrungen der letzten Jahre und der steigende Durst seiner jüngeren Anverwandten haben den würdigen Herrn gelehrt, daß die Kriegsschiffe und Bowlen von 1836 nicht mehr für die Anforderungen der Taktik und der Trinkgelage von 1859 ausreichen. Von Jahr zu Jahr hat er das Kaliber des Geschützes und den Rumgehalt der Ladung vergrößert, und doch noch die Reserveartillerie ins Feuer führen müssen; jetzt durchirrt er die Stadt mit dem trotzigen Vorsatz, entweder eine passende Bowle von der nöthigen 36zölligen Weite der Mündung zu finden, oder den Punsch in dem größten Waschkessel der Küche anzufertigen. Dem Kühnen lächelt das Glück, und in dem Curiositäten-Cabinet eines Trödlers findet sich noch eine Terrine aus den Jahren August des Starken von Polen, verziert mit Emblemen seines galanten Heldenlebens, so zu sagen eine Art von Lancaster-Terrine, von der die unverbürgte Sage erzählt, daß ein junger sechsjähriger Großvaterbruder des Trödlers, als sie einst mit kaltem Wasser gefüllt gewesen, darin aus Unvorsichtigkeit ertrunken sei. Der Hausvater, gegen Sagen ein zurückhaltender vorsichtiger Mann, erwirbt mit Freuden dieses Geräth, beschließt aber, die sich daran knüpfende tragische Geschichte des kleinen Trödlervorfahren als Geheimniß mit in das Grab zu nehmen, und findet, nachdem er einmal die Terrine in seinem Hause und unter dem Verschluß seiner Gattin weiß, die verlorene philosophische Ruhe vollständig wieder. Nun steigt am Horizont des Fastelabends allmählig die Dämmerung herauf; die Mütter in den verschiedenen 179 Familienseitenlinien putzen sich und die kleinen Töchter heraus, prügeln die Knaben, welche einen unwiderstehlichen Hang zeigen, die häuslichen Schularbeiten unbeendet zu lassen, wieder an die rothgebeizten Schreibtische, und erwarten mit dem Rohrstöckchen in der Hand, übrigens in der rosenfarbensten Laune von der Welt, die vom Bureau oder aus den Geschäften heimkehrenden Gatten. In dem Festhause herrscht unterdessen eine aufgeregte, aber bei der vieljährigen Gewohnheit centraler Schmausereien durchaus würdige Stimmung. In der Küche dreht der Kutscher, ein gediegenes Inventariumsstück des ganzen Stammes, den Kalbsbraten am Spieß, und äußert gegen die Köchin den bescheidenen Wunsch, für sein eigenes Hauswesen die correspondirende andere Keule haben zu wollen, worauf diese ihn in gereiztem Tone fragt, wie lange er wohl mit »seiner Alten« daran zu essen gedächte, und für seinen Schnabel würden solche Kälber überhaupt nicht gemästet; er solle lieber nicht vergessen, zu rechter Zeit den Braten zu begießen. Die Köchin verschwindet inzwischen, wie eine geniale Schweizerreisende, zwischen Bergen von Pfannkuchen, deren Gipfel wirklich mit einem ewigen Schnee von Zucker bestreut sind, und kommt dann wieder zum Vorschein, ein Bild des Herbstes, mit Früchten beladen, und zwar mit eingemachten, in altfränkischen, runden und tiefen Glasschaalen. Der alte Bediente des Hausherrn, dessen Rücken nie eine Livree entadelt hat, vertritt zwischen der Küche und dem Speisesaale telegraphischen Drathes Stelle und ertheilt seinem Herrn und Vertrauten Rathschläge über die Mischungsverhältnisse des Punsches, welche gegenüber der besagten Bowle allen bisherigen Erfahrungsgrundsätzen spotten und in ein ganz neues diplomatisches Stadium getreten sind. Nachdem Beide viele vergebliche Versuche angestellt haben, den Kubikinhalt des Gefäßes zu ergründen und mit der Zahl der erwarteten Gäste, wie mit der Quantität des Weines und Rums in ein richtiges Verhältniß zu setzen, stehen sie endlich ermüdet davon ab, und beschließen, den richtigen Treffer in Masse und Stärke 180 der Gunst des letzten Augenblicks zu überlassen. Während nun alle Lampen und altmodischen silbernen Familienleuchter nebst der achtarmigen, gewöhnlich nur in Sackleinwand trauernden, heute aber glänzend prangenden Glaskrone, angezündet werden, erscheinen nach und nach zuerst die verheiratheten Töchter, dann die Söhne, dann, getrennt von beiden Klassen, die liebe Jugend, der nichts ein größeres Vergnügen verursacht, als wenn jedes Individuum, durchaus vereinzelt, in seinen Angelegenheiten selbstständig an der Hausklingel reißen, und seinen Einzug mit den Absätzen auf der Treppe feiern kann; zuletzt kommen die entfernteren Verwandten, z. B. Vettern, die nicht standes- oder geldmäßig geheirathet haben, ein Halbonkel, der ganz von Unterstützungen der Familie lebt, und an den Ausgehe-Sonntagen des grauen livreefreien Bedienten diesem Gesellschaft leistet, eine alte Jungfer, die früher durch Heirathsverwandtschaft in die Familie gerathen ist und sich seitdem nicht wieder von ihr lossagen kann, und endlich ein Paar Hausfreunde des Patriarchen, seine Partner beim Whist in der Ressource und Mitglieder des sommerlichen Kegelclubs. Alle diese Personen werden in dem behaglichen zwanglosen Style, der von Tage zu Tage mehr aus der Welt schwindet, empfangen, oder vielmehr, sie sind von dem Augenblick ihres Eintretens an, durch Wort, Blick und Handschlag so verschmolzen mit der Gesellschaft, als ob sie in ihr geboren wären und noch nie eine Minute lang das Haus verlassen hätten. Da ist für Jeden ein Stuhl, eine Tischseite, ein Platz neben dem schweren Mahagonischrank, am Ofen, neben der Theemaschine, oder sonst irgendwo eine Stelle, die er kennt, liebt, die ihm der Andere läßt; die Kinder finden sich in den stattlichen weiten Räumen gleich in allerlei Spielwinkeln zurecht, die Gespräche sind schnell so lebhaft im Gange, als wären sie vor kaum fünf Minuten abgebrochen worden; man steckt sofort tief in der Geschichte des Hauses, hat alte beliebte Späße zur Hand und giebt Fortsetzungen zu Neckereien 181 der Damen, die, aufrichtig bekannt, zehn Jahre weiter zurückdatiren und in der Meinung eines gemüthlosen Unbetheiligten nicht mehr recht passen wollen, hier aber aufrichtig belacht werden, – so ist es immer in dem guten alten Hause; aber der Fastelabend verschließt in seinem verschämten Busen noch ganz andere Ueberraschungen, welche erst im Vorrücken der Stunden und der durch geistige Erfrischungen belebten Laune zum Vorschein kommen und nicht von dieser einförmigen Welt sind, was die modernen Fastnachtsdinge betrifft. Während des vorrückenden Abends entwickeln sich aus dem Schooße der großen und einträchtigen Familie zunächst mehrere Masken, hinter welche sich jüngere Freunde, die in einigermaßen zärtlichen Beziehungen zu den jungen Damen stehen, zu verbergen pflegen. Die Maske wird in diesem respectablen Kreise noch durch die Brille der Poesie angesehen, es weht um sie noch ein romantischer Schein und sie dient nicht schlechtweg als Deckmantel zweideutiger Dinge; sie soll vielmehr für sich selber etwas vorstellen. Ja, die in ihr steckende Person gewinnt ein höheres Interesse und einige alte Damen vergessen es in ihrer Dankbarkeit einem jungen, gelungen maskirten Herrn das ganze Jahr hindurch nicht, wie sehr er sie entzückt hat. Eine schwarze spanisch gekleidete Gestalt, welcher ein verfängliches Gemunkel der Kleinen vorangegangen ist, betritt zuerst das große Gesellschaftszimmer und verbreitet durch das Malteserkreuz auf ihrer Achsel allgemeines Erstaunen. Seine Privatlectüre und eine der letzten Sonntagsvorstellungen haben einen geistreichen Seifensieder-Associé mittleren Alters auf den Gedanken gebracht, sich in den edlen Marquis Posa zu verwandeln. Mit gravitätischen Schritten stolzirt er durch den Saal und sucht anscheinend einen König Philipp, doch wird ihm statt jeder Gelegenheit, ein gutes Wort für die Menschheit einzulegen, nur hie und da von spöttischen alten Herren eine Prise Carotten angeboten, die er mit Würde ablehnt. Die Qualen seiner dichterischen Einsamkeit werden bald durch das 182 Erscheinen eines Gärtnerpaares unterbrochen, dessen männlichen Bestandtheil der Halbonkel so lange für Don Carlos zu halten geneigt ist, bis das naseweise Lischen, das sich schon bis zur Maria Stuart heimlich in Schiller hineingelesen hat, ihn eines Bessern belehrt. Das Gärtnerpaar verdunkelt sofort durch seine bunte Tracht die wohlgebauten Beine des Jünglings, und die Anmuth der jungen Dame die düstere mönchich-ritterliche Gestalt des Seifensieders. Man erkennt zwar auf der Stelle in dem vergnüglichen Pärchen das neugebackene Brautpaar der Familie, aber man ist viel zu zartfühlend, um ihm und sich die Freude durch eine voreilige Enthüllung zu verderben. Ein kleiner Junge, der auf »seine liebe Marie« losstürzen und ihr die häßliche weiße Maske, vor der er sich fürchtet, abreißen will, wird von seiner Mama ein wenig geknufft und in eine Ecke zwischen zwei Stühle gestopft, und die Leutchen leben in der glücklichsten Illusion, durchaus unbekannt zu sein. Mit der merkwürdigen Sicherheit, die sich aller Menschen zu bemächtigen pflegt, wenn sie sich an einem Orte vollkommen fremd glauben, vertheilen sie aus ihren Körbchen kleine Blumensträuße mit allerlei bezüglichen Pflanzen, von denen z. B. die traditionelle alte Jungfer nur Myrthen erhält. Aber auch dieser Glanz soll verdunkelt werden, denn mitten in das idyllische Treiben stürzt sich ein höchst scherzhafter Bäcker- oder Conditorgeselle, dessen Maske zwar von einem alten Herrn für nichts als eine sehr gelungene Anwendung von saubern Unterkleidern gehalten wird, der aber durch sein witziges und lebhaftes Gebahren die äußere Einfachheit seiner Maske vergessen macht. Er hat die schwache Seite der Menschen ergründet und liefert ihnen den Witz in einer wohlschmeckenden Form. Sein Korb enthält Bonbons mit jenen bekannten gedruckten Bonmots, die auf nichts in der Welt passen, spaßhafte Figuren aus Chokolade, Pfannkuchen, in denen Familienscherze die Stelle der Füllung vertreten u. dgl. mehr. Da er seine Waaren mit sehr hübschen Verbeugungen ganz unentgeltlich und nie, ohne hinten mit dem Fuße 183 auszuscharren, anbietet, nimmt er die Aufmerksamkeit so in Anspruch, daß ein unterdessen eingetretener ungarischer Husar auf das Betrübendste verdunkelt und nur von den Kindern nicht übersehen wird, die seinen krummen Säbel aus der Scheide ziehen wollen. Erst ein Schornsteinfeger, schrecklichen und fabelhaften Ansehens, befreit den Helden der Pusten von den kleinen Unholden und verbreitet sehr viele Heiterkeit durch seine charaktervollen Bestrebungen, in den Ofen zu kriechen. Nun finden sich auch noch einige Türken und zwei ernste Dominos ein, mehrerer zarter Griechinnen und Odalisken nicht zu gedenken, mit welchen Posa, seines strengen Gelübdes leider ganz uneingedenk, unerlaubte Verbindungen eingeht und sich sogar, ein entarteter Sohn seines Ordens, an die Spitze einer Quadrille stellt, die nach vielem heimlichen Geflüster endlich zu Stande kommt. Bis jetzt ist das Incognito der Masken noch auf das Strengste beobachtet worden; niemand hat sich getraut, durch Wort oder Zeichen zu verrathen, daß jeder Einzelne vom ersten Augenblick an erkannt und vollständig durchschaut war; da macht der ehrwürdige Hausherr von seiner Autorität Gebrauch und ruft: »Wollen es sich unsere Masken aber jetzt nicht bequem machen und die Larven beim Tanzen abnehmen? wir möchten gern wissen, wem wir diese hübschen Ueberraschungen zu verdanken haben.« – Nun fallen alle Papierfutterale von den erhitzten Gesichtern und nur der ungarische Husar macht von dem erworbenen Rechte keinen Gebrauch, da sein großer Schnurrbart mit der angeklebten krummen Nase zusammenhängt, und er nicht Willens ist, durch Abnahme dieses martialischen Kennzeichens sich für den Rest des Abends um alles militairische Ansehen zu bringen. Was gleicht wohl der ausbrechenden Ueberraschung, als nun die Gesichter zum Vorschein kommen und die Damen sich endlich gestatten, näher zu treten und die Maskenanzüge zu bewundern, die keinesweges aus einem Maskentrödel geborgt sind, sondern sauber und frisch aus der Werkstatt kunstverständiger Theaterschneider stammen. Man hat Geld und verachtet 184 den erborgten Flitterstaat, ungerechnet, daß man jetzt einen Anzug für alle öffentlichen Maskenbälle besitzt und nie in Verlegenheit gerathen kann. Die Quadrille tritt an, ein gemietheter Clavierspieler, den noch Niemand bemerkt, der aber, wie das erste Mondviertel in den langen Tagen, schon längst da war und fortwährend Kuchen gegessen hat, geht nach kurzem Vorspiel in Flotow'sche Melodieen über, und mit erhabenem Anstande ruft Posa die Touren aus und den Bäckergehülfen zur Ordnung, der zuweilen aus mangelhafter Tanzbildung Verwirrung hervorbringt. Mit der Quadrille ist der feierliche Fastelabendstanz beendet. Die unverkleideten Tänzer umgeben die Masken, die alten Herren machen lustige Balletpas, der Hausherr nähert sich einer guten Großmama, die ihn vergebens mit den Worten: »aber, mein lieber Sohn« abwehrt, und endlich doch mit ihm zur Polonaise antritt. Der Kisting'sche Flügel, älterer Wiener Bauart, muß jetzt seine letzten Kräfte unter den ehernen Fingern seines Tyrannen aufbieten, um das Scharren der vielen Füße und den lauten Jubel zu übertönen, das Gesinde öffnet die Flügelthüren des Eßsaales und sieht zu, ja ein kecker Hausknecht macht sich rasch ein Gewerbe an einer Lampe und dringt neugierig umherschauend in den Saal; das Familienfest entfaltet seine schönsten Reize und der Halbonkel, der mit der alten Jungfer tanzt, flüstert ihr die Bemerkung ins Ohr, ob nicht ihr ganzer Stolz sei, einer solchen Familie anzugehören. Galopp folgt auf Galopp, Walzer auf Walzer, Jung und Alt tanzt durcheinander, bis der feierliche Ruf »zu Tisch« erschallt und Alle in buntem Gewühle in den Eßsaal dringen. Man nimmt Platz, bittet aber den ungarischen Husaren vergebens, sich von Nase und Schnurrbart zu trennen; er opfert nicht einmal seinen krummen Säbel, obgleich er ihm fortwährende heimtückische Ueberfälle von Seiten der Knaben zuzieht, die es sich fest vorgenommen haben, ihn aus der Scheide zu ziehen. Bei Ankunft der Monstre-Bowle erntet endlich auch der Hausherr die Früchte seiner Bemühungen. Mit Schmunzeln 185 nimmt er das Jubelgeschrei in Empfang, als, getragen von dem kräftigen Hausknechte, das mit Punsch gefüllte Porzellanungeheuer erscheint und auf den größten Dreifuß der Küche über eine lustig flackernde Berzeliuslampe gesetzt wird. Vielleicht ist es nur ein flüchtiger Gedanke an den verunglückten kleinen Knaben, vielleicht auch die Ahnung, daß so Mancher, der jetzt noch jubelt, bald wie alljährlich an diesem Tage, ein stummer Mann, hinausgeführt werden wird, wenn ein leiser Schatten von Ernst über seine Stirn fliegt. Der Kalbsbraten ist bis auf den in ihm steckenden Mammuthsknochen verschwunden, die Hochgebirge von Pfannkuchen sind längst aus der Schneeregion bis auf unansehnliche Vorberge zusammengesunken, da kommen die Gesundheiten und die Tischreden an die Reihe. Niemand bringt den geringsten eigenen Gedanken zum Vorschein, denn obwohl die ganze Familie die gründlichste Verachtung vor dem literarischen Geiste hegt, verschmäht sie an dergleichen Festabenden doch nicht den »kleinen Gesellschafter für Geist und Herz«, das »lustige Declamatorium«, und wie dergleichen unentbehrliche Werke des Sammelwitzes sonst heißen mögen. Posa trägt einen Dialog zwischen polnischen Juden vor, der Bäcker declamirt die Parodie auf den Monolog der Jungfrau von Orleans, der ungarische Husar singt den Hymnus »Kühnappel in Preußenland« und der Halbonkel führt eine komische Scene mit vorgebundener Serviette und stark geschwärzter Nase auf, eine durchaus klassische Scene, an der sich die Familie schon zwanzig Jahre hindurch nicht satt sehen kann. Die Heiterkeit erreicht jetzt eine solche Höhe, daß man das Verschwinden einiger halberwachsenen Jünglinge nicht bemerkt und nur ihre Mütter suchende Blicke durch den Saal rollen lassen. Man würde sich gar nicht mehr trennen, wenn nicht eine entschlossene Köchin mit angezündeter Stocklaterne sich in der Thür zeigte und als eine wohlgelungene Allegorie des Morgensternes an den Aufbruch mahnte. Wie viele Scherze beim Einhüllen und 186 Vermummen in Pelze und Mäntel entgehen dem Beobachter im Halbdunkel der Garderobe; wie eifrig sucht der Sohn der ungarischen Steppe nach seinem Säbel, den die Jungen im Bündniß mit dem Punsch doch noch über Seite gebracht haben; wie angelegentlich empfiehlt sich der Halbonkel dem Hausherrn, und wie geschickt verbirgt er eine Tüte mit Pfannkuchen im Hute; wir dürfen das Alles nicht mehr sehen, denn der Aschermittwoch scheucht die Gäste, und uns mit ihnen, durch sein mürrisches Gesicht endlich zu Bette. 187   Tag und Nacht. 1. Platon sagt an einer Stelle, daß wir armen Sterblichen mit unserer Erkenntniß der Wahrheit nur unglücklichen Gefesselten zu vergleichen seien, die mit dem Rücken gegen das Licht in einer Höhle sitzend, von den Dingen der Welt nichts erkennen könnten, als die unbestimmten Schatten der Vorüberziehenden, wie sie von den draußen flackernden Flammen auf die Wand der düstern Höhle geworfen werden. Das poetische und tiefsinnige Urtheil des herrlichen Weisen in Ehren gehalten, glaube ich doch, daß der Mensch, nach gewissen Seiten seines Wesens hin, bestimmtere Wahrnehmungen hat, als uns der Nachfolger des Socrates glauben machen will. Das Gehör namentlich scheint mir vom Schicksal auserlesen zu sein, mit weit größerer Genauigkeit als die übrigen Sinne das Weh des Lebens in sich aufzunehmen, was augenscheinlich aus dem auf den Gesichtern der Stocktauben tief schlummernden Frieden hervorgeht. Ich will hier nicht untersuchen, was aus der Menschheit geworden wäre , wenn sie niemals hätte hören können; es genügt vollkommen zu wissen, was aus ihr geworden ist, nun sie von jeher hat hören können . Alle Bronnen des Wohles und Wehes ergießen sich durch das Ohr und ich habe mich in meiner Verzweiflung schon oft gefragt, was es doch 188 für eine unbegreifliche Grausamkeit der Natur sei, daß zwar das Auge , aber nicht das Ohr eine Nacht habe. Niemand antwortet auf solche Fragen, die Sonne geht auf und unter, über unser Auge deckt der Schlummer einen weichen Mantel, aber des Menschen Ohr steht offen , wie ein erstürmtes Thor; es hat keine Lider, es hat keine Wimpern. Das Ohr ist wie eine südliche Straße im Fasching; alle Narren haben Erlaubniß, sich darin lustig zu machen. Um aber auf die Höhle des Plato zurückzukommen, werden wir zwar Alle von der Wahrheit ihrer Schilderung überzeugt sein, wenn wir jedoch prüfen, was wir in dieser unserer Lebenshöhle hören , so kommen wir zu dem Resultat, daß Plato sein schönes Gleichniß nur erfinden konnte, weil es überhaupt zu seiner Zeit und im ganzen Alterthum stiller in der Welt war. Kanonen und Glocken , die Einen wie die Andern die ultima ratio regum , waren noch nicht erfunden. Nürnberg war noch nicht erbaut; also hatte Denner auch noch nicht die teuflische Clarinette ersonnen. Es gab keine Schüler von Garcia und Bordogni, um zu Hause Tonleitern und Solfeggien zu üben, die Geschichte schweigt von den Droschken zu Athen, man baute keine Treppen aus Holz und die Schuljungen trugen keine Hufeisen an den Stiefeln, sondern nur Sandalen, man lebte auf der Straße und in Hainen, deshalb behelligten Niemandes Ohr zwanzig knarrende ungeschmierte Thüren – es war jedenfalls stiller zu Platon's Zeit. Wollten die Alterthumsforscher sich einmal von ihren theoretischen Untersuchungen einige Augenblicke für diesen praktischen Stoff abmüßigen, es müßte eine schöne, eine erfreuliche Auseinandersetzung werden. Vielleicht entschließt sich einer unserer berühmten Akademiker zu einem mehrbändigen Werke über den Straßenfrieden im Alterthum. Der moderne Mensch besitzt etwas, wovon man in der Blüthe Griechenlands vermuthlich gar keine Vorstellung gehabt hat; dieses etwas heißt Nachbarschaft . Um nun auseinanderzusetzen, wie unglücklich die heutige Welt durch 189 diesen verderblichen Zuwachs geworden ist, habe ich mich entschlossen, diejenigen Eindrücke, welche ich, in meiner Höhle von Studirstube sitzend, durch die Nachbarschaft empfange, in der Hoffnung aufzuzeichnen, daß andere nachdenkende und schreibende Menschen Aehnliches mit gleicher trauriger Bestimmtheit wahrgenommen haben. Wenn ich mich des Morgens um sieben Uhr an meinen Schreibtisch setze, so ist es oft ganz stille, wenn ich das Geräusch einer zufällig über Nacht eingesperrten und nun nach Freiheit strebenden Brummfliege ausnehme. Da dieses Thier eben so sehr als ich nach frischer Luft lechzt, öffne ich das Fenster und genieße die noch nicht von den chemischen Ausscheidungen des Tages verfälschte Atmosphäre. Aber der Genuß des einen Sinnes wird stets mit dem Leiden eines andern bezahlt. Alsobald höre ich den ersten Milchkarren, das Klappern der Blechkannen, das Niederfallen eines Maaßes, das Fluchen des Milchmannes und wie sonst das ganze Ensemble heißen mag. Nicht lange darauf fällt der Reflex des Sonnenlichtes auf meine Wand und zugleich beginnt das Geklimper in dem nahe gelegenen Klempnerkeller. Wahrscheinlich fällt derselbe Lichtreflex auch in die Kellerhöhle meines Nachbars und er hat sich das Erscheinen desselben zum Zeichen des Arbeitsanfanges festgesetzt. Der ägyptische Memnon war aber bei Sonnenaufgang nicht pünktlicher auf seinem Flageolet, als mein blechbearbeitender Nachbar. Dieses Geräusch verläßt mich nun bis zum Sonnenuntergang nicht mehr, sondern begleitet meine Arbeiten als ihr unzertrennlicher Freund. Für gewöhnlich ist es nur so stark, daß ich mich daran gewöhnt habe, aber wenn mein Nachbar Gießkannen anfertigt, dann mußte ich schon oft in stummer Verzweiflung mein Haupt auf den Tisch legen. Wer die Gießkannen in ihrem stillen ländlichen Berufe zu beobachten Gelegenheit hatte, weiß nicht, welcher Korybantenlärm bei ihrer Geburt geherrscht hat. Die Rüstung des Achilleus kann bei ihrer Anfertigung nicht mehr Spektakel erfordert haben, als eine solche Gießkanne; eine 190 Laterne, ein Blechdeckel, eine Kaffeemaschine sind dagegen nur sanfte Instrumente. Bald nachdem mein Freund an den Erwerb seines täglichen Brotes gegangen ist, beginnt auch meine unbekannte Freundin die Präparationen zu dem Ihrigen. Wer ist meine Freundin? Eine Frauensperson, die ich nie gesehen , sondern nur gehört habe, weshalb ich mir von ihr eine Menge düsterer Bilder entwerfen mußte. Sie stößt den ganzen Tag hindurch, mit alleiniger Ausnahme der Stunden, in denen sie ißt und verdaut, unartikulirte, langgehaltene Töne aus, welche das Eigenthümliche besitzen, daß ich davon leise Schmerzen im Leibe bekomme und zugleich die ungerechtfertigte Vorstellung nicht los werde, daß auch ihr dabei etwas weh thun müsse. Wie unwahrscheinlich diese hypochondrische Ansicht ist, geht daraus hervor, daß sie nun schon Monate lang stets dieselben Töne ausstößt, ohne daß ich eine Verminderung ihrer Kraft, die doch bei schmerzlichen Nebenumständen unvermeidlich wäre, bemerken kann. Ich habe aber dieses Frauenzimmer in Verdacht, daß sie sich für das Theater ausbildet und bei irgend einem Gesanglehrer für anderthalb bis zwei Thaler die Stunde Unterricht genießt, weil sie nicht über die Anfangsgründe hinauskommt. Zwischen acht und neun Uhr beginnt die Karavane der Schulkinder ihren Vorbeimarsch unter meinem Fenster. Sie klatschen mit Peitschen, sie johlen, sie stoßen einander gegen Hausthüren, schlagen mit Schiefertafeln auf kameradschaftliche Köpfe, necken die Milchhunde und schimpfen sich aus. Da sie in die Schule gehen, verzeihe ich ihnen viel; aber ich beklage doch noch mehr ihre Schulmeister . Sind nun die größeren Kinder nach dem Laut des Gesetzes untergebracht, so treten die kleineren Kinder mit ihrem Spektakel in die Welt der Erscheinung. Um halb zehn Uhr höre ich, wie ein kleines Mädchen, ein wahrer Wechselbalg unter Heulen und Zetern von ihrer Mama die Treppe hinaufgeführt wird. Dieses kleine Monstrum belustigt sich den Tag über mit Erklettern von Tritten, 191 Waschgefäßen, Handwägen und Ecksteinen. Auf dem Gipfel angelangt, fällt es stets herunter, ohne sich aber jemals Schaden zu thun. Nichts desto weniger verfehlt es nie, ein durchdringendes Geschrei auszustoßen. Nach einer mäßigen Berechnung schreit dieses Geschöpf an jedem Tage zwei bis drei und eine halbe Stunde. Ein anderes Kind männlichen Geschlechtes aus der Nachbarschaft hat triftigere Gründe, Schmerzenslaute auszustoßen. Wenn dieser Knabe nicht eine besondere Organisation besitzt, so muß im Allgemeinen das menschliche Fell eine größere Widerstandskraft haben, als die Philanthropen für gewöhnlich anzunehmen geneigt sind; aber auch die Frauen müssen eine bedeutendere Muskelkraft und Ausdauer besitzen, als sie selber einzuräumen pflegen. Wie das Vormittagsdasein dieses Sohnes nichts ist, als ein unausgesetztes Umwerfen von Stühlen und Fußbänken, oder ein schwindelfreies Hinaushängen von drei Vierteln seiner Persönlichkeit zu einem Fenster des dritten Stockes nebst lang herausgestreckter Zunge; so ist das gleichzeitige Dasein seiner Mutter nur ein unterbrochenes Walken seiner Haut mit klatschenden Instrumenten. Da man im Sommer bei offenen Fenstern lebt, so entgeht mir kein Ton dieser kontrapunktisch behandelten Melodien einer siebenjährigen Knabenstimme. Nun entwickeln allmählich die ambulanten Gewerbe ihre Stimmen, die Bötticher lassen sich mit ihrem eintönigen Klippsignal vernehmen, ebenso die Scheerenschleifer mit ihrem melancholischen Laut und widrigen metallischen Zirpen, die verschiedenen Obstsorten werden ausgerufen, dann Klammern , dann bietet ein wehmüthig wieherndes Weib Schaafmilch aus und dazwischen kommt mir der Hahn in dem nahen Hofe mit seinem regenkündenden Krähen, wie eine holde Stimme aus der fernen wohlklingenden Natur vor. Das Entsetzlichste steht mir gegen Mittag bevor: der Wagen mit den Eisenstangen , die er regelmäßig um diese Stunde in ein nahes Geschäft bringt. Ueber diesem ehernen Zusammenschmettern zerreißen alle Fibern der Gehirnmasse und die 192 Gedanken fliegen auseinander wie ein Volk von Rebhühnern, wenn darunter geknallt wird. Ach, es giebt nur eine Polizei gegen öffentliche Beleidigungen des Auges; das Ohr ist vogelfrei, ein excommunicirter Sinn, ein armer Tropf, den jeder Elende verhöhnen, jeder Mächtigere knechten kann. Alle Philosophie der Welt wird das menschliche Ohr gegen diese Eisenstangen nicht zu stählen vermögen! Gegen Mittag tritt, nachdem noch der Lärm der heimkehrenden Schulkinder überwunden ist, eine auffallende Verminderung des nachbarlichen Spektakels ein; die Nahrung beschäftigt die Menschen und auch Nachmittags lähmt die Verdauung ihre Neigung zu Geräusch. Einige rasselnde Wagen, ein vorübertrabender Reiter fallen nicht mehr in's Gewicht. Die Erfahrung hat indessen festgestellt, daß diese Erholungspause im Völkerleben nur einer abermaligen ungeheuren Aufwallung vorangeht. Von vier Uhr Nachmittags an bis in die sinkende Nacht wird die Reihe der ohrenzerreißenden, nerventödtenden Geräusche nicht mehr unterbrochen. Es war eine spielende Redensart des Dichters, wenn er sagte: »Vor dem Sclaven, wenn er die Kette bricht – vor dem freien Manne erzittre nicht!« Vor dem Schuljungen erzittre – zittre um vier Uhr – wenn er die Kette Zumpt's und Buttmann's gebrochen hat! zittre Byzantium, wenn diese Bande herausgelassen wird! zittre dreimal – neunmal , wenn eine Stadtschule geöffnet wird! Eine halbe Stunde lang ist die ganze Straße mit diesem grimmen Volk bedeckt, dann verschwinden sie, die Tornister, die Bücher, die Tafeln werden in den Winkel geschleudert, das Vesperbrod verschlungen und dann betritt ein Jeder von ihnen mit dem berühmten historischen Motto: »Die Straße gehört mir!« sein Eigenthum. Gute Nacht, Schularbeit – gute Nacht aber auch, meine Arbeit! was für große Stimmen können kleine Knaben haben! Jetzt erhebt die Freundin vom Theater auch wieder ihre Stimme, der Klempner schlägt darauf los, bei dem 193 schönen Wetter wird jede leer vorüberfahrende Droschke angeschrieen, der Packwagen von der Eisenbahn ist mit einigen sechzig Centnern angekommen und ladet mehrere krachende Kisten ab, und eine Fuhre mit Mauergerüsten wird zum Ueberfluß herangefahren. Der Skandal steht im Zenith ; ärger kann es nicht werden. Zum Glück wird von einem talentvollen Knaben ein alter Trunkenbold in der Seitengasse entdeckt. Um diesen Herrn gruppirt sich bis zum Einbruch der Nacht die künftige Generation. Es gelingt mir wirklich etwas Fassung zu erringen. Ich zünde die Lampe an und nehme meine Bücher vor, abgehärtet gegen das Klavier, das über meinem Haupte mit seinen rostigen Zähnen klappert; es wird stiller – es wird sogar einen Augenblick ganz stille – der Wächter schließt die Häuser – eine Liebende spricht zum Fenster hinaus mit »Ihm« – der Vater schreckt sie hinein – sollte es jetzt wohl ruhig bleiben, nun der Mond leise herauskommt und die Stirnen der Häuser versilbert? Nein – ich habe seine Flöte vergessen, die unselige Flöte der Mitternacht, des Schneidergesellen oft abgebildete, oft gehörte und verwünschte asthmatische Flöte – zwölf Uhr und noch nicht das Letzte, was sich die Nachbarschaft erzählt? Da kommt ja wohl ein kolossaler Wagen? Oh, daß wir uns nicht allein die Ohren , sondern auch die Nasen zuhalten müssen! 2. Mein Schlafzimmer geht auf einen kleinen Hof mit dahinterliegendem Garten hinaus. Eine ziemlich hohe Mauer trennt diese freundliche Stelle von einem mit hohen und schönen Lindenbäumen besetzten Platze, der zu einem 194 zweideutigen Vergnügungslokale gehört. Im Winter, Frühjahr und Herbst hört man nur wenig von dem bacchantischen Jubel, die schrille Trompetenmusik, der heisere Ruf des Maitre du Plaisir und der Lärm der Tanzenden werden durch die Entfernung, die Mauern, die hohen erleuchteten Fenster des Pavillons gedämpft. Im Sommer thun sich seine Pforten auf und die Odalisken mit ihren gläubigen Verehrern verlassen den Kiosk, um sich unter den Linden abzukühlen. An einem der gewitterschwülen Spätabende im Anfange des Juli hatte ich bis in die Nacht hinein gearbeitet. Die offenen Fenster meines nach der Straße hinaus gelegenen Zimmers ließen keine anderen Laute zu mir herein, als den hohlen Klang der schweren Wächtertritte und das leise und unheimliche Flüstern der Nachtlüfte; es war Schlafenszeit. Ich stand vom Schreibtisch auf und begab mich in die hinteren Zimmer. Aber der Schlaf, der treuste Freund des Menschen, wollte von mir nichts wissen; er flieht alle diejenigen, welche ihn wegen der Erbärmlichkeiten des Lebens vernachlässigen. Lange saß ich auf meinem Lager, beschäftigt mit den peinigenden Gedanken, welchen der Mensch um die Zeit der Nacht verfällt, wo seine Urtheilskraft ruht, als der Lärm in dem angrenzenden Garten nach und nach meine Aufmerksamkeit fesselte. Schon oft hatte ich diesen Spektakel gehört und mich an ihn, wie der Müller an das Rauschen des Baches und das Klappern der Mühle gewöhnt, obgleich der Besitzer des Lokals, als der eigentliche Müller, den glänzendsten Vortheil von dem Rauschen der Lust und dem Klappern der hohlen Bubenköpfe zog – aber diesmal überstieg der Lärm das Maaß des Gewöhnlichen. Die elektrische Spannung der Luft, die den Schlummer von meinen Augen scheuchte, schien die obscöne Gesellschaft aufzustacheln; es zuckte und fuhr in dem Garten auf und ab, wie die leichten Körper unter dem Conductor der Elektrisirmaschine. Noch niemals habe ich Achtung gegeben auf dieses Spiel der Maden in der verwesenden Gesellschaft; jetzt spürte 195 ich allmählig, wie die rohen, scharfen und schneidenden Laute Eindrücke in meiner Phantasie hinterließen und wie diese Gestalten zu der bestialischen Musik schuf. Ganz in gleicher Art pflegen wir, wenn in ruhigen Abendstunden der Wind die Klänge wohlgestimmter Instrumente über Feld und Wald in unseren ländlichen Aufenthalt weht, den Ort, woher der Schall kommt, mit lieblich gestalteten fröhlichen Menschen zu bevölkern oder an dem Licht eines strahlenden Sternes emporzuklettern bis zu dem poetisch ausgemalten Aufenthalte glücklicher organisirter Creaturen. Alles, was uns allein durch das Ohr zukommt, ohne daß wir die mechanischen oder organischen Tonwerkzeuge sehen, hinterläßt einen tieferen Eindruck im Gemüthe, weshalb wohl die Tauben, die nichts Gutes und nichts Böses hören, so friedfertige und stille Gesichter haben, wie die – Todten. Das Fenster meines Schlafzimmers stand weit offen, aus dem hell erleuchteten Garten fielen durch die stark belaubten Aeste kleine grelle Streiflichter auf die Wand an meinem Bette; ich richtete mich auf und lauschte. Niemand wird es tadelnswerth finden, wenn auch einmal die Geheimnisse des wirklichen Lebens belauscht werden, wie die allabendlichen Intriguen auf den Brettern. Zuerst vernahm ich eine tiefe Männerstimme, zu der ich mir einen dicken Burschen mit aufgerissener Weste und feistem Stierhalse dachte, einen Burschen vom Lande, der sein Erbtheil in der Stadt durchbringt. Es war eine Stimme, die wie ein Hafendamm auf einem sicheren Pfahlwerke, so auf einem Rost zahlloser ausgetrunkener Biertonnen ruht. Alle reicheren musikalischen Fasern waren von diesem Organe längst heruntergerieben; man hörte nichts als ein starkes und doch leidenschaftsloses Brüllen. Der Löwe und Tiger, die das Motiv eines ersehnten Fraßes haben, brüllen weit edler und klangvoller. Der dicke Bursche brüllte wie der Sturm durch ein weites Stadtthor. Mit ihm correspondirte eine tiefe Frauenstimme, die zu einer alten Prostituirten gehören mußte. Alles, was in jugendlichen Jahren 196 in diesem Organ zu Gellendes und Kreischendes gewesen sein mochte, war gewiß mit dem Fleische längst den Weg alles Fleisches gegangen; es war nichts als eine dicke, trübe Stimmhefe übrig geblieben. Wenn das Gebrüll des Burschen etwas Festes und Abstoßendes besaß, so hatte die tiefe Stimme dieses Geschöpfes nicht die geringste Bestimmtheit; sie glich dem häßlichen Klappern eines hohlen Kürbisses voller Chausseesteine, wie ihn die Straßenjungen anzufertigen pflegen. Auf diesen beiden garstigen und scheußlichen Organen ruhte das ganze Stimmenconcert in dem Tanzgarten, wie eine Sinfonie auf Violoncell und Contrabaß. Aber die übrigen Instrumente paßten vortrefflich zu dem Charakter des Grundbasses; es war ein Ensemble, in seiner Art so vortrefflich und abgerundet, wie die Aufführungen des Pariser Conservatoriums, der Berliner Kapelle und des Domchors, nur daß die unsterblichen Meister der Töne davor ihre Häupter verhüllt und sich in ihren Gräbern umgekehrt hätten. Die Mittelstimmen bestanden aus ordinären Organen menschlicher Bratschen, die überall sonst im Leben, also auch hier auf dem Tummelplatz der Liederlichkeit nur die Füllstimmen ausführen. Zuweilen klang dieser oder jener schärfer accentuirte Ton oder irgend ein seltenerer Provinzialismus hervor; aber im Allgemeinen schienen sich auch die Schreier den kräftiger begabten Naturen zu subordiniren. Etwas höher als diese zweiten Tenöre der nächtlichen Serenade der Liederlichkeit lagen die Knabenstimmen, denn das geübte Ohr eines alten Musikers unterschied mit Bestimmtheit eine Menge derselben in dem wüthenden Charivari. Diese Stimmen lagen alle auf der Grenze der Mutation, gehörten also Buben an, die, an der Schwelle der Mannbarkeit stehend, hier die ersten Eindrücke des Umgangs mit dem schönen Geschlechte empfingen. Aufgeregt durch hitzige Getränke und Tanz, schrieen diese Buben in einem wüsten Chorus durcheinander, der wie der Ruf der Eulen und Nachtdämonen im Freischütz stets aus der Tiefe in irgend einen lächerlichen und hohen Ton 197 überschlug. Aus einzelnen, zu meinem Fenster heraufklingenden, galanten Redensarten und elenden Theaterpossen entlehnten Bonmots erkannte ich Mitglieder aus der ehrsamen Zunft der Ladenburschen und Kaufmannslehrlinge, Leute, die ihren Charakter, wenn sie den Mund öffnen, so wenig verbergen können, als die Schwalbe ihren Flug, der Iltis seinen Geruch und der Esel sein Geschrei. Sie schienen eine herrschende Majorität zu bilden, die nur zuweilen auf die Inspirationen jenes dicken Burschen vom Lande hörte, der ihr Parteihaupt, Chorführer, Obernarr und Vorgaukler zu sein schien. Ich malte mir lebhaft den Gedanken aus, alle Principale dieser Buben an meinem Fenster versammelt zu sehen, wie ein Jeder von ihnen sich bemüht, die Stimme seines saubern Pflänzchens herauszuhören und das monatliche Salair desselben mit den Kosten einer solchen Berliner Ballnacht und gewissen unbegreiflichen Deficits bei der Inventur zu vergleichen. Ich dachte ferner an die armen Gymnasiasten, welche, durch strenge Gesetze überwacht, weder harmlose Conditoreien noch Billardstuben besuchen dürfen, und wunderte mich über die Freiheit solcher Eleven des Kaufmannsstandes, die am andern Morgen wieder von Neuem die Hände in die Kasse ihres Herrn tauchen und die Woche über sein Detailgeschäft besorgen. Mir schien in dem Augenblicke, als wenn in der Ueberwachung der Jugend und der privilegirten Nichtsnutzigkeit solcher Unzuchtslokale noch »Einiges« für den Gesetzgeber zu thun sei! Die Sopranstimmen fesselten die Aufmerksamkeit am meisten. Sie gehörten mit wenigen Ausnahmen dem zartesten Mädchenalter an. Ihr helles, schallendes Gelächter verrieth, daß alle Scherze und Reden wesentlich an ihren Beifall gerichtet seien, aber das zeitweilige Aufkreischen einer einzelnen Stimme und das präcise Einfallen des ganzen Lachchorus bewies auch, daß es drunten in dem verlorenen Paradiese nicht immer bei Redensarten blieb. Eine zarte, klare Kinderstimme, die sich in den Ausbrüchen einer jubelnden Heiterkeit besonders hervorthat, flößte mir 198 eine geheimnißvolle Theilnahme und Rührung ein. Sie besaß noch die ganze Frische der weiblichen Jugend, die liebliche Klangfarbe der unschuldigen Seele; diese Stimme hat den Sturz des Engels überlebt. Mit solcher Stimme konnte eine Tochter für ihren Vater beten; mit ihr konnte sie für ihn bei mildthätigen Seelen betteln und auf Erhörung rechnen, mit diesem Organe mußten die einfachen Gesänge des deutschen Volkes gesungen werden, wenn harte Herzen erweicht werden sollten, diese reine, süße Stimme war dazu geschaffen, die Sprache der Liebe zu reden und zu singen. Dort unten klang sie wie der lockende Ruf der Nachtigall, wenn ihn das Raubgevögel im nahen Gemäuer überkrächzt. Es lag Etwas in ihr, was einer Fürbitte für die gesammte verworfene Gesellschaft glich, ein Rest Sittlichkeit und Hoffnung, wie man ihn in irgend einem vergessenen Winkel des Verbrechergemüthes findet. Ehe man die holden Laute dieser Mädchenstimme gehört hatte, nahm man ein Aergerniß an dem Volke, nachher jammerte es Einen nur noch. Daß jedoch eine solche weichere Stimmung nicht anhalten sollte, dafür sorgten die nächtlichen Ruhestörer in vollem Maaße. Wenn sie eine Viertelstunde den kleinen Park durchtobt hatten, rief sie die Fanfare einer verblasenen Trompete wieder zum Tanz in den Saal. Dann verstummte der Lärm, der Ballsaal nahm seine Gäste wieder auf und das Scharren der Füße zeigte an, daß die Orgie wieder begonnen hatte. Dieser Wechsel von Salon- und Gartenvergnügen wiederholte sich bis zwei Uhr Morgens mehrmals hintereinander; dann schien eine allgemeine Erschöpfung einzutreten, Gelächter und Geschrei wurden schwächer, die meisten Paare schienen sich schon früher entfernt zu haben, und zuletzt verstummte auch die elende Trompetenmusik; es blieb nichts übrig als die stille Nacht und ein bleich aufleuchtendes Morgensignal am östlichen Horizont. Es war unmöglich einzuschlafen, der Höllenlärm klang noch in den Gehörnerven nach, wie die überladene Musik mancher neueren Opern, man setzt auch im Schweigen die 199 begonnenen Reflexionen weiter fort. Mir leuchtete ein, daß unsere Civilisation kein Recht hat, über die Kriegstänze der Karaiben, die nächtlichen Ausschweifungen der Negersclaven, die Thranschwelgereien der Grönländer und die Bacchanale der Indier den Stab zu brechen. Die authentischen Berichte der gelehrten Reisenden schildern diese Festlichkeiten nicht wilder und schmutziger, als das, was ich so eben erlebt hatte. Denn ich muß hinzusetzen, daß ich mich hier nur auf leichte Umrisse beschränkt und weislich gehütet habe, die brennenden Farben des Dialogs zu copiren, von dem einzelne kurze, aber sehr inhaltschwere Aphorismen zu meinem Lager emporschallten. Die Gesellschaft im Garten trug nicht das geringste Bedenken, sich einer Menge Ausdrücke zu bedienen, welche das Wörterbuch der deutschen Sprache gar nicht aufweist, oder die selbst von den unternehmendsten Schriftstellern nie anders als durch verschämte Punkte angedeutet werden. Dem Charakter der naiven Wilden getreu, dachte ferner die besagte Urgesellschaft inmitten der Civilisation nicht an die etwaigen Zuhörer ihrer Unterhaltungen über geschlechtliche Verhältnisse. Ein Vater von heranwachsenden Töchtern, ein Ehemann, oder die Vorsteherin einer weiblichen Erziehungs-Anstalt mußten sich nach meiner Meinung ernstlich besinnen, ob sie in einer Gegend wohnen bleiben sollten, wo man in jeder warmen Sommernacht das Schandlexikon der Menschheit und Sprache geflissentlich aufschlägt, wo man nach den Aussagen glaubwürdiger Zeugen gelegentlich schon das Messer auf einander gezückt hat, wo die Lemuren der modernen Sittlichkeit ihre Reigentänze aufführen. Gegen giftige Dünste kann man sich durch Verschließen der Fenster schützen, gegen giftige Töne müßte man das Mittel anwenden, mit dem Odysseus seine Gefährten vor dem Gesange der Sirenen schützte. Auch wird ein Grenzbewohner dieser idyllischen Nachtlandschaft sich nicht mehr wundern, wenn die jungen Leute im eifrigen Dienste der paphischen Göttin, für den rauheren Dienst des Kriegsgottes immer untauglicher werden und die 200 Kreis-Ersatzcommission nachgerade der Meinung ist, daß die Residenz im nächsten Jahre ihren gesetzlichen Verpflichtungen wohl nicht mehr werde genügen können. – Da bricht aber der Morgen an, der Hausknecht des Klostergartens löscht die letzte Laterne aus, der erste Hahn kräht die Dämmerung an, der Himmel erröthet vor Scham – es ist Schlafenszeit! 201   Eine Local-Berühmtheit. Jede große Stadt besitzt gewisse Orte und Personen, von welchen fast gar nicht in den Zeitungen, diesen Posaunen im Orchester der Drucksachen, die Rede ist, welche aber dessenungeachtet an Ort und Stelle eine große Berühmtheit genießen und über dem lieblichen Klange ihres Silbers des mit Blei plattirten Ruhmes entrathen könnten. Gegenüber dem ernsthaften Gebäude der Bank in der Jägerstraße bemerken wir ein stattliches Haus, das einst die verewigte Zeitungshalle beherbergte, seitdem aber von einem sehr unruhigen Temperamente zu sein scheint und alle möglichen Geschäfte erzeugt und verschlingt. Wir haben seit fünfzehn Jahren eine Menge Industrieller darin ihren Handel und Wandel betreiben gesehen, aber Niemand hat es bis zum Gerede der Leute gebracht. Nur in der unscheinbarsten Localität des Hauses, in dem kaum bemerkbaren Keller, existirt ein Geschäft, das so manchen weniger glücklichen Gewerbsmann mit dem christlichen Gefühle des Neides zu erfüllen pflegt. In diesem Keller hanthiert die größte Wurstcelebrität Berlins, der Bureauchef der bedeutendsten Frühstücksstation der Residenz, der berühmteste Kenner von kalten Fleischwaaren: Niquet . Von den sechshundert Fremden, welche nach einer nicht unwahrscheinlichen Durchschnittsrechnung täglich auf den Berliner Bahnhöfen anlangen, werden die meisten auf ihren städtischen Promenaden wahrscheinlich achtlos 202 an dieser nicht besonders großen Thür und an den kaum bemerkbaren, dem Keller tief im Kopfe liegenden beiden Fensteraugen vorübergehen, und doch verdient dieser Ort eher einen Besuch, als so manche prahlerisch mit Gaskronleuchtern verzierte, an Verkehr und Verzehr abgemagerte Spelunke unter den Linden. Wenn ein Gast aus der Provinz, der um 11 Uhr Vormittags eben bei Gerson das unvermeidliche Kleid für die Frau Gemahlin bezahlt und nach seinem Hôtel adressirt hat, Lust haben sollte, die merkwürdigste Wursthalle des Nordens kennen zu lernen, braucht er nur den ersten besten jungen Leuten nachzugehen, welche mit besonders geschwinden Schritten um die Ecke in die Jägerstraße biegen und sich plötzlich in eine Versenkung an der Ecke der Oberwallstraße stürzen. Je nachdem unser Gast einen tüchtigen Magen oder eine scharfe Beobachtungsgabe besitzt, wird er entweder eine Menge delicater Fleischwaaren, oder eine beträchtlichere Anzahl weniger delicater, aber doch immer pikanter Menschenwaare kennen lernen. Sobald man die wenigen abschüssigen Stufen überwunden hat, befindet man sich im Mittelpunkte des originellen Treibens. Die Uebersicht ist aber keinesweges durch eine Menge Räumlichkeiten erschwert, denn es giebt in Berlin vielleicht kaum ein engeres Local. Eine kleine gewölbte Vorhalle für den Verkauf, und ein beschränktes niedriges und dunkles Zimmer für die Gäste, mehr wird den verwöhnten Berlinern nicht geboten, denen es sonst selbst im Krollschen Königssaale unter Umständen zu enge ist, die sich aber hier aus fleischlichen Gelüsten auch auf die unerhörteste und lächerlichste Weise einschränken können. Der Hauptgegenstand in der Vorhalle ist der Altar, auf welchem alle jene Lockspeisen liegen, ohne welche der Gaumen des Nordens nicht bestehen zu können scheint. Er wird durch ein glänzend polirtes messingnes Mausoleum, in welchem zahllose Wiener und Knoblauchswürste eingesargt, aber von einem Gasflämmchen bei künstlicher Lebenswärme erhalten, liegen, in zwei Theile getheilt und 203 durch ein hölzernes Gitter gegen etwaige communistische Eingriffe geschützt. Hinter diesem Altare stehen die männlichen und weiblichen Beherrscher dieser Schätze in unaufhörlicher Thätigkeit, während ihre Gestalten durch eine ernste, fast düstere historische Landschaft von geräucherten, an der Wand hängenden Schinken, Schlackwürsten und Rinderzungen einen vortheilhaften Hintergrund erhalten, an dessen bräunlicher Färbung, aber sonst an weiter nichts, unsere zahlreichen heutigen Gemäldekritiker vielleicht einigen Anstoß nehmen könnten. Die eintretenden Personen stellen sich entweder vor den erwähnten Opferaltar, um von den Priestern des Wurstcultus für Geld und gute Worte die frommen Spenden für den sterblichen Leib in Empfang und nach Hause mitzunehmen, oder sie begeben sich rechts in die Verzehrshalle, aus der uns ein Höllenlärm entgegenschallt und ein unbeschreiblicher warmer Fleischgeruch, der nichts mit den Einzelheiten der Speisekarte, und doch wieder etwas mit Allen zusammen gemein hat, entgegenquillt. Beim Eintritt entdecken wir, besonders wenn der Tag nicht sonderlich klar ist, zuerst nichts, als einen wüsten, an drei Tischen gelagerten Haufen von Menschen, über dem ein schwaches Gasflämmchen zum Anzünden der Cigarren flackert. »Eine Jauersche und eine Josty!« »Eine halbe Portion Schinken! Eine Schweinszunge!« »Eine Portion Rauchfleisch! Eine Ale!« »Zwei Straßburger!« »Fraustädter!« »Eine halbe Trüffelwurst!« »Einmal Salami!« »Eine Bairische!« »Eine kleine Weiße!« So schreien aus allen Winkeln hervor, wie in Dante's Hölle die Verdammten, die frühstückslustigen Berliner, und ein in der Mitte dieses Inferno stehender, dem Verlangen Aller ein geneigtes Ohr schenkender Verbündeter Niquet's nimmt mit klassischer Ruhe diese Bestellungen in seine Seele auf und entfernt sich dann, um sie theils am öffentlichen Opferaltar, theils in geheimen, nicht zugänglichen hinteren Küchenräumen ausführen zu lassen. Neben dieser 204 kaltblütigen Fleischgottheit beschützt noch ein jüngerer Genius die durstig um Hülfe und Rettung Flehenden. Mit nicht zu großer Schnelligkeit wandelt er hin und wieder, und holt aus einem Kabinetchen zur Linken, in dem nur Freunde der Firma und des Hausherrn, berühmte Schlächter und renommirte Viehzüchter, zugelassen werden, die betreffenden Biere. Ist es dem Eintretenden endlich gelungen, entweder durch die Liebenswürdigkeit oder die Entfernung eines Gastes ein schmales Plätzchen an einem der drei Tische zu erobern, so wird er sein Erstaunen über den herrschenden Ton nicht verhehlen können. Was aufgetischt wird, verschwindet mit der Geschwindigkeit eines Courierzuges, ja einer telegraphischen Depesche (vorausgesetzt, daß die Regierung nicht mit ihren Depeschen die Vorhand hat); die versammelte Gesellschaft weiß, daß hier jeder Quadratzoll Platz der hungrigen Gesellschaft gehört, und hat aus eigener Erfahrung die Leiden eines verzögerten zweiten Frühstücks zu oft kennen gelernt, um nicht in schöner Solidarität für das kommende Geschlecht zu sorgen. Zudem ist der Aufenthalt nicht so verlockend, daß er zu längerem Verharren anregte. Jeder nimmt deshalb so schnell als möglich seine Ladung vortrefflichen Proviants ein und eilt nach kaum gewischtem Munde von dannen. Hier oder sonst nirgends kann man beobachten, wie hastig unser Zeitalter lebt, wie die Generationen einander jagen und wie die conservativen Elemente als das ewig Ruhende im Wechsel verharren. Niquet ist ein Monarchist strengsten Styles und Rechtgläubiger ersten Ranges. Er giebt eine beträchtliche Einnahme hin, um sein Geschäft am Sonntage absolut verschlossen zu halten und verschenkt, wie man sich erzählt, Orgeln an arme Kirchengemeinden! Zuweilen bricht in dem Speise- und Becherraum plötzlich tiefe Nacht herein; erstaunt blickt der Neuling empor, dem die Buchstaben der Kreuzzeitung in einer egyptischen Finsterniß verschwinden – es sind nur zwei Damen, die vor den Kellerfenstern stehen bleiben, die an den 205 Erdgeschoß gelegenen Schaufenstern aufgehängten Stoffe betrachten, und Niquet's Hallen durch ein Crinolinengewölk verdunkeln. Zuweilen werden aber auch sämmtliche Gruppen von einem diabolischen Feuerschein erleuchtet, wenn ein Jüngling einen Fidibus anzündet und die Cigarre damit in Brand steckt. Bei diesen wechselnden Beleuchtungen bemerkt man dann wohl den Gebieter des Ortes selber, wie er statt mit dem weltlichen Embleme der Macht und Alleinherrschaft, einer Krone, nur mit einer Sammetmütze bedeckt, in der Rechten den blanken Pfropfenzieher, in der Linken die Porter- oder Aleflasche und den saubern Kristallbecher haltend, mit einem großen Feldherrnblick umherspäht, um den zu entdecken, dessen Gemüth nach Englands kräftigen Gerstensäften gelüstet. Aber trotz der conservativen Prinzipien herrscht in der Bedienung die revolutionärste Gleichberechtigung. Hier giebt es nur Citoyens des Fleisches und Bieres, und wer zuerst bestellt hat, erhält seine Dosis auch zuerst. Immer gleiche Güte der Waare und Gleichheit der Person, darin liegt die magische Anziehungskraft solcher Orte. Ob Jemand im Genuß einer Knoblauchswurst, der kleinsten möglichen Erquickungsdosis, schwelgt, oder ob er, wie jener mecklenburgische Rittergutsbesitzer, die ganze Speisekarte im Laufe eines Vormittags herunter ißt, der Wirth hat für Beide nur eine Höflichkeit, weil es für seine Erfahrung nichts Außerordentliches im Appetit mehr giebt. Sehen wir uns jetzt aber die Gesellschaft ein wenig näher an. Draußen vor dem Altar, hart neben der Thür, sitzen zwei Herren und eine Dame mit einem Pamelahute, augenscheinlich Fremde, die von einem Landsmann hierher gewiesen worden, aber vor dem dunkeln Grauen des Speisezimmers zurückgebebt sind und es sich hier an dem Katzentische des Lokales wohl sein lassen. Fortwährend strömen junge und alte Handlungsbeflissene aus den nahegelegenen großen Geschäften herein, Hausfrauen und Köchinnen, welche Beilagen für den Mittagstisch oder die Zuthaten zum Abendthee holen, Junggesellen altfränkischen 206 Calibers, die selber einkaufen und eine halbe Meile weit aus einer entfernten Stadtgegend hieher gehumpelt sind, nach ächtem Hamburger Rauchfleisch lüsterne Feinschmecker, Soldaten, die von ihren Lieutenants abgesandt worden, um ein rasches Gabelfrühstück zu improvisiren – kurz, lauter Leute, die von der brahmanischen Lehre der Resignation auf das Fleisch nichts wissen wollen, und mit dem Criminalcodex von Schweden und Norwegen in der Ansicht übereinstimmen, daß die Verurtheilung zu einer Lebensweise von Vegetabilien der Todesstrafe gleich zu achten sei. An den drei Tischen sehen wir in malerischem Durcheinander überwiegend die Vertreter jener Bevölkerung von Berlin, welche ihren Lebensunterhalt durch eine lebhafte Mitwirkung der Beine erwerben muß. Dort im Winkel munkeln hinter einer Anhöhe von ausgeleerten Wurstbälgen (Wurstpellen sagt der Volksmund) zwei Agenten in alten Kleidern und Kleinodien, die nach vollbrachtem guten Geschäft sich gestattet haben, das Gesetz ihres Religionsstifters arg zu verletzen. Hier stärken sich mehrere Studenten für die geistigen Anstrengungen, welche Pandekten und Institutionen zu verursachen pflegen. Dort bekämpft ein Alter mit Erfolg die gelungene Copie einer Jauerschen Bratwurst und lernt dabei mit Eifer die Zeitung auswendig, nach welcher jener unbärtige Knabe wegen der darin stehenden Adresse eines Haarwuchsbeförderers lüstern ist. Hier wird bei einer Flasche Graves von zwei bukolisch aussehenden Männern mit bunten Halstüchern und blaugewürfelten Taschentüchern auf das Wohl eines räthselhaften Geschäftes getrunken, und inzwischen ein unter dem Stuhle sitzender, aber durch die mächtige Fleischwitterung in eine ungemeine Aufregung versetzter Pinscher mit Schinkenfett sittlich beruhigt. Hält man uns nicht für schnöde Denuncianten, wann wir jenen Herrn mit der Tabacksnase angeben, ein wahres Naturspiel, das zu einer Portion Salami einen ganzen Topf voll Senf mit Behagen aufißt, ohne daß es außer uns Jemand bemerkt? 207 Schon schielt er nach einem anderen Senfgefäß, aber die Abnahme der Gesellschaft scheint ihn vor der Ausführung des Attentates besorgt zu machen. Es hat zwölf Uhr geschlagen und es tritt augenblicklich eine kleine Pause in der Verpflegung der vorübereilenden Pilger ein. Das Personal wischt mit großen Tüchern die Tische ab, die Gläser werden herausgeschafft und haufenweise gewaschen, von fern erschallt ein wilder Lärm von geputzten Messern und Gabeln, aus der Rauchkammer wird frischer Vorrath herbeigeschafft, der Chef gestattet sich in dieser Pause des Völkerlebens in seinem Boudoir zur Linken eine Cigarre zu rauchen, eine verhältnißmäßig stille und einsame Periode ist angebrochen und währt bis etwa zum Einbruch der Dämmerung, wo der ganze Andrang und Spektakel sich bis nach zehn Uhr unter ungeheurem Zulauf junger Theaterbesucher wiederholt. Die Betheiligung des Publikums ist jedoch durch diese lebhaften Scenen nicht vollständig ausgedrückt, nicht ganz erschöpft. Wer früh Morgens um sechs Uhr nach einem Bahnhofe fährt und diese Gegend passirt, wird einen großen Schwarm ärmlich aussehender Leute bemerken, die nach französischer Sitte Queue machen und in kleinen Körben aus dem Kellergeschäft etwas holen. Sollte die Gourmandise selbst unter dem Proletariat Wurzel geschlagen haben? nein, wir sehen in diesen Leuten Niquet's Hausarme, denen für eine Kleinigkeit die Abschnitzel überlassen werden, die im Verlaufe des Tages beim Vorschneiden abgefallen und sauber aufbewahrt worden sind, und oft ist das Gedränge um diese Liebhaberei so groß, daß Niquet aus dem Keller hervorspringt und mit einem ansehnlichen Aufwande von Energie sich der alten und schwachen Leute annimmt. 208   Was sich die Flöte vorbläst. Es war vor acht Jahren, als eine Gesellschaft lustiger Berliner mit einem Extrazuge in Leipzig anlangte. Die unvergeßliche Henriette Sontag sang im Schauspielhause die Rosine im »Barbier«, und die Leipziger Theater-Direction hatte mit der Anhaltischen Eisenbahn-Verwaltung ein Bündniß geschlossen, den Berlinern den seltenen Genuß möglich zu machen, die in der norddeutschen Residenz offiziös nicht zulässige Sängerin in Klein-Paris zu hören. Die Vorstellung war vorüber. Ich hatte mit meinem Reisegefährten, einem mittelalterlichen reichen Kaufmann, im Speisezimmer des Hotel de Pologne noch zu Nacht gegessen und stieg nach einem mühevollen Tage gelassen in das dritte Stockwerk empor, um den Artikel zu schreiben, der für das nächste Abendblatt einer großen Berliner Zeitung bestimmt war, und vor mir selber mit dem vor Tagesanbruch abgehenden Zuge nach Hause befördert werden sollte. Nachdem ich die beiden Bougies, welche für gewöhnlich kaum in Anspruch genommen werden, in der mörderischen Absicht, sie herunterzubrennen, angezündet, mich vor die Klappe des Schreibtisches gesetzt und die Arbeit begonnen hatte, kam mein Reisegefährte gleichfalls nach oben und legte sich zu Bette. Der gute mittelalterliche Jüngling, wie er so in den aufgethürmten Federn lag und mit seinem Trüffelbeschwerten Magen auf mich emsig Schreibenden blickte, schien von innigem Mitleiden 209 durchdrungen zu sein gegen einen Menschen, der nach fast dreißig Stunden Eisenbahnfahren, einem stattlichen Diner und einer aufregenden Theatervorstellung noch einen langen Artikel schreiben sollte, der möglicherweise seinen literarischen Ruf auf's Spiel setzte. Endlich schlief er ein, und auch in den übrigen Stockwerken des Hotels trat jene nächtliche Stille ein, welche geistigen Arbeiten so förderlich zu sein pflegt. Nur draußen tobte ein grimmiger Wind und sang um die alten Schornsteine und Dächer der in Schlaf versunkenen Stadt eine ungeheuerliche Serenade. Während ich auf dem Papier über die Nachtigallen-Stimme der Sontag auf das Zierlichste phantasirte, ließ die ungebändigte Natur den wildesten Kriegsruf erschallen. So hatte ich etwa zwei Stunden emsig fortgeschrieben, als mir vorkam, als ob in einiger Entfernung in einer Dachstube eine Flöte geblasen würde. Da ich die Flöte unter allen Umständen, wie kleine Ferkel, junge Hunde und Katzen, für einen unwiderstehlichen Gegenstand der Komik halte, erheiterte mich, den nur mit äußerster Willenskraft dem Schlaf Widerstehenden, dieser Umstand ungemein. Ich legte die Feder nieder und lauschte mit Inbrunst den schwindsüchtigen Tönen, welche um ein Uhr Nachts sich bemühten, den reizenden Wendungen der Arie » Una voce poco fa « gerecht zu werden. Meine Bewegungen hatten den Schläfer geweckt, er richtete sich auf, rieb seufzend seinen schweren Leib, und fragte, als ob ihm ein Gespenst erschiene: »Sagen Sie, lieber Freund, wird da nicht eine Flöte geblasen?« Ich bejahte durch Nicken und wir horchten Beide auf die spukhaften Anstrengungen des nächtlichen Virtuosen. Der Ton seiner Flöte trieb auf dem Frühjahrssturme wie ein Wrack auf empörtem Ocean, zuweilen schwankte der Ton hoch über unsern Köpfen und schien durch das Fenster herabdringen zu wollen. Dann aber packte ihn plötzlich die Windsbraut und schleuderte ihn zwischen die Schornsteine, daß auch nicht ein Atom übrig blieb. Bald darauf schwebte der Flötensang wieder ruhig in der Luft und schien sich seines naiven Daseins 210 zu erfreuen, dann aber wurde er von dem schadenfrohen Luftstrome dem Bläser so erbarmungslos fortgerissen und radikal vertilgt, als ob dies die letzte Nacht des dilettantischen Flötenspiels sein sollte. Nie ist eine Flöte, dieser schäbige Troubadour unter den Instrumenten, ärger mißhandelt worden. Hatte der Bläser eine Vorstellung von seinem Mißgeschick oder kündigte die ermüdete Natur ihm endlich den Dienst auf, genug er schwieg und ward nicht mehr gehört. Die rauhen Stimmen der Natur behielten die Oberhand. Nach diesem Intermezzo schrieb ich etwa noch anderthalb Stunden, überlas meinen Artikel, löschte die Lichter aus und warf mich mit erhitzten Augen und pulsirenden Nerven auf das Bett, um noch eine Stunde zu schlafen. Aber vergebens; der schwer gekränkte Organismus verweigerte jetzt die edlen Geschenke der Ruhe und des Friedens. Ich verfiel in einen wild träumerischen Zustand, in dem mir aber merkwürdiger Weise nicht die heiter anregenden Momente des verflossenen Tages, nicht die unvergängliche Kunstleistung der berühmten Sängerin, ja nicht einmal der glänzende Jubel des mit Freunden genossenen Diners vorschwebte, sondern nur die Fortsetzung der eben erlebten Flötenepisode. Wie dem erhitzten Auge Macbeths in der Hexenhöhle die gekrönten Geister des Geschlechts Banquo, so gingen an mir alle möglichen Flötengespenster vorüber. Ich träumte gleichsam die ganze sociale Geschichte dieses unglücklichen Instrumentes. Zuerst erschien ein hoher schwarz gekleideter Herr vor mir, der von äußerster Magerkeit unten und über die rechte Schulter hin in eine Art ledernen Regenrock gehüllt schien und seltsam schwankende Verbeugungen mit seinem weißen Haupte machte, wobei auf der linken Brust etwas wie ein silberner Stern blitzte. Als ich den alten Herrn näher in's Auge faßte, entdeckte ich, daß er nichts sei, als eine aristokratische Flöte aus Ebenholz mit silbernen Klappen, welche sich die Freiheit nehmen wollte, mir ihre Verwandtschaft vorzustellen. Ich erinnere mich noch heute lebhaft, daß ich die äußersten 211 Anstrengungen machte, um diese unzeitige Ehre abzulehnen; allein es war zu spät. Das Zimmer füllte sich mehr und mehr mit hohen schlanken Gestalten, die mir sämmtlich die artigsten Verbeugungen machten und sich um mein ferneres Wohlwollen zu bewerben schienen. Da war das Instrument des Tamino aus der »Zauberflöte« und das Friedrichs des Großen aus dem »Feldlager in Schlesien«, welche sich herandrängten und um den Vorrang stritten; dann folgten antike Hirtenflöten und freche Piccoloflöten aus dem Militairorchester, anstandsvolle Dilettantenflöten reicher alter Kaufleute mit unbändigem Ueberwind, und kleine Flöten aus abgeschälten Weidenzweigen, wie sie die Schulkinder im Frühling zu schnitzen pflegen, Buchsbaumflöten mit einer Klappe für romantische Schneidergesellen, und Stockflöten, die zugleich Tabackspfeifen und Prügel waren, Papagenoflöten und antike klassische Flöten, deren zweiter Lauf mit dem Athem der Nase geblasen wurde; aber es hatte nicht sein Bewenden bei dieser höflichen Vorstellung. Die complimentirenden musikalischen Ungethüme beeiferten sich alsobald, eminente Proben ihrer Kunstfertigkeit abzulegen. Sie begannen eines der gräßlichsten Concerte, das ich je gehört habe; noch heute durchzuckt mein Gehirn in einsamen Stunden der Dämmerung der Gedanke an diese anscheinend ein Jahrhundert lange Nachtunterhaltung. Jede Flöte fiel über ein Musikstück her, das nach gewohnter Weise ihrem Charakter und Wesen vollständig widersprach. Eine blies das Finale des zweiten Aktes aus »Lucia«, eine andere das Chorrecitativ der empörten Krieger aus »Fernand Cortez«; eine trug die Partitur des Fidelio, eine andere die der neunten Sinfonie vor; eine schlichte Handwerksflöte studirte deutlich hinter dem Ofen die letzten Quartette Beethovens ein, und eine Piccoloflöte versuchte sich an den ungarischen Rhapsodien von Liszt – es war ein Concert des berühmten krankhaften Ehrgeizes der Flöte, jener wilden Ruhmsucht, die kein anderes irdisches Instrument kennt, ein Concert, wie es nur ein ganzes Narrenhaus voll 212 tollgewordener Flöten zu geben vermag. Dem Wahnsinn nahe, kämpfte ich mit diesem ungeschlachten Chaos von albernen Tönen, als der Capellmeister plötzlich mehrmals aufpochte. Sogleich verstummte die Musik, die Flöten verschwanden in der Dunkelheit der Nacht, und durch die geöffnete Thür drang freundlicher Lichterschein und ein höchst angenehmer Geruch von heißem Kaffee. Ein Kellner, beauftragt, mich recht zeitig zu wecken, brachte das Frühstück, bat sich die Stiefeln aus und zeigte mir an, daß die Equipage des Hotels angespannt werde, um mich nach dem Bahnhofe zu fahren. Ich verzehrte mein Frühstück, kleidete mich an und trug meinem inzwischen erwachten Reisegefährten auf, da er noch einen Tag in Leipzig verweilte, meinen Antheil an der Rechnung auszulegen. So warf ich mich vor vier Uhr Morgens in den Wagen und fuhr aus dem Dunkel der Straßen, noch immer angegrinzt von Flötenköpfen, nach der Eisenbahn. Der Sturm tobte weiter, Ballen von Wolken verhüllten dicht den Horizont und nur der feurige Qualm der geheizten Lokomotive wälzte sich über die schwarze vielgeräderte Schlange von Wagen, welche am Perron auf uns wartete und uns wieder nach Berlin zurückschaffen sollte. Geführt von einem Conducteur tappte ich in ein Coupé, verschloß das Fenster und drückte mich in meinen Mantel gehüllt in eine Ecke. Bald darauf ertönte der Abschiedspfiff, der Zug setzte sich in Bewegung, die zerrissenen Rauchstreifen der Maschine suchten unsere wilde Jagd auf den Flügeln des Sturmwindes zu überbieten. Jetzt entdeckte ich auch, daß ein Packet, das ich bis dahin für einen Ballen auf eigene Rechnung reisender Mäntel gehalten hatte, in einem Menschen bestand, und sich zwei Stunden nach unserer Abreise mit einiger Verwunderung das besah, was eben am Himmel als eine wohlfeile Ausgabe von Tagesanbruch erschien. Das Individuum war ein kleiner Mann von etwa sechzig Jahren. Eine Tabacksnase, ein kleiner Schnurrbart und ein Ordensläppchen verriethen den pensionirten Militair, als sich das Ganze aus seiner Kleiderbehausung 213 hervorwickelte. In stille Seligkeit versunken, sah das Männchen vor sich hin, nahm dann und wann ein Prieschen, und schielte mich freundlich von der Seite an. Endlich gewann er sich ein Herz und sagte höflich zu mir: »Sind wohl auch aus Berlin? Haben wohl auch die Sontag gestern gehört? Sind wohl auch entzückt?« Als ich ihm diese drei unschuldigen Fragen sehr artig bejaht hatte, nickte er mehrmals zustimmend mit dem kleinen Kopfe, als freue es ihn, einen Gleichgesinnten getroffen zu haben, und begann in seinen Taschen zu suchen. Nach einigen Augenblicken zog er ein kleines ledernes Futteral hervor, das ich für eine große Cigarrentasche hielt, und öffnete es. Wer beschreibt aber meinen Schreck, als ich entdeckte, daß es eine Flöte enthielt. »Sie erlauben wohl?« fragte der Kleine mit sehnsüchtig schmachtendem Blicke, machte den Bindfaden an den Satzstücken mit der Zunge naß und drehte seine Bestie zusammen. Ich hatte noch nicht Zeit gehabt, weder bejahend noch verneinend zu antworten, als der sonderbare Schwärmer zu blasen anhub und natürlich nichts Anderes vortrug, als die auf den Dächern von Leipzig gehörte Arie: » Una voce poco fa! « Jetzt war die Reihe zu fragen an mir. »Wohnten wohl auch nahe beim Hotel de Pologne? Haben wohl auch in der Nacht diese Arie geblasen? Schwärmen wohl auch für die Sontag?« Der Kleine antwortete nur mit einem seligen Zudrücken beider Augen und blies seinen Stiefel kläglich und beweglich weiter, ohne daß ihm dieses Mal der Sturm Hindernisse in den Weg legte. Wir fuhren über die Elbe; wir hielten in Röderau an. Die Conducteure öffneten die Thüren und fragten, wer nach Dresden wolle. »Können Sie mir kein anderes Coupé anweisen?« fragte ich den Beamten. »Wünschen Sie eines für Nichtraucher?« »Nein,« antwortete ich, »nur ein Coupé für Nichtflötisten , denn wenn es so weiter geht, wie seit 214 Mitternacht, fürchte ich das Opfer dieses dämonischen Instrumentes zu werden.« Der freundliche Mann brachte mich in ein abgelegenes Coupé gleich hinter der Lokomotive, und bei ihrem Eisendonner dachte ich in ruhigerer Stimmung darüber nach: was sich eine Flöte vorblasen kann.