Timm Kröger Leute eigener Art Des Dichters Altersheim: Haus Kröger am Niemannsweg in Kiel Vorwort Mein Buch » Leute eigener Art « enthielt in seiner früheren Gestalt die Doppelnovelle » Wie mein Ohm Minister wurde « (1900) und » Der Pfahl/Des Ohms letzte Geschichte « (1901), ferner » Im Nebel « (1900) und » Ein Unbedingter « (1899 – 1902). Jetzt ist der Umfang wesentlich erweitert worden. Aus dem Buch »Mit dem Hammer« sind herübergenommen » Gräff « (1901) und » Hans Stäwelmann, ein Geheimer « (1903/4); neu hinzugekommen sind außerdem die in Buchform bisher noch nicht erschienenen Novellen » Das vornehmere Gebot « (1905–1908) und » Ein schlechter Mensch« (1911). Timm Kröger Manuskript von Timm Kröger, Faksimile Wie mein Ohm Minister wurde »Godn Morgn«, sagte jemand, der bei dem Verlehntsmann Jasper Thun in die Stube trat. Das war mein Ohm, der Dorfschneider. Früher hatte er sich mit Detlev Reese in die Ehre und in den Verdienst teilen müssen; seitdem man aber Meister Detlev nach dem Kirchhof gebracht hatte (und das war vor vier Wochen geschehen), war er der einzige Kleiderkünstler. Zu Jasper Thun kam er zum ersten mal. »Godn Morgn«, sagte er und legte einen Packen Handwerkszeug auf die Lade. Jasper Thun war allein in der Stube, aber Jasper Thun antwortete nicht. Er saß in seinem mit braunem Leder überzogenen Lehnstuhl, das Gesicht an der Ohrenklappe, rechts vom Beilegerofen, gegen den er die Füße stemmte. Er hatte eine dicke Backe, aber das war nichts Schlimmes, sondern eine Prise Kautabak. Auf seinem Kopf trug er eine in Zebrastreifen gehäkelte blauweiße Zipfelmütze. Seine Margret häkelte und strickte ihm hiervon zwei Sorten, eine von Wolle für den Winter, die andere von Baumwolle für den Sommer. Als mein Ohm in die Stube trat und guten Morgen bot, trug Jasper die baumwollene. Wir verweilen nicht ohne Grund bei der Mütze, denn als der Alte den fremden Schneider sah, zog er das Netz über sein Gesicht und beobachtete ihn durch die Maschen. Wie? Zu Jasper Thun kommt ein Schneider, der zum Nähen bestellt ist, der Schneider sagt höflich »Guten Morgen«, der Hausherr sitzt hinterm Ofen und kaut Tabak, beantwortet aber nicht den Gruß, sondern verkriecht sich in seine Mütze? Betragen sich so die Leute in deinem Dorf? Nein, das ist sonst nicht der Brauch. Man ist auch bei uns höflich, das Benehmen war aller Orten ungewöhnlich. Zur Erklärung haben wir indessen zu bemerken, daß Jasper ein außergewöhnlicher Mensch war und mit dem landläufigen Ellenmaß nicht gemessen werden durfte. Er war (das ist buchstäblich zu nehmen) jederzeit seine eigenen Wege gegangen. Schon als Knabe hatte er die breiten Straßen, wenn irgend möglich, vermieden und Schleichwege gewählt, auch wenn sie beschwerlicher und länger waren als der allgemeine Weg. Ein unwiderstehlicher Hang zur Einsamkeit hatte ihn abseits geführt. Er liebte die Freiheit, die Selbständigkeit, und vor allen Dingen liebte er die Bilder seiner wachen Träume. Er galt für klug und wurde, als er groß geworden war, ein guter Erzähler, kam aber bald in den Ruf der Wunderlichkeit. Schließlich war es denn Grundsatz bei ihm geworden, nicht das zu tun, was alle taten. So hatte er sich nach und nach von allem Herkömmlichen, von Brauch und Sitte losgesagt. Mehr und mehr zergrübelte er sich darüber, was es wohl eigentlich mit der Welt auf sich habe, weshalb wohl alle Menschen so unvernünftig seien und Jasper Thun allein vernünftig. Im Mannesalter hatte er noch Freunde gehabt, die ihn halbwegs verstanden; dann hatte er sie mehr und mehr allein gelassen und war von ihnen allein gelassen worden. Und nun war er des Verkehrs mit Menschen ganz entwöhnt. Traf er jetzt mit einem zusammen, so verlor er auf eine Viertelstunde das Selbstvertrauen und schlüpfte in die immer bereite Zipfelmütze, wie ein Krustentier in sein Gehäuse. In seiner Zipfelmütze fühlte er sich wie in der Tarnkappe, dort fand er Zeit, sich zu besinnen, wie der vor ihm befindliche Mensch zu behandeln sei. Peinlich hielt er darauf, daß sie nicht von seinem Haupte komme, diese Zuflucht sollte ihm für alle Fälle bleiben, die Zuversicht wollte er nicht entbehren. Bei Hans-Ohm brauchte er die Viertelstunde nicht ganz. Wenn die alte Uhr, die ohne Gehäuse an der Wand hing, recht hat, so müssen es nicht mehr als zehn Minuten gewesen sein, sah doch der durch die Maschen beobachtete Schneider durchaus nicht abschreckend aus. Er ordnete in aller Gemächlichkeit seine Sachen: Nadel und Zwirn, Schere und Reißbrett, und kümmerte sich um Jasper Thun und seine Zipfelmütze keinen Deut. Er tat, als sei er allein im Zimmer, schob den für das Zuschneiden bestimmten Tisch zurecht und legte seinen Wachsknäuel sowie ein Stück Kreide auf die Fensterbank. Jaspers Frau, die alte Margret, kam herein und wollte ihm das Blauleinen und den eigengemachten Beiderwand vorlegen. Da sie aber alt und lendenlahm war, stieg Hans Schneider auf einen Stuhl und holte selbst, was gebraucht werden sollte, aus dem über dem Wandbett eingetäfelten Schrank. Margret hatte inzwischen den Tisch gedeckt und ›kragte‹ und bat: »So Hans, nu drink man eerst mal Kaffee.« Mein Ohm hatte dunkelbraunes, fast schwarzes Haar, kastanienbraune Augen und launig gefaltete Lippen. Mit den Lippen hatte es noch eine besondere Bewandtnis, sie hüteten, wie allgemein bekannt war, Geschichten und Döntjes und Vertelln, die sich hören lassen konnten. Und wenn man genau hinsah, so waren oder schienen die Lippen, auch wenn er schwieg, immer geschürzt, just als wenn sie Geschichten loslassen wollten. Die strebten heraus, stemmten sich gegen die Oberlippe, den Verschluß zu heben und lachend hervorzubrechen. Aber mein Ohm hielt die Bande in Zucht; er wußte, daß sie draußen gar nicht leben konnten, wenn das Wetter nicht danach war; er wußte, daß zum Geschichtenerzählen vor allen Dingen gutes Wetter bei den Hörern nötig ist. Und er war der Mann dazu, gutes Wetter abzuwarten. Jasper Thun noch immer in der Zipfelmütze. Die gute Uhr schwang ihren Pendel und zählte und zählte. Vielleicht dreihundert mal hatte sie links getickt, dreihundert mal rechts getackt, da schob der Alte sein Netz auf die Stirn zurück und sah mit eisgrauem, verkümmertem Gesichtchen, mit grünlichen, rotunterlaufenen Augen aus schlaffen Tränensäcken auf seinen Kaffee trinkenden Schneider. Ohm wiederholte seinen Gruß: »Godn Morgn, Jasper!« Aber darauf war der Alte nicht gefaßt gewesen, das war gewissermaßen gegen die in Gedanken mit dem fremden Besuch getroffene geheime Abrede, das war nach seiner Meinung ein ganz infamer Überfall, das erschreckte ihn so, daß er noch einmal, wenn auch auf kürzere Zeit, in die Mütze hinein verschwand. Einhundertundfünfzig mal tickte die Uhr nach links, einhundertundfünfzig mal tackte sie nach rechts, so lange dauerte es, bis Jasper Thuns Gesicht wieder am Frühstückstisch erschien. Aber wortkarg und für sich blieb der Hausherr den ganzen Tag. Die Kosten der Unterhaltung bestritten Margret, die an der linken Seite des Ofens ihre Kalkpfeife rauchte, und mein Ohm. Und auch dieser fand das Wetter noch nicht nach Wunsch. Die Aussichten besserten sich aber, als der Alte anfing, ab und zu etwas zu murmeln, was etwa klang wie ›das mein ich auch‹ oder ›das ist recht‹, und beifällig mit dem Daumen vom Langfinger auf den Zeigefinger knipste, womit er sagen wollte: ›Dat is wat, Dunner ja, dat is'n Baas vun Kerl!‹ Margret sprach von der neuen Zeit, von der Schlechtigkeit der neuen Welt im allgemeinen und besonders von dem Frevel der neuen Erfindungen, womit man klüger sein wolle als der liebe Gott. Der Schneider widersprach nicht, stimmte hier und da bei, und Jasper knipste. Dann ließ Ohm als Versuchsballon ein kleines Geschichtchen steigen. Die Gesellschaft da drinnen war gar zu ungeduldig geworden, und Hans Meister dachte: ›Versuchen können wirs ja mal. Und wenns nicht geht, es ist ja nicht das erste mal, daß ich eine Historie wegwerfe.‹ Und Veranlassung, etwas zu erzählen, war durch Hinrich Grafs Gänse gegeben. Hinrich Grafs Gänse waren nämlich in Hans Sodts Weizenkoppel eingebrochen. Darüber hatte sich ein Prozeß entsponnen, der Tagesgespräch im Dorf war. Hinrich Graf war von Hans Sodt vor die klösterliche Obrigkeit geladen, Hinrich Graf hatte eingewandt, daß er der Patrimonialgerichtsbarkeit der Grafen Drage unterstehe, und Hans Sodt war vom Kloster mit seiner Klage›wegen Inkompetenz‹ abgewiesen worden. Mit den verschiedenen Obrigkeiten war es damals eine merkwürdige Sache, um so mehr, als die Jurisdiktionsbezirke keine geschlossenen Flächen bildeten, sondern im Gemenge lagen. So war es zurzeit unserer Erzählung auch noch in Fallingborstel und Umgegend. Die königlichen, die gräflichen, die klösterlichen Grundstücke liefen bunt durcheinander. Als nun die Gänseangelegenheit besprochen wurde, meldete sich bei Hans-Ohm ein Geschichtchen und bat: ›Lat mi rut, lat mi rut!‹ Und Hans-Ohm gab nach und ließ das arme kleine Geschichtchen heraus. Ich will es ihm nacherzählen: In unserm Kirchdorf haben einmal ein alter Mann und eine alte Frau gewohnt, und die sind Sonntag für Sonntag zur Kirche gegangen und haben sich das Evangelium vom Pastor auslegen lassen. Und Sonntag Nachmittags haben sie davon gesprochen, wie der Pastor das Evangelium ausgelegt habe. Das heißt: meistens hat die Frau gesprochen, und der Mann hat zugehört, denn die Frau ist klüger gewesen als der etwas tappige, alte Mann. Aber eines Sonntags hat es sich begeben, daß die Frau nicht mitgehen konnte, da sie sich den Fuß vertreten hatte. Der Mann mußte also allein gehen, aber die Frau hat ihm noch nachgerufen: »Hör god to, wat de Preester seggt, dat du mi dat Evangeeln vörnamiddag utleggn kannst.« Nun hat der Pastor seiner Predigt das Evangelium zugrunde gelegt: als des Königischen Sohn krank lag zu Kapernaum, und der Königische in seiner Not den Heiland bat, daß er käme und helfe seinem Sohne. Und hat ausgeführt: so, wie des Königischen Sohn krank gelegen zu Kapernaum, so sei die ganze Christenheit auf Erden krank und könne nur an den Heilswahrheiten unsers Heilandes gesunden. Und der alte Mann hat genau zugehört und sich alles gemerkt, damit er seiner Frau nachher erzählen könne, wie der Priester das Evangelium auslege. »Nu, wat hett de Preester seggt?« fragt die Frau, als er nach Hause gekommen. »A, ik weet ni«, antwortet er. »Dat weer 'n ol wunnerli Predig.« »Wosaken weer se denn?« »A, de Preester sä, den Köni sin Söhn weer krank to Kopenhagn, un de ganze Kristenheit muß to Per.« »To Per?« »Ja, Fru, ›auf Pferden‹ hett he seggt. Awer dat geit uns jo nix an. Se sünd jo könili, wi sünd jo gräfli.« Das Wetter, das die kleine Anekdote bei Margret antraf, war hellsch zweifelhaft. Sie stellte ein paar dumme oder gleichgültige Fragen: wat de Fru do seggt harr, un ob de ol Mann un Fru in Ott Wulf sin Hus, wat immer gräfli wesen weer, wohnt harrn – und bemerkte, wenn de ol Lüd denn würkli gräfli west weern, harrn s' dor jo ok nix mit to don hatt. Dann besann sie sich auf ihre Höflichkeitspflicht und ließ den Deckel ihres alten Kehlkopfs zweimal auf- und niederklappen, was Lachen bedeuten sollte, räumte aber dabei verlegen den Tisch ab. Bei Jasper war gut Wetter, er lachte tief und herzlich von innen heraus und schüttelte sich in seinem braunen Lederstuhl.   Wenn wir den alten Sonderling nicht schon ein wenig kennen gelernt hätten, so hätte es auffallen müssen, daß er sich so herzlich über ein so einfach vorgetragenes und so anspruchslos verpuffendes Geschichtchen freuen konnte. Aber es ist schon angedeutet worden, daß es einstmals eine Zeit gegeben hatte, wo dem Alten selbst ein feiner kaustischer Humor eigen gewesen war, und daß er Freunde gehabt hatte, mit denen er sich verstand. Aber das war lange her. Wo waren die Gesellen seiner Jugend, die Freunde seines Mannesalters geblieben, die auch bei ihm die Kunst des Erzählens zur Blüte gebracht hatten? Das Leben, der Tod, die Geschicke hatten sie getrennt; vielleicht wandelte von ihnen niemand mehr im Lichte der Sonnen. Wie lange war es, seitdem Jasper eine Geschichte erzählt hatte! Er hatte verlernt, zu erzählen. Er fühlte, er hätte es nicht mehr gekonnt, auch wenn er Hörer gehabt hätte. Eine Geschichte, zwei, vielleicht drei konnte er noch zusammendenken, z.B. die Geschichte von dem Erzlügner Peter Schümann, der vom Turm der Marienkirche in Lübeck nach Rendsburg hinübersah, just als der alte Denker in die Torwölbung hineinfuhr. Denker habe eine geflickte Jacke getragen und den blauen Achsenwagen gefahren. Er, Peter Schümann, habe guten Tag gesagt. Ob Denker gedankt habe, wisse er nicht, der Wind habe es verweht. – So ungefähr hatte ers früher erzählt. Oder die Geschichte von dem frommen Hein Wendt mit der schönen Seele, auf die der Leibhaftige, der Böse, so happig gewesen war. Um die schöne Seele zu ergattern, habe er einmal den ganzen Hein mit Leib und Seele, just wie der von den Wiesen bei Knevershorst heraufgekommenen, in die Höhe genommen und in die Lüfte entführt. Die Sache wäre für Hein und Heins Seele übel abgelaufen, wenn er nicht die Bibelsprüche so gut in der Schule gelernt gehabt hätte. Aber er habe dem Teufel mit so kräftigen biblischen Verwünschungen entgegentreten können, daß dieser ihn beim Kattbecker Moor als für seine Zwecke ungeeignet wieder abgesetzt habe. Ja, wenn er darüber nachdachte, so wußte er doch noch mehr Geschichten, als er selbst angenommen hatte, und für sein Leben gern hätte er selbst wieder – und wenn auch nur ein einziges mal – eine Geschichte zum besten gegeben, über die der Kreis der Hörer lache. Aber das konnte er nicht mehr fertig bringen, dazu hatten ihm zu lange Menschen gefehlt, dazu war sein Kopf überhaupt zu alt und zu schwach. Das ist für immer dahin, dachte er. Aber einem anderen Erzähler zuzuhören, ist auch ein hoher Genuß. Dem alten Mann war auch das lange nicht vergönnt gewesen. Denn ihn besuchte kein Mensch, und der verflossene Detlev-Schneider war schwerhörig gewesen und hatte keine Geschichten erzählt. Margret sprach wohl allerlei, aber das war doch nicht eigentlich das, wonach seine Seele verlangte. Das waren Frauengeschichten »von em un von ehr« und Klatschgeschichten, die den Willen oder die Leidenschaften aufstachelten, aber nicht Geschichten, die einen mit ihren feinen Widersprüchen und lustigen Verknüpfungen noch erfreuen konnten, wenn man sonst nichts mehr vom Leben erwartete. Was weiß Margret von der Kunst des Erzählens? Aber Hans, das war ein echter, das hatte er gleich bei dem Döntjer von dem Evangelium des Königischen herausgehört. Gegen Abend gab der Schneider noch zwei zum besten. Jasper lachte und lachte. Und als er abends mit Margret zu Bett ging, sagte er: »Du, Gretjen, de Snieder, de gefallt mi. Dor kann man doch 'n vernünfti Wort mit snacken.« Ach, der arme, alte Mann, Er hatte noch kein Wort gesagt, aber in seinen Gedanken, da hatte er mit dem Schneider schon viel, sehr viel – geschnackt.   Am folgenden Tag schnackte der alte Jasper aber wirklich und sprach schon am Kaffeetisch. Es war die Rede von Wünschen und was man möchte. Hans Schneider lobte zwar sein Handwerk, schränkte aber das Lob doch ein. Würde ihm ein Wunsch freigegeben, so möchte er wohl Hofnarr sein. Was das sei – Hofnarr? Er habe mal ein Buch gelesen, und alte Theaterstücke seien drin gewesen. Darin seien Könige aus alten Zeiten aufgetreten, bei denen Leute eigens dazu angestellt gewesen seien, Spaß zu machen und Geschichten zu erzählen. Die habe man Hofnarren genannt. Ein Hofnarr hätte er wohl sein mögen, und wenn er sich etwas eingeübt hätte, würde er es auch wohl gekonnt haben. Dem Alten gefiel die Sache, aber nicht der Name. Narr – warum Narr? Je länger er sich mit seinem Schneider unterhielt, je mehr Gefallen fand er an ihm. So jung war Jasper Thun lange nicht gewesen. Bei meinem Hans-Ohm fühlte er sich so sicher, hatte er so viel Selbstvertrauen, daß er seinen Lehnstuhl verließ und am Stock mit seinen achtzigjährigen Beinen herumhumpelte. Seine Zipfelmütze hakte über dem Ofenknopf und nicht auf seinem Kopf, er hatte seine Tarnkappe und seine Gefahr ganz vergessen. Seine Phantasie war bei dem langen Insichhineingrübeln vertrocknet, verdorrt und lahm geworden, nun aber war ihm, als ob sie fliegen wolle und wieder fliegen könne. Es wird sich zeigen, alter Freund, ob sie noch fliegen kann. Vorläufig wurde sie getragen, getragen von den starken Schwingen des Meisters, meines guten Ohms. »Margret, Gretjen!« rief Jasper. Seine Stimme war hoch und klanglos und schrill. Er hatte immer in hoher Lage gesprochen – das Alter, die Vereinsamung, die Menschenscheu hatten sie noch höher geschraubt und ihr jede Wärme genommen. »Margret«, wandte er sich an seine Frau. »De Snider seggt ok, mit de Isenbahn, mit de isern Wagns un de isern Weg, de se nu bun wöllt ... kann ni angahn.« Der Leser nimmt davon Kenntnis, daß wir uns in einer Zeit befinden, wo die Eisenbahn noch mehr ein ungeheuerliches Gerücht als wirkliche Tatsache war, noch nicht ernsthaft genommen wurde. Margret rauchte und lachte. Jasper Thun wandte sich an seinen Schneider. »Hans«, sagte er, »Hans! Kann jo ni un nümmer angahn.« Mit dem Stock schlug er an seinen eisernen Ofen. »De Kerl, as he dor steit, kost mi fiev Doler; wovel schöllt denn isern Wagns und isern Weg, Milen lang, wovel schöllt de denn kosten? Wonem schall't Geld herkam?« »De Sporkaß hett dat ni«, bemerkte Hans-Ohm, einen Faden einwachsend. »Recht, recht«, stimmte Jasper in den höchsten Tönen bei. »Un wenn de Sporkaß dat ni mal hett ... Gretjen«, unterbrach er sich, »hest hört, wat uns Snider seggt? De Sporkaß hett dat ni.« Auf der linken Ofenseite wurde eine Kalkpfeife auf dem Gesims ausgeklopft. Die Eignerin dieser Pfeife lachte, aber nicht über ihren Mann, sondern über die Eisenbahn, und murmelte etwas von Dummtüg und Höhnergloben. Am Nachmittag hatte Jasper Thun wieder Grund, sich zu freuen. »Hest hört«, sagte er wieder. »De Snider seggt 't ok. De Eer is ni rund un breit sik ni un stellt sik nachts ni opn Kopp. Is ok jo to narrsch, so wat to denken. Dor is min Entenkuhl. Bleev jo ken Droppn in, wenn se opn Kopp stünn.« Auf der linken Ofenseite wiederum Beifallsgelächter. Und all die Tonnen und die Waschbaljen, führte Margret aus, die an der Diele stünden. Und die Töpfe und Schüsseln in Küche und Kammer. Sie müßten ja jede Nacht an die Bodendecke fliegen, wenn die Erde sich nach unten drehte. »Dor kunn jo keen Stück heel vun bliewen«, schloß Frau Thun ganz energisch. »Wokeen schall dat betaln? Wi koent dat ni, un sünst deit dat keen Een. Un all dat Kram Abend för Abend intopacken, dor hev ik keen Tid un keen Kisten to.« Der Schneider lachte. Dann kam Jasper auf den Zweck der Welt. »Dor hev ik vel oewer nadacht«, sagte er, »un kann un kann dat ni rutkriegn.« »Is ok 'n eegen Ding«, meinte Hans-Ohm. Da war das Welträtsel in der Altenteilsstube des Jasper Thun in Fallingborstel; da war es mit seinen großen Frageaugen. »Is mi gans klar«, bemerkte die rauchende Margret. Hätte ich eine Posaunenstimme, die da reichte von Mittag bis Mitternacht und von Morgen bis Abend, der ganzen Menschheit gälte meine frohe Botschaft: die Frage, um die du dich Jahrtausende gemüht hast, ist gelöst. Gelehrte Männer, die ihr mit faustischem Forschungsdrang die Nächte durchwachtet, das unergründliche Geheimnis zu ergründen, legt euch ruhig schlafen! Grete Thun, geborne Riepen, wird es euch sagen, was der Zweck, was die Idee der Weltschöpfung ist. »Nu, denn segg dat!« forderte Jasper auf. Und Margret sagte es, sagte ganz kühl, ganz einfach die lapidaren Sätze: »De leewe Gott hett allns erschaffen, ok uns, un will sehn, ob wi dat Böse dot or dat Gode.« Einen Augenblick atmete das Weltall wortlos, und einen Augenblick atmete auch Jasper Thun, zu überdenken, was eigentlich diese Sätze besagten. Aber dann befriedigten sie ihn und auch das Weltall nicht. Das von Grete angeschnittene Gebiet war Jaspers Feld, darüber hatte er fünfzig Jahre der Einsamkeit nachgedacht. Den Widerspruch zwischen unserer Freiheit und der Allmacht Gottes hatte er erkannt. Jasper war ja von Haus aus Philosoph. Nein, mit der Lösung des Welträtsels war es nichts. Wacht wieder auf und nehmt die Folianten und die Mikroskope aufs neue zur Hand und die Röhren und die Töpfe und die Tiegel und führt die Stoffe zu neuen Verbindungen! Die Eheleute Thun gerieten in ein Wortgefecht. Der mit der Zipfelmütze und der hohen knarrenden Stimme folgerichtiger, die mit der Kalkpfeife folgsamer gegenüber alten, geheiligten Ansichten. Mein Ohm lächelte und nähte und stutzte die Säume. »Hans, segg du doch mal wat« rief die in die Enge getriebene Margret. »Ik weet ni, wokeen recht hett«, entgegnete der Schneider. »Dat sitt dor to deep in. Ik weet ni, wer recht hett, awer ik will'n Geschicht vertelln.« Das wirkte wie ein Zauberwort. »Geschicht vertelln, dat's recht«, sagte Jasper. Margret stopfte sich eine neue Kalkpfeife, Jasper setzte sich in seinem Großvaterstuhl zurecht, nahm eine Prise und schob an seiner Mütze. »Ji kennt Uhrmaker Stopp«, begann Hans-Ohm. »Ja, wer schult Stopp ni kenn«, antwortete Margret, »he geit jo mitn Kasten von Hus to Hus. Verleden Wek hett he uns Klock reinmakt un smeert.« »Den meen ik«, fuhr Hans-Ohm fort. »He is wied bekannt un weet vel Geschichten. »Verteilt ümmers wat Nies«, bestätigte Margret. »Awer sin Geschichten hebbt meisttid wat an sik, wat anner Geschichten ni hebbt, so wat Studeertes. He schall opn Preester studeert hebbn, awer vun 'n rechten Globen afkam wesen. Ok is he wull wat int Swutschen un Swieren kam, un do weer dat mit dat Preestern vörbi. Nu geit he rüm un makt Klocken rein.« »Awer is hel toverlässi«, bemerkte Margret. »Ja«, entgegnete Hans-Ohm, »wenn he nüchtern is. Jedenfalls is he heel klok. Von em stammt min Geschicht.« Und Hans-Ohm erzählte; er erzählte plattdeutsch, aber ich will es wortgetreu übertragen:   Es ist einmal ein Bauernknecht namens Michel gewesen, und einen gesunden Magen hat er gehabt, und Pellkartoffeln mit Senftunke und Heringen als Abendessen ist sein Leibgericht gewesen. Aber er hat es nicht gekriegt, sondern Abend für Abend dicke Grütze mit Milch, wie überall auf den Bauernstellen Gebrauch und Mode war und wohl noch ist. Da hat er seinen Dienst aufgesagt und hat sich bei einer Witfrau vermietet und hat sich ausbedungen: dreimal abends in der Woche Pellkartoffeln mit Senftunke und Heringen, an vier Abenden könne man dafür aufsetzen, was der Hausstand bringe. Und jeden Abend hat er zu dem lieben Gott gebetet: »Große Schätze verlange ich nicht von dir, lieber Gott. Aber das bitte ich mir aus, daß ich drei Abende in der Woche Pellkartoffeln mit Senftunke und Heringen bekomme und dereinst oben bei dir die ewige Seligkeit, die mir zukommt. Amen!« Ein ganzes Jahr ist es so hingegangen, und die Witfrau, bei der er gedient hat, hat ihm den Kontrakt getreulich gehalten. Nun hat es sich aber begeben, daß dem Höker des Dorfes die Heringe ausgegangen sind, worüber die Witfrau in große Angst geraten ist, da Michel noch für zwei Tage zu verlangen gehabt hat. Schnell ist der kleine Dienstjunge Hein zur Stadt geschickt worden, Heringe zu holen, aber er ist nicht zurückgekommen, sondern in der wilden Heide, worüber der Weg zur Stadt führte, samt den Heringen von den hungrigen Wölfen gefressen worden und elendiglich umgekommen. So war es nicht zu ändern. Michel kriegte in der Woche an zwei Abenden, wo er Pellkartoffeln mit Senftunke und Heringen verlangen konnte, Pellkartoffeln mit Judentunke und Rauchschinken. Den ersten Abend ging es noch, aber am zweiten war Michel sehr bös. Aber er aß doch, denn er war hungrig. Und als er in sein Bett gekrochen war, betete er nicht wie sonst: »Große Schätze verlange ich nicht von dir« und so weiter, sondern er machte dem Herrgott Vorwürfe: »Nichts weiter habe ich gewünscht als Pellkartoffeln mit Heringen und Senftunke und nur dreimal die Woche, und die ewige Seligkeit, die ich verlangen kann, wenn ich gestorben bin. Und ich meine, das ist bescheiden genug. Ich will nicht so sein und aufzählen, was andere alles kriegen. Aber das kann ich doch sagen, daß Johann Siepen, der bei Jochim Rohwer dient, manchmal sogar Bratkartoffeln mit Speck bekommt. Und da habe ich gedacht, eine bescheidene Bitte finde auch wohl Erhörung. Aber du bist im Besitze deiner Allmacht und bekümmerst dich nicht um einen armen Bauernknecht, der gern seinen Hering ißt. Du bist schuld, daß der Höker keine Heringe hatte, und du bist auch schuld, daß der kleine Hein von Wölfen gefressen worden ist und mir nicht die Heringe bringen konnte. Und wenn du den Wölfen etwas gönnen wolltest, so hätte das mit dem kleinen Hein auch wohl ein andermal gepaßt.« Und nachdem er so gebetet hatte, schlief er ein. Er hatte eine Weile geschlafen, da sagte eine Stimme: »Steh auf, Michel, und folge mir!« Michel öffnete die Augen und sah einen Engel. »Wer bist du?« fragte Michel. »Ein Engel.« »Das seh ich an den Flügeln, aber deine Flügel sind groß und schwarz.« »Ich bin der Engel des Todes. Gott fordert deine Seele.« »Aha«, erwiderte Michel, »das kann mir passen. Wenn auf das Heringsgericht kein Verlaß mehr ist, dann gehe ich lieber gleich zur ewigen Seligkeit. Der liebe Gott hat wohl eingesehen, daß ich schlecht weggekommen bin.« Der Engel schwieg. »Ist es nicht so?« »Darüber zu urteilen ist nicht meines Amtes, der heilige Petrus wird sagen.« Und als sie beim heiligen Petrus ankamen, fragte der: »Ist das der Heringsquerulant?« »Das ist er«, erwiderte der Todesengel. Der heilige Petrus in seinem Faltengewand mit langem Bart, die Schlüssel zu den Himmelskammern an der Hüfte, die Brille auf die Stirn zurückgeschoben, sah prächtig und hoheitsvoll und doch milde aus. Aber bei aller Milde lag ein verdrießlicher Zug in seinem Gesicht. Den Michel durchdringend ansehend, ließ er seine großen, grauen Augen an der armen Knechtsgestalt auf- und niedergehn. »Wir haben deine Klage gehört«, sagte er. »Und für gerecht befunden?« Petrus antwortete nicht darauf. »Du hast mit Gott gehadert«, fuhr er strenge fort. »Daß ich nicht wüßte. Ich bin nur unzufrieden gewesen, daß die Wölfe den kleinen Hein gefressen haben.« »Weil du dadurch um dein Heringsgericht gekommen bist.« »Nun ja! Ich meine, das ist ein bescheidener Wunsch. Und was ein bescheidener Wunsch ist, den mag man sich nicht gern nehmen lassen.« »Du hast dem lieben Gott aus seiner Allmacht einen Strick gedreht.« »Ich versteh nicht«, antwortete Michel, »wie du das meinst.« Er verstand es wirklich nicht. Petrus antwortete nicht. Er zog seine Uhr und setzte sich auf einen Stuhl. »Das muß erst abgemacht werden«, sagte er und murmelte noch etwas, was Michel nicht verstand. Ein kleiner, netter Engel kam angeflogen und fing an, Bart und Haar des Apostels zu stutzen. Und während der kleine Engel mit der Schere klimperte, fuhr Petrus fort, in sich hinein zu murmeln: »Ist es den Menschenkindern zu verdenken, daß sie damit nicht zurechtkommen? Wenn man nicht weiß, wies gekommen ist, scheints wunderlich. Er hat zwar mit dem Allmächtigen gehadert, aber er wird in sich gehn. Ich will es ihm sagen.« Der kleine Geflügelte packte alles zusammen, verbeugte sich und flog leicht und zierlich davon. Michel verlor ihn im Säulenwald der Halle aus den Augen. Petrus sah jünger aus als vorher. »Du hast mit Gott gehadert«, wendete er sich wieder an Michel, »ihm einen Strick aus seiner Allmacht gedreht, ihm vorgeworfen, davon nicht den richtigen Gebrauch gemacht zu haben. Du wirst einsehen, wie sehr du im Unrecht bist, wenn ich dir sage, daß du und all die Heringe, die du verzehrt hast, all die Pellkartoffeln nicht sind und niemals gewesen sind, ja, daß wir beide auch nicht sind und niemals gewesen sind.« »Das versteh ich nun wieder nicht«, sagte Michel. »Was heißt das?« »Wir sind nicht, lieber Michel, wir bilden uns nur ein, zu sein.« Michel lachte, er glaubte, Petrus mache Spaß. Er nicht sein? Und gestern habe er noch dreißig Fuder Mist auf die Lohkoppel am Schirnhudersee gebracht? Aber Petrus beschwichtigte: »Hör mich an, Michel! Du hast in der Schule gelernt, daß unser lieber Gott im Anbeginn der Ewigkeit mit dem Teufel und mit den bösen Engeln zu tun gehabt, sie aber doch gebändigt und in den Abgrund der Hölle geworfen hat. Das war Kampf, das war Leben. Und es hat dem lieben Gott gut gefallen. Aber als das vorbei war, ist es ein bißchen langweilig im Himmel geworden. Auf dem Wolkenstuhl sitzen und Posaunenkonzert und Hallelujagesang, das ist ganz schön, aber jeden Tag – zuletzt wirds öde. Eines Tages tritt der Erzengel Michael vor ihn hin. ›Was stellst du für ein Gesicht auf?‹ sagt der liebe Gott. ›Ich habe gar keinen Zeitvertreib, ich langweile mich‹, erwidert dein Namensvetter. ›Lieber Michel, das tu ich auch. Aber was ist zu machen? Das muß mit Geduld ertragen werden.‹ ›Aber, Herr Gott, nimm mirs nicht übel, bist du nicht allmächtig?‹ ›Das schon.‹ ›Nun, dann erschaff doch eine Welt mit guten Menschen drin und mit bösen Menschen drin. Die guten Menschen nehmen wir nach ihrem Erdenwallen zu uns in den Himmel, das gibt Leben; die bösen kommen in die Hölle. Da haben die armen Schlucker von Teufel auch was zu tun.‹ Nun muß ich sagen, der Engel, der hier als Erzengel auftrat, war der verkleidete Teufel in Michaels Gestalt. Und so ist es gekommen, daß diese Welt ebenso gut des Teufels Werk ist wie Gottes Werk, jedenfalls auf Veranlassung des Teufels gemacht. Und der liebe Gott hat sichs auch nicht recht überlegt, daß er durch seine Weltschöpfung erst das Böse und die bösen Menschen hervorbringe. Und hat zu dem falschen Michael gesagt: ›Dein Vorschlag gefällt mir. Gut – wollen wir machen.‹ Nachher hat er aber eingesehen, daß er in die Falle gegangen war, und hat bei sich gesprochen: ›Ich habe mein Wort gegeben – ich will es halten. Ich will die Welt schaffen, aber nur im Traum.‹ Und die Posaunenengel haben Befehl erhalten, im Himmel nach allen Richtungen auszuposaunen: ›Der Herr Gott bittet sich für eine Stunde Ruhe aus. Er will ein Schläfchen halten und ein bißchen Weltschöpfung träumen.‹ Siehst, lieber Michel Brandt«, schloß Petrus seinen Bericht. »Es schläft Gott der Herr noch immer und träumt und schafft im Traum. Und die ganze Welt, nicht nur deine Wünsche, nein, auch der Himmel mit all seinen Sternen, mit allen Sonnen, deine Erde mit all ihrem Jammer und mit all ihrer Herrlichkeit – all die Dinge sind nur Gebilde und Schöpfungen seines Traums, die in Wirklichkeit nicht sind und auch nicht mehr, so weit sie scheinen, sein werden, sobald der Herr Gott sich nach Ablauf der von ihm selbst festgesetzten Stunde den Schlaf aus den Gottesaugen reibt. Und du und ich, wir beide gehören auch dazu.« »Da muß ich gegen einkommen«, protestierte Michel, »Das kann mir nicht passen. Ich hab mich bei Abel Boltenhagen in Schirnhude verdungen und erhalte meinen Lohn und mein Essen ...« »Das hilft nun alles nichts, lieber Michel, das alles ist nun einmal nichts weiter als ein Traum.« »Nein, so was!« Michel war ganz vom Stück. »Hör mal, Petrus!« sagte er wieder. »Wenn es da unten keine Heringe mehr gibt, dann verlange ich das, was mir nach meinem Tode zukommt, dann verlange ich gleich meine ewige Seligkeit.« »Michel, auch die ewige Seligkeit ist ein Traum, alles Traum. – Übrigens, Michel, muß ich dir sagen, für dich ist es ein Glück, daß es nur Traum ist. Für einen Bauernknecht, der auf seine Seligkeit pocht, als sei sie ihm gewiß, als sei es eine Schuldigkeit des Himmels, sie ihm zu geben, für einen Knecht, der auf seine Heringe besteht, daß der kleine Hein drob von Wölfen gefressen wird, dem das auch nur deshalb leid tut, weil er infolge dieses Unfalls Pellkartoffeln und Schinken mit Judentunke anstatt mit Hering und Senftunke essen mußte, ja dem lieben Gott vorschlägt, den Jungen bei anderer Gelegenheit den Wölfen hinzugeben, der würde nach den Gesetzen der geträumten Welt nicht in den Himmel kommen, sondern in die Hölle.« Michel hörte das Letzte nur halb, er fing an zu zittern und war ganz bleich. Aus der Unterwelt drang nämlich Geheul und Gepfeife. Aus tiefem Abgrund kam roter Flammenschein, Qualm und Schwefelgestank quollen vor der Himmelshalle herauf. Ein schwarzer Dämon, dem ein Feuerstreif da, wo er eigentlich den Schwanz haben sollte, heraus ging, flog, mit einer Feuergabel bewaffnet, an den Bögen der Himmelshalle vorbei. Er flog rasch, fand aber doch noch Zeit, den Michel anzugrinsen und gegen ihn mit der Gabel die Gebärde des Spießens zu machen, just als wollte er sagen: ›Bin in diesem Augenblick pressiert, aber nachher solls mich diebisch freuen, dich in den Ofen zu gabeln.‹ »Sag, guter Petrus, was ist das?« »Nun ja«, antwortete dieser phlegmatisch, »wenn du den Himmel verlangst, dann ist das sein Gegenbild – die Hölle. Und die kleinen Schwarzen sind des Teufels Lakaien.« Michel warf sich dem Apostel zu Füßen. »Gnade, teurer Petrus! Ich werde es nie und niemals wieder tun.« »Haha«, lachte der Alte. »Erschreckt dich so ein Traumgesicht? Siehst dus noch immer nicht? Auch die Hölle und seine Teufel hat Gott vom Anbeginn an nur im Traum erschaffen. Und du – du bist sogar eine Traumgestalt in zweiter – eigentlich dritter Potenz.« »Potenz?« fragte Michel. »Jawohl, Potenz.« »Was ist das, Potenz?« »Ein Ausdruck, den man auf hohen Schulen lehrt.« »Ich besuchte keine hohen Schulen.« »Nun, es will sagen: Wie die ganze Welt ein Traum ist, so träumst du in diesem Traum, daß Gott träumt. Denn du mußt wissen: Du bist gar nicht hier, sondern liegst in der Knechtskammer von Schirnhude und träumst! Und träumst so wunderlich, weil du zu viel Grütze gegessen hast.« »Grütze?« fragte Michel. »Du meinst Pellkartoffeln.« »Nein, ich meine Grütze.«. »Ich habe ja meinen Kontrakt mit Pellkartoffeln.« »Du hast gar keinen Kontrakt, du hast Grütze gegessen und hast all deine Tage abends nichts weiter gegessen als das.« »Grütze?« wiederholte Michel ungläubig. – Da war er schon wach. Am anderen Morgen erschrak Michel ordentlich, als er in die Bauernstube trat. Denn der kleine Hein, der von Wölfen gefressen sein sollte, trat gerade zur Tür herein. Nun erst wachte Michel ordentlich auf. Plötzlich war es ihm klar, daß auch die Heringe und die Senftunke und die Pellkartoffeln geträumt waren, und glücklicherweise auch seine Gebete, und daß man Wölfe in seiner Gegend seit einem Jahrhundert nicht mehr kannte.   »Dat 's 'n wunnerli Geschicht«, erklärte Margret. »Dor geit een jo de Piep bi ut.« Jasper sagte nichts. Er hatte die Zipfelmütze zurückgeschoben und sich weit vorgebeugt. In den alten grünen Augen lag heller Glanz. Er verstand meinen Ohm, und mein Ohm verstand ihn. In der Altenteilsstube des Jasper Thun in Fallingborstel war es ganz still. Humor ist Funkenspruch. Wo der Empfänger nicht auf die Feinheit der Schwingungen abgestimmt ist, wartet man umsonst auf ein Aufleuchten und Widerleuchten. In Jaspers Seele aber stieg ein frohes, mildes und stilles Leuchten herauf.   Jasper war den ganzen Abend einsilbig und blieb es, bis er zu Bett ging. Er lag schon unter der Decke im Wandschrank, und Margret hatte bereits ihre Nachtjacke an, da nahm diese zu ihrem Erstaunen wahr, daß die Zipfelmütze auf dem Ofenknopf hakte. »Vadder, Vadder!« rief sie. »Segg mal, Vadder, wat is di, du hest de Peckmütz jo gar ni op! Töv, will di bringen. Dat is doch wiß in tein Johr ni passeert, Vadder. Wat is mit di?« Vadder hatte keine Neigung, Bekenntnisse abzulegen. Er zog sich das Ding über den Kopf und kroch tiefer in Decke und Kissen. Die Mütze war ein geknickter Kegel und sah betrübt aus. Plötzlich fragte es daraus heraus: »Wa lang snidert Hans na bi uns?« »Ja, Vadder, de Jack is jo farig, du hest se jo anpaßt. Morgn neiht he na 'n West un 'n Büx.« »Hest na Linn, Gretjen?« »Linn? 'n ganzen Koffer vull.« »Denn schall he na dre Büxen maken.« »Awer Vadder!« »Na dre Büxen! In ganzen veer«, kam es mit eheherrlicher Entschiedenheit aus dem Kegel. »Veer nie Büxen? Wat in aller Welt wult du mit so vel Büxen.« Margret hatte ihre Röcke abgezogen und hängte sie beim Ofen auf. »Du brukst jo all Jahr man een, un int tachendigst geist doch ok all.« »Ingraben wüll 'k se.« »Gott bewahre, wat förn Snack.« »Und wenn 'k se ni ingrav, denn will 'k s' verschenken, or arm Lüd könnt se kriegn, wenn 'k dot bün.« »Schall 'k di seggn, wat du wullt?« Jasper grunzte. »Du wullt den Geschichtenverteller na länger beholn.« Jasper antwortete nicht, aber es war so, wie seine Frau sagte. Die Geschichte von dem Heringsmichel hatte ihn erregt. Er fühlte, daß hier mehr sei als das, was er früher erzählt hatte, er fühlte, daß er stumpf und alt geworden war. Ach, wenn er doch auch solche Geschichten wüßte und erzählen könnte! Er wäre dazu imstande gewesen, wenn er nur in die rechte Bahn gekommen wäre. Das stand fest. Aber Jasper Thun war im Dorfe der Sonderling, der viel Geld hatte und immer in der Peckmütze steckte. Von dem schmerzensvollen Verzicht, auch einmal den inneren Reichtum zu offenbaren, wußte niemand, nicht einmal seine Frau. Margret ging in dem Genuß ihrer Kalkpfeife und in ihren Hausstandssorgen auf, sie war ihm eine liebe Frau, aber über ihres Mannes Sonderbarkeiten grübelte sie nicht.   Jasper hätte gern den Schlaf erwartet, aber er mußte immer auf die Stubenuhr hören, die so ganz unnatürlich laut ihr Wesen trieb. Der Geist der Nacht und der Ruhe und des Schlafs saß auf den Stühlen an den Fenstern und wollte zu ihm kommen, konnte aber an der lärmenden Uhr nicht vorbei. Und das weiße, von dem Binsennachtlicht matt beleuchtete Zifferblatt erhielt ein Gesicht und einen grauen Spitzbart und wurde ein Schulmeister und hatte sich vorgenommen, dem alten Jasper Thun eine Rechenstunde zu geben. »Sieh, Jasper«, fing der Schulmeister an, »laß uns mal sehen, wie lang so eine Nacht ist. Du hast doch Lust? Ja? Nun, denn hör mal zu: Wenn ich meinen Perpentikel von links nach rechts schwinge: ›Tick‹, das ist eine halbe Sekunde; und zurück von rechts nach links: ›Tack‹, wieder eine halbe; zusammen ›Tick-tack‹: eine ganze. So überaus genau wollen wirs nicht nehmen, aber so in meinem gewöhnlichen Gang einmal nach rechts ›Tick‹, und einmal nach links ›Tack‹: eine Sekunde, das kann nicht weit fehlen. So gehe ich denn rechts und gehe links, immer ›Tick-tack‹, immer ›Tick-tack‹, und wenn ichs sechzigmal getan habe, dann ist die Minute voll. Nun machen sechzig Minuten eine Stunde aus, also sechzig mal sechzig Sekunden. Wieviel macht das? Kannst du noch rechnen, alter Jasper? Wieviel mal in einer Stunde muß ich also ›Tick-tack‹ machen? Darüber magst du dir den Kopf nicht zerbrechen, sagst du? Wir wollens gut sein lassen, obgleich bei dem Nichtmögen ein bißchen Unehrlichkeit mit dabei ist. Denn du kannst es einfach nicht, alter Kerl. Dein Kopf ist alt und schwach geworden und kann so große Zahlen nicht mehr zusammenhalten. Nun, gleichviel, wir wollens dabei bewenden lassen: es ist eine große Zahl ... Tick-tack, tick-tack, sagte die Uhr. Eine ganze Zeitlang sagte sie nichts weiter als Tick-tack. Die Gestalt an den Fenstern bewegte sich. Aber sie wagte nicht zu kommen. Der Pendel war zu laut. Das Schulmeistergesicht räusperte sich. »Eigentlich hätte ich mit dir noch ein anderes Exempel durchnehmen wollen. Wieviel Sekunden du wohl in einer Nacht verschläfst, wenn du um acht Uhr zu Bett gehst und um acht Uhr aufstehst. Das sind zwölf Stunden, also zwölf mal sechzig mal sechzig. Nur keine Angst, wir wollens nicht ausrechnen, es gibt aber viele Tick-tack. Nun aber bedenk mal, wie übel ich daran bin. Wenn du aufgestanden bist, wenn du Kaffee trinkst, in deinem Lehnstuhl sitzest, wenn du Tabak kaust und wenn du rauchst: den ganzen Tag sage ich ›Tick-tack.‹ Und abends, bevor meine Hängegewichte ganz hinunter sind, kommt Margret und zieht sie wieder auf, damit ich nur ja die ganze Nacht ›Tick-tack‹ sage. Einmal, zweimal habe ich gehofft, Margret sollte vergessen, aber es war gefehlt. Weißt du noch, vergangene Woche? Da war sie schon im Bett. Aber steht sie nicht richtig wieder auf und zieht meine Löte? So mußte ich denn die gewohnte Reise machen, und rechts jagen und links jagen, und meine Lektion aufsagen, ›Tick‹ sagen, wenn ich rechts schwang, und ›Tack‹ sagen, wenn ich nach links ging. Tick-tack, tick-tack, tick-tack! Ich werde gleich zehn Uhr schlagen. Nun merk mal auf, wie voll und feierlich und posaunenweltgerichtlich mein Stundenschlag klingt!« Sie konnte es wirklich gut, die alte Uhr. In der Nacht und in der Stille hatte es was Feierliches: anfangs ein Rasseln, als wenn ein Schiffsanker fällt, darauf langes Sausen, und dann laute, aber weiche, schwingende Schläge.   Jaspers Leben war ein langer, immerwährender, schließlich verstummter, aber niemals überwundener Zweifel. Aber an der Melodie des evangelischen Trutzliedes »Ein feste Burg« konnte er sich erbauen, weil sie etwas hatte, was seinem eignen Seelentrotz verwandt war. Von ihren Brausetönen hatte er seine Seele immer gern in den Äther tragen lassen. Aber das war lange her, damals, als er sich noch unter Menschen gewagt hatte. Welcher Zusammenhang zwischen dem Choral und dem Stundenschlag bestand? Ich weiß es nicht, genau kann ich nicht einmal angeben, weshalb ich Waffelkuchen rieche, wenn man von Heimat spricht. Aber der Alte hörte den Siegesgesang seiner Seele, als der Metallhammer den Glockenmantel in Schwingung brachte. Und das nicht allein, er hatte auch eine Erscheinung: Durch die Decke des Wandbettes und des Zimmers und durch das Dach sah er eine Lichtgestalt aufsteigen. In schimmernder Rüstung und reicher Lockenpracht himmelan. Und die Locken quollen unter einer blauweißgestreiften Wollmütze, die Jasper an dem gelben Klunker als die seinige erkannte, hervor. Und dann war ihm, als sei er selbst der ins Unendliche wachsende Held. Nicht das verkümmerte Zerrbild seiner Seele, nicht der hilflose Greis, der in dem Wandbett der Verlehntskate in derselben Zipfelmütze lag, die gen Himmel getragen wurde, sondern die Idee, das Ideal seines Wesens, das hätte verwirklicht werden können, wenn er nicht ... nun,, wenn er eben nicht der Altenteiler Jasper Thun in Fallingborstel und ein so ganz verknöcherter Mensch geworden wäre. »Tick-tack«, sagte die Uhr. Ein Sternchen fiel vom Himmel und verlosch im All. »Das bin ich«, seufzte Jasper Thun. In dem Augenblick entspann sich unter den Fenstern der Altenteilskate ein Gespräch. Die Bretterdecke legte sich über das Wandbrett. »Dat Wedder blivt god«, sprach eine Stimme, die Jasper als seinem Nachbar Hans Sodt gehörig erkannte. »Dat glöv ik ok«, erwiderte ein anderer, unverkennbar Hufner Eggert Biß. »De Roggn ward hellsch witt«, bemerkte Hans Sodt. »Ik fang morrn an to meihn«, antwortete Eggert Biß. »Op de hogn Koppeln kann 't ok god angahn, Eggert.« »Dat meen ik ok, Hans.« »Godn Nacht!« – »Godn Nacht ok!« Eggerts Schritte verschluckte der weiche Wegsand, Hans Sodt ging auf dem Steindamm nach Hause. »Ticktack«, tat die Uhr. Da jankte die Tür des Nachbarhauses, mit dumpfem Stoß wurde sie zugemacht, dann hörte man den Eisenriegel vorschieben.   »Tick-tack, tick-tack«, redete die Uhr wieder. »Was ich noch sagen wollte, alter Jasper: du warst richtig eingeschlafen oder, wenn du es lieber willst, einen Augenblick eingenickt. Denn lange hats nicht gedauert. – Das sei nicht richtig, meinst du? Du hättest nicht geschlafen? Aber ich sage dir: ganz gehörig hast du geschlafen, erst nach Noten geschnarcht, und dann – sag mal, was träumtest du eigentlich? Es war just so, als wenn du schluchztest. Ich kann mich aber geirrt haben. – Nun bist aber wach, und wenn es dir recht ist, so plaudern wir. Nicht wahr? Ticktack, ticktack! Wir Stubenuhren auf dem Lande gehen eine halbe Stunde vor. Auch Margret stellt mich früh. Der Tag sei auf die Weise länger, meint sie. Ich zeige halb elf, aber eigentlich ist es zehn – Bum bum! Wenn du jüngere Ohren hättest, als du hast, würdest du hören, daß die Turmuhr in Hohenfeld zehn schlägt. Kirchenuhren sind groß und hoch und hochmütig und haben eine starke Stimme. Aber es gibt viele unter ihnen, womit sonst nicht viel los ist, die, mit einem Wort, liederlich gemacht sind. Die in Hohenfeld geht alle Augenblicke nicht, dann muß Meister Schmidt hinauf und das Ding in Ordnung bringen. Viel Kunst ist nicht dabei, die Räder sind groß, wie Gestellräder am Pflug. Du hörst ja gern Geschichten. Wenn du erlaubst, erzähl ich dir eine: Einmal hat Klaus Stäcker, was der Kirchendiener ist und von Haus aus ein Hans Quast, den alten Schmidt anführen wollen und seinen Holzpantoffel ins Gehwerk fallen lassen. Nun tut Meister Schmidt ein bißchen wichtig mit seiner Kunst und hat so 'ne Art und so 'n Anstand, die Brille zu schieben, wenn er ins Maschinenwerk sieht. Aber es hat auch Grund, denn er ist kein Dummer, und den Schabernack, den Klaus Stäker ihm gespielt hat, hat er sofort erkannt. Aber er hat sich nichts merken lassen und so getan, als ob er seine liebe Not habe, den Fehler zu finden, wobei er seine Brille bald auf die Stirn und bald auf die Nase gerückt hat. Klaus Stäker steht nun mit dummpfiffiger Miene dabei und fragt: ›Meister, dat 's wul 'n sware Sak? Und der alte Schmidt nimmt die Brille ab und sieht den Klaus Stäcker von unten bis oben und von oben bis unten an und sagt: ›Schwer gerad nicht, aber gewissermaßen merkwürdig. Wenn ich die Brille aufsetze, dann siehts aus wie dein Holzpantoffel, und wenn ich die Brille abnehme, wie 'n Dummerjungenstreich.‹ – Ha, ha!« Die alte Stubenuhr wiederholte selbstgefällig die Worte vom alten Schmidt. »Ja, ja«, bekräftigte sie, »so sagte der alte Schmidt. Die Brille abgenommen, oder auf die Stirn geschoben, den dummklugen Klaus Stäcker so recht ›luri‹ von unten angesehen und dann ganz trocken: ›Mit Brille wie 'n Holzpantoffel, ohne Brille wie 'n Dummerjungenstreich.‹ – Köstlich! Mit Brille Holzpantoffel, ohne Brille Dummerjungenstreich. – Ticktack, ticktack. – Was ich noch fragen wollte: nicht wahr, die Geschichte ist gut?« »Das geht so«, murrte Jasper Thun. »Geht so? Jasper Thun, du verstehst wohl nicht viel von Geschichten.« »Na, na!« »Tick-tack, ich weiß noch eine. Soll ich sie dir erzählen?« »Ein andermal, ich will schlafen.« »Es dauert nicht lang. Es kommt eine Turmuhr darin vor, eine von den großen. Die schlägt am hellen Mittag zweihundertsechsunddreißig.« »Bißchen viel«, bemerkte Jasper und wälzte sich auf die andere Seite. »Reine Feuerglocke.« »Wurde auch dafür gehalten.« »Schön, ich will aber schlafen.« »Es dauert nur einen Augenblick. – Doch halt! Erst muß ich elf schlagen. Horch mal, wies klingt! Ich tus stark und mit Gefühl.« Die Uhr schlug stark und mit Gefühl und setzte mit eifrigem Tick-tack ein. »Nun, Jasper, willst die Uhrengeschichte hören? Nein? Nicht die Geschichte, wie der Uhrmacher beim Reparieren anstatt der zum Werk gehörigen Schraube die geteerte Schraube einer Radnabe hineingearbeitet hat, worüber die Turmuhr so außer sich kommt, daß sie zweihundertsechsunddreißig schlägt?« »Ich will schlafen.« »Du mußt sie hören! Es lohnt! die Leute meinen, es ist Feuer. Die Feuerwehr kommt mit großem Lärm und Tatarata, und da Rauch aus dem Schornstein des Pfarrhauses steigt, spritzen sie dem Pastor die ganze Bude voll. – Ist das nicht fein?« »Sehr fein. – Die Feuerwehr spritzt das Pfarrhaus voll, weil die Turmuhr zweihundertdreiundsechzig ...« »Sechsunddreißig«, berichtigte die Uhr. »Dreiundsechzig oder sechsunddreißig fällt bei solchen Lügengeschichten wohl nicht ins Gewicht«, fuhr Jasper auf. »Und wenn du nun nicht gleich still bist, schlag ich dich in Stücke, dich und dein Windbeutelzifferblattgesicht.« »Bist grob, Jasper, und das hätt nun just nicht nötig getan. Wenn ich nur weiß, wies gemeint ist, versteh ich schon ein ruhig Wort.« Eine halbe Minute schwieg sie. Dann fing sie wieder an: »Spaß kannst also nicht verstehen, alter Freund. Auch gut. Da schweig ich fein still. Mein Geschäft wirst du mir nicht verbieten wollen. Und mein Geschäft ist – Stundenschlag und Pendelgang.« Die Uhr war ärgerlich und redete nicht mehr. Nur ihr Geschäft versah sie unentwegt, erst energisch und vernehmlich, dann leiser und immer leiser. Und als das Geräusch ihres Gangs im breiten Schweigen der Nacht untergegangen war, da erhob sich der Schatten vom Stuhl, ging ans Bett und drückte dem Alten die müden Augen zu.   Ob Jasper ganz wach gewesen ist? Nun träumte er jedenfalls. Der Schulmeister des Zifferblattes versank, ein anderer Schulmeister trat an seine Stelle. Das war der Lehrer, der ihm die vier Spezies und die Religion und den Katechismus beigebracht hatte, als Jasper noch klein war. Und Jasper war wieder klein und mußte in der Ecke stehen, weil die sonst so ehrliche alte Uhr in der Schulstube an der Wand zweihundertsechsunddreißig geschlagen hatte. Jasper fühlte selbst, daß er schuld daran war, daß die Uhr zweihundertsechsunddreißig geschlagen hatte, fragte sich aber in der Ecke vergebens, auf welche Weise er diese unselige Tatsache wohl versündigt haben mochte. Er wachte auf, besann sich, hörte auf den ruhigen Pendelschlag seiner Zimmeruhr, schimpfte ein weniges über den wunderlichen Traum und zog die Zipfelmütze tiefer über die Ohren. Und wieder tauchte er unter die Schwelle seines Tagesbewußtseins hinab, und wieder bin ich nicht sicher, ob ich es Traum nennen darf, was den Schleier von längst vergessenen Bildern hinwegzog ... Ganz jung war er gerade nicht mehr, er war aber auch nicht alt. Und es war Abend, und er saß in seiner Stube und rauchte, und neben ihm saß sein Freund Jochim aus Locklint und rauchte auch. Und beide erzählten sich was. Und als die Uhr neun geschlagen hatte, wollte Jochim nach Hause gehen. Aber Jasper hatte noch eine Geschichte, die ihm das Herz abdrückte, und er begleitete seinen Freund und erzählte. Es war eine laue Sommernacht, und der Fuchs braute in den Gründen, und der Mond schien hell. Sie gingen den Fußsteig, der bei Wilhelm Koopmann über die Koppeln und dann durch die Reder Wiesen und über das Lämmermoor führt. Und wenn eine Geschichte zu Ende war, so fingen sie eine neue an, und als sie bei Jochims Haus in Locklint angekommen waren, wußte dieser noch eine Geschichte, die seine Seele los sein mußte, sie würde sonst nicht selig geworden sein. Und das Wetter war so schön, und die Nacht so lau, und der Mond stand noch immer am Himmel, und Jochim begleitete seinen Jasper nach seinem Dorf zurück. Und dort war nun dem Jasper wieder was eingefallen, das erzählt werden mußte, und um das zu tun, und weil es so ein wunderbar schöner Abend war, ging er wieder mit Jochim nach Locklint. So gingen sie noch mehrmals hin und her, immer eifrig in Unterhaltung und Geschichten erzählend, und wanderten noch, als der Mond schon längst untergegangen war, die Sterne zu erbleichen anfingen und die roten Feuerrosse des Tages heraufdampften. Und wie Mars Eckmann nach seiner Holzwiese im frischen Tau zum Mähen gegangen war und just seine Sense von der Schulter genommen hatte, kamen Jochim und Jasper als dunkle Nebelgestalten durch den Bruch. Jasper und Jochim bemerkten ihn aber nicht, und Jasper sagte gerade: »Jochen, verget din Wör ni. Mi fallt 'n Geschicht in, de will 'k di vertelln, wenn du fari büst.« Da trat Mars Eckmann aus dem Dunkel des Eichenknicks heraus und lachte. Er nannte die beiden Geschichtenerzähler »Lœgnpeter un Rümdriewer«. Als Jasper das alles noch einmal überdachte, und als er sich die Geschichte wieder zurückrief, die mein Hans-Ohm von dem Knecht Michel und seinem Heringsgebet erzählt hatte, da erwachte in ihm ein gewaltiger Hunger nach kunstvoll geschürzten Histörchen. Bei jener Erzählung war er wieder glücklich gewesen, nun war er entschlossen, die paar Jahre oder Monate oder Tage, die er noch zu leben habe, immer glücklich zu sein. Und aus den Tiefen seines Gedächtnisses schoß es überall hervor und herauf, was längst vergessen gewesen war. Er überdachte eine Menge Geschichten, alle klar und lebendig, daß er sie sofort hätte wieder erzählen können. Hauptsächlich war es aber eine, die von dem Wächter in Hohenfeld, der sich selbst in Arrest brachte, weil er bei sich auf den Bürgermeister geschimpft hatte. Die trat so scharf und klar vor ihn hin und wollte durchaus erzählt werden, daß Jasper Mitleid mit ihr und mit sich hatte, seine Decke zurückschlug, an den Kleidern, die vor seinem Bette auf dem Stuhl lagen, zu nesteln anfing, die steifen Beine herausarbeitete, mit einem Wort: aufstand, mitten in der Nacht und – just, als die Stubenuhr zwölf schlug.   Die alte Margret hatte einen guten Schlaf. Sie verschlief all die Mathematik und all die Uhrengeschichten, die der im Zifferblatt steckende Schulmeister zum besten gegeben hatte, und auch das andere. Nur einmal war sie wach gewesen, da hatte sie gehört, daß Jasper sich auf die andere Seite gelegt und dabei im Schlaf gemurmelt hatte. Sie hatte aber nicht darauf geachtet und war gleich wieder eingeschlafen. Und im Traum kam sie auf das Kindsbier, wo die Frau Hedemann die junge Mutter war, was ihr komisch vorkam. Sie sagte daher auch immer: »Awer segg mal, Annemarie, sünd wi ni tosam konfimeert, un ik gah doch int söbenunsöbentigs Jahr? Dat harrst ok fröher afmaken kunnt.« Und als der Pastor seine Taufrede hielt und alle andächtig umherstanden, hörte sie immer Jaspers Stimme: »Gretjen, Margret, stah op!« – was ihr wiederum sonderbar vorkam, da sie doch stand. Endlich aber merkte sie, daß die Stimme aus einer anderen Welt komme als aus ihrer Traumwelt. Sie wachte auf und sah eine Gestalt vor ihrem Bett, die immerfort sagte: »Margret, stah op!«, machte Licht und fand ihren Eheherrn mit der Zipfelmütze, aber sonst mangelhaft bekleidet vor den Schubtüren ihres Wandbetts. »Stah op, Margret«, wiederholte Jasper. »Ik will 'n Geschicht vertelln, ik kann weller Geschichten vertelln.« »Wat kanns?« fragte Margret. Jasper hörte die Frage kaum. »Un Hans Snider«, fuhr er fort, »Hans schall de Sniderie opgewen un to uns kam un dat warrn, wat he warrn wull – en Hofnarr, as he seggt, en Hofherr, as ik segg, un schall Spaß maken un Geschichten vertelln.« Margret war eine kluge Frau. Wenn sie ihren Mann und seine wunderlichen Wünsche auch nicht verstand, so sah sie doch, daß man es hier mit einer Gemütskrisis zu tun habe, die möglicherweise nach oben führen könne. Mit Kindern war ihre Ehe nicht gesegnet worden, und Zeit und Geld hatten sie mehr, als sie brauchten. Sie sagte nur, morgen sei auch noch ein Tag. Der Plan müsse auf ein paar Stunden beschlafen werden. »Uns' Kellerstuv«, fiel Jasper ein, »dor kann Hans snidern, so vel, as he will. Awer buten Hus schall he ni mehr. Un denn sorg wi för em, ok för de Tid, wenn wi dod sünd. Dat schall de Vagt opsettn.« »Morrn, Jasper, will wi dat all besnacken. Awer din Geschicht, de kanns mi forts vertelln. Ik will gau en Taß Kaffe kaken. Denn geit dat sovel beter.«   Es war schon allerlei passiert in Fallingborstel. Aber daß jemand um Mitternacht seine Frau weckt, um ihr eine Geschichte zu erzählen, daß beide sich vor und hinter den Ofen setzen, gemütlich Kaffee trinken und nun wirklich die Geschichte vornehmen, daß ein Mann, der viele Jahre geschwiegen hat und schmerzlich hat schweigen müssen, die Gabe der Rede wieder erlangt, die Geschichte erzählt, die Geschichte von dem Nachtwächter, der sich selbst in Arrest bringt ... mit solchem Behagen und so gut erzählt, daß die beiden alten Leute, Zuhörerin und Erzähler, nicht aus dem Lachen herauskommen: das war im Dorf doch noch nicht dagewesen. Aber die Geschichte von dem Nachtwächter war auch zu gut, eine Geschichte zum Kranklachen. Ich will sie nicht mitteilen, denn nicht jeder hat eine so derbe Gesundheit wie Margret Thun. Sie lachte bei ihrem Kaffee und bei der Kalkpfeife bis zum Weinen. Und Jasper war über seine eigene Geschichte glücklich, wie er noch niemals gewesen war. So glaubte er und glaubte es mit Recht. Denn eine innere Freude, erfahren zu einer Zeit, wo man äußere nicht mehr sucht, das gehört einem unverkürzt zu eigen.   Die Nachtwächtergeschichte war auserzählt. Da sagte Jasper: »Du, Gretjen ... wo heet na de hogen Lüd, de de Königs sich holt?« »Ik weet ni«, erwiderte Margret, »Hans Snider seggt jo Hofnarr.« »Hier is wat to Hofnarr! Ne, ik meen, de eersten, de glik na 'n Köni kamt un allns ünner sik hebbt.« »Weet würkli ni, min Jasper.« »Dat ik dor ni op kam kann. Mi... Mi... Mister... Mini... Nu hev ik 't: Ministers, rief Jasper. »Uns' Minister schall Hans Snider waren.« Margret lachte. »Sünd wi ni grod Lüd? Bün ik ni 'n riken Knast? Worüm schall ik mi keen Minister holn?« »Ja, Jasper«, erwiderte Margret. »Wenn Hans Snider son Jungmaker is, denn lat em man Meister, or Mister, or wo 't ol Tüg sünst heet, warrn, so bald as mögli.« »Und denn, Moder, weets wat?« »Wat denn?« »Ik glöv, ik bruk gar keen Peckmütz mehr.« »Herr Gott«, schrie Margret und schlug sich auf die Kniee. »Din Allmach is grot!«   Mein Ohm hatte als Junggeselle seinen Unterschlupf bei einer Schwester auf Nienrade, einer Abbaustelle vom Dorf. In aller Frühe schon ging das Gerücht um, der alte Jasper Wunderlich, wie er im Dorf genannt wurde, sei den Weg nach Nienrade gegangen. »Du hest di wohl versehn«, sagte Hans Sodt zu seinem Dienstjungen Klas. »Dat 's ol Reimer Siepen west, Jasper geit jo in tein Jahr ni mehr oewern Drüssel.« »Ik kenn ol Siepen un kenn ok Jasper Wunnerli. He hett mi ja verleden Sommer Suckerappeln ut sin Gaarn gewen. De, denn ik sehn hev, weer Jasper sülwen mit Stock un Rundhot.« »Keen Peckmütz?« »Ne, Rundhot.« »Denn is 't Jasper wiß ni wesen. Jasper hett ümmers 'n Peckmütz op.« »Ne, uns' Weert«, mischte sich jetzt Antje, die bei Hans Sodt diente, ins Gespräch. »Ik hev em sehn. De Klock kunn fiv wen hebbn, do keem Jasper mit Rundhot un Stock. O, he harr dat so hild un snack ümmer vör sik sülm!« »Snack vör sik sülm? Dat stimmt bi Jasper.« »Un denn bög he af, den oln verlorn Stig oerwer de Wischen henlang.« »Nu is 't gans klar. Dat kann blot Jasper infalln. Also doch Jasper.« So war es. Jasper war bei Tagesgrauen längs der Dorfstraße gehumpelt in der Richtung nach Nienrade. Es hatte ihn nicht ruhen lassen, er war entschlossen, sich sein Glück zu sichern und ohne Verzug mit Ohm und seiner Schwester zu sprechen, ob Hans nicht als Minister zu ihm ziehen wolle. Und Ohm hatte gewollt.   Die trübselige Verlehntskate wurde ein lustiges Haus, die kleine Stube war von Besuchern selten leer. Das ganze Dorf, jung und alt, ja die ganze Umgegend wunderte sich, wie klug und frisch der so lange Zeit lieblos verlassen gewesene für vertrocknet gehaltene Jasper, der nun allen Menschen ohne Zipfelmütze frei ins Antlitz sehen konnte, wie jung der wunderliche Monarch eigentlich war – und wie er erzählen konnte und erzählen mochte. Einen großen Teil des Tages brachte Jasper in der Schneiderstube bei seinem Minister zu, des Abends kamen Exzellenz zu den Majestäten herüber. Bald erzählte Hans, bald Jasper, ja selbst Ihre Majestät die Königin Margret hat Versuche in epischer Darstellung gemacht. Der eigentliche Vorrat an Geschichten war schließlich aufgezehrt, aber man verstand es, alte Ideen in neue Form zu bringen; die in die Verlehntskate hineingetragenen platten Tagesereignisse erhielten im Qualm der Tabakspfeifen und durch das Temperament der beiden Erzähler ein neues, heimisch und poetisch anmutendes Kolorit. Diesem Tabakskollegium wurde Frau Margret zuerst untreu. Nach ganz kurzer Krankheit ging sie voran und bestellte für ihren Jasper bei Petrus Quartier. Sie wurde betrauert, wie sichs gehört. Als der Monarch mit seinem wohlbestallten Schneiderminister von der Bestattungsfeierlichkeit zurückgekehrt war und in seinem braunen Lederstuhl saß, fühlte er sich zwar etwas angegriffen, wünschte aber doch die Geschichte von dem Bauernknecht Michel Brandt noch einmal zu hören. Und als mein Hans-Ohm zu Ende war, und Michel sich darüber klar geworden war, daß er ein ganzes geträumtes Jahr lang nur geträumte Pellkartoffeln und geträumte Heringe und geträumte Senftunke gegessen hatte, da hatten Majestät den Kopf an die Ohrenklappen Ihres Lehnstuhles gelegt und die Augen geschlossen. »Jasper-Ohm«, sagte Hans, »dat weer blot 'n Drom.« Jasper antwortete nicht. Er war wohl eingeschlafen. »Jasper-Ohm«, rief Hans ihm ins Ohr, »de ganze Welt is 'n Drom!« Der Alte blieb auch dann noch stumm, als Hans Schneider ihn wach zu rütteln versuchte. Die Seele war nicht mehr im Gehäuse. Sie unterhielt sich schon mit Petrus über das Rätsel unserer Schuld und über den großen Gottestraum. Der Pfahl Des Ohms letzte Geschichte Starke Empfindungen, namentlich fröhliche, setzen sich bei mir in Musik um. Wenn der Schullehrer nach dem Abendgebet unverhofft zu uns sagte: »Kinder, morgen ist keine Schule« – dann hörte ich eine Melodie, die ich später als »Wolln wir noch einmal« erkannt habe. Und wenn ich zu Hause von unserer Spielstube aus meinen in Dithmarschen wohnenden Hans-Ohm den Fußsteig durch den Apfelgarten daher kommen sah, den Rock lose über die Schultern geschlagen, den Hülsenstock in der Hand, dann hörte ich auch Musik. Und was nachher, sobald er bei uns in der Stube saß, durchs Dorf hallte, war jubelnder Trompetenstoß. »Hurra! de Snider is dor!« Bald wimmelte es bei uns von Nachbarn, die dem Schneider die Hand drücken wollten. Denn mein Ohm, der Schneider, stand in dem Ruf eines ausgezeichneten Menschen und eines vortrefflichen Erzählers. »Ja, ja, de Hans Snider«, so sagten die Leute, »de kann 't, de hett dat in sik, de brukt blot to seggn, un 't is en Geschicht.« Da war ein alter Verlehntsmann, namens Jasper Thun, ein Sonderling (die Wollmütze immer auf dem Kopf), ursprünglich eine Art epischer Künstler, nun aber vereinsamt und stumpf. Zu ihm kommt mein Ohm als Schneider ins Haus, fängt an zu erzählen, gräbt die vertrockneten Geistesadern des alten Jasper wieder auf, namentlich durch eine Geschichte von dem Dienstknecht Michel Brandt aus Schirnhude am Schirnhudersee, worin ein Heringsgericht vorkommt und ein Gottestraum, und in dem Gottestraum sind alle Dinge nichts als Figuren der schaffenden Phantasie unseres großen Herrgotts. Dem alten Jasper gefällt mein Ohm so gut, daß er ihn zu seinem Hausminister macht. Wie sichs zugetragen hat, wie schließlich der Alte mitten in der Erzählung vom Gottestraum hinübergegangen ist, ersieht man aus der dieser Geschichte vorangehenden Erzählung. Für Jasper wars zu Ende, nicht aber für Hans. Seine Geschichte begann erst nach Jaspers Heimgang, und diese neue Geschichte will ich jetzt erzählen.   Mit Jaspers Ableben trat bei Hans eine durchgreifende Veränderung ein. Er erbte die alte Uhr, die braunen Lederstühle, eine rotgestrichene Setzbettstelle und bare tausend Taler. Die Schneiderei gab er auf und kaufte sich auf der hohen Geest von Dithmarschen ein kleines Anwesen. Einen Augenblick dachte er daran, eine Frau zu nehmen, tat es aber nicht, sondern vertraute seiner verwitweten Schwester das Portefeuille des Hauswesens an und stand sich gut dabei, denn auch sie hatte Moses und die Propheten und eine tüchtige Hilfe in ihrer frisch aufblühenden Tochter. Alles das mußte Hans ohne mich erleben, da ich noch nicht geboren war. Mir ist es erst viel später zum Bewußtsein gekommen, daß mein Ohm ein Schneider gewesen sei und weit hinten in Dithmarschen wohne. Von meinem Bruder Jürn, der ihn besucht hatte, ließ ich mir die kleine Heidkate, ihre einsame Lage, ihre Lindenbäume und ihren Apfelgarten beschreiben, namentlich aber auch den wunderlichen Pfahl, der einen ordentlichen Kopf habe und mitten auf der Heide stehe. Jürn zeigte die Richtung. Es war dort, wo im Sommer, wenn alles nach Heu roch die Sonne unterging und das Abendrot aufglühte. Dort wohnte Hans-Ohm. Einmal sah ich ihn selbst auf einem rotglühenden Feuerwolkenwagen. Den Rock hatte er lose um die Schultern geschlagen, den Hülsenstock fest aufgesetzt. Später habe auch ich meinen Ohm besucht. Er war nicht mehr jung, eher schon alt, aber noch rüstig und frisch. Seine Schwester hatte er verloren, die Nichte, die sich mit einem gewissen Klaus verheiratet hatte, führte ihm den Hausstand. Klaus zeichnete sich durch große Gutmütigkeit und große Arbeitshände aus. Für Geschichten hatte er so wenig was übrig wie seine Frau. Die Abnehmer dafür mußte der Alte auswärts suchen, was aber auf der einsamen Heide nicht so einfach war. Am meisten verkehrte er mit Friech Jessen. Der war lang, blond, sommersprossig, etwas laut und derb, auch wohl mal heftig, aber im grunde gutmütiger, als er scheinen wollte. Nach seiner Besitzung führte ein Fußsteig über die Heide. Das Bild würde nicht vollständig sein, wollte ich den Doktor der Gegend unerwähnt lassen. Ein junger, frischer Mensch, kutschierte er eigenhändig in einem Anzug, der auch für einen Roßtäuscher gepaßt hätte, die Gegend ab. Wenn es irgendwie ging, fuhr er bei meinem Ohm nicht vorbei. Die Hausfrau gab dem Doktor Grog, wenn es Winter war, und Tee zur Sommerzeit. Dafür tauschte sie gute Ratschläge gegen ihr Seitenstechen ein. Saßen sie bei Grog oder Tee, dann veranlaßte der Doktor (scheinbar ganz unabsichtlich) meinen Ohm, seine Geschichten zu erzählen, neue, wenn er welche wußte, alte, wenn Neues nicht auf Lager war. Der Doktor kräuselte schon die Lippen (er hatte weiche, schalkhafte Lippen), wenn der Alte auf den Köder anbiß, dabei sorgsam den Anschein wahrend, als sei es ein Augenblickseinfall, der ihn darauf bringe. Daß Schneider-Ohm geradezu darauf brannte, zu erzählen, das wußten wir ja alle. Ein leises Räuspern ging voran, an dem Rohr wurde kräftig gesogen. Und dann die immer wiederkehrende, eine Entschuldigung für seine Anmaßung darstellen sollende Einleitung: »A, dat is so 'n ol Geschich. A, man kann 't jo ok mal vertelln.« Und dann! »Baben bi Hohenasp liggt 'n Hof, de heet Bökerhof. Dor hett mal 'n Mann wahnt, de hett Früchtenicht heeten. Un hett 'n bös Wifstück hatt ...« Wenn man über die Heide blickt, etwa in der Richtung nach Friech Jessen, sieht man etwas, das ein gemächlich gehender Mann, aber auch ein Pfahl sein kann und, wie wir wissen, von Jürn auch dafür gehalten worden ist. Es ist aber weder ein Mann noch ein Pfahl, wenn es auch Pfahl genannt wird, sondern ein abgesägter Weidenstamm mit einem merkwürdig verfilzten Kopf. In Wirklichkeit sind es halb abgestorbene Schößlinge: bei phantasievollen Menschen nimmts aber, wenn die Beleuchtung erlogene Helle über die Heide wirft, alle möglichen Formen an. Der Fußsteig, der nach Friech Jessen führt, verläuft ganz in der Nähe. Eines Abends, es war noch nicht dunkel, es war nicht mehr hell, kamen wir, der Alte und ich, von Friech her, am Pfahl vorbei. »Sieh dir mal das Ding an!« sagte Ohm. »Es erinnert mich an Jasper und seine Zipfelmütze. Sie hatte einen Klunker, der sie niederbog. Und nun guck dir den Kopf des alten Kerls an. Trägt er nicht eine Kappe und hat das Ding nicht ordentlich einen Knick? – Von hier aus mußt du sehen«, fuhr Hans-Ohm fort und zog mich weiter ins Heidekraut hinein. »So ... nun die Hand über die Augen ... Dann ist er doch wie ein alter Mann, nicht wahr? Die Hände hat er auf dem Rücken ... So ging Jasper-Ohm durch den Garten nach dem Bienenstand, just so.« Ich sah und sah. Ich stellte mich hierhin und dorthin, genau wie mein Ohm es wünschte. Aber ich konnte mit dem besten Willen nichts sehen als einen abgesägten Weidenstamm.   So ging die Zeit hin, und Hans-Ohm wurde sehr alt. Friech war zehn Jahre jünger. Sie erzählten sich Tag für Tag Geschichten, Hans-Ohm die von Michel Brandt aus Schirnhude und was er sonst noch wußte, Friech eine berühmte Scherenschleifergeschichte, und beide bekamen die Geschichten des anderen satt. Über die Heringsgeschichte war Friech zuletzt schier unglücklich. Denn Hans wurde vergeßlich und konnte sie zwei mal bei derselben Gelegenheit zum besten geben. Es war komisch, wie die beiden Alten sich bekrittelten, Hans-Ohm die absprechende Weise seines Freundes, Friech die Altersschwächen von Hans. Friech beklagte sich bei seiner Tochter Stine (sie hatte ihren Mann verloren und führte ihm den Hausstand): »Denk dir«, sagte er, »die Rasiergeschichte zwei mal und die Michelgeschichte jedes mal; ich kanns nicht mehr aushalten.« Und Hans-Ohm ging wieder über den Fußsteig am Pfahl vorbei. Es war noch nicht Winter, aber auch nicht mehr Sommer, es war nasses trübes Herbstwetter, wo man die Kühe nachts in den Stall nimmt und die letzten Rüben aus der feuchten, schwarzen Erde zieht. Hans ging, wie ein Mann geht, der mitten in den Achtzigern steht, nach vorn geneigt, klein, in sich zusammengesunken und mager, mit gespreizten Beinen. So tun Leute, die eine breite Basis für ihr Gleichgewicht brauchen, die ihrer Glieder nicht mehr völlig Herr sind. In der Rechten hatte er den bekannten Hülsenstock, auf den er sich jetzt wirklich stützte, und hielt den Arm weit vom Leibe. Der Ellenbogen trat scharf und spitz hervor. Er wollte zu Friech. An ihm war die Reihe, zu kommen; es gab eben keinen anderen Menschen, der auch nur ein bißchen Sinn für Geschichten hatte. Zu Hause war es auch nicht schön. Anna war herzensgut und Klaus war eine Seele, aber sie bereiteten einem doch manchen Verdruß, ohne daß sie es wollten. So hatte Klaus heut abend gemeint, er solle nur zu Hause bleiben, das Wetter sei zu rauh. Und mit Friech habe er sich doch wohl auserzählt, es seien ja immer die alten Geschichten. »Ümmer de olen Geschichten«, hatte Klaus gesagt. Was war der Klas doch für ein Taps! Er hatte ihn auch tüchtig zurechtgewiesen. »Klas«, hatte er gesagt, »meine alten Geschichten werden noch neu sein, wenn kein Hund oder Hahn mehr nach dir kräht.« »Immer die alten Geschichten!« Das ihm? Zweimal, dreimal, höchstens viermal in all den Jahren konnte er eine und dieselbe Geschichte wieder erzählt haben – mehr jedenfalls nicht. Und das tat gar nichts. Den Hörern war sie doch immer wieder neu. In dem Augenblick, wenn mans ihnen erzählt, dämmert ihnen so was, wo die Kunst steckt. Aber nachher ist alles wieder weggewischt. Den groben, gemeinen Stoff mögen sie halbwegs im Kopfe haben, aber die Kunst des Vortrags, wie man so was herausbringt, das ist ihnen immer neu. – Er war beim Pfahl angekommen. Der alte Bursche hatte, heute zumal, Ähnlichkeit mit Jasper, die Hände ordentlich auf dem Rücken ineinander gelegt. Wie ...? Hans-Ohm stutzte. Es war ihm vorgekommen, als wenn Jasper gewinkt hätte. Ein Weidenstamm und – winken. Na, das soll er wohl bleiben lassen. Ja, wenn der alte Jasper noch lebte! Der war ... der verstand es, das war einer! Hans sah sich noch mal um, da nickte der Weidenkrüppel. »Sonderbar«, murmelte Hans-Ohm und suchte vorsichtig seinen Weg. Er hielt es für Sinnestäuschung, vergaß es auch bald, dachte aber an seinen verstorbenen Freund. Hätte er seine Ahnung richtig verstanden, so wäre er zurückgekehrt. An diesem Abend kam es nämlich zum offenen Bruch mit Friech. Stine ist dabei gewesen; wie oft hat sie den Hergang erzählt! Ihr Sohn Fritz ist nach Delwe gefahren gewesen. Die beiden Alten haben hinter dem Ofen gepafft, Stine hat auf der Lade gesessen und Strümpfe gestopft. Das Gespräch hat sich, so lange Stine dabei war, um die verschiedenen Viehrassen des Landes gedreht. Friech ist mehr für die große blaue Tondernsche Art, Hans für die feine braune Angler Kuh gewesen. Etwa um neun Uhr hat Stine die Stube verlassen, Wäsche einzuweichen, ist aber nach einigen Minuten zurückgekehrt, ein vergessenes Betttuch nachzuholen. Da hat Hans-Ohm die Geschichte von der Rasierkrankheit erzählen wollen, Stines Vater aber ist verdrießlich geworden und hat gesagt: »Hans, du hast wohl vergessen, die hast du mir erst gestern erzählt.« Das hat Hans-Ohm gewurmt. »Nun«, hat er gesagt, »wenn du sie nicht hören willst, denn nicht.« Die Stine hat begütigen wollen und eingeworfen: »Das macht ja nichts, Vater. Man hört doch gerne zu, und du hast ja auch schon Geschichten zwei mal erzählt.« Aber da ist sie ganz verkehrt gekommen. Ihr Vater ist ganz laut und heftig geworden: »Wer das von mir sagt, spricht die Unwahrheit. Ich erzähle Geschichten nicht zwei mal.« Und Stine hat gedacht: ich will ihn in Ruhe lassen; er wird leicht laut, wird auch leicht wieder still. Und hat ihr Betttuch genommen und hat gemacht, daß sie hinausgekommen ist. Sie hat noch immer kein Arg gehabt und das Kommende nicht geahnt. Ihre Wäsche hat sie fertig gemacht, hat dann im Hause und in den Stallräumen, überall hat sie abgeleuchtet: bei den im beißenden Laternenlicht kakelnden Hühnern und den warm im sauberen Stroh vergrabenen Ferkeln. Aber wie sie aus dem Anbau auf die große Diele zurückgekehrt ist, da ist Schelten und Lärmen in der Stube gewesen, da ist es klar geworden: die Alten haben sich erzürnt. Da hat sie es mit der Angst gekriegt. In ihrer Hast hat sie die brennende Stalleuchte auf die Bodentreppe gestellt, hat alles beiseite gesetzt, die Stubentür hat sie aufgerissen ... da – ein Anblick! – sie denkt, es muß sie der Schlag rühren. Die beiden Alten stehen zornentbrannt wie ›Kreithähne‹ gegeneinander, namentlich Friech ist ganz außer sich und schimpft und schilt und überschreit sich: »Deine alte Michelgeschichte hab ich all hunderttausend mal gehört, die hab ich satt, die wird einem ja zum Ekel, die wächst einem ja zum Halse heraus. Da mag ich nicht mehr nach hören!« Und Hans-Ohm ist auch aufgebracht, will was sagen, kann aber nicht zu Wort kommen, bringt schließlich aber doch heraus: »Und auf deine Scherenschleifergeschichte rechne ich gar nichts.« Nun schlägt Friech auf den Tisch, eine Teetasse fällt zur Erde und klascht in Scherben: »Und wenn du auf meine Scherenschleifergeschichte nichts rechnest, dann rechne ich auf dich auch nichts.« Hans wird ganz blaß, bleibt aber äußerlich ruhig: »Muß ich mir gefallen lassen«, sagt er und fängt an, seine Pfeife zu ziehen, wo doch kein Tabak mehr in ist; sie knastert auch ganz schrecklich. »Muß ich mir gefallen lassen«, wiederholt er. »Ein Mann, auf den du nichts rechnest, kann natürlich nicht mehr in dein Haus kommen. Dann wären wir also fertig.« Er klopfte seine Pfeife aus und steckt sie in die Tasche. »Friech«, fügt er hinzu, »eigentlich kann es mir um jede Geschichte leid tun, die ich dir erzählt habe. Denn nun sehe ich erst, du hast sie gar nicht verstanden. Aber das sind Gaben des Himmels, und darum kann man keinen Menschen schelten. Gute Nacht, Friech!« Seine Mütze lag auf dem Tisch, er langte danach. Aber Friech, er war wohl um so mehr in Zorn gekommen, weil Hans so ruhig war, riß sie weg. »Ich nicht deine Geschichten verstehen? Das lohnte auch noch, die zu verstehen! Sind ja alle so viel wert wie der Wind, der im Schornstein heult. Ich will dir zeigen, wie viel ich auf deine Geschichten rechne und wie viel ich auf dich rechne!« Er wußte nicht mehr, was er tat. Er warf die Mütze auf den Fußboden und trampelte mit seinen Holzpantinen darauf. »So viel«, schäumte er, »so viel rechne ich auf dich!« »O, nein ...« pflegte Stine hier einzuschalten. »Ich kann nicht sagen, wie fürchterlich das war. Mir war, als sei es ein Stück von mir, was da am Boden lag, als ob ich selbst von Vater mit Füßen getreten würde. Hans-Ohm hatte kein Blut mehr im Gesicht.« »Gut, Friech«, erwiderte er, »dann weiß ich ja Bescheid, wie viel ich bei dir gelte. Ich bedanke mich auch vielmals.« Stine konnte nicht Hand noch Fuß rühren. Sie wollte erst sagen: ›Vertragt euch doch, erzürnt euch doch nicht!‹ Dann wollte sie schreien: ›Vater, komm doch zur Besinnung, es ist ja Hans-Ohm, dein bester Freund!‹ Aber, die arme Frau ... sie konnte nicht, ihr war, als wäre sie gebannt, als träume sie und habe die Nachtmahr ... Wie ein Steinbild stand sie an der Tür, sie fühlte, wie das Blut nach dem Herzen floß und wie sich das Herz zusammenkrampfte. Aber wie ihr Vater schließlich mit den schrecklichen Fußtritten aufhörte, da (sprechen konnte sie noch nicht) da vermochte sie so viel, daß sie die Mütze aufhob und an Hans-Ohm gab. »Dank vielmals, Stine«, sagte der Alte, »Dank!« Die Mütze war von den Pantoffeln und von dem Streusand sandig geworden. Hans-Ohm schlug sie am Tischbein ab. »Stine«, sagte er dabei »den Schmutz der Beleidigung will ich nicht wegtragen, der bleibe in eurem Hause. Möge dein Vater«, setzte er hinzu, »niemals diese Stunde bereuen. Ich bin alt, er ist jünger. Was ist an mir gelegen?« So ging er hinaus. Als er die Türklinke in die Hand nahm, sah Friech ihm verzerrt und mit stieren Augen nach. Wird er in sich gehen? Wird er ihn zurückrufen? Aber Stine sah, daß daran nicht zu denken war. Die Wut war zu groß. Sie sah auch: er wollte dem alten Mann noch ein häßliches Schimpfwort nachrufen. Da löste sich bei ihr der Bann. »Vater!« rief sie. Da sah Friech sie an, wurde ruhig und setzte sich hin.   So lautete die Erzählung. Das war das Ende der Plauderstunden von Hans-Ohm und Friech. Stine leuchtete meinem Ohm, als er davon ging, über die dunkle Diele die Lampe zitterte in ihrer Hand. Auch Hans-Ohm war nicht so ruhig, wie es Stine vorgekommen war, er konnte den Drücker zur Haustür nicht finden, er bebte am ganzen Körper. Stine hatte schon damals die Ahnung, es könnte dem alten Mann ein Unglück passieren, und ging ihm nach, ohne daß er es bemerkte. Denn unter Augen wagte sie ihm nicht zu kommen. Einen Augenblick lehnte Hans-Ohm am Heuschober und schluchzte und weinte wie ein Kind. Es war Zorn über die seiner Ehre widerfahrene Beleidigung, es war noch mehr die Herabsetzung seines Künstlertums, worin er wie alle Priester der Kunst sehr empfindlich war. Seine Geschichten waren verschmäht und geschmäht worden – Geschichten, die Berühmtheit erlangt hatten; es war ein Erzählertalent, das seinen Freund Jasper vom geistigen Scheintod erweckt hatte, für nichts gerechnet, es war mit Füßen getreten worden. Er weinte – aber nicht allein vor Zorn, er weinte auch über sich und seine Vereinsamung. Wer sollte sich noch mit ihm unterhalten, wenn es mit Friech aus war, wer sollte seine Geschichten anhören, wenn nicht Friech? Friech war doch noch immer der Einzige, der ihn wenigstens halbwegs verstanden hatte. Nun fühlte er sich so grenzenlos verlassen, er hatte nur noch eine Hoffnung – den Tod. Mit einer Brust voll Schmerz ging er seinen Weg, noch immer von Stine beobachtet. Aber der Himmel war hell geworden, es war Vollmond, Stine konnte sich nicht gut auf der kahlen Heide verbergen. Auch dachte sie an ihren alten Vater und seine schreckliche Aufregung, und ob sie ihn wohl länger allein lassen dürfe. Sie sah noch, wie mein Ohm beim Pfahl stand und laut mit sich sprach, dachte sich aber nichts Schlimmes dabei. Denn das war auch sonst vorgekommen, daß er Selbstgespräche führte, wenn er in Gedanken war und ihm etwas auf dem Herzen lag. So ging sie nach Haus.   Hans-Ohm stand noch immer am Pfahl. Ein kalter Wind hatte den Wolkennebel zerrissen. Das weiße Licht des Vollmonds lag auf der Heide. Es kam ihm so traumhaft, so überirdisch vor, so, als gehöre er nicht mehr der Welt der Lebendigen an, als wandle er im Reiche der Schatten. Schwarz und dunkel hoben sich die kleinen runden Gruppen der Ginstergebüsche von der hellen Heide ab – es schienen ihm schwarze Grabhügel auf beschneitem Friedhof. Und hinter ihm ... weit hinter ihm ... in einer anderen Welt lag alles, was ihm in dem ungastlichen Hause widerfahren war ... Da steht die Weide, da steht der Pfahl. »'n Abend, Jasper, sagte er, »Guten Abend!« So natürlich ist noch niemals die Zipfelmütze eines Baumstammes gewesen, noch niemals so natürlich niedergebogen. Man sieht ordentlich den Klunker. Und, was ist das? Hände nicht auf dem Rücken verschränkt ... in der Hand den Krückstock? Wunder über Wunder! Vor den sehenden Augen meines Ohms verwandelt sich der Pfahl in den leibhaftigen Jasper. Meines Ohms Füße standen wie angewurzelt. »Jasper Ohm!« rief er. Jasper wurde wieder zum Pfahl, Mütze und Klunker zu Weidenschößlingen. Hans wollte weitergehen. Aber er hatte noch nicht den ersten Schritt gemacht, da war der Pfahl wieder Jasper. Und Jasper bewegte den Handstock, er fing an zu gehen. Er war ein wirklicher Mensch. »Jasper-Ohm«, wiederholte Hans. Eine Stimme antwortete, aber Hans verstand nicht, was sie sagte. Ein Windstoß verwehte es. »Jasper-Ohm!« Wieder antwortete die Stimme. Sie war hoch, fein, ohne Klang, wie mans wohl bei alten Leuten hört. Hans erkannte sie. Es war Jaspers Stimme. »Wer ruft mich?« Nun war es ganz deutlich. »Ich bins«, antwortete Hans. »Wer ist Ich?« »Jasper-Ohm, kennst du mich nicht mehr? Bin freilich alt geworden, bin reichlich so alt, wie du einstmals warst.« »Aha«, kam es, immer scharf und hoch, immer fein und klanglos zurück. »Ah, du bist es, Schneider. Das ist aber nett. Ich sah dich vor ein paar Stunden und winkte. Aber du kümmertest dich nicht darum. Ja, bist alt geworden.« »Der Welt Lauf«, erwiderte Hans. »Aber was ist mit dir, Ohm? Jahrelang hast hier als Pfahl gestanden, und nun fängst an und gehst über die Heide?« »Ja, mein Lieber. Bei Vollmond in der Wendelinnacht tu ichs immer. Da vertrete ich mir die Beine.« »Ja, aber Ohm?« »Was, lieber Hans?« »Sag mal, bist du denn nicht tot?« »Tot? Wieso tot?« »Nun, ich meine, du hast es doch durchgemacht. Das Atmen hört auf, und das Denken, und alles wird still. Der Körper ist nur noch ein Klotz – etwas, das weggeschafft werden muß und auf dem Kirchhof begraben wird. Dann ist man tot, und ich meine, du müßtest es kennen.« »Ja, das meinst du! Ja, das kenne ich. Das hat nichts zu bedeuten.« Einen Augenblick sann er nach: »Ich will dir mal was sagen, Hans.« »Sags!« »Nein, ich wills lieber nicht sagen, du verstündest mich doch nicht. Glaubst du«, fuhr er fort, »daß du mich verstündest?« »Das ist wohl nicht sicher«, entgegnete Hans. »Ihr habt nur Einfälle. Und mehr schlechte als gute.« »Es wird wohl so sein«, wiederholte mein Ohm. »Ich muß noch immer ... Unsinn wars natürlich, aber als Geschichte war sie gut ... ich meine die Geschichte, die uns beiden so gefiel, daran muß ich noch immer denken. Wie wars doch? Es gibt nichts Totes und nichts Lebendiges, kein Wachen und kein Träumen, keine guten Menschen und keine bösen Menschen – alles und alle sind nichts als Figuren im Traum des Alleinseienden, unseres großen Herrgotts.« Hans-Ohm lachte. »Ja, das war die Geschichte von Michel Brandt in Schirnhude am Schirnhudersee.« »Das stimmt«, antwortete Jasper. »Ich machte dich wegen dieser Geschichte zu meinem Minister.« Die beiden Greise wackelten Arm in Arm über die Heide. »Das war eine Geschichte«, lobte Jasper. »Das war eine.« »Die Geschichte ist gut«, bestätigte Hans. »Und doch gibt es Leute, die sie nicht hören mögen.« »Nicht hören mögen? Nicht die Geschichte von Michel?« Jasper erstaunte. »Wie ich dir sage, Ohm«, versicherte Hans. »Komm just von Friech Jessen. Der Mann kann es nicht mehr aushalten. Er hat mich beschimpft – ja hinausgeworfen, und nur wegen der Michelgeschichte.« »Den laß laufen, Hans. Der versteht nichts von Geschichten.« »Bester Ohm, das ist leicht gesagt. Er ist aber der Einzige, der mich anhört und noch ein bißchen Sinn dafür hat.« »Armer Kerl«, bedauerte Jasper. »Das ist schlimm.–Der Einzige?« fragte er wieder. »Und der will deine Geschichten nun auch nicht mehr hören?« »So sagt er.« »Sehr schlimm«, wiederholte Jasper Thun. Er sah meinen Hans-Ohm mit seinen graugrünen, blutunterlaufenen Augen lange an. »Ja, Schneider, dann weiß ich nur einen Rat.« »Welchen, Jasper?« »Dann müßtest du schon ...« »Was müßte ich?« »Dann müßtest du schon ... zu mir kommen.« »Ja, das geht doch nicht.« »Weshalb geht es nicht?« »Es geht nicht«, wiederholte Hans-Ohm. »Hast du noch was zu tun?« »Ja, aber Ohm!« »Was ist zu abern?« Jasper war ganz erwartungsvoll. »Ja, Jasper, du bist doch tot!« »Tot?« Erst lächelte Jaspers Gesicht, dann erstarrte es. Jasper wurde wieder ein Pfahl. Und sie standen noch immer auf dem alten Fleck, wo der hölzerne Jasper immer gestanden hatte. Der Mond verkroch sich hinter Wolken, der Himmel verfinsterte sich, ein schwarzes Wetter war heraufgezogen, nun warf es meinem Ohm schweren Regen ins Gesicht. Es durchzog ihn ein schauerndes, schüttelndes Gefühl ... das war Grausen; seine Zähne schlugen zusammen ... das war Fieber; das Licht seiner Augen erlosch ... Brausen eines Ozeans vor den Ohren ... das war Ohnmacht. Hans-Ohm lag der Länge nach auf der Heide.   Damals, als diese Geschichte passierte, schlief unser Bauer im altsächsischen, der Wand als Schrank eingetäfelten Wandbett. Die freistehende Setzbettstelle kam nur in schweren Krankheitsfällen in Gebrauch, war daher ein unheimlicher Apparat. Die allgemeine Ansicht war die: wer in der Setzbettstelle liegt, ist geliefert; aus ihr kommt selten jemand wieder lebendig heraus. Als mein Ohm aus seiner Ohnmacht erwachte und fühlte, daß er im Bett ruhte, fing er an, nach den Wänden, nach den Schiebtüren zu tasten. Er griff in die Luft. Dann fuhren seine Hände an den Seiten seines Lagers herab, es waren glatte Bretter. Eine böse Ahnung stieg in ihm auf, er öffnete die Augen: er war in der rotgestrichenen Setzbettstelle, die noch von Jasper herrührte und immer auf dem Heuboden gestanden hatte. Es ging also zum Sterben. Er hätte es auch ohnehin gewußt. Denn so hatte ihm noch niemals der Kopf gebrannt, so elend hatte er sich noch niemals gefühlt. Aber wieder hatte ihn der Traum: Er lag auf der Heide, die Beine lang gestreckt. Und sie reichten bis zum Niedergang des Himmels. Zu seinen Häupten saßen zwei Engel, die sahen aus wie Klaus und Anna und waren es auch wohl. Neben ihnen eine Art Bahre, die man sonst zum Heutragen benutzte. Er ahnte auch, daß er auf diesem Ding von Klaus und Anna hereingetragen worden war. »Ohm!« rief es. Hans-Ohm erwachte. Anna stand an seinem Bett; sie wollte ihm Medizin geben und gab ihm Medizin, die der Doktor verschrieben habe und ihm gut tun werde. Hans wollte nicht zugeben, daß er krank sei; er betrachtete sich bereits als etwas außer ihm Seiendes. Daß der Mann in der Setzbettstelle schwer krank sei, das sah er ein, aber der ging ihn kaum noch was an. Ihm war, wie es der Libellenlarve sein mag, wenn sie aus dem Sumpf am Wasserrohr hinaufkriecht, das Platzen der alten schadhaften Hülle und die Auferstehung zu erwarten. Er trieb sich im Traum auf der Heide umher und machte mit Jasper zusammen Flugversuche. Er hatte Flügel, nicht so große und schöne wie sein Freund, nur kleine – Flügelansätze. Aber mit diesem Notbehelf mußte es wohl ganz gut gehen, denn er sah sich plötzlich mit Jasper im Sonnennebel weißer phantastischer Wolken umhersteigen. Staunend sah er zur Heide hinab. »Was siehst du?« fragte Jasper. »Ich sehe durch Wolken und Luft und Dach in ein Krankenzimmer. Der Kranke ist schwach und wird den Tag nicht überleben.« »Was macht man mit ihm?« »Ein Mann mit großen Händen hält ihn aufrecht, und eine Frau gibt ihm Medizin.« »Und wer ist das?« »Das bin ich.« »Holla!« schrie Jasper. Hans-Ohm sah auf, konnte aber nichts wahrnehmen als Wallen und Ziehen im Wolkennebel. »Holla«, wiederholte sein Freund, »aufgepaßt! Unsere Wolke teilt sich.« So war es. Sie riß mitten entzwei. Die eine Hälfte blieb eine geballte Masse mit wunderbar klaren Hörnern, die andere nahm die Gestalt eines Hechtes an. Jasper und Hans waren auf dem Hecht geblieben, aber die Formenkühnheit der Hörner lockte. »Wir fliegen hinüber!« rief Jasper. Schon schwebte er ... zwei Flügelschläge, Landung im weichen, wirbelnden Lichtnebel, dann saß er drüben und lachte. »Wags nur«, ermunterte er. »Und drück die Finger an die Ohren«, fügte er hinzu. »Im Fliegen darfst du nicht hören, wenn man dich unten ruft. Es würde dich hinabziehen.« Es war zu spät. Hans hörte nichts mehr ... er flog schon. »Hans-Ohm!« kam es von unten herauf. Da zog es ihn hinab. Er flog und flatterte und ... fiel... und ... fiel. Er fiel – fiel himmelhoch aus blauem Äther zur Erde hinab. Ein sonniges, kleines Wölkchen, das wie ein Lämmlein aussah und unschuldig und nichtsahnend am Himmel schwamm und nichts weiter wollte, als ein bißchen Sonnenschein und, wenn es Glück hatte, ein wenig Abendrot genießen, wurde im Wirbel geradezu zerquetscht und ist nicht wieder zu sich gekommen. Noch immer fiel Hans-Ohm ... fiel und fiel. Er brach durch First und Dach seines Hauses und fuhr fallend in sein eigenes Bett. Ein Ruck – da war er wach.   Anna hatte ihn gerufen. Ein Mann sei da, meldete sie, ein trauriger Mann, der ihn sprechen müsse. Er habe Hans-Ohm großes Unrecht zugefügt, er sei schuld an seiner Krankheit, der Mann werde fürder keine Ruhe haben wenn Hans ihm nicht vergebe. Der Kranke saß steil auf. »Es ist ...« »Jawohl, es ist Friech. Tu es, Hans-Ohm!« bat Anna. »Gottes Wege sind wunderbar.« Sie weinte. »Friech ... der? Lieb Tochter, mach mirs nicht zu schwer...Ich möchte ... aber ich weiß nicht, ob ichs kann ...ob ichs darf ...« »Dürfen, Hans-Ohm? Und wie sagt unser Erlöser? Siebenzigmal siebenmal, sagt er.« »Das sagt er«, raunte der Kranke. Er fiel in Halbschlummer. Friech wartete in der Wohnstube. »Geduld!« berichtete Anna. »Er schläft und spricht für sich im Schlaf. Es wird werden – Geduld!« In dem Augenblick rollte ein Wagen durch die Hofpforte. Es war der Doktor. »Da kommt Hilfe«, frohlockte die Hausfrau. Hans wollte schlafen, nahm aber zu seinem Verdrusse wahr, daß er wachte. Er hörte ganz deutlich die alte, die von Jasper Tun ererbte Hausuhr. Ticktack, sagte die Uhr. Ticktack, machte Hans ihr in Gedanken nach. Mit dem Uhrenticktack war ihm nicht geholfen, er sehnte sich nach seinem Freund. Der erschien nun freilich nicht; wohl aber hörte der fiebernde Hans aus dem lauten Gang der Uhr einen Ausweg aus seinem letzten Seelenkampf. Und als sie schließlich eintraten, der geknickte Friech und Stine und Anna und Klaus und der Doktor, da war er mit sich im Reinen. »Guten Tag, Friech«, sagte Hans und versuchte, die todesblasse Hand zu geben. »Komm her, wir wollen in Frieden scheiden.« »Hans, mein Freund«, schluchzte und weinte der Angeredete. Er war hin, erging sich in Jammern. Die Backen des Kranken streichelte er, dessen Hand küßte er. »Friech«, fing Hans wieder an, »guter, hitziger Kerl, laß sein! Wir wollen Frieden machen, ja Frieden, aber« (und da verzog er die Lippen zum Schalkslächeln) »eine kleine Bedingung ist dabei.« »Wir nehmen jede Bedingung an«, fiel der Doktor ein. Der große, sommersprossige Friech Jessen heulte wie ein Kind. »Ja mein Hans, ich tu alles ... Ich bin ...« Das Bekenntnis verging in Weinkrämpfen; erst durch die Verdolmetschung von Anne erfuhren die Anwesenden, daß Friech sich für einen großen Sünder erkläre. »Und die Bedingung?« fragte der Doktor. »Er hat meine Geschichte nicht mehr hören wollen, zur Strafe soll er sie jetzt hören.« »Das finde ich recht und billig«, entschied der Doktor. »O ja«, weinte Friech, »die schöne Geschichte von Michel und wo so fette Heringe in vorkommen.« Er wußte nicht mehr, was er sagte. – »Fett oder nicht«, entschied der Doktor. »Die Geschichte sollen Sie hören.« In der kleinen Versammlung war es totenstill. Der Doktor saß auf einem hohen Koffer und hatte den Vorsitz. Die Uhr tickte, sie tat es so feierlich, als sei sie vom Todesengel beauftragt, Ruhe zu heischen, und schwinge den Taktstock des Schweigens. Dann und wann fielen schwere Tropfen in den hinter dem Bett stehenden Eimer, wenn Stine kalte Umschläge auflegte. Das erinnerte an Todesschweiß und Lebenswasser. Zum letzten mal erzählte mein Ohm eine Geschichte. Er ging dahin, wie er gelebt hatte. Ganz leise schüttelte er die Schellenglöckchen seines Humors. Der Friedensgott stand zu Häupten und breitete Palmenzweige über die rote Setzbettstelle. Wenn Hans Schneider an lustige Stellen kam, wischte er ihm den kalten Schweiß von der Stirn. Dann lächelten die fröhlichen, bleichen Lippen meines armen, alten Ohms. »Ihr lacht ja nicht«, unterbrach sich der Kranke und ließ seine sterbensmüden Äugen im Kreise wandern. »Erzähl ich so schlecht?« Er war um sein Künstlertum besorgt. Dem Doktor auf seinem Koffer wurde ganz eigen zumut, er rückte sich seine Weichheit vor. »Wir lachen nur nicht laut, Hans-Ohm Aber in uns hinein, da lachen wir. Innerlich habe ich mich noch niemals so gefreut, wie in diesem Augenblick. Und ich lache noch mehr über den Erzähler als über die köstliche Geschichte.« »Schön, ganz gut ... Aber Friech ... Friech, der soll lachen, daß ichs höre, wie er in der ersten Zeit gelacht hat, wenn ich von Michel erzählte ... Der muß lachen ... es gehört zu unserm Abkommen.« »Ich lach! ich lach! ... o wie lach ich!« Lachend und weinend hing Friech an seinem Halse. In der zweiten Hälfte wollte es nicht vom Fleck, und als Ohm zu dem großen Gottestraum kam, verklang seine Stimme ganz. Man hörte nur noch kurze Atemzüge. »Still!« gebot der Doktor und verließ seinen Sitz. »Hans-Ohm schläft; aber sein Wille soll uns heilig sein. Friech soll die Geschichte zu Ende hören. Ich übernehme die Fortsetzung.«   Sie waren nicht mehr allein, es war jemand unbemerkt durch die nur angelehnte Tür gekommen und hatte sich in der Dämmerecke des Sterbezimmers still niedergesetzt. Und dieser Jemand war der Erzähler dieser Geschichte. Ja, ich war dabei, hatte aber ein Gesicht. Über der Heidelandschaft flogen zwei Engel im Strahlenkleid himmelan. »Sieh hin«, rief der verklärte Jasper und schwang seine verklärte Wollmütze. »Sieh, der Dunst der Erde liegt unter uns. Und um deine Setzbettstelle hat der Doktor die Heringsgeschichte zu Ende gebracht, Klaus rüttelt dich und ruft: ›Hans-Ohm!‹ Anna will dir Medizin geben. Aber der Doktor prüft dein Totengesicht und winkt Ruhe. ›Still, Kinder!‹ sagt er, ›ich glaube, unser Hans-Ohm ist nicht mehr hier.‹ Und in der Tat: wir haben schon einige Meilen.« Hans-Ohm schwang ein paar prächtige Flügel. »Ich fliege!« In aufschauerndem Entzücken jubelte er es. »Ja«, entgegnete Jasper. »Das kann ich bestätigen. Das ist kein hilfloses Flattern wie vorher. Das macht: du hast keine Erdenschwere mehr zu tragen.« »Ich bin frei«, jauchzte Hans, »mit jedem Flügelschlag, mit jedem Atemzug werde ich es mehr.« Er mußte es wohl fühlen, mein auferstandener Ohm. Fühlte ich doch selbst auf meinem Brettstuhl so was wie freien Seelenflug. Und war doch nur ein Träumer und saß in dämmernder Stubenecke einer einsamen Heidekate. Gräff (Trauermahlzeit) »Wat magst du an leevsten?« Wenn man so fragt, dann handelt es sich nicht um Spiel und Sport, nicht einmal um Trinken, sondern (das weiß jeder im Dorf) nur um Essen, genau ausgedrückt: um das, was man mit Löffel (der Löffel gehört mit dazu) mit Löffel, Messer und Gabel dem Magen zuführt. »Wat magst du an leevsten?« Das ist die direkte Frage nach dem Leibgericht. Es war ein zeitiges, mildes Frühjahr, junges Grün schoß auf wie Salat, gelbe Hundsblumen wuchsen auf Krischan Suhrs ›Kopteinslage‹, Brunnenkresse im Wallschatten, und die Vögel waren lustig. Im Sonnenschein räkelten sich Jörn Suhr, Peter Heesch und Hans Thun. Dreizehn bis vierzehn Jahre waren sie alt, sie gingen alle zusammen barfuß; Jörn und Hans hatten kurze, Peter etwas längere Beine. Drei lange Peitschen lagen im Gras, denn alle drei hatten Kühe nach den Weiden getrieben. »Wat magst du an leevsten?« fragten sie sich. Über ihnen im Knick wuchs ein Eichbaum. Der Westwind hatte ihn gezaust, nun streckte er die Arme nach Osten über Nachbar Thuns ›Haus Kamp‹. Als die Knechte den Knick abgeholzt hatten, war er ein junger Sproß gewesen, dem sie das Leben geschenkt. Nun wuchs er schon eine Reihe von Jahren und schlug sich tapfer mit dem Westwind. Jörn Suhr, Peter Heesch und Hans Thun kümmerten sich nicht um die Eiche und nicht um den Westwind. Viele Leute können nicht gleich Antwort geben, wenn man sie nach ihrem Namen fragt. Den drei Knaben ging es ebenso bei der Frage: »Wat magst du an leevsten?« Es ging ihnen wie den Kardinälen bei der Papstwahl. Eine Reihe Papabiles – es gab viele Gerichte, die in Frage kamen. Aber bei jedem fühlte man, daß ihnen zum Allerbesten etwas fehle. Erbsensuppe, Bohnensuppe, Pfannkuchen, sogenannte fette Mahlzeit, Schinken und Schinkengerichte, allerlei Fische, Schwarzsauer. Es sind gute Gerichte, namentlich Schwarzsauer, wenn tüchtig Speck darin ist und Buchweizenklöße, groß wie eine Bauernfaust und hart, Löcher in den Kopf zu schmeißen. Und dann ›Förtchen‹. Wer nennt all die Herrlichkeiten? Grütze mit Sirup, Grütze mit Sirup vor allen Dingen. »Ihr habt Aalsuppe vergessen«, sagte Hans Thun. Er stand auf dem linken Bein und scheuerte sich die Wade mit der rechten großen Zeh. »Die Suppe ganz fett, Aalstücke dick wie mein Handgelenk. Mutter hat da Erbsen mit eingekocht. Ich darf langher auf den Tisch kriechen, Augen über den Topfrand, den Grund mit dem Löffel aufwühlen. Was alles in die Höhe kommt: grüne Erbsen, Wurzeln, Klöße, Petersilie. Die Suppe ist ganz lummerig. Vater sagt: ›Jung, friß, heut is Aalsupptag!‹ Und ich fresse.« Der Vater von Peter Heesch hatte die Fischerei. Peter kriegte dreimal in der Woche Aal oder Fisch; er war nicht für Aal, er war für bunten Mehlbeutel, Reis voran, »das gibts zu Weihnachtsabend und das ist das Best. Moder streut braunen Kaneel und Zucker und gräbt ein Loch in der Mitte und steckt Butter hinein, und wenn der Reis all ist, dann kommt der Mehlbeutel, weißgelb von Mehl und Eiern und rund wie 'n Backofen und voll Korinthen und Rosinen.« »Ich glaube«, sagte Jörn Suhr, »so eine Suppe, wie man sie auf Gräffs ißt, schmeckt besser als Aalsupp und auch besser als bunter Mehlbeutel.« Hans Thun und Peter Heesch waren noch nicht auf Gräffs gewesen, aber Jörn Suhr (sein Mars-Ohm von Balkenhof war am letzten Dienstag begraben) konnte davon erzählen: Auf drei Löffel zwei Pfund Fleisch. Reis in der Suppe gekocht, eine Kumme voll für jeden. Wenn er aufgefüllt wird, läuft das gelbe Fett heraus. Klöße aus Eiern, Fett und ein bißchen Weizenmehl, so viel, daß der Löffel in der Terrine steif steht. Man drückt sie mit der Zunge an den Gaumen, und sie zergehen. Am Grund der Terrine liegt es ganz schwarz voll von Klößen aus Fleisch. Der alte Jörn Decker im Moor wird von allen drei Knaben ›Ohm‹ genannt, denn er ist mit allen verwandt. Er ist alt und krank und bettlägerig, lange kann es nicht mehr währen bis zu Jörn Decker-Ohms Gräff. Dann wollen sie alle drei hin und sehen, ob 'ne Gräff besser schmeckt als Aalsupp und bunter Mehlbeutel.   Im Himmel dreht man eine Kurbel, woran die Zeit aufgerollt ist. Es fielen viele Jahre aus der Ewigkeit hinab in die Zeit. Sechzig Jahre sind dahin. Nun wollen wir sehen, wie es auf der Kopteinslage steht und was Jörn Suhr, Peter Heesch und Hans Thun machen. Wie wurde es mit Jörn Decker-Ohms Gräff? Bei Jörn Deckers Grabmahlzeit haben sie alle drei geschwelgt, da war es außer Frage: über 'ne Gräff ging nichts. Aber es ist lange her. Sechzig Jahre ... Lebt Jörn Suhr noch? Ja, er lebt noch und ißt sein Leibgericht, so oft er kann. Er ist Junggeselle geblieben, seines Vaters Stelle hat er verkauft, er sitzt bei fremden Leuten in der Kate auf dem Altenteil, zusammen mit einer alten Haushälterin, die eine erträgliche Suppe kocht. Die Vorliebe für Trauermahlzeiten hat sich bei ihm vertieft, die Freuden einer Gräff genießt er mit großer Kunst. Wenn irgendwo Gräff ist, dann läßt er seine Wirtschafterin Maleen und Maleens Suppe im Stich. Dann rasiert er sich das Kinn (es hängt inzwischen schwer an faltigen Backen, er ist überhaupt ein altes, graues Männchen geworden), er rasiert sich also das Kinn, kriegt seinen schwarzen Anzug her und seinen alten Topfhut, macht sich fertig, entnimmt einem auf dem ›Gericht‹ im Wandbett liegenden Futteral Messer, Gabel und Löffel, alles in echtem Silber, mit roten Funkelsteinen am Griff, wickelt sie in die ›Itzehoer Nachrichten‹, holt seinen braunen Handstock mit Krücke aus dem Uhrgehäuse, ruft der Alten, die irgendwo in Küche, Kammer oder Keller steckt, zu: »Ik gah na weg«, worauf prompt aus dem Hintergrund die Antwort kommt: »Dat is god«, und gleich darauf hört man die Blangdœr und hört jemand mit dem Stock über die Steine tappen. Hochzeiten sind ihm zu geräuschvoll, die hat er aufgegeben, Totenmahlzeiten sind seine einzige Freude. Dabei fehlt er aber auch im Dorf und eine halbe Stunde rund herum nie. Man weiß das, man ladet ihn gleich ein. Weshalb soll man dem alten Mann nicht den Gefallen tun? Gräffs und Jörn Suhr gehören zusammen. Sobald er in dem schwarzen Beiderwand mit altem, glattrasiertem Gesicht, das Handwerkzeug in der Brusttasche, erscheint, heißt es: »Jörn, komm her, sett di dal.« Wenn er sich niedergelassen hat, geht ein verhaltenes Zucken vom Kinn aufwärts nach dem Mund und weiter nach den Augen. Das blitzende Handwerkszeug entrollt er und legt es neben seinen Teller, er faltet die Hände, betet und – erwartet die Suppe. Wir sagen, eine Gräff macht ihm Freude, wir dürfen es sagen, ohne seinem Herzen zu nahe zu treten. Es kommen Todesfälle vor, die ihn betrüben – aber ist das ein Grund, sich die Suppe nicht schmecken zu lassen? Weihevoll ist seine Seele bis zum letzten Fleischkloß; Reis und Mehlklöße und Fleisch, alles verzehrt er, erfüllt von dem Bewußtsein, daß wir alle in Gottes Hand beschlossen sind. Die Sachen mit den Rubinen sind für ihn feierliche Opfergeräte. Er wacht sorgfältig über ihre Verwahrung, er legt sie selbst auf das ›Gericht‹ seines Bettes. So wurde ihm der Tod vertraut. »Der Tod ist kein schlechter Mann«, pflegte er zu sagen, »dem Seligen schenkt er Ruhe und den anderen gibt er Suppe. Den Tod fürchte ich nicht. Aber wenn er lange Vorbereitungen macht, das und die Quälereien, die damit vermacht sind, davor habe ich Bange.« Einmal, es war bei der Gräff des alten reichen Ott, da brachte Jörn Suhr einen mit, einen neuen Gast, aber alten Mann, einen Greis mit langen Beinen und guter Haltung. Man aß auf der Hausdiele, der Neue stand, so lange er noch nicht bekannt gegeben war, ein bißchen verloren herum und lehnte an den aufrecht an die Wand gestülpten Backtrog. Jörn Suhr aber ging stracks zu Frau Ott und sagte: »Guten Tag, Gretchen! Ich hab einen guten Freund mitgebracht, du kennst ihn, er ist ein hiesiger: Peter Heesch heißt er. Er mag auch so gern Gräffs. Darf er ein bißchen mitessen?« Und Gretchen Ott antwortete: »Ja, Jörn, das darf er gern.« Sie wendete sich an den Neuen, ihm die Hand gebend: »Wir kennen uns ja, Peter. Nun komm hier man her und setz dich nieder!« Und Peter Heesch erhielt einen Stuhl neben Jörn. Messer, Löffel und Gabel hatte er mitgebracht, sie sahen einfach aus und waren von Zinn. Vierzig Jahre vielleicht wohnte Peter Heesch nicht mehr im Dorf. Er hatte auf der dithmarscher Geest eine kleine Stelle gehabt. Es war ihm die Frau gestorben, die Stelle hatte er verkauft. Und nun zog er nach seinem Heimatsdorf zu einer dort verheirateten Tochter. Nach seiner Einführung bei Frau Ott war Peter Heesch bei Trauermahlzeiten ebensogut ständiger Gast, wie Jörn Suhr. – Von Spöttern wurden Jörn Suhr und Peter Heesch »de Aaskreien« genannt. Wenn gutes Wetter war, sah man die Kreien im Gefolge, in der Regel aber kamen sie erst, wenn die, die vor Gott im Staub gelegen hatten, sich anschickten, bei Fleischklößen und Reis wieder aufrecht zu sitzen. Erst beschatteten ihre hohen rauhhaarigen Hüte die Dielenfenster, dann öffnete sich die Blangdœr, und die beiden Kreien waren da. Jörn Suhr hatte ein müdes, verträumtes Auge. Und war wirklich ein Träumer. Träumer und Träume bedürfen aber eines Symbols, woran ihr Sinnen emporklettern kann. Dazu diente unserm Jörn das Blitzende, das Silberne, das sein Futteral barg. Geizhälse setzen sich in eine Ecke und zählen Geld. Jörn Suhr öffnete in Stunden der Andacht sein Futteral und erfreute sich an den blanken Sachen und an den roten Steinen. Einmal hatte er es wieder getan und das Futteral dann auf das ›Gericht‹ und sich ins Bett gelegt und war eingeschlafen – da fielen plötzlich Messer, Gabel und Löffel auf die Bettdecke. Und eine Stimme sagte laut und deutlich: »Jörn, sieh, das ist dein Löffel und das dein Messer und das deine Gabel, nun gehts bald zu Gräff.« Aber Jörn sprach: »Zu welcher Gräff? Ich weiß von keiner.« Da antwortete die Stimme: »Eben flog eine Seele in den Himmel.« Und dabei nannte sie den Namen eines Mannes im Dorf. Jörn Suhr richtete sich im Bett auf, fand auf seiner Decke nichts und merkte wohl, daß er geträumt habe. Er versuchte, sich auf den Namen, der ihm im Traum genannt worden war, zu besinnen, konnte es aber nicht, kroch tiefer unter die Decke und schlief wieder ein. Und siehe! Er träumte denselben Traum noch einmal. Das Futteral ließ seinen Inhalt auf die Decke fallen, eine Stimme rief ihn zur Gräff und nannte ihm einen Namen. Und wieder wachte Jörn auf und konnte sich nicht auf den Namen besinnen. Und zum dritten mal wiederholte sich der merkwürdige Traum. Um fünf Uhr brachte Maleen, wie immer, den Kaffee ans Bett. »Es hat heut Nacht einen Toten gegeben«, erzählte sie, »Stoffer Kühl hat 'n Schlag gekriegt.« Da wußte Jörn Suhr es: Stoffer Kühl, das war der ihm im Traum genannte Name. Und nach drei Tagen aßen Jörn Suhr und Peter Heesch auf Stoffer Kühls Gräff. Von da an gehörte, seltsam genug, der prophetische Traum zu einer Gräff so gut wie der Tod zur seligen Leiche. Es war eine gespenstische Erscheinung, aber Jörn Suhr wurde sie vertraut wie der Tiefstand seines Wetterglases vor dem Gewitter. Halb fühlte er sich als Seher gehoben und begnadet, vor allen Dingen aber empfand er die frohe Zukunft der kommenden Gräff. Von seinen Träumen sagte er keinem Menschen. Selbst zu Peter sprach er nur die fünf Worte: »Gibt bald wieder frisch Supp.« Keine Silbe mehr. Peter verstand. ›Frisch Supp‹ war das Kennwort für Gräff. Peter Heesch fragte nicht, woher ihm die Kunde komme. Er antwortete nur: »Das ist schön.«   Kurbel und Zeitenrad ... Tag fiel auf Tag ... Ein paar Jahre fielen. Jörn Suhr verlor die Rüstigkeit, er wurde mager. Wenn er zu Gräffs ging, aß er fast nichts, er tat höchstens so. Wenn die Wirte ihn ermunterten zuzulangen, lächelte er mit dünnen, weißen Lippen und – dankte. Jörn Suhr war krank, er fuhr zum Doktor nach der Stadt, er nahm Medizin, er wurde immer kleiner, er fiel aus den Kleidern – das schwarze Zeug, das er auf Gräffs trug, schlotterte. Eines Tages hörte er, daß sein Doktor bei Reimer Franzen sei. Der Dienstjunge hatte ein Bein gebrochen. Mit Frau Franzen war er verwandt, weitläufig zwar, aber Frau Franzen mühte sich doch um ihn. Jörn ging nicht oft hin, nun aber beschloß er, es zu tun. Er traf den Doktorwagen abgespannt auf der Hofstelle, das Dielentor offen und auf der Tenne eine gedroschene Buchweizenlage. Er sah und hörte keinen Menschen. Lautlos ging er auf dem dick umhergestreuten ›Kaff‹ über die Diele. Da kamen Stimmen aus der Dielenkammer. Es waren der Frau Franzen und des Doktors Stimmen. Er vernahm seinen Namen, er stand still und hörte zu, was man von ihm sprach. »Ja, liebe Frau«, sagte der Doktor, »so rasch wirds grade nicht gehen. Aber wenn Ihr Ohm noch Testament machen will, dann möglichst bald!« »Ach Gott, du leeve Gott! Ward he denn ni weller?« »Je, ja, Frau Franzen, man kann nicht wissen.« »Denn is dat wull gar Krev in de Mag, Herr Doktor?« »Kann alles sein.« Jörn Suhr machte kehrt, ging leise die Diele hinunter, dahin, wo er hergekommen war, ging über die Hofstelle und aus dem Hecktor. Auf dem Wall wuchsen große Dornbüsche. Dahinter fühlte er sich geborgen, da stand er einen Augenblick still. »Sieh«, sagte er für sich, »wenn man Glück hat! Da steh ich auf der Diele im Kaff und spare Gebühren und Kosten.«   Die Kopteinslage ist ein Mittelding zwischen Acker und Wiese, das, was man bei uns Weide nennt. Nach der Dorfseite auf festem Ackerboden wächst der Knick, an dem einstmals das Leibgericht ausgefragt worden ist. Nach Westen zu fallt das Gelände, da sind Wiesen, wassersüchtige, morastige Wiesen. Wall und Knick gleiten dahin, aber es geschieht in langsamer, trostloser Windung – kahl und mager und verdrossen, als seien sie entschlossen, unter keinen Umständen in die grünen, kalten Binsen hinabzugehen. Nach dem Dorf hin mitten im Knick steht die Eiche, die wir schon kennen. Sie ist ein unbekümmerter Baum geworden, kämpft Tag für Tag mit den ewigen Winden. Mit starken Armen greift sie in die Luft, die Stürme zu fassen, und hofft, es werde noch mal gelingen. Die zerrenden Winde haben sie kurz gehalten und krumm gebogen. Das macht aber nichts, sie wurde um so zäher und stämmiger. Eine dicke Runzeleiche, steht sie da mit gewundenen, muskelgeschwellten Armen. Die Winde blasen, und die Eichenfäuste greifen. In die Ewigkeit greifen sie hinaus. Seit ein paar Wochen kommt ein alter, verhutzelter, grauer Mann. Der Wall hat einen Viehsteig, sonst könnte der Greis mit seinem Stecken gar nicht hinaufkommen. So schwach ist er. Und wenn er auf den Wall hinauf ist, prüft er mit den Augen den starken, muskelgeschwellten, hundert Zweige, hundert Hände ausstreckenden Ast. Des Alten Auge prüft die Tiefe, die Lippen bewegen sich. Die Zitterhand des Greises tastet und fühlt den starken, den in die Ewigkeit hinausgreifenden Ast.   Die Frau von Reimer Franzen ist gekommen und hat Jörn Suhr vorgeredet, ob es nicht besser sei, »Lebens und Sterbens wegen« Testament zu machen. Und Jörn hat gesagt: »Ja, Wieb, dat is beter, un ik will doran denken.« Zu Peter Heesch sagte er eines Tages: »Peter, in paar Dag' givt weller frisch Supp.« »Dat is jo schön«, erwiderte Peter Heesch, nicht anders, als er sonst antwortete. Jörn Suhr steht vor ihm, besinnt sich verloren in sich hinein, kaut an den Lippen und setzt hinzu: »Ik bün dor awer ni mit bi.« Peter Heesch kommt das sonderbar vor, er lacht und sagt: »Schnack man ni. Ne Gräff un du ni bi?« Schon am Nachmittag desselben Tages erwiderte Peter den Besuch und ging zu Jörn. »Hest all hört?« fragte er. »Nä, wat denn?« »Hans Thun ist weller dor.« »Hans Thun?« »Ja, Hans Thun is int Armenhus un is güstern abend ankam.« Hans Thun, das war derselbe, der im Beginn unserer Geschichte Aalsuppe lobte. Er und das Leben hatten sich gegenseitig leicht genommen. Zu Geld und Gut hatte er es nicht gebracht, aber ein lustiges Kerlchen war er geblieben. Er kroch dem lieben Gott noch immer langher auf den Tisch und guckte ihm in den Topf, wenn es was Gutes gab. Der Herr der Erde nahm ihm das nicht weiter übel, deckte ihm aber immer seltener was Leckeres. Hans Thun hatte eine kleine Landstelle gehabt und von seinen Hypotheken und Schulden herrlich und in Freuden gelebt, so lange, wie es ging. Vor einem Dutzend Jahre ist aber die rücksichtslose Obrigkeit gekommen und hat das Grundstück an den Meistbietenden verkauft. »Mir recht«, hat Hans Thun gesagt, »das Gutsbesitzersein habe ich ohnehin satt, ich lebe um so besser aus freier Hand.« Er lebte aus freier Hand, bis ihm der Gerichtsvollzieher Bratpfannen und Suppenterrinen wegtrug. »Nun habe ich von jeder Sorte nur noch eine«, sagte Hans Thun, »und das paßt sich nicht für einen Mann, wie ich bin. Da nehme ich lieber meinen Stock und seh, wo ich ein billiges Gasthaus finde.« Seitdem trieb Hans Thun umher. Arbeitete er irgendwo, für lange war es nicht, er wurde ja ohnehin alt und steif. Ein Jahr lang schon war er als Hilfsbedürftiger im Landarmenhaus, ein Jahr lang hatte sich die Provinz mit dem heimatlichen Armenverband herumgestritten, ob er als Landarmer oder in seiner Heimatsgemeinde unterstützungsbedürftig sei. Nun hatte sein Heimatskirchspiel den Prozeß verloren, nun saß er in seinem Heimatsdorf im Armenhaus. »Wir hatten heute frische Suppe«, berichtete Peter Heesch. »Meine Tochter hat ihn herangeholt, er hat bei uns gegessen. Wie hats ihm geschmeckt!« Als Peter gegangen, machte Jörn Suhr sich nach dem Armenhaus auf, Hans Thun zu besuchen. Hans Thun saß im Garten unter den Linden und rauchte sein Pfeifchen. Er hatte sich gut gehalten, sah vergnügter aus, als je; das Freundschaftsessen, das er im Leibe hatte, warf einen warmen Schimmer auf sein Gesicht. Grau, gebückt, mager, alt, vorsichtig mit dem Stock tastend, ging Jörn auf ihn zu. Hans Thun machte große Augen. Er erkannte Jörn nicht. »Godn Dag, Hans, ik bün Jörn Suhr.« Hans sprang auf, die alten Freunde schüttelten sich die Hand. »Donner noch mal«, schrie der ehrliche Armenhäusler, »du hast aber verspielt!« »Un du hest di god holn, Hans.« »Ich habs gut.« »Unds Essen?« »Man kanns wohl nicht anders verlangen. Freilich, eine Suppe wie die von heut bei Peter ist besser. Donner noch mal!« »Sag, Hans, möchtest gern mal Fleischklöße und Reis?« »Na du, das sollt ich nicht mögen?« »Hans!« Jörn trat dicht an ihn heran. »Möchtest gern mal zu Gräff?« »Ist eine Leiche im Dorf?« »Nein, noch nicht. Aber sie kommt.« »Ja«, lachte Hans, »das glaub ich auch, daß mal eine kommt.« »Möchtest denn mit?« »Na, Jörn, ist das ne Frage? Natürlich möcht ich!« »Das ist schön«, antwortete Jörn Suhr. Hans sah ihn an, Jörn hatte was Merkwürdiges in seinem Wesen. »Jörn«, fragte er, »was hast du?« Der Abendhimmel stand flammendrot hinter den Gartenbüschen der Anstalt. Der alte Mann hatte was in seinem Gesicht, in seinen milden Augen hatte er was, das zwischen ihm und dem vergehenden, durch die Nacht zur Wiedergeburt vergehenden Tag eine Gedankenbrücke schlug. »Was hast du?« fragte Hans Thun wieder. »Wie meinst du das?« »Du tust so wunderlich, wie 'n Pastor in der Kirche, wenn er den Segen spricht.« Es war wirklich was Feierliches, was Priesterliches, was Bewegtes. »Nichts, Hans, ich hab nichts. Ich freue mich, daß ich dich sehe und daß du zu Gräff willst.« Er drückte ihm mit fliegender, kalter Hand die Finger der Rechten: »Verlaß dich auf mich, Hans, wir haben zusammen die Schule besucht, wir haben zusammen die Kühe gehütet; ich will an dich denken. Dir soll Suppe und Löffel nicht fehlen, du sollst zu Gräff.« Hans Thuns Pfeife war ausgegangen. Er fand noch ein Streichhölzchen in der Tasche und rieb es am Knie. Es gelang, die Pfeife brannte. Nun sah er gesammelt und zufrieden, ein glücklicher Mann, so sah er Jörn Suhr nach. Der Schattenriß eines krank und müde davonschleichenden Greises schwankte hinter den Gartenbüschen am roten Abendhimmel einher.   »Meine Haushälterin Maleen Sierken soll aus meinem Nachlaß zweitausend Mark erhalten, mein Freund Peter Heesch eintausend und, da sein zinnernes nicht zum Ansehen ist, mein silbernes Eßbesteck mit den roten Steinen. Hans Thun soll sich aus meinem Nachlaß ein ebensolches mit grünen Steinen anschaffen. Hans Thun, der mein Haupterbe sein wird, soll mit diesem Eßbesteck alle Trauermahlzeiten (Gräffs) im Dorfe und eine halbe Stunde darum herum, sofern man ihn nicht hinausweist, besuchen und, wenn er ohne gerechte Ursache fehlt, jedesmal fündig Mark an die Kasse unsers Armenverbands zahlen. Ich habe, soweit in meinen Kräften stand, alle Gräffs meines Dorfs und der nächsten Umgebung mitgemacht. Nun soll nach meiner Beerdigung ein großes Leichenessen hergerichtet werden, wozu das ganze Dorf und alle, die in einer Stunde Umkreis wohnen, einzuladen sind. Es soll aber jeder Messer, Gabel und Löffel mitbringen. Mir liegt, sintemal ich viele Gräffs mitgemacht habe, daran, daß meine groß und reich und reichlich sein wird. Wenn Maleen auch gut kocht, so hat sie doch für große Gastmähler keine Übung. Deshalb soll Silja Tank, die das gut kann, ihr helfen. Dafür soll Silja Tank fünfzig Mark haben. Fleischklöße und Mehlklöße und Reis und Fleisch und alles, was dazu gehört, soll es die Hülle und Fülle geben. Und soll bei meiner Gräff nichts gespart werden. Hans Wieben, der die längste Diele im Dorfe hat, bitte ich, die Gräff einzunehmen. Dafür sollen ihm fünfzig Mark ausgezahlt werden. Worüber ich nicht verfügt habe, das soll mein Universalerbe Hans Thun erhalten. Ich werde von oben ein Auge darauf haben, ob er gut wirtschaftet und nichts durchbringt. Hier auf Erden soll mein Freund Peter Heesch es für ihn verwalten und ihm zuteilen. Dafür soll Peter Heesch fünfzig Mark im Jahr bekommen.« So lautete das Testament, das Jörn Suhr beim Notar zu Protokoll gab. Als Grundlage diente ein Zettel, den er selbst geschrieben hatte; der Beamte schliff aber ein bißchen juristisch und ein bißchen nach Grammatik und Rechtschreibung ab. Er fügte noch allerlei hinzu, was er für die Ausführung und für den Bestand wichtig hielt. Das haben wir nicht mit abgeschrieben. Jörn Suhr wünschte eine beglaubigte Abschrift der Urkunde. Zur Ausfertigung mit Siegel, Stempel und Unterschrift verging etwas Zeit, Jörn saß inzwischen wartend in der Schreibstube auf einem Stuhl vorübergebeugt und stützte sich mit beiden Händen auf seine Handkrücke. Sein kaum verlautbarter letzter Wille war ihm schon nicht mehr recht, er meinte, er hätte Reimer Franzens Frau nicht ganz übergehen sollen, er hätte auch allen Familien, bei denen er zu Gräff gewesen, noch etwas Geld vermachen müssen. Aber das wäre zu weitläufig gewesen, es würde auch kaum was für Hans Thun übrig geblieben sein, er wollte das Testament lassen, wie es war. Fünf Schreiber saßen in der Stube und schrieben, daß Papier und Federn stöhnten, und der Sekretär stand an seinem Pult und registrierte. Jörn Suhr ging das nichts an, er saß über seinem Stab gebogen und fing an zu überschlagen, wann die Gräff sein müsse. Sonnabends paßte es nicht, das war der Tag vor der Predigt, Sonntags nicht, das war der Tag des Herrn. Montags nicht, es war der erste Arbeitstag, man hielt auch nicht für gut, am Montag was zu beginnen. Mittwochs war Schweinemarkt, Donnerstags und Freitags, da war es Herkommen, Gesetz und Recht, wie man so sagt, daß man zur Mühle fuhr oder das Backen besorgte. Das würde viele Leute abhalten. Dienstags paßte es am besten, er war auch meistens Dienstags zur Gräff gewesen. Er stellte den Stock an den Nachbarstuhl und legte die bisher auf den Knien gehaltene Mütze darauf, lehnte sich zurück und machte mit kalten, zitternden Fingern die Daumenmühle. Fünf Schreiber saßen in der Stube: die Federn jagten. Was die wohl jagen? Was für eine Masse Papier wird da verdorben! Es ist alles Unsinn, alles Unsinn, jawohl, und – Dienstag soll Gräff sein. Der Leichenschmaus war ihm eine wichtige Handlung, darin erschöpfte sich die letzte Verantwortung, die er der Welt gegenüber fühlte. In seinen Gedanken begann er die Plätze zu verteilen und zu belegen. Hans Thun sollte Peter Heesch gegenüber, links von Mars Stemann, rechts von Henning Thöm sitzen. So war es auch in der Schule gewesen. Das hätte auch noch ins Testament hineingeschrieben werden können. Das war nicht, nun sollte es bleiben, wie es war, nun mochten sie selbst sehen. Hans Wiebens Diele war groß genug. Genügte sie nicht, Hans Sievers nebenan hat auch ein großes Haus, eine lange Tafel zu machen. Da können denn die Knechte und Mägde sitzen. Das werden sie schon zurecht kriegen. Jörn sah, wie man die großen Terrinen auftrug und wie man Messer und Gabel und Löffel hervorzog. Fleischklöße ohne Ende, dick im Grund, Mehlklöße, lose wie Butter, viel Fleisch und – Reis, fünfzig Kummen voll. Nun begann das Essen und das Plaudern und das Spaßen, auch über ihn. Ihm aber war, als liege seine Seele auf dem Hausboden gleich über der Diele und höre alles mit an und freue sich über die große, die gelungene Gräff. ›Dienstag soll Gräff sein‹, überlegte er. ›Drei Tage muß eine Leiche stehen, die Vorbereitungen machen auch Umstände, unter drei Tagen wird unser Tischler gar nicht mit dem Sarg fertig. Er hat nur einen Gesellen, und die Tischlerei in dem Neubau von Martin Böge hat er auch noch. Unter drei Tagen geht es nicht. Einen fertigen Sarg aus der Stadt will ich nicht, ich will in einem Dorfsarg zur Gruft kommen; die Stadtsärge sind auch viel zu teuer. Montag, Sonnabend, Freitag ... drei Werktage. Heut ist Donnerstag, da müßte noch heut nacht ...?‹ Der kranke, blasse, graue Mann stützte sich wieder auf den Stock. ›Auf acht Tage kommt es ja nicht an‹, grübelte er. ›Ich kanns ja auf künftigen Donnerstag festsetzen. Aber nein, das will ich nicht. Ich werde von Tag zu Tag schwächer, ob ichs nach acht Tagen noch kann, weiß ich nicht. Und wenn ichs nicht kann, dann liege und sterbe ich wochenlang, vielleicht monatelang. Nur das nicht! Und dann will ich auch nicht wortbrüchig werden. Hans Thun und Peter Heesch warten. Bis ein Uhr ist Mondschein ...‹ Eine fremde Stimme fuhr in sein Sinnen hinein. Es war die Stimme des Sekretärs. »Hier, Suhr!« Er hielt ihm die fertige Abschrift hin. Der alte Mann schrak auf. Der Stock fiel zu Boden, der Sekretär nahm ihn auf. »Se ward beweri, Suhr.« »Ja, Sekretär, dat Öller, dat Öller un de Krankheit.« Jörn funselte in seiner Westentasche. »Dor«, sagte er dann, »för Se un de annern.« Zwanzig Mark fielen in die Hand des Sekretärs. »Was soll ich damit, Suhr?« »Blots 'n Andenken för den Sekretär un de jungen Lüd.« »Awer, Suhr, so vel?« »Is ni to vel.« »Dat is awer dankenswert. – Nicht wahr«, wendete sich der Sekretär an seine Schreiber, »wir danken alle.« »Vielen Dank!« riefen fünf Stimmen. Sechs Hände drückten seine Zitterhand. Der alte Knabe ging die Treppe hinab. Neben dem Notar wohnte ein Seiler, da ging er hinein.   Hoch über der Kopteinslage wandert der Mond. Er hat klare Bahn. Die schwarzen Wolken, die vor ihm herfliegen, sind klein. Aber im Westen dräut schwarze Nacht. Zwei Minuten noch, nur zwei Minuten! Dann ist es geschehen. Dann darfst du in Finsternis wandeln, guter Mond... Die Drossel lärmt und singt am Tage, und nachts schläft sie in den Zweigen der Eiche. In der Nacht weckte sie ein Ruck; die Zweige schaukelten. Sie gurrte und fragte sich, was das gewesen sei, schlief aber wieder ein. Die Eiche greift mit muskelgeschwellter Kraft in die Ewigkeit hinaus.   Morgens schien die Sonne. »Hierher, hierher!« schreit Hans Thun. Sie suchten Jörn Suhr. »In die Kopteinslage hinein geht die Spur«, ruft Hans Thun. Ein halbes Dutzend Männer drängten sich durchs Heck. Hans Thun war vorangegangen. Blaß und eilig kommt er zurück. »Betet ein Vaterunser, Jörn Suhr hängt in der Eiche.« Wiederbelebungsversuche waren fruchtlos. In der Rocktasche des Toten steckte ein Papier. Das nahm der Bauervogt an sich und sah hinein. »Eine Testamentsabschrift«, sagte er. Er las ... las weiter. »Das ist wichtig für die Gräff. Und auch für dich, Hans Thun, für dich besonders. Du kriegst silbernes Eßgerät und noch viel mehr. Du auch, Peter Heesch, aber nicht so viel. Dienstag ist Gräff, und ich geb die Diele her.« Im Nebel Feuerfunken fliegen fünfhundert und, wenn es hoch kommt, tausend Schritt, hat der alte, nun schon lange verstorbene Gottfried Ruhsert gesagt, als er den Platz für den Neubau seines abgebrannten Hofes wählte. Die tausend (das macht genau zweihundert Ruten Hamburger Maß) hat er bedächtig bis zum Schröder-Haus abgezählt. Die abgebrannten Gebäude sind näher gewesen. Gottfried Ruhsert wollte jetzt aber weiter westwärts wohnen, wo er noch mehr durch den Wald vor Wind geschützt ist. Es traf sich, daß an passender Stelle ein Halbkreis alter Eichen stand, wie hingesetzt, einen Wirtschaftshofplatz einzurahmen. Beim Ausschachten des Baugrundes stieß man auf alte Mauerreste. Dadurch schien die Sage von dem Vorhandensein eines alten Seeräubernestes bestätigt zu werden. Dort wuchs und erhob sich der stattliche Hof. Weit ab vom Dorf, einsam und allein. Was an Wald und Äckern rings umher liegt, gehört dazu, die Wiesen ebenfalls. Da kann nichts Fremdes hinkommen, die Wiesen bieten überhaupt keinen Baugrund. Ohne Gottfried Ruhserts Einwilligung wird nichts die Ruhe stören, die Haus und Hof so still umfängt. Das Schröder-Haus führt den Namen vom letzten Vorbesitzer; es war früher ein selbständiges Anwesen, ist aber von den Ruhserts angekauft worden und dient jetzt als Abnahme- oder, wie man in dortiger Gegend sagt, als Verlehntshaus. Stumm und still sehen die beiden Waldhäuser, Hof und Verlehntshaus, auf Wiesen und Moor, des Nebels gewohnt. Denn über den Sümpfen braut er des Abends immer. Und im Herbst, wenn der Tag anfängt, sich trüb und naß durch den Wald zu stehlen, ist alles in Nebel vergraben. Dann kommt es von den Wiesen und Mooren her, groß und grau – ein Riesenweib steigt herauf, einen langen, fließenden Schleier um Haupt und Schultern. Mit wallendem, weithin schleppendem Gewand steigt die Nebelfrau herauf.   Der vorsichtige Gottfried, der die tausend Schritt abmaß, ist der Großvater des jetzigen Besitzers gewesen. Zu den Eichen, die den neuen Wirtschaftshofplatz umgeben, hat er Linden bei den Wohnräumen, ja, eine ganze Lindenallee vom Hof nach der Verlehntskate hinüber gepflanzt. Die Linden waren zu der Zeit, wo unsere Geschichte beginnt, so groß und stark geworden wie die Eichen; der Hof sah einem zweiten Wald nicht unähnlich. Wäre nicht das Storchnest gewesen, das, dem Scheunengiebel kühn aufgepflockt, aus den Baumspitzen hervorsah, hätte nicht hier und dort ein Schornstein hervorgeragt, man hätte die in rundlichen Linien zerfließende Masse für ein wirkliches Gehölz halten können. Bei den Ruhserts wechselten die Gottfried und Konrad. Der Besitzer zu Anfang unserer Geschichte hieß Gottfried nach seinem Großvater und hatte einen Konrad zum Sohn. »Maleen«, sagte Gottfried eines Tages zu seiner Frau (es war die zweite Frau, und sie war die Stiefmutter von Konrad), »Maleen«, sagte er, »mit Konrad weiß ich nichts mehr anzufangen. Er ist wild und unbändig, das hat er von seiner Mutter. Die war auch so. Es liegt in der Familie. Er ist täglicher Ärger und Kummer für mich und für dich auch. Und der Schulweg nach dem Dorf hier ist weit. Weißt, was ich mir ausgedacht habe? Wir wollen ihn nach Dolensdorf geben; Martin-Ohm mag sehen, wie er mit seiner Schwester Sohn zurechtkommt. Dolensdorf ist ja just nicht so nahe bei; es ist aber gut, wenn ein Junge früh hinauskommt. Und Martin-Ohm wird ihn gern nehmen. Der Lehrer in Dolensdorf wird gelobt, da mag er denn auch die Schule besuchen.« So kam Konrad Ruhsert nach Ohm Martin in Dolensdorf.   Mehrere Jahre war der junge Konrad in Dolmsdorf gewesen, er war in seinem braunen Haar groß und stark und stattlich geworden und sollte bald eingesegnet werden. Und es war um die Zeit, wo die Winterschule wieder begonnen hatte. Mittags war es, und die Mittagspause war noch nicht vorbei, da saß die große, blonde, die hübsche, die frische Anna Offen auf ihrem Platz und weinte. Er war ihr ein schändlicher Streich gespielt worden. Sie hatte sich morgens ein neues Schönschreibebuch beim Höker gekauft. Und wie sie es eben vom Tischbord nehmen will, ist es ganz schwarz und naß und voller Tinte. Wer hat ihr das angetan? Ihre besten Freundinnen? Trina und Elsbe heißen sie. Besten Freundinnen ist zwar nicht zu trauen, aber das kann sie doch nicht glauben, daß sie das getan haben. Die Tränen werden loser und schwemmen viel Gedankenunrat hinweg; dabei wird es ihr klar: das hat kein anderer als Konrad Ruhsert getan. War er nicht der Generalbösewicht? Hatte die Schule nicht ungefähr jede Woche den Anblick seiner Abstrafung? Er miaute in der Klasse, er brachte Mäuse mit in die Schulstube, er warf Klaus Stürkens Schubkarren in den Brunnen und verübte noch eine ganze Menge Schandtaten ... gar nicht auszuzählen. Ihr selbst hatte er Maikäfer in die Tasche gesteckt, Regenwürmer in den Nacken fallen lassen. Auf dem Kinderfest hatte sie auch gar nicht mit ihm getanzt. Allmählich überwand Anna Offen den Schmerz. Sie konnte ruhiger an den Verlust ihres Schreibheftes denken. Eine weiche, versöhnliche Stimmung blieb zurück. Sie wollte ihn nicht anzeigen. Nein, das wollte sie nicht. Konrad Ruhsert hatte doch auch seine guten Seiten. Alle Knaben waren blond, er allein hatte braune Augen und braunes Haar. Und wie mutig er war! Hatte er nicht ganz allein den fremden tollen Hund mit seinem Knüttel totgeschlagen? Hatte er nicht noch gestern Christian Franzens Pferde, als sie durchgingen, zum Stehen gebracht, indem er sich in die Zügel warf und sich schleppen ließ? Und, was die Hauptsache war: er mochte sie leiden, das hatte sie längst gemerkt. Die Regenwürmer, die Maikäfer, auch die Tinte, alles sprach dafür. Nein, sie wollte ihn nicht anzeigen. Aber wenn der Schulmeister kommt und die Hefte nachsieht? Auf einmal stand der Übeltäter in Person vor ihr. »Heule nicht«, sagte er, »mach nicht son Geschichte davon, ich habs getan!« Anna wurde von den letzten Schluchzern geschüttelt. »Habs nicht bös gemeint, will dir ein Schreibbuch wieder kaufen.« »Hast Geld?« brachte die Schmerzensreiche hervor. »Ich hab keins, aber ich mach was.« »Kannst das?« »Das kann ich.« »Und wenn der Schulmeister fragt?« »Dann melde ich mich.« »Dann kriegst du Haue.« »Macht nichts.« Seine Miene setzte hinzu: ›Ich bin es gewohnt.‹ Konrad tat, wie er gesagt hatte. Bei der ersten Frage wuchs er aus seiner Bank heraus und bekannte. Da war denn nicht zu helfen, da mußte er mal wieder was haben. Seine Abstrafungen bildeten ein rechtes Kreuz für den Schulherrn. Erst hatte er geglaubt, mit der Rute auszukommen, nun war er schon längst beim Stock. Konrad nahm die Prügel mit Gelassenheit hin. Wir lesen sogar in des Unbands Seele: ab und zu war es ihm ganz recht. Müßige, ungebundene Kraft verführte ihn zu Streichen, deren Hauptreiz in der Gefahr bestand, entdeckt und bestraft zu werden. Er wäre sich nicht ganz ehrlich vorgekommen, wenn dem Wagnis niemals das Malör gefolgt wäre. »Stopf dir Schreibbücher unter die Weste!« riet ihm sein Banknachbar und Genosse im Abgeprügeltwerden, Peter Lange. »Das klatscht tüchtig, aber man fühlts nicht.« Das wollte Konrad nicht, das hat er immer abgelehnt. Als Konrad sich gemeldet hatte, seufzte der Lehrer: »Ja, Konrad, denn hilft das nicht, denn müssen wir mal wieder!« Der Bakel (er lehnte, wenn er nichts zu tun hatte, beim Pult am Ofen), der mußte heran. Aber die Hand, die ihn führte, war lässig, und der Bakel auch. Konrad hatte Heldentaten verrichtet, er hatte seine Missetat eingestanden; beide, Hand und Bakel, waren zum Prügeln nicht aufgelegt. Weich und sanft und rücksichtsvoll langte der Stock auf Konrads Jacke an. ›Duff, duff – laß die Streiche sein, mir zuliebe, ich schlaf am liebsten zwischen Pult und Ofen!‹ So sprach der hölzerne Zuchtmeister, so ungefähr klangen auch die Mahnungen aus, die der Lehrer folgen ließ. Konrad aber, noch immer auf dem Hinrichtungsplatz im Steig zwischen Knaben- und Mädchenbänken, faßte mit beiden Händen seine Jacke in der Kragengegend und schüttelte, wie man Motten aus dem Pelz schüttelt, so schüttelte er Warnungen und Schläge ab. An demselben Nachmittag mogelte er im Läuferspiel und gewann einen silbernen Sechsling im Wert eines halben Schillings. Beim Schmied nahm er einen Hammer und klopfte den Sechsling auf dem Amboß platt, nun war es ein Schilling. Mit diesem Schilling ging er zu Krischan Lerch, der rechts von der Diele Hökerwaren, links aber Schreibsachen verkaufte, und erstand ein neues Schönschreibebuch. Das neue Schönschreibebuch übergab er folgenden Tags Anna Offen. Sie machte große Augen. Ein Schilling war in Anna Offens und Konrad Ruhserts Umgangskreisen eine Seltenheit. »Jung, Konrad, wo hest den Schüllnk her?« Konrad lachte. »Ik segg jo, ik kann Geld maken.«   Martin-Ohm war ein Phlegmatiker: er war der Ansicht, daß sich alles zurechtlaufe, daß man an jungen Bäumen und an jungen Menschen nicht zu viel herumschneiden und herumerziehen müsse. So fiel denn die ganze Mühe, unsern Konrad auf den rechten Weg zu führen, in Wirklichkeit dem alten Lehrer und seinem Bakel zu. ›Wie komme ich dazu, ein Kind auf den Tugendweg zu bringen, das nicht mal zur Gemeinde gehört?‹ fragte der Bakel, wenn er wieder aufgestört wurde. ›Wie ich dazu komme, will ich wissen. Bin ich dazu verpflichtet? Und weshalb der Schulmeister sich darauf einläßt? frage ich.‹ Weshalb der Schulmeister sich darauf einließ? Der Bakel konnte es nicht wissen. Er wußte nichts von den Sorgen und Nöten des mit Kind und Kegel reichlich versehenen Schulmeisters; er wußte auch nichts von der Butter, die von Konrads Alten in des Meisters Keller wanderte, nichts von dem Schinken, der so vorzüglich schmeckte, nichts von Würsten und anderen Herrlichkeiten. Er hörte auch die Musik nicht, die so ein Stapel Talerchen macht, fingerfertig ... kling ... klang ... kling ... klang ... aus der Rechten in die Linke gezählt und dann (Gott, was ists für ein Ton!) schwer und vollwichtig auf die Tischplatte gesetzt. Und nicht das schüchterne, silberne Finale: die Schatulle ist geöffnet, die Klappe zurückgeschlagen. Der Stapel wird genommen, leise klirrt er in der Hand ... ganz leise ... kling ... klang ... wandert er in die Schatulle. Klipp, klapp, schließt der Deckel, der Schlüssel bohrt im Schloß. Nun ist alles aus und aller Glanz vergraben. Dem Bakel war das alles unbekannt, aber Konrad ist einmal dabei gewesen, wie der Ohm dem Schulmeister die Taler aufzählte; er hat es niemals vergessen können.   Als Konrad Ruhsert eingesegnet war, lag das Leben, lag die Zukunft wie ein großes Fragezeichen vor ihm. Bei ihm war alles fraglich. Sein Charakter, sein ganzes Wesen gab der Rätsel genug auf. Vor der Hand blieb er bei seinem Ohm im Dorf ... mehrere Jahre. Dann trat auch Anna Offen dort in Dienst. Sie wurden Liebesleute, sie wollten sich heiraten. Die anderen jungen Leute in Dolensdorf mochten Konrad nicht, sie mochten namentlich sein Gesicht nicht. Er hatte auch eigentümliche Augen. Sie zeigten so viel Weißes. Wenn er seine Pläne machte (er hielt sie geheim und zeigte sie keinem Menschen), lag was Verkniffenes und Lauerndes darin. »Mach nicht son Gesicht!« rief Anna, »da wird einem ja bei graulen.« »O du!« erwiderte er und umarmte seinen Schatz. Oder vielmehr: er umspannte ihren Hals, die Finger in ihrem Nacken, die Daumen unter dem Kinn. Es ist eine wunderliche Sache mit den Frauensleuten. Konrad meinte es so gut, er meinte es in dem Augenblick wirklich gut. Er wollte zärtlich sein und dabei Spaß machen. Und nun tat sie, als wenn es ans Leben gehe. Sie weinte und schrie, in ihren Augen lag viel Schrecken und Angst. Er ließ sie los. »Deern, was hast denn, wie tust und tierst dich?« »Ach, mein Konrad! Tu das niemals wieder! Ich hab so Angst vor deinen Fäusten.« »Darf ich denn das?« lachte er und riß sie an sich und küßte sie, bis ihn die Atemnot des armen Mädchens rührte.   Und der Hof seines Vaters sah Jahr um Jahr. Wenn es zum Herbst ging, wurde das Eichenlaub welk und rot, die Linden aber schütteten Blatt für Blatt in immer reinerem Gold hinab. Einstweilen läßt der Bauer es liegen. Nach sparsamer ländlicher Art wird erst aufgeräumt und gesäubert und gefegt, wenn die Bäume nichts mehr hergeben. Im bunten Herbst schreitet der Bauer vom Hof nach dem Verlehntshaus auf moderndem Gold. Und der Bauer auf dem Hof heißt Konrad. Es ist recht lange her, seitdem er die letzten Schulprügel erhalten hat – eine Reihe von Jahren, seitdem er Anna Offen mit seinen großen Händen umhalst hat. Was aus Anna Offen und aus ihrem Kinde geworden ist? Genau weiß er es nicht. Vermutlich dient sie bei fremden Leuten, und das kleine Mädchen ist ausgetan. Als die Folgen ihrer jungen Liebe nicht mehr zu verbergen gewesen sind, hat er sie ehrlich machen wollen. Aber der Vater hat nicht gewollt. Der Vater hat den Beutel gezogen. Konrad war schwach; seinem Vater gegenüber versagte seine Liebe und auch sein Mut. Und doch hat er die Anna gern gehabt, hat sie wirklich geliebt. Als die Zeit gekommen war, hat er sich auf Befehl seines Vaters passend mit einer reichen Bauerntochter verheiratet, Mutter und Kind aber im ersten Wochenbett verloren. Mit den Verwandten hat er um die Erbschaft prozessiert und den Prozeß verspielt. Nun ist er Witwer. Im ersten Witwertum hat er an Anna gedacht, es dabei aber bewenden lassen. Sein Vater war krank, ein Aufkommen nicht mehr möglich, nach dessen Tode war er frei, wirklich frei. Aber die Krankheit zog sich hin. Als der Alte gestorben war, schob Konrad auf. Er war, ohne sich recht klar darüber geworden zu sein, anderen Sinnes geworden. Sein Seelenzünglein hatte lange Zeit senkrecht zwischen Eigennutz und Edelsinn eingestanden, nun war es nach links geschlagen, nun dachte er nicht mehr so wichtig und tief von seiner Jugendliebe. Und weil das Zünglein nach links geschlagen war, hatte er die Lust an Streichen und Listen verloren. Dafür war er düster und schwer und brütend geworden. Zum Vater hatte sich niemals ein ganz harmonisches Verhältnis gestalten wollen. Hatte der Alte ihm das über das Grab hinaus nachgetragen? Nach Eröffnung des von dem Vater und der Stiefmutter gemeinschaftlich gemachten Testaments blieb unserem Konrad jedenfalls nicht mehr als ein bis zur Leistungsfähigkeit beschwerter Hof. Die Stiefmutter saß im Verlehntshaus – fünf Kühe im Stall, für die die fetteste Weide und das beste Heu vorweg genommen war. Dazu die Korn-, die Kartoffel-, die Feuerunglieferung, die Hand- und Spanndienste, Gartenland und Flachsland ... und was sonst an hundert Teilen im Haushalt einer Verlehntsfrau gebraucht wird. Das wäre noch zu leisten gewesen, das und Ähnliches hatten andere auch. Aber so lange die Mutter lebte, bezog sie alle Zinsen. Was er als Stellbesitzer alljährlich am ersten November an die alte Frau zu zahlen hatte, war ein erheblicher Betrag. Die alte Stiefmutter war kein böses Weib, Konrad hatte sich immer besser mit ihr als mit dem eigenen Vater gestanden. Aber die Zinsen wollte sie pünktlich haben. Darin hatte sie ihren eigenen Sinn. Der Sohn klagte ein paar mal: »Mutter, kannst du mir das Geld dies Jahr nicht lassen? Ich brauche es, und du hast es nicht nötig, bei dir liegts im Kasten.« Aber das half nicht. »Nein, mein Junge!« sagte sie. »Da kann nichts aus werden. Dein Vater hats gewollt; ich spars für dich. Wenn ich tot bin, bekommst du alles. Zu gut müssen junge Leute es nicht haben, Ruhe und Wohlleben ist fürs Alter.« Einmal hatte er vierzehn Tage in den November hinein gewartet. Das probierte er nicht wieder. Er bekam einen Brief von einem ›Kerl von Advokaten‹ und mußte Kosten zahlen. »Sünde ist es«, murmelte er, aber er zahlte. Konrad Ruhsert entdeckte an sich Liebhabereien, die ihm nicht gefielen und denen er doch nachging. Von der Knabenzeit her (es war ihm bei Aufzählung der Taler an seinen Lehrer zum Bewußtsein gekommen) liebte er den Klingklang des Silbers. Hatte er einmal einen Haufen zusammen, bei dem es sich lohnte, so schloß er sich ein und zählte, und zählte immer wieder ... Stunden hindurch. An solchen Tagen waren seine Lippen von einem warmen Lächeln übersonnt, dann hatte das Gesinde mit dem sonst so ernst und mürrisch auftretenden Bauern gute Tage. Solche Sonnentage konnten freilich die Leidensgänge der Zinstermine nicht wettmachen. Schrieb man den ersten Tag im November (in der Regel war es graues, trübes Wetter), dann ging er mit schwerem Herzen und schwerem Beutel auf weichem, schlüpfrigem Goldlaub die Lindenallee zur Alten hinunter und zählte seine Taler hin, bildete sich aber noch im Augenblick des Hinzählens ein, daß sie im Grunde ihm gehörten und ihm zu Unrecht genommen würden. Diese ihm genommenen Taler wurden dann in den sattsam bekannten Blechkasten der Alten hineingeschüttet und wanderten mit dem Kasten und in dem Kasten in die Schatulle. Der Kasten hatte ein abgesondertes, durch ein Kunstschloß gesichertes Fach, und über alles legte sich die breite Klappe. Da hatte Mutter ihren Hausbrief, worin das Verlehnt beschrieben war, eine Testamentsabschrift und andere Papiere. Was für Schätze sonst wohl noch? Ob das Fach gar Staatspapiere barg? ... Der Handelsmann Nathan ging bei der Mutter aus und ein. Nathan gehörte zu den Agenten, die äußerlich nicht gerade Vertrauen erwecken, nichtsdestoweniger aber Vertrauensperson einer ganzen Gegend werden. Der Bauer wußte, daß Nathan Zinsscheine für die Mutter in der Stadt verkaufe. ... Es waren sicher Staatspapiere in dem Kasten.   Und wieder schrieb man den ersten November. Bauer Konrad war mit seinem Beutel bei der Mutter. Er hatte ihn auf den Tisch gestellt. Mit seiner großen Hand griff er hinein und wühlte und stieß unter den klingenden Dingern herum, als ob er die, die er doch so sehr liebte, aus Herzensgrund hasse. Dann zog er sie herauf, seine große Hand, eine geschlossene, eine Hand, der man ansah, wie ungern sie das hergab, was sie hielt – eine geballte Faust voll von strotzendem Silber. Und er fing an zu zählen ... kling ... klang ... Taler um Taler. Sie glitten zwischen Daumen und Zeigefinger aus der Rechten in die Linke, stets mit dem weichen, kurzen, selbstvertrauenden, fragenden Aufschlag harter Silberstücke. Und auf der Tischplatte wuchs Stapel um Stapel. Der Leinenbeutel wurde klein und schlaff, es faltete sich Runzel um Runzel. Schließlich war er nur noch eine Haut. Und Konrad nahm die Haut, schüttelte sie (es war nichts mehr darin), rollte sie zusammen und steckte sie in die Tasche. »Da hast du deinen Willen, Mutter, nun zähl nach!« brummte er, und sein Atem ging kurz. Und Mutter zählte nach. Sie war froh, die Sache in Richtigkeit zu bekommen. Breit und feierlich, wie zur Andacht, zum heiligen Werk, setzte sie sich in den Lehnstuhl am Geldtisch. Neben sich den Blechkasten. Mit gespreizten Beinen saß sie da, aus Schürze und Röcken wurde eine Grube. Mit einer Art Jubel fielen und sprangen die Taler hinein. Voll und stark schlugen sie auf. Bei ihm selbst war es ein schmerzvoll verhaltener Ton gewesen, nun klang es wie Gesang protzenden Wohlbehagens. ›Mein ist die Kraft und Herrlichkeit!‹ Konrad erbebte. Es war das alte Lied, er kannte es schon von der Schulzeit her, das Loblied der Selbstgerechtigkeit, der Eigenliebe, das Klingen selbstgefälliger Taler. ›Kling, klang!‹ Die Mutter war genau. Mit langen, mageren, zersponnenen Fingern hielt sie ihm einen Taler fremder Prägung vor die Nase. Den kannte sie nicht, den wollte sie nicht, sie wollte einen richtigen preußischen. Er griff in die Tasche, er hatte noch einen einwandfreien Preußen. So kam alles in Ordnung. Lärmend rollte der Silberlinge Heer in die Kassette. Und die Alte trippelte damit zur Schatulle. Die Klappe wird zurückgeschlagen, nochmals ganz leise ... klirr ... klirr ... Nun steht das blecherne Ding in der Schatulle, und nun ist auch die Klappe geschlossen. Dem Bauern kamen wunderliche, unheimliche Gedanken. Er wollte sie nicht, er war ärgerlich, ja, er war bestürzt, daß sie kamen. Aber er mußte die Gedanken denken, die seinem Wesen entsprachen. Er erinnerte sich, wie er einmal als kleiner Knabe seinem Vater aus derselben Schatulle, die seine Taler aufgenommen hatte (sie stand damals in Vaters Wohnstube), einen Schilling und ein ander mal zwei Zigarren gestohlen hatte. Die Klappe hatte er mit einem Schlüssel aufgekriegt, der jetzt noch auf dem alten Kleiderspind steckte. Er hatte sie freilich nicht wieder zuschließen können, aber sein Vater hatte angenommen, es sei vergessen worden, sie zuzumachen. Es war nichts entdeckt worden, und nichts war an den Tag gekommen. Es ist eigentlich gefährlich, dachte er weiter, gefährlich für eine alte Frau, allein mit einem Dienstmädchen bei so viel Geld im Hause zu schlafen. Böse Menschen, die fremdes Eigentum nehmen, gibt es genug. – Es ist wirklich gefährlich. Es kann ja zum Beispiel nur vergessen werden, die Kuhstalltür zuzuketten, und der Dieb ist drin. Und so eine Schatulle ist auch nicht von Eisen und Stahl; die soll schon hergeben, was sie hat. ... Wenn man einen Schlüssel hat, der dazu paßt, dachte er ganz heimlich hinzu, ist es die einfachste Sache von der Welt. Die alte Frau saß wieder am Ofen und ließ ihr Rad schnurren ... Konrad war in Gedanken und stumm. Die Pfeife hing ihm kalt am Mund. »Konrad, du smökst je gar ni! Stopp doch mal in!« In jeder Bauernstube steht ein Tabakskasten zum allgemeinen Gebrauch, einerlei ob ein Raucher im Hause wohnt oder nicht. Eine Pfeife Tabak ist man jedem schuldig. Bei Frau Ruhsert war einer von gelbem Messing, ein feiner stählerner ›Piepenporter‹ hing mit sauberer Kette daran. Konrad stocherte damit in den Pfeifenkopf, er ließ die Asche fallen, er blies den Kopf aus und stopfte. Er fing auch ein Gespräch an. Es war der erste November – Dienstbotenwechsel. Eine Trina ging bei der Mutter ab, bei dem Nachbarn einzutreten, ein anderes Mädchen sollte wieder kommen. Die Mutter wußte weder ihren Namen noch den Ort, wo sie herkam; Weber-Hans hatte alles besorgt. Plötzlich durchfuhr es den Bauern. Die Mutter hatte hingeworfen, die Neue habe Order geschickt, sie könne erst morgen früh kommen. Die Mutter wird also diese Nacht allein sein. Sie schläft in der Kammer, sie ist harthörig und hat einen festen Schlaf. Wars ein Zeichen des Himmels oder der Hölle? Gleichviel, es war ein Zeichen. Er mußte tun, was er so ungern tat, was er nicht wollte und doch nicht lassen konnte, was zu tun er bestimmt war. Er mußte es tun, es stand in den Sternen. Übrigens eine Übeltat war es bei Licht besehen nicht, vor Gott war das Geld sein rechtmäßiges Eigentum. Er wollte es in der Nacht wieder holen, es war kein Unrecht. Er hatte das Gefühl: du darfst es nicht zulassen, daß die Mutter die Nacht allein im Hause zubringt. Aber die Klugheit, die Habgier, ja, es war seine ganze Seele, widerrieten ihm: ›Tu das nicht, sag nichts! Du verdirbst den ganzen Plan!‹ Er fühlte die Verpflichtung, sich selbst als Wächter anzubieten, der Mutter zu sagen, er wolle in der Mädchenkammer schlafen. Aber es erhob sich dieselbe Seele: ›Sie könnte es annehmen, tu das nicht! Sag nichts! Tu du man ruhig, als wenn nichts dabei wäre, daß die alte Frau eine Nacht allein im Hause ist!‹ Er wußte es, er sagte sich: ›In diesem Augenblick gehst du sittlich zugrunde. Da du den Entschluß zu solcher Tat fassen kannst ... dann ... ja ... dann ist alles aus.‹ In eigentümlicher Bewegung, halb weich und halb verstockt, stand er vor seiner Mutter: »Es soll dir gut gehen, Mutter«, sagte er und drückte ihre Hand, so warm und fest, wie er noch niemals getan hatte. »Was hast du, Konrad?« fragte die Alte. Aber er war schon aus der Stubentür. »Komm wieder!« rief sie ihm nach. Der Bauer war auf der Diele, ging aber nicht gleich hinaus. Er begab sich in den Kuhstall und besah die Kühe und löste dabei unversehens die Ösen von den Haken, oben löste er sie und auch unten. Er probierte ganz leise: nun war die Tür offen und frei. Als er zwischen den stöhnenden und wiederkäuenden Tieren hindurch auf die Diele zurücktrat (man kann es nur, wenn man sich bückt), vergaß er, die Tür wieder in Ordnung zu bringen. Die Alte kam gerade aus der Stube, in der Küche nachzusehen. »Ich hab deinen Viehstapel revidiert, Mutter!« schnitt er ihre Frage ab. »Ein Staat ists. Zumal Wittfoot ... die ist ja plummenfett.« Das paßte der alten Frau. Sie lachte. »Nun ja«, sagte sie, »es geht so an. Freilich so wie große Bauern können Verlehntsleute es nicht.«   Es folgte die Nacht, eine trübe, schwarze Novembernacht ... In der schwarzen Novembernacht geschah die unerhörte, die schwarze Tat. Witten Scheff – sie kam zu der alten Frau Ruhsert früh morgens zur Aushilfe. Als sie wie immer durch die Hintertür (sie hatte den Schlüssel dazu) ins Haus kam, fiel ihr nichts auf. Sie machte Feuer auf dem Herd, hängte den Kessel über und heizte den Beileger der Wohnstube von der Küche aus. Dann holte sie wie sonst den Speisekammerschlüssel aus Frau Ruhserts Schlafgemach. Auf leisen Socken, bei flackerndem Licht. Die Alte schien zu schlafen, wurde aber durch den Schein geweckt. »Büst du dat, Witten?« Die Antwort wartete sie nicht ab, sie nahm die andere Seite und schlief weiter. Zur Winterszeit blieb sie immer bis zehn Uhr im Bett. Witten Scheff kochte Kaffee, setzte sich das Frühstück zurecht und aß. Sie aß und trank in aller Ruhe. Sie glaubte, mit der Alten allein im Hause zu sein, und fühlte sich als Herrin. Sie ging zum Aufräumen in die Wohnstube, die trübe, unbedeckte kleine Lampe in der Hand. Was ist das? Die Schatulle offen, die Klappe zurückgeschlagen? Das kann nicht mit rechten Dingen zugehen. Rechts in der Schatulle, da ist das Fach für den Blechkasten. Was für 'ne Geschichte, man kann ja in Verdacht kommen! – Sie leuchtet hin, der Kasten ist nicht da. – Ein blanker, wie in der Hast und im Dunkeln verschütteter Taler liegt auf der Klappe, dicht am Rand, und sieh! ein zweiter, ein dritter und noch einer ... am Fußboden ... Witten schlägt in sich: hier ist eingebrochen worden, hier sind Diebe gewesen. Es wird ihr unheimlich, mit aufgeregter Hand leuchtet sie überall umher. Die Dunkelheit gähnt sie aus den Ecken an, als wolle sie Ungeheuer ausspeien ... Witten will weg, Witten will Leute holen ... Witten ... nur noch einen Blick ringsum! ... Sie erschrickt auf den Tod ... Da in der Ecke liegt etwas, es scheint ein Mensch ... Es ist ein Mädchen, ein Mädchen im bloßen Hemd. Witten Scheff faßt sich ein Herz und leuchtet ... Sie leuchtet einer Toten ins Angesicht. Was kreischt und lärmt auf dem Hof? Witten ist in ihrer Angst, in der Aufregung hin zum Großknecht gelaufen; zwei Bauern, die zur Stadt wollten, fuhren just vorbei. Im Nu ist ein Haufen prahlender, schreiender Leute beisammen. Der Bauer schlief in dem neugebauten Flügel. Er hörte alles, er war wach. Er wußte gar nicht, daß er fieberte, daß ihm die Pulse klopften. Er fühlte sich so kalt, so ruhig, so hart wie ein verstocktes Gewissen. Seine Tat war zwar riesengroß über das, was er geplant hatte, hinausgewachsen, nun aber galt es, sich mit dem, was geschehen war, abzufinden. Ein Mensch, ein Mädchen, wahrscheinlich das neue Mädchen, hatte ihn überrascht, hatte geschrieen. Er hatte sie nicht gesehen, es war eine dunkle Tat gewesen, die er ausgeführt hatte, und im Dunkeln war es geschehen. Ob er sie hatte töten wollen, ob er sie getötet hatte, er wußte es nicht. Er hatte die, die ihn gesehen und erkannt hatte (sein Lichtstümpfchen war sofort erloschen), zum Schweigen bringen wollen. Nun schwieg sie. Er wußte nicht, wie sie ausgesehen, die ihm entgegengetreten war, er kannte sie nicht; es war ihm auch einerlei, wer es gewesen: er hatte sie zum Schweigen bringen müssen, und er hatte sie zum Schweigen gebracht ... Mit seinen großen Hängen hatte er sie umhalst, die Finger um den Nacken, die Daumen am Kehlkopf. Die Daumen hattens getan, die hatten gedrückt, die hatten gepreßt, die hatten ihre Pflicht getan ... Draußen lärmte es. Er verstand, was die tobenden Leute aufregte. Er wußte, daß sie in wenigen Minuten vor seinem Bett sein würden. Er fühlte sich entschlossen. ›Gut‹, dachte er, ›laß sie kommen! Ich kann ruhig sein, ich weiß von nichts. Ich kann tun und kann mich gebärden, wie sichs schickt und wie sichs paßt.‹ »Der Bauer ist der Nächste«, sprach es draußen, »der muß wissen ...« ›Sie kommen‹, sprach der Bauer für sich. ›Soll ich sagen: Ich war es, ich habs getan? Oder soll ich leugnen, nachher aber in meiner Mergelgrube mich und meine Tat begraben? Sie ist tief, und der Schilf rauscht verschwiegen darüber hin. – Was ist, entgeh ich auch dem Richter, mein Leben? Und was mein Gesicht? Mein Gesicht wird mir niemals zu eigen gehören. Zweierlei Gesichter werd ich haben, eines für mich in meinem Kämmerlein, wenn ich zerstoßen, wenn ich wahr bin (die Hölle wird an diesem Gesicht Freude haben), eines ... ein verlogenes ... ein fremdes, vorgebundenes, wie man eine Maske vorbindet, für den Mummenschanz der Welt und für die Obrigkeit. Ein Verworfener... ein Geächteter... gerichtet in Ewigkeit.‹ Das Zimmer, in dem der Bauer schlief, war über dem Milchkeller, ein halbes Dutzend Stufen führten vom Hausflur aus hinauf. Nun polterten und trampelten Pantoffeln und Bauernstiefel über die Stufen. Lärmend und aufgeregt riß man die Tür auf... lärmend und aufgeregt standen Menschen vor des Bauern Himmelbett. Die Zuflucht der Mergelgrube blieb ihm noch immer. Der Bauer im Himmelbett war entschlossen, sein armes Leben und seine Freiheit zu verteidigen. Mit halb erschrecktem, halb neugierigem Gesicht eines im Schlaf Gestörten richtete er den Oberkörper auf und fragte: »Nanu, was habt ihr denn?« Anders hätte er auch nicht sein können, wenn er der gewesen wäre, den zu spielen er sich vorgenommen hatte. »Ja, mußt flink aufkommen, Konrad!« nahm einer das Wort. »In der Kate ist was passiert.« »Was du sagst!« Ein natürlicher Schreck flog über seine Züge. »Mutter...?« »Die Alte ist wohlauf, sie weiß von nichts, sie schläft. Da sei ruhig!« »Was ist denn?« »Die Schatulle ist erbrochen... was darin war, ist...« »Gestohlen?« »Ja ... und dann das Schreckliche, das Mädchen ... das neue Mädchen...« »Was für ein Mädchen? Die alte ist weg, die neue kommt heute erst. Ich hätte nicht zugeben sollen, daß die Mutter allein im Hause schlief.« »Ja, du weißt nicht. Sie ist gestern abend doch gekommen. Und...« »Und? Was ist mit dem Mädchen?« »Sie liegt tot in der Stube.« Der Bauer wurde ganz bleich, als er das hörte. Da soll einer nicht blaß und bleich werden! Mord und Totschlag auf dem Hof. Ein unheimliches Feuer flackerte (wie viel Weißes hatte er!) flackerte in seinen Augen. War es ein Wunder, daß er blaß war und bleich? Als er sich erhob, flogen ihm die Hände. Was war natürlicher als das? Man mußte ihm helfen. Inzwischen graute der Tag. Und als sie in die Verlehntsstube traten, lag die Leiche noch dort, wo Witten Scheff sie gesehen hatte, an der Südwand auf dem Fußboden. Es war ein großes, schönes, starkes, nicht mehr ganz junges Mädchen, ein Mädchen mit wundervollem Haar. Lang und golden und blond und aufgelöst war es über die Bretter hingeworfen; es glänzte im Lampenlicht. Die Männer nahmen die Mützen ab, umstanden die Tote im Halbkreis von den Füßen her, der Bauer am Kopfende, und falteten die Hände. Und der Bauer riß die Augen auf. Er sah aus ... bleich sah er aus ... und stier ... und ... entsetzt. »Wie heißt sie?« fragte er Witten. »Anna Offen heißt sie und ist aus ...« Sie nannte das Dorf, wo Konrad die Schule besucht hatte, sie nannte – Dolensdorf. Die Behörde legte die Hand auf den Fall. Es begannen Erhebungen und Ermittelungen und hatten kein Ende und hatten kein Ergebnis. Bei dem Staatsanwalt gab es eine neue Nummer, da gab es neue Akten. Erst waren sie dünn und schlank, die Akten, aber sie nahmen zu und wurden dick und stark. Und sie waren fast immer auf Reisen zwischen Polizei und Staatsanwaltschaft und Gericht und bildeten sich was darauf ein, ein schweres Verbrechen zu behandeln, und fühlten sich wichtig und wohl. Und es verging eine lange Zeit. Allmählich aber versumpfte der Fall. Nun wurden die Akten seßhafter und wanderten in ein Fach, das einen lateinischen Namen führte und für versumpfte oder in Versumpfung begriffene Fälle bestimmt war. Da lagen sie nun mit ihren schönen Protokollen. Es war wirklich schade, daß sie so selten gelesen wurden. Denn es gab gewiß wenig Aktenhefte, die von mehr Arbeit und Mühe erzählten und interessantere Fälle behandelten. Als die Tat geschehen war... wie lugte sie umher, die gute Obrigkeit! – Konrad Ruhsert? ... Man dachte wohl an ihn, es gingen auch namenlose, vorsichtige Andeutungen enthaltende Schreiben ein – aber das war doch wohl gefehlt. Der Täter hatte Holzstiefel angehabt, und Konrad hatte gar keine. Der Täter war von Süden gekommen, und Konrad wohnte im Norden. Konrad galt zwar als ein sonderbarer, aber doch als ehrbarer Mann, bei ihm konnte man sich der Tat nicht versehen. Durch die Kuhstalltür war der Täter gekommen und hatte auf demselben Wege das Haus verlassen. Die großen Holzstiefel hin und zurück konnte man im klebrigen Novemberboden auf der Landstraße durch den Wald bis zu der Stelle verfolgen, wo ein wilder Fußsteig über feste Koppeln nach dem nächsten Dorfe führt. Der leere Blechkasten war im Knick aufgefunden; von dem Inhalt ist niemals wieder was entdeckt worden. Man suchte die ganze Gegend nach verdächtigen Personen ab. Die Herbergen, die Paß- und Heimatlosen, die von der Straße, die Wanderer, die nichts hatten und nicht wußten, wo sie ihr Haupt hinlegen sollten, hatten böse Zeiten. Viele, wurden verhaftet, viele, die sonst frei und ungehindert ihre Bettelpfennige und Brosamen vor den Türen aufgesammelt hatten, wurden, wenn auch ein Zusammenhang mit dem Morde nicht zu entdecken war, wenigstens wegen Bettelns und Landstreichens dem Gericht vorgeführt. Und selbst für Einheimische hatte der Fall Unannehmlichkeiten. Viele arme Schlucker, gegen die weiter nichts vorlag, als daß sie das, was die Verlehntsfrau im Kasten gehabt hatte, gut gebrauchen konnten, mußten sichs gefallen lassen auf die Polizei geladen und vernommen zu werden. Einmal, zweimal hatte es den Anschein, als ob man etwas Festes in der Hand habe. Aber es ging immer fehl. Schließlich glaubte die Behörde selbst nicht mehr, daß noch was herauskommen werde. Der Fall fing an zu versumpfen, der Rost der Zeit legte sich auf die Akten.   Was ist die Zeit? Weise sagen: Sie ist garnicht. Aber dem Sekretär, der die Akten bewacht, rupft sie die Haare aus und die Akten bedeckt sie mit Staub. Wenn man die Bandknoten der Aktenbündel löst, federn die Deckel, und wie Seufzen von Mutter Themis geht es durch der Kanzlei geheiligte Räume. Der Sekretär (als die letzten Haare auszugehen drohten, kam wie zum Ersatz der Kanzleirattitel) führt Kalender und Register, alle nett und schön und volltönig lateinisch benannt. Alle Jahre stand auch unser Fall darin. Alle Jahre wurden die Akten hervorgekramt; einmal wurde eine Belohnung ausgesetzt, einmal ein Geheimpolizist entsandt. Die Zeit geht weiter... Die Jahreskalender machen schon einen ganzen Berg aus, zum letzten mal eine schöne lateinische Verfügung: Repon. acta! Nun sind die Akten im Ruhestand. Im abgelegenen Raum auf einem alten groben Eichenständer, da harren sie der Stampfmühle, da harren sie der Vernichtung und ... Auferstehung. Wartet nur, vergilbte Blätter, juristischer Weisheit voll! Einstmals werdet ihr wieder rein und fleckenlos sein, vielleicht würdigt ein Dichter euch gar der Aufnahme seines Schmerzes, der Aufnahme seiner Lust. Von dem Hof wich selbst im Sommer kaum der Geruch von Wasserdampf. Kehrte aber der Nebelmonat ein, dann erstarrten die kahlen, verwitterten Eichen in wortloser Klage; in weinenden Liedern zerflossen die weichlichen Linden. Die alte Frau im Verlehntshaus war gestorben; Konrad trug seine Maske mit dem Ansehen und mit dem Aussehen eines Ehrbaren. Der Wirtschaft ist er müde geworden, seinen Hof hat er an einen Sohn seines Vaterbruders abgetreten. Das Verlehntshaus war frei, er zog aber nicht hinein. »Das ist ihm nicht zu verdenken«, sagten die Leute. »Im Mörderhaus kann einem grausen.« Konrad Ruhsert wohnt im Dorf, das verrufene Schröderhaus ist an Peter Lange abgetreten, denselben, der in der Schule den Bakel um die Frucht seiner Arbeit betrog. In dem Mörderhaus wird Gast- und Schenkwirtschaft betrieben, da wird Kümmel und Bier verzehrt. Und Peter Lange weiß nichts von Grausen.   Der Alte reckt seine Gestalt noch immer lang und gerade, sein Haar ist noch voll, aber es ist weiß. Wer denkt daran, wie braun es einstmals gewesen ist? Sein Gesicht... aber was ist von seinem Gesicht zu reden – das, was man sieht, was er zeigt, ist nicht das wahre... Konrad Ruhserts kleine Augensterne sind noch kleiner geworden, weiß und flackernd liegen seine Augen in tiefen Höhlen. Er schweigt. Dreißig Jahre schweigt er. Aber die Wände um ihn herum fangen zu reden an. Was haben die jungen, aus Mörtel und Stein gefügten Wände mit der alten, verschimmelten, mit der vergessenen Tat zu tun? Was haben sie zu reden, für und für, von der Nacht, von der einen, der grausigen Nacht, von der einen, der fürchterlichen, der grauenhaften Tat? Ihr Wände aus Mörtel und Lehm, Mauern wollt ihr sein, fest wollt ihr sein und könnt nicht der Schatten wehren? Sie konnten es nicht. Wenn Dämmerung regnete, wenn die Nebelfrau umging, dann kam sie, an die der Herr der Wände dachte... dann war die Gemordete da. ›Conrad, laß die Hand von meinem Hals! Küsse mich! Laß den Hals! Ich fürchte mich vor deinen großen Fäusten.‹ ›Ich habe dich gemordet.‹ ›Das hast du. Aber schlimmer ist: du mordest, du tötest Tag für Tag deine Seele. Ein Unwahrer bist du, ein Lügner, ein Falscher, ein Gottverächter. Mit deiner gemordeten Seele bist du – ein dreimal Verstockter.‹ ›Ein dreimal Verstockter.‹ ›Wenn du nur Mut hättest, der Welt dein wahres Gesicht zu weisen, zu zeigen, was für Kummer deine Seele trägt! Ja, könntest du nur mal weinen... weinen über die Qual, die deine Seele täglich leidet! Vielleicht wäre noch Rettung möglich.‹   Es dämmerte, es war beinahe dunkel, da schreckte ihn eine Stimme auf. »Was zu schleifen?« fragte ein heller Ton in der Küche. Er kannte die Stimme. »Was, Grete, so spät?« kam die Frage der Haushälterin zurück. »Ja«, erwiderte die Angeredete, »Vater wills in Ordnung machen. Er ist bei Peter Lange. Ich brings morgen zurück.« Eine Kinderstimme. »Vater«, wiederholte sie wichtig, »will nach Reher und Osterstedt und Borstet, und ich soll bei Lange bleiben.« Der Alte kannte die Stimme, es war sein Fleisch und Blut. Nicht seine Tochter (es jährte sich die Tat jetzt ja dreißig mal), es war die Tochter des von der ermordeten Anna Offen, wie die Welt sagte, in Sünde geborenen Kindes. Eine heiße Sehnsucht nach seiner Enkeltochter überkam den Alten. Ihm war, als ob sie seine Schuld lösen könne. Er wollte rufen: »Laß sie hereinkommen!« Aber er konnte nicht. Er hörte, wie man in der Küche schaffte, es wurde Licht gemacht. Die Haushälterin ging mit der Lampe von der Küche auf die Diele. Durch das Guckfenster, das bei der Stubentür angebracht war, fiel Helle. Sie lief über die Wände, zeigte die Bilder, die Blumentöpfe, das Sofa und blieb dicht am Fenster stehen. Man hatte die Lampe auf eine Lade gestellt. Und auf der Diele rasselte es mit Scheren und Messern. Nun war es Zeit zu rufen, Konrad wollte rufen ... aber kein Ton kam über seine Lippen. Grete hatte ihre Scheren und Messer. Sie ging ... sie sagte »Gute Nacht« und schlug die Tür hinter sich zu. Der Alte wollte rufen, konnte aber nicht. Er hörte ihre Schritte durch den Garten, die Gartenpforte schlug an den Pfahl. Nun war es zu spät, nun erreichte sein Ruf sie nicht mehr. Wieder fing das Licht zu wandern an, die Schritte der Trägerin kamen näher, die Tür öffnete sich, die Wirtschafterin stand mit heller Lampe im Türrahmen. »Es wird Zeit«, sagte sie, »Martinitag schummert man bis fünf. Dann gibts Licht, dann wirds hell. Zu Haus verhielt Mutter es auch so.« Um acht Uhr brachte sie Abendbrot, es war später als sonst; sie wollte sich entschuldigen, kam aber nicht dazu. Denn, was sie wahrnahm, war zu wunderlich: der verschlossene, harte Mann saß und schluchzte und weinte.   Früh am Tage nahm er seinen Stock. Wenn er seinen Stock nahm, handelte es sich um lange Märsche. »Es kann spät werden«, sagte er. »Ich nehme den Schlüssel mit, stell Milch und Brot zurecht und geh schlafen!« Man hat ihm nichts Besonderes angesehn. Fest und grade ging er dahin. In Peter Langes Wirtschaft ist er eingekehrt. Bei seinem Eintritt hat die kleine Grete eben aus geballter roter kleiner Faust vier Groschen auf den Tisch fallen lassen. »Wenns nicht genug ist, Vater will zahlen«, hat das Mädchen gesagt. »Sie will bis morgen bleiben«, hat Peter erklärt. »Es sind fahrende Leute, aber ehrlich. – Ja, Grete«, hat er sich an das Kind gewendet, »kannst bleiben. Geh man hin und trink Milch!« Peter Lange und seine Frau haben es nachher allen Leuten erzählt, wie der alte Mann nett und so ganz anders als sonst gewesen ist. Er hat sich an den Tisch gesetzt und hat das kleine Mädchen an der Hand gefaßt und zu sich, herangezogen. »Magst Zwieback, wollen wir mal sehen, ob Mutter Lange Zwieback hat?« Über Kopf und Haare hat er das kleine, hübsche, schmutzige Ding gestreichelt und es unter das Kinn gefaßt. »Schönes Haar«, hat er gesagt, »obs wohl so gelb bleibt?« – »Ich will braunes Haar haben«, hat das kleine, kecke Ding gesagt, »meine Mutter hat auch braunes gehabt.« – »Ja, Grete«, hat er gesagt, »du gewinnst eher das große Los, als daß du braunes Haar kriegst. Deine Haare sind mir aber ganz recht. Die sind gut, die sollen so bleiben.« Dann hat er das Kind wieder unter das Kinn gefaßt: »Was hast du denn eigentlich für Augen, kleiner Schelm? Laß mich mal hineinsehn!« Schließlich hat er ihr einen Taler gegeben: »Den soll Vater haben, dafür soll er dir was zu Weihnachten kaufen.« Das kleine Mädchen ist fortgesprungen, der Alte hat noch einige Zeit heiter und aufgeräumt mit Peter und seiner Frau über deren Verhältnisse gesprochen. Schulden hatte Peter auf seiner Wirtschaft nicht, und Ruhsert hat ihn tüchtig rausgestrichen, wie weit er es als Taglöhnerkind gebracht habe. »Peter«, hat er gefragt, »wie hoch stehst in der Brandkasse?« »Fünf Tausend«, hat Peter geantwortet. »Eine Tonne Land – macht sechs Tausend. Du, Peter, wenn ich acht gebe, darf ich dann alles haben?« So hat Ruhsert gefragt. Wie spaßig er doch gewesen ist! »Das darfst du.« »Mit allem, was drin ist?« »Mit allem, was drin ist.« »Darf ichs auch aufbrennen?« »Auch aufbrennen, ja, wenn die Polizei nichts dagegen hat.« Ruhsert hat ein Streichholz in Brand gesetzt. »Anzünden und aufbrennen, wie das hier?« Peter hat laut gelacht: »Ja, ja!« »Abgemacht!« ... Peter begleitete seinen Gast hinaus. Der stand draußen still und sah zum Strohdach hinauf. »Was ist das?« fragte er. Peter konnte nichts sehen. »Das da, meine ich.« Vor dem Eulenloch schwebte ein feiner Nebel. »Das Blaue! Ist es Rauch?« Ruhsert sah den Wirt voll an. »Dein Schornstein ist doch dicht?« »Spaß!« erwiderte Peter. »Ich meine wirklich, du solltest nachsehen.« »A, mach einen nur nicht bang!« Peter beschattete seine Augen. »Es ist Daak. Nein, Konrad, das ist nichts.«   Konrad Ruhsert hat in der Stadt erst seinen Notar aufgesucht. Dort sind lange Verhandlungen aufgenommen worden. Dann hat er nach der Staatsanwaltschaft gefragt und sich dort beim Sekretär gemeldet. Der alte Kanzleirat hatte mit den laufenden Strafsachen genug zu tun und liebte es nicht, mit zurückgelegten und erledigten (das heißt in seinem Register erledigten) Sachen belästigt zu werden. Er wurde etwas verdrießlich, als Ruhsert von der ›alten Scharteke‹ zu sprechen anfing und eine Erklärung abgeben wollte. Verdrießlich ging der Kanzleirat nach dem Aktenraum, verdrießlich kam er zurück, verdrießlich legte er ein Bündel auf den Tisch. Eine Staubwolke modernder Vergangenheit erhob sich. Der Beamte faßte die Blätter wie mit der Zange, fing aber an, hier eine Seite und dort eine Seite zu lesen. Es war ihm um jede Minute schade, das sah man seinem Gesicht an. Und schließlich sagte er es: »Was Sie auch vorzubringen haben, es ist alles einerlei, alles unnütz. Die Tat ist verjährt. Da ist nichts mehr zu machen.« »Verjährt?« Das verstand Konrad nicht, das überhörte er. Und wenn er es auch verstanden hätte, er hätte es für unmöglich gehalten, daß man ihn zurückweise, wenn er mit einem Schuldbekenntnis erschien, wenn er bereit war, seine Sünden abzubüßen. »Herr Kanzleirat, es tut mir leid, wenn ich Ihnen ungelegen komme. Was ich zu sagen habe, ist bald gesagt. Ich bitte um meine Verhaftung, ich war es, ich habe das Mädchen getötet.« Der Kanzleirat konnte nur die Hände über den Kopf zusammenschlagen. »Ruhsert«, rief er, »sind Sie bei Trost? Sie, der ehrliche, achtbare, der wohlhabende große Bauer Haben Sie Ihre Sinne beisammen?« »Ich bin bei gesunder Vernunft, vernehmen Sie mich! Sie werden sehen, daß alles stimmt, daß Sie mich nicht loswerden. Ich will das, was mir zukommt, meine Strafe.« Der alte Herr sah den Sprecher an. Nun war er ihm viel interessanter als vor einer Viertelstunde. Aber es war das Interesse, das der Unheimliche, der Verruchte, erregt. Und er fing an, einen Bogen zu falten. Bei der Wichtigkeit wollte er den Vorgang protokollieren. Er nahm eine Verhandlung auf, worin Ruhsert mit allen Einzelheiten bekannte. Dann gingen beide in das Arbeitszimmer des Chefs des ersten Staatsanwaltes. Der sollte entscheiden. Der Staatsanwalt (der genaue Titel war Erster Staatsanwalt) war ein neuer, hier erst ein Jahr im Amt. Persönlich kannte er Ruhsert gar nicht, und von der Tat hörte er zum ersten mal. Er hatte sichs längst zur Gewohnheit gemacht, gegen nicht juristische Affekte gewappnet zu sein. Er hatte daher keine Rührung und keine Verwunderung zu bekämpfen und kam gleich auf die Sache. Er hörte den Vortrag seines Sekretärs, las das Protokoll, klemmte ein Augenglas ein, strich sich den Bart und schmunzelte und sagte: »Die Tat ist wirklich verjährt. Ich kann Ihnen nicht den Gefallen tun, Sie zu verhaften. Ihr Geständnis entbehrt jedes rechtlichen Interesses.« »Aber, Herr Staatsanwalt, ich kann doch meine Strafe verlangen?« Ruhsert war über die Eröffnung verstört, er faßte sie nicht. Der Staatsanwalt mochte gerne belehren. Er war kein übler Mann, gehörte aber zu den Juristen, in deren Herzen ein geheimer Triumph aufjauchzt, wenn das formale Recht zu Ergebnissen gelangt, die die Laienwelt verdutzt. Der freie Gedankenflug der juristischen Dialektik beseelte ihn mit einem Hochgefühl, wie es der Luftschiffer haben mag, der die Alpen überfliegt. Das Bedauern, daß eine Gesetzesverletzung nicht ihre formelle Sühne finde, war ihm, als Vertreter der öffentlichen Anklage, selbstverständlich nicht fremd, er kam aber mit seiner Gondel leicht darüber hinweg. Das Gesetz betrachtet eine verjährte Tat als im Gedächtnis des Volkes ausgewischt (es ist Gras darüber gewachsen); das Gesetz will eine Strafe nicht mehr; es mißbilligt das Bedauern das sich in des Staatsanwalts Juristenseele einschleichen will. Das kluge Monokelauge, das den alten Verbrecher ansah, wollte anfangs finster und empört blicken. Konrad Ruhsert stand aber der Strafverjährung gegenüber so rat- und hilflos da, daß die Freude am Belehren mit dem Staatsanwalt durchging. Die rechte Hand und der Zeigefinger wiesen dem Verlehntsmann alles nach. »Sehen Sie, Ruge ... Ruge heißen Sie doch?... Nicht Ruge ... nun, das ist einerlei, das tut nichts zur Sache...« Unserm Ruhsert wurde alles so faßlich dargelegt, wie es dem Staatsanwalt möglich war. Der Erste Staatsanwalt sah dem Bauern triumphierend ins Gesicht. »Das verstehe ich nicht«, erwiderte der. Er verstand wirklich von den gelehrten Ausführungen nichts. »Wenn ich nun aber komme«, fuhr er fort, »und bekenne und meine Strafe haben will... eine schwere Strafe...« (»damit meine Seele genese«, setzte er leise hinzu), »dann müssen Sie mich doch in Haft nehmen!« »Ja, ja, so urteilen Sie. Das ist aber nicht richtig. Wir müssen nicht allein nicht, wir dürfen nicht einmal. Sehen Sie, hier stehts.« Konrad Ruhsert wurde nichts erspart, nicht das Strafgesetzbuch, nicht der Paragraph 214, nicht der Paragraph 67, nicht die Lehre von der Unterbrechung der Verjährung... »In zwanzig Jahren war die Tat verjährt, jetzt sinds neunundzwanzig. Nun ist es zu spät, nun müssen Sie sich darin finden.« »Herr Staatsanwalt! Ich verstehe nichts von Gesetzen. Aber ich meine doch ... meine Seele...« »Ihre Seele?« Der Staatsanwalt lächelte, sein Augenglas fiel auf die Weste. »Mein lieber Mann! Ihre Seele geht uns Juristen nichts an. Wir wissen nicht, was das ist ... Seele!« Da stand nun Ruhsert mit seiner drangvollen Seele. Viele Jahre hatte die Obrigkeit auf ihn gefahndet; nun meldete er sich, da wies man ihn zurück. Er wollte das Schwerste leiden, um Frieden mit seiner Seele zu machen, und die Obrigkeit kannte die Seele nicht, wußte gar nicht, was sie war. Wäre ihm nicht so unendlich friedlos und traurig zu Mute gewesen, er hätte lachen mögen, als er die Stiege hinunterschritt. »Was soll ich anfangen?« fragte sich Konrad Ruhsert... »Muß ich ein zweites Verbrechen begehen? Dem Peter Lange die acht Tausend hinzahlen, wäre eine rechte Bußtat für meine Finger... Und dann alles in Flammen! Einsam genug liegt es, daß niemand geschädigt wird. Gnädiger Gott, zeig mir einen anderen Weg zur Sühne!«   Der Tag ging zu Ende. Bei Peter Lange im einsamen Krug waren keine Gäste und auch keine mehr zu erwarten, still und einsam war es bei Peter Lange. Die Herdflamme beleuchtete vom Küchenfenster her den trostlos zerklüfteten und doch unverwüstlich treibenden Holunderstumpf und seine jungen Schößlinge. Unter ihnen auf hartem Stein saß die Nebelfrau. Grau war ihr Gewand, und ihr Gesicht in grauen Nebelhänden vergraben. Sie weinte. Sie war etwas gefragt worden und hatte die Antwort nicht gewußt. Die bedrückende, die riesengroße Stille war vor sie hingetreten und hatte Antwort geheischt: Was ist die Welt und was das Leben? Die Arme hatte den Wald angesehen ... stumm stand er und starr. Sie hatte nach den Wiesen hinuntergerufen... kein Laut. Niemand hatte sagen können, was die Welt und was das Leben ist. Nun kann sie sich vor Wehmut nicht fassen, nun hat sie sich unter den Totenbaum gesetzt, hat ihr Haupt verhüllt. Nun sitzt sie und – weint.   »Summ, summ!« surrte die Einsamkeit. Sie lag bei Peter Lange am Schornstein im Stroh. »Knick, knack!« entgegnete ein Funke. Er war in den Morgenstunden aus einem Schornsteinriß in den Torf gesprungen. Erst lag er im trockenen, zerkrümelten – da ging es ihm ganz gut, da war er im Haufen eine Art Licht, das blauen Rauch blies, einen dünnen blauen Faden sogar zum Eulenloch hinaus. Es war ein ganz nettes Stück, in das er sich hineingefressen hatte; gegen Mittag kam er aber an eine Stelle, die nicht so trocken war. Da wurde er klein und konnte lange Zeit nicht leben und nicht sterben. Am Abend ging man mit der kleinen Grete hinauf, ihr in der Kammer ein Bett zu machen. Dabei fiel ein bißchen Stroh auf den Torfhaufen, wo der Funke um sein Dasein kämpfte. Nun ging es ihm besser. »Knick, knack«, sagte der Funke. »Summ, summ«, antwortete die Einsamkeit.   Es ist spät. Der kleine Funke ist ein großes Feuer geworden. Das Haus steht in Flammen und leuchtet in den Nebel hinein. Der Stein unter dem Holunder ist leer. Der Feuerschein liegt, vom Dorf aus gesehen, auf den Baumspitzen ... Bum ... bum ... dumpf und schwer ... läuten die Glocken. Die Langes und noch einige Männer (es sind Leute vom Hof), die retten. Eine rote Lade, eine Schatulle werden hinaus getragen. Noch steht das Dach. Koffer, Kommoden, Betten, Hausgerät kommen kopfüber aus dem Fenster; die Kühe sind ins Freie getrieben, ein sich sperrendes, schreiendes Schwein wird an Ohren und Schweif herausgeschleift. Noch steht das Dach. Noch kann man schaffen. Wenn es prasselnd heruntergeht, wenn die Weiden, die es an Latten und Sparren binden, durchgebrannt sind, dann ist es vorbei. Dann bildet es eine feurige, zwischen Haus und Rettern aufgerichtete Wand. Was ist das? Welch grauses Entsetzen hat die harten, wetterfesten Menschen gepackt? Was Furchtbares hat man entdeckt? Ein Schrei ... ein Kindesschrei! Es ist ein Mensch im brennenden Haus. Man hat – in der Hast, im Trubel ist es geschehen – man hat nicht an das Scherenschleiferkind gedacht. Hinauf! Hinauf! Noch steht das Dach. Peter will in das brennende Haus, die Treppe hinauf ... Da, es ist schrecklich, das Dach setzt sich in Bewegung. Hätte man ihn nicht zurückgerissen, er wäre unter den brennenden Trümmern begraben worden. Fürchterlich, ein Kind lebendig verbrennen! Es schreien hören und nicht helfen können! Das wird ihr Leben lang für Peter und seine Frau ein Druck, in ihrer Todesstunde ein Grauen sein. Ihnen war das junge Leben anvertraut, sie haben an Hab und Gut gedacht, aber das Kind vergessen. Ist keine Möglichkeit? Es gibt keine. Freilich, die Kammer steht noch, sie ist von einer Lehmdecke geschützt. Aber lange kann es nicht mehr dauern, dann stürzen die Sparren. Dann bricht der Fußboden. Dann stürzt alles zusammen. Und man kann nicht hin! Das Geschrei, das Jammern und Flehen, das Weinen und Flehen um Rettung ... Das Knistern und Singen der Flammen! Den harten Männer, die so gerne helfen möchten und nicht helfen können, wird weich ums Herz. Durch das Feuer kann keiner. Sie können nur die Hände falten ... Es muß ein Wunder geschehen. Ein Wunder? Wer ist der alte Mann, und woher kam er? Grade und groß und aufrecht! Wie funkelt es im kleinen Auge! Wie fliegt das weiße Haar! Wer ist der? Ist das der Retter? »Hurra, es ist Konrad Ruhsert, der alte Konrad! Als Knabe schon erschlug er einen tollen Hund.« »Platz da!« Er trieft von Wasser und Morast. Er hat sich in dem tiefen Graben, der sich am Garten hinzieht, gewälzt. Die Leine aus dem Schuppen hat er um den Leib gerollt, eine Leiter schwingt er in den Händen. Was will er, was hat er im Sinn? »Platz da!« »Es geht nicht, Ruhsert! Tu es nicht! Das heißt Gott versuchen.« »Ich darf ihn versuchen.« »Platz da!« Er stieg im Funkenregen hinauf. Wären seine Kleider nicht voll Wasser und Schmutz gewesen, die Flammen hätten ihn gar nicht hinausgelassen. Mit Grausen verfolgen die unten Gebliebenen die kühne Tat. Es war eine Art Erlösung, als er ins Fenster hineinstieg; ein Freudenschrei begrüßte das Kind, als er es zum Fenster hinausschob. Er hatte ihm die Leine um den Leib gebunden. Nun schwebte es herab. Nicht unversehrt, aber auch nicht wesentlich verletzt, wurde es von den Männern aufgefangen. In der Gegend ist nachher viel darüber gesprochen worden, wie verkehrt man alles angefangen habe, und wie man es hätte anfangen müssen, auch den Retter zu retten. Die Kleine hat drei Wochen im Krankenhaus gelegen und ist vollständig genesen – den Retter hat man nicht wieder gesehen. Wollte er sterben? Das am Boden liegende Strohdach hatte sich mehr und mehr in sich verzehrt, man hatte es mit Feuerhaken auseinandergerissen, man hatte die Hitze mit Wasser gedämpft. Eine neue Leiter war herbeigeschafft worden, etwas kurz zwar, aber doch zur Not ausreichend. Rettung wäre möglich gewesen. Wenn er sich nur am Fenster gezeigt hätte! Man hat gewartet ... zwei lange Minuten hat man gewartet ... er ist nicht gekommen ... Noch eine ... eine entsetzliche Minute! Die Katastrophe mußte jeden Augenblick eintreten ... Da ist denn auch das Grausige geschehen. Die Sparren sind gestürzt, die Decken der Kammer – oben und unten sind sie gewichen, der ganze Aufbau hat sich langsam geneigt, die Trümmer sind donnernd herabgestürzt und haben den Retter unter sich begraben. Das Haus ist wieder aufgebaut worden – mit Pappdach und Kniestock ist es wieder aufgebaut worden, nach des Eigners und der ganzen Gegend Meinung viel schöner, nach anderer Ansicht nüchterner und häßlicher. Aus der Asche stieg aber doch ein Phönix, er flog zu Scherenschleifers Grete. Der Alte hat Recht behalten: sie hat noch immer blondes Haar, aber eine Art großes Los hat sie gezogen. In den Erklärungen, die ihr Großvater vor dem Notar abgegeben, war von großen Schenkungen an die unmündige Grete Ochsen, Tochter des Schleifers Bendix Ochsen in der Donnerharde, die Rede. Über die Gültigkeit dieser Verfügung brauchte sich niemand den Kopf zu zerbrechen, denn Konrad Ruhsert hatte die Grete zugleich als Universalerbin seines Nachlasses eingesetzt. Wir bleiben bei unserer Meinung: Kniestock und Pappdach fügen sich schlecht in die Melancholie des Platzes; mit dem Strohdach ist ein Hauptteil der Poesie des alten Hauses dahin. Aber einsam ist es noch immer allda. Wenn die Novemberabende kommen, wenn die Stille der Landschaft aus den Mooren heraufsteigt, die alte ungelöste Frage im Antlitz, dann sitzt die graue Frau unter dem Totenbaum auf dem Stein und schluchzt in ihre schemenhaften Hände hinein. Sie weiß nicht, was die Welt und was das Leben ist. Ein schlechter Mensch Was half es, daß alle Leute sagten, er sei der Stärkste im Dorf – setzten sie doch gleich hinzu, er sei auch der Beste und Gutmütigste. Denn in der ihm zugeschriebenen Gutmütigkeit entdeckte er das Hemmnis, das ihn im Leben bei manchen Sachen, bei allen Wettläufen zumal, nicht so zur Geltung kommen ließ, wie es ihm sonst wohl geglückt wäre und er bei Anderen sah. Sie trug ihm wohl Liebe und Freundlichkeit ein, minderte aber seines Dafürhaltens den Respekt, den er verlangen konnte. Er mußte zugeben, daß was dran sei, was die Leute sagten, daß er am letzten Ende keinem weh tun konnte, auch dann nicht, wenn er mal aufbrauste und im Begriff schien, alles vor sich niederzustoßen. Aber ganz konnte er sich von der Richtigkeit des Urteils nicht überzeugen. Scheinen mochte es so, mehr als Schein war es aber doch nicht. Die erste Innenschicht seines Wesens mochte richtig eingeschätzt sein, der letzte Kern aber, so meinte er, sei nichts als Glut und Feuer und Tat. Er war kein Büchermensch und kein Gelehrter, sonst hätte er das Bild eines unter dem Aschenkegel schlummernden Vulkans zu Ende gedacht. Aber die Welt hatte doch wohl recht, wenn sie ihn gutmütig nannte. Wo wäre sonst wohl ein Mann dieser Kraft zu finden gewesen, der ein Mädchen immer weiterliebte wie Anna Schlüter, die mit einem andern schön tat, obgleich sie seinen Verlobungsring am Finger trug? Wie war es möglich? Wie konnte der starke Klaus Kipp so töricht sein? Ja, fragt lieber: wie konnte die Natur es verantworten, einen so hübschen braunen Kopf auf das Gehäuse einer so leichtfertigen Mädchenseele zu setzen? Oder fragt: wie konnte der starke Mann so ganz dem Zauber von zwei weichen Mädchenlippen erliegen, die sich (zum ersten mal war es in Johann Krischan Hebbels Weidenhecke geschehen) auf seinen Mund gelegt hatten, dem Reiz der beiden Mädchenarme, die ihn in Johann Krischan Hebbels Weidenhecke umhalst hatten? Denn das war kein Trugbild, in Johann Krischan Hebbels Weidenheckengang war es gewesen. Da hatte sie, als er um ihre Liebe bat, ihm an Hals und Mund gehangen, dort hatte sie ihm ewige Treue gelobt. Ein großer Stein lag, wo das geschah, hart am Wagengeleise, ein Stein, den kein Mann bewegen konnte, so groß und rund und schwer war er. Seine Geliebte aber sagte zu Klaus: »Heb den Stein, ich will den stärksten Mann haben, den es gibt!« Da ging er hin, rüttelte den Koloß aus seiner Lage und hob ihn eine Elle hoch und trug ihn mit beiden Händen nach dem Graben, aus dem der Knick ausgehoben war, und warf ihn hinein. Und Anna, ganz außer sich, jauchzte: »Was krieg ich für einen starken Mann!« Und wie sie das sagte, kam der alte Trotz, das alte Aufbäumen in ihm auf, vielleicht auch die Ahnung, daß es ganz gut sei, seiner leichtblütigen Braut zu bedeuten, wie doch auch mal seine Gutmütigkeit ein Ende finden könne. Daher sagte er, als er wieder an ihrer Seite stand: »Diese Arme und diese Fäuste sollen über jeden kommen, der sich zwischen uns stellen will.« Das Mädchen erkannte nicht, was er damit sagen wollte, sie hörte kaum hin, flog wieder an seinen Hals und rief: »Wat krieg ik förn starken Kerl!« Damals stand Friedrich Volkens Nebenbuhlerschaft noch nicht in Frage, Klaus Kipp war eine gute Partie, und Anna Schlüter war froh, daß sie ihn hatte. Er hatte als Knecht gedient, seinen Lohn gespart und für seine Ersparnisse das wilde Heide- und Moorland erworben, das an dem hohen Koppelland der Dorfschaft nach den Wiesen hin abfällt. Die Heide hatte er urbar gemacht, zweimal schon hatte sie ihm Buchweizen getragen. An der Seite des neuen Ackers lagen freilich noch große, runde Steine. Klaus hatte sie aus dem Boden herausgearbeitet und einstweilen an den Rand des Feldes gerollt, sie später ganz fortzuschaffen. Das dahinter liegende Moorland hatte er durch tiefe Gräben trocken gelegt; noch ein Jahr, und der Wind wird auch dort Wellen in gelben Ähren schlagen. Kam man den Weg vom Dorfe, dann sah man die großen weißen Findlinge im Buchweizenfelde vor sich. Und sie lagen dick und schwer vor dem Beschauer, als wollten sie sagen: »Bis hierher hat er uns gekriegt, wollen schauen, ob er sich getraut, uns noch weiter zu bringen.« Als der Hufner Hans Busch seinen Stall zum Abbruch verkaufte, war Klaus Kipp der Käufer und baute daraus seine Kate am oberen Ende des Buchweizenfeldes auf. ›Was ist er für ein starker Mann, wie wird er seine Frau, wenn er eine so gute bekommt, wie er verdient, wie wird er sie durchs Leben tragen! Schade, daß sie Anna Schlüter heißt.‹ So sprach das Dorf. Und er selbst dachte: ›Das Heim ist fertig, Tischler und Zimmerer und Maler sind weggegangen, der Hof ist gepflastert; vor der Hand hat die Mutter alles zum Empfang hergerichtet. Nun komm, Erwählte meines Herzens! Nun darfst du für und für in meinen starken Armen ruhen!‹ Aber .. aber .. Wenn er sichs auch noch nicht gestand, ganz leise kam die Ahnung, daß er auf Sand gebaut habe und daß der Baugrund seines Glückes sich zu lockern beginne. Und wenn er auch die Augen zumachte und nichts hören wollte, im Grunde traute er schon damals nicht mehr seinem Glück. Friedrich Volkens Nebenbuhlerschaft war aufgetaucht. Friedrich Volkens, Sohn eines großen Bauern, begann sich um Klaus Kipps Braut mehr als nötig war zu mühen. In den Stunden der Selbsterkenntnis schätzte Klaus Kipp sich schon damals als Bären ein, der nur so lange am Seil geführt werde, bis der andere bereit sei, anstatt seiner den Ring zu tragen. Meistens wollte Klaus es aber auch jetzt noch nicht sehen. ›Komm, Geliebte meiner Seele, meine starken Arme sollen die Diener deines Willens sein!‹ Aber eines Abends, als er mit Schaufel und Spaten von der Arbeit heimkehrte, kam ihm aus der Tür seines Hauses anstatt seines jungen Glücks eine alte Frau entgegen. Es war seine Mutter, sie führte ihm den Hausstand. Sie zeigte ein ernstes Gesicht, und den großen Sohn faßte sie an der Hand. »Ich habe dir böse Briefe zu bringen«, sagte sie. »Es wird dich betrüben. Aber wer weiß, vielleicht meint der liebe Gott es gerade darin gut mit dir.« Sie standen an der Hauswand vor der Bank, worauf sie an schönen Sommerabenden zu sitzen pflegten. Klaus Kipp nahm Schaufel und Spaten von der Schulter und trug sie schweigend in den Stall. Er war ein großer Mann, von lässigem Herkulesbau, mit lichtbraunem Haar, breitem, ruhigem Gesicht. Es war aber um einen Ton bleicher, als er Spaten und Schaufel, die er im Kleigraben gebraucht hatte, wegtrug. Als er zurückkehrte, fand er die Mutter noch am alten Platz. Und er schien ganz ruhig zu sein. »Anna war hier?« fragte er. »Ja« »Sie hat die Zeit abgepaßt, wo sie mich auf Arbeit wußte.« »Das hat sie wohl.« »Sie will nicht mehr, gibt mir den Laufpaß?« Als er das fragte, lief doch ein leises Zittern durch seine Stimme. »Ja«, erwiderte die alte Frau. »Sie meint, ihr paßtet nicht zu einander.« Klaus Kipp schlug eine leise Lache an. Aber der Ton sagte, daß es nicht das Lachen der Überlegenheit sei. »Sie hat ein bißchen viel Zeit gebraucht, das einzusehen. Sie will Friedrich Volkens lieber. Ist es nicht so, Mutter?« »Sie sagt, das passe besser, und sie habe sich mit ihm versprochen.« »Ja, Mutter, da hast du recht, das sind böse Briefe.« Die Alte fuhr mit der Hand über das Gesicht ihres Sohnes. »Wer weiß, Klaus, wozu es gut ist.« »Ich will es mal überdenken«, erwiderte dieser. »Laß mich hier draußen ein bißchen sitzen. Es steht so schönes Abendrot am Himmel, und Sterne kommen auf. Will mal bei Abendrot und Sternenschein überdenken, wie ich die Medizin vertrage.« Er saß lange vor der Tür auf der Bank, unbedeckten Hauptes (bei der Arbeit trug er selten etwas auf dem Kopf), die großen schweren Kleigrabenstiefel an den Füßen. Ein Riese. Er sah anfangs ins Abendrot, dann in die Dunkelheit, sah in die Einsamkeit und sah auf die blanken Steine, die, vom Tageslicht gesättigt, noch immer einen hellen Schein abgaben. Und sann und sann, wußte nicht gleich, worüber, sann erst im Zickzack, dann etwas stetiger: Er hatte gehört, wer sich zwischen ihn und sein Mädchen gedrängt hatte. Er hatte gelobt, jeden, der das tun würde, zu vernichten, und er dachte: nun mußt du dein Wort einlösen. Er wußte daher, wen er mit seinen großen starken Fäusten erdrosseln müsse. Er hatte es gewissermaßen geschworen, als er den großen Stein hinter Johann Christian Hebbels Weidenknick hob und in den Graben schleuderte. Es tat ihm leid, daß er ein Mörder werden müsse, aber es war doch wohl nicht zu vermeiden. Die Mutter ließ ihn lange in Ruhe. Sie dachte: »Das Ärgste muß er mit sich allein ausmachen, da ist es nicht gut, hineinzureden. Er wird wohl kommen und mit seiner Mutter ein Wort sprechen wollen. Er hat ja auch noch keinen Bissen genossen, der arme Junge. Er wird wohl kommen. Aber er kam nicht. Da rief seine Mutter zum Essen, er aber blieb, wo er war, und schaute in die Weite. Denn das Gewölk fing an, sich zu verteilen, und in dem hellen, durch freie Stellen quellenden Schein vermutete er den Mond. Und das traf zu. Frei und kahl und ruhig und kalt kam der Vollmond hervor. Und die Heide und das Buchweizenfeld füllte er mit Glanz und Licht. Und wie Graupelschnee auf Friedhofplatten lag er auf den Steinen. Schließlich fühlte der Träumer wieder die Mutterhand auf seinem Haar. »Komm rin, Klas«, sagte die Alte. »Hest gar keen Mütz op, un büst natt vun Sweet. Verköhlst di na. Komm rin, Kind!« Er blieb sitzen, die Mutterhand aber, die über sein Gesicht fuhr, merkte, daß er Tränen vergossen habe. Der starke Mann. »Das ist recht, Klaus«, sagte sie, »wein nur mal, das gibt Luft. Die alte Mutter darfs wissen, und sonst sieht es kein Mensch. Will Licht machen«, setzte sie hinzu. Und tat so. Und als der Kerzenschein aus dem Fenster des Stübchens fiel, erhob sich der Starke und ging, nunmehr ein vollständig Gefaßter, in die Stube. Klaus schämte sich seiner Tränen. Und die vielfache Quelle dieser Tränen schoß vor ihm auf. Erstens und zumeist hatte er um seine Liebe geweint und um die große Täuschung seines Lebens. Denn er hatte sie wirklich geliebt, liebte sie wohl noch. Sodann hatte er geweint, weil er nunmehr, wie er gelobt, denjenigen töten mußte, der sich zwischen sie gestellt hatte. Es entsprach das so ganz und gar nicht seiner Natur, aber es ging nicht anders. Und wieder hatte er geweint, weil er wußte, daß doch nichts daraus werde, da seine Gutherzigkeit es nicht zuließ. Und endlich hatte er geweint, weil er nach alledem erkennen mußte, wie viel schwächer er sei als die meisten anderen Menschen, seiner bärenhaften Stärke zum Trotz. Aber zugleich keimte das Gefühl der Erleichterung, der Entlastung in seiner Seele auf. Und als er ganz genau hinmerkte, sah er, daß er sich über seine Gutmütigkeit freute, die kaum eine Gewalttat gegen Andere zuließ. Und wenn auch dadurch das Bewußtsein der Kraft und der gerechten Vergeltung um seine Rechte betrogen wurde: es überwog doch das Glück der Entlastung von einer ihm aufgebürdeten Hamletstat. Und dann wieder Pendelschlag aus entgegengesetzter Richtung: Wie schlecht war doch das Mädchen, an das er seine Liebe verschenkt hatte! Die Mutter hatte recht, der liebe Gott meinte es eigentlich gut mit dieser Prüfung. Wie hatte er nur dazu kommen können, sich so in das falsche Ding zu vergaffen! Das falsche Ding ... Und immer noch fühlte er schneidendes Weh, wenn er sie für immer verloren halten mußte. Wie war es möglich gewesen, daß er sie geliebt? Und wie, daß er sie noch liebte? Denn die letzten Wurzelhäkchen, das fühlte er, waren noch auszugraben. Wie war es möglich! Aber er fing an, die Gründe zu erkennen: wegen ihrer hübschen Larve hatte er ihrer Seele allerlei Vortrefflichkeiten angedichtet. Die Natur kann nicht täuschen, uns nicht betrügen, hatte er gemeint. In Wirklichkeit hatte sie das auch nicht getan. Denn nun besann Klaus sich darauf, daß ihr Auge ihm immer viel zu rund und zu glatt vorgekommen sei, und daß ihr Blick flackernd und unstet gewesen. Jetzt erkannte er ihre eigennützige Seele. Sie war ein Weib, das versorgt sein wollte, und zwar möglichst gut, dabei von der Freude des Lebens mitnehmen wollte, was sich nur fassen ließ. Sie gab Versprechen mit dem inneren Vorbehalt, sie zu halten, wenn es ihr passe, sie aber zu brechen, wenn es ihr anders passe. Dabei forderte sie von ihm unverbrüchliche Treue. Ja, so war sie, und das tat sie, ohne sich ihrer unschuldigen Gewinnsucht und der Verwerflichkeit ihrer Gesinnung bewußt zu sein ... So ganz klar und kahl sah er es wohl nicht, aber es gingen ihm doch die Augen auf. Das ihrer Seele angehängte Flittergold riß er ab; das war nichts als Verfälschung. Als er ins Haus getreten war und die schweren Stiefel abstreifte, sagte er zu seiner Mutter: »Es geht mitunter wunderlich zu in der Welt. Lange habe ich mit jedem Gedanken an ihr gehangen und geglaubt, ich müßte die Welt auf den Kopf stellen, wenn nichts daraus würde. Und nun, da es aus ist, begreife ichs kaum noch. Erst war mir, als ob ich Mord und Totschlag begehen müsse. Und nun, nachdem ichs überdacht habe, seh ich die Sache ganz anders an.« Und wieder lag die Mutterhand auf seinem Scheitel: »So ists recht, mein Sohn, das sind Gedanken, die Gott lieb hat.« »Ja, Mutter, der Spott und das Gerede werden nicht ausbleiben. Aber das laß die Leute man tun, die sollen ja nur was zu reden haben. Und es ist ja nicht das erste mal.« »Lat doch de Lüd!« entgegnete die Mutter. Und wieder streichelte die magere Hand den starken Sohn.   Nach ein paar Wochen war Sonntags Tanz im Krug. Klaus Kipp wollte nicht hin und seine Mutter bestärkte ihn dann. Er wollte lieber nach dem Jungvieh sehen, das auf der Pachtwiese einer benachbarten Feldmark weidete. Seine Mutter gab ihm recht. Jetzt ins Wirtshaus, das paßt sich nicht. »Ich geh inzwischen ein bißchen ins Dorf zu Meister Nissen. Da holst du mich ab, nicht wahr?« Meister Nissen war der ihnen befreundete Schmied des Dorfes. Bei dem Jungvieh war alles in Ordnung. Als Klaus heimkehrte, stand die Sonne zwar noch am Himmel, aber es ging gegen Abend. Am Tage hatte es geweht, nun legte sich der Wind. So war es auch bei Klaus; auf dem Hinweg hatte es noch in ihm geweht, nun gingen seine Gedanken zu Rüste. Kälberkropf wuchs überall am Wege, ihm schien, als läge hinter jedem Heckenzaun ein Friedensengel und ›schneide sich ein Pfeifchen aus dem Rohr‹. Sein Fußweg führte über hohe Koppeln. Als er auf der Höhe war, hörte er Gesinge und Gedudel, Klarinette und Geigen vom Kruge her. Jawohl! Die Dielentore sind offen, die Töne quellen heraus, es ist der Trubel vom Gelagshaus. Er stand still ... So ist es. Das sind die Töne. Er sieht ordentlich die Röcke der Mädchen fliegen und atmet den Dunst und den Schweiß der lärmenden Freude. Die Alten stehen herum und sehen zu, und alle lassen verstohlen die Augen herum gehen, ob die zugegen sind, von denen heute das ganze Dorf spricht: Friedrich Volkens und Anna Schlüter und der von ihnen betrogene Klaus. Noch immer horcht Klaus, und die Töne schmeicheln sich ein. Ob Friedrich und Anna wohl im Gelage sind? 2b sie es wohl gewagt haben, hinzugehen? Wenn er mal ins Dielentor sähe, nur um zu wissen, ob sie da sind ... Sie werden da sein. ›Klaus Kipp ist aber nicht da‹, werden die Leute sagen. ›Da ist er zu gutmütig zu, Klaus Kipp läßt sich alles gefallen, mit dem kann man Fangball spielen, so stark er auch ist‹. Und siehe! Es siedete die Feueresse seines Innern. Und weil die Feueresse seiner Seele glühte, ging er hinunter nach dem sogenannten grünen Weg und wandte sich, dort angekommen, rechts nach dem Krug. Dicht vor dem Wirtshaus begegnete ihm Detel Wurm. Detel Wurm und Klaus Kipp konnten sich nicht leiden, ohne eigentlich zu wissen, warum. Sie fühlten aber heraus, daß ihr Wesen auf entgegengesetzten Grundsätzen aufgebaut sei. Detel hatte immer ein gelbes, schadenfrohes Gesicht, heute lachte er Klaus Kipp schon von ferne an. »Na, Klaus? Hast die Braut weggegeben? Ja hätte ich das geahnt, hätte ich gewußt, daß die zu haben, da wäre ich auch Bieter gewesen.« Weiter kam er nicht, Klaus gewaltige Faust war dicht vor seiner Nase. Und er hörte die Worte: »Will dir was sagen, Detel. Kennst du die Hand? Nein? Willst sie auch nicht kennen lernen? Nun, da rate ich dir, den Mund zu halten.« Detel war nicht schlecht erschrocken. So hatte er den guten Klaus noch nicht gesehen. »Jung, Klaus, verstehst keinen Spaß? Ich mein ja man.« »Ich mein auch man.« Detel machte sich eilig davon, und Klaus ging weiter. Es war ein landesüblicher Weg, in dem er ging, einer mit hohen Heckenzäunen, so hoch, daß man Klaus von der anderen Seite nicht gewahrte. Und dort sprachen zwei Mädchen, Anna Holz und Liese Wieben, miteinander. Klaus erkannte sie an den Stimmen. »Scham ist da gar nicht in«, sagte die eine. »Wie sie das wohl tun mögen, so vor aller Welt. Gestern Braut von dem, heute im Arm eines andern.« »Deern, das sag man mal!« So die Zweite. »Klaus Kipp ist nicht da.« »Da ist er viel zu vernünftig und zu anständig zu.« »Ich glaube gar nicht, daß es zu Stück kommt mit Friech und Anna. Den alten Volkens soll es gar nicht recht sein.« Klaus Kipp zu anständig, sich zu zeigen ... Und er, Klaus Kipp in Person, was wollte er tun? Was hatte er eben noch aufgeführt? Wäre er nicht bald handgemein geworden? ... Was wollte er eigentlich im Gelage? So dachte er, und doch näherte er sich dem Tanzhaus. Es lag hinter einem Vor- und Hofplatz, ein breit ausgeladenes Strohdach. Auf der Diele ging es her wie im 'Faust' unter der Linde: »Juchhe, Juchhe! Juchheissa, Heissa, He! – Geschrei und Fiedelbogen!« Man sah es dem alten Kasten ordentlich an, wie heiß ihm der Atem ging. Vor den, Dielentor im Freien übten sich halbtrunkene Knechte im Balgen und Ringen. Aus der Pforte der Hofstelle schritt ein Mädchen. »Klaus, büst du dat?« »Ja, Elsbe.« Es war Elsbe Nissen, die Tochter vom Schmied. Klaus war mit ihr zur Schule gegangen, sie hatten sich immer gut vertragen. Sie war ein nicht zu großes, blondes Bauernmädchen mit schlicht gescheiteltem Haar und schlichter Gesinnung, nicht so hübsch wie Anna, aber treu und zuverlässig. Wann und wo es sich traf, bemutterte sie Klaus Kipp ein wenig. »Wolltest auch hin?« »Ich dachte.« »Klaus, soll ich dir'n Rat geben?« »Ja, gern.« »Geh nicht hin! Das ist besser, du weißt selbst, warum. Anna ist da mit Friech, und da bist du zu gut und anständig zu.« »Habe ich nicht ebenso viel Recht wie die?« »Recht? Ja. Aber man darf nicht alles tun, wozu man ein Recht hat, Klaus.« Klaus betrat nicht das Tanzhaus, er begleitete Elsbe Nissen vielmehr nach Haus und traf dort verabredetermaßen seine Mutter. Sie nahmen an dem einfachen Abendessen teil. Klaus machte noch ein Spielchen Karten mit dem alten Meister, während die Mutter nach Hause ging, da für das kommende Tagwerk noch etwas vorzubereiten war. Und als er selbst aufbrach, war es dunkel geworden. In Johann Christian Hebbels Weidengang stieß er auf Friedrich Volkens und Anna Schlüter, und zwar bei der Bornkoppel, wo die abgesägten Weidenstämme stehen und der große Stein im Graben liegt. Er hätte sie gar nicht erkannt, wenn Friedrich nicht im Vorbeigehen die Worte gesprochen hätte: »Er hat es doch nicht gewagt.« Als Klaus das hörte, fing es bei ihm unter der zweiten Schicht zu sieden an. »Guten Abend«, sagte er und stellte sich breit in den Weg. »Was willst du, Klaus?« »Ein Wort mit Anna reden!« »Dazu ist hier nicht der Ort.« »Das sehe ich ein. Aber wenn du uns beide auf eine Minute allein lassen wolltest, da, denk ich, würde sichs passen.« »Weißt du auch, daß das unverschämt ist?« »Friech, nun will ich dir mal was sagen: Sieh da mal hin, im Graben liegt ein Stein. So viel hell ists noch, daß du ihn sehen kannst. Den hab ich, als das Mädchen da sich mit mir versprach, hineingeworfen und dabei geschworen, jeden niederzuwerfen, der sich zwischen uns stelle. Du bists, der sich zwischen uns gestellt hat. So dachte ich damals. Nun aber denk ich: laß fahren, was fahren will, und vergiß den Schwur. Nimm aber deine Reden in acht, sonst könnte es doch noch ernst werden!« »Du bist verrückt!« »Das bin ich also. Ich will dir nur soviel sagen: hör ich das noch mal, dann kriegst du mit diesen Fäusten zu tun.« Klaus Kipp erhob drohend seine Hand. Da tat Friech Volkens einen Sprung und einen Stoß. Aber gleich saß sein Handgelenk im Schraubstock von Klaus Kipps großer Faust. Das von dem Angreifer geführte Messer fiel zu Boden. Da folgte von Klaus ein zweiter Griff mit der Linken, und Friedrich deckte der Länge nach den Boden. »O, o ... «, rief Anna. Friedrich konnte nur zischen und fauchen. Klaus bändigte ihn mit einer Hand, die andere hob das Messer auf. »Sieh«, sagte er ein richtiger Genickfänger. So einer bist du also.« »O, o«, rief das Mädchen. Der Überwundene konnte nur fauchen. »Wenn du so einer bist, dann müssen wir doch mal ein bißchen Ernst machen mit meinem Schwur. Erst werde ich dich ein wenig im Graben taufen und dir dann einen kleinen Denkzettel geben. Es ist ja nicht das, was ich gelobt habe, aber doch etwas.« »O, o!« klagte Anna. Friech zischte und fauchte. Aber Klaus tat nicht so; wie er gesagt hatte. Er hielt den Gegner ruhig am Boden. »Ich will es doch lieber nicht tun – ihretwegen nicht und auch meinetwegen nicht. Ich habe mich schon genug an dir verunreinigt.« Er stellte sein Opfer auf die Beine, den Genickfänger aber schlug er bis zum Heft in den Weidenstamm am Weg und sagte dazu: »Wenn du die Kraft und den Mut hast, den herauszuziehen, dann kann das Spiel von neuem beginnen.« Über Friedrichs Lippen kam kein Laut. Klaus kehrte sich um und ging nach Haus. »Gute Nacht«, rief er, bekam aber keine Antwort.   Und es verging eine lange Zeit. Es wurde Sommer und Herbst und Winter, und wieder kamen Frühling und Sommer und dann ein warmer, wundervoller Herbst. Draußen ›am Moor‹ hörte man wenig von dem, was im Dorf geschah. Noch immer stand die Hochzeit von Anna Schlüter und Friedrich aus. Den Alten war die Partie niemals recht gewesen, Friedrich sollte auch anderen Sinnes geworden sein, man sprach so allerlei, man hörte aber nichts Rechtes. Der Tagesweg führte Klaus Kipp öfters durch Johann Christian Hebbels Weidengang. Viele Wochen lang stak der Genickfänger noch immer in dem abgesägten Stamm. Klaus hatte, wenn er es sah, immer ein Gefühl des Triumphes, zugleich aber auch der Scham. Wer dächte nicht so menschlich, daß ihn nicht das Bewußtsein schwellte, einen Gegner gedemütigt zu haben! Stärker war aber doch das Gefühl, daß sein Verhalten unter der Durchschnittslinie seines Wesens gestanden habe, daß er sich vergessen gehabt habe, als er es getan. Er hatte selbst keinen Namen dafür: in Wahrheit aber wuchs der neue Klaus Kipp über den alten Klaus, der sich in die nette, leichtfertige Anna Schlüter vergafft hatte, hinaus. Was war ihm jetzt Anna Schlüter? Er hoffte und durfte hoffen, die Stelle, die er lange mit dem Bewußtsein der Leere in sich herumgetragen hatte, ausgefüllt zu sehen, und nicht durch eine so leichtfertige, unbeständige Person wie jene. Wenn er durch Hebbels Weidengang kam und das sich mehr und mehr mit Rost überziehende Heft des Genickfängers sah und nach etwa vier Wochen nicht mehr sah (wer es geholt hat, hat er niemals erfahren), wenn er an dem großen Stein vorbeiging, der für und für im Graben lag, dann hatte der neue Klaus Kipp Neigung, sich über den alten Klaus Kipp lustig zu machen. Er glaubte auch nicht mehr an die Feueresse seines Innern. Mehr und mehr gab er der öffentlichen Ansicht recht, wenn sie den hervorstechenden Zug seiner Gesinnung in seiner Gutherzigkeit sah. Doch hätte er es lieber Gerechtigkeit nennen gehört als glatte Gutmütigkeit. Und es war Winter geworden und wieder Frühling, und Sommer und Herbst, ein Jahr und darüber war seit dem Zusammenstoß in Johann Christian Hebbels Weidengang verstrichen. Und wieder war es Sonntag. Das Abendbrot war früh eingenommen worden, weil die Mutter vorhatte, wie es auch geschah, ins Dorf zu gehen, den Schmied und seine Tochter, mit denen der Verkehr jetzt häufiger hinüber und herüber ging, zu besuchen. Klaus blieb einstweilen zu Hause, die Wirtschaft zu besorgen. Später wird er das Haus abschließen, die Mutter zu holen. Das Wetter war warm und angenehm und still, er saß an der Hauswand auf der Bank. Die brennende Petroleumlampe stand darauf (so vollständig schlief der Wind), Nachtfalter flogen und klebten an Glas und Kuppel. Er achtete nicht darauf. Die Arbeit war besorgt, nun wollte er mit Behagen seine lange Pfeife, seinen Portoriko rauchen, in den prächtigen Abend schauen und dann aufbrechen, zum Schmied gehen und mit dem Alten und mit der mehr und mehr von ihm als echt erkannten Elsbe das sprechen, was zu sagen noch immer nicht hatte passen wollen – das heißt, wenn er heute dazu Gelegenheit und Mut fand. Die Pfeife .. paff .. paff! Ein echter Raucher muß den Rauch sehen, deshalb ist die Lampe am Platz. Und wenn man sich in den Rand des Lichtscheins, ins Zwielicht setzt, dann hat man beides, den Rauch und die Schönheit des Abends; dann verschließen sich dem Auge auch nicht die Geheimnisse der Nacht. Nicht die Geheimnisse der Nacht, zumal nicht die einer hellen Mondnacht. Es ist wie damals, als er auf derselben Bank saß und seinen Kummer durchdachte; der Mond ist aufgekommen, und in voller Scheibe steht er am Himmel. Und Klaus Kipp atmete die Ruhe und die Wunder der wunderbaren Nacht. Wieder lag der Graupelschnee des weißen Lichts auf den Steinen des neuen Feldes. Diese sackartig, lang und rund, wie bäuchlings mit dem Nabel in den Acker hineingeworfene, dicke Teufel – lauernd, als ob in heutiger Nacht das kommen müsse, worauf sie schon lange warteten. Und Klaus Kipp fühlte, welch eigenartige Vorstellungen mondbeschienenes Land auslöse, ganz anders als der helle Tag und die schwarze Nacht. Dem großen, von Kindheit an im Herzen getragenen Gott war er sich niemals so nahe wie im Weben des Mondes, niemals war ihm das Vorhandensein einer anderen, höheren Welt gewisser, und niemals glaubte er mehr an Engel und Geister, als beim Leuchten und Verbergen des guten Monds. Zur rechten Andacht gehört die volle Pfeife. Er zündete sich eine neue an, da sanken seine Gedanken erdenwärts und kamen mit praktischen Aufgaben des Tages. ›Ich muß Anstalt machen‹, dachte er, ›die Steine fortzuschaffen, um auch die Stücke, wo sie liegen, unter den Pflug zu nehmen. Ich denke, es soll die Arbeit meiner Hände lohnen.‹ Die Steine ... Was ist das? ... Die Steine lagen noch da, wo sie immer gelegen, aber es kam etwas mitten durch das Steinfeld zu ihm hergeschritten ... Ein Phantom? Ein Mann, eine Frau? ... Jedenfalls ein Mensch. Und wie der Mensch die Pforte seines Gartens bewegte, jankte sie. ›Die hat Öl nötig‹, dachte der Hausherr, ›soll morgen besorgt werden.‹ Stumm ging die Erscheinung in den Gartensteig hinein. Es war kein Zweifel, der, der da kam, wollte zu ihm. Es war aber, wie er jetzt sah, kein Mann, es war ein Weib, und die Umrisse wurden ihm immer bekannter ... Es war Anna Schlüter, seine gewesene Braut. Er stand auf und stellte die lange Pfeife an die Wand. »Guten Abend«, sagte er. »Guten Abend«, sagte sie. Eine kleine Weile zögerte er, dann gab er ihr die Hand. »Sieh, Anna!« sagte er. Dann schwiegen beide. »Das ist später Besuch«, fing Klaus darauf an und setzte hinzu: »Du hast mir wohl was zu sagen, da ist es besser, wir gehen hinein.« »Laß uns hier bleiben, Klaus. Es hört uns hier keiner!« »Das wohl nicht; es müßte wunderlich zugehen, wenn uns hier einer hörte. Und wenn es dir lieber ist, dann setz dich auf die Bank. Dann machen wir es hier im Freien ab.« »Ich stehe gern.« »Wie du willst.« Beide standen. »Wie geht es, Anna?« »Ach, Klaus!« Und sie fing zu weinen an. Sie weinte wie eine schlechte Schauspielerin, hauptsächlich durch die Nase, der Schmerz wurde weder aus dem Innern eines qualvoll geschüttelten Leibes, noch aus der Tiefe der Seele herausgeworfen. Er ließ derweilen seine Augen über, sie hingehen. Ihm schien, sie habe einen Hof um die schönen, falschen Augen, und sei um einen Ton blasser als früher. Anna Schlüter faßte sich und fing an zu reden: »Was bist du für ein guter Mensch, und wie bin ich schlecht gegen dich gewesen!« Sie tat einen Schritt zu ihm hin, Klaus aber wich unwillkürlich zurück. »Meinst du, Anna?« entgegnete er. »Klaus, ich glaube, du hast mich sehr lieb gehabt!« »Meinst du, Anna?« wiederholte Klaus und setzte dann hinzu: »Weiß Gott! Und du, und du!« »Ach, Klaus!« »Was, Anna?« »Ach, Klaus, ich bin so unglücklich.« »Er ist dir also untreu geworden, will nicht mehr?« »Nein, er will nicht mehr.« Nach diesen Worten setzte Anna sich auf die Bank und fing wieder zu weinen an, diesmal mit dem Anschein von etwas mehr Aufrichtigkeit. »Er hat sich mit Line Schümann aus Vornholt versprochen, mit der, die so viel Geld hat«, schluchzte sie. »Sieh, sieh! Das geht rasch. Alle Jahr eine andere.« Klaus saß jetzt auch, ließ aber einen Zwischenraum der Fremdheit zwischen ihm und ihr. »Ich habe mirs übrigens gleich gedacht, daß es so kommen werde«, setzte er hinzu. Und wieder weinte Anna. »Und ich«, fragte Klaus, »was soll ich? Soll ich mit den großen Fäusten über ihn kommen?« Anna schüttelte den Kopf. »Gut, daß du das nicht verlangst. Ich bins auch gar nicht gewohnt.« Das Weinen ließ nach. »Ach, Klaus! Das, was ich sagte, ist nicht das Schlimmste!« »Noch schlimmer?« Als Klaus das gesagt hatte, setzte wieder Weinen ein, heftiger als früher, auch gelungener, wenn man will: ehrlicher. »Hat er dich angeführt?« Stärkeres Weinen; Klaus hatte das Richtige getroffen. »Ich habe mirs gleich gedacht«, bemerkte Klaus. »Das mußte wohl kommen. Und nun kommst du zu mir?« Anna nickte. »Weil ich ein so guter Kerl bin.« »Ja, ja!« »Und meinst, da könnte ich, wie man so sagt, in die Bucht springen, dich und das andere auf meine Rechnung nehmen?« »Ach ja, Klaus.« Es lag eine schier verbrecherische Unschuld im Ton und Augenaufschlag. Sie war sich ihrer Schamlosigkeit nicht bewußt, und Klaus hatte Mitleid mit dieser naiven Niedertracht. Er lächelte. »Ach ja, Klaus«, ahmte er nach. Der Ton, in dem Klaus sprach, machte sie stutzig. Sie wußte nicht recht, was sie davon halten dürfe. In ihrem unschuldigen Egoismus sah sie aber darin noch nichts Schlimmes. Für Anna Schlüter war die Welt ›Wille und Vorstellung‹, das heißt: ihr Wille und ihre Vorstellung. Sie der Mittelpunkt, der dem All allein Berechtigung zum Dasein gab. Dabei war sie zugleich der Meinung, daß die Welt auch in den Köpfen ihrer Mitmenschen nichts anderes sein könne als Anna Schlüters Wille und Anna Schlüters Vorstellung. »Habe ich mir gleich gedacht«, setzte Klaus hinzu. »Wofür hieße ich sonst der gute Klaus?« Er nahm die Pfeife wieder zur Hand, die hielt noch Feuer, er paffte. »Ja, mein Mädchen, bin, glaube ich, nicht gerade schlecht. Das geht aber doch über mein Können. So haben wir nicht gewettet, das geht nicht.« Anna erschrak ein bißchen bei diesen Worten, konnte aber nicht gleich glauben, daß jemand so sein könne, hielt es daher für Spaß. Und dann hatte sie noch einen weiteren Trumpf. »Aber, Klaus ...« »Nu?« »Friech will mir zweitausend Mark geben. Das ist doch auch was!« Unschuldig sah sie zu ihm auf, mit einem Gesicht, auf dem geschrieben stand: »Was sagst du nun? Das streckt dich zu Boden.« Klaus tat wirklich überrascht und verwundert. »Tausend noch mal«, erwiderte er, »dann bist ja ein reiches Mädchen. Zweitausend, da kann man eine Katenstelle für kaufen. Und da sollte sich niemand finden, der über das bißchen Schande wegsähe? – Zweitausend«, wiederholte er und wog gleichsam die Summe in seiner Stimme. Anna Schlüter hielt die Partie für gewonnen. »Ich will aber Dreitausend haben, unter dem will ich es nicht«, erklärte sie und bestärkte und begleitete das mit kräftigen Bewegungen ihres für und für hübsch aussehenden Kopfes. »So gehört es sich auch«, erwiderte Klaus. »Mit Fordern und Bieten und Ablassen wird man einig. Und dann ist es ein Handel, bald über Kuh und Korn, bald über Kind und Ehe und so was. Vielleicht wirst du mit Volkens auf den Halbschied einig.« Der Ton gefiel Anna nicht, aber den Spott und den Hohn hörte sie nicht heraus. Dazu war sie zu töricht und zu eigennützig. »Vielleicht wirst du mit Volkens auf den Halbschied einig«, wiederholte Klaus und paffte kräftig aus der Pfeife. »Detel Wurm sagt, für Fünfundzwanzighundert wolle er es tun.« »Siehst du wohl! Na also! Dann hast ja schon den Mann! Der alte Wurm hat eine eigene Kate, die Detel doch auch noch mal bekommt. Was ist denn da zu weinen und traurig zu sein? Bist ja ein Glückskind!« Es wurde ihr schwül, und sie beschloß, alles auf eine Karte zu setzen. Und da Klaus an seiner eigentlichen Gesinnung vorbeiredete, glaubte sie noch immer das Mißliche seiner Äußerungen für Spaß halten zu dürfen. »Ich wollte lieber, daß du es tätest. Wir haben uns doch früher so gern gehabt.« »Haben wir?« »Ja, mein Klaus.« »Wollens gut sein lassen. Es geht nicht, Anna, da kann nichts aus werden. Ich bin nicht für Kuckuckseier, auch nicht für goldene.« »Ist das dein Ernst, Klaus?« »Ja, Anna, in solchen Dingen soll man nicht spaßen.« Er hatte sich erhoben, stand ganz im Lichtkreis, sie sah seine Miene, nun wußte sie, daß ihre Sache hoffnungslos war. »Klaus!« rief sie. Und sie kochte vor Zorn. »Klaus, du bist ...« Weiter kam sie nicht ... Klaus sah nicht gleich den Grund ... das Mädchen aber erhob sich und stob mit rauschenden Röcken davon. Das kam davon, daß die Pforte wieder gejankt hatte. Es war gut, daß sie kein Öl hatte, sonst hätte man die beiden noch gar beim Zank überrascht. Frau Kipp und Elsbe kamen den Garten herauf. Anna rannte wortlos an ihnen vorüber, stand dann still .. die Wut suchte einen Ausweg. Sie kehrte im stiebenden Lauf zurück und kam gleichzeitig mit den anderen bei dem ruhig rauchenden Klaus Kipp an. »Elsbe Nissen«, schrie sie, »will dir was sagen! Der da«, (sie zeigte auf Klaus), »gut und sanft stellt er sich, aber nimm dich vor dem in acht! Und ich wills ihm ins Gesicht sagen: er ist ein ganz schlechter, unanständiger, gemeiner Mensch .. Pfui! pfui!« Und sie trat dicht vor den Riesen hin und spie vor ihm aus. »Pfui!« Und sie spie noch einmal. »Nun weißt du Bescheid! Und nun habe ich nichts mehr zu sagen.« »Gute Nacht!« rief Klaus. Es kam keine Antwort. Die Pforte wurde heftig an den Pfahl geschlagen. Man sah noch eine Gestalt hinter dem Gartenzaun mit der Hand herüberdrohen, dann verschlang sie der Mondnebel und die Nacht. Die alte Frau fand zuerst die Sprache. »Das war ein wunderlicher Besuch!« sagte sie. »War es auch.« Klaus Kipp erzählte. Die Mutter lachte. »Nun weißt du, was deiner Mutter Sohn für einer ist«, sagte Klaus. »Nun habe ichs so gut wie schwarz auf weiß. Das ist doch mal was anderes. Bekommt wie ein Oktoberbad im Mergelloch.« »Und die hast du zur Frau nehmen wollen?« Über Elsbes Lippen kam unwillkürlich dieser Ruf. »Nicht wahr, der kann von Glück sagen«, entgegnete die Alte, räusperte sich und fuhr fort: »Laß gut sein. Ich habe dir was Besseres mitgebracht. Der Mond schien so hell, da bin ich früher gegangen und Elsbe mit mir. Klaus, sagte ich, soll dich wieder nach Hause bringen. Willst du?« Es bedurfte nicht dieser Frage. Die Jungen standen Hand in Hand. »Und dann«, fuhr die Mutter fort, »habe ich mir gedacht, beim Nachhausegehen fände sich vielleicht Gelegenheit, ein Wort zu sprechen, das doch mal gesagt sein muß.«   Das Wort ist gesprochen. Klaus Kipp und Elsbe Nissen sind ein Paar geworden, ein glückliches. Detel Wurm und Anna Schlüter sind auch ein Paar. Als Anna in die Wurmsche Kate einzog, fand sich in der Stützlade ihrer Kleidertruhe ein Sparkassenbuch über zweitausendfünfhundert Mark. Das vornehmere Gebot Am besten von allen Bildern gefiel ihm eine hochgetürmte, ragende Stadt an einem breiten, indigofarbenen, von Schiffen und Flößen belebten Fluß. Eine lange, auf dicken, gebogenen Pfeilern ruhende Brücke führte hinüber. Die Pfeiler sahen wie ein X aus und schlössen sich wie das Doppelbild dieses Buchstabens zusammen. Über der hochgetürmten, ragenden Stadt tiefblauer Himmel ... weiche, weiße Wolken ... der Rand vergoldet, die Sonne dahinter ... sie will gerade hervorbrechen. Solche Pracht und Herrlichkeit sah man auf dem Umschlag des Schönschreibebuchs von Peter Bendix Schütt. Er war vierzehn Jahre alt, und das Buch gehörte zu seinen ersten Schreibheften mit bunten Umschlägen. Früher verkaufte der Höker die Schönschreibhefte, und da waren sie einfarbig: rot oder gelb oder grün, blau oder schwarz oder grau – lange nicht so schmuck wie die bunten, die der Schulmeister nachher abgab, als er seinen kleinen Papierladen unter der Pultklappe eingerichtet hatte und den Höker brotlos machte. Da kaufte keines von den Kindern noch die einfarbigen, alle wollten das schmuckste Schreibbuch zu eigen haben. Auf des Schulmeisters Heften waren die Dinge der Welt in natürlichen Farben abgemalt. Anfangs Geschichten: Genoveva, Rotkäppchen, Hänsel und Gretel, der wilde Jäger. Und dann kamen welche, worauf abgebildet war, wie es in der großen Welt aussieht, darunter die große Stadt. Aber sie kam nicht gleich. Erst allerlei, wovon nicht zu reden ist, dann das Burgenbuch. Schon dies machte tiefen Eindruck. Auf dem Vorderdeckel ein großes Schloß, von rauhen Felsen emporgehalten, auf dem Hinterdeckel eine altberühmte deutsche Ruine und bei beiden in den Ecken kleine Burgen und Schlösser. Peter Bendix hatte manches gelesen und kannte sich soweit aus, daß er die Sprache der Bilder und ihre Stimmung verstand. Und überall sah er den kommenden Herbst, überall falbe Vergangenheit und Vergänglichkeit ... weichende Farben ... Töne milden Sehnens ... Rasselstimmung fallenden Laubes. Aus Kammern und Kemenaten kam Mandolinen- und Lautenklang, aus Kellern und Gewölben Becherklang und Zecherfreude trunkfester Ritter – das alles über Jahrhunderte hinweg zu Peter Bendix Schütt herüberquellend. Erst als das Burgenbuch voll war, bekam Peter Bendix Schütt die ragende Stadt. Die Burgen hatte er ohne Neid angeschaut, aber bei der Herrlichkeit der Stadt brach etwas hervor, was diesem unedlen Schößling ähnlich sah. ›Wartet nur‹, dachte Peter Bendix Schütt und bedrohte mit diesen Gedanken die Menschen, die sich herausnahmen, in ragender Stadt am indigoblauen Fluß angesichts der X-Pfeiler zu wohnen. ›Wartet nur! Ihr habt nicht allein das Recht, hinüberzuschreiten. Wartet, bis ich groß geworden bin, dann gehe ich auch hinüber so gut wie ihr.‹ Aber was hier das Aussehen des Neides hatte, war im Grunde nur der Druck der Spirale einer in enger Stahlkammer zusammengepreßten Seele, war die für und für in ihm bohrende Nötigung, der Welt zu zeigen, was für einer Peter Bendix Schütt eigentlich sei. Sein Banknachbar (er hieß Timotheus mit Vornamen, wurde aber kurzweg Timotee genannt) bedrohte auch die ragende Stadt. Seine Drohung hatte aber eine andere Klangfarbe. »Und wenn wir über die Brücke gehen, Peter Bendix, dann tun wir es in Schmierstiefeln und mit Hufeisen unter den Hacken und wir schlagen auf, daß Funken aus den Steinen stäuben.« Peter Bendix war der erste auf der Knabenseite; ihm gegenüber, getrennt durch den Mittelsteig, saß als die oberste der Mädchen Lotte Vossen. Und Lotte Vossen fragte: »Timotee, wo wollt ihr mit Hufeisenstiefel gehen, daß Feuer springt?« Da zeigte Timotee das Buch und das Bild und die große Stadt und antwortete: »Wenn wir aus der Schule sind und groß, dann wollen wir über die Brücke gehen in Schmierstiefeln, mit Hufeisen unter den Hacken, und dann wollen wir so fest aufschlagen, daß Feuer kommt.« Peter Bendix ließ die Antwort gelten, obgleich er keinen Wert darauf legte, gerade mit Schmierstiefeln und Hufeisen und feuersprühend hinüberzukommen. Lotte lachte über Timotees Schwatz. Das junge schwarzbraune Kind hatte eine eigene Art zu lachen. Man hörte es nicht viel, hauptsächlich sah man, wie sie lachte. »Was seid ihr für dumme Jungen! Die Brücke ist aus Ziegelsteinen gemauert, da könnt ihr auftrumpfen wie ihr wollt, da fliegt kein Funke heraus. Und dann ist es auch eine königliche Residenz. Und schickt es sich in einer Stadt schon überhaupt nicht, mit den Hacken aufzuschlagen, so dort, wo der König wohnt, gar nicht.« Da fiel Peter Bendix, der sich schämte, von Lotte ebenso eingeschätzt zu werden wie Timotee, da fiel er ein: »Und ich hab auch gar nicht gesagt, daß ich es tun will; ich will nur hinübergehen und auch in der großen Stadt sein.« Hinter Lotte stand Anna Hotje, ein großes blondes Mädchen. Die nahm einen Apfel aus der Tasche und biß mit breiten weißen Zähnen hinein. Das Kernhaus spuckte sie aus. Sie lachte auch, ihr Lachen war aber anders als bei Lotte Vossen – laut, derb, bäurisch. Und zu Timotee sagte sie: »Die beiden haben es nun mal mit der Feinheit, da kehr dich man nicht an, Timotee! Für Bauern passen Schmierstiefel, sie mögen sein, wo sie wollen. Schlag du nur dreist mit den Hufeisen auf!« »Ich geh nicht mit dir«, entgegnete Peter Bendix, »und will auch gar kein Bauer werden!« »Kein Bauer?« fragte Anna Hotje. »Was willst denn werden?« »Schulmeister«, antwortete er. Anna Hotje und Timotee erklärten, das täten sie an seiner Stelle lange nicht, Lotte Vossen aber lachte ihn leise an und sagte: »Schulmeister, das ist ganz gut.« Dann fing sie an, Bibelsprüche zu lernen, lachte Peter Bendix dabei aber noch einmal aus den Augenecken an. Lotte Vossen war anders als die andern Mädchen in der Schule; eigentlich war sie auch ein Stadtkind. Ihr Vater war Kaufmann in Lübeck gewesen, dort war sie auch geboren. Er hatte sein Vermögen verloren, war gestorben; es ist nicht einmal ausgemacht, ob es freiwillig geschehen. Die Mutter hatte eine Stelle als Haushälterin gefunden, Lotte war von der Großmutter, die im Dorfe wohnte, aufgenommen worden und besuchte hier die Schule. Sie hatte rehbraune Augen, ganz dunkelbraunes reiches Haar und ein feines Gesichtchen. Die Geschichte ihres Leids stand zwar darin, aber auch das Geheimnis einer dessenungeachtet bewahrten inneren Freude.   Peter Bendix hatte in seiner Brust nicht allein das Recht gefunden, über die Stadtbrücke zu gehen, sondern auch die Fähigkeit, hinüber zu fliegen. Überhaupt auf Flug, sogar auf Hochflug stand sein Sinn, und zeitweilig bildete er sich ein, ein Adler zu sein, dem man die Flügel gebunden. Es erging ihm wie andern Wolkenbesuchern. Wie einem Albatros, der auf plattem Schiffsdeck sitzt und den Aufstieg nicht gewinnen kann. Schließlich flog er zwar, aber mit einer nicht sehr langen Kette an der Klaue. Das heißt: er wurde Volksschullehrer. Und als er fünfundzwanzig Jahr geworden war, nahm er eine Hauslehrerstelle auf dem Gut Kuhlenkamp an. Schulmeister war er geworden ... er flog mit kurzer, ihn stets niederziehender Kette am Bein, und selbst das hatte er erst nach vieler Mühe erreicht. Sein Alter hatte nicht gewollt. Vier Jahre hat Peter Bendix seinem Vater und andern Landwirten als Bauernknecht gedient, vier Jahre lang hatte er aussichtslose und doch unaufgebbare Hoffnungen in seiner Brust getragen. Und diesen Hoffnungen hatte er ein Symbol gestiftet... ein Bild, oder vielmehr zwei Bilder. Erst die Burg und dann die hochragende Stadt am indigoblauen Fluß. Und so wenig er auch eine vernünftige Verbindung zwischen ihnen und den Plänen, die sich dahinter verbargen, herzustellen wußte, immer und immer war ihm, als werde alles erreicht sein, wenn er über die Brücke gegangen sei. Und zwischen Burgen und Brücke schwamm noch die Erinnerung an ein Drittes herum, auch ein Geheimes – ein schwarzbraunes Mädchen mit stillem Lachen. Vier Jahre lang hörte Peter Bendix nicht auf, seinen Vater zu bitten, ihn Lehrer werden zu lassen. Aber der Alte wollte nicht – im Bauernstand allein sei Heil. Vier Jahre. Nach Ablauf der vier Jahre gab der Alte plötzlich nach. Er war älter geworden, nicht mehr so frisch und rüstig wie ehedem, und da erstand auch ihm ein Traum, ein Ziel, ein Ideal. Ein Dorfschulmeister hatte damals keine Arbeiten zu besorgen, die neben den Schulstunden herliefen. Es gab keine Hefte, die durchzusehen und zu verbessern waren. Sobald die Schule geschlossen war und Garten und Äcker seine Hand nicht forderten, war er ein freier Mann. Wie oft ist der alte Schütt noch beim Heuen und Pflügen gewesen, wenn der Lehrer bei hoher Sonne vom Schulberg ins Dorf hinunter geraucht hat, um Leuten, die nichts zu tun hatten, Geschichten zu erzählen. Früher hatte er sich nichts dabei gedacht, nun aber wurde ihm der Lehrer zu einer poesieumflossenen Gestalt. Und auf einmal fiel ihm ein, daß er seinem zweiten Sohn Hans Jürgen die Stelle viel billiger lassen könne, wenn der Älteste als festangestellter Lehrer (natürlich irgendwo in der Gegend auf dem Dorf herum) versorgt sei. Und ganz heimlich malte er sich aus, wie er selbst dann zu seinem Sohn, dem Schulmeister, ziehen werde und mit ihm um die Wette zu Dorf gehen und rauchen und ›kloenen‹, als ein überall Willkommener – der alte, würdige Vater des Persepters. Natürlich würden er und sein Sohn nicht zusammen ausgehen. Das hieße, sich gegenseitig das Wort und die Freude wegnehmen. O nein, den einen Tag der Junge nach Süden, der Alte nach Norden; den andern Tag umgekehrt, der Alte nach Süden und der Junge nach Norden. Und daß sein Sohn sich ihm zu Gefallen nicht verheirate, das sah der Alte in seinem unschuldigen Egoismus als ganz selbstverständlich an. Eine alte Magd für den Hausstand – sonst nichts. Frau und nun gar Kinder, die bringen nur Umstände und Plage und haben gar keinen Zweck. Die besondere Art des alten Schütt brachte es mit sich, daß er seine Zukunftsträume für sich behielt. Er sagte nur eines Tages: »Ich habe mich bedacht, Peter Bendix, du sollst Schulmeister werden.« Er sagte nicht: »Du kannst jetzt Schulmeister werden, wenn du willst« – nein, er sagte: »Du sollst Schulmeister werden.« So wichtig war ihm das Ideal, mit dem er sich trug, geworden, so selbstverständlich des Sohnes Zustimmung. So kam Peter Bendix ins Lehrfach, machte das Seminar durch, machte ein vorzügliches Examen, hatte glänzende Zeugnisse und nahm die Hauslehrerstelle auf Gut Kuhlenkamp an. Der Vater verschloß seine Ideale in der Brust, der Sohn tat es auch. Der Vater dachte, das Paradies mit der Dorfschulmeisterei solle gleich beginnen, Peter Bendix aber dachte anders, er glaubte ein Adler zu sein, wollte daher vor allen Dingen Zeit und Muße haben, Flugübungen zu machen, nach den Burgen hin, nach der ragenden Stadt. In einer Dorfschule wollte er sich nicht festlegen; hatte die ihn erst, dann wird sie ihn nicht mehr lassen. So nahm er die Hauslehrerstelle auf Kuhlenkamp an. Eine Viertelstunde vom Gut lag ein Kirchdorf. Ein Sohn seines Seminardirektors war dort Geistlicher. Er und der Seminarist Peter Bendix hatten schon früher zusammen in den alten Sprachen gearbeitet; das sollte fortgesetzt werden. »Nun kommt viel junges Blut bei uns zusammen.« So bewillkommte ihn die Gutsfrau, als er auf Kuhlenkamp antrat. »Sie und unsere junge Brut und Pastor Lammers – Pastor Lammers kann ich ruhig mitrechnen, denn mindestens dreimal in der Woche schenkt er uns einen Abend.« Die junge Brut. Was man davon hatte, konnte Zweifeln unterliegen. Es waren zwar zwei hübsche Kinder, aber sie zählten sechs und acht Jahre, ein Mädchen, ein Knabe. »Und morgen«, setzte Frau Richelsen hinzu, »kommt noch ein junges nettes Mädchen. Sie, Herr Bendix, müssen sie kennen; sie hat ja einen Teil ihrer Kindheit in Ihrem Dorf zugebracht.« Peter Bendix mußte sich zusammennehmen, denn er fühlte, daß er rot wurde. Er hatte Lotten niemals aus den Augen verloren; es konnte keine andere sein als Lotte Vossen. Doch erkundigte er sich mit guter Fassung nach dem Namen. Sie hieß wirklich Lotte Vossen. »Nehmen Sie sich in acht, sie wird nicht allein für eine Schönheit gehalten, sondern sieht auch wirklich gut aus.«   Am folgenden Tag sah er sie selbst von Angesicht und drückte ihr die Hand. Lotte Vossen stand in voller Blüte und hatte die von ihrer dreizehnjährigen Lieblichkeit gemachten Zusagen voll eingelöst. Und noch immer ein stilles Lächeln in jedem Zug. Als die beiden jungen Leute sich begrüßten, wußten sie, daß sie sich innerlich längst einig gewesen seien, und daß sie es von jetzt an auch äußerlich sein würden. Er hatte sie niemals aus den Augen verloren. Ein Verwandter von ihr, der in Hamburg wohnte, hatte sich ihrer eine Zeitlang angenommen und sie an dem Unterricht seiner Tochter teilnehmen lassen. Aber nach ein paar Jahren war sie zu ihrer Großmutter zurückgekehrt; sie mochte lieber auf dem Lande sein als in der Stadt. Niemals hatte er den Versuch gemacht, sich ihr zu nähern. Ein einfacher Seminarist? Sein Adlerflug hatte als Hemmnis dazwischen gestanden. Galt es doch für ihn, erst die Universitätsreife zu erlangen, darauf ein langes Studium. Die Mittel werden, weil der Alte nicht dafür zu haben sein wird, durch Erteilen von Stunden aufgebracht werden müssen. Viele, viele Jahre harter Arbeit liegen vor ihm. Frau und Kinder und Familie kann er dabei nicht gebrauchen; in einem langen Brautstand wird ihre Jugend, ihre Schönheit welken. Und selten hatte er sie gesehen. Nun, da das Geschick sie so eng zusammenführen wollte, wo er ihr als Hausgenosse ins Auge blickte, wußte er, daß er sie doch zu seiner Braut machen müsse, und daß ein alterndes Mädchen mit ihm vor den Traualtar treten werde. Er sah ihre Schönheit und war traurig über die kalte Verschwenderin Natur. Das wertvolle Gut lag hinter Wald und Busch an einem kleinen, von einem lebhaften Bach gespeisten See. Wo die Brücke über ihn wegführte, schäumte sein Strom über ein Wehr, drehte ein Mühlenrad und fiel tief hinab. Und in den Speichen hing der hier gebietende Pan als feuchter Nix. Wochentags drehte er sein Rad und mahlte und mahlte, Sonntags schlief er als grün bemooste Riesenspinne im Gestänge. Und wenn er im Schlaf die nassen Locken schüttelte, schlugen große Tropfen lang und bang auf tiefe, stille Wasser, und von den Granitwänden der Grube klang es hohl zurück. Der Gutsfrau Mutter wohnte im Kirchdorf; an Sonn- und Feiertagen wurde nach Tisch dort mit Mann und Kindern besucht. Hauslehrer und Stütze blieben zurück, und der Hof war wie ausgestorben. Bis vier Uhr schlief das Gesinde in den Kammern und im Heu, den Mittagsschlaf nachzuholen, den es wochentags bei hilder Zeit entbehren mußte. Der Hof war wie ausgestorben, an allen Zäunen lag das All und gähnte hinter vorgehaltener Hand. Aber Hauslehrer und Stütze waren wach, und sie standen am Geländer der Mahlgrube. »Schau her, hör hin, Lotte!« fing er an. »Tropf ... tropf ... Sinds Tränen der Natur oder ist es ihr Schweiß vom Wochenfron?« »Ich hörte von weisen Männern, der Wert des Lebens bestehe allein in Arbeit. Ich denke, es ist der sauren Arbeit Tropfen. Ich will von Tränen nichts wissen, so lang ich dich und deine Liebe habe.« »Und da hast du recht, Lottchen. Nichts von Tränen! Aber auch nichts von eklem, saurem Schweiß. Wir haben schlecht gedeutet. Hör genau hin: Tropp, tropp und wieder tropp! Wie sanft das klingt, wie rund und ruhig, Leid und Last von uns nehmend. Tropf ... tropf ... Und nun spitz gar fein die Ohren, nun singt und klingt es noch besser. ›Die Liebe‹, sagt der gute Kerl, der in der Grube wohnt, ›die Liebe‹, sagt er, ›ist der Menschen Glück‹. Jawohl ... der Menschen ... Glück ... ihr wohlverdientes Glück. – Ich will glücklich sein. Komm in meine Arme!« Er küßte sie. Sie gingen zusammen in den Wald, und auch in seinem stillen Weben verstanden sie: ›Die Liebe ist der Menschen Glück«... Und dann waren sie in dem kleinen Lustgarten des Hofes und saßen unmittelbar am Ufer des Wassers in einer Laube. Und die kleinen, für und für an das Ufer schlagenden Kräuselwellen, Schilf und Ried stimmten ein, alle sagten: ›Die Liebe ist der Menschen Recht... Liebt euch!‹ Das heißt, meistens war er der Deuter. Lotte war verständiger, wenn man will, nüchterner. Und er hatte zu ihr noch nicht von den Adlerflügen seiner Zukunft gesprochen, noch nicht von der Wolkenhöhe, worin er für und für schwebte. In Gedanken verstieg er sich zu nichts mehr und nichts weniger als zu der Hoffnung, für die Welt noch mal was auszurichten, was seinen Namen, und sei es auch nur irgendwo in einem ganz kleinen Winkel in einer ganz kleinen Ecke, für einen ganz kleinen Zeitraum als ganz kleinen Silberstern festlege. Von diesen Träumen hatte die glückliche Unglückliche keine Ahnung. »Nicht wahr, Guter?« sagte sie zu ihm, »zu der nächsten guten Schulstelle melden wir uns und richten dann unser Nest ein und werden Mann und Frau.« Man denke sich seinen Schrecken! Er sah das Stadtbild mit der langen Brücke, sah auch die Burgen. Und hörte das Rauschen seiner Adlerfittiche. Und das sollte in dem Schulmeisteridyll eines Dorfhauses versinken? »Lotte«, fing er an, »ich muß dir was sagen. Sei ein tapferes Mädchen, es wird dir schlimm ankommen.« Sie wurde blaß. »Sprich!« antwortete sie. Und da sagte er ihr alles: seine Träume von der Brücke und von der Burg, seine Flüge, seine Hoffnungen. »Wir werden alt werden, bevor wir uns ganz angehören können, Lottchen. Aber du bist ein stolzes Mädchen. Da wirst du auch einen Mann haben wollen, den man in der Welt vorzeigen kann, der etwas anderes ist als ein die Buben mit der Rute streichender Schulmeister.« Ein paar mal hatte er gestockt, weil er eine Antwort, eine Zwischenbemerkung erwartet hatte, aber sie hatte geschwiegen. Er hatte in ihren Mienen geforscht, aber nur einen tiefen, bleichen Ernst darin gesehen. Nun war er zu Ende, hielt sie in seinen Armen und strich ihr immer das Haar aus der Stirn und küßte sie. Dann ließ er sie frei und wartete. Die im Gutstürmchen aufgehängte Uhr fing an zu schlagen. Lotte schrak auf. »Es ist vier, ich muß Kaffee kochen«, sagte sie und erhob sich. »Bleib!« fügte sie hinzu, als er das Gleiche tat. »Bleib, ich komme wieder.« So blieb er und hing seinen Gedanken nach. ›Wird sie verlangen, daß ich Dorfschulmeister werde?‹ Und wild wogte es in ihm. Er schätzte die Gewalten ab, die dabei waren, in der Seele seiner Geliebten die Schalen zu füllen, – das, was sie in der Richtung seiner Wünsche treibt: ihre Liebe, ihr Stolz, ihre Hoffnung; aber auch das Hemmende: die Sehnsucht, ihm gleich anzugehören. Welche Schale wird auf den Boden stoßen? Und wenn sie das Opfer von ihm verlangt, das er nicht bringen kann, nicht bringen darf, weil es ihm Verrat an allen Zwecken dünkt, die die Natur mit ihm vorhat, was dann? Was dann? Lotte kleidete sich in hellen Farben, die standen ihrer dunklen Schönheit gut. Ihr Rosakleid zeigte sich an der Pforte des Gartens. Sie sah weich und freundlich aus und winkte ihm. »Komm«, sagte sie, »der Kaffee ist fertig und die Leute vespern. Für uns habe ich zurückgestellt. Wir wollen noch mal nach der Mühle gehen und hören, was die Tropfen sagen. Nicht wahr?« Er hatte sich erhoben und ging schweigend neben ihr her. »Und damit du die Sprache wiederfindest«, fuhr sie fort, »will ich gleich sagen: Ich hätte lieber auf das verzichtet, was du deine Ideale heißest. Aber wenn du darin dein Glück siehst, dann will ich warten, dann will ich eine alte Braut werden.« Auf einem Hof am See und hinterm Wald, dessen Herren stille Leute sind, verliefen damals die Tage einsam und still. Ein Hausierer mit buntem Kram brachte schon Abwechslung, wandernde Musiktruppen und Dudelkasten mehr, Bergwerke und solche Sachen ebensoviel – der beste und seltenste Genuß war der Guckkastenmann mit Bildern aus aller Welt. Es entstand eine große Aufregung, als ein solcher Kasten nach Kuhlenkamp kam. Der Hausherr bedauerte, daß seine Frau bei der Pastorin im Ort Kaffee trinke und die Kinder mitgenommen habe. Dieser Kummer fiel aber weg, als der Kastenmann erklärte, direkt nach dem Pastorat gehen zu wollen, um dort seine Herrlichkeit zu zeigen. Das Dienstmädchen war auf Besuch bei ihrer Tante im Dorf Glüsen, das im Nachbarkirchspiel lag. Ihre kleine Schwester verrichtete inzwischen in Stellvertretung ihre Dienste und weinte beinahe bei dem Gedanken, daß Anna den Kasten nicht zu sehen kriege. Der Meister hatte auch dafür einen Trost. In Glüsen sei er gestern gewesen, auch bei der Tante. Und ein junges Mädchen mit hellem Haar habe alles gesehen und es habe ihr gut gefallen. Und dann ging die Herrlichkeit los. Wie es sich für einen deutschen Guckkasten schickt, zeigte er erst die Fremde. Zu allererst London und Paris, dann ging er nach Spanien und Italien, überflog darauf die Alpen und war in der Schweiz. Und von der Schweiz her machte er auch Deutschland einen Besuch. In der Petrikirche zu Rom segnete der heilige Vater sein Volk, und alles im Dom, sagte der Kastenmann, sei Gold und Edelstein, herrlich anzuschauen. Die Hochgebirge der Schweiz kamen nicht recht zur Geltung, sie standen zu sehr im Hintergrund. Die Walze knarrte oft, und jedesmal warf sie ein anderes Bild vor die Linse. Die Bewohner von Kuhlenkamp sahen zahlreiche Städte, und der Vortrag des Meisters floß nebenher, und zum Schluß kam die große Überraschung. Rr–r–r–rr! Ein Stadtbild. Peter Bendix mußte einen Ausruf unterdrücken, so groß war seine Freude. Lotte stand neben ihm; er griff nach ihrer warmen Hand und fühlte ihren Gegendruck. Auch sie hatte das Bild erkannt. Was sie sahen, war das Bild vom Schönschreibheft, war das Symbol seiner Träume, war die hochragende, am indigoblauen Fluß hingelagerte Stadt. Sie sahen die X-Pfeiler der Brücke, sahen alles, just so, wie einst auf dem Umschlag, nur voller, breiter, lebendiger, größer. Es gingen viele Leute über die Brücke. Aber es war keiner darunter, der Funken aus den Steinen schlug. Und angesichts der langen Brücke kam eine Vision über Peter Bendix. Er stand gar nicht vor der Glaslinse der Kastens, sondern trieb im Menschenstrom hinüber nach dem Schloß, nach der hohen Kirche – nach der Stadt. Auf der Brücke, erklärte der Guckkastenmann, muß wegen des Gedränges jeder rechts gehen; auch Peter Bendix ging rechts und tat es mit leisen behutsamen Sohlen, ohne Hufeisen. Er sah sich nach Lotte um; er hatte gehofft, sie an seiner Seite zu sehen, aber er gewahrte sie nicht. Auf der links vom Brückenende befindlichen hohen Terrasse beugte sich ein schwarzgekleideter feiner Herr mit feinem, schwarzem Hut über das Geländer und schaute in den indigoblauen Fluß. Als Peter Bendix die Brücke passiert hatte, stieg auch er hinauf und tat so wie der feine Herr. Ja, er tat noch mehr, er schlüpfte in seine Haut – nun war der feine schwarzgekleidete Herr kein anderer als Peter Bendix Schütt. Und Peter Bendix Schütt träumte über das Geländer gelehnt und sah zu, wie der indigoblaue Fluß durch die Enge der X-Pfeiler schäumte. Rr–r–r–rt! Die Brücke versank. Peter war im Dom der Hofkirche. Die schlanken Säulen, die reich gegliederten Fächergewölbe trugen seinen Glauben und seine Hoffnung nach oben. Auch hier war alles Gold und Marmor und Edelstein. Von den Emporen brauste und rauschte Musik aus lauten, zuversichtlichen Hörnern, daß die Zweifel zu Boden schlugen und Peter Bendixens Seele von weichen, schmeichlerischen, beredten Geigen emporgetragen wurde, hinauf ins wolkenlose Blau – und immer umarmt von jungem, weichem Gesang. Überall glaubensvoller, mutiger Springquell, melodisches Hinabrauschen stiller Ergebung. Rr–r–r–rt! Ein Rundbild liegt auf der Walze. Man wandelt langsam unter hohen Bäumen dahin – es ist der prächtige Lustgarten der Residenz. Vornehme, leidenschaftslose Paläste blinken wie aus Wolkenhöhe hinein, erzene, hoheitsvolle Männer stehen und reden mit Hand und Miene oder ruhen im Grün. In einer Seitenstraße ein lindenumrauschtes Haus. Das war das Beste, was Peter Bendix sah. Rr–r–r–rt! – Klacks! Pappen und Walzen ... Die Vorstellung war zu Ende.   Der Kastenmann hatte den geheimnisvollen, eine ganze Welt bergenden Apparat aufgeschnallt und war mit krummem Rücken weitergegangen; der Gutsherr hatte sich nach den Wiesen begeben, die Fünfzehnjährige half auf dem Wirtschaftshof beim Melken aus, vor Abend wird Frau Richelsen von Pastors nicht zurück sein – Hauslehrer und Stütze hüten den Herd. Lotte Vossen putzte ihn sogar. Vertretungsweise verrichtete sie alle Dienste einer Magd. Und beim Reiben der Messingstangen hörte sie die Stubentür des Hauslehrers und ihn selbst die Treppe herabkommen. Ja, er ging ins Erdgeschoß, der Händedruck seines Mädchens bebte in ihm nach, er hatte zu viel Sehnsucht. Und nun stand er vor ihr. Er wollte lachen, aber es gelang nicht recht. »Das war schön, Lotte, was?« »Ja, das war es.« »Aber Lübeck haben wir nicht gesehen.« »Nein, das haben wir nicht.« »Darf ich dirs zeigen?« ›Lübeck zeigen‹ ist ein unter Vertrauten üblicher, wenn auch ein bißchen handgreiflicher Scherz. »Ich habe keine Zeit, zu albern.« Sie hatte aber ganz gut Zeit, denn sie lachte ihn aus ihren braunen Augen an. Die rechte Art, Jürn Wullenwewers Hansestadt zu zeigen, kommt ›von achtern‹ her, Peter Bendix tat es aber von vorne, preßte zwei große Hände gegen ihre Schläfe und küßte sie – einmal – zweimal – dreimal auf den Mund. »Hast Lübeck gesehen?« »Einen mallen Jung hab ich gesehen.« »Und der malle Jung zeigt dir noch mal, wo du geboren bist.« »Das sollt er man mal wagen!« Er wollte es tun, sie protestierte, aber es war ihr nicht ernst damit. »Töv, ik krieg di!« rief er. »Wenn du mich kriegst, schlag ich.« Sie schlug aber erst, als sie Lübeck gesehen hatte. Sie schwang das Tuch des Staubes ungefähr in dem Augenblick, als er über die Küchenschwelle sprang und ihr beim Hinausspringen als Schelmengesicht eine lange Nase machte. Und dann schritt er die Stiege, hinauf nach seiner Stube. Er glaubte nicht mehr nötig zu haben, an die zu denken, die um die blanke Reinheit des Gutsherds von Kuhlenkamp besorgt war, er glaubte die alten Lateiner hernehmen zu können, aber er merkte bald, daß das nicht ging, daß der Geist des Aufruhrs in ihm umging und die Grundlinien seines Wesens verwirren wollte. ›Bet mich an, dann will ich sie dir restlos geben‹, sagte dieser Fremdling und gebärdete sich wie zu Hause. Es war zu arg, Goethe mußte helfen! Er suchte ›Tasso‹. Wenn er ›Tasso‹ nahm, ging die Stimmung in gebundenem Ton. Ein edler Geist in Wahn und Zorn zerstört, du hörst nur noch ein mächtig Rauschen und ein sanftes Wehn im klaren Springquell reiner Kunst. O komm, du herrlich Buch, und nimm von mir die Schlacken meiner Seele! Er las und las, aber er mußte erfahren, daß auch der Macht des Altmeisters und seines ›Tasso‹ Grenzen gesteckt seien. Er legte das Buch weg und öffnete die Tür. Die bald hallende, bald webende Stille des Hauses stand wie zur Wache vor ihm. Seine Stube war ein Giebelzimmer; keine zehn Schritte davon am andern Ende die Kammer seines Mädchens. Er wollte, er mußte sie sehen, er ging die Treppe wieder hinab, und vor ihm Stufe um Stufe ging die Ruhe des Hauses mit hoch erhobener Hand. So suchten sie die, die in seinem Herzen lebte. Sie suchten sie erst in den Stuben, aber sie war noch in der Küche, saß dort in einer großen blauen Schürze vergraben und schälte Kartoffeln. Sie bediente sich dabei eines kleinen, scharfen, spitzen Messers. Und als sie ihn sah, erhob sie ihr Messer zu Stich und Stoß und sagte: »Nun komm mir man mal!« Peter Bendir antwortete nicht, er nahm Eimer und Mulde behutsam weg, löste die Waffe aus ihrer Hand, legte sie zu der Kartoffelschale, band die blaue Schürze mit einer von Sachkunde zeugenden Geschwindigkeit los, faltete sie über ihrem Inhalt und hielt den Anrichtetisch für einen geeigneten Platz, Schürze und Messer und Kartoffelschale aufzunehmen. »Man muß«, sagte er, »schönen Schlangen die Giftzähne ausbrechen, dann werden sie lieb und gut. Und nun komm her, sei Schlange, ich heiße Laokoon!«   Noch an demselben Abend offenbarten sich die geheim Verlobten ihrer Herrschaft und nahmen herzliche Glückwünsche entgegen. Beim Schlafengehen aber sprach die Hausfrau zu ihrem Mann: »Das ist ja soweit ganz gut, es ist eine passende Partie, da ist nichts dagegen zu sagen. Leider bedeutet das ein Ende ihrer Stellung bei uns. Jetzt heißt es freilich: wir wollen noch nicht heiraten. Aber man weiß schon, wie das geht. Es ist auch ja ganz natürlich, daß man, wenn es so weit gekommen ist, gern zusammen will. Und Lotte muß selbstverständlich gleich anderswo hin. Ich hab mir schon immer Gedanken gemacht, zwei so junge Leute allein auf dem Boden wohnen zu lassen. Sind sie nun gar Bräutigam und Braut, dann ist es ganz unmöglich.« »Was ist unmöglich?« fragte ihr halbwacher Mann. Er war just im Begriff gewesen, wegzusinken. »Daß du noch länger wachst, das ist unmöglich«, antwortete sie. ›Was soll ich da lange reden?‹ war ihr Gedanke. ›So was ist Frauensache. Die Tochter von Kaufmann Reher ist auch ein nettes Mädchen, sie hat schon längst um die Stellung gefragt. Frau Urban auf Dobershagen ist um eine Stütze verlegen, da kann Lotte Vossen hinkommen.‹ Und als sie das zurecht gedacht hatte, schlief auch sie ein, und wachte bis zum Morgen nicht wieder. So glaubte sie wenigstens, als sie Fräulein Lotte Vossen in der Frühe die Wohnstube aufräumen hörte. In Wirklichkeit war sie zwei mal von einem Geräusch, als ob irgendwo im Hause eine Tür aufgemacht werde, wach geworden. Sie war aber gleich darauf wieder eingeschlafen und wußte jetzt nichts mehr davon.   Sie hatte aber doch recht gehört. Und weil sie recht gehört hatte, hatte Peter Bendix das Gefühl, daß er die Begründung seiner Zukunft nicht bis zu dem Tag aufschieben dürfe, wo er die lange Brücke und die Burgen gefunden habe. Brücke und Burg wollten sich im Nebel auflösen, aber innerlich hielt er noch immer an seinem Ideal fest. Lotte siedelte nach Dobershagen über. Sie sprach nichts über die Veränderung ihrer Lage, hielt es aber für selbstverständlich, daß nach dem, was geschehen, so bald wie möglich ein Nest zu suchen sei. Ein angenehmer, nicht zu langer Heckenweg verband die beiden Güter. Sonntag nachmittags besuchten sich die Brautleute. Und dann brachte Lotte Bossen alle Schulamtsanzeigen mit und begann mit ihrem Verlobten nach einer Stelle zu suchen. Da rückte es Peter Bendix ganz nahe, seine Adlerfittiche wegzuhängen. Eines Tages kam jemand, der es ihm noch näher brachte. Es war ein alter Mann, ein rotes Tuch, worin Äpfel verknotet waren, unter dem Arm, die Pfeife im Mund. Durch die Haustür des Herrenhauses ging er, es war der alte Schütt. Er hielt noch immer an seinem Altersideal fest, nun kam er, an der Verwirklichung mitzuwirken. Er war ein alter Bauer mit roter Gesichtsfarbe, dabei von kurzer Statur. Auch seine Pfeife, woraus er erst die Wohnzimmer der Gutsleute vollgeraucht hatte und nachher die Stube seines Sohnes vollqualmte, war von geringer Länge. Er kam, seinem Sohn mitzuteilen, daß der alte Lehrer Vollert von Holle zum Herbst in Pension gehe. Die Schulgemeinde Holle umfaßte zwei politisch selbständige Dörfer, das Schulhaus lag ziemlich genau in der Mitte an einem großen Wald. Es war groß genug, ihn mitaufzunehmen. Es war wie geschaffen für den Schulmeister Peter Bendix und für seinen alten Vater. Sie konnten ›umschichtig ‹ die Dörfer besuchen, ohne sich ins Gehege zu kommen. Die Frau des Jungen schien dem Alten freilich noch immer eine überflüssige Zugabe, er hatte aber den Weg über Dobershagen gemacht, hatte die Zukünftige seines Peter Bendix kennen gelernt und hatte Gefallen an ihr gefunden. Nun konnte er sich auch damit zufrieden geben. Sein Sohn sagte freilich, es müsse noch überlegt werden, sprach sich aber sonst günstig aus. In Wahrheit gab es auch weit und breit keine besser dotierte und bequemere Schule. Sollte und mußte es sein, dann Holle. Vielleicht fand sich sogar ein Splitter Muße für eigene Studien. Sein Gutsherr kannte die Mitglieder der Behörde, die die Stelle zu vergeben hatte; er sprach mit ihnen, lobte seinen Hauslehrer, die Zeugnisse taten das gleiche – Peter Bendix wird die Stelle bekommen, wenn er sein Gesuch einreicht. Seinem Vater hatte er eine halbe Zusage gegeben, seiner Braut die andere Hälfte, aber noch immer tobte in ihm der Kampf. Vor der Hand wollten er und seine Braut Holle besuchen. Das Gut gab den Wagen her, so fuhren sie Sonntags nachmittags hinüber.   Am Hecktor stand ein langer, hagerer, eisgrauer Mann, das war der alte Lehrer, neben ihm ein kleinerer mit kurzer Pfeife, das war Vater Schütt. Unter den Fenstern der Wohnstube wucherte der Weinstock. Die Fenster sahen in den Garten, und wenige Schritte vor der Hauswand grünten hoch und üppig aufgeschossene Stauden von Erbsen und Bohnen. Als Peter Bendix und Lotte Bossen und der Alte Haus und Wirtschaft besahen und im Garten standen, sagte die Schulmeistersfrau in spe : »Unsere Erbsen und Bohnen setzen wir weiter nach hinten hin. Hier müssen Rosen stehen. Ich liebe die großen mit dem weichen Sammtblatt. Da haben wir sie stets vor Augen.« Der Alte sog aus seiner Pfeife einen hastigen Zug und fragte (er hatte eine etwas drängende, knarrende Stimme): »Aber Lotte, wo soll denn das hin, was hier jetzt wächst?« »Das, Vater, kommt dahin, wo die Kartoffeln sind.« »Und die Kartoffeln?« »Die müssen nach der Koppel.« Vater Schütt ließ die Pfeife an den Zähnen hängen. »Ja, Tochter! Dann hast aber dreist eine und ne halbe Tonne Korn weniger im Jahr.« Lotte lachte: »Muß sich helfen, Vater. Der Mensch lebt nicht allein von Brot, Blumen gehören auch dazu.« »So – so«, knarrte Vater, »dat hev 'k na gar ni wüßt. – Will mal sehn, ob de Per na wat inne Kröpp hebbt«, setzte er hinzu. Er behielt ein ruhiges, trockenes Gesicht; so ging er den Gartensteig entlang dem Hause zu. »Lotte«, fing Peter Bendix an. »Was, mein Lieber?« »Das hättest nicht sagen sollen.« »Hätte ich nicht sagen sollen?« »Nein, das vergißt er nicht wieder.« »Ist der Alte so nachträgerisch? Das kann ich nicht glauben.« »Nachträgerisch will ich nicht sagen. Aber er wird sich auf seine Weise Gedanken machen.« Es entstand eine etwas peinliche Pause. Dann waren sie wieder bei ihren Zukunftsplänen. »An meine Rosen darf keine fremde Hand kommen!« plauderte Lotte, »die pflanz ich, die besorge ich ganz allein. Ich schneide ab, was sie hergeben, da haben wir jeden Morgen frische Blumengesichter auf dem Tisch.« »Andere dürfen nicht daran kommen?« »Nein!« »Auch nicht dein Mann?« »Ach du, das ist doch ganz was anderes! Ein Mann ist doch kein anderer!« »Und die Kinder?« »Die Schulrangen würde ich schön auf den Trab bringen, die das wagten.« »Von denen sprach ich eigentlich nicht. Die Schulmeistersleute könnten doch auch welche haben?« Lotte errötete bis in ihr braunes Haar hinein. »Ach du, das muß sich dann finden.« Weiter sagte sie nichts. Vater Schütt und der alte Lehrer Vollert kamen plaudernd den Gartensteig herauf. Der Herr des Hauses lud zu einem Abendimbiß ein; Vater Schütt aber kam, Adjüs zu sagen. Er wurde zu Hause erwartet, sein Weg führte ihn eine kleine Stunde durch die Bruchwiesen. »Adjüs meine Tochter!« sagte er zu Lotte. »Und ich meine nur, Schulmeister auf dem Dorf sind Bauern wie wir. Und wenn ich recht bin, wird unser Brot aus Roggen gebacken und nicht aus Rosen. Aber nimm mir nicht übel, ich mein nur so! Und ich bin ein alter Mann.« Als Peter Bendix und seine Braut aus dem Hecktor fuhren, hatte die Natur die großen Tinten abendlichen Schweigens über sie hingeworfen und der Wald riegelte die Pforten seiner Ruhe auf. Nachtschwalben schossen über die Pferde hin, ringsum war es still wie in der Ewigkeit. Und wenn auch noch immer Baumriesen ragende Häupter über das einsame Fuhrwerk streckten, und wenn auch im Wald allgemach das nächtliche Treiben begann, und wenn auch die Fugen und Riemen des Wagens stöhnten und klagten, wie auch immer die Natur lockte und rief – alles unterstrich das große Schweigen, das Peter Bendix und seine Braut umfing. Und es peinigte und drückte den jungen Hauslehrer um so mehr. Das, was er auf sich genommen hatte, war ihm zu schwer. Er stöhnte noch mehr als der Lederstuhl, der ihn durch die tiefen Wagengeleise warf. Die Zukunft, seine Zukunft hatte reich und voll und sonnenhaft vor ihm gelegen. Aber beim Schulhaus von Holle war es so totenhaft, einsam und still. Die Brücke auf den X-Pfeilern sah er deutlich, Timotee, wie er hinüberging, Anna Hotje an seiner Seite, Feuer sprühte bei jedem Schritt; aber vor Peter Bendix hob sie sich in die Wolken, und sein Wagen fuhr darunter hinweg. »Liebe Lotte«, schrieb erfolgenden Tags an seine Braut, »gestern abend beim Abschied meintest du, ich sei nicht bei Stimmung gewesen. So war es in der Tat. Ich fühlte mich müde, ich war zerschlagen und bin es noch jetzt. Es ist viel Weh in der Welt; wir haben auch unser Teil zu tragen. Wenn ich nicht dich und deine Liebe hätte... Und wiederum ist es gerade deine Liebe. Ich wills gestehen: die Einsamkeit beim Schulhaus ist mir aufs Herz gefallen. Und die alten Träume, die du kennst, sind wieder erwacht. Kann ich, können wir, hab ich mich gefragt, es vor Gott verantworten? Ich wills nicht weiter ausführen. Du weißt ja, was ich mir zutraue. Und es gab eine Zeit, wo du mirs zugesagt hast: ich will eine alte Braut werden. Das war hochherzig. Alle Leute, die sich was zutrauen, sind egoistisch, dürfen egoistisch sein. Ich glaubte es mir, ich glaubte es uns beiden schuldig zu sein, dein Opfer anzunehmen. Aber es stand anders mit uns als jetzt. Besser. Wir konnten, wenn wir uns in die Augen sahen, noch immer glauben, Kinder zu sein. Es ist anders geworden. Durch meine Schuld. Leider! Und wenn wir unsern alten Plan wieder aufnehmen, dann müssen wir uns bestreben, wieder Kinder zu werden. Soweit es nach allem, was geschehen, noch möglich ist... Als du von den Rosenstöcken sprachst, die keine Kinderhand anrühren dürfe, da warf ich ein Wort hin, das dich erröten machte. Ich habe auf meine Weise gedeutet, und wenn meine Deutung die richtige ist, so steht noch immer der Weg nach den Burgen offen, ist noch immer der Weg nach der Brücke frei. Laß dein Tintenfaß in Ruh! Sonntag sehe ich dich auf Kuhlenkamp, dann sag mir, was gesagt sein muß.« Sie kam zwar am Sonntag, aber sie hatte wegen eines Besuchs erst kommen können, als der Tag zu Ende ging. »Es ist gut, daß du da bist«, seufzte er und sah sie bedrückt an. »Das ist es«, antwortete sie. Sie sah ernst, aber nicht finster. Er forschte nach dem Lächeln, das ihren Lippen so gut stand und niemals fehlte. Es war noch da, aber es war kleiner als sonst. »Tinte und Papier möge ich in Ruhe lassen, schriebst du, und das war recht. Ich hätte gar nicht so viel in meiner Kommode gehabt. Und das, was ich zu sagen habe, schreibt keine Tinte hin. Ja Lieber, du wirst Dinge hören müssen, die nicht nach deinem Sinn find.« Darauf antwortete er nicht; er sagte nur: »Wenn es dir recht ist, gehen wir in den Wald.« Und sie gingen erst unter den hohen Buchen hin, an die sich die Gutsgebäude lehnten, und wendeten sich dann dem Promenadenweg zu, der quer durch den Wald lief, meistens durch Tannengebüsch verdeckt. Sie glaubten allein zu sein, es saß aber nicht weit vom Weg ein Gutsknecht mit seinem Mädchen im Dickicht auf einer Bank. Die haben ihre Stimmen gehört; das heißt meistens allein die von Lotte Vossen, deren Laut immer ruhig daherfloß. Verstanden haben sie aber von der ganzen Unterhaltung kein Wort. Bei beginnender Dunkelheit ist es ganz still geworden, Knecht und Magd sind nach dem Gutshof zurückgekehrt – da haben sie den Hauslehrer und seine Braut bei der Mühle am Wehr gesehen. Am Rande der Mahlgrube verweilten Peter Bendix und Lotte Vossen lange Zeit und sahen in das Schimmern des verrinnenden Tages. Die Sonne war hinter den Wasser- und Schilfrand des Sees hinabgesunken, das Abendrot erblich. Morgen wird die Sense zum ersten mal im Roggenfeld surren; dann feiert man das kleine Erntebier mit Bier und Gelag. Und die Vorfeier lärmt und klagt und frohlockt bereits mit Gejohle und mit Harmonika über den Wassern zu Peter Bendix und Lotte Vossen her. Sie glauben noch immer in den Abend zu sehen, aber es leuchtet und knistert schon eine sternenhelle, bogenhohe Nacht, und neben dem jungen Paar tropft es wie einst langsam vom Rad. Und noch immer kennt man sich nicht aus: sinds Tränen, ists Schweiß und Müh, oder ist es Stöhnen und Klagen? Sibyllenton? Prophetenwort? Vielleicht gar Drohung geknebelter Kraft? Sie standen am Geländer, und noch immer sprach die Braut. Sprach, wie ihr Wesen sich gab, wie sonst sprach sie, ruhig und milde. »Als ob es«, sagte sie, »überhaupt denkbar wäre, als ob dus könntest, als ob deine Hand, dein Fuß sich nicht widersetzen müßten, beföhle es auch dein kluger Kopf.« »Lotte!« fiel er ein. Aber sie ließ ihn nicht. »Da bin ich ganz sicher. Dazu bist du zu treu. Dein Wort hat die Kraft eines Eides. Du magst es nun wollen oder nicht: du wirst es vor jedem Nebenweg finden, und keine Zollbreite wird frei sein, vorbeizuschlüpfen. Und dann«, – da blinkte ihr stilles Lächeln im Sternenschein – »deine Liebe leidet es auch nicht. Denn, Peter Bendix, ich muß es dir sagen, damit dus weißt: Lotte Vossen liebst du noch immer. Und deine Lotte wirst du nicht in Unehre bringen. Eher ginge ein Kamel durch ein Nadelöhr«, setzte sie hinzu. Und wieder sah er ihr Lächeln. Peter Bendix schwieg. Was sollte er antworten? Es war alles so schlüssig, so bündig, so sittlich. Und nach dem, was er heute erfahren hatte, wie es mit ihr stand, da mußten seine Burgen und Brücken wohl im Nebel versinken. Hinter den Fenstern vom Schulhof blühen Rosen von der Art, wie Lotte sie liebt, die mit dem großen, gelben Samtblatt. Kartoffeln, die gehören nicht in den Schulgarten vor die rebenumsponnenen Stuben. Wozu ist die Schulkoppel da? So dachte er, so stürmte es in ihm. Er hätte gern gesprochen und sei es auch nur, um ihr einen Begriff von der Größe seines Opfers zu geben, zu sagen, was er leide. Aber – sie war eine so gute Lotte, ein nur ein bißchen anspruchsloser Gatte wird bei ihr wie im Himmel leben. Aber den Flug der Funken, die man Ehrgeiz nennt, die wie Feuer brennen, den kennt das Lottchen nicht. Oder wenn sie ihn kennt, kennt sie ihn nicht so, wie er. Und wenn ein Feuerchen vor ihre Füße stäubt, tritt sie es aus. Er aber hat eine Mannesseele. Und die Mannesseele hat der Schöpfer doch wohl besonders zum Gefäß hoher Ideale gemacht. Tritt ihn tot, den Ehrgeiz! Wenn du den tot gemacht hast, dann wird im Schulhaus bei solcher Frau der Himmel auf Erden sein. Er seufzte. Sie verstand ihn nicht. »Meine Tat, unsere Tat, wir werfen sie getrost auf den Herrn.« Und wiederum schwieg Peter Bendix Schütt. Alles, was Recht und Sitte sagen mochten, schien ihm so zwerghaft klein gegen die Riesengröße des Verzichts, den er seiner Seele abrang. »Du sagst mir nichts, Geliebter, und du hast recht. Was ist da viel zu reden? Bittern Trank ohne Laut zu schlürfen, das ist des Mannes Recht und Pflicht.« Sie stockte, sie hoffte trotz alledem auf ein Wort. Und als es auch jetzt nicht kam, da sah sie ihm ernst ins Angesicht. Und wartete auf sein Wort – wartete an seiner Seite am Rand der Mahlgrube. Und horchte auf den hohlen Tropfenfall vom Rad. Er drückte ihre Hand und sagte – nichts. Da sprach sie leise: »Komm, es ist spät, wir wollen nach Hause gehen.« Er antwortete ein karges: »Ja, es ist spät. Ich will anspannen lassen. Der Mond kommt erst um zwei. Zwischen den Hecken ist es dunkel. Ich will anspannen lassen und dich rasch hinüberfahren.« »Tu das, mein Lieber!« Aus der Grube klang es hohl und bang. ›Und wenn er nicht der ist, für den ich ihn halte?‹ dachte Lotte Vossen, ›dann bleibt mir die Grube.‹ Und Peter Bendix: ›Ob es wohl ein leichtes Ende ist, kopfüber in den Schacht.‹ Aber beide verschlossen es in ihrer Brust. »Ich will ›Tasso‹ lesen«, murmelte Peter Bendix Schütt, als er von seiner kleinen Reise zurückgekommen war. »Die beiden letzten Akte. Vielleicht wirds helfen.« Erst dachte er im Lehnstuhl zu bleiben, dann aber rückte er einen soliden Tisch ans Bett, stellte die Lampe darauf, legte sich nieder und nahm ›Tasso‹. Und über den Versen des Altmeisters schwebte immer die Frage: ›Was ist das höhere, das vornehmere Gebot? Was ist die höhere Pflicht? Die gegen sich selbst oder die gegen seinen Nächsten‹? Er entschied: ›Die gegen mich selbst.‹ Und die Entgegnung: ›Auch dann, wenn ein Schaden zu bessern ist, den man selbst herbeigeführt hat.‹ Und es erhob sich eine Stimme, die wollte sagen: ›Auch dann.‹ Sprach es aber nicht rund aus. Peter Bendix behielt es nur in Gedanken. Zum Beispiel: ›Da ist einer ein schlechter Schwimmer; er wird wahrscheinlich ertrinken, wenn er einen andern zu retten versucht. Sein Leben soll auch kostbarer sein als das, das im Wasser mit dem Sterben ringt. Er zaudert. Wer will ihn schelten? ... Aber wenn nun der andere von ihm schuldhafterweise ins Wasser gestoßen worden ist, dann muß er doch nachspringen?‹ Das und ähnliches dachte er zwischen den Zeilen von ›Tasso‹ hin. ›Die deutsche Literatur‹, dachte er weiter, ›kennt einen großen Dichter, dessen Geliebte Elise hieß, der sich aber mit einer Frau verheiratete, die einen ganz anderen Namen führte. Wahrscheinlich wäre er der Welt nicht das geworden, was er ihr ist, wenn seine Frau Elise geheißen hätte ...‹   Im Walde herbstete es, auf Baum und Blatt lag ein müder Zug; auch er fühlte sich matt. Und der Weg war doch eben und nicht zu steil. Er setzte sich auf einen Stein, der Atem ging schwer. Nach seiner Rechnung hätte er schon oben sein müssen, dort, wo die Burg liegt. Er hatte sie vor Eintritt in den Wald gesehen, hoch und frei, wie zum Greifen. Er fuhr sich über die Stirn, alten verwelkten Erinnerungen die Bahn frei zu machen. Die Burg? Hatte er sie nicht auf dem Mittelfeld seines Schreibheftes gehabt? ... Wolkenballen und windgefegte Krähenflüge? ... Türme und Zinnen und Glanz falber Vergangenheit? ... Wie lange war das her? Er wußte es nicht. Man hatte ihm das Gedächtnis von dem Mittelstück seines Lebens gestohlen; er wußte nicht, wo es hingekommen war. Wie lange lag der schreckliche Tag hinter ihm, wo man sie, die er zu lieben geglaubt hatte und der er sein Wort gebrochen, aus der Mahlgrube gezogen? Wie lange? Das feuchte Ungeheuer hing an grünbemoosten, langen Armen in den Speichen des Mühlenrads, schüttelte das Haar, und die Tropfen fielen lang und bang und rund und schwer in die Tiefe. Er steht auf und geht weiter, er will hinauf zur Burg. Ein altes, welkes Weib, das dürres Holz und Pilze sammelt, kommt ihm entgegen. »Guten Tag, Mütterchen!« »Guten Tag, Alterchen!« Alterchen? Das ist ein guter oder besser ein schlechter Spaß; er wills aber mit Humor tragen. Das Weib, von der Kiepe krummgebogen, steht vor Peter Bendix Schütt und stützt sich auf einen langen Stock. Graugrüne stechende Augen laufen an seiner Figur prüfend auf und ab. »Wie weit, Mütterchen?« »Man rechnet eine halbe Stunde.« Ihre Stimme rasselt und pfeift und wird von Husten unterbrochen. »Unsereiner zwingts in zwanzig Minuten. Ihr, Großväterchen? Ich rat, nehmt ein Stündchen und ein Viertel, dann mags treffen.« »Schön«, erwiderte er laut. ›Habt ein ungewaschen Maul!‹ brummt er in den Bart und geht weiter, immer sachte bergan. Eine Stunde ist hin, und noch ist er im dichten Wald. Er steigt ein Weilchen weiter, es öffnet sich eine Lichtung: Schloß, Türme, Zinnen, Wolkenballen, windgefegte Krähenflüge – falber Glanz der Vergangenheit. Noch ein kleiner, steiler Weg, die letzten Reservekräfte her! – Peter Bendix steht schnaufend am Schloßtor. Oben sind viele Leute, Reisende wie er. Er weiß nicht, wie sie heraufgekommen sind; es ist ihm auch einerlei. Das Schloß wird besehen, der Kastellan und seine Gehilfen machen die Führer. Der reiche, weite Prunksaal! Peter Bendix hat dem großen Kristallspiegel gegenüber seinen Stand. Das Bild aller Leute kehrt darin wieder: der große, breite Engländer mit dem Roastbeafgesicht, ein Generalsuperintendent mit sieben häßlichen Töchtern, modische Damen mit riesigen Ungeheuern von Hüten, darunter Halbwelterscheinungen, die Züge verblüht. Alles ist zu sehen, nur nicht sein eigenes Bild. Wo er sich selbst sehen soll, steht ein ganz alter, müder Mann. »Setzen Sie sich, alter Herr!« hört er eine Stimme und sieht, wie der Schloßwart ihm einen Stuhl hinschiebt. »Hier wirds länger dauern, es möchte Ihnen sauer werden.« Er hält sich in der Tat nur noch mit Mühe auf den Beinen. Aber ›alter Herr‹? Das ihm? Ist er ein alter Herr? »Für wen ist der Stuhl?« fragt er. »Für Sie.« Und der mit den blanken Knöpfen lächelt. »Sind Sie etwa noch nicht alt genug? Setzen Sie sich nur! Es wird Ihnen niemand verargen.« Da setzt sich Peter Bendix Schütt, und das Spiegelbild des müden Greises setzt sich auch. Er ist es selbst – er ist ein ganz alter Mann. Was gehen ihn die Prunkgemächer an? Er ist ein alter Mann. Was die Türme und Zinnen und die Dohlen, die flügelschlagend im Winde stehen? Und was die Zecherfreude und der Vergangenheit falber Glanz und der durch die Jahrhunderte herüberquellende Klang? Er ist ein alter, ein sterbensmüder Mann ... Er wagt nicht darüber nachzudenken, wie lange Zeit verflossen sein mag, wo er Lotte in Schande gebracht und in den Tod gejagt hat. Bald ist ihm, als habe er es selbst miterlebt, wie man sie aus der Mahlgrube zog, bald glaubt er es aus Erzählungen zu wissen. Der Doktor hat jedenfalls gesagt, daß der Tod auf der Stelle eingetreten sei, da sie sich beim Hinabsturz den Schädel an der Granitwand der Grube zerschmettert habe. Peter Bendix muß immer an das reiche, schwarzbraune Haar denken, das auf diesem Kopf wuchs. Es ist doch nicht dick und voll genug gewesen, die Gewalt des Stoßes aufzuheben. Als man sie aus der Grube gezogen hat – so sehr blutig ist das Haar gar nicht gewesen. Lotte Vossen hat ganz am Grunde gelegen, die Mühle ist im Gang gewesen, und der Strom, der dann über das Wehr springt, hat das Blut weggeschwemmt und alles wieder rein gewaschen. Sie ist erst am andern Tag gefunden worden, als all ihr Herzblut schon zu Tal geführt worden war. ›Nacht der Vergessenheit, komm wieder! Gib mir den Schleier her, ich will ihn über die Dinge decken, die nicht mehr sind! Über die Schrecken, die mich alt gemacht haben.‹ ... Aber nicht die Nacht kommt, es kommt der Tag und macht licht, was dunkel sein sollte: Die Träume seiner Jugend sind Träume geblieben. Der Adler des Ruhms fliegt nicht über seinem Haupt. Er glaubte um Kopfeslänge über dem gemeinen Volk hervorzuragen. Aber als er auf dem Markt stand, sah er viele Riesen, zu denen er aufzusehen sein Haupt in den Nacken beugen mußte. Und er selbst ging in der Menge unter. Und niemand hat nach ihm gefragt. Und nun ist er ein armer, ein alter, ein ungekannter Mann. Er hat bald gewußt, daß er nicht der sei, für den er sich gehalten, daß die Stimme seines Innern, der er sein Ohr geliehen, Lügenworte gesagt hat. Er hat nur noch nach einer Rechtfertigung seiner Tat gesucht. Wie hat er wissen können, daß sein Stolz und seine Hoffart log und trog? War er nicht zwischen zwei Gebote gestellt, von denen das eine als Pflicht hinstellte, was das andere untersagte? War die Pflicht gegen sich selbst nicht auch die gegen die Allgemeinheit, oder schien es doch zu sein? Mußte er da nicht glauben, daß das auch die höhere sei? In brünstigem Flehen hat ers seinem Schöpfer ans Herz gelegt. Es wäre Untreue gegen sich gewesen, wäre er nicht über sie, über ihre Ehre und über ihre Leiche hinweggeschritten. So hat er es dem Herrn des All vorgetragen, aber das All ist bei dieser Bitte erbebt. Und eine starke Stimme hat die Himmel erschüttert: »Du Narr, hast du die Pfunde eurer Seelen an meiner Wage abgelesen? Warst du dabei, als ich sie in meiner Gotteshand wog? Nun steht das Gewicht deiner Seele und das Gewicht ihrer Seele in deinem Schuldbuch eingeschrieben.« Er stand im Burghof, im Glanz falber Vergangenheit, und wieder erbebte das All, und die starke Stimme wiederholte und sprach: »In deinem Schuldbuch, Peter Bendix, steht es eingeschrieben.« »Dat weer des Düwels!« fiel jemand ein. Es war eine alte, knarrende Stimme, die das sagte, eine, die Peter Bendix bekannt klang. Er wußte nicht, woher sie kam, und wußte nicht, was sie meinte und was sie wollte ... Und die lange Brücke liegt vor ihm und jenseits des indigoblauen Flusses ragt die hochgetürmte Stadt. »De Tid löppt gau«, bemerkte der Knarrende. Jawohl, die Zeit lief rasch, Peter hat gar keine Erinnerung davon, wie lange es her ist, daß er zur windverwehten Burg hinaufgestiegen, weiß auch nicht, was ihn jetzt dahin getragen hat, wo die lange Brücke über X-Pfeiler zur ragenden Stadt hinüberführt. »In deinem Schuldbuch stehts geschrieben«, wiederholte die starke Stimme, und das All wiederholte: »Da ist es eingetragen«. Ganz fern, tief am Horizont, flog ein großer Vogel, und er trug die Zeit, die seit Lottes Tod vorübergerauscht war auf seinen breiten Schwingen davon ... ›Vor einem grauen Haupte sollst du aufstehen.‹ Er geht über die Brücke er ist ein alter, von Erfahrung gesättigter Mann. Einem grauen Haupte gib den Weg frei! Auch dem, der Sünden grau geworden ist? In dessen Augen der Unfriede des bösen Gewissens wohnt? Aus deren düsterm Glanz die Qual der Reue spricht? Empfängt man auch von ihm, wenn man am Brückengeländer stehen bleibt und das Haupt entblößt, den Gruß der Ewigkeit? Der Kastenmann hat gesagt, alles müsse rechter Hand gehen; auch Peter Bendix geht rechter Hand. Und er ist ein alter Mann und stützt sich auf einen derben, braunen Stock, und er wird vom Strom fortgeschoben, und die Brücke will kein Ende nehmen, und ihm ist, als schreite er schon viele Jahre auf der Brücke über den indigoblauen Fluß. »Man muß nur Geld haben«, knarrte die alte Stimme. Peter Bendix ging über die lange Brücke, und wie ein trüber Strom wogte die dunkle Menge der Menschen. Und alle gehen ruhig wie bei einem Kirchenbittgang. Und über dem Menschengebraus schwebt ein Madonnenbild hin. Und Peter Bendix reibt sich die Augen, und siehe – es ist Lottchens Bild. Und wieder reibt er sich die Augen, da scheint ihm, es ist nicht Lottchens Bild – sie ist es selbst. Und noch einmal prüft er seine Augen, da kann er nicht mehr sagen, daß es wahr ist, da liegt ein Nebel darüber. Aber ganz deutlich sieht er, da gehen Anna Hotje und Timotee Arm in Arm. Und Timotee schlägt hart mit den Hacken auf die Steine, und bei jedem Schritt springt ein Fünkchen auf. Ein junger Mann steht auf einem der X-Pfeiler, wo der Weg ausgebuchtet ist, am Brückengeländer, den Hut in der Hand, und begrüßt den alten Peter Bendix, der über die Brücke geht. Und vertritt ihm den Weg, immer mit gebeugtem Nacken und mit entblößtem Haupt. Und spricht zu ihm: »Meine Ehrerbietung, alter Herr! Ich begrüße dein graues Haupt und deine Weisheit und deine Erfahrung und deine Liebe und deine Güte. Und ich lese auf deiner Stirn den Gruß der Ewigkeit.« »Dat is en schöne Sak«, sagte der Plattdeutsche. Peter Bendix kehrt sich nicht daran; er sagt zu dem, der ihn angesprochen hat: »Junger Mann, du liesest schlecht. Du wirfst deinen Gruß einem Unwürdigen hin, und er fällt in den Schmutz der Straße.« »In den Schmutz der Straße?« fragt der Jüngling. »Ja«, erwidert Peter. »Du verstehst mich nicht, ich will dir weisen, wie ichs meine. Sieh hin« (nun schwebte Lottchens Bild wieder im Menschenstrom), »sieh hin, das ist die, die ich geliebt habe! Sie ist jung und schön. Sieh ihr Haar an! Die Sonne versteckte so gern ihre Strahlen darin. Als Mutter Natur ihr liebstes Kind ins Erdental verstieß, gab sie ihr dies Haar als Schmuck. Die Menschenkinder mußten doch wissen, woher sie komme. Und alle Augen sind mit Liebe über die Pracht dahingegangen, meine zumeist. Alle Hände haben es streicheln und kosen wollen, wenigen ist es vergönnt gewesen; aber von den wenigen taten es diese zumeist.« Er erhob beide Hände; sie waren alt und faltig und mager. »Wohl ihnen!« sagte der jung« Mann. »Nein, weh ihnen! Und weh ihrem Eigner! Ich habe die, deren Bild du siehst, in Unehre gebracht und in den Tod gejagt.« Der junge Herr sah verstört aus und – schwieg. »Und ich habe sie doch immer geliebt«, fügte Peter Bendix hinzu. Er sah den nicht mehr, mit dem er sprach. ›Weh‹, dachte er, ›wenn die Posaunen des Ewigen blasen!‹ Er stand und stand, und ihm war, als habe der junge Mann, der anfangs verstummt war, zuletzt gesagt: »Weh dir, Alter, wenn die Posaunen des Ewigen ertönen!« Ja dann, o dann! Wenn der Trompetenstoß zum Weltgericht über das Erdreich hallt, dann, o dann! Und er sah um sich, und der Himmel war finster und dunkle Donner rollten herauf. »Ik glöv; dat ward ni so slimm, dat Weller holt sik.« So oft der Zwischenredner hineingesprochen, war es zu Peter Bendixens Ärger geschehen. Nun aber senkte sichs wie Trost in seine Seele. ›Steht auch für mich im Buche des Ewigen ein Wort der Vergebung? Und wird das, was dräut, werden Wetter und Donner und Wolken vor seinem Atem vergehen? Und wird seine Sonne wieder über meinem Haupte scheinen?‹ Eine weiche Stimme antwortete der knarrenden: »He is jung, dor smeckt de Slap so söd.« ›Jung‹? War er wieder jung? Wollte der Herr Wunder und Zeichen an ihm tun? Die wieder lebendig machen, die er getötet hatte? Ihm und ihr die Jugend wiedergeben? Die Jahre, die gewesen sind, auslöschen und in den Abgrund der Ewigkeit versenken? Den Tag wieder heraufführen, wo sie an der Mahlgrube standen, den Glanz seiner Sterne noch einmal über sie ausgießen? Ihnen ein Nestchen herrichten wie das Schulhaus Holle, ihr junges Glück zu bergen? Ein wohlig Gefühl überkam ihn. Und da deuchte ihm, er sei wieder im Garten des Schulhauses, sei aber allein und mustere allein die Beete. Da hat Lotte recht. Vor den Fenstern müssen Rosen stehen, gelbe mit dem großen Samtblatt. Aber auch ein paar rote dazwischen, das wird sich gut machen. Erbsen und Bohnen kommen nach dem andern Ende hin, und die Kartoffeln nach der Koppel. Eine Tonne Roggen oder gar zwei weniger, das muß sich helfen. Dafür schreib ich Bücher und schreibe für Zeitungen. Und das bringt leicht zwei Tonnen Roggen ein.   »Ja, denn will ik mal rop«, knarrte der alte Schütt. Er saß im Erdgeschoß unter dem Bett seines Sohnes und plauderte mit Frau Richelsen. »Das tun Sie man«, entgegnete diese. »Es wird auch Zeit zum Schulhalten. Nun können Sie ihn dreist aufwecken.« Ein schwerer Schritt kam die Stiege herauf. Auf jeder Stufe stieß ein guter Stock seinen Herrn nach, und gleich darauf saß der Alte an Peter Bendixens Bett und schalt ein bißchen ernsthaft, zur Hauptsache aber scherzhaft auf den Langschläfer. ›Tasso ‹lag am Fußboden, und die Lampe schwelte. »Jung, Peter«, sagte sein Vater. Die Pfeife hatte er in der Linken (es roch nicht schön, was er rauchte), mit der Rechten putzte er sich die Nase. »Steist ümmer so lat op? Opn Scholhoff ward dat ni gahn. Wat opn Dörpen en richtigen Scholmeister is, de schafft as en Bur.« Bei dem Zusammentreffen im Schulhaus war besprochen worden, daß der Alte in der nach Osten gehenden Gartenstube wohnen werde. Es müsse aber noch ein Ofen gesetzt und ein Rauchfang gemauert werden. Halb wollte der Vater die Kosten tragen, die andere Hälfte wollte er gerne auf die Schulgemeinde, deren Grundstück dadurch doch auch verbessert werde, abwälzen, und sein Sohn sollte ein Gesuch aufsetzen. Nun kam der Alte, dies zu verhindern. Er wollte überhaupt nicht mit, er wollte bei seinem Hans Jürgen bleiben und sich ein Altenteil ausbedingen. »Warum?« fragte Peter Bendix. Er mußte der Wirklichkeit hart ins Auge sehen, um an seine Jugend zu glauben. »Warum?« »Ja, min Jung, ik will seggn, as mi ümt Hart is. Büst min goden Jung, un Lotte is min leeve Dochder, awer ik glöv, wi paßt ni tosam.« »Hett Lotte di wat dan?« »Dan hett se mi nix. Awer dat mit de Rosen, un denn ümmer hodütsch. Se is mi to fein. Un du, Peter, büst mi ok to fein.« »Hest wull gans recht, Vadder!« »Ik hev vör Nacht weni Slap kregn, un hev mi dat all dördacht. Un süh – dor is dat ok mit dat Smöken. Un dat is eerst recht son Sak. Ik smök roden G, un den kann se ni verdregen. Ik hev dat god markt, wo se de Näs trock, wenn ik mit min oln Brœsel ehr to neeg keem. Un Portoriko will 'k mi ni eerst anwenn. Dat kann se ni verlangn.« Peter Bendix lachte und nickte. »Un denn is dat anner mi ok ni rech to Paß. Twintig Minuten sünd dat wiß na dat een Dörp un ebenso wid na dat anner. Un man ward jo ümmer öller. Un denn kenn ik de Lüd dor ok jo ni so genau. Nä, dorüm will 'k mi leever in min Dörp to Dod smöken.« »Ja, ja, Vadder, dat hest du god bedacht.« »Un denn, du büst 'n Widlöftigen, Peter Bendix. Wakeen weet, wo lang du dor blivst. Treckst wull gar int Utland oewer de Eider or oewer de Elw. Un ik schall as son ol Wrak mit. Nä, min Jung, dor smök ik mi leever op min eegen Hofstell to Dod.« »Vadder, schall ik di mal wat seggn? Wat min Vadder sin Soehn sin Ol is, dat is en höllisch klöftigen Kerl!«   Der Vater war gegangen, es war Nachmittag geworden, und Peter Bendix wollte eben seinen Handstock nehmen, um seiner Braut einen andern Peter als den von gestern, einen neuen, wiedergeborenen, zu bringen, da legte der Postbote ihm ein amtliches Schreiben in die Hand, worin angefragt wurde, ob er sich um die Schulstelle zu bewerben gedenke. Für diesen Fall wurde sie ihm in sichere Aussicht gestellt. Er las, nickte und schrieb sofort das erwartete Gesuch. Und dann ging er zuerst nach der Mahlgrube und sah eine Weile hinab. »Dummer grüner Kerl, kannst lange lauern, die Lotte kriegst du nicht. Ihr Bräutigam ist vernünftig worden, er mußte sich nur mal ordentlich zusammennehmen. Und als er das getan hatte, da fand er sich als einen hausbackenen, glücklichen und zufriedenen Mann.« ›Tropf, Tropf!‹ erwiderte der Grüne. »Und weil du ›Tropf, Tropf!‹ sagst und sonst nichts, einsilbig bist und daher auch, wie ich annehme, gut schweigen kannst, will ich dir auch was verraten. In ganz kurzer Zeit machen Lotte und ich stille Hochzeit.« ›Tropf, Tropf!‹ »Aber nicht weitersagen!« ›Tropf, Tropf!‹ versicherte der Grüne. Und es klang ruhig hinab und schwang sich ruhig im Granitschacht wieder herauf. Hans Stäwelmann, ein Geheimer Musikalisch (was man musikalisch-sein nennt) war er gar nicht, zum Nachsingen behielt er selten eine Melodie im Gedächtnis, aber der Fluß, der Rhythmus mancher vergessener summten im Untergrund seiner Seele. Und Walzermelodien erweckten Gesichte. Im Marktflecken war Bürgerscheibenschießen. Der Meisterschuß war früh gefallen, die Sonne lag noch voll und warm auf der Lindenallee der Hauptstraße, da flossen schon die jauchzenden, die klagenden Walzer aus den geöffneten Saalfenstern der ›Erholung‹. Hans Stäwelmann, im Hinterzimmer des Festhauses, hatte mit dem Trubel nichts zu tun, wollte damit nichts zu tun haben und durfte es auch nicht. Er war erst siebzehn, höchstens achtzehn Jahre alt. Und war kein Ortsangehöriger, sondern vom Lande her, aus dem Fleckenskirchspiel, ein Sohn vom Hofe Sellentwiel. Hier war er zurzeit nur, weil er vom Ortsgeistlichen Privatstunden in Latein und Griechisch erhielt. Im Hinterzimmer saß er und las Cicero. Über ihm wogte der Tanz, das Schurren und Schleifen der Paare. Von dort jauchzten und klagten die Geigen, tröstete die Klarinette und grollte der Baß; sie jauchzten und klagten und grollten und trösteten in seine Einsamkeit und in sein Latein hinein. Er legte Cicero hin und stützte sein Haupt. Der Walzer, ›die Musik der faßlichen Tagesfreude‹ (Schopenhauer sagt so), trug ihn davon. Ihm war, als sei er gestorben, gestorben und könne doch von der Erde und ihrem Leid nicht lassen. Bei Hans Stäwelmann war vieles anders als bei andern Leuten, bei ihm war etwas geheim. Er war ein geheimer Baron. Da klopfte jemand ans Fenster – leise zwar, aber es klopfte. Hans Stäwelmann erschrak nicht, er kannte das Zeichen. Eine platt gedrückte Mädchennase und das dazu Gehörige sahen zu ihm hinein. Es war ein Kind, wenigstens ein halbes, ein hübsches braunes Kind, ein Jahr, vielleicht zwei Jahre jünger als Hans. Es war Ännchen, Hans glaubte: Ännchen Lassen, genau wußte er das nicht, um den Nachnamen hatte er sich nie expreß gekümmert. Sie war irgendwo her, das weit weg war, sie war beim Pastor in Kost. Weshalb? Hans wußte es nicht. Wenn er beim Pastor war, brachte sie mitten in den Homer oder in den Cicero den Nachmittagskaffee des Pastors hinein. Sie trug ein kurzes Kleid und lief im Haus und auf der Straße immer so flink – ach, wie entzückend lief sie, wie flink! Dabei baumelte ein dicker, tiefbrauner, von einer roten Schleife gezähmter Mädchenzopf lang und dreist den Rücken hinunter. Wenn sie Hans Stäwelmann begegnete, lachte sie, und wenn sie den Kaffee hineinbrachte, griente sie. Sie lachte viel, und das Lachen stand ihr gut. Das war die Anna, die, als Hans aufsah, eine kleine Nase an seinem Fenster platt drückte. Eine runde Stirn, auf der runden Stirn ein kleiner Leberfleck dicht über dem Auge, in den Backen ganz kleine Grübchen. ›Spucknäpfchen für Liebesgötter‹, sagt Heine. So sah sie hinein. Hans wußte, was sie wollte, er ging immer mit ihr spazieren, heimlich, in den Anlagen, in der Ecke nach Ludwigstal hinunter – da waren sie allein. Wer ging denn sonst wohl um die Zeit in den Anlagen, zumal in der Ecke nach Ludwigstal? Auf ihr Klopfen nickte er – das war genug, dann wußten beide Bescheid. Er hatte sie kaum gesehen, da flogen schon der Haarzopf und die lebenslustige Schleife um die Hecke. Sie lief den Weg, der durch die Gründe nach den Anlagen geht; fünf Minuten nachher folgte Hans gemächlich die grade Straße zur Mühle hinauf und an der Sandkuhle vorbei. Einen Kopf voll summender Musik trug er zur Mühle hinauf und in die Anlagen hinein nach Ludwigstal hinunter. Am gewohnten Platz, auf der Bank unter der Iplandsbuche (vor Herrichtung der Anlagen hat der Baum in Iplands Brook gestanden), saß Ännchen Lassen. Als sie ihn sah, stand sie auf. »Es ist gut, Hans, daß du kommst.« Sie war und sprach ernst und eilfertig. »Ich wurde schon bange, du könntest nicht. Ich muß dir was sagen!« Sie gingen trocken im dichten, verschwiegenen Busch nebeneinander her. »Nun, Ännchen, was ist denn?« fragte Hans, der Geheime. »Papa ist da!« »So!« antwortete Hans. »Da freust du dich wohl?« »Ja, freuen tue ich mich auch. Aber ... Hans, o Hans ...« Ännchen ließ eine Reihe Empfindungswörter folgen und sah ihren trockenen Begleiter mit nassen Augen an. »Nu, was ist denn?« fragte der. »Er will mich mitnehmen.« »Mitnehmen, wohin?« »Ach, Hans, tu doch nicht und sei doch nicht so dumm! Natürlich nach Haus will er mich mitnehmen – wohin sonst wohl?« »Das kann ich mir denken, da freust du dich wohl tüchtig.« »O Hans, wie du redest! Ja, ich freue mich, aber ich bin doch noch mehr traurig als froh.« »Traurig?« Hans Stäwelmann blieb der, der er war. »Ja, soll ich nicht traurig sein?« Ännchen weinte vor Zorn und Liebe. »Ich komm ja nicht wieder, ich seh dich nimmer. Aber du, du machst dir nichts daraus, du dummer Hans Stäwelmann.« »So«, sagte Hans darauf trocken und lang wie ein dürres Jahr. »Ja, das ist wahr, wenn du weg bist, bist du nimmer hier und wir sehen uns nicht.« Er stand und grübelte und zog mit seiner Stiefelhacke Striche im weichen Steig. »Wann gehts denn los?« fragte er und setzte die Stiefelsohle auf die Erde. »Morgen früh. Um acht fahren wir fort und den Weg an Wesselmanns Laagkoppel vorbei. Geh hin! Bei Wesselmanns Laagkoppel will ich winken, und du rufst – das kannst du ja so gut. Hoi, holla, hoi! rufst du. Papa meint, es ist ein Kuhhirt. Aber ich hörs und weiß Bescheid und weiß, daß du auf der Laagkoppel bist und an mich denkst.« »Jawohl«, erwiderte Hans, »das will ich«. »Gut«, sagte Ännchen, besann sich einen Augenblick und trat dicht vor Hans Stäwelmann hin. »Ja, Hans, was sagst du denn, wenn ich weggeh und wir uns nimmer wiedersehn?« Der Geheime blieb, der er war. Er fühlte wohl, daß ein bißchen Gefühl und Empfindung am Platze sei. Und wie viel rauschte davon mit den Walzermelodien in seiner Seele! Aber er konnte nichts davon in Worte fassen. »Ja, Ännchen, was soll ich dazu sagen?« stammerte er kümmerlich. Ännchen brach in Tränen aus. »Nein, es ist zu toll. Da gehen wir und stehen wir und wissen, daß wir uns lieb haben. Ich reise, ich sags ihm, daß wir uns vielleicht nicht wiedersehen werden, vielleicht im ganzen Leben nicht ... niemals wieder bis zum Grab ... Und da sagt er erst: ›So!‹ und dann: ›Was soll ich dazu sagen?‹ Und ich« (da brach das Weinen wieder aus), »ich hab mir den Abschied so schön gedacht. Hans, Hans, bist du denn gar nicht ein bißchen traurig?« »Ja ... a ... a!« erwiderte der Unverbesserliche. Und dann kam es nicht so ganz alltäglich, beinahe feierlich kam es, jedenfalls ernst und aufrichtig: »Jawohl bin ich traurig. Ich kann nur nicht Worte finden. Anna, wenn du wüßtest! Aber sei ruhig! Wie werd ich an dich denken, wenn ich dich nicht mehr sehe! Ich werds keinem sagen, aber wie werd ich in Gedanken bei dir sein!« »Denken! Denken!« rief Ännchen und ihre Lippen (halb waren es noch Kinderlippen) zitterten. Sie wollte keine Zukunftswechsel. »Was hilft denken, wenn ich dich nicht seh? Was hat man von denken? Sieh, Hans, ich hab dich so gern, und das Herz tut mir weh.« »So!« sagte der Unglücksmensch. Wieder und wieder arbeitete er mit der Stiefelhacke im Steig. Anna hörte es und sah es und war erstaunt und wollte erst zornig werden. Aber sie sah ein, daß ihr trockener, ihr lederner Hans Stäwelmann nicht anders konnte. Da lachte sie. »Ja, Hans, wenn du denn nichts anderes weißt als ›So!‹, dann muß ich zufrieden sein. Und es scheint, du kannst nicht. Junge, Junge! Wenns mal zum Heiraten kommt, muß ichs sicher sagen. Du tust es nicht und kannst es nicht.« »Ja, Ännchen«, erwiderte Hans, »das wird wohl so. Tu das man ja! Sagen tu ich nicht viel, aber lieb habe ich dich sehr. Das kannst du glauben.« »Ich glaubs, Hans. Und nun muß ich gehen, sonst merken Onkel und Tante was. Zum Abschied darfst du mich mal küssen. Das gehört sich so; in den Romanbüchern ists auch nicht anders.« Da hat er es getan. Was er dabei gedacht, hat seine Baronsbrust verschlossen. Und da soll es geheim bleiben. Am andern Morgen fuhr ein offener Wagen an Wesselmanns Laagkoppel vorüber, Ännchen saß mit ihrem Papa darin, Papa sah wie ein Gutsbesitzer aus. Sie winkte mit dem Taschentuch. »Holla, Holdrio!« jodelte von Wesselmanns Laagkoppel her ein Kuhjunge hinter der Hecke. Auf den Kuhjungen hatte Papa nicht geachtet, aber das mit dem Taschentuch Winken hatte er bemerkt. »Wer war da?« fragte er. »Ach, ich meinte, Lene Maassen sei da, aber die wars nicht.« Sie knüllte ihr reines, glatt geplättetes Taschentuch mitleidslos in den Kleiderrock. Der Wagen rollte. Ännchen schnob ein bißchen durch die Nase, das Tuch mußte wieder heraus, es wurde gegen die Augen gedrückt. »Sieh, sieh! Töchterchen, Tränen?« »Mir flog was ins Auge.« Papa küßte sie auf die Stirn und zog das Tuch sanft herab. »In beide Augen, Kind? Sie sind beide rot und voller Tränen! – Ists schlimm?« fragte er nach einer Weile. »Nein, Papa, es ist schon wieder gut.« Der falsche Kuhjunge saß im Busch und sah dem Wagen nach. Ihm war, als wenn mit dem Wagen alles, was dem Leben Wert verleihe, in die Ferne jage. Das Dorf, wozu der Hof Sellentwiel gehörte, lag Stunden weit vom Flecken. ›Sellentwiel‹, das wollte was sagen. Auf Sellentwiel wurden sechzig Milchkühe gehalten. Die Familie Sell hatte den Hof schuldenfrei, ja, Geld dazu ... Sells? Dagegen konnte kein Mensch an. Peter Sell, der Vater des Geheimen, hatte, als die Regierung vor etwa zwanzig Jahren die am Wald belegene Holzvogtei eingehen ließ und die Stelle verkaufte, auch diese erworben. Die Sells konnten alles und durften alles, wozu sie Lust hatten. Es mag um die Zeit gewesen sein, als der alte Fritz aufhörte die Welt zu regieren und die Augen schloß, da ist, so sagt man, Jürgen Sell von Sellentwiel mit vier starken, vor einen Leiterwagen gespannten Ackergäulen ( four in hand ) zur Stadt gefahren. Die Stadt war eine Festung mit Mauern und Toren und Torschreiber, mit Vieren durften nur titulierte Adelige fahren. »Wer sind Sie?« hat der Torschreiber den Bauern angefahren. »Baron Jürgen Sell von Sellentwiel«, hat die Antwort gelautet. Einen Baron dieses Namens kannte man nicht – genug, der sonderbare Baron wurde entlarvt, er sollte für seine Übeltat die Summe von fünfhundert dänischen Speziestalern zahlen. »Gut«, sagt Jürgen Sell, zieht den Beutel und fängt an, aufzuzählen – einhundert... zweihundert... dreihundert ... vierhundert... fünfhundert – lauter neue, schöne blanke Silberspeziestaler, jeder nach jetzigem Geld vier Mark fünfzig wert, damals eine ungeheure Summe. Als die Zahl fünfhundert erfüllt ist, ist der Tisch ganz voll. Aber in der Ecke der Amtsstube steht ein zweiter. Den setzt der Bauer neben den andern – und zählt weiter auf. Der Torschreiber sieht verwundert drein. Jürgen Sell schichtet Stapel auf Stapel. Was das solle? fragt der Schreiber. Da sagt Jürgen Sell von Sellentwiel: »Fünfhundert zahle ich, weil ich als Baron zum Tor hineingefahren bin, noch einmal fünfhundert Spezies, damit ich auch als Baron hinausfahre.« »Das geht nicht«, erwiderte der Schreiber, »dann wärest du ja auch im Lande Baron.« »Nun, warum soll ich nicht auch im Lande Baron sein?« Aber man hat sich nicht darauf einlassen wollen. Und das ist schade. Denn dann würde Jürgen Sell wirklicher Baron geworden sein, und alle nachgeborenen Sells von Sellentwiel wären es auch gewesen. Es ist ein Jammer! Jürgens Urenkel, Hans Stäwelmann, wäre gar zu gern ein ›offenbarer‹ Baron gewesen. Sich für einen heimlichen zu halten, das sollte und konnte ihm niemand verwehren. Und ein geheimer ist er sein Leben lang geblieben. Die Benennung ›Stäwelmann‹ hat Hans aus der Dorfschule mitgenommen. Er besuchte sie bis kurz vor der Konfirmation. Die Dorfkinder gingen, es mußte denn schon ein richtiger Schneesturm alle Heckenwege verwehen, in Pantoffeln zur Schule und hatten im Winter die Strümpfe meistens naß. Die Frau von Sellentwiel zog ihrem Hans Stiefel an. Da hieß er im ganzen Dorf von Thoms Knies an bis nach Steinberg hinunter Hans Stäwelmann. Bei Schneesturm trugen alle Kinder Stiefel. Dann kam eine schwere Zeit für den Lehrer. Sechzig Paar frisch eingefettete Transtiefel und die Güte Gottes lehren – nun, das Leben kennt ja noch härtere Prüfungen. Die Pantoffelkinder drängten sich vor Anfang des Unterrichts um den heißen Ofen, die nassen Strümpfe an die Platte zu bringen. Dann zischte es. Dampf stieg auf, es roch ›sengerig‹. Hans Sell, genannt Stäwelmann, war es einerlei, er saß in Stiefeln auf seinem Platz und überhörte sich die ›Lex‹. Barfuß ging er (immer auf die Zeit bezogen, wo er noch die Dorfschule besuchte) nur in ganz heißen Tagen, die meiste Zeit war er auch im Sommer ein Stiefeljunge. Auf schmalen Lattenzäunen balancieren oder an einer Esche hinaufklimmen, wie es die Barfüßler taten, das konnte Hans Stäwelmann nicht. So kam er durch die Stiefel in eine Ausnahmestellung, er wurde ein Stubenhocker, dafür ein Musterknabe, ein die andern Kinder im Lernen und Wissen um Haupteslänge überragender, an Artigkeit seinesgleichen nicht findender Knabe. Er war nachher im Leben auch nicht wie andere Leute, und alles schreiben wir auf Rechnung seiner Stiefel. ›Alles auf Rechnung seiner Stiefel‹, sagten wir und sagten es leichthin. Und da wir es gesagt haben, ist es uns leid. Die Stiefel, jedenfalls die Stiefel allein, haben ihn doch wohl nicht zu dem gemacht, was er war. Wunderlich waren alle Sells und in jeder dritten Generation kam ein ganz Verschrobener. Bei Hans war er wieder fällig geworden. Und dann ist die Geschichte von der geheimen Baronie derer von Sellentwiel sicherlich auch nicht ohne Einfluß gewesen. Hans schätzte sich für einen Bruchteil von Baron, soviel, wie man für fünfhundert Spezies haben könne, und diesen Bruchteil hielt er dabei im geheimen. Hätte er ganz offen sagen wollen, was er dachte, so hätte er den Wunsch, ein offenbarer, ein öffentlicher Baron ohne Bruchteil zu sein, eingestehen müssen. Bald nach Ännchens Abreise kehrte Hans Stäwelmann in sein Dorf zurück, freilich nur auf kurze Zeit, da seine Mutter (der Vater war tot) beschlossen hatte, nach einer kleinen Gymnasialstadt überzusiedeln. Sellentwiel wurde verpachtet, die Holzvogtei erhielt der treue Johann Harder in Verwaltung. Es war die letzte Nacht, eine helle Sommernacht. Hans und Johann Harder schliefen in den Wandbetten der Holzvogtei. Da träumte Hans, er sehe in eine schattige Kastanienallee. Die Drosseln zankten in den Kronen, die Sonne warf helle Flecke durch das Blätterdach auf die Erde. Da kam ein junges schönes Frauenzimmer daher, das stellte sich vor ihn hin und sagte: »Sieh doch mal, wie schön ich bin!« Hans glaubte sie zu kennen, sah sie an, kannte sie aber nicht. Eine schöne gelbe Blume trug sie in ihrem schwarzen Haar. Nun war auch seine Mutter da. Die sagte: »Hans, geh mit ihr!« Da gingen Hans und die Schöne zusammen die Allee entlang. Und es war ein ganz langer Weg. Er fragte: »Gehen wir zu Ende?« Sie antwortete: »Nein, nicht weit.« Und ihre Stimme klang traurig. Und wie sie das gesagt hatte, war auf einmal alles verändert. Er saß in einer Stube und sah in einen Saal, an dessen Fenster weiße Vorhänge wie im leisen Atemzug wogten. Von dem Saal aber führte eine Tür in einen schattigen Garten. Zwei Zitronenfalter haschten sich vor Rosenbüschen. Da kam eine schöne dunkle Dame. Erst meinte er, es sei die, die vorher mit ihm gegangen war, aber sie war es nicht. Und, wie er sie ansah, kannte er sie und sagte ganz laut in seinem Platt: »So, du büst dat?« Wie er das gesagt hatte, wachte er auf. Er lag noch immer im Wandbett der Holzvogtei, Johann stand vor dem blinden Wandspiegel und schnitt sich den Bart ab. Hans konnte sich nicht besinnen, wer es gewesen, zu der er gesagt: ›So, du büst dat?‹ Er und seine Mutter zogen nach der kleinen Stadt. Hans Sell hieß auch dort Hans Stäwelmann – der Name war mit ihm gegangen. Wie so was kommt? Der Himmel weiß es, der Himmel soll sein Geheimnis behalten. Der Übername Hans Stäwelmann begleitete ihn zur Universität, kam mit ihm zurück, er überstand mit ihm die rigorosesten Prüfungen, ja selbst als Hans ›Doktor‹ hieß, da sagten die Leute der Stadt ›Doktor Hans Stäwelmann‹. Als Hans in allen staatlichen und akademischen Prüfungen gehärtet war (der Glanz seiner Gelehrsamkeit konnte echt sein), da schien er sein Pfund vergraben und über seine heimliche Baronie nachdenken zu wollen. Er setzte sich müßig bei Frau Dodo, seiner Mutter, an den Herd. An der Ecke der Wenzel- und Priesterstraße pflegte in der Mittagsstunde eine Gruppe Handwerksmeister zu stehen und zu plaudern – beschürzt und unbeschürzt, Arme aufgekrempelt und nicht aufgekrempelt, kurze Pfeifen unter und Kaffeeglanz auf der Nase. Die taten freundlich und sprachen mit Hans Stäwelmann ehrerbietig über das Wetter, wenn er vorüberging. War er aber außer Hörweite gekommen, dann zog man über den Müßiggänger her. Anstatt spazieren zu laufen oder bei Muttern zu sitzen, solle er man hingehen und eine Anstellung suchen. Das war der Grundton. Wenn die Mutter auch keine Not leide, eine Schande sei doch, ihr zur Last zu liegen. Hans Stäwelmann solle man hingehen und ›was tun‹, wiederholten die Meister, der von dem Hobel, der vom Pfriem und der vom Trog. Aber der Goldschmied Wilhelm Möller, bei dem die Sells wohnten, ließ nichts auf seinen Doktor kommen. »Der wird schon anfangen, wenns für ihn Zeit ist« erklärte er. »Laßt den man zufrieden«, setzte er hinzu, »der wird seinen Weg finden. Doktor Stäwelmann ist ein richtiger. Geld hat er wie ein Baron, warum soll er nicht leben wie ein Baron?« Das war getroffen. Aus seiner geheimen Baronie schöpfte Hans die Rechtfertigung für seinen scheinbaren oder wirklichen Müßiggang. Wenn er dahinging, tadellos gekleidet, durch die Spießrutengasse der Meister dahinging, nach den Wiesen hinunter, dann sah er in seinen immer wie neu ausschauenden Stiefeln, in den hellen, scharf gebügelten Beinkleidern, im schwarzen Rock (ein weicher Panamahut auf dem weichen, vollen, leicht gelockten, angenehm blonden Haar), er sah aus wie ein wirklicher Baron. Jawohl, man konnte ihn für einen wirklichen Baron halten. Er hatte schläfrige, verträumte Augen und weiche, lyrische Lippen. Wenn nur nicht die häßliche Falte über der Nasenwurzel gewesen wäre! Woher kam diese Falte? Die Sells von Sellentwiel hatten sie alle, der eine mehr, der andere weniger. Hans Stäwelmann teilte nun nicht allein den seinem Stamm eigentümlichen schweren Sinn, er trug auch durch all die Jahre seine Liebe zu Anna Lassen wie eine geheime Herzenslast hin. Er tat aber nichts, den Gegenstand seiner Liebe zu erlangen, er war ja ein geheimer Baron. Die Zeit rinnt, der Strom rauscht ... Ein schnappender Ton, inmitten tiefer, ernster Eile: die Flußsohle hängt, es geht rasch hinab. Dann ... Löcher im Grund ... Gurgellaute, Strudellaute zeigen es an. Im Lebenslauf unseres Hans bedeuten die Strudellaute Seufzer und Liebesweh. Plötzlich, ganz plötzlich! In welcher Verfassung ist Hans Stäwelmann? Er ist von der alten Liebe geheilt. Hans Stäwelmann ist Bräutigam – jawohl, Bräutigam einer andern. Nicht nur ein glücklicher, er ist ein seliger. Wie ist das gekommen? Die Gefahr geistiger Verfettung ging vorüber; er wollte arbeiten, er wollte der Welt zeigen, was er zu leisten vermöge. Man sieht ihn umgeben von gelb gebundenen, aus der Landesuniversität entliehenen Büchern. Er liest, er macht Notizen und Auszüge, im Kasino redet er viel von tiefsinnigen Einrichtungen der Natur, ausgeklügelt, Lebewesen zur Liebe zu zwingen. Um die Bierstunde des zweiten Schoppens herum gibt er Auseinandersetzungen, die ihn und meistens auch die Stammgäste fesseln. Aber, als sein Zettelkasten just voll war, er auch schon eine Art System des Buches aufgestellt und von der Einleitung drei Seiten geschrieben hatte, da kam sein Lebensschiff ins Strudeln und sein Werk ins Stocken. Freilich war gerade das die glänzendste Rechtfertigung des noch nicht geschriebenen Buches. Denn jetzt hatte die Natur bei Hans Stäwelmann Einrichtungen ausgedacht, ihm das Gebot seiner Liebespflicht mit elementarer Gewalt in die Seele zu schreiben. Welche Vorsicht, welche Weitsicht, welche Weisheit der Natur! Nicht lange nach Hans Stäwelmann war die geboren worden, die Hans Stäwelmanns Frau zu werden Befehl erhielt. In all der Zeit hatte die Natur, hatte der Schöpfer ganz genau gewußt, wie die aussehen müsse, die Hans Stäwelmanns Liebe verdiene. Viele, viele Jahre hindurch hatte die Kraft, die uns alle schafft, sich Mühe gegeben, sie so zu machen, wie Hans Stäwelmann sie brauchen konnte. Sie muß groß sein, hatte die Natur sich gesagt, sie muß frisch und kräftig und dabei schlank und biegsam sein. Eine Hoheit, eine Ruhe und Würde muß sie in ihrer Haltung haben, als ob sie mindestens eine Gräfin wäre. Dem heimlichen Baron gebührt eine heimliche Gräfin. Ihren Scheitel muß volles Haar bedecken – schwarz wie die Nacht. Zum blonden Hans gibt es vortrefflichen Klang. Dunkles Feuer im Auge. Das wirkt auf schläfrige Lider wie Granaten. Wenn sie lacht... die Engel in den kalten Wolken werden freilich das Streiten bekommen, ob sies ihr nachmachen können. Das macht aber nichts, hat der Schöpfer gesagt – laß sie nur streiten! So sollte die sein, die bestimmt war, Hans Stäwelmann für dieselbe Pflicht zu gewinnen, deren Wurzel er in seiner Abhandlung fein säuberlich ausgrub. Der Natur gelingt nicht immer, was sie vorhat. Hier war es ihr gut gelungen. Wir wollen gleich erzählen, wie er sie fand, und nur vorwegnehmen, daß er jetzt wieder sein Pfund vergrub. Seine Teleologie der Liebe schien ihm wie Tand. Er war Subjekt, er war forschende Einsicht gewesen, jetzt war er nur noch ein von den Wogen seiner Leidenschaft um und umgewälzter, ein liebender Mann. Er fühlte es, und es war ihm recht. Er war entgöttert, und nicht allein das, er war auch seiner heimlichen Baronie entsetzt. Er war ohne eigenen Willen und war – wir kennen unsern Hans Stäwelmann nicht wieder – mit allem war er einverstanden, war selig. Trotz der warmen Jacken seiner Knabenjahre hatte er tanzen gelernt und schleifte, wenn auch selten, seinen Walzer. Aber bei Ballfestlichkeiten fing er sich bald einen guten Freund für eine trauliche Ecke und eine nette Flasche. So auch an dem Abend, da die Zeit gekommen war. »Da ist«, sagte er in seiner Ecke zum Rechtsanwalt Bruhn, »da ist zum Beispiel die Gruppe der Dassel- oder Biestfliegen, Oestridea . Als geflügelte Insekten leben sie nur kurze Zeit. Sie haben keinen Mund, der sparsame Schöpfer hält dafür, daß es sich nicht lohne. Wenn sie ausschlüpfen, ist Sonnenglanz und Sonnentag. Die Behauptung, daß das auch bei Mondschein geschieht, ist unerwiesen. Männchen und Weibchen suchen sich und finden sich. Sie lieben. Ihr Lebenszweck ist Liebe. Sie lieben, und dann sterben sie. Der Mann muß wohl früher daran, die Frau hat noch die Aufgabe, die Eier so zu placieren, wie die heilige Ordnung seit Anbeginn bei den Ostriden vorgeschrieben hat. Als bremsende Biestfliege schlägt sie ganze Rinderherden in die Flucht. Die ›biesen‹ wie toll, aber es hilft ihnen nichts: die Eier bekommen sie doch. Dann geht auch die Frau zur Ruhe, dann stirbt auch die Mutter des Biestfliegen-Geschlechts.« »Darf ich Sie mit meiner Schwester bekannt machen?« unterbrach der Rechtsanwalt die Biestfliegen-Abhandlung. Wenn Hans Stäwelmann in Zug kam, war er für Fremdkörper der Unterhaltung seelisch harthörig. »Nicht wahr?« sagte er, »da haben Sie recht. Die Natur macht wunderbare Sachen. Daß es ihr nicht auf das Individuum, sondern nur auf die Gattung ankommt, ist ja eine bekannte Sache. Aber warum? Das ›Warum‹ dieser Erscheinung läßt mich nicht schlafen.« »Mich persönlich stören mehr Prozesse und Prozeßfristen als dies ›Warum‹. Aber darf ich Ihre Aufmerksamkeit nicht einen Augenblick auf die junge Dame lenken, die vor uns steht, von der Dasselfliege zum ersten male hört und vor Bewunderung Ihrer Gelehrsamkeit gar nicht zu sich kommen kann? Also: meine Schwester ...« »Zu den Biestfliegen«, fuhr Hans Stäwelmann harthörig fort, »dazu gehört auch der Oestrus oviz. Das ist die, die als Larve die sogenannte falsche Drehkrankheit (die echte hat ein anderer Übeltäter auf dem Gewissen) der Schafe verursacht.« Nun wurde es dem andern zu arg. Er packte sein Gegenüber am Kragen und füllte seine Baßstimme wie zum »Wacht auf!« des ewigen Gerichts. »Doktor, ich bitte Sie! Was hat meine Schwester mit der Drehkrankheit der Wollträger zu tun? Lassen Sie doch die ollen dummen Fliegen! Meine Schwester will Ihre Bekanntschaft machen, und wenn Sie nicht bald aufhören, so ›biest‹ sie davon. Und sie wünscht doch so sehr, den Mann kennen zu lernen, von dem sie so viel gehört hat.« Doktor Hans lächelte; er lächelte etwas blöd, denn noch dachte er an die Teleologie der Liebe. »Ich stelle also dem Doktor Hans Sell vor meine Schwester Elfriede, bisher in Hamburg, jetzt bestrebt, Tante Schröder auf Kampenhagen zu stützen und sich ihr nützlich zu machen.« Nun erst schlug Hans Stäwelmann die Augen auf und war hin. Innerlich fiel er wie Bileams Eselin, als der Engel des Herrn sie an die Mauer drängte und Bileam sie schlug, in die Knie. Er sah oder fühlte – nun wurde das Unausgesprochene, das dunkel Geahnte Ereignis. Er sah sich dem Lichterglanz, dem Saal entrückt und saß in der Holzvogtei seiner Heimat. Vor den Fenstern webte der lichte, lange Sommertag und die Drosseln lärmten. Er sah wieder die Allee. Die Sonnenlichter fielen durch die Kastanienbäume auf den breiten ebenen Steig. Und er sah sich mit einer jungen Dame den Weg entlang gehen. Und die junge Dame stand in Person vor ihm. Wir kennen die Maschinenmeister dieser Schattenbilder nicht, wissen aber, daß sie sich auf Zerlegung der Szenen verstehen und unsern Augen gerade nur das vorführen, was ihren Zwecken entspricht. So machten sie es auch bei Hans Stäwelmann. Er fühlte, wie er da wachend stand, wie er sich vor dem jungen Mädchen verneigte, ja ihr sogar die Hand gab, da fühlte er ganz dunkel, daß er von ihr geträumt haben müsse. Die Maschinenmeister waren rücksichtsvoll genug, die zweite Hälfte des Bildes selbst nicht im Unterbewußtsein auftauchen zu lassen. Wo blieb der gefällige Redefluß, der Hans Stäwelmann doch sonst zur Verfügung stand? Er sprach mit ihr, es war nicht viel, und es war banal. Wie lange sie schon in der Gegend sei, und ob es ihr gefalle, Kampenhagen liege schön. Er bewundere immer die schönen Platanen. »Platanen?« fragte sie. »Platanen haben wir gar nicht. Herr Doktor, Sie können nur die Ulmen meinen, die im Garten dicht an den Wettern stehen.« Tänze hatte sie nicht mehr frei, aber beim Kotillon holte sie ihn zweimal zu einer Extratour. Er konnte kein Auge von ihr wenden. Er hatte Mühe, die Schicklichkeit zu wahren, schließlich konnte er auch das nicht mehr. Er ließ sich gehen und seine Augen bohrten. Wir wissen, wie sie aussah ... Sie war dunkel gekleidet. Ernste Farben verstärkten den Eindruck der Reinheit. Als einzigen Schmuck trug sie eine gelbe Rose im Haar – eine mit den gefälligen matten Goldtönen, eine Blume, die um so zuversichtlicher aussieht, je einsamer sie ist. Die Ballmode schrieb ausgeschnittene Kleider vor, so viel Fleischton, wie sich nur mit dem Anstand vertrug. Aber die Schöne zeigte wenig. Und doch wußte Hans, daß ihm alles beschieden sein werde. Wenn sie im Gespräch die Arme hob, so war ihm immer, als wollten sie sich um seinen Nacken legen. Diese weichen, diese runden Arme waren offen und ehrlich, sie verbargen nichts von ihrem Reiz. Von diesen Armen (das prophezeite bei aller Zaghaftigkeit ein zuversichtlicher innerer Ton), von diesen Armen wirst du umwunden sein. Wo wird dann deine Baronie sein und wo die Teleologie der Liebe? Denselben Abend noch barg der große Hans Stäwelmann das Haupt in seiner Mutter Schoß. Frau Dodo erfuhr alles, was ihm geschehen war, und schluchzend warf er sich an ihre alte Brust. »Jung, Hans, hab dich doch nicht so! Wenn du das Mädchen liebst, und sie ist ein ordentliches, dann heirate sie!« Nach wenigen Wochen war die Sache fertig, von Frau Dodo fertig gemacht. Die beiden Brautleute begannen ihre Promenade auf dem langen, dem sonnigen Weg. Er mußte immer, wenn er mit Elfriede ging, denken, er habe sie mal in den herben Formen eines halben Kindes gekannt. Die Glückwünsche kamen, die Gesellschaften und auch die anonymen Schmähbriefe, die den Zweck verfolgten, das junge Paar auseinander zu hetzen – alles, alles, wie es sich gehört, alles in Ordnung. Die anonymen Schmähbriefe ... Es kamen aber andere namenlose Briefe, die keinen Fluch, sondern Segen enthielten. Ein Gedicht war darunter, ein Gedicht von weiblicher, verstellter Hand. Das Gedicht hatte zu viel Füße, was sich reimen sollte, reimte sich nicht immer, aber es wurde von einer hohen Gesinnung getragen, es atmete tiefe Trauer. »Geh du den Weg, den dich das Schicksal führt«, hieß es, »es komme, wie es kommen muß, ich denk an dich und deinen Kuß. Ich segne dich, du teurer Mann, mein Auge stehet himmelan, ich suchs zu tragen, wie ich kann.« Als Hans das Gedichtchen las, stützte er sinnend das Haupt. Er fühlte eine Art hochmögenden Stolz, weil er je und je eine Seele besaß, die ihm gehörte. Mitleid fühlte er mit seiner Vergangenheit, weil er nicht gesucht und nicht gewonnen hatte, was ihm zukam, und Mitleid fühlte er mit ihr. »Es ist schade!« murmelte er. Da trat Sie hinzu und er war selig. Die Teleologie der Liebe zu schreiben, daran dachte er nicht mehr, dagegen regte sich mitunter der Lehrtrieb oder der apologetische Trieb, seiner Braut über die klingenden Sphärenmomente seiner Leidenschaft zu sprechen, um so lieber, weil ihr Gesicht eine so sanfte Kindlichkeit annahm, wenn sie ihn aus der Höhenluft herunter reden hörte. Seine Seele sah aus ihren Schultern für profane Augen unsichtbare Engelsfittiche hervorbrechen, und dann sorgte er sich, ob sie ihm nicht davonfliege. Er überlegte, ob er wohl ein Gewichtchen anhängen dürfe, sie zu behalten. Zwanzig Kilo war zuviel – ein ganz kleines Ding, drei bis fünf Kilo? Sie darf nicht wegfliegen, ich müßte mitfliegen, und ich hab keine Flügel. Solche Gedanken dachte er, und Sehnsucht beschwerte sein Herz. Er wollte sie ganz haben und möglichst bald. Am liebsten wäre er gleich nach der Großstadt gereist, Aussteuer und alles zu kaufen bis zum Scheuerlappen und Küchenhandtuch, und hätte den Hochzeitstag sofort festgesetzt. Aber sie, die Schwarze, die Engelgleiche, die mit den unsichtbaren Flügeln, dachte niedrige wirtschaftliche Gedanken, sie dachte an die Wohnung, an die Einrichtung der Wohnung, und vor allen Dingen dachte sie ganz anders von der Leinenaussteuer. Er hatte seine Ideale, sie hatte ihre Ideale. Sie wollte die Aussteuer selbst nähen und sticken. Wenn er überlegte, wieviel Pfund er anhängen dürfe, die himmelstrebenden Kräfte zu bändigen, da flog auch ihre Phantasie, aber nicht gen Himmel, sondern nach ihrem Zukunftswäscheschrank. Und in Gedanken stand sie vor ihrem Zukunftswäscheschrank und schwelgte. Wie schneeig, wie weiß lag alles da, mit Spitzen, mit roten Bändern, mit gelben Bändern, mit roter Seide, mit gelber Seide, Damast und reines Leinen, und Halbleinen, und ... und ... Auf dem Papier macht sichs prosaisch, in ihrer Vorstellung war alles Poesie. Jedes Wäschestück war mit Namen versehen: E. B., mit Namen und Krone und Zahlen, alles von ihrer Hand gestickt. Es war eine beseligende Leinen- und Wäschesymphonie. Selbstverständlich behielt sie den Sieg. Vielleicht hätte sie nachgegeben, wenn sie begriffen, was in ihm vorging. Aber es kommt vor, daß Engel mit unsichtbaren Flügeln für die Sehnsucht lodernder Mannesseelen kein Verständnis haben. Sie stickte, sie nähte, sie schaffte – sie stickte, sie nähte, sie schaffte sich krank. Als alles fertig war, wurde die Hochzeit aufgeschoben. Kluge Ärzte umstanden ihr Lager, die einen rieten zur Ehe, die andern zuckten die Achseln. Die Ehe und das, was mit der Ehe verbunden zu sein pflege, könne zur Genesung, könne aber auch zum Tode führen. Er stand in Flammen, mehr als sie ahnte, er brannte lichterloh. »Sei mutig. Liebste«, bat er, »und wage!« »Und wenn es mein Tod sein wird?« Er hob die Hand zum Himmel. »Mir soll Gott dreifach vergelten, was dir Übles geschieht! Auf mein Haupt sein Zorn! Ein Meer von Elend will ich durchwaten. Es kann nicht schlimmer sein als die Qual, die ich jetzt trage. Sieh her! Sieh in mein Herz – Elfriede, sieh du auf meine Leiden!« »Aber Hans, was ist das? Du lästerst, du lästerst ja den Himmel!« »Lästere ich, so lästere ich bei meiner übermenschlichen Liebe zu dir.« Da tat sie es; da machten sie Hochzeit. Und nach einem Jahr, da kam sie nieder. Mutter und Kind gingen zugrunde. Und, nach weiteren Monaten war Hans Stäwelmann schwermütig. Frau Dodo brach die Zelte ab und ging mit ihrem Sohn auf Reisen.   In der Stadt klatschte und sagte man vielerlei. Wir lassen uns nicht darauf ein, was man sagte. Wir suchen mit Hans Stäwelmanns Schwager seine Wohnung durch und finden folgende Notizen und Zettel: »Im Himmel wurde Leid verteilt. Alle hatten, aber es war noch ein Haufen übrig. ›Wir legens ihm zu‹, sagte der, der darüber zu bestimmen hatte. Und er nannte meinen Namen. Da warf sich mein guter Engel dem Herrn zu Füßen: ›Warum ihm allein?‹ Da sagte der Herr, der ewige, allmächtige, der gerechte Herrscher des Himmels und der Erden: ›Er hats gewollt!‹ Da stand mein schöner, guter Engel auf und schwieg und ging traurig vom Angesicht des Herrn.« »Ich las Auerbachs Erzählung ›Diethelm von Buchenberg‹. Ich las zum dritten mal. Ich sah mich selbst. Und mein Herz war voll Furcht. Es ist da ein Mann, ein Mensch, ein schwacher, ein großtuender Mensch. Er spielt den Reichen, er füllt sein Haus mit Waren und versichert bei der Feuerkasse mehr, als er hat. ›Ists so weit, daß du brennen mußt?‹ fragt ihn seine Frau. Es ist eine kranke, eine ahnungsvolle Frau. In dem Augenblick hat er den Plan nicht, die Tat glimmt nur ganz entfernt in seiner Seele. Mit einer gewissen Aufrichtigkeit weist er den Verdacht seiner Frau zurück. Die Sonne steht hoch am Himmel, sie scheint heiß auf ihn herab. Zu ihr, zur goldenen Sonne am Himmelsbogen erhebt er die Rechte und schwört: ›Ihr Strahl soll mich nie mehr erwärmen, wenn ich das, was du gesagt hast, jemals tu.‹ Im Zuchthaus sitzt ein altes, graues, ein eiskaltes Männchen. Kein Sonnenstrahl erwärmt ihn. Ihn friert, er klappert vor Frost. Am besten geht es noch bei schwerer Arbeit. Deshalb darf er Holz im Zuchthaushof sägen. Er ist ein eiskalter Greis, und für und für schrillt die Säge des Diethelm von Buchenberg.« »Vorige Nacht hielt ich sie in meinen Armen. ›Elfriede‹, bat ich, ›flehe den Herrn an. Er ist der Gott der Güte, er wird die Worte, die ich sprach, auslöschen im Buch des Frevels, er wird meinen Namen niederschreiben im Buch des Lebens.‹ Aber die Gute sah traurig drein. ›Ich liege Tag für Tag vor seinem Thron. Aber der Herr schweigt. Und durch die Dome des Himmels bis zu den Pforten der Hölle hallt es hin: Er hats gewollt!‹« »Gestern, glaube ich, reckte schwarzer Wahn nach mir die Fänge. Nun hab ich einen ganzen Tag philosophiert und hab ihn niederphilosophiert. Alles ist notwendig, jede Bewegung meiner Finger, jedes Wort, das aus meinem Munde geht. In allem bin ich unfrei, mithin in allem ohne Schuld.« »Mit Pastor Ritter streite ich über die Willensfreiheit, den Weg nach den Wiesen hinunter. Mäher, Sensen auf den Schultern, begegnen uns, Melkerinnen mit blauen Eimern. Sonst begrüßte ich mich umständlicher mit den Leuten. Nun gestikulieren wir, der Pastor und ich, ich aber heftiger. Da wird der Gruß rasch abgemacht. Alle stehen einen Augenblick still, wenn wir vorübergehen. ›Die Tat‹, sagte der eine, ›wird auf einer Wage gewogen, der Zeiger schlägt nach der Schale des Unrechts, wenn darin die stärksten Beweggründe liegen.‹ ›Und der Wille und der Charakter?‹ wendet der andere ein. ›Wille und Charakter gehören zu den Gewichten, lassen Sie mich, wissend, daß es nicht korrekt ist, den Namen ›Beweggrund‹ darauf mitbeziehen. Wille und Charakter sind entweder angeboren oder durch andere von mir unabhängige Umstände bestimmt. Sie sind also im Kreis der Notwendigkeit mitbeschlossen.‹ Und darauf die Entgegnung: ›Nein, der Mensch hat in sich die Kraft und auch die Pflicht, seinen Charakter zu ändern und zu bessern, auch den stärksten Beweggründen gegenüber ist er in keiner Zwangslage – der Wille des Menschen ist frei.‹ Darauf der erste: ›Das würde in meine Sprache übersetzt heißen: In den Apparat der Wage hat der Werkmeister eine vernünftige Dominante hineingelegt, die ein Zuviel aus der Schale des Unrechts selbsttätig herausschmeißt. Ich glaube vor der Hand nicht an diese Erfindung.‹ In der Stadt erzählt man sich, es sei eine neue Wage erfunden worden, die Domino heiße. Nun könne kein Handelsmann mehr betrügen. Falsche Gewichte werfe die Wage selbst heraus. Der Doktor Hans Stäwelmann aber, der bei Wilhelm Möller wohne, wolle an die Erfindung nicht glauben.« »Meine Mutter und ich wohnen noch immer bei Wilhelm Möller, eine Treppe hoch. Die Treppe muß zu einer Zeit gezimmert sein, wo die Tannen der ostpreußischen Wälder die Lieder verstanden, die der Sturmwind blies. Es ist eine gefühlvolle Treppe, und wenn ich in meiner Stube sitze, lausche ich ihren Gesängen. Wenn jemand kommt: auf den untern Stufen schwingt es voll dumpfer Zweifel, klingender und zuversichtlicher steigt es herauf, und aller Sorgen ledig hallt es über die Dielen nach meiner Zimmertür. Die Treppe singt immer neue Lieder, ein anderer Schritt lockt aus dem alten Holz andere Töne. Ich kenne viele Spiele: das unseres blonden Dienstmädchens, Gretens unbekümmertes Lied. Die Frau Möller, der Meister Möller – bei ersterer hör ich die hausmütterlichen Sorgen heraus, bei ihm einer guten Arbeit ruhiges Gewissen. Ich kenne das Lied des Briefträgers – ich weiß schon nach dem Schritt, was er bringt. Ich höre der wackeren Freunde trauten Gang, und vor allen Dingen das Liebeslied der alten Frau, die nur noch für mich, Hans Stäwelmann, lebt. Ich höre ... ich höre ... ich höre ... Ach, wie kann all das Liebe, was ich höre, wie kann, wie darf es mich trösten für das Treppenlied, das aus dem Register gestrichen ist? ›Ich bin dir gut‹, sagte die erste, ›ich hab dich lieb‹ die zweite, ›ich trag die Hoffnung im Herzen‹ die dritte, ›der liebe Gott wird uns gnädig sein‹ die vierte – und so weiter. ›Ich bin die Jakobsleiter‹, sangen die oberen Stufen, ›die Engel Gottes steigen herauf‹. ›Der Engel‹, sangen die Bretter, ›schwebt über die Dielen daher – er reißt die Tür sperrangelweit auf, damit die schönen Flügel keinen Schaden leiden.‹ So klang das alte, das aus dem Register gestrichene Lied. Das war eine liebe Treppe, jetzt ist sie eine böse ... Sie täuschte mir eben die ganze Jakobsleiter-Melodie vor, ich mache die Tür auf, es ist niemand da. Da setzte ich mich in meinen Sessel. Ja, ja .. da konnte ich nicht anders, da hab ich geweint. Ich weiß nicht, ob ich so namenlos glücklich oder unglücklich bin. Aber zuweilen überkommt mich das Gefühl, daß es so nicht weiter geht.« »›Sie sind immer so ruhig‹, sagte Wilhelm Möller, der Goldschmied, unser Hauswirt, zu mir. ›Heute früh reckte sich schon meine Hand über den Lehrbuben, da dachte ich an Sie und – sieh! meine Hand fand den Weg zurück.‹ Hab ich ein so verlogenes Gesicht? ›Wenn der uralte heilige Vater‹ – Und so weiter. Ich wollt, ich hätte nur ein bißchen Göttliches, ein ganz klein wenig vom Jupiter an mir.« »Heute Nacht sah ich sie. Ich war ganz wach, das Zimmer im Dämmerschein des Nachtlichtchens. Da hörte ich ihr Lied die Treppe herauf, da öffnete sich die Tür, da kam sie und schritt lautlos durch mein Stübchen. Sie sah mich ernst und bedeutungsvoll an und hatte den Finger erhoben.« Das Städtchen, von dem wir erzählen, war wie andere auch. Zwei wie Öl und Wasser geschiedene Volkskasten; die Honoratiorenkaste schwamm oben auf und war durch festgewurzelte Sitten, die wie hohe Schutzzölle wirkten, gegen das Eindringen nicht dahingehöriger Elemente geschützt. Insbesondere war es hergebrachter Satz: die Heiratskandidaten der Honoratioren gebühren den Honoratiorentöchtern. Es waren wenige zu vergeben, es wären zu wenig gewesen, wenn man die Söhne der zunächst belegenen Höfe nicht mit in den Honoratiorenkreis einbezogen hätte. Das Angebot für den nicht weibliche Seelen umfassenden Kreis heiratslustiger und heiratsfähiger höherer Öltöchter war aber auch dann noch knapp; es war in unsrer Stadt wie überall, Kampf um den Futtertrog der Liebe oder vielmehr der Ehe. Kampf war da, aber er verlief in gesitteten Formen. Man tat erfreut, man tat, als habe man auch nicht entfernt daran gedacht, den Gockelruf für sich zu hören, man brachte Blumen und Glückwünsche. Aber im Herzenskämmerlein und im eigenen Kämmerlein, da schwoll manchmal ein Herz vor Wut und Neid. Und (auch das ist vorgekommen) wenn das Herzchen gar zu stark aufbegehrte, dann wurde ein Federchen genommen, in Gift – Tinte wollte ich sagen, getaucht, dem Verlobten wurde mit verstellter Hand eine kleine niedliche Verleumdung der Braut geschrieben. Es half selten oder nie, die Liebe ist nun mal blind, das hatte man auch gar nicht erwartet. Man hatte aber Ärger und Mißtrauen gesät, das war auch schon was. Und nichts macht die Seele so frei, wie eine kleine Bosheit. Da schritt eines Tages eine Frau in den mittleren Jahren mit drei Töchtern über den Markt. Die Mutter war eine feine Dame, die drei Töchter waren schön, nicht gerade alle blutjung, aber sie waren schön. Alle Wetter! sagten die Heiratskandidaten und zogen vor der Familie den Hut. Die Privilegierten sahen sie von der Seite an und lächelten häßlich mit ›breiten Wolfszähnen auf den Lippen‹. (Gottfried Keller sagt so.) Was wollen die hier? Was wollen doch die alten Schachteln? Ja, was wollten sie und wo kamen sie her? – An der Ecke der Sand- und Poststraße lag ein großes rotes Haus, ein in bewegten Formen aufgeführtes Gebäude, ganz anders als die andern Häuser der altfränkischen Stadt – kühn und keck in den schattigen Garten, der an der Poststraße entlang sich bis zur Chaussee ausdehnte, hinausgereckt und dort in junges, frisches Grün getaucht. Da hatte ein alter Offizier seine Pension verzehrt, nun wohnte die Frau mit den schönen Töchtern im roten Haus. Sie kam weit her. Man sagte, von der andern Seite des großen Stroms, von einer jedenfalls zur Ortskaste nicht gehörigen Gegend. Durch diesen Zuwachs vermehrte sich das Angebot bedrohlich. Wie verschärfte die Unglücksfamilie den Kampf um den Futtertrog der Ehe, der ehelichen Versorgung! Man fing an, allerlei über die Familie zu reden, die Klatschwellen gingen hoch, die Damen aus dem roten Haus gingen aber, wie einst der Wundertäter am See Genezareth, hoch und leicht über die Wogen hinweg. Die Jüngste kam nicht in Betracht, die war den Kinderjahren kaum entwachsen; aber die beiden Älteren, die Dunkle und die um ein Jahr jüngere Blonde. Die Älteste sollte sprechende Ähnlichkeit mit der verstorbenen Elfriede haben. Das überhebt uns, viel von ihr zu sagen. Die Familie vom roten Haus wurde zu den von dem Bürgerverein veranstalteten Festlichkeiten zugezogen. Pastor Ritter war Vorsitzender, man munkelte von Kämpfen des Präsidenten mit Vätern heiratsfähiger Töchter, man munkelte bald, Pastor Ritter sei mit der großen Dunklen aus dem roten Hause verlobt. Und vielleicht hatte das Gerücht nicht unrecht. Die Poststraße ist so gar breit nicht; geht man vom Plankenzaun des ›Landschaftlichen Hauses‹ (es liegt dem roten Hause gegenüber) hinunter, so sieht man die Schattenwolken des Gartens und der Gartenterrasse. In der Rotbuche pfeifen die Amseln ihr Liedchen auf den Kaffeetisch hinab und, wenn die Glastür offen ist, auch in den Saal hinein. Die zum Garten hinabführende Treppe verschwindet in den Wirrnissen der Kletterpflanzen, man sieht nur die gefällig hinabfließenden oberen Stufen. An schönen Nachmittagen, wenn die Zitronenfalter in zitternder Sonnenwärme vor den Baumkronen gaukeln, kannst dus erleben (du mußt aber deinen guten Tag haben), daß alle Anmut und Schönheit, die das rote Haus birgt, oben um den Kaffeetisch sitzt. Einen Augenblick darfst du dich ›verloren‹ an die Planke drücken und dich der Fülle der jungen Schönheit und ihres Lachens freuen, da darfst du auf die weichen, runden Stimmen und auf das Tassengeklapper hören. Es klingt die Heiterkeit des guten Gewissens wie Summen darüber her. Ich rate dir: geh hinunter nach der in die reichen Marschen führenden Chaussee. Du magst die hundert feisten Ochsen zählen, die Vollmacht Krohn auf den Bleekwiesen weidet. Und dann komm zurück! Es hat sich (ich will es so), die Gesellschaft hat sich vermehrt. Neben der Dame des Hauses sitzt ein junger Mann in schwarzem Rock und unterhält die Mutter und scherzt mit den Töchtern. Der Dame ist etwas auf die Erde gefallen. Der Gast bückt sich, er hebt es auf, er überreicht es. Da siehst du sein Gesicht; es ist – Pastor Ritter. Es muß doch wohl etwas daran sein, denkst du, an dem Gerücht, daß Pastor Ritter mit der ältesten Tochter aus dem roten Hause versprochen sei. Wenn die große dunkle Schönheit durch die Straßen ging, so wunderte man sich immer über die Ähnlichkeit mit der verstorbenen Elfriede Bruhn, verheirateten Sell. »Gott, wie hab ich mich erschrocken!« hieß es immer wieder. »Wir stießen an der Ecke von Möllingsweg aufeinander. Da war mir doch, als wenn die Toten auferstünden. ›Frieda!‹ hätt ich bald gerufen. Dieselbe Größe, dieselbe Haltung, dieselbe Miene!« So und ähnlich erzählten sich die Damen der Stadt. »Ähnlichkeit ist freilich vorhanden«, versetzten die Ruhigen, die Verständigen, insbesondere sagte so Hans Stäwelmanns Schwager, Rechtsanwalt Bruhn. »Ähnlichkeit freilich, auf den ersten Blick sogar eine bestürzende. Beim längeren Ansehen entdeckt man aber doch Verschiedenheiten. Meine Schwester Elfriede hatte etwas Flackerndes im Auge, Fräulein Anna blickt scharf aber ruhig. Elfriede hatte wirklich schwarzes Haar, das tiefglänzende, blauschwarze, Fräulein Annas Haar hat eine mattere, stumpfere Farbe. Eigentlich ist es gar kein Schwarz, sondern tiefes Brünett. Annas Stirn ist auch runder und hat einen kleinen Leberfleck über dem Auge. Wenn sie spricht, dann sieht man kleine Grübchen in den Backen (die hatte Elfriede nicht), dann denkt man kaum noch an eine Ähnlichkeit.« Wenn Hans Stäwelmann sie sähe! Hans war nicht da, wird voraussichtlich nicht wiederkommen. Man wußte nicht viel von ihm, und selbst sein Schwager nicht alles. Von der Reise sollte er zurückgekehrt und jetzt ganz gesund sein. Eine Zeitlang hat er in seinem Heimatsdorf in der Holzvogtei gewohnt. Dort hat er die einzige, die ihm nahe stand, die alte Mutter, beerdigt. Dann ist er wieder abgereist, angeblich, ein milderes Klima aufzusuchen. Und seitdem ist seine Spur verloren. Seine Spur war verloren, bis man sie in dem Lesezimmer des Bürgervereins wiederfand. Er tauchte zu gleicher Zeit in der ›Gäa‹ und in der ›Gegenwart‹ auf. In der ›Gegenwart‹ las man einen langen Aufsatz: »Eine neue Teleologie der Liebe«, in der ›Gäa‹ die Besprechung eines Buchs: »Die natürlichen Einrichtungen für den Liebestrieb der Lebewesen auf ihre teleologischen Prinzipien zurückgeführt und dargestellt von Doktor Hans Sell.« Was in der ›Gäa‹ stand, wollen wir hier nicht berücksichtigen. Es ist für uns zu gelehrt. Die ›Gegenwart‹ tadelte nur den etwas umständlichen Titel und erging sich dann in einem hohepriesterlichen Posaunenton des Lobes. »Der erste geistreiche Versuch, eine Überfülle interessanter Erscheinungen unter einen einheitlichen Gesichtspunkt zu bringen.« Es wurde viel von der lex parsimoniae der schaffenden Natur, aber auch von ihrem Charakteristikum als Vergeuderin des Samens geredet. Die Steigerung des natürlichen Triebes bis zur Zerbrechung beider Subjekte sei Verwilderung natürlicher Instinkte. In allen diesen Punkten wurden dem neuen Buche große Verdienste nachgesagt. Die Damen unsrer Stadt waren noch Damen alten Stils. Nur ein kleiner Bruchteil las die Abhandlungen über Hans Sells Buch. Sie hörten, daß ein Mann, der »unser gewesen war«, ein berühmtes Buch geschrieben habe – das genügte. Sie dachten sich bei Teleologie der Liebe etwas wie Gottesgelahrtheit der Liebe im Sinn der berühmten Korintherstelle: »Die Liebe verträgt alles, sie hoffet alles, sie duldet alles. Sie stellet sich nicht ungebärdig, sie suchet nicht das ihre.« Und so weiter. Die etwas reife Jungfrau Elisabeth Nöthig hatte für den stillen Doktor immer eine platonische Neigung gehegt, sie verschaffte sich den Artikel der ›Gegenwart‹. Sie las eine Seite, sie las zwei Seiten: ihr Haar, soweit es nicht festgebunden war, fing an, sich zu sträuben, sie klappte das Heft zu, ihr armes Leben war um ein Ideal ärmer. Und plötzlich ging der Verfasser der Teleologie der Liebe in Person über den Marktplatz der Stadt – jünger, frischer, heiterer, denn je. Er bezog die alte Wohnung bei Wilhelm Möller. »Das hätte er nicht tun sollen«, sagten Wohlmeinende. »Die Erinnerungen, die sie hervorruft, könnten eine zu starke Probe für seine Nerven sein.« Er suchte seine alten Freunde auf. Bei Pastor Ritter fiel ihm unglücklicherweise ein Photographiealbum in die Hand, kamen ihm Bilder der Damen aus dem roten Hause vor Augen. Die dunkle Anna starrte er an. Er war bestürzt. »Was?« sagte er zu seinem Freund, »du hast ein Bild der Verewigten, und ich weiß nichts davon?« »Komm«, erwiderte der Pastor und nahm ihm das Buch sanft aus der Hand, »komm, Hans, darüber wollen wir später mal reden.« »Du kannst recht haben«, antwortete der Doktor, »das sollst du mir mal sagen, wenn ichs ganz hinter mir habe.« Er schien kräftiger, ruhiger, gesünder als vor Jahren. Er besuchte die Bürgervereinsabende; von allen Seiten regnete es Komplimente wegen seines guten Aussehens und wegen der Teleologie der Liebe. Der literarischen Schmeicheleien erwehrte er sich mit gutem Anstand. Er machte es wie mein Freund Altenteiler Jörn Kock. Bei Schlachtfesten wird Jörn von seinen Schwiegertöchtern beschenkt. Wenn sie weggehen, bittet er, das Geschenkte wieder mitzunehmen. Er müsse ja doch was wiederschenken. Das tue er gleich, da sei es ein Abwaschen. Von seinen Erlebnissen sprach Hans Stäwelmann nicht viel und von seiner Krankheit gar nicht. Man fragte auch nicht darnach. Nur Professor Fesch glaubte dem armen geheilten Mann ein Trostwort sagen zu sollen. Er spielte Billard mit einem Herrn aus der Kaufmannsgilde. Andere, darunter Hans Stäwelmann und Pastor Ritter, saßen in den Fensternischen vor ihren Deckelkrügen und sahen zu. »Es ist doch schön«, sagte Fesch zu dem Verfasser der Teleologie der Liebe, indem er das Leder seines Billardstocks kreidete, »es ist doch schön, daß Sie den häßlichen Anfall überwunden haben.« Er hielt noch die weiße Kreide in der Hand und strich, um die Handkrücke ganz glatt zu machen, einige Male über die Politur des Stockes, ohne zu bemerken, daß Hans so blaß wurde wie seine, Professor Feschs, Kreide war. Fesch glaubte seinem Trost noch einen Trumpf zusetzen zu müssen: »Ja, verehrter Freund, wenn man nur ein reines Folium im Himmel hat, dann kommt alles wieder zurecht.« Doktor Sell, alias Hans Stäwelmann, hatte sein Glas zum Munde führen wollen, er setzte es nieder. Auch das merkte der ganz in sein Spiel vertiefte Professor nicht. Er saß auf dem Billard und zielte mit einem hinter dem Rücken geführten Stoß. Noch überlegte er, ob er von vorne per Bande spielen oder von hinten erst die Bande berühren solle. Er hatte die letzte Nummer zu machen und mußte einen angesagten Bandenball leisten. Da fühlte er plötzlich Hans Stäwelmanns heißen Atem an seinem Ohr: »Sagen Sie, Professor! Was wissen Sie von meinem Schuldkonto im Himmel und was von meinem Schmerz?« Professor Fesch wollte seinen Stoß zurückhalten, konnte es aber nicht mehr; es gab einen Kickser, Professor Fesch verlor die Partie. Hans Stäwelmann rief »Zahlen!« und rechnete mit dem Aufwärter ab. Dann griff er nach seinem Hut, grüßte kurz und ging nach Haus. »Ich fürchte, Herr Professor«, sagte Pastor Ritter, »Sie haben unserm Freund einen schlechten Dienst geleistet. Aber es soll Ihr Konto im Himmel nicht belasten. So viel ich weiß, sieht man dort auf das Herz und auf den Willen.« Hans Stäwelmann ging verstimmt nach Haus. »Sie stechen roh und verständnislos in meine Wunden«, sagte er zu sich. »Die Menschen verstehen mich nicht, ich verstehe auch wohl die Menschen nicht, da will ich lieber darauf hören, was ich mir selbst zu sagen habe.« Er mied bis weiter jede Gesellschaft. Wenn er im Bett lag, so war ihm, als stehe ein schwarzer Schatten am Kopfende, ein Schatten mit Flügeln. »Was will er?« fragte er sich, und antwortete darauf: »Er will Wahnideen an den Mann bringen. Aber da kann er lange warten. Darauf lasse ich mich nicht ein, in meinem Bett schläft ein gesunder, von Selbstvorwürfen freier Mann.« Der schwarze Geflügelte kam mit der alten Sache, mit dem Fluch, wodurch Hans alles Elend auf sein Haupt herabgeschworen habe. Aber der Doktor philosophierte ihn kräftig nieder. »Bin ich ein Gott?« rief er, »bin ich einer, der mit dem Allwissenden, dem Allgütigen, dem Allmächtigen, dem Herrn des Himmels und der Erden Verträge schließen 223 kann? Hat Gott, als ich das unbedachte Wort sprach, gesagt: ›Schön, nun will ich die junge Frau mit Leid schlagen, ich hätte es nicht getan, wenn ihr Mann mir nicht die Erlaubnis gegeben hätte?‹ Hat der Allmächtige, als ich zu ihm die Hand erhob, gesagt: ›Gut, Hans Stäwelmann, die Sache wollen wir abmachen. Erst sollst du haben, was du für dein Glück ansiehst, aber nachher, dann komme ich mit meinen Skorpionen?‹ Das sollte er gesagt und getan haben? Das glaube ich nicht. Der liebe Gott sollte eine Schleife in der Bahn der Weltordnung gemacht, nicht aber nach seinem in Ewigkeit gefaßten Ratschluß gehandelt haben? Stand ich so hoch, einen Bund mit dem Allmächtigen zu machen, und mein Weib so niedrig, sein Strafmittel zu sein?« So philosophierte er den Schwarzen an, aber der erwiderte: »Das sind hohe Worte, der Glaube aber fehlt dir. Dein Fluch steht im Buch des Frevels, dein Fluch wirkt für und für, darauf kannst du dich verlassen.« »Es ist alles Unsinn«, sagte Hans Stäwelmann zu sich. »Ich träume zwar wilde Träume, aber sie sollen schon wieder sanft und zahm werden. Ich steh als Wächter über meinen Gedanken vor dem Tor meiner Seele, ich sieh mit der Wurfschaufel in der Hand, zu sondern. Und ich sondere Unechtes von Echtem, Spreu von Weizen.« Der Pastor Ritter suchte den Grübler eines Tages auf. »Laß mich,« sagte Hans Stäwelmann, »laß mich noch einige Tage! Ich hab mit einem Gesicht zu tun. Den Burschen muß ich niederkämpfen, es dauert nicht mehr lange, dann liegt er am Boden.« »Wenn es so steht, dann solltest du gleich mitgehen«, erwiderte der Freund. »Ich halte nichts von Kämpfen mit Erscheinungen, die man nicht greifen kann.« Aber Hans Stäwelmann wollte nicht. Er fing an, nach dem Eckstedter Vierth zu gehen. Auf dem Eckstedter Vierth sitzt König Ringelhaar in seinem Schloß tief in der Erde Schoß. Unter dem letzten Hünengrab sitzt er. Stumm inmitten seiner Mannen und wartet des Tags. »Ich möchte nicht mittun«, redet Hans Stäwelmann zu sich, »wenn die frechen Spaten klirren, wenn die urnenlüsternen Herren die Wände des Grabes aufwühlen.« Hinrich Wilhelm, der mit vollem Namen Hinrich Wilhelm Hotje heißt, hat eine Kate am Wald. Hans Stäwelmann ißt bei ihm Eier und Milch. Hinrich Wilhelm erzählt von einer am Fuß des Hünengrabes wachsenden Eiche. Es ist ein kleines, ein schwaches Bäumchen. Davon erzählt er eine Geschichte: Vor vielen, vielen hundert Jahren ist auf der Heide eine Schlacht geschlagen worden, die hat drei Tage gedauert, und gesiegt hat der König, der die meisten Soldaten und den stärksten Gott gehabt hat. Mit eigener Hand hat er seinen Feind, den König, und auch dessen Sohn erschlagen. Und das hat er getan, weil der fremde Königssohn vor übergroßer Liebe seine Frau, die Königin, mit Gewalt geraubt und entführt hatte. Der siegreiche König ist nicht so jung gewesen wie seine Frau. Aber er hat nicht an ihrer Treue und hat an ihrer Liebe nicht gezweifelt. Nun hat der kleine Eichbaum damals schon da gestanden, wo er jetzt steht, und ist nicht viel anders gewesen, als er jetzt ist, nämlich dünn und schwach. Und nach der Schlacht hat der König bei dem Eichbaum, als die Wurzeln noch das Blut des Erschlagenen tranken, da hat er zur Königin gesagt: ›So gewiß der Sproß kein Baum wird, groß und stark genug, eines Mannes Gewaffen zu tragen, so gewiß halte ich dich, mein Weib, rein und treu in Händen, und so gewiß werd ich deiner Liebe ewig sicher sein.‹ Hinrich Wilhelms blonde Tochter grub, als der Vater das erzählte, im Garten und hörte das. Und steckte den Spaten ein und sagte: »Nein, Vater, das weißt du nicht recht. Er hat zum Eichbaum gesagt: ›So gewiß du ein großer Baum wirst, einen Schild daran zu hangen, so gewiß liebt mich mein Weib.‹ Aber sein Weib hat den toten Sohn des fremden Königs lieb gehabt und hat zu ihrem Manne gesprochen: ›Die Treue geht bis in den Tod, die Liebe nehme ich mit ins Grab, die nehme ich mit in Wodans Halle. Denn wisse: der junge Königssohn, dessen Blut die Heide trank, hatte meine Liebe und wird sie ewig haben. Und das soll ein Zeichen für meine Worte sein: die junge Eiche wird klein und schwach bleiben, daß sie eines Mannes Gewaffen nicht tragen kann. Dir, mein Gemahl, bring ich meine Treue unversehrt zurück, und die sollst du nie vermissen.‹ – Da ist die Eiche klein geblieben«, sagte die Maid und grub weiter. Sie steckte aber den Spaten wieder ein und sagte: »Drei Tage darauf hat man die Königin bei der Eiche am Hünengrab, den eignen Dolch im Herzen, tot aufgefunden.« Und die Blonde grub und grub. Sie haben was Versonnenes, Hinrich Wilhelm und seine Tochter. Das macht die Einsamkeit, die weite Ebene macht es, das Meer und des Meeres Winde, der Zug der weißen Wolken. Wolken? Sie fahren dahin wie die weißen, die ruhigen, die leidenschaftslosen Götter. Hans Stäwelmann freute sich immer, wenn sie groß und weiß, des Lichtes trunken, vom Meer aufstiegen. Seine Gedanken flogen, sie wollten hin. ›Du hast, Allerhöchster, du hast die Allmacht! Sei auch ein Gnädiger!‹ Hans Stäwelmann dachte an die Eiche und an den auf ihr lastenden Fluch. Unser Freund ging hin und stand kopfschüttelnd vor dem angeblichen Wunder, dem alten, dem sagenumwobenen Baum. Der Zwerg? Er grub mit seinem Stock im Moos herum, er untersuchte die Wurzeln. »Das ist ja ein ganz sprantiges, verkümmertes Ding! Das Ding ist ja noch nicht zwanzig Jahre alt!« Er stand und lachte: »So also sieht ein verfluchter tausendjähriger Baum aus? Tausend Jahr? Das ist unmöglich, Doktor Sell, was sagt deine Wissenschaft dazu? Ob ich gebiete: ›Leid über mich!‹ oder Josua befiehlt: ›Sonne steh still! und Mond, wandle nicht mehr!‹ – das ist alles gleich Und gleich ist es auch, ob eine heidnische Königin sagt: ›Eiche, wachse nicht mehr!‹ Es bleibt immer ein seiner natürlichen Schranken entkleideter Wille.« Da kam neben Hans Stäwelmann in der Heide ein Schatten herauf. Hans sah sich um, ein junger Bauer stand bei ihm; Hans kannte ihn, es war Hein Gripp, der Blonden Bräutigam. »Was macht Ihre Braut für Geschichten?« fragte Hans und erzählte. Hein Gripp griente: »Ja, das ist Stinens Pläsier.« Und Hans Stäwelmann erfuhr, früher habe man die Geschichte von einer Eiche erzählt, die in der Bornholder Feldmark gestanden habe. Als man den Fleck urbar gemacht und die Eiche ausgerodet habe, sei die Sage eine Zeit landflüchtig gewesen, habe aber in den letzten Jahren bei dieser Eiche Niederlassung genommen. »Nun ist alles klar«, sagte Hans Stäwelmann zu sich, »nun liegt der Schwarze am Boden, nun will ich wieder unter Leute gehen.«   An demselben Abend erschien Hans Stäwelmann im Bürgerverein, am andern Tag saß er zusammen mit seinem Hauswirt auf den gelben Bänken, einer rechts von der Haustür, der andere links. Von Wilhelm Möllers gelben Bänken sah man über den freien Marktplatz links nach der Apotheke hinüber und rechts nach der Kirche. Es war ein warmer Nachmittag. Zitterluft webte um das Kirchendach, helle Sonne lag auf dem Steinpflaster. Dem wackeren Goldschmied ist noch alles im Gedächtnis; der kurze Schatten der linken Häuserreihe, die gackernde Henne, die nach Nachbar Löcks Gang trippelte und bei jedem Schritt mit den Krallen kräftig auf den Granit aufschlug, als sie über die Steinstufen seiner Haustür lief. Sie saßen rechts und links auf ihren Bänken und dachten wenig und sprachen nichts. Da ging eine junge Dame, die aus der Langstraße gekommen war, langsam an ihnen vorüber. Wie saß ihr das Kleid, wie sanft und geduldig trug sie das von dunkeln Flechten beschwerte Haupt! Wilhelm Möller grüßte und Hans Stäwelmann auch. Just so trug sich die verstorbene Elfriede, so war ihr Haar, so ihr Haupt und so ihr Gang. Beim Grüßen lief ein Lächeln über ihr Gesicht. So tat auch die Verstorbene. Sie ging langsam über den Markt nach der Apotheke zu. Das pflegte auch Elfriede zu tun, wenn sie nach der Poststraße ging. Dabei die gleiche, bescheidene und doch stolze Hoheit. Aus der Klosterstraße kamen zwei Herren vom Gymnasium; die zogen tief den Hut. War es nicht just so wie früher, wenn Hans Stäwelmann auf der Bank saß, wo er jetzt war und seiner Frau nachsah? Sie machte dann bei der Postmeisterin Besuch. Dann traf sie auch wohl Herren, die tief und verbindlich grüßten. Die Dame ging an der Apotheke vorüber und verschwand in der Poststraße. »Um Gottes willen!« rief Hans Stäwelmann. Der Goldschmied sah sich nach ihm um: Sein Mietsmann war weiß im Gesicht. »Fehlt Ihnen was, Herr Doktor?« »Um Gottes willen!« rief Hans wieder. Aber er rief es mehr in sich hinein, als zu Wilhelm Möller und auf den Markt hinaus: »Um Gottes willen! Was ist das?« Wilhelm Möller stand vor ihm. »Sie sind krank, Herr Doktor!« sagte er. »Kommen Sie, legen Sie sich zu Bett. Dann gehts vorüber. Meine Frau soll heißen Fliedertee machen, das tut gut. Sie glauben gar nicht, was Fliedertee tut. Ich trinke ihn immer, trinke ihn gegen jedes Unwohlsein. Einen halben Tag zu Bett – Fliedertee – eine Nacht Schlaf, und alles ist vorüber.« Hans Stäwelmann sagte nur: »Meister, haben Sie gesehen?« »Ich verstehe nicht, Herr Doktor.« »Sie verstehen nicht? Haben Sie denn nicht gesehen? Die Toten stehen auf. Meine Frau ... sagen Sie selbst: war das nicht meine Frau?« Wilhelm Möller wußte nicht, was zu machen und wie er antworten solle. »Ihre Frau, Herr Doktor, ruht in Kirchhofserde.« Hans Stäwelmann sah ihn mit flackernden Augen an. »Das ist es ja eben. Wie kann sie denn hier gehen?« Er schritt auf und ab und stampfte das Pflaster. »Diesen Boden hat ihr Schuh berührt, das müssen Sie doch gesehen haben?« »Ja, Doktor! Was soll ich darauf sagen? Was reden Sie? Was malen Sie sich aus? Die, die hier vorbeiging, die hab ich wohl gesehen, und die kenne ich genau genug. Das war Fräulein Anna aus dem roten Hause. Sie wissen wohl nicht, die Familie ist von der anderen Seite hergekommen – kein Mensch weiß recht, weshalb. Der Vater ist gestorben, sie haben ihren Hof verkauft. Anna hat viel Ähnlichkeit mit Ihrer Frau, das sagt die ganze Stadt. Aber deshalb ist sie es doch nicht. Doktor, schlagen Sie sich doch solche Sachen aus dem Kopf! Die, die hier ging, ist ein Mädchen von Fleisch und Blut, sie ist (wenn es auch noch nicht deklariert ist), jedenfalls hält man allgemein dafür, daß sie die verlobte Braut von unserm Pastor Ritter ist.« »Nehmen Sie Ihre Worte in acht!« schrie Hans Stäwelmann. Irr und wirr stand er vor seinem Wirt. »Weshalb soll ich meine Worte in acht nehmen? Die ganze Stadt weiß es, was ich sage, und Schande ist doch nicht dabei.« »Seine Braut! Hör es, Himmel – seine Braut!« Der kranke Hans Stäwelmann hob die Hände gen Himmel. »Her mit dem Leid – ich habs gewollt! Du hast ganz recht, ich habs gewollt, her mit dem Haufen Leid, der in der Ecke des Himmels liegt, der keinem Menschen gehört! Mir kommt er zu. Ich habs herausgefordert, ich habs gewollt, ich darf mich nicht beklagen. Gott, du bist Gott, und ich bin, so scheints, ich bin auch einer. Zwei Götter schlossen einen Pakt, wir wurden uns einig. Nun bekomme ich, was mir gehört. Dafür aber bin ich ein Gott. In vollen Strömen über mich, Schmerz und Leid! Kollege du! Du bist ein starker, eifriger Gott. Im Katechismus, in den zehn Geboten stehts. Du bist ein starker, eifriger Gott. Du trägst die Schalen des Zorns in Händen. Du kannst wehtun, du kannst züchtigen. Jehova, zeig es an mir, daß du es kannst!« So frevelte Hans Stäwelmann. Wilhelm Möller war ratlos. In nächster Nähe bemerkte man keine Menschen, man hörte aber sicherlich rings umher in den angrenzenden Straßen die Stimme eines Aufgeregten. Bei der Apotheke stand ein Haufen Leute auf dem Markt, die herübersahen und herüberhörten und sich die Szene nicht deuten konnten. Im Eckhaus an der Hauptstraße (die Fenster gingen nach Wilhelm Möller) lugte ein alter Weiberkopf durch die Vorhänge. »Lieber Herr Doktor!« bat Wilhelm Möller und rang die derben Hände. »Lieber Herr Doktor, tun Sie mir den einzigsten Gefallen, seien Sie wieder gut und beruhigen Sie sich! Die Ähnlichkeit des Fräuleins mit Ihrer seligen Frau hat Sie aufgeregt. Sie sind ohnehin nicht wohl. Sie haben sich überarbeitet, da kommt so was vor. Was wollen Sie auch immer in der Natur herumarbeiten? Sie habens ja nicht nötig. Gönnen Sie sich Ruhe! Sie haben nicht geschlafen, das greift an, da kommt so was vor. Ich kenne viele Leute, die das auch gehabt haben, und ist alles wieder gut geworden. Das wird sich irgendwie alles geben. Tun sie mir nur den Gefallen und lassen den lieben Gott aus dem Spiel! Wenn ers auch nicht übel nimmt, es hört sich häßlich an.« »Her mit dem Leid!« fing Hans Stäwelmann wieder an. »Ruhig, ganz ruhig, Doktor! Die Leute stehen still, was sollen sie denken! Witten Keller, ich sehe sie, steht hinter den Gardinen und macht ne große Geschichte daraus. Nachbarin Witten kann es, die versteht es. Und sehen Sie hin! Da bei der Apotheke, da sind welche, die sehen her. Wenn Sie nicht bald still sind, dann heißt es morgen im Ort: ›Doktor Hans Stäwelmann (bitt um Entschuldigung! Hans Sell wollt ich sagen), Doktor Hans Sell (so gehörts sichs), Herr Doktor Hans Sell hat zu viel studiert und ist unklug geworden.‹ Und das wollen wir uns doch nicht nachsagen lassen.«   Hans Stäwelmann wurde ganz ruhig und vernünftig, ging in seine Stube, legte sich zu Bett und bequemte sich sogar zu Fliedertee. Er sah den Widerspruch, der darin lag, die Erscheinung für seine verstorbene Frau zu halten und eifersüchtig darauf zu sein, daß das Fräulein aus dem roten Hause sich dem Pastor Ritter verlobt habe. Der Goldschmied und die Goldschmiedsfrau brachten ihn zu Bett. Sie wachten bei ihm, der Fliedertee tat ihm gut, Hans Stäwelmann wurde ganz vernünftig. Er lachte und scherzte und spottete über seine Grille. Die Besorgnis seiner treuen Wirte schwand. Hans Stäwelmann erzählte aus seiner Jugend, vom Hof Sellentwiel und warum er Stäwelmann heiße und ein geheimer Baron sei. Als Frau Möller ihren eigenen Hausstand besorgen mußte, politisierte er noch eine Weile mit dem Goldschmied. Dieser ein Verehrer der deutschen Einheit, so wie sie etwa später geworden ist, Hans ein Großdeutscher. Um elf Uhr verließ Möller ihn, Hans Stäwelmann wollte schlafen. »Es geht alles gut«, sagte der Goldschmied zu seiner Frau. Hans Stäwelmann schlief ... Da tauchte der Mann mit den schwarzen Flügeln, da tauchte der Schatten wieder auf und stellte sich an das Kopfende des Betts. »Es ist das letzte mal«, sagte er, »sie ist im roten Hause. Wenn sie ohne Vergebung wieder zur Gruft hinabstiege!« »Das darf nicht sein«, antwortete Hans Stäwelmann. »Du mußt hin«, sagte der Schatten. »Ich will noch warten«, antwortete Hans, »ich will überlegen, vielleicht bilde ich mir alles ein.« In einer Ecke seiner Stube brannte ein auf Olivenöl schwimmendes Nachtlicht. Das Glas mit dem Nachtlichtchen stand auf einem kleinen Tisch. »Vielleicht bilde ich mir alles ein«, sagte der Träumer. »In der Welt geht alles natürlich zu. So ist es mit der Dasselfliege, so mit allen andern Einrichtungen. Was tot und begraben ist, ist für uns wirklich tot. Wir hoffen nur, hoffen auf eine andere, eine unsichtbare Welt. Natur geht vor und duldet keine Ausnahme. Masse zieht die Masse an, es strebt alles nach unten, nach der Erde hin.« »Dann bin ich auch wohl eine eingebildete Größe?« fragte der Geflügelte, der am Kopfende stand. »Ich hoffe es und wünsche es«, antwortete Hans Stäwelmann. »So!« höhnte der Dunkle, »und alles strebt nach unten, der Erde zu. So sagtest du doch.« »So sagte ich.« »Was hat denn das Nachtlicht oben zu tun?« Ja, was hatte es oben zu tun? Der kleine Tisch mit dem Lichtchen war an der Wand hinaufgeklettert, an der Zimmerdecke längs gegangen und stand senkrecht über Hans Stäwelmanns Bettstelle, von einer unsichtbaren Kraft gehalten. »Geht das natürlich zu?« fragte der Schatten. »Nein, das geht nicht natürlich zu.« »Und das?« Das Tischchen glitt an seinen alten Platz zurück, dafür klebte Hans Stäwelmann mit seiner Bettstelle an der Decke. »O weh«, seufzte Hans, »nun falle ich.« »Du fällst nicht«, sagte der Mann des Schattens. Und er fiel wirklich nicht, er klebte mit seinem Bett an der Decke. »Die Erdkugel kann sich verschoben haben«, sagte Hans. »Na, na! Das laß Doktor Stäwelmann nicht hören!« erwiderte der Dunkle. »Ich denke, du bist vernünftig und gehst.« »Ich seh, du hast recht. Ich will, laß mich nur wieder hinunter.« Der Dunkle tat es, und Hans Stäwelmann stand auf. Die Turmuhr schlug zwölf, als er auf die Straße trat. Und über ihm lachten ... ja, da lachten dreizehntausend Sterne. Dreizehntausend Sterne funkelten, zwinkerten, lachten über Hans Stäwelmann – fern, unnahbar, stillvergnügt. Er kannte manche, es fiel ihm eine ganze Masse seiner kosmologischen Kenntnisse ein, das ernüchterte ihn. In halber Höhe stand ein großer, roter Stern (Hans Stäwelmann hatte gleich seinen astronomischen Steckbrief im Kopf), der sagte: »Hans, Hans! Bist ein geheimer Baron und stehst wie ein Narr auf der nackten Steinstraße! Bist eine Art Naturwissenschaftler, hast die Teleologie der Liebe geschrieben und läßt dich von Träumen foppen? Nein, guter Junge, so nicht – immer kühl und ruhig und vernünftig und so vergnügt, wie du zu sein verdienst. Und rasch mit dir hinein ins Bett!« »Das will ich auch«, erwiderte Hans. Er ging zur Haustür hinein und stieg die Treppe hinauf. Dreizehntausend Sterne lachten hinter ihm her. ›Der Schwarze soll mir nur kommen‹, dachte Hans, als er sich niederlegte. Der Schwarze kam nicht, der Schwarze hatte keinen Mut.   Was ist das mit Hans Stäwelmann? So ging es in aller Frühe in einer Menschengruppe, die auf dem Marktplatz stand. Die ›grüne Grete‹ (Grete handelte mit Grünkram) erzählte, den Goldschmied und seine Frau habe er umgebracht, ihm habe er die Kehle abgeschnitten, die Frau habe er erwürgt und dann in Stücke gehackt. Ein Bein sei in der Waschküche gefunden, ein Bein im Keller, den Kopf habe man noch immer nicht. »Ha, ha!« lachte Karl Moor. Er hieß Karl ›Moor‹, weil er mit Torf handelte. Die grüne Grete schrie: »Dor is nix bi to lachen!« »'t is ok so«, erwiderte Karl. »Ik lach ok jo blots und freu mi, bat Lene Möller Kopp un Arm un Veen weller hett. Kikt mol, wakeen kommt dor ut Voß sin Kramladen?« »Herr du meines Lebens!« schrie die Grüne. »Warrafti!« Wahrhaftig, da ging des Goldschmieds Frau frisch und gesund und im unverkürzten Besitz ihrer Glieder. Die Grüne reckte einen mageren Arm nach dem Eckhaus. »O Witten, Witten!« So rief die Grüne, im stillen aber dachte sie: es ist doch schade, daß so gar nichts dran ist. Wenns doch nur ein bißchen gewesen wäre! Wenn er ihr nur einen ganz kleinen Finger abgebissen hätte! Es wäre doch was. Aber es war so rein gar nichts dran. Frau Möller war sofort umringt worden. Ob der Doktor nicht krank sei? »Krank? nicht im geringsten. Gesund wie ein Fisch im Wasser.« Aber warum er denn gestern so geschrien habe? »Geschrien? Das habe man für Schreien genommen? Er habe ihrem Mann ja nur gezeigt, wie man in Wien Theater spiele.« Die Grüne hat es Wirten und Hans Stäwelmann niemals vergeben, daß sie um eine unschuldige Freude kam. Stäwelmann saß im Lehnstuhl und sah in die Sonne oder vielmehr auf die Blätter der Palme, die sich im freundlichen Sonnenschein dehnten. Für eine Zimmerpalme war das Bäumchen ein Riese, es hatte erst vor zwei Jahren einen neuen Kübel erhalten, aber über den Wurzeln hob sich schon wieder die Erde. Und die Blätter strebten zur Zimmerdecke. Als Ästhetiker betrachtete Hans Stäwelmann die Natur mehr im ganzen als ihre einzelnen Dinge. Aber die Palme hatte seine Liebe. Ein Organismus, den der Schöpfer mit so viel Respekt gemacht, den Lene Möller mit so viel Liebe pflegte, mußte auch seiner Liebe wert sein. Hans Stäwelmann saß und sah in die Sonne und sah in die Palme. Er fühlte sich ein wenig matt, er fühlte sich ein bißchen schwach, aber schwach, wie sich ein Genesender fühlt, dem neue Kräfte und neue Gesundheit aus geheimen Quellen rinnen. Noch ist es nicht genug, aber er fühlt, wie sichs mehrt. Wie erging es doch dem ›tumben‹ Märchenhans? Es liegt ein Schwert bei dem schlafenden, die Schätze bewachenden Riesen. Hans kann es nicht heben. Aber neben dem Schwert steht ein Wein, steht die Flasche der Kraft. Er trinkt: sein Blut beginnt zu rollen – wie wohlig beginnt es zu rollen! Er trinkt und wird stark, er kann das Schwert heben, er kann dem Riesen den Kopf abschlagen, und tut es. Unsern Hans Stäwelmann dürstete nach keines Riesen Blut. Aber sonst war ihm wie dem Märchenhans. Er atmete und trank Kraft, Ruhe, Genesung und sah in die Sonne und sah in die Palme. So saß er, in der Hand einen Brief, eine Art Gedicht, das ihm mit der ersten Post auf den Tisch geflattert war. Erst kamen die alten Reime, die wir kennen: »Mein Auge richt ich himmelan, ich suchs zu tragen, wie ich kann. Geh, Liebster, du den Pfad!« So ungefähr. Und dann: »So schrieb ich einst in trüber Stund ... Ich beugte vor dem Himmel mich, o glaube mir, um dich, um dich! Ich bat auf meinem Angesicht: Ihm jedes Glück, ihm alles Licht, auch wenn darob mein Herz zerbricht!« Und weiter: »Im Himmel ist die Bitt verweht, nicht ist erfüllt, was ich erfleht. Du watetest durch großes Leid, die Bahn war schwer, die Bahn war weit. Noch immer bin ich an dem Steg Und sehe traurig auf den Weg. Ich sehe dich in Zweifeln stehn – « »Könnt ich mit dir zusammengehn!!« ergänzte Hans Stäwelmann Strophe und Reim. Es wurde um ihn geworben, er wußte auch, von wem. Sie war es, die er in den Anlagen nach Ludwigstal hinunter selbst darum gebeten hatte. Die Geigen der ›Erholung‹, die jauchzenden Geigen, die klagende Klarinette – die Spaziergänge nach Ludwigstal hinaus und die Abschiedsszene, der in der Holzvogtei geträumte Traum: er sah, er hörte, er durchlebte alles wieder. Die kleine Anna und das große dunkle Mädchen vom roten Haus: es ist dieselbe Anna. ›Es ist meine Liebe, meine erste Liebe, meine Liebe an sich kat exochen , wie wir Gelehrte sagen – meine einzige. Sie kann wohl in unterschiedlicher Gestalt einherwandeln und bleibt doch dieselbe. Hab ich nicht immer das Gefühl gehabt, ich hätte Elfriede schon als großes, herbes Kind gekannt?‹ »Grete!« Er riß am Klingelzug. Grete, beim großen Sonnabends-Reinmachen, erschien in aufgesteckten Röcken, dampfend und triefend. Die war nicht zu gebrauchen, Hans Stäwelmann holte sich Zylinderhut und Besuchsanzug selbst. Und er tat es, ein anderer Hans, als er sonst war. Vor dem Kleiderschrank summte er, in die neuen Bügelbeinkleider fahrend, sang er, und zwar in tiefen Tönen; als er den Zylinderhut bürstete, in hohen. Und als er die Handschuh anzog, lachte er. Und lachend ging er die Jakobsleiter hinab. Grete wusch mit Seife und Bürste die Treppe ab, auf der Terrasse vor der Haustür erhielten die alten Polstermöbel Schläge von Frau Möller. »Guten Morgen!« rief der angstrohrgeschmückte Doktor, »Guten Morgen, Frau Möller!« Frau Möller tat noch einen tüchtigen Schlag, bevor sie den Gruß erwiderte. »Machen Sies nicht zu schlimm«, sagte er, »bedenken Sie, Frau Möller, ein Polster ist eine Zusammensetzung von Haar und Haut, und der, dem es mal zugehört hat, der ist tot und fühlt nichts.« »Was meinen Sie, Herr Doktor?« Der geheime Baron antwortete nicht, er ging über den Markt und krähte leise vor sich hin. ›Ist doch ein wunderlicher Mann.‹ Die Goldschmiedsfrau vergalt diese Ansicht den toten Geweben. Im roten Haus war so gut Sonnabend wie bei Frau Möller. In der Küche wurde getuschelt, wo der Besuch zu empfangen sei. Das Mädchen kam zurück und führte ihn die Treppe hinauf. Frau Lassen sei ausgegangen, sagte sie, Fräulein Anna lasse den Herrn Doktor bitten, einen Augenblick zu verweilen. Das Zimmer ging auf den Hof. Hans Stäwelmann stand am Fenster. Ein gelbgestreiftes Frauenkleid wurde eilfertig ins Haus getragen. Wie prächtig wird es zum dunkeln Haar passen! Die Doppelflügeltür führt nach anderen Gelassen, da wird sie nicht eintreten. Sie wird die Treppe heraufkommen. Hans, Hans! Du verstehst dich auf Jakobsleiter und ihre Gesänge. Was wird die Treppe singen, wenn der Engel die Sprossen berührt? Sein Auge nahm die Maße des Türrahmens. ›Für Engelsflügel ein bißchen klein, aber sie wird gelernt haben, ihre Fittiche säuberlich zu falten.‹ Die Familienbilder an den Wänden sahen ihn lustig an: ›Und wärst du auch zehnmal ein Geheimer – wir kennen dich durch und durch.‹ Horch! Die Haustür! Hans Stäwelmann hörte Stimmen, weibliche – Frau Lassen war zurückgekehrt. Die wird doch nicht? Hans Stäwelmann ging ans Fenster. Gott sei Dank! Frau Lassen strebte quer über den Hof nach dem Garten. Und wieder die Haustürschelle, Pastor Ritters Stimme. Wird er? Bewahre, wie sollte der hierher kommen? Auch Pastor Ritter ging dem Garten zu. Da kommt jemand, ein Mädchenschritt. Schurr, schurr! Es steigt die Stufen herauf ... Geheimer, wie ist dir?... Der Engel, der Engel! – Die Treppe... Was sagt die Treppe? – Die Treppe fängt an zu tönen, die Treppe fängt an zu jubeln. Unten tief, dann hoch und immer höher. Und fein klingt es aus. – Wie wird es mit den Flügeln und wie mit dem ährengelben Kleid? Und wird sie alles, was sie bei Ludwigstal auszeichnete: die rehbraunen Augen, die Haarpracht, die Stirn, das Leberfleckchen, die Wangengrübchen – wird sie das alles noch beisammen haben? Die Treppe schwieg; der Engel schritt schon über die in stummer Freude erbebenden Bohlen hin nach der Tür. Hans Stäwelmann ärgerte sich über den Türgriff (der war von Messing), wie er so stumpf und dumpf und unbeweglich, ohne Ahnung und Begeisterung dasaß, und wie er sich dann so trocken und geschäftsmäßig drehte. Da stand Anna Lassen im gelben Kleid im Türrahmen, streckte beide Hände aus und sagte: »Hans Stäwelmann, da bin ich.« »Ja«, erwiderte Hans, »du büst dat.« Wären sie beide in den Anlagen des Ludwigstal gewesen, er hätte im Promenadensteig Striche mit seiner Stiefelhacke gezogen. »Ja«, sagte er noch einmal für sich, »das ist denn nun so.« Schließlich breitete er die Arme aus und rief: »Nu, Anna, gute Anna, liebe Anna, dann komm her zu mir!« So fanden sie sich. Und taten sich Liebes an. Flüstern ... So schwatzt und tropft ein lieber Bach im schmalen Felsental. Einmal sagte er: »Du hast einen bösen Bräutigam. Das ist hin, das wird nie wieder glatt.« Und sie erwiderte: »Macht gar nichts, Hans. Es ist ein Waschkleid.« Aber plötzlich reißt Hans Stäwelmann sich los und springt auf. »Was hörte ich, was hörte ich für ein Wort! Du bist Braut, Anna?« »Ja, Hans, bin ichs denn nicht? Bin ich nicht deine Braut?« »Meine, und nicht des andern?« »Aber, Liebster, wessen Braut sollte ich denn sonst noch sein?« »Anna, ich hörte ein böses Wort. Pastor Ritter, so sagte man, habe die Braut in diesem Haus.« »Und da hat man die Wahrheit gesagt. Sieh, da sitzen sie.« Sie stieß die Flügeltür auf, Hans Stäwelmann stand. Er sah in einen Saal und weiter auf die Terrasse und in den Garten hinein. Auf der Terrasse saß eine kleine Gesellschaft beim Frühstück: Pastor Ritter und seine blonde Verlobte, die Mutter und die junge Emma. Ein wacher Traum bannte Hans Stäwelmann. Er sann und sann, wie er doch und wann er doch alles schon mal gesehen habe: die wogenden, weißen Saalgardinen, das ungestüm die Treppen hinabstürzende Klettergrün, die munter gewundenen Gartensteige, die schläfrig geballten Gebüsch- und Baumwolken ... Alles, auch die Zitronenfalter vor den Rosenbüschen. Er hörte Ritters Stimme: »Da haben wir das Paar.« Tassen- und Tellergeklapper hörte er. Sprechen und Schwärmen und Klingen und Schwingen. Er saß, ehe er sichs versah, mitten unter den Glücklichen. Aber noch immer war ihm wie im Traum. Da saß er, und da wollen wir Hans Stäwelmann lassen.   Es sind viele Jahre vergangen. Wir alle haben von einer großen Leuchte der Wissenschaft gehört, die Hans Sell heißt, Professor, Geheimer und schließlich Wirklicher Geheimer wurde. Sollte der berühmte Hans Sell mit Hans Stäwelmann eine und dieselbe Person sein? Dann könnte man um so bestimmter behaupten, daß er wirklich ein Geheimer gewesen und auch geblieben ist. Ein Unbedingter 1 Im Norden unseres Landes, wo die Hochebene des Mittelrückens anfängt, wellenartig nach der Eiderniederung abzufallen, liegt ein Kirchdorf... ein alter Ort. Und der Ruhm historischer Ehrwürdigkeit ruht, wie Kellerstaub am Flaschenhals alter feiner Weine, auf seinem verwitterten Turm. Die Gelehrten behaupten, daß wir es mit einem altberühmten Platz zu tun haben, wo die Holzeten (»so an den Hölzungen wohnen«) ihre erste Kirche erbaut haben. Und der Friedhof soll vor Einführung des Christentums eine heidnische Opferstätte gewesen sein. Meine Heimat gehörte zu dem Kirchspiel. Wir waren Kirchspielskinder, wohnten aber nicht im Ort, wir fuhren dorthin ›to Kark un to Mark‹, was bei den schlechten Wegen zwar mehr nach einem Wagstück als nach einer Erbauung oder nach einem Vergnügen aussah. In der ersten Stunde kamen wir nicht viel weiter als bis zum Nachbardorf, in der ersten Hälfte der zweiten ging es durch prächtigen Wald; dann fuhr man sachte den sogenannten ›Vierth‹ hinan. Schon lange hatte sich der braune Heiderücken als breit ausladende Landschaftswelle vor unserm Auge aufgerollt. Es war die erste Bodenerhebung, die ich überhaupt sah. Und sie hat groß und gewaltig auf mich gewirkt. Schaukelte unser Wagen auf dem Kamm dahin, dann sahen wir die roten Dächer und den Kapuzinerberg mit der ragenden, im Winde rüstig mahlenden holländischen Mühle, mit dem leuchtenden Ziegeldach des Müllerhauses. Wir sahen die Kirche und ihre Linden, hoch am Bachufer, und vor allen Dingen sahen wir den herausfordernden Hahn auf der Turmspitze. Einmal hielt Vater hoch oben an, nahm den Peitschenstiel, fing an zu zeigen und an zu erzählen. Unsere Rosse wußten erst nicht, was sie daraus machen sollten. Es kostete einige Mühe, sie zu verständigen, daß der Peitschenstiel nichts weiter sei als der verlängerte Zeigefinger für die Geschichte des Unbedingten, die Vater zum besten gab. Mein Vater erzählte sie mit all dem Wunderbaren, wie sichs zugetragen hat oder doch vom Volk für wahr gehalten wird. Seit den Schicksalen des Unbedingten ist lange Zeit vergangen. Zweimal, vielleicht dreimal sind die alten Familienhöfe des Kirchspiels in den Kontraktenbüchern und im Schuld- und Pfandprotokoll, zuletzt im Grundbuch von Vater auf Sohn umgeschrieben worden. Die Menschen, die es mit erlebt haben, schlafen wohl alle im Föhrenschaft. Ihre Särge und Leichen sind Staub und Erde geworden, eine neue Folge ist zu ihnen in das alte, satte, gelbe Erdreich der blutgetränkten Opferstätte gesenkt. Es ist lange her. Auf dem Kapuzinerberg hat in ganz alter Zeit ein Kloster gestanden; zur Zeit unserer Erzählung wohnte dort der Besitzer eines großen Hofes, zu dem auch die mit einträglichen Zwangs- und Bannrechten versehene Mühle gehörte. Die Müllerei hatte er nicht gelernt, er betrieb sie durch Gesellen. War er hiernach auch Müller im eigentlichen Sinne nicht, so wurde er doch so genannt; wir wollen es in dieser Geschichte ebenso verhalten. Der Müller war ein lateinischer Bauer, das heißt ein halbwegs gebildeter Mann mit halbwegs städtischen Gewohnheiten. Er hielt sich auch für was Besseres als die Bauern im Dorf und suchte Anschluß an vornehme Leute. Den Organisten und den Kirchspielschreiber hatte er, aber die rechnete er eigentlich nicht. Ihm kam es auf den Kirchspielvogt und auf den Pastor an. Der Kirchspielvogt, nach der damaligen staatlichen Ordnung der Dinge Inhaber der allgemeinen Staatsverwaltung und der niederen Justiz, war in seinem Juristenhochmut für die Annäherungsversuche des Müllers ein untaugliches Objekt. Aber bei dem Pastor, da gelang es; da war es von Vornherein gelungen. Der zu Beginn unserer Erzählung das Amt versehende Seelsorger hatte bereits ein freundschaftliches Verhältnis zu seinem Amtsvorgänger vorgefunden, er hatte es gern in Anrechnung auf die vierundzwanzig Himpten Roggen und vier Himpten Buchweizen, die die Mühle nebst acht Gänsen an das Pastorat zu leisten hatte, übernommen. Er hatte seinen Augen, seinem Kinn und seinen Mundwinkeln eine nach unten gehende Richtung gegeben. Da nun der Müller ein angesehener Mann in seiner Gemeinde war, da er fleißig zur Kirche ging, sich auch sonst bei kirchlichen Handlungen mit Andacht beteiligte, da er ein frommes Gesicht hatte, und da es ihm gelungen war, die Linien in diesem Gesicht nach dem Muster des Kirchenherrn abwärts zu ziehen, so stieg er zum Range eines ›Kirchenjuraten‹, was der Sache nach einen Kirchenältesten bedeutete, auf. Es gab aber auch etwas her, wenn der Müller zur Kirche ging. Er stand in der Mitte der fünfziger Jahre, hatte graues, volles Haar, die Hautfarbe zwar falb, das Gesicht selbst aber wohlgenährt und regelmäßig. Mit weißem Hemdkragen und schwarzem Rock, in einem Anzug, der immer glatt und reinlich und gebürstet und neu aussah, das alte Familiengesangbuch mit schwerem Silberbeschlag und Goldschnitt in frommen Händen oder unter demütigem Arm, so betrat er das Gotteshaus.   Der Geistliche hatte die Seelen seiner Gemeinde etwa ein Dutzend Jahre geweidet, da beförderte ihn das Konsistorium nach der Stadt. Der Pastor war mitten im Umzug und packte, er stand zwischen seinen Kisten und Kasten, da erhielt er den Besuch des Juraten. Der Jurat wünschte zum Abschied noch ein vertrauliches Gespräch über einen Gegenstand, der ihm nahe ging. Er wollte wissen, was mit seinem Jungen anzufangen sei. Mit Franz stand es nämlich nicht so, wie zu wünschen gewesen wäre. Dessen Seele hatte so viele Seiten, daß man ihn kaum wieder erkannte, je nachdem die eine oder die andere hervortrat. Er tummelte sich gern auf wilden Pferden und hockte ebenso gern, Bibel lesend, in der Stube. Die einen hielten ihn für schüchtern und verschüchtert, die anderen für frech und verwegen, die für gutmütig und gefällig, frei und offen, und die für boshaft und gefährlich und hinterhältig. Die einen lobten seine gefällige, ruhige Bescheidenheit, die anderen tadelten seinen finsteren, brütenden Ernst. Menschenscheu und Vergnügungssucht – es gab fast keine Eigenschaft, die nicht mal den hervorstechenden Zug seines Wesens ausgemacht zu haben schien. Er rannte, wie hinter Scheuklappen nicht neben sich, nicht um sich, nur vor sich sehend, seine Straße daher. Wie über seinen Charakter, so gingen die Meinungen auch über seine geistigen Fähigkeiten auseinander. Franz war in einzelnen Sachen ein seltenes Talent, in anderen dagegen hoffnungslos vernagelt. In Dingen dieser Welt ein Naiver, ein Kindskopf, der aller Erziehungsversuche spottete, hatte er eine geradezu erstaunliche Fähigkeit, sich im Gehege seines Gedankenganges gut und eindringlich auszusprechen. »Er hat das Zeug zu einem Wüstenprediger«, hatte der Pastor mal gesagt. Religiöse Fragen gingen ihm ans Herz. Gott und Gottes Beziehungen zu uns machten die schläfrig hinstarrenden Augen dieses Grüblers aufleuchten. Aber auch hier rannte er mit Scheuklappen den ihm gewiesenen Weg. Zu versuchen, über den Zaun zu sehen, den die Kirche gezogen hat – nichts lag ihm ferner als das. Seiner hohen, engen Stirn fehlte die breite, gewölbte Form. Die Bilder und die Sprache der Bibel waren ihm geläufig, er hatte einen schier elementaren Drang, in ihren Wendungen seine Gedanken rednerisch zu entwickeln. Er konnte es auch, wenn er sich das Recht zuschrieb, hervorzutreten. Zweifelte er aber an diesem Recht, so klangen seine Versuche in verunglücktem Stottern aus. Der Pastor hatte sich Mühe gegeben, ihn in Latein und Griechisch, in den freien Wissenschaften zu unterrichten. Es sollte ein Theologe aus ihm werden. Aber nach zwei Jahren war Franz als hoffnungslos aufgegeben. Sein Interesse und seine Begabung waren zu ungleich. Der Entwicklung dieses Sohnes sah der Alte mit Unruhe zu, um so mehr, als noch ein Umstand hinzukam, der dem Pastor nicht bekannt geworden war: Franz hegte gegen seinen Vater eine tiefe Abneigung. Der Kirchenjurat rauchte, mit seinem Pastor zusammen auf Kisten sitzend, eine Zigarre, nahm auch noch eine Wegzigarre mit, aber just nicht viel Beruhigung. »Ihr Franz«, hatte der Pastor gesagt, »ist ein guter und doch ein gefährlicher Mensch. – Er ist ein ›Unbedingter‹. Unbedingt nenne ich die, die das, was sie für recht und sittlich halten, ausführen, ohne durch Nebenrücksichten gehemmt zu sein. Ich meine, ohne durch das uns Menschen sonst bindende Abhängigkeitsgefühl von dem, was allgemein anerkannt ist, beirrt zu werden, und ohne auch nur auf den Gedanken zu kommen, daß sie irren könnten. Ein ausgeprägtes Rechtsgefühl, begeisterte Verehrung des Rechts, das ist der Seeleninhalt solcher Menschen und der Ausgangspunkt ihrer Handlungen. – Ich weiß nicht, ob Sie mich ganz verstehen, lieber Freund.« »Ich glaube, ich verstehe«, hatte der Müller eingeworfen. »Gefährlich können diese Verehrer des Rechts werden«, so lauteten die weiteren Auseinandersetzungen des Seelenhirten, »weil sie das, was sie selbst für recht halten, für etwas unter allen Umständen Feststehendes ansehen. Die Fähigkeit der Selbstkritik, die Auffassung für den Widerstreit entgegenstehender Rechte geht ihnen ab. Ihr Franz ist einer Sprengmine zu vergleichen. Sie ist dazu bestimmt, nützliche Bauarbeit zu leisten, und wird es tun, wenn sie am rechten Ort und zur rechten Zeit zur Entladung gebracht wird. Sie kann aber auch unzeitig losgehen und Unglück anrichten. Ihn recht zu leiten, dazu gehören ein wachsames Auge und eine liebevolle Hand. Lassen Sies daran nicht fehlen, lieber Freund. Und achten Sie, daß kein unzeitiger Funke die ganze rücksichtslose Kraft dieser jungen Seele zur Explosion bringt.« 2 Der alte Pastor war weg, es war ein neuer gekommen, ein gemütlicher, jovialer Mann, der nichts von Franz wußte, aber das Wohlwollen, das zwischen der Mühle und der Kirche herrschte, als ein gutes geistiges Kircheninventar fröhlich verbuchte. Da erkrankte die sogenannte gute Mutter Marieken, des Müllers und Kirchenjuraten Frau zweiter Ehe, ganz plötzlich. Sie hatte es im Leib und schrie, daß man es über den Weg hörte. »Es ist das Reißen«, sagte der alte Müller, »es ist ihr auf die Gedärme geschlagen, das wird sich geben. Macht nur kalte Umschlage!« Man machte kalte Umschläge; mit der Krankheit war es aber am zweiten Tage schlimmer als je. »Ich nehme den Schwarzen, Vater«, sagte Franz, »und reite zum Doktor.« Aber der Vater wollte es nicht haben. Das sei nicht nötig. Er vertraue auf Gottes Hilfe. »Wir wollens mit warmem Verband versuchen«, befahl er den Mädchen. Mutter Marieken schrie und jammerte noch einige Tage und war dann – tot. Als tiefgebeugter Witwer folgte der Alte dem Sarge seiner guten Frau. »Von Erde bist du genommen, zu Erde sollst du werden«, predigte der Pastor, und warf die erste Schaufel Sand auf den Sarg. Der Müller brach in Tränen aus, verlor ganz seine Fassung und erlangte sie bis zum Schluß der feierlichen Handlung nicht wieder. »Hat der Müller Kirchenjurat doch ein prächtiges Herz«, äußerte der neue Geistliche abends zu seiner Frau. »Diese warmherzige Empfindung, diese freie Gottesliebe und diese tiefe Gottesfurcht!« So war oder schien es wirklich. Kein anderer sah so würdig und fromm aus wie der Müller in der Kirche. Niemand stand so aufrecht vor seinem Gott und niemand verbeugte sich so tief und zerknirscht vor Seiner Größe. Wenn der Pastor den Segen über die Gemeinde sprach: »... und erhebe Sein Angesicht über dir und gebe dir Seinen Frieden!« ... dann beugte sich tief und demütig des Juraten ehrwürdiges Haupt. Das alles sah Franz in neidloser Bewunderung. Er stand in der Kirche ernst und brütend, wie immer, und sah in seine Mütze, als ob er überlege, ob sie ein neues Futter verdiene oder ob es auch ohne Futter und gar mit einem zerrissenen gehe. Verbeugen konnte er sich nicht, dazu trug er zu schwer an dem Rätsel seines Seins. Mutter Mariekens Grab wurde zugeschaufelt und ein Stein mit dem Spruch: »Selig sind, die im Herrn sterben« darauf gesetzt. Der Totengräber, dem der Alte die Instandhaltung des Grabes übertrug, pflanzte Schneeglöckchen darauf. Nach einiger Zeit fingen die Blumen zu blühen an, und der Frühling kam. Ein frischer Wind setzte die Mühlenflügel auf dem Kapuzinerberg in rasche Bewegung. Und das war gut, denn es gab viel zu tun. Die Furchen der Mühlenkoppel waren noch ziemlich naß, der Frühling sollte sie trocken machen. Und auch dabei half der Wind. Franz knickte die Weidenbüsche ab. Überall hing es voller weicher Kätzchen. Auch in diese grüblerische Seele fiel eine Ahnung von dem Glück eines warmen Sonnenstrahls. Er fühlte, daß der Frühling doch noch etwas anderes bedeute, als Wiederbeginn der schweren Ackerarbeit und Ende der verhältnismäßig faulen Winterrast. Er lag am Wall, warm in der Sonne, und vesperte. Da hörte er neben sich, auf der andern Seite des Knicks im Weg nach Oldenkamp, Schritte (sie kamen, wie es schien, von zwei Seiten) er hörte Tagesgruß und ein Gespräch: Jürn Schütze und Krischan Rebenstorf hatten sich getroffen. Jürn Schütze und Krischan Rebenstorf waren Nachbarn und Landleute aus dem Ort. In der Mühle sah man sie nicht öfter, als nötig war. Die Freundschaft mit dem Müller schien so gar arg nicht zu sein, und Kirchgänger wie der Jurat waren sie auch nicht. Franz kannte sie aber an ihren Stimmen; auf dem Dorfe wird ja ungefähr jedermann an seiner Stimme erkannt. Er spitzte das Ohr, als er hörte, daß man von seinem Vater sprach. »Marieken ist nun ja auch tot«, sagte der eine. »Ja, die ist damit durch.« So der andere. »Soll höllisch ausgehalten haben«, erwiderte es auf der anderen Seite des Knicks. »Man hat sie übern Weg gehört!« »Was hat ihr wohl gefehlt?« Franz verstand nicht die Antwort. »Merkwürdig«, begann der Sprecher wieder, »just wie bei Lisette Schünemann.« Dem Lauscher pochten alle Pulse. Lisette Schünemann war seine verstorbene, seine rechte, von ihm über alles geliebte Mutter. Längere Pause. »Sie haben wohl ein Testament gemacht?« »Du meinst, der Alte und Marieken?« »Das haben sie sicherlich. Das ist in Ordnung, so sicher, wie zwei mal zwei vier ist, war ja auch bei Lisette in Ordnung. Da wollte er wohl für aufpassen, da kennst du meinen Müller schlecht.« Franz hinter seinem Knick sah ordentlich die Miene, die Jürn dazu machte. »Ja, Jürn«, fing der Sprecher wieder an, »dann fällt ja all das Geld von der Mohrfamilie an die Mühle?« Die verstorbene Marieken war eine geborene Mohr; sie hatte vor kurzem ihren Bruder, einen reichen Schlächter Mohr aus der Stadt, beerbt. »Das tut es«, sagte Jürn Schütze. »Du, Jürn!« »Was denn?« »Der Müller muß doch groß Freund an den Tod sein.« »Wie meinst du das?« Die Redenden hatten mit unbekümmerter Stimme gesprochen, jetzt dämpfte Krischan Rebenstorf sie. »Nun«, flüsterte er, »zwei reiche Frauen, jedesmal ein Testament. Und beide tot. Er steht sich wirklich gut mit dem Tod. Erst Lisette und nun Marieken!« Kurze Pause, dann leises Lachen – Franz hörte aus dem Klang dieses Lachens die Gesichter heraus, die sich auf der anderen Seite des Knicks ansahen. Unserem Franz am Wall im Sonnenschein wurde, er wußte selbst nicht, es überlief ihn heiß und kalt. Erst war es Wut, aber nur kurze Zeit. Dann ganz anders. Ihm fiel so manches ein, was er sich jetzt deutete, und je mehr er an die vergangene Zeit dachte, desto mehr verflog sein Zorn gegen Jürn und Krischan, desto dringender stieg ein entsetzlicher, ein fürchterlicher Verdacht gegen seinen Vater auf. Franzens Mutter war eine Lisette Schünemann aus Bargenfeld gewesen, eine vielbewunderte dunkle, mit Glücksgütern reich gesegnete Schönheit. Man hatte dem Vater nachgesagt, daß er noch vor der Heirat darauf bedacht gewesen sei, sich ihr Vermögen für alle Fälle zu sichern. Ob das richtig war, wußte Franz nicht, er hatte sich niemals um solche Dinge bekümmert, jedenfalls hatte er, Franz, kein Geld bekommen. Man hatte dem Vater auch nachgesagt, daß er brutal gegen seine Frau gewesen sei. Wo das Gerücht hergekommen, war gleichfalls unbekannt. Seine Mutter war viel zu scheu und zu verschlossen gewesen, um sich zu Herzensergießungen herbeizulassen. Die schöne, dunkle Frau mit der weißen Hautfarbe, mit dem wunderbar reichen Haar hatte wie eine Heilige über ihrem Leid geschwebt. Aber er, der Sohn, wußte, daß jener Vorwurf begründet war. Er war Zeuge tätlicher Angriffe des frommen Juraten gewesen. Und seitdem er einmal gesehen hatte, wie sein Vater die Hand gegen sie erhoben, haßte er ihn. Der Müller hatte überhaupt, wo er sichs herausnehmen durfte, immer eine brutale Figur gemacht. Wie oft hatte Franz es am eigenen Leibe erfahren müssen! Als er klein war und noch an den Röcken der Mutter hing, hielt Frau Lisette die Hand über ihn. In ihrem Schoß hatte er mit ihren schwarzen Flechten gespielt. Es war das einzige Spiel, woran er sich mit Vergnügen erinnerte. Und das Gefühl, einmal wenigstens den vollen Strom einer echten, uneigennützigen Liebe, der Mutterliebe, empfangen zu haben, war ihm für immer unverloren geblieben. Die Liebe zu seiner Mutter, der Haß gegen seinen Vater – das waren die Angelpunkte seines Wesens, die Triebfedern seiner Handlungen. Dabei stand ihm der Haß ebenso hoch wie die Liebe. Er liebte diesen Haß, wenngleich ihm als Bibelkundigen das vierte Gebot stets vor Augen stand: »Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren, auf daß dirs wohl gehe, und du lange lebest auf Erden!« Er wollte lieber einem irdischen Wohlergehen, einem langen Leben entsagen, als diesem Haß. Er pflegte diesen Haß, es war ein glühender Haß. Seine Gefühle gingen überhaupt auf das Ganze. Und nun hörte er von fremden Leuten, wie berechtigt dieser Haß war, berechtigter, als er geahnt hatte. Der Tod seiner Mutter! Noch jetzt kochte es in ihm vor Wut und Schmerz, wenn er daran dachte, wie elend seine Mutter gestorben war. Die Mutter war gestorben an einer Krankheit, die mit dem letzten Leiden von Mutter Marieken eine fürchterliche Ähnlichkeit hatte. Es war eine Fehlgeburt voraufgegangen. Die ersten Tage verhältnismäßig wohl, war sie am dritten Tage ganz krank geworden. Gelitten hatte sie mehr, als ein sterbliches Menschenkind ertragen kann. Drei Tage und drei Nächte lang hatte sie gejammert und geschrien, daß man es im Nachbarhause gehört. Der nächste Arzt wohnte drei Meilen weit, in der nächsten Stadt. Und der Vater hatte just, wie bei Mutter Marieken, keinen Arzt zuziehen wollen. Das hänge mit dem anderen zusammen, hatte er gesagt. Ein Doktor könne da nichts nützen, sei auch nicht nötig, es werde sich schon geben. Es war Verband gemacht worden, just wie bei Mutter Marieken, es hatte aber, just wie bei ihr, nichts geholfen – die schöne Frau Lisette war wie die hausmütterliche Marieken ins Grab gesunken. Für Franz hatte man mit der Mutter den Rest von Frohsinn, wenn er davon überhaupt etwas besessen, für ihn hatte man mit ihr alles Lebenswerte, für ihn hatte man das Lebensglück auf dem Kirchhof eingeschaufelt. Je länger er am Wall in der Sonne lag, desto weniger zweifelte er daran, daß sein Vater der Mörder beider Mütter war. Auch Mutter Marieken hatte schon vor Eingehung der Ehe den Vater testamentarisch oder durch Vertrag zum Erben eingesetzt. Auch diese Ehe war keine friedliche. Einmal, es war noch vor der Geburt des kleinen, leider schwachsinnigen Ede, war der Alte in großer Not gewesen, denn Mutter Marieken war im Zorn zum Kirchspielvogt gegangen, ihr Testament, das zu widerrufen sie sich auf Rat des Kirchspielvogts vorbehalten hatte, aufzuheben. Das war der Punkt gewesen, wo man den Alten fassen konnte. Ruhe- und ratlos war der Vater im grauen Juratenhaar im Hause umhergewandert. Schließlich hatte er seinen Stock genommen, seiner Frau nachzugehen. Nach einer Stunde waren beide in Eintracht, ohne an dem Erbvertrag etwas geändert zu haben, zurückgekehrt. An das alles dachte Franz, und wie Schuppen fiel es ihm von den Augen. 3 Von der Kirche geht eine düstere Sage. Vor hundert und aber hundert Jahren ist es gewesen. Da ist ein Pastor im Dorf gewesen, ein alter Mann. Und er ist vergeßlich geworden und hat eines Tags seine Bibel, nachdem er Beichte gehalten, in der Kirche auf dem Altar liegen gelassen. Und hat zu seinem Mädchen gesagt: »Grete«. hat er gesagt, »hol doch mal meine Bibel, sie liegt in der Kirche auf dem Altar.« Aber die Grete hat sich gefürchtet. Denn es ist trüber Herbsttag gewesen und spät am Abend und dunkel. Aber der Pastor hat gesagt: »Fürchte dich nicht, meine Tochter! Nur die Gottlosen und Spötter und die, die Gott versuchen, haben hierzu Grund. Du aber bist ein frommes Mädchen. Deshalb sei getrost und tu, wie ich gesagt habe!« Das hat Heinrich, der als Knecht bei dem Pastor diente, gehört und hat darüber, was der Pastor zu Grete sagte, in seiner Kammer gelacht. Denn er ist ein Spötter gewesen. Und hat bei sich gedacht: ›Nun wollen wir doch mal des alten Narren Wort zuschanden machen.‹ Und hat ein Bettlaken genommen und ist der Grete nachgeschlichen. Und als die Grete eintritt, ist es in der Kirche ganz dunkel, nur die langen, schmalen Finster sehen wie Gespenster in den finsteren Raum. Grete hat Holzpantoffeln an und klappert über die Steinfliesen. Und wie sie den Kirchensteig entlang geht, klingt jeder Schritt hohl von den Wänden und von dem Gewölbe her. Und es ist ihr immer, als wenn jemand ganz leise hinter ihr hergehe. Aber sie sieht sich nicht um. Wohl aber denkt sie an die Worte des Pastors und ist getrost. Und tritt auf die Stufen des Altars und findet das Buch. Und wendet sich ... da ... sieh – o sieh! Da steht ein großes, weißes Gespenst vor ihr. Und das große, weiße Gespenst sagt dumpf und hohl: »Grete, du mußt sterben!« Und Grete ist ganz still, aber sie fühlt, wie ihr Blut stockt. Doch sie bewegt die Worte des Pastors in ihrem Herzen und ist getrost. Und macht drei Kreuze und stürzt und läuft zwischen den Kirchenbänken durch, den breiten Kirchensteig entlang, zur Tür hinaus. Und schlägt die Kirchentür hinter sich ins Schloß und dreht den Schlüssel um. So ist der Spötter gefangen worden. Und der Teufel hat freie Hand gehabt. Man hat die halbe Nacht hindurch ein Geheul gehört, wie noch niemals. Das sind die bösen Geister gewesen. Und dazwischen hat man Bitten und Flehen gehört und Jammern. Das ist Heinrich gewesen, mit dem die höllischen Mächte ihr Spiel getrieben haben. Und es ist so herzzerreißend gewesen, wie man noch nimmer aus menschlichem Munde vernommen. Erst gegen zwei Uhr ist es still geworden. Aber dann hat ein Poltern und Klatschen, wie wenn ein Mensch gegen die Wand geworfen wird, angefangen, und das hat gedauert bis zum ersten Hahnenschrei. Der Wächter hat alles gehört. Er hat ein Vaterunser über das andere gebetet, er hat gezittert und gebebt, aber in die Kirche zu gehen, hat er nicht das Herz gehabt. Morgens hat man den Unglücklichen gefunden – tot, mit offenem Leib, die Gedärme über die Kirchenbänke gesponnen. Und an der weißen Wand ein großer, roter Blutfleck. Hundertmal hat man den Fleck abgekratzt, hundertmal den Mörtel, die vorgemauerten Ziegelsteine und schließlich gar die Feldsteine der in ihrem Grundstock aus Findlingen bestehenden Kirchenmauer weggeschlagen, hundertmal haben neuer Kalk und neue Steine die Stelle bedeckt, und hundertmal ist das Blut des armen Sünders wieder zum Vorschein gekommen. An dies Blut dachte Franz, als er am nächsten Sonntag zusammen mit dem Vater die Kirche besuchte. Sie saßen auf der ersten Bank. Denn dort war der zur Mühle gehörige Kirchenstuhl. Gleich links sah man den gemarterten Erlöser am Kreuz und daneben die Stelle, wo der Blutfleck des armen Heinrich zu sehen sein sollte. Franz hatte schon früher die Wände abgesucht und nichts gefunden. Heute sah er ... ja er sah ... lange, krause, rote Spritzfiguren sah er an der weißen Wand. Der Pastor und die Kirche kamen in wiegende Bewegung. Die blutigen Streifen an der Wand ordneten sich, sie rundeten sich, sie wurden zu Zeichen, die zu lesen waren. Ein Finger – ein langer Frauenfinger kam und schrieb. Der Finger schrieb ein einziges Wort, aber das stand groß und rot und blutig an der weißen Wand. ›Rache!‹ schrieb der lange, weiße (Franz kannte den Finger) ›Rache!‹ schrieb der Frauenfinger rot an weißer Wand. Franz ging wie im Traum aus der Kirche und ging auch all die Tage träumend und brütend umher. Er sah die Gestalten der Mütter an seinem Lager. ›Dein Vater ist durstig‹, sagte seine für und für mit allem Liebreiz geschmückte Mutter. Sie reichte ihm einen Becher. ›Dein Vater ist durstig, gib ihm zu trinken. Er hat mir auch gegeben.‹ Und im Hintergrunde stand das gute Mütterchen Marieken mit ihrem hauswirtschaftlichen Essenkochen- und Einmachegesicht und sagte auch: ›Tu das, Franz, er hat uns auch gegeben.‹ Wilder und mystischer wurden seine Träume. Er stand auf einer weiten Heide. Er wußte, es war der Vierth, aber die Heide war viel größer und rauher und anders als der Vierth. Ringsherum Grabhügel, und am dunkeln Horizont wallende Nebelleiber ungesühnt Dahingemordeter. Und die Erde wurde dunkel und der Himmel liebeleer. Und am schwarzen, liebeleeren Himmel leuchtete ein einziger Stern. Und dieser Stern war ein Irrstem, und der Schweif lang und gebogen. Und siehe! Es erhob sich eine Stimme, eine große Stimme, eine starke Stimme. Die erfüllte den Weltenraum und den Vierth vom Aufgang bis zum Niedergang. ›Dein Herz fragt, weshalb die Erde so dunkel und der Himmel so liebeleer? Es ist das Geschrei von schwarzen Taten und der Haß, den solche Taten erzeugen. Deshalb ist der Himmel dunkel und die Erde liebeleer. Und der schwefelgelbe Stern ist an den schwarzen Himmel gesetzt, dir den Weg zu weisen. Sieh hin! Er hat die Form des Schwertes. Und das Schwert ist das des Rächers. Sieh hin! Es ist ein Becher, und der Becher hat einen gebogenen Griff. Mit dem kann man Erquickung reichen, aber auch Tod. – Hast du verstanden?‹ ›Ich habe verstanden‹, sagte Franz und – erwachte. Franz, wach geworden, war ganz verstört. Da war nicht mehr zu deuteln und mißzuverstehen. Seine Mutter war schändlich gemordet worden, sein Vater war der Mörder, und er der vom Himmel bestimmte Rächer. Er zündete Licht an. »Was hast du?« fuhr der Alte auf. Franz schlief mit seinem Vater zusammen in der Kammer. »Was hast du?« wiederholte der Alte. Kannst nicht ruhig liegen und alten Leuten ihren Schlaf gönnen?« »Vater, ich habe schreckliche Träume.« »Träume?« Man mag über den Charakter unseres Franz denken, wie man will. Tückisch und hinterhältig war er nicht, er war nur ein Unbedingter. »Vater«, sagte er. »Ich träume immer: Du hast Mutter ›vergeben‹ und auch Mutter Marieken.« Die Wirkung dieser einfachen, über den Kirchenjuraten kommenden Worte war fürchterlich. Er wurde weiß wie die Wand, der Schweiß stand ihm auf der Stirn. Er saß aufrecht im Bett, er konnte sich nicht halten, er sank zurück. »J–u–u–Junge«, hatte er sagen wollen. »Bist du bei Trost?« Er konnte es aber nicht herausbringen. Franz sah das alles und zweifelte nicht mehr. »Vater«, sagte er. »Wir sind hier beide allein in der Nacht. Uns sieht niemand als Gott allein und Mutter Marieken und meine arme Mutter. Tagelang haben sie geschrien und gejammert, und meine arme Mutter hat ihr schönes, junges Leben unter Schmerzen, vor denen uns schaudert, ausgehaucht. Schwarz und schwer ist deine Missetat. Aber Gott im Himmel und sein für uns gestorbener Sohn vergeben alles, wenn man gesteht und bereut und Buße tut.« Der Alte hatte sich gefaßt. Er konnte seinen Sohn fester ansehen. »Sag mal, mein Junge! Was hat das zu bedeuten? Du sagst, du hast geträumt. Und ich sage, du träumst noch. Du redest wie ein Irrer. Ich könnte schlimm mit dir verfahren, wenn ich wollte. Aber ich werde es nicht tun, ich werde Geduld mit dir haben. Gott hat es gefallen, mich mit Wohlstand zu überhäufen. Er kann mich auch schlagen. Er hat mich geschlagen. Mit einem schwachen Kinde hat er mich geschlagen – weshalb nicht auch mit einem wahnsinnigen? Der Herr gibt alles Gut und alles Leid. Ihm allein die Ehre.« Franz hörte nicht hin, was der Vater sprach. »Vater, sag mir«, fuhr er fort, »was ich schon weiß, sag, daß du es getan hast. Sag es mir, deinem Sohne, ihrem Sohne, und sie wird dir vergeben, und ich, Vater, auch ich werde dir vergeben. Reue und Buße machen alles wett. Tu Buße, gesteh, daß es wahr ist, daß du es getan hast. – Du schweigst«, fuhr Franz fort, »du zauderst, aber du wirst es tun, damit ich meinen armen Kopf aufs Lager legen und zu mir sagen kann: ›Schlafe, Franz! Dein Vater bereut und tut Buße.‹ Der armen Mütter wegen wirst du es tun, damit auch sie Ruhe haben im Grab, das ihre Leiber umfängt, damit sie nicht als Geister umzugehen nötig haben, mich zu mahnen. Vor allen Dingen wirst du es tun deiner ewigen Seligkeit wegen.« Franz hatte sich das Schweigen des Alten als Kampf ausgelegt, der damit enden müsse, der Wahrheit die Ehre zu geben. Aber der Alte dachte nicht daran, etwas zu bekennen. Er hatte nur seine Fassung wieder zu erlangen gesucht und hatte sie gefunden. Er sah einen fürchterlichen Ankläger gegen sich erstehen, einen Ankläger, dem alles zuzutrauen war. Ihm fielen die Worte ein, die der Pastor von der Minennatur seines Sohnes gesagt hatte. Wie er sich in der Folge mit ihm abzufinden habe, wie das gut zu machen sei, das mußte zu gelegenerer Stunde festgesetzt werden. Im Bösen, das sah er ein, war mit dem nichts anzufangen. Da konnte leicht ein Funken auf die Sprengmine hinüberfliegen. Er mußte es durch gütliches Zureden versuchen. »Ich habe dich ausreden lassen, Franz«, sagte er, »zu sehen, wie weit dein Wahnwitz geht. Anfangs, ja, das will ich gestehen, hat mich deine Rede erschreckt. Wer soll bei dem Fürchterlichen, was du dir zurechtträumst, nicht erschrecken? Du bist krank, mein Sohn, sonst könntest du nicht die Gedanken haben und nicht solche Reden führen. Ich habe gewiß meine Fehler. Es hat mir nicht recht gelingen wollen, mich mit deinen Müttern so, wie es wohl hätte sein sollen, zu stellen. Ich bin ein großer Sünder vor dem Herrn. Aber, Franz, so was! Du bist ja ganz von Gott verlassen. Wir stehen ja nicht, wie Vater und Sohn, stehen sollten, aber das von dir zu erleben, das ist zu viel.« Er brach in Weinen aus. Franz beachtete das nicht. »Hast du es getan, Vater? Ich bitte, sag mirs und beweine mit mir, was geschehen ist. Dann soll alles gut sein.« »Aber Franz«, erwiderte der Alte, wieder in Angst, »glaubst du denn meinen Worten, glaubst du meinen Tränen nicht? Was soll ich denn tun, um mich gegen solchen Wahnsinn zu schützen? Willst mir die Obrigkeit schicken? Ich kann nur wiederholen: Du bist krank, mein Sohn, du fieberst, du könntest sonst gar nicht auf so was kommen. Ich bin nicht schuld an dem Tode deiner Mutter und Mutter Mariekens.« Franz war aufgestanden, er hatte, ohne sich anzuziehen, die Kommode aufgezogen und etwas aus der Schublade genommen. Nun kehrte er zum Bett seines Vaters zurück. »Sieh, Vater, das ist die Bibel. Du kennst sie besser als ich. Sie stammt vom Urgroßvater und weiter hinauf. Sie hat Goldschnitt und Silberbeschlag und hier auf dem Deckel das heilige Kreuz. Mir ist das Buch heilig und ich hoffe, trotz allem, auch dir. Das Kreuz zeigt uns, wenn man glaubt und Buße tut, den Weg zur Seligkeit; wenn man bei diesem Zeichen lügt, den Weg zum Gericht und zur Verdammnis. Kannst du mir bei dem gerechten, dreieinigen Gott, kannst du mir angesichts dieses Zeichens auf dem heiligen Buch, kannst du mir einen heiligen Eid schwören, daß du nicht schuldig am Tode meiner Mutter bist?« »Das will ich, das kann ich!« »So schwöre!« Der Alte erhob seine Hand. Den kleinen Finger und den Ringfinger drückte er in die Handfläche, zum Zeichen, daß Leib und Seele verloren sein sollten, wenn er falsch schwöre. Den Daumen, den Zeigefinger, den Langfinger richtete er gegen die Zimmerdecke zum dreieinigen Gott in der Höhe. Beide, Vater und Sohn, sahen düster aus, und beide waren im bloßen Hemd. So standen sie vor der Bettstelle, im Zwielicht eines flackernden Talglichts. »Ich ... Ich ... schw ... ö ... re... bei Gott ...« »Halt!« rief Franz. Er nahm die Bibel und legte sie in die Kommode zurück. »Ich leide nicht, daß du schwörst«, sagte er. »Noch hoffe ich auf Besserung und Reue und Buße. – Ich leide nicht«, wiederholte er, »daß du schwörst. Du würdest falsch schwören, Vater!« Den sterblichen Leib konnte der Unbedingte allenfalls vernichten, die Seele, die unsterbliche Seele dem Höllenpfuhl überantworten, dazu hatte er nicht das Herz. Das verbot ihm sein Glaube. 4 Franz ging zum Pastor. Er wollte die Sache, seine Sache, die Sache seiner toten Mütter, einer obrigkeitlichen Person übergeben. Der Pastor stand ihm, und wenn es auch nicht mehr der alte war, von allen in Betracht kommenden Obrigkeiten am nächsten. Ein Pastor schien ihm der Berufenste dazu. Er wußte nichts von dem Unterschied der kirchlichen und weltlichen Gewalten. Des Pastors Amt war es, auf die Sünder zu schelten, er mußte also auch wissen, was zur Sühne der Tat geschehen müsse. Der Pastor war, wir haben es schon gesagt, ein guter Mann; er war aber auch ein bequemer Mann. Er dachte von allen Menschen und von seiner Gemeinde zumal – gut, wenn er sich auch manchmal gab, als raube ihm die Sünde seiner Kirchspielskinder den Schlaf. Fleißige Kirchengänger hatten nun erst gar die Vermutung frommer Denkweise und frommer Taten für sich. Er war von Herzen vor Gott demütig, aber einen ganz kleinen Heiligenschein legte er sich doch bei, und ein Kirchenjurat hatte einen beinahe ebenso großen Heiligenschein, wie er selbst. Er gönnte allen Menschen Behagen und Behaglichkeit, gönnte es sich vor allen Dingen selbst und liebte es gar nicht, an Nachmittagen gestört zu werden. Der Besuch von Franz war ihm nicht willkommen. Anfangs wußte er aus dem ihm nur oberflächlich bekannten jungen Menschen nichts zu machen; erst allmählich erhielt er eine Ahnung von seinem Anliegen. Franz war dem ehrwürdigen und gelehrten Herrn gegenüber schüchtern. Wie er nun in der Stube vor dem aus langer Pfeife rauchenden und im friedlichen Schlafrock steckenden Pastor stand, der ein Bild des häuslichen Glücks und der Ruhe war, da zweifelte er plötzlich an seinem Recht, diese Ruhe zu stören. Da konnte er nur abgerissen, bruchstückweise sprechen, da kam von der Wucht, die in ihm steckte, nichts zum Vorschein. Nichts von dem hellen Flammenschein über dem lodernden Krater. In seiner Unbeholfenheit und Schwerfälligkeit machte er den Eindruck des Hinterhältigen. Er gab sich in einer Weise, die es zweifelhaft ließ: war er ein Tölpel oder ein Bösewicht? Er brachte alles unzusammenhängend in kurzen, abgebrochenen Sätzen vor, von denen jeder wie ein Vorwurf gegen den Angeredeten klang. Der ehrwürdige Geistliche verstand nur halb, wovon Franz redete. Aber selbst das Wenige reichte hin, ihn mit Entsetzen zu erfüllen. Daß des Kirchenjuraten Sohn verschlossen und wunderlich sei, hatte er wohl gehört. Aber das, was er jetzt erfuhr, überstieg doch alle Grenzen. Das war ja Wahnsinn, ein sündhafter und gefährlicher Wahnsinn. Dieser junge Mensch mit der engen Stirn und den Grüblerfalten über den finsteren Augen, mit der Bulldoggenenergie um Kinn und Kiefer ... – Was? – Verstand er recht? Wollte der seinen eigenen Vater, den frommen Mann, der zur Kirche, zur Buße und Beichte ging, der mit so gläubigem Herzen mit Rat und Tat überall der Kirche Bestes förderte, wollte dieser ungeratene Sohn einen so vortrefflichen Vater des Mordes beschuldigen?... Wohl, der Müller hatte Grund, sein Haupt vor Gott zu beugen: Gott gefiel es, ihn hart zu prüfen. Aber der Pastor wollte vorerst milde urteilen, er wollte das Vorbringen des jungen Menschen für einen hysterischen Einfall, für eine Grille und die Erklärung an den Seelsorger für eine Art Beichte, eine Beichte mit der Erwartung eines Losspruchs seiner Seele von dieser teuflischen Eingebung halten. Daß Franz daran gar nicht dachte, sondern von ihm, dem vermeintlichen Organ der Obrigkeit, ein Einschreiten gegen seinen Vater verlangte, das hatte er gar nicht verstanden. Hätte er es verstanden, so würde er möglicherweise nach der Polizei gerufen haben, aber nicht gegen den alten Müller, sondern gegen den jungen Müller und dessen gemeingefährlichen Wahnsinn. Franz kam nicht auf seine Rechnung. Er verstand nun auch den Pastor wieder nicht, gelangte daher auch nicht zu der Einsicht, daß er in Gefahr gewesen, der Polizei übergeben zu werden. Nur das fühlte er, der Herr Pastor, der sich so ereifere, sei für ihn nicht der rechte Mann. Es ergoß sich nämlich eine fürchterliche Strafpredigt des ehrwürdigen Herrn über den jungen Menschen. Seine beispiellose Unehrerbietung gegen seinen Erzeuger, den er, der Pastor, als einen frommen Mann kenne, seine Unehrerbietung, die darin liege, daß er ihn einer schlechten Tat und nun gar eines so schändlichen Verbrechens, des größten Verbrechens, das es wohl vor Gott gebe, fähig halte, wurde ihm mit Einprägung des vierten Gebots so scharf, so drohend und so donnernd vorgehalten, wie es der im allgemeinen jede Erregung hassende Pastor nur vermochte. Denn hier wollte er wenigstens fest zugreifen. Dem Pastor ging es gut in seiner Pfarre, er war gesund und lebte in glücklichen Familienverhältnissen. Es war kein Wunder, daß er das Leben und die leiblichen Urheber dieses Lebens hoch einschätzte. Wenn er bei dieser Nachmittagspredigt das Richtige traf, dann hatte Franz Grund, Tag für Tag auf den Knien zu liegen und dem Vater für sein Dasein zu danken. Das ging wohl eine Viertelstunde fort, so lange bis der Pastor den Jüngling, der übrigens immer gleich finster und brütend drein schaute, für genügend bestraft und erweicht hielt. Er wollte ihn nicht ohne Trost gehen lassen und gab ihm Hoffnung, wegen der durch jenen schändlichen Verdacht begangenen Todsünde bei nachhaltiger Reue Vergebung zu finden. Bei Franz ging das meiste daneben. Er schied mit der Überzeugung, daß er bei den Obrigkeiten (dafür hielt er den Prediger) kein Entgegenkommen finde, daß die Obrigkeit es ablehne, das Rächeramt auszuüben. Nun sah er sich (er konnte nach seiner Auffassung nicht anders), nun sah er sich genötigt, selbst das zu tun, was er nun mal für notwendig hielt.   Die Heilige Schrift bildete noch immer, wie zur Knabenzeit, seine Richtschnur. Er las sie fleißiger als je, fand darin das, was zu seiner vorgefaßten Idee paßte, und übersah das, was er nicht suchte. Das Ergebnis dieses Studiums war zunächst, daß die blanke Waffe verworfen wurde. Nach der Schrift sollte nur dessen Blut von Menschenhand vergossen werden, der selbst Menschenblut vergossen habe. Und das hatte sein Vater nicht getan, er hatte Gift gebraucht. In dieses Lesers Gehirn fand das Bild, fand die Analogie keinen Platz. Er verstand alles im eigentlichen Sinn und maß die Dinge genau nach dem durch ihre äußere Erscheinung gegebenen Maß. Mit der Waffe – nein! das ging nicht. Deshalb hatte auch seine Mutter im Traum auf das gleiche Mittel hingewiesen, das der Vater selbst gebraucht hatte. Auge um Auge, Zahn um Zahn, das wollte der Herr. Was er dazu brauchte, verschaffte er sich auf einer Reise, die er in Sachen der Mühle nach Dithmarschen unternahm. In der Apotheke zu L... erschien ein junger Mann und gab sich für den Landmannssohn Peter Lund aus Tiebensee aus. Die Ratten, die bösen Ratten!... Als Peter Lund aus Tiebensee zeichnete er auch den ihm vorgelegten Giftschein. Nun konnte er also das tun, was er für seine Pflicht hielt. Aber vor dem Äußersten schreckte selbst dieser Fanatiker zurück; noch war er ein schwankender Hamlet, noch suchte er Gnadenfristen für sein Opfer ausfindig zu machen und fand in den geheiligten Parabeln den guten, gerechten Gärtner, der einen keine Früchte tragenden Baum ein ganzes Jahr umhackt und umgräbt, bevor er ihn umhaut und ins Feuer wirft. Auch sein Vater sollte Gelegenheit zur Umkehr, zur Reue, zur Buße, zum Bekenntnis haben. Wenn er nur bekenne und Buße tue, dürfe er ihm das Leben schenken ... Er wollte warten, er konnte warten, er fühlte sich sicher und froh. Die Macht hatte er in Händen, das Symbol dieser Macht war sorgfältig aufzuheben. Die Macht... ja ... das Gift, das Wunder wirkende Gift. Er tat es in eine Schachtel und versenkte es in ein mit gebrannter Holzasche gefülltes Kistchen. Das Ganze hüllte er noch einmal in Leinen und Wachstuch ein und vergrub es nachts auf dem Grabe seiner Mutter. Es war windig, aber klar, ein dünner Goldreif des Mondes leuchtete über das Kirchendach hin zu dem düsteren Vorgang. Einstmals war drüben im schwarzen Kirchenschiff ein armer Mensch, der nichts weiter getan hatte, als unziemlichen Scherz getrieben, die halbe Nacht hindurch von dem Teufel an die Wand geworfen worden, und seine Gedärme waren über die Kirchenbank gesponnen. Und Franz, ein wirklich Verirrter, verbarg das für seinen Vater bestimmte Gift in der Graberde seiner Mutter. Und seine Hauptsorge war, ob er nicht ein Unrecht begehe, wenn er sein Rächeramt lässig versehe. Aber die seinem Vater gegebene Frist glaubte er rechtfertigen zu können. Sorgfältig verschloß er mit dem zurückgelegten Grasfladen die kleine Narbe. Er empfand Genugtuung. In ihrem Schöße ruhte das Mittel, das ihn zum Herrn über Leben und Tod seines Vaters machte. Nun war er getrost; sie, in deren Namen er alles tat, war mit dem Aufschub einverstanden. 5 Während Franz in Gedanken seinen Alten wie einen Baum umgrub, beschloß dieser, seinen Sohn zu verheiraten. Seit dem nächtlichen Auftritt fürchtete der Alte seinen düsteren Sohn. Was sollte er mit ihm anfangen? So fragte er sich. Schließlich beschloß er, ihn in eine andere Umgebung zu bringen und dadurch die alten Erinnerungen und Träume auszulöschen, und als das wirksamste Mittel erschien ihm die Ehe. ›Da wird er wohl vernünftig werden‹, dachte der Jurat, und wenn nicht, so wollte er mit seinem Gewicht als Kirchenjurat alles erdrücken, was Franz etwa gegen ihn unternahm. Ein Antrag, seinen Sohn gerichtlich für wahnsinnig zu erklären, blieb ihm als äußerstes Mittel. Der alte Müller suchte also nach einer Braut für seinen Sohn. Die reichste Partie im Dorf war Betty Harder. Auf sie hatte der alte Müller es abgesehen. Sie war Eigentümerin eines schönen Hofes, den ihr Stiefvater nach Kontrakt bis zu ihrem vierundzwanzigsten Jahr in ›Setzwirtschaft‹ verwaltete. Jetzt war sie dreiundzwanzig, das paßte sehr gut. Auf diese Weise konnte Franz selbständig werden, ohne ihn zu verdrängen. Betty war allerdings nicht schön, sie war schon eher häßlich. Sie hatte eine Art Pferdegesicht und Züge von hervorstechender Männlichkeit, eine Schulter, die nicht ganz gerade, und einen Fuß, der auch nicht normal war. Wenn man ganz offen und wahr sein will, so war sie ein bißchen verwachsen und hinkte ein wenig. Bei dem alten Müller verschlug das nichts, und wir dürfen hinzufügen: es verschlug auch nicht viel bei Franz. Ein Adonis war er ja auch nicht. Bisher hatte er die Schönen ebensowenig angezogen wie sie ihn; dazu war seine Jugend zu freudlos gewesen, dazu war auch sein ganzes Wesen zu freudlos. Die Selbständigkeit, die ihm in Aussicht stand, konnte die Häßlichkeit seiner Braut wettmachen. Und diese Selbständigkeit sollte sich sofort verwirklichen, der Stiefvater wollte ihm die Verwaltung ohne Verzug überlassen. Franz durfte das alte Verlehntshaus beziehen und sein Reitpferd mitnehmen. Und die Verlobung kam glatt zustande. Da wollte der Zufall, daß Franz (die Kirchdorfleute haben ihre Frühjahrseinsaat immer daher bezogen) nach einem an den Rändern der Eiderniederung belegenen Dorf kam. Bei dem Hufner Karsten Detel sah er, sprach er das hübsche Dienstmädchen Witten Struve und war – hin. Als ein Verwandelter kam er zurück. Ob Witten anfänglich von der Verlobung unseres Franz mit Betty Harder nichts gewußt, oder ob sie sich gar unterwunden hat, den reichen Erben dessenungeachtet wegzufangen? Leider müssen wir berichten, daß sie eine tiefere Liebe für Franz nicht gefühlt hat, vielleicht einer wahren Neigung überhaupt nicht fähig gewesen ist. Hübsch war sie, dunkel, und ein Paar Augen hatte sie, die gut und fromm und freundlich blicken konnten, wenn sie wollten. Diese Augen hatten große, schläfrige Lider, und die Lider lange, sogenannte seidene Wimpern. Meistens lagen sie geheimnisvoll und liebreich über dem großen, braunen Oval der Linse. Aber prächtig verstanden Lider und Wimpern zu arbeiten, wenn es ihnen darauf ankam, zu gefallen. Ihren Händen und Armen wußte sie, mochten sie nun, selbst faul und untätig, an dem weichen faulen Leib wie ein Zierat herabhängen oder die Schönheit in der Bewegung zeigen: immer wußte sie ihnen den Anschein gar reizvoller Unschuld zu geben. Und immer war es unmöglich, an der runden, netten Figur vorbeizusehen, ohne sich an dem liebreichen Fluß der Linien zu erfreuen. Witten ... Sie kannte die Schwächen der Männer ... genau, ach, wie genau! Karsten Detel hat das alles nicht bedacht, als er Franz bat, sich selbst den Hafer einzumessen, und Witten befahl, mitzugehen, den Sack aufzuhalten. Wie sie flink die Treppe hinaufflog, wie sie sich beim Einschaufeln bückte und bog! Wir sagten es schon, Franz kehrte als ein Verwandelter von seiner Reise zurück. Bald war es Tagesgespräch, daß der Müllersohn nachts zu einem Mädchen reite; das bei Karsten Detel diene. Allen wurde es bekannt, nur nicht der Braut und deren Familie und dem alten Müller. Und doch hätten just diese Personen sich am meisten dafür interessiert. Der Brotträger Denker hat es zuerst herum gebracht, ihn hatte Franz auf ein Haar niedergeritten. Das sauste wie die wilde Jagd an ihm vorüber, ehe er sichs versah, war er von Wegschlacken bedeckt. Im Mondschein erkannte er aber den Übeltäter an der Haltung. Franz trug den Kopf auf langem Hals wie auf einen Pfahl gesteckt. »Gott du vergev mi«, fluchte Denker, »den Möller sin Franz.« Die am Weg wohnenden Vierthbauern gewöhnten sich bald, wenn Franz vorbei ›krabatschte‹. Es war meistens um die Zeit, wo sie den Schatullenschlüssel ablegten und die Uhren aufzogen, zu Bett zu gehen. Die donnernde, polternde Rückkehr des wilden Reiters mahnte dagegen wie erster Hahnenschrei. Der alte Hinnerk Steen hat es meinem Vater selbst erzählt. Hinnerk Steen hat als junger Knecht mit der Witten Struve zusammen bei Karsten Detel gedient. Hinnerk Steen wollte nichts auf das junge Mädchen sagen. Es liege nun mal in der menschlichen Natur, daß man so hoch wie möglich zu steigen versuche, meinte er. Jung sei Witten gewesen und hübsch, und was Apartes und was Feineres, als man auf dem Dorf gewohnt sei, habe sie in ihrem Wesen gehabt. Es sei kein Wunder gewesen, daß sie über ihren Stand hinausgestrebt habe. Franz sei bei Karsten Detels Hof ein nächtlicher und häufiger Besuch geworden. Immer zu Pferd. Im Dorf habe er freilich langsam geritten, aber wie er den Schwarzen gebraucht, das habe der Schaum bewiesen, der dem Tiere auf dem Rücken gestanden. Von dem Pferd war Hinnerk noch nach so vielen Jahren entzückt. War das ein Gaul! Ohne Abzeichen, im Rücken gerade, dabei ein Kopf, ein Beinwerk ... da sei wirklich kein Fehler an gewesen. Das bißchen Hahnentritt habe nur ein ganz feiner Kenner bemerken können. Wenn Franz, erzählte Hinnerk, sein ›Brr!‹ gerufen hatte, stieg er ab, zog die Halfterleinen durchs Staket und ging dann zu Witten und mit ihr zusammen in das hinter der Scheune belegene Gehölz. Witten lag schon bei seiner Ankunft im Kammerfenster. Inzwischen stand der Schwarze draußen und stampfte und schwitzte und erkältete sich. Das konnte Hinnerk nun nicht mit ansehen, das ging ihm wider die Natur, dazu war er zu pferdelieb. Erst dachte er freilich: ›Laß ihn! Was gehts dich an? Es ist sein und nicht dein Pferd.‹ Es hatte mal eine Zeit gegeben, wo Hinnerk selbst auf Witten seine Augen geworfen. Das war lange her und war verschmerzt, aber daß er die Besuche mit unbändigem Pläsier sah, konnte er nicht sagen. Aber schließlich bekam seine Pferdeliebe die Oberhand, das arme Tier konnte nicht darunter leiden. Und wenn die Witten nun just mal 'n Narren in Franz gefressen hat, oder viel eher wohl in sein Geld und Gut, und wenn ihr die Mühle in die Augen sticht, und wenn sie glaubt, ein so groß Genie zur Müllersfrau zu haben – laß sie, es ist ihre Sache. Aber um den Schwarzen ist es schade. So dachte er. Mit einem Wort, die Gutmütigkeit unsers Hinnerk war so abgrundtief, daß er anfing, hinauszugehen und dem dampfenden Schwarzen seines Nebenbuhlers eine Decke überzulegen, oder ihm das Fell mit Stroh abzureiben, ihn umher zu ziehen, das Tier schließlich gar mit Brot zu füttern. Das gefiel dem Franz und auch dem Schwarzen. Und beide wurden dreister gegen Hinnerk und sahen seine freiwillig gespendeten Dienste als eine ihnen zukommende Schuldigkeit an. Wenn Franz vom Pferde gesprungen war, so rief er einfach: »Hinnerk!«, der Schwarze wieherte dann dazu. »Wie sah er denn eigentlich aus?« fragte mein Vater, dem er das alles erzählte. »Was hatte er für Haare?« Diese Frage erfüllte Hinnerk merkwürdigerweise mit Entsetzen. »Sprecht nicht von seinen Haaren, sprecht nicht von seinem Kopf ... O je, o je, wenn ich daran denke, da hab ich was gesehen, da hab ich was erlebt.« »Ist es so fürchterlich, Hinnerk, kann mans nicht erzählen?« »Man kanns schon erzählen und ich möchts auch wohl sagen. Aber man wird mich Lügner schelten.« »Aber Hinnerk!« »Nein, Lügner wohl nicht. Daß der alte Hinnerk ›lügt‹, wird man nicht sagen. Aber die Leute werden sagen: ›Er ist narrsch geworden und bildet sich was ein.‹« »Und wenn mans sagte, Hinnerk ... was denn? Du bliebest doch der ehrliche Hinnerk.« Hinnerk ist dicht an meinen Vater herangetreten und hat ihm ins Ohr geraunt: »Glaubt Ihr an Vorwanken?« »Ja, Hinnerk, ich weiß nicht, ob ich glaube. Erzähl, vielleicht antworte ich nachher.« »Ihr fragt, was Franz für Haare gehabt hat. – Nun, sie sahen aus wie Buchweizenstroh, das ein bißchen angetrocknet ist. Ich aber muß immer denken, wie er sie schnitt und wie er sie trug... Wenn Franz ›Hinnerk‹ gerufen hatte, stand ich also auf und ging auf den Hof. Ich ging durch die kleine, dicht beim Milchkeller befindliche Tür, wir nannten sie die Buttermilchstür. Es war Sommer und die Abende klar und hell, auch wenn der Mond nicht schien. Meistens war, wenn ich aus der Buttermilchstür kam, Franz dabei, die Halfterleine seines Schwarzen um das Staket zu binden. Er trug sein Haar, wie es zur damaligen Zeit Mode war, was man ›Polkahaar‹ nannte. Auf dem Kopf dicht, wie bei Frauen, im Nacken aber kurz und gerade geschnitten und der Hals rasiert. Schön sah es nicht aus, zumal der rasierte Nacken, der sah aus, wie man Schweine schabt beim Schlachten. Und bei Franz sah er nun gar nicht gut aus, denn er hatte so 'n langen, schlenkrigen. Ich habe dabei immer merkwürdige Gedanken gehabt. Bei dem Polkahaar nun gar. Und dann im Mondschein, da fiel mir immer der Kopf auf, wie er beim Anbinden des Halfters hin- und herschlenkerte. Franz kam vielleicht zwei mal in der Woche. Einmal dachte ich, er ist lange nicht hier gewesen, das Wetter ist schön, heute abend wird er kommen. Ich hatte mich so hineingedacht, daß ich förmlich auf der Lauer liege und immer denke, nun muß er kommen. Aber die Uhr, die bei Karsten Detel auf der Diele stand, schlug halb elf und elf... und schließlich halb zwölf... und Franz ist nicht da. Da ärgere ich mich, daß ich auf eine Sache warte, die mich gar nichts angeht, daß ich nicht schlafen kann, und schlafe erst recht nicht. Die Dielenuhr hatte einen schweren Gang und ging und ging, und endlich schlug sie zwölf. Das klang wie Grabgeläute und klang, als ob das ganze Haus bis zum Sparrenwerk hinauf voller Glocken hänge. So rollte und summte es im Gebälk. – In dem Augenblick kommt es draußen ... trapp ... trapp ... einer zu Pferde... Ich denk nicht anders als: nun ist er da, das ist Franz. Mit dem ruft es auch schon: ›Hinnerk!‹ Und der Schwarze wiehert. Das huppert und stößt im Pferdebauch ordentlich nach, wie es bei jedem ordentlichen Wiehern ist. Erst schimpf ich, wie immer, in meinem Bett und mag nicht aufstehen, murmele für mich, dabei höre alles auf; zum Schluß kommt es aber, wie immer. Ich steh auf und geh durch die Buttermilchstür und seh ... seh mit den Augen, die ich noch jetzt im Kopfe habe... den Schwarzen seh ich. Er steht und scharrt. Und Franz seh ich. Er ist dabei, den Halfter um den Pfahl zu binden. Ja, so war es. Der Schwarze steht und scharrt, und Franz ist dabei und bindet den Halfter um den Pfahl. Alles hell und klar. Der Mond kam auf und schien über die Pappeln, der Schatten vom Ziehbrunnen am Sod fiel auf den Vorderbug des Schwarzen. Und ich sehe ... Franz hat keine Polkahaare, er hat gar keinen Kopf. Mein erstes: ich greif nach meinem. Ja, der ist da, aber die Haut über ihm zieht sich zusammen und meine Polkahaare (ich trug sie ja auch) steigen steil zu Berg. Ich sehe noch mal hin ... Franz hat keinen Kopf. Er hat keinen Kopf und bindet doch den Schwarzen an. Dabei zieht er den Knoten fest an und faßt das Tau mit beiden Händen und lehnt sich nach hinten, wie man dabei tut. Und, ganz grausig! der lange Hals schlenkert hin und her. Er hat keinen Kopf.« »Ihr dürft nicht lachen«, fährt Hinnerk meinen Vater an, obgleich es diesem gar nicht eingefallen war, das zu tun. »Nicht lachen, es war zu schrecklich! Ich weiß, was ich gesehen habe. Und ich habe es gesehen, so wahr ich hier sitze.« »Es muß wohl Teufels Blendwerk gewesen sein«, fährt Hinnerk fort, »dauerte auch nur einen Augenblick, und alles war weg ... Franz und der Schwarze... Und der Mond schien beim Staket auf glatte Steine. Wie ich ins Bett gekommen bin, weiß ich nicht. Die ganze Nacht habe ich die Decke über den Kopf gezogen. Einmal war mir, als ob die Pforte klappe... und gleich darauf schlug der Hund des Nachbarn an.« 6 Jahrmarkt: Geruch von Schmoraal und neuen Stiefeln, lackierten Steckenpferden und süßen Kuchen, und Bären und Geschrei und Musik; Musik von schwermütigen Orgeln, von herausfordernden Gongs und wahnsinnigen Dudelsäcken, alles in allem – ein betrunkener Ameisenhaufen. Es ist der Schöpfer nicht genug dafür zu loben, daß er Kirchdorfs Jahrmarkt erschaffen hat. Aber man muß Bauernknecht sein und dreißig Wochen lang die Schaufel gehoben haben, um die Jahrmarktsidee zu verstehen. Unser Bauernknecht ist eigentlich gar nicht drin in dem Gewühl, sondern eintausend Meter drüber. Hoch oben im blauen Äther schwebt er und hat ein Gefühl – Gott, welch ein Gefühl! Das beseligende, das sieghafte Gefühl hat er, endlich einmal frei, wirklich frei zu sein.   Jahrmarkt! Ein Trupp Tagelöhner und ihre Söhne. Die Knaben sind barfuß und barhaupt. Sie sind Hütejungen gewesen. Ihren Sommerlohn: drei Taler, hat der Alte in der Tasche; aber vier Schilling Marktgeld haben sie selbst in der Weste. Eine Stunde später. Ein halber Taler ist eine Mütze geworden; Friech ist nicht mehr barhaupt. Zwei Taler sind in Schmierstiefel verwandelt; Klas ist nicht mehr barfuß. Und die vier Schillinge? Zwei hat der Kuchenmann, einen der Ringmaschinenmann erhalten und den letzten der große Zauberer – Professor Reimers. »Allns Oogenverschælen«, erklärt Friech, als sie aus dem Hexenzelt herauskommen. »Es war ja ganz nett, aber Kopfabschneiden, das kann der Professor nicht.« Seine Kameraden sehen ihn fragend an. »Das kann auch keiner«, sagt Klas. »Kein ein, meinst du? Und mein Ohm hats selbst gesehen, in Hamburg ist es gewesen!« »Dein Ohm in Hamburg? Dein Ohm in Hamburg? Das glaub, wers will.« »Nu, vielleicht wars Rendsburg. Wer kann das so genau wissen? Es ist aber in einer Stadt gewesen. Da ist ein Zaubermann gewesen, der hat alles gekonnt. Menschen hat er verschwinden lassen und wieder erscheinen, und Köpfe hat er abgeschnitten und wieder aufgesetzt.« »Hat das dein Ohm gesehen?« »Jawohl hat ers gesehen. Aber eines Tages, da hat dem großen Zauberer nichts gelingen wollen. Da hat er gesagt: Ich merke wohl, hat er gesagt, daß hier einer ist, der mir entgegen ist und mehr kann als ›recht Wort‹. Aber ich werd ihn schon kriegen, ich bin ihm doch über. Und hat drei Lichter hingesetzt. Und hat sie angezündet. Und hat ein Federmesser genommen und ist damit durch die Flammen gefahren und hat beim ersten gesagt:         ›Ist er ein Schwefelmann, Muß er beim ersten dran‹ Beim zweiten:         ›Bist du ein schwarzer Bub, Kommst du jetzt zum Schub‹ Beim dritten:         ›Hörst du zum Höllentrab, Fällt dir der Kopf jetzt ab.         Hatschi!‹ Und bei dem Hatschi ist einem seinen Herrn in der dritten Reihe der Kopf vom Rumpf geflogen, und der Schwarzkünstler hat ihn nicht wieder aufgesetzt.«   Jahrmarkt! Bei Hans Looft hat man freien Eintritt, da rauscht schon in den Frühstunden Walzermusik aus offenen Fenstern. Es stiegen die Röcke der Mädchen im kalkgetünchten Saal. Aber sie entschleiern kein Schwanenunterzeug und keine Geheimnisse. Weiße Unterröcke tragen die Tänzerinnen bei Hans Looft nicht. Man tanzt bei Hans Looft mit lang ausgestrecktem Arm. Wenn man seinem Reigennachbarn was zuleide tut, so sagt man: ›Hopla!‹ – was so viel heißt wie: Das macht nichts, da kann ich nichts dafür, das ist ›Höhere Gewalt‹. Es ist gemütlich und ungeniert bei Hans Looft, feiner aber bei Peter Bock. Man erlegt seinen Obolus; für die Eintrittskarte gibt es ein Glas Grog. Blumenmalerei schlingt sich durch die hohe Wölbung. An der Stirnseite fliegen zwei nackte Englein männlichen Geschlechts, schlagen mit rundem Hinterteil jauchzend nach oben aus und blasen mit vollen Pausbacken unmenschlich große Posaunen. Bei Peter Bock fegen weiße Unterröcke über glatte Bretter, man tanzt mit eingezogenen Armen oder mit hoch emporgereckten Trutzhänden, bei Peter Bock geht es nobel zu. Es ist Jahrmarkt. Wie hing Witten so fromm und vertrauensvoll am Halse ihres Franz bei Peter Bock, wie unschuldig ruhte sie an seiner Brust bei Hans Looft! Franz und Witten zeigten sich aller Welt. Sie tanzten bei Hans Looft und bei Peter Bock. Sie tanzten mit lang horizontal ausliegenden Armen in Galgenformat, sie tanzten mit hoch zum Rütlischwur unverbrüchlicher Treue erhobenen Händen, zuweilen auch eingezogen, Hände an den Hüften, bereit, sich durch jedes Hindernis hindurchzuwinden. Franz und Witten Struve tanzten den ganzen Tag miteinander. Franz ließ sie nicht los. Wie reizend lagen die seidenen Wimpern auf ihrem Augapfel! Wie schadenfroh und hochmütig lächelte das kleine nichtsnutzige Ding, wenn sie die Stachelreden ihrer Mitschwestern hörte, die weiße Unterröcke trugen und doch unbegehrt auf der Lästerbank an der Wand saßen. Und was so eine bei Peter Bock wolle, hieß es. Die hätte der Müllerssohn auch bei Hans Looft lassen können, wo sie hingehöre. Eigengemachte Röcke oben über, und Unterröcke von Twist darunter, dazu blaue Strümpfe – brr! Sie sei ein ganz gewöhnliches Mädchen, diene dem Bauern in des Kirchspiels Osterkrug – so was gehöre nicht bei Peter Bock. Übrigens Scham- und Ehrgefühl sei so wenig in ihm wie in ihr. Mit der verwachsenen Betty Härder sei er verlobt, und den ganzen Sommer schon verkehre er heimlich mit der da. Nun zeige er sich gar mit ihr auf dem Markt und im Saal. Was der Alte wohl für ein Gesicht machen wird, wenn er es hört? Es ist Jahrmarkt. Wie die Mückenschwärme aus dem Moor steigen, sobald die Sonne weicht, so stiegen die Gerüchte aus dem Jahrmarktsgewühl, sobald das erste Erstaunen überwunden war. Was bisher noch halb verschämt geschehen war, lag jetzt vor aller Augen. Es war eine förmliche Wolke, die über den Markt daher summte, es waren kleine Wölkchen, die sich in die Häuser verloren. ›Summ, summ!‹ sagten sie zu den Philistern, die auch am Markttage beim hausbackenen Brei saßen. ›Bleibt ruhig sitzen!‹ sagten die kleinen Gerüchte. ›Eßt weiter, sperrt den Mund auf, eure Löffel einzuführen, und die Ohren, unsere Neuigkeiten aufzunehmen! Wir wissen was, wir wollen euch was erzählen.‹ Und die Guten, sie taten den Mund auf und löffelten ihre Milch und ihren Brei und aßen ihr Brot und ihre Wurst und sperrten die Ohren auf und waren sehr neugierig und hörten genau zu. Was der Alte für ein Gesicht machen wird? Darauf waren alle neugierig. Ja, was für ein Gesicht! Dicht beim Kapuzinerberg wohnte Thomas Gripp. Sein Fritz war im ganzen Ort als ein dreister und geweckter, leider auch etwas schadenfroher Mensch bekannt. Der sah es zuerst, das Gesicht, auf das alle neugierig waren. Er lief nicht mehr nüchtern, aber auch nicht zu schlimm betrunken dem Müller und Kirchenjuraten in den Weg. Dieser hatte sich bei Eintritt der Dämmerung entschlossen, auch mal durch die Buden zu gehen. »Na, Fritz«, scherzte der aufgeräumte Jurat. »Bald acht Uhr und noch keine Braut?« »Leider nein, Nachbar Müller«, erwiderte der Angeredete keck. »Nicht alle jungen Leute haben so viel Glück wie Euer Franz.« »Franz?« wiederholte der Alte. »Wie soll ich das verstehen? Die Betty geht nicht zu Tanz.« »Hat sich was zu Betty. Nein, Nachbar, heut hat er sich was Schöneres zugelegt. Er tanzt schon mit ihr den ganzen Tag, bei Peter Bock und auch bei Hans Looft. Es lohnt zu sehen, wie das Ding aussieht und wie sie die Füße zu setzen versteht.« »Spaß ein andermal, ich versteh nicht!« »Hat sich was zu spaßen. Eben zogen sie wieder zu Hans Looft. Könnt ja mal hingehen und nachsehen, wenn Ihr mir nicht glauben wollt.« Das Gesicht, das der Kirchenjurat machte, kitzelte den übermütigen Fritz. Er fuhr fort: »Habt Ihr den Schwarzen in der letzten Zeit gesehen? Nicht wahr? Abgetrieben. Aber mehrmals die Woche nachts meilenlang im Galopp, das hält kein Gaul aus.« Der Alte begriff zwar den Zusammenhang noch nicht, ahnte ihn aber, ahnte, daß Franz ihn und die Betty betrüge. »Junger Freund«, sagte er und setzte ein einfältiges, treuherziges Gesicht auf, »ich will nicht sagen, daß du noch nichts oder noch nicht genug getrunken hast. Aber es ist nicht alle Tage Markt. Da kann man mal eine Ausnahme machen. Komm, ich geb paar Gläser Portwein aus, wir wollen ein halbes Stündchen beisammen sein. Wir gehen in die ›Starke Eiche‹ bei Steffen Hagen. Da stört uns keiner. – Ja, mit dem Schwarzen, das ist mir auch schon aufgefallen. Das kannst du mir denn erzählen. – Keine Zigarre, Fritz? Am Markttag nicht mal eine Zigarre? Sind zwar eine neue Mode, schmecken aber gut. Komm, steck dir eine an! Sollst man mal sehen, ist was Feines. – Nun will ich mir auch eine ins Gesicht stecken, dann können wir hin rauchen und brauchen nicht zu gehen.«   Es ist Jahrmarkt. Und der Jahrmarkt pflegt, wenn die Dunkelheit in die Gassen fällt und die Budenleute ihre Zelte abzubrechen anfangen, dann pflegt er die bis dahin in den Formen der Sitte gebundene altdeutsche Kampflust frei zu machen. Bei Hans Looft geht es gemütlich zu. Wenn man einem Nachbarn auf die Hühneraugen tritt, so sagt man: ›Hopla!‹, was so viel bedeutet: das hat nichts zu sagen, das macht nichts. Bei Hans Looft hat man das Gefühl, frei zu sein. Nicht nur, was man sonst ›frei‹ nennt, wenn man nicht gerade unter Kommando steht, sondern auch frei von den Worten lügnerischer Höflichkeit. Bei Hans Looft war es prächtig. Und die Kirchenuhr schlug gerade zehn, da tauchte zum Erstaunen aller Marktgäste der reiche Müller und Kirchenjurat, der fromme Kirchengänger, bei Hans Looft im Saal auf, ging leise an seinen Sohn, der eben mit Witten Struve die Arme horizontal zum Walzer ausgelegt hatte, heran und schlug ihn unversehens mit voller Faust ins Gesicht. Bei Hans Looft! 7 Weh mir, die alte Schuld steigt herauf! Ich lebte bei Welt, ich lebte der irdischen Liebe und vergaß dein! Ich bin lässig gewesen. Weh mir!   Mein Vater hat mich öffentlich beschimpft, er hat mich geschlagen. Und an meiner Geliebten Seite habe ichs erdulden müssen. Ich habe an das Wort der Schrift gedacht: ›So dir jemand einen Streich auf die rechte Backe gibt, dem reiche auch die linke dar.‹ Ich habe geschwiegen. Erst am andern Tage habe ich zu ihm geredet. Die Freiheit habe ich gefordert. »Und du selbst«, habe ich gesagt, »tu Buße! Oder es möchte Gottes Langmut ein Ende haben.« – »Narr!« hat er geantwortet. »Mach es nicht zu arg mit deiner Verrücktheit!« Großer Gott! Ich habe ihn umgraben. Er aber bleibt ein unfruchtbarer Baum.   Die Toten sprengen ihre Sargdeckel und sitzen im Sterbehemd an meinem Bett. Die Mutter härmt sich in der Ewigkeit über ihren pflichtvergessenen Sohn. – Warte nur, wirst schon wieder an meine Liebe glauben! Witten, nicht deinetwegen und nicht meinetwegen, nicht unsertwegen! Ich will kein bestochener Richter sein. Ich will ein Rächer der Toten sein und nicht der Lebendigen.   Zum letzten mal! Zum letzten mal, bevor ich das tu, was zu vollbringen meines Amtes ist ... zum letzten mal bete ich zu dir, du Großer, Ewiger, vor dessen Wort Himmel und Erde vergehen, durch dessen Wort wir armen Menschen allein bestehen. Ich will! – Ja, ich will. Ich will dein gehorsamer Knecht sein. Aber vielleicht beschließest du in deinem ewigen Ratschluß, den Kelch an mir vorübergehen zu lassen. Ich darf dich bitten, ich darf dich anflehen. Lag doch selbst dein eingeborner Sohn in seiner Schwachheit vor deinem Thron. Und noch eine Sorge lege ich, du Ewiger, zu deinen Füßen. Ich höre eine Stimme, sie sagt, sie sei Gottes. Aber des Menschen Wissen ist Stückwerk, und sein Herz ist schwach. Nicht immer erkennen wir deine Stimme. Liebt es doch der Arge, der umhergeht zu sehen, wen er verschlinge, liebt er es doch, deine Gebärde anzunehmen. Gib, o großer Gott, mir ein gnädig Zeichen! Damit ich getrost bin.   Das sind Träume und Stoßseufzer, die den Seelenzustand unseres Franz beleuchten. »Franz«, sagte der Amtsdiener, »der Kirchspielvogt schickt, du sollst zum Amt kommen.« »Was ist los?« fragte Franz. »Ja«, blinzelte der Beamte, »genau weiß ichs nicht, ich glaub, es ist was von deinem Alten gegen dich eingegeben worden.« So war es; der Alte hatte in der Kirchspielvogtei Ermittelungen über den Geisteszustand seines Sohnes erbeten, um allenfalls seine Entmündigung und Verwahrung zu beantragen. Das war das Zeichen. Nun wußte er ganz gewiß, daß er der von Gott ausersehene Rächer war. Ein weiser, gottesfürchtiger Mann hat gesagt: ›Ich muß es zwar dulden, daß die Vögel über mein Haupt fliegen, aber daß sie sich Nester in meinen Haaren bauen, kann ich verhindern.‹ Im Kopfe unseres Franz jedoch hatten seine ursprünglich wohl freien Fluggedanken ein Nest hergerichtet, das mit dem einfachen, blanken, freien Willensentschluß nicht mehr zu beseitigen war. Die Idee von dem ihm übertragenen Rächeramt wirkte seelisch wie Zwang. Die sittlichen Gewichte gegen die geplante Tat hätte er gar nicht mehr in die Wagschale werfen können, auch wenn er gewollt hätte. Er hatte nicht mehr die Kraft, sie zu heben. Er mußte zum Mörder, das heißt zum Mörder im gemeinverständlichen Sinne werden. Und er wurde zum Mörder.   Ein vorsichtiger Mörder. Nicht klug und vorsichtig, sich zu sichern, nein – keinerlei Bemühen, die Spuren seiner Tat zu verdecken, ein Handeln, so unbekümmert um sich selbst, als gäbe es keine größere Ruhmestat als Vatermord. Vorsichtig war er nur, ein Mißlingen und ein nichtgewolltes Unglück zu verhüten. Der Pfeil sollte an allen unschädlich vorüberfliegen, seinen Vater allein treffen. Und den hat er getroffen. Er hatte die Dienstboten vorher entfernt und dem Alten dann selbst den Tisch gedeckt, als dieser hungrig und durstig von einer Halbtagsreise nach Hause gekommen war. Man hat angenommen, daß er von dem Vater in dessen Not noch eine Erklärung erpreßt hat, die er für die von ihm erstrebte Reue und Buße angesehen, und daß er nach Entgegennahme dieser Erklärung alles zur Rettung aufzuwenden versprochen hat. Jedenfalls ist er später nach Kräften bemüht gewesen, Rettung zu bringen. »Das haben wir gut macht...das haben wir wirklich gut gemacht!« hat er halb für sich, halb zu seinem treuen Gaul gesagt, als er davonritt. Dabei hat er dem Schwarzen den Hals geklopft. Alles an ihm hat von einer hohen Befriedigung, von dem Bewußtsein Kunde gegeben, eine gute Tat mehr in seiner Rechnung zu haben... »Gottlob!« hat er gesagt und die Zügel schießen lassen, »die Seele ist gerettet; nun noch, wenn der gnädige Gott es zuläßt, eine heilsame Medizin, und alles ist aufs beste bestellt.« Eine Frau Lemster bewohnte mit ihrem Mann unten am Kapuzinerberg ein zur Mühle gehöriges Haus und war in Verlegenheits- und Notfällen ›einzuspringen‹ verpflichtet, übrigens auch nach ihrer hilfreichen Art hierzu gern erbötig. Die Frau Lemster hat es oft des langen und breiten erzählt, wie Franz dort angekommen ist, hat es später auch vor Gericht bezeugt. »Ich war allein zu Hause«, hat sie erzählt, »mein Mann auf Arbeit. Ich in der Küche und seh aus dem Küchenfenster, da kommt er auf seinem Schwarzen angesegelt. Dicht vor den Fenstern hält er. ›Mine‹! ruft er, steigt aber nicht ab. Er ruft ›Mine‹ und noch mal ganz laut: ›Mine! mußt flink kommen!‹ Ich trockne rasch die Hände...eins zwei bin ich da. Der junge Mensch, ich meine natürlich Franz, sieht sehr vergnügt aus, vergnügter, als es sonst seine Weise ist. ›Mine‹, sagt er, ›mußt flink zu Vater gehen. Er ist krank 284 und kein Mensch zu Hause. Ich reit hin nach dem Doktor.‹ ›I‹, sag ich, ›krank? Und er ist doch ein so gesunder Mensch, der Herr Jurat. So schlimm, daß man nach dem Doktor muß?‹ ›Ja‹, sagt er, ›nach dem Doktor. Er hat das Würgen. Du mußt ihn zu Bett bringen und Tee kochen und warmen Verband machen. Tee und warmer Verband sollen ihm schon gut tun. Lange dauerts ja nicht, dann kommt der Doktor.‹ ›Ja‹, sag ich, ›dann will ich gleich hin ... Wie ist denn das gekommen?‹ schlag ich so raus. ›Ja‹, antwortet er und sein Gesicht verändert sich auch nicht ein bißchen, ›ja‹, sagt er, ›ich hab ihm Gift gegeben ... und genug ... Wenn ich den Doktor nicht zu Hause treffen sollte, dann ist er hin.‹ ›Gift!‹ schrei ich und bin so erschrocken, daß ich nur noch herausbringen kann: ›Das ist schlimm!‹ ›Ja‹, sagt Franz, ›wie mans nehmen will ... Gut ist es und schlimm‹ ... Und schlägt bei diesen Worten mit seiner Reitpeitsche nach unserm kleinen braunen Teckel, der immer um uns herumläuft und dem Schwarzen nach der Schnauze springt. Wie mans nehmen will ... gut und schlimm, dacht ich. Was ist das für ein Schnack! ›Gehst also hin, Mine? Darauf kann ich mich doch verlassen. Nicht wahr?‹ wiederholt er und reitet im Galopp auf und davon. ›Komm, Schwarzer‹, hat er gesagt, als er die Sporen ansetzte. ›Nun gilts, nun gilts, nun wollen wir zeigen, was wir können.‹ Mit dem ist er auch schon bei der Biegung an Peter Wilhelms Weidenkoppel, und weg ist er. Ich hör ihn aber noch lang krabatschen. Ich habe später daran denken müssen, daß er mir sagte: ›Gift! .. schlimm? Nun, wie mans nehmen will ... schlimm und gut.‹ Und daran, daß ich fragte: ›Wie ist denn das gekommen?‹ und er antwortete: ›Ich hab ihm Gift gegeben‹ und hinzusetzte ›und genug‹. In dem Augenblick, als ich es hörte, habe ich mir wirklich so Arges nicht dabei gedacht. Ich dachte, er hätte sich versprochen, oder es handle sich um ein Versehen. Was er eigentlich damit gemeint hat, das ist mir erst viel später klar geworden.« In der Untersuchung ist von der Verteidigung in ihrer ›Defensionsschrift‹ die Vermutung ausgesprochen worden, es liege hier kein Verbrechen, sondern die Tat eines Wahnsinnigen vor. Wir werden es erklärlich finden, daß der Verteidiger diesen Vorstoß versucht hat, wenn man all die Unbegreiflichkeiten in dem Tun unseres Franz überdenkt, namentlich die Unbesonnenheit in seinen Äußerungen und in seinem Handeln, die einen geradezu auf den Gedanken bringen können, er habe sich der Obrigkeit verraten wollen. Alles das ist aber daraus zu erklären, daß Franz sich als Beauftragter himmlischer Mächte gefühlt hat. Im Vergleich zu der Höhe seines Standpunktes waren die etwa eintretenden weltlichen Folgen seiner Tat so klein und winzig, daß seine Gedanken darüber hinwegglitten.   Nach einem langen schönen Sommer und nach einer kurzen, kalten Regenperiode im August war ein köstlicher Herbst durchs Land gezogen, ›Weinlaub im Haar‹, ›Frieden in der Gebärde‹. Sonst war es um diese Zeit meistens schon naßkalt und ungemütlich, die Rinder brüllten vor dem Hecktor nach ihren Ställen, aber heuer, tief im Oktober, ruhte noch alles im friedlichen Schoß der Natur. Der Weg nach der Stadt führte bei Dragensberg an einem berühmten Waldgelände vorbei, zuletzt an Wiesen mit verstreuten Baumgruppen. Da sah man Buchenstämme, vollendet rund und schön, die schimmernde Rinde schlangenglatt, vierzig Fuß und mehr der erste Ast. Die hochgetragenen Kronen, das krause Laub, alles von resignierten Herbstgedanken und Sonnenstaub beschwert ... rot und braun, wie von reifer Frucht gebogen. So standen sie. Vom blauen Himmel war Glanz gefallen; er hing an jedem Blatt. Wenn so ein Baumriese den schwanken Wipfel schüttelte, dann schneite es braune, wirbelnde, glückliche Schmetterlinge mild und müde in das grüne, von Falllaub farbig gesprenkelte Gras. Das konnte ein Menschenherz erheben und erwärmen. Wie riesige Weihnachtsbäume hatte der liebe Gott seine Buchen ins Feld gestellt. Das Gold hatte er nicht geschont; es fehlte nur noch der weiße Baumwollschnee und die blanken Eiszäpfchen von Zucker. Der arme Mensch aber, der auf seinem Schwarzen vorüberjagte, hatte solche Gedanken nicht, ihm war niemals ein Weihnachtsbaum auf den Tisch gestellt worden. Ihn erinnerten die in Sonne getauchten Bäume an Lichter. Er kannte kleine zum Hausgebrauch und große, qualmende Teerstöcke, wenn es eine Feier gab. Für seine Seele, in seiner Anschauung, wurden die Bäume zu flackernden Pyramiden. Und der liebe Gott hatte sie für ihn an den Weg gestellt, zu seiner Ehre. Und unserem Franz schien das nicht so unrecht gehandelt von dem lieben Gott. Er hätte auch nichts dagegen gehabt, es vielmehr in Ordnung gefunden, wenn bei seiner Rückkehr in der Nacht ein Erzengel mit einem Paar Leuchttürme, in jeder Hand einen, ihm durch den Wald geleuchtet hätte. Hatte er nicht Großes getan? Er hatte gehofft, vor Sonnenuntergang die Stadt zu erreichen, aber das gelang doch wohl kaum. Die Sonne neigte sich mehr und mehr. Ihre Farben wurden prächtiger, die Strahlen versöhnlicher. Sie strichen milder in der Ebene hin, und verschönten und vergrößerten alles. Lags an seinen Augen, lags in der Luft? Alles wuchs groß und lebhaft auf. Der Fackeln, die ihn grüßten, wurden mehr und mehr. In der Nähe brannten sie riesengroß ... in der Ferne kleiner, wenn auch noch immer gewaltig und mit stiller, ruhiger Flamme; am Horizont schloß sich die leuchtende Kette. Wo das Land sich senkte, flatterten leichte Geisterschleier um den Hag. Und wenn er vorbeiritt, erschauerte alles in Schönheit. Die Sonne erreichte den Horizont nicht ganz, eine Wolkenbank schob sich herauf, aber im breiten Strom sprang das rote Sonnenblut in den Himmel hinauf und strömte auf die Erde hinab. Gott Vater selbst saß auf der Wolke in hehrer Majestät. Sein eingeborner Sohn zu seiner Rechten, und vor ihnen, Kopf an Kopf, das Heer der Getreuen. Franz sah auch sich selbst. Er war nicht der Allererste vor Gottes Thron, aber in einer der ersten Reihen saß er doch. Und darauf hatte er gewiß Anspruch. Denn wer von allen hatte in Gottes Namen einen Vater vergiftet? 8 Bei dem Doktor wiederholte sich der Vorgang, der sich bei Frau Lemster abgespielt hatte, ins Städtische und Gelehrte übersetzt. Auch der Unterschied ist zu erwähnen, daß der Arzt nicht ohne weiteres annahm, er habe sich verhört. Der junge, düstere Mann kam ihm ohnehin wunderlich und unheimlich vor. Da er in eine eingehende Erörterung des Falles eintreten mußte, um zu wissen, welche Gegenmittel mitzunehmen seien, so kannte er nach fünf Minuten die äußeren Tatmerkmale und auch den Täter. Er hatte einige Mühe, ruhig zu bleiben oder doch ruhig zu scheinen. Er tat aber so, als ob Franz nichts getan habe, womit er sich zu verkriechen brauche. »Ja, das ist gut, daß Sie sofort gekommen sind, da tut Eile not.« Er setzte sich an den Schreibtisch und schrieb ein Rezept und noch einen Zettel, den er in einen Umschlag steckte. »Sind Sie zu Pferde gekommen?« »Jawohl, Herr Doktor!« »Und füttern im ›Prinzen‹?« »Jawohl, Herr Doktor!« Der Doktor klingelte nach dem Mädchen, befahl, ein Rezept nach der Apotheke zu bringen und dem Kutscher zu sagen, daß er anspanne. »Und dann, Tine«, fügte er hinzu, »dieser Brief, der auch eilig ist.« Von der Adresse des Briefes nahm Tine auf dem Hausflur Kenntnis und war befriedigt. Der Polizeimeister wohnte neben dem Apotheker. »Das ist ein Gang«, dachte sie. Sie machte sich zum Ausgehen fertig und begab sich nach dem Stall. Der Knecht schmierte die Sielen ein und troff von Tran und Fett, versprach aber, in fünf Minuten vorzufahren. Franz hatte inzwischen den Schwarzen im ›Prinzen‹ eingestellt und ihm Brot und Hafer ausgewirkt. »Der Gaul hats schlimm gehabt«, sagte er zu dem Hausknecht, »hat auch heut abend noch einen tüchtigen Gang vor sich. Paß gut auf, es soll dein Schade nicht sein!« Zu Hause sah Franz immer selbst nach, ob der Schwarze erhalte, was ihm zukam. Hier im Wirtshaus glaubte er dazu kein Recht zu haben; er blieb in der Gaststube, sich nach seiner sparsamen Weise an einem Glas Bier, etwas Butterbrot und an einer dunklen Ecke genügen lassend. Die geräumige Stube war ziemlich besetzt. Die Gäste meistens Landleute, zum Teil aus Franzens Kirchspiel. Hinter der Tonbank stand der Wirt. In dem stickigen Zimmer summte eine auf mehrere Gruppen verteilte Unterhaltung. Der Wirt fragte, wie er es für seine Pflicht hielt, den neuen Gast aus. »Na, Franz«, hieß es, »nach dem Doktor?« »Jawohl, nach dem Doktor.« »Hats der Alte nicht gut?« »Nein, er ist krank.« »I was! Ein so gesunder, strebiger Mann! Wo hat ers denn?« »Im Magen und im Leib.« »Hat wohl was gegessen, was nicht gut ist?« »Das hat er, er hat Gift gegessen.« Als Frage und Antwort auf diesen Punkt angelangt waren, verstummte das Summen. Wie das Krebsgeschwür alle Nachbarzellen verzehrt, so verzehrte das Gespräch, worin von Gift die Rede war, alle andere Unterhaltung. »Gift!« rief der Wirt ganz erschrocken. »Was du sagst! Wie kommt denn dein Vater dazu, Gift zu nehmen?« »Er hats nicht genommen, man hats ihm gegeben.« »Gegeben? Wer denn?« »Ich«, sagte Franz trocken und bestellte in demselben Zug zwei Zigarren zu einem Schilling. »Ich«, hatte Franz gesagt. Der Wirt war über die Wendung, die das Gespräch genommen hatte, so entsetzt, daß er vergaß, seinem Gast die bestellten Zigarren zu geben. Man hätte eine Stecknadel auf den Boden fallen hören können. So still war es. Einmal wurde die große Stille unterbrochen, nämlich dadurch, daß Franz den Wirt daran erinnerte, er habe zwei Zigarren bestellt. »Jawohl«, sagte der Wirt und gab die Zigarren, von denen Franz sich umständlich und gemütlich eine anzündete. Dann schlug das peinliche Schweigen wieder über die im ›Prinzen‹ Versammelten zusammen. Die Uhr im Gehäuse schlug, sie schlug eine Vollstunde – In der großen Stille rollte und klang es wie erschütternde Klage. Wenn ein Stein in einen Froschpfuhl geworfen worden ist, schweigen alle Sänger ... Es ist gemeinhin ein mutiger Frosch, der sich wieder auf seine Sangesfreude besinnt. Der mutige Frosch hieß Hans Trede. Er nahm das Wort und kam auf die große Wetterfrage. Ob das Wetter sich wohl noch lange halten werde, stellte er zur Diskussion, und die allgemeine Meinung ging dahin, das sei fraglich. Übermorgen sei Allerheiligen und »Allerhillgen sitt de Winter opn Tilgen«. Da summte es wieder. Ein rechtes Gespräch wollte aber nicht mehr in Fluß kommen. Was gesprochen wurde, war mehr Hinquälen als Unterhaltung, obgleich es an dem Gemütlichkeitsrauchnebel einer deutschen Bauernwirtsstube nicht fehlte. Franz glaubte die Stimme des Nachbarn Jürn Schütze, den er hinter dem Knick unfreiwillig belauscht hatte, zu hören. In der dunklen Ecke aber, wo es herkam, lagerte eine dichte Wolke, das Gesicht konnte er nicht erkennen. Da Zeit verflog, allmählich empfahlen sich die Gäste, Franz saß vor einem leeren Glas und rauchte. Rauchte und grübelte und träumte vor sich hin ... Wir kennen die Gedankenrichtung des gutgläubigen Giftmischers und schließen daraus auf seine Betrachtungen. Diesmal trugen ihn die verstiegenen Phantasien nicht ganz so hoch wie sonst. Sie blieben an einem kleinen Bild idyllischen Glücks haften. Seine irdischen Wünsche waren vor den Bewegungen der letzten Tage in den Hintergrund gekommen. Nun dachte er an Witten Struve. Er dachte an sie, wie alle seine Gedanken waren, mystisch und – sehnsuchtsvoll, aber auch mit einem geheimen Zorn im Herzen. Ihren Reizen und Liebkosungen gegenüber fühlte er sich machtlos. Was hatte das Mädchen für Augen! Franz war zornig auf sich, weil er dieser Macht nicht gewachsen war, zornig auch auf Witten, weil sie die Macht gebrauchte. »Aastüg ist all das Weibervolk«, murmelte Franz und ... rauchte. Und saß schon lange vor einem leeren Glas ... Außer ihm schien nur noch ein Fremder in der Stube zu sein. Der Wirt hätte wohl beide Gäste gern fortgeschickt. Er klapperte mit allerlei Sachen hinter der Tonbank und fing an, Gläser und Krüge wegzutragen und die Tische zu wischen. Aber Franz dachte an Witten. Da fühlte er den Atem eines sich zu ihm in die Ecke beugenden Mannes. Es war ein Bauerngesicht, ein wenig roch es nach Schnaps ... Jürn Schütze. »Wenn du nicht für ungut nimmst, setz ich mich ein bißchen zu dir«, sagte Jürn, »und wir trinken noch ein Glas.« »A, Detel«, rief er auf den Wirt. »Noch zwei Gläser!« »Wenn wir die aus haben«, wandte er sich wieder an Franz, »gehen wir. Du bist wohl auf deinem Schwarzen hier?« fragte Jürn und fuhr nach Bejahung fort: »Ich bin zu Wagen.« »Franz«, sprach er weiter, aber vorsichtig und ganz leise. »Ich weiß nicht, wie du vorhin dazu kamst, so was zu sagen. Das mußt du nicht tun. Ernst wird das just kein Mensch nehmen, aber die Leute denken sich was dabei. Und dann gibt es Schnack. Überall gibt es schlechte Leute. Sei vorsichtig, Franz, das sag ich dir!« Er sog an seiner Pfeife und rückte seinem Bankgenossen, wenn möglich, noch näher. »Wie es gekommen ist«, flüsterte er, »weiß der Teufel. Aber es ist hier nicht richtig, es muß der Polizei was gesagt worden sein. War vorhin einen Augenblick in der Scheune. Da sitzen zwei Leute mit rotem Rand an der Mütze bei Friech auf der Futterkiste. ›Na‹, schlag ich so raus, ›polizeilicher Schutz?‹ Aber sie antworteten nicht, machten ein geheimes Gesicht. Nachher legte ich mit Friech meinen Braunen die Sielen im Stall auf. Da hab ichs gehört. Die lauern auf einen, den wollen sie in den Kasten stecken. ›Aber still und ohne Aufsehen‹, hat der Polizeimeister gesagt. Erst wollte Friech mirs nicht sagen, schließlich hab ichs aber doch erfahren. Die Polizisten warten auf dich, Franz. Weil dein Gaul im Stall ist, meinen sie, müßtest du ihnen kommen. Und weil es nun mal still abgehen soll, wollen sie lieber nicht in die Gaststube. Ich sag immer, die dümmsten Leute bekommen allemal die Amtsmütze auf den Kopf. Warum ich dir das sage? Wir sind Nachbarn und Dorfkinder, mein Matthies und du waren Schulkameraden, da hält man zusammen. – Nun weißt du Bescheid!« Franz konnte den Sprecher nur wortlos ansehen. »Du meinst, was dabei zu machen?« fuhr Jürn fort. »Willst auf einen alten Freund hören? Nichts für ungut, Franz, ich mag dich leiden, ich tus aus gutem Herzen. Den Pferdestall kennst du, kennst auch den Krautgarten, der zum ›Prinzen‹ gehört. Du gehst gleich links durch die Küche, aus der Küche ins Freie und bist drin. An den Krautgarten stößt der Pferdestall mit der Rückwand. Da ist eine Tür. Ich habe sie losgekettet, als ich im Stall war. Es führt ein Steig, breit ist er just nicht, aber ein Pferd läßt sich doch durchziehen, nach einer Heckpforte. Die Heckpforte ist offen. Du gehst durch den Krautgarten und durch die Hintertür in den Stall, nimmst deinen noch immer gesattelten Gaul (die Zügel hängen ihm überm Hals), ziehst ihn durch die Heckpforte und bist in der Feldstraße. Und dann weißt du Bescheid. – Ich hab immer was für dich übrig gehabt, immer das Gefühl gehabt: der muß darunter durch. Und ist doch ein so guter Mensch. – Wie du nun dazu gekommen bist, so was, wie du vorhin sagtest, herauszuschlagen, das begreife ich nicht. Ich sag noch einmal: so was mußt du nicht tun. Man weiß nicht, was man davon halten soll, und es stellt dich, es mag gemeint sein, wie es will, stellt dich in ein schlechtes Licht. Um kein Aufsehen zu machen, zwei Minuten sitzen wir hier noch beisammen. Dann gehe ich hinaus und lasse Friech anspannen. Und wahrend Friech und ich meinen Wagen zurechtmachen, reitest du von hinten weg.« Zwei, drei Minuten also hatte Franz, sich mit der neuen Lage der Dinge abzufinden. Die weltliche Obrigkeit wollte was von ihm, sie wollte sich mit ihm, obgleich er ein Gottgesandter war, befassen. Es war lächerlich, aber er sah ein, daß ihm Unannehmlichkeiten drohten. Freilich: das Bibelwort, es solle dessen Blut wieder vergossen werden, der Menschenblut vergösse, das paßte auf ihn nicht. Menschenblut hatte er, auch wenn sein Vater starb, nicht vergossen. Ob es ein Gesetz gab für seinen Fall? Er wußte es nicht, er hatte sich niemals um Gesetze bekümmert. Einmal hatten in seinem Dorf ein Dienstjunge und ein Dienstknecht zusammen Geld gestohlen. Der Knecht hatte vierzehn Tage bei Wasser und Brot, der Junge fünfundzwanzig Hiebe bekommen. Alles das paßte nicht. Und ihm, dem vom Herrgott Berufenen, konnte keiner was anhaben. ›Aber, wird man mir glauben? Kann ich es beweisen?‹ Er kam zu dem Ergebnis, daß er Jürn Schütze hören wolle. Es tat ihm freilich weh, daß auch der für die Gerechtigkeit seiner Sache so gar kein Verständnis habe, und einen Augenblick meinte er, er müsse den freundlichen Warner, weil der annahm, es sei gar nicht wahr, daß er dem Vater Gift gegeben, berichtigen. Aber wie sollte er auch nur Jürn Schütze von dem göttlichen Auftrag überzeugen? 9 Er entwich durch die Feldstraße, und die Polizeidiener fanden das Nest leer. Aber Erzengel mit Leuchttürmen und Fackeln in der Hand hatte der liebe Gott ihm, als er nach Hause ritt, nicht an den Weg gestellt. Vorläufig war es so übermäßig dunkel noch nicht. Der Mond war freilich nicht aufgegangen, aber ein prachtvoller Sternenhimmel... blinkende, stumme, viel sagen wollende Lichter leuchteten über der Erde. Franz lockerte dem Schwarzen die Zügel und brachte sich rasch aus der Nähe der Stadt. Aber im Wald, da wurde die Straße schwierig. Da wären Leuchttürme am Platz gewesen. Die Baumfackeln, woran sich sein Auge, als noch die Sonne schien, erfreut hatte, verdunkelten jetzt seine Straße, und im Gehölz, wo sie sich über ihm zusammenschlossen, sah er keine Hand vor Augen. Im Schritt suchten Roß und Reiter ihren Weg. Im Wald erloschen die Sterne, sie erloschen auch in der Brust unseres Franz. Wo war sein Stolz hingekommen, wohin seine Selbstgerechtigkeit? Was bedeutete es, daß seine Seele zagte, wenn er an das scheue Verstummen aller ehrlichen Leute dachte? Polizei und Gericht waren auf seinen Fersen. Er hätte das eine geringe Sorge genannt, wäre der Glaube an sein Recht noch so fest gewesen wie vor Stunden, als er dem eigenen Vater den Tod bereitete. War es Schauder vor sich selbst, was an seinen Gliedern rüttelte? Daß doch der Vater am Leben bliebe und gesundete! Wie glühend rang sein Herz, diesen Wunsch jetzt der verblendeten Seele ab! Wie er dahinritt, wollte das treue Pferd links, Franz zog es aber rechts. Denn so meinte er sich auszukennen. Und das gehorsame Roß folgte. Im Walde verzweigten sich die Geleise, führten aber alle nach demselben Ausgang. Im Dunkeln war indessen eigentlich nur eines gangbar. Franz sah bald, daß er auf einen Nebenweg geraten war. Der Weg war tiefgründig, holperig, von geschwollenen Wurzeladern durchzogen. Das Pferd stolperte, Franz stieg ab und führte es am Zügel. Plötzlich! ... Franz riß seinen Rock vom Leibe und warf ihn dem Schwarzen über den Kopf. Das Pferd sollte nicht wiehern. Er sah, sah Lichter, die er für Wagenlaternen hielt, und hörte – Wagengeräusch. Es fuhren Leute durch den Wald auf einem anderen Weg, der wahrscheinlich der richtige Hauptweg war, nahe an Franz vorüber. Er hörte Achsenstöße, Pferdeprusten und Zurückfallen der Räderschlacken ins Geleise. – Da blinkte es. Ein Etwas warf die Lichtstrahlen zurück. Was konnte das sein – Waffen? »Brr!« sagte der fremde Wagenlenker. – Das Gefährt hielt, keine dreißig Schritt fern. Erst glaubte Franz, er sei gesehen worden, aber darauf deutete doch nichts hin. Ein schwerer, unbeholfener Mensch in schweren,, unbeholfenen Stiefeln (Franz hörte den Auftritt auf das Rad), in schwerem Mantel stieg schwerfällig ab. Das war der Landreuter, wie damals die Gendarmen genannt wurden. Das Handpferd hatte über die Stränge geschlagen, das sollte wieder in Ordnung gebracht werden. »Wachtmeister«, sagte der andere, der auf dem Wagen verblieben war. An der Stimme erkannte Franz den Bauervogt seines Ortes. Hans Willem hieß er, hielt den Kopf gewohnheitsgemäß ein bißchen auf die Seite, war daher ›Willem mit dem schiefen Kopf‹ zubenannt. »Wachtmeister«, sagte Willem mit dem schiefen Kopf, »Zweck, glaub ich, hat unsere Reise nicht. Er müßte ja mit dem Dummbeutel geklopft sein, wenn er nicht längst Reißaus in die Welt genommen hätte ... weit weg, wo ihn niemand kennt. Hier finden wir ihn nicht, und auch nicht in der Stadt. Da muß man in dunkler Nacht, wenn alle Leute im Bett liegen und schlafen, da muß man im stockfinstern Wald herum kajolen. Und das für nichts und wieder nichts.« Der Wachtmeister hatte das Geschirr in Ordnung gebracht, stand aber noch bei den Pferdeköpfen. »Ich glaub, Sie haben recht, Bauervogt. Aber umkehren, das geht nicht. Nun müssen wir durch. Vielleicht hat man den Bruder Franz in der Stadt schon im Kasten.« »Ja, ja«, stöhnte der Schulze. »Es ist fürchterlich, gar nicht zu sagen ... Wunderlich ist er ja immer gewesen, aber so was!... Das hätte doch kein Mensch gedacht, das ist doch wohl noch nicht dagewesen ... Was soll daraus werden? Wenn er auch in die Welt hinausgegangen ist ... Mit der Tat auf dem Gewissen kann er doch nicht leben!« Der Wachtmeister hustete und schickte sich an, auf den Wagen zu steigen. »Es ist eine schlimme Sache, Vogt. Aber was hilfts?« »Sie sind klug gewesen«, begann der Schulze wieder, »Sie haben Ihren Mantel an. Ich will es auch so machen, Wachtmeister. Mich friert ordentlich. – Brr! Wollt ihr wohl stehen! Brr! sag ich. A, Wachtmeister, wollen so gut sein und ein bißchen anfassen? ... So ists recht, danke. – Was ich noch sagen wollte, Wachtmeister, Sie kennen ja die Gesetze. Was steht denn drauf? Was wird mit ihm, wenn man ihn kriegt?« Eine kleine Pause, der Schulze zog seinen Überrock vollends an. »Dank vielmals. – Das ist besser, da hat man warm. Dann könnten wir ja so sachte weiter ... Hü .. hü ..!« Der Wagen setzte sich in Bewegung. »Ja, Bauervogt«, klang es zwischen Achsenstößen und Sielengeräusch hindurch. »Einen Kopf wird es dem jungen Mann jedenfalls kosten, und in einer Kuhhaut wird er zur Richtstätte geschleift...« Franz hörte nicht mehr alles ... »Nebenstrafen ...« kam es dann wieder ... »Wenns nach der ganzen Strenge des Gesetzes gehen soll, kann es gar. Rad...« hörte Franz noch und abgerissene Worte, die er nicht verstand, Stoßen des Wagens .. Wenn Franz sich auf die Zehen hob, sah er noch Licht ... klein, matt, immer matter.. Dann war auch das weg. Er lachte. Ihn, den Gottgesandten, auf einer Hürde zur Richtstätte ... ihn schleifen, ihm den Kopf abschlagen ...? Er war ein Tor, wenn er nicht auf Nimmerwiederkehr in die Welt hinausritt. – Es blieb ihm nichts anderes übrig. Mit Witten, mit ihr... Ja, mit Witten! Aber solche Tat auf dem Gewissen? Was sagte Hans Willem? Kann man da noch leben und glücklich sein? ›Gewissen?‹ fragte er beinahe erstaunt,... ›was ist Gewissen?‹ Er konnte wohl erstaunt sein. Denn bisher war er bei allem, was er getan, im Recht gewesen, oder hatte sich doch im Recht gefühlt. Das Gewissen und er kannten sich nicht. Er brauchte aber nicht mehr auf die Bekanntschaft zu warten. Denn das Gewissen war auf einmal bei ihm und redete mit ihm. Es lag in seiner Brust, es hämmerte in allen Pulsen, es flüsterte ihm ins Ohr. Franz führte sein Pferd noch immer am Zügel, die richtige Straße zu gewinnen, und mußte auf die kleine scharfe Stimme seines Gewissens hören. Am Waldesausgang schwang er sich auf den Schwarzen, das Gewissen tat es auch und hatte noch immer sein Ohr. Es flüsterte ihm Sachen zu, die ihn grausen machten. Er spornte das Pferd. Im sausenden Galopp ging es dahin, aber das Gewissen behielt das Wort. Welcher Abgrund, sagte es, scheidet dich von den Gerechten! Mals jagt dich wie ein wildes Tier. Man kündigt dir die Gemeinschaft. Man verhüllt sein Angesicht, wenn man von der Strafe spricht, die du erleiden sollst. Und wenn die ehrlichen Leute sich ausmalen, was du verdient hast, dann verreckt ihre Phantasie. Du hast in das Rechtsgefühl aller ehrlichen Leute eingegriffen, als hättest du jedem einen Vater vergiftet. Die Bilder, die du dir von deinem Amt als Rächer gemacht hast, erbleichen. Aber die Züge deines Opfers werden lebendig. Die wirst du überall mitnehmen, wohin du auch entfliehst. Nach einer solchen Tat läßt sich nicht leben. »Sollte es nicht gehen?« stöhnte er, »weit von hier? Mit ihr, an ihrer Seite?« Ihm war, als ob jemand lache.   Den sogenannten Dusenberg, eine Viertel- bis zu einer halben Stunde vor seinem Dorf, hatte er hinter sich, nun mußte gleich rechts der Weg kommen, der, ohne den Ort zu berühren, über das Wimmersberger Moor nach den Vierth führt. Eine verdorrte Tanne stand an der Wegecke, eben tauchte sie im Sternenscheine auf, da wurde er beim Namen gerufen. Es klang wie eine Kinderstimme und kam wie vom Weggraben her, aus dem Weggraben kroch denn auch der Rufer hervor. »Edi, du?« Sein verkümmertes Brüderchen war es, es kam zu warnen. Dem großen Bruder wurde, als er ihn sah, warm ums Herz: es gab also doch noch eine Seele, die ihn liebte. Der Vater sei sehr krank gewesen, erzählte der Kleine, habe geschrien und gejammert, nun schreie er nicht mehr, nun sei er tot. Da war es also ... da war vollendet, was er gewollt hatte. Aber wie anders jetzt, wie anders sah jetzt das in himmlischer Sendung übernommene Strafgericht aus! Er hatte das Pferd verlassen und hielt den Bruder im Arm. »Nein, Edi, sag nicht, daß Vater tot ist! Er wird schlafen nicht mehr bei Sinnen sein, aber nicht tot. Nicht wahr, du hast mich nur bange machen wollen, Vater ist nicht tot.« Aber Edi blieb dabei, Vater sei tot, und Franz zweifelte nicht mehr. Vater sei schon tot gewesen, als der Doktor gekommen. Nun ließ sich nichts mehr deuteln, Franz war ein Mörder. Er fühlte Enge und Krampf im Schlund, sein Herz schluchzte auf. Er war ein Mörder, verruchter als Kain; der erschlug nur einen Bruder, er aber einen Vater, – der in Wallung des Zorns, er mit Überlegung und Vorbedacht. Für und für werden die Züge seines Opfers vor seinen Augen sein. Edi rüttelte ihn auf und zeigte nach dem Moor. Es war der einzige Ausweg. Da drückte er den Bruder an seine Brust, schwang sich auf den Schwarzen und sprengte die Straße hinab nach der Wimmersberger Heide. Wie flogen die Hecken rechts, wie flogen die Hecken links, dürres Raschellaub und kahle Weidengebüsche, hundert Verzweiflungsarme gen Himmel emporgereckt. Dann kam freies Feld, und eine große Eiche streckte eckige Äste über den Reiter. Franz erbebte, er war auf der Galgenwiese. Aber er schämte sich seines Schrecks. »Holla, Schwarzer, wir sausen hinüber!« Aber der Schwarze zitterte und schnob – um Roß und Reiter floß heller Schein, er sah jeden Halm und jeden Stein und mitten in der Strahlenflut... eine Gestalt... eine Erscheinung ... ein Frauenbild ... die dunklen Locken gelöst, auf Hals und Schultern fallend. »Mutter!« will er sagen, kann es aber nicht. Ihr Gesicht schön und sanft und lieb, wie einst. Sie breitet die Arme aus, sie will den von Gott und Menschen verlassenen Sohn, und liegt auch ein Vatermord auf seinem Gewissen, sie will ihn mit Mutterarmen umfangen. War es Gedanke, war es Erscheinung? Er sah nichts mehr als schwarze Nacht, und in der schwarzen Nacht, auf schwarzem Pferd flog Franz über den verrufenen Fleck. 10 Hinnerk Steen kann nicht schlafen. Er liegt und liegt und zählt der Dielenuhr die Stunden nach. Die Uhr schlägt zwölf. Und der Schall rollt wie einst im Sparrenwerk. Es war ganz, wie es schon mal gewesen war. Nun kommt auch Pferdegetrappel und der Ruf ›Hinnerk!‹ und gleich darauf das Wiehern des Schwarzen mit den beiden nachklingenden Bauchstößen, und Hinnerk wird mit sich einig: du gehst nicht hinaus, es mag kommen, was will. Es fällt ihm ein, die Buttermilchstür ist nicht verschlossen, aber das ist einerlei: du gehst nicht hinaus. Er hört Geräusch in der Mädchenkammer, Witten macht das Kammerfenster auf. Nun kommt es ihm: sollst doch mal sehen, ob Franz einen Kopf hat. Sollst mal aus dem Fenster gucken. Er tut, wie gedacht. Es ist wie damals ... Der Mond scheint schräg über die Pappeln, der Schatten der Sodstange fällt auf den Pferdebug. Franz ist abgestiegen und zieht den Knoten fest. Ob er wohl einen Kopf hat? – Ja, diesmal hat er einen, die Polkahaare gehen im Mondschein hin und her. Bei Witten dauert das Geräusch fort. Sie ist dabei, aus dem Fenster zu steigen. Sehen kann Hinnerk es nicht, aber sie hängt am Pfosten, er hört das Geräusch der Pantoffeln. die einen Halt an der Mauer suchen und auf den Vorsprung des Fundaments treten. Hinnerk weiß nicht recht, was er tun soll. Soll er wieder zu Bett gehen oder aufbleiben? Er zieht Beinkleid und Weste an und setzt sich auf die Bettkiste. Witten und Franz sprechen draußen. Verstehen kann Hinnerk nicht, aber sie haben es wichtig. Einzelne Worte unterscheidet er. »Witten, liebe Witten, tu es!« bittet Franz. Aber Witten spricht im brüsken Ton, wie ihre Art ist, wenn ihr an einer Person nichts mehr gelegen. Das tue sie nicht, sagt sie, um alles in der Welt nicht. Wie sie dazu kommen solle? Das sei Verrücktheit. Ohne die Mühle? Sie lacht kurz und höhnisch auf. Aber Franz redet und redet. Es muß was Fürchterliches sein, was er redet. Witten kann immer nur rufen: »Gott, ach Gott! Das ist ja schrecklich!« Sie wird wohl gleich haben weglaufen wollen, er muß sie festgehalten haben. Denn auf einmal schreit sie wild: »Laß mich, laß oder ich schreie, ich rufe das Haus zusammen! Was willst du von mir, willst mich auch ermorden?« In demselben Augenblick knattern auch schon Wittens Holzpantoffeln über das Steinpflaster. Die Buttermilchstür wird aufgerissen und wieder zugeknallt; der alte taube Mops in der Wohnstube schlägt an. Und bevor Hinnerk weiß, was vorgeht, stürmt das Mädchen in Leibchen und Unterrock zu ihm in die Kammer, hängt die Kette rasch über und fällt ihm verstört um den Hals. Sie fällt dem Knecht verstört, in Tränen aufgelöst um den Hals und fleht: »Und wenn er hier herein kommt, dann nehmen wir den Bettstock und schlagen ihn tot!« Hinnerk hat Not, sie zu beruhigen. »Was ist denn? Sei ruhig, er ist schon weggeritten, ist schon bei Jürn Thun. ... Das willst nicht glauben? Hör doch auf den Hund, der ihm nachbellt ...« Nach einer Weile, als sie ruhiger geworden: »Und nun sag mir mal, was war mit Franz, was hat er dir getan?« »Getan?« ruft sie. »Mir hat er nichts getan. Aber seinen Vater hat er vergiftet. Ach, du Guter, du bist immer so lieb gegen mich gewesen. Hätte ich doch dich genommen und mich nicht mit dem Fürchterlichen abgegeben!« Sie hing noch immer an seinem Halse und bedeckte Hinnerk Steen mit Küssen. Wie wir Witten kennen gelernt haben, muß es zur Beruhigung gereichen, daß Hinnerk von der Sirene nicht umgarnt worden ist. Sie hat sich später mit einem Schmiedsgesellen verheiratet, ist mit ihm nach Hamburg gegangen, und kein Mensch weiß so recht, wo sie geblieben ist. Aber an dem Abend hat Hinnerk viel Liebes von ihr erfahren. 11 Die weiteren Schicksale von Franz in der Nacht und an dem darauffolgenden Tag sind nicht aufgeklärt worden. Er hat selbst nicht Auskunft darüber geben können. Den Schwarzen hat man tot in einem Hohlweg gefunden, Franz sah sich am zweiten Morgen in einem schmalen, von Knickhagen eingefaßten Feldwege. Er hörte Hundegebell, ab und zu krähte ein Hahn. Es mußte ein Dorf in der Nähe sein. Ihn hungerte und fror. Ein nasser und kalter Nebel lag auf der Landschaft, lebenssatte Schwermut rieselte in Strähnen hernieder. Heckpforten öffneten rechts und links einen Blick in die graue Natur. Vor jedem Tor blieb er stehen und sah hinein. Wiesen waren es, die sich schon nach zwanzig Schritt in Nebel und Sumpf verloren. Graues, ausgereiftes Herbstgras, lange Binsen, ungezählte Maulwurfshügel – ein einförmiges, an Sterben und Vergehen mahnendes Bild. Mit einer gewissen Genugtuung stellte Franz fest, daß an dieser Welt mit ihrem Hunger, mit ihrem Frost, mit ihrem Nebel und mit ihren Maulwurfshügeln, namentlich aber mit den Menschen darin nicht viel verloren sei. Er war entschlossen, die Obrigkeit zu bemühen, ihm das Leben zu nehmen. Er hatte erkannt, daß sie ein Recht auf sein Leben habe, sprach sich auch ein Recht auf Strafe zu, er fühlte die Unmöglichkeit, weiter zu leben, er wollte als Unbedingter auf sein und der Obrigkeit Recht bestehen. Er lehnte über ein Hecktor. ›Ich habe Lust, abzuscheiden‹, sagt er für sich. ›Ich will sterben, aber eine Seele möchte ich finden, die meine Tat kennt und nicht darauf bedacht ist, mich einzufangen, auch nicht die Flucht ergreift, die ein Wort für mich hat, das nicht weh tut. Und dann, ja dann ...‹ ›Ein menschlich Antlitz!‹ stöhnte er. Und wie er nach einem Menschen rief, da war sein Wunsch schon erfüllt, ohne daß er es wußte. Ein Mann stand auf der Wiese, Franz hatte ihn nur nicht bemerkt. Unter Haselgebüschen, woran kaum noch ein Blatt klebte, vor einer verlassenen Kuhjungenhütte stand der ersehnte Mensch. Es war ein in Lumpen gehüllter Landstreicher. Franz stieg über den Schlagbaum und ging mit ausgestreckter Hand auf ihn zu: »Sei mein Freund!« sagte er. Der Mensch in Lumpen nahm seinen Eichenknüppel fester und blieb stumm. Die dargebotene Hand nahm er nicht, mit bösem, buschigem Auge sah er auf den gutgekleideten Mann. »Sei mein Freund!« wiederholte Franz. Der Vagabund zuckte verächtlich die Achseln. »Haben Sie Hunger?« Ein leises Aufleuchten im Auge, kaum zu bemerken, und die bittere Antwort: »Ich habe, wenns interessiert, in vierundzwanzig Stunden nichts gegessen.« »Gut, ich bin in gleichem Fall und habe Geld. Wollen Sie mit mir essen?« Der Zerlumpte musterte den, der sein Wohltäter sein wollte, von oben bis unten. »Meine Papiere sind in Ordnung«, erklärte er finster. »Ich frage nicht nach Ihren Papieren, ich frage um Ihre Kameradschaft.« Der Landstreicher schüttelte den Kopf. »Ich will Ihr Freund sein.« »Spitzel!« Da rief Franz mit Haupt und Hand den Himmel und die Wolken an: »Gib du, o Herr, daß meine Worte bis zum Herzen dieses Armen reichen!« Und zu dem finstern Fremden: »Ich meine es gut.« »Es ist zum Lachen, junger Mann«, erwiderte der andere. »So grün, wie Sie denken, ist kein Mann, der in Lumpen geht. Wenn Sie hungrig sind und haben, was dazu gehört, weshalb gehen Sie nicht in den Dorfkrug und lassen sich geben? Ein Mann, der Silber in der Tasche hat, ladet keine Bettler zu Tischgenossen ein.« »Sie wollen mich nicht, aber ich lasse Sie nicht. Ich komme im Namen dessen, der uns alle trägt. Sein eingeborner Sohn nahm Zöllner und Sünder zu Freunden, weshalb soll ich stolzer sein als er? Sie sind hungrig, ich will Sie speisen, Sie sind nackt und bloß, ich will Sie kleiden.« Der Vagabund war nicht mehr so finster, er lachte. Er sah, daß Franz mit der Polizei nichts zu tun habe, er hielt ihn jetzt für einen Mann, bei dem es im Oberstübchen nicht ganz in Ordnung sei. Aber noch mehr als die Person interessierte ihn das, was in der Tasche dieses Mannes sein sollte. »Sie haben einen guten Kanzelton und sind gewiß von der schwarzen Zunft. Aber, daß Sie wirklich meine Freundschaft wollen, glaube ich nicht. Und von Fopperei bin ich kein Freund. Menschen, die das tun, was Sie sagen, gibts nicht.« »Worte machen Ihnen nichts aus. Sie wollen Taten sehen und sind damit im Recht. Ich hätte nicht so viel reden sollen. Sieh, Freund, ich habe einen Gang zu tun, bei dem ich kein Staatskleid brauche. Gehen wir in die Hütte, wechseln wir unsere Anzüge. Figur und Größe passen; im übrigen können Sie nur gewinnen. Und dann (in seiner Tasche ließ er Silber klingen), ich brauche auch das nicht mehr.« Und so geschah es. Der Bettler wurde ein gut gekleideter Mann, Franz ein Lump, und der Gutgekleidete ging ins Dorf und holte Lebensmittel. Und dann speisten sie in der Kuhjungenhütte. Franz sprach ein kurzes Tischgebet. Dem wilden Mann, der an seiner Tafel lag, kam der Spott nicht auf, so echt war der Eifer unsers Helden. »Und nun schlag ein! Sei mein Freund und sage ›du‹ zu mir, wie du es, als du klein warst, bei der Mutter tatest.« Da schlug der andere ein. Vor Franzens rücksichtsloser Liebe zerschmolz die Schale, worin das wilde Gemüt sich verhärtet hatte. Zwar wehrte er sich noch und schämte sich zu zeigen, daß weichere Gefühle bei ihm sprießen wollten, aber schmelzen tat es doch. »Weshalb sollt ichs nicht tun?« sagte er. »Bislang hab ich nichts Schlechtes von dir erfahren. Es sieht nun freilich jedes Kind: in deinem Leben ist was, das nicht stimmt. Doch das ist einerlei, ich bin auch keine reine Himmelsjungfrau. Vielleicht werd ich zum Nachtisch noch erfahren, was mit dir ist.« »Du sollst erfahren. Und, wenn du alles weißt, dann will ich wieder fragen, ob du mein Freund.« Der auf diese Weise halb Gewonnene war ein gewerbsmäßiger Einbrecher, ein sogenannter ›schwerer Jung‹. Er war Kaufmannsgehilfe gewesen, war der Versuchung erlegen, hatte Geld unterschlagen, hatte gesessen und nicht gleich einen ehrlichen Erwerb wieder finden können. Da hatte er sich einer Diebesbande angeschlossen. Manches Jahr hatte er im Zuchthause zugebracht, immer wieder war er zu seinem Diebsgewerbe zurückgekehrt. Ursprünglich aus Not und Leichtsinn zum Verbrecher geworden, hatte ihn später auch der Wagemut gereizt. Er besaß etwas vom Stolz der Verbrecheraristokraten, so ganz außerhalb der gemeinen Bürgerwelt zu stehen. In der letzten Zeit war er ganz heruntergekommen; er hatte sich sogar an offenen Diebstählen beteiligt. Seine Bandenbrüder waren abgefaßt, nur ihm war es gelungen, zu entkommen. Nun lief er durchs Land, sich kümmerlich von Feld- und Hühnerdiebstählen nährend, und auf dem Weg nach einer Großstadt, da ein Mann seines Schlages nur dort sein Fortkommen finde. »Und hast du niemals Reue, niemals Bedürfnis verspürt, dich vor Gott zu demütigen, vor ihm Buße zu tun?« Der Züchtling lachte. »Du bist ein richtiger ... Mich vor Gott demütigen, vor ihm Buße tun? Weshalb? Warum vor ihm im Staub? Wenn er allmächtig ist – warum hat er die Welt so erschaffen, wie sie ist, eine Welt, worin es allerorten schwere Jungen gibt? Weshalb hat er mich nicht geleitet und geführt, daß ich ein ehrlicher Mann wurde? Und wenn die Schuld an mir und an meiner schlechten Seele liegt, weshalb hat er mir ein so schlechtes Herz, eine so schlechte Seele gegeben? Reue, Buße, Demut? Nein, lieber Freund, das tut mir leid, dazu habe ich keinen Grund.« Eine trotzige Antwort, in Franz weckte sie den Wüstenprediger, fachte in ihm das rednerische Feuer an. Darum hielt er in seiner Lumpenkleidung auf der Binsenwiese angesichts schwarzer Maulwurfshügel dem schweren Jungen eine Strafpredigt, die dieser mit Erstaunen anhörte. »Junge«, erwiderte der Angestrafte, »du verstehst es, bist nicht von gestern. Nun möchte ich aber auch wissen, was mit dir ist.« »Mit mir? Ich bin ein Mörder.« Der schwere Junge sah seinen neuen Freund lachend an: »Windmachen kannst du ebenso gut wie predigen.« »Ich wollte«, erwiderte Franz, »es wäre nur Wind und Schall. Lege dich hin, Freund, meine Geschichte zu hören.« Und er erzählte. Als er zu Ende gekommen war, fand der schwere Junge kein Wort. Vatermord, das rüttelte ihn ... ›Den eigenen Vater hast du vergiftet?‹ wollte er sagen. Aber er zwang jedes Zeichen der Verwunderung zurück. Denn er empfand (er wußte selbst nicht, wie es ihn überkam) wirklich was wie Liebe für Franz. Es war lange, ach wie lange, daß jemand gut mit ihm getan. Wie lange war es her, daß Gefühle von Liebe und Freundschaft gegen irgend einen in ihm erweckt worden waren! Wie lange war es her, daß ihm etwas widerfahren war, das wie Wohltat ausgesehen! Er kannte sich und wußte, daß er hart und verhärtet und verbittert war. Vielleicht hätte auch er sich im Drange der Not in rascher Tat an einem Menschenleben vergreifen können, aber, Gott sei Dank, diese Gelegenheit, diese Notwendigkeit war niemals an ihn herangetreten. Menschenleben hatte er nicht auf dem Gewissen. Das war ihm in seinem Verbrecherleben immer wie ein Verdienst erschienen. Das wollte er, wenn wirklich was Wahres an der Fabel des Weltgerichts sei, gegen einen Berg von Sünden in die Schale werfen. Und nun hatte dieser junge Mann einen Mord, einen ganz vorbedachten Mord begangen, begangen an seinem eigenen Vater. Das galt. Armer Kerl! Wie mag einem nach solcher Tat sein! Franz las ihm die Gedanken von der Stirn. »Du schweigst. Ist meine Tat so fürchterlich?« »Schön ist sie nicht mein Lieber. Aber ich bin dir doch gut.« »Sag mir, Freund, kann man nach solcher Tat noch leben?« Der Einbrecher verstummte. »Ich verstehe. Ich hab es mir schon selbst gesagt. Ich habe kein Recht mehr zu leben, und mag auch nicht mehr. Ich gehe, auf Gottes Gnade hoffend. Ich erhoffe sie aber auch für dich. Einer, der Mitleid mit anderen hat, wird sichs selber nicht versagen. Du wirst dich auch noch demütigen. Ich kenne deine Gedanken, sie sind jetzt schon Buße und nichts als das.« Das Geld legte er in die Hand des Freundes: »Nimm, mir ist es nichts nütze. Dir aber helfe es auf den rechten Weg. Leb wohl!« 12 So ging Franz nach seinem Dorf zurück, dem Richter entgegen, in seiner Bettlertracht unerkannt und unbeachtet. Der Nebel war dichter geworden, er verhüllte die ganze Bettlerschmach. Franz traf wenige Leute. Wenn sich im Nebel zwei Menschen im Heckenweg begegnen, es ist wie das Aneinandervorübergleiten von Schiffen auf weitem wildem Ozean. Jeder Wanderer trägt eine graue Wand vor sich her, die ihm wenige Meter Gedankenraum gönnt. Die Figuren, die Gestalten der Begegnenden sind wie das Schattenspiel auf der Netzhaut des Nebelgottes. Erst verwaschen und unbestimmt und grotesk, dann bestimmter, aber immer noch unbestimmt, endlich Rätsellösung, das mit fragend verhaltenen Augen vorüberstreicht. Man sieht sich noch einmal um, aber das Nebelmeer ist bereits über die Erscheinung zusammengeschlagen. Franz ging lange in Wolken einher. Und als sich schließlich ein Wind erhob und die graue Wand hinwegnahm, stand er vor jedem Busch und Strauch, vor jedem Baum und fand des Staunens über all die Wunderwerke, woran er nun bald dreißig Jahre stumpf vorübergegangen war, kein Ende. Mittags fiel Regen, dann kam die Sonne, und es war hell und windig, als er auf dem Grab der Mutter stand. Es war eine neue Grube ausgehoben worden, Franz wußte, für wen. Der frische Sand lag im Steig, er schritt darüber hinweg. An der Mauer des Gotteshauses standen die schönsten Linden des Friedhofs im Herbstschmuck von weichem, biegsamem Gold. Der brausende Wind fuhr hinein. Da flog ein Goldblatt nach dem anderen um die Kirchenecke. Ein Gewirr von Schatten und Licht schob sich über die schmalen Fensterbogen, und zu Franz sagte der Wind: ›Geh in die Kirche und sprich mit dem Herrn deiner Seele.‹ Und wie er über den Fliesensteig des Gotteshauses ging, widerklangen seine Schritte vom Gewölbe. Und das Gewölbe war ein Abbild desselben Himmels, der sich im Freien über ihn erhob. Es ruhte im Schoße der Gottheit und war in ewige Dämmerung eingelullt. Und hart und scharf fielen die langen Zeichnungen der Fenster auf die weißgetünchte Wand, windgeschüttelter, zerfließender Laubschatten lief darüber her. Für Franz waren es Irrwege gottentfremdeter Seelen. Unter der Orgel stand der Altar des Herrn. Die braune Sammetdecke hatte lange Fransen. Ihm war sie das Bild der Sanftmut, der Langmut und der Liebe des himmlischen Vaters. Der Altar stand im Schatten. Wie kam es, daß dorthin Licht verstäubte? Kleine, lebendige Glanzwellen liefen über die Perlenschnüre der Ränder. Franz sah es und deutete sichs als Verheißung himmlischer Gnade. Der Giftmörder lag vor seinem Gott im Staub. Stunde auf Stunde verging. Die Sonnenfenster waren klein und matt geworden, allgemach leuchteten sie im Widerschein eines blassen Abendrots farbiger auf. Und matter und kleiner wurden all die blanken Punkte, die das Licht nicht eigennützig verbrauchten, sondern den weißen Kirchenwänden zurückgaben: die Orgelpfeifen, der heilige Johannes, das Taufbecken, das Marmorkreuz, der gemarterte Erlöser. Die feine Stille des Nachmittags war in den dunklen Baßton des brütenden Abends hinübergeflossen; die schemenhaften Gestalten der Nacht machten sich auf, kamen vom Turme herab und aus den Ecken her, setzten sich in die Kirchenstühle, rafften die schwarzen Kutten um den mageren Leib und verhüllten ihr Angesicht. Franz sprach mit seinem Gott. Wäre er bei wachen Sinnen gewesen, er hätte das schwere, ächzende Gangwerk der Kirchenuhr gehört, die im Glockenturm hing, er hätte auch die Schritte des Kirchendieners vernommen, der die Wände des Gotteshauses abmaß und am Türschloß hantierte. – Aber Franz sprach mit seinem himmlischen Vater. Schließlich rüttelte ihn doch die Turmuhr auf. Er hörte ihr schnarrendes Geräusch. Wie ein in Beben und Zagen gefaßter entscheidender Entschluß der sündhaften Seele rollte und rasselte es von der Balkenlage des Glockengehäuses herab, ehe mit dem Glockenschlag die erlösende Buße erfolgte. Der letzte Schlag geriet kräftiger und bündiger, der Hammer traf derber. Und in dem alten Kasten summte es befriedigt über die Sühne des Sünders nach. ›Ich will die Obrigkeit nicht länger warten lassen‹, dachte Franz, erhob sich und ging. Aber die Tür, durch die er gekommen, war vom Kirchendiener verschlossen worden. Es war Abend, die Kirche lag einsam. Franz hätte sich nicht bemerkbar machen können, auch wenn er gewollt hätte. Da setzte er sich in den Stuhl seines Erbes, den Morgen zu erwarten. Ganz ruhig. Er konnte sogar an das grausige Gericht denken, das an dieser Stelle über den Spötter ergangen war. Er war getrost, wie es die Magd gewesen war. Er war zwar ein Mörder, aber Gott den Herrn hatte er nicht versucht. Er hatte vor Gott im Staub gelegen, mit dem Strafgericht der Spötter hatte er nichts zu tun. In der Nacht zu Allerheiligen wiederhole sich, sagte man, der Spuk, und die Nacht brach heute an. Aber auch das schreckte ihn nicht, er war ganz Mut und ganz Ergebung. Nun mußte sichs zeigen. Hatte der Schöpfer ihn verworfen oder in Gnaden angenommen? Überantwortete er ihn dem Bösen, oder hielt er die schützende Hand über ihn? ›Wer weiß, vielleicht schickt er mir gar einen guten, aus aller Wirrsal erlösenden Traum!‹ 13 Um fünf Uhr stand Pastors Grete auf. Sie hatte die Küchenlampe angezündet, hatte sacht und leise den Eimer (sie war eine rücksichtsvolle Grete) genommen, war nach dem Brunnen gewesen und hatte die Tür offen gelassen: nun war sie dabei, den Herd anzuheizen. Da schrie sie laut auf, ein Strolch stand vor ihr. Sie lief in das Schlafzimmer der Herrschaft, der Pastor aus dem Bett und im Schlafrock nach der Küche. »Was wollen Sie, Mensch? Wer sind Sie?« »Ich bin Franz.« »Franz? ... Was für ein Franz?« Der Pastor konnte sich nicht gleich auf das Gesicht besinnen. »Ich bin der, der seinen Vater vergiftet hat.« Der Pastor, noch immer verständnislos und fassungslos: »Wo kommen Sie her?« »Aus der Kirche, war dort eingeschlossen.« »Diese Nacht?« »Diese Nacht.« Der Geistliche sah ihn mit großen Augen an. »Und wie herausgekommen?« »Durch die Sakristei, die Tür war offen.« »Und was wollen Sie?« »Auf den Scharfrichter warten.« »Schrecklicher ... M...«, und noch einmal: »Schrecklicher ... M...« – ›Schrecklicher Mensch‹, hatte der Pastor sagen wollen, hielt aber an sich. »Kommen Sie mit nach meiner Stube«, brach er ab. In der Stube fuhr es dem alten Herrn doch heraus. »Schrecklicher Mensch, Sie wollen unserer Gemeinde das Schauspiel einer Hinrichtung geben, wovon man noch Jahre, ja ein Jahrhundert reden wird? Sie wollen den guten Ruf unserer Gemeinde untergraben? Wenn Sie nur weg wären: man würde es vergessen. Es würde Gras darüber wachsen. Aber nun kommen Sie und sagen: ›Ich warte auf den Scharfrichter.‹ Junger Mensch, meinen Sie denn, es ist eine so einfache Sache, sich köpfen lassen? Glauben Sie, Sie haben nur nötig, sich zu stellen, und dann gehts los – morgen, übermorgen? Meinen Sie, damit sind die Behörden so leicht bei der Hand? Wissen Sie nicht, daß da ein Untersuchen, ein Erheben und Inquirieren anfängt, bei dem sich die Seele im Leib umkehrt? Und haben Sie bedacht, was es heißt, den Kopf auf den Block zu legen?« Der Pastor wurde beinahe komisch in seiner Erregung. Er war mit dem Übeltäter, der absolut gerichtet sein wollte, allein. Er hätte gar nicht nötig gehabt, aus der Küche zu gehen, denn Grete war nicht dahin zurückgekehrt, sie stand noch immer zitternd bei der Frau Pastorin in der Schlafstube. Mit großen Schritten ging der Pastor im Zimmer auf und ab. Ohne recht zu wissen, was er tat, zündete er seine Pfeife an und rauchte. »Da hab ich gedacht«, sprach er halb für sich, »hab gedacht, der geht sicher übers große Wasser. Ja, ich will gestehen, gefreut habe ich mich bei dem Gedanken. Denn, was hat man davon, daß uns der Henker einen Besuch macht? Ein Menschenleben ist ein Menschenleben, wenns auch einem Mörder gehört. Und schade ists um ihn. Es war doch eigentlich eine Art Wahn, und es fragt sich noch, ob er dafür zu büßen hat. Und nun kommt der, ist eine ganze Gespensternacht hindurch in der Kirche, stört einen zur nächtlichen Stunde und sagt: ›Ich will gerichtet werden!‹« »Hör mal, Franz!« wandte er sich an diesen. »Hast du just kein Geld und magst es nicht von Hause holen – ich geb dir, so viel wie ich habe. Tu mir den Gefallen und mach, daß du aus dem Lande kommst, und schlag dir den dummen Gedanken, den Kopf preiszugeben ...« Er stockte, der Pastor wußte selbst nicht recht, woraus Franz sich diesen Gedanken schlagen sollte. »Sieh, Franz«, fuhr er fort, und sah väterlich ernsthaft drein, »man hat doch nur einen, und den läßt man sich nicht gern nehmen. – Nun, du denkst ja auch nicht anders.« Er musterte den Anzug seines Gastes. »Die Verkleidung ist gut. Das andere kann ja nicht dein Ernst sein. Ich persönlich hab auch ja gar nichts mit der Sache zu tun, ich bin nicht Polizeibeamter, das ist der Kirchspielvogt. Also sag, wieviel brauchst du?‹ »Wenn ich an verkehrter Stelle bin, dann bitte ich um Entschuldigung«, erklärte Franz. »Geld? Geld kann ich nicht gebrauchen. Aber für Ihren guten Willen, für Ihre Menschlichkeit – Dank! Meine Kleidung habe ich mit einem Bettler gewechselt, ihm gab ich auch meine Barschaft. Mit einer Verkleidung hat das nichts zu tun. Solange ich noch lebe, will ich gern nach den Worten der Schrift tun. Die Obrigkeit soll das Schwert nicht umsonst führen. Auch meinetwegen muß es sein. Denn sehen Sie, Herr Pastor, jetzt bin ich heiter und sicher und froh, hab heute nacht sogar gute Träume gehabt. Aber diese Träume und das Gefühl der Zuversicht und des Friedens habe ich nur, weil ich mir vorgenommen habe, dem Kaiser zu geben, was des Kaisers ist. Und auch Gott, was ihm gebührt. Ich will keinen hintergehen. Es würde sich auch nicht lohnen. Denn ... Sie wissens nicht ... ich aber erfahre es an mir: nach solcher Tat kann man nicht mehr leben.« Der Geistliche sah feierlich drein. »Tu, wie dir dein Herz gebeut. Du bist mein lieber Sohn. Wenn du die Kraft hast, dann geh zum Kirchspielvogt! Aber wie du dich auch entscheidest, ohne Trost und ohne ein gütiges Wort, ohne Trank und Speise lasse ich dich nicht.« – »Grete!« rief er zur Tür hinaus. »Grete«, befahl er, »heize flink in meinem Studierzimmer.« – »Da ist ein kleiner Kanonenofen, da wirds leicht warm«, wandte er sich an Franz. Wieder zum Mädchen: »Dann koch Kaffee und trag auf, was der Keller bietet. Und dann hol meinen grauen Anzug her.« – »Er ist mir ein bißchen eng«, redete er wieder gegen Franz, »er wird passen. Wir müssen uns aushelfen. Wenn man satt und warm ist und heile Kleidung anhat, dann hat man doch mehr Mut. Es ist auch würdiger. Satt und gut gekleidet, tut man einen schweren Schritt leichter. – Du bist heute mein Gast«, fügte er hinzu. »Vielleicht besinnst du dich anders und denkst, daß der liebe Gott dir auch so seine Gnade schenken kann. Dann bleibts bei meinem Angebot. Solltest du aber meinen wie jetzt, dann geh zum Kirchspielvogt! – Lieber Freund«, fuhr er fort und legte unserem Franz die Hand auf die Schulter. »Da stehst du mit einem gesunden Kopf auf graden Schultern und willst diesen Kopf der weltlichen Gerechtigkeit überantworten. Junger, tapferer Mann! Die Gnade des Herrn muß mächtig in dir sein, daß du das über dich vermagst. Es gibt nicht viele, die dir das nachtun. Ich war ein schlechter Geistlicher, daß ich dich flüchtig, dich schwach sehen wollte. Nun bin ich fast stolz auf dich. Vielleicht ist es besser, du bleibst deinem Vorsatz getreu und gehst zum Kirchspielvogt.« Franz ging zum Kirchspielvogt.   Es verging etwa ein Jahr, da war er am Ziel. Franz wurde zum Tode durch das Beil verurteilt. Einige der Grausamkeit jener Zeit entsprechende schimpfliche und quälende Nebenstrafen wurden von dem Landesherrn gestrichen. Mit dem Einwand, daß Inquisit in Wahnsinn gehandelt habe, wurde der Verteidiger nicht gehört. Der Vorwand, Franz habe den Tod seiner Mutter rächen wollen, fand bei dem Gericht überhaupt keinen Glauben. Die Beweggründe suchte man in dem Verhältnis zu Witten und was damit zusammenhing, hielt auch erb- und habsüchtige Motive nicht für ausgeschlossen. Von der Leichenuntersuchung der Frau Lisette wurde, als bei der Länge der Zeit zwecklos, abgesehen; bei Mutter Marieken ergab der Befund zur nicht geringen Bestürzung des Angeschuldigten, daß sie an einer Unterleibsentzündung, hervorgerufen durch einen Pflaumenkern, gestorben war. Er schien nicht einmal einen gerechten Grund gehabt zu haben. Der Gedanke stärkte schließlich aber nur seine Haltung. Er ging wie ein Sieger auf die Galgenwiese in die Arme seiner Mutter. Er kannte die Stelle. Der Gnade des himmlischen Richters fühlte er sich sicher... Als Vater auserzählt hatte, gings an schwarzen, in Weidenbüschen vergrabenen Gruben und Lachen vorüber vom Berg hinunter, dem Dorfe zu. Wir kamen in runder Biegung um einen unbebauten Platz. Unter Eichen wogten zwischen Steinklötzen lange, gelbgrüne, harte Grashalme im Morgenwind, und Ziegenböcke, langbeinige, schwarzbunte Tiere, wüste Bärte am Kinn, kauende, kletternde, mit listigen Augen nach dem Wagen schauende Kobolde grasten sie ab. Der ›Rattensteert‹ von Vaters Peitsche winkte heimlich hinüber. Gesprochen wurde nichts. Wir wußten: da war es gewesen. Ein Druck band die Gemüter; halb war es Andacht, halb Grauen, und noch lag es auf unsrer Gesellschaft, als die Hufe der Pferde das Steinpflaster des Dorfes schlugen. Aber als der Knecht des Gasthofs, als Johann sichtbar wurde, da verschwand es. Johann lachte immer über das ganze Gesicht, und Johann lachte auch heute. Er hatte immer eine blaue Futterschürze mit Bändern aus Messingketten um und warf einen Besen in die Ecke, oder stellte rasch einen Eimer weg, wenn wir in das Dielentor einbogen. Johann rief immer und auch heute lachend:»Godn Morgn«, und den schwitzenden Pferden die Stränge zu lösen, machte ihm unsagbares Vergnügen. Auf der Galgenwiese unter der Eiche, wo die Mutter den Ausgestoßenen, wo sie ihren Sohn in die Arme genommen hat, steht ein Granitstein. Das Schwert der Gerechtigkeit ist darauf eingemeißelt. In des Baumes Krone aber wohnt das Rauschen der Liebe.