Joseph von Lauff Springinsröckel Ein kurioser Roman vom Niederrhein 1 »Springinsröckel ...!« Holla, heda! was war das nur! Da wieder – aber lauter und schärfer: »Springinsröckel ...!« Alle Wetter! hatte da jemand gerufen? Eigentlich nicht! nur die blaugestrichene Tür an der Wirtschaft ›Zur Goldenen Kugel‹ klingelte auf – mit einem schrillen, impertinenten Geschrei, das kurz und abgerissen in dem nadelfeinen Schneegeknister verhallte. Der Große Markt war weißübersponnen. Ein scharfer Nordost trieb die bitterkalten Flöckchen eiligst zur Seite, wirbelte sie um die schmalstockigen Häuserzeilen und häufelte vor den Türschwellen flaumige Daunenpolster. »Prr! diese Kälte!« Die kleine niederrheinische Stadt konnte kaum atmen, so eisig schob der graue, dunstige Silvesternachmittag des Jahres 1861 seine winterlichen Launen über die fröstelnde Landschaft. Die alte Linde, die inmitten des geräumigen Marktes paradierte, erstarrte im Rauhreif, und vereinzelte Spatzen fielen tot von den Dächern herunter. Alles war mäuschenstill, verklammt, verlähmt in der kalten Einsamkeit, nur – wie gesagt: die blaugestrichene Tür an der Wirtschaft ›Zur Goldenen Kugel‹ klingelte auf – mit einem schrillen, impertinenten Geschrei, das kurz und abgerissen in dem nadelfeinen Schneegeknister verhallte. Gleichzeitig drehte sich ein kleines, zierliches Männchen, dem man ebensogut sechzig wie vierzig Jahre zubilligen konnte, ausstaffiert mit einem kegelförmigen Zylinder, einem silberbeknopften Bambus und einem braunen, wolligen Überrock, der in seiner aufdringlichen Farbe an die einer altmodischen Bunzlauer Kanne gemahnte, auf die Straße hinaus. Herr Aloys Furtwanger, Junggesell, emeritierter Aktuarius des Königlichen Friedensgerichtes, domiziliert in hiesiger Kirchengemeinde und wohnhaft auf der Grabenstraße, dem Altmännerhaus schräg gegenüber, hatte wie alltäglich in der ›Goldenen Kugel‹ zu Mittag gespeist, sein Schälchen Kaffee getrunken und mit dem gleichfalls auf Ruhegehalt gesetzten Schulmagister Pitt Kaldenhoven eine Partie Domino gespielt und trieb nun in dem sprühenden Schneegeriesel seinen heimischen Penaten entgegen. Wenn man Aloys Furtwanger ansah, mußte man lächeln, mußte man an etwas Drolliges, Pfiffiges, Wehmütiges denken, hatte man das Gefühl: in diesem eigentümlichen Menschenkind hat der liebe Gott ein sonderbares Wesen auf die Beine gestellt, und dennoch: Aloys Furtwanger war ein Mann der Milde und Güte, des Wohlwollens, des stillen Sinnierens, und seine Seele mutete an wie das schleierweiße Tafeltuch auf dem Altar der ›Sieben Schmerzen Mariä‹. Sein glattrasiertes Gesicht war wie das einer Spitzmaus. Niedlich saß es zwischen den steifen Vatermördern und hatte zwei humorvolle Augen, die in ihrem sanften und beschaulichen Glanz an die eines treuen Pudels erinnerten. Auf seinen schmalen Lippen lagen die Worte Paul Gerhardts »Wach' auf mein Herz und singe«, »Nun ruhen alle Wälder« oder das tiefernste »O Haupt voll Blut und Wunden«, während von Zeit zu Zeit ein Schmunzeln um seine Mundecken spielte, wie es die Abgeklärten an sich haben, die in der Wüste Thebais ihren Herrgott verehren. Die Hände tief in den Paletottaschen, den silberbeknopften Bambus unter der linken Achsel und den etwas fuchsigen Zylinder den glitzernden Schneekristallen zugekehrt, zog der quieszierte Aktuarius Herr Aloys Furtwanger still seines Weges. Seine Herkunft war dunkel, dunkel und geheimnisvoll wie das tägliche Erscheinen der Dohlengeschwader, die beim ersten Morgengrauen bis spät in den Mittag hinein den Kirchturm von Sankt Nikolai umkreisten, um dann wieder spurlos bei den purpurblauen Wäldern von Moyland unterzutauchen. Nichts Genaues war darüber in dem kleinen Städtchen ruchbar geworden. Die junge Generation wagte es überhaupt nicht, aus lauter Respekt vor dem artigen Sonderling und Eigenbrödler, dieses geheimnisvolle Dunkel zu lichten. Es kam ihnen vor wie die zarte Patina am großen Weihwasserkessel, in den noch die schöne Maria, Herzogin von Jülich, Berg und Kleve, ihre alabasternen Fingerspitzen getaucht hatte. Nur die älteren Leute steckten von Zeit zu Zeit die Köpfe zusammen. Sie wußten: war da vor vielen, vielen Jahren der Puppenspieler Herr Xaver Anastasius Furtwanger, gebürtig und ansässig auf dem Filder im Württembergischen, in das hiesige Städtchen gekommen. Er begann sein künstlerisches Programm mit der Genovevalegende, um sein Höchstes mit den Vier Haimonskindern und der rührsamen Geschichte von der schönen Magelone auf die Bretter zu stellen. Seine Tochter, ein wunderseltsames Mädchen, mit samtbraunem Haar und Augen wie Weichselkirschen, half ihm dabei und verstand es, den weiblichen Puppen, vornehmlich der schmerzensreichen Gemahlin des Pfalzgrafen, Leben und Bewegung zu geben. Mehrere Wochen zog Herr Xaver Anastasius Furtwanger mit seinem Thespiskarren in den benachbarten Ortschaften umher, erwarb sich Ruhm und klingende Münze, bis er sich sagen mußte: »Die hiesige Gegend ist abgegrast; du mußt deine Künste weiter rheinaufwärts verlegen.« Sein letzter Besuch galt dem kleinen Flecken Kranenburg, der an der holländischen Grenze gelegen war und mit seinem stiernackigen Kirchturm die weite Niederung beherrschte. Das war um die Zeit, als der Roggen blühte und ein warmer Duft alle Äcker erfüllte. Plötzlich verschwand er, wie von der Erde verschlungen, wie mit einer blanken Sense von der Koppel gehauen, um zu Beginn des folgenden Jahres wieder im hiesigen Kirchspiel unerwartet zu erscheinen – mit einem funkelnagelneuen Stück, wie er sagte, und von allen begrüßt und bejubelt. Am dritten Sonntag nach Epiphania stand denn auch an jeder Straßenecke zu lesen: »Aus besonderer Wertschätzung dem löblichen Publiko gegenüber, so mir schon früher treue Gefolgschaft gegeben, wird von mir am heutigen Abend punkt acht die Historie von Doktor Fausten, gebürtig zu Knittlingen bei Pforzheim, nebst Schmachspruch und Kehrab, zum unwiderruflich ersten und letzten Male aufgeführt werden. Hierzu bittet, schon des großen Nativitätenstellers und Nekromanten wegen, um zahlreichen Zuspruch – Xaver Anastasius Furtwanger vom Württembergischen Filder.« Die Vorstellung ging unter reger Teilnahme der gesamten kunstsinnigen Bürgerschaft vor sich. Alles schwamm in Wonne und Rührseligkeit. Als aber Herr Xaver, in seiner Eigenschaft als Gottvater, aus der Höhe niederdonnerte: »Dies iræ, dies illa!« und die Puppenspieler-Marie zu antworten hatte: »Herr, sei gnädig dem reuigen Sünder!« versagte ihr die Stimme, und ihr schönes Antlitz verfärbte sich und wurde bleich wie ein Sterbelaken. Noch am gleichen Abend wurde die Ärmste bei den Barmherzigen Schwestern gebettet, genas nach Monatsfrist in schweren Mutternöten eines prächtigen Knäbleins, um nach drei Tagen ihr fieberheißes Köpfchen in die Kissen zu legen und den Tod zu erwarten. Und der Tod kam als Freund und Erlöser. Unter allgemeiner Teilnahme wurde sie zur Ruhe getragen und dicht am Kalvarienhügel bestattet. Ihr großes Geheimnis aber hatte sie mit in die Grube genommen. Herr Xaver Anastasius Furtwanger – so erzählten die Leute – fluchte und wetterte nicht und verwünschte nicht sein trauriges Schicksal. Er haderte nicht, streckte auch nicht die Faust gegen die Verstorbene aus, um über die geworfenen Schollen zu rufen: »Marie, Marie ...! » Dies irae, dies illa...! « Auch forschte er nicht nach dem, der den Leib seiner geliebten Tochter entweiht und zerstört hatte. Er blieb stumm und gelassen, und die Seelenkundigen orakelten: »Drüben in seiner Heimat wird er vergessen.« Allein ihre gute und wohlwollende Meinung verwirklichte sich nicht, war in den Sand geschrieben, verwehte wie ein überständiges Blättchen im Herbstwind. Herr Xaver Anastasius Furtwanger sah den Württembergischen Filder nicht wieder. Kurz nach der Beisetzung seines einzigen Kindes lag er mit ausgestreckten Armen neben dem Hügel der vom Himmel Gesuchten. Seine Züge verklärte ein versonnenes Lächeln. Er schien glücklich zu sein. Nur das Seltsame war: aus seiner rechten Schläfe rieselte ein rotes, haarzartes Fädchen. Seine Seele war bei Gott, und eine feierliche Stimme war bei ihm: » Requiescat in pace. « Seit diesem Tage hatte die Stadt, da Vater unbekannt, für den kleinen Aloys zu sorgen. Eine ehrsame, wenn auch wenig begüterte Ellenkrämerin, Jungfer Miekske Beiderwand, wohnhaft am Bollwerk, nicht weit vom jüdischen Tempel, wurde gegen kärgliches Entgelt als Pflegerin des elternlosen Kindes angenommen, und sie waltete ihres Amtes mit rührender Einfalt und selbstloser Nächstenliebe, stündlich darauf bedacht, den kleinen Liebling wachsen und gedeihen zu lassen. Eine gütige Vorsehung griff dabei dem alternden Mädchen liebevoll unter die Arme, denn wie auf ein überirdisches Geheiß brachte alljährlich ein Engel des Herrn, und zwar in Gestalt eines schlichten Königlich preußischen Postbeamten, tausend Taler in das Häuschen am Bollwerk, die das armselige Miekske dazu verwandte, ihren Zögling zu einem gediegenen und würdigen Vertreter der menschlichen Gesellschaft heranzubilden, und auch hier, wie bei der Vaterschaft, war der Donator ein verschleiertes Bild, ein mit einem dichten Nebel umstrudeltes Wesen, das spendete und gab, ohne gesehen zu werden. Selbst bei Beginn dieser Geschichte, wo die Ellenkrämerin Jungfer Beiderwand schon längst das Zeitliche gesegnet hatte und Aloys Furtwanger als emeritierter Aktuarius des hiesigen Friedensgerichtes seine einsamen Tage verlebte, klimperten ihm prompt am Tag des heiligen Martinus tausend blanke preußische Speziestaler in die feinpolierte Kirschholzkommode hinein, und das alljährlich, ohne Spesen jeglicher Art, so aus heiterm Himmel herunter – und Aloys Furtwanger sagte sich jedesmal mit bedenklicher Miene: Virgils Georgica II, 490: »Felix, qui potuit rerum cognoscere causas . Glücklich, wer zu erkennen vermocht die Gründe der Dinge. Leider! im vorliegenden Fall bin ich nicht glücklich.« Aber dann wieder zitierte er die geflügelten Worte: » Amicus certus in re incerta cernitur . Den sichern Freund erkennt man in peinlicher Lage,« freute sich des rätselhaften Angebindes, das ohne Angabe des Absenders aus dem Holländischen kam, häufelte es sorglich zusammen und sagte, ohne weiter darüber nachzudenken: »Ich kann es gebrauchen, denn meine kärgliche Pension würde nicht reichen, mir die Rosen eines sanften Lebensabends um die Schläfen zu flechten. Nehmen wir hin, was Gott uns verstattet. Es hat den Rechten gefunden. Preis ihm und Dank ihm. Ich kann meine Tage in Beschaulichkeit und Ruhe beschließen.« Der Emeritierte war bis zum stattlichen Rathaus gekommen. Hier hielt er den Schritt an und schaute verloren über den Marktplatz. Welch selige Winterweihe! Welche Ruhe und Feier! Keines Menschen Fuß störte die bleiche Einsamkeit, keines Vogels Ruf ging durch die verhangenen Lüfte. Noch immer glitten die flaumigen Kristalle traumhaft zu Boden, dann und wann von einem scharfen Luftzug zur Seite getrieben. Die alten spanischen Giebel standen in Weiß, in Musselinschleiern, über und über gepudert und in langen Allongeperücken. Die Dämmerungen des Wintertages begannen schon ihre Garne zu spinnen. Aus der Tiefe der Kramläden glitzerten bereits rote, dunstige Lichter, obgleich die Turmuhr von Sankt Nikolai sich erst anschickte, die vierte Nachmittagsstunde über die verschwiegenen Dächer zu rufen. Der Silvesterabend warf seine Schatten voraus, benahm sich wie ein bissiges Frettchen und hauchte immer größere Eisblumen gegen die angefrorenen Scheiben. Feine Nebelstreifen wirrten sich um die Ziegelmauern des Rathauses und strichen eine schmale Gasse entlang, die zur Grabenstraße führte. In dieser Gasse stand ein winziges Häuschen, sauber gehalten und mit einem Schild über der Türe, auf dem geschrieben stand: »Spitzengeschäft und Feinplätterei von Röschen Jungklaas, Modistin.« Blütenschmucke Schirtinggardinen gaben den niedrigen Fenstern ein freundliches Aussehn, und hinter diesen Gardinen perlte die Kantilene eines Harzer Kanarienrollers, heimlich begleitet von dem sanften Klingen und Knistern schaukelnder Schneesternchen. Scheuen Blickes streifte der Aktuarius das vereinsamte Anwesen, denn er wähnte hinter dem im ersten Stockwerk gelegenen Fenster das Antlitz eines Mädchens zu sehen, eines ältlichen Mädchens mit Vergißmeinnichtaugen und langen Ringellocken, die nach Lavendelwasser zu duften schienen. Das Gesichtchen verschwand aber, als der Herr Aktuarius schärfer sondierte. Gleichzeitig tat sich die Tür auf, und eine resolute Frauensperson, strotzend wie eine Pfingstrose, in einem geblümten Rock, einen wollenen Seelenwärmer um die Schultern geschlagen und in spiegelblanken Holzschuhen, trat ihm kurz entschlossen und mit dem ganzen derben Einschlag eines niederrheinischen Menschenkindes entgegen. Man hätte des Glaubens sein können, sie wäre dem fidelen Jan Steen aus dem Rahmen gesprungen. »Besonders aufzuwarten, Herr Aktuarius, darf ich mir ein Wörtchen erlauben?« Ihre rotgoldenen Ohrgehänge klingelten. »Womit kann ich dienen, Jungfer Christine?« »Mit 'ner akkuraten Antwort, Herr Aktuarius.« »Dann müßte ich zuvor wissen, Jungfer Christine ...« »Ja so!« meinte die Alte und praktizierte ihre patschigen Hände in den gehäkelten Seelenwärmer hinein, »besonders aufzuwarten, das wäre schon richtig. Die Sache ist nämlich ... Sie werden gütigst entschuldigen ... aberst die Angelegenheit ist nicht so einfach zu sagen. Schon um dessentwegen nicht, weil es sich um Mamsell Röschen befindet.« Herr Aloys Furtwanger zeichnete mit seinem Bambus krause Figuren in den kalten Schnee, wobei es ihm etwas bänglich von den Lippen stolperte: »Sie ist doch nicht krank, Jungfer Christine?« »Besonders aufzuwarten – nein, Herr Aktuarius. Im Gegenteil: sie befindet sich in schönster Verfassung, läßt aberst fragen, warum Sie nicht mehr kommen tun täten.« Der Herr Aktuarius Aloys Furtwanger hatte in diesem Augenblick einen bitteren Geschmack auf der Zunge. »Wurde ich denn erwartet, Jungfer Christine?« »Aberst ich bitte Ihnen um tausend Gotteswillen, mein Bester! Sie tun ja wie ein heuriges Häschen und wissen doch selber: jeden Sonntag sind Sie Mamsell Röschen willkommen gewesen und sind auch erschienen, teils von wegen den Kaffee mit Waffelns, teils von wegen die Karten, um mit ihr 'ne Partie Sechsundsechzig zu spielen.« »Schon richtig, schon richtig, Jungfer Christine! aber die Zeitläufte, das traurige Wetter ...« »Besonders aufzuwarten, Herr Aktuarius, das sind keine Gründe.« Die Augen der behäbigen Dame begannen zu leuchten. »Nein, mein Gestrenger, das sind keine Gründe, absolut keine Gründe. Man muß sich ja scharnieren bei hellichtem Tage. Die Nachbarschaft hat schon ihre anzüglichen Galoschen verfertigt und Mamsell Röschen mit spitzigen Distelworten beleidigt.« »Aber ich bitte Sie, Fräulein Christine!« »Hier ist gar nichts zu bitten, mein werter Herr Aktuarius, absolut gar nichts zu bitten. Es fällt allgemein auf, daß Sie sich unsichtbar machen, so zu sagen in 'nem geisterhaften Zustand umhergehen, und sind doch sonst so'n liebevoller Freund und treues Faktotum gewesen ... allsonntags immer und die hohen Fest- und Feiertage gar nicht zu rechnen ... und das allzeit zu 'nem Kartenpartiechen und zu 'nem Schälchen mit Aufguß ... und nu seit Martini ist das mit einem Male alle geworden. Besonders aufzuwarten, ich bitte, das bedenken zu wollen, denn ich sage das vor Fräulein Röschen, um ihr die Estimierung und die Dekoration zu bewahren. Im übrigen hat sie mit die Sache gar nichts zu schaffen. Meinerseits aberst ... was ich vor mir aus erachte, das ist auf 'nem andern Brette verzeichnet und kommt jetzt an die Reihe.« Die komplette Dame fächelte sich Luft zu. Trotz der kratzigen Kälte und der schneidenden Schneekristalle war es ihr tropisch heiß unter ihrem Seelenwärmer geworden. Sie schnappte nach Atem und wetzte ihr Mundwerk. Aber Herr Aloys Furtwanger kam ihr zuvor und sagte mit scharfer Betonung einer jeden Silbe: »Jungfer Christine, ich bemerkte schon eben: Die unbequemen Zeitläufte, das traurige Wetter ... Aber das nicht allein. Sie müssen nämlich wissen, Fräulein Christine: ich bin zurzeit mit allerlei Dingen beschäftigt ... Erinnerungen aus verklungenen Tagen ... Sammlungen aus der Kerfenwelt ... Schnabelkerfe und andere Kerfe ... Ich registriere und sichte. Außerdem beschäftigt mich eine interessante Lektüre. So des Johannes Fischart ›Jesuiterhütlein‹, sein ›Glückhaftes Schiff‹, sein großartiges Prosawerk ›Gargantua und Pantagruel‹, ›Aller Praktik Großmutter‹ und vor allen Dingen seine prächtige ›Flohhatz‹. Inferner ...« »Halt!« machte Christine. Ihre blankgescheuerten Holzschuhe klapperten energisch zusammen. »Nein, meine Liebe, jetzt bin ich an der Reihe zu sprechen, habe ich die Verpflichtung, mir gegenüber und Mamsell Röschen gegenüber eine Lanze zu brechen, denn ich entnehme aus der Art und Weise, wie Sie mir begegnen, daß Sie gewillt sind, mir gewissermaßen eine Verfehlung in die Schuhe zu schieben.« »Das ist allerdings meine Meinung, denn um dessentwegen habe ich Ihnen aufgelauert, um Ihnen meine Ansicht zu sagen. Früher waren unsere Rodongkuchens und Waffelns von der äußersten Sorte, konnten Sie nicht genug davon kriegen, war Ihnen 'ne Partie Sechsundsechzig mit Mamsell Röschen so zu sagen zur zweiten Angewohnheit geworden, heutigen Tages hingegen ... Wo sind Ihre Visiten geblieben? Ihre liebreichen Worte? Ihre feinen Turnüren? Allens für nichts und die Katze. Seit Martini sind Sie nicht mehr über unsern Bordstein getreten, spielen den unsichtbaren Johannes, obgleich Sie sich tagtäglich zur ›Goldenen Kugel‹ begeben, um dort mit Mynheer Kaldenhoven die langweiligen Dominosteine aneinander zu schieben. Herr Aktuarius« – und ihre stattliche Büste ebbte auf und nieder wie eine getragene Dünung – »zwanzig Jahre hindurch bin ich bei Mamsell Röschen in Kondition und Stellung gewesen, habe ihre Feinheiten begutachtet und bin ihr stets liebevoll und freundlich unter die Arme gegangen – und da hat man doch ein gewisses Interesse daran, wie Sie sich hinsichtlich Ihrer sogenannten Freunde benehmen. Zum Beispiel ... Aberst ich will hier keine Namen benennen, sondern nur fragen: Wo haben Sie in all den traurigen Tagen gestochen?« Dem quieszierten Herrn lief es bald kalt, bald heiß über den Rücken. Er fühlte es selber: er hatte sich der Mamsell gegenüber ins Unrecht gesetzt, hatte etwas versäumt und war zweifellos der Etikette aus dem Wege gegangen, und hätte er sein Gewissen erforscht, so hätte er sich unter allen Umständen sagen müssen: » Mea culpa, mea culpa, mea maxima culpa «. Mein lieber Herr Aktuarius, du befindest dich auf Wegen, die nicht zu den hasenreinen gehören, du hast Nebengedanken und bist etwas in die Irre gepilgert.« – Allein er konnte und durfte diese Nebengedanken nicht auf den Präsentierteller legen, durfte seine geheimsten und verschwiegensten Regungen nicht so ohne weiteres der profanen Welt offenbaren, und daher, um als freier und unbekümmerter Mann zu erscheinen, warf, er sich steif in seine Bunzlauer Kanne hinein und sagte mit forcierter Stimme: »Jungfer Christine, meine Pfade sind die eines Gerechten. Ich habe nichts zu verheimlichen und nichts zu verdecken, und ich muß nochmals betonen: Jeder Mensch hat so seine eigenen Stunden, die ihm gebieten, sich wie 'ne Kastanie in einen Stachelmantel zu hüllen. Man kann nicht immer Karten mischen und Rodongkuchen essen. Es müssen auch Tage geben, die der inneren Beschaulichkeit dienen. So auch bei mir. Sammlungen aus der Kerfenwelt ... Schnabelkerfe und andere Kerfe ... ihr Leben und Treiben ... ihre Fortpflanzungsweise ... Spinnentiere und ihre Abarten ... menschliche Schmarotzer und solche, die es vorziehen, auf der Epidermis irgend eines vierfüßigen Geschöpfes zu vegetieren ... Ich registriere und sichte und habe darüber Mamsell Röschen vergessen. Dann ferner, was ich schon soeben bemerkte: mich beschäftigt zurzeit eine interessante Lektüre. So unter anderm des Herrn Johannes Fischart ›Jesuiterhütlein‹, sein ›Glückhaftes Schiff‹ und vor allen Dingen seine prächtige ›Flohhatz‹.« Ein abermaliges »Halt!« von seiten der energischen Jungfrau ließ ihn verstummen. »Herr Aktuarius,« sagte sie, bald aus dem Hochdeutschen ins Plattdeutsche übergehend und mit einer nicht mißzuverstehenden Klangfarbe in ihrer selbstherrlichen Sprechweise, »was Sie da präposionieren, ist ja recht schön und pläsierlich zu hören. Aberst mit Respekt zu vermelden und besonders aufzuwarten – das soeben Erzählte ... Eck weet dat niet en kann dat niet weete; mar dat weet eck : ich habe Ihnen gegenüber meine kriminellen Verdächte.« Ihre Augen wurden wie Teetassen, und ihre Halbkugeln gerieten in eine erregte Brandung. »Verdächte?!« rief Herr Aloys Furtwanger ganz aus dem Häuschen, trat einige Schritte zurück und sah auf Christine wie auf das Strafgericht Gottes. »Ja, meine kriminellen Verdächte.« »Gegen wen denn, Christine?« »Gegen Ihnen, mein Lieber, denn wenn einer einem schon mit 'ner Flohhatz unter die Augen begegnet und mit die anderen Fisimatenten, dann ist das gerade so, als wenn einer mit 'nem Messer in 'ne Speckseite hineinstößt und einem weismachen tut: ich will kein Stück davon haben und verzichte auf allens. Nein, mein hochverehrter Herr Aktuarius, Sie imponieren mir gar nicht, Sie können mir leid tun. Sie können Mamsell Röschen und mir ...« Da war's alle mit dem duldsamen Beamten. Der sonst so ruhige und insichgekehrte emeritierte Vertreter eines Königlich preußischen Friedensgerichtes hob den silberbeknopften Bambus wie einen Marschallstab in die Höhe und krähte: »Mamsell Christine, was soll ich und kann ich?! Was wollen Sie überhaupt von mir, und welche Unterstellungen versuchen Sie unter meine saubere Weste zu schieben? Ich bin doch nicht mit Röschen Jungklaas verlobt oder ihr nach dem Code Napoleon rechtlich angetraut worden! Ich bin ein freier Vertreter der bürgerlichen Gesellschaft, Herr meines Willens und ausschließlicher Anwalt meiner Neigungen und Abneigungen. Wollen Sie mir die ›Flohhatz‹ oder vielleicht die Lektüre des ›Jesuiterhütleins‹ des bedeutsamen und hochseligen Herrn Johannes Fischart verbieten? Oder aber bin ich vielleicht der von mir hochgeschätzten Dame in Gedanken, Worten und Werken zu nahe getreten, etwa im Sinne des Artikels 340 des französischen Gesetzgebers vom 20. März 1804, der da lautet« – und er knurrte ingrimmig in seine Vatermörder hinein: » La recherche de la paternité est interdite ? Ich bitte um Antwort, Jungfer Christine, um eine präzise und sachliche Antwort. Da Sie aber nicht imstande sind, mir diese verstatten zu können ... und daher: Schweigen Sie lieber, schweigen Sie unter jeder Bedingung, sonst: Herr Jeses nochmal! wo sollte das hinführen, wenn Sie versuchten, sich in dieser Hinsicht expektorieren zu wollen? Im übrigen« – und der erregte Herr schlug einen versöhnlicheren Ton an – »ich bin gerne bereit ... wenn meine Zeit es erlaubt ... genau so wie in früheren Tagen ... submissest und mit schuldigem Respekt zu vermelden ... Nun, Sie verstehen mich schon, Jungfer Christine. Seien wir Freunde, nehmen wir erneut die alten Beziehungen auf, selbstverständlich ohne Verpflichtung, ohne uns auf die Dauer vor Anker zu legen. Jedem seine persönliche Freiheit. Der Mademoiselle ihre Freiheit und mir meine Freiheit. Quod notamus lex est ,« und zum Zeichen dessen lüftete der zierliche, etwas vermickerte Herr seinen Zylinder mit einer leichten, aber äußerst zeremoniellen Grandezza. Über das pontakrote Gesicht der energischen Dame lief ein freudiges Leuchten. Die verbindlichen Worte des auf Ruhegehalt gesetzten Herrn waren auf fruchtbares Erdreich gefallen. Sie schmunzelte wieder, denn die früheren gemütlichen Plauder- und Dämmerstündchen, gehoben durch eine Partie Sechsundsechzig und diverse Schüsseln mit Waffeln und Rodongkuchen, stiegen vor ihr auf wie eine liebliche Fata Morgana, wie ein Bild der Verklärung. Sie dachte dabei an ihre Gebieterin, an Mamsell Röschen Jungklaas, und in gehobener Stimmung führte sie einen Zipfel ihres molligen Seelenwärmers gegen die tränenden Augen. In diesem Augenblick klimperten die dünnen und verwaschenen Töne eines Spinetts aus dem kleinen Häuschen herüber, wie die Stimmchen von Zwitschermäuschen, wie das ängstliche und verhaltene Piepsen von unflüggen Vögeln. Christine horchte auf und tat einen seligen Blick gegen den grauen Winterhimmel, der noch immer mit seinen Myriaden kalten Schneesternchen flinzelte. »Nu spielt sie die ›Klosterglocken‹,« seufzte sie still vor sich hin. »Nu ist sie wieder ganz Weihe und Wonne. Besonders aufzuwarten, Herr Aktuarius, nu denkt sie an Ihnen. Ach, diese Seele von Frauenzimmer, dieses Bildnis voll inniger Liebe!« und mit weicher Betonung setzte sie hinzu: »Ach, diese Klosterglocken! Dieser Vortrag! Diese sogenannte Kunstfertigkeit! Und das allens um dessentwegen. Eck weet dat niet en kann dat niet weete; mar dat weet eck: Herr Aktuarius, nu dürfen wir uns wieder in 'ner angenehmen Hoffnung befinden. Ich meine die mit die genüglichen Sonntagnachmittagsvisiten, die schummerigen Plauderstündchens und die knappigen Waffelns.« »Wir dürfen, wir dürfen, Jungfer Christine. Aber alles mit Vorsicht, mit einer gewissen Reserve, so zu sagen mit einer Rückversicherung auf die persönliche Freiheit. In diesem Sinne meine verbindlichsten Grüße, an Mamsell Röschen. Möge Sie einen behaglichen Silvesterabend verleben, gefestet in sich und im Gottvertrauen auf die kommenden Tage. Damit will ich mich empfohlen haben, Jungfer Christine.« »Merci und meinen gehorsamsten Ausdruck,« sagte die Alte, und sie verfolgte mit großen Augen den Abmarsch des gediegenen Herrn, der unter den spitzen Klängen der ›Klosterglocken‹ durch das schmale Gäßchen der Grabenstraße und seinen häuslichen Penaten zustrebte, und sie verfolgte ihn, bis er untertauchte in dem Gewirr und Geknister der eisigen Flöckchen. Als er ihren Blicken entschwunden war, kehrte eine gewisse Ernüchterung zurück. »Was hat er gesagt?« fragte sie sich nach einigem Nachsinnen. »Ja so,« meinte sie endlich. »Wir dürfen, wir dürfen. Aberst alles mit Vorsicht, mit einer gewissen Reserve, so zu sagen mit einer Rückversicherung auf die persönliche Freiheit. Kuck einer mal an! Er mag ja, wie Mamsell Röschen vermutet, ein gütiger und wohlwollender Herr sein, mit Complaisanzen und ähnlichen Dingen. Aberst ich kann mir nicht helfen: ich traue ihm doch nicht; er hat's hinter den Ohren und gibt uns Nüsse zu knacken, Pferdsnüsse mit glasharten Schalen. Dazu muß man 'nen Nußknacker haben.« So weit Christine. Dann drehte sie sich kurzerhand auf ihren blanken Holzschuhen herum und betrat wieder das Häuschen, über dessen Tür geschrieben stand: »Spitzengeschäft und Feinplätterei von Röschen Jungklaas, Modistin.« Hinter ihr miaute leise die Angel, gemächlich, langatmig, wie das feindrähtige Miauen eines spinnenden Katers hinter dem Ofen.   2 Röschen Jungklaas saß vor ihrem dünnwadigen, engbrüstigen Spinett und spielte die ›Klosterglocken‹ von Wely. Die grauen Schatten des kalten Wintertages häkelten sich bereits durch die niedrige Stube, allein es war noch immer hell genug, die einzelnen Gegenstände deutlich erkennen zu können. Alles gab sich schlicht und einfach, aber freundlich und seßhaft. In einer Ecke näselte ein blankgewichstes Öfchen, dessen Aufsatz zwei hellgescheuerte Messingschlangen umringelten. Ein großblumiges Sofa nahm die eine Längsseite des Zimmers ein, geschmückt mit perlgestickten Schonern und Schlummerrollen, so recht dazu angetan, ein gediegenes Mittagsschläfchen zu gewährleisten. Daneben stand eine opulente Glasservante, ausstaffiert mit Tassen und Täßchen, Vasen und Väschen und lieben Erinnerungen aus längstverblichener Jugendzeit, während sich auf der gemaserten Plattform ein ausgestopfter Kakadu breit machte, umgeben von Nippsachen, Ammonshörnern und großzinkigen Seemuscheln, die in allen Farben des Regenbogens perlmutterten. Darüber hing unter Glas und Rahmen ein amtliches Schriftstück, dessen Inhalt Röschen immer zum besten gab, wenn sie vornehmen Besuch hatte, und dann las sie mit Stolz und gehobener Stimmung und mit Augen, in denen ein helles Wasser glitzerte: »Wir Friedrich Wilhelm, von Gottes Gnaden König von Preußen, haben Uns bewogen gefunden, dem Steuerempfänger Franz August Kasimir Jungklaas in Anbetracht seiner großen Verdienste um Staat und Vaterland Unseren Königlichen Rothen-Adler-Orden vierter Klasse zu verleihen und ertheilen demselben über den rechtmüßigen Besitz dieser Auszeichnung das gegenwärtige Beglaubigungsschreiben mit Unserer eigenen Unterschrift und dem beigedrückten Königlichen Insiegel. Gegeben Berlin, den 14. Mai 1824. Friedrich Wilhelm. – »Und dieser Franz August Kasimir Jungklaas,« fügte alsdann Röschen hinzu, »ist mein Vater gewesen, und wäre es ihm verstattet worden, noch weiter zu leben und seinem wohlgeneigten König zu dienen, den Rothen-Adler-Orden dritter Klasse hätte er sich zweifellos auf die Brust heften können, sich selber zur Freude und seinem König zur Ehre,« und dann schluchzte sie still vor sich hin und hing das amtliche Schriftstück wieder an den vergoldeten Nagel, und es war eine Weihe und ein seliger Friede in der Stube des bereits gealterten Mädchens, wie nicht in der Kirche zu finden ... und jetzt saß Röschen Jungklaas vor ihrem magerstimmigen Spinett und spielte die ›Klosterglocken‹ von Wely, während der Kanarienvogel ganz sacht in die Weise hineindämmerte und spitze Schneekristalle gegen die Scheiben klimperten. Wie gesagt, Röschen zählte bereits zu den gealterten Jungfrauen, hatte Vergißmeinnichtaugen, straffgescheiteltes Haar und beiderseits zwei zierlich gedrehte Schmachtlocken hängen, die bei jeder Bewegung in ein gelindes Schaukeln gerieten. Die niedliche Figur steckte in einem bunten Kleidchen von Zitz, das sich über einer breitausgelegten Krinoline straffte und steifte. Die resedafarbigen Volants glitten über rahmweiße Strümpfe und Lastingschühchen mit Spitzen von Glanzleder. Alles an Röschen Jungklaas war wie aus dem Ei gepellt, war adrett und wie aus einem Raritätenkasten genommen. Ein Maßliebchen auf einer jungen Frühlingswiese konnte sich nicht lieblicher und freundlicher geben. Nur in ihrem bereits etwas verhutzelten Antlitz, das in jungen Tagen schön gewesen sein müßte und auch jetzt noch des Zaubers nicht entbehrte, standen Blicke, die von einer stillen Resignation und von schönen Hoffnungen erzählten, die sich bis jetzt nicht erfüllt hatten. Allein diese Augen waren gütig und menschenfreundlich und sprachen an wie die schönen Bibelworte, die da lauten: »Und da ich meinem Freunde aufgetan hatte, war er weg und hingegangen. Ich suchte ihn, aber ich fand ihn nicht; ich rief ihn, aber er antwortete mir nicht,« und wer genauer zusah, konnte auch heimlich drin lesen: »Alles verstehen, heißt alles verzeihen,« aber nur andeutungsweise, mit einem gewissen Vorbehalt und getragen von den Schwingungen einer ängstlichen Seele. Schon frühzeitig hatte es Röschen gelernt, ihre Hände zu regen und sich auf eigene Füße zu stellen. Die ihr nach dem frühen Tode der Eltern überkommenen Besitztitel waren nicht groß, aber sie verstand es, sie auszumünzen und sich hierdurch ein sorgenfreies Dasein zu schaffen. Ihr Geschäft rentierte sich, und ihr Ruf als Modistin wetteiferte mit dem ihrer gefeierten Kolleginnen in der benachbarten Kreisstadt. Für ihre Feinplätterei, in der mehrere junge Mädchen angestellt waren, hatte sie eine treffliche Stütze in Christine Jordans gewonnen, die nebenher den Haushalt besorgte, sich als die Getreuste aller Getreuen erwies und in Röschen das lieblichste aller lieblichen Wesen erkannte. In Röschen glaubte sie ihr Alpha und Omega gefunden zu haben, ein zärtliches Abbild echter Jungfräulichkeit, die Zierde der Stadt und die Krone aller Modistinnen zwischen Kleve und Xanten. Gewiß, ein zarter Lavendelduft umspielte bereits das liebenswürdige und honorige Mädchen, mehr als vierzig Jährchen hatten ihren blonden Scheitel berührt, und die niedlichen Krähenfüßchen um Augenwinkel und Mundecken waren nicht mehr fortzuleugnen; aber was sollte das alles?! Ihre Taille war wie die einer Wespe, ihr Lächeln wie das Lächeln einer Zentifolie, und wenn sie im Schmuck ihrer weitausgelegten Krinoline, angetan mit Kapotthütchen und seidenem Cachenez, ihre Lastingschühchen auf und nieder bewegte und in den Kirchenstuhl hineinwippte, dann steckten die Frauenzimmer die Köpfe zusammen und tuschelten heimlich: »Nein, dieses Röschen! Die Mamsell ist weiß Gott noch in der Lage, 'nen Mann glücklich zu machen« – eine Ansicht, die auch Christine Jordans vertrat, eifrigst verfocht und mit allen Mitteln einer gesunden Kombinationspolitik zu verwirklichen suchte ... und sie war dabei auf den quieszierten Aktuarius des Königlichen Friedensgerichtes verfallen, von dem schönen Grundsatz beseelt, die klugeingefädelte Angelegenheit habe aufzuspringen wie die Knospe einer köstlichen Christrose in stiller und glorreicher Weihnacht. Alles schien auch zu ihren Gunsten zu sprechen. Die angeregten Tee- und Kaffeevisiten nahmen ihren präzisen Verlauf, die knusperigen Waffeln animierten, und die verschiedenen Sechsundsechzig-Partiechen machten den Eindruck, als wenn sich zarte Bande zu flechten begönnen, als mit einem Male, so aus dem Nichts heraus und gegen alle Gepflogenheit, gegen Etikette und Anstand ... unglaublich und doch wirklich und wahrhaft geschehen: der Herr Aktuarius Aloys Furtwanger war seit Martini nicht mehr über Röschens Schwelle getreten und hatte selbst den Kirchenstuhl, den er sonst mit ihr zu teilen pflegte, ängstlich gemieden, eine unbestrittene Unterlassungssünde, die unangenehm auffiel und Veranlassung gab, das Freundschaftsverhältnis zwischen den allgemein geachteten Leutchen als wenigstens erschüttert hinzustellen. Vornehmlich hatte Christine schwer darunter zu leiden. Sie zermarterte und zerquälte sich und bot alles auf, die aus dem Leim geratenen Dinge wieder in Schick und Richte zu bringen. Soeben hatte sie damit ernstlich begonnen, hatte den Abtrünnigen zur Rede gestellt und klapperte jetzt, noch ganz benommen von der heiklen Szene, in die warmdurchkachelte Stube hinein, weißübersprenkelt von eisigen Flöckchen, die langsam in dem warmen Hauch des traulichen Öfchens zergingen. Die ›Klosterglocken‹ verstummten. Röschen erhob sich und sah ängstlich in das gerötete Antlitz der stattlichen Dame. »Nun?« fragte sie schüchtern. »Mamsell, ich habe ihm gegenüber meine unmaßgebliche Meinung geäußert.« »Wieso das?« »Eck hefft em geseit, aberst feste und mit allen Schikanen.« Ihre Stimme war wie die eines unnachsichtlichen Gerichtsbeamten geworden. »Das hätten Sie nicht tun sollen, Christine.« »Warum nicht? Dickfellige Karnickels und unsichere Kantonisten muß man an ihre Pflichten erinnern, sonst hat man das Nachsehen und kuckt in 'nen Kasten hinein, wo nichts mehr nicht drin sich befindet.« »Da haben Sie Ihre Rechte überschritten, Christine. Sie sollten in gütiger und sachlicher Weise ihm dartun, daß ich mich freuen würde, wenn die alten Beziehungen wieder Grund und Boden gewönnen.« »Ist promptens erledigt.« »Und daß es mir angenehm wäre, mit ihm an Sonn- und Feiertagen wieder Sechsundsechzig zu spielen.« »Auch dieses.« »Und daß er es aufgeben möchte, in auffallender Weise meine Person während des Hochamts zu meiden.« »Eck hefft em geseit,« wiederholte die Alte mit scharfer Betonung eines jeden Wortes und unter dem harten Geklingel ihrer rotgoldenen Ohrgehänge, »aberst nochmals gesagt: feste und mit allen Schikanen, denn Dingen, die nach einer gewissen Biesternis schmecken, muß man auch mit einer gewissen Biesternis seines Herzens begegnen.« »Mein Gott!« seufzte Röschen, »Sie sind doch nicht zu weit gegangen, Christine? Sie müssen immer bedenken: der Herr Aktuarius ist eine feinbesaitete Seele, ein Mann der Einsicht und des stillen Sinnierens. Sein Fühlen und Erwägen erinnert an den zarten Schmelz von Schmetterlingsflügeln, und seine Forschungen auf dem Gebiet der kleinen Tierwelt haben Anerkennung gefunden und sind in allermanns Munde.« »Ach, das mit die ›Flohhatz‹! Kann mir gar nicht imponieren, Mamsell, und das, was er mir von dem ›Jesuiterhütlein‹ erzählt hat, besagt nur zu deutlich, daß er auf 'nem minderwertigen christkatholischen Standpunkt herumturnt. Besonders aufzuwarten, Mamsell – es handelt sich hier um pressantere Dinge, und dessentwegen bin ich ihm äußerst deutlich gekommen.« »Dann haben Sie Ihre Anweisungen weit überschritten.« Über Röschens Antlitz flog ein ängstliches Zittern. »Woso denn?« begehrte die Alte auf und zog die Zipfel ihres gehäkelten Seelenwärmers straffer zusammen. »Er hat Ihnen doch ein reguläres Eheversprechen gegeben.« Röschen trat entsetzt einige Schritte zurück. »Was hat er gegeben?« fragte sie tonlos. »Ein Eheversprechen, gehorsamst zu melden.« »Nein,« sagte die Ärmste und betupfte mit ihrem Spitzentuch die geröteten Augen, in denen ein helles Wässerchen aufglitzerte, »ein solches hat er niemals gegeben.« »Aberst ein halbes, Mamsell?« »Auch das nicht. Es ist niemals davon die Rede gewesen, weder in Gedanken, noch in Worten und Werken.« »Nanu!« sagte Christine und tat so, als wäre sie aus allen Himmeln gepurzelt. »Nu wird's hellichter Tag oder stockfinstere Nacht, je wie man's nimmt. Er ist doch allsonntags bei Sie in der Guten Stube gewesen.« »Ich kann es nicht leugnen,« versetzte Röschen unter verhaltenen Tränen. »Und hat unsern Rodongkuchen, unsern piekfeinen Mokka und Peking genossen. Besonders aufzuwarten unsern Mokka und Peking von Harkopp \& Söhne.« »Auch das gebe ich zu.« »Dann müssen Sie auch zugeben, Mamsell, daß er mit Ihnen Sechsundsechzig gespielt hat, ganz solo, ganz mit Ihnen alleine und vielfach, wenn schön so'n angenehmes Schummern durch die Gardinen hindurchkuckte. Und wenn einer solches besorgt, wenn einer immerzu kommt, verliebte Nasenlöcher macht, unsere Waffelns mangiert und kein Licht haben will, wenn die Karten sich schon mit 'nem gewissen Düstern umziehen – wenn einer so was unternimmt und das mit einer, die als reines Mädchen ihre jungfräulichen Tage vertan hat, der hat ihr auch vor Gott und von Rechtswegen die Ehe versprochen.« »Mein Herr und mein Jesus!« schrie Röschen und mußte sich an ihrem Spinett halten, um nicht in die Knie zu sinken, »wie kommen Sie auf solche Geschichten, auf solche Beschuldigungen? Wer sagt Ihnen das? Wie wollen Sie das alles beweisen? Wer gibt Ihnen das Recht dazu, solche Ungeheuerlichkeiten auf die Lippen zu nehmen?« »Mein Standpunkt und mein gerechter Instinktus,« versetzte Christine, und die fünf Finger der rechten Hand lagen beschwörend auf ihrem stattlichen Busen. »Und warum er zeitweilig abgeschwenkt hat,« fuhr sie mit erhobener Stimme fort, »solches kann ich Ihnen auch belegen, denn ich gehöre zu denen, die ihre Beobachtungen machen, ohne dabei als 'ne neugierige Henne verschlissen zu werden. Sie müssen nämlich wissen, Mamsell« – und die resolute Person streckte sich hoch wie ein Scheumann im Kornfeld – »da steckt ein gewisses Faktotum dahinter. Und dieses Faktotum befindet sich in unserem eigenen Hause – und dieses Faktotum ist in unserer Feinplätterei beschäftigt – und dieses Faktotum benennt sich Nellecke und ist dem alten Kaptän Moritz van Dornick die seine, demselben Moritz van Dornick die seine, der im Altmännerhaus wohnt. Tür an Tür mit dem Leinweber Johannes Terstegen. Und das ist die Wahrheit, und so was kann ich auf meine erste heilige Kommunion nehmen und mit meinen zehn Fingern bekräftigen, so wahr mir Gott helfe von jetzt an bis in alle Ewigkeit, Amen.« Röschen war bleich geworden wie der Schnee, der draußen die Fensternische umglitzerte. Sie ließ ihre Lider herunter wie jemand, der willens ist, in weite Fernen zu lauschen. Dann aber: mit einem Ruck trat sie näher, griff nach der Hand Christinens und zitterte am ganzen Körper. Ihre lichten, vergißmeinnichtblauen Augen gerieten ins Flammen. »Und da wollen Sie behaupten, Christine, da wollen Sie sagen: dieses Fräulein van Dornick, der ich gut war und die ich wie meinen Augapfel hütete ...« Christine unterbrach sie mit einer großen Handbewegung. »Besonders aufzuwarten, Mamsell – von Nellecke will ich absolut nichts behaupten, denn sie soll ja so halber mit dem jungen Terstegen verlobt sein, der auf Schulmagister studiert hat und in Obermörmter 'ne powere Lehrerstelle bekleidet. Nein, von ihrer Seite ist keine Befürchtung zu hoffen. In dieser Beziehung muß ich Ihnen mit der kalten Schulter beglücken; denn sie hält Gott vor Augen und ihren Stand als Jungfer in Ehren. Aberst von seiner Seite, Mamsell, von dem Herrn Aktuarius seiner ... denn ich frage mir immer: Warum hockt er allzeit mit dem alten Moritz zusammen, der gotteslästerlich flucht, immerzu priemt und, wie Herr Johannes Terstegen behauptet, mal an seinem furiosen und immerwährenden Punschtrinken eingeht?« »Das sind keine stichhaltigen Gründe, Christine, die den Angefeindeten zu belasten vermögen.« Ihre Stimme fröstelte bei dieser Einwendung wie Espenlaub, und abermals tupfte sie sich mit ihrem Spitzentuch gegen die geröteten Augen. »Zugegeben, aber ein würdiges Sprichwort besagt: Wer die Tochter liebt, sucht die Mutter zu freien. Da aberst in vorliegendem Fall sich letztere nicht mehr auf Erden befindet, hat sich die Zuneigung auf den alten Moritz gewendet, der, wie ich annehme, mit dem Herrn Aktuarius äußerst dakkor ist. Und besonders aufzuwarten, Mamsell – sie hat ihm schon längst in die Augen gestochen, ich meine: sie ihm und nicht er ihr vom konträrigen Standpunkt, und darin liegt für ihn der Hase im Pfeffer, obgleich ich jetzt freundlicher denke, weil er auf meine richterliche Frage: Herr Aktuarius, nu dürfen wir uns wieder in der angenehmen Hoffnung befinden? gesagt hat: Wir dürfen, wir dürfen! – so daß wir annehmen können: die früheren Tage mit den netten Kleinigkeiten des Lebens sind wieder im Anzug, was ich für äußerst lieblich und bedeutsam ansprechen möchte.« »Und für Fräulein Nellecke,« setzte die Mamsell ergriffen hinzu, »lege ich meine Hände ins Feuer.« »Ich gleichfalls dito,« konstatierte Christine. »Auch für ihn,« folgerte Röschen in schmerzlicher Ergebenheit, »auch für ihn möchte ich dasselbe behaupten; denn alles in allem genommen: er ist mir von jeher ein liebevoller Freund und Berater gewesen, dabei ein Kavalier vom lautersten Wasser. Und wenn er meine Fingerspitzen berührte ... ich sage Ihnen, Christine, wenn er meine Fingerspitzen berührte ...« Ihre Worte erstickten. Sie mußte sich abwenden, um nicht von der Erinnerung überwältigt zu werden. »Ja, wenn er meine Fingerspitzen berührte ...« »Schon möglich,« sagte die Alte, »aber Vorsicht ist von jeher die Mutter des Porzellanschrankes gewesen. Wir müssen ihm gegenüber Beobachtung halten. Wir müssen zusehen, wie er sich mausert, und ob er gewillt ist, den alten, gediegenen Adam wieder gegen den neumodischen in Umtausch zu nehmen ... und die Zeit wird lehren, ob seine Plüschpantoffeln und Ihre feinen Saffianschühchen ...« »Um Himmelswillen! was wollen Sie damit sagen, Christine?!« freute sich Röschen und war nahe dabei, ihren verhaltenen Jubel laut werden zu lassen. »Allens was recht ist und was ich vor meinem Herrn und Erlöser verantworten werde,« versetzte Christine, »und damit will ich mich in die Bügelstube begeben und nachsehn, ob die Feinplätterei schon an die Herrschaften verschickt ist, denn morgen rufen sie: Prosit Neujahr! und müssen sich aufs Nobelste herausmunterieren. Mamsell, ich habe die Ehre.« So Christine, und als Röschen Jungklaas sich umsah, war sie allein in der Stube. Wie ein Wirbelwind drehte sich das Gehörte in ihrem Köpfchen herum. Sie wußte vorderhand nicht ein und aus. Sie mußte sich setzen, und sie setzte sich auf das blumige Sofa neben der schönen Glasservante mit dem ausgestopften Kakadu, den Ammonshörnern und großzinkigen Seemuscheln, die in allen Farben des Regenbogens perlmutterten. Gottergeben legte sie die Hände zusammen.Ihre feuchten Blicke fielen auf das amtliche Schriftstück, und sie dachte dabei an ihren heimgegangenen Vater, der Königlicher Steuerempfänger gewesen war und im Leben etwas vorgestellt hatte ... und ihre Gedanken gingen in längstverschwundene Tage zurück, wo sie unter vielen Mißhelligkeiten ihre Feinplätterei eröffnet hatte, ihr Spitzen- und Modeunternehmen, und sie konnte zufrieden sein mit ihrer geschäftlichen Tätigkeit, denn alles blühte und grünte um sie wie in einem Frühlingsgarten, und selbst der Herr Pastor sagte ihr bei jeder Gelegenheit: »Bei Ihnen, Fräulein Röschen, muß der liebe Gott gerne verweilen, denn er gibt Ihnen doppelt und dreifach und hat Sie erhoben unter den Modistinnen in der ganzen Umgebung« und dann verließ er sie stets mit einem gütigen Lächeln. Und ihre Sehnsucht trat leise über den Hausflur, glitt über den knisternden Schnee und verfolgte den Weg, den der Herr Aktuarius eingeschlagen hatte, ganz heimlich und unauffällig, eingemummelt und der Zukunft gedenkend. Sie schloß die vergißmeinnichtblauen Augen, während die Lippen einen Namen stammelten, der ihr schon seit Jahren lieb und teuer gewesen. »Aloys Furtwanger!« hauchte sie glücklich. »Ach, diese Melodik! So könnte ein Dichter heißen. Aloys Furtwanger!« und sie vergaß alles Leid, das er ihr durch sein Fernbleiben angetan hatte, und dachte nur an die zukünftigen Tage. – Inzwischen war der einsame Herr Schritt für Schritt über die Grabenstraße gepilgert, und zwar etwas benommen und verweht durch die Auseinandersetzungen, die er mit der alten Christine hatte durchfechten müssen. Wenn er sein Gewissen erforschte, so konnte er es nicht für ganz einwandfrei und selbstlos erklären. Das bedrängte ihn ernsthaft, obgleich er sich sagen mußte: »Strenggenommen habe ich mir nichts vorzuwerfen, habe nichts getan gegen Sitte und Ordnung und bin zeitlebens ein leidlicher und korrekter Beamter gewesen. Und das mit Röschen?! Freilich ist mir zeitweilig der Gedanke gekommen, ihr zuzuflüstern: Nun, meine Tochter, fürchte dich nicht. Alles, was du sagst, will ich tun, denn die ganze Stadt meines Volkes weiß, daß du ein tugendsam Weib bist. Aber dann wieder klang es mir zu: Sie ist schon aus dem ersten Schmelz heraus, ist in die sanfte und milde Atmosphäre der Kamille getreten, und wenn sie auch noch immer bezaubert: die Äpfelchen des Paradieses ... Leider, leider!« – und der kleine, zierliche Herr im Zylinder, das drollige Männchen, das in seinem braunen Überzieher wie eine Bunzlauer Kanne aussah, wurde alert und übermütig, schlug mit seinem Rohrstock eine sirrende Volte und sagte: »Leider, leider! denn mein Herz sehnt sich nach Betätigung, nach Anmut und Jugend, nach kerniger und blühender Jugend.« Ach, Gott, ja! die Auferstehung des Fleisches war in ihm, und sie entfaltete sich in der harten Luft wie ein klingelndes Schneeglöckchen in laulichen Märztagen, und dann wieder wurde er im Weiterschreiten ernst und nachdenklich und bröselte still vor sich hin: »Indessen jedoch, du bist unvorsichtig und unbedachtsam gewesen, hättest die Etikette beobachten müssen und die gewohnten Visiten nicht einstellen dürfen. Dieses Verhalten – das ist dein Fehler, deine Unbesonnenheit und dein großes Unrecht gewesen. Aloys Furtwanger, emeritierter Aktuarius am hiesigen Friedensgericht, das muß anders werden, ganz anders ...!« Aber was half ihm das alles? Die heiße innere Glut gewann abermals die Oberhand, und trotz Winterweh und Winterleid begann das vermickerte Kerlchen hellauf zu singen: »Rundgesang und Gerstensaft Lieben wir ja alle; Darum trinkt mit Mut und Kraft Schäumende Pokale! Bruder, deine Liebste heißt ...?« Er schickte sich an, den Namen seiner Angebeteten durch die frostigen Schneekristalle zu rufen, als er jählings verstummte, wie Zacharias, der Oberpriester, verstummte, als er den Rauchaltar des Herrn bediente, denn ein dralles, schmuckes Mädchen überholte ihn, grüßte und ging eiligst vorüber – ein Mädchen in derben Schuhen, aber leicht gefesselt, kerzenaufrecht, rosig überhaucht und die straffe Büste von einer schlichten, wollenen und mit Kaninchenfell verbrämten Jacke verhüllt – ein Mädchen, als schritte ein lachender, lockender Frühlingstag durch den vergrämelten Winter ... und trug ein Körbchen mit geplätteter Wäsche im Arm, und wandte sich dem Altmännerhaus zu, wo es bald darauf im Portal des weitläufigen Gebäudes verschwand, um nicht mehr gesehen zu werden. »Nellecke!« flüsterte er mit verzückten Augen, schlug zum andern eine sirrende Volte mit seinem silberbeknopften Rohrstock und sagte mit erhobener Stimme: »Ha, das war sie, da ging sie! Herz, was willst du noch mehr?! Und dieses mein Herz sehnt sich nach Betätigung, nach Anmut und Jugend, nach saftigen und prallen Weinbeeren!« und dann Hub er wieder zu singen an: » Toujours fidèle et sans souci, C'est l'ordre du Crambambuli! Darum trink mit Mut und Kraft Schäumende Pokale! Bruder, deine Liebste heißt ...? Nellecke!« gab er sich selber die Antwort. »Nellecke, Nellecke!« Er rief es laut und gediegen, und er konnte auch laut und gediegen rufen, denn er war allein auf weiter Flur und niemand war bei ihm, der imstande war, ihm das süße Geheimnis vom Munde zu nehmen. Nur die spitzen Schneesternchen hasteten lautlos vorüber und betteten sich auf die weiße Decke, die immer höher und flaumiger wurde. Herr Aloys Furtwanger war nicht wieder zu kennen. Unentwegt hingen seine Blicke an dem grauen Gemäuer, dessen Giebel und gewalmte Dächer dunstig in den Abendhimmel hineinwuchsen. Das Altmännerhaus war ein Gebäude aus dem fünfzehnten Jahrhundert, aus Klinkern gefügt und zur Förderung der Heiligen, zur Mehrung und Erhöhung der gottesdienstlichen Feier und zur Verwandlung des weltlichen, vergänglichen Gutes in geistliches, unvergängliches um Jesu Christi willen von dem Herrn Provisor Balthasar Heysing und seiner Herzallerliebsten, der ehrsamen Frau Maria Salomea, gestiftet und den bresthaften Menschen dargebracht worden. Über dem Hauptportal befand sich ein Bildstock des mannhaften Ritters und Drachentöters Sankt Georg. Darunter stand in Stein gemetzet zu lesen: » Hic habitat pauper, dives miserere precantis; Da, centena dabit restituetque Deus, « welches der hochedle und wohlgelehrte Landdechant hujus loci , Herr Stephan van Hag, also verdeutschte: »Siehe, hier wohnet der Arme; du, Reicher, erbarme dich seiner; Gib! denn hundertfach weist Gott dir ja alles zurück.« So der achtbare und löbliche Herr Stephan van Hag. Aber nicht nur bedürftige und bresthafte Leute fanden hier liebevolle Aufnahme, sondern auch solche, die den Lebenssturm und die Anfechtungen des Daseins hinter sich hatten, die sich nach Ruhe sehnten und willens waren, gegen Hinterlegung ihres Ersparten die geruhsame Nacht zu erwarten und die goldenen Bilder, die ihnen die Anschauung des ewigen Gottes verhießen. Zu diesen gehörte auch Moritz van Dornick, der Schiffskapitän, der Jahrzehnte hindurch den Kohlenfrachter ›Maria, sei mit uns‹, in Firma Matthias Stinnes \& Söhne, zwischen Duisburg-Ruhrort und Rotterdam betreut und geführt hatte, und der hochbetagte Leinweber Johannes Terstegen, dessen Sohn Lambert im benachbarten Obermörmter als Lehrer fungierte. Die beiden Herren wohnten Tür an Tür und hatten mit Aloys Furtwanger innige Freundschaft geschlossen, und weil nun Moritz van Dornick ein wäscheblaues Zimmer, Johannes Terstegen ein weißgekalktes innehatte, so hieß jener im Volksmund allgemein der ›blaue‹, dieser der ›weiße Mynheer‹, zwei Titulaturen, die sie mit einer gewissen Selbstverständlichkeit und Würde zu tragen verstanden und sich ehrlich freuten, also angesprochen zu werden. Im Erdgeschoß des weitläufigen Gebäudes, und zwar hinter dem dritten und vierten Fenster von rechts gerechnet, hatte sich Moritz vor Anker gelegt, und diese Fenster waren es gerade, die der Herr Aktuarius mit einem besonderen Wohlgefallen betrachtete und von denen er sich nicht losreißen konnte, obgleich sie nichts Merkwürdiges zeigten, es sei denn, daß man die beiden strotzenden Meerzwiebeln, die in braunglasierten Töpfen hinter den angelaufenen Scheiben standen, als solches hinnehmen wollte. Auch die sauberen Vorsetzer boten keinen nennenswerten Reiz dar. Schlichte Häkeleien ... und dennoch beäugte er sie, als müsse er die umsponnenen Rahmen wie mit Nadelspitzen durchstechen, um hinter ihnen das entschleierte Bild von Sais zu finden. Endlich setzte er sich wieder in Bewegung. Nur noch einige Schritte und er hatte sein Anwesen erreicht, das wie eine Nürnberger Spieldose aussah, gelblich gestrichen und mit krapproten Fensterläden versehen. Es lag dem Altmännerhaus schräg gegenüber und gerierte sich zwischen den übrigen Häusern wie ein Teltower Rübchen, das sich unterfing, mit dickleibigen Zuckerknollen Freundschaft zu halten. Es erinnerte an eine Arche Noah, an eine Kokosnußschale, an ein winziges Ding, von dem man nicht wußte, was man seiner Kleinheit wegen eigentlich damit anfangen sollte. Trotzdem machte es einen behaglichen und wohnlichen Eindruck, tat zier und zimperlich und blinkte wie die vergoldete Schnupftabaksdose des Herrn Bürgermeisters, die, wenn er sie aufklappte, schöner glitzerte als die blanke Scheibe des ansteigenden Mondes. Herr Aloys Furtwanger hatte seinen Drücker gezogen. Inzwischen war es noch grimmiger und kälter geworden. Die Schneesternchen fielen emsiger und dichter. Der Dezembernebel kam weißer herauf. Wie verwaschene Tücher senkten sich die Schatten des Silvesternachmittages über Giebel und Dächer. Der Laternenmann ging schon von Straße zu Straße, um die Lampen in den öffentlichen Laternen ins Leuchten zu bringen, wenngleich man auch noch nicht sagen konnte: Es ist Abend geworden. Nein, es war noch nicht Abend geworden. Es war noch immer sichtig, wenn auch diesig auf Erden. Aloys war gerade dabei, den eisernen Bart im vereisten Schlüsselloch knarren zu lassen, als drüben im Erdgeschoß des Altmännerhauses ein Fenster aufgerissen wurde und eine verrostete, aber mächtige Stimme ertönte: »Auf ein Wörtchen, Herr Aktuarius. Heda, hallo!« Der Angerufene wandte sich um. Moritz stand drüben im Rahmen und gestikulierte, was das Zeug halten wollte. »Heda, holla!« rief er noch einmal. »Was soll's, Herr van Dornick?« gab der Verdutzte zurück, noch immer den Drücker im Schlüsselloch. »Wir lassen Sie bitten, ich und der weiße Mynheer!« »Weshalb denn?!« »Menschenkind!« brüllte ihm Moritz entgegen, aber mit einer Stimme, die imstande war, einen gestrandeten Dreimaster wieder flott und segeltüchtig zu machen, »Sie könnten doch eigentlich wissen: Silvester und so! Für Punsch und Futterage ist bestens gesorgt ... und da müssen Sie kommen ...« »Wenn ich denn als Partner, beziehungsweise als stiller Teilhaber ... das heißt auf mein eigenes Konto ...« »Blexem! Immer toujours wie Sie wollen! Aber wir bitten uns aus: in meiner Behausung. Punkt acht wird begonnen.« Damit war auch schon das braunrote Gesicht des alten Herrn hinter dem zugeschlagenen Fenster verschwunden. Gleichzeitig wurde von irgend einer Seite laut und deutlich gerufen: »Springinsröckel!« – ein Name, auf den der Herr Aktuarius hörte wie die Spiegelkarpfen auf den Ton einer Schelle. Warum? Das soll uns das folgende Kapitel erzählen. Er wandte den Kopf, sah aber niemand. Er mußte sich getäuscht haben. Da staubte er sorgfältig den Flutterschnee von seinen Beinkleidern und Schuhen herunter, drehte das Schloß um ... und Aloys Furtwanger, auch ›Springinsröckel‹ geheißen, trat vorsichtig und sacht über seine Schwelle.   3 O dieser Friede, diese Weihe, diese Sauberkeit und diese peinliche Ordnung in dem bescheidenen Zimmer, das der Herr Aktuarius jetzt betreten hatte! Drüke Anstoots, die Aufwartefrau, die täglich einige Stunden herüberkam, um dem einsiedlerischen Junggesellen das Anwesen unter Lack und Firnis zu halten, war eine gütige Fee, ein Tischleindeckdich, ein Heinzelweibchen, und dabei hatte dieses Heinzelweibchen zweihundert Pfund klevisch Gewicht auf ihre Schultern geladen, war steif wie eine Siegellackstange und dennoch befähigt, wie eine Angorakatze über die Dielen zu gleiten. Unter ihren Händen formte sich alles wie bildsames Wachs, wurde jedes Stäubchen beseitigt, hatten die Spinnentiere kritische Tage erster Ordnung durchzumachen, rumorte das Kanonenöfchen wie ein übermütiger Kobold, strebte auch das Kleinste und Geringfügigste dahin, das unscheinbare Tuskulum zu einem Tempelchen der Freude und des Behagens herzurichten. Und so auch heute. Der blankgewichste Wärmespender hatte zartglühende Bäckchen. Dicht neben ihm erhob sich ein Stuhl, über dessen Lehne der Schlafrock des Herrn Aktuarius so zurecht gelegt war, daß sein Inneres die molligen Strahlen aus unmittelbarer Quelle in Empfang nehmen konnte. Die gestopfte Pfeife stand neben der Schreibkommode. Der Fidibusbecher befand sich in Reichweite. Ein Schwefelhölzchen war in seinem Döschen so eingeklemmt worden, daß man es sofort zur Hand hatte, um Feuer zu schlagen. Die Rübsenöllampe fußte, zum Anzünden fertig, unmittelbar neben dem porzellanenen Fidibusbecher. Kurz, es war alles geschehen, dem Siedelmann die späten Nachmittagsstunden des Silvestertages so angenehm wie nur möglich zu machen. Er quittierte dieserhalb auch mit einem dankbaren Lächeln, legte Stock, Hut, Überzieher und den Bratenrock im Nebenzimmer ab, hüllte sich in die Falten des mit Flanell-gefütterten Schlafrocks, setzte die Pfeife in Brand, drückte sich in den bequemen Lehnstuhl hinein, der die ganze Fensternische ausfüllte, und sah auf die Grabenstraße hinaus, die immer dunstiger, insichgekehrter und vereinsamter wurde. Nur wenige Menschen gingen vorüber. Obgleich sie Holzschuhe an den Füßen trugen, verloren sich ihre Schritte wie das Wuchteln von Fledermausflügeln, so sacht und geheimnisvoll sogen die gespreiteten Daunendecken jedes Geräusch ein, auch das geringste, das etwa versuchte, wie ein Mäuschen zu zwitschern. Die gegenüberliegenden Giebel erinnerten an vermummte Gestalten. Was diese dunklen Mauern nicht alles umschlossen! Ein wenig Freude, ein wenig Sorge und viele Gedanken und Hoffnungen für die Tage des kommenden Jahres, das feierlich heraufschwebte und schon verständnisinnig mit den Glocken fummelte, als wenn es sagen wollte: »Wartet nur ab, bald hat meine Stunde geschlagen. Ihr werdet wissend werden und weinen und lachen, je nachdem die herben und freudigen Lose eure Schwelle betreten.« Schon hier und da hellten etliche Fenster auf, so die beim blauen Mynheer und die bei seinem bejahrten Nachbar, dem Leinweber Johannes Terstegen. Ein paar andere Lichter kamen gerade von der Straße. Es waren die Laternen, die das Altmännerhaus auf beiden Seiten flankierten. Mächtige Dunstkreise hüllten sie ein, und in diesen Dunstkreisen spielten unzählige weiße Fünkchen, gleich Millionen von Eintagsfliegen. Sie glänzten wie Silber. Aloys Furtwanger verfolgte das geschäftige Treiben mit wachsamen Blicken. So vergingen Viertelstunden um Viertelstunden. Von dem nahegelegenen Rathaus brummte die Turmuhr. Erst fünf! und ringsumher hatten sich schon graue Fäden und Garne gesponnen. In der kleinen Stube zerflossen die Gegenstände. Tische und Stühle und die vollgepfropften Bücherregale waren kaum noch zu sehen. Alles verträumt und verschlafen! Nur das kleine Öfchen schaffte wie ein emsiger Pyrotechniker, funkte und spritzte und ließ helle Partikelchen in den Aschenkasten purzeln. Bei jedem Niedergleiten lief ein helles Blinkfeuer über die blankgescheuerten Dielen. »Wollen man Licht machen,« sagte der Aktuarius, erhob sich aus seinem Sinnen und Träumen, zündete den Docht an und setzte sich wieder. Jetzt erstrahlte der ganze Raum in lieblicher Reinheit. Eine Fülle der Dinge kam zum Vorschein, die das Auge verwirrte. Wohin man auch sah – überall wegte und regte es sich wie in dem Laboratorium eines Zauberkünstlers. Man wähnte bei einem Gelehrten zu sein, bei einem Weltweisen, bei einem, der die Quadratur des Zirkels zu ergründen suchte, bei einem, der mit versunkenen Weltperioden auf du und du stand und sich mit der winzigen Tierwelt befreundet hatte, als wenn er ihre Sprache und die Gesetze ihrer Lebensbedingungen verstünde. Schachteln bei Schachteln und Kästchen bei Kästchen! Zwischen allerlei Gesteinarten, bei verkieselten Farnen und Moosen, den Blattnarben der Sigillarien und ähnlichen Gewächsen der Urzeit befanden sich Abdrücke von Rädertierchen und Echinodermen, zierlich geordnet und bereichert durch einen Gipsabguß von Scheuchzers Homo diluvii testis , eine Rarität erster Ordnung, die er dem Wohlwollen eines befreundeten Geologen verdankte. Und dann wieder ... auf Stellagen und Anrichten reihten sich kleinere und größere Glaskasten nebeneinander, angefüllt mit den Präparaten von Käfern und Immen, von Netz- und Gitterflüglern, von Schnabelkerfen, Spinnentieren und Asseln – eine Welt für sich, wunderseltsame Formen und Gegenstände, registriert wie die Akten bei einem Königlichen Friedensgericht, während eine gewählte Bücherei die Wände bedeckte: gesuchte Editionen, voluminöse Bände, teils naturwissenschaftlichen, teils klassischen Inhalts, so, wie bereits gemeldet, des Johannes Fischart ›Jesuiterhütlein‹, das ›Glückhafte Schiff‹, ›Aller Praktik Großmutter‹ und die vielgelesene ›Floh- *hatz‹; dann Achim von Arnims sämtliche Schriften und die seines Schwagers Clemens Brentano, ferner des krausen und gespensterhaften E. T. A. Hoffmann gesammelte Werke mit den köstlichen Tondruckbildern von Theodor Hosemann; vor allen Dingen Shakespeares Dramen, übersetzt und niedergelegt von Johann Joachim Eschenburg, weiland Literaturhistoriker und Professor am gefeierten Carolinum zu Braunschweig. Des Herrn Zachariä Dichtungen schlossen sich an. Ihnen gesellten sich die von Pfeffel und Gellert, von Ebert und Hagedorn und die des trefflichen Papas Gleim, und wenn dessen ›Preußische Kriegslieder von einem Grenadier‹ der Herr Aktuarius in die Hände bekam und seine Blicke auf das ›Siegeslied nach der Schlacht bei Lowositz‹ fielen, dann nahm er einen martialischen Schritt an, deklamierte frisch von der Leber herunter und schlug mit der Pfeife den Takt dazu: »Gott donnerte, da floh der Feind! Singt, Brüder, singet Gott! Denn Friederich, der Menschenfreund, Hat obgesiegt mit Gott. Auf einer Trommel saß der Held Und dachte seine Schlacht, Den Himmel über sich zum Zelt Und um sich her die Nacht. Großartig, was?!« und er rezitierte den gewaltigen Kantus bis zum letzten Vers herunter. Sein liebstes Buch aber blieb dennoch besagten Johannes Fischarts launige ›Flohhatz‹ oder der ›Wunder Unrichtige und Spottwichtige Rechtshandel der Flöhe mit den Weibern. Weiland beschrieben durch Huldrich Elloposcleron, auch Jesuwalt Pickhart benamset‹, ein seltener Erstdruck aus dem Jahre 1573, in Leder gebunden und ediert in der Offizin von Bernhard Jobin in Straßburg. Dort lag es, das Büchlein, ihm gerad gegenüber, auf einer sauber gespreiteten Kommode aus Kirschbaumholz, mitten zwischen einem Kunterbunt von winzigen Sachen und Sächelchen, von denen man auf den ersten Blick so recht nicht wußte, wozu und warum man sie eigentlich ins Leben gerufen hatte. Da waren niedliche Wippen und Schlitten, ein Karussell mit Pferdchen und Gondeln, Kanönchen und Kutschen, Drehörgelchen und Rutschbahnen, klitzekleine Trommeln und Schubkarren – alles aus Kartenblättern geschnitten, zusammen gepappt und mit seinen Gold- und Silberfädchen durchsponnen. Die meisten Gegenstände befanden sich unter umgestülpten Wein- und Wassergläsern, denn sie waren so minuziös und windig verfertigt, waren so leichtgeflügelt, daß der geringste Lufthauch sie auf Nimmerwiedersehen hätte fortführen können. Und was das Lustigste schien: hinter diesen Sachen und Sächelchen, dicht an die Wand gerückt, stellte sich eine mit grünem Papier überkleisterte Schachtel, eine Art von Berglehne, die mit kleinen Holzbäumchen umstellt war, ähnlich denen, wie man sie in den Nürnberger Spieldosen findet. Auf diesem improvisierten Hügel nun, inmitten der spinatgrünen Bäumchen, ragte eine Art von Luginsland auf, ein putziges Etwas mit Türmchen und Giebeln, mit Türen und Fallgattern, auf dessen höchster Zinne sich eine Flaggenstange erhob, von der doppeltes Tuch in schwarz-weißen Kulören herunter bammelte. In diesem köstlichen Bauwerk lebte und wirkte ... Ihr müßt nämlich wissen und ich erzählte bereits: der Herr Aktuarius war ein Stoiker und Bastler, ein tiefgründiger Kenner der Naturwissenschaften. Vornehmlich liebte er es, sich mit der Kerfenwelt ins Einvernehmen zu setzen, und als er eines Tages die ergötzliche, kuriose und lehrreiche ›Flohhatz‹ gelesen hatte, schloß er innige Freundschaft mit einem besonders tüchtigen, kräftigen und lebensfähigen Vertreter der Kavaliere im braunen Leibfrack, einem prächtigen Pulex irritans , dem exzellentesten Turner und Akrobaten, der ihm je vor Augen gekommen, belehrte ihn nach bestem Können und Wissen, sprach mit ihm wie mit einem denkenden Wesen und fühlte sich veranlaßt, ihn seiner Springkünste und seiner sonstigen Fertigkeiten wegen ›Springinsröckel‹ zu nennen. Nicht dieses allein. Er tat noch ein übriges, schnitt und kleisterte aus Visitenkarten das erwähnte Luftschloß zusammen, illuminierte es mit den passenden Farben und wies dieses Anwesen, unter dem Titel ›Villa Springinsröckel‹, seinem verzogenen Liebling als Wohnsitz an, was dazu beitrug ... Gott, die Menschlein sind heute so komisch, haben ihre Schrullen und Absonderlichkeiten und können sich nicht genug daran tun, ihre heimlichen Glossen und niedlichen Sticheleien an den Mann zu bringen! Denn es währte nicht lange, da klebte dem ehrenwerten Herrn Aktuarius der Name der Villa am eigenen Leibe, was dann wieder den Autor dieser kuriosen niederrheinischen Geschichte veranlaßte, der gegenwärtigen Erzählung den Titel ›Springinsröckel‹ zu geben ... und nun saß Herr Aloys Furtwanger, auch Springinsröckel geheißen, in seinem Lehnstuhl am Fenster, wölkte seinen A. B. Reuter durch die lichten Filigrannetze der Rübsenöllampe, dachte an Röschen Jungklaas und dann wieder an Nellecke, machte die große Pilgerfahrt in sein vergangenes Leben und in die Tage, die ihm noch bevorstanden, ließ sich von den Ahnungen des späten Silvestertages umschauern und sagte still vor sich hin: »Also heute Abend bei Moritz! Auch der weiße Mynheer ist geladen. Treffliche Menschen die beiden! Trefflich, sehr trefflich! Vielleicht auch ... Ach, wenn sie doch käme!« Er verschluckte die letzten Worte, wagte den schönen Gedanken nicht auszudenken, erging sich vielmehr in Dingen und Erinnerungen, die sich mit seiner eigenen Person und seinem eigenen Dasein beschäftigten, während die Tabakwölkchen sich allmählich verzwirnten, verwebten und ineinander flochten, um schließlich zu einer straffen, weißen, transparenten Fläche zu werden. Und siehe: auf dieser weißen, straffen, transparenten Fläche ließ eine unsichtbare Wunderlaterne allerlei Bilder erscheinen, heitere, sonnige Bilder und solche, die anmuteten, als wenn sie durch einen kalten, regnerischen, vergrämelten Novembertag zögen. Nicht lange – und der Herr Aktuarius Aloys Furtwanger schrumpfte zusammen, wie von einer Wünschelrute um Jahrzehnte rückwärts gezaubert. Er wurde immer unansehnlicher und zwerghafter, er wurde zu einem ganz kleinen Jungen mit semmelblonden Haaren und großen Brombeeraugen – und er sah sich in einem Laden stehen, wo eine herzhafte, biedere und zupackende Ellenkrämerin, die sich Miekske Beiderwand nannte, hinter einer schmalen Theke hantierte, ihrer Klientel Band, Litzen und Kattunstreifen zumaß und dabei immer noch Zeit hatte, dem Kleinen über die lichten Haare zu fahren und ihm die gütigen Worte zu sagen: »So, Aloys, nun geh' man. Nun geh' man zur Schule. Nun wird's Zeit, denn es macht schon auf zweie. Jetzt lerne recht tüchtig, auf Avkat oder so was. Oder gar auf Heerohme. Dann freut sich auch deine selige Mutter im Himmel.« Hierauf wandte sie sich an die umstehenden Bauernfrauen und Hökerweiber und fügte erklärend hinzu: »Er ist nämlich das Söhnchen von der Puppenspieler-Marie; wissen Sie: von derselben schönen Marie, die hier die Püppchen tanzen ließ und dann elendiglich einging, als sie bei den Barmherzigen Nönnchen lag und an ihrer Liebe absterben mußte. Er aber wurde mir vom hohen Magistrat, um Gotteswillen und der christkatholischen Nächstenliebe wegen, in Pflege gegeben, um aus ihm ein properes Menschenkind und eine Stütze der bürgerlichen Gesellschaft zu machen. Und seien Sie überzeugt, meine Damen, das tu' ich und will ich, so wahr ich hoffe, mit meinem letzten Vaterunser vor meinem Heiland und Seligmacher bestehen zu können.« Eine allgemeine Rührung bemächtigte sich der ganzen Gesellschaft. »Gott, diese Märtyrerin!« sagte eine hagere Frau mit straffgescheiteltem Haar, das wie Roggenstroh aussah, eine gutherzige Frau, die unter der alten Linde ihren Kramstand hatte und in der Stadt herum mit Eiern und holländischer Butter hausierte. »Ich hab' sie noch gekannt und mit leiblichen Augen gesehen. Hatte die einen Plie und ein feines Benehmen, um so traurig auf die weißen Hobelspäne zu kommen! Heute rot und morgen schon mit's Totenlaken behaftet. Aber ist denn nicht irgendwo ein Anhalt zu kriegen? Ich meine: da muß sich doch einer befinden ... da muß doch einer kommen und sich als Vater bekennen. Der kann sich doch nicht wie der heilige Geist benehmen und hinterher sagen: Ich habe ihr statt Bettinlett man 'nen poweren Strohsack gegeben. Das wäre ja hundsmiserabel. Um tausend Gotteswillen, meine liebe Jungfer Beiderwand, weiß Sie denn gar nichts?« »Gar nichts,« gab die brave Ellenkrämerin zurück, »absolut gar nichts. Die egyptische Finsternis ist klares Wetter dagegen. Nur alljährlich, so um Martini herum ... Doch nicht rühr' an die Sache. Warum auch? Das kümmert mich nicht und kümmert die andern erst recht nicht. Ich weiß nur: ich habe meine Pflicht zu befolgen, mir gegenüber und dem hohen Magistrat gegenüber, um Aloys was lernen zu lassen und ihn zu einem tüchtigen Menschen zu machen. Das übrige wird der liebe Gott schon erfüllen.« »Da hat Sie ganz recht,« legte sich jetzt eine Großbäuerin ins Mittel, die aus der Nachbarschaft stammte und aussah wie ein wandelnder Edamer Käse. »Damit kann Sie sich nur ganz alleine befassen, denn das Kind ist Himmelsgut und Ihr überantwortet worden, somit Ihr Eigentum und Ihre alleinige Sorge. Die kann Ihr niemand nicht nehmen. Aber was ich sagen wollte, meine Verehrte ... Ja so! Was ist der Aloys doch für ein niedliches Jüngsten. So'n göttlicher Amor,« und damit hatte sie den Kleinen schon an ihren stattlichen Umhang gezogen und ihm einen saftigen Kuß auf das Mäulchen geklebt. »So, und das gibt dir die Tante, und sei recht artig und fleißig, auf daß wir mal feststellen können: der Aloys Furtwanger hat auf Geistlicher studiert, ist Ehrendomherr oder Bischof in Münster geworden.« Gleichzeitig drückte sie ihm ein Kastemännchen in das glückliche Händchen, wobei ein klares Wasser in ihren Augen stand, das sich langsam in Bewegung setzte und von ihren Wangen niederträufelte. »Bedank' dir auch schön,« sagte Miekske, »denn so'n Kastemännchen ist ein Kapitel für sich und 'ne liebliche Sache. So was ist nicht alle Tage zu haben.« Und da bedankte sich Aloys, senkelte das blanke Geldstück in die Tasche, willens, es später seiner Sparbüchse einzuverleiben, nahm Fibel und Schiefertafel und trabte durch einen heiteren Sommernachmittag zur Schule, um hier den Grundstein für sein späteres Dasein zu legen. Entweder Advokat oder Bischof! Eins von beiden. Ein Drittes gab's nicht für ihn, denn so wollte es seine Tante Miekske und die behäbige Großbäuerin aus der Nachbarschaft haben. Und die Jahre vergingen. Aloys nahm zu an Frömmigkeit, Weisheit und Verstand, und was die Hauptsache war: er war eine Leuchte in der Christenlehre geworden. Er fühlte sich glücklich, war wohlgelitten bei jung und alt und stündlich bemüht, der guten und fürsorglichen Jungfer Beiderwand Freude und Ehre zu machen. Das Leben in der Natur hatte es ihm angetan. So jung er auch sein mochte, er achtete auf alles, was um ihn keimte und grünte, die Flügel regte und die Fühlerchen streckte. Es freute sich an dem Nicken der Binsen, dem Stäuben der Haselblüten, dem köstlichen Schimmer der Wasserlinsen; er sah die rätselhaften Asseln hantieren und den Ameisenlöwen, diesen Räuber in der Kerfenwelt, seine Sandfallen drehen und seine harmlosen Opfer berücken. In der jugendlichen Seele jubelte das frohe Gesinge einer Lerche. Sie hatte noch nichts Arges erfahren. Da eines Tages ... über die frohen Schwingen seines lebhaften Geistes war der Mehltau des Häßlichen gefallen, und mit diesem Mehltau behaftet, kam er nach Hause, setzte sich traurig in eine Ecke und schluchzte still vor sich hin. Da trat Miekske Beiderwand auf ihn zu, nahm ihn beiseite und fragte: »Mein Junge, was hast du?« »Ich weiß nicht, aber meine Mitschüler lachen mich aus.« »Warum lachen die Bengels?« »Weil sie immerzu sagen ...« »Was sagen die Ströppe?« »Ich wäre neben der Bank gefallen, und meine Mutter wäre man bloß eine ›solche‹ gewesen ... und dann lachen sie allzeit.« Miekske verfärbte sich. »Ich verstehe so recht nicht,« meinte sie tonlos. »Du mußt mir die Geschichte noch mal wiederholen, aber langsam und so, daß ich kein Wörtchen verliere,« und das arme Kerlchen tat, wie ihm geheißen, und stammelte mit tränenerstickter Stimme, ohne den Sinn des Herausgestotterten selbst zu begreifen: »Sie sagen, ich wäre neben der Bank gefallen, und meine Mutter wäre auch eine ›solche‹ gewesen.« Miekske war bleich wie die kalkige Wand einer Sterbekapelle geworden. Aber nicht lange. Die helle, lodernde Wut schoß ihr ins Gesicht und weckte lichte Funken in ihren glühenden Augen. Jedermann kannte Miekske Beiderwand, und jedermann wußte: sie war das selbstloseste, gutmütigste, sanfteste Geschöpf von der Welt, das keinem Huhn hätte 'ne Feder ausrupfen können. Jetzt aber ... »Also das sagen die Bengel?!« flammte sie auf. »Das sagen sie von dir und deiner himmlischen Mutter? Früher wagte sich keins der bösen Mäuler an ihre Ehre heran. Wo sie erschien, da flogen die Mützen herunter, und jetzt, wo sie tot ist, da wollen sie kommen ... Gut so, gut so! indessen jedoch, dann werde ich dir sagen, wer du bist und wer deine Mutter gewesen. Vorher jedoch: geh' auf die Kammer und ziehe dein Bestes an. Ich tue dasselbe.« Und als der kleine Aloys nach einer Viertelstunde wieder vor ihr stand, mit gescheiteltem Haar und in seinem Sonntagsröckchen, da präsentierte sich Miekske in einem abgewetzten Seidenmantillchen, im Schmuck eines schlichten Kapotthütchens, auf dem drei knallrote Schirtingrosen auf langen Drahtstengeln schwankten, und sagte: »Jetzt komm' man; wir wollen den hochwürdigsten Herrn Dechant beehren.« Kurz darauf standen sie vor dem geistlichen Herrn, einem würdigen Vertreter seines Standes, allgemein verehrt und geliebt in seinem Kirchensprengel. Dieser nun sah sie mit gütigen Blicken an und fragte: »Womit kann ich dienen, Fräulein Beiderwand?« »Hochwürden, darf ich einige Fragen riskieren?« »Ich bitte darum.« »Na denn,« versetzte die Jungfer und legte die Rechte auf den semmelblonden Kopf ihres Schützlings: »Hier der ist wohl bei Ihnen in die Christenlehre gegangen, Hochwürden, und tut es bis jetzt noch?« »Ja, er ist bis heute mein Schüler gewesen.« »Und waren Sie mit ihm zufrieden, Herr Dechant?« »Ja, Fräulein Beiderwand, und ich kann wohl in seiner Gegenwart sagen: Er hat sich zum Primus aufgeschwungen, zum Primus, von dem ich eine abgeklärte, gottwohlgefällige und schöne Zukunft erhoffe.« »Meinen herzlichsten Beifall, Hochwürden, und meinen verbindlichsten Dank für getätigtes Zeugnis ... und Sie sind auch der Ansicht: er hat sich stets in properer Weise gegen seine Mitschüler und Kameraden benommen?« »Stets in der besten.« »Das wollte ich hören, Herr Dechant,« gab sie zurück und tat einen Atemzug, als müsse sie ein schier unüberwindliches Hindernis nehmen, »denn jetzt erst komme ich auf meinen eigentlichen Zustand, sozusagen auf meinen schwerwiegenden Turnus zu sprechen. Sie wissen ja alles, Hochwürden, und kennen ja das mit seiner unbewußten, wenn auch schönen und lieblichen Mutter, und wie mir der kleine Aloys von Magistratswegen oder, um es mit präziseren Worten zu sagen, als Himmelskind in den Schoß gelegt wurde?« »Ich bin völlig im Bilde; denn war ich es nicht, der ihr mit meinem Konfrater aus Kranenburg den Heimgang leichter machte und sie zur ewigen Ruhe geleitete? Die Ärmste! Sie hatte geliebt, und ihr mußte viel verziehen werden. Heißes Blut und eine leichtfertige Nacht! Allein ihr wurde vergeben, denn ich weiß: der Herr war bei ihr und nahm ihr den letzten Seufzer von den Lippen. Fräulein Beiderwand –« und seine Stimme erhob sich – »ich sah niemals ein so friedliches und seliges Sterben.« Die Augen der Angeredeten schwammen in Tränen. Mit beiden Händen suchte sie nach der Rechten des Geistlichen und faßte sie und stammelte mit glücklichen Worten: »Herr Dechant, mein lieber Herr Dechant, das ist ja himmlisch und überaus liebreich zu hören ... aber da kommen nun welche, seine Mitschüler und Kameraden, und lachen ihn aus und quälen und zermartern ihn und setzen ihm zu und sagen ihm, ohne vor Scham und Entsetzen in den Boden zu sinken: Aloys, du bist neben der Bank gefallen, und deine Mutter ist man bloß eine ›solche‹ gewesen.« »Das ist ja infam,« trumpfte der Kleriker auf, »das heißt ja, dem Knaben sein Höchstes nehmen, ihm die Mutterliebe aus dem jungen Herzen reißen. Ich danke Ihnen persönlich für Ihr mannhaftes Auftreten. De mortuis nihil nisi bene . Über die Toten soll man nur Gutes reden. Sie ruhen auf dem Friedhof des Herrn. Er hat sie in seine Scheuer gesammelt. Ihm gehören sie zu. Er nur allein hat zu richten, zu rechten. Das Weitere in der Angelegenheit sei mir überlassen. Dem Knaben soll nichts mehr geschehen. Auch seiner Mutter nicht. Dafür werde ich sorgen. Der nächste Sonntag wird Sie darüber belehren. Gehen Sie mit Gott; er wird Erlösung bringen und Sühne und Gerechtigkeit. Leben Sie wohl, Fräulein Beiderwand,« und damit taumelte die Jungfer, den Kleinen an der Hand, aus der stillen Dechanei, wo sie soviel Trost und Hoffnung gefunden, noch ganz benommen von dem, was sie Liebes und Ansprechendes gehört und empfangen hatte. Draußen aber legte sie sich wieder in ihre dünnfadige Mantille hinein, warf den Kopf in den Nacken, den Kopf mit dem Kapotthütchen und den steifen Schirtingrosen, nahm einen herzhaften Schritt an und sagte: »Komm', Aloys, jetzt gehn wir zu Muttern,« und sie wallfahrteten durch die einsamen Straßen, wo das Gras zwischen den Pflastersteinen sein üppiges Dasein fristete und fast hinter jedem dritten Fenster ein weißes oder graues Kätzchen miaute, und sie schritten zum Tor hinaus und verfolgten die lange Straße mit den kanadischen Pappeln bis dorthin, wo dunkle Lebensbäume aufragten und hinter einer schmiedeeisernen Tür alle diejenigen ruhten, die der Herr zu sich entboten hatte. Und sie gingen durch die Gräberreihen bis zur Höhe des Kalvarienberges. Hier befand sich ein niedriger Hügel, mit Efeu bewachsen, mit einem schlichten Holzkreuz geschmückt, auf dem geschrieben stand: »Hier ruht in Gott Maria Emerentia Furtwanger, geboren am 10. Dezember Anno Domini 1798 zu Nürtingen. Gestorben dahier im Jahre des Heiles 1819 am 3. des Märzen. Ich harre des Rufes.« Und Miekske Beiderwand betupfte sich mit ihrem Taschentuch die Augen, deutete auf die einfache Stätte und schluchzte: »Aloys, nun will ich dir sagen, was deine Mutter gewesen. Hier liegt sie, und wer den Stein gegen sie aufhebt, der hebt den Stein auf wider Jesum Christum, den Herrn, der da kommen wird, zu richten die Lebendigen und die Toten. Ich habe sie gekannt, deine Mutter, und wer sie gekannt, dem war es immer so, als wenn er ein Heiligtum sähe. Aloys, und wenn man am Himmelfahrtstage in die Wiesen hineingeht, dem Tage also, von dem das Evangelium redet: Er aber führete sie hinaus bis gen Bethanien und hob die Hände auf und segnete sie. Und es geschah, da er sie segnete, schied er von ihnen und fuhr gen Himmel ... an diesem Tage, da blühen die Blumen am reinsten und schönsten, und so schön und rein wie die Blumen am Himmelfahrtstage ist auch deine Mutter gewesen. Dies meine Ansicht, und wenn sie auch vorzeitig welkte und absterben mußte, das ist daher gekommen, weil ihr Antlitz zu überirdisch und ihre Liebe zu heiß war. So was kann der beste Mensch nicht vertragen. Er geht in die Irre, sitzt schließlich mit gefalteten Händen im Straßengraben und kann den gestrigen Tag nicht mehr finden. Ist Sünde dabei? Ja und nein, aber der Herr hat vergeben und sie mit sich genommen in den ewigen Garten, wo die Blumen heiliger blühen als hier und die Sterne heller brennen als bei uns zwischen Himmel und Erde. Und dein Vater, Aloys, dein leiblicher Vater! Er lebt noch, er ist noch unter uns; denn alljährlich, so um Martini herum ... Aber warum das? Da ist ein Geheimnis dabei, und dieses Geheimnis hat deine Mutter mit sich genommen für immer und ewig. Allein der Tag wird kommen« – und Miekske Beiderwand machte eine große Bewegung – »ja, der Tag wird kommen ... Doch darüber wird der Erlöser im Himmel befinden, wie er es beschließt in seiner allmächtigen Vorsehung. Deine Mutter jedoch ... ehre und liebe sie ... und wer sie mit unreinen Fingern betastet ... verflucht soll er sein, verdammt bis in den tiefsten Abgrund der sumpfigsten Hölle. So – und wenn wir daheim sind, dann gehst du in die Beste Stube hinein. Da hängt ein kleines Bild, aus schwarzem Papier geschnitten, über dem Sofa. Ein Vermächtnis von ihr. Es wurde in ihrem dürftigen Nachlaß gefunden und mir vom hochwürdigen Magistrat übergeben. Das bekuck' dir alltage, falte die Händchen und bete: Liebe Mutter, sieh gnädig auf mich herab, schirme und schütze mich und stehe mir bei in der Stunde des Todes.« Eine halbe Stunde später waren sie wieder zu Hause und standen lange und in tiefer Andacht vor der Silhouette im schwarzen Ebenholzrähmchen, um am Sonntag darauf die Predigt des Herrn Dechanten zu hören. Der aber begab sich zur Kanzel, im weißen Röckling, das Barett auf dem Hinterkopf, die stahlgrauen Blicke fest auf seine Gemeinde gerichtet, und sagte: »Und es geschah, daß die Jünger kamen und meinten: Herr, lehre uns beten, wie auch Johannes seine Jünger lehrete. Er aber entgegnete ihnen: Wenn ihr betet, so sprechet: Unser Vater im Himmel, dein Name werde geheiligt. Dein Reich komme zu uns. Dein Wille geschehe wie im Himmel so auf Erden. Allein er wetterte auch in harter Betrübnis: Es ist unmöglich, daß nicht Ärgernisse kommen. Doch wehe dem, durch welchen sie kommen! Es wäre ihm nützer, daß man einen Mühlstein an seinen Hals hängete und würfe ihn ins Meer, denn daß er dieser Kleinen einen ärgere. Und ich verkünde euch allen« – und seine Sprache wandelte sich, wurde grimm und zorngewaltig – »Ärgernis ist gegeben worden in meinem Kirchensprengel. Was die Alten sungen, das haben deren Kinder weitergegeben, unbedachtsam und mit geliehenen Worten. Aber sie verletzten um so schlimmer und häßlicher. Was tat euch der kleine Furtwanger Leides an? Warum laßt ihr seine arme Mutter nicht schlafen im Grabe? Weshalb macht ihr nicht halt vor den Toten? Wer besser und reiner ist denn sie, der trete vor und rufe: Hier bin ich! Der sage mir im Angesicht des allgegenwärtigen Gottes: Ich habe niemals gesündigt, bin niemals in Versuchung gekommen. Gebt Frieden, oder ich muß die Hand wider euch strecken und fluchen. Gebt Frieden! sonst: dieses Auge – es flammt euch zu Boden,« und da sahen die Schuldigen verstört vor sich hin, die alten und jungen, gelobten Einsicht und Einkehr, und siehe: seit dieser Stunde vergoldete die liebe Sonne wieder zwei Menschenherzen, eines, das tot war, und eines, das noch unter den Lebendigen weilte. Gebt Frieden! Aloys Furtwanger fuhr aus seinen Träumen und Erinnerungen, war jetzt wieder sein gegenwärtiges Ich, und seine Blicke gingen nach der kleinen Silhouette im Ebenholzrahmen, der gleichen Silhouette, die vor vielen Jahren über dem Sofa von Miekske Beiderwand gehangen hatte. »Meine Mutter!« sagte er tief ergriffen, mit fahriger Stimme, denn seine Gedanken waren bei der, die er niemals gekannt, und die ihm doch das Leben gegeben hatte, wobei seine Rechte sich hob und die Stirne berührte, als habe er dort etwas Wehes von den Schläfen zu wischen. Gleichzeitig war es ihm so, als klinkte die Haustür, als ginge jemand über den Flur und von hier in die Nebenkammer, die zur Anrichte führte. Vielleicht Drüke Anstoots, die Aufwartefrau, die erschienen war, um das Nötige für den Abend fertig zu stellen. Möglich, schon möglich! und er trat aufs neue in seinen vorigen Zustand, verjüngte sich wieder und wurde zu einem lebensfrohen Mann, der bereits das Abiturientenexamen hinter sich hatte und nahe daran war, sich die Würde eines Auskultators um die Schultern zu legen. Allein das neidische Geschick bestimmte es anders. Mit brutaler Faust stieß es Miekske Beiderwand in eine Verlähmung hinein, verwies sie auf lange Jahre hinaus in ein schmerzliches Siechtum, und als die Ärzte gleich bei Beginn des Unfalls erklärten: »Die kann nicht mehr werden,« da wußte er, was seine Pflicht war und was er seiner Pflegemutter schuldete. »Mein Gut ist dein Gut,« beteuerte er ohne langes Besinnen und verwendete die tausend Taler, die ihm alljährlich zufielen, mit heller Freude dazu, ihr um das jammerselige Dasein ein Rosenkränzlein zu flechten. Daß er mit diesem Akt der Dankbarkeit und Liebe sein Studium aufgeben und der höheren juristischen Laufbahn Valet sagen mußte, forderte die Natur der Dinge. Allein, er nahm sie hin, wie sie nun einmal lagen, fügte sich willig und gab sich zufrieden mit der Stellung eines mittleren Beamten am Königlichen Friedensgericht, ein pflichttreuer Konzipist, der seine Ambitionen verabschiedete, um einem teuren Wesen die letzten Pfade zu ebnen, obgleich seine Lebensfreudigkeit kränkelte und seine Haare ergrauten. Aber auch jetzt noch hielt er sich tapfer und schaffte, wurde zum duldsamen Samaritan und suchte im engen Verkehr mit Gottes Wirken und Weben, mit seinen Wundern in Welt und Flur, in den Ackerkrumen des Feldes und den Altwassern des nahen Rheines das Verlorene wieder zu finden. Neue Rätsel gingen ihm auf und fanden ihre Lösung, Rätsel, so viele wie die Tropfen im Eimer, unzählige, wie die goldenen Zeichen des Himmels, wenn sie über ihm standen in kalten, lichthellen Winternächten. Vornehmlich huldigte er dem Schöpfer in seiner unermeßlichen Kleinwelt. Halleluja! der Tropfen am Eimer ... und Klopstocks ›Frühlingsfeier‹ bewegte ihn, entflammte sein Sinnen und Denken. Seine Lippen stammelten: »Nur um den Tropfen am Eimer, Um die Erde nur, will ich schweben und anbeten! Halleluja! Halleluja! Der Tropfen am Eimer Rann aus der Hand des Allmächtigen auch!« Nach fünf Jahren starb Miekske. Einer Heiligen ähnlich, so starb sie, einer Heiligen ähnlich, so wurde sie zu Grabe geleitet, einer Heiligen ähnlich, so führten sie Cherubim und Seraphim in das neue Jerusalem ein, und es war viel Trauer in der kleinen Stadt um die heimgegangene Jungfer. Am meisten aber trauerte Aloys. Er konnte geraume Zeit hindurch des Tages nicht froh werden. Ein Stück seiner schönen Jugend war ihm vom Herzen gerissen. Dann wieder: nach weiteren fünfzehn Jahren gab er sich einen energischen Ruck und sagte sich richtig: »Der Aktenstaub bedrückt meine Brust, das ewige Einerlei in den dumpfen Räumen des Friedensgerichtes macht mir die Seele wirbelsinnig. Meine Interessen liegen auf einem anderen Gebiet. Prozesse und Schöffensitzungen bieten mir nichts. Hier finde ich nicht das Geheimnis meiner Sehnsucht. Aber ich finde es im Rauschen des Waldes, im Gespinst der Raupe, im Säuseln der Binsen. Meine Pension und was ich sonst noch besitze, genügt mir zum Leben ...« und er ging hin, legte den feinsten Kanzleibogen vor sich hin, schnipselte eine funkelnagelneue Gänsefeder zurecht und schrieb seinen Abschied. Er wurde ihm in Gnaden und unter Verleihung des Königlichen Kronen- Ordens vierter Klasse von seinem wohlgeneigten König bewilligt. Bald darauf saß er als pensionierter Aktuarius in seinem eigenen Häuschen auf der Grabenstraße, lebte ausschließlich seinen Neigungen und Absonderlichkeiten, aß tagtäglich in der ›Goldenen Kugel‹, spielte mit Röschen Jungklaas sein Partiechen Sechsundsechzig und schloß innige Freundschaft mit dem blauen und dem weißen Mynheer, die ihm schräg gegenüber im Altmännerhaus wohnten. »Komisch, sehr komisch!« sagte er höchst überrascht, als er aus seinen Träumen erwachte und die ausgebrannte Pfeife beiseite stellte. »Ich glaube, da klopft jemand. Herein!« Da lispelte die Tür auf, und Drüke Anstoots trat auf Zehenspitzen ins Zimmer. Sie ging wie eine Miezekatze auf Samtpfoten, so geräuschlos und heimlich konnte sie sich auf den gebohnten Dielen bewegen. »Mynheer,« meinte sie mit verhaltenen Lauten, »ich wollte nicht stören, aber Herr van Dornick hat schon 'rüber geschickt. Es wäre nun Zeit, läßt er sagen.« »Drüke, wie spät ist es denn?« »Es geht auf halb neun«, Mynheer.« »Mein Gott! da hätte ich ja bald mein gegebenes Versprechen vertan und verschlafen. Nein, diese alten Bilder und Erinnerungen! Aber schon gut! Drüke, Sie können gehen, Sie brauchen heute nicht für mein Abendessen zu sorgen. Aber hier ein Prosit Neujährchen! Schon im voraus, und alles Gute für die kommenden Tage,« und er drückte ihr einen harten Taler in die fleißige Rechte. »Merci, Mynheer! Möge der Herr Jesus-Christus Sie immerzu schützen und in seiner gnädigen Begutscheinigung halten. Danke auch vielmals ...« und als Drüke sich glückstrahlend entfernt hatte, legte der Herr Aktuarius neue Vatermörder an, schlug einen Knoten in sein schwarzseidenes Halstuch, zog den Bratenrock über und machte Anstalten, die frischgestärkten und blendendweißen Röllchen unterzustreifen. Zuvor aber nur eines, denn er war noch seinem Zimmerkollegen verpflichtet. Mit leisem Pfeifen trat er an die schmucke Kommode, öffnete das Türchen an der putzigen Villa und sagte: »Springinsröckel, en avant ! Du sollst dein Abendbrot haben,« und siehe: mit meisterlichem Sprung kam der braune Kavalier aus seinem Tempel gefahren, bedachte sich nicht lange, sondern glitt in den Ärmel hinein, dem das Röllchen noch fehlte. Dann: »Fertig!« Die table d'hôte war zu Ende. Gleich darauf sah sich das flohliche Sanktum Sanktorum verschlossen und das noch fehlende Röllchen an Ort und Stelle befördert. Na also! auch der Herr Aktuarius war fertig, nachdem er sich noch in seinen wollenen Tröster gewickelt, den Paletot angezogen und den Zylinder aufgesetzt hatte. Mit einem tiefen Seufzer schraubte er den Docht der Lampe herunter, pustete das schwindsüchtige Licht aus und tastete sich langsam ins Freie. Das Gestöber hatte nachgelassen, war so gut wie fortgewischt worden. Nur noch feine Kristallsplitter hingen in der Luft. An den meisten Stellen zeigte sich bereits der stahlblaue Himmel. Die gegenüberliegenden Häuser standen festlich beleuchtet. Es war Silvesterabend geworden, ein klarer, glasharter, herzhafter Silvesterabend. Auch das kleinste Nebelfleckchen hatte sich eiligst verflüchtet ... und drüben vom Firmament blinzelten die Sterne wie traute Liebesseelchen, die sich vom Gottesreich aus die verschneite Erde besahen.   4 Schon eine halbe Stunde vorher ... der Kapitän war gerüstet. Es ging auf acht. Er stand in Erwartung der von ihm geladenen Freunde. Alles war blitzblau um ihn: die Wände, das Bett, das sich in einer verschwiegenen Nische aufhob, der Glasschrank, die Stühle, die Anrichte mit den Delfter Tellern und Assietten, selbst die Vorhänge, die dem Zimmer nach außen hin einen würdigen Abschluß verliehen. Mitten über dem Tisch hing eine mächtige Lampe. Ein Schirm aus blauem Nesselzeug dämpfte das Licht und gab eine Stimmung wie die in der berühmten Grotte von Capri. Sie verfeinerte die gröberen Linien, das Derbe, Ungefüge der Ausstattung. Sie lasierte mit einem eigenartigen Schmelz und schuf auf diese Art einen harmonischen Ausgleich – eine Farbenskala vom hellsten Ultramarin bis zu den tiefsten Indigotönen. Allerlei Schildereien aus dem Leben der heimischen Schiffer, Ansichten von Duisburg-Ruhrort, von Emmerich, Nymwegen und Rotterdam reihten sich nett aneinander, während das Modell des aufgetakelten Kohlenschiffes ›Maria, sei mit uns‹, die Flagge von Matthias Stinnes \& Söhne an der obersten Toppstange, ein stattlicher Schleppkahn von 2000 Tonnen Tragfähigkeit, an einem Kettchen von der Decke niederbaumelte und sofort erraten ließ, mit wem man es in dieser Behausung zu tun hatte. Moritz, in Ehren ergraut, mit Ehren in Pensionierung gegangen, war ein kerniger Mann, kurz gedrungen, so um die siebzig herum, glattrasiert und mit einem bronzeroten Gesicht, das von einem graumelierten Haarkranz eingerahmt wurde. Allein in diesem bronzeroten Gesicht saßen zwei Augen, hell und durchsichtig wie aus Schmalte geblasen, kindliche Augen, aber auch Augen wie die eines Gewaltigen, die, wenn der Zorn sich unter der Schädeldecke regte, aufbegehrten und flammten wie der Blitz in der Wetterwolke. An seinen Ohrläppchen klebten silberne Anker, feingetrieben und von je zwei Stiftchen gehalten. Der echte und rechte Typ eines niederrheinischen Schiffskapitäns, das war dieser Moritz van Dornick, etwas verlähmten Fußes, ein Gebrest, das ihm seine letzte Talfahrt eingebracht hatte, jovialen Sinnes, aufbrausend, zeitweilig Bombastikus, aber immer darauf bedacht, den ehrlichen, braven, rechtschaffenen Kerl der engeren Heimat flott und über Wasser zu halten. Nebenher und so beiläufig war er auch noch von einer beneidenswerten Grobheit, wenn auch vorsorglich gegen Nellecke und leider zu nachsichtig gegen seinen Sohn Ewert, der im benachbarten Emmerich die Handlung erlernte und sich anschickte, den würdigen Posten eines Kommis zu bekleiden – Kommis im Hause Harkopp \& Söhne, einer geachteten und seßhaften Firma, die sowohl in Tabak, Zigarren und Zucker wie auch in Kaffee und Zichorien machte. Straffen Leibes, in blauem Jackett und roten Plüschpantoffeln, saß Moritz vor einer bauchigen Suppenterrine, in der er bereits eine ergiebige Portion Punschessenz mit Zucker, Tee und verschiedenen Zitronenscheiben angesetzt hatte. Das hierzu gehörige Wasser stand auf dem Ofen und begann in dem kupfernen Kessel schon leise zu plaudern. Vier stattliche Gläser umgaben das porzellanene Gefäß, dem bald ein wohliger Brodem entsteigen sollte. Ebenso viele Teller und Schüsselchen mit belegten Broten und gesulzten Schweinsknöchelchen schlossen sich an, dazu die erforderlichen Messer und Gabeln – alles blank und sauber hergerichtet wie das Küchengeschirr auf einer holländischen Treckschuit. Der Kessel plauderte immer heller und lauter, begleitet von dem bedachtsamen Gang des Perpendikels, der sich mit sonorem ›Tick-Tack‹ in dem altfränkischen Kasten bewegte, als plötzlich ein heiseres, langatmiges Näseln einsetzte, dem ein Klingen folgte, ähnlich dem gebieterischen Ton einer Schiffsglocke. Der blaue Mynheer zählte die einzelnen Schläge. »Acht Uhr,« sagte er in gehobener Laune und streckte die Beine. »Jetzt müssen sie kommen.« Gleichzeitig klopfte es an. Das Schloß winselte auf, und zwischen Tür und Angel zeigte sich das bartlose, bleiche, gespensterhafte Gesicht eines Mannes, der, eine weiße Zipfelmütze auf den Spinnwebhaaren, mit verwaschenen, ausgebleichten Augen die Wohnung absuchte. »Moritz, wenn es erlaubt ist ...« »Immer man 'rein in die Koje, und setz' dich, Johannes!« und siehe: steifbeinig wie ein Marabu, im abgetragenen, aber properen Gehrock, unter dessen Schößen er die Hände verborgen hielt, stelzte der weiße Mynheer in die gastliche Stube, legte dem Kapitän die rechte Hand auf die Schulter und sagte: »Moritz, in den Sprüchen Salomonis, und zwar im sechzehnten Kapitel, steht dieses geschrieben: Graue Haare sind eine Krone der Ehren, die auf dem Wege der Gerechtigkeit gefunden werden. Moritz, wir sind mit solchen behaftet, und wir gehören nicht zu denen, von welchen verkündet wird: Wer mit den Blicken zwinkert, denkt nichts Gutes, und wer mit den Lippen deutet, vollbringet Böses. Moritz, wir beide haben niemals gedeutet und niemals gezwinkert. Besonders du nicht, mein Junge. Dein Auge ist sonder Arglist, und deine Zunge ist ehrlich. Aber was ich für die Hauptsache ansprechen möchte: Deine Rechte weiß nicht, was die Linke tut. Du gibst gewissermaßen mit schöner Noblesse; justament wie'n Proviantmeister an seinem Geburtstag.« »Oho!« »Nichts für ungut, mein Lieber. So per Exempel zum heutigen Abend: Schweinsknöchel und Punsch von richtig gehendem Arrak. O, o! solches ist 'ne großartige Nummer. Und daß ich dabei sein darf, daß du in deiner kavaliermäßigen Freigebigkeit ... Moritz, ich danke dir vielmals.« »Herr und kein Ende!« rief der blaue Mynheer und packte seinen Zimmernachbar beim Ärmel. »Johannes, ich bitt' dich, keine Bibelsprüche für heute. Leg' dich vor Anker, gib Breitseite her und lass' dich auf dein Achterdeck nieder,« und damit drückte er den etwas umständlichen alten Herrn in den bequemen Polsterstuhl nieder, der hinter dem kreisrunden Tisch wie ein ehrfurchtgebietendes Phantom aufragte. Da saß nun Johannes Terstegen, bolzengerade, schmächtigen Körpers und geisterte unheimlich über das Tafeltuch fort. Der Alte imponierte. Er zählte nicht zu den alltäglichen Leuten, war viel herumgekommen und hatte als Vorsteher der Weber seinen Mann gestanden, obgleich es ihm niemals vergönnt war, irdische Schätze zu sammeln. Aber er hatte sein Leben genutzt und sich weiter gebildet. Seine Frömmigkeit konnte Berge versetzen. Im alten und neuen Testament wußte er Bescheid wie ein gediegener Kanzelredner. Seine Lippen sprudelten über von heiligen Sentenzen, die sich bei Gelegenheit übereinander häufelten wie die glasigen Perlen im Froschlaich. Außerdem: geraume Zeit hindurch hatte er der streitbaren Kirche als Schatullenverwahrer und Bücherrevisor unschätzbare Dienste erwiesen, was diese dankbar quittierte, indem sie ihm eine Freistelle im Altmännerhaus verschaffte, um dem armen Weltweisen die Sorgen und Nöte des Lebensabends weniger fühlbar zu machen. So wurden ihm seine achtzig Jahre wie Daunenfedern und seine Tage wie ruhige Sommertage, an denen sich die Sonne langsam hinter den sanften Hügellehnen versteckte. »Hm!« sagte Terstegen, und seine Blicke pilgerten um die geheimnisvolle Suppenterrine, stellten die Anzahl der Gläser fest und befaßten sich eingehend mit den gesulzten Schweinsknöchelchen, die sich lieblich und verheißend dem schönen Rahmen der lukullischen Aufmachung einfügten. »Hm!« sagte er nochmals. »Ich zähle vier Gläser, ebenso viele Teller mit Delikatessen. Wer ist denn noch weiter geladen?« »Per primus: Herr Aloys Furtwanger. Ohne den Herrn Aktuarius kann ich mir den Jahresabschluß nicht denken.« »Ganz meine Ansicht. Gediegener Charakter, selbstloser Mensch, Käfergelehrter und Träger eines geachteten Namens. Feiner Gesellschafter, keine hitzige Leber. ›Chevalier‹, wie es die Franzosen benennen. Zart wie Seide; die Krawatte stets mit 'nem doppelten Knoten. Allerhand Achtung! Aber was ich noch sagen wollte: Nellecke ist doch vorhin bei dir gewesen? So um viere herum, wenn ich nicht irre.« War hier, brachte mein Schmisettchen für den morgigen Sonntag, um dann wieder nach Hause zu kreuzen.« »So, also doch! und kommt zum heutigen Abend? Ich meine: Silvester und so. Man möchte doch gerne in ihrer Gesellschaft sein Gläschen verzehren.« »Natürlich. Aber erst das Geschäft. Du weißt ja: wer sich in Kondition bei Röschen Jungklaas befindet, der hat seine Arbeit. Außerdem ist sie dort noch an 'ner kleinen Feier beteiligt.« »Verstehe, verstehe!« sagte Johannes. »Überhaupt deine Tochter! Ihr fröhliches Herz macht ein fröhliches Angesicht. Ihre Leuchte verlöscht des Nachts nicht. Sie streckt ihre Hand nach dem Rocken, und ihre Finger fassen nach der Spindel. So geschrieben in den Sprüchen des jüdischen Königs. Moritz, du weißt nicht, welchen Schatz du in deiner Tochter besitzest.« «Na und ob!« lachte der blaue Mynheer. »Aber Kreuzkuckuck noch mal! schon ein Viertel nach achte, der Kessel wird immer mobiler, und noch kein Aktuarius in Sicht! Wollen mal tuten!« und mit einem energischen Ruck stand er auf, hinkte der Tür zu, riß sie auf und brüllte mit seiner verrosteten Stimme durch die langen Korridore des Altmännerhauses: »Dores! Heda, Dores van Bommel!« Irgend jemand antwortete aus verdämmerter und verlorener Ferne: »Was soll's denn?!« »Geh' mal zum Aktuarius hin! Er sollte sich sputen. Wir warten schon lange, und das Wasser läuft über.« »Wird gemacht!« erwiderte Dores; lurksende Schritte ließen sich aus der Tiefe vernehmen. » All right, « sagte Moritz, schlug die Tür zu, machte sich am brodelnden Kessel zu schaffen und setzte sich wieder, was den weißen Mynheer veranlaßte, seine dürren Finger auf die mächtige Pranke seines Hausgenossen zu legen. »Du,« meinte er etwas beklommen, »bevor der Herr Aktuarius präsent ist ... Wer seinen Acker bebauet, der wird Brotes die Fülle haben, wer aber unnötigen Dingen nachgehet, der ist ein Narr. Moritz, ich will meinen Acker bebauen und keine unnötigen Dinge betreiben. Kann ich dir daher mit 'nem Anliegen kommen?« »Bong! Lege man die Hand an den Riemen; du sollst offenes Fahrwasser haben.« »Junge, das geht nicht so einfach. Da muß ich die richtige Besinnung erst finden. Ich meine: es will mir schwer von der Seele herunter. Gute Leinweber sind flink mit's Schiffchen, können sich auch mit der Bibel benehmen. Aber in weltlichen Sachen und in solchen, die sich mit der Liebe befassen, sind sie man schwach auf der Zunge. Und dennoch und trotz alledem: ich möchte gerne wissen ...« »Was willst du denn wissen?« »Moritz,« sagte der alte Herr mit aufgerissenen Augen, in deren Tiefe es wie Phosphor flämmerte, »offen und ehrlich: bin ich jemals zudringlich oder neugierig hinsichtlich deiner Dispositionen gewesen?« »Eigentlich niemals.« »Oder bin ich dir irgendwie zu nahe getreten im Leben, aus besonderen Gründen oder um 'nen gewissen Profit zu gewinnen?« »Auch das nicht.« »Na denn also, dann möchte ich mir die Frage erlauben: Was soll nun mit Nellecke werden?« »Woso!« meinte der blaue Mynheer. Sein bronzerotes Gesicht wurde noch bronzeroter, und seine Brauen krochen schwer in die Höhe. Wie auf ein dringliches Geheiß war es plötzlich mäuschenstill in der gemütlichen Stube geworden; nur die altmodische Kastenuhr tat ihren ebenmäßigen Gang, und der kupferne Wasserkessel versuchte heimelig mit seinem Deckel zu klappern. Johannes Terstegen brach das peinliche Schweigen. »Du,« sagte er mit einer gewissen Zurückhaltung, »meine Ansicht ist diese: ich denke nicht bloß an Nellecke allein, sondern im vorliegenden Fall auch an Lambert. Er ist mein Einziger, das geliebte Vermächtnis meiner Seligen, hat was prestiert in der Welt, belernt in Obermörmter die Kinder und wäre jetzt hier, hätte der hochwürdige Herr daselbst ihn nicht dringend gebeten, mit ihm den heutigen Abend bei einem Glase Punsch zu verleben. Sonst wäre er totensicher gekommen, schon um Nelleckes wegen.« »Stopp!« rief Moritz, und seine rechte Hand legte sich nachdrücklich auf das Tafeltuch. »Mensch, darf ich dir gegenüber auch 'ne Lippe riskieren?« »Immer man zu,« entgegnete der weiße Mynheer und stellte die Fingerspitzen hart gegeneinander. Moritz tat einen tiefen Atemzug, schlenkerte das rechte Bein über das linke, wippte mit dem scharlachroten Plüschpantoffel und sagte: »Johannes, du kennst mich und kennst mich schon lange. Auch weißt du, in welcher Assiette ich mich allzeit befunden. Was war ich? Du brauchst nur zu fragen. Zwischen Duisburg-Ruhrort und Rotterdam kennen mich alle; alle binnenländischen Kaptäns und solche, die nach Westindien fahren. Blank war ich an Leib und Seele und bin es bis zum heutigen Tage geblieben, abgesehen davon, daß ich mir manchmal einen über 'ne durstige Kehle vergönnte. Habe Glück gehabt, aber auch mächtiges Unglück und habe zu öfters auf schwerer Wetterseite gestanden. Leider Gottes! auch mein Weib ist mir frühzeitig koppheister gegangen. Hab's aber verwunden wie das, daß ich den Hauptteil meines Ersparten zu Rotterdam in der Estaminet von Klaartje Düffels verspielte. Hätte die Karte 'ne bessere Volte geschlagen – Menschenskind, das sage ich dir, es wäre ganz anders gekommen, ganz anders, Johannes. Alle Silberminen von Texas und Louisiana hätte ich in meinem Portefeuille nach Hause getragen, hätte gerufen: Hier bin ich! Hätte als Reeder ... Was wollt ihr? Na, und nun befind' ich mich hier; denn als das Malör auf der Talfahrt passierte, war's aus mit der Navigatschon, und ich konnte wich auf den Altenteil setzen. Das tat ich denn auch, warf den Rest meiner Barschaft auf 'nen Hümpel zusammen, um zwischen diesen vier Pfählen rentenieren zu können. Geld hab' ich man wenig, aber das kann ich behaupten« – und seine Stimme schwoll an wie ein kleiner Orkan, der steif aus Westen herüberdrückte – »Honnör habe ich von jeher zwischen den Rippen besessen, feines Honnör, pompöses Honnör, so'n handfestes Honnör, das wie'n Blinkfeuer über die See spritzt und alle Sterne verdüstert.« »Und meinst du – ich nicht?« fragte Terstegen, einen langen, nachdenklichen und etwas verweisenden Blick auf den Sprecher gerichtet. »Natürlich, natürlich! Selbstverständlich und außer Zweifel, Johannes! Aber nicht als Schiffskaptän, nicht als Kaptän von ‹Maria, sei mit uns‹, in Firma Matthias Stinnes \& Söhne, Duisburg-Ruhrort. Gott Verdammich! das nicht, mein Junge, denn zwischen 'nem regulären Schiffskaptän und 'nem properen Leinweber sind doch noch gewisse Unterschiede zu machen. Aber sieh mal, mein Bester: wir zwei beiden haben von jeher liebreiche Freundschaft gehalten und hier im Altmännerhaus auf dem nämlichen Flur und Tür an Tür, sozusagen Dose an Dose, gemeinsam Anker geworfen. So was verpflichtet, ist nicht aus der Welt zu schaffen, hält wie Taustricke, ist für immer kalfatert. Aber mein Honnör als Kaptän von ›Maria, sei mit uns‹ gebietet ...« Er wurde unterbrochen. Dores van Bommel drückte die Klinke auf, steckte den gerupften Schädel, der so glatt aussah wie ein geschältes Straußenei, durch den Türspalt und meldete: »'ne schöne Empfehlung von Drüke Anstoots, und Drüke Anstoots läßte sagen, sie hätte Notiz von die Sache genommen, und der Aktuarius würde bald kommen. Ein Viertel vor neun könnte er hier sein.« »Merci, mein Söhnchen!« sagte Moritz van Dornick, obgleich dieses Söhnchen schon in die siebzig Jahre hineinwuchs. »Kannst dir auf meine Kosten 'nen Ollen Klaren vergönnen, auch zwei. Morgen wird die Rechnung beglichen. Adjüs denn,« und als sie wieder allein waren, wandte er sich zu seinem Hausgenossen zurück und sagte mit einer majestätischen Geste: »Aber mein Honnör als Kaptän von ›Maria, sei mit uns‹ gebietet ...« »Na, was gebietet es denn?« fuhr der weiße Mynheer mit einer unwilligen Bewegung des Kopfes und der bammelnden Schlafmütze energisch dazwischen. »Was gebietet es denn? Keine Ausflüchte. Immer klaren Wein in die Buddel. Ich sollte doch meinen, so'n Honnör ist für alle Menschen gemeinsam und kann keiner in Einzelpacht nehmen.« Er schien krötig geworden, ebenso krötig wie der kupferne Kessel, der jetzt in unwirschen und lauten Tönen rumorte und einen zischenden, brodelnden Dampf in das Zimmer hineinprustete. »Na, was gebietet es denn?« Die kalten Hände verflochten sich krampfhaft. »Sieh mal, Johannes,« suchte Moritz die Unterhaltung wieder in stillere Bahnen zu lenken, »man muß die Dinge nicht auf den Kopf stellen, sondern sie hinnehmen, wie sie gemeint sind. Wir Männer von den geteerten Planken beanspruchen nun mal 'nen besonderen Pegel; den lassen wir uns von keinem nicht nehmen. Ihr Leinweber habt eure Leinweberbewertung, wir Schiffer hingegen ... und solche schwebt über dem Wasser, wie Gott, der Herr, über dem Wasser schwebte, als alles noch öde und wüst war. Daran kann man nicht tippen, und daran läßt sich kein Wörtchen verdrehen. Aber jetzt kuck' mal! Da ist nun mein Einziger, da ist Ewert, mein Junge. Großartig! Prächtiger Bengel! Bei dem ist keine Leckage. Regelmäßiger Kurs. Allen anderen toujours zwölf bis dreizehn Faden voraus. Fährt zwanzig Knoten in 'ner einzigen Stunde. Immer alle Segel im Wind. Nobel in Stellung. Nächstens regelrechter Kommis in der Emmericher Firma Harkopp \& Söhne ...« »Kenn' ich,« nickte der Alte. »Nichts dagegen zu sagen.« »Tabak und Zigarren,« dozierte Moritz unentwegt weiter. »Außerdem Zucker und Kaffee von der obersten Sorte. Die Firma erstickt an Überbeleibtheit, so steckt sie im Tran drin.« »Weiß ich,« bestätigte Johannes Terstegen. »Bedeutsame Sache!« »Schon richtig. Aber mein Junge will über die Harkopps hinaus. Schwungkraft und Freiheit! und ich lasse mich fressen: mein Ewert begnügt sich nicht damit, hinter der Theke zu stehen und pfundweise Tütchens zu wiegen. Dem steht 'ne opulente Geschichte vor Augen. Immer aufs Ganze. Johannes, dem steckt 'n Königlicher Kaufmann im Blute ... Rotterdam oder Hamburg ... Hol' mich der Kuckuck, was weiß ich! – in Makassar vielleicht, Yokohama, meinetswegen auch Hongkong, oder wie die anderen südamerikanischen Städte auch heißen. Der macht's mit dem Kopp, mit Tabak- und Zuckerplantagen, und da ist's nur allzu natürlich: er hat seinen berechtigten Ehrgeiz und seinen Stolz unter der Weste und will aus den diesbezüglichen Gründen in 'ne vornehme Familie hinein. Ich betone, ›ne vornehme Familie‹, mein lieber Johannes, und das muß man unter Beurteilung halten.« »Kann ich verstehn,« versetzte Terstegen, grinste beifällig und rückte seine weiße Schlafmütze etwas zur Seite. »Blexem und Donnder!« nahm Moritz wieder das Wort auf, »das hat er von mir als Erbteil bezogen. Leider ich blieb an der Binnenfahrt kleben, obgleich mir der alte Herr Stinnes toujours auf die Schulter kloppte und sagte: van Dornick, deine Navigatschon ist vorbildlich im rheinischen Wasser. Eigentlich aber vertrittst du 'nen höheren Standpunkt, denn dein Platz ist auf der Kommandobrücke von 'nem Ostindienfahrer. Schon richtig! nur ich fand den bekömmlichen Dreh nicht. Das soll nun mein Junge besorgen, wenn auch in anderer Hinsicht. Also fort mit ihm, aus der Enge heraus, hinaus auf den Weltmarkt, um als Königlicher Kaufmann seinem Vater und seiner Familie als Vorbild zu leuchten. Und daher, wie ich eben schon sagte: Ewert kann Ansprüche machen.« »Soll er und kann er,« bestätigte der alte Terstegen, »aber ich wollte für meine Person nicht von Ewert, sondern von Nellecke sprechen, wenn auch die heiligen Sprüche besagen: Mancher kommt zu großem Unglück durch sein eigenes Maul, obgleich ich dieses Wort nicht auf mich selber beziehe, denn für deine Tochter bin ich allzeit durchs Feuer gegangen. Ebenso Lambert. Also, was soll nun mit Nellecke werden?« »Mit Nellecke?« fragte der blaue Mynheer, und seine Brauen schoben sich abermals straff in die Höhe. »Sie ist meine einzige Tochter, und ich bin stolz auf das Mädchen.« »Wird unterschrieben,« meinte Johannes. Seine Wimpern fielen wie graue Spinnwebe herunter, um sich wieder langsam zu heben. »Wie das Feuer Silber und der Ofen Gold prüfet, also prüfet der Herr die Herzen der Menschen. Auch das von Nellecke, und es wurde für ehrlich und würdig befunden.« »Meine Erziehung. Fest und energisch. Ich habe sie immer stramm an der Kandare gehalten, denn es ist kommoder im Leben, 'nen Korb mit Flöhen als ein Weibsbild unter Obacht zu nehmen. Johannes, du weißt es ja selber. Vorläufig ist sie noch wohnhaft und in Kondition bei Röschen Jungklaas. Prima Plätterin. Rassiges Frauenzimmer. Ebenbild meiner Seligen. Knackig und munter, sauber wie'n Borsdorfer Apfel an 'nem feinen Spalierbaum ...« »Und ihre Lippen sind wie eine rosinfarbige Schnur,« unterbrach ihn Johannes, »und ihre Rede ist lieblich.« »Bravo!« rief Moritz. »Da sieh mal!« und schwerfällig hob er sich auf, trat an die Anrichte, entnahm ihr ein Lichtbild, das Nellecke darstellte, und hielt es dem Alten dicht vor die Nase. »Kreuzkuckuck nochmal!« lachte er auf, »an so was kann sich schon ein Mannskerl vergaffen. Dieser Schwung, diese Haltung! Diese Turnüre! So was gibt's nicht mehr zwischen Kleve und Xanten. Und wenn man alle Honoratiorentöchter in einen Ballsaal zusammen täte« – und damit stellte er die mit einem vergoldeten Rähmchen versehene Daguerreotypie neben die große Suppenterrine und setzte sich wieder – »gegen Nellecke sind sie man bloß aus 'nem Affenkasten gesprungen.« »Vornehm, sehr vornehm!« echote der weiße Mynheer. »Moritz, sie ist schön deine Tochter, und kein Flecken ist an ihr.« »Na, wenn du dieses schon selber behauptest, dann kannst du auch meinen Gusto verstehn, wenn ich hiermit feststelle: auch Nellecke will in 'ne vornehme Familie hinein, genau so wie Ewert.« Johannes Terstegen schreckte zusammen. Seine ausgebleichten und verwaschenen Augen brannten wie Totenlämpchen. Starr und verlähmt waren sie auf den selbstgefälligen Schiffer gerichtet, wobei er mit beiden Händen eine trostlose Gebärde machte, als sähe er sich genötigt, eine delikate und schöneingefädelte Herzensangelegenheit von jetzt an und für immer schwimmen zu lassen. »Moritz, was heißt das?« stotterte er mit blutleeren Lippen. »Wo soll ich das hintun? Sind wir ihr und dir etwa nicht nobel genug? Ist mein Lambert ... bin ich nicht ...? Du willst uns doch nicht die Totenlade bestellen? Sind wir etwa nicht wert und würdig, mit dir in Konkurrenzschaft zu treten? Ich bitte dich im Namen der allerseligsten Jungfrau Maria ...« Seine Worte erstickten, gingen unter in einem wehen Gestammel. »I den Kuckuck nochmal! Wie kommst du auf so was? Das sind ja Salven von persönlicher Dummheit. Immer man stopp, mein lieber Johannes. Du mußt nur den zuständigen Kompaß benützen und das richtige Perspektiv vor die Kucklichter setzen. Überhaupt die Terstegens! Respektabel bis in die äußersten Knöppe hinein. Das will ich dir schriftlich geben, mit 'nem notariellen Siegel drunter. Dunnerkiel und kein Ende! wer das bezweifeln tun täte, der kriegte eins mit 'nem Tauende über, daß er in die oberste Takelage hineinkröch'. Also Respekt vor die Herren Terstegens, aber auch Respekt vor das, was sich van Dornick tut schreiben. Johannes, verstöre dich nicht, aber jeder ist sich selber der nächste. Doch später mehr von der Sache ... zu 'ner kommoderen Stunde. Ich höre wen kommen. Es kloppt. Angtree! Immer 'rein in die Koje ...! Ah! – gehorsamster Diener ...!« und während der Teekessel laut aufpolterte und den Deckel unter Qualm und Dampf auf die Dielen prustete, war der Herr Aktuarius Aloys Furtwanger in die blaue Stube getreten. 5 »Da sehn Sie, mein lieber Herr Aktuarius,« sagte der Hausherr, indem er sich niederbückte, den entsprungenen Deckel aufhob und ihn wieder auf den fauchenden Kessel placierte, »die ganze Schose hier ist schon rebellisch geworden. Feuer, Wasser, Punsch und Zitronen – alles schreit nach Ihnen, mein Lieber. Vier Elemente, Innig gesellt, Bilden das Leben, Bauen die Welt. Preßt der Zitrone Saftigen Stern... Dennoch und trotzdem« – und mit strahlendem Gesicht reichte er dem Gastfreund die Hand hin – »seien Sie uns herzlich willkommen ... herzlich willkommen!« »Ich muß vielmals um Entschuldigung bitten. Meine Wirbelsinnigkeit ... mein fahriges Wesen ... überhaupt so'n Junggesell ohne das erforderliche Steuer und die nötigen Richtlinien ...« »Man keine Redensarten, Herr Aktuarius,« erwiderte Moritz, indem er ihm Überzieher und Tröster abnahm und beides mit dem hohen Zylinder hinter den blauen Umhang spedierte, »hat gar nichts zu sagen. Wer lange navigiert, kommt auch in den Hafen. Hier sind wir jetzt gemütlich zusammen, Sie, Terstegen und ich – und dort brummt der Pott – und hier steht die Bowle – und in ein paar Stunden können wir lustig und fidel sein und rufen: Prosit Neujahr! Auf das, was wir lieben!« »Ich danke, ich danke! Ich bin noch äußerst konfus, noch rein aus dem Häuschen. Ich weiß so recht nicht, wie ich hergekommen bin. Es ist noch alles so seltsam in mir, so verworren und komisch. Möglich – das kleine Gläschen Portwein, das ich mir heute nach dem Mittagessen zu Gemüte führte, hat schuld daran, gewisse Erregungen, Träume und Erinnerungen aus längstvergessenen Tagen wieder ins Klingen zu bringen. Ich schwebe beständig, habe keinen Grund unter den Füßen und schaukle noch immer in meinen Gedanken durch jene Zeiten hindurch, als ich in den Kinderschuhen steckte und mir Fräulein Beiderwand ...« Fröstelnd rieb er seine verklammten Hände zusammen. »Gott, meine Herren! das waren traurige Zeiten und doch wieder Zeiten, die mich ansahen wie glückliche Märchen. Damals hielt meine Jugend ihre selige Weihnacht. Ich durchlebte sie nochmals, vor wenigen Augenblicken, in dieser Stunde – kein Wunder, daß ich verspätet hier eintreffe und jetzt erst Gelegenheit nehme, Ihnen, meine Herren, einen guten und schönen Abend zu bieten. Und daher: Ihnen einen gesegneten Abend, Herr Kapitän, und dito Ihnen, mein hochverehrter Herr Terstegen. Ich freue mich innig, wieder mit Ihnen, in froher Gemeinschaft ...« »Merci, merci!« sagte Johannes und reichte ihm die bleiche, fast sandgraue Hand hin. »Es ist das Licht süße und den Augen lieblich, die Sonne zu sehen. Sie bringen uns die Sonne, Herr Aktuarius.« »Aber ich bitte submissest ...« »Bringen Sie, bringen Sie!« fiel Moritz dazwischen und schob ihm den Arm unter die Linke. »Aber nun Schluß mit der Vornehmheit und den getragenen Worten, denn ich sage noch einmal: Dort brummt der Pott – hier steht die Bowle – und in ein paar Stunden können wir lustig und fidel sein und rufen: Prosit Neujahr! Auf das, was wir lieben!« und damit sah sich Aloys Furtwanger auf den für ihn bereit stehenden Sessel komplimentiert, während der Gastgeber den Kessel vom Feuer hob, ihn zutrug und den kochenden Strudel in die weitbauchige Suppenterrine hineingoß, dabei die Worte zitierend: »Gießet des Wassers Sprudelnden Schwall! Wasser umfänget Ruhig das All. Tropfen des Geistes Gießet hinein! Leben dem Leben Gibt er allein.« Ein süßsäuerlicher Hauch entstieg dem geheimnisvollen Behälter – und das waren die Zitronen. Eine wonnige Lieblichkeit paarte sich dem Herben und Strengen – und das war der Zucker. Dann wallte der Geist auf, von Wasserdämpfen umgeben, von bläulichen Flämmchen umzüngelt, ein Geist so mannhaft und doch so einnehmend, als wäre ihm die Kraft gegeben, Störrische gefügig zu machen, Frohäugige gen Himmel zu tragen und den Schwermütigen den Kummer von der Stirne zu streicheln – und das war der Arrak ... und hinter der mächtigen Amphora, die quirlte und apothekerte wie ein Rauchaltar des Herrn, stand der Kapitän Moritz van Dornick, großartig in seiner Spendierlaune, getragen von dem Bewußtsein, würdige Männer in seiner blauen Stube versammelt zu haben, ein Bild stillen und zuversichtlichen Genießens, mit einem silbernen Löffel die duftige Flüssigkeit so bedachtsam anrührend, als gölte es, auch den letzten Extrakt aus Zucker, Arrak und Zitrone in den heißen Tobel überzuleiten. Als er den Löffel beiseite gelegt und die Mischung für äußerst gediegen und einwandfrei erklärt hatte, begann es abermals in dem altfränkischen Uhrkasten zu näseln. Gleich darauf schlug die Schiffsglocke an. Moritz zählte die einzelnen Schläge. »Neun Uhr,« stellte er mit einer gewissen Rührseligkeit fest, eine Rührseligkeit, die möglicherweise auf schwere Gedanken und eine zu erwartende Rede hinwies, füllte die Gläser, präsentierte sie an, tinkte mit dem Rücken eines Messers gegen die Suppenterrine und sagte: »Hochzuverehrender Herr Aktuarius, mein lieber Johannes! So ein Abend wie der heutige ist nur einmal im Jahre, und ich habe ihn durchlebt zu Wasser und zu Lande, im gemütlichen Heim und in der Kajüte meines Lieblingsschiffes ›Maria, sei mit uns‹, in Firma Matthias Stinnes \& Söhne, Duisburg-Ruhrort. Meine Herren, ich bin nicht der Mann, großartige Redensarten zu machen und mich selber in den Himmel zu loben, denn ich habe manchmal im Leben Steuerbord gehalten, wo es besser gewesen wäre, Backbord zu nehmen, aber das kann ich wohl sagen: Obgleich ich Kohle gebunkert, Fett- und Magerkohle, und solche im Auftrag meines Hauses nach Holland verschiffte – mein Segelzeug ist immer so honorig wie die Bäffgens eines evangelischen Pasters geblieben. Ja, und dasselbe, meine Herren« – dabei schlug er sich mit der geballten Faust auf sein schweres Düffeljakett, daß es einen dumpfen und verhaltenen Ton gab – »kann ich von das hier behaupten. Das muß vorher festgestellt worden sein, um Verständnis und gewissermaßen den roten Faden in meine Worte zu bringen, denn ohne solches ist alles, um mit meinem Freunde Johannes Terstegen zu sprechen, man bloß ein tönendes Erz und eine klingende Schelle. Herr Aktuarius, damit soll natürlich gar nicht gesagt sein: ich sei von jeher und Zeit meines Lebens ein Tugendbold und ein frischgereinigter Engel gewesen. Das weise ich von mir. Auch ich bin öfters auf den heiligen Berg der Dummheit geflüchtet, habe meine dämlichen Streiche gemacht, genau wie die andern, aber keine, die schlecht und voller Biesternis waren, denn der brave Kerl ist wie'n Proppen immer nach oben gekommen. Dieses wird mir mein treuer und angenehmer Stubennachbar bezeugen, weil wir uns von Jugend auf kennen und er von wegen seiner höheren Jahre alles für voll nehmen konnte.« »Moritz,« versetzte der Alte, und seine durchscheinenden Lider sanken wie Strohdächer über die verwaschenen Augen, »das unterfertige ich mit meinem Namen Johannes Terstegen.« Moritz sprach weiter. »Herr Aktuarius, nachdem dieses festgestellt ist, nehme ich erst den richtigen Kurs auf und hoffe mit Gottes Hilfe und Beistand und bei sichtigem Wetter mein Ziel zu erreichen. Um die Geschichte kurz zu machen – die Sache ist diese. Als auf der Talfahrt das Unglück passierte und ich so recht nicht mehr konnte, da mußte ich mir die Frage vorlegen: Himmel, was wird nun? Haus oder Schiff? Land oder Wasser? Entweder so oder so. Es ging nicht mehr anders. Ich ließ die Planken- und Wasserratte schwimmen und habe mich nach schweren Molesten in 'ne Haus- und Mauerratte verwandelt und wohne seit der trübseligen Stunde in diesen vier Wänden, in ein und der nämlichen Stube, wo wir in diesem Momang uns befinden, obgleich ich mir sagte: Moritz, du hast dir 'ne andere Ankerstelle gewunschen, 'ne Ankerstelle mit 'nem veritablen Goldgrund ... aber Gott hat's so wollen.« »Und sein Name sei gepriesen in alle Ewigkeit,« echote Johannes Terstegen. »Ja, er sei gepriesen, mein lieber Johannes, und nun hausiere ich Ihnen schräg gegenüber, mein hochverehrter Herr Aktuarius – und Gottes Sonne scheint in dieselbe Straße hinein – und dieselben Bäumchens begrüßen uns immer, im Winter und Sommer, im Frühling, wenn sie ihre grünen Spitzen ansetzen, im Herbst, wenn sie ihre Blätter verlieren – und wir beide haben Freundschaft geschlossen, sind gute Bekannte geworden. Ja, und Sie haben uns hinausgeführt, mich und Johannes Terstegen, und haben uns gelehrt, wie die Rohrdrossel ihr Nest baut, was die Regenwürmer betreiben und wie die Schnecken sich wechselseitig ihre Liebe bezeigen. Und ferner zu melden: an langen Winterabenden sind Sie zu uns gekommen und haben uns aus dem pläsierlichen Buche vorgelesen, das sich die ›Flohhatz‹ betitelt, haben uns bekannt gemacht mit dem, was in den Dielenritzen herumvagabundiert und die zusammengetragenen Fichtennadelhaufen bevölkert. Aber das war auch alles; näher sind wir uns im eigentlichen Sinn des Wortes niemals getreten. Freundschaft, Estimierung war da; wir Ihnen gegenüber und Sie uns gegenüber, aber das Herzhafte und Kernige fehlte, und da sollte ich meinen ... Goddam! da sollte ich meinen ... Herr Aktuarius« – und Moritz gab sich einen kräftigen Anstoß – »Herr Aktuarius, da sollten wir uns mehr kommoder und intimer benehmen. Ich meine ... Johannes, ich glaube auch in deinem Sinne zu sprechen ... ich denke, wo jetzt das frische Jahr vor der Tür steht, das alte abdampft, um dem neuen freie Kielbahn zu geben, wo bald alle Glocken rufen und singen: Hier bin ich, hier bin ich! – da müßte unser gegenseitiges Verhältnis einen Umschwung bekommen. Gewiß, Sie sind ein Jüngling uns gegenüber, haben studiert und zählen zu den Gelehrten im Kreise. Aber trotzdem und dennoch, wie wär' es, Herr Aktuarius, wenn wir uns heute in dieser glorreichen und erhabenen Stunde, wenn wir uns da mit du und du titulierten? Blexem und Donnder! wie's reilt und seilt. Das wär' doch 'ne Sache und 'ne Herzensfreude für mich und Johannes.« »Bravo, bravissimo!« lächelte Terstegen und versuchte es, seinen gespensterhaften Händen ein zustimmendes Klatschen zu entlocken. »Herr Kapitän ...!« Gleich dem braunen Kavalier aus der Villa ›Springinsröckel‹, ebenso hurtig war Aloys Furtwanger von seinem Stuhl in die Höhe gefahren, jetzt wenigstens um zehn Jahre jünger und nicht mehr das verängstigte und verdrückte Männchen von früher. Seinem Auge wohnte ein Leuchten inne, das die Seelen erfreute. Alles Putzige, Steife, worüber sonst viele Menschen zu schmunzeln beliebten, war von ihm genommen. Die Hasenpfötchen saßen akkurat auf den glattrasierten Wangen, seine Haltung imponierte, jedes und alles an ihm schien gestriegelt zu sein, als wäre es eben erst aus der Plätterei von Röschen Jungklaas bezogen. Die Linke in der Hosentasche, die Rechte mit dem schwerkarätigen Siegelring auf die Tafel gestemmt, machte er den Eindruck eines Mannes, dessen Herz überwallte und der darauf ausging, den Anwesenden etwas Liebes und Gutes zu sagen. »Herr Kapitän!« also begann er mit erhobener und zuversichtlicher Stimme. »Hier in diesem Raum zu verkehren, ist mir von jeher eine traute, insichgekehrte und trotzdem eine große und seligmachende Freude gewesen. Die glücklichsten Abschnitte meines sonst vereinsamten und nicht gerade erhebenden Daseins gefielen sich offenbar darin, sich hier zu erneuern. Erinnerungen und Spiegelbilder! Schöner und wehmütiger, anheimelnder und trauter sind sie mir niemals erschienen. Herr Kapitän, bevor ich nun auf Ihre gütigen Worte zurückkomme, möchte ich bei diesen Erinnerungen und Spiegelbildern etwas verweilen. Warum ich das möchte? Ich habe keine Gründe dafür. Werde auch schwerlich welche finden, denn der Gedanke flog mir zu wie die Täubin dem Tauber, wenn mir auch schon lange der Zwang inne wohnte, Ihnen, meine Herren, gegenüber Zeugnis abzulegen und den Schild zu halten für die, die mir das Leben gegeben.« »Auf daß sie ruhen möge in Frieden,« responsierte Johannes. »Ich quittiere ergebenst,« sagte Aloys Furtwanger, hob die Hand und drückte sie wieder sanft auf die Tischplatte, »denn viele wähnen, ich hätte in dieser Beziehung etwas zu verschleiern, etwas auf den Kirchhof zu fahren; aber ich sage Ihnen: Ich für meine Person habe nichts zu verbergen und nichts zu verhehlen. Eine Jugendfehle war da, allein diese Fehle ist menschlich gewesen, das traurige Geschick, das seine Flore über das geliebte Wesen spreitete, hat alle Schuld von der Toten genommen. Ich habe meine Mutter niemals gekannt, und ich kenne sie doch, als wenn sie noch unter den Lebenden weilte. Fräulein Beiderwand, die Gott segnen möge im Grabe, war Mittlerin und Fürsprecherin. Ihr hab' ich's zu danken, daß ich meine Mutter niemals verlor, damals nicht, als ich kaum zu lallen vermochte; auch jetzt nicht, wo die Zeit hinter mir steht und mir ins Ohr raunt: Du bist einundvierzig Jahre geworden. Durch liebevolles Erzählen, durch einen unscheinbaren Schattenriß und ein winziges Kästchen, das sich im Nachlaß der Verstorbenen vorfand, brachte sie mir die Heimgegangene immer näher und näher, bis sie für mich eine Heilige wurde. Vornehmlich das winzige Kästchen! Als ich noch jung war, wähnte ich in ihm die kostbare Truhe einer schönen Königin zu sehen, dann später ... doch alles muß ich Ihnen in einer anderen Weise erzählen, viel schlichter und zarter ...« Dann rief er mit Tränen in der Stimme: »Die Puppenspieler-Marie!« und begann hierauf zu sprechen: »Ach, meine herzliebe Mutter Besaß einen kostbaren Schrein; Drin ruhten auf seidenem Futter Viel Perlen und Edelgestein. Ich wähnte Kronen zu schauen, Zu Hunderten hingemäht, Und goldene Triften und Auen, Mit Diamanten besät. Bei seinem Anblick erstrahlte Mir alles und jedes im Haus, Und meine Seele malte Die Mutter als Königin aus. Doch als ich wieder nach Jahren Die kostbare Truhe besah. Ihr Lieben, ich habe erfahren, Was mir noch niemals geschah. Denn siehe, sie war nur ein Kästchen, Ein unscheinbares Ding, An dem noch ein ärmliches Restchen Von Silberplattierung hing. Und was ich einst tat schauen, Was ich als Kronen gerühmt. Die goldenen Triften und Auen, Mit Diamanten geblümt, Und all die köstlichen Dinge, Die mich als Kind entzückt – Es waren zwei schlichte Ringe, Ein Kettlein mit Perlen geschmückt. Da nahm ich mit lächelndem Munde Das winzige Kästchen hin ... Die Mutter aber zur Stunde Blieb doch eine Königin.« Aloys Furtwanger hielt für einen kurzen Augenblick inne. Mit feuchten Augen sah er den seinen Duftwölkchen nach, die sich um den Lampenschirm drehten und zur Decke stiegen. Da unterbrach Terstegen das feierliche Schweigen und sagte: »Selig sind die, die reinen Herzens sind, denn sie werden Gott schauen.« »Werden sie,« konstatierte Moritz und fügte in ernster Weise hinzu: »Ein stilles Glas Ihrer Mutter – der Königin!« Und alle erhoben sich und stießen an und tranken und setzten sich wieder. Nur der Herr Aktuarius blieb stehen. »Meine Herren,« begann er aufs neue, »das mußte mir vom Herzen herunter, denn ich fühle es schon geraume Zeit hindurch: hier bei Ihnen war der liebe Geist in guter Gesellschaft, konnte denen die Hände geben, die kein Pharisäertum unter der Weste trugen, konnte sich mit denen ergehen, die das Menschliche im Menschen nicht in die Wüste verscheuchen. Für Sie ist die Verblichene stets eine ehrliche Frau und Mutter gewesen, wenn ihr auch der Segen der Kirche gefehlt hat. Niemals ist ein Wort darüber gefallen, aber ich hab's in Ihren Blicken gelesen – und das danke ich Ihnen. Und nun kommen Sie noch ... nun sind Sie, mein hochverehrter Kapitän, noch so human und freundlich ... nun, wo die Silvesterglocken bald rufen und das neue Jahr bereits den Klopfer hebt, um über den Hausflur zu treten ... jetzt, in dieser geweihten Stunde, in diesem Augenblick der glücklichen Erinnerungen und Spiegelbilder, da kommen Sie noch, bodenständig und kameradschaftlich, und bieten mir das Wechselseitige ›du‹ an. Ja, meine Herren, wenn Sie denn wollen, wenn Sie den vergrämelten, eigenbrödelnden und einsamen Menschen für würdig erachten ...« Und da stand nun der emeritierte Herr Aktuarius Aloys Furtwanger, seinen Heiland vor Augen und seine große und heilige Liebe im Herzen, seine stille und versonnene Liebe, die dort in effigie und im Bann der Suppenterrine ... ja, da stand nun der Mann, den sie in der kleinen niederrheinischen Stadt verehrten und priesen und ihm dennoch, seiner kuriosen Launen wegen, den Namen ›Springinsröckel‹ beigelegt hatten, hielt die Arme gebreitet und sah bald auf den blauen, bald auf den weißen Mynheer und sagte verlegen, aber glücklich und vor tiefer Erregung ganz auseinander: »Ja, meine Herren, wenn Sie denn wollen ...« »Her zu mir, Aloys!« und zwei kräftige Fäuste rissen das zierliche Männchen an ein derbes Tuchkamisol, wobei eine verrostete Kommandostimme ertönte: »Ich, Moritz van Dornick, pensionierter Kaptän von dem Kohlenschiff ›Maria, sei mit uns‹, in Firma Matthias Stinnes \& Söhne, domiziliert in hiesigem Kirchspiel, schwöre dir ewige und unverbrüchliche Freundschaft, wie's reilt und seilt und mit allen Finessen.« »Ich desgleichen!« und Johannes Terstegen legte ihm seine steifen Gelenke um Hals und Nacken und sagte: »Befiehl dem Herrn deine Werke, so werden deine Anschläge fortgehen und sich weiter verzweigen. Aloys, in diesem Sinne für immer und ewig!« »Und des zum Zeichen,« rief Moritz, »wollen wir den Inhalt unserer Gläser verzehren und aufs neue sie füllen! Aloys, auf das, was wir lieben!« Und da stießen sie an und tranken und setzten sich wieder, und sie merkten es nicht, wie beim Austausch ihrer Gedanken, ihrer kleinen Leiden und Freuden, ihrer Alltäglichkeiten und Festlichkeiten die Zeit vorrückte und mit ihren Fußspitzen bereits die Schwelle des neuen Jahres berührte ... und als die Standuhr wieder zu rumoren begann, elf Schläge durch die wohlige Stube zitterten, traf der Kapitän seine Vorbereitungen, den Hauptteil des Abends so gediegen wie nur möglich herzurichten. Ein frisches Arrakfläschchen wurde entstöpselt, ein paar Zitronen bereitgestellt, das von den Broten und Schweinsknöchelchen befreite Tellerkonsortium beiseite gebracht und der mit frischem Wasser gefüllte Kessel wieder auf das prasselnde Feuer geschoben. Wie das knackte und plauderte, knisterte und mit lauten Züngelchen spielte! So heimelig und anregend wie heute war es in dem Zimmer des blauen Mynheers noch niemals gewesen, und dazu gab der Herr Aktuarius alles zum besten, was er im verflossenen Sommer und Herbst auf seinen stillen Erkundungsfahrten durch Wald und Flur, an den Altwassern des Rheins und den Ravelinen des Binnenlandes endeckt und in sich aufgenommen hatte. Er erzählte von dem geheimnisvollen Werden des Mariengarns, den geschäftigen Weberinnen dieser merkwürdigen Fäden. »Ja, meine Herren,« fuhr er aufatmend fort, »obgleich der Prophet Jesaias verkündet: Ihr Spinnweb taugt nicht zu Kleidern, so ist diese Behauptung des alttestamentlichen Sehers der heutigen Wissenschaft und meinen Beobachtungen gegenüber nicht mehr zu halten; denn es steht einwandfrei fest: ihr Einschuß überragt an Festigkeit den der Seidenraupe um ein Vielfaches, wenn auch neunzig Spinnfäden erforderlich sind, um die Stärke eines solchen des Maulbeerblattfressers zu erreichen, und achtzehntausend, um die eines starken Zwirns in den Schatten zu stellen. Aber die Möglichkeit ist doch immer gegeben, aus dem Produkt ihrer mühseligen Arbeit ein Kleid zu verfertigen. Und ihr Schnäbeln erst, ihr Minnen und Werben! Höchst wunderbar und in seinen Tiefen und erschütternden Begebenheiten noch nicht genügend erforscht, um eine befriedigende Lösung zu bieten; denn es muß leider gesagt werden, daß der männliche Teil hierbei zu kurz kommt und sich in den meisten Fällen in die Lage versetzt sieht, von der Liebes- und Lebensbrücke zu stolpern, ein Schicksal, das der erregte und die Eleusinischen Mysterien suchende Spinnerich mit manchem Jüngling gemein hat, wenn es erlaubt ist, ein solches Beispiel in Erwägung zu ziehen.« »O, o, o!« unterbrach ihn Terstegen, und die weitaufgerissenen Augen des Alten hingen mit einer gewissen Bekümmernis und Trauer an den Lippen des stillen und dozierenden Mannes. Dabei flochten sich seine bleichen Finger erregt ineinander, tippten die Spitzen zusammen, verkrampften sich innig, um sich unter einem wehen Seufzer wieder zu lösen. »Johannes, was hast du?« fragte der Kapitän und klatschte ihm begütigend die Hand auf die Knie. »Moritz, ich kann mir nicht helfen ... Das von so eben ... das, was unser gemeinsamer Freund von den Spinnen gesagt hat ... ihr Liebesleben und so ... und daß ähnliche Dinge sich auch bei denkenden Wesen abspielen können ... Moritz, das sorgt mich und schafft böse Gedanken.« »Johannes, es ist doch vollständig wurschtig, was diese Tiere betreiben, und wenn solche Männchen, wie Aloys behauptet, manches Mal von der Liebesbrücke purzeln, oder, mit anderen Worten gesagt, sich im Magen der Herzallerliebsten wiederfinden, so ist das doch höchstens aus der animalischen Naturgeschichte genommen und vergnüglich zu hören.« »Aber das mit den Menschen!« »Wieso mit den Menschen?« »Daß solche Exempel auch in unserm Leben vorkommen können. Christus!« – und seine Stimme flackerte auf wie eine Kerzenflamme, die schon auslöschen wollte – »das ist ein Gleichnis wie aus der Bibel bezogen, das dient mir als Warnung und macht mir die Stunden, die ich bei dir genüglich zu verplaudern gedachte, zu peinlichen Stunden; denn jetzt muß ich immerzu an Lambert und Nellecke denken und darüber nachsimulieren: was soll aus den beiden nur werden? Er ist mein Einziger, hat was gelernt und ist bei einiger Sparsamkeit gewißlich imstande ...« »Himmel, Herrgott und Tauende!« rief Moritz, »kommst du mir wieder mit dieser verfluchten Pistole?!« »Was – verfluchte Pistole?! Mensch! die heiligen Sprüche besagen: Eine gelinde Antwort stillet den Zorn, aber ein hartes Wort regt den Grimm an. Können wir die Sache denn nicht in Ruhe bereden?« »Können wir, können wir, aber warum diese jüdische Eile?« »Moritz, meine Sache ist dringlich.« »Pressiert's so? Ich habe immer den Standpunkt vertreten: schnelle Segler sind nicht immer die besten.« »Das mag bei Schiffern der Brauch sein, wenn sie solches bedenken. Wir Leinweber indessen ...« »Stopp, du alter Krakeeler! Wir trinken jetzt Punsch, wollen fidel sein und den Silvesterabend in kommoder Weise beschließen. Schwere Überlegungen und Gedanken kann ich jetzt nicht gebrauchen.« »Aber ich,« versetzte Terstegen, und sein hagerer Hals wurde lang in der schwarzen Binde. »Ich muß Klarheit besitzen und flinkes Garn in das Schiffchen hineintun, denn der Prediger verkündet: Wer auf den Wind achtet, der säet nicht, und wer auf die Wolken stehet, der erntet nicht. Ich will säen und ernten. Alles, was dir von Händen kommt zu tun, das tue frisch; denn in der Hölle, da du hineinführest, ist weder Werk, Kunst, Vernunft, noch Weisheit ... und im vorliegenden Falle: mein Lambert ...« »Der sitzt nun beim hochwürdigen Herrn in Obermörmter,« fiel Moritz dazwischen, »trinkt seinen Punsch und ist vergnügt wie 'ne Made im Holländer Käse. Wollen's ihm gleich tun. Fort mit den Grillen und Sorgen! Johannes, in die Kanne gestiegen! Aloys, auf 'ne angenehme und prächtige Zukunft! Ein liebliches Pröstchen für uns all' miteinander!« Die Gläser stießen zusammen. »O, o, o!« seufzte Terstegen und lehnte sich in den Sessel zurück. Er gab das Rennen auf, denn er fühlte zu seinem größten Leidwesen: mit Moritz war nichts mehr aufzustellen. Der hatte Augenblicke, wo er, wie einst bei hartem und gefährlichem Wetter, den Südwester in den Nacken drückte, den Ölmantel überzog und dann zugeknöpft war von oben bis unten. Nein, heute war nichts mehr zu machen. Er mußte sich fügen, obgleich er vor Jahresschluß noch zu gerne eine bindende Entscheidung herbeigeführt hätte. Immer mehr kroch er in sich zusammen. Das helle Licht unter dem blauen Lampenschirm schien trüber zu brennen. Es wurde ihm schwer, Einzelheiten des Zimmers wahrzunehmen – ein Zustand, der sich mit jeder verrinnenden Minute verstärkte. Er hatte die Empfindung, als wenn er verwaist sei, als sähe er sich von allen Eidgenossen verraten. Auch merkte er nicht, daß das Wasser wieder zu sirren begann, der Kapitän sich erhob, die Zitronen zerteilte und frische Essenz in die Suppenterrine hineintat. Seine Seele hatte das blaue Zimmer verlassen und war nach Obermörmter gepilgert. »Da sitzt nun mein Lambert bei Hochwürden,« sagte er mit trauriger Geste, »feiert den heutigen Abend und ist dennoch verödet, ganz allein und verödet, denn der geistliche Herr kann ihm das Beste nicht geben ... und da möchte ich mit dem Prediger sprechen: Da lobe ich die Toten, die schon gestorben sind, mehr denn die Lebendigen, die das Leben noch haben.. Mein Lambert, so ganz allein und verödet ...« »Warum dieses Grübeln?« Aloys hatte seinen Stuhl dicht an die Seite des Alten geschoben. »Ich weiß nicht, was hier vorgeht,« meinte er schüchtern, »und kann es nicht wissen. Aber das mit Lambert ... warum dieses Klagen? Daß er am heutigen Tage das väterliche Dach vermissen wird, kann ich begreifen, möchte jedoch hinzufügen: Auch bei geistlichen Herren ist Wohlsein. Sie verstehen zu leben, und ihre Neujahrsbowlen, so habe ich mir erzählen lassen, gehören zu denen, die nicht nach Weihwasser schmecken.« »Wahrhaftig in Gott nicht,« pflichtete Moritz ihm bei, der sich gerade anschickte, den Inhalt des heißen Kessels über den Arrak zu gießen. »Ja, und was soll ich da erst sagen,« tröstete Aloys weiter. »Den größten Teil meines Daseins bin ich wie auf einem Eiland gewesen. Niemand sorgte für mich, niemand bangte um mich. Ich war fremd unter Fremden. Keine freundliche Hand brachte mir den heiligen Christ in meine vier Pfähle. Nur Schatten waren bei mir, und Schatten können nur Trostloses reden. Und wenn die liebe Sonne zu mir kam, so blieb sie nicht lange, hatte es eilig, denn die Schatten waren mächtiger als sie und geboten ihr, mein Haus zu verlassen. So vergingen die Wochen, die Monde, die Jahre. Sie folgten sich wie die Seiten in einem Sterberegister. Kreuzlein bei Kreuzlein! Ein ewiges Einerlei, eine sandige Öde lag um mich. Sie verschluckte alles, was mich aufheitern wollte. Ich komme mir vor wie ein Durstiger an einer vertrockneten Quelle ... und nur meine Kerfen und verkieselten Mirakel ... Sie sind meine Freunde, meine lieben Genossen, und ich bin öfters der Ansicht gewesen: mit ihnen ist besser fahren als mit den Menschen auf Erden. Selbstverständlich mit Ausnahmen. Ich habe solche gekannt und kenne noch welche, die boten und bieten mir das Brot der Auferstehung. Ich brauche nur die Hände in diesem Räume zu strecken, und ich empfange doppelt und dreifach. Auch bei Röschen Jungklaas finde ich Stunden, die mich wie Sonntagskinder begrüßen. Im allgemeinen jedoch bin ich leer und zersplittert. Ich sehne mich nach einem verborgenen, seligen und häuslichen Glück – und kann es nicht haben. Ich dachte mir häufig: wenn doch eine käme, die zu mir sagte: Wo du hingehst, da will auch ich hingehen, und wo du stirbst, da will auch ich mein Haupt in die Kissen drücken. Aber zu mir ist niemand gekommen – niemand, keine menschliche Seele. Ich scheine verurteilt zu sein, meine Tage hinzunehmen, wie sie nun einmal liegen, obgleich ich nicht die Worte des heiligen Paulus vertrete. Ein Büßer, der vor dem Himmelreich steht, seine Herrlichkeit betrachtet, aber keinen Einlaß erwirkt, befindet sich in der nämlichen Lage. Ich sehe die Liebe, das ewige Sonnenlicht und alle die Wunder, die der Herr zu seinem Ruhm geschaffen und ausgetan hat. Allein, ich kann sie nur schauen; nicht greifen, nicht fassen, denn alles und jedes findet sich im Weibe vereinigt. Eine Säule aufgewirbelten Staubes schreitet gegen mich vor. Ich fühle einzelne Körner, die sich in meinen Haaren, in meinen Kleidern verfangen. Die sandige Wolke wird stärker. Sie wandelt immer näher und näher. Ihr Aussehn ist drohend, und wie lange noch, dann wird sie mich wie eine Trombe verschütten. Ja, meine Herren, wenn einer es sagen kann, so bin ich der nächste dazu: um mich ist es still und einsam geworden.« Seine Worte verzitterten. Der Kapitän fuhr auf. »Gott's den Donner noch mal ...!« Den Suppenlöffel, mit dem er die leeren Gläser angefüllt hatte, stieß er in die Bowle zurück. »Aktuarius,« rief er mit flammenden Blicken, »es gibt noch Weiber auf Erden!« Aloys Furtwanger machte eine entsagende und schmerzliche Bewegung, indem seine Blicke Nelleckes Bildnis streiften: »Kein Zweifel, aber die lieben Gottesdingerchen sind für mich nicht geschaffen.« »Da schlage doch ein heiliges Himmelgewitter ...!« »Nein,« versetzte der Insichgekehrte mit aller Bestimmtheit, »mich wollte ja keine ... auch jetzt nicht ... ich glaube, es findet sich niemand.« Der Kapitän wetterte los: »Aloys, Aktuarius, das wäre noch schöner! Da sollte man sich ja Hals über Kopp in ein Faß mit Lebertran stürzen. Ein Gemütsmensch wie du bist ... dieses Können ... diese umfassende Bildung ... außerdem: diese gesicherte Stellung, und noch immer alert und fröhlich bei Jahren ... und da willst du den Joseph aus Ägypten markieren?! Mensch, du – mit Marks in den Knochen! Es ist ja zum Lachen, es ist ja, um die leibhaftige Kränke zu kriegen. Herzensbruder, du navigierst noch durch 'ne haushohe Dünung. Los denn dafür! Klar Schiff zum Gefecht! Aloys, in die Kanne gestiegen und auf das, was wir lieben!« Er hielt ihm sein Glas hin. Da aber ... In mächtigen Tönen kam es von Sankt Nikolai herunter. Preziosa, die Grieth und Maria-Sabina schaukelten sich in ihren ehernen Röcken, sangen und jauchzten und machten die Scheiben erklirren. Mit eisernen Schwingen kamen die Heroldsrufe aus der sternenklaren Höhe herunter, marschierten über die Dächer, rüttelten die Menschenherzen empor, nahmen Sturmschritt über Land, glichen riesigen, unsichtbaren Wundervögeln, die in die Ewigkeit glitten. »Dum, Ding, Dong! – Dum, Ding, Dong!« Wie das hallte und jubelte! Glocken, Feiertagsglocken, Neujahrsglocken! Immer voller und mächtiger: »Dum, Ding, Dong! – Dum, Ding, Dong!« Immer freier und schöner – und dazwischen fielen zwölf einzelne Schlage, zwölf einzelne gewaltige Schläge ... und als sie verklangen, tat sich die Tür auf, und ein schmuckes, volles, liebliches Menschenkind, dem noch die kalten Winterrosen frisch und frei auf den Wangen blühten, streckte das Köpfchen vor. »Prosit Neujahr, meine Lieben! Prosit Neujahr!« Alle waren in die Höhe gefahren, aber auch alle.   6 »Prosit Neujahr!« und als sie sich aus ihrer Umhüllung geschält, ihr wollenes Häubchen abgelegt und ihre gestrickten Handschuhe ausgezogen hatte ... da stand nun Nellecke van Dornick wie ein liebes Geschöpf, das der Herr eigens vom Himmel gesandt, um das Heil und die Freude und das Behagen des neuen Jahres in die blaue Stube zu tragen. Ihre Wangen glühten, ihre kastanienbraunen Augen strahlten, in den lichten Härchen, die sich um ihre Stirn krausten, glitzerten noch die feinen Brillanten, die der bitterkalte Winterabend mit eisigen Fingern hineingestickt hatte. Trotz des empfindlichen Wetters trug sie nur ein einfaches kattunenes Kleidchen, das den Hals frei ließ und ihre jungen Zierden wie Eicheln in der Schale umspannte. Ein goldenes Kreuzchen kapriolte allerliebst in dem schmalen Enkörchen. Der ovale Kopf vermochte kaum die Fülle der ährenblonden Haare zu tragen. In dicken Flechten schlangen sie sich um Stirne und Schläfen. Niedliche Korallenknöpfe schmückten die rosigen Ohrläppchen. Alles an ihr war frisch und knappig, wie funkelnagelneu vom Prägstock gesprungen. Ihre Blicke gingen von einem zum andern. Dann breitete sie die Arme. »Väterchen!« und sie drückte dem vergnügten Kapitän einen herzhaften Kuß auf die Wange. »Alles Gute, du einziger Wasser- und Rheinbär!« »Merci, merci, mein Kind! Geb's zurück, und mache mir weiter Freude und Ehre.« »Auch Ihnen ein Prosit Neujahr, Ohm Terstegen, und Ihnen, Herr Aktuarius,« sagte sie mit perlendem Lachen, reichte beiden die Hand und sah sich alsbald im Kreise der würdigen Herren vor der Punschbowle sitzen. »Indessen – da fehlt ja noch einer, und er wollte doch kommen. Schade, sehr schade! denn ich muß gleich wieder fort, um mit Fräulein Jungklaas noch ein halbes Stündchen zu plaudern. Ich bin invitiert; sie hat selbst ihren Abend. Aber Christus! warum ist Ewert nicht da? Morgen ist doch Sonntag und so, und da hätte er sich frei machen können.« »Hat seine Bewandtnis,« versetzte der blaue Mynheer, »denn wie Lambert sich seinen Silvesterpunsch bei Hochwürden in Obermörmter genehmigt, dito und in derselbigen Weise liegt Ewert im Hause Harkopp vor Anker, um mit seinem Prinzipal 'nen Königlichen Kaufmannsschluck hinter die Binde zu gießen. Er schrieb's mir soeben. Mit der Siebenuhr-Post kam es an. Delikate Sache! Immer nobel! Das muß man ihm lassen: er versteht sein Geschäft und weiß schon die richtige Kontortür zu finden. Im übrigen, Nellecke« – und der trefflich gelaunte und solide Herr hob sich schwer aus dem Lehnstuhl – »ich tue dir hiermit kund und zu wissen, daß wir, Ohm Terstegen und ich, uns mit dem Herrn Aktuarius in 'nem angenehmen Verhältnis befinden. Wir stehen auf du und du und haben mit ihm in 'ner regelrechten Weise Schmollis getrunken.« »Wie schön!« sagte Nellecke, und ihre Blicke begegneten denen des Insichgekehrten. Ach! da war es ihm so, als sähe er in eine Welt voller Narzissen und Lilien, wie sie blühen am See von Genezareth, im gelobten Land, wo die Steine reden und die Nächte flüstern: »Wir wollen, daß man uns anbete!« – und wenngleich er auch kein bibelfester Mann war, so traten ihm doch die Worte in den Sinn, die da lauten: »Siehe, meine Freundin, du bist schön. Deine Augen sind wie Taubenaugen zwischen deinen Zöpfen. Deine Haare sind wie die von Ziegenherden, die beschoren sind auf dem Berge Gilead. Deine Brüste ähneln jungen Rehzwillingen, die unter Rosen weiden. Narden und Safran, Kalmus und allerlei Bäume des Weihrauchs ...« Er sinnierte nicht weiter, denn Nellecke, die sich noch immer verwunderte, hob ihr Glas und sagte: »Darauf wollen wir trinken, denn so 'ne Freundschaft auf du und du bringt die Herzen enger zusammen. Auch Fräulein Jungklaas ist der nämlichen Ansicht. Obgleich sie meine Vorgesetzte ist, sind wir uns heute Abend in die Arme gefallen und haben Schmollis getrunken.« »So 'ne Seele von Frauenzimmer!« lachte Terstegen. »Verdienen Sie auch,« konstatierte der Herr Aktuarius, und wäre er nicht zu keusch und schüchtern gewesen, er hätte das frische und üppige Mädchen mit seinen stillen und hungrigen Augen entkleidet. »Brav so!« nahm der Kapitän wieder das Wort auf. »Solche wechselseitigen Aufmerksamkeiten machen vergnügliche Menschen. Das ist gerade so, als wenn man 'ne frische Brise in die Segel bekömmt und fröhliche Fahrt hat. Ja, ja – und jetzt dieser Abend! Alles klappt wie an Bord, und ich kann wohl sagen: Ich sonne mich im Glück meiner Freunde und in dem meiner Kinder. Ewert zum Beispiel. Der weiß, wie der Wind weht. Ihm gleich, ob von Luv oder Lee her; er befindet sich toujours auf Posten, und wenn's mal hart hergeht, dreht er bei und geit, um möglichst bald unter spitzem Winkel in Richtung des Wetters zu kommen. Bei Harkopp \& Söhne, um dieses Welthaus noch einmal zu nennen, hat er sein Sprungbrett und denkt von hier aus auf den obersten Mastkorb zu wurschteln. Blexem! Der schlingert und kreuzt nicht. Schlankweg immer aufs Ganze. Mit Spille und Stenge hinein ins Vergnügen! Das hat er von mir, denn wenn einer als Kaptän von ›Maria, sei mit uns‹, in Firma Matthias Stinnes \& Söhne, zwischen Duisburg-Ruhrort und Rotterdam Jahre um Jahre auf dem Rheinwasser lag, der hat sich ein Ziel gesetzt und sich 'ne Weltanschauung gebildet, die mit 'nem Hirtzensprung über die tollsten Hindernisse hinwegturnt. Freilich, ich bin öfters daneben getapert und statt übers Fallreep zu gehen, in 'ne morastige Brühe gestolpert. Aber das hier – das Dekor, meine Herren, das hat sich gehalten und ist immer wie 'ne gutkalfaterte Bake gewesen. Respekt, meine Herren!« – und der blaue Mynheer sah jeden einzelnen so durchdringend an, als müsse er auch jedem einzelnen das Bedeutsame der Familie van Dornick tief in die Seele versenken – »wir sind 'ne Extranummer für uns, haben unser Renommee in der Welt. Jawoll! und wenn ich mich zurzeit auch ohne Takelage befinde und im Altmännerhaus sitze, meinen Mann habe ich gestanden wie alle van Dornicks, furchtlos und brav, kavaliermäßig und königstreu, ohne lange Fisimatenten zu machen. Nellecke, dasselbe wird von dir als meiner Tochter erwartet. Denn ich tue dir ferner kund und zu wissen, daß folgendes in unserer Familie passiert ist. Meine Großmutter selig war nahe daran, sich an 'nen holländischen Schulmagister regulär zu verplempern. Schnittig und schmuck war der Kerl, aber nur mit 'ner miesen Bildung behaftet. Dafür Demokrat, ohne Puttputt und immer mit kolossalen Redensarten im Munde. So'n Schlag von Blender und Seifenschaumschläger. Na, sie bekriegte sich aber und nahm 'nen van Dornick. Der war'n Studierter, wenn auch schüchtern und übersolide, einer von denen, die sich mit dem tieferen Wissen befassen, gelehrte Sachen betreiben und nebenher noch ein ersprießliches Einkommen stellen, gleichviel in Pension oder in sonstigen Renten. Mit besseren Worten: ein Mann von Kompläsanzen und 'nem bedeutsamen Gangwerk. Innen und außen blank wie'n aufgemöbelter Teekessel. Und was die Hauptsache ist: sie hat sich mit ihm glücklich erachtet und sich allzeit gefreut, den andern heimgeschickt zu haben. Immer vornehm. So war auch ihre Devise. Das mußt du bedenken. In 'ne noble Familie gehörst du. Nobel wie wir sind. Sonst nicht rühr' an die Sache. Dein Auserwählter muß einer sein, vor dem ich 'ne mächtige Estimierung besitze. Nur in diesem Sinne nehm' ich die Topps hoch. Nur so: Schiff klar zum Gefecht. Prost, Nellecke! Prost, meine Herren!« Und alle erhoben sich, stießen an und waren trefflich zuwege. Nur der weiße Mynheer machte ein Gesicht, als habe er sich in der Flasche vergriffen und statt eines delikaten Aquavits 'nen ganz ordinären Fusel getrunken, obgleich er versuchte, ein zustimmendes Lächeln unter die Leute zu bringen. Aber es wollte nicht glücken. Das Lächeln erfror ihm, erstarrte, wurde zu einem traurigen Grinsen; denn Hand aufs Herz und bei Licht besehen ... dieser Moritz mit seiner Wichtigkeit und seiner Großtuerei: das war ja von ihm 'ne ganz infame und unverschämte Rede gewesen, 'ne Rede mit Anzüglichkeiten und allerhand Spitzen, lediglich dazu angetan, seinem Lambert das Wasser abzugraben und es auf andermanns Mühle zu leiten. Äußerst verdrossen ließ er sich denn auch auf seinen Binsenstuhl fallen, stierte stumpf und dumpf vor sich hin und zählte die Punschkringel, die sich auf dem Tafeltuch abgedrückt hatten. Während all dieser Zeit hatten die Neujahrsglocken weiter geläutet, schön und heilig, feierlich und ans Herz greifend, waren dann flauer geworden, träger und müder, um nach einem schwächlichen Summeln gänzlich zu verstummen. Als sie schwiegen, erhob sich Nellecke, trat an die Seite ihres Vaters, legte ihm den runden Arm um den Nacken und sagte: »Nun kann ich wohl gehn, denn Fräulein Jungklaas erwartet mich noch, und ich möchte nicht gerne ... Du kennst sie ja, Vater. Sie ist äußerst adrett und möchte den heutigen Abend von 'ner besonderen Lieblichkeit haben. Sie hat mich extra gebeten und mir noch aufgetragen, dir 'nen schönen Gruß zu bestellen. Also – darf ich jetzt fortmachen?« und das dralle und hübsche Mädchen legte ihren roten Mund auf die Stirne des Alten. »Eigentlich nicht,« entgegnete Moritz, »denn nach Lage der Dinge gehörst du gewissermaßen an den Herd deines Erzeugers. Tradition und Gewohnheit! Sie wollen ihre Bewertung haben. Im Hinblick jedoch, daß dir Mamsell Jungklaas am heutigen Tage das ›du‹ offerierte, will ich eine Ausnahme machen. Es gibt Fälle, wo man sich gezwungen sieht, auch gegen 'nen konträrigen Wind zu lavieren. Bong! das soll hiermit geschehn. Aber jetzt sage mir mal: wer ist noch sonst von der Partie, die sich bei Röschen befindet?« »Die Postmeisterin, Hochwürden sein Annchen und die junge Frau des Herrn Forstpraktikanten.« »Gute Gesellschaft! Nichts dagegen einzuwenden. Drum man los, halte dich brav und nimm deine Lust von dem Nachtisch. Auch meinerseits 'ne schöne Empfehlung.« »Will's besorgen,« sagte Nellecke und machte Anstalten, sich in ihr wollenes Jäckchen zu drehen. Als sie damit fertig war und ihr Häubchen aufgesetzt hatte, trat der Aktuarius näher und fragte in verbindlicher Weise: »Dürfte ich vielleicht die große Ehre, für mich in Anspruch nehmen? Ich meine ... zu dieser Stunde ... es ist schon spät unter dem Monde geworden.« »Wie so?« meinte Terstegen. »Wie kommst du darauf?« Erregt schurbelte er die welken und abgezehrten Hände gegeneinander und gab einen quäkenden Ton von sich, als habe ihm jemand unversehens auf die Hühneraugen getreten. »Gibt's nicht!« legte sich der Alte ins Mittel. »Aloys, du bleibst! Nellecke ist selbständig und vor Tod und Teufel nicht bange. Zu 'ner andern Zeit – immer gerne genehmigt. Dafür laviere ich mich mit meiner Kaptänsparol. Für heute jedoch ... Johannes, das gilt auch für dich: wir punschen noch in aller Freundschaft zusammen, denn ich habe soeben noch die Bowle gelotet und ihren Pegelstand als genügend befunden. Die wird alle gemacht. So lange bleiben wir sitzen. Abgemacht. Basta!« Gegen diesen energischen Willen war nichts mehr aufzustellen. Man mußte sich fügen, und als Nellecke mit einem freundlichen »Noch 'nen pläsierlichen Abend!« sich empfehlen wollte und bereits den Drücker in der Hand hielt, um schnell ins Freie zu kommen, erhob sich der weiße Mynheer in seiner ganzen Länge und Umständlichkeit, trat auf sie zu, legte ihr die gespenstische Hand auf das Häubchen und sagte in seiner langsamen und lurksenden Sprechweise: »So gehe hin und iß dein Brot mit Freuden, trink' deinen Wein mit gutem Mut, denn dein Werk ist wohlgefällig dem Herrn. Prediger neuntes Kapitel. Dann ferner, Nellecke: Lasse deine Kleider immer weiß sein und deinem Haupte an Salbe nicht mangeln ... dann findest du auch in den ärmlichsten Verhältnissen das Reich Gottes und eine glückliche Ehe.« »Ich danke vielmals, Ohm Terstegen, und meinen herzlichsten Gruß auch an Lambert.« Damit war Nellecke van Dornick wie ein schönes Rührmichnichtan, eine flinke Gazelle in den Steppen Kordofans, spurlos verschwunden. »O, o, o!« sagte Terstegen und nahm wieder seinen früheren Platz ein, vigilierte aber scheu nach dem Eckbrett hinüber, auf dem etliche Kalkpfeifen einträchtiglich beieinander standen. Verschiedene Päckchen mit Krülltabak lagen daneben. »Moritz, wie wär's nun ... könnte ich mir vielleicht ein Pfeifchen vergönnen?« »Warum nicht?« gab der Gastherr zurück, brachte das Gewünschte zu und hielt dem Alten einen brennenden Span hin. Bläuliche Wölkchen kringelten zur Decke. Als sich gleich darauf ein angenehmes Arom im ganzen Zimmer verteilte, zog Moritz die Augenbrauen straff in die Höhe, schliff mit Zeige- und Mittelfinger etliche Male zwischen Kragen und Bartfräse hindurch und fragte, den Blick steif und stramm auf Terstegen gerichtet: »Johannes, was war das soeben? Ich meine das, was du Nellecke mit auf den Weg gabst?« »Terstegen ist sprachekundig wie Salomo,« versetzte der Aktuarius. »Wenn ich nicht irre, hat er eine Sentenz aus den Predigten dieses weisen Königs zum besten gegeben.« »Stimmt,« sagte der Alte. »So, so!« machte Moritz. »Also wieder was von dem jüdischen König! Aber ich hab's so recht nicht verstanden. Besonders den Schluß nicht. Den mußt du mir noch mal wiederholen; denn doppelt hält besser. Ich bin in der Schrift man schwächlich bewandert. Also ich bitte.« Das Gesicht des Kapitäns färbte sich dunkel. Etliche Falten darin gruben sich tiefer. »Gerne,« entgegnete Terstegen, und er rekapitulierte in seiner getragenen und abgeklärten Manier: »Nellecke, lasse deine Kleider immer weiß sein und deinem Haupte an Salbe nicht mangeln ... dann findest du auch in den ärmlichsten Verhältnissen das Reich Gottes und eine glückliche Ehe.« »Läßt sich hören,« knutterte Moritz, »läßt sich unbedingt hören. Besonders das mit dem ›Reich Gottes‹ und das mit der ›glücklichen Ehe‹, aber das mit den ›ärmlichen Verhältnissen‹ will mir absolut nicht zu Kopp, kann ich so recht nicht placieren. Ist wohl 'ne Erfindung von dir? He! auf deinem Mistus gewachsen?! Was? Ja oder nein?! Was verstehst du darunter, und warum hast du gerade das ›Miserable‹ in 'ne besondere Betonung genommen?« »Moritz, die Sache ist die, und ich verstehe darunter ... Die Kirche belehrt uns: Ehen werden im Himmel geschlossen, sind von Gott und haben mit Pensionen und sonstigen Renten gar keine Gemeinschaft. Unter den einfachsten Verhältnissen lassen sich gediegene Kopulationen begründen. Sie haben vielfach den Vorzug vor solchen, die mit 'nem großen Brimborium von Einkünften, tieferem Wissen und Naturstudien zuwege gebracht werden. Christus will schmucklose Herzen und schmucklose Sitten. Die höhere Bildung in Ehren, aber mit ihr ist öfters Gottesleugnung verbunden, verknüpft sich der sündige Wille, das Tier mit dem Menschen auf ein und dieselbe Stufe zu stellen und ihm das zu geben, was der Mensch nur besitzt: Vernunft und 'ne unsterbliche Seele. Die Seminaristen hingegen, das heißt solche die keine besonderen Renten und Pensionen beziehen, vielmehr sich in 'ner einfachen Lehrerbesoldung ergehen ... Moritz, da sollte ich annehmen: in dieser Beziehung ist 'ne saubere und dem Herrn wohlgefällige Ehe ...« »Stopp!« rief der Kapitän und machte eine abwehrende Geste. »Also das meinst du?« »Ja, Moritz, das mein' ich.« »Johannes, dann lasse dir sagen ...« und er wuchtete sich schwer in die Höhe, stemmte die Knöchel seiner Hände auf die Tischplatte, räusperte sich etliche Male und sprach dann, kurz und abgerissen und mit einem blechernen Ton in der Stimme: »Johannes, hier ist gar nichts zu meinen. Die Umstände verändern die Sache. Das ist von jeher ein alter und gediegener Prinzipalsatz gewesen, und so'n Prinzipal- und Prinzipiensatz bleibt immer ein solcher, wie's reilt und seilt, wie's segelt und steuert. Daran soll keiner nicht rütteln. Nein, hier ist gar nichts zu meinen; denn im blauen Zimmer meint der blaue Mynheer und im weißen der weiße ... und wir befinden uns im blauen Zimmer, Johannes. Und weil das so ist, und weil ich mich auf meinem Grund und Boden befinde und nicht auf dem deinen ... denn wir, die van Dornicks ...« »Aber Kapitän ...!« Aloys Furtwanger sah den Unfried anmarschieren. Er wollte ihn aufhalten und zupfte den Sprecher sacht an den Ärmel. Es war bereits zu spät. »Moritz ...!« Mit einem unterdrückten, fast tierischen Laut war Terstegen von den Binsen gefahren, hatte seine Zipfelmütze vom Kopfe gerissen, zwischen den knochentrockenen Fingern zerknüllt und sie mit einem ebenso unterdrückten und heisern Meckern auf die Tafel geworfen. Seine dünnen Strähnen hingen ihm wirr um den Nacken. Seine lange und bleiche Nase legte sich grotesk auf die Seite, die schmalen Kiefern befanden sich in einer steten Bewegung. »Moritz, nimm's mir nicht krumm, aber das mit den van Dornicks geht mir bis an den Hals und ist mir fast über geworden. Was denkst du dir denn, immer den großen Mogul zu spielen und deine Familie mir zum Tort allzeit in den siebenten Himmel zu heben?! Alles hat seine Zeit: Geboren werden und Sterben, Zerreißen und Zunähen, aber immer auf ein und demselben Sägebock herumzukariolen, das ist vom Übel und kann auch den gutmütigsten Hammel in die Ravage versetzen. Wetter nochmal! sind wir, die Terstegens, denn Schnorranten gewesen, sind wir aus dem Spülstein gestrudelt, oder haben wir etwa mit den Schweinehirten die Ferkel getrieben? Moritz, ich sage dir hiermit: Als deine Großmutter den holländischen Schulmagister abtat und sich den gelehrten van Dornick zulegte, verpflanzte mein Großvater selig die Seidenspinnerei nach Krefeld, brachte sie am Niederrhein in Schwung und machte Erfindungen, die heute noch gelten. Leute, die ihm hierzu das Geld liehen, zogen den Profit ein, während er selber das Nachkucken hatte, ein Elend, wie es zur Tagesordnung gehört und sich noch stündlich ereignet. Aber seine Reputation steht bis dato noch in mächtigem Ansehn bei den Krefelder Webern. Und ferner: hast du mal was von den kölnischen Tuchern vernommen? Das waren drahtige Menschen, den Königen ähnlich, Kerle mit dem Satan im Wams, die immer verlangten, sich mit den Geschlechterherren an ein und dieselbige Tafel zu setzen. Sonst: Hand ans Messer, schwarze Träume und Todesurteile! Erst die Tucher und dann die übrigen Zünfte und Gewerkschaften – so stand's verbrieft und gesiegelt und ist heute noch im Goldenen Buche zu lesen. Und wenn einer sich sperrte, ihnen die erforderliche Reverenz zu erweisen, dann hieß es ganz einfach: Hut herunter, oder er purzelt mit dem Kopf auf die Straße. Das waren die Tucher, und einer ihrer besten Sprecher und Worthalter ist ein Terstegen gewesen ... und da willst du kommen und uns die Ehre nicht gönnen?« »Johannes, so war's nicht gemeint.« »Ja, so war's gemeint,« fuhr der Alte unbeirrt fort, »so und nicht anders, denn ich sehe in dieser Beziehung durch 'ne eichene Planke. Das solltest du bedenken und dir 'nen Vers darauf machen. Aber ihr, die van Dornicks, so scheint es, seid mit Blindheit geschlagen, und kein Engel erscheint, um euch den Schwalbendreck aus den Augen zu nehmen. Ihr, die van Dornicks, habt die Vornehmheit ganz allein in Erbpacht genommen. Ihr, die van Dornicks, begnügt euch nicht mit 'nem gewöhnlichen Kaufmann; ihr laßt ihn gleich königlich werden, kollert wie die Bronzeputer und kräht wie die kalkuttischen Hähne, als hätte der liebe Herrgott alles, was sein ist, für euch alleine geschaffen. Ihr, die van Dornicks, so scheint es ...« »Johannes, hör' auf!« »Ich denke nicht dran. Der Topf ist übergelaufen, das Tischtuch zerschnitten und der Stein ins Rollen gekommen, und wo so was passiert, da gehen Verstand und Weisheit, da geht die beste und properste Freundschaft zu nichte. Das mußte mir von der Zunge herunter, um dich wieder auf reellen Boden zu setzen. Wehe den Hochmütigen, denn sie werden klaftertief fallen. Wehe den Großmäuligen, denn sie werden ihre Zähne verlieren. Bedenke das, Moritz, und ferner bedenke: Des Weisen Herz ist zu seiner Rechten, aber zur Linken befinden sich die Herzen der Starrköpfigen. Mensch! du willst ein starrköpfiger Narr sein und wie'n Frachtwagen über 'nen Knüppeldamm rumpeln, um alles niederzuwalzen, was deinem Fuhrwerk begegnet?! Dafür ist mein Lambert zu schade. Und wenn er sich auch nicht in 'ner höheren Bildung befindet, keine Renten und Pensionen bezieht, so hat er doch das Seine geleistet, belernt in Obermörmter die Kinder, hält seinen Herrgott vor Augen und kann alle Tage 'ne bessere Stellung gewinnen. Genau wie ich, so tut er sich auch Terstegen benennen, hat mein Blut in den Adern und weiß auch: ein Vorfahr von ihm ist Sprecher und Worthalter der kölnischen Tucher gewesen ... und weiß auch: wenn einer sich sperrte, ihm, diesem Sprecher, die erforderliche Reverenz zu erweisen, dann hieß es ganz einfach: Hut herunter, oder er purzelt mit dem Kopf auf die Straße.« »Gott verdammich! das haust du mir so direkt vor die Stirne, so aus purem Handgelenk heraus direkt vor die Stirne?! Johannes, befinden wir uns im blauen Zimmer, oder haben wir Absteigequartier im weißen genommen?! Vorwärts, steh' Antwort!« Er war dicht an die Seite des erregten Mannes getreten. »Aber bitte, meine Herren,« legte sich nun Aloys ängstlich ins Mittel, »wir wollen uns doch nicht den heutigen Abend verderben.« »Jetzt gerade erst recht,« trumpfte der Kapitän auf, »denn wenn so'n Leinweber in Rage ist, dann läßt er den Faden nicht schießen. Aktuarius, laß ihn man kommen; schließlich hau' ich ihm doch seinen ganzen Webstuhl mit Strunk und Stiel auseinander. Nee, Ohm Johannes, so leicht lassen wir uns doch nicht ins Tutehorn jagen. Ich klebe am Steuer und bleibe an Bord, bis mir die letzte Schiffsplanke unterm Hosenboden hinwegrutscht. So sind wir van Dornicks ... und wenn der alte Terstegen, ich meine den Sprecher und Worthalter der kölnischen Tucher, sich aus dem Grabe erhöbe, um die ihm von seiner Sippschaft zuerkannte Reverenz von mir zu erwarten – ich erkläre dir hiermit: Mein Hut bliebe auf der nämlichen Stelle, säße wie Pech auf dem Schädel und stolperte nicht mit dem Kopp auf die Straße. Das Gegenteil wäre vielleicht Honnör in der Karte. Dafür garantiere ich, so wahr ich hier stehe, denn wir, die van Dornicks, besitzen Nerven wie Schiffstaue und haben Marks in den Knochen. Und schließlich, Johannes ...« Der alte Terstegen stieß einen wehen und verzweifelten Laut aus. »Aussprechen lassen, aussprechen lassen!« rief der Kapitän mit erhobener Stimme, als sei er gewillt, sie als Sirene in Dienst zu stellen. »Allen Respekt vor deinem Erzeugten. Ich bin der Letzte, ihm das nicht zu geben, was ihm von Rechtswegen zukommt, denn ich bin ihm von jeher ein wohlwollender Berater gewesen. Aber nichtsdestoweniger: mag sich Lambert auf seine eigene Kappe beglücken. Mir soll's egal sein, weil ich den Standpunkt vertrete: niemand soll sich in andermanns Geschick hineinmengelieren. Freie Navigation für jeden, der das Zeug dazu hat, sein, eigenes Fahrzeug zu lotsen. Mir hat auch keiner geholfen. Selbst ist der Mann, und jeder muß zusehen, wie er den besten Wind in die Segel erhält und mit seiner Liebschaft zurechtkommt. In dieser Hinsicht habe ich nichts mit dir und mit Lambert zu schaffen, weil ich als Vater nicht gesonnen bin, mich in die Nesseln zu setzen. Das muß Lambert selbst besorgen, und ich wünsche ihm: Viel Glück auf die Reise! Das war über diesen Punktus zu sagen und kein Titelchen mehr nicht. Doch weiter im Text« ... und er schlug einen sanfteren und gemütlicheren Ton an. »Ich für meine Person mache mir 'nen besonderen Gusto daraus, und zwar von der Voraussetzung ausgehend, daß ich mit meinem Freunde, dem Herrn Aktuarius Furtwanger, am heutigen Abend Schmollis getrunken, ihm hiermit Nelleckes Bildnis als Neujahrspräsent zu verleihen, freiwillig und nach bestem Ermessen. Hier, Aloys, hast du's, stell's auf deine Kommode und erfreue dich an dem lieblichen Anblick.« »Aber Kapitän ...!« Der Aktuarius glaubte in den Boden zu versinken, während der weiße Mynheer ... »Wa ... wa ... wa ... was?! Mensch, du willst doch nicht unser Totengräber werden?!« »Kreuzkuckuck noch mal und kein Ende! hier habe ich zu befehlen.« »Moritz, mein Lambert ...!« Wie eine Salzsäule stand Johannes Terstegen. Das bleiche Haupt mit den Spinnwebfaden sah dem einer Meduse ähnlich. Auch das letzte Blutströpfchen war ihm aus den Adern gewichen, und dennoch machte er in seiner trostlosen Verfassung einen ehrfurchtgebietenden Eindruck, wie einer, der gekommen war, die verdorbene Menschheit zu geißeln und das Schwert des Zornes in die eherne Schale zu werfen. Brockenweise, gleich harten Kieseln, fielen ihm die Worte von den welken Lippen: »Moritz, du könntest ... du könntest das Äußerste wagen ...? Du willst unsere Freundschaft zerbrechen wie'n morsches Stück Holz, du willst unsern Atem verpesten, wo der Herr doch gebietet: Ihr sollt euch lieben untereinander? Moritz, was heißt das?« Mit beiden Händen ergriff er die zerknüllte Nachtmütze und drückte sie mit wildem Schmerz gegen die Weste. »Das soll heißen, Johannes ...« »Du – ich weiß schon, ich weiß schon! Lambert, mein Lambert...! Du brauchst mir nichts mehr zu sagen. Der Kluge gibt nach. Ich will gar nichts mehr hören, denn geschrieben steht: Wenn eines Gewaltigen Trotz wider deinen Willen fortgeht, so laß dich nicht entrüsten; denn Nachlassen stillet großes Unglück.« Langsam schritt er der Tür zu, wandte sich aber noch einmal und sagte, einen düsteren, feierlichen und heiligen Schein in den Augen und den Kopf in den Nacken geworfen: »Und siehe: es wird Feindschaft sein zwischen dem blauen Mynheer und dem weißen Mynheer, und die Spur ihres Zusammenseins wird nicht mehr gefunden auf Erden. Moritz, ich gehe.« Damit war er auf den langen, einsamen und verschwiegenen Hausflur getreten. Hinter ihm seufzte leise die Tür zu. »Man zu,« sagte Moritz, etwas bedrückt und vor den Kopf geschlagen, »denn ich kann dich nicht halten. Reisende Handwerksburschen soll man nicht in 'nen Taubenschlag sperren. Will ein störrischer Bock über die Hürde – gut, mag er springen. Abgemacht! Basta! Wir aber, Aloys, du und ich, wir trinken noch 'nen Steifen zusammen. Prosit, auf das, was wir lieben!« »Ja, auf das, was wir lieben!« versetzte der Aktuarius mit einer gewissen Beklemmung und konnte, obgleich ihm ein liebliches Klingen zu Ohren drang, sich in dieser Stunde so recht des Klingens nicht freuen. »Auf Nellecke!« sagte er leise, und eine heiße Träne stand ihm in den versonnenen Augen. 7 So war denn Silvester gewesen. Die Glocken hatten geläutet, schöner und hoffnungsfreudiger als zu anderen Zeiten. Die Punschbowlen waren getrunken, die großbauchigen Suppenterrinen wieder in die Glasservanten gestellt, um bei nächster Gelegenheit eine neue Auferstehung zu feiern. Alle Welt blickte den kommenden Tagen mit Andacht entgegen, sehnte sich nach frischer Betätigung und hegte im stillen den Wunsch: »Gott wolle es gnädiger machen als in den verflossenen Monden,« denn Mißwuchs, Teuerung und politische Schwierigkeiten waren die Zeichen des heimgegangenen Jahres gewesen. Die Gesichter hellten sich auf, hinter den Scheiben hingen frische Gardinen, auf den Straßen lag der Schnee so knusperig und glitzernd, daß es eine wahre Lust war, über die feingespreiteten Laken zu schreiten. Auch bei Röschen Jungklaas schmunzelte alles wie Porzellanmalerei. Der Silvesterabend bei ihr war in der nettesten und harmonischsten Weise verlaufen. Keine Mißhelligkeiten, keine üblen Launen! Wie ein klares Wässerchen, das sich durch blumige Wiesen hindurchschlängelt, so munter und anregend war ihre kleine Veranstaltung durch die Herzen der anwesenden Damen geplätschert, und was ihr noch bedeutsamer und aussichtsvoller erschien, was sie mit allen Masern und Fasern ihres reinen Gemütes herbeigesehnt hatte ... die dunklen Flore sanken, ihre Seele heiterte auf, und rosige Wölkchen segelten über sie hin, wie kleine Liebesgötter, die sich nicht genug daran tun konnten, Myriaden von köstlichen Sonnenperlchen über ihr vereinsamtes Leben zu streuen; denn unverhofft und wider Erwarten: mit dem Schlage zwölf, der üblichen Besuchzeit, hatte ihr der Herr Aktuarius im Zylinder und Gehrock seine Neujahrsvisite gemacht und durchblicken lassen, daß er gesonnen sei, die alten Beziehungen nach Möglichkeit wieder in die Wege zu leiten, was sie veranlaßte, den lieben langen Tag nur die ›Klosterglocken‹ auf ihrem mageren Klavierchen zu klimpern. Aber schöner denn früher! Das waren keine Klosterglocken mehr, die sie unter ihren eifrigen Fingern hervorzauberte. Bräutliche Glocken waren's, Liebes- und Hochzeitsglocken, Glocken aus einer andern Welt, die sich bei den Händen nahmen und immerzu sangen: »Aloys Furtwanger! Röschen Jungklaas! Aloys! Röschen! Aloys! Röschen!« und immer so weiter. Unter ihrem Geläut grünte die Welt, dufteten die Wiesen, blühten die Bäume, schaukelten bunte Schmetterlinge wie schönheitstrunkene Elfenkinder, die sich spielend näherten und ihre glitzerfeinen Schwingen aufeinander betteten in unendlicher Sehnsucht. »Aloys! Röschen! Aloys! Röschen!« Sie konnte nicht irren. Sie hörte es deutlich. Es war immer dasselbe ... immer dasselbe ... Die süße Erregung des Weibes war in ihr. Sie mußte sich in eine Sofaecke hineindrücken, ihr Spitzentaschentüchelchen gegen die Augen führen und vor unaussprechlicher Freude bitterlich weinen, um ihr armes und doch so übervolles Herzchen leichter zu machen. Selbst in Christine hatte sich binnen vierundzwanzig Stunden vieles verändert. Sie schien milder und duldsamer geworden, nachsichtiger und gütiger. Verloren sah sie auf ihre Weißwürstchenfinger und sagte still vor sich hin: »Man darf nicht seine Kontenance verlieren; nicht das Kind mit dem Bade verschütten. Er weiß, was sich schickt. Die Sache kann immer noch werden. Man muß nur seine Beobachtung halten, denn er hat es dick hinter den Ohren.« Im allgemeinen jedoch war auch sie mit der heutigen Neujahrsvisite äußerst zufrieden und dankte ihrem Schöpfer, daß sich vielleicht noch alles einrenken lasse, ihr zur Genugtuung und Röschen Jungklaas zur bräutlichen Glückseligkeit. So beschloß sie denn auch, schon jetzt beim Gärtner Jansen ein Myrtenstämmchen in Bestellung zu geben. »Für alle Fälle,« setzte sie schmunzelnd hinzu, »denn besser ist besser ...« und pflegen wollte sie es, ihm alles Gute erweisen, bis die Stunde erscheinen würde, wo sie ein Kränzchen, so'n allerliebstes und niedliches Kränzchen ... Himmlischer Vater! sollte das eine paradiesische Traumzeit werden, so'n Schnäbeln zu zweien ... Sie machte vorläufig Schluß mit diesen Erwägungen, zog ihren Seelenwärmer enger zusammen und ging in die Küche, wo trotz der molligen Wärme die Eisblumen an den Fenstern wuchsen wie Buketts von schneeweißen Rosen. Ja, bei Röschen Jungklaas und in ihrer Behausung weilten halkyonische Stunden, saß die Erwartung in einem gemütlichen Lehnstuhl, trank echt chinesischen Tee aus einer echten chinesischen Tasse und verstreute Perlen und Edelsteine um sich her, als gölte es, das einfache Zimmer wie das Prunkgemach eines Radschas von Lahore zu schmücken. Aber da drüben ... auf der Grabenstraße ... in dem langgestreckten Hause mit den in Blei gefaßten Fensterscheiben, die ihres ehrwürdigen Alters wegen in allen Farben des Regenbogens opalisierten ... auf dem weißgekalkten, schier endlosen, etwas muffigen Hausflur, wo hinten, ganz weit, am Ende des Ganges und acht bis zehn Fuß über dem Estrich, sich der gipsene Bildstock des heiligen Joseph erhob, buntilluminiert, mit künstlichen Lilien und Nelken umrahmt und von dem trüben und melancholischen Schein des ewigen Lämpchens angeflammert – da stand einer, einer von denen, die das Behagen nicht kannten und niemals gelernt hatten, ein freundliches Wort über die Lippen zu bringen. Da stand einer zwischen den Türen, die zu den Kammern des blauen und des weißen Mynheers führten: ein grindiger Kerl im landläufigen Leinwandkittel, Holzschuhe an den Füßen, einen Metzgerdorn in der Rechten, die Schnapsbouteille im Sack ... und grinste und grinste, wobei er den brennenden Tonstummel von der einen Mundecke in die andere hineinpraktizierte – das aber war der Unfried. Und wenn einer von beiden sein Zimmer verließ, um die Kirche zu besuchen oder seinen Morgenspaziergang zu machen, dann nickte er dem betreffenden zu, rückte an der schmuddeligen Schirmmütze und sagte: »Mensch, du hast recht. Laß' dich nicht kirren. Sapristi! das wäre ein Esel, ein veritabler Palmesel, der da nachgeben wollte. Und wer es dennoch täte, für den sollte man einen Zölligen aus der Bocksdornhecke schneiden ... ja, und dann feste. Immer präsent, meine Herren! Ungegönnt Brot setzt Fett an. Wer aber verdammelten Sinnes seine Gutmütigkeit wie Mais und Linsen vertut, den fressen die Hühner.« Und so geschah es denn auch. Moritz van Dornick und Johannes Terstegen sahen sich nicht mehr, wollten es nicht, gingen stiernackig ihre gesonderten Pfade, und wenn der Zufall es machte, daß sie sich nicht ausweichen konnten, dann zogen sie aneinander vorüber wie zwei verzankte Handwerksgesellen, die Augen abgekehrt und die Fäuste in den Hosentaschen vergraben, um ja nicht in die Verlegenheit zu kommen, die Hand an die Mütze zu legen. Auch Aloys Furtwanger war seit dem unglücklichen Abschluß des Silvesterabends wie ein vergrämelter Ami. Seine Seele pendelte zwischen Harren und Bangen, zwischen Kleinmut und Ausgelassenheit, und wenn er versuchte, sich an den verblümten Redensarten des energischen Kapitäns in die Höhe zu wuchten, dann trillerte er wie eine Lerche aufwärts, klingelte durch ewiges Blau und flog seines Weges, wie von Zephirwinden getragen, um dann wieder die Kraft zu verlieren, tiefer zu gleiten und in irgend einem versumpften und trostlosen Ödland auf Grund und Boden zu stoßen. Herrgott, dieser Zwiespalt in seiner Verfassung, in seinem innersten Leben! Hoffnungen, leuchtende Meteore, Ängste und Fährnisse – alles bunt durcheinander gerüttelt, sich wechselseitig bekämpfend, gleich den Urtierchen im Wassertropfen ... Das zermürbte ihn, machte ihn wirbelsinnig, noch menschenscheuer, als er schon früher gewesen. Er wähnte, auf einer Jakobsleiter zu stehen, die jeden Augenblick umstürzen konnte. Himmelhochjauchzend und doch ein Gottestropf, sah er sich vor dem Tempel der Glückseligkeit knieend, in dessen goldene Tore eine liebevolle Hand ihn hineinpeitschen wollte. Aber er rückte und regte sich nicht. Ein Cherub mit gezücktem Schwert verwies ihm den Eingang. Und da, um aus seinem vagen Zustand herauszukommen, suchte er Zerstreuung bei seinen Kerfen und Haften. Sie hatten ihm heute gar nichts zu sagen. Er nahm die ›Flohhatz‹ zu Hilfe, bemühte sich, eines Kapitels habhaft zu werden, das geeignet schien, ihn wieder zu einem denkenden, vergnügten und launigen Erdenpilger zu machen. Aber wie er auch blätterte – selbst die fidelsten Stellen der unsterblichen Epopöe ähnelten den Klagegesängen des Jeremias. Der kernige, joviale, zwerchfellerschütternde Johannes Fischart aus Straßburg präsentierte sich ihm als Prediger in der Wüste, rauhbeschurt und sich von Heuschrecken und wilden, Honig nährend. Da verfiel er darauf, in der Villa ›Springinsröckel‹ vorzusprechen. Allein auch hier kein Labsal. Der braune Kavalier blieb unter Dach und Fach und kam nicht zum Vorschein. Nein, dieser Moritz van Dornick! Und Nellecke erst und Lambert Terstegen! Was die beiden nur hatten? Und die sonderbaren Hinweise und Drohungen des alten Leinwebers! Was steckte dahinter? War denn die Welt aus Leim und Fugen geraten? Wohin sollte das führen? Gut und Böse standen einträchtig zusammen und taten so, als wären sie von jeher die besten Freunde gewesen. Ein Paradoxon jagte das andere. Eine Kette von Widersinnigkeiten umstrickte ihn, fesselte ihn. Rätsel über Rätsel! Kein Lichtblick, kein ruhiger Punkt in diesem Nebelmeer von greifbaren und unfaßlichen Dingen ... und nur seine Liebe flatterte darüber hin wie eine silberweiße Taube, die sich ziellos verirrte. Da tat er ein Letztes, zog seinen besten Gehrock an, nahm Stock und Hut und machte Röschen Jungklaas seine Neujahrvisite. Endlich! – bei dem ausgestopften Kakadu, den Ammonshörnern und großzackigen Muscheln, die in allen Farben des Regenbogens perlmutterten, bei der eingerahmten Bestallung des hochzuverehrenden seligen Steuerempfängers, dem dünnbeinigen Spinett und dem verheißungsvollen Knistern der zierlichen Krinoline fühlte er sich wieder als Mensch unter Menschen. Und Röschen erst! Sie trug nicht nach, gab sich genau wie in früheren Tagen, wippte mit ihren Honiglöckchen, bezeigte ihm hundertfache Aufmerksamkeiten, zierte sich wie ein gesprenkeltes Perlhühnchen und ermahnte ihn, die gewohnten Kartenpartiechen nicht mehr unter den Tisch fallen zu lassen, wobei Christine auf die delikaten Waffeln hinwies und zu verstehen gab, daß das nächste Spiel- und Plauderstündchen hinsichtlich dieser Leckereien ganz besondere Qualitäten zu gewärtigen habe. Kurz, alles geschah, dem Herrn Aktuarius den Besuch so angenehm wie nur möglich zu machen. Und in der Tat auch: Röschen war gar nicht so ohne, wenn auch der feinste und zarteste Schmelz ihrer Jugendblüte so recht nicht mehr zur Geltung kam. Aber diese Hingebung und Aufmerksamkeit, dieses stille Sichfreuen, diese gediegenen Anschauungen und diskreten Lavendeldüfte berührten den emeritierten Herrn mit zarten und schmeichelnden Fingern. Ein solches Heim, ein solches Persönchen und solche Politessen waren nicht alle Tage zu finden, konnten das Gemüt eines empfindsamen Mannes schon in eine zärtliche Wallung versetzen. Ja, ja! bevor die Rosen welken, duften sie mit einer ganz besonderen Süße. Er versprach denn auch ein baldiges Wiederkommen und verabschiedete sich in herzlicher Weise, getragen von dem sanften Klingeln der ›Klosterglocken‹, die ihn bis ins Freie geleiteten. Hier aber, in der knappigen und knusperigen Luft, in der realen Wirklichkeit, knickten seine guten Vorsätze wie Tulpenstengel zusammen. Nellecke van Dornick trat aufs neue in sein helles Gesichtsfeld: Nellecke mit ihren Maronenaugen, den schweren Haarflechten, die nur auf der Stirne sich krausten, Nellecke mit dem straffen Mieder und dem schelmischen Enkörchen, Nellecke, das frische, dralle und lebensprühende Mädel. ... Ach! und da kamen sie wieder: die Versuchungen, die beglückenden Wünsche, die Zweifel und Anfechtungen und alle die Fragen, die seine arme Seele bedrängten. Verdämmert sah er in den blanken Himmel hinein, ob dort die Erkorene wohl als erlösender Engel niederschweben würde, mit schließfesten Armen und halbgeöffneten, begehrlichen Lippen. Allein da stand nur der Turm von Sankt Nikolai, der seinen gewaltigen Zuckerhut in die ewige Kuppel hineinschob. Aber sie selber, sie kam nicht und kam nicht. Da schüttelte er traurig den Kopf, sah sich um und um und schritt langsam und nachdenklich der ›Goldenen Kugel‹ zu, um dort wie gewöhnlich zu Mittag zu speisen. Die Verpflegung dort war gut, der Besitzer ein gediegener Wirt. Und die Weine erst! Sie erfreuten sich in der ganzen Umgegend eines vortrefflichen Rufes, besonders die roten, eine Tatsache, die auch unserm Helden bekannt war. Er bestellte somit eine Langkork aus dem Arrondissement Lesparre, für fünfundzwanzig Silbergroschen die Flasche, ließ sie entstöpseln und trank das erste Glas auf das Wohl von Röschen ... nein, auf das von Nellecke van Dornick, auch das zweite und dritte und so fort, bis er sich genötigt sah, eine weitere Pulle entkorken zu lassen, denn um Nelleckes Wohl in sachlicher Weise auszubringen, waren wenigstens zwei Bouteillen erforderlich, zwei von den exquisitesten Sorten, die sich in den Kellerräumen der ›Goldenen Kugel‹ befanden. Profiziat! und aus dem Zaubergewächs des Arrondissements Lesparre trank er sich neuen Lebensmut zu, schlürfte und sog er den energischen Vorsatz, Röschen tiefer zu hängen, ihr aber zeitlebens ein fürsorglicher Mentor zu werden, unverbrüchlich und treu, bieder und kernfest, ohne zu wanken und mit der Wimper zu zucken. Und die Sechsundsechzig-Partiechen? Selbstverständlich, die blieben. Profiziat! das wollte er bestens besorgen, und was die Hauptsache war: aus dem Zaubergewächs des Arrondissements Lesparre trank er den felsenfesten und ehernen Willen, Nellecke van Dornick hoch in Ehren zu halten, dem lieben Geschöpf die Wege zu ebnen, ihm die Brautzeit und den Stand der heiligen Ehe ... Profiziat! er spann den den Faden nicht weiter, ließ ihn vielmehr wie Mariengarn flattern, denn das Wirtslokal belebte sich plötzlich mit unzähligen losen, lichten und pausbäckigen Amoretten, die auf Maultrommeln spielten, auf Zimbeln und Quinternen, und dann in den Ruf ausbrachen: »Nellecke van Dornick und Aloys Furtwanger – hoch sollen sie leben! Hoch sollen sie leben!« – eine Ovation, die den Herrn Aktuarius zu Tränen rührte und ihn veranlaßte, die zweite Bouteille in Bestellung zu geben. Erst spät am Abend kehrte er heimwärts, geführt und geleitet von Pitt Kaldenhoven, der trotz seines Demokratentums noch sicher auf den Beinen stand und ungefährdet den Hafen erreichte. Am Fest der heiligen Drei Könige, dem Tage also, wo man von allen Kanzeln verkündete: »Da Jesus geboren war zu Bethlehem im jüdischen Lande, zur Zeit des Fürsten Herodes, siehe, da kamen die Weisen vom Morgenlande gen Jerusalem und sprachen: Wo ist der neugeborene König der Juden? Wir haben seinen Stern verfolgt und sind gekommen, ihn anzubeten.« An diesem Tage geschah es, daß Nellecke van Dornick sich um die spate Mittagszeit aufmachte, um ihren Vater zu begrüßen.   Seit dem Silvesterabend hatte sie ihn nicht mehr gesehen. Auch der Alte war stumm und verschwiegen wie ein Karpfen gewesen. Ahnungslos und frohen Gemütes zog sie durch die vereinsamten Straßen. Nur eins fiel ihr auf: auch von Lambert in Obermörmter hatte sie keine Nachricht empfangen, kein Lebenszeichen, keinen Glückwunsch, nicht das einfachste Briefchen, und er war doch die Aufmerksamkeit und Pünktlichkeit selber. Das gab ihr zu denken, machte sie befangen, ließ ihr das Herz lauter und empfindlicher schlagen. Je näher sie dem Altmännerhaus kam, um so mehr wuchs sie in ihre Bedrängnis hinein, gab sie sich Gedanken hin, die sonst nicht in ihrer Natur und Veranlagung wurzelten. Was Lambert nur hatte? Da mußte irgend etwas nicht stimmen, was er ihr verheimlichen zu wollen schien. Ihre muntere Laune sank tiefer, fiel auf den Gefrierpunkt und erinnerte an ein Vögelchen, das auf irgend einem verschneiten Ast in der bitteren Winterkälte fröstelte. Als sie den langen und dunkeln Hausflur betrat, sah sie schon von ferne das ewige Lämpchen. Es war klein und verhutzelt und duckte sich in dem scharfen Luftzug, der den weitläufigen Korridor mit einem wehen Stimmchen durchseufzte. Die Wände strömten einen feuchten und dumpfigen Hauch aus. Keines Menschen Fuß ließ sich hören, keine Tür ging auf und zu, kein freundlicher Schein drang aus irgend einem wohnlichen Zimmer; nur der mattleuchtende Docht war die einzige Lichtquelle in dieser trostlosen Öde. Sie wagte kaum den Fuß aufzusetzen, so bedrückte sie diese entsetzliche Leere und Stille. Niemand begegnete ihr; sie hatte auch nicht den Wunsch, jemand zu sehen. Da plötzlich ... neben der Tür, die zur Stube des weißen Mynheers führte, erhob sich eine graue Gestalt – stand einer, barhaupt, unbeweglich und einsam, das scharfgeschnittene Gesicht von einer auffälligen Leichenblässe umzogen. Er mußte eben erst die Stube verlassen haben, denn er hielt noch die Hand auf dem Drücker. Nellecke stierte ihn an. »Lambert – du?!« hauchte sie tonlos. »Ich bin es,« kam es eisig zurück. »Wo kommst du her?« »Von Obermörmter.« »Bei wem warst du?« »Bei meinem Vater. Er schrieb mir: Komme, und ich bin seinem Ruf gefolgt.« »Und stehst jetzt hier?« »Ich hörte deinen Schritt, und weil ich ihn hörte ...« »Lambert, Lambert! und du hast mir kein Sterbenswörtchen geschrieben?!« Sie wollte in seine Arme hinein. Er aber hielt sie zurück, ergriff ihre rechte Hand wie mit einem Schraubstock und drückte sie nieder. »Erst eine Frage!« »Um Gotteswillen, was hast du? Was willst du von mir?« »Erst eine Frage,« sagte er mit der nämlichen Kälte. »Du hast mir doch immer gesagt, daß du mich liebtest. Ist das anders geworden? Bist du willens, mich wie eine taube Haselnuß beiseite zu werfen? Wie steht es damit?« Sie sah ihn fassungslos an. »Wenn du das meinst,« keuchte sie endlich, »warum berührst du mich noch?« Er lachte auf, kurz und zerrissen. »Komm' mit,« sagte er herrisch und führte sie seitwärts, dem ewigen Lämpchen zu, in den Schein und Schuh des heiligen Bildstocks, wo der Schatten einer Wendeltreppe Deckung bot. Hier, noch immer ihre Rechte gepackt, streckte er sich steil in die Höhe, den Blick, wie den eines Falken, auf sie gerichtet. »Antworte,« kam es ihm rauh von den Lippen, »aber bevor du es tust, habe ich dir ein Geständnis zu machen. Unterbrich mich nicht, schweife nicht ab, höre genau zu. Du kannst es gebrauchen. Ich sagte mir immer: Prüfe dich, bevor du den Mut findest, dein Geschick mit dem eines geliebten Wesens zu einen, ihm anzuhangen, zu dienen und es zu lieben, bis der Tod gebietet: Geht auseinander! Ich prüfte mich, und das übrige weißt du. Jetzt antworte!« »Ich habe nichts darauf zu sagen,« versetzte sie mit wehem Lächeln, jetzt wieder Herrin über ihren innern und äußern Menschen. »Nichts?« fragte er heftig. Sie wandte sich ab. »Nein,« versetzte sie ruhig. »Du wirst es noch lernen,« brach es aus ihm heraus wie eine zuckende Flamme. »Gewiß, ich bin keiner von denen, die eine Wünschelrute besitzen, um die alltäglichen Sorgen leichthin zu scheuchen. Keine Glücksgüter sind mein Erbteil geworden. Habelos bin ich. Mein Beruf vermag keine Schätze zu häufeln. Woher auch? Die Verhältnisse, in denen ich aufwuchs, sind die kleinsten gewesen, obgleich ich niemals bereue, solche durchgekostet zu haben. In einem Leinweberhause wird keine Seide gesponnen. Die Lade ist eine harte und unbarmherzige Meisterin, knausert und gibt nur so viel, das nötige Brot zu beschaffen. Trotzalledem: in unermüdlicher Arbeit suchte ich die Enge zu brechen, mir das zu erringen, was man gebraucht, um mit freier Stirn unter freie Menschen zu treten ... und ich habe erreicht, was ich wollte.« »Das weiß ich.« »Dann weißt du auch,« fuhr er eindringlicher fort, indem er ihre umklammerte Hand noch fester umschnürte ... »Damals im Seminar ... um deinetwillen machte ich die Nächte zu Tagen, bezwang ich das Leben, zimmerte ich mir die Zukunft zurecht, im Sehnen nach dir, nach deiner Seele, nach deiner Umarmung – und in all dieser Zeit sahst du mir über die Schulter, lenktest du mich, fühlte ich deine Nähe und den süßen Duft deines Leibes ... und weiter: als ich in die karge Lehrerstelle hineinkam, in den eingedunkelten Wiesen sich unsere Lippen zum ersten Male berührten ...« »Lambert, hör' auf!« Sie suchte ihre Hand zu befreien. »Nein,« sagte er schartig, »erst sollst du hören, auch die kleinste Kleinigkeit hören; denn heute ist Zahltag. Wer weiß, ob wir uns jemals im Leben wieder begegnen werden. Ich habe meine Konsequenzen zu ziehen und dein Gedächtnis zu stärken. Du erinnerst dich doch? Das ist vor knapp drei Viertel Jahr geschehen ... damals, als die Osterfeuer zu brennen begannen und der Himmel so voller Sterne war, daß man wähnte, das Firmament stände offen und ein goldener Segen träufte hernieder. Da hast du mir dein Jawort gegeben ... und jetzt?« »Und was ist denn anders geworden?« fragte sie mit fliegendem Atem. Ihre junge Brust kam ins Stürmen. »Du wagst noch zu fragen?« hielt er ihr bittet entgegen, »und weißt doch, was am Silvesterabend passiert ist ...« »Was soll denn passiert sein?! Mein Gott, was soll denn passiert sein?! Ich weiß nur: dein Vater war da, der Aktuarius hatte sich die Ehre gegeben, in harmonischer Eintracht stießen wir an, begrüßten Neujahr, und friedlich und in aller Freundschaft habe ich mich dann heimwärts begeben, um mit Röschen Jungklaas noch ein Stündchen zu feiern.« »Und da ist sonst nichts geschehn?« »So lange ich da war – nicht das geringste.« Er gab ihre Hand frei. In seiner Brust war ein Klopfen und Hämmern. Mit dem tobenden Lärm einer roten Esse fiel es über ihn her. »Und hast bis jetzt nicht erfahren ... auch das nicht, daß man unsere Liebe wie 'ne mistige Sache verscharrte?« »Aber Lambert ...!« »Auch das nicht, daß dein Vater es wagte, die Terstegens zu kränken, sie niederzuzwingen und deinen jungen Leib in fremde Arme zu legen?« Mit einem Schrei fuhr sie auf – sank wieder zurück – schlug sich die Hände vor das entsetzte Gesicht. »Ach, ich verstehe! Springinsröckel! Springinsröckel ...! Wie er mir leid tut! Der Ärmste! Der Ärmste ...!« »Du – und du weißt das nicht alles?« »So wahr mir Gott helfe – wie soll ich das wissen?!« Wie Schuppen fiel es ihm von den Augen. Das Licht leuchtete ihm wie das Licht in der Finsternis, hell wie die Glorie des Morgens, heilig wie der siebenarmige Leuchter vor dem Altarsakrament. Seine Stimme jubelte: «Dein Leben – mein Leben! Dein Sterben – mein Tod,« und der von seinem Weh Genesene riß das bestürzte Mädchen an sich, umstrickte es mit wütigen Kräften, beugte sich zu ihm, drückte ihm einen verzehrenden Kuß auf die Lippen. Und dieser Kuß wollte nicht enden, brannte wie Feuer und schmerzte in seiner allesumfassenden Liebe und Keuschheit, wie das Geheimnis, das die nur zu ergründen vermögen, die berufen sind, die wundertätige Verklärung des Höchsten auf Erden schon jetzt zu begreifen. »Nellecke, Nellecke – und kannst du vergeben?!« Immer fester umarmte er sie, immer enger drückten sich ihre Körper zusammen. »Lambert, Lambert ...!« und sie beugte sich rücklings, die Blicke halb schließend, und siehe: zwischen den langen Wimpern war nur ein schmaler Seidenfaden übriggeblieben, aber in ihm leuchtete es wie Offenbaren und Auferstehen, wie Geben und seliges Nehmen. »Lambert,« stammelte sie, »und der Stille da drüben ... der Einsame ... der Weltabgekehrte ... der Nachdenkliche ... er wird sich verbluten!« »Ja, er wird sich verbluten, aber ich kann es nicht ändern! Beati possidentes ! Elend die Armen! Glücklich die Besitzenden! und ich bin der Besitzende,« und wieder lag sein Mund auf ihren zuckenden Lippen, während im Zimmer des weißen Mynheers einer zu reden anhub – erst scheu und unverständlich, dann freier und schließlich mit scharfer Betonung: »Prediger, neuntes Kapitel. Lasse deine Kleider immer weiß sein und deinem Haupte an Salbe nicht mangeln ... dann findest du das Reich Gottes und eine glückliche Ehe.« »Hörst du das, Nellecke!« »Lambert, ich höre!« und wieder preßten sich zwei junge und heiße Herzen zusammen, um eins zu werden und ein einziges großes und inniges Schlagen zu finden. »Du, meine Weggenossin! Du, meine Erfüllung! – Und kommen wirst du auf Zehenspitzen, in deiner ganzen Anmut und Reinheit, und die Lampe wirst du tragen in mein schlichtes Gemach, auf daß sie unserm Abendwerk leuchte und uns erfülle mit dem stillen Glanz ihrer Zukunftsfreudigkeit.« Er kam nicht weiter. Ein greller Schein fiel plötzlich hart und unvermittelt quer durch den Hausflur, wobei eine derbe Stimme ertönte: »Blexem und Donnder! was für 'ne Lampe?!« Der blaue Mynheer stand in der geöffneten Tür seines Zimmers. Sein Punschgesicht glühte wie Fett und Feuer, und das, was er sagte, rollte wie aufgeschaufeltes Wasser gegen die Planken eines Schleusenwehrs: »Herr Lehrer, was hier zu besprechen ist, braucht nicht unter dem gipsenen Joseph stattzufinden. Das dulde ich nicht und kann es nicht dulden. Alles zu seiner Zeit. Ich führe das Regiment des Hauses auf meine Manier und lasse meine Topps so wehen, wie ich es in der Gewohnheit besitze. Das ist mein Anerberecht. Der Gatte der Jungfrau Maria mag ja ein gütiger und wohlwollender Herr sein, aber mit meinen Familienangelegenheiten hat er gar nichts zu schaffen; denn hier steht der Mann, an dessen Türe gekloppt wird. Nicht, daß ich den biblischen Pflegevater nicht ehrte! Aber jedem das Seine. Dem heiligen Joseph unsere Bußfertigkeit und Andacht, um hierdurch in den Himmel zu kommen. Für mich aber beanspruche ich die Estimierung als Kaptän von ›Maria, sei mit uns‹, als Erzeuger und Vormund. Also – ich bitte: Angtree! Auch du, Nellecke, bist freundlichst gebeten,« und da traten sie ein, gefolgt von dem Alten, der hinter sich die Türe zuknallte, neben den Tisch trat und die Knöchel der linken Hand auf das Tafeltuch stemmte. »Lambert,« also begann er, »unter anderen Umständen und zu gewöhnlichen Zeiten konnte ich Sie mit dem kameradschaftlichen ›du‹ titulieren. Habe bisher auch keine Standesbenennung verwendet, denn ich sagte mir immer: Was man von klein auf getan hat, wird geziemend bewertet. Auch war ich mit Ihrem Vater befreundet. Warum sich da mit großartigen Redensarten befassen? Im gegenwärtigen Augenblick aber« – und der alte Herr ließ die Knöchel seiner linken Hand zu verschiedenen Malen auf der Tischplatte tanzen – »wo alles Spitz auf Knopp steht, die Wetterzeichen sich auf Sturm bewegen, da habe ich den ›Lehrer‹ zu unterstreichen und das kameradschaftliche ›du‹ über Bord und ins Wasser zu schmeißen.« Der junge Mann wischte sich den kalten Schweiß von der Stirne. »Was bezweckt das alles?« fragte er wie vor den Kopf geschlagen. »Bezwecken, Herr Lehrer? Das, was ich soeben gesehn hab', das will ich nicht sehen, und was ich soeben gehört hab', das will ich nicht hören ... und weil ich nicht will: aus mit der Sache! und wenn Sie ein übriges wollen – drüben wohnt Johannes Terstegen: bei dem fragen Sie an. Der warf mir am heiligen Silvesterabend und just um die Stunde, als wir kaum damit fertig waren, uns mit 'nem ›Prosit Neujahr!‹ zu beglücken, 'nen handfesten Knüppel zwischen die ehrlichen Ständer und sagte: Es soll Feindschaft sein zwischen dem weißen und dem blauen Mynheer, Feindschaft for ever. Moritz, ich gehe. – Gut, und er ist von mir gegangen. So was brauche ich mir nicht gefallen zu lassen, geht meiner Honorierung zuwider. Aber er hat, was er wollte: sein neues Fahrwasser, während ich noch mein altes besitze.« »Herr van Dornick,« zitterte Lambert vor tiefer Erregung, »so muß ich wohl sagen, obgleich ich früher ...« Der Kapitän machte eine kurze Bewegung. »Lassen wir's man in diesem Sinne bestehen, denn wir haben konträrigen Wind in den Segeln. Gegen den können Sie mit dem ›Ohm‹ nicht mehr anoperieren. Wie man durchs Sprechrohr tutet, so kommt es von drüben retour. Das haben Sie Ihrem Erschaffer zu danken.« »Ich bin doch nicht mit meinem Vater identisch.« »Kann ich nicht beurteilen und will es auch nicht, obgleich es im gewöhnlichen heißt: Wie der Herr, so's Gescherr.« »Das geht zu weit, Herr van Dornick.« »Daß ich nicht wüßte, denn ich habe immer beste Lotung genommen, ohne dabei durchs Perspektiv zu sehen und den Kompaß zu fragen. Selbst im diesigsten Wetter ist meine Navigatschon toujours von der ersten Klasse gewesen, schnurgerade aus, mit akkuratem Beidrehn, und wo sie fielen – die Anker, da fielen sie genau an der richtigen Stelle. Und da wollen Sie kommen und mir entgegen parlieren? Sie Jüngling, lernen Sie erst mal den Respekt vor ergrauten Haaren kennen, und wir können in Frieden verhandeln. So aber, bei Ihrem jetzigen Wesen, müssen Sie noch verschiedene Knoten zulegen, um mit mir gleiche Fahrzeit zu halten. Navigare necesse est, vivere non est necesse . Das hab' ich schon auf Quarta gelernt, und Sie können's sich merken. Außerdem: nicht ich, sondern Sie sind zu weit gegangen, Herr Lehrer. Was hatten Sie überhaupt unter dem gipsenen Joseph zu suchen? Den Rosenkranz haben Sie dort nicht gebetet. Drauf will ich ein Schiffstau verzehren ... und wer in seiner Allgegenwärtigkeit sonst was betreibt, das ist Profanierung einer göttlichen Sache. Der heilige Mann ist da, um die Würde und den Frieden dieses Hauses in Person zu vertreten, aber nicht, dazu da, um zu hören, wie einer kommt und meiner Tochter Flausen ins Ohr setzt.« »Ich muß mir verbitten ...« Alles Blut war dem jungen Terstegen vom Antlitz gewichen. »Herr van Dornick, hier ist nicht von dem Bildstock die Rede und nicht von Flausen, die ich Ihrer Tochter ins Ohr gesetzt habe. Sondern: Nellecke und ich, wir kennen uns lange, und aus dem Sichkennenlernen hat sich eine innige Zuneigung entwickelt, und diese Zuneigung ist zur Liebe geworden, zu einer großen und stolzen Liebe fürs Leben. Her zu mir, Nellecke!« und mit festem Entschluß hatte er das weinende Mädchen in seine Arme genommen. »Mit ihr vereint, will ich das Herdfeuer anzünden, allen Widerwärtigkeiten zum Trotz, für sie schaffen und wirken und ihr, so Gott will, ein heiteres und sonniges Dasein und einen warmen und gesegneten Abend bereiten.« »Und das wollen Sie alles erwirken?« fragte der Alte mit erkünstelter Ruhe. »Ja, Herr van Dornick, so wahr mir Gott helfe!« »Und du, Nellecke?« »Ich habe ihm Treue gelobt.« »Halt!« donnerte Moritz, »kein Wort mehr, kein einziges Wort mehr! Du, Nellecke – dorthin, und Sie, Herr Lehrer, wollen sich gefälligst auf die andere Seite des Tisches begeben.« Gleich einer derben eichenen Planke hatte sich der Alte zwischen die beiden geschoben, sie beiseite gedrückt und sich selber inmitten aufgepflanzt wie eine starre, herrische Schranke. Mit einem lauernden Blick warf er den Kopf herum. »Ich weiß es bereits,« sagte er mit einem häßlichen Klang in der Stimme, »aber, ich frage noch einmal: Was sind Sie eigentlich, Herr Lambert Terstegen?« »Seminaristisch gebildeter Lehrer.« »Und wo angestellt?« »In Obermörmter.« »Und als Hilfslehrer noch?« »Ja, als Hilfslehrer noch.« »Und wie salariert?« »Jährlich dreihundert Taler, dazu freie Wohnung und Heizung.« »Und welche Anwartschaften bestehen für die Zukunft?« »Ich kann Hauptlehrer werden.« »Und ferner?« »Im vorgerückten Alter und bei einigem Wohlwollen meiner vorgesetzten Behörde ist es nicht ausgeschlossen, Rektor an einer Mittelschule zu werden.« »Hm, hm!« machte der Kapitän und krauste die Augenbrauen, »also bis zu dieser epochemachenden Höhe versteigen sich Ihre Ambitionen? Großartige Aussichten! Imponierende Draufgängerei! Resümieren wir nochmals, aber in aller Ruhe, Herr Lehrer,« und der Alte zählte mit grimmigem Humor an den Fingern herunter: »Also Hilfslehrer, seminaristisch gebildet« – und der Daumen stellte sich aufwärts. »Zum Andern: in Obermörmter in Stellung« – und der Zeigefinger gefiel sich darin, dieselbe Bewegung zu machen. »Jährlich 300 Taler Salär, geschrieben dreihundert Taler,« was den Mittelfinger veranlaßte, auch seinerseits in die Höhe zu schnellen. »Dann ferner: freie Wohnung und Heizung, um diese dreihundert Taler auch im Genuß zu verzehren,« eine Bemerkung, die den Goldfinger so ergötzte, daß er es den übrigen gleich tat ... »und schließlich« – und alle fünf Finger standen wie Grenadiere im Gliede – »omnipotenter Rektor, von Posaunenengeln umgeben, 'ne Kapelle, die bloß Zukunftsmusik tutet. So, so, so! und mit dieser Stellung als Schulmagister in Obermörmter, den dreihundert Talern Salär, der freien Wohnung und Heizung und mit dem Rektor, der sich noch in den Kinderschuhen befindet – mit diesen fünf gloriosen Aussichten wollen Sie Moritz van Dornick imponieren und auf seine leibliche Tochter angehen? Herr, Sie hat wohl der leibhaftige Satan geritten! Wie's reilt und feilt! Glauben Sie denn, ich ließe mich auf Geschichten ein, die keinen positiven Untergrund haben? Glauben Sie denn, ich wäre so'n kapitaler Döskopp, meine Tochter für nichts und gar nichts zu halten? Glauben Sie denn, so'n richtiger Schiffskaptän, in Firma Matthias Stinnes \& Söhne ...« »Sie!« fiel ihm Lambert ins Wort, »jetzt ist es satt und genug, und ich habe nicht Lust, mich von Ihnen weiter kränken und kuranzen zu lassen. Wir, die Terstegens, sind Mannes genug, sich den van Dornicks gegenüber zu behaupten und ihr Recht zu verfechten. Dort steht Nellecke, und hier stehe ich, und wenn Sie hundertmal Ihr ›Nein‹ mir gegen die Stirne hammern, wenn Sie hundertmal Ihre Tochter zu knechten versuchen, Ihre brutale Gewalt an ihr auslassen – wir gehören trotzdem zusammen und werden uns finden. Es ist höchst bedauerlich und schwer zu verstehen, wie Sie dazu kommen, einen ehrenwerten Beruf zu mißachten und eine alte Freundschaft unter den Galgen zu schleppen. Aber ich weiß, was Sie vorhaben. Ihre Tochter, die mir angehört vor Gott und den Menschen ... Sie wollen ...« und er streckte die Hand aus: »Da drüben ... Ihnen schräg gegenüber ... in dem kleinen Häuschen da drüben ... Das ist Schacher, Gewalt...!« »Schwerebrett und kein Ende!« polterte Moritz. »Wer ist Herr hier zwischen den Wänden? Sie oder ich?!« Unter seiner Stimme klirrten die Scheiben. »Vater!« rief Nellecke. »Ich bitte dich, ich beschwöre dich, Vater!« Sie wollte in die Arme des Geliebten hinein. »Du bleibst, wo du bist,« wetterte der Alte, »oder dies Dach kracht zusammen. Das sollte ihm passen, mir das beste Kleinod aus der Krone zu brechen. Hand von der Krone! Hand von dem Kleinod, und wem ich es gebe, das steht ganz allein in meinem Ermessen. Ich will höher hinaus, will meine eigene Betätigung finden und einen Schwiegersohn haben, der mir paßt und der mir genehm ist. Sonst keinen. Dies meine Ansicht und meine unumstößliche Meinung ... und du, Nellecke, hast zwischen deinem Vater und Lambert Terstegen zu wählen.« »Vater, Vater!« wimmerte sie auf. »Wähle! Entweder den oder mich!« Mit einem verhaltenen Schrei taumelte die Ärmste in eine Ecke des Zimmers, während Moritz langsam die Hand hob und auf die Tür deutete. »Dort geht Ihr Weg hin, Herr Lehrer.« »Lambert, Lambert ...!« Ein weher Ton kam aus der Tiefe der nur matt erleuchteten Stube. »Gut, ich gehe,« sagte der junge Terstegen, »aber Sie werden diese Stunde bereuen. Dieses Zimmer betret' ich nicht wieder, es sei denn: Sie segnen den Eintritt.« »Vor der Hand bin ich andrer Meinung,« entgegnete Moritz. »Gute Nacht, Herr Terstegen!« Da ging er. Aus dem Zimmer des weißen Mynheers aber klangen die Worte: »Prediger, neuntes Kapitel. Lasse deine Kleider immer weiß sein und deinem Haupte an Salbe nicht mangeln ... dann findest du das Reich Gottes und eine glückliche Ehe.« Ohne weiter auf die Worte seines Vaters zu achten, bestürzt und so wie er war, trat er ins Freie hinaus, um noch an demselben Abend unter Gottes kaltem Himmel nach Obermörmter zu pilgern. – Und die Tage vergingen und die langsamen Wochen. Der Frost ließ nun nach. Die Welt trug Büßergewand. Graue Regenfäden schraffierten die Landschaft. Der Rauch lag schwer auf den Dächern, und die alten Pappeln, die die kleine niederrheinische Stadt umgaben, standen wie in triefenden Ölröcken. Für Nellecke van Dornick kamen traurige Zeiten. Sie tat ihre Schuldigkeit. Aber das Lachende, Sonnige war aus ihrem Herzen verbannt. Von Lambert hörte sie nichts mehr, und wenn sie ihrem Vater begegnete, war es ein trübes Zusammensein oder ein scheues Vorbeischleichen. Moritz war aller Welt gegenüber zugeknöpft bis in die innersten Nieren. Der grindige Kerl im landläufigen Leinwandkittel, Holzschuhe an den Füßen, einen Metzgerdorn in der Rechten, die Schnapsbouteille im Sack, stand noch immer im Flur zwischen den Quartieren des blauen und des weißen Mynheers und machte alles Leben und alle Freudigkeit zu nichte. Sein Schatten fiel selbst bis in die Wohnung des Aktuarius hinein, verdüsterte die behagliche Stätte und wollte nicht schwinden, so daß Springinsröckel den Kopf schüttelte und verweht und traurig vor sich hinmurmelte: »Mein Gott, was mag drüben passiert sein!« und dann ging er hin, um bei Röschen Jungklaas ein Partiechen Sechsundsechzig zu spielen. 8 Vereinzelte Himmelschlüsselchen, vereinzelte Veilchen! Am Niederrhein wollte es Frühling werden, wenn auch noch tastend, suchend, mit scheuen Fingerchen. »Herr Fleutgen ...!« Ein sonores Organ rief den Namen, ein Organ wie aus einem leeren Ölfaß gekommen – und dieses Organ gehörte einem hechtgrau gekleideten Herrn, der in seinem Kontor hinter einem altmodischen Schreibtisch aus Mahagoniholz thronte und in seinem selbstbewußten und behäbigen Aussehn an einen Mynheer erinnerte, der es liebte, auf dem van Hogendorps-Plein oder unter den ›Boompjes‹ von Rotterdam seinen täglichen Spaziergang zu machen. Das Äußere dieses Herrn hinter dem Schreibtisch war gediegen und ehrfurchtgebietend. Kurzverschnittene Haare, silberig wie das feinste Postpapier, ebensolche Koteletten, die um ein weniges die steifen Vatermörder überrragten, gaben dem weinroten, sauber rasierten Antlitz des würdigen Mannes die Prägung des Entschlossenen, Zugreifenden, machten ihn einem Diplomaten ähnlich, obgleich Johann Baptist Harkopp, in Firma Harkopp \& Söhne, mit der diplomatischen Laufbahn nicht das Geringste zu tun hatte und nur darauf bedacht war, dem Handel zu dienen, seine merkantilen Interessen zu pflegen und dem Ruf seines Hauses ein immer größeres Ansehn zu geben. Von seinem Kontorstuhl aus konnte er durch die geöffnete Türe die anschließenden Räume übersehen, wo ein Dutzend Angestellte Briefe kopierte und Eintragungen in die Kasse- und Hauptbücher machte. In dem emsigen Getriebe jedoch, dem Gekritzel der Federn und dem Kommen und Gehen der Ladengehilfen mußte der Anruf des Chefs überhört worden sein, denn es regte sich niemand, was den soliden Herrn veranlaßte, nochmals seine Stimme zu erheben, aber lauter, fetter, dringlicher und nachhaltiger. »Herr Fleutgen ...!« Und Fleutgen erschien. Er erschien eigentlich nicht, flitzte vielmehr und schoß wie ein Entvogel in das Allerheiligste hinein, wo er sofort seine Absätze gegeneinander klappte, die gebührende Stellung einnahm und die durch die rasche Bewegung ihm über Stirn und Schläfen geglittenen Haare durch ein kurzes Schnicken des Kopfes wieder zurückwarf. Herr Fleutgen bekleidete die Stelle eines Korrespondenten und rühmte sich, fünf Sprachen völlig zu beherrschen, wozu er neben dem Deutschen, dem Plattdeutschen, dem Englischen und dem Französischen auch das Italienische zählte, obgleich der erste Prokurist, Herr Archibald Pirrwitt, allzeit behauptete, das Englische und Französische wären man schwach, das Plattdeutsche gut, und was das Italienische beträfe, so verstünde er nur den ersten Vers von ›Santa Lucia‹ zu singen, eine Unterstellung, die Herr Fleutgen auch zugab und sich dennoch für berechtigt hielt, das schmalzige Idiom der Zwiebel- und Makkaroniverzehrer seinem Sprachschatz einzuverleiben. Also Herr Fleutgen warf die Haare durch ein kurzes Schnicken zurück, knallte die Stiefelhacken zusammen und sagte: »Zu Diensten, Herr Harkopp.« »Ist der junge van Dornick präsent?« »Daß ich nicht wüßte, Herr Harkopp.« »Wer kann es denn wissen?« »Herr Pirrwitt, sollte ich meinen, der hat ihm Auftrag gegeben.« »Soll kommen.« »Befehl!« und der Fünfsprachenkundige, obgleich er hinsichtlich des Italienischen nur den ersten Vers von ›Santa Lucia‹ zu singen vermochte, war wieder wie ein Entvogel in den angrenzenden Kontoren verschwunden, einen langen Kometenschweif von Opoponar hinter sich herziehend. Statt seiner trat Herr Pirrwitt ins Zimmer, ein freundlicher, kurzgedrungener Mann, in einem Anzug von großgemustertem Buckskin, die Stütze des Hauses, nur etwas weichlich und gefühlvoll veranlagt, in Devotion ersterbend, demzufolge er jeden um Entschuldigung bat, daß er Archibald Pirrwitt heiße und genötigt sei, die gleiche Luft wie andere Menschen zu atmen. »Herr Harkopp haben befohlen,« sagte er leise. »Ich möchte mit dem jungen van Dornick ein Privatissimum haben.« »Sofort. Ich habe ihn ins Magazin geschickt, damit er sich dort orientiere. Wichtige Sendungen sind fällig. Er soll fakturieren.« »Sehr wohl, sehr wohl!« nickte Herr Harkopp, »aber wenn es Ihren Dispositionen entspricht: ich möchte ihn sehen.« »Wie Sie befehlen,« und der treueste Diener der Firma machte eine umschweifige Verbeugung, um das Weitere zu veranlassen. »Noch eins,« sagte der Chef und deutete auf einen Sessel, der sich neben dem Schreibtisch befand. »Ich hätte mit Ihnen noch einiges zu besprechen, möchte noch etliche Auskünfte haben, die sich mehr oder weniger auf das persönliche und geschäftliche Verhalten eines meiner Angestellten beziehen. Bitte, nehmen Sie Platz! Wir wollen die Angelegenheit sachlich und in aller Ruhe betreiben.« »Danke ergebenst,« und der wohlwollende und treuherzige Beamte in großgemustertem Buckskin teilte die Schöße seines Rockes fürsorglich auseinander, ließ sich mit freundlichem Lächeln auf die Stuhlkante nieder und suchte die Sardellen seines bereits stark entwaldeten Schädels noch präziser, als sie schon lagen, vor Augen zu führen. »Vorher ein kurzes Sondieren, mein Lieber! Wie sind Sie im allgemeinen mit der Führung des mir anvertrauten van Dornick zufrieden?« »Äußerst, Herr Harkopp; nur etwas windig veranlagt. Wie die heranwachsenden Leute so sind. Hans Dampf in allen Gassen. Trägt die extravagantesten Schlipse. Pokert ein bißchen. Aber das wird sich geben, Herr Harkopp.« »Ganz meine Ansicht. Und in geschäftlicher Beziehung?« »Ebenso äußerst, Herr Harkopp. Ja, ich möchte wohl sagen: über alles Erwarten. Briefstil, Buchführung, Ausstellung der Akkreditiven, Kontokorrent- und Zinsenberechnung, Kundenbedienung und Effektenkalkulation – alles prima, Herr Harkopp.« »Ist mir lieb, solches zu hören. Also anschlägiger Kopf und brauchbar in jeder Hinsicht?« »In jeder Hinsicht, Herr Harkopp.« »Schön, und nun eine letzte Frage, mein Lieber.« «Bitte, Herr Harkopp.« »Da ist noch so 'ne kleine dumme Geschichte, irgend ein Mankementchen, nennen wir's 'ne minderwertige Lappalie, der ich gern auf den Grund kommen möchte.« »Wie meinen, Herr Harkopp?« »Ja, wie soll ich das sagen, um der Begebenheit nicht eine zu große Bedeutung beizulegen, denn ich bin keiner von denen, die immer bereit sind, aus einem etwas verseuchten Strohhalm gleich einen regulären Düngerhaufen zu machen.« Herr Archibald Pirrwitt geruhte zu schmunzeln und gab die Erklärung ab, daß derartige utopische Dinge dem hochverehrten Prinzipal nicht in seinen kühnsten Träumen einfallen würden. »Und dennoch sehe ich mich genötigt, der Angelegenheit näher zu treten und ihr ein etwa anhaftendes Anhängsel vom Leibe zu schneiden. Sie und ich, wir beide, sind noch aus der alten Schule, Herr Pirrwitt. Strenge Reellität, solide Anschauungen, Geschäftsverkehr nur auf gesundester Basis – das sind unsere Leitmotive von jeher gewesen,« eine Behauptung, die dem ersten Buchhalter und Prokuristen der Firma abermals Gelegenheit bot, zu erklären, daß er sich mit seinem Chef solidarisch verpflichtet fühle und nicht verhehlen wolle, daß er; der Inhaber des Hauses Harkopp \& Söhne, es auch in diesem Falle verstanden habe, den Nagel sofort auf das Köpfchen zu treffen. »Nur auf gesundester Basis, Herr Harkopp. So und nicht anders, während die jüngere Generation ...« »Das ist es, worauf ich hinaus will,« unterbrach ihn der Gentleman mit den gepflegten Bartkoteletten und dem weinroten Antlitz. »Darin liegt eben der Kernpunkt der Sache. Sie sprachen soeben, und zwar in Beziehung auf Ewert van Dornick, vom Pokern, und ich möchte Sie fragen, ob vielleicht noch ähnliche Dinge ... Mir ist nämlich von einwandfreier Seite zu Ohren gekommen, daß er in dieser Hinsicht etwas leichtsinnig wäre und den donquixotischen Mut hätte, Termin- und Differenzgeschäfte zu entrieren, selbstverständlich in jungenhafter und bescheidenster Weise. Das gibt mir zu denken, und ich möchte daher nicht unterlassen, Sie, mein lieber Herr Pirrwitt, um eine runde Antwort zu bitten, ob vielleicht dieselben Gerüchte ...« Der zutunliche und gewissenhafte Angestellte in großgemustertem Buckskin machte eine entsetzte Bewegung, und wären in diesem Augenblick sämtliche Zuckerhüte des Hauses Harkopp \& Söhne als Mitglieder der Bruderschaft ›Miserikordia‹ ins Zimmer getreten, hätten ihm den furchtbaren Gesang des Thomas von Celano, das › Dies irae, dies illa ‹ gesungen, Herr Archibald Pirrwitt hätte nicht bestürzter und verstörter sein können als unter der Zwangslage dieser ihn gänzlich vernichtenden Darlegung. Mit wehem Augenaufschlag hob er beide Hände zur Decke, um sie langsam über seine präzisen Sardellen gleiten zu lassen. »Herr Harkopp, das wäre doch äußerst!« sagte er tonlos. »Allerdings: leichtfertig ist die Jugend mit dem Wort, so sagt ja wohl irgendwo ein bedeutender Dichter; daß sie aber solche gewagten Manipulationen betreiben sollte, die einen gewiegten und mit allen Hunden gehetzten Spezialisten erfordern ... Nein, Herr Harkopp, ich kann's mir nicht denken, überhaupt nicht vorstellen. So etwas ist mir niemals zu Ohren gekommen. Pokern! gewiß. Er pokert mit Fleutgen. Aber das ist auch alles, was ich herausbringen konnte ... es sei denn ... Später vielleicht, da mag er sich mit den schwierigsten Spekulationen und Geschäftskniffen befassen, denn er hat das Zeug in sich, draufgängerisch und wagemutig zu handeln.« »Und das ist Ihre innerste und vollste Überzeugung?« »Meine vollste, Herr Harkopp.« »Gut!« sagte der Chef, legte sich im Kontorstuhl zurück und beschäftigte sich eine Weile damit, seiner Berlocke eine pendelnde Bewegung zu geben. »Lassen wir vor der Hand die Ultimo- und Differenzgeschäfte des jungen Kommerzienrates ruhen,« eine Redewendung, die Herrn Pirrwitt in ein herzliches und aufrichtiges Lächeln versetzte, »ich werde nicht verfehlen, ihm noch persönlich den Puls zu verhören. Was Sie mir über seine Befähigung und sein Können mitgeteilt haben, genügt mir, meine Dispositionen für die Zukunft zu treffen. Ich komme daher auf den eigentlichen Zweck meiner Unterredung. Sie wissen: mit dem alten Kapitän habe ich seit Jahren in geschäftlicher Verbindung gestanden, denn im Einverständnis der Firma Matthias Stinnes \& Söhne gelang es ihm, wichtige Tabak- und Zuckertransporte, die auf gewöhnliche Weise nicht schnell genug zu translozieren waren, in promptester Art nach Holland und umgekehrt weiter rheinaufwärts zu schaffen. Große Verdienste konnten somit der Handlung gutgeschrieben werden, und so was verpflichtet.« »Aber äußerst, Herr Harkopp.« »Sie wissen ferner, mein Lieber: der alte Kapitän ist nicht auf Rosen gebettet. Ein flotter Mann, wie er war, hat er nicht viel auf die hohe Kante gestapelt, und da sollte ich meinen, eine Auffrischung, wenn auch nur eine indirekte, seiner etwas derangierten Verhältnisse würde ihm wohl tun.« »Kann es verstehen.« »Am verflossenen Silvesterabend nun hatte ich Gelegenheit, den Sohn näher aufs Korn zu nehmen, ihn zu beobachten und seine Eigenschaften als Mensch zu tarieren, und da muß ich allerdings sagen: er hat mir gefallen.« »Einverstanden, Herr Harkopp.« »Demgemäß bin ich nun zu folgender Erwägung gekommen. Die Firma verlangt mindestens eine dreijährige Lehrzeit. Diese Bedingung dürfte für den jungen van Dornick erst Oktober des laufenden Jahres perfekt werden. In Anbetracht der obigen Umstände jedoch bin ich gesonnen, ihn schon jetzt zum salarierten Kommis zu ernennen, um hierdurch seinem Vater und ihm eine helle und klingende Freude zu machen. Selbstverständlich: vorher Ihre Meinung. Sie sind Prokurist, mit der Firma verwachsen und eine Säule des Hauses, und es ist dieserhalb meine verfluchte Pflicht und Schuldigkeit, zuvor Ihre maßgebende Ansicht zu hören.« Herr Pirrwitt krümmte sich bei diesen Worten wie ein glücklicher Mehlwurm, dem es gelungen war, sich in eine Kiste mit frischer Roggenkleie zu schlängeln. »Aber ich bitte! Äußerst gnädig, Herr Harkopp! Mehr als äußerst, und wenn es mir denn vergönnt sein soll, meine Meinung zu äußern, so möchte ich sagen: Greifen Sie zu. Verpflichten Sie Ewert van Dornick. Seine Neigung, zu pokern und kleine Differenzgeschäfte zu machen ... Nur etwas den Daumen ins Auge, und sie wird sich verlieren. Im übrigen, man kann zufrieden sein mit der Lösung der Dinge. Äußerst zufrieden.« »Gut! dann lassen Sie den jungen Mann sofort hier erscheinen.« »Soll geschehn. Noch sonst was, Herr Harkopp?« »Vorläufiges Schweigen geboten.« »Pst!« sagte Herr Pirrwitt, erhob sich und legte die Hand gegen die Lippen. »Gehorsamster Diener, Herr Harkopp!« und der treuherzige und selbstlose Beamte in großgemustertem Buckskin empfahl sich auf Zehenspitzen. Der Chef trat ans Fenster und trommelte gegen die angelaufenen Scheiben. – Seit den etwas stürmischen Ereignissen im Altmännerhause waren drei Monde verflossen. Versonnenen Blickes und in tiefen Gedanken sind wir etliche Meilen weiter talabwärts nach dem benachbarten Emmerich gepilgert, wo das Handelshaus Harkopp \& Söhne sich mit seiner breiten Front, seinen Lagerschuppen und Läden bis dicht an das Ufer des majestätischen Stromes heranschob. Die Schneeschmelze hatte schon seit geraumer Zeit mit aller Macht eingesetzt. Trübe Wolken unterflogen den Himmel, nur einzelne lichte Reflexe belebten die Landschaft, während der Rhein seine breiten und lehmiggefärbten Wassermassen in aller Ruhe und Bequemlichkeit den Niederlanden und dem ewigen Weltmeer zuwälzte. Die alte graue Stadt dampfte im Qualm des aufsteigenden Wasserbrodems. Der klotzige Turm der ehrwürdigen Sankt Aldegundiskirche stieg dunstig ins Leere. Dohlengeschwader flogen ab und zu, vollführten ein ohrenbetäubendes Lärmen, um schließlich in die gegenüberliegenden Wiesen und Weidenbestände zu fallen. Das Handelshaus selbst war ein Unternehmen alten und vornehmen Schlages, das sich auswärts und bis tief ins Binnenland hinein eines wohlverdienten Ansehns erfreute. Weitläufige Magazine, zu denen man durch eine große Einfahrt gelangte, Speicher und Remisen, in denen sich Raffinaden, Kaffeesäcke, Zichorien und alle Tabaksorten bis zu den Dachsparren anhäuften, umgaben den hintern Packhof, auf dem sich tagtäglich eine Anzahl Enakssöhne damit beschäftigte, die eingegangenen Waren aus ihrer Emballage zu schälen, die abgehenden in Tonnen und Kisten zu verstauen, sie mit Stricken und eisernen Bändern zu gurten und auf die vor Anker liegenden Kähne zu schleppen. Frachtwagen fuhren ab und zu, hielten den Verkehr zwischen dem Rhein und den umliegenden Ortschaften aufrecht. In einem Seitenflügel befand sich das Detailgeschäft, ein geräumiger Laden mit breitem Auslagefenster, hinter dessen Scheiben sich die knallrote Büste eines Kardinals breit machte, ein markanter Kopf mit Stielaugen und energischen Zügen. Mit sichtlichem Behagen schmauchte er seine Gaudaer Pfeife. Zwei mächtige Zuckerhüte flankierten Seine Eminenz, Tabakrollen und sorglich etikettierte Päckchen, angefüllt mit den verschiedensten Sorten des edlen Rauchkrautes, stellten sich hinter ihm auf, während ein prahlerisches Arom nach Kaffee und Gewürznelken sich alle Mühe gab, die Büste des Kirchenfürsten in gebührender Weise unter Weihrauch zu setzen. Herr Fleutgen, der Korrespondent des Hauses, hatte im Nebenamt für die sinngemäße Ausschmückung der Auslage zu sorgen. Er tat es, mit künstlerischer Hingebung und denkerischen Sinnes, denn er war kirchlich veranlagt und machte sich eine besondere Ehre daraus, dem hohen Stande des Kardinals in möglichst vornehmer Art gerecht zu werden und entgegenzukommen. Aller vier Wochen fand er eine neue Nüance, hatte er einen überraschenden Einfall, so daß die Leute an jedem Ersten des Monats stehen blieben, sich über alle Maßen verwunderten und einstimmig bekundeten: »Das macht ihm keiner nach von seinen Kollegen!« Herr Johann Baptist stand noch immer am Fenster. Es war um die, Zeit, wo die Schatten schon lange Gesichter bekamen und die Kontorstunden ihr Ende erreichten, denn die Firma arbeitete nach englischem Muster. Regen Auges verfolgte er das Leben und Treiben ringsum. Zu Berg und zu Tal fahrende Schiffe glitten vorüber: einfache Prahme, Zweimaster und stampfende Schleppboote, die sich keuchend vorwärts schaufelten, mit den Ketten klirrten und schwarzbraune Rauchfahnen hinter sich ließen. Sie legten sich breit auf das schäumige Wasser oder zergingen in den steigenden Dämpfen. Das jenseitige Ufer schleierte ein. Nur ein schmaler Strich gelblichen Staubes ließ sich erkennen. Er rührte von den zahllosen Weiden her, die in der Niederung standen und bereits die Blütensporen ihrer Kätzchen verstreuten. »Es will Frühling werden,« sagte Herr Harkopp und trommelte weiter. Er hielt plötzlich inne. Hinter ihm war ein verhaltenes Räuspern. Er wandte sich langsam um. Ein junger Mann tauchte auf, der die Familienähnlichkeit mit Nellecke keineswegs ableugnen konnte. Dieselben Augen, das lichte Haar, die Entschlossenheit zwischen den Schläfen, das Offene und Freie seiner äußeren Haltung – alles das ließ jeden Zweifel verstummen. Ohne Furcht und Tadel begegnete er dem scharfen Blick des Handelsherrn. »Schließen Sie die Türe und treten Sie näher!« Ewert van Dornick gehorchte. Als er seinem Chef gegenüber stand, knöpfte dieser feierlichst den Rock zu und sagte: »Wie lange sind Sie bereits als Lehrling beschäftigt?« »Am ersten Oktober dieses Jahres werden's drei Jahre, Herr Harkopp.« »Und haben sich wohl befunden im Hause?« »Vortrefflich, Herr Harkopp.« »Und haben den Wunsch, auch weiter in meiner Firma zu bleiben?« »Wenn ich könnte und dürfte – es wäre mir eine herzerquickende Freude.« »Genehmigt; aber nur unter einer Bedingung.« »Und die wäre, Herr Harkopp?« In seinen Augen begann es zu blitzen. »Treten Sie in die Fußstapfen Ihres biederen Vaters. Freilich, da sind auch Schatten vorhanden, aber, du lieber Gott, wer hätte in seinem Leben keine Schatten gezeitigt! nur – die Schatten dürfen dem warmen Sonnenlicht nicht wehtun. Ich selber ... allein, das ist schon lange vorüber, und bei Ihrem Vater leuchtete die Sonne so herrlich, daß es einem schön und wohlig ums Herz wurde, an seiner Seite zu schreiten. Ich weiß das. Viele Jahre hindurch verbanden uns gemeinsame Interessen, und ich kann wohl sagen, wenn er einem auf Treu und Glauben die Hand gab, so war das so pfündig und brav, als hätte ein instrumentierender Notar diesen Handschlag unter Pakt und Siegel bestätigt. Solche Männer kann man gebrauchen im Leben. Sie werten und verbürgen eine sichere Zukunft. Ehrlich bis in die Zehenspitzen hinein! unter dieser Flagge ist stets Ihr Vater gesegelt, wenn er auch nicht in der Lage war, Güter zu sammeln. Aber die Flagge war gut, stand überall im berechtigten Kurs. Hut ab vor dem Kommodore van Dornick! Junger Mann, das ist es, was ich von Ihnen verlange. Ihre Flagge muß rein sein und tadellos bleiben.« »Ich werde mir Mühe geben, Herr Harkopp.« »Nur Mühe geben?« »Ja so: meine Flagge soll rein und tadellos bleiben wie die meines Vaters.« »Und Sie versprechen mir nicht das Blaue vom Himmel herunter?« »Nein, Herr Harkopp. Es ist mein heiligster Wille, Ihren Wunsch zu erfüllen und ein brauchbares Mitglied des Hauses Harkopp zu werden.« Herr Johann Baptist nickte und knöpfte wieder den hechtgrauen Rock auf. »Hm, hm!« sagte er hierauf, »im allgemeinen bin ich mit Ihren kaufmännischen Leistungen, mit Ihrem Benehmen in- und außerhalb der Handlung zufrieden gewesen. Auch Herr Pirrwitt äußerte sich in ähnlichem Sinne, eine Auskunft, die meine Entschlüsse und Erwägungen merklich der Reife näher führte. Indessen, mein Freundchen, da sind noch Bedenken. Sie pokern.« Diese wie ein Blitz aus heiterm Himmel niederzüngelnden Worte brachten den Beflissenen des merkantilen Gewerbes rein aus dem Gleichgewicht. Er war wie zerzaust, wie verschüttet. Stühle und Tische, die Wände, die Berlocke seines Gönners begannen eine ausgelassene Polka Masurka zu tanzen. Seine gute Haltung verlor sich, und er fand keine Worte. Endlich gelang's ihm. »Sie wissen, Herr Harkopp?« sagte er kleinlaut. »Allerdings ... natürlich ... ich habe gepokert.« »Mit Fleutgen?« »Ja, mit Fleutgen, Herr Harkopp.« Dann nahm er wieder Form und Fassung an und meinte: »Aber nur etliche Male.« »Auch das ist vom Übel,« versetzte der Chef mit gerunzelten Brauen. »Der Teufel soll den frikassieren, der als Angestellter der Firma sich auf andermanns Kosten bereichert oder zum Schaden seiner eigenen Tasche den Dummen zu spielen hat. Denken Sie an Ihren Vater, mein Söhnchen. Pokern?! zum Lachen oder zum Weinen, je, wie man's nimmt, 'ne Lauseerfindung! Auch Ihrem trefflichen Lehrmeister Fleutgen werde ich ein Laternchen aufstecken, das ihm ins Himmelreich leuchtet. Pokern?!« rief er zum andern und mit erhobener Stimme, »Pokern?! Wird hiermit gestrichen, für alle Fälle gestrichen. In meinem Hause gibt es kein Pokern – überhaupt nicht, unter keiner Bedingung... und weiter, mein Söhnchen ...« und Johann Baptist Harkopp, der Mann mit den tadellosen Koteletten und dem blütenweißen Haar auf dem Kopf, knöpfte sich abermals den hechtgrauen Rock zu, »über kurz oder lang kommt doch alles zutage.« Er räusperte sich. Ruckweise ging er in Paradestellung wie ein Spontonträger unter dem Zepter des glorreichen Soldatenkönigs und sagte: »Herr Ewert van Dornick, Sohn eines von mir hochgeachteten Mannes, das wäre nicht das Fatalste gewesen, was mir von der Leber herunter mußte. Da ist noch eine bösere Sache, die mir Veranlassung gibt, Ihnen gegenüber mein größtes Befremden zu äußern. Aus lauterster und zuverlässigster Quelle ... Doch das geht Sie nichts an, aber ich hörte: Sie sollen als Lehrling schon die Kühnheit, sogar den herostratischen Wahnwitz besitzen, in Ultimo- und Differenzgeschäften zu machen. Alle Achtung vor diesen kaufmännischen Husarengalöppchen ... aber Sie in Ihrem Alter ... mit Ihrer geringen Erfahrung ... Herr, sind Sie denn von Gott und allen guten Geistern verlassen?!« »Herr Harkopp ...!« »Trotz Ihrer Jugend – Ultimo- und Differenzgeschäfte! und das bei einem kleinen Makler in Kleve ...?! Wie steht es damit? Heraus mit der Sprache! Auch hier nur offene Karten. Kein Wenn und kein Aber.« Ewert drohte ins Nichts, in eine purpurblaue Leere zu taumeln ... und in dieser bodenlosen, schwindelnden und entsetzlichen Leere stand das Haupt des entrüsteten Chefs wie der Kopf des Racheengels am Tage des Zornes. »Also, wie ist es damit?« , »Ja, Herr Harkopp ... ich ... tat... es.« Seine Stimme war der eines Ertrinkenden ähnlich. Da legte sich ihm eine wohlwollende Hand auf die Schulter, und ein gütiges Wort tönte ihm gleich einem Osterglöckchen entgegen: »Auch das wird mit dem heutigen Tage gestrichen. Verstehen Sie: völlig gestrichen. Ja oder nein, junger Mann?« »Es soll sein, wie Sie sagen, Herr Harkopp.« »Sehn Sie mich an!« Ewert tat es. »Gut so! – und jetzt Ihre Hand drauf.« »Hier ... meine ... Hand.« »Dann sind wir einig geworden. Fermons la caisse! Sie können sich von jetzt ab als Kommis im Hause Harkopp \& Söhne betrachten. Gratuliere. Vom Ersten folgenden Monats an pro Anno fünfhundert Taler Salär. Das Weitere müssen wir Ihrer Einsicht und dem Geschick überlassen. Mit Gott denn! und ferner: zwei Tage Urlaub, um die freudige Botschaft Ihrem Vater zu melden.« Ein spiegelblankes Wasser lief über die Wangen des Glücklichen. »Herr Harkopp ...!« »Nichts zu danken. Sie können jetzt gehn.« Da taumelte der Beseligte ins Nebenzimmer, zu seinen Kollegen, wo die Federn noch immer eifrigst über die blauen Papierbogen glitten und die angezündeten Lampen bereits eine angenehme Helle verstreuten.   Zwei Stunden später sahen sich die Kontorangestellten der Firma an einem sauberen Tisch im ›Gebackenen Maifisch‹, einer einfachen, aber soliden Kneipe im Innern der Stadt, fröhlich versammelt. Herr Archibald Pirrwitt hatte sich die Ehre gegeben und das ihm unterstellte Personal zur Feier des Tages zu einem Glase Dünnbier geladen. In längerer Rede hieß er den neuen Kommis herzlich willkommen, pries ihn nach Gebühr und ermahnte ihn und Herrn Fleutgen, dem noch der Kopf von der ihm widerfahrenen Maßregelung durch den hohen Chef wie ein aufgestöberter Bienenkorb brummte, von nun an das infernalische Pokern zu lassen. Ein allgemeines »Bravo!«, eine frenetische Klatschsalve belohnte den Sprecher. Ewert dankte in geziemenden Worten, die in einem begeisterten Hoch auf Herrn Johann Baptist Harkopp und Herrn Archibald Pirrwitt, den sinnigen Veranstalter des gemütlichen Festes, ihren Ausklang fanden, was die Korona ihrerseits veranlaßte, den Helden des Tages auf die Schultern zu nehmen und ihn unter Absingung des Liedes ›Bruder, hier steht Bier statt Wein‹ durch alle Räume, Flure und Gemächer, die der ›Gebackene Maifisch‹ aufweisen konnte, zu tragen und ihn nach vollbrachtem Rundgang wieder auf seinen bekränzten Stuhl am Stammtisch zu setzen. Ewert strahlte. Fleutgen hingegen ließ noch immer die Ohren hängen, bekriegte sich aber, voltigierte pulverfix und mit einem kühnen Satz auf die Tafel, wehte seinen Kollegen etliche Kußhändchen zu und sang mit schöner und getragener Stimme: »Sul mare luccica L'astro d'argento, Placida è l'onda, Prospero il vento; Venite all' agile Barchetta mia! Santa Lucia, santa Lucia!« »Hurra, Fleutgen! Fleutgen soll leben!« klang's ihm von allen Seiten entgegen, nachdem er in den höchsten Tönen das Lied der neapolitanischen Makkaroni- und Zwiebelverzehrer beendet und wieder reguläre Dielen unter den Füßen hatte. »Großartig! Prachtvoll!« Selbst die behäbige Wirtin vom ›Gebackenen Maifisch‹ hatte während des Gesanges ihre Bänderfladuse durch den Türspalt geschoben und den Fünfsprachenkundigen gebührend und geziemend bewundert. Nur der untersetzte Herr im großgemusterten Buckskin war anderer Ansicht, schüttelte bedenklich den Kopf und sagte, indem er seine Sardellen sorgfältig kämmte: »Französisch und Englisch man schwach, Plattdeutsch gut, und was das Italienische betrifft, so versteht er nur den ersten Vers von ›Santa Lucia‹ zu singen.« Aber dieses Urteil tat der allgemeinen Begeisterung keinen weiteren Abbruch. Erst spät in der Nacht trennte man sich. Der ›Gebackene Maifisch‹ machte die Augen zu und ging auch seinerseits schlafen. Am frühen Morgen war Ewert bereits auf dem Wege zum Altmännerhaus in seiner Heimatstadt. 9 Fröhlichen Herzens, ein Lied vor sich hinsingend, zog Ewert van Dornick durch die niederrheinische Gegend. Wiesen, Gehölze, stille Wasser und putzige Windwühlen! Donnerwetter noch mal! wie heute die Welt so schön war, so voller Licht und Glanz, so voller Duft nach dem kommenden Frühling, so recht dazu angetan, einen frischbestallten Kommis des Hauses Harkopp \& Söhne freien und offenen Gemütes durch das Reich seiner Väter marschieren zu lassen. Sein Weg führte ihn von Emmerich über Huisberden und Till auf dem mächtigen Dreifaltigkeitsdeich, der bei Überschwemmungsgefahr das Binnenland gegen die Stauflut des Stromes zu schützen hatte, seiner Heimat entgegen. Alles Vergrämelte, Verstockte, Dunstige des gestrigen Tages war einem frischen und sonnigen Morgen gewichen. Die Felder grünten, vereinzelte Veilchen duckten sich bereits in ihren violblauen Röckchen unter den Bocksdornhecken, an den Ufern der Altwasser begann neues Leben zu sprießen, Schwertel und Pfeilkraut stießen ihre scharfen Spitzen durch die silbernen Spiegel, und gegen Osten hin, wo der Rhein sich seinen Weg gemächlich nach Holland suchte, glitten blütenweiße Segel, majestätischen Schwänen ähnlich, still und in solenner Andacht vorüber. Alles so groß, so hehr und tröstlich wie in einem Hochamt. Der Herr waltete selber als Priester, verstreute seinen Weihrauch im Puder der stäubenden Weidenkätzchen, predigte das Evangelium der Liebe und Auferstehung und warf seine Musikanten mit schöpferischer Hand in den Himmel, auf daß sie die Allmacht des Ewigen priesen mit Jubilieren und Singen ... und Ewert van Dornick mitten dazwischen. Mit ausgreifenden Schritten rollte er den Pfad unter sich auf, winkte den Lerchen zu und pfiff mit den Buchfinken, deren kecke Frühlingsweisen ihm aus allen Hecken und Hägen entgegen schmetterten – den ›Reiterherzu‹, die ›Würzgebühr‹ und die ›Zizigaltour‹, und wie die Lieder der munteren Gesellen nur immerhin heißen mochten. Nichts entging ihm, was um ihn lebte und webte. Mit hellen Augen und offenen Ohren verfolgte er die Offenbarungen, die sich vor ihm auftaten wie die wundersamen Legenden im Buche der Heiligen. Ein Tag des Herrn mit roten Lippen und stahlblauen Augen – so sah er die Welt an. Das kleine Hütchen flott in den Nacken geschoben, ein sprossendes Bärtchen unter der Nase, straff und strack gewachsen, wie eine junge Kiefer im Reiherbusch bei Neu-Luisendorf, immer fidel und kein Spielverderber, war er, abgesehen von einer gehörigen Portion Leichtsinn und Sprunghaftigkeit in seinen Anschauungen, das beste Kerlchen, das an diesem frühen Morgen sich auf die Strümpfe gemacht hatte, um seinem Vater ein gehöriges Quantum Glück in die Arme zu legen. Kommis im Hause Harkopp \& Söhne! Diese unumstößliche Tatsache war für den gewöhnlichen Sterblichen auf den ersten Anhieb nicht so recht zu begreifen. Er aber begriff sie. Der gestrige Tag oder besser der gestrige Abend hatte ihn wissend gemacht und ihm ein gestrichenes Maß voll Selbstgefühl auf den Teller geschoben, weniger veranlaßt durch die Ausführungen seines Chefs und des ersten Prokuristen, als vielmehr durch die des Herrn Fleutgen, der noch in vorgerückter Stunde den ›Gebackenen Maifisch‹ und die anwesende Tafelrunde in ein phosphoreszierendes Meer von Dogmen und glänzenden Prophezeiungen getaucht, obgleich der Herr im großgemusterten Buckskin sich eifrigst bemüht hatte, beruhigendes Öl auf die emporgewühlten Tiefen zu gießen und alle utopischen Erwägungen ein bißchen umzufrisieren. Es war vergeblich gewesen. Fleutgen hatte seine aufgestellte These mit einer Bravour verfochten, die einen tosenden Beifall hervorrief und den ›Gebackenen Maifisch‹ in ein Dorado der Freude verwandelte. »Meine Herren!« hatte er ausgeführt, »es gibt solche und solche. Es gibt Kommis und Kommis. Es gibt Kaufleute und Kaufherren. Zu letzeren rechne ich in jeder Beziehung meinen Freund Ewert van Dornick.« »Bravo!« »Meine Herren! Mit dem Alten muß aufgeräumt werden, die Jugend ist an seine Stelle zu setzen. Natürlich, alles, was sich an dieser Tafel befindet, zählt zur Jugend; auch unser hochverehrter Herr Chef in optima forma , aber das hindert nicht, meinem Freunde schon jetzt ein bedeutsames Prognostikon auszustellen und ihm den Kranz einer glorreichen Zukunft zu reichen.« »Bravo!« »Meine Herren! Selbstverständlich mit einem gewissen Vorbehalt und nach Klärung der Dinge. Es fällt kein Meister vom Himmel; überkommene Talente müssen ausgemünzt und umgesetzt werden. Heraus aus der Enge! Wohlauf, Kameraden, aufs Pferd, aufs Pferd! will aber mit ›Pferd‹ keinen gewöhnlichen Schwadronsgaul bezeichnen, sondern den Wagemut und den ernsthaften Willen, Schürze und Tüte beiseite zu schieben, nicht an der Theke zu kleben und das Herz zu besitzen, sich in den Betrieb der Börse zu stürzen. Herr Pirrwitt, Sie schütteln den Kopf. Gut! vom Pokern will ich gar nicht mehr sprechen. Ich hab's dem Prinzipal in die Hände geschworen, und was ich gelobt ... Auch das mit den Differenzgeschäften! Vorderhand – noli me tangere! Später, erst später! Der Geist muß ausreifen, denn erst die Erfahrung ... Aber im allgemeinen: der Kaufmann als solcher hat nicht an der Scholle zu haften, muß wetten und wagen und seinen Beruf in großem Stile betreiben, stets das Ziel vor Augen, sein eigener Häuptling und sein eigener Meister zu werden. Wer das Zeug dazu hat, soll nicht in der Enge verkümmern. Die ganze Welt ist sein Markt, und wer es versteht, fünf Sprachen von sich zu geben ... Ewert, in diesem Sinne, und nochmals gesagt: Du bist der Kerl, Gelder zu münzen und es dereinstens zum Königlichen Kaufmann zu bringen. Des zum Zeichen steigt aufs Neue das Lied ›Santa Lucia‹ ...« und der Kantus hatte den ›Gebackenen Maifisch‹ mit wohligen Klängen erfüllt, worauf sämtliche Angestellte des Hauses Harkopp \& Söhne den jüngsten Kommis wiederum hatten leben lassen, obgleich Herr Pirrwitt sich ablehnend verhalten und den wagemutigen Redner für einen angesprochen hatte, der willens schien, sein leichtfertiges Schifflein durch die Stromschnellen der Niagarafälle zu gondeln. Trotzdem war er auf Ewert zugeschritten, hatte ihm die Hände geschüttelt und ihn ermahnt, den soliden Grundsätzen der Firma getreu zu bleiben; auch bei vorkommenden Krisen seinen kameradschaftlichen Rat in Anspruch zu nehmen. Er wäre noch aus der alten und gediegenen Schule, stände ihm zu jeder Zeit zur Verfügung ... eine kleine und wohlgemeinte Dusche, die aber zum großen Teil langsam verebbt und untergegangen war in den Vivatrufen und dem Gläserklingen des festlichen Abends. Der ausgelegte Köder war aufgeschnappt worden. Die Ovation haftete wie eine Wald-, Busch- und Wiesenzecke, und mit dieser Zecke im Herzen ging Ewert durch den leuchtenden Morgen. Sie ersparte ihm nichts, deutete hierhin und dorthin und stellte ihm Bilder vor Augen, die seine Seele mit einem ganzen Wald voll himmelanstrebender Pläne bevölkerte. Was hatte doch Herr Fleutgen geredet? Ja so: »Heraus aus der Enge! Der Kaufmann als solcher hat nicht an der Scholle zu haften, muß seinen hohen Beruf in großem Stile betreiben. Die ganze Welt ist sein Markt...« und diese Worte seines Freundes als Universalmittel hinnehmend, erging er sich in den gewagtesten Kalkulationen. Alles recht schön mit dem Hause Harkopp \& Söhne! Treffliche Firma, biedere Grundsätze, beneidenswerter Kundenkreis, Aufträge wie aus der Pistole geschossen! Absolut nichts dagegen zu sagen. Nur: etwas kleinbürgerlich denkend, keine universellen Projekte, keine eigenen Kaffee- und Tabaksplantagen ... Er hingegen – sein Ziel mußte sich pompöser erstrecken, mehr ins Allumfassende gehen, in die Tiefe hinein ... ein Betrieb von tausend und abertausend ineinander greifenden Fäden ... großartige Aufmachung ... Kontore in Hamburg und Bremen ... Faktoreien und so ... Kulis und andere Leute ... Handelsherren ... Senatoren ... und immer so weiter ...! Unter diesen seligen Gedanken und Betrachtungen war er nach dreistündigem Marsch bis an die Stelle gekommen, wo der Dreifaltigkeitsdeich eine scharfe Schwenkung ins Binnenland machte und einen überraschenden Blick auf seine Vaterstadt in der Niederung gewährte. Ein mächtiger Zyklop, schob der Kirchturm von Sankt Nikolai seine Ziegelmassen in den stahlblanken Himmel. Mit einer gewissen Herablassung zwinkerte er auf die ineinander geschachtelten Giebel und Dächer, die sich zum größten Teil hinter breitausgelegten Pappelreihen versteckten. Noch waren diese sparrig und kahl, unansehnlich und schmucklos; aber die noch etwas klammen Finger des sonnigen Tages hatten auch sie umschmeichelt und Bast und Borke betastet. Da erwachte das Leben. Ein braungoldiges Flimmern hing zwischen den Ästen und Zweigen, wo schon die Elstervögel sich sputeten, dürre Stecken zuzutragen und ihre Kugelnester zu bauen. Verloren klang ihr fernes Geckern herüber. Zur Seite des Deiches, unmittelbar neben der rechten Flanke, dehnte sich ein mit Erlen und Röhricht bestandenes Wehl aus, dessen seichte Ränder bereits zu grünen begannen. Wie ein gigantischer Kristall glitzerte die ruhige Fläche. Darüber wiegte sich ein Weih in zierlichen Schraubenlinien. Ewert sah über das Tief hin. Da gewahrte er ... Ein unscheinbares Männchen in Zylinder und braunem Überrock, eine Botanisiertrommel umgelegt, die Beinkleider aufwärts geschlagen, machte sich an einer freien Uferstelle zu schaffen. Etliche Angelruten hatte er ausgelegt. Die Korke mit den bunten Federposen schwammen gleichmäßig auf dem silbernen Spiegel, nur dann und wann ein kaum merkliches Hüpfen vollführend. Er selber mühte sich ab, einen Kescher durch die zarten Rohrspitzen zu ziehen, den Inhalt zu prüfen und ihn wieder zu leeren. Ewert glaubte den einsamen Fischer zu kennen. Er verließ die Deichkrone und begab sich hinunter zu ihm. »Herr Aktuarius!« sagte er leise. »Mein Gott!« rief dieser, indem er sich wandte. »Sehe ich richtig: Herr Ewert van Dornick?« »Bin ich, Herr Aktuarius, bin ich noch immer.« »Dann herzlich willkommen! Potztausend! – und wie Sie sich herausgemustert haben, Herr Ewert! Ordentlich in die Breite gegangen. Und das fröhliche Auge! Gereift an Leib und Wissen! Wird der Vater sich freuen.« »Glaub's schon,« sagte Ewert mit herzlichem Lachen. »Hier steht's verbrieft und gesiegelt. Seit gestern angestellter Kommis im Hause Harkopp \& Söhne.« »Bravo! Ganz außerordentlich! Das ist ja mit dem Teufel gegangen! Kaum zweiundeinhalb Jahr in Kondition und schon in dieser gehobenen Stellung! Da muß man allerdings sagen: Ut sementem feceris, ita metes. Gratuliere, mein Lieber.« »Ich danke verbindlichst. Und wie geht's Ihnen, wenn diese Frage erlaubt ist? Noch immer bei Wege?« »Wie Sie sehen, Herr Ewert: mein Leben ist ein Otium cum dignitate und die Gewohnheit mein angeborenes Wesen. Consuetudo est altera natura , wie der Lateiner behauptet. Ein Tag gleicht dem andern. Bald Freude, bald Mißhelligkeiten. Auf alle Fälle: ich bin meinem Schöpfer dankbar, wenn er mir etwas bietet wie die heutigen Stunden.« »Ich sehe, Sie angeln,« versetzte der junge Mann mit einem raschen Blick auf die zitternden Korke und Federposen. »Das allerdings, aber nur im Nebenamt, lediglich, um das Nützliche mit dem Angenehmen zu verbinden. In dieser Hinsicht hat mir heute der Zufall etwas Rares beschieden.« »Und das wäre?« »Schauen Sie dorthin!« Behutsam deutete er auf das ruhige Wasser, wo sich zwischen keimendem Schwertel und Froschlöffel eine gedrungene, dunkle, ölgrüne Masse mit kolbigen Ruderfüßen bewegte, die sonderbarsten Drehungen machte, um sacht und sanft in die Tiefe zu gleiten. »Was Sie dort sehen,« fuhr der Aktuarius fort, »ist ein gewandter Schwimmer aus der Kerfenwelt, zur ersten Ordnung der Coleopteren gehörend und in der fünften Familie eben dieser Ordnung unter dem Namen Hydrophilus piceus eine bekannte Erscheinung. Ich betone die ›bekannte Erscheinung‹, sein allgemeines Vorkommen. Sind die Bedingungen günstig, fehlt der drollige Patron in keinem stehenden und gemächlich fließendem Tümpel. Nur das Seltsame ist ... Schon seit Jahren war ich eifrigst bemüht, seinem Liebesleben und dem, was sich mit diesem verbindet, auf die Spur zu kommen und näher zu treten. Ich suchte vergebens. Erst heute ... Ich war Zeuge eines interessanten Vorganges, der mich eigenartig bewegte. Werde auch Gelegenheit nehmen, diese meine Beobachtung in einer Fachschrift niederzulegen. Ich sah: die behäbige und ölglänzende Gattin besagten Teichbewohners, der soeben dem Grunde zustrebte, drehte sich vor etlichen Stunden an der Oberfläche des Spiegels vergnügt auf den Rücken und begann ein weißliches Netzwerk zu spinnen, wandte sich hierauf, spedierte den Koken auf die Flügeldecken und begann den zweiten zu weben. Nachdem auch dieser fertig geworden, verband sie beide Teile zu einem niedlichen Säckchen, schob ihre Legeröhre hinein, füllte es bis an den Rand mit zierlichen Eierchen, verschnürte den Ausgang mit etlichen Fäden und krönte das Ganze mit einem allerliebsten seidig glänzenden Hörnchen. Dann ließ sie es schwimmen, das Weitere dem lieben Gott überlassend und auf seine Allmacht vertrauend. Die Wochenstube war fertig.« »Wie lehrreich,« sagte Ewert. »Ich war so glücklich,« ergänzte der Aktuarius mit strahlenden Blicken, »die wunderliche Barke mit dem Kescher zu greifen und meiner Kapsel einzuverleiben. Hier ist sie,« und sorgfältig öffnete er den grünen Behälter, aus dem das anmutige und erbsengroße Gebilde aus feuchtem Gras und Algen hervorsah. »Und nun?« fragte Ewert. »Seit dem heutigen Tage,« schmunzelte der Forscher, »ist die mütterliche Pflege ausgeschaltet und hinfällig geworden. Das gezeitigte Produkt einer Kerfengemeinschaft, die Frucht eines liebenden Paares aus der Ordnung der Coleopteren hat sich in meinem Aquarium weiter zu bilden, um das zu werden, was die Vorsehung und die Eltern anstrebten. Zu diesem Zwecke werde ich auf dem Boden meines Glaszubers ein Stück Rasenerde versenken, doch so, daß es um etliche Zoll aus der Oberfläche hervorragt – eine niedliche Insel in meinem Zimmerozean, ein trauliches Eiland ...« »Und dann?« meinte Ewert zum andern, begeistert von den Auseinandersetzungen des kundigen Herrn. »Und das Mirakel geschieht,« sprach der Aktuarius weiter, lüftete seinen Zylinder und rückte ihn wieder in seine frühere Stellung, gewissermaßen, um dem Schöpfer dieses Wunders zu danken, »denn siehe: nach vierzehn Tagen wird die seidenfadige Pinasse lebendig. Lärvchen entschlüpfen den Eiern, durchbrechen die Hülle, werden im Laufe der Wochen zu Larven, die sich wie die grimmigsten Piraten benehmen. Nichts ist ihnen heilig. Als gefräßige Haie kreuzen sie durch die Tiefen des gefesselten Meeres, alles verzehrend, alles verschlingend, was ihre gierigen Zangen erwischen, als da sind: Pflanzenreste, Schneckchen und Wasserwanzen – jede Larve ein Behemoth, ein riesenhaftes Untier, ein Schrecken meines Aquariums, bis sie großjährig werden, ihr feuchtes Element verlassen und sich in dem rasigen Eiland verpuppen.« »Und schließlich ...?« »Und schließlich,« fiel der dozierende Herr mit begeisterten Worten ein, »wenn die Tage sich längen, die Kornfelder der Sense entgegenreifen und das Tagesgestirn wie eine Schusterkugel vom Himmel züngelt, wird auch diese Chrysalide lebendig. Von der Wärme gerufen, wie der große Swammerdam sagt, entsteigt auch sie ihrem Grabe, wie die Toten auf den Ruf der großen Sonne der Gerechtigkeit ihre Grüfte verlassen, um als Hydrophilus piceus ein neues Dasein zu beginnen, zu leben, zu lieben und nach getätigter Zeugung in den Himmel der Coleopteren zu kommen. Amen! – Und nun, mein junger Freund, dort werden die Federposen lebendig. Jetzt muß ich allein sein. Zuvor jedoch ...« und er reichte Ewert die Hand hin. »Wollen Sie mir nicht die Ehre erweisen, Sie und Ihr Vater? Heute Abend gegen neun in der ›Goldenen Kugel‹ ... Ich möchte doch den jüngsten Kommis im Hause Harkopp \& Söhne in gebührender Weise begießen.« »Aber Herr Aktuarius ...!« »Schon gut, schon gut! Also gegen neun am alten Stammtisch. Abgemacht! Keine Einwendungen gelten. Schönste Grüße mit auf den Weg und später herzlichst willkommen,« und damit verabschiedete sich Ewert, noch ganz benommen von der wohlwollenden Aufnahme des jovialen und gütigen Mannes. Nach viertelstündigem Marsch betrat er das freundliche Städtchen, nicht mehr als Lehrling, sondern als Kommis eines angesehenen Hauses, was ihn veranlaßte, seinen Kopf höher zu tragen und die ihm begegnenden Leute mit einer gewissen Reserve zu grüßen. »Auch hier sind Filialen zu errichten,« sprach er im Weitermarschieren, »besonders für Kaffee und Zucker, auch ein Verkaufskontor für Inlandprodukte wäre am Platze,« und er bestimmte schon im Geiste die Häuser und Stadtteile, die ihm hierzu für besonders geeignet erschienen. Selbstverständlich alles en gros, mit einem ganzen Generalstab von Korrespondenten, Kalkulatoren, Lade- und Wiegemeistern und allem, was zu einer weitverzweigten Firma gehörte. Mit kleinlichen und unzulänglichen Mitteln durfte man sich überhaupt nicht befassen. Immer nur das Ganze vor Augen ... das Gesamtbild ... das Weltumfassende ... Nur ja kein Verzetteln ... keine Ellenkrämerei ... keine Tütchengeschäfte ... sondern Faktoreien und so ... Kulis und andere Leute ... Handelsherren ... großartige Aufmachung ... Und diese merkantilen Erwägungen wie fette Ortolane in Butterteig wälzend, kam er an der ehrwürdigen Linde und dem Spitzen- und Wäschesalon von Röschen Jungklaas vorüber. Hier sah er Nellecke in einem rechts vom Laden befindlichen Zimmer mit Bügeln und Klöppeln beschäftigt. Er bemerkte sofort: sie war allein in der Stube, eifrigst bemüht, die ihr übertragenen Obliegenheiten in sauberster Art und mit der ihr eigenen Geschicklichkeit zu erledigen. Alles ging ihr flott von den Händen. Das Plätteisen klapperte. Ein weißlicher Wasserdampf umstrudelte das emsige Mädchen. Das Köpfchen glühte. Da packte ihn der Schalk beim Wickel. Wie immer, so saß er ihm auch heute im Nacken. Er trat in den Hausflur, gab Christine, die etliche Kunden bediente, einen vielsagenden Wink, schlich sich auf Zehenspitzen über die betreffende Schwelle, pirschte sich näher heran, und bevor sich Nellecke noch umwenden konnte, lagen ihr bereits die Hände des Bruders vor den Augen – und eine Stimme in den höchsten Fisteltönen klang ihr zu Ohren: »Nun rate: wer bin ich?« »Mein Gott, wie soll ich?!« stammelte das ängstliche Mädchen. »Rate!« gebot er. »Christine!« »Nein, nein!« »Die Mamsell!« »Daneben gehauen.« »Dann bist du ...« »Schön! also wer bin ich?« »Der Lehrling im Hause Harkopp \& Söhne.« »Viel höher hinauf!« »Der Ladengehilfe.« »Viel höher! Meilenweit höher!« »Vielleicht der Kommis?« »Ja, der Kommis. Angestellter und salarierter Kommis. Hurra, die Enten!« und Bruder und Schwester fanden sich im Kusse des Wiedersehens und in der Freude der Geschwisterliebe. »Jetzt aber« – und er schob seinen Arm in den ihren – »Jäckchen an und Häubchen übergezogen! Wir wollen zu Vatern.« »Ewert, ich kann nicht.« Er prallte zurück. »Was heißt das? Weshalb solltest du nicht können?« »Ewert, seit dem heiligen Drei Königen-Tag bin ich nicht mehr bei ihm gewesen.« »Warum nicht?« Große Tränen standen in ihren Augen. »Ewert, ich darf nicht mehr kommen,« schluchzte sie auf und bedeckte ihr Antlitz mit beiden Händen ... und sie erzählte ihm alles, was in der entsetzlichen Stunde passiert war. Nichts beschönigte sie, nichts verheimlichte sie. Ihre Enthüllung war wie eine lautere Quelle, ihr Wort ohne jede Erregung. Sie zeigte ihm ihre verkümmerten Tage, ihre schlaflosen Nächte. Mit selbstquälerischer Hingebung wies sie auf die Schmerzen hin, die ihre Seele zermürbten. Sie sprach von Lambert, von Aloys Furtwanger und hatte für letztern nur Worte der Anerkennung und Wertschätzung. Ja – sie bedauerte ihn aus tiefstem Grund ihres Herzens. Mit einem wehen Lächeln beschloß sie die Beichte. »Dies mein Bekenntnis. Was soll ich da machen? So leid er mir tut, so gerne ich ihm alles Gute und Liebe erweisen möchte – es wäre verächtlich, mir selber untreu zu werden. So ist denn das Unglück geschehen. Von Lambert höre ich nichts mehr. Und Vater ...! Er verbot mir sein Zimmer. Ich darf nicht mehr kommen.« Die letzten Worte gingen unter in einem verhaltenen Weinen. Da legte er die Arme um sie her und küßte sie sacht auf die Stirne. »Nellecke, es wird alles schon werden.« Als sie aufblickte, hatte er die Stube verlassen. Nachdenklich schlenderte er über die Grabenstraße. Schon von ferne sah er den weißen Mynheer mit brennender Kalkpfeife vor der Tür des Altmännerhauses stehen. Er hatte vor, ihm einen ›Guten Morgen‹ zu bieten. Johannes aber wandte sich ab, würdigte den jungen Mann keines Grußes, folgte ihm jedoch, bis er in das Zimmer seines Vaters getreten war. Vor der Bordschwelle des Kapitäns machte der Alte halt, spitzte die Ohren und horchte. Zwei Minuten, drei Minuten, vier Minuten vergingen ... Da lärmte es gegen ihn an: »Ewert, mein Junge ...! Königlicher Kaufmann und so ...! Alle Mann an Bord ...! Topps hoch ...! Evviva und 'nen Salut für Ewert van Dornick, für das Welthaus Harkopp \& Söhne ...! Hurra! und nochmals Hurra! und zum drittenmal Hurra ...!« Terstegen erbleichte. Seine Augen nahmen einen bleiernen Glanz an. Langsam und feierlich kam es von seinen vertrockneten Lippen herunter: »Ihr Hoffärtigen! Hoffart mißt sich nach langer Elle und steckt den Schwanz über das Nest. Ihr Tölpel! geht in euch; denn ihr wisset weder Tag noch Stunde, in welcher der Herr kommen wird.« Ein häßliches Wiehern folgte, scharf und schneidend durchgellte es die langen Flure. Dann ballten sich seine gelben Finger zur Faust, und diese Faust streckte sich der Tür des blauen Mynheers zu. »Aber sie wollen ja nicht,« knirschte er tonlos. »Und Glück haben die Kerle, Glück haben die Kerle ...! und dennoch: Lumpenbagage ...! Lumpenbagage ...!« Mit einem kurzen Seufzer verschwand er in seinem Zimmer.   Kurz vor neun Uhr saß der Inhaber der ›Goldenen Kugel‹, Herr Stäwe Pastores, seines weinerlichen und zugeknöpften Wesens halber auch der ›Plümerante‹ geheißen, in seiner Wirtsstube neben dem blankgewichsten gußeisernen Ofen, in dem noch, des kühlen Abends wegen, ein mageres Feuerchen knisterte. Um diese Zeit waren die Stammtische verwaist, die Betriebsmöglichkeiten auf den Nullpunkt geraten, so daß Herr Stäwe hinreichend Zeit hatte, sich mit seinen eigenen Gedanken zu beschäftigen. Der Plümerante war ein hagerer, langaufgeschossener Mann, mit einem verkniffenen Küstergesicht, verwehten Augen und Beinen, mit denen er seine Schwierigkeit hatte. Bald drehte er sie schlangenmenschartig um die Stuhlfüße, bald schlenkerte er sie übereinander, bald wieder gefiel er sich darin, sie wie steife Waschhölzer von sich zu strecken. Das tat er auch jetzt. Die Hände in den Hosentaschen vergraben, eine lange Pfeife im Munde, beobachtete er das Spiel etlicher Fliegen, die mit seinem Summen um die brennende Hangelampe des mittleren Stammtisches kreisten. Das Interesse für diese Zweiflügler pflegte er eifrigst, aber nicht aus idealen Gesichtspunkten heraus, sondern lediglich in der Absicht, sein an und für sich etwas langweiliges Schankgewerbe weniger monoton und stieselig zu machen. Die musca domestica , wie sie der Aktuarius nannte, hatte es ihm angetan, und die Schnaps- und Bierkringel, die übriggebliebenen Reste auf Gedecken und Anrichten, die süßen Liköre boten ihm reichlich Gelegenheit, seinem Forschungsdrang die angemessenen Bahnen zu weisen. Die unausstehlichen Begleiter des Menschen machten ihm Freude. Er beobachtete sie, wenn sie unter beständigem Räsonieren an den Scheiben herumturnten, sich langsam und tastend auf einer Käsekruste bewegten, an einem delikaten Milchtröpfchen sogen, sich an heißen Sommertagen auf Sofakissen, Fensterbrett und allen nur möglichen Dingen dem Minnedienst hingaben, um schließlich im Herbst, mit ausgespreizten Beinen, geschwollenem Hinterleib und geringelten Schimmelstreifen an Gardinen und Tapeten zu kleben. Und die bräunlichen Punkte, die sie mit besonderer Vorliebe gegen Rahmen, Spiegel und unbenutzte Teller druckten, gaben ihm Veranlassung, allerlei Namenszüge, Bilder und Wahrzeichen aus ihnen zusammen zu stellen. Doch heute ... heute erfreute er sich lediglich ihrer munteren Tänze, als die Haustüre aufklingelte, Schritte sich vernehmen ließen und der Herr Aktuarius Furtwanger die Wirtschaft beehrte. Bei seinem Eintritt schlug es neun von Sankt Nikolai. »Nanu!« sagte der Plümerante, »so spät noch?« rührte sich aber nicht von der Stelle. » Habemus papam !« Erklärte das zierliche Männchen, »und zwar in der Gestalt des jungen van Dornick. Er und der Kapitän werden gleich hier sein. Zur Feier des Tages – drei Bouteillen Gelblack von der nobelsten Sorte!« »Merci!« versetzte Stäwe Pastores und quittierte die Bestellung mit einem zufriedenen Grunzen, blieb jedoch wie eine abgestorbene musca domestica an der nämlichen Stelle haften, bewegte nur die Kauwerkzeuge und rief über die Schulter: »Heda, Bedienung! Für den Herrn Aktuarius drei Flaschen Langkork, aber vom besten!« um dann wieder mit verkniffenem Gesicht dem Frühlingsreigen der emsigen Fliegen zu folgen, während Herr Furtwanger den mittleren Stammtisch übersah, die Stühle zurechtrückte und mit einem herzlichen »Gratuliere, gratuliere!« auf seine Gäste lossegelte, die noch kaum die Tür hinter sich zugeklinkt hatten. »Mein lieber Aktuarius ...!« »Wird gerne gegeben,« freute sich Aloys, indem er auf die verschiedenen Stühle deutete. »Moritz, nimm Platz, und Sie, Herr Ewert, bitte, an meine linke Seite zu kommen. Aber, Moritz, ich sage dir nochmals: Bei diesem Ereignis ... bei dieser glücklichen Konstellation der Dinge im Hause van Dornick ... bei diesem Flug eines Jünglings, der zu den schönsten Hoffnungen berechtigt ... da kannst du mir schon die Ehre erweisen. Moritz, es ist gerne gegeben.« »Na, denn! obgleich ich eigentlich den Grundsatz vertrete: der Verzehr ist strenggenommen auf mein Konto zu buchen. Aber dir zu Liebe ... du als Stammgast in diesem noblen Hause ... Mag's denn so bleiben. Auf Deck ist der Kaptän Herr über Leben und Sterben, in der ›Goldenen Kugel‹ jedoch bist du der Spendierer.« Ein beifälliges Hüsteln kam aus der Richtung des gußeisernen Ofens. Da wandte sich Moritz. »Blexem und Donnder! Plümerante, auch noch zu sprechen? Was machen die Fliegen? Selbstverständlich, ich sehe: alles mobil und in bester Verfassung,« und während er noch dabei war, dem trefflichen Wirt etliche anerkennende Worte über sein Aussehn, seine gediegene Küche und vorzüglichen Weine zu sagen, hatte der Aktuarius bereits die erste zugebrachte Flasche entstöpselt, die Siegellackrestchen entfernt, die Gläser gefüllt und seine Gäste nochmals gebeten, es sich bequem und gemütlich zu machen. Das geschah denn auch, und nun saß Moritz an dem behaglichen Stammtisch, im Kreise lieber Menschen, verschönt von dem milden Schein der Rübsenöllampe, die sichtlich alles aufbot, ihrem Licht einen besonderen Glanz zu verleihen. Mit Recht, denn der Träger des Namens van Dornick hatte es sich nicht nehmen lassen, im Galaschmuck eines richtig gehenden Kapitäns zu erscheinen – im blauen Jackett, mit vergoldeten Ankerknöpfen, die Abzeichen seiner Würde auf der linken Ärmelstauche, in weißen Beinkleidern, die Rettungsmedaille im Knopfloch, kurz, so ausstaffiert wie bei früheren Festlichkeiten, woselbst er als Kommodore des Schiffes ›Maria, sei mit uns‹ zu repräsentieren hatte. Der Wein leuchtete wie böhmische Granaten in den Gläsern, umflügelt von einer weihevollen Stille, die sich zum Aktuarius beugte und ihm zuflüsterte: »Bereite dich vor. Du hast eine Rede zu halten,« was Moritz veranlaßte, seine Rechte sanft und sacht auf die ausgestreckte Hand seines Gönners zu senken, sie dort wohlwollend liegen zu lassen und sich mit der Bemerkung an Ewert zu wenden: »Rührend, nicht zu überbieten, die Sache! Menschenfreundliche Anwandlungen, wie nicht mehr zu finden. Ewert, was ich dir sagte ... Habe ich dir etwa zu viel in den Ohren gelegen? Habe ich Recht oder Unrecht? Ist Nellecke nicht rein des Teufels geworden? War es nicht korrekt von mir, dir in dieser Beziehung die Augen zu öffnen, dir den Star zu stechen, dich wieder sehend zu machen? Ist der Herr Aktuarius nicht 'ne Seele von honetter Gesinnung, gut und weise und, im Gegensatz zu den beiden Terstegens, edel und hilfreich, würdig und wert ...?« »Meine Herren!« Unter atemlosem Schweigen, nur sanft unterbrochen durch den näselnden Ton der summenden Fliegen, die noch in alter Weise ihren Ringelreihen-Rosenkranz tanzten, erhob sich der Aktuarius räusperte sich und klingelte so hell an das Kelchglas, daß selbst der Plümerante aufmerksam wurde und sich bewogen fühlte, die Löffel zu spitzen. »Moritz und mein lieber Herr Ewert! Dem Hause van Dornick ist Heil widerfahren, Heil im wahrsten und schönsten Sinne des Wortes, denn wisset: als ich heute in aller Herrgottsfrühe auszog, dem Hydrophilus piceus näher zu kommen, und das seltene Glück hatte, Zeuge seiner intimen Liebesaffären, seiner ehelichen Pflichten und kunstfertigen Bestrebungen zu werden, kam mir zuerst die exquisite Botschaft zu Ohren, die Veranlassung gab, uns zu dieser Stunde in der ›goldenen Kugel‹ vereinigt zu wissen ... und ich muß offen erklären, diese Botschaft ist mir lieber gewesen als die Freude, Licht in die bisher umdunkelte Kinderstube des Hydrophilus piceus zu tragen. Meine Herren! um mich eines Vergleiches zu bedienen ... das menschliche Leben und besonders das eines Kaufmannes ist der Metamorphose der Coleopteren vergleichbar. Das Ei ähnelt dem Stift, die Larve dem Lehrling, und ist sie größer geworden, dem Herrn Kommis. Gelangt sie in den Zustand der Puppe, so haben wir es mit dem latenten Stadium zu tun, in welchem der Handelsbeflissene so recht noch nicht weiß, ob er berufen ist, als selbständiger Chef auf die offene Meerflut zu steuern, oder sich verurteilt sieht, im engen Thekenbetrieb sein Dasein weiter zu fristen. Bersten hingegen die Hüllen ... doch ich komme hierauf noch später zu sprechen. Meine Herren!« – und der Redner zupfte seine Vatermörder etwas mehr in die Höhe – »leider, leider! meinem Lebensschifflein blieb es versagt, die offene See zu gewinnen. Das Geschick wollte es so und gebot ihm, in stagnierendem Wasser zu kreuzen. Sie kennen meinen Werdegang. Nachdem ich das Universitätsstudium hinter mir hatte und mich anschickte, magna cum laude in das juristische Amt eines Auskultators zu schlüpfen, wurden mir die Flügel beschnitten. Widrige Umstände veranläßten mich, mein Ziel tiefer zu schrauben, und ich war doch berufen ...« »Natürlich warst du berufen!« rief Moritz so triumphierend über den Tisch fort, daß der Plümerante am gußeisernen Ofen erschreckt die Waschhölzer einzog. »Natürlich warst du berufen! Das Amt eines Appellationsgerichtspräsidenten wäre dir sicher gewesen. Das Zeug dazu hattest du dreifach und zehnfach.« Springinsröckel winkte mit einem verlegenen Lächeln ab. »Das nicht, mein Lieber. Mein Flug war niedriger gedacht. Mit der Stellung eines bescheidenen Friedensrichters wäre ich schon zufrieden gewesen. Aber auch diese Hoffnung und diesen Wunsch mußte ich wehen Sinnes begraben, mußte in die Subalternkarriere hinein, um Leiden zu stillen und Tränen hinweg zu nehmen. Und dennoch klagte ich nicht und verzweifelte nicht, war vielmehr dem Schicksal noch dankbar, durch das, was ich hatte und was ich mir zu erwerben vermochte, der ehrenwerten Jungfer Beiderwand das lange Siechtum erträglicher und leichter zu machen.« »Bravo, bravissimo!« schrie Moritz, und er war nahe daran, dem Aktuarius um den Hals zu fallen und ihm einen Kuß auf die Wange zu pulvern. »Das ist Nächstenliebe und edles Menschentum! Gott verdammich noch mal! so was müßte der Dechant von der Kanzel predigen, auf daß es alle vernähmen, aber auch alle; auch der weiße Mynheer und der Lehrer in Obermörmter da hinten.« »Keine Ovationen für mich,« versetzte der Aktuarius mit gütiger Handbewegung. »Das ist nicht der Zweck meiner Rede. Ich wollte nur sagen: mein Lebensschifflein hatte keine fröhliche Ausfahrt, mußte sich damit begnügen, im seichten Binnenwasser die Segel zu stellen. Sie aber, mein lieber Herr Ewert ... der Sproß einer gediegenen Familie, in der auch ein weibliches Wesen ...« »Ja, man frisch von der Leber herunter,« unterbrach ihn der begeisterte Kapitän. »Da ist noch Nellecke da ... und Nellecke ist auch nicht so ohne ... und Nellecke, obgleich wir uns beide zurzeit auf regulärem Kriegsfuß befinden, kann Ansprüche machen ... hat das Ihre gelernt ... ist wie'n appetitliches Gürkchen ... und überhaupt so ... Aber man weiter. Das findet sich später.« »Sie aber, mein lieber Herr Ewert,« fuhr der Aktuarius fort, »haben als angestellter Kommis des Hauses Harkopp \& Söhne alle Anwartschaft darauf, die offene See zu gewinnen – das Meer – das gewaltige Weltmeer. Noch befinden Sie sich im Zustand der Larve, harren der stillen Verpuppung ... dann aber« – und die etwas schüchterne Stimme des Sprechenden machte nun auch ihrerseits eine Metamorphose durch, nahm zu an Schönheit und Wohlklang, wurde zu einem Piston, das das mit trefflicher Akustik begnadete Wirtslokal mit hellem Geschmetter erfüllte – »dann aber, und des bin ich sicher: in nicht allzu ferner Zeit werden Sie das latente Stadium hinter sich haben; die Puppenhülle durchbrechen, um als Hydrophilus piceus , das heißt, als wagemutiger, unternehmender und imponierender Chef die eigene merkantile Laufbahn zu betreten – sich selber zu Nutz, dem hochverehrten Vater zur Freude, den Kollegen zur Nacheiferung. Ut Deus bene vertat « – und der Aktuarius erhob sein bis zum Rande gefülltes Kelchglas, das wie ein liebewundes Herz blutete, und hielt es Ewert entgegen – »der Kommis im Hause Harkopp \& Söhne, der angehende Reeder, der Kaufherr in spe , der zukünftige Besitzer von Kaffee- und Zuckerplantagen – er lebe!« »Mensch, diese Rede!« schrie Moritz, »Mensch, dieses Wissen! Das war ja, um alle Anker zu lichten und in eigener Person in die Familie van Dornick zu steuern!« und die Gläser klangen zusammen ... und sie stießen an auf Ewert ... auf Moritz ... auf den, Aktuarius ... Selbst der Plümerante verließ seinen gußeisernen Ofen, brachte ein Glas und eine ›Spendierpulle‹ zu, wie er sagte, beteiligte sich an der allgemeinen Verbrüderung, um gleich darauf wieder seinen früheren Platz einzunehmen und mit frischem Interesse dem Ringelreihen der pläsierlichen Fliegen zu folgen. Das Eis war gebrochen. An Stelle der gehobenen trat eine animierte und mehr familiäre Stimmung. Wie mit Rosengirlanden rieselte es von der verräucherten Decke auf den mittleren Stammtisch nieder. Das Schanklokal der ›Goldenen Kugel‹ wandelte sich in einen Raum der Freude und des bacchantischen Genießens. Après nous le déluge ! Selbst das Licht brannte heller, strahlte mit bengalischem Zauber. Die verrinnenden Stunden schienen wie glückliche Kinder auf einer blumigen Frühlingswiese zu tanzen. Die erste, die zweite, die dritte Bouteille wurde geleert, und als die vierte entkorkt und eingeschenkt wurde, drückte Moritz den Wunsch aus, einen Kantus steigen zu lassen. Er feuerte seinen Vorschlag denn auch durch einen nachhaltigen Schluck an und sang begeistert das Lied ›von der schönen Agathé‹, die sich in ihrem eigenen Blut wälzte, schließlich aber alle Hindernisse besiegte, 'nen flotten Juristen freite, Kinder gebar, acht Kinder kurz hinter einander, und glücklich wurde für die Zeit ihres Lebens. Schon während des Absingens der letzten Strophe war Ewert merkwürdig insichgekehrt und verschlossen geworden. Sein Kopf glühte. In nervöser Hast zwirbelte er an seinem schmächtigen Bärtchen herum, als sei er gesonnen, jedes einzelne Härchen aufzumuntern, länger zu werden. Sein Blick irrte ab. Bald war er beim gußeisernen Ofen, wo der Plümerante die Beobachtung aufgegeben hatte und sich als nasaler Symphoniker betätigte, bald bei der Theke, bald bei den Schildereien, die, mit Fliegenpunkten behaftet, die Wände der ›Goldenen Kugel‹ verzierten. Endlich bohrte er mit seinen Blicken nadelfeine Gänge in die Platte des Stammtischs. Moritz zwinkerte denn auch dem Aktuarius zu, was andeuten sollte: »Jetzt kommt der Glanzpunkt des Abends. Ich kenne doch den Sohn von Moritz van Dornick. Der hat Grütze im Kopp und Mumm in den Knochen. Gleich schießt er los, gibt alles Segeltuch her und läßt sich nicht lumpen.« Und Ewert ließ sich nicht lumpen. Beherzt fuhr er hoch, strudelte sich mit der Hand durch die Haartolle, heftete die Augen fest und gediegen auf den Herrn im braunen Leibrock und sagte: »Herr Aktuarius, im Wein ist Wahrheit. Das habe ich gestern Abend im ›Gebackenen Maifisch‹ erkundet, obgleich es nur Bier gab. Schon vorher hatte mich der Chef des Hauses Harkopp \& Söhne in geziemender Weise gefeiert; im ›Gebackenen Maifisch‹ hingegen ... Herr Pirrwitt brachte erst Schwung in die Sache, und als der Korrespondent der bedeutenden Firma, Herr Fleutgen, sich los ließ, da war es unmöglich, mit trockenen Augen sitzen zu bleiben. Die Festivität war groß, erhaben, über alles Erwarten. Ihre Rede jedoch und die heutige Feier ... Herr Aktuarius, wie heißt doch der Käfer?« » Hydrophilus piceus .« »Ja, Hydrophilus piceus ! Der sei mein Leitstern. Ich werde mir Mühe geben, diesem Käfer nachzueifern, werde bestrebt sein, gleich diesem wasser- und flügeltüchtig zu werden, Faktoreien zu gründen, mich als Grossist zu bewähren und dem Namen Ewert van Dornick als großzügiger Kaufmann Respekt zu erzwingen, wo es auch sei, daheim und im Ausland.« »Donnerschlag und kein Ende!« fuhr Moritz dazwischen. »Ewert, mein Junge ...!« und er machte Miene, mit gebreiteten Armen seinen Liebling an seine blaue Jacke und die vergoldeten Ankerknöpfe zu ziehen. »Vater, ich bin noch nicht fertig ... Und Sie erst, Herr Aktuarius! Ich weiß, was in Ihrem Inneren vorgeht, und weiß auch, daß sich Nellecke in 'ner schweren Prüfung und 'nem traurigen Zustand befindet. Aber offen gestanden: noch vor wenigen Stunden bin ich ganz eins mit meiner Schwester und Lambert Terstegen gewesen. Der heutige Abend indessen ...« Er kam nicht mehr weiter. »Bravo!« rief Moritz und wuchtete sich schwer in die Höhe. »Ganz meine Ansicht. Das heiß ich doch, direkt ins Schwarze getroffen. Und Nellecke, Ewert! – und so was will freien ... will in die Schulmagisterkarriere hinein ... wo ich, der Kaptän von ›Maria, sei mit uns‹, und du, der Kommis vom Welthaus Harkopp \& Söhne ... Gibt's nicht, mein Junge! Man sollte ja den unbewußten Menschen aus Obermörmter auf 'nen Hasen schmieden und als 'ne Art von Mazeppa dem Gespött der Welt überlassen. Hier steht der Mann!« – und er deutete mit majestätischer Pose auf Aloys Furtwanger, der sprachlos und mit aufgerissenen Augen in seinem Binsenstuhl lehnte und des Glaubens war, die Decke käme herunter. »Hier steht der Mann! Aktuarius a. D. ... studierter Beamter ... Jurist ... pensioniert und alljährlich tausend Taler noch extra ... Ewert, jetzt deine Meinung, aber offen und ehrlich.« »Vater, erst noch ein Gläschen, und dann will ich reden.« Natürlich! Selbstverständlich! Prosit! und jetzt deine Meinung.« »Vater!« – und Ewert goß sein volles Glas hinter die Binde – »Vater, ich kann mir nicht helfen, aber das muß ich sagen: Aloys Furtwanger for ever! « » For ever! « bestätigte Moritz. »Er und Nellecke – hoch sollen sie leben!« »Mein Gott, mein Gott!« stammelte der Aktuarius, und dennoch war es ihm so, als würde er von rosigen Engeln ins Nirwana gehoben. Der Kapitän trat an seine Seite. Väterlich legte er ihm den Arm um den Nacken. »Zeit bringt Rosen,« sagte er leise. »Hoffen wir, warten wir. Keine Übereilung, mein Lieber, aber wenn sich die Stunde erfüllt, dann alle Flaggen hoch und die Anker gelichtet. Bis dahin müssen wir uns auf Vorposten legen. Der Himmel wird lächeln,« und dann rief er in Richtung des gußeisernen Ofens, aber mächtig und wie durch ein Sprachrohr hindurch: »Plümerante, die fünfte Gelblack, aber diesmal für mein eigenes Konto.« Da erhob sich der Inhaber der ›Goldenen Kugel‹ aus schweren Träumen, schlurfte der Theke zu und brachte die fünfte Bouteille.   10 Frühling am Niederrhein! Nicht der Frühling weiter stromaufwärts, wo die Sieben Berge aufragen, die weißen Landhäuser sich selbstgefällig widerspiegeln, in den abgezirkelten Gärten Magnolien und ähnliche Exoten blühen und an allen Sonn- und Feiertagen die Bewohner der benachbarten Großstädte herden- und hordenweise auftauchen, ›Grüß' mir das blonde Kind am Rhein‹ zur Zupfgeige singen oder auch gröhlen und befriedigt nach Hause ziehen, wenn es ihnen gelungen ist, das schöne Stück Erde mit leeren Flaschen, Stullenpapier und zerbröckelten Eierschalen zu verschandeln. Nein, der Frühling am Niederrhein ist anders, ganz anders! Da geht ein stiller, vornehmer Mynheer, schwarzgekleidet und mit grauem Zylinder, über die Deiche, behutsam, gemessen, ohne Geräusch, nur freundlich lächelnd und blaue Rauchwölkchen aus seiner langen Kalkpfeife blasend. Von Zeit zu Zeit bleibt er stehen. Jetzt am Vorwerk dahinten und sieht in die Landschaft ... und er hebt die Hand und lächelt wieder und deutet um sich, und wohin er deutet, ist es so ernst und groß und erhaben wie in einem Gottesgarten. Die Wässerchen gurgeln durch die Niederung, die Erlentröddelchen schaukeln sich im laulichen Wind, und die Wiesen sehen aus, als wären in warmer Sommernacht unzählige Sterne darüber gefallen, so reichlich und wundersam sind alle Fernen mit gelben, leuchtenden Dotterblumen gesprenkelt. Weißröckige Windmühlen, schwarze Barette auf den ehrwürdigen Häuptern, stehen tief in der Ebene, drehen ihre langen Arme und schlappen behaglich mit ihren Segeltüchern. Über den Weihern, die bereits ihren Schilfkranz umgelegt haben, ist ein Singen und Rufen. Die Rohrdrossel schlägt. Ihr Ruf dringt weit in die Gegend und weckt die weißen Teichrosen ins Leben, die schon beginnen, ihre grünen Hüllen zu brechen. Rohrgeflüster und verträumtes Säuseln in den verschlafenen Pappeln! Stimmen des Frühlings, selige Stimmen, die nur die vernehmen, die am Niederrhein wohnen oder dort ihre Jugend verlebten. Es ist wie ein Sonntag in der Kirche ... und durch diesen Kirchenfrieden ging auch Herr Aloys Furtwanger spazieren, über die Deiche, an den Schleusenwerken vorüber, durch die verschwiegenen Feldgehölze und Triften, um sich das Sirren der Heupferdchen und das Gaukeln der Bläulinge, der in der ›Goldenen Kugel‹ verlebten Stunden gedenkend. Alle die Bilder und Ereignisse standen ihm noch so lebhaft vor Augen, als wären sie erst gestern gewesen, und doch waren Wochen darüber vergangen, lange und köstliche Wochen, Wochen der Erinnerung und des stillen Genießens; aber diese Erinnerungen waren so zart, so duftig und mimosenhaft, daß er kaum wagte, sie gründlich durchzudenken, aus Furcht, sie könnten ihm verschwinden wie der irisfarbige Schein einer Seifenblase. Ewert saß schon längst als wohlbestallter Kommis auf seinem Drehstuhl im Hauptkontor der Firma Harkopp \& Söhne, fühlte sich wie ein Gewaltiger und hatte noch innigere Freundschaft mit dem Korrespondenten Herrn Fleutgen geschlossen. Moritz sielte sich in Hoffnungsfreudigkeit, ließ seinen Zukunftsteig, den er mit einer gehörigen Portion Hefe versetzt hatte, quellen und schwellen, des Augenblicks gewärtig, die mit Rosinen, Kardamomen und Korinthen gespickte Kuchenmasse in den heißen Ofen zu schieben, um sie bei Gelegenheit, knusperig und feinüberzuckert, auf 'ne große Porzellanassiette zu legen und sie mit Genuß zu verzehren. Sein frostiges und abweisendes Verhalten Nellecke gegenüber war vor der Hand das alte geblieben. Nicht er, sondern sie mußte ihm kommen, mußte pater peccavi sagen, sich fügen und alles daran setzen, sich wieder wohlig und heimisch bei den väterlichen Laren zu fühlen. Mit dem weißen Mynheer stand es nicht besser. Entweder oder! war hier seine Parole. Entweder er kam, tat Buße in Sack und Asche, oder aber er blieb, was er war – ein Eigenbrödler, ein Ausgestoßener, ein krätiger, verlorener und einsamer Mann, der schließlich in den Spinnwebenetzen seines eigenen Unverstandes ersticken mußte. Der Aktuarius schlug einen Nebenpfad ein. Alles interessierte ihn, alles begeisterte und beseligte ihn. In diesem Zustand hätte er die ganze Welt, die wie ein warmer Julitag leuchtete, an sein übervolles Herz drücken mögen, an seinen braunen Leibrock und seine schneeweiße Weste ... und dennoch: ungeachtet seiner gehobenen Stimmung – die üble Neigung der Deutschen, dann sentimental zu werden, wenn sie sich am glücklichsten fühlen, beherrschte auch ihn. Äolsharfenweich und lau zog es durch seine an und für sich heiteren Sinne, und er beschloß, ein Gedicht zu verfertigen, geeignet, seinem innersten Wesen Rechnung zu tragen. Zu diesem Behufe ließ er sich alle Strophen und Versformen durch den Kopf gehen, die ihm hierzu tauglich erschienen. Er verfiel zuerst auf eine Seguidilla; verwarf aber bald dieses spanische Versmaß. Auch Ritornell und Terzine lehnte er ab. Ähnlich erging es dem Madrigal und der Glosse. Schließlich erinnerte er sich des Formenmeisters August Wilhelm von Schlegel. Er zitierte daher die ersten Sätze von ihm, die das Wesen des Sonetts behandeln: »Zwei Reime heiß' ich viermal kehren wieder Und stelle sie, geteilt, in gleiche Reihen, Daß hier und dort zwei, eingefaßt von zweien, Im Doppelchore schweben auf und nieder.« Nein, nein! trotz der Schönheit der Sprache, er konnte sich auch mit dieser Form nicht befreunden, wählte endlich die schlichte, einfache Strophe mit trochäischem Satztakt und begann eifrigst zu dichten, während er dazu Himmelschlüsselchen brach, sie zu einem Sträußchen vereinigte und dabei an Röschen Jungklaas dachte. Wirklich an Röschen? Eigentlich kaum. Dennoch nahm er sich vor, mit ihr ein Partiechen Sechsundsechzig zu spielen, wenn auch Nellecke ... Immer wieder mußte er von Nellecke träumen. Er konnte nicht anders, er wagte es nicht, sein inneres Glücksgefühl ganz zu ergründen, aus Furcht, einer köstlichen Sache ihre feinste Emaille zu nehmen. Nachdem er das hundertundfünfzigste Himmelschlüsselchen seinem Straußchen einverleibt hatte, war er im großen ganzen mit dem Aufbau des Gedichtes fertig geworden. Die ersten Strophen klappten, und er deklamierte sie mit zarten Lippen: »Wo ich jung war! Will's euch zeigen. Sieben Linden, eine Laube ... Vor dem Hause in den Zweigen Nistete die wilde Taube. Ringsumher die grünen Wiesen Spiegelten in klaren Fluten. Weiße Mühlen, wahre Riesen, Schlappten mit den Segelruten. Wo ich jung war! Hinterm Ofen Spann und summelte der Kater, Und im räumigen Alkoven Stand mein Kasperletheater ...« Getragenen Sinnes promenierte er hierauf nach Hause, stellte sein Poem fertig, begab sich alsdann zur ›Goldenen Kugel‹ und las seinem Tisch- und Tafelgenossen, dem emeritierten Schulmeister Pitt Kaldenhoven, zögernden und zagenden Herzens den versifizierten Erguß vor, gespannt auf die Kritik dieses in hohem Ansehn stehenden Mannes. Herr Kaldenhoven, obgleich ein Demokrat von lauterstem Wasser, gebildet in der Schule Heckers, des Achtundvierzigers mit Schlapphut und roter Hahnenfeder, ein Nörgler und Besserwisser, lobte den Reimsatz und sprach ihm eine gewisse Bedeutung zu, wiewohl stellenweise die Metrik noch hätte besser sein können. Im allgemeinen jedoch: 'ne gediegene Arbeit, was den Herrn Verfasser veranlaßte, zwei Gläschen Portwein kommen zu lassen, um diese auf das Wohl des geneigten Rezensenten zu leeren. Nach dem herkömmlichen Dominospiel machte er sich auf den Weg zu Röschen Jungklaas, das Primelsträußchen mit sich führend, das im Grunde genommen für Nellecke bestimmt war, der Umstände halber jedoch auf Röschens Teetisch zu paradieren hatte. Aber wie erstaunte der Aktuarius, als er sein Ziel erreicht hatte. Die Ladentüre war verriegelt, und hinter der großen Auslagescheibe zeigte sich eine Affiche folgenden Inhalts: »Dem wohlgeneigten Publikum zur gefälligen Nachricht. Verhältnisse wegen ist mein Plätt- und Spitzengeschäft für heute geschlossen. Ergebenst Röschen Jungklaas, Modistin.« Was blieb ihm da übrig? Er sah sich genötigt, die Schelle in Bewegung zu setzen. Christine erschien; aber wie erschien diese stattliche Jungfer, und was für Augen machte sie, als sie den Herrn Aktuarius gewahrte! Sie präsentierte sich in einer opulenten Bänderhaube, die sie sonst nur am Auferstehungstage des Herrn zu tragen pflegte. Außerdem stak ihre obere Hälfte in einem dunklen Spenzer, der mit Schmelzkantillen verziert war. »Mein Gott!« schreckte sie auf, »und besonders aufzuwarten, was verschafft uns denn heute die Ehre? Aberst ich sehe, ich sehe,« fuhr sie gleich darauf fort, und über ihr pontakrotes Gesicht lief ein heiteres Glänzen, »der Herr Aktuarius wissen bereits ...« »Was soll ich denn wissen?« »Sie Schäker,« schmunzelte sie vergnügt vor sich hin, »ich bemerke doch die lieblichen Blümchens.« » Primula veris «, sagte Aloys, ohne zu ahnen, was Christine eigentlich mit ihrem Schmunzeln bezweckte. »Ich habe dieses Sträußchen auf meinem heutigen Morgenspaziergang gewunden, mir zur Freude und in der Nähe des Vorwerks, Christine.« »Das ist es ja eben, da steckt ja das Häschen im Pfeffer. Aberst Sie sind ein Schelm, Herr Aktuarius, ein kleiner und allerliebster Herzensschwerenöter. Nein, Sie wissen von gar nichts, oder besonders aufzuwarten, Herr Aktuarius, Sie wollen nichts wissen ... mir gegenüber nichts wissen. Sie wollen Ihre Heimlichkeiten haben ... Sie wollen Ihr niedliches Spezialpläsierchen ganz auf Ihre Weise verzehren ...« »Aber Christine ...!« »Nu tun Sie nicht so,« versetzte die Alte, und sie lachte dabei ihr fettestes und herzlichstes Lachen. »Das steht Ihnen nicht an. Ich kucke doch in Ihren innersten Menschen. Ich weiß, was Sie denken, und was Sie denken, das sollen Sie auch aus meinem Munde vernehmen: Mamsell Röschen feiert heut ihren Geburtstag. Die Damen vom Pergamentenverein waren schon da, auch der Herr Dechant, die Gemahlin des Herrn Forstpraktikanten und die übrigen alle. Die Fräuleins von's Geschäft haben sich soeben gratulierender Weise verdunstet. Jetzt aber sind Sie an die Reihe gekommen, und da kann ich wohl sagen: Endlich blüht die Aloe, endlich trägt der Rebstock Früchte, denn das Beste erscheint immer am hintersten Ende. Gute Birnen wollen ausreifen, die saftigsten Schinken befinden sich am längsten im Schornstein. Nu aber man vorwärts. Mamsell Röschen ergeht sich in ihrem oberen Zimmer ... ganz solo ... intimer Weise bei ihrem Täßchen mit Kuchen ... Sie können gleich mittun ... und hören Sie bloß: sie erfreut sich mit's Spielen ... Ihnen zu Liebe ... bloß Ihnen zu Liebe ...« Und richtig: die ›Klosterglocken‹ begannen ihre ersten Takte zu läuten, und unter den getragenen Klängen komplimentierte Christine den Verdutzten nach oben, schob ihn sacht und sanft in Röschens Gute Stube hinein und schloß lautlos die Türe, wobei sie noch sagte: »Der Herr Aktuarius hat's hinter den Ohren. So'n niedlicher Schlingel! So'n kleiner und allerliebster Herzensschwerenöter!« um dann kichernd und unauffällig in die Küche zu gleiten. Die ›Klosterglocken‹ verstummten. Da stand nun der Aktuarius in dem traulichen Zimmer ganz verbaselt, dem realen Boden entrückt. Er vermochte nur die Worte zu stammeln: » Primula veris !« »Ja, Primula veris !« hauchte Röschen und schwebte ihm freundlich entgegen, heute nicht in einem bunten Kleidchen von Zitz, sondern in einem solchen von resedafarbener Seide, das neckisch mit der weitausgelegten Krinoline auf und nieder wippte. Ihre Honiglöckchen nickten dazu. In dem gealterten, aber noch immer lieblichen Gesichtchen kräuselten sich die Lippen zu einem gütigen Willkomm, » Primula veris ! Wie froh und zukunftsfreudig das klingt, Herr Aktuarius,« und sie streckte ihm beide Hände entgegen. »Ach, Fräulein Röschen ... ich wollte ... ich dachte ... Hier diese Blumen ... wenn auch nur ein seltsamer Zufall ...« »Nein, es gibt keinen Zufall, mein Bester. Es gibt keinen Zufall; aber wie gut und lieb von Ihnen, daß Sie auch heute meiner gedachten.« »Ich möchte nochmals bemerken ...« »Schweigen Sie, bitte. Stören Sie nicht diese heilige Stunde. Sie bleiben natürlich, trinken ein Täßchen echten Peking mit mir, ein ganz echtes Täßchen ... zur Feier des Tages ... um mir eine Freude zu machen. Es sind schon verschiedene Angebinde zur Stelle, aber Ihre Frühlingskinder übertrumpfen sie alle,« und sie nahm das Sträußchen, führte es an ihr Näschen, befestigte es mit zierlichen Händen am bescheidenen Ausschnitt ihres Kleides, der einen Teil ihres schmucken Halses entblößte. »Nein, diese Aufmerksamkeit! und ich muß immer wieder betonen: Ihr Besuch ist mir doch der angenehmste von allen.« Ihr zuversichtliches Gehaben brachte seinen ganzen inneren Menschen in Aufruhr. »Aber Mamsell Röschen, ich möchte dringend festgestellt haben ...« »Warum diese Formalitäten?« lachte sie schelmisch. »Sie sind kein Mann von Äußerlichkeiten und getragenen Worten. Sie sind wie ein Bächlein, das unter Blumen plätschert. Das weiß ich schon lange. Um so höher habe ich die sinnige Art und Weise Ihres Besuches zu schätzen. Selbst mein Vater ... wenn er noch lebte ...« und Röschen führte den wie auf heißen Kohlen stehenden Herrn an ihre Glasservante, an die opulente Glasservante, die mit einem ausgestopften Kakadu, etlichen Ammonshörnern und großzinkigen Seemuscheln bestellt war, deutete auf das darüber hängende amtliche Schriftstück und sagte: »Laut Diplom wurde dem Herrn Franz August Kasimir Jungklaas in Anbetracht seiner großen Verdienste um Staat und Vaterland der Königliche Rote-Adler-Orden vierter Klasse verliehen«, und dieser Franz August Kasimir Jungklaas ist mein Vater gewesen, und wäre es ihm verstattet worden, noch weiter zu leben und seinem wohlgeneigten König zu dienen, den Roten-Adler-Orden dritter Klasse hätte er sich zweifellos auch an die Brust heften können, sich selber zur Freude und seinem König zur Ehre ... und wenn er noch unter uns weilte, es wäre ihm ein inniges Bedürfnis gewesen, Sie in diesem Raum zu empfangen. So! und nun nehmen Sie Platz, dort in der Ecke, während ich den Tee zurecht mache und alles vorbereite, um ein angenehmes Plauderstündchen in die Wege zu leiten.« Das war so nett und unbefangen gegeben, so ohne Großtuerei, plauderte so liebenswürdig in den Tag hinein, war von einem so herzerquickenden und sonnigen Schimmer begleitet, daß der Aktuarius wähnte, von einem weißen Angorakätzchen umschmeichelt zu werden. Ach, und die rosigen Samtpfötchen! Sie wiesen ihm die behagliche Sofaecke an, betteten sein immer noch verwehtes und wirbelsinniges Haupt auf das bequemste Schlummerröllchen, das sie selber bestickt und beperlt hatte. Hierauf begann sie den Teetisch zu spreiten, den Wasserkessel lauter brodeln zu lassen, Zuckerschale und Porzellantäßchen zu richten, die schmucken Damastserviettchen neben jedes Gedeck zu legen und den Kuchen, der sich in Form eines mit Kandis übergossenen Herzens präsentierte, in angemessene Teilchen zu zerlegen ... und da mußte sich der Herr Aktuarius gestehen: ein adretteres Persönchen und flinkere Pfötchen waren ihm noch niemals begegnet. Ach, diese Pfötchen! wie sie es verstanden, den Tee aus der Büchse zu nehmen, ihn säuberlichst dem Kännchen einzuverleiben, mit kochendem Wasser zu übergießen, die Täßchen zu füllen und ein Gefühl des Behagens aufkommen zu lassen, das an selige Gefilde erinnerte. Und Röschens Allerheiligstes selber! Kein Stäubchen vorhanden, nicht ein Atom, das das Auge beleidigen konnte. In netten Schildereien grüßte es von den Wänden herunter. Die Dielen spiegelten. Jedes Inventarstück war wie just vom Schreiner gekommen, und doch waren es Schränke, Tische und Stühle, die noch dem vorigen Jahrhundert entstammten, Möbel aus Birnbaumholz und mit eingelegten Messingstäbchen versehen. Mit sichtlichem Interesse wanderten die Blicke Springinsröckels von den fleißigen Händen durch die ganze Umgebung, freuten sich an dem Glanz der Mullgardinen, an dem leuchtenden Blau der Hyazinten, die in properen Scherben auf dem Fensterbrett blühten. Und siehe: die Stube des Kapitäns schleierte allmählich ein, als wären Nebel darübergefahren. Nelleckes Bild verblaßte, rückte in eine immer weitere Ferne, und als dann Röschen sich neben ihn setzte, ihm Sahne und Zucker anbot, ein Stückchen Kuchen auf sein Tellerchen schaufelte, ihre Hand auf die seinige legte und liebevoll fragte: »Nun, mein verehrter Freund, finden Sie hier Ihr rechtes Genügen?« – da war es ihm so, als wenn Nellecke sich in einem Schneegestöber befände, das dichter und feinmaschiger wurde, sie mit glitzernden Sternchen bedeckte und schließlich gänzlich verhüllte. Er gab keine Antwort. Da drückte Röschen seine Hand fester und inniger und sagte: »Woran denken Sie jetzt?« »An den Wandel der Dinge,« versetzte er tonlos, »an das, was ist und hätte sein können, an die sonnigen Stunden, die ich heute morgen verlebte.« »Das waren die Stunden,« erwiderte die Glückliche, »die Sie benutzten, die jungen Primeln zu brechen und zu einem Sträußchen zu winden?« «Ja,« sagte er schüchtern. »Und waren es ausschließlich sonnige Stunden?« fragte sie weiter. »Vornehmlich sonnige Stunden, nur leise gestreift von den Schwingen der Wehmut. Mamsell Röschen,« fuhr er nachhaltiger fort, »denken Sie sich einen schilfumstandenen Wasserspiegel, der unter dem Mond liegt. Alles leuchtet und glitzert, ist eitel Glanz und Schimmer, bis ein dunkler Vogel erscheint und mit seiner Flügelspitze die klare Fläche stört und beunruhigt. Der nächtige Schatten bringt Fragen und Zweifel. Ähnlich so war es.« »Wie schön das gesagt ist.« »Nur so, wie meine Seele es fühlt. Im höchsten Behagen liegt auch der Keim des Schmerzes verborgen. Man muß ihn zu meistern versuchen, um das Gleichgewicht wieder zu finden.« Nachdenklich führte er die Tasse zum Munde, trank daran und stellte sie bedachtsam auf das Unterschälchen zurück. »Und es gelang Ihnen, diesen Keim zu ersticken?« Er sah ihr scheu in die Augen. »Ja und nein,« versetzte er nach einiger Weile. »Heitere und traurige Saiten vereinigen sich gerne im Liebe und bringen eine gewisse Erlösung.« »Und Sie fanden ein solches?« »Ja,« nickte er still vor sich hin. »Darf man es wissen?« »Es ist nicht von Belang, ohne Feile und tieferen Inhalt; nur dazu angetan, meine eigene Stimmung wiederzugeben.« »Aber wenn ich Sie bitte ...« Da legte er die Hände zusammen und begann zögernd zu sprechen, erst zögernd und schüchtern, dann zuversichtlicher und mit warmer Inbrunst, begleitet von einer kaum hörbaren Kantilene des Kanarienvogels, die silberfein durch das trauliche Zimmer zwitscherte: »Wo ich jung war! Will's euch zeigen. Sieben Linden, eine Laube ... Vor dem Hause in den Zweigen Nistete die wilde Taube. Ringsumher die grünen Wiesen Spiegelten in klaren Fluten. Weiße Mühlen, wahre Riesen, Schlappten mit den Segelruten. Wo ich jung war! Hinterm Ofen Spann und fummelte der Kater, Und im räumigen Alkoven Stand mein Kasperletheater. Wichtelmann im langen Fläuschen Hieß ins Märchenland mich treten, Während graue Zwitschermäuschen Spielten hinter den Tapeten. Wo ich jung war! Hoch vom Deiche Flatterten zwei blonde Zöpfchen; An die Brust, die überreiche, Lehnte sich ein liebes Köpfchen. Silbern kam in hehrer Feier Das Mariengarn geflogen; Waren bald von einem Schleier Weißen Musselins umzogen. Wo ich jung war! Stilles Grüßen Tauscht der Herr mit seinen Toten, Segnet alle ihm zu Füßen, Die er ernst zu sich entboten. Ach! und bin ich selbst im Hafen, Sind geschirrt die schwarzen Pferde ... Nirgends kann man schöner schlafen Als in seiner Heimaterde.« Röschen sah bangend ins Leere. Dann schluchzte sie auf. »Wo ich jung war,« sagte sie still vor sich hin und fügte traurig hinzu: »Nirgends kann man schöner schlafen Als in seiner Heimaterde... und das im Herrn,« und dann tastete sie wieder, ein helles Wasser in den Augen, nach der Hand ihres Freundes und meinte: »Und die auf dem Deiche ... die mit den blonden Zöpfchen ... als das Mariengarn heraufwehte ... wer ist sie? oder wer war sie?« »Die ...?!« fragte er heftig. Verstört war er in die Höhe gefahren. Der Zauber des kleinen Zimmers hatte sich plötzlich verändert. Das Sonnige war ihm genommen, das Anheimelnde und die Feier stillen Genießens. Er fühlte sich schuldig, wähnte seine einzige und wahrhaftige Liebe verraten zu haben, geriet in eine Wirrnis von Ängsten und Zweifeln, die er nicht zu überwinden vermochte. Das feine Schneegestiebe, das noch um Nellecke van Dornick flirrte, löste sich auf, teilte sich sacht auseinander, wurde zu einem silbernen Rahmen, der sein Harren und Hoffen und seine ganze Sehnsucht umspannte. Ja, er fühlte sich schuldig. Er klagte sich an, doppelzüngig gewesen zu sein und Wünsche gezeitigt zu haben, die er nicht zeitigen durfte. Ein kalter Rauhfrost fiel über ihn her. Schatten drängten sich an ihn heran, hüllten ihn ein und nahmen ihm das heitere Licht eines kindlichen Herzens. Wie sollte er vor Röschen bestehen, wie vor Nellecke van Dornick? Welche Antwort sollte er geben? Diese unvermittelte Frage! Er sagte sich: du bist nicht ehrlich gewesen. Sein Blut stürmte. Die beiden Messingschlängelchen, die Röschens blankgewichstes Öfchen umringelten, begannen lebendig zu werden, nahmen zu an Länge und Breite, wurden zu Untieren, zu veritablen Schlangen, züngelten gegen ihn vor und versuchten es, ihre gelben, unförmlichen Gliedmaßen näher zu schieben, während Röschen ihren Arm in den seinen legte und eindringlich sagte: »Wo ich jung war! Hoch vom Deiche Flatterten zwei blonde Zöpfchen; An die Brust, die überreiche. Lehnte sich ein blondes Köpfchen. Nun, wer war diese Kleine?« Liebevoll und zuversichtlich sah sie ihn an, sich inniger an ihn schmiegend. »Dichtung und Wahrheit,« versetzte er kleinlaut und immer unruhiger werdend. »Eine poetische Lizenz mit Schmetterlingsflügeln.« »Das genügt mir nicht,« meinte sie lächelnd, »und bringt mich nicht weiter. Ich möchte gern den Kern Ihrer Worte ergründen.« »Mamsell Röschen, ersparen Sie mir, bitte, die Antwort. Schmetterlingsflügel soll man nicht mit alltäglichen Fingern berühren. Sie vertragen es nicht. Sie würden nur ihren Schmelz und ihre Anmut verlieren. Solche Dinge erscheinen wie gegen eine glatte Scheibe gehaucht, um spurlos zu schwinden. Möglich, daß sie wieder erstehen – zu einer Stunde, wenn wir stiller und ruhiger zu denken vermögen. Mein Gott, was soll aus uns werden! Meine Gedanken sind wie unstete Funken. Sie irren hierhin und dorthin. Es ist besser, ich gehe. Ja, es ist besser. Ich komme bald wieder. Nur heute ... mir ist heute so seltsam ... und ich möchte gern den Schmelz auf den Schmetterlingsflügeln behüten. Ja, es ist besser ... und nochmals alles Gute und Liebe... ich komme bald wieder.« Damit führte er ihre Hand an die Lippen, wandte sich dem Ausgang zu und legte seine Rechte sacht auf die Klinke. Es blieb ihm erspart, sie in Bewegung zu setzen. Die Tür öffnete sich scheinbar von selber, und vor ihm stand Christine Jordans, mit hochrotem Gesicht und klingenden Ohrgehängen – im Arm einen Topf mit eingepflanztem Myrtenstämmchen. »Nanu! Sie wollen schon gehn,« fragte sie mit wogendem Busen, »und das Plauderstündchen hat eben erst begonnen?« »Man muß Haltung bewahren, Jungfer Christine, und liebe Gespräche nicht ins Unendliche dehnen, um so freundlicher wird man allzeit willkommen geheißen. Mamsell Röschen, Sie verstehen mich schon ... Jungfer Christine ...« und mit raschen Schritten hatte er sich zur Treppe begeben, gefolgt von den resoluten Blicken der energischen Dame, die wie Lots Weib versalzte, als der Herr gebot, Pech und Schwefel über Sodom und Gomorrha regnen zu lassen, sich dann aber bekriegte, die Tür hinter sich schloß, auf Röschen zutrat, sie sacht mit ihrem Finger betippte und sagte: »Na – und ...? Wie weit sind wir heute gekommen? Aberst offen gestanden: seine Physiognomie hat mir gar nicht gefallen.« »Daß ich nicht wüßte, Christine.« »Aberst ich sollte doch meinen ... denn in seiner Handlungsweise war gewissermaßen keine Pietät drin, und die Properté seiner Augen war auch nicht die beste.« »Wie kommen Sie nur zu dieser Behauptung? Er blieb wie immer der vollendete Kavalier bis zur letzten Sekunde.« »Was weiter?« »Im Verlauf unseres angeregten Gespräches ließ er sich herbei, mir von dem Inhalt eines tiefempfundenen Gedichtes Kenntnis zu geben.« »Besonders aufzuwarten, ich huste auf alle Gedichte.« »Christine, wie können Sie nur ...!« »Mamsell, ich für meine Person befasse mich mehr mit reellen Geschichten oder mit solchen, die sich ins Traumbuch befinden, und andern, die 'nen gewissen Leitstern besitzen. Was weiter?« »Er sprach in schönen Worten von dem zarten Schmelz der Schmetterlingsflügel, von Dingen, die gegen 'ne Scheibe gehaucht sind.« »Das ist schon 'ne präzisere Sache.« »Und hier dieses Sträußchen ...« »Allerdings! Allerdings!« »Und er versprach wiederzukommen, zu einer gelegeneren Stunde, wenn wir, wie er sagte, ruhiger wären und es fertig bringen könnten, gelassener und stiller zu werden.« »Das wäre ein Zeichen, ein schönes und erhabenes Zeichen! obgleich ich hoffte, wir hätten schon heute den heiligen Verlobungstempel betreten; denn hier dieses Bäumchen« – und sie stellte es zwischen all die zierlichen Tellerchen und Täßchen, die den Teetisch verschönten, deutete feierlichst mit der Hand darauf hin und sagte: »Das hab' ich extra von Grades Jansen bezogen, mit Mistus und Liebe ernährt und den lieben Herrgott gebeten, er möge bald ein Scherchen nehmen, die niedlichen Zweige abschneiden und ein nettes Kränzchen draus machen. Leider ist diese Hoffnung jetzt im Wurstkessel drin, und ich kann nu wieder von vorne an mit dem Mistus und der Liebe beginnen und dachte schon: heute wäre der Tag des Aweks und meiner größten Bekömmnis gewesen.« Unter ihrem dunkeln Spenzer erhob sich eine kräftige Dünung. Ihre Bänderfladuse geriet ins Wiegen und Wogen. Eine große Träne rieselte einsam und klar ihres Weges. »Ich danke Ihnen, Christine, ich danke auch vielmals,« und die zierliche Mamsell nahm die Hand ihrer Vertrauten und drückte sie innig. »Das Myrtenstämmchen haben Sie nicht vergeblich in Pflege genommen. Es wird seine Bestimmung schon verwirklichen, denn was aus guten und sorglichen Händen kommt, erfüllt seinen Zweck, gerät nicht daneben. Was langsam der Ernte entgegen reift, hat den Segen des Herrn. Rasche Entschlüsse sind nicht immer die Träger des Heils. Erst Wägen, dann Wagen. Der Herr Aktuarius ist ein sinniger und nachdenklicher Mann und wird schon das Richtige finden. Ich glaube, Christine; ich glaube an eine erquickliche Lösung, und so ein fester und froher und inniger Glaube kann Berge versetzen. Sein vornehmes und gesetztes Wesen nimmt ein, bietet Gewähr für die Zukunft. Ich möchte ihn glücklich wissen, seinen Lebensabend verschönen; und was mich selbst betrifft ... aus seinen Aufmerksamkeiten und schlichten Worten hoffe ich schließen zu können ...« Sie führte ihr Batisttüchelchen gegen die Augen, um ihre Rührung zu bergen. »Ich meine, Christine ... ich sollte doch annehmen ...« »Natürlich, natürlich!« kam es dick und fett aus dem Munde der behäbigen Jungfer, die ihre skeptischen Anwandlungen fallen ließ und freundlichen Raum gab. »Das mit's Sträußchen und die Schmetterlingsflügel – von's Wiederkommen will ich gar nicht mal reden – aberst das mit's Sträußchen und mit die Schmetterlingsflügel ist doch 'ne bedeutsame Sache und steht auch als Orakel im Traumbuch geschrieben: So bin ich denn auch, besonders aufzuwarten, der Ansicht: der Kasus mit's Myrtenbäumchen wird immer noch werden. Man muß nur Sorge tragen, daß er sich bald übern Grenzpfahl befindet und nicht mehr retour kann. Mit anderen Worten: man muß Beobachtung halten, denn alle Männer, auch der Herr Aktuarius, besitzen ihre Mücken und Tücken, wenn sie auch dem weiblichen Animus gegenüber etwas Magnetisches haben, und so 'ne magnetische Anziehungskraft versteht es, uns auf die oberste Bank im himmlischen Garten zu setzen.« »Das tut sie, das tut sie!« freute sich Röschen, »aber auch er soll dieser himmlischen Gnade teilhaftig werden, wenn ich nicht fürchten müßte ... Im letzten Augenblick machte er so versonnene Augen und sagte ganz traurig: Ach! und bin ich selbst im Hafen, Sind geschirrt die schwarzen Pferde... Nirgends kann man schöner schlafen Als in seiner Heimaterde.« »Das wäre auch ein Moment, ein sichtbares Zeichen,« konstatierte Christine, »und zwar ein starkes und großes.« «Allerdings,« sagte Röschen, »aber er hat nicht mal das geringste Stückchen Kuchen zu sich genommen ... und ich möchte so gerne ... Christine, sind noch die Fräuleins zu Hause?« »Alle sind ausgegangen; nur Nellecke van Dornick ist oben.« »Und hat nicht ihren Vater besucht?« »Keineswegs; denn die Harmonika ist zwischen sie und dem Alten total auseinander gegangen, weil er nicht will, daß sie sich mit dem jungen Lehrer aus Obermörmter verpflichtet. Aberst sie besteht auf ihrem weiblichen Standpunkt und gedenkt ihn zu einem erhabenen Ende zu führen.« »So! dann packen Sie etliche Stückchen Kuchen zusammen. Nellecke kann sie zum Herrn Aktuarius tragen und ihm meine schönste Empfehlung bestellen.« »Wie?! Was?! Wie komm' ich dazu?!« rief die Alte ganz bestürzt und von schweren Bedenken zermartert. »Das könnte ich ja besorgen. Aberst ausgerechnet Nellecke van Dornick ... und das in die Höhle des Löwen ...?! Man soll doch seinen eigenen Kladderadatsch nicht beschwören. Es wäre schon besser ...« »Nein, Christine, ich will Ihnen zeigen und dartun, ein wie großes Vertrauen ich habe, wie ich mich sicher fühle und nicht die geringste Spur von Eifersucht in meinem Herzen verberge. Der Mensch soll großzügig denken; nur auf dieser Basis läßt sich der Herd errichten, der die Flamme der Liebe nährt und ein häusliches Glück wohlig umleuchtet.« »Auch 'ne Ansicht,« sagte Christine, »obgleich ich 'nen andern Status vertrete.« Damit verließ sie die Stube, um einen zarten Seidenbogen aus dem Laden zu holen, während sich Röschen Jungklaas an das magere Spinett setzte und zu spielen begann. Von einer seinen Kanarienrolle akkompagniert, klingelten alsbald die ›Klosterglocken‹ durch das friedliche Zimmer.   11 Inzwischen begab sich der Aktuarius heimwärts. Er wollte nichts mehr hören und wissen, nichts mehr sehen und in sich aufnehmen. Er hatte genug von dem, was ihm die flüchtigen Augenblicke bei Röschen Jungklaas eingebrockt hatten. Nur vergessen, das wollte er, untertauchen wie ein Fisch im kühlen, grünlichen Wasser, in die tiefste Tiefe hinein, wohin keines Menschen Laut und keine Glocke zu dringen vermag, wo alles so andächtig und verschwiegen ist wie in einem gläsernen Tempel und die Geister mit den grätigen Zähnen sitzen, ähnlich den Lemuren, undurchdringlich in ihrem Sinnen und Trachten, verschlossen in ihrem Wirken und Weben – das war der einzige Wunsch, den er hatte. Alles übrige war ihm ›tabu‹ wie den Inselbewohnern der korallenreichen Südsee. Hellauf ging sein Bambus über das sonnenbeschienene Pflaster. Er hörte den Ton nicht. Etliche Spatzen priesterten von einer bräunlichen Pyramide rundlicher Pferdeäpfel herunter. Sonst ergötzte ihn ihr harmloses Treiben. Jetzt fehlte ihm jeder Sinn für das Tagewerk der gefiederten Schelme. Selbst der Herr Bürgermeister, der Anstalten machte, seine Hand an den grauen Zylinder zu legen, sah das Zwecklose seines Beginnens ein und ließ den Arm wieder fallen. »Was er nur hat?« fragte er sich selber, schüttelte den Kopf, stakelte weiter und ging dem Problem nach, welche Art die beste wäre, den Bürgern die neu geplanten Steuern aus der Tasche zu ziehen. Mit Gott denn! – Springinsröckel war bereits in den grüngoldigen Schein der breitausgelegten Linden getreten, die mit ihrem Schatten ein lichtes, ansehnliches Haus bedeckten. Bunte Reflexe glitten darüber hin. Gerippte Jalousien gaben der Fassade ein freundliches Aussehn. Violette Fliederbüsche standen am Eingang. Tief im Garten schluchzte eine Nachtigall. Weiter davon, in der Nähe der alten Windmühle, dem Wahrzeichen der kleinen niederrheinischen Stadt, eine zweite. Neben der Haustür hing ein schwarzgestrichenes Brett, auf dem mit weißer Ölfarbe geschrieben stand: »Peter Joseph Hackenbroich. Königlicher Notar und Justizrat.« Darüber klebten Affichen amtlichen Inhalts. Als der Aktuarius gesenkten Hauptes vorüber wollte, wurde das erste Bürofenster, gleich neben dem Hausflur, geöffnet. Ein würdiger Herr mit breitem Pomeranzengesicht, steifen Vatermördern, Augenbrauen wie Wattebausche und kurzverschnittenem Haar, das an eine graumelierete Keilerschwarte erinnerte, beugte sich vor und lärmte durch das Vorgärtchen: »Holla, heda! Herr Aktuarius!« Der Anruf wirkte so plötzlich, knatterte so unvermittelt in die kleinstädtische Traumwelt hinein, daß die Spatzen, einen Schrotschuß vermutend, aufschnurrten und sich in das dichte Blätterwerk der stattlichen Lindenbäume verloren. »Bin hier! Bin hier!« fuhr der Angeredete aus seinem lethargischen Zustand auf, ebenso verdammelt wie die rebhuhnfarbige Gesellschaft, die jetzt in den Zweigen hockte und fürchterlich schilpte. Er bekriegte sich aber und sagte: »Ah! sieh da, der Herr Sekretarius Tibus! Was soll's denn, Gestrenger?« »Im Namen des Gesetzes! Sind Sie heute Abend zu sprechen?« »Allemal! und wann kann ich das Vergnügen haben, Herr Tibus?« »Zwischen sechse und sieben.« »Herzlichst willkommen! Habe die Ehre, habe die Ehre!« und der einsame Herr im braunen Leibrock nahm wieder seinen früheren Schritt auf. Der silberbeknopfte Bambus klimperte weiter, die Linden säuselten, und hoch aus den dunkeln Laubmassen rokuzte der wilde Tauber herunter. »Im Namen des Gesetzes! Nanu, was habe ich überhaupt mit den Gesetzen zu schaffen? Mein Häuschen ist hypothekenfrei, Pfandbriefe und sonstige Besitztitel habe ich keine, Schuldforderungen stehen nicht aus ... also was will denn Herr Tibus? Oder sollten vielleicht ...« Er dachte an die tausend Taler, die ihm alljährlich zufielen, wie den Juden das Manna zuträufelte, als sie die steinichte Wüste durchirrten. »Sollten diese vielleicht ...? Sollte der großgünstige Spender plötzlich und gegen alles Erwarten auf den ingeniösen Gedanken verfallen sein, sie mit dem heutigen Tag zu sistieren? Möglich, alles schon möglich! Gott läßt Völker erstehen und sie wieder verschwinden. Was wollen da lumpige tausend Taler besagen? und ich bin nur ein kleines, nichtiges Korn in seinem unendlichen Sandmeer, ein glimmendes Fünkchen in seinem Planetenfeuer. Na, wir werden ja sehen. Herr Tibus wird kommen,« und er versenkte sich abermals in die tiefste Tiefe hinein, wohin keines Menschen Laut und keine Glocke zu dringen vermag, wo alles so andächtig und verschwiegen ist wie in einem gläsernen Tempel und die Geister mit den fischgrätigen Zähnen sitzen, ähnlich den Lemuren, undurchdringlich in ihrem Werden und Wollen, verschlossen in ihrem Wirken und Weben ... »Schön denn! 'ne amtliche Sache. Der Herr Sekretarius Nikola Tibus wird vorstellig werden. Mag er vorstellig werden. Mein Gewissen ist rein, meine Seele ist lauter. Ich hänge nicht am Besitz wie die Zöllner und Wucherer. Und sollte das Befürchtete eintreffen, sollten die schönen Taler dahingehen wie ein glänzendes Meteor in warmen Sommernächten – ich nehme es hin wie eine Fügung des Herrn. Er wird weiter helfen und seinen Wurm nicht zertreten. Außerdem bleibt mir das Höchste: der Glaube an meinen Erlöser und die Hoffnung, dereinstens der ewigen Gefilde teilhaftig zu werden.« Damit hatte er seine Wohnung erreicht, drückte geräuschlos das Schloß auf und trat in den Hausflur. Eine Viertelstunde später saß er behaglich am Fenster, wieder ganz ruhig, abgeklärt und Herr seines Geistes. Die ganze Umgebung heimelte ihn an. Heute war Samstag; Drüke Anstoots hatte aufgeräumt, die Kasten und Kästchen abgestaubt, die Möbel poliert und die Fenster mit frischen Gardinen versehen. Wie ein Weltweiser fühlte er sich zwischen seinen Sammlungen und Büchern. Alles gute und liebe Bekannte! Wie sie ihm zuwinkten – diese verkieselten Farne und Moose, diese Abdrücke von Rädertierchen und Echinodermen! Zeichen versunkener Weltperioden! Beschaulichen Blickes übersah er die stattliche Reihe der Glaskästen, angefüllt mit den Präparaten von Käfern und Immen, von Netz- und Gitterflüglern, von Spinnentieren und Asseln ... und dort der geräumige Wasserbehälter, sein Aquarium – welch reiches Leben und Werden zwischen den resedafarbigen Algen und schwimmenden Linsen! Die seidenfadige Gondel mit dem zierlichen Hörnchen, die Kinderwiege von Hydrophilus piceus die er im Frühjahr sorglich aufgefischt hatte, sie hatte schon längst ihre Bestimmung erfüllt. Die heißersehnten Lärvchen waren ausgekrochen, waren zu Larven geworden und durchkreuzten als gefräßige Haie die Tiefen, alles verzehrend, alles verschlingend, was ihre gierigen Zangen erwischten – jede Larve ein Behemoth, ein riesenhaftes Untier, ein Schrecken des durch spiegelblanke Scheiben gebändigten Ozeans. Bald kam ihre Stunde, bald mußten sie in den eingebetteten Rasenhügel hinein, um sich hier zu verpuppen ... und wenn später die Sensen aufblitzten, eine heiße Sonne die Stoppelfelder versengte, wenn dann der erste Hydrophilus piceus ... sollte das eine Freude werden, eine köstliche Freude! Heute war Samstag, und es wollte Abend werden. Der Aktuarius sah auf die Straße hinaus. Weiße Wolkengebilde, licht wie blankgescheuerte Zinnkasserollen, standen hinter dem Altmännerhaus. Allmählich nahmen sie eine andere Tönung an, wurden rosenfarbig, dann blutig. Auf dem Kirchturm von Sankt Nikolai lag rotes Glühen, das immer höher und höher kletterte und schließlich den Turmhahn in goldenes Feuer verwandelte. Gleich blühenden Rosen senkte es sich auf Giebel und Dächer. Drüben stand der weiße Mynheer in Zipfelmütze und abgetragenem Gehrock und mit brennender Kalkpfeife. Trotz des sommerlichen Wetters trug er Lammfellsocken und Holzschuhe, aus denen etliche Strohhalme hervorsahen. Mit seinen raschen Augen suchte er die Grabenstraße ab, bald hierhin, bald dorthin; ein Sperber, der über eine trostlose Heide revierte. Der Alte war menschenscheu. Als er alles sicher wähnte und keinen bemerkte, der ihm hätte unbequem werden können, verließ er seinen Auslug und spazierte gemächlich dem nahen Kesseltor zu, um sich noch in Gottes freier Luft zu ergehen. Hinter ihm kräuselte sich ein bläuliches Wölkchen. Das kleinstädtische Leben bröckelte ab. Die Arbeit ruhte. Nur vereinzelte Mädchen gingen noch vorüber. Sie kamen vom Bäcker, wo sie Mürbeteig, Korinthenwecken und andere Leckerbissen für den morgigen Sonntag eingeheimst hatten. Der gegenüber wohnende Nagelschmied löschte das Feuer auf der Esse, rückte einen bequemen Stuhl vor die Haustür und machte es sich auf den Binsen gemütlich. Er plauderte mit seinem Nachbar, dem Sattlermeister, über den Todesfall, der an der holländischen Grenze passiert war und bis weit ins Land hinein alle Gemüter erregte. Sie hatten's von dem Postillon gehört, der den gelben Wagen über Kleve nach Kranenburg führte. Scheinbar war's eine alltägliche Sache, ein Unglück, wie es häufig vorkam, aber die sonderbaren und geheimnisvollen Nebenumstände interessierten doppelt und dreifach. »Ich meine doch, Kersken, Ihr habt ihn gekannt?« fragte der Nagelschmied. »Das richtig,« versetzte der Nachbar mit sanftem Augenaufschlag, wobei er seinen langen Knebelbart streichelte, der ihm wie ein schmutziger Eiszapfen vom verwitterten Kinn hing. »Wann war das?« »So vor sechsunddreißig oder vierzig Jahren herum, in Kleve, als er bei meinem Meister 'nen Sattel bestellte.« »Und Ihr habt ihn geliefert?« »Ja, nach Millendonk hin. Ich selber besorgte die Sache, 'ne prima Arbeit, aber auch 'ne prima Behandlung. Alles vom nobelsten Ende herunter. Überhaupt Millendonk! Da kann ich nur sagen: 'n Schatto wie im Buche.« »Und er wohnte da immer?« »Bloß man zuzeiten. Meistens im Haag, denn sein Vater war Jonkheer van de Koning in Holland. Später ist er bei die Indianers und weiß Gott wo noch gewesen.« Und jetzt: mortuus est , wie der Kaplan sagt.« » Mortuus est ,« bestätigte der Sattlermeister, machte eine schmerzliche Handbewegung und sah steif in den Abend. Aloys Furtwanger hatte sich vom Fenster erhoben. Ein letztes, aber schönes und solennes Licht vergoldete den einsamen Mann und das einsame Zimmer, in dem allgemach die einzelnen Gegenstände wie verwunschen erschienen. Zittrige Fädchen glitten über des weisen und hochgelehrten Johannes Fischart trefflich gebundene ‹›Flohhatz‹, die stets handgerecht lag, um aufgeschlagen und gelesen zu werden, rückten gegen die überkleisterte Berglehne und die Nürnberger Holzbäumchen vor, die diesen Hügel belebten, erklommen die Höhe, putzten sich besonders vornehm heraus und tauchten die Villa ›Springinsröckel‹ in einen Sprühregen von perlenden Fünkchen. Hinter dem Türchen wurde ein lautes Klopfen vernehmbar. Der Aktuarius lächelte. »Gott ja, Springinsröckel!« meinte er still vor sich hin. »Vesperzeit! Das Kerlchen hätte ich ja beinahe vergessen. Kling, Klang und Gloria! wollen den Riegel mal forttun.« Kaum war er damit fertig geworden, als die Hausglocke anschlug, gleich darauf ein bescheidener Finger anpochte und Drüke ihren Kopf ins Zimmer hereinschob, aber ganz zaghaft, behutsam, um ja keinen Anstoß zu geben. »Herr Aktuarius ...!« hauchte sie kaum hörbar, als gingen ihre Lippen auf Selfkantpantoffeln. »Drüke, so offiziell?« Ich bitte, gütigst exküsieren zu wollen, aber jemand ist draußen.« »Wer ist denn gekommen?« Sie stellte Daumen und Zeigefinger zusammen. Ihr fleischiges Züngelchen schnalzte. »Was Extraordinäres, was ganz Extraordinäres und Feines. So was ist nicht alle Tage zu haben. Prall wie 'ne Forelle. Direktemang aus dem Sprudelwasser geangelt.« Ihre Stimme war wie die eines Kätzchens, das hinterm Ofen spann und seine Silbertönchen durch seine Nase drehte. »Der Herr Bürgermeister vielleicht? Ich glaube, ihn bei meinem Heimgang übersehen zu haben.« »Ach Gott, der! Viel höher hinaus. Nellecke van Dornick ist draußen.« Obgleich er einen warmen Düffelrock anhatte und der Abend noch immer die Stube mit wohligem Behagen erfüllte – in diesem Augenblick fror ihm das Herz unter dem Vorhemdchen. »Ich lasse bitten,« sagte er mit besonderer Andacht, so wie im Beichtstuhl, ängstlich, verschüchtert ... und als sie eintrat, als sie vor ihm stand in der ganzen Herbe und Frische und doch in der Befangenheit ihrer stolzen Jugend und eigenartigen Schönheit, als sich ihre Blicke begegneten, da war es ihm, als begönnen die Mobilien seiner Eremitage zu kreisen. Dielen und Decken schlossen sich an; die gläsernen Kästen und Kästchen wurden zu Spiegeln, zu Flimmerkristallen, die sich mit der grotesken Hast der Prismen und Steinchen in einem Kaleidoskop bewegten. Er wähnte in einem Karussell hundert und aberhundert Touren zu machen. Seine Sinne schwindelten. »Nellecke – Sie?!« stammelte er durch dieses Schwanken und Schaukeln hindurch, noch völlig betäubt von dem jähen Wandel der Ereignisse. Erst Röschen Jungklaas, dann sein stilles Alleinsein, die Spiegelungen und Spiegelbilder, die es vermocht hatten, ihm das Gleichgewicht der Seele wieder zu geben, und nun ... Das Glück, sie zu sehen, war zu unverhofft und unvermittelt gekommen, um von ihm noch als Glück geschätzt zu werden; es war wie ein Schrecken, der ihm die Glieder entkräftete. »Nellecke ...?!« »Ja,« nickte sie ernst vor sich hin, »und 'nen schönen Gruß von Mamsell Röschen ... und Mamsell Röschen schickt hier diesen Kuchen ... und ich sollte bestellen. Sie möchten ihn in Fröhlichkeit und Gesundheit verzehren ... und dann sagte sie weiter ...« »Nellecke, ich danke auch vielmals,« unterbrach er sie hastig, indem er seine Hand auf die ihrige legte, aber scheu und zögernd, wie ein Priester es tut, wenn ihm die Pflicht gebietet, mit reinen Fingern die geweihte Kapsel des Allerheiligsten zu umschließen. »Diese Güte und Aufmerksamkeit! Und Sie selber, Fräulein Nellecke, Sie selber haben sich der Mühe unterzogen ...« »Es ist gerne gegeben. Mamsell Röschen sagte: Tun Sie es mir zu Gefallen. Warum also nicht? hoffe aber: ich bin nicht ungelegen gekommen.« »Das wäre noch schöner!« brach es freudig aus ihm heraus. »Mein Gott, das wäre noch schöner!« und er nahm dabei das zierliche Paket in Empfang, um es beiseite zu legen. »Wie kommen Sie nur auf diesen Gedanken? wo ich Ihnen zurufen möchte: ›Die Stätte, die ein guter Mensch betrat, ist eingeweiht.‹« »Ich versteh' das nicht, was Sie meinen,« sagte sie mit rührender Einfalt, »denn ich bin wohl nicht studiert und gebildet genug, den Sinn zu begreifen, aber ich sehe« – und ihre Blicke hafteten an den Wänden und Bücherregalen – »hier ist alles mit Sorgfalt zusammengetragen und mit Liebe geordnet. Es muß etwas Großes und Wohlgefälliges sein, auf diese Art sein Genügen und seinen Frieden zu finden. Nur fromme Menschen ...« »Nellecke, lassen wir das,« wehrte er ab, »wenn es mir auch Freude macht, solches aus Ihrem Munde zu hören. Aber in anderer Hinsicht ... es erhebt das Herz und fördert die Andacht, Gott im Kleinsten zu suchen und seine Allmacht in ihm zu erkennen. Ach! und taten die Menschen mir weh, stieg irgend etwas in mir auf, das mein Gewissen bedrängte – ich gürtete mich, ging in die Felder hinaus, durch Ried und Röhricht, wo ich allein war und nichts zu mir redete als nur die Stimmen der großen Einsamkeit, und siehe: im Säuseln der Blätter fand ich befreundete Laute, im Schillern des hingehenden Tages leuchtete mir die Erkenntnis entgegen, in jedem Lebewesen, selbst im geringsten, erkannte ich meinen Herrn und sprach mit ihm als mit meinem Schöpfer und Heiland – und ging getröstet nach Hause.« »Ach, wer das könnte!« »Und das können Sie nicht?« Sie schüttelte kaum merklich ihr Köpfchen. Da fühlte er, was in ihrem Innern vorging. »Nellecke, sind Sie denn noch immer nicht mit Ihrem Vater ins Klare gekommen?« »Nein,« versetzte sie traurig, »und es ist auch nur geringe Hoffnung vorhanden. Sie kennen ihn ja. Ein Entgegenkommen meinerseits würde die Sache nur verschlimmern und den Riß noch vertiefen. Ich kann nicht mehr zu ihm. Er schweigt sich gegen jedermann aus und hat seine Pläne. Worin sie bestehen, ist mir verborgen geblieben.« »Nellecke, bin ich vielleicht ...?« »Sie?« fragte sie ängstlich. Er deutete auf eine kleine Wandkonsole. »Dort,« sagte er mit sanfter Betonung, »steht Ihr Bild. Er hat es mir am Silvesterabend gegeben, und ich mache kein Hehl daraus: es ist mir wert und teuer geworden. Doch falls Sie es wünschen: wenn auch schweren Herzens ...« Seine Worte erstickten. »Wäre Ihnen vielleicht gedient, wenn ich durch die Rückerstattung des Angebindes ...« »Nein,« versetzte sie ruhig. »Das nicht. Es würde Sie kränken, und was sich in lieben Händen befindet, soll auch in lieben Händen verbleiben. Ich muß schon alles der Zukunft und meinem Geschick überlassen.« »Nellecke, Nellecke ...!« Mit seliger Inbrunst hatte er ihre Hände ergriffen. »Wenn ich doch helfen könnte ... wenn ich doch dürfte ...! Sehen Sie, Nellecke ... wenn die Nebel sich zerteilen wollten ... wenn ein freundliches und barmherziges Datum ... Nellecke, auf Händen würde ich Sie tragen ... hinaus würden wir gehen ... in Gottes freie Natur, wo die Ährenfelder aufrauschen und in den Wäldern des Ewigen Stimme wie eine Domorgel ruft ... Nellecke, Nellecke! alles das würde uns mit dem Born seiner Liebe erquicken!« und er begann immer heißer zu stammeln, immer süßer und beschwörender ... und doch waren seine Worte wie die eines Strauchelnden, eines Betörten. Die Stunden der letzten Silvesternacht warfen sich an ihn, auch die, die er mit dem Kapitän und Ewert in der ›Goldenen Kugel‹ in hellem Taumel verlebt hatte. Er sah den lieblichen Schein, der den mittleren Stammtisch umspielte. Er vernahm das Summen der Fliegen, das Klingen der Gläser. Moritz van Dornick stand vor ihm, in seiner ganzen Selbstgefälligkeit, mit feiertägigem Gesicht, in seinem blauen Jackett mit den vergoldeten Ankerknöpfen. Er hörte ihn sprechen, genau dieselben Worte wie damals: »Hier steht der Mann! Aktuarius a. D. ... studierter Beamter ... Jurist ... pensioniert und alljährlich tausend Taler noch extra ... Ewert, jetzt deine Meinung, aber offen und ehrlich.« Und Ewert erhob sich: »Ich kann mir nicht helfen, aber das muß ich sagen: Aloys Furtwanger for ever! Hoch soll er leben!« – und in dieses ›Hoch soll er leben‹ tönte jählings ein verzweifelter Angstruf, ein lautes sich Wehren und Sperren. »Um Himmels willen, Nellecke, was ist denn?! Was haben Sie nur?« Sie stand wie entgeistert neben der hellen Kommode aus Kirschbaumholz und stierte entsetzt auf die Villa ›Springinsröckel‹, die in den letzten Farben des müden Tages erglühte. Er sah, was passiert war. »Bitte, warten Sie, seien Sie ruhig! Keine Erregung. Warten Sie, bitte!« und er streckte die Hand, wobei er Daumen und Mittelfinger sacht gegenüber stellte, ganz in Andacht versunken vor der Schönheit des lieblichen und verängstigten Mädchens. Der leichtgewellte Ansatz ihrer jungen Brust hob sich verführerisch aus dem tiefen Ausschnitt ihres Kattunkleides. Er glaubte, ein Wunder zu sehen, das sich geheimnisvoll auf und nieder bewegte. Die seltsame Verknüpfung von Lust und Gefahr, von Seligkeit und scheuem Empfinden machte ihn trunken, umhauchte ihn wie der Duft von roten Rosen in schwülen Sommernächten. Er war nicht Herr mehr über seine fordernden Sinne. Er wähnte durch die Leidenswoche des Herrn und dann wieder durch einen weißen Sonntag zu taumeln. Aus einem verängstigten und geduckten Wesen war er zu einem begehrenden Menschen geworden, der die Geißelungen der Liebe doppelt und dreifach durchlebte. Nur – seine Willenskraft lag gefesselt am Boden. Dann aber ... »Bitte, warten Sie, bleiben Sie ruhig. Pulex irritans . Bitte, da sitzt er!« und als er ihre junge Brust berührte, um den braunen Kavalier aus der Villa ›Springinsröckel‹ von seinem elfenbeinernen Thron zu heben, hatte er das schmerzliche Gefühl eines elektrischen Schlages. Er war wie verstört, kaum fähig, sich auf den Füßen zu halten. Die Sünde erhob sich, drückte ihn in einen Sessel und stierte ihn mit gelben Augen an wie eine Harpyie. Mit kalter, leichenfarbiger Hand fuhr sie ihm über die Stirne. »Mein Gott!« stöhnte er auf und bedeckte sein Antlitz. Seine Fibern brannten. Eine Flucht von wirren Ideen zermarterte sein Hirn. Nellecke war nicht Nellecke mehr; sie wurde zum Gefäß seines Verlangens, zur Göttin, zu einer strahlenden Buhle, die er mit heißen Gedanken zu entkleiden gedachte, um vor ihrer hüllenlosen Schönheit nieder zu knien und sie im Staube anzubeten. O domina mea! Er gehörte zu denen, die sterben müssen, wenn sie ein solches Weib verlieren. »Ach, du ... du ...!« stammelte er durch das Rauschen seines aufgepeitschten Blutes. Nellecke, die in all dieser Zeit wie leblos gestanden, sah erregt auf ihn nieder, kaum wissend, welche Leidenschaften die Seele dieses Mannes durchwühlten. Nur ein verlorenes Ahnen stieg in ihr auf, ein Mitgefühl, ein leises Verstehen, das ihre Züge verklärte. »Herr Aktuarius,« sagte sie, wieder gefaßt und ruhig geworden, »jetzt kann ich wohl gehen.« Er sah sie mit toten Blicken an. »Ja, das können Sie,« versetzte er mit einer traurigen Geste. »Gehen Sie nur ... gehen Sie nur ...« um mit einem herzzerreißenden Ton weiter zu sprechen: »Ich habe bereits zuviel geredet. Ein Wort hätte genügen müssen, ein einziges Wort nur. Ach, wenn Sie wüßten! Aber gehen Sie nur ... es ist besser für heute ... viel besser ... und grüßen Sie alle!« Er fiel in sein voriges Brüten zurück, doch hörte er noch: ihre Schritte entfernten sich langsam, wie zögernd. Dann nichts mehr. Er war allein in der Stube. So ganz allein ... und doch nicht allein ... Glockenklänge waren bei ihm ... Jubelrufe von Sankt Nikolai, die den Abend einläuteten. Und sie läuteten den ›Engel des Herrn‹: »Gegrüßet seist du, Maria! Der Herr ist mit dir; du bist gebenedeit unter den Weibern, und gebenedeit ist die Frucht deines Leibes, Jesus. Heilige Maria, Mutter Gottes, bitte für uns Sünder, jetzt und in der Stunde unseres Todes.« Und »Amen!« sangen die Glocken, »Amen, Amen, Amen!« Es war eine große und heilige Feier zwischen Himmel und Erde, und diese große und heilige Feier zwischen Himmel und Erde wäre noch versöhnlicher und schöner gewesen, hätte nicht jemand gegen die Scheiben geklopft und mit salbungsvoller Stimme gerufen: »Holla, heda, Kollege! ich melde mich gehorsamst zur Stelle.« Der Aktuarius fuhr auf. »Wo bin ich?! Wer ruft mich?! Wenn ich nicht irre: das ist die Stimme des Herrn Sekretarius Tibus,« und als er ans Fenster stürzte, klang es ihm zu: »Wenn's Ihnen recht ist, können wir ja die amtliche Sache auf 'nem kleinen Spaziergang bereden.« »Allemal,« gab der Aktuarius zurück, jetzt wieder der Alte, und das soeben Durchlebte hinnehmend, wie er es wünschte: als den Fingerzeig des Schicksals und eine Fügung des Unvermeidlichen. Dabei fiel sein Blick auf die Villa ›Springinsröckel‹, auf die niedliche Einsiedelei aus Kartenblättern, jetzt im schummerigen Licht des Abend ruhend und wieder bewohnt von dem kleinen Ausreißer, dem munteren Akrobaten und Feinschmecker, dem fidelen Kavalier im schnupftabakfarbigen Leibrock, der sich durch ein vergnügliches Klopfen bemerkbar machte und offenbar den Genuß seiner gewagten Exkursion noch einmal durchkostete. »Der Glückliche!« meditierte Aloys Furtwanger mit geschlossenen Augen. »Springinsröckel, dir ist Heil widerfahren, denn dir wurde vergönnt, was noch keinem vergönnt war. Du setztest deinen Fuß in das Land der Verheißung, in ein köstliches Dorado, in ein seliges Eden, von dem uns das Hohe Lied Salomonis verkündet. Du konntest wandeln durch den Garten des Paradieses, der von Milch und Honig überfleußet. O diese Myrrhenhügel, dieses verschwiegene Tälchen, dieses bräutliche Tempe mit seinen Narden und Würzen! O diese Wonnen!« und er senkte nachdenklich den Kopf, nahm Stock und Hut, verließ sein trauliches Zimmer und gesellte sich dem Herrn Sekretarius Tibus, der draußen mit tönenden Schritten auf und ab patrouillierte. Gemeinsam gingen die beiden Herren dem Kesseltor zu. Von dort aus gedachten sie ihren Spaziergang durch die blühenden Wiesen zu machen. Hier angekommen, meinte Aloys: »Nun, mein lieber Herr Sekretarius, wie lautet Ihr Auftrag?« »Pst!« sagte dieser. »Gleich, gleich! Warten Sie noch,« und seine Sprache, die sich im gewöhnlichen Leben höchsteigenhändig mit Benzoe und starker Pomade zu salben pflegte, wurde zu einem erzwungenen Flüstern. Dabei deutete er mit seinem eschenen Bakel auf einen ungeselligen Mann, der plötzlich vor ihnen auftauchte. Von einer Weidendeckung gesichert, traten sie näher heran. Jetzt konnten sie sehen ... Es war der weiße Mynheer, der bei dem Vorwerk auf der Deichkrone wurzelte. Alles Sonnenlicht war von hinnen genommen. Nur der Westen lag noch in einem matten schwefelfarbigen Leuchten. Wie ein Schattenriß hob sich Johannes Terstegen von der Goldfolie ab. Die schwarze Gestalt mit der weißen Zipfelmütze wuchs in den Himmel hinein. Er sah in die Gegend, wo Obermörmter ungefähr liegen mochte. Jetzt hob er die Arme, jetzt sprach er: »Tröste dich, meine Seele! Gedulde dich und harre des Herrn. Er hat noch keinen verlassen. Lambert, Lambert, auch deine Stunde wird kommen!« und dann – obgleich er ein Katholischer war, er sang das Lied, das Gustav Adolf und seine Schwadronen unter Paukenwirbel und Trompeten sangen, als die Aktionen bei Lützen einsetzten. Und also sang Johannes Terstegen: »Verzage nicht, du Häuflein klein, Obschon die Feinde willens sein, Dich gänzlich zu verstören, Und suchen deinen Untergang, Davon wird dir recht angst und bang; Es wird nicht lange währen.« Hierauf ging er langsam der Stadt zu.   12. »Herr Kollege, versteht Euer Kopf das?« rollte des Herrn Sekretarius Tibus Stimme durch die Niederung hin, indem er mit seinem eschenen Stock auf den abziehenden weißen Mynheer deutete. »Der meinige versteht es nicht, kann es nicht und wird es niemals verstehen. Aber schon häufiger, wenn ich meinen abendlichen Spaziergang exekutierte, ist mir Johannes Terstegen in dieser absurden Weise begegnet – singend und lärmend, und ist doch sonst ein brauchbares Mitglied der menschlichen Gesellschaft gewesen.« »Ist er,« bestätigte Aloys Furtwanger. »Und Sie haben keine Ahnung, Kollege?« »Nicht daß ich wüßte.« »Aber Sie könnten es wissen, könnten es wissen; denn so mein Gedächtnis nicht treugt, sind Sie mit ihm seit Jahren befreundet, begeben sich auch in seinen Wigwam, um dort mit ihm ein Pfeischen zu schmauchen.« »Allerdings, aber seit dem vergangenen Silvesterabend ist er seltsam befremdlich geworden, dem Kapitän gegenüber und mir gegenüber. Ein Befragen meinerseits fiel auf steinichten Acker. Ich kann nur vermuten, möchte aber aus gewissen Gründen dieser Vermutung nicht Raum und Freiheit verstatten. Man könnte sich irren und hierdurch dem alten Herrn Ungelegenheiten bereiten.« » Optime ! und ist keine Möglichkeit da, ihn umzustimmen und gefügig zu machen? Es ist doch ein Schlimmes, 'ner alten Freundschaft das Rückgrat zu brechen.« »Ganz außer Zweifel. Aber wie dieses beginnen? Noch gestern ... als ich ihm vor seinem Hause 'nen ›Abend‹ bot, wandte er sich, blieb stumm wie ein Karpfen und gab keine Antwort. Ich halte ihm manches zugute, rechne mit seinen Schwächen und Absonderlichkeiten, seinen Predigten und seiner Weisheit eines Jesus Sirach, aber das geht mir wider die Haare, einen wohlgemeinten Gruß mißachtet zu finden.« »Ha, ha, ha, ha!« lachte der Herr Sekretarius Tibus ein homerisches Lachen, daß es wie Flintenschüsse über die umschleierten Wiesen knallte. » Horrible dictu ! dafür redet er mit den Geistern der Lüfte, hält krause Gespräche an die Nation, die für uns Sterbliche in Wolkenkuckucksheim vegetiert, und singt zum guten Beschluß das Lied von dem ›schwedischen König.‹ Ich kenne das Lied. Ein braves Lied, ein streitbares Lied; aber was hat der Leinweber Johannes Terstegen mit diesem Liede zu schaffen? Ich als Protestant habe das Recht, diesen Kantus von mir zu geben, meinetwegen mit Pauken- und Trompetenbegleitung, wohingegen ein strammer Anhänger der katholischen Kirche ... Nicht zu begreifen, höchst kurios und äußerst bedenklich. Ein apartes Vergnügen! Ha, ha, ha, ha!« und wieder knatterten etliche Flintenschüsse über die nickenden Blumen. »Da sollte ich meinen: entweder er hat 'nen schweren Kummer zu tragen, oder aber er ist mente captus geworden, was ich annehmen möchte. Dann allerdings ist sotanem Gaukelnarren das Handwerk zu legen und das › Exi immunde spiritus ‹ in die Ohren zu rufen. Hilft's nicht, dann wäre er dingfest zu machen, um ihn dem Gespött der Welt zu entreißen. Zwischen Jerusalem und Jericho wird sich für ihn schon ein Samariterhaus finden. Nicht wahr, Herr Kollege?« »Ich neige mehr der Ansicht zu: er hat schweren Kummer zu tragen.« » Causa finita est ,« sagte Herr Tibus, »dann wird hiermit die Ansicht vom › mente captus ‹ gestrichen. Mag er sich weiter mit den Geistern der Lüfte besprechen und auch fernerhin das Lied des schwedischen Königs singen, wenn es ihm hierdurch gelingt, seinen Kummer ad calendas graecas zu vertragen. Ha, ha, ha, ha! und nun zu Ihnen, mein Lieber,« und er wandte sich einem schmalen Wiesenpfad zu, der auf einer geräumigen Schleife wieder in die Nähe des Kesseltores führte. »Na, denn endlich zur Sache,« sprach der kernige Mann mit dem würdigen Pomeranzengesicht, schob den eschenen Bakel unter die linke Achsel, versenkte seine Daumen in die Westentaschen, hustete etliche Male und grunzelte: »Bei Lichte besehen: wir beide hätten es eigentlich weiter bringen können in unserer juristischen Laufbahn. Besonders Sie, Herr Kollege. Stimmt es oder vertreten Sie eine andere Meinung?« »Es stimmt,« pflichtete ihm der Aktuarius bei, »obgleich ich so recht nicht begreife, was Sie mit dieser aufgestellten These bezwecken.« »Bezwecken? Nicht übel eingeworfen, aber verstatten Sie mir diese Prämisse, denn Sie werden im Verlauf unseres Gespräches erfahren: sie grämt nicht das Herz ab und scheint mir geeignet, Ihnen ein wohliges Behagen auf den Tisch des Hauses zu legen. Cum grano salis natürlich! Meine eigenen Studien fanden allerdings nach Absolvierung der Untersekunda ein frühzeitiges Ende, ich bin aber glücklich, mein Leben als wohlbestallter Secretarius publicus beschließen zu dürfen. Selbstverständlich: irdische Güter konnte ich bei dieser Stellung nicht ernten, wurde kein Nabob. Ihre Laufbahn hingegen begann auf einer stolzeren Kurve, wenngleich es auch Ihnen versagt blieb, diese erhabene Kurve gänzlich zu nehmen. So blieben wir beide fundatim am Drehstuhl eines Unterbeamten und am Leim des Alltäglichen kleben.« »Leider, leider!« versetzte der Aktuarius mit wehem Kopfschütteln. »Aber das mit den irdischen Gütern ...« und die Hand des Gewaltigen traf ihn fest auf die Schulter, so daß ihm davon die Knie ins Zittern gerieten. »Ja, mein lieber Freund und Genosse, das mit den irdischen Gütern ist bei Ihnen eine andere Sache ... eine schönere Sache ... eine opulentere Sache. Dixi et salvavi animam meam .« »Sie meinen die tausend Taler, die ich alljährlich und zwar um Martini ...« » Quos ego ! nein, die meine ich nicht, will ich nicht meinen, kann ich nicht meinen. Ha, ha, ha, ha! mein Gestrenger, das wäre ja so, als ließe ich mich auf faulen Zitaten ertappen. Nein, die besagten tausend Taler spielen in sotaner Angelegenheit absolut keine Rolle.« »Um Himmels willen! so sprechen Sie doch, so reden Sie doch. Sie spannen mich ja seelisch geradezu auf die Folter. Diese Andeutungen, diese Hinweise ... wie soll ich mich zu ihnen verhalten und wie sie bewerten?« »Denn also ad rem !« und der pompöse Herr mit der Keilerschwarte und dem einbalsamierten Gehaben zog seine Daumen aus den Westentaschen, nahm seinen Stock, stemmte ihn vor sich, stützte sich darauf, wurde ernst und feierlich wie ein wohlgenährter Domschweizer in rotem Hummergewand und fragte: »Haben Sie vielleicht von dem Unglück gehört, das vor kurzem auf Millendonk in unmittelbarer Nähe der holländischen Grenze passiert ist?« »Kein Sterbenswörtchen.« »Sie hätten es können, denn es macht im ganzen Kreise die Runde.« Der Aktuarius zuckte die Achseln. »Auch gut. Dann sollen Sie es wissen. Besagtes Anwesen zählt mit seinem stattlichen Wohnhaus, seinen Scheunen, Wiesen, Ackerländereien und Hutungen zu den Besitztiteln eines niederländischen Herrn, der die größte Zeit seines Lebens als Resident auf Java verbrachte. Vor Jahresfrist kehrte er nach dem Haag zurück, kränklich und der Ruhe bedürftig. Noch einmal zog es ihn nach Millendonk hin, um bei dieser Gelegenheit den Königlichen Notar und Justizrat Peter Joseph Hackenbroich, meinen Herrn, angestellt und instrumentierend im Bezirk des hiesigen Friedensgerichtes, in wichtiger Amtshandlung zu entbieten. Solches geschah, und drei Tage später ...« »Nun?« fragte der Aktuarius. »Ist das Unglück geschehen.« Salbungsvoll ließ Herr Tibus seine schweren Augendeckel herunter. »Traurig, sehr traurig!« versetzte Aloys Furtwanger in seltsamer Stimmung. »Aber ich bitte Sie um alles in der Welt, warum bringen Sie dieses an und für sich beklagenswerte Ereignis mit mir in Verbindung? Ich habe mit Millendonk gar nichts zu schaffen. Kenne den Verunglückten nicht. Weiß überhaupt nicht ... und nun Ihr offizielles Benehmen ... Ihre komische Art ... Wie soll ich das deuten?« Der Herr Sekretarius Tibus liebte es, sich zeitweilig wie die Propheten in einen Nebelmantel zu hüllen. Gleich ihnen redete er aus diesem Mantel nur das, was ihm paßte. Das übrige verschwieg er oder ließ es untergehen in einem Wust von unklaren Worten und Bildern. Er hustete denn auch dreimal hintereinander, dreimal laut und vernehmlich, brachte die schweren Augendeckel wieder in ihre frühere Stellung, sah den Aktuarius mysteriös und zugeknöpft an und sagte: » Compesce mentem ! Darüber wird der Herr Justizrat befinden. Mir ist nur der Auftrag geworden, Sie für kommenden Montag, vormittags zwischen elf und zwölf, auf sein Büro zu bestellen. Kommenden Montag. Ich bitte, dieses registrieren zu wollen.« »Mein Gott, und dann ...?« »Und dann,« versetzte Herr Tibus, und seine Stimme wühlte sich wie ein Maulwurf in die tiefste Tiefe hinein, »und dann, Herr Kollege ... Mulier taceat in ecclesia , so sagt der Lateiner. Ich bin zwar kein weibliches Wesen, habe auch nie die Ambition gehabt, mich als solches zu fühlen. Auch ist keine christliche Gemeinde um uns versammelt, und dennoch: ich habe zu schweigen. Hic haeret aqua , denn wie schon eben bemerkt: über das Weitere wird der Herr Justizrat befinden. Actum ut supra . Kommen Sie jetzt! Meine Sendung ist hiermit zu Ende. Zur Feier des Tages jedoch: wir wollen uns noch 'nen Abendschoppen in der ›Goldenen Kugel‹ vergönnen. Einverstanden?« »Einverstanden,« lächelte Aloys Furtwanger, und gemeinsam mit Herrn Tibus schritt er der kleinen Stadt zu. Als sie das Tor erreichten, war es dunkel geworden. Einzelne Fenster hellten auf. Wohlig duftete der Flieder in den Vorgärtchen. Gerade über dem Kirchturm von Sankt Nikolai stand der Abendstern. Mit seinem milchweißen Licht beherrschte er den friedlichen Himmel, wie das liebe Gesicht einer verwunschenen Königin, ein perlendes Diadem um die silbernen Schläfen, die Weiten ihres Märchenlandes beseligt.   In den sieben Linden, die vor dem Notariatshause standen, spielten muntere Sonnenkälbchen, glitten von hier auf den Kiesweg und in die Amtsstube hinein, wo unter Aufsicht des gestrengen Bürovorstehers etliche Sekretäre Rollen abschrieben, paginierten und Rechnungsauszüge aufstellten. Eine Landkarte der Kreise Kleve und Geldern hing neben der Tür, die zum Kabinett des Justizrats führte. Hohe Repositorien, mit zahllosen Urkunden bestellt, zogen sich an den grauen Wänden entlang und strömten jenen eigentümlichen Duft aus, der alten Skripturen anhaftet und an den mulmigen Geruch von Moder erinnert. Akten, die noch aus der Zeit stammten, wo die französische Fremdherrschaft den Niederrhein mit dem napoleonischen Adler drangsalierte, ließen sich an den blau-weiß-roten Schwänzen erkennen, prahlerisch wie die ganze Nation, der sie ihr Dasein verdankten. Ein lautloses Schweigen trippelte auf Zehenspitzen durch das vordere Zimmer. Verschiedene Parteien waren soeben abgefertigt worden, und die Zeit rückte heran, wo der Herr Aktuarius zu erscheinen hatte. Im Schatten des Pultes, an dem der Sekretarius Tibus seines Amtes waltete, arbeiteten zwei halbwüchsige Schreiber an einem länglichen Tisch, dessen eine Schmalseite das rechts gelegene Fenster berührte. Der eine von ihnen, ein rothaariger Bengel mit fettem, sommersprossigem Gesicht und einer Kartoffelnase zwischen den lustigen Augen, machte sich ein Spezialvergnügen daraus, einen gefangenen Brummer etliche Male in ein Tintenfaß zu tauchen und den so mißhandelten Netzflügler auf einen Kanzleibogen niederzusetzen. Mit dreckigem Kichern folgte er den Pendelbewegungen und Hieroglyphen, die der verlähmte Pilger im fließenden Tintenrock hinter sich her zog, eifrigst bemüht, einen gewissen Sinn in die geheimnisvollen Zeichen und Runen zutragen, wobei er die Bemühungen des armseligen Kriechers durch feinsinniges Betupfen mit seinem Gänsekiel zu unterstützen versuchte. Die Schnörkel und Windungen vereinigten sich schließlich zu einem Großen und Ganzen. Eine Art von Namenszug kam allmählich zum Vorschein. Der Brummer, der nicht mehr imstande war, weiter zu krabbeln, blieb stecken und machte das Punktum. Da stieß der Rothaarige seinen Nachbar in die unteren Rippen und flüsterte ihm zärtlich ins Ohr: »Ich krieg' sie. Hier steht es geschrieben: Nellecke ... Nellecke van Dornick! Meine Flamme! Der Traum meiner Nächte! Das Orakel ist richtig,« und damit durchbohrte er den Bringer der glücklichen Botschaft auf das kunstfertigste, knipste ihn von der Federspitze herunter, griemelte in sich hinein, als wenn er andeuten wollte: »Der Mohr hat seine Arbeit getan, der Mohr kann gehen,« und kritzelte weiter, nicht ohne dabei seine Phantasie in libidinöse Gefilde zu schicken. Die Stille hielt an, noch tiefer und nachhaltiger wirkend durch die monotone Arbeit der Federn, die mit ihren Gänsespulbeinchen über die Papierbogen glitten, nur dann und wann durch ein nachdenkliches und verhaltenes Räuspern unterbrochen. Sonst nichts, aber auch reineweg gar nichts. Man glaubte, in einem Beichtstuhl zu sein, worin der Beichtiger fehlte. Da wieder das infame Gekicher und die Stimme des Rothaarigen. Er rief seinen Kollegen an: »Herr Jeses, Springinsröckel! Kuck' mal, da kommt er,« und die beiden wollten sich schütteln vor Lachen. Aber die Nemesis erschien in Gestalt eines geschwungenen Lineals, das dem sommersprossigen Bengel die fuchsige Perücke frisierte. »Au!« schrie er los. Gleichzeitig tauchte das breite Pomeranzengesicht des Herrn Sekretarius Tibus hinter dem Pult auf, und seine Stimme posaunte wie eine Jerichotrompete: » Post equitem sedet atra cura . Hinter dem Reiter sitzt die schwarze Sorge, du rothaariger Schlingel – du Galgenholz – du advocatus diaboli ...! Jan Pröll, wie kannst du es wagen, meinen Freund und Kollegen ... wie kannst du ... Jan Pröll, nur durch die Gnade und Barmherzigkeit eines geistlichen Herrn in diese juristischen Räume verschlagen, wie kannst du die Unverschämtheit haben, einen gelehrten und würdigen Mann mit einem derartigen Wort zu bezeichnen?! Apage, Satana ! Noch einmal ein solches Bettagen, und du wirst von der Anwartschaftsliste für Notariatssekretäre gestrichen – du brandiger Strick – du Feuerholdrio – du Teufelsbraten in optima forma ...! – Herein! – Ah! – habe die Ehre! Der Herr Justizrat warten bereits. Hier neben. Bitte, sich gütigst bemühen zu wollen ...« und in verbindlichster Weise geleitete er den Aktuarius an das Kabinett seines Herrn, klopfte dort an und hieß ihn auf ein kurzes »Herein!« in das Allerheiligste treten. Alsbald saß Aloys Furtwanger dem Notar gegenüber, einem hohen, gebietenden Herrn mit einem Christuskopf, aber einem Christuskopf mit dem sanften und milden Schein des Alters umkleidet. Er mochte ein Siebziger sein. Die grauen Augen halb geschlossen, die Beine übereinander geschlagen und die schlanken, weißen Hände gefaltet, begann er leise zu sprechen: »Mein lieber Herr Aktuarius, wir sind uns nicht fremd; schon lange Jahre kennen wir uns, und ich habe stets lebhaft bedauert, daß diese Bekanntschaft sich nur in äußeren Formen bewegte. Möglich, die Altersunterschiede spielten hierbei eine wichtige Rolle. Aber warum das? Wir hätten sie ausscheiden sollen, um uns auf diese Weise freundschaftlich näher zu rücken.« »Herr Justizrat, ich danke Ihnen verbindlichst für den lieben Beweis Ihres Wohlwollens, und seien Sie überzeugt, ich weiß ihn zu werten; aber meine gesellschaftliche Stellung ...« »Gesellschaftliche Stellung ...! Kommt hier gar nicht in Frage, ist diesbezüglich ein Wort ohne Inhalt. Ich kenne Ihren Werdegang, Ihr Leben und Ihre wissenschaftlichen Sonderinteressen schon Jahre um Jahre. Daß es Ihnen nicht vergönnt war, die juristische Laufbahn voll zu durchschreiten, ist nicht auf Ihr Konto zu buchen, lag in widrigen Umständen und gewissen Schicksalsschlägen begründet. Gewiß, Ihre Ambitionen haben hierdurch gelitten – Ihr Menschentum nicht, wenn ich auch annehmen muß, daß die Hemmnisse, die sich Ihnen entgegenstellten, nicht geeignet waren, für Sie die Rosen von Pästum zu wecken.« Der Aktuarius lächelte bitter. »Sie haben recht, Herr Justizrat.« »Obige Gründe nun,« fuhr dieser fort, »obige Gründe in Verbindung mit dem berechtigten Wunsch Ihrerseits, ganz sich selber zu leben, die Einsamkeit zu suchen und als Forscher und Sammler Ihre Zeit zu verbringen ... offen gestanden, das war es, zu meinem eigenen Schaden, was mich bewog, nicht aus dem Zirkel des Konventionellen zu treten und Ihre Freundschaft zu suchen. Ich wollte nicht stören.« »Aber ich bitte ... wie komme ich dazu ... diese gütigen Erwägungen ...!« »Sie lagen mir schon oft auf der Zunge; nur die Gelegenheit fehlte, sie in geeigneter Weise ... Doch wieder zu den Rosen von Pästum! Nur wo Freude ist, vermögen diese Rosen zu blühen, und ich glaube: ich habe Ihnen eine solche zu bieten. So komme ich denn auf den Grund Ihres jetzigen Hierseins. Meine Amtspflicht beginnt. Der amtierende Notar hat das Wort. Wollen Sie hören? Ich habe Ihnen den letzten Willen eines Verstorbenen zu übermitteln. Durch mich spricht ein Toter. Wollen Sie hören?« Da neigte Aloys Furtwanger den Kopf, legte die Hände zusammen und sagte verweht zwischen den Lippen: »Herr Justizrat, ich höre.« Der Notar beugte sich seitwärts. Dem neben ihm stehenden Schreibtisch entnahm er einen gestempelten Bogen, überflog noch einmal den Schriftsatz, ließ ihn wieder sinken und meinte: »Herr Aktuarius, eine seltsame Konstellation der Dinge führte mich zu Beginn der verflossenen Woche nach dem Gute Millendonk, im hiesigen Kreise gelegen, und zwar so an die äußerste Grenze gerückt, daß sich seine Ländereien und Hutungen zum großen Teil mit denen des benachbarten holländischen Distriktes berühren. Herr Tibus begleitete mich. In einem Tilbury fuhren wir hin. Dort angekommen, empfing uns der hochbetagte Pächter, ein Mann, den ich kaum dem Namen nach kannte. ›Herr Justizrat‹, sagte er in seiner langsamen und bedächtigen Weise, indem er die Hände auf den Rücken legte, ›es handelt sich hier um eine wichtige Erbregulierung.‹ Als ich ihm dartat, es wäre doch besser gewesen, mit dieser Angelegenheit einen Notar aus dem benachbarten Kleve zu betrauen, winkte er energisch ab, schüttelte den Kopf und hielt mir entgegen: ›Nein, Herr Justizrat. Der Jonkheer Adrian van Donselaar ist anderer Meinung.‹ ›Gut! und wenn ich Sie richtig verstehe, handelt es sich hier um die Betätigung des letzten Willens auf Leben und Sterben?‹ ›Allerdings, Herr Justizrat.‹ ›Zur Betätigung dieser Urkunde sind vier Zeugen vonnöten‹, gab ich zurück. ›Mein Sekretär wäre einer von ihnen. Die übrigen hätten Sie zu bestellen.‹ ›Gewiß, Herr Justizrat. Das ist alles bedacht. Außer mir würden der Stellmacher und der Schäfer sich eignen.‹ ›Einverstanden! Zuvor jedoch sei es mir verstattet, den Herrn Baron unter vier Augen zu sprechen.‹ ›Ganz meine Meinung.‹ Gleich darauf wurde ich in das Herrenhaus und in ein geräumiges Zimmer geleitet. Bei meinem Eintritt erhob sich am Kamin, worin, trotz des sommerlichen Behagens, ein helles Feuer knisterte, die Gestalt eines vornehmen, kränklichen Herrn. Er hatte die sechziger Jahre schon längst überschritten. ›Willkommen!‹ sagte er hüstelnd, ›herzlich willkommen!‹ gab mir die Hand und wies auf den zunächst stehenden Sessel. Während unserer Unterredung machte ich die Erfahrung, daß er das Deutsche wie seine Muttersprache beherrschte. Nur die Klangfarbe ließ ihn als Niederländer erkennen. Im übrigen fand ich in ihm einen Mann voll tiefster Herzensgüte und vollendeter Bildung. Als wir uns niedergelassen hatten, flocht er die Hände zusammen und sprach dann: ›Herr Justizrat, es mag Ihnen befremdlich erscheinen, daß ich meinen juristischen Beistand nicht aus der Nähe anforderte. Die Gründe hierfür werden Sie aus dem Gang unserer Verhandlung entnehmen. Einige Vorbemerkungen sind nötig, um Sie wissend zu machen. Die längste Zeit meiner Jugend verlebte ich auf Millendonk; auch später, als ich in die Jahre gekommen, weilte ich gern auf preußischem Boden. Mein Vater bekleidete das Ehrenamt eines Kammerherrn, eine Würde, die auch mir in späteren Jahren zuteil werden sollte. Im allgemeinen ein besonnener Mann, verleugnete er jedoch sein eigenes Ich, wenn sich der Zorn bei ihm wie mit Adlerklauen verkrallte – ein Erbteil der Niederländer. Jetzt weich und gefügig wie Ton in der Hand eines Künstlers, konnte er gleich darauf hart und unbarmherzig wie ein Feldkiesel sein. Seine Jahre verbrachte er im Dienst seines Königs und in der Bewirtschaftung seiner Liegenschaften, die sich in der Nähe vom Haag und bei Leyden befanden. Millendonk liebte er nicht. Als eingefleischter Holländer, aufsässig gegen das Straffe und Militärische des benachbarten Musterstaates, mied er die preußische Grenze. Mein Werdegang interessiert weniger. Es sei nur bemerkt: in Heidelberg und Utrecht fand ich eine gewisse akademische Bildung. Dann aber ...‹ und die Stimme des Sprechenden fiel in einen wehen und zerrissenen Ton: ›Eine selig-unselige Geschichte nahm mir allen Halt unter den Füßen, verarmte mich an Leib und Seele und brachte mich der Verzweiflung nahe. Doch was frommt es, Ihnen dies alles zu schildern! Ihre Zeit ist bemessen, und mir liegt es ob, vor Toresschluß mein Haus zu bestellen, denn ich fühle es deutlich: der Wächter ist da, um den Riegel zu schieben. Nur dies noch zur Klärung. Ich fand mich in Indien wieder. In harter Arbeit, nur um vergessen zu können, erklomm ich die steile Höhe eines Residenten von Java. Das gesegnete Land von Madura brachte mir Ruhe und ein glückliches Familienleben. So vergingen die Jahre. Das Selig-Unselige aus jungen Tagen verebbte langsam, ohne doch ganz zu zerfließen. Nur zuweilen in meinen nächtigen Träumen ... Ich verwand auch dieses. Doch als mich vor Jahresfrist die Gnade des Königs in den ›Rat der Viere‹ zu rufen gedachte, lehnte ich ab. Mein Ehrgeiz war befriedigt. Mich hielt nichts mehr zurück. Mein Sohn blieb in Indien. Mit Frau und Tochter kehrte ich heim – nicht mehr gesund und gerne bereit, in den Schatten des Todes zu treten. Die nicht verjährte Schuld regte sich wieder. Das alte Sehnen wurde aufs neue lebendig. Ich mußte nach Millendonk, in das Land meiner Jugend, um dieses Sehnen zu stillen und die noch nicht verfallene Schuld zu begleichen. Und nun, Herr Justizrat ...‹ Adrian van Donselaar hob sich schwer aus dem Sessel. Sein bleiches und abgezehrtes Gesicht nahm einen hypokratischen Zug an. Nur die tiefliegenden Augen leuchteten in einem seltsam schönen Glänze. Langsam hob er die schlanke, elfenbeinerne Hand, um sie ebenso langsam und feierlich wieder sinken zu lassen. Er schien rückwärts zu schauen, in jene Zeiten zurück, wo für ihn noch der Flieder blühte und über ihm der Kirschbaum schneite, als hätte jedes von den unzähligen Flöckchen ihm eine liebe Botschaft zu künden ... ›und nun, Herr Justizrat: ich bin meinem Weibe und meinen Kindern verpflichtet. Ich will nichts mehr sehen und darf nichts mehr sehen, ich will nichts mehr hören und darf nichts mehr hören – und dennoch: ich kann nicht vergessen. Ich sehe ein Mädchen, wie ich keines mehr sah. Ich höre eine Stimme, wie ich keine noch hörte. Ich spüre einen heißen Mund auf meinen Lippen, wie ich keinen noch spürte ... und all dieses Glück und all dieses Leben und all diese Treue liegt begraben auf dem Friedhof der kleinen Stadt, wo Sie, Herr Justizrat amtieren ... und mir war es nicht vergönnt, ihre Ehre zu retten. Und das ist mein Fluch ...‹ Er drohte niederzusinken. Nur mit aller Mühe hielt er sich aufrecht. Sein Antlitz war fahl wie das eines Toten geworden. Ich war aufgesprungen, um ihm Beistand zu leisten. Er bedeutete mir, sitzen zu bleiben, es sei schon vorüber – und sagte mit einer Kraft in der Stimme, die ich nur bewundern konnte und die mich aufs tiefste erschütterte: ›Und nun steh' ich hier, hier auf meinem Grund und Boden, und höre die Bäume rauschen, deren Rauschen auch sie einst vernommen, und sehe den Stamm noch, in dessen Rinde wir zwei Herzen geschnitten, und suche noch täglich die Stätte auf, wo wir so selig und doch so unselig wurden. Ja, Herr Justizrat, schon senkt sich die Gardine herunter. Es wird Zeit für mich. Ich habe noch manches zu ordnen. Seien Sie mir Anwalt und Helfer. Ich harre der Stunde.‹ Mit einem dumpfen Laut sank er in den Lehnstuhl zurück und bedeckte sein Antlitz. Mir krampfte sich das Herz zusammen. Was er durchlitten, ich durchlitt es in ähnlicher Weise. Gleich darauf erschienen die Zeugen. Mit kurzen und festen Sätzen diktierte er mir seinen letzten Willen, seinen letzten Wunsch in die Feder. Als alles unter Brief und Siegel lag, entließ er die Zeugen, ergriff meine Hände und sagte: ›Und das mit der Geheimhaltung des getätigten Aktes ...?‹ ›Die Zeugen wurden verpflichtet.‹ ›Gut so! also erst nach meinem Ableben wird die Rechtskraft beginnen?‹ ›Ganz richtig. So steht es geschrieben.‹ ›Und die Urkunde selber ...?‹ ›Wird amtlich behütet.‹ ›Ich danke.‹ Eine stille Zuversicht lief über sein Antlitz. Er drückte meine Hände fester und sagte: ›Und dann, Herr Justizrat ... hier dieses versiegelte Schreiben ... es unterliegt derselben Einschränkung. Wenn meine letztwillige Verfügung in Kraft tritt, dann soll auch dieses ...‹ ›Herr Baron, ich verstehe.‹ Er übergab mir den Schriftsatz, den ich zu dem übrigen legte. Wir waren einig geworden, blieben noch eine Stunde bei einer alten Flasche Rheinwein zusammen, um dann für immer zu scheiden, denn drei Tage später ...« Der Notar tat einen tiefen Atemzug und sprach bedrückt vor sich hin: »Drei Tage später wurde er tot an der Buche gefunden, in deren Rinde sich die beiden verschlungenen Herzen befanden. – Herr Aktuarius, das Testament wird somit eröffnet. Möge es Ihnen und dem Verblichenen Heil und Segen bescheren.« Aloys Furtwanger hing wie leblos zwischen den Stuhllehnen. Nur seine starr auf den instrumentierenden Notar gerichteten Augen deuteten an, daß er noch unter den Irdischen weilte. Dann kam es ihm schwer von den Lippen: »Es ist ein langes und banges Leben gewesen, um diese Lösung zu finden. Mir ist, als ob weiße Rosen über mich fielen. Mutter, Mutter ...!« Sein Kopf senkte sich tiefer. Der Notar war dicht an seine Seite getreten. Mit stiller Hand berührte er die Schulter des einsamen Mannes. »Die Toten sind heilig,« sagte er nach einer Weile. »Auch Ihre Mutter ist dieser Heiligsprechung teilhaftig geworden. Alles das, was ihr wie ein häßliches Laken anhing, wurde von ihr genommen. Nur der Glanz ist geblieben – ein schöner, freudenreicher und lieblicher Glanz, wie er auf den Bergen liegt, wenn die Wälder beginnen, ihr erstes Grün zu entfalten. Und er, der ihr dieses häßliche Laken webte und es wieder hinwegnahm, der den lichten und freudenreichen Glanz auf den Bergen entfachte, er sühnte, was er dereinstens verschuldete. Er und sie – jetzt mögen sie ruhen in Frieden. Die Liebe währt ewig. Und nun, Herr Aktuarius« – und er suchte, einen festen und entschlossenen Ton in seine Worte zu legen – »wenn ich es mir auch versagen muß, Ihnen schon heute das Gesamtbild der getätigten Urkunde vor Augen zu führen, so halte ich mich doch für verpflichtet, Sie mit der Hauptmaterie bekannt zu machen, die der Erblasser in Ihrem Interesse mir in die Feder diktiert hat. Ich frage zum andern: Wollen Sie hören?« »Ich höre,« nickte Aloys Furtwanger wie aus einem langen Traum heraus, »ich höre, ich höre.« »So gebe ich denn kund und zu wissen,« begann der würdige Rechtsgelehrte mit sanfter Betonung, indem er das Protokoll auf und nieder bewegte. »Laut Testament, errichtet vor mir, dem instrumentierenden Notar und Justizrat, und im Namen des Königs, trennte der mir nach Namen, Stand und Wohnung bekannte Jonkheer Adrian van Donselaar sein ihm zugehöriges, im Kreise Kleve gelegenes Herrengut Millendonk nebst allen ihm anhaftenden Ackerländereien, Wiesen, Gehölzen und Brachland, Privatwegen, Wehren, und Schleusenwerken von seinen Hauptbesitztiteln ab, um es in Ihre Hände zu legen. Außerdem: ein Betriebskapital von achtzigtausend Gulden in holländischen Staatspapieren steht zu Ihrer Verfügung. Die Diskontobank in Utrecht wurde verständigt. Mit dem heutigen Tage sind Sie Herr des ansehnlichen Sitzes geworden ... und hier: das versiegelte Schreiben ... an Sie ... ein Vermächtnis des Toten.« »Mein Gott ...!« Eine glückliche Hand lag in der des Sachwalters. »Ich danke von Herzen. Herr Justizrat, ich möchte ...« »Es bedarf nicht des Dankes, mein Lieber. Aber eine innige Freude ist in mir. So lange ich in diesem Bezirk meine Tätigkeit ausübe, ist mir noch nie eine solche Befriedigung geworden. Merken Sie auf! Fühlen Sie es nicht? Ja, Sie müssen es fühlen. Ein geheimnisvoller Duft ist ausgetan. Es duftet nach Blumen. Endlich beginnen auch für Sie die Rosen zu blühen. Es sind die dunkelroten Rosen von Pästum.« Noch lange ruhten die Hände zusammen. Als Aloys Furtwanger die Amtsstube verließ, als der Notar ihn begleitete und der Herr Sekretarius Tibus ihm mit einem tiefen Bückling und den verbindlichsten Wünschen eigenhändig die Tür öffnete, da grinsten der rothaarige Schlingel und sein Kollege nicht mehr, denn um den braven, ehrlichen und herzensguten Springinsröckel war ein Schimmern und Scheinen, war eine Gloriole gelegt, wie sie den Irdischen nicht zustand. Sie glitzerte wie die köstliche Mandorla der allerseligsten Jungfrau in der Kirche von Kalkar.   13 Der vergoldete Turmhahn von Sankt Nikolai, der während des lieben langen Tages sein hellstes Leuchten verstreut hatte, verblaßte allmählich. Die Schwalben hatten niedrigen Flug. Schon längst waren sie aus ihrer blauen Höhe herunter gekommen. Unmerklich vollzog sich die Wandlung auf Erden. Das Gegenständliche verlor seine harten Konturen, und die Wiesen, die die kleine Stadt in weitem Kranze umzogen, begannen zu schwimmen. Immer nachhaltiger senkte sich die Dämmerung hernieder. Die Leute machten Feierabend. Dunkle Vögel glitten dem tiefen Westen entgegen. Die Klever Post lenkte auf den stattlichen Markt ein. Das Lied vom ›Guten Kameraden‹ schlängelte sich wie silberne Bänder durch die einsamen Straßen. Ob alle es hörten, die nicht mehr unter den Lebenden weilten? Ja, sie hörten es alle. Die Liebe macht nicht halt vor den Gräbern. Sie ist wie eine Flamme des Herrn, die sich nicht in sich selber verzehrt. Sie kränkelt nimmer und bedarf nicht des irdischen Öles. Sie dringt in die Fernen, schreitet über die Meere, gedenkt der Abgeschiedenen und hält Zwiesprache mit den Halmen des Feldes. Sie ist schon und groß und unendlich ... und wohl dem Menschen, der dieser Liebe teilhaftig geworden. Das Lied vom ›Guten Kameraden‹ hörten auch die, die schon aus dem Leben geschieden waren. Zur Seite des hölzernen Kruzifixus, der den abgelegenen Kirchhof beherrschte, erhob sich ein schlichter, mit Efeu umwachsener Hügel. Zu Häupten ragte ein unscheinbares Kreuz aus der Erde. Daneben kniete die Gestalt eines Mannes. Es war Aloys Furtwanger. Nach der heutigen Konferenz war er weder nach Hause, noch in die ›Goldene Kugel‹ gegangen. Er vermochte es nicht. Er mußte sich sammeln, erst mit sich fertig werden. Ruhe, nur Ruhe! Das Wetter, das über ihn fortgebraust war wie ein Sturm in der Frühlingsnacht, zitterte noch in seinem Herzen nach. Überständige Äste lagen am Boden. Welke Blätter waren fortgefegt worden; in Bast und Borke des erschütterten Stammes war ein Kreißen und Gären. Ungleichartige Kräfte bekämpften sich wechselseitig. Er suchte nach Beilegung, nach einem befreienden Ausgleich. Ihm tat die Einsamkeit not, ein Leben in sich, der Sonnenschein beschaulicher Andacht. Die Nachwehen des Sturmes mußten sich geben. Eine Aussprache mit seinem Gott und Mittler führte ihn aus der Enge der Stadt in die verschwiegenen Winkel seiner heimatlichen Flur. Hier glaubte er das Arkan für seine bedrängte Seele zu finden. Nachdem er eine karge Zehrung im benachbarten Moyland zu sich genommen hatte, machte er eine große Streife durch die angrenzenden Wälder. Schattige Hallen und sonnige Halden! In den Vorgehölzen flötete der Pirol. Wie ein schwefelgelbes Federspiel wiegte er sich durch die laubigen Kronen, um tief in einem dunkeln Föhrenbestand seinen wundersamen Ruf aufs neue ertönen zu lassen. Ein Apollofalter gaukelte vorüber, ließ sich nieder und klappte seine Zauberflügel gegeneinander. Im Brombeergestrüpp tackte ein Müllerchen. Hoch oben im Blau einer Lichtung zog ein Falk seine geruhsamen Kreise. Aloys Furtwanger nahm seinen Weg durch Haselbüsche und verschwiegene Gründe. So vergingen Stunden um Stunden. Aus dem Rauschen der Bäume, dem Lispeln der Blätter hauchte ihm der Odem Jehovas entgegen. Alte Wettertannen in langen Flechtenbärten kamen ihm vor wie seine Leviten. Aus ihren Reihen strömte Weihrauch hernieder. Ihre Stimmen waren Psalmen – Psalmen an die Hoffnung und die Freude gerichtet. Wohin er auch hörte, wohin er auch schaute – überall webte und atmete die Allmacht und Allgegenwärtigkeit des lebendigen Gottes. »Der Herr ist mein Licht und Heil. Vor wem soll ich mich fürchten? Der Herr ist meines Lebens Kraft. Vor wem sollte mir grauen?« Also sangen die hohen Leviten, nickten mit ihren ehrwürdigen Häuptern, strählten ihre Flechtenbärte und verstreuten Myrrhen und Balsam. »Wie groß und erhaben,« sagte der einsame Waller. Er spürte die Flügelspitzen der Cherubim und Seraphim, die neben ihm herschritten. Seine Hand legte sich auf das versiegelte Schreiben, das ihm auf dem Herzen ruhte. Seine Seele war heiter und seine Wirrnis zu einem geordneten Ganzen geworden, in dem er sich wieder zurecht finden konnte. Als die Sonnenlichter schräg durch die Stämme fielen, trat er den Heimgang an. Sein Pfad führte durch blumige Auen. Hier stellte er aus Salbei, Mariawindelweiß und Schaumkraut ein duftiges Sträußchen zusammen. Damit ging er der Stadt zu und trat alsbald in den Garten der Abgeschiedenen, just in dem Augenblick, als das Lied vom ›Guten Kameraden‹ zu klingen anhub. Gleich darauf kniete er neben der niedrigen, mit Efeu umwachsenen Stätte, legte die Blumen an den Fuß des einfachen Holzscheites und betete lange. Wie lange – er wußte es selbst nicht. Mittlerweile wurde die Dämmerung immer stärker und stärker. Fast alles Licht hatte sich nach dem Westen gezogen. In den Lebensbäumen und Taxushecken war ein verlorenes Säuseln. Als er das Haupt erhob, fiel sein Blick auf das Kreuz und die verwaschene Inschrift. Im letzten Schimmer des sterbenden Tages las er die Worte: »Hier ruht in Gott Maria Emerentia Furtwanger, geboren am 10. Dezember Anno Domini 1798 zu Nürtingen. Gestorben dahier im Jahre des Heiles 1819 am 3. des Märzen. Ich harre des Rufes.« Und immer und immer wieder las er die verblichenen Zeichen, bis die Dunkelheit sie seinem Auge verhüllte. Da nahm er den Hut, den er neben sich gestellt hatte, straffte sich auf und verließ gesenkten Hauptes, traurig und dennoch getröstet, die geweihte Erde, die der Engel des Todes bewachte. – Eine halbe Stunde später saß er im sanften Glanz der grünlackierten Lampe, die noch aus seiner Studentenzeit stammte. Das petschierte Schreiben, mit dem Wappen derer van Donselaar, lag vor ihm. Noch immer hatte er den Mut nicht gefunden, die Siegel zu brechen. Die Scheu vor dem Unüberwindlichen hielt ihn zurück. Nachdenklich horchte er auf das Geklapper der Beutelmaschine, die aus dem Nachbarhaus zu ihm herübertönte, rastlos, unermüdlich, ohne aufzuhören. Alle Geschäfte ruhten; nur der Bäcker nebenan hatte noch für den andern Morgen zu schaffen. Das monotone Geräusch tat ihm wohl. Er fühlte sich nicht mehr so verwaist und verlassen. Verschüchterte Menschen singen ein Lied, wenn sie allein sind und Furcht haben, einen dunkeln Weg zu beschreiten. Auch er fürchtete sich, durch die Pforte der Erkenntnis zu treten. Das einförmige Sumsen und Rappeln der Beutelmaschine vertrat bei ihm die Stelle des Liedes. Ein kaum merkliches Zirpen der Lampe begleitete die gedämpfte Musik aus dem Nachbarhause. Es mutete an, als würde in weiter Ferne eine Sense gedengelt. Da riß er sich zusammen, nahm ein Falzbein und setzte zum Schnitt an. Nun war es geschehen. Als er die einzelnen Blätter auseinander faltete, glaubte er, ein kalte, gespenstische Hand auf seiner Schulter zu spüren. Er schreckte zusammen, dann tastete er sich durch das unbestimmte Bewußtsein hindurch: du befindest dich in einem nur matterleuchteten Raum, nur matt erhellt von einer einzigen Kerze, einer riesenhaften Wachskerze auf metallenem Leuchter. Stalaktite bilden sich an dem leichenfarbigen Schaft, dessen Flammchen so schnurgerade aufragt, als wäre es aus feuriger Bronze gegossen. Nicht das feinste Geräusch unterbricht das heilige Schweigen. Nur dann und wann, in regelmäßigen Intervallen, tropft das überschüssige Wachs auf die messingene Schale. Es ist wie in einem Sterbegewölbe, so trostlos und tief feierlich. Selbst die Flamme, die das trübe Scheinen verbreitet, ist wie abgestorben. Sie hat ihr Knistern verloren. Ein hoher Mann steht neben dem Lichtstock. Er ist schwarz gekleidet und barhaupt. Sein Antlitz trägt die Spuren tiefen Verfalles. Es hat die Zeichen des Todes: solche des Schmerzes und solche, die an Verklärung erinnern. Seine gefalteten Hände liegen fest ineinander. Jonkheer Adrian van Donselaar beginnt leise zu sprechen, und also beginnt er: »Geschrieben zu Millendonk in dem Jahre, da ich zu sterben gedenke. Wer mir verzeihen will, soll mir verzeihen, und wer den Stein wider mich zu schleudern gedenkt, soll den Stein wider mich heben. Ich bin wie die, die nichts mehr zu verlieren und nichts mehr zu gewinnen haben. Mag kommen, was wolle. Ich harre des Verzeihens, und ich harre des Steines. Diese Lehre ist billig, ist aber die Frucht eines großen und wahrhaftigen Schmerzes. Seit Jahresfrist bin ich von Niederländisch-Indien zurück. Bin ich dort glücklich gewesen? Ja und nein; denn immer wieder sah ich in das Land meiner Jugend. Nicht in das der holländischen Krone, sondern in das stille Reich, in den traulichen Erdenwinkel, den meine Stammverwandten mit dem Kosenamen ›het hartje van Duitschland‹ bezeichnen. Man mag lächeln darüber. Die Besitzungen meines Vaters in seiner Heimat waren wie blühende Gärten, und dennoch: das auf deutschem Boden liegende Millendonk ist mir lieber gewesen. Jahrzehnte hindurch sah ich das südliche Kreuz. Wie aus kleinen Sonnen zusammengestellt, stand es über Madura und dem javanischen Meer. Es mutete an wie ein Wunder des Himmels, und dieses Wunder, so erhaben und ergreifend es war ... trotz all seinem Leuchten und Funkeln – es verblaßte vor den lieblichen Bildern, die über dem einsamen Gutshof kreisten.   Ich bin wieder in Millendonk. Mein Amt als Resident legte ich nieder, die Gnade des Königs, mich dem ›Rat der Viere‹ einzuverleiben, lehnte ich ab. Als ich den geweihten Boden betrat, küßte ich die Erde mit heiliger Inbrunst. Meine Seele nahm den Pilgerstab und wanderte in längstverklungene Zeiten zurück. Es war ein langes und beschwerliches Reisen, denn die Stationen der Erinnerungen sind mit Dornen umhegt und die Blumen, die am Straßenrain stehen, mit Tränen gefeuchtet. Und siehe: ich befinde mich plötzlich wieder im Alter des Frühlings. Meine Universitätsstudien liegen hinter mir. Nur noch wenige Monate, und ich werde berufen sein, mich dem Verwaltungsfach und der diplomatischen Laufbahn zu widmen. Mag es geschehen. Ich füge mich dem strengen Willen, der in unserm Hause regiert. Aber das ist gewiß: noch viele Wochen des Alleinseins und des stillen Genießens sind mir beschieden, bevor ich mich veranlaßt fühle, unter Segel zu gehen. Das südliche Kreuz wird mir noch früh genug blinken. Es ist um die Zeit, wo die Vögel mit den langen Gesichtern ins Land kommen und in den laulichen Dämmerungen zu murksen beginnen. Die Erde duftet nach befruchteten Keimen. Die ersten Leberblümchen stehen im Holz. Die blassen Anemonen erscheinen bereits zwischen dem abgeworfenen Laub des verflossenen Jahres. Ich mache weite Spaziergänge und kehre abends müde und dennoch gekräftigt nach Hause. Die Pächtersleute sind treffliche Menschen. Was sie mir von den Augen ablesen können, geschieht, um mir den Aufenthalt so angenehm wie nur möglich zu machen. Sie stehen noch in der Blüte des Lebens und sind nicht viel älter als ich. Mit ihnen verbringe ich angenehme und beschauliche Stunden. Noch schönere begehe ich mit dem Kaplan im benachbarten Kranenburg, der vorgesehen ist, in die Pfarrerstelle eben dieses Kirchspiels zu rücken. Kornelis Lommen ist ein Samaritan der Bedrückten und im wahrsten Sinne des Wortes ein hoher Priester des Herrn. Seine Worte sind süße und fließen wie Honig. Ganze Gesänge des unsterblichen Homer weiß er ohne zu stocken im Urtext zu bringen. Er spricht mit feurigen Zungen, wie Thomas von Kempen es tat, der die ›Nachfolge Christi‹ verfaßte. Er ist weise und gerecht, hilfreich und gut. Die Sünden und Fehler seiner Mitmenschen rügt er nach Billigkeit, deckt sie aber auch mit dem Mantel der christlichen Liebe. Das ihm Anvertraute ist geborgen bei ihm wie in einem Reliquienschrein. Er sieht weder rechts noch links, sondern geht zielbewußt und klar seines Weges. Das ist Kornelis Lommen in seinen Worten und Werken, dem ich Dank schulde aus tiefstem Grunde meines Herzens.   Nun sind sonnige Tage über Millendonk gekommen, Tage, wie sie am Niederrhein zu den Seltenheiten gehören. Die Wälder stehen im Schmuck ihrer grünen Fahnen. Die Wiesen hauchen einen würzigen Ruch aus, in dem kleinen Gehölz, das den Gutshof umlagert, schluchzen die Nachtigallen. Der Roggen blüht, und es ist, als zöge schon jetzt der Duft nach warmem Brot über die Felder. Es ist Abend geworden, die Weite aber noch sichtig. Dieser Abend soll über vieles entscheiden. Ich war bei Kornelis Lommen gewesen. Er hatte heute seine klassische Stunde und hatte prächtig gesprochen. Die Lieder des Horaz gingen mir nach. Ich sagte still vor mich hin: ›Ille terrarum mihi praeter omnes Angulus ridet, ubi non Hymetto Mella decedunt viridique certat Baca Venafro ...‹ Ja, es ist schön! Ich schlenderte durch den kleinen Ort, um das Gut zu gewinnen. In Kranenburg rüsteten sie auf Kirmes. Die Leute, die noch damit beschäftigt waren, ihre Tenten und Buden aufzuschlagen, grüßten mich freundlich. Als ich die Wirtschaft zum ›Blauen Karpfen‹ passierte, stand der Besitzer vor der Haustür und zog sein Troddelkäppchen herunter. ›Herr Baron,‹ sagte er schmunzelnd, ›der Puppenmeister Herr Furtwanger ist hier. Morgen um diese Zeit wird die schöne Magelone gegeben, und es wäre die Meinung ...‹ ›Ja, es wäre die Meinung ...‹ Ein großer Mann, den ich nicht bemerkt hatte, erhob sich von einer Bank neben dem Eingang. Ich seh' ihn noch heute. Sein Kopf war wie aus einem Holzklotz geschnitten, kantig und eckig, dabei einnehmend und kindlich. Ein eisgrauer Knebel schmückte sein Kinn. Dennoch schien er in den besten Jahren zu sein. Allerdings, etwas ungewollt Gravitätisches lag in seiner ganzen Erscheinung. Er trug einen Anzug von abgeschliffenem Velvet und ein knallrotes Halstuch. Zwischen den ringgeschmückten Fingern hielt er einen landfremden Glimmstengel. Seine Sprache hatte einen süddeutschen Anflug. Er wiegte sich selbstgefällig in den Hüften. ›Grüß Gott, Herr Baron! Mein Name ist Xaver Anastasius Furtwanger. Ich bin kein Unbekannter in hiesiger Gegend. Die besten Referenzen stehen zu meiner Verfügung. Wer den Wurstl besser als ich auf die Bretter stellt, den möchte ich sehen.‹ ›Stimmt‹, fiel der Gastwirt dazwischen. ›Die schöne Magelone und so ... und es wäre die Meinung ...‹ ›Ja, es wäre die Meinung,‹ nahm Herr Furtwanger wieder das Wort auf, ›daß auch Sie, Herr Baron ... Ich habe meiner Tochter Auftrag gegeben. Sie ist nach Millendonk hin, um das Programm für den morgigen Abend ... Herr Baron, es wäre mir ein auserwähltes Vergnügen ...‹ Ich sagte zu und nahm lächelnd meinen früheren Schritt wieder auf. Wie lange ich dahinschlenderte, weiß ich nicht mehr. Plötzlich ... vor mir in der zunehmenden Dämmerung tauchte es auf ... eine Mädchengestalt ... eine liebe Erscheinung ... Ihre Haare liegen in dicken Flechten um ihre zierlichen Schläfen. Sie hat ein Medaillengesicht und Augen so sanft und weich wie die Hüllen ausgereifter Kastanien. Trotz ihrer Jugend – ihre Formen sind die eines schönen Weibes in üppiger Fülle. Ich sehe es deutlich. Ihr Mund blüht wie eine Rose in dem bleichen Gesichtchen. Meine Sinne verwirren sich. Ich spreche sie an, und sie sagt mir, sie sei auf Geheiß ihres Vaters auf dem Gutshof gewesen. In ihrer Stimme ist ein Klingen, das ich nie mehr vergesse. Wir plaudern noch lange zusammen. Sie ist schön wie ein Reh und zutraulich wie eine weiße Taube, die das Fürchten nicht kennt. Sie erzählt mir von ihrer Heimat auf dem Württembergischen Filder, von ihren Künstlerfahrten, die unstet sind wie die Reisen emsiger Stare. Der Saum ihres Kleides berührt mich, und durch dieses Kleid hindurch sehe ich das Geheimnis ihres geschmeidigen Körpers. Ich vermag es kaum, mich von diesem Mädchen zu trennen, so anziehend ist seine Nähe, so lieblich das Wort seines Mundes. Endlich gebietet es die Rücksicht auf Sitte und Anstand. Unsere Hände sind vereinigt, und ich frage sie schüchtern: ›Sehen wir uns wieder, Marie ... hier auf dieser Stelle, Marie ...?‹ Ich zeige dabei auf eine ehrwürdige Buche, unter deren Schatten wir stehen. Sie gibt keine Antwort, nur den Druck ihrer kleinen Hände spüre ich deutlich. Gleich darauf wendet sie sich und geht eiligst nach Kranenburg zu, wo sie schon Vorkirmes halten. Es ist mittlerweile dunkel geworden. Aber mir blinzelt es auf. Ein lichtschwaches Pünktchen löst sich vom Himmel und gleitet sprühend zur Erde. Bald darauf ist es spurlos verschwunden.   Ich sage zum andern: Ich bin wie die, die nichts mehr zu verlieren und nichts mehr zu gewinnen haben. Mag kommen, was wolle. Ich harre des Verzeihens, und ich harre des Steines. Die nächsten Tage gehen mir im Taumel vorüber. Tanzmusik und Karusselltrubel! Bis nach Millendonk rufen die bunten Klänge. Ich höre sie gerne, weiß ich doch: auch sie wird von ihnen umzittert. Ich bin häufig im ›Blauen Karpfen‹. Ich sah die Geschichte von der schönen Magelone und die Genovevenlegende. Meister Furtwanger gab sein Höchstes und Bestes. Selbst der ehrsame Herr Kornelis Lommen legte seine klassischen Autoren beiseite und freute sich der agierenden Puppen. Für morgen ist das tapfere Stück von den Vier Haimonskindern angesagt. Zwei Tage später gedenkt der Alte seine fliegende Bühne abzubauen und weiterzuziehen. Der Abschiedsstunde sehe ich mit heimlichem Bangen entgegen. Zwei verschlungene Herzen habe ich in ihrer Gegenwart in die glatte Rinde der alten Buche geschnitten. Als ich es tat, stand sie neben mir, den weichen Arm um meine Schulter geschlungen. Ich fühlte dabei ihre junge Brust und den Duft ihres Haares. Zum ersten Male gab sie mir ihre heißen Lippen zu kosten – und dieser Kuß wollte kein Ende nehmen. Der Engel des Lichtes stand uns zur Seite, aber auch der der Finsternis ... und dieser war furchtbar.   Xaver Anastasius Furtwanger ist in rosigster Laune. Er jongliert mit Apfelsinen, mit Hühnereiern und laßt eine Pfauenfeder auf seiner Nasenspitze tanzen. Lachsalven umknallen ihn. Er strählt seinen Knebelbart, stürzt ein Glas Genever hinter das rote Halstuch und dankt für den gütigen Zuspruch. Auch verkündet er: ›Morgen geht's weiter. Wohin –- weiß der Deibel! aber wenn der Saft wieder ins Holz steigt, kann's immer passieren ... vielleicht auch schon früher ... Warten wir ab, warten wir ab! Grüß Gott, meine Herren!‹ und dann schwenkte er sein Glas und sang über den Tisch fort: ›Bald gras' ich am Neckar, Bald gras' ich am Rhein; Bald hab' ich ein Schätzle, Bald bin ich allein. Künstlerlos, meine Herrschaften! Indessen, so Gott mir das Leben verstattet – der Xaver kommt wieder ... zuerst in die Stadt, wo Seydlitz geboren, dann hier ... Juchheißa die Puppen ...!‹ und mit der ganzen Gravität, die ihm eigen, bestellte er sich einen zweiten Genever. Das war um's Abendläuten. Zwei Stunden später hielt ich ein liebes Geschöpf in den Armen. Willenlos schritten wir fort, bis wir zur großen Buche gelangten. Traumhaftes Rauschen! Traumhaftes Leuchten! Es war so, als sei unsere Stunde gekommen. Ihr schmales Gesicht ähnelt dem einer Beseligten. Sie ist schwer an meiner Seite geworden. Die Natur hält den Atem an. Wir wähnen uns auf einem einsamen Eiland. Keines Menschen Ruf wird laut, keines anderen Wesens Stimme läßt sich vernehmen. Nur das Säuseln des geweihten Baumes und das Pochen unserer Herzen ist bei uns. Immer heißer werden unsere verzehrenden Küsse. Alles geht unter vor unseren trunkenen Blicken: die Welt ... wir selber ... der Himmel ... und die Gebote des Herrn. Sie gibt, ohne an sich und die Zukunft zu denken. Ich nehme, ohne die Heiligkeit des Weibes im Weibe zu achten. Und doch diese Liebe, diese Reinheit und Keuschheit! Dieses Opfern auf dem Altare, den uns das Schicksal bestimmte! Ich bete das Weib an. Dann kam das Erwachen. ›Du ...!‹ schrie sie auf, und dann – ich vergesse es nie mehr – mit stummer Gewalt hatte sie mich an sich gerissen. Der letzte Kuß brannte auf meinen Lippen, und eine Stimme war bei mir: ›Vergiß mich! Vergiß mich! Du mußt mich vergessen; denn ich komme nicht wieder. Folge mir nicht!‹ Ihre Augen zuckten auf, blitzten mich an, versengten mich und machten mich hilflos. Hoheit umgab sie. ›Folge mir nicht; du würdest mich nur noch unseliger machen, obgleich ich dich liebe, wie du nie mehr geliebt wirst. Hier haben sich unsere Wege zu scheiden.‹ ›Sie scheiden sich nicht!‹ ›Sie tun's.‹ Das waren die letzten Worte, die ich aus ihrem Munde vernahm. Ich sah sie nie wieder. Tief am Horizont glitt eine züngelnde Flamme. Das erste Wetterleuchten, das mich in die Knie zwang und mich niedermähte wie eine blitzende Sense. Nein – ich sah sie nie wieder.«   »Ah!« Aloys Furtwanger hatte einen Fluch zwischen den Lippen, aber dieser Fluch bröselte ab wie kalter Schnee vor der Sonne. Seine Hände zerknitterten die einzelnen Bogen, um sie still und gefaßt wieder zu glätten, waren sie doch der letzte Appell eines Toten, ein Ruf aus dem Grabe ... und noch immer tropfte das überschüssige Wachs auf die messingene Schale. Er hörte es deutlich ... und dort: genau wie vorher steht der hohe Mann seitlich der Kerze. Er ist schwarz gekleidet und barhaupt. Sein Antlitz trägt die Spuren tiefen Verfalles. Es hat die Zeichen des Todes: solche des Schmerzes und solche, die an Verklärung erinnern. Seine gefalteten Hände liegen fest ineinander. Jonkheer Adrian van Donselaar beginnt wieder zu sprechen, und also beginnt er: »Was in ihr vorging, welchen Anlaß sie hatte, eine Trennung zu suchen, ist mir bis heute unerfindlich geblieben. Wer mag das Herz eines Weibes in seinen Tiefen ergründen! Möglich, sie ist zu zart und feinbesaitet gewesen, möglich, ihr Geist türmte eine unbarmherzige Wand hoch, die ihr unüberwindlich erschien, oder aber sie wankte bereits dem dunkeln Eingang zu, über dem geschrieben stand: › Lasciate ogni speranza .‹ Ihre Herkunft ... das Bangen um mich ... die Furcht vor den Meinen ... die Reise durch eine endlose Wüste der Bitternis, in der jedes Hoffen versandete – alles das mochte dazu beigetragen haben, ihr das ›Du siehst mich nie wieder‹ auf die Lippen zu drängen. Ich selber ... mea culpa, mea maxima culpa ! ... ich fühlte mich sündig, schuldig, zu Boden geschmettert und hatte den Mut nicht ... Anderen Tages war sie in aller Herrgottsfrühe verschwunden. Der Wirt vom ›Blauen Karpfen‹ gab zu verstehen: so zwischen dem zweiten und dritten Hahnenkraht, wo alles noch grau war und die Elstern- und Krähennester noch lautlos in den Bäumen hingen ... und schien mir jedes, die Welt und mein Leben, verloren zu sein und mit Trauerfloren umkleidet. Kaum Herr meiner Gedanken, schleppte ich mich zu der alten Buche, die so viel des Glückes gesehen. Nichts mehr, nichts mehr! Nur die beiden eingeschnittenen Herzen waren von all der Seligkeit übrig geblieben. Mein Gott! das war alles ... aber auch alles ...   Lasciate ogni speranza ! – Die Tage, die Wochen, die nun kamen, waren Tage und Wochen mit geschlossenen Augen und grauen Gesichtern, und wenn sie mich mit ihren Händen berührten, fühlte ich ein eisiges Frieren. Es gab Augenblicke für mich, die mich an den Rand der Verzweiflung stießen. Meine Sinne brausten. Mein Blut fand nicht Ruhe. Es war ein Aufbegehren in mir wie ein Aufbegehren gegen die Umklammerung des Todes, und wäre nicht Kornelis Lommen gewesen ... Ich kniete vor ihm in einer furchtbaren Stunde, ich beichtete ihm, ich sagte ihm alles. Ich war wie ein Kind, das die Falten seines Herzens auseinander legt, als handelte es sich um die Blätter einer zerlesenen Fibel. Erst stand sein Haupt über mir, ähnlich dem des strafenden Gottes. Dann wurde es milder. Seine Züge verklärten sich, denn Kornelis kommen hatte die ›Nachfolge Christi‹ bis zur feinsten Tönung ergründet. Jedes Eifern lag ihm fern ... und als er mich an seine Brust zog, sagte er duldsam: ›Es ist vom Übel, böses Gerede zu machen. Es würde dir nicht frommen und könnte ihr nur schaden. Hat nicht der Alte gepredigt: Wenn im kommenden Jahre der Saft abermals ins Holz steigt, kann's immer passieren ... vielleicht auch schon früher ... der Xaver kommt wieder ... Waren das nicht seine eigenen Worte? Nie stellt sich die Reue zu spät ein, nie der Wunsch, Unrecht in Recht zu verwandeln. Drum harre und hoffe, gedulde dich, gib kein Ärgernis, mache kein unnützes Reden. Es fördert nicht und bringt uns nicht weiter. Heiliges Wollen liebt nicht das laute Geschrei des Marktes. Es will Zeit haben und im stillen wachsen und ausreifen. Liegt es in der Absicht unseres Vaters im Himmel, euch zusammen zu führen, er wird nicht ermangeln. Der Herr segne dich und segne auch sie. Er sei mit euch, jetzt und in der Stunde eures Ablebens.‹ ›Unseres Ablebens,‹ sagte ich aus verwundetem Herzen und fügte mich dem Verkündiger der tröstlichen Worte und seiner Verheißung.   Was blieb mir noch übrig? Ich konnte nur eins tun und tat es. Als man in Millendonk den Roggen einbrächte, befand ich mich im Haag bei den Meinen. Hier lehnte ich mich auf gegen den starren Sinn meines Vaters. Ich suchte meine Sendung hinzuhalten, entschlossen, erst im kommenden Frühjahr unter Segel zu gehen. Er flammte mich an und drohte, mir seine Gunst und seine Hand zu entziehen. Endlich gelang mir's, seinen Zorn zu besänftigen und ihn gefügig zu machen. Aber seit der Stunde tat sich eine Kluft zwischen uns auf, die selbst die liebevolle Fürsprache meiner Mutter nicht zu überbrücken vermochte. Wir gingen stumm und eigenwillig nebeneinander, und als die ersten Tage im Advent wieder eine heftige Aussprache brachten, schrie er mich an: ›Steckt ein deutsches Weibsbild dahinter, dann mag der Stamm derer van Donselaar verdorren ...‹ und hieß mich tun, was ich wollte. Ich bin wieder in Millendonk. Von ihr keine Nachricht. Die Weihnacht verlebte ich gemeinsam mit Kornelis Lommen, der mittlerweile in die Stelle des Pfarrers gerückt war. Er hatte ein Tännchen geschmückt, Tabak und Pfeifen gerichtet. Als die Zeit vorrückte, sang er mit seiner vollen und tönenden Stimme: ›Harre, meine Seele, harre des Herrn ...‹ und setzte heiter hinzu: ›Es wird alles schon werden.‹ Gott hat es anders gewollt, als es mein Freund sich dachte. Neujahr und das Fest der heiligen Drei Könige verbrachte er auf Millendonk, sprach von alten Zeiten und freute sich jetzt schon auf das Sprießen der Veilchen. Die Wetterkundigen erwarteten ein zeitiges Frühjahr. Die Stare waren bereits zurückgekehrt, und gegen alle Satzung in der Natur begannen schon die Haselkätzchen zu stäuben. Als er spät abends heimging, begleitete ich ihn ein Stück seines Weges, bat ihn aber gleich darauf, stehen zu bleiben und auf meinen Anruf zu harren. Ich eilte voraus und machte mir an einer kleinen Fichte unmittelbar neben der mir geweihten Buche zu schaffen. Dann rief ich zurück. Als Kornelis herantrat, glänzten ihm zwei Lichtchen entgegen, die ich den grünen Nadeln aufgesteckt hatte. ›Was bedeutet das?‹ fragte er kopfschüttelnd, aber freundlich wie immer. ›Zwei arme Seelen, die sich nicht finden können‹, sagte ich traurig. Da drückte er meine Hand und ging eiligst von dannen. Seit dieser Stunde fröstelte ich und lag Ende des Monats im wildesten Fieber. Ein Engel stand neben mir, einer von denen, die ihr Antlitz mit den Schwingen bedecken.   Ich spüre es deutlich: es duftete nach Arnikageist und anderen Essenzen. Es war Nacht um mich; das Dunkel hielt an. Ich hörte verworrene Laute, und diese Laute verliefen sich wieder. Eine zügellose Flucht von Gedanken fiel über mich her. Sie entrückten mich in vergangene Tage. Ich sah Puppen in bizarren Bewegungen und Formen. Schattenhände schienen mit den Drähten zu spielen. Die Geschichte von den Vier Haimonskindern und die von der schönen Magelone flossen kraus ineinander, und was das Seltsamste war: alle Puppen standen auf den Köpfen, als wären sie Akrobaten gewesen, Tollhäusler, Schwarbelköpfe, Dämonen mit gläsernen Beinen ... und dabei donnerte es aus der Höhe herunter: › Dies irae, dies illa! ‹ Wo befand ich mich nur? Ich wußte es nicht. Wie lange schon währte dieser entsetzliche Zustand? Mir fehlte jeder Sinn für das Zeitliche und Räumliche, jede richtige Auffassung von Sehen und Hören ... und nur eines Abends ... Ich sah die Kringel eines Nachtlichtes an der Decke auf und nieder zittern und zwei runde Augen durch die Scheiben glotzen. Dann war draußen ein Wuchteln und Wiegen. Gleich darauf vernahm ich in den alten Bäumen den Totenvogel singen. Alle Geräusche versanken dann wieder in das Meer des Schweigens, das sich lautlos, aber mit bleierner, stumpfer Bewegung über mich wälzte. Eines Tages begann es zu glitzern. Warme Sonnenstrahlen drängten sich durch die hellen Gardinen, fielen auf mein Bettzeug und ließen Myriaden von glimmerfeinen Ständchen in ihrem schraffierten Lichtglanz auf und nieder tanzen. Ich wunderte mich, daß die Kastanienbäume schon mit geschwellten Knospen in mein Zimmer hereinsahen. Neben mir stand eine Scherbe mit braunen Aurikeln. ›Nun kannst du bald deine Indienfahrt antreten,‹ sagte eine trauliche Stimme. Eine weiche Frauenhand glitt mir sacht über die Stirne. Es war die Hand meiner Mutter.   Acht Tage später ... Meine Mutter ist wieder in Holland. Ich stehe am Fenster und blicke über Wiesen und Triften bis tief in die Ebene hin. Die meisten Bäume sind noch kahl. Nur hie und da ein grünliches oder goldenes Schimmern. Aber den stattlichen Kastanien sah ich es an: es wollte schon lenzen, obwohl die Natur eigentlich trauern sollte, denn die Leidenswoche des Herrn hatte begonnen ... und wie ich so sinne, war Kornelis Lommen zu mir getreten, in seiner gewohnten Art und die Worte auf den Lippen: ›Siehe, mich haben die dunkeln Schwingen gestreift, und ich bin dennoch genesen. Eine große Feier ist um mich: die Feier des Lebens,‹ und trotzdem glaubte ich, ein schmerzliches Zucken in seinem Antlitz zu schauen. Zum ersten Male waren wir wieder allein, allein nach langen und bitteren Wochen. Ich deutete auf das warme Sonnenlicht und sagte: ›Kornelis, jetzt regt sich der Saft in Bast und Borke, und da sollte ich meinen ... Meister Xaver sagte doch im ›Blauen Karpfen‹: So Gott mir das Leben verstattet ... und daher: ist noch immer keine Nachricht gekommen?‹ Erst keine Antwort; dann hob Kornelis die Hand und versetzte kaum hörbar: ›Drüben liegt die kleine Stadt, die sich rühmen darf ... In ihren Mauern wurde Preußens größter Reiterführer geboren. Dort war sie und ist sie.‹ ›Was heißt das?‹ ›Adrian, dort hat sich ein Drama begeben, aber in meiner Brust und in der meines Konfraters da drüben liegt alles verborgen. Der Ärmsten ist wohl.‹ Der Boden begann unter meinen Füßen zu weichen. Ein sorglicher Arm legte sich um meine Schulter und versuchte es, mich aufrecht zu halten. ›Wir wollen stark und gefaßt sein und kein Aufhebens machen. Es fruchtet nicht und kann nicht mehr helfen. Der Herr rief sie ab. Nun sitzt sie mit ihm an den ewigen Tischen und segnet uns alle.‹ Läutete da nicht eine Glocke, eine dumpfe Glocke, eine furchtbare Glocke ... eine Glocke, wie sie denen läutet, die sich sagen müssen: ›Hier ist nichts mehr zu hoffen ...‹ und durch das Läuten hindurch sprach da nicht jemand, der mir alles erzählte? Nun war ich wirklich der armseligste Mensch auf Erden geworden. Wohl weiß ich noch, daß ich in dieses Läuten hineinredete ... daß ich mich aufmachen wollte ... daß man mir strengstens gebot: ›Du bleibst! Es ist alles geordnet. Du würdest das Unheil nur unter die Leute tragen. Es ist genug. Du hast gesühnt und den Kelch des Leidens bis auf die Hefe getrunken.‹ Das Antlitz des Sprechers begehrte auf, wie in der Stunde, als ich ihm meine Sünde bekannte. Wohl weiß ich noch, daß ich mich beugte ... meine Maßnahmen traf ... alles in seine Hände legte und ihm Anweisung gab, nach bestem Ermessen zu handeln. Ich tat, was ich konnte, um dann in die Knie zu brechen und mein Los zu beweinen.   Endlose Jahre hindurch stand das südliche Kreuz über mir. Wenn es auch verblaßt vor den lieblichen Bildern, die über Millendonk kreisen, so ist es doch wie ein Mirakel zu schauen. Es ist das Kreuz des Erlösers und wurde, mit edeln Steinen und Perlen umkrustet, durch lichte Engel von Golgatha gen Himmel getragen, um denen zu leuchten, die zu den Irrenden und Strauchelnden zählen. Ich weiß: eine Schuld läßt sich nicht wegleugnen, allein die Zeit schwächt die Erinnerung an sie ab und rückt sie in eine immer weitere Ferne. Unter den blühenden Mangobäumen an der javanischen See fand ich wohl nach und nach meine Ruhe wieder, aber nicht das Vergessen, wenn es auch abgeklärter und bedachtsamer wurde. Schließlich wandelte es sich zu einem rinnenden Nebel. Die schöne Tochter des Residenten von Bantam wurde mein Weib. Sie gab mir zwei Kinder. Ich fand ein spätes, ein gesegnetes Glück; aber dieses Glück war, als trüge es eine Dornenkrone um die fieberigen Schläfen. Arbeit und Würden beugten mich nieder. Und Kornelis Lommen ...? Ich sagte schon früher: Das ihm Anvertraute ist geborgen bei ihm wie in einem Reliquienschrein. So war es und blieb es. Seine übernommenen Verbindlichkeiten erfüllte er im Angedenken an sie und im Angedenken an meine furchtbaren Leiden. Ich selber war machtlos. Weib und Kinder hielten mich fest. Ich durfte nicht sehen und durfte nicht hören ... sonst: ich wäre der Zerstörer eines neu geschlossenen Bundes geworden. Das durfte nicht sein. Möge das Bahrtuch über dem Vergangenen liegen bleiben ... aber ich kann nicht vergessen. Eine Tote ist bei mir ... und das ist unerträglich geworden. Sie ruft mich, sie winkt mir ...   Die letzte mir vom König zugedachte Gnade lehnte ich ab, nicht mehr fähig, diese Bürde zu tragen. Mit den Meinen kehrte ich heimwärts. Ein großes, weißes Schiff führte uns durch blaue Tage und sternklare Nächte. Mein Sohn blieb auf Java. Ich aber ... nach langen vierzig Jahren wieder in Holland. Alle meine Lieben waren voll von Freude und Seligkeit, während ich selber langsam verblutete. Der Friede sei mit ihnen und segne sie und verleihe ihnen ein mildes Herz, wenn meine Schuld sie eines Tages anblicken sollte; doch wäre mir lieber, das Geheimnis bliebe ihnen für immer stumm. Auf Millendonk und in seiner Umgebung hat sich nicht viel verändert. Der Pächter lebt noch, er und sein Weib. Kornelis Lommen jedoch wurde abberufen. Maria Emerentia und er sind nunmehr zusammen. Er brachte ihr meine Grüße. Wie lange noch, so werde auch ich ... und Mahnung ergeht: Bestelle dein Haus, das Sterben trittnäher. Du aber ... du ...! verzeihe mir, wenn du die Kraft und den Willen dazu hast. Liebe und verehre deine Mutter, denn sie war das schönste und reinste Wesen auf Erden. Ihr Geist weilt noch stets im Schatten der alten Buche, in deren Rinde ich zwei verschlungene Herzen geschnitten. Suche das Glück auf Millendonk; du wirst es dort finden.«   Aloys Furtwanger ließ die weißen Blätter sinken. Die kalte Hand spürte er nicht mehr. Das monotone Geräusch des tropfenden Wachses verlor sich. Aber der hohe, schwarzgekleidete Mann stand noch immer neben dem brennenden Lichtstock. Sein Antlitz trug die Spuren tiefen Verfalles, doch auch solche, die an Verklärung erinnern. Seine gefalteten Hände entwirrten sich. Seine Lippen verharrten in eisigem Schweigen. Sie hatten nichts mehr zu sagen. Die Sendung Adrians van Donselaar war zu Ende. Seine Gestalt zerflatterte, umschleierte sich, um im milden Schein der kleinen Lampe mählich wie ein Schemen zu schwinden. Der Wissende stierte in das zirpende Licht und wischte sich über die Augen. »Es ist gut,« sagte er mit schmerzlichem Lächeln, glättete aufs neue die einzelnen Blätter und legte sie sorglich zusammen. Ein Klopfen schreckte ihn auf. Ohne das ›Herein‹ abzuwarten, trat jemand ins Zimmer. »Moritz, so spät noch?« »Glaubst du denn, ich hätte Werg in den Ohren?« Ein helles Lachen schlug ihm entgegen. In voller Montur, mit blitzenden Ankerknöpfen, eine Bordeauxflasche, in deren Pfropfen bereits der Korkzieher steckte, unter der linken Achsel und zwei Gläser behutsam zwischen den Fingern haltend, trat der Kapitän auf ihn zu, stellte das Mitgebrachte auf den Tisch, entstöpselte, schenkte ein und ließ abermals ein prächtiges Lachen erschallen. »Glaubst du denn,« rief er durch dieses Lachen hindurch, »der Sekretarius Tibus wäre ein versiegelter Brunnen? oder gar 'ne verstopfte Trompete? Menschenskind, diese gottssträfliche Freude! – und wenn auch man stehenden Fußes, aber in Anbetracht des heutigen Tages, in Wertschätzung deiner Person als Freund und Genosse – hier diese Bouteille ... Sie stammt noch aus meinen Verhältnissen, als ich die Ehre hatte, ›Maria, sei mit uns‹ zu führen. Da kloppte mir der alte Stinnes vergnügt auf den Däts und sagte: Moritz, wenn du mal 'n großes Pläsier hast, dann mußt du diese hier trinken. Gott Verdammich! – und dieses Pläsier ist mir heute gekommen. Aloys« – und er nahm ein Glas und drückte das andere seinem Freund in die Hand – »du weißt, wie ich's meine ... und wenn ich mich zur Stunde mit Nellecke auch man hundsmiserabel vertrage – das schert mich den Teufel! Ihr zwei beide ...« »Moritz, ich bitte ... ich weiß nicht ... mir sind seit einigen Tagen schwere Bedenken vor die Seele getreten ... Das mit Lambert und so ... ich möchte ein junges Glück nicht zerstören ... ich möchte nicht schuld sein ... ich weiß überhaupt nicht ...« »Was – mit Lambert und so?! Marotten! Pure Marotten! Selbst ist der Mann. Du mußt nur ordentlich Steuerbord nehmen. Holla! Du möchtest ihr Glück nicht zerstören? Unsinn! Dein Glück ist ihr Glück, und damit Prosit, mein Junge. Wie's reilt und seilt. Toppsegel hoch! und dem Herrn von Millendonk ein dreifaches Hurra. Er lebe!« Da trat ein dünnes Lächeln auf die Lippen des stillen Mannes, der noch immer durch eine Wirrnis von krausen Gedanken und Vorstellungen taumelte. Aber in dem Geläut der Gläser wähnte er ein zukunftsfrohes Klingen zu hören.   14 Bald darauf, an einem Sonntag, trat Johannes Terstegen aus einem niedrigen Häuschen in der Nähe des Kesseltores. Er war bei Jan Pröll, dem kleinen, spitzbübischen, rothaarigen Schlingel von Schreiber gewesen, der zwölf Kröpfer und einen Taubenschlag hatte. Unter dem linken Arm trug er eine blaue, fettleibige Tüte, die keineswegs einem kosmetischen Laden entstammte, vielmehr einen langen Schweif hinter sich her zog, dessen Duft an das zarte Arom von faulen Eiern erinnerte. Die Blicke aufwärts gerichtet, die spitze Nase hoch in der Luft, gleichsam um dem würzigen Mißgeruch mehr oder weniger aus dem Wege zu gehen, stakelte er dem Altmännerhaus zu, verärgert und milzsüchtig und noch immer den alten Haß gegen seinen Nachbar zwischen den Rippen. Drüben in Obermörmter vegetierte sein Einziger wie ein Schwerblessierter, weltabgekehrt, krank vor Liebe, um sein Höchstes und Bestes betrogen. Nellecke ließ sich nicht sehen, der blaue Mynheer war zugeknöpfter denn je, und nun hatte der Aktuarius noch das große Lotterielos gezogen, konnte wie ein Inderfürst leben, täglich Champagner trinken und saure Nieren verzehren. Gut! mochte er sich den Magen verderben, ihn, Johannes Terstegen, wandelte dieserhalb kein Neid an, denn er war ein gläubiger Christ, der alle Fügungen des Himmels respektvollst hinnahm, und zwar von der heiligen Satzung beseelt: »Der Herr hat's gegeben und ihm eine Extrawurst gebraten; der Name des Herrn sei gepriesen von jetzt an bis in alle Ewigkeit, Amen.« Allein diese unerhörte Zufalls- und Glücksgeschichte war geeignet, seinem Sohn Lambert den letzten Halt unter den Füßen zu nehmen. Geld ist Macht, befördert den krummsten Karnickelbock zum Liebling der Weiber und den Narren zum König. Der Tanz um das goldene Kalb vollführt die unsinnigsten Zicken und Sprünge. Ein Friedrichsdor wärmt besser das Bett an als die größte Kruke voll glühender Liebe. Kreuzmillionen und Zwieback ...!« Er wollte den Fluch in die Welt hinausschreien, bezähmte sich aber und sagte mit geduldsamer Einfalt: »Lasse deine Kleider immer weiß sein und deinem Haupte an Salbe nicht mangeln. Der Herr ist mein Hirt; er wird uns schon führen und tun, was Moses getan hat: er nahm das aufgerichtete Kalb, verbrannte es mit Feuer, zermalmte es zu Pulver, stäubte es aufs Wasser und gab es den Kindern Israels zu trinken. Also wird es geschehen, so wahr ich vertraue auf Gott, meinen Heiland.« Johannes Terstegen nickte zufrieden, denn sachdienliche Bibelworte wirkten auf ihn wie Öl auf die Wogen eines aufgepeitschten und entfesselten Meeres. Als er die Wohnung des Aktuarius passierte, kehrte das alte Unbehagen zurück. Er würgte, als säße ihm ein trockenes Stückchen Werg in der Kehle. Alle Läden waren vorgelegt. Am Eingang stand Drüke mit untergeschlagenen Armen, selbstgefällig und däftig, eine neumodische Klöppelhaube über Kopf und Schläfen gezogen, im piekfeinen Kleid und ein funkelfrisches Korallenkettchen mit goldener Schließe umgelegt. Da reckte sich der Achtzigjährige auf wie eine Telegraphenstange. »Was ist denn hier los?« fragte er mit einer gewissen Beklemmung. »Wir haben uns verändert, Mynheer,« war die lakonische Antwort. »Der Herr Aktuarius ist fort?« fragte der Alte. »Fort,« sagte Drüke. »Nach Millendonk vielleicht?« Sie zuckte schmunzelnd die Achseln. »Kann es nicht sagen, Mynheer.« »Und er hat nichts hinterlassen?« »Gar nichts, Mynheer.« »Wann kann er retour sein?« »Ich weiß nicht, Mynheer.« »Kommt er überhaupt nicht retour?« Die nämliche Antwort. »Was meinen und glauben Sie denn?« »Ich meine überhaupt nichts, Mynheer.« »Da soll ja der leibhaftige Satan ... Weibsvolk, verfluchtes ...!« »Merci, Mynheer.« »Hat sich was mit dem ›Merci, Mynheer‹!« und das noch immer gesunde Gebiß des Achtzigjährigen knirschte zusammen, als wenn es grandige Körner zerriebe. Ohne sich weiter um Drüke Anstoots zu kümmern, querte er die Grabenstraße und trat ins Altmännerhaus ein. Ein dreifach verdiebelter Grimm war ihm unter den Leibrock geschlagen, zumal da er sich sagte: »Natürlich, der Mensch ist nach Millendonk hin, sein unbändiges Glück zu betrachten und das Brautbett aufzumöbeln, während mein Lambert ... Jesus Christus, mein Lambert ...!« Er sah Nellecke schon als große Dame gekleidet, in Samt und Seide ausstaffiert und in 'nem pompösen Landauer durch die erheirateten Felder und Wiesen kutschieren, großartig wie 'ne Märchenprinzessin und aufgetakelt wie dem Baron von Moyland seine zweite Gemahlin, die 'ne richtige Gräfin war und mit neun Zacken aufwarten konnte. Dabei stänkerte ihm die mit Taubenmist gefüllte Tüte in die Nase hinein, als hätte ihm der veritable Gottseibeiuns in eigener Person das Rauchfaß geschwungen. Wie einem schönen Bratapfel der Saft, so spritzte ihm die helle Wut aus allen Poren, aus allen Fasern und Masern. Bei seinem Zimmer angekommen, war er nicht mehr Herr seiner selbst. »Dieser infame Kaptän! Er geht über Seelen, wenigstens über solche, die keine tausend Taler Renten besitzen. Oho!« und energisch fuhr er in die Hosentasche hinein, wo bei alten Nägeln, Bindfäden und Pfropfen sich auch ein Stück Kreide vorfand. Das nahm er und setzte es fest gegen die Stubentür an. Mit ungelenker Hand malte er einen Totenkopf hin, zeichnete zwei sich kreuzende Gebeine darunter und kreiste das Ganze mit drei Buchstaben ein – mit einem schiefen lateinischen I, einem krummen M und einem vollgemästeten A, ungefähr so: was andeuten sollte: »Moritz und Aloys – selbst über den Tod hinaus: euch hat Johannes das Urteil gesprochen. Fahret ins Elend und ins höllische Feuer!« eine Auslegung, die ihm das innere Gleichgewicht allmählich zurückgab. »Das für die Kerle, für den hier und den andern da drüben.« Mit scharfem Gemecker warf er den Kopf in den Nacken. Haß und Unmut sanken ihm dabei wie morscher Zunder vom Leibe. Erhobenen Hauptes betrat er sein Zimmer. Heiteres Sonnenlicht lag auf den weißgekalkten Wänden, an denen die Leidensstationen Christi in grellilluminierten Öldrucken hingen. Die ganze Einrichtung machte einen nüchternen, fast asketischen Eindruck. Ein einfaches, weißüberzogenes Bett, etliche Tische und Stühle, ein Sofa mit gehäkelten Schonern, ein Bücherbrett mit Schriften strengkatholischen Inhalts und ein Lehnstuhl aus Weidenholz bildeten das Hauptmobiliar der geräumigen Stube, während ein Flachsfink seine einfache Strophe in die glitzernden Sonnenfäden hineinzwitscherte. Der weiße Mynheer nahm eine blecherne Kanne, schüttete den Inhalt der blauen Tüte hinein und übergoß den Dung mit laulichem Wasser. Dann trat er ans Fenster. Hier standen vier kräftige Fuchsienstämmchen auf Reihe, prächtige Bäumchen, deren Kronenzweige sich unter der Blütenfülle senkten. Das erste Stämmchen trug karminroten Schmuck. Johannes Terstegen führte ihm eine ordentliche Dusche zu und sagte: »Sei mir gegrüßt, mein lieber Matthäus,« denn auf dem glasierten Topf standen die Worte geschrieben: »Siehe, die Jungfrau wird empfangen und einen Sohn gebären.« Dasselbe geschah mit dem zweiten. Dessen Kelche waren purpurfarbig mit weißen Korollen. Gierig sog die Erde die fruchtbare Feuchtigkeit ein, während der Alte die Worte murmelte: »Markus, gedeihe,« denn die Inschrift auf der Scherbe erzählte: »Ich bin nicht würdig, die Riemen deiner Schuhe zu lösen.« Das dritte Bäumchen wurde bewässert. Hier hingen die Blüten so dicht nebeneinander wie die Würste im Rauchfang. Jede einzelne hatte sich ein knallrotes Kamisol mit 'nem violetten Höschen zugelegt, und über sie hin sprach er mit Salbung und Kernhaftigkeit: »Lukas, ich danke dir herzlichst. Du bist fleißig gewesen,« und wer genauer zusah, konnte auf dem mastigen Topf die Worte entziffern: »Du bist gebenedeit unter den Weibern.« Der letzte Guß plätscherte nieder. »Fuchsia, gracilis,« sagte der weiße Mynheer, und sein Auge glitt mit Wohlgefallen über die zierlichen Gehänge, die wie rosige Flöckchen sich über- und untereinander drängten. »Johannes, mein Liebling!« und er fügte leise hinzu: »Im Anfang war das Wort,« und das mit Recht, denn solches stand wirklich und wahrhaft auf dem gebrannten Tongeschirr verzeichnet ... und er redete weiter und sagte: »Und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort. In ihm wohnt das Leben, und das Leben geht als Licht zu den Menschen. Und das Licht scheinet in der Finsternis; allein die Finsternisse haben es nicht begriffen. Ich aber begreife, und ich harre des Lichtes und harre des Tages.« Er hatte sich alle Zweifel und Ängste vom Herzen geredet. Er stellte den überschüssigen Dung beiseite, brannte sich eine Kalkpfeife an, ließ sich in den Weidenstuhl nieder und betrachtete seine Lieblinge, die vier Evangelisten, wie er sie nannte, mit glücklichen Augen, als wenn er etwas Heiliges sähe. Der kräftige Ammoniakgeruch, der den Töpfen entströmte, wandelte sich für ihn in den Hauch von Myrrhenhügeln und Balsamstauden – ein Duft, der ihn in die gesegneten Gefilde des gelobten Landes versetzte. Matthäus, Markus, Lukas und Johannes ...! Welche Namen! Welche Geistesheroen! Welche Schild- und Schwertträger des Menschensohnes, des Predigers, des Gegeißelten, des ans Kreuz Geschlagenen, der gen Himmel fuhr, um dort sein Königtum wieder aufzunehmen! Und nun standen sie vor ihm, diese Helden, wenn auch nur als Fuchsienstämmchen; aber sie grünten und blühten und verkörperten ihm die Überlieferer und Träger der Lebens- und Leidensgeschichte des überirdischen Fürsten, machten ihm die Sinne heiter und die Seele vergnüglich. Wären nur nicht die verschlossenen Läden da drüben gewesen! Sie gemahnten ihn aufs neue an Nellecke und Lambert, an seine Widersacher, an Millendonk und das tiefsinnige Gleichnis, das besagte: »Ein Friedrichsdor wärmt besser das Bett an als die größte Kruke voll glühender Liebe ...« und so beschloß er denn, eine geharnischte Epistel an Lambert zu schreiben und ihn zu veranlassen, endlich das Schweigen zu brechen, Stellung zu nehmen und das befreiende Wort in die Ungewisse und dunkle Liebesgeschichte zu tragen. »Kreuzmillionen und Zwieback ...!« aber was er auch anzuordnen und zu beschließen gedachte – die Fenster an dem kleinen Häuschen da drüben hellten nicht auf, waren verrammelt und blieben es den lieben langen Sommer hindurch und die Tage hindurch, wo bereits die Kartoffelfeuer auf den Feldern schwelten, die Krammetsvögel in den Ebereschen lärmten und die Hasen ihre Löffel anlegten, um ungefährdet durch das Gesirre der infamen Schrote zu gleiten. – Um Aloys Furtwanger und die jüngsten Begebenheiten spann sich ein Netz von Legenden. Der rothaarige Schlingel von Schreiber, der Besitzer der vier Evangelisten, der Herr Sekretarius Tibus und andere sorgten eifrigst dafür, diesen Legendenkranz noch blühender und komplizierter zu machen. Die gewagtesten und widersinnigsten Behauptungen stellten sich auf, gleich italienischen Pappeln, und die kühnsten von ihnen wagten es sogar, mit ihren Nasenspitzen gegen den blanken Turmhahn von Sankt Nikolai zu stoßen. Die plötzliche Abreise des vielbesprochenen Mannes machte das Rätsel noch verzwickter und tiefer. Mitten auf dem Markt lag die niederrheinische Sphinx, peitschte mit ihrem Schweif Blätter und Äste von der großen Linde herunter und warf immer neue Mirakel und harte Nüsse zwischen die verstörten Menschen, aber niemand wagte es, die Lösung zu finden und die Nüsse zu knacken, aus Furcht, von dem breithingelagerten Untier verschlungen zu werden. Nur Röschen Jungklaas ... aber sie hatte mit der niederrheinischen Sphinx nicht das geringste zu schaffen, sondern der Aktuarius selber ... Am Tage seines geheimnisvollen Verschwindens hatte sie von ihm in seiner zierlichen und verschnörkelten Schreibweise ein Briefchen folgenden Inhalts empfangen: »Liebwertes Fräulein! Sie wissen es ja: die hiesigen Menschen sind wie Espen. Der geringste Windhauch bringt sie ins Plaudern und Plappern. Ich möchte mich diesem Geflüster entziehen, denn nichts ist unerträglicher für mich als ein stetiges Tuscheln und Säuseln. Nach all den Tagen seelischer Aufregungen bin ich der Ruhe bedürftig und kann kein Espenzittern vertragen. So gehe ich denn, bis sich die Schwatzsüchtigen genug mit meiner Person beschäftigt haben und sich ein neuer Stoff in ihre lispelnden Zungen hineindrängt. Ich rechne mit etlichen Monden. Dann wird sich für mich die ersehnte Sabbatfeier wohl einstellen, eine gesegnete und beschauliche Feier, die ich von Herzen herbei wünsche. So ums Blätterfallen herum ... bis dahin kann's dauern. Leben Sie wohl, Fräulein Röschen. Möglich: unsere Sechsundsechzig-Spielchen und Teestündchen dürften dann nach all den seltsamen und verstörenden Dingen noch angenehmer und freier, noch trauter und heimlicher werden. Und damit: Gott befohlen für heute! Getreulichst der Ihre. Aloys Furtwanger.« Das war es. Immer wieder las sie die schlichte und einfache Nachricht, spielte zwischendurch die anmutigen ›Klosterglocken‹ und harrte geduldig auf den ungewissen Termin des Blätterfallens, während Christine Jordans nachdenklich die Kunden bediente, dem Haushalt vorstand und sich zu ihrem größten Leidwesen gezwungen sah, die klüglich ausgeheckten Heiratsmöglichkeiten immer tiefer zu hängen. »Mein Gott!« sagte sie öfters, »nu zerkrümelt mir allens. Früher – natürlich, bei seiner etwas einfachen Lage, da war noch 'ne gewisse Hoffnung vorhanden. Jetzt aberst und besonders aufzuwarten in seinem opulenten Verhältnis, mit Millendonk und die Glücksgaloschen als Gummischuh' übergezogen – da muß einer schon aus der Balancierung gelangen und das Schlimmste erwarten; denn wie kann er da noch auf Röschen verfallen?« und sie schüttelte traurig den Kopf und bedauerte die Mamsell aus tiefstem Grund ihres Herzens. Auch der blaue Mynheer fühlte sich ungemütlich in seiner menschlichen Schwarte. Dieses spurlose Abwandern vor Tau und Tag durfte nicht kommen, war gegen Sitte und Anstand. Denn er, Moritz van Dornick, in seiner Eigenschaft als Schwiegervater in spe , hatte doch Anwartschaft darauf, ins Vertrauen gezogen zu werden, um wenigstens für seine Person 'ne besondere Estimierung zu haben. Aber kein Sterbenswörtchen, keine Silbe, nicht der leiseste Hinweis ... und als er dann noch den Totenkopf gewahrte, seine Bestimmung erriet und trotzdem seinem Stubennachbar nichts anhaben konnte, lärmte er durch den langen Flur wie ein Tambourmajor, schlug die Tür hinter sich zu, riegelte ab und legte sich einen steifen, dreitägigen Rausch zu, worin er das Vergessen suchte und dennoch außer stände war, das Vergessen zu finden. So vergingen die Tage, die Wochen, die Monde. Die fetten Äcker hatten ihre goldenen Wellen verloren. Stoppel bei Stoppel, dazwischen ungebrochene Felder und frischbebaute Parzellen. Die Bäume warfen ihr spärliches Laub als Bettelwerk ab, fingen die Rheinschwaden auf und standen abends in gespensterhaften Nebelkapuzen. Es ging mächtig ins Frösteln hinein. Die Herbst- und Winternot, aber auch die Herbst- und Winterfreude pochte bereits an die Türen, erzählte kalte und traurige Geschichten, aber auch solche, die sich mit Sinter Klaas, dem Stern von Bethlehem und delikaten Bratäpfeln beschäftigten. Die Tage waren meistens grau und verhangen, die Nächte ohne blinkendes Sternenfeuer. Keine Vogelstimmen mehr. Nur dunkle Krähengeschwader flogen mit heiserem Lamentieren den westlichen Himmel an, begleitet von dem ebenmäßigen Rhythmus der Dreschflegel, die auf allen Tennen der weiten Umgebung tackten und tockten. Und da eines Morgens ... Das Häuschen, in dem der Herr Aktuarius wohnte, legte die Läden beiseite und zeigte sich wieder im Schmuck seiner hellen Gardinen. Der Aktuarius jedoch ... Straffen Ganges, mit sich selber völlig im klaren, schnurgerade aufrecht schritt er auf das Altmännerhaus los, trat über die abgewetzten Klinker, nickte dem heiligen Joseph zu, dessen dürres Kränzchen im scharfen Luftzug raschelte, und klopfte beim blauen Mynheer an. »Immer man 'rin in die Koje!« donnerte Moritz, und als der Aktuarius eintrat ... Zwei derbe Arme packten ihn, zogen ihn an sich und betteten ihn fürsorglich in eine Sofaecke hinein. Dann polterte er los: »Ein Kalb sollte man schlachten und 'n Ferkel abstechen, um diesen Tag zu begehen. Menschenskind, einem solche Molesten zu machen! Ich dachte schon, das Schiff sei versoffen, mit Mann und Maus versoffen, mit Wanten und Planken und bis zur letzten Ratze hinunter. Menschenskind!« – und mit einem kräftigen Schwung setzte er sich ihm dicht an die Seite, stemmte die Handknöchel ein und musterte den verlorenen Sohn mit traurigen Augen – »wir als die besten zwei Freunde ... um dann heimlicherweise aufzukreuzen und durch Nacht und Nebel zu schlingern ...! Das hält der Stärkste nicht aus, macht ihn marode, wirft ihn auf Sand und bringt Heck und Back unter Wasser. Aloys, und wir haben uns doch vergangenen Silvester Freundschaft zugeschworen, auf Leben und Sterben, wie's reilt und seilt und auf Brüdergemeinschaft. Und nun macht Terstegen noch die dummen Geschichten ... die dummen Geschichten!« und seine Worte wurden dünnfadig, zwirnten langsam auseinander, um schließlich ganz zu zerspleißen. »Moritz, verstehe mich richtig, nimm meine Reise so auf, wie sie aus der Natur der Dinge herauswuchs. Nach all dem Erduldeten und all dem Zerquälten – ich konnte nicht anders. Wäre ich hier geblieben, ich hätte ja in 'ner Gesellschaft von fürwitzigen Heideläufern und Besenbindern gesessen. Das durfte nicht sein, denn siehe: das ewige Gefrage mußte erst abflauen und langsam versacken. Solches können scheue Menschen und Tote nicht hören. Außerdem: ich wollte mich auf mich selber besinnen, das vergangene Leben überdenken und das heraufziehende näher veranschlagen. Dazu hatte ich die Einsamkeit nötig. So bin ich denn unauffällig ins Weite gezogen. Erst nach dem Landgericht hin, wo sie mich anforderten, das unter Akt und Siegel Gebrachte noch in gesetzlicher Form zu verbriefen; dann auf Millendonk zu. Dort blieb ich fünf Wochen, sah nach dem Rechten, ließ mich belehren und versprach, im kommenden Frühjahr endgültig überzusiedeln. Von hier zog ich weiter, ganz einsam, den Rhein hinauf, den Neckar entlang, bis ich zum Württembergischen Filder gelangte. Du weißt ja« – und seine Stimme flatterte am Boden, hin wie ein zerknitterter Strohhalm – »von dort stammte sie her ... aus Nürtingen ... von kleinen, aber ehrlichen Leuten. Ich wollte ihre ersten Spuren suchen und sie restlos aufdecken. Aber ich fand nichts. Nur das Grab ihrer Mutter ...« und mit jäh aufsteigender Hast setzte er eiligst hinzu: »Alle sind tot, nur ich bin übrig geblieben. Und jetzt« ... und mit dem festen Entschluß, klare Bahn zu schaffen, seiner Zweifel Herr zu werden und allen Eventualitäten straff zu begegnen, riß er sich auf und sagte mit schöner und heller Betonung: »Mein erster Ausgang ist hier dieser gewesen, und dir gegenüber habe ich eine Erklärung zu machen. So höre denn. Der Mensch kann 'ne gehörige Portion Dunkel vertragen. Aber immer nur Ungewißheit und Schatten – das geht nicht. Endlich muß er doch wissen, wohin seine Fahrt geht. Ganz gleich, wie sie ausfällt, und daher: ich bitte mir deine Ermächtigung aus, mit Nellecke unter vier Augen sprechen zu dürfen.« Der Alte erhob sich. Seine Augen glänzten wie Kobalt. Mit beiden Fäusten zupfte er seine Weste herunter. »Mit Nellecke? Völlig mein Standpunkt. Ist es immer gewesen. Im diesigen Wetter ist schlecht navigieren. Sichtiges Licht muß man haben. Ganz meine Ansicht. Ich wollte nur bemerken: seit dem Drei Königen-Tag hat sich 'ne Kluft zwischen Vater und Tochter geschoben, und die Herren Terstegen sind munter dabei, diese Kluft zu erweitern. Mir ganz egal, was diese Menschen betreiben, aber es schmerzt doch, so was erleben zu müssen. Seit gestern indes ist das besser geworden. Mit dem weißen Mynheer nicht – aber mit Nellecke besser geworden, denn sie ist bei mir gewesen, ganz zutraulich und nicht wieder zu kennen. Sie fragte nach diesem und jenem, sprach von der Zukunft und ob ich größere Ersparnisse hätte. Alles recht verständig und so, als wenn sie es einem andern zuwenden möchte, dabei hatte sie ein klares Wasser in den Augen und konnte oft vor Rührung nicht sprechen, und da dachte ich mir: möglicherweise ...« Der Kapitän brach ab und sah dem Aktuarius stramm in die Augen. »Und deine Ermächtigung, Moritz?« »Selbstverständlich: die hast du.« »Dann will ich noch heute ...« »Schwer das mit heute. Sie ist nach Emmerich hin, um dort, wie sie sagte, mit Ewert zu plaudern. Ich glaube, sie will mit ihm in 'ner wichtigen Angelegenheit reden, seinen Rat vielleicht haben ...« »Moritz, ich kann nicht mehr warten. Es drückt mir das Herz ab.« »Dann geh' ihr entgegen. Ums Abendläuten wird sie retour sein. Am Hechelkreuz kannst du sie treffen. Dann aber auf's Ganze. Nicht lange gefackelt; denn alles was van Dornicksches Blut hat, will mit Munterkeit angepackt sein und mit feurigen Armen.« »Moritz ...!« Dem also Angeredeten stieg es heiß in die Kehle. »Natürlich, mein Junge! Du willst doch?« »Ich will.« »Endlich!« rief der blaue Mynheer und legte seinen Arm in den seines Freundes. »Schwerebrett und kein Ende! wer den Mut und die Einsicht besitzt, die Faust ans Ruder zu legen, hat schon halber gewonnen. Na also – mit Gott denn! Ganz partie egal, ob es von Lee oder Luv bläst. Topps hoch und alle Segel im Wind! Dann kann's nicht verschlagen ... und wenn du hinausziehst – Junge, Junge, Junge! ich steh' auf Deck, in voller Montur, den Südwester übergezogen, und halt' dir den Daumen. Vorwärts denn und fröhliche Ausfahrt!« Und als es dann Abend wurde ...   Und es war Abend geworden, aber ein Abend mit harten Lichtern und festen Konturen. Ein nadelfeiner Wind, der seit einigen Stunden von Norden her wehte, hatte die grauen Wolken beiseite geschoben. Eine chromgelbe Wand, die den ganzen Westen bedeckte, deutete auf herzhafte Tage. Auf dieser Goldfolie ruhten die kahlen Bäume mit einem verzwirnten Netzwerk von silhouettierten Ästen und Zweigen. Es hing wie Frost in der Luft, wie das Nahen von scharfen Kristallen. Am Hechelkreuz, wo ausgedehnte Schilf- und Rohrbestände weit ins Binnenland rückten, war ein emsiges Flüstern und Rascheln, das nicht aufhören wollte. Hier machte der Dreifaltigkeitsdeich eine mächtige Krümmung, um dann, an stillen Gehöften und Dörfern vorbei, in schnurgerader Richtung nach Emmerich zu laufen und Verbindung mit dem sich am linken Ufer hinziehenden Rheindamm zu halten. Das Hechelkreuz beherrschte die Gegend. Von hier ließ sich das ganze Land verfolgen, so weit es das spärliche Licht des Abends erlaubte. Man konnte Wissel und Till sehen und all die reichen Bauernschaften, die in der Ebene lagen. Nur auf der Deichkrone selber und ungefähr dort, wo sich die Biegung verlor, bildeten aufgehäufelte Faschinen und Weidenhürden einen toten Punkt in der Fernsicht, das einzige Hindernis, das sich hier dem Auge bot ... und doch, wie alles so zartmaschig war, so sichtig und wie mit Glas übersponnen, obgleich allmählich die Stunde heraufzog, wo die ersten weißen Pünktchen am Himmel aufglimmen mußten! eine große Verheißung, die Medaillen und Rosenkränze des ewigen Vaters! Die chromgelbe Wand verblaßte und nahm einen grünlichen Ton an, und von diesem grünlichen Ton umleuchtet, stand Aloys Furtwanger schon seit einer kleinen Stunde auf Posten, in Schlapphut und Lodenrock, von einem festen und zuversichtlichen Willen getragen. Als Froher hoffte er heimzukehren, sein erkämpftes Glück im Arm, sein höchstes Sehnen erfüllt und geborgen – und trotzdem: in seiner Brust war ein Stürmen und Drängen. Sein Blut arbeitete. Er fühlte den Pulsschlag bis in die Schläfen hinein. Sein Herz tat ihm weh, und der schmerzliche Gedanke bedrückte ihn: »Darfst du es wagen? Bist du Manns genug, ein junges Leben an das deine zu ketten und ihm die Freude zu geben, die es beanspruchen darf vor Gott und den Menschen, seinem Wesen und seiner Veranlagung nach, um nicht eines Tages mit leeren Händen dazustehen und sich fragen zu müssen: Die du an dich gefesselt, war krank vor Liebe, ist es bis heute noch, und du bist nicht imstande gewesen, ihr diese Liebe zu geben?« Er biß die Zähne zusammen und krampfte die Fäuste, daß die Fingernägel sich eingruben. »Warum dieses Grübeln? Diese ewigen Zweifel? War er schlechter, minderwertiger als die übrigen Menschen?« Er lachte bitter auf. Recht für jeden, Freiheit für alle. Ja, er konnte die Verantwortung auf sich nehmen. Er fühlte sich wert und würdig, die Gunst eines jungen Weibes zu kosten und sich ihres schönen Leibes zu erfreuen. Also – warum nicht? und er suchte wieder die Deichkrone ab, die spurfeine Linie, die schon in der Ferne begann wie auf einem silbernen Nebel zu schwimmen. Seine Blicke gingen nicht fehl. Das war Nellecke van Dornick. Er konnte nicht irren. Ihre rasche und feste Gestalt war ihm unauslöschlich in die Seele geschrieben. Jetzt tauchte sie unter. Sie mußte den Faschinenaufbau umgehen, um gleich darauf aufs neue ins Freie zu treten. Aber sie kam nicht wieder zum Vorschein. Es war so, als sei sie von der Umgebung eingeschluckt worden. Da riß es ihn fort wie mit Sturmesschwingen. Zwei Minuten später sah er sie auf einem Strauchbündel sitzen, im Schatten des Stapels, ein Tuch um die weichen Schultern geschlagen, vornübergebeugt und die Stirn auf den Knien – regungslos, wie aus Stein gemetzt und in der Haltung eines verstörten Wesens. Da zerrann ihm aller Mut wie Sand unter den Fingern. »Mein Gott!« sagte er schmerzlich, »hier muß was passiert sein,« und trat auf die Verlassene zu und berührte sie, wie ein Priester die geweihte Hostie berührt. »Nellecke!« rief er sie an. Da flog sie auf, zog ihr Schultertuch fester zusammen und stierte ihn an mit den Augen des Grauens und des Entsetzens. Ihr Antlitz war bleich wie das einer Toten. »Sie wissen doch nichts?« fragte sie heftig. »Was soll ich denn wissen?« »Was mit Ewert passiert ist ... in Emmerich ... bei Harkopp \& Söhne ...!« »Was ist denn geschehen?« »Nichts, nichts, nichts!« schrie sie auf. »Gar nichts ist mit Ewert geschehen. Aber Vater ... Vater ... dem dreht sich das Gesicht in den Nacken. Mein Gott! und ich kann selber nicht weiter.« Ihre Sinne schwanden. Sie griff in die Luft und drohte niederzusinken. Da legte er den Arm um sie her und bettete ihre heißen Schläfen an seine Brust und redete ihr zu und sagte in seiner zutunlichen und freundlichen Weise: »Nellecke, es wird sich alles schon geben. Auch das mit Ewert ... und was da immer passiert ist: das braucht niemand zu wissen, das geht keinen was an, denn die meisten, auch die, die ehrlichen Herzens sind und es gut mit uns meinen, sind ungeschickt wie tapsige Bären und machen ein Unglück, das sie abzuwenden gedenken, nur noch weher und tiefer. Da muß schon ein Gottesbote kommen, ein Gesandter des Herrn, um die Falten des Kummers auseinander zu legen und Balsam in die Wunden zu gießen. Ich bin kein Gottesbote und kein Abgesandter des Herrn, aber Nellecke« – und zum ersten Male kam ihm das vertrauliche ›du‹ über die Lippen – »du mußt mich anhören und alles so hinnehmen, wie es gemeint ist. Nein, ich bin kein Abgesandter des Herrn, zähle aber auch nicht zu den tapsigen Bären. Geschehenes ist nicht ungeschehen zu machen. Das kann nur der Himmel. Aber, Nellecke, sieh mal: ich bin ein Freund deines Hauses. Ich kenne dich ... und kenne den Vater ... und kenne auch Ewert ... und für alle lege ich die Hände ins Feuer. Auch für Ewert? Ja, auch für Ewert ... und wenn er in den Leichtsinn hineinging, so ist das eitel Leichtsinn gewesen ... nichts Böses ... nichts Schlechtes ... und weil ich eben schon sagte: Ich bin ein Freund deines Hauses, so sei mir auch die Frage verstattet: Nellecke, kann ich nicht helfen?« Sie gab keine Antwort, aber er fühlte: sie war stiller und gefaßter geworden. Ihr wilder Herzschlag schwächte ab, das Zittern ließ nach, und ihre erregte Brust, die noch kurz zuvor gepocht und gestürmt hatte, als wäre sie aufgepeitscht worden, nahm einen ebenmäßigen Gang an, klopfte ganz heimlich, war wie das sanfte Spielen eines Blütenbaumes, und da fragte er wieder: »Nellecke, kann ich nicht helfen?« Da warf sie den Kopf in den Nacken. Der letzte Abendglanz verklärte ihr Antlitz. Ein Gedanke flog in ihr hoch, wurde zur Flamme, zu einem strahlenden Scheiter, der ihr den Weg der Hilfe in der Finsternis zeigte. Wie sie aufstieg, diese züngelnde Flamme, wie sie alles erhellte, wo Nacht war, und wie sie ihre Seele erfreute! Sie brauchte nur durch diese hohe Flamme zu schreiten, um die Erlösung zu finden. »Du ...!« schrie sie auf. Auch ihr war das vertrauliche Wort auf die Zunge getreten. Auch sie empfand: in seiner Nähe ist Ruhe ... und ihr Leib straffte sich, wurde hart wie Stahl, drängte sich an ihn, offenbarte ihm die Schönheit und Reinheit des Weibes, das größte und heiligste Wunder auf Erden, um dann wieder matt und hinfällig in seinen Armen zu werden. Der befreiende Gedanke hatte sein Fliegen vergessen und die Flamme ihr Leuchten. Das Weib im Weibe wollte sein Recht, seine wahre Bestimmung, wollte nicht abirren, nicht geben, was es nicht zu geben vermochte, und da sagte sie traurig und mit mutloser Stimme: »Nein, du kannst mir nicht beistehn. Siehe: ein Brief kam von Ewert ... und in diesem Briefe schrie er mich an: Hilf mir! und als ich zu ihm kam, fand ich alles so leer und traurig wie in einer verödeten Kirche. In diese Kirche darf niemand hinein. Auch du nicht. Nur wir, die van Dornicks, sonst keiner. Und was ich hörte ... nichts Rohes, nichts Erbärmliches; nur eine sträfliche Verfehlung ... aber die Kirche wurde dennoch entheiligt, so wie man unsere Ehre entweihte. Ein Fähnlein ist leicht niedergeholt, aber schwer wieder an die Stange gebunden. Das können nur wir tun, nicht andere. Wenigstens jetzt nicht, zurzeit nicht. Ich muß erst mit Vater ... Ach, wenn ich das erst hinter mir hätte!« und sie griff nach seinen Händen, drückte sie innig und sagte: »Nein, du kannst mir nicht helfen. Du nicht. Ich weise es von mir. Gerade die Hilfe von dir ... ich will nicht ... ich darf nicht ... ich käme mir schlecht vor ...« »Nellecke!« und wieder hatte er sie an sich gezogen, suchte nach Worten und fand sie in stammelnden Lauten: »Ja, ich möchte so gerne. Ich möchte ... Dein Geheimnis sei mein Geheimnis, dein Leid das meine. Siehe: zeit meines Lebens bin ich wie ein armes Kerzlein am Allerseelentage gewesen. Nichts blühte um mich, nichts grünte um mich. Jetzt aber: ich möchte grünen und leuchten, möchte durch ein Märchenland gehen, immer weiter und weiter, bis dorthin, wo ich dich finde, um dir ein Sonnenkrönchen um die Schläfen zu legen.« Und mit scheuer Hand glitt er über ihr Haar, über ihre weichen Schultern, über das keusche Wunder ihres jungen Leibes. »Nellecke, ein Sonnenkrönchen aus lauterem Golde ... Und dein Herz möchte ich nehmen ... es aufheben, wie man ein Heiligtum aufhebt ... es aller Welt zeigen ... und aller Welt zurufen: Seht euch dies Herz an! Es ist mein geworden für ewig und immer,« und er beugte ihren Kopf zurück, schaute sie an und sagte: »Habe mich lieb – du!« Sie stand wie gebannt. Ihre Glieder erstarrten. Sie wähnte: das weite Land stünde in feuriger Glut. Eine blutrote Lohe lag um sie, rückte näher, hüllte sie ein ... und aus dieser blutroten Lohe flehte es nochmals: »Habe mich lieb – du!« Da warf sie beide Arme aufwärts. »Wenn ich nur könnte, wenn ich nur dürfte! Du Rechtschaffener, du Treuer! So rein und so voller Menschenfreude und Güte! Wie soll ich dir danken, wie mein Schicksal ertragen? Ja – du, ich liebe dich innig, aber ich habe einen andern noch lieber.« Es schrie in ihr auf. »Ich gab ihm mein Jawort. Ich kann nicht mehr anders. Vergiß mich. Mache mich nicht unselig – dich nicht und mich nicht. Es ist schon das Beste. Aber kommen sollst du ...« und sie warf ihm ihre Arme um den Nacken und preßte sich an ihn und drückte ihren heißen Mund auf den seinen, und sie küßte ihn lange. »So wollen wir scheiden,« und sie machte sich frei und ging über den Deich hin, der nahegelegenen Stadt zu. Und Aloys Springinsröckel?! Fassungslos sah er ihr nach, ganz durcheinander und von Schauern durchrüttelt ... trotz seiner irdischen Güter: der Ärmsten einer auf Erden. Mit verlähmter Hand fuhr er sich über die Augen und blickte in das matte Glänzen der Mondsichel, die silbrig aufstieg am tiefen Horizont, am Horizont, der grenzenlos war, ewig, unermeßlich, ohne Anfang und Ende ... und ein dunkler, großer Vogel glitt über ihn fort, strebte langsamen Fluges dem Westen zu, um dort zu versinken. – Als der Aktuarius nach Hause kam, fand er den Kapitän bei brennender Lampe vor, hochroten Kopfes und voller Erwartung. »Na – und ...?« fragte er mit aufgerissenen Augen. »Moritz, ich habe keine gute Stunde gefunden.« »Was nicht gefunden? Himmel Verdammich! keine gute Stunde gefunden? Da soll ja dem Weibsbild ...« Er hatte einen wilden Fluch auf den Lippen. »Fluche nicht, Moritz! Du sollst nicht verfluchen. Dein Fluch träfe eine Heilige. Ich weiß, was mir Not tut. Einkehr und Einsicht. Du und ich – wir sind nicht würdig, ihr die Riemen der Schuhe zu lösen.« Der Alte stieß einen tierischen Laut aus. »Das muß ich erleben, ich, der Kaptän von ›Maria, sei mit uns‹?!« Er streckte die Faust aus. »Moritz, sei ruhig! Sie wird dir alles erzählen.« »Mag sie kommen, aber heute nicht mehr. Ich will sie nicht sehen ... überhaupt nicht mehr sehen ...« Damit hatte er das Zimmer verlassen, schleppte sich stur und steif durch die Straße und suchte das Licht auf, das die ›Goldene Kugel‹ über den Marktplatz verstreute. 15 Andern Tages. Der erste Rauhreif war niedergegangen. Bäume und Sträucher trugen kandierte Wämser. Jedes Zweiglein erstrahlte wie Zucker. Mit seinem Klingen rieselte es von den Ästen herunter. Der Rhein schwelte. Schwerfällig wie ein baktrisches Kamel schaukelte er sich im Morgennebel an dem alten Emmerich vorüber. Er ließ sich Zeit. Immer noch früh genug kam er nach Holland. Warum da sich eilen? Ein monotones Getute wälzte sich über das langsame Wasser. Es kam von der Werft und den Landungsbrücken. Hier und da der Ruf einer lauten Sirene, das Anschlagen einer Schiffsglocke, das Stampfen der Maschinen in den eisernen Rümpfen, die noch vor Anker lagen. Dann ein Rasseln der Ketten. Der erste Steamer gab Dampf her, drehte ab und fuhr gemächlich rheinaufwärts. Der klotzige Turm von Sankt Aldegundis streifte sich das dunstige Laken herunter. Sein Helm glänzte im Frühlicht. Das Land klärte auf. Die Häuserzeilen der Stadt wurden sichtbar. Arbeiterkolonnen marschierten dem Hafen zu, verteilten sich ihrem Auftrag gemäß und machten sich fertig. Der Tag brach an. Die Arbeit hatte begonnen. Auch in dem Hause Harkopp \& Söhne. Punkt acht Uhr saßen alle Angestellten vor ihren Pulten und Tischen. Die Federn kritzelten über das blaue Papier, reihten Zeile an Zeile oder malten drei- und vierstellige Zahlen in dickleibige Bücher. Herr Archibald Pirrwitt, der erste Prokurist, thronte auf seinem gepolsterten Drehbock, eifrigst damit beschäftigt, lange Kolonnen aufzurechnen und das Soll und Haben in Einklang zu bringen. Plötzlich warf er den Kopf herum und fragte den zweiten Kassierer: »Ist Herr Fleutgen noch immer nicht da?« »Noch immer nicht,« kam es zurück. Ein verlegenes Schweigen folgte; dann ein eifriges Tuscheln und Raunen. »Äußerst fatal, aber äußerst,« brummte Herr Pirrwitt, griff zum Rotstift und verdoppelte seine Vorstöße gegen die widerborstigen Ziffern und Zahlen. Allein, wie er auch kalkulieren und nachsinnen mochte – er kam nicht ins reine. Immer wieder grinste ihm ein scheußliches Manko entgegen. »Wo der Schnitzer nur steckt?« sagte er unwillig und wischte sich den Schweiß von der Stirne. »Also von neuem!« und nochmals ging es auf und ab, rückwärts und vorwärts. Sein Schädel rauchte, aber das Heil wollte nicht kommen. »Da soll doch ein dreifach destilliertes Elaborat des leibhaftigen Satans ...« Er wurde unterbrochen. Der Chef des Hauses erschien, zugeknöpft, in verdrießlichster Laune, und schritt, ohne seinem Personal den üblichen Gruß zu bieten, gleich seinem Privatkontor zu. Hier angekommen, warf er seine Ledermappe auf den Schreibtisch, zupfte die Vatermörder zurecht, begab sich ans Fenster, zählte die Mäste der vor Anker liegenden Schiffe, trat wieder zurück, überflog die Eingänge, machte etliche Vermerke und legte die Hand schwer auf die Briefschaften. Ein Klingelzeichen rief den Bürodiener herbei. »Ich lasse Herrn Pirrwitt bitten.« Gleich darauf drehte sich der Herr in großgemustertem Buckskin lind und weich über die Schwelle, sichtlich bemüht, die Einschätzung seiner Person auf den bescheidensten Tiefstand zu drücken, heute noch mehr als an den übrigen Tagen. »Sie haben befohlen ...« Die Hände verlegen gegeneinander reibend, war er näher getreten. »Nun, mein Lieber, sind die Konnossemente erledigt?« »Erledigt, Herr Harkopp.« »Und die fünfzehn Zentner Rippchentabak ...?« »Mit dem ersten Steamer nach Köln.« »Schön! und im inneren Betriebe nichts Neues?« Die Hand des Prokuristen glitt sorglich über die schmalen Sardellen. »Daß ich nicht wüßte, Herr Harkopp.« »Und das mit Herrn Fleutgen ...? Doch später hiervon. Zuvor möchte ich wissen ... Sie erinnern sich doch noch unserer Unterredung im verflossenen Frühjahr?« »Gewiß, als wäre sie heute geschehen.« »Ich ziele dabei auf den jungen van Dornick.« »Ich verstehe, Herr Harkopp.« Dem Bürochef kribbelte es heiß durch die Seele. »Und Sie sind hinsichtlich der von Ihnen gesprochenen Worte noch völlig im Bilde?« »Völlig, Herr Harkopp.« »Sie sagten mir damals: Greifen Sie zu. Verpflichten Sie ihn. Nicht lange gefackelt. Seine Neigung zum Pokern und zu kleinen Differenzgeschäften ist nicht hoch zu bewerten. Nur etwas den Daumen ins Auge, und sie wird sich verlieren. Im übrigen, man kann zufrieden sein mit der Lösung der Dinge. So ungefähr war Ihre damalige Ansicht?« »Genau so, Herr Harkopp.« »Trefflich! und wie steht es jetzt mit dem Pokern?« »Leider, leider ...!« »So, so! und das mit den Ultimo- und Differenzgeschäften?« »Mein Gott! ich hörte davon. Betrüblich, äußerst betrüblich! Aber ich für meine Person ... Was die Menschenmöglichkeit war, geschah meinerseits, ihn auf sauberer Basis zu halten, zumal da ich annehmen mußte ... Nur äußerst geringe Beträge ...« »Ich werde Sie eines andern belehren.« Dem bescheidenen Herrn begannen die Knie zu schlottern. »Herr Harkopp, Sie denken doch nicht ...?« »Ich denke gar nichts, mein Lieber. Sie und ich, wir beide sind solidarisch verpflichtet. Treu und reell bis in die innersten Knochen ... und wurde da ein Fehler gemacht, so haben wir ihn beide begangen. Irren ist menschlich, und wir irrten uns beide.« »Äußerst gnädig, aber äußerst, Herr Harkopp.« Ein tiefer Seufzer rang sich aus der Brust des erleichterten Mannes. Der Kaufherr fuhr fort: »Vorläufig mit dieser Sache ad acta , denn ich komme jetzt auf Fleutgen zu sprechen. Mit ihm nimmt die Affäre ein kriminelles Gesicht an, schlägt die Karte eine nichtsnutzige Volte. Seit wann haben Sie ihn zur Kasse beordert?« »Seit Juni, Herr Harkopp.« »Und die von ihm geführten Bücher – wurden sie Ihrer Revision unterzogen?« »Ich bin damit beschäftigt ... seit einigen Tagen ...« »Na – und ...?« »Ich muß leider gestehen ... irgendein Fehler ... aber bis dato ... ich bin ihm noch nicht auf die Sprünge gekommen.« »So so! und wie hoch beläuft sich die fehlende Summe?« »Auf viertausend Taler; es können auch fünf sein. Indessen: ich bin noch immer der Ansicht, sie werden sich finden.« »Ich sage Ihnen: sie finden sich nicht mehr. Die fünftausend Taler sind für Harkopp \& Söhne verloren.« Dem Herrn im großgemusterten Buckskin grauste. Er hatte Feuer und Funken vor Augen. »Aber Herr Harkopp ...! Mir schwindelt. Da muß man gleich Herrn Fleutgen zitieren. Der Mensch muß her, muß unbedingt her. Muß in die Knie hinein. Er wohnt bei seiner Mutter. Tot oder lebendig, er muß Farbe bekennen. Ich werde selber, Herr Harkopp ...« Ein bitteres Lachen. »Unnütze Arbeit. Er ist mit dem Instinkt des Lasters behaftet und befindet sich nicht mehr in Deutschland.« »Wa ... wa ... wa ... was ...?!« Das ganze Kontor drehte sich um den treuen Beamten. Stühle, Tische und Musterschränke waren zu einem Karussell mit kreisenden Spiegeln geworden. »Nicht auszudenken, die Sache! Nicht möglich! Das wäre doch äußerst, Herr Harkopp!« »Ich sage Ihnen, er ist nicht mehr in Deutschland.« Schwer legte sich die Hand des Chefs auf die Ledermappe. »Hier die Beweise ... ein Brief seiner Mutter ... ein volles Geständnis. Außerdem: sie ist selber bei mir gewesen.« »Jesus Christus ...!« Herr Pirrwitt warf die Hände zur Decke, schüttelte den Kopf und mußte sich setzen. Gleichzeitig schrillte ein neues Klingelzeichen hinaus. Der Bürodiener erschien. »Herr van Dornick soll kommen, aber sofort!« und kaum waren zwei Minuten vergangen, als Ewert bleich und verstört am Türpfosten lehnte. »Treten Sie näher!« Wankenden Schrittes geschah es. »Sie wissen: nur feste und zuverlässige Charaktere kann das Haus Harkopp gebrauchen. In meiner Firma ist kein Raum für unsichere Kantonisten und haltlose Menschen. Sie enttäuschten mich maßlos. Wie weit Ihre Schuld reicht, wird diese Stunde erweisen. Aber bevor ich den Richterspruch fälle, habe ich Fühlung zu nehmen. Sind Sie gewillt, mir nach bestem Wissen und Gewissen Antwort zu geben?« »Ich will es, Herr Harkopp.« »So hören Sie zu, aber ich bitte mir aus, die Ohren zu spitzen und sich nicht auf fahlem Pferde erwischen zu lassen. Die erste Unwahrhaftigkeit macht Sie unmöglich, wirft Sie vom Drehstuhl herunter. Sie haben die Wahl, entweder die reine Wahrheit zu sagen oder die ganze Strenge des Gesetzes zu fühlen. Der Amtstisch wartet Ihrer, die Bank ist gespannt, um mich eines Fachausdrucks zu bedienen, und somit zur Sache. Bei Ihrer Bestellung als Kommis meiner Firma versprachen Sie mir in die Hand, mit diesem Termin das Pokern zu lassen. Ja oder nein, junger Mann?« »Es ist so, Herr Harkopp.« »Und Sie pokerten weiter?« »Ich tat es.« »Mit Fleutgen?« »Mit Fleutgen, Herr Harkopp.« »Auch die Ihnen verbotenen Ultimo- und Differenzgeschäfte, obgleich Ihnen noch die kaufmännischen Eierschalen am Hintern klebten, betrieben Sie trotzdem.« »Ich muß es gestehen.« »Mit Fleutgen?« »Mit Fleutgen, Herr Harkopp.« »Mit Glück oder Unglück?« »Mit Unglück« »So! und durch wen wurden die Mankos beglichen?« »Durch Fleutgen.« »Mit welchen Mitteln?« »Aus seinen Mitteln, Herr Harkopp.« Das weinrote Gesicht des Chefs nahm einen rubinartigen Glanz an und erinnerte an böhmische Granaten. »Muß ich Sie jetzt schon auf einer Lüge ertappen?« »Herr Harkopp, auf Ehre ...!« »Ihre Ehre zum Teufel!« trumpfte der Handelsherr auf. »Sie riecht nach altem Hammelfleisch und stammt aus dem Spülicht. Und da wollen Sie mit dieser Ausrede kommen? Aus seinen eigenen Mitteln? Zum Lachen! Ich bin anderer Ansicht. Ihr Sozius und Pokerkollege hat Dreck am Stengel und scheute sich nicht, lange Finger zu machen.« »Herr Harkopp, mein Freund ...!« »Ist ein Lump übelster Sorte, ein Falschbucher, ein Nepper, wie er im Buch steht, und ist seit gestern Abend flüchtig geworden. Seine eigene Mutter ... Und das wußten Sie nicht?« Ewert taumelte rücklings. »So wahr mir Gott helfe ...!« »Und Sie wollen auch leugnen, daß die ersten fünftausend Taler, die Ihr sauberes Kompagniegeschäft erforderte, um Ihre faulen Differenzmanipulationen zu decken, meiner Kasse entstammten?« »Herr Harkopp, ich will hier auf der Stelle versinken ...« Der Gepeinigte stieß einen wunden Schrei aus und machte Miene, vor seinem Chef in die Knie zu fallen. Er wurde verhindert. »Keine Zeremonien! Lassen wir das! Ich bin kein Freund von rührsamen Szenen, will aber in diesem Falle annehmen, Ihnen zuliebe und Ihrem Vater zuliebe, daß Sie sich in gutem Glauben befanden. Außerdem: die Firma wird Mittel und Wege suchen, den sträflichen Eingriff verschmerzen zu können. Gut also! nehmen wir an. Sie haben in bestem Glauben gehandelt, hielten die fragliche Summe für den rechtlichen Besitz Ihres Freundes. Nehmen wir an, nehmen wir an ... aber dieses hier werden Sie und die Firma niemals verwinden.« Er hielt ihm ein Schreiben hin. »Kennen Sie das?« Mit stieren Augen sah Ewert auf den zerknitterten Zettel. »Es ist meine Handschrift, Herr Harkopp.« Er sprach es, als hätte er Blut auf der Zunge. »Also noch nicht gänzlich vermorscht und verrottet!« fiel der Kaufherr dazwischen. »Sie gestehen somit: ein Schuldschein zu Gunsten der Frau Elisabeth Fleutgen und von Ihnen ausgestellt ... elftausend Taler ... Die Frau war so einfältig, ihr sauer Erspartes, bis auf den letzten kärglichen Groschen, in Ihre versumpften Ultimo- und Differenzgeschäfte zu schmeißen. Unerhört und mir völlig unfaßbar! Kaum glaublich! Erst wurde meine Kasse geplündert, und dann mußte die arme Witwe Hals geben und an diesem elenden Zettel verbluten. Da hilft kein Sichsperren: Letzteres ist auf Ihr Konto zu buchen, denn Sie haben diesen Wisch unterschrieben.« »Ich tat es.« »Mit dem Einverständnis Ihres unseligen Freundes?« »So ist es, Herr Harkopp.« »Und Sie empfingen die Gelder?« »Ja,« stammelte Ewert mit vertrockneten Lippen, »aber ich glaubte, durch sie die entstandenen Verluste ausgleichen und das Unternehmen wieder sanieren zu können. Ich wollte ja selber ... alles sollte auf Heller und Pfennig ...« »Mensch, Sie imfamer!« Herr Johann Baptist war die verkörperte Langmut mit grimmigem Einschlag. Unter seinen weißen Brauen stand ein zuckendes Wetter. Das stieg langsam herauf. Seine Stimme rollte: »Das also ist Ewert van Dornick! Herr, Sie! wenn auch nicht vor dem irdischen Richter – vor Ihrem Gewissen und mir sind Sie ein Entgleister, ein moralischer Lump, ein Bankrottierer, reif und wert, aus meiner Firma geschmissen zu werden. Oder aber: haben Sie Deckung? Können Sie die erschwindelte Summe begleichen? Sind Sie imstande, die Not von der Schwelle des geschädigten Frau zu scheuchen? Sie und ihre verlähmte Tochter stehen vor dem Hunger. Haben nichts mehr zu beißen und nichts mehr zu brechen. Sie nahmen den beiden alles und jedes und sind indirekt haftbar für die kriminelle Schuld des verlorenen Sohnes und Bruders.« »Mein Gott, ich will ja alles aufbieten ...« »Schweigen Sie gütigst!« gebot der Chef mit zermalmender Ruhe. »Jedes Wort würde die böse Affäre verschlimmern, sie noch trauriger und häßlicher machen. Ihr gottsträflicher Leichtsinn schreit durch die Wolken. Nicht für Sie, aber für Ihren trefflichen Vater hege ich ein tiefes Bedauern. Ich, für meine Person, habe ein Interesse daran, das tragische Begebnis nicht auf die Gasse zu bringen. Desgleichen die Handlung. Indessen erfordert mein eigener Belang, entsprechende Maßnahmen zu treffen. Längeres Parlamentieren lehne ich ab. Ob und wie ich weiter über Sie zu disponieren gedenke, werden die nächsten Wochen erbringen. Das braucht seine Besinnung. Aber ich will: mit Ihrem Vater haben Sie sich sofort ins Einvernehmen zu setzen, ihm alles zu beichten und nichts zu verschweigen. Suchen Sie Ihren moralischen und geldlichen Kredit wieder zu heben. Arrangieren Sie sich, obgleich ich fürchte: es ist nichts mehr zu machen. In acht Tagen erwarte ich Antwort. Bis dahin haben Sie Urlaub. Denken Sie nach über die stolze Reinheit der geschäftlichen Ehre. Sie haben es nötig. Ihrem Busenfreund ist nicht mehr zu helfen. Den erreicht sein Schicksal. Sie waren nahe daran, demselben Geschick zu verfallen. Gehen Sie in sich. Und nun ...« Der Prinzipal hob die Hand und zeigte zur Türe. Mehr tot als lebendig taumelte Ewert aus dem Kontor seines Herrn, wie ein Hund, den man sich vom Leibe geschüttelt hat. Herr Johann Baptist Harkopp warf sich schwer in den Sessel. Mit gerunzelten Brauen pfiff er die ersten Takte des ›Alten Dessauers‹ über die grüne Tischplatte fort. »Was sagen Sie hierzu?« fragte er endlich, indem er ein Lineal ergriff und sich darauf beschränkte, den ›Alten Dessauer‹ nur noch zu trommeln, statt zu pfeifen. Herr Pirrwitt, der während der peinlichen Auseinandersetzung zu ersticken gedroht hatte, kam wieder ins Leben zurück, rang die Hände und ließ sie mit einem wehen Seufzer auf die Schenkel fallen. »Was soll ich sagen, Herr Harkopp? Nichts kann ich sagen. Mir ist so, als gingen Treu und Glauben in zerlumpten und zerrissenen Kleidern. Es ist alles so traurig, aber äußerst, Herr Harkopp. Dieser Fleutgen und dann noch der andere! Mein Latein ist zu Ende. Ich weiß keinen Rat mehr.« »Aber ich!« rief der Chef und pfefferte das Lineal auf den Schreibtisch. »Verdammich! vom properen Deck des Hauses Harkopp \& Söhne ging ein Mann über Bord. Gut, mag er schwimmen! Er war nicht honorig veranlagt. Ein zweiter hängt noch im Tauwerk. Möglich, er kommt wieder auf die Beine zu stehen, möglich auch nicht. Bei ihm müssen wir warten. Mal sehen, was wird. Wird's nicht, mag er fliegen. Nur der alte van Dornick – der drückt mir das Herz ab. Da muß man zu helfen versuchen. Und dann noch, mein Lieber: Fleutgens Mutter bezieht bis auf weiteres das Salär ihres Jungen. Das wäre wohl alles.« »Nobel, äußerst nobel, Herr Harkopp. Soll mir 'ne Freude sein, die Sache zu buchen.« »Fertig! Streu' Sand drauf.« Der alte warmblütige Herr erhob sich mit der Kraft eines Jünglings. »Ihre Hand, mein Getreuer. Was – feuchte Augen? Das wäre noch besser! Nur nicht das heulende Elend. Gewiß: man könnte schon über die verlotterte Jugend etliche Tränen vergießen. Blödsinniges Draufgängertum ohne Einsicht und Ehre. Keine stabilen Grundsätze mehr. Aber was fruchtet's, den Prediger in der Wüste zu spielen? Hier kann 'ne Tatze nur helfen und 'n steifer Nordost um Nase und Ohren. Ein Rezept vom alten van Dornick. Mag er dieses Rezept auch seinem Sohn in die Visage knallen. Vielleicht hat er Glück mit dem Doktor Eisenbart-Mittel. Mich sollte es freuen, schon im Interesse der Firma. 'ne prächtige Kur: Nordost um die Nase. Das gilt auch für uns. Und dann noch ein zweites: Kopf oben behalten! In diesem Sinne... und jetzt an die Arbeit.« »Ja, Kopf oben behalten!« Der Herr in großgemustertem Buckskin wiederholte es mit glänzenden Augen. Gleich darauf thronte er wieder auf seinem gepolsterten Drehbock, bolzengerade und mit einem frischen Trieb in der Seele. Durch alle Kontore und Magazine pulste das gewöhnliche Leben, als wäre gar nichts geschehen. Fässer wurden gerollt, eingegangene Waren besichtigt und mächtige Ballen verfrachtet. Händler und Agenten gingen ab und zu. Geräusche, die keine Geräusche waren, Anordnungen und Befehle, die mit dem samtartigen Gang einer Präzisionsmaschine liefen, bildeten den Untertakt des weitverzweigten Betriebes. Keine Aufregung. Keine Überhastung. Nur lautloses Schaffen. Die Firma gefiel sich in den Manieren eines feinsinnigen Gentlemans. Bis zum Rheinwerft duftete es nach Zucker, Kaffee und Tabak. Mit dem stumpfen Phlegma eines baktrischen Kamels schaukelte sich der Strom durch die Niederung dahin. Neue Schiffe machten klar zur Abfahrt. Es roch nach Teer und Taukränzen. Abermalige Glockenzeichen ertönten. Kommandorufe! – und der zweite Steamer schaufelte langsam rheinaufwärts.   Schon drei Tage hindurch hielt sich der blaue Mynheer in seinem Zimmer verrammelt, wie ein vergrämter Dachs in seinem Bau unter Tag. Niemand fand Eintritt bei ihm. Jedes Anklopfen überhörte er in der hartnäckigen Art eines eingewinterten Siebenschläfers. Nur Dores van Bommel, der Kalfakter des Altmännerhauses, durfte es von Zeit zu Zeit wagen, den in Zorn und Bitternis getränkten Raum zu betreten. Er sorgte für die tägliche Notdurft, brachte Brot und Speck zu, nebst dem hierzu gehörenden Rumdeputat, um den freiwillig Eingekäfigten nicht verdursten zu lassen. Jede Unterredung vermied er, ging dem alten Rheinbären scheu aus dem Wege, aus Furcht, irgendein flugfertiges Ding oder die Tatze des grauen Sohlengängers zwischen Kopf und Nacken zu spüren. Endlich fand er Gelegenheit, Rede und Antwort zu stehen. »Rindvieh, infames! spektakelt das verfluchtige Machwerk noch immer an der Tür vom alten Terstegen?« »Noch immer, Mynheer.« »Blexem! ich dächte doch, du wärst Kalfakter im Hause!« »Bin ich, aber was soll ich machen, Mynheer? Wisch' ich's weg – über kurz oder lang wächst das schauderöse Ding wieder durch die Planken hindurch. Das geht schon wochenlang so weiter. Ich kann mir nicht helfen: hier ist ein Mirakel im Spiel.« »Dores!« – und Moritz verstreute feurige Funken – »ich sage dir, Dores: ist die dämliche Sache, und zwar in zwei Tagen, von heut' an gerechnet, nicht spurlos verschwunden, dann frißt du den Totenkopp mit Haut und Haaren herunter – den Kürbis durch die Bretter und das Hinterkastell mitten im Hausflur. Verstanden?« Ja, Dores hatte verstanden. Mit begründeter Geschwindigkeit drückte er sich durch die Zimmermannsöffnung, gefolgt von einem Meerzwiebeltopf, der mit dem Getöse eines abgepulverten Böllers gegen die Stubentür krachte. Nein, mit dem Kapitän Moritz van Dornick war es nicht rätlich, in jetziger Zeit Kastanien zu rösten und die braunen Schalen mit ihm gemeinschaftlich zu lösen. Er schnappte jeden Augenblick zu wie ein bemooster Althecht in 'ner überschwemmten Mergelkuhle – ihm gleich, was es war, ob Holz oder silberne Löffel, nur darauf bedacht, alles und jedes, was ihn anöden wollte, aus dem mit Wut geschwängerten Bereich seiner blauen Stube zu beißen. Seine gescheiterten Pläne, die Erkenntnis, sein Lieblingsbäumchen ohne Erfolg geschüttelt zu haben, die Halsstarrigkeiten seiner einzigen Tochter, die erschütterte Stellung seinem Freund gegenüber und die Sucht, all die Irrungen und Wirrungen lediglich auf Nelleckes Schultern zu bürden, brachten den sonst so ruhigen Menschen um Haltung und Umsicht. Er kam sich vor wie ein treibendes Wrack in wilder Schlagsee. Er wollte keinen mehr hören und keinen mehr sehen. Die Welt war für ihn mit Aschensäcken verhangen, sein Leben verfehlt und keinen Schuß Pulver mehr wert, und wenn Nellecke mit scheuem Finger anpochte, um sich zu rechtfertigen und ihm Ewerts Verschulden nachsichtig an die Seele zu legen, stieß er mit seiner tiefausholenden Stimme wie ein Nebelhorn durch den schwelenden Tabaksqualm und brüllte: »Scher' dich in drei Teufels Namen zum Henker! Du hast dein Mädchentum zu geil werden lassen und dich auf den Falschen geworfen. Drum allons zu ihm hin, um dir bei deinem Magister Rat und Hoffnung zu holen. Ich kann dir nicht helfen ...« und dann knurrte er ihr nach wie ein Hund, der in seine Hütte zurückkroch. Da wurde sie weiß vor Angst und Qual und dachte daran, nach Obermörmter zu gehen, um sich in ihrer wilden Not Lambert in die Arme zu werfen. Aber wie sollte sie können? wie es wagen, den Zorn ihres Vaters noch mehr in die Höhe zu geißeln? Sie erinnerte sich des unseligen Drei Königen-Tages und all der Kränkungen und Schrecken, die sich für sie und Lambert mit diesem Tage verknüpften. Nein, sie durfte und konnte nicht hingehen. Das Unglück wäre noch entsetzlicher, noch größer geworden. Und Ewert erst ... Ewert ...! Der Name machte sie schwindeln, jagte ihr das Blut in die Schläfen, ließ sie an Gott und Menschen verzweifeln ... und so klopfte sie denn bei Röschen Jungklaas an, um doch jemand zu haben, wo sie sich ausweinen konnte. Am vierten Tage seiner freiwilligen Haft klärte es beim blauen Mynheer auf, obgleich der Himmel sich grau umzog und die ersten Schneesternchen fielen. Ein Brief war mit der Morgenpost eingegangen, ein kurzes Schreiben von Ewert, worin er mitteilte, daß er im Laufe des Tages vorsprechen würde. Der Alte fuhr auf. »Schwerebrett und kein Ende! wie war das nur mit dem Hydrophilus piceus gewesen? Ich meine das in der ›Goldenen Kugel‹ ... mit der Rede von Ewert? Ja, so! Ich werde mir Mühe geben, diesem Käfer nachzueifern, werde bestrebt sein, gleich diesem wasser- und flügeltüchtig zu werden, Faktoreien zu gründen, mich als Grossist zu bewähren und dem Namen van Dornick als großzügiger Kaufmann Respekt zu erzwingen. Sollte da etwa ... sollte da bereits die erste Staffel dieses stolzen Programms ...? Was will er denn sonst? Himmel Verdammich! man kann immer nicht wissen ...« und unter der Nachhilfe eines steifen Grogs, bei dem er seiner halsstarrigen Tochter ein ›Pereat‹ brachte, feierte er seinen hoffnungsvollen Sprößling mit einem brausenden ›Hurra‹. Fünf Stunden später, als es bereits schummerig wurde und die Schneeflocken schon emsiger herniederrieselten, schlich ein müder Schatten durch das weiße Schleiern. Dieser Schatten war Ewert. Er ging dem Altmännerhaus zu und trat in den Flur ein. Nellecke, seine Schwester, war bei ihm.   16 Während Ewert und Nellecke Hand in Hand ihren schweren Gang taten, stand Dores van Bommel vor Aloys Furtwanger, um bei diesem Hilfe zu suchen, ganz desperat und ein Raupennest voll wirrer Gedanken im Schädel, denn das unheimliche Ding, das er noch vor wenigen Minuten weggewischt hatte, war wieder zum Vorschein gekommen, in scheußlichen Kreidestrichen und wie von Geisterhand auf die Stubentür des alten Terstegen gezeichnet. Über das verstörte Gesicht des Kalfakters lief ein ängstliches Zucken, als er die häßliche Tatsache an den Mann gebracht und schüchtern hinzugefügt hatte: »Was soll man hierzu sagen, Herr Aktuarius? Richtig ist's nicht, und ich gedachte schon, mit dem Herrn Dechanten zu sprechen. 'n Vaterunser und 'n Quast mit Weihwasser brächte die Geschichte wieder in Ordnung. Aber so was tut man nicht gerne. Es könnten sich zu viele Mouvements draus ergeben, und das kann keiner auf sein Gewissen nicht nehmen.« Schweißtropfen rannen ihm von der Stirne. Aloys lächelte, sprach ihm Mut zu und meinte, es sei lediglich eine kindliche Schrulle von Johannes Terstegen gewesen. »Niemals, Herr Aktuarius! Das wächst von alleine, das kommt wie'n Pfiff aus hellichtem Himmel: 'n Totenkopp mit zwei Knochens darunter. So was bringen mit dieser Fixigkeit keine menschlichen Hände zuwege ... und ist gerade so wie beim babylonischen König, wo's durch die schneeweiße Wand kam. Nur mit dem Unterschied: beim babylonischen König war's Feuer und Schwefel, hier bloß einfache Kreide, und was das Verstörendste ist: der Kaptän hängt mit dem ganzen Kasus zusammen.« »Machen Sie doch keine Geschichten!« »Natürlich! Warum brüllt er denn immer? oder aber, warum sitzt er zeitweise wie'n Mausetoter im Lehnstuhl, als wenn die Lichtjungfer neben ihm stünde und zöge ihm das letzte Hemd über die Ohren? Und dann sein Gefluche! und wenn's morgen nicht weg ist, kriege ich die ganze Bescherung zu fressen. Ja, Dreck! Ich danke ergebenst! Noch gestern: sein dickster Meerzwiebeltopp krachte hinter mir her, als wäre ich der heilige Stäwe gewesen. So was hält ja kein Mensch mehr aus, und ich möchte Sie bitten, mit dem Alten ein Wörtchen zu reden. Von dem Mirakel will ich gar nicht mal sprechen; aber ich als Kalfakter, ich will meine Ruhe und mein kommodes Leben behaupten, denn ich bin von's Amt angestellt und ein sogenanntes Mitglied der Kirchenverwaltung, und wenn Sie nicht die Courage besitzen, ihm das gehörig zu sagen, dann muß es der Herr Dechant besorgen, und der wird ihm schon mit's Evangelium kommen.« »Dores, es wird sich schon geben; denn er ist einer der besten Menschen auf Erden.« »Ist er, ist er! Will's gar nicht abdisputieren; aber wenn er im Tran ist und nörgelig wird – wer kann da gegen ihn bellen? Ich kann's nicht ... und das mit dem Topp und dem Kopp und dem Hinterkastell mitten im Hausflur, so was nimmt einem ja vor Angst den Stuhl unterm Sitzfleisch weg.« »Nur keine Aufregung und bei der Stange geblieben. Es geschieht Ihnen gar nichts. Ich werde noch heute ...« »Das wäre das beste und würde mir 'ne große Bekömmlichkeit geben.« »Gut, ich werde mich in Ihrem Interesse verwenden; aber den vermeintlichen Spuk müssen Sie sich aus dem Sinn schlagen. Es ist nichts anderes als eine dumme Marotte des alten Terstegen.« »Wie Sie meinen, Herr Aktuarius. Jeder hat darin seine besondere Ansicht. Ich für meine Person lasse mir meinen Glauben nicht nehmen. Ich denke dabei an den babylonischen König. Das steht verbrieft in der Bibel, und wo solches passiert ist, warum sollte sich besagtes Mirakel nicht auch in unserm Hause begeben? Es gibt Dinge zwischen Himmel und Erde ... Doch jedem das Seine. Ich bedanke mich für gütige Zusage,« und wie eine grindige Krähe mit kahlem Schädel stelzte Dores van Bommel sacht aus der Stube.   Wie ein trübes, unstetes Fünkchen äugelte das ewige Lämpchen aus der Tiefe des Ganges herüber. Dem schritten sie zu, Nellecke und Ewert; sie straffen Körpers und willens, der kommenden Aussprache fest zu begegnen und das noch zu retten, was als Treibholz ans Land schwimmen wollte; er wie ein Gezeichneter, nicht Herr seiner selbst und so, als müßten ihm jeden Augenblick die Knie versagen. Leib und Seele gingen nebeneinander, als wenn sie nicht mehr zusammen gehörten. Seine Besinnung kam erst wieder zurück, als Nellecke ihn anstieß und sagte: »Hier sind wir,« die Knöchel der rechten Hand krümmte, um anzuklopfen. Noch tat sie es aber nicht. Ein Rascheln von welken Blättern schreckte sie auf. Es kam aus der Höhe des gipsenen Joseph. Ihre Blicke umgriffen den Bildstock. Unter ihm hatte sie mit Lambert an jenem heiligen Abend gestanden, an jenem heiligen und doch unseligen Abend, der sie verelendete und ihr den jungen Kranz der Freude zerpflückte. Sie wandte sich ab. Es war eine Flucht vor kommenden, noch wilderen Dingen. Aber diese Flucht währte nicht lange. Alle Herrlichkeiten ihres Innern offenbarten sich restlos. Ungeahnte Kräfte rissen sie hoch. Für sich wollte sie nichts mehr. Sie hatte für ihren Bruder zu kämpfen, für ihn in die Bresche zu springen und den Entgleisten mit ihrem eigenen Leibe zu decken. Der erhobene Knöchel fiel nieder. Keine Antwort erfolgte. Ein abermaliges Klopfen. Die trostlose Stille hielt an. Dann aber: ein herrisches »Werda?!« »Ich bin es.« »Ewert ...!« Gleich darauf: »Angtree!« und die eisernen Arme des Alten streckten sich aus. »Ewert, mein Junge! Herzlich willkommen! Nach all den traurigen Tagen – endlich ein Lichtblick! Sichtiges Wetter!« aber plötzlich sanken ihm die Arme herunter. Der Mund verstummte, als wäre ihm die Zunge herausgeschält worden. Ein Blitz aus eingekniffenen Augen sprühte über Nellecke fort. Der Kapitän trat näher heran. Sie standen von Angesicht zu Angesicht und Atem bei Atem. Dann ein häßliches Knirschen: »Nellecke – du?!« »Ich bin es.« »Und weißt doch: ich will von dir und Lambert nichts hören.« »Ich bin nicht um dessentwillen gekommen. Ich muß nur dabei sein, wenn Ewert ... Er möchte eine Aussprache haben.« »Dann um so eher!« Sein Blick wich dem ihrigen aus und kroch boshaft dem Ausgang zu, als wollte er sagen: »Hier ist deines Bleibens nicht länger.« Seine Rechte erhob sich, langsam und schwer, als hätte sie Blei in den Knochen, wurde starr wie ein Trumscheit und wies auf die Tür, die er kurz zuvor zugedrückt hatte. »Dann um so eher. Du sagst es ja selber: er hat mit seinem Vater zu sprechen. Drum bitte!« »Ich bleibe, denn ich habe vor Ewert zu treten.« Wie aus Stahl gehämmert, klang es ihm zu. Ein trockenes Lachen: »Du hier, um vor den da zu treten?« Ihre Blicke mieden sich nicht mehr, versenkten sich gegenseitig wie scharfgeschliffene Messer, versuchten es, bis auf den Grund ihrer Gedanken zu stoßen. Etwas Verstecktes lauerte auf, wurde drohend, drängte sich herausfordernd zwischen Vater und Tochter. »Du vor Ewert ...?« Es saß ihm wie eine Faust an der Kehle. »Unsinn – verfluchter! Du meinst wohl: 'ne Judennase ist auch 'ne Nase.« »Nein,« sagte sie fest und bestimmt, »du irrst dich. Ich stehe hier, um ihm die Stunde leichter zu machen.« Fassungslos sah er sie an. »Ich verstehe so recht nicht.« Das Wort klebte ihm an den Lippen. Was war das nur? Wollte da irgendein Unglück ... Lag es bereits auf dem Bordstein, um auf sein Geheiß ins Zimmer zu stolpern? Seine Gestalt reckte sich auf. Wie aus Erz gegossen stand er vor Nellecke. »Dann heraus mit der Sprache!« »Vater ...!« stammelte Ewert. Bleich und entsetzt lehnte er neben der Anrichte. Der Alte flammte ihn an: »Kein Wort jetzt! In diesem Momang habe ich mit deiner Schwester zu reden. Sie ist mit brennendem Licht in die Scheune getreten, hat den Span in die Sparren geworfen; drum mag sie auch zusehen, wie das Feuer gelöscht wird. Sonst schlage ein Schwerebrett und kein Ende ...« Er warf den Kopf wieder herum. »Du hast mir schon die besten Planken vom Leibe gerissen. Das mit dem Aktuarius und das mit dem verfluchtigen Lehrer geht mir ans Leben. Treib's weiter so. Blasen im Sumpf! Sturm will in die Takelage hinein. Habe den Mut noch, mich selber von der Bordwand zu stoßen. Ich warte. Oder willst du sagen, daß etwas passiert ist ... bei Harkopp \& Söhne passiert ist ... daß Ewert ...?!« »Ewert, so sprich doch!« Sie hatte ihm die Arme um den Nacken geworfen. »Vater!« schrie dieser, qualvoll, wie ein gepeinigtes Tier, »ich habe dir ein Geständnis zu machen.« »Mir ein Geständnis?!« »Ja,« nickte Ewert. »Von wegen Harkopp \& Söhne?« »Ja; von wegen Harkopp \& Söhne.« »Ah ...!« Der Kapitän wischte sich den Schweiß von der Stirne, taumelte rücklings, trat in den blauen Schein der Hängelampe, der wie ein kaltes, eisiges Nordlicht über ihn herfiel. Er kannte eine Geschichte. Die vom verlorenen Sohn. Er hatte sie zuletzt als kleiner Junge in der Christenlehre gehört und gelesen. Dann nicht mehr. Er hatte andere gelesen. Solche vom Kapitän Marryat und solche vom Kapitän James Roß, der mit ›Erebus‹ und ›Terror‹ unter Mars- und Focksegeln losging, um den Südpol zu finden. Das waren Geschichten! und die Vulkane von Victorialand flammten dazwischen wie Riesenflambeaus ... feuerspeiende Berge mitten im Eismeer ...! Ja, das waren Geschichten! atemstockende, nervenaufpeitschende ... aber der vom verlorenen Sohn hatte er nie Geschmack abgewinnen können. Sie kam ihm schal vor, alltäglich, nichtssagend. Er hatte sie beiseite geschoben wie eine nichtige Sache. Wie ein Ding ohne Inhalt. So was konnte ihm niemals passieren. Und jetzt mußte er sehen: sie bekam Leben und Blut. Sie schlug die Augen auf, die rotunterlaufenen Augen, kroch näher heran und klopfte mit ihrem geringelten Schwanz auf die Dielen. Er sah sie ganz deutlich, er fühlte sie deutlich. Sie brannte heißer als die feuerspeienden Ungetüme im Eismeer. Diese Bestie! Sie saß ihm wie eine graue, schmierige Ratte am Halse. Es war ihm so, als bräche unter ihm alles zusammen, was er zeit seines Lebens aufgebaut hatte. Er fiel langsam zurück, auf einen Stuhl, der neben dem Tisch stand. Den rechten Arm auf der Platte, den Kopf auf die Hand gestützt, stierte er durch blutrote Schwaden, und durch diese Schwaden hindurch hörte er Ewerts Geständnis ... Wort für Wort, Satz um Satz ... dann Nelleckes Stimme, die begütigend einfiel, um die gestammelte Beichte des Bruders weniger trostlos und verfahren zu machen. Dann nichts mehr. Er starrte nur noch in das erdige Gesicht seines Sohnes, der Mühe hatte, sich auf den Beinen zu halten. Der Alte blieb ruhig, rückte und regte sich nicht, saß da wie ein gestrandeter Eisblock. Nur über seiner Nasenwurzel stellte sich eine kantige Falte, wie mit einem scharfen Eisen in die Stirne gemeißelt. Hierauf begann er zu sprechen ... ohne Glanz und Klang ... einzelne Sätze ... wirr und kraus durcheinander ... abgehackt ... leise, um dann wieder Sätze zu schmieden, als sollten sie zu einem langen Bandeisen werden, Sätze, zäh wie Stahldraht, und solche, die wie in einem Irrenhaus saßen und ihr Elend durch die Traillenfenster hinauslachten, während Ewert und Nellecke vor ihm standen, eng nebeneinander, zwei Herzen und doch nur ein einziger Pulsschlag. »Ich, Moritz van Dornick,« röhrte er schwer aus der Brust heraus, »nicht ohne Mankos im Leben, vom binnersten Kern aus aber blank und gescheuert wie 'ne Kombüse auf 'nem Ostindienfahrer – ich glaube an meinen Gott und Erlöser ... an meinen angestammten König und Herrn ... an das Geschlecht der Zollern ... und ich glaubte an euch, wie ich an eure selige Mutter glaubte, allzeit und so lang ich sie hatte. Mutter ist tot, und ich habe meinen Glauben verloren.« Sein schwerer Körper sackte zusammen, und wieder begann er: »Ich will nichts von denen sagen, die sich als Volksbeglücker erachten. Mögen sie's tun auf ihr eigenes Risiko hin. Aber es sind unter ihnen Wölfe im Schafpelz, Heuchler und Gleißner, die die Dummen heimsuchen, Frauen und Töchter beschwatzen und sie auf Abwege führen. Gott sei gedankt! so weit ich es konnte, habe ich diese Sorte hinausgefenstert und mir vom Leibe gehalten; denn mein Tabernakel muß rein sein. – Ich glaube an meinen Gott und Erlöser ... an meinen angestammten König und Herrn ... an das Geschlecht der Zollern. Aber da sind noch schlimmere Wühler, die schleichen sich an die jungen Leute heran und sagen: Was tust du mit den preußischen Farben, mit dem erbärmlichen Fetzen, der schwarz-weiß im Winde herumwirbelt? Es gibt bessere Fahnen, stolzere Fahnen, die Fahne der Freiheit, das Banner der Aufklärung, die Flagge des Auslebens und des persönlichen Ichs. Jeder von euch hat die verfluchte Pflicht und Schuldigkeit, auf seine Manier selig zu werden, sein Teil zu nehmen und sich auszuamüsieren nach bestem Ermessen. Natürlich! das kann er unter den preußischen Kulören nicht haben. Das will das Königtum nicht ... das Geschlecht der Zollern nicht ... Die wollen straffe Ordnung und Zucht und ein einfaches soldatisches Leben, Arbeit und Kasteiung des Leibes. Aber diese Demagogen sind anderer Ansicht. Sie gehen umher wie blökende Lämmer, wie Sämänner im Sämannstuch und streuen das Korn aus. Aber was sie ausstreuen sind Disteln und Hederich, Schierling und vergifteter Weizen ... und siehe: die Jugend greift zu ... und erntet das Gift ... und geht damit in die unselige Freiheit ... in den Taumel ... und stolpert schließlich in Habgier und Gesetzwidrigkeit dem Abgrund entgegen. Und solch ein Widerchrist hat sich auch an meine Familie geworfen, an mein Höchstes und Bestes ... Ewert, und du –« und seine Wut polterte auf wie der Ruf des Herrn im Gewitter – »hast du gewußt um die gemausten Gelder, um die langen Finger von Fleutgen?!« »Mutter ...! Mutter ...!« Ein wehes Schluchzen rang sich aus der Brust des Verzweifelten, es war wie das Klagen eines, der eine Kugel empfangen. Der Alte zuckte zurück und nickte etliche Male. »Also – nein! Glaub' dir's, glaub' dir's, weil du an Mutter gedacht hast. Das wäre auch prächtig wenn der Sohn von Moritz van Dornick ein Kassenzwicker und Buchfälscher wäre! sonst: ich hätte dich wie'n tollen Hund niedergestochen. Aber das Weitere ...« und er verfiel wieder in sein wirres Reden und Denken, in sein dumpfes Brüten und Grübeln und sagte: »Von den Helden, die nichts darin finden, schwache Weiber um ihre Reinheit zu prellen, will ich jetzt nicht mehr reden, denn ich hoffe zu Gott: sie sind meinem Hause noch nicht zu nahe gekommen, denn das nötige Blut hierzu konnten sie unter meinen Sparren nicht finden. Aber die andere Blase, die die männliche Jugend beschwatzt, sie ehrlos macht und auf Abwege leitet ... Blexem! mir ist so, als müßte ich nach Duisburg retour, müßte vor den alten Herrn Stinnes treten und müßte ihm sagen: Exküsieren Sie, bitte, Herr Stinnes, aber wenn's Ihnen nicht unkommod wird, möchte ich noch einmal die alte ›Maria, sei mit uns‹ ins Niederland bringen. – Wie Sie befinden, oller Seeräuber. – Merci, Herr Stinnes. – Allright! ich fahr' denn auch los ... und schwarz ist das Schiff und weiß die Takelage von oben bis unten: die preußischen Farben ... und als ich nach Emmerich komme, da denke ich mir: Willst mal deinen alten Freund, den Herrn Harkopp, besuchen. Na, das tu' ich denn auch; doch wie ich bei ihm anrufe und mich schon darauf freue, mit ihm 'ne Bouteille Rotspon auszustechen, da weist er mich ab und knittert aus seinen Vatermördern heraus: Schlecht Wetter, Kaptän. Die Politur ist herunter. Sein Sohn ist keinen Schuß Pulver nicht wert nicht. – Herr, in drei Teufelsnamen! das heißt ja ... Da lacht er mich an und sagt dann ganz heiser: Bitte, sich zu der Mutter von meinem früheren Korrespondenten Fleutgen begeben zu wollen.« »Vater, ich kann's nicht mehr hören!« Nelleckes Augen standen in Tränen. Ewert taumelte. Der Alte sprach weiter: »Bong! ich geh' denn auch hin und muß da erfahren: elftausend Taler hat ein Lump ihr genommen – elftausend Taler, die eine arme Witwe sich gespart hatte – elftausend harte, preußische Taler – ihr ein und ihr alles ... und ist nichts mehr vorhanden als Jammer und Elend ...« Moritz stemmte sich hoch und knirschte zwischen den Zähnen: »Nur Jammer und Elend! – Was soll einer da machen, wenn er so 'nen Lumpen als Sohn hat? – Da ist gar nichts zu machen ... nur eins noch ... Ich also wieder an Bord, lege mir 'nen Strang um den Hals und grinse vom Fockmast über die Stadt hin. Das ist noch schauderöser als die feuerspeienden Berge mitten im Eismeer. Ultima ratio ! Die einzige Rettung. Ah! du Verfluchter, da hängt er, da hängt Moritz van Dornick ...« Ein mattes Entsetzen kroch durch die Stube. »Da hängt er!« Die Faust fiel hart auf den Tisch. Ein Ruck lief durch den Leib des gepeinigten Mannes. Seine Augen waren blutunterlaufen. »Platz da,« brüllte er auf, »für 'nen Kaptän, der aus der Schlinge herauskam! Platz da für den Kommodore van Dornick! Der Gehenkerte ist wieder lebendig geworden. Hier steht er! Die Gewalt des Richters ist ihm in die Knochen gefahren. Er will was, er schafft was. Kreuzmillionen, Sackerment und Himmel verdammich ...!« »Tu' ihm nichts, Vater!« Es war schon zu spät. Zwei Fäuste streckten sich aus, zwei Fäuste wie Taustricke. Die legten sich um eine röchelnde Kehle. Das Gesicht des Wahnwitzigen stand hart vor dem seines Sohnes, und seine Stimme tobte: »Meine Ehre, meine heilige Ehre! Mensch, du infamer, du Bankrutter und Spieler! wie kannst du das Ansehn des Hauses Harkopp \& Söhne zertöppern? Wie kannst du? Wie kannst du mit Fleutgen solche Geschäfte betreiben? Wie kannst du ein armes Weib und ein verlähmtes Geschöpf um seine letzten Groschen betrügen? Herr Jeses, ich ersticke im Elend! Wie kannst du es wagen? Verrecke! Verrecke!« Die Taustricke schnürten fester und wilder. »Erbarme dich unser! Denke an Mutter!« Nellecke hatte sich zwischen die beiden geworfen, riß die starren Klammern vom Halse des Bruders und hing sich schwer an den Nacken des Vaters. »Die Schande!« stöhnte der Alte und ließ die Fäuste herunter. Mit einem Fluch streifte er Nellecke ab, die schirmend vor Ewert getreten, taumelte rücklings, fiel in den Sessel zurück und streckte die Beine. Im Zimmer des blauen Mynheers war es wie in einer Sterbekapelle. Verwesung und Stille. Nur das Schluchzen der beiden Kinder drang aus einer verlorenen Ecke heraus wie die wehen Laute von Totenbeterinnen. Der Kapitän lag mit geschlossenen Augen, den Kopf vornüber, verkrüppelt wie einer, dem man das Rückgrat gebrochen. Und die Stille hielt an, als wäre der Tod von Basel durch die Stube gegangen. »Vater ...!« Er zuckte schmerzlich zusammen, faltete die Hände und suchte seine Gedanken zu ordnen. Große Tropfen sickerten vor und begannen langsam zu fließen. Endlich hatte er Tränen gefunden, er, der stichelhaarige Mann, der rücksichtslose Gebieter auf Deck, als er sein braves Schiff noch befehligte, er, der immer kühl und besonnen gewesen. Das Geschick hatte ganze Arbeit gemacht und ihn in die Pfanne gehauen ... und das, was er soeben gesagt hatte, sprach er noch einmal, aber verweht und mit der Zunge eines lallenden Menschen. »Ich, Moritz van Dornick,« also redete er bang vor sich hin, »nicht ohne Mankos im Leben, vom binnersten Kern aus aber blank und gescheuert wie 'ne Kombüse auf 'nem Ostindienfahrer, muß solches erleiden! Warum das? Weshalb mußte gerade mir dies passieren? Ich bin doch kein Hundsfott ... kein Gottesleugner ... kein Mensch mit einer verrosteten Seele. Jesus Christus! ich glaube doch innig. Ich glaube an meinen Schöpfer und Heiland ... an meinen König und Herrn ... an das Geschlecht der Zollern ... und ich glaubte an euch, wie ich an eure selige Mutter glaubte, allzeit und so lang ich sie hatte. Mutter ist tot, und nun habe ich auch meinen Glauben verloren.« Dickfadig träufelten ihm die Worte von den Lippen herunter. Ein unterdrückter Schrei ... Nellecke hatte sich von ihrem Bruder gelöst, war schluchzend etliche Schritte weiter ins Zimmer getreten. Ihre Arme hoben sich; dann stürmte sie vor. »Vater, glaube an uns! Glaube an mich und glaube an Ewert!« und mit der Allgewalt leidvoller Liebe warf sie sich dem Alten zu Füßen, umschlang seine Knie und drückte ihren Mund auf seine gefalteten Hände. »Vater, vergib uns! Weis' uns nicht von dir! Mich nicht und Ewert nicht. Es ist ja nur ein Leben auf Erden. Nachher ist alles vorüber und nichts mehr. Vergib uns, vergib uns! Mache deinen Frieden mit ihm, bevor es zu spät ist. Er wird sich schon bessern. Er ist durch Sünde gegangen, aber nicht durch 'ne schlechte und erbärmliche Sünde.« Ihre Finger krochen empor, tasteten sich weiter, umschlangen den Nacken des Vaters. »Vergib uns, wie der Herr uns vergibt und alles Böse hinwegnimmt in der Stunde unseres Todes.« Auch Ewert ... nein, er vermochte kein Glied mehr zu rühren. Die Not hatte ihn an den Boden genagelt. Was war das nur? Eing das Trauerspiel seinem Ende entgegen? Verloschen die Lichter? Wollte die Gardine herunter? Gedachten die Menschen still auseinander zu gehen, um über das Gehörte ihre traurigen Gedanken zu haben. – Nein, sie durften noch nicht. Die Gardine blieb, wo sie war, senkte sich nicht, ließ die Szene offen, und die Lichter brannten noch immer, denn siehe: ohne Geräusch, von keinem bemerkt, war jemand ins Zimmer getreten. Lautlos gekommen, erhob er sich lautlos. Vom Hauch des Gespensterhaften umwittert, gestreckt, die Bibel zwischen den mageren Fingern und die Augen Von dunstigen Ringen umgeben, in deren Tiefen matte Feuerchen glommen, stand der weiße Mynheer dicht neben dem Türpfosten. »Moritz!« »Mein Gott und mein Himmel! nun muß auch dieser Mensch noch erscheinen.« Der Kapitän rang nach Atem. »Ist denn heute alles verludert? Will mir der Verstand auseinander?!« »Moritz, man Ruhe, und ihr beiden da – auch man Ruhe gehalten. Ein Sprichwort besagt: Alles will wieder erlebt sein, oder Gottes Wort ist erlogen. Ich habe mein bestimmtes Programm, und dieses Programm ist ausgespielt worden, und ich komme man bloß, um euch hierüber Rapport zu erstatten.« »Du kommst im Namen des Satans!« »Moritz, das stimmt nicht. Das sind dämliche Worte, und solche Worte soll ein aufrechter Mann nicht gebrauchen. Du willst wenigstens zu den Aufrechten zählen, aber ich kann diese Ansicht bis zur Stunde nicht zu der meinigen machen. Der Herr ist gegen dich, denn geschrieben steht: Lasse deine Kleider immer weiß sein und deinem Haupte an Salbe nicht mangeln. Du aber – du hast es nicht verstanden, deine Kleider weiß zu erhalten und deinem Haupte Salbe zu geben. Geschlagen bist du durch die eigenen Kinder und durch die Rute des wahrhaftigen und lebendigen Gottes.« »Kreuzgewitter und Himmel verdammich ...!« Der Kapitän versuchte es, sich aus dem Lehnstuhl zu heben ... »Du ... du ... du ...! Hundekanaille, wer bist du?! Was willst du überhaupt in meiner Kajüte – du Totenkoppmaler?!« Mit blaurotem Gesicht sank er zurück, haltlos und kraftlos, um wieder mit halbgeschlossenen Augen auf die Worte Terstegens zu hören. »Moritz, das mit dem ›Totenkopfmaler‹ ... Mit dem heutigen Tage habe ich mich dessen begeben. Das Bild ist weggewischt worden ... das Bild ist verschwunden ... das Bild kommt nicht wieder. Das wollte ich dir als Rapport überbringen. Warum das – das sollst du später erfahren. Moritz, du weißt noch ... am Silvesterabend ... ich sagte dir damals: Es wird Feindschaft sein zwischen dem blauen Mynheer und dem weißen Mynheer, und die Spur ihres Zusammenseins wird nicht mehr gefunden werden auf Erden. Moritz, mit dem heutigen Tage ist dieses ein Ding ohne Inhalt, ein Wort mit Wurmstich behaftet, eine geborstene Glocke. Ein Höherer hat die Sache in Arbeit genommen, ist mir beigesprungen, hat gerächt und gerichtet. Und daher: ich brauche keine Totenköpfe mehr mit Kreide zu zeichnen, nicht mehr auf Posten zu stehen, nicht mehr in der dir zugeschworenen Feindschaft zu bleiben. Alles mit Muße und alles mit Andacht. Dem überirdischen Arm soll man nicht in die Parade fahren; denn sein ist die Rache – und sein ist die Kraft – und sein ist die Herrlichkeit. Wer so in der äußersten Not sitzt, wie du dich jetzt im Jammer befindest, dem tut man nicht mehr weh, den haßt man nicht mehr, dem reicht man die Hand hin – die Hand der Versöhnung. Ja, ich verzeihe dir alles – auch das von wegen der ›Hundekanaille‹, denn du hast es im Unmut gesprochen – auch das von wegen Lambert und Nellecke; ich nörgle nicht dran herum, wie es die Besserwisser gewöhnlich betreiben, denn es ist aus dem Trüben heraus und ohne Besinnung geschehen. Nimm diesen Rapport hin, wie ich ihn bringe. Unser Vater im Himmel erleuchtete mich und sagte mir heimlich: Gehe zu Moritz und rede mit ihm und suche ihm das Leben wieder erträglich zu machen. So gebot er mir eben, und ich tat, was er sagte; denn sein ist die Kraft – und sein ist die Macht – und sein ist die Herrlichkeit, von jetzt an bis in alle Ewigkeit, Amen.« Ein Schluchzen war um ihn, ein Weinen und Klagen. Moritz van Dornick stierte vor sich hin. Der weiße Mynheer aber stand noch immer wie ein Prophet, wie ein Mahner und Pfadfinder, aufgepflanzt in unerschütterlicher Würde und Hoheit. Da legte sich ein sanfter Arm in den seinen. »Du hast genug geredet, Johannes; drum geh' still auf dein Zimmer und suche die Uneigennützigkeit und suche die Nächstenliebe. Du wirst sie dort finden. Ihr aber, Ewert und Nellecke, ihr sollt zu Röschen Jungklaas kommen. Sie erwartet euch beide. Jetzt geht nur. Es ist keine Zeit zu verlieren. Laßt mich allein mit meinem Freund, dem Kapitän. Ich habe mit Moritz van Dornick zu sprechen.« »Aloys – du ...?!« Der Prediger hob die Bibel zur Decke. »Warum bist du gekommen?« »Kein langes Gefrage!« drängte der Aktuarius. »Meine Sache ist eilig,« und da verließen alle die Stube, auch Johannes Terstegen. Dessen Psalmodieren aber ertönte noch weiter auf dem hallenden Hausflur: »In meines Herrn Tempel sind viele Wohnungen bereitet; doch nur die werden dort eintriumphieren, die ihm dienen mit Mund und Händen, in Gedanken und Werken, bis sie berührt der dunkle Fittich des Todes.«   17 Das Psalmodieren und Predigen ließ nach. Mit einem Gemisch von Verwunderung und Verachtung zerging es. Nichts mehr zu hören. Nur noch das Näseln im Lampenzylinder. Es ähnelte dem Wispern im Röhricht, das einsetzte, um schnell zu verstummen, das aufs neue begann, um lautlos in das atemlose Schweigen des Nichts zu gleiten. Draußen machten sich Schritte bemerkbar. Gedämpft gingen sie durch die weitläuftigen Flure. Sie verloren sich in den zunächst gelegenen Kammern. Das Altmännerhaus hatte seine Missionsgänger wieder, verharrte jedoch in seiner tiefen und mystischen Ruhe. Der Aktuarius stand neben dem Kapitän, konnte aber den richtigen Zuspruch nicht finden. Jedesmal, wenn er ansetzen wollte, verließ ihn die Sprache. Was bewegte ihn so? Warum denn mußte er immer wieder an Nellecke denken? Warum denn hatte er ein so selbstloses Mitgefühl mit diesen heimgesuchten und geschlagenen Menschen? Was hatte er nicht alles durchlitten! Welche Enttäuschungen, welche Irrtümer! Nellecke war ihm verloren und blieb ihm allzeit verloren. Auf dem Dreifaltigkeitsdeich war ihm nicht die weiße Taube erschienen. Gott, diese Taube! Und wo befand er sich jetzt? Er wähnte sich mitten im Herbstwald. Das Säuseln der Resignation umfröstelte ihn, machte ihn stumpf für die Welt, für alles Geschehen. Blatt um Blatt drehte sich raschelnd von den Bäumen herunter. Kein Blühen mehr, kein Flimmern im Gras, nicht der sehnsuchtsvolle Ruf irgendeines schluchzenden Vogels ... und dennoch konnte er von den van Dornicks nicht los, fühlte sich immer mehr in ihren Bannkreis gezogen, dachte immer an sie, ungefähr so, wie man gezwungen ist, an eine geliebte Tote zu denken ... und nun noch diese Katastrophe im Hause. Er legte die Hand auf die Stuhllehne. »Moritz ...!« sagte er leise. Der Kapitän hob langsam den Kopf. Seine Augen flackerten. »Äh! du...!« rief er ihn heftig an, fast abstoßend. »Alle sind von mir gegangen. Nur du nicht. Was willst du noch hier? In meiner Koje ist nichts mehr zu holen. Das könntest du wissen. Am Hechelkreuz liegt meine schönste Hoffnung begraben, eingescharrt wie 'ne Königskrone, der man ihr Leuchten nicht gönnen wollte. Und das erst mit Ewert! Der Saukerl hatte die forsche Kurasch, den ersten Nagel in meine Totenlade zu treiben ... aber 'nen schmutzigen Nagel. Wer lacht da? Ich selber. So moralisch verrecken zu müssen! Pfui Teufel! es wäre schon besser gewesen, ich hätte mir damals auf Deck statt des Schienbeins den Hals gebrochen. Ehre verloren, alles verloren! Man sollte ja in einen Spiegel hineinsehen und sich selber die Visage bespucken. Ah! das sollte man machen.« »Moritz, das sind keine Worte.« »Was?! keine Worte!« Wie ein bereits Totgesagter hatte sich der Kapitän in die Höhe gewuchtet. »Wo mir die Geschichte bis hier steht« – er schlug sich mit der flachen Hand gegen die Kehle – »da soll ich mir auch noch die Worte verkneifen? Aloys, du bist der beste Kerl von uns allen, aber in dieser Beziehung ... ich lasse mich auch von dir nicht beschwatzen. Wenn's dir nicht gefällt, was ich sage, dann bitte ... Ab nach Kassel! Mir ist doch nicht zu helfen, denn ich habe das Gefühl, als wenn ich aus 'ner Blutschale tränke.« Dem Aktuarius grauste. »So sei doch vernünftig!« »Wie gerne, wie gerne, mein Junge! Aber da ist nichts mehr zu machen.« Sein Blick stierte zur Decke. Von einem Querbalken hing das Modell seines Fahrzeuges, in voller Takelage, alle Segel hoch und die Stinnessche Flagge am Hauptmast. »Unmöglich! wo das hängt: das reine, jungfräuliche Schiff da! Mein Schiff, mein Kredit, mein Stolz, meine Zuflucht! Das knackt mir den Hals ab.« Er bäumte sich zurück, warf seine Arme aufwärts, spreizte die Finger, hielt sie flehend dem Rheinschiff entgegen, das schemenhaft durch einen bläulichen Nebel zu schwimmen schien. In wütiger Qual schrie er es an: »Du da oben, bin ich nicht immer spurig durchs Leben gegangen?! Nicht direkt mit 'nem Galopp aus dem Stall, sondern allzeit bedächtig und sicher? Bin ich nicht toujours prachtvoll und mit vollen Bunkern gefahren – von Duisburg-Ruhrort nach Rotterdam, von Rotterdam wieder retour? ohne Leckage, ohne dem Herrn Stinnes und dir jemals Molesten zu machen?! Ja, du – und Wenn ich vor Anker ging, riefen da die Kaufleute nicht, riefen die Reeder da nicht: Da kommt Moritz van Dornick, der ehrliche Moritz?! A votre santé , Moritz van Dornick! und sie sprachen mir zu und ließen mich leben. O du, mein Schiff, du, mein Kredit, mein Stolz; meine Zuflucht, du kannst es bezeugen: bin ich nicht allzeit mit geradem Gewissen und aufrechten Knochen unter deiner Flagge gesteuert?!« Er suchte nach Atem. Seine Fäuste ballten sich, krampften sich ein, stemmten sich gegeneinander. »Nun aber ... ein fieser, schmieriger Kerl steht am Backbord und brüllt von den Planken herunter: Moritz, wo hast du deine rechtschaffenen Knöppe gelassen?! Dein Sohn ist ein Lump, und wie der Bock, so die Wolle. Moritz, wie kannst du noch vor dem alten Herrn Stinnes bestehen? wie vor der Firma Harkopp \& Söhne? wie vor dem armseligen Weib in Emmerich, das kaum Kartoffelschalen noch hat, und wie vor dir selber? Halt's Maul, du da oben! oder kannst du die Fresse nicht halten?!« Er sprang auf, riß sich herum und packte den Knotenstock hinterm Wandschrank, den er stets mit sich führte, wenn er durch die Wiesen spazierte, über Wisselward bis zum Rhein hin, um aus alter Gewohnheit den Kähnen und Schleppern zu folgen, wie sie in weißem Segelzeug zu Berg und Tal gingen oder braunschwarze Straußenfedern hinter sich Herzogen. Der Stock reckte sich auf. »Moritz, was willst du?!« Der Aktuarius suchte ihm in die Arme zu fallen. Es war zu spät. Die grandige Stimme knatterte wie Pelotonfeuer: »Halt's Maul, du da oben!« und von der kräftigen Faust durch die Luft gewirbelt, krachte der Bakel in die Takelage hinein, in die zierlichen Planken und Balken. Mit einem lauten Schrei stürzte das Modell aus der Höhe herab, überschlug sich und zerschellte am Boden. »Aus!« stöhnte Moritz! pfefferte den Dorn in eine Ecke des Zimmers und rieb mit heiserem Lachen die Hände zusammen. »Damit ist auch mein Haus in die Wicken gegangen. Von Rechts wegen. Ich habe nichts mehr zu sagen.« »Aber ich,« fiel der Aktuarius ein. Er zitterte vor tiefster Entrüstung. »Du solltest dich schämen, solche Torheit zu machen! Das ist brutal und hundsmiserabel und deiner nicht würdig. Ja – ich verstehe dein Unglück, aber ein Kerl wie du sollte sich in solchem Malör ganz anders benehmen. Was du hier betreibst, ist Feigheit von der niedrigsten Sorte ... und hast mir doch immer damit in den Ohren gelegen: ich, der Kapitän von ›Maria, sei mit uns‹ ...« »War ich. Bin ich nicht mehr. Kann es niemals mehr werden. Meine Reputation hat die Schwindsucht bekommen, und Schwindsüchtige haben's nicht gern, daß man ihren Atem belauscht, aus Furcht, die stickige Luft könnte auch gesunde Lungen verpesten. Das ist es.« »Das ist es nicht. Du karriolst auf dem Holzweg. Wer sich selber aufgibt, verdient unter die Räder zu kommen. Verstehst du?« »Gut reden, wo mir kein Kastemännchen mehr in die Hände hineinwichst. Der Bankrutt hat's Maul aufgetan und will Goldstücke haben. Jetzt heult das Biest und zerreißt mir die Ohren, denn ich kann es nicht füttern. Aus ist die Sache.« Er zog einen großen Strich quer durch die Luft. »Totaliter aus und verbumfiedelt. Mir kann niemand mehr helfen.« »Moritz, jetzt hör' mal. Ich kam, um mit dir ein vernünftiges Wörtchen zu reden. Aber ich seh': in deinen vier Pfählen spektakelt ein Narrenkasten herum und macht alles zu schanden. Nimm's mir nicht übel, wenn ich mich gehorsamst empfehle. Mit dir ist kein Auskommen mehr, wenigstens hier nicht; denn immer wieder treibt's einen hier in die Galle hinein oder springt einem 'n toller Hund zwischen die Beine.« »Schnee auf den Kopp!« ächzte der Alte. »Gar nicht so übel,« sagte der Aktuarius. »Hoffentlich hilft es!« Er sah nach der Uhr, weckte den Stecher und ließ den Schlag repetieren. »Erst sechst. Drum noch ein Letztes! Willst du mich um achte in meiner Wohnung beehren?« Der Kapitän sah ihn fassungslos an. »Bei dir?« »Ja, bei mir.« »Wenn ich dein Haus nicht verstänkere ...« »Darauf will ich's ankommen lassen. Also um achte.« »Um achte,« wiederholte der Kapitän, ohne eigentlich zu wissen, was er sagte. Nur das wußte er: der Herdentrieb war auch bei ihm lebendig geworden. Die heutigen Abendstunden allein zu verbleiben, wäre furchtbar gewesen. Die freundliche Aufforderung kam ihm somit gelegen. »Schön denn – um achte,« und er beugte sich nieder. Wehen Herzens raffte er die Brocken des zertöpperten Schiffes zusammen. Inzwischen trieb der Aktuarius durch den ziehenden Schneestaub. Die Stirn brannte ihm von den glasierten Nadeln, die scharf durch die Straßen fegten. Kreisende Funken glitzerten in dem weißen Dunst der großen Laternen, deren Licht in dem dichten Geriesel fast erstickte. Bevor er nach Hause ging, sprach er erst bei Röschen Jungklaas vor, um von Ewert und Nellecke etwas Näheres in Erfahrung zu bringen. Als er hier völlig wissend geworden war, lenkte er seine Schritte zum Notar. Trotz der vorgerückten Stunde fand er noch willige Ohren. Die Unterredung war lang und eindringlich und endigte mit der Ausfertigung eines beglaubigten Schreibens. Eine Stunde später saß er wieder in seinem behaglichen Zimmer. Punkt acht erschien Moritz. »Melde mich gehorsamst zur Stelle.« Mit traurigen Blicken sah er sich um. Der Aktuarius schlug einen heiteren Ton an. »Brauchst keine lange Nase zu machen. Punschbowle gibt's nicht. Aber 'nen Schnaps kannst du haben. Boonekamp of Magenbitter. Feinstes Destillat von dem braven Ohm in Rheinberg.« »Merci.« Der Kapitän winkte ab. »Bitte, dann setz' dich, denn ich habe mit dir unter vier Augen zu sprechen. Drüben ging's nicht. Da war ja alles verstört und aus dem Leimtopf gegangen. Meine Angelegenheit will, um mit deinen Worten zu reden, ruhiges Fahrwasser haben. Kein Schlingern und keinen Sturm in den Segeln. Ich möchte einen erlösenden Trunk, tun – einen langen und tiefen. Selbstverständlich auch du. So nur können wir beide gesunden, und wenn es dir recht ist ... Aber vorab sei gesagt: Unterbrich mich nicht, halte deinen dicken Schädel im Zaum, reiße dich zusammen und gib erst Antwort, wenn du gefragt wirst, sonst kann ich meine richtige Trift nicht halten und das nicht in den Hafen bringen, was in den Hafen hinein will. – Moritz!« – und er setzte sich dem Kapitän dicht gegenüber, schlug die Beine übereinander und sagte: »Moritz, wir beide, du und ich, wir kennen uns lange. Ich kann deine Freundschaft nicht missen. Sie wurde nicht auf kärglichen Boden gesät, sondern in die fette, niederrheinische Scholle hinein, und ging auf unter einem fruchtbaren und warmen Landregen. So was hält vor und gibt immer eine reichliche und erfreuliche Ernte. Schade nur, daß ich diese Ernte nicht noch besser ausnutzen konnte. Ich will hiermit auf Nellecke hingewiesen haben. Bitte, mich nicht unterbrechen zu wollen. Denke an meine aufgestellte Prämisse. Ich weiß, du hast das Beste gewollt und bist nicht schuld daran, was sie mir antat. Wenn wir lieben, so stellen wir das Weib, das wir lieben, über alle Geschöpfe, die uns hienieden begegnen. Ich tu' es noch heute. Hier, das hier« – und er preßte seine Hand auf die Herzgrube – »war krank nach ihr, und das im wahrsten Sinne des Wortes. Sie könnte es heilen und ihm alle Sehnsucht in einen breiten und schönen Strom des Glückes verwandeln. Sie tat es nicht, wandte sich ab und ließ mich bettelarm stehen. Ich denke, die Blume, die ich ihr bot, war zu dürr und unansehnlich für sie. Sie konnte bessere haben ... und hat sie gefunden. Nur traurig für mich, nicht traurig für Nellecke, denn jeder ist sich selber der nächste, hat das Recht und die Pflicht, auf seine Art selig zu werden. Gewiß, eine geraume Zeit hindurch hoffte ich auf die köstliche Welle einer erwiderten Neigung. Ich glaubte, den Ton eines verheißungsvollen Echos zu hören. Er beherrschte mein Leben und mutete an wie fernes Abendläuten. Ich wollte die Hände unter ihre Füße legen, sie feiern und ehren und zu meiner Maienkönigin machen. Wie schön, wie schön! sagte ich öfters, ganz benommen von ihr, von ihrer Güte und Reinheit... aber Nellecke wollte nicht meine Maienkönigin werden.« »Satt und genug!« fuhr Moritz dazwischen. »Du drückst mir den Verstand aus dem Hirnkasten. Gott verdammich nochmal! sie soll es noch werden... sonst: mit diesen zwei Fäusten – ich erwürge das Weibsbild. Herr Jeses...! Herr Jeses...!« Stur und wie verdröhnt stierte er in den sirrenden Docht der kleinen Tischlampe. »Weshalb die Aufregung? Ich bin doch der leidende Teil, und siehe: ich bin gefaßt und ruhig geblieben. Es ist nicht wohlgetan, dem Geschick in die Speichen zu fahren. Schon um ihretwillen nicht. Ich hätte den Mut nicht, ein junges, hoffnungsvolles Glück aus dem Senkel zu heben. Wenn es auch weh tut, das in fremden Händen zu wissen, was man selber gern hätte – ich gehöre zu denen, die resigniert und ohne Groll im Herzen dem Verlorenen nachsehen, es mit heißen Augen verfolgen, wie sie das Gleiten eines stillen Vogels verfolgen, wenn er dem Westen zustrebt, um ganz allmählich im Dunkel des sterbenden Tages zu schwinden. Ich trage nicht nach... ich habe kein Leid mehr... ich segne den Mund, der mich küßte... ich beneide die Hand, die mich abwies. Möge ihr alles werden, was sie bei mir nicht finden zu können glaubte. Es wird einsam um mich. Die Blätter fallen, aber ich hoffe: auf Millendonk wird mir das Vergessen schon kommen.« Der Kapitän erhob sich. Seine Blicke schwammen. »Nichts mehr,« sagte er fahrig. »Ich kann nicht mehr folgen. Solche Auslassungen passen nicht für Moritz van Dornick; denn offen gestanden, ich rechne mich nicht zu den selbstlosen Menschen, die geduldig die Backe Hinhalten, um den zweiten Streich zu empfangen. Allerhand Achtung! Das ist ja recht schön in der Bibel geschrieben, ist hinsichtlich der Praxis aber man bloß für besondere Leute hingelegt worden. Für mich läßt sich das an wie: friß Vogel oder krepiere ... und so was hat niemals in meinem Reglement und meinem Katechismus gestanden. Aloys, ich gehe.« Zwei gütige Hände drückten ihn nieder. »Nur noch fünf Minuten, mein Lieber. Die wirst du einem alten Freund wohl noch gönnen. Ich verspreche dir: von Nellecke ist nicht weiter die Rede. Das wurde vorhin in bester Weise erledigt und mit Stumpf und Stiel aus meinem Acker gerodet. Ein schöner Stern ging mir auf, ein schöner Stern ist für mich untergegangen. Was weiter? Darüber sieht die Welt hinweg, als wäre gar nichts gewesen. Möge es ruhen. Du aber ... Moritz, ich sagte dir schon: Ich habe mit dir unter vier Augen zu sprechen. Das soll hiermit geschehen. Bevor ich heute Abend bei dir anpochte, ist Röschen Jungklaas bei mir gewesen. Sie redete verständige Worte, und das, was ich von ihr nicht herausbringen konnte, habe ich in deinem Zimmer und gleich darauf von Ewert erfahren. Du brauchst mir nichts mehr zu sagen. Ich kenne dein Unglück und weiß, was im Hause Harkopp \& Söhne passiert ist.« »Dann weißt du auch, daß ich ein unhonoriger Kerl bin.« »Trage diese Behauptung bei solchen herum, die ins Irrenhaus wollen. Ich für meine Person lehne es ab, mich mit derartigen Menschen identifizieren zu lassen. Ich komme auf Ewert. Würde ich dein vorgefaßtes Urteil über ihn zu meinem eigenen machen, ich käme mir vor wie der erbärmlichste Hehler – und das wirst du nicht wollen. Was ich von ihm halte, braucht mir niemand zu predigen. Ich kenne mich selber und lasse mich in der Bewertung meiner Ansicht von keinem beirren. Was gilt mir die Umwelt? Auch deine Hypothesen sind mit Fieberaugen behaftet – dir gegenüber und deinem Sohn gegenüber. Moritz, sei ruhig! Deiner Antwort bin ich später gewärtig. Ankläger und Verteidiger sind verschiedene Leute. Jetzt hat der Anwalt zu sprechen, und als solcher sage ich dir ehrlich und offen: Replik wider Replik! Du hast ihn zum alten Eisen geworfen, gibst ihn verloren und glaubst deine eigene Ehre gefährdet. Das ist verbriefter und gestempelter Unsinn. Gut, sein Leichtsinn hat ihn auf die Rutschbahn geworfen, ließ ihn Dinge betreiben, die bedenklich nach Ärgernis schmeckten. Aber Gott sei gedankt! der Kern ist gesund, und es gibt noch Mittel und Wege, ihm den begangenen Leichtsinn vom Leibe zu schütten, Sühne zu schaffen und hierdurch sein Verschulden zu tilgen. Damit ist allen geholfen. Ein Sohn von Moritz van Dornick geht mir nicht vor die Hunde ...« und der eifrige Sprecher reckte sich auf, beide Fäuste gegen die Brust klemmend, gleichsam um den wilden und heißen Pulsschlag nieder zu halten: »Nein, der geht mir nicht vor die Hunde! Das soll meine Sorge sein, und dafür lege ich meine Hände ins Feuer. Moritz« – und seine Worte nahmen wieder ihren zielbewußten und bedächtigen Schritt an – »ich danke meinem Herrn und Schöpfer, daß er mich für würdig hielt, ihm hierbei als Werkzeug zu dienen.« Mit einer raschen Bewegung nahm er von einem Nebentischchen ein amtliches Schriftstück. »Hier! mit diesem Kreditbrief gehst du morgen, oder wenn es dir paßt, zu Harkopp \& Söhne, bestellst 'ne schöne Empfehlung von mir und 'nen besonderen Gruß für den Seniorchef des geachteten Hauses. Das Weitere wird sich dann finden ... und ist Ewert so weit, hat er den alten Rock vom Leibe gerissen und sich mit 'nem schönen neuen bekleidet, dann wird er nicht anstehen, das überwiesene Darlehn mir prompt zurück zu erstatten. So, Moritz, das wär' es. Es ist gerne gegeben, denn nichts ist schöner, als helfen zu können und eine unsichere Existenz wieder auf die richtige Fährte zu bringen.« Der aufgetaumelte Kapitän umgriff seine Schläfen. »Bin ich verrückt, oder höre ich richtig?! Christus! was tust du, und was bedeutet das alles?!« »Nichts weiter als: Freundschaft zwischen zwei Menschen, die sich fanden im Leben.« »Aloys ...!« Moritz wankte, hatte aber noch so viel Kraft, nach der Hand des Insichgekehrten zu tasten und sie an seine Lippen zu ziehen ... und der harte Kapitän, der Mann mit der eigenartigen Gottesverehrung, der sich seinen Herrn und Heiland auf seine Manier klar gemacht hatte, fand sich mit einem Male wieder im Vaterunser zurecht, wenn auch nur ungelenk und in stoßweisen Sätzen. Aber er betete doch; er betete widerborstig, er betete grobzügig, er betete wie ein Frundsberger Landsknecht auf gewonnener Walstatt ... nicht für sich, nicht für Ewert, nicht für Nellecke... nein, er betete für den, der ihm, nach seinem Begriff, die Ehre wiedergegeben hatte, der neben ihm stand, arm im Herzen, aber reich an Liebe und Wohltun. »Vater unser, der du bist in den Himmeln ...« Und jedes Wort war ein Trumscheit, kantig, eckig, von einer ganz besonderen Schwere. Und jedes Trumscheit machte es sich zum Grundsaß, mit aller Macht gegen die Himmelstür zu rumpeln, so daß sie aufpolterte und freien Einlaß gewährte. Und der Herr vernahm das knollige Rumoren und sagte: »Das ist Moritz van Dornick. Sein Beten ist wie starker Tobak und beizt in die Augen; aber er betet nicht übel. Moritz, geh' man trostvoll nach Hause ... und was die Hauptsache ist: meinen Gruß deinem Donator. Er wurde gewogen und nicht zu leicht befunden. Ich werde mich seiner erinnern, wenn seine Seele sich vom Leibe scheidet. Im Hause meines Vaters ist ihm eine Wohnung bereitet.« Der Kapitän faltete die Hände. Von seinen schrundigen Wangen tropfte es nieder. »Mehr kann ich nicht tun,« sagte er wie aus einem schweren Traum heraus, und sein Arm legte sich um den Hals seines Freundes, »denn ich bin nicht würdig, dir die Pfade zu ebnen.« »Brauchst du auch gar nicht. Du brauchst nur Moritz van Dornick zu bleiben ... der alte ... der treue ... der Mann im Ölrock ... der Mensch mit dem barbarischen Zorn und mit dem Gemüt eines Kindes. Mehr will ich nicht haben. Die Wälder werden wieder grün werden, und die Lerchen über den jungen Kornfeldern werden wieder singen ... auch für dich ... für uns alle. Auch wir dürfen hoffen und wollen uns der heutigen Stunde erfreuen.« »Glaubst du? Glaubst du das wirklich? Auch für mich? Ja, du, jetzt glaub' ich es selber: auch wir dürfen hoffen ... nur mit dem Unterschied: du ganz anders als wir; aber ich bin auch hiermit zufrieden,« und er wandte sich dem Fenster zu, öffnete, tat so, als wenn er etwas hinauswürfe, und schloß wieder ab. »Da liegt sie – die Blutschale. Du hast sie mir vom Munde genommen. Ich kann wieder Gottes Lebensluft atmen und Gottes Sonnenlicht trinken ... und das ist was Großes ... und das gebietet mir, dir auf den Knien zu danken. Unsinn! so was kann man im Leben nicht abtragen. Das wertet nicht, das gilt keinen Pfennig. Aber wenn ich mal tot bin, wenn ich mit spitzer Nase da liege und mit porzellanenen Händen – dann tritt an die schwarzen Bretter heran und horche. Aber höre genau zu. Du wirst meinen Dank unter dem Sargdeckel stammeln hören.« Er machte eine stumme Handbewegung und schritt langsam zur Tür hin.   Draußen hingen weiße Festons ... die ganze Nacht hindurch und bis zum andern Morgen. In den ersten Frühstunden hellten sie auf, trieben zur Seite und ließen die Welt in ihrer ganzen kalten und stählernen Klarheit erglänzen. Hüben und drüben weite Schneefelder, gepuderte Kopfweiden und in Watte gepackte Ansiedlungen, dazwischen das breite schwarze Band des sich träge vorwärts schiebenden Rheinstroms. Ab und zu trieb eine Scholle vorüber, abgezirkelt und schaumig wie Schlagsahnentorten ... die ersten Schollen in diesem Winter, die ins Niederland reisten. Der Turm von Sankt Aldegundis trug eine Zipfelmütze wie der weiße Mynheer. Pielgerade ragte sie aufwärts und stieß ein Loch in den Himmel, umschaukelt von dunkeln Vögeln, die wie graue, böse Gedanken ab- und zuflogen, um dann über Emmerich und seine verschneiten Dächer hinzugleiten. Schneeblau sah der Tag in das große Kontor von Harkopp \& Söhne. Er gab sich alle erdenkliche Mühe, zierliche Eisblumen gegen den unteren Rand der Fensterscheiben zu malen. Allein es wollte ihm so recht nicht gelingen, denn der großmäulige Ofen, der wie ein Moloch aus dem Tal Gehenna mit seinem heißen Odem nicht sparte, taute die sich bildenden Kristalle stets als Tränen herunter. Dazu knackte er Steinkohlen wie Haselnüsse, prüzelte das überschüssige Zeug in den Aschenkasten, spuckte und räusperte sich und tat überhaupt so, als stünde ihm allein die Befugnis zur Führung der Unterhaltung zu. Und das war der Fall. Außer dem feinen Gezwitscher der Federn ließen sich keine anderen Laute vernehmen. Schweigsam war alles, und wenn einer der Angestellten sein Sitzfleisch nur um Haaresbreite verrückte, gleich fuhr der Herr in großgemustertem Buckskin mit einem hingehauchten »Pst, meine Herren!« dazwischen, wies vielsagend auf das Privatkontor des Prinzipals und beglückte wieder die aufmarschierten Zahlenkolonnen mit den bedeutsamen Hakenzeichen. Das Stummsein dauerte fort. Irgend etwas stimmte nicht im Hause Harkopp \& Söhne, oder aber es war etwas im Werden begriffen, etwas Erfreuliches, dem die Angestellten der Firma mit Spannung entgegensahen. Kein Geräusch, nicht das leiseste Mucksen! – nur der Magazinier des Kaffeelagers trat vorsichtig ins Zimmer, wandte sich auf Zehenspitzen an Herrn Pirrwitt und flüsterte ihm sacht in die Ohren: »Der Kapitän noch immer da drüben?« »Noch immer.« »Ja aber ... der Agent mit seinen fünfzig Sack Cuba ...« »Hat's denn so eilig?« »Er möchte Order empfangen.« »Soll warten.« »Gut – also soll warten.« »Pst, meine Herren!« In diesem Augenblick gellte die Klingel im Privatkabinett mit schrillem Lärmen dazwischen. Der erste Prokurist und Buchhalter, Herr Archibald Pirrwitt, schreckte auf. Er kannte das Zeichen. »Für mich!« sagte er hastig. »Der Chef lassen bitten,« und mit der Behendigkeit eines geschmeidigen Wiesels glitt er vom Drehbock, strich mit einem Fünffingergriff seine Sardellen zurecht, tat drei schüchterne Klopfer, um auf das stramme »Herein!« in das Allerheiligste der Firma zu treten. Mit einem raschen Blick orientierte er sich. Wohlig lief es über seine geängstigte Seele. Der Seniorchef und Moritz van Dornick standen sich Hand in Hand gegenüber, schmunzelten sich an und schienen einig geworden. »Das wäre geregelt,« hörte er den ersteren sagen, »und ich denke, mein Gestrenger, mit dem heutigen Tage können wir das Kriegsbeil vergraben.« Dann stellte er vor: »Herr Pirrwitt, erster Buchhalter und die Stütze des Hauses.« Der gediegene Herr in großgemustertem Buckskin krümmte sich vor Devotion wie eine Aalraupe und schlug die Blicke zur Decke. »Nicht so! Ich möchte nicht gerne, Herr Harkopp.« »Kennen wir,« lachte Johann Baptist mit fetter Stimme, und sich wieder seinem Besuch zuwendend, sagte er munter: »Sie müssen nämlich wissen, Kapitän: ohne diesen, meinen Freund und Gönner, wird nichts gemacht im Geschäft. Sie müssen mir drum schon gestatten, auch ihn von dem zwischen uns geschlossenen Pakt in Kenntnis zu setzen.« »Soll mir angenehm sein.« »Aber ich bitte, Herr Harkopp ... unter keiner Bedingung ... das wäre doch äußerst ...« »Hören Sie zu.« Herr Johann Baptist spielte mit seiner schweren Berlocke, dann sagte er feierlich: »Geschehen zu Emmerich im Hause Harkopp \& Söhne. In gegenwärtiger Stunde wurde zwischen dem Kapitän und mir folgender Friede geschlossen. Erstens: die unliebsame Angelegenheit ist mit dem heutigen Tage restlos geordnet. Zweitens: Witwe Fleutgen betreffend. Die von ihr leichtfertiger Weise entliehenen Gelder sind ihr mit Zins und Zinseszins zurückzuerstatten, und zwar noch vor Abend, und Sie, Herr Pirrwitt, werden die Liebenswürdigkeit haben, in dieser Sache den Vermittler und weißgekleideten Engel zu machen. Wollen Sie hingehen?« »Gott, diese Freude ...!« In den Wimpern des Angeredeten hing ein glasheller Tropfen. Herr Johann Baptist fuhr fort: »Drittens: Ewert van Dornick bleibt der Firma erhalten, vorausgesetzt, daß er einen Revers unterschreibt, das infame Pokern zu lassen, keine Differenzgeschäfte zu entrieren und Ihnen zu folgen, durch Dick und Dünn, mit heißem Atem und ganzer Seele. Was meinen Sie hierzu?« »Ich sagte ja immer: Etwas windig veranlagt; im übrigen prima, Herr Harkopp. Ich denke: wir können's nochmal probieren.« »Zum Letzten!« – und der alte Herr setzte das schönste, rosigste und gediegenste Gesicht von der Welt auf ... »In Anbetracht des Dreimännerfriedens von Emmerich und in Anbetracht ferner, daß ich die Genugtuung habe, den besten und ehrlichsten Graukopf unter meinen Sparren zu wissen – 'ne Buddel Madeira. Kapitän, Sie trinken doch eine?« »Wenn's denn nicht anders sein kann.« »Oller Seebär!« lachte der Kaufherr, »du willst doch kein Rheinwasser saufen?! Also, Herr Pirrwitt – Madeira und drei piekfeine Gläser!« Glückstrahlend taumelte das gedrungene Männchen aus der Friedenskammer, noch ganz benommen von dem soeben Durchlebten und willens, die ganze Welt an seinen großgemusterten Buckskin zu ziehen. »Und nun, Kapitän, ein Letztes, aber unter vier Augen.« Der Chef wurde ernsthaft. »Ihrem Wohltäter meine besondere Achtung. Solche Menschen sind nur mit der Lupe zu finden. Kurz, die ganze Aufmachung – eine Männertat, die die Hände falten läßt und in die Knie zwingt. Hut ab und Respekt vor solcher Selbstverleugnung. Aber das lassen Sie sich gesagt sein: die Gelder der Witwe nehme ich an, indessen jedoch, was zu Lasten der Firma gebucht ist, bleibt gebucht für die Firma. Jede Diskussion hierüber weise ich ab. Ich werde ihm selbst drüber schreiben ... noch heute ... und wenn einem das Gewissen schlagen sollte, diese moralische Schuld zu begleichen ... Kapitän, Sie verstehen mich schon. Ich hoffe: ihm wird's mit den Jahren gelingen.« »Wird es und muß es,« stammelte Moritz. Er wurde unterbrochen. Von einem Stift begleitet, klingelte Herr Pirrwitt mit der bestellten Bouteille Madeira und drei Gläsern ins Zimmer. Gleich darauf wurde der vollzogene Dreimännerfriede in altem Südwein gefeiert. Es waren glückliche und erlösende Augenblicke bei Harkopp \& Söhne. Die Gesichter des Alten und des prächtigen Chefs leuchteten wie die Rosen um Pfingsten, und die Äugelchen Pirrwitts wurden so winzig und vergnügt wie die eines Blindmolls. Eine Stunde später nahm Moritz einen rührsamen Abschied. Er fuhr mit der Post über Kleve nach Hause. Als der gelbe Wagen sanft in das Städtchen schaukelte, läuteten die katholische und die evangelische Kirche den dritten Adventsonntag ein. Der jüdische Tempel schwieg. Er besaß keine Glocken.   18 Springinsröckel, Springinsröckel, haben dir nicht die Ohren geklungen?! Ist es nicht über dich gekommen wie ein artiges Streicheln, wie ein stilles Gedenken, wie das Raunen von dankbaren Stimmen? Springinsröckel, und sind die Worte nicht bei dir gewesen, die da lauten: »Gleichwie du nicht weißt den Weg des Windes und wie die Gebeine im Mutterleibe bereitet werden, also kannst du auch Gottes Werk nicht wissen, das er überall tut ... aber das weißt du: Wer seinem Nächsten die Hand reicht, ihm die dornigen Wege ebnet und ihn rettet aus dem Sumpfe des Lebens, der wird gewertet im Himmel?« Springinsröckel, hast du nicht diese süße Epistel vernommen? Bist du nicht glücklich darüber? Lächelst du nicht in dem hohen Gedanken, Gutes gewollt und Gutes getan zu haben? und bist du nicht fröhlich im Geiste, die Hand des Herrn auf deinem Scheitel zu wissen? Und wenn du auch Nelleckes Leib nicht besitzen konntest und das Geschick es nicht wollte, mit ihr vereinigt, die Schwingungen einer trunkenen Nacht wie das große Wunder der Offenbarung zu empfangen und weiter zu geben – sind nicht ihre Tränen auf deine Hände gefallen? Weißt du nicht, wie ihr Hauch dich umzittert, ihr Herz dir entgegenschlägt und ihre Erkenntlichkeit in weißen Rosenblättern auf dich herniederschaukelt? Springinsröckel, du erstickst ja unter schneeweißen Rosen. Bist du nicht heiter und fröhlich im Geiste? Ja, er war heiter und fröhlich im Geiste, und er machte die Bilanz seines Lebens und vergegenwärtigte sich, was er im verflossenen Jahre erduldet und wie das Leid ihn gepackt und durch alle Stationen der Liebe und der Entsagung hindurchgezerrt hatte. Das war jetzt von ihm genommen. In sich geläutert, mit klarer Stirn, nicht mehr hin und her geworfen vom Taumel der Leidenschaft, gingen seine Pulse in gemäßigten Schlägen, wandelten Betrachtungen durch sein Fühlen und Sinnen, die keine Schmerzen mehr kannten; Einblicke und Rückblicke, Wünsche und Ermessungen schwebten emsig und geschäftig durch seine Seele wie silberhelle Tauben, die das Licht des jungen Tages auf ihren Schwingen trugen. Von seinem Fenster aus sah er in den dritten Sonntag des Advents hinein. Festlich gekleidet, als ginge er zum Tische des Herrn, frohlockte dieser Sonntag durch die altmodischen Straßen, schaute in die Häuser hinein und erzählte schon heimlich von dem seltenen Stern, der über Bethlehem stand, als die Könige aus Morgenland kamen, um den neugeborenen Fürsten der Juden zu suchen ... und das innere Wesen des Sichwiedergefundenen wurde dabei feiner und sonniger, und es wurde noch froher und größer, als um, die Mittagszeit der Emmericher Bote vorsprach und einen verbindlichen Gruß von Harkopp \& Söhne bestellte. Gleichzeitig übergab er ein versiegeltes Schreiben. »Von Harkopp \& Söhne ...« Dann las er, und als er gelesen hatte, legte er die Hände auf den Rücken und schritt nachdenklich durch das kleine Reich seiner Umwelt, betrachtete seine Sammlungen, die Hautflügler und Schnabelkersen, die Sippen der Hasten und Spinnen, das Geschlecht der Papilionen und Federmotten und alles das, was als Tracheenatmer im Garten des ewigen Gottes die Beinchen bewegt, die Fühlerchen gestreckt, gelebt und geliebt hatte ... und war jedes ein Werk des Unfaßlichen, ein seltsames Spiel der Natur, ein Wunder aus der Hand seines Schöpfers. Vor einem weitbauchigen, mit Linsen, Froschlöffel und Pfeilkraut bestellten Wasserbehälter weilte er lange. Hydrophilus piceus ! Wie das ruderte und sich im Kreise drehte! Bereits Ende des verflossenen Sommers war die große Metamorphose vor sich gegangen. Wo, um Himmels willen, waren aber die gierigen Piraten der Tiefe geblieben, die eingekapselten Chrysaliden des moorigen Eilands?! Nichts mehr zu sehen. Statt ihrer glitten ölige, pechschwarze Käfer durch die Wirrnis der grünlichen Algenfäden, um die verzwickten Rosetten der Selaginellen, im steten Kampf mit Wasserflöhen und Schneckchen, schon jetzt der Stunde gewärtig, wo sie sich finden sollten, Männlein und Weiblein, tastend und schmeichelnd, dem Gebote des hohen Lenkers gemäß, um nach einem ewigen Gesetz das Mysterium der Liebe und der Zeugung zu feiern. » Sub specie æternitatis ,« sagte der Aktuarius, » trahit sua quemque voluptas . Jedes Tierchen hat sein Pläsierchen,« und er trat an die sauber polierte Kommode, woselbst auf einem grünen Papphügel die Villa ›Springinsröckel‹ aufragte und vergnüglich ins Land sah. Sachte pochte er an. Der braune Kavalier mit den kräftigen Schenkeln gab durch verständnisinnige Klopflaute Antwort, worauf ihm sein Herr und Gebieter gut zusprach und ihm zu verstehen gab, daß er ihn im kommenden Frühjahr mit nach Millendonk nehmen werde, aber nur unter dem Vorbehalt, sich dort der äußersten Vorsicht zu befleißigen, nicht den Frauenzimmern zu trauen und die Vorschriften des weisen Herrn Fischart aufs peinlichste zu beherzigen; denn die dort ansässigen Weibsbilder, Vieh-, Melk- und Zimmermägde ... Den Busen viele offen tragen, Und tust du dich hinein nur wagen, Zu sehen, was im Tale steck', So fangen sie dich auch schon weg. Das Strumpfband andere locker binden; Willst du dich dann dazwischen finden. So ziehen sie dasselbe zu Und fangen dich in guter Ruh'. Sind das nicht wunderliche Sachen, Die Weiberstare fest zu machen?! Also Vorsicht in Millendonk, Denn wer Gefährlichkeit tut lieben. Der wird darinnen aufgerieben, und somit: » Sapienti sat . Ich habe gesprochen.« Nochmals las er den eingegangenen Brief durch, während Springinsröckel durch weitere Klopflaute dartat, er befinde sich völlig im Bilde und werde allzeit bestrebt sein, den vernünftigen Lehren Rechnung zu tragen, Maß zu halten und sich von den dortigen Koketten nicht umgarnen zu lassen, schon der Vorsicht halber und um seinem Herrn und Meister Ehre zu machen, ein löblicher Vorsatz, den der Kavalier im schnupftabakfarbigen Leibfrack – leider Gottes sei es geklagt! – nicht in die Tat umzusetzen vermochte. Denn kaum in Millendonk angekommen, ersah er die Zimmermagd, die aus Kranenburg stammte, ein ländliches Wesen wie Milch und Blut, straffen Leibes und voll üppiger Schönheit. Der nun zu Liebe verließ er die Villa, hing sich ihr an und folgte ihr in die einsame Kammer. Hier nun, beim Licht der schwelenden Talgkerze, begann er unter dem grobleinenen Hemde seine Forschungsreisen zu machen, zu zwicken, zu zwacken, etliche Male über ihre stattliche Wölbung zu gleiten und ein Späßchen an das andre zu reihen. Das war zu viel für den duldsamen Sinn des sonst so friedlichen Mädchens. Mordgier durchwühlte ihr Herz. Mit angefeuchtetem Daumen und Zeigefinger griff sie zu, packte den Peripatetiker beim Wams und sprach die geflügelten Worte: »Weil du mit Kneipen mich beschwert, Bist du nicht reines Wasser wert; Muß in ein ander Bad dich schicken, Wo du vor Hitze sollst ersticken,« und siehe: Sie warf den Täter ohn' Bedenken Ins Nachtgeschirr, ihn zu ertränken. Hat drauf, nachdem das Bad vollendet, Dem Bett sich schleunigst zugewendet. Indessen er in großer Not Fand anders nichts als bittern Tod. Er endete qualvoll durch des Weibes Tücke und Arglist, hingemordet durch eine keusche Jungfrau aus Kranenburg, der er leichtfertiger Weise unter Hemd und Fürlatz gefahren, in der Blüte des Daseins, noch unbeweibt und am fünften des Maien, als draußen die Nachtigallen schluchzten und ein silberfingeriges Mondlicht die eben erst aufgesprungenen Kastanienleuchter umschmeichelte. Das war Springinsröckels Schaffen und Wirken, sein Lieben und Leiden und sein unfrohes Sterben. Seine Seele sei eingebunden im Büchlein der Lebendigen. Amen. Sela! – Aber noch atmete er Gottes erquickenden Sauerstoff ein, privatisierte als Junggesell in seiner luftigen Villa und nahm sich vor, im kommenden Frühjahr auf ehrliche Freite zu gehen, ohne sich dabei weitere Gedanken über das Übelwollen und die Rücksichtslosigkeiten des homo sapiens Linnaei zu machen – ein Mann des Augenblickes, des heiteren Genießens und der bukolischen Ruhe, während sein Herr noch immer dabei war, den ihm überkommenen Brief Zeile für Zeile zu prüfen, ihn nochmals zu lesen und hierauf seine demgemäßen Entschlüsse zu fassen. Endlich war er damit fertig geworden. Sein Vorhaben stand fest. Mit besonderer Umsicht schnipselte er einen neuen Gänsekiel zurecht, setzte sich nieder und begann eifrigst zu schreiben, nicht viel, aber prägnant und von äußerster Tragweite, kuvertierte, siegelte und kritzelte in seiner zierlichen Weise: »Seiner Wohlgeboren dem Herrn Kapitän Moritz van Dornick, wohnhaft dahier, Grabenstraße, Männerasyl, Zimmer 3 im unteren Hausflur,« willens, den ausgeführten Schriftsatz durch Drüke Anstoots besorgen zu lassen. Schon sah er sich nach der Klingel um, diese in Bewegung zu setzen, als kaum vernehmlich und schüchtern angeklopft wurde. Gleich darauf trat einer verstört ins Zimmer. Es war Ewert van Dornick.   Zwei Stunden später. Der blaue Mynheer saß in seiner geräumigen Stube – nach vielen Wochen und Tagen zum ersten Male wieder abgeklärter und freier in seiner geräumigen Stube. Der Besuch bei Harkopp \& Söhne und die gleich nach seiner Rückkehr mit dem Aktuarius gehabte Aussprache hatten ihm Zentnerlasten von den Schultern genommen. Heute und gestern! Gestern noch hatte er Funken vor Augen, kam er sich vor wie einer, der bei lebendigem Leibe verweste, gerichtet und ehrlos bis in die innersten Knochen. Das tat jetzt nicht mehr not. Heute stellte er den Spaten beiseite, mit dem er seine Schande und Schmach zu begraben im Begriff gewesen war. Das Bedrohliche hatte sich verloren, war kleinlaut geworden, hatte sich wie ein verprügelter Hund aus dem Zimmer geschlichen. Das Gespenst des Häßlichen lauschte nicht mehr draußen im Hausflur. Das Grübeln verdorrte. Freundliche Bilder breiteten sich aus, und die Hoffnung auf bessere Tage versenkte ihre Fühlerchen und Masern wieder in fruchtbaren Boden. Moritz allein und doch nicht allein. Seine Kinder waren bei ihm. Ewert mit rotgeweinten Augen und gerüttelt wie ein Baum in der Sturmnacht. Die Stunde, die er bei dem Aktuarius verbracht hatte, war die seligste, aber auch die schwerste seines Lebens gewesen, ein Bitt- und Bußgang und doch eine Quelle der Erkenntnis, die ihn stärken sollte von nun an bis in die entferntesten Tage. Was der einfache, bescheidene Mann da drüben in seiner Liebe und Allbarmherzigkeit der Familie zugesichert, wie er gesorgt und gerungen hatte und die Hand noch verehrte, die ihn von sich gewiesen, das alles hatte Moritz in beredter Weise und mit schluchzender Stimme geschildert. Nichts blieb den beiden erspart, auch nicht das Geringste. Ewert fand sich noch immer nicht in seiner neuen Lage zurecht. Nellecke weinte still vor sich hin. Ihr war das Herz zum Zerspringen. Als der Kapitän geendet, rief eine dünne Glocke herüber. Sie läutete zur Mittagsandacht. Da legte sich die Faust des Alten schwer auf den Tisch. Er wollte sprechen, aber das Wort sperrte sich lange. Sein Gaumen war dürr, seine Kehle vertrocknet. Endlich zerriß er, was ihn bewegte, und wieder polterte die Hand auf den Tisch. »Auferstehung!« sagte er mächtig, »Ostern für die Familie Moritz van Dornick! Nach gröbster Finsternis endlich ein Leuchten und Scheinen, und was da zur Kirche ruft, braucht uns nicht weiter zu kümmern. Hier zwischen uns, unter Vater und Kindern, ist der Herr näher denn sonstwo, ist eine größere Andacht und eine tiefere Reue. Was wir zu tun haben, braucht keiner zu wissen. Gott ist allgegenwärtig, auch hier, und weiß, was wir in uns tragen und sprechen. Ja, und er weiß auch: wir haben einem die Hände zu küssen – einem, der sorgte, daß wir unsern ehrlichen Namen behielten.« Und seine Stimme wurde wie die eines Kindes und flüsterte: »Aloys Furtwanger!« und sie straffte sich wieder und nahm einen metallenen Klang an und sagte: »Und weil ich der Älteste bin, will ich auch als erster beginnen, mich dankbar erweisen, der Welt gegenüber und Gott gegenüber, wenn's mir auch schwer fällt, einen gerechten und rechtschaffenen Zorn unter die Füße zu treten. So hört denn. Aus gepreßtem Herzen heraus: ich will Frieden machen mit euch und Frieden mit dem, der Tür an Tür mit mir wohnt, obgleich er mich mit gemalten Totenköppen bedrohte, mir das gebrannte Malör antat und das harte Wort prägte: Es wird Feindschaft sein zwischen dem weißen Mynheer und dem blauen Mynheer, und die Spur ihres Zusammenseins wird nicht mehr gefunden auf Erden ... und wenn er auch kam, um seinen Standpunkt wieder auf eine bessere Karte zu setzen, so ist das bloß ein verwehtes und oberflächliches Reden gewesen. Ich aber« – und er richtete sich steil in die Höhe – »ich will meinen Stolz und mein Lachen verlieren, will zu ihm hingehn und sagen: Johannes, ich habe meinen Frieden mit den Kindern gemacht und bin nun gekommen, das gleiche mit dir zu betreiben. Wir wollen vergessen – aus Dankbarkeit und Gott gegenüber, sonst ist alles Flick- und Stückwerk. So, das will ich und tu' ich ...« und er wandte den Kopf und sagte: »Ewert, jetzt bist du an die Reihe gekommen.« Da umgriff der Angeredete die Tischkante mit beiden Fäusten und stammelte schwer vor sich hin: »Ich darf keine Worte mehr machen. Es wäre unnützes Sprechen, denn ich habe meinen Kredit verloren: bei euch verloren und bei Harkopp \& Söhne verloren. Aber Knecht will ich sein, der geringste von allen, bis der letzte Pfennig ...« Er konnte nicht weiter. »Und das kannst du auf deine letzte Wegzehrung nehmen?« »Ja, Vater, das kann ich.« »Auferstehung und Ostern im Hause Moritz van Dornick und Frieden den Menschen auf Erden!« und der Alte warf nochmals den Kopf auf die Seite und sah Nellecke an mit Augen, die gütig und lieblich waren und doch wie Schwerter blitzten: »Und Nellecke – du ...? Jetzt bist du an die Reihe gekommen.« Schon wollte sie Antwort geben, als es draußen hüstelte, ein Brief durch den Türspalt geschoben wurde und eine ängstliche Stimme ins Zimmer flüsterte: »Soeben eingetroffen; vom Herrn Aktuarius drüben.« Da nahm Moritz und las, und als er gelesen hatte, da war es ihm so, als wäre einer erschienen, ein Ewiger, ein Strahlender, ein Engel des Lichtes, um ihn mit der Keule des Wohltuns und der Barmherzigkeit niederzuschlagen. »Aloys, Aloys!« schrie er auf und hielt das Schreiben mit beiden Händen zur Decke, um es macht- und kraftlos wieder sinken zu lassen, »mir will der Verstand auseinander! Ja – du, es gibt eine Liebe! Ja, es gibt eine Liebe, die schlimmer ist als Peitschenstriemen, es gibt ein Mühen und Sorgen, das einem den Schädel gegen die Wände stößt, es gibt eine Herzenswärme ... Aloys, ich bin ihrer nicht würdig, nicht ich, nicht Nellecke, nicht Ewert!« Seine Worte zerbröckelten, wurden zu Asche, bis sie wieder ins Flackern gerieten und aufflammten wie Freudenfeuer. »Mensch, du ...! Aloys, willst du mich zwingen, deine Schuhe zu küssen?! Simon von Kyrene war nicht besser als du. Willst du mich zwingen, in dir Simon von Kyrene zu finden? Du bist es ... deine Hand greift nach dem Marterholz ... du nimmst mir das Kreuz ... und trägst es ... und gehst still neben mir her, ohne noch die Blicke zu wenden. Herr, du mein Gott, es gibt eine Liebe!« und er verschluckte die Worte und trat auf Nellecke zu und hielt ihr den Brief hin und sagte: »Ein Vermächtnis von dem, mit dem du am Hechelkreuz standest ... der Ewert den Strick vom Halse nahm ... der da kam, um flehentlich dein Jawort zu erbetteln ... der den Mund noch segnete, der da sagte: Meine Liebe ist heiß wie der Tod, aber sie gilt einem andern. Und seine Antwort darauf? Hier ist sie, hier steht sie geschrieben,« und er las stoßweise und mit keuchendem Atem: »Da Herr Harkopp so freundlich war, die der Witwe Fleutgen zustehenden Gelder an diese in meinem Namen abzuführen, jedoch die Begleichung des ihm selber Veruntreuten zurückwies, so bestimme ich hiermit: Ich bin das Opfer von Illusionen geworden, aber ich weiß es zu tragen und habe den Mut, dieses einzugestehen. Ich bin aus den Wirren heraus. Wohltun bringt Segen, und ich möchte mir diesen Segen erwerben, möchte teilhaftig werden des Glückes einer Beglückten. In ihre Hände lege ich das, was für die Emmericher Firma bestimmt war. Alles das soll ihr als Aussteuer zugebracht werden, und Gott wird ermessen, ob ich in seinem und ihrem Sinn gehandelt habe. So hoffe ich, ihren Hausstand und den ihres Erwählten fest zu begründen, in ihrem Gedenken weiter zu leben. Es kommt von Herzen und es gehe zu Herzen. Dies mein Vermächtnis ...« und Moritz stöhnte auf und sagte: Ja – du, es gibt eine Liebe!« – Da sah er. ... Mit der Heftigkeit einer Verzweifelten war Nellecke aus ihrer stumpfen Ruhe gefahren, hatte ihre Hände aufwärts geworfen und dann vor ihr Antlitz geschlagen. »Nicht möglich!« wimmerte sie, ein hilfloses Geschöpf, und ihres Willens und Denkens beraubt, griff sie in ihre Flechtenkrone hinein, zerrte sie nieder und raffte die Strähnen zusammen. Kreuzweise lagen sie auf der wogenden Brust. Aus dem straffen, goldenen Rahmen stierte ihr Gesicht wie das der Schmerzensmutter, als die Nacht über Golgatha fiel und eine Stimme durch die Finsternis weinte und klagte: »In deine Hände empfehle ich meinen Geist ...« und dieses Gesicht war wie das einer Toten mit geöffneten Augen, die nicht mehr zufallen wollten. Moritz war dicht an ihre Seite getreten. »Nellecke, und jetzt ... Wie willst du ihm danken?« Ihre Nasenflügel gerieten ins Zittern. Die Starre ließ nach. Ihr Atem ging schwer. »Erspar' mir die Antwort,« sagte sie gefaßt und ohne jede Erregung. »Was ich zu tun gedenke, das mußt du schon mir überlassen. Dein Amt ist zu Ende, das meine beginnt. Ich friere hier, und wenn ich sprechen würde, ich müßte meine Gedanken verleugnen und meine Sinne betrügen. Was hab' ich angestellt, um so gepeinigt zu werden? Warum bin ich in diese Zweifel geraten? So war es noch niemals. Ich will Liebe geben und Liebe empfangen. Das ist es. Mein Herz ist leer und doch voller Zuversicht. Das klingt widersinnig. Ist aber richtig. Ich will nicht allein gehen. Ich muß einen noch rufen. Er wird sich dieserhalb freuen, und ihr werdet es mir gedenken im Leben. Ich habe einen Gang zu tun. Es gibt viele Wege, die mich hinführen können. Ich werde den rechten schon finden. Laßt mich nur machen ...« Und wieder spielte das Zittern von eben um ihre Nasenflügel, das heimliche Weh, als zögen große und schmerzensreiche Bilder an ihrer Seele vorüber. Der Alte sah sie fassungslos an. »Mit wem redest du eigentlich?« fragte er mit gerunzelten Brauen. »Mit mir und meinem Gewissen, und dieses sagt mir, was ich zu tun hab'!« »Was du zu tun hast ...« Er hatte ihre Hände ergriffen. »So tu', was dein Gewissen dir vorschreibt. Ich habe nichts mehr zu sorgen. Das liegt jetzt bei dir. Nur eins will ich festgelegt wissen. Das mit Lambert. Ich hebe die Hand nicht wider ihn ... ich fluche ihm nicht ... ich lege ihm keinen Stein in den Weg. Meine Tür steht ihm offen. Und was du auch vorhast, entweder so oder so, auf meine Person brauchst du keine Rücksicht zu nehmen. Aber es gibt eine Liebe ...« und er zog die Schluchzende an sich und küßte sie zärtlich, und er trat vor Ewert und nickte ihm zu. Dann ging er, wandte sich aber noch einmal und sah lange und eindringlich auf seine Kinder, die Schulter an Schulter standen und sich wechselseitig umschlungen hielten. Wie ein silbernes Klingen wisperte es durch das todstille Zimmer. » Allright! « sprach er in sich hinein, zufrieden und glücklich. Hierauf begab er sich zum weißen Mynheer, um auch mit ihm seinen Frieden zu machen. Als er damit fertig geworden, meinte Johannes: »Das wäre besorgt; aber was soll aus Nellecke und Lambert jetzt werden?« »Du, was ich Nellecke sagte, das sag' ich auch dir, ohne ein Wort dran zu ändern. Und Nellecke hab' ich gesagt: Ich hebe die Hand nicht wider ihn ... ich fluche ihm nicht ... ich lege ihm keinen Stein in den Weg. Meine Tür steht ihm offen. Und was du auch vorhast, entweder so oder so, auf meine Person brauchst du keine Rücksicht zu nehmen. Aber es gibt eine Liebe ...« »Ja, es gibt eine Liebe,« erwiderte der Alte, und in seinen ausgebleichten Augen begann es phosphorisch zu leuchten. »Moritz, ich sehe: dein Kleid ist weiß wie der Schnee da draußen geworden, und deinem Haupte fehlt es nicht mehr an Salbe. Das alte Jahr geht zu Ende. Nur noch wenige Tage – und die heilige Weihnacht ist da ... und dann kommt Silvester. Moritz, im verflossenen Jahr haben wir bei dir und in dem blauen Zimmer gefeiert, und es sollte mir wohl tun, wenn wir diesmal den Abend in der weißen Stube begingen. Es wäre mir eine bekömmliche Freude, denn wir, die Terstegens, haben auch unsere Ehre.« »Bong!« sagte der Kapitän, »das soll denn ein Wort sein, und ich kann dir hierzu den Doppelpunsch von Stäwe Pastores rekommandieren.« »Warum nicht?« schmunzelte Terstegen, »denn ich möchte alles wie'n Prinz von Oranien haben und mit 'nem doppelten Einschlag. Und nun ein Pfeifchen gefällig? As't üh belieft: Oldenkott Rippchentobak und 'ne ganz besondere Nummer!« »Soll mir angenehm sein,« und alsbald saßen die beiden mit übergeschlagenen Beinen zusammen, sprachen von alten Zeiten und wölkten ein Friedenskringelchen nach dem andern zur Decke empor, während die vier Evangelisten auf dem Fensterbrett standen und nur den einen Wunsch hatten, bald zu grünen und in Knospen zu schießen. Drüben, hinter den weißen Dachern, blühte das Abendrot in leuchtenden Farben, lieblich anzusehen und wie ein Gruß aus dem Himmelreich. – Und dieses Abendlicht – es stand wie eine große Verheißung im tiefen Westen, vergoldete die kalte Erde und warf auch ein freundliches Blinken über den Spieltisch, an dem Röschen Jungklaas und der Aktuarius ihr Sechsundsechzig-Partiechen wieder aufgenommen hatten. Vom Mittagstisch in der ›Goldenen Kugel‹ hatte er sich gleich zu Röschen begeben, völlig abgeklärt und die Welt wieder mit heiteren Sinnen umarmend. Und wie Röschen heute aussah! Genau wie damals, an ihrem Geburtstag. Auch heute trug sie ihr Resedafarbiges, ihr Seidenes, das so neckisch knisterte und so graziös unter der Krinoline sich bauschte, ein Kleid wie geschaffen, das schmucke Persönchen aufs beste in Form und Fassung zu setzen. Allerdings – die winzigen Krähenfüßchen um Mundecken und Naschen waren noch immer vorhanden, aber sie taten der ganzen Erscheinung nicht den geringsten Abbruch, erhöhten vielmehr das Pikante an ihr und den stillen Glanz, der ihre Augen verschönte. Alles so ohne Arg und so ganz ohne Fehle! Und wie die rosigen Finger es verstanden, die Karten zu mischen, die Stiche zu nehmen und sie zierlich zu häufeln, wobei die Honiglocken sich leise bewegten und die Lippen sich kräuselten, als wenn sie sagen wollten: » Primula veris !« Und das bronzene Stutzührchen tickte dazu, der Kanarienvogel flötete seine feinste Wasserrolle durchs Zimmer, und das Diplom, das dem wohlachtbaren Herrn Franz August Kasimir Jungklaas in Anbetracht seiner großen Verdienste um Staat und Vaterland, unter Verleihung des Königlichen Roten-Adler-Ordens vierter Klasse, ausgestellt worden war, grüßte dabei gravitätisch von der Tapete herunter. Dem Aktuarius war seltsam zumute. Im gewöhnlichen Leben ein gewiegter und feiner Sechsundsechzigspieler, war er heute nicht so recht bei der Sache. Immer wieder machte er Exkursionen und leichte Ausflüge in das Reich der Betrachtung, hörte auf das trauliche Summen und Knistern im Ofen und ließ sich von dem zarten Duft der schaukelnden Löckchen umwölken. Und dann diese Pfötchen! ihr Drehen und Wenden, ihr Nehmen und Geben! Mit sichtlichem Vergnügen beobachtete er das agile Treiben, um heimlich das scheinbar hingehauchte › Primula veris ‹ von keuschen Lippen zu nehmen. »Aber mein Lieber,« schmunzelte Röschen, wendete die Trumpfkarte um, was dem Weiternehmen ein vorzeitiges Ende bereitete, meldete Vierzig und zählte die Stiche, »Sie scheinen nicht folgen zu können.« »Doch, doch!« versicherte der Aktuarius und mischte die Karten aufs neue. Das Partiechen ging weiter. Ab und zu trat Christine Jordans ins Zimmer, sah nach dem plaudernden Teekessel, musterte die Spielenden mit einem vielsagenden Blick, räusperte sich und füllte, wo es nötig war, die zierlichen Täßchen. Bei dieser Gelegenheit machte sie sich auch in auffallender Weise an dem Myrtenstöckchen zu schaffen, das sie selber zugebracht hatte und das jetzt in der Fensternische so fröhlich gedieh und grünte, als wäre ihm von einem lieben Geist der Auftrag geworden, einen seligen Frühling mit Himmelschlüsselchen, Gamander und Ehrenpreis in Röschens Stube zu tragen. »Das wird immer pompöser und inniger, Mamsell,« sagte sie bedeutungsvoll über die Schulter, wobei sie sich in ihren Sonntagsspenzer legte, daß die Perlenkantillen in ein herausfordendes Klingen gerieten. »Was denn, Christine?« »Na, unser Stöckchen.« Verlegen sah die Angerufene in ihre Karten und gab keine Antwort. »Unser Myrtenstöckchen, Mamsell!« erläuterte Christine mit besonderem Nachdruck. »Myrtus communis,« sagte der Aktuarius und setzte den Trumpfkönig vor, »ein immergrünes und gewürzhaftes Sträuchlein, lieblich anzuschauen und mit achselständigen Blütenständen versehen.« »Schon richtig, Herr Aktuarius; aberst immer man weiter.« »Seine Heimat sind die Gestade des Mittelländischen Meeres und der blaue Propontis.« »Pardon, Herr Aktuarius, was ist das ,Propontis', oder wie Sie das Ding da benennen?« »Das heutige Marmarameer; nur wurde der nördliche Teil der Dardanellen, der sogenannte Hellespont, im Altertum mit zur Propontis gerechnet.« »Besonders aufzuwarten, das ist auch meine Erfahrung; aberst immer man weiter.« Der freundliche Herr legte die Karten zusammen. »Sieh einer mal an! Sie scheinen ein gewisses Interesse für diese Pflanzengattung zu haben.« »Habe ich immer besessen, und ich möchte gern wissen, was Extraordinäres noch dran ist.« »So hören Sie weiter. Ihre bitterlich zusammenziehenden und aromatisch schmeckenden Blätter und Beeren dienten ehedem als Heilmittel und wurden in dieser Hinsicht vielfach bewertet.« »Das ist weniger mein Gusto,« versetzte die Dicke. »Aber dieses vielleicht,« und der Aktuarius dozierte mit getragener Stimme: »Ihre vortrefflichen Eigenschaften gewannen ihr die Herzen der Menschen, und so kam es denn auch, daß sie im ganzen Abendlande in hoher Kultur steht.« Jungfer Christine ließ ihre Kantillen herzhafter klimpern. »Ganz meine Ansicht. Besonders die Myrtchens von Grades Jansen am Leikamp. Der pflegte sie mit Liebe und Mistus. Ich habe das Stöckchen von ihm selber bezogen, und nun lebt es bei uns als ein leibhaftiger Amor. Das muß man sich merken.« Röschen erbleichte. »Aber Christine ...!« »Warum nicht, Mamsell?« Die Alte machte herausfordernde Augen. »Christine hat recht,« sagte Aloys mit leichtem Erröten, »denn schon in den klassischen Zeiten Griechenlands war die Myrte ein Symbol der Tugend und Schönheit, der Göttin der Liebe geweiht, und blieb es bis heute.« »Ganz mein Fall,« versetzte Christine, während ihre Büste den seidenen Spenzer auf und nieder bewegte. »Da sind die alten Griechen doch sinngemäße und nachdenkliche Leute gewesen, die meine Estimierung besitzen, und es wäre gar nicht so ohne, wenn auch heutigen Tages ... denn das mit die Myrtenbäumchens – da steckt doch 'n delikater Momang und 'n gewisser lieblicher Schwung in die Sache. Indessen jedoch und besonders aufzuwarten: nu kann ich die Lampe wohl bringen, denn es ist so'n bißchen schummrig geworden. Oder aberst« – und sie neigte still den Kopf auf die Seite und legte mit einer rührenden Einfalt die Hände zusammen – »wenn's nicht pressiert und kommoder ist, noch so'n Stündchen im Dunkeln zu sitzen: ich kann auch noch warten. So was braucht nicht mit Schnellpost zu fahren. Allens will seine Genüglichkeit haben, was es auch sei, denn mit's Heftige kann man keine Vögelchens fangen. Es hat daher wohl noch Zeit mit die Lampe?« »In 'ner Viertelstunde vielleicht,« sagte Röschen, »wir können noch sehen.« »Das ist denn doch 'ne reelle und vernünftige Auskunft,« konstatierte die würdige Dame. »Also bis gleich denn.« Auf weichen Pirmasensern glitt sie lautlos von dannen. Das anheimelnde Rot, das sich alle erdenkliche Mühe gab, die letzten Augenblicke des Adventtages mit blühenden Kränzen zu schmücken und ihm das Hinschwinden leichter zu machen, war langsam zerfasert. Nur ein winziges, kaum wahrnehmbares Leuchten stand über den Dächern. Traumhaft war alles. Schneeblau sah der Abend ins Zimmer; aber man konnte noch spielen. Nur in den Ecken lag ein Düstern und Dunkeln, und aus diesem Düstern und Dunkeln heraus tickte das bronzene Stutzührchen mit seinem zirpenden Stimmchen, als wenn ein possierliches Mäuschen dem andern zuriefe, zu einem heimlichen Stelldichein zu kommen, um sich in Liebe zu finden. »Fünf Uhr,« sagte Röschen. Abermals legte sie die Trumpfkarte um, meldete Vierzig und warf das letzte Atout hin. Der Aktuarius hatte wieder verloren. Mit einer leichten Neigung des Kopfes schob er den Einsatz beiseite. »Das Glück will nicht kommen,« sagte er leise. »Nur zu natürlich,« entgegnete Röschen, und ihre warme, schmale Hand legte sich still auf die seine, »denn Ihre Gedanken sind wie Feldflüchter. Sie finden nicht Ruhe. Ach! und Sie sind doch so sehr der Ruhe bedürftig – nach all dem Schmerzlichen und dem ewigen Grübeln. Da wird selbst die maßvollste Seele aus dem Gleichgewicht gehoben. Habe ich recht, lieber Freund?« Sie umfaßte seine Linke in begütigender Weise. »Schon möglich.« Er nickte ihr zu und erwiderte den Druck ihrer zärtlichen Finger. »Aber wie sollte ich anders? Es ist eine Zeit, die einen nicht losläßt. Viel Menschliches. Aber auch dieses will eingerenkt werden. Einkehr ist nötig, nur darf man diese Einkehr nicht mit stetiger Kasteiung verquicken. Wir alle sind Sünder und haben unsere bedenklichen Schwächen.« »Sie denken an Moritz van Dornick.« »An ihn weniger, denn er ist ein gerader und aufrechter Mann, wenn auch mit Jähzorn geschlagen ... aber an Ewert. Da war viel Not um seinetwillen.« »Und nun?« fragte sie ängstlich. »Das Schlimmste ist aus dem Wege geräumt und die Ehre sauber geblieben. Mir liegt es nicht ob, den gestrengen Richter zu spielen. Warum auch? Jeder schlage an die eigene Brust und bekenne sich schuldig. Ein junger Stamm läßt sich biegen. Es ist ein guter Kern in dem Jungen. Das hat er vom Alten ... und so bin ich denn des sicheren Glaubens: aus echter Reue wird die Wiederauferstehung geboren. So auch bei ihm. Heute ist ein ernster Festtag bei Moritz van Dornick. Der verlorene Sohn wurde gefunden.« »Wie mich das freut!« schluchzte Röschen. »Und er ... ich meine, wie soll ich das sagen ... ich denke, die alte Firma hat ihn doch nicht aufgegeben?« »Keineswegs; er bleibt bei Harkopp \& Söhne. Noch vor Nacht wird er dort sein. Meine besten Wünsche begleiten ihn. Stirb und werde! Das Alte ist gestorben in ihm, das Neue im Werden begriffen. Qualen und herbe Ereignisse verjüngen den Menschen, läutern ihn, machen ihn aufs neue zu einem brauchbaren Glied einer festumschriebenen Ordnung. Erhobenen Hauptes mag er sich an die Arbeit begeben. Labor omnia, vincit improbus. Wer so wie er durch ein leichtfertiges Leben hindurch ging, aber auch so bereute wie er, hat einen Anspruch darauf, das Heil zu erwarten.« »Und das mit Nellecke und dem jungen Terstegen – haben Sie auch dieses geregelt?« Er zuckte zusammen. »Es ist nicht mein Verdienst,« sagte er fahrig und mit einem schmerzlichen Unterton in den gesprochenen Worten. »Im Gegenteil: ich bin in dieser Hinsicht nicht der gute Sachwalter gewesen, den Sie in mir vermuten. Ich ließ mich vielmehr von Sonderzwecken beherrschen. Das will ich nicht leugnen und darf es nicht leugnen. Aber wo ich fehlte – ich tat es ohne böse Nebengedanken. Ich irrte mich eben, und Irren ist verzeihlich. Erlösen kann nur die wahrhaftige Liebe. Darüber bin ich mit mir völlig im klaren. Nun beginnt es zu tagen, und die Hauptsache ist: da drüben ist Sabbatfeier, auch für Lambert Terstegen. Alle Pfade sind nunmehr geebnet.« »Durch Sie,« sagte Röschen. »Wieso das?« Er hatte sich plötzlich erhoben. »Weil ich weiß, Sie gaben Ihr Herz hin, um andere glücklich zu machen.« Ihr seidenes Kleid knisterte dicht an seiner Seite. Ihr Odem war bei ihm. Er spürte den Hauch ihres Körpers, den sanften Druck ihrer Hände. »Sie, der da kommen mußte« – und sie berührte ihn mit scheuen Fingern – »Sie tun alles aus Ihrer großen Menschenwürde heraus und stellen sich blind, um ihr Wohltun nicht vor Augen zu haben. Sie geben aus dem Vollen heraus und wenden sich ab, um keinen Dank zu empfangen. Ach, Sie ...« Ihr Antlitz stand dicht vor dem seinen. »Fräulein Röschen, hören Sie auf!« »Nein, nein, nein!« sagte sie innig. »Sie sind für alle ein Samariter der Seele geworden. Altäre richten Sie auf, und wo da Wunden sind, Sie lindern die Schmerzen, und wo da Trauer ist, Sie wandeln diese Trauer in Freude. Was soll aus uns werden, wenn Sie erst nach Millendonk ziehen! Da gehen Sie über Ihre Wiesen und Felder ... und sprechen mit sich ... und reden mit Gott und allem, was er geschaffen ... und bleiben der Treue und Gute ... und sind freundlich wie immer. Wir aber sitzen dann still und allein und sind nicht die Künstler, uns ein neues Leben zu zimmern. Ich denke mit Wehmut daran. Ach! und die Stunde muß kommen, die Stunde muß kommen.« Ihre Stimme war schwer von Tränen geworden. »Wenn ich nach Millendonk gehe ...« Er sprach es, wie man etwas Heiliges ausspricht. Die bange Erwartung des Geschehens kam über ihn. Er fühlte die Nähe des Weibes, und dieses Weib war keusch und rein. Er atmete ihr duftiges Haar, und dieser Duft ging über ihn fort wie eine trunkene Welle. Es war mittlerweile so dunkel geworden, daß sie sich kaum noch zu sehen vermochten. Um so inniger drängten ihre Körper zusammen ... sie an ihn gelehnt, er den Arm um ihre Schulter geschlungen: zwei Menschen, bereit, sich zu finden, und dennoch zwei Menschen, die den Mut nicht hatten, ihr Herz zu entdecken. Wie ein Frühlingserwachen war es durch ihre Seelen gegangen ... ein Auferstehen ... ein scheues Wecken ... ein Rufen fern über dem Walde, das anhebt, sich leise verstärkt, um dann wieder sanft zu verklingen wie ein einsames Grüßen in der Sommernacht. »Röschen, und wenn ich nach Millendonk gehe, weshalb sollten Sie, meine Freundin ... Ich meine, es ist doch etwas Schönes und Liebes ...« Ein greller Schein fiel plötzlich über sie her und schreckte sie auseinander, als wären ihre Gedanken durch ein unreines Land gezogen. Mit behäbigem Schmunzeln stellte Christine das Licht auf den Spieltisch. »Besonders aufzuwarten, hier wäre die Lampe; oder aberst, wenn's noch zu frühzeitig ist ... es pressiert absolut nicht ... ich kann ja mit's Licht wieder gehen.« Mit dem Ausdruck unsagbarer Teilnahme, die Hände langsam umeinander drehend, lehnte sie ihren Oberkörper zurück, um die Wirkung des Gesagten besser in sich aufnehmen und verdauen zu können. »Na und ... darf man schon heute ...?« Da sah sie: es war höchste Eile geboten, die eingefädelte Sache nicht aus dem Nadelöhr gleiten zu lassen. Sofortiges Handeln war nötig, und mit einer Fixigkeit, die man der kompletten Dame nicht zugetraut hätte, ergriff sie das Myrtenstöckchen, stellte es in die beste Beleuchtung und sagte: »Herr Aktuarius, wenn Sie das hier mit nach Millendonk nähmen und ihm dort Luft und gute Gewohnheit vergönnten – es wäre schon der lieblichste und vergnüglichste Ausweg, denn Sie sagten ja selber ...« Röschen verfärbte sich bis in die blonden Härchen hinein. Mit einem unterdrückten Schrei fuhr sie auf. »Christine, was unterfangen Sie sich?! Was behaupten Sie da?!« »Ganz einfach, Mamsell. Ich sage man das, was ich für richtig befinde, denn ich vertrete den Standpunkt: immer schnurgeradeaus wie'n ehrliches Postpferd, ohne dabei linkwärts oder rechtwärts zu kucken, und weil ich das tue, bin ich auch der offenherzigen Meinung: das hier muß nach Millendonk zu. Nicht auf 'ne andere Stelle. Sonst muß ich es dem Herrn Dechanten vermelden.« »Mein Himmel, Christine!« entsetzte sich Röschen, raffte ihr Seidenes zusammen und verschwand ins Nebenzimmer, die Tür hinter sich zuwerfend. Die Dicke erstarrte zu Eis. »Nanu!« sagte sie endlich und stierte der Flüchtigen nach, als wäre ein gespenstisches Wesen von ihr gegangen. »Hat's so 'ne Eile?« Dann wandte sie sich. Fester zog sie den Spenzer zusammen. Die Kantillen klimperten. Ihr Blick fiel auf den Aktuarius. Fassungslos sah sie ihn an. Dann ging sie gegen ihn vor: »Ich dächte doch, Sie hätten bereits die erfreuliche Totalität gefunden; denn ich habe doch lange genug mit die Lampe gewartet – und nu stehen Sie da, als wären Pfingsten und Ostern auf ein und den nämlichen Sonntag gefallen.« Ihre Worte kamen wie von einem Schleifstein herunter. »Es ist alles so plötzlich gekommen, Jungfer Christine.« Verlegen glitt er mit den Fingern an seinen Knöpfen herunter. Er sah in ein Brodeln und Strudeln, in ein unendliches Chaos, noch immer das zierliche Persönchen vor Augen und das neckische Knistern der Seide im Ohr. Er schwebte wie ein Schemen zwischen Himmel und Erde, ein Zustand von längerer Dauer, hätte ihn Christine Jordans nicht wieder auf festen Grund und Boden verschlagen. »Ach was ... es ist alles so plötzlich gekommen!« fuhr sie ihn an. »Das gibt's nicht. Über Ihnen aberst auch, mein Verehrter! Ich hätte nur Sie sein sollen und mit männlichen Hosen bekleidet. Was da zu verfertigen war, das war in 'ner Viertelstunde zu machen, und ich bin wenigstens 'ne halbe draußen geblieben. Das ist nu alle geworden, totaliter alle. Aberst nur ja nicht mit die Flinte ins Kornfeld. Immer piano,« und ihre Stimme nahm einen versöhnlicheren Ton an, während ihr fetter Zeigefinger sich auf und nieder bewegte: »Sie müssen nämlich wissen, mein Lieber, Ihnen mankiert 'ne gewisse Alertheit. Wie die Frösche Junge beziehen und alles Getier in Sumpf und Morast sich amüsiert und seine Flitterwochen betreibt, drin sind Sie firm und primissima Klasse wie unser Ami mit's Mäusefangen, aberst mit dem göttlichen Amor befinden Sie sich man auf 'nem schwächlichen Standpunkt. In dieser Beziehung sind Ihnen die alten Griechen doch bedeutsam über gewesen, und Sie haben doch so schön von's Myrtenstöckchen und der Göttin der Liebe gesprochen. So sind die Gelehrten. Natürlich« – und ihr duldsames Haupt geriet in ein bedenkliches Schaukeln – »heute ist nichts mehr zu machen. Was verpaßt ist, ist nu einmal verpaßt. Jede weibliche Dame hat die Dekoration zu bewahren. Ich kenn' die Mamsell. Die kommt nicht mehr retour, wenigstens jetzt nicht. Desungeachtet« – und die behäbige Jungfer machte ein Gesicht, als stünden auf ihren Lippen die Worte Heines geschrieben: »Rhamsenit, von Gottes Gnaden, König zu und in Egypten, Wir entbieten Gruß und Freundschaft Unsern Vielgetreu'n und Liebden.« als habe sie die Schätze und Geheimnisse der Pyramiden zu hüten und brauche nur zuzugreifen, um den Herrn Aktuarius und die ganze Welt zu beglücken – »desungeachtet: das mit's Myrtenstöckchen läßt sich schon einrichten. Nach Millendonk kommt's. Da kaviere ich für, oder ich will mich nicht Christine Jordans benennen. Nur – man muß den passenden Apropo und die neueste Saison in Aussicht nehmen. Das Weitere wird sich dann finden. Stille, kein Wort mehr, sonst kommt sie in's Weinen,« und ohne noch eine Antwort abzuwarten, nahm sie die Lampe, klinkte geräuschlos die Tür auf und leuchtete den Besuch mit gütigem Lächeln die Treppe hinunter. 19 »Als ich bei meinen Schafen wacht, Ein Engel mir gut Zeitung bracht; Des bin ich froh, des bin ich froh, Benedicamus Domino !« Aus dem duftigen Nadelgrün der langgestreckten Berglehne, die die kleine Stadt halbmondförmig umzirkte, den heimeligen Schauern, die über die Niederung wallfahrteten, dem gläubigen Sinn aller Gottfrohen wurde die fromme Weihnachtslegende geboren ... und sie ging in die Häuser hinein und hieß den Fichtenbaum rüsten ... und sie trat in die Kirche und gebot dem Küster, die Krippe herzurichten und neue Wachsstöcke auf die messingenen Leuchter zu stellen ... und sie kam zu den Menschen, die in Not waren, legte die Hand auf sie und sagte: »Kronenträger und Dornenträger sind eins. Alle, die sich mit dem Purpurmantel des irdischen Glückes umkleiden, sind Bettler. Sie werden es zum Beschluß ihres Lebens erfahren. Wer da liebt, hat Leid zu erwarten, denn alles ist eitel und nichts unter der Sonne und wie Spreuicht vor einem daherkommenden Winde. Nur in Gott ist das Heil, und wahrlich, ich sage euch: Wer da blind ist im Herrn, sieht mehr als die Weltfrohen mit gesunden und offenen Augen, und wer da liebt im Hinblick auf den, dessen Stern ob Bethlehem leuchtete wie ein Pharus des Meeres, des Liebe wird ausgemünzt werden, und wer da Leid trägt um Jesu Christi willen, um dessen Schläfen wird sich ein Krönlein legen, golden und unvergänglich und umkrustet mit den edeln Steinen der Freude, anzuschauen wie die seltenen Geschmeide im Stirnreifen einer jungen Königin,« und alle, die in Not waren, die da Schmerzen erduldeten um der Hingebung und Gerechtigkeit willen, hörten die Botschaft, begingen die Weihnacht in gehobener Stimmung und sangen in der Christmette, wie sie niemals gesungen: »Das Kind zu mir sein Auge wend, Mein Herz gab ich in seine Händ'; Des bin ich froh, des bin ich froh, Benedicamus Domino !« netzten sich mit gesegnetem Wasser und gingen getröstet nach Hause. Nur für Nellecke van Dornick hatte die fromme Weihnachtslegende gar nichts zu sagen. Sie befand sich in dem mysteriösen Zustand zwischen Schlafen und Wachen. Ihr Leben in den letzten Tagen war ein Ringen gewesen, ein Kämpfen mit sich, das wütige Bestreben, Mittel und Wege zu finden, die Tore der Sehnsucht zu schließen und Herz und Gelöbnis in Einklang zu bringen. Ihre Gedanken trieben nach Obermörmter und dann wieder in die stille Behausung, wo der einsame Mann und gütige Denker wohnte, dessen Hand gespendet, wie nur die Auserwählten und Stillen im Lande spenden, dessen Vermächtnis anmutete wie das Ostergeschenk am Tage der süßen Brote, als der Messias eins dieser Brote nahm, es brach und unter seine Jünger verteilte. Ach! und was er doch für ein feiner und bedachtsamer Mensch war, ein Gottsucher und Gottesverehrer und in seiner Natur wie einer von den ewigen Tischen! und sie gedachte der Worte, die ihr Vater am dritten Sonntag im Advent an sie und Ewert gerichtet hatte, gedachte des Hinweises auf die Marterwoche des Herrn. Ja, auch für sie war er ein Simon von Kyrene geworden, ein wagemutiger Spender und Tröster, der um ihretwillen das Kreuz nahm, von dem heiligen Willen beseelt, ihrer Familie die Schande und die graue Sorge zu nehmen... und sie – sie sollte tatenlos zusehen, sollte im Nichtstun verharren, sollte ihm nicht die Schale des Trostes darbringen, nicht zugreifen, um ihm die Bürde leichter zu machen? Und Lambert?! War er diesem Simon von Kyrene vergleichbar? Hatte er die wankenden Balken gehalten? Hatte er die Hände gestreckt, die gütigen Hände, um das drohende Unglück abzuwehren? – Nein, nein, nein und abermals nein! und dennoch... »Jesus, mein Jesus!« – in der Christmette brach Nellecke am ›Bildstock auf dem kalten Stein‹ lautlos zusammen und wurde gleich darauf von Drüke Anstoots, die neben ihr kniete, liebevoll und unauffällig nach Hause geleitet. Willenlos schritt sie neben der fürsorglichen Aufwartefrau. Alle Leidenschaften schienen in ihrem jungfräulichen Körper erloschen. Ihre Hände waren starr, die Gesichtszüge von einer wächsernen Bleiche. Sie mühte sich ab, ihre Gedanken zu ordnen und zu einer geregelten Überlegung zu kommen. Sie vermochte es nicht und wunderte sich nur, daß sie noch lebte. Raum und Zeit schwanden ihr wie nichtige Schemen. Wenn er doch käme! Wenn er doch riefe! Aber er kam nicht und rief nicht. Mein Gott, was sollte er auch in ihrer Nähe beginnen? Er hätte nur tote Augen und kalte Arme gefunden, so hell sie auch brannten, und so weich sie auch waren. Sie sah keinen Ausweg, denn immer wieder trat er ihr als Simon von Kyrene entgegen ... als Simon, wie er das Kreuz nahm ... den steinichten Weg ging ... sein Golgatha suchte und in diesem Martyrium noch die Kraft hatte, ein Lächeln zu finden. Und dieses Lächeln durchfuhr sie mit unbarmherzigen Peitschenhieben. Sie fühlte es deutlich, wie ihre Seele zerstriemte. Sie konnte kaum weiter und wurde schwer an Drükes Seite. Sie war zögernd und fieberhaft in ihrer Bewegung. An der großen Linde, durch deren Aste noch die Sterne der Christnacht blinzelten, hielt sie den Fuß an, preßte den Arm ihrer Begleiterin an sich und sagte mit erstickter Stimme: »Ich habe ihn nicht in der Mette gesehen.« »Wen nicht gesehen?« »Nun, Ihren Herrn.« »Ach Gott!« meinte Drüke, »wenn einer nicht hier ist, kann er auch nicht die Kirche besuchen. Nellecke, er ist nach Millendonk hin, vor vier Tagen vielleicht, ohne dabei große Manövers zu machen. Er wollte fort, um sein besonderes Christfest zu haben, und als ich ihn fragte: Warum? da sagte er leise: Drücke, es hat seine extraordinäre Bewandtnis. Und als ich dann meinte: Kann man das hier nicht besorgen? winkte er ab und wischte sich 'ne Träne herunter. Nein, Drüke, das geht nicht. Nur in Millendonk geht es. Da befindet sich 'ne liebliche Buche. Drin sind zwei Herzen geschnitten. Das eine ist das meines Vaters, das andere das meiner seligen Mutter, und weil das so ist, sollen sie auch ihr Weihnachtsfest haben: ein Bäumchen mit zwei brennenden Lichtem. – So?! erstaunte ich mich, da ich es für äußerst kurios und seltsam erachtete, 'nen Christbaum ins Freie zu machen, sagte mir aber: Der liebe Herrgott hat solche Menschen geschaffen und solche. Dagegen kann unsereins nicht anoperieren, und ich ließ ihn gewähren. Wohingegen das mit die Kerzen ... nur zwei ... und ich fragte ihn heimlich: Herr Aktuarius, und was bedeuten die Lichter? ich meine: warum dürfen nur zwei auf dem Christbäumchen leuchten? Worauf soll ich das ansprechen? Ist das man bloß ein pures Belieben von Ihnen? oder aber hakt das mit 'ner besondern Bewandtnis zusammen? Nichts für ungut, Herr Aktuarius, es ist keine Neugier, daß ich so frage, sondern bloß aus christkatholischem Interesse geschehen. Wenn's noch drei wären oder fünf oder neun Lichter auf Reihe, da könnte man noch 'ne Erklärung für haben: drei Patriarchen, fünf Gebote der Kirche, neun Chöre der Engel ... Indessen bloß zwei? Zwei Tafeln des jüdischen Moses. Aber mit die israelitischen Hebräer sind Sie nie ins Einvernehmen gewesen; drum möchte ich bitten: warum sind Sie gerade auf zwei Kerzchens verfallen? – Da wurde er traurig und sagte: Die Lichter?! Zwei arme Seelen, die sich nicht finden konnten im Leben. – Dann nahm er die Reisetasche und machte zur Post hin. Nichts weiter. So, und nun wollen wir gehen, um noch 'n bißchen Schlaf in die Augen zu nehmen.« »Ja,« sagte die Ärmste, aber ihre Füße versagten. Das Fieber war in ihr. »Nellecke, wo soll ich das hintun? Sie sind heute so komisch. Oder aber – fehlt Ihnen was? Wollen Sie vielleicht mit dem Herrn Aktuarius reden, weil Sie soeben doch sagten ...?« »Ja, ich möchte ihn sprechen.« »Dann müssen Sie warten. Es wird wohl so 'ne Eile nicht haben. Am Silvesterabend wird er zurück sein.« »So spät erst?« »Leider! Eher läßt sich die Sache nicht machen, denn er hat noch in Kleve mit die Avkaten zu reden und mit die anderen Leute, die den letzten Aktus von wegen der Übernahme des Erbteils bei's Schuld- und Rentenieramt festsetzen müssen. Ich habe selbst so 'ne Bange nach ihm, denn ohne den Herrn Aktuarius ist es mir immer so, als wenn ich durch 'ne Karwoche ginge. Nichts Gediegenes mehr und kein sonniges Leben! Und wenn ich erst denke, daß er im kommenden Frühjahr ganz von uns fortzieht, um auf Millendonk als Kavalier zu florieren, dann ist es alle Menschenmöglichkeit, daß ich mich noch in 'ner leidlichen Assiette ergehe, denn ohne ihn kriege ich selbst nicht den feinsten Kaffee hinunter. Den Mann muß man kennen. Er ist ein Wohlgefallen und ein wahrer Apostel vor Gott und den Menschen, und wird ihm mal der Atem zu kurz, dann braucht er nicht erst lange an der Himmelspforte zu schellen. Die Chöre der Engel geben sich selber die Ehre, sagen: Bitte, angtree! und bringen ihn unter Harmonikabegleitung in die ewige Anbetung.« Sie warf sich scharf in die Brust. Mit der Rechten umgriff sie ihr Goldkreuz. »Nellecke, das mußte ich sagen, um dem Herrn Aktuarius das Seine zu geben, denn die meisten sind man schwach bestellt in der Beurteilung seines inneren Reichtums, haben keine Ahnung davon, welchen auserwählten Schatz sie in ihrem Kirchspiel besitzen. So – und jetzt kommen Sie man. Es geht schon auf Morgen, und nochmals gesagt: am Silvesterabend wird er zurück sein.« Schweigend gingen sie weiter. Gleich darauf saß Nellecke auf der Bettkante in ihrem einfachen Zimmerchen und erwartete mit verschränkten Händen das Tagesgrauen. Obgleich sie sich dem Umsinken nahe fühlte, fand sie doch keine Ruhe. Ihr Geschick war mit einem Dritten verkettet. Das wußte sie jetzt. Wie sollte das enden? Es war nicht so einfach, ein liebgewonnenes Heiligtum niederzureißen, um dafür ein anderes an seine Stelle zu setzen. Ihre Zweifel und Ängste waren größer geworden, drängten nach Ausgleich. Eine eisige Kälte glitt an ihrem Körper herunter. Sie tat ihr wohl und begann ihren Willen zu stählen. Sie mußte jetzt handeln. Je eher, je besser. Wäre nur erst der Silvesterabend gekommen! Daran dachte sie immer. So verging Stunde um Stunde. Wachen Sinnes hörte sie die Turmuhren schlagen. Unten im Hause ward es lebendig. Christine Jordans machte sich in der Küche zu schaffen. Die ersten Holzschuhe klapperten draußen. Rhythmisch gingen sie über die hartgefrorene Decke. Der schmale Fensterrahmen füllte sich mit einer kränklichen Helle. Drüben im Bäckerladen brannte schon ein mageres Lichtchen. Zwischen den hohen Pappeln, die sich jenseits der großen Mühle wie Spukgestalten aufhoben, hing ein seltsames Scheinen, milchig und mit bläulichen Streifen durchzogen. Ein großer, langgestreckter Opal. Es war das Auge des erwachenden Tages. Und der Morgen kam und der Abend, und aus beiden wurden neue geboren. Keiner merkte es ihr an, was in ihrem Inneren klagte und weinte. – Zwei Tage vor Neujahr erhielt sie Nachricht aus dem Altmännerhaus. Sie kamen vom weißen Mynheer. Dores van Bommel überbrachte die Botschaft. »Nellecke, es ist von wegen der Feierbegehung. Mynheer Terstegen würde sich freuen, wenn Sie kommen tun täten. Punkt neune. Es soll 'ne Art von Verbrüderung werden. Der Herr Lehrer aus Obermörmter hat sich bereits die Ehre gegeben.« Lambert...?!« schreckte sie auf. »Und kommt ...?« »Das wäre die Ansicht von Johannes Terstegen. Er meinte: die kriegerischen Umstände hätten nichts mehr zu sagen. Es befände sich alles ins Reine, und jetzt will ich noch bei Jan van de Linde vorsprechen, um die hierzu gehörigen Berliner Pfannkuchen in Auftrag zu geben.« Ihr Herz kam ins Stürmen. »Ja, sagen Sie ihm ... Nein, sagen Sie gar nichts ... Bitte, bleiben Sie noch ... Also punkt neun soll ich kommen?« »Punkt neune,« konstatierte Dores van Bommel. Ihr Puls klopfte hörbar. »Dann sagen Sie ihm ... wenn es eben möglich wäre ... wenn ich Zeit haben würde ...« »Wollen's bestellen,« griemelte Dores, schüttelte verständnislos den nackten, eiförmigen Schädel und begab sich zu Jan van de Linde. Also Lambert kam. Sie erwachte aus ihrer brütenden Starrheit. Für sie gab es kein Rückwärts mehr. Das Opfer mußte gebracht werden, bevor es zu spät war. Jede Minute war kostbar – nur, sie mußte die Ausführung ihres Entschlusses auf die späten Nachmittagsstunden verschieben. Leblos, wie von einer inneren Maschine in Bewegung gesetzt, besorgte sie die ihr obliegenden Geschäfte des Tages. Sie tat es mit ihrer gewöhnlichen Flinkheit und Akkuratesse. Keinem fiel das Geringste auf. Selbst Röschen nicht, selbst nicht der hellsichtigen Christine Jordans. Abgesehen von ihrer mechanischen Sammlung, hatte sie sich gar nicht verändert. Nur wer genauer zusah ... Um ihre Augen lagen graue Ringe, ihr Blick ging nach innen, und öfters blieb sie unvermittelt stehen und stierte ins Leere. Dabei waren ihre Hände von einer elfenbeinernen Weiße. Trotz ihrer Gemessenheit – durch ihre Seele fuhr es wie mit einem schartigen Messer. Ihre schöne Welt stürzte ein, und der bitterkalte Wintertag sorgte emsig dafür, ihr diesen Umsturz vor die erregten Sinne zu führen. Gegen Abend steckte er seine verhängnisvollen Revolutionszeichen auf. Blutrot war alles. Blutrot senkte es sich aus den Höhen herunter. Der Kirchturm von Sankt Nikolai brannte in blutroten Flaggen. Die sonst so friedlichen Pappeln, die den Stadtgraben begleiteten, standen in Jakobinermützen. Die häßliche Farbe drängelte sich in ihr Stübchen hinein, bedeckte die Wände, legte sich über die Dielen. In blutroten Tropfen rieselte es von den weißen Gardinen. Sie streckte die Hände. Sie waren blutunterlaufen ... und in dieser entsetzlichen Lohe mußte sie opfern, sollte sie ihr heiliges Gelöbnis erfüllen. Warum auch nicht? Sie tat es mit Freuden, wenn auch mit der Selbstverleugnung einer barmherzigen Schwester, denn ihre Kleider waren weiß und ihrem Haupte hatte es niemals an Salbe gemangelt. Sie hatte eine hohe Pflicht zu erfüllen – ihrem Vater, Simon von Kyrene und sich selbst gegenüber, wenn auch ein anderer in der Unterströmung abtreiben würde. Sie konnte ihm die Hand nicht mehr geben. Allmählich dunkelten Stadt und Land ein. Nur die Schneedächer gespensterten noch unwirsch ins Zimmer. Eine halbe Stunde später saß sie vor der singenden Lampe. Ihr Schreibmaterial hatte sie sorglich geordnet. Noch einmal gedachte sie der verschwundenen Tage, und wie sie mit ihm durch die blühenden Roggenfelder gegangen, Seite an Seite, zwei verwunschene Königskinder, inmitten der schwankenden Ähren, die das Empfangen vorbereiteten und sich mit ihren zitternden Grannen berührten. Ein Wachtelkönig schlug irgendwo im Korn und lockte sein Weibchen. Das war nun alles vorüber. Ihr jetziges Handeln sollte über ihr ganzes Leben entscheiden und über das eines Zweiten. Sie durfte nicht warten. Die Stunde gebot und gab ihr die Feder. In fieberhafter Eile begann sie zu schreiben. Die zweite Seite gestaltete sich klarer und stiller. Das Hasten ließ nach. Eine geläuterte Resignation rückte die einzelnen Zeilen fest und deutlich untereinander. Es geschah mit dem sachlichen Ernst eines Totenansagers, der ins Trauerhaus trat, um seine Vorschläge zu machen: Sarg, Schmuck, die pfündigen Wachskerzen ... überhaupt die Bestattungskosten in Summa Summarum. Nach ständiger Arbeit war sie mit allem fertig geworden. Ihre Handschrift war persönlich. Die van Dornicks hatten ihre besondere Art, die Buchstaben nebeneinander zu setzen und ihre Entschlüsse zu ordnen. Nichts Fahriges. Nichts Ungesundes. Sie waren wie die Planken eines sauberen Schiffes. Noch einmal und mit rotgeweinten Augen überflog sie das Niedergelegte. Dann las sie Wort für Wort und Zeile für Zeile: »Lambert! Ein Jahr ist verflossen, und wir haben uns nicht wiedergesehen. Gelegentlich Briefe; aber das ist auch alles gewesen. Ich mache dir keinen Vorwurf daraus und kann ihn nicht machen, denn wenn ich mich des Tages erinnere, des Drei Königen-Tages, an dem mein Vater dir die Türe wies und unsere Liebe zu zerbrechen gedachte, so ist mir deine Handlungsweise mehr als verständlich und bleibt es für immer. Das ist es nicht, weswegen ich schreibe. Du bist mir allzeit als der Gerechteste unter den Gerechten erschienen, der Selbstloseste unter den Selbstlosen. Das lange Getrenntsein tat meiner Neigung keinerlei Abbruch. Im Gegenteil. Noch heute möchte ich in deine Arme hinein wie in der Stunde unseres ersten Begegnens. Aber du weißt, was in unserer Familie passiert ist. Es ging um Leben und Sterben bei uns ... und das Sterben wurde von uns genommen. Um dir dies zu erklären, müßte ich Worte gebrauchen, die ich nicht habe. Sei daher mit dem Hinweis zufrieden, und wenn ich jetzt rede, so bin ich dir und mir und einem Dritten gegenüber diese Aussprache schuldig geworden. Ich weiß keinen andern Ausweg, und sollte es weh tun: vergib mir, vergib mir! Ich leide am schwersten darunter. Die Tür schließt sich hinter uns zu. Ich höre es deutlich und fürchte, den Verstand zu verlieren. Noch einmal küsse ich dich und sauge dir das Blut von den Lippen. Dann nie mehr. Aber ich fühle: ich muß dir das alles bestimmter und genauer erklären. Am letzten Abend des Jahres wird sich vieles entscheiden. Ich habe einen Gang zu machen, und dieser Gang trennt uns für immer, selbst wenn er ein vergeblicher wäre. Offen und ehrlich: ich tue nichts ohne dein Wissen, und es wäre erbärmlich, käme es mir in den Sinn, eigenmächtig anders zu handeln. Aber des sei versichert: mein Vorhaben wird durch ein Opfer geweiht, und ein Opfer bringt Verzeihung und Sühne. Lambert, Geliebter! Den Ring deiner seligen Mutter laß mich behalten, und wenn du willst, behalte den meinen. So sind wir doch nicht gänzlich getrennt und auseinander gerissen. Man sagt, daß die Zeit alles zu heilen vermag. Ich will daran glauben. Für mich ist das Leben nur noch ein Loskaufen, ein Büßen geworden. Aber ich nehme es hin als eine Schickung des Himmels, und was vom Himmel kommt, wird sich auch vor dem Himmel verantworten lassen. Nur reut es mich bitter, daß ich es bin, die dir dieses Schicksal bereitet. Aber ich kann es nicht ändern. Denn seit dem Tage, wo eine gütige und selbstlose Hand uns vor der Schande bewahrte, gehören wir nicht mehr zusammen. Unsere Wege müssen sich trennen. Das sage ich klar und bei vollem Bewußtsein, obgleich mir ist, als würde mir die Totenglocke geläutet. Hörst du sie läuten? und während sie läutet – du, noch einmal im Leben: ich strecke die Arme nach dir, ich ziehe dich an mich, und das, was ich vorhin schon sagte, ich sage es nochmals: Noch einmal küsse ich dich und sauge dir das Blut von den Lippen. Damit ist unsere Scheidestunde gekommen. Frage nicht weiter. Kümmere dich nicht um das, worüber ich sinne. Keine Macht in der Welt könnte mich bewegen, meinen Vorsatz zu ändern. Es ist ein befehlendes Müssen und eine heilige Sache. Wir wollen nebeneinander schaffen und atmen, als hätten wir uns niemals gesehen, als wären keine Wiesen und Felder gewesen und keine Stunden wie die um Pfingsten. Da ging der Herr durch die blühenden Roggen- und Weizenschläge ... da standen die Lerchen unter dem Himmelreich ... da fanden wir uns ... Lambert, Lambert, wenn ich an das alles so denke ...! Es ist still um mich, und es wird immer stiller noch werden. Ich höre den Wachtelkönig nicht mehr. Bete für mich. Ich habe nichts mehr zu hoffen. Herzlichst Deine ... Nein, ich darf meinen Namen nicht nennen. Es würde dich kränken. Aber schließe die Augen. Dann siehst du mich nicht, wenn ich komme, um dich nochmals zu küssen.« Das schrieb sie, das las sie. Gleich darauf kuvertierte und siegelte sie, verließ heimlich das Haus und begab sich zum Postamt.   Am Morgen des anderen Tages saß der Inhaber der ›Goldenen Kugel‹ neben dem warmen Ofen in seiner Wirtsstube. Um diese Stunde ruhte das Geschäft. Nur ab und zu tinkte die Klingel im Hausflur. Es hatte nichts zu bedeuten. Nur fliegende Kunden sprachen vor, die einen Schoppen Genever oder eine Bouteille Rum für den Abend einkaufen wollten. Mit diesen Leuten hatte der Plümerante gar nichts zu schaffen. Das mochte die Schenkmamsell besorgen. Er selber war jetzt nicht zu sprechen. Der Mittag und die spätere Zeit brachten ihm noch Arbeit und Mühe genug. Jetzt mußte er ruhen, und er tat es mit der tiefgründigen Andacht eines wiederkäuenden Niederungsbauern während der Predigt – gesinnungstüchtig und mit vollstem Behagen. Den Kopf mit dem Troddelmützchen vornüber geneigt, die Hände in den Hosentaschen, die Beine stocksteif von sich gestreckt und die lange Pfeife im Munde, gab er sich dieser Beschäftigung hin, als gölte es, hierdurch aller Sünden verlustig zu werden und in Abrahams Schoß zu gelangen. Manchmal blinzelte er zur großen Lampe hinüber, die von der Decke herabhing, als wenn es dort etwas zu beobachten gäbe. Allein jeder Anziehungspunkt fehlte in dieser Jahreszeit, denn die sonst so munteren Fliegen klebten mit geringelten Schimmelstreifen schon längst an der Wand, des Lebens bar und nur noch die Schatten ihres früheren Daseins. Kein Frühlingsreigen, kein Näseln bei den delikaten Likörflaschen, keine hastigen Liebesaffären auf den Fensterbänken und den gehäkelten Sofaschonern ... nur ein fettleibiger, überständiger Winterbrummer torkelte um den stoischen Denker, setzte sich auf den Mützenquast, rieb seine Vorderbeine gegeneinander, um dann wieder als Hoboist um den Plümeranten zu kreisen. Da plötzlich ... Mit einem infernalischen, kreischenden Ton schlug die Hausklingel an, trat der weiße Mynheer in die Stube, einen Henkelkorb im Arm, die Zipfelmütze kregel nach oben, in Holzschuhen und mit einem wasserhellen Tropfen an der geröteten Nase. »Gelobt sei Jesus Christus! Tag, Stäwe.« »Ah!« meinte dieser, »haben wir auch mal die Ehre?« »Ich komme von wegen des heutigen Abends.« »So, so!« sagte der Plümerante, ohne sich von der Stelle zu rühren. »Ich verstehe, Johannes, und ich hab' nur noch zu fragen: Was willst du in Beziehung nehmen: Wein- oder Schnapspunsch?« »Geschrieben steht,« versetzte der weiße Mynheer und knipste den wasserhellen Tropfen von der Nasenspitze herunter, »er wird sein Füllen an den Weinstock binden und seiner Eselin Sohn an die edeln Reben. Er wird sein Kleid in Wein waschen und seinen Mantel in Traubenbeerblut. Ich habe mich daher für Weinpunsch entschieden, von wegen der Bußfertigkeit und von wegen der barmherzigen Gnade, ein trostreiches Fest zu begehen.« »Dann allerdings ... und für wie viel Personen?« »Um Christi willen – für vier oder fünf.« »So! vier oder fünfe,« meinte der Plümerante, kam aus seiner lethargischen Ruhe und zählte an den Fingern herunter: »Um 'nen echten Weinpunsch zu machen, sind nötig: fünf oder sechs Bouteillen prima Burgunder, sieben piekfeine Zitronen, ein oder zwei Quart fünfundsiebzigprozentigen Arrak, allens zusammengetan und aufgekocht, bis sich leichte Bläschen erheben. Selbstverständlich: die gehörige Portion Kandiszucker muß zugetan werden. Mit so was sind fünf Personen zufrieden.« Nach dieser salomonischen Belehrung erhob er sich schwer aus dem Sessel, wies bedeutungsvoll mit der Pfeifenspitze auf die Anrichte und sagte: »Johannes, ist das, was ich meine, hiermit in Bestellung gegeben?« »Geschrieben steht,« versetzte der Alte, »der Wein erfreut des Menschen Herz. Ja, es ist in Bestellung gegeben,« »Dann noch 'ne Bemerkung, Johannes.« »Ich bitte.« »Ich meine: ist der blaue Mynheer als Kompagnon zu betrachten?« »Als Gast.« »In diesem Falle muß ich das Deputat Arrak auf zwei Bouteillen erheben, weil wir sonst in Ungelegenheit kommen und die richtige Füllung nicht haben. Also in Summa: sechs Bouteillen prima Burgunder, zwei Buddeln Arrak und sieben piekfeine Zitronen; macht zusammen fünf Taler und zwanzig.« »Schön!« nickte Johannes Terstegen. »Soll mir heute keine Molesten nicht machen, schon wegen der Bußfertigkeit nicht und von wegen der barmherzigen Gnade nicht, ein trostreiches Fest zu verleben; denn geschrieben steht: Lasse deine Rechte nicht wissen, was die Linke verausgabt. Also, Plümerante, ich bitte,« und er begab sich zur Anrichte, um das Gewünschte und Nötige seinem Henkelkorb einzuverleiben. Mit einem salbungsvollen » Deo gratias !« verließ er das Gastzimmer, trat auf den Markt hinaus und blickte sich häufiger um, ob alle es sähen, was er in seinem Henkelkorb trüge, und war aufgeräumt und voll gutes Mutes für ein frohes Gelingen. Als er gleich darauf an dem Wäsche- und Spitzengeschäft von Röschen Jungklaas vorüberkam, machte sich Christine Jordans am Auslagefenster zu schaffen, trat auf ihn zu und sah stieläugig in den Henkelkorb hinein, wie in den Wein- und Freßkeller des reichen Prassers, von dem die biblische Legende Wunderdinge vermeldet. »Aberst, Mynheer, Sie sind doch nicht unter die Schlemmers gegangen?!« »Jungfer Christine,« versetzte Johannes und knipste den zweiten Wassertropfen von der Nasenspitze herunter, »in den Sprüchen Salomonis steht also verzeichnet: Siehe den Wein nicht an, daß er so rot ist und in dem Glase so schön stehet. Er gehet glatt ein. Aber dennoch beißt er wie eine Schlange, und dein Herz redet widersinnige Dinge. Doch wohl ist zu merken: auf der Hochzeit zu Kana hat es auch an Wein nicht gemangelt, um ein Brautpaar zu ehren. So auch in diesem Falle. Er ist eine Gabe des Himmels.« »Jesus Christus! Lambert und Nellecke...?! und das heute Abend?!« »Warum nicht?« »Und eine reguläre Brautschaft soll aus dem Henkelkorb steigen?« Ein wohliges Gefühl unterrieselte das Fürtuch der christlichen Jungfrau. Sie dachte dabei an Röschen Jungklaas und warf einen bedeutungsvollen Blick in die erste Etage. Dort begannen eben die ›Klosterglocken‹ zu bimmeln. »Man kann alles nicht wissen,« sagte Terstegen. »Bei Gott ist keine Sache unmöglich. Gelobt sei Jesus Christus! Halten Sie uns den Daumen, Christine,« und der weiße Mynheer tauchte unter in den weißen Nebel des letzten Tages im Dezember. 20 Gegen acht war der Klever Postwagen fällig. Er mußte ihn bringen. Eine Stunde vorher saß Nellecke in ihrer Kammer und machte sich fertig. Die brennende Lampe stand neben dem Spiegel. Selten benutzte sie ihn. Heute tat sie es. Nur mit Hemd und Unterrock angetan, sah sie in die helle Fläche und wunderte sich über ihr Aussehn und das Ebenmaß ihrer starken und wohlgerundeten Glieder. Seit der Stunde, wo sie den Brief an Lambert abgeschickt hatte, war sie ruhig und innerlich zufrieden geworden. Der erste Schritt war geschehen. Das Schlimmste lag hinter ihr. Sie hatte nur noch die letzten Konsequenzen zu ziehen, um ihre Sendung als erfüllt zu betrachten. Die Vergangenheit hatte ihr nichts mehr zu sagen. Die Gegenwärt regierte. Die Zukunft kam näher. Mit ihr gedachte sie sich zu befreunden wie mit irgendeinem Geschick, das man nicht mehr abweisen konnte. »Für ihn,« sagte sie mit fester Entschlossenheit und sah in den Spiegel. Unter dem schlichten Linnen hob und senkte sich ihre weiße Fülle. Anfangs entsetzte sie sich vor ihrer eigenen Blüte. Diese verschwiegenen Herrlichkeiten – waren sie ihr denn vom lieben Herrgott gegeben? Alles so rätselvoll und wie von Meisterhänden gebildet. Ihr Haar glänzte wie Weizenkörner. Nacken und Schultern ergänzten sich in bezauberndem Rhythmus. Wie eine feingeschwungene Linie grenzte ihre Oberlippe den Mund ab. Es war ein heißes Dürsten in ihr. Die selige Lust ihres Blutes begann sich zu regen. Bis heute wußte sie nicht, daß sie so schön war. Die klare Scheibe erzählte ihr alles. Wie aus Bronze getrieben erschaute sie ihre Arme, die feste Biegung des Halses, den Ansatz ihrer jungen Formen, die sich plastisch wölbten. Ihre Augen erweiterten sich, wurden groß in ihrem Erstaunen. War sie überhaupt Nellecke van Dornick, die schlichte Tochter eines Schiffskapitäns? So wie in dieser Stunde hatte sie sich noch niemals gesehen. So eigenartig nicht, so begehrenswert nicht. Allerdings – sie hatte einmal ein Bildnis betrachtet. Im Schlosse von Moyland. Das ähnelte ihr. Sie täuschte sich nicht. Es war Jakobäa von Jülich – die Herzogin. Auf ihrer Stirn standen die Worte: »In mir sollt ihr das Weib anbeten.« Gleichzeitig hatte der Kastellan eine große Geschichte verkündet und sie dabei angeschaut, ganz ernst und befremdlich. Das war vor zwei Jahren gewesen. Und jetzt wußte sie es. Der Mann hatte recht. Sie und Jakobäa von Jülich erschienen wie Schwestern. Noch besser: sie war wie die Herzogin selber. Sie freute sich dessen. Doch eins wies sie von sich. Nur nicht werden wie dieses Weib an der Seele; das wollte sie nicht. Aber schön war sie doch – diese Jakobäa von Jülich ... und sie sonnte sich in dem Anblick ihrer eigenen Schönheit. Es war, als ob sie einem Gottesdienst, einer Selbstanbetung obläge. Aber nicht lange. Nur etliche Sekunden währte diese trunkene Selbstschau. Beschämt und in rascher Bewegung nahm sie die Flut ihrer Haare, scheitelte sie sacht auseinander und legte die geflochtenen Strähnen wie eine schwere Krone um ihre wächsernen Schläfen. Jetzt wieder kalt und eisig, schmückte sie sich, wie eine Braut sich schmückt, die nicht dem lockenden Ruf inniger Neigung und heißen Verlangens, sondern dem gebieterischen Muß einer unabweislichen Pflicht zu folgen hat, um mit dieser Pflicht in den Schatten der Selbstverleugnung und des Vergessens zu treten. Die Stunde war ruhig und voller Weihe. Unter ihr hatten sie längst Feierabend gemacht. Im Rahmen des kleinen Fensters stand ein Stück des Himmels mit unsteten, silberigen Splitterchen. Draußen herrschte jene anheimelnde Stille einer kleinen Provinzstadt, in der man kein Wagenrollen hört, kein lautes Geräusch vernimmt, in der sich die Menschen wie auf Zehenspitzen vorüberschleichen. Aus ihr wuchs eine Mauer empor, die sich aufstellte zwischen hüben und drüben. Jenseits davon lag Obermörmter in einem undurchdringlichen Nebel. Mit ihrem Wachsen wurde die Entschlossenheit Nelleckes stahlhart gehämmert. Jetzt war sie mit dem Herrichten ihrer stolzen Haarkrone fertig geworden. Während sie aufstand und die einzelnen Bekleidungsstücke über sich gleiten ließ, sah sie durch das kleine Fenster ins Freie, in den nächtigen Frieden. Dabei nestelte sie ihre Bluse langsam zusammen. Es geschah alles mit der augenfälligen Gemessenheit einer Hörigen, der nichts anderes übrigbleibt, als nach bestimmten Gesetzen zu handeln. Ihr Geist schritt gleichsam durch zwei leuchtende Feuer. Links brannte das Feuer der Liebe, rechts das der Pflicht und Entsagung. Welches von beiden sollte sie hüten, welches austreten? Sie zögerte nicht und besann sich nicht weiter. Das zur rechten mußte ihr Herdfeuer werden, und die Worte traten ihr in den Sinn, die da lauten: »Wer seinen Leib preisgibt, geht auch eines Teils seines eigenen Ichs verlustig,« und sie sagte gefaßt vor sich hin: »Es ist nicht eben froh, so etwas erkennen zu müssen. Aber was hilft es. Es bleibt noch genug übrig, einen andern glücklich zu machen.« Diese Folgerung nahm ihr alles Weiche vom Antlitz, Sie richtete sich auf und horchte, ob die Klever Post noch immer nicht einfahre. Aber sie hatte sich um eine halbe Stunde verrechnet. Es blieb schweigsam und lautlos da draußen. Nur im Lampenzylinder begann es kaum merklich zu sirren. Gleich darauf wurden unten im Hausflur Stimmen lebendig. Die von Christine Jordans hörte sie deutlich. Sie sagte: »Gehen Sie man ruhig hinauf. Sie ist auf ihrer Kammer, um sich für den Abend vorzubereiten. Ihre Turnüre wird sie schon längst hinter sich haben. Im Altmännerhaus soll's großartig werden. Nur Kurasch, junger Mann. Nellecke ist für gewöhnlich so komisch. Bitte, angtree und nur keine Bange. Ich werde schon Vorposten halten.« Dann hörte sie nichts mehr. Wer kam jetzt? Wie konnte jemand es wagen ...? Plötzlich dachte sie an ihren Brief, den sie gestern abgeschickt hatte, und an Lambert Terstegen. Wenn er es wäre? Wenn er jetzt käme, um ihren Willen zu brechen und das endgültige Jawort zu erzwingen? Ihr Kopf schmerzte, und ihrer Sinne kaum Herr, begab sie sich in die äußerste Ecke des Zimmers, Wo das Lampenlicht sie nicht mehr erreichen konnte. Hier blieb sie stehen, laut atmend, die Hände gefaltet. Der Duft nach verbranntem Wachs und welken Blumen war bei ihr. Unter dem Einfluß dieses seinen Geruchs verharrte sie in eisigem Schweigen, durchlebte sie in Augenblickseile eine Reihe von Jahren, horchte sie auf, suchten ihre starren Blicke die Tür zu durchbohren. Eine lange Prozession von Erinnerungen zog an ihren geistigen Augen vorüber: solche aus der Kinderzeit und solche aus späteren Tagen, wo sie mit der Muttergottes durch die blumigen Wiesen gegangen war, um Blutströpfchen und Mariawindelweiß für ihre Liebe zu brechen, und andere, die sich mit der Begegnung am Hechelkreuz verknüpften. Diese Erinnerungen waren wie Kerzen, die kaum angezündet, gleich wieder erloschen. Ihre Hände irrten dabei an ihrem Leibe herunter, wie es die von Sterbenden tun, wenn sie das knitterige Linnenzeug zu glätten versuchen... von Sterbenden, die in der Gnade sind und willig den letzten Spruch des Ewigen hinnehmen. Sie war mit sich völlig im klaren. Mochte das Schlimmste über sie kommen. Sie hörte: jemand stieg die schmale Treppe herauf, und irgendeine Hand glitt dabei über die Wände, um sich in dem halbdunklen Flur besser zurechtfinden zu können. Gleich darauf kamen die Schritte näher. Dann machten sie halt. Noch ein hastiges und scheues Tappen da draußen... und Lambert Terstegen war in die verschwiegene Kammer getreten. Sein Antlitz war weiß wie eine Hostie. Zuerst sah er nichts. Das Lampenlicht blendete ihn. Jetzt bemerkte er sie. Mit flackernden, ungewissen Augen sah er sie an. Sie stand dort, wo sie noch soeben gestanden hatte: neben der Bettkante, mit gefalteten Händen, hochaufgerichtet, im tiefen Schatten des Zimmers; nur ihr Gesicht leuchtete wie eine Medaille herüber. Keiner von ihnen wagte es, die Lippen zu öffnen. Das quälende Schweigen hielt an. Die unwiderstehliche Begier, die Vergangenheit ungeschehen zu machen, ein Jahr zu überbrücken und wieder den Duft des geliebten Weibes zu spüren, trieb ihn nach vorne. »Nicht weiter!« gebot sie. »Es ziemt sich nicht, in meine Kammer zu dringen. Es wird Aufhebens geben.« »Was ich tue, das steht bei mir,« sagte er schartig. »Außerdem: ich habe um Erlaubnis gebeten.« »Aber nicht bei mir. Ich hätte sie dir niemals gegeben, dir den Eintritt geweigert. Hast du meinen Brief nicht erhalten? Weißt du nicht mehr, worum ich dich bat? Ich flehte dich an, mir diese Qual zu ersparen und mir das Leben nicht noch schwerer zu machen. Und du bist dennoch erschienen. Es ist schon besser: verlaß mich. Fortgehen sollst du.« »Ich bleibe; denn ich kann mich nicht aussperren lassen.« Um seinen Mund legte sich ein verächtliches Lächeln. »Hast du kein liebes Wort für mich?« fragte er bitter. »Nein. Jetzt nicht mehr. In dieser Stunde nicht mehr. Mein Brief sagte dir alles.« »Eben um des Briefes willen bin ich zu dir gekommen. Dieses Schreiben wegen stehe ich hier. Ich weiß nicht, was ich damit anfangen soll, was ich aus ihm herauslesen muß, wie ich den Sinn zu verstehen habe, der durch deine Zeilen hindurchweht. Manches Mal war mir so, als scheitelte er die Lebensbäume, die auf dem Friedhof stehen, sacht auseinander. So erklärte ich mir den Sinn deines Briefes, um mir dann wieder zu sagen: Nein, das kann sie nicht wollen. Sie kann mir doch den Spaten nicht geben, daß ich mit eigener Hand meine Liebe verscharre.« »Lambert, Lambert, ich konnte nicht anders!« Für einen Augenblick flammte ihr Herz auf. Nur zwei Sekunden hindurch. Schnell verwandelte es sich wieder in seine steinerne Härte. »Ich bitte dich, Lambert, lasse es mit meinem Schreiben genug sein. Es enthält' meine Beichte. Darüber hinaus bin ich dir nicht mehr verpflichtet.« »Also nicht mehr verpflichtet?« Er stierte in ihre Blicke wie in einen tiefen Brunnen hinein. Auf dessen Grunde hatten ihm früher die Sterne der Verheißung geleuchtet. Jetzt sah er sie nicht mehr. Mit weher Geste winkte er ab. »Etwas ist tot in dir und in mir. Und was du mir sagtest, das erzählt mir alljährlich der Herbstwind, wenn er die Bäume rüttelt und schüttelt, die noch vor Monden grünten und blühten, um den letzten welken Schmuck von den Ästen zu zausen und ihn über die Felder und den Chausseestaub zu fegen.« Einen Schritt trat er näher. »Und das soll das Ende sein?« Sie gab keine Antwort. »Also wie ein dürres, vermistetes Blatt beiseite geworfen?!« knirschte er zwischen den Zähnen. »Ich sehe: die Aussaat deines Vaters ist in Halm und Ähren geschossen. Am Silvesterabend ausgestreut, am Drei Königen-Tag in die Scheuer gebracht, um gedroschen zu werden. Das muß man anerkennen: 'ne prompte, aber auch 'ne komische Ernte. Du!« – und seine Augen flammten in die ihren hinüber – »und wer soll das Brot davon haben?« Sie krampfte die Hände, warf den Kopf zurück und ließ ihre Wimpern wie Gardinen herunter. »Dem, dem es zukommt,« sagte sie fest und bestimmt, ohne jede Erregung. »Kann's mir denken,« hielt er ihr heiser entgegen. »Du bist bei 'nem trefflichen Meister in die Lehre gegangen. Rheinkapitäne haben Nerven wie Stricke und Gewissen wie großmaschige Netze. Wer da hineingerät, wird gedrillt oder muß unterm Wasser verrecken.« »Lambert, ich bitte mir aus: lasse meinen Vater zufrieden!« Er hörte über sie fort, als hätte sie gar nicht geredet. »Ach was!« sprach er unbeirrt weiter. »Sein Schiff ist sein Abgott, seine Geliebte, sein Kebsweib, und der Hochmut teert ihm allen Verstand zu, daß kein richtiger Sinn mehr herauskommt.« »Lambert...!« »So'n Rheinkapitän! ihm gleich, was er vor sich hat, ob Planke, ob das Herz eines Menschen – wenn's ihm paßt: mit brutaler Faust knüppelt er beide zusammen.« »Du sollst aufhören, Lambert!« »Lasse mich ausreden – du, denn du allein hast diese Szene herbeigeführt, und nun beanspruche ich für mich, mir eine Ansicht über die Handlungsweise deines Vaters zu bilden. Ich kenne euch beide. Er und du – ihr habt in dieselbe Kerbe gehauen. Was dich veranlaßt, ist mir bis jetzt unerfindlich gewesen. Das wird sich erst später erweisen. Ihn kann ich verstehen, dich nicht. Für ihn sind alle Schulmagister Subjekte, Nichtstuer, Demokraten übelster Sorte, die sich eine Freude draus machen, als sture Böcke über die Hürde zu springen, gegen Thron und Altar zu rennen und die blöde Herde schließlich in das trübe Spülichtwasser der Sozialisten und Kommunisten zu leiten. Räudige Böcke und Schafsnasen! Natürlich, ich leugne es keineswegs ab – unter meinen Standesgenossen gibt es von dieser Sorte in Hülle und Fülle. Noch neulich! – ein junger Kollege mißhandelte das Bild seines Königs, pfefferte die Gipsbüste von der Konsole herunter, um, auf ihren Trümmern stehend, das Dogma von der ungebundenen Freiheit in die Menge zu tragen – ein Revolutzer in Duodezausgabe, der, hätte er siebzig Jahre früher geatmet, sicherlich dazu beigetragen hätte, dem Konvent und Robespierre die Bolzen zu fiedern. Der infame Kerl verdient gehenkert zu werden; aber man ließ ihn, freute sich seiner und spielte noch Ball mit den weggeworfenen Scherben. Magister und Pöbel! und in diese Kategorie von besoldeten Drängern weist mich dein Vater. Alle wirft er in den nämlichen Kessel: Gute und Böse. Aber er irrt sich, denn so wahr mir Gott helfe: hier pocht das Deutschtum, hier lebt die unverbrüchliche Treue für meinen angestammten König und Herrn, hier haben die zersetzenden Lehren des Uhrmachergesellen von Genf keinen Raum, des sogenannten Menschenbeglückers, der in Turin den slowakischen Katechumenen bei seiner scheußlichen Arbeit ertappte, hier blüht das Höchste und Erhabenste, was der Mensch sein Eigen nennt, aus Vertrauen und Arbeit – die Liebe... und du willst nun kommen und mir diese Liebe aus dem Herzen zerren, als wäre sie ein unnützes und giftiges Reptil gewesen?! Nellecke, Nellecke...!« Bevor sie es noch hindern konnte, war er bei ihr, hatte sie an sich gerissen und sie mit seinen Armen umschlungen. Er fühlte ihre Glieder durch ihre Kleider hindurch, das Wunder ihres unberührten Leibes. Er küßte ihre Haare, die schwere Flechtenkrone, deren Duft ihn berauschte, und er küßte ihren zuckenden Mund, den sie ihm, schlaff und überrascht wie sie war, nicht mehr zu entziehen vermochte. Sein Antlitz stand über ihr wie das eines niederstoßenden Falken. »Nellecke, küsse mich, küsse mich doch! Du hast es doch früher getan, als wir über die Deiche gingen, durch das eingedunkelte Land hin. Planeten über uns und kreisende Sonnen. Wir selber Gottesanbeter, Gottesverehrer... und fiel ein Stern herunter – wir verfolgten sein Leuchten mit heißen Wünschen, zwei Menschen, selig in der Welt der Freuden und der Schmerzen. Eins wollten wir werden. Und jetzt, und jetzt?! Ich glaubte, eine Lebendige zu finden, und siehe: ich habe eine Tote gefunden. Tot für mich, abgestorben für mich. Nellecke, wo ist dein Blut und deine Verheißung geblieben?!« Sie wehrte ihn ab: »Behüte das Fleisch, um des Geistes teilhaftig zu werden.« Mit Aufbietung ihrer ganzen Willens- und Körperkraft suchte sie aus seinen Fesseln zu kommen. »Lasse mich los – du!« »Loslassen – dich?! Mit anderen Worten: du gedenkst mich von deinem Leibe zu schütteln.« Er lachte auf. »Ich sehe: unser Gelöbnis liegt mit gebrochenem Nacken am Boden. Aber so seid ihr Weiber allinsgesamt. Kaum, daß ihr euch entdeckt habt, daß eure Glieder sich runden und eure Kuppeln sich wölben, haltet ihr alle Trümpfe in Händen und werft sie denen zu, die euch genehm sind. Euer verfluchtes Recht, euer angestammtes und ureigenes Recht! Daran ist gar nicht zu zweifeln. Allein es muß aus lauteren und ethischen Motiven geschehen. Du aber – du ... Aus dir redet was anderes, redet die Selbstsucht, spricht Moritz van Dornick. Der Drei Königen-Abend machte mich wissend. Diese Rheinkapitäne! Diese selbstherrlichen Menschen! und wie sie ihre Waren verfrachten und diese Waren an den Mann bringen, gleichviel ob Kohle oder was sie sonstwie geladen – mit derselben Stirn vertun sie ihr Fleisch, ihr Leben und ihre eigene Tochter ... und einer der schlimmsten ...« Er hatte wie im Wahnsinn gesprochen. »Du tust mir Gewalt an!« schrie sie gellend. »Du bist wohl aus dem Tollhaus gekommen!« Mit aller Kraft stieß sie ihn von sich. »Du! wo ich dich liebe ...!« rief er zuckenden Mundes. »Ja, mir scheint es: ich bin aus dem Tollhaus gesprungen.« »Schweige!« gebot sie. »Die Liebe stirbt, wenn man ihren Namen zu laut nennt.« Hoheit umgab sie. Bleich, wie eine aus Wachs gebildete Heilige, in verschlossener Pein stand sie im Halbschatten, nur das Antlitz umleuchtet vom Licht der armseligen Lampe, unnahbar, einer Bekennerin ähnlich, in sich gefestet, stark und dennoch lieblich anzuschauen, als wäre sie von dem sanften Myrrhenhügel der Erkenntnis gestiegen. Sie rührte sich nicht. Kein Laut kam über ihre Lippen. Zwei Minuten vergingen. Dann begann sie zu sprechen. »Du fragst gar nicht danach, ob ich Blut in den Adern habe, oder ob ich Not daran leide. Aber ich sage dir: Ich habe Blut in den Adern. Heißes und verlangendes Blut. Das hättest du wissen müssen, und du konntest es wissen. Und daher: wie kommst du dazu, so über mich und mein Sehnen zu sprechen? Dir jedoch ist alles ein Tun, hast kein Verständnis dafür, was ich mit dem heißen Blut und meinem Herzen beginne. Du weißt nicht, was ich leide und dulde.« Er breitete die Arme. »Hier an meiner Brust soll es klopfen.« »Oder auch nicht,« versetzte sie schroff. »In diesem Augenblick bin ich eine willenlose und dir fremde Sache geworden. Doch später hierüber. Vorab sei gesagt: Was du mir und meinem Vater angetan hast, ist deiner nicht würdig gewesen.« »Nellecke, Nellecke! ich weiß nicht mehr, was ich denke und rede.« Sie war stiller geworden. »Das ist das Wenigste noch,« versetzte sie gütig, »das mit dem Vater, und ich kann es vergessen, denn ich will mir noch etwas Großes und Schönes bewahren, wie in einem Schatzkästlein. Ich will mich dessen erinnern, wie wir uns gut waren, wie wir uns das Bauholz der Zukunft zusammentrugen, um unser Heim zu errichten, will daran denken, wie zwei Lerchen über uns standen, wie sie nie mehr über uns stehen werden, so verheißend und jubelnd, denn ich möchte so ruhig von dir gehen, wie ich ruhig zu dir kam im ersten Mai unserer Liebe.« Er machte eine kurze Bewegung. »Lambert, ein Wort noch, ein letztes noch, Lambert. Dann nichts mehr. Aber es muß mal gesagt sein. Ich kann dir dieses Wort nicht ersparen, wenn ich dir auch hiermit alle Hoffnung entziehe. Es kommt anders, wie wir uns dachten. Gegen gewisse Dinge kann man nicht kämpfen. Nur das sollst du wissen: meine Liebe zu dir öffnet Gräber, weckt Tote auf, kann Berge versetzen, aber –« und sie rang mit der entscheidenden Wendung – »aber sie kann die Siegel einer Verpflichtung, die einer heiligen Satzung nicht brechen. Lambert« – und die vom Myrrhenhügel der Erkenntnis Niedergestiegene wurde hart bis zum Tode – »Lambert, wir müssen uns trennen, denn ich habe eine Mission zu erfüllen.« War das Nellecke noch, Nellecke, die bei Röschen Jungklaas die Spitzen- und Feinwäsche unter sich hatte? War das das schlichte und einfache Stadtkind? War das die Tochter eines biederen Schiffskapitäns, der viele Jahre hindurch seinen braven Kohlenmaster zwischen Duisburg-Ruhrort und Rotterdam geführt hatte, das Kind von Moritz van Dornick? oder aber war sie auf einem anderen Planeten geboren? Ihr Leib schien herrlich gemeißelt. Ihr schlichtes Gewand wandelte sich zu einer prächtigen Schau, als wäre es mit Zobelbramen verhangen. Ihr lichtes, weizenschweres Haar brannte wie eine leuchtende Krone. Zwischen den mächtigen Flechten lag ihr Antlitz wie eine bleiche Seerose ... so stand sie, als wäre sie aus dem alten Rahmen im Schloß von Moyland getreten: die schöne Jakobäa von Jülich ... Dann wandte sie sich. Einzelne Glockenschläge fielen von Sankt Nikolai. Achtmal hintereinander erschallte das Tönen. Fast gleichzeitig wurde draußen ein Posthorn lebendig. Ohne sich weiter um Lambert Terstegen zu kümmern, hatte sie sich ein warmes Tuch um die Schultern geschlagen. Mit grauen Lippen folgte er ihrem sicheren Gehaben. Er kam sich vor wie ein Entrechteter, ein von seinem Schöpfer Enterbter. Als sie sich nach der Tür bewegte, sprang er auf sie zu, vertrat ihr den Weg und hielt ihr ein zerknittertes Schreiben entgegen: »Und das hier, was soll mit diesem geschehen?« »Du kennst seinen Inhalt.« »Nellecke ...!« Seine Stimme war wie die eines verzweifelten Tieres geworden. »Störe nicht weiter; man hört alles im Hause. Es ist nicht wohlgetan, seine geheimsten Gedanken jeden wissen zu lassen.« »Und du hast mir sonst nichts zu sagen?« »Nichts mehr. Nicht das Geringste.« Träumte er? War er im Fieber? Wurde ihm das ›De profundis‹ gesungen? »Bleibe doch. Du darfst so nicht gehen.« Ohne das Haupt zu erheben, hatte er seinen Arm um ihre Hüften geschlungen und sie an sich gezogen. Sein Mund ruhte auf ihrem goldigen Scheitel. »Du kennst meine Neigung zu dir,« sagte sie mit Tränen in ihrer zitternden Stimme, »aber es ist nichts mehr zu ändern. Gedenke meiner, wenn du es kannst; und vermagst du es nicht, so bin ich auch hiermit zufrieden. Mache mir den Abschied nicht schwerer, als er schon ist. Ich würde das Leid nicht erdulden. Du darfst mir das bißchen Erinnerung nicht völlig zerstören. Habe Dank für alles, was du mir warst. Ich nehme es mit mir in ein anderes Leben. Tue das Gleiche. Oder noch besser: vergiß mich; denn wenn alles zu Ende ist, dann muß man vergessen. Es gibt andere Frauen – viel schönere und bessere; Frauen, die dir auf Erden schon den Himmel bereiten. Leb' wohl! Gedenke nicht mehr der Vergangenheit, und lasse die Gegenwart ganz entschwinden. Es muß schon so bleiben.« Und sie wurde ernst und stark und abweisend und sagte: »Störe mich nicht; ich habe noch einen Gang zu tun.« »Du ...?!« Das Wort vertrocknete ihm in der glutheißen Kehle. Seine Sinne warfen sich an sie. Sie entkleideten die Seele und den Körper des begehrenswerten Weibes. Durch sie verlangte er ihren Mund, ihre Brust, ihre Gedanken, die Geheimnisse ihres Fühlens und Denkens und alles, was in ihr war. »Du gehst nicht!« rief er fassungslos. »Das wollen wir sehen,« sagte sie, ohne aus ihrer Hoheit und Ruhe zu kommen. »Es geschieht, was geschehen muß. Daran verrückst du kein Steinchen. Im übrigen: verhalte dich schweigsam. Wir wollen diesem Hause den Frieden nicht nehmen.« Sie wandte sich zum Gehen. »Was hast du vor?« Er stand dicht neben dem Tisch. Seine Hand hatte die Lehne eines Stuhles umgriffen. »Lambert, ich bitte dich, frage nicht weiter. Meine Seele, die hast du. Die ist wie ein Kleinod in der Monstranz, die der Priester allsonntags emporhebt. So was vergeht nicht.« »Nellecke, Nellecke...!« »Lambert, meine Zeit ist zu Ende.« »Und ich höre von dir?« »Ja, du hörst noch von mir.« »Und wann geschieht dies?« »Noch heute Abend. Wenn es dir recht ist, halte dich bereit. Ich scheue mich nicht, vor dich und deinen Vater zu treten. Jetzt ist es genug. Oder hast du noch was zu fragen?« Er gab keine Antwort. Er winkte nur leise. Nein, er hatte nichts mehr zu sagen. An der Tür blieb sie noch einmal stehen: »Ich habe ein hohes Werk zu vollbringen, aber dieses Vollbringen beraubt mich des Glückes und der irdischen Freude. Leb' wohl!« Dann ging sie und zog die Spitzen ihres Schultertuches enger zusammen. Er stierte ins Nichts, als wenn er in die Ewigkeit blickte. Dann... wie ein gefällter Baum brach er in sich zusammen. Als er ihr nachstürzte, um nach ihr zu sehen, war sie spurlos verschwunden.   21 Gleichzeitig mit dem Rufen des Posthorns rumorte und klingelte es in dem altmodischen Uhrkasten, der sich in der weißen Stube breit machte. Diese Kastenuhr, langbeinig und verschnörkelt aufgepflanzt und mit galanten Marqueterien versehen, war eine Rarität erster Ordnung, von der die Sage ging, sie sei von Vredeman Vriese erbaut und durch einen Zufall von den Niederlanden in die hiesige Gegend gekommen – und wenn die Erzählung des weißen Mynheers nicht trog, so war die Überführung folgendermaßen geschehen. Als die alte Orgel in Sankt Nikolai abständig wurde, beriefen Magistrat und Kirchenvorstand den Meister Arnold Thormanns aus Utrecht, willens, ihm eine neue in Bestellung zu geben. Dieses geschah auch. Meister Arnold nun, ein gewaltiger Könner und Pfeifensetzer, schien den Weibern nicht abhold, und da die Frau des Küsters nicht zu den alltäglichen Frauen gehörte und wiehern konnte wie ein jähriges Füllen, begab es sich, daß der niederländische Orgelmann mehr bei dieser Gefallsüchtigen anzutreffen war als bei der ihm aufgetragenen Arbeit. Der Küster und Kerzenzieher jedoch, schwach bestellt im Weinberge des Herrn, dafür aber ausgerüstet mit einem polternden Maulwerk, auch sonst gut beschlagen in allen Dingen und Obliegenheiten, die einem wohlbestallten Kirchendiener geziemen, bekam Wind in die Nase, ertappte die beiden bei ihrem vergnüglichen Schaffen, und da die Zeit der kleinstädtischen Phryne sich zu erfüllen begann, das Orgelwerk jedoch nur erst wenige Pfeifen aufgesteckt hatte, rumpelte er los, wetterte wie der Olympier im Donnergewölk, bezähmte sich aber und machte nach einigem Überlegen schließlich diesen Vorschlag: entweder gegen ein erkleckliches Schweigegeld die abwegige Frau in Ehren bei sich zu behalten oder aber Spektakel im Kirchspiel zu machen und zu schreien wie ein abgeschlagener Hirsch auf der Brunftstätte. Entweder – oder! und dieser dringlichen Alternative war Rechnung zu tragen. Damals hüpften indessen die blanken Speziestaler nicht wie die Spatzen umher, waren so rar wie die unbeschnittenen Juden, und da Meister Arnoldus es hinsichtlich der klingenden Münze mit jedem Kirchenmäuserich aufnehmen konnte, kam er auf den verzweifelten Einfall, die ihm durch letzten Willen zugefallene Kastenuhr von Vredeman Vriese dem tollwütigen Hahnrei in den Rachen zu schmeißen. Sie wallfahrtete denn auch von Utrecht in die hiesige Gegend, wurde in der Besten Stube montiert und betickte von nun an den ehelichen Frieden. Der Küster rieb sich die Hände. Er hatte gut kalkuliert, behielt seine gierige Henne und bekam noch die Uhr und 'nen pausbäckigen Jungen als Draufgeld. Meister Arnoldus, obgleich noch habeloser als früher, wußte sich weidlich zu trösten, rieb sich gleichfalls die Hände, baute gemächlich an seinem Orgelwerk weiter und genoß ein vorsichtiges Glück in den Grasgärten und benachbarten Roggenfeldern, die voller Mohn standen und voll himmelblauer Zyanen. So war denn alles wieder in promptester Ordnung. Die christkatholische Gemeinde war um ein Spektakel ärmer geworden, und der befriedigte Kantor schrie nicht wie ein abgeschlagener Hirsch auf der Brunftstätte. Durch Erbschaft gelangte das seltene Prunkstück in die Familie Terstegen. Nun stand es in der kalkigen Stube des weißen Mynheers und sagte die Zeit an. Auf dem merkwürdigen Kasten selber hatte der Künstler die lieblichsten Dinge verewigt, meistens biblische Szenen. Da waren zu sehen: Joseph und die lüsterne Frau des ägyptischen Kämmerers, Loth und seine geschäftigen Töchter, David am Fenster, das badende Weib seines Feldherrn betrachtend, die beiden Herren mit den Hängelöckchen und den wulstigen Lippen, ein Brennglas vor den eingekniffenen Blicken, um Susanne bequemer vor Augen zu haben, und anderes mehr ... und dennoch das beste: jedesmal wenn die Stunde voll ausschlug, spazierten die vier Evangelisten am Zifferblatt vorüber, wobei jeder einen Buchstaben stammelte; so Markus ein A, Matthäus ein M, Lukas ein E und Johannes ein N, was man, alles zusammengenommen, als ›Amen‹ ansprechen konnte. Dann verschwanden sie wieder ... eine sinnige Ovation für die vier Historiographen, die der alte Herr in Gestalt von Fuchsienstämmchen in glasierten Scherben hegte und pflegte. Kurz, Vredeman Vrieses Meisterschöpfung hatte soeben achtmal geschlagen, und die aus Messingbronze getriebenen Herren hatten ihr ›Amen‹ dazugesprochen, als Johannes Terstegen seine Zipfelmütze durch den Türspalt schob und in den bitterkalten Hausflur hinauskrähte: »Dores, wir müssen jetzt anrichten und das Gastmahl bestellen!« »Gleich!« gab van Bommel zurück, und keine fünf Minuten vergingen, da wurde das frischgewaschene Tischtuch über die lange Tafel gespreitet, mit Tannenzweiglein und Stechpalm geziert, saftgrün und mit knallroten Beeren besprenkelt, eine Anleihe aus dem benachbarten Gemeindebusch, die der Kalfakter auf sein Konto genommen hatte, ohne dabei von der bewaffneten Macht, in der Person des Feldgendarmen, erwischt und ins Kittchen gesteckt worden zu sein. Hierauf setzte der würdige Herr mit dem Straußeneikopf den Wasserkessel aufs Herdfeuer, brachte neue Scheite zu und begann eifrigst zu blasen, wahrend der Alte in seiner Anrichte kramte, um die verschiedenen Ingredienzien und Gläser zusammenzustellen. Dabei äugelte eine milde Lichtquelle von der weißgekalkten Decke herunter, grüßte die illuminierten Kupfer und rückte die biblischen Fabeln auf dem schmucken Uhrkasten von Vredeman Vriese in die rechte Beleuchtung. Die ganze Stube des weißen Mynheers war in eine weiße Silvesterstimmung getaucht. Weiß waren die Winde, weiß das Tisch- und Tafelzeug, weiß die Vorsetzer, und ein weißer Schneeabend sah mit weißen Augen durch die blanken Scheiben ins Zimmer, woselbst die weiße Zipfelmütze des weißen Mynheers auf- und niederpendelte, als gölte es, den sanften Pendelschlag, der so viel des Heimlichen vom Meister Arnold und der üppigen Küsterfrau zu erzählen hatte, sachlich und schön zu begleiten ... und über Spreite und Stechpalm, über Kessel und Herdfeuer schwebte die weiße Seele des weißen Mynheers, alles segnend, alles begrüßend, wie die schleierweiße Taube aus dem Himmelreich, die gekommen war, um die reine Jungfrau aus dem Stamme Davids freundlich und still zu beschatten. Der ganze Aufbau nahm seinen regelrechten Verlauf, und als nun das Feuerchen immer lustiger prasselte und sich bereits ein feines Sumsen im Kessel erhob, als Johannes Terstegen wie ein Geier mit ausgeblaßten Augen über die Tafel vigilierte, ob alles der Ordnung gemäß sei, fragte van Bommel: »Mynheer, wie soll die Placierung angesetzt werden?« »Dorthin,« sagte Johannes, und er deutete mit der Messerspitze, womit er die letzte Zitrone abgeschält hatte, auf das äußerste Tischende, »dorthin den Stuhl für Moritz van Dornick. Er ist aus schierem Eichenholz, hat eiserne Bänder und geht nicht aus Leim und Furnierung, selbst wenn sich ein Rheinschiffer drauf setzt.« »Wird gemacht,« entgegnete Dores und stellte den Stuhl hin. »Jetzt aber man weiter,« und erwartungsvoll sah er den Gastgeber an. »Hier, dem Kapitän gerad gegenüber, komme ich. hin und zwischen uns beide Nellecke und Lambert Terstegen.« »Und kommen?« fragte Dores van Bommel. »Warum nicht? Mein Sohn ganz bestimmt, denn er hat mir noch gestern geschrieben; ein fünftes Gedeck wird für den Aktuarius in Reserve gehalten.« »Er soll ja in Millendonk sein.« »Ist er; macht aber heute Abend retour, und ich will Kopf und Kragen verwetten: er wird zu meinem Gastmahl erscheinen wie ein Gerechter des Herrn, denn er ist gläubigen Sinnes und simuliert eifrigst darauf, Frieden mit mir und meinem Hause zu machen; denn geschrieben steht: Unfried verzehrt, Friede ernährt. Wir wollen einen neuen Freundschaftsbund schließen; und aufsteigen soll er wie ein Rauch vom Ofen, wie Christus seinem Grabe entstieg, um mit 'nem Heiligenschein gen Himmel zu schweben. So werden wir Geist und Klugheit finden, die Gott und Menschen gefallen. Der Aktuarius ist bedachtsam und voll des Verstandes, und verzeichnet ist im Buche der Sprüche: Wer mit den Weisen umgehet, wird weise; wer aber der Narren Geselle wird, der wird Unglück haben. Ich will nicht ins Unglück geraten. Und somit: halte Stuhl und Gläschen bereit; er wird schon erscheinen und soll gefeiert werden wie der Besten einer, so meiner Tafel die Estimierung erweisen.« Die lange Erwägung hatte einen blinkerblanken Tropfen an die Nasenspitze geschoben. Kurzer Hand knipste er ihn fingerfertig herunter. »A la bongkör!« sagte Dores, rückte die Stühle zurecht und stellte das vorgesehene Gedeck sorglich beiseite, als es gegen die Stubentür polterte und Moritz van Dornick mit einem ›Allright‹ und einem kräftigen ›Melde mich gehorsamst zur Stelle‹ ganz unvermittelt die adrette Stube beehrte. Und wie sah er aus! Völlig in Gala: in bester Montur, die goldbetreßte Kapitänsmütze schief auf dem Kopf, ein Bordmesser im Gurt, mit Perspektiv und blankgeputzten Ankerknöpfen und in jedem Arm eine extrafeine Bouteille mit Arrak. So gut er konnte, versuchte er es, die rechte Hand an den Rand der galonierten Mütze zu bringen. »Johannes, hier bin ich.« »Was Teufel! so früh schon?« »Allerdings etwas zeitig, und außerdem habe ich noch zwei Komparenten ins Schlepptau genommen. Johannes, nimm's mir nicht übel, aber die Macht der Verhältnisse, über die ich keine Kontrolle besitze, der Umstand, der mir zwei Angestellte aus dem Hause Harkopp \& Söhne unter die Sparren schneite, machte es mir zur heiligsten Pflicht, ja, ich darf wohl sagen, zur äußersten Notwendigkeit, deine bewährte Gastfreundschaft in Anspruch zu nehmen. Aber drum keine Bange, mein Lieber. Die Tatsache besteht. Das Haus Harkopp \& Söhne hielt es für nötig, mir zwei Abgesandte zu schicken. Damit nun aber dein vorgesehener Pegelstand, um hierbei eine seemännische Benennung flott zu machen, keinerlei Abbruch erleidet, habe ich mir gestattet, dir zwei Bouteillen Arrak, prima Qualität, und zwar Batavia-Arrak, zu stiften. Hier sind sie. De Koning van Holland trinkt immer von der nämlichen Sorte. Kapitale Ware! Nicht mehr zu haben. Selbst nicht in den feinsten Destillen ...« und er schob die beiden Flaschen auf das gespreitete Tafeltuch. »Also nichts für ungut, Johannes.« »I, wo werde ich denn! Äußerst willkommen. Immer man zu, meine Herren. Dores, zwei frische Gedecke!« und als der Kalfakter den Auftrag besorgte und dabei die bunten Etiketten der Neuangekommenen Pullen studierte, stellte Moritz mit einer gewissen Grandezza vor: »Hier – Ewert, mein Sohn.« »Ah! auch mal wieder im Lande!« krähte Terstegen. »Ich sehe: alles vom obersten Ende. Ja, ja, den Seinen gibt's der Herr im Schlafe. Nur immer zugegriffen, und der Erfolg wird nicht fehlen.« »Ich danke,« entgegnete Ewert und drückte sich etwas scheu in die Ecke, in die Nähe der großen Kastenuhr von Vredeman Vriese, die so angenehm tackte. »Und hier,« sagte Moritz, und ein untersetzter, verschüchterter Herr in großgemustertem Buckskin, der eifrigst dabei war, seine spärlichen Sardellen ordnungsgemäß nebeneinander zu pflastern, ließ sich gottergeben von dem derben Kapitän in das Fahrwasser des weißen Zimmers bugsieren ... »und hier,« meldete Moritz mit selbstgefälliger und erhobener Stimme, »mein Freund und Gönner ... aber bitte, wie heißen Sie doch?« »Pirrwitt, Archibald Pirrwitt, gütigst zu sagen.« »Natürlich!« rief Moritz. »Und hier mein Freund und Gönner Herr Pirrwitt, der Stamm und die Stütze des Hauses Harkopp \& Söhne, wohlbewandert in allen Zweigen des großen Hauses und eine Koryphäe des binnenländischen und überseeischen Handels.« Herr Pirrwitt krümmte sich wie eine Weidengerte, die ein Korbmacher hin und her zwirbelte, um sie geschmeidig zu machen. »Selbstverständlich! Wozu diese Bescheidenheit? Ihr Ruf ist bekannt. Den ostindischen Maskopeien standen sie vor. Waren in Makassar und Java, und wo Sie Hand anlegten, blühte die Sache.« Dem weißen Mynheer fuhr die Ehrfurcht direkt in die Knie, während der Mann im großgemusterten Buckskin Blutstropfen schwitzte. »Aber, Herr Kapitän, ich möchte ergebenst darauf aufmerksam machen ...« »Gewiß, gewiß,« sagte Moritz. »Man kann ja die verzwickten Namen nicht alle behalten. Aber auf den Faktoreien von Jamaika und Kuba sind Sie sicher gewesen. Auch haben Sie im Interesse des Hauses Harkopp \& Söhne mit den Gebrüdern Schlagintweit den Popocatepetl bestiegen. Zwanzigtausend Fuß über der ebenen Erde, wenn nicht noch höher.« »Herr Kapitän, das ist ein begreiflicher Irrtum,« wehrte Herr Pirrwitt ab. »Ich habe niemals den Popocatepetl gesehen, bin niemals in seinen Regionen gewandert.« Wie zähes Öl liefen ihm die Schweißtropfen von den Schläfen herunter. Moritz legte ihm großartig die Hand auf den Scheitel. »Möglich, daß ich mich irre, denn in meinen Jahren kann man die Berge verwechseln. Aber das ist gewiß: auf dem Mount Everest und dem Kilimandscharo sind Sie gewesen, haben dort nach mühseligem Kampfe und forschem Voran die schwarz-weiße Flagge gehißt, um auf diese Weise das so eroberte Land für das Haus Harkopp \& Söhne als Tabak- und Kaffeeplantagen pflichtig zu machen. Und das ist eine Tat, eine heroische Tat ... die wird Ihnen niemals vergessen.« »Mein Gott, mein Gott!« stöhnte der Weitgereiste und sah verzweifelt zur Decke. »Kurzum und trotzalledem,« beschloß Moritz seine Vorstellung, »ein positiver Mann, ein Mann von Bedeutung steht vor uns, eine Stütze des Handels, eine Säule Merkurs, ja, man könnte ihn einen Königlichen Kaufmann nennen, wenn er es annehmen würde. Aber er ist zu bescheiden dazu. Denn wahre Größe ist immer bescheiden. Ich aber, ich tue es dennoch, ich reihe ihn der Kategorie derjenigen Kauf- und Handelsherren an, die das schmückende Beiwort ›Königlich‹ beanspruchen können, und halte zu ihm bis zum letzten Knochensplitter. Und du, Johannes, kannst dich glücklich schätzen, ihn zwischen deinen vier Pfählen zu wissen.« Das tat auch der weiße Mynheer. Beide Hände hielt er ihm freudig entgegen und hieß ihn herzlich willkommen. »Aber, meine Herren,« dienerte Archibald Pirrwitt im Kreise herum, »wie komme ich dazu, so gefeiert zu werden?! Wo soll ich das hintun? Das wurde mir nicht an der Wiege gesungen. Herr Kapitän, dieser Dithyrambus, der eigentlich zu vollkröpfig ist, um auf eigenen Beinen zu stehen – ich weise ihn von mir. Und Sie, Herr Terstegen... Einen wildfremden Menschen fangen Sie ein, so mir nichts, dir nichts, um ihn an ihrer wohlgespreiteten Tafel zu laben. Das ist äußerst, aber äußerst, Herr Terstegen, weil ich keinen andern Ausdruck mehr finde,« und nun erzählte der kurzgedrungene und gutmütige Herr in großgemustertem Buckskin, er sei zwar ein gewissenhafter und solider, aber nur ein bescheidener Angestellter der Firma. Er habe eine schwere Jugend durchlebt, habe den richtigen Dreh nicht finden können und sei dieserhalb Junggeselle geblieben. Das Geschäft sei ihm alles. Den gepolsterten Drehbock habe er von jeher als den springenden Punkt seines Daseins betrachtet. Er hantiere bloß mit Kaffee, Zucker und Tabak, wenn auch in mächtigen Ballen und Säcken. Allerdings, er sei in seinem Leben nicht müßig gewesen. Auch das wolle er hinnehmen: das Haus Harkopp \& Söhne habe ihm manches zu danken, weil er allzeit darauf sähe, das Interesse des Geschäfts in jeder Beziehung zu wahren. Im allgemeinen jedoch sei er nur ein kleines Rädchen im großen Betriebe der Handlung. Herr Harkopp selber führe das Zepter, und er wolle nur hoffen, daß auch Ewert sich bewähren möge, um dereinstens ein Mann wie der Chef des Hauses zu werden. »Wollen wir, wollen wir!« rief Moritz begeistert dazwischen, »Platz genommen ... eingeschunken ... und Gläser heran ...! Aber Kreuzkuckuck nochmal, Johannes, wer fehlt noch?« Mit seinen lichten, vergißmeinnichtblauen Augen musterte er das Arrangement, die anwesenden Gäste, die Stühle, die aufgesetzten Gedecke und zählte sie immer wieder, um ja keinen Rechenfehler zu machen. »Kreuzmillionen und kein ehrliches Ende! beispielsmäßig, mein lieber Johannes, wo ist Nellecke denn?« »Je!« meinte Terstegen, »eingeladen ist sie, und ich denke auch, sie wird wohl noch kommen. Aber wie die Weiber so sind ... immerzu Ausflüchte und Vorwände. Indessen: ich habe erst zu neune gebeten.« »Und Lambert? Er kommt doch? Es jährt sich beinah, daß ich ihn und Nellecke unter dem gipsenen Nähr- und Pflegevater erwischte. Seitdem ist er nicht mehr über unsern Bordstein gestolpert. Ich denke jedoch, du hast ihm geschrieben, daß wir uns wieder in der alten Freundschaft befinden?« »Moritz, das hab' ich und dabei noch mancherlei durchblenkern lassen.« »Bonus! und was ich dir sagte, genau, was ich auch Nellecke sagte: Ich hebe nicht die Hand wider ihn ... ich fluche ihm nicht ... ich lege ihm keinen Stein in den Weg. Meine Tür steht ihm offen ... das hast du ihm doch gleichfalls geschrieben? wenn ich auch hinzufügen mußte: es gibt eine Liebe ...« »Kein Wort ist vergessen.« »Einverstanden! und wenn erst der Aktuarius anrückt ...« Und Moritz sah sich um, als sei er der Veranstalter des heutigen Abends, als sei er, abgesehen von den zugebrachten Buddeln Arrak, auch noch der Spendierer des prächtigen Rotweins, überhaupt der Donator. Und er streifte seine Kapitänsmütze so forsch in den Nacken und dabei so flott auf die Seite, als sei so ein niedlicher Sturm von Nordost zu erwarten, stellte sich steifbeinig hin, just so, als wenn er sich auf seiner Kommandobrücke befände, klatschte in die Hände und jauchzte: »Kinder, Kinder, Johannes, Dores und ihr zwei aus dem berühmten Hause Harkopp \& Söhne, soll das heute 'ne Silvesternacht geben! Kinder, Kinder! und wenn die anderen erst kommen ...« und er sah in den brodelnden Kessel und sog den Duft ein und schmunzelte: »Johannes, dein Weinpunsch ist fortepiano und von 'ner ganz besonderen Schwungkraft. Nur noch die beiden Bouteillen 'rin, die ich mitgebracht habe, und sei überzeugt, von deinem pompösen Gebräu würde auch der alte Herr Stinnes, Gott habe ihn selig, genießen. So! und jetzt an die Ramme, das heißt auf die Stühle, eingeschunken, und das erste Glas dem weißen Mynheer, unserm allverehrten und lieben Johannes!« und das erste Klingen lief frei und froh durch die warmdurchkachelte Stube und die weiten Flure des Altmännerhauses ... und es war noch nicht neun ... und es fehlten noch die, die vor allen Dingen bestimmt waren, das fröhliche Gläserläuten zu hören und ein gefährdetes Glück heil und ohne Schiffbruch zu leiden über die Schwelle der Jahreswende zu tragen.   »Muß i denn, muß i denn ...« Das Lied war längst verklungen, der gelbe Postwagen unter die Remise gezogen und das Rotschimmelpaar ausgesträngt und eingestallt worden. Der Postillon selber, nachdem er das schön gerundete Horn mit der schwarz-weißen Bequastung über den Nagel gestreift, die Gäule abgefüttert und getränkt hatte, machte auch seinerseits Anstalten, für heute bequem und gemütlich in das Paradies des wohlverdienten Nichtstuns zu gleiten. Mit verklammten Händen und Beinen stakelte er seiner kleinen Behausung zu. Hier angekommen, fand er sein ärmlich, aber proper gekleidetes Weib vor und seine drei halbwüchsigen Kinder, die mit großen und verlangenden Augen in den Abend hinaussahen. »Na, Frau,« sagte er lachend, »was soll aus uns jetzt werden, aus dir und mir und den Gören?« »Wie meinst du das, Welm?« »Frau, ich sollte doch denken ... sechs Stunden auf dem Bock ... hin und retour ... bei dieser barbarischen Kälte ... und außerdem, wenn ich nicht irre: das alte Jahr geht zu Ende, und ein neues will kommen ... und da wäre es doch so zu sagen bekömmlich, wenn wir fünf all' miteinander ...« Er schwieg, aber sein Blick lief nach dem spärlichen Herdfeuer hin, das nur ängstlich knisterte und nicht die Freude hatte, die Wandungen eines blankgescheuerten Kessels verheißungsvoll zu umspielen. »Mutter, ich meine ...« und er tat so, als wäre es ihm vergönnt, ein dampfendes, steifes und duftiges Punschglas hinter die Binde zu gießen. Die Frau lächelte bitter. Helle Tränen waren ihr dabei in die Augen getreten. »Ach, du! wie gerne! wie gerne hätte ich dir und mir und den Kindern dieses Pläsier zukommen lassen. Aber wir stehen am Ende des Monats. Die Zeit ist erbärmlich, und mein letztes Nähgeld kann ich erst übermorgen empfangen. Den ganzen Tag habe ich darüber nachgedacht, irgendwas Blankes aufzutreiben. Indessen, wie die Kunden so sind: sie wollen erst im nächsten Jahre bezahlen. Und so kam es denn: ich habe nichts mehr im Kasten.« »Aber ich!« rief Welm, so hell wie der Klang seines Posthorns, griff in die Tasche und warf drei harte, blitzneue preußische Speziestaler auf die Tafel des Hauses ... Alle erstaunten. Die ärmlich, aber proper gekleidete Frau wurde zu Salz, schmolz aber gleich darauf in seliger Freude dahin und legte dankbar die Hände zusammen. »Welm, wer war es?« fragte sie glücklich. »Wer ist der Spendierer?« und alle wohlgesinnten Notabeln des Städtchens, vom Notar über Herrn Nikola Tibus bis zum Plümeranten hinunter, hatten vor ihren geistigen Blicken Revue zu passieren. Aber sie fand keinen Ausweg, und wiederum bat sie: »Nun sag' mal, wer war's denn?« »Ratet mal, Kinder!« rief der postalische Krösus, klemmte ein Geldstück als Einglas ins Auge und ließ die übrigen gegeneinander klimpern wie silberne Glöckchen. »Der heilige Mann!« erklärten die beiden ältesten wie aus der Pistole geschossen. »Falsch!« lächelte er und ließ das Einglas herunter. »Der Herr Polizeidiener Brill,« rief der jüngste, der knirpsige Drickes. Er hatte eine besondere Anschauung und einen gewaltigen Respekt vor der Omnipotenz der bewaffneten Macht im karmoisinroten Kragen, denn er war einmal Zeuge gewesen, wie dieser Herr Gelegenheit hatte, einen versiegelten Beutel mit Geld vom Rathaus zum Postamt zu tragen. Aber auch er war des Rätsels Lösung nicht auf die Sprünge gekommen, und als Welm dann seine verhärmte, aber noch immer anmutige Frau anschaute, da legte diese den Kopf an die Brust ihres Mannes und sagte ganz leise: »Du, ich glaube den lieben Geber zu kennen. Vor einer halben Stunde ging er vorüber. Er kam von der Post, war ein kleines Männchen und hatte einen Reisesack bei sich. Für gewöhnlich wird er von den Leuten Springinsröckel geheißen. Habe ich recht?« »Recht hast du, klares, offenes und sonniges Recht! Springinsröckel heißt er ... und Aktuarius war er ... und ein Menschenbeglücker ist er und bleibt er für immer. Kinder, und wenn nachher die warmen Gläser zusammen klingen, wenn die Glocken läuten und zwölf ernste, dumpfe und feierliche Schläge über die Stadt gehen – Kinder, was werdet ihr dann singen und rufen?!« Und wie auf Kommando jubelte es durch die vier kahlen Wände: »Der Aktuarius – Hurra und vivat! Alles Schöne im neuen Jahre, Glück und Gesundheit! Gott segne uns samt und sonders und all' miteinander!« und während noch die frohen Kinderstimmen ertönten und Welm und Frau des gütigen und wohlwollenden Mannes in inniger Verehrung gedachten, beschäftigte sich der Gefeierte damit, seinen Reisesack auszupacken, die entnommenen Sachen an Ort und Stelle zu legen und die während seiner Abwesenheit eingegangenen Briefschaften zu lesen und zu sortieren. Auch eine Einladung von Johannes Terstegen lag vor. Gut! ein Stündchen oder zwei wollte er hingehen, den eigentlichen Glanzpunkt des heutigen Abends jedoch mußte er bei Röschen Jungklaas verbringen; das war seine Absicht. Darüber hatte er schon während der Rückfahrt nachgesonnen, tat es auch jetzt noch, und als er so nachsann und gerade dabei war, die Läden vorzulegen, sah er, wie eine weibliche Gestalt am Fenster vorbeihuschte, in den Hausflur trat, und hörte auch, wie sie gleich darauf an die Stubentür klopfte. Mitdem war auch schon Nellecke van Dornick still und ruhig ins Zimmer getreten. Ihre Augen waren seltsam geweitet, ihre Wangen von einer wächsernen Bleiche. Um ihre Nasenflügel war ein leises Zucken, das aber ihre kühle Sicherheit nicht ausschalten konnte. Wie eine, die alles hinter sich ließ, ohne Bangen und Fürchten, wie eine, die willens schien, einem Mann das zu geben, was nur ein Weib zu geben vermochte, so war sie gekommen, ihr völlig gleichgültig, was die Welt über sie dachte – so merkwürdig gefaßt war sie, so in sich abgeklärt, so voller Würde und Andacht. Mochten alle es wissen. Die Tatsachen waren stärker geworden als sie selbst. Ende und Ziel lagen vor ihr. Keine Bedenken drängten sich ihr mehr auf, keine Zweifel und Ängste. Sie nahm alles und jedes hin, als wenn es etwas Selbstverständliches wäre. Sie machte sich keine Sorgen darüber. Nur ein Gedanke beherrschte sie: ihre Mission zu erfüllen, zu sühnen und die Schuld von ihrem Hause zu nehmen und darüber hin die wehen Saiten ihres dankbaren Herzens klingen zu lassen. Sie rührte sich nicht von der Stelle. Mit erhobenem Kopf, das Umschlagetuch eng um ihren Körper gezogen, stand sie ohne jede Bewegung. Die festgeschlossenen Lippen hatten die Farbe von Lilien, und Lilien sind das Reinste auf Erden. Nur zuweilen hob und senkte sich ihre Brust unter einem kaum merklichen Atmen. Zwei Menschen allein, ratlos und von einer leidvollen Ruhe umgeben. Zwei Menschen in Not und in tiefster Bedrängnis; denn keiner fand den Mut und den richtigen Ausdruck, das quälende Schweigen zu brechen, die große Stille zu lösen, um wissend zu werden. Da endlich ... Schon wollte sich ihr Name wie ein Schrei, von seinem Munde ringen, da hub sie an zu sprechen. Sie begann einfach und schlicht. Es war mehr ein Beten als ein Sprechen, und sie tat es in dankbarer Einfalt, als hätte sie das Sakrament der Buße und das des Altares empfangen. »Alles an mir ist sterblich,« sagte sie mit einer Stimme, die mit einem tiefen und ergreifenden Dunkel umflort war, »nur mein Geist nicht und das nicht, was der Himmel mir auferlegte. Daß ich hier bin, ist seltsam, denn ich tue das, was sonst einem anständigen Mädchen nicht zusteht. Ich komme, ohne eine Bestellung zu haben, in das Haus eines Mannes und das zu einer Zeit, die man gewöhnlich vermeidet. Aber ich weiß, was ich herbeiführen muß, und weiß auch, daß ich eine Schwelle betrat und mich an einem Ort befinde, wovon es heißt: beide hat der Engel des Herrn gesegnet. Hier wohnt nur das Wohltun, und von hier aus ist so viel des Barmherzigen und Guten auf uns übergegangen, daß wir fast unter seiner Fülle erliegen.« Sie unterbrach sich, während sie den Kopf leise bewegte. Ihr Blick hob sich schmerzhaft. Sie wollte auf ihn zugehen, seine Hände umfassen, sie an ihre Lippen heben, sie mit ihren Tränen benetzen – allein ihre Kräfte versagten. Der furchtbare Ernst des Augenblicks hielt sie an der Stelle gefesselt. Nur leise vermochte sie seinen Namen zu rufen. Das riß ihn empor. »Nellecke, du ...?!« und unwillkürlich zog er sie an sich, ohne zu wissen, was er eigentlich wollte. Sie warf sich in seinen Armen herum. Mit traurigen Augen sah sie ihn an. »Erinnere dich, du mußt dich erinnern! Das ist vor kurzem geschehen ... am Hechelkreuz ... damals, als ich von Emmerich kam ... als die Schande über uns herfallen wollte ... Damals – die Worte! ich entsinne mich ihrer, als waren sie erst heute gesprochen. Sie sagten mir damals, nein – du sagtest mir damals: Nellecke, ich bin ein Freund deines Hauses. Ich kenne dich ... und kenne den Vater ... und kenne auch Ewert ... und für alle lege ich die Hände ins Feuer. Und dann sagtest du weiter: Zeit meines Lebens bin ich wie ein armes Kerzlein am Allerseelentage gewesen. Nichts blühte um mich, nichts grünte um mich. Jetzt aber: ich möchte durch ein Märchenland gehen, immer weiter und weiter, bis dorthin, wo ich dich finde, um dir ein Sonnenkrönchen auf die Schläfen zu drücken.« »Nellecke, mein herzliebes Nellecke ...!« Sie wehrte ihn ab. »Nein, ich bin noch nicht fertig. Erst muß alles klargestellt und festgelegt werden.« Sie atmete schneller und schwerer. Ihre junge Brust klopfte mit harten Schlägen gegen die seine. »Du ...! und da sagtest du endlich: Dein Herz möchte ich nehmen ... es aufheben, wie man ein Heiligtum aufnimmt ... es aller Welt zeigen ... und aller Welt zurufen: Seht euch dieses Herz an! Es ist mein geworden für immer und ewig.« Einen Schritt trat sie rückwärts. Das schlichte, einfache Mädchen, Nellecke van Dornick – einer Priesterin, einer Königin war sie ähnlich geworden. Das neidische Tuch, das bisher ihre Kostbarkeiten verhüllte, hatte sie von den Schultern geworfen. Straffen Leibes, die Arme gebreitet, stand sie ihm zuversichtlich und sicher gegenüber, und von ihrem Munde kam es wie ein Schrei hoch aus den Lüften: »Ja du – mit dir will ich durch ein Märchenland gehen. Tu's nur, setze mir das Sonnenkrönchen auf's Haupt. Nimm mein Herz und rufe der Welt zu: Seht euch dies Herz an! Es ist mein geworden für immer und ewig. Rette mich, hilf mir! und wenn ich jetzt noch in deine Arme hinein darf ...« Da war es aus mit ihr. Erschüttert lag sie vor ihm und hatte seine Knie umschlungen. Er erbebte vor dem Ausbruch dieser Leidenschaft. War das das Glück, das er so lange ersehnte? Wie ein Wettern und Blitzen war es über den Ärmsten gekommen. Aber er hatte noch so viel Kraft und Einsehn, die Zusammengebrochene aufzuheben, sie an sich zu ziehen und ihren Scheitel zu küssen. Sie aber, den Arm um seinen Nacken geschlagen, begann unter Stammeln und Zittern: »Ich hab' es in der Bibel gelesen, ich hab' es im Katechismus gefunden: Wohl denen, die Gutes tun. Wohl denen, die die Sünde und die Schuld anderer tragen. Gesegnet die, die Liebe darbringen, um Liebe zu ernten der Barmherzigkeit wegen. Und das tatest du alles. Niemals noch hat einer so viel von seinem Herzblut gegeben, niemals noch einer so viel an Treue gespendet. Heute und damals! Jetzt ist alles anders geworden. Was du uns warst, das soll dir im Himmel vergolten werden – und wenn du willst: jetzt schon auf Erden. Ich will dein sein, wenngleich ich auch den andern noch liebe. Allein diese Liebe zu ihm – ich blase sie aus wie ein Lichtlein. Und wo du hingehst, da will auch ich hingehen, und wenn du stirbst ...« »Nellecke, Nellecke!« »Willst du?!« »Und Lambert ...?!« fragte er heftig, obgleich er innerlich seine Ruhe bewahrte. Sie erregte sich nicht, sie errötete nicht und sagte so gemessen wie möglich: »Er weiß, was ich denke und was ich zu tun habe. Ich handle nicht ohne sein Wissen. Nenne seinen Namen nicht mehr. Was liegt noch an ihm, was an mir? Ich gehe meiner Bestimmung entgegen. Verpflichtung steht gegen Verpflichtung. Wo ist die größere? Du hast nur zu wählen,« und zwei bleiche Lippen legten sich fest auf die seinen – und was sie ihm boten, waren lauter Kleinodien, rein und keusch, wie aus dem Krönlein der wundertätigen Gnadenmutter gebrochen – köstliche Perlen. »Willst du, willst du? – und wenn du stirbst ...« Seine Pulse erregten sich; noch einmal begannen die Bronnen seines heißen Blutes zu fließen. Dann versiegten sie wieder. Er verstand ihre Worte, er begriff den Zusammenhang der Dinge, er fühlte, was sie hergeführt hatte: die Schuld der Dankbarkeit ... und drüben, in einem traulichen Zimmer stand eine andere in stummer Ergebung, mit wehen Augen, und harrte und hoffte ... und da war es ihm so, als winkte es mit weißen Händen herüber, als würde das große Evangelium der Entsagung und das der Liebe verkündet, als vernähme er ein verhaltenes Schluchzen und Weinen. Und nochmals das scheue Fordern und Fragen: »Willst du, willst du? – und wenn du stirbst ...« Da sagte er gütig, indem er sacht über ihr Haar glitt und ihre Wange streichelte: »Was soll dieses Opfer? Ich brauche dieses Wort, weil ich annehme, du bist selber an dir irre geworden. Prüfungen und Anfechtungen, Hoffnungen und leere Hände, wie liegt ihr so dicht nebeneinander! Früher nicht, aber heute – ich müßte erröten, würde ich über dein Begehren nicht lächeln. Du Treue, du Wesensreiche, du hast mir gegenüber keine Verpflichtung. Eitel Schein und Nichtigkeiten. Nur die Herzen dürfen hier sprechen, siehe gibt es nur in der innersten Tiefe. Ich kann sie nicht heben, bei dir nicht gewinnen, und hätte ich trotzdem den traurigen Mut, es dennoch zu wollen, ich müßte an einer langen und bangen Reue ersticken. Was der Himmel zusammengab, das widersetzt sich der Trennung, und wehe dem, der es wagt, Hand an traute Bande zu legen. Was heute geschehen ist, es wird mir eine selige Erinnerung bleiben. Ich küsse den Mund, der zu mir redete, die Augen, die mich ansahen in Ergebung und Trauer. Mir bleibt nur übrig, dir noch dieses zu sagen. Du sollst glücklich werden, wie nur eine auf Erden. In diesem Wunsch ist auch die Antwort auf deine Frage zu suchen ... und dort liegt die Antwort,« und seine Hand hob sich langsam ... »dort beim weißen Mynheer, bei Johannes Terstegen, wo Lambert jetzt weilt. Nellecke komm' jetzt. Wir wollen nun gehen.« Er gewahrte das Zittern ihres jungen Leibes und die Freude, die in ihr war. Ihre Tränen flossen jetzt reichlicher als kurz zuvor. Aber es waren lichtere Tränen, und ihre Blicke flammten auf wie Osterfeuer, und ihre Lippen stammelten: »Ach, du, du ...!« um sich lange und innig auf seine Rechte zu legen. »Komm' jetzt,« sagte er gefaßt und vollkommen ruhig, nahm ihr Tuch, hüllte sie ein und verließ mit ihr das Zimmer, das so viel des Schmerzes, der Trauer und der Freude gesehen hatte. Im Hausflur rief er über die Schulter: »Drüke, bringen Sie meine Sachen ins Altmännerhaus. Ich will zu Johannes Terstegen,« und er schlang den Arm fester um die ihm Anvertraute, bettete ihr Haupt an seine Brust und trat mit ihr hinaus – über die Schwelle – in den kalten Abend hinein – in die Nacht voller Sterne. Von drüben winkten die hellen Fenster des weißen Mynheers herüber. »Dorthin!« flüsterte er in gehobener Stimmung. »Nellecke, deine Sendung bei mir ist zu Ende. Eine neue beginnt, und sie wird glücklich werden.« Und sie gingen durch den lichten Schnee der erleuchteten Tür und dem schmalen Portal zu, wo drüben um den gipsenen Joseph der Kranz von künstlichen Blumen im Windhauch knisterte. Vor dem gastlichen Zimmer machten sie halt. Noch vor wenigen Minuten war hier eine herzerquickende Einigkeit und ein ausgesuchtes Behagen gewesen. Die prächtige Kastenuhr von Vredeman Briese hatte vergnüglich getackert, immer her und hin, auf und nieder, begütigend, besänftigend, und der duftige Brodem, der dem großen kupfernen Kessel entstieg, hatte ehrlich dazu beigetragen, die Sinne zu heitern und selbst das noch immer etwas verschüchterte Gesicht des Herrn im großgemusterten Buckskin vertrauensseliger und aufgeräumter zu machen. Mit dem Eintritt Lamberts jedoch hatte sich eine merkliche Wandlung vollzogen. Bleich saß er neben Ewert, berührte sein Glas nicht, brütete dumpf vor sich hin, nur dann und wann ein unverständliches Wort zwischen den Zähnen zerkauend. Das ging immer so weiter. Das Verhalten Lamberts wirkte lähmend auf alle, bis es dem Kapitän zu viel wurde und ihm der gebrannte Unmut aus allen Knopflöchern herausvigilierte. Wie eine Rakete brannte er los, sah majestätisch um sich und verlangte zu wissen, was eigentlich los sei. »Heiliger Taukranz und kein seliges Ende! Lambert, du willst uns doch nicht den heutigen Abend verbiestern – hier in der stolzen Bundeslade deines gastfreien Vaters verbiestern? Das wäre denn doch, um mit Jammer und Elend aus dem göttlichen Genuß einer meisterhaft gebrauten Silvesterbowle zu fahren.« »Moritz,« begütigte Johannes Terstegen, »das kommt wohl daher, weil Nellecke noch immer nicht da ist.« »Mir ganz egal, was die Weiber betreiben. Er aber, er soll unsre Genüge nicht stören, denn er sitzt ja da, als hätten ihm die Mäuse die Butter vom Weißbrot geknabbert. Das paßt sich nicht für halbgare Leute. Vor grauem Haar soll die junge Welt Estimierung besitzen. Das ist toujours immer so Mode gewesen. Und ich und du, mein lieber Johannes, wir sind mit den grauen Haaren eines edeln und auserwählten Alters umkleidet. Ein halbes Säkulum und mehr hat uns bereift und versilbert. Drum Achtung, junger Mann! Das will der Respekt so. Es ist ja zum Lachen. Weibsbilder besitzen ihre veritablen Zicken und Sprünge. Die müssen immer etwas Besonderes haben. Aber desungeachtet: ich lasse mir hierdurch meinen fidelen Gusto nicht nehmen. Prost, Lambert! In die Pinte gestiegen. Und das mit Nellecke ...! Drum keinen Hängekopp nicht. Immer forsch durch Trocken und Naß. Die kommt dir noch immer früh genug in die Quere gelaufen.« »Die...?!« schrie Lambert auf, wild und leidvoll, als wäre ihm eine brutale Faust gegen die Stirne gefahren. Die Knöchel auf die Tafel gestemmt, bleich wie die Kalkwand, die Zähne in die Unterlippe geschlagen, stand er dem Kapitän schräg gegenüber. Ihre Augen flammten sich wechselseitig an bis in die innersten Nieren. »Das heißt also, junger Mann ...?!« rief Moritz van Dornick. »Das heißt,« entgegnete Lambert, »daß der Lehrer von Obermörmter ein Lump ist. Ich, ich, ich, wie ein Lump auf die Straße geworfen! Das heißt ...« »Lambert, du willst doch kein verrücktes Manöver entrieren?!« schrie Johannes dazwischen. »Das heißt,« fuhr der Erregte wie ein Tobsüchtiger fort, »daß ich von ihr abgetan wurde wie ein weidewundes Stück Wild auf der Strecke.« »Lambert, mein Junge!« »Und das hier zertrat sie.« Mit beiden Fäusten griff er zum Herzen. »Aber so mußte es kommen,« lachte er gellend. »Was damals am Drei Königen-Tag in die Scholle hineinkam, hat Früchte getragen ... vergiftete Früchte ... und ich verrecke an dieser vergifteten Aussaat.« Seine Worte zerstückelten ... Alle sprangen auf. »Ruhe!« gebot Moritz van Dornick, und seine Stimme rollte über den Tisch hin wie ein Kanonenschuß über geteerte Schiffsplanken. »Das also mit dem Drei Königen-Abend ...! Das also wird mir in die Schuhe geschoben? Weißt du denn nicht ... seit dem Tage hat vieles 'ne bessere Visage bekommen. Gott verdammich nochmal! ein Mensch kann sich irren, ein Mensch kann sich mit falschen Ideen umkleistern, aber ein Mensch kann auch seine Besinnung wieder empfangen. Johannes Terstegen« – und der Kapitän streckte sich und strammte seine blaue Jacke herunter – »Johannes Terstegen, leg' Zeugnis ab, steh' Rede und Antwort! Hier vor deinem Sohne steh' Antwort! In diesem feierlichen Momang frage ich dich: Habe ich dir bei unserm letzten Friedensbündnis nicht in die Rechte geschworen: Ich hebe nicht die Hand wider ihn ... ich fluche ihm nicht ... ich lege ihm keinen Stein in den Weg. Meine Tür steht ihm offen, wenn ich auch hinzufügen mußte: es gibt eine Liebe ...?« »Ja, Moritz, das hast du.« »Das weiß ich,« rief Lambert, »aber sie ...!« In diesem Augenblick ging die Tür auf. Nellecke van Dornick und der Aktuarius traten glückverheißend ins Zimmer.   Schluß Ungefähr in der Mitte der Kirche von Sankt Nikolai, vom hohen Gewölbe herunter, schwebt ein gewaltiger Leuchter. Jahrhunderte kamen, und Jahrhunderte gingen – er ist derselbe preziöse, heilige und wundersame Leuchter geblieben. Sie brachten ihm keinen Schaden, verblaßten seine Farben nicht, hoben vielmehr seine eigenartige und seltsame Schönheit. Meister Heinrich Bernts schnitzte ihn, und als er ihn schnitzte, mußten ihn die Worte der Offenbarung angeregt haben, die da lauten: »Und ein groß Zeichen erschien am Himmel, denn siehe: es war ein Weib, umkleidet mit der Sonne, und der Mond ruhte unter ihren Füßen, und auf ihrem Haupte lag eine Krone aus zwölf köstlichen Juwelen.« Und er bildete das Weib in der Fülle der Anmut, in rührender Einfalt, in Keuschheit und Reinheit, in ewiger Wahrheit, erhaben über allem Wandelbaren, die Trägerin der menschgewordenen Liebe und des menschgewordenen Leides, angetan mit dem Mantel der Gnade, in ihren schuldlosen Händen die Schale der Opferfreudigkeit tragend. Und dieses Weib, so schien es, war aus dem Marienleuchter gestiegen und in die weiße Stube getreten, war gekommen wie die mit Dornen Gekrönte, die Brust siebenfältig mit dem Schwerte durchstoßen – und war doch nur ein einfaches Mädchen, die Tochter des Kapitäns, statt des Purpurmantels ein schlichtes Tuch um die Schultern, statt des himmlischen Diadems, von dem die Offenbarung erzählt, nur den glitzernden Rauhreif der Frostnacht im Haare – und war doch so voller Gnade und Reinheit und Entsagung wie die hehre Jungfrau aus dem Muttergottesleuchter in Sankt Nikolai. »Nellecke! Nellecke ...!« Wie ein erlösender Jubel ging es durch das Zimmer Terstegens. Alle sahen auf sie und ihren Begleiter, Hoffnung, Freude und Zuversicht im Herzen. Nur Lambert war noch bleicher und verstörter geworden. »Ja, Nellecke,« sagte Aloys Furtwanger und hob die Hand, glitt damit über die Augen und senkte sie wieder. »So hört denn und wisset. Sie tat, was noch keine getan hat. Die Schuld der Dankbarkeit machte sie der großen Mittlerin ähnlich. Sie war wie eine Herzogin, die alles hinter sich ließ, ihre Füße entblößte und über Dornen einherging, um ihr Volk loszusprechen. Ihr Sinnen war auf Sühne gerichtet, und diese Sühne berührte mit wehen Fingerspitzen die eigenen Wundmale und die Barmherzigkeit Gottes. Sie kam zu mir, um dieses Opfer zu bringen, und ich nahm es an, aber nur, um es in die zuständigen Hände ... Lambert Terstegen, um es in Ihre Hände zu legen. Ach, du! sie schien dir in den letzten Stunden verloren, und ist dir in den letzten Stunden niemals näher gewesen. Ihr Einsatz war groß, aber ihre allesumfassende, entsagende Liebe war größer; denn nichts ist reiner und stolzer, als ein Weib sein eigen zu nennen, so das Kreuz auf sich nimmt und mit der Dornenkrone umhergeht. Ach, du! ihre Seele erinnerte mich an ein schönes, weißes, irrendes Segel, das den Hafen suchte und den Hafen nicht finden konnte. Nun hat sie den Hafen gefunden, und es steht bei dir, diese Seele aufzunehmen und in das stille Reich deiner Tage zu führen.« »Lambert ...!« Und dann ein Schrei von drüben: »Nellecke, Nellecke ...!« Zwei trunkene Stimmen, die zu einer einzigen wurden ... und er lag vor ihren Füßen, und seine Hände tasteten sich an ihrem Leibe empor: »Ach, du! jetzt begreife ich alles. Kannst du vergeben? Wer bist du? Wie heißt du? Wie soll ich dich nennen?!« »Eine Heilige,« sagte Aloys Furtwanger und richtete ihn auf und führte ihn an die Brust der Geliebten. Und alle kamen heran, priesen die Stunde und setzten sich wieder, um sie gemeinsam zu feiern und das neue Jahr zu erwarten, und es war keiner unter ihnen, der sich der Stunde nicht freute, und dessen Mund nicht gebetet hätte für eine sonnige Zukunft. Und Moritz van Dornick gedachte des Brautpaars, hißte in flammender Rede seine besten Flaggen auf die obersten Topps, kommandierte alle Mann auf Deck und schickte prächtige Salven über die beglückte Tafelrunde, während Johannes mit seinen weißen Kleidern nicht sparte und allen Häuptern es an Salbe nicht mangeln ließ. Ach! und Springinsröckel! In schlichter Weise zitierte er die Worte Ernst Moritz Arndts: »Der Väter Tugenden und Taten können nur als ferne Sterne über unserem Dasein leuchten, zu denen wir mit Sehnsucht aufblicken müssen; können wir nichts weiter, als sie anschauen und bewundern, so steht unser Leben unter ihnen still, und wir werden ratlos in die Irre getrieben, wenn Wolken ihren Glanz verhüllen,« und er knüpfte seine Lehren daran und sagte: »Nicht nur anschauen wollen wir die heiligen Feuer, die über uns reisen, sondern an uns ziehen wollen wir sie durch heiße Arbeit, durch Treue und Gottvertrauen, und in unsere Seelen versenken wollen wir sie, damit sie uns glänzen bis an das Ende unserer irdischen Wallfahrt ...« und so gingen die Stunden dahin gleich Sabbatstunden, und die Vereinigten merkten es nicht, wie schon die letzte sich anschickte, der ersten im neuen Jahre die Hände zu reichen ... und da sprach der gedrungene Herr in großgemustertem Buckskin in sein dampfendes Punschglas hinein, erst klamm und verschüchtert, dann freier und offener, um hierauf den Kopf zu heben, aufzustehen und mit beredten Worten zu sagen, wie er sich freue, diesen Kreis gefunden zu haben, wie er bewegt sei über die Erlebnisse des heutigen Abends, und wie er nicht umhin könne, dem Herrn Aktuarius seine vollste Hochachtung zu Füßen zu legen. Auch den Hydrophilus piceus erwähnte er in sachlicher Weise. Er sprach vom Hause Harkopp \& Söhne, von Ewert, vom Kapitän und seiner stolzen ›Maria, sei mit uns‹, von Johannes Terstegen und den beiden, die sich gefunden hatten für immer. Stets aber kam er auf den Aktuarius zurück, ohne Ermüden, mit gütigem Zuspruch, während dieser versonnen in sich schaute und an jemanden dachte, an ein nettes, freundliches Wesen, das jetzt mutterseelenallein war und vielleicht eine heiße Träne zerdrückte ... und Herr Archibald Pirrwitt schloß mit einem dreifachen Hoch auf ihn, der also sinnierte, auf ihn, der die Wohlfahrt des heutigen Tages begründet, und während die Gläser noch klangen, die beseligten Menschen ihrer Freude kaum Herr werden konnten, wandte sich der Aktuarius heimlich der Tür zu. Nun war er draußen. Drinnen jubelten und feierten sie noch in der Stube des weißen Mynheers. Still und unauffällig hatte er sich von der Tafelrunde entfernt. Er wollte nicht stören. Und nun war er draußen, so ganz allein, so ganz für sich, inmitten der beschneiten Häuserzeilen, deren Fenster wie Lichtschäfte in der Dunkelheit standen, inmitten der uralten Schauer, der geheimnisvollen Fragen an die Zukunft, des Rückschauens in vergangene Zeiten. Wie ersprießlich sich alles gewendet! Wie begnadet waren alle geworden in der Fülle des Geschehens. Diese Silvesternacht! Er erinnerte sich nicht, eine solche durchlebt und durchlitten zu haben, eine solche Nacht voller Tränen und Freuden. Hier war nichts mehr zu schaffen. Hinter ihm lag das hehre Gefühl, Gutes getan, Herzen vereinigt und die graue Sorge von der Schwelle verscheucht zu haben, vor ihm das Ungewisse, das Suchen und Tasten nach dem eigenen Herdfeuer, bewacht von lieben Händen, die es vermochten, auch ihm die Sinne zu heitern und das unstete Grübeln von den Schläfen zu streicheln. Hier war seine Berufung zu Ende. Sollte eine neue beginnen? War auch er nicht wert und würdig, des irdischen Wohlergehens teilhaftig zu werden und heimlich zu sagen: »An der Brust eines hingebenden Weibes findest du alles: Segen und Sälde, die schöne Mittagsruhe des Lebens, das sanfte Niedergleiten in den Frieden des Abends!« Sollte auch ihm das nicht werden? Ein feines Knistern war bei ihm. Es war wie das feine, einladende, unnachahmliche Knistern von Seide – jenes heimliche Knistern, das die Sinne erregt und das Gemüt erfreut, wenn es sich mit den Bewegungen eines geliebten Wesens verbindet. Es umschmeichelte ihn. Er hörte es deutlich, und dazwischen rief das zarte Scherzo eines Kanarienvogels von weither herüber – kaum vernehmlich, wie hingehaucht, als hätte der Vogel aus einem verwunschenen Garten gesungen. Er sah ein schlichtes, aber behagliches Zimmer. Er gewahrte den warmen Hauch eines Ofens mit glühenden Bäckchen. Zwei Schlängelchen aus Messing ringelten sich um den gußeisernen Aufsatz. Aus den Röhren kam der einladende Duft von schmorenden Äpfeln. Es wölkte sich durch die gemütliche Stube wie Weihrauch, und dieser Duft mutete an wie ein Gruß aus den Kindertagen. Er sah alles mit wahrhaftigen Augen und fühlte jede Einzelheit mit wachsender Erregung. Der ausgestopfte Kakadu schien lebendig zu werden. Die Ammonshörner und großzackigen Seemuscheln, die in allen Farben des Regenbogens Perlmutterten, wurden zu seltsamen und bizarren Blumen und begannen zu rauschen, wie der Wald es tut, wenn der Herr ihn mit seinem Odem berührt und den Wipfeln gebietet, ihre Psalmen zu singen. Das Diplom des wohlachtbaren Steuerempfängers Franz August Kasimir Jungklaas sah ernst und gravitätisch von der Tapete herunter. Ein Glanz ging von ihm aus, als wäre es das Leuchten des Königlich Preußischen Roten Adler- Ordens vierter Klasse gewesen – der Glanz der Selbstachtung, der monarchischen Treue, der Ordnung und des unentwegten Festhaltens an Zepter und Krone ... und in diesem sonnigen Glanz stand ein nettes Persönchen in bauschigem Reifrock, mit Honiglöckchen und schmucker Wespentaille, stellte die rosigen Fingerspitzen gegeneinander und betrachtete mit feuchten Augen das amtliche Schriftstück. Als sie es zum fünften Male gelesen hatte, trat sie ans Tafelklavier, zündete die Wachslichter an und setzte sich nieder. Gleich darauf riefen die ›Klofterglocken‹ durch das wohnliche Zimmer. Der Aktuarius hörte darauf wie auf eine neue Weihnachtslegende. Er mochte sich nicht von der Stelle bewegen, so verheißungsvoll und traulich bimmelten die ›Klosterglocken‹ weiter und weiter. Über ihm kreisten rätselhafte Bilder, goldene Zeichen und Runen, die unerforschlichen Hieroglyphen des ewigen Gebieters. Sein Blick haftete an den blitzenden Punkten. Da sprang es plötzlich in seinem Herzen auf, warm und erlösend, als hätte der Stab Mose dort eine zaubermächtige Quelle geschlagen. »Ich tu's,« sagte er entschlossen und setzte sich rasch in Bewegung. Es war die äußerste Zeit für ihn, denn drüben im Altmännerhaus schienen sie kundig geworden zu sein und seine Abwesenheit bemerkt zu haben. Er horchte. Hastige Schritte gingen durch den Flur, die Haustür wurde aufgerissen, und eine wichtige Stimme rumpelte über die Straße: »Aloys, Aktuarius, Herzensjunge! Du willst mir doch die Schande nicht antun?! Ich, der Kommodore von ›Maria, sei mit uns‹ ... Himmel Verdammich! ich kann den aufgesetzten Punsch doch allein nicht verdrücken!« Der Angerufene trat schnell in den Schatten eines vorspringenden Hauses und verharrte in lautlosem Schweigen. Doch er lächelte und dachte still vor sich hin: »Nein, Moritz, den kannst du allein nicht verdrücken, aber dein vollgemessenes Deputat wirst du schon der Terrine entnehmen. Außerdem: deine Getreuen sind bei dir. Die werden dir helfen. Prosit Neujahr, lieber Moritz!« Ein zweiter Anruf eilte zu ihm hin. Aber dieser Anruf krähte wie ein heiserer Mistkratzer, war schrill und gellend wie ein verrostetes Ofenblech, das angefeilt wurde, und lärmte durch den schneeblauen Abend: »Lasse deine Kleider immer weiß sein und deinem Haupte an Salbe nicht mangeln. Komme retour, Aloys, mein Hühnchen! Hier sind schneeweiße Kleider, hier ist köstliches Salböl. Punsch, Punsch, Aloys, mein Hühnchen! Wir warten, wir warten!« Keine Antwort erfolgte. Dafür dachte der Aktuarius vergnügt vor sich hin: »Ich weiß, ich weiß. Indessen ihr habt euer Glück. Ich suche das meine. Prosit Neujahr, lieber Johannes!« und als sich die Stimme verlief, als alles mäuschenstill und seelenruhig wurde, trat er aus dem bergenden Schatten, segnete das verschwiegene Haus und verfolgte die Grabenstraße, die schnurgerade zum Großen Markt und zum Rathans führte. Ein Glockenzeichen ertönte und zerflatterte wieder. »Ein viertel vor zwölf,« sagte er heiter, kicherte in sich hinein und schob seine Hände tiefer in die Paletottaschen. Er gedachte der Glocken. Nur eine Viertelstunde noch – und sie werden ihre Stimmen erheben, hoch von Sankt Nikolai herunter, und sie werden das neue Jahr einläuten und das Geschick der Menschen: ihr Hoffen und Lieben, ihr Wirken und Schaffen, ihr Leid, ihr Gedeihen – jubelnde, singende, trauernde, glückverheißende Glocken! Ach, wie oft war er in seiner Jugend bei ihnen gewesen ... hoch oben ... unter ihren summelnden Kelchen ... im Dämmerlicht ihrer gewaltigen Schatten! Und wenn sie sich dann in ihren ehernen Krinolinen bewegten, erst langsam und feierlich, dann schwer ausholend und mit hartem Geschaukel, bann sah er sie an, als wären sie überirdische, dämonische Geschöpfe gewesen, zu Erz gewordene Mächte, Rufer des Unheils, Träger der Ordnung, Engel des Herrn, gewaltige Prediger und Mahner für Zeit und Ewigkeit. Und war eine darunter ... die hatte einen ganz besonderen Gang und eine ganz besondere Zunge. Ihr Reifrock übertraf die anderen alle um eines Menschen Spannweite. Und wenn sie anhub zu rauschen, dann war es, als zöge ein Donner über die Stadt hin, als spräche der Herr selber aus dem zuckenden Blitz und der Wetterwolke ... und dann legte Miekske Beiderwand, die gute Miekske Beiderwand, immer die Hände zusammen und redete in das laute Tönen und Dröhnen: »Ich bin die Grieth vom Niederrhein, Patrona sancta Sanctorum , Und preise sie tagaus, tagein In saecula saeculorum . Mein Singen, das geht bim, bam, bum! Erfreuet Herz und Ohren ... Laudate, pueri, Dominum In saecula saeculorum !« Nur eine Viertelstunde noch – und sie wird ihre Stimme erheben, hoch von Sankt Nikolai herunter, und sie wird das neue Jahr einläuten und das Glück der Menschen: ihr Hoffen und Lieben, ihr Wirken und Schaffen, ihr Leid, ihr Gedeihen – eine jubelnde, singende, trauernde, glückverheißende Glocke! – und an die Grieth vom Niederrhein und an Miekske Beiderwand denkend, an seine Jugend und an ein liebes Persönchen, das jetzt einsam war, so ganz einsam bei seinem Tafelklavier, dem ausgestopften Kakadu und den geringelten Ammonshörnern, rollte er immer rascher den schneeweißen Weg unter sich auf, der aussah, als wäre er mit gelben Streifen getigert – mit den Lichtbalken aus den benachbarten Häusern. Diese Silvesternacht! Silvester am Niederrhein ...! und drüben hing der Mond zwischen den Lindenbäumen, die vor dem Hause des Justizrats standen. Die überzuckerten Zweige glitzerten unter dem sanften Strahl der riesigen Leuchte, und waren Perlen dazwischen und eilige Funken, die vom Himmel kamen und wie ein kleines Feuerwerk durch das Filigrannetz der silberigen Äste purzelten. Auch bei Justizrats feierten sie und im Hause des Notariatssekretärs Tibus, denn alle Fenster waren erleuchtet, und der Aktuarius hörte das ahnungsvolle Klingen von Gläsern. Als er an der Destille von Hendrik Jaspers vorbeikam, sah er eine vermickerte Gestalt vor dem Auslagefenster stehen, die mit gierigen Augen die schnäpsernen Genüsse betrachtete, die dort ausgestellt waren. Noch immer gingen dort Leute ab und zu, die in letzter Stunde ihre Einkäufe machten. Sie hatten es eilig, denn nicht lange mehr: und sie glitten in neue Fragen und Rätsel hinüber. Nein, diese delikaten Artikel! Da waren weitbauchige Bouteillen mit Arrak und Jamaika-Rum, dem vielgerühmten Seydlitz-Bittern, mit Aquavit und Dornkaat, und andere wieder, auf deren Etiketten der animierende Name ›Ruhrperle‹ prangte. Und die vermickerte Gestalt in dem schmalen, abgewetzten Röckchen sah aus, als wenn ihr geboten worden wäre, die anpräsentierten Herrlichkeiten mit begehrlichen Blicken zu verschlingen. Es war Peter Hartjes, der Zigarrenarbeiter, ein vortrefflicher Mann, reich gesegnet an Nachwuchs, aber nur schwach bestellt mit irdischen Gütern. Bei ihm sah die Not durch die Scheiben und wollte Brotschnitten haben. Aber Peter Hartjes und Brotschnitten! Die waren bei ihm so dünn gesät wie die Halme auf dem Lipperfurts-Berg; denn auf dem fließenden Sand wollten selbst Buchweizen und Dinkel so recht nicht gedeihen ... na, und wie sollte da der brave Peter Hartjes mit Brotschnitten aufwarten?! aber seine Augen wurden so groß wie die eines Schellfisches. Da trat einer schnell auf ihn zu. »Na, Hartjes, Ihr möchtet wohl gerne ...?« »Und ob!« meinte Hartjes, »so'n Böwlchen aus Jamaika-Rum wäre für 'nen gewöhnlichen Menschen doch auch nicht so ohne. Aber es langt nicht.« Da kicherte der Aktuarius wie ein fröhlicher Buntspecht und griff in die Tasche. »Natürlich, es langt,« sagte er lustig und drückte dem Erstaunten 'nen harten, blanken, veritablen Speziestaler in die Pfote hinein und lachte sein vergnüglichstes und herzlichstes Lachen. »Jetzt aber man schleunigst, sonst kocht bei Muttern der Teekessel über. Prosit Neujahr, lieber Hartjes!« und fort war er, wie ein Schemen gekommen, wie ein Schemen zerflossen, indessen Hartjes seinen Dank ins Leere hineinstammelte, den preußischen Taler besah, um dann wie ein Frettchen über die Schwelle von Hendrik Jaspers zu flitzen, während der Aktuarius ... Alsbald stand er vor einem niedlichen Häuschen. Im Schein der benachbarten Laterne las er die Worte: »Röschen Jungklaas, Modistin.« Oben war alles erhellt, unten war's dunkel, und nur in der Küche ... Glitzerblumen, Eiskristalle, als Brabanter Spitzen frisiert, hielten die Scheiben umkrustet, und hinter dem weißen Flimmerwerk sah er Christine Jordans bei einer Lampe hantieren. Ob er eintreten sollte? Ob er den Mut wohl hätte? Ob er auch willkommen dort wäre? alles Überlegungen, die seine Sinne zerquälten, die über ihn herfielen wie gierige Plagen. Aber er besiegte sie alle. Nichts ist stärker als die Sprache des Herzens. Es war nun einmal Bestimmung, und Gott hat es wollen. Sein Stock klopfte gegen das Fenster. »Holla, Jungfer Christine, wenn's noch erlaubt ist ...!« «Herr Jeses, der Herr Aktuarius! Natürlich, immer 'rein man! Nu wird das Pläsiervergnügen erst völlig!« und die Küche dunkelte ein, und ein frohes Licht begann im Hausflur zu scheinen. In diesem Augenblick kam es von Sankt Nikolai herunter. Ein, zwei, drei ... fünf ... acht ... elf ... zwölf dumpfe, laute, verheißungsvolle, glorreiche Schläge. »Prosit Neujahr!« Gleichzeitig ruderten schwere Gesänge über die verwunschene Stadt hin ... Rufe von ehernen Sibyllen, von starren Wunschweibern und klingenden Schicksalsfrauen. Und eine war unter diesen sich schaukelnden und wiegenden Jungfern, deren Jubel war von einer eigenartigen Fülle und einem besonderen Wohllaut, und sie sang und sie tönte: »Ich bin die Grieth vom Niederrhein, Patrona sancta Sanctorum , Und preise sie tagaus, tagein In saecula saeculorum . Mein Singen, das geht bim, bam, bum! Erfreuet Herz und Ohren ... Laudate, pueri, Dominum In saecula saeculorum !« In weihevollen Akkorden fiel es aus der schwindelnden Höhe, hob sich wieder, berührte die Sterne, rauschte über die verschneite Erde, rüttelte über Stadt und Land mit ehernen Schwingen, um drüben mit den schneeblauen Wäldern von Moyland seine Grüße zu tauschen. Und Fenster wurden aufgerissen, und Menschen beugten sich vor und riefen und nickten sich wechselseitig ihre Wünsche zu, umknattert von lustigen Fröschen und Feuerrädchen, während die Glocken immer weiter läuteten und eine schöne, lichtweiße Rakete vom Markt aufknisterte, um droben am Himmel in einem hellblauen Funkenregen auseinander zu stäuben. »Prosit Neujahr!« An dem niedlichen Häuschen, in welchem Röschen Jungklaas wohnte, wurde die Tür geöffnet. »Nein, ist das eine Freude! Besonders aufzuwarten, Herr Aktuarius, ich habe darauf schon den ganzen Abend gelauert. Endlich blüht die Aloe, wie ich immerzu sage. In Anbetracht dessen habe ich ja auch mit dem Pünschchen gewartet ... nur um Ihretwegen, mein Lieber ... um Ihnen und dem Myrtenstöckchen den richtigen Vokativus zu geben.« »Ist sie auf ihrem Zimmer,« wisperte Aloys, »dann möchte ich gerne ...« »Endlich!« kam es schwer und erlösend aus einem glücklichen Busen. »Man zu, aberst ohne lange Redensarten zu machen. Das buttert am schnellsten. Kurz, aberst gründlich. Es muß ihr Neujahrpräsent werden. Sie ist ganz solo alleine. Gehn Sie man vor. Ich für meine Person werde mir schon den passenden Eintritt erlauben,« und er ging auf Zehenspitzen hinauf, begleitet von Christinens innigsten Herzensergüssen, legte die Hand auf die Klinke, drückte sachte darauf und steckte den Kopf in die Stube hinein. Da sah er sie stehen: Röschen am geöffneten Fenster, in ihrem Seidenen und dem sich bauschenden Reifrock, das feine Köpfchen aufwärts gerichtet, wo sie kreisten, die goldenen Bilder, die Wunder des Unerforschlichen ... Röschen, zierlich und graziös wie aus einer Vitrine genommen und umdröhnt von dem Triumphgesang: » Laudate, pueri, Dominum In saecula saeculorum « Und er, auch er umbraust von den Glocken, die schwer durch die Nacht riefen und den Raum mit ihren seligen Zungen erfüllten – er spürte noch etwas wie ein lautes Herzklopfen, wie ein ermunterndes Räuspern hinter der Türe, wie ein kaltes Fließen über Stirn und Wangen ... dann aber: lautlos war er an ihre Seite getreten und hatte den Arm um ihre Hüfte geschlungen. »Röschen, mein Röschen ...!« »Du ...!« schreckte sie auf, und sie wandte sich an seiner Brust herum und sah ihm fest in die Augen: »Wie lieb du bist, und wie ich dich liebe!« und ihre Lippen gingen den seinen entgegen ... und sie küßten sich lange ... und unter den heißen Küssen sagte er innig: »Röschen, nun ist sie ins Blühen gekommen: die Christrose – mitten in der Winternacht. Ach! sie hätte schon vor Tagen geblüht, wäre nicht damals der grelle Schein der Lampe über die junge Knospe gefallen.« »Ich weiß, ich weiß!« hauchte sie glücklich, und ihr zarter Leib drängte sich an ihn. »Unsere Liebe: Gottes Christrose! nun ist sie endlich erwacht unter dem sanften Licht der Sterne da droben. Ach, du, du ...! wie lieb du bist, und wie ich dich liebe! Unsere Christrose: nun blüht sie, nun blüht sie!« Ihre Worte schwammen in Tränen. »Und noch schöner wird sie blühen unter den goldenen Bildern von Millendonk. Röschen, mein Röschen ...!« und die Glocken riefen den Abgesang, und als sie verstummten, da lief ein sanftes Klingeln durch die freundliche Stube. Da wandten sich beide, Arm in Arm und Schulter an Schulter geschmiegt, und siehe: Christine Jordans stand in ihrem schmucken Spenzer neben der Anrichte, die Hände gefaltet und mit innigem Nicken. Und sie löste die Hände und deutete auf die weißgespreitete Tafel, wo neben den dampfenden Punschgläsern das Myrtenstöckchen sich aufhob. Dann machte sie einen höfischen Knicks und sprach mit zitterndem Behagen: »Prosit Neujahr, meine Lieben! Wie ich gesagt hab': Nu kommt das Stöckchen doch nach Millendonk hin. Mög's ihm bekommen, und nochmals: Prosit Neujahr, meine Lieben!« und als sie hinausging, flüsterte sie bedacht vor sich hin: »Nu habe ich schon sechsundsechzig Silvestertage durchgekostet und denen, die ich für die glücklichsten ansprach, besondere Namen gegeben. Den fünfundzwanzigsten habe ich ›Endlich alleine‹ betitelt, weil ich mich freute, meinen Verlobten über die Grenze zu schicken, 'nen andern: ›Gott segne den Eintritt‹, weil ich mich in Konditschon zu Röschen Jungklaas begab, und den heutigen werde ich ›Springinsröckel‹ benennen, denn er ist doch der schönste von allen. Ich sage Amen dazu – Amen, Amen!« Ende