Paul de Kock Zizine Erstes Kapitel Der Bär von Château-Thierry Ich brauche euch nicht zu sagen, daß Château-Thierry ein hübsches Städtchen ist, an dem rechten Ufer der Marne, etwa zwanzig Stunden von Paris; daß es sich amphitheatralisch an den Ufern des Flusses erhebt; daß zahlreiche Schiffe, welche ununterbrochen mit Mundvorräthen an seiner Mauer vorbei nach Paris segeln, ihm das heitere Aussehen einer Handelsstadt verleihen; endlich daß der berühmte Fabeldichter, Johann von Lafontaine, der seinen Geist unter einer Thiermaske verbarg (darin sehr verschieden von unseren modernen Schriftstellern), daraus entsprossen ist. Das wißt ihr Alles so gut wie ich, und für den Fall, daß ihr es nicht wüßtet, könnt ihr es in jedem geographischen Handlexikon nachschlagen. Was man euch jedoch nicht zumuthen kann, zu kennen, das ist die Gesellschaft von Château-Thierry; wenn ihr aber schon in einer kleinen Provinzialstadt gelebt habt, so könnet ihr euch leicht eine Idee davon machen: das Gemälde ist bis auf eine Kleinigkeit, bei allen das nämliche. Man ist dort neugierig, geschwätzig, schmähsüchtig; Adelige, wenn es welche gibt, gehen nur mit einander um; der Beamtenstand ladet nur reiche Leute oder die sogenannten besseren Bürger, welche die zweite Klasse bilden, zu sich ein; die dritte Klasse besteht aus geringen Leuten, Künstlern und Proletariern (ein Wort, welches seit einigen Jahren Glück macht). Jede dieser drei Klassen hält sich streng abgeschlossen von der andern, beneidet sie und ist entzückt, wenn irgend eine Geschichte, ein Geschwätz in Umlauf kommt, bei dem man der Verleumdung den Zügel schießen lassen kann. Die Aristokratie herrscht übrigens dermaßen darin, daß sich zwei Nachbarn einander nicht grüßen, wenn sie nicht dieselbe Gesellschaft besuchen. Der Adelige würde fürchten, seiner Würde zu vergeben, wenn er einen Bürgerlichen grüßte, und dieser würde die gleiche Besorgniß haben, wenn er mit einem Proletarier spräche. Ihr werdet zugeben, daß es so in der großen Welt einer kleinen Stadt zugeht; ich kenne übrigens einige größere nicht weit von Paris, wo man sich auch recht lächerlich macht, und sein Quartier der hohen Gesellschaft hat, wie Paris sein Faubourg Saint-Germain. Die arme Aristokratie, welche man mit der Wurzel ausrotten, in ihren Grundfesten erschüttern wollte, welche man in Anklagestand versetzte, dann ins Lächerliche zu ziehen suchte, möge man thun, was man will, sie ist eben immer wieder da; man findet sie im Palast wie in der Mansarde; in der Stadt wie im Dorfs. Das Wort kann man streichen, die Sache bleibt. Scheint sie euch im Salon eines Herzogs oder eines Marquis despotisch zu regieren, so werdet ihr sie in gleicher Weise im Hause des Banquiers wiederfinden, wo der große Kapitalist den Kleinhändler über die Achsel ansieht, wo die Frau des Wechselagenten mit ihrer Toilette die Frau des Waarensensals niederschmettert; ihr werdet sie endlich wieder in dem Saale des Spießbürgers finden, wo der Bureauchef eine Protektorsmiene gegen den Assistenten annimmt, wo die Gattin eines Spekulanten mit der Künstlersfrau kein Wort wechseln mag. Unter Kaufleuten blickt der Magazinbesitzer den Krämer verächtlich an; unter Künstlern will der, welcher ein gutes Kleid anhat und einen gespickten Beutel besitzt, das große Wort führen und angehört sein wie ein Orakel; kurz, selbst bis zur Portiersfrau herab schleicht sich die Aristokratie ein: Die Köchin der ersten Etage, die ihre vierhundert Franken Gage hat (man bittet deutsche Köchinnen, sich nicht an dieser Summe zu stoßen), will den besten Platz am Ofen haben; wenn sie erscheint, rückt Jedermann achtungsvoll zur Seite, und die Haushälterin des fünften Stockes ist oft genöthigt, stehend zu klatschen, weil ihr die andern Ritterinnen vom Kochlöffel keinen Sitz anbieten. Und so wird unter den Menschen stets das Bedürfniß zu befehlen, vorwärts zu kommen, sich in die Höhe zu schwingen, stattfinden. Bleiben welche zurück, so geschieht es, weil sie aus Mangel an Muth und Geschick nicht anders können. Von jener Gleichheit, von der man so viel spricht, habe ich noch nirgends etwas wahrgenommen. Doch halt! in den Omnibussen ... aber nein, auch hier drücken die Großen die Kleinen zusammen. Kehren wir jedoch nach Château-Thierry zurück und gehen wir in den Salon der Frau Blanmignon. Das ist eine reiche Rentnerin, bei welcher sich nur was für die Crême der guten Gesellschaft in der Stadt gilt, einfindet. Madame Blanmignon ist Wittwe eines Anwalts, der sein Departement in der Kammer vertrat; sie hat fünfzehntausend Franken jährliches Einkommen und neunundvierzig Jahre auf dem Rücken; da sie aber zugleich gefärbte Haare und gefärbte Augenbrauen, geschminkte Wangen und pomadisirte Lippen hat, so ist es schwierig, ihr Alter genau zu errathen. Darum geben ihr Einige sechszig, Andere nur dreißig Jahre. Thatsache ist allein, daß Madame Blanmignon einem stark aufgetragenen Aquarellgemälde gleicht. Der Salon ist groß und elegant möblirt; daß ein Piano darin steht, versteht sich von selbst. Von jetzt ab ist ein Salon ohne Piano wie eine hübsche Dame ohne Korsett. Die Stühle sind im Kreise um den Kamin gestellt; Frauen und Fräuleins sitzen, die Herren stehen oder lehnen sich auf die Stühle der Damen; es gibt da kuriose Gesichter, jedoch auch hübsche. Die Moden sind die Pariser, und werden sogar mit viel größerer Strenge nachgemacht, als in der Hauptstadt, aber nicht mit jener Grazie, jener Koketterie und liebenswürdigen Zwanglosigkeit getragen, wie man sie nur in Paris findet. Hier herrscht die Etikette, die Zeremonie mit ihrem ganzen langweiligen Gefolge. Die Männer sprechen mit halber Stimme und lächeln nur mit der Mundspitze; die Damen messen und bekritteln sich und lachen gar nicht; die jungen Mädchen wagen kein Wort zu sagen ohne Genehmigung ihrer Mamas, und mitten in dieser Steifheit lächelt, grüßt, heißt sitzen, bietet Fußschemel an die Dame des Hauses, Madame Blanmignon, was immer eine Erörterung von fünf Minuten nach sich zieht. »O nein, Madame, ich nehme keinen an.« – Ei, ja doch, ich bitte ;... – »Ich brauche aber keinen.« – Doch, doch, es ist bequemer. – »Ihr Teppich ist schon weich genug.« – Sie müssen durchaus Ihre Füße auf diesen Schemel stellen. – »Wahrhaftig, Madame Blanmignon, Sie verderben mich, ich bin so in Verlegenheit.« – O, Madame, bei Ihnen kann man nie zu besorgt sein ... hier ... stellen Sie die Füße darauf ... ist er hoch genug? – »Vollkommen recht.« Nach diesem Muster einer Unterredung wegen eines Schemels kann man sich denken, daß nur interessante Gegenstände die Gesellschaft den Abend über beschäftigen werden. Das schien sich auch in einer Gruppe von Männern, die sich in einer Ecke des Salons aufs Lebhafteste besprachen, anzukündigen. Madame Blanmignon, welche wünschte, daß die Unterhaltung allgemein würde, erhob deßhalb auch ihre Stimme und sagte: »Mein Gott! Ihr Herren, mit welcher Wärme debattiren Sie da miteinander! Wollen Sie uns nicht auch sagen, was Sie so sehr in Anspruch nimmt? ... Allons, Herr Vadevant, Sie hatten ja eben das Wort ... Sie werden die Neugierde der Damen befriedigen.« Herr Vadevant ist ein Mann von mittlerem Alter, kleiner Statur, die übrigens nicht so übel wäre, wenn sein Bauch nicht schon über die Regeln des Ebenmaßes hinauszugehen drohte. Sein Gesicht sieht einem frischen, rosabäckigen Puppenkopf so auf's Haar ähnlich, daß ein Kind es mit Entzücken küssen würde. Herr Vadevant hat ein stehendes Lächeln auf den Lippen, aber dieses Lächeln ist halb und halb spöttisch, und seine kleinen, aber ziemlich lebhaften Augen glänzen fortwährend von einem Ausdruck von Neugierde, die in eure Seele, in eure Gedanken oder zum wenigsten in eure Taschen dringen zu wollen scheint ... Herr Vadevant war der Sohn eines reichen Kaufmanns in Troyes, und befand sich nach dem Tode seines Vaters im Besitze eines hübschen Vermögens. Er gedachte dasselbe durch Spekulationen zu vergrößern und ging deßhalb nach Paris, wo er sein Geld in Assekuranzen, in Runkelrübenzuckerraffinerien und sogar in eine Unternehmung von geruchlosen Abtritten steckte. Aber der junge Vadevant hatte kein Glück in seinen Unternehmungen. Sein neugieriger und spöttischer Geist leistete ihm in der Hauptstadt, wo er auf Leute stieß, die ihn weit übersahen, keine guten Dienste. Nach einem Dutzend Jahre, die er in Paris zugebracht, hatte er zwei Dritttheile seines Vermögens eingebüßt und fühlte nun, daß es Zeit sei, sich zurückzuziehen; er ließ sich in Château-Thierry nieder, wo er mit fünftausend Franken Rente, welche ihm noch geblieben waren, eine anständige Rolle spielen und in den ersten Gesellschaften erscheinen konnte. Dazu kommt noch, daß er Junggeselle war, ein Stand, welcher in der Provinz, wo alle Mädchen von nichts als vom Heirathen träumen und folglich alle heirathsfähigen Männer auf eine sehr herausfordernde Weise ansehen, sehr viel werth ist. Aufgefordert von Madame Blanmignon, wandte sich Herr Vadevant gegen die Damen, lächelte auf eine Weise, die seine zweiunddreißig sehr weißen und sorgfältig gepflegten Zähne sichtbar werden ließ, wiegte sich auf seinen Hüften und erwiderte: Mein Gott! meine Damen, der Gegenstand, der uns beschäftigt, verdient es vielleicht sehr wenig. Wir sprachen vom Bären ... ha! ha! ha! Sie wissen, der Bär ;...« Nun begann das Lachen, die Damen lachten mit; eine einzige rief aus: »Was ist es denn mit diesem Bären? ... Mein Gott! ist denn einer in der Stadt?« »Ach!« sagte Vadevant, Madame Dubouchet ist nicht unterrichtet, weil sie längere Zeit von hier abwesend war. So erfahren Sie denn, schöne Frau, daß wir unter dem Bären einen Fremden verstehen ... einen Unbekannten, der sich vor etwa drei Jahren hier niedergelassen hat, und den man seit dieser ganzen Zeit nicht besser kennt, als am Tage seiner Ankunft.« »Wirklich! O, das ist sehr sonderbar ... sehr seltsam ;...« – Herr Boullardin hat ihm den Spitznamen Bär aufgebracht, und, auf Ehre, noch nie war ein Name besser verdient.« Herr Boullardin, ein großer, dicker Fünfziger, welcher sich für einen der Schöngeister des Städtchens hält, weil er auf der Mairie beim Geburtseintragsbureau angestellt ist, brummte mit einer rauhen und hohlen Stimme, welche von einem Bauchredner zu kommen schien: »Meiner Treu'! ich habe ihn einen Bären genannt, ohne darüber nachzudenken! ... Ich hätte ebensowohl Kameel sagen können ;...« »Wie boshaft, wie satirisch dieser Herr Boullardin ist!« erwiderte Vadevant, sich mit einem spöttischen Blick gegen den dicken Beamten wendend, welcher, sehr zufrieden mit dem, was er so eben gesagt hatte, sich die Hände rieb und seine Frau ansah. »Aber, meine Herren, was hat es denn mit diesem Bären für eine Bewandtniß, weil wir doch einmal einen Bären haben,« sagte Madame Dubouchet; »Sie müssen doch etwas über seine Person, über seine Art, zu leben, wissen ... Sehen Sie mich doch auf's Laufende, ich weiß ja noch gar nichts.« »Reden Sie, Herr Vadevant,« sprach die Frau vom Hause; »denn Sie sind am besten unterrichtet, wie ich glaube.« »Ich ... o nein, ich weiß nicht mehr als diese Herren ... Indessen, wenn Sie es wünschen, schöne Frau, will ich sagen, was ich beobachtet und gesammelt habe.« Herr Vadevant tritt hierauf in den Kreis ein, welcher sich um ihn schließt. Die Männer umstellen ihn ebenfalls und jeder scheint sogar mit Vergnügen das noch einmal hören zu wollen, was er schon weiß. Der Bär war aber auch der Gegenstand der Neugierde für alle Bewohner von Château-Thierry, und jedesmal, wenn die Rede von ihm war, war Alles ganz Ohr, in der Hoffnung, etwas Neues über diesen geheimnißvollen Mann zu erfahren. Herr Vadevant, nachdem er seine Blicke huldvoll auf allen Damen herumlaufen lassen und sich mit dem Rücken an den Kamin gelehnt hatte, begann seine Erzählung folgendermaßen: »Vor ungefähr drei Jahren ... ja, es war im Jahr 1831 ... ich glaube, es war gerade auch im Monat März ;...« »Nein, es war im Februar,« sagte Herr Boullardin ... »die ganze Stadt machte Fastnachtküchlein ... o! o! ;...« Und der dicke Mann streichelte sich, entzückt über das, was er so eben gesagt, wohlgefällig das Kinn. »Nun ja, im Februar ... es ist möglich,« erwiderte Vadevant; »ja, ich entsinne mich, daß ich als Spanier maskirt auf dem Balle des Herrn Unterpräfekten war ... einem sehr glänzenden Balle, wo man mit Gefrorenem in Hülle und Fülle bedient wurde! Doch um Vergebung, ich komme auf meinen Bären zurück, wie es in einem Stücke, ich weiß nicht gleich in welchem, des Théâtre des Variétés in Paris heißt.« »Im Pourceaugnac vielleicht?« versetzte Boullardin. »Ach mein lieber Herr Boullardin! ... Sie versündigen sich gegen Ihre Kenntnisse, Sie wissen doch gewiß, daß Pourceaugnac von Molière ist? ;...« »O! ich, ich bringe das Alles untereinander ... Pourceaugnac, Herr von Crac! ... Die weiße Frau! ... Ich liebe das Schauspiel nicht, ich schlafe dabei ein ... meine Frau auch ... nicht wahr, Madame Boullardin? ;...« Madame erwiderte durch ein Nicken des Kopfes, und Herr Vadevant, der lächelnd die Tölpeleien des Beamten anhörte, nahm wieder das Wort: »Ich wollte Ihnen also sagen, Madame, daß es im Februar 1831 war; ein Reisender kam in einem Postwagen mit einem großen Manne ... ohne Zweifel seinem Bedienten, an. Der Reisende erkundigte sich sogleich, ob in der Stadt ein kleines Haus zu miethen wäre. Man nannte ihm mehrere, unter andern auch das des Herrn Tricot, welches am äußersten Ende der Stadt liegt. Der Fremde besah sich das Haus, dessen fast ganz isolirte Lage ihm zu gefallen schien; auf der Stelle miethete er diese Wohnung, welche ganz möblirt war, und zahlte die Miethe auf ein Jahr voraus ;...« »Zahlte er wirklich auf ein ganzes Jahr voraus?« sagte ein alter, ganz magerer Herr, mit einem abgezehrten Gesicht, welcher, in einem Winkel des Salons sitzend, bis jetzt den Mund noch nicht geöffnet hatte. »Ja, Herr Benoit, er zahlte ... O! ich weiß das ganz gewiß! ich weiß es von Herrn Tricot selbst; und seit dieser Zeit hat er immer sehr regelmäßig sechs Monate voraus bezahlt ... er miethete das Haus um 800 Franken, das weiß ich ebenfalls.« »Er ist also reich, dieser Unbekannte?« »Ach! Das ist die Frage: Ist er reich? ... und wenn er Vermögen hat, wo hat er es verdient? ... Das weiß Niemand. Man erwartete, der Neuangekommene werde bei seinen Nachbarn ... bei den Beamten ... bei den Honoratioren der Stadt seine Aufwartung machen, er werde einige Empfehlungen haben und sich Zutritt in unsere Gesellschaften zu verschaffen suchen ... Nichts von Allem: Mein Fremder schließt sich ein und empfängt Niemand, geht nur aus, um außerhalb der Stadt spazieren zu gehen, spricht mit keinem Menschen, und antwortet, wenn man ihn anzureden versucht, in einem so barschen, trockenen Tone, daß man keine Lust hat, noch einmal anzufangen, weil man sich leicht einem Aerger oder gar einem Streite aussehen könnte, und Sie leicht begreifen, daß man sich mit einem Unbekannten nicht compromittiren mag! ... Deßhalb ist der Name Bär, den ihm Herr Boullardin so scharfsinnig beigelegt hat, bei ihm ganz am Platze.« »Bär! ... Brummbär! ... ja, so habe ich ihn genannt,« wiederholte Herr Boullardin, indem er seine Frau ansah. »Das ist aber ein ungezogener Mensch ... ein Vieh, dieser Unbekannte.« »Man kann nicht gerade sagen, daß er einem Vieh ähnlich sieht ... Er ist ein Mann, der seine fünfzig Jahre haben muß.« – O! nein ;... – »O ja ... eher noch mehr ;...« – Ich wette, daß er noch nicht achtundvierzig hat ;... – »Sie haben also nicht bemerkt, daß seine schwarzen Haare grau sind? ;...« – Das beweist gar nichts! In meinem zwanzigsten Jahre fand ich einmal ein weißes Haar auf meinem Kopfe.« »Ich,« sagte eine kleine, alte, sehr kokett gekleidete Dame, »ich habe durch einen Schrecken weiße Haare bekommen ... ich hatte Haare wie Ebenholz ... aber eines Abends ... auf der Straße ... wagte es ein Unverschämter, mich zu beleidigen ... meine Taille zu umfassen ... ich fiel in Ohnmacht, und als ich wieder zu mir kam, war ich grau!« »O!« sagte Herr Boullardin mit gedämpfter Stimme, »wenn sich alle Frauen gebleicht hätten, die ich umfaßt und ;...« Ein strenger Blick seiner Frau unterbrach den Redefluß des Beamten, und er schluckte das Ende seiner Rede hinab. »Unser Bär,« fuhr Vadevant fort, »hat durchaus keine schlechte Haltung ;...« – Ist er häßlich?« »Nein ;...« – O! da muß ich um Verzeihung bitten! ... er ist abscheulich ... ein zurückschreckendes und unheilverkündendes Aeußere ;... – »Durchaus nicht, sein Gesicht ist im Gegentheil sehr schön.« – Und ich sage Ihnen, er steht wie ein Verschworener aus ;... – »Er ist vielleicht einer ;...« »Ich,« sagte ein ganz junger Mann, »ich habe ihn nur einmal gesehen, und das bei Nacht, wo man ihn nicht sehen konnte, aber es schien mir, als glänzten seine Augen wie die eines Katers ;...« »Es ist vielleicht ein Vampyr!« ... sagte der alte, abgezehrte Herr. – »Viel eher siehst Du selbst einem gleich,« murmelte Vadevant vor sich hin, indem er sich abwandte, um zu lachen. »O! mein Gott! Herr Benoit, reden Sie hier nicht von solchen Dingen ... wir haben sonst eine schlaflose Nacht! Aber die Polizei sollte doch ihre Augen auf dieses Ungeheuer richten!« »Ich,« versetzte Madame Blanmignon, »wenn ich ihm Abends begegnete, bin überzeugt, daß ich Nervenanfälle bekäme, obgleich ich ihn noch nie gesehen ... aber die Vorstellung, die ich mir von ihm mache, ist schrecklich. Ein Mensch, der Niemand empfängt, zu Niemand geht, mit Niemand spricht, muß irgend ein großer Verbrecher sein, der sich verbirgt.« »Wie nennt er sich denn?« sagte Madame Dubouchet, »er muß doch Herrn Tricot seine Quittungen unterzeichnen.« »Er unterschreibt Guerreville,« sagte Vadevant. »Guerreville ... Das ist seltsam! Der Name klingt ziemlich vornehm! ;...« – Es ist ohne Zweifel nur ein falscher Name, den er angenommen hat.« »Ich wette, daß er Abrakadabra heißt ... ha! ha!« sagte Herr Boullardin, in ein rohes Gelächter ausbrechend. »Wissen Sie aber auch, meine Herren, daß es für unsere Stadt sehr unangenehm ist, daß ein so verdächtiges Individuum sie zu seinem Aufenthalt gewählt hat? ... Könnte man nicht den Versuch machen, diesen Herrn aus unserer Stadt zu vertreiben?« »Ganz gewiß macht er uns keine Ehre,« sagte Vadevant, indem er sich in dem Spiegel über dem Kamine betrachtete und seine zweiunddreißig Zähne gegen sich hinbleckte. »Dieser Tage,« sagte ein Herr, der bisher nur zugleich mit den Andern gesprochen hatte, und jetzt schon deßhalb erröthete, weil er den Versuch machte, etwas allein zu sprechen, »dieser Tage ... ging ich aus, in der Absicht, frische Luft zu schöpfen ... und stehe da ... ich erblickte ... oder ich glaubte zu erblicken ... ich wollte sagen, ich glaube, daß ich beinahe dem Unbekannten, genannt der Bär ... begegnet wäre.« »Wie artig das ist, was uns Herr Desboulleaux so eben erzählt hat,« sagte Herr Vadevant, sich gegen eine ziemlich hübsche Dame wendend, die sich in die Lippen biß, um nicht vor Lachen zu zerplatzen. Während dem zog sich der junge Mann, den es so große Anstrengung gekostet, sich öffentlich hören zu lassen, so schnell als möglich hinter die Andern zurück, indem er zwei dicke Schweißtropfen abtrocknete, die ihm von der Stirne fielen. Madame Dubouchet, noch nicht zufrieden mit dem, was sie erfahren, richtete neue Fragen an ihre Nachbarn und an Herrn Vadevant. »Ich begreife nicht, daß man noch nichts Bestimmteres über diesen Mann weiß,« sagte sie, »es muß schlecht angegriffen worden sein. Sicherlich hat er Domestiken ... die bringt man zum Sprechen.« »Unmöglich, Madame. Erstens hat er keinen andern Diener, als den, welchen er mitgebracht hat. Eine andere Art von Bären, der wahrscheinlich seinen Herrn nachäffen will; ein großer vierschrötiger Kerl, der sich wie ein Kosak Jeden vom Leibe hält ... der mit Niemand spricht, nicht einmal mit den Kammermädchen im Viertel, der nie ins Weinhaus geht, und dessen ganzes Vergnügen in Rauchen, auf der steinernen Bank vor ihrer Wohnung, besteht. »Ich wette, es sind Republikaner,« versetzte der alte Benoit, mit wichtiger Miene auf seine Dose klopfend. »Ich,« sagte Vadevant, »glaubte mich schon einmal auf dem Punkt, etwas zu erfahren ... der Bediente hatte sich rauchend vor seine Thüre gesetzt; ich spazierte vorüber ... Ich glaube sogar, daß ich mit Absicht vor dem Hause des Bären vorüberging. Indem ich den Diener so sitzen sah, kam mir ein ziemlich schlauer Gedanke in den Kopf ... Ich thue während des Gehens, als machte ich einen Fehltritt, hätte mir den Fuß verrenkt, und könne nicht weiter gehen; darauf lasse ich mich auf der Bank, neben dem Diener nieder ... Das war doch gewiß schlau, was denken Sie davon?« »Sehr schlau ... sehr sinnreich! ;...« »Gut, der Tölpel, anstatt sich zu beeifern, mir das Anerbieten zu machen, bei seinem Herrn einzutreten, oder mir auf irgend eine Art Beistand zu leisten, stand auf, klopfte seine Pfeife aus, und ging in das Haus zurück, dessen Thüre er auf eine unverschämte Weise hinter sich schloß.« »Abscheulich!« schrie Madame Blanmignon, »das sieht nur einem Kannibalen ähnlich.« »Und nach dem Sprüchwort: Wie der Herr, so der Diener, zog ich den Schluß, daß der Herr eben so wenig Menschlichkeit besitze, als sein Diener ... Und dann, wozu alle diese Geheimnisse? ... Das Essen wird ihnen vom Speisewirth Godard zubereitet und täglich ins Haus gebracht ... Der Bediente bezahlt die Rechnung und gibt dem Burschen das Trinkgeld ... Unlängst hatte sich Margarethe, die Köchin der Madame Dechaland, auf mein Anrathen vorgestellt, und unter dem Vorwande, sie habe gegenwärtig keinen Dienst, gefragt, ob man sie nicht annehmen wolle ... der Diener war allem Anscheine nach ausgegangen, und der sogenannte Herr Guerreville öffnete Margarethen die Thüre. Aber wissen Sie, wie er sie aufnahm? ... Ach! das arme Mädchen wird daran denken! ... Er ließ ihr kaum Zeit, sich zu erklären, jagte sie hinaus, und erlaubte sich sogar, sie an den Schultern fortzustoßen, weil sie ihm nicht schnell genug fortging.« »Oh! das ist schrecklich.« – »Das ist entsetzlich!« »Es ist sogar gemein!« sagte Boullardin, seine Frau ansehend. »Die arme Margarethe zu mißhandeln ... welche so gute Citronen-Crême macht.« »Bei weitem nicht so gut wie meine Köchin,« brummte der alte Benoit. »Meine Herren,« sagte Madame Blanmignon, »wir müssen eine Coalition, eine Liga stiften, um die Stadt von diesem abscheulichen Bären zu befreien. Ist das nicht auch Ihre Ansicht?« »Doch, doch!« riefen alle Männer, die Hände wie zu einem Schwure erhebend, während die Damen beifällig nickten. »Aber was machen wir, welches Mittel wenden wir an, um diesen Menschen zu verscheuchen? ... Wir wollen sehen ... man muß sich besinnen ;...« »Wenn man alle Tage unter seinen Fenstern mit einem verstimmten Horn bliese?« – O! das würde auch die Bewohner der benachbarten Häuser belästigen.« »Wenn man ihm Steine in die Fenster würfe?« sagte ein junger Schüler lachend. »Nein, das geht auch nicht,« sagte Madame Blanmignon; »wir dürfen nur erlaubte Mittel anwenden.« Der Herr, welcher schon dicke Tropfen geschwitzt hatte, weil er etwas hatte sagen wollen, streckte den Kopf aus dem Kreise hervor und stotterte: »Wenn ... man ... ja, wenn ... man ;...« Aller Augen richteten sich nun auf den Redner; er wurde scharlachroth und verbarg sich schnell hinter den Andern, indem er murmelte: »Nein, das geht doch nicht.« »Nun gut!« sagte Herr Boullardin, indem er ein lautes Gelächter aufschlug; »es gibt ein sehr natürliches Mittel ... man legt unanständige Dinge vor seine Thüre ... ha! ha!« »O Pfui! Pfui! Herr Boullardin, wie mögen Sie an dergleichen Dinge denken! ... wir sind nicht mehr im Fasching.« »Ich hab's gefunden ... ich hab' ein Mittel!« schrie Vadevant, indem er sich auf den Bauch, an die Stirne und in die Hände schlug. »Lassen Sie hören ... lassen Sie schnell hören!« schrie man von allen Seiten, sich um den kleinen Herrn drängend. »Nun gut! Eine Katzenmusik! ... Machen wir dem Bären eine, machen wir ihm zwei ... zehn, zwanzig, wenn es nöthig ist. Dieser Herr liebt die Ruhe, die Einsamkeit, die Stille; er muß die Charivari's verabscheuen; die unsrigen werden sehr schnell ihren Zweck erreichen, und müde, sie anzuhören, wird der Bär seine Höhle verlassen und anderswo eine suchen.« »Bravo! Bravo!« – Vortrefflich erdacht!« rief es von alle Seiten. »O, dieser Herr Vadevant ist ein ausgezeichneter Mann, er hat Verstand für Viere.« »Wenn es vier von der Gattung Desboulleaux' wären, so wollte das noch nicht viel sagen.« »Nun gut! Wann soll die Katzenmusik sein, meine Herren?« fragte Madame Blanmignon, welche sehr gegen den Stadtbären erbittert zu sein schien. »Noch diesen Abend,« erwiderte Vadevant; »das Wetter ist schön ... wir sind bei einander und bilden mit diesen Herren ein ansehnliches Häufchen ... während die Damen Thee trinken, oder ihr Spielchen machen, wollen wir unser erstes Concert unter freiem Himmel geben und dann sogleich zurückkehren, um denselben das Resultat mitzutheilen. Sind Sie der gleichen Ansicht, meine Herren?« »Ja, ja!« rief die Mehrzahl der Männer. Nur Herr Boullardin zögerte mit der Antwort, weil er als städtischer Beamter Bedenken trug, sich bei einer Katzenmusik zu betheiligen. »Nun handelt es sich nur noch darum, uns die nöthigen Instrumente zu verschaffen,« versetzte Vadevant. »Madame Blanmignon, wollen Sie vielleicht Ihre Küchengeräthschaften zu unserer Verfügung stellen?« »O mit größtem Vergnügen, meine Herren; nehmen Sie bei mir Alles, was Ihnen tauglich scheint, um diesen häßlichen Menschen zu betäuben und ihm das Trommelfell zu zerreißen, damit er recht bald abreise.« »Bravo! Madame Blanmignon ... Ich stimme für eine Dankadresse an Madame Blanmignon, wegen des Patriotismus, den sie bei dieser Gelegenheit an den Tag legt ... ich mache mich anheischig, ihr ein Gedicht über diesen Gegenstand zu widmen ... Doch nun zu den Waffen, meine Herren, zu den Waffen!« Alle wiederholen den Ruf von Vadevant und folgen ihm in die Küche. Der alte Benoit, Herr Boullardin und zwei andere Herren, welche nicht mehr in dem Alter waren, um an einem Charivari Theil zu nehmen, blieben bei den Damen im Salon zurück; aber bald kommen die Musiker aus dem Stegreif mit ihren Instrumenten zurück, und nun brach ein so schallendes Gelächter aus, wie man es lange nicht in dem Salon der Madame Blanmignon gehört hatte. Der Eine hatte eine Kohlpfanne, auf welche er mit einem Schaumlöffel klopfte; der Andere zwei Bügeleisen, deren er sich als Cymbeln bediente. Dieser paukte mit einer Feuerzange auf eine Schaufel; jener klapperte mit Tellerscherben als Castagnetten; der furchtsame Desboulleaux rasselte wie besessen mit den Ketten eines Bratspießes, die er um seinen Leib geschlungen hatte; der junge Schüler trommelte mit einem Kochlöffel auf eine Bratkachel; Vadevant endlich hatte sich eines großen Bettwärmers bemächtigt, in welchen er Nägel und Eisenstücke hinein gethan, so daß er, wenn er ihn schüttelte, einen höllischen Lärm hervorbrachte. »Herrlich! prächtig!« riefen die Damen; »mit solchen Mitteln könnte man ja alle Bären von Bern in die Flucht jagen! es wäre sehr fatal, wenn uns das nicht mit dem von Château-Thierry gelänge.« »Allons, meine Herren, vorwärts!« sagte Vadevant; »ich mache auf die Ehre Anspruch, an Ihrer Spitze zu marschiren und das Zeichen zum Conzert zu geben; aber gehen wir vor Allem ganz leise durch die Stadt, bis wir die Wohnung des Bären erreicht haben. Er muß wie vom Blitze getroffen werden ... das wird viel mehr Wirkung machen ... vorwärts!« Alle Charivaristen schickten sich an, Vadevant zu folgen, als plötzlich die Hausglocke ertönte ;... »Wer kann noch so spät kommen?« sprach Madame Blanmignon. »Wer es auch sein mag, ich stehe dafür, er wird sich uns anschließen,« sagte Vadevant. In diesem Augenblicke ward die Thüre des Salons geöffnet und der Bediente meldete: »Herr Doktor Jenneval.« Es trat ein Mann von sechsunddreißig Jahren ein, von angenehmem, geistreichem Aeußeren, gewandtem und feinem Benehmen; er begrüßte die Frau vom Hause und die übrigen Damen, ohne noch die kuriose Bewaffnung der Herren bemerkt zu haben. »O! unser lieber Doktor!« rief Vadevant aus; »hatte ich nicht Recht, als ich sagte, der Ankommende würde einer der Unsrigen sein? ... Allons Doktor, schnell, nehmen Sie eine Kasserolle, oder wenigstens ein paar Lichtputzenschalen.« »Wie! was bedeuten alle diese Anstalten, meine Herren?« sagte der Doktor, indem er die Gegenstände genau betrachtete, welche die Musiker in den Händen hielten; »wollen Sie ein Räthsel, ein Sprüchwort, eine Symphonie aufführen? ;...« »Mehr als das; wir wollen ein Charivari bringen, welches im ganzen Lande Aufsehen machen wird.« »Ein Charivari?« »Ja wohl ... schnell, nehmen Sie doch ein Instrument und kommen Sie mit uns.« »Aber zuerst möchte ich doch wissen, wem Sie das Charivari bringen wollen?« »O! wären Sie nicht so spät gekommen, Doktor,« sagte Madame Blanmignon, »so wären Sie von Allem unterrichtet ... Aber man kann Sie gar nicht mehr haben ;...« »Verzeihen Sie, Madame, ich mußte Herrn Guerreville besuchen, der sich nicht wohl befand, und ;...« »Herr Guerreville!« schrie man von allen Seiten; »Sie kommen von Herrn Guerreville ... dem Fremden ... dem Unbekannten ... dem Bären?« »Ja, meine Damen,« erwiderte der Doktor lächelnd, »und ich war sogar schon mehrmals dort.« »O, das ist zu komisch,« sagte Vadevant, »und gerade diesem wollten wir ein Charivari bringen.« »Dem?« »Ja, Doktor; denn er ist ein ganz abscheulicher Mensch, nicht wahr? ... so eine Art von einem Wilden ... von unanständigem und rohem Benehmen ... von ungeselligem Wesen ... der die Köchinnen zur Thüre hinauswirft ... Niemand auf der Straße grüßt ... kurz und gut ein Bär!« »Ich glaube, daß Sie sich im Irrthum befinden, Herr Vadevant; nach dem Wenigen, was ich gesehen, urtheile ich ganz anders über Herrn Guerreville. Man kann in der Einsamkeit zu leben wünschen, ohne deßhalb alle diese Fehler zu haben.« »Der Doktor spaßt! ich bin dessen gewiß ... und bleibe doch bei dem, was ich über den Bären ... den Unbekannten gesagt habe ... und ich beharre bei meinem Vorhaben, ihm ein Charivari zu bringen ... Nicht wahr, meine Herren?« Die Herren, welche sich nicht umsonst mit einer Feuerzange oder einer Pfanne bewaffnet haben wollten, waren sehr geneigt, Vadevant zu folgen, welcher schon gegen die Thüre marschirte und seinen Bettwärmer wie eine Fahne empor hielt. Der Doktor betrachtete sie lächelnd und begnügte sich, ihnen zu sagen: »Meine Herren, ich widersetze mich Ihrem Charivari nicht, nur ersuche ich Sie, noch einige Minuten zu warten, damit der Herr Unterpräfekt, den ich bei ihm zurückgelassen habe, Zeit habe, ihn zu verlassen ... denn ich setze voraus, daß Sie diesem nicht auch ein Charivari bringen wollen.« Es ist kaum möglich, die Wirkung zu beschreiben, welche diese Worte hervorbrachten; die Gesichter verlängerten, die Stirnen runzelten, die Mäuler verzogen sich; es war ein allgemeines Erstaunen, eine allgemeine Betäubung; die Herren blieben erstarrt und wie vom Blitze getroffen, während sie noch ihre Pfanne oder ihren Kessel in der Luft hielten. Madame Blanmignon empfand eine solche Erschütterung, daß sich ihre Augbrauen entfärbten und von einer ihrer Wangen aller Zinnober herabfiel; sie suchte zwar sich wieder zu sammeln, aber ihre Stimme war sehr bewegt, indem sie zu dem Doktor sagte: »Ist es möglich? ... Täuschen Sie sich nicht, mein lieber Herr Jenneval? Wie! der Herr Unterpräfekt geht ... zu diesem Unbekannten?« »Ja, Madame; ich habe die Ehre, Ihnen zu wiederholen, daß ich sie so eben zusammen verlassen habe; und so viel ich aus ihrer Unterhaltung, aus der sie gar kein Geheimniß machten, entnehmen konnte, muß Herr Guerreville mit unserem Unterpräfekten früher in sehr enger Verbindung gestanden sein; sie sind alte Freunde, sind sich zufällig dieser Tage auf der Promenade begegnet, haben sich erkannt, und daher kommt es, daß der Eine den Andern besucht hat.« Während dieser Erklärung des Doktors mußte man die Charivaristen sehen, wie sie verstohlen die Instrumente ablegten, die sie ergriffen hatten: der Eine schob seine Pfanne unter einen Sopha, der Andere legte seine Kasserolle auf einen Lehnstuhl, ein Dritter praktizirte seine Zange unter das Piano, dieser steckte die Bügeleisen in seine Tasche, kurz, in wenig Minuten waren die Hände der Herren frei, Vadevant ausgenommen, der, als Träger des gewaltigen Bettwärmers, noch kein Mittel gefunden hatte, ihn irgendwo unterzubringen, und nicht einmal wagte, ihn zu sehr zu rütteln, weil das Eisenzeug, das er in die kupferne Büchse gethan, bei der geringsten Bewegung ein Geräusch machte, das nun Jedermann sehr unangenehm fand. »Das ist sehr sonderbar ... ganz erstaunlich!« begann Madame Blanmignon; »es scheint also, daß wir uns geirrt haben, daß wir über diesen Herrn Guerreville falsch berichtet wurden ... Da der Herr Unterpräfekt sein Freund ist, ihn besucht, muß er doch ein sehr ausgezeichneter Mann sein ... nicht wahr, Doktor?« »Madame, das ist auch meine Meinung. Zu Herrn Guerreville gerufen, weil er krank war, habe ich ihn noch nicht mehr als fünf- bis sechsmal gesehen, aber das genügt, um zu erkennen, daß er ein ganz anständiger Mann ist, der Kenntnisse und Verstand hat. In der That ist der erste Eindruck seiner Persönlichkeit nicht besonders angenehm: Herr Guerreville ist von Natur barsch und, wie ich glaube, auffahrend; ich vermuthe bei ihm einen tiefen Gram, der sein Gemüth verbittern konnte; kennt man ihn aber nur ein wenig näher, unterhält man sich mit ihm, so ist leicht zu ersehen, daß unter dieser starren Außenseite eine gefühlvolle Seele und ein edelmüthiges Herz verborgen sind.« »Der arme Mann! ... Sie glauben, daß er einen geheimen Kummer hat?« riefen mehrere Personen. »Ich, ich habe nie daran gezweifelt,« sagte Madame Blanmignon; »und in der Tiefe meines Herzens interessirte ich mich für ihn ... denn ich habe nie an alle die Fabeln geglaubt, die man auf seine Rechnung in Umlauf setzte.« »So kommt es, wenn man Küchengeschwätze nacherzählt,« sagte Boullardin, zu Vadevant gewandt. Dieser, noch immer von seinem Bettwärmer sehr belästigt, entschloß sich, denselben mitten im Salon niederzusetzen, wobei er ausrief: »Wenn ich auch einige Geschichten nacherzählt habe, welche übrigens der ganzen Welt bekannt waren ... so würde ich mir wenigstens nie erlaubt haben, diesem achtbaren Unbekannten zuerst den Beinamen Bär zu geben.« Boullardin ist zu Boden geschmettert; denn als Mairiebeamter hält er sich für gewaltig compromittirt, einen Freund des Herrn Unterpräfekten Bär genannt zu haben; er sieht sich in Gedanken bereits abgesetzt, schlägt die Augen nieder, ohne es zu wagen, seine Frau zu betrachten; plötzlich aber, den Bettwärmer bemerkend, ruft er mit triumphirender Stimme: »Ich habe diesen ehrenwerthen Fremden einen Bären genannt ... ich gestehe es ... denn darin liegt nichts Böses. Unter Bär begriff ich keine Bestie ... ich wollte damit einen Freund der Zurückgezogenheit bezeichnen ... einen Freund der Ruhe und des Friedens ... ich hebe die Hand empor, daß ich unter Bär nie etwas Anderes verstanden habe. Was aber hinlänglich beweist, daß ich nie die Absicht hatte, diesen Herren zu beleidigen, ist, daß ich keinen Antheil an der projektirten Katzenmusik genommen habe ... ich nehme die ganze Welt zum Zeugen ... und ich habe das Charivari stets getadelt ... O! o!« »Gut, mein Herr!« schrie Vadevant. »Wer hat in dem Charivari etwas Anderes gesehen, als einen Scherz ... eine Scene, die wir spielen wollten? ... Wer kann im Ernste glauben, daß wir, bewaffnet mit Küchengeräthschaften, durch die Stadt gezogen wären? Pfui doch! ... Ich, meine Herren, ich erkläre, daß ich mit diesem Bettwärmer, der ein erdrückendes Gewicht hat, nicht einmal die Treppe hätte hinabsteigen können.« »Ja, ja!« rief Madame Blanmignon, »diese Herren wollten uns etwas zum Lachen geben, und das ist Alles ... Der Herr Doktor wird uns gewiß glauben, daß das Alles nur ein Spiel war, ein Scherz ;...« »Ich, Madame, ich werde glauben, was man will,« versetzte der Doktor mit einer etwas ungläubig lächelnden Miene, »und ich gebe Ihnen die Versicherung, daß ich schon nicht mehr an das Charivari denke.« »Vortrefflich!« rief Vadevant, »denken wir auch nicht mehr daran. Ich schlage einen Contretanz vor ... einen Galopp ... ich erbiete mich sogar, eine Romanze zu singen.« Das Anerbieten Vadevants wurde angenommen, und schon näherte er sich dein Piano, als ein Geklirre von Ketten, welches aus einem Winkel des Salons kam, die Aufmerksamkeit der ganzen Gesellschaft auf sich zog. Man horchte, man sah sich an; die Damen geriethen schon in Furcht; endlich näherte sich ein junger Mensch einem Fenstervorhange, von welchem das Geräusch herzukommen schien; er zog den Vorhang weg und zeigte den Blicken der ganzen Gesellschaft den furchtsamen Herrn Desboulleaux, der sich in der Hoffnung hierher zurückgezogen hatte, sich der Ketten des Bratenwenders zu entledigen, die er um seinen Körper gewickelt, und noch nicht hatte los werden können. Herr Desboulleaux erröthete bis in das Weiße der Augen und verwickelte sich nur noch mehr in seine Ketten, als er sah, daß er der Gegenstand der allgemeinen Aufmerksamkeit war. Alle Anwesenden wurden wieder sehr ernst, weil sie begriffen, daß die Lage dieses Herrn auf's Neue das Charivari in Erinnerung bringen würde, und Madame Blanmignon sagte zu ihm in sehr trockenem Tone: »Was machen Sie denn da, Herr Desboulleaux?« »Madame, ich versuchte es, mich von den Ketten des Bratenwenders zu befreien, welche ich genommen hatte, um zur Verstärkung des Lärms bei der Katzenmusik mitzuwirken, welche man ;...« »Den Bratenwender sammt der Kette nehmen! ... O mein Gott! wie kann man einen solchen Gedanken haben ... das beweist doch einen gar zu schlechten Geschmack ... Ich ersuche Sie, Herr Desboulleaux, Alles dieses wieder in meine Küche zu tragen ... Ich wünsche, daß man mein Haus künftig nicht mehr so ausplündere.« Herr Desboulleaux verließ beschämt und fassungslos den Salon, indem er seine Ketten, wie ein Gespenst von Anna Radcliff, nachschleppte, und man kann sich wohl vorstellen, daß er nicht mehr zur Gesellschaft zurückkam. Diese versuchte nun einen Contretanz zu Stande zu bringen; aber Niemand hatte Lust zu tanzen: der Vorfall mit der Katzenmusik hatte alle Gemüther verstört, und man beeilte sich, von Madame Blanmignon Abschied zu nehmen. Zweites Kapitel Eine Schachpartie Ungefähr vierzehn Tage waren nach der von Madame Blanmignon gegebenen Katzenmusik-Soirée verflossen, welche Soirée zur Folge gehabt hatte, daß eine Masse von Visitenkarten bei dem Manne abgegeben wurden, welchen man seither den Bären von Château-Thierry genannt hatte, und der von nun an überall der erlauchte Unbekannte hieß. In einem kleinen, einfach möblirten, aber sorgfältig gebohnten und gereinigten Salon, saßen zwei Männer an einem kleinen Tisch, auf welchem ein Schachspiel aufgestellt war. Es war ungefähr zwei Uhr Nachmittags; ein helles Feuer knisterte in dem Kamin, in dessen Nähe die Schachspieler saßen. Der eine war ein Mann nahe an fünfzig, den man aber nicht so alt geschätzt hätte, obgleich seine sorgenvolle Stirn und der Ausdruck seines Blickes langjährige Leiden ankündigten, und seine schwarzen Haare in der Nähe der Schläfe sehr ergraut waren. Er war hoch und wohl proportionirt gewachsen, und hatte eine edle und stolze Haltung. Seine regelmäßigen Züge hatten etwas Imponirendes und seine braunen Augen schüchterten beim ersten Anblick ein; betrachtete man ihn aber länger, so gewann man Vertrauen zu ihm, und die Blässe, der Anschein von Traurigkeit, welcher über sein Antlitz verbreitet war, mußten vielmehr Theilnahme als Furcht einflößen. Das war Herr Guerreville, dessen finstere Stimmung zu so vielen Vermuthungen Anlaß gegeben hatte; er war in einen kostbaren Schlafrock gehüllt; sein Kopf war mit einer mit Pelzwerk verbrämten Tuchmütze bedeckt, und seine Füße steckten in gleichfalls mit Pelzwerk gefütterten Pantoffeln. Während des Spiels richtete er seine Blicke häufig nach einer auf dem Kamin stehenden Uhr, und schien dann zu horchen, ob nicht Jemand käme. Der andere Mann war der Doktor Jenneval, dessen Bekanntschaft wir schon gemacht haben und dessen Ankunft bei Madame Blanmignon der Katzenmusik ein Ende gemacht hatte. »Geben Sie wohl Acht, Ihr Thurm steht im Schach,« sagte der Doktor nach einem ziemlich langen Stillschweigen, in dem Augenblick, als Herr Guerreville einen neuen Zug thun wollte. »Ah! es ist wahr, Doktor, ich habe es übersehen ... Aber Sie sind edelmüthig, Sie wollen Ihren Gegner nicht überraschen ... Sie machen ihn aufmerksam, damit er sich vertheidige.« »Sollte das nicht immer so sein? Greift ein Ehrenmann seinen Feind an, ohne daß dieser darauf vorbereitet ist?« »Nein, gewiß nicht! ... aber dieser Grundsatz sollte, wie bei Kämpfenden, auch von der übrigen Welt heilig gehalten werden ... und man thut gerade das Gegentheil. Man verstellt sich, man intriguirt. Um Böses zu thun, läßt man es den nicht wissen, dem man eine Schlinge legt.« »Gestehen Sie auch ein, daß es viele Dinge gibt, welche man dem, der dadurch in Nachtheil kommt, nicht vorher anzeigen kann ... zum Beispiel ... wenn man einer schönen Frau den Hof machen will ... so unterrichtet man gewöhnlich ihren Mann nicht zum Voraus davon.« Der Doktor lachte und schien zu wünschen, daß seine Bemerkung auch Herrn Guerreville zum Lachen bringen sollte, aber dieser schüttelte den Kopf und murmelte: »Sie haben Recht, Doktor, aber dann muß man sich auch zeigen, wie man ist, nicht seinen Geschmack, seine Neigungen verbergen, nicht in der Nähe der Frau, auf deren Eroberung man ausgeht, die Augen niederschlagen, eine zurückhaltende Sprache annehmen, strenge Tugendgrundsätze heucheln, während man in der Tiefe des Herzens alle menschlichen Schwächen hat. Was mir am meisten verhaßt ist, ist die Heuchelei; man muß seine Fehler, wie seine guten Eigenschaften eingestehen, alsdann weiß wenigstens die Welt, was sie von Einem zu halten hat, und um so schlimmer für die Frauen, welche man verführt, wenn sie es später bereuen! ... Aber nur wenig Menschen lieben die Offenherzigkeit ... die Männer wollen geschmeichelt, umkrochen sein ... die Frauen wollen, daß man sie anbete, oder wenigstens, daß man es ihnen sage. Sehen Sie, Doktor, ich kenne Sie erst seit einem Monat, und wäre ich nicht krank geworden, so hätte ich Sie wahrscheinlich nie gesehen, weil ich in der Zurückgezogenheit leben wollte ... Aber es reut mich nicht, Ihre Bekanntschaft gemacht zu haben, denn ich halte Sie für offen und wahr, und mit Ausnahme eines leichten Hanges zum Witzeln über die wichtigsten Gegenstände ;...« Hier verbeugte sich der Doktor lächelnd. »Nun, die Menschen können einmal nicht vollkommen sein,« fuhr Herr Guerreville fort, »Sie besitzen also, wie ich glaube, Alles, was zu einem Freund und sogar zu einem guten Arzt gehört ... Wenn ich Ihnen dies sage, geschieht es, weil ich es auch denke, ich mache nie Complimente; aber gestatten Sie mir, Ihnen einen Rath zu geben ... Sie erlauben es, Doktor?« »Sehr gerne, ich werde ihn mit Dank annehmen.« »O, mit Dank! und Sie wissen noch nicht einmal, was ich Ihnen sagen will. Nun gut! wenn Sie in Ihrer Kunst Fortschritte machen wollen, so legen Sie sich hauptsächlich darauf, in den Physiognomien zu lesen, die Geheimnisse der Seele zu erforschen, welche oft der Mund nicht auszusprechen wünscht, oder wagt ... Man heilt oft mehr durch Worte als durch Arzneien ... wenn das Gewissen ruhig ist, sind die physischen Uebel selten gefährlich.« »Das ist mir längst bekannt!« sagte der Doktor lächelnd. »Ah! Dann brauche ich es Sie nicht erst zu lehren!« »Zum Beispiel, Herr Guerreville, glauben Sie denn, ich erriethe nicht, daß die Blässe Ihres Gesichtes, das Aufgeregte in Ihren Zügen, viel mehr von einem tiefen Kummer, als einer Störung in Ihrer Constitution herrührt? Ich habe Sie nicht um Ihre Geheimnisse gefragt, weil ich nicht die Gewohnheit habe, nach dem zu forschen, was man verbergen will.« »Sie haben sehr recht daran gethan, Doktor, denn ich hätte sie Ihnen auch nicht gesagt. Nicht als ob ich Sie meines Vertrauens nicht werth hielte, sondern weil es Dinge gibt, welche man nicht gerne erzählt ... die man in seinem Busen verwahren will, und die alle Tröstungen der Freundschaft nicht zu heilen oder in Vergessenheit zu bringen vermögen.« Während dieser letzten Worte war die Stimme von Herrn Guerreville immer matter geworden, seine Blicke waren auf die Erde geheftet und ein tiefer Seufzer entrang sich seiner Brust. Es erfolgte eine lange Pause; endlich fuhr Herr Guerreville mit der Hand über die Stirne und wandte sich gegen den Doktor, indem er sagte: »Aber wie! ... spielen wir nicht mehr?« »Ich wartete, bis Sie mehr dazu aufgelegt wären,« sprach Jenneval. »Ach! Sie sind sehr gütig!« sagte der Reconvalescent, dem Doktor freundlich die Hand reichend. »Ich werde nicht viele Menschen finden, die Ihre Geduld besitzen ... Und wirklich, eine Partie mit einem Manne, den traurige Gedanken jeden Augenblick zerstreut oder verstimmt machen, muß langweilig sein.« »Mir gefällt sie; während Sie Ihren Betrachtungen nachhängen, kann ich da nicht auch die meinigen machen?« »Das ist wahr; doch gestehen Sie, daß ich sehr recht thue, nicht mehr unter die Menschen zu gehen: da will man nur heitere, liebenswürdige, gesprächige Leute, und das ist auch ganz natürlich. Zu Einem, der in eine muntere Gesellschaft käme, um sich immer abzusondern, zu seufzen und nur einsilbig zu antworten, würde man sagen: Sie wären besser zu Hause geblieben.« – Man würde es ihm nicht sagen, aber man würde es denken. – »Und mit Recht ... Schach der Königin, Doktor.« Sie setzten die Partie noch einige Zeit fort, endlich sagte der Doktor das fatale Wort: »Schach und matt.« »Ich bin besiegt,« erwiderte Guerreville, indem er den Tisch wegschob und sich dem Feuer näherte; »indessen glaube ich doch eben so stark zu sein wie Sie ... allein es gehen mir zu viel andere Dinge durch den Kopf. Ach! Doktor, es ist oft sehr schwer, sich zu zerstreuen. Apropos, wie finden Sie mich heute?« »Gut ... Ich habe Sie, so weit ich es vermochte, wieder hergestellt; jedoch, wie Sie so eben selbst sagten, ist es Ihre Seele, welche man ebenfalls in ärztliche Behandlung sollte nehmen können ... Aber Sie wollen Ihren Kummer für sich allein behalten.« »Verstehen Sie sich auf Physiognomien, Doktor?« »Ich habe es bis jetzt geglaubt ... aber viele Beispiele haben mir gezeigt, daß ich nur ein Schüler in dieser Kunst war. Zudem täuschen die Handlungen eben so oft als die Gesichter.« »Die Handlungen! ... Das ist das erste Mal, daß ich das sagen höre.« – Weil man die Handlungen fast immer beurtheilt, ohne auf den Grund zurückzugehen, der sie hervorrief. Wollen Sie mir erlauben, Ihnen zwei ziemlich interessante historische Ereignisse anzuführen, als Beweise für das, was ich so eben äußerte?« »Sehr gerne; ich höre Ihnen zu.« Der Doktor rückte seinen Stuhl ebenfalls ans Feuer und begann seine Erzählung: »Ich wurde vor ungefähr zwei Jahren durch die Frau eines Handwerkers zu ihrem Manne gerufen, der sehr krank war. Ich behandelte ihn vierzehn Tage lang und besuchte den Mann regelmäßig; ich fand die Frau immer an seinem Bette sitzend, ihn sorgfältig pflegend, ihn mit einem Eifer bewachend, der keinen Augenblick ermüdete, und beinahe immer die Augen in Thränen gebadet. Arme Frau! sagte ich zu mir, wie sie ihren Mann liebt! sie ist das Muster eines Weibes. Allein eines Abends, als ich meinen Kranken verließ, stieg eine Nachbarin und Hausfreundin mit mir die Treppe hinab und fragte mich, was ich von dem Zustande des Kranken halte. Es ist keine Hoffnung mehr, erwiderte ich ihr, der Mann kann nicht mehr aufkommen; mit großer Sorgfalt gelingt es vielleicht, ihn noch einige Tage hinzuhalten, aber es ist unmöglich, ihn zu retten. Ich konnte mich noch nicht entschließen, dies seiner armen Frau zu sagen, weil ich ihre Verzweiflung fürchte. Sehen Sie, ob es möglich ist, sie auf diesen Unglücksfall vorzubereiten. Die Nachbarin ermangelte nicht, das zu hinterbringen, was ich ihr gesagt hatte; aber denken Sie sich mein Erstaunen, als ich den andern Tag das Honorar für meine Besuche mit einem Zettel bekam, der die Worte enthielt: »›;Da mein Mann nicht mehr aufkommen kann, mein Herr, so ist es unnütz, daß Sie ihn ferner besuchen.‹« Ich konnte nicht an das glauben, was ich so eben zu lesen bekommen, und begab mich wie gewöhnlich zu meinem Kranken. Die Frau öffnete mir die Thüre und rief: »Aber, mein Herr, ich hatte Ihnen ja zu wissen gethan, daß Sie sich nicht mehr hierher zu bemühen brauchten.« – Madame,« sagte ich zu ihr, »man läßt Niemand sterben, ohne ihn bis auf den letzten Augenblick gepflegt zu haben. – »Nach Belieben, mein Herr, aber sicher werde ich weder Ihre Besuche mehr bezahlen, noch einen Groschen für Medizin ausgeben, da mein Mann nicht mehr gerettet werden kann.« – Das wird mich nicht abhalten, ihn wieder zu besuchen, Madame. –»Halten Sie das, wie Sie wollen, mein Herr ... Der arme liebe Mann ... Ich werde sogleich sein Werkzeug verkaufen; da er doch nicht mehr davonkommen wird, so brauche ich es nicht zu behalten.« – Und nun, mein Herr, wie benahm sich dieses Weib, welches ich für das Muster der Gattinnen gehalten? Sie sorgte, sie wachte nur für den Mann, der ihr Nahrung verschafft hatte; sie weinte nur vor Kummer, ihn nicht mehr arbeiten zu sehen, und von dem Augenblicke an, als sie die Gewißheit erhielt, sie habe keine Hülfeleistung mehr von ihrem Manne zu erwarten, entzog sie ihm ihre Freundschaft.« »Ja, hier war die Handlungsweise sehr trügerisch; und Ihr anderes Beispiel, Doktor?« »Ein andermal behandelte ich als Arzt auch wieder arme Handwerksleute, welche einen Sohn hatten, den sie sehr liebten; aber der junge Mann, der sich bis zu seinem neunzehnten Jahre sehr gut aufgeführt und stets dem Willen seiner Eltern gehorcht hatte, änderte bald seinen Charakter und wurde in kurzer Zeit ein rechter Taugenichts; er frequentirte die Weinhäuser, wollte nicht mehr arbeiten und setzte sogar mehrere Male den Ermahnungen seines Vaters Beleidigungen entgegen! Auf diese Weise erreichte er sein zwanzigstes Jahr und die Zeit der Conscription; er verlor durch das Loos und sollte abreisen; aber an dem nämlichen Tage an welchem er zu seinem Corps, abgehen sollte, denken Sie sich mein Erstaunen, erschien der junge Mann bei mir; er näherte sich mir mit verlegener Miene und sagte mit bewegter Stimme: »Mein Herr, meine Eltern lieben Sie, sie haben Vertrauen zu Ihnen ... und das mit Recht; aber auch ich weiß, daß ich mich Ihnen anvertrauen kann, und deßhalb will ich Ihnen bekennen, was ich noch Niemand gesagt habe.« Schon ganz erstaunt über die Veränderung, welche ich in den Manieren, in dem Tone des jungen Mannes wahrnahm, forderte ich ihn auf, sich zu erklären, und er sagte mir alsdann: »Meine Eltern sind sehr arm, aber ich bin ihr einziger Sohn und sie lieben mich sehr; mehrere Male habe ich sie, ohne von ihnen bemerkt zu werden, von der Zeit sprechen hören, wo ich zur Conscription mußte, und da sagten sie: Wir wollen Alles verkaufen. Alles verpfänden, was wir besitzen, wir wollen, wenn es nöthig ist, uns lange Zeit nur von Brod nähren, aber wir lassen unsern Sohn nicht abreisen, der uns eben so zärtlich liebt, wie wir ihn. – Ach! mein Herr, ich kann Ihnen nicht sagen, was ich damals empfand, denn ich wollte meine Eltern nicht dem Elend Preis geben; sie zu bitten, mich abreisen zu lassen, ihren edeln Entschluß zurückzunehmen, wäre unnütz gewesen, das fühlte ich wohl. Da faßte ich den Entschluß, sie zu täuschen; ich hörte auf zu arbeiten, trieb mich in Kaffee- und Wirthshäusern herum, hörte nicht mehr auf ihre Ermahnungen, wagte es sogar, unverschämt mit ihnen zu reden. So wurden sie betrogen, sie glaubten mich jeder Besserung unfähig, der Tag der Loosziehung kam heran und sie ließen mich abreisen. Ich habe ihnen Lebewohl gesagt ... aber noch ohne sie zu enttäuschen ... denn sie wären im Stande, mich loskaufen zu wollen. Aber, mein Herr ... wenn ich in Spanien fallen sollte, wo man sich schlagen wird, wie es heißt, so wäre es schrecklich für mich, die Verachtung meiner Eltern mit ins Grab zu nehmen. Dann ... ach! aber auch dann nur sagen Sie ihnen, was ich gethan habe, damit sie erfahren, daß ihr Sohn ihrer Zärtlichkeit nicht unwürdig war.« Der arme Junge weinte, während er diese Worte sprach; ich öffnete ihm meine Arme und drückte ihn lange an mein Herz; denn auch ich war ihm eine Genugthuung schuldig, auch ich hatte ihn, seiner Ausführung nach, für ein sehr schlechtes Subjekt gehalten.« »Dieses Beispiel tröstet uns für das andere,« sagte Herr Guerreville, »aber leider halte ich die ersteren für weniger selten.« In diesem Augenblicke öffnete man die Thüre des Salons; ein großer Kerl von höchstens dreißig Jahren, mit einer Soldatenmütze von Wachsleinwand auf dem Kopfe, einem Paar Husarenbeinkleider und einer bis an das Kinn zugeknöpften Jagdweste, näherte sich dem Herrn des Hauses und blieb vor ihm stehen, indem er die Hand an seine Mütze legte wie ein Soldat, der einen Offizier grüßt. Das war George, der Diener des Herrn Guerreville; der Bursche war Soldat gewesen und hatte von daher jene Gewohnheit, eines raschen, passiven Gehorsams beibehalten, welcher bei den Dienstboten so selten wird; dabei war er von außerordentlicher Ordnungsliebe, eine Eigenschaft, auf welche bei dem Militär streng gehalten wird; endlich war er weder geschwätzig noch neugierig: Alles dies ließ seinen geringen Verstand und seine beschränkte Fassungskraft in jedem andern Theile des Dienstes übersehen. »Nun, George, sind Sie auf der Post gewesen?« fragte Herr Guerreville, als er seinen Diener eintreten sah. »Ja, Herr, aber es sind keine Briefe für Sie da.« »Nichts Neues! ... gar nichts ... Nun sind es bald sechs Jahre ... und dennoch hoffe ich noch manchmal. Aber ich sehe wohl, daß Alles aus ist. O! es ist doch schrecklich, in dieser fortwährenden Spannung zu leben ... und immer wieder in seinen Hoffnungen getäuscht zu werden!« Guerreville hatte diese Worte mit halber Stimme gesprochen, aber mit einer so wehmüthigen Betonung, daß sich der Doktor versucht fühlte, sich in seine Arme zu stürzen, um ihn zu trösten, aber er hatte den Muth nicht dazu, denn die Blicke seines neuen Freundes waren so finster, so nachdenklich geworden, daß er befürchtet hätte, ihn in seinen Gedanken zu stören. Georg stand noch immer in der Mitte des Salons kerzengerade vor seinem Herrn. »Was machen Sie noch da?« rief Herr Guerreville heftig, indem er seinen Diener ungeduldig ansah. »Ich habe dem Herrn noch Einiges zu übergeben ... verschiedene Karten, die man mir für ihn zugestellt hat;« und Georg überreichte seinem Herrn mehrere Karten und verließ dann mit raschem Schritte den Salon. Guerreville nahm mit übler Laune die Karten, heftete seine Blicke darauf, und warf sie dann ins Feuer, indem er sagte: »Vadevant ... Boullardin ... Desboulleaux ... kenne ich denn alle diese Leute! ... werden sie mich nicht endlich einmal in Ruhe lassen! Welche Wuth haben sie seit einigen Tagen, mir jeden Augenblick ihre Karten zu schicken! ;...« Der Doktor Jenneval konnte einen Ausbruch des Lachens nicht unterdrücken, da er die Namen der Hauptmitglieder der Gesellschaft, die sich bei Madame Blanmignon zu versammeln pflegte, im Feuer auflodern sah. Guerreville wandte sich gegen ihn, indem er sagte: »Sie lachen, weil Sie mich diese Karten verbrennen sehen? ;...« »Ja ... denn ich erinnere mich ... O! aber ich darf es Ihnen nicht sagen!« »Sprechen Sie doch, Doktor. Ach! wenn Sie wüßten, wie gleichgültig mir jetzt alle Geschwätze in der Welt sind!« »Nun wohl! vor noch nicht langer Zeit nannte man Sie in der ganzen Stadt nur den Bären, weil sich Jeder darüber ärgerte, daß Sie die Einsamkeit der Gesellschaft vorzogen. Aber seitdem man erfahren, daß der Herr Unterpräfekt ein Freund von Ihnen ist, o! da hat sich die Stimmung hinsichtlich Ihrer sehr verändert! ... Sie sehen es, man thut die ersten Schritte, und gibt seine Karte bei Ihnen ab ... O! nun sind Sie in Gunst!« Guerreville versuchte zu lächeln und entgegnete: »Glücklich die Leute, welche sich mit all' diesen kleinen Gesellschaftsklatschereien beschäftigen können! ... Das beweist zum mindesten, daß sie keine große Sorge auf dem Herzen haben! Uebrigens, Doktor, werde ich in einigen Tagen aufhören, ein Gegenstand der Neugierde für die Bewohner dieser Stadt zu sein.« »Wie! hätten Sie wirklich die Absicht, uns zu verlassen?« »Ja ... ich werde nach Paris gehen ;...« »Auf längere Zeit?« »Ja! wahrscheinlich.« »Das ist mir leid, denn ich habe Sie stets mit Vergnügen besucht, und ich schmeichle mir, daß Sie mich von der Seite kennen, um zu glauben, daß dieses Vergnügen uneigennützig war.« Guerreville ergriff die Hand von Jenneval und drückte sie ihm heftig, indem er entgegnete: »Ja, gewiß, ich glaube Ihnen; und auch ich war gerne in Ihrer Gesellschaft.« »Zudem,« sagte der Doktor, »wissen Sie, daß man nicht vom Handwerk lassen kann; und ich gestehe Ihnen, daß ich mir mit der Hoffnung schmeichelte, Sie allmählig von Ihrem Trübsinn heilen zu können.« »O! niemals ... niemals! ... Es gibt Leiden, die sich nicht vergessen lassen; und zudem ... ist es bei mir nicht Melancholie ... Menschenhaß ... es ist ... daß ich lieber an das denke, was mir mein Leiden verursacht, als mich zu zerstreuen versuche.« »Aber es ist möglich, daß auch ich nach Paris gehe, um mich dort niederzulassen. Sie wissen, daß ich Ihnen oft gesagt habe, daß mir der Aufenthalt in dieser kleinen Stadt nicht sehr angenehm sei. In dem Fall, daß ich nach Paris komme, werden Sie mir erlauben, Sie zu besuchen?« »Ich bitte Sie sogar darum. Da ich den Aufenthalt in den möblirten Hôtels nicht liebe, werde ich mich beeilen, eine eigene Wohnung zu nehmen, und sobald ich eine solche gefunden, Ihnen meine Adresse zuschicken.« »Sie versprechen es mir?« »Ich verspreche es Ihnen.« Der Doktor war aufgestanden, er drückte auf's Neue Guerreville's Hand und nahm Abschied von ihm. Drittes Kapitel Ein Ball auf der Unterpräfektur Die Katzenmusik-Soirée in Château-Thierry hatte Aufsehen gemacht; man hatte den Doktor um Verschwiegenheit gebeten, und alle Personen, welche sich an diesem Abend bei Madame Blanmignon befanden, hatten sich das strengste Stillschweigen über dieses Ereigniß gelobt; deßhalb wußte auch bereits am andern Vormittage die ganze Stadt, was am Abend vorher in der Gesellschaft der Madame Blanmignon vorgegangen war. Diejenigen, welche sich bei dem unterbrochenen Charivari nicht betheiligt hatten, ermangelten nicht, es auf's Strengste zu kritisiren. Nach ihrer Ansicht war der Vorschlag des Herrn Vadevant von beleidigender Unschicklichkeit, und Madame Blanmignon hätte, statt die Hände dazu zu bieten, eher die Ausführung verhindern sollen. Indeß, wie von Mund zu Mund gehend, die kleinsten Ereignisse wie ein Schneeball anwachsen, so sagte man auch bald, Herr Vadevant und mehrere Herren seiner Gesellschaft wären die ganze Nacht in der Stadt umhergezogen und hätten einen höllischen Lärm gemacht. Man hatte sie gehört, mehrere alte Weiber versicherten sogar, sie mit Kesseln, Hämmern, Keulen und selbst mit Feuerwaffen bewaffnet, gesehen zu haben. Und ihre Absicht war, den ehrenwerthen Herrn Guerreville taub zu machen! (Die ganze Stadt wußte auch, daß der Herr Unterpräfekt bei dem Unbekannten zum Besuch gewesen war.) Und das Treiben der Katzenmusikanten war um so verdammenswerther, als sich der interessante Fremde gerade unwohl befand, und der entsetzliche Lärm, den man vor seinem Hause machen wollte, seine Nerven aufreizen, sein Blut erhitzen und vielleicht seinen Tod hätte zur Folge haben können. Und seit nun Jeder seine Bemerkungen zu dieser Geschichte gemacht hatte, begegnete Vadevant nur noch finstern Gesichtern; seine Bekannten wandten den Kopf ab, um ihn nicht grüßen zu müssen; man schien ihn zu fliehen wie einen Aussätzigen; da halfen keine Entschuldigungen, kein Betheuern: »Ich trug ja nur einen Bettwärmer, und zudem sind wir gar nicht aus der Thüre der Madame Blanmignon gekommen;« man erwiderte ihm: »Sie hatten in Ihren Bettwärmer eine Last von fünfzig Pfund gethan ... Sie sind hinausgegangen ... die ganze Stadt hat Sie gehört. Ach! was hatte Ihnen dieser Mann zu Leide gethan ... der Freund des Herrn Unterpräfekten? O! es ist unverzeihlich.« Vadevant war in Verzweiflung; ging acht Tage lang nicht aus und wagte nicht einmal, zum Fenster hinauszusehen. Er trank Thee, um glauben zu machen, er sei krank und um wieder Interesse für sich zu erregen. Desboulleaux wurde im Ernste unwohl und war genöthigt, vierzehn Tage lang dünne Reisbrühe zu trinken. Madame Blanmignon stellte ihre Gesellschaften ein, und vergaß drei Tage lang ihre Haare, Augenbrauen und Wangen zu färben. Die andern Betheiligten vermieden es, sich in Gesellschaft zu zeigen. Herr Boullardin endlich, welcher zuerst Herrn Guerreville den Spitznamen Bär gegeben hatte, bestellte ein neues Kleid, welches ihm der Schneider bereits angemessen hatte, wieder ab. Was übrigens die Angst der in diese Affaire verwickelten Personen auf's Höchste gesteigert hatte, war die Gewißheit, daß der Herr Unterpräfekt um den Vorfall wußte, und den Doktor Jenneval zu sich hatte rufen lassen, ohne Zweifel um die näheren Umstände von ihm zu erfahren. Bald aber setzte eine andere Neuigkeit die Geister in Aufregung; der Herr Unterpräfekt wollte einen großen Ball geben. Gewöhnlich hatten die Personen der Gesellschaft von Madame Blanmignon die Ehre, Einladungen von der Unterpräfektur zu erhalten; aber diesmal sagte man sich: Es ist sehr wahrscheinlich, daß alle Diejenigen, welche sich erlaubt hatten, den ehrenwerthen Freund des Herrn Unterpräfekten zu verspotten, zu seinem Balle nicht werden eingeladen werden. Und wirklich, die Einladungen an die Honoratioren kamen, und die Katzenmusikanten erhielten keine. »Wir gehen auf den Ball des Herrn Unterpräfekten,« bemerkte man mit Nachdruck in Gegenwart der Herren Vadevant und Desboulleaux; »er wird prachtvoll werden, wie man sagt, und eine ausgesuchte, geläuterte Gesellschaft ... nicht eine einzige Person, an der ein Flecken haftet.« Die in Ungnade gefallenen Unglücklichen entfernten sich mit gesenktem Haupte und langer Nase; einige weinten, als sie nach Hause kamen. Aber einige Tage nachher erschienen alle Diejenigen, welche sich aus Furcht, man möchte sich über sie lustig machen, nicht zu zeigen gewagt hatten, wieder mit strahlendem Antlitze, die Stirn erhaben und ein Lächeln auf den Lippen, wie sonst. Nun konnten sie sich sehen lassen; sie hatten auch ihre Karten zum Präfekturballe erhalten; sie liefen herum, um es überall zu erzählen, sprachen von nichts Anderem, indem sie immer mit boshafter Miene wiederholten: Es wird eine trefflich zusammengesetzte, sehr ausgesuchte, sehr geläuterte Gesellschaft sein. Die Andern waren erstaunt, verstummt; sie sagten unter sich: Das ist doch sonderbar! ... Wie, der Herr Unterpräfekt erweist ihnen die Ehre, sie einzuladen! ... Aber man wird sehen, vielleicht hat er ihnen auf seinem Ball eine tüchtige Lektion vorbehalten. Unterdessen machte man große Vorbereitungen für die Toilette; die zuletzt Eingeladenen wollten hauptsächlich prächtig erscheinen, um den Ball des Herrn Unterpräfekten zu verherrlichen. Herr Boullardin hatte seinen neuen Anzug wieder bestellt, und wollte noch überdies ein Paar sammetne Beinkleider haben, ungeachtet der Vorstellungen seiner Frau, welche fand, daß das seine körperlichen Vorzüge zu wenig hervortreten lasse. Was noch mehr die Neugierde erregte, war der Gedanke, Herr Guerreville würde, trotz seines Hangs zur Einsamkeit, vielleicht auf den Ball seines Freundes, des Unterpräfekten, kommen. Nie wurde ein Tag mit größerer Ungeduld erwartet, nie hatte ein Fest zum Voraus so viel Aufregung verursacht, zu so vielen Vermuthungen Anlaß gegeben. Endlich kam diese große Soirée heran. Man begab sich mit stolzer Haltung auf die Unterpräfektur; einige der Eingeladenen nicht ohne einige Herzbeklemmung, und man kann leicht errathen, daß das die Katzenmusikanten waren; indeß faßten sie sich so ziemlich und zwangen sich immer zu einem Lächeln auf den Lippen. Der Herr Unterpräfekt machte die Honneurs auf seinem Balle mit vieler Anmuth; er war freundlich gegen Jedermann; die ängstlichen Gemüther beruhigten sich, besonders da der gefürchtete, geheimnißvolle Fremde, Herr Guerreville, nicht erschien. Der Tanz nimmt seinen Anfang; Vadevant kommt nicht vom Platze; er engagirt die häßlichsten Damen und springt wie ein Gliedermann mit ihnen herum; und das Alles, um sich bei dem Unterpräfekten in Gunst zu sehen. Herr Boullardin glaubt, daß es in seinem Interesse liege, keine Platte mit Gefrorenem oder mit Kuchen unberührt vorübergehen zu lassen; selbst der ängstliche Desboulleaux raffte sich zu einer ungeheuren Anstrengung auf, er wollte sich in einer Galoppade versuchen, trat aber dabei dergestalt auf die Füße seiner Tänzerin, daß sie schon, ehe sie einmal im Saale herumgekommen war, genug hatte. Der Doktor Jenneval ist ebenfalls auf dem Balle; er tanzt nicht, aber er geht umher, er beobachtet und lächelt oft, hauptsächlich wenn er Herrn Vadevant tanzen sieht. Alles ging vortrefflich; der Ball war sehr belebt und versprach es auch zu bleiben; aber man setzte jetzt das Tanzen aus, um die Damen zu einer großen Tafel zu führen, auf welcher das Abendessen angerichtet war, mit einem Ueberfluß von Aufsätzen und Wachskerzen. Die Damen saßen alle; die Herren standen hinter ihnen und bewunderten den Anblick, indem sie auf das Aufstehen der Damen warteten, das ihnen erlauben würde, noch etwas Besseres zu thun, als das Souper bloß zu bewundern. Der Herr Unterpräfekt machte die Honneurs an seiner Tafel und empfing von allen Seiten nur Complimente über die Eleganz seines Festes. Aber ein kleiner, sehr häßlicher und widerwärtiger Herr, welcher darauf gerechnet hatte, die Gesellschaft der Madame Blanmignon gefoppt zu sehen, schlich sich hinter den Stuhl des Festgebers, und einen Augenblick des Stillschweigens benutzend, das nur durch das Geräusch der Messer und Gabeln unterbrochen wurde, begann er mit lauter Stimme: »Herr Unterpräfekt ... Ihre Soirée ist vortrefflich, aber ich hatte gehofft, hier mit Herrn Guerreville zusammenzutreffen ... denn man hat mir gesagt, daß dieser Herr die Ehre habe, einer Ihrer Freunde zu sein.« Diese Worte brachten die ganze Gesellschaft in lebhafte Aufregung; die Einen erhoben den Kopf, sahen sich um und erwarteten mit Spannung die Antwort des Herrn Unterpräfekten; die Andern schlugen die Augen nieder, wurden roth und wußten gar nicht mehr, wie sie sich verhalten sollten. Vadevant steckte sein Kinn in seine Cravatte und hatte sein ganzes Gesicht darin verbergen mögen; Boullardin verschüttete seine Dose auf die Schultern seiner Frau, hinter welcher er beständig stand; Madame Blanmignon führte einen Löffel voll Himbeergelée statt zum Munde an die Nase, und Desboulleaux endlich ließ einer Dame einen ansehnlichen Theil der Compote, um die sie ihn gebeten, auf das Kleid fallen. »Ah! Sie wissen also, daß Herr Guerreville ein Freund von mir ist?« erwiderte endlich der Herr Unterpräfekt, indem er einen spöttischen Blick auf seine Gäste warf. Der kleine abscheuliche Herr glaubte nun auch eine Dummheit gesagt zu haben, und murmelte zwischen den Zähnen: »Ich weiß ... das heißt, Herr Unterpräfekt ... man hat mir gesagt ... man glaubte zu wissen ... übrigens erlaube ich mir nicht, etwas mit Bestimmtheit darüber zu behaupten.« »Nun gut! mein Herr, man hat sich nicht getäuscht; ja, ich kenne Herrn Guerreville seit sehr langer Zeit. Ich wußte von seinem Aufenthalt in unserer Stadt nichts und war entzückt, ihn hier wieder zu finden; es würde mir, ich gestehe es Ihnen, sehr lieb gewesen sein, ihn in dieser Gesellschaft zu sehen, aber Herr Guerreville widerstand meinen dringenden Bitten ... und nach dem Wenigen, was er mir gesagt, fühlte ich wohl, daß ich nicht weiter in ihn dringen konnte. Zudem habe ich vernommen, daß man sich auf seine Kosten einige schlechte Witze in unserer Stadt erlaubt hat.« Hier stützte sich Boullardin mit beiden Händen auf die Schultern seiner Frau, da er nicht mehr die Kraft hatte, sich aufrecht zu erhalten, und Vadevant hatte seinen ganzen Mund unter seine Cravatte gebracht. Der Unterpräfekt fuhr fort: »Ich sehe nicht ein, warum ein Mann den Spöttereien der Gesellschaft ausgesetzt sein soll, weil er in der Einsamkeit zu leben wünscht ... Wir haben Männer von großem Verdienst gehabt, welche die Welt nicht liebten.« »Jean Jacques Rousseau konnte sie nicht leiden,« murmelte Vadevant, ein wenig aus seiner Cravatte hervorkommend. »Und nicht immer ist man ein böser Mensch,« fuhr der Herr Unterpräfekt fort, »weil man die Gesellschaft flieht; aber es gibt Leute, die wegen eines Witzes Uebles von ihrem Vater sagen würden.« Boullardin kneipte seiner Frau in die Ohren, er wußte nicht mehr, was er that. »Man hat mir sogar gesagt ... es sei eine Katzenmusik im Vorschlag gewesen, um meinen Freund Guerreville zu nöthigen, unsere Stadt zu verlassen.« Hier richteten sich Aller Augen auf diejenigen Personen, welche sich bei Madame Blanmignon befunden hatten. Von Herrn Vadevant war nur noch die Nase sichtbar; es trat eine allgemeine Stille ein, Gabeln, Löffel und Munde ruhten. Der Unterpräfekt fuhr mit einem fast strengen Tone fort: »Aber ich habe solche Geschwätze nicht glauben wollen. Wie konnte ich in der That auch annehmen, daß anständige, gut erzogene Leute, die Absicht gehabt haben sollten, eine Handlung zu begehen ... die immer tadelnswerth ist, und einen Mann, der ihnen nichts gethan, der ihnen unbekannt ist, derselben Preis zu geben ... einen Mann, der vielleicht durch seine Stellung in der Welt Ansprüche auf ihre Rücksicht ... auf ihre Achtung, auf ihre Ehrerbietung hat?« Der Unterpräfekt sprach diese Worte mit besonderem Nachdruck. Der Doktor Jenneval biß sich in die Lippen, um nicht in ein lautes Lachen auszubrechen, und an der Tafel sagte man sich mit halblauter Stimme: der Unbekannte ist ein bedeutender Mann – ein ehemaliger Minister; – ein bevollmächtigter Agent; – ein großer Kapitalist; – ein General; – ein Gesandter; – ein Graf, ein Herzog, ein Prinz. »Ich wiederhole es, ich habe von all dem nichts geglaubt,« fuhr der Unterpräfekt fort, indem er wieder seine freundliche Miene annahm; »aus einem einfachen Scherze hat man ein Ungethüm gemacht; aber ich verabscheue die Verleumdung: Eintracht und Vergessenheit ist mein Wahlspruch; und da ich hauptsächlich Eintracht und Frieden in unserer kleinen Stadt zu sehen wünsche, hoffe ich, daß von dieser Angelegenheit nicht mehr die Rede wird.« Diese Worte riefen die Heiterkeit wieder auf alle Gesichter zurück. Vadevant zog sein Kinn ganz aus der Cravatte; Boullardin ließ die Ohren seiner Frau los und versprach ihr ein Paar schöne Ohrgehänge zu kaufen, um sie für den ausgestandenen Ohrenschmerz zu entschädigen, und Desboulleaux nahm sich vor, einen zweiten Galopp zu riskiren, wenn er eine Tänzerin fände, die sich getraute, mit ihm zu galoppiren. Die Damen standen von der Tafel auf; die Herren ersetzten sie und ließen dem Souper die größte Ehre widerfahren, indem sie so viel Witz sprudeln ließen, als ihnen nur immer zu Gebote stand. Sie rühmten den Champagner des Unterpräfekten, und Herr Boullardin. der sich wieder ganz in Gunst setzen wollte, erhob sein Glas und schrie: »Auf die Gesundheit des Herrn Unterpräfekten und seiner erhabenen Familie!« Dieser Toast wurde mit all dem Enthusiasmus, den der Champagner hervorbringen kann, wiederholt. Alsdann kehrten die Herren in den Ballsaal zurück; die Tänze, Walzer, Galoppaden fingen wieder an; Alles war von einer zügellosen Heiterkeit, da man keine Störung derselben mehr zu fürchten brauchte, seit der Unterpräfekt die Worte ausgesprochen: Eintracht und Vergessenheit. Herrliche Worte in der That, die alle Menschen wohl überlegen und praktisch anwenden sollten; aber es ist damit wie mit so vielen Dingen, die man thun sollte und nicht thut! Diese glänzende und herrliche Nacht nahm zuletzt auch ein Ende, weil Alles einmal enden muß. Das ist freilich schlimm, wenn man sich amüsirt. Wenn man sich jedoch fortwährend amüsirte, würde man sich am Ende vielleicht ennuyiren. Das Schlimme ist dem Guten zur Seite, die Traurigkeit nahe bei der Luftigkeit, die Langeweile begleitet das Vergnügen; All das ist, um Schatten in das Gemälde zu bringen. Ein Leben, in welchem man nichts zu wünschen hätte, müßte sehr einförmig sein. Jedermann war wieder in seine Wohnung zurückgekehrt; die jungen Mädchen berechneten die Zahl der Contretänze, die sie getanzt hatten: denn am Tage nach einem Balle ist es eine große Befriedigung, zu seinen Freundinnen sagen zu können: Ich habe mehr getanzt als Du. Die Damen erinnerten sich der Wirkung, die sie durch ihre Toilette hervorgebracht hatten, dann gewisser Blicke oder halber Worte, die sie für unnöthig hielten, ihren Männern mitzutheilen; diese ihrerseits erinnerten sich vielleicht mit Vergnügen der Wirkung ihrer Galanterie bei manchen Damen. Kurz, man amüsirte sich in Erinnerung an sein Steckenpferd, an seine Lieblingsneigung. Nun aber war Vadevants Lieblingsneigung die Neugier, und als er zu Hause angekommen war und sich in sein Bett verkroch, um die nach einer Ballnacht nöthige Ruhe zu suchen, konnte er nicht aufhören, an das zu denken, was der Herr Unterpräfekt in Betreff Herrn Guerreville's gesagt hatte. Er wiederholte sich die Worte: Er ist ein Mann, der durch seine Stellung in der Welt Ansprüche auf unsere Rücksicht, auf unsere Achtung, auf unsere Ehrerbietung hat. Und Vadevant zerbrach sich den Kopf, um zu errathen. welchen Rang dieser mysteriöse Fremde haben könnte. Der Doktor Jenneval schien es zu wissen; aber der Doktor war sehr diskret, und hatte sich schon bei mehreren Gelegenheiten über Vadevants Neugierde lustig gemacht, er hatte also keine Hoffnung, durch ihn etwas zu erfahren. Vadevant schlief fast gar nicht, und am folgenden Tage schickte er Herrn Guerreville seine Karte, indem er sich sagte: das kann auf keinen Fall schaden. Nach Verfluß von einigen Tagen abermals eine Karte; aber das brachte ihn um kein Haar weiter. Guerreville schickte ihm nicht einmal die seinige. Vadevant war nicht der Mann, sich abschrecken zu lassen; er wollte um jeden Preis die Bekanntschaft des Freundes des Unterpräfekten machen. Er ging mehrere Tage nach einander vor dem Hause, das Herr Guerreville bewohnte, spazieren; er hoffte, dieser würde herauskommen und er dann Gelegenheit finden, ein Gespräch mit ihm anzuknüpfen. Auch diese Hoffnung wurde zu Schanden. Herr Guerreville kam nicht heraus und Vadevant hatte umsonst geschildert. Endlich entschloß er sich zu einem heroischen Mittel. Eines Morgens, nach dem Frühstücke, kleidete er sich mit vieler Sorgfalt an und machte sich auf den Weg, um selbst einen Besuch bei diesem geheimnißvollen Herrn abzustatten, bei welchem zugelassen zu werden, er vor Sehnsucht brannte. Unterwegs sagte Vadevant zu sich selbst: »Allem nach ist der Mann zu wohl erzogen, um mich nicht anzunehmen; ich will mich ihm vorstellen ... unter dem Vorwande ... Teufel! unter welchem Vorwande? ... O! ich hätte sagen gehört, er suche ein Haus zu kaufen ... und ich wüßte viele, die zu verkaufen sind ... ich habe zwar von alle dem nichts sprechen hören, aber stehe ich diesem Herrn nur einmal gegenüber, so knüpft sich schon ein Gespräch an ... Ich schmeichle mir, eben so liebenswürdig zu sein, wie Doktor Jenneval. – Dieser Unbekannte wird von meiner Höflichkeit, von meinen Manieren entzückt sein und mich auffordern, ihn wieder zu besuchen ... das macht sich Alles von selbst; klopfen wir an.« Vadevant klopfte an, denn er war indessen vor der Thüre des Herrn Guerreville angekommen; ein großes, roth- und dickbäckiges Mädchen öffnete ihm. »Ei! von dieser Magd wußte ich bis jetzt nichts,« sagte Vadevant zu sich; »aber sie ist mir doch lieber als sein großer Klotz von einem Bedienten.« Und das dicke Mädchen mit einer liebenswürdigen Miene anlächelnd, trat Vadevant einen Schritt näher, indem er zu ihr sagte: »Könnte ich die Ehre haben, Ihren Herrn zu sprechen? ... es ist wegen eines Gegenstandes, der von Interesse für ihn ist ... und wenn ich in diesem Augenblicke nicht störe ;...« »O! ja, mein Herr, nichts ist leichter,« erwiderte die Dienerin, »mein Herr ist oben und frühstückt ... Aber Sie können deßhalb doch hinaufgehen ;...« »Er frühstückt?« sprach Vadevant, »dann fürchte ich meine Zeit schlecht gewählt zu haben ... und ich bin nicht so kühn, mir zu erlauben ;...« »Kommen Sie doch. – Kommen Sie doch ... mein Herr genirt sich nicht, vor den Leuten zu essen; steigen Sie nur in den ersten Stock, dort werden Sie ihn finden.« Vadevant läßt sich diese Worte nicht wiederholen; er steigt, entzückt über die Leichtigkeit, mit welcher Herr Guerreville sich sprechen läßt, die Treppe hinauf und bedauert nur, nicht früher gekommen zu sein. Im ersten Stocke angekommen, befand er sich in einem Vorsaal und wußte nicht, durch welche Thüre er eintreten sollte; er horchte einen Augenblick. Ein Geräusch von Flaschen bezeichnet ihm den Weg; er ordnet seinen Anzug, macht Halsbinde und Kragen zurecht, nimmt den Hut ab, öffnet eine Thüre, und indem er sich fast bis zur Erde niederbückt, sagt er mit verzagter Stimme: »Ich bitte tausendmal um Entschuldigung, mein Herr, wenn ich störe.« »Nun gut, zu wem will Er denn mit seinen tausend Entschuldigungen, Er?« entgegnete mit rauher Stimme ein dicker, von Kohlen geschwätzter Mann, der, die dritte Flasche leerend, vor einem gedeckten Tische saß. Vadevant erhebt seine Augen, er betrachtet die Person, die er vor sich hat, und wird roth vor Zorn, als er bemerkt, daß er sich vor einem Manne, mit dem er auf der Straße nicht gesprochen hätte, bis zur Erde gebückt hatte, vor einem dicken Lümmel, der wegen seines Hangs zum Trunke in der Stadt bekannt war, und der sich durch Kohlentragen das Geld verdient hatte, das er vertrank. »Ich will zu Herrn Guerreville!« rief der kleine Mann, indem er sich übermüthig aufrichtete und seinen Hut aufsetzte; »mit Ihm habe ich wahrhaftig nichts zu schaffen.« »Nun gut! ... warum kommen Sie denn zu mir? ... das macht aber nichts, wollen Sie einen Schluck trinken?« – Herr Guerreville wohnt demnach nicht mehr hier? – »Wer ist denn dieser Herr eigentlich? ;...« Vadevant ging verdrießlich aus dem Zimmer, stieg die Treppe hinab und sagte zu dem Dienstmädchen: »Warum ließen Sie mich denn hinaufgehen? ... Ich wollte zu Herrn Guerreville ... ich brauche keine Kohlen, ich!« – Das haben Sie mir nicht gesagt ... Sie haben nur nach meinem Herrn gefragt. – »Ihr Herr! ... Aber wissen Sie nicht, wo derjenige hingezogen ist, der das Haus vor Euch bewohnte?« – Ah! der Herr, der hier war ... mit seinem Bedienten? – »Ja, derselbe!« – Sie sind nach Paris gereist ... so viel ich wenigstens vernommen habe.« »Nach Paris gereist!« schrie Vadevant, sich entfernend; »ich bin also zu spät gekommen! ... Gleichviel ... ich gehe auch nach Paris ... ich mache eine Erholungsreise dorthin und werde mich bemühen, den Herrn Guerreville aufzufinden. Viertes Kapitel Aushängetafeln Einige Tage nach der Unterhaltung, welche er mit dem Doktor Jenneval gehabt, hatte Herr Guerreville seinem Diener Georg befohlen, ihre Reiseeffekten zusammenzupacken, und den folgenden Morgen fuhren sie in einer Postchaise nach Paris. Unterwegs ließ Georg, der bei seinem Herrn im Wagen saß, hie und da einen Ausruf der Freude vernehmen, aber er unterdrückte denselben auch alsbald wieder, aus Furcht, seinem Herrn zu mißfallen. Georg war noch nie in Paris gewesen. In der Bretagne geboren und dort zum Soldaten ausgehoben, hatte sein Regiment, während der ganzen Zeit, daß er die Flinte trug, nicht ein einziges Mal in der Hauptstadt in Garnison gelegen; hernach war er gerade zu dem Zeitpunkte in die Dienste des Herrn von Guerreville getreten, als dieser, nachdem er lange auf Reisen gewesen, sich in Château Thierry niedergelassen hatte, wo sie drei Jahre verweilten. So oft Halt gemacht wurde, um die Pferde zu wechseln, sah Georg überall herum und bemühte sich, etwas zu entdecken, das die Nähe der großen Stadt andeutete. Aber Paris läßt sich nicht wie das Meer schon von der Ferne vernehmen, und oft ist noch eine halbe Meile von der Stadt Alles still, einsam und armselig. Zum Glück für Georg ist die Entfernung von Château-Thierry nach Paris nicht groß. Der Exsoldat sah sich bald in der Mitte einer neuen Welt: die Läden, die Equipagen, die Vorübergehenden, Alles setzte ihn in Erstaunen, betäubte ihn; er hielt sich für betrunken, als er mit seinem Herrn in ein schönes Hôtel in der Straße Richelieu eintrat. Herr Guerreville nahm ein Zimmer, welches die Aussicht auf die Straße hatte, und Georg sagte zu sich: »Mein Herr wird sich hier nicht gut befinden, da er die Ruhe und die Einsamkeit so sehr liebt; er wird hier nicht ruhen können.« Und den andern Morgen, als er bei seinem Herrn eintrat, erlaubte er sich zu sagen: »Der Herr hat wohl nicht gut hier geschlafen; man hört zu sehr das Geräusch von der Straße.« »Ich bin an das Geräusch von Paris gewöhnt,« erwiderte Guerreville lächelnd: »O! mein braver Georg, ich bin in dieser Stadt geboren ... ihr Geräusch, ihr Treiben und ihre Vergnügungen haben mich lange angezogen ... das macht Dich staunen, Georg; weil ich jetzt traurig und zurückgezogen bin, hast Du Mühe, zu glauben, daß ich heiter und ausgelassen sein konnte, wie die jungen Leute, die Du hier vor unsern Augen vorübergehen siehst, und deren einzige Beschäftigung zu sein scheint, sich sehen zu lassen und über Alles, was sie sehen, zu lachen. Aber auch ich war jung ... und war nicht besser als die Andern ... vielleicht sogar schlimmer. Indessen suchte ich mich nie für besser auszugeben als ich war ... und es ist eine Tugend, seine Fehler nicht zu verbergen; es gibt sehr viele Leute, welche im Gegentheile sich Tugenden beilegen wollen, die sie nicht besitzen!« Herr Guerreville schien eher ein Selbstgespräch zu führen und laute Reflexionen zu machen, als mit seinem Diener zu sprechen. Demungeachtet hörte ihm Georg achtungsvoll zu und wartete, bis sein Herr ausgesprochen hatte, um ihn zu fragen, ob er frühstücken wolle. Herr Guerreville kleidete sich rasch an, nahm zu Georgs großem Erstaunen nach dem Frühstücke seinen Hut und ging aus. »Es scheint, wir werden hier kein Leben führen wie in Châtteau-Thierry,« sagte Georg, als er seinen Herrn sich entfernen sah, »wir werden nicht mehr leben wie die Wölfe ... das ist mir lieber ... es ist weit angenehmer, in Gesellschaft zu rauchen.« Und wirklich war es auch nicht Herrn Guerreville's Absicht, in Paris ein zurückgezogenes Leben zu führen; er war mit dem Vorsatz nach Paris gekommen, noch einen Versuch zu machen, um eine Person wiederzufinden, von welcher er seit langer Zeit vergeblich Nachricht erwartete; diese Person hatte er schon einmal in Paris und dann in verschiedenen Ländern gesucht; er war drei Jahre lang in der Hoffnung gereist, ihr zu begegnen, und in Verzweiflung darüber, daß es ihm nicht gelungen, hatte er sich nach Château-Thierry zurückgezogen, wo er während dreier Jahre nur seinen Sorgen und seinem Kummer lebte, sich jedoch zuweilen der Hoffnung hingab, eine angenehme Nachricht würde seinem Schmerze ein Ziel setzen; aber nach langem, vergeblichem Harren, konnte er dem Drange, nach Paris zurückzukehren, nicht mehr widerstehen. Denn Alles ließ ihn vermuthen, dort müsse sich die Person befinden, die er suchte. Es gibt ein altes Sprüchwort, welches sagt: Suchet, so werdet ihr finden. Das Sprüchwort ist grundfalsch, denn es gibt tausend Sachen, die ich schon oft gesucht habe, ohne sie je finden zu können; und meine Leser werden mir glauben, daß es weder der Stein der Weisen, noch das Verjüngungswasser war, was ich suchte. Herr Guerreville war auch nicht glücklicher und sagte zu sich selbst: »Wie kann man in Paris Jemand finden, der sich daselbst unter einem unbekannten Namen verbirgt? Wie ist es möglich, sich in dieser unermeßlichen Stadt zurechtzufinden, in der man jeden Augenblick, ohne es zu wissen, an der Wohnung desjenigen vorbeigehen kann, den man in weiter Ferne wähnt?« Diese Betrachtungen machte er, indem er auf gut Glück in der Stadt umherspazierte; dabei stießen seine Blicke jeden Augenblick auf Zettel, welche an den Häusern angeschlagen waren oder heraushingen; es fiel ihm ein, daß er nicht in einem möblirten Hôtel bleiben wollte, und er sich daher eine Wohnung suchen mußte; ferner bedachte er, daß die Aushängezettel herrliche Hülfsmittel sind, um Jemand in einer großen Stadt aufzufinden, und er dankte der Vorsehung, die ihm ein Mittel an die Hand gegeben, an das er nicht gedacht hatte. Zudem ist es auch ein Zeitvertreib, sich die Wohnungen anzusehen, welche zu vermiethen sind, und man hat dabei Gelegenheit, mancherlei Scenen zu betrachten; für einen Denkenden ein herrliches Mittel, sich zu unterrichten. Wenn ihr nichts zu thun habt, zwecklos umherschlendert und euch zerstreuen wollt, ohne den Muth zu haben etwas daran zu setzen, so machet von diesem Mittel Gebrauch; es gibt nichts Unschuldigeres, kostet nichts und ermüdet bloß eure Beine; in Paris gibt es immer Wohnungen zu besehen; man kann nicht dreißig Schritte in den Straßen oder Boulevards machen, ohne Aushängetafeln zu bemerken, und manche darunter sind höchst drollig verfaßt. Ich spreche hier nicht von der Orthographie! ... in Paris hält man sich bei dieser Kleinigkeit nicht auf, das beweisen die Aushängetafeln am besten. Die Buchstabenanstreicher bekümmern sich wenig um die Meinung, welche die Fremden von unserer Unwissenheit bekommen müssen; diese Herren, welche sich Künstler schimpfen lassen, verstehen es, Fraktur- oder gothische Buchstaben durch Schablonen über die Thüre eines Ladens zu klecksen, haben sich aber nie mit der Grammatik abgegeben. Und da sich Viele derselben dem Buchstaben nach bezahlen lassen, so wollen sie deren auch so viel als möglich anbringen und schreiben deßhalb Spezereien mit zwei Z zwei R , und zwei N am Schlusse. Kehren wir jedoch zu dem Kapitel »Zu vermiethen« zurück. Ihr werdet mir vielleicht sagen: »Ich habe keine Lust, auszuziehen« ... aber was thut das? deßhalb kann man doch Wohnungen so viel man will ansehen. Ihr werdet dabei gar Manches wahrnehmen, während es euch nur um das Besehen der Wohnungen zu thun scheint! Ehestandsscenen, Familienscenen, Damen im Négligé, oft noch paradiesischer costümirt; hier einen Herrn, der übler Laune ist, weil er in seiner Arbeit gestört worden; dort eine junge Dame, die es noch mehr ist, weil sie gerade Musikstunde hatte und ihr junger Lehrer ihr etwas Anderes als die Scala vorsang; hier eine Köchin die noch ärger brudelt als ihr Braten, von dem sie weggehen muß und der anbrennen kann; dort eine reiche Dame, welche befürchtet, die Wohnungsuchenden möchten etwas Anderes suchen wollen und Diebe sein (was auch manchmal vorkommt), weßhalb sie ihnen durch alle Zimmer folgt, ohne sie einen Augenblick aus dem Gesichte zu verlieren, dann, sobald sie fort sind, umherläuft, um sich zu überzeugen, daß ihre Uhr, ihr Silberzeug und ihr Sekretär noch am rechten Platze sind; hier verschämte Arme, die nur mit einer sehr mäßigen Schüssel Mittag machen und auf zinnernem Geschirr speisen ... O! was diese betrifft, so ist es Einem gewiß recht leid, sie bei Tische getroffen zu haben, man thut, als ob man ihre Speisen nicht bemerke, welche sie rasch unter ihre Teller zu verstecken suchen; man entfernt sich, ohne sich den Anschein zu geben, daß man ihre Schüssel mit Kartoffeln gesehen habe, welche sie sich zu essen beeilen, während sie sehr laut und mit auffallender Betonung sagen: »Das Hühnchen war gut, das Hühnchen war vortrefflich!« Sehet, welche Dinge euch die Aushängezettel versprechen, und ich habe noch nicht den hundertsten Theil erwähnt. Ohne einzutreten, könnt ihr euch schon an den Anschlägen an der Thüre ergötzen. Da schauet hin und leset: Schöne Wohnung für einen ledigen Herrn mit einem Keller und Spiegeln geschmückt; und dort: Großes Logis mit Stallung und Remise, frisch tapezirt; und anderwärts: Schönes möblirtes Kabinet, im Hintertheil erst kürzlich reparirt. Seit mehreren Tagen ging Herr Guerreville gleich nach dem Frühstück aus und brachte die ganze Zeit bis zum Mittagessen mit dem Besehen von Wohnungen hin. Verweilen wir mit ihm vor einem Hause der Straße Montmartre, über dessen Eingang Aushängetafeln hin- und herschaukeln. Herr Guerreville trat ein und bemerkte an der linken Seite die Loge des Portiers; er klopft an ein viereckiges Fenster, es erfolgt keine Antwort, aber man gibt ihm ein Zeichen, daß er den Knopf an einer Scheibe umdrehen soll; er öffnet sie und steckt seinen Kopf durch, aber ist versucht, ihn sogleich wieder zurückzuziehen; ein starker Geruch von Kohl, Knoblauch und Leder bemächtigt sich zu gleicher Zeit seiner Nase und seiner Kehle. Es befanden sich hier in einem Raume von ungefähr fünf Quadratfuß zwei Kinder, die sich auf dem Boden herumwälzten, eine Frau, die ein drittes an der Brust hatte, während sie zugleich ihren Kochtopf abschäumte, und ein schmutziger, gelber und häßlicher Mann, der den Absatz auf einen Stiefel nähte, indem er trillerte: Gebt mir mein Vaterland zurück, Wo nicht so laßt mich sterben. Herr Guerreville entschloß sich endlich doch, die Ausdünstungen, die aus der Loge kamen, einzuathmen, und indem er zugleich an sich selbst die Frage stellte: wie ist es möglich, Kinder in dieser Atmosphäre aufzuziehen? richtete er an den Portier die gewöhnliche Frage: »Was ist in diesem Hause zu vermiethen?« Der Portier beugte sich hier über ein Brett weg, das ihm als Werktisch diente, und begann nach der Gewohnheit dieser Art Leute damit, denjenigen, der an ihn diese Frage stellte, von oben bis unten zu messen, dann entschloß er sich zu erwidern: »Wir haben mehrere Lockalle , große und mittelmäßige; es kommt darauf an, was der Herr darauf verwenden will ... Frau, gib auf den Kleinen Acht, er wird sonst in den Topf purzeln.« In der That hatte sich die Frau des Portiers so sehr übergebogen, um nach ihrer Kohlsuppe zu sehen, daß ihr Säugling, der sich vom Busen losgemacht hatte, einem sehr großen Stücke Speck, welches sich hartnäckig über dem siedenden Wasser hielt, Gesellschaft zu leisten drohte. »Kann man die Wohnungen nicht sehen?« fragte Herr Guerreville. »O ja, mein Herr, man kann sie jeden Augenblick sehen ... ich werde Sie führen, denn der Hausbesitzer verlangt, daß wir die Leute selbst führen ... dies ist seinerseits eine Schwachheit ... damit wir auf die Vorzüge des Lockalles aufmerksam machen. Frau, gib auf den Kleinen Acht, der Schlecker will sich an den Speck machen.« Der Portier verläßt seinen Stiefel, sucht sich durch seine verkrüppelten Kinder und alten Schlarfen, welche die Loge ausfüllen, einen Weg zu bahnen, und gelangt endlich bis zu Herrn Guerreville, der das Lächeln nicht unterdrücken konnte, da er ihn nun aufgerichtet sah; sitzend schien der Mann von gewöhnlichem Wuchse zu sein, aber stehend war er nicht so groß wie ein Besen; seine ganze Person steckte im Rumpfe, seine Beine und Schenkel bemerkte man kaum, was jedoch den schuhflickenden Portier nicht hinderte, sich im Gehen wie ein Tambour-Major hin- und herzuwiegen. »Sucht der Herr ein Wirthschafts lockall ? ;...« – Vielleicht. – »Ah! gut! ... mit Küche?« – Ohne Zweifel. – »Sehr gut! Frau, gib auf den Kleinen Acht ... Haben Sie Kinder, mein Herr?« – Bei dieser Frage konnte Herr Guerreville eine heftige Bewegung nicht unterdrücken, die dem Portier Schrecken einjagte; er entgegnete diesem trocken: »Was kümmert Sie das, ob ich Kinder habe? Werden Sie mit Ihren Fragen bald zu Ende sein?« »Verzeihen Sie, mein Herr, wenn ich Sie das fragte, aber der Hausbesitzer liebt die Kinder nicht, er hat die Schwachheit, zu behaupten, das ruinire die Häuser.« »Wie kommt es alsdann, daß er Sie als Portier beibehält?« – Ah! das ist wahr, sehr wahr ... die Bemerkung ist richtig ... aber, sehen Sie, meine Kröten dürfen nicht aus der Loge heraus; sie sind hinein konzinknirt ... niemals ... sonst setzt es Belehrungen mit dem Knieriemen ab. Wollen Sie kommen, mein Herr ... Frau nimm den Kleinen in Acht?« Herr Guerreville folgte dem Portier, der sich endlich entschloß, die Treppe hinaufzusteigen. Sie kamen in den ersten Stock. Der Portier blieb stehen und sagte mit höhnisch lächelnder Miene: »Nicht hier ... Sie sehen doch die Platte auf der Thüre. Hier wohnt ein Advokat ... Auf dieser Seite ist das Arbeitszimmer, hier arbeiten die Schreiber ... o! wie die Pferde ... wie meine Frau sagt, welche zuweilen in die Studirstube kommt, um den jungen Leuten Tisane zu bringen. Diese jungen Schreiber verbrauchen sehr viel Tisane, sie haben oft den Schnupfen ; aber der Herr arbeitet eben so stark ... o! fest! Er ist jedoch auch noch ein junger Mann; aber er will Geld verdienen, darauf hat er es abgesehen. Er ist seit Kurzem verheirathet ... und hat vielleicht seine Stelle mit der Mitgift seiner Frau bezahlt; eine kleine Frau, die nicht besonders schön aber um so böser ist. Ich höre sie oft in meiner Loge mit der Köchin handthieren ... Ah! gut, daß ich gerade davon spreche, es ist eben die Zeit, in welcher das Donnerwetter gewöhnlich losbricht ... lächerliche Geschichte! Uebrigens ist ihr Mann, der Advokat, auch nicht heiterer als nöthig; man will sogar behaupten, seine Frau sei ihm mit sammt seinem Posten zum Ekel ... O! o! wie lustig war der, ehe er Advokat wurde! er war der erste Schreiber auf dem Biero , sang den ganzen Tag und machte selbst Wodiewilllieder für die große Opera . Nun singt er freilich nicht mehr, dafür hat er einen schönen Lehnstuhl mit rothem Leder und einen Schlafrock wie ein Türke, wie meine Frau sagt.« Herr Guerreville hörte das Alles mit der größten Geduld an, wie Jemand, der in der Hoffnung, unter vielem Schund eine interessante Neuigkeit zu erfahren, sich mit einem unermüdlichen Schwätzer in ein Gespräch einläßt. Der Portier hatte sich auf das Treppengeländer gleichsam wie auf ein Pferd gesetzt und wollte in seiner Unterhaltung fortfahren, als sich die Thüre des Arbeitszimmers öffnete: ein junger Mann mit einem Stoß Akten unter dem Arm trat heraus, und der Thürhüter sagte sogleich zu ihm: »Herr Benjamin, ich bin schon an Ihrem Absatze, ich darf nur noch fünf oder sechs Nägel einschlagen.« »Sehr gut, Herr Fourré, vergessen Sie nicht, daß Sie mir die Stiefel schon auf morgen früh versprochen haben.« »Ja, Herr Benjamin, ich habe es versprochen und Schustersparole geht über Alles.« Herr Fourré, da wir nun doch einmal wissen, daß das der Name des Portiers ist, wandte sich zu Herrn Guerreville, indem er sagte: »Das ist eines von den Bieropferden . O Gott! wie das trampelt! ... so nützt er seine Schuhsohlen ab! ... Auch bin ich immer hinter seinen Absätzen her! ... Aber er hat die Schwachheit, zu verlangen, daß ich ihm Hufeisen auf sie setzen soll, als ob er ein wirkliches Pferd wäre! ... Pfui! das ist eine schlechte Manier ... das hält viel zu lange... Wollen Sie mir folgen, mein Herr? Mein Gott, ich fürchte, meine Frau gibt auf den Kleinen nicht Acht!« Und Herr Fourré bog die Hälfte seines Körpers über das Treppengeländer und schrie so laut er konnte: »Athenais, nimm den Kleinen wohl in Acht!« Man war im zweiten Stock angekommen; hier blieb der Portier vor einer Thüre stehen, und schickte sich an zu klingeln, als er sich, wie wenn ihm plötzlich etwas eingefallen wäre, zu Herrn Guerreville mit den Worten wandte: »Apropos! Haben Sie Hunde?« »Nein.« »Das ist gut! Denn das ist wiederum eine Schwachheit des Hauseigenthümers; er behauptet nämlich, die Hunde verunreinigen die Treppen ... er hat unendlich viele Schwachheiten dieser Mann ... er hat sich durch seinen Handel mit Brennholz ein großes Vermögen erworben, ist aber jetzt häkeliger als ein Graf vom reinsten Wasser! ... Sie werden mir zwar sagen, wir sind Alle sterblich! Ich will indessen klingeln.« »Einen Augenblick,« sagte Herr Guerreville, »was ist das für eine Wohnung, die Sie mir zeigen wollen?« »Es ist die schöne, die große, sechs Zimmer und eine Küche ... in der Runde herum ... zwei Eingänge ... preußische Oefen. Preis zwölfhundert Franken und ein Sou Trinkgeld vom Franken; ferner muß die Beleuchtung der Treppe besonders bezahlt werden.« »Ist diese Abtheilung bewohnt? ;...« »Ja, von anständigen Leuten: Einem Manne, dessen Frau, ihrer Köchin und einem kleinen Kammermädchen, um die Kleider der Frau zu heften, die stets aussieht, als ob sie ersticken wolle. Der Mann spielt an der Börse, wie man mir sagte, aber da er ungefähr fünfundzwanzig Jahre mehr auf dem Rücken hat als seine Ehehälfte, die jung und schön ist, so verursacht ihm das ein wenig Ohrensausen. Dieser Mann ist jalousie ! ... Er kommt manchmal unversehens zurück, wenn man glaubt, er sei beim schönsten Spiel auf der Börse. Wenn er mich sodann frägt, ob Jemand gekommen sei, hat er sogar etwas Wildes im Blicke, und ich, Sie können sich's wohl einbilden, sage immer nein, wenn ich gleich ja sagen sollte ... Die kleine Frau ist so großmüthig! ... sie überhäuft meine Familie mit Geschenken ... Frugalitäten ... und endlich, Sie begreifen ... wir sind Alle sterblich. Auch ist sie mit aller Gewalt gegen das Ausziehen, die Frau nämlich! ... aber der Mann besteht darauf, weil er gegenüber einen neuen Nachbar bemerkt hat, einen jungen, hübschen, brühnetten Mann, mit einem Schnauzbarte, der ihm ganz um den Hals herumgeht; dieser junge Mann ist stets am Fenster, wenn Madame sich daran zeigt! ... was wollen Sie! ... lächerliche Geschichte.« Der Portier klingelt; ein junges Kammermädchen öffnet; Herr Fourré nimmt seine Fischottermütze ab und grüßt mit freundlicher Miene: »Guten Tag, Mamsell Laide; entschuldigen Sie, Mamsell Laide, wir kommen wegen der Wohnung ... kann man sie sehen?« »Ja, Herr Fourré, Sie können eintreten.« – Ich küsse Ihnen die Füße, Mamsell Laide ... wissen Sie ... das kleine Fleckchen an Ihrem wunderhübschen prunellnen maikäferflügeldeckenfarbenen Schühchen ... mein Gott! was für ein Füßchen, um so etwas anziehen zu können! ... Da kann man sagen, das ist ein Fuß und damit ist Alles gesagt!« Mamsell Laide antwortete auf diese Schmeichelei mit einem lauten Gelächter, und Herr Guerreville trat in die Wohnung. Man durchschritt ein Vorzimmer, einen Speisesaal, dann einen geschmackvoll dekorirten Salon, ohne Jemand zu bemerken. Das schien den Portier zu geniren, der zu dem jungen Kammermädchen sagte: »Ist Ihre Herrschaft abwesend? ich habe sie doch nicht ausgehen sehen.« – Herr und Madame sind im Schlafzimmer. – »Ah so! ... und werden wir sie nicht belästigen, wenn wir dort eintreten? ;...« »Durchaus nicht! Ich sagte Ihnen ja, es ist der Herr und die Frau.« – Richtig! ... Mamsell Laidchen ist doch immer schelmisch.« Herr Guerreville erklärte sogleich, daß er das Schlafzimmer nicht sehen wolle; aber der Portier hatte schon eine Thüre links geöffnet, und als er den Mann und die Frau, die er darin wußte, erblickt hatte, zog er sich zurück, klopfte an die Thüre und rief: »Darf man eintreten? ... entschuldigen Sie ... es ist wegen der Wohnung.« Ein Herr von mittleren Jahren saß einige Schritte von einer jungen, hübschen Frau entfernt, welche nur den Fehler hatte, daß sie etwas zu umfangreich war, deren regelmäßige Züge jedoch an die schönen Gesichter erinnerten, welche Dubuffe, vielleicht ein wenig zu oft, in seinen Gemälden anbringt, und denen man noch lieber begegnet, wenn sie lebendig sind. Die Frau erwiderte auf anmuthige Weise den tiefen Gruß des Herrn Guerreville, der sich wegen der Störung entschuldigte. Der Mann aber konnte eine Bewegung der Ungeduld nicht unterdrücken, und seiner verdrießlichen Miene sah man es an, daß er alle Wohnungsuchenden zum Teufel wünschte. Fourré betrachtete sie Beide, dann richtete er einen lächelnden Blick auf Laiden. »Hier sind große Schränke,« sagte der Portier, um Guerreville, der schon grüßte und sich entfernen wollte, zurückzuhalten. »Es ist gut, ich brauche sie nicht zu sehen.« »Aber Sie haben noch lange nicht Alles gesehen, mein Herr ... hier ist ein Ankleidezimmer. Darf man eintreten, Mamsell Laide? ;...« »Ich wiederhole Ihnen, daß es unnöthig ist,« erwiderte Herr Guerreville, indem er das Zimmer verließ; Herr Fourré war genöthigt, ihm zu folgen, was er sehr ungern that, indem er vor sich hinbrummte: »Hm! armer, lieber Mann! ... Du verstehst auch nichts vom Logismiethen, geh! ;...« »Die Küche ist gegenüber,« rief der Portier, als er sich mit Herrn Guerreville wieder in dem Vorsaale befand. – »Es ist gut, ich weiß, was eine Küche ist, und brauche diese nicht zu sehen. – »Teufel! Sie sind auch gar nicht neugierig ... wenn ich eine Wohnung zu suchen hätte, würde ich sogar bis unter die Betten sehen ... nun! gefällt Ihnen dieses Lockalle ?« – Ich werde sehen, ich will es überlegen ;... – »Die Dame ist artig, nicht wahr? und großmüthig; wenn ihr Mann nicht hier gewesen wäre, hätte sie mir sicher etwas gegeben. Unter uns, dieser Mann hier ist ein Despotismus ... Wollen der Herr vielleicht jetzt die kleine Wohnung sehen?« – Sehr gern. – »Adieu Mamsell Laide ... ah! sie ist nicht mehr da! Gleichviel ... das kleine Kammermädchen ist eine schlaue Katze.« Man gelangte in den dritten Stock; Fourré zeigte auf eine Thüre, indem er sagte: »Hier ist es nicht; in diesem Stocke sind die Lockalle abgetheilt. Hier wohnt ein Angestellter bei der Stadt, mit seiner Frau, Leute im besten Alter; er geht jeden Morgen um neun Uhr aus und kommt um halb fünf Uhr wieder nach Hause: das ist recta ; seit vier Jahren, die er im Hause wohnt, habe ich nicht bemerkt, daß es bei seinem Ein- und Ausgehen um fünf Minuten variationirt hat: das ist ein Mann nach der Schnur! ... Abends geht er bis um neun Uhr ins Kaffeehaus, und nur Sonntags erlaubt er sich bis um zehn Uhr auszubleiben. Die Frau, ist ganz das Abbild ihres Mannes ... man möchte sagen seine Zwillingsschwester ... jeden Tag um elf Uhr geht sie aus, um ihre Einkäufe zu machen und kommt um Mittag zurück; dann würde sie nicht einmal aufstehen, um den Fastnachtsochsen vorbei promeniren zu sehen. O! das sind wirklich sehr achtungswerthe Leute.« »Und gegenüber?« fragte Guerreville, der nicht müde zu werden schien, ihn anzuhören. »Gegenüber ist gerade die Wohnung, die ich Ihnen zeigen will; das ist ein anderer Apropos! Da muß man beständig die Thürschnur ziehen ... Stellen Sie sich eine dicke Wittwe vor, die zwei Töchter hat und Abendgesellschaften gibt, in welchen ihre Töchter Musik machen müssen ... ein Höllenlärm! ... die tappen auf dem Clavier herum, daß ich in meiner Loge darnach tanzen könnte. Alles hat Zutritt, und jeden Abend muß ich für diese Leute das Thor aufsperren; wenn sie wenigstens auch freigebig wären, so würde ich sagen: Wir sind alle sterblich! ... ich weiß aber nicht, was ihr Geld für eine Farbe hat, und manchmal ist noch um Mitternacht eine Abend gesellschaft bei ihnen, man tanzt, man singt, man treibt's wie im Tollhaus; diese Leute sind der Tod des Portiers. Man sagt, die Mutter empfange deßhalb so viele Leute, weil sie hoffe, auf diese Art ihre Töchter an Mann zu bringen, aber wer wird sich an denen vergreifen? Ich bin gewiß, daß die so arm ist wie Hiob; das hat nicht einmal eine Hausmagd: die Töchter besorgen Alles, die Küche, die Zimmer, die Schuhe ... und dann spreizt sich das ... stellt sich vor das Piano und schlägt darauf, um sich einen Anstrich von Virtulosität zu geben, wie meine Frau sagt. O! die machen mich schwitzen; mich ... ich will klingeln ... Ei, apropos, haben Sie Katzen?« »Nein.« »Wieder gut! Denn der Hauseigenthümer hat auch die Schwachheit die Katzen zu verabscheuen, weil, wie er behauptet, diese Thiere nicht zu den wohlriechenden gehören.« Herr Fourré hing sich an die Klingel und zog daran, als ob er sie abreißen wollte; eine junge Dame von etwa zwanzig Jahren öffnete; sie hatte die Haare in der Mitte des Kopfes mit einem Kamme, an dem nur noch drei Zähne waren, zurückgesteckt und hielt in der einen Hand ein Brenneisen für die Locken, in der andern ein Stück Butterbrod; sie war noch in der Bettjacke, obgleich es schon stark auf vier Uhr ging. »Wir kommen, um die Wohnung zu sehen,« sagte der Portier, mit ungezogener Miene, ohne auch nur die Hand an die Mütze zu legen. »Gut, sehen Sie sie,« antwortete die Demoiselle, drehte sich um, ließ die, welche geklingelt hatten, stehen, und ging essend davon. »Das hat keine Spur Lebensart,« sagte Herr Fourré; »zum Glück kenne ich die kleinsten Schlupfwinkel im Hause. Kommen Sie, mein Herr, und gehen Sie nach Gefallen weiter. O! machen Sie Lärm, so viel Sie wollen, hier braucht man sich nicht zu geniren.« Herr Guerreville folgte dem Portier, indem er die Unverschämtheit beobachtete, mit der dieser Mann die Miethsleute behandelte, von denen er kein Trinkgeld erhielt; als er aber sah, in welchem Zustande sich die Wohnung der Wittwe und ihrer Töchter befand, so war er zu glauben versucht, daß an der Beschreibung des Herrn Fourré etwas Wahres sei. Der Speisesaal war noch nicht gekehrt; in der Mitte des Zimmers befanden sich Schuhe und Brodkrusten; auf einem Tische lag ein dickes Haargeflechte neben einer Flasche englischer Wichse. Herr Fourré stieß mit seinem Fuß die Schlappschuhe weg, welche ihm im Wege lagen und sah Herrn Guerreville an, indem er vor sich hin brummte: »Was habe ich Ihnen gesagt ... das ist fein! Das ist proper! ... wenn meine Frau das sähe, würde sie vor Aerger bersten, sie, die nicht einen Floh auf ihrem Körper leiden kann, ohne sich gleich nackt wie ein Wurm auszuziehen, um Jagd auf das Innzekt zu machen ... O, das ist aber noch nichts ... die Fortsetzung folgt.« Der Portier öffnete eine Thüre, welche zum Schlafzimmer dieser Damen führte; die Betten waren noch nicht gemacht. Mieder und Strümpfe lagen auf den Stühlen umher; und gewisse unentbehrliche Möbel, die man gewöhnlich zu verstecken pflegt, waren wie zur Schau auf dem Marmor der Nachttische aufgestellt. Herr Fourré zog eine zinnerne Dose aus der Tasche und nahm auf auffallende Weise mehrere Prisen, indem er halblaut raisonnirte: »Ah! mein Gott! ... man sagt mit vollem Recht, der Tabak ist der Tröster des Mannes ... ist Ihnen eine Prise gefällig, mein Herr?« Guerreville wies die ihm dargereichte Dose zurück, und der Portier steckte sie wieder in die Tasche, indem er sagte: »Sie müssen einen Stockschnupfen haben, denn sonst ;...« Eine kolossale Frau von ungefähr 50 Jahren, mit einem ungeheuren rothen Turban auf dem Kopfe, als ob sie auf den Ball gehen, im Uebrigen aber gekleidet, als ob sie auf den Markt gehen wollte, war eben daran, sich ihre Schuhe zuschnüren zu lassen; das junge Mädchen, welches die Thüre geöffnet hatte, lag vor der dicken Frau auf den Knieen; sie hatte ihr Butterbrod auf den Boden gelegt und schwitzte große Tropfen, um das Fußgestell ihrer Frau Mutter möglichst fein herzudressiren. Herr Guerreville brachte einige Entschuldigungen vor und wollte sich zurückziehen; die dicke Frau jedoch widersetzte sich dem, indem sie rief: »Bleiben Sie doch, mein Herr ... das Zimmer ist noch nicht aufgeräumt, aber Sie wissen wohl, wie es in einer Haushaltung geht ... Ziehe, meine Liebe, ziehe immerhin ... Wir hatten gestern ein lyrische Abendgesellschaft; meine Töchter haben gesungen ... man blieb sehr lange ... Laura, meine liebe Freundin, Du ziehst nicht genug ... sehen Sie sich um, mein Herr, sehen Sie sich um, geniren Sie sich nicht.« Und die dicke Frau hob ihr Bein ein wenig mehr in die Höhe, so daß man eine Fleischmasse sehen konnte, in der jede Spur einer Wade verschwunden war; dann wandte sie sich von Neuem an ihre Tochter: »Laura, ist Deine Schwester am Piano? Sie soll die Arie von Benjowsky wiederholen, denn sie muß sie heute Abend vor einem Professor des Conservatoriums singen: Welch' neuer Tag für mich! Welch' Wechsel des Geschicks! Ach! Wie schön das ist, Gott, wie schön! ... das wird niemals veralten, das ... so ziehe doch an, mein liebes Kind!« Während die Dame mit dem Turban sprach, hörte man in dem anstoßenden Zimmer die Töne eines Piano. Herr Guerreville wollte sich nicht länger in dem Schlafzimmer aufhalten, obgleich die dicke Mama wiederholte: »Sehen Sie sich nach Gefallen um, mein Herr, ich bitte Sie darum.« Er ging in den Salon. Ein junges Frauenzimmer, bereits frisirt und mit einem Stirnband, saß am Piano und sang, indem sie sich selbst dazu begleitete; die Ankunft eines Fremden störte sie nicht; im Gegentheil, sie schien die volle Stärke ihrer Stimmmittel dergestalt entwickeln zu wollen, daß die Fensterscheiben zu springen drohten. Herr Fourré lächelte mit spöttischer Miene, indem er halblaut vor sich hin sagte: »Habe ich Sie nicht versichert, daß ich es in meiner Loge höre?« Herr Guerreville war nicht gesonnen, dem Concerte beizuwohnen, und wollte sich daher entfernen, als die dicke Mama, die ihn absichtlich zu verfolgen schien, mit einem Schnürstiefel an dem einen und einem Pantoffel an dem andern Fuße hereintrat, von ihrer Tochter Laura begleitet, welche den Mund noch voll und ein neues Butterbrod in der Hand hatte. »Nun! mein Herr, wie finden Sie sie?« fragte die Frau, indem sie sich an Herrn Guerreville wandte. Dieser, in der Meinung, sie spreche von der Wohnung, erwiderte: »Ein wenig zu hoch.« »Wie, zu hoch ... mein Herr? Aber es ist doch die Orchesterstimmung, meine Tochter richtet sich immer darnach!« »Ah! verzeihen Sie, Madame, ich glaubte, Sie sprechen von dieser Wohnung. Ihr Fräulein Tochter singt sehr gut.« »Nicht wahr, mein Herr? Sie sind Beide sehr musikalisch. Die Aeltere spielt auch die Castagnetten. Diesen Winter war sie, als Andalusierin verkleidet, auf einem mittelalterlichen Ball ... einem Ball, auf dem es sehr vornehm herging; und den ganzen Abend hörte sie während des Tanzes nicht auf, die Castagnetten zu spielen, und ihre Arme wie zu einem Bolero zu bewegen; es war entzückend!« »Ich glaube es, Madame.« »Ich gebe sehr oft Bälle: wenn man erwachsene Töchter hat, muß man sie unter die Leute bringen; man amüsirt sich bei mir sehr gut!« Man sieht, daß die dicke Mama, angezogen durch das freie und vornehme Wesen des Herrn Guerreville, vor Begierde brannte, ihn zu ihren Abendgesellschaften einzuladen; aber dieser ließ sie nicht dazu kommen, sondern entfernte sich mit einer tiefen Verbeugung, vom Portier gefolgt, während die jüngere Tochter einen Orgelton erklingen ließ, und die ältere sich mit Butterbrod vollstopfte. »Nicht wahr, hier geht es drollig zu?« fragte der Portier, als sie in dem Vorsaale waren. Herr Guerreville begnügte sich zu lächeln, indem er erwiderte: »Ist das Alles, was Sie mir zu zeigen haben?« »Ja, denn ich setze voraus, daß Sie nicht im vierten Stocke wohnen wollen ... Dort ist ein Dachstübchen, zur Seite des Herrn Fluttmann, eines Schneidergesellen; ein guter Kerl, ein Deutscher: nur ist es Schade, daß er die Schwachheit hat, die Flöte spielen zu wollen; sobald er in's Zimmer tritt, greift er nach seinem Instrument. Glücklicherweise kommt er spät nach Hause und geht sehr früh wieder aus, sonst würde man nichts zu hören bekommen, als: Kennst du der Liebe Sehnen! ... Er spielt immer dasselbe Melodium .« Herr Guerreville hielt es für unnöthig, höher hinauf zu steigen, er ging die Treppe hinunter, und der Portier folgte ihm, indem er sagte: »Neben Herrn Fluttmann, zum Beispiel, wohnt ein Künstler; aber im großen Stiele , ein Maler ... Wenn der Herr einmal einen Maler brauchen sollten, so empfehle ich Ihnen diesen. Wir sind sehr intime Freunde: Er ist ein Künstler im vollsten Sinne des Worts.« »In welchem Fache?« »O! in allen Fächern, das ist ihm gleich. Er malt Portraits in Oel, Handlungs- und Wirthofschilder, spanische Wände, kurz Alles, was man will; das ist ein Mann, der seine Kunst liebt, wie ich einen seidenen Schuh liebe. Er ist durch und durch ein Talent! Er hat mir das Bild meines jüngsten Knaben gemacht, wie er am Busen seiner Mutter hängt: Es ist zum Sprechen! es macht Einem Lust zu heulen.« Man war beinahe die Treppe hinabgestiegen, als der Portier aufs Neue begann: »Was die kleine Wohnung betrifft, die zu vermiethen ist, so wird diese von einer schönen Frau bewohnt ... Ich sage Frau, sie kann aber auch ein Mädchen sein ... obgleich sie sich Madame nennen läßt. Aber wir, die wir die Welt kennen ... wir lassen uns keinen Bären aufbinden ... Ein junger, schöner Mann besucht sie häufig ... Es ist so, was man sagt, eine romanische Geschichte, eine verführte Frau, die sich vielleicht unter einem falschen Namen verbirgt ... doch das ist in Paris etwas Gewöhnliches!« Seit einigen Augenblicken hörte Herr Guerreville mit weit mehr Aufmerksamkeit zu. Endlich blieb er stehen und wandte sich gegen den Portier, indem er sagte: »Wie alt mag diese Dame sein?« »Wie alt? ... Ah! sie ist noch gar nicht alt ... Aber ihr Aeußeres ist schon etwas angegriffen ... man ist, wie ich glaube, betrübt, weil der schöne junge Mann seit einiger Zeit weniger oft kommt ... O! ich gebe auf Alles das Acht, ohne es merken zu lassen.« »Ist es eine Frau von Stande?« »Von Stande? ... wie meinen Sie das?« »Ich wollte damit sagen, ob sie keine Handwerksfrau sei, ob sie nicht arbeite ... kein Geschäft habe?« »Ich habe noch keines bei ihr wahrgenommen.« »Führen Sie mich, ich will diese Wohnung sehen.« Herr Guerreville war schon wieder eine Treppe hinaufgestiegen; der Portier folgte ihm brummend. »Ei, aber sagen Sie mir doch ... das fängt an, mich zu ermüden, so im Hause herumzuspazieren ... zuerst sagten Sie, Sie müßten eine große Wohnung haben, und nun wollen Sie zwei kleine Zimmer sehen, die gar nicht zu achten sind.« Herr Guerreville stieg immer weiter, ohne sich um die Bemerkungen des Portiers zu kümmern, der sich doch endlich entschloß, ihm zu folgen, indem er laut schrie: »So warten Sie doch wenigstens auf mich! ... Teufel! der Herr ist nicht engbrüstig.« Im vierten Stocke angelangt, wollte Herr Fourré seine Betrachtungen, sein Geschwätz von Neuem beginnen, aber Herr Guerreville ließ ihm keine Zeit dazu. »Wo wohnt diese junge Frau?« fragte er mit bewegter Stimme, den Arm des Portiers heftig schüttelnd. »Diese junge Frau ;... – Hier ist ihre Thüre ;... – Nicht dort, da wohnt ja Flottmann; hier ist es ;...« »Vorwärts, mein Herr, klopfen Sie, klopfen Sie doch!« Diese Worte waren in einem Tone gesprochen, welcher dem Portier nicht erlaubte, noch länger zu zögern; er verbeugte sich, nahm sogar seine Mütze ab und klopfte an die von ihm bezeichnete Thüre, ohne auch nur einen Laut hinzuzufügen. Eine Art von Haushälterin öffnete die Thüre; Herr Guerreville sah wohl, daß das nicht die Inhaberin der Wohnung war; er stotterte einige Worte über den Beweggrund, der ihn herführte, und ohne eine Antwort abzuwarten, ohne zu überlegen, ob es nicht unbescheiden wäre, einzutreten, eilte er durch ein Zimmer, dann durch einen kleinen Durchgang, und gelangte endlich in ein anderes Zimmer, wo eine junge Dame vor dem Kamine saß. Bei dem raschen Eintreten von Guerreville wandte die junge Dame den Kopf gegen ihn, und er konnte ihr bequem ins Gesicht sehen ... aber schon war das Feuer, das bisher seine Blicke belebt hatte, erloschen, um einem Ausdruck von Trauer und Niedergeschlagenheit Platz zu machen; er ließ den Kopf auf die Brust sinken und seufzte: »Sie ist es nicht!« »Aber! mein Herr ... wie Sie zu Werke gehen, können Sie unmöglich die Zeit haben, etwas zu sehen!« Das waren die Worte Herrn Fourré's, der hinter Herrn Guerreville einherkeuchte und sich weder die rasche Weise, mit welcher dieser bis in das Innerste der Wohnung eingedrungen war, noch die Eile erklären konnte, mit welcher derselbe, nachdem er einige Entschuldigungen gegen die Dame gestammelt, ihn von sich stieß und wieder hinausrannte. »Es scheint mir, mein Herr,« sagte Fourré, »daß es nicht der Mühe werth war, mich vier Treppen heraufzusprengen und zu dieser Dame zu gehen, um wieder fortzueilen, ohne etwas angesehen zu haben! ... Ich wette, daß Sie nicht einmal wissen, ob Schränke da drin sind ... Sie werden mir zwar sagen: wir sind Alle sterblich! aber inzwischen wird mir die Suppe kalt.« »Wieder eine Aussicht vernichtet!« sprach Herr Guerreville betrübt, indem er sich einen Augenblick an das Treppengeländer lehnte. »Sie haben bei dieser jungen Dame die Aussicht vernichtet? Haben Sie vielleicht eine Fensterscheibe zerbrochen?« Herr Guerreville ging auf die Treppe zu, ohne dem Portier zu antworten. Fünftes Kapitel Das kleine Mädchen In dem Augenblick, als Guerreville den Fuß auf die erste Stufe der Treppe setzte, um hinabzusteigen, kam ein Mädchen von ungefähr sechs Jahren dieselbe herauf. Das Kind war sehr ärmlich und für die Jahreszeit sehr leicht gekleidet; ein Häubchen von brauner Leinwand bedeckte seinen Kopf; ein an mehreren Stellen geflickter Rock und eine ziemlich verschossene schwarze Schürze machten seine ganze Bekleidung aus, und die kleinen Füßchen waren schon mit Holzschuhen beschwert. Die Kleine trug ein vierpfündiges, rundes Brod unter dem Arme. Obwohl ihr diese Last schwer sein mußte, schien sie doch stolz darauf zu sein, sie zu tragen, und betrachtete sie mit Wohlgefallen. Als sie auf der Flur ankam und Leute erblickte, schlug sie die Augen nieder und wandte sich nach einer andern, kleinen, finstern Treppe, die sich in einem Winkel des Vorsaals befand und der Leiter in einer Windmühle glich. Herr Fourré hielt das Kind an, indem er sagte: »Ah! Kleine, sage doch Deinem Vater, der Hausbesitzer wolle sein Geld! ... Was Teufels! Jerome will der Welt trotzen ... weil er krank ist, glaubt er, werde man die verfallenen Termine vergessen; man wird ihm seine Möbeln verkaufen, wenn er nicht zahlt. Sag ihm das nur wieder!« Das Kind betrachtete den Portier halb mit verschämter, halb mit furchtsamer Miene; dann entfernte es sich rasch und kletterte die Mühlenleiter hinauf. Guerreville, der Anfangs auf das Kind nicht geachtet hatte, sah es, als der Portier mit ihm sprach, genauer an; er betrachtete das kleine, so weiße, so feine, so niedliche Gesichtchen, diese zarten und interessanten Züge, um welche sich hellbraune Locken ringelten, und erstaunte über den Ausdruck der Besonnenheit, welcher auf diesem so jungen Gesichte lag. Dieses Kind hatte weder regelmäßige Züge noch rothe Wangen; es war keines von den Posaunenengeln, von denen man gewöhnlich sagt: das ist ein hübsches Kind; noch war es einer der ausgezeichnet schönen Köpfe, welche die Maler in ihren Gemälden so gerne anwenden: es war ein kleines, blasses, zartes, ernstes Mädchen, das viele Leute gar nicht bemerkt und andere sogar häßlich gefunden hatten, das aber die Aufmerksamkeit derer erregen mußte, welche sich auf den Ausdruck der Gesichtszüge verstehen. Herr Guerreville blieb einige Augenblicke nachdenkend stehen, dann wandte er sich gegen die Mühlenleiter; der Portier lief ihm nach und rief: »He! mein Herr ... wohin gehen Sie denn? Hier geht man nicht hinunter.« »Ich will diesen Jerome sehen ... den armen Mann, von dem Sie so eben sprachen, den Vater dieses kleinen Mädchens.« »Sie wollen in diese Dachkammer gehen! ... Wahrhaftig, das ist ein sonderbares Vergnügen ... wollen Sie denn jetzt absolut ein ganz miserables Zimmer unter dem Dache miethen ... mit einer Luke nicht größer als eine Schnupftabaksdose ... kurz, einen Speicher, wie ich ihn zu meinen Vorräthen habe?« »Kann man diesen Speicher miethen?« »Miethen? ja, wenn man will! ... Sie können sich denken, daß man nicht hoffen darf, ihn an anständige Leute zu vermiethen ... und für armes Volk, da danke ich, das bezahlt nicht, zum Beweis Jerome der Wasserträger; der Hauseigenthümer will ihn auch auf die Straße setzen; er will lieber die Kammer selbst benutzen, um Trauben oder grüne Bohnen darin zu trocknen, als Leute darin zu haben, die ihm nichts einbringen; der Mann hat Recht; und dann ist es angenehm, im Winter grüne Bohnen zu essen, wenn sie auch nicht mehr grün sind ... man fädelt sie ein und hängt sie an eine Schnur, wie Rosenkränze.« »Führen Sie mich zu diesem Jerome,« sagte Herr Guerreville, indem er dem Portier ein Zeichen gab, voranzugehen; aber Herr Fourré machte im Gegentheil einige Schritte gegen die große Treppe, indem er sagte: »Ich sage Ihnen zum Voraus, daß Sie die schlechte Kammer unter der Dachrinne nicht miethen werden ... Sie wollen sich nur amüsiren; aber meine Loge und meine Frau verlangen nach mir ... Steigen wir hinab.« »Führen Sie mich zu diesem Jerome,« wiederholte Herr Guerreville mit einer bereits vor Unwillen bebenden Stimme, indem er einen durchbohrenden Blick auf Herrn Fourré warf. Der Portier ging nun vor ihm her, indem er die Hand an seine Mütze legte und vor sich hinmurmelte: »Freilich, wenn Sie noch nie eine Dachkammer gesehen haben ... das ist auch sehenswerth, wie etwas Anderes ... Haben Sie die Güte, mir zu folgen, aber nehmen Sie sich in Acht, daß Sie sich nicht stoßen, denn es ist hier nicht sehr hell.« Der Portier stieg die Art von Leiter hinauf, welche zu dem Speicher führte: dieser Weg war so schmal, daß nicht zwei Personen neben einander gehen konnten; es gab weder einen Strick noch ein Geländer, um sich zu halten; da man aber an der Mauer rechts und links streifte, so war keine Gefahr da, auf die Seite zu fallen. Kein Tageslicht erhellte die Treppe, welche sehr steil war. Infamigter Weg!« schimpfte Herr Fourré, der seinen Kopf an die Mauer gestoßen hatte. »Das ist eine halsbrechende Arbeit!« »Wie kommt das kleine Mädchen da herauf, ohne zu fallen?« sagte Herr Guerreville. »O, die Kinder ... klimmen wie die Katzen überall herum ... nehmen Sie sich in Acht, mein Herr, jetzt sind wir oben. Warten Sie, ich werde klopfen, damit Sie heller sehen, wenn man die Thüre aufmacht.« Der Portier klopfte an, man öffnete eine Thüre: das kleine Mädchen erschien und sah fast erschrocken aus, als es den Herrn und den Portier, denen es so eben erst begegnet war, wieder erblickte. »Wir wollen die Lockalle Deines Vaters ansehen,« sagte Herr Fourré mit spöttischer Miene; »wenn ich sage, Lockalle , so bin ich gewiß sehr höflich! ich könnte ebensogut Hundestall sagen ... Hier durch, mein Herr, aber bücken Sie sich, denn das Dach ist fast überall gebrochen.« Herr Guerreville folgte dem Portier und gelangte in ein schlechtes Zimmer, dessen jämmerlicher Anblick ihm das Herz zerriß. Keine Tapete verbarg die Mauern und Balken, welche die Decke bildeten; keine Vorhänge hingen an den Tabaksdosenfenstern (wie Herr Fourré sagte), durch welche der Tag eindrang; ein schlechtes Bett, ein Tisch, einige Stühle, ein kleiner Schrank aus weißem Holze, den man ein wenig gebohnt hatte: das war das ganze Möblement dieses Zimmers. Aber in einer Ecke hatte man einige Bretter zusammengenagelt, um einen Verschlag, einem kleinen Cabinette ähnlich, zu bilden. Hier stand ein kleines Kinderbett aus Nußbaumholz, sehr reinlich, sehr sauber; darüber war eine gerade hinausstehende Stange angebracht, von welcher Vorhänge von grüner Leinwand herabhingen, welche das Bettchen verdeckten und vor dem Lichtstrahl bewahrten, der senkrecht in diesen traurigen Winkel fiel. Ein Mann von ungefähr fünfzig Jahren lag in dem Bette, welches im Zimmer stand; seine Gestalt und seine kräftigen Arme schienen auf einen starken Mann zu deuten, aber seine Gesichtsfarbe war krankhaft, und seine Augen vom Fieber entzündet. Indeß konnte man aus seinen stark markirten Zügen weder Traurigkeit noch Niedergeschlagenheit herauslesen; man sah, daß der Kranke mit Muth und Geduld gegen die Krankheit kämpfte, und die Hoffnung ihn noch nicht verlassen hatte. Nachdem das junge Mädchen die Thüre geöffnet, setzte sie sich wieder nahe an das Bett des Kranken, ergriff dessen Hand und hielt sie in den ihrigen, indem sie in seinen Augen den Eindruck zu lesen suchte, welchen der unerwartete Besuch auf ihn hervorbrachte. Jerome, der Wasserträger, erhob den Kopf ein wenig, wie um zu grüßen, legte die Hand an seine baumwollene Mütze und sagte mit dem unverkennbaren Accent eines Auvergnaten: »Entschuldigen Sie, meine Herren, daß ich nicht aufstehe, um Sie zu empfangen ... doch wahrhaftig ... es ist nicht meine Schuld ... ich wünschte wohl, es wäre mir möglich ;...« »Es würde mich sehr betrüben, wenn ich Ihnen die geringste Störung verursachte, braver Mann ... und wenn ich hätte denken können, daß meine Gegenwart Sie irgendwie belästigen würde, so wäre ich nicht bei Ihnen eingetreten.« Der artige und freundliche Ton, womit Herr Guerreville diese Worte sprach, setzten Jerome in Verwunderung; er war ganz erstaunt, daß ein Mann, dessen Haltung und ganzes Aeußere einen vornehmen Stand verkündeten, ihn würdigte, so gütig mit ihm zu sprechen; das kleine Mädchen lächelte dem Fremden zu; ihre Angst war schon gehoben. Herr Fourré, der nicht begriff, wie man befürchten könnte, einen Wasserträger zu belästigen, hatte sich auf einen Stuhl geworfen und schaukelte sich in demselben, indem er rief: »Mein Gott! wie garstig ist es hier! ... aber wie! Jerome, sind wir immer noch krank?« »Ach! mein Gott, ja, Herr Fourré, die Kräfte wollen eben gar nicht wiederkommen.« »Das ist traurig, und um so trauriger, als man während der Zeit, in der man nichts arbeitet, nichts verdient ... und die Miethe immer fortläuft.« »Ich wollte, ich könnte statt ihrer laufen,« sagt der Auvergnate, indem er sich zu lächeln bemühte. »Sie sehen noch sehr schlecht aus, Jerome, Sie sind noch sehr gelb! ... Hören Sie, wir sind Alle sterblich! ... und dieses Jahr sterben sehr viele Leute ;...« Herr Guerreville fühlte sich sehr versucht, den Portier an den Ohren zu nehmen; er hielt jedoch an sich und näherte sich dem Kranken. »Ist es schon lange, daß Sie das Bett hüten?« »Ueber drei Wochen, mein Herr. Es war, wie ich glaube, eine Art Brustentzündung, die mich befiel ... was aber auch Herr Fourré sagen mag, ich fühle sehr wohl, daß ich mich besser befinde, und daß ich bald wieder meine Eimer werde tragen können.« – Der Stand eines Wasserträgers ist ein schwerer Stand! – »Doch, wenn man einmal darin ist, denkt man nicht mehr daran ... jeder Mensch muß arbeiten! ... ich war so zufrieden, wenn ich nur verdiente, was ich brauchte, und von Zeit zu Zeit dieser armen Kleinen ein Spielzeug heimbringen konnte! ;...« »Ach! ja, da ist das Geld gut angewandt!« sagte der Portier, indem er mit wichtiger Miene eine Prise nahm. »Puppen kaufen, Kleinigkeiten für dieses Kind ... wie kann man solche Schwachheiten haben! ... Und Sie kauften nicht einmal von dem geringen Spielzeuge für zwei Sous ... es waren herrliche Puppen um fünfundzwanzig Sous! ;...« »Ah! Hören Sie, Herr Fourré; für meine Zizinette finde ich nichts schön genug ... meine kleine Tochter ... mein kleiner Engel! gegenwärtig meine kleine Wärterin ... Ach! ich wünschte, ich hätte ihr noch viel schönere Sachen kaufen können! ;...« »Sie hätten besser daran gethan, das Geld bei Seite zu legen, um Ihre Miethe damit zu bezahlen! ... Man wäre dann nicht genöthigt, Sie zur Thüre hinauszuwerfen, und Ihre Möbeln zu verkaufen ... was in einem Hause von gutem Rufe immer sehr unangenehm ist.« »Mich hinauswerfen ... meine Möbeln verkaufen!« rief der Kranke, indem er es versuchte, sich halb aufzurichten und eine leichte Röthe seine matten Züge belebte; »wie! man könnte die Grausamkeit haben ... aber ich werde bezahlen, Herr Fourré, ich werde Alles bezahlen, sobald ich wieder arbeiten kann.« »Beruhigen Sie sich, braver Mann!« sagte Herr Guerreville, indem er sich dem Bette näherte. »Nichts von alle dem wird geschehen ... dieser Portier weiß nicht, was er spricht! ;...« »Ich wisse nicht, was ich spreche!« wiederholte Herr Fourré, indem er den Kopf in die Höhe streckte. »Seht da, man wird noch erleben, daß mich dieser Herr, der nicht, wie ich, das Vertrauen des Hauseigenthümers besitzt, von den Absichten desselben unterrichten wird! Und diese zumal wäre gar gut!« Ohne daß es schien, als höre er nur im geringsten auf das, was der Portier sagte, legte Herr Guerreville seine Hand auf die Wange des kleinen Mädchens, und es liebkosend, sagte er: »Ist das Ihr einziges Kind?« »Ja, mein Herr.« »Und Sie lieben es wohl sehr, nicht wahr?« »Ob ich es liebe! ... o! es ist mein kleiner Schatz ... Armes Kind, seid ich krank bin, sorgt sie für mich, gibt mir zu trinken ... geht hinab, um mir Brod zu holen, und Alles was ich verlange. Und doch ist sie noch so jung ... erst sechs und ein halbes Jahr alt, aber es steckt in diesem kleinen Kopfe schon mehr Verstand und Ueberlegung als in manchem viel älteren.« Herr Guerreville erwiderte nichts, er war in seine Betrachtungen zurückgesunken; sein Haupt neigte sich auf seine Brust herab und ein tiefer Schmerz malte sich in allen seinen Zügen. Der Wasserträger und sein Kind betrachteten ihn mit Theilnahme und wagten kaum zu athmen. Während dieser Zeit durchschnüffelte der Portier alle Winkel, und sah sich besonders in dem Verschlage um, in welchem das Bett des Kindes stand. Endlich stieß Herr Guerreville einen tiefen Seufzer aus und sagte dann zu Jerome: »Ihre Tochter ist bei Ihnen ... Sie können sie küssen, an Ihr Herz drücken ... Ach! es gibt Leute, die Sie noch um Ihr Lager, um Ihre Armuth beneiden würden! ;...« »Ist es möglich, sich wegen eines Kindes so zu berauben!« rief Herr Fourré, indem er seinen Kopf hinter den Brettern hervorstreckte. »In dem Bette der Kleinen sind drei Matratzen, drei gute weiche Matratzen ... während der Vater auf einem elenden Strohsacke liegt.« »Wenn es mir nun so beliebt, Herr Portier,« sagte Jerome mit Ungeduld. »Es scheint mir, daß ich das Recht habe, mich zu betten, wie ich will; ich, der ich weder verzärtelt, noch verweichlicht bin, befinde mich überall gut! Aber diese arme Kleine! ... o! die muß weich liegen; sehen Sie, wie zart, wie schwächlich sie ist; eine Kleinigkeit würde ihr wehe thun! ;...« »Sollte man nicht glauben, es sei eine Prinzessin? ... Ich liebe meine Kinder auch, aber wahrhaftig, ich wäre nicht im Stande, mich um ihretwillen zu berauben ... Nun, mein Herr, Sie haben Zeit gehabt, sich dieses Zimmer zu besehen, ich muß wieder hinunter, ich ... wenn es Ihnen gefällt, für fünfzig Franken können Sie es haben, und wir hängen dann die grünen Bohnen anderswo auf.« »Haben der Herr Lust, hier einzumiethen?« sagte Jerome, indem er Herrn Guerreville ansah; aber dieser machte ihm mit dem Kopfe ein verneinendes Zeichen. »Ich weiß nicht, wozu der Herr Lust hat,« sprach der Portier, »aber ich weiß, daß er sich schon seit langer Zeit fast das ganze Haus zeigen läßt und mir noch keinen Sou Trinkgeld gegeben hat ... O! mein Gott, ich glaube die Stimme meiner Frau im Hofe zu hören.« Der Portier steckte seinen Kopf aus der Thüre über der kleinen Treppe. Eine kreischende Stimme schrie im Hofe: »Fourré! will man Dich da oben umbringen ... wirst Du heute noch herabkommen ... Fourré!« »Hier bin ich, liebe Freundin, hier bin ich ... ich werde hinunter kommen!« ... schrie der Portier, indem er seinen Körper vorwärts streckte; alsdann wandte er sich um, und indem er Herrn Guerreville ansah, setzte er hinzu: »Gehen Sie mit, mein Herr?« Aber Herr Guerreville rührte sich nicht; er war gerade damit beschäftigt, sich das Lager des kleinen Mädchens zu betrachten; dann sah er sich wieder im Zimmer um. »Nach Belieben!« sagte Herr Fourré, die Achseln zuckend. »Wenn Ihnen an der Unterhaltung mit dem Wasserträger gelegen ist, geniren Sie sich nicht ... mir ist daran gelegen, meine Suppe nicht kalt zu essen.« Und der Portier stieg rasch die Treppe hinunter, indem er vor sich hinsummte: »Mein Weibchen ist mein Ruhm, mein Stolz ... Es hat gar schöne Augen! ...« »Sie sind ein guter Vater, Herr Jerome,« sagte Guerreville, sich dem Kranken nähernd und ihm herzlich die Hände drückend; dann machte er einige Gänge durch das Zimmer ... blieb stehen und schien verlegen, als wenn er etwas auf dem Herzen hätte, das er nicht zu sagen wagte. »Es ist, wie ich glaube, sehr natürlich, seine Kinder zu lieben,« sagte Jerome, »und dann ist meine Zizine meine Retterin, mein Schutzengel, wie meine arme Frau in ihrer Sterbestunde sagte! ;...« »Ihr Schutzengel! Was wollen Sie damit sagen?« »Ach ja, mein Herr, damit will ich sagen, daß diese Kleine mir schon einmal das Leben gerettet hat ;...« »Wie! so jung ;...« »Das macht nichts ... hören Sie. Ich hatte mich eines Abends zu Bette gelegt, und war rauchend, mit der Pfeife im Munde, eingeschlafen ... was mir oft begegnete; es scheint, daß Feuer aus meiner Pfeife gefallen war und meine leinene Bettdecke angezündet hatte; ich merkte nichts davon, schlief wie ein Tauber; denn ich schlafe sehr gut, wenn ich wohl bin ... und ich glaube, ich wäre, ohne zu erwachen, gebraten worden, wenn nicht diese Kleine, durch den Rauch erweckt, schnell herbeigelaufen wäre mit nackten Füßen, und mir zugerufen hätte: »Mein Vater! mein Vater! Du brennst!« während ihre kleinen Hände zu gleicher Zeit versuchten, die Decke wegzureißen. Sie können sich denken, daß ich im Augenblicke aufsprang; es gelang mir, das Feuer zu löschen, und ich kam mit dem Verluste der halben Bettdecke noch gut weg, aber seit jener Zeit! habe ich geschworen, nicht mehr in meinem Bette zu rauchen, und ich versichere Sie, ich habe den Schwur gehalten, denn ich hätte ja das liebe Kind mit mir rösten können! ... und das wäre noch das größte Unglück gewesen!« Als der Auvergnate diese Worte gesprochen hatte, zog er die Kleine auf sein Bett und küßte sie zärtlich, dann fügte er hinzu: »Und man findet es noch Unrecht, daß ich ihr schöne Puppen kaufe ... aber ich lasse die Welt reden und thue, was mir beliebt. Nicht wahr, meine Zizinette?« Das Kind lächelte, indem es sagte: »O! ich sorge auch recht für meine Puppe; ich nehme sie mit in mein Bett ... und ich werde ihr ein Kleid machen, weil eine Dame im Hause ist, die mir recht schöne Flecke versprochen hat.« »Ja, ja; Du bist eine gute Wirthin ... und Alles im Hause liebt Dich, außer diesem Portier, der Dir nur harte Worte sagt ... aber er soll sich hüten, daß er Dich je nur unsanft berühre! denn dann würde ich meine Wassereimer auf seinem Rücken zerschlagen!« »Sie nennen Ihre Kleine Zizinette?« fragte Guerreville. »O! sie heißt eigentlich Caroline, aber sehen Sie, ich, ich nenne sie oft Zizine ... Zinette ... kleine freundschaftliche Spitznamen ... und dieser Esel von Portier fragte mich neulich: Was soll das heißen, Zizine? ... das ist nicht Französisch ... Hm! ... erbärmlicher Schuhflicker! ... Man that Recht daran, ihn Fourré (Steck) zu nennen! ... denn er steckt seine Nase in Alles!« Herr Guerreville faßte die Kleine noch einmal mit der Hand unter dem Kinn, warf einen letzten Blick rings herum, und entfernte sich dann rasch vom Bette und ging mit den Worten zur Thüre: »Adieu, braver Mann, Adieu!« »Ich habe die Ehre mich Ihnen zu empfehlen, mein Herr,« erwiderte der Auvergnate, indem er die Hand an seine Mütze legte, »entschuldigen Sie, daß ich Sie nicht hinausbegleiten kann.« »Aber man sieht an Ihrer Thüre nicht sehr gut,« sagte Guerreville, indem er an der kleinen Treppe stehen blieb, »wenn Ihre Kleine mir den Weg zeigen könnte ;...« »O! sehr gerne, mein Herr ... Geh, liebe Zizine, führe den Herrn und gib auch selbst Acht, daß Du nicht fällst ;...« Das kleine Mädchen sprang nach der Thüre, bald war sie vor Herrn Guerreville und stieg gewandt die enge und steile Treppe hinunter, indem sie sagte: »Folgen Sie mir, mein Herr ... halten Sie sich an der Mauer.« Man war bald auf dem unteren Treppenabsatz; da sagte das Kind dem Fremden Adieu und wollte wieder die Mühlenleiter hinaufsteigen. Aber Herr Guerreville hielt sie zurück und sagte zu ihr: »Warte, liebe Kleine, ich habe Dir etwas für Deinen Vater zu geben ... Mache Deine Schürze auf.« Das Kind that, wie man ihm sagte; Guerreville zog seine Börse, leerte sie in die Schürze und fügte auch noch Alles hinzu, was er in den Taschen an Geld hatte, so daß Alles zusammen ungefähr hundertundzwanzig Franken betragen konnte. Das Kind riß die Augen weit auf, als es all das Geld erblickte; und da es, trotz seiner großen Jugend, schon wußte, daß sein Vater viel arbeiten mußte, um nur einen geringen Theil davon zu verdienen, so war es ganz gerührt; seine Augen füllten sich mit Thränen, während es stammelte: »Wie! mein Herr ... das Alles ist für den Vater?« »Ja, mein Kind, er soll seine Miethe bezahlen, und, wenn er ruhiger im Gemüthe ist, wird er schneller genesen. Geh', bring' ihm das.« Das Kind ließ sich diese Worte nicht wiederholen; es vergaß sogar dem Herrn zu danken und eilte nach seiner Dachkammer hinauf, so sehr fühlte es sich getrieben, das Geld seinem Vater zu bringen. Herr Guerreville bekam deßhalb nur eine um so günstigere Meinung von dem Herzen des Kindes; denn die Freude, welche es seinem Vater verursachen werde und die Hoffnung, dieses Glück würde ihm seine Gesundheit wiedergeben, mußten allerdings seine ersten Gedanken sein. Herr Guerreville stieg die Treppe vollends hinab, indem zu sich sagte: »Wenn ich auch nichts in Betreff meiner Angelegenheiten erfahren habe, so habe ich doch meine Zeit nicht ganz verloren, indem ich die Wohnungen in diesem Hause besah.« Als Herr Guerreville in den Hof kam, fand er den Portier, der auf sein Weggehen zu passen schien und vor seiner Loge auf- und abspazierend, seine Suppe aß. Herr Guerreville wollte, ohne sich aufzuhalten, vorbeigehen, aber der Portier, nachdem er seinen Napf vor der Loge niedergesetzt, stellte sich zwischen ihn und die Einfahrt, indem er sagte: »Nun, mein Herr, Sie haben sich ohne Zweifel für das Lockall entschieden, das Sie miethen wollen?« Und während er dies sagte, streckte Herr Fourré die Hand hin. »Ich werde gar nichts in diesem Hause miethen,« erwiderte Guerreville und ging auf die Hausthüre zu. »Sie werden nichts miethen ... das ist schön und gut ... aber ich glaube, ich werde mich nicht haben stören lassen und mein Handwerk verlassen müssen ... ohne daß ... nun, Sie sind zu billig, um ;...« Und die Hand des Portiers bot sich fortwährend Herrn Guerreville dar; aber dieser, nachdem er in seinen Taschen herumgesucht und nichts mehr gefunden hatte, stieß den Arm, der ihm fast den Ausweg versperrte, zurück, und ging mit den Worten aus dem Hause: »Es thut mir leid ... aber ich habe nichts bei mir.« Herr Fourré war einen Augenblick stumm vor Wuth, dann schlug er mit der Faust nach seiner Mütze und rief: »Ich bin bestohlen, wie in einem Walde! ... Hat man einen Begriff von solch einer Gemeinheit! ... ein wohlgekleideter Mann ... wagt es mir zu sagen, er habe kein Geld bei sich, pfui! ... das ist unschicklich! ... aber der Mensch da, nach Allem zu schließen, ist, glaube ich, ein Polizeispion. Sechstes Kapitel Der Tag der Begegnungen Acht Tage nach dieser Begebenheit fand Herr Guerreville eine Wohnung in der Helderstraße, die ihm gefiel; er ließ sie sogleich anständig möbliren und lichtete sich mit seinem treuen Georg darin ein. Den Tag nach seinem Einzuge schrieb Herr Guerreville, um sein, dem Doktor Jenneval gegebenes Versprechen zu erfüllen, an denselben, fügte seine Adresse bei und lud ihn ein, sobald er nach Paris komme, ihn zu besuchen. Indessen hörte Guerreville, obgleich er für sich keine Wohnung mehr nöthig hatte, dennoch nicht auf, in die Häuser zu gehen, an welchen geschrieben stand: Wohnung zu vermiethen , und überall brachte er, wie er es bei Herrn Fourré gethan, die Portiers zum Plaudern, da er mehr über die Bewohner, als über die Wohnungen Auskunft zu erhalten wünschte, welche letztere ihm nur zum Vorwande dienten, um wo möglich die Person, welche ihn unaufhörlich beschäftigte, wiederzufinden. Mehr als einmal hegte Guerreville den Wunsch, Jerome und die kleine Zizine wieder zu sehen, aber immer, wenn er sich anschickte, zu dem Auvergnaten zu gehen, hielt ihn der Gedanke zurück: wenn ich hingehe, wird da der arme Mann nicht glauben, ich komme, um mir den Dank für das Wenige zu holen, was ich für ihn gethan habe? Und Herr Guerreville wandte sich nach einer andern Seite, indem er dachte, es sei besser, den Besuch des Doktors Jenneval abzuwarten, um diesen dann zu bitten, hinzugehen und sich nach der Gesundheit des armen Wasserträgers zu erkundigen. Eines Tages, als Herr Guerreville auf den Boulevards spazieren ging und die Blicke nach seiner Gewohnheit auf die Hausthüren richtete, um die Aushängetafeln zu lesen, kam ihm eine Dame entgegen, die ihn scharf ansah, dann mit dem Ausruf auf ihn zulief: »Ich täusche mich nicht ... Sie sind es, Eduard! Sie sind es gewiß! ;...« Herr Guerreville betrachtete seinerseits diese Dame, die schon nahe an den Vierzigen war, aber noch gut aussah, und deren Kleidung und Haltung anzeigten, daß die Koketterie derselben nicht fremd geblieben. Zwei braune, noch sehr zärtliche und anziehende Augen waren auf Herrn Guerreville mit einem Ausdruck gerichtet, der mancherlei vermuthen ließ; doch der, welchem diese Augensprache galt, schien durch diese Begegnung mehr unangenehm als angenehm berührt zu sein, und erwiderte in einem sehr kalten Tone: »Ja, Madame, ich bin es ... Sie täuschen sich nicht.« »Ach! wie freue ich mich. Sie wieder zu sehen! ... es ist schon lange her! ... O! das heißt, ich bin Ihnen einmal begegnet ... vor ungefähr drei ober vier Jahren ... und Sie haben mir versprochen, mich zu besuchen ... aber Sie sind nicht gekommen ... Es ist sehr unrecht, seine alten Bekannten so zu vernachlässigen ... ich, ich bin so glücklich, Sie wieder zu sehen ... O Gott! wie aufgeregt bin ich ... ich muß sehr blaß aussehen ;...« »Sie sind zu gütig, Madame!« »Zu gütig! ... Ach! ja, das ist wahr, ich bin immer zu gut gewesen ... und Sie wissen auch davon zu sagen ... aber ich ändere mich nicht mehr ... es ist jetzt schon zu spät ... Aber wie! Sie fragen mich nicht einmal nach Agathen ... Ihrer Pathe?« »Ach! verzeihen Sie! eben wollte ich fragen.« »O! wenn Sie wüßten, wie hübsch jetzt meine Tochter ist; ein so feines, graziöses, nobles Gesicht ... sie ist ganz das Ebenbild von ... von Jemand, an den ich immer gedacht habe.« Und die zwei braunen Augen dieser Dame suchten von Neuem die des Herrn Guerreville, der sie aber niederschlug, indem er sagte: »Wie alt mag nun Ihre Tochter sein?« »Wie alt? Nun bald achtzehn Jahre; es scheint mir, daß Sie ihr Alter eben so gut berechnen könnten, wie ich; aber ich sehe, Sie haben Alles vergessen ... Für Sie hat die Vergangenheit nicht einmal Rückerinnerungen, wie ich bemerke ... O diese Ungeheuer von Männern ... Es sind Undankbare, die wir selbst dazu machen! ;...« Diese Betrachtung war von einem tiefen Seufzer begleitet: Herr Guerreville schien ihn nicht zu bemerken und fuhr fort: »Und Ihr Gemahl, wie befindet er sich?« Diese Frage schien der Dame ein wenig ungelegen zu kommen, und sie antwortete mit etwas gereizter Miene: »Mein Mann befindet sich, dem Himmel sei Dank, sehr wohl; Herr Grillon ist niemals krank; ich habe nie wahrgenommen, daß er einen Anfall von Fieber gehabt hätte ... es ist ein so sorgloser Mann ... von einem so glücklichen Charakter! ... wenn nur sein Mittagsessen Punkt fünf Uhr bereit steht, ist ihm alles Uebrige gleich ... Hätte er nicht eine ordnungliebende und gescheite Frau bekommen, wie ich bin, die ihn leitet, wenn er Geschäfte machen will, so würde es jetzt schlimm mit uns stehen! ... Aber glücklicher Weise war ich immer da und verbesserte die Thorheiten meines Mannes. Wenn ich mir daher auch einige Schwachheiten vorzuwerfen habe, so glaube ich doch von der andern Seite nur Lobeserhebungen zu verdienen ... Ich sage das nicht, um mich zu entschuldigen; aber Ihr Benehmen gegen mich hat mir hauptsächlich viel Kummer gemacht ... Wahrhaftig, wenn man auch aufhört, in eine Person verliebt zu sein, so ist dies noch kein Grund, sie ganz zu verlassen ... kann man nicht einige Freundschaft bewahren? ... Sprechen Sie doch, mein Herr, Sie gelobten mir ja einst, stets mein Freund zu bleiben ;...« Dies sagend, streckte sie eine Hand aus, und ergriff die des Herrn Guerreville, der sie, wie aus Gefälligkeit, gewähren ließ. »Eduard, was habe ich denn gethan, daß Sie es gänzlich unterließen, mir Nachricht von sich zu geben? ... Sie dachten wohl niemals an Euphemien ... an jene arme Euphemie, die Sie Mimie nannten ;...« »Ach! mein Gott, Madame!« rief Herr Guerreville, ihr hastig seine Hand entziehend, »wenn man jung ist, sagt man vielerlei, wobei man nichts denkt ... Wenn man sich an alle die Thorheiten erinnern wollte, die man begangen hat ... würde man oft selbst darüber erstaunen.« Madame Grillon, oder Euphemie, biß sich in die Lippen und schwieg; sie schien sich sogar entfernen zu wollen; aber Herr Guerreville, der sich bereits über den rauhen Ton ärgerte, in welchem er mit ihr gesprochen hatte, fuhr fort: »Verzeihen Sie mir, Madame, ich fühle in Wahrheit, daß ich sehr wenig liebenswürdig bin ... ich erwidere Ihre Freundschaft schlecht; aber, Sie wissen ... ich war jederzeit ein wenig schnell und aufgeregt. Und seitdem Sie mich nicht gesehen haben, hat der Kummer meine Gemüthsart so sehr verdüstert, daß ich mich oft eines einzigen Wortes ... des geringsten Umstandes wegen, zu Regungen des Zorns, der Ungeduld hinreißen lasse, über die ich nachher erröthe. Ach! meine Gesellschaft hat nichts Angenehmes mehr! ... Ich bin nicht mehr jener Eduard, den Sie einst gekannt haben! ... und die Zeit hat meinen Charakter noch mehr als meine Züge verändert.« »Ach! Sie sind stets für mich der einzige Mann, der mein Herz klopfen macht ... Ich finde Sie nicht verändert! Wenn Sie wieder lächeln wollten, wären Sie noch derselbe ... Sie haben Kummer gehabt, armer lieber Freund! ... Aber Sie haben mir ihn nicht anvertraut! ... Als ich Ihnen das letzte Mal begegnete, es sind jetzt vier Jahre, da werden Sie sich wohl erinnern, daß ich es merkte, daß Sie ein geheimer Kummer drücke, und damals bat ich Sie, mir denselben mitzutheilen; aber Sie haben meine Tröstungen zurückgewiesen.« »Weil es Qualen gibt, die kein Trost mildern kann, und solche muß man, wie mir scheint, in der Tiefe seines Herzens bewahren.« »Aber, mein Gott, was ist Ihnen denn so Schreckliches begegnet? Sind es pekuniäre Verluste? O! nein, ich kenne Sie zu gut, um nicht gewiß zu sein, daß Sie dergleichen Ereignisse mit Philosophie ertragen würden. Sie sind Wittwer ... und der Tod Ihrer Frau mußte Sie tief betrüben; denn ich weiß, daß Sie sie sehr liebten, obgleich Sie ihr häufig untreu waren ... Aber die Männer haben das Vorrecht, die Liebe mit der Unbeständigkeit zu vereinigen: das ist ein Recht, das sie sich angemaßt haben, und dessen sie sich in vollem Maße bedienen. Kurz, Sie liebten Ihre Frau zärtlich; aber seit ihrem Tode sind, wie ich glaube, beinahe zehn Jahre verflossen, und ich habe Sie seitdem traurig, aber nicht verzweifelt gesehen. Sie hatten eine Tochter ... eine Tochter, die Sie anbeteten ... von der Sie mir ohne Unterlaß erzählten. Sollte Ihrer lieben Pauline etwas widerfahren sein?« Bei dem Namen Pauline veränderten sich die Züge Guerreville's; eine düstere Wolke bedeckte seine Stirne, seine Blicke senkten sich zu Boden, und er stotterte mit bewegter Stimme: »Nein ... nein ... meiner Tochter ist nichts widerfahren ... aber seit langer Zeit ist sie nicht mehr bei mir ... sie ist verheirathet.« »Was! Ihre Tochter ist verheirathet, und Sie konnten sich entschließen, sich von ihr zu trennen?« »Ich mußte wohl ... Es war zu ihrem Glücke.« »Wo wohnt sie denn jetzt?« »Weit von hier ... in der Dauphiné ;...« »Und Sie?« »Ich! nun, ich bin in Paris ... und habe die Absicht, mich einige Zeit hier aufzuhalten ;...« »Sie wollen sich in Paris niederlassen! Haben Sie denn Ihre schöne Besitzung in der Nahe von Orleans nicht mehr? ;...« »Doch ... Aber seit meine Frau todt und ... meine Tochter verheirathet ist ... hat es mir da nicht mehr gefallen ... Darum bin ich auch einige Zeit gereist ... und will nun ein wenig in Paris bleiben.« »O! wie freue ich mich darüber ... ich hoffe, daß Sie uns besuchen werden ... Sie werden nicht wie ein Einsiedler leben ... Sie werden die Welt nicht fliehen ... und Ihre Pathe ... Ihre kleine Agathe, haben Sie denn gar kein Verlangen, sie zu sehen, sie zu küssen? ... Ich, ich habe ihr oft von ihrem Pathen erzählt, die arme Kleine, sie hat Sie fast zwölf Jahre nicht mehr gesehen. O! ja, so lange ist es gewiß, daß Sie nicht mehr in unser Haus gekommen sind, sie wird Sie vielleicht nicht wieder erkennen ... aber ich will, daß sie morgen gehe und ihrem Pathen ihre Aufwartung mache ... Meine Kammerfrau wird sie zu Ihnen bringen ... denn meine Tochter geht nie allein aus. Erlauben Sie es, mein Herr?« »Ohne Zweifel ... Indeß ... Ihr Gatte ;...« »O! mein Mann ... Sie wissen wohl, daß er nichts im Hause anzuordnen hat! ... ausgenommen sein Mittagessen ... Uebrigens liebt Sie Herr Grillon sehr, und wird entzückt sein, Sie wieder zu sehen. Er hat mich mehrere Male gefragt, ob ich keine Nachrichten von Ihnen habe, und ich werde ihn sehr erfreuen, wenn ich ihm sage, daß Sie in Paris sind ... Ah! geben Sie mir doch Ihre Adresse ... denn Sie wären im Stande, uns auch jetzt noch nicht zu besuchen; auf jeden Fall aber werde ich Ihnen meine Agathe schicken ... Ich will, daß Sie sehen, wie hübsch sie ist ... wie ähnlich ihrem ... Aber, mein Gott, das scheint Ihnen ganz gleichgültig zu sein« ... Ach! die Männer, die Männer! sie bleiben nicht lange liebenswürdig.« Herr Guerreville zog aus seiner Tasche eine Karte mit seinem Namen und seiner Wohnung, und übergab sie an Madame Grillon, die sie in ihre Tasche steckte, ihm die Hand drückte und zu ihm sagte: »Agathe wird kommen, ihren Pathen zu küssen ... alsdann, mein Herr, werden Sie uns aus Freundschaft für dieses Kind vielleicht der Ehre werth halten, uns bisweilen zu besuchen.« Hierauf trennten sie sich; die Dame lächelte und Herr Guerreville zwang sich, ihr Lächeln zu erwidern. Herr Guerreville setzte seinen Weg fort, indem er über die Begegnung nachdachte, die er so eben gemacht hatte. Der Anblick der Madame Grillon hatte ihn an eine Epoche seines Lebens erinnert, in welcher die Galanterie eine große Rolle spielte. Damals nahmen die Frauen, die Liebe, all seine Zeit in Anspruch; der Anblick einer neuen Schönheit erweckte stets seine Begierden und bereitete ihm neue Triumphe. Damals wußte der Mann, dessen Aeußeres so kalt und ernst geworden war, zu lächeln, ein Herz zu fesseln, und seine Freimüthigkeit und Lebhaftigkeit hatten einen Reiz, dem wenige Frauen zu widerstehen vermochten. Herr Guerreville konnte einen leichten Seufzer nicht unterdrücken, als er sich diese glückliche Zeit seines Lebens ins Gedächtniß zurückrief, und doch würde er, wäre eine Rückkehr möglich gewesen, sich dieses Glück nicht zurückgewünscht haben. In dem Augenblick, wo er in sein Haus zu treten im Begriffe war, erinnerte er sich, daß er Handschuhe habe kaufen wollen; er setzte daher seinen Weg fort und sah sich nach einem Laden um, in welchem solche zu haben wären. Er bemerkte bald ein kleines Magazin von Parfümerie- und Krämerwaaren. Er trat ein; eine Dame saß allein am Zähltische; Herr Guerreville richtete die Blicke kaum auf die Verkäuferin, er verlangte Handschuhe, und während man ihm solche suchte, setzte er sich vor dem Zähltische nieder. Man öffnete, man durchsuchte die Pakete; die Verkäuferin schien ganz verwirrt, sie brachte Männer- und Frauenhandschuhe unter einander, und vermengte die Farben, weil sie ihre Blicke nicht von Herrn Guerreville ließ, der gar nicht auf sie achtete und wieder in seine Betrachtungen versunken war. »Diese hier werden Ihnen vielleicht passen,« sprach sie endlich mit zitternder Stimme. Herr Guerreville hielt die Hand hin, fühlte aber, daß man sie ihm sanft drückte, ohne den Versuch zu machen, ihm die Handschuhe anzuprobiren; er erhob nun seine Augen zu der Verkäuferin und Beider Blicke begegneten sich. »Maria! ;...« rief Herr Guerreville. »Ja, mein Herr, ja ... Maria ... Sie sind wohl hier eingetreten, ohne zu wissen, daß dieser Laden mir gehört?« »Wer hätte mir es sagen können? ... Und wenn ich es gewußt hätte ;...« »So wären Sie vielleicht nicht eingetreten.« »O! das habe ich nicht gesagt!« »Aber ich ... ich bin überzeugt davon ... Doch der Zufall war mir günstig und ich fühle mich glücklich, daß Sie, beim Vorbeigehen hier, Handschuhe nöthig hatten.« Diese Worte wurden mit mehr Traurigkeit als Verdruß ausgesprochen, und Herr Guerreville blieb verlegen stehen, ohne zu wissen, was er antworten sollte. Die Verkäuferin war eine Frau von sechsunddreißig Jahren, weiß, blond und recht hübsch. Ein über ihre Züge ausgebreiteter Ausdruck von Traurigkeit erhöhte ihre Reize noch. Sie war von feinem, zarten Wuchse und hatte ein jugendliches Benehmen, und alle diejenigen, welche ihr Alter nicht kannten, waren überzeugt, die liebenswürdige Frau sei nicht über dreißig Jahre alt. Als man daher einen großen, jungen, schon kräftigen und wohlgebauten Mann bei ihr sah, dessen Züge viel Ähnlichkeit mit denen der Verkäuferin hatten, so sagte man: »Das ist Ihr Bruder, nicht wahr, Madame?« Aber die hübsche Parfümeriehändlerin umarmte den großen Jungen zärtlich und antwortete: »Nein, es ist mein Sohn!« »Ihr Sohn? ... Aber das ist nicht möglich ... Ihr Stiefsohn wollen Sie sagen!« »Nein, es ist mein Sohn, ich bin seine rechte Mutter.« »Aber wie alt ist er denn?« »Bald neunzehn Jahre.« »Ach, mein Gott! ... wer hätte das geglaubt! ... Sie Madame, schon einen Sohn von neunzehn Jahren! ... da müssen Sie sehr jung geheirathet haben.« Und die Ausrufungen des Erstaunens begannen von Neuem, und wiederholten sich so oft, als Julius im Laden stand und ein neuer Kunde eintrat. Oft sogar langweilten Madame Gallet all' die faden Schmeicheleien, die sie anhören mußte; aber sie war Verkäuferin und genöthigt, Alles dies mit freundlicher Miene aufzunehmen. An diesem Tage war der Sohn der Verkäuferin nicht im Laden, aber die Mutter hätte da gerade gerne gewünscht, daß er anwesend gewesen wäre, und ihre Blicke richteten sich oft nach dem Boulevard, in der Hoffnung, dort ihren Sohn zu bemerken; in gleichem Maße vermied sie es, in den Hinterladen zu sehen, wo sich ein etwa vierzig Jahre alter Mann, mit einem langen, magern und ziemlich häßlichen Gesichte befand, der die Augenbrauen zusammenzog, indem er in den Registern nachschlug und seine Rechnungsbücher berichtigte, ohne sich im mindesten um das zu kümmern, was in dem Laden vorging, so sehr schien ihn seine Arbeit in Anspruch zu nehmen. Herr Guerreville probirte und wählte sich Handschuhe; die Frau hinter dem Zähltische sah ihn öfters prüfend an, schlug dann die Augen nieder oder richtete ihre Blicke nach der Thüre; aber sie schien es nicht mehr zu wagen, ihn anzusprechen. »Es scheint mir, Madame, Sie haben gute Geschäfte gemacht,« sagte endlich Herr Guerreville, indem er sich umsah; »dieser Laden ist geschmackvoll, wohl assortirt und in einem schönen Stadttheile gelegen.« »Wenn man sein ganzes Leben hindurch arbeitet, so muß man wohl endlich etwas zusammenbringen ... Geld verdienen, das ist der einzige Gedanke meines Mannes ... das war stets der Beweggrund aller seiner Handlungen.« »Und im Uebrigen ... macht Sie Herr Gallet glücklich?« »Glücklich! ja, so wie ich es sein kann ... Er behandelt mich nicht schlecht, aber ich habe ihn auch in den achtzehn Jahren, in denen wir verheirathet sind, nie um einen Ruhe- oder Erholungstag gebeten. Ich war immer da, saß immer in dem Gewölbe ... zuerst in einem kleinem, sehr einfachen Laden, dann in einem schöneren, zuletzt hier.« »Dies einförmige Leben muß Sie langweilen.« »Nein, ich bin daran gewöhnt, und möchte es nicht mehr vertauschen ... denn wenn ich so in meinem Laden sitze, oft ganz allein, so kann ich nach Gefallen meinen Gedanken nachhängen, und darin beruht mein Glück! ... Meine Erinnerungen ... immer meine Erinnerungen.« Mariens Stimme verrieth ihre Bewegung, man sah ihr an, daß sie sich Gewalt anthat, um ihre Thränen zurückzuhalten. Herr Guerreville zerknitterte in seiner Hand die Handschuhe, die er anprobiren wollte; er war selbst gerührt, obgleich er sich bemühte, es nicht zu scheinen; er hustete zu wiederholten Malen, machte einige Gänge durch das Gewölbe, betrachtete sich den Mann im Hintergrunde, der an seine Bücher wie angenagelt saß, ging dann wieder an den Zähltisch und fragte mit leiser Stimme: »Aber haben Sie nicht noch einen andern Trost?« Maria erhob den Kopf und sah Herrn Guerreville an; ein Ausdruck der Freude belebte alle ihre Züge und sie rief: »Ah, Sie haben es doch nicht vergessen! Ich wollte sehen, ob Sie mit mir darüber sprechen würden ... ob Sie noch an ihn denken, an das arme Kind, meinen Abgott, meinen Schatz ... meinen Sohn ... Ihren ... O, aber mein Gott! sagen Sie mir doch wenigstens, daß Sie ihn ein wenig lieben ... daß Sie ihn sehen ... umarmen wollen; sagen Sie mir dies, mein Herr, damit ich das für eine Mutter süßeste Vergnügen empfinde, damit mein Herz noch einmal vor Freude aufjauchze! ... O! ja ... ja ... nicht wahr, Sie haben den Wunsch, ihn zu sehen?« »Maria! Maria! ... Still ... nehmen Sie sich in Acht, wenn man Sie hörte ;...« »O, es hat keine Gefahr! Man berichtigt die Bücher ... man hat keine Lust, auf mich zu hören; zudem war Herr Gallet niemals eifersüchtig ... Konnte er es auch sein? Als er mich heirathete, wußte er wohl, daß ich die Frucht einer schwachen Stunde unter meinem Herzen trug ... die Frucht meiner Liebe zu einem Andern! ... Ich habe ihm nichts verschwiegen ... er hatte nicht das Recht, mir einen Vorwurf zu machen, weil ich ihn nicht zu täuschen suchte. Er sagte mir, er sei Philosoph ... er würde mein Kind wie das seine lieben und ihm seinen Namen geben. Die fünfzehntausend Franken, die ich von Ihnen erhalten, überwanden alle Hindernisse; ich, meinerseits, würde es vorgezogen haben, nie zu heirathen und mit meinem Sohne allein zu bleiben, aber Sie waren der Ansicht, daß ich Herrn Gallet heirathen sollte, und ich habe gehorcht.« »Es scheint mir, daß Sie es nicht bereuen dürfen; heute hat Ihr Sohn einen Namen ... Sie selbst, haben ein Geschäft, sind geachtet ... Maria! die Fehler der Jugend werden durch eine gute Aufführung verwischt und vergessen.« »Ja, aber auch die Glückseligkeit wird verwischt ... Doch es mußte so sein! ... und Sie, mein Herr, sind Sie glücklich? ... Ach! ich habe oft für Sie gebetet ... denn ich dachte immer an Sie ... Ihre Frau? ;...« »Meine Frau ist nicht mehr! ... ich habe sie vor zehn Jahren verloren.« »Ihre Frau ist todt! Welches Unglück! sterben, wenn man so glücklich ist ... wenn man nichts zu wünschen hat ... denn Sie liebten sie und sie sah Sie täglich ... Arme Frau! Ach! ich wünschte, ich wäre an ihrer Stelle gewesen und auch schon gestorben. Aber Sie haben Kinder?« »Ich habe nur eine Tochter, welche verheirathet ist ... und weit von mir entfernt lebt. Deßhalb habe ich mich in Paris niedergelassen ... wo ich es versuchen will, mich ein wenig zu zerstreuen.« »Sie bleiben in Paris? O! dann, wenn Sie es erlauben, wird mein Sohn Sie besuchen ... nur hie und da ... ich hoffe, das wird Sie nicht belästigen. O, Sie glauben gar nicht, wie gut er ist, mein lieber Julius; er ist schon ein Mann. Denken Sie daran, daß er achtzehn und ein halbes Jahr alt ist ... aber er ist voll Talent ... voll Geist ... und verbindet damit ein gutes Herz, einen ausgezeichneten Charakter.« »Was treibt er?« »Er hat in einer Pension studirt, aber seine Studien bereits beendet. Ich hätte gewünscht, daß er irgend einen ausgezeichneten Stand ergriffen hätte, wobei Ruhm zu erwerben ist, wobei man sich einen Namen macht ... wie die Advokatur, die schönen Wissenschaften; aber mein Mann, der nur an den Handel denkt und nur Geld zu verdienen sucht, will seinen Sohn als Commis behalten, weil Julius ihm sehr nützlich ist. Unter uns, ich glaube, mein Sohn möchte gerne Künstler werden; er ist in das Theater vernarrt und spricht mir fortwährend davon; jede Stunde, über die er verfügen kann, bringt er im Theater zu. Das gibt sogar manchmal Anlaß, daß Gallet ihn auszankt, und ihm vorwirft, daß er all sein Geld für die Komödie ausgebe ... er hat vielleicht nicht Unrecht, denn dieser Enthusiasmus von Julius für das Theater läßt mich manchmal befürchten, er könnte Lust bekommen, Schauspieler zu werden ... Das wäre ein großes Unglück, nicht wahr?« »Warum? wenn er wirklich Talente hätte ... einen entschiedenen Beruf ;...« »O, mein Herr! das ist so selten. O nein, ich möchte nicht, daß mein Sohn Schauspieler würde, und ich glaube, es würde Ihnen auch mißfallen. Da mein Julius Sie besuchen wird, so bitte ich Sie, mein Herr, ihn von seiner Neigung zum Theater abzubringen.« Mit welchem Rechte darf ich mir erlauben ihm Rathschläge zu geben? Warum glauben Sie, daß er darauf hören werde?« »Nun ... weil ... ich weiß nicht ... es scheint mir, daß er auf Sie hören, Sie achten müsse; ich werde ihm sagen, Sie seien ein alter Freund meiner Familie, Sie hätten mich gekannt ... beschützt, als ich eine Waise war. Wollen Sie, daß ich ihm dies sage?« »Ich verlasse mich auf Sie, Maria, daß Sie Ihrem Sohne nichts sagen werden, was jemals die Achtung schmälern könnte, die er vor seiner Mutter haben muß.« »O! wenn man die Leute recht liebt, so achtet man sie auch immer ... Also morgen wird Ihnen mein Sohn die Handschuhe bringen, die Sie ausgesucht haben ... Sie wünschen es, nicht wahr?« »Ja, Madame.« »Wenn ich nun auch nicht zu hoffen wage, mein Herr, daß Ihnen mein Anblick angenehm sei, so würde es mich doch sehr glücklich machen, wenn Sie beim Vorbeigehen an diesem Laden gerade etwas nöthig hätten.« »Sie dürfen überzeugt sein, Madame, daß ich diesem Magazine stets den Vorzug geben werde ... Hier ist meine Adresse ... Sagen Sie Ihrem Sohne, daß ich stets bis gegen Mittag zu treffen bin.« »O! ich werde es nicht vergessen.« »Adieu, Madame.« »Adieu, mein Herr.« Herr Guerreville wechselte einen letzten Blick mit der Verkäuferin, dann verließ er den Laden und ging nach Hause, indem er sagte: »Sonderbarer Tag! ... Das waren Begegnungen, die ich nicht erwartete! ... Arme Frau! ... Alles das war meinem Gedächtnisse entschwunden!« Siebentes Kapitel Julius und Agathe Den folgenden Tag, um zehn Uhr Morgens, als Herr Guerreville, noch im Schlafrocke, sich an sein Fenster gesetzt hatte, um mit Behaglichkeit die frische Luft eines Frühlingsmorgens einzuathmen, meldete ihm Georg, daß ihn ein junger Mann zu sprechen wünsche. »Laß ihn eintreten,« sagte Herr Guerreville, indem er das Fenster verließ, und seine Augen hefteten sich mit einer gewissen Unruhe auf die Thüre seines Schlafzimmers. Es war ein großer, hagerer, schlanker, junger Mann, in dessen Haltung noch ganz das zwanglose Benehmen eines Schülers lag, obgleich er hie und da ganz gerade und unbeweglich dastand, um sich die nachdenkende Miene eines Mannes zu geben. Seine Züge waren regelmäßig und in vollkommener Uebereinstimmung unter sich; eine gerade Nase, ein mittlerer Mund, große, blaue Augen, von schön gezeichneten, kastanienbraunen Brauen beschattet, eine große, sehr hohe Stirne, auf welche tiefblonde, gelockte Haare nachlässig herabfielen, bildeten ein zugleich interessantes und liebliches Ganze; zu dem etwas melancholischen Charakter dieser Gesichtszüge kam noch eine angeborene Blässe; wenn er aber lebhaft wurde, wenn seine schönen, blauen Augen von dem ganzen Feuer einer achtzehnjährigen Einbildungskraft erglühten und ein rosafarbner Teint seine Wangen färbte, so hätten selbst Solche, welche blonde und blasse Männer nicht lieben, zugestehen müssen, daß er ein hübscher Junge sei. Der junge Mann näherte sich mit einer gewissen Schüchternheit; er hielt ein künstlich zusammengelegtes, mit einer Schnur umwundenes Päckchen in der Hand und grüßte Herrn Guerreville ehrfurchtsvoll, indem er sagte: »Mein Herr, ich bringe Ihnen die Handschuhe, die Sie sich gestern ausgesucht haben ... bei meiner Mutter ... Madame Gallet ... Sie hat mir zugleich gesagt, ich solle Sie fragen, ob Sie sonst nichts bedürfen ... und mich beauftragt, Ihnen ihre Grüße zu überbringen.« Herr Guerreville war sogleich von der Aehnlichkeit dieses jungen Mannes mit seiner Mutter betroffen und, ganz damit beschäftigt, dieses Gesicht, das tausend Erinnerungen in ihm erweckte, zu betrachten, antwortete er nicht sogleich auf Julius Frage; der Sohn der Verkäuferin schlug die Augen nieder und fühlte sich ganz außer Fassung und verwirrt durch die Blicke dieses Herrn, der ihn so aufmerksam betrachtete, ohne ihm zu antworten. Herr Guerreville faßte sich jedoch bald wieder, und da er die Verlegenheit des jungen Mannes bemerkte, sagte er mit wohlwollendem Tone: »Entschuldigen Sie, mein Herr, wenn ich Ihnen nicht alsbald geantwortet habe ... ich bin ein wenig zerstreut ... und dann ... war ich überrascht von Ihrer Aehnlichkeit mit Ihrer Frau Mutter.« »In der That, mein Herr, Jedermann findet, daß wir uns sehr gleichen.« »Aber wollen Sie nicht einen Stuhl nehmen? es würde mir viel Vergnügen machen, mich einen Augenblick mit Ihnen zu unterhalten.« Julius verbeugte sich und nahm Platz, Herr Guerreville setzte sich ebenfalls, indem er fortfuhr: »Ich bin für Sie kein gewöhnlicher Kunde ... und Ihre Frau Mutter wird Ihnen, wie ich hoffe, auch schon gesagt haben, daß ich ein früherer Bekannter ... ein alter Freund ihrer Familie bin?« »Ja, mein Herr, meine Mutter hat mir das gesagt; mehr als einmal hat sie mit mir von Ihnen als einem Manne gesprochen, der ihr stets lebhafte Theilnahme bewiesen habe, und für den sie eben so große Freundschaft als Dankbarkeit hege; sie betrübte sich sogar wenn sie dachte, ich würde niemals so glücklich sein, Sie kennen zu lernen, weil Sie nicht mehr in Paris wohnten ... aber gestern, als ich zurückkehrte, war meine Mutter sehr vergnügt ... und sagte mir: »›;Ich habe Dir eine angenehme Neuigkeit mitzutheilen: Herr Guerreville ist in Paris, und will gestatten, daß Du ihn besuchest. Trachte Dich so zu benehmen, daß er auch etwas von der Freundschaft auf Dich übertrage, die er ehemals für meine Familie hatte; höre mit Ehrerbietung auf seine Rathschläge, benütze die Lehren, die er wohlmeinend Deiner Jugend ertheilen wird. Kurz, erweise ihm die vollkommenste Ergebenheit, das wird die beste Art sein, mich von Deiner Liebe zu überzeugen!‹« Dies mein Herr, hat mir meine Mutter gesagt, und es wird mir Vergnügen machen, ihr meinen Gehorsam zu beweisen.« Diese Worte wurden mit einem so freimüthigen Tone gesprochen, daß man sie nicht mit den conventionellen Artigkeiten, die man gewöhnlich in der Gesellschaft austauscht, verwechseln konnte. Herr Guerreville reichte dem jungen Manne die Hand, indem er sagte: »Ich danke Ihnen, Herr Julius, für Ihre freundschaftlichen Gesinnungen gegen mich, übrigens kann die Freundschaft eines Mannes von meinem Alter keine große Anziehungskraft für Sie haben ... wenn solche Verbindungen Reiz haben sollen, muß Gleichheit der Jugend, wie des Geschmacks und Humors vorhanden sein; wenn ich Ihnen demungeachtet in irgend einer Weise nützlich sein kann, wenn Sie glauben, daß Ihnen meine Rathschläge einigen Nutzen gewähren können, so werden Sie mich immer bereit finden, Ihnen gefällig zu sein.« Der junge Mann verbeugte sich, indem er die ihm dargebotene Hand drückte; Herr Guerreville fuhr fort: »Sie sind der einzige Sohn ... Ihre Mutter liebt Sie sehr, wie ich glaube ;...« »O ja, mein Herr ... sie ist sehr gut für mich ... vielleicht zu gut.« »Man ist nie zu gut gegen Jemand, der uns liebt; und Ihr Vater?« »Mein Vater ... ist ein wenig strenger ... indeß ist er nicht bösartig, gewiß nicht! ... aber er liebt nur den Handel ... er wünscht, daß ich mich demselben ganz widme, und ;...« »Dazu haben Sie keine Neigung?« »Nein, mein Herr, ich gestehe es, daß ich gar keine Lust zu diesem Stande habe.« »Welchen Stand wollen Sie denn ergreifen?« »Mein Gott, lieber Herr, ich weiß es selbst nicht recht ... das heißt, ich weiß es wohl ... aber ich wage es nicht zu sagen; denn ich fürchte, es möchte meiner Mutter Kummer machen ... und doch scheint mir, daß bei Allem, was sich auf die Kunst bezieht, sehr viel Ruhm, sehr viel Erfolg zu hoffen ist.« »In jedem Stande kann man auf Ruhm hoffen, wenn man sich hervorthut ... Oder glauben Sie, Herr Julius, daß es für den industriellen Mann keinen Ruhm gebe, wenn er als gewöhnlicher, unbedeutender Commis, ja sogar als Hausirer oder noch weniger angefangen, und es durch Thätigkeit, Talente, Unternehmungsgeist dahin gebracht hat, sich selbst an die Spitze eines großen Handlungshauses zu stellen, dessen Unterschrift so viel Geltung hat als eine Banknote, der zahlreiche Gehülfen unter seinen Befehlen hat und sich überall geehrt und geachtet sieht? O! einem Solchen gereicht es sehr zum Ruhme, ganz unten angefangen zu haben und so hoch gestiegen zu sein, und es wäre sehr ungeschickt von ihm, es verbergen oder wünschen zu wollen, man möchte es vergessen; denn es ist durchaus kein Verdienst, reich oder mächtig auf die Welt zu kommen, aber es bleibt stets eines, sich selbst einen Namen und eine achtbare Stellung in der Gesellschaft zu verschaffen.« »Mein Herr, ich bin weit entfernt, den Handel zu verachten ... ganz im Gegentheil, meine Eltern treiben ihn mit Ehren ... und wenn es sein muß ... Aber, mein Herr, wenn man keinen Geschmack an einer Sache hat, so versieht man sie schlecht.« »Das ist sehr wahr ... Jedoch der Künste gibt es viele; Sie haben ohne Zweifel schon Ihre Wahl getroffen?« »Mein Herr ... ich gestehe es, aber ich fürchte, mich zu ;...« »Nun, Herr Julius, sprechen Sie mit Vertrauen zu mir ... ich bin nicht so streng, als ich Ihnen vielleicht erscheine; ich werde mich erinnern, daß ich auch jung war ... und daß ich damals auch großer Nachsicht bedurfte ... Sie sind achtzehn Jahre alt! das ist das Alter, wo die Täuschungen anfangen, wo Herz und Geist sich nur entzücken lassen wollen; ich will Ihnen nicht sagen, daß Alles nur Lüge sei ... O nein, man muß die Jugend nicht entzaubern; die Zeit übernimmt dieses Geschäft früh genug. Ueberdies liegt Offenheit in den Freuden dieses Alters; es liegt Liebe in diesen Leidenschaften, welche in einem jugendlichen Herzen unaufhörlich sich entzünden und erneuern; aber es ist in einem achtzehnjährigen Kopfe auch mehr Thorheit als Vernunft, und deßhalb sind ihm die Rathschläge der Erfahrung sehr oft nöthig.« »Ach! mein Herr, Sie sprechen mit so viel Güte zu mir ... ich fühle mehr Zutrauen zu Ihnen, als zu meinem Vater. Ich will Ihnen meine geheimsten Gedanken mittheilen ... Mein Herr, ich fühle mich für das Theater berufen ... vom Theater träume ich, an das Theater denke ich ohne Unterlaß ... Schauspieler sein ... ein großes Talent besitzen ... einen vollen Saal sich applaudiren hören, ein ganzes Publikum bald zum Lachen, bald zum Weinen bringen, seine Aufmerksamkeit fesseln, Aller Blicke auf sich gerichtet sehen, das beifällige Murmeln vernehmen, das einem gut gesprochenen Worte, einer tief empfundenen Rede folgt ... Ach! mein Herr, das ist Glück, Ruhm, Vergnügen ... und das erneuert sich jeden Abend! ... Ah! das ist die Laufbahn, die ich betreten möchte! ;...« »Sie möchten also zum Theater gehen?« »Ja, mein Herr ... das ist es, was ich meinem Vater nicht zu sagen wage ... denn das würde ihn sehr böse machen ... Er zankt mich schon, wenn er weiß, daß ich im Theater war; er sagt, daß ich dort all mein Geld verschwende ... Ich habe nur das, was mir meine Mutter heimlich gibt, und ich glaube es wohl zum Besuch des Theaters verwenden zu dürfen ... weil das das einzige Vergnügen ist, das ich mir erlaube.« »Und kennt Ihre Mutter Ihren Hang für das Theater ... grollt sie Ihnen auch darüber?« »Ein wenig, aber so sanft, so sanft ... O! wenn sie nur allein zu sprechen hätte, dann könnte ich sicher thun, was mir nur gefällt!« »Herr Julius, es ist kein Unglück, Schauspieler zu sein, wenn man wirklich Talent hat ... wenn man aber keines hat, so ist es der allertraurigste Stand! ;...« »O! ich werde Talent bekommen, mein Herr, dessen bin ich gewiß ... O! wenn Sie wüßten, wie es mich begeistert, wenn ich Samson oder Bouffé spielen sehe! ... wie ich ihnen zuhöre, wie ich fürchte, einen einzigen ihrer Gedanken zu verlieren ... welche Talente! ... welche Schauspieler! ... Ah! mein Herr, haben Sie, wenn Sie diese Beiden spielen sahen, nie Lust bekommen, aufs Theater zu gehen?« Herr Guerreville konnte sich eines Lächelns nicht erwehren und erwiderte: »Nein, wahrhaftig! ... das hätte mich im Gegentheil davon abbringen können, denn ich würde gedacht haben, wie schwer muß es sein, es bis zu diesem Grade der Kunst zu bringen.« »Warum das? ... haben sie es doch auch dahin gebracht! ... Dann haben wir noch viele andere Künstler von großem Talent ... und, abgesehen davon, liebe ich alle Schauspieler! ... Wenn ich einem unterwegs begegne, so möchte ich ihm an den Hals springen, ihn umarmen ... ihm die Hand drücken ... mit ihm Arm in Arm spazieren gehen ;...« »Alles das beurkundet wohl Ihre Liebe für das Theater; aber darin sehe ich noch keinen Beweis, daß Sie Talent zum Schauspieler haben ... man bewundert oft etwas, was man selbst nicht machen kann.« »Ach! mein Herr ... wenn ich wagen dürfte, Ihnen noch etwas zu gestehen ;...« »Wagen Sie es immerhin, Herr Julius, Ihre Mutter hat Ihnen gesagt, daß Sie mich wie einen alten Freund betrachten können, und ich wiederhole Ihnen, daß Sie Ihr Vertrauen nicht schlecht angebracht haben sollen.« »Davon bin ich vollkommen überzeugt, mein Herr ... Aber was ich Ihnen sagen will ... davon darf mein Vater ... und selbst meine Mutter keine Kunde bekommen ;...« »Ich werde es ihnen nicht sagen, da Sie Verschwiegenheit von mir verlangen.« »Gut! mein Herr, so erfahren Sie denn, daß ich im Geheimen Deklamationsstunden nehme.« »Sie nehmen Unterricht! ... das ist was Anderes ... Sind Sie im Konservatorium?« »O! nein, leider bin ich nicht so glücklich ... aber ich gehe zu einem Professor.« »Dieser Professor ist ohne Zweifel einer unserer guten Schauspieler, oder ein alter Künstler von Ruf? ;...« »Mein Herr, es ist in der That ein alter Schauspieler, der einst viel Talent gehabt hat ... wie er sagt.« »Wo spielte er?« »Nun, er behauptet überall gespielt zu haben ... Uebrigens, würden mir meine Mittel nicht erlauben, einen sehr kostspieligen Lehrer zu halten ... Ich wage nicht, meine Mutter oft um Geld anzusprechen, weil ich weiß, welche Auftritte sie deßhalb mit meinem Vater hat; aber mein Professor ist nicht theuer, er gibt Lectionen zu zwanzig Sous für die Marke ... und wenn man zehn Marken vorausbezahlt, so bekommt man noch fünf Stunden gratis ;...« »Dabei ruinirt man sich allerdings nicht.« »Manchmal hat er auch sehr viele Zöglinge! ... Er sagte mir, daß er schon große Künstler gebildet habe.« »Wie heißen sie?« »Ah! sie sind alle in der Provinz; aber ich versichere Sie, daß er sehr gut unterrichtet ... und er schwört mir, daß ich die schönsten Anlagen habe.« »Für welches Fach?« »Für jugendliche Liebhaber.« »Herr Julius, ein Lehrer, der fünfzehn Stunden um zehn Franken gibt, wird diese Sprache gegen alle seine Schüler führen ... denn es ist anzunehmen, daß es ihm sehr darum zu thun sein muß Geld zu verdienen. Indeß will ich Sie nicht entmuthigen ... aber ich gestehe, es schmerzt mich, daß Sie sich auf eine so dornigte Laufbahn geworfen haben ... und ich darf Ihnen nicht verbergen, daß es auch Ihre Mutter sehr betrübt.« »Wie! mein Herr, hat sie denn meine Neigung errathen?« »Erräth eine Mutter nicht immer die Geheimnisse ihres Sohnes! Ja, auch die Ihrige hat Ihre Begeisterung für die dramatische Kunst wahrgenommen ... Sie befürchtet, Sie möchten den Gedanken haben, Schauspieler zu werden ... und es scheint mir, ihre Furcht sei sehr gegründet. Sie hat mir den großen Kummer nicht verhehlt, den ihr das machen würde. Bedenken Sie, Herr Julius, bevor Sie sich von einer Neigung hinreißen lassen, die gewiß nicht unüberwindlich ist ... Ueberlegen Sie, ob alle die Erfolge, alle die Vergnügungen, die Sie auf dem Theater zu finden hoffen, den Kummer überwiegen können, den Sie Ihrer Mutter verursachen würden ;...« Julius schlug die Augen nieder, er war bewegt und schwieg einige Zeit; endlich murmelte er zwischen den Zähnen: »Mein Gott! mein Herr ... Sie wissen wohl, daß alle Eltern so sind ... zuerst zanken sie ... wenn man aber sein Glück macht, sind sie froh, daß man seiner Neigung gefolgt ist und nicht auf sie gehört hat! ... Wenn ich ein großer Künstler werde ... so meine ich, daß das wohl einen Parfümeur aufwiegt ... Wollten Sie wohl, mein Herr, mich bei meinem Professor spielen sehen ... wir spielen Scenen ... bisweilen ganze Akte, wenn wir in hinreichender Zahl beisammen sind ... dann könnten Sie urtheilen, ob ich Talent habe.« Herr Guerreville wollte eben antworten, als Georg die Thüre des Zimmers halb öffnete und nur den Vorderkopf mit den Worten hineinsteckte: »Mein Herr, es ist eine junge Dame mit ihrer Kammerfrau da, welche sagt, Sie seien ihr Pathe, und fragen läßt, ob sie die Ehre haben könne, Ihnen aufzuwarten.« Eine leichte Röthe flog über das Gesicht von Herrn Guerreville, doch antwortete er rasch: »Gut! ich will diese junge Dame empfangen ... laß dieselbe in den Salon eintreten und bitte sie einen Augenblick zu warten.« Georg zog sich zurück und Julius erhob sich mit den Worten: »Sie bekommen Besuch, mein Herr, ich verlasse Sie, und bitte um Entschuldigung, Sie so lange belästigt zu haben ... ich wollte Ihnen nur noch die Adresse meines Professors der Deklamation geben ... ich muß sie bei mir haben ... es ist übrigens Herr Krächzer, in der kleinen Heulerstraße ... Ah! hier ist seine Adresse ... Der Unterricht findet, den Sonntag ausgenommen, täglich von zwölf bis vier Uhr Nachmittags, oder Abends von sieben bis zehn Uhr Statt. Ich gehe hin, wenn ich irgend einen Ausgang zu machen habe und mir eine halbe Stunde abmüßigen kann, aber Dienstags und Donnerstags, fehle ich im Laufe des Tags fast nie ... Sie werden doch kommen, um mich spielen zu sehen, nicht wahr, mein Herr? ich wäre sehr erfreut. Ihr Urtheil zu hören ;...« »Ja, ich werde kommen, ich verspreche es Ihnen ... aber warten Sie ... warten Sie doch, Herr Julius ;...« Und während er dies sagte, drehte er sich um und ging im Zimmer auf und ab, als wenn ihm etwas auf dem Herzen läge und er nicht wüßte, wie er sich dabei benehmen sollte; endlich näherte er sich seinem Sekretär, nahm eine Rolle mit fünfzig Napoleons heraus und schrieb auf ein Papier: Für Julius, damit seine Vergnügungen keinen Zank zwischen seinen Eltern verursachen. Herr Guerreville wickelte diesen Zettel um die Rolle herum, hüllte Alles zusammen in ein anderes Papier, und zu Julius zurückkehrend, legte er ihm die Rolle in die Hand, indem er sagte: »Herr Julius, haben Sie die Güte, dieses Ihrer Frau Mutter von mir zu überbringen ... es ist eine alte Schuld, die ich hiemit berichtige, für verschiedene Anschaffungen, die sie vor langer Zeit für mich gemacht hat.« Julius schien erstaunt, als er die Summe; welche in seine Hand geglitten war, wog, und stotterte: »Wie, mein Herr! ... Aber meine Mutter hat mir nicht gesagt, daß ;...« »Sie hatte nicht nöthig, es Ihnen zu sagen ... es ist eine alte Rechnung, sie hatte es vielleicht vergessen ... Aber verzeihen Sie, mein Herr ... man erwartet mich; ich werde das Vergnügen haben, Sie wiederzusehen.« Julius hielt es nicht für schicklich, noch weitere Anfragen zu stellen; er steckte die Rolle in seine Tasche, grüßte Herrn Guerreville ehrerbietig und entfernte sich, nachdem er ihn vorher um die Erlaubniß gebeten hatte, wiederkommen zu dürfen, um ihm seine Achtung zu bezeigen. Der junge Mann ging fort, die Blicke von Herrn Guerreville folgten ihm; er blieb einige Augenblicke in seine Gedanken versunken; endlich rief er Georg und sagte zu ihm: »Laß das Fräulein, welches in dem Salon ist, hereintreten.« Der Exsoldat machte eine halbe Wendung, entfernte sich und kam bald mit einem jungen Mädchen zurück, welche ins Zimmer schlüpfte, Knixe machte und schon an der Thürschwelle ausrief: »Guten Tag, lieber Pathe! – Wie befinden Sie sich, lieber Pathe? ... Ich bin erfreut, Sie zu sehen ... Wollen Sie mir erlauben, Sie zu küssen, lieber Pathe? ;...« Herr Guerreville blieb unbeweglich stehen und starrte die Person an, welcher es so sehr darum zu thun schien, ihn zu küssen; es war ein junges Mädchen von ungefähr siebzehn Jahren, sehr rund, sehr fett, sehr frisch und sehr rothbackig; eine ziemlich reizende Brünette, obwohl ihre großen braunen Augen mehr Frohsinn als Schelmerei ausdrückten, und ihr Gesicht eben so sehr aus Gewohnheit als aus Neigung zu lachen schien; aber ihr Mund war klein und mit hübschen Zähnen garnirt, ihr Näschen wohlgebildet, hübsche Grübchen bildeten sich jeden Augenblick in ihren vollen Wangen, ihre Gestalt endlich war sehr schön, und ihr Busentuch verrieth schon sehr deutlich entwickelte Reize. Das war Fräulein Agathe, welche nicht die geringste Aehnlichkeit mit ihrem Pathen hatte, aber nichtsdestoweniger ein hübsches Mädchen war, von offenbar handfester Gesundheit. Die frostige und beinahe strenge Miene, womit Herr Guerreville das Mädchen aufnahm, verblüffte diese ein wenig; sie faßte sich jedoch wieder und begann ihre Knixe und ihr Trippeln von Neuem, indem sie die gleichen Redensarten wiederholte. »Guten Tag, lieber Pathe, ich wünsche Ihnen von Herzen einen schönen guten Morgen, lieber Pathe! ... Wie befinden Sie sich? ... Ich komme, Sie achtungsvollst zu begrüßen und Sie zu küssen, wenn Sie es mir erlauben wollen.« Herr Guerreville neigte sich zu Agathen, küßte sie auf die Stirne, obgleich das Mädchen ihm ihre Wangen hinhielt und führte sie zu einem Lehnstuhl, indem er zu ihr sagte: »Setzen Sie sich, mein liebes Kind.« »Mit Vergnügen, lieber Pathe,« sagte Fräulein Agathe, indem sie sich in den Lehnstuhl niederließ. Herr Guerreville setzte sich zu dem jungen Mädchen, betrachtete sie fortwährend, aber ohne im mindesten bewegt zu scheinen, und sprach: »Sie sind die Tochter von Madame Grillon?« »Ja, lieber Pathe ... ich bin ihre einzige Tochter ... Agathe, Ihre Pathe.« »Und Ihre Frau Mutter hat Ihnen die Erlaubniß gegeben, mich zu besuchen?« »O, gewiß, lieber Pathe, sie hat es mir sogar befohlen ... Ohne das wäre ich gewiß nicht auf den Gedanken gekommen, zu Ihnen zu gehen ... denn ich dachte gar nicht an Sie, lieber Pathe; als aber Mama gestern nach Hause kam, schrie sie schon unten an der Treppe: Agathe! Agathe! Dein Pathe ist in Paris! ich bin ihm begegnet ... Du mußt morgen früh zu ihm gehen, um ihm Deine Aufwartung zu machen und ihn zu küssen. Und Mama war so glücklich ... so vergnügt, daß sie gar nicht bemerkte, daß sie auf den Rock Papas trat, welchen er über einen Stuhl gelegt hatte, um sich einen Knopf annähen zu lassen; und als Papa zu ihr sagte: Nimm Dich doch in Acht, meine Liebe, Du wirfst meinen Rock auf die Erde und trittst darauf, antwortete ihm Mama: O, das ist mir ganz gleich ... ich bin Herrn Eduard Guerreville begegnet, dem Pathen meiner Tochter; er wohnt in Paris und wird uns besuchen ... ich könnte heute auf allen Deinen Hosen herumtreten, ohne deßhalb weniger vergnügt zu sein.« »Das ist sehr liebenswürdig von Seiten Ihrer Frau Mutter!« »O! lieber Pathe! darum lieben wir Sie Alle im Hause recht sehr! ... und deßhalb bin ich auch sehr erfreut, Ihre Bekanntschaft zu machen; denn Mama sprach oft mit mir von Ihnen und sagte mir: Es ist recht Schade, meine arme Agathe, daß Dein Pathe nicht in Paris ist, denn eine Pathe ist wie ein zweiter Vater ... man wünscht ihm zum Geburtsfeste, zum neuen Jahre Glück ... er würde Dir auch ein Neujahrsgeschenk machen: der Deinige war sehr liebenswürdig, sehr großmüthig ... Kurz, lieber Pathe, ich bedauerte es recht sehr, Sie nicht zu kennen ... denn ich war, glaube ich, fünf Jahre alt, als ich Sie zum letzten Male sah ... und konnte mich Ihrer gar nicht mehr erinnern; ich glaubte, mein Pathe sei ein dicker Mann mit einem großen Bauch und starken Waden ... ich weiß gar nicht, woher ich dieses Bild entnommen habe! ... Gerade so bildete ich mir, als ich noch in der Pension war, ein, das Theater sei ein Laden, in welchem man aller Art Dinge verkaufe. Ah! wenn man klein ist, ist man doch recht dumm! ... aber jetzt bin ich nicht mehr so: ich weiß Alles und Mama sagt, ich könne sprechen, wie Eine von vierzig Jahren.« Fräulein Agathe schien noch immer geneigt fortzusprechen, aber Herr Guerreville, der auf sie hörte, wie wenn er an etwas ganz Anderes dächte, als man an ihn hinsprach, unterbrach die junge Schöne mit den Worten: »Ihre Eltern haben ohne Zweifel für Ihre Erziehung gesorgt?« »O ja, lieber Pathe! gewiß, ich wurde sehr gut erzogen; aber aus der ersten Pension, in die man mich gebracht hatte, wurde ich wieder genommen, weil ich jeden Tag Bohnen zu essen bekam. Ich beklagte mich deßhalb bei Mama, welche der Unterlehrerin sagte, daß die Bohnen mir übel bekämen. Diese sagte es der Direktorin, welche ihr erwiderte, um meinetwillen würde man die Hausordnung nicht abändern; Mama fand das sehr unhöflich und ich wurde anderswohin gegeben, wo ich viel besser daran war: man hatte in der Woche Linsen und Kartoffeln mit Rindfleisch; ich liebe gerade die Kartoffeln nicht sehr, aber die Linsen sind meine Leibspeise, besonders mit Oel. Aber wenn Sie wüßten, lieber Pathe, wie wenig Oel man in den Pensionen an den Salat thut ... ich glaube fast, man thut gar keines daran ... und das ist sehr schlimm für den Magen ... Ich hatte eine Freundin, welche ;...« »Ist es schon lange, daß man Sie aus der Pension genommen hat?« »Es sind jetzt achtzehn Monate, lieber Pathe. Mama und Papa fanden, daß ich genug wüßte, und nichts mehr zu lernen nöthig hätte.« »Was wissen Sie denn?« »O, lieber Pathe! ich kann ein wenig singen, ich spiele ein wenig Clavier, ich zeichne ein wenig ;...« »Es scheint mir, Sie wissen von Allem ein wenig.« »Ja, lieber Pathe ... und dann tanze ich sehr gut ... O, ich liebe den Tanz sehr! Mama liebt den Tanz ebenfalls; wenn wir auf dem Balle einander gegenüber tanzen, sagt sie, halte man uns für zwei Schwestern.« »Und Ihr Herr Vater?« »O, mein Vater tanzt nie oder höchst selten, wenn gerade der vierte Mann fehlt ... aber Papa bringt die Touren immer in Unordnung; ich habe ihm noch nicht einmal die Pastourelle beibringen können! Ah! ... apropos, lieber Pathe, ich hätte bald vergessen, Ihnen zu sagen, daß Mama mir aufgetragen hat, Sie zu bitten, uns morgen die Ehre zu erweisen, bei uns zu Mittag zu speisen; man setzt sich Punkt fünf Uhr zu Tische.« »Ich danke Ihnen, mein liebes Kind; aber sagen Sie Ihrer Frau Mutter, daß ich sehr bedaure, ihre Einladung nicht annehmen zu können.« »Ah! warum denn, lieber Pathe? Wir rechneten so bestimmt auf das Vergnügen, Sie bei uns zu sehen! ... Mama wollte noch Madame Devaux und ihre Töchter einladen ... das sind Leute von sehr gutem Ton, die Soiréen geben ... und dann Herrn Adalgis, einen sehr liebenswürdigen jungen Mann, der immer weiße oder strohgelbe parfümirte Handschuhe trägt. Das sieht hübsch aus, ein junger Mann, der helle Handschuhe trägt ... das gibt ihm ein sehr feines Ansehen ... und dann spielt dieser Herr auch das Klapphorn, das heißt er lernt es; aber er will es nicht eher spielen, bis er es recht weit darin gebracht hat, und mich alsdann zum Piano begleiten ... Indessen singt er ausgezeichnet Romanzen; das letzte Mal hat er uns »die gute Hoffnung« von Friedrich Bérat vorgesungen ... Mein Gott, wie schön das ist! ... Lieber Pathe, kennen Sie »die gute Hoffnung« von Bérat?« »Meine liebe Pathe, ich bin sehr betrübt, All' das nicht anhören zu können, aber ich wiederhole Ihnen, ich kann morgen von der Einladung Ihrer Eltern keinen Gebrauch machen.« »Ah! das ist sehr Schade, lieber Pathe; Papa freute sich auch so sehr darauf, Sie bei Tische zu haben, weil Mama ihm gesagt hatte, sie würde eine Compote von Kastanien machen lassen.« »Ich werde Sie besuchen, Agathe, und auch Madame Grillon meine Aufwartung machen.« »Wann das, lieber Pathe?« »Sobald es mir möglich sein wird ... Wollen Sie mir indeß erlauben, meine liebe Pathe, Ihnen ein kleines Geschenk zu machen?« Herr Guerreville hatte sich erhoben und war an seinen Sekretär gegangen. Er fühlte, daß es bei Agathen keines Vorwandes bedürfe, um ihr ein Geschenk anzubieten, überdies gab ihm der Titel Pathe das Recht dazu. Agathe hatte sich ebenfalls erhoben und machte eine zierliche Verbeugung, indem sie sagte: »Lieber Pathe, Sie sind sehr gütig; ich werde gewiß Alles annehmen, was Sie mir gerne anbieten.« Herr Guerreville hatte aus einer Schublade seines Sekretärs eine hübsche Kaschemirbörse genommen, die mit Gold gestickt war und mit kostbaren Steinen besetzte Schiebringe hatte; er legte in jede Seite derselben fünfzehn Napoleons und überreichte sie Agathen mit den Worten: »Nehmen Sie, meine liebe Freundin, behalten Sie diese Börse als ein kleines Andenken von mir; mit ihrem Inhalte werden Sie einige Ihrer Lieblingsneigungen befriedigen können. Es wäre vielleicht passender gewesen, wenn ich Ihnen alle die Kleinigkeiten, die einem jungen Mädchen Freude machen, selbst gekauft hätte ... Aber Sie werden mich entschuldigen, da ich mich wenig darauf verstehe und Ihr Geschmack Sie besser leiten wird, als der meine.« Agathe nahm die Börse, indem sie vor Freude erröthete; dann machte sie zwei oder drei kleine Sprünge im Zimmer und rief: »Ach! wie gut Sie sind, lieber Pathe! Ah, die schöne Börse! ... und alle diese Goldstücke! ... O, welche hübsche Sachen werde ich dafür bekommen! ... Mein Vater gibt mir alle Sonntage nur ein Zehnsousstück für meine kleinen Vergnügungen, damit kann ich nicht viel anfangen. Ah! ich will mir eine Scharpe kaufen, wie ich neulich eine an Cölestinen gesehen habe ... eine blaßblaue Scharpe mit weißen Fransen, das ist allerliebst ... Lieber Pathe, wollen Sie mir erlauben, Sie zu küssen? Ah! wie vergnügt ich bin! ... Mama hatte sehr Recht, mir zu sagen: Du wirst sehen, wie hübsch es ist, seinen Pathen kennen zu lernen, besonders wenn er reich ist!« Und Agathe reichte Herrn Guerreville nochmals ihre schönen, frischen und kirschrothen Wangen dar; dieser aber berührte sie kaum mit den Lippen und führte sie dann sachte an die Thüre, indem er sagte: »Es thut mir leid, meine liebe Pathe, Sie nicht länger hier behalten zu können ... aber Geschäfte nöthigen mich ;...« »O, lieber Pathe, das genügt ... Sie brauchen sich bei mir nicht im geringsten zu geniren ... denn ich mache durchaus keine Umstände ... besonders bei Personen, die mir gefallen, und Sie, mein lieber Pathe, gefallen mir gar sehr.« Inzwischen hatte Herr Guerreville Agathen bis ins Vorzimmer zurückgeführt, wo ein großes Frauenzimmer mit einer weißen Schürze und einer bäurischen Haube Georg gegenübersaß, der sie sehr häufig ansah, aber kein Wort mit ihr sprach. Agathe lief auf ihre Bonne zu und rief: »Jeannette! Das ist mein Pathe ... Mein Pathe, das ist Jeannette, unsere Bonne ... Sie geht immer mit mir aus, weil meine Eltern nie erlauben, daß ich allein ausgehe; und doch weiß ich meinen Weg ganz gut und würde mich nicht verirren ... Glücklicher Weise lachen wir Beide, Jeannette und ich, wenn wir mit einander ausgehen ... Sie ist ebenso heiter wie ich ... wir machen uns über die Vorübergehenden lustig ... O! das ist sehr amüsant ... Es gehen so lächerliche Leute vorüber, die so drollig aussehen ... Doch Adieu, lieber Pathe! ... Ich werde Mama sagen, daß Sie uns bald besuchen werden, aber es wird ihr sehr leid thun, daß Sie morgen nicht zu Tische kommen können ... und dem Vater auch ... er wird um seine Kastaniencompote seufzen! ... nicht wahr, Jeannette? ... Jeannette, grüße meine Pathen ... Auf Wiedersehen, lieber Pathe ... besuchen Sie uns bald ... Wollen Sie mir erlauben, Sie zu küssen?« Fräulein Agathe reichte abermals ihre Wangen hin; aber Herr Guerreville drückte einen sehr kalten Kuß auf ihre Stirne und geleitete sie dann hinaus, indem er selbst die Thüre seiner Hausflur öffnete. Endlich entschloß sich das junge Mädchen zu zu gehen, aber nicht eher, als bis sie sich zuvor noch mehr als zwanzigmal umgedreht hatte, um zu wiederholen: »Auf Wiedersehen, lieber Pathe! besuchen Sie uns bald ... vergessen Sie es nicht! ;...« Als sich Guerreville in seinem Zimmer allein befand, warf er sich in einen Lehnstuhl, indem er ausrief: »Das waren nun diese zwei Kinder! ... Das ist sonderbar! ... Ich hatte geglaubt, ihr Anblick würde mich bewegen, rühren ... Aber nein, ich habe in der Tiefe meines Herzens nichts empfunden, keine geheime Stimme hat sich in meiner Seele erhoben, um mir zuzuflüstern: Du bist ihnen auch deine Liebe schuldig! Ich glaube, daß mir ihre Zärtlichkeit eher lästig als angenehm wäre. O! das ist schlimm, sehr schlimm! Doch woher kommt das? Weil ich in ihrer Nähe meine Tochter, meine Pauline nicht vergessen kann! ... O! meine Tochter ... Dir bin ich Vater ... Dich betete ich an ... Dir gehört noch immer meine ganze Zärtlichkeit ... und fern von Dir kann ich keinen Augenblick glücklich sein ... Aber noch keine Nachricht! ... unmöglich zu erfahren, was aus ihr geworden ist! ... Mein Gott! sollte ich sie denn auf immer verloren haben! ... Hat sie mich ganz vergessen! ... verlassen ... O! nein, man vergißt seinen Vater nicht ganz, wenn man weiß, wie theuer man ihm war, wenn man weiß, daß er täglich seine Tochter beweint ... wenn man nicht zweifeln kann, daß seine Zärtlichkeit stets stärker als sein Zorn sein, daß er alle Fehltritte verzeihen wird, um nur sein Kind noch einmal umarmen zu können ... und doch verschwinden die Jahre, und nichts! nichts ... kein Brief, keine Nachricht! ;... Herr Guerreville ließ das Haupt auf die Brust sinken und schien vernichtet von seinem Schmerz. Achtes Kapitel Ein Freund und ein Ueberlästiger Es war schon eine beträchtliche Zeit verflossen, seit Agathe Herrn Guerreville verlassen, und dieser saß noch immer in seine Gedanken versunken und unter der Last eines Kummers seufzend, dem selbst die Hoffnung zu fehlen anfing, in derselben Stellung auf seinem Stuhle, Stunde und Gegenwart, Alles vergessend, um nur an seine Tochter zu denken. Georg, an die Gemüthsart seines Herrn gewöhnt, erlaubte sich niemals, ihn in seinen Betrachtungen zu stören, denn er wußte, daß ihm dann ein schlechter Empfang zu Theil würde. Mehr als einmal hatte Guerreville schon auf diese Art die gewöhnliche Speisestunde verstreichen lassen. An solchen Tagen hütete sich Georg wohl, ihn daran zu erinnern; er sagte sich dann: »Wahrscheinlich hat der Herr keinen Hunger, weil er nicht daran denkt, zu Tische zu gehen. Allein da er in einer Restauration speist, steht es ihm ja frei, hinzugehen, wann es ihm gefällt ;...« Diesmal öffnete Georg gegen seine Gewohnheit halb die Thüre zum Zimmer seines Herrn, und da er ihn unbeweglich auf dem Stuhle sitzen sah, so hustete er, um sich bemerklich zu machen, und Herr Guerreville, der durch dieses Geräusch an seine gegenwärtige Lage erinnert wurde und sich nun wieder allein sah, während ihn seine Träume mit seiner Tochter vereinigt hatten, wandte sich heftig gegen seinen Diener und rief mit zorniger Stimme aus: »Was wollt Ihr von mir, warum tretet Ihr ein, ohne daß ich Euch gerufen habe?« Der arme Georg war ganz bestürzt und im Begriff, sich zurückzuziehen, ohne etwas zu sagen, aber sein Herr fuhr fort: »Nun gut! Werdet Ihr sprechen? ... Weßhalb stört Ihr mich? ;...« »O! mein Herr, es ist wahr; ich hätte bedenken sollen ... aber ich werde diesem Herrn sagen, daß es Sie stört, und daß Sie ihn heute nicht annehmen können.« »Wie! noch Jemand! ... aber will man mich denn gar nicht in Ruhe lassen! ... Wer ist da?« »Es ist der Herr von da drunten ... von Château-Thierry ... der Doktor Jenneval ... er behauptet, ein Arzt habe jeder Zeit das Recht, bei seinen Freunden einzutreten ... selbst wenn sie nicht krank sind ;...« »Der Doktor ... der Doktor Jenneval!« Herr Guerreville erhob sich, strich sich mit der Hand über die Stirne und sagte zu Georg: »Herr Jenneval kann eintreten.« Der Doktor trat ein, lief auf Herrn Guerreville zu und drückte ihm herzlich die Hand, während dieser seinem Bedienten ein Zeichen gab, sich zu entfernen. »Da bin ich,« sprach Jenneval, indem er sich mit froher Miene auf einem Stuhle niederließ. »Ich habe ein wenig gezögert ... aber ich mußte meine Angelegenheiten beenden, mit meinen Patienten liquidiren! ... Diese waren so gütig, mich gar nicht loslassen zu wollen, und ich weiß in der That nicht recht warum; denn ich habe mich sehr oft über sie und über ihre Krankheiten lustig gemacht ... Aber vielleicht gerade deßhalb ... Ich glaube, daß ich mehrere eher dadurch geheilt habe, daß ich sie zum Lachen brachte, als durch Rezepte. Endlich habe ich mich losgerissen, der Provinz Adieu gesagt und bin nun in Paris, um hier die Leute vom Leben zum Tod zu kuriren.« »Sie wollen sich hier niederlassen, Doktor?« »Ja; das Leben in einer kleinen Stadt ... ihre Klatschereien, ihre Vergnügungen, ihre Gebräuche, das Alles behagt mir nicht mehr. Es lebe Paris! für die Künste und Wissenschaften, für die Theorie und Praxis! Indeß habe ich in Château-Thierry schöne Stücke ausgeführt ... und noch zu guter Letzt herrliche Kuren vollbracht ... zum Beispiel Madame Blanmignon ganz von ihren Krämpfen geheilt, indem ich ihr Pillen eingab, die nur aus Mehl bestanden, und den alten Herrn Benoit, der eine Magenentzündung zu haben glaubte, dadurch wieder hergestellt, daß ich ihn fünfzehn Tage lang nichts als Lebkuchen essen ließ ... Wahrhaftig, diese Leute hatten den rechten Glauben! ;...« »Es scheint, mein lieber Doktor, daß Sie Ihre Heiterkeit noch nicht verloren haben ;...« »Ich werde mich wohl hüten, denn damit heile ich meine Kranken. Uebrigens komme ich mit Empfehlungsbriefen beladen an ... habe auch überdies einige Bekanntschaften hier ... und vielleicht wissen Sie, daß ich fast eben so sehr aus Neigung, als aus Interesse praktizire. Ich habe viertausend Franken Rente, bescheidene Wünsche, keinen Ehrgeiz: Mit diesem kann ein Arzt, der noch unverheiratet ist, ganz gut auf Patienten warten, ohne ein epidemisches Fieber oder die Cholera herbeizuwünschen. Aber wie steht es mit Ihnen, mit Ihrer Gesundheit? ... Ich hätte mich eigentlich zuerst darnach erkundigen sollen.« »Ich danke, Doktor; mit meiner Gesundheit steht es gut ;...« »Aber Sie sind noch immer traurig, noch immer insgeheim betrübt ... O! ich sehe das wohl, bei Ihnen leidet die Seele. Wohlan! ich werde Sie zu zerstreuen ... ein wenig zu beschäftigen suchen ... Ich werde nicht nach Ihren Geheimnissen fragen ... o! ich will mich nicht in Ihr Vertrauen eindrängen ... Das Vertrauen muß von selbst kommen ... und dann gibt es auch Kummer, den man lieber geheim hält; wahrscheinlich gehört der Ihrige zu dieser Gattung ... Später vielleicht, wenn Sie mich besser kennen werden ... denn da Sie mir einmal erlaubt haben, Ihre Bekanntschaft zu pflegen, so hieße es Ihnen schlecht für Ihr Vertrauen danken, wenn ich Sie mit meinen Fragen belästigen wollte. Also abgemacht: Ich werde nie auf diesen Gegenstand zurückkommen. Aber ich werde es versuchen, Ihnen die Falten der Sorge und Bekümmerniß von der Stirne zu streichen, denn das gehört zu meinen Funktionen.« »Mein lieber Jenneval, ich bin wahrhaft vergnügt, Sie wieder zu sehen.« »Ich muß Ihnen sagen, daß ich die Reise von Château-Thierry nach Paris mit einem Manne gemacht habe, der auch sehr wünscht, Ihre Bekanntschaft zu machen ... Aber ach! es ist das neugierigste Geschöpf, das ich jemals getroffen. Es ist Herr Vadevant, einer von denen, die Ihnen ihre Karten zuschickten, als sie gehört hatten, daß Sie mit dem Unterpräfekten befreundet seien. Kaum hatte er erfahren, daß ich mich in Paris niederlassen wollte, so wußte er es auch zu veranstalten, die Reise mit mir zu machen. Unterwegs sprach er viel von Ihnen. Um ihn recht aufzustacheln, ließ ich durchblicken, daß ich darauf rechnete, Sie oft zu sehen, da bat er mich auf der Stelle, ihn bei Ihnen einzuführen.« »Das werden Sie aber nicht thun, lieber Doktor?« »O! seien Sie ruhig; Herr Vadevant ist einer von den Menschen, bei denen man sich nicht fürchten darf, ihnen etwas abzuschlagen, da sie sich dadurch nicht abhalten lassen, Einem dieselbe Bitte hundertmal zu wiederholen; er gehört zu denen, welche glauben, daß man vermittelst der Zudringlichkeit am Ende Alles von den Leuten erhält. Es ist wahr, daß man damit bisweilen durchdringt; man gewährt Leuten, die uns lästig sind, manchmal Etwas, was man einem bescheidenen Freunde verweigert hätte ... die Welt ist nun einmal so ... aber ich bin deßhalb nicht geneigter, die Bekanntschaft mit Herrn Vadevant fortzusetzen, obgleich dieser mir bereits das Anerbieten gemacht hat, der Arzt mehrerer seiner hiesigen Freunde zu werden, und unter Anderem auch einer seiner Cousinen, einer sehr reichen Dame, wie er sagt, mit zwei allerliebsten Töchtern, die sie bald verheirathen wird: Er behauptet sogar, nur deßhalb nach Paris gekommen zu sein, um einer dieser Hochzeiten beizuwohnen und seiner Cousine bei den hiezu nöthigen Einkäufen an die Hand zu gehen. Auch hat er mir schon den Vorschlag gemacht, mich bei dieser Cousine einzuführen.« »Mein lieber Doktor, lassen wir Ihren Herrn Vadevant, der mich durchaus nicht interessirt ... späterhin werde ich Sie mit einigen Personen bekannt machen, die mich näher angehen; inzwischen könnten Sie mir schon einen großen Gefallen erweisen.« »Sprechen Sie, ich stehe ganz zu Ihren Diensten.« »Es war ungefähr vor drei Monaten, daß ich eine Wohnung suchte; ich trat in ein Haus der Montmartrestraße, wo ich, nachdem ich mehrere Gelasse angesehen, von einem armen Teufel sprechen hörte, der in einer Dachkammer krank lag ... es war ein Wasserträger ... er hatte zu seiner Verpflegung nur seine Tochter bei sich, ein Mädchen von sechs bis sieben Jahren; und da man davon sprach, ihn aus seiner Wohnung zu werfen, und seine Möbeln zu verkaufen, befiel mich die Neugier, zu ihm hinaufzusteigen.« »Die Neugier! ... ich verstehe ;...« »Ich sah den Mann ... er nannte sich Jerome ... er sah wie ein ordentlicher Mann aus; aber er war noch krank ... sein armes, kleines Mädchen war sehr schwächlich ... sehr zart ... aber es liebte seinen Vater zärtlich und wich nicht von seinem Lager ... und er, ach! auch er liebte seine Tochter ... er nannte sie seinen Schutzengel.« Herr Guerreville hielt inne, von tausend Erinnerungen bewegt, die sein Herz bestürmten; endlich fügte er mit halber Stimme, und indem er seine Blicke auf die Erde heftete, bei: »Man ist so glücklich, wenn man seine Tochter bei sich hat.« Es trat ein augenblickliches Stillschweigen ein, das Jenneval nicht zu unterbrechen wagte: denn schon hatte er einen Theil der Sorgen von Herrn Guerreville errathen. Endlich fuhr dieser fort: »Ich gab dem Kinde einiges Geld ... damit sein Vater nicht wegen der Miethe beunruhigt würde; aber nun möchte ich doch wissen, ob der arme Jerome völlig hergestellt worden ist ;...« »Und was hielt Sie ab, ihn wieder zu besuchen?« »Ich weiß nicht ... die Zeit verstrich mir so ;...« »Sagen Sie vielmehr, daß Sie sich nicht den Dank für Ihre Wohlthaten holen wollten ... O! ich errathe Sie, ich lese in Ihrer Seele. Nun gut! ich, der ich dem Jerome nichts gegeben habe, ich werde ihn besuchen, und wenn er noch nicht hergestellt wäre, sein Arzt sein.« »Sie wollten diese Güte haben, Doktor?« »Diese Güte! und warum nicht; weil ich gerne lache und spaße, werden Sie doch bei mir kein unempfindliches Herz suchen, das für das Vergnügen, Anderen zu dienen, unempfänglich ist?« »O nein, wenn ich Sie so beurtheilt hätte, so würde ich Sie nicht aufgefordert haben, mich wieder zu besuchen.« »Die Adresse dieses Jerome?« »Hier ist sie ... ich habe sie auf dieses Papier geschrieben.« »Sehr gut ... ich werde morgen früh hingehen und Ihnen alsbald Bericht abstatten.« »Ich danke Ihnen, mein lieber Doktor.« »Indeß, das ist noch nicht Alles ... Haben Sie schon gespeist?« »Nein ... ich dachte noch nicht daran.« »Aber ich denke sehr daran, denn es ist spät, und ich habe Hunger. Speisen wir zusammen, Sie sollen nicht gezwungen sein, zu essen; aber vielleicht bekommen Sie Lust dazu, während Sie mit mir plaudern.« »Ich bin zu Ihren Diensten.« »Das ist brav gesprochen. Nehmen Sie Ihren Hut und gehen wir.« Herr Guerreville ging mit dem Doktor weg, der seinen Arm in den seines Freundes legte, indem er sagte: »Wo speisen Sie gewöhnlich?« »Ich habe keinen bestimmten Ort, ich speise in der Regel in dem Quartier, wo ich mich gerade befinde ... und da ich die Absicht habe, in Paris einen gewissen Jemand aufzufinden, so ist es mir nicht unangenehm, immer wieder andere Orte zu besuchen, weil man da auch wieder andere Gesichter sieht.« »Vortrefflich, auch ich gestehe Ihnen, daß ich bei meiner Niederlassung in Paris einen Restaurations-Cursus durchzumachen wünsche; und zwar weit weniger aus Leckerei, als aus Neugierde; aber ich liebe es sehr, zu beobachten, und ich möchte wissen, wie man in Paris in den verschiedenen Klassen der Gesellschaft lebt. Werden Sie mich begleiten? Während ich meine Betrachtungen mache, werden Sie prüfen, ob Sie demjenigen, oder derjenigen, die Sie suchen, auf der Spur sind.« »Sehr gerne, Doktor.« »Aber ich sage Ihnen zum Voraus, daß ich Alles sehen will, von der kleinsten Garküche bis zur vornehmsten Restauration. Wenn man sich unterrichten will, muß man sich entschließen, manchmal in eigenthümliche Gesellschaft zu gehen.« »Ich wiederhole es Ihnen, ich werde gehen, wohin Sie wollen, und vielleicht werde ich wirklich in meinen Nachforschungen glücklicher sein.« »So ist es recht. Wir wollen gleich heute den Anfang machen; wir werden ja nicht gezwungen sein, da zu bleiben, wo es uns gar zu schlecht scheint. Man behauptet, in Paris sei nichts leichter, als zu Mittag zu speisen; ein Mittagsessen findet sich für jedes Vermögensverhältniß vor ... in der That, hier ist schon ein Anschlagzettel, lesen wir: Dîner zu sechzehn Sous ... Zu sechzehn Sous! ... sollte man es glauben? ... In diesem modernen Babylon, wohin man aus allen Ecken des Erdballs zusammenströmt, speist man um sechzehn Sous zu Mittag! ... Man braucht also keine fünfzigtausend Franken Rente, um in Paris zu leben?« »Doktor, die Restaurationen, oder vielmehr die Orte, wo man zu essen bekommt, wuchern in dieser Stadt; denn es wäre lächerlich, schlechte Garküchen, aus denen man fortgeht, ohne sich restaurirt zu haben, Restaurationen zu nennen. Es gibt Speisewirthe, Wein- und Speisewirthe, bürgerliche Pensionen, Restaurationen zu festen Preisen und endlich Häuser, in denen man zu jedem Preis speist; diese letzteren Anstalten werden namentlich von Maurern, Steinhauern und überhaupt von Handwerkern besucht, welche vier Sous zahlen und sich dafür eine Suppe anrichten lassen, in welche sie ihr Brod einbrocken. Ich ehre die menschenfreundlichen Ideen und finde es sehr zweckmäßig, daß ein Steinhauer eine Suppe billig essen kann; Jedermann muß leben, der, welcher ein Haus bauen läßt, wie der, der es baut; aber ich glaube doch nicht, daß Sie Lust haben, in Gesellschaft von Maurern zu speisen.« »Nein, wir wollen, ohne uns aufzuhalten, an den Restaurationen vorübergehen, in denen man zu jedem Preis essen kann; aber ein Mittagsessen um sechzehn Sous, das muß interessant sein ;...« »Sie werden in Paris nicht dreißig Schritte machen, ohne Anschlagzettel zu bemerken, auf denen, zu sehr niedrigem Preise eine vollständige Mahlzeit angeboten wird. Für dreiundzwanzig Sous bekommen Sie eine Suppe, drei Platten nach Ihrer Wahl, Dessert, ein Fläschchen Wein und Brod nach Belieben. Für sechzehn Sous, sehen wir, was man dafür anbietet: Suppe, zwei Platten und Dessert ... keinen Wein, aber Brod auch nach Belieben ... Lockt Sie das nicht, Doktor?« »Mich wundert nur das Dessert bei einer Mahlzeit, bei der man nichts als Wasser trinkt: das heiße ich ein verschossenes Kleid auf eine kokette Weise tragen; das ist immer Luxus bei Dürftigkeit. Fremde müßten lachen, wenn sie uns gedörrte Pflaumen oder Mandeln anstatt des Weines nehmen sähen. Aber ich habe mir vorgenommen, mich zu unterrichten und werde in einer Restauration zu sechzehn Sous speisen, wenn ich einmal eines Tags gerade keinen Hunger habe. Heute wollen wir bei Véfour im Palais-Royal zu Mittag essen.« Herr Guerreville und der Doktor schlugen die Richtung nach dem Palais-Royal ein, und bald saßen sie an der Tafel in einem Salon bei Véfour; sehr gut gekleidete Herren und sogar einige Damen speisten um sie herum. Während Herr Guerreville seine Blicke langsam über die Personen, welche sich im Salon befanden, gleiten ließ, und Jenneval die Speisekarte durchging, die ihm ein Kellner gebracht hatte, öffnete ein kleiner Mann die Thüre des Salons, trat lächelnd, sich die Hände reibend, herein, und verneigte sich gegen das Comptoir; dann näherte er sich dem Tische, an welchem der Doktor saß und brach in einen Ausruf des Erstaunens aus. Jenneval erhob die Augen und sah seinen Reisegefährten, Herrn Vadevant, vor sich. »Wahrhaftig! das ist schön! das ist köstlich!« schrie der kleine Mann, indem er dem Doktor auf die Schulter klopfte. »O! dieses Zusammentreffen ist herrlich! Wenn wir ein Rendezvous verabredet hätten, könnten wir uns nicht besser zusammen finden! Ich ging in dem Garten, vor der Rotunde, spazieren, ich schlenderte umher, wartete, bis sich der Appetit einstellen würde, und als er sich zeigte, sagte ich zu mir: »Speisen wir heute bei Véfour! ... Aeußerst erfreut, Sie hier zu finden!« Jenneval neigte sich zu Guerreville und sagte ihm ins Ohr: »Ich wette, daß er sich vor die Rotunde in der Hoffnung hingestellt hatte, mir dort zu begegnen; denn dort gibt man sich, wenn man nach Paris kommt, gewöhnlich Rendezvous, um in Gesellschaft zu Tische zu gehen. Ich hatte sein Anerbieten, mit ihm zu speisen, abgelehnt, und er wird sich in den Kopf gesetzt haben, mich wiederzufinden; nun thut es mir leid, daß wir es nicht mit der Mahlzeit zu sechzehn Sous versucht haben, dann wäre Vadevant vor der Rotunde vergeblich Schildwache gestanden.« Während der Doktor leise sprach, grüßte Vadevant Herrn Guerreville mehrmals sehr tief und sagte zu jedem vorübergehenden Kellner: »Ein Couvert ... rasch ein Couvert hierher, an die Seite dieser Herren ... wenn es Ihnen nämlich nicht unangenehm ist, meine Herren, daß ich neben Ihnen speise.« Diese Frage gehört zur Zahl derjenigen, auf die es fast unmöglich ist, eine verneinende Antwort zu geben; wenn es einem aber Vergnügen macht, nur mit einem oder zwei Freunden zu speisen, so sieht man es immer mit Widerwillen, wenn sich Ungeladene eindrängen. Leute, die sich zu benehmen wissen, werden sich niemals auf solche Weise in die Mitte einer Gesellschaft hineinwerfen, welche sie nicht erwartet, sondern vorziehen, daß man sie einlade, und das mit Recht. Herr Guerreville verneigte sich nur mit dem Kopfe gegen Vadevant, während Jenneval zu ihm sagte: »Setzen Sie sich hierher, Herr Vadevant, Ihre Nachbarschaft kann uns nur sehr angenehm sein.« »Sie haben noch nicht angefangen zu speisen?« »Nein ... Mein Gott, wir sind auch erst vor wenigen Augenblicken angekommen. Es scheint, als seien Sie uns auf dem Fuße gefolgt.« »O, das findet sich sehr leicht ... Wenn es Ihnen beliebt, wollen wir gemeinschaftlich speisen; man bekommt mehr Gerichte und es ist angenehmer und billiger; übrigens bezahlt jeder seinen Antheil, das versteht sich von selbst ... Wenn dieser Herr nämlich nichts dagegen hat ;...« Diese Frage, von einer Verbeugung begleitet, wurde abermals an Herrn Guerreville gerichtet, der jedoch wieder nur mit einem Nicken des Kopfes antwortete; aber Jenneval sagte lächelnd: »Es sei, Herr Vadevant, speisen wir zusammen ... Wahrhaftig, unsere Mahlzeit wird dadurch nur um so größeren Reiz erhalten! ... Wir ließen uns das Vergnügen nicht träumen, das Sie uns bereiten; aber wir sind sehr diffizil ... und so werde ich Sie zum Beispiel um die Erlaubniß bitten, essen zu dürfen, was mir gefällt.« »Mit größtem Vergnügen; denn ich esse Alles gerne, ich bin ganz und gar nicht wählerisch ... und dann glaube ich auch, daß Sie gerade so denken, wie ich: ich gehe zum Essen, um zu essen, nicht um mir ein besonderes Bene zu thun. Wenn man überhaupt regelmäßig in einem Gasthause ißt, so muß man es betrachten, als speise man zu Hause.« »Das ist ganz richtig. Kellner, Beaune erster Qualität.« »Trinken Sie gewöhnlich Beaune erster Qualität?« fragte Vadevant mit betroffener Miene. »Ja, ich liebe den guten Wein, auch in diätetischer Beziehung, und befinde mich wohl dabei.« Vadevant wollte nicht den Anschein haben, als habe er eine andere Ansicht; er rieb sich die Hände, indem er sagte: »Also mir auch Beaune erster Qualität ... ich verachte ebenfalls den guten Wein nicht.« Alsdann neigte sich der kleine Mann zu Jenneval und flüsterte ihm ins Ohr: »Ist das Herr Guerreville, der mit uns speist?« »Er selbst!« »O! ich habe ihn auf der Stelle wiedererkannt. Das kommt mir sehr gelegen, da ich vor Begierde brenne, seine Bekanntschaft zu machen. Bei Tische lernt man sich schnell kennen. Sagen Sie mir doch, spricht er immer nur durch Zeichen mit dem Kopfe?« »Er spricht sehr wenig, aber ich rechne darauf, daß Ihre Liebenswürdigkeit ihn in Zug bringen wird.« »Ich werde Allem aufbieten ... und sollte er nur im geringsten wünschen, auf die Hochzeit einer meiner jungen Cousinen zu kommen, so hat er nur darüber zu bestimmen.« »Sie können ihm ja den Vorschlag machen.« Jenneval zog sich zurück und nahm die Speisekarte in die Hand, die er zu durchlesen schien. Herr Guerreville schien wieder in seine Betrachtungen versunken zu sein und sich nicht mehr mit dem, was um ihn her vorging, zu beschäftigen. Vadevant bot vergeblich Allem auf, um sich angenehm zu machen; er schob das Salzfäßchen, den Senftopf vor ihn hin, bot ihm zu trinken und reichte ihm ein weniger hart gebackenes Brod; alle seine Anstrengungen halfen zu nichts; endlich begann er Kügelchen aus weichem Brod zu formen und machte sich wieder an den Doktor. »Ei, mein lieber Doktor, wie sind Sie doch in die Speisekarte vertieft ... Man sollte glauben. Sie hätten über eine Mahlzeit von zwanzig Couverts nachzudenken.« »Herr Vadevant, ich sehe nicht ein, warum drei Personen nicht eben so gut als zwanzig essen sollten. In Paris, wo man der Gastronomie Altäre erbaut, wo in der Kochkunst täglich neue Entdeckungen gemacht werden, ist das Studium der Speisekarte in den Restaurationen kein unwichtiger Punkt; es reicht nicht hin, bei einer guten Mahlzeit tapfer einzuhauen, den Vortheil versteht am Ende der erste beste Bauer; aber es zu verstehen, ein feines Diner zu commandiren; dabei entwickelt sich Genie, Takt und Geschmack ... Dieses Talent ist weit seltener, als man glaubt! ... Kellner, frische Austern und Sauterne!« Vadevant machte eine Bewegung auf seinem Stuhle und stotterte: »Ich halte nichts auf Austern, ich ;...« »Ich aber um so mehr; bestellen Sie übrigens was Ihnen gefällt, geniren Sie sich nicht ... Sie sind nicht gezwungen, Austern zu essen. Kellner, serviren Sie diesem Herrn keine!« »Verdammt!« sagte Vadevant zu sich, »ich werde mich doch nicht auf Butter und Radieschen setzen lassen, während er Austern ißt, und man doch gemeinschaftlich bezahlt!« Er rief dem Kellner nach: »He, Kellner, he! ich habe mich anders besonnen, ich nehme auch Austern, wie diese Herren.« Man setzte Austern auf, die der Doktor mit einer Gewandtheit verschlang, welche Vadevant außer Athem brachte, da er vergeblich alle seine Kräfte aufbot, ebensoviel davon zu verzehren, wie sein Nachbar. Die Anstrengung, welche der kleine Mann machte, verursachte Jenneval vielen Spaß, der aber seine Lachlust unterdrückte und das Wort wieder nahm, als die Austern von der Tafel verschwunden waren. »Mein lieber Herr Vadevant, Sie müssen gewiß, wie ich, mitleidig lächeln, wenn Sie so einen guten Bürgersmann speisen sehen, der die Feinschmeckerei in ihrer Vollendung zu kennen glaubt, wenn ihm seine Köchin eine Crème oder zu Schnee geschlagenes Eiweiß aufträgt.« »Aber ich esse das zu Schnee geschlagene Eiweiß nicht ungerne.« »Kellner! spanische Wachteln, ein Salmis von Rebhühnern mit Trüffeln, Lachs, Sauce anglaise ;...« Vadevant schnitt eine Grimasse und wollte den Kellner zurückhalten, indem er sagte: »Aber ... Teufel ... das sind viel Sachen! Salmis mit Trüffeln ... Ich bin nicht sehr für die Trüffeln ... Wollen wir nicht etwas Anderes nehmen?« »Nehmen Sie, was Ihnen beliebt, Herr Vadevant; ich nehme, was mir schmeckt.« »Aber besprechen Sie sich nicht mit diesem Herrn?« »O! Herr Guerreville läßt mir hierin freie Hand. Uebrigens, ich wiederhole es Ihnen, fordern Sie, was Sie wünschen; Sie werden vielleicht Sauerkraut und Schweinefleisch vorziehen?« »Nein, nein, ich werde essen, was Sie essen!« Und Vadevant begann wieder Brodkugeln zu kneten, indem er zu sich sagte: Ich soll mir Sauerkraut und Schweinefleisch geben lassen, während sie Rebhühner mit Trüffeln verzehren! Und dann sollen wir gemeinschaftlich bezahlen ... ja Prosit die Mahlzeit, die hätten es gut vor!« Man brachte die verlangten Platten; der Doktor legte vor und that dem Essen alle Ehre an; Vadevant hatte weniger Appetit, weil er ärgerlich war, wenn er daran dachte, daß er mehr, als ihm lieb war, werde bezahlen müssen; Herr Guerreville aß, ohne ein Wort zu sprechen; Jenneval allein führte die Unterhaltung. »Glauben Sie mir, Herr Vadevant, man kann sich bei Anordnung eines Diners auf mich verlassen. Ich schmeichle mir, bereits einigen Geschmack zu haben, und dann liebe ich es, meine kulinarischen Kenntnisse zu erweitern, nach Allem zu forschen und von Allem zu kosten, was ich noch nicht kenne ... Kellner, bringen Sie uns eine Chipolata, aber vorher einen gebratenen Fasan.« »Einen Fasan!« schrie Vadevant, indem er von seinem Stuhle aufsprang; »Sie scherzen wohl? ... Wir werden doch nicht auch noch einen Fasan verzehren können!« »O, der ist nicht sehr groß ... Ich liebe die Fasanen leidenschaftlich. Aber wenn Sie vielleicht lieber einen Gansschlägel essen, so dürfen Sie ja nur verlangen. Wir können mit dem Fasan ganz gut ohne Sie fertig werden. Kellner, dem Herrn einen Gansschlägel!« »O nein, nein! ... den Teufel auch! ich will keinen Gansschlägel ... ich kann die Gänse nicht leiden; ich werde suchen, noch ein wenig Appetit für den Fasan zu finden ... Aber wissen Sie auch, Doktor, daß Sie ein fermer Esser sind! ... Donner und Doria! was für ein Appetit!« »O, das ist noch nichts ... ich bin heute nicht recht im Zuge; aber sobald wir das nächste Mal wieder zusammen speisen, will ich Ihnen ein Diner arrangiren lassen, an dem Sie Ihr Wunder sehen werden.« »Ja, Du mußt es schlau anfangen, wenn Du mich noch einmal daran kriegen willst,« dachte Vadevant, indem er wieder eine Brodkugel knetete. Man brachte den Fasan. Jenneval verlangte Bordeaux-Lafitte, dann Champagner; manchmal wechselte er einen Blick mit Herrn Guerreville, der nur lächelte und den Kopf wegwandte, wenn er glaubte, Vadevant könnte das Wort an ihn richten wollen. Dieser wagte es nicht mehr, sich irgend eine Bemerkung gegen den Doktor zu erlauben; er entschloß sich, zu essen und zu trinken, selbst auf die Gefahr hin, sich krank zu machen. Durch die Absicht, für sein Geld so viel als möglich zu verzehren, bekam Vadevant einen kleinen Hieb, welcher übrigens bei Leuten von guten Sitten nie in Trunkenheit ausartet, aber das Gespräch sehr erhitzt. Der kleine Mann war nicht eigentlich munter gestimmt, weil es ihn verdroß, mehr ausgegeben zu haben, als er gewollt; aber er suchte sich zu betäuben und wollte durchaus durch dieses Diner eine Art Bekanntschaft zwischen sich und Herrn Guerreville herbeiführen. Man kam zum Dessert, und Vadevant, dessen Wangen glühten und dessen Augen fast aus dem Kopfe sprangen, hörte nicht auf zu schwatzen, während er sich abwechselnd an Herrn Guerreville, der ihm nicht antwortete, oder an den Doktor wandte, welcher lachen mußte, wenn er ihn ansah. »Ich bin entzückt, die Bekanntschaft des Herrn gemacht zu haben,« sagte Vadevant, indem er zum drittenmale Herrn Guerreville sein Glas zum Anstoßen hinhielt. »Ich habe es schon lange gewünscht, der Doktor ist mein Zeuge ... Nicht wahr, Doktor, ich habe in Château-Thierry mehrmals mit Ihnen von dem großen Vergnügen gesprochen, das mir der nähere Umgang mit Herrn Guerreville gewähren würde, dessen großes Lob ich aus dem Munde unseres hochverehrten Herrn Unterpräfekten hörte? ... Es war nur eine Stimme in der Stadt, um dem Herrn die Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, die er verdient. Man sagte überall: O, Herr Guerreville! ... das ist ein sehr ausgezeichneter Mann ... voll Fähigkeiten ... voll ;...« »Und wie konnte man das Alles von mir sagen, mein Herr?« erwiderte Herr Guerreville achselzuckend. »Wußte man denn, wer ich war? Was konnte Ihnen den Wunsch einflößen, meine Bekanntschaft zu machen? Konnte ich nicht ein Intriguant, ein Schelm sein?« »O, niemals! Sie ein Freund des Herrn Unterpräfekten! Ueberdies sieht man ja gleich an dem Benehmen, an den Manieren ... Nicht wahr, Doktor, noch ehe ich den Namen des Herrn wußte, sagte ich: der Herr, der das Haus von Tricot gemiethet hat, ist, was man nur anständig nennen kann.« »Ja, wahrhaftig!« erwiderte Jenneval lachend, »Sie hatten die beste Meinung von Herrn Guerreville; es ging ja sogar so weit, daß Sie ihm eines Abends eine Serenade bringen wollten. Ich erinnere mich, daß Alles bereits mit mehreren Mitgliedern der bei Madame Blanmignon versammelten Gesellschaft arrangirt war. Als ich eintrat, hatten sie schon alle ihre Instrumente ... Ich weiß nicht mehr, welches Sie spielen wollten, Sie, Herr Vadevant?« Der kleine Mann stieß den Doktor an den Fuß und an die Kniee und gab ihm durch Zeichen zu verstehen, daß er schweigen möchte. Jenneval aber, der dies nicht zu bemerken schien, fuhr fort: »Ich glaube. Sie hatten eine Schellentrommel, wenigstens machten Sie mit dem, was Sie in der Hand hielten, viel Lärm.« »Der liebe Doktor scherzt, er will immer lachen. Wir waren an jenem Abende im Begriff, eine Charade bildlich darzustellen ... eine Art von Sprüchwort ;...« »Dessen Verfasser Sie waren, nicht wahr?« »Ich erinnere mich dessen nicht mehr ... Aber es ist sehr heiß hier ... wollen wir nicht in's Freie gehen?« »Gern; aber wir müssen zuerst bezahlen.« Jenneval verlangte die Rechnung; sie belief sich auf sechsundsechzig Franken. »Gerade zweiundzwanzig Franken per Kopf,« sagte der Doktor, Vadevant die Rechnung hinbietend; dieser machte ein unverkennbar langes Gesicht, als er sein Geld aus der Tasche zog, doch suchte er so gut als möglich seine üble Laune zu verbergen. Man verließ die Restauration, und Vadevant, der nicht geneigt schien, seine beiden Tischgenossen loszulassen, schob seinen Arm in den des Doktors und sprach: »Was beginnen wir nun? ;...« »Nun ... Herr Guerreville und ich hatten beschlossen, diesen Abend in's Theater Français zu gehen.« »In's Theater Français! damit bin ich ganz einverstanden; man gibt ein Stück, das sehr beliebt ist! ... Es bringt die ganze Stadt auf die Beine ... das muß man auch sehen.« »Was mir nur im Wege steht, ist, daß ich vorher noch mit Herrn Guerreville zu einem Freunde gehen muß, der ein wenig krank ist. Es ist nicht weit von hier ... Allein ich fürchte, daß wir dann keinen Platz mehr finden, es wäre denn, daß Sie die Güte haben wollten, sogleich in's Theater zu gehen, um Plätze für uns zu belegen.« »Sehr gern ... Ich gehe sogleich ... Wo wollen Sie Plätze haben? ;...« »Nun ... auf dem Balkon ;...« »Auf dem Balkon, sehr gut ... Ich verspreche Ihnen, für Sie zwei Plätze aufzubewahren ... Ich werde meine Handschuhe ... mein Taschentuch darauf legen ... Ich werde sogar der Schließerin sagen, sie solle kleine Bänke hinstellen ;...« »Dann werden wir das Vergnügen haben, den Rest des Abends in Ihrer Gesellschaft zuzubringen.« »Ich fliege in das Theater Français ... auf den Balkon, das ist abgemacht ... und erwarte Sie dort ;...« Vadevant lief, was er konnte, durch den Garten, indem er Jedermann auf die Seite drängte, um schneller in's Theater Français zu gelangen, während Jenneval und Guerreville ihre Schritte nach den Boulevards richteten, und der Doktor noch lachend sagte: »Ich glaube nicht, daß er noch einmal Lust bekommen wird, gemeinschaftliche Zeche mit uns zu machen ... Ich hoffe, mein lieber Herr Guerreville, daß Sie meinem Benehmen in dieser Angelegenheit Ihre Beistimmung geben werden?« »O! vollkommen. Ihr Herr Vadevant ist ein unausstehliches Wesen; ich danke Ihnen, daß Sie mich von ihm befreit haben.« »Ich bin nicht gut dafür, daß wir ihn für immer los sind. O! der kleine Mann ist hartnäckig, eigensinnig ... Aber dann werden wir schon sehen, und noch andere Mittel finden.« Der Doktor begleitete hierauf Herrn Guerreville nach seiner Wohnung, welcher ihm beim Fortgehen nachrief: »Vergessen Sie den armen Wasserträger nicht! ;...« Neuntes Kapitel Nachrichten von Zizine Am Nachmittag des andern Tags kam Jenneval zu Herrn Guerreville, der ihn mit Ungeduld erwartete. »Ich habe Ihren Auftrag vollzogen,« sprach der Doktor, »aber ich bedaure, Ihnen nichts Tröstliches berichten zu können ;...« »Sollte Jerome kränker geworden sein?« »O! nein; es scheint im Gegentheile, daß er wieder hergestellt ist, da er seine Wohnung verlassen hat. Der Wasserträger mit seiner Tochter ist fort; und der Portier, der den Eindruck einer bösartigen Bestie auf mich gemacht hat, konnte mir nicht sagen, wohin sie gezogen sind ... ›;»Sie sind fort,« sagte er mir; »ich weiß nicht, wo sie sind. Ich war kein Freund von dem Wasserträger, und da diese Leute niemals weder Briefe noch Besuche erhielten, so hatte ich auch nicht nöthig, sie zu fragen, wohin sie gingen ;...‹« Das ist Alles, was ich aus diesem Menschen herausbringen konnte.« »So werde ich also wahrscheinlich diesen armen Auvergnaten niemals wieder sehen ... Das betrübt mich sehr ... Besonders bedaure ich, nicht mehr für ihn und sein Kind gethan zu haben ... Doch er befindet sich jetzt wohl; er wird seinen Lebensunterhalt verdienen können ... und glücklich sein, ich hoffe es! ... Er hat eine Tochter, die ihn sehr liebt! ... Sie haben nie ein Kind gehabt, Doktor? Dann können Sie sich auch keinen Begriff von dem Glücke machen, welches ein Vater empfindet, wenn er sich von einer zärtlich geliebten Tochter wieder geliebt sieht! ;...« »Ich begreife, daß dies ein sehr reiner, hoher Genuß sein muß! ... Wie viel trübe Stunden bringt es aber auch, wenn man seine Kinder verliert ... oder wenn sie uns verlassen! ;...« Herr Guerreville zitterte und ging tief bewegt im Zimmer auf und ab. Der Doktor sah, daß er den wunden Fleck seines Freundes getroffen hatte; er hielt inne und ging rasch auf einen andern Gegenstand über. »Apropos, ich habe unsern Freund von gestern wieder gesehen ... O! ich werde ihn noch lange nicht los. Mit Tagesanbruch kam er zu mir gelaufen, um zu erfahren, was gestern aus uns geworden wäre: er behauptet, dadurch, daß er lange Zeit zwei Plätze für uns aufbewahrt, habe er beinahe zwei Duelle bekommen, und ich hätte mich in diesem Falle nothwendiger Weise für ihn schlagen müssen. Aber zum Glück ist die Sache ohne Zweikampf abgelaufen; und Vadevant, den ich ein wenig auf mich aufgebracht glaubte, trägt mir nicht den geringsten Groll nach; weit entfernt davon, hat er sogar schon Kranke für mich aufgefunden; er bat mich, in zwei Häuser zu gehen, in denen man, wie er sagte, meiner Dienste bedürfe. Ein Arzt darf niemals einen Kranken abweisen, und Sie begreifen, daß durch dieses Mittel Vadevant im Stande ist, mich bei allen seinen Bekannten einzuführen. Ich werde wenigstens versuchen, allein die Langeweile dieser Bekanntschaft zu ertragen und diesem Herrn begreiflich zu machen, daß Sie kein Verlangen nach seinen Besuchen haben. Heute, hoffe ich, daß wir allein speisen können, und sich kein Ungelegener zwischen uns drängen wird, daß Sie nachdenken und ich meine Beobachtungen mit Bequemlichkeit werde anstellen können. Sofern Sie nun damit einverstanden sind, wollen wir uns heute in eine Restauration zu fünfundzwanzig Sous wagen ... uns vorbehaltend, nachher noch wo anders zu essen, wenn wir nicht satt werden sollten. »Ich habe Ihnen schon gesagt, Doktor, daß ich ganz zu Ihren Diensten stehe.« Als die beiden Freunde fortzugehen im Begriffe waren, trat Georg herein und meldete, es sei ein Herr da, der Herrn Guerreville seine Aufwartung zu machen wünsche; und ehe noch dieser Zeit zu antworten hatte, trat der Besuchende, der dem Bedienten wahrscheinlich auf dem Fuße gefolgt war, in den Salon, indem er schon im Vorzimmer auslief: »Ah, guten Tag, Herr Guerreville ... Wie steht es mit Ihrer Gesundheit? Wie erfreut bin ich, Sie anzutreffen ... Ich fürchtete, Sie würden schon ausgegangen sein ... Meine Frau sagte mir: halte unterwegs keine Ständerlinge, stehe mir nicht zu allen Karrikaturenhändlern hin; ich liebe nämlich die Karrikaturen außerordentlich ... Meine Frau und meine Tochter Agathe, Ihre Pathe, haben mir aufgetragen, Sie ihrer Anhänglichkeit zu versichern.« Während dieser Herr sich so breit ankündigte, bot ihm Herr Guerreville einen Stuhl an, und der Doktor betrachtete ihn neugierig. Der Neuangekommene war ein Mann von einigen fünfzig Jahren, an der Seite hatte er blondes und nach der Mitte des Kopfes etwas dunkleres Haar, was keinen Zweifel über ein künstliches Toupet aufkommen ließ. Es war eine von jenen possirlichen Physiognomien, die man kaum ansehen kann, ohne Lachlust zu verspüren; ein sehr zufriedenes Aeußere, ein Zucken des Mundes, der immer bereit schien, einen Witz loszulassen, und eine Nase, die immer auf dem Punkte zu stehen schien, zu niesen. Das war Herr Grillon, der Gatte der Dame, welcher Herr Guerreville auf dem Boulevard begegnet war, und mit der er eine so lange Unterhaltung gehabt hatte. Herr Guerreville erwies Herrn Grillon alle gebräuchlichen Artigkeiten, und wollte ihn eben fragen, was ihm das Vergnügen verschaffe, ihn bei sich zu sehen; aber dieser ließ ihm nicht Zeit dazu. Herr Grillon hatte die Gewohnheit, niemals auf das zu antworten, was man ihn fragte; er sprach beinahe immer, ohne auf den Andern zu hören. Diese Art des Benehmens kommt im gewöhnlichen Leben sehr häufig vor, da fast Alle, die gerne das große Wort führen, um den Faden der Unterhaltung nicht zu verlieren, es für das Zweckmäßigste halten, die Andern gar nicht zu Worte kommen zu lassen. Dann gibt es wieder welche, die es aus Gewissenhaftigkeit thun, da sie in ihrem Innern die Ueberzeugung hegen, daß das, was sie sprechen, tausendmal mehr werth ist, als das, was sie anhören sollen. Andere thun es aus Zerstreuung, da sie niemals auf das Acht geben, was man ihnen sagt, sofern es in keinem Zusammenhang mit dem steht, was sie erzählen. Endlich thun es Manche aus Dummheit, Mangel an Lebensart, aus Unverschämtheit, aus dem Bedürfniß zu schwatzen. Im Allgemeinen wird man bemerken, daß Leute, welche es nicht verstehen, Andere anzuhören, oder es nicht verstehen wollen, immer eine starke Dose Eigenliebe besitzen, welche ihre Gesellschaft sehr langweilig macht. Herr Grillon machte Anspruch darauf, liebenswürdig zu sein, und bei ihm war die ungetheilte Aufmerksamkeit auf das, was er selbst sagte, oder sagen wollte, eine der Ursachen, die ihn verhinderten, auf Andere zu hören. Er nahm einen Stuhl, während er sich umsah, wo er seinen Hut und Stock ablegen könnte, die er sich endlich entschloß, zwischen den Beinen zu halten und Herrn Guerreville die Hand zu reichen, wobei er ausrief: »Wie bin ich doch erfreut, Sie zu sehen! ... Sie lieber Herr Guerreville! ... Es ist schon sehr lange, daß Sie Paris verlassen haben! ;...« »Ja, mein Herr ... ich bin indeß einige Male hier gewesen, ohne daß Sie mich gesehen haben.« »O! es sind wohl zwölf Jahre, daß Sie abwesend sind ... O! o! wir sind alte Bekannte ... Ich finde Sie nicht verändert ;...« »Sie sind sehr gütig ... Aber ich habe im Gegentheile sehr gealtert ;...« »Ich habe mich eben so wenig verändert, ich, und habe noch immer einen vortrefflichen Appetit ... und meine Frau, wie haben Sie die gefunden? ... he!« – »Aber ich.« »Sie war einmal sehr schön ... meine Frau ... ausgezeichnet schön! ... Meine Tochter ist ihr sehr ähnlich ... und mir auch ... Sie haben Agathen gesehen ... Ihre Pathe ... Ein charmantes Kind ... Ein Ausbund von Geist ... Sie beißt überall an ... wie ihre Mutter ... Wir haben ihr eine glänzende Erziehung geben lassen, Musik, Zeichnen, Tanz ;...« »Ich habe das Vergnügen gehabt, meine Pathe zu sehen. Sie ist sehr hübsch und hat eine sehr sanfte Miene.« »Und dann die Modesprachen, Italienisch, Englisch! ... Sie weiß Alles. Hören Sie! Man hat nur ein Kind; man ist stolz darauf, das ist natürlich; und die eine Tochter, die ich habe, ist mir ordentlich vom Himmel geschickt worden; Sie erinnern sich noch? Ich war auf Reisen. Ich hatte meine Frau, wie ich glaubte, krank zurückgelassen, aber nein, sie war in gesegneten Umständen. Sie hatte es gar nicht vermuthet, ich noch viel weniger; als ich daher nach Verlauf eines Jahres zurückkam, wie war ich erstaunt und entzückt, Vater zu sein!« »Und Ihr Geschäft, Herr Grillon, das haben Sie, glaube ich, aufgegeben?« »Leider konnte ich seitdem keine Kinder mehr bekommen; ich habe nur diese Tochter ... ich hätte mir auch einen Knaben gewünscht. Doch ... was wollen Sie? ... Der Mensch denkt! ... und Sie, Herr Guerreville, haben Sie Kinder?« »Ja, mein Herr, ich habe eine Tochter, aber sie wohnt ferne von Paris.« »Sie wissen nicht, warum ich gekommen bin, aber ich will es Ihnen sagen. Erstens, um das Vergnügen zu haben, Sie zu sehen ... und dann, da wir lebhaft wünschen, die Bekanntschaft mit Ihnen zu erneuern, so möchten wir Sie bei Tische haben ... Sie haben es gestern meiner Tochter abgeschlagen ... obgleich sie Ihre Pathe ist ;...« »Mein Herr, es war mir unmöglich, es anzunehmen.« »Deßhalb sagte mir meine Frau: Grillon, gehe Du selbst, Herrn Guerreville einzuladen; er hat es vielleicht abgeschlagen, weil Du Deine Tochter nicht begleitet hast.« »O! ich bitte Sie, zu glauben, daß das nicht der Grund war ;...« ;– »Ich ging sogleich aus, und da haben Sie mich. Ich komme, Sie selbst um einen Tag zu fragen ... welchen Sie wollen ... es ist uns ganz gleich ... wir essen alle Tage zu Mittag ... lassen Sie hören, welcher ist Ihnen der liebste?« »In der That, Herr Grillon, ich bin Ihnen sehr dankbar, daß Sie sich hierher bemüht haben ... Aber ich befinde mich nicht recht wohl ... Sie sehen hier sogar meinen Arzt ;...« »Nun gut! übermorgen, ist es Ihnen da angenehm?« »Ich habe die Ehre, Ihnen zu sagen, daß ich durchaus nicht aufgelegt bin, außer dem Hause zu speisen, und ;...« »Oder Sonnabend, wenn Sie lieber wollen, denn uns ist es ganz gleich. Allein ... ich gehe nicht hinweg, ohne Ihr Versprechen zu haben.« Herr Guerreville sah, daß es kein Mittel gab, dem Mittagessen Grillon's zu entgehen. Vielleicht sagte ihm auch eine geheime Stimme, daß er für die ihm erwiesene Freundschaft wenigstens zum Dank verpflichtet sei. Diese Rücksichten bestimmten seinen Entschluß, und er erwiderte: »Nun wohl, mein Herr, von heute über vierzehn Tage werde ich das Vergnügen haben, bei Ihnen zu speisen.« »Heute über vierzehn Tage, das ist ein wenig lang ... doch das macht nichts. Sie haben es zugesagt und wir werden dafür sorgen, daß Sie Ihr Versprechen nicht vergessen ... Ich werde die Ehre haben, Sie wieder zu besuchen.« »O, bemühen Sie sich doch nicht! Sie können auf mich rechnen!« »Und dann wird Sie auch Ihre Pathe besuchen, die lustige Agathe. Sie liebt ihren Pathen sehr, sie spricht den ganzen Tag von nichts Anderem mit uns, als von ihrem Pathen; das ist wahr, und wenn sie es nicht thut, so thut es meine Frau. Sie ist sehr schön gewesen, meine Frau ... Adieu, Herr Guerreville; ich gehe, denn die Stunde des Mittagessens rückt heran und ich bin sehr pünktlich ... Also, von heute über vierzehn Tage. Haben Sie unsere Adresse?« »Ja, mein Herr, Ihre Frau Gemahlin hat sie mir gesagt.« »Halt, hier ist sie ... und Punkt fünf Uhr, wenn es Ihnen gefällig ist ... Uebrigens wirb Ihre Pathe noch die Ehre haben. Sie zu besuchen ... sie spricht von nichts als von ihrem Pathen.« »Ich habe die Ehre, Sie zu grüßen, mein Herr.« »O, Agathe liebt Sie sehr! Recht guten Tag, mein lieber Herr Guerreville, außerordentlich erfreut, die Bekanntschaft mit Ihnen erneuert zu haben ... Punkt fünf Uhr!« Grillon ging; der Doktor betrachtete lächelnd Herrn Guerreville und sagte zu ihm: »Sie haben wohl gethan, diese Einladung anzunehmen, sonst wäre wahrscheinlich der Vater, die Mutter und Ihre Pathe Eins um's Andere gekommen, Sie von Neuem aufzufordern.« »Ja, ich mußte nachgeben; aber Sie sehen, Doktor, selbst in Paris ist man nicht immer Herr, zu thun was man will; man muß, mag man wollen oder nicht, in Gesellschaft gehen.« »Da Sie einige Personen in dieser Stadt suchen, so werden Sie sie sicher nicht finden, wenn Sie in der Zurückgezogenheit leben.« »Sie haben Recht ... Aber es gibt Häuser, in die ich nie zurückzukehren wünschte.« »Es scheint indeß, daß die Familie Grillon viel Anhänglichkeit an Sie hat?« »Doktor, haben Sie noch nie empfunden, daß die Zuvorkommenheiten und die großen Freundschaftsbezeigungen gewisser Leute uns mehr abstoßen als anziehen?« »O, wohl, leider! Ich habe es schon oft empfunden ... Gerade deßhalb muß man nie mit Gewalt Freundschaft oder Liebe erringen wollen: das sind Gefühle, die ganz von selbst kommen müssen, ganz natürlich, und die zurückweichen, wenn man sie erzwingen will. Aber wollen wir nicht in die bewußte Restauration zu fünfundzwanzig Sous gehen?« »Sehr gern.« In dem Augenblicke, da die Herren den Salon verlassen wollten, öffnete Georg die Thüre und sagte: »Herr Julius ist da und bittet Herrn Guerreville um die Erlaubniß, ihm zwei Worte sagen zu dürfen.« »Noch Einer!« rief Herr Guerreville, indem er eine ungeduldige Bewegung machte; »will man mich denn keinen Augenblick in Ruhe lassen?« »Wenn ich Sie vielleicht genire,« sprach der Doktor, »will ich in ein anderes Zimmer gehen.« »Nein, bleiben Sie ... Nun, gut, wo ist dieser Herr Julius? Ich will ihn hören, er soll eintreten.« Georg kehrte zu dem jungen Manne zurück, der im Vorzimmer wartete, und bald näherte sich Julius schüchtern dem Salon, wo die verdrießliche Miene und der ärgerliche Ton, womit Herr Guerreville ihn empfing, ihm die Röthe in's Gesicht trieb. »Was wollen Sie von mir, mein Herr?« »Mein Herr, ich bitte Sie recht sehr um Verzeihung, daß ich mir die Freiheit genommen habe, schon so bald wieder zu kommen und Sie zu stören.« »Was gibt es denn?« »Ich wollte Ihnen sagen, da Sie zu wünschen schienen, zu erfahren ... Es ist, weil ;...« »Sprechen Sie deutlicher mein Herr, ich verstehe Sie nicht.« Der arme Julius war durch diese Worte ganz außer Fassung gebracht; er schlug die Augen nieder, murmelte einige unverständliche Worte und wußte nicht, ob er bleiben oder sich zurückziehen sollte. Der Doktor, gerührt durch die Verlegenheit des jungen Mannes, näherte sich Herrn Guerreville und sagte ihm ganz leise: »Der arme Bursche! er weiß gar nicht mehr, wie er daran ist; er sieht sehr schüchtern aus und Ihr Empfang wird ihn den Zweck seines Kommens ganz vergessen machen.« Herr Guerreville wandte sich um, betrachtete Julius und drückte dann dem Doktor die Hand, indem er sagte: »Sie haben Recht, ich bin ungerecht, habe großes Unrecht.« Und sich Julius nähernd, welchem die Lust zu kommen schien, zu weinen, klopfte er ihm auf die Schulter und sagte in weit sanfterem Tone zu ihm: »Nun gut, lassen Sie hören, lieber Freund, was haben Sie mir zu sagen ... Was wünschen Sie von mir?« Die Stirne des jungen Mannes heiterte sich auf und er antwortete in einem Zuge: »Mein Herr, ich habe Ihnen von Herrn Krächzer, Professor der Deklamation, erzählt, und Sie haben die Güte gehabt, mir zu versprechen, mich einmal bei ihm zu hören, damit Sie über meine Anlagen für das Theater urtheilen könnten. Ich wollte Ihnen nun sagen, mein Herr, daß übermorgen in der Mittagsstunde dort eine große Lektion stattfindet; man wird Fragmente aus Zaire und aus der Schule der Alten spielen, damit die Zöglinge um so leichter beurtheilt werden können. Ich soll eine bedeutende Rolle übernehmen, und wenn Sie kommen könnten, um mich zu hören ;...« »Gut, ich werde kommen, Herr Julius, da Sie es wünschen.« »Ah, mein Herr, es wird mich sehr glücklich machen. Sie wissen doch die Adresse des Herrn Krächzer, in der kleinen Heulerstraße?« »Ja, Sie haben sie mir gegeben; ich hoffe, Sie werden es nicht übel nehmen, wenn dieser Herr mit mir kommt, sofern es ihm seine Zeit erlaubt.« »O, ganz im Gegentheil, mein Herr, bringen Sie so viele Leute mit, als Sie wollen. Das wird meinem Professor sogar noch große Freude machen; er empfiehlt uns stets, unsere Bekannten mitzubringen, weil diese dann ein Publikum bilden und wir uns dadurch daran gewöhnen, vor den Leuten zu spielen; und wenn unsere Freunde nicht kommen, so holt er die Nachbarsleute und die Portiers aus der Nähe herbei, weil diese doch auch ein kleines Publikum ausmachen; aber wenn Sie etwa zu uns kämen, so werden Sie doch meiner Mutter und meinem Vater nichts davon erzählen?« »Seien Sie unbesorgt; Sie haben mir Ihr Vertrauen geschenkt und ich werde dasselbe nicht mißbrauchen.« »Also übermorgen, mein Herr.« »Ja, Herr Julius.« »Ich bitte Sie tausendmal um Verzeihung, daß ich mir die Freiheit genommen, Sie zu belästigen. Ich wollte nur das Vergnügen haben, Sie davon zu benachrichtigen.« »Das ist sehr schön von Ihnen; auf Wiedersehen.« »Meine Herren, ich habe die Ehre, mich Ihnen zu empfehlen!« Julius entfernte sich fast rückwärts gehend, um sich noch mehrmals verbeugen zu können; als er fort war, rief Jenneval: »Dieser junge Mann gefällt mir sehr; seine Manieren haben noch die Frische, die Schüchternheit der Jugend. Was ich aber nicht begreifen kann, ist, daß er Sie bittet, seinen dramatischen Versuchen beizuwohnen, und daß Sie ihm versprochen haben, hinzukommen, um den Unterricht des Herrn Professor Krächzer mit anzuhören.« »Was kann man machen, Doktor? Ich hatte ohne Zweifel einige Gründe, es diesem jungen Manne nicht abzuschlagen. Seine Mutter hat mir ihn dringend empfohlen; aber er ist leidenschaftlich für das Theater eingenommen, und ich fürchte, er möchte dadurch seine Zukunft gefährden. Wenn Sie übermorgen zur angegebenen Zeit nichts Besseres zu thun haben, und Sie mit mir zu diesem Lehrer der Deklamation gehen wollen ;...« »O, ich acceptire Ihr Anerbieten von ganzem Herzen. Zaire und die Schule der Alten in der kleinen Heulerstraße vortragen zu hören, muß sehr interessant sein, und um Alles in der Welt würde ich diese Gelegenheit nicht unbenützt vorübergehen lassen. Ich habe im Conservatorium bisweilen die Schüler der Deklamationsklasse gehört, aber ich nehme an, daß es bei Herrn Krächzer viel pikanter hergehen wird. Indessen, wie wäre es, wenn wir jetzt den Versuch wagten, zu Mittag zu essen?« »Ja, aber gehen wir schnell, damit uns nicht wieder ein Besuch über den Hals kommt.« Herr Guerreville und der Doktor schlugen den Weg nach dem Quartier Latin ein, und fanden bald eine Restauration zu fünfundzwanzig Sous. Sie traten in einen weiten, mit Tischen besetzten Saal, zwischen welchen nur so viel Raum übrig blieb, daß sich eine Person mit genauer Noth durchdrängen konnte; fast alle Tische waren besetzt, und der nämliche diente öfters mehreren Partien. Es ließ sich eine fortwährende Bewegung von Schüsseln, Tellern und Kellnern wahrnehmen; dazu ertönte das Geräusch der Gabeln, Gläser und Kinnbacken, wie das Sumsen eines Bienenschwarms; dann hörte man von allen Seiten des Saales fortwährend den Ausruf wiederholen: »Brod! Kellner! hieher Brod!« Nicht ohne Mühe fand der Doktor zwei Plätze mitten an einem Tische, an welchem zwei junge Leute saßen, von welchen der eine einen mächtigen Bart à ;la Franz ;I., der andere einen Knoten an der Halsbinde hatte, der noch breiter war, als sein Hut. Der Erstere stritt sich mit dem Marqueur. »Ich habe eine Portion Crème bei Ihnen bestellt.« »Mein Herr, es ist keine mehr vorhanden.« »Ich habe sie schon bei meiner Ankunft bestellt.« »Mein Herr, da war schon keine mehr da.« »Schon seit acht Tagen gibt es keine mehr, zu welcher Stunde ich sie auch verlangen mag. In diesem Falle muß man ein- für allemal erklären, daß man keine mehr macht ... Oder wenn Sie etwa zwei Dutzend Portionen für die zweihundert Menschen bereiten, welche hier speisen, so ist das eine saubere Wirthschaft. Ich werde nicht mehr hier speisen ... und alle meine Freunde werden es machen wie ich. Wir werden anderswohin gehen und Ihr Etablissement wird ruinirt sein! ... denn wir haben es empor gebracht, und wir werden es auch wieder herunterbringen, wenn es uns beliebt ;...« Während er diese Worte sprach, erhob sich der junge Mann rasch, warf seine Serviette zornig auf den Tisch und ging mit drohender Miene davon, indem er noch einige Worte, wie: Sauwirthschaft und elende Kneipe! vor sich hinmurmelte. »Sehen Sie nur, wovon das Glück abhängt,« sagte der Doktor. »Da steht eine Anstalt am Rande des Verderbens wegen einer Portion Crème ... Revolutionen haben zuweilen keine wichtigeren Ursachen.« »Bah!« sagte der Kellner, das Couvert des jungen Mannes, der eben fortgegangen war, wegnehmend, »der wird froh sein, wenn er morgen wieder kommen kann. Wenn man auf alle diese Leute hören wollte, so müßte man allein zu ihrem Dessert noch dreißig Sous aus seiner Tasche zusetzen ... und dann essen sie Brod, daß es zum Erschrecken ist ... Was befehlen die Herren? Es gibt nur noch Beefsteaks, Kalbsbraten und Spinat.« »So bringen Sie uns Spinat, Kalbsbraten und Beefsteaks.« »Sehr wohl, die Herren sollen sogleich bedient werden.« Während man für sie deckte und sie sich über das Mittagsbrod um fünfundzwanzig Sous hermachten, vergnügte sich der junge Mann mit dem großen Knoten an dem Halstuch damit, den Inhalt einer Pfefferbüchse in einen Senftopf zu schütten; dann warf er eine Handvoll Salz in eine Wasserflasche und versuchte es, Brodkügelchen in eine Oelflasche zu bringen. »Errichtet doch menschenfreundliche Anstalten,« sagte Jenneval, »um dafür belohnt zu werden. Alle diese junge Leute würden sehr in Verlegenheit gerathen, wenn es keine billigen Gastwirthe gäbe. Hier bekommen sie für fünfundzwanzig Sous eine Suppe, etwa drei Schüsseln zur Auswahl, Dessert, ein Fläschchen Wein und Brod nach Belieben, das sie auch nicht schonen; und in der That, es ist Alles genießbar, besonders wenn man Appetit hat, der diesen Herren nicht zu fehlen scheint. Dagegen ist es ihre Lust, Pfeffer und Salz zu vermengen, den Senf und das Oel zu verderben, kurz demjenigen, der es unternommen hat, sie für weniges Geld satt zu machen, allen möglichen Schaden zuzufügen. Thut den Menschen nur Gutes und glaubt an ihre Erkenntlichkeit! ;...« Herr Guerreville schüttelte das Haupt und stieß einen leichten Seufzer aus. Während des Essens durchlief er mit den Blicken den Saal, prüfte alle Gesichter und versank dann wieder in seine Betrachtungen, welche der Doktor niemals zu unterbrechen suchte, wenn Herr Guerreville sehr traurig schien; denn Jenneval hatte auch den Grundsatz, daß man die Leute nicht zwingen könne, heiter zu sein, und um sie zum Lachen zu bringen, müsse man den passenden Augenblick zu wählen wissen. In den Restaurationen, in denen man zu festem Preise speist, wird man sehr schnell bedient; es scheint sogar, daß man Alles, was verlangt wird, Schlag auf Schlag bringt, um Einen gleichsam zur Eile zu nöthigen, damit man wieder Andern Platz mache. Herr Guerreville und der Doktor hielten sich nicht lange bei dem Speisewirthe auf, sie gingen fort, der Eine nachdenklicher und trauriger als er gekommen war, der Andere, indem er sagte: »Es ist gar nicht übel hier, aber ich werde doch nicht wieder kommen.« Nachdem sie einige Zeit stillschweigend neben einander hingegangen waren, sagte Jenneval endlich zu seinem Begleiter: »Sie scheinen mir diesen Abend noch sorgenvoller gestimmt, als heute Morgen; sollten Sie vielleicht bei dem Speisewirth Jemand gesehen haben, der Ihren Kummer erregt hätte?« »Nein, Doktor, nein! Ach! wollte der Himmel, ich wäre denen begegnet, die ihn kennen, welche Schuld daran sind; aber nichts, immer nichts, das bringt mich zur Verzweiflung. Vergebens gehe ich überall hin, vergebens erkundige ich mich und durchrenne diese Stadt, kein Zeichen bringt mich auf die Spur derjenigen, die ich suche. Manchmal, Sie haben es gesehen, versuche ich zu lächeln, mir Muth zu machen, sogar mich zu zerstreuen; doch wenn Sie wüßten, wie wenig mir das möglich ist! In der Tiefe meines Herzens habe ich immer denselben Schmerz, dieselbe Erinnerung; und endlich, wenn ich müde bin, mir Zwang anzuthun, dann ist es mir Bedürfniß, zu träumen, zu seufzen, mich ungestört meinem Unglücke hinzugeben! Adieu, Doktor, Adieu, morgen sehen wir uns wieder.« Jenneval versuchte es nicht, Herrn Guerreville zurückzuhalten; er wußte, daß unzeitig angebrachte Trostgründe belästigen und nicht beruhigen; er ließ seinen Freund allein nach seiner Wohnung zurückgehen und sagte zu sich: »Warten wir, bis er mir sein Vertrauen schenkt, dann erst will ich versuchen, seine Schmerzen mit ihm zu theilen.« Des andern Tags, in aller Frühe, kehrte Herr Guerreville, der sehr bald ausgegangen war, um ein von seiner Wohnung ziemlich entferntes Stadtviertel zu besuchen, eben von dort langsam am Kai zurück, als ein Ausruf, der in seiner Nähe erscholl, und von einem ziemlich starken Geräusche begleitet war, seine Aufmerksamkeit auf sich zog. Ein Wasserträger blieb vor Herrn Guerreville stehen und setzte so hastig die beiden Eimer, die er trug, auf dem Pflaster nieder, daß ein Theil des darin enthaltenen Wassers herausfloß und einen See zu seinen Füßen bildete. Dieser Mann betrachtete Herrn Guerreville mit einem schwer zu beschreibenden Ausdruck von Freude und Glück; er wollte sprechen, aber seine Bewegung war so stark, daß er nur die abgebrochenen Worte hervorbringen konnte: »Er ist es ... Ach! mein Gott! ... er ist es ... welche Wonne ... vor Entzücken ... ihn wieder ... wie glücklich bin ich.« »Es ist Jerome!« rief seinerseits Herr Guerreville, der den Wasserträger wieder erkannte, und dem Auvergnaten die Hand reichte, der sich Anfangs zu fürchten schien, sie zu berühren, sie dann achtungsvoll ergriff, und endlich mit einer Kraft drückte, daß er sie fast zerbrochen hätte. »Ja, ich bin's, mein Herr ... mein Herr Wohlthäter.« »Lassen Sie das, Jerome, es war ja nur ein schwacher Dienst.« »O! was Sie gethan haben, das war ein großer Dienst, Sie haben mich von der Noth, von dem Elend gerettet, von dem Teufel und seinem Gefolge, das bei mir war. O! Sie sind mein theurer Wohlthäter! Sehen Sie, Ihre Hülfe hat mir die Ruhe wiedergegeben, und mit diese, ist die Gesundheit sehr schnell zurückgekehrt. Ach Gott! wie arm waren wir! ... obgleich ich noch zu lachen versuchte, um meine arme kleine Zizine nicht zu betrüben! ... o! als sie mir Alles das brachte, was Sie in ihre Schürze gethan hatten ... Sie war auch so glücklich, das liebe Kind, und dann hätte sie Ihnen so gerne gedankt, besonders, als sie sah, wie ich vor Freude weinte.« »Stille, stille, Jerome, lassen wir das!« »O nein, mein Herr, ich muß mir Luft machen! Es ist schon so lange, daß ich Ihnen zu begegnen wünschte, um Ihnen meine Dankbarkeit zu bezeigen. Sehen Sie, es erstickte mich fast, das Alles auf meinem Herzen zu behalten. Verzeihen Sie mir, wenn ich mir erlaube, so mir nichts dir nichts mit Ihnen auf der Straße zu sprechen. Aber ich kann Sie ja sonst nirgends sehen.« »Jerome, ich gehöre nicht zu den Leuten, welche sich etwas zu vergeben glauben, wenn sie mit einem Wasserträger sprechen, oder einem Handwerker die Hand drücken. Ich habe viele Leute gesehen, welche die Gleichheit in ihren Schriften predigten und doch für ihre Untergebenen sehr unzugänglich waren; ich aber, der ich nichts predige, weil ich Niemand zu bekehren hoffe, habe nie begriffen, wie man darüber erröthen kann, mit einem anständigen Manne zu sprechen, von welchem Stande er auch immer sein mag. Auch ich freue mich, Sie wieder getroffen zu haben, denn mehr als einmal habe ich an Sie gedacht. Ihre Lage, Ihre Zärtlichkeit für Ihr Kind haben mich lebhaft interessirt, und sind Sie nun glücklicher?« »Glücklich! O Gott! mein Herr ... wie man will. Auf eine Art bin ich sehr glücklich, weil ich mich jetzt wohl befinde und meinen Lebensunterhalt verdienen kann; aber auf der andern Seite bin ich nicht mehr so vergnügt, wenn ich nach Hause komme, weil ich meine Kleine nicht mehr vorfinde, die ich so gerne auf meinen Knieen wiegte und schwatzen hörte.« »Wie! Sie haben Ihre Tochter nicht mehr bei sich?« »Ich will Ihnen das erklären, wenn Sie es mir gütigst erlauben wollen. Als Sie mir so viel Geld gegeben hatten, um meinen Hausherrn zu bezahlen, so war das das erste, was ich that; aber er ließ mir durch seinen elenden Schuhflicker von Portier sagen, daß ich am Termin nichtsdestoweniger ausziehen müsse, weil er seine Wohnung brauche. Ich sagte; das ist mir ganz gleich, da er mir nunmehr meine Möbel nicht mehr zurückbehalten kann, so werde ich wohl anderswo eine eben so hübsche Bodenkammer finden; und sobald ich wieder auf den Füßen war, was nicht mehr lange währte, so machte ich mich auf, eine andere Lagerstätte zu suchen; ich fand sie, wie ich sie wünschte, in einem schönen Hause der St. ;Honoréstraße, dessen Portier ein guter Mann war, der die armen Leute nicht roh behandelte. Nach Verfluß von zehn Tagen waren wir in unserem neuen Lokale im sechsten Stocke eingerichtet, zu dem doch wenigstens eine ordentliche Treppe führte, auf der man nicht Hals und Bein riskirte. Meine kleine Zizine ging deßhalb auch oft hinunter, sei es zur Obsthändlerin, oder um ein wenig mit der Kleinen des Portiers, die mit ihr von gleichem Alter war, zu spielen. In dem ersten Stock wohnte damals zufällig ein Fräulein mit ihrer Mutter. O! aber das waren reiche Leute, vornehme Leute! ... Trotzdem fiel dem Fräulein meine Zizinette, wenn sie ihr auf der Treppe begegnete, auf. Sie wissen doch, mein Herr, daß sie sehr artig ist, das liebe Kind, daß sie ein so vernünftiges, so bedächtiges Wesen hat, daß man sie für zwanzig Jahre alt halten könnte, wenn sie nicht so klein wäre. So fing denn das Fräulein aus dem ersten Stocke an, sich mit Zizinen zu unterhalten, und mit ihren Antworten zufrieden, ließ sie dieselbe zu sich ins Zimmer kommen, gab ihr Zuckersachen, Kuchen, kleine Hauben; endlich kam es so weit, daß das Fräulein keinen Tag ohne die Kleine sein konnte, und daß Zizine beständig bei ihr bleiben mußte. Ich wußte das, und Sie begreifen, daß ich darüber nicht böse sein konnte, denn ich sagte mir: dem lieben Kind wird es im ersten Stocke wohler sein, als im sechsten! Und alle Tage kam die Kleine mit neuen Geschenken herauf, welche ihr diese guten Damen gemacht hatten. Eines Tages ließen sie mich denn endlich auch zu sich hereinkommen: das machte mich zuerst ein wenig stutzig; aber das ist gleich, ich zog mich sauber an und begab mich zu Madame Dolbert, das ist der Name dieser Dame. Man ließ mich eintreten; ich fand die Mutter und die Tochter, und dann, wie gewöhnlich, meine Zizinette, welche mit zwei oder drei Puppen spielte. Die alte Dame (denn es ist eigentlich nicht die Mutter, sondern die Großmutter von Fräulein Stephanie, welche außer ihr keine Verwandte mehr hat) näherte sich mir und sagte: »Jerome, meine Enkelin liebt Ihre Kleine zärtlich, Sie sind Wittwer und können sich daher nicht recht mit ihr abgeben, wenn Sie darauf eingehen wollen, sie bei uns zu lassen, so werden wir die größte Sorgfalt für sie tragen; wir werden sie erziehen; sie hat schon so vielen Geist und Verstand, daß es Jammerschade sein wurde, die glücklichen Anlagen, welche sie von der Natur empfangen hat, nicht auszubilden. Meine Enkelin wird sich ein Vergnügen daraus machen, sie auch in der Musik und im Zeichnen zu unterrichten, kurz, wir würden sie wie unser Kind behandeln, und wenn sie groß sein wird, so verpflichtet sich meine Stephanie, abgesehen davon, daß sie in ihren Kenntnissen Hülfsmittel gegen alle Noth finden wird, ihr auch noch eine kleine Mitgift zu geben, wenn sie sich sollte verheirathen wollen. Nun! Jerome, verstehen Sie sich dazu, uns dieses Kind zu überlassen?« Ach Gott! Mein Herr, Sie begreifen wohl, daß ich über diesen Vorschlag ganz roth, ganz blaß, ganz verwirrt wurde l Mein Herz war schwer, vor Freude und vor Schmerz! Ich glaube sogar, daß Thränen aus meinen Augen drangen, denn meine kleine Zizine verließ all ihr Spielzeug und lief in meine Arme, indem sie sagte: Hast Du Kummer? Ich umarmte sie, ohne ihr sogleich antworten zu können, aber ich drückte sie fest an mein Herz, es schien mir schon, als ob es das letzte Mal wäre ;...« Hier hielt Jerome inne, denn durch die Erinnerung an jenen Augenblick traten ihm aufs Neue Thränen in die Augen. Herr Guerreville, der nicht weniger bewegt war, drückte ihm die Hand und stammelte: »Armer Jerome!« Der Wasserträger stieß einen tiefen Seufzer aus und fuhr dann fort: »Ich hatte nicht lange Zeit zu überlegen; es zerriß mir zwar das Herz, mich von meiner Zizine zu trennen, aber es war zu ihrem Wohle, zu ihrem Glücke; ich willigte ein.« »Wie! Jerome, Sie konnten einwilligen, sich von Ihrer Tochter zu trennen, von Ihrem einzigen Kinde, von derjenigen, die Ihre alten Tage erheitern sollte?« »Ich that es, damit sie glücklicher werde, mein Herr; es schien mir, als dürfte, als könnte ich dem nicht entgegentreten.« »Ah! Sie haben da ein großes Opfer gebracht.« »O! Gott weiß es, ja! es war ein Opfer. Indessen die Damen, welche mir den harten Kampf ansahen, sagten zu mir: »Sie können Ihre Tochter sehen, wann Sie wollen, so oft Sie es wünschen.« Und das beruhigte mich ein wenig. Zu Zizinetten sagte man nur: »›;Dein Vater will, daß Du hier schlafest und im ersten Stocke wohnest, statt in den sechsten hinaufzusteigen; aber er wird Dich, so oft er Zeit hat, besuchen.‹« Das liebe Kind wollte Anfangs nicht, es warf die Spielsachen bei Seite und rief: »›;Ich will lieber bei meinem Vater schlafen, ich will ihn nicht verlassen! Wenn er wieder sein Bett anzündete, so hätte er Niemand bei sich, es zu löschen!‹« Arme Kleine! Ich mußte mich böse stellen, um sie zu bewegen, nicht mehr in meiner Dachkammer zu schlafen! und noch mußte man ihr versprechen, daß sie oft zu mir hinaufsteigen dürfe! Das geschah dann und so wurde die Sache abgemacht. Zizine blieb bei Madame Dolbert. In den ersten Tagen besuchte ich sie oft, dann etwas seltener, denn ich befürchtete immer, zu stören, und ich befand mich in Gegenwart dieser vornehmen Damen nicht so recht behaglich; aber ich faßte mich, weil ich sah, daß die Kleine gut aufgehoben war. So standen die Sachen, als vor sechs Wochen die Damen ihre Wohnung veränderten; sie verließen die Saint Honoréstraße, um nach dem Boulevard de la Madeleine zu ziehen. Ach Gott! ich konnte nicht mitziehen, denn ich habe in jenem Stadtviertel keine Kunden. Ich mußte also meine Kleine sich weit von mir entfernen sehen, und wage nun nicht, oft zu ihr zu gehen; nicht etwa, daß sie mir weniger Anhänglichkeit erwiese ... o nein! im Gegentheil, das liebe Kind springt mir an den Hals, sobald sie mich erblickt; aber die Arbeit nimmt mich den ganzen Tag in Anspruch, und des Abends muß ich essen und schlafen, um den andern Morgen wieder anfangen zu können. So, mein lieber Herr, ist es mir ergangen. Es ist ein großes Glück für meine Kleine, welche wie eine vornehme Dame erzogen wird; aber es ist eine große Entbehrung für mich, sie nicht mehr jeden Abend und jeden Morgen küssen zu können.« Jerome hatte seine Erzählung beendet und trocknete sich die Augen mit seinem Sacktuch; Herr Guerreville schien auch ganz ergriffen, indem er zu ihm sagte: »Ich wünsche, Jerome, daß Sie das, was Sie gethan haben, niemals mögen zu bereuen haben. Aber sich von seinem Kinde zu trennen! Nun, Sie können sie wenigstens täglich sehen. Arme Kleine! Ich begreife wohl, daß man eine solche Zuneigung zu ihr fassen konnte, sie ist wirklich anziehend; und ihre Beschützerin, sagen Sie, nennt sich Madame Dolbert?« »Ja, mein Herr.« »Und wohnt Boulevard de la Madeleine?« »An der Ecke der Straße Duphot.« »Ich werde suchen, Erkundigungen einzuziehen, um zu erfahren, ob Ihre Tochter auch wirklich in guten Händen ist. Und Ihnen, Jerome, gebe ich hier meine Adresse, besuchen Sie mich; bringen Sie mir bisweilen Nachricht von sich, erzählen Sie mir von Ihrer Tochter; ich bin auch Vater, und ich liebe meine Tochter ebenso zärtlich, als Sie die Ihrige lieben ... darum werde ich Sie immer mit Vergnügen anhören.« »Ach! mein Herr, das ist zu viel Güte ... ich danke Ihnen dafür recht sehr, und werde gewiß von Ihrer Erlaubniß Gebrauch machen ... ich werde das Glück haben ;...« »Ja, besuchen Sie mich, Jerome, wir plaudern dann von Ihrem Kinde; Adieu!« Herr Guerreville entfernte sich, nachdem er noch zuvor dem Auvergnaten die Hand gedrückt, und Jerome sagte zu sich, indem er seine Wassereimer wieder aufhob: »Ein so braver Mann! ... Sollte er nicht glücklich sein! ... An was denkt alsdann die Vorsehung! ;...« Zehntes Kapitel Ein Professor der Deklamation Der Doktor hatte den Vorschlag, den ihm Herr Guerreville gemacht, ihn zu einem Professor der Deklamation zu führen, nicht vergessen. An dem von Julius angegebenen Tage holte er gegen Mittag seinen Freund ab, und Beide schlugen den Weg nach der kleinen Heulerstraße ein. »Ich möchte dem Professor nicht rathen, in diesem Quartier ein Theater zu errichten,« sagte Jenneval, während sie über die Straße Bourg l'Abbé gingen, »ich glaube nicht, daß die Anziehungskraft des Schauspiels die Leute bewegen könnte, dem Kothe Trotz zu bieten, den man hier das ganze Jahr hindurch findet, es gehört schon viel Muth oder Beruf dazu, in der kleinen Heulerstraße dramatischen Unterricht zu nehmen.« »Und was werden Sie erst von Denjenigen sagen, welche hingehen, um die Zöglinge anzuhören?« »Ich werde sagen, daß das, was man nur einmal so zufällig thut, immer einigen Reiz hat, wäre es auch nur der der Neugierde.« In der kleinen Heulerstraße angekommen, blieb Herr Guerreville mit seinem Gefährten bei der Hausnummer, welche auf der Adresse stand, stehen: Es war ein altes und schlechtes Haus, in das man durch einen langen finstern Gang gelangte, in welchem alle möglichen Dinge verrichtet wurden, wodurch die Eintretenden sich veranlaßt sahen, ihre Schritte zu beschleunigen. Im Hintergrunde fand man, tappend, rechts eine Treppe, und nach und nach, wenn sich die Augen an diese Dunkelheit gewöhnt hatten, fing man auch an, etwas von den Stufen zu bemerken, halb aus Holz und halb aus Stein, und ein Geländer, bei welchem Einen der Muth verließ, sich mit der Hand daran zu halten. »Dieses Haus ist fürchterlich schmutzig,« sagte Herr Guerreville, indem er seinen Begleiter ansah. »Das ist das alte Paris,« erwiderte der Doktor lachend; »es gibt Leute, welche dieses Haus bewunderungswürdig finden würden, weil es aus dem Mittelalter stammt. ... und welche Diejenigen Vandalen nennen, die solche pestilenzialische Kloake über den Haufen werfen und an ihre Stelle luftige, helle, saubere Häuser bauen, in die man ohne Furcht, den Hals zu brechen, hineingehen kann; glücklicherweise verschönert sich Paris zum Verdruß dieser Alterthumsfreunde täglich mehr, und nach einem unvermeidlichen Besuche in der Mange- oder großen und kleinen Heulerstraße kann man in der Friedens- oder Rivolistraße wieder frei aufathmen. Aber ich meine, daß auch wir gut thäten, uns in diesem Gange nicht aufzuhalten.« »Aber ich sehe ja keinen Portier.« »Einen Portier! ein solches Möbel war zur Zeit, als man dies Haus erbaute, noch überflüssig! Damals kamen die Bürger selbst herunter, ihre Thüren zu öffnen und zu schließen ... Gehen wir hinauf ... wir werden am Ende schon finden, was wir suchen; aber im ersten Stocke brauchen wir uns nicht aufzuhalten; das wäre überflüssig, denn der Herr Professor Krätzer wohnt sicher höher.« Die Herren gelangten in den zweiten Stock, wo auf einer Art von Treppenabsatz, welcher sich vor dem Corridor befand, vier Thüren waren. »Wollen wir an eine dieser Thüren klopfen?« fragte Herr Guerreville. »Nach Belieben; aber ich vermuthe, daß der Professor noch höher wohnt.« Herr Guerreville klopfte an eine Thüre, keine Antwort; an eine zweite, keine Antwort; an die beiden andern, dasselbe Stillschweigen. »Was soll denn das bedeuten, Doktor? Ist denn dieses Haus unbewohnt?« »Ich glaube im Gegentheil, daß es stark bewohnt ist; wahrscheinlich aber von Arbeitern, die jetzt bei ihrem Geschäfte sind. Wir wollen noch höher hinauf.« Im dritten Stocke war eine Thüre offen und gewährte den Anblick in ein kleines Zimmer, in welchem als einziges Möbel ein Kehrbesen stand, an dem aber von Borsten fast keine Spur mehr vorhanden war. Herr Guerreville ging in dieses Zimmer, indem er an die Thüre klopfte; man antwortete nicht, aber bald ließ sich aus dem Gemache, das sich im Hintergrunde befand, Kindergeschrei vernehmen. Der Doktor, welcher Herrn Guerreville gefolgt war, entschloß sich, eine Thüre zu öffnen, und ein Gemälde, welches des Pinsels eines Biard würdig gewesen wäre, bot sich ihren Blicken dar. In einem schlecht möblirten Zimmer, ohne Fenstervorhänge und der Tapeten an den Wänden fast gänzlich beraubt, befand sich auf der einen Seite ein abscheuliches Bett, auf der andern eine Art Wiege; in der Mitte des Zimmers stand ein runder Tisch, darauf einige Tassen, Brod und ein Teller mit einem großen Stück Käse; auf dem Bette lag ein Kind von drei bis vier Jahren, ungewaschen und ungekämmt, aber stark und kräftig. In der Wiege lag ein anderes, jüngeres Kind, das aber auch kräftig und gesund aussah; in dem Kamine endlich war Feuer unter einem Roste, auf welchem ein Pfännchen mit Milch stand. In dem Augenblicke, wo der Doktor die Thüre öffnete, schrieen die beiden Kinder ganz jämmerlich; demjenigen, das auf dem Bette lag, traten die Augen fast aus dem Kopfe heraus, so sehr strengte es sich in seinem Schmerze an. Das kleinere schnitt unter fortwährendem Plärren gräßliche Gesichter, und während es die Arme nach dem Kamine ausstreckte, beugte es sich so sehr aus der Wiege heraus, daß es in Gefahr zu schweben schien, auf den Boden zu stürzen. Ah! mein Gott! was ist diesen Kindern begegnet?« sprach Herr Guerreville, der hinter dem Doktor ins Zimmer trat, »sie sind wahrscheinlich krank ... und ihre Eltern lassen sie so allein ... Sehen Sie doch, Doktor, was man thun kann, um sie zu besänftigen.« Aber schon lachte der Doktor laut auf, indem er Herrn Guerreville auf der einen Seite eine Katze zeigte, die mit dem Stück Käse davon rannte, und auf der andern die Milch, welche am Feuer aufgekocht war, und nun von allen Seiten über den Topf lief. Das war die wahrhafte Ursache, welche die Kinder zu dem Jammergeschrei veranlaßte; jedes von ihnen sah sein Frühstück dahinfliehen und war in Verzweiflung, es nicht retten zu können. Jenneval nahm den Topf vom Roste herunter und entriß der Katze das Stück Käse, legte es wieder auf den Teller, und alsbald hörte das Geschrei auf; die beiden Kleinen begnügten sich in verschiedenen Tonarten zu rufen: »Ich habe Hunger, ich will essen ... ich habe Hunger! ;...« In diesem Augenblicke trat eine Frau, die ein Foulard um den Kopf gebunden hatte, in das erste Zimmer, und da sie von dort aus die beiden Fremden bemerkte, von denen der Eine eine Pfanne in der Hand hielt, so fing sie fast eben so arg als ihre Kinder zu schreien an: »Diebe! ... zu Hülfe! ... Es sind Diebe bei mir! ;...« Und als die Kinder ihre Mutter schreien hörten, fingen sie auch wieder an zu heulen, ohne zu wissen warum, aber ohne aufzuhören. Dies unerwartete Zetergeschrei betäubte Jenneval dermaßen, daß ihm das Pfännchen aus den Händen und auf die Katze fiel, der die siedende Milch, welche noch darin geblieben war, auf den Kopf floß. Die gebrühte Katze raste, sprang auf den Tisch, zerbrach die Tassen und eine Flasche; die Kinder und die Mutter schrien noch stärker, Jenneval lachte laut auf, Herr Guerreville allein blieb ruhig und kalt mitten in dieser Verwirrung. Zwei alte Frauen kamen aus zwei Thüren des Vorsaals heraus; die Eine in der Nachtjacke und in einem gestrickten Unterrocke, der sich an ihre Hüften anlegte, mit einem alten Foulard um den Kopf und einem Romane in der Hand, die Andere in einem schwarzen Kleide, welches aussah, als ob man Federn darauf getrocknet hätte, und einem Hute, der alle Farbe verloren hatte, dessen Schirm aber seiner Breite halber ebenso wohl als Lichtschirm, wie als Wetterdach und als Regenschirm dienen konnte. Während diese Damen sich erkundigten, was geschehen sei, näherte sich Herr Guerreville der Frau mit dem Tuche um den Kopf, und gab ihr endlich zu verstehen, daß er zu ihr gekommen sei, um sich nach der Wohnung des Herrn Krächzer zu erkundigen, und daß sein Freund, in dem Augenblicke, wo sie eintraten, das Frühstück ihrer Kinder habt retten wollen. Jenneval, der sich indessen wieder gefaßt hatte, hob den Topf auf und reichte ihn der in Thränen zerfließenden Mutter hin, indem er sagte: »Ich hätte noch eine Tasse Milch gerettet ... Ihr Jammergeschrei aber war Schuld daran, daß ich den Rest verschüttet habe, und daß Ihre Katze auf so schreckliche Weise für ihre Naschhaftigkeit bestraft worden ist! Indeß, da ich mir die Schuld an dem Schaden, welchen dieses arme Thier angerichtet hat, zuschreiben muß, so bitte ich Sie, mir zu erlauben, daß ich ihn bezahle.« Mit diesen Worten legte der Doktor ein Hundertsousstück auf den Tisch, und da Alles, was die Katze zerbrochen hatte, kaum dreißig Sous werth war, so fing die Mutter der beiden Affengesichter an, sich in Höflichkeitsbezeigungen zu erschöpfen und wurde übertrieben artig; und die beiden Alten, welche im Vorzimmer auf der Warte standen, sprachen zu einander: »Diese Madame Limousse ist glücklich! ... Ihre Katze bringt ihr Geld ein ... Es gibt Leute, welche in Allem Glück haben! ... Meine Katze hat mir noch nichts eingebracht als Unreinlichkeit und Aerger!« »Und ich habe in meinem Leben schon zehn prächtige Hunde gefunden! aber die hat man weder in Zeitungen gesucht, noch wurde eine anständige Belohnung für ihre Rückgabe geboten; ich fütterte sie wochenlang und Niemand forderte sie zurück ... Ich bekam nichts als Flöhe davon, das war Alles! ... Da vergeht es Einem, Gutes zu thun.« Bevor sich Herr Guerreville entfernte, wandte er sich noch an die Mutter der beiden Kinder mit den Worten: »Sagen Sie mir, Madame, als wir hereintraten, schrien Ihre Kinder sehr heftig und verlangten zu essen; haben sie denn noch nicht gefrühstückt?« »Nein, mein Herr.« »Wie ... so spät! es ist schon halb ein Uhr.« »Ach Gott, mein Herr, was kann ich machen? Ich bediene Leute und muß frühe ausgehen ... Ich habe im gegenwärtigen Augenblicke drei Partien und kann nicht eher nach Hause kommen, als bis meine Geschäfte besorgt sind.« »Und wenn Sie nun fünf, sechs Partien hätten?« »Dann müßten eben meine Kinder noch später frühstücken! Aber das schadet ihnen nichts, sie sind daran gewöhnt.« »Könnten Sie denn ihr Frühstück nicht auf ihr Bett hinstellen?« »O nein, dann verschlängen sie Alles zu schnell! sie würden ersticken, die kleinen Engel!« »Eine sonderbare Art und Weise, seine Kinder zu lieben und zu erziehen,« sagte Jenneval, indem er aus dem Zimmer ging. »Aber apropos, wie steht's mit Herrn Krächzer?« »Der wohnt oben, meine Herren, das heißt noch einen und einen halben Stock höher. Uebrigens werden Sie an seiner Thüre seinen Namen und Stand angeschlagen finden.« Die Herren stiegen noch weiter hinauf, an den beiden alten Frauen vorbei, welche ihnen tiefe Reverenzen machten. In dem obersten Stockwerke bemerkten sie in einem engen Gange ein anderes Bruchstück von einer Treppe, die nur acht Stufen hatte, und zu einer Thüre führte, auf welcher mit Kreide angeschrieben stand: Deklamationsschule. Täglicher Unterricht. Man bittet, an der Schnur zu ziehen. In der Mitte der Thüre war ein Loch, aus welchem ein Strick heraushing, an dem ein Stück von einem Reif befestigt war, um bequemer daran ziehen zu können. »Man kann dem Professor Krächzer den Vorwurf nicht machen, daß er seine Zöglinge zum Luxus in Dekorationen und Costümen verführe,« sagte Jenneval, indem er den Strick mit dem Stücke Holz ergriff, »hier beurkundet Alles eine große Einfachheit ... ich bin neugierig, was wir noch zu sehen bekommen werden.« Er zog an dem Stricke, die Thüre ging auf; sie traten in einen schmalen Gang, an dessen Ende sich eine zweite Thüre befand; als sie sich dieser näherten, hörten sie mit lauter Stimme und mit Feuer sprechen, und schlossen daraus, daß der Cursus bereits begonnen habe. Der Doktor drehte einen Schlüssel um, der in dieser Thüre steckte, öffnete sie und forderte Herrn Guerreville auf, ihn in dieses dramatische Heiligthum einzuführen. Es war ein großes Zimmer, in welches das Licht von oben hereinfiel, und das man für die Werksstätte eines Malers hätte halten können, wenn Gemälde darin zusehen gewesen wären; in der ganzen Breite des Hintergrundes war ein mit Brettern bedecktes Gerüst angebracht, das sich anderthalb Schuh über den Fußboden erhob; das war die Bühne; auf jeder Seite dieses Gerüstes hing ein Fetzen Tapete mit Bindfaden und Nägeln an der Decke befestigt, herab, das waren die Culissen! endlich lag auf einem alten Sopha von abgeschossenem Sammt, welcher an einer Seite des Saales stand und aussah, als hätte er früher dazu gedient, um Salat darauf anzumachen, in buntem Durcheinander ein Helm, ein Turban, eine Toga, ein Schwert, ein Mantel von Sarsche, eine Tunika und ein Gürtel. Das war die Garderobe. Als die beiden Herren die Thüre öffneten, befand sich Niemand auf der Bühne; ein junges Mädchen saß in einem Winkel des Zimmers und schien in einer Broschüre eine Rolle zu studiren. Ein junger, ziemlich armselig gekleideter Mann, der aber mit einem Walde von Haaren begabt war, die er nach Art einer Löwenmähne hinaufgestrichen hatte, ging mit großen Schritten im Zimmer auf und ab, indem er mit so vielem Feuer gestikulirte und deklamirte, daß ihm dicke Schweißtropfen von den Wangen herabflossen. In einem Lehnstuhle mit Rollen endlich, der gegenüber dem Bühnengerüste stand, saß der Professor Krächzer. Es war ein Mann nahe den Sechzigen, der aber mit großer Sorgfalt darauf bedacht war, die Wirkungen der Zeit zu verbergen, die er nur den Anstrengungen in seiner Kunst zuschrieb. Sein schafmäßiges, jedoch nicht unangenehmes Gesicht, seine etwas zu hellblauen Augen, sein ziemlich guter Wuchs und wohlgeformtes Bein hatten ihm einst in Liebhaberrollen einigen Erfolg verschafft; mit den Jahren aber hatte er an Bauch zugelegt, seine Augen waren aufgeschwollen und sein Gesicht ziemlich runzelig geworden. Um jedoch das Jugendliche eines ersten Liebhabers beizubehalten, trug Herr Krächzer ein Corsett, das ihm den Leib zusammenschnürte, eine schöngelockte, blonde Perrücke und eine steife, fest angeschnallte Halsbinde, hinter welcher er, bevor er die Schnalle zumachte, alle Falten seines Gesichtes zu schieben suchte, so daß es schien, als wäre seine Haut hinten an dem Kopfe mit Nadeln festgesteckt. Das war der Professor, der damals in einen weiten, weißlichen Schlafrock gehüllt war, unter welchem er fast immer kurze Beinkleider trug, um sein Bein bemerklich zu machen. Als er die beiden Fremden gewahrte, deren Aeußeres Leute von Stand anzeigte, sprang er rasch von seinem Rollstuhle auf, um ihnen entgegenzugehen. Meine Herren, haben Sie die Güte, näher zu treten, ich bitte Sie darum.« »Haben wir die Ehre, Herrn Krächzer, Professor der Deklamation, zu sprechen?« »Der bin ich ... Es ist mir die größte Verlegenheit, Sie so im Négligé empfangen zu müssen; aber ich machte eben mit einem Zöglinge eine Repetition ... Wollen Sie sich vielleicht in mein Schlafzimmer bemühen?« All diese Worte waren von einer Masse Complimente begleitet, wie man sie in den Rollen, wo man den Galanteriedegen und den gestickten Rock trägt, zu machen pflegt; aber Herr Krächzer hatte so oft die Rolle eines Marquis gespielt, daß er dadurch, vielleicht absichtlich, alle Manieren eines solchen beibehalten hatte; und sehr häufig steckte er auch, während er sprach, sein Taschentuch bald unter den einen, bald unter den andern Arm, als ob es ein Chapeaubashut gewesen wäre. Herr Guerreville hielt den Professor zurück, der eben im Begriffe stand, die Thüre eines andern Zimmers zu öffnen: »Mein Herr, wir befinden uns ganz gut hier ... und, weit entfernt, Sie in Ihren Lehrstunden stören zu wollen, wären wir im Gegentheil sehr erfreut, denselben beiwohnen zu dürfen.« »Ah! meine Herren, das wird mir und meinen Zöglingen zur höchsten Ehre gereichen ... Sie haben vielleicht die Absicht, in einer Gesellschaft eine Komödie oder ein Sprüchwort aufzuführen, und wünschen, so zu sagen, sich an die Bretter zu gewöhnen? ... Daran thun Sie sehr wohl, das ist sehr vernünftig von Ihnen ... es ist sogar sehr nothwendig, besonders in Beziehung auf das Auf- und Abtreten . In der Regel verstehen die Leute, die gerade keine Künstler vom Fache sind, fast nie zu, gehörigen Zeit auf- und abzutreten , und das, meine Herren, ist gerade die große Klippe! O, täuschen Sie sich darüber nicht! das ist schwer; man kommt wohl herein, aber wie geht man hinaus, ohne dem Publikum den Hintern zu bieten ... o, das will studirt sein ... Diese Partie muß längere Zeit behandelt werden! ... und ich schmeichle mir, in dieser Beziehung treffliche Vorschriften zu ertheilen.« Während er sprach, ließ der Professor mehrere Male sein Taschentuch von einem Arm unter den andern, mit der Gewandtheit eines Taschenspielers voltigiren, und Herr Guerreville, der über sein Geschwätz ungeduldig wurde, schien schon große Lust zu haben, Herrn Krächzer zu zeigen, daß er kunstgerecht abzugehen wisse; endlich benutzte der Doktor den Augenblick, wo der Professor eine Pause machte, um nach Luft zu schnappen, sich zu verbeugen und das Schnupftuch zu seiner eigentlichsten Bestimmung anzuwenden, und sagte ihm: »Wir haben durchaus nicht die Absicht, Komödie zu spielen, sondern wir sind hierhergekommen, um einen Ihrer Zöglinge zu hören, an dem wir großen Antheil nehmen.« »Einen meiner Zöglinge ... welchen?« »Einen jungen Mann Namens Julius.« »Herrn Julius ... o! ein charmanter Junge, ein vortrefflicher Schüler, von ausgezeichneten Anlagen für die Gavaudans und Fleurys  ;... Zwar etwas genirt mit dem Organ, mit der Respiration, aber das wird sich schon geben ... ich werde ihn bilden ... ich habe schon ganz Andere gebildet: Talma war einer meiner Zuhörer, meine Herren, Talma befragte mich um meine Ansichten, folgte meinen Nachschlagen ... haben Sie doch die Güte, sich zu setzen, meine Herren ... und er befand sich nicht schlecht dabei ... ich brachte ihm die Tonbiegung seines: Was sagst Du dazu? in der Rolle des Manlius bei. Talma sprach diese Worte vortrefflich, denn ich glaube, es wäre ihm sehr schwer geworden, etwas schlecht zu sprechen; aber die Tonbiegung kam aus der Nase und die Wirkung war verfehlt; da sagte ich zu ihm: Mein Freund ... denn Talma verlangte durchaus, daß ich ihn meinen Freund nennen sollte; also sagte ich zu ihm: mein Freund, willst Du einen ungeheuren Effekt mit diesem: Was sagst Du dazu? hervorbringen? Nun gut! so nimm mir ja das »Was sagst« mit der Kehle und das »Du dazu« stoße mit dem Gaumen heraus. Den folgenden Abend machte er es so, und das Haus brach unter dem Beifallsgeschrei fast zusammen. Setzen Sie sich hierher ... gegenüber von meiner Bühne, von da können Sie die Wirkung am besten beurtheilen. Meine Zöglinge werden nicht mehr lange auf sich warten lassen ... wir haben heute große Stunde ... das heißt man spielt Bruchstücke, Jeder in seinem Fache: Daß ist eine sehr gute Manier, die Talente auszubilden. Herr Julius kann nicht mehr lange ausbleiben ... Wollen Sie mir indeß erlauben, die große Scene aus dem Oedip mit dem Herrn zu beenden ;...« »Thun Sie, mein Herr, was Ihnen beliebt, und nehmen Sie gar keine Rücksicht auf uns.« »Ich wäre sehr glücklich, meine Herren, wenn ich immer ein Publikum hätte, das meine Bemühungen so gut zu würdigen verstände! ... Guten Morgen, Brülard, guten Morgen, mein lieber Junge.« Diese Worte waren an einen eben eintretenden jungen Mann gerichtet, dessen Kleidung auf den Gehülfen einer Spezereihandlung deutete; er trug eine Mütze und die kleine grüne Schürze war auf der Seite hinaufgebunden. Der andere junge Mann, der beim Hereintreten Guerreville's und des Doktors deklamirt hatte, fuhr ununterbrochen fort, vor sich hin zu sprechen und zu gestikuliren, während er mit Riesenschritten den Saal durchmaß, wahrscheinlich, um seine Hitze nicht erkalten zu lassen; er war dabei sehr besorgt, mit der Hand in seine Haare zu fahren, um sie in ihrer aufrechten Stellung zu erhalten; der Spezereigehülfe begrüßte ihn mit »guten Tag,« Jener drückte ihm die Hand, aber ohne ihm zu antworten, noch sich in seinem Pathos unterbrechen zu lassen. »Nun, Herr Alfred, wir wollen Ihre Scene des Oedipus zu Ende bringen,« sagte Herr Krächzer, indem er sich an den Zögling wandte, der in fortwährender Bewegung war. »Mademoiselle Josephine studiren Sie Ihre Rolle der Zaire gut ein, wir werden sogleich einen ganzen Akt daraus auf dem Theater spielen.« Das junge Frauenzimmer, welches da saß, entgegnete, ohne die Augen aufzuschlagen: »Ja, mein Herr.« Hierauf wandte sich der Professor an den eben Angekommenen: »Brülard, wollen Sie den Icarus im Oedip übernehmen?« »Alles, was Sie wollen, Herr Krächzer.« »Wir wollen die dritte Scene des fünften Aktes vornehmen; ich werde den Phorbas sprechen, und dadurch wird die Vorstellung eine gewisse Färbung bekommen ... Sie können doch die Rolle des Ikarus?« »O sehr gut ... nur erinnere ich mich derselben nicht mehr; wenn Sie das Stück haben ;...« »Wenn ich das Stück habe! ... Er frägt mich, ob ich Voltaire habe! ... Es ist zwar wahr, ich könnte ihn entbehren, weil ich ihn auswendig weiß. Nehmen Sie, Brülard, hier ist der Theil, in welchem der Oedip steht ;... Guten Tag, Madame Grignoux ... Sie haben Ihre Tochter mitgebracht, das ist sehr gut ... Wir werden sogleich anfangen ;...« Madame Grignoux war eine Frau von etlichen vierzig Jahren, mit den Manieren einer Logenschließerin, einem Hut, welcher es mit dem der Nachbarin von Madame Limousse hätte aufnehmen können, einem großen grünen Sack und einer enormen Tasche, aus welcher ein halbes Dutzend Pfennig-Bretzeln hervorschaute; mit einer gewissen Prätention in ihrer Art zu sprechen und zu lächeln, und mit einem kleinen Mädchen von dreizehn bis vierzehn Jahren an der Hand, deren Schuhe mit Bandabschnitzeln festgebunden waren; der Rest des Kostüms in voller Übereinstimmung. »Das verspricht sehr amüsant zu werden,« flüsterte der Doktor Herrn Guerreville ins Ohr, der sich eines Lächelns nicht enthalten konnte, als er sah, wie der Professor einen Zipfel seines großen Schlafrocks über die Schulter warf, als ob es ein Mantel wäre. »Wollen wir anfangen?« fragte Alfred, indem er sich nochmals mit den Fingern, die ihm als Richtkamm dienten, durch die Haare fuhr. »Ja ... ich bin bereit ... Oedip und Icarus sind beisammen, wenn ich eintrete ... Ich trete also herein.« Und um seinem Eintreten mehr Wirkung zu geben, öffnet Herr Krächzer die Thüre, die auf den engen Gang geht, und stellt sich im Hintergrund auf, von wo er mit abgemessenen Schritten vorzugehen beginnt, indem er bei jedem Schritte stehen bleibt, das Bein an sich zieht und einen Seufzer ausstößt. So kommt er nach zwei Minuten vor, bleibt vor Alfred stehen, richtet die Blicke auf den Boden und stemmt eine Hand in seine Hüfte. »Herrlich aufgetreten!« murmelte Madame Grignoux ... »Es erinnert mich an Herrn Friedrich, im dritten Akte des Spielers . Gott! wie hat dieses Stück auf meine Nerven gewirkt!« »Bst! Stille, Madame Grignoux. An Ihnen ist es, Alfred.« Der junge Alfred fährt sich mit der Hand in die Haare und schreit: Ah! Phorbas, tritt heran! Der kleine Brülard recitirt hierauf in einem Athem: Mein Staunen wächst! Je mehr ich ihn betrachte ... O! Herr, er ist's, ist's selbst ... »So ist es nicht, Brülard,« rief der Professor, mit dem Fuße stampfend; »Sie laufen ... Sie laufen ... Sie sagen uns das vor, als ob Sie ausschrien: Wer will einen frischen Trunk, wer will trinken! Teufel, mein Freund, man hält an, man nimmt sich Zeit. Je mehr ich ihn betrachte  ;... Hier halten Sie an, als ob Sie eine Schlange erblickt hätten: O! Herr, er ist's  ;... Hier öffnen Sie die Arme und den Mund ... Großes Staunen muß sich im Munde ausdrücken; ich antworte Ihnen ;... Verzeiht, wenn Eure unbekannten Züge ... Brülard. Doch wie! vom Berg Citron erinnerst Du Dich nicht? »Was soll das für ein Berg Citron sein! ;...« sagte der Professor, indem er den Zipfel seines Schlafrocks losließ; »der Berg heißt Citheron . Geben Sie doch Acht, mein Freund, auf das, was sie lesen.« »Ah! Ich dachte doch gleich,« rief Madame Grignoux, »ich erinnere mich nicht, daß man im Oedieb je Citronen verbraucht hat. Hier, Cäsarine, hast du noch eine kleine Butterbretzel ... Das wird Dir den Magen zu Deiner Rede stärken.« Der kleine Brülard, dem es einige Mühe zu machen schien, rasch fortzulesen, fuhr fort: Wie! jenes Kind, das Ihr mir einstens übergabt Das Kind, das Ihr zur ew'gen Ruhr ... »Zur ewigen Ruh!« schrie Krächzer. Ah! was spracht Ihr da? ... »Verdammt, ich habe schlecht gelesen,« erwiderte Brülard. »Schweigen Sie doch, mein Freund, ich Phorbas spreche das: Ah! was spracht Ihr da, Welch' Angedenken ruft Ihr mir zurück?« Brülard (lesend.) »Hm ... Wo bin ich denn? ... Hm ;... ... O zweifelt nicht, mein Fürst, Wa... was auch der Mann da spricht, In meine Armee hat ...« Herr Krächzer riß dem Spezereigehülfen das Buch aus der Hand und sagte zu ihm: »Mein Freund, Sie sind durchaus nicht im Stande, vom Blatte zu lesen: wenn Sie eine Rolle auswendig wissen, so geht es sehr gut; aber Sie müssen dieselbe vorher mehrere Male gelesen haben ... Sie sagen: in meine Armee , statt in meine Arme . Alfred, beenden Sie Ihre große Scene ganz allein ... es ist ein Monolog.« Alfred begann von Neuem den Saal zu durchschreiten, sich die Haare in die Höhe zu reißen, und mit der größten Anstrengung seiner Lungen den letzten Monolog des Oedip herauszudonnern, den Madame Grignoux durch häufige Ausrufe von Bravo ... O! – Gut! ... O! sehr gut! O! O! O! ... unterbrach, so daß Herr Krächzer öfters genöthigt war, ihr Stillschweigen zu gebieten. Der Professor hatte sich neben den Doktor gesetzt, um seinen Zögling deklamiren zu hören, und von Zeit zu Zeit gab er durch ein beifälliges Lächeln, oder ein Nicken des Kopfes zu verstehen, daß er zufrieden sei. Nachdem der Monolog beendigt war, klopfte Herr Krächzer dem Oedip auf die Schulter, der so in Schweiß gebadet war, als ob er aus dem Wasser käme: »Sehr gut, Alfred ... sehr gut, mein Freund ... Das läßt eine Zukunft erwarten ... in dieser Ausdrucksweise steckt ein Eßlair, doch bleibt Ihnen noch viel zu thun übrig ... Passen Sie auf, mein Freund, ich werde Ihnen jetzt den Monolog vorsprechen ... und jeden einzelnen Gedanken hervorheben, geben Sie wohl Acht.« Herr Krächzer nahm ein Stück rothes Band, welches er um seine blonde Perrücke schlang, um einen griechischen Kopfputz zu haben. Alsdann warf er aufs Neue seinen alten Schlafrock malerisch um den Leib, setzte sich in Positur und begann: So ist das schreckliche Orakel denn erfüllt, Deß unvermeidlich End' die Furcht mir längst enthüllt ... »Das Alles ohne Hebung der Stimme ... ich spare meine Kraft für die Effekte ;... Ich bin vom seltsamsten Geschick der Welt errafft, Trotz Vatermords und Blutesschand, doch tugendhaft ... »Hier fang ich an warm zu werden. Elende Tugend! ha welch' traurig leerer Klang; »Hier schlage ich mit der Ferse mächtig hintenaus. Nach der gehandelt ich mein fluchwerth Leben lang! ... »Sehr bitteres Lächeln ... Ach meinem schwarzen Stern konnt'st du nicht widerstehn! »Hier öffne ich die Arme. Ich fing mich in der Schling! da ich ihr wollt entgeh'n. »Hier zapple ich, als stäke mein Fuß in einem Fuchseisen ;... Ein stärk'rer Gott als ich, riß mich zum Frevel hin. »Hier blecke ich die Zähne. Und meinen flücht'gen Fuß ergriff ... An dieser Stelle wurde der Professor durch die Ankunft zweier jungen Mädchen unterbrochen, welche kleine Häubchen und seidene Schürzen trugen, und mit sehr leichtfertiger Miene in das Lehrzimmer traten, indem sie ausriefen: »Ist es hier, wo man Komödie spielen lernt? ... Wir wollen Lectionen nehmen; wir spielen übermorgen bei Herrn Génart, in der Lancristraße, mit Künstlern vom Fache, und wir möchten uns nicht schlecht finden lassen. Was mich betrifft, ich habe ein sehr gutes Gedächtniß, behalte Alles, was ich will ;...« »Und bei mir, findet man, daß ich Couplets allerliebst singe ... Ich kann alle Stückchen aus der Mamsell Jenny Colon . Was verlangen Sie für die Lection, mein Herr? Sie dürfen uns nicht zu theuer halten; wir sind Fransenmacherinnen ... Wir wälzen uns nicht im Golde ... Aber das kann noch kommen ;...« »Wir werden schon einig werden, meine Damen ... ich werde Sie als Kolleginnen behandeln ... Setzen Sie sich doch.« »Dürfen wir hier bleiben, um Ihre Zöglinge spielen zu sehen?« »Gewiß, ich habe heute große Stunde ... Das kann Ihnen nur nützlich sein ... Alfred, ich werde Ihnen ein andermal den Oedip vollständig vortragen ... Ich bin diesen Morgen zu sehr in Anspruch genommen ... So viele Schüler auf einmal ;...« »Mein Herr,« sprach eine der Grisetten, indem sie sich hinsetzte, »wir wollen in der Agnes von Belleville spielen, können Sie uns dieses Stück einstudiren?« »O! meine Damen, studire ich nicht Alles ein, was man will! ... Ah! Da ist Herr Julius ... Kommen Sie doch näher, mein lieber Freund ... Man wartete nur auf Sie, um anzufangen.« Julius triefte von Schweiß, er trug ein Kistchen mit Eau de Cologne -Flaschen unter dem Arm, das er in eine Ecke stellte; als er Herr Guerreville bemerkte, lief er rasch auf ihn zu, um ihn und den Doktor zu begrüßen. Herr Guerreville reichte ihm die Hand und sagte zu ihm: »Sie sehen, junger Mann, daß ich Wort halte.« »O! mein Herr, ich danke Ihnen tausendmal ... Ich bin ganz trostlos, daß ich Sie habe warten lassen ... Aber mein Vater hatte mir mehrere Aufträge gegeben, und ich konnte mich derer nicht schneller entledigen. Ach! wann werde ich endlich von der Pommade und von den Handschuhen loskommen! ... Nun werden Sie mich spielen sehen, meine Herren, und ich bitte Sie, mir ohne Umstände zu sagen, was Sie von meinen Anlagen halten.« »Wir haben keinen Grund, Sie zu täuschen, daher können Sie auf unsere Offenherzigkeit zählen.« Julius bereitete sich, zu spielen, und zu gleicher Zeit mit ihm Alfred, der Schubladier, Mademoiselle Josephine und die junge Cäsarine Grignoux. Während seine Zöglinge sich anschickten, auf das Gerüste zu steigen, entschlüpfte der Professor; er ging mit seiner griechischen Kopfbekleidung fort, kam jedoch bald wieder zurück, mit den beiden alten Weibern aus dem dritten Stocke und einem sehr bejahrten Herrn, der sehr dick war und kaum gehen konnte, obgleich er sich auf einen Stock stützte; dieser Herr, welcher Pantoffeln trug, und den Kopf mit einem schwarzseidenen Käppchen bedeckt hatte, hielt in der linken Hand auch noch ein blechernes Hörnchen, dergleichen sich Leute bedienen, welche mit der Taubheit behaftet sind. Herr Krächzer hatte vollauf zu thun, sein Publikum unterzubringen; dem dicken Herrn wies er seinen Platz in dem Rollstuhle an, dann ging er zu Herrn Guerreville und flüsterte ihm ins Ohr: »Ich bitte Sie um Verzeihung, daß ich einige Nachbarn hergebracht habe, die ohne Toilette gemacht zu haben, heraufkommen ;... Aber das beachten Künstler wenig, und ich halte viel darauf, meinen alten Nachbar hier zu haben; er ist ein trefflicher Kenner von Gesangspartieen; er war vierzig Jahre lang Violinist in verschiedenen Orchestern von Paris und ist ein ausgezeichneter Musiker, unglücklicherweise ist er ein wenig taub geworden, was ihn nöthigte, sich zurückzuziehen.« »Aber,« sagte Jenneval, »wenn er taub ist, wie kann er da die Gesangsanlage Ihrer Zöglinge beurtheilen?« »O! mit seinem Hörnchen ganz vorzüglich ... nur konnte er dasselbe, wie Sie leicht begreifen werden, in einem Orchester nicht ans Ohr halten und zu gleicher Zeit Violin spielen.« »O! das begreife ich ganz gut.« »Meine Damen, nehmen Sie doch Platz.« Diese Einladung galt den beiden alten Nachbarinnen, von denen die Eine, die mit dem schwarzen Kleide, ihren ungeheuren Hut aufbehalten, die Andere einen alten, rehfarbenen Shawl über ihre Nachtjacke und ihren anliegenden Unterrock geworfen und ihr um den Kopf gewundenes Foulard noch durch einen weiteren Aufsatz à la Fanchon erhöht hatte. Diese beiden Damen blieben ehrfurchtsvoll hinter den Stühlen stehen, und die beiden Grisetten hatten schon mehrere Male laute Ausbrüche des Lachens unterdrückt, wenn sie die alten Weiber betrachteten. Auf wiederholte Einladung des Herrn Professors setzten sich die Letztern endlich auf den Sopha, zur Seite der Madame Grignoux, welche eben daran war, eine vierte Bretzel, die sie aus ihrem Korbe genommen hatte, zu verzehren. »Wir werden Ihnen zwei Akte aus der Zaire recitiren,« sagte der Professor, indem er sein Taschentuch nunmehr als Gürtel um seinen Schlafrock wand, und einen Helm auf seinen Kopf setzte, der vollkommen einer umgekehrten Kaffeemühle glich. Julius hatte bereits einen Turban aufgesetzt und sich in ein großes Stück grüner Sarsche eingewickelt. Der junge Alfred hatte sein Haupt mit einem Ritterhelm bedeckt. Die beiden jungen Mädchen zogen bloß ihre Kämme heraus und ließen die Haare über die Schultern herabfliegen. Der Spezereigehülfe hatte über sein Kamisol eine Tunica gezogen und einen Gürtel umgeschnallt, an welchem ein Kindersäbel hing. Der Professor ging von einem seiner Zöglinge zum andern, betrachtete Jeden genau und rief: »Nicht übel, meine Kinder! Alfred, der Helm sitzt Ihnen zu tief in der Stirne, lassen Sie Ihre Augenbrauen sehen ... mehr zurück, so ist es recht. Julius, den Turban tief eingedrückt; werfen Sie den Mantel über den linken Arm, stark in Falten ... Brülard, mein Freund, machen Sie, daß Ihnen Ihr Säbel nicht stets zwischen den Beinen bummelt, es würde sie sonst bei Ihren Abgängen geniren. Sie, meine Damen, Sie stellen Zaire und Fatime vor; Mademoiselle Josephine, bedenken Sie, daß Zaire in ihrem Herzen Christin ist, und Muselmännin in der Tiefe ihrer Seele; seien Sie davon ganz durchdrungen; es ist eine der schönsten Rollen des Stückes. Sie beten Orosman als Menschen an, und hassen ihn als Muhamedaner; machen Sie alle diese Nüancen recht bemerklich. Sie, kleine Cäsarine, legen Sie mir ja Würde in die Fatime .« »Wenn Sie noch einer stummen Vertrauten bedürfen, so wissen Sie, daß ich da bin, Herr Krächzer,« sagte Madame Grignoux. »Danke, Madame Grignoux, in diesem Stücke nicht. Aber ich bemerke so eben, daß wir keinen Souffleur haben, wollen Sie wohl so gütig sein, diese Stelle zu übernehmen?« »Sehr gerne, Herr Krächzer, um so mehr, als ich mit einer großen Arschilität soufflire; es genirt mich nicht im geringsten! Sie sollen hören, wie ich das da einpauken werde. Aber wo ist denn das Heft? Ah! gut, es ist ein ganzer Band. Ich will mich dem Theater gegenübersetzen. Ich bin übrigens gar nicht böse, den Souffleur machen zu müssen, weil Cäsarine keine Unterhosen trägt, und Sie wohl begreifen, daß man als Souffleur sehr versucht ist, sein Augenmerk auch auf etwas Anderes als auf die Gesichter der Schauspielerinnen zu richten. Ich will damit nichts Böses gesagt haben.« »Hinauf, hinauf aufs Theater, meine Kinder, ich mache den Lusignan. Wir wollen mit dem zweiten Akte anfangen.« Mittelst einer kleinen Bank stiegen der Professor und seine Zöglinge auf das Gerüst, dann verbargen sie sich hinter den Tapetenfetzen, welche Coulissen vorstellten. Nun stampfte Herr Krächzer dreimal heftig mit dem Fuß, wodurch eine solche Staubwolke aufgewirbelt wurde, daß Madame Grignoux, welche so saß, daß ihr Kopf mit den Brettern gerade in einer Höhe war, einen heftigen Hustenanfall bekam, wobei Sie ausrief: »Danke! für diese Zugabe zu meinem Frühstück. Wie es scheint, wird Ihr Theater nicht alle Tage gekehrt.« Aber das Auftreten von Nerestan und Chatillon zwang den Souffleur, seine Betrachtungen einzustellen. Der junge Schreiber machte den Nerestan, und Brülard den Chatillon. Die erste Scene ging ohne Unterbrechung vorüber; die beiden Zöglinge wußten ihre Rollen auswendig und bedurften des Souffleurs durchaus nicht, der ihnen nur von Zeit zu Zeit zurief: »Nicht so schnell! Pest! wie Sie eilen! Ich kann Ihnen ja nicht nachkommen, ich.« Zaire erschien mit fliegenden Haaren. Das junge Frauenzimmer, welches diese Rolle spielte, hatte eine Kopfstimme, welche die Ohren der Hörer zerriß, so daß der alte, taube Herr, der bis dahin gar keinen Antheil an dem Stücke zu nehmen schien, ein Zeichen von Zufriedenheit von sich gab, indem er leise vor sich hinflüsterte: »Allen Respekt, das heiße ich ein Organ.« Zaire war im Zuge, Ihre Rolle herzusagen, als Madame Grignoux sich halb erhob, ihren Kopf über die Bretter wegstreckte und rief: »Ei! warum trittst Du nicht auch auf, Du, Cäsarine, was bleibst Du da so hinter der Leinwand stecken? Bist Du nicht die Vertraute Fatime?« »Sie tritt in dieser Scene nicht auf,« schrie der Professor, »schweigen Sie doch, Souffleur!« »Was? das wäre mir eine schöne Geschichte, bezahle ich deßhalb Marken zu fünfzehn Sous, daß meine Tochter hinter den Coulissen bleiben soll, während die Andern spielen? Da sie die Vertraute macht, muß sie da nicht immer hinter ihrer Herrin her sein?« »Man sagt Ihnen, daß sie nicht in diese Scene gehört.« »Und ich, ich sage Ihnen, der Verfasser hat das wahrscheinlich nur vergessen. Komm nur heraus, Fatime, hörst Du Kleine! Dadurch gewöhnt man sich ans Publikum.« Um Madame Grignoux zufriedenzustellen, stieß der Professor Fatimen auf's Theater hinaus. Die Vertraute erschien, indem sie an einer Bretzel kaute. Bald darauf erschien Herr Krächzer als Lusignan. Bei seinem Auftreten fingen die beiden Alten aus dem dritten Stocke aus Leibeskräften an zu applaudiren, während die eine der Grisetten zu ihrer Freundin sagte: »O! meine Liebe, ist aber der häßlich! Er gleicht einem Leibstuhle!« Herr Krächzer sprach seine Scene so gedehnt, daß er eine halbe Stunde damit zubrachte. Er unterbrach sich, machte Pausen, nahm Stellungen an und handthierte mit Arm und Bein, während er von Zeit zu Zeit seinen Zöglingen zurief: »Gesicht gegen das Publikum, Zaire ... Geben Sie doch Acht, Sie zeigen ja dem Parterre den Rücken ... Aufgemerkt, meine Damen, Sie bieten immer noch den vermaledeiten Hintern. Unmöglich Kinder ist's, für mich, von Euch zu gehen, Nachdem Geliebte ich, so lang Euch nicht gesehn, Mein Sohn ... und würd'ger Erb! ... Alfred, mein Freund, Ihr Helm fällt Ihnen auf die Nase, man sieht Ihr Gesicht nicht mehr; wie soll das Publikum über Ihr Geberdenspiel urtheilen können?« »Das ist nicht meine Schuld, er ist zu groß.« »Dann stopft man ein Sacktuch hinein. Du, ach, Du, o Tochter, Zerstreue den Verdacht, Nimm weg von mir den Trug ...« »Den Fluch!« schrie Madame Grignoux. »Wie, Souffleur?« »Ich sage Ihnen, es heißt Fluch .« »Bah! wirklich?« »Sehen Sie selbst.« Herr Krächzer sah im Buche nach und gab es ihr mit den Worten zurück: »Sehr sonderbar, ich habe immer Trug gesagt und man hat mich nie getadelt. Wahrhaftig, ich maße mir nicht an, Voltaire zu verbessern; aber ich glaube, daß sich das Wort Trug an dieser Stelle nicht übel machen würde. Ich berufe mich deßhalb auf diese Herren.« Diese Herren aber antworteten nichts; da hielten es die beiden alten Frauen aus dem dritten Stocke für passend, zu applaudiren. Herr Krächzer dankte und setzte die Scene fort. Der Akt ging ohne irgend einen besonderen Zufall zu Ende, ausgenommen, daß Chatillon, dessen kleiner Säbel ihm zwischen die Beine kam, in dem Augenblicke, wo er mit Nerestan abgehen wollte, zu dessen Füßen hinstürzte. Der zweite Akt begann; aber Lusignan, der seine Rolle beendigt hatte, mischte sich unter die Zuschauer, um seine Zöglinge spielen zu sehen. Julius erschien. Er machte den Orosman. Der junge Mann ließ die grüne Sarsche, die ihm als Mantel diente, um sich herfliegen; er deklamirte mit Feuer, aber eben so falsch als monoton, was jedoch seinen Lehrer nicht hinderte, auszurufen: »Sehr gut! Julius, sehr gut! Sie machen sich, mein Freund, Sie werden sehr weit kommen!« »Ich weiß nicht, wohin dieser junge Mann kommen will ,« sagte der Doktor ganz leise zu Guerreville; »wenn er aber so fortfährt, so weiß ich, daß er auf den Kirchhof kommen wird.« In der That hatte auch, als der zweite Akt der Zaire zu Ende ging, Julius solche Anstrengungen gemacht, um Effekt hervorzubringen, daß er nicht mehr sprechen konnte, sondern ganz heiser und erschöpft war. Herr Krächzer hüllte ihn in eine Leinwanddecke, ließ ihn auf dem Sopha niedersitzen, indem er ihn mit Lobeserhebungen überhäufte, und ihm die großartigsten Erfolge voraus verkündete. Dann wandte sich der Professor an die Versammlung und sagte: »Meine Herren und Damen, wir werden die Schule der Alten nicht aufführen, da mein Zögling Julius, in Folge der bewunderungswürdigen Glut, die er als Orosman entwickelt hat, zu angegriffen ist, um fortzuspielen; aber wir wollen Ihnen einige Scenen aus einem von mir gedichteten Lustspiel zum Besten geben. Es ist ein kleines, niedliches Stückchen, in Versen, und heißt: Der verführerische Marquis. Dasselbe wurde mit vielem Erfolge bereits auf tausend Liebhaber-Theatern aufgeführt. Josephine, Sie machen die Gräfin. Stecken Sie Ihre Haare wieder hinauf, meine liebe Freundin. Sie stellen eine große Kokette vor. Alfred wird den Lafleur spielen, einen vornehmen Livréebedienten. Nehmen Sie Ihren Helm ab. Und Brülard den Marquis, den kann er sehr gut. Cäsarine wird die Lisette machen.« »Ah! das denke ich doch auch,« murmelte Madame Grignoux, »daß meine Tochter auch einmal etwas machen soll, ich habe sie hergebracht, damit sie arbeite, und das sogleich.« »Sagen Sie uns doch, mein Herr,« rief eine der Grisetten, »wird man bei Ihnen nicht auch im Vaudeville unterrichtet? Wir wollen singen, meine Freundin und ich.« »Sogleich, meine Damen, werden wir zur Oper übergehen. Ich werde Sie singen lassen, es wird mir sogar sehr lieb sein, Ihre Mittel kennen zu lernen.« »Er will unsere Mittel kennen lernen,« sagte eine der Grisetten zu ihrer Freundin. »Was geht das ihn an? Was bekümmert er sich darum? da wir ihm ja unsere Stunden baar bezahlen.« »Du hast ihn falsch verstanden; er meint damit unsere Stimmen.« »Sage mir doch, Phrasie, amüsirt Dich das, ihre Tragödie? Sie spielen nicht so gut, wie bei Fresnoi im Lazary.« »St! sei doch still, sie wollen uns etwas Niedliches aufspielen.« »Allons! angefangen, meine Kinder!« rief der Professor; »ich weiß mein Stück auswendig, und werde es Ihnen souffliren, wenn es nöthig ist. Lafleur und Lisette eröffnen die Scene. Meine kleine Cäsarine, suchen Sie doch mit Ihrer Kruste fertig zu werden, und essen Sie nicht immer beim Spielen. Ich klopfe.« Herr Krächzer bestieg das Gerüst, von wo aus er sich beeilte, seinem Publikum drei Staubwolken zuzusenden; dann sprang er ziemlich leicht wieder hinunter und setzte sich in einen Winkel neben dem Theater. Der junge Alfred, der einen Hut hatte, welcher alle beliebigen Formen annehmen konnte, machte eine Art von Claque daraus, schob ihn, wie sein Professor, unter den Arm und trat hüpfend in die Scene. Das Stück begann: Alfred. Wohlan! die Liebe soll und mein Lisettchen leben! ... Sie ist ein schelmisch Kind, bildschön und gleich ergeben ... Mein Herr macht seinem Schatz den Hof an diesem Ort, ... Ich, sein getreuer Knecht, setz' mit der Magd es fort ... »Betonen Sie es gut, mein Freund,« sagte Herr Krächzer, »das Alles will zart empfunden sein, Mein Herr macht seinem Schatz den Hof an diesem Ort. Machen Sie bei diesem Ort einen Hops, um zu zeigen, daß Sie just an dem Orte sind. Und beim Hof geben Sie sich einen leichten Schlag auf Ihren linken Schenkel! ... Halt ... sehen Sie, wie ich ;...« Und Herr Krächzer, der sich einen Schlag auf den linken Schenkel geben wollte, trifft den ungeheuren Hut einer der alten Nachbarinnen, die hinter ihm den Kopf vorstreckte, und dieser fliegt bis ans andere Ende des Saales; jetzt sieht man einen halb grauen, halb blonden Kopf, auf welchem ein alter Strumpf als Baumwollenmütze sitzt. Der Professor stottert tausend Entschuldigungen, läuft dem Hut nach und bringt ihn eiligst seiner Eigenthümerin zurück, welche den beiden Grisetten, die dieser Zufall wieder in große Luftigkeit versetzt hat, wüthende Blicke zuschleudert. »Stille, Silentium! fahren wir fort,« sagte der Professor. »An Ihnen ist es, Lisettchen!« Fräulein Cäsarine. Ah! schaut der Herr Lafleur ... möcht mich noch einmal ... kirren. Sagt, ich sei hübsch, und er ... müß' wieder um mich girren. Doch, mir scheint er ein Wüst...ling, der 'gar oft betrügt; Drum trau' ich nicht dem Spitz...bub, der mich stets belügt.« »So ist es nicht! so ist es nicht!« schrie der Professor, ungeduldig mit dem Fuße stampfend. »Ach, mein Gott! Mademoiselle, wo haben Sie denn gelernt, die Verse so jämmerlich zu zerhacken? Drum trau' ich nicht dem Spitz...bub, der mich stets belügt. Hier ist nicht die Rede davon, daß Sie keinem Spitz trauen wollen.« »Alle Wetter! mein Herr, bei den zwölfsilbigen Versen glaubte ich, falle der Ruhepunkt immer in die Mitte.« »Sie glauben falsch, Mademoiselle, Pausen und Cäsuren! ... das war gut genug für die alten Dichter; aber die jüngern binden sich an alles das nicht. Fragen Sie nur diese Herren da ... man ruht jetzt aus, wo man will, oder besser, wo man kann. Ich habe ein neues Stück geschrieben, und darf mich derselben Freiheiten bedienen, wie meine Collegen. Fahren Sie fort, Lisette.« Mademoiselle Grignoux recitirte ihre Rolle in einem Athemzuge und ohne einen Augenblick auszuruhen. Der Professor äußerte, daß er jetzt zufriedener sei; die beiden Damen aus dem dritten Stocke fingen wieder an zu applaudiren. Der kleine Brülard trat in die Scene; um den Marquis vorzustellen, hatte er sich ein Rappier nach Art eines Degens an die Seite gesteckt, und sich Manschetten und einen Jabot aus Papier gemacht. Brülard. Ah! da bist Du, Lafleur! Ah! da bist Du, Lisette! O! Kinderchen Ihr seid's ... ach lange gern schon hätte Ich den Moment erlauscht, von meines Herzens Brennen, Der schönen Gräfin ein Geständniß thun zu können; Lisette, nimm das Geld und zudem als Geschenke Den Ring hier, groß von Werth, nur steh' mir bei, bedenke. »Sehr gut! sehr gut! Brülard,« sagte Herr Krächzer. Dann sich gegen den Doktor wendend, flüsterte er ihm zu: »Wie finden Sie meinen Styl? Er ist fließend, nicht wahr?« »Sehr fließend ... aber verzeihen Sie mir die Bemerkung, es scheint mir, als folgen sehr viele weibliche Reime aufeinander?« »O! das hat nichts zu sagen, im Gegentheile, das ist weicher. Wenn Sie sich die Mühe geben wollten, auf die Verse in der großen Oper, oder in der komischen Oper zu achten, so würden Sie bemerken, daß man sich in dieser Beziehung auch nicht im mindesten Zwang anthut.« »Ich lasse mir das für den Gesang gefallen, aber in einem Lustspiel?« »Man wird auch in diesem dazu gelangen; und ich liebe es, stets voranzugehen. Kann ich doch sagen dann mit Stolz: Ich hab's gewagt. »Es ist an Ihnen, Lisette.« Fräulein Cäsarine, indem sie an einem Pfefferkuchen nagt: Ihr Gold, Ihr Ring, was sonst Sie mir geboten an, Bestechen mich zu nichts ... Sie sind ein schlimmer Mann. »Sie legen ja gar keinen Ausdruck mehr hinein, Mademoiselle,« schrie der Professor; »Sie verstehen wohl gar nicht, was Sie sprechen; Sie sind eine anständige Kammerjungfer, die sich nicht verführen lassen will ... aber Sie sprechen das Alles so, als ob Sie Ihre Grammatik hersagten ... Pfui! ... es erfordert Wärme, Entrüstung! In Ihrem Innern müssen Sie denken: Ihr Gold ... ich verachte es! Ihre Edelsteine, da schere ich mich den Teufel darum! Ihre Geschenke, mit denen können Sie mich ... Ah! verzeihen Sie, meine Herren und Damen, wenn ich mich ein wenig vergesse, aber ich kann nicht kalt demonstriren. Kommen Sie, Brülard, bringen Sie Feuer in diese Scene.« Brülard. Sagt, was Ihr immer wollt, ich weiche meiner Flamme, Nicht hör' ich mehr auf Rath: Ich dringe in die Dame. Hier vernimmt man bei der Zuhörerschaft ein dumpfes Gemurmel, und die beiden Fransenmacherinnen halten sich die Hüften vor Lachen. Der Spezereigehülfe scheint ganz erstaunt über den eigenthümlichen Effekt, den er hervorgebracht; er will fortfahren, aber sein Professor fällt ihm in die Rede. »Sie haben gefehlt, Brülard.« – Glauben Sie? Und wo denn? – »Sie deklamirten: Ich dringe in die Dame, und es heißt doch: Ich dring' ein bei der Dame. « – Ist denn das nicht beinahe dasselbe, ob ich sage: Ich dringe in eine , oder ich dringe ein bei einer? ;... – »Nein, mein Freund; für den Vers wohl macht es nichts, aber es gäbe einen zweideutigen Sinn. Jetzt, Brülard, fahren Sie fort und geben Sie Achtung.« Der kleine Brülard beendete seine Scene, unterstützt von Mademoiselle Josephine, unter den lauten Beifallsbezeigungen des dritten Stockes. Schon mehr als einmal hatte Herr Guerreville das Verlangen bezeigt, den Ort zu verlassen, aber der Doktor wollte Alles sehen und hatte ihn zurückgehalten. Endlich, als das Lustspiel des Professors zu Ende war, ging man zum Anhören des Gesangs über, und die beiden Mädchen, welche sich im Vaudeville hören lassen wollten, machten Rouladen, um ihre Stimme in Schwung zu bringen. »Josephine,« sagte Herr Krächzer, »ich weiß, daß Sie Anlagen für die große Oper haben. Singen Sie uns Ihre Arie aus den Bajaderen: »›;Kein Auge lass' ich ab.‹« Sie wissen ;...« »Ja, mein Herr ;...« »O, das ist schön, das ist prächtige Musik ... Auf meiner Guitarre fehlen zwei Saiten, sonst würde ich Sie begleiten; aber ich werde den Takt schlagen. Steigen Sie auf die Bühne und singen Sie mit den nöthigen Gesten, ich werde die Ritornelle trillern.« Josephine kletterte wieder auf die Bretter und sang ihre Arie aus den Bajaderen, indem sie alle erdenklichen Gesten dazu machte. Der Gesang wurde von dem Professor und seinen Zöglingen beklatscht; Mademoiselle Josephine stieg mit strahlendem Antlitz wieder in das Zimmer herab. »Wie finden Sie diese Stimme, Herr Berruchon?« fragte der Professor, indem er sich an den dicken, tauben Mann wandte, und dieser antwortete, daß er nichts gehört habe. »Ah, es ist richtig! Ich dachte nicht mehr daran,« sagte Herr Krächzer; »Josephine, liebe Freundin, wollen Sie wohl die Güte haben, Ihre Arie noch einmal zu beginnen und sie diesmal in das Horn des Herrn Berruchon hineinzustoßen, damit er über Ihr Talent urtheilen kann?« Josephine, als folgsame Schülerin, näherte sich dem Lehnstuhle des Herrn Berruchon, der vormalige Violinist legte das Hörn an sein Ohr und das Mädchen fing nochmals an, ihre Arie zu singen, indem sie ihren Mund an den Becher des Hörrohrs legte; da aber der alte Musiker noch nicht genug hörte, so neigte er sich und brachte das Rohr an das Gesicht der Sängerin, welche dasselbe jetzt fast ganz darin stecken hatte, was sie in ihren Rouladen ein wenig hindern mochte. Die Arie wurde inzwischen glücklich zu Ende gebracht. Herr Berruchon warf sich wieder an den Rücken seines Lehnstuhls, indem er sagte: »Eine sehr schöne Stimme! Eine sehr tiefe Altstimme!« »Ah, Sie finden, daß sie einen Alt hat,« sagte der Professor, in das Hörrohr sprechend; »mir schien es, als ob sie eine sehr hohe ... eine Sopranstimme habe.« »Durchaus nicht, mein Freund; das ist eine tiefe Alt-, eine Baßstimme! Was sagen diese Herren dazu?« »Ich,« sagte der Doktor, »ich finde auch, daß das Fräulein eine sehr hohe Stimme hat; aber wenn diese erst durch ein Hörrohr durchpassirt, so wundert es mich nicht, daß sie sich in einen tiefen Alt verwandelt.« »Wohlan, meine Damen, nun ist die Reihe an Ihnen,« sagte Herr Krächzer, sich an die beiden Fransenmacherinnen wendend; »Sie wissen ohne Zweifel einige Stücke auswendig?« »Ah! ich will wohl glauben, daß wir auswendig wissen! ... Das ganze Repertoir der Mamsell Jenny Colon ... die Arien des Herrn Achard ! ... Ah, wie liebe ich die Stimme des Herrn Achard ! ... Nun, Phrasie, singe die Arie aus dem Commis und der Grisette .« »Du wirst mir einblasen, wenn ich fehle.« Als sich das junge Mädchen zu singen anschickte, nahm sie der Professor der Deklamation bei der Hand und führte sie zu Herrn Berruchon, der sein Horn fest an's Ohr gedrückt hielt, und sagte zu ihr: »Haben Sie die Güte, sich ein wenig, gegen das Höhrrohr dieses Herrn zu bücken, damit er Sie hören kann.« »Das wäre schön!« sagte die Grisette, indem sie zurückwich; »wollen Sie sich über mich lustig machen? Das ginge mir an, gebückt hinzustehen! ... Glauben Sie, ich sei hieher gekommen, um in Hörner hineinsingen zu lernen?« »Aber, mein Fräulein, meine Schülerin hat ja eben die Arie aus den Bajaderen: »Kein Auge lass' ich ab,« gut hineingesungen.« »Ich weiß nicht, was sie abgelassen hat, aber ich weiß, daß ich nicht in das Horn singe, ich! ;...« »O, mein Gott! komm, Phrasie, wir wollen gehen. Die Klasse dieses Herrn kommt mir wie ein alter Zwieback vor.« »Ein alter Zwieback, meine Klasse!« rief der Professor, indem er sein Taschentuch über sein Bein warf; »meine Damen, mäßigen Sie Ihre Ausdrücke, ich bitte Sie darum!« »Ja, komm! O, wir werden noch immer so gut spielen, als diese Alle hier! ... Ueberdies gibt es keinen Mangel an Professoren ... Aber in die kleine Heulerstraße in den vierten Stock zu gehen, um in ein Horn singen zu lernen, das geht über meinen Horizont?« »Meine Damen, respektiren Sie meine Klasse; mein Talent ist bekannt, und ich ;...« »O, ich glaube wohl, daß Sie bekannt geworden sein müssen, seit der Zeit, daß Sie auf die Welt gekommen sind! Komm, Phrasie, wir wollen gehen, wir wollen die Zaire nicht spielen, das türkische Costüm macht sich zu häßlich; ich grüße Sie, meine Herren und Damen.« Die beiden Frauenzimmer begaben sich hinweg, indem sie laut auflachten, während Herr Krächzer, roth vor Zorn, am Rande seiner Bühne auf- und abging und die Zöglinge über das, was ihr Professor so eben hätte anhören müssen, wie versteinert dastanden. »Es gibt keine Sitten mehr ... es gibt keinen Respekt mehr ... es gibt kein Dickohrum mehr ;...« murmelten die beiden alten Nachbarinnen, während Herr Berruchon, der von Allem, was vorgegangen, kein Wort verstanden hatte, sich fortwährend das Horn ans Ohr hielt, indem er schrie: »Wird mir Niemand etwas vorsingen?« »Die kleinen Unverschämten!« sagte Madame Grignoux, »sie hätten eine Züchtigung verdient ... Ich hätte ihnen gar zu gern die Ruthe gegeben.« »Und ich auch,« sagte der Spezereibeflissene; »um so mehr, als sie fortwährend gelacht haben, während ich den Chatillon spielte.« »Ich wollte wetten,« sagte Herr Krächzer, »daß einer meiner Collegen, der über den Erfolg meines Unterrichts eifersüchtig ist, mir aus Haß diese Frauenzimmer auf den Hals geschickt hat, um mich zu chikaniren.« Während dieser Unterredung hatten sich Herr Guerreville und der Doktor von ihren Sitzen erhoben; Julius hatte seine Leinwandhülle abgelegt, sich den Rock wieder angezogen und den Hut genommen; er nahm Abschied von dem Professor, der ihm die Hand drückte, indem er ihm noch sagte: »Mein lieber Freund, ich bin entzückt von Ihnen, Sie werden es weit bringen, ich stehe Ihnen dafür; mit Hülfe meines Unterrichts werden Sie noch auf unsern ersten Theatern glänzen.« Dann wandte sich Herr Krächzer zu Herrn Guerreville und sagte ihm: »Kann ich wohl so glücklich sein, zu glauben, daß Sie und Ihr Freund an meinen Vorstellungen einiges Vergnügen gefunden haben?« »Sehr viel, mein Herr, sehr viel Vergnügen!« entgegnete der Doktor, »und ich versichere Sie, daß ich diesen Morgen nie vergessen werde.« »Wenn mir die Herren die Ehre erzeigen wollten, wieder zu kommen, so würde ich mich durch die Gegenwart so ausgezeichneter Kunstliebhaber sehr geschmeichelt fühlen.« Diese Worte waren von unzähligen theatralischen Complimenten begleitet, wobei das Taschentuch stets von einem Arm unter den andern fuhr, und bis zur Treppe erschöpfte sich Herr Krächzer in Katzenbuckeln. Endlich gelangten Herr Guerreville und sein Freund aus dem Hause des Professors der Deklamation; der junge Julius begleitete sie auf die Straße und ging einige Schritte neben dem Freunde seiner Mutter her; man sah es ihm an, daß er vor Begierde brannte, Herrn Guerreville zu fragen, was er von seinen Anlagen für die Bühne halte; aber er wußte nicht, wie er das Gespräch anknüpfen sollte, obgleich die Schmeicheleien seines Lehrers ihm viel Vertrauen zu seinem Talente eingeflößt hatten. Herr Jenneval bemerkte die Verlegenheit des jungen Mannes und sagte während des Gehens mit halblauter Stimme zu Herrn Guerreville: »Nun ... Sie sagen nichts zu dem Zöglinge des Herrn Krächzer?« »Was wollen Sie, daß ich ihm sagen soll?« »Nun, der junge Mann möchte doch gerne wissen, was Sie von seinem Talente halten.« »Von seinem Talent! ... Armer Junge! ... O! seine Mutter hatte wohl Recht!« Man kam auf den Boulevards an; nun hemmte Herr Guerreville seine Schritte. Julius ging immer in einiger Entfernung von ihm, aber sein Gesicht hatte sich verfinstert, weil man nicht mit ihm sprach; endlich wandte sich Guerreville nach seiner Seite und richtete das Wort an ihn: »Herr Julius, haben Sie noch immer Lust, Schauspieler zu werden?« »Ohne Zweifel, mein Herr.« »Nun wohl ... Sie haben Unrecht, großes Unrecht.« »Wie, mein Herr, Sie finden keine Anlagen in mir?« »Gar keine.« »Indeß, mein Professor ;...« »Ihr Professor ist ein Narr, den ich für unfähig halte, Sie in etwas zu unterrichten, was er selbst nie gekonnt hat.« Der arme Julius war wie versteinert; er hatte sich auf Complimente gefaßt gemacht, und man sagte ihm ohne Rückhalt, daß er nicht die mindeste Anlage für das Theater gezeigt habe. Die Röthe stieg ihm ins Gesicht, er schwieg jedoch, schlug die Augen nieder und ging weiter. Der Doktor näherte sich dem jungen Manne, dessen Illusionen alle eben vernichtet worden waren, und sprach zu ihm, indem er seinen Arm sanft in den des Jünglings legte: »Sehen Sie, mein lieber Julius, Sie sind noch sehr jung: gestatten Sie, daß ich Ihnen einen Rath gebe?« »Ich werde Sie anhören, mein Herr.« »Ich will mir nicht erlauben, über Ihren Beruf zum Theater ein Urtheil zu fällen, mein Ausspruch in dieser Beziehung dürfte nicht einmal competent sein; aber ich bin Arzt, und als solcher will ich zu Ihnen sprechen: Sie haben von Natur eine sehr zarte Brust, glauben Sie mir und gehen Sie nicht auf das Theater, Ihre Gesundheit würde dadurch sehr leiden, und würde vielleicht die Anstrengung gar nicht aushalten können, die Sie machen müßten, um ein großer Künstler zu werden ... Ueberlegen Sie das wohl. In Ihrem Alter eröffnet sich Einem ein so langes, so schönes Leben ... Statt es durch immer von Neuem sich wiederholende Anstrengungen abzukürzen, ist es da nicht besser, es durch passende Vergnügungen zu erheitern?« »O, mein Herr, mein Leben würde sehr traurig sein, wenn ich Parfümeur bliebe.« »Können Sie denn gar nichts Anderes werden, als Parfümeriehändler oder Schauspieler? Gibt es nicht in den Künsten selbst noch tausend andere Wege, die Sie verfolgen können? ... Herr Guerreville interessirt sich für Sie ... er wird Sie leiten; Sie müssen seine Rathschläge befolgen.« »Sie glauben, daß Herr Guerreville Antheil an mir nimmt? ... O, wie glücklich würde ich sein, wenn dem so wäre! ... Meine Mutter hat mir so dringend empfohlen, alle meine Kräfte aufzubieten, um seine Freundschaft zu verdienen. Aber Herr Gurreville hat manchmal eine so strenge Miene, daß mich das einschüchtert.« »Herr Julius, wenn Sie erst mehr Weltkenntniß haben, so wird es Ihnen klar werden, daß es besser ist, strengen Mienen zu begegnen, die Ihnen die Wahrheit sagen, als lächelnden, die Sie belügen.« »O! ohne Zweifel, mein Herr; aber ... trotzdem, wage ich es nicht, zu glauben ... Sie sehen ja, daß Herr Guerreville jetzt kein Wort mehr zu mir spricht. Ich will Sie verlassen, denn ich befürchte, ihn zu belästigen.« »O, er ist oft zerstreut, träumerisch ... Er hat Kummer, den man berücksichtigen muß.« »Kummer! O, Sie glauben, er habe Kummer?« »Ich weiß es gewiß.« »Ah! dann bin ich ihm viel Dank dafür schuldig, daß er so gütig war, heute zu meinem Deklamationsunterricht zu kommen.« »Ja, er hat Ihnen dadurch ein großes Opfer gebracht, und das beweist, daß er Theil an Ihnen nimmt; um dies anzuerkennen, sollten Sie darauf verzichten, auf die Bühne zu gehen.« »Auf die Bühne verzichten ... Ach! mein Herr, welches Opfer! Aber ich werde sehen ... ich werde mir es überlegen ... Adieu, mein Herr!« Julius grüßte den Doktor, dann sagte er mehrere Male Herrn Guerreville Adieu! und da er keine Antwort erhielt, grüßte er ihn ehrerbietig und entfernte sich. »Armer Junge!« sagte Jenneval zu sich: »ich habe ihn versichert, Herr Guerreville interessire sich für ihn; aber ich glaube, ich bin zu weit gegangen.« Und sich Herrn Guerreville nähernd, sagte der Doktor zu ihm: »Nun, er hat uns verlassen ... Er ist ganz trostlos weggegangen über das, was Sie ihm gesagt haben.« »Wer das?« fragte Herr Guerreville mit erstaunter Miene, ans seinen Träumereien erwachend. »Wer sonst, als Herr Julius, der junge Mann, den seine Mutter Ihnen empfohlen hat.« »Ach! Verzeihung ... Verzeihung, Doktor! ... Ach ja, Julius! ... Ich hatte ihn vergessen!« »Ich war es Überzeugt,« sagte Jenneval zu sich selbst; »in der Tiefe seines Herzens ist ein Gefühl, welches kein anderes neben sich aufkommen läßt.« Elftes Kapitel Die Damen Dolbert In einem sehr schönen Salon, dessen Fenster auf das Boulevard de la Madeleine gingen, saß eine alte sehr elegant gekleidete Dame auf einem Divan; ihr Rücken und ihre Arme waren mit Kissen umgeben, die Füße hatte sie auf ein schönes, mit Stickereien bedecktes Tabouret gestellt. Ein Buch lag zur Seite der alten Dame, die ihre Lektüre öfters unterbrach, um in ein kleines Seitenzimmer zu blicken, dessen Thüre weit geöffnet war. Dieses kleine, mit weißem Kaschemir austapezirte Zimmer war mit all' den hübschen Kostbarkeiten und phantastischen Spielereien angefüllt, welche erfunden worden sind, um den Mußestunden einer Frau Reiz zu verleihen. Lakirte Tische waren mit Kästchen, Necessaires, Souvenirs, Tabletten und mit allem zum Malen und Zeichnen nöthigen Material bedeckt. An der Seite eines Schreibzeugs von Perlmutter erblickte man einen niedlichen Affen von Porzellan; neben einem Arbeitskästchen einen Hampelmann oder sonst ein neues Spiel. Dieses liebliche Zimmer, eine Art kleiner Spielzeugladen, war das Boudoir Stephaniens, der Enkeltochter von Madame Dolbert. Stephanie war erst sechzehn Jahre alt; es war ein herrliches Mädchen, blond, rosig, ungezwungen und voll Grazie; mit ihrem schönen griechischen Profil, und ihren dicken Haarflechten à la Clotilde, erinnerte Stephanie an die lieblichen Burgfräulein, welche wir in den Gemälden aus dem Mittelalter damit beschäftigt sehen, ihren Rittern eine Schärpe zu sticken; besonders aber gefiel an dem jungen Mädchen eine gewisse Offenheit, eine echt kindliche Heiterkeit, welche die sichersten Beweise gab, daß sich Koketterie und Anmaßung noch nicht bei ihr eingenistet hatten. Stephanie trug ein feines Kleid von weißem Mousselin, lag in ihrem Boudoir auf den Knieen und war damit beschäftigt, eine hübsche Puppe anzukleiden, welche ein kleines Mädchen von sechs bis sieben Jahren hielt; dieses kleine Mädchen, ebenso elegant gekleidet wie Stephanie, war dasselbe, welches noch unlängst mit einem Rock von grober Leinwand und einer schlechten, sehr abgenützten Schürze bekleidet, eine Dachkammer bewohnte, in der es ihr oft an dem Nöthigsten gebrach. Es war die kleine Zizine, zu welcher Stephanie Dolbert so viel Zuneigung gefaßt hatte, und die jetzt mit ihr zusammenwohnte; aber trotz der Verschiedenheit ihrer Kleidung und ihrer Lebensweise war es noch immer die kleine, blasse, niedliche Gestalt mit dem ausdrucksvollen Gesichte, welches einen ihr Alter weit überragenden Verstand anzeigte. Stephanie, die in Folge ihres Charakters vielleicht noch mehr Kind war, als ihre kleine Freundin, fand viel Vergnügen daran, die Puppe zu putzen, und zuweilen setzte sie sich, ohne daran zu denken, daß ihr schöner Anzug darunter leiden müßte, mitten im Zimmer nieder, oder rutschte sie auf den Knieen fort und verfolgte Zizinen, welche fortlief und sich unter irgend einem Möbel verbarg; und wenn sie sich erhaschten, gab es ein so herzliches, glückliches Lachen, daß man es bedauert hätte, die liebenswürdige Stephanie vernünftiger werden zu sehen. Seitdem Zizine bei Madame Dolbert wohnte, flossen ihre Tage in diesen unschuldigen Vergnügungen dahin, welche dann und wann nur durch eine Stunde in der Musik, im Schreiben oder Zeichnen unterbrochen wurden. Stephanie, welche mannigfache Talente besaß, hatte es über sich nehmen wollen, ihren kleinen Schützling darin zu unterrichten, und die Schülerin, welche die glücklichsten Anlagen bekundete, war manchmal gesetzter als ihre Lehrerin, die sehr oft von dem Unterrichte wegsprang, um einen Hampelmann Purzelbäume machen zu lassen, oder mit einem Federball zu spielen. Das Kind zeigte ein lebhaftes Verlangen, zu lernen; es schien dadurch beweisen zu wollen, daß es dessen, was man für es that, auch würdig sei, und oft war Stephanie genöthigt, zu ihm zu sagen, arbeite nicht so viel, liebe Kleine, Du wirft Dich sonst zu sehr ermüden. Zizine aber entgegnete: »O! das Lernen macht mich nicht müde! ... und ich möchte gerne Alles so vollkommen wissen wie Sie! ... Mein Papa Jerome wird sehr vergnügt sein, sehr staunen, wenn er mich Clavier spielen hört! ;...« Stephanie ging weder ins Theater noch spazieren, ohne ihre kleine Freundin mitzunehmen; sie langweilte sich auf einem Balle, in einer Soirée, weil Zizine nicht dabei war. Madame Dolbert, die ihre Enkelin anbetete und ihr immer viel nachgegeben hatte, widersprach ihr in keiner Sache. Stephanie hatte gewollt, ihr Günstling sollte wie sie gekleidet sein, ihr Bett sollte an der Seite des ihrigen stehen, es sollte ihr an nichts mangeln; die gute Großmutter hatte Alles bewilligt, so daß Zizine behandelt wurde, als ob sie zur Familie gehörte. Aber dieses neue Glück, diese Umwandlung ihrer Lage, ließen das Kind die Dachkammer, in der es einst gewohnt hatte, und den Wasserträger Jerome nicht vergessen; sie sprach oft davon; sie wurde unruhig, wenn ihr Vater sie lange Zeit nicht besucht hatte, und Stephanie mußte manchmal alle ihre Beredtsamkeit anwenden und ihre Liebkosungen verdoppele, um Zizinen vom Weinen abzuhalten, wenn sie an ihren armen Vater dachte. Gerade jetzt war es, um Zizinen zu zerstreuen, welche bei der Bemerkung, ihr Vater sei schon lange nicht mehr sie zu besuchen gekommen, tief aufgeseufzt hatte, daß Stephanie die Puppe nahm, welche beide in dem Boudoir anzogen. Die Traurigkeit des Kindes hatte sich rasch zerstreut; es war noch in dem glücklichen Alter, wo Lachen und Weinen so nahe aneinander grenzen, und Stephanie, entzückt, sie wieder heiter zu sehen, gab sich allen Ausgelassenheiten hin, die ihr durch den Kopf fuhren. »Wie! meine Tochter, Du kniest noch auf dem Boden!« sprach Madame Dolbert, indem sie ihre Blicke nach dem kleinen Zimmer richtete. »Ja, gute Mama, ich bin auf den Knieen ... So ist es mir bequemer, um unsere Puppe anzuziehen.« »Aber Stephanie, Du bist nicht mehr in dem Alter, um noch mit einer Puppe zu spielen ;...« »Warum denn, gute Mama? Ich werde damit spielen, so lange mich das amüsirt ... und es wird mich immer amüsiren.« »Bedenke doch, Stephanie, daß Du in drei Monaten siebzehn Jahre alt wirst.« »Das ist mir ganz gleich ... Muß man denn, wenn man groß wird, darauf verzichten, zu thun, was einem Freude macht? ... O! dann, liebe Mama, möchte ich lieber mein ganzes Leben hindurch klein bleiben, wie Zizine, meine kleine Zizine, die mir versprochen hat, nicht zu wachsen, um immer mit mir zu spielen.« Und Stephanie schlang ihre Arme um den Hals des Kindes, und zog es in einer zärtlichen Umarmung an sich. »Zizine ist vernünftiger als Du,« versetzte Madame Dolbert, »und wenn sie so alt wie Du sein wird, bin ich sicher, daß sie mit keiner Puppe mehr spielen wird.« »Zizine ist viel zu vernünftig, ich weiß es wohl; deßhalb bringe ich sie zum Spielen, deßhalb mache ich sie lachen ... denn ich fürchte, sie langweilt sich bei uns und möchte uns verlassen wollen ... und dann, dann würde ich vor Kummer sterben! Hörst Du, Zizine?« »O! nein! ... ich will Dich nicht verlassen; ich liebe Dich sehr,« sagte die Kleine, indem sie sich ihrerseits in die Arme ihrer jungen Wohlthäterin warf; »aber ich finde, daß es schon sehr lange ist, seitdem ich meinen Papa nicht gesehen habe ... Wenn er krank wäre ... dann müßte man mich gehen lassen, um ihn zu pflegen.« »Ja, ohne Zweifel; aber sei ruhig, er ist nicht krank; ich habe mich vor einigen Tagen nach ihm erkundigt.« »Ganz gewiß?« »O! ich lüge niemals ... frage nur die gute Mama ;...« »Warum kommt er alsdann nicht?« »Weil er keine Zeit hat. Sein häßlicher Stand eines Wasserträgers hält ihn davon ab ... Du weißt nicht, Zizine, daß ich Deinem Vater, als er das letzte Mal hier war, den Vorschlag gemacht habe, sein Gewerbe aufzugeben ... Die gute Mama hätte ihm Geld, kurz, zu leben gegeben ... er hätte thun können, was er gewollt hätte ... dann hätte er auch Zeit genug gehabt, Dich zu besuchen; aber Jerome hat es mir abgeschlagen, indem er zu mir sagte: Mademoiselle, Sie sind zu gütig; daß Sie meiner Zizine Gutes thun, damit bin ich einverstanden; aber ich, ich habe die Kraft zu arbeiten, und wäre ein Taugenichts, wenn ich Ihr Anerbieten annähme. Das war recht häßlich, mir das abzuschlagen, nicht wahr? ;...« Die Kleine schlug die Augen nieder, schien verlegen zu sein und schwieg; denn in der Tiefe ihrer Seele fühlte sie, daß ihr Vater geantwortet hatte, wie er mußte, aber die gute Mama rief: »Jerome ist ein braver Mann, und seine abschlägige Antwort beweist mir, daß er verdient, daß man sich für ihn interessirt.« »Ja, ein braver Mann! ... Das ist ganz gut,« sagte Stephanie, indem sie den Mund ein wenig verzog; »aber, wenn er es angenommen hätte, so wäre Zizine jetzt vergnügter.« »Stephanie, Du verlangst, daß sich alle Welt in Deinen Willen füge. Du überlegst nicht, meine Liebe, daß Jerome in der Tiefe seiner Seele einen edlen Stolz trägt, wegen dessen man ihn nicht tadeln darf.« Stephanie erwiderte nichts; aber sie stand auf, nahm Zizinen an der Hand, und indem sie dieselbe in den Salon hineinzog, tanzte sie einen Galopp mit ihr, bis Beide, von der Anstrengung erschöpft, auf den Divan neben der Großmutter hinsanken. Die Bekannten der Madame Dolbert erstaunten manchmal, wenn sie deren Enkelin noch wie ein Kind spielen sahen, aber wenn man sie darauf aufmerksam machte, entgegnete die gute Mama lächelnd: »Ich sehe nichts Schlimmes darin, daß sie so lange als möglich Kind bleibt! ... der Augenblick wird schnell genug kommen, wo diese unschuldigen Vergnügungen keinen Reiz mehr für sie haben werden; meine Enkelin hat nur mich zur Stütze: Sollte ich, um meine Würde geltend zu machen, sie auszanken, wenn sie lacht und glücklich scheint, ihr befehlen, sich vor den Leuten hübsch gerade zu halten, eine nachdenkliche Miene, eine ernste Haltung anzunehmen, damit man eine hohe Meinung von ihrem Verstande bekomme ... O! nein, ich will ihr durchaus keinen Zwang anthun. Stephanie ist hübsch und hat Vermögen ... Es wird nur zu bald Einer kommen, der ihr einen Theil ihres Glücks wird entziehen wollen.« Was die gute Mama vorausgesehen hatte, ging auch bald in Erfüllung. Eine alte Freundin der Madame Dolbert gab einen großen Ball, Stephanie und ihre Großmutter erhielten dringende Einladungen. Madame Dolbert, die nur darauf bedacht war, ihrer Enkelin Vergnügen zu machen, und die glücklich war, wenn sie die Lobreden hörte, die man ihrer Schönheit machte, hatte versprochen, sich auf dem Balle einzufinden. Aber Stephanie sagte sogleich: »Ich will nicht auf diesen Ball gehen, außer wenn man mir erlaubt, Zizine mitzubringen.« »Mein liebes Kind,« sprach Madame Dolbert, »was Du verlangst, kann nicht sein; wir können diese Kleine nicht mit uns in die große Welt nehmen; daß sie hier immer in Deiner Nähe sei, will ich wohl leiden, aber bei Fremden dürfen wir uns nicht erlauben, die Tochter Jerome's, des Wasserträgers einzuführen.« »Und warum nicht, gute Mama? Du weißt doch, daß Zizine sich überall klug und vernünftig benimmt.« »Das macht nichts, es würde sich nicht schicken; und wenn ich es Dir abschlage, kannst Du Dir wohl denken, daß es durchaus unmöglich ist.« »Nun gut! Alsdann schlage ich es auch ab, auf diesen Ball zu gehen, wohin ich meine kleine Freundin nicht mitnehmen kann.« Madame Dolbert hatte nicht darauf bestanden, doch war ihr dieser abschlägige Bescheid sehr zuwider, weil der Ball von einer ihrer ältesten Bekannten gegeben wurde, und weil man sich Hoffnung gemacht hatte, Stephanien darauf zu sehen, welche durch ihre Liebenswürdigkeit und ihre Gestalt die allgemeinste Bewunderung erregte. Aber die kleine Zizine hatte, in einem Winkel des Saales sitzend, keines dieser Worte verloren, während sie selbst mäuschenstille war und sich niemals erlaubte, sich in ein Gespräch zu mischen: Erst als sie Stephanien allein sah, näherte sich ihr das kleine Mädchen und sagte zu ihr: »Ich bitte Dich darum, meine liebe Freundin, gehe mit Deiner Großmutter auf den Ball, ohne das muß sie ja denken, ich sei Schuld daran, daß Du Dir kein Vergnügen gestattest ... dann wird sie mich nicht mehr so lieb haben und das würde mich recht betrüben.« Stephanie küßte das kleine Mädchen zärtlich, indem sie sagte: »Wie gut Du bist! ... ich thue daher sehr wohl daran, Dich zu lieben! ;...« Dann lief sie zu Madame Dolbert und sagte zu ihr: sie wolle auf den Ball gehen. Man beschäftigte sich sogleich mit den Vorbereitungen zu Stephaniens Toilette, denn Madame Dolbert wollte, daß ihre Enkelin ebensowohl durch ihren Anzug, als durch ihre Schönheit glänzen sollte. Nichts wurde vernachlässigt, um diejenige noch mehr auszuschmücken, welche die Natur so wohlgefällig mit ihren Gaben überschüttet hatte. Der Tag des Balles kam, und Stephanie, mit eben so vielem Geschmack als Pracht gekleidet, glich einer Nymphe, die im Begriffe steht, sich in die Wolken zu erheben. Jeder bewunderte sie, und Zizine lief fortwährend um sie herum, indem sie ausrief: »O, wie schön Du bist.« Stephanie allein schien gleichgültig gegen die Wirkung, welche ihr Putz hervorbrachte; sie stieß, während sie sich in den Spiegeln betrachtete, leichte Seufzer aus und murmelte: das war auch der Mühe werth, so große Toilette zu machen, ich werde mich langweilen, ich bin es gewiß. Als endlich die Stunde herangekommen war, um auf den Ball zu fahren, verzog Stephanie immer noch ihr Mäulchen und küßte Zizinen, indem sie sagte: »Adieu, morgen werden wir uns gut amüsiren ... Wir werden unsere Puppe ganz so anziehen, wie ich jetzt gekleidet bin.« Ein Gemurmel der Bewunderung erhob sich bei dem Eintritt der Damen Dolbert. Die gute Mama war so glücklich, als hätten alle Complimente ihr gegolten. Beim Aelterwerden erfreut man sich an dem Triumphe seiner Kinder, sofern man nicht die thörichte Anmaßung hat, selbst noch jung erscheinen zu wollen, sein Alter zu verhehlen und sich zu schmeicheln, man könnte noch Eroberungen machen; in diesem Falle macht man aber keine Eroberungen, dagegen sich recht lächerlich und es bleibt Einem nichts übrig, als in einen Winkel zu sitzen und zu schmollen. Unter den zahllosen Bewunderern von Stephanien schien besonders ein Herr von ungefähr dreißig Jahren, den man aber noch einen jungen Mann nennen konnte, weil er dem Anschein nach kaum fünfundzwanzig Jahre alt war, von den Reizen des Fräuleins Dolbert lebhaft ergriffen zu sein. Dieser Herr war auch recht hübsch; groß, gewandt, elegant; sein edles, ausgezeichnetes Gesicht war oft ernst, was in Verbindung mit der gewöhnlichen Blässe seines Gesichts, seinen Zügen einen Anstrich von Schwermuth gab, der an sich schon für ihn einnahm; aber wenn er lächelte, so hatten seine Augen einen schwer zu beschreibenden Ausdruck, einen Ausdruck, den die Frauen besser verstehen mußten als die Männer, der sie aber dennoch niemals verletzen konnte. Emil Delaberge, das war der Name dieses Herrn, forderte Stephanien bald zum Tanze auf; dabei wechselte er jedoch mit ihr nur einige unbedeutende Worte, indem er sich damit zu begnügen schien, seine Tänzerin zu bewundern. Beim zweiten Tanze versuchte es der junge Mann, Stephanien zum Sprechen zu bringen: diese antwortete ihm mit jener Offenheit, jenem liebenswürdigen Freimuth, der sich schon in ihren Zügen aussprach. Emil sah auf der Stelle, daß er es mit keiner Kokette zu thun hatte, und daß alle jene Gemeinplätze, welche gewöhnlich auf einem Balle verbraucht werben, sehr wenig Eindruck auf seine schöne Tänzerin machen würden. Stephanie tanzte zum drittenmale mit Herrn Delaberge, als Madame Dolbert, die gerade neben der Frau vom Hause saß, diese fragte, wer der Herr sei, der mit ihrer Enkelin tanze. »Es ist Herr Emil Delaberge,« entgegnete die Dame, »ein junger Mann aus sehr guter Familie ... »Doch, meine liebe Freundin, Sie müssen ja seine Tante gekannt haben, die Frau von Marvelle ... welche vor fünf Jahren gestorben ist.« »Ja, ich habe Frau von Marvelle gekannt ... Ah! dieser junge Mann ist ihr Neffe?« »Ja! Sein Vater hatte ihm schon fünfundzwanzigtausend Franken jährlicher Rente hinterlassen; von seiner Tante, die nicht verheirathet war, hat er noch zweimal so viel geerbt; er ist daher sehr reich und noch ledig, obgleich er nahezu dreißig Jahre alt ist, was man gar nicht glaubt, da er noch so jugendlich aussieht. Es ist ein charmanter Cavalier ... überall gern gesehen ... Reich, von guter Familie und noch unverheirathet, hätte er nur zu wählen ... Er ist lange Zeit gereist und scheint sich erst seit dem Tode seiner Tante in Paris niedergelassen zu haben.« Während dieser Unterhaltung wechselte Emil Delaberge einige Worte mit einem jungen Manne, der sich den Tanzenden genähert hatte, um Stephanien genauer zu betrachten. »Sie sind glücklich, mein lieber Emil,« sagte der neu Hinzugekommene; »Sie tanzen mit der schönsten Dame des Balles ... und es scheint mir, bereits einige Male heute Abend.« »In der That ... ich habe schon einmal das Vergnügen gehabt ... Es ist ein allerliebstes Mädchen ... Wer ist sie ... Wissen Sie es?« »Gewiß, es ist die Enkelin der Madame Dolbert, der alten Dame, welche dort unten sitzt ... und Sie in diesem Augenblicke betrachtet; der Vater der schönen Stephanie war höherer Beamter. Er war ein sehr achtungswerther verdienstvoller Mann; aber er und seine Frau starben sehr jung und überließen die kleine Stephanie der Fürsorge ihrer Großmutter, die übrigens vernarrt in sie ist und sie, wie man sagt, machen läßt, was sie will ... Die junge Dame wird zum wenigsten zwanzigtausend Franken jährlicher Einkünfte bekommen. Das ist eine schöne Partie; aber nicht hinreichend für Sie, Delaberge, der Sie ein Nabob, ein Krösus sind und fast eine Provinz erheirathen könnten; lassen Sie daher uns dem Fräulein Dolbert den Hof machen und stellen Sie sich nicht unsern Hoffnungen in den Weg! ... Sie sind ein zu gefährlicher Nebenbuhler! ... Sobald Sie erscheinen, steht man uns Andere nicht mehr an, deren Glück oft nur in der Hoffnung beruht ... Man hat nur Augen für Sie, und die Mütter werden Ihnen am Ende noch die Hand Ihrer Töchter anbieten, so sehr liegt ihnen an einer Verbindung mit Ihnen ... Heirathen Sie doch endlich einmal, Delaberge, damit sich nicht mehr alle Wünsche nur nach Ihnen richten.« Emil entgegnete lächelnd: »Es hat keine Eile ... Ich befinde mich sehr wohl in meiner Lage! ;...« »O! meiner Treu, mein Lieber, Sie haben sehr Recht! ... Und Eifersucht bei Seite, gestehe ich Ihnen, daß ich mich an Ihrer Stelle niemals verheirathen würde! ... ich müßte denn leidenschaftlich verliebt werden ... Aber ein Mann, dem man die Triumphe so leicht macht, verliebt sich selten.« Die Unterhaltung wurde nicht weiter geführt, der Contretanz war zu Ende, und der Tänzer von Stephanien verließ sie, nachdem er sie zu ihrer Großmutter zurückgebracht hatte. Emil verlor indeß seine schöne Tänzerin nicht aus den Augen, wobei er jedoch Sorge trug, die Aufmerksamkeit zu verbergen, mit der er sie beobachtete. Er hatte zu viel Geist und Takt, um sich durch ausfallendes Benehmen bemerkbar zu machen, und denjenigen jungen Leuten nachzuahmen, welche glauben, um eine Dame zu erobern, müsse man seine Liebe vor aller Welt zur Schau tragen, und das Mittel, ihr zu gefallen, bestehe darin, sich auf eine Art vor sie aufzupflanzen, daß sie die Augen nicht aufschlagen kann, ohne hartnäckig auf sie gerichteten Blicken zu begegnen. Gegen die Mitte der Soirée hatte Stephanie bereits mit mehreren jungen Leuten getanzt, die ihr alle zu gefallen geglaubt hatten, wenn sie sie mit Schmeicheleien überhäuften; jeder dieser Herrn suchte seinen Vorgänger in Galanterien zu überbieten. Jeder schmeichelte sich, liebenswürdiger zu erscheinen, und sich bei seiner Tänzerin vortheilhaft auszuzeichnen, wenn er ihre Liebenswürdigkeit und ihr Benehmen bis in die Wolken erhob. Aber weit entfernt davon, hatten es die jungen Leute nur dahin gebracht, Stephanien zu langweilen, welche, betäubt von ihrem Geplauder, eben einen Contretanz ausschlug, um bei Madame Dolbert zu bleiben. »Solltest Du schon müde sein? ... Willst Du, daß wir den Ball verlassen?« sagte die gute Großmutter zu ihrer Enkelin. »Nein, gute Mama, das ist es nicht ... aber sehen Sie, alle diese Herren, mit denen ich tanze, wiederholen mir immer die gleiche Sache ... und das langweilt mich.« »Was sagen sie Dir denn?« »Daß ich reizend, daß ich die Schönste auf dem Balle sei! ... Daß ich wie ein Engel tanze ... daß ich voll Grazie wäre!« »Ah! mein Gott! und deßhalb schlägst Du den Tanz aus,« sprach Madame Dolbert lächelnd. »Ja, gute Mama! ... denn sie sagen mir Alle dasselbe. Ueberdies ist es nicht wahr, denn ich bin gewiß nicht die Schönste auf dem Balle, und es sind noch viele Fräulein da, die besser tanzen als ich ... Nicht wahr, gute Mama?« »Das ist möglich; aber ich sehe nicht ein, warum man sich ärgern soll, wenn man einem sagt, daß man schön sei ... In Gesellschaft, meine Tochter, glauben die Herren den Damen Artigkeiten sagen zu müssen ... das ist so gebräuchlich.« »Das mag sein, aber sie sollten es doch nicht Alle auf die gleiche Weise thun.« »Würdest Du es lieber haben, daß man Dir sagte, Du seiest häßlich? ;...« »Ah! das würde mir doch wenigstens komisch vorkommen ;... ... ;ich würde darüber lachen müssen.« »Und alle diese Herren haben also gefunden, daß Du gut tanzest? ;...« »Mein Gott, ja ... Ah! Es ist nur ein Einziger, ja, ein Einziger darunter, der mir keine Complimente gemacht hat ... den habe ich mir auch gemerkt ... Ich ziehe ihn allen Andern vor.« »Welcher ist es denn?« »Gute Mama, es ist ein Herr, mit dem ich mehrere Male getanzt habe ... Er hat sich mit mir unterhalten, aber nicht wie die Andern, um mir zu sagen: mein Fräulein, Sie tanzen unvergleichlich! oder: mein Fräulein, Sie sind voll Liebenswürdigkeit! Er hat mit mir über die Soirée, über die Vergnügungen des Winters gesprochen, er hat mich gefragt, ob ich musikalisch sei ... dann noch verschiedene Dinge ... das war doch wenigstens abwechselnd.« »Zeige mir doch den Herrn ;...« »Warten Sie, gute Mama, er ging so eben hier vorbei ... Ah! jetzt sehe ich ihn ... Jener Herr ist es ... der dort.« Hier hielt Stephanie inne, dann stotterte sie mit leiser Stimme: »der Herr, der auf uns zukommt.« In diesem Augenblicke näherte sich die Frau vom Hause, Emil Delaberge an der Hand führend, Madame Dolbert, um ihr denselben vorzustellen. »Meine liebe Freundin, wollen Sie mir erlauben, Ihnen Herrn Emil Delaberge vorzustellen, den Neffen jener liebenswürdigen Frau von Marvelle, die wir so sehr liebten. Sie und ich.« Madame Dolbert empfing den Neffen ihrer ehemaligen Freundin sehr artig. Die ausgezeichneten Manieren Emils nahmen zu seinen Gunsten ein; und wenn er liebenswürdig sein wollte, so war es sehr schwer, dem Reiz seiner Unterhaltung zu widerstehen. Der junge Mann gab auf eine achtungsvolle Weise Madame Dolbert zu verstehen, wie sehr er sich geschmeichelt fühlen würde, die Bekanntschaft mit einer alten Freundin seiner Tante fortzusetzen, und die Großmutter Stephaniens, welche diese Bitte ganz natürlich fand, entgegnete Herrn Emil Delaberge, daß sie ihn stets mit Vergnügen bei sich sehen werde. Emil dankte Madame Dolbert sehr für die ihm bewilligte Gunst und heftete seine Blicke in diesem Augenblicke auf Stephanien, welche erröthete und die Augen niederschlug, ohne zu wissen warum. Emil nahm von den Damen Abschied. Man tanzte noch; aber, fast in demselben Augenblicke, bezeigte Stephanie Madame Dolbert den Wunsch, sich nach Hause zu begeben. Diese, nachdem sie all die gewöhnliche Sorgfalt angewandt hatte, ihre Enkelin vor Erkältung zu schützen, stieg mit ihr in den Wagen, der Beide in ihre Wohnung zurückbrachte. Am andern Morgen lauerte die kleine Zizine auf das Erwachen ihrer jungen Beschützerin; das Kind hatte während ihrer Abwesenheit seine Puppe ganz so angezogen, wie Stephanie zum Balle geschmückt war; sie dachte ihrer guten Freundin eine angenehme Ueberraschung zu bereiten, und sich ganz nahe an deren Bett setzend, erwartete sie mit ihrer schönen Puppe auf den Knieen in größter Stille das Erwachen Stephaniens. Der ersehnte Augenblick erschien endlich; das junge Mädchen murmelte einige Worte, Zizine lief zu ihr heran und küßte sie; dann zeigte sie ihr die Puppe, indem sie sagte: »Siehst Du, so schön warst Du gestern.« Stephanie lächelte, aber sie brach in kein Gelächter aus, wie sie es gewöhnlich zu thun pflegte, wenn sie mit ihrer kleinen Freundin spielte; man hätte sogar sagen können, sie betrachtete ihre Puppe mit Gleichgültigkeit. Stephanie erzählte während des Aufstehens Zizinen Alles, was den Abend vorher auf dem Balle vorgegangen war; und sprach im Verlauf des ganzen Tags von nichts Anderem. Aber als ihr Zizine vorschlug, mit der Puppe zu spielen, schlug es ihr Stephanie ab und bemerkte, daß sie das nicht unterhalten würde. Die kleine Zizine, ganz erstaunt darüber, sagte zu ihr: »Aber es unterhielt Dich doch gestern so sehr! ;...« »Ja ... gestern ;...« stammelte Stephanie mit träumerischer Miene. Für das Kind war gestern nur der Zwischenraum eines Tages; aber für das junge Mädchen nur noch eine unklare Erinnerung an ein vergangenes Leben. Zwölftes Kapitel Das Diner bei Herrn Grillon Der festgesetzte Tag, an welchem das Diner bei Herrn Grillon stattfinden sollte, war herangekommen; Herr Guerreville schickte sich an, sich zu den Eltern seiner Pathe zu begeben. Er hatte diese ihm sehr lästige Einladung nur mit Widerwillen angenommen; aber er hatte sein Wort gegeben, und das brach er nie. Mademoiselle Agathe hatte in der Zwischenzeit ihrem Pathen einen Besuch gemacht, um ihn an sein Versprechen zu erinnern, aber Guerreville sich damals nicht zu Hause befunden. »Sie unterhalten sich bei dem Diner vielleicht besser, als Sie glauben,« sagte der Doktor, als er am Morgen seinen Freund verließ. »Das Vergnügen hält uns im Leben oft nicht Wort, es findet sich nicht da, wo wir ihm sicher zu begegnen glauben; dagegen treffen wir es zur Entschädigung zuweilen auch, ohne uns mit ihm verabredet zu haben.« »Ich mich unterhalten!« sagte Herr Guerreville, indem er Jenneval die Hand drückte; »Sie müssen doch wohl einsehen, daß mir das unmöglich ist, wo ich auch immer sein mag; ich kann mich manchmal zwingen, meine Leiden zu vergessen; aber selbst dann, wenn ich mir Gewalt anthue, um zu lächeln; ist mein Herz dem Ausdruck meines Gesichtes ganz fremd ... Jeder Tag steigert meinen Schmerz, denn jeden Tag sehe ich die Hoffnung, die ich noch hegte, wiederzufinden, was ich verloren habe, sich vermindern.« »Wenn man Ihren Kummer kennte, würde man Sie bei Ihren Nachforschungen unterstützen können, und vielleicht würden dieselben dann einen bessern Erfolg haben.« Herr Guerreville gab dem Doktor keine Antwort; er ließ den Kopf auf die Brust sinken und entfernte sich von ihm. Um drei Viertel auf fünf Uhr klingelte Herr Guerreville bei Herrn Grillon. Agathe öffnete ihm die Thüre, und alsbald erschallten Ausrufungen der Freude, des Entzückens, als ob Manna vom Himmel auf das Haus herabgefallen wäre. »Ah, welches Glück! es ist mein Pathe! Ah, guten Tag, mein lieber Pathe! Mama, es ist mein Pathe! Sie sind sehr liebenswürdig, daß Sie uns nicht vergessen haben ... Papa, es ist mein Pathe ... O, Papa ist im Keller! ... Treten Sie doch ein, lieber Pathe ... Ah! lassen Sie mich vor Allem Sie küssen! ... Sie erlauben es mir doch, nicht wahr, lieber Pathe?« Und ohne eine Antwort abzuwarten, hatte Mademoiselle Agathe Herrn Guerreville schon geküßt, der, ganz betäubt von dem Lärm, den sein Eintreten hervorbrachte, in den Salon trat, ohne noch Zeit gehabt zu haben, sich zu fassen. Hier empfing Madame Grillon ihren Gast; Agathens Mutter trug ein kleines, rosafarbenes Häubchen auf dem Kopfe, das vielleicht für eine Familienmutter mit etwas zu viel Koketterie aufgesetzt war; aber die alte Bekannte von Guerreville sah immer noch gut aus, und deßhalb war das rosafarbene Häubchen nicht gerade lächerlich. Ein junger Mann mit glatten Haaren und einem Backenbart, der sich um seinen ganzen Hals herumzog, war ebenfalls im Salon und schien eben sehr mit der Aufgabe beschäftigt zu sein, eine unrechte Falte, die er an seiner Weste entdeckt hatte, zu glätten. Es war ein hübscher Bursche, ein ganzer Stutzer, mit anmaßender Miene. Dann war noch ein so großer, so langer Mann da, daß sein Kopf fast an die Decke reichte, und daß Alle, je mehr sie in seine Nähe kamen, desto kleiner wurden, dabei war er so mager, so klapperdürr, daß seine Glieder beim Gehen zusammenzubrechen schienen. Er war auch noch jung, aber er hatte nichts von einem Stutzer an sich, und schien ganz in Verlegenheit, was er mit seinem langen Körper anfangen sollte. Madame Grillon empfing Herrn Guerreville mit einem zärtlichen Lächeln, mit welchem sie viel sagen zu wollen schien. Die beiden jungen Leute hatten sich bei seinem Eintritt in den Salon erhoben; aber Agathe ließ ihrer Mutter kaum Zeit zum Sprechen; sie kam, ging, hüpfte um ihren Pathen herum, und schien weder ihrem Körper noch ihrer Zunge die geringste Ruhe gönnen zu wollen. »Es schmeichelt uns sehr, daß Sie die Güte gehabt haben, unsere Einladung anzunehmen,« sagte Madame Grillon, indem sie den Blicken von Herrn Guerreville zu begegnen suchte, welcher ziemlich kalt erwiderte: »Madame, Sie sind viel zu gütig; ich wollte es Ihnen nicht abschlagen, obgleich ich sehr wenig in die Welt gehe und ;...« »O ja, es ist sehr liebenswürdig von meinem Pathen, daß er gekommen ist! Ich bin ganz glücklich, Sie zu sehen, lieber Pathe ;...« »Agathe hört gar nicht auf, von Ihnen zu sprechen,« sagte Madame Grillon, indem sie einen Halbseufzer unterdrückte. »Meine Pathe ist sehr gütig.« »Ich, lieber Pathe, wenn ich Jemanden liebe, so liebe ich ihn auch gleich von ganzem Herzen; das ist bei mir immer so ... und das begegnet mir zuweilen so schnell, daß ;...« »So schweige doch, Närrin!« sagte Madame Grillon, indem sie ihrer Tochter einen leichten Schlag auf die Wange gab; dann näherte sich die Mama Herrn Guerreville und sagte mit halber Stimme zu ihm: »Sie ist noch ganz Kind, sehr ausgelassen, aber auch sehr gefühlvoll. Sie ist ganz mein Abbild ... so war ich in ihrem Alter ... Erinnern Sie sich noch?« Herr Guerreville, der eine Abneigung gegen Rückerinnerungen und Andenken hatte, gab sich den Anschein, als hätte er nichts gehört, und wandte sich zu Agathen, die ihm sagte: »Lieber Pathe, das ist Herr Adalgis, von dem ich Ihnen gesprochen habe, der so schöne Romanzen singt und das Klapphorn blasen lernt, um mich zum Piano zu begleiten ... Werden Sie bald im Stande sein, mich zu begleiten, Herr Adalgis?« Der junge Mann verbeugte sich, indem er sagte: »Mein Fräulein, ich will mich nicht eher in einem Salon hören lassen, als bis ich eine große Fertigkeit erlangt habe; ich finde, daß die schönen Künste gegenwärtig keine Mittelmäßigkeit mehr dulden ... Wenn man kein schönes Talent hat, so macht man sich nur lustig über Einen. Ich aber will fliegen und nicht kriechen.« »Das ist richtig,« sagte der große junge Mann; »man macht sich über Sie ... ich wollte sagen, über Einen lustig, wenn ;...« »O, Sie werden sehen, lieber Pathe, wie gut Herr Adalgis singt,« sagte Agathe; dann sich an Guerreville's Ohr neigend fügte sie hinzu: »Dieser junge Mann hat ein allerliebstes Benehmen, nicht wahr, lieber Pathe? Er würde um keinen Preis eine Weste tragen, die nicht nach der neuesten Mode gemacht wäre ... Der große Andere dort ist Herr Lélan; man sagt, er sei sehr bemittelt, aber ich kann ihn durchaus nicht leiden, diesen jungen Mann da ... Erstens ist er mir zu groß, und dann, wenn er etwas sagen oder erzählen will, so verspricht er sich immer. Er ist nicht wie Herr Adalgis, der spricht sehr gut ... Ah, da kehrt der Papa aus dem Keller zurück, ich höre ihn. Papa, kommen Sie doch, mein Pathe ist angelangt!« »Mein Freund, Herr Guerreville ist angekommen!« schrie ihrerseits Madame Grillon. Herr Grillon erschien hierauf in der Thüre des Salons; er hielt noch seinen Flaschenkorb in der einen und ein Licht in der andern Hand. Er wußte nicht, ob er seine Last zuerst absetzen oder damit eintreten sollte, um den Pathen seiner Tochter schneller willkommen zu heißen; in dieser Unentschlossenheit blieb er an der Thüre stehen und rief: »Guten Tag, Herr Guerreville! Ich bin sehr erfreut ... Ich komme eben aus dem Keller ... Und Sie befinden sich? ... Ich bitte tausendmal um Verzeihung ... ich habe die Finger voll Unschlitt ... dieses Licht hat mir darauf geträufelt ... Sie befinden sich doch wohl?« »Besorgen Sie doch Ihre Geschäfte, Herr Grillon,« sagte Herr Guerreville; »thun Sie sich doch um meinetwillen keinen Zwang an; ich bitte Sie darum.« »Ich bin im Augenblick bei Ihnen. Es ist sehr unangenehm, wenn Einem das Unschlitt auf die Finger läuft. Jeannette! Jeannette!« Grillon verschwand mit seinem Korbe und seinem Lichte, und Madame rief aus: »Er hat die Manie, immer selbst in den Keller gehen zu wollen ... Was kann man machen! ich muß ihn wohl gewähren lassen! Das ist die einzige Sache im Hause, in die er sich mischt.« »Ich sehe nichts Unrechtes darin,« sagte Herr Guerreville. »Ich bin noch nie in meinem Leben in einen Keller hinabgestiegen,« sagte Herr Adalgis, indem er sich in einem Fauteuil ausstreckte. »Gerade wie ich,« sagte Herr Lélan, »ich bin auch noch nie in einen Brunnen ... ah! ich wollte sagen in einen Keller hinabgestiegen.« »Ich will hoffen, daß die Damen Devaux nicht auf sich warten lassen werden,« sagte Madame Grillon, »es fehlt Niemand mehr als sie.« »Ah, Du weißt, daß Laura nie mit ihrem Anzuge fertig wird,« sagte Agathe, »und ihre Schwester immer etwas vergißt, aber demungeachtet sind sie sehr liebenswürdig; ich habe Laura gesagt, sie solle ihre Castagnetten mitbringen, sie ist sehr stark auf den Castagnetten. Haben Sie sie schon einmal gehört, Herr Adalgis?« »O, Mademoiselle, die Castagnette ist kein Instrument, sondern nur eine Klapper! Sie sind gut, um sich beim Tanzen des Bolero oder der Folies d'Espagne zu begleiten ... Aber im Uebrigen kenne ich nichts Abgeschmackteres.« »Ah, das ist sonderbar! Ich glaubte, das wäre allerliebst.« Herr Grillon kam in den Salon zurück, indem er noch an seinen Fingern trocknete; er lief auf Herrn Guerreville zu, um ihm die Hand zu drücken. »Wie geht es Ihnen, Herr Guerreville? Ich bitte Sie um Verzeihung, daß ich nicht auf der Stelle da war, um Sie zu empfangen ... aber ich war im Keller.« »Mein Herr, die Damen waren da, und Sie hätten sich gar nicht zu geniren gebraucht.« »Gehen Sie auch in Ihren Keller, Herr Guerreville? ... Für mich ist das ein Hauptvergnügen. Ich lasse alle meine Flaschen die Revue passiren, und sehe nach, ob die Stöpsel nicht schimmelig geworden sind.« »Ihre Fräulein Tochter macht die Honneurs bei Ihnen schon sehr gut.« »Es gibt dem Wein einen schlechten Geschmack, wenn der Pfropf schimmelt, ich nehme dann die Flasche sorgfältig aus dem Haufen heraus und stecke einen andern darauf.« »Wir warten nur noch auf die Familie Devaux,« sagte Madame Grillon; »ich bin erstaunt, daß sie noch nicht angekommen sind ... das ist sehr widerwärtig, denn mein Essen ist fertig ... Aber wenn sie in fünf Minuten noch nicht da sind, so setzen wir uns zu Tische.« »Ah, Madame,« sagte Herr Guerreville, sich vom Herrn des Hauses entfernend, »wir können warten. Wir müssen sogar, da es Damen sind.« »Immer galant, der Herr Guerreville.« »Wenn der Wein anfängt, sich zu setzen,« sagte Herr Grillon, sich dem schönen Adalgis nähernd, »dann ist es etwas Anderes, das verlangt andere Vorkehrungen; man muß ihn sorgfältig in andere Flaschen umgießen. Es gibt Leute, die noch ein anderes Verfahren anwenden ;...« »Ich verstehe von all' diesem nichts,« sagte der Stutzer, indem er sich erhob, um mit Agathen zu plaudern. Alsdann näherte sich Herr Grillon dem großen Lélan und fuhr fort: »Die Weine, welche sich setzen, sind nicht schlecht, wie man behauptet, aber ich habe nicht gerne Hefen in meinem Glase. Sie werden mir sagen: man gieße langsam ein; aber der Wein ist doch immer trübe. Da bleibt das kürzeste, sicherste Mittel ... denselben rasch auszutrinken. Ha! ha! Nicht wahr?« »Allerdings, das beste Mittel ist, ihn nicht zu trinken.« »Wie?« »Ich wollte sagen: ihn sogleich zu trinken.« Man klingelte heftig und Agathe machte einen Freudensprung, indem sie rief: »Ah! das sind die Damen!« Nun trat Herr Adalgis vor einen Spiegel, in den er einen Blick warf, um zu sehen, ob in der Harmonie seines Haares nichts gestört wäre; Herr Lélan schlich sich hinter die Stühle, die er schon anbieten zu wollen bereit schien, und Herr Grillon und seine Tochter verließen den Salon, um den Ankommenden entgegenzugehen. Madame Grillon benützte diesen Moment, um sich Herrn Guerreville zu nähern und ihm sanft den Arm zu drücken, indem sie leise sagte: »O Eduard! wie glücklich bin ich, Sie wieder hier zu sehen! Welche Bewegung bringt Ihre Gegenwart in mir hervor! Welches Vergnügen! ich bin für Sie immer Euphemie! Einst Ihre Euphemie ... Aber warum würdigen Sie mich kaum eines Blickes?« Guerreville war nahe daran, zu erwidern: »Madame, wenn Sie kein Ende machen, so werde ich meinen Hut nehmen und fortgehen;« aber in der Gesellschaft muß man oft solche sich von selbst ergebende Antworten, die aus der Tiefe unseres Herzens kommen, zurückzuhalten wissen. Herr Guerreville schwieg, und die Ankunft der Familie Devaux verhinderte die zärtliche Euphemie, mit ihren Ergießungen fortzufahren. Der Salon wurde durch die drei Neuangekommenen fast gänzlich ausgefüllt. Als Herr Guerreville die Madame Devaux, eine dicke Mama, erblickte, welche schon über die fünfzig Jahre hinaus war und einen ungeheuren Turban auf dem Kopfe trug, so suchte er sich zu erinnern, wo er diese schon einmal gesehen habe; der Anblick ihrer beiden Töchter bestärkte ihn in der Ueberzeugung, es sei nicht das erste Mal, daß er sich mit der Familie Devaux zusammen finde. Bald kehrte auch sein Gedächtniß zurück: die dicke Mama war dieselbe Dame, welche im Begriffe war, sich ihre Schuhe zuschnüren zu lassen, als er ihre Wohnung mit Herrn Fourré besichtigte. Mademoiselle Laura war das junge Frauenzimmer, welches ihm die Thüre geöffnet hatte, und dabei ein Butterbrod verzehrte; die jüngere Tochter endlich, Fräulein Ophelia, war die Clavierspielerin. »Mein Gott, wie grausam ist es von Ihnen, so spät zu kommen!« rief Madame Grillon, indem sie auf Madame Devaux und ihre Töchter zuging und sie küßte. »Es ist nicht meine Schuld, theure Freundin,« sagte die dicke Mama, indem sie vor der Gesellschaft holdselige Verbeugungen machte; wir waren fortgegangen und schon auf dem Wege hieher zu kommen, als ich zu Laura sagte: »Aber, meine Theure, die Strümpfe fallen Dir ja herunter, sie sind nicht fest genug angezogen. Was soll denn das heißen?« Sogleich sah sich Laura an, befühlte sich und rief, lachend wie eine Närrin, die sie auch ist: »›;Ah, ich habe meine Strumpfbänder vergessen!« Nun mußte sie, wie Sie sich wohl vorstellen können, nochmals hinaufgehen, um ihre Strumpfbänder anzulegen. Sie sagte zwar: »Ich könnte sie wohl entbehren‹« aber ich gebe nicht zu, daß man zu einem Diner ohne Strumpfbänder kommt. Im Uebrigen scheinen Sie mir Alle recht gesund zu sein.« Grillon wartete, bis seine Frau und seine Tochter mit ihren Küssen zu Ende waren, um seinerseits auch seinen Mund auf die Gesichter dieser Damen zu drücken. Herr Adalgis begrüßte die Fräulein Devaux wie Bekannte, Herr Lélan bot Stühle an, und Herr Guerreville konnte sich der stillschweigenden Bemerkung nicht enthalten, daß das Kostüm der beiden Mädchen, die eben angekommen waren, sehr viel Ähnlichkeit mit dem von englischen Reiterinnen oder Seiltänzerinnen habe. Mademoiselle Ophelia hielt eine Notenrolle unter dem Arme, welche sie auf das Piano legte. Agathe lief zu ihr hin, indem sie rief: »Ah, Sie haben Romanzen mitgebracht! O, wie gut Sie sind! Sie werden uns doch etwas singen!« »Meine Tochter hat große Musikstücke mitgebracht,« sagte Madame Devaux, »denn ich will sie keine Romanzen mehr singen lassen ... Alle diese kleinen Arien verderben nur ihre Stimme. Ich verlange, daß sie nicht mehr von Rossini oder Meyerbeer abgehe ... Nicht wahr, Ophelia, Du wirst nicht mehr von ihnen abgehen. Du hast es Deiner Mutter versprochen?« »Ah, Madame!« sprach Herr Adalgis mit etwas spöttischem Lächeln, »ich hoffe, daß Sie zu Gunsten Mozarts eine Ausnahme statuiren werden?« »Mozarts?« entgegnete Madame Devaux, wie Jemand, der sich an etwas zu erinnern sucht. »Warum nicht gar; der spielt ja nur Tänze in der St. ;Honoréstraße?« Nein, Madame, ich spreche nicht von Musard , sondern von dem Componisten des Don Juan und der Hochzeit des Figaro .« »Ah, das ist etwas Anderes! Die Hochzeit des Figaro! Göttlich! ein herrliches Lustspiel ... ich habe mich fast krank darin gelacht.« Adalgis wandte sich lachend zu Agathen, dann warf er sich auf den Divan; in diesem Augenblicke rief die Haushälterin am Eingang des Salons: »Das Diner ist aufgetragen, Madame.« »Zu Tische! zu Tische!« sagte Grillon; »das Essen darf nicht kalt werden. Meine Herren, den Damen die Hand!« Und der Herr des Hauses reichte die seinige der Madame Devaux, Herr Adalgis bemächtigte sich Agathens und Opheliens, Herr Lélan streckte die seinige zu Mademoiselle Laura herab; es blieb nur noch Madame Grillon übrig, welche erwartete, daß Herr Guerreville ihre Hand ergreifen würde, die sie ihm von selbst darbot, daher er sich endlich entschloß, sie anzunehmen; dies hatte zur Folge, daß sie ihm die seine heftig drückte und bis zum Speisesaal tiefe Seufzer ausstieß. Als Alles Platz genommen hatte, befand sich Herr Guerreville zwischen Madame Grillon und Madame Devaux; letztere hatte schon mehrere Male Herrn Guerreville betrachtet, als ihr die zärtliche Euphemie sagte: »Dieser Herr ist der Pathe meiner Tochter, einer unserer alten Freunde, der lange Zeit von Paris abwesend war, und über dessen Wiedersehen wir entzückt sind.« »Es macht mir viel Vergnügen, seine Bekanntschaft zu machen,« erwiderte Madame Devaux; »aber das Aeußere des Herrn ist mir nicht unbekannt und ich suche ;...« »Ich kann Ihrem Gedächtniß zu Hülfe kommen, Madame,« sagte Herr Guerreville; »ich war einst bei Ihnen, um das Logis zu sehen, welches Sie damals in der Straße Montmartre bewohnten, und Sie hatten die Güte, mir zu erlauben, es in Augenschein zu nehmen, obgleich Sie Ihre Toilette noch nicht beendet hatten.« »Ah, das ist's ... ich erinnere mich ... Ja, mein Herr, so ist es. Sie helfen mir da auf das rechte Kapitel! Sie kamen mit dem Portier?« »Ganz richtig, Madame.« »Auch ich erinnere mich daran,« rief Fräulein Laura, »ich war damals gerade damit beschäftigt, die Halbstiefelchen von Mama zuzuschnüren ;...« »Weil sie mir zu weit waren!« schrie Madame Devaux. »Nun, mein Herr, haben Sie eine Wohnung nach Ihrem Geschmack gefunden? Sie haben die unsere nicht genommen, und Sie thaten wohl daran; sie war schrecklich vernachlässigt; man mußte Alles ausbessern. Aber nun haben wir eine herrliche Wohnung.« »Dessen ungeachtet ziehen wir wieder aus,« versetzte Laura lächelnd. »Wie, Sie ziehen aus?« sagte Herr Grillon. »Ah, Sie zieh ... Herr Lélan, tragen Sie doch Sorge für die Damen.« Herr Lélan beugte sich vor und bot Herrn Grillon ein Salzfaß an, das aber dieser mit den Worten zurückstieß: »Ich empfahl Ihnen ja, für die Damen Sorge zu tragen.« »Ah, ja, ja ... verzeihen Sie ... ich verstand nicht recht.« »Man muß wohl seine Wohnung ändern,« fuhr Madame Devaux fort, »wenn man eine Tochter verheirathet.« »Ah, Sie verheirathen wieder Ophelien,« sprach Madame Grillon. »Nun, desto besser ... ich wäre sehr erfreut, wenn es zu Stande käme.« »Ja, ja! ... O, gewiß wird es zu Stande kommen ... Es muß zu Stande kommen.« Bei diesen Worten neigte sich Madame Devaux hinter den Stuhl von Herrn Guerreville und setzte mit halber Stimme hinzu: »Ich will Ihnen nur sagen, daß es noch nicht so ausgemacht ist, daß ich Ophelien verheirathe ... Ich glaube eher, daß Laura ihrer Schwester vorangehen wird.« »Ah, Sie haben auch für sie eine Parthie?« »Ein' und dieselbe.« »Wie, einen Mann für Ihre zwei Töchter?« »Ja! ... Das heißt, er machte zuerst Ophelien die Cour, nun hat er sich aber, wie ich glaube, in Laura verliebt. Er hat jedoch nicht gewagt, sich auszusprechen. Daher Verlegenheit ... Erkaltung. Sie begreifen ;...« »Ist es eine gute Partie?« »O! eine vortreffliche! ... Niemand anders, als Herr Emil Delaberge ... ein junger Mann von nahe einer Million ... und schön ... Ah, alle Frauen sind in ihn vernarrt! ... Schon seit länger als vierzehn Tagen war er nicht mehr bei uns ... Aber ich will ihn zwingen, sich zu erklären ... Uebrigens, dem Himmel sei Dank, ist es mir nicht bange um meine Töchter! Jedermann hat sie gern ... sie erregen überall die Leidenschaft der Männer! Das ist in so hohem Grade wahr, daß es neulich auf einem Balle, wo ich so unvorsichtig war, zu äußern, daß ich im Begriff sei, Laura zu verheirathen, zwei jungen Leuten übel wurde und sie weggetragen werden mußten, zwei andere aber in einen Winkel des Salons gingen, um sich auszuweinen! ... Das that mir in der Seele weh ... Aber still! Alles das bleibt unter uns, meine Liebe!« Herr Guerreville war ein unfreiwilliger Vertrauter von dem geworden, was man hinter seinem Rücken sprach; denn obgleich sie nur halblaut sprach, so legte sich die dicke Mama doch fast an seine Ohren; aber er gab sich nicht den Anschein, etwas gehört zu haben, weil er keine Lust hatte, in diese Unterhaltung gezogen zu werden. »Schenken Sie doch Ihren Nachbarinnen ein, meine Herren, legen Sie doch Ihren Damen vor,« rief Herr Grillon, indem er die besten Stücke von jeder Platte für sich aussuchte. Herr Lélan beeilte sich sogleich, eine Wasserflasche zu ergreifen und Madame Devaux, die Wein von ihm verlangt hatte, das Glas voll zu gießen. »Nun, was machen Sie denn da, mein Herr?« sagte die dicke Dame. »Glauben Sie etwa, ich habe Lust, mir den Magen auszuspülen?« »Ah, Verzeihung, Madame, ich hatte falsch gehört.« »Ophelia, meine liebe Freundin, iß nur nicht von den eingemachten Gurken, Dein Gesangslehrer hat sie Dir verboten.« »Seien Sie unbesorgt, Mama!« »Ich singe nicht,« sagte Laura, »und deßhalb kann ich von Allem essen. Die eingemachten Gurken verhindern mich nicht, die Castagnetten zu spielen!« »Vorgestern hat sie sie wie ein Engel gespielt,« sagte Madame Devaux. »Wir waren bei einer Soirée, wo man eine spanische Quadrille tanzte; Laura hat sie begleitet.« »Ja,« sprach Mademoiselle Laura, »ich habe die Cachucha las manchegas begleitet.« »Und dann den zarten Peter ,« sagte die Mama. »Den Zatapeado , liebe Mutter, und die Jota aragonesa .« »Ja, das war's, die jute Aragnese ... Es war zum Entzücken, Alles war hingerissen ... Meine Tochter wurde von der ganzen Gesellschaft abgeklatscht.« »Aber Herr Adalgis sagt, die Castagnette sei ein abgeschmacktes Instrument!« rief Agathe. »Abgeschmackt!« sagte Laura mit einem verächtlichen Lächeln, während ihre Mutter den jungen Mann mit ihren Blicken durchbohren zu wollen schien, was übrigens dem Anschein nach keinen Eindruck auf ihn machte. »Abgeschmackt! die Castagnetten!« schrie Madame Devaux. »Aber wie ist denn der Herr im Stande, das zu sagen? Er hat wohl Spanien und Italien nicht gesehen! Die Castagnetten sind dort überall angebetet. Bei den Stierkämpfen werden Castagnetten gespielt: es ist ein Nationalinstrument. Und was gibt einer Frau mehr Reiz ... Ach Gott ... Ich werde Ihnen selbst nach Tische vorspielen, und da werden Sie sehen ;...« »Madame, ich habe nicht behauptet, daß die Castagnetten ohne Reiz seien, ich finde bloß, daß man sie nicht zu den musikalischen Instrumenten zählen dürfe.« »Aber die Trommel und das Klingelspiel zählen Sie dazu, welche Einem die Ohren zerreißen!« »Bei einem Marsche,« sagte Herr Lélan, sich aufrichtend, um zu sprechen, »macht sich das Klingelspiel, die Trommeln wollte ich sagen, sehr gut; selbst das Klapphorn, zweckmäßig angewendet, bringt eine kräftige Wirkung hervor. Ich habe ... ich weiß nicht mehr in welcher Ouvertüre, ein Solo auf dem Fagott ... das heißt auf der Klapper ... ich meine auf dem Klapphorn gehört, zur Begleitung ... des berühmten Dings da ... wie hieß er doch ... der Sänger, welcher den Ton so lange aushalten konnte ... und das machte sich sehr gut.« »Wer ist denn dieser große junge Mann, der nicht aus seinen Klappern herauskommt?« fragte Madame Devaux, indem sie sich abermals hinter Herrn Guerreville's Stuhl neigte. »Es ist ein junger Mann von vielen Mitteln ... sehr talentvoll ... sehr unterrichtet. Er kommt aus einer Normalschule.« »Es ist Schade, daß er unter seinen Mitteln keines gegen seine Confusion hat. Was aber Ihren Herrn Adalgis betrifft, so ist das ein sehr netter Mensch, nur bildet er sich auf sein Aeußeres zu viel ein.« Herr Guerreville mischte sich sehr wenig in die Unterhaltung, er suchte sich auch noch einer andern zu entziehen, die man unter dem Tische mit ihm anzuknüpfen suchte, wo gewisse Füße die seinen hartnäckig verfolgten. Agathe aber rief oft: »Sie essen ja gar nicht, lieber Pathe ... Papa, mein lieber Pathe ißt nicht ... Mama, sprechen Sie doch meinem lieben Pathen zu.« Madame Grillon seufzte und biß sich in die Lippen, indem sie erwiderte: »Herr Guerreville will nichts nehmen; wenn ich mich auch noch so sehr anstrenge, er berührt nichts von dem, was ich ihm anbiete.« »Ophelia, rühre die Sardellen nicht an, liebe Tochter, Dein Gesangslehrer hat sie Dir ausdrücklich verboten, er versichert, die Sardellen seien die Antipoden der Rouladen.« »Es heißt: die Antipathie, liebe Mutter.« »Ja, die Antipodie , ich habe mich nur versprochen. Wenn man eine schöne Stimme hat, so muß man sie auch schonen. Mein zukünftiger Schwiegersohn, Herr Emil Delaberge, ist in schöne Stimmen vernarrt.« »Ah! ... Ja ... das ist wahr ... Apropos ... Sie verheirathen also eine von Ihren Fräulein Töchtern,« sagte Herr Grillon; »ohne Zweifel die Aeltere?« »Vielleicht Beide auf einmal,« erwiderte Madame Devaux, ihren Töchtern einen Blick zuwerfend, der sagen wollte: sprecht doch auch wie ich. »Alle beide! ... Teufel! ... das ist noch besser!« »Schon seit vier Jahren höre ich sie immer von der Verheirathung ihrer Töchter sprechen,« sagte Adalgis zu Agathen, »und dennoch sind diese Damen immer noch ledig.« »O! es ist abscheulich, was Sie da sagen.« »Der Herr Delaberge,« sprach der große Lélan, »ist das nicht ein junger Mann ... das heißt, kein sehr junger Mann, aber ein Mann ... in der Art ;...« »Ganz richtig!« rief die dicke Mama, »der ist es! Unermeßlich reich, ein hübscher Junge, ein vollendeter Cavalier, der die Moden, den Ton angibt; aber, Herr Adalgis muß ihn ja kennen, da er so viel in die große Welt kommt?« »Emil Delaberge,« erwiderte Adalgis, sich das Kinn streichend, »ja gewiß, ich kenne ihn sehr gut, ich war drei oder viermal mit ihm zusammen ... Aber ich habe immer gehört, daß er sich über das Heirathen und über diejenigen, welche die Thorheit begingen, sich auf ewig zu binden, lustig machte.« »Das ist nicht möglich! Sie werden schlecht gehört haben!« rief Laura mit unwilliger Miene. »Uebrigens kann Herr Delaberge jetzt nicht mehr dieselbe Gesinnung haben,« sagte Ophelia mit Affectation. »Ja, Du hast Recht, Ophelia,« sagte Madame Devaux; »er konnte wohl so sprechen und anders denken: das sieht man ja alle Tage ... Iß nicht von dem Senf, liebe Tochter, das verursacht zweideutige Töne, wie Dein Lehrer sagt, und ich will nicht, daß man zweideutige Töne bei Dir höre.« »Meine Herren, sorgen Sie doch für Ihre Damen,« sagte Grillon, indem er den Flügel eines welschen Hahns für sich auf die Seite schob, und sogleich zerlegte. »Apropos,« rief Madame Devaux, die es sich angelegen sein ließ, die Unterhaltung stets im Gange zu erhalten, »unser Cousin ist angekommen; Sie wissen, Madame Grillon, daß ich Ihnen gesagt habe, ich erwarte meinen Cousin, um der Hochzeit meiner Töchter beizuwohnen. Er ist schon ziemlich lange hier, und ich habe mir erlaubt, ihn aufzufordern, uns heute Abend bei Ihnen abzuholen. Ich wünsche ihn Ihnen vorzustellen.« »Sie haben sehr wohl daran gethan, wir werden sehr erfreut sein, die Bekanntschaft Ihres Herrn Cousins zu machen.« »Es ist ein charmanter Mann ... voll Geist ... Er wohnt in Château-Thierry, wo man ihn anbetet ... wo er mit den vornehmsten Leuten zusammenkommt, mit dem Unterpräfekten, dem Maire, den übrigen Beamten ... man reißt sich um ihn in den Gesellschaften, wo er der eigentliche Tonangeber ist.« »Ist er noch jung?« »Ja, ein junger Mann von vierzig Jahren ... noch ledig ... aber so schüchtern, so kindlich! ... Ein sehr hübscher Mann; nicht wahr, meine lieben Töchter? Euer Cousin Vadevant ist allerliebst?« »Er hat einen zu dicken Bauch,« sagte Laura, indem sie sich mit Butterbrod vollstopfte. »Deßhalb hüpft er aber doch beim Tanzen wie ein Gummiball auf.« »Er will wohl nicht in Paris bleiben?« »Nein, ich glaube nicht; indeß wäre es möglich ... je nachdem ;...« Indem sie dieses sagte, betrachtete Madame Devaux ihre Töchter mit einer Miene, die noch vielerlei ausdrücken sollte. Bei dem Namen Vadevant hatte Herr Guerreville eine Bewegung gemacht, die der zärtlichen Euphemie nicht entgangen war; sie sagte daher sogleich zu ihm: »Kennen Sie vielleicht den Cousin dieser Dame? Wenn mir recht ist, kommen Sie auch von Château-Thierry?« »Ja, Madame, ich war mit diesem Herrn schon zusammen.« »Ah! Sie kennen meinen Cousin Vadevant,« schrie Madame Devaux, »das freut mich unendlich; Sie werden ihn diesen Abend sehen. O! wie schön sich das zusammenfindet, wie lieb ist es mir jetzt, ihm aufgetragen zu haben, uns hier abzuholen. Ophelia, nimm doch keine Kresse, das ist der Tod der Cadenzen.« Herr Guerreville war durchaus nicht erfreut darüber, sich wieder mit dem neugierigen kleinen Manne zusammenzufinden, der ihn überall zu verfolgen schien. Aber er dachte, er werde sich bei Herrn Grillon, wie anderwärts, seinen Zudringlichkeiten zu entziehen wissen. »Mein Cousin Vadevant hat mir, seitdem er sich hier befindet, schon einen großen Dienst geleistet,« sprach Madame Devaux, nachdem sie den Arm des Herrn Lélan, der ihr fortwährend die Wasserflasche anbot, zurückgestoßen hatte. »Ich muß Ihnen nämlich sagen, daß wir seit einiger Zeit keinen Arzt mehr haben; der unsrige starb, und das betrübte mich sehr; denn, so wie Sie mich sehen, bin ich doch von einer sehr zarten Complexion, man sollte es kaum glauben.« »Wahrhaftig, man glaubt es gar nicht,« sagte Herr Adalgis lächelnd. »Dieser junge Mann thut sich zu viel auf sein Aeußeres zu gut,« sagte die dicke Mama ganz leise; dann fuhr sie in gereiztem Tone fort: »Ja, mein Herr, ich bin sehr zart! ich muß mich an eine strenge Diät ... das heißt an eine große Vorsicht in der Wahl meiner Lebensmittel halten.« »Ganz wie ich,« sagte Lélan, »ich esse von Allem ... aber das bekommt mir nicht gut, das heißt, es gibt Speisen ... es sind nicht gerade solche Speisen, die ich esse ... aber ich sollte nichts davon essen.« »Gewiß,« fuhr Madame Devaux fort, »fehlt es in Paris nicht an Aerzten und an Männern von großem Verdienste! Aber ich schwankte, ich war unentschlossen, als mein Cousin Vadevant bei seinem Besuche zu mir sagte: Nehmen Sie den Doktor Jenneval, der aus Château-Thierry mit mir angekommen ist, das ist ein wahrer Damen-Arzt, ein ganz verdienstvoller Junge ;...« »Er hat Sie nicht getäuscht,« sagte Herr Guerreville, der nicht schweigen konnte, als er den Namen seines Freundes aussprechen hörte. »Sie kennen ihn auch, mein Herr?« »Sehr gut, Madame.« »Er ist vielleicht Ihr Arzt?« »Noch mehr, Madame, er ist mein Freund.« »Alsdann, mein Herr, werde ich Ihnen Wohl ein Vergnügen machen, wenn ich der Gesellschaft einen Zug von Doktor Jenneval erzähle, welcher beweist, wie erfinderisch er ist, um seine Patienten aus einer gefährlichen Lage zu reißen! das zeigt, daß er eben so viel Genie, als Kenntniß besitzt. Ich komme zur Sache ... Ophelia, Du darfst keinen Salat essen, meine Liebe; Du weißt, was Dein Lehrer Dir gesagt hat; Salat und Flötenstimme passen zusammen wie Knoblauch und Orangenblüthe.« »Mama, ein Blättchen ;...« »Nein, liebe Freundin, das würde Deine Tiefe angreifen, und meine Tochter soll keine angegriffene Tiefe haben.« »Ich werde für uns Beide essen,« sagte Mademoiselle Laura, indem sie zugriff, »ich mache mir nichts daraus, daß meine Tiefe angegriffen wird, ich bin keine Sängerin!« »O! diese da ist ein wahrer Satan! Eine Gesundheit von Eisen, sie würde Diamanten essen.« »Teufel! da möchte ich sie nicht in der Kost haben,« sagte Herr Adalgis mit halber Stimme, und die dicke Mama begann ihre Erzählung: »Meine Herren, Folgendes ist mir begegnet: nachdem der Doktor Jenneval mir mehrere Besuche gemacht hatte, um sich mit der Beschaffenheit meiner Constitution bekannt zu machen, rieth er mir, zum Frühstücke Chokolate zu nehmen, und setzte hinzu, diese würde meinen Magen vollständig zurecht setzen; aber damit sie gut durchpassire, sagte er mir zugleich: Trinken Sie Ihre Chokolate zwischen zwei Gläsern Wasser, eines vorher und eines nachher. Ich befolgte die Vorschrift des Doktors pünktlich, und verspürte schon den besten Erfolg, als ich eines Morgens beim Frühstücke gedrängt oder zerstreut, ich glaube durch einen Besuch, meine Chokolate nahm, ohne wie gewöhnlich vorher ein Glas Wasser getrunken zu haben; als ich meinen Irrthum bemerkte, war es zu spät, die Chokolate war verschluckt. Ich trank nun zwar wohl mein Glas Wasser hintendrein, aber das, welches ich vorher hätte trinken sollen, fehlte mir immer, und meine Chokolate war eben nicht zwischen zwei Wassern. Sie begreifen meine Unruhe. Ich sagte mir: Du hast gegen die Verordnung des Doktors gefehlt, was wird daraus entstehen? Vielleicht die gefährlichsten Folgen; ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie sehr mich schon diese Furcht krank machte.« »Das war auch darnach,« sagte Madame Grillon, indem sie fortwährend ihren Fuß unter den des Herrn Guerreville zu schieben suchte. »Da ich mir gar nicht zu helfen wußte, so entschloß ich mich, den Doktor holen zu lassen, indem ich ihm sagen ließ, es wäre ein dringender Fall. Herr Jenneval kam und fragte mich, was ich habe; ich erzählte ihm meine unglückselige Zerstreuung und fügte hinzu: Lieber Doktor, was fängt man an, daß diese Chokolate wieder zwischen zwei Gläser Wasser komme? Jenneval, von meiner Rathlosigkeit ergriffen, sann einige Augenblicke nach und rief dann aus: »Gießen Sie das Glas Wasser, das Sie zuerst hätten trinken sollen, in eine Klystierspritze und nehmen Sie es als Klystier zu sich; auf diese Weise wird sich ihre Chokolate wieder zwischen den zwei Gläsern Wasser befinden.« »Vortrefflich ausgedacht,« sagte Herr Grillon. »O! das ist herrlich! Auf Ehre, das ist köstlich!« sagte Herr Adalgis, indem er sein Gesicht hinter seiner Serviette verbarg. »Ich that, wie mir der Doktor verordnet hatte,« fuhr die dicke Mama fort, »und empfand auch wirklich keinen Nachtheil; aber das Auskunftsmittel, das er gefunden hatte, schien mir so geistreich, und zu gleicher Zeit so tief in den Gegenstand eindringend, daß ich diese Anekdote, die den vortheilhaften Ruf des Doktors Jenneval nur erhöhen kann, mit Wohlgefallen überall erzähle.« Die Erzählung der Madame Devaux machte einen sonderbaren Eindruck auf die Gesellschaft. Herr Adalgis und Agathe erstickten fast vor Lachen. Laura und ihre Schwester schienen verstimmt; der lange Lélan schien nichts davon zu verstehen; Herr Grillon allein theilte den Enthusiasmus der dicken Dame; glücklicherweise war man gerade beim Dessert, und da Madame Grillon bemerkte, daß ihr Nachbar seine Füße hartnäckig unter seinem Stuhle behielt, so stand sie unwillig auf und rief aus: »Der Kaffee erwartet uns im Salon.« Nun erhob sich Alles vom Tische, und Fräulein Agathe, die sehr gerne liebkoste, benützte diesen Moment, um zu ihrem Pathen zu laufen und ihn zu küssen. Man begab sich in den Salon, wo Herr Grillon, indem er seinen Kaffee trank, zu jedem einzelnen seiner Gäste ging und sagte: »Wie finden Sie ihn ... he? ... Ich zweifle, ob man ihn irgendwo besser trinkt. Meine Frau hat ihn selbst gemacht. Sie ist sehr gefällig, meine Frau.« »Thun Sie Cichorie hinein?« sagte Herr Lélan. »Wie?« »Ich meine, um ihm Farbe zu geben ... das macht ihn so bitter.« »Sie finden meinen Kaffee bitter?« »Nein; ich wollte sagen, es gibt ihm einen guten Geschmack. Es ist wie bei meiner Tante, dort trinkt man einen abscheulichen Kaffee, weil sie ihn selbst macht.« »Sie macht ihn abscheulich?« »Nein! Ich sage Ihnen ja, daß er köstlich ist.« »Ein kleines Gläschen Parfaitamour, Madame Devaux,« sagte Grillon, »es ist vom feinsten.« »Nein, ich trinke keinen Liqueur, aber ich gestehe Ihnen, daß ich wie die Männer bin, ich nehme Rum ... ich liebe nur diesen ... und wenn Sie mir erlauben ;...« »Alles, was Ihnen angenehm ist; Herr Lélan, gießen Sie doch der Madame Devaux Rum in den Kaffee.« Der lange junge Mann näherte sich, mit einer kleinen Flasche bewaffnet, und goß daraus in die Tasse der dicken Mama, welche mehrere Stücke Zucker nahm, und sich damit beschäftigte, dieselben in dem Rum zergehen zu lassen. Während dieser Zeit hatte sich Fräulein Ophelia an das Clavier gesetzt, wo sie spielte und trillerte, was ihr gerade in den Sinn kam. Herr Guerreville hatte sich auch gesetzt, und alsbald stellte die zärtliche Euphemie ihren Stuhl neben den seinigen. Herr Adalgis betrachtete sich in einem Spiegel und Mademoiselle Laura, die ihn aus der Ferne beobachtete, sagte zu Agathen: »Ich möchte doch wohl wissen, wie es Herr Adalgis macht, um einen so pünktlich hergerichteten Backenbart zu haben: da geht keine Seite vor der andern auch nur um ein Haar heraus.« »Ah! ich weiß es, ich!« sagte Agathe; »ich habe ihn mit einem seiner Freunde darüber sprechen hören.« »Nun?« »Nun, meine Liebe, er legt sich mit einem Sturmband zu Bette, in welches sein Backenbart so fest eingebunden ist, daß es absolut unmöglich ist, daß sich ein Haar krumm biege.« »Ha! ha! ha! Ein Sturmband! O! das ist gar zu drollig.« »Was gibt es denn dabei Drolliges, mein Fräulein? Wir gebrauchen ja auch Papilloten, wir Frauenzimmer.« »O! das ist gleich. Ha! ha! Mit einem Sturmband zu Bette gehen! Ach! wenn ich einen Mann heirathen müßte, der solches Zeug an sich hätte, so würde ich ihm einen Flederwisch in seinen Rockkragen stecken.« »O! warum das, mein Fräulein?« »Weil es mich zum Lachen brächte.« »O! Sie sagen das nur, weil Herr Adalgis behauptet hat, die Castagnetten seien ein abgeschmacktes Instrument; denn früher fanden Sie ihn charmant.« »Charmant! ... Ich habe immer gefunden, daß er jenen Wachsköpfen gleicht, die man in den Laden der Haarkräusler sieht.« Der Streit der beiden jungen Damen begann lebhaft zu werden, denn Fräulein Laura wollte dem Stutzer durchaus nicht wohl, während die junge Agathe eine große Vorliebe für ihn an den Tag legte. Aber ein unerwartetes Ereigniß machte ihrem Streit ein Ende. Madame Devaux, die seit einiger Zeit den Zucker, den sie in ihren Rum gethan hatte, herumrührte, war endlich dazu gelangt, ihn ganz zerfließen zu machen; sie setzte nun die Tasse an den Mund und fing an daraus zu trinken; aber fast eben so bald schnitt sie eine schreckliche Grimasse, setzte ihre Tasse hin und schrie: »O! mein Gott! wie schlecht ist das! Ach! das ist abscheulich! Ich habe in meinem Leben noch keinen Rum genommen, der einen solchen Geschmack hatte.« »Aber mein Rum ist doch köstlich,« sagte Grillon: »Jedermann macht mir Complimente darüber.« »Ach! das kann Einen krank machen! Pfui! das stößt mir auf, das. Geben Sie mir ein Glas Wasser, ich bitte Sie darum! Ich glaube, daß es mir übel wird.« Alles drängte sich um Madame Devaux; aber Grillon, dem es daran lag, den Ruf seines Rums wieder herzustellen, hatte die Tasse, welche den Rest des Rumes enthielt, ergriffen; er schnüffelte daran, probirte sie, und entschloß sich endlich, mit der Spitze seines Fingers ein wenig davon zu kosten; plötzlich schrie er: »Darin war nie Rum ... Sie haben Parfaitamour in Ihren Kaffee gegossen. Wer hat denn der Madame eingeschenkt?« Herr Lélan sagte kein Wort und hielt sich hinter den Fräulein Devaux, welche ihre Mutter aufschnürten. Als aber mehrere Haften aufgerissen waren, und die dicke Dame sich erleichtert fühlte, zeigte sie mit den Fingern auf den großen jungen Mann, indem sie rief: »Das ist der Schuldige! Dieser Herr da hat mir die Medizin bereitet. Ich, ich habe nicht aufgemerkt; während er mir einschenkte, suchte ich mir einige Stückchen Zucker aus.« »Mein Gott! Madame, Sie glauben? ... Ich müßte mich in der Masche geirrt haben.« »Man sollte Sie zwingen, meinen bittern Extrakt zu trinken, um Sie zu lehren, ein andermal mehr Acht zu geben.« »Ich bitte Sie tausendmal um Verzeihung, Madame; meine große Zerstreuung ist Schuld daran. Eines Tages, bei meiner Tante ... nein, bei meinem Onkel, bat man mich, den Salat anzumachen, es war Salat von Dings ... von, Sie wissen ... man thut solche ... Dinger hinein ... Nun, ich nahm die Tabaksdose eines Herrn, der neben mir saß, statt der Pfefferbüchse, die ich suchte. Sie war unglücklicherweise offen, so daß ich den Salat mit Tabak anmachte, und die ganze Gesellschaft acht Tage lang krank davon wurde.« »Es ist ein prächtiger Mann, Ihr Herr Lélan!« sagte Madame Devaux, indem sie sich zu Grillon wandte. »Aber ich erkläre Ihnen, daß ich mit ihm nicht wieder zusammenessen mag. Er könnte es sich eines Tages beikommen lassen, eine ganze Gesellschaft zu vergiften.« Die Ruhe war wieder hergestellt; man schickte sich an, Fräulein Ophelia singen zu hören, als sich die Salonthüre öffnete und Herr Vadevant hereintrat. »Da ist mein Cousin!« rief Madame Devaux, und sich alsbald von ihrem Stuhle erhebend, lief sie dem Neuangekommenen entgegen, nahm ihn bei der Hand und stellte ihn dem Herrn des Hauses vor. Herr Vadevant wurde von der Familie Grillon sehr freundlich empfangen, an die er eine große Menge Grüße, süße Mienen und Artigkeiten verschwendete. Nachdem die Begrüßungen beendigt waren, sagte Madame Devaux zu ihrem Cousin, indem sie auf Herrn Guerreville zeigte: »Sie finden hier alte Bekannte, liebe, Cousin Vadevant; dieser Her, hat mir von Ihnen erzählt!« Vadevant näherte sich Herrn Guerreville, der in seinem Winkel sitzen geblieben war; der kleine Mann faßte ihn ins Auge, machte dann einen Sprung zurück, stieß einen Freudenschrei aus, als ob er seinen Vater wieder gefunden hätte, ergriff die Hand Herrn Guerrevilles, die ihm dieser gar nicht hinreichte, und drückte sie heftig, indem er auslief: »Es ist Herr Guerreville! ... O! welch köstlicher Zufall! ... Wie erfreut bin ich ... dieser liebe Herr Guerreville! ... Ich habe Sie seit der Zeit, da ich Ihnen im Theater français Plätze aufbewahrt hatte und Sie nicht kamen, nicht wieder gesehen ;...« Herrn Guerreville gelang es, seine Hand los zu winden, die man hartnäckig festhielt, und er wollte einige Worte zur Entschuldigung sprechen; aber der kleine Mann ließ ihm keine Zeit dazu, sondern begann wieder: »Ich weiß, daß Sie durchaus nicht dafür konnten ... Sie sind ganz gerechtfertigt ... Jenneval hat mir gesagt, es sei Ihnen Jemand begegnet ... der liebe Jenneval! Der gute Doktor! ... Ich verschaffe ihm viele Kranke ... Er behandelt meine Cousine ... er hat Madame Devaux schon aus einer großen Gefahr errettet ... in Beziehung auf eine Tasse Chokolate ;...« »Ich habe die Geschichte bei Tische erzählt,« sagte die dicke Mama. »O! das ist ein sehr gescheiter, praktisch und theoretisch ausgebildeter Mann,« fuhr Vadevant fort, »ich glaube, er hat Sie zu Château-Thierry von einer gefährlichen Krankheit gerettet?« »Ja, mein Herr.« »Ich liebe und schätze ihn deßhalb nur um so mehr, und meine Cousinen sind höchst erfreut, seine Bekanntschaft gemacht zu haben ... Nicht wahr, liebe Cousinen?« Die Familie Devaux antwortete mit einem einstimmigen Ja. Herr Adalgis, den Vadevants Geschwätz ungeduldig zu machen schien, führte Agathen an das Piano, indem er sagte: »Mein Fräulein, haben Sie die Gnade, uns etwas zu singen ... Es wird uns ein doppeltes Vergnügen sein, Sie zu hören, und dagegen nicht länger gezwungen zu sein ;...« Er sprach das Ende seiner Rede Agathen ins Ohr, die lächelnd murmelte: »Ah! Sie sind recht abscheulich.« Vadevant setzte sich hinter Madame Devaux, die sich an Herrn Guerreville's Seite niedergelassen hatte, und sagte zu ihr: »Haben meine hübschen Cousinen gesungen?« »Noch nicht.« »Ich hoffe doch, sie zu hören.« »Gewiß ... Aber apropos, lieber Cousin, haben Sie daran gedacht, was ich Ihnen aufgetragen habe? Haben Sie nachgeforscht ... Haben Sie etwas erfahren? ;...« »O! gewiß, liebe Cousine ... Ich habe Ihnen große Neuigkeiten mitzutheilen.« »Ah! lassen Sie hören, ich bitte Sie darum.« Vadevant rückte seinen Stuhl dem seiner Cousine näher, mit der er im Vertrauen sprechen wollte. Herr Guerreville war noch einmal wider seinen Willen in die Notwendigkeit versetzt, alle die Geheimnisse, welche man sich hinter seinem Rücken anvertraute, mit anzuhören, während vor ihm seine Pathe sang, und sich auf eine so kräftige Weise begleitete, daß man kein Wort von ihr verstehen konnte. »Ich habe mich an die Ferse Ihres zukünftigen Schwiegersohnes gehängt,« sagte Vadevant, welcher immer mit der dicken Mama sprach, während Fräulein Grillon sich auf dem Flügel übte; »ich habe wissen wollen, was Herr Emil Delaberge seit den drei Wochen, während welcher er sich nicht mehr bei Ihnen sehen ließ, getrieben hat ;...« »Ich wette, daß er sehr krank ist.« »Nichts weniger, liebe Cousine; dieser Herr, welcher auf einem großen Fuß lebt ... Beiläufig gesprochen ist er sehr reich, wie man mich versichert hat.« »Er ist ungeheuer reich.« »Dieser Herr, sage ich, bringt sein Leben in fortwährenden Vergnügungen hin; aber seitdem er aufgehört hat, meinen liebenswürdigen Cousinen den Hof zu machen, hat sich, wie man sagt, eine neue Leidenschaft seines Herzens bemächtigt ;...« »Ah! mein Gott! Meine Töchter sollten ausgestochen sein?« »So hat man mir wenigstens gesagt. Herr Emil geht fast täglich zu einer gewissen Madame Dolbert, die ebenfalls sehr reich ist, und auf dem Boulevard de la Madeleine wohnt.« »Das Ungeheuer! ... Er will diese Dame verführen!« »Ich glaube kaum. Madame Dolbert hat ihre vollen siebzig Jahre ... aber sie hat eine Enkelin, welche erst siebzehn Jahre zählt, und wie man sagt, ein Engel von Schönheit sein soll! ;...« »Engel hin, Engel her, ich wette, daß sie nicht singt wie Ophelia, und die Castagnetten nicht spielt wie Laura.« »Ich habe mich darüber nicht erkundigt. Aber Ihr Herr Emil Delaberge scheint in dem Hause sehr heimisch zu sein ... Und Sie begreifen, daß das seine Gründe hat.« »Das thut nichts, Herr Emil hat meinen Töchtern den Hof gemacht, er muß sich erklären ... er muß eine oder die andere heirathen ... sie können nicht in dieser Ungewißheit bleiben ... Und streng genommen ... könnte ich sogar für mich einige Erklärungen verlangen ... denn er hat mir mehrere Male die Hand gedrückt, mit einer Kraft ;...« »Es scheint, daß dieser junge Mann zu Allem fähig ist ;...« »Aber ich will nur an meine Töchter denken, an diese lieben Kinder! Ich, die ich überall ihre Verheirathung verkündigt habe ... Lieber Cousin, ich rechne auf Sie, um Herrn Delaberge in die Enge zu treiben.« »Seien Sie ruhig, liebe Cousine, ich gehöre Ihnen ganz an ... Ich bin nach Paris gekommen, um bei der Verheirathung Ihrer liebenswürdigen Töchter gegenwärtig zu sein, und ich werde gewiß Alles, was in meinen Kräften steht, thun, um nicht vergeblich hieher gekommen zu sein.« »Sie sind ein kostbarer Mann ... Aber still! Ophelia beginnt zu singen.« Madame Devaux, die, während Agathe am Piano gesessen, unaufhörlich gesprochen hatte, wollte, daß man nicht mucken sollte, wenn ihre Tochter sang. Aber Fräulein Ophelia war nicht bei Stimme; sie konnte kaum die Arie, welche sie gewählt hatte, zu Ende bringen, und ihre Mutter rief: »Du hast Salat gegessen ... Du willst es mir nicht gestehen, aber ich weiß gewiß, daß Du welchen gegessen hast. Laura, meine Liebe, tanze uns die Zatapa ... die Zatapete ... mit Begleitung der Castagnetten, Du thust es mir wohl zu Gefallen ... Sie müssen wissen, daß meine Tochter auf dem Ball in der großen Oper hauptsächlich deßwegen gewesen ist, um die Spanier tanzen zu sehen, welche die Tänze ihres Vaterlandes aufführten ... Sie hat das so ausgezeichnet gefunden, daß sie sich am andern Tage im Zimmer auf eine hinreißende Weise herumdrehte ... ganz so, wie die Spanier beiderlei Geschlechts.« »Mama, ich möchte lieber die Cachucha tanzen ... die ist origineller ;...« »Tanze die Kankutscha , liebe Freundin ... Hast Du Tanzschuhe mitgebracht?« »O! gewiß ... kann ich denn das in gewöhnlichen Schuhen tanzen! ;...« »Alsdann bereite Dich vor und vernachlässige nichts ... Ich freue mich sehr, dem Herrn Adalgis zu zeigen, was man mit Castagnetten ausrichten kann.« »Ich,« sagte der große Lélan, »ich bin sehr neugierig, Italienisch tanzen zu sehen ;...« »Es ist Spanisch, mein Herr ;...« »Ja, Spanisch. Sonst ging ich stets nach Vaugirard, bloß in der Absicht, um walzen zu sehen, die Dinger da ... die so gut walzen ... Sie wissen? ;...« »Die Schweizer?« »Ja; ich habe es auch lernen wollen, aber verfehlte stets die ... die Geschichte ... Sie wissen? ... So daß ich eines Tages bin auf meinen ... meinen Dings da ... wie heißt man ihn doch ... fiel, und mir sehr wehe that.« Während sich Laura zum Tanzen vorbereitete, benützte Herr Guerreville einen Augenblick, wo sich Madame Grillon von ihm entfernt hatte, stand auf, und indem er sich den Anschein gab, als wollte er in dem Salon auf- und abgehen, gewann er den Speisesaal, nahm seinen Hut und entfernte sich, indem er sagte: »Ich habe meine Pathe singen hören; das scheint mir genug zu sein; ich habe keine Verpflichtung, Fräulein Laura die Cachucha tanzen zu sehen.« Aber während er sich nach seiner Wohnung begab, erinnerte er sich an das, was zwischen Madame Devaux und ihrem Cousin Vadevant gesprochen worden war; denn bei dieser Unterhaltung war ihm ein Name, der der Madame Dolbert, aufgefallen; er suchte sich zu erinnern, wo er ihn schon habe nennen hören. Sein Gedächtniß anstrengend, fiel ihm endlich die Erzählung Jerome's, des Wasserträgers ein, und er sagte zu sich: »Madame Dolbert ... Boulevard de la Madeleine ... so hießen die Damen, welche das Kind dieses braven Auvergnaten mit sich genommen haben. Ja, bei ihnen ist die kleine Zizine ... Ich habe Jerome versprochen, Erkundigungen einzuziehen ... mich zu versichern, ob seine Tochter immer gut behandelt wird ... und ich habe es vergessen ... denn ich vergesse Alles, was sich nicht auf mich ... auf meine eigenen Sorgen bezieht! ... Indeß muß ich mein Versprechen erfüllen ... Ja, ich werde recht erfreut sein, diese arme Kleine wieder zu sehen! Dreizehntes Kapitel Stephaniens Liebe Drei Tage waren seit dem Balle verflossen, auf welchem sich Stephanie als den Gegenstand aller Huldigungen gesehen hatte. Drei Tage! das ist sehr kurz, für glückliche Leute, für solche, die nur einen Wunsch hegen dürfen, um ihn alsbald erfüllt zu sehen; gewöhnlich hat die Zeit Flügel, wenn man im Schooße der Vergnügungen lebt. Stephanie aber hatte diese drei Tage unaussprechlich langweilig gefunden, es schien ihr, als wären seit ihrer Anwesenheit auf dem Balle Wochen, Monate dahingeschwunden. Die Stunden kamen ihr länger, die Tage vollends unendlich lang vor; und doch war in ihrem Innern, in ihrer Lebensweise keine Veränderung vorgegangen; ihre gute Großmutter suchte ohne Aufhören ihren kleinsten Wünschen zu begegnen. Die kleine Zizine war noch immer da, immer zum Lachen, zum Spielen bereit, sobald sie Lust dazu bezeigte; aber Stephanie war träumerisch, fast traurig geworden; Alles, was ihr sonst Vergnügen gemacht, langweilte sie jetzt; sie war sogar manchmal, gegen die Liebkosungen ihres kleinen Schützlings gleichgültig. Woher kam diese Veränderung? ... Was hatte sie hervorgerufen? ... Nun! mein Gott! Ihr habt es ohne Zweifel begriffen; es ist nicht schwer, zu errathen, warum ein junges Mädchen träumt und seufzt. Die Liebe ist ein Gefühl, welches eine große Veränderung in unserer Gemüthsstimmung hervorbringt, wenn wir sie zum erstenmal empfinden; sie macht uns heiter oder traurig, sie macht uns schweigsam und zerstreut, manchmal schwatzhaft, oft nachsichtig gegen Andere, und fast nie boshaft. Später sind ihre Wirkungen weniger stark bei denjenigen, welche sie befällt; es ist wie bei einer Krankheit, die wir schon einmal durchgemacht haben, und die eben dadurch von ihrem bösartigen Einfluß auf uns verloren hat. Gegen den Abend des dritten Tages hörte gerade Stephanie die kleinen Plaudereien Zizinens an, ohne darauf zu antworten, als ein Diener Herrn Emil Delaberge meldete. Plötzlich fühlte das junge Mädchen ihr Herz heftig schlagen und all' ihr Blut dorthin zurückströmen, aber Niemand bemerkte ihre Blässe und die Aufregung, welche zu verbergen sie sich bemühte. Emil trat in den Salon, stellte sich mit jener Ungezwungenheit vor, die der Reichthum, und noch mehr das Bewegen in guter Gesellschaft verleiht; er äußerte gegen Madame Dolbert, welch' großes Vergnügen es ihm machen würde, sie öfter besuchen zu dürfen; dann wußte er die Unterhaltung so gewandt zu führen, daß er jene Kälte, jenen ceremoniellen Ton, in welchem man sich häufig mit neuen Bekanntschaften hält, daraus verbannte. Selbst Stephanie überwand bald ihre Verwirrung und nahm Theil an dem Gespräche. Herr Delaberge war geistreich, liebenswürdig und sehr angenehm zu hören. Geschickt von einem Gegenstand auf den andern übergehend, erzählte er, ohne seine Zuhörer zu ermüden; er war viel gereist, hatte viel beobachtet und flocht in seine Erzählungen witzige Anekdoten, merkwürdige Vorfälle ein, die er mit einer Einfachheit vortrug, die ihren Reiz noch vermehrte. Der Abend verschwand sehr rasch. Emil bat die Damen um Erlaubniß, öfters kommen zu dürfen, um ihnen Gesellschaft zu leisten. was ihm mit Vergnügen gestattet wurde; denn die Großmutter wie die Enkelin fanden seine Gesellschaft sehr angenehm. Am folgenden Morgen beschäftigte man sich natürlich mit Delaberge; den ganzen Tag sprach Stephanie von ihm; sie lachte noch über das Lustige, was er gesagt hatte, und wiederholte seine interessanten Geschichten, denn ihr war kein Wort von dem, was er erzählt hatte, verloren gegangen, und öfters rief sie: »Nicht wahr, Zizine, dieser Herr ist sehr liebenswürdig? ;...« Und da das kleine Mädchen ziemlich frostig »ja« antwortete, verzog ihre Beschützerin zum ersten Mal das Gesicht, und schien geneigt, es auszuzanken. Die Ursache war, daß dieser Herr in den Augen des Kindes nichts Liebenswürdiges hatte. Mit seinen Artigkeiten gegen die Damen beschäftigt, schien Emil Zizinen durchaus keine Aufmerksamkeit zu schenken, und hatte nicht ein einziges Mal das Wort an sie gerichtet; und so war es denn ganz natürlich, daß die Kleine den Enthusiasmus dieser Damen nicht theilte. Nun hatten die Puppe, die kleinen Spiele, all' jener Zeitvertreib, welcher sonst Stephanien erfreute, mehr als je allen Reiz für sie verloren. Sie liebte Zizinen noch immer, sie war stets erfreut, dieselbe in ihrer Nähe zu haben; aber ihre Laune war eigenwilliger geworden, und sie nahm die Liebkosungen des Kindes nicht mehr mit demselben Lächeln auf; denn jetzt war ihr Herz, auch wenn sie ihre kleine Freundin küßte, bisweilen mit einem andern Gegenstände beschäftigt. Emil Delaberge kam bald wieder zu Madame Dolbert, er war sehr stark in der Musik; diese Kunst bringt diejenigen, welche sie treiben, einander bald sehr nahe, und wenn man zu einem gegenseitigen guten Verständnisse schon ganz geneigt ist, dann verschafft die Musik tausend Gelegenheiten glücklich zu sein, tausend sanfte und lebhafte, obgleich noch sehr unschuldige Genüsse. Stephanie spielte mit größerer Vorliebe auf ihrem Piano, seitdem Herr Emil sie hörte und begleitete; sie sang die Romanzen, welche er ihr brachte, mit mehr Gefühl; war das bloß Eigenliebe und der Wunsch, den Beifall eines Kenners zu erlangen? Stephanie glaubte es, denn Stephanie, deren Herz so rein, jedem schlimmen Gedanken so fremd war, gab sich dem Gefühle, das sie zu Emil zog, hin, und suchte ihm durchaus keinen Widerstand zu leisten, weil sie gar nicht daran dachte, daß etwas Böses darin läge, in Emils Nähe glücklich zu sein, seine Gegenwart zu wünschen, vor Freude zu zittern, wenn er erschien, zu seufzen, wenn er fortging. Das junge Mädchen befragte sich gar nicht darüber; sie hatte keine Furcht vor einer Gefahr, die sie nicht begriff, sie wich dem Einflusse, den Emil bereits auf ihr ganzes Wesen ausübte, und empfand für ihn schon eine tiefe Leidenschaft, bevor sie sich noch Rechenschaft über das Gefühl abgelegt hatte, das ihr Herz erfüllte. Auf der andern Seite überhäufte die Großmutter ihren neuen Bekannten mit Freundschaftsbezeigungen; warum sollte Stephanie nicht das Vergnügen theilen, das ihre Mutter über die Anwesenheit Emils empfand? Und warum sollte endlich ein junges Mädchen von siebzehn Jahren sich einer Neigung hinzugeben fürchten, welche sie mit einem neuen Glücke bekannt machte, besonders da ihr Niemand sagte, daß eine Gefahr darin liege, sich hinreißen zu lassen; wie viele Andere unterliegen, obgleich sie gewarnt wurden! Wie sollte die zu widerstehen vermögen, die ungewarnt bleibt! – Die Erfahrung? ... Aber die Unschuld hat keine. So war denn Herr Emil Delaberge noch nicht lange in das Haus der Madame Dolbert gekommen, und schon empfand Stephanie, ohne es sich selbst gestanden zu haben und ohne daß Emil auf andere Weise als durch die Augen mit ihr gesprochen hätte, die aufrichtigste Liebe für ihn. Wahr ist es, Emils Augen waren sehr beredt, und es hielt sehr schwer, ihre Sprache nicht zu verstehen; gewöhnt, von Liebe zu sprechen, drückten sie sich so gut aus, daß man ihnen in kurzer Zeit antworten oder aufhören mußte, in sie hinein zu sehen; und Stephanie hatte es für angenehmer gefunden, auch die ihrigen sprechen zu lassen. Und alles das war in sehr kurzer Zeit vorgegangen, in einigen gemeinschaftlich zugebrachten Abenden, dann in den Musikstunden, ohne andere Zeugen, als die Großmama Dolbert und Zizine. Aber auch die Großmama war nicht immer da: wenn Visiten kamen, wenn man eine Partie Whist oder Boston vorschlug, blieben die jungen Musiker allein am Clavier, und dann währte die Musik gewöhnlich viel länger. Zizine allein hörte sie und blieb einige Schritte von ihnen entfernt, während sie sich irgend einer für ihr Alter passenden Beschäftigung hingab; nur sehr selten entfernte sich das Kind von Stephanien, und wenn dies geschah, so war es nur auf sehr kurze Zeit; sie kam dann immer bald wieder zurück und eilte, sich neben diejenige hinzusetzen, welche sie zwar weniger liebkoste, aber doch noch gerne ihre Liebkosungen annahm. Emil hatte bei seinem zweiten Besuche bei Madame Dolbert, als er Zizinen erblickte, gefragt: »Das ist ohne Zweifel eine Verwandte von Ihnen?« Als er aber erfuhr, was es mit dem Kinde für eine Bewandtniß hatte, nahm er wenig Theil an ihm und schien sogar öfters darüber mißvergnügt, es immer in Stephaniens Nähe zu sehen. Zizine beklagte sich nicht darüber, daß man sie seit Delaberge's Besuchen weniger liebkoste, aber sie merkte es wohl, denn Kinder beobachten oft besser als Erwachsene. Sie empfing nichtsdestoweniger stets denjenigen, welchen ihre Beschützerin so gerne sah, mit einem holdseligen Lächeln! Aber die arme Kleine lächelte vergebens; Herr Emil würdigte sie keines Blickes, oder wenn er sie ansah, entschlüpfte ihm eine Bewegung des Unwillens, die keineswegs anzeigte, daß ihr Anblick ihm angenehm sei. Bald hielt auch Stephanie, obgleich sie gegen das Kind, welches sie aufgenommen hatte, immer freundlich war, nicht mehr alle ihre Versprechungen. Die Unterrichtsstunden wurden vernachlässigt, man hatte ja an so viele andere Sachen zu denken, oder vielmehr, es gab eine , die so sehr in Anspruch nahm, daß man keinen Augenblick mehr finden konnte, die kleine Schülerin zu bilden; aber Zizine arbeitete für sich allein und noch mit weit größerem Eifer; man konnte sagen, je weniger man sich mit ihr beschäftigte, desto mehr suchte sie sich die Freundschaft ihrer Beschützerinnen zu erwerben. Die Besuche von Emil Delaberge wurden häufiger, es verging kein Tag mehr, an dem er nicht einige Stunden in Stephaniens Nähe zugebracht hätte, und die gute Madame Dolbert empfing ihn immer mit gleicher Freundlichkeit. Indeß, die Großmutter hatte Erfahrung, sie hatte die Liebe kennen gelernt und konnte nicht zweifeln, daß die schönen Augen Stephaniens viel zu dem Vergnügen beitrugen, welches man darüber äußerte, sie zu besuchen. Woher kam die große Sicherheit von Madame Dolbert? Daher, weil sie dachte, ihre Enkelin sei mit allen Reizen und Talenten geschmückt und werde mit der Zeit zwanzigtausend Franken jährlicher Einkünfte bekommen; deßhalb müßte sich Jeder, der in sie verliebt sei, glücklich genug schätzen, ihr Gatte zu werden. Da ferner Herr Emil Delaberge ein schöner Mann, reich und von guter Familie war, so sah sie kein Hinderniß, daß er nicht Stephaniens Mann werden sollte, und sie ließ ihn sich in ihre Enkelin verlieben, überzeugt, er werde, sobald er sich ihres Herzens versichert, kommen und um ihre Hand anhalten. So folgerte die gute Mama, und Emil hatte indessen Zeit gehabt, in dem Herzen ihrer Enkelin reißende Fortschritte zu machen. Dennoch hatte er noch nicht zu ihr gesagt: Ich liebe Sie! aber seine Augen suchten immer Stephaniens Augen, seine Hände begegneten oft den ihrigen, welche er dann sehr zärtlich drückte; das hieß schon sprechen, oder wenigstens seine Liebe pantomimisch erklären, und man weiß, daß kluge junge Mädchen die Pantomime sehr bald verstehen. Emil wollte dabei nicht stehen bleiben, aber die kleine Zizine wich nicht aus Stephaniens Nähe, und die Gegenwart des Kindes genirte ihn gewaltig. Das war bei Stephanien nicht der Fall: sie fand es so natürlich zu lieben, daß sie gerne ihre Liebe vor der ganzen Welt gestanden hätte. Es schien ihr, als müßte ihr Emil etwas zu sagen haben, als dürfte er sich nicht darauf beschranken, ihr die Hand zu drücken und ihr verliebte Blicke zuzuwerfen; und da sie nicht begriff, warum er ein so strenges Stillschweigen beobachtete, war sie zuweilen versucht, ihn zu fragen, was ihn am Sprechen verhindere, und warum er, wenn er im Begriffe zu sein schien, ihr ein Geständniß zu machen, plötzlich inne halte und in Schweigen versinke, sobald sich ihnen Jemand näherte. Mehr als einmal hatte Emil, wenn er die kleine Zizine auf Stephanien zulaufen sah, eine Bewegung übler Laune nicht überwinden können und vor sich hingemurmelt: »Wie langweilig! man kann niemals einen Augenblick mit Ihnen allein sein!« Stephanie betrachtete dann Emil staunend und begriff nicht, warum die Gegenwart ihres kleinen Schützlings ihrem Geliebten ärgerlich sein könnte. Eines Abends jedoch, als Delaberge zu Madame Dolbert kam, fand er die Großmutter sehr eifrig bei einer Partie Whist beschäftigt. Stephanie war in dem hübschen Boudoir, welches an das Gesellschaftszimmer stieß, und die kleine Zizine übte sich allein auf dem Piano, auf welchem sie jetzt selten Unterricht empfing. Emil benützte diesen Augenblick, er trat in das Boudoir, setzte sich rasch neben Stephanien und bemächtigte sich einer ihrer Hände, indem er mit leiser Stimme zu ihr sagte: »Endlich kann ich doch einen Augenblick mit Ihnen sprechen, ohne daß Sie von Beobachtern umgeben sind, liebe Stephanie. O, ich habe Ihnen so Vieles zu sagen!« Das junge Mädchen betrachtete Emil mit einer liebenswürdigen Unbefangenheit und erwiderte: »Sie haben mir Vieles zu sagen ... aber wer hindert Sie denn zu sprechen?« »Es gibt Geständnisse, welche das Geheimniß erheischen, welche indiskrete Zeugen scheuen.« Und der junge Mann dämpfte die Stimme, aus Furcht, im Salon gehört zu werden, während Stephanie ihm antwortete: »Ich verstehe Sie nicht.« »Schöne Stephanie! haben Sie, seitdem ich Sie das erste Mal erblickte, noch nicht in meinem Herzen gelesen, haben Sie das Geheimniß meiner Seele noch nicht errathen? Nun gut! ich will Ihnen Alles sagen, was ich für Sie empfinde ... Ich liebe Sie ... ich bete Sie an ... Doch, wenn Sie mich nicht wieder liebten, wäre ich der unglücklichste Mensch.« Stephanie hatte ohne besondere Aufregung Emils Erklärung angehört; sie begnügte sich zu lächeln, indem sie erwiderte: »Nun wohl, mein Herr, ich hatte Alles, was Sie mir eben sagten, errathen ... ja, ich sah wohl, daß Sie mich liebten, und ich war bloß darüber erstaunt, daß Sie es mir bis jetzt noch nicht gesagt hatten.« »Wie, Sie haben mich errathen?« erwiderte Emil, die Stimme dämpfend, um das Mädchen zu bewegen, ein Gleiches zu thun; aber diese fuhr mit ihrer gewöhnlichen Stimme fort: »Ja, mein Herr ... gewiß, ich habe Sie errathen ... denn ich liebe Sie auch, ich ;...« »Ist es möglich! Sie lieben mich ... o, ich bin zu glücklich! ;...« »Ja, mein Herr, ich liebe Sie.« »Liebe Stephanie! ... O, aber leiser ... ich bitte Sie darum ... daß Niemand dieses süße Geständniß, das mein Glück ausmacht, hören kann.« »Warum denn das? Ist es denn etwas Unrechtes, die Liebe eines Mannes zu erwidern? ... O, ich bin vollkommen überzeugt, daß meine gute Großmutter nichts Schlimmes darin finden wird ... Und nun, da Sie mir gesagt haben, daß Sie mich lieben, und da ich gewiß bin, mich nicht getäuscht zu haben, so will ich ihr sagen, daß auch ich Sie liebe ... daß ich es Ihnen gestanden habe, daß ;...« »O nein, nein, liebe Stephanie! ... noch nicht, ich bitte Sie ... Die Liebe gefällt sich im Schweigen ... Wozu ist es nöthig, unsere süßesten Gedanken Andern anzuvertrauen ... Behalten wir unser Glück für uns.« »Ich verstehe Sie nicht ... ich sage meiner guten Großmutter Alles ... Warum wollen Sie, daß ich ihr unsere Liebe verschweige, da ich gewiß bin, daß sie nicht böse darüber sein wird?« »Vielleicht täuschen Sie sich ... sie könnte böse darüber werden ... mir verbieten, Sie so oft zu besuchen ;...« »O, ich wiederhole Ihnen, nein, sie thut Alles, was ich will ... darum wird sie es auch nicht für unrecht halten, daß ich Sie liebe ;...« »Das macht nichts ... Ich bitte Sie darum, liebe Stephanie, sagen Sie noch nichts; Gründe, die ich Ihnen im Augenblicke noch nicht mittheilen kann, nöthigen mich, Ihnen Verschwiegenheit über unsere Liebe aufzuerlegen ;...« »Nun! da Sie es wollen, werde ich schweigen; es ist jedoch Schade; ich hätte mich so sehr gefreut, das Alles meiner guten Mama zu erzählen! ;...« »Aber das Geheimniß wird uns nicht hinderlich sein, uns zu verstehen ... Mittel zu finden, uns einander zu nähern ... O, wenn Sie wüßten, wie viel es zum Glück zweier Liebenden beiträgt ... wenn Sie ;...« Emil konnte nicht weiter sprechen, die Stimme von Madame Dolbert ließ sich vernehmen; sie rief ihrer Enkelin; diese sprang sogleich auf und lief zu ihr in den Salon, und Delaberge war gezwungen, ihr zu folgen; aber während des ganzen übrigen Abends wechselte er mit Stephanien die zärtlichsten Blicke und jene halben Worte, welche für Liebende so vielbedeutend sind. Emil konnte an seinem Triumphe nicht mehr zweifeln, er besaß das Herz Stephaniens, er herrschte als Gebieter in dieser kindlichen und reinen Seele, der bisher die Liebe fremd geblieben war und die sich mit um so größerem Vergnügen derselben hingab, weil sie nichts Böses darin sah, sich diesem neuen Gefühle zu überlassen. Mehrere Male während des Abends hatte Emil versucht, das Mädchen in das Boudoir zurückzuführen, aber er fand keine Gelegenheit; Stephanie schien die Zeichen, die er ihr gab, nicht zu verstehen und blieb im Salon; er mußte sich mit jenen kleinen Gunstbezeigungen begnügen, die für einen schüchternen Liebhaber schon sehr viel sind; aber Emil war kein solcher, und es war ihm schon zuwider, daß Stephanie ihm unverhohlen die Hand überließ und ihn zärtlich ansah. Am darauf folgenden Morgen dachte Emil Delaberge, während er noch in seinem eben so weichen als geschmackvollen Bette lag, vor welchem auf einem Nachttische eine Pyramide von Broschüren und Journalen aufgethürmt war, an den verflossenen Abend und sagte zu sich selbst: »Diese junge Stephanie ist anbetungswerth! ... und sie hat mir ihre Liebe mit einer Unschuld gestanden, die täglich seltener wird. Aber werde ich die Thorheit begehen, sie zu heirathen? Sie hat, glaube ich, zwanzigtausend Franken jährlicher Einkünfte; ist das genug für mich, der ich fast hunderttausend habe? O nein, das wäre unvernünftig. Ueberdies will ich mich nicht verheirathen ... ich will diesem Leben voll Triumphen, voll Genüssen nicht entsagen, welches mich zum glücklichsten, zum beneidetsten Sterblichen macht. Nein ... ich werde gewiß kein solcher Thor sein, meine Freiheit zu verlieren. Ich liebe Stephanien, aber mit dieser Liebe wird es wie mit den andern gehen, sie wird mit dem Besitze des geliebten Gegenstandes erlöschen! Und Stephanie wird mein sein, ich habe keinen großen Widerstand von ihr zu fürchten ... sie betet mich an ... es kommt nur noch darauf an, eine Gelegenheit zu finden oder herbeizuführen. Das kleine Mädchen, welches sie aufgenommen hat und das sich immer in ihrer Nähe befindet, ist mir sehr im Wege; aber ich werde schon alle Hindernisse aus dem Wege zu räumen wissen. O! entzückende Stephanie! Kein Anderer als ich, ich schwöre es, soll Deine ersten Küsse erhalten. Deine ersten Liebesseufzer hören ... und Du wirst eine meiner schönsten Eroberungen sein.« So sprach Herr Emil Delaberge zu sich, indem er sich behaglich in seinem Bette ausstreckte, und war mit seinen Anschlägen auf die Enkelin der Madame Dolbert ganz beschäftigt, als sich ein Klingeln hören ließ und bald ein Diener die Thüre des Schlafzimmers halb öffnete indem er sagte: »Mein Herr, es ist Jemand da, der Sie sogleich zu sprechen verlangt. Es ist derselbe Herr, der schon dreimal da war, ohne Sie zu treffen.« »Ah! mein Gott! was will denn dieser Mensch von mir? Macht man schon so früh Besuche? Wie viel Uhr ist es denn, Düpré?« »Halb zwölf Uhr, mein Herr.« »Ja, aber ich bin erst spät zu Bette gegangen, ich habe noch Schlaf; Du hättest sagen sollen, ich sei noch nicht aufgestanden.« »Ich habe es gesagt, aber der Herr fragte, ob Sie ihn demungeachtet nicht annehmen wollten, sonst würde er warten, bis Sie aufgestanden seien.« »Was Teufels kann denn dieser Mensch von mir wollen? Wenn ich Gläubiger hätte, so würde ich gleich errathen, was ihn zu mir führt; aber ich habe die Schulden niemals geliebt, das ist etwas so Gewöhnliches; ich habe es für viel origineller gehalten, keine zu machen ... Der Name dieses Menschen?« »Vadevant.« »Vadevant! ein komischer Name; er ist mir ganz unbekannt. Doch gleichviel, laß den Vadevant eintreten, der muß sonderbar aussehen. Düpré, zieh' einen Fenstervorhang halb weg, damit ich diesen Herrn um so besser betrachten kann.« Der Diener vollzog die Befehle seines Herrn, und führte bald darauf Herrn Vadevant in das Schlafzimmer von Emil Delaberge. Der kleine Mann trat ein und grüßte mit einer ungezwungenen und zuversichtlichen Miene, welche keinen Sollicitanten verkündete; er näherte sich dem Bette und sagte lächelnd: »Ich bin entzückt, endlich so glücklich zu sein, Herrn Emil Delaberge zu begrüßen; es ist schon lange, daß ich mich nach der Ehre sehne, Ihre Bekanntschaft zu machen.« Emil betrachtete den Mann, der Luft zu haben schien, seine Hand zu ergreifen, und sich in seine Decke wickelnd, erwiderte er in sehr kurz angebundenem Tone: »Was wollen Sie mein Herr? Ich kenne Sie nicht. Was haben Sie mir zu sagen? Machen Sie schnell, ich bitte Sie, denn ich habe noch Lust zu schlafen.« Vadevant machte einen Schritt zurück, stellte sich auf die Fußspitzen, biß sich in die Lippen, runzelte die Stirne und sprach: »Mein Herr, der Gegenstand, der mich herführt, ist sehr wichtig. Er wird Ihnen, wie ich hoffe, die Lust zum Schlafen vertreiben.« »Dann, mein Herr, beeilen Sie sich, denn bis jetzt hat er diesen Eindruck noch nicht auf mich hervorgebracht.« Da Vadevant sah, daß man ihm keinen Stuhl anbot, rückte er sich selbst einen herbei und war im Begriffe, sich darauf zu setzen, als er ihn, wie mit Ueberlegung, wieder zurückstieß und sich einen Lehnstuhl nahm, in welchen er sich hineinwarf, indem er sagte: »Ich sehe mich unaufgefordert; Sie haben es bequem, mein Herr, erlauben Sie, daß ich es mir auch so mache.« »Das ist eine kuriose Erscheinung!« sagte Emil zu sich, indem er den kleinen Mann alle diese Vorbereitungen treffen sah. Nachdem er seinen Hut vorsichtig auf ein Möbel nahe bei sich gelegt hatte, nahm Vadevant wieder das Wort: »Mein Herr, ein sehr wichtiger und zugleich sehr heiliger Beweggrund führt mich zu Ihnen: und wenn ich sage wichtig und heilig, so übertreibe ich nicht; denn gibt es in der Welt etwas Interessanteres, das mehr unsere Rücksichten verdient, als dieses schwache Geschlecht, dessen natürliche Beschaffenheit uns schon ;...« »Ah! mein Herr!« rief Emil aus, indem er sich auf seinen Kopfkissen umdrehte, »soll das ein Scherz sein, eine Wette ... wollen Sie mir eine Scene aus den Prozeßkrämern vorspielen? ... Noch einmal, wer sind Sie?« »Nun gut! mein Herr, ich komme zur Sache: Sie sehen in mir den Cousin und intimen Freund der Damen Devaux.« Nachdem er diese Worte gesprochen hatte, warf sich Vadevant in die Brust und betrachtete den jungen Mann, auf welchen, wie er glaubte, diese Worte eine gewaltige Wirkung hervorbringen würden. Aber Emil begnügte sich, den Kopf ein wenig zu erheben, indem er murmelte: »Die Damen Devaux? Wer sind diese?« »Wer meine Cousinen Devaux sind? Nun, mein Herr, diese Frage scheint mir sehr sonderbar. Sie erinnern sich nicht meiner liebenswürdigen Cousinen Laura und Ophelia, der vortrefflichen Virtuosinnen, von denen die Eine singt, während die Andere mit den Castagnetten tanzt?« »Ah! warten Sie doch ... ja, ja ... ich erinnere mich jetzt ... zwei sehr originelle junge Frauenzimmer; die Mutter ist eine dicke Mama, die immer einen Turban trägt.« »Eine dicke Mama!« murmelte Vadevant mit beleidigter Miene: »es ist meine rechte Cousine, mein Herr, ich bitte Sie, das nicht zu vergessen.« »Nun gut! mein Herr, zur Sache ... weßhalb sind Sie hergekommen? und was geht es mich an, daß Sie der Cousin der Damen Devaux sind?« »Sie sollen es erfahren, mein Herr, da Sie es nicht errathen wollen. Es scheint mir indeß, daß nach den Verhältnissen, die zwischen Ihnen und meinen Cousinen stattgefunden haben, Ihr Herz Ihnen sagen sollte, was mich herführt.« »Die Verhältnisse meines Herzens ... Was Teufels soll Alles das bedeuten?« »Das soll bedeuten, mein Herr, daß Sie zu meiner Cousine Devaux gekommen sind, und daß Sie dort ihren Töchtern offenkundig den Hof gemacht haben. Zuerst Ophelia, dann Laura ... daß die Mutter Ihre häufigen Besuche ruhig mit angesehen hat, vollkommen überzeugt, daß Sie nur anständige Absichten haben könnten ... daß die jungen Mädchen zu gefühlvoll ... bei Ihnen ihre Kälte verloren haben ... und daß endlich meine Cousine Devaux, nicht zweifelnd, daß Sie um die Hand wenigstens einer ihrer Töchter anhalten würden, mir geschrieben hat und mich aus Château-Thierry hat herkommen lassen, damit ich der Hochzeit Laura's oder Ophelia's, gleichviel welcher, beiwohnen solle; man willigt ein, Ihnen diejenige zu geben, die Sie wählen wollen. Nach diesem, mein Herr, hat man doch Ursache, sich zu wundern, daß man Sie nicht mehr bei meinen Cousinen sieht, und um den Grund hiervon zu erfahren und um Sie zu fragen, wann Sie einmal die Sache zu Ende bringen wollen, bin ich hierher gekommen.« Vadevant wartete auf die Entscheidung über das, was er eben gesagt hatte; aber Emil war nicht im Stande, ihm zu antworten; seitdem er den Zweck des Besuches des kleinen Mannes erfahren hatte, wälzte er sich, laut auflachend, im Bette herum. Ungeduldig über diese Ausbrüche von Lustigkeit, die kein Ende nehmen wollten, schrie Vadevant: »Es scheint mir, mein Herr, daß meine Worte Ihnen Vergnügen machen; ich bin sehr erfreut darüber, aber wenn Sie mir antworten wollten ;...« »Ha! ha! das ist zu drollig! ... das ist zu drollig!« »Was ist denn hier drollig, wenn es Ihnen beliebt, mein Herr?« »Ha! ha! ha! das ist herrlich! Man sollte die Familie Devaux unter eine Glasglocke stellen.« »Wie! mein Herr ... was soll das heißen ;...« »Das soll heißen, daß nur ein Narr glauben kann, ich habe je die Absicht gehabt, Fräulein Laura oder Fräulein Ophelia zu heirathen ;...« »Was! mein Herr ... Sie wollen nicht mehr?« »Ach! mein lieber Herr, habe ich denn jemals wollen können. Weil ich manchmal zu den sogenannten Concerten dieser Damen gegangen bin ... und gelacht habe, wozu es übrigens dort an Gelegenheit nie fehlte, und weil ich Ihren Cousinen gesagt habe, was mir gerade in den Kopf kam! sollte man glauben ... Ach! dazu muß man Madame Devaux sein. Sagen Sie ihr doch, ich sei zu ihr gekommen, wie man zuweilen zur Parade auf die Boulevards geht, um sich einen Spaß zu machen, sich einen Augenblick zu ergötzen, und das war Alles.« Vadevant sprang mit einer wüthenden Miene auf und schrie: »Sie sind zu meinen Cousinen gegangen wie zur Parade! O! mein Herr, das ist doch zu stark. Aber das wird Ihnen nicht so hingehen. Wir sind da, mein Herr; Sie haben ohne Zweifel geglaubt, nur mit Frauen zu thun zu haben, da haben Sie sich gewaltig getäuscht. Die Damen Devaux haben achtzehn Cousins, von denen ich der Jüngste bin, und wir werden nicht zugeben ;...« Emil lachte noch stärker, als er die drohende Miene sah, welche der kleine Mann annahm. Dieser näherte sich dem Bette, stemmte seine Hand in die Hüfte und versuchte es, seiner Stimme eine gewaltige Stärke zu geben, indem er rief: »Sie müssen eine von meinen Cousinen heirathen, mein Herr; Sie müssen, sonst läuft Ihr Leben große Gefahr ... Sie verstehen mich.« »Ja, mein theurer Freund, ich verstehe Sie sehr gut; ich werde mich mit den achtzehn Cousins schlagen müssen, mit allen in- und ausländischen Devaux', nicht wahr? Wohlan! Um die Sache abzukürzen, können wir Beide sogleich den Anfang machen. Ich habe vortreffliche Degen und Pistolen hier, Sie können wählen. Ich bitte Sie bloß um die Erlaubniß, mich im Hemde schlagen zu dürfen, das wird mir bequemer sein, wenn ich blessirt werde.« Während der letzten Worte Emils war in Vadevants Haltung eine große Veränderung vorgegangen; die drohende Miene war verschwunden, er ließ seine Hand von seiner Hüfte herabsinken und das Maul hängen und sah sich in allen Winkeln des Zimmers um; endlich bemächtigte sich eine sichtbare Aufregung seines ganzen Wesens, und in dem Augenblicke, in welchem der junge Mann, zu dessen Besuch er gekommen war, sich anschickte, aus dem Bette zuspringen, beeilte sich Vadevant, ihn darin zurückzuhalten, indem er mit einer fast honigsüßen Stimme zu ihm sagte: »Mein Herr, wofür halten Sie mich! Ich werde nicht zugeben, daß Sie sich im Hemde schlagen; denn man erhitzt sich beim Duelliren, und da könnten Sie leicht einen Katarrh oder gar eine Brustentzündung davon tragen.« »Das darf Sie nicht beunruhigen, mein Herr, ich mache mir nichts aus einem Katarrh.« Emil wollte noch immer sein Bett verlassen, aber Vadevant wickelte ihn in sein Couvert ein, indem er ausrief: »Nein, mein Herr, bleiben Sie doch, ich bitte Sie darum. Ich mich mit Jemand schlagen, der fast nackt ist? Was denken Sie? Alle Vortheile wären auf meiner Seite.« »Wenn es mir nun aber so beliebt.« »Aber ich, mein Herr, will, daß in einem Duell die Vortheile auf beiden Seiten gleich seien.« »So ziehen Sie sich aus, so weit ich es bin, dann werden die Vortheile gleich sein.« »Wie! ich soll mich bis aufs Hemd entkleiden! Pfui! mein Herr, unser Kampf wäre unanständig.« »Nun denn, so lassen Sie mich ein Paar Hosen anziehen, das ist gleich geschehen.« Emil wollte immer wieder aufstehen, Vadevant verhinderte ihn aufs Neue daran, indem er rief: »Es ist unnütz! Wir können uns diesen Morgen nicht schlagen, wir haben keine Sekundanten, und es müssen wenigstens zwei auf jeder Seite sein. Ich will nicht für einen Mörder gelten.« Emil betrachtete den kleinen Mann scharf, dann zuckte er die Achseln und legte sich nieder, indem er sagte: »In der That; ich glaube, es ist unnütz, daß ich aufstehe. Gestehen Sie, mein Herr, daß Sie überhaupt keine Lust haben, sich zu schlagen, daß alle Ihre Reden nur Großsprechereien waren, und das wird besser sein.« Vadevant erwiderte nichts, aber er zog sein Sacktuch aus der Tasche, brachte es an seine Augen, schnauzte sich dreimal hintereinander, und stieß dann einen tiefen Seufzer aus. Während dieser Zeit drehte sich Emil nach der Wand um, drückte sich in die Kopfkissen ein, und schien auf die sich im Zimmer befindliche Person gar nicht mehr zu achten. Nachdem er eine sehr gerührte Miene angenommen, nachdem er mehrere Male die Augen zusammengezwickt hatte, um wo möglich Feuchtigkeit herauszupressen, stotterte Vadevant mit weinerlicher Stimme: »Ach! mein Herr, wäre es nicht grausam, deßhalb zu dem immer so unangenehmen Aeußersten zu greifen, und ist es nicht viel besser, viel vernünftiger, sich zu verständigen. Lassen Sie mich zu Ihrem Herzen sprechen, es wird für meine Worte nicht taub sein; besonders da ich die Sache der Unschuld und der Schönheit vertheidige; denn Sie werden nicht läugnen, daß meine Cousinen schön sind. Es sind zwei Rosen, die nur auf Ihren Hauch warten, um sich zu öffnen.« Vadevant hielt einen Augenblick inne, doch da ihm Emil nicht antwortete, so schloß er daraus, daß er ihm mit Aufmerksamkeit zuhöre; und nachdem er sich noch einmal geschnäuzt, um glauben zumachen, er weine, fuhr er fort: »Meine jungen Cousinen lieben Sie, ich suche nicht es Ihnen zu verbergen. Laura springt für Sie mit Ihren Castagnetten durchs Feuer; sie vervollkommnet sich in den spanischen Tänzen, weil Sie diese zu lieben schienen. Heirathen Sie sie, und jeden Morgen wird sie Ihnen, während Sie Ihre Chokolate trinken, die Cachucha vortanzen. Ophelia betet Sie an. Schon ausgezeichnete Virtuosin, treibt sie ihre Stimmfertigkeit zu einer Höhe, daß es Einem schwindelt, da sie weiß, daß Sie ein großer Liebhaber vom Gesänge sind; sie hat auf Ihren Namen eine herrliche Orgelpièce componirt; einmal Ihre Frau, wird sie nur in Rouladen mit Ihnen sprechen. Ich weiß wohl, daß Sie nur Eine von ihnen heirathen können; aber wählen Sie, und die Andere wird sich trösten, indem sie Ihnen den so süßen Namen eines Bruders beilegen wird.« Vadevant hielt inne; er war überzeugt, daß seine Rede einen tiefen Eindruck auf den jungen Mann gemacht haben mußte: aber dieser beharrte in seinem Stillschweigen. »Sie antworten mir nicht,« sagte Vadevant, »ich errathe die Ursache; Sie fühlen Ihr Unrecht und wollen es nicht eingestehen; beruhigen Sie sich! Im Namen meiner Cousinen wage ich es, Ihnen zu versichern, daß Alles vergeben ist. Es wird von dem Vergangenen keine Rede mehr sein; Sie sollen keinen Vorwurf hören; sagen Sie mir nur, welche von den beiden Schwestern Sie wählen, und ich kehre zurück, um der Familie Devaux das Glück wieder zu bringen.« Vadevant näherte sich dem Bette: keine Antwort; er neigte sich ein wenig gegen Emil, indem er sagte: »ihren Namen ... derjenigen, welche Sie wählen: Laura oder Ophelia ... lassen Sie hören ... Wie?« Da der kleine Mann etwas zu hören glaubte, beugte er seinen Kopf noch mehr vor; aber er bemerkte bald, daß das, was er für eine Antwort gehalten, nur ein langes und dumpfes Aufathmen war, welches anzeigte, daß der, an welchen er seine Worte gerichtet hatte, in einen tiefen Schlaf versunken war. »Er schläft!« sagte Vadevant zu sich; »er ist eingeschlafen, während ich zu ihm sprach ... das ist sehr unartig ... das ist sogar unbegreiflich ... denn ich sagte ihm so ergreifende Dinge, daß es ihn hätte rühren müssen ... Was ist zu machen? Soll ich so weggehen ... ohne eine Antwort zu haben? Ich weiß wohl, daß er mir gleich Anfangs gesagt hat, er wolle Nichts von meinen Cousinen; aber ich hatte mich schlecht dabei benommen, ich hatte ihn in Zorn gebracht, während ich, wenn ich ihm ans Herz sprach, einen glücklichen Erfolg erreichen mußte ... Und wer weiß, ob dieser Schlaf nicht verstellt ist ... ob er nicht bloß die Augen schließt, um mir seine Thränen zu verbergen.« In dieser Ueberzeugung beugte sich Vadevant noch einmal über Emil hin, faßte ihn sanft am Arm, indem er flüsterte: »Ist es Laura? ist es Ophelia? ... Erklären Sie sich, theurer Cousin!« Da er sich berührt fühlte, erwachte Emil sogleich: er gähnte, öffnete die Augen, drehte sich um und bemerkte Vadevant, dessen Gesicht fast auf dem seinigen lag; bei dem Anblicke dieses Kopfes belebte ein Ausdruck von Zorn die Augen des jungen Mannes, und er rief: »Abermals dieser vermaledeite Mensch! Er hat sich also verschworen, mich nicht schlafen zu lassen ... Ah, das ist zu stark! Düpré! Düpré! Germain! ;...« Emil hatte sich aufgesetzt und zog mit Heftigkeit an einer Klingelschnur, welche neben seinem Kopfkissen hing. Der Kammerdiener erschien. Während dieser Zeit lief Vadevant, seinen Hut suchend, im Zimmer hin und her. »Düpré! wirf diesen Menschen augenblicklich zur Thüre hinaus!« rief Emil, auf Vadevant zeigend, der in der Angst seinen Hut nicht finden konnte; »und wenn ihm noch einmal das Unglück passirt, sich bei mir zu zeigen, so befehle ich Dir, ihn die Treppe hinabzuwerfen.« Der Diener näherte sich und schickte sich an zu thun, was ihm sein Herr befohlen hatte; aber Vadevant, dem es endlich gelungen war, seinen Hut zu packen, drückte ihn in den Kopf und beeilte sich selbst, die Thüre zu gewinnen, während er schrie: »Das ist abscheulich! das ist ein Gräuel! So behandelt man keinen Ehrenmann! ... Aber Sie werden von mir hören, mein Herr, ich werde meine Cousinen rächen ... ich werde Sie lehren ... ich ;...« Die letzten Worte erreichten Emils Ohr nicht mehr; denn während er sprach, hielt es Vadevant für klug, seine Beine aufs Schnellste in Bewegung zu setzen, aus Furcht, von dem Bedienten verfolgt zu werden; auf der Straße erst fand er seine volle Stimme wieder und überließ sich einem Zorne, der die Vorübergehenden lachen machte. Emil indeß, ärgerlich, geweckt worden zu sein, weil er von Stephanien träumte, legte sein Haupt aufs Neue auf seine Kissen; und schon nicht mehr an den eben empfangenen Besuch denkend, suchte er den Traum, um den man ihn gebracht hatte, wieder zu finden. Er liebkoste das Bild des herrlichen Mädchens, dem er den Hof machte, von Neuem in seinen Gedanken, und schloß die Augen, indem er zu sich sagte: »Das Kind genirt mich ... das Kind muß ich von Stephanien entfernen.« Vierzehntes Kapitel Ein Festtag Es war einige Zeit vorübergegangen, seitdem Herr Guerreville bei Grillon zu Mittag gespeist hatte, und seitdem hatte er nur seine Karte bei den Eltern seiner Pathe abgeben lassen, da er sich den Muth nicht mehr zutraute, wieder in eine Gesellschaft zu gehen, wo man sich das Aussehen geben mußte, als unterhalte man sich. Guerreville hatte den von Vadevant ausgesprochenen Namen der Damen Dolbert vergessen, der ihn einen Augenblick an die kleine Zizine erinnert hatte; er hatte auch nicht mehr an den Wasserträger Jerome gedacht und sich von Neuem seinen Nachforschungen hingegeben, die stets ohne Erfolg blieben, und die er doch jeden folgenden Tag wieder anfing. Der Winter ging zu Ende, der Frühling und die schönen Tage kamen wieder; aber gibt es schöne Tage für einen Mann, dessen Herz einem Kummer zur Beute geworden ist, den nichts zerstreuen kann? Herr Guerreville bemerkte kaum den Wechsel der Jahreszeiten; jeden Abend, wenn er nach Hause kam, sagte er zu sich: »Nichts! ... nie die mindeste Spur! ... niemals ... nie eine Nachricht! ;...« Und er warf sich traurig auf einen Sessel, ohne sich darum zu bekümmern, ob der Himmel heiter sei, ohne daran zu denken, die angenehmere Luft des Frühlings einzuathmen. Eines Tages fühlte sich Herr Guerreville, ohne sich einen Grund angeben zu können, noch niedergeschlagener, noch bekümmerter als gewöhnlich; da er nicht den Muth hatte, mit seinem zusammengepreßten Herzen und seinen von Thränen angeschwollenen Augen auszugehen, war er zu Hause geblieben und saß an einem Tische; das Haupt auf eine seiner Hände gestützt, fragte er sich selbst und suchte zu ergründen, woher ihm diese Verdoppelung seines Unbehagens und seiner Traurigkeit kommen könnte. Und doch war an diesem Tage der Himmel rein und die Sonne von keiner Wolke verhüllt. In dieser Stimmung hatte Guerreville nur den einen Wunsch, daß Niemand kommen möchte, ihn in seiner Einsamkeit zu stören. Aber gegen die Mitte des Tages weckte ihn der Ton der Klingel, welche mit Heftigkeit gezogen wurde, aus seinen Betrachtungen. Herr Guerreville wollte sich Anfangs verläugnen lassen, aber er hatte Jenneval seit mehreren Tagen nicht gesehen, und da er glaubte, es sei der Doktor, der ihn zu besuchen komme, so unterließ er seinem Diener zu sagen, daß man ihn nicht sprechen könne. Der Diener erschien bald darauf an der Zimmerthüre seines Herrn. »Wer hat geläutet?« fragte Herr Guerreville. »Die junge Dame und der junge Herr, welche schon einmal den Herrn besucht haben: seine Pathe und Herr Julius.« Ein Laut des Unwillens entschlüpfte Herrn Guerreville. Georg fuhr fort: »Sie haben mich gefragt, ob der Herr da sei ... und meiner Treu, ich habe gesagt ja ... Ich wußte nicht, ob ;...« »Darf ich mich denn nie ungestört meinen Gedanken hingeben ... immer Unterbrechung! Und warum kommen sie mit einander?« »Ah, ich glaube, daß sie sich nur auf der Treppe getroffen haben, denn sie scheinen sich nicht zu kennen ... Aber, wenn der Herr den jungen Mann und das Frauenzimmer nicht annehmen wollen, so will ich ihnen sagen, daß sie fortgehen sollen.« »Dummkopf ... nachdem Du ihnen gesagt hast, ich sei zu Hause ... das wäre unartig ... Laß sie eintreten.« »Alle beide, mein Herr?« »Ja ... ich werde um so schneller erfahren, was sie von mir wollen. Geh, Georg.« Der Diener entfernte sich und Herr Guerreville suchte zum Empfang der beiden jungen Leute eine freundlichere Miene anzunehmen. Bald öffnete sich die Thüre von Neuem und Agathe trat zuerst herein; sie hielt einen schönen Blumentopf in der Hand, in welchem ein mit Knospen bedeckter Myrtenstrauch war; das junge Mädchen schien stolz darauf, diesen Strauch zu tragen, dessen Last ihren zarten Händen doch ein wenig beschwerlich sein mußte; sie näherte sich Herrn Guerreville mit halb ernster, halb lächelnder Miene, wie Kinder, die sich bei einer Feierlichkeit ein würdevolles Ansehen zu geben suchen und gezwungen sind, sich in die Lippen zu beißen, um nicht zu lachen. Hinter dem jungen Mädchen trat Julius ein, der ebenfalls einen Blumentopf in seinen Armen hielt, welcher auch einen Myrtenstrauch einschloß. Derselbe Gedanke, dieselbe Erinnerung hatte diejenigen, welche sie schickten, geleitet, und so hatten sie natürlich dieselbe Blume gewählt. Aber der junge Mann näherte sich mit einer ernsteren, bewegteren Miene, und die Augen auf das Bouquet gerichtet, das er darreichen wollte. Herr Guerreville hatte Anfangs nur eine leichte Ueberraschung gezeigt, als er sah, daß ihm Agathe eine Myrte brachte; als aber seine Augen auf das Bouquet fielen, welches Julius hielt, überzog plötzlich eine Blässe sein Gesicht; seine Erinnerung erwachte ... sein Gedächtniß rief ihm den Zeitabschnitt zurück, in welchem er sich befand, und statt sich zu erheben, um den jungen Leuten entgegen zu gehen, fiel er auf seinen Stuhl zurück, ohne ein Wort hervorbringen zu können. Indeß kamen Agathe und Julius zu ihm heran; das Mädchen stellte sich zu seiner Linken, Julius auf die andere Seite; Beide reichten ihm ihre Bouquets hin und sagten fast gleichzeitig: »Lieber Pathe ... wollen Sie mir erlauben? ;...« – Mein Herr ... ich nehme mir die Freiheit ;... – »Ich komme, Ihnen zu Ihrem Namenstage Glück zu wünschen und diese Myrte, mit allen meinen Wünschen und denen der Mama für Ihr Glück, zu überbringen.« »Mein Herr ... nehmen Sie auch mein Bouquet gütigst an ... Meine Mutter hat mir gesagt, daß heute Ihr Namenstag sei, und daß Sie mir erlauben würden, Ihnen dazu Glück zu wünschen.« »Mein Namenstag! ... heute mein Namenstag! ;...« stotterte Guerreville mit unterbrochener Stimme; dann erhob er seinen Kopf ein wenig, indem er seine Augen im Zimmer umherirren ließ, wo sie Jemand zu suchen schienen; bald aber drückten sie nur eine düstere Verzweiflung aus und senkten sich wieder auf den Boden, wahrend sein Mund murmelte: »Sonst war sie da ... und nun? ... niemals mehr ... o mein Gott! niemals mehr! ;...« »Ja, lieber Pathe, heute ist Ihr Namenstag, der heilige Isidorus,« sprach Agathe wieder, nachdem sie ihren Blumentopf niedergesetzt hatte, »und ich werde darauf bedacht sein, niemals zu vergessen, Ihnen an demselben Glück zu wünschen ... Es ist ein so großes Vergnügen, seinem Pathen einen Blumenstrauß zu überreichen ... Wollen Sie mir erlauben, Sie zu küssen?« Das junge Mädchen bückte sich und bot Herrn Guerreville ihre Rosenwangen hin, dieser aber rührte sich nicht; sie entschloß sich endlich, ihn auf die Stirne zu küssen, bald aber sprang sie zurück, indem sie ausrief: »Ah, das ist sonderbar ... wie kalt mein Pathe ist!« Julius, der seit einigen Augenblicken darauf wartete, daß ihn Guerreville eines Blickes würdigen würde, und aus seinem Munde ein freundliches Wort zu vernehmen hoffte, stürzte sich jetzt auf ihn zu und stieß einen Schreckensruf aus, als er wahrnahm, daß Herr Guerreville das Bewußtsein verloren hatte: »Ach, mein Gott, Mademoiselle! ... er befindet sich unwohl ... er ist völlig ohnmächtig!« »Wäre es möglich ... lieber Pathe ... mein armer Pathe! ... Ach, was hat das zu bedeuten? ;...« – Was ist zu machen ... was kann man ihm geben? ;... – »Ach, warten Sie, ich will Jeannette rufen ... sie ist mit mir gekommen ... O, mein Gott, mein armer Pathe! ;...« Und das junge Mädchen lief, ihre Bonne zu holen, dann kam sie zu Herrn Guerreville zurück, rieb ihm die Stirne, kitzelte ihn in der Hand. Während dieser Zeit öffnete Julius das Fenster, suchte Flacons, flüchtige Salze; Georg und Jeannette liefen in allen Zimmern umher, brachten tausend Dinge herbei, rannten aneinander, stießen die Köpfe zusammen und verzweifelten, weil Herr Guerreville immer in demselben Zustande blieb. Die Ankunft des Doktor Jenneval weckte wieder die Hoffnung in Aller Herzen; man lief ihm entgegen, man zeigte ihm den, mit dessen Wiederbelebung man sich fruchtlos bemühte. Jenneval fing damit an, sich über die Ursache dieser Ohnmacht zu unterrichten, und Agathe drängte sich vor, zu erzählen: »Mein Herr, wir kamen zusammen her, dieser Herr und ich, um meinem Pathen zu seinem Namensfeste Glück zu wünschen. Ich weiß nicht, ob er heute schon krank war.« »Nein,« sagte Georg, »nur schien der Herr heute noch trauriger, niedergeschlagener zu sein, als gewöhnlich.« »Wir kamen hieher, um ihm Jedes ein Bouquet zu überreichen ... und es fand sich, daß wir ihm Beide eine Myrte brachten ... Aber das hat ihn nicht krank machen können, denn die Myrten haben keinen Geruch, nicht wahr, mein Herr?« »Aber er war wahrscheinlich auf Euern Besuch nicht vorbereitet?« sagte Jenneval; »was hat er bei Eurem Anblick gesagt?« »Er wurde blaß,« erwiderte Julius, »dann sah er sich nach allen Seiten im Zimmer um, ließ den Kopf auf die Brust sinken, während er einige Worte stammelte, die ich nicht habe verstehen können.« »Genug,« sagte der Doktor, »ich errathe, ich glaube es zu verstehen ... Entfernen Sie sich einen Augenblick ... gehen Sie in ein anderes Zimmer. Sie, Georg, nehmen Sie diese Blumentöpfe weg, damit sie Ihr Herr nicht sehen kann, wenn er die Augen wieder aufschlägt.« »Aber, mein Herr, da das nach nichts riecht! ;...« rief Agathe. »Lassen Sie mich gefälligst handeln, mein Fräulein. Georg, thun Sie, wie ich Ihnen gesagt habe.« Man führte die Befehle des Doktors aus, und die beiden jungen Leute, ganz bestürzt über das eben Vorgefallene, entfernten sich traurig von dem, welchen zu feiern sie gekommen waren. Als er sich mit seinem Freunde allein befand, bemühte sich Jenneval, ihm mit allen Mitteln seiner Kunst beizustehen. Nach Verfluß von einigen Augenblicken sah er Herrn Guerreville wieder zu sich kommen; bald öffneten sich seine Augen wieder und schauten sich um, aber seine Brust war beklommen, er holte schwer Athem. Der Doktor ergriff seine Hand und erwärmte sie in den seinen, indem er sagte: »Mein armer Freund ... diese jungen Leute haben Ihnen, ohne sich dessen zu versehen, großes Leid zugefügt ... O! ich habe Alles errathen ... indem sie Ihnen zu Ihrem Namensfeste Glück wünschen wollten ... an das Sie ohne Zweifel nicht dachten, haben sie Sie an einen Zeitpunkt Ihres Lebens erinnert, in welchem Sie glücklich waren ... wo Sie diejenige ... welche Sie suchen ... welche Sie unaufhörlich betrauern ... um sich hatten ... damals vielleicht ... war sie es, welche Ihnen zuerst ein Bouquet überreichte.« »Meine Tochter! ... Meine Pauline! ;...« schrie Guerreville. »O! ja ... ja ... sie kam immer zuerst ... brachte mir ein Bouquet ... und warf sich in meine Arme ... indem sie sagte: Lieber Vater! welch' eine Freude für mich, Dir Glück zu wünschen!« Nachdem er diese Worte gesprochen, stützte Herr Guerreville sein Haupt an Jennevals Brust, er hatte nicht mehr die Kraft zu sprechen; aber zwei Thränenbäche brachen hervor und überschwemmten sein Gesicht. Der Doktor drückte ihn in seine Arme, indem er sprach: »Weinen Sie ... weinen Sie an der Brust Ihres Freundes ... ich selbst habe diese Thränen hervorgerufen, die Sie zu ersticken drohten ... lassen Sie Ihren Schmerzen freien Lauf! ... es gibt keinen, der mehr Achtung verdient, als der eines von seinem Kinde verlassenen Vaters! ;...« »O, mein lieber Jenneval! ... Ich bin sehr unglücklich! ... Aber es scheint mir in der That, daß diese Thränen mich erleichtern ... Ja! es ist meine Tochter ... meine Tochter, die ich anbetete ... welche mir jetzt alle meine Qualen und Schmerzen verursacht ... Sie sollen Alles erfahren, mein Freund, ich will kein Geheimniß mehr vor Ihnen haben ... Sie sind meines Vertrauens würdig ... Verzeihen Sie mir, daß ich so lange gezögert habe, Ihnen dieses Geständniß zu thun ... Ach! es geschah nicht, weil ich an Ihrer Freundschaft zweifelte, aber ich wollte noch immer verbergen ... die Schuld meiner Tochter.« »Wohlan, mein Freund ... ermannen Sie sich, Sie befinden sich jetzt wieder besser ... Ah! Wie sehr wünsche ich mir Glück, in diesem Augenblicke gekommen zu sein!« »Guter Doktor! ... Ja ... ich erhole mich ... Es hatte sich heute, ohne daß ich den Grund davon wußte, eine doppelte Traurigkeit meiner bemächtigt ... War es vielleicht eine unbestimmte Erinnerung an eine Epoche, die mir sonst so erfreulich war? ... Ich weiß es nicht ... Aber die armen jungen Leute, welche gekommen waren, mir Glück zu wünschen, und die ich auf eine so traurige Weise empfangen habe ... ich sehe sie nicht mehr.« »Sie sind da ... in dem Seitenzimmer ... wo sie ohne Zweifel mit Ungeduld darauf warten, daß ich ihnen erlaube, zu Ihnen zurückzukehren.« »Arme Kinder! ... Es ist doch sonderbar! ... ihr Anblick hat mich noch unglücklicher gemacht ... Und dennoch ... Ach! Doktor, wenn Sie wüßten ;...« »Sie werden mir das Alles sagen ... Und ich glaube, daß ich wenig Neues dabei erfahren werde; denn durch Uebung daran gewöhnt, die Gefühle meiner Kranken zu studiren, weiß ich fast immer schon vorher, was man mir anvertrauen will. Fühlen Sie sich stark genug, die jungen Leute wieder zu sehen, oder wollen Sie, daß man sie fortschicke?« »Sie mögen kommen, Doktor, ich will ihnen selbst für ihren Glückwunsch ... und ihr Bouquet danken.« Jenneval öffnete die Thüre des Salons, wo Agathe und Julius jedes in einem Winkel saß und ängstlich darauf wartete, daß man ihnen Nachricht von dem Zustand Guerreville's gebe; auf ein Zeichen des Doktors sprangen sie auf und liefen herbei. »Ach! lieber Pathe! ... Wie sehr hat es mich geschmerzt, Sie zu sehen, als Sie ganz weg waren!« rief Agathe, indem sie Herrn Guerreville's Hand ergriff, während Julius mit bewegter Stimme zu ihm sprach: »Befinden Sie sich besser, mein Herr? wie fühlen Sie sich? ... Ach! ich war sehr in Unruhe ... ganz trostlos! ;...« »Ich danke ... Julius ... danke, meine gute Agathe,« erwiderte Herr Guerreville, indem er sich zu lächeln zwang. »Es war nichts ... ein Uebelbefinden ... dessen Grund ich nicht kenne ... aber es ist gänzlich vorüber.« »Nicht wahr, lieber Pathe, unsere Myrten waren an Ihrem Unwohlsein nicht Schuld ... Obgleich Ihr Herr Doktor unsere Blumentöpfe von hier hat entfernen lassen? ;...« »Nein! nein, es kam nicht von Euren Blumen.« »Mein Stock ist sehr hübsch, es ist der mit den vielen Knospen ... Wenn Sie wollen, lieber Pathe, so hole ich ihn herbei.« »Nein, meine liebe Pathe, lassen Sie ihn, wo man ihn hingestellt hat ... Ich bin durch Ihre Aufmerksamkeit, durch Ihr Andenken sehr erfreut ;...« »O! lieber Pathe, ich wußte nicht, daß heute Ihr Namenstag war; Mama hat mich gestern davon unterrichtet, indem sie zu mir sagte: Obgleich Dein Pathe Dich nicht mehr besucht, und sich gar nicht mehr um Dich zu bekümmern scheint, so ist doch morgen sein Namensfest, und da darfst Du nicht ermangeln, hinzugehen, um ihm Glück zu wünschen; Mama hat auch den Myrtenstrauch gekauft, und mehrere kleine Vergißmeinnicht herumgepflanzt ... Sie werden sehen ... sie sagte, das sei allegorisch! ;...« Jenneval wandte lächelnd den Kopf ab, und Herr Guerreville sagte, um dem Geschwätz seiner Pathe bald ein Ende zu machen: »Meine liebe Agathe, bringen Sie Ihrer Frau Mutter meinen innigsten Dank ... Sie werden mich entschuldigen, daß ich Sie nicht habe besuchen können ... Herr Julius, haben auch Sie die Güte, meine Empfehlung an Madame Galet zu übernehmen ... Meine Geschäfte ... meine Gesundheit gestatten mir nicht immer, über meine Zeit zu verfügen ... Ehe ich Sie aber wieder besuche, hoffe ich, daß Sie auch von mir ein Bouquet annehmen werden ... denn ich bin sehr zerstreut, und könnte Ihren Namenstag vergessen, deßhalb möchte ich es Ihnen schon heute überreichen.« Julius schwieg und schlug die Augen nieder: ein Etwas sagte ihm, das Bouquet werde wiederum eine Rolle mit Goldstücken sein, die man in seine Hand gleiten lassen würde, und seitdem er die letzte, von der Guerreville behauptet hatte, sie schuldig zu sein, seiner Mutter übergeben hatte, sprach er nie einen Wunsch aus, ohne daß diese ihn nicht sogleich erfüllt hätte; so konnte der junge Mann seine Neigung für das Theater befriedigen, ohne genöthigt zu sein, von seinem Vater Geld zu verlangen, wodurch dann Frieden im Laden der Parfümeriehändlerin herrschte. Agathe aber, die nicht gewöhnt war, lange zu schweigen, ohne dazu gezwungen zu sein, beeilte sich, Herrn Guerreville, der an seinen Sekretär gegangen war, zu erwidern: »O! lieber Pathe, ich werde Alles annehmen, was Sie mir gerne geben wollen, und nehme es eben so gerne sogleich, als an meinem Namenstage, denn es ist wahr, Sie könnten denselben vergessen ... Sie haben so viele Dinge im Kopfe! ... Ueberdies hat mir Mama gesagt, ich dürfe niemals etwas von Ihnen zurückweisen ... und ich möchte ihr nicht ungehorsam sein!« »Nehmen Sie denn, meine liebe Pathe,« sagte Guerreville, indem er Agathen ein kleines Portefeuille gab, »hier ist mein Bouquet ... Gehen Sie, und seien Sie glücklich ... das ist mein aufrichtiger Wunsch ;...« Das junge Mädchen nahm das Portefeuille, in welches sie schon hätte hineinsehen mögen, und machte eine tiefe Verbeugung, indem sie sagte: »Dank, lieber Pathe.« Herr Guerreville hatte sich indeß Julius genähert, dem er eine geschmackvolle Brieftasche, mit goldenem Schlosse überreichte, indem er sprach: »Hier ist mein Bouquet ... Ich hoffe, Sie werden sich daran erinnern, daß ich ein alter Freund Ihrer ... Familie bin, und mir den Verdruß nicht machen, mein Geschenk zu verschmähen.« Julius nahm die Brieftasche mit Erröthen, denn eine innere Stimme sagte ihm, daß in derselben noch ein anderes Geschenk enthalten sei, er stotterte einige Worte des Dankes, während Herr Guerreville ihm die Hand drückte; Julius hätte gerne den Mann, der trotz seiner kalten Miene sich so großmüthig gegen ihn erwies, geküßt, aber obwohl er große Lust dazu verspürte, so hatte er doch nicht den Muth, ihn um diese Gunst zu bitten; und nachdem er einen tiefen Seufzer ausgestoßen, grüßte er Herrn Guerreville und nahm Abschied von ihm. Fräulein Agathe beeilte sich, ein Gleiches zu thun, denn sie hätte gerne schon draußen sein mögen, um ihr Portefeuille untersuchen zu können; sie lief auf ihren Pathen zu, küßte ihn, machte dem Doktor mehrere Knixe, und sprang mit Jeannetten fort, indem sie rief: »Auf Wiedersehen, lieber Pathe; gute Besserung, und besuchen Sie uns, wenn Sie Zeit haben.« Kaum war sie mitten auf der Treppe, als sie stehen blieb und that, als müßte sie ihr Schuhband fester knüpfen, um Julius vorangehen zu lassen, der sie grüßte und sich entfernte. Mit ihrer Kammerfrau allein, zog sie ihr kleines Portefeuille aus der Tasche und sprach: »Gewiß hat mir mein Pathe dieses häßliche kleine Portefeuille, das gar nichts gleich sieht, nicht leer gegeben ... Ich wette, es steckt etwas darin, nicht wahr, Jeannette?« »O! ja freilich, Mademoiselle; sehr wahrscheinlich ... ist es schwer? ;...« »Nein, es ist nicht schwer ... Es klingt auch nicht ... Wir wollen sehen ;...« Das Portefeuille ist offen, Agathe untersucht es, durchläuft es mit solcher Haft, daß sie die Tasche noch gar nicht bemerkt hat, die an der Decke befestigt ist, sie blättert, reißt es hin und her und murmelt schon: »Das ist sonderbar! es ist nichts darin ... das Andenken meines Pathen ist nicht sehr kostbar, da wäre mir die andere Brieftasche lieber gewesen.« Aber Jeannette, die auch hineinsah, bemerkte die kleine Tasche und sagte zu dem jungen Mädchen: »Mademoiselle, sehen Sie doch hieher, es scheint mir, daß Sie dieses Seitentäschchen noch nicht bemerkt haben.« Agathe beeilte sich, diesen Theil des Portefeuilles zu untersuchen, und stieß einen Freudenschrei aus: »Ah! Jeannette! Ein Bankbillet ... Ein Bankbillet von tausend Franken! ;...« »Ist es möglich, Mamsell! ;...« »Ja, Jeannette ... O! ich kenne die Bankzettel sehr gut ... Papa hat mir bisweilen welche gezeigt, indem er sagte: Das sind Fetzen, mit denen man ganz Paris kaufen könnte.« »Ah! Mamsell, lassen Sie mich doch noch einmal sehen, wie das aussieht ... tausend Franken! ;...« »O! das schöne Geschenk! ... Was das für ein lieber Pathe ist! o! ich bin sehr erfreut, ich hätte Lust zurückzukehren, um ihn zu küssen. ;...« »O! nein, Mamsell, er würde ja sehen, daß wir auf der Treppe stehen geblieben sind.« »Du hast Recht, beeilen wir uns vielmehr, nach Hause zu kommen, daß ich den Meinigen das schöne Bankbillet von tausend Franken zeigen kann! ;...« Und Agathe entfernte sich mit ihrer Bonne so schnell als möglich, und auf dem ganzen Wege hielt sie ihre Hand fest auf das Portefeuille gedrückt, und so oft sie hundert Schritte gemacht hatte, öffnete sie es, um sich zu überzeugen, daß ihr Bankzettel noch darin sei; als sie endlich zu ihrer Mutter nach Hause kam, war ihr erstes Wort, »Mama, mein Pathe hat mir ein Geschenk mit einem Bankbillet von tausend Franken gemacht.« Und Madame Grillon erwiderte lächelnd: »Ich glaube es wohl, man bekommt nicht alle Tage eine Pathe wie Dich!« Julius war weniger ungeduldig als Fräulein Agathe; indeß machte ihm die Brieftasche doch zu schaffen; während des Nachhausegehens zog er sie mehrere Male aus seiner Tasche, drehte sie um und bewunderte sie; aber er öffnete sie nicht; er wollte sie zuerst seiner Mutter zeigen, der er versprochen hatte, sogleich zurückzukommen, um ihr Bericht abzustatten, wie ihr Myrtenstock aufgenommen worden sei. Marie war allein, sie erwartete mit Ungeduld die Zurückkunft ihres Sohnes. Sobald sie ihn erblickte, überschüttete sie ihn mit Fragen, denen Julius dadurch ein Ziel setzte, daß er ihr Alles, was vorgegangen war, erzählte. Als sie vernahm, Herr Guerreville habe das Bewußtsein verloren gehabt, wurde sie lebhaft bewegt. Thränen benetzten ihre Augenwimpern, sie blieb einen Augenblick in Nachdenken versunken, dann rief sie: »Ein junges Frauenzimmer, sagst Du, kam auch, Herrn Guerreville Glück zu wünschen?« »Ja, liebe Mutter, eine Pathe von ihm, denn sie nannte ihn unaufhörlich: lieber Pathe ;...« »Eine Pathe von ihm? ... Ah! ja ... ich erinnere mich, die Tochter von Madame Grillon! ;...« Indem sie diese Worte aussprach, zuckte ein bitteres Lächeln über die Lippen der Parfümeriehändlerin, welche seufzend hinzufügte: »Und ohne Zweifel hat diese junge Dame Herrn Guerreville auch eine Myrte überreicht? ;...« »Ja, liebe Mutter ... Wir hatten Beide denselben Strauch ... Herr Guerreville hat seiner Pathe ein kleines Portefeuille und mir diese Brieftasche gegeben, die sehr elegant ist ... Sieh ... hier ist sie, liebe Mutter! ... Ich habe sie noch nicht geöffnet.« Marie nahm die Brieftasche, zog den Stift heraus, der sie zusammenhielt, und alsbald fiel ein Bankbillet heraus und bewegte sich auf dem Ladentisch. »Tausend Franken!« rief Julius, die Banknote genauer ansehend, aus, und ein freudiges Gefühl strahlte in seinen Blicken; doch fast in demselben Augenblicke sah er seine Mutter an und setzte hinzu: »Aber darf ich ein so beträchtliches Geschenk annehmen?« »Ja, mein Sohn,« erwiderte Marie, die Augen niederschlagend, »ja ... denn wenn Du es ausschlägst, könntest Du Herrn Guerreville beleidigen ... und Du mußt Dir seine Freundschaft erhalten.« Julius nahm hierauf das Bankbillet und legte es in seine Brieftasche, die er nicht satt werden konnte, zu bewundern. Nach Verfluß von einigen Augenblicken sagte seine Mutter mit bewegter Stimme zu ihm: »Und hat Dich Herr Guerreville geküßt?« »Nein, liebe Mutter ... und ich ... ich habe es nicht gewagt, ihn zu küssen, obgleich ich große Lust dazu verspürte ;...« »Nicht eine Liebkosung!« sagte Marie, und wandte sich ab, um ihre Thränen zu verbergen. »Ach! eine solche hätte mehr Werth gehabt als Geld!« Fünfzehntes Kapitel Eine Erzählung Kaum hatten sich Agathe und Julius von Herrn Guerreville entfernt, als dieser seinem Diener rief und ihm befahl, Niemanden mehr eintreten zu lassen, da er in seinem Gespräche mit dem Doktor nicht unterbrochen werden wolle. Nachdem er nun mit Jenneval allein war, setzte er sich zu ihm hin und begann, ohne weitere Einleitung, seine Erzählung: »Ich werde über das, was auf meinen Kummer keinen Bezug hat, rasch hinweggehen. Ich bin der Sohn eines hohen Beamten und besitze zwanzigtausend Franken Rente. Sehr frühe verwaist, hatte ich es meinem Namen zu verdanken, daß ich ohne Mühe eine wichtige Anstellung bei einer Verwaltungsbehörde erhielt; da ich aber die Freiheit liebte und keinen Ehrgeiz besaß, kam ich nach einigen Jahren um meine Entlassung ein; übrigens machten mich mein etwas schroffer Charakter und meine Freimüthigkeit zu einem schlechten Hofmann, und wären mir auf dem Wege zur Größe immer hinderlich gewesen. »So viel über meine Stellung in der Welt; jetzt will ich von meinen Gefühlen sprechen. In meiner Jugend hatte die Liebe für mich tausend Reize; mit einem glühenden Herzen, mit einer flammenden Seele geboren, überließ ich mich vielleicht zu schnell dem Zauber eines ersten Eindrucks, welchen mich bald ein anderer, wenn auch nicht vergessen, doch sehr vernachlässigen ließ. Kurz, ich hatte solche Verhältnisse, welche für den größten Theil der jungen Leute nur Launen sind, denen aber bei mir immer Liebe zu Grunde lag. Wenigstens glaubte ich es. »Ich war kaum fünfundzwanzig Jahre alt, als ich in der Gesellschaft ein Fräulein Demontfort kennen lernte, sterblich in sie verliebt wurde und sie heirathete, fest überzeugt, meine Liebe werde ewig währen. Meine Frau war sanft, gut, liebenswürdig ... und trotz dem wurde ich ihr nach einiger Zeit untreu ... Doktor, ich gestehe meine Schuld ein ... denn ich habe die Gewohnheit, offen zu sein und habe mir nie Tugenden angemaßt, die ich nicht hatte. »Ich besaß ein sehr hübsches Gut in der Nähe von Orleans; meine Frau liebte den Aufenthalt auf diesem Landgute und wollte sich dort niederlassen; ich aber kam oft nach Paris und bediente mich dann aller Freiheiten eines Unverheiratheten. Um diese Zeit machte ich die Bekanntschaft eines jungen und liebenswürdigen Mädchens ... Namens Marie ... ich verliebte mich in sie ... und hatte das Unglück, ihr zu gefallen ... Ich wandte indeß keine List an, und verbarg ihr auch nicht, daß ich nicht mehr frei war ... Trotz dem gestand mir Marie, daß sie mich liebe ... Ach! Doktor, die Vernunft ist sehr schwach in jenem Alter, wo die Liebe so große Gewalt hat ... Wir wurden schuldig ... Bald fühlte Marie, daß sie ein Pfand unserer Liebe unter ihrem Herzen trug ... Glücklicherweise war ich reich, ich konnte das Schicksal des jungen Mädchens sicher stellen und sie aller Sorgen überheben; aber Marie war sehr schön! ... In dem Augenblick, wo ich ihr ein Geschäft kaufen wollte, bot ihr ein Mann seine Hand an. Marie war unfähig, ihn betrügen zu wollen, sie verbarg ihm ihre Lage nicht, demungeachtet beharrte dieser Mann auf seinem Entschluß, sie zu heirathen. Marie fragte mich um Rath ... sie hätte vorgezogen, nur für mich zu leben, aber ich bewog sie, das Schicksal ihres Kindes zu sichern, und sie gehorchte mir ;...« »Ich wollte wetten,« sagte der Doktor, »daß dieser junge Julius das Kind dieser zärtlichen Marie ist.« Guerreville antwortete Jenneval nur durch einen starken Druck der Hand und fuhr dann in seiner Erzählung fort: »Um diese Zeit lernte ich auch in Gesellschaft eine junge und hübsche Frau kennen, die gegen ihren Willen an einen Mann verheirathet war, den sie, wie sie mir wenigstens sagte, niemals geliebt hatte ... Ich habe mich später überzeugt, daß sich damit alle Frauen entschuldigen, wenn sie sich eine Schwachheit vorzuwerfen haben. Ich tröstete diese Frau in ihrer Langeweile; ihr Mann war damals abwesend; seine Reise zog sich in die Länge, und die Lage dieser Dame wurde kritisch ... Sie verstehen mich, Doktor?« »Vollkommen ... Der Mann kam endlich zurück, Alles glich sich aus, denn die Ehemänner sind die besten Leute von der Welt, und Sie wurden selbstverständlich der Pathe der kleinen Agathe: war das nicht das Ende Ihrer Geschichte?« »Ja, Teufelsdoktor, so ist's ... Das sind meine Fehler; doch ich wollte Ihnen Alles sagen, und Ihnen ein vollständiges Bekenntniß ablegen. Indeß hatte mir meine Frau, ein Jahr nach unserer Verheiratung, eine Tochter geschenkt ... Sie kam so schwächlich, so zart auf die Welt, daß man meiner Frau rieth, sie in der Franche-Comté aufziehen zu lassen, wo wir eine Tante hatten, die über unser Kind wachen sollte. Wir befolgten diesen Rath und besuchten jedes Jahr unsere Tochter. Ich kann Ihnen nicht sagen, mit welcher Wonne ich sie küßte! ... Jedesmal wollte ich sie mit fortnehmen, aber ich gab dem Rath des Doktors nach. Erst als sie ihr sechstes Jahr erreicht hatte, nahmen wir unsere Pauline mit uns. Damals ... O! damals fing ich an, mich seltener zu entfernen; meine Ausflüge nach Paris kamen minder oft vor, es war mir so wohl in der Nähe meiner Tochter! ... wenn ich sie an mein Herz drückte, empfand ich ein so reines, ein so neues Vergnügen! ... Ach! mein lieber Jenneval, damals lernte ich begreifen, daß es ein unwandelbares Gefühl gibt, welches uns eines Tages für den Verlust aller übrigen entschädigen kann! ... Es ist das Gefühl, das man für seine Kinder empfindet ... Ich hegte für meine Frau die aufrichtigste Freundschaft, aber meine Tochter machte sie mir noch theurer. Als Pauline heranwuchs, wurde sie so liebenswürdig, so einnehmend; meine Gedanken veränderten sich, ich wurde solid, vernünftig ... das Glück, die Zukunft meiner Tochter zu sichern, nur darauf war ich bedacht. Wenn ich bisweilen noch nach Paris ging, so war ich kaum dort, als ich mich wieder fort und nach meiner Tochter sehnte; und doch lebten in Paris auch Julius und Agathe. Aber werden Sie wohl glauben Doktor, daß mir der Anblick dieser beiden Kinder eher lästig als angenehm war? Zuweilen, in Gegenwart ihrer Mütter, konnte ich nicht umhin, sie zu küssen ... dann aber schien es mir, als ob ich Liebkosungen an sie verschwendete, die meiner Tochter gehörten; und weit entfernt, daß mein Herz Theil daran genommen hätte, war das immer widerwärtig für mich. Und doch hätten, den Rechten der Natur gemäß, Julius und Agathe eben so viele Ansprüche auf meine Liebe haben müssen, als Pauline. Woher kommt es nun, daß das nicht der Fall war? Doktor, erklären Sie mir diese Eigenthümlichkeit, die, ich bin es überzeugt, nicht bei mir allein vorkommt, sondern viele Andere gleich mir bemerkt haben. Wie kommt es, daß die Früchte der Liebe, der Intrigue, des Geheimnisses von uns nur mit Gleichgültigkeit angesehen werden, während wir diejenigen Kinder, welche uns Hymen gibt, lieben, obgleich die Liebe oft sehr wenig Antheil an ihrem Entstehen gehabt hat. Ist es deßwegen, weil uns jene an einen Fehler, an eine Schwachheit erinnern, die wir gern vergessen möchten?« »Nein, mein lieber Guerreville; es kommt daher, wie ich glaube, weil sich unser Herz nur denen öffnet, welche uns den süßen Namen Vater geben. Ja, mein Freund, dieser Name, welcher von uns zu gleicher Zeit Liebe und Schutz verlangt, erweckt in unserer Seele die zartesten Gefühle der Natur, und ich versichere Sie, unser Gedächtniß kann uns noch so sehr an eine alte Neigung erinnern, eine liebenswürdige und schöne Frau kann uns mit noch so bedeutungsvoller Miene ansehen, während sie uns einen kleinen, hübschen Jungen vorstellt, niemals werden wir unsere väterlichen Gefühle für ein Kind erwachen sehen, das uns nicht seinen Vater nennen darf.« Guerreville dachte einige Augenblicke über Jennevals Worte nach, dann fuhr er in seiner Erzählung fort: »Meine Tochter war nahezu elf Jahre alt, als wir ihre Mutter verloren. Ich war über diesen Verlust doppelt betrübt, da er mich einer guten und aufrichtigen Freundin, welche immer nachsichtig gegen meine Fehler gewesen war, und meine Pauline einer Führerin, einer Stütze in allen Verhältnissen beraubte. Damals that ich den Schwur, mich ganz meiner Tochter zu widmen, und ich habe Wort gehalten. Ich hörte auf, in die Hauptstadt zu gehen, wohin mich nichts mehr zog; ich blieb bei meinem geliebten Kinde, das meine ganze Zärtlichkeit besaß; ich verwandte meine Mußestunden dazu, ihre Erziehung zu überwachen; ich gab ihr alle Lehrer, welche sie zu wünschen schien; ich suchte auch alle Vergnügungen ihres Alters um sie zu vereinen; kurz, ich war darauf bedacht, ihr die Mutter zu ersetzen; und wenn zuweilen meine etwas rauhe Sprache meine Tochter einzuschüchtern schien, so beeilte ich mich, durch eine Liebkosung die Freude auf ihre Stirn und das Lächeln auf ihre Lippen zurückzubringen. »Meine Pauline hatte ihr sechzehntes Jahr erreicht. Schon sagte ich mir in Gedanken: ich werde ihr einen Gatten wählen müssen, der diese sanfte, gefühlvolle und furchtsame Seele wohl zu verstehen wisse, der sich gleich mir ihrem Glücke widme; denn ich würde dem nie verzeihen, der meiner Tochter eine Thräne erpressen könnte. Aber dieser Gedanke ging nur flüchtig an meinem Geiste vorüber. Pauline war noch so jung! Beseligt in ihrer Nähe, genoß ich meines Glückes, ihres Glückes, denn meine Tochter liebte mich zärtlich. O! ja, sie liebte ihren Vater, obgleich meine manchmal strenge Miene sie oft furchtsam und schüchtern in meiner Nähe machte. Unglückselige Schüchternheit! sie verhinderte meine Tochter, mir ihr ganzes Vertrauen zu schenken.« Guerreville stützte einige Augenblicke seinen Kopf in die Hände; man sah, daß er an die schmerzvollste Stelle seiner Erzählung gekommen war; endlich sammelte er seinen Muth und fuhr fort: »Wir erhielten oft Gesellschaft. Einwohner von Orleans, Gutsbesitzer aus der Umgegend; ich wollte nicht, daß meine Tochter in der Einsamkeit leben sollte. Pauline war allerliebst, Jedermann sagte es mir, und in meinen Augen war es meine Tochter von jeher gewesen. »Eines Tages machten wir bei einem reichen Gutsbesitzer aus unserer Nachbarschaft die Bekanntschaft eines jungen Mannes, Namens Daubray, der aus Paris kam und zu seiner Ausbildung reisen wollte. Noch sehr jung, denn dieser Daubray zählte kaum dreiundzwanzig Jahre, nahm Alles bei ihm zu seinen Gunsten ein: sein Aeußeres, seinem Manieren, seine Unterhaltung; es war schwer, sich nicht zu ihm hingezogen zu fühlen. Er wußte sich zu benehmen, besaß alle Talente und war, wie man sagte, aus einer reichen Familie; kurz, Jedermann suchte seine Gesellschaft. Er kam auch zu mir. Ich empfing ihn mit Vergnügen; er zeichnete vortrefflich und musicirte mit meiner Tochter: ich konnte in diesem Umgang durchaus nichts Gefährliches ahnen. Ueberdies, wenn ich zufällig abwesend war, hatte eine Frau, in die ich mein ganzes Vertrauen setzte, den Befehl von mir erhalten, meine Tochter nicht zu verlassen. So verflossen einige Monate. Plötzlich wurde Pauline nachdenklich, schwermüthig, und mehr als einmal hatte ich, beunruhigt über die Veränderung, welche ich in ihrem Wesen wahrnahm, sie gefragt, ob sie irgend einen Kummer habe; aber immer waren ein Lächeln und ein Kuß ihre Antwort; und ich drückte ihr dann die Hand, überzeugt, daß sie vor ihrem Vater kein Geheimniß haben könne. »Eines Abends verließ sie mich trauriger und blässer als gewöhnlich; als sie mich umarmte, schien es mir, als ob sie zittere. Ich ergriff ihre Hand und behielt sie lange in der meinigen, indem ich zu ihr sagte: »Theures Kind, wenn Du irgend einen Kummer hast, so wäre es sehr Unrecht von Dir, ihn mir nicht anzuvertrauen; denn es gibt kein Opfer, das ich nicht bringen würde, um Dein Glück zu sichern.« »Sie schlug die Augen nieder und floh, als wenn sie sich zu sprechen gescheut hätte. Als ich allein war, dachte ich darüber nach, woher die Unruhe meiner Tochter kommen könnte, und zum erstenmale kam mir der Gedanke, daß sie den jungen Mann, der uns fast täglich besuchte, lieben könnte. Aber wenn dies der Fall war, warum mir ihre Liebe nicht eingestehen? Und wenn dieser Daubray meine Tochter liebte, warum ihr Hand nicht von mir verlangen? So dachte ich und wartete mit Ungeduld auf den kommenden Morgen, um Paulinen zu nöthigen, mir ihr Herz zu öffnen. Aber der Morgen kam, und ich sah meine Tochter nicht wieder; sie war abgereist, sie hatte ihren Vater verlassen, sie war fort ... für immer. O mein Gott! Warten Sie, lieber Freund, lassen Sie mich zuerst Athem schöpfen. Die Erinnerung an jenen traurigen Tag bleibt mir immer schrecklich! »Ich war gewohnt, jeden Tag, sobald ich aufgestanden war, meine Tochter zu küssen. Ich begab mich in ihr Zimmer, Pauline war nicht darin; ich ging hinunter, ich rief Madame Armand, die Frau, welche fortwährend um meine Tochter war, und die ich, ihres gesetzten Alters wegen, meines Vertrauens für würdig gehalten hatte; ich fand sie nicht. Ich ging in den Garten, meine Nachsuchungen waren nutzlos. Ich fragte den Gärtner, während mein treuer Georg schon in der Umgegend umherlief, um die Frauenzimmer aufzusuchen. Der Gärtner hatte Niemand gesehen; er sagte mir aber, daß, als er am Morgen sich an sein Geschäft begeben, er eine Gartenthüre, die auf das Feld führte und die gewöhnlich von innen doppelt verschlossen war, nur angelehnt gefunden habe. »Dieser Umstand setzte mich in Erstaunen; durch diese Thüre, welche auf einen Weg führte, der an die Landstraße grenzte, ging man fast nie; durch welchen Zufall sollte meine Tochter und ihre Gouvernante gerade diesen Weg genommen haben? Unruhig, gepeinigt, kehrte ich in das Zimmer meiner Tochter zurück. Indem ich es mit den Augen durchlief, erblickte ich auf einem Tische einen Brief: er war an mich adressirt und ich erkannte die Handschrift meiner Tochter. O! da ahnete ich ein schreckliches Unglück! Hier ... das ist jener unheilvolle Brief; lesen Sie, mein Freund.« Jenneval nahm einen Brief, welchen Guerreville aus einer Brieftasche zog, die er immer bei sich trug; die Schriftzüge schienen mit zitternder Hand gezogen, und man sah noch die Spuren von Thränen, die beim Schreiben vergossen worden waren. Der Doktor las mit bewegter Stimme: »Theurer Vater, verzeihen Sie mir! O! verzeihen Sie mir, wenn ich gefehlt habe, indem ich Ihnen meine Liebe zu Daubray nicht eingestand; aber er hat mir gesagt, daß Sie ihm meine Hand verweigert hätten, und ich ihm, um Ihre Einwilligung zu unserer Verbindung zu erlangen, durchaus folgen und Sie auf einige Zeit verlassen müßte ... Sie verlassen ... es scheint mir, daß das sehr Unrecht ist, aber Madame Armand, die in das Geheimniß unserer Liebe gezogen wurde, war auch der Ansicht, daß das der einzige Weg sei, Sie zur Zustimmung zu bewegen. Daubray dringt in mich, beschwört mich ... O mein Gott! ... ich werde Ihnen großen Kummer verursachen; aber ich werde zurückkommen. O! ja, mein Vater, seien Sie gewiß, daß ich zurückkommen werde, und ich bin vollkommen überzeugt, daß Sie Ihre Pauline nicht verstoßen werden.« Herr Guerreville, der diesen Brief nicht hatte anhören können, ohne abermals Thränen zu vergießen, nahm ihn wieder zu sich, legte ihn sorgfältig in seine Brieftasche und rief: »Als ich dieses las, begriff ich den ganzen Umfang meines Unglücks. Ich war auf eine schändliche Weise von diesem Daubray und dieser Frau, der ich aufgetragen hatte, über meine Tochter zu wachen, getäuscht, verrathen worden; aber dieser junge Mann hatte auch meine Pauline betrogen, indem er ihr gesagt hatte, ich hätte ihm ihre Hand verweigert; niemals hatte er ein Wort mit mir über diesen Gegenstand gesprochen. Warum diese Lüge? Warum meine Tochter verleiten, sich entführen zu lassen? Wenn er sie aufrichtig liebte, warum nicht ihre Hand in Wirklichkeit von mir begehren? ... Wäre er auch ohne Vermögen, ohne Aussichten gewesen, ich hätte doch den Bitten meiner Tochter niemals widerstehen können. Meine Vermuthungen waren gräßlich; denn es wurde mir klar, daß meine Pauline wie ich betrogen worden war. In den ersten Augenblicken meiner Verzweiflung wollte ich den Vorfall an die Behörden berichten und den Flüchtlingen nachsetzen lassen; aber bald fühlte ich den großen Nachtheil, den ein solcher Schritt meiner Tochter hätte bringen müssen. Ich! ihren Fehltritt, vielleicht ihre Entehrung veröffentlichen? O! nein, ich entschloß mich im Gegentheil, alle meine Sorgfalt anzuwenden, um ihn zu verbergen, und ich sagte mir: wenn meine Tochter wieder zu mir zurückkommt, soll sie nicht gezwungen sein, vor der Welt zu erröthen. Indeß begab ich mich doch zu dem Manne, bei dem ich Daubray zum erstenmal gesehen hatte, und indem ich meiner Aufregung Herr zu werden suchte, sagte ich, ich möchte, da ich von der Abreise dieses jungen Mannes gehört hätte, gerne seine Adresse in Paris wissen, ober wenigstens die eines Mitgliedes seiner Familie, um mich nach ihm zu erkundigen, wenn ich hinkäme. Da gestand man mir, daß man von ihm eben so wenig wisse, als ich; Daubray sei von einem jungen Manne, den man sehr genau kannte, eingeführt und vorgestellt worden; aber dieser sei nach Rußland gegangen und gleich nach seiner Ankunft dort gestorben; es war demnach nicht möglich, irgend eine bestimmte Nachricht über diesen Daubray und seine Familie zu erhalten, in Betreff welcher er uns vielleicht ebenfalls getäuscht hatte; und auf solche Weise empfängt man in der Gesellschaft nur zu oft Unbekannte und kettet sich an Personen, über deren Umgang man erröthen würde, wenn man ihre früheren Handlungen genau kennte. Ich kehrte nach Hause zurück und überlegte nun, wie ich's anzugreifen hätte, um das Vergehen meiner Tochter vor der Welt zu verbergen. Ich erblickte nur einen Ausweg, den, auf der Stelle mit meinem treuen Georg abzureisen, jenen Aufenthaltsort zu verlassen, an dem ich während so langer Zeit in der Nähe meiner Pauline glücklich gelebt hatte, und das Gerücht auszusprengen, ich sei mit meiner Tochter auf Reisen. Mein Gärtner erhielt meine Verhaltungsbefehle; dieser brave Mann war mir ergeben; er schwur mir, es sollte niemals Jemand erfahren, daß meine Tochter mich verlassen habe, und ich möchte ihm nur immer meinen Aufenthaltsort anzeigen und ihm meine Adresse schicken, damit er mir die Briefe, welche für mich einlaufen würden, auf der Stelle nachsenden könnte. Nun reiste ich ab. Ich verließ meine Besitzung. Ich ging zuerst nach Paris, denn dort hoffte ich meine Tochter wiederzufinden. Ueberall erkundigte ich mich, ob man einen Namens Daubray kenne; ich erfuhr nichts. Diese Familie war unbekannt. Nach Verfluß einiger Tage schickte mir mein Gärtner einen Brief, er war von meiner Tochter; man hatte aber die Vorsicht gehabt, ihn einem Reisenden zu übergeben, und er hatte nur das Postzeichen von Orleans. Meine Pauline bat mich von Neuem wegen ihres Fehlers um Verzeihung; sie weine vor Kummer, schrieb sie mir, ihren Vater nicht mehr küssen zu können; aber sie schmeichle sich, bald mit ihrem Gatten kommen zu können, um meine Verzeihung anzustehen. Dieser Brief gab nur ein wenig Hoffnung, und wie groß auch der Fehler meiner Tochter sein mochte, ich sehnte mich, sie in meine Arme zu schließen. Ich fühlte wohl, daß ich diesen Daubray nicht würde achten können, der, um mich zu zwingen, ihm die Hand meiner Pauline zu geben, es für unumgänglich nothwendig gehalten hatte, sie zu entführen, sie dem väterlichen Hause zu entreißen; denn inmitten der Verirrungen meiner Jugend hatte ich mir doch niemals solche Fehler vorzuwerfen. Und wenn ich auch einige Frauen, einige junge Mädchen verführt habe, so hatten sie wenigstens keinen Vater, keine Mutter mehr um sich, die ich ihrer Stütze, des Trostes ihrer alten Tage beraubt hätte. Aber ich sagte mir: Um meiner Tochter willen werde ich ihrem Geliebten vergeben, und vielleicht wird es dieser Mensch in meiner Gegenwart nicht wagen, sie unglücklich zu machen. »Ich setzte meine Nachforschungen fort; ich begab mich incognito nach Orleans; doch ich war dort nicht glücklicher; ich kehrte nach Paris zurück; sechs Wochen waren verflossen. Ich erhielt wieder Nachrichten von meiner Tochter, sie versprach mir immer, zu mir zurückzukehren; aber ich glaubte in ihren Briefen schon einen Anstrich von größerer Traurigkeit zu bemerken; sie schrieb mir nicht Alles, was sie empfand ... ich errieth es aus den unbedeutendsten Worten, die sie hingeworfen hatte; ich kannte das Herz, die Seele meiner Tochter so gut, diese furchtsame und liebevolle Seele, die man auf eine so schändliche Weise mißbraucht hatte, um sie glauben zu machen, daß sie sich von ihrem Vater entfernen müßte. »Ich war aufs Höchste beunruhigt; aber die Hoffnung hatte mich nicht verlassen. Jeden Morgen schmeichelte ich mir, der Tag würde nicht enden, ohne meine Tochter in meine Arme zurückgeführt zu haben. Mein Gärtner hatte meine Befehle erhalten, er durfte mir meine Pauline auf der Stelle schicken, sie im Voraus versichern, daß ich bereit sei, ihr zu vergeben. Mehr als zwei Monate vergingen; endlich erhielt ich wieder einen Brief von Paulinen; sie klagte sich noch mehr an; sie warf sich ihr Vergehen bitterer vor; ich sah, daß ihre Thränen auf dieses Schreiben geflossen waren, und sagte mir: meine Tochter ist unglücklich. Aber sie schloß mit dem Versprechen, zurückzukehren, sich zu meinen Füßen zu werfen, und sich nie wieder von mir zu entfernen. Ach! ... dieser Brief war der letzte! ... Ja, mein Freund, seit jener Zeit habe ich keine Nachricht mehr von meiner Tochter erhalten, und das sind bald acht Jahre. Acht Jahre sind verflossen, seitdem ich zum letztenmal ihr Versprechen erhielt, in meine Arme zurückzukehren. Ach! urtheilen Sie über meinen Schmerz ... meine Verzweiflung! Ich fing meine Nachforschungen aufs Neue an, reiste mehrere Jahre hindurch, habe Italien, die Schweiz, England durchlaufen, mich überall erkundigt, nachgefragt, die ängstlichsten Nachforschungen angestellt, die Spuren von Personen verfolgt, welche mich einige Zeichen von Ähnlichkeit für die halten ließen, die ich suchte ... aber ich sah mich stets getäuscht in meinen Hoffnungen! Ermüdet von meinen Reisen, zog ich mich nach Château-Thierry zurück. Ich floh die Welt. Sie kennen nun die Ursache. Nicht allein mein Schmerz verhindert mich, den geringsten Reiz an ihr zu finden, sondern auch der Umstand, daß wenn ich mit Jemand zusammentreffe, der mich kennt, ich unaufhörlich lügen muß; denn ich will noch immer den Fehler meiner Tochter verbergen. Wenn man sich bei mir nach ihr erkundigt, sage ich, sie sei verheirathet, sie wohne weit von mir! Sie, Doktor, Sie sind der Einzige, der ihren Fehler kennt; doch Sie werden ihn nie bekannt machen; o! niemals, nicht wahr? Aber seit acht Jahren nichts mehr zu hören, nicht ein Wort über ihr Geschick. Sollte sie todt sein! ... Todt! O! nein, nein, sie ist nicht fern von ihrem Vater gestorben, ohne daß ich sie wieder gesehen, sie umarmt, ohne daß sie die Versicherung von mir gehört hätte, daß ich ihr allen Kummer, den sie mir gemacht, verzeihe! Todt! o, mein Gott! das wäre zu schrecklich! ... O! meine arme Tochter! Wenn das wäre, so bitte doch den Himmel, daß er mich bald zu Dir rufe.« Als er diese Worte mit dem Tone der Verzweiflung gesprochen hatte, ließ Herr Guerreville den Kopf auf seine Brust sinken. Jenneval näherte sich ihm, faßte ihn in seine Arme und sprach zu ihm mit jenem Tone, der aus dem Herzen kommt: »Muth, mein Freund, verlieren Sie nicht alle Hoffnung! ... Jetzt sind wir zu Zwei, um Ihre Tochter zu suchen und die Spuren ihres feigen Räubers zu entdecken, und der schönste Tag meines Lebens wird der sein, an dem es mir gelingen wird, Ihre Thränen zu trocknen.« Sechzehntes Kapitel Der Schutzengel Emil ließ keinen Tag mehr vorübergehen, ohne zu Madame Dolbert zu gehen; die Großmutter empfing ihn wie einen Mann, dem man bald den Namen Sohn zu geben hofft, und Stephanie mit jenem bezaubernden Lächeln, welches Aller Augen die geheimsten Gedanken des Herzens offenbart. Aber nicht auf solche Weise wollte Stephaniens Liebhaber geliebt werden; er fuhr fort, sich vor der Welt mit der äußersten Zurückhaltung zu benehmen, und nur im Verstohlenen, ganz leise und ferne von den Blicken ihrer Großmutter sprach Emil Worte der Liebe zu dem jungen Mädchen; dann aber waren diese Worte glühend, seine Augen nahmen einen Ausdruck an, welcher Stephanie zwang, die ihrigen niederzuschlagen; dann suchten seine liebkosenden Hände sich ihr zu nähern, das Kleid, den Arm oder das Knie des jungen Mädchens zu berühren, das sich bisweilen plötzlich umschlungen und gewaltsam an ein Herz gedrückt fühlte, dessen heftige Schläge die glühendste Begierde verrieten. Stephanie erwiderte die Ausbrüche des Mannes, der in ihrer Nähe so glücklich schien, mit argloser Liebe. Dennoch empfand sie, wenn Emil, einen Augenblick benutzend, in dem sie allein waren, sie zärtlich in seine Arme schloss, eine Unruhe, eine Bewegung, welche der Furcht glichen, und sie entzog sich den Armen, welche sie festhalten wollten, indem sie sagte: »Aber, lieber Freund, wenn Sie mich so sehr lieben, warum sagen Sie mir das nie vor meiner Großmutter? Wenn Leute da sind, sehen Sie mich kaum an und scheinen zu fürchten, man möchte unsere Liebe erraten; warum denn das? Wir tun ja kein Unrecht, uns zu lieben ... Sie haben es mir ja selbst gesagt; wozu es also verbergen?« Auf diese Frage antwortete Emil: »Ich kann meine Liebe noch nicht eingestehen ... Familienrücksichten hindern mich daran; aber, teure Stephanie, das darf uns nicht abhalten, uns zu lieben. Da jedoch die Welt böse ist und von den Handlungen anderer immer schlecht urteilt, so dürfen wir sie nicht in das Vertrauen unserer geheimsten Gefühle ziehen. Glauben Sie mir, das Geheimnis verleiht der Liebe noch mehr Reize. Ist man nicht hundertmal mehr durch ein Glück beseligt, das alle andern nicht kennen? Teure Stephanie, lassen Sie mich Sie insgeheim besuchen ... erlauben Sie mir, mit Ihnen jene süßen Unterhaltungen zu pflegen, bei denen wir wenigstens die zärtlichen Liebkosungen austauschen können, welche die Welt missdeuten würden und die mich so glücklich machen.« Stephanie seufzte und stotterte: »Insgeheim? Wie? ... ich verstehe Sie nicht.« Aber als Delaberge versuchte, sich verständlich zu machen, trat Zizine oder die Großmutter hinzu und verhinderte ihn durch ihre Gegenwart, mehr zu sprechen. Ein mehrmonatlicher Aufenthalt bei den Damen Dolbert hatte in Zizinens Manieren und in ihrer Sprache schon eine große Veränderung hervorgebracht; sie war noch immer das zarte, blasse und ernste kleine Mädchen, aber sie war nicht mehr das Kind eines Wasserträgers. Geschickt aufzufassen, was nöthig war, um ihren Beschützerinnen zu gefallen, hatte Zizine bald das abgelegt, was ein Kind aus dem Volke verrieth; aber ihr Herz war immer dasselbe geblieben, sie vergaß Jerome nicht, und wenn ein Monat verflossen war, ohne daß sie ihn gesehen hatte, wurde sie traurig und verbarg sich manchmal, um zu weinen. Ohne die Ursache davon zu errathen, bemerkte Zizine doch sehr wohl, daß Stephanie nicht mehr dieselbe gegen sie war. Ihre junge Beschützerin küßte sie noch, aber sie sprach nicht mehr so oft mit ihr. Die Spiele, die Puppen waren gänzlich bei Seite geworfen worden; Stephanie, beinahe immer zerstreut oder träumerisch, hörte manchmal gar nicht auf die Worte des kleinen Mädchens, das ihr oft wiederholte: »An was denkst Du denn?« Eines Tages endlich, als Stephanie durchaus keine Antwort gab, fing das Kind an zu weinen. Beim Anblick seiner Thränen lief Stephanie zu ihm, nahm es in ihre Arme und sagte: »Warum weinst Du, Zizine? Was hat man Dir gethan?« »Man hat mir nichts gethan ... Ich weine, weil Du mich nicht mehr liebst.« »Ich Dich nicht mehr lieben, meine Zizine! Und weßhalb sagst Du das?« »Weil ich es wohl sehe ... Du sprichst nicht mehr mit mir ... Du spielst nicht mehr mit mir ... Du bist immer traurig ... ich sehe, daß ich Dir lästig bin ... deßhalb will ich wieder zu meinem Vater, dem Wasserträger, zurückkehren.« »Du mich verlassen! O nein, nein, das leide ich nicht, denn ich liebe Dich noch immer ... O ja, noch immer! Aber siehst Du, es ist ... wenn man groß ist, denkt man an so viele Dinge ... man hat Ideen, die ... kurz, ich kann Dir das Alles jetzt noch nicht so sagen, weil Du noch zu klein bist. Aber das verhindert mich nicht, Dich recht zu lieben; vergib mir, wenn ich zuweilen verdrießlich bin; aber verlasse mich nicht … o, verlasse mich nie, denn in der Tiefe meines Herzens bin ich immer dieselbe für Dich.« Zizine wurde durch diese süßen Worte leicht getröstet, und seidem sie die Versicherung hatte, daß ihr Anblick Stephanien nicht lästig war, fürchtete sie sich nicht mehr, an ihrer Seite zu bleiben, selbst wenn diese nicht mit ihr sprach. Emil hatte mehr als einmal seine üble Laune geäußert, das Kind beständig bei Stephanien zu finden; eines Abends sagte er halblaut zu ihr: »Welche Pein, immer dieses kleine Mädchen in Ihrer Nähe zu sehen! Man möchte glauben, daß sie den Auftrag habe, Ihnen nachzugehen, Ihre geringsten Handlungen auszuspähen. »O, das ist nicht der Fall,« erwiderte Stephanie; »sie liebt mich nur so sehr, daß es ihr größtes Glück ist, um mich zu sein.« »Sie liebt Sie ... das ist möglich ... Aber ich liebe Sie auch, und es scheint mir, daß ich den Vorzug erhalten sollte.« »Mein lieber Emil, es liegt nur bei Ihnen, in meiner Nähe zu sein, so oft Sie hieher kommen ... Es ist nicht Zizine, die Sie daran verhindert.« »Verzeihen Sie mir ... dieses kleine Mädchen genirt mich; es ist mir zuwider. Wenn Ihre Mama beschäftigt ist, könnte ich mit Ihnen in diesem kleinen Kabinete allein sein, wenn diese Zizine nicht ohne Unterlaß an Ihrer Seite wäre.« »Aber sie hindert uns ja nicht, mit einander zu sprechen ... uns anzusehen ... bei einander zu sein.« »Das ist nicht dasselbe ... In der That, Stephanie, ich begreife nicht, daß Sie, so gut erzogen, in der großen Welt geboren, die Tochter eines Wasserträgers so lieb gewonnen haben ... die gar nichts Anziehendes hat; denn sie ist nicht einmal schön.« »Sie irren sich, mein Freund; wenn Sie Zizinen kennen würden, wie ich, so würden Sie einsehen, daß sie es verdient, geliebt zu werden ... sie ist so gut ... und dann hat sie so viel Verstand! ... O, das ist kein gewöhnliches Kind! Arme Kleine! sie hatte fast an Allem Mangel, als ich sie zu mir nahm.« »Thun Sie ihr Gutes ... ich bin weit entfernt, Sie deßhalb zu tadeln ... Aber thun Sie sie in irgend eine Pension ;...« »Sie von mir entfernen ... o niemals ... und ... wenn ich mich eines Tages verheirathe ... so darf mich das nicht verhindern, Zizinen immer bei mir zu behalten.« Stephanie erröthete, als sie die letzten Worte sprach; aber so unschuldig auch ein Mädchen immer sein mag, so weiß sie doch, daß sie einst den Titel einer Frau erhalten muß, und wenn sie liebt, wird sie noch weit häufiger von dem Heirathen träumen. Emil sagte nichts mehr. Das Wort Heirath, das Stephanie ausgesprochen hatte, schien ihn in Verlegenheit zu sehen; er sah auch, daß er sich vergeblich damit geschmeichelt hatte, sie von Zizinen zu trennen; er mußte daher auf ein anderes Mittel sinnen, um zu seinem Ziele zu gelangen. Seit einiger Zeit war Stephaniens Großmutter leidend, bald brach ein hitziges Fieber aus und der Arzt fürchtete für das Leben der Madame Dolbert; da ließ sich Stephanie an dem Bette ihrer Großmutter nieder und verließ sie keine Minute; von Zizinen unterstützt, die Allem aufbot, um sich nützlich zu machen, wachte das junge Mädchen bei der Kranken mit so vieler Sorgfalt, so vielem Eifer, daß sie nach wenigen Tagen außer Gefahr war. Aber während dieser ganzen Zeit hatte sie keinen Augenblick gefunden, um mit Emil von Liebe zu sprechen. Stephanie würde sich schuldig geglaubt haben, wenn sie sich mit irgend etwas Anderem als mit der Gesundheit ihrer Großmutter beschäftigt hätte. Wenn sich Delaberge au der Thüre des Krankenzimmers zeigte, begnügte sich Stephanie damit, ihn stillschweigend zu betrachten oder ihm zuzulächeln, weil sich ihre Großmutter besser befand. Emil wagte nicht, sich zu beklagen; er wartete, er lauerte auf den Augenblick, wo er würde handeln können. Madame Dolbert war außer Gefahr, aber ihre Wiederherstellung zog sich sehr in die Länge, und der Arzt hatte ihr große Schonung anempfohlen. Sie mußte besonders spät aufstehen und sich früh niederlegen, da die Ruhe ihre Genesung vollenden sollte. Stephanie wollte ihrer Großmutter immer Gesellschaft leisten, Madame Dolbert aber, von der Sorgfalt, welche ihre Enkelin ihr hatte angedeihen lassen, gerührt, wollte im Gegentheil, Stephanie sollte sich einige Zerstreuung machen, und oft schickte sie dieselbe von ihrem Bette fort, indem sie sagte: »Ich bin nicht mehr krank, man verlangt nur, daß ich mich ruhig verhalte; aber Dir, theures Kind, Dir ist es nicht vorgeschrieben, beständig an meinem Bette sitzen zu bleiben. Dein Alter verlangt Bewegung. Kehre zu Deinem Piano, zu Deinen Zeichnungen zurück; geh und lache mit Deinem kleinen Schützling, empfange unsere Freunde, kurz, mache Dir irgend ein Vergnügen; ich will es, und Du mußt mir gehorchen, wie ich dem Arzte.« Stephanie gab den dringenden Bitten ihrer Großmutter nach, sie kehrte in den Salon zurück und empfing dort die Besuche Emils häufiger als je; bisweilen kamen auch einige andere Bekannte von Madame Dolbert, um einen Augenblick bei Stephanien zuzubringen; aber indem er länger blieb als Andere, fand Emil immer Mittel, mit Stephanien allein zu sein. Allein? Nein, Zizine war auch da, unaufhörlich da; wenn sie eine Minute aus dem Salon ging, kehrte sie fast sogleich dahin zurück; kaum hatte Stephaniens Liebhaber eine von den zarten Händen, die man ihm freiwillig überließ, ergreifen und an seine Lippen drücken können, so kam das Kind zurück und eilte, sich neben seine Beschützerin niederzusetzen. »Welche Pein!« murmelte Emil, indem er Stephaniens Hand fahren ließ und dem Kinde einen grimmigen Blick zuwarf; aber Stephanie, die den Aerger ihres Geliebten nicht zu bemerken schien, zog Zizinens Kopf auf ihre Kniee und gefiel sich darin, mit ihren Fingern in ihren weichen Haaren zu spielen. Indeß hatte Emil bemerkt, daß das Kind seit einigen Tagen traurig war, und er erfuhr bald den Grund davon; Zizine hatte seit langer als einem Monat Jerome nicht gesehen, denn sie besuchte ihn niemals, ohne daß Stephanie mitging, und da die Krankheit der Madame Dolbert ihre Enkelin verhindert hatte, auszugehen, so konnte sich auch die arme Zizine nicht zu ihrem Vater begeben. »Wir werden bald zu Jerome gehen,« sagte Stephanie zu dem Kinde; »aber ich will nicht ausgehen, bis meine gute Großmutter völlig hergestellt ist.« »Aber wenn mein Vater krank wäre?« sagte Zizine seufzend. »Warum vermuthest Du das?« »Weil ich ihn schon so lange nicht gesehen habe. Er kommt nicht mehr hierher.« »Du weißt wohl, daß er uns immer sagt, er habe keine Zeit.« »Ja ... aber er wird glauben, ich denke nicht mehr an ihn ... und das wird ihm Kummer machen ;...« Emil hatte diese Unterhaltung angehört, ohne sie zu unterbrechen. Plötzlich sagte er zu Zizinen: »Wo wohnt Dein Vater, Kleine?« »In der Straße St. ;Honoré, mein Herr ... Warten Sie, hier ist seine Adresse. Ich habe mich damit amüsirt, sie zu schreiben ... jetzt, da ich ein wenig schreiben kann.« »Gib sie mir; morgen werde ich an der Wohnung Deines Vaters vorbeigehen und mich nach ihm erkundigen. Wenn ich wieder hierher komme, werde ich Dir Nachricht von ihm geben können.« »Ah, mein Herr, Sie sind sehr gut; ich danke Ihnen sehr!« Und Zizine wäre in ihrer Freude dem schönen Herrn an den Hals gesprungen, wenn dieser nicht den Kopf rasch umgewandt hätte, um Stephanien anzusehen, die ihm die Hand reichte, indem sie zu ihm sagte: »Ah, das ist sehr liebenswürdig, was Sie da thun ... und es macht mir Vergnügen, Sie so gefällig zu sehen.« Emil nahm bald von Stephanien Abschied, denn er war zerstreut, nachdenklich; er hätte schon gerne den nächsten Morgen da gehabt, denn nun hatte er seinen Plan entworfen und endlich das Mittel gefunden, jene Kleine zu entfernen, deren Gegenwart allein seinen Sieg hemmte; indem er sich entfernte, sagte er zu sich: noch einige Stunden, und Stephanie gehört mir. Der folgende Tag brach an, und bei Madame Dolbert erwartete man Delaberge mit noch größerer Ungeduld als gewöhnlich. Zizine hoffte auf Nachrichten von ihrem Vater, und Stephanie rechnete darauf, daß dadurch die Traurigkeit ihres kleinen Schützlings würde zerstreut werden. Aber der Tag verstrich und Emil erschien nicht. »Er kommt nicht!« sagte Zizine seufzend. »Er wird diesen Abend kommen,« sagte Stephanie; »Du weißt, daß er sehr selten verfehlt, uns Gesellschaft zu leisten, wenn meine gute Mutter zu Bette gegangen ist.« Das war auch in der That der Zeitpunkt, den Emil vorzugsweise wählte, weil sich Abends außer dem seinigen nur sehr selten andere Besuche einfanden; diesen Abend kam Delaberge viel später als gewöhnlich, weil er gewiß sein wollte, daß nichts seinen Absichten hinderlich sei. Stephanie und Zizine waren in dem Salon; sie stießen einen leichten Freudenruf aus, als sie Emil eintreten sahen, und das kleine Mädchen fragte lebhaft: »Mein Herr, bringen Sie mir Nachrichten von meinem Vater?« »Verzeihen Sie mir, daß ich so spät komme,« antwortete Emil, sich die Stirne trocknend, wie Einer, der abgemattet ist; »aber ich habe Geschäfte, nicht aufzuschiebende Gänge gehabt ... aufdringliche Leute, die mich zurückgehalten haben ... sonst wäre ich schon längst hier.« »Und mein Vater, lieber Herr,« murmelte Zizine, »haben Sie nicht zu ihm gehen können?« »Doch, mein Kind, ich hatte es Dir ja versprochen und ich breche mein Wort niemals ... Ich war in seiner Wohnung ... ich habe sie leicht gefunden.« »Ach, mein Herr, wie gut Sie sind! ... Sie haben ihn gesehen?« »Nein, ich habe ihn nicht gesehen ... aber eine Nachbarin hat mir meine Fragen sogleich beantworten können. Es thut mir leid, Dir sagen zu müssen, meine liebe Freundin, daß Deine Befürchtungen gegründet waren: Dein Vater ist krank ;...« »Krank! ... O mein Gott! mein Gott! Siehst Du, meine gute Freundin ... ich hatte es mir wohl gedacht ... Aber was fehlt ihm denn?« »Ich weiß es nicht genau ... die Frau hat es mir nicht mit Bestimmtheit sagen können ... Aber es scheint, daß es ihm besonders vielen Kummer macht, sein Kind nicht sehen zu können.« »Er will mich sehen ... mein armer Vater ... O ja! auch ich will ihn sehen ... O, sogleich! sogleich! ... Nicht wahr, meine liebe Freundin, Du lässest mich gleich zu meinem Vater gehen?« Zizine faltete ihre Hände, während sie Stephanien ansah, und große Thränen flossen über ihre Wangen herab; ihre junge Beschützerin küßte sie ihrerseits und gab sich Mühe, sie zu trösten. »Du sollst zu ihm gehen ... gewiß ... aber diesen Abend ... wie willst Du das machen? Es ist schon neun Uhr vorüber.« »Das ist gleich ... Mein Vater ist krank; ich muß zu ihm gehen, um ihn zu pflegen; Du hast ja auch Deine Großmutter gepflegt ... und überdies war sie nicht allein, sie hatte Dienstboten, um sie zu bedienen. Aber mein Vater ist ganz allein, Du siehst wohl, daß er meiner sehr bedarf!« Dabei war in den Zügen des Kindes ein Ausdruck, der eine für dessen Alter sehr ungewöhnliche Energie kundgab; es schien, als hätte die kindliche Liebe diesem schwachen Geschöpfe plötzlich eine starke Seele, einen festen Willen verliehen. »Aber was ist zu thun?« fragte Stephanie; »meine gute Mutter schläft schon, wie ich glaube. Ich kann sie doch nicht aufwecken, um sie um die Erlaubniß zu bitten, auszugehen.« »Das ist Alles sehr leicht zu machen,« sagte Emil. »Mein Kabriolet steht unten mit einem Bedienten, er wird Zizinen zu ihrem Vater begleiten. Er ist vielleicht nicht so sehr krank ... sie wird ihn jedenfalls sehen ... sie kann eine Zeitlang bei ihm bleiben, und dann wird sie mein Wagen, der solange, als sie will, auf sie warten wird, wieder herbringen.« »In der That,« sagte Stephanie, »auf diese Art ist es nicht nöthig, daß ich sie begleite. Hast Du keine Furcht, Zizine?« »O nein, meine liebe Freundin ... O mein Herr, ich danke Ihnen sehr.« »Ihr Diener ist doch zuverlässig?« sagte Stephanie, die sich einigermaßen fürchtete, das Kind fortzulassen. »Ich stehe für ihn wie für mich selbst ... Was sollte denn auch dieser Kleinen begegnen?« »Zizine, Du kehrst doch zurück?« »Ja ... außer wenn mein Vater sehr krank ist ;...« »Es ist möglich, daß Dein Anblick allein ihn heilen wird ... Diese Nachbarin hat sich so unverständlich ausgedrückt ;...« »Adieu, beste Freundin!« »Aber warte doch ... Ich will Dir wenigstens einen Shawl ... oder sonst etwas umwerfen ... Du wirst kalt haben ;...« »Nein ... O! ich bin wohl verwahrt. Mein Herr, wird mich Ihr Diener in den Wagen steigen lassen? ;...« »Komm, liebe Kleine, ich will mit Dir hinabgehen und Dich ihm empfehlen ... Komm ... Aber mache mir kein Geräusch ... Wir dürfen Madame Dolbert nicht aufwecken ... All' das könnte sie beunruhigen.« »O! ja, Sie haben Recht! Nehmen Sie sich in Acht, daß Sie meine Mutter nicht aufwecken ;...« Stephanie küßte Zizinen und empfahl sie nochmals Emil, der sich beeilte, mit dem Kinde hinabzusteigen. Zizine folgte dem eleganten jungen Manne so schnell es ihre kleinen Beine erlaubten; unten angekommen, nahm Emil die Kleine in seine Arme, trug sie in sein Kabriolet, sagte seinem Diener einige Worte und beeilte sich dann, zu Stephanien zurückzukehren. Das liebenswürdige Mädchen war über die Entfernung ihrer kleinen Freundin ganz betrübt; sie zwang sich indeß zu lächeln, als sie Emil wieder sah; dieser hatte die Thüre des Salons sorgfältig hinter sich zugemacht und setzte sich Stephanien zur Seite. »Ist sie nun fort?« fragte das junge Mädchen seufzend. »Ja, ich selbst habe sie in meinen Wagen gehoben und sie meinem Diener anempfohlen. Sie können vollkommen beruhigt sein.« »Ich glaube Ihnen ... Und doch ... Es ist sonderbar ... Ich bin ganz bekümmert ... ganz unruhig ... Ich bin schon so daran gewöhnt, dieses Kind um mich zu haben ;...« »Daß Sie keinen Augenblick mehr leben können, ohne es zu sehen ... Ach! Sie lieben dieses kleine Mädchen mehr als mich ... Ich merke es wohl ;...« »O nein ... überdies bei ihr ... ist es Freundschaft ... Und bei Ihnen ;...« »Nun ... bei mir?« »Sie wissen wohl, daß ... ich Sie liebe ;...« »Theure Stephanie! ... O! wiederholen Sie mir, daß Sie mich lieben ... Sagen Sie mir es unaufhörlich ;...« »Zweifeln Sie daran? ... Ah, ich kann nicht lügen, ich ... Und dann könnte ich auch nicht verbergen, was ich empfinde.« »Wie glücklich ich bin! ... Und welch Vergnügen, dieses entzückende Bekenntniß ohne Zeugen austauschen zu können ... Ach! Stephanie, seit langer Zeit sehnte ich mich nach diesem Augenblicke ... Endlich kann ich doch ungestört diese so weichen Hände küssen ... diesen so weißen Hals ... alle diese Reize, nach denen sich meine Augen schon so lange sehnten! ;...« Indem er diese Worte sprach, schlang Emil, der seinen Stuhl ganz nahe an den von Stephanien gerückt hatte, seinen Arm um ihren Leib, drückte sie zärtlich, indem er sie an sich heranzog, und seine glühenden Lippen streiften ihren Hals, ihre Arme, ihre Hände und selbst ihr Kleid ... Stephanie, ganz aufgeregt, da sie zum erstenmal so feurige Liebkosungen empfing, fühlte, daß sie erröthete und zu gleicher Zeit zitterte; sie stieß Emil sanft von sich, indem sie sagte: »Aber warum drücken Sie mich so sehr? ;...« »Theure Stephanie, man befindet sich so wohl ... ganz nahe bei Ihnen ;...« »Aber es ist vielleicht nicht Recht, mich zu umarmen, wie Sie es thun ;...« »Und warum nicht Recht, da wir uns lieben? ... und uns immer lieben werden ;...« »Immer ... O! ja ... das ist sehr wahr ... Und werden Sie sich niemals ändern, Emil?« »Niemals ... Ich schwöre es Ihnen bei diesem Kusse ;...« Dabei drückte der kühne Emil seine Lippen auf die jungfräulichen des jungen Mädchens. Stephanie fühlte sich erglühen; von einem bis dahin unbekannten Gefühl überwältigt, hatte sie doch noch die Kraft, rasch aufzuspringen und sich den Armen ihres Liebhabers zu entwinden. Emil, ganz erstaunt, Stephanien sich entschlüpfen zu sehen, war auf dem Stuhle sitzen geblieben, von wo er das junge Mädchen betrachtete, welches sich in die entgegengesetzte Ecke des Saales geflüchtet hatte. »Stephanie ... Sie fliehen mich! ;...« sagte der junge Mann mit sehr sanftem Tone. »Nein ... ich fliehe Sie nicht!« erwiderte Stephanie, indem sie die Augen niederschlug; »aber ... ich weiß selbst nicht, was ich empfand ... Es war wie Furcht ;...« »Furcht vor mir! ... Ach! ... Stephanie, ich bin sehr unglücklich, wenn ich Ihnen ein solches Gefühl einflöße ... Ich, der ich Sie so sehr liebe! ... Ich, der ich nur für Sie athme!« Diese Worte wurden mit so rührender Stimme gesprochen, daß Stephanie sich Vorwürfe machte, Emil Kummer verursacht zu haben; sie erhob ihre schönen Augen zu ihm, die keinen Zorn ausdrückten; der junge Mann sprang vom Stuhle auf, lief zu ihr hin, ergriff eine ihrer Hände, die er in den seinigen drückte, und suchte mit seinen Blicken alle die begehrlichen Wünsche, die er selbst empfand, der Seele des jungen Mädchens einzuflößen; Stephanie aber schlug ganz beschämt aufs Neue die Augen nieder. »Können Sie mir ein Verbrechen daraus machen, daß ich Sie liebe! ;...« sprach Emil, das reizende Mädchen sanft auf einen Divan ziehend, der sich in ihrer Nähe befand. »Nein ... gewiß nicht!« erwiderte Stephanie, indem sie sich ganz bewegt neben ihren Geliebten niedersetzte; »aber es scheint mir ... daß es nicht nöthig ist, zu ... daß das kein Grund ist ... um ;...« Das Schamgefühl verhinderte das junge Mädchen, weiter zu sprechen; sie wagte nicht, zu sagen: Sie dürfen mich nicht so umarmen, wie Sie es thun; aber sie dachte es sich; denn in der Tiefe unseres Herzens lebt immer ein Gefühl, welches uns das Böse von dem Guten unterscheiden läßt. Emil, der errieth, was Stephanie nicht zu sagen wagte, drückte sie in seine Arme und rief: »Aber wenn man sich liebt, ist es dann nicht natürlich, es sich zu beweisen? Die Liebkosungen zweier Liebenden gegen einander machen die größte Glückseligkeit aus, die uns kennen zu lernen erlaubt ist ... Stephanie ... Ich, ich zittere vor Vergnügen, wenn ich Ihre Hand, Ihren Arm berühre ... wenn ich Sie an mein Herz drücke ... wenn Sie mich ebenso liebten, wie ich Sie, würden Sie das Gleiche empfinden.« »O! Ich liebe Sie sehr, aber ... Wie Sie mich drücken! ;...« »Stephanie, bin ich nicht der, dem Du Dein Herz geschenkt hast ... O! laß mich Dich so halten ... laß mich einen Kuß auf diesen Mund drücken, der mir geschworen hat, nur mich allein zu lieben!« Stephanie wußte nicht, was sie erwidern sollte, Emil aber hatte die Erlaubniß nicht abgewartet, um sie von Neuem zu umarmen; das junge Mädchen fühlte sich erglühen; ihr Geliebter wurde unternehmender, sie wollte ihn zurückstoßen, aber hatte nicht mehr die Kraft dazu. »Gnade! Gnade!« murmelte Stephanie, die jetzt die ganze Gefahr begriff, in welcher sie schwebte, aber Emil hörte nicht mehr auf sie; noch einen Augenblick und er hätte über den schwachen Widerstand, den man ihm entgegensetzte, triumphirt, da ließen sich in dem anstoßenden Zimmer Schritte vernehmen; es näherte sich Jemand ... In einem Augenblick hatte sich Emil von Stephanien entfernt, und fast in demselben Momente öffnete sich die Thüre des Salons: Zizine kam zurück und eilte, sich in Stephaniens Arme zu werfen. »Die Kleine! ... jetzt schon! ;...« murmelte Emil, indem er seine Fäuste vor Wuth ballte. »O! ... Aber das ist mein böser Geist ... Und dieser elende Düpré hat sie zurückkehren lassen! ;...« »Hier bin ich, meine liebe Freundin,« sagte das Kind, die Arme um Stephaniens Hals schlingend. »Ich war nicht lange aus, nicht wahr? ... Und Du hast mich nicht so bald zurückerwartet? ;...« »Theure Zizine! Ach! der Himmel schickt Dich ... Jetzt wirst Du mich nimmermehr verlassen ... Niemals ... Nein, niemals ... O! ... Wie wohl hast Du daran gethan, zurückzukehren!« Und Stephanie küßte und zog das kleine Mädchen in ihre Arme, indem sie auf Zizinens Wangen die Röthe ihrer Stirn und die Thränen, welche ihre Augen benetzten, verbarg, während Emil, am andern Ende des Zimmers sitzend, unwillig mit dem Fuße stampfte und seinen Aerger und seinen Widerwillen gar nicht zu verbergen suchte. »Es wundert Dich, mich schon wieder hier zu sehen?« sagte Zizine; »ich will Dir erzählen, wie das Alles gekommen ist ... O! Aber zuerst bin ich sehr vergnügt, denn, denke Dir, mein Vater ist nicht krank und ist es nicht gewesen; das ist recht schlecht von jener Nachbarin, die das erfunden hat, um es dem Herrn zu sagen und mir Kummer zu machen ... Höre also, ich saß im Wagen; da fuhren wir durch eine Straße ... ich weiß nicht durch welche; ich kenne die Wege nicht genau; aber der Bediente des Herrn sagte mir: Ich weiß, wohin ich Sie führen soll. Plötzlich, als wir an einem hell erleuchteten Laden vorüberfuhren, erblickte ich meinen Vater. O! ich erkannte ihn augenblicklich und rief: Vater, Vater! Ich bin es, und darauf sagte ich zu dem Bedienten: mein Herr, haben Sie die Güte anzuhalten, denn ich sehe eben meinen Vater; aber ich mochte ihm das noch so oft wiederholen, er hielt nicht an, sondern fuhr immer weiter, und ich hatte schon Lust zu weinen ... Glücklicherweise hatte mein Vater meine Stimme erkannt, er war dem Wagen nachgelaufen, und auf die Gefahr hin, überfahren zu werden, war er dem Pferde in die Zügel gefallen, und so mußte es wohl stehen bleiben. Darauf erzählte ich meinem Vater, wohin ich gehen wollte ... und verlangte auch gleich aus dem Wagen zu steigen, das aber wollte der Diener des Herrn nicht zugeben, indem er sagte: er sei für mich verantwortlich. Mein Vater aber nahm mich in seine Arme und sagte dann zu dem Bedienten: Sie werden wohl einsehen, daß, wenn ich bei ihr bin, kein Anderer über sie zu wachen braucht. Mein armer Vater! Er konnte gar nicht begreifen, was das zu bedeuten hatte, mich Abends allein in einem Kabriolet zu erblicken. Als er erfuhr, daß ich ihn krank geglaubt, küßte er mich zärtlich und dankte mir sehr. Hierauf fragte er mich, ob ich mit ihm nach Hause zurückkehren wolle ... Aber ich sagte ihm, daß Du mich noch immer liebtest, und daß ich Dir versprochen hätte, zurückzukommen, wenn er nicht krank wäre. Hierauf machte ihm der Bediente des Herrn, der noch immer da war, den Vorschlag, mich zurückzuführen, mein Vater aber sagte ihm: ich werde meine Tochter schon selbst zu ihren Beschützerinnen zurückbringen: auch hat er mich in der That bis hieher geführt, und mich erst in dem Vorsaale verlassen, indem er mir beim Weggehen noch besonders empfahl, nicht mehr allein in einem Kabriolet auszufahren.« »Theure Kleine!« rief Stephanie, das Kind nochmals küssend, »ja, Dein Vater hat Recht ... ich hätte Dich nicht allein fahren lassen sollen ... Aber in Zukunft wird das nicht mehr vorkommen! ... Ich verspreche es Dir ;...« »Aber was hast Du denn, meine liebe Freundin? ... Du hast ja geweint ... Hast Du Kummer? ... Sieh, Dein Halstuch ist ganz in Unordnung ;...« »Ah! ... Ich ... Ich habe eben ... Es war mir zu heiß ... Es war mir nicht recht wohl ... Aber es ist vorüber ... Du bist wieder da ... Ich befinde mich jetzt wohl ... Setze Dich hieher ... ganz zu mir her ;...« Stephanie setzte das Kind an ihre Seite. Seitdem Zizine zurückgekehrt war, hatte sie die Blicke nicht mehr auf Emil gerichtet. In den Armen der Kleinen suchte sie ihre Aufregung zu besänftigen, sich von ihrer Verwirrung zu erholen; und Zizine, welche in Stephaniens Zügen etwas Außerordentliches bemerkte, betrachtete sie ebenfalls mit besorgter Miene. Ziemlich lange Zeit hindurch schwiegen Alle. Endlich entschloß sich Emil, den Winkel zu verlassen, in welchen er sich geflüchtet hatte; er näherte sich dem Divan, auf welchem Stephanie sitzen geblieben war; diese konnte eine Bewegung des Schreckens nicht bemeistern; und, indem sie Zizinen mit ihren Armen umschlang, hielt sie sie fest an ihr Herz gedrückt, als ob ihr das Kind zum Schilde dienen sollte. Emil blieb stehen, indem er leise sagte: »Was haben Sie denn, mein Fräulein? ... Sie scheinen erschreckt ... Sie zittern ... Was kann Ihnen Schrecken verursachen? ;...« Stephanie antwortete nicht; sie hielt fortwährend Zizinen in ihren Armen und erhob die Augen nicht zu Emil. Dieser entschloß sich endlich, sich auch auf den Divan niederzusetzen, aber auf der entgegengesetzten Seite des Kindes, und indem er sich gegen Stephaniens Ohr neigte, flüsterte er ihr leise zu: »Was habe ich denn gethan, daß Sie mich so behandeln? ... Wie! ... Sie wollen mir nicht einmal Ihre Blicke zuwenden ... Stephanie, lieben Sie mich nicht mehr? ... Sie sehen Wohl, daß wir uns nicht mehr aussprechen ... uns nicht mehr verständigen können, wenn diese Kleine gegenwärtig ist ... O! erlauben Sie mir, noch einen Augenblick mit Ihnen allein zu sprechen ... mein Benehmen zu rechtfertigen ... Sie um Verzeihung zu bitten; es ist spät ... Sie könnten dieses Kind ... zu Bette schicken ;...« Stephanie, die bisher geschwiegen hatte, erhob den Kopf, und indem sie sich gegen Emil wandte, warf sie ihm einen Blick zu, der die Worte auf seinen Lippen ersterben machte; denn es war nicht mehr jenes furchtsame, liebende junge Mädchen, welches ihn scharf ansah, es war eine beschimpfte Frau, ein auf ihre Tugend stolzes Mädchen, das den Abgrund gesehen hatte, in welchen man sie hineinstürzen wollte, allein jetzt den Fallen Trotz zu bieten schien, die man ihr etwa stellen konnte. Ihr Blick hatte dies Alles ausgesprochen, denn Emil konnte ihn nicht ertragen; und dieser so anmaßende Mensch, dem es zur Gewohnheit geworden war, die Frauen zu betrügen, hatte den Kopf sinken lassen und blieb ganz verblüfft vor einem jungen Mädchen, das er zu entehren nicht im Stande war. Stephanie hatte ihre Blicke bald wieder auf Zizinen gerichtet; denn sie schien mit der Verwirrung ihres Geliebten Mitleid zu haben. Dieser machte noch mehrere Gänge durch das Zimmer, er fing einige Sätze an, die er nicht beendete, blieb vor Stephanien stehen, wollte sich einer ihrer Hände bemächtigen, die man ihm alsbald wieder entzog, und entschloß sich endlich, Abschied zu nehmen. Mit trostloser Miene, mit zitternder Stimme sagte Emil Fräulein Dolbert Adieu; dann stotterte er so leise, daß nur sie ihn verstehen konnte: »Wenn Sie mich nicht einmal eines Blickes würdigen, so muß ich glauben, meine Gegenwart sei Ihnen verhaßt, und ich werde nicht mehr wagen, vor Ihnen zu erscheinen.« Stephanie zauderte, schwankte ... doch ihr Herz war so gut; sie glaubte den Klagen der Verzweiflung Emils; und, die Augen sanft erhebend, richtete sie einen milden Blick auf ihn, in welchem eben so viel Liebe als Kummer lag. Für einen gewöhnlichen Liebhaber wäre das viel gewesen; für denjenigen aber, der sich geschmeichelt hatte, dieser Abend würde Zeuge seines Triumphes sein, war es viel zu wenig. Nachdem er Stephanien verlassen und nicht mehr genöthigt war, sich Zwang anzuthun, ließ Delaberge seinem Zorne freien Lauf; denn niemals war er noch so schrecklich in seinen Hoffnungen getäuscht worden; und der Aerger, einen Plan, den er so scharfsinnig gefaßt, so gut eingeleitet hatte, scheitern zusehen, brachte ihn außer sich und versetzte ihn in Wuth. Er war in sein Kabriolet gestiegen, und sein Diener, der vor ihm zitterte, versuchte es vergebens, sich zu rechtfertigen. »Du bist ein Esel, ein Dummkopf!« sagte Emil, »ich hatte Dir so bestimmte Befehle gegeben; Du mußtest die Kleine zurückhalten, gleichviel durch welches Mittel, durch welche Lüge! ... Du durftest sie nicht früher, als nach Verfluß von wenigstens zwei Stunden zu den Damen Dolbert zurückbringen ... Und es waren kaum zwanzig Minuten verflossen, als das Kind wieder erschien.« »Mein Herr, ist es meine Schuld, daß wir ihrem Vater begegnet sind?« »Du hättest Dich nicht aufhalten sollen ;...« »Ich hätte also diesen Mann, der sich an mein Pferd gehängt hatte, überfahren sollen?« »Du hättest mir auf alle Fälle gehorchen sollen ;...« »Aber, mein Herr ;...« »Schon gut, ich jage Dich fort, Du bist nicht mehr in meinem Dienste.« Zu Hause angelangt, zog sich Emil in sein innerstes Zimmer zurück und überließ sich dort von Neuem seiner Leidenschaft; er zerbrach und zerschmetterte Alles, was ihm unter die Hände kam; kostbare Möbeln, herrliche Vasen, eine Menge niedlicher Kleinigkeiten, die zur Ausschmückung der Zimmer der Reichen dienen, wurden von diesem Menschen, der niemals in seinen Wünschen Widerstand gefunden hatte, und sie zum erstenmale nicht befriedigen konnte, unbarmherzig zertrümmert und auf die Erde geschleudert. Einem verzogenen Kinde ähnlich, das ungehorsam ist und sein Spielzeug zerbricht, wenn man ihm die Erfüllung seiner Wünsche verweigert, ließ Emil seine Wuth an Allem aus, was er erfassen konnte; denn die Menschen sind große Kinder, besonders wenn sie das Glück verdorben hat. »Ohne die Rückkunft dieser Kleinen wäre Stephanie mein gewesen! ;...« sagte sich Emil, indem er sich ganz erschöpft auf einen Sopha warf; »sie wäre mein gewesen ... dieses so hübsche ... so naive ... so liebende Mädchen! ... Wie schön war sie, als sie zu mir flehte ... Und ein Kind hat alle meine Hoffnungen zerstört ... mein Glück verhindert! ... Ein Kind ... die Tochter eines Wasserträgers ... hat sich mir in den Weg gestellt ... mir ... Emil Delaberge ... mir, der ich Gold genug habe, meine Leidenschaften zu befriedigen ... mir! ... der ich, seit ich in dem Alter bin, sie zu empfinden, keinen Widerstand gefunden habe, indem ich den Einen dieses Gold im Ueberflusse hinwarf und die Andern mit Schwüren abfertigte. Und ein Kind hält mich zurück ... verhindert mich, glücklich zu sein; denn was hinfüro beginnen? ... Stephanie hat die Gefahr begriffen ... Sie wird sich in Zukunft in Acht nehmen. Verdammte Zizine! ... Ich verabscheute sie längst! ... Ah! jetzt hasse ich sie womöglich noch mehr! ... Könnte ich sie doch zerbrechen, wie dieses Glas!« Dabei schlug Emil mit aller Gewalt auf ein Glas, das auf einem Tische neben ihm stand; das Glas zerbrach, aber er schnitt sich tief in die Hand, so daß Blut floß; da hielt er endlich, ganz beschämt über sich selbst, inne, verband seine Wunde mit einem Taschentuche und sagte, rings herumblickend: »Welch ein Thor bin ich! ... Welche Unordnung ... Werde ich mich denn nie bezwingen lernen! ... Ich bin dreißig Jahre vorüber ... und was habe ich seit zwölf Jahren schon für Thorheiten, für Fehler begangen! ... Wäre es nicht Zeit, aufzuhören?« Emil blieb lange Zeit in seine Betrachtungen versunken; sie schienen nicht angenehmer Natur zu sein; denn seine Stirne hatte sich verdüstert, seine Augen wurden trüb und starr, sein Athem kurz und schwer. Man hätte jetzt in ihm nicht mehr jenen so glänzenden, so prachtvollen Mann erkannt, den Gegenstand der Bewunderung der Salons, den Abgott der Frauen und den Beneideten aller Männer. Endlich fuhr Delaberge mit seiner Hand über die Stirn, stand auf, machte einige Gänge durch sein Zimmer und nahm seine gewohnte Miene wieder an, indem er zu sich sagte: »Es gibt tausend andere eben so schöne Frauenzimmer als Stephanie ... ich will sie vergessen ... mich mit einer Andern beschäftigen ... das ist sehr leicht.« Während vier Tagen kehrte Emil nicht zu den Damen Dolbert zurück; er versuchte Stephanien zu vergessen, er erneuerte seine alten Bekanntschaften und knüpfte neue an; aber in Gesellschaft der schönsten Frauen, der lockendsten Koketten, verfolgte ihn unaufhörlich Stephaniens Bild; er fand, daß das Vergessen nicht so leicht ist, wenn die Liebe unbefriedigt blieb. Am fünften Tage hielt er es nicht länger aus, er stieg in sein Kabriolet und begab sich zu Madame Dolbert. Seit ihrem Tête-à-Tête mit Emil war Stephanie traurig, schweigend, und selbst Zizinens freundliche Worte konnten nicht einmal ein Lächeln auf ihre Lippen zurückbringen; sie fühlte, das Betragen ihres Geliebten sei verdammenswerth gewesen, aber sie liebte ihn immer noch und beklagte, daß er es selbst verschuldet, daß sie ihn jetzt fürchten müsse; sie seufzte und weinte insgeheim, ihn nicht mehr wiederkommen zu sehen; in der Tiefe ihrer Seele dachte sie, Emil liebe sie nicht mehr, weil er versucht hatte, sie ihrer Unschuld zu berauben, statt bei ihrer Großmutter um ihre Hand anzuhalten. Wenn aber ein Liebender Unrecht hat, so ist das noch kein Grund, ihn weniger zu lieben; oft bringt das sogar die entgegengesetzte Wirkung hervor; die Liebe muß sich mit Eifersucht, mit Unruhe und mit Thränen verbinden, sonst würde sie statt eine Flamme zu sein, nichts weiter als ein Dampf bleiben! So auch wurde Stephanie vor Freude fast ohnmächtig, als Delaberge bei ihrer Großmutter wieder zum Besuche erschien; sie saß gerade bei der guten Mama, deren Gesundheit sich täglich mehr stärkte und die nun schon weniger Zeit im Bette zubrachte. Emil wurde durch Stephaniens Blässe lebhaft ergriffen; sie schien ihm noch schöner zu sein; beide wechselten nur einen flüchtigen Blick, aber wie viel lag in demselben für diejenigen, die ihn verstanden; auf der einen Seite Liebe, Hoffnung und Reue, auf der andern Beständigkeit, Kummer und Verzeihung. Die gute Mama machte Delaberge freundliche Vorwürfe, daß er sie ein wenig vernachlässige, Stephanie sprach nichts, sie fürchtete durch den Ton ihrer Stimme ihre Bewegung zu verrathen. Emil benützte einen kurzen Augenblick, wo das Mädchen in ein anderes Zimmer ging, um ganz leise zu sagen: »Lieben Sie mich noch?« Stephanie antwortete nichts, aber zwei große Thränen entschlüpften ihren Augen, und sie versuchte umsonst, sie ihrem Geliebten zu verbergen. Indeß suchte Emil vergebens Gelegenheit, mit Stephanien allein zu sein; man sah, daß diese dieselbe mit eben so großer Sorgfalt floh, als jener sich bemühte, sie herbeizuführen. So verstrichen mehrere Wochen; zuweilen ging Emil drei bis vier Tage nicht zu Stephanien, dann konnte er die folgenden Tage nicht mehr von ihr wegkommen. Bald wollte er sie vergessen, dann überließ er sich wieder seiner Leidenschaft, bald hoffte er noch auf ein Tête-à-Tête , dann verzweifelte er wieder daran, jemals zum Ziele zu gelangen, so daß er am Ende gar nicht mehr wußte, welche Partie er ergreifen sollte. Eines Abends endlich benützte Emil einen Augenblick, wo Zizine am Piano beschäftigt war, ergriff Stephaniens Hand, und sie heftig in den seinen drückend, sagte er mit dem Tone der Leidenschaft zu ihr: »Ich kann so nicht mehr leben ... Stephanie, man schlägt dem Manne, den man liebt, nicht Alles ab ... Sie versichern mich, ich sei Ihnen immer noch theuer, und doch kann ich nicht die mindeste Gunstbezeigung von Ihnen erlangen ... bewilligen Sie mir ein Rendezvous ... ein kurzes Gespräch ... wenn Sie mir das verweigern, so lieben Sie mich nicht und Sie werden mich nicht wieder sehen.« »Dann werde ich Sie nicht wieder sehen, mein Herr,« erwiderte Stephanie, indem sie ihre Hand aus den seinigen zog; »denn ich will lieber den Verlust Ihrer Liebe, als den meiner Ehre beweinen.« Emil war durch diese Antwort und den Ton, mit welchem man ihm bewies, daß er nicht mehr die mindeste Hoffnung für seine lasterhaften Pläne haben dürfe, zu Boden geschmettert. Er entfernte sich wüthend und verzweifelnd, indem er schwur, diejenige niemals wieder zu sehen, welche die Kraft hatte, ihm zu widerstehen. Einige Tage verstoßen, Delaberge ließ sich bei Madame Dolbert nicht mehr sehen; Wochen vergingen, man hörte nichts mehr von Emil. Die Großmama konnte Emils Betragen nicht begreifen, denn sie zweifelte gar nicht an seiner Liebe zu ihrer Enkelin; jeden Tag erwartete sie, daß er sich darüber erklären werde; sie dachte nur, er habe, bevor er sich an sie wendete, sich versichern wollen, daß er Stephanien nicht mißfalle, und nun, da er die Gewißheit davon erlangt haben mußte, stellte er seine Besuche ein; dieses Benehmen mußte der Madame Dolbert unerklärlich sein. Stephanie litt im Stillen, aber niemals kam der Name Emil über ihre Lippen, und wenn die Großmutter von ihm sprach, suchte das Mädchen immer die Unterhaltung auf einen andern Gegenstand zu lenken. »Es ist doch recht sonderbar!« sagte Madame Dolbert zu ihrer Enkelin, »Hast Du denn mit Herrn Delaberge einen Wortwechsel gehabt? Seid ihr böse mit einander? ... Denn sein Wegbleiben muß doch einen Grund haben.« »Wir haben uns über nichts gestritten,« antwortete Stephanie, »und ich weiß nicht, gute Mama, warum Emil nicht mehr kommt.« Die gute Mama schüttelte den Kopf, denn sie vermuthete, daß ihre Enkelin ihr nicht Alles sage. Dann ging Stephanie fort, um sich im Verborgenen auszuweinen, und, als Zizine mehrere Male ihre junge Beschützerin mit Thränen in den Augen überrascht hatte, sagte letztere zu ihr: »Wenn Du willst, daß ich Dich immer gleich lieben soll, so darfst Du meiner guten Mutter nicht sagen, daß Du mich hast weinen sehen.« Sechs Wochen waren verflossen, und diese Zeit hatte dem jungen Mädchen sehr lange geschienen, da Stephanie die Stunden und die Tage zählte, oft weinend, aber immer noch hoffend. Um die Mitte eines Tages, der eben so traurig angefangen hatte wie die andern, wurde ein Besuch angemeldet. Delaberge erschien bei Madame Dolbert und zeigte sich Stephanien, die gerade ihrer Großmutter zur Seite saß und ihren Augen kaum trauen wollte, als sie den Mann wieder sah, der ihr ein ewiges Lebewohl gesagt hatte. Das Auftreten Emils hatte etwas Wichtiges, Feierliches; nach einigen gewöhnlichen Begrüßungen näherte er sich der Madame Dolbert und sagte: »Sie haben mich lange Zeit nicht gesehen, Madame; ich habe zuvor einige Familienangelegenheiten in Ordnung bringen wollen, ehe ich die Bitte an Sie stellen wollte, wegen welcher ich heute hergekommen bin. Madame ... ich liebe Fräulein Stephanien ... Sie kennen meine Familie ... Mein Vermögen beläuft sich auf fast hunderttausend Franken Rente ... ich bitte Sie um die Hand Ihrer Enkelin ... Wenn mich diese nämlich als Gatten nicht verschmäht.« Es wäre schwer, die Wirkung zu beschreiben, welche diese Worte auf Stephanien machten; ganz außer sich, zitternd vor Freude, von Liebe durchdrungen, weinte und lachte sie zu gleicher Zeit; dann reichte sie Emil ihre Hand und rief: »O! Ja ... ja ... ich will Sie zu meinem Gatten haben!« Die Großmama lächelte, denn für sie hatte dieser Auftritt nichts Außergewöhnliches; sie hatte diese Frage schon seit langer Zeit erwartet, ergriff die Hand ihrer Enkelin und legte sie in die Emils, indem sie sagte: »Seid glücklich ... seid einig, meine lieben Kinde«; ohne Euch etwas davon zu sagen, habe ich diese Liebe wohl errathen ... Herr Delaberge, ich bewillige Ihnen die Hand meiner Stephanie.« Emil küßte ehrerbietig die Hand, welche man in die seinige gelegt hatte, und Stephanie, die sich nun nicht mehr fürchtete, ihre volle Liebe an den Tag zu legen, sagte halblaut zu ihm: »Bösewicht! ... Sechs Wochen auszubleiben! ... O! ich war recht unglücklich! ... Aber ich will nicht mehr an das denken ... Theurer Emil ... Ach! welches Glück erwartet mich, ich werde also Ihre Frau! ;...« »Ja!« erwiderte Emil, »ja ... Sie werden meine Frau ;...« und in Gedanken fügte er hinzu: »Es muß wohl sein! da es das einzige Mittel ist, sie zu besitzen.« Siebenzehntes Kapitel Ereignisse Das Vertrauen, das Guerreville dem Doktor Jenneval geschenkt, hatte ihr Freundschaftsbündniß noch fester geknüpft; jetzt gab es zwischen diesen beiden Männern keinen geheimen Gedanken mehr, nun verstanden sie einander und begriffen sich so gut, daß der Eine oft die Absicht des Andern errieth. Herr Guerreville empfand die süßen Wirkungen dieses Vertrauens; er konnte alle Tage von seiner Tochter sprechen, und er war weniger unglücklich, seitdem er nicht mehr gezwungen war, seine Erinnerungen und seinen Kummer in der Tiefe seines Herzens zu verschließen. Derjenige, welcher die Mittheilung eines großen Kummers empfangen, zeigt oft einen größeren Beweis von Freundschaft als der, welcher ihm das Vertrauen geschenkt hat; denn der Eine erleichtert seine Seele, die das Bedürfniß fühlt, sich auszusprechen, wahrend der Andere die Verbindlichkeit übernimmt, den ihm anvertrauten Kummer auch zu theilen. Herr Guerreville und der Doktor gingen fast alle Tage zusammen aus, und während ihres Spaziergangs vernachlässigten sie nichts, was ihnen behülflich sein konnte, die Spuren derjenigen, die sie suchten, wiederzufinden. Wenn zufällig ein Tag verflossen war, ohne daß die beiden Freunde hatten zusammenkommen können, so fragten sie sich den Tag darauf, wenn sie sich wieder sahen, mit den Augen, und ihr erstes Wort war immer: Nichts Neues? Eines Tages sagte Georg zu seinem Herrn: »Mein Herr, während Ihrer Abwesenheit hat eine Dame nach Ihnen gefragt; sie nannte sich Madame Grillon und ist die Mutter von Ihrer Fräulein Pathe. Sie beklagte sich, daß sie der Herr nicht mehr besuche; sie wünschte sehr mit dem Herrn zu sprechen ... sie habe, sagte sie, wichtige Dinge, über welche sie ihn um Rath fragen müsse und welche die Pathe des Herrn beträfen.« Herr Guerreville hatte Georg gleichgültig angehört; er machte eine leichte Bewegung mit dem Kopfe, indem er erwiderte: »Es ist gut!« und einen Augenblick darnach hatte er vergessen, was sein Diener ihm gesagt. Wenige Tage darauf berichtete Georg wiederum seinem Herrn: »Eine andere Dame hat nach dem Herrn gefragt; sie ist, wie sie mir sagte, die Mutter des Herrn Julius. Sie bittet den Herrn, die Güte zu haben, einen Augenblick bei ihr vorbei zu kommen.« »Marie ... Marie war bei mir!« sagte Guerreville zu sich; »von ihrer Seite setzt mich dieser Schritt in Erstaunen; aber ohne Zweifel wird sie von ihrem Sohne mit mir sprechen wollen ... Ich werde zu ihr gehen.« »Vielleicht ebenso, wie Sie zu Madame Grillon gegangen sind,« sagte lächelnd Jenneval, der eben gegenwärtig war. »Ah, Sie haben Recht, Doktor, ich habe sie ganz vergessen!« »Mein Freund, erlauben Sie mir, Ihnen zu sagen, daß das nicht wohlgethan ist ... Es gibt alte Bekanntschaften, gegen die man keine vollkommene Gleichgültigkeit an den Tag legen darf ... in diesem Falle sind Sie mit den Damen Grillon und Galtet.« »Können Sie es glauben, Doktor, daß ich gerade gegen diese die meiste Abneigung empfinde? Aber es ist möglich, daß ich Unrecht habe. Ich werde zu Beiden gehen und hören, was sie von mir wollen.« Acht Tage waren verflossen, ohne daß Herr Guerreville daran gedacht hatte, sein Versprechen zu halten, als eines Nachmittags, da er gerade aus dem Fenster blickte, ob er den Doktor nicht kommen sehe, Georg rasch die Thüre öffnete und meldete: »Die Mutter des Herrn Julius ;...« Herr Guerreville machte eine Bewegung der Ungeduld, aber fast in demselben Augenblicke war Madame Gallet in das Zimmer getreten, und bei dem Anblick ihrer Blässe, der großen Veränderung in ihren Zügen, fühlte er sich bewegt, ging ihr entgegen und sagte: »Sie sind es, Marie? Mein Gott, wie aufgeregt Sie scheinen! Sie sind schon einmal bei mir gewesen, wie man mir gesagt hat; entschuldigen Sie mich, daß ich Sie noch nicht besucht habe, aber Geschäfte ;...« »Ach, mein Herr! ich habe nicht das Recht, mich zu beklagen ... ich weiß sehr wohl, daß Sie gegenwärtig sehr geringen Antheil an mir nehmen; aber ich hoffte, daß für meinen Sohn ... kurz, wenn Sie gekommen wären, wenn Sie mit ihm gesprochen hätten ... dann würde vielleicht das, was mich heute hierherführt, nicht geschehen sein.« »Fassen Sie sich ... nehmen Sie Platz und erzählen Sie mir, was Sie betrübt; wenn ich Ihren Kummer erleichtern und Ihr Glück wieder herstellen kann, so zweifeln Sie nicht an meiner Bereitwilligkeit.« »Mein Glück ... Ach, ich hatte nur ein Glück auf Erden, und das war mein Sohn; er allein machte meine Freude aus und verlieh meinem Dasein einigen Reiz ... Und nun, was soll aus mir werden, wenn mein Sohn mich verläßt?« »Was sagen Sie? Julius ;...« »Will Schauspieler werden; er hat sich für die Provinz engagirt ... er will abreisen ... seine Mutter verlassen; er ist bereits von uns ausgezogen ... Ach, mein Herr, ich hatte so sehr auf Sie gerechnet ... auf die guten Rathschläge, die Sie ihm geben sollten ... auf die Freundschaft, die Sie für ihn haben würden. Ich hatte gehofft, Sie würden über meinen Sohn wachen ... Ach, ich habe mich sehr getäuscht! ;...« Marie konnte nicht weiter sprechen, Thränen erstickten ihre Stimme; sie bedeckte ihr Gesicht mit ihrem Taschentuch und bemühte sich vergeblich, ihr Schluchzen zurückzuhalten. Herr Guerreville wußte ihr nichts zu erwidern, er wandte die Augen ab und heftete sie traurig auf die Erde, etwas im Innern seiner Seele sagte ihm, daß Mariens Vorwürfe gerecht seien und daß er für Julius zärtlichere Theilnahme hätte beweisen sollen. Marie weinte noch, und da Herr Guerreville nichts fand, womit er sie trösten konnte, so blieb er in trauriges Schweigen versunken an ihrer Seite, als sich plötzlich eine Frauenstimme im Vorzimmer hören ließ. Es war Madame Grillon, welche der treue Georg melden wollte, die sich aber dem widersetzte, indem sie ausrief: »Ich weiß, daß Ihr Herr zu Hause ist, ich weiß es ... und ich muß ihn sehen, ihn sprechen. Ich bin genau genug mit ihm bekannt, um nicht nöthig zu haben, daß man mich melde!« Und ohne die Antwort des Dieners abzuwarten, stürzte die zärtliche Euphemie auf die Thüre zu und gelangte zu Herrn Guerreville mit dem Ausruf: »Schaffen Sie mir meine Tochter wieder!. ... Eduard, man entführt mir meine Tochter, meine Agathe, Ihre Pathe, Ihre ... Ach Gott! ich weiß gar nicht mehr, was ich spreche, ich bin trostlos ... aber ich will meine Tochter ... Ach! Sie werden sie wiederfinden, nicht wahr? ... und Sie werden ihren schändlichen Entführer züchtigen!« Nachdem sie diese Worte mit einer außerordentlichen Geläufigkeit ausgesprochen hatte, ließ sich Madame Grillon in einen Lehnstuhl nieder, und erst jetzt bemerkte sie Marien, die noch immer ihr Tuch vor die Augen hielt. Madame Grillon schielte seitwärts, biß sich auf die Lippen und lächelte ironisch, indem sie vor sich hinmurmelte: »Ah, jetzt begreife ich, warum mich der Bediente nicht eintreten lassen wollte.« Die Ankunft von Agathens Mutter störte Herrn Guerreville auf unangenehme Weise. Er ging indeß auf sie zu und sagte: »Was haben Sie, Madame? Warum diese Klagen, dieses Jammern?« »Was ich habe, mein Herr? Haben Sie mich denn nicht verstanden? ... Es scheint mir, daß ich gerechte Ursache zu klagen habe ... ich sage Ihnen, daß man Agathen entführt hat, meine Tochter, Ihre Pathe ... Das muß Sie doch auch bewegen und interessiren!« »Wie, Madame, man hätte es gewagt ;...« »Ja, mein Herr, man hat es gewagt ... O, was wagen die Männer heutzutage nicht Alles! ... wir leben in einem so überfeinerten Jahrhundert! ... Wenn man sich erlaubt, in Gegenwart der Frauen zu rauchen und zu tanzen, wie man es jetzt thut, so legt man dadurch den klaren Beweis an den Tag, daß man sie sehr wenig achtet.« »Aber kurz, Madame ;...« »Kurz, dieser erbärmliche Mensch, der Adalgis, hat meine Tochter entführt.« »Ein erbärmlicher Mensch ... Aber ich meine, daß Sie über diesen jungen Mann voll Lobs waren.« »Ach ja, ich hatte geglaubt ... Was wollen Sie! der Schein trügt ... er benahm sich so gut. Als mir Agathe gestand, daß sie ihn anbete, wollte ich Sie sogleich dieser Heirath wegen um Rath fragen ... aber Sie sind nicht gekommen.« »Madame, ich ;...« »Das war sehr Unrecht, sie hätten kommen sollen; Agathe ist keine Fremde für Sie ... Kurz, ich hatte die Schwachheit, diesem Adalgis noch Besuche zu gestatten, und in dieser Nacht ... ja, in dieser Nacht ... nachdem er uns noch vorher in das Riesenconcert im Türkengarten geführt ... der Bösewicht ... Ich bin überzeugt, daß sie während der Quadrille aus den Hugenotten ihren Anschlag geschmiedet haben ... während ich durch das Geräusch der Glocken, Kanonenschläge und Trommeln betäubt war. Wie soll man seine Tochter überwachen, wenn einem das Trommelfell zerrissen wird. Seit Agathe jenen Schein von tausend Franken, den Sie ihr geschenkt haben, besaß, wich dieser Adalgis nicht mehr von ihr. Endlich ging sie diese Nacht durch ... und nahm ihre tausend Franken mit; sie gehören ihr, darüber ist nichts zu sagen; aber ich bin überzeugt, dieses Ungeheuer von Adalgis wird sie ihr auffressen und sie dann sitzen lassen ... denn ich bin gleich in seine Wohnung gelaufen, um Erkundigungen einzuziehen ... Er ist ein leichtsinniger Bursche, ein Windbeutel, der keinen Sou besitzt: er ist seinem Schneider achthundert Franken, und seiner Wäscherin fünfundfünzig Sous schuldig, das habe ich Alles diesen Morgen erfahren. Ach! Eduard! Eduard! ich bitte Sie, im Namen ... Ihrer alten Erinnerungen, schaffen Sie mir meine Tochter wieder.« »Madame, ich werde Alles thun, was ich vermag. Aber ohne Zweifel wild Ihr Gemahl bereits die Spur des Räubers verfolgen.« »Mein Mann? Ach! wenn ich auf den warten müßte, dann ginge es gut! ... der würde meine Tochter zurückbringen wie der Pfaffe ein Opfer. Eduard! auf Sie allein verlasse ich mich.« Indem sie diese Worte sprach, hatte sie sich erhoben, und während sie sich Herrn Guerreville nahte, bemächtigte sie sich seiner Hände, welche sie mit einer Gewalt schüttelte, als hätte sie ihn elektrisiren wollen. Seit dem Eintreten der fremden Dame hatte die arme Marie kein Wort gesprochen; sie hatte nicht einmal geseufzt; sie hörte Alles geduldig mit an und wartete vielleicht um zu sprechen, bis Madame Grillon aufhören würde; aber Madame Grillon hörte nicht auf. Als sie jedoch sah, daß diese Letztere sich der Hände Herrn Guerreville's bemächtigt hatte und ihn lebhaft drängte, Schritte zu thun, um ihr ihre Agathe wieder zu schaffen, schien auch Marie ihren Muth wieder gefunden zu haben, und indem sie sich ihrerseits auch erhob, rief sie: »Und ich, mein Herr, werden Sie nichts zu meinen Gunsten thun? werden Sie kein Mitleiden mit meinen Schmerzen haben? werden Sie es nicht der Mühe werth halten, an meinen Sohn zu denken, der seine Mutter verlassen will, um eine Laufbahn zu betreten, auf welcher ihm weder Erfolg noch Glück erblühen wird?« Herr Guerreville wußte nicht, was er antworten sollte; gedrängt von den beiden Frauen, die ihn umstanden, ihn anflehten, flüchtete er sich ans Fenster, und um den auf ihn gerichteten Blicken zu entgehen, drehte er den Kopf um und sah auf die Straße. Madame Grillon schien indeß erstaunt und fast verletzt, daß sich eine andere Frau erlaubte, eine Bitte an Herrn Guerreville zu richten; indem sie Marien einen Blick zuwarf, der durchaus nichts Sanftes hatte, schien sie diese fragen zu wollen, mit welchem Rechte sie ihre Bitten mit den ihrigen verbinde; trotz ihrer angeborenen Schüchternheit aber zeigte sich Julius Mutter von diesem Blicke nur sehr wenig ergriffen, und in ihren Augen lag immer etwas Ironisches, so oft dieselben auf Madame Grillon gerichtet waren. Diese Scene währte ziemlich lange; die Damen maßen stillschweigend einander, und weder die eine, noch die andere hätte einen Schritt oder eine Bewegung rückwärts gemacht, die die Absicht hätte vermuthen lassen können, sie wolle auch nur auf eine Minute ihren Platz der andern überlassen; plötzlich aber stieß Herr Guerreville einen Ruf der Ueberraschung, der Freude aus, als er Jemand bemerkte, der auf der Straße vorbeiging. Darauf stieß er die beiden Frauen, die ihn gleichsam umlagerten, auseinander, stürzte nach der Thüre, und ohne sich Zeit zu lassen, nach seinem Hut zu greifen, ging er rasch fort. »Eduard! Eduard! nun, wo gehen Sie denn hin?« rief Agathens Mutter, indem sie sich vergebens bemühte, Herrn Guerreville zurückzuhalten. Marie begnügte sich, ihn weggehen zu sehen, und als er fort war, sank sie wieder auf einen Stuhl, indem sie murmelte: »So fort zu gehen! ... und er hat mir nicht einmal versprochen, mir meinen Sohn wiederzugeben!« »O! er hätte sich nicht aus dem Staube gemacht, wenn ich allein bei ihm gewesen wäre,« sagte Madame Grillon, indem sie mit wüthender Miene im Zimmer auf und abging; »aber da es so zudringliche Personen gibt! ;...« »Zudringliche!« erwiderte Marie, auf Madame Grillon einen Blick werfend, in welchem sich zugleich Verdruß und Verachtung ausdrückte; »es scheint mir, daß diejenige Person dieses Beiwort verdient, welche, allen Anstand bei Seite setzend und ohne sich von einem Bedienten abhalten zu lassen, sich erlaubt, bei Jemand einzudringen, der nicht allein ist.« »O! ich habe den Herrn gewiß in einer sehr angenehmen Unterhaltung gestört. Armer Eduard! armer Freund! er gähnte wie ein Karpfe, als ich eintrat.« »Ich weiß nicht, Madame, ob ich Herrn Guerreville gelangweilt habe, jedenfalls habe ich ihn aber nicht in die Flucht getrieben.« »In hie Flucht getrieben! ... In die Flucht getrieben! ... Madame mäßigen Sie Ihre Ausdrücke, ich bitte Sie darum.« Die Damen fingen an hitzig zu werden und schienen nicht geneigt, einander etwas nachzugeben, als das Erscheinen eines Fremden diesem Auftritt ein Ende machte. Es war Jenneval, der seinen Freund besuchte, und den Georg mit wenigen Worten von Allem unterrichtet hatte; als er in den Saal eintrat, wußte er schon, daß er daselbst die Mütter von Agathen und Julius vorfinden würde. Er grüßte die Damen achtungsvoll, und indem er sich ihnen näherte, sagte er ihnen mit jenem Tone, der Vertrauen einstößt: »Sie sehen in mir, meine Damen, den Doktor Jenneval ... den vertrauten Freund des Herrn Guerreville. Georg, sein Diener, hat mir eben erzählt, daß er Sie etwas hastig verlassen habe, entschuldigen Sie gefälligst meinen Freund. Ohne Zweifel hat ihn irgend ein uns unbekannter Beweggrund genöthigt, sich auf diese Weise zu entfernen. Wenn aber ich Ihnen, meine Damen, in irgend einer Beziehung bei ihm behülflich sein kann, so stehe ich ganz zu Ihren Diensten.« Es gibt Leute, welche auf der Stelle Vertrauen einflößen und Interesse für sich erwecken; Jenneval war von dieser Art; und am Ende verlangten die Damen auch weiter nichts, als zu sprechen. Jede beeilte sich, dem Doktor das zu wiederholen, was sie eben erst Herrn Guerreville erzählt hatte, indem sie auf die Theilnahme ein Gewicht legte, welche dieser für Agathen und Julius haben müsse. Der Doktor, der sie vollkommen verstand, versprach ihnen, Herrn Guerreville zum Handeln zu bewegen, und falls sein Freund es nicht im Stande wäre, erbot er sich, selbst alle nöthigen Schritte zu thun, um Agathen in die Arme ihrer Mutter zurückzuführen und Julius der Bühne zu entreißen, für welche, wie er selbst wohl wußte, der junge Mann nicht die geringste Anlage hatte. Jennevals Worte beruhigten die beiden Mütter, sie erschöpften sich in Dankesbezeigungen und entfernten sich etwas beruhigter, indem sie sich jedoch gegenseitig noch Blicke zuwarfen, in denen keine Spur von Wohlwollen zu entdecken war. »Arme Frauen!« sagte Jenneval zu sich, als sich die Damen entfernt hatten, »wenn sie auf die Erinnerungen, die Gefühle rechnen, welche sie Herrn Guerreville einst eingeflößt hatten, so täuschen sie sich sehr! Er hat nur eine einzige Erinnerung, einen einzigen Gedanken. Aber ich werde handeln, als wenn ich er selbst wäre, ich werde dem Herrn Julius und dem Fräulein Agathe nachlaufen, ich werde die Mühe davon haben, ohne den Dank dafür einzuernten: das sind die Vorrechte der Freundschaft. Jetzt aber, muß ich ihm selbst nachlaufen. Wohin ist er gegangen? Warum ist er wie toll davon gerannt? Ich muß ihn wiederfinden, damit er mir sein Benehmen erkläre.« Jenneval wollte fortgehen, als die Thüre des Salons rasch geöffnet ward. Herr Guerreville trat ein und hielt eine Frau fest, welche weniger durch die Jahre, als durch Elend und Leiden gealtert schien. Diese Frau, welche fünfzig Jahre alt sein konnte, war mit Lumpen bedeckt, ihr Gesicht war fürchterlich mager und blaß, und in dem gegenwärtigen Augenblicke war in ihren Augen ein Ausdruck von Schrecken und Unruhe zu lesen, der ihrer ganzen Gestalt noch einen weit elenderen Anschein gab. Herr Guerreville, dessen Züge eine lebhafte Unruhe ausdrückten, in welche sich jedoch auch einige Hoffnung mischte, ließ diese Frau, welche Mühe zu haben schien, sich aufrecht zu erhalten, eintreten und niedersetzen. Als er Jenneval erblickte, sagte er nur die Worte zu ihm: »Madame Armand ... dieselbe, welche bei meiner Tochter war ... welche mit ihr entflohen ist.« Jenneval war nun Alles klar, und indem er sich dieser Frau näherte, wartete er, eben so ängstlich als sein Freund, darauf, daß sie endlich im Stande sein würde, zu sprechen. Als diejenige, welche eben hereingeführt worden war, sich allein zwischen dem Doktor und Herrn Guerreville sah, faltete sie die Hände zusammen und fiel auf die Kniee, indem sie rief: »Gnade, Gnade, ich flehe Sie darum!« »Auf, Madame, fürchten Sie nichts!« antwortete Herr Guerreville lebhaft; »Sie haben mir viel Unheil zugefügt, aber glauben Sie, daß ich mich dafür rächen wolle, indem ich Sie mißhandle? ... Wohlan! erholen Sie sich, sammeln Sie Ihre Geisteskräfte wieder, die mein Anblick verwirrt zu haben scheint; aber vor Allem ein Wort, ein einziges Wort; meine Tochter ... was ist mit ihr geschehen? ;...« »Ach! mein Herr, davon weiß ich ganz und gar nichts!« »Davon wissen Sie gar nichts? O, mein Gott! und durch Sie hoffte ich wenigstens zu erfahren, was aus ihr geworden ist. Nun wohl, lassen Sie hören, sprechen Sie jetzt, sagen Sie mir Alles, was Sie gethan haben, verheimlichen Sie nichts, keinen Umstand, ich höre Sie.« »Ich bin sehr schuldig, mein Herr!« erwiderte die arme Frau mit zitternder Stimme, »ach! ja ich weiß, daß ich Ihr Vertrauen auf die schändlichste Weise verrathen habe; aber der Himmel hat mich dafür gestraft, man hat kein Glück, wenn man eine schlechte Handlung begangen hat, und Sie sehen den Beweis davon in der traurigen Lage, in welcher Sie mich finden.« »Zur Sache, Madame, zur Sache, von meiner Tochter, von diesem elenden Daubray sollen Sie mir erzählen.« »Sie haben Recht, mein Herr, entschuldigen Sie mich ... ich sammle meine Erinnerungen ... Fräulein Pauline war ein Engel von Güte, von Gefühl ... und sie war so schön, so reich an Anmuth ... Dieser Herr Daubray wurde sterblich in sie verliebt und trotz meiner Wachsamkeit fand er Mittel, sich die Liebe Ihrer Fräulein Tochter zu erwerben ... Ach! mein Herr ... es bedarf oft nur eines Wortes, eines Blickes, um die Liebe zu erzeugen. Aber Fräulein Pauline glaubte kein Unrecht zu thun, wenn sie diesen jungen Mann liebte ... Ich selbst glaubte Anfangs, diese Heirath könnte zu Stande kommen, und Ihre Tochter stand schon mehrere Male im Begriff, Ihnen ihre geheimen Gefühle anzuvertrauen, aber Herr Daubray widersetzte sich diesem beständig. Eines Tages suchte er mich auf und sagte zu mir: »Herr Guerreville hat mir die Hand seiner Tochter verweigert, ich kenne nur ein Mittel, um ihr Gemahl zu werden, nämlich, sie zu entführen, dann wird uns Paulinens Vater jedenfalls verzeihen müssen.« Ich verwarf Anfangs diesen Vorschlag; aber er bot mir fünftausend Franken, wenn ich ihm dazu behülflich wäre. Ach, mein Herr, ich weiß wohl, daß ich bei Ihnen an nichts Mangel hatte; aber fünftausend Franken, ich hatte nie eine solche Summe besessen, und sie schien mir beträchtlich. Und dann hörte dieser Herr Daubray nicht auf, mir zu wiederholen: »Bin ich einmal Paulinens Gatte, so kehre ich mit ihr zurück, um mich ihrem Vater zu Füßen zu werfen, der uns seine Vergebung nicht versagen wird.« Was soll ich Ihnen sagen! ich willigte ein! es handelte sich nur noch darum, Ihre Fräulein Tochter dazu zu bewegen. Arme Kleine! sie wollte zuerst nicht; sie wiederholte unaufhörlich: »Wir wollen uns meinem Vater zu Füßen werfen, er liebt mich so sehr ... er wird in unsere Verbindung willigen!‹« Aber Herr Daubray antwortete ihr immer: »›;Vertrauen Sie meiner Zärtlichkeit, meiner Liebe ... das ist das einzige Mittel zu unserer Verbindung.‹« Endlich willigte sie ein. Da wurde, ohne ihr Zeit zur Ueberlegung zu lassen, unsere Flucht für die nächste Nacht beschlossen. Herr Daubray hatte Alles vorbereitet, für Alles gesorgt, ein Wagen mit Postpferden erwartete uns hinter der Mauer des Gartens. Ach! mein Herr, wenn Sie in diesem Augenblicke Zeuge des Schmerzes Ihrer Tochter gewesen wären ... sie rief nach Ihnen ... sie wollte nicht mehr abreisen ... man mußte sie wegtragen!« Herr Guerreville gab Madame Armand ein Zeichen, einen Augenblick inne zu halten, und indem er sein Haupt an die Brust seines Freundes lehnte, ließ er den Seufzern, welche ihn zu ersticken drohten, freien Lauf. Nach einigen Minuten bedeutete er der Frau fortzufahren. »Wir reisten ab. Nachdem wir mehrere Meilen zurückgelegt hatten, hielten wir, gegen Tagesanbruch, bei einem Gasthofe an, hier stellte mir Herr Daubray die Summe zu, welche er mir versprochen hatte, und sagte dabei: »›;Es ist unnöthig, daß Sie noch länger bei uns bleiben; Ihre Gegenwart in Paulinens Nähe ist nicht mehr erforderlich, da ich sie heirathe, auch denke ich nicht, daß Sie Lust haben werden, mit uns zu ihrem Vater zurückzukehren, der Sie übel empfangen würde.‹« Nachdem er diese Worte gesprochen, verließ er mich, ohne mir erlauben zu wollen, Fräulein Pauline noch einmal zu küssen ... Und seit diesem Tage habe ich das liebe Kind nicht wieder gesehen. Aber ich zog insgeheim Erkundigungen über Sie, mein Herr, ein, und es wurde mir nun klar, daß mein Vergehen noch weit größer war, als ich geglaubt hatte, da Ihre Tochter nicht zu Ihnen zurückgekehrt war. Was meine weiteren Schicksale betrifft, so fühle ich wohl, daß diese Sie wenig interessiren können; doch muß ich Ihnen gestehen, daß mir bald Gewissensbisse über meinen Fehler kamen. Ich ging nach Paris; mit der Summe, die ich besaß, wollte ich mich etabliren, einen kleinen Handel anfangen ... aber dieses Geld brachte mir kein Glück! ... nichts wollte mir gelingen. Nach Verfluß von drei Jahren blieb mir kein Sou von diesen unglückseligen fünftausend Franken mehr übrig; da wollte ich eine Stelle suchen, aber ich wurde krank ... ich mußte meine Effekten verkaufen ... ich nahm hierauf einige kleine Bedienungen an ... aber ich hatte fast nicht mehr die Kräfte dazu ... man entließ mich nach kurzer Zeit wieder. Endlich, in das schrecklichste Elend hinabgesunken, lebe ich seit mehreren Monaten nur von dem Almosen, das ich insgeheim erbettle ... und eben ... als ich in Ihrer Straße stehen blieb, stützte ich mich auf einen Eckstein, weil ich fühlte, daß ich schwach wurde. Sie sehen es, mein Herr, der Himmel hat Sie schrecklich an mir gerächt.« »Ach! nicht seine Rache, meine Tochter fordere ich von ihm! ... da ich Sie erblickte, glaubte ich einen Augenblick, Sie würden mir helfen, meine Pauline wiederzufinden ... und auch diese Hoffnung hat mich wieder getäuscht ... Sie wissen also nichts weiter?« »Ach! mein Herr ... könnte ich Ihnen heute mit Aufopferung meines Lebens Ihr Kind wieder schaffen! ... Ach! dann glaube ich, würde das Unglück aufhören, auf mir zu lasten! ;...« In dem Augenblick, wo die Bettlerin ihre Erzählung beendet hatte, war Jenneval aus dem Zimmer gegangen; er kam bald mit einer Flasche und einem Glase zurück und schenkte dieser Frau Wein ein, indem er zu ihr sagte: »Trinken Sie ... dieser Wein wird Ihnen wieder Kraft geben ... er wird Ihnen gut thun.« Die arme Frau wußte nicht, ob sie ihn annehmen sollte; sie betrachtete mit ängstlichen Blicken Herrn Guerreville; endlich siegte das Bedürfniß über die Furcht; sie nahm das Glas Wein an. Nachdem sie getrunken hatte, grüßte sie ehrerbietig und ging nach der Thüre, indem sie murmelte: »Ich glaube, der Herr hat mir nichts mehr zu sagen, und meine Gegenwart kann ihm nur unangenehm sein.« »Einen Augenblick!« rief Guerreville. Die Bettlerin hemmte ihren Schritt und blieb unbeweglich stehen. Jenneval sah seinen Freund an. Guerreville näherte sich Madame Armand. »Sie haben mir viel Unheil zugefügt, Madame; aber ich will nicht, daß die Frau, welche die Gouvernante, die Gesellschafterin meiner Tochter war, genöthigt sei, zu ihrem Lebensunterhalt zu betteln. Nehmen Sie diese Börse; wenn sie leer sein wird, lassen Sie mich es wissen, ich werde es Ihnen niemals an Etwas fehlen lassen ... Doch jetzt gehen Sie.« »Ach! mein Herr! ... so viel Güte ... obgleich ich so schuldig bin!« Und die arme Frau wollte sich Herrn Guerreville zu Füßen werfen; er verhinderte sie aber daran und gab ihr ein Zeichen, sich zu entfernen; sie wollte aus der Thüre des Salons treten, als sie plötzlich umkehrte und ausrief: »Ach! mein Herr ... es fällt mir etwas ein ... vielleicht ist dieser Umstand von Interesse für Sie.« »Was ist es? sprechen Sie, sprechen Sie, Madame.« Herr Guerreville und der Doktor näherten sich Madame Armand, welche begann: »Vor sechs Monaten ... ja, es sind ungefähr sechs Monate, ging ich über die Boulevards und wollte gerade über den Fahrweg hinüber ... als ein eleganter Tilbury an mir vorüberfuhr ... ich blieb stehen und blickte auf. Ein Mann saß in dem Wagen ... Oh! ich habe ihn wohl erkannt, es war Herr Daubray.« »Daubray! der Räuber meiner Tochter?« »Ja, mein Herr, obgleich mehr als acht Jahre verflossen sind, seitdem ich ihn nicht wieder gesehen habe, so bin ich doch gewiß, daß ich mich nicht getäuscht habe.« »Und meine Tochter ... war sie bei ihm?« »Nein, mein Herr, er war allein.« »Der Elende! er hat sie also verlassen!« »Mein lieber Guerreville,« sagte der Doktor, »was wir eben gehört haben, ist sehr wichtig; die Erscheinung dieses Mannes in Paris, in einem Tilbury, scheint zu beweisen, daß er sich gewöhnlich in dieser Stadt aufhält.« »Ja, mein Freund, ja ... Oh! Sie haben Recht, er ist hier, der Verräther! ... Jetzt keine Ruhe mehr, bis ich ihn entdeckt habe ... ihm begegnet bin ... denn ich werde ihn auch erkennen, ich! ... Gehen Sie, Madame, gehen Sie ... was Sie uns eben gesagt haben, wird uns von Nutzen sein, wie ich hoffe ... Wenn Sie noch etwas über diesen Menschen erfahren oder entdecken, so versäumen Sie nicht, mich alsbald davon zu unterrichten. Helfen Sie mir erforschen, was dieser Elende mit meiner Tochter gemacht hat; das wird die beste Art sein, Ihr Unrecht wieder gut zu machen.« Die arme Frau betheuerte ihre Ergebenheit, ihre Reue; dann grüßte sie ehrfurchtsvoll und entfernte sich, indem sie wiederholte, daß sie Alles, was in ihren Kräften stehe, thun werde, um ihren Fehler wieder gut zu machen. »Er ist in Paris!« rief Guerreville, indem er in heftiger Bewegung im Zimmer auf- und abging, »und noch immer reich ... noch immer glücklich, ohne Zweifel ... Und meine Tochter! meine arme Tochter! ... Niemand hat sie gesehen ... Niemand kann mir Nachricht von ihr geben. Aber, was hat denn dieser Schändliche mit ihr gemacht ... Hat er sie nur darum den Armen ihres Vaters entrissen, um sie dann zu verlassen? hat er sie getödtet, dieses Ungeheuer? ... O! ja ... sie muß todt sein ... sonst wäre sie schon längst zurückgekehrt, um an dem Busen ihres Vaters ihren Fehler zu beweinen ... Todt ... meine Tochter! ... und dieser Mensch lebt noch! ... und genießt in Frieden die Vergnügungen, welche der Reichthum darbietet! Oh! ... Oh! ... all sein Blut wird nicht hinreichen, meine Verzweiflung zu stillen!« »Mein Freund, beruhigen Sie sich!« sagte Jenneval, Guerreville's Hand ergreifend, »dieser Daubray ist in Paris; wir werden ihn auffinden, davon bin ich nun fest überzeugt. Aber es ist durchaus noch kein Beweis vorhanden, daß Ihre Tochter nicht mehr am Leben sei; ... hoffen wir im Gegentheil, daß wir durch ihn erfahren werden, was aus ihr geworden.« »Ach! Jenneval ... ich muß Ihnen wohl glauben, um mich nicht der Verzweiflung zu überlassen. Wohlan! dieser Mensch soll mir meine Tochter wiedergeben, dann will ich ihm das Leben lassen und ihn für immer fliehen ... Aber er gebe mir meine Pauline zurück. Ach! ich beweine sie schon so lange Zeit!« Guerreville sank, übermannt von all den Empfindungen, die eben auf ihn eingedrungen, auf einen Sessel nieder. Der Doktor ließ ihm Zeit, sich zu fassen; als er seinen Freund ruhiger sah, näherte er sich ihm und sagte mit leiser Stimme: »Sie hatten zwei Damen bei sich zurückgelassen, die ich hier vorfand, Madame Grillon und Julius Mutter; sie waren gekommen, um Ihren Beistand, Ihre Hülfe in Anspruch zu nehmen ... Sie wissen, daß Ihre Pathe Agathe dem Herrn Adalgis gefolgt ist, ich weiß nicht wohin, und daß Herr Julius einen Contract, als erster Liebhaber bei irgend einer herumziehenden Truppe unterzeichnet hat. Die beiden Mütter sind trostlos, sie glauben, daß Sie einigen Antheil an ihren Kindern nehmen sollten.« Guerreville, der seinem Freunde sehr aufmerksam zuzuhören schien, sprang plötzlich auf, nahm seinen Hut und rief: »Er hat einen Tilbury ... er wird auf die Promenaden fahren ... über die Boulevards ... nach dem Bois de Boulogne ... Oh! ich werde ihm begegnen ... Kommen Sie ... kommen Sie, Jenneval, gehen wir.« »Unzweifelhaft,« sagte der Doktor zu sich, als er seinem Freunde folgte, »wird es nun meine Aufgabe sein, hinter Fräulein Agathe und Herrn Julius herzulaufen.« Achtzehntes Kapitel Das Kaffeehaus der Schauspieler Herr Guerreville brachte seine Tage jetzt damit hin, die elegantesten Spaziergänge der Hauptstadt zu durchlaufen; bisweilen miethete er ein Pferd und dehnte seine Exkursionen auf die Umgebungen aus. Ein Tilbury, ein Kabriolet, die unbedeutendste Equipage wurde oft von ihm verfolgt, wenn er den Mann darin zu bemerken glaubte, welchen er mit glühender Begierde aufsuchte. Abends kam er, von Anstrengung erschöpft, nach Hause, und nahm sich beim Niederlegen vor, am folgenden Tag wieder anzufangen. Wie es der Doktor vorausgesehen hatte, dachte Herr Guerreville, einzig und allein mit dem Räuber seiner Tochter beschäftigt, weder an seine Pathe, noch an Mariens Sohn. Aber, während er allen Equipagen nachgaloppirte, that Jenneval sein Möglichstes, um Julius und Agathen wieder aufzufinden. Es gibt in Paris ein gewisses Kaffeehaus, oder vielmehr eine Tabagie, die man das Kaffeehaus der Schauspieler nennt. Während die Mehrzahl der derartigen Etablissements in Pracht, Spiegeln, Vergoldungen, Malereien und Eleganz mit einander wetteifern, ist das Schauspielerkaffeehaus in der Zwei-Thalergasse seinen alten Lampen, seiner Oelbeleuchtung und seinen verrauchten Tapeten treu geblieben; es ist hier nichts Modernes, nichts Geschmackvolles zu schauen; es ist wahr, man geht auch nicht dorthin, um seine Toilette bewundern zu lassen und Gefrorenes zu sich zu nehmen ... man spielt Poule dort und raucht dazu; sehr häufig genießt sogar der größte Theil der anwesenden Gäste gar nichts, und geht nur hin, um von seinen Angelegenheiten zu sprechen. Dieses finstere Kaffeehaus, welches sich von außen durch nichts bemerklich macht, ist dennoch eines der besuchtesten von Paris. Besonders gegen die letzten vierzehn Tage vor Ostern, zu welcher Zeit die Engagements der Schauspieler und Schauspielerinnen stattfinden, ist das Schauspielerkaffeehaus dermaßen mit Leuten angefüllt, daß es oft Mühe kostet, hineinzukommen. Dann bilden sich zahlreiche Gruppen auf der Straße, vor der Thüre; öfters können die Wagen wegen der großen Menge, die dort bei einander steht und miteinander schwatzt, nur sehr schwer durchkommen. Man könnte glauben, daß daselbst, wie vor Tortoni, Börsenangelegenheiten und Handelsgeschäfte abgemacht werden. Allerdings werden da auch Geschäfte abgemacht, aber mit leeren Börsen, d. ;h. mit Bühnenkünstlern. Das Theater ist, was allen diesen Personen, die man kommen, gehen, sich einander nähern und mit einander sprechen sieht, zu leben gibt oder wenigstens zu leben geben soll. Hier werden Engagements für die Provinz, bisweilen selbst für das Ausland abgeschlossen. Hier kommen diejenigen hin, welche keine Anstellung mehr haben, diejenigen, welche eine suchen, oder ihre bisherige aufgeben wollen; und alle diese Leute, wie ihr sie da sehet, sind lauter Talente ersten Rangs; wenigstens glauben sie es. Jenneval entschloß sich, in das Schauspielerkaffeehaus zu gehen, um zu versuchen, dort etwas über Julius zu erfahren, der sich bei seinen Eltern nicht wieder hatte sehen lassen. Eines Nachmittags begab sich der Doktor in die Zwei-Thalergasse; er bemerkte einige Gruppen von Schwatzenden, welche fast in der Goße standen und erkannte daraus, daß er an dem Orte war, den er suchte. Dem, der in die Mysterien des Theaters, in die Angelegenheiten der Coulissen nicht eingeweiht ist, scheint der Name Kaffeehaus der Schauspieler eine fröhliche, liebenswürdige, verführerische Gesellschaft zu versprechen, in welcher er einen Theil von Allem wieder zu finden hofft, was ihm im Theater gefallen hat. Man bildet sich ein, jene erste jugendliche Liebhaberin ungefähr so wiederzusehen, wie sie Einem in ihren Glanzrollen erschienen ist; man glaubt die reizende Soubrette wiederzufinden, das unschuldige Mädchen mit ihrer naiven Anmuth, den verliebten Stutzer, den Marquis von seinem Tone! Doch wie erstaunt man, wenn man in das Kaffeehaus der Schauspieler eintritt! Man sieht nichts von dem, was Einen in Entzücken versetzt hatte. Bei diesen Männern, welche rauchen oder eine Poule spielen, sucht man vergeblich die Grazie, die eleganten Formen, welche von den Brettern herab so verführerisch wirkten, und man wird versucht, zu ihnen zu sagen: »Ah, mein Gott! meine Herren, wie kommt es, daß Sie so gar keine Künstlerphysiognomie haben?« Man sucht Schauspielerinnen, sie sind in geringer Anzahl da und hielten sich sonst im Hintergrunde des Kaffeehauses, jetzt aber bleiben sie, wie die Männer, in der Nähe der Billards. Die junge Frau, welche dort an einem Tische sitzt, wo sie einen italienischen Salat verzehrt, ist eine Soubrette , die von Nantes kommt und nach Montpellier reisen will; jene, die in ihrer Nähe Aepfel verspeist und sich mit ihrem Nachbar zu streiten scheint, ist eine junge Unschuldige , welche, seitdem sie Paris verlassen, schon dreimal ihren Reisegefährten gewechselt hat. Mit einem jugendlichen ersten Liebhaber abgereist, verließ sie ihn eines dummen Bauernjungen wegen, der sie an einen zweiten Tenor abtrat; endlich kam sie mit einem Baßbouffon zurück. Daraus und aus der Gewohnheit dieser Art Damen, immer den Namen des Geliebten anzunehmen, mit welchem sie leben, geht hervor, daß wir sie in Paris unter dem Namen Madame ;A. gekannt, in Rouen unter dem Namen Madame ;B. gesehen haben, und sie an einem dritten Orte als Madame ;C., aber stets als junge Unschuld , wiederfinden. Das Gescheiteste ist, wenn man eine solche Dame wieder sieht, sie zu fragen, welchen Namen sie gegenwärtig führe? Diese Veränderungen geschehen übrigens fast immer freiwillig; beide Theile nähern sich einander, verlassen sich und finden sich wieder in unveränderter Freundschaft. Oft kommt es sogar vor, daß der dermalige Liebhaber, wenn er nach einiger Zeit dem ehemaligen Liebhaber seiner Dame begegnet, zu ihm sagt: »Mein Freund, willst Du mir wohl die Gefälligkeit erweisen, meiner Frau auf einen Augenblick den Arm zu bieten?« Der Arm wird auch auf der Stelle angenommen, und Madame, die gegenwärtig die Frau eines Andern ist, geht mit dem spazieren, dessen Namen sie ehemals führte und der jetzt für sie nur noch ein Kunstgenosse ist. Aus diesem Allem ersieht man, daß es unter den Theaterleuten viele Gebräuche gibt, die denen der St. ;Simonisten gleichen. Ich brauche Ihnen übrigens nicht erst zu sagen, daß dergleichen Züge unter den ansäßigen Künstlern selten sind, und daß es unter unsern großen Talenten, unter unsern renommirten Schauspielerinnen viele gibt, welche das Schauspielerkaffeehaus nicht einmal dem Namen nach kennen, da dieses Kaffeehaus nur für die dramatische Demokratie errichtet worden ist. Jenneval hatte sich in einen Winkel des Kaffeehauses gesetzt, blickte um sich her und beobachtete. Ein Herr von gesetztem Alter, dessen Perrücke sich über den Ohren bedeutend verkürzte und dessen Kinn und halber Mund in einer ungeheuren Halsbinde stak, näherte sich dem Ofen, tiefe Töne ausstoßend, welche den Klängen einer Kirchenposaune ähnelten; er unterbrach sich häufig, um zu husten, was mit einer Gewalt geschah, die nicht ganz ohne Absicht schien. Man sah, daß es diesem Manne ein Vergnügen gemachte hätte, beim Husten den Lärm einer Kanone hervorzubringen. »Allem Anschein nach singt dieser Herr zweite Tenorpartien,« sagte Jenneval zu sich. Indem er sich dem Manne mit der starken Stimme näherte, bot er ihm eine Prise Tabak an, die mit großem Eifer angenommen wurde; der Doktor glaubte sogar zu bemerken, daß dieser Mann, statt mit den Fingern davon zu nehmen, die Hälfte seiner Hand mit Tabak angefüllt hatte, den er dann geschickt in eine Westentasche ausleerte und nur eine kleine Prise an seine Nase brachte. Ohne sich aber das Ansehen zu geben, als bemerke er diese, für künftige Prisen getroffene Vorsorge, knüpfte der Doktor ein Gespräch an. »Der Herr sind Künstler, ohne Zweifel?« »Erster tiefer Tenor ... hum! hum ... nötigenfalls Bariton ... hum! ... musikalisch bis in die Fingerspitzen ... hum! hum! ... Ich habe nur gerade ein vertracktes Kratzen in der Kehle ... es muß mich ein Beinsplitter von einem Kapaun geritzt haben. Ich besitze eine herrliche Stimme ... hum! ... die mich noch nie im Stiche gelassen hat. Ich habe alle Städte des mittäglichen Frankreichs in Entzücken versetzt ... Pfoi! Pfoi! ... Ah! Ah! ... das ist ein verteufelter Reiz ;... Deine Liebe, theure Tochter Tröstet' mich für Alles. Hum! hum! ;...« »Der Herr kommt aus der Provinz?« »Ich komme von Bordeaux ... ich war dort auf ein Jahr engagirt ... hum! hum! ... blieb aber nur vierzehn Tage dort ... ich habe mein Engagement gebrochen, es gefiel mir nicht dort! In Bordeaux lieben sie nur den Tanz! ... Ich ließ sie herrliche Orgeltöne hören! ... sie waren entzückt! ... aber sie zischten, um dem Direktor einen Possen zu spielen, weil er ihnen nicht genug Ballete gab. Deßhalb sagte ich zu dem Direktor: Ihr Publikum betet mich an, ich weiß es sehr wohl; aber es verdrießt mich, daß Sie Feinde haben, welche immer zischen, wenn ich singe. Ich will fortgehen, denn Sie dürften mir zehntausend Franken für jede Vorstellung geben, ich würde nicht hier bleiben. Der Direktor hatte Thränen in den Augen ... er wollte mich mit aller Gewalt zurückbehalten ... hum! hum! ... aber ich habe nicht gewollt ... und ich werde dieses Theaterjahr in Beaugency beenden ... hum! die werden sich nicht wenig gratuliren, mich dort zu besitzen! ... Ah! Verhext ... Eine Stimme von meinem Umfang haben sie dort noch nicht gehört! Ich debütire in dem Deserteur.« »Ah! Sie spielen die Rolle des Deserteurs?« »Pfui! ... den Heuler, der nichts zu singen hat ... Ich mache den Courchemin ... ich singe die schöne Arie: Der König ging vorbei ... hum! hum! und der Tambour schlug ... hum! hum! den Marsch ... Verdammte Bürste im Halse ... eine ganze Schleimmasse ... Ah, Teufel! die himmlische Arie! ... in dieser kann man seine Mittel entwickeln. Darf ich Sie um eine Prise bitten?« »Sehr gern.« »Ihr Tabak ist vortrefflich.« Der erste tiefe Tenor grub seine Hand wieder in die Dose des Doktors ein und führte dasselbe Manöver wie vorhin aus. Ein Mann von etwa vierzig Jahren, mit einer jugendlich blonden Perrücke, Baumwolle in den Ohren, der zwei Ketten von grünen Steinen um den Hals trug und eine Haarkette über die Weste, große Berlocken an der Uhr, Ringe mit falschen Brillanten an allen Fingern, einen abgeschabten blauen Rock, nußfarbene Beinkleider, mit Bindfaden statt der Stege befestigt, Schuhe, blaue Strümpfe und eine Busenkrause, näherte sich jetzt tänzelnd und schlug dem tiefen Tenor auf die Schulter. »Guten Tag, Alter!« »Guten Tag ... hum! hum! ;...« »Denke nur, die Sache ist abgemacht, ich habe diesen Morgen unterzeichnet.« »Nun zum Teufel! mein Engagement nach Perpignan ... Für erste Liebhaber, erste Helden, Marquis und erste komische Rollen ... ganz ausschließlich.« »Potz tausend, da wirft Du ja Alles spielen ... das riecht verflucht nach Nebenrollen!« »Nebenrollen! ... Hast Du mich denn nicht verstanden ... ein vortreffliches Engagement: ich wähle die Rollen, die mir gefallen, und viertausend Franken Gage, ohne das Benefice zu rechnen ;...« »Hum! hum! ... ja, das ist etwas Sauberes, um ein Benefice in Perpignan! Ich habe einige Zeit dort gespielt; das ist eine Stadt, wo es für Künstler nichts zu thun gibt.« »Bah! Du scherzest ... das Theater ist dort im Gegentheil sehr besucht.« »Man dürfte mir dort zwanzigtausend Franken bieten und ich ginge nicht hin.« »Du bist sehr difficil ... Ah, ich habe mit Bedauern erfahren, daß Du Unannehmlichkeiten in Bordeaux gehabt hast.« »Unannehmlichkeiten ... ich! ... was für ein Vieh hat das gesagt?« »Nun ... hier ... im Büreau bei Daudel; da war Jemand, welcher sagte, Du seiest ausgepfiffen worden ;...« »Ausgepfiffen ... ich! ... Ah, ich wünsche Dir nur immer solche Auspfeifer zu haben wie diese da ... überschüttet mit Beifall, mein Lieber, völlig überschüttet ... so daß sie mich oft meine großen Arien nicht zu Ende singen ließen ... hum! hum! ... Ah, zum Henker! das war ein betäubender Lärm, wenn ich auftrat.« »Warum bist Du denn aber fortgegangen?« »Ah, warum hatte der Direktor Feinde? ... Siehst Du, das ist etwas Anderes ... Privatangelegenheiten ... und dann wurde ich in Bordeaux zu oft heiser! ... die verfluchte Seeluft ... Ich sagte: Keine Minute mehr! ich will zum Vergnügen dieser Kanaillen meine Stimme nicht einbüßen! ... Mein Herr, ich möchte Sie noch um eine Prise bitten.« »Mit großem Vergnügen.« Jenneval präsentirte seine Dose; nach der dritten Prise war nichts mehr darin. »Der Herr will also nach Perpignan abreisen?« fragte der Doktor, sich an den andern Mann wendend. »Ja, mein Herr, in zehn Tagen muß ich dort sein ... ich habe fünfhundert Franken Vorschuß.« »Hum! hum! ... Pfoi!« Diesmal schien der tiefe Tenor mit spöttischer Miene zu husten, wobei er eine leichte Bewegung mit den Schultern machte, welche ausdrückte, daß er dem, was sein Kamerad so eben gesagt, keinen Glauben schenke. Jenneval selbst kam es sehr sonderbar vor, daß der erste Held, wenn er fünfhundert Franken vorausbekommen, sich nicht ein Paar lederne Stege statt seiner Bindfäden gekauft hätte. Doch das hinderte ihn nicht, die Unterhaltung fortzusetzen. »Sie müssen mehrere der Direktoren aus der Provinz kennen?« »Fast alle ... ich habe mich so viel von Stadt zu Stadt herumgetrieben; ich liebe den Wechsel, ich habe kein Sitzfleisch, und auf diese Weise sieht man sich auch die Welt an, vergnügt sich dabei und lernt Lebensart ... Ich habe Geschmack und eine Garderobe, die zu den vollständigsten gehört ... ich würde sie nicht für sechstausend Franken geben ... Ah, ich glaube meine Frau zu sehen!« Der erste Held entfernte sich hüpfend, und der alte Huster sagte darauf zum Doktor: »Das ist ein Schwätzer und Aufschneider vom ersten Rang! ... Saubere Garderobe seine Garderobe! ... Nun, Sie haben ja eine Probe davon an seinem Anzuge gesehen ... Alles an ihm ist falsch, von seiner Stimme bis zu seinen Waden ... hum! ... Stellen Sie sich vor, um Aufsehen in den Städten zu machen, wohin er kommt, schleppt er drei ober vier leere Koffer mit sich; aber was thut mein erster Held , um seinem Wirthe Vertrauen einzustoßen und Kredit zu erlangen? ... Kaum ist er in einem Gasthofe angekommen, schlägt er von innen Nägel durch seinen Koffer und nagelt sie an den Fußboden fest, dann verschließt er sie sorgfältig. Nun ist es gewöhnlich das erste Geschäft eines Gastwirths, welcher einen Schauspieler beherbergt, dessen Koffer zu wägen, um nach ihrem Gewichte zu urtheilen, ob er für seine Zeche ein Unterpfand habe. Das soll nun auch mit denen unseres ersten Helden geschehen; wenn man aber versuchen will, sie in die Höhe zu heben, ist es rein unmöglich! man bringt sie nicht von der Stelle! Jetzt ist mein Schafskopf von Gastwirth ganz beruhigt; o! denkt er bei sich, da drin ist genug, um mich für meine Zeche zu decken! und er kreditirt frisch darauf los. Das ist eine von den tausend Schelmereien dieses famosen Kameraden ... hum! hum! Uebrigens ein ziemlich guter Kerl und als dummer Junge nicht übel, nur darf er sich nicht bis zu Liebhabern oder gar ersten Helden versteigen ... Ah! die rathe ich ihm sehr ab! Dabei wird er noch den Hals brechen ... Ich möchte Sie um eine Prise gebeten haben.« »Thut mir sehr leid, aber ich habe keine mehr.« »Ah! es ist wahr, ich habe nur so die Gewohnheit ;...« Ein kleiner, hagerer Mann, braun, häßlich und von den Pocken stark gezeichnet, näherte sich jetzt deklamirend, beide Hände in den Taschen seines Oberrocks und seine Augen wie ein Verschworener herumrollend. Der tiefe Tenor begrüßte ihn mit einem Kopfnicken, der Andere antwortete ihm darauf mit hohler Stimme: »Ach, Ungewißheit ist die größte Folterpein! Des Wartens Stunde scheint unendlich uns zu sein!« »Herrlich!« ... sagte der tiefe Tenor . »Du kommst von Lyon zurück?« »Ja.« »Wie ist Dir's dort ergangen?« »Gekrönt!« »Du hast eine Krone erhalten?« »So oft ich spielte, gekrönt.« »Gerade wie ich in Bordeaux ... hum ... hum! ... hast Du auch in Chalons Vorstellungen gegeben?« »Drei hinter einander ... das heißt, drei Stücke an einem Abend.« »Mit Erfolg?« »Gekrönt!« »Teufel auch, es scheint, daß die Tragödie dieses Jahr in der Provinz in Aufnahme gekommen ist. Man hatte mir aber doch gesagt, daß nichts mehr ziehe, als die komische Oper und das Vaudeville.« »Ah! ja! sie machen keinen Sou mit ihrer komischen Oper.« »Weil sie keinen tiefen Tenor haben.« »Möglich! Ich suche den Direktor von Douai ... das heißt, seinen Regisseur, der sich in Paris befindet, und mich mit aller Gewalt haben will.« »Wenn er Dich mit aller Gewalt haben will, so scheint es mir, daß er Dich aufsuchen müßte.« »Ich sage Dir auch, daß er mich gebeten hat, ihn hier zu erwarten ;... Für wen die Schlangen, die ob meinem Haupte zischen! ...« »Hast Du schon in Douai gespielt?« »Ja, freilich! deßhalb brennen sie auch vor Begierde, mich dort wiederzusehen ... Ich habe den Hamlet gespielt, den Nero, Agamemnon ... den Menschenfeind ... Antoni ... dreißig Jahre.« »Ah! dort lieben sie also das Drama ;...« »Was heißt lieben, sie verschlingen es ... sie suchten mich in meiner Loge auf ... sie trugen mich im Triumphe davon! ... ich wurde alle Abende gekrönt ;...« »Hum! hum! ... meine Gurgel ist so trocken, wie eine Mandel!« »Wenn Sie ein Glas Bier von mir annehmen wollten?« sagte Jenneval, indem er sich einem Tische näherte. Der edle Opernalte schien über diesen Vorschlag eben so gerührt als entzückt; er verbeugte sich und erwiderte: »Mit größtem Vergnügen.« Der Tragöde folgte diesen Herren, indem er rief: »Meiner Treu! ein Glas Bier wäre auch mir nicht unangenehm.« Man setzte sich an einen Tisch. Es waren mehrere besetzt, aber man beschäftigte sich an denselben nur mit dem Dominospiel; daher richteten sich auch alle Blicke sogleich nach dem Orte, wo eine Flasche entpfropft wurde. Jenneval hatte drei Gläser verlangt, und war eben im Begriff, den beiden Künstlern einzugießen, als der erste Held herbeilief, sich eines Stuhles bemächtigte und sich mit dem Ausrufe an den Tisch setzte: »Halt! Ihr trinkt Bier ... Ah! gut, da bin ich dabei! Ein Glas, Kellner!« »Der Herr hat uns die Ehre erwiesen, uns einzuladen,« sagte der Tragöde , indem er dem neu Hinzugekommenen einen strengen Blick zuwarf. »Und was thut das?« sprach der Doktor, »der Herr wird uns nicht zuviel sein. Kellner, noch ein Glas und Bier.« Der erste Held ließ sich nicht bitten, griff sogleich nach dem Glase und sang: »Je närrischer man ist, je mehr man lacht! Je närrischer man ist ...« »Lassen Sie es nicht schäumen, wenn ich bitten darf.« »Herrliches Bier!« sagte der tiefe Tenor. »Ich werde noch besseres in Douai trinken!« sagte der Tragöde. »Ah! Du gehst nach Douai, Du?« begann der erste Held. »Ah! ah! dort habe ich komische Geschichten erlebt. Ich war etwas auf dem Trockenen, denn ich hatte meinen Vorschuß bei der Ankunft verzehrt ... ich erinnere mich unter Anderem, daß ich einen Marquis zu spielen hatte und genöthigt war, die kleinen Vorhänge von meinem Fenster zu nehmen, um mir eine Halsbinde und ein Taschentuch daraus zu machen ... ha! ha! haben wir da gelacht! haben wir da gelacht!« »Meine Herren,« sagte der Doktor, »Sie sind alle drei Künstler und durch ihre Talente sehr bekannt, wie ich höre.« Die Herren verbeugten sich; der tiefe Tenor hustete stärker. »Nun gut!« fuhr Jenneval fort, »Sie könnten mir vielleicht einen großen Dienst erweisen.« »Alles, was Sie wünschen,« erwiderte der erste Held und fügte, auf seine klanglose Hosentasche klopfend, hinzu: »nur darf es sich nicht um Geld handeln.« »Oh! davon ist durchaus nicht die Rede,« sagte Jenneval lächelnd. »Ich scherzte auch nur.« »Uebrigens kann das Geld nicht knapp bei Dir sein, da Du ja fünfhundert Franken Vorschuß bekommen hast,« sagte der tiefe Tenor zum ersten Helden. »Ich habe sie meiner Frau zu ihrer Niederkunft gegeben.« »Deiner Frau! Die hat ja erst vor drei Monaten ein Kind gehabt.« »Gleichviel! wenn sie jetzt wieder eines bekommen will, geht das Dich etwas an?« »Still doch, meine Herren, ihr hindert ja den Herrn zu sprechen.« »Wir hören Sie, mein Herr.« Der Doktor fuhr fort: »Ein junger Mann, der Sohn einer Dame, die mich interessirt, wurde von der schönen Leidenschaft für das Theater ergriffen; seine Eltern gehören dem Handelsstande an und wünschen, daß ihr Sohn ihr Geschäft fortführen möchte. Wenn übrigens dieser junge Mann Anlagen für das Theater hätte, so würde ich ihnen gerathen haben, ihn eine Laufbahn verfolgen zu lassen, welche so viel Anziehendes darbietet. Aber weit entfernt davon, glaube ich, daß der, von welchem ich mit Ihnen spreche, immer nur einen sehr schlechten Schauspieler abgeben wird; und denken Sie in diesem Falle nicht wie ich, daß er besser daran thun würde, dem Theater zu entsagen?« »Oh! ja, ohne Zweifel, mein Herr!« »Der arme Bursche, wenn er wüßte, wie es auf solch einem Provinzialtheater zugeht!« »Wie auf einer Galeere!« »Drei Viertheile unserer Zeit bekommen wir nichts bezahlt!« »Anstrengungen, Kränkungen, Ueberdruß, und nichts zu beißen und zu nagen ... das ist's, was auf ihn wartet!« »Ah! mein Herr, wenn Sie irgend eine Gewalt über ihn haben, so halten Sie ihn davon ab, zum Theater zu gehen.« Jenneval betrachtete mit Erstaunen diese drei Männer, welche wenige Augenblicke vorher nur von ihren Erfolgen, von ihren Triumphen gesprochen hatten, und nun Alle dann übereinstimmten, ihn aufzufordern, einen Dritten von ihrer Laufbahn zurückzuhalten; er dachte damals, daß die Schauspieler auch im gewöhnlichen Leben fast immer die Gewohnheit beibehalten, Komödie zu spielen, daß es aber auch Momente gebe, in denen sie sprechen, wie es ihnen ums Herz ist, und aufhören, Komödianten zu sein. »Und was hat Ihr junger Mann gethan?« fragte der Tragöde. »Was er gethan hat? Oh! mein Gott! er hat seine Eltern vor acht Tagen verlassen, indem er ihnen sagte, daß er sich für die Provinz engagiren lasse.« »Oh! ... Oh! ... ein Geniestreich ... das war mein Fall,« sagte der erste Held, »aber ich fühlte mich auch von meinem Beruf durchdrungen.« »Und welches Fach hat er gewählt?« »Oh! ich glaube, daß er Alles spielen wird, was man nur von ihm verlangt ... doch da er ein hübscher Bursche und noch nicht zwanzig Jahre alt ist, wird man ohne Zweifel einen Liebhaber aus ihm machen.« »Oder einen Kuhschwanz ,« sagte der tiefe Tenor, »darunter verstehen wir einen Erztölpel , einen Bauernlümmel . Wenn er noch Stimme hätte! hum! hum!« »Die hat er durchaus nicht.« »Zum Theater gehen, ohne Stimme! ... diese jungen Leute sind erstaunlich kühn; sie verzweifeln an nichts ... er ist im Stande, sich für die große Oper engagiren zu lassen!« »Das ist leicht möglich.« »Und für welche Stadt hat er ein Engagement angenommen?« »Das ist es gerade, was ich nicht weiß.« »Wie heißt er?« »Julius ... Gallet.« »O! er hat ohne Zweifel einen Theaternamen angenommen« »Sein Signalement?« »Noch nicht zwanzig Jahre alt, blond, groß, rothe Gesichtsfarbe, ein hübscher Bursche, aber etwas zart.« »Warten Sie, wir wollen Erkundigungen über ihn einziehen; da ist gerade der zweite Stutzer , der alle Neuigkeiten weiß ... er läuft immer bei den Theateragenten herum ... Hollah! he! Vollliebe .« Der Künstler, den seine Kameraden Vollliebe nannten, war ein starkbeleibter Mann, welcher seine volle fünfzig Jahre zählte, aber immer noch ein hübscher Mann war, sich mit großer Koketterie bewegte und außerordentlich in seine Kleider eingezwängt war, so daß er den Mund immer aufstehen hatte, um nach Luft zu schnappen; sein Accent deutete auf ein Kind der Garonne. Er näherte sich lächelnd, ließ zweiunddreißig sehr weiße Zähne sehen und trillerte, indem er im Gehen seine Hüften bald rechts bald links schwenkte: »Wenn man aufs Liebchen harrt, Wie uns die Zeit da narrt. Guten Tag, meine Kinder ... Mein Herr, ich habe die Ehre ... ah! Du hier, Tragöde ... ich glaubte Dich in Lyon.« »Gekrönt!« murmelte der kleine, hagere und gelbe Mann, indem er sein Bier hinuntergoß. »Wie ich in Toulouse ;... O Richard! o mein König! Halt, willst Du von meinen Kronen? Ich habe alle Taschen davon voll.« Und Herr Vollliebe zog ein Paket mit Laubwerk hervor, von dem sich einige Zweige auf dem Kopf des tiefen Tenoristen festsetzten. »Sie sind am gehörigen Platze ... Alterchen! ;...« »Hum! hum! Danke, Vollliebe  ;...« »Wir haben Dich um eine Auskunft zu bitten,« sagte der erste Held. »Eine Auskunft ... sprecht, ich bin wie der Eremit auf dem Berge Prazzo ... ich sehe Alles, ich weiß Alles ... ich ... doch Ihr trinkt Bier?« »Wollten Sie mir wohl das Vergnügen machen, mein Herr, ein Glas davon anzunehmen?« sagte Jenneval und grüßte Herrn Vollliebe mit freundlicher Miene. »Ein Glas, Sie sind sehr gütig ... indeß würde ich etwas Anderes vorziehen ... das Bier ist für einen mittäglichen Schlund zu kalt.« »Kellner, eine Bowle Punsch!« rief alsbald der Doktor. Jetzt stürzte Herr Vollliebe an den Tisch und warf fast den ersten Helden und den tiefen Tenor über den Haufen. Aber die Bestellung einer Bowle Punsch hatte eine allgemeine Bewegung in dem Kaffeehause hervorgebracht; der Kellner fürchtete falsch gehört zu haben, und ließ es sich dreimal vom Doktor wiederholen, er sah ganz verwundert darüber aus, daß man von ihm eine Bowle auf einmal forderte, und lief in das Comptoir, um diese wichtige Neuigkeit sogleich seiner Herrin anzuzeigen. Indeß hatte man den zuletzt Angelangten befragt, ob er etwas über Julius wisse. Nachdem er einige Zeit nachgedacht hatte, schlug sich Herr Vollliebe an die Stirn und rief aus: »Die kleine zärtliche Mutter von Limoges hat mir von einem hübschen Liebhaber erzählt, den sie, ich weiß nicht mehr in welcher dramatischen Agentur gesehen hatte ... Warten Sie, wir können sie fragen ... Wollen Sie, daß ich sie kommen lasse?« »Sehr gern,« sagte Jenneval, der entschlossen war, eine ganze Truppe zu bewirthen, wenn es dazu dienen konnte, Julius auf die Spur zu kommen. »He! he! ho! ho! ... Mimi! ... he! he! ... Mimi! ... ho! ho! ;...« Diese Ausrufe machte Herr Vollliebe in Rouladen und eine junge, ziemlich hübsche Frau, deren Toilette aber außerordentlich zerknittert war, lief aus dem Hintergrunde des Kaffeezimmers herbei, indem sie eine ungeheure Bretzel verspeiste, und sagte zu dem mittäglichen Künstler mit einer tiefen Altstimme: »Nun denn! was hat mich denn das Vieh da in einem fort zu rufen? Willst Du mir vielleicht ein Glas Cider aufwichsen? bezahlst Du ein Glas Cider?« »Der Herr bietet Ihnen ein Glas Punsch an ... das, glaube ich, Sirene, wiegt Ihren Cider auf. All diese Lust war auch für mich ... Dran denke ich, dran denke ich!« In diesem Augenblicke brachte man die Bowle Punsch, deren bläuliche Flamme die Stammgäste des Kaffeehauses in die größte Aufregung versetzte. Die zärtliche Mutter ließ sich nicht lange bitten; sie setzte sich, und Jenneval sagte zu dem Kellner: »Noch ein Glas.« »Wo wirst Du dieses Jahr hingehen, Mimi?« fragte der erste Held die junge Frau, die eben herzugekommen war. »Wo ich hingehen werde? ... was weiß ich ... vor der Hand gehe ich spazieren ... ich bewege mich in der freien Luft ... alle Direktoren ekeln mich an! Da will mich Einer als erste Liebhaberin engagiren, unter der Bedingung, daß ich auch im Chore mitsinge, wenn es an Leuten fehlt ... und daß ich auch in den Divertissements mittanzen solle. Ich aber sagte: Danke! es fehlt nur noch, daß Sie mich am Eingange ins Theater die Trommel rühren und ausrufen lassen: »›;Treten Sie ein! Treten Sie ein, meine Herren und Damen! ... Versehen Sie sich mit Billeten, man wird sogleich anfangen! ... Brrrr ... Versehen Sie sich mit Billeten!‹« Alle Künstler fingen an zu lachen und der Doktor konnte sich nicht enthalten, mit einzustimmen, weil die zärtliche Mutter am Schlusse ihrer Rede auf eine ganz originelle Weise die Manieren und die Sprache eines Marktschreiers nachmachte. Hierauf goß sie ihr Glas Punsch in einem Zuge hinunter und rief dann aus: »Ah! wie heiß das ist! ... Gleichviel, ich nehme doch noch eines ... das wird meine Heiserkeit kuriren! ;...« Während Jenneval Punsch einschenkte, blieb eine Frau von fünfzig Jahren, mit Schminke und Schönpflästerchen bedeckt, welche absichtlich schnell sprach und ging, um dadurch ihren Beruf als Soubrette anzuzeigen, bei dem Tische stehen und sagte mit halber Stimme zu dem Tragöden: »Pest! ... welche Schwelgerei! ... habt Ihr einen Theaterdirektor aus Peru bei Euch?« Der Tragöde, der schon halb und halb durch den Punsch, den er wider seine Gewohnheit getrunken hatte, benebelt war, hob seinen Kopf in die Höhe und brummte: »Gekrönt! ... im Triumphe in der Stadt herumgeführt!« »Ja, wie wir gestern, als wir von Moulins hierher zu vierzehn in einem Karren von einer Mähre gezogen wurden, welche die Rozinante vorzüglich gespielt hätte.« Während dieses Gesprächs hatte man die zärtliche Mutter nach dem jungen Menschen gefragt, den sie ein Engagement hatte unterzeichnen sehen, und indem sie genau aufpaßte, streckte sie ihr Glas wieder hin mit den Worten: »Warten Sie ... noch ein wenig Punsch ... ich muß mich erst besinnen ... gießen Sie nur immer zu ... Ein schmachtender Blondin ... nicht sehr stark ... Uebrigens nicht übel ... man sollte noch ein wenig Rum dazuthun ... Ah! jetzt hab ich's, er ist nach Moulins engagirt.« »Nach Moulins? ... Sie glauben?« »Ich weiß es gewiß, er soll die jugendlichen Liebhaber jeder Art spielen ... und nötigenfalls auch die edlen Väter  ;...« »Unter welchem Namen hat er unterzeichnet?« »Er hat sich Julius Ga... Gale... Gaga.. genannt?« »Gallet?« »Ja, Gallet oder Galère. Man hat ihn gefragt, ob er keinen Theaternamen annehmen wolle, und er hat unterzeichnet: Julius Galère genannt Florival.« »O! das ist gut; und nach Moulins sagen Sie ... ist er schon abgereist?« »Das weiß ich nicht ... aber ich glaube, er wird erst morgen abreisen ... Sie können es auf dem Diligencenbureau erfahren ... er wollte den Wagen von Laffitte und Caillard nehmen ;...« »Sehr verbunden, Madame; meine Herrn, äußerst erfreut, Ihre Bekanntschaft gemacht zu haben.« »Wir ebenfalls, mein Herr.« Vier Hände streckten sich zugleich aus, die des Doktors zu fassen, der sie auch alle herzlich drückte, dann die Zeche bezahlte und das Kaffeehaus verließ, gefolgt von den Verbeugungen des Kellners und den Liebesblicken der zärtlichen Mutter und des fünfzigjährigen Kammerkätzchens . »Nach Moulins,« sagte der Doktor zu sich, seinen Weg nach dem Diligencenbureau einschlagend; »für diese Stadt also ist Julius engagirt; aber er ist noch nicht abgereist; ich will ihm aufpassen, will mit ihm sprechen, es versuchen, ihn von seiner Theaterwuth zu heilen; ich will den Agenten sprechen, ihm den Reukauf für das Engagement bezahlen und diesen jungen Mann seiner Mutter zurückbringen. Dann werde ich mich nur noch nach Fräulein Agathe Grillon umzusehen haben, bei der es mich vielleicht größere Mühe kosten wird, sie aufzufinden, oder sie an der Flucht zu hindern.« Der Doktor war indeß in dem Hofe der Diligencen angekommen; es war schon finster, aber die Laternen, welche in regelmäßigen Zwischenräumen dort angebracht sind, machten es noch möglich, die Reisenden zu unterscheiden. Während er die Wagen nach Moulins suchte, fand er sich von mehreren Reisenden beiderlei Geschlechts umringt, welche eben abgestiegen waren, und sich wieder zu erkennen und zurecht zu finden suchten. Ein Herr, der über seinen Rock einen Spencer, über den Spencer einen Ueberzieher und über den Ueberzieher einen Mantel gezogen hatte, und auf dem Kopfe ein Foulard, eine baumwollene Mütze und eine Kappe trug, stürzte sich durch die Mantelsäcke, Koffer und Pakete, indem er schrie: »Sehr gut ... Niemand erwartet mich ... Niemand ist da, um mich bei meinem Aussteigen aus dem Wagen zu empfangen? ... Wie allerliebst! ... Da habe Einer eine Frau, eine Bonne und eine Schwester! ... Ich hätte gute Lust, wieder nach Lyon zurückzureisen ... Und ich bin noch so gut und bringe ihnen eine ungeheure Schlackwurst mit, in die meine Frau vernarrt ist, und überdies von den größten Kastanien für meine Schwester.« »Wo is der Straß Révolé?« fragte ein großer Reisender, an dessen Accent man den Engländer erkannte. »Welches ist der beste und billigste Gasthof?« fragte ein junger Mann, sich an einen der Commissionäre wendend. »Ich wünsch zu lodschir, in dem Hôtel in der Straß Révolé, wo lodschir alle fashionablen Englischmen.« »Einen Fiaker, wenn Sie die Güte haben wollen; verschaffen Sie uns einen Fiaker!« sagten zwei Damen, die in großen Hüten mit grünen Schleiern steckten. »Ich will sofort nach dem Palais-Royal gehen,« sagte ein kleiner Mann, über die Pakete stolpernd, und indem er sich rings umsah, als ob er gehofft hätte, das Palais-Royal in dem Posthofe zu finden. Der Doktor machte sich endlich Luft durch dieses Gedränge; er erkundigte sich und fragte nach dem Wagen nach Moulins. Man antwortete ihm, daß er schon seit einer Stunde abgegangen sei; er ließ sich die Liste der Reisenden geben, die sich darauf befanden, und sah auf dieser Liste: Julius Gallet, genannt Florival. »Ich bin zu spät gekommen,« sagte Jenneval zu sich, »er ist fort ... ich kann ihm nicht bis Moulins nachlaufen. Uebrigens würde er auch dort nicht mehr auf mich hören; er würde sein Engagement nicht brechen wollen ... Möge er denn spielen ... möge er Schauspieler sein ... Möge man ihn aber auch, wenn er kein Talent hat, hinlänglich auspfeifen, damit er recht bald zu seiner Mutter zurückkehre.« Und der Doktor wollte den Diligencenhof verlassen, als er plötzlich mit der Nase auf einen kleinen Mann stieß, den er an seinem tänzelnden Wesen sogleich für seinen Freund Vadevant erkannte. »Ah! Sie sind es, Doktor?« »Ja, ich selbst, aber was machen denn Sie in diesem Hofe? ... Sie schienen mir zu lachen.« »Ja, so ist's. O! das ist drollig. Ich freue mich unendlich, daß ich zufällig dazu gekommen bin ... O! das ist göttlich, hi! hi!« »Können Sie mir nicht auch einen Antheil an Ihrer Freude zukommen lassen?« »Nichts leichter ... und ich wette, daß Sie mit mir lachen würden, wenn Sie die Personen kennten. So mögen Sie denn wissen, daß ich hieher gekommen war, um meine Cousinen Devaux nach der Diligence zu begleiten. Sie wissen ... Clientinnen von Ihnen.« »Wie! sie verlassen Paris?« »Auf einige Zeit ... Man hat der Madame Devaux geschrieben, daß in Coulommiers zwei heirathsfähige junge Leute seien, die ganz für ihre Töchter paßten. Sogleich sagte meine Cousine: Gut, machen wir einen kleinen Abstecher nach Coulommiers ... wir haben Verwandte dort; meine Töchter werden ihre Talente, ihre Reize entwickeln ... und es ist wahrscheinlich, daß sie von dort mit dem Titel Frau zurückkehren werden.« »Ich glaubte, sie sollten sich in Paris verheiraten ;...« »Ah! Ja ... es gab Unterhandlungen, Vorschläge von Seiten eines gewissen Herrn Delaberge ... eines jungen Leichtsinns nach der Mode; aber ich habe das Alles abgebrochen, ich! ... Ich habe Erkundigungen eingezogen und erfahren, daß dieser Delaberge ein erbärmlicher Wicht sei! ... Er hätte meine jungen Cousinen unglücklich gemacht. Ich ging zu ihm und sagte: Mein Herr, ich verbiete Ihnen, noch weiter an meine Cousinen zu denken.« »Sollte er sie denn alle Beide heirathen?« »Nein, aber er schwankte unentschlossen hin und her ... O! was ist dieser Delaberge für ein abscheulicher junger Mann ... ein kleiner Flegel ... denn er hat versuchen wollen, einen Ton gegen mich anzunehmen! aber ich habe ihm die Meinung gesagt! ... Ich glaube nicht, daß er Lust haben wird, mich wieder zu sehen. Ueberdies geschieht es auch, um meine jungen Cousinen ein wenig zu zerstreuen, daß sie ihre Mutter nach Coulommiers führt. Doch um auf das zu kommen, was mich so lachen machte. Nachdem ich meine Cousinen Devaux in den Wagen gebracht, schlenderte ich ein wenig im Hofe umher ... Ich beobachtete ... Sie wissen, ich bin ein scharfer Beobachter ... Ich erblicke einen Wagen, der eben abfahren will ... ich weiß nicht wohin! Das ist gleich; ich nähere mich, um die Reisenden ins Auge zu fassen; da bemerke ich in einem Winkel, auf einer Bank, eine Dame, nahe bei einem Herrn sitzen; sie drängten sich ganz enge zusammen, die junge Frau schien sich verbergen zu wollen, sie wandte das Gesicht weg, wenn Jemand vorbeiging. All' das reizte meine Neugierde. Ich versteckte mich hinter einen Wagen und prüfte mein junges Paar genauer. Denken Sie sich mein Erstaunen; ich erkannte Fräulein Agathe Grillon. Ah! aber Sie kennen Sie nicht, Sie ;...« »O! doch, im Gegentheil, ich kenne sie sehr genau.« »Alsdann werden Sie mit mir lachen.« »Und der junge Mann?« »Der junge Mann? Meiner Treu, ich weiß seinen Namen nicht; aber ich kann mich sehr wohl daran erinnern, ihn bei Madame Grillon an dem Tag, wo mich meine Cousine Devaux dort vorstellte, gesehen zu haben. Es ist ein schöner Mann, ein Stutzer.« »Nun! wo sind sie hin?« »Wo sie hin sind? O! jetzt schon weit fort, sie stiegen in einen Wagen, wo noch zwei Plätze waren, und nun zugefahren Kutscher! ... das Ganze sah mir einer Entführung gleich.« »Und Sie haben sie abreisen lassen?« »Warum nicht? Ich bin weder ihre Mutter, noch ihre Tante, ich hatte keinen Beruf, mich der Abreise dieses jungen Paares zu widersetzen. Aber ich lachte! o! ich lachte gewaltig! Es ärgert mich allein, daß sie und meine Cousinen nicht in einen Wagen gekommen sind: das wäre noch drolliger gewesen.« »Aber in welchem Wagen sind sie abgereist?« »In welchem Wagen? Ach! ich habe so viele ankommen und abgehen sehen, daß ich nicht mehr weiß, in welchen sie sich gesetzt haben.« Jenneval ging ins Bureau; er erkundigte sich nach Herrn Adalgis, nach Fräulein Agathe; aber kein Beamter hatte diese Namen verzeichnet, welche die Flüchtlinge bei ihrer Abreise ohne Zweifel gegen andere vertauscht hatten. »In Gottes Namen,« dachte der Doktor bei sich, »möge Fräulein Agathe ein wenig mit Herrn Adalgis reisen. Ich glaube, daß es schon zu spät ist, sie zurückzuhalten. Sobald sie kein Geld mehr haben, werden sie schon von selbst zurückkommen. Ich habe gethan, was ich konnte, aber meine Bemühungen waren vergeblich. Ich will zu Guerreville zurückkehren, möchte ich mit ihm glücklicher sein.« Jenneval verließ hierauf den Hof der Diligencen, wo er Vadevant zurückließ, der sich wieder hinter einen Wagen versteckte, um ein neues Paar zu beobachten. Neunzehntes Kapitel Die Ceremonie Jenneval theilte Herrn Guerreville mit, was er gethan hatte, so wie auch den Erfolg seiner Nachforschungen nach den beiden jungen Leuten, und endigte seine Erzählung, indem er sagte: »Soll man nach Moulins reisen, um den Sohn der Madame Gallet zurückzubringen? Soll man Kundschafter, Couriere nach allen Richtungen ausschicken, um es zu versuchen, Agathens und ihres Liebhabers habhaft zu werden? was denken Sie davon, mein Freund?« Guerreville stieß einen tiefen Seufzer aus und stotterte: »Ich weiß nicht ... ich sehe nicht, wie man könnte ... sie wollten ihre Eltern verlassen: dieser Julius träumt nur vom Theater, und diese junge Agathe hat mit ihrem vollen Willen und ohne eine Thräne zu vergießen, ihre Mutter verlassen. Ach! solchen Menschen kann man nicht nachlaufen.« »Und Sie,« sagte der Doktor, indem er sich neben seinen Freund niedersetzte, »haben Sie auch noch nichts erfahren? sind Sie diesem Daubray noch nicht begegnet?« »Nichts, immer nichts! ich weiß nicht, welcher Dämon diesen Menschen beschützt und ihn meiner Rache entzieht. Ich gehe, ich laufe, ich erkundige mich; ich durchlaufe täglich alle Promenaden, bisweilen sogar einen Theil der Umgegend von Paris; doch stets vergeblich! Dieser Daubray ist unsichtbar, unauffindbar für mich.« »Das ist ganz unbegreiflich!« Herr Guerreville und sein Freund waren in ihre Betrachtungen vertieft. Beide saßen vor dem Kamin, ohne mehr mit einander zu sprechen; aber derselbe Gedanke beschäftigte sie. Es war schon neun Uhr vorüber, und der Doktor wollte eben seinen Freund verlassen, der, von der Anstrengung des Tages ermüdet, der Ruhe bedürftig zu sein schien, als man klingelte. »Wer kann mich noch so spät besuchen wollen?« sagte Herr Guerreville, »mich, der ich Niemand erwarte, zu dem fast kein anderer Mensch kommt als Sie?« »Vielleicht diese Frau Armand,« sagte Jenneval, »die irgend etwas Neues erfahren haben mag.« »Ach! wenn es möglich wäre!« Und Guerreville wartete ängstlich auf das Oeffnen der Thüre. Endlich erschien Georg. »Mein Herr, es ist ein Mann da, ein Auvergnate, welcher sagt, der Herr kenne ihn, und welcher Sie zu sprechen wünscht.« »Ein Auvergnate? Ah! Jerome, ohne Zweifel.« »Ja, Jerome, das ist gerade der Name, den er mir sagte.« »Laß ihn eintreten. Armer Jerome!« sprach Guerreville, »ich hatte ihn und seine Tochter gänzlich vergessen. Ach! es freut mich sehr, ihn wieder zu sehen!« Der Wasserträger erschien an der Thüre des Salons und wagte dem Anschein nach nicht, weiter zu gehen; er hielt den Hut in der Hand und verbeugte sich fast bis zur Erde, indem er stotterte: »Verzeihung, Entschuldigung, mein Herr, wenn ich mir erlaube ... ich bitte Sie sehr um Verzeihung, daß ich mir die Freiheit genommen, Sie zu besuchen.« »Treten Sie näher, treten Sie näher, mein lieber Jerome, Ihr Besuch macht mir Vergnügen und ich danke Ihnen, daß Sie mich nicht vergessen haben. Nun, kommen Sie, treten Sie doch herein. Setzen Sie sich zu uns; dieser Herr ist mein Freund, mein zweites Ich; seine Gegenwart darf Sie in nichts geniren.« Jerome verbeugte sich bald vor Herrn Guerreville, bald vor dem Doktor, und als er in die Mitte des Zimmers gekommen war, wollte er sich durchaus nicht niedersetzen. Erst auf Guerreville's dringende Aufforderung entschloß er sich endlich, sich auf den Rand eines Stuhles niederzulassen. »Was führt Sie zu mir, Jerome?« fragte Guerreville, indem er mit seinem Stuhle dem Auvergnaten näher rückte, der darauf beharrte, in der Mitte des Saales zu bleiben. »Kommen Sie nur, um mich zu besuchen, so schlage ich das sehr hoch an und danke Ihnen dafür; kommen Sie aber, um etwas von mir zu verlangen, so sprechen Sie, es wird mich freuen, Ihnen nützlich sein zu können.« »O! mein Gott! mein Herr, Sie haben zu viel Güte!« erwiderte Jerome, indem er seinen Hut auf seinen Knieen herumdrehte. »Wahrhaftig, weil Sie immer so freundlich gegen mich waren, habe ich Sie auch heute aufgesucht. Schon seit einigen Tagen wollte ich Sie immer um Rath fragen, bin aber nicht dazu gekommen. Heute Abend aber, als mein Geschäft beendigt war, hat es mich nicht mehr ruhen lassen. Sie hatten mir Ihre Adresse gegeben und ich habe Sie nicht vergessen.« »Nun gut, mein Freund, erzählen Sie mir, was Sie herführt?« »Es geschieht um meiner Kleinen willen, meiner Zizinette. Erinnern sich der Herr noch meiner kleinen Zizine?« »Ja, Ihrer Tochter! ... Ein Kind, das auch Ihnen auf der Stelle Interesse eingeflößt hätte, Doktor; ein kleines, so sanftes und doch schon so vernünftiges Gesichtchen. Ich erinnere mich, Jerome, daß sie reiche Beschützerinnen gefunden hatte ... und ich selbst hätte Erkundigungen einziehen sollen. Ach! ich bin so zerstreut, ich vergesse Alles, was ich versprochen habe.« »O! mein Herr, Sie haben an ganz andere Dinge zu denken; aber ich, der ich nur mit dem Glücke meiner Zizinette beschäftigt bin, ich komme, Ihnen zu sagen, was mich beunruhigt. Es sind etliche Wochen her, da, zur Abendzeit, als ich ruhig meines Weges in einer Straße hinging, hörte ich mich rufen ... die Stimme kam aus einem Kabriolet und ich hatte sie gleich erkannt, es war die meiner Zizine ... Ich laufe hinzu, erreiche das Pferd und halte es auf. Meine Kleine war in dem Wagen, mit einem schönen, reich bordirten Bedienten. Man hatte bei ihren Beschützerinnen erzählt, ich sei krank, und das Kind hatte mich durchaus besuchen wollen. Ich beruhigte sie und brachte sie selbst zu Madame Dolbert zurück. Indeß kam es mir sonderbar vor, daß man meine Kleine so allein fortgelassen hatte, mit jenem Bordirten. Ich sagte mir: sonst verließ sie Fräulein Stephanie keinen Augenblick, wie kommt es, daß sie sie an jenem Abende nicht begleitet hat, als Zizine glaubte, ich sei sehr krank? Das Alles ging mir im Kopfe herum. Ich dachte: vielleicht sind die Damen schon überdrüssig, meine arme Kleine bei sich zu haben. Darauf ging ich vor einigen Tagen zu Madame Dolbert und fragte nach meiner Zizinette. Das Kind lief herbei; o! sie umarmte mich noch immer mit gleicher Herzlichkeit, obwohl sie schöne Kleider hat; aber es kam mir vor, als ob sie nicht mehr die zufriedene, heitere Miene wie gewöhnlich habe. Sie versicherte mich jedoch, daß ihre Beschützerinnen sie noch immer liebten; aber im Gespräche theilte sie mir mit, daß Fräulein Stephanie, die Enkelin der Madame Dolbert, im Begriffe stehe, sich zu verheirathen, und während sie mir das erzählte, ging der Zukünftige gerade an uns vorbei. O! es ist ein schöner Herr, von einem feinen Wesen; er sieht aber durchaus nicht liebenswürdig aus, und während er an uns vorüberging, warf er auf meine Zizine einen Blick, man hätte glauben sollen, er wäre in Wuth. Das Kind sagte zu ihm: »›;Guten Tag, mein Herr!‹« Er antwortete ihm aber mit keinem Worte. Dies Alles hat mich zum Nachdenken gebracht. Ich fürchte für die Zukunft, ich fürchte, meine Kleine werde bei dem Herrn, der das Fräulein Stephanie heirathen soll, nicht wohl aufgehoben sein ... und beim Kuckuk! wäre es da nicht besser, wenn das Kind wieder zu mir käme? Das ist's, was mich seit einigen Tagen beunruhigt, und darum bin ich heute Abend hergekommen, mein Herr, um Ihren Rath einzuholen.« »Guter Jerome, Sie denken nur an Ihre Tochter ... Ihre Gedanken sind nur auf sie gerichtet ... Ach! ich begreife das!« »Und kennen Sie den Namen des Herrn, der Fräulein Dolbert heirathen soll?« sagte Jenneval, indem er sich an den Wasserträger wandte. »Ja, mein Herr, meine Kleine hat mir ihn genannt; er heißt ... nun ... habe ich ihn denn wieder vergessen? ... Ah! er heißt Herr Emil de la ... Delaberge ... Ja, so ist's.« »Delaberge!« murmelte der Doktor, »der Name ist mir nicht unbekannt ... Wer sprach mir doch neulich von ihm? ... Ah! Vadevant, da er mir von seinen Cousinen erzählte ... Aber, wenn er mir die Wahrheit gesagt hat, so ist dieser Delaberge ein sehr schlechter Mensch.« »Sehen Sie! er hat auch, meiner Treu, kein gutmüthiges Aussehen; ich habe gedacht, daß wenn Herr Guerreville die Güte haben wollte, diese Damen zu besuchen, er das Nähere erfahren könnte. Denn was mich betrifft, sehen Sie, so wüßte ich nicht, wie ich mich dabei benehmen sollte, den Damen zu sagen: »›;Wenn mein Kind Ihnen überlästig ist, so geben Sie es mir zurück.‹« »Ich verstehe Sie, Jerome. Nun gut, ich unterziehe mich dieser Commission. Ich werde zu Madame Dolbert gehen ... und mich dort vorstellen, als käme ich in Ihrem Namen; ich werde erfahren, ob Ihre Tochter dort nicht mehr so geliebt wird, als sie geliebt zu werden verdient, und in diesem Falle Ihnen Ihr Kind wieder zuführen, für dessen Zukunft wir dann gemeinschaftlich sorgen werden.« »O! mein Herr! wie vielen Dank schulde ich Ihnen ... Ah! ich war wohl überzeugt, daß ich Sie bereit finden würde. Wenn es sich darum handelt, Jemand einen Dienst zu erweisen, sind Sie immer da!« »Wie lange ist es, daß Sie bei diesen Damen waren?« »Das ist schon lange ... zehn Tage.« »Die junge Beschützerin Ihrer Tochter ist vielleicht schon verheirathet. Doch das wäre ein Grund weiter, daß ich Ihnen Ihre Zizine zurückbrächte, wenn die Neuvermählten sie nur mit Kälte behandelten.« »Und wann werden der Herr die Güte haben, zu Madame Dolbert zu gehen?« »Morgen, Jerome, im Laufe des morgigen Tages verspreche ich Ihnen Ihren Auftrag auszuführen.« »Ach, mein Herr, welche Güte! ... Dann, wenn Sie es erlauben, werde ich morgen Abend wieder hierher kommen, um zu erfahren, was man Ihnen gesagt hat.« »Ja, Jerome, kommen Sie morgen wieder und ich werde Ihnen Nachricht von Ihrer Tochter geben können.« Der Wasserträger stand auf, grüßte Herrn Guerreville und den Doktor mehrmals und entfernte sich dann, indem er sich in Danksagungen erschöpfte. »Das ist ein guter Vater,« sagte Herr Guerreville, als der Auvergnate hinausgegangen war. »In der Hoffnung, seine Tochter würde glücklicher sein, hat er sich ihrer Gegenwart, ihrer Umarmungen beraubt; er dachte nicht: wenn sie im Reichthum leben, wenn sie andere Manieren annehmen wird, könnte sie mich vielleicht vergessen; er hatte keinen andern Wunsch als den, sein Kind glücklich zu sehen ... O! morgen werde ich zu den Leuten gehen, welche die Kleine zu sich genommen haben, und mich dort leicht überzeugen, ob sie nur noch aus Mitleid Jerome's Kind bei sich behalten. In diesem Falle werde ich es natürlich nicht bei ihnen lassen.« »Ja, ja, daran werden Sie sehr wohl thun,« sagte Jenneval. »Ich denke an Delaberge, von dem mir Vadevant so viel Schlimmes gesagt hat; aber Vadevant ist ein großer Lügner, und ich verlasse mich nicht auf ihn.« »Wenn sich Fräulein Dolbert verheirathet, wenn ihr zukünftiger Gemahl die Kinder nicht liebt ... ja, dann, glaube ich, hat Jerome Recht, dann darf man seine kleine Zizine nicht bei Madame Delaberge lassen ... so nennt sich doch der Bräutigam?« »Ja, mein Freund.« »Kurz, ich werde nachforschen und herauszubringen suchen, ob das, was man Ihnen von diesem Manne gesagt hat, gegründet ist. Morgen werde ich versuchen, Daubray und meine Tochter zu vergessen, um mich nur mit dem Kinde Jeromes zu beschäftigen ... Armer Jerome! Ach! er weiß nicht, welchen Beweis von Freundschaft ich ihm gebe. Aber seine kleine Zizine war so artig ... ich kann Ihnen nicht sagen, wie sehr sie mich gleich beim ersten Anblick für sich eingenommen hat.« »Sie wissen die Adresse von Madame Dolbert?« »Ja, Jerome hat sie mir gegeben.« »Morgen, nach Tische werde ich Sie besuchen. Ich bin neugierig, den Erfolg Ihres Besuches bei diesen Damen zu erfahren. Auf morgen also, mein Freund.« »Auf morgen, Doktor.« Herr Guerreville blieb allein. Bald bemächtigte sich die Erinnerung an seine Tochter und an ihren Entführer von Neuem seines Geistes; er legte sich zu Bette und versuchte es, ein wenig Ruhe zu genießen; aber Daubray's Bild verfolgte ihn noch in seinen Träumen, die ganze Nacht wähnte er sich in der Nähe des Verführers seiner Pauline, und fragte denselben, was er mit seinem Kinde gemacht habe. Am folgenden Morgen, als er erwachte, fühlte sich Herr Guerreville ermattet, krank; er setzte sich in seinen Lehnstuhl und stützte den Kopf in eine seiner Hände. Die Träume der Nacht verfolgten ihn noch; er glaubte Daubray und seine Tochter zu sehen; seine Pauline war unglücklich, sie weinte, und schien das Mitleid ihres Vaters anzuflehen. Die Erinnerung an Jerome war verwischt; Guerreville hatte den Wasserträger und das demselben gegebene Versprechen vergessen. Der Mittag kam heran; Guerreville verließ jetzt seinen Lehnstuhl; er stand auf und ging ans Fenster, er wollte sehen, ob ihm die freie Luft gut thun werde. Der erste Gegenstand, den er wahrnahm, als er seine Blicke nach der Straße richtete, war ein Auvergnate, der zwei Eimer trug und dabei mit durchdringender Stimme schrie: Wasser! Der Anblick dieses Mannes rief Herrn Guerreville augenblicklich Jerome und Alles, was er ihm versprochen hatte, ins Gedächtniß zurück. Er schlug sich vor die Stirn, indem er ausrief: »Mein Gott! ich hatte ganz vergessen! ... Mittag ... es ist noch Zeit ... Georg! Georg! gib mir Alles, was ich zum Ankleiden nöthig habe.« Indem er sein Gedächtniß wiederfand und sich erinnerte, was ihm zu thun oblag, schien Herr Guerreville auch wieder seine ganze Energie gefunden zu haben; er fühlte keine Schwäche, keine Niedergeschlagenheit mehr; in einer Minute hatte er seine Toilette beendet. Solche Veränderungen sind bei nervösen Leuten, welche Seelenpein darniederdrückt, aber die leichteste Hoffnung wieder zu beleben vermag, nicht selten. Herr Guerreville gelangte bald an die ihm bezeichnete Wohnung. Mehrere Wagen hielten vor der Thüre, er achtete wenig darauf und fragte den Portier nach Madame Dolbert. »Madame Dolbert wohnt hier, mein Herr.« »Ist sie zu Hause?« »O, gewiß! mein Herr.« »Und kann ich hinaufgehen?« »Ohne Zweifel, mein Herr, wie Jedermann. Sie wohnt im zweiten Stock.« »Wie Jedermann!« fragte sich Herr Guerreville, indem er die Treppe hinaufstieg, »was wollte der Portier damit sagen? ... Nun gleichgültig ... sehen wir dennoch.« Im zweiten Stocke angekommen, trat Herr Guerreville in ein weites Vorzimmer, dessen Thüre offen stand; ein Bedienter befand sich darin. »Madame Dolbert?« fragte Guerreville. Der Diener öffnete ihm die Thüre des Salons und sagte zu ihm: »Treten Sie gefälligst ein, mein Herr.« Guerreville trat nun in einen sehr schönen Salon und war ganz erstaunt darüber, daselbst gegen dreißig Personen versammelt zu sehen. Die Damen waren geschmückt, die Herren, obgleich meistens in Stiefeln, hatten auch ein gewisses festliches Ansehen; verschiedene Gruppen hatten sich gebildet, man plauderte, man ging auf und ab, beim Eintreten Guerreville's begnügte man sich, ihn zu grüßen, dann setzte Jeder seine Unterhaltung wieder fort. »Was soll das Alles heißen?« dachte Herr Guerreville, indem er seine Blicke umherschweifen ließ. »Hier geht etwas vor ... sollte das die Hochzeit sein? ... Man hat mich hereingehen lassen, wahrscheinlich weil man mich für Einen der Gäste hielt. Ich glaube, ich habe meine Zeit sehr schlecht gewählt, um von der kleinen Zizine zu sprechen, und es wird das Beste sein, wenn ich mich wieder entferne.« Guerreville näherte sich schon der Thüre, als er in einem Winkel des Salons ein kleines, mit geschmackvoller Einfachheit gekleidetes Mädchen bemerkte, auf welches Niemand zu achten schien. An seinem niedlichen, bescheidenen und ernsten Wesen, an der Blässe seines Gesichtes, dessen Ausdruck noch wehmüthiger war als gewöhnlich, hatte Guerreville auf der Stelle Jerome's Tochter erkannt, und indem er sich alsbald an sie wandte, ergriff er ihre Hand und sagte zu ihr: »Du bist die kleine Zizine, nicht wahr?« Das Kind betrachtete ihn; bald färbte eine lebhafte Röthe ihr Gesicht, ihre Augen belebten sich und wurden feucht, während sie stotterte: »Ah, mein Herr! ... Sie sind der gute Mann, der mir Geld für meinen Vater gegeben hat, als er krank war ;...« »Du erkennst mich wieder, liebes Kind!« »O ja, mein Herr, ich erkenne Sie gut! ich weiß jetzt sogar Ihren Namen, denn mein Vater hat mir erzählt, daß er Ihnen begegnet sei, und Sie ihm erlaubt hätten, Sie zu besuchen.« »Um Deinetwillen bin ich hiehergekommen, liebe Kleine.« »Um meinetwillen?« »Ja, ich habe gestern Deinen Vater gesehen und er hat mir den Auftrag gegeben, mit Madame Dolbert zu sprechen ... aber ich glaube, daß ich meine Zeit schlecht gewählt habe. Was geht denn hier vor, mein Kind?« »Mein Herr, meine gute Freundin Stephanie steht im Begriff, sich zu verheirathen; man geht gleich nach der Mairie, deßhalb sind so viele Leute hier versammelt. Stephanie ist noch bei ihrer Mutter, und wird wohl jetzt mit ihrer Toilette fertig sein.« »Ich will mich entfernen, ehe diese Damen kommen, denn, in der That, ich wüßte nicht, was ich ihnen sagen sollte.« »Oh! bleiben Sie doch noch ein wenig, um meine gute Stephanie zu sehen ... Sie ist so schön im Brautstaate.« »Ich bezweifle es nicht, mein Kind, aber ich muß fortgehen, denn meine Gegenwart bei diesen Damen, die mich noch niemals gesehen haben, würde zu sonderbar erscheinen ... Ich werde in einigen Tagen wieder kommen. Adieu.« Guerreville drückte dem kleinen Mädchen die Hand, welches ihn noch zurückzuhalten versuchte, und wollte sich gerade nach der Thüre schleichen, als eine große Bewegung in dem Salon entstand. »Ah! da ist der Bräutigam! da ist der Bräutigam!« wiederholte man von allen Seiten, und in demselben Augenblicke trat Emil Delaberge in den Salon. Herr Guerreville, der seine Blicke nach der Thüre gerichtet hatte, war einer der ersten, die ihn bemerkten. Da ging eine plötzliche Verwandlung in allen seinen Zügen vor; seine Augen wurden starr, seine Füße konnten nicht von der Stelle, seine Fäuste ballten sich krampfhaft zusammen und er brachte mit erstickter Stimme die einzelnen Laute hervor: »Das ist er! ... das ist Daubray!« Aber Emil hatte Herrn Guerreville nicht sehen können, der durch viele Personen verdeckt war. Er schritt mit freundlicher Miene durch den Salon, indem er den Damen zulächelte, den Männern die Hand drückte und auf die Glückwünsche, die an ihn gerichtet wurden, antwortete. Fast in demselben Augenblicke trat Stephanie mit ihrer Großmutter durch eine Thüre im Hintergrunde ein. Emil beeilte sich, diesen Damen entgegenzugehen. Stephanie, deren Toilette auf das Geschmackvollste angeordnet war, schien noch schöner zu sein; eine ungewöhnliche Blässe, die sich über ihr Gesicht verbreitet hatte, gab ihre, Physiognomie einen unbeschreiblichen Ausdruck und Reiz; sie lächelte, indem sie ihre Blicke zu Emil erhob, der eine ihrer Hände ergriff und sie an seine Lippen preßte. »Wir haben uns verspätet,« sagte Madame Dolbert, »aber ich wünschte, meine Stephanie sollte hübsch aussehen, und am Hochzeittage ist es wohl erlaubt, ein wenig Eitelkeit zu besitzen. Wenn Sie meiner Ansicht sind, meine Herren und Damen, so wollen wir uns aber jetzt auf den Weg machen.« Alles stimmte in diesen Vorschlag ein; eine allgemeine Bewegung entstand in dem Salon. Emil hatte Stephanien seinen Arm geboten; er war eben im Begriff, sie fortzuführen, und alle Uebrigen ihnen zu folgen. Aber ein Mann hatte sich vor die Thüre des Salons gestellt und anstatt wie die Andern auf die Seite zu gehen und den Brautleuten Platz zu machen, blieb dieser Mann unbeweglich und versperrte ihnen den Ausgang; dann seinen Arm Emil entgegenstreckend, auf dem seine niederschmetternden Blicke hafteten, schrie er ihm mit donnernder Stimme zu: »Wohin wollen Sie, mein Herr?« Diese Frage und der Ton, in welchem sie gemacht wurde, brachten eine lebhafte Bewegung in der ganzen Gesellschaft hervor; Alle hielten ihre Schritte zurück und richteten ihre Blicke wechselsweise auf Herrn Guerreville und den Bräutigam; dieser Letztere, der Anfangs nur überrascht schien, war plötzlich blaß geworden und zitterte, als er die Züge des Mannes, der ihm den Ausgang versperrte, genauer betrachtete. Stephanie, bewegt und unruhig, sah den, der im Begriffe stand, ihr Gatte zu werden, an und schien sich zu wundern, daß er den Mann, der ihnen den Ausgang versperrte, noch nicht zurückgestoßen hatte. Bald aber hatte Emil seine Geisteskräfte wieder gesammelt, und indem er zu lächeln versuchte, rief er aus: »Das ist ein Scherz, den ich nicht begreife; zurück, mein Herr, halten Sie uns nicht länger auf.« »Elender!« rief Guerreville, Emil am Arm ergreifend; »Du stellst Dich, als erkenntest Du die Stimme eines Vaters nicht, der hierher kommt, um sein Kind von Dir zurückzufordern! Madame, dieser Mensch kann nicht der Gatte Ihrer Tochter werden. Ohne Zweifel wollen Sie das Glück Ihrer Stephanie sichern ... Der, an den Sie dieselbe eben verheirathen wollten, ist ein Ungeheuer, ein feiger Verführer. Unter dem Namen Daubray hat er sich bei mir eingeführt und mir meine Tochter geraubt ... mein einziges Kind ... indem er sie glauben machte, ich hätte ihm ihre Hand verweigert ... Was hast Du aus meiner Tochter gemacht, Niederträchtiger? Antworte! – antworte!« Diese Worte verursachten eine plötzliche Erschütterung in der Versammlung. Stephanie fühlte einen eisigen Schauer durch ihren ganzen Körper rieseln, dann schlossen sich ihre Augen und sie fiel bewußtlos in die Arme einiger Damen, die sie umringten. Man trug sie auf einen Divan. Zizine, Madame Dolbert liefen zu ihr; Jeder wollte ihr beistehen, zu gleicher Zeit aber betrachtete man auch den Fremden, dessen Züge und ganze Person Achtung einflößten, und ängstlich harrte man auf die Antwort des Bräutigams. Nachdem er es vergeblich versucht hatte, seinen Arm loszumachen, rief Emil, indem er sich gegen die Gesellschaft wandte: »In der That, ich bin ganz trostlos über diesen Vorfall ... aber ich kann dabei nichts thun ... Dieser Herr ist sicher wahnsinnig; denn ich sehe ihn hier zum erstenmale, und ich weiß nicht, was er mit seiner Tochter sagen will.« »Elender! ... es fehlte Dir weiter nichts, als die Beleidigung zur Beschimpfung hinzuzufügen,« rief Guerreville, den Emils Kälte nur noch mehr außer sich brachte. »Ah! Du willst mich nicht wieder erkennen ... Nun gut! vielleicht werde ich ein Mittel finden, Dich dazu zu zwingen.« In demselben Augenblicke traf Guerrevilles Hand Emils Wange. Ein allgemeiner Schrei ertönte durch den Saal; einige junge Leute wollten sich auf Guerreville stürzen und ihn hinauswerfen, doch sein Achtung gebietender Blick hielt sie zurück. Während Emil, blaß, bewegungslos, nach der Ohrfeige, die er empfangen hatte, Augen auf Guerreville rollen ließ, die einen tigerartigen Ausdruck hatten, murmelte er dabei: »Ah! Sie wollen also, daß ich Sie tödte!« »Ja, nachdem Du mir mein Kind geraubt hast, nimm mir das Leben ... oder gib mir das Deine ... all Dein Blut wird noch nicht hinreichen, um Dein Verbrechen abzuwaschen.« »Wohlan! mein Herr, morgen früh ;...« »Nein, nein, heute, in einer Stunde ... vor dem Saint-Mandéthore.« »Heute, es sei.« »Ich gehe, mir einen Sekundanten zu holen, und erwarte Dich; ... aber versuche nicht, mir zu entschlüpfen; ich weiß nun Deinen Namen, ich weiß, daß Du Dich Delaberge nennst, und ich würde Dich wieder zu finden wissen.« »In einer Stunde ... ich werde mich einfinden.« Guerreville hatte von den letzten Worten nichts mehr gehört; er entfernte sich, ohne daß ihn Jemand zurückzuhalten suchte; er verließ dieses Haus, in das er eben Unruhe und Bestürzung gebracht hatte; er eilte in seine Wohnung, brennend vor Begierde, sich zu rächen, aber noch betäubt von allen den Empfindungen, die ihn durchdrungen hatten, als er den Verführer seiner Tochter wiederfand. Jenneval war bei seinem Freunde, wo er dessen Rückkunft erwartete. Als er Guerreville erblickte, errieth er gleich, daß ihm ein bedeutendes Ereigniß zugestoßen sein mußte; er ging ihm rasch entgegen. »Was gibt es ... was ist vorgefallen?« »Ach! mein Freund ... ich habe ihn wiedergefunden! ich habe ihn endlich wiedergesehen ... dieses Ungeheuer ... diesen Daubray ... es ist Emil Delaberge ... derselbe, der Fräulein Dolbert heirathen sollte.« »Wäre es möglich!« »Heute sollte die Hochzeit sein; ... er wollte eben das junge Mädchen zum Altare führen. Beim Anblick dieses Menschen ... war ich nicht mehr Herr meiner selbst ... ich habe ihn festgehalten ... ich habe ihn gefragt, was er mit meiner Tochter gemacht habe ... der Elende! ... er stellte sich, als ob er mich nicht kenne ... da, in meiner Wuth ;...« »Haben Sie ihn geschlagen?« »Ja ... Ah! das war der erste glückliche Augenblick, den ich seit langer Zeit erlebt habe.« »Aber, mein Freund, war das aber auch das rechte Mittel, ihn zum Geständniß zu bringen?« »Oh! ich habe vielleicht Unrecht gehandelt. Aber konnte ich Herr meiner selbst bleiben ... meine Wuth bemeistern vor diesem Niederträchtigen, welcher behauptete, ich sei wahnsinnig? ... Der Schändliche! ... Oh! aber wir werden uns schlagen ... auf der Stelle ... in Saint-Mandé... Doktor, Sie müssen mein Sekundant sein?« »Ja, ja, ohne Zweifel. Aber dieser Kampf ... Wenn Sie diesen Menschen tödten, wer wird Ihnen sagen, was aus Ihrer Pauline geworden ist?« »Glauben Sie nicht, daß im Augenblicke des Todes ein Gefühl der Reue in seiner Seele erwachen wird? Kurz, Doktor, der Kampf ist unvermeidlich. Vielleicht hätte ich mich anders dabei benehmen ... List anwenden sollen, um ihn zum Sprechen zu zwingen; aber als ich ihn in den Salon treten sah ... als ich sah, wie seine Hand die des Mädchens ergriff, das er zum Altare führen wollte ... da ... sehen Sie ... da wußte ich selbst nicht mehr, was mit mir vorging ... dieser Emil ist ein Elender ... und vor aller Welt hätte ich ihm sein Verbrechen vorwerfen mögen. Mein Freund, an meiner Stelle, das bin ich überzeugt, hätten Sie wie ich gehandelt.« »Das ist möglich. Jetzt wollen wir nur an Ihr Duell denken. Welche Waffen nehmen Sie?« »Degen und Pistolen, er mag wählen. Georg, Georg, laß einen Wagen vorfahren, wir haben keine Zeit zu verlieren.« »Er soll hinten hinaufsteigen, seine Gegenwart könnte uns nöthig werden.« Jenneval traf alle Vorkehrungen. Guerreville war nicht im Stande, sich mit irgend etwas zu beschäftigen, er konnte nur mit großen Schritten im Zimmer auf- und abgehen, indem er abwechselnd bald auf seine Taschenuhr, bald auf die Standuhr sah und immer wiederholte: »Eilen wir, eilen wir! die Zeit drängt.« Endlich waren die Vorbereitungen beendet. Guerreville lief eilig die Treppe hinunter. Ein Wagen erwartete ihn auf der Straße; er setzte sich mit dem Doktor, welcher die Waffen hatte, hinein. Georg stieg hinten hinauf und der Kutscher fuhr nach Saint-Mandé. Jenneval schien besorgt und saß schweigend neben seinem Freunde. Dieser ergriff ihn bei der Hand und sagte zu ihm: »Mein Freund, theilen Sie denn mein Glück nicht? Ich habe den Elenden wieder gefunden, der mir meine Tochter geraubt hat ... Ich werde mich mit ihm schlagen ... ihn züchtigen ... mich rächen ... Oh! begreifen Sie meine Freude nicht!« »Ich begreife vollkommen, daß es Ihnen Befriedigung gewährt, sich mit dem zu schlagen, der sie gekränkt hat ... aber ich fürchte, das Resultat, welches Sie wünschen, möchte dadurch nicht herbeigeführt werden. Wenn Sie diesen Menschen tödten, werden Sie nicht erfahren, was aus Ihrer Tochter geworden ist ... wenn er triumphirt ;...« »Dann, mein Freund, komme ich wieder zu meiner Pauline, denn meine Tochter lebt nicht mehr, ich kann nicht mehr daran zweifeln ... sonst wäre sie schon längst zurückgekehrt, um ihre Schande am Busen ihres Vaters zu verbergen. Wenn es übrigens eine Gerechtigkeit im Himmel gibt, glauben Sie dann, daß ich in diesem Duelle unterliegen könne?« »Nein; aber die himmlische Gerechtigkeit gleicht zuweilen der menschlichen Gerechtigkeit; man begreift ihre Beschlüsse nicht immer.« Guerreville begnügte sich, seinem Freunde die Hand zu drücken, und sie fuhren dem Ziele immer näher. Der Wagen gelangte zum Thore von Saint-Mandé; man ließ anhalten. Die beiden Freunde stiegen aus und gingen in das Gehölz. Georg hatte den Befehl, ihnen nur von ferne zu folgen. Guerreville's Blicke drangen nach allen Seiten unter die Bäume und suchten seinen Gegner. Emil Delaberge war noch nicht angekommen. »Der Feigling! ... läßt auf sich warten! er will mich bis auf den letzten Augenblick beschimpfen,« sagte Guerreville, indem er ungeduldig unter den Bäumen umherging. »Ruhe, mein Freund, suchen Sie sich zu mäßigen, man schlägt sich weniger gut, wenn man so sehr aufgeregt ist.« »Ach! Jenneval, schon seit so langer Zeit sehne ich mich nach diesem Moment! ... Die Augenblicke kommen mir wie Jahrhunderte vor!« Endlich, nach Verlauf von fünf Minuten kam Emil Delaberge mit zwei jungen Leuten an, die einen Theil der Gesellschaft bildeten, welche diesen Morgen bei Madame Dolbert versammelt gewesen war. »Da ist er! da ist er!« rief Guerreville. »Ah! ich athme wieder ... ich fürchtete, er würde nicht kommen.« Die drei jungen Leute näherten sich. Emil mit einer kalten, leidenschaftslosen Miene; man begab sich nach einem einsamen Orte des Gehölzes. Bald blieb Herr Guerreville stehen, indem er sagte: »Dieser Platz ist recht.« »Ich habe Pistolen mitgebracht,« sagte Emil. »Wenn Sie übrigens den Degen vorziehen, ist es mir ganz gleich.« »Nun gut! ja, den Degen, man steht sich besser ins Gesicht.« Jenneval reichte den Duellanten die beiden Degen, welche er unter seinem Oberrocke verborgen hatte; Jeder von ihnen, nachdem er sich seines Rockes und seiner Weste entledigt, ergriff einen davon, ohne nur vorher den andern zu prüfen. »Mein Herr,« sagte Guerreville, indem er sich auslegte ... »ich schlage mich für meine Tochter, welche Sie mir geraubt haben ... Einer von uns kann in dem Kampfe den Tod finden ... Bevor wir unsere Waffen kreuzen, verlange ich von Ihnen, daß Sie mir sagen, was Sie mit meinem Kinde angefangen haben?« »Mein Herr,« erwiderte Delaberge mit einer unverschämten Miene, »ich habe Ihnen schon gesagt, daß ich weder Sie, noch Ihre Tochter jemals gekannt habe ... Ich habe mir den Auftritt, den Sie mir bei Madame Dolbert bereiteten, durchaus nicht erklären können, und diese Herren sind Zeugen, daß ich mich nur der Ohrfeige wegen schlage, die Sie mir gegeben haben.« »Elender!« sagte Guerreville. »Sehen wir denn, ob Du immer läugnen wirst.« In demselben Augenblicke kreuzten sich die Degen, die Kämpfenden griffen sich mit Heftigkeit an; aber auf Guerreville's Seite war mehr Wuth, mehr Ungestüm als Bedachtsamkeit, während Emil, sehr gewandt in Führung des Degens, Anfangs sich nur darauf einließ, die Stöße seines Gegners zu pariren und ihn zu ermüden. Der Kampf währte eine Zeitlang mit gleichem Vortheil auf beiden Seiten, als Guerreville, während er sich auf seinen Feind stürzen wollte, selbst einen Stich erhielt, der einen Theil seines Körpers durchdrang. Er wurde bleich, schwankte, wollte sich noch weiter schlagen, aber der Degen entfiel seinen Händen. »Pistolen!« murmelte Guerreville, indem er auf den Rasen hinfiel, »man gebe uns Pistolen! ;...« »Sie würden nicht mehr im Stande sein, zu schießen, mein Herr,« sagte Delaberge, indem er seinen Degen auf den Boden warf. »Ich, ich habe meinen Schimpf abgewaschen ... und habe hier nichts mehr zu thun ... ich will Ihnen den Wagen und den Diener schicken, der da unten wartet; gehen wir, meine Herren; jetzt kann ich meine Hochzeit feiern.« Als er diese Worte vollendet hatte, nahm Delaberge einen seiner Kampfzeugen unter dem Arm, und die drei jungen Leute entfernten sich mit großen Schritten. Jenneval lag neben seinem Freunde auf den Knieen, er hielt ihn aufrecht und leistete ihm die erste Hülfe. Guerreville verlor das Bewußtsein, indem er noch murmelte: »Pistolen ... gebt uns Pistolen!« Georg kam bald herzu; als er seinen Herrn verwundet auf dem Rasen liegen sah, stieß der treue Diener einen Schrei der Verzweiflung aus und fragte den Doktor, ob sein Herr daran sterben müsse. »Leider,« sagte Jenneval, »scheint mir die Wunde sehr tief, sehr gefährlich zu sein ... ich kann noch nichts Bestimmtes sagen. Armer Guerreville! ... verwundet, besiegt ... während er sich für seine Tochter schlug ... um ihre Ehre zu rächen ... und der Elende, der ihn beschimpft hat, geht als Sieger aus dem Kampfe! ... Ah! ich hatte wohl Recht, ihm zu sagen ... die himmlische Gerechtigkeit gleicht zuweilen der Gerechtigkeit der Menschen ;...« Der Doktor und Georg nahmen Guerreville auf ihre Arme und trugen ihn in den Wagen. Jenneval setzte sich neben seinen Freund und der Kutscher fuhr so behutsam als möglich nach Paris zurück. Jenneval setzte sich an Guerreville's Bett, entschlossen, ihn keinen Augenblick zu verlassen, so lange er in Gefahr sein würde, und wenn er ihn nicht retten konnte, wenigstens gegenwärtig zu sein, um seine letzten Worte zu vernehmen und um ihm die Augen zuzudrücken. Um acht Uhr Abends stellte sich ein Mann bei dem Verwundeten ein: es war Jerome, welcher kam, um den Erfolg des Besuches zu erfahren, den Herr Guerreville bei Madame Dolbert machen sollte. Der Doktor zeigte dem Wasserträger Herrn Guerreville, der noch ohne Bewußtsein auf seinem Bette lag, und sagte zu ihm: »Das ist die Folge seines Besuchs bei Madame Dolbert ... In jenem Emil Delaberge, der die junge Stephanie heirathen sollte, hat mein Freund einen Menschen erkannt, der ihn aufs Unwürdigste beschimpft hatte ... einen Niederträchtigen, den er seit langer Zeit suchte; er hat ihn gefordert ... sie haben sich geschlagen ... und der, welcher Unrecht hatte, triumphirte ... wie das oft vorkommt.« »O, mein Gott!« murmelte der Auvergnate; »verwundet ... vielleicht tödtlich verwundet ... und ich war die Ursache davon ;...« »Sie! ... o! machen Sie sich keine Vorwürfe, Jerome; mein armer Freund hat Sie im Gegentheil gesegnet, weil Sie ihm dazu verholfen haben, jenen Mann wieder zu finden, den er schon so lange suchte.« »Und diese Wunde ... o! mein Herr, wäre es möglich, daß er daran sterben könnte?« »Ich fürchte noch sehr für ihn ... aber, wenn ich auch im Stande sein sollte, ihn zu retten, so wird sich seine Wiederherstellung sehr in die Länge ziehen.« »Ein so braver Mann! ... und der Wicht, der ihm diese Wunde beigebracht, ist leer ausgegangen, der ... o! Teufel! das ist nicht gerecht, das ... Herr Guerreville, mein Wohlthäter ... ein so guter, so edler Mann! ... Adieu, Herr Doktor, adieu, ich werde alle Tage herkommen, um mich nach seinem Befinden zu erkundigen.« Und Jerome entfernte sich, indem er zwischen den Zähnen murmelte: »O! ... dem sei wie ihm wolle ... ich bin Schuld, daß er sich geschlagen hat, der brave Mann! ... und ... das lasse ich nicht so hingehen.« Zwanzigstes Kapitel Der Schutzengel Der Wasserträger kehrte nach Hause zurück, indem er darüber nachdachte, was er thun könnte, um seinen Wohlthäter zu rächen; denn Herr Guerreville hatte Jerome der Gesundheit, der Arbeit, vielleicht dem Leben wiedergegeben, und es gibt noch Leute, welche das Gute, das man ihnen gethan hat, nicht vergessen. Den Auvergnaten machte der Gedanke wüthend, daß derjenige, welcher einst Herrn Guerreville beschimpft, ihm auch noch einen Degenstoß beigebracht hatte, der seinen Tod zur Folge haben könnte; er verbrachte die Nacht, ohne einen Augenblick zu schlafen und rief jeden Augenblick aus: »Ich muß die Sachen wieder in ihren natürlichen Zustand zurückbringen; der Schurke triumphirt und der ehrliche Mann unterliegt ... Ich weiß wohl, daß man das in der großen Welt ganz einfach findet ... aber ich verstehe die Gerechtigkeit nicht auf diese Weise! ... Dieser Emil Delaberge ist ein elender Mensch, nach dem, was mir der Doktor gesagt hat, welcher der treue Freund von Herrn Guerreville ist ... Und weil er ein elender Mensch ist, werde ich auch meine Zizine nicht bei ihm lassen ... wenn er Fräulein Dolbert heirathet, so nehme ich meine liebe Kleine zurück ... Armes Kind! ich will ja nur sein Glück ... und habe mich auch nur in der Hoffnung, es würde glücklicher werden, von ihm getrennt ... aber sie bei dem lassen, der vielleicht meinen Wohlthäter getödtet hat ... o! das geht nicht an ... Uebrigens will ich ein paar Worte mit ihm sprechen, mit diesem Herrn Delaberge ... Ich bin nicht verwundet, ich ... und habe große Lust, seine Rechnung auszugleichen ... ich weiß nicht, welche Art von Kränkung er früher Herrn Guerreville zugefügt hat ... aber ich brauche sie auch nicht zu wissen, um ihn zu rächen.« Mit Tagesanbruch stand Jerome auf und ging zuerst, sich nach dem Befinden des Verwundeten zu erkundigen. Die Lage des Kranken war noch immer dieselbe; der Doktor hatte zahlreiche Aderlässe angeordnet. Aber Herr Guerreville war in einem solchen Zustand von Schwäche, daß man fürchtete, er werde ihr unterliegen. Jerome entfernte sich, nachdem er dies erfahren hatte und ging nach der Wohnung der Madame Dolbert. Aber es war noch zu früh, um bei diesen Damen einen Besuch abzustatten: der Auvergnate ging daher auf den Boulevards spazieren, indem er auf ihr Erwachen wartete. Jerome sah alle die Leute, welche in das Haus der Madame Dolbert traten, prüfend an; er kannte Emil Delaberge nicht, aber er dachte doch, daß er ihn unfehlbar erkennen würde, wenn er bei ihm vorüberginge. Endlich schlug es neun Uhr; Jerome entschloß sich, sich Madame Dolbert vorzustellen. Er trat in das Haus und näherte sich dem Portier, indem er ihn grüßte: »Ist Madame Dolbert zu sprechen?« »Madame Dolbert? ... Nein. Diese Damen sind gestern abgereist.« »Abgereist? ... wie! ... was sagen Sie da? ;...« »Nun, ohne Zweifel auf ihr Landgut.« »Ihr Landgut! ... und meine Zizinette, was ist aus ihr geworden? ;...« »Wer ist das ... Zizinette? ;...« »Nun, zum Teufel! meine Kleine ... welche bei diesen Damen wohnt ... welche Fräulein Stephanie so sehr liebte ;...« »Ach! Ja ... ich weiß ... ein kleines Mädchen ... die ist mit diesen Damen abgereist.« »Das begreife ich aber gar nicht ... gestern ... sollte sich da nicht Fräulein Stephanie verheirathen?« »Ah! gewiß ... aber seit gestern hat sich Vieles ereignet! ... Da war ein Herr, der mit dem Bräutigam Streit angefangen hat ... ein fürchterlicher Auftritt! ... Fräulein Stephanie ist unwohl geworden ... ihre Großmutter weinte ... es hat eine Ohrfeige und ein Duell gegeben ... O! es muß heiß zugegangen sein.« »Die Hochzeit hat also nicht stattgefunden?« »Nein, sie ist verschoben ... weiter hinausgeschoben worden ... kurz, die Damen sind auf ihr Landgut abgereist ;...« »Und wo liegt denn dieses Landgut ... auf welcher Seite?« »Nicht sehr weit ... bei Beaumont, über St. ;Denis und Montmorency hinaus ... bei ;...« »Gut, gut; o! ich werde es schon finden.« Jerome entfernte sich, indem er zu sich sagte: »Gut! die Heirath ist verschoben worden ... aber das genügt nicht ... ich muß dennoch meine Zizine sehen, und erfahren, ob ihr das gefällt, auf diesem Landgute zu sein ... Ich will zurückkehren und mich erkundigen, wie sich Herr Guerreville befindet, und dann morgen früh nach Beaumont gehen.« Ehe wir dem Wasserträger folgen, der schon einen Plan, wie er sich verhalten wolle, gefaßt zu haben scheint, wollen wir zu Madame Dolbert zurückkehren und uns unterrichten, wie es dort seit dem unerwarteten Vorfalle, der Stephaniens Hochzeitsfeierlichkeit unterbrach, zugegangen ist. Nachdem Herr Guerreville weggegangen war, hatten sich alle Anwesenden um Madame Dolbert und die schöne Braut herumgedrängt. Stephanie hatte das Bewußtsein verloren, die gute Großmutter schwamm in Thränen, indem sie ihre Enkelin auf die Stirne küßte. Emil wiederholte unaufhörlich der Versammlung: »Ich kenne diesen Menschen nicht, ich weiß nicht, was er von mir will ... er ist nicht recht gescheit ... aber ich werde in seinem Blute die Schmach abwaschen, die er mir angethan hat.« Und nachdem er dies mehrere Male wiederholt, hatte er sich zwei Sekundanten aus den Anwesenden gewählt und war fortgegangen, um sich zu schlagen. Verwirrung, Unruhe und vor Allem Neugierde herrschten in der ganzen Gesellschaft; man bildete Gruppen, man sprach ganz leise mit einander, und diejenigen, welche in Gegenwart von Emil Delaberge sich das Aussehen gegeben hatten, als glaubten sie, daß ihm Guerreville unbekannt sei, sagten jetzt halblaut zu einander: »Es ist doch sehr sonderbar ... dieser Fremde hatte ein so Achtung gebietendes Aussehen, und schien in seinen Behauptungen so sicher.« Endlich öffnete Stephanie die Augen wieder, ihre erste Bewegung war, ihre Großmutter zu küssen, dann sagte sie ganz leise zu ihr: »Schicke alle Leute fort. Nach dem, was vorgefallen ist, kann ich ... will ich mich heute nicht trauen lassen. O, ich bitte Dich darum, schicke alle Leute fort; ich wünsche allein zu sein, um ohne Zwang weinen zu können.« Madame Dolbert beeilte sich, den Wünschen ihrer Enkelin nachzukommen; sie machte den Anwesenden begreiflich, daß nach dem eben Vorgefallenen die Verheirathung durchaus verschoben werden müsse; denn Emil wäre fortgegangen, um sich zu schlagen, und selbst in dem Falle, daß er als Sieger zurückkehrte, dürfte man nicht an Vergnügen und Liebe denken, wenn man eben das Blut eines Menschen vergossen habe. Die Gesellschaft stimmte den Gründen der Madame Dolbert bei, und Jeder ging mit dem Vorsatze weg, sich zu Emil Delaberge zu begeben, um sich von den Folgen seines Duells mit dem Fremden zu unterrichten. Als sie allein waren, überließen sich die Damen ihren Vermuthungen. Die gute Großmutter wagte nicht, ihrer Enkelin alle die Befürchtungen, alle die Muthmaßungen mitzutheilen, die sich in ihrer Seele erhoben; sie fing an bei dem Gedanken zu zittern, ihre Stephanie könnte unglücklich werden, wenn sie Delaberge heirathete. Stephanie ihrerseits konnte sich eines geheimen Schauders nicht erwehren; sie hatte denjenigen, der ihr Gatte werden sollte, in dem Augenblick, da ihn der Fremde Daubray nannte, scharf angesehen: da hatten sich Emils Züge verzerrt, und ihr Ausdruck hatte Schrecken in das Herz des jungen Mädchens gejagt. Indeß sprach die Liebe noch für Emil, und die Unruhe vergrößerte Stephaniens Qualen; denn man hatte ihr nicht verbergen können, daß ihr Bräutigam fortgegangen sei, um sich mit dem Manne, der ihn so fürchterlich beschimpft hatte, zu schlagen. Das junge Mädchen und ihre Großmutter zählten die Minuten, die Sekunden; sie wagten es nicht, Fragen an einander zu richten, und fürchteten, sich ihre Gedanken mitzutheilen. Endlich trat ein Bedienter ein und brachte einen Brief von Emil; er war an Madame Dolbert gerichtet und enthielt nur die wenigen Worte: »Madame, ich habe den Unverschämten, der mich beschimpft hatte, gezüchtigt; er wird für lange Zeit außer Stande sein, seine Tollheiten wieder anzufangen. Was mich betrifft, so bin ich selbst ohne Schramme davon gekommen. Beruhigen Sie meine theure Stephanie; ich fühle, daß es unpassend wäre, mich in dem Augenblicke vor ihr zu zeigen, wo ich von einem Duelle komme; morgen aber werde ich die Ehre haben, Sie zu besuchen und ich hoffe, mein Glück werde nicht auf lange verschoben bleiben.« »Er ist Sieger!« rief Stephanie mit freudiger Bewegung aus. »Und dieser Unbekannte scheint schwer verwundet zu sein,« sagte Madame Dolbert, einen leichten Seufzer ausstoßend. »O, Mama, ist es nicht besser, daß Emil triumphirt? denn da er den Mann niemals gesehen hat, der ihn ohne Grund beschimpfte ;...« Die gute Großmutter schwieg und schien traurig. In diesem Augenblicke vernahm man einige schwere Seufzer, die aus dem Hintergrunde des Zimmers kamen; man sah sich um und bemerkte Zizinen, die arme Kleine, die man in der großen Verwirrung gänzlich vergessen, die aber ihre junge Beschützerin nicht aus dem Auge gelassen und sich immer einige Schritte von ihr entfernt gehalten hatte, und die jetzt, über das Befinden Stephaniens wieder beruhigt, in einer Ecke auf den Augenblick harrte, wo sie dieselbe würde küssen können. »Zizine, meine liebe Zizine!« sagte Stephanie, indem sie auf die Kleine zulief; »mein Gott! in meinem Kummer hatte ich Dich ganz vergessen ... Aber was hast Du denn, warum weinst Du jetzt? Du siehst doch, daß ich mich besser befinde.« »Ja, ja!« sagte die Kleine, indem sie sich bemühte, ihrem Schluchzen Einhalt zu thun; »aber ich bin betrübt darüber, daß Herr Guerreville verwundet worden ist.« »Wie! ... was sagst Du? ... wer ist dieser Herr Guerreville?« »Es ist der Herr, der sich geschlagen hat ... mit Herrn Emil ... Ich hätte gewünscht, daß weder dem Einen noch dem Andern ein Schaden zugestoßen wäre.« »Und wie! Zizine ... Du kennst den Namen dieses Fremden?« »O ja, denn ich kenne diesen Fremden sehr gut; ich habe noch nicht gewagt, es Dir zu sagen ... ich fürchtete ;...« »O, sprich, sprich! ... sag' uns Alles, was Du weißt ... sag uns ja Alles!« Die Großmutter und deren Enkelin setzten Zizinen zwischen sich und warteten mit Ungeduld auf die Erklärung des Kindes; die Kleine beeilte sich, ihrem Verlangen zu entsprechen. »Dieser Herr, den Sie gesehen haben, war der Retter meines Vaters ... Als ich noch bei ihm in der Montmartrestraße lebte, in einer kleinen Dachkammer, war mein Vater seit langer Zeit krank, er konnte nicht mehr arbeiten und wir waren sehr unglücklich. Was geschah, eines Tages kam dieser Herr, ich glaube, er suchte eine Wohnung. Er sah mich vorbeigehen, stieg in unsere Dachkammer hinauf, tröstete meinen Vater, und als er fortging, gab er mir ein Zeichen, ihm zu folgen und füllte mir dann meine Schürze ganz voll mit Geld, indem er sagte: Nimm das, liebe Kleine, bringe es Deinem Vater, daß er sich heilen lasse und sich nicht mehr gräme ... O, Madame, wenn man so gut ist, wenn man so gern Gutes thut, kann man dann wohl toll sein?« Madame Dolbert und Stephanie schienen lebhaft bewegt, und Beide sagten zu de« Kleinen: »Fahre fort, was weißt Du noch?« »Nun ... mein Vater hätte so gerne seinem Wohlthäter danken mögen, aber er wußte weder dessen Namen noch dessen Wohnung. Um diese Zeit hatten Sie die Güte, mich lieb zu gewinnen, und nahmen mich zu sich ... Aber eines Tages begegnete mein Vater endlich diesem Herrn auf der Straße; er bedankte sich sehr bei ihm, wie Sie sich wohl denken können! ... Da sagte dieser Herr meinem Vater, wie er heiße und wo er wohne, indem er ihn aufforderte, ihn zu besuchen, und mein Vater hat mir das Alles erzählt ... an jenem Abende, wo er mich in dem Kabriolet fand, als ich ihn besuchen wollte, weil ich glaubte, er sei krank ... Endlich, heute, daß Herr Guerreville hieherkam ... o, ich bin deßhalb sehr betrübt ... das geschah um meinetwillen ;...« »Um Deinetwillen?« »Ja, meine liebe Freundin. Herr Guerreville hatte gestern meinen Vater gesehen, der ihm den Auftrag gegeben hatte, mit Ihnen zu sprechen, Madame; als Guerreville sich in dem Salon unter so vielen Menschen sah, war er ganz erstaunt und sagte zu mir: Ich wollte Madame Dolbert besuchen, aber da man gerade hier eine Hochzeit feiert, so habe ich meine Zeit schlecht gewählt ... ich werde wiederkommen. Nachdem er dies gesagt hatte, drückte er mir die Hand und entfernte sich, als Herr Emil gerade in den Salon trat ... und ... Sie wissen ja, was weiter geschehen ist.« Zizinens kindliche Erzählung ließ an der Wahrheit ihrer Aussage nicht zweifeln. War es unter solchen Umständen möglich, zu glauben, daß Guerreville nicht bei Verstande, oder daß es seinerseits ein durchdachter Plan gewesen sei, um Emil zu schaden; man rief sich die achtbare Miene, die edle Haltung Guerreville's ins Gedächtnis und man dachte bei sich: Wenn er nicht gelogen hat, so ist Emil ein Elender, der ihm seine Tochter geraubt, und, statt sein Verbrechen einzugestehen, ihm noch einen Degenstich beigebracht hat. Diese Betrachtungen stellten Stephanie und ihre Mutter gegenseitig in der Stille an, aber ihre Blicke verstanden sich; endlich rief Madame Dolbert: »Meine Stephanie, nach Allem, was diesen Morgen hier vorgegangen ist ... nach dem unangenehmen Aufsehen, das dieser Vorfall machen muß ... bist Du da nicht meiner Meinung, daß wir gut daran thun würden, Paris zu verlassen und einige Zeit auf unserem Landgut zuzubringen?« »O ja, meine gute Mutter ... aber Zizine kommt doch mit uns?« »Das versteht sich von selbst.« »Willst Du, Zizine?« Das Kind zauderte, indem es stotterte: »Aber mein Vater ;...« »Dein Vater! ... glaubst Du, daß er Dich auffordern würde, mich zu verlassen, wenn ich Kummer habe ... wenn ich unglücklich bin?« »O nein, nein ... Sie haben Recht, ich werde Sie nicht verlassen,« sagte Zizine, indem sie Stephanien an den Hals sprang. Und noch denselben Abend reiste Madame Dolbert mit ihrer Enkelin und Zizinen nach ihrem Landhause bei Beaumont. Als sich Emil den folgenden Morgen bei derjenigen einfand, die er den Tag vorher hatte heirathen sollen, war er sehr erstaunt, zu vernehmen, daß die Damen sich nach ihrem Landhause begeben hatten. Aber ohne Zeit zu verlieren, ohne sich mit schwankenden Vermuthungen aufzuhalten, stieg er in sein Kabriolet, peitschte sein Pferd und fuhr auf der Stelle nach Beaumont. In weniger als zwei Stunden hatte der rasche Renner die Strecke zurückgelegt, und bald stieg Delaberge aus und trat in das Haus der Madame Dolbert. Stephanie befand sich in dem Salon bei ihrer Großmutter, als Emil hastig eintrat, indem er ausrief: »Ei, mein Gott, meine Damen, warum denn diese hastige Abreise? Man könnte glauben, Sie seien aus Paris geflohen. Ei was! ohne sich mit mir darüber zu besprechen, ohne es der Mühe werth zu halten, mir Nachricht davon zu geben! ... Es scheint mir, daß, was vorgefallen ist, Ihnen nicht die mindeste Unruhe verursachen dürfe, und die Art und Weise, wie sich die Sache geendigt hat, Sie vollkommen beruhigen müsse.« Während Emil sprach, betrachtete ihn Madame Dolbert aufmerksam, sie hätte mögen in der Tiefe des Herzens dieses Mannes lesen, dem sie jetzt die Zukunft ihrer Enkelin anzuvertrauen sich fürchtete. Stephanie im Gegentheil hielt ihre Augen auf den Boden gerichtet und schien den Blicken ihres Bräutigams ausweichen zu wollen. Die Kälte und die Verlegenheit dieser Damen entgingen Emil nicht, welcher sich in einen Stuhl warf, indem er sagte: »Aber was haben Sie denn, meine theure Stephanie? Empfangen Sie auf solche Weise Ihren Gatten? ... denn ich wäre es bereits, wenn nicht ein unerklärliches Ereigniß mein Glück verzögert hätte.« »Verzeihen Sie mir,« sagte Stephanie, »aber ich bin noch so verwirrt ... so erstaunt über Alles, was vorgefallen ist!« »Ich begreife es; aber das ist kein Grund, meine Blicke zu vermeiden ... Theure Stephanie! lassen Sie uns das Alles vergessen. Es war ein Traum, eine Wolke, welche über unsern Festtag einen Augenblick trübend hinwegzog. Doch es ist vorbei ... und weil ein Mann, den ich nicht kenne, der verrückt ist oder mich für einen Andern hält, mir einen abgeschmackten Auftritt bereitet hat ... so darf doch dies, wie mir scheint, Ihre Gesinnungen gegen mich in nichts ändern. Ich bin gewiß, daß Ihre achtungswerthe Mutter die Erste gewesen ist, Ihnen das Nämliche zu sagen.« »Ich,« sagte die gute Großmutter, »ich gestehe Ihnen, Herr Delaberge, daß ich mir diese Scene noch nicht erklären kann. Wie! Sie hätten ihn niemals gesehen, Sie kennten diesen Mann nicht, der behauptet, Sie hätten ihm seine Tochter entführt?« »Er ist mir völlig unbekannt ... Wahrscheinlich hat ihn eine große Aehnlichkeit getäuscht ... das geschieht oft ... Sie haben ja gehört, daß er mich Daubray nannte ... und habe ich jemals Daubray geheißen?« »Wir wenigstens haben Sie niemals unter diesem Namen gekannt ... Dieser Mann sah aber so achtbar aus ;...« »Achtbar! ein Mann, der wie ein Narr, wie ein Rasender hereintritt, um Verwirrung in ein Haus zu bringen ... der sich den äußersten Gewaltthätigkeiten überläßt ... Ah! Madame ... kann man also Genugthuung für eine Beleidigung fordern, selbst wenn man beschimpft worden ist? ... Aber ich wiederhole es Ihnen und ich denke, mein Wort wird Ihnen genügen, ich kenne ihn nicht ... ich habe diesen Menschen niemals gesehen, der mir den Weg in dem Augenblicke versperrte, wo ich Ihre Tochter zum Altare führen wollte.« »Nun gut! mein Herr, dann wissen wir jetzt mehr davon als Sie, denn wir kennen diesen ... Fremden ... der für uns keiner mehr ist, wir wissen, daß er sich Guerreville nennt.« Als er diesen Namen von Madame Dolbert aussprechen hörte, bedeckte eine Leichenblässe Emils Gesicht; er bemühte sich vergeblich die Bewegung zu bezwingen, welche ihn erfaßt hatte, er versuchte sogar zu lächeln; aber der Ausdruck seiner Züge hatte etwas so Falsches, daß Stephanie rasch ihre Blicke von ihm abwandte und zu zittern begann; denn in diesem Manne, der gegenwärtig vor ihr stand, erkannte sie den nicht mehr, der es verstanden hatte, ihr Herz zu rühren. »Ah! Sie wissen, daß dieser Mensch ... dieser Herr Guerreville heißt?« sagte Emil, indem er eine ruhige Miene heuchelte; »und woher wissen Sie denn das?« »Durch einen sonderbaren Zufall ... Zizine kennt diesen Herrn ;...« »Zizine! ... Ah! ... also durch sie! ;...« Emil drehte sich um und warf einen durchbohrenden Blick auf die Kleine, welche einige Schritte von ihm entfernt stand. »Dieser Herr Guerreville,« fuhr Madame Dolbert fort, »ist Jerome's, des Vaters unserer Zizine, Wohlthäter gewesen ... Die Kleine hat seinen Namen von ihrem Vater erfahren, welchem dieser Herr ihn gesagt hatte, indem er ihm seine Wohnung bezeichnete. Kurz, dieser Herr war im Auftrage Jerome's und um mit uns über Zizinen zu sprechen, zu uns gekommen ... Sie sehen also, daß er den Auftritt, den er mit Ihnen gehabt, durchaus nicht vorbereitet hatte ;...« »Ah! ... das ist sehr sonderbar ... Ich wiederhole es Ihnen, eine unglückliche Ähnlichkeit muß ihn irre geleitet haben. Aber wir haben uns schon genug mit diesem Menschen und mit dieser Angelegenheit, die nun beendigt ist, beschäftigt. Erlauben Sie mir, Madame, Sie daran zu erinnern, daß ich im Begriffe war, mich mit ihrer Enkelin zu verbinden, als dieser Auftritt vorfiel ... Bedenken Sie, daß meine Liebe zu Stephanien durch diese Zögerung schon Qualen genug erlitten hat ... und haben Sie die Güte, mir zu sagen, welchen Tag wir zur Feier unserer Verbindung festsetzen wollen ... Wenn Sie vorziehen, daß unsere Verheirathung auf dem Lande stattfinde, bin ich es zufrieden ... nur möge Stephanie endlich meine Frau werden ... und ich wünsche, daß dies morgen geschehe ... oder spätestens in zwei Tagen.« »O! mein Herr ... Sie werden uns doch einige Zeit lassen, um uns zu erholen ... und, nach alle dem, was meine Stephanie gelitten hat ... erlauben Sie uns, daß wir einige Wochen hingehen lassen, ehe wir an diese Heirath denken.« »Einige Wochen! ;...« rief Emil, indem er beleidigt aufsprang, »und warum denn diese Verzögerung meines Glückes? ... Bedenken Sie, Madame, daß mich das ernstlich böse machen könnte ... Es würde das Aussehen haben, als ob Sie den abgeschmackten Beschuldigungen, die man gegen mich aufgebracht hat, Glauben schenkten ... In der That, es ist sehr ungewöhnlich, daß man den Erzählungen ... eines Kindes ... mehr Glauben schenkt, als den Worten eines Mannes wie ich ... Weil Ihnen die Tochter eines Wasserträgers gesagt hat, daß der Mann, der mich beschimpfte, ihrem Vater einst einigte Thaler geschenkt habe ... so scheint dieser Herr ... Guerreville eine sehr achtbare Person geworden zu sein ... die man nicht beleidigen darf ... Madame, das kann nicht Ihre wahre Gesinnung sein. Sie können mich nicht wegen der Thorheiten eines Andern bestrafen. Ich habe mich als Mann von Ehre benommen; ich habe den, welcher mich beschimpfte, besiegt ... Nun komme ich, die Hand Stephaniens wieder zu fordern ... sie ist mir versprochen ... ich hoffe nicht, Madame, daß Sie die Absicht haben werden, das mir gegebene Wort zu brechen.« »Herr Delaberge,« sagte Madame Dolbert, »Sie dürfen sich über die Befürchtungen, über die äußerste Vorsicht einer Großmutter nicht aufhalten. Das Glück meiner Stephanie ist kein Gegenstand, den ich so leichthin preisgeben möchte. Der Mann, mit welchem Sie sich geschlagen haben, wird, ich hoffe es, wieder genesen ... Dann wird er sich erklären müssen ... und ohne Zweifel erkennen, daß er sich in Ihrer Person geirrt hat ... worauf nichts mehr Ihrer Verbindung mit meiner Tochter im Wege stehen wird.« »Das genügt, Madame,« erwiderte Emil, indem er sich bemühte, seinen Zorn zu verbergen, »ich sehe, daß ich es vergeblich versuchen würde, Ihren Entschluß wankend zu machen ... Ich entferne mich ... ich werde warten, bis eine vernünftigere Ueberlegung Ihren Verdacht zerstreut haben wird ... und Sie mir die Gerechtigkeit werden widerfahren lassen, die mir gebührt ... Ich werde wiederkommen ... in einigen Tagen ... dann hoffe ich, daß der Eindruck, den dieser Vorfall hervorgebracht, verwischt sein wird ... und Sie mir ein geneigteres Ohr schenken werden.« Nachdem Emil diese Worte gesprochen, verbeugte er sich tief vor Stephanien und ihrer Großmutter und verließ den Salon, indem er eine traurige aber resignirte Miene zeigte. Als er aber aus dem Hause heraus war, wurde er ein ganz Anderer; er zerknitterte, zerriß seinen Hut zwischen seinen Händen und warf sich in sein Kabriolet, indem er murmelte: »Diesem kleinen Mädchen verdanke ich wieder den Empfang, der mir zu Theil geworden ist ... durch das, was sie über Guerreville erzählt hat, hat sie die Stimmung dieser Damen geändert ... Ah! soll mir denn dieses Kind immer im Wege stehen, um mich zu hindern, das mir vorgesteckte Ziel zu erreichen! ... Es scheint mein böser Dämon zu sein ... Man will warten, bis Guerreville gesund ist, um nähere Erklärung von ihm zu fordern ... doch man wird vergebens warten, hoffe ich ... er wird von dem Stiche, den ich ihm beigebracht, nicht wieder genesen.« »Er ist erzürnt weggegangen! ;...« sagte Stephanie, als Emil fort war, und warf sich in die Arme ihrer Mutter. »Mein liebes Kind, wenn er sich nichts vorzuwerfen hat, so wird er es mir gewiß vergeben, eure Hochzeit verschoben zu haben ... Wäre es aber anders ... o! theure Stephanie, hätte ich dann nicht wohl daran gethan, ihn Dir zum Gatten zu verweigern?« Stephanie wagte nicht mehr, zu Gunsten Emils zu sprechen; sie hatte in seinen Augen einen Ausdruck wahrgenommen, den sie sich nicht erklären konnte und der sie erschreckte. Sie begnügte sich damit, zu seufzen, Zizinen zu küssen und an ihr Herz zu drücken. Das kleine Mädchen war sehr betrübt, die Ursache von Allem zu sein, was vorgefallen war. »Du wirst mich nicht mehr lieben,« sagte sie zu Stephanien, »denn ohne mich wäre Herr Guerreville nicht zu euch gekommen und wäre nicht mit Herrn Emil in Streit gerathen.« »Theure Kleine,« sagte die Großmutter und küßte Zizinen ebenfalls, »weit entfernt, Dir deßhalb übel zu wollen, werden wir Dir vielleicht noch Dank dafür schuldig sein; denn es ist möglich, daß Du meine Stephanie vor einem großen Unglücke bewahrt hast. Doch wie fangen wir es jetzt an, um Nachrichten von diesem Herrn Guerreville zu bekommen?« »Durch meinen Vater, Madame; oh! wenn er weiß, daß sein Wohlthäter verwundet ist, so wird er gewiß keinen Tag vorübergehen lassen, ohne ihn zu besuchen.« »Sie hat Recht,« sagte Stephanie; »Jerome wird uns von diesem Herrn Nachricht geben können. Warten wir einige Tage; ohne Zweifel wird er herkommen, um seine Tochter zu besuchen. Wenn er nicht kommen sollte, gute Mutter, so könnten wir nach Paris schicken und ihn zu uns bitten lassen.« »Oh! ja, meine liebe Freundin, und mein Vater wird gleich herkommen, das weiß ich gewiß.« Zwei Tage vergingen. Jerome kam nicht nach Beaumont und man hatte daher beschlossen, am folgenden Morgen einen Bedienten nach Paris zu schicken, um den Wasserträger zu bitten, Madame Dolbert auf dem Lande zu besuchen. Am Morgen des dritten Tages aber, als Zizine in Stephaniens Zimmer hinabging, bemerkte sie einen Mann, der mit großen Schritten über den Hof kam, und auf das Haus zuging. Die Kleine hatte ihn gleich erkannt, sie lief ihm entgegen, und bevor er noch Zeit gehabt hatte, die Treppe hinaufzusteigen, lag das Kind in Jerome's Armen. »Meine liebe Kleine, wie lange habe ich Dich nicht geküßt!« sagte der Auvergnate, indem er Zizinen an sein Herz drückte. »Ah! Teufel ... das schnitt mir in die Seele, Dich fern von Paris zu wissen.« »Lieber Vater, Fräulein Stephanie hatte Kummer ... und weinte ... sollte ich da nicht mit ihr gehen?« »Wohl, mein Kind, wohl, Du hast wohl daran gethan.« »Du weißt ohne Zweifel Alles, was zwischen Herrn Guerreville und dem Bräutigam meiner Freundin vorgegangen ist?« »Ja! ja! ... ich weiß, daß sie sich geschlagen haben.« »Aber komme doch, lieber Vater, komme doch, die Damen brennen vor Begierde, Dich zu sehen, Dich auszufragen.« Und das Kind zog Jerome fort, der sich in ein Zimmer führen ließ, wo er Madame Dolbert und Stephanien vorfand. Man empfing den Auvergnaten sehr freundlich und nöthigte ihn, sich niederzusetzen; dann wiederholte ihm die Großmutter Alles, was ihnen Zinzine in Betreff Guerreville's gesagt hatte, und fragte ihn, ob sich das wirklich so verhalte. »Ja, Madame,« sagte Jerome, »dieser Herr Guerreville ist der bravste Mann, den ich kenne! Ich hatte ihn am Abende vor dieser verdammten Geschichte besucht und ihm erzählt ... ganz frei heraus ... daß, wenn Fräulein Stephanie diesen vornehmen Herrn heirathete, der sich um meine Zizinette gar nicht zu kümmern schien ... ich fürchten müßte, meine Kleine würde sich bei Ihnen nicht mehr so Wohl befinden.« »Ah! Jerome.« »Verzeihung, Entschuldigung, Madame; aber was kann ich dafür, es war nun einmal mein Gedanke; so zwar, daß der gute Herr Guerreville, um mir einen Gefallen zu thun, sich erbot, zu Ihnen zu gehen ... Es scheint, daß der Anblick dieses Herrn Delaberge ihn in Wuth verseht hat. Ach! ich weiß nicht, was ihm dieser gethan hat, man hat es mir nicht erzählt ... aber Herr Guerreville versicherte mich, er sei ein Niederträchtiger ... und das ist mir genug, um nicht daran zu zweifeln. Herr Guerreville ist nicht fähig, eine Unwahrheit zu sagen.« »Jerome! wissen Sie, daß Herr Delaberge ein geachteter, in der Gesellschaft angesehener Mann ist? und ;...« »Nun gut! was beweist das Alles? ... daß er reich ist ... daß er Einfluß hat, das ist möglich! denn um das Uebrige kümmert man sich wenig. Uebrigens werden Sie Herrn Guerreville in Kurzem selbst fragen können.« »Wäre es möglich! ... es geht also besser?« »Ah! natürlich! ... wenn es nicht besser ginge, würde ich denn hier sein, ich! ... aber dem Himmel sei Dank, er ist gerettet. Gestern Abend hat mir sein Arzt, oder vielmehr sein Freund, denn das ist ein wahrhafter Freund, dieser Doktor, die Versicherung davon mit einem Händedruck gegeben. Oh! da sagte ich zu diesem guten Doktor: »›;Ich gehe fort; und wenn ich zu Herrn Guerreville zurückkehre, will ich ihm gute Nachrichten bringen, welche seine Genesung vollenden sollen.‹« »Wie, welche Nachrichten?« »Oh! nichts! das ist so eine Idee, ein Plan, den ich im Kopfe habe! Drauf habe ich mich rasch auf den Weg gemacht, um meine Zizine bald küssen zu können ... Ah! nun bin ich zufrieden! und kann nach Paris zurückgehen. Aber glauben Sie mir, Madame, verheirathen Sie Ihre Enkelin nicht, bevor Sie mit Herrn Guerreville gesprochen haben; denn Sie könnten einen Schritt thun, den Sie Ihr ganzes Leben hindurch bereuen würden. Entschuldigen Sie, wenn ich Ihnen das so sage: die Theilnahme, die ich für Sie hege, zwingt mich, so zu sprechen ... und wenn Sie Herrn Guerreville, und dann seinen Freund, den Doktor Jenneval, kennen werden ... denn ich werde sie Ihnen alle Beide herbringen; ah! dann, Madame, werden Sie einsehen, daß es brave Leute sind, die von Niemand Böses sagen würden, ohne davon überzeugt zu sein.« Jerome grüßte und entfernte sich; als er aber in den Hof gelangt war, umarmte er nochmals Zizinen, die ihn bis ans Thor geleitet hatte, und sagte da noch halblaut zu ihr: »Adieu, liebe Zizine, adieu, meine liebe Kleine; indem Du Fräulein Stephanie Alles sagtest, was Du wußtest, hast Du sie vor einem großen Unglück bewahrt ... und es ist, wie ich glaube, für die Damen ein großes Glück, daß Herr Guerreville gerade in dem Augenblicke erschien, wo Alles beendet werden sollte. Oh! Du bist eben, wie meine arme Frau immer sagte: Der Schutzengel der ganzen Welt ... Du hast mich davor bewahrt, gebraten zu werden, Du bewahrst Deine Wohlthäterin davor, die Frau eines Elenden zu werden, und wer weiß, was Du Alles noch für Gutes ausüben wirst? ... Auf Wiedersehen, mein liebes Kind!« Und der Wasserträger entfernte sich mit großen Schritten, aber nicht ohne sich oft umzudrehen und seiner Kleinen zuzulächeln, welche vor dem Hause stehen geblieben war und erst hineinging, als sie Jerome auf der Landstraße nicht mehr sehen konnte. Einundzwanzigstes Kapitel Was Jerome Alles that Nach Paris zurückgekehrt, war es Jerome's erste Sorge, sich zu Herrn Guerreville zu begeben, um sich nach dessen Befinden zu erkundigen. Der Doktor empfing den Auvergnaten, drückte ihm freundlich die Hand und sagte zu ihm: »Die Besserung hält an ... ich werde meinen Freund retten, nun kann ich dafür stehen.« »Ach! Herr Doktor, was für ein braver Mann sind Sie!« »Aber die Wiedergenesung wird sich sehr in die Länge ziehen, und um so mehr, als mein armer Freund im Innern seines Herzens einen tiefen Kummer darüber empfindet, sich an diesem elenden Delaberge nicht haben rächen zu können. Durch den, der uns beschimpft hat, besiegt zu werden, heißt es doppelt sein! ... Kaum hatte mein Freund die Sprache wieder erhalten, so waren seine ersten Worte ein Schwur, den Kampf zu erneuern, sobald er die Kraft dazu haben würde. Aber bis dahin ... wird es mir vielleicht gelingen, ihn zu beruhigen.« »Oh! ja ... ja ... ich begreife es sehr wohl, daß Herr Guerreville nicht befriedigt ist ... Aber Geduld ... das wird sich Alles ändern, ich hoffe es. Dieser Emil Delaberge hat also Herrn Guerreville recht viel Böses zugefügt?« »Er hat ihn in dem beschimpft, was ihm das Theuerste war; er hat ihm das Glück geraubt, ihn zu ewigen Thränen verdammt. Mein lieber Jerome, mein Freund wird Ihnen, wie ich nicht zweifle, alle seine Leiden erzählen ... er wird für Sie keine Geheimnisse haben.« »Oh! ich habe nicht nöthig, noch mehr zu erfahren, um überzeugt zu sein, daß dieser Herr Delaberge ein Schuft ist.« »Aber Sie können Herrn Guerreville sehen, er schläft in diesem Augenblicke nicht, und Ihre Gegenwart kann ihm nur angenehm sein« »Nein, nein, Herr Doktor ich danke Ihnen; ich will Herrn Guerreville nicht sehen, ehe ... ehe ich ... doch, genug! ich habe so meinen Plan, sehen Sie ... es ist ein Eid, den ich mir selbst abgelegt habe ... und den ich halten will.« »Ich verstehe Sie nicht, Jerome.« »Das ist möglich, Herr Doktor, aber ich verstehe mich ganz gut und Sie werden mich später auch schon verstehen. Indeß Pflegen Sie fortwährend meinen achtbaren Wohlthäter ... und für das Uebrige lassen Sie mich sorgen. Auf Wiedersehen, mein Herr.« Und Jerome entfernte sich, indem er Jenneval zurückließ, welcher den Sinn der geheimnißvollen Worte des Auvergnaten zu errathen suchte. »Jetzt,« sagte der Wasserträger, als er sich auf der Straße befand, zu sich, »handelt es sich nur darum, die Wohnung dieses Emil Delaberge zu erfahren; ich habe den guten Doktor nicht darnach fragen wollen, aus Furcht, er könnte eine Ahnung von meinem Vorhaben bekommen. Ueberdies weiß er sie vielleicht auch nicht; ich habe eben so wenig gewagt, Madame Dolbert darnach zu fragen. O! aber ich werde sie schon finden, ein reicher Mann wohnt in keinem Mausloche. Oh! ich werde diesen Herrn schon zu finden wissen ... Paris ist groß, aber ich habe gute Beine, ich, und fürchte keine Ermüdung!« Jerome machte sich auf den Weg, er durchlief die Stadt, rannte hin und her, erkundigte sich und bat einige Commissionäre von seiner Bekanntschaft, ihm in seinen Nachforschungen behülflich zu sein. Während der ersten drei Tage blieben seine Bemühungen erfolglos; aber am vierten fand der Wasserträger endlich, was er wünschte; man zeigte ihm das von Herrn Emil Delaberge bewohnte Hôtel in der Clichystraße. Sogleich ging Jerome auf dieses Haus zu. Er klopfte an das Einfahrtsthor, trat hinein und fragte den Portier: »Bin ich wohl hier recht in der Wohnung des Herrn Emil Delaberge?« »Ja,« erwiderte der Portier, indem er einen verächtlichen Blick auf den Auvergnaten warf. »Ist er zu Hause?« »Was geht das Sie an?« »Wie? was das mich angeht ... wahrscheinlich geht es mich etwas an, da ich Sie darnach frage.« »Der Herr ist nicht zu Hause.« »Ah! das ist etwas Anderes ... das ist doch eine Antwort ... nun gut, dann ... werde ich wieder kommen.« Und Jerome ging, zufrieden, endlich wenigstens zu wissen, wo derjenige wohnte, den er sprechen wollte, und nicht daran zweifelnd, daß es ihm bald gelingen werde, mit ihm zusammen zu kommen. Am folgenden Tage, gegen neun Uhr Morgens, ging der Auvergnate wieder zu Herrn Delaberge. »Der Herr ist nicht zu Hause,« sagte ihm der theilnahmlose Portier, sobald er ihn erblickte. »Wie, schon ausgegangen?« »Ja.« »Wann wird er zurückkommen?« »Ich weiß es nicht; der Herr hat keine bestimmten Stunden, in denen er nach Hause kommt; das hängt von seiner Laune ab.« Jerome entfernte sich in übler Stimmung. Er kam auf den Abend, er kam am andern Morgen wieder, aber der Portier hatte immer nur die eine Antwort: »Der Herr ist ausgegangen.« Acht Tage verflossen auf diese Weise, ohne daß Jerome glücklicher war; endlich riß ihm die Geduld; er trat eines Morgens in die Loge des Schweizers, faßte ihn scharf in die Augen und sagte in einem erzürnten Tone zu ihm: »Herr Portier, ich glaube, Sie haben mich zum Narren, machen Sie ein Ende! ;...« Jerome war ein großer und starker Mann; der Portier bekam Furcht und antwortete viel artiger als sonst: »Mein Herr, ich bitte Sie um Verzeihung, aber ich muß wohl die mir gegebenen Befehle befolgen.« »Und was sind das für Befehle?« »Daß der Herr fast immer sagen läßt, er sei ausgegangen, oder nicht zu sprechen, wenn es nicht Personen sind, die er erwartet.« »Ich verstehe! und sicherlich erwartet er mich nicht. Aber ich, ich muß ihn sehen, ich muß ihn sprechen, verstehen Sie mich, Portier, ich muß ... ich werde nicht mehr aus diesem Hause gehen, ohne Ihren Herrn gesprochen zu haben; ich bin fest dazu entschlossen ... Wählen Sie, ob ich hier Alles zerbreche ... oder ob Sie mir sagen, wo ich den Herrn Delaberge finden kann.« »Mein Herr, ich versichere Sie, daß er nicht hier ist.« »Sie lügen noch einmal!« »Nein, mein Herr. Oh! diesmal ist es die reine Wahrheit; der Herr ist gestern Abend mit seinem Diener Düpré auf das Land gereist.« »Auf das Land?« »Ja, ich glaube ihn Beaumont nennen gehört zu haben.« »Genug, dann werde ich ihn aufsuchen. Aber wenn Sie mich belogen haben, dann komme ich wieder her und schlage Sie todt.« »Ich habe Ihnen die strengste Wahrheit gesagt, mein Herr.« Jerome verließ das Hôtel, ging nach Hause, nahm Alles, was er nöthig zu haben glaubte, zu sich, dann machte er sich, seinen Stock in der Hand, zu Fuß auf den Weg. Der Auvergnate ging aber mit so festem, so raschem Schritte, daß er vor Anbruch der Nacht bei dem Landhause der Madame Dolbert angelangt war. Jerome hielt an, er war ungewiß, was er thun sollte; doch endlich bemerkte er einen Gärtner an der Thüre des Hauses, dem er sich näherte. »Sie sind im Dienste von Madame Dolbert?« »Ja, mein Herr,« erwiderte der Landmann, ihn grüßend. »Wissen Sie, ob seit gestern ein Herr aus Paris zu diesen Damen gekommen ist?« »O nein, mein Herr, seit gestern, sogar seit mehreren Tagen haben diese Damen keinen Besuch erhalten. O, ich kann Ihnen das bestimmt sagen, denn ich arbeite gerade dem Hausthore gegenüber.« »Danke, mein Freund.« Jerome entfernte sich, indem er sagte: »Der Herr hat diese Damen nicht besucht ... indeß wird er nicht ohne Grund in diese Gegend gekommen sein. Teufel auch! wenn ich ihn diesmal nicht erwische, bin ich sehr ungeschickt.« Jerome ging ins Dorf; er erkundigte sich nach dem besten Gasthofe: es sind deren auf dem Lande nicht viele. Während er mit einer Bäuerin plauderte, ging ein Herr an ihm vorüber; seine Kleidung, seine Haltung, sein ganzes Wesen fiel dem Auvergnaten auf, der bei sich dachte: »O, das muß mein Mann sein!« Es war in der That Emil Delaberge, welcher, nachdem er mehrere Tage in Paris unentschlossen hingebracht, indem er bald Stephanien vergessen wollte, bald schwur, sie müsse die Seinige werden, endlich mit Schrecken vernommen hatte, Guerreville's Wunde sei nicht tödtlich und der, von dem er nichts mehr befürchten zu dürfen glaubte, werde bald wieder hergestellt sein. Emil sah voraus, daß seine Heirath sich für immer zerschlagen würde, wenn Herr Guerreville Madame Dolbert wiedersähe; wie aber sollte er das verhindern, da Stephaniens Großmutter ihm ihren Wunsch, mit Jenem zusammenzukommen, gar nicht verheimlicht hatte. »Sie werden mir Stephanien verweigern,« sagte Emil zu sich, indem er vor Wuth bebte. »Nun wohl! wenn sie nicht wollen, daß sie meine Frau werde, so will ich andere Mittel anwenden, denn sie muß mein werden. Auf, nach Beaumont! ... Es wird nicht so schwer sein, in das Haus einzudringen, das diese Damen bewohnen ... O, das wird mir gelingen ... es ist mir bis jetzt Alles gelungen, was ich ernstlich gewollt habe.« Hiernach war Delaberge mit seinem Kammerdiener Düpré abgereist. Er hatte sich in einem abgelegenen Gasthof am Ende des Dorfes einquartirt, und hatte eben die Wohnung der Madame Dolbert von fern in Augenschein genommen, als ihn Jerome bemerkte. Emil ging in seine Wohnung zurück; er rief seinem Diener und sagte zu ihm: »Nichts ist leichter, als bei diesen Damen einzudringen! Es ist ein wahres Kinderspiel! Du hast mir doch gesagt, Stephaniens Zimmer sei ein Eckzimmer, welches auf die Straße hinausgehe?« »Ja, mein Herr, ich habe mich davon überzeugt.« »Es wird genügen, wenn ich auf die Gartenmauer klettere, und von da werde ich leicht das Fenster erreichen; Deine Schultern werden mir zum Hinaufsteigen dienen ... das Uebrige gibt sich von selbst ... Es ist recht drollig, zum Sturmlaufen bei einem Frauenzimmer genöthigt zu sein, das man heirathen wollte ... doch, meiner Treu, man zwingt mich dazu; und in der Folge werden jene ohne Zweifel mich noch bitten, sie zu heirathen; aber ich weiß nicht, ob ich dann noch Lust haben werde. Diesen Abend also ... um zehn Uhr. Ich werde lange vor Dir fortgehen, damit die Sache nicht als verabredet erscheint. Punkt zehn Uhr wirst Du an der Stelle sein, die ich Dir bezeichnet habe.« »Ganz recht, mein Herr. Aber ist es denn nicht um zehn Uhr noch zu früh?« »O nein! weißt Du denn nicht, daß die Großmutter Dolbert, wenn sie auf dem Lande ist, um neun Uhr zu Bette geht? O, um zehn Uhr schlafen alle Leute im Hause schon längst.« Als diese Anordnungen getroffen waren, ließ sich Emil Delaberge ein so gutes Mittagsbrod auftragen, als man es sich nur in einer Dorfherberge verschaffen konnte, und nachdem er seine Mahlzeit beendet hatte, ging er auf das Feld spazieren. Aber ein Mann hatte gewartet, bis der Fremde endlich aus dem Wirthshause herauskam; dieser Mann war Jerome, der sich auf eine Art in den Hinterhalt gelegt hatte, daß Emil Delaberge nicht fortgehen konnte, ohne von ihm bemerkt zu werden; er folgte ihm von Weitem aufs Feld. Er harrte, um ihn anzureden, darauf, bis es dunkler geworden wäre, denn er wünschte nicht, daß sie Jemand sehen oder stören möchte. Endlich betrat Emil einen einsamen Fußsteig, welcher von jeder Wohnung sehr entfernt war. Der Auvergnate verdoppelte seine Schritte, und einen Querweg einschlagend, befand er sich bald vor Emil, dem er plötzlich entgegentrat, indem er eine Hecke, welche ihn von ihm trennte, auseinanderriß. »Ein Wort, mein Herr,« sagte Jerome, sich vor Emil hinstellend und ihm den engen Fußweg versperrend. »Was wollen Sie von mir?« antwortete der junge Mann, dem die plötzliche Erscheinung eines Mannes bei Nacht und an einem abgelegenen Wege ein geheimes Mißtrauen einflößte. »O, das sollen Sie bald erfahren ... Beruhigen Sie sich, ich bin kein Dieb und will Ihnen durchaus nicht an die Börse.« »Was wollen Sie denn von mir?« »Sie sind doch Herr Emil Delaberge, nicht wahr?« »Ohne Zweifel.« »Dann will ich mich mit Ihnen schlagen.« »Sie sich mit mir schlagen!« erwiderte Emil mit einem verächtlichen Lächeln. »Erstens schlage ich mich nicht mit Jedermann.« »Das kann sein, aber mit mir werden Sie sich schlagen.« »Aus welchem Grunde? Zu welchem Zwecke? Ich kenne Sie nicht ... ich habe Sie nie gesehen.« »Nun gut! ich heiße Jerome und bin ein Wasserträger meines Standes ... und ein ehrlicher Mann, wie ich mir schmeichle. Ich, ich kenne Sie, ich weiß, daß Sie sich vor einiger Zeit mit Herrn Guerreville geschlagen haben ... Ich weiß nicht, welchen Schimpf Sie ihm angethan, aber er sagt, Sie seien ein Schurke, und wenn das ein ehrbarer Mann sagt, so muß es wahr sein. Kurz, Sie haben ihm eine tiefe Wunde beigebracht, an der er fast gestorben wäre. Dieser Herr Guerreville ist mein Wohlthäter und ich bin hergekommen, um ihn zu rächen. Begreifen Sie mich jetzt?« »Ah! ... Herr Guerreville hat Sie zu seinem Verteidiger gewählt!« »Herr Guerreville hat mich nicht gewählt, er ahnt nichts von dem, was ich heute thue; denn er würde es mir vielleicht verboten haben, weil er hofft, sich wieder mit Ihnen zu schlagen, sobald er die Kraft dazu hat. Aber ich habe mir selbst das Versprechen gegeben. Sie aufzusuchen und die Partie zu gewinnen, welche ein braver Mann verloren hat. Nun voran! ich hoffe, das seien Gründe genug; wir wollen uns jetzt schlagen.« »Nein, ich werde mich nicht mit Ihnen schlagen ... da ich Sie nicht kenne. Noch einmal, lassen Sie mich vorübergehen, mein Herr.« »Ah! machen Sie keine Dummheiten ... Sie kommen hier nicht vorbei.« »So hören Sie denn, daß ein Mann meines Standes sich nicht mit dem ersten besten Menschen schlagt.« »Erster bester Mensch! ... erster bester Mensch!« rief Jerome, indem er noch näher auf Emil zutrat und ihm scharf ins Auge sah. »Ah, es ist wahr, ich bin ein erster bester Mensch, weil ich eine Jacke trage ... in einer Dachkammer wohne und mein Brod im Schweiße meines Angesichtes verdiene. Aber Sie ... o! Sie sind freilich kein erster bester Mensch! ... Sie haben Geld ... Sie thun dick! ... aber dabei sind Sie ein Nichtswürdiger ... ein Schuft ... und auch noch ein Feigling, wie ich sehe!« »Unverschämter!« schrie Emil wüthend. »O! Du wirst mir diese Kränkung theuer bezahlen!« »Ah! jetzt ist's recht! ... erhitzen Sie sich nur einmal ... das ist mir sehr lieb. Nun rasch ans Geschäft! ;...« Und zwei tüchtige Stöcke herbeiholend, die er hinter der Hecke gelassen hatte, reichte er sie Emil mit den Worten hin: »Wählen Sie.« »Ich schlage mich nicht mit einem Stocke,« antwortete Emil, die Achseln zuckend. »Und warum nicht, mein schöner Herr?« »Weil ich mich niemals solcher Waffen bedient habe!« »Nun! so werden Sie heute den Anfang damit machen ... O! sie sind solid, sie biegen sich nicht, ich stehe Ihnen dafür.« »Sie sehen wohl, daß Sie mit Ihrem Vortheile Mißbrauch treiben wollen, da Sie mir diesen Kampf vorschlagen. Sie sind gewohnt, sich eines Stockes zu bedienen, ich habe niemals einen angerührt ... wäre das eine gleiche Partie? ;...« »Und was hindert Sie, Herr Stutzer, einen Stock zu handhaben, wie ich? ... Ich zähle fünfzig Jahre, Sie erst dreißig, dadurch scheint sich mir, was ich in Betreff der Gewohnheit voraus habe, vollkommen auszugleichen ... Nun, beim Kuckuk, nehmen Sie!« »Hier sind die Waffen, deren ich mich gewöhnlich bediene,« sagte Emil, indem er aus seiner Tasche ein Paar Pistolen hervorzog; »diese stellen das Gleichgewicht der Kräfte vollkommen her ... denn man braucht keine Herkulesstärke zu haben, um eine Pistole abzudrücken ... Nicht wahr, Kamerad, das bringt Sie ein wenig aus der Fassung ... das lächelt Sie nicht so an, wie Ihre Stöcke!« »Ah! Sie sollen sehen, daß ich vor keiner Waffe zurückweiche!« rief Jerome; »wenn ich Sie behandelte, wie Sie es verdienen, so würde ich damit beginnen. Ihnen diese Pistolen zu entreißen und Sie mit meinem Knüttel niederzuschlagen ... aber ich bin kein Feigling und nehme diese Waffen an ... wenn ich Sie nur tödte und Herrn Guerreville räche, so liegt mir nichts daran, auf welche Weise es geschieht! Nun gut, geben Sie mir eines von Ihren kleinen Taschenspielzeugen!« Jerome warf die beiden Stöcke bei Seite und wartete nicht erst, bis ihm Emil die Pistolen reichte, sondern riß ihm eine aus der Hand, trat drei Schritte von ihm zurück, spannte den Hahn und zielte mit den Worten: »Sind Sie parat?« »Man schlägt sich gewöhnlich nicht so nah,« erwiderte Delaberge, dessen Muth vor dem entschlossenen Betragen des Auvergnaten zu sinken schien. »Oh! wir dürfen uns nicht fehlen ... es wird schon sehr dunkel, und ich habe nicht Lust, auf's Gerathewohl loszuschießen. Kommen Sie jetzt, beim Teufel! ... machen wir schnell. Ich werde mit dem Fuße stampfen ... beim zweitenmal schießen wir zugleich los.« Jerome nahm seine Waffe und gab das erste Zeichen; Emil beeilte sich, seine Pistole zu spannen; der Auvergnate erhob kaum den Fuß, um das zweite und letzte Zeichen zu geben, als Emil schon abdrückte ... das Zündhütchen blitzte allein auf. »Ah! die meine wird nicht versagen, wie ich hoffe,« rief Jerome, und in demselben Augenblicke ging sein Schuß los; Emil empfing die Kugel in die volle Brust, und fiel fast auf seinen Gegner. »Ich denke, er hat seine Bezahlung!« sagte Jerome, indem er seine Pistole auf den Boden warf, »aber, Teufel! wenn sie ihm nicht versagt hätte, so würde ich ihm wohl haben vortanzen müssen, denn er hatte sich mit dem Losdrücken ein wenig beeilt ... Mein Herr, ich werde Ihnen Ihren Diener schicken, er wird Sie in Ihre Herberge zurückbringen.« »Ich bitte, Jerome,« sagte Emil mit schwacher Stimme, und indem er sich zu erheben versuchte, »ich bitte, bringen Sie mich selbst fort ... mein Diener ist nicht in dem Wirthshause ... ich fühle, daß ich tödtlich verwundet bin; ... ich möchte gerne noch Zeit gewinnen, einige Zeilen an Herrn Guerreville zu schreiben, ... den ich auf so unwürdige Art gekränkt habe ... Sie können in dem Gasthofe vorgeben, Sie hätten mich auf diesem Fußsteige gefunden ... und ich verspreche Ihnen, Niemand zu sagen, daß ich mich mit Ihnen geschlagen habe.« »Es sei! ... ich will es gerne thun. Uebrigens fürchte ich mich gar nicht, mich als Ihren Gegner zu bekennen; daß Sie Reue empfinden, ist die Hauptsache, und ich verweigere Ihnen meinen Beistand nicht.« Hierauf beugte sich Jerome nieder, und indem er den Verwundeten in seine Arme nahm, gelang es ihm, ihn auf seine Schulter zu heben; dann schlug er, mit dieser schweren Last beladen, den Weg nach dem Dorfs ein, während sich Emil bemühte, mit dem Schnupftuche das Blut zurückzuhalten, welches stromweise aus seiner Wunde floß. Der Auvergnate gelangte endlich in das Gasthaus. Bei dem Anblick des in seinem Blute schwimmenden Reisenden bestürmte Jedermann Jerome mit Fragen. Emil war noch im Stande zu antworten: »Ich habe mich geschlagen ... mein Gegner ist entflohen ... dieser brave Mann fand mich ... und hatte die Kraft, mich bis hieher zu tragen.« Man trug den Verwundeten auf sein Bett und lief nach einem Arzte; aber Emil verlangte vor Allem Tinte und Papier. Er wollte die wenigen Kräfte, die ihm noch übrig waren, benützen, um einige Zeilen zu schreiben; er brachte dies mit großer Ueberwindung seiner Leiden zu Stande, dann gab er Jerome sein Billet, indem er ganz leise zu ihm sagte: »Bringen Sie das Herrn Guerreville ... Sie haben ihn gerächt ... und Sie haben auch Stephanie Dolbert vom Verderben gerettet; denn ich wollte diese Nacht in ihr Zimmer steigen ... in der Hoffnung, sie ihrer Unschuld zu berauben ... Indeß, bevor ich sterbe, hätte ich sie gerne noch einmal sehen ... ihr ein letztes Lebewohl sagen mögen ;...« »Ich will zu diesen Damen hingehen,« sagte Jerome, »sie sollen erfahren, was Ihnen begegnet ... was Ihr Wunsch ist ... Oh! ich zweifle gar nicht, daß Sie kommen werden, Sie zu pflegen. Adieu, mein Herr, suchen Sie wieder zu genesen, wenn es möglich ist ... Ich kehre nach Paris zurück, wo ich Herrn Guerreville seine Gesundheit vollkommen wiederzugeben hoffe.« Nachdem Jerome diese Worte gesprochen, nahm er das Billet, das ihm Emil darbot und ging gerade in dem Augenblicke aus dem Gasthofe, als ein Arzt dort ankam. Der Wasserträger verfügte sich seinem Versprechen gemäß zu Madame Dolbert; aber im Augenblick, als er dort eintreten wollte, bemerkte er den Diener von Delaberge, welcher, dem Befehl seines Herrn gemäß, diesen unter Stephaniens Fenster erwartete. »Sie warten vergebens auf Ihren Herrn,« sagte Jerome zu Düpré. »Er hat sich eben auf Pistolen geschlagen und nur noch wenige Augenblicke zu leben. Bringen Sie diese Nachricht den Damen Dolbert; Herr Emil Delaberge möchte sie noch vor seinem Tode sehen.« Der Bediente blieb über diese Nachricht wie versteinert stehen; aber ehe er sich noch von seinem Staunen erholt hatte, war Jerome schon auf dem Wege nach Paris; denn der Auvergnate hatte solche Eile, zu Herrn Guerreville zu gelangen, daß er seine Schritte verdreifachte und den größten Theil der Wagen, die nach Paris fuhren, weit hinter sich ließ. Trotz der angewandten Eile aber war es schon ein Uhr Nachts, als Jerome nach Paris kam. Der Auvergnate bedachte nun, was zu thun wäre. Sollte er sich so spät in der Nacht noch zu Herrn Guerreville begeben? Er hätte vielleicht, um sich Eingang zu verschaffen, das ganze Haus aufwecken und die Ruhe des kaum Genesenden, dem der Arzt die größte Schonung anempfohlen hatte, stören müssen. Jerome sah ein, daß er, trotz seines lebhaften Wunsches, Herrn Guerreville zu sprechen, seinen Besuch auf den folgenden Tag verschieben müsse. Der Wasserträger kehrte in seine bescheidene Wohnung zurück, aber schloß die ganze Nacht kein Auge. Er hatte den Brief, welchen Emil Delaberge ihm für Guerreville übergeben; aber obgleich dieser Brief nicht versiegelt war, so erlaubte sich Jerome doch nicht, einen Blick hineinzuwerfen; er hätte damit etwas Unrechtes zu thun geglaubt. Endlich brach der Tag an. Jerome zählte die Minuten, die Sekunden. Um sechs Uhr ging er aus und richtete seine Schritte nach Herrn Guerreville's Wohnung, indem er zu sich sagte: »Wenn er noch schläft, nun gut! so warte ich eben sein Erwachen ab.« Georg, der dem Auvergnaten die Thüre öffnete, konnte sich nicht enthalten, zu ihm zu sagen: »Sie kommen ja sehr früh, Herr Jerome.« »Allerdings, Herr Georg, aber sehen Sie, wenn man gute Nachrichten mitzutheilen hat, kann man, glaube ich, niemals zu früh kommen. Vor allen Dingen: wie befindet sich Herr Guerreville?« »Sehr wohl ... Oh! mit ihm hat's keine Gefahr mehr ... er ist gestern ein wenig aufgestanden, und in diesem Augenblicke schläft er noch tief.« »Er schläft ... dann will ich seinen Schlaf nicht stören. Ich werde warten, bis er erwacht; aber sobald er die Augen öffnet, benachrichtigen Sie mich davon, Herr Georg.« »Oh! ich verspreche es Ihnen.« Jerome setzte sich in einen Winkel des Speisesaals; mehr als eine Stunde verlief und Herr Guerreville genoß noch immer eines sanften und friedlichen Schlummers. »Ich bin froh,« sagte Jerome, »daß 'er so gut schläft! und doch würde ich mich nicht ärgern, wenn er aufwachte; aber ich werde warten, denn die Ruhe wird seine Genesung beschleunigen.« Eine halbe Stunde stoß wieder hin; es kam Jemand; es war der Doktor Jenneval, welcher sich erkundigen wollte, wie sein Freund die Nacht zugebracht. Als er Jerome bemerkte, ging er auf ihn zu, reichte ihm die Hand und sagte: »Was thun Sie hier?« »Ich warte auf das Erwachen des Herrn Guerreville.« »Sie wollen ihn heut« wahrscheinlich sprechen?« »Ja; denn ich habe gethan ... was ich mir gelobt hatte ... und ich bringe ihm eine Nachricht, die ihm Freude machen wird ... das kann ihm doch nicht schaden, nicht wahr, Herr Doktor?« »Nein, gewiß nicht!« In diesem Augenblicke ertönte die Glocke in Herrn Guerreville's Zimmer, bald erschien auch Georg und verkündigte, daß sein Herr erwacht sei. »Wir wollen eintreten,« sagte Jenneval und begab sich in das Schlafzimmer seines Freundes, gefolgt von dem Auvergnaten, welcher ganz aufgeregt war und zitterte, wie ein Kind, in dem Augenblicke, wo es eine große Freude empfindet. »Guten Tag, mein lieber Jenneval,« sagte Guerreville, dem Doktor die Hand bietend; dann bemerkte er erst Jerome, der sich ihm auf den Zehen näherte. »Ah! Sie sind es, mein theurer Jerome, kommen Sie doch näher, mein Freund, ich bin sehr erfreut, Sie zu sehen; ich weiß, daß Sie oft da waren, sich nach meinem Befinden zu erkundigen ... Aber ich habe nicht begreifen können, warum Sie nie hereinkommen wollten. Glaubten Sie vielleicht, mir lästig zu fallen? Beurtheilen Sie mich so falsch, daß Sie glauben könnten, Ihr Besuch sei mir gleichgültig?« »O nein! mein theurer Herr, nein, das ist es durchaus nicht, aber sehen Sie ... ich hatte mir geschworen ... und ich wollte meinen Schwur halten.« »Einen Schwur, Jerome?« »Ja, mein Herr, denn als Sie sich geschlagen hatten ... als Sie verwundet wurden und fast gestorben wären, habe ich mir gesagt: Du, Du bist Schuld daran; denn Alles das wäre nicht vorgekommen, wenn ich Sie nicht gebeten hätte, zu Madame Dolbert zu gehen.« »Jerome, machen Sie sich deßhalb keine Vorwürfe! Sie haben mir im Gegentheile einen Dienst damit geleistet, denn Sie haben mir dazu verholfen, Jemanden wieder zu finden, den ich seit langer Zeit suchte; das Schicksal der Waffen ist mir diesmal nicht günstig gewesen ... aber ich hoffe, daß ein anderes Mal ;...« »Das ist unnöthig, Herr Guerreville, Sie brauchen sich nicht mehr mit Herrn Emil Delaberge zu schlagen ... ich habe es übernommen, Sie zu rächen ... und dem Himmel sei Dank, es ist mir vollkommen gelungen.« »Was wollen Sie damit sagen, Jerome?« rief Herr Guerreville, sich halb in seinem Bette aufrichtend. »Ich will damit sagen, daß ich mir geschworen hatte, Sie nicht früher wiederzusehen, ehe ich Sie an dem, der, wie man sagt. Ihr Unglück herbeigeführt hat, gerächt hätte. O! seit vierzehn Tagen lief ich ihm nach, und nicht ohne Mühe konnte ich die Gelegenheit finden, die ich suchte! Endlich aber, gestern Abend, stellte sie sich ein. Ich begegnete Herrn Emil auf dem Felde, in der Nähe jener Damen ... auf einem einsamen Fußpfade. Ich begann ein Gespräch mit ihm. Er wollte sich Anfangs nicht mit mir schlagen, aber ich habe ihn schon dazu gezwungen ... Ich habe ihm einen Stock angeboten, den wies er zurück; er reichte mir Pistolen hin, ich nahm eine: wir schossen uns sehr nahe, und er hat seinen Theil bekommen ... eine Kugel in die Brust. O! es würde mich sehr wundern, wenn er diesen Morgen noch lebte.« »Jerome ... Jerome! wäre es möglich? ... Sie haben mich gerächt!« »Ja, mein Herr; verzeihen Sie mir. daß ich also ohne Ihre Erlaubniß gehandelt habe ... aber ich konnte nicht anders! ... es ließ mich nicht ruhen!« »Ah! Sie sind ein braver Mann!« sagte Jenneval, die Hand des Auvergnaten ergreifend. »Ach, mein Gott, Herr Doktor, es bot sich mir eine Gelegenheit, mich für die mir längst erwiesenen Wohlthaten dankbar zu bezeigen ... war es nicht ganz natürlich, sie zu benutzen?« »Guter Jerome,« sagte Herr Guerreville, »dieser Emil Delaberge war in der That sehr schuldig ... doch, ehe er starb, hätte ich gewünscht ... O, wenn er mir sein Unrecht hätte eingestehen können!« »Er hat es eingestanden! ... seine ersten Worte waren, sich als sehr schuldig gegen Sie zu bekennen ... dann hat er einige Zeilen an Sie geschrieben und mir dringend empfohlen, sie Ihnen zu übergeben. Hier ist sein Schreiben ... o! ich habe es bei mir.« »Wäre es möglich! ... Emil hätte endlich gestanden ... O! geben Sie her, Jerome, geben Sie rasch her!« »Mein Freund,« sagte der Doktor, sich dem Bette nähernd, »ich fürchte, eine zu starke Aufregung möchte ;...« »Nein, Jenneval, nein, fürchten Sie nichts; ich werde Kraft haben; seit langer Zeit bin ich auf Alles vorbereitet; aber Ungewißheit ist die schrecklichste aller Qualen.« Jerome hatte in die Tasche gegriffen und das Papier herausgezogen, welches er sorgfältig umwickelt hatte; er gab es Guerreville, der es zitternd ergriff und hastig durchlas. Dann fielen große Thränen aus seinen Augen und er vermochte nur auszurufen: »O der Elende! ich hatte sein schändliches Betragen wohl errathen.« »Was schreibt er Ihnen denn?« fragte Jenneval. »Ich will Ihnen vorlesen, was er mit zitternder Hand hingeschrieben hat; zuvor aber, mein Freund, soll Jerome erfahren, wie groß die Schuld dieses Emils war, und er soll sein ganzes Benehmen gegen mich kennen lernen. So hören Sie denn, Jerome, und urtheilen Sie, ob mein Haß gegründet war. Ich hatte eine Tochter, die ich anbetete, sie war die Hoffnung meiner alten Tage, sie war meine Zukunft, mein Glück, ... auf meiner Tochter beruhte mein ganzes Dasein. Sie war jung, schön, gefühlvoll. Dieser Emil kam unter einem angenommenen Namen in mein Haus; es gelang ihm, meine Tochter zu verführen, ihre Vernunft zu verwirren, indem er sie glauben machte, ich würde niemals meine Einwilligung zu ihrem Glücke geben. Der Schändliche! er wollte sie nicht heirathen, er wollte sie nur entehren! ... Endlich entführte er sie mir, und alle meine Nachforschungen waren vergeblich. Ich konnte nicht erfahren, was er mit meinem Kinde angefangen hatte. In der ersten Zeit schrieb mir meine Tochter noch, sie versprach mir, wiederzukommen ... mit ihrem Gatten ... Ach! sie schmeichelte sich noch mit der Hoffnung, ihr Entführer werde sie heirathen; bald aber blieben die Briefe aus, und seit neun Jahren habe ich keine Nachricht mehr von meiner Tochter erhalten.« »Neun Jahre!« rief Jerome aus, der mit jedem Augenblicke größeren Antheil an Guerreville's Erzählung zu nehmen schien; »neun Jahre! ... das ist sonderbar!« Ohne Jerome's Ausruf zu beachten, fuhr Guerreville in seiner Erzählung fort. »Sie können sich nun meinen Schmerz, meine Verzweiflung denken. Vergeblich reiste ich überall umher ... nichts, keine Nachricht, weder von meiner Tochter noch von ihrem Entführer. Aber stellen Sie sich mein Erstaunen, meinen Unwillen vor, als ich in diesem Emil Delaberge denjenigen erkannte, welcher sich unter dem Namen Daubray bei mir eingeschlichen hatte. Der Elende! er stand im Begriff, sich zu verheirathen ... Ah, meine erste Bewegung war, meine Tochter von ihm zurückzufordern. Der Niederträchtige that, als ob er mich nicht kenne. Ich zwang ihn, sich mit mir zu schlagen; Sie kennen den Ausgang dieses Kampfes. Heute, in seiner Sterbestunde, ist endlich sein Gewissen erwacht ... aber er gibt mir meine Tochter nicht wieder. Sehen Sie, was er mir schreibt ... Hören Sie, hören Sie wohl!« Guerreville nahm das Papier und las mit einer von Thränen erstickten Stimme: »Ich bin sehr schuldig, mein Herr, aber im Augenblicke, da ich sterben soll, erkenne ich meine Fehler. Ja, ich habe Ihnen Ihre geliebte Tochter entführt und sie insgeheim nach Paris gebracht; aber ich hatte nie die Absicht, sie zu heirathen. Nach Verfluß von sechs Monaten verließ ich sie, müde ihrer Klagen. Aber das Schändlichste dabei war, daß sie gerade damals Mutter werden sollte ;...« »Mutter!« rief Jerome und schlug sich an die Stirne. »Und dieser heilige Titel rührte mein Herz nicht. Ach, ich bin ein Ungeheuer! Was nach dieser Zeit aus Ihrer Tochter geworden ist, weiß ich nicht, ich sah sie niemals wieder. Heute ist sie gerächt worden ... ich werde sterben und ich fühle, daß ich keine Verzeihung verdiene!« »Meine arme Tochter! ... mein liebes Kind!« rief Guerreville, als er den Brief zu Ende gelesen hatte. »O! ohne Zweifel ist sie aus Verzweiflung gestorben! Aber sie sollte Mutter werden ... O, mein Gott! ich hätte noch nicht Alles verloren, wenn du mir wenigstens ihr Kind gelassen hättest.« »Mein Freund, mein Freund, ich bitte Sie um Alles, beruhigen Sie sich!« sagte der Doktor, indem er Guerreville's Hände ergriff. »Ja, das Benehmen dieses Delaberge war abscheulich, aber Jerome hat Sie doch wenigstens gerächt und ... Aber sehen Sie doch, wie dieser brave Mann aufgeregt ist ... Ihre Erzählung hat einen tiefen Eindruck auf ihn gemacht.« In der That konnte Jerome nicht mehr auf einer Stelle bleiben; er ging, kam wieder, sprach abgebrochene Worte aus, indem er Guerreville mit gerührten Blicken betrachtete; endlich trocknete er die Schweißtropfen ab, die von seiner Stirne herabfielen, und er bemühte sich vergeblich, die Thränen zurückzuhalten, welche seine Augen verdunkelten. »Jerome, mein Freund, was haben Sie denn?« fragte Guerreville, den Auvergnaten mit Unruhe ansehend; »Sie weinen, wie ich glaube.« »Ach, mein guter Herr ... beklagen Sie mich nicht ... sie sind so süß, diese Thränen der Freude, des Glückes ... Ach! mein Gott, wäre es möglich! ... O! aber ich würde zu glücklich sein ... ich wage noch nicht, daran zu glauben.« »Erklären Sie sich doch, mein Freund.« »Ach! das kann ich nicht ... ich ersticke; aber ehe ich spreche, muß ich nach Hause laufen ... die Papiere, die Briefe hervorsuchen, welche als Beweise dienen sollen. O! Gott sei Dank, ich habe immer Alles sorgfältig aufbewahrt ... Warten Sie auf mich ... warten Sie auf mich; o! ich werde nicht lange ausbleiben.« Und Jerome lief wie toll hinaus. Guerreville und der Doktor sahen einander an, sie begriffen das Benehmen des Wasserträgers durchaus nicht, aber erwarteten deßhalb nur um so ungeduldiger seine Zurückkunft. Noch waren nicht zehn Minuten verflossen, als Jerome keuchend, mit Schweiß und Staub bedeckt, zurückkehrte; ersetzte sich rasch an Guerreville's Bett, indem er sagte: »Jetzt, mein Herr, hören Sie mich an ... ich werde mich deutlicher erklären. Es mögen nun ungefähr neun Jahre sein ... ja, es war im Monat Oktober, meine arme Frau lebte noch; wir hatten eben ein kleines Dachstübchen in einem Hause der Sanct-Martinsstraße gemiethet. Da sagte mir eines Tages, als wir nach Hause kamen, meine Frau: »›;Wir haben unter uns eine junge Frau zur Nachbarin, die sehr artig ist, die aber sehr traurig und unglücklich zu sein scheint; sie ist nahe daran, Mutter zu werden, und ihre Augen zeigen, daß sie beständig weint. Ich bilde mir ein, daß es ein junges Mädchen ist, das irgend ein schlechter Mensch verführt hat und dann sitzen ließ.‹« »O! mein Gott!« rief Guerreville, Jerome unterbrechend, »diese arme Frau war vielleicht ;...« »Warten Sie, warten Sie ... und Muth, mein Herr. Ich sagte zu meiner Frau: besuche diese arme Dame und nimm keinen Anstand, ihr Deine Dienste anzubieten, wenn sie deren bedarf; Nachbarn müssen sich einander helfen. Darauf hatte meine Frau nur gewartet. Sie ging hin und bot der jungen Nachbarin ihre Hülfleistung und ihre Dienste an; diese war über das freundliche Entgegenkommen meiner Frau sehr gerührt, und wenn sie mit ihr sprach, sagte sie immer:, »›;Sobald mein Kind auf die Welt gekommen sein wird und ich wieder genug Kräfte werde erlangt haben, will ich zu meinem Vater zurückkehren ... zu meinem Vater, den ich verlassen habe ... aber der mir verzeihen wird, denn er ist so gut! O! ja, bei ihm werde ich nicht mehr unglücklich sein.‹« »Ach, Jerome, sie war's ... meine Pauline, meine Tochter ... O ja! sie mußte so sprechen.« »Mein Freund, Muth!« sagte der Doktor; »so viele Aufregungen ... ich fürchte ;...« »O, Doktor, lassen Sie ihn sprechen! Vollenden Sie, Jerome.« »Kurz, meine Frau tröstete diese junge Dame, so viel sie es vermochte. Sie sah wohl ein, daß diese auch einen Undankbaren beweinte, der sie verlassen hatte, dessen Namen sie aber niemals aussprach. So vergingen einige Tage. Da vermehrten sich in einer Nacht die Leiden der jungen Dame, sie war ihrer Niederkunft nahe ... ich lief zu einer Hebamme ... Endlich, nach großen Schmerzen, gebar die junge Nachbarin ein Mädchen, das sehr zart, sehr schwach aussah und schon zu leiden schien, wie seine Mutter; meine Frau wich nicht von der armen jungen Dame. Am Morgen nach ihrer Entbindung fühlte sie sich gar nicht wohl, wollte jedoch an ihren Vater schreiben. Da sie fürchtete, lange Zeit schwach zu bleiben, so wünschte sie, ihm ihre Tochter anzuvertrauen und ihm ihr Kind zu empfehlen. Sie fing einen Brief an ... aber sie weinte, während sie schrieb ... kurz, sie hatte nicht die Kraft, ihn zu beenden; ihre Leiden vermehrten sich, bald ergriff sie ein Delirium, das sie nicht mehr verließ ... und am folgenden Tag ;...« »O mein Gott, mein armes Kind! ... Aber diesen Brief ... diesen Brief, Jerome!« »O, ich habe ihn ... den habe ich gerade zu Hause geholt. Unglücklicherweise hatte die junge Dame nicht mehr die Kraft, die Adresse darauf zu setzen, sonst, das können Sie sich wohl denken, würde ich ihn ihrem Vater gebracht haben. Sehen Sie ... sehen Sie, hier ist er.« Jerome reichte Guerreville einen angefangenen Brief hin; dieser hatte nicht sobald einen Blick hineingeworfen, als er einen Schrei ausstieß, den Brief an seine Lippen drückte und ausrief: »Meine Tochter! meine Tochter! ... O, freilich, sie war es. Ihre geliebte Hand hat diese Zeilen geschrieben!« Alsdann las Guerreville mit von Schluchzen unterbrochener Stimme: »Verzeihen Sie mir, mein guter Vater! Ihre Pauline war sehr schuldig, aber der Himmel hat sie auch sehr dafür bestraft. Ich bin Mutter ... ich habe eine Tochter geboren. Lieben Sie sie, wie Sie mich einst liebten, und wenn ich Sie nicht mehr sehen sollte ;...« »Armes Kind! ... ihre Hand konnte nicht weiter schreiben ... Sie ist todt! ... todt ... ohne daß ich sie noch einmal ans Herz drücken konnte.« Herr Guerreville wollte sich von Neuem der Verzweiflung hingeben, als ihn Jerome beim Arme ergriff und sagte: »Mein Herr, mein Herr, vergessen Sie denn, daß Pauline nicht ganz todt für Sie ist, daß sie eine Tochter hinterlassen hat ... ihr zweites Ich?« »In der That, Jerome ... aber dieses Kind ;...« »Dieses Kind? Ei, alle Welt, ich habe für dasselbe gesorgt, ich ... ich habe es behandelt wie meine eigene Tochter, da seine Mutter gestorben war, ohne über ihre Familie den mindesten Fingerzeig zu hinterlassen. Das arme Kind! ... was wäre aus ihm geworden! aber Jerome war da ... Und ahnen Sie denn nicht, daß jene kleine Zizinette ;...« »Wäre es möglich?« »Ja, mein Herr! ja ... das ist die Tochter Ihrer armen Pauline ... Ich habe noch Niemand gesagt, daß ich nicht ihr Vater bin; wozu sollte man auch von dem wenigen Guten, das man gethan hat, sprechen ... Auch habe ich nur deßhalb darein gewilligt, mich von ihr zu trennen ... weil ich dachte, es sei zu ihrem Glücke und ich hätte nicht das Recht, mich dem zu widersetzen.« »Jerome ... mein theurer Jerome! ... O! Sie sind ein Gott für mich!« Guerreville öffnete dem Auvergnaten seine Arme, welcher hineinstürzte, und so hielten sie sich längere Zeit umschlungen. Als endlich der Augenblick der ersten Aufregung vorüber war, suchte man sich zu beruhigen, sich zu verständigen. Herr Guerreville wollte aufstehen, um auf der Stelle Zizinen zu holen, aber der Doktor widersetzte sich dem; der Kranke gab jedoch erst dann nach, sich ruhig zu verhalten, als Jerome ihm versprochen hatte, sich sogleich in einem Kabriolet nach Beaumont zu begeben, um Zizinen zurückzubringen. »Aber,« sagte Guerreville, »sollte dieser Emil noch leben, so hüten Sie sich wohl, ihm zu sagen, daß dieses Kind seine Tochter ist. Der Niederträchtige! er hat die Mutter verlassen und ist daher nicht werth, seine Tochter jemals in seine Arme zu schließen.« »O! seien Sie ruhig,« sagte Jerome, »nimmer werde ich ihm meine theure Kleine anvertrauen! Nicht für ihn habe ich sie erzogen und neun Jahre hindurch Sorge für sie getragen.« Der brave Auvergnate konnte nicht mehr ruhen; Georg hatte einen Wagen herbeigeholt und setzte sich auf Befehl seines Herrn mit Jerome ein. Dem Kutscher wurde gesagt, daß er bekommen sollte, was er nur fordern würde, wenn er rasch fahre; man flog über das Pflaster, daß die Funken stoben; um elf Uhr Vormittags waren sie in Beaumont. Jerome ließ vor dem Hause der Madame Dolbert halten. Er wollte eintreten, da hielt ihn der Portier mit den Worten zurück: »Die Damen sind in dem Gasthause des Dorfes; Herr Emil Delaberge ist dort, der ein Duell gehabt hat. Es steht sehr schlimm mit ihm ... so schlimm, daß man ihn nicht mehr hierher hat bringen können ... Die Damen verpflegen ihn.« »Und Zizine?« »Ist bei den Damen.« Jerome schlug sogleich den Weg nach dem Gasthause ein; er trat ein; an den traurigen Mienen Aller erkannte er, daß es mit dem Verwundeten nicht besser gehe; ein Dienstmädchen führte ihn in das niedrige Zimmer, in welchem Emil lag, indem sie zu ihm sagte: »Wenn Sie ihn noch einmal sprechen wollen, so beeilen sie sich, denn der Arzt versichert, er werde den Tag nicht überleben.« Jerome trat leise in das Zimmer. An einem Fenster stand Madame Dolbert und versuchte es, Stephanien zu trösten, welche bitterlich weinte; denn Emil hatte, indem er seiner Braut alle seine früheren Fehler und selbst das Attentat, welches er noch eben gegen sie im Sinne gehabt hatte, gestand, durch seine Reue ihre Liebe für sich wieder zu erwecken gewußt; am meisten aber rührte es den Auvergnaten, daß er die kleine Zizine an dem Bette des Verwundeten knieen sah. »Tritt näher, arme Kleine,« sagte Emil mit schwacher Stimme; »ich liebte Dich nicht, ich habe Dir nie ein freundliches Wörtchen gesagt ... doch heute, ich weiß nicht, warum ... heute macht es mir Vergnügen, Dich zu sehen ... Zizine, verzeihe mir auch ... und bitte den Himmel, daß er mir vergebe.« Das Kind weinte und betete. In diesem Augenblicke näherte sich Jerome; er gab Madame Dolbert ein Zeichen, Stephanien zu entfernen, aber nur mit vieler Mühe gelang es der Mutter, ihre Tochter aus dem Gasthause fortzubringen und sie dem traurigen Anblicke von dem Tode desjenigen zu entziehen, der ihr Gemahl hatte werden sollen. Als Madame Dolbert und ihre Tochter das Zimmer verlassen hatten, näherte sich Jerome Emil, und indem er auf Zizinen, die noch immer auf den Knieen lag, zeigte, sagte er ganz leise zu ihm: »Möge der Himmel Ihnen gnädig alles das Böse verzeihen, das Sie ihrer Mutter zugefügt haben.« »Ihrer Mutter?« murmelte Emil; »o mein Gott! wäre es möglich! ... dieses Kind! ;...« Er hatte nicht mehr die Kraft, weiter zu sprechen, er ergriff Zizinens Hand und wollte sie an seine Lippen bringen, aber im gleichen Augenblicke schlossen sich seine Augen, um sich nicht wieder zu öffnen. Jerome nahm hierauf die Kleine in seine Arme und beeilte sich, das Gasthaus zu verlassen. Er begab sich zu Madame Dolbert und brachte ihr die Nachricht, daß Emil aufgehört habe zu leben. »Nun,« sagte Jerome mit triumphirender Miene, »kann ich diese Kleine zu ihrem Vater bringen.« »Zu ihrem Vater?« riefen gleichzeitig Madame Dolbert und Stephanie aus, während das Kind seine Arme um den Auvergnaten schlang und zu ihm sagte: »Aber Du bist ja mein Vater ... willst Du mich nicht mehr zur Tochter haben?« »O, liebe Kleine, ich liebe Dich so sehr, als ob Du mein Kind wärest; jetzt aber mußt Du die Wahrheit erfahren. Ich bin nicht Dein Vater, ich habe nur Sorge für Deine Kindheit getragen ... Du hast mir dafür reichlich durch Deine Zärtlichkeit und Deine Liebe vergolten. Arme Zizine! ... Ich habe Deine Mutter sterben sehen, und hatte gar keinen Anhaltspunkt, um nach Deinen Verwandten zu forschen. Es war daher ganz in der Ordnung, daß Du mich Deinen Vater nanntest. Aber heute hat der Himmel gewollt, daß ich Deinen rechten Vater entdeckte; Deine Mutter, theure Kleine, Deine Mutter war die Tochter des guten Herrn Guerreville, der unser Wohlthäter geworden ist; er suchte und beweinte sie seit neun Jahren ... aber er hat nicht Alles verloren, da er Dich wiederfand. Du wirft ihm seine theure Pauline ersehen ... denn Du bist ja auch seine Tochter, Du! ... und Du wirst ihn recht sehr lieben, nicht wahr? ... Du wirst durch die Macht der Zärtlichkeit suchen, ihm endlich das Glück wiederzugeben, dessen er schon so lange beraubt war.« »O ja, ich liebe Herrn Guerreville sehr,« sagte Zizine weinend, »aber ich will auch, daß Du noch immer mein Vater bleibest!« Stephanie, die Alles mit angehört hatte, drückte die Kleine an ihr Herz und sagte: »So verliere ich nun Alles auf einmal ... die Liebe und die Freundschaft ... Alles, was meinem Leben einen Reiz geben sollte ... meine Hoffnungen für die Zukunft!« »O, tröste Dich, meine liebe Freundin,« sagte Zizine, »Herr Guerreville ist sehr gut ... Er weiß Alles, was Du für mich gethan hast, und wird mir erlauben, Dich oft zu besuchen. Nicht wahr, Jerome?« »Ja! ohne Zweifel! ich stehe dafür, wir werden jetzt Alle recht glücklich sein ... Aber Dein Großvater erwartet Dich, liebe Zizinette. Seit neun Jahren weint dieser brave Mann, und es ist wohl Zeit, ihn zu trösten.« Jerome hörte weiter auf nichts, er trug die Kleine fort und stieg mit ihr in das Kabriolet, wo er sie auf seinen Schooß setzte; denn der gute Auvergnate wollte sich noch die letzten Augenblicke zu Nutze machen, in denen er Zizinen als seine Tochter behandeln konnte; aber während des ganzen Weges hörte er nicht auf, dem Kinde zu wiederholen: »Du mußt Herrn Guerreville sogleich Deinen Vater nennen ... immer Deinen Vater ... O! das wird ihm wohl thun, sich so nennen zu hören; dieser liebe Herr! ... das wird seine Genesung sehr rasch bewirken.« Endlich war man in Paris und hielt vor Herrn Guerreville's Wohnung. Dieser war aufgestanden und hatte sich ins Fenster gelegt; der Doktor hatte ihm das nicht verbieten können. Als er Zizinen aus dem Wagen steigen sah, verdunkelten sich seine Blicke, Thränen befeuchteten seine Augen und er sank fast bewußtlos auf seinen Lehnstuhl. Aber er kam wieder zu sich, als ihm eine sanfte Stimme sagte: »Lieber Vater, willst Du nicht Deine Tochter küssen?« Wer könnte nun das Glück, das Entzücken dieses Mannes schildern, der sich seit neun Jahren nicht mehr bei diesem Namen hatte nennen hören! Er drückte Zizinen in seine Arme, überschüttete sie mit Liebkosungen und konnte nicht müde werden, sie zu betrachten, denn in diesem Kinde sah er ja auch seine Pauline wieder. »Braver Jerome!« sagte Guerreville, als er die Kraft zu sprechen wiedergefunden hatte, »Ihnen verdanke ich mein ganzes Glück! O mein Freund, verlassen Sie mich nicht mehr. Ich wünsche, daß Sie Ihren Stand verlassen und den Rest Ihrer Tage in Ruhe und Wohlstand verleben möchten.« »Ich mich zur Ruhe begeben?« sprach Jerome. »Ah, warum denn? ich bin nicht krank! ... Meinen Stand verlassen? ... O! nein, Herr Guerreville. Erlauben Sie mir, immer Wasserträger zu bleiben, und nur Wasserträger ... Sie werden mich deßhalb nicht weniger gern bei sich sehen, und ich dadurch nur um so lieber kommen ... Ja! wenn ich nicht mehr die Kraft haben sollte, Meine Eimer zu tragen, dann würde ich nicht nein sagen! dann würde ich sie um ein kleines Lager ... in irgend einem Winkel bitten ... Sie werden mir doch immer erlauben, meine Zizinette zu küssen ... das ist Alles, was ich bedarf, um glücklich zu sein.« Statt aller Antwort drückte Herr Guerreville den Auvergnaten an seine Brust; und die Kleine sprang ihm an den Hals. Man sagt, große Aufregungen seien gefährlich, aber diejenigen, welche die Freude erzeugt, thun selten weh. Acht Tage nach diesem Ereignisse war Herr Guerreville vollkommen hergestellt; seine Enkelin hatte ihn aber auch nicht einen Augenblick verlassen, und sie war so liebenswürdig, so sanft, so zärtlich, daß er nicht müde werden konnte, zu ihr zu sagen: »Mein theures Kind! Du hast mir meinen Verlust vollkommen ersetzt.« Madame Dolbert kam mit ihrer Stephanie nach Paris zurück. Unter braven Leuten kommt ein Freundschaftsverhältniß bald zu Stande. Herr Guerreville fühlte sich glücklich, Madame Dolbert und Stephanien seine volle Dankbarkeit für dasjenige an den Tag legen zu können, was sie für Zizinen gethan hatten. Es bildete sich ein festes Band zwischen diesen guten Menschen, und auf diese Weise sah Zizine ihre junge Beschützerin sehr oft. Jerome kam häufig, um diejenige, die er einst seine Tochter genannt, zu umarmen, und der Anblick von Zizinens Glück belohnte ihn für Alles, was er für sie gethan hatte. Der Doktor Jenneval, dieser aufrichtige und ergebene Freund, dessen angestrengte Sorgfalt Guerreville's Leben erhalten hatte, schien auch zur Familie zu gehören, und nach Verlauf von einiger Zeit verlöschten sein liebenswürdiger Charakter und die Heiterkeit seines Geistes bei Stephanien die Erinnerung an ihre erste Liebe. Vadevant verließ an einem schönen Morgen Paris und reiste nach Algier, um der Heirath seiner Cousinen Devaux beizuwohnen, denen es endlich gelungen war, zwei Beduinen zu fesseln. Eines Tages besuchte Jenneval seinen Freund, nahm ihn bei Seite und sagte zu ihm: »Ihre entflohene Pathe ist ohne Herrn Adalgis zurückgekehrt, Madame Grillon aber versichert, daß ein gewisser Herr Lélan sehr geneigt sei, sie zu heirathen; endlich ist auch unser junger Künstler Julius, nachdem er ohne Erfolg in einigen Provinzialstädten gespielt, nach Paris zu seiner Mutter zurückgekehrt, deren Gatte ihm jedoch sein Durchgehen nicht verzeihen will.« »Mein Freund,« sagte Guerreville, »greifen Sie in meine Kasse, thun Sie, was Sie für angemessen finden ... Ich werde Agathen ausstatten und Julius so viel geben, daß er sich etabliren kann ... Ich wünsche Beider Glück; aber daß ich sie liebe ... daß ich ihnen gut sei, wie meinen Kindern ... ach! das ist mir nicht möglich! ... Glauben Sie mir, Doktor, wir empfinden die Vatergefühle nur bei denjenigen, welche uns diesen so süßen Namen geben und die wir uns nicht scheuen, öffentlich unsere Kinder zu nennen.