Manfred Schneider Don Francsico de Goya Ein Leben unter Künstlern und Königen Copyright 1935 by Paul List Verlag, Leipzig   Selbstbildnis Goyas (1815) Madrid, Prado Der tapfersten Mitkämpferin   Vorspiel 1 Am Rand des Madrider Vorstadtviertels Lavapiés, da wo sich die Gassen ins freie Land öffneten, wogte ein nächtliches Volksfest. Der Mond beschien flanierende Jugend, Tänzer, Musikanten, Spießbürger, Weintrinker, Gaffer, verschlungene Paare, Abenteuerlustige, Fruchtverkäufer, Marktschreier, Bettler, Lachende, Rufende, Singende. Sein Licht dämpfte die Farben bis zur Unkenntlichkeit, nur wenn sie in den Schein einer Glas- oder Papierlaterne gerieten, blühten sie auf wie Fetzen von Tag, die eine Riesenhand spielerisch mitten in die Nacht gestreut hat. Auf einem freien Platz wurde die aragonische Jota getanzt. Ausgelassene junge Künstler führten sie an, die ihre langen, faltigen Mäntel und die breitrandigen Filzhüte über eine Steinbank geworfen hatten – nicht ohne die zwei unter einem Mauerbogen stehenden Polizeisoldaten mit einem spöttischen Blick zu bedenken. Denn das Tragen solcher Kleidungsstücke war eigentlich verboten. Seit ein paar Jahren ging das so hin und her zwischen König und Bürgern: Irgendein Minister, wichtigtuerischer Nachäffer der Franzosen, hatte dem Spanier seine weiträumige, jede beliebige Heimlichkeit verhüllende Capa zusammenschneiden und ihm dazu den Dreispitz aufsetzen wollen anstatt des Krempenhutes, der die Gesichter im Halbdunkel so schön beschattete. Das Volk schäumte, und der Reformator wurde verbannt. Aber Minister wachsen nach, und nun war schon wieder einer im Amt, der sich um die Kleider der Untertanen kümmerte, weil er sie sonst mit nichts zu schikanieren wußte. Noch wagte er nicht scharf zuzugreifen, und darum konnte es nur nützlich sein, der Polizei zu zeigen, wie man zu Recht und Freiheit stand. Mit unbehinderten Gliedern also führten drei von den Malern eine Kette von Burschen an, die sich gegen eine weibliche Kette bewegte, während ihre beiden Kameraden mit der Gitarre am Boden hockten und eine in ihren ewigen Wiederholungen unentrinnbar eindringliche Musik anschlugen. Zwei Dutzend Zuschauer klatschten mit den Händen den Rhythmus. Die von hohen Schmuckkämmen herabhängenden Schleiermantillas der Tänzerinnen kamen beim Vor- und Zurückschreiten ein wenig ins Wehen, die Fächer staken im Mieder oder zwischen den verketteten Fingern. Von Zeit zu Zeit brachte das Spiel die Paare zum Rundtanz zusammen, doch immer nur für wenige Takte, dann begannen Getrenntsein und Lockung von neuem. Die Musik wurde rascher, heftiger. Die drei Anführer, die auch noch den Stutzerdegen abgeworfen hatten, suchten mehr Gewinn aus der Nähe der Mädchen zu ziehen, indem sie sie länger, als die Regel erlaubte, festhielten und an sich preßten. Francisco, ein wenig bäurisch von Ansehen, faßte eine Tänzerin hitzig um die Hüften und riß sie aus der Reihe heraus beiseite, wo er einen dunklen Gartenweg winken sah. Doch sie entwand sich. »In jedem Nonnenkloster hätte man mehr Spaß als hier!« rief er seinen Freunden zu, nahm Capa, Hut und Degen an sich und schlug sich ins Gedränge, um bald darauf im Eingang einer Gasse zu verschwinden, die man die Flohgasse hieß. Dann bog er in eine noch engere, die kaum der Breite eines einzelnen Menschen Raum bot und den Namen führte »Komm heraus, wenn du kannst«, überschritt einen kleinen Platz, stand vor einer Haustür still, hüllte sich in den Mantel, zog den Hut übers Gesicht und pfiff eine Melodie. Er wurde eingelassen, die Tür rasch hinter ihm geschlossen. Er küßte die Frau noch im Hausgang. »Tadea, hier bin ich. José ist auf dem Fest, ich habe ihn trinken sehen, er wird uns nicht stören!« »Du bist zu frech, Francho, geh wieder, ich hab' Angst.« Ein Öllämpchen beschien ihr schönes, lebensdurstiges Gesicht und ihre volle gesunde Gestalt. »Sogleich geh' ich – in deine Kammer«, lachte Francisco. »Nein, nein – heute nicht. José wird zurückkommen. Ich bitte dich, geh. Gleich schließ' ich dir die Tür auf.« »Warum hast du mich denn eingelassen, wenn du nichts als Faxen machen wolltest?« Er zog sie mit Gewalt in ein Zimmer. »Bei der allerheiligsten Jungfrau – es war dumm, daß ich geöffnet habe. Aber muß auf jede Dummheit eine zweite folgen? Ich bitte dich, sei heut abend vernünftig. Dem Alter soll man gehorchen – ich bin bald ein Jahrzehnt älter als du, nächstens könnt' ich deine Mutter sein. Gehorch mir!« Mit den Augen und der Bewegung der Glieder sprach sie das Gegenteil. Francisco gehorchte auch nicht. Sie begann zu lachen und war im Begriff, ihren Widerstand aufzugeben, als sie ganz plötzlich Stille heischte und scharf lauschte. »Da ist er, ich hab's gesagt – sofort hinaus über die Mauer.« Francisco huschte durch eine Tür in den Garten und kletterte über eine nicht allzu hohe Mauer in ein Gäßchen, das wieder zwischen dunkle Häuser führte. Wahrscheinlich habe ich mich an der Nase herumführen lassen, dachte er und kehrte mißmutig zum Fest zurück. Er fand die Genossen noch bei jenem Trupp von Mädchen und ließ sich festhalten, ohne indes wieder am Tanz teilzunehmen. José, Tadeas Gatte, tauchte auf und ging geradeswegs auf ihn zu. Es war José selbst in diesem unsicheren Licht anzusehen, daß er Streit suchte. »Francisco ist sanft geworden«, begann er zu spotten. »Für Euch bin ich Don Francisco. Im übrigen verlaßt Euch nicht zu sehr auf meine Sanftmut!« »Aha, der will mehr sein als wir anständigen Handwerker. So ein liederliches Bürschchen spielt den Caballero.« »Zähmt Eure Zunge!« »Zähm du lieber deinen Hochmut und deine Lumpereien!« Francisco fuhr nach dem Degengriff. José riß das Messer aus dem Gürtel. Ein paar Männer fielen den Streitenden in die Arme. Mit Lachen und Johlen hielt man sie fest. »Keine Hahnenkämpfe bei der Verbena!« rief einer. Ein anderer meinte, man solle sie ringen lassen, damit an den Tag komme, wer im Recht sei. »Laßt sie um die Wette tanzen«, schlug ein Dritter vor, und dieser Gedanke zündete. Die beiden konnten sich dem Volksbeschluß nicht widersetzen, mußten Waffe, Mantel und Hut ablegen und sich in einen weiten, dicht geschlossenen Kreis stellen. Zwei Kameraden Franciscos saßen wieder mit ihren Gitarren am Boden, ein alter Mann mit einer Laute gesellte sich dazu. Auch ein paar Laternen wurden gebracht, weiß der Himmel woher, und an Stöcken hochgehalten. Die Musik hub an, eine Malagueña. Die Gegner schätzten sich kurz mit den Blicken ab, als gälte es wirklich einen Ringkampf. Man tanzte diesen Einzeltanz, diesen Tanz ohne Mädchen, wohl sonst um die Gunst einer Frau, aber nun war das Urteil aller Zuschauer angerufen. Die beiden begannen dem Takt die Herrschaft über sich einzuräumen, indem sie leicht die Füße aufschlugen und den Oberkörper wiegten. Allmählich stampften sie stärker, maßen sich jeder einen eigenen kleinen Kreis als Tanzfeld aus, malten die Musik mit gebogenen Armen nach. Man warf ihnen Kastagnetten zu, scharf klapperte der Rhythmus aus den Hölzern. Die Zuschauer verschlangen das Schauspiel mit den Augen. Die zwei, die es gaben, waren von mittelgroßer, gedrungener Gestalt. Doch während der Maler keines Vorzugs der Jugend entbehrte, hatte der Handwerker schon Fett angesetzt, und sein reichlich vierzigjähriges Gesicht war ein wenig gedunsen. Aber es fehlte ihm nicht an Kraft, und die zeigte er jetzt in einem raschen, fast wütenden Stampfen und einigen elastischen Sprüngen. Francisco steigerte gleichfalls seine Beweglichkeit und schnellte in die Höhe, nach rechts, nach links. Obwohl er sich der Magie der rhythmischen Musik nicht entziehen konnte und mit Hingabe tanzte, blieb er sich seiner sonderbaren, etwas unbehaglichen Lage bewußt und dachte über sie nach. Noch war er durchaus im Zweifel, ob José von Tadea kam und seine Flucht bemerkt hatte oder bloß einem unbestimmten Verdacht die Zügel schießen ließ. Eifersucht spielte sicherlich mit – und so bedeutete es trotz allem einen Tanz um die Frau, was sie hier aufführten, Tadea war die leiblich nicht anwesende Zuschauerin und Richterin des Tanzes. José trieb seine Schritte und Sprünge in eine grimmige Komik hinein. Das stachelte Francisco an, sich leicht und elegant zu zeigen. Dieser Rolle war er nicht ganz gewachsen, aber einige Mädchen und Frauen hingen mit heißem Blick an seinen Bewegungen, denn er war gegen den plumpen Jose doch der weit Begehrenswertere. Ihre Augen winkten ihm Wünsche und Versprechungen zu, aber er gewahrte sie nicht, sein flatterhafter Sinn ließ sich eine kurze Weile in die Ferne bannen. José wischte sich mit dem Ärmel den Schweiß von der Stirn. Er ermattete sichtbar, ließ die Arme sinken, suchte durch langsameres Schlagen der Kastagnetten die Musikanten zu gemessenerem Tempo zu zwingen. Francisco aber schlug schneller, sprang mit gleichen Füßen auf und nieder wie ein leichter Ball, den die Erde zurückstößt. José keuchte, hörte schließlich auf zu tanzen und versuchte die Musik zum Schweigen zu bringen. Aber die drei spielten weiter – zum Gaudium der Zuschauer. Da bahnte sich der Unterlegene wortlos einen Weg und verschwand. Francisco leistete sich eine besonders kühne Schlußfigur, zu der alle in die Hände klatschten. Er heimste den Beifall nicht ohne Eitelkeit ein. Ein Becher Wein erhitzte ihn vollends, vermochte aber sein Unbehagen nicht auszulöschen. Er fühlte einen Feind. Obwohl man ihm jetzt überall zeigte, daß er etwas galt, faßte er in dem Fest nicht mehr recht Fuß. Früher als die andern wandte er sich zur Stadt zurück. Ein Mädchen hängte sich an ihn, sie wollte Geld haben. »Was mir keine schenkt, muß ich mir kaufen«, sagte er nicht eben freundlich und legte den Arm um sie. Aber als er unter einer Laterne ihr unfrisches Gesicht sah und ihr künstliches Lachen hörte, löste er sich mit einer kleinen Münze aus und ließ sie stehen. Kein Mensch war mehr unterwegs. Darum griff er, als in einer dunklen Gasse ein Dutzend Schritte entfernt eine unbestimmte Gestalt sich bewegte und stehenblieb, nach der Waffe. Im Weitergehen entdeckte er indes niemand. Die Gestalt schien ausgelöscht, obwohl er keine Tür hatte gehen hören. Plötzlich hinter ihm ein Sprung. Er wendet sich um und sieht sich einem unbekannten Mann gegenüber, der mit blankem Degen auf ihn eindringen will. Blitzschnell zieht er vom Leder, verteidigt sich. Während dann ein paar Atemzüge lang der Unbekannte drohend und lauernd still hält, stößt er selbst zu. Er fühlt: der Stoß muß getroffen haben. Im selben Augenblick aber hört er wiederum hinter sich ein Geräusch und spürt auch schon einen Stich im Rücken. Er taumelt, fällt, verliert das Bewußtsein. Erst nach einer reichlichen Stunde, es ging schon gegen die Morgendämmerung, fanden ihn die vom Fest heimkehrenden Kameraden, die desselben Weges zogen. Er erwachte und stöhnte vor Schmerz, als sie ihn aufhoben und in das Zimmer dessen trugen, der am nächsten wohnte. Es gelang noch vor Sonnenaufgang, einen Arzt herbeizuholen.   Ein paar Tage später, nachdem Francisco ein nicht ganz leichtes Fieber überwunden hatte, schafften ihn seine Freunde bei dunkler Nacht in ein anderes, verschwiegenes Quartier. Jener im nächtlichen Kampf gleichfalls verwundete Angreifer war auf dem Heimweg von der Polizei beobachtet worden. Von des Malers Wunde munkelten die Nachbarn. Es waren Anzeichen da, daß die Behörde auch hier Witterung bekommen hatte und die beiden Vorfälle miteinander in Verbindung brachte. Besser, der Sache mindestens so lange auszuweichen, bis Francisco selbst ohne Gefahr für seine Gesundheit Rede stehen kann. Er hatte gerade zum erstenmal das Bett verlassen, als sich unerwartet und unangemeldet ein merkwürdiger Besuch zur Tür hereinschob: Pablo, ein Verwandter seiner Mutter, ein buckliges Männchen mit blassem, verkniffenem Gesicht, kleiner Beamter beim Magistrat. Er war schwarz gekleidet, wie immer, wenn ihm Francisco begegnet war, seine Miene betonte sogleich die Wichtigkeit des Augenblicks. Während er mit etwas rauher und scharfer Stimme zu reden anfing, fühlte sich Francisco stark an einen Raben erinnert. »Das war verteufelt schwer, den Delinquenten zu finden«, hub der Rabe an. »Immerhin – den Spürsinn deines Vetters führt man nicht hinters Licht.« Er lächelte eitel und schnaubte Luft durch die fast über den Mund herabhängende Nase. »Es war nicht meine Absicht, mich gerade vor dir zu verstecken.« Francisco sagte es in höflichem Ton. Der Rabe ließ sich bewegen, auf einen Stuhl zu flattern, zog die Brauen zusammen, blähte die Brust und erklärte, daß er ohne Umschweife auf den Zweck seines Besuchs losgehen wolle. »Es ist dir vielleicht nicht unbekannt, daß mich einige ängstliche Menschen für einen Freigeist erklären. Ich bin der Lektüre ketzerischer Schriften verdächtig. Trotzdem unterhalte ich ausgezeichnete Beziehungen zum Großinquisitor.« Er prüfte die Wirkung seiner Pointe und zog zufrieden die Schultern hoch, als er Franciscos interessiert abwartende Miene sah. Es war, als lüfte er ein klein wenig die Flügel. »Natürlich nicht direkt, der Kardinal soll überhaupt wenig Verkehr haben, aber ich bin befreundet mit einem Priester, der beim Heiligen Kollegium arbeitet. Solche Beziehungen können nie schaden – du wirst es nicht bestreiten wollen.« Francisco bestritt nicht, aber er wartete noch immer ab. Von neuem blähte sich der Magistratsrabe und zog zugleich den Kopf zwischen die Schultern. »Sehr nützlich sind solche Beziehungen. Die Sache geht dich unmittelbar an.« Es war, als hackte er mit dem Schnabel. »Unter dem Siegel tiefster Verschwiegenheit, unter der Bedingung, daß du, wie auch immer die Angelegenheit sich wende, niemals meinen oder des – dir ja auch unbekannten – Gewährsmannes Namen nennst, will ich dir etwas ganz außerordentlich Wichtiges anvertrauen.« »Verlaß dich auf mich«, war alles, was er als Antwort zu hören bekam. »Man hat mich gewarnt. Für dich gewarnt. Man weiß, daß ich dich protegiere.« Er rückte auf dem Stuhl hin und her, als suche er ein höheres Postament. »Man ist bei der Inquisition auf dich aufmerksam geworden. Auf eine Messer- oder Degenaffäre, an deren Untersuchung man darum herangehen will, weil ein Ehebruch dahinterstecken soll. Du weißt vermutlich, daß das Heilige Kollegium über das Sakrament der Ehe zu wachen hat, scheinst aber in diesen Dingen etwas leichtsinnig vorzugehen.« Der Schnabel hackte, aber er streute sogleich das kühlende Pulver weltmännischer Skepsis auf die Wunde. »Ich frage nicht, ich bin nicht indiskret, und es ist dir nicht unbekannt, daß mich Weiberrockskandälchen und Schlafzimmeranekdoten wenig interessieren.« Ein gewisser Zug um den Schnabel ließ sich nicht unterdrücken und strafte ihn Lügen. »Die hohen Gebiete wissenschaftlicher Welterkenntnis sind mein Steckenpferd. Ich kann unter vier Augen nicht bestreiten, auch einige Schriften des Franzosen Voltaire gelesen zu haben.« »Verdammt«, fuhr es Francisco heraus, sobald er zu Wort kommen konnte, »als ich vor drei Jahren von Zaragoza nach Madrid ging, geschah es gleichfalls um eines Kreuzchens willen, mit dem die Väter der Inquisition auf irgendeiner Liste meinen Namen geschmückt hatten.« Der Rabe zog bedenklich die Stirn kraus, schwieg aber mit hoheitsvoller Miene, denn er vermißte die Anerkennung seines hohen Strebens. Dann überwog sein verwandtschaftlicher Sinn und die Freude am Ratgeben. »Man hat dem Kollegium in letzter Zeit viele von seinen Rechten genommen und eingeschränkt«, stellte er zunächst belehrend fest, »aber glaube einem Freigeist, der gelernt hat, die Welt zu beobachten: was den Herren noch in ihre Fänge geliefert wird, darauf hacken sie mit doppelter Stärke los.« In der Tat – der Rabe bediente sich dieses Raubvogelvergleichs. »Es empfiehlt sich dringend auszuweichen, die Hauptstadt zu verlassen, bis die Geschichte vergessen ist. Das heißt – es ist nicht meines Amtes, hier ein Komplott zu schmieden. Ich will durchaus nichts gesagt haben. Meine Andeutung habe ich gemacht. Du wirst eine Fügung des Schicksals in ihr sehen müssen. Welche Folgerungen du ziehst, bleibt deiner Einsicht überlassen.« Als Francisco nun doch ein Wort fand, für die Mitteilung zu danken, versicherte der Vetter kühl, es sei vor allem um Franciscos Mutter willen, daß er sich die Mühe der Nachforschung und des Besuches gemacht habe. Denn er hatte erwartet, wesentlich lauter als Retter gepriesen zu werden. »Ich gebe zu«, krächzte er, »daß gewisse Sorten von Menschen einem abenteuerlichen Untergang mit Sicherheit zueilen, auch wenn ihnen Gutgesinnte ein- oder mehrmals aus der Patsche helfen. Hoffen wir, daß es sich hier um keinen unbelehrbaren Fall handelt. Vielleicht kann dir die moralische Höhe der Weltanschauung, die mich zu dieser Warnung veranlaßt hat, gelegentlich zur Richtung dienen.« Er reckte selbstgefällig den Hals. Mit Franciscos Schweigen unzufrieden, stand er auf, versicherte nochmals, er wolle nichts gesagt haben, wünschte guten Fortgang der Studien und schob sich so beflissen zur Tür hinaus, als ob auch draußen ein wichtiger Auftrag seiner harrte. Als die Freunde zurückkamen, beredeten sie die Flucht als eine unbezweifelbare Notwendigkeit. Einer riet zum Gebirge, einer zu Paris, einer gar zum Dienst bei den afrikanischen Truppen. Francisco Goya stieg wieder ins Bett, streckte sich aus und lachte: »Seien wir den heiligen Vätern dankbar! Sie zwingen mich, meine Studien in Italien zu vollenden. Verbergt mich noch zwei Tage – bis dahin wird sich ein Weg finden!« Während sie begeistert beistimmten und nach Wein schickten, um die Weltreise sogleich zu feiern, begann er im stillen zu überlegen. Er besaß noch drei Silberstücke zu je zehn Realen. 2 Der jugendliche Torero Pepe Hillo, in seinem Fach noch unberühmt, auch noch nicht zu allen Feinheiten des Könnens aufgestiegen, hatte dem Stier das erste Paar Banderillas in den Nacken gestoßen – jene kurzen, mit einem Widerhaken versehenen und mit bunten Bändern geschmückten Stäbe, die, nur äußerlich verwundend, das Tier zugleich reizen und ermüden sollen. Gegen die Regel hielt der Stier nicht erstaunt still, sondern machte sich blitzschnell daran, seinen Peiniger mit gesenkten Hörnern zu verfolgen. Pepe Hillo, in diesem Augenblick der Schaustellung völlig unbewaffnet, kam in die schlimmste Lage, mochte man auch dem noch nicht völlig ausgewachsenen Stier weniger Kraft und Wut zutrauen als einem alten Bullen. Der Abstand bis zur nächsten Schranke, hinter der sich der Torero in Sicherheit bringen konnte, betrug wohl zehn Schritte. Da stürzte einer der zur Cuadrilla gehörigen Gehilfen herbei, um das Tier mit dem roten Mantel abzulenken. Und wirklich – es ging auf die Finte ein: zwei-, dreimal stieß es mit den Hörnern unter den ausgestreckten Armen durch in den roten Vorhang und dahinter ins Leere. Dann stand es still, versuchte die Banderillas abzuschütteln und hatte den Angreifer vergessen. Händeklatschen prasselte von allen Seiten nieder: von den Fenstern und Balkonen der Gebäude, die den Marktplatz dieser valencianischen Provinzstadt umgaben, von der kleinen Tribüne und hinter den Holzzäunen hervor, mit denen die Straßenzugänge verrammelt und Teile des Platzes abgeschrankt waren. Der Retter stand beiseite, nur die stolz aufgerichtete Haltung seines Kopfes verriet, daß er den Beifall auf sich bezog. Dabei fühlte er seine unordentliche Kleidung: aus dem ärmlichen Vorrat der Cuadrilla hatte es für ihn nur zu einem zerschlissenen und abgebleichten grünen Samtjäckchen gereicht, das er zu seinen Alltagshosen tragen mußte. Dieser Stierkämpfergehilfe war Francisco Goya. Bei Freunden und Verwandten hatte er eine kleine Summe zusammengebracht, die für die bescheidenste Überfahrt nach Italien ausreichen mochte. Aber wie in eine Hafenstadt gelangen? Die Freunde legten ein Netz von Spionage aus und brachten es in kürzester Frist fertig, ihm seinen aragonischen Landsmann Pepe Hillo zuzuführen, der mit einer kleinen Stierfechtergruppe durchs Reich zog – dem Süden, der Küste zu. Francisco, der keinen Stierkampf versäumte und des öfteren mit Toreros umging, redete ihm sogleich wunder was über seine Erfahrungen in diesem Handwerk vor und ließ einfließen, daß er Anlaß habe, sich für einige Monate von Madrid zu entfernen. Da fand Pepe, daß er einen weiteren Mann wohl brauchen könne, und nahm ihn mit – erst auf Probe, gegen Essen und Nachtlager, später sollte dann ein kleiner Anteil am Reinverdienst dazukommen. Das war nun keine leichte Arbeit. Viel Unrat und Handlangerei, Fußreisen auf heißen, staubigen Straßen oder bei Nacht, wenn andere Menschen schliefen. Denn meist stand nur ein Esel mit einem Karren zur Verfügung, auf dem außer dem Fuhrmann Pepe Hillo gerade das Berufsgerät, die Schlafdecken und das bißchen Privatgepäck der sechs Cuadrillamitglieder Platz fanden. Francisco hatte seine Eltern, ehemalige Dorfbauern, die nun in Zaragoza einen Kramladen führten, brieflich gebeten, ihm zu Händen eines entfernt verwandten Weinhändlers in Alicante Geld zu schicken, dort wollte er die Cuadrilla heimlich verlassen und sich nach Italien einschiffen. Viel konnten sie nicht entbehren, das wußte er, und es wäre an der Zeit, daß Pepe einmal herausrückte. Auch daran dachte er während des Beifallsregens. Der Spektakel nahm seinen Fortgang. Pepe Hillo brachte das zweite Paar Banderillas an, ohne daß sich etwas Besonderes ereignete. Als ihm das dritte Paar gebracht wurde, hob er es hoch, ging lächelnd damit auf Francisco zu und überreichte es ihm mit ritterlicher Geste. Sturm des Beifalls: der Matador hatte seinem Retter, um ihn vor allem Volk zu ehren, das Recht abgetreten, diese Banderillas dem Stier in den Nacken zu stoßen. Dieses Recht war zugleich ein Zwang. Ablehnung wäre ausgepfiffen, Francisco aus der Arena und seinem Aushilfsbereich gejagt worden. Er verspürte auch gar keine Lust abzulehnen. Die Gefahr reizte ihn. Jeden Tag hatte er gewünscht, wenn er schon einmal in der Arena stände, aus den Reserve- und Aushilfsstellungen herauszukommen. Jetzt war Gelegenheit, das Können zu zeigen. Dieses Können saß freilich nur im Kopf, in der Beobachtung, in den Griffen und Stößen, die seine Einbildungskraft, nicht aber seine Hand vollführt hatte. Aber die Einbildungskraft des Künstlers ist lebensnah, eigenlebendig, darum empfand er es kaum als einen Unterschied, ob seine Finger in der Vorstellung oder in der Wirklichkeit die bunten Spieße früher schon umklammert hatten. Er warf den roten Mantel einem Gehilfen zu – nun war es sein Gehilfe – und näherte sich mit ruhigen Schritten dem Stier. Der ließ ihn nicht aus den Augen. Es saß noch viel Kraft in diesem wuchtigen Nacken. Francisco wechselte den Standort – der Stier wandte den Kopf nach ihm. Das geschah zweimal, dreimal, zehnmal. Es war schwer, heranzukommen. Verdammt, dieses Zögern. Hunderte von Menschen warteten. Er wußte von Hunderten von Blicken, die sich alle in ihm trafen, um ihn kreisten, ihn abtasteten. Er durchschnitt Blicke, zertrat Blicke, triumphierte, daß sie ihn nicht aufhalten konnten. Er war hier der Herr, konnte bestimmen, was geschah. Dutzendmal hatte er es erlebt, daß der Banderillero geraume Zeit verstreichen lassen mußte, bis er seine Aufgabe erfüllen konnte. Für eine Sekunde sah er über dem Stier grellbesonnte Häuserfronten vor kobaltblauer Luft, Balkone mit stark farbigen Decken, Sonnensegel, leichtbewegte Fächer. Merkwürdig puppenhaft kamen ihm die Menschen vor. Das müßte man einmal malen ... Der Pfiff eines Mißvergnügten. Beifallsklatschen übertönt ihn. Der Stier rührt sich nicht mehr. Er scheint müd. Francisco geht mit rhythmischen, fast tanzenden Schritten näher, wie er es bei einem berühmten Meister gesehen und bewundert hat, eilt mit ein paar Sätzen an dem Stier vorüber und stößt ihm mit jeder Hand eine Spitze in den Nackenwulst. Die Stäbe haften, fallen über, bleiben hängen – neben den vier anderen. Der Stier hat ein wenig gezuckt, sich aber nicht von der Stelle bewegt. Wieder prasselnder Beifall. Ein wenig Blut tropft von dem Stier auf das oberflächlich mit Sand bestreute Steinpflaster. Francisco sieht es, freut sich über die gute Arbeit, die er geleistet, weiß nichts von der Pein des Tieres. Niemand hat ihm je davon gesprochen. Keiner von all den Hunderten hier weiß davon. Niemand hat ihnen je davon gesprochen. Als der Stier, nachdem er mit dem Scharlachtuch nochmals gereizt und ermattet worden ist, vom dritten Degenstoß des Matadors zu Tode getroffen wird, erlöscht ein verzweifelter und anklagender Blick, den nicht ein einziger dieser Menschen in sich aufgenommen und erkannt hat. Auch Francisco nicht. Wohl beginnen seine Augen mehr zu sehen als die der andern – Formen, Farben, Harmonien, Kontraste, Menschengesichter, Menschenhände. Aber sein Geist ist noch jung und denkt, was die andern denken. Der Geist wird wachsen und die Augen mit ihm. Sie werden den Wesensgrund der Menschen sehen, die Schicksalslast des ganzen Menschengeschlechts, die Niedertracht der Mächtigen, das Elend der Unterdrückten, das Grauen des Lebens, das Grauen der Gespensterreiche, das Grauen des Todes. Aber der Qual der Kreatur werden sie bis zu einer späten Stunde verschlossen bleiben ...   Zum Abend betrat Francisco eine dunkle, von großen Fässern eingeengte Kneipe, setzte sich am Ende eines leeren Tisches nieder und ließ eine Kerze zu sich heranrücken. Auch mußte der Wirt die Tischplatte abtrocknen und Tinte und einen Federkiel herbeischaffen. Francisco zog einen Bogen Papier aus der Tasche. Er mochte heute abend keine Gesellschaft leiden und fühlte trotzdem den Druck des Alleinseins, so schaffte er sich durch einen Brief Verbindung mit vertrauten Menschen. Am Nebentisch wurde laut debattiert. Der Wirt griff ängstlich ein: es sei verboten, über Politik zu sprechen. Man lachte ihn aus. Auch Franciscos Tisch bekam Gäste, es war Sonntag, und die Berufsklassen, denen werktags der Besuch von Schenken verboten war, nützten die Zeit. Hier schimpfte man, daß dem Bürger seine harmlosen Vergnügen genommen werden, das Karten- und Würfelspiel. Der Wirt, dem dieses Verbot nicht das schlechteste schien, weil die Spieler am längsten hockten, selten viel tranken, aber um so mehr stritten, spottete: »Geht zum Billard, wenn ihr durchaus spielen müßt.« Da schlug einer mit der Faust auf den Tisch, daß Francisco ein krummer Schnörkel unterlief, und rief: »Roßäpfel sind mir lieber als die Kugeln des Königs.« Das Billard war nämlich ein Reservat des Königs, das er verpachtete. Der Wirt bat wieder um Mäßigung. Als ihm ein Schlagfertiger entgegenhielt, er möge doch die Tür schließen, dann höre man draußen nichts, wandte er sich achselzuckend ab. Auch hierauf lag ein Verbot. Schlug der Wirt die Tür zu, schloß ihm die Polizei seine Kneipe, nicht einmal ein Vorhang war erlaubt. Die Zeiten waren ärgerlich. Francisco war dabei, ein paar Sätze über seine Tüchtigkeit als Torero niederzuschreiben – lustig und etwas eitel –, als ihn einer der Gäste erkannte: »Schaut, ein gelehrter Stierfechter – meine Bewunderung, Caballero!« Man trank ihm zu. Er bat um Geduld, er habe eine wichtige Sache zu erledigen, und zeichnete mitten in den Brief mit ein paar Strichen einen Stier und einen Banderillero, der etwas von seiner eigenen Haltung hatte. Dann kam er zum Schluß und verlieh sich feierlich den Stieradel, indem er unterschrieb: Francisco de los Toros. Er faltete das Blatt, siegelte es mit einem Ring, adressierte es an Don Martín Zapater y Clavería in Zaragoza und erkundigte sich nach der besten Möglichkeit der Beförderung. Dann nahm er die weiteren Huldigungen der Bürger entgegen. 3 Eine Zeitlang erging es Francisco dreckig. Pepe Hillo zahlte selten und wenig, und in Alicante wußte niemand etwas von einer Geldsendung. Der von dem reichen Weinhändler schließlich verabreichte Vorschuß zeugte von wenig Vertrauen auf das ehrliche Gesicht des Empfängers. Vorzeitige Herbststürme machten die Überfahrt zur Qual, das auf dem Schiff schon an sich abscheuliche Essen verließ oft genug den Magen auf dem Weg, den es gekommen war. Der Schlafraum stank, und selbst der kräftigste Bursche mußte die Freude am Leben verlieren. In elendem Zustand erreichte Francisco Rom, nachdem der Postwagen seine Eingeweide nochmals durchschüttelt und sogar unter der Narbe des Madrider Messerstichs Schmerzen erweckt hatte. Wäre es nicht einer mitleidigen alten Zimmervermieterin beigekommen, ihn in memoriam eines bei der spanischen Fremdenlegion verschollenen Sohnes notdürftig zu verpflegen – das Abenteuer hätte ein schlimmes Ende nehmen können. Später verführte er die Nichte seiner Wohltäterin und wurde hinausgeworfen. Aber da besaß er schon Geld: die Gabe des Vaters, die der Weinhändler nach Abzug seiner Forderung nachgesandt hatte, und sogar ein wenig selbstverdientes. Damit hatte es diese Bewandtnis: Während die andern jungen Maler in Museen Marmorfiguren abzeichneten und im Vatikan auf riesigen Leinwänden Raffaels Fresken kopierten, hockte er mit seinem Skizzenbuch auf Brunnenrändern und hielt einen Straßenhändler oder eine Gruppe schwatzender Weiber fest. Nach solchen Zeichnungen malte er in seinem Werkstattzimmer kleine Bilder. Manchmal stellte er auch eine Staffelei einfach auf die Piazza Navona zwischen die Marktstände oder auf den Campo dei Fiori zwischen die Trödler und nahm seine Skizzen schon farbig nach der Natur auf. Dies, besonders auch die kurzbesonnene Schnelligkeit seiner Arbeit, erregte Kopfschütteln bei den klassisch strebenden Kollegen, wohlausgestatteten Stipendiaten zumeist, aber Fremde kauften ihm die rasch hingeworfenen Zeugnisse römischen Volkslebens mitunter noch naß auf der Straße ab, wenn auch für geringen Preis. Sogar einige ansässige Kenner interessierten sich, und schon wurde ihm zugetragen, der spanische Gesandte beim Heiligen Stuhl, Seine Exzellenz Don Miguel Trinidad Marqués de San Millan y Villaflor, Conde de Pontejos, habe den Wunsch geäußert, gelegentlich ein paar Arbeiten des jungen Landsmannes zu sehen. An diesem Morgen hatte Francisco wenig Lust zur Arbeit und war froh, als der Studiengenosse Agustin Esteve in seinem Werkstattzimmer erschien, um ihn zu einem Spaziergang abzuholen. Nachher wollten sie zusammen Fischsuppe essen, jenes kräftige, in der Brühe aufgetragene Gemisch der unwahrscheinlichsten Meertiere, das ein paar Kellerkneipen als Spezialität führten. Auf einer Tiberbrücke kamen den Malern zwei Zöglinge des spanischen Priesterseminars entgegen, die sich irgendeines Feiertags erfreuten, mit dem einen, Juan Llorente, dessen breites knochiges Gesicht beim Lachen etwas Anziehendes hatte, waren sie gut bekannt. Man beschloß zusammenzubleiben und einigte sich, da die Soutanenträger eine gewisse Gewähr für einen ihrem Stand angemessenen Verlauf des Vormittags verlangten, auf den Besuch von Sankt Peter. Dort ließen sie sich von einem Küster in die Grabkatakomben führen und wurden nicht ohne Grauen von der nur durch die Kerzen der Besucher erleuchteten Niedrigkeit und Schmucklosigkeit der Gewölbe umfangen, in denen die einfachen Steinsarkophage der Päpste standen. Ein Kaiser und eine Kaiserin, Könige und Königinnen lagen dazwischen, in der heiligen Stadt vom Tod ereilt, wurden sie der Ehre der geweihtesten Grabstätte der Christenheit gewürdigt. Ein Jahrtausend und mehr war über einige dieser Särge hingeströmt. Der Küster wußte nicht viel zu erklären, aber die beiden Kleriker begannen ihre Kenntnisse auszukramen. Francisco horchte auf. Er hatte in der geistlichen Schule zu Zaragoza wenig von geschichtlichen Ereignissen gehört, die nicht sein spanisches Vaterland unmittelbar angingen. Nun unterwölbte sich ihm die Gegenwart, in der er stand, plötzlich mit den riesenhaften Grüften der Vergangenheit, Gestalten hoben sich vom Dunkel ab, so wie Juan sie beleuchtete, dessen Beredsamkeit seinem ungewandten Begleiter bald den Mund verschloß. Der junge Kaiser, vor achthundert Jahren in Sankt Peter gekrönt und in derselben Kirche, nach einem Durchbruch durch den Belagerungsring der Griechen und Sarazenen, mit der schönen Kaisertochter aus Byzanz vermählt – der Papst, der vor mehr als viereinhalb Jahrhunderten das erste Jubeljahr der heiligen Kirche verkündete, den Zustrom von hunderttausend Pilgern erlebte, die Oberhoheit über alle Könige für sich beanspruchte, von römischem Adel mißhandelt und im eigenen Vatikan gefangengesetzt wurde – alle die andern, von denen Juan sprach, Francisco fühlte, ja sah sie lebendig und empfand es um so tiefer als eine erregende Merkwürdigkeit, daß ihn nur die dünne Steinplatte, auf die er die Hand legte, von ihrem vermoderten Gebein trennte. Und als er wieder in das Kirchenschiff aufstieg, bekamen auch die hier oben in die Wände eingebauten Gräber, die, ganz anders als die unteren, mit üppigen Denkmälern sich maskierten, einen besonderen Sinn für ihn: er malte sich aus, diese Päpste haben einen Kampf gegen den Tod geführt und ihren Sieg vorgetäuscht, indem sie ihren Leichnam der Kellergruft vorenthielten. Auf der Dachterrasse, angesichts der steinernen Apostelriesen, freute er sich des Lebensstroms der freien Luft und machte, aus einer philosophierenden Melancholie mit einem Satz in die übermütigste Laune springend, Anstalten, dem heiligen Bartholomäus auf den Kopf zu klettern, um eine Taube zu verjagen. Juan hielt ihn zurück. Während sie auf der im Scheitel der Kuppel die Laterne umziehenden Plattform sich an dem nahen, scharf umzirkten Platz, den mächtigen Höfen des Vatikans, dem Tiberfluß, den Dächern, Türmen, Kuppeln, Pinienhügeln der Stadt und dem stolzen Hintergrund der Gebirge entzückten, stellte Juan fest, daß sie noch gar nicht die höchste Höhe erklommen hätten. Sie fanden auch die Tür des Aufgangs in die Laterne, die selbst noch einen respektablen Säulenrundgang darstellte, aber sie war verschlossen und kein Aufseher in der Nähe. »Dann müssen wir eben sehen, so hinaufzukommen«, entschied Francisco. »Ich jedenfalls steige nicht ab, ohne oben gewesen zu sein. Trotz meinem Hunger.« Die andern lachten. Agustin schlug im Scherz eine Wette um die mittägliche Fischsuppe vor. Francisco schaute an den Säulen empor – mit Augen, die aus ihrer eingesenkten Lage wie aus einem Versteck hervor mit doppelter Schärfe ihre Ziele faßten – und nahm die Wette an. Agustin wähnte sich auf eine lustige Art zum Mittagessen eingeladen und hielt die Angelegenheit damit für abgetan. Francisco aber hatte entdeckt, daß in die Säulen kleine Marmorplatten eingelassen waren, Lampenträger für Festbeleuchtungen, die wie die Sprossen einer Hühnerleiter senkrecht in die Höhe führten. Er umklammerte eine Säule, prüfte die Tragfähigkeit der Plättchen, schnupperte mit der breiten, ein wenig hochgestülpten Nase scherzhaft die Luft ein wie eine Katze und begann zu klettern. Die drei unterließen jeden Versuch, ihn an den Beinen festzuhalten – vor Verblüffung und vor Angst, er könnte infolge der Behinderung gefährlich stürzen. Doch rief Agustin, dem sein Gewissen schlug, mit Hast, er nehme die Wette zurück. Es klang mit seiner knabenhaft hohen Stimme, um derentwillen ihn seine Freunde den Kapaunen nannten, fast etwas lächerlich. »Das tut kein Caballero«, tönte es von oben. »Ich trage die Verantwortung, wenn dir etwas zustößt. Ich bitte dich, laß diese Dummheiten!« »Mir stößt nichts zu als eine gewonnene Fischsuppe.« »Ich gebe die Wette verloren! Komm zurück!« »Ich lasse mir nichts schenken. Außerdem ist für das, was ich tue, niemand verantwortlich als Francisco Goya. Misch dich nicht in meine Privatangelegenheiten.« Die drei sahen sich mit höchst beunruhigtem Kopfschütteln an. Indes ging die Sache ziemlich rasch vonstatten. Francisco faßte schon an eine der steinernen Schnecken, die, unterhalb des obersten Umgangs hervorragend, für die aufwärts Starrenden den noch darüber befindlichen Teil des Bauwerks verdeckten, und erklomm mit einem vor dem leeren Himmelsgewölbe unheimlich sich abzeichnenden Schwung den Rücken der Schnecke, die letzte Marmorsprosse splitterte ab und fiel zwischen den von neuem tief Erschreckenden nieder. Dann verschwand der Körper des Kletternden. Juans Begleiter schlug vor, sich zurückzuziehen, sein geistliches Gewand könne mit dieser frivolen Sache nicht länger in Berührung bleiben. Juan aber erklärte bestimmt, er lasse Agustin in dieser Lage nicht allein. »Aber drei brauchen wir nicht zu sein«, fügte er etwas spöttisch hinzu. »Du weißt, daß es uns verboten ist, uns zu trennen.« »Auf die zwanzig Schritte, die du dich zurückziehen wirst, kommt es nicht an.« »Ich protestiere«, sagte der korrekte Zögling und stieg ab. Francisco war es indessen geglückt, das Eisengeländer der oberen Galerie zu überwinden. Er stand auf einer schmalen Plattform, schritt den Kreis ab und fand eine niedere Glastür, die ins Innere führte. Sie war verschlossen. Unmittelbar darüber setzte der steinerne, zwischen den Rippen mit Bleiplatten belegte Turmhelm an, der in steiler Kurve anstieg und in eine große, von einem Kreuz gekrönte bronzene Kugel endete. Sie zu beklopfen, wäre das Äußerste, was sich erreichen ließe. Als er auf einem der Steine des Helms einen Namen gekritzelt fand, reizte ihn der Gedanke mächtig, sich höher oben einzuschreiben. Schließlich bedeutete es ja für ihn, der sich ein Schwindelgefühl noch nicht einmal vorstellen konnte, keinen Unterschied, ob man eine Kletterei vom Erdboden aus oder in fünfhundert Fuß Höhe unternahm. Die steinernen Rippen waren an den Fugen etwas verwittert und boten keinen schlechten Halt. Er machte die Probe und fand diesen Teil seines Unternehmens gefahrloser als den schon überstandenen. Als er höher kam, konnte er wiederum Lampenträger zu Hilfe nehmen, diesmal solche aus Eisenblech, sie waren in den Bleiplatten verankert und wurden bei den großen Illuminationen sicherlich von angeseilten Männern bedient. Aber das letzte Stück erwies sich als zu steil. Auch hatte er die Maße unterschätzt: die Kugel saß auf einem viel zu hohen Hals, als daß er sie hätte berühren können. Da resignierte er, zog einen Stift aus der Tasche und zeichnete ein F und ein G auf den höchsten Stein, den er erreicht hatte. In diesem Augenblick dachte er an die toten Päpste tief unten in der Gruft und überlegte, ob er seinen Initialen nicht die Bemerkung beifügen solle: hoch über den Grüften. Aber das schien ihm doch eine blasphemische Herausforderung des Schicksals. Ehe er sich daran machte abzurutschen, sogen seine Augen minutenlang den Rundblick ein, der ihn hier oben noch weiter und größer dünkte. Nach unten verdeckte der seltsame Rand des Kuppelbauchs einen Teil der Nähe ... Die beiden Wartenden, die sich anfänglich, ohne es einander einzugestehen, darauf gefaßt gemacht hatten, daß Franciscos Körper, an einer für sie unsichtbaren Stelle verunglückend, herabgesaust komme, beruhigten sich allmählich. Als sich aber die Ungewißheit allzulange hinzog, begannen sie sich mit der Möglichkeit auseinanderzusetzen, der Absturz könnte, ohne daß sie es bemerkt hätten, auf der entgegengesetzten Seite geschehen sein. Schließlich erschien ein Aufseher, kurz entschlossen sagte ihm Agustin, einer seiner Begleiter sei versehentlich oben eingeschlossen worden. Der Mann erklärte das für unmöglich, ließ sich aber gegen ein Trinkgeld bewegen, nachzusehen. Gerade als er aufschloß, ertönten undeutliche Rufe aus der Höhe. Der Wächter bekreuzigte sich, schüttelte schwer den Kopf und stieg auf. Die beiden folgten ihm. Als der wohlgenährte, zwar nicht in beruflichem Eifer und Ehrgeiz, aber in beruflicher Gewohnheit gut verankerte Beamte entdeckte, daß sich in der Tat eine menschliche Gestalt nicht nur hier oben, sondern sogar außerhalb des Turmzimmers, außen auf der Galerie bewegte, erbleichte sein rotes Gesicht. »Niemals lassen wir einen Fremden hier hinaustreten, weil die Stelle gefährlich ist«, stotterte er. »Heiliger Petrus, wer kann das getan haben?« Mit zitternder Hand stellte er fest, daß die Tür verschlossen war, und ließ auch die beiden rütteln, um das Übernatürliche des Vorgangs zu dokumentieren, denn die Tür war nach seiner (durchaus zutreffenden) Überzeugung seit Monaten nicht aufgeschlossen worden. Dann suchte er, während Juan etwas Unverständliches murmelte, nach dem Schlüssel und öffnete. Sogleich rief Agustin: »Wir konnten dem Mann erst jetzt mitteilen, daß du eingeschlossen bist.« Francisco verstand und fing an, über die Schlamperei der Kustoden zu schimpfen. Der arme Mann wäre sicherlich durch ein Gespenst weniger aus der Fassung gebracht worden als durch diesen lebendigen, schimpfenden Menschen – denn ein Geist hat schließlich das logische Recht zu jeder Art von Aufenthalt. Als ihm nun gar Francisco einen angeblichen Kollegen, der gar nicht existierte, als den Schuldigen beschrieb: lang, dürr, schieläugig, ein wenig hinkend, mit rotem Bart – da glaubte er es mit einem Wahnsinnigen zu tun zu haben und drängte zum Abstieg. Er bekam noch eine Münze für die Rettung, fand aber seinen wohlgeordneten Gleichmut nicht wieder. Als die vier ins Freie traten – der korrekte Jüngling hatte bebend in halber Höhe der Kuppel gewartet –, lachte Francisco: »Ich glaube, der da oben schüttelt immer noch den Kopf!« »Wir auch«, bemerkte Agustin. Aber er verbarg seine Bewunderung nicht. Am andern Ende des Platzes kamen sie an einer Gruppe vorüber, die hitzig über die Möglichkeit stritt, die äußerste Spitze der Kuppel von außen zu erklettern. »Wenn ich es aber mit diesen Augen gesehen habe und auch mein Weib Zeuge ist«, schrie der Gemüsehändler und gestikulierte mit einem Fenchelknollen. »Dann wart ihr eben beide besoffen«, sagte der Kneipwirt von der Ecke und brachte seine rote Bauchbinde in Ordnung. Francisco blieb stehen und fragte höflich, ob es ihm erlaubt sei, sich einzumischen. »Ich habe die Sache aus der Nähe beobachtet. Es war einer der Aufseher, der lange, dürre, schieläugige mit dem roten Bart. Er holte einen Distelfinken, der ihm entflogen war.« »Hab' ich's nicht gesagt?« triumphierte der Angegriffene, »Den Roten habe ich die Ehre zu kennen. Er gehört zur unmittelbaren Dienerschaft Seiner Heiligkeit. Ich hab' ihn auch erkannt, doch wollte ich nichts sagen – ihr hättet mir sonst noch weniger geglaubt. Was sagt ihr jetzt?« Der Wirt und seine Parteigänger verzogen geringschätzig den Mund. Da trumpfte die Frau noch auf, indem sie die Brust im zerrissenen Mieder hochzog: »Ich habe sogar den Vogel gesehen. Wer weiß, welch hochstehender Persönlichkeit er gehört!« »Würde für deine Spatzen jemand auf die Kuppel klettern?« höhnte der Händler zum Wirt hin. »Noch nicht für deine Gänse!« Er spielte Ball mit einer Orange. »Ich glaube, du wirst bald deinen Salat dort oben bauen«, gab der Wirt zurück und spuckte im Weggehen aus. »Jetzt hab' ich aber wirklich Hunger«, mahnte Francisco.   Der spanische Gesandte ehrte den jungen Maler durch einen Porträtauftrag und lud ihn mehrfach in sein Haus ein. Bei einem Empfang lernte Francisco ein sehr schönes römisches Mädchen kennen, die Tochter des verstorbenen Marchese Salviati. Angelica ermunterte ihn, nachdem er einige spanische Lieder zur Gitarre gesungen hatte, durch unverhüllte Sympathie, sich ihr noch während des Festes flammend zu erklären. Trotz der Sorgfalt, mit der des Mädchens Schritte überwacht wurden, konnten sie sich mehrmals treffen. Aber die Zusammenkünfte wurden entdeckt. Angelica versicherte, sie werde den spanischen Maler heiraten. Die Marchesa, für die Mesalliancen eine Gotteslästerung bedeuteten, verfügte nach einer Besprechung mit ihrem älteren Bruder kurzerhand, daß ihre siebzehnjährige Tochter in einem Kloster adeliger Nonnen untergebracht werde – zur Beendigung ihrer Erziehung. Das Kloster befand sich zwar in Rom, doch konnte man sich von der bekannten Strenge seiner Hausordnung Gewähr gegen alle Gefahren jugendlicher Heißblütigkeit erwarten. In der Abschiedsunterredung verlangte die Mutter ein volles Geständnis. Angelica erklärte kühl, sie sei nicht so töricht, einem Liebhaber, über den sie Macht behalten wolle, raschen und leichten Sieg zu gewähren. Sie bitte übrigens bei dieser Gelegenheit um Aufklärung darüber, was es mit dem Gerücht auf sich habe, sie sei gar nicht die Tochter ihres Vaters, sondern ... Sie konnte den Satz, in dem noch ein Stallmeister vorkommen sollte, nicht zu Ende sprechen, weil die Marchesa, ohne sie eines Blickes zu würdigen, das Zimmer verließ. Aber sie entging der klösterlichen Erziehungsanstalt nicht. Die spärlichen Ausgänge in die Stadt, die sich, da die Nonnen einen großen Garten besaßen, fast ganz auf den Besuch von Kirchen beschränkten, geschahen in Reih und Glied, in entstellender Tracht, unter Aufsicht mehrerer Klosterfrauen. Francisco kam einmal im Straßengedränge ganz nahe an Angelica heran, aber sie rief ihm – unbekümmert um den Zorn der Nonnen – zu: »Du sollst mich so nicht sehen!« Und diesen Willen respektierte er gar nicht ungern. Denn das aus einem störrischen Stoff schlecht geschnittene graue Kleid schien statt eines straffen Mädchenkörpers den einer zerfallenden Matrone zu verhüllen, das schwere, duftende Haar war unter einer Haube gefangengesetzt, die selbst noch die Augen beschattete. Nur dem üppigen Bogen des Mundes und seinen immer etwas hochmütig zuckenden Winkeln konnte der Zwang nichts anhaben. Sie selbst hatte den Gedanken, bei einem solchen Ausgang aus dem verhaßten Zwang zu entfliehen, sogleich aufgegeben. Am lichten Tag, in dieser durch ihre Lächerlichkeit auffallenden Kleidung ... unmöglich ... Die Nonnen würden schreien und genug Helfer finden.   In jenen Tagen wurde Francisco zum Grafen Sergei Nikolajewitsch Korsakow gerufen, dem Gesandten Ihrer Majestät der Kaiserin aller Reußen beim Heiligen Stuhl. »Sicherlich wieder ein Porträt«, sagte er zu Agustin, der sich vor Bewunderung fast verbeugte. »Übermorgen wird sich der Papst um mich bemühen.« Hinter dem Scherz verbarg sich ein hübsches Stück Eitelkeit über die jähe Kurve seiner Erfolge. Da sein Gast des Französischen nicht mächtig war, mußte sich der Graf der italienischen Sprache bedienen, die er nur mangelhaft beherrschte. Der etwas unscheinbar, aber sehr energisch aussehende alte Herr, der, wenn das Gerücht nicht log, vor etlichen Jahren einen Diener für die durch eine Ungeschicklichkeit geschehene Zerstörung einer venezianischen Glasschale mit dem Degen durchbohrt hatte – dieser alte Herr mit den kleinen heftigen Augen also bemühte sich, dem jungen spanischen Maler klarzulegen, daß es sich in Petersburg leben lasse. Francisco verstand die wesentlichen Punkte durchaus: es gebe Öfen und Pelze gegen die Winterkälte, den Wein beziehe man aus Deutschland und Frankreich, die Köche gleichfalls, und was die Frauen anlange, so finde der Graf, daß sie mehr Temperament haben als in Rom... Es war ihm anzusehen, daß er zu einer gewürzten Anekdote ausholen wollte, doch besann er sich rechtzeitig: sollte dieser junge Mann das Angebot annehmen und im Lauf der Zeit zum Hofmaler ernannt werden, so war sein Rang der der Tanzmeister oder Leibärzte... Abstand, Abstand gegenüber künftigen Hofbediensteten... Außerdem kann man so etwas nur auf französisch erzählen. »Also, mein Lieber«, sagte er, während ein bärtiger Diener frischen Tee brachte, »über Einzelheiten noch keine Verpflichtungen. Aber kommen Sie, kommen Sie! Man kann am Hof Ihrer Majestät schnell groß werden.« »Ich werde stets der dankbare Diener Eurer Exzellenz sein«, erwiderte Francisco in der unterwürfigen Sprache, die nach seiner Beobachtung solche Leute erwarteten, »aber ich kann nicht, wie ich will. Die Religion gebietet mir, zu meinen Eltern nach Spanien zurückzukehren.« Er wußte selbst nicht, wie er auf die Religion gekommen war, aber die Wendung dünkte ihn wirkungsvoll. Im Innern grauste ihm vor dem unbekannten grauen Norden. »Nehmen Sie Ihre Eltern mit!« »Die Einwilligung wird viel Zeit erfordern.« Er stellte sich die Gesichter von Vater und Mutter vor. In ein fernes, fremdes Land, in dem zu allem hin – das sah man an den Heiligenbildern dieses Hauses – ein anderer Glaube herrschte... Aber dann meldete sich doch die Versuchung dieses plötzlichen, unerwarteten Aufstieges. Er lenkte ein: »Eure Exzellenz fassen es nicht als Unhöflichkeit auf, wenn ich um einige Tage Frist bitte...« »Sprechen Sie wieder vor...« Der Gesandte verabschiedete den Besucher mit korrekter Höflichkeit, doch mit ausweichenden, halbzugekniffenen Augen: es war ihm peinlich, seinen fast in die Form einer Bitte gekleideten Vorschlag von einem jungen Bürger mit Zurückhaltung behandelt zu sehen. Man hätte die Sache doch durch einen Sekretär erledigen lassen sollen...   Ein schlechter Zufall wollte, daß es Angelica zwei Tage später gelang, heimlich einen Brief zu schreiben und ihn, mit Franciscos genauer Adresse versehen, unter dem Büßergewand aus dem Kloster zu schmuggeln. Ein kühner Griff unter das Kleid, ein entschlossener Schritt beiseite – und er war zusammen mit einem der Geldstücke, die sie die ganzen drei Wochen zu verbergen gewußt hatte, einem Straßenjungen eingehändigt, der sich sofort fröhlich aus dem Staube machte, denn die Münze war hoch. Was nützte den Nonnen ihr Entsetzen? Sie konnten nicht ermitteln, um was es hier ging. Ein Gruß persönlicher Art an eine kranke Freundin, sagte Angelica. Die Strafe des Ausschlusses von den Ausgängen für die Dauer eines Monats traf auf völlige Gleichgültigkeit ... Der Brief enthielt Angelicas Versicherung, daß das Leben im Kloster nicht auszuhalten sei, die Aufforderung, sie so schnell als möglich zu befreien, und eine Beschreibung der wichtigsten Räumlichkeiten, dazu Angaben über die Stunden der geringsten Bewachung. Francisco war glücklich, ein Lebenszeichen der Geliebten – mehr noch: die Versicherung ihrer Liebe und ihres Zutrauens in Händen zu halten. Die Selbstverständlichkeit freilich, mit der sie von ihm die Entführung aus dem Kloster erwartete, verursachte ihm einiges Unbehagen. Aber Ritterlichkeit war ein Bestandteil seiner Erziehung, seiner Überzeugung, seines Blutes. Er sah sich als Befreier aufgerufen. Eine andere Möglichkeit, als dem Rufe zu folgen, bestand nicht. Immerhin meldete sich auch die Frage, was nach der Befreiung geschehen werde. Und da schien ihm nun das Schicksal deutlich einen Weg zu zeigen: das Angebot des Grafen Korsakow mußte angenommen werden. Dann konnte man zu zweit nach Rußland fliehen. Er bat schriftlich um eine neue Audienz, doch die Antwort ließ auf sich warten. Da handelte er so, als sei die russische Abmachung schon getroffen.   Es war ein unglückseliges Unternehmen. Francisco hatte einzig Agustín Esteve ins Vertrauen gezogen. Der sah schon fast eine Aufgabe darin, dem waghalsigen, vom Glück begünstigten Genossen keine Gefolgschaft zu verweigern, und wartete nun in einem Versteck unweit der Mauer, über die die Strickleiter hing, den Erfolg oder Mißerfolg ab ... Als der Entführer mit einer abgeblendeten Laterne in der Hand kurz nach Mitternacht, während er die Nonnen in der Kirche versammelt glaubte, in den Schlafsaal der Zöglinge eindrang, weckte ein Geräusch zwei der Mädchen, die sofort zu schreien anfingen. »Bitte schweigt, es geschieht euch nichts!« flüsterte ihnen Francisco heftig zu und bemerkte im Halblicht, daß die eine sehr schön war. Aber schon eilte eine Nonne mit einer Laterne herbei. Francisco und sie, die in einem Mantel gehüllt, doch versehentlich ohne Haube war und darum ihre kurzgeschorenen Haare zeigte, starrten sich entsetzt an. Die Frau rief laut um Hilfe. Die Szene entwickelte sich. Einige von den Mädchen krochen unter die Bettdecke, andere drängten sich, mit langen, gespenstisch aussehenden Nachthemden bekleidet, in einer dunklen Zimmerecke zusammen. Francisco, von den Ereignissen überrumpelt, hatte in diesem Augenblick eine unsichere, fast traumhafte Vorstellung der Gegenwart, aus einem dumpfen Untergrund heraus empfand er mehr, als er es dachte, daß es Notwendigkeit gewesen sei, sich in diese Lage zu begeben, und daß irgend etwas Weiteres geschehen werde und auch von seiner Seite zu geschehen habe. Dann kam ihm der halbwegs klare Gedanke, daß nun Angelica sich bekennen und an seine Seite eilen müsse. Aber er wurde ihrer überhaupt nicht ansichtig. Sie war eine von denen, die unter der Bettdecke staken, denn sie gab, nachdem das Kloster alarmiert war, ihre Sache schon verloren und hoffte, durch solche Zurückhaltung als Mitglied der Verschwörung unentdeckt zu bleiben. Gerne hätte sie dem Liebhaber gezeigt, daß sie ihn als einen Tölpel erkannt habe, aber das ging nicht. Er war Ritter genug, ihren Namen nicht zu rufen. Und erkannte plötzlich, daß er die Gelegenheit versäumt hatte, die Treppe hinabzustürmen und über die Mauer zu entfliehen. Denn jetzt drängte die Schar der Nonnen mit brennenden Kerzen die Stufen herauf, geführt von der Äbtissin, die dem Feind ihr ganzes Heer entgegenwarf. Die Mädchen im Schlafsaal begannen sich sicherer zu fühlen und das Abenteuer von der romantischen Seite zu nehmen. Aus der Zufluchtsecke wurde heftig gekichert, die schöne Ruferin, die Franciscos bewundernden Blick wohl gefühlt hatte, richtete sich ein wenig im Bett auf, neben dem er noch immer stand, und versuchte mit ihm ein Wechselspiel der Augen zu beginnen. Aber er bemerkte von solchen Dingen nichts mehr. Angesichts der herandrängenden Ordensgewänder quoll plötzlich aus den Schächten seiner Seele, in die die Vorstellungsbilder der Kindheit, der Schule, der häuslichen Erziehung hinabgesunken waren, eine Welle religiöser Scheu und Ehrfurcht als etwas völlig Selbstverständliches hervor und versetzte ihn in einen Zustand der Hilflosigkeit. Er erschrak über das, was er mit den Scheuklappen der Ritterlichkeit vor den Augen getan hatte, und empfand das Peinliche und Lächerliche seiner Lage. Sein voller, genußfroher Mund bekam einen knabenhaften Zug. Die Äbtissin, eine recht handfeste alte Dame mit einer Brille vor den Augen und einem goldenen Kreuz vor der Brust, ging zwischen zwei respektvoll um einen halben Schritt zurückbleibenden Schwestern auf ihn zu und fragte geradeswegs, was er wünsche. Das Kreuz blinkte im Kerzenschein. Er grüßte sie mit einem Kniefall, ohne zu antworten, und folgte dann ihren Anweisungen. Das heißt: er entfernte sich eilends aus dem Schlafgemach, ohne nochmals den Blick zu erheben, und ließ sich in ein kleines Zimmer mit vergittertem Fenster einschließen. Am Morgen weckten ihn aus schwerem Schlaf päpstliche Sbirren und führten ihn durch die schon belebten Gassen der Stadt ins Gefängnis.   Der treue Agustín hatte vor den Klostermauern die ganze Nacht gewacht, auch die Unruhe der Nonnen bemerkt und böse Schlüsse daraus gezogen. Voll Entsetzen sah er nun den Freund in Fesseln abgeführt werden. Ohne langes Besinnen tat er das Richtige: er ließ sich, so früh es die Stunde gestattete, bei einem Sekretär der spanischen Gesandtschaft melden. Dieser benachrichtigte den Gesandten selbst. Don Miguel Trinidad erkannte sofort die Gefahr, die seinem Schützling drohte. Er war sehr ärgerlich über die Störung, aber er handelte unverzüglich: er verfaßte ein Schreiben an den päpstlichen Polizeimeister, dem der Verhaftete vermutlich unterstand, ehe sich die Gerichte mit der Sache befaßten, und erbat von ihm die persönliche Gefälligkeit, den Delinquenten der Justiz Seiner Majestät des Königs von Spanien auszuliefern. Dieses Schreiben übersandte er durch einen besonderen Kurier. Noch vor Abend wurde Francisco gefesselt im Palast der spanischen Gesandtschaft abgeliefert. Mit ihm ein Schreiben des ersten Polizeimeisters Seiner Heiligkeit, das diesen Passus enthielt: »Sollten Eure Exzellenz auf strengere Maßnahmen verzichten wollen, so werden es Eure Exzellenz mit mir für opportun halten, daß sich jener F. Goya innerhalb von drei Tagen für immer aus dieser Hauptstadt entferne und sich auch während solcher Frist nicht auf der Straße blicken lasse, jedenfalls nicht bei Tag.«   Don Miguel Trinidad führte mit dem freigelassenen Häftling ein Gespräch ohne Zeugen. Er stellte ihm vor Augen, daß die Verurteilung zu ein paar Jahren Kerker ein milder Ausgang seines Prozesses zu nennen gewesen wäre, das Gericht der Inquisition aber sehr wohl die Macht und die gesetzlichen Grundlagen besessen hätte, ihn für diese Klosterschändung an den Galgen zu bringen. Und er erlebte die Genugtuung, daß sein Gegenüber still und bleich wurde. Aber dann spendete ihm der hagere Lebemann die Anrede Caballero und lud ihn ein, die zwei oder drei Tage bis zu seiner unumgänglich notwendigen Abreise im Palast der Gesandtschaft wohnen zu bleiben. Francisco vertraute ihm den Vorschlag des Russen an. Don Miguel Trinidad schüttelte sich und deklamierte mit ritterlicher Betonung: »Alle Ehrfurcht vor Ihrer Majestät der Kaiserin ... aber lieber Bettler in Spanien als Fürst in Rußland!« Francisco sprang auf. »Dies ist das Wort«, rief er, »Spanien um jeden Preis ... selbst als Bettler in Spanien ... Beglückwünschen Sie mich, Exzellenz, ich werde morgen nach Spanien zurückkehren!« Unmittelbar nach diesem Ausruf schoß ihm durch den Kopf, daß sich ja auch in der Heimat die Inquisition für ihn interessiere. »Warum sind Sie plötzlich so still?« fragte die Exzellenz. »Schlagen Sie sich doch das Mädchen aus dem Kopf! Sie finden schönere in Spanien.« Francisco lachte, er hatte Angelica vergessen. Zudem fand er zu einer hoffnungsvolleren Beurteilung der Lage zurück: sicherlich gab es genug Städte in Spanien, in denen er von den Behörden nichts zu fürchten brauchte.   Als er am Morgen vom Bett aus unter tiefblauer Luft die strahlend gelbe doppeltürmige Kirche Trinità de Monti, davor den roten Obelisken, dahinter dunkle Pinien über dem großartigen Anstieg der Freitreppe stehen sah, spürte er plötzlich, daß es nicht leicht sei, Rom zu verlassen. Auch nicht für den, der nach Spanien zurückkehrt ... Aber dann ging es wie ein Ruck durch ihn: Heraus aus allem! Es gibt nichts Schöneres auf der Welt, als neu anzufangen! 4 Don Miguel Trinidad händigte seinem Schützling, den er den spanischen Gerichten überliefern zu wollen vorgegeben hatte, einen Paß ein, dessen reichliche Stempel und Empfehlungsklauseln jeglichem Zwischenfall vorzubeugen geeignet schienen, sowie als Kaufpreis für zwei weibliche Akte eine ordentliche Geldsumme, durch die Francisco ängstlicher Rechnerei enthoben wurde. Als er in La Spezia ankam, befand er sich noch durchaus im unklaren darüber, ob er von einem italienischen oder französischen Hafen seine Rückreise nach Spanien beenden oder aber auch weiterhin und bis zum Ende den Landweg wählen sollte. Da lernte er Antonietta kennen, eine aus Neapel gebürtige Tänzerin, die sich um eine Stelle als Solistin bei der herzoglichen Oper in Parma zu bewerben beabsichtigte, nötigenfalls ins Österreichische, nach Mailand, weiterreisen wollte und bis auf weiteres das Leben durchaus von der heiteren Seite nahm – im Bewußtsein, daß sich aus ihrer Schönheit ausreichende Zinsen ziehen ließen. Sie gefiel ihm außerordentlich gut: er fand sie lustiger, scharmanter, gepflegter als die Frauen, die er bisher kannte, voll übermütiger Einfälle, erfinderisch in der Liebe. So entschloß er sich im Bewußtsein seiner Unabhängigkeit zu einem Abstecher nach Parma, der bestimmt außerhalb seiner Route lag. Seine Papiere, von einem spanischen Diplomaten ausgestellt, wurden an der Grenze des von einem spanischen Infanten regierten Landes besonders respektiert. Von diesem Hochgefühl getragen, fuhren die beiden mit Extrapost in der Stadt Parma ein, ließen aber, um die Ausgabe wettzumachen, vor dem Goldenen Krebs halten – keineswegs dem ersten Gasthaus, wenn auch keiner Kutscherkneipe. Der Wirt Cleopatro Descalzi, dessen grauer Rock eine Art Musterkarte und Aushängeschild für fette Küche bildete und dessen unterwürfigen Bücklingen nur sein Schmerbauch eine gewisse Grenze zog – Cleopatro Descalzi also bemerkte beim Abendessen, während er persönlich den Salat mischte, mit geflissentlicher Miene, der Herr Professor sei sicherlich wegen des Preisausschreibens der herzoglichen Akademie in dieser Stadt eingetroffen. Francisco, der nicht wußte, wovon die Rede war, antwortete geistesgegenwärtig, daß seine Reise in der Tat teilweise damit zusammenhänge. Antonietta beeilte sich, mit großem Augenaufschlag hinzuzufügen, auch sie selbst sei Trägerin einer wichtigen künstlerischen Mission. Unter dem Tisch trat sie dem Freund heftig auf den Fuß. Zugleich brach sie aus dem Tafelbukett drei rote Nelken und schob sie sich in den Brustausschnitt. Der Wirt schnaufte. Francisco lächelte und bestellte moussierenden Wein.   Am Morgen begab er sich an das Tor der Akademie und bat einen jungen Mann, dem er den Malschüler ansah, um Auskunft über das Ausschreiben. Jedermann sollte zugelassen sein, doch lief die Frist in drei Tagen ab. Der Gegenstand der Darstellung war genau vorgeschrieben: »Der siegreiche Hannibal wirft von der Höhe der Alpen den ersten Blick auf die Gefilde Italiens.« Da Francisco den Namen in etwas unsicheren Umrissen nachsprach, wiederholte und vervollständigte der Ausgefragte seine Mitteilung: es handle sich um den karthagischen Heerführer, der gegen das antike Rom zu Feld gezogen sei. Seine höfliche Verbeugung sollte offenbar besagen, ein Fremder könne das ja unmöglich wissen, denn Hannibal sei eine spezielle Angelegenheit von Parma. »Karthagisch, gewiß«, repetierte Francisco. »Oder punisch, wenn man will.« »Oder punisch ... jawohl ... übrigens wie steht es mit den Preisen?« Die Höhe der Preise bleibe nach dem Wortlaut der Bedingungen, so versicherte der Gewährsmann, »der edlen Munifizenz Seiner Hoheit des Herrn Herzogs« vorbehalten, die, »von jedem Künstler und Kunstfreund ehrfurchtsvoll bewundert, sich durch keinerlei Zwang entwürdigt«. Trotz seinem nicht gerade ehrerbietigen Lächeln mußte er zugeben, der erste Wettbewerb desselben Mäzens sei nicht übel belohnt worden. Francisco dankte und zog sich zurück. Verdammt ... dieser Hannibal, dieser siegreiche Hannibal ... wo siegreich? über wen siegreich?... er wirft von der Höhe der Alpen ... Wenn man den Landweg für die Rückreise wählte, würde man gleichfalls von der Höhe der Alpen ... Das nützt nichts, das ist zu spät. Drei Tage noch. Lieber Himmel, in drei Tagen läßt sich eine große Leinwand gut vollschmieren ... groß muß sie wohl sein bei solchem Thema – ein Monumentalschinken. Ein klassisches Monumentalgemälde. Da hatte man nun den Dreck. Von frühen Studientagen an hatte er solche Historienmalerei verachtet und zum verstaubten Gerumpel gerechnet, dem nur noch Greise und gedankenlose Zöglinge anhängen, und war der Beschäftigung mit Vorbildern dieser Art möglichst aus dem Weg gegangen. Jetzt kam die Strafe: ein gutes Stück Geld ließe sich verdienen ... Der siegreiche Liebhaber wirft den ersten Blick auf die demaskierte Schäferin ... oder: der siegreiche Torero wirft seinen begeisterten Bewunderern ihre Hüte zurück ... oder: das siegreiche Marktweib wirft faule Tomaten nach der fliehenden Feindin... das wären Aufgaben für einen anständigen Maler. Aber: Hannibal wirft von der Höhe der Alpen... Was ist überhaupt ein Karthager? Wie sieht der aus? Macht nichts – was die andern können, kann ich auch, stellt er sich vor und beginnt sich die Sache ein wenig auszudenken... Antonietta war sehr dagegen, daß er drei Tage angestrengt arbeite – bis er ihr einen Anteil versprach, als habe er bereits einen Preis in der Tasche. »Wieviel?« wollte sie wissen. »Das bleibt der edlen Munifizenz Seiner Hoheit des Herzogs Fernando überlassen, die, von jedem Künstler und Kunstfreund ehrfurchtsvoll bewundert, sich durch keinerlei Zwang entwürdigt...« Da erinnerte sie sich sogar, einmal in einem karthagischen Ballett mitgewirkt zu haben, als eine der Jungfrauen, die dem Gott Melkart geopfert werden. Ihre Haut sei braun geschminkt worden. »Dann wird auch Hannibal braun geschminkt. Tiefbraun sogar, weil er ein General ist.«   Ein großes Stück grundierter Leinwand zu besorgen, war sehr schwer, aber gegen Abend war es da, sogar schon auf den Holzrahmen gespannt. Aus der Apotheke ließ sich ein Mittel beschaffen, das, unter die Ölfarben gemischt, ihr rasches Trocknen herbeiführen sollte. Das Gastzimmer war zur Not als Atelier zu benützen. Den Leinwandrahmen stellte Francisco einfach auf zwei Stühle und verhinderte durch Steine sein Abrutschen. Die Stunde vor der Dunkelheit genügte ihm, um mit Kohle die Umrisse der Figuren zu zeichnen. In der Frühe begann er mit der Malerei. Als er eine Zeitlang gearbeitet hatte, kam Antonietta in leichtsinniger Morgentoilette ins Zimmer, umschwebte ihn zur gesummten Melodie einer Tarantella und verlangte, er solle mittanzen. Der Störungsversuch endete damit, daß er sitzend weitermalte, sie aufs linke Knie zog und den Arm mit der Palette um ihre Hüfte legte, während die rechte Hand unbehindert ihre Striche pinselte. Hielt sie nicht ruhig, so malte er auf ihre Wäsche Grimassen und, als ihr das nur Spaß machte, auf ihre Haut bunte Herzen, die sie dann mit parfümiertem Öl mühsam entfernen mußte. Sowohl am ersten wie am zweiten Maltag wurden Teile des siegreichen Hannibal und seiner Offiziere aus dieser Situation heraus geschaffen. Trotzdem fanden sie beide das Bild langweilig. Im Vordergrund, am Rand eines sichtlich gefährlichen Felsabsturzes, wies Hannibal, durch goldene Rüstung als Feldherr gekennzeichnet, braun von Haut, mit wallendem schwarzem Bart, ausgereckten Armes in die Ferne, die im rechten Teil des Bildes durch eine Ebene angedeutet war. Offiziere standen in gemessenem Abstand hinter ihm, entschlossen im Ausdruck. Francisco mußte sich allerlei Museumsstücke ins Gedächtnis zurückrufen, um mit diesen großen Gesten und Faltenwürfen zurechtzukommen. Das ging gar nicht übel, aber das Ganze war ihm doch nur eine Maskerade, er hielt mit den würdigen Herren Zwiegespräche wie mit Marionetten. Antonietta fand, es müsse durchaus eine Frau aufs Bild. Da fügte er in die Dämmerung des Hintergrunds noch zwei Soldaten ein und zwischen ihnen ein halbnacktes Mädchen mit Ketten an den Händen. Dieser gefangenen Sklavin gab er Gestalt und Züge der Tänzerin. Sie war glückselig und wollte durchaus, daß er das Gemälde nicht abliefere, sondern ihr schenke. Als er das Werk rechtzeitig von zwei Angestellten des Gasthauses zur Akademie tragen ließ, waren die Farben so gut wie trocken, hatten aber freilich durch das gewaltsame Verfahren einen stumpfen und teilweise ins Gelbliche veränderten Ton angenommen. Francisco gab Personalien und Adresse zu Protokoll, unterließ es auch nicht, die Paßempfehlung Seiner Exzellenz Don Miguel Trinidad Marqués de San Millan y Villaflor Conde de Pontejos beiläufig vorzulegen, worüber den Akten gleichfalls eine Notiz einverleibt wurde. Man teilte ihm mit, die Entscheidung werde spätestens in einer Woche fallen.   Und es kam wirklich so, daß Francisco zur Preisverteilung geladen wurde. Er entlieh sich bei einem Schneider einen modischen Frack. Nach einer in der Kapelle der Akademie zelebrierten Messe versammelte man sich im Festsaal. An einer der Wände standen auf Staffeleien drei Bilder, deren mittleres Franciscos Arbeit war. Ein betreßter Zeremonienmeister schlug die Spitze eines goldbeknauften Stabes dreimal auf den Fußboden, worauf rote Lakaien eine Flügeltür öffneten und ein schmaler, blasser Herr in Generalsuniform eintrat. Er hatte sich ein breites rotgelbes Ordensband um den Leib legen und daneben einen vielstrahligen Silberstern anheften lassen und trug einen Dreispitz mit großem weißem Federbusch unter den linken Arm geklemmt. Don Fernando, Infant von Spanien, regierender Herzog von Parma, nahm an einem Tischchen Platz, auf den zu beiden Seiten aufgestellten Sesseln ließen sich dem Fürsten zunächst einige Würdenträger und an sie anschließend die Professoren der Akademie nieder. Alles übrige stand. Eine müde Gebärde des Herzogs erteilte dem Rektor das Wort. Der hielt eine Dankesrede an den erlauchten Protektor, dessen von den Musen erleuchteter, wahrhaft klassischer Geist auch das tief bedeutungsvolle Thema des Wettbewerbs ausgewählt habe. Dann rief er Paolo Borroni, Francisco Goya und Emilio Rossi auf und begann mit der Kritik der Bilder, wobei er betonte, daß er die Meinung Seiner Hoheit wiederzugeben die Ehre habe. Als die Reihe an Francisco kam, wurde ihm eröffnet, daß die ernste, würdige Haltung und sichere Pinselführung seines Gemäldes ihm wohl hätten den ersten Preis verschaffen können; doch entferne sich das Kolorit von der Natur, und außerdem sei das Thema nicht streng genug eingehalten. Daß es sich um den weltberühmten Alpenübergang des karthagischen Heeres handle, hätte vor allem durch die bekannten Kriegselefanten angezeigt werden müssen – ein Mittel, das weder der erste noch der dritte Preisträger sich habe entgehen lassen. »Sie hätten Ihre Phantasie noch mehr, als es geschehen ist, aus den klassischen Berichten speisen müssen!« rief der Rektor aus. Zu loben sei übrigens die Gestalt des gefesselten Mädchens, die unmittelbar zum Beschauer spreche. Nach der dritten Kritik stellte ein Lakai ein silbernes Tablett mit drei Beuteln aus rotem Saffianleder auf den Tisch des Herzogs, gewissermaßen unter den Schutz des dort prangenden Federbusches. »Ich gratuliere Ihnen, Sie berechtigen zu den besten Hoffnungen«, sagte der Herzog mit hoher Stimme zu Paolo Borroni und deutete auf den großen Beutel. »Nehmen Sie!« Obwohl sich Franciscos Gedanken schon stark mit dem unbekannten Inhalt des zweiten Beutels beschäftigten, besah er sich das unfrische und kränkliche Gesicht genau, das unter der weißgepuderten Perücke hervorkam, die leeren, ziemlich unsicheren Augen, die lange schmale Nase und den etwas mißratenen Mund, der sich beim Sprechen schief nach rechts unten bewegte. Der Herzog wurde etwas nervös, als er das bemerkte, blieb aber Herr der Situation und sagte, aus der italienischen in die spanische Sprache übergehend: »Ich freue mich, Don Francisco, daß Sie Spanier sind. Aber die Elefanten, die Elefanten... schade.« Während sich die linke Hand an der Tischplatte festhielt, schob, sichtlich eine wohlwollende Auszeichnung, die Rückseite zweier Finger der rechten den Beutel ein klein wenig in der Richtung auf Francisco vorwärts. Der murmelte eine ganz gewöhnliche Redensart des Dankes, da er es versäumt hatte, sich eine höfische zurechtzulegen, und ließ die, wie ihm schien, ganz hübsch schwere Börse in die Tasche gleiten. Marquesen und Grafen kenne ich schon, dachte er, jetzt ist ein Herzog dazugekommen. Übrigens habe ich das Geld verdient, ich habe gearbeitet – was ich kann, kann ich. »Schön, daß Sie auch noch was bekommen«, sagte der Herzog zum dritten. Der Wirt zum Goldenen Krebs, offensichtlich auf mysteriösem Weg schon unterrichtet, empfing den Preisgekrönten am Eingang des Hauses mit mehreren Verbeugungen, die den Widerstand des Bauchwalles vergebens zu bekämpfen versuchten, und mit der Versicherung, er wisse die Ehre, einen so berühmten Meister zu beherbergen, wohl zu würdigen. Anschließend ließ er einfließen, er habe zum Mittagessen für den Meister und die junge Baronessa einen Fasanen, etwas Wildbret und einige besonders feine Flußfische reserviert. Als Francisco vor der Baronessa die Golddukaten ausschüttete, es waren fünfzehn, beschlagnahmte sie fünf mit der Versicherung, sie wolle nur beweisen, wie bescheiden sie sei. Da stieg plötzlich kühl und karg ein bäuerlicher Spartrieb in ihm auf, der, ihm selber unbewußt, in einem Winkel des Herzens geschlafen hatte – so lange, bis das Klingen des Goldes laut genug war, ihn zu wecken. Aber er konnte sich nicht überwinden zu sprechen. Als sie ihn schwach sah, wagte sie sofort den zweiten Angriff, indem sie schmeichelnd die Betrachtung anstellte, die restlichen zehn Dukaten genügten für sie beide noch lange zu gutem Leben, so daß es mit ihrer Stellung bei der Oper natürlich Zeit habe. Sie sah an seiner nachdenklichen und plötzlich fast ins Spöttische veränderten Miene, daß sie zu weit gegangen war. Das Festmahl verlief wieder sehr fröhlich, aber ihr sicherer Instinkt ließ sie daran denken, daß es vorsichtig sei, sich für alle Fälle nach einem anderen Rückhalt umzusehen. Schon am nächsten Tag handelte sie und wurde für den übernächsten in den Palast des Kammerherrn bestellt, der die Oper unter sich hatte, der kunstliebende Baron wollte die Tanzschritte, die sie zu zeigen hätte, selbst auf dem Cembalo akkompagnieren. Als sie das Francisco in einer Form eröffnete, die ihn eifersüchtig machen sollte, gab er zur Antwort, er habe, durch dringende Geschäfte gerufen, für eben den nämlichen Tag seine Abreise festgesetzt. Sie flehte, weinte, tobte, spielte eine wundervolle Szene, in deren Verlauf auch ein Dolch zum Vorschein kam. Er nahm ihn ihr aus der Hand und küßte sie. Am nächsten Morgen bestieg er die Eilpost, um nach La Spezia zurückzufahren. Die Trennung von Antonietta machte ihm das Herz schwer, und er nannte sich einen Geizkragen. Unterwegs füllte sich das Coupé des Wagens mit einem peinlichen Geruch. Francisco entdeckte schließlich, daß seine Handtasche die Quelle sein müsse, und fand darin, sorgfältig in Papier eingeschlagen, drei zerdrückte faule Eier. »Es ist«, sagte er etwas verlegen zu dem behäbigen Mönch, mit dem er den Wagen teilte, »eine Frau, die sich darin gefällt, ihr Andenken zu besudeln.« Und zuckte leicht zusammen unter der geradezu diabolischen Lache, die der Frater anschlug. Aber auch der erschrak und korrigierte sich eilig, indem er die Mundwinkel in asketische Falten zu legen sich bemühte und die Daumen der über dem Bauch gefalteten Hände um ihren gemeinsamen Mittelpunkt gedankenvoll kreisen ließ. 5 Der Frühling zieht alljährlich spät in Zaragoza ein, und die Menschen, die an diesem Märzmorgen über die siebenbogige Ebrobrücke gingen, froren im scharfen Wind, wenn sie sich nicht nach Bauernart in Schafspelze hüllten. Der trübe Strom war das Gegenbild der trüben Wolkenzüge, die, obschon in steter Bewegung, für keinen Augenblick auch nur das kleinste blaue Luftloch offenließen. Selbst die Kuppeln der neuen, noch turmlosen Kathedrale Unserer Lieben Frau vom Pfeiler, Nuestra Señora del Pilar, die mit ihrem Überzug buntglasierter Ziegel an hellen Tagen Blumenhügeln glichen, mußten so viel Grau spiegeln, daß ihrer Fröhlichkeit der Atem ausging. Und den Malern, die unter den Kuppeln zu arbeiten hatten, auf gewaltigen, bis zu den Wölbungen reichenden Holzgerüsten, kam das Licht, Quelle und Element ihres Tuns, in dieser Stunde allzu karg zu Hilfe. Die aragonische Hauptstadt besaß eine andere, über ein halbes Jahrtausend alte Kathedrale. Aber die war an Ruhm der Heiligkeit verblaßt gegenüber einem Wallfahrtskirchlein, das eine Säule mit einer Madonnenstatue beherbergte – die Säule, auf der vor bald siebzehneinhalb Jahrhunderten die Heilige Jungfrau dem Apostel Jakobus dem Älteren erschienen war, um ihm die Reise nach Compostela aufzutragen. So hatte sich die erzbischöfliche Kurie entschlossen, das Kirchlein der als wundertätig geltenden Säule zum Prunkbau zu erweitern und gleichfalls zur Amtskirche des Erzbischofs zu erheben. Einer der Maler dort oben auf den Gerüsten war Francisco Goya... Schon gleich nach der Rückkehr aus Italien hatte er in Zaragoza gearbeitet – Kirchenwände mit langweiligen Dingen bemalt, ein saures Jahr lang Tag um Tag. Er besaß Freunde und Gönner in der Stadt, und die hatten ihm zu dieser Tätigkeit verholfen, denn nach Madrid wagte er sich vorläufig nicht. Und weil man ihm diesen Ortswechsel noch weiter widerriet, war er zwei andere Jahre in der Gegend geblieben; vom Prior eines einsamen Kartäuserklosters nahm er einen langwierigen Auftrag an: Wandbilder, die das Marienleben und andere heilige Stoffe schildern sollten. Der Prior, damals noch einfacher Mönch, hatte den Knaben unterrichtet drüben im Bauerndorf Fuendetodos, auch als erster den Maler in ihm entdeckt und bei den Eltern durchgesetzt, daß sie ihn zur Erlernung der Kunst in die Stadt schickten. Während dieser zwei Jahre in der Cartuja de Aula Dei blieb Francisco nichts übrig, als sich in die Hausordnung des Klosters zu finden, doch verlief sein Wandel als Mönchsgenosse nicht ohne weltliche Rückfälle, der Weg nach Zaragoza war zwar schlecht und weit, aber er bestand doch. In diesen Tagen oder Nächten, die er dem Kloster fernblieb, fühlte er sich wie ein Gefangener, der für kurze Frist in die Freiheit entlassen ist, und sog den Wein des Genusses in so gierigen Zügen ein, daß fast jedesmal der Bodensatz mit in ihn hineinglitt, und das gab dann auch keinen Lebensvorrat für die Arbeit der kommenden Tage oder Wochen, sondern einen schalen Nachgeschmack. Er arbeitete für nicht viel mehr als fürs Essen, das bißchen Bezahlung ging bei jenen Stadtausflügen zum Teufel. Dabei immer der heillose Gedanke: So geht es jetzt weiter, jahrelang, lebenslang, ich komme von diesen trübseligen Kirchenwänden nicht weg und bin dazu verflucht, bis in alle Ewigkeit lebensgroße Heilige und Engel zu pinseln. Mehrmals war er nahe daran, die ganzen Farbtöpfe an die noch vorwurfsvoll leeren Mauern zu schmeißen oder den Kartäusern über die monotonen Kutten zu spritzen und sein Glück wie einst vor einem Dutzend Jahren als Stierkämpfer zu versuchen – bloß um keine Kirchenwände mehr zu sehen. Dann war es immer der Prior Félix Salcedo, der ihn zurückhielt. Zwischen den beiden – das war das Schöne an dieser Zeit – entspannen sich mitunter lange Gespräche über den Sinn des Menschendaseins, über Gerechtigkeit oder Ungerechtigkeit des Weltlaufs, über Gott, Engel und Teufel. Der Prior ließ seines einstigen Schülers Zweifel und Fragen nicht allzuoft an den Grenzmauern der kirchlichen Dogmen aufprallen, weil er klug erkannte, daß er nur so Einfluß auf ihn behalten könne, und so blieb ihm denn Francisco mit fast bedingungsloser Liebe ergeben und verheimlichte ihm auch seine unruhigen Pläne nicht. Félix rüttelte ihn auf und ermahnte ihn, auf die Stimme im eigenen tiefen Innern zu lauschen, die ihm sicherlich sage, er sei zu viel Größerem bestimmt als zum Stierfechter und Landstreicher. Geduld und Arbeit seien vonnöten, nichts anderes, es schade ihm keineswegs, wenn er eine Zeitlang zum Stillsitzen gezwungen werde. Franciscos Selbstvertrauen stieg, und sein Ehrgeiz, nur oberflächlich verschüttet, wuchs wieder mächtig empor. Nur die Geduld fiel ihm schwer, und darum erlebte er Rückfälle. Aber er blieb... Und schließlich kam doch die Rückkehr nach Madrid, kamen Jahre, in denen er viel nachholte und manches erreichte – lange, lange nicht alles freilich, was erreicht werden mußte. Er verschaffte sich Porträtaufträge in der guten Gesellschaft, pflog Beziehungen zu zwei Kammermalern des Königs, dem guten, kindlichen Mariano Maella und dem dürren, säuerlichen Francisco Bayeu, einem älteren Studiengenossen aus jenen ersten unruhigen Madrider Tagen, und wurde auf Vorschlag der beiden zum künstlerischen Mitarbeiter der staatlichen Teppichfabrik berufen, seine neuartigen, aus dem Volksleben gegriffenen Entwürfe erregten Aufsehen: man war der ewig gleichen antik-heroischen Stoffe müde. Er versuchte mehr Ordnung in sein Leben zu bringen... Seine Akten bei der Inquisition waren verjährt und verstaubt, und wenn sein Name vielleicht noch auf irgendeiner Liste mit einem Kreuz geziert war, so konnte man als künstlerischer Erzeuger der für die königlichen Schlösser bestimmten Wandteppiche darüber lachen. Er mutete sich viel Arbeit zu, lernte die Zeit nützen und lernte Geld verdienen. Einen Wagen besaß er und zwei Maultiere – die aragonischen Freunde und die alten Eltern hatten sich schön verwundert, als sie davon hörten, schade, daß man das Zeug in Madrid lassen mußte. Immerhin waren sie jetzt mit einem Gefolge von zwei Personen, einem Diener und einem Mädchen, in Zaragoza aufgezogen – er und Josefa, seine Frau. Diese Ehe war auch eine Frage der Ordnung... Die schlanke, rotblonde Pepa, Schwester jenes einflußreichen königlichen Kammermalers Francisco Bayeu – bei der Santisima Virgen del Pilar, er liebte sie. Sie war schön, auch nach ihren vier Kindbetten – von denen übrigens drei vergeblich waren: die Säuglinge erlagen frühzeitigen Krankheiten –, und sie besorgte das Haus gut... Doch ihm schien, ein Künstler müsse sich an den Frauen begeistern können: müsse mitunter Bilder malen einzig um ihres bejahenden Lächelns willen, müsse Freude daran haben, mit einem Werk um sie zu werben, ihnen mit einem Werk zu huldigen, müsse aus Beglückung durch eine Frau zur Arbeit hingerissen werden... So war Pepa nicht. Sie war, es kam im Lauf der Zeit ans Licht, ein wenig stumpf. Zeigte sie sich nicht, besah man es genau, dreihundertsechzig Tage im Jahr nüchtern und ohne Schwung? Und so kam durch sie doch nicht ganz soviel Ordnung in sein Leben, wie er gehofft hatte. Ob die Hoffnung überhaupt ganz aufrichtig gewesen war? Mein Gott, nur Pfaffen und Heuchler mißgönnen einem das bißchen Lebenswärme, das man sich so nebenbei noch heranholt... Und zu den Heuchlern gehörte auch dieser Schnüffler von Schwager – der ausgemergelte Neidhammel, der zu allem hin seit einer gewissen Zeit die Unverfrorenheit hat, prüfende Blicke auf seine, Goyas, Arbeit zu werfen – in anmaßender Übertreibung eines Rechtes, das er aus seiner Eigenschaft als Oberleiter der Ausschmückung der Kirche ableitet...   Nicht als ob all diese Erinnerungen und Überlegungen Francisco Goyas Kopf klar und scharf durchzogen hätten, während er, nun doch wieder vor einer Kirchenwand beschäftigt, mit den energischen Strichen breiter Pinsel einen Märtyrer erstehen ließ. Aber einiges davon stieg immer wieder aus den dunkeln Winkeln seiner Tiefe, die er, hier oben stehend, ganz räumlich als eine Unterwelt empfand. Er hörte, daß jemand die Leiter des Gerüsts heraufstieg. Bayeu? Nein, der kletterte viel vorsichtiger. Er wartete neugierig. Schließlich kam Don Martin Zapater zum Vorschein, der Jugendfreund, in dessen Haus er wohnte – erst mit dem frischen gutmütigen Gesicht, dann mit der ganzen, recht ansehnlichen Gestalt, und das eilige Steigen schien ihm gut bekommen zu sein. »Mensch, Martucho, was hast du heute für hohe Ziele?« empfing ihn Francisco. »Ein Mann war da vom Domkapitel, man bittet dich für nachmittags vier Uhr in die Sakristei der alten Kathedrale.« Sein Atem ging nun doch etwas rasch. »Es schien mir wichtig, dir das gleich zu sagen, denn da steckt irgendwas dahinter. Und weil ich deinem Herrn Schwager in der Stadt begegnet bin, konnte ich mich hier heraufwagen.« »Um vier in die Sakristei«, wiederholte Francisco nachdenklich. »Da könnte in der Tat etwas dahinter stecken, etwas, das eben mit dem Schwager zu tun hat ... die Herren pflegen sonst keine Sehnsucht nach mir zu haben. Gehen wir ein Stück zusammen!« Er legte die Pinsel weg – diese Arbeit hielt ihn zu wenig besessen, als daß er sie nicht jeden Augenblick hätte unterbrechen können –, und sie stiegen ab. In einem Nebenraum der Kirche entledigte er sich des Malerkittels und wusch die Hände. »Wenn nur bei all diesen Dingen nicht immer die Schwierigkeit mit Pepa wäre«, sagte Francisco ein wenig trübsinnig, als sie eine Weile dem Fluß entlanggegangen waren. Martin stellte sich unwissend. »Wenn es Streitigkeiten zwischen mir und ihrem Bruder gibt, steht sie immer unbedenklicher auf seiner Seite. In Geschmacksfragen schon ganz. Sie beschäftigt sich mit meiner Arbeit, und das wäre gut so, und sie lobt nicht immer, das wäre auch gut, aber wenn sie ihre Einwendungen macht, rieche ich immer den akademischen Staub, den ihr Bruder hustet. Das fuchst mich. Und wenn es jetzt wirklich so kommt, daß er gegen meine Malerei stänkert, dann wird sie sagen, er habe recht. Der Teufel soll diese Verschwägerung holen.« »Um offen zu reden, Francho: du gibst den beiden immerhin einiges Material in die Hände – beileibe nicht als Maler, aber durch deine Amouren. Die stecken dahinter, dessen kannst du sicher sein. Der Bruder rächt die Schwester.« »Fast ein halbes Jahr sitze ich hier bei euch – und was ist in dieser Zeit geschehen? Nichts, gar nichts als diese kleine Geschichte mit der Madrider Schauspielerin – eine lächerliche Geringfügigkeit, die nicht zählen würde, wenn das Ekel nicht seine spitze Nase hineingesteckt hätte.« »Das ist gerade eine Geschichte zuviel«, lächelte Don Martin. »Gehab dich nicht, Martucho, ich kenne dich ... Das Geld möcht ich haben, das du in deinem Leben schon zu den Mädchen getragen hast. Eine Kirche könnt ich davon bauen lassen.« »Aber die Leute wissen nichts davon. Und schließlich hab' ich auch keinen Schwager ... Auf alle Fälle, um wieder von der Hauptsache zu sprechen, sei vorsichtig und klug heute nachmittag, was auch immer die Herrn von dir wollen.« Er sprach in ernstem, beschwichtigendem Ton. »Die Krallen werd ich den Pfaffen zeigen, wenn sie frech werden!« Aber Martin ließ nicht locker. Er, der eingeborene Zaragozaner, gab ihm zu bedenken, wie viele Freunde er hier sitzen habe, wie unangenehm der Bruch mit den wichtigsten Instanzen der Stadt sich in der Zukunft auswirken könnte, wie peinlich es sogar für seine greisen Eltern sein müßte, wenn er sich mit dem Domkapitel und der erzbischöflichen Kurie überwürfe. Auch das Geld komme schließlich ein wenig in Betracht ... Keine Unterwerfung, natürlich, volle Wahrung des Standpunktes, nur sich geneigt zeigen zu gütlicher Einigung ... Schließlich versprach Francisco, sich vor dem Gang in die Sakristei »die Nägel zu schneiden«, wogegen sich Martin für den Abend zu einer Flasche guten Rioja und ein paar neuen zur Gitarre zu singenden Seguidillas verpflichtete. »Wenn mir aber die Herren«, besiegelte Francisco das Abkommen, »statt böser Rede eine goldene Kette um den Hals hängen, dann stifte ich Champagner.« Aber sie hingen ihm kein Gold um den Hals. Der Beauftragte des Kapitels, ein hagerer, unlustig aussehender Priester, dem um des Gewichtes willen noch ein stummer Gehilfe beigegeben war, ging ohne Umschweife auf das befürchtete Thema los, indem er erklärte, Franciscos Fresken entfernten sich desto weiter von den vereinbarten Entwürfen, je mehr davon sichtbar werde. Das Kapitel wünsche das Gotteshaus mit Bildern geschmückt, die in ihrer klassischen, edlen Haltung den Gläubigen zur Erbauung dienen, während diese weltliche, ein wenig vulgäre Art höchstens Neugier erwecke und von der religiösen Sammlung ablenke. Man zweifle – vorläufig – nicht, daß er imstande sei, solcher Bemängelung Rechnung zu tragen und auch die schon gemalten Gruppen abzuändern – nach den Angaben des Don Francisco Bayeu, in dessen Oberleitung das Kapitel volles Vertrauen setze und dem er künftig auch die Entwürfe zu den einzelnen Figuren zur Begutachtung vorlegen möge. Francisco hielt an sich und verlangte in ruhigem Ton Einzelheiten, wurde aber ganz einfach an Bayeu verwiesen. Da berief er sich auf die Genehmigung des Gruppenentwurfs und beantragte, daß auf seine Kosten ein Schiedsgericht Madrider Künstler bestellt werde zur Entscheidung der Frage, ob er sich an den Entwurf gehalten habe oder nicht. Er richtete sich in seinem Armstuhl straff auf bei diesem Vorschlag und warf selbstsicher den Kopf zurück, doch der Ton seiner Worte blieb ruhig. Als aber der hartnäckige Priester nur mit der Achsel zuckte und erklärte, dem Domkapitel genüge das Urteil des Don Francisco Bayeu, verlor er die Geduld und rief heftig, seine Künstlerehre sei verletzt. Ihm, der das Vertrauen des Königs genieße, könne niemand zumuten, als bloßer Handwerker das auszuführen, was ihm andere vorschreiben. Die Herren mögen den Schutz ihres geistlichen Gewandes nicht dazu ausnützen, ihn zu beleidigen. Auch der Künstler empfange sein Amt von Gott, nicht nur der Priester. Doch der Beauftragte des Kapitels ging auch jetzt mit keinem Wort auf Franciscos Gründe ein, sondern ließ erkennen, daß er zu Verhandlungen nicht gewillt sei, indem er ganz kühl bedeutete, Señior Goya habe die Bedingungen vernommen, unter denen die Fortsetzung seiner Arbeit möglich sei, sollte er sich ihnen nach einer bestimmten Bedenkzeit nicht unterwerfen, so betrachte man seine Tätigkeit als beendet und behalte sich vor, die beanstandeten Figuren von einem anderen Maler abändern zu lassen oder sie zu übertünchen. Es war mehr der Ort der Besprechung und das Amt seiner Widersacher als Martins Ermahnung, was Franciscos Wut im Zaume hielt. Im Innersten kochend, eilte er hinaus. Diese hochmütigen Priester hatten ihn behandelt wie einen Maurergesellen, den man jeden Augenblick durch einen andern ersetzen kann. Er war entschlossen, überhaupt nicht zu antworten und die Folgen in Ruhe abzuwarten. So leerte er mit Martin jene ausbedungene Flasche in etwas verbissener Heiterkeit ... Anderntags, als Francisco lesend im Zimmer saß und zu den weitgeöffneten Fensterflügeln die von den Jahrhunderten gebräunten Backsteinpaläste der gegenüberliegenden Straßenseite hereinschauten mit ihren Rundbogenportalen, vergitterten Balkonen und schweren, weit vorspringenden Dächern, trat als ein Stück in solchen Mauern altgewordenen Lebens der Prior Félix Salcedo ins Zimmer. Sein Gesicht war verwittert wie Baumrinde, aber man fühlte noch kräftiges Holz hinter der Rinde. Nach allerlei Umwegen fing er wie beiläufig von Franciscos Streit mit dem Domkapitel zu reden an. In Francisco schoß der Gedanke auf: Sie haben erkannt, daß sie zu weit gegangen sind, sie brauchen mich, sie wollen einlenken. Und der andere: Wie schlau sind diese Pfaffen, daß sie sich als Unterhändler diesen Mann ausgesucht haben, der Macht über mich hat ... wie erschreckend gut wissen sie über die persönlichsten Dinge Bescheid! Félix ließ bald erkennen, daß jener erste Gedanke allzu optimistisch war. »Du bist noch jung, Francho«, sagte er, »was sind fünfunddreißig Jahre für einen Künstler, der sein ganzes Leben reifen und wachsen muß? Gewiß hast du schon mancherlei Gunst und Ruhm erfahren. Aber spricht es gegen die Ehre eines Mannes, der Erfolg hat, einen Tadel einzustecken und sich einem älteren, in hohen Ämtern stehenden unterzuordnen? ... Ich sehe deinem Gesicht an, was du einwenden willst: du fühlst dich stärker, glaubst der größere Künstler zu sein ... Was heißt das? Wer vermag den eigenen Wert gegen den eines anderen abzuschätzen?« »Dann mag Bayeu mir in derselben Weise gegenübertreten«, lautete Franciscos etwas spitze Abwehr. »Auch er schätze seinen Wert nicht gegen den meinen ab, und wir bleiben in Frieden. Ich kann Schulmeisterei nicht ertragen. Zu nichts anderem nütze ich meine Madrider Erfolge aus als zu dem, daß ich mein eigener Herr bleiben will.« Der Mönch zog alle Register, sprach von der Tugend der Demut, die gerade dort zur Unterordnung verpflichte, wo wir uns als die Übergeordneten fühlen – wies, als Francisco Beschuldigungen gegen den Schwager erhob, darauf hin, daß Bayeu das Haupt von Pepas Familie sei, der ihm die Schwester anvertraut habe und dem er Achtung schulde – ließ ihn bedenken, daß das Werk in der Kathedrale nicht der Ehre der Künstler, sondern der Ehre der Heiligen Jungfrau gelte. Als er aber befürchten mußte, diese Argumente machten zuwenig Eindruck, wurde er plötzlich nüchtern und sachlich und nahm es nicht schwer, sich selbst zu widersprechen: »Laß ganz einfach die Vernunft walten, Francho: Ist es nicht ein Werk, durch das dein Name mehr in den Mund der Leute kommen wird als durch irgendein anderes, das deine Hand bis jetzt hervorgebracht hat? Die Antwort auf diese Frage mußt du dir selbst geben ... ich verstehe nicht genug davon ... Ich glaube aber auch sagen zu können, daß Bayeu dir die Unterwerfung nicht schwer machen wird. Es sind geringe Änderungen, die er verlangt.« Das waren die ersten Worte, die nach so etwas wie Entgegenkommen von der anderen Seite klangen. Francisco wußte im Grunde wohl, daß sie unklar waren und wenig bindend. Aber er wurde mehr und mehr von dem ruhigen Klang dieser Stimme umsponnen und sank unmerklich in Schichten des Lebens, die er in Rauch aufgelöst glaubte, die aber plötzlich wieder da waren, als gebe es keine Zeit, keinen Fluß der Dinge ... Der Lehrer sprach zu ihm, der Lehrer, an dessen Wissen er glaubte. Und so geschah es schließlich, daß er den Prior ermächtigte, dem Domkapitel seinen Bescheid zu überbringen, er nehme die Bedingungen an. Als sich der Mönch entfernt hatte, war es Francisco, als erwache er aus einer Betäubung. Er hatte einen schlechten Geschmack auf der Zunge und empfand dem verehrten Mann gegenüber plötzlich eine feindselige Kühle. Im entscheidenden Augenblick arbeitet er gegen mich, dachte er. Widerrufen, die Zusage sofort widerrufen ... Aber ich mache mich ja lächerlich – Félix hat sicherlich sofort seine Auftraggeber aufgesucht. Ich muß zu meinem Wort stehen ... Auf der Höhe des Malgerüstes trafen die beiden Verschwägerten wieder zusammen. Da kommt er über die Planken geschlichen, dachte Francisco, der Kerl, der aussieht, als ob er nicht einmal fürs Pissen den Saft in sich hätte, und setzt sein staubiges Spinnweblächeln auf. Da man die Sünde nicht auf sich laden kann, ihn durch einen Tritt vom Gerüst herunter in die Hölle zu befördern, ist es das beste, zu tun, als sehe man ihn nicht. Von der Demut, die der alte Mönch von ihm verlangt hatte, fand er also nicht viel in sich und sehnte sich auch gar nicht nach dem Besitz dieser Eigenschaft. Nur wenn er sich die von Félix vorgebrachten Vernunftgründe und die nun eben nicht wegzuleugnende Tatsache seiner eigenen Zusage vor Augen stellte – den Begriff »Unterwerfung« hielt er von sich ferne –, dann kam er in eine Art von resignierter Gleichgültigkeit hinein, die ihn trotz allem einigermaßen über die Situation stellte. Bayeu aber verhielt sich merkwürdig: er unterließ am ersten, am zweiten, am dritten Tag jede Kritik oder Einmischung – ganz als wisse er gar nichts von dem Geschehenen, oder noch mehr: als sei er, der ja den Vorgesetzten zu spielen begonnen hatte, in diesem Konflikt unterlegen. Francisco nannte ihn innerlich einen Fuchs und argwöhnte, Josefa habe den Bruder zu solcher Zurückhaltung bewogen, daß die beiden hinter seinem Rücken ihn angehende Dinge verhandelten, paßte ihm ganz und gar nicht. Doch er wartete, ohne sich eine Blöße zu geben. Am vierten Tag ging Bayeu zum Angriff über. »Verzeih«, begann er plötzlich, »aber dieser Märtyrer Longinus sieht ein wenig aus wie ein Landstreicher.« Um seine Bemerkung als Scherz zu frisieren, lächelte er krampfhaft – eine Grimasse, in die sich die zwei senkrechten Falten über der Nase und die beiden an den Mundwinkeln schlecht einfügten. Francisco schwieg, seinen Farbtöpfen zugewandt, als habe er nichts gehört. »Ich habe von dieser Figur gesprochen.« Schweigen. »Longinus hat sich im Stil vergriffen.« Er meckerte dazu, doch schon mit leicht drohender Klangfarbe. Francisco schwieg noch immer. »Es ist nicht nur der eine. Die Santisima Virgen, die als Königin der Märtyrer gedacht sein sollte, kommt auf ihren Wolken einher wie eine Seiltänzerin.« Nun antwortete Francisco doch, aber ohne sich umzudrehen: »Deine eigene Herrlichkeit war bei der Genehmigung beteiligt, wenn mein armes Auge keine Gespenster gesehen hat.« Er beherrschte sich, indem auch er sich stellte, als scherze er. »Aber du hältst dich nicht an die Entwürfe. Der Stil deiner Ausführung eignet sich mehr für eine Markthalle als für eine Kirche.« Francisco wandte sich um. »Diese Behauptung ist eine Frechheit!« »Mäßige deinen Ton!« »Wer mir dreinredet, als sei ich ein grüner Anfänger, der beleidigt mich!« Bayeu warf sich in Positur. »Ich bitte dich zu bedenken, welches Amt ich hier ausübe. Ich sage kein Wort, das nicht meiner Pflicht entspringt.« »Zwischen zwei Menschen wie uns ist es lächerlich und bösartig, sich auf ein Amt zu berufen.« »Deine Empfindlichkeit ist nicht am Platz«, kam es zwischen den schmalen Lippen hervor, »erinnere dich daran, daß ich der um zwölf Jahre ältere bin.« »Und wenn dir Schimmel auf dem Buckel wächst vor Alter, hast du vor meiner Arbeit den Mund zu halten.« »Es wird Zeit, dich darauf aufmerksam zu machen, daß das Domkapitel deine Arbeit mit steigender Unruhe verfolgt ...« »Mich darauf aufmerksam zu machen ...« Franciscos Wut steigerte sich über diese Heuchelei. »Was für eine Schamlosigkeit, während doch dein Neid hinter allem steckt!« Bayeus Gesichtsfalten spannten sich vor verbissener Wut. »Ich habe Anspruch auf deine Dankbarkeit«, zischte er, »ohne mich hättest du diesen Auftrag nicht bekommen und auch all das andere nicht, womit du dich jetzt brüstest – wenn ich schon gestehe, daß ich dir nur um Josefas willen weitergeholfen habe.« Francisco wandte nochmals alle Kraft auf, sich zu beherrschen. Gedämpft, doch von Haß und Drohung wetterleuchtend, kamen seine Worte hervor: »Wenn du Mut hast, komm heute nachmittag mit dem Degen hier herauf. Oder ziehst du Messer vor? Mit Zeugen, ohne Zeugen – mir ist es gleich.« Bayeu, sehr bleich, erzwang von sich ein Gelächter. »Du verwechselst mich mit den Raufbolden und Toreros deiner Bekanntschaft. Und möchtest wohl das Heilige Kollegium wieder einmal auf dich aufmerksam machen. Mord in der Kirche – das würde deine bisherigen Heldentaten noch übertreffen.« »Jetzt geh, du Feigling, sonst blas' ich so kräftig nach dir, daß du das Übergewicht bekommst!« Bayeu setzte, so gut es ging, eine verächtliche Miene auf, riß die Reste seines Mutes zusammen und begann in schulmeisterndem Ton nochmals zu sprechen: »Ich möchte dir also im Namen und Auftrag des Domkapitels ...« »Im Namen und Auftrag des Teufels befehle ich dir, das Maul zu halten und dich wegzuscheren!« Er ergriff einen Kübel voll schmutzigen Wassers und rückte dem Feind auf den Leib. »Ich weiche der Gewalt«, schrie der Schwager und stieg die Leiter ab. Francisco beobachtete den Abstieg mit einem vor zornigem Siegesbewußtsein geradezu lachenden Gesicht. Als Bayeu die letzte Sprosse überwunden hatte, goß ihm der Sieger den Inhalt des Kübels nach. Das klatschte und schlug doch stärker, als Francisco sich überlegt hatte. Bayeu fiel zu Boden und konnte sich nur taumelnd erheben und weitergehen. »Ja so – ich habe versprochen, mich zu unterwerfen«, sprach Francisco laut zu sich selbst. Jetzt konnte er die Sache ja beim richtigen Namen nennen.   Am nächsten Morgen empfing Francisco ein Schreiben des Domkapitels, das ihm mit kurzen Worten die weitere Arbeit in der Kirche Nuestra Señora del Pilar verbot. Das Honorar für die bisherige Tätigkeit, etwas schäbig, doch nicht gerade anfechtbar bemessen, lag bei. Für Doña Josefa trafen zwei Medaillen ein mit dem Bild der heiligen Säule, eine goldene und eine silberne, begleitet von einem Brief, der dieses Abschiedsgeschenk der Schwester des Don Francisco Bayeu zuwies. »Das ist eine Unverschämtheit«, platzte Francisco los, »schick ihnen den Bettel zurück!« »Ich wüßte nicht, weshalb es für mich eine Schande sein sollte, als Schwester meines Bruders ein Geschenk anzunehmen.« Sie griff nach den Münzen und legte sie in ein Kästchen, ihr Gesicht erinnerte ihn peinlich an eben jenen Bruder. Er trug die Briefe zu Martin Zapater. Der fing wieder von Vermittlung an, aber Francisco höhnte nur: »Ich pfeife so laut ich kann auf alle Honoratioren, Prälaten, Kapitel, Magistrate, Onkel, Tanten und Vettern – und reise heute noch ab. Ich besuche die Eltern, nehme ein Maultier aus deinem Stall – wir werden es verrechnen – stecke Proviant in die Satteltaschen und reite los. Pepa wird unsere Habe packen und, wenn ihr der Diener kein genügender Schutz ist, sich nach einer günstigen Reisegelegenheit umsehen«.   Noch beim Ausritt aus der Stadt hatte Francisco die Empfindung, er ziehe ein Gewirr von Fäden hinter sich her, die zurückreichten bis in ein Dutzend dumpfer Haustüren. Erst als die Dächer, Türme und Kuppeln allesamt hinter einer Hügelwelle verschwanden, rissen auch die Fäden. Er war frei – oder wenigstens viel freier als zuvor. Er schaute noch einmal zurück, ob auch sicher nichts mehr von der Stadt zu sehen sei. Erster Teil. Die Herzogin 1 Vor dem Kuppelbau der neuen Madrider Kathedrale und zu beiden Seiten der vom Königsschloß herüberführenden Straße drängte sich das Volk. Es war ein strahlender Dezembersonntag, warm in der Sonne, kalt im Schatten – einer der gefährlichen Tage des kastilischen Klimas. Der König hatte die Kirche zu Ehren des heiligen Franziskus bauen lassen, der in Spanien der Große heißt, heute sollte sie mit allem Prunk des Hofes eingeweiht werden: Karosse um Karosse rollte heran, und wer einen günstigen Platz am Portal hatte, konnte die Granden, Offiziere, Hidalgos mit ihren Damen aussteigen und in das Gotteshaus eintreten sehen. Einige Gäste erschienen in Mietkutschen, diesen weniger Vornehmen hatte ihre Mitarbeit am Bau und der Ausgestaltung der Kirche die Ehre der Einladung eingebracht. Ein zweirädriger Wagen fiel ein wenig aus dem Rahmen, ihn lenkte in hoffähiger Festkleidung, einen in neuem Mantel prunkenden Diener neben sich, der Besitzer: Francisco Goya. Viele der Gaffer kannten den Maler und wußten mancherlei Geschichtchen über ihn und auch über sein lackiertes und vergoldetes Fahrzeug, das in ganz Madrid nur zwei Geschwister besaß. Man erzählte sich, er sei sehr stolz darauf, habe aber, bei der wackligen Bauart nicht weiter verwunderlich, viel Mißgeschick damit, einige waren noch vor wenigen Tagen Zeuge gewesen, wie der etwas bockige Gaul den Wagen umgeworfen und Don Francisco, glücklicherweise sanft, auf die Erde abgeladen hatte. So gab es während der ganzen Vorüberfahrt Lächeln. Francisco, am Eingang angekommen, war selbst froh, daß die Fahrt mit einigem Anstand vorübergegangen war. Er hieß den Diener unter den andern Kutschern warten, nahm den Empfang durch einen Höfling mit Würde entgegen und wurde auf den Platz der Künstler geführt, der sich, außerhalb der Rangordnung, an einer Seitenwand befand. Er kam allein: der beschränkte Raum ließ die Zuziehung der Künstlergattinnen nicht zu. Francisco konnte den Altar sehen, dessen Bild er gemalt hatte, natürlich war es nicht der Hochaltar – den hatte der Schwager Bayeu für sich und seine Schüler mit Beschlag belegt. Das Bild war verhängt wie alle andern, er wußte kaum mehr, wie es aussah, denn er hatte es vor drei Jahren gemalt und abgeliefert. Wäre es nach ihm gegangen, hätte man die Kirche schon damals einweihen können, aber die Kollegen brauchten Zeit, um mit ihren Meisterwerken fertigzuwerden. Er hatte sich sehr angestrengt und war auch mit sich einigermaßen zufrieden gewesen, obwohl ihn der Stoff, eine Predigt des heiligen Bernhardin von Siena, nicht eben reizte – die verfluchten Staats- und Kirchenaufträge hatten immer solche blödsinnigen, zum Gähnen langweiligen Inhalte ... Zufrieden – was bedeutet das nach drei Jahren? Schreitet man in drei Jahren nicht weiter? Zum Teufel – diese saumseligen Burschen, diese tüpfligen Hofanstreicher wußten nicht einmal, welche Chance sie ihm durch ihren Schneckentrott nahmen ... Heute würde er diese Sache ganz anders malen, noch weiter weg vom Üblichen, Akademischen – lebendiger noch, ein bißchen frech, ein bißchen schmissig. Jeder müßte sagen: Donnerwetter, dieser Goya ... Aber schließlich konnte ein wenig Zahmheit doch seine Vorteile bringen. Auf die Meinung der Hofschranzen kam es an, auf die Meinung des Königs. Ob der überhaupt eine Meinung hatte? Ist es nicht eigentlich eine Niedertracht, so als Höflingsanwärter dazustehen und auf das Urteil dieser Hohlköpfe demütig zu warten, statt ihnen die Rückseite zu zeigen und nach dem eigenen Geschmack zu malen? Gemach, gemach – das hat alles seinen guten Sinn! Ein wenig Geduld noch – bald ist man oben, muß man oben sein, und dann ... Er phantasierte sich noch gar keine Einzelheiten vor, was dann sein würde – wußte nur dumpf: Ihr dünkt euch alle höher zu stehen als ich, und ich will euch zeigen, wie sehr ihr euch täuscht – aber um es euch zeigen zu können, müssen diese kleinen Äußerlichkeiten erledigt werden. Wir müssen einander vom gleichen Boden aus in die Augen sehen! Für heute ließ sich ein hübscher Nebenerfolg denken: vielleicht gelingt es, diesen Schwager mitsamt seinen Küchlein auszustechen. Man ist zwar notdürftig versöhnt, Pepa hat eine Rührszene veranstaltet ... Aber daß sie einander hassen, das wissen sie beide. Da drüben steht er, bleich, mit seinem gallig süßen Lächeln, und tänzelt nervös von einem Bein aufs andere. Mein Gott, welche Verbeugung vor dem breiten Ordensband ... In diesem Augenblick ging der Minister Graf Floridablanca vorüber, wurde auf Francisco aufmerksam und nickte ihm freundlich zu. Francisco bückte sich tief. Und diese Verneigung unmittelbar nach jenem spöttischen Gedanken kam ihm durchaus zum Bewußtsein ...   Draußen vor der Kirche nahm die Spannung zu. Militär zog auf. Die Wagen der Infanten und Infantinnen, von Leibgardisten geleitet ... der des Prinzen und der Prinzessin von Asturien, dieses in den Dreißigern stehenden, aber schon seit bald zwanzig Jahren vermählten Paares: er leeren Gesichts und ein wenig feist, sie, die Tochter des Königs von Neapel aus dem Hause Parma, mit stechenden Augen und hochmütigen Mienen, denen ihre Feinde das Warten auf die Verwaisung des Königsthrones anzusehen behaupteten. Das Volk schaute ohne viel Respekt durch die Glasscheiben dieser Kutsche. Jetzt mußte der König kommen. Seit zwei Tagen befand er sich in Madrid, jedes Jahr, so viele er schon regierte, kehrte er am zehnten Dezember vom Escorial in die Hauptstadt zurück – das wußte allmählich jeder Bürger. Und er kam. Zuerst Vorreiter. Dann der achtspännige Galawagen mit einem Hofbeamten auf dem Bock neben dem Kutscher und zwei andern auf den Trittbrettern, von berittenen Leibgardisten ganz umgeben, so daß niemand den Insassen zu Gesicht bekam. Nur die dem Portal zunächst Stehenden erblickten für kurze Zeit die lange, etwas gebückte Gestalt des Aussteigenden, seinen schmalen, dünn lächelnden Kopf. Gewiß gab es in Madrid allerlei Personen, die, mehr oder minder heimlich, über Carlos den Dritten und sogar über sein Amt ihre eigenen, sehr freien Gedanken hegten. Aber hätte man hier aus diesen nicht ohne ehrfürchtige Schauer Gaffenden wahllos einige herausgegriffen und sie gefragt, ob sie den König liebten oder wenigstens mit ihm zufrieden seien – sie wären, außerhalb der gewohnten, an der Zustimmung des Nachbars sich ermutigenden Gassen- und Schenkengespräche, um eine Antwort verlegen gewesen. Daran, daß ein König sein müsse, zweifelte kaum einer, sowenig wie an den Heilslehren der Kirche, und dafür, ob dies ein guter oder ein schlechter sei, fehlte im Grunde die Möglichkeit des Vergleichs. Die Bürger fühlten sich durch jene kleinlichen Vorschriften, die in ihren täglichen Wandel eingriffen, kaum mehr beschwert, weil sie nun seit langem nichts anderes gewöhnt waren. Was man besonderes von Carlos wußte: daß er den Mönchen und Inquisitoren das Privileg der Befreiung vom Militärdienst genommen und gar die Jesuiten vertrieben hatte – das hätte den Klerus zu einer Hetze gegen ihn veranlaßt, würde der König nicht jeden derartigen Versuch scharf bestraft haben. Ein Übergriff des Großinquisitors selbst wurde mit der Verbannung beantwortet. Und da also die Geistlichkeit ruhig blieb, blieb es nicht weniger das in seinen Meinungen von ihr abhängige Volk. Auch hatte der Papst inzwischen den Jesuitenorden aufgehoben, den spanischen Schritt also sanktioniert, und gegen die Strenggläubigkeit und Frömmigkeit des Königs ließ sich nicht der geringste Einwand erheben ... Um die lange gebückte Gestalt entwickelte sich ein großer Empfang: Uniformen, Dreispitze, Perücken, Federbüsche, Feströcke und Ordensbänder in allen Farben des Regenbogens, Ordenssterne in allen Formaten, klirrende Degen, rote und violette Prälatensoutanen, funkelnde Kreuze, priesterliche Hermelinpelerinen, goldgestickte Mitren, dazwischen die dunklen Seidenkleider der Damen und ihre auf hohen Kämmen aufgesteckten schwarzen Mantillas ... Der pralle Knäuel all dieser im unmittelbaren Abglanz des Monarchen sich Sonnenden, platzend fast von der Gewalt und Herrlichkeit der Würden und Großwürden, die aus ihren Trägern wie ein Duft ausströmten und wie ein Gewimmel ineinander überfließender Heiligenscheine über ihnen schwebten – dieser aristokratische Knäuel also schob sich unter plötzlich und laut einsetzenden Orchesterklängen hinter der vom Kardinalprimas von Spanien geleiteten Majestät in das von gedämpftem Tageslicht und tausend Kerzen erleuchtete Haus des Dreieinigen Gottes und des Großen Bräutigams der Armut – so gut wie ungeordnet trotz den zappelnden Bemühungen des Oberhofmarschalls, dann aber durch eine unabweisliche Sitzordnung gleich den Engelscharen hierarchisch-gerecht sich staffelnd. Weihrauch dampfte auf, die Hüllen fielen von den Bildern, die Musik verstummte. Umrahmt von den Spitzen der Geistlichkeit begannen der Primas und seine Gehilfen ein feierliches Hochamt zu zelebrieren, Stufen auf und nieder steigend, kniend, sich verneigend, aus alten prächtigen Büchern rezitierend und singend. Schwere Meßgewänder und Stolen wurden dem Kirchenfürsten übergelegt, abgenommen, mit anderen vertauscht. Brokat, Gold, Silber, edle Steine schimmerten unter den zitternden Flammen der Kerzen. Die Orchestermusik hob wieder an, mischte sich mit Chören, brach ab, der priesterlichen Stimme allein Raum lassend, brauste von neuem auf. Manche Klangwelle drang hinaus zum Volk, das, von der Feier ausgeschlossen, neugierig lauschend verharrte und an den gehörigen Stellen sich bekreuzigte ...   Nach Schluß der gottesdienstlichen Handlung und nachdem auch die Seitenaltäre geweiht waren, trat der König mit Gefolge einen Rundgang zur Besichtigung der von ihm in Auftrag gegebenen Bilder an. Die Maler wurden durch einen Kammerherrn angewiesen, sich in der Nähe ihrer Arbeiten aufzustellen. Francisco sah seinem Altarbild ins Auge wie einem nach ein paar Jahren der Abwesenheit wiederkehrenden Freund. Da war eigentlich gar nicht viel auszusetzen ... er hatte sich doch verdammt angestrengt. Feurig, begeistert der heilige Prediger, lebendig, von seiner Rede angefüllt der kleine Kreis der erlauchten Zuhörer – besonders dieser König von Aragôn, Alfonso, wurde gebührend ernst genommen. Nein, nein, kein Spott: das war ein wirklicher, ein weiser König ... Ein Werk, zu dem man in jeder Weise stehen kann. Wenn sie das nicht gut finden, sind sie eben Dummköpfe – da braucht man sich nicht weiter aufzuregen. Noch verweilte die königliche Gruppe beim Hochaltar. Wie der Schwager scharwenzelte! Das wird noch eine ganze Zeit dauern ... Es ist ein Warten wie damals bei der Preisverteilung in Parma. War das eine lächerliche Sache! Und heute? Ist dies vielleicht nicht lächerlich? Eigentlich wäre immer noch Zeit, davonzulaufen ... Schließlich kommt der König an der Spitze seines Gefolges. Graf Floridablanca stellt Francisco vor, der zum Handkuß zugelassen wird. Auch dem Kardinal wird er vorgestellt. Ein feiner, selbstbewußter Kopf, aber trauen würde ich ihm nicht, denkt er und muß sich auch hier schon zum Handkuß neigen. Den König hat er nicht so genau anschauen können; vielleicht war doch etwas Befangenheit dabei. Jetzt wendet sich alles dem Bild zu. Francisco tritt ein wenig beiseite und beobachtet fünf, sechs Höflinge: sie tragen eine neutrale Miene zur Schau, die sich aber im Zustand einer gespannten Spiralfeder befindet, nämlich jeden Moment losschnellen kann, vorwärts oder rückwärts, in Lob oder Ablehnung hinein, gegebenenfalls auch in betonte Uninteressiertheit – je nachdem der Monarch das Zeichen gibt. Carlos schweigt ziemlich lange. Dann wendet er sich zu Francisco. »Ausgezeichnet«, sagt er und betont jede Silbe mit einem Nicken seines bäurischen Kopfes. »Ausgezeichnet«, wiederholt er. Und nach einer kleinen Pause spricht er das Wort ein drittes Mal, da er offenbar gerade kein anderes zur Hand hat Schon nehmen die Gesichter aller Umstehenden einen sanften Sonnenglanz an, der dazu bestimmt ist, dem bevorzugten Maler zuzuströmen – einen Glanz, der zugleich genug Intimität in sich trägt, um anzudeuten: Dieser große Künstler ist ja eigentlich seit langem mein persönlicher Freund ... Und die Köpfe, Würdenträgerköpfe allesamt, beginnen ganz leise ein zustimmendes Nicken anzudeuten; ein ungehemmtes Schwingen der Pendel würde die Etikette verbieten. Die Majestät fragte: »Stellen diese Zuhörer bestimmte Personen dar?« Francisco stutzt einen Augenblick, denn daß der aragonische König auf dem Bild zu sehen sei, hatte man ihm seinerzeit als besonderen Wunsch des Monarchen bezeichnet. Das hat er inzwischen vergessen, schießt ihm durch den Kopf, kein Wunder bei diesem Tempo meiner Kollegen ... Und er antwortet, was zu antworten ist. »Ah so: ein Ahn, auch auf Umwegen«, nickt Don Carlos und nimmt seinen Urvorgänger mit Jägerblick aufs Korn. »Ja, ja, so mag er ausgesehen haben ... Ich bin ganz besonders zufrieden.« Freundlich lächelnd geht er weiter, während der Kardinal, um zu betonen, daß er auch in des Königs Gegenwart Fürst ist, sich gleichfalls an Francisco wendet. »Ein wertvolles Werk«, sagt er mit der Miene des Richters letzter Instanz. Das übrige Gefolge hat sich mit Don Carlos entfernt, doch drängen sich andere Hofbeamte heran – es sind wirklich so viele, daß sie sich ein wenig drängen müssen – und beglückwünschen den vom König ausgezeichneten Künstler. Es sind solche darunter, die er nie gesehen hat. Doch nun weichen sie mit Bücklingen zur Seite ... Francisco hat nicht bemerkt, daß hinter der königlichen Gruppe eine zweite von Bild zu Bild gegangen ist. Sie bewegt sich jetzt auf ihn zu, an der Spitze eine junge, schöngewachsene Dame, die den Stern eines hohen Ordens am Mieder trägt, die Mantilla ist zurückgeschlagen: ein Gesicht ist zu sehen, das mit seinem kleinen Mund und den auffallend hohen Brauenbögen preziös zu nennen wäre, blickten die Augen nicht so frisch und natürlich. Die Herzogin von Alba. Doña Maria Teresa Cayetana de Silva, Duquesa de Alba, Marquesa de Villafranca, trägt den hohen Titel des Ersten Granden von Spanien: sie ist eine Alba von Geburt, nicht durch Heirat. Vielmehr steht ihrem Gatten, der sich während dieses Rundganges immer wieder vergebens bemüht, sich neben ihr zu halten, weil er nicht zur Begleitung zählen will, die Herzogswürde gar nicht zu. Warum übrigens Doña Cayetana den kränklichen, melancholischen Don José Alvarez de Toledo, Marqués de Villafranca, geheiratet hat, weiß niemand ... Francisco wird vorgestellt, küßt die behandschuhte Hand der Duquesa, schüttelt die des Marqués. »Ich besitze zwei Wandteppiche Ihres Entwurfs«, sagte Doña Cayetana, »lustige Szenen, und dachte mir, Sie müßten auch ein lustiger Mensch sein.« Er kann nichts tun als verblüfft lachen und sieht nicht sehr gescheit aus in diesem Augenblick. »Malen Sie auch Stierkampfszenen?« Der Marqués, ihr Gatte, versucht sich anmerken zu lassen, daß er das Gespräch für eine Kirche nicht so recht passend findet. »Nur einmal habe ich bisher dergleichen versucht, Eure Exzellenz – gleichfalls für einen Teppich.« »Ich würde mir Stierkampfszenen für einen Maler interessant denken. Sie lieben doch die Corrida?« »Über alles!« »Ach ja – man hat mir erzählt, daß Sie selbst ...« Sie lächelt anerkennend, unterbricht sich. »Ihre Porträts des Infanten Don Luis Anton haben mir sehr gefallen.« Er fühlt sich geschmeichelt, daß sie von diesen Bildern weiß, der Infant, ein nicht ganz standesgemäß verheirateter Bruder des Königs, ist seine höchste Beziehung. Die Duquesa hat sich mit ihrem Gatten und den ihr huldigenden Kavalieren schon entfernt, als ihm zum Bewußtsein kommt, daß sie kein Wort über sein Altarbild gesagt, ja es überhaupt keines Blickes gewürdigt hat. Sie hat, er weiß es nicht, auch keines der übrigen Gemälde besichtigt, sondern mit allen Malern über andere Dinge gesprochen: nur um dieser Kaprice willen geht sie hinter dem König her. Francisco ist verstimmt. Was erlaubt sie sich? brennt der Ärger in ihm auf, weshalb kommt sie hierher, wenn sie das Bild nicht sehen will? Er vergißt, daß sie eine Frau ist, die seinen Augen wohlgetan hat, und vergißt ihre Worte über die Teppiche und Porträts. Heute geht es um den heiligen Bernhardin! Sieh da: der Schwager ... »Was hast du Glück gehabt!« flüstert Bayeu hastig und heftig. Sein Essiggesicht ist gesüßt, als wolle er sich für alle Fälle sogleich die Protektion des Glückskindes sichern. »Manchmal verdient man sogar sein Glück«, sagt ihm Francisco kühl in das Händeschütteln hinein – und die Freude über diese halbwegs schlagfertige Antwort bringt ihm die strahlende Laune zurück.   Kaum denkt er, während er sein Pferd heimwärts lenkt, noch daran, ob er den König vorher für einen Kunstkenner gehalten, welche Betrachtungen er vorher über den Beifall der Höflinge angestellt hat. Nur noch an seinen Sieg denkt er, er würde sich wahrhaftig nicht wundern, wenn ihm das Volk applaudierte ... Doch dann bläht er sich scherzhaft auf, nennt sich den Schwerpunkt des königlichen Interesses, den Brennpunkt des Hofes, den Nabel von Spanien. Und beschließt, sogleich einen Brief zu verfassen, der in Zaragoza einschlagen soll, einen Brief an Martin Zapater. Der wichtigste Satz steht schon fest: »Der König ist ganz verrückt auf mich.« 2 Erhitzt und verschwitzt war der König von der täglichen Jagdpartie zurückgekommen – in das Schloß von Aranjuez. Man stand kurz nach dem Osterfest, das der Hof wie alljährlich in Madrid begangen hatte, und einige dieser Apriltage waren schon sehr besonnt. Es war eine kleine Sache gewesen, zweihundertdrei Pferde nur und zweihundertachtundachtzig Treiber – Don Carlos hielt sich über alle Zahlen genau auf dem laufenden. Er ließ die Fenster sorgfältig schließen, um sich nicht zu erkälten, und empfing den auf zwölf Uhr fünfzehn bestellten Kriegsminister im zugeknöpften grünen Jagdrock. Der Minister, General zugleich, vor einem unpraktisch geschweiften Tisch stehend, auf dem er einige Dokumente niedergelegt hatte, berichtete über die Aufstände in den Kolonien, die vor einigen Tagen durch einen Sonderkurier aus Indien überbrachten Neuigkeiten waren gesichtet und geordnet worden. »Wie sagten Sie eben, daß der peruanische Rebell heiße?« Carlos wischte sich mit dem Ärmel die noch immer aufquellenden Schweißtropfen von der Stirn. »Gabriel, Eure Majestät, ist der Name, den er in der christlichen Taufe empfangen hat, Gabriel Condorcanqui. Als er offen seinen Glauben verleugnete, nannte er sich Tupac-Amaru, das sind heidnische Worte, und behauptete, ein Nachkomme der alten, von den großen Feldherrn der Vergangenheit ausgerotteten Inkafürsten zu sein. Er ging auf teuflische Weise vor: während er mit seinen Anhängern allmählich sechs Provinzen eroberte, verschonte er alle christlichen Priester und alle im Land geborenen Weißen und übertünchte, so schreibt Seine Eminenz der Erzbischof von Lima, die grauenhafte Lehre von der Gottheit der Sonne mit so vielen pseudochristlichen Formen, daß mancher Gläubige irre wurde und nichts Ketzerisches an ihm fand.« »Wahrhaftig eine Teufelei«, unterbrach ihn der König und nickte gedankenvoll mit dem Kopf. Er, der gegen jede Einmischung der Geistlichkeit in die Regierungsgeschäfte Front machte, fühlte sich zugleich als Schutzherr des katholischen Glaubens und der Kirche. »Als der Statthalter Eurer Majestät«, fuhr der Minister fort, »genügend Truppen konzentriert hatte, konnte er mit aller Schärfe vorgehen und ein Exempel statuieren. Viele Aufständische wurde getötet und Gabriel, der sich zum Kaiser von Peru hatte ausrufen lassen, lebendig gefangengenommen. Ich entnehme den Berichten, daß ihm in aller Form der Prozeß gemacht wurde wegen Rebellion gegen den erhabensten, wohlwollendsten, gerechtesten und liebenswertesten Monarchen. Eure Majestät erlauben mir die Zwischenbemerkung, daß auch in den Augen des vor Ihnen stehenden untertänigsten Dieners diese erlauchten Eigenschaften Eurer Majestät die Handlungsweise des Rebellen besonders abscheulich erscheinen lassen.« Er verbeugte sich tief, während Don Carlos ihn mit einer etwas gelangweilten Handbewegung aufforderte, den Bericht fortzusetzen. »In Verfolg des Urteils wurde dem Verbrecher die Zunge ausgerissen und er sodann gezwungen, der Enthauptung seines Weibes und seiner Kinder anzuwohnen. Schließlich wurde er gevierteilt.« Der König rückte etwas unruhig auf seinem Sessel hin und her. »Hochverrat und schwere Ketzerei«, murmelte er zur eigenen Beschwichtigung vor sich hin und fügte, zum General gewandt, laut hinzu: »Es sind Wilde.« »Wahrhaftig, Eure Majestät, man kann diese Indios kaum unter die Menschen rechnen ... Leider muß ich melden, daß auch unsere braven Truppen große Verluste erlitten haben. Nach der Hinrichtung des Rebellen ist zudem der Aufstand neu entflammt. Die Entsendung weiterer zwanzigtausend Mann läßt sich nicht umgehen. Ich bitte Eure Majestät um die Ermächtigung. Das Dekret ist zur Unterschrift vorbereitet.« Er reichte dem König das Papier. »Ich vertraue darauf, daß Sie nichts Überflüssiges anfordern.« Carlos las die wenigen Zeilen durch, die über das Schicksal von zwanzigtausend Soldaten und von noch viel mehr Indios entschieden – über ein Schicksal, das für Tausende auf Tod, für Tausende auf Grauen und Elend lautete. Und setzte die Formel der drei Worte darunter, die seit Jahrhunderten jeder spanische Monarch unzählige Male unter die Regierungsdokumente gesetzt hatte: Ich, der König. »Aus Neu-Granada lauten die Nachrichten besser«, nahm der Kriegsminister seinen Vortrag wieder auf, während er das Papier in eine Mappe legte. »Der streitbare Erzbischof von Santa Fé ...« In diesem Augenblick begann eine Standuhr zwölf Stunden und zwei Viertel zu schlagen, eine zweite mischte alsbald ihre silbernen Schläge dazwischen, als beide geendet hatten, stellte sich eine dritte ein. Der König verfolgte den Vorgang auf einer goldenen Taschenuhr, so daß der Minister nicht weiterzusprechen wagte. »Es ist wirklich zum Verzweifeln«, sagte Don Carlos, »daß es nicht möglich sein soll, auch nur drei Uhren zu pünktlichem gleichzeitigem Schlagen zu erziehen. Ich habe diese drei schon aus einer großen Zahl auserwählt. Aber mehr als Sie eben gehört haben, läßt sich nicht erreichen.« »Immerhin ein höchst anerkennenswertes Ergebnis, das von der Kunstfertigkeit Eurer Majestät beredtes Zeugnis ablegt.« »Ich möchte das Ideal der absoluten Pünktlichkeit erreichen und habe keinen Erfolg damit. Wenn man wüßte, welche Uhr die zuverlässigste ist, müßte man daran denken, sich auf eine einzige zu beschränken ... Jedenfalls danke ich Ihnen für heute. Morgen sehe ich Sie bei der Hirschjagd ... In anderthalb Minuten kommt der Marques von Aguilar – ich esse heute öffentlich.« »Wir sind uns alle der Größe dieses Gnadenbeweises bewußt.« Als der Minister unter der Tür stand, rief ihm der Monarch nach: »Nun haben Sie von meinem Schreibtisch bis zur Tür elf Schritte gemacht – das letztemal waren es nur zehn.« Gleich darauf wurde der Oberkammerherr, Marqués de Aguilar, hereingeführt. »Heute geht Ihre Uhr ziemlich richtig, Don Enrique«, empfing ihn der König, »Sie kommen um nicht mehr als vier bis fünf Sekunden zu spät.« »Ich bin über diese Differenz untröstlich, Eure Majestät«, seufzte der Marqués. »Darf ich gehorsamst melden, daß der Beginn der Mahlzeit befehlsgemäß auf ein Uhr vorbereitet wird ...« »Sie wissen, ich bin kein Freund solcher Zeremonien, um so mehr hoffe ich, daß das Uhrwerk exakt abläuft.« Er kam aus seinem Gedankengang nicht heraus. »Ich glaube sagen zu dürfen, Majestät, daß die Hofchargen dabei sind, ihr Äußerstes zu tun.« Der König verließ mit dem Marqués das Arbeitszimmer und durchschritt im Vorraum die Reihen der sich tief verneigenden Granden. Zwei diensttuende Kammerherrn und sechs Pagen folgten ihm und dem Oberkammerherrn in gemessenem Abstand. Im Ankleidezimmer knöpfte der Marqués dem König den Rock auf. »Ich schwitze noch immer, Don Enrique«, stellte Carlos fest.   Währenddessen waren in einem Prunkraum des Schlosses die Zurüstungen für die öffentliche Mahlzeit des Königs in vollem Gang. Die Öffentlichkeit solcher Schauessen, die nicht allzuoft stattfanden, bedeutete übrigens nicht die Zulassung beliebiger Gaffer, vielmehr konnten außer den bei Hof vorgestellten nur empfohlene, protegierte, zuverlässige Personen anwesend sein. Der Kücheninspektor, ein meergrün gekleideter, merkwürdigerweise sehr dürrer Kavalier, hatte, den mit der Goldkrone gezierten Ebenholzstab in der Hand und gefolgt von vier Leibgardisten im Offiziersrang, einen Korridor des Schlosses durchschritten und den Oberbrotmeister sowie den Obermundschenken vom Beginn der feierlichen Zeremonie benachrichtigt. Diese hatten ihre Räume verlassen, begleitet von dem in den Vorzimmern versammelten Personal: dem Brotinspektor, Kellermeister, Haushofmeister, Leibarzt, den Kammerdienern und Gehilfen. Dieser Zug festlich gekleideter, mit dem Dreispitz unterschiedlicher Garnierung bedeckter Männer war im Speisesaal angekommen. Dort stand unter einem Thronhimmel, der das königliche Wappen an der Stirn trug, ein mit rotem Brokat ausgeschlagener und vergoldeter Armsessel, davor ein Mahagonitisch. In einiger Entfernung waren vier weitere Tische aufgestellt, die nicht etwa der Speisung von Gästen, sondern der für des Königs Majestät notwendigen Ansammlung von Geschirr, Besteck, Brot, Beilagen, Obst, Dessert und von ähnlichen Dingen zu dienen hatten. Vor dem Brottisch übergab der lange und kräftige, mit einem himmelblauen Seidenrock und einigen Ordenssternen angetane Oberbrotmeister dem Kücheninspektor seinen mit einer Straußenfeder geschmückten Hut, ließ sich von dem kleinen und dicken Obermundschenken eine weiße Serviette über die linke Schulter legen und empfing aus seiner Hand das goldene Salzfaß, das der Obermundschenk zuvor geküßt hatte. Er hielt es mit der von einer Ecke der Serviette bedeckten Linken und verblieb kurze Zeit in dieser bedeutungsvollen, durch die Tradition von Jahrhunderten vorgeschriebenen Stellung – so lange nämlich, bis die Tafel des Königs gedeckt war. Der erste Kammerdiener war schon dabei, das Tafeltuch feierlich mit behandschuhten Fingern auszubreiten, und ordnete sogleich auch die Königsmesser in Kreuzesform, der Brotinspektor trug die Teller und das Brot mit einer Miene herbei, als hänge das Geschick Spaniens von seinem Tun ab. Jetzt sank das goldene Salzfaß auf einen der Königsteller, der es handhabte, der lange Oberbrotmeister, kostete von dem Inhalt mit einem kleinen Löffel, andächtig, als handle es sich um einen edlen Wein, und bedeckte Gefäß und Teller mit jener Serviette. Dann begab er sich priesterlichen Schrittes in einen Nebenraum, in dem bereits ein Hofmarschall und mehrere Kammerherren warteten – mit wichtigen Mienen, als seien sie zu einem Kriegsrat versammelt. Wie wenn es keine vornehmere Haltung gäbe, als in diesem Augenblick der Zurüstung vorübergehend abzutreten, verließ der Obermundschenk gleichfalls erhobenen Hauptes den Saal, geleitet vom Kellermeister, einem Kammerdiener, zwei Gehilfen und den vier Leibgardisten. Diese ehrenwerten Männer so verschiedener Rangstufen bildeten die Kellerprozession. Den Reigen der Zurückkehrenden eröffnete der Kammerdiener, er trug den Hut des Obermundschenks in der einen, einen Untersetzer in der andern Hand. Dahinter kam der Wein. Und schon pochte der Chefkammerdiener an jene Pforte, hinter die sich der Oberbrotmeister zurückgezogen hatte, und rief, natürlich von höherer Stelle dazu angehalten, mit lauter Stimme: »Caballeros, das Fleisch!« Die Tür ging auf, die Versammelten quollen heraus, Eifer mit Würde paarend, und ordneten sich zum Zug, den aber diesmal nicht der dürre Kücheninspektor anführte, sondern der mit einem noch prächtigeren Stab bewehrte Hofmarschall, ein Mann, den der Ernst seines Amtes nicht rechts und nicht links blicken ließ. Damit begab er sich zwar des Überblicks über seine Herde, bestritt aber durch solches Symbol zugleich die Existenz jedweder Möglichkeit, in diesem Raum könnte auch nur ein Schritt gegen das heilige Zeremoniell geboren werden. Er wußte fest und sicher, was seitlich und rückwärts geschah, geschehen mußte, war wie ein Prophet, dem der Ablauf des längst vorausgeschauten Schicksals keine Kopfwendung mehr abzunötigen vermag. Die Herren hatten ihre Arbeit in einem Vorraum der Küche zu leisten, in den, es ließ sich nicht leugnen, mancher an die Tätigkeit des Unterpersonals erinnernder Brodem hereindrang. Aber das Bewußtsein, gewissermaßen an der Zelebrierung eines an die Majestät gerichteten Brandopfers beteiligt zu sein, hielt auch die hochgestellten unter ihnen aufrecht. Der Oberkoch brachte die Schüsseln, der Oberküchenmeister deckte sie ab, der ernste Hofmarschall kostete. Dann aber – es müßte wie Mißtrauen gegen den Hofmarschall aussehen, läge nicht eine schriftliche Order des obersten Hofmarschalls selbst vor – lüftete der lange Oberbrotmeister nochmals prüfend die Deckel, in Wahrheit hätte es vor den Augen so vieler treuer Diener keinem noch so gewiegten Verbrecher gelingen können, etwa eine gebratene Wachtel mit einer lebendigen Giftschlange zu vertauschen. Dann legte er eine Schüssel um die andere in die Arme der Kammerherren, deren Hüte wiederum durch den Kammerdiener aus der Szene gezogen wurden. Leider passierte dem Oberbrotmeister dabei ein Versehen, dessen Wiedergutmachung ihn viele Komplimente kostete und den rechtzeitigen Beginn des Essens beinahe verzögert hätte: er hatte die Pflicht, streng nach dem Dienstalter zu verfahren, reichte aber die getrüffelte Kapaunenleber nicht dem Marqués de Mancera, sondern dem jungen Conde de Fuenclara y Clavijo, der erst Anspruch auf den Rehrücken hatte. Aber konnte sich unterwegs nicht doch ein finsterer Verschwörer einschleichen, und sei es auch nur mit einem unwillkommenen Purgativ? Oh – man sah sich vor! Als die Schüsseln auf der königlichen Tafel niedergestellt waren, kostete der Oberbrotmeister unter vollem Einsatz seines ganz dem Monarchen geweihten Lebens nochmals von jedem Gericht. Es kam der große Augenblick: Carlos der Dritte – zuvor zweimal benachrichtigt, denn die Sitte verbot ihm, schon auf die erste Mitteilung zu Tisch zu gehen: es hätte hungrig ausgesehen – Carlos der Dritte also betrat den Speisesaal, in dem sich kurz zuvor noch einige hohe Würdenträger, darunter zwei Ritter des Goldenen Vließes zum Empfang eingefunden hatten. Den Monarchen begleiteten der Oberhofmarschall, der Kardinal-Großalmosenverwalter, der zugleich das Amt des Patriarchen von Indien ausfüllte, und der Befehlshaber der Leibgarde. Der königliche Sechziger, eckig-dürr und dem Oberbrotmeister an Länge ähnlich, bewegte sich etwas vornübergebeugt und mit steifen Knien auf einzelne Granden zu und forderte sie auf, sich zu bedecken – das historische Recht bestimmter Familien, an dem nicht zu rütteln war. Kniend hielt ihm der kleine, dicke Mundschenk, den dabei fast ein Muskelkrampf anfiel, eine Waschschüssel vor, die – wie hätte es sich auch anders geziemt? – aus purem Gold bestand. Während Don Carlos die Finger netzte, reichte der Brotinspektor das bereitgehaltene Handtuch dem Oberbrotmeister, der es dem diensttuenden Hofmarschall weitergab. Dieser hinwiederum legte es über die Hände des Oberhofmarschalls. Als der es seiner Bestimmung zuführen, nämlich dem König entgegenstrecken wollte, entschloß sich Seine Majestät huldvoll zur besonderen Ehrung eines Kammerherrn, und zwar mit einer Art von hellseherischer Treffsicherheit gerade jenes Marqués de Mancera, der vor zehn Minuten die falsche Schüssel zugeteilt erhalten hatte. Ihm reichte also auf einen Wink der Oberhofmarschall mit beglückwünschendem Lächeln das Abtrockentuch, mit einem Kniefall bot es der Marqués tief geschmeichelt den königlichen Händen dar. Benützt ging es denselben Weg zurück: Mancera, Oberhofmarschall, Hofmarschall, Oberbrotmeister, Brotinspektor, um dann in anonymen Bezirken zu verschwinden. Die Eminenz sprach das Tischgebet, worauf der Oberhofmarschall kniend dem König den Sessel bot, dieser sich setzte und der Kommandant der Leibwache sich schützend links daneben aufstellte. Nun wurde auch für den Kardinal ein Stuhl gebracht, er war der einzige, der sich setzen durfte, wenn auch ein wenig im Hintergrund. Ein Pikett Stabträger bildete einen weiten Kreis um den Königstisch, und nun wurde eine Tür geöffnet, zu der die Zuschauer hereinströmten – jeder mit dem Versuch einer tiefen Verbeugung, der aber durch die Nachdrängenden fast immer zu kuriosem Scheitern verurteilt wurde. Der Oberbrotmeister gelangte jetzt zu entscheidendem Tun: er deckte sämtliche vor dem König stehenden Schüsseln ab. Der Monarch wählte nach seinem Geschmack, über den sich die – vom Publikum getrennten, hinter Thron und Tisch stehenden – Hofleute flüsternd unterhielten. Der Oberbrotmeister kostete ein letztes Mal von den bezeichneten Speisen – die reichlich genug aufgelegt waren, um durch die vier Proben nicht ernsthaft beeinträchtigt zu werden –, wie er auch nochmals das Salz auf die Beibehaltung seines bisherigen Wohlgeschmacks probierte. Die verschmähten Schüsseln wurden sogleich von Kammerherren abgetragen – für die eigene Tafel. Und es geschah, daß Carlos mit Appetit aß. Unter den Zuschauern gab es etliche, denen es ein Erlebnis und in gewissem Sinne auch eine Enttäuschung bedeutete, ihren König genau wie einen gewöhnlichen Sterblichen essen zu sehen. Man bekam selten einen König zu Gesicht, wenn sich also um die Erhabenheit solcher Personen die wolkige Vorstellung entwickelte, sie seien vielleicht doch nicht den vulgären Lebensgesetzen unterworfen, so war das im Grund wenig verschieden von jener anderen verbreiteten Meinung, jeder Jude trage unter seinen Kleidern einen Affenschwanz verborgen. Auch einen Juden sah man ja so gut wie nie, denn nach dem Willen gerade jener Könige bedurfte jeder von ihnen zum Aufenthalt im spanischen Reich der persönlichen, vom Heiligen Kollegium der Inquisition zu erteilenden Erlaubnis. Carlos begehrte zu trinken und gab, im Hofzeremoniell immerhin unterrichtet, dem Obermundschenken ein Zeichen. Der wies den seit langem nervös wartenden Leibarzt an, den Wein und das Wasser zu prüfen – nicht mit Retorte und Reagenzglas, versteht sich, sondern mit mutigem, treuem Mund und Magen. Da der Arzt keine Beschwerden zeigte, wurden die beiden Flüssigkeiten im goldenen Königsbecher gemischt. Der Obermundschenk begab sich unter Vorantritt des ersten Kammerdieners zur Majestät, reichte ihr kniend den Becher und hielt den Untersetzer, solange sie trank. Nachdem von der Kammerherrenprozession neue Gerichte herbeigeschafft waren, der König wiederholt den Becher geschlürft und eine Gruppe von drei hohen Würdenträgern das Dessert dargereicht hatte, näherte sich die Zeremonie ihrem Ende: der Kardinal-Großalmosenverwalter reichte einem jüngeren Priester eine große Silberschüssel, in sie schüttete der Oberbrotmeister die Reste aller Gerichte, von denen der König zu verzehren geruht hatte – für die Armen. Was sollte es den der Gnadenspeisung Bedürftigen ausmachen, Gebratenes, Gebackenes, Fische, Salate, Kompott, süße und gewürzte Saucen in einer großzügigen Vermischung entgegenzunehmen? Schlußgebet. Waschbecken. Handtuch. Der König, der im Hinblick auf die störende Anwesenheit des Publikums während der ganzen Mahlzeit kein Wort gesprochen hat, entfernt sich, milde Spuren der Sättigung im Antlitz. Alle Häupter bedecken sich.   Für die Stunde von drei bis vier Uhr hatte Don Carlos dem neuernannten Vizedirektor der Akademie der Edlen Künste, die den Namen des heiligen Fernando trug, eine Porträtsitzung in Aussicht gestellt, darin lag eine besondere Bevorzugung: mit Bildnissen der höchsten Personen wurden im allgemeinen nur die Kammermaler betraut. Den Raum des Schlosses, der für solche Zwecke als Atelier eingerichtet war, betrat der König im selben Augenblick, in dem die darin aufgestellte Uhr die dritte Stunde schlug. Ein Kammerherr begleitete ihn. Der Künstler war von kräftiger, mittelgroßer Gestalt, nicht eben schönen, etwas fleischigen, doch willensstarken Zügen, die Nase breit, leicht aufgestülpt, der Mund voll, genußfreudig, die Augen tiefliegend, unendlich lebendig, die Haare schwarz und so üppig, daß sie sich unter keine Puderperücke hätten zwängen lassen. Francisco Goya. Der ohne Scheu einsetzende durchbohrende Blick jener Augen verursachte dem König ein gewisses Unbehagen. Ich weiß, warum ich diese Sitzungen nicht leiden kann, dachte er, eigentlich bedeutet dieser Blick eine unerträgliche Verletzung der Majestät – die Etikette, die für Prinzen, Granden, Minister, Gesandte und die höchsten Prälaten gilt, ist für solch einen Maler einfach aufgehoben! Aber es blieb ihm nichts übrig, als die Sache auf sich beruhen zu lassen. Francisco, schon seit einigen Tagen nach Aranjuez befohlen, hat sich unter den Zuschauern der öffentlichen Mahlzeit befunden, um Gesicht und Bewegung des Königs gründlich zu studieren. Nun kann er gleich zufassen. Er hat einige Sympathie für dieses sonnverbrannte Gesicht, weil es das eines Jägers ist und er selbst die Jagd liebt. Immerhin kein Grund, die weit abstehenden Ohren nicht zu malen, wie sie sind. Merkwürdig die nach oben gezogenen Mundwinkel und ihre wie mit dem Messer geschnittenen Falten ... An wen erinnert doch der Kopf? ... An seinen Bruder natürlich, den Infanten Luis Anton. Aber was für eine vergröberte Ausgabe, eine in Holz geschnittene schlechte Kopie! Ein prachtvoller Mensch, dieser Infant – hat um einer schönen Frau willen auf die Kardinalswürde und die zwei reichsten Erzbistümer Spaniens verzichtet. Pfeift auf den Hof ... »Sie haben meinen Bruder gemalt«, sagt in diesem Augenblick der König, »waren Sie mit ihm auf der Jagd?« Sein Blick ist sehr freundlich. Francisco errötet während der Antwort, als liegen seine Gedanken nun offen zutage.   Gegen Abend, in diesem Fall konnte er keine genaue Zeit bestimmen, erwartet Carlos die Prinzessin von Asturien in seinem Arbeitszimmer. Er hat Angst vor der Unterredung mit der Schwiegertochter. Aber er hofft, es wird eine Andeutung genügen – die Infantin wird verstehen. Ihre Hoheit Dona Maria Luisa wird gemeldet, tritt ein. Er kann dieses kecke, begehrliche Gesicht nicht leiden. Und wird verstimmt, als sie ihn schnippisch begrüßt: »Ich hoffe die Majestät nicht im Regieren zu stören!« Er bietet ihr zeremoniell einen Sessel an, und sie spottet über die Feierlichkeit. Da geht er ohne Umschweife auf sein Ziel los: »Ich habe dem Leutnant Luis Godoy bei den Gardes du Corps den Abschied gegeben. Es bestand Anlaß zur Annahme, er habe es gegenüber Eurer Hoheit am gebotenen Respekt fehlen lassen. Ich sehe leider auch Anlaß, Eurer Hoheit von meinem Entschluß Kenntnis zu geben.« »Sie sind sehr gnädig, Sire, aber ich erinnere mich nicht, mich über das Benehmen des Offiziers beschwert zu haben.« »Das ist empörend genug!« »Eure Majestät belieben sehr scharfe Worte zu wählen. Aber eigentlich weiß ich gar nicht, weshalb Sie mir diese Mitteilung machen.« In bebendem, aber zugleich salbungsvollem Ton, dem ungeschicktesten, der sich gegenüber der Infantin anschlagen läßt, hält er ihr entgegen, daß die Vorsehung sie plötzlich, vielleicht morgen schon, zur Königin von Spanien machen könne und daß sie die Pflicht habe, ihr Leben nach den hohen Anforderungen dieses Amtes einzurichten. »Ihre Person wird sakrosankt sein, ist es heute schon. Sorgen Sie dafür, daß Ihr Hermelin für niemandes Auge auch nur mit einem Stäubchen befleckt erscheint!« Die Prinzessin geht über die Frage der Thronfolge durchaus hinweg und ändert den Ton: »Wenn Eure Majestät die Kavaliere meiner Umgebung mit Ihrer Ungnade verfolgen, so reden Sie doch bitte meinem Gatten ins Gewissen, er möge sich persönlich etwas mehr um meine Zerstreuung bemühen.« Der König hat diese Offenheit nicht erwartet, ist degoutiert und hilflos. Er kennt seinen Sohn, weiß, daß Maria Luisa dem Prinzen an Verstand weit überlegen ist. Einen Augenblick steigt in ihm, der doch im Grunde der Seele die eigenen Grenzen ahnt, die alte Sorge auf: Was wird Spanien unter diesem König widerfahren? Er findet sich zurück: »Es scheint mir unpassend, Doña Maria Luisa, daß Sie in diesem Augenblick Ihre vor Gott geschlossene Ehe in den Kreis der Diskussion zu ziehen suchen. Ich vermag keinen, aber auch gar keinen Grund anzuerkennen, der Ihre gegenüber jenem Offizier gezeigte unfürstliche Haltlosigkeit rechtfertigen könnte.« Nun hat er sich also doch aufgerafft, deutlicher zu werden. Aber die Infantin pariert den Stoß: »Unfürstliche Haltlosigkeit? Ich dachte bisher, man werfe mir die Zerstreuungen meines Salons vor. Ich hoffe, daß niemand gewagt hat, meine Ehre anzutasten!« Ihre Augen funkeln, sie wechselt zur Rolle der beleidigten Unschuld mit großem Geschick hinüber. Doch auch der König findet ein schlagfertiges Wort: »Ich bin beglückt, daß Eure Hoheit so leidenschaftlich auf Ihren Ruf bedacht sind. Gerade dies war es, um was ich Sie bitten wollte.« Er erhebt sich, um das Ende der Unterredung anzuzeigen. Der Ahnungslose weiß nichts von dem, was in der Prinzessin von Asturien in Wirklichkeit vor sich geht. Sie ist dieses Liebhabers längst müde und findet Luis' Bruder Manuel, den beflissenen Zwischenträger galanter Briefe, viel reizvoller. Wie bequem, daß der moralische Schwiegervater ihr die Mühe abgenommen hat, Luis wegzuschicken! Morgen noch wird sie Manuel Zeichen ihrer Gunst geben. Und so lächelt sie schon im Vorzimmer zufrieden vor sich hin, während sie von zwei Hofdamen mit tiefer, ehrerbietiger Verneigung in Empfang genommen wird. 3 Das Blindekuhspiel. Entwurf zu einem Gobelin Madrid, Prado Der Ministerpräsident Graf Floridabianca hatte sich in Franciscos Atelier bemüht, um sein nunmehr vollendetes Bildnis in Augenschein zu nehmen. Francisco bewältigte Porträts nicht selten in einer einzigen Sitzung, aber dieses repräsentative Werk erforderte mehr Zeit. Es war in Wahrheit ein dreifaches Porträt: außer dem Grafen stellte es einen Baumeister dar, der im Hintergrund Pläne ausbreitete, und schließlich den Maler selbst, wie er dem Grafen ein Gemälde zur Prüfung vorhält – in ziemlich unterwürfiger Haltung, das ließ sich nicht leugnen. Er hatte diese Komposition in einem Augenblick innerer Unsicherheit vorgeschlagen, in dem ihm die Anwendung jedes irgendwie zugänglichen Mittels für sein Vorwärtskommen nötig schien. Der Minister lobte. »Das läßt sich nicht besser machen«, sagte er, »wirklich außerordentlich durchdacht und lebendig. So etwas liegt Ihnen doch besser als das Kirchliche. Mich berüchtigten Skeptiker haben Sie glänzend verstanden, Heilige glaubt man Ihnen weniger. Dieses Bild wird Sie in den Verdacht der Ketzerei bringen, Don Francisco.« »Dann werden wir gemeinsam den Scheiterhaufen besteigen, Exzellenz.« »Ausgezeichnet – wir werden eine zweistimmige Ansprache an das Volk halten, während man uns anbindet. Und wenn dann die Flammen zu züngeln beginnen, wird eine Jungfrau – nein: werden zwei Jungfrauen die Mauer der Zuschauer durchbrechen und beim Großinquisitor um unser Leben betteln. Und man wird unsere schon leicht angesengten Stricke lösen –« »Und uns mit den Jungfrauen zusammenbinden.« »Treffen wir beizeiten unsere Vorbereitungen, wählen wir die Mädchen aus und lernen sie ein!« Dem schlanken, kühlen Herrn schien bei dieser spielerischen Vorstellung ein Funke von Leichtsinn im Auge aufzublitzen. »Auch die Ansprache müßte man sich vorzeitig überlegen. Eure Exzellenz sind ja ein glänzender Redner, aber ich – ich müßte jedenfalls vorher um Instruktionen bitten, was man sagen darf und was nicht ...« »Wenn Sie neben dem Minister für Gnade und Gerechtigkeit stehen, dürfen Sie sogar über Politik reden.« »Neben Eurer Exzellenz stehend, würde ich dem aufhorchenden Volk ein Vermächtnis auszusetzen wagen: meine Restforderung von viertausend Realen an die königliche Staatskasse für meine Arbeit in San Francisco el Grande.« Der Graf stieß einen leisen Pfiff aus. »Wieviel haben Sie erhalten?« »Sechstausend.« »Und Sie glauben wirklich, als Heiligenmaler höhere Honorare fordern zu können?« »Ich darf mir die Freiheit nehmen, daran zu erinnern, daß zehntausend Realen vereinbart sind. Und daß Seine Majestät meine Arbeit besonders zu loben geruht hat.« »Nun, werden Sie nicht ungemütlich, Goya. Die andern Bilder taugen überhaupt nichts, und darum müssen sich diese Maler noch größere Abstriche gefallen lassen. Das Ihrige ist das beste, gewiß, aber, ich habe Ihnen das schon angedeutet, doch nur relativ ...« »Ich bedaure, mich selbst höher einschätzen zu müssen.« »Höher, als ich es tue, kann man Sie gar nicht einschätzen, lieber Freund. Aber in diesem Fall ... Bedenken Sie doch auch, was Ihnen die königliche Teppichweberei zu verdienen gibt ...« »Auch dafür arbeite ich.« Er wies mit der Hand auf zwei Kartons mit neuen Gobelinentwürfen. Der eine stellte einen Flußlauf dar mit einer fröhlichen Gruppe feiernder Wäscherinnen, der andere eine Weinlese in gebirgiger Landschaft, im Vordergrund vier modische Städter: einen galanten Herrn, zwei schöne Damen und ein Kind. »Ich glaube sogar gut zu arbeiten«, fügte er hinzu. »Wenn man sie sich als Teppiche denkt, sicher interessant ... Aber es war viel hübscher, mit Ihnen verbrannt zu werden, als mit Ihnen von Geldgeschäften zu reden. Ziehen wir uns wieder auf den Scheiterhaufen zurück!« Francisco, der den Kampf um sein Honorar schon in schriftlichen Eingaben begonnen hatte, konnte sich in diesem Augenblick schwer beherrschen. Unglücklicherweise fiel sein Blick auch noch auf das fertige Bild, Zorn stieg in ihm auf – er hätte in diesen devoten Francisco Goya auf der Leinwand am liebsten mit dem Messer eingestochen, bis nichts mehr von ihm zu erkennen wäre. Floridabianca fühlte den Widerstand und die Pause, aber er stand über der Situation. »Überlegen wir uns ein anderes Thema für die Volksrede«, lächelte er. »Ich glaube, ich würde beginnen: Verbrennt nicht Spaniens größten Porträtmaler der Gegenwart, den Mann, der euer eigenes Leben in großartigen Teppichen festgehalten hat ...« »Und ich, ich würde rufen: Verbrennt uns ruhig, wir haben genug auf dem Kerbholz, um des Verderbens wert zu sein, andere Dinge freilich, als ihr wißt – aber sorgt dafür, daß keine unschuldigen Frauen mehr als Hexen verbrannt werden!« Er war jetzt ohne Klugheit, nur aus dem Trieb heraus, den Grafen anzugreifen. Vor kurzem hatte in Sevilla eine vermeintliche Hexe den Scheiterhaufen besteigen müssen, und Floridabianca hatte es nicht verhindert, es war ein Gesprächsthema, das den denkenden Kreisen von Madrid bis weit in die Geistlichkeit hinein keine Ruhe ließ. »Aha – Don Francisco spricht, neben dem Minister sitzend, von Staatsangelegenheiten, das heißt: von dem, was er für eine Staatsangelegenheit hält.« Dieser Satz klang mürrisch, aber der Graf beherrschte sich rasch und fuhr in leichtem Ton fort: »Das war übrigens keine Rede ans Volk, sondern an den Nebenmann. Aber Sie wissen, daß der Ihnen stets gerne antwortet. Also: Denken Sie vielleicht, ich glaube an Hexerei? Haben Sie Anlaß zu der Annahme, solche Hinrichtungen werden sich, solange ich Präsident des Ministerrats zu sein die Ehre habe, häufen? Ist Ihnen unbekannt, daß der Vorschlag, den geistlichen Orden, der sich in die Staatsgeschäfte mischte, aus Spanien zu verweisen, von mir ausging und daß mich darum, trotz allem, was in Rom nachfolgte, die Prälaten hassen, nicht am wenigsten die Inquisitoren?« Er wartete keine Antwort ab. »Der Prozeß spielte fern von Madrid, in Andalusien, wo eine dumpfere Luft weht. Die Inquisition hat ihn mit größtem Aufwand betrieben, als läge weiß der Himmel was dran, daß diese Teufelsgenossin unschädlich gemacht wird. Die weltliche Obrigkeit, um Vollstreckung ersucht, hat den Herren erlaubt, ein Exempel zu statuieren, und wird ihnen dafür viel wichtigere Dinge nicht erlauben. Ich muß mich auf diese Andeutung beschränken. Auch das Volk war gegen die Angeklagte. Sie haben mich nicht in Verdacht, daß ich mich nach Volksstimmungen richte – aber es konnte nicht schaden, sich so beiläufig auch hier beliebt zu machen. Übrigens war die Frau in vollem Umfang geständig.« »Weil sie gefoltert wurde.« »Sie wissen, daß ich in dieser Hinsicht sehr viel gebessert habe. Aber der Augenblick scheint doch noch nicht gekommen, in dem die Justiz auf dieses Beweismittel völlig verzichten kann.« »Können Sie, Exzellenz, ich frage kühn, sich mit ruhigem Gewissen die Leiden vergegenwärtigen, die jene Frau unschuldig auszustehen hatte?« »Sie sind jünger, Don Francisco, als ich dachte. Glauben Sie, man könnte länger als einen Tag Minister sein, wollte man alle Leiden und Unbequemlichkeiten, die die Durchführung der Staatsgeschäfte mit sich bringt, aufs eigene Gewissen nehmen? Es gibt eine Rangordnung, mein Lieber, in ihr steht jene Frau, mag sie gewesen sein, was sie will, tief unten. Ihre subjektiven Empfindungen beim Verbrennungstod spielen gegenüber den höheren Werten, die im Spiel standen, keine Rolle.« »Dieser Gedankengang ... ist mir fremd.« Der Graf lächelte nun doch etwas herablassend: »Gerade deshalb sagte ich: Sie sprechen von einer Sache, die Sie für eine Staatsangelegenheit halten. So etwas ist in Wirklichkeit keine Staatsangelegenheit. Es ist, verzeihen Sie, eine Bagatelle.« Francisco kämpfte sein Temperament nieder. Er sah, daß es mit der offenen Gegenrede zu Ende war, sah sich wieder dem Minister, dem Gast, dem Auftraggeber gegenüber. Er verbeugte sich: »Es war sehr gütig, Exzellenz, mich über die Hintergründe eines solchen Vorfalls aufzuklären.« »Ich hoffe nicht ganz vergebens gesprochen zu haben. Machen Sie von meiner Äußerung ruhig in Ihrem Bekanntenkreis Gebrauch. Natürlich nicht so, als habe ich mich verteidigt.« Francisco verbeugte sich nochmals. »Und wenn das Bild trocken ist, geben Sie mir Nachricht. Ich lasse es abholen. Übrigens weil wir schon bei den Geschäften sind: wegen des Honorars für das Porträt werden wir später sehen – Sie wissen, ich empfehle Sie, wo ich kann.« Francisco verbeugte sich zum drittenmal. Er wußte, daß der Minister, den er zum Wagen begleitete, als Verwalter mehrerer Ressorts ein Riesengehalt bezog.   Der Wagen rollte ab, und es traf sich, daß gleich darauf eine andere Herrschaftskutsche vorfuhr. Von einem Diener angemeldet, betraten der Marqués und die Marquesa Mancera das Atelier – er ein durchschnittlicher Höfling in vorgeschrittenen Jahren, sie eine junge schöne Frau. »Ich hatte Nachricht, daß sich Seine Exzellenz bei Ihnen aufhält, Caballero, und habe den Augenblick seiner Abfahrt erspäht, um der nächste zu sein.« Der Marqués glänzte vor Höflichkeit. Die Marquesa grüßte mit einem unbestimmten Lächeln. Francisco empfand den Besuch als Störung, mehr noch, er haßte in diesem Augenblick, wenn auch nicht die Frau, so doch den harmlosen Marqués als Standesgenossen des Grafen Floridabianca. Auch galt Mancera, ein Mann ohne Einfluß, mit einigem Grund als aufdringlich, zudem hatte Francisco unlängst, mit Aufträgen aus den Kreisen der Finanzaristokratie gut versorgt, das ungestüm vorgebrachte Ersuchen des Marqués, seine Frau zu porträtieren, mit einem sehr verzögerlichen Bescheid beantwortet. Er verspürte vorläufig keine Lust zu dem Bild und konnte sich das Vergnügen, das wirklich tiefgehende Vergnügen einer solchen Ablehnung allmählich durchaus leisten – um so mehr als diese Hofleute schlecht, spät oder gar nicht bezahlten. Immerhin sah er jetzt Dona Consuelo Mancera prüfend an ... Da wäre doch manches, was seine Reize hätte ... Franciscos Laune besserte sich, aber er mußte den Blick senken, denn das Gesicht der Dame zeigte hochmütige Abweisung solcher Vertraulichkeit. Der Marqués plapperte leere Dinge. Das Interessanteste war noch sein Hofklatsch. »Wissen Sie schon, mein Lieber,« fragte er mit seinem blasierten, marklosen Tenor, »daß Seine Heiligkeit die Ehe des Herzogs von Béjar geschieden hat? Das ist die pikanteste Schlußpointe, die diese Komödie finden konnte!« »Ich gestehe, Marqués, daß mir nicht nur der Schluß, sondern auch die übrigen Szenen der Komödie unbekannt sind.« »Sie kennen die göttliche Geschichte nicht? Wie ist das nur möglich? Consuelo, du erlaubst, daß ich sie andeute ...« Die Marquesa nickte und zeigte wieder ihr unbestimmtes Lächeln. »Hören Sie: Der Herzog ist im Alter von achtzehn Jahren mit einem sehr schönen sechzehnjährigen Mädchen verheiratet worden, der Gräfin Maria Alvarez aus dem Haus der Herzöge Medina Celi. Beide waren im Kloster erzogen, wo man ihnen die natürlichen Dinge verheimlichte oder als Sünde anschwärzte. Und so blieben die Kinder unwissend – durch Jahre ihrer Ehe. Der Herzog, versteht sich, fand allmählich Aufklärung, wagte aber nicht, die ihm vermählte Diana – oder Nonne, wenn Sie wollen – zu berühren. An Schönheit, ich sage es nochmals, ist sie eine Aphrodite – Sie kennen doch gewiß die Herzogin ... was sage ich? die Exherzogin. Die Hofgesellschaft – Sie wissen: dieser vollkommenen Organisation der Neugier bleibt nichts verborgen – begann sich mit der einzigartigen Ehe zu beschäftigen. Man hänselte den Herzog, nannte ihn Don Luis den Armen. Das verletzte seinen Stolz, versteht sich, und stärkte zugleich seinen Mut. So geschah es, daß er von Diana seine Rechte forderte. Doch da kam er schlecht an: Doña Maria war tödlich gekränkt und begehrte beim Heiligen Stuhl die Auflösung der Ehe.« Der Marqués stieß einen merkwürdig langgezogenen Lachton aus. »Es ist sicher der erste Fall in der ganzen Weltgeschichte ... ein geradezu süperber Scheidungsgrund! Nun – ich sagte Ihnen: sie ist durchgedrungen. Wie das möglich war, darüber will mich ein hoher Prälat morgen unterrichten. Dann bleibt nur noch eine Frage ungelöst: wird es schicklich sein, die Herzogin zu ihrem Sieg zu beglückwünschen?« Während der letzten Worte und seiner eigenen fortgesetzten Heiterkeitsausbrüche hatte sich der Erzähler, wie in Zerstreutheit, an der Ausgangstür zu schaffen gemacht. Plötzlich öffnete er sie, trat hinaus, schlug die Tür zu und verschloß sie von außen. Die Verblüfften hörten ihn alsbald laut rufen: »Überlistet, Don Francisco, überlistet! Es sind noch fast vier Stunden bis Sonnenuntergang. Nach diesen vier Stunden komme ich zurück und öffne. Bis dahin wird Ihnen nichts übrigbleiben, als die Marquesa zu porträtieren. Man sagt, Sie können das. Ich wünsche gute Arbeit!« Seine Schritte verloren sich treppabwärts. Die Pferde zogen an, der Wagen polterte übers Pflaster. Francisco schaute seinen Gast lachend an: »Ich finde die Logik des Marqués nicht eben zwingend. Aber wenn Sie wünschen, Marquesa, werde ich Sie malen.« Sie fing seinen Blick ohne Abwehr auf und schmiegte sich wohlig in den Sessel. »Wie lange brauchen Sie zu dem Porträt?« fragte sie mit einem leichtsinnigen Unterton. »Genau die Hälfte der verfügbaren Zeit, Marquesa.« Von ihrem Lächeln fiel ein Schleier um den andern. Durch ihre Begehrlichkeit hindurch sah er ihre gescheiten Augen. Er lehnte sich gegenüber an die Wand und präludierte auf der Gitarre in Tanzrhythmen. Als er eine Pause machte, kam sie, als seien ihre Gedanken abwesend gewesen, auf seine Antwort zurück: »Die Hälfte nur, sagen Sie? Wundervoll ... Man hat Sie mir als sehr galant geschildert, Don Francisco.« »Vor so viel Schönheit wird man zum schüchternen Knaben, Doña Consuelo.« »Ich will Ihnen helfen. Werden zwei Stunden genügen, Sie zu verführen?«   Das Bildnis wurde also in der zweiten Hälfte der vom Marqués gesetzten Frist gemalt. Franciscos Hand sprühte einen Regen farbiger Funken. Consuelo sah sich im begeisterten Feuer seiner Augen gespiegelt, fühlte, welch glänzendes Werk in der leidenschaftlichen Konzentration dieser Stunde geboren wurde. Sie konnte ihre Ungeduld nicht mehr zähmen, wollte vom Sitz aufspringen, um auf die Leinwand zu blicken. Seine erhobene Hand genügte, sie zurückzuhalten. »Nicht unterbrechen«, bat er dann. Als er in seinen Bewegungen allmählich zu rasen begann, wußte sie, daß das nicht mehr geschah, um die Zeit einzuhalten, sondern weil er seine schöpferische Besessenheit ausnützen und auskosten wollte bis zum letzten. Sie fühlte sich von diesem Taumel umsponnen, mit hineingezogen in etwas, das ihr fremd, neu, beglückend war – ein kostbarer Trank, von dem kein Tropfen verschüttet werden durfte. Vor dem fertigen Bild brachte sie, fast fromm geworden, kein Wort hervor. Sie strich ihm übers Haar und freute sich seines Stolzes. Auch er schwieg. »Darf ich es Ihnen schenken?« fragte er schließlich. »Das könnte am Ende doch Verdacht erwecken.« Sie fand ihren leichten Ton wieder: »Ich finde, auch für dieses Spiel gibt es eine lustige Schlußpointe: er soll zahlen!« Da fuhr auch schon der Wagen vor. Mit strahlender Miene, hinter der sich ein kleines Maß von Unsicherheit verbarg, wie wohl Francisco den Scherz aufgenommen habe, trat der Marqués Mancera ein. »Der Gefängniswärter!« lachte er. Als er das Bild sah, blähte er sich auf im Selbstlob des genialen Einfalls, der diesen Erfolg gezeitigt hatte. »Man kann Ihnen wirklich nicht widerstehen«, lächelte Francisco, »man muß tun, was Sie wollen.« »Es hat mich nicht viel Überredung gekostet«, fügte Consuelo bei, »daß sich Señor Goya zu dieser Arbeit entschloß. Dein Handstreich hat ihm großes Vergnügen gemacht.« 4 Carlos der Dritte mußte erkennen, daß der Himmel seinen täglichen Jagdpartien ein Ende gesetzt habe. Er lag im Sterben. Der Thronfolger verließ das Zimmer des Kranken, in dem er eine Viertelstunde lang geweilt hatte. Die hohen Prälaten und Hofbeamten wußten aus den Nebenräumen genügend zu lauschen, um sich alsbald den Inhalt des Gesprächs zwischen Vater und Sohn zuflüstern zu können: Der Sterbende hat dem künftigen Herrscher mit seiner letzten Kraft ans Herz gelegt, keinen der im Amt befindlichen Minister zu entlassen, sondern aus ihrem erprobten Rat so lange wie möglich Gewinn zu ziehen. Der Prinz von Asturien hat die Befolgung des Wunsches gelobt. Sofort bildeten sich Parteien unter den Hofleuten, denn es gab nun Sichergewordene und Enttäuschte. Die Ministeranwärter unter den Anwesenden bekamen zu spüren, daß man sich weniger für sie interessierte, während die mit einem amtierenden Kabinettsmitglied Befreundeten sich plötzlich einer zunehmenden Wärme der Höflichkeiten erfreuen durften. Der aus dem Sterbezimmer Tretende, man nannte ihn schon den neuen Herrn, stand vor der Vollendung des vierzigsten Lebensjahres. Die wasserblauen gutmütig-einfältigen Augen und die fetten Züge bemühten sich in dieser Stunde noch mehr als sonst um den Anschein ernster Würde, und die Haltung des Körpers beteiligte sich daran, so gut es ging: da der Infant zuviel zu essen pflegte, waren auch Rumpf und Glieder keineswegs straff trotz der leidenschaftlichen und regelmäßigen Ausübung der Jagd. Der Hof wußte, daß diese Betonung der Würde in gelegentlichen Wutausbrüchen und in Raufereien mit Bauern oder Stallknechten, auch in manchen anderen im Zeremoniell nicht vorgesehenen Handlungen ihre Grenze fand, aber im ganzen genommen erwartete man von Carlos, der sich nun binnen kurzem der Vierte wird nennen dürfen, keine Überraschungen. Selbst Uhren sammelte er wie der Vater. Nichts wird sich in Spanien verändern. Fast alle hohen Beamten und Würdenträger dachten so. Sie waren schlechte Propheten.   In der Nähe des Sterbenden stehen einige seiner Lieblingsuhren. Jetzt beginnt ihm davor zu grauen, daß jede von ihnen in einer ihrer Ziffern das Signal seiner letzten Stunde bereit hält. Er kann das Vorrücken der Zeiger nicht ertragen und befiehlt mit schwacher Stimme, die Uhren wegzubringen. Kammerdiener huschen. Aus dem Kreis der erneut um sein Lager Gescharten, denen sich auch der Prinz von Asturien wieder beigesellt hat – sie alle tragen Galauniform –, tritt der Patriarch von Indien an das Bett. Die von dem König gewünschten Reliquienschreine sind herbeigeschafft worden. Sie enthalten die Gebeine des heiligen Isidro und der heiligen Maria de Cabeza: zwei tote Heilige am Lager des Sterbenden. Der Kardinal führt behutsam die Hand, die die Schreine berühren will. Der König betet inbrünstig. Dann bemüht er sich nochmals, zu Ohren des Kardinals, dem er vor einigen Stunden die Beichte abgelegt hat, das Fazit der religiösen Bemühungen seines Lebens zu ziehen. Das Gesicht vermag er dem Beichtiger nicht mehr zuzuwenden, weil ihn das Rot des Gewandes in den Augen schmerzt. Von den Kirchen und Klöstern, die er gebaut, von den Riesensummen, die er ihnen zugewandt hat, braucht er nicht mehr zu sprechen – das war in Ordnung. Und vieles andere auch. Aber zwei Fragen beschäftigten ihn immer von neuem. »Die Jesuiten«, flüstert er, »das war richtig gehandelt, das sind keine Mönche, keine wahren Priester gewesen.« »Der Heilige Vater hat Eurer Majestät recht gegeben, wir wissen es alle«, beruhigt ihn der Patriarch, »hier ist keine Sünde!« »Aber die unbefleckte Empfängnis ... ich habe nicht erreicht ... daß sie Dogma wurde ... mein Streben war zu lässig ... ich habe nicht die richtigen Gesandten ausgewählt ... ich hätte selbst nach Rom pilgern müssen ...« »Die Festlegung der Dogmen liegt in den Händen des Heiligen Vaters und der Hohen Konzile. Kein Laie, auch der höchstgestellte nicht, hat die Pflicht, auf diese Gestaltung einzuwirken. Darum kann auch keinen Laien, weder vor den Menschen noch vor dem Thron des allmächtigen Gottes, der Vorwurf treffen, er habe in dieser Hinsicht eine Unterlassung begangen. Auch hier ist keine Sünde, mein Sohn!« Nun dreht Carlos doch nochmals den Blick zu ihm und sagt leise mit fast heiterer Miene: »Ich habe die Rolle des Königs gespielt – diese Komödie ist zu Ende.« Die Hofchargen senken den Blick, als wolle einer vor dem andern verbergen, daß er diese Worte gehört hat. Während der Prälat zurücktritt, ohne zu antworten, schweifen Carlos' Augen, so gut sie es noch vermögen, im Halbkreis durchs Zimmer – gequält und flackernd. »Warum ... laßt ihr mich ... nicht allein sterben?« flüstert er. »Kein Reh ... läßt sich zusehen ...« Hört es niemand oder will es niemand hören? Ohne ausdrücklichen Gegenbefehl des Prinzen von Asturien hat jeder einzelne die Pflicht der Anwesenheit. Der König scheint einzuschlummern. Aber man täuscht sich. Er wartet nur, schlägt die Augen wieder auf. »Ich, der König ...« Er vermag den Befehl nicht zu Ende zu sprechen. Wieder scheint er zu schlafen. Wieder kehrt ein Funke Kraft zurück. »Wenigstens diese ... soll gehen ...« Dieses Flüstern ist deutlicher, die Richtung des Blickes eindeutig. Er zeigt auf die Prinzessin von Asturien. Dieser Blick ist des Hasses, des Abscheus nicht mehr fähig. Aber Ablehnung jeder Gemeinschaft mit dieser Frau liegt darin, Ablehnung aus einer Seele heraus, die ganz einfach geworden ist und keine Maske mehr kennt. Die Augen reißen sich auf, der Blick sieht nun durch die Menschen hindurch, als seien sie Rauch, und füllt sich mit einem starken schmerzlichen Licht, das wie ein Widerschein aus den Hintergründen des Schicksals ist. Und wird langsam wieder stumpf. Niemand rührt sich. Maria Luisa selbst verändert keine Miene. Aber es wagt auch niemand, laut zu atmen. Der Thronfolger ist wohl der einzige, der nicht begriffen hat, durch das Gespräch mit dem Vater weich geworden, bedenkt er, es sei seine Pflicht, ihm jeden Wunsch zu erfüllen. »Wir haben dich nicht verstanden, Vater«, sagt er, in der intimen Anrede die Umgebung vergessend. In diesem Augenblick tritt der Apostolische Nuntius ein, um den Sterbenden im Namen des Papstes Pius des Sechsten zu segnen.   Carlos der Dritte lag noch keine vierundzwanzig Stunden tot, als den Ministern, die sämtlich im Schloß anwesend waren, die Botschaft zuging, Ihre Majestät die Königin ersuche die Herren, sich binnen dreißig Minuten im Beratungszimmer zu versammeln. Ihre Majestät die Königin ... Carlos starb als Witwer, es gab nur eine einzige Königin: die neue ... Keiner unter den Ministern unterließ es, den Kammerdiener darauf hinzuweisen, daß er sich wohl versprochen habe. Aber es stellte sich heraus, daß kein Irrtum vorlag. Graf Floridablanca wurde von mehreren seiner Mitarbeiter beiseite genommen, sie fragten ihn unruhig, ob er wisse, was das zu bedeuten habe. »Kein Grund zur Aufregung«, sagte er jedem einzelnen und verschwieg, daß auch er nicht orientiert war. Pünktlich zur angesagten Zeit wurde die Flügeltür des Saales, in dem das Kabinett vollzählig wartete, aufgerissen. Doña Maria Luisa, von ihren Damen bis zur Schwelle geleitet, trat ohne Gefolge ein und schlug sofort mit energischer Bewegung den Trauerschleier zurück. Graf Floridablanca empfing sie ehrfürchtig, während die Tür sich schloß, sie nahm seinen Arm: er hatte sie zu führen. Und der gewandte Höfling stutzte einen Augenblick, zögerte ... Aber sie zog ihn mit, während sie sicheren Schrittes auf den mit der Königskrone geschmückten Prunksessel zuging, der den Beratungstisch von der Mitte aus beherrschte, und ließ sich nieder. »Ich bitte die Exzellenzen, Platz zu nehmen.« Sie sagte es, als habe sie hundertmal Ministerbesprechungen vorgesessen. Unter stummen Bücklingen ließ sich das Kabinett nieder. Die Königin begann: »Es hat Gott gefallen, Seine Katholische Majestät Don Carlos den Dritten in die Ewigkeit abzuberufen.« Die Minister, einen Nachruf erwartend, erhoben sich. Aber Maria Luisa, nach einem Augenblick ernsten Schweigens, bedeutete ihnen, sich wieder zu setzen. Und fuhr fort: »Vom Gesetz und von Gottes Gnade berufen, hat Seine Katholische Majestät Don Carlos der Vierte den Thron von Spanien und Indien bestiegen. So unaussprechlich tief des Königs Schmerz ist, so wünscht er doch im Interesse des Reiches und der Untertanen, daß die Staatsgeschäfte nicht unterbrochen werden. Dies ist der Grund, weshalb ich um Ihre Anwesenheit gebeten habe. Im Einverständnis mit dem König lade ich daher die Minister ein, sich viermal wöchentlich, montags, dienstags, donnerstags und samstags, zum Vortrag einzufinden. Die Besprechungen werden um fünfeinhalb Uhr des Nachmittags abgehalten, in der ersten Zeit mit sämtlichen Herren gemeinsam.« Trotz dem knappen, trockenen Inhalt sprach sie die Sätze in einem etwas schnippischen Ton, der zugleich die Verblüffung der Angeredeten fast unmerklich verhöhnte. Sie wartete noch ab, bis sich das Kabinett in ergebener Entgegennahme des Befehls verbeugt hatte, dann erhob sie sich, grüßte: »Auf morgen, Exzellenzen!« und verließ den Saal. Die Minister standen zunächst da wie ein Rudel Knaben, die alle eine bittere Arznei verschluckt haben und sich scheuen, einander die Peinlichkeit des Geschmacks einzugestehen. Nicht nur Form und Inhalt der Mitteilung hatten ihre Gedärme beleidigt, sondern auch die Kürze, die Unvollständigkeit. Sie hätten zum mindesten erwarten dürfen, daß ihnen erklärt würde, weshalb der König nicht selbst zu ihnen gesprochen hatte. Auch empfanden sie alle sofort: die Szene, die sie eben erlebt hatten, war ein Symbol für vieles Künftige, für alles Künftige vielleicht, das sich unter der Regierung des neuen Königs ereignen würde, sie war die Ankündigung einer veränderten Arbeitsmethode, wenn nicht geradezu einer neuen Regierungsform. Keiner wagte den Anfang damit zu machen, was in der Luft hing, in Worte zu fassen. Kritik an der Person Ihrer Majestät konnte man sich wohl gegenüber dem einen oder anderen Kollegen unter vier Augen leisten, aber im Plenum trauten die Herren einander nicht ganz. So flüchteten sie alle in eine ernstbetretene Miene, zu der der Tod des bisherigen Herrschers ja sowieso verpflichtete. Graf Floridablanca rettete die Situation. Er sagte, ohne daß man sich wieder formell zu einer Sitzung niederließ, er wolle der Meinung der Herren nicht vorgreifen, aber ihm erscheine es selbstverständlich, daß für einen Diener der Krone Spaniens nichts anderes als eine Ehre darin liegen könne, von Ihrer Majestät der Königin Anweisungen entgegenzunehmen. Es lag ein leiser Spott in diesem Satz, wie man das von dem Grafen gewohnt war, aber ob sich der Spott gegen Maria Luisa richtete oder gegen die Mitarbeiter, die sich so leicht aus dem Gleichgewicht bringen ließen – das war nicht sicher zu entscheiden. Die Herren neigten zu der ihnen günstigen Annahme, fanden überhaupt die Wendung sehr glücklich und fühlten die erste Erleichterung. Dieses wohltuende Gefühl steigerte sich bis zur gehobenen Stimmung, als der Präsident nochmals das Wort nahm und ausführte, das Kabinett dürfe sich wohl durch den soeben vernommenen königlichen Befehl implizite und ohne formellen Akt als in den Ämtern bestätigt betrachten ... Das war nun doch die Hauptsache. Man fühlte sich sicher im Sattel, brauchte vorläufig keine Intrigen zu fürchten. Was bedeutete demgegenüber eine kleine Komplikation der formellen Arbeitsbedingungen? Zufrieden ging man auseinander, um sich wieder unter die flüsternden Gruppen zu mischen, die in den Vorräumen der den Toten beherbergenden Schloßkapelle voll geschäftiger Trauer umherstanden. All diese Vornehmen und Zugelassenen hatten hier zwar keinerlei Verrichtung, aber sie wollten einer vom andern gesehen werden, durchwärmt von dem Bewußtsein: Wo der tote König von Spanien aufgebahrt liegt, da habe ich nach Rang und Stand das Recht, anwesend zu sein ... Unter denen, die an den flüsternden Gruppen vorüber in die Kapelle eintraten, war auch der stellvertretende Direktor der Akademie San Fernando, begleitet von seiner Gattin. Francisco schaute lange in das stille Gesicht des Königs, und der Anblick bewegte ihn sehr. Seltsam, seltsam, dachte er und sprach es beinahe vor sich hin: nun gleichst du doch deinem Bruder! Was mag es sein, das die Züge der Toten veredelt? Es war das erstemal, daß diese Frage so deutlich auf ihn eindrang. Ist es nur die Erlösung vom Schmerz, das milde Ende des Erdenlebens – oder ist es der Anfang eines Neuen? Prägt ein Unsterbliches dem Körper in dem Augenblick, da es ihn abstößt, noch für die letzten Stunden vor seinem Zerfall das Merkmal einer höheren Bestimmung des Menschen auf? Vielleicht wird dem friedlich Sterbenden ein Anblick zuteil, der ihn noch in der letzten kurzen Lebensspanne beglückt – ein Anblick, so groß, daß ihn der noch mitten im Erdendasein Stehende nicht ertrüge ... Er mochte Pepa den Gedanken nicht mitteilen, weil er eine verständnislose Antwort fürchtete – und da war man nun auch schon wieder mitten in der nüchternen Gegenwart mit ihren gesellschaftlichen und geschäftlichen Verpflichtungen. Es ließ sich nicht umgehen, der und jener wichtigen Persönlichkeit mit einem stummen oder geflüsterten Gruß zu huldigen: den Ministern, denen man vorgestellt war, und unter den Granden vor allem dem Herzog und der Herzogin von Osuna, den neuen Auftraggebern. Don Pedro Tellez Girón y Pacheco, Marqués de Panafiel. Duque de Osuna mit seiner offenen, fast burschikosen Freundlichkeit paßte schlecht in die Trauerstimmung, seine Kusine und Gattin, Doña Maria Josefa Girón y Borja, Condesa Duquesa de Benavente y Osuna, fühlte sich überall wohl, wo man Menschen traf. Sie war die ziemlich preziöse Seele des gastlichen Madrider Winterpalastes wie des vor den Toren der Hauptstadt gelegenen Sommersitzes Alameda und hielt darauf, jeden Maler, Dichter, Musiker von Bedeutung in ihrem Salon und bei ihren Festen zu sehen. Man konnte wirklich nur ein paar Worte flüstern, und so fiel auch Pepa nicht aus dem Rahmen, die in solcher Umgebung selten etwas zu sagen wußte und sich darum meist zurückgesetzt fühlte, aber auf keine höfische Veranstaltung verzichten wollte. Als die beiden das Schloß verließen, stieg die Herzogin von Alba aus ihrem Wagen. In ihrer Trauerkleidung ließ sich gewiß kein eigentlicher Verstoß gegen die Etikette entdecken, aber es waren jede Bauschung, jeder Besatz vermieden, die die Linienführung ihrem schönen Körper entlang unterbrochen hätten, und ein dünnerer Schleier ließ sich nicht leicht wählen. Sie schlug ihn auch noch zurück, wie damals in der Kirche, und forderte Francisco und Pepa auf, sie zu besuchen. Francisco behielt das leichte, fremdartige Parfüm, das sie ausströmte, beim Weitergehen gegenwärtig – auch den Schnitt ihres Gesichtes, das vielleicht nicht schön war im strengen Sinn, aber von einer lebendigen bewußten Eigenheit. Dafür, daß er einmal Unmut über ihre Art empfunden hatte, nannte er sich jetzt einen Dummkopf.   Als die Minister am folgenden Abend das Beratungszimmer betraten, war neben dem Prunksessel des Königs ein zweiter aufgestellt. Die Königin nahm an der Sitzung teil. Und das Kabinett vermochte sich nicht zu verhehlen, daß sie eine kluge Frau war. Der Ton ihrer Fragen war unbekümmert bis zur Dreistigkeit, doch was sie fragte, hatte Hand und Fuß, während der König meist schweigend zuhörte oder aber Bemerkungen fallen ließ, die ein beunruhigendes Unverständnis gegenüber dem Gegenstand der Beratung bekundeten. Maria Luisa enthielt sich der ausdrücklichen Meinungsäußerung, schien sich nur orientieren zu wollen. Aber jeder wußte, daß das nur ein kurzer Übergang sei. Und sie fanden sich, auch Floridablanca, als von der königlichen Gewalt berufene und besoldete Diener der Krone damit ab, daß der einzige, jedenfalls der sicherste Weg, beim König etwas zu erreichen, über diese Frau gehe. Nun galt es zu erkunden, womit man sich am schnellsten bei ihr beliebt zu machen vermöge. Die Prinzessin von Asturien kannte man wenig. Die Königin von Spanien wird man bald durch und durch kennen. Eigentlich ein ganz amüsanter Dienst ... Nach dieser ersten Kabinettssitzung empfing die Königin einen Kammerherrn, der ihr vertrauenswürdig und zugleich indiskret genug erschien, und legte ihm die Verpflichtung auf, ihr zweimal wöchentlich über den gesamten Hofklatsch Bericht zu erstatten. Don Carlos aber pflog eine Besprechung mit dem Oberjägermeister, die ihm sehr am Herzen lag. Oft genug hatte er sich beim Jagen in der Nähe der Hauptstadt darüber geärgert, daß man auf die bebauten Felder Rücksicht nehmen mußte. Zertrampelte man die Saat oder was es sonst war, so hatte man Scherereien. Die Bauern stellten unmäßige Forderungen, und was schlimmer war, sie wurden rebellisch. Natürlich, man kann sie einsperren, aber für einen fortschrittlichen Monarchen, der sich nicht als Tyrannen verschreien lassen will, ist das doch nicht die richtige Lösung. Und da hatte er sich denn ein ausgezeichnetes System ausgedacht. Der verstorbene König wollte zwar nichts davon wissen, unverständlicherweise – aber jetzt befand man sich gerade in der richtigen Jahreszeit, um die Sache zu ordnen. Februar: auf den Feldern war noch wenig geschehen. »Wir haben schon öfters darüber gesprochen, mein lieber van Ypersele«, sagte er zu dem kräftigen, blonden Oberjägermeister, der flämischer Abstammung war, »ich will, daß man jetzt sogleich ernsthaft daran geht, den Bauern in der Umgebung von Madrid nahezulegen, von der Anpflanzung ihrer Grundstücke abzulassen. Sie wissen, wie sehr diese Äcker bei der Jagd stören. Wir wollen das Übel bei der Wurzel fassen. Gar nicht erst anfangen mit diesen überflüssigen Arbeiten. Brachliegen lassen in diesem Jahr. Im nächsten auch. Und immer so weiter, bis niemand mehr was anderes weiß.« Herr van Ypersele brachte in aller Ehrfurcht seine begeisterte Zustimmung zum Ausdruck. »Wissen Sie, mein lieber Don Jaime, ich bin auch dahintergekommen, daß die Bebauung des Bodens der Vermehrung und Ausbreitung der Hasen und Kaninchen großen Eintrag getan hat. Die Tiere sind verängstigt worden, und man hat sie ihrer natürlichen Lebensbedingungen beraubt.« »Der Wildstand wird durch diese weise Maßregel gewaltig steigen, und das ist es, was wir brauchen.« Don Jaime fühlte, daß sein Amt unter dem neuen Herrn noch an Bedeutung gewinnen werde. Gewonnen hatte. »Natürlich bezahlt man die Leute, bezahlt sie gut«, fuhr Carlos der Vierte in jovialem Ton fort. »So wissen wir auch von vornherein, wie wir mit den Entschädigungen daran sind, müssen uns nicht zufälligen Forderungen unterwerfen. Ich will nicht, daß Zwang ausgeübt wird. Nur gut zureden. Aber welcher Bauer wird nicht lieber sein Geld ohne Arbeit einstecken? Denken Sie, was das für die Leute bedeutet! Bisher mußten sie arbeiten, um zu verdienen. Jetzt trägt der Boden ohne Arbeit!« »Gewissermaßen eine neue Form der Landwirtschaft, Eure Majestät!« »Gut gesagt, lieber van Ypersele. Sie werden sehen, wie schnell wir in großer Nähe ein anständiges Jagdgebiet bekommen.« »Es wird eine persönliche Schöpfung Eurer Majestät sein.« »Nun, ich rechne auf Ihre Mitwirkung. Machen Sie's gut. Ich habe eine Auszeichnung für Sie vorgesehen.« Carlos redete nicht immer so fließend, aber diese Sache versetzte ihn in Feuer. Herr van Ypersele fühlte sich für heute in Gnaden entlassen und bat noch, während er sich erhob, alleruntertänigst, Seiner Majestät ein Dokument zur Ausfertigung unterbreiten zu dürfen, das dem Finanzminister die Anweisung der erforderlichen Gelder anbefehle. »So – halten Sie das für nötig?« fragte Carlos erstaunt. Don Jaime formulierte mit einer Gewandtheit, die man dem Naturburschen gar nicht zugetraut hätte, auf einem Blatt Papier die Order an das Finanzministerium. Und Don Carlos unterzeichnete: Ich, der König. Er kannte die ganze Staatsmaschinerie schon seit geraumer Zeit aus der Nähe. Aber heute erfüllte es ihn doch mit unmittelbarerer Zufriedenheit als bisher, daß für jede Art von Wunsch ein besonderer Beamter da war, der wieder seine Leute unter sich hatte. Und daß alles an einer einzigen Stelle zusammenlief. An dieser Stelle stand jetzt er, nach Gottes Willen. Er dachte wirklich: nach Gottes Willen. Und fühlte trotz ernsthafter Trauer Genugtuung darüber, daß der Wille des Vaters jetzt dem seinigen keinen Riegel mehr vorschieben konnte. In dieser soeben geordneten Angelegenheit nicht und in keiner andern. Mit sich und dem Leben zufrieden, ging der König zur Abendtafel. 5 König Karl IV. von Spanien mit seiner Familie Gemälde. Madrid, Prado Die sterblichen Reste Carlos' des Dritten wurden mit großem Pomp beigesetzt, von dem dunklen Marmorsarkophag umschlossen, der seit zwei Jahrhunderten wartete, kamen sie in der Herrschergruft des Escorial zu ruhen, in der Nische, die seit dem Tod des vorangegangenen Königs an der Reihe war. Sie glichen sich alle ganz genau, diese dunklen Marmorsarkophage des Escorial, nur die, die einen Inhalt hatten, unterschieden sich durch den in Goldbuchstaben eingemeißelten Namen: Carlos der Erste, der als Kaiser der Fünfte hieß, Felipe der Zweite, Felipe der Dritte und weiter, weiter bis auf Carlos den Dritten. Und nun erwuchs der nächsten Nische, dem nächsten Sarkophag, die seit zwei Jahrhunderten warteten, ihr ungeschriebenes und ungesprochenes Recht, das wie das schicksalsgraue Zerrbild eines Thronfolgerechtes war: das Recht auf den einbalsamierten Leichnam Carlos' des Vierten, des nunmehr gekrönten. So wird sich ein Glied ums andere in die Kette fügen, bis kein spanischer König mehr sein wird.   Es war noch kurz vor dem Tode des alten Königs gewesen, daß Francisco den Auftrag bekam, für die Gemächer, die der damalige Prinz von Asturien im Escorial zu bewohnen pflegte, Wandteppiche eigenen Entwurfs aus den Erzeugnissen der königlichen Weberei auszusuchen, und das Glück hatte, mit zwei Jagdszenen aufwarten zu können. Das wußte Don Carlos zu schätzen: als die bevorstehende Krönung Anlaß zu Gunstbezeigungen bot und Graf Floridablanca an diese Verdienste des stellvertretenden Direktors der Akademie San Fernando erinnerte (dem er noch immer das Honorar für sein Porträt schuldete), wurde die gnädige Ernennung zum königlichen Kammermaler vollzogen. Der Graf war übrigens seinerseits durch einen devoten Besuch des Ersten Kammermalers zu seinem Vorschlag bestimmt worden: Da keine Gefahr der Überflügelung mehr bestand, war des kränklichen Don Francisco Bayeu milde gewordener Familiensinn dem Schwager zu allen Stellungen zweiten Ranges gerne behilflich. Als der Erhöhte das Dekret in Händen hielt und ihn so der Name Don Francisco Goya von zwei Titeln umrankt anblickte, schoß es ihm in alle übermütige Freude hinein durch den Kopf: Hier fehlt noch etwas, hier muß sich noch etwas ändern, damit diese Schranzen und Oberschranzen mich als ihresgleichen anerkennen. Warum geht mir das erst jetzt auf? Bei allen Märtyrern! Im Elternhaus ist mehr als einmal von adligen Ahnen die Rede gewesen – warum habe ich mich nie darum gekümmert? Dem muß und muß man nachgehen können ... Er überlegte und fand, da komme nur einer als Helfer in Frage: der eine, der in den Familienverhältnissen der Umgegend von Zaragoza am besten Bescheid wußte und zu den die Kirchenbücher verwaltenden Geistlichen brauchbare Beziehungen unterhielt: der gute Martin Zapater. Noch in der gleichen Stunde schrieb er ihm einen Brief. »Stelle genealogische Nachforschungen an«, bat er ihn, »und sorge unter allen Umständen dafür, daß ich mich als Hidalgo entpuppe. Was das ritterliche Herz und das vornehme Benehmen anlangt, werde ich dir keine Schande machen. Um die Wahrheit zu sagen: ich verdiene viel Geld und gebe auch viel aus, einmal, weil mir das Freude macht, und sodann, weil ich hier sehr bekannt bin. Statt meines zweirädrigen Karrens, der ja wirklich ein Prachtstück war, habe ich mir jetzt einen mit vier Rädern erstanden. Ich bin gespannt, was man bei euch darüber sagt.« Und damit der Jugendfreund keinen Anstoß nehme an so viel Vornehmheit, schloß er den Brief als der unveränderte und unveränderliche Francho: »Hast du noch alle Zähne? Trägst du einen Bart und eine Brille? Wächst deine Nase gut? Verstehst du auch noch stramm das Wasser abzuschlagen? – Mich, der ich an der Last meiner dreiundvierzig Jahre schwer trage, würdest du kaum mehr erkennen, höchstens an der Stumpfnase. Gute Nacht, Friede auf Erden und Wohlgefallen in Ewigkeit, Amen.« Die Königskrönung, der Francisco sein neues Amt verdankte, sollte in Madrid volle acht Tage lang durch Hof- und Volksfestlichkeiten begangen werden. Wer dachte noch an jenen dunklen, wartenden Sarg? Großer Pomp wurde vorbereitet. Don Carlos unterschrieb den Befehl zur Einberufung der Cortes, um die sich seit drei Jahrzehnten niemand mehr gekümmert hatte, zur Ausführung einer Zeremonie, der Huldigung an den neuen Prinzen von Asturien, mochten sie recht sein. Viel Geld wurde ausgeworfen. In den Hauptstraßen besserte man die Häuser aus oder gab ihnen neue Fassaden, man baute Triumphbogen, Säulenhallen und was sonst noch Aufzügen und Empfängen den gebührenden großartigen Rahmen geben konnte. Schließlich standen die alten und neuen Gebäude im fröhlichen Schmuck von Fahnen, Wimpeln, Blumen, Girlanden und von zahllosen bunten Öllampen, die die Feststimmung in die Nächte hineintrugen. Schaulustiges, heiter erregtes Volk strömte unaufhörlich durch die Straßen, an den Infanten, Granden, Prälaten, Generalen, Höflingen, die in geschlossenen Aufmärschen oder in vereinzelten Karossen zerstreut als prächtig kostümierte Schauspieler der Komödie auftraten, ergötzte es sich ebenso harmlos wie an den vielfarbigen Kulissen. Daß dieses Geld besser den Armen gegeben wäre, wurde nur von fanatischen Nörglern in den verborgensten Winkeln getuschelt, an der Oberfläche bildeten höchstens diejenigen eine Partei der Unzufriedenen, die bei der öffentlichen Verteilung von Wein und Braten infolge ihrer eigenen Ungeschicklichkeit zu kurz gekommen waren. Selbst die Tatsache, daß der durch Unruhen, die in Barcelona wegen einer Steigerung des Brotpreises ausgebrochen waren, nervös gewordene Ministerrat in der Nähe der Hauptstadt Truppen konzentriert hatte, kümmerte kaum jemanden. Man war im ersten Augenblick etwas gekränkt über solches Mißtrauen, aber dann gewann die Lust, zu feiern, völlig die Oberhand. Nein – in Madrid hätte sich in dieser gesegneten Woche kein Haufe zum Sturm auf das Staatsgefängnis zusammenfinden können. Die vor etlichen Monaten eingetroffene Nachricht, daß in Paris dergleichen geschehen sei und ein Parlament kleiner Bürger sich die Rechte einer Nationalversammlung anmaße, hatte keine Wirkung getan oder doch nur die einer vorübergehenden Kräuselung des Wasserspiegels. Auch bei Hof konnte man sich angesichts des treuen und anhänglichen spanischen Volkes abwartend verhalten. Der Vetter in Frankreich würde zur gegebenen Stunde die Zügel sicherlich wieder straffer anziehen ... Vorsichtshalber verbot Don Carlos dem Offizierskorps, das in Spanien zu allen Zeiten als ein Herd politischer Neuerungssucht galt, von den Pariser Vorgängen überhaupt zu sprechen ... Mehr als von der Auffahrt zur Krönung selbst bekam die Menge von dem Festzug zu sehen, der sich am zweiten Tag zur Kirche San Jerónimo bewegte. In Gewändern aus der Zeit Felipes des Zweiten, dessen Staatskarossen im Zug mitfuhren, huldigten die Spitzen des Adels und mit ihnen die der Geistlichkeit dem Prinzen von Asturien. Man tat sich in allen Bürgerhäusern wichtig mit den Zahlen: zwei Erzbischöfe und zehn Bischöfe, einundfünfzig Granden und dreißig Titel von Kastilien schwuren dem Thronfolger, dem sechsjährigen Knaben Fernando, Treue. Dem Eid der Großen schloß sich der der Cortes an, die sich aus den Vertretern von siebenunddreißig Städten zusammensetzten. Als sie so vorüberzogen, sah ihnen niemand an, wie erbittert sie untereinander um die Reihenfolge ihres Auftritts gekämpft hatten. Maria Luise, Königin von Spanien Gemälde. Madrid, Privatbesitz Dann kam der Teil der Festlichkeiten, der dem Volk über alles andere ging: auf dem Marktplatz, in einer ungeheuren Arena also, gab es Stierkämpfe in großem Stil. Gestern hatten nach alter Sitte zwei Hidalgos, unterstützt von geübten Picadores, Capeadores und Banderilleros, den Degen geführt. Heute sollte der neuen, populären Gewohnheit Rechnung getragen werden: man erwartete berühmte Matadore. Zwar waren die um drei Seiten des Platzes errichteten Tribünen zum großen Teil für den Hof reserviert, aber außer dem, was übrigblieb, gab es auf der vierten, der Sonnenseite, eine Schräge für reichliche Stehplätze, und wer gar in den umliegenden Häusern wohnte oder Verwandte hatte, dem standen an den Fenstern und auf den Balkonen die glänzendsten und bequemsten Plätze zur Verfügung. Man schätzte, daß jeder Corrida vierzigtausend Zuschauer anwohnen konnten.   Francisco verfügte über eine Loge. Er erwartete mit Pepa und den Gästen die Ankunft des Königspaares und den Beginn des Schauspiels – in ausgezeichneter Laune. Der junge Dichter Leandro de Moratin war da, Verfasser erfolgreicher Komödien, der Kunstschriftsteller José Ceán Bermúdez mit seiner Gattin, der Schauspieler Isidro Maiquez, der Maler Agustin Esteve, genannt der Kapaun, Genosse römischer Tage. Und da Francisco nicht ungern seinen Verwandten zum Bewußtsein brachte, was er bei Hofe galt, hatte er als ihren Vertreter Vetter Pablo geladen, den Raben vom Magistrat. Pepa trug ein Kleid aus schwerer gelber Seide und den schwarzen Spitzenschleier, den der hohe, auf ihr rötliches Haar aufgesteckte Prunkkamm hielt. Ihr schmales und schmallippiges Gesicht war blaß, ihre Haltung aufrecht und sicher, kühl und eigensinnig blickten ihre schönen grauen Augen. Franciscos Anzug paßte sich jener Mode an, die ihr Vorbild an den Stutzertypen des Madrider Volks, den Majos, nahm und Wert auf Brokatweste, Seidenmantel, Spitzenkrawatte, Filigranknöpfe legte. Sie brachte einen seltsamen Kreislauf zum Ausdruck: während der Majo dem Aristokraten die Manieren abguckte und, um es ihm gewiß gleichzutun, alles übertrieb, war die ganze gute Gesellschaft plötzlich von der Laune besessen, sich nach Art der Majos und Majas zu tragen. Man hatte keine eigenen Ideen mehr, erklärte sich, ohne es recht zu wissen, lächelnd für bankrott und erneuerte, wenn nicht das Blut, so doch die Art sich zu gehaben aus Quellen, die man mit mehr oder weniger Grund für gesund hielt. Zahlreich mischten ringsum die Majokostüme ihre Buntheit mit der der Hof-, Gesandten- und Offiziersuniformen, leuchtender, nur von dünnen schwarzen und weißen Mantillas gedämpft, boten sich die Mieder, weiten Röcke und Schals der Damen dar, rotgelbrote Fahnentücher und kostbare Teppiche hingen über die Estraden und über die Balkone der Häuser und schlugen alles an Farbenglanz. Ganze Chöre von Stimmen schwirrten. Ringsum rauschten die Fächer mit pompösem Ton auf und zu, bewegt von den ihre Geschicklichkeit lässig verbergenden Händen der Frauen und Mädchen. Fanfaren. Vom Rufen und Händeklatschen der Zehntausende empfangen, betreten Don Carlos und Doña Maria Luisa und unmittelbar nach ihnen die übrigen Mitglieder des Herrscherhauses Spanien-Bourbon die große, mit dem Königswappen geschmückte Loge. Neue Fanfaren. Ein Tor geht auf. Vom berittenen Alguacil geführt, zieht die Cuadrilla der Toreros ein: Männer in knapper Kleidung, voran die Matadore mit entblößtem Degen, dann die Banderilleros mit den kurzen bunt umwickelten Spießen, die Capeadores mit den Purpurmänteln, zu Pferd die Picadores mit ihren Lanzen, hinter ihnen das bunte Maultiergespann, das die getöteten Stiere aus der Arena schleifen wird. Huldigung vor dem Königspaar, Umzug durch den Sand des Kampfplatzes und nochmals Fanfaren. Während sich die für den Beginn der Angriffe auf den ersten Stier bestimmten Toreros in der Arena verteilen, hält der Alguacil nochmals mit gezogenem Hut vor der königlichen Loge, Don Carlos selbst wirft ihm den von einem Kammerherrn auf rotem Samtkissen dargebotenen Schlüssel herab, mit dem sogleich der Stierzwinger geöffnet wird. Ein schwerer andalusischer Stier rast aus seinem dunklen Verlies in die Helle und schlitzt sogleich in dumpfer Wildheit einem Pferd mit den Hörnern den Leib auf. Einem zweiten, einem dritten. Die Picadores haben ihn mit den Lanzen in die Sehnen des Genicks getroffen, aber sie stürzen mit den Gäulen, arbeiten sich unter ihnen hervor, während schon die Capeadores die gefährlichen Mantelspiele beginnen, an die der schwerfällige Stier nun seine Kräfte wendet. Vierzigtausend Madrilenen kümmern sich um nichts mehr in der Welt als um die Finten der Mantelschwinger und um die Hörnerstöße, mit denen der Stier seine Wut in die von den Purpurtüchern trügerisch drapierte Leere verpufft. In Franciscos Loge nimmt man ebensoviel Anteil wie auf irgendeinem anderen Platz. Der Gastgeber erläutert die Feinheiten oder Fehler gewisser Bewegungen. Pepa blickt hochmütig und lächelt etwas kühl, wenn Francisco sehr lebhaft wird, aber dann können auch ihre Augen in Momenten hoher Spannung das leidenschaftliche Mitgehen nicht verleugnen. Die müden Züge bekommen den eigenartigen Reiz einer unnahbaren Frau, aus der plötzlich Flammen hervorschießen. Der gefeierte Matador Costillares, ein anmaßend blickender junger Mensch mit grausam-lüsternem Mund, läßt sich selbst herbei, dem Stier das erste Paar widerhakiger Spieße in den Nacken zu stoßen. Sie gehen nicht tief, haben nur – diesmal und immer – die Aufgabe, den Stier durch Blutverlust und Schmerzen langsam zu schwächen. Francisco kritisiert den Stoß. Isidro Maíquez lächelt: »Aha – Hillo-Partei!« Denn die regelmäßigen Besucher der Corridas sind in zwei Lager gespalten: hie Hillo, hie Costillares. Isidro gibt seinen drei Worten etwas Schimmerndes und weiß, daß er schön aussieht. »Wollen Sie mir eine Bemerkung erlauben, Don Isidro«, mischt sich der Vetter Pablo ein, »Partei oder nicht – die Bewegungen, mit denen die Banderillas gegeben wurden, waren ohne Stil, mit so viel Aufwand von Pathos versetzt man vielleicht den Todesstoß, aber nicht solche Kleinigkeiten.« Seine Stimme krächzt, und die schwarzen Rockschöße hängen ihm vom Stuhl wie Rabenflügel. »Gut gesagt, Pablo – der Heldenspieler Don Isidro liebt eben das Heroische.« Francisco sagt es mit freundschaftlichem Spott und fügt ritterlich hinzu: »Jeder deiner Schritte, Isidro, ist mehr wert als hundert der seinigen.« Während schon ein anderer Banderillero dem Stier gegenübertritt, setzt Pablo die Behandlung des Themas fort, denn es ist ihm wichtig, daß er in diesem Kreis zu Wort kommt: »In der Tat hätte ich mehr Leichtigkeit und Grazie gewünscht, aber – man wird es einem begeisterten Leser der Schriften Voltaires nicht verübeln, wenn er die ganze Frage doch im Grunde nicht wichtig nimmt.« Und er findet ein Echo: »Sie sind mein Mann«, sagt Bermúdez, »ich weiß zwar nicht, wie Voltaire über den Stierkampf gedacht hat – wahrscheinlich gar nicht, aber ich finde jedesmal von neuem: es sind barbarische Gewohnheiten, an denen wir Männer und Frauen von Geist hier teilhaben. Sie sind fürs Volk – nein, auch fürs Volk sind sie nicht gut.« »Der eine findet die Corrida nicht wichtig, der andere barbarisch ... Warum seid ihr eigentlich gekommen? Geht lieber Billard spielen oder laßt euch in ein Nonnenkloster einschließen!« Francisco scherzt, aber er ist doch ein wenig verstimmt. »Ich bin es meiner gesellschaftlichen Stellung schuldig, hier zu sein«, pariert Bermúdez mit leichter Selbstironie, während gerade der Stier das zweite Paar Spieße eingestoßen bekommt. Das schwere Tier schüttelt sich, schnaubt. »Ich bin gar kein Verächter«, krächzt der Rabe, »sonst säße ich nicht trotz meiner Magenschmerzen hier, als philosophisch eingestellter Mensch wollte ich nur etwas über den relativen Wichtigkeitsgrad bemerken. Ich würde bedauern, wenn meine Objektivität mißverstanden worden wäre.« Er schaut während dieser Worte so stechenden Blicks in die Arena, als warte er trotz aller Objektivität nur darauf, bis das Opfer liegt. Um dann hinabzuflattern ... Nach dem dritten Paar Banderillas und einem Trompetenstoß tritt Costillares mit tiefer Verneigung unter die Königsloge und weiht den Tod des Stieres unter dem Beifall derer, die seine Worte verstehen, »der anmutigsten Königin«. Er peitscht das blutende, gehetzte, nur noch auf seine Verteidigung bedachte Tier mit dem Scharlachtuch erneut zum Zorn auf, weicht ihm aus, hält es zum Narren. Als er sicher genug ist, daß es keine unvorhergesehene Bewegung mehr ausführen kann, breitet er das Tuch vor ihm in den Sand, kniet nieder, grüßt höhnisch mit dem Degen. Der Stier steht keuchend wie festgewurzelt. Das Volk applaudiert. Wieder auf den Füßen, weist der Matador mit der Spitze seiner Waffe auf das Haupt des Stieres als Zeichen, daß er nun angreifen wird. Der Stier behält ihn im Auge, dreht sich in jede Richtung, die der Feind einnimmt. Schließlich kommt Costillares zum Stoß, doch trifft er weder tödlich, noch kann er den zur Hälfte eingedrungenen Degen zurückziehen. Einige pfeifen, aber ihre Kritik wird von Beifall erstickt. Der Matador empfängt einen zweiten Degen. Das Tier mit den geängstigten Augen – das Blut tropft ihm aus dem Maul – ist kein ernsthafter Gegner mehr. Wie viele unter den vierzigtausend sehen seine Leiden? Auch Francisco sieht sie nicht, er sieht nur den fehlerhaften Stoß, empfindet den zweiten, der das Werk vollendet, nicht als Gnadenstoß, sondern als halbwegs kunstgerecht geführt. In seiner Loge beginnt die Diskussion von neuem. Nur einer der Gäste schweigt wie zuvor, beschränkt sich darauf, jedem Sprechenden unter dem Anschein freundlichen Interesses aufmerksam auf Gesicht und Hände zu schauen: der Komödiendichter Leandro Moratin. Er hat einen feinen schmalen Kopf mit großen dunklen Augen und nicht hoher, doch klarer Stirn. Fast scheint es, als sei er während der Degenstöße erbleicht, doch kommt es Francisco ihm gegenüber nicht in den Sinn zu spotten. Ein neues Opfer galoppiert in die Arena, ein behendes jüngeres Tier. Als die Szene der Picadores vorüber ist, vier Pferde grauenhaft verwundet sind, steigt Ramon de la Rosa, ein in Habana geborener Spanier von athletischem Wuchs, auf einen vor der Königsloge aufgestellten Tisch und läßt sich die Beine zusammenbinden. Die Capeadores locken den Stier dort hin, lassen sich von ihm verfolgen. Als er an dem Tisch vorüberläuft, schnellt sich der Kubaner über ihn hinweg, kommt zu Fall, erhebt sich rasch. Ein zweites, ein drittes Mal gelingt der Sprung. Wieder wird der Stier mit den roten Mänteln beschäftigt. Der Matador, jetzt mit freien Beinen, nähert sich von rückwärts und schwingt sich mit einem mächtigen Satz auf den Rücken des Tieres, faßt es an den Hörnern, reitet. Es schüttelt sich, schlägt aus, doch er sitzt fest, trabt mit ihm durch die Arena. Als der Stier sich zu fügen scheint, läßt sich Ramon eine Gitarre reichen, spielt einen Tanz. Der Stier trägt ihn langsam durch die Runde. Vierzigtausend Madrilenen rasen. Auch der gefährliche Rücksprung in den Sand läuft gut aus dank der geschickten Ablenkung des Stieres durch einen Capeador. Ramón tritt ab, kehrt auf dem Rücken eines edlen Pferdes zurück, ein Paar Banderillas in den Händen. Beifallsstürme prasseln als Vorschuß nieder. Der Stier wendet sich gegen das Pferd, das ausweicht, aber nicht flieht. Es ist abgerichtet, scheint nur zu spielen. Als der Stier heftiger angreift, zittert es, versucht sich zu bäumen. Doch es gehorcht dem Reiter. Die Jagd wird toll. Der Stier ist hinter dem Pferd her, das Pferd hinter dem Stier. Den Zuschauern stockt der Atem, sie sehen das zum erstenmal, und viele, denen die Corrida sonst nur ein erregender Kitzel ist, bangen nun doch um den Reiter, sogar um das Pferd. Zwei Banderillas sitzen schon. Nach dem dritten Paar, immer unter ohrenbetäubendem Beifall, wird dem Matador sofort der Degen gereicht. Er verlangt dazu die Muleta, das rote Tuch, wirft sie über den Degen und läßt den Stier darunter durchsetzen, unmittelbar am Pferd vorüber. Der Stier ermattet, sucht eine Ruhepause. Sofort stößt der Matador zu. Der Stier steht, zittert, bricht zusammen. Erhält der Sicherheit halber vom Puntillero mit einem Messer den Genickfang. Das Rasen der Zuschauer hat sich zum Orkan gesteigert. Hüte, Blumen, Früchte, Geldbörsen regnen in die Arena. Das Königspaar lächelt etwas verlegen, denn es sieht sich völlig vergessen. Und wird vom Oberhofmarschall untertänigst daran erinnert, daß nunmehr eine Pause vorgesehen ist, erhebt sich, hält Cercle. In einigen Logen des hohen Adels tut man dasselbe. Francisco begibt sich mit Pepa in den Vorraum der Loge des Duque und der Duquesa de Osuna, in dem zahlreiche Besucher ab- und zugehen. Die Herzogin hat für den erfolgreichen Maler sofort eine Schmeichelei bereit, fragt nach seinem Urteil über Costillares' heutige Leistung, legt ihm nahe, Ramón de la Rosa zu malen, als Banderillero zu Pferd – »Niemand kann das malen als Ihr Gatte, Doña Josefa – beneiden muß man Sie, daß Sie seine Frau sind – und was hat Ihr Kleid für eine herrliche Farbe – wir sehen Sie doch am Sonntag bei unserem kleinen Fest ...« Und dann spricht sie zum nächsten, und Francisco tauscht Worte mit dem Marqués von Mancera und mit Doña Consuelo, der Marquesa, deren Blicke ziemlich unvorsichtig sind und ihn langweilen: sie müßte doch längst gemerkt haben, daß sie ihn nicht mehr interessiert. Und hier eine Verbeugung, dort ein Händedruck ... »Sie waren ja auch in San Jerónimo – man hat da einem Akt von historischer Bedeutung angewohnt ...« Und während Pepa verspätete Glückwünsche zur Ernennung ihres Gatten entgegenzunehmen hat, flüstert dem der Herzog den neuesten, sehr derben Witz ins Ohr. Und als sich an Osuna ein alter, geheimnistuerischer Staatsrat mit den letzten politischen Nachrichten aus Paris herandrängt – »Ich kann nur unter vier Augen sprechen« –, da entfernt sich Francisco mit Pepa, der er ein Zeichen gegeben hat, aus der Gesellschaft. Die Salons der Herzoginnen von Osuna und von Alba rivalisieren. Francisco hat also guten Anlaß, auf einen Besuch auch in der Loge der Albas zu drängen. Pepa, so gerne sie ihre Zugehörigkeit zur Hofgesellschaft betont, willigt erst nach einigem Widerstand ein. Sie fühlt gegenüber der Herzogin etwas wie Unbehagen oder Abneigung, und der Grund dieser Empfindungen liegt – sie weiß es selbst noch kaum – in der gewissen Art, in der Doña Cayetana einmal in ihrer Gegenwart mit Francisco gesprochen hat, und in seiner Bereitwilligkeit, auf diese Art einzugehen. Josefa Goya y Bayeu ist weiß Gott dergleichen gewöhnt, aber ihre Resignation wandelt sich wieder einmal in Kampf – in einen stillen Kampf mit schwachen Mitteln freilich –, weil sie, die aus Instinkt früh, mitunter auch grundlos Mißtrauische, das Herannahen einer mehr als nur flüchtigen Gefahr zu spüren glaubt ... Doña Cayetana spielt, während sie das Wort an eine devote alte Dame richtet, bis in die Fingerspitzen bewußt mit zwei Banderillas, die die Farben der Albas tragen, Blau und Gelb. Ihre Augen, an den Mitteilungen der Devoten durchaus beteiligt, sehen zugleich die Tür und jeden Eintretenden. Sie nickt aus der Entfernung Pepa fast kameradschaftlich zu. Francisco kann den Blick, wenn er sich nichts vormachen will, nicht auf sich beziehen. Er bleibt stehen und beobachtet die spielenden Hände. Sie sind schlank, langfingrig, nach vorne sich verjüngend, doch nicht mager, sondern mit einer Andeutung zarter Fülle. Wie müßte eine Liebkosung dieser Hände erregen ... Nun scheinen sie ihm zwei nackte Körper, die einander suchen, locken, fliehen, berühren. Niemand außer mir, denkt er, sieht dieses schöne, schamlose Schauspiel, so wie es ist. Ob sie weiß, daß ich es sehe? Vorsichtig hebt er den Blick zu ihrem Gesicht. Sie schaut, ihm abgewandt, einem General auf die linke Epaulette ... Es ist wieder dasselbe Kommen und Gehen, derselbe flüchtige Austausch von krampfhaft-erfreuten Begrüßungen, kleinen Frivolitäten, wichtig vorgebrachten Nichtigkeiten. Aber die Leere und Konvention solchen Tuns erhält in dieser ungehemmteren Atmosphäre durch die wirklich fröhliche Laune einiger Menschen oder auch durch gute, ernsthafte Bemerkungen anderer ihre erfreulicheren Akzente. Es ist nicht nur, daß die Diener Champagner reichen, wer unter den Besuchern nicht gallig, ausgedörrt, von böswilliger Klatschsucht angefressen ist, läßt sich von der aparten Herzogin willig den Ton vorschreiben – so gut eben jeder ihrem Wunsch zu folgen vermag, daß ihrem Haus um jeden Preis die Langeweile ferngehalten werde. Denn selbst dieser nüchterne, in eine Festtribüne hineingezimmerte Raum ist ihr Haus. Auch die Gesellschaft mischt sich bunter als bei den Osunas. Mitten unter den Granden steht Costillares, der den ersten Stier dieser Corrida getötet hat, und betastet vorübergehende Edeldamen von oben bis unten mit seinen durstigen Blicken. Francisco begrüßt seinen einstigen Brotherrn Pepe Hillo, der die Vierzig überschritten hat, ein Alter, in dem die meisten Matadore nicht mehr in die Arena steigen, doch er ist frisch und gelenkig und fühlt sich als das Haupt der klassischen Schule. Gemessen reichen sich die beiden die Hand: da ihnen bekannt ist, daß man von jener Episode weiß, stellen sie sich, als wissen sie nichts davon. Pepe wird einem späteren Stier entgegentreten. Dort drüben aber unterhält sich niemand anders als der junge Dichter Juan Esteve, Bruder des Malers. Ein alter Kammerherr, der ihn erkennt, faßt entsetzt nach dem Degengriff und rückt, um innerlich einen Trennungsstrich zu ziehen, seine Orden zurecht, einen um den andern. Juan hat nämlich die Herzoginnen von Alba und von Osuna in satirischen Versen verspottet und ist auf Betreiben des Herzogs von Osuna mit Gefängnis bestraft, auf das der Herzogin von Alba aber anläßlich der Königskrönung – die Neuigkeit spricht sich soeben erst herum – nach kurzer Haft begnadigt worden. Und nun läßt er sich also in ihren Kreis ziehen ... Doña Cayetana weist Pepa, nur ihr und nicht Francisco, die Banderillas (»eine Aufmerksamkeit unseres Costillares«), legt den Arm um ihre Schulter und zeigt ihr einen spaßhaften Gast: einen entfernten Vetter ihres Gatten, den kleinen Landjunker Don Godofredo Ermenegildo Beruete y Villafranca, einen älteren Herrn schon, der, sie erzählt es, dem wundervollen Grundsatz huldigt, Bürgerliche niemals eines Wortes zu würdigen, wenn er eine Verständigung durchaus nicht vermeiden kann, bedient er sich der Zeichensprache. »Ist er nicht wie ein satter Storch, dem es Mühe macht, sich in den Stelzgelenken zu wiegen?« fragt sie. Und nun redet ihn wahrhaftig Juan Esteve an. Don Godofredo verzieht das Gesicht, reckt sich hoch – »wie wenn er«, sagt die Herzogin, »einen im Schlund steckengebliebenen Frosch vollends in den Magen hinunterpressen müßte« –, legt langsam einen Zeigefinger auf den Mund, wendet dem Frager den Rücken und entfernt sich gravitätisch. Cayetana sagt dem verblüfften Esteve ein erklärendes Wort, kommt zurück, während Fanfaren die Fortsetzung der Stierkämpfe ankündigen, und lädt Pepa ein, für die nächsten Stiere in der herzoglichen Loge zu bleiben: »Sie und Ihr Gatte.« Der Marqués von Villafranca, ihr melancholischer Gemahl, fügt einen höflichen Satz bei, und ein Diener wird ausgesandt, um die beiden bei ihren eigenen Gästen zu entschuldigen. Die Loge liegt der königlichen so nahe, daß man sich nicht setzen kann, ehe die Gekrönten darin vorangegangen sind. Carlos wie Maria Luisa sehen müde, gelangweilt, ja geradezu ungnädig aus. Fernando, der Thronfolgerknabe, blickt sehr hochmütig. In der Arena ist wieder Costillares an der Reihe. Auch diesmal stößt er selbst dem Stier das erste Paar Banderillas in den Nacken. Sie sind blaugelb, genau wie die, die er der Herzogin geschenkt hat. Dabei ritzt ihn das Hörn des Stieres am rechten Arm, der Ärmel ist zerrissen, niemand weiß, ob mehr geschehen ist, doch scheint der Torero aus der Fassung gebracht, vielleicht sogar einer Ohnmacht nahe. Die Situation ist gespannt, einem Capeador gelingt es, die Aufmerksamkeit des Stieres abzulenken. In diesem Augenblick eilt Pepe Hillo, Costillares' Rivale, der auch als sein Feind gilt, herbei, faßt ihn um die Schulter und führt ihn unter großem Applaus aus der Arena. Der Ausgang ist so gelegen, daß ein paar Schritte genügen, die Loge der Herzogin von Alba zu erreichen. Cayetana schickt sofort einen Diener, die beiden Matadore treten ein und zeigen sich dem Publikum, das in sein Händeklatschen Hochrufe auf Pepe Hillo, Costillares und die Herzogin mischt. Francisco kann sich nicht verhehlen, daß er, soweit die Ehrung Cayetana gilt, so etwas wie freudigen Stolz empfindet. Das gekrönte Paar nebenan sieht sich wieder vergessen. Ein Arzt stellt bei Costillares eine belanglose Verwundung fest, verbietet ihm aber die Fortsetzung seines Auftretens. Cayetana läßt ihn neben sich Platz nehmen. In der Arena übersteigern sich die Waghalsigkeiten. Der Matador Alarcon fährt im Wagen ein und schirrt vor der Königsloge das Pferd aus. Ein Stier wird losgelassen, dem ein Strick an den Hörnern befestigt ist. Während ihn Capeadore beschäftigen, ergreift Alarcon den Strick und spannt das völlig verblüffte Tier mit eisernem Griff vor seinen Wagen, dann springt er auf und kutschiert das Fuhrwerk um den weiten Kreis. Ein zweiter Stier. Hinter ihm Ramón de la Rosa zu Pferd mit der Lanze. Auch Alarcon ergreift eine Lanze und treibt sein Fuhrwerk auf das Opfer zu. Es wird von beiden mehrmals am Nacken verwundet und erhält in den gequälten Rücken allmählich vier Banderillas gestoßen – in großen Pausen, denn der von zwei Seiten angegriffene Stier ist scharf auf der Hut, und beide Matadore müssen auf die Bewegungen zweier Stiere achten. Es ist eine Kombination von Gefahrmöglichkeiten, die ein halbdutzendmal an der Katastrophe hart vorüberführt. Aber das Opfer fällt. Würde auch fallen, wenn es sich seiner beiden Peiniger entledigte, denn dann käme ein dritter, vierter, fünfter Peiniger. Es gibt für den Stier keinen Ausweg aus dem Todesurteil. Dazu ist er herangezüchtet worden, um öffentlich, gemartert zuvor, durch das Schwert zu sterben. Ramón stößt ihn wieder vom Rücken des geängstigten Pferdes aus nieder. Alarcon springt ab, durchhaut die Stricke des Zugstieres und tritt nun diesem – eine ungewohnte Kühnheit – nicht mit dem Mantel, der Lanze, den Banderillas, sondern sogleich mit dem Degen gegenüber. Aber auch dieses Opfer fällt, ohne daß der Henker Schaden nimmt. Zwei Stiere werden vom Maultiergespann abgeschleppt. Über solch ausgiebiger Schlächterei rast die Menge: Lastträger, Straßenhändler, Handwerker, Kaufleute, Bauern, Finanzleute, Schreiber, Soldaten, Grundbesitzer, Beamte, Künstler, Richter, Hofleute, Granden, Infanten. Auf den obersten dieser Leiterstufen ist man ein klein wenig zurückhaltender mit dem Rasen, doch ohne sich aus der Einheit der Begeisterung herausstehlen zu wollen, hier sind auch mehr Frauen dazwischen. Von allen Ständen fehlt nur der geistliche – bis auf den einen Priester oder Mönch, der unten in der improvisierten Kapelle jeden Torero vor dem Eintritt in die Arena segnet und dann verstohlen aus einem Versteck zuschaut. Francisco sitzt zwei Reihen hinter Doña Cayetana und sieht über ihrer Stuhllehne nur das krause Haar und den von meergrüner Seide umgebenen Rückenausschnitt. Sie hat die meiste Zeit geschwiegen, nur mitunter eine Frage an Costillares gerichtet. Wie unangenehm vertraulich doch jedesmal der Torero antwortet. Nur um das Wort an die Duquesa richten zu können, bittet Francisco sie um die Erlaubnis, sich jetzt seinen Gästen zur Verfügung stellen zu dürfen. Sie wendet sich zurück, nickt – es scheint ihm fast, als nicke sie belustigt – und bittet Pepa zu bleiben. Bermudez spöttelt über den Hofdienst, als Francisco zurückkommt, hört aber auf, als er eine etwas grämliche Miene sieht. Seine Frau fragt nach dem Kleid der Herzogin, Agustin Esteve, der bisher nur die Miene stummer Dienstbereitschaft gezeigt hat, nach seinem Bruder. Ein neuer Stier betritt die Arena, groß, mit besonders spitzen Hörnern, prachtvoll und gefährlich anzusehen. Er galoppiert in die Mitte, stutzt, läuft weiter – und jedermann erwartet nun den gewohnten ersten Akt: das Losstürzen auf die Pferde und roten Mäntel. Den meisten Zuschauern ist es, so sehr sie zuvor mitgerissen waren, doch willkommen, daß nun an Stelle jener verwickelten Künste wieder die einfache Corrida zu Fuß tritt, und Pepe Hillo wird seinen Mann stellen. Der Stier läuft weiter, zwischen den von den Picadores herangetriebenen Pferden durch, als seien sie Luft für ihn – unmittelbar auf eine der amphitheatralisch in die Arena absteigenden Tribünen zu. Nichts kann geschehen – es sind ja genügend hohe Barrieren da ... Nichts könnte geschehen, wenn nicht das unerwartete Verhalten des Stieres – Verräter nennt das Volk ein solches Tier, das nicht in die Falle geht – wenn nicht die Unbotmäßigkeit des Stieres einige Zuschauer, auf die er Richtung nimmt, heftig erschrecken würde. Sie schreien, springen auf, drängen zurück, andere werden angesteckt. Die Picadores sind ratlos, ihre Gäule scheuen, drücken gegen die Rampe. Und plötzlich bricht eine Schranke ein, niemand weiß wie, eine zweite, Bretter splittern – alles im nächsten Bereich des wütenden Stieres, der nur weiterzulaufen braucht, um gegen die vor Entsetzen schon kaum mehr schreienden Menschen anzurennen. Die bunte Uniform eines zum Ordnungsdienst aufgestellten Soldaten bringt ihrem Träger den furchtbaren Tod. Mehrmals stößt ihm der Stier die Hörner in den Leib. Und wirft mit blitzschnellem Ansturm einen zweiten Soldaten nieder, der dem ersten Hilfe bringen will. Läßt von beiden ab und trifft einen der Hinausdrängenden in den Rücken, daß er sofort zusammenbricht. Bohrt beide Hörner ein und hebt den schweren Mann mit einem Ruck hoch. Wendet sich langsam um und blickt in die Arena. Schüttelt die Hörner, läßt aber die grausige Last nicht los. Steht unbeweglich, kümmert sich nicht mehr um die Fliehenden. Carlos und Maria Luisa bleiben sitzen. Gekrönten Häuptern geziemt es, ein Beispiel von Mut zu geben, auch wenn es nur der Mut ist, einen grauenhaften Anblick zu ertragen ... Das Gefolge rührt sich nicht. Aber das Fest ist aus. Der Stier hat es vorzeitig abgebrochen, hat das Leben und die Qualen von hundert Brüdern gerächt – und sein eigenes Leben, denn es wird auch für ihn keine Rettung geben. Daß diese gegen die menschliche Grausamkeit sich aufbäumende Naturkraft nichts als Gerechtigkeit geübt hat, davon wissen keine zehn. Moratín ist unter ihnen. Er ist mit Francisco zurückgeblieben, während sich rings auch die völlig gesicherten Plätze leeren und die Menschen einander zurufen, der zuletzt Getötete sei der Alcalde des Dorfes Escorial. Eigentlich ist es ein mildes Urteil, geht es dem Dichter durch den Sinn ... nur drei von vierzigtausend ... aber es steckt noch anderes dahinter ... Er starrt vor sich hin. Francisco hat ein Skizzenbuch aus der Tasche gerissen und zeichnet mit fliegenden Strichen den Stier, der den Alcalden aufgespießt hält, und die vor ihm Flüchtenden. Für die Herzogin ist keine Gefahr, denkt er dabei. Und für Pepa nicht. Während er zeichnet, nähert sich Pepe Hillo, der diesmal im Hintergrund ahnungslos seinen Auftritt abgewartet hat, von rückwärts dem noch immer reglos stehenden Stier und stößt ihn nieder. Gleich hinter ihm hat ein Mönch die Tribüne des Grauens erstiegen, ein hagerer, noch ziemlich junger Mensch: eine populäre Figur, die man den Todeskämpfer nennt. Ist es aller Welt- und Klostergeistlichen Pflicht, den Sterbenden beizustehen, so hat Pater Bavi in dieser Hilfe solche Kraft, um nicht zu sagen Fertigkeit erlangt, daß im gemeinen Madrider Volk niemand seinen Besuch entbehren will, der seine letzte Stunde herankommen fühlt oder zu fühlen glaubt. Es umgibt ihn sogar das Gerücht, er komme ungerufen ... Nun ist er auch hier, kaum ist das Unglück geschehen. Ob er der war, der die Toreros heute zu segnen hatte? Ob er von der Straße kommt? Einerlei – er ist im entscheidenden Augenblick da und findet, während nun auch andere beginnen, sich um die Opfer zu bemühen, wenigstens in dem einen Soldaten noch Lebens- und Bewußtseinsreste. Mit einer Heiterkeit, die zu dem vorgehaltenen Kruzifix einen seltsamen Gegensatz bildet, redet er auf ihn ein ... »Ich habe alles Geschehene verfolgt«, sagt Moratín, als des Freundes Zeichnung beendet ist, »und weiß so klar und sicher wie selten, daß sich unter der Oberfläche solcher Ereignisse eine unheimliche Triebfeder verbirgt. Eine Summe unglücklicher Einzelheiten greift mit einem Schlag ineinander wie ein wohlvorbereitetes Räderwerk – unter dem dämonischen Zwang einer Entscheidung des Schicksals ... Oder glaubst du hier an Zufall?« Francisco zuckt schweigend die Achseln. »Manchmal gelingt es wirklich, durch die Dinge hindurchzuschauen, als seien sie von Glas. Aber wir werden der Gestalt des Schicksalsdämons niemals wirklich ansichtig. Er stellt sich uns nicht. Wahrscheinlich würden wir seinen Anblick auch gar nicht ertragen.« Francisco schiebt seine Hand unter des Dichters Arm. Langsam gehen sie hinaus. 6 Die Feste waren vorüber, die Straßen von Madrid zeigten wieder ihr gewohntes Gesicht, nur daß die ansehnlichsten von ihnen noch für einige Zeit jene Spuren der Verjüngung an sich trugen, die dazu bestimmt gewesen waren, die Augen des Herrscherpaares von der Wohlhabenheit der Hauptstadt zu überzeugen. Die Handel und Wandel der Bürger einengenden kleinlichen Vorschriften wurden nicht aufgehoben, doch spottete man ihrer oft genug, und wenn den Wäscherinnen am Manzanares die Unterhaltung mit den Vorübergehenden oder den Fischweibern der ein bestimmtes Maß übersteigende Wasserverbrauch beim Reinigen der Stockfische verboten war, so trafen solche Maßnahmen ja immer nur einen kleinen Kreis. Daß das Billardspiel auch unter der neuen Regierung königliches Reservat blieb, war gleichfalls keine Sache von Lebenswichtigkeit, doch immerhin ein bemerkenswertes Symbol. Die seit Jahren immer nachdrücklicher durchgeführte französische Kleidermode, die den weiten Mantel verpönte und den Schlapphut durch den Dreispitz ersetzte, stand fest und gab niemand mehr zu denken. Wer sich mit Politik befaßte, mochte wohl merken, daß auf diesem Gebiet eine scharfe Luft wehte. Seit der König von Frankreich die von der Nationalversammlung beschlossene Verfassung hatte beschwören müssen, war im Reich Carlos' des Vierten alles, was nach revolutionärer Propaganda hätte aussehen können, ausdrücklich und peinlich verboten. Das lag völlig im Sinn der Kirche, die nun im besonderen die Freimaurer des Einverständnisses mit den französischen Aufwieglern verdächtigte, der Kardinalprimas versuchte sogar unter Erneuerung der Anklage auf Ritualmord beim König das Verbot der Logen durchzusetzen. Vergebens. Einflußreiche Würdenträger nämlich waren Mitglieder, der Finanzminister Graf Aranda saß der Großloge von Spanien vor. Trotzdem fühlten sich Klerus und Mönchsorden mehr denn je als Mitbeherrscher des Volkes, außerhalb der Städte sogar als seine einzigen Beherrscher. Sie waren schon allein der Zahl nach imstande, das Reich mit einem wirksamen Netz zu überziehen und sich in den großen Zentren mächtig zu stauen. Die mehr als dreitausend Klöster, wohl in siebzig verschiedene Regeln gespalten, beherbergten sechzigtausend Mönche und Nonnen, dazu vierzigtausend Köpfe Dienerschaft und Handlanger. Außer ihnen ernährte das Land siebzigtausend Weltgeistliche. Im Volksbild von Madrid waren Kutte und Soutane, von den ihre Träger umdrängenden Kindern am Saum geküßt, ein fast noch gewichtigerer Akzent als früher, jedermann gab ihnen ehrfürchtig Raum. Gerade in diesen Tagen sah man sie auch mehr als sonst im Stadthaus aus und ein gehen, es war die Zeit der Anmeldung des Weingeldes. Jeder Priester oder Mönch bezog nämlich vom Staat jährlich runde fünf Lasten Weins, und wer damit nicht auskam, erhielt seinen Mehrverbrauch bezahlt – es genügte, ihn dem Alcalden unter Eid anzugeben. Bettelmönche zogen durch die Gassen und boten den Frauen Reliquien und besonders ehrwürdige Kruzifixe gegen Bezahlung von zwei Realen zum Kuß dar. Jünger des heiligen Franciscus, der Reinheit ihres großen Meisters wenig eingedenk, hielten Ordenskutten feil zu drei Dukaten das Stück, weil es Segen bringen sollte, sich darin begraben zu lassen. Laienbrüder zeigten sich an den Türen der Fleischerläden und Weinschenken, die sie zum Vorteil ihrer Klöster unterhielten. Der König spendete willig und üppig. Auch hielt er darauf, daß sich bei Hof die Ausübung der geistlichen Funktionen so reich als möglich entfaltete. Allein im vergangenen Monat waren in der Kapelle des Madrider Schlosses zweihundertachtzig Messen gelesen worden. Er selbst hörte die Messe jeden Morgen. Dann begab er sich zur Jagd, aß zu Mittag und jagte von neuem. Tag für Tag wurden für seine Jagden fünfhundert Pferde und siebenhundert Bediente bewegt, für die Treibjagden preßten seine Beamten bis zu zweitausend Bauern ... Bei der heutigen Mittagstafel war Carlos sehr mürrisch, denn er hatte am Morgen einen Hirsch gefehlt. Er erklärte die Geflügelpastete für versalzen und warf seine Portion dem Bedienten, der sie ihm serviert hatte, mit der Hand ins Gesicht. Ein anderer Bedienter konnte das Grinsen nicht unterdrücken – dem schüttete er ein Glas Rotwein über den Kopf und schrie dazu: »Sei froh, daß ich dich nicht verprügeln lasse, du frecher Lümmel!« Ein Teil ergoß sich über den gelbseidenen Rock des Oberhofmarschalls, der dem König gegenüber saß und die Einbeziehung in den köstlichen Witz der Majestät mit etwas saurem Lächeln quittierte. »Man muß Ihnen doch auch ansehen, daß Sie so gern saufen«, lautete des Königs Entschuldigung. Van Ypersele, der gleichfalls dem intimen Kreis der Geladenen angehörte, suchte von einem Buch über die Dressur von Jagdfalken zu berichten, das er soeben gelesen hatte, aber Carlos hörte nicht zu. Er aß rasch noch ein großes Stück Torte, leerte einen tüchtigen Becher Dessertwein, ordnete den Wiederaufbruch an und stampfte auch gleich darauf die Treppe hinab. Dem Stallknecht, der ihm seinen Rappen vorführte, schenkte er einen Dukaten, weil er sich so das Jagdglück zu erkaufen hoffte, ehe er aufstieg, patschte er einem hochadligen Kammerherrn, der langsam und schwerfällig auf einen Pferderücken kletterte, zwei knallende Schläge aufs Gesäß und witzelte dazu etwas von einem Ritterschlag ... Die Königin, um zu betonen, daß sie an die Anordnungen des Königs nicht gebunden sei, dehnte das Beisammensein beim Nachtisch noch eine Zeitlang aus. Dann ließ sie sich für einen Nachmittagsempfang zwei Stunden lang zurechtmachen. Jetzt prangten aber auch ihre frühzeitig angewelkten Züge in jugendlichen Farben, und von der tiefentblößten Brust bis in den künstlichen Haaraufbau hinein funkelte alles von Diamanten, Smaragden, Rubinen: sie hatte eine vierfache Halskette angelegt; ein Ohrgehänge doppelt so groß wie die Muscheln, die es trugen, eine beträchtliche Haarspange und einen noch beträchtlicheren Pfeil, dazu den von ihr selbst gestifteten Orden für Tugend und Treue, den mit Brillanten besetzt zu tragen sie sich allein vorbehielt, üppig schoben sich die nackten Arme aus dem schimmernden Brokatkleid. Von ihrer Raubvogelnase begünstigt, liebte sie Auftritte in Tyrannenpose und bemühte sich auch diesmal, in den Empfangsraum geradezu einzuschlagen, obschon soviel Pathos mit dem von der Königin selbst befohlenen künstlerischen Rahmen der Teegesellschaft einigermaßen in Widerspruch stand, nachdem die Kratzfüße verrauscht waren, während derer sie sich streng umblickte, als erwarte sie Niederwerfung auf den Fußboden, glätteten sich denn auch ihre Züge ins Mildere und Kunstverständige. Die je eine neue Arbeit der drei Kammermaler umfassende Bilderschau begann freilich etwas ungnädig: Vor den trotz ihrer Nacktheit sichtlich im Kloster erzogenen Nymphen eines von Bayeu gearbeiteten Entwurfs zu einem Freskogemälde betonte sie ihre Vorliebe für antiken Faltenwurf, das Bild war nämlich für die von ihr bewohnten Räume eines königlichen Jagdschlosses vorgesehen, und sie schätzte die Möglichkeit eines Vergleichs schlanker Mädchenakte mit dem ihrigen durchaus nicht. Maellas Porträt eines ihrer Kinder betrachtete sie mit sentimentalem Entzücken, in das die Geladenen mit dem von der Etikette gestatteten Grad von Ergriffenheit einstimmten. Vor dem Teppichkarton Franciscos schließlich versuchte sie geistreich zu werden. Elegante Paare beschäftigten sich am Ufer eines Sees damit, Blindekuh zu spielen, die mit verbundenen Augen im Kreis stehende junge Dame tippte nach ihren Opfern sittsam mit einem Ballschläger. »Warum greift das Mädchen nicht mit den Händen zu?« fragte die Königin. »Es hätte doch keinen Zweck, Majestät«, antwortete Francisco, »sie ist überzählig.« »Sie sind ein Intrigant, lieber Goya, fünf Mädchen und vier Männer, das kommt nie ins Gleichgewicht.« Nach diesen Worten drehte sie sich nach der dicken Oberhofmeisterin um und fragte: »Nun, meine liebe Exzellenz, welchen Kavalier würden Sie wählen, wenn Sie unter dem Tuch hervorblinzeln könnten?« »Den jüngsten, Eure Majestät«, katzbuckelte sie tief. Die Königin gab das Zeichen zu taktlosem Gelächter. Und nun war es endlich soweit, daß der Marqués von Alvarez, von einem Kammerherrn am Spinett begleitet, seine Arien singen konnte. Don Manuel Godoy, Marqués von Alvarez, Staatsrat und General, vor einer bescheidenen Anzahl von Monaten noch einfacher Gardeleutnant, war ein großer muskelpraller Jüngling mit frischer Haut, gesunder Wangenfarbe und kleinen, verschleierten blauen Augen. Wer in seinem Gesicht zu lesen versucht hätte, würde außer Andeutungen von Genußsucht und Selbstgefälligkeit nichts entdeckt haben, die Züge waren glatt und gedankenlos. Aber er machte, zumal in dieser prächtigen Uniform, eine unbestreitbar ausgezeichnete Figur. Mit dieser ausgezeichneten Figur beschäftigten sich die Augen nicht nur der Königin. Manuel überlegte während des Gesanges vergnügt, aus welchen dieser Blicke wohl praktische Folgerungen zu ziehen sich lohnte, und veränderte darum mehrmals die Richtung seines Tönestroms. Sein Tenor war von jener leicht vibrierenden, auch in der Höhe noch weichen Fülle, die sich trefflich dazu eignet, ein Opfer einzuwölken und wie in einem Netz festzuhalten. Die Königin, selbst hingerissen, schien doch von jenem freigebigen Wechsel der Ton- und Blickrichtung etwas beunruhigt, dies war wohl auch der Grund, weshalb sie die nachfolgende Szene der Bewirtung stark abkürzte. Sie erhob sich, während gerade erst das zweite Gebäck serviert wurde. Die Oberhofmeisterin aber mußte es sich zum soundsovielten Mal bieten lassen, daß Ihre Majestät den General Godoy zur sofortigen Audienz in ihr Arbeitszimmer befahl und jede weitere Begleitung ablehnte. Seit ein christliches Spanien existierte, konnte keine Königin dergleichen gewagt haben. Bei jedem dieser unqualifizierbaren Verstöße gegen die auch für die königlichen Herrscher bindende Etikette, über die zu wachen der gewichtige Inhalt ihres Amtes war, kämpfte die alte Dame mit der Versuchung, um ihre Entlassung zu bitten. Doch stets sog sie Kraft aus der Vorstellung, die Zuchtlosigkeit in Person könnte ihre Nachfolgerin werden. Es wäre feig, die alte heilige Festung preiszugeben. Von Pflichtbewußtsein geradezu angefüllt, verbot sie sogar ihren eigenen Gedanken aufs strengste, den seltsamen Audienzen etwa über die Wege der Phantasie nachzuschleichen. Verbot es ihnen auch heute. In Wirklichkeit trug sich dies zu: Als sich die Tür hinter der Königin und ihrem bevorzugten Untertanen geschlossen hatte, lümmelte sich dieser mit einem Seufzer der Erleichterung in einen Sessel, indem er Degen und Generalshut auf den Boden warf. Die Majestät aber, eine Melodie summend, begann sich vor ihm in Tanzschritten zu wiegen, andeutend erst, dann mit werbenden Bewegungen und Gebärden. Sie zog den Pfeil aus dem Haar, ließ ihn funkeln und zielte auf Manuel. Der rührte sich nicht, lächelte nur. Da riß sie ihm die Puderperücke herunter, daß die blonden Haare hervorquollen, fragte: »Nun, wie gefall ich dir heute?« und setzte sich ihm aufs Knie. Dabei steckte sie ihm den mit Diamanten besetzten Pfeil in die Tasche. So ging drunten in der Stadt und oben im Schloß das Leben seinen gewohnten Gang.   Veranstaltungen des Hofs ohne die Herzogin von Alba waren für Francisco nichts als lästiger Zwang. Als sei er kaum dem Knabenalter entwachsen, ließ er sich von einer Liebesbesessenheit überfallen, die nicht überlegte, zauderte, wog, die nur fühlte und ihre Gefühle aus allen Quellen speiste – nein, es war eine Liebe, wie sie ihn auch als jungen Menschen niemals besessen hatte. Wohl hatte er anderer Frauen Mund, Augen, Körper, Glieder, Hände geliebt, so, daß es nur den einen Mund und Körper, die einzigen Glieder, das eine Augenpaar, Händepaar für ihn auf der Welt gab. Doch niemals waren ihm, gleichsam getragen und eingehüllt von Schönheit, so viel Geist, Frische, Übermut, Unberechenbarkeit, Einfälle, verschwenderische Launen entgegengeströmt. Seine Bemühungen um eine Frau, deren gesellschaftliche Stellung der einer Prinzessin des königlichen Hauses sehr nahe kam, hätten ihm selbst wahnwitzig vorkommen müssen, wenn er nicht einiger Zeichen der Aufmunterung sicher gewesen wäre und wenn nicht – ja wenn ihr nicht das Gerücht schon zwei, drei höchst unstandesgemäße illegitime Verbindungen zugeschrieben hätte. Dieses Gerücht machte ihn zugleich eifersüchtig und zuversichtlich. Er suchte sich ganz den Manieren der Hofgesellschaft anzupassen, deren einigermaßen anerkanntes Mitglied er ja war – obwohl er wußte, daß gerade Doña Cayetana dies kaum als einen Vorzug empfinden werde, er wollte unter den Menschen, die die Herzogin umgaben, nicht auffallen. Dabei kam ihm der Bescheid Zapaters auf jenes Schreiben, das dem Freund genealogische Nachforschungen auferlegte, einigermaßen zustatten – da er ihn nämlich sehr weitherzig auslegte. Martín teilte mit, daß sich für die Lucientes, die Familie der Mutter, adelige Abstammung nachweisen lasse, für die Goyas jedoch nicht. Francisco indes fand das ausreichend und nannte sich von nun an Francisco de Goya y Lucientes – eine Zusammenstellung, die die Tatsachen ein wenig korrigierte. Der Hof erkannte den Adelstitel stillschweigend an ... Und es geschah, daß Francisco nach einem Stiergefecht von der Herzogin eingeladen wurde, mit ihr in ihrer Kutsche nach Hause zu fahren. Die Pferde hatten kaum angezogen, als er Doña Cayetana mit glühenden Worten zu überschütten begann. Er sank trotz der Enge des Wagens vor ihr nieder und umfing ihre Knie – man fuhr mit geschlossenen Vorhängen! sie hörte ihn lächelnd an und bat ihn wieder Platz zu nehmen. Als er im erregten und farbigen Ton seiner Rede beteuerte, es sei sein Wunsch, Nacht für Nacht unter ihrem Balkon zu musizieren, und lasse sie ihn dann nicht ein, wolle er das Tor zerschmettern – da meinte sie heiter und erwärmt, dergleichen könnte der Dienerschaft auffallen oder gar dem Marqués. Falls er aber diesen Abend bei ihr speisen wolle, werde er eine Gitarre vorfinden, ein Instrument edlen Fabrikats, auf dem ihn spielen zu hören ihr Vergnügen bereiten werde. Schön wäre es, wenn er ihr ein paar neue Seguidillas vorsingen könnte – aber keine Hofware, sondern lustige, ungeschminkte Sachen aus dem Volk. Dieser kleine Wunsch ließ sich ausgezeichnet erfüllen. Jenem Brief Martíns hatten ein paar lockere Tanzliedchen beigelegen, und Francisco freute sich nun ein zweites Mal seiner eigenen übermütigen Antwort. »Ich werde kaum Gelegenheit haben«, hatte er geschrieben, »mir diese Seguidillas vorsingen zu lassen oder sie gar selbst zu singen, da ich mir künftig alles Unpassende streng vom Leib zu halten gedenke ...« 7 Obschon Franciscos Werbung weniger leicht zum Ziel kam, als er sich bei seinem Kniefall in der herzoglichen Kutsche geträumt hatte, blieb ihm das häusliche Zusammensein mit Josefa schon nach wenigen Tagen keine gedankenlos hingenommene Selbstverständlichkeit mehr. Er sagte sich, diese Ehe sei immer ohne innere Notwendigkeit gewesen und beginne nun allzu unwahr zu werden. Früher hatte er Pepa aus der Einstellung heraus umgangen, ein vielleicht etwas herrisches, aber allgemein anerkanntes Recht auszuüben, mit einer Art inneren Achselzuckens also. Jetzt war er nahe daran, eine Schuld zu fühlen. Nicht als ob er seine neue Liebe auch nur einen Augenblick lang als etwas anderes denn eine Naturgewalt angesehen hätte, der auszuweichen nicht im allermindesten in Frage komme – aber seine unwillkürlichen Empfindungen gegenüber der Zurückgesetzten verursachten ihm einiges Unbehagen. Er sah den Verlust ihrer Schönheit und wußte, daß die Kindbetten ihn beschleunigt hatten, er empfand ihre Trockenheit, Enge, Spießbürgerlichkeit fast wie einen dumpfen Geruch und erinnerte sich sehr wohl, ihr so gut wie nie ernsthaft die Hand geboten zu haben, aus der Enge des Lebens herauszutreten. Daß sie Brauch und Sitte ins Gesicht schlüge, was er an Cayetana nun so bewunderte, hatte er sich von ihr nie gewünscht. So versuchte er sie denn zu entschädigen, so gut es ging – auf einem anderen Lebensgebiet, versuchte sich loszukaufen, indem er ihr Luxus gab: Kleider, Schmuck, Möbel, Kunstwerke, Dienerschaft. Sie nahm es hin, einfach weil es ihr Recht war, an seinen hohen Einkünften teilzuhaben, und blieb bei ihrer seit langem angenommenen Art, ihm keine unmittelbaren Vorwürfe zu machen. Vielmehr: sie wandelte dies in ein Sicheinkapseln, in kühle Reserviertheit, der dennoch – das Zusammenleben wäre ihr sonst noch qualvoller geworden – ein Unterton verzeihender Kameradschaftlichkeit eignete. Die wandte sie ihm um Javiers willen zu, des einzigen Kindes, das ihr geblieben war. Ihr Bruder mischte sich nicht ein, da sie ihn nicht zu Hilfe rief.   Obwohl ziemlich allgemein bekannt war, daß Francisco selten an einem Bild länger als einen Tag arbeitete, wurde seine vorübergehende Übersiedlung in das herzogliche Palais mit einem Porträtauftrag begründet. Der Marqués von Villafranca befand sich bei Hof in Aranjuez. »Sie ahnen noch kaum«, hörte die Duquesa an einem dieser Abende von ihrem Gast, »wie sehr Sie diesen ganzen Künstler verwandelt haben, der armselig und liebestoll in Ihren Strahlen sitzt ... Alles was ohne Sie war, wird brüchig und zerfällt ... Soll ich weiterhin nichts pinseln als diese gleichgültigen Gesichter, als diese lustigen Szenen, die mir jetzt als Maskeraden vorkommen, als diese Kirchenheiligen? Für den, der in Ihrer Nähe zu leben beginnt, wird die Welt weiter und tiefer. Sie wecken das Größere ... Sie male ich, vor allem Sie, doch aus Ihrer Erscheinung heraus gespiegelt will ich auch die Welt malen.« Er stockte. »Sprechen Sie weiter, Francisco«, sagte sie in dieser Tonmischung aus Vertraulichkeit und Zurückhaltung, die ihn Tag um Tag verwirrte und seine Glut immer noch mehr anfachte. Es gab Stunden, in denen er sich in die Rolle eines Komödianten erniedrigt fühlte, der zu nichts anderem da ist, als durch das Schauspiel seiner Leidenschaft der Zuschauerin Genuß zu bereiten. Und Augenblicke, in denen er kämpfen mußte, diese Zuschauerin nicht mit körperlicher Gewalt zur Umarmung zu zwingen. Aber ihr Wort genügte auch jetzt, ihn dort fortfahren zu lassen, wo er geendet hatte: »Wenn ich vor Ihnen stehe, bekommt alles ein verändertes Gesicht: selbst das Vergangene wandelt sich in eine Form, wie ich sie heute erleben würde ... Vielleicht könnte ich jetzt das Meer malen – ich habe lange nicht an das Meer gedacht. Weil ich böse Seefahrten erlebt habe; Sie sind in der Erinnerung an die Stelle aller anderen Eindrücke getreten.« »Ich habe das Meer niemals gesehen. Wollen wir nach meiner andalusischen Besitzung reisen? Mit wenig Dienerschaft, oder ganz allein ... Nicht einmal Benito dürfte mit.« Benito war ein halbidiotischer Zwerg, den sie verhätschelte wie einen Schoßhund. »Laß uns wandern zu den tiefen Wassern des Guadalquivir ...« sang er zur Antwort und griff dazu ein paar Akkorde auf der Gitarre. Er fühlte sich nun doch ein wenig Herr der Situation: hätte er den Reisevorschlag für bare Münze genommen, so wäre sie ihm, er wußte es, in der gleichen Minute damit entwischt. Er sang das Lied weiter und zu Ende, mehrere Strophen. Seine kleinen scharfen Augen schauten dabei durch die Wand hindurch; ein leichtes Runzeln der Brauen verstärkte die greifende Kraft dieses Blicks, der sich andalusische Gefilde aufbaute. »Ich werde höher steigen, über mich hinauswachsen durch Sie, Doña Cayetana«, sagte er dann nochmals feierlich. »Das ist es, was eine Frau von Verstand sich wünschen muß: daß ihre Freunde an ihr wachsen.« Ihre Augen, die so klar und offen sein konnten, hielten mit einem fast grausamen Ausdruck seinen Blick fest. »Wie wird das werden zwischen uns? Wenn sich die Frau von Verstand als nichts denn ein leidlich schönes Tier entpuppt? Können Sie ein schönes Tier lieben, Francisco, können Sie an einem schönen Tier wachsen?« Sie warf ein wenig den Kopf zur Seite; das offene, negerhaft krause Haar streichelte ihre Schultern. »Wenn das Tier Cayetana heißt ... Aber ich würde ihm sein Menschengesicht im Spiegel zeigen.« »Verlieren Sie sich nicht an mich ... Vielleicht treibt mich zu Ihnen nichts als meine Flucht vor der Verlogenheit, der Langeweile, dem Marionettendasein dieser Gesellschaft, in der ich aufgewachsen bin, nichts als mein Hunger nach echtem Leben, nach Menschen, die aus sich selbst etwas sind statt durch Geburt ...« »Was für revolutionäre Reden, Duquesa!« »An mir ist wahrhaftig eine Revolutionärin verlorengegangen ... Was sage ich? noch nicht verloren ... Vielleicht kann man mich noch brauchen. Die Herzogin von Alba an der Spitze der Erhebung gegen die spanischen Bourbonen – was würden Sie dazu sagen, Herr Kammermaler? Eigentlich gehöre ich nach Paris ... Vorläufig beschränke ich mich freilich darauf, von dort meine Toiletten zu beziehen. Meine Lieferanten sind immer noch auf der Höhe – die Politik kann ihnen nichts anhaben. Auch der Wein ist gut, der von dort kommt.« Sie schellte, bestellte Champagner. Fuhr fort, während sie sich über den Tisch näher zu ihm beugte und seine Hand faßte: »Ich will Ihnen ein Geheimnis verraten, Francho. Behalten Sie es für sich. Auch die Königin läßt ihre Kleider aus Paris kommen. Aber ich habe die besseren Beziehungen, habe Agenten dort, denen Geld zur Verfügung steht und die auch das Geschäft der Bestechung verstehen. Zweimal schon ist es mir geglückt, dieselbe Toilette, die für die Königin angefertigt wurde, früher als sie durch Eilkurier nach Madrid zu bekommen. Ich zeigte mich darin bei Hof, und wenn gleich darauf die neueste Robe der Königin aus Paris eintraf, war sie nichts als eine haargenaue Kopie der meinen und konnte natürlich niemals getragen werden. Was sagen Sie dazu?« »Ich bewundere Ihren Witz und Ihre Kühnheit!« »Als wir wieder zusammentrafen, glaubte sie, sie lasse sich nichts anmerken ... Diese Frau haßt mich, wie ich sie hasse. Sie weiß, daß ich sie ordinär finde ... Und doch passiert es mir, daß ich mich freue, wie sie diesen hohlköpfigen Höflingen eine Nase um die andere dreht und tut, was sie mag. Sie wird nur zu gemein dabei.« Man brachte eine Flasche Champagner, in Gebirgsschnee gebettet, der in einer Kellermulde vom Winter her unzerschmolzen bewahrt wurde, und mit dem Wein einen Brief des Marqués. Als der Diener gegangen war, stießen sie mit den Spitzgläsern an. »Der Jakobinerin und Herzogin aller Herzoginnen!« »Dem Bauern, dem Torero, dem Majo, dem Serenadensänger!« Sie bemerkten erst jetzt, daß sich mit dem Diener der Zwerg Benito ins Zimmer geschlichen hatte. Er kam aus einer Ecke hervor; sein großer Kopf mit der in tiefe Falten gelegten Stirn strahlte der Herzogin eine wie aus schmerzhaften Krämpfen geborene Freude zu. Die drückte diesen Kopf an ihr enggeschnürtes Mieder, während sie das Schreiben öffnete und las. »Herrliche Neuigkeiten! Der Marqués bittet mich um meine Gegenwart bei Hof, rät mir dringend, morgen nach Aranjuez zu reisen: die Königin habe mehrmals nach mir gefragt, der König sein Bedauern ausgesprochen. Natürlich – Maria Luisa gönnt mir meine Heimlichkeiten nicht, und Carlos spricht ihr nach, was sie ihm vorsagt. Vielleicht bezahlt sie einen Spion hier im Haus. Was machen wir?« Benito strich mit den Händen über ihren Arm und sagte dazu: »Schöne Herrin, schöne Herrin!« Cayetana wehrte ihm: »Du weißt, daß du das nicht darfst!« Franscisco schlug vergebens vor, ihn wegzuschicken. »Was machen wir?« fragte die Herzogin nochmals. Francisco war glücklich über die Selbstverständlichkeit dieses »wir«. »Wir erfinden eine Ausrede«, bemerkte er zur Bekräftigung. Sie lächelte: »Wenigstens ein paar Tage will ich noch bleiben.« Ein paar Tage? Er füllte sie in Gedanken mit so viel Inhalt, daß sie sich wie Wochen ansahen. »Ich werde mich des Arztes Don Gaspar bedienen«, stellte Cayetana in sachlichem Ton fest. »Er ist mit gewichtigen Empfehlungen von deutschen und italienischen Universitäten zurückgekehrt und genießt trotz seiner Jugend das Vertrauen des Marqués. Außerdem ist er in mich verliebt.« Diesen Zusatz hörte Francisco nicht eben gern, aber er mußte zugestehen, daß Don Gaspar vermutlich ein gefügiges Werkzeug sei. Nach einem weiteren Glas Champagner meinte Cayetana, man müsse, um sicher zu gehen, dem Arzt immerhin etwas zu sehen geben. Und tischte Francisco einen Plan von gewagter Lustigkeit auf. Als sie ihn besprochen und belacht hatten, gingen sie an die Ausführung. Cayetana legte ihr rechtes Bein auf einen Sessel und entblößte das Knie. Francisco schaffte seine Palette herbei und bemalte es kunstvoll, so daß es auf einige Entfernung etwas angeschwollen erschien und vor allem einen reichlichen Kranz blauer und grüner Flecken trug. Plötzlich aber stand der Zwerg, den sie nicht mehr beachtet hatten, vor dem Kunstwerk und befühlte es mit den Händen. Die Zerstörungen, die er dadurch anrichtete, bedurften gründlicher Ausbesserung. Benito wurde entfernt. Als alles in Ordnung war, löschten sie, um das Übel nicht allzu deutlich zu beleuchten, einen Teil der Kerzen. Francisco verbarg sich im Nebenzimmer. Dem inzwischen herbeigeholten Arzt, einem ungewöhnlich schönen jungen Menschen, rief die Herzogin gleich bei ihrem Eintritt zu, es gezieme sich für ihn nicht, nahe zu kommen. Eigentlich müßte es für solche Fälle weibliche Ärzte geben. Mit ergebener Miene, wenn auch leicht lächelnd, blieb er stehen. Der Ton ihrer Stimme machte ihn warm. »Ich habe mir das Knie angeschlagen, Doktor – Sie erkennen ja auch von Ihrem Standort, wie schlimm es aussieht. Keine gefährliche Sache – glücklicherweise. Aber ich werde gute acht Tage gar nicht gehen können oder nur mit großer Vorsicht ... Nein, nein, bitte nicht näher kommen. Ich erlaube es Ihnen nicht.« Dabei schoß sie ein Bündel Blicke auf ihn ab, die ihm das bunte Knie völlig nebensächlich machten. »Ich bin auch in dieser Entfernung Ihr gehorsamer Diener, Herzogin. Was befehlen Sie?« »Schauen Sie sich das Knie nochmals an! So, gut!« Sie bedeckte es nunmehr vorsichtig mit einem bereitgehaltenen Handtuch. »Es waren eigentlich weniger Medikamente, worum ich Sie bitten wollte, Doktor – ich habe für solche Fälle erprobte Hausmittel – als vielmehr etwas anderes: Ich hatte die Absicht, mich morgen zu Hof zu begeben, und bin nun daran verhindert, so furchtbar unangenehm mir das ist. Um bei den Majestäten auch nicht den leisesten Verdacht aufkommen zu lassen, ich gebrauche eine Ausflucht, liegt mir an der Bestätigung einer Autorität. Sie wissen, lieber Doktor, ich bin bei Hof ein klein wenig als launisch und unsicher verschrien. Und dagegen sollen Sie mir helfen. Niemand kann mir so gut helfen wie Sie.« Blick und Ton nahmen ihn von neuem sehr gefangen. Dabei vermochte er sich über die wirklichen Zusammenhänge keineswegs klarzuwerden. Sein ärztliches Auge mißtraute dem Knie, sein Verstand der schamvollen Abwehr. Aber wieso kam das Knie zu diesem Aussehen? Auch ein Arzt braucht nicht immer alles zu wissen, dachte er. Weshalb in dieser koketten Komödie nicht eine kleine Rolle übernehmen? Namentlich wenn sie einem von einer wundervollen Frau zugewiesen wird, die man sich durch ergebene Dienste ein wenig verpflichten könnte ... »Schreiben Sie ein paar Worte an den Marqués«, beendete Doña Cayetana ihre Anweisung, »und schicken Sie mir diesen Brief morgen früh. Ich werde ihn meiner Absage beifügen, die ein Kurier befördert. Aber malen Sie nicht zu schwarz, Don Gaspar, damit der Herzog nicht auf den Gedanken kommt, deshalb nach Madrid zurückzureisen! Das wäre zu viel Sorge! Wie gesagt: acht bis zehn Tage Schonung, dachte ich.« Don Gaspar versprach alles. Nach den letzten Worten der Herzogin glaubte er die Situation etwas deutlicher zu sehen. »Heute du – übermorgen ich«, sagte er in Gedanken zu dem unbekannten Glücklichen und verließ wahrhaftig das Krankenzimmer mit etlichen Hoffnungen. Francisco aber kam fröhlich zurück und machte sich daran, die Farbe, die nicht schon am Handtuch hängengeblieben war, unter Zuhilfenahme eines wohlriechenden Öls mit aller Sorgfalt von Cayetanas Knie zu entfernen. »Das Übel bessert sich zusehends«, sagte sie, »aber Sie dürfen die Kranke diese Nacht nicht allein lassen, Francho.« 8 Die Frau des Künstlers Gemälde. Madrid, Prado Solange Francisco im Palast der Albas wohnte, meinte die Herzogin, den Schein, als handle es sich um nichts als eine ehrenvolle Berufung, besonders wirksam durch Ausdehnung ihrer Aufmerksamkeiten auf Doña Josefa wahren zu können. Täglich ließ sie ihr erlesene Speisen aus der herzoglichen Küche ins Haus bringen – auf silbernem, mit den Initialen der Empfängerin geschmücktem Geschirr, das jedesmal ausdrücklich als Geschenk dargebracht wurde. Josefa erschrak, als die Gabe zum erstenmal eintraf, und wußte nicht was tun. In einer raschen Aufwallung gab sie die Leckerbissen an die erstaunte Dienerschaft weiter. Da sie aber der hohen Stellung Doña Cayetanas mit überkommener Hochachtung gegenüberstand, die durch Franciscos gesellschaftliches Emporstreben noch genährt worden war, fühlte sie sich trotz allem und allem geschmeichelt und geehrt. Die Herzogin hätte es ebensogut unterlassen können, sich um sie zu kümmern. Lächerlich, zu denken, es handle sich um einen Versuch, ihr, Pepa, den Gatten abzukaufen. Die Mühe brauchte die Herzogin von Alba nicht aufzuwenden... Nein, nein: diese Geschenke bedeuteten eine betonte Freundlichkeit – es wäre sehr unhöflich, sie zu ignorieren oder gar zurückzuweisen. Am zweiten Tag also aß sie von den herzoglichen Speisen. Und das Geschirr, das sich rasch zu einem Schatz anhäufte, stellte sie hinter der Vitrine ihres schönsten Schrankes zur Schau. Mochten die Damen ihrer Bekanntschaft sie ruhig beneiden! Mochten sie sich auch getrost erkundigen, woher das Silber stamme! Das könnte nur nützlich sein. Wenn ihnen die Geberin ohne Umschweif und Befangenheit genannt würde, von ihr, der Nächstbeteiligten, so sähen sie sich gewiß veranlaßt, dem vielleicht schon umgehenden Gerücht gewisser Beziehungen zwischen Don Francisco und der Herzogin den Glauben zu versagen. Denn sonst hätte doch sie, Pepa, von dort keine... Die Wendung, die dieser Gedankengang nahm, befriedigte sie nicht ganz. Sie brach ihn ab. Jedenfalls aber könnte sie mit gutem Gewissen sagen, sie habe nicht den geringsten Beweis für jene Beziehung in Händen, sie hatte ihn ja nur – in einem jenem Gewissen sehr benachbarten Winkel des Herzens. Außerdem wäre es im Interesse der Zukunft Javiers unklug, auf derartige Werte Verzicht zu leisten. Francisco erfuhr von den Aufmerksamkeiten erst in den allerletzten Tagen vor Cayetanas Abreise nach Aranjuez – durch einen Zufall. Er bat sie, ohne Gründe anzugeben, sogleich damit ein Ende zu machen. »Wie es dir lieber ist«, sagte sie und verlor kein weiteres Wort darüber. So kam es, daß der Silberschatz seine Begrenzung erfuhr, noch ehe Francisco in die Wohnung zurückkehrte. Und Pepa, der es vor der Fülle sowieso zu schwindeln begann, fand das Versiegen des Stromes durchaus in Ordnung.   Kaum war Cayetana in Aranjuez eingetroffen, als sich um die allerhöchsten Personen ein Skandal zu entwickeln begann, der, von den Akteuren als durchaus geheim gedacht, den ganzen Hof in sensationeller Spannung hielt und gerade für die Herzogin die fröhlichste Kurzweil bedeuten mußte. Das Geschehnis, das die Dinge in Fluß brachte, stand unmittelbar bevor, als Graf Floridablanca, Präsident des Ministerrats, auf einer Jagdpartie neben dem König reitend, den Monarchen um die Gnade bat, sich mit ihm eine kurze Zeit abseits der übrigen Gesellschaft zu halten – zum Zweck gewissermaßen einer Privataudienz. Dem Entschluß des Ministers waren Überlegungen vorangegangen, deren Anfänge Wochen und Monate zurücklagen, und eine ganze Reihe von Ausflüchten sich selbst gegenüber. Jetzt, nach der inneren Entscheidung, war er stolz auf sein Reinlichkeitsbedürfnis – lieber das Amt verlieren, als es mit dem Bewußtsein einer feigen Unterlassung weiterführen! – und ironisierte diese seine Einstellung sofort wieder, denn die reinliche Handlung hatte noch einen gewissen Nebenzweck, an den er nicht ohne schadenfrohe Genugtuung denken konnte: sie bedeutete, wenn sie irgend gelang, zugleich einen wuchtigen Schlag gegen jenen Hohlkopf, dessen tapsige Hände sich hinter den Kulissen in die Regierungsgeschäfte zu mischen begannen und dessen eiliger Aufstieg allmählich selbst ihm, dem Grafen, gefährlich werden konnte. Sein Vabanquespiel war ein notwendiger Akt der Selbstverteidigung und mußte gewagt werden im Vertrauen auf die unbezweifelbare Gunst des Königs. »Gerne, Graf«, sagte Don Carlos gnädig und ließ sein Pferd im Schritt gehen, »aber reden Sie nicht zuviel von Geschäften! Haben Sie vielleicht Nachrichten aus Frankreich? Wenn Sie zum Krieg blasen wollen, kommen Sie noch immer vergebens. Mein Vetter Ludwig ist ein schlapper Mensch – soll sich selbst helfen! Läßt sich da einfach gefangensetzen, als ob er nichts mehr zu sagen hätte. Stellen Sie sich so was mal in Spanien vor! Würde ich vielleicht erlauben, daß man mich gefangensetzt? Ist mir vollkommen unvorstellbar, was dieser Ludwig für Geschichten macht. Er wird schon wieder freikommen. Wozu hat er denn Soldaten?« Floridablanca griff zu, änderte seinen taktischen Plan: »Nachdem Eure Majestät die Nichteinmischung in die französischen Verhältnisse beschlossen haben, wäre es eine unziemliche Rechthaberei, in dieser Richtung weitere Vorschläge machen zu wollen. Aber vielleicht darf ich vortragen, daß nach meiner Meinung den abscheulichen Vorgängen in Paris auch der letzte Schimmer von Berechtigung genommen wäre, wenn am Hof Seiner Majestät des Königs Ludwig nicht gewisse herausfordernde Dinge geschehen wären...« »Das sind revolutionäre Reden«, unterbrach ihn Carlos mit großem Lachen. Das Lächeln des Ministers war wesentlich feiner: »Da ich den französischen Thron mit den spanischen Waffen schützen wollte, kann ich schwerlich in den Verdacht kommen, Revolutionär zu sein. Trotzdem meine ich, daß jedem Monarchen die Klugheit verbieten sollte, in gewissen Punkten, zu deren Beurteilung auch der Verstand des gemeinen Volkes ausreicht, öffentliches Ärgernis zu geben. Das Privatleben der Fürsten hat sicher seine eigenen Gesetze, die freiesten, wenn der Gesetzgeber es will, aber es muß dann auch wirklich privat bleiben, der Öffentlichkeit unsichtbar.« Carlos schaute ihn verständnislos an. Der Minister fuhr fort: »Eure Majestät haben geruht, unsere spanischen Verhältnisse zum Vergleich heranzuziehen. Darum darf ich aussprechen, daß der von mir soeben aufgestellte Grundsatz auch für Spanien seine Gültigkeit besitzt, seine Mißachtung aber leider zu gefährlichen Folgen führen könnte.« Carlos schaute ihn noch immer verständnislos an. »Ich wollte Eurer Majestät in aller Ehrfurcht die Bitte unterbreiten, sich dafür einzusetzen, daß das Privatleben gerade der allerhöchsten Personen dieses Hofes keine öffentlichen Erörterungen herausfordert.« Floridablanca war nicht ganz mit sich zufrieden. Er hatte sein Thema in viel leichterer Form behandeln wollen und hörte sich nun im Stil der hohen Politik reden. Carlos wußte keineswegs, wovon die Rede war, aber er hatte das unbestimmte Gefühl, angegriffen worden zu sein, und polterte los: »Wollen Sie mir Vorschriften machen? Was fällt Ihnen ein?« Er ließ sein Pferd lostraben, besann sich aber und fiel wieder in die ruhige Gangart zurück. »Ein Mißverständnis, Sire – ich spreche von Ihrer Majestät der Königin.« Des Königs kleine wasserblaue Augen starrten aus gerötetem Gesicht in der Richtung auf den Grafen und hatten doch keine Kraft, ihn wirklich zu treffen. Seine Stimme stieß langsam in feindseligem Ton hervor: »Hüten Sie sich... Sie wären nicht der erste Minister, den ich ohrfeige...« Floridablanca wurde bleich, aber er beherrschte sich. »Als ich Eure Majestät um diese Unterredung bat, war ich entschlossen, in der Erfüllung meiner Pflicht als erster Berater der Krone jede Folge auf mich zu nehmen.« Carlos schwieg dumpf, weil er die Überlegenheit des Grafen fühlte. Und konnte im selben Augenblick, in dem dieser ohne weitere Umschweife zu sprechen entschlossen war, seine Neugier nicht mehr zügeln, kam ihm mit der barschen Frage zuvor, worauf er anspiele. Floridablanca antwortete halblaut, wie um jede Möglichkeit, daß hinter den Bäumen ein Dritter zuhöre, auszuschließen: »Ich stehe über dem Verdacht, an der erlauchten Person Ihrer Majestät Kritik üben zu wollen. Ich erhebe meine Stimme nur als Warner im Interesse des Staates und der königlichen Regierung... Der ganze Hof, ja leider ganz Madrid spricht von den Beziehungen der Königin zum Marqués von Alvarez.« Carlos riß Mund und Augen auf und hielt sein Pferd mit einem Ruck an. Auch Floridablanca mußte halten. »Das ist eine ungeheure Frechheit«, schrie ihn der König an. »Ich würde es niemals wagen, die Zeit Eurer Majestät in Anspruch zu nehmen, um Frechheiten zu sagen.« »Das sind Spitzfindigkeiten!« Der Graf war jetzt sehr sicher, weil er das brutale Aufbrausen verachtete, weil er sich unantastbar im Recht fühlte und weil ihn das stolze, von ihm in diesem Augenblick durchaus ernst genommene Gefühl überfloß, in einer reinlichen und mutigen Handlung begriffen zu sein. »Ich habe«, antwortete er ruhig, »lange genug dem König Carlos dem Dritten und Eurer Majestät selbst gedient, um den Anspruch erheben zu können, daß meine Worte, auch wenn sie kühn sein müssen, nicht als leichtfertig genommen werden. Ich habe zwingende Gründe zu dem, was ich vorbringe.« Der König wurde kleinlaut. »So sagen Sie in Gottes Namen, was Sie zu wissen glauben.« Die Pferde hielten noch immer. »Ich weiß absolut zuverlässig, daß der Marqués von der Königin sehr häufig allein empfangen wird.« »Davon müßte ich doch auch etwas gemerkt haben.« »Die Besuche geschehen mit Vorliebe während der Stunden, in denen Eure Majestät vom Palast abwesend sind.« »Der Hof spricht davon, sagen Sie?« »Die Besuche des Marqués sind von allzuvielen beobachtet worden.« »Und die Madrilenen hängen ihr Maul hinein?« »Leider scheint klatschsüchtige Dienerschaft unerhörte Indiskretionen begangen zu haben.« »Die schmeiß ich raus!« Damit war des Königs Weisheit zunächst zu Ende. Er brütete vor sich hin. »Graf«, sagte er dann in ganz verstörtem Ton, »ich befehle Ihnen, über die Sache zu schweigen. Wenn sie nicht stimmt, werden Sie gehängt. Wenn etwas daran ist, dann – geschieht Ihnen nichts.« Damit setzte er sein Pferd in Galopp. Floridablanca folgte ihm in gemessenem Abstand, bleich und hager. Das Galoppieren strengte ihn an.   Carlos war, noch ehe er, ins Schloß zurückgekehrt, die Gemächer seiner Frau erreichte, völlig von der Richtigkeit der Mitteilung des Grafen überzeugt. Er hatte gewisse intime Gründe dafür: bei ihrer unersättlichen Sinnlichkeit hätte sich dergleichen längst denken lassen... Er ist blind gewesen, man hat ihn zum Narren gehalten. Aber er ist kein Narr. Beherrschen soll sie sich, soll... Weiß der Teufel, was sie soll. Sie ist eine Königin. Und er ist der König und wird Ordnung schaffen. Gründe hin, Gründe her, so etwas ist eine Frechheit. Er polterte hinein, ohne anzuklopfen. »Hast du Manuel im Schrank versteckt?« schrie er sie an. Und merkte erst dann, daß eine Hofdame anwesend war. Die entfernte sich mit tiefer Verneigung. Maria Luisa wußte sofort, um was es ging, und blickte ihn, während sie sich ihre Rolle zurechtlegte, lauernd an. »In welchem Schrank steckt er? Oder liegt er im Bett?« Er stieß die Tür zum Schlafzimmer auf, schlug die Vorhänge und die Decke zurück. »Darf ich fragen, Don Carlos, ob Sie getrunken haben? Oder wollen Sie mich zwingen, an Ihrem Verstand zu zweifeln?« »Mach mir nichts vor! Ich bin weder betrunken noch verrückt. Das ganze Haus weiß es, die ganze Stadt weiß es. Der Skandal schreit zum Himmel!« Er war sehr laut. »Wollen Sie mir gefälligst sagen, was Sie zu diesem seltsamen Benehmen veranlaßt?« Sie war ganz eisige Hoheit. Das reizte seine hilflose Wut noch mehr. »Dumme Komödie! Ich verlange von dir Rechenschaft. Du betrügst mich mit diesem Lümmel Manuel.« Er stand dicht vor ihr und schrie es ihr ins Gesicht. »Ich bitte Eure Majestät, zu bedenken, was Sie meiner Stellung schuldig sind – selbst Sie! Wenn Sie jemals eine Antwort auf diese dummen Vorwürfe von mir erwarten, so empfiehlt es sich, auf die einfachsten Gebote der Höflichkeit zu achten.« »Du hast kein Recht mehr, dich auf deine Stellung zu berufen. Du hast sie beschmutzt.« Sie kreischte wie unter einem Schlag. Er überschüttete sie mit Schimpfworten. Sie schrie schrill um Hilfe. Er brüllte. Gegen jede Etikette öffneten Kammerfrauen die Tür, nachdem sie vergeblich gepocht hatten. Auf diesen Augenblick hatte die Königin gewartet. Sie spielte eine Ohnmacht, ließ sich der Länge nach auf den Boden fallen. Die Frauen stürzten herbei. Carlos stand daneben und wußte nicht, was tun. Die Frauen, die ihn nicht anreden durften, flüsterten untereinander etwas von einem Arzt. Der König hörte es, war um den Ausweg froh, befahl hitzig, als hätten die andern ein Versäumnis begangen, den ersten Leibarzt zu rufen. Fühlte sich überflüssig, gab Anweisung, Ihre Majestät zu Bett zu bringen, und entfernte sich etwas verlegen. Als er die Tür hinter sich geschlossen hatte, schlug Maria Luisa vorsichtig die Augen auf.   Der König fühlte sich erleichtert, nachdem er sich derart ausgetobt hatte, mußte sich aber klarmachen, daß eigentlich nichts erreicht war. Doch scheute er weitere Versuche, sich mit Maria Luisa persönlich auseinanderzusetzen, denn er hatte, wenn er ehrlich sein wollte, wenig Zutrauen, daß er diese schlaue und glatte Frau jemals zu einem Geständnis bringen werde. Zeugen hören? Das würde den Skandal nur noch öffentlicher machen. Das geheime Hofgericht zusammenrufen? Oder den Rat von Kastilien? Um Himmels willen – das fehlte noch, daß diese verfluchten Federfuchser ihre Nase hineinsteckten! Besser wäre es, einen gescheiten Menschen um Rat zu fragen. Floridablanca? Ein anmaßender, kaltschnäuziger Kerl, dieser Graf – hat die Königin des Ehebruchs geziehen, und man kann ihm nicht einmal etwas anhaben – doch man wird sich ihm nicht weiter ausliefern. Aber da sind doch die Beichtväter... ihnen kann man alles sagen, und sie müssen jedes Geheimnis wahren. Verdammt, ging es ihm durch den Kopf, diese Geschichte scheint ja gar kein Geheimnis mehr zu sein... Er lehnte den Gedanken ab, den alten Kardinal-Patriarchen kommen zu lassen, und entschied sich für Monsignore Escoiquiz, einen Mann Mitte der Vierzig, dem er die Erziehung des Thronfolgers anvertraut hatte und der ihm Verständnis für weltliche Dinge zu haben schien. Irgendeinen Zweifel an der Art der Beziehungen zwischen Maria Luisa und dem Marqués hegte er auch nach der ehelichen Szene nicht. Seltsamerweise dachte er aber auch keinen Augenblick daran, sich an dem Liebhaber zu rächen. Für den hatte er eine Schwäche und fand, wenn Don Manuel sich von der Königin bevorzugt gesehen habe, so wäre es von einem strebsamen jungen Mann eine Eselei gewesen, nein zu sagen. Auch Escoiquiz, schmal, geschmeidig, undurchdringlich, sprach, andeutend mehr denn in nackten Worten, von Godoys Ehrgeiz als der treibenden Kraft selbst bei seiner Annäherung an Ihre Majestät, doch zugleich von der Möglichkeit, diesen Ehrgeiz zur Erfolglosigkeit zu verurteilen und damit auch seine unerwünschte Verbindung mit der hohen Frau in sich zusammenbrechen zu lassen. Falls Seine Majestät zur Vermeidung von Aufsehen von der Verbannung des Schuldigen Abstand zu nehmen wünsche... Nein – die Verbannung kam nicht in Frage, aber auch der Vorschlag auf weite Sicht befriedigte Carlos' temperamentvolle Ungeduld keineswegs. Stolz auf seinen Einfall, fragte er den Prälaten, was er davon hielte, die Königin außerdem mit ihren eigenen Waffen zu bekämpfen, indem er ihre Eifersucht erwecke. Escoiquiz sagte nicht nein – nur setzte er des Königs plumpem Zugreifen die grundsätzliche Forderung entgegen, bloß der Schein einer Eheverletzung dürfe erweckt werden – es sei denn, daß gewichtige Gründe der Staatsraison eine andere Entscheidung nötig machten. Der König aber glaubte zu wissen, was er zu tun hatte: er reiste am nächsten Morgen mit kleinem Gefolge nach dem Jagdschloß San Ildefonso ab, eine der Kutschen war mit drei Damen des königlichen Balletts besetzt, die er durch den die Theaterdinge verwaltenden Kammerherrn in aller Eile hatte aussuchen lassen. Dafür, daß die Königin von dieser Damenbegleitung erfuhr, war gesorgt.   Carlos, durch die Jagd in jeder Hinsicht in Anspruch genommen, war nur in sehr bescheidenem Umfang Freund erotischer Abenteuer. Er verschaffte sie sich mitunter, doch eigentlich nur, weil sie ihm zu den Pflichten eines Kavaliers und Fürsten zu gehören schienen. Man mußte dann und wann in größerem Kreis seine Männlichkeit beweisen. So fühlte er sich auch in San Ildefonso nicht so recht wohl als Besitzer jenes kleinen Harems – um so mehr, als die Situation ihre besonderen Schwierigkeiten mit sich brachte. Er beging die Unvorsichtigkeit, die drei Mädchen, die, es ließ sich nicht leugnen, gut ausgewählt waren, mehrmals zur Tafel zu ziehen. Anfangs suchten sie sich etwas schüchtern und linkisch den steifen Hofsitten anzupassen, wenn aber der König und die andern Herrn unter dem Einfluß des Weins laut und ungeniert wurden, glaubten sie durch sehr freies Benehmen ihr Amt am besten auszufüllen. Das war für den Augenblick ganz amüsant, aber es führte notwendigerweise zu einer gewissen Vertraulichkeit zwischen den Tänzerinnen und einigen Kavalieren. Gewiß waren an die drei strenge, bedrohliche Verbote ergangen, aber er konnte ihnen doch keine Schildwachen vor die Zimmertüren stellen. So kam es, daß der König keine vierzehn Tage in seinem galanten Retiro aushielt.   Als er wieder in Aranjuez auftauchte, war sein Eifer, die geeigneten Gegenzüge zu unternehmen, stark erlahmt. Er wollte seine Ruhe haben. Und so mußte er sich klarmachen, daß in dem Energieaufwand dieser knappen zwei Wochen eigentlich auch sein Ärger über Maria Luisas Untreue verraucht war. Untreue? War er nicht doch allzu vorschnell in seinem Urteil gewesen? Ein Beweis, ein richtiger Beweis hatte sich ja gar nicht führen lassen. Klatsch ist kein Beweis. Und schließlich wäre es ja nicht einmal das Schlimmste, wenn sie sich einen Liebhaber hielte... Mein Gott, welche Frau tat das nicht? Der Hof war voll von solchen Geschichten – die Herren und Damen sollten gefälligst vor der eigenen Tür kehren. Außerdem stand er hoch genug, um sich über ihr Geschwätz völlig hinwegsetzen zu können. Wer zu frech wurde, der hatte den Verlust sämtlicher Gnadenbeweise zu riskieren. Er hatte die Bande doch in der Hand... Am besten war, auf die Sache gar nicht zurückzukommen. Escoiquiz hatte doch einen Vorschlag gemacht, der darauf hinausging, daß Manuel Godoy sich unter gewissen Voraussetzungen schließlich selbst zurückziehen werde. Ein schlauer Mann, dieser Priester, er kennt das Leben. Eigentlich muß er den sehr unehrerbietigen Gedanken gehabt haben, daß Manuel an dieser Frau nichts finden werde, sobald er keinen Nebenzweck mehr verfolge... Klug, Juan Escoiquiz, aber ich bin dir doch noch über. Eine andere Rechnung stimmt besser: wenn man Manuel Godoy noch ein wenig steigen läßt, hat er sein Ziel erreicht... dann erst mit Sicherheit werden dem strammen Jungen, der nach den Weibern nur die Hand auszustrecken braucht, andere besser gefallen... »Von mir aus könnte er das ganze Ballett mit auf seinen Ausflug nehmen«, äußerte die Königin zu Manuel, »wenn nicht die Gefahr bestünde, daß er sich vielleicht in ein solches Mädchen vergafft und sie zu seiner Maitresse macht. Diese Damen mischen sich mitunter in die Staatsgeschäfte. Und Spanien wollen doch wir beide regieren – nicht wahr, mein Liebling?« Sie wußte es einzurichten, den König mit verweinten Augen zu empfangen. »Ich bin entschlossen«, sagte sie zur Begrüßung, »mich nach Parma zurückzuziehen. Niemand kann mir zumuten, länger hierzubleiben, wo ich schutzlos den Schmähungen eines Ministers ausgesetzt bin.« Eines Ministers? Carlos erschrak. So sehr er entschlossen war, Floridablanca vorläufig aus dem Weg zu gehen – den Namen des Grafen als den seines Gewährsmannes hätte er niemals preisgegeben. Er suchte diese heikle Einzelheit zu umgehen, indem er ohne Umschweife aufs Ganze lossteuerte und in gutmütig-tröstendem Ton vorbrachte, er wünsche über die Differenzen der letztvergangenen Zeit hinwegzusehen, wolle Frieden. Maria Luisa aber wollte ihren weiteren Verbleib am spanischen Hof nur unter der Bedingung als möglich in Betracht ziehen, daß Floridablanca unverzüglich seines Amtes entsetzt und verhaftet werde. »Ich weiß sehr genau, wem ich diesen heillosen Überfall verdanke.« Der König versuchte vergebens, sie mit unbestimmten Redensarten abzuspeisen, und mußte versprechen, sich nach einer kurzen Bedenkzeit zu entscheiden. »Eine Verhaftung dürfte keinesfalls in Frage kommen«, sagte er etwas verlegen zu seiner eigenen Beruhigung. Da spielte sie ihren zweiten Trumpf aus: »Eine Verhaftung nicht in Frage kommen? Nicht nur meine Ehre steht auf dem Spiel, sondern die Sicherheit des Reiches. Der Graf ist ein Staatsverbrecher.« Sie entwickelte dem Verblüfften, ein ihr als zuverlässig bekannter Beamter, der um Geheimhaltung seines Namens bitte, habe sie auf finanzielle Verfehlungen des Ministerpräsidenten aufmerksam gemacht. Es handle sich um betrügerische Bereicherung aus königlichen Geldern, schnöden Amtsmißbrauch also. Carlos, auf der ganzen Linie in die Verteidigung gedrängt, übersah die Lage noch so weit, daß ihm gegenüber dem merkwürdigen Zusammentreffen dieser Anschuldigung mit der Affäre der Königin ein unbehaglicher Verdacht aufstieg. An sich wäre ihm die Aussicht, den unbequem Gewordenen mit gutem Grund kaltstellen zu können, nicht so ganz ungelegen gekommen, aber er wehrte sich aus seinem Gerechtigkeitssinn heraus gegen ein überstürztes, die Rechte des Beschuldigten mißachtendes Verfahren. Ohne genaue Untersuchung könne man doch wohl nichts gegen den Grafen unternehmen, meinte er, ließ sich aber schließlich bereit finden, einen hohen Gerichtsbeamten mit dieser Untersuchung zu betrauen, die zunächst in größter Stille, ohne öffentliche Verdächtigung des Ministers geführt werden müsse. Er entschied sich für einen von der Königin genannten Namen. Sie wußte, daß der Mann ein Geschöpf Godoys war. In diesem Punkt ging sie für den Augenblick nicht weiter. Aber sie ersparte dem um Frieden bittenden Gatten nichts. Wohl wissend, welche Macht sie über ihn besaß, sobald er nicht in einem seiner Zornanfälle begriffen war, nützte sie die Stunde und warf ihm die Beleidigung vor, die er ihr vor Augen des ganzen Hofes zugefügt habe. »Ich habe Nachricht, daß diese Weiber sogar an den Mahlzeiten teilgenommen haben. Damit hast du sie geradezu legitimiert.« Ihre Stimme und Haltung machten jetzt wieder einen gepreßten, gebeugten Eindruck, sie unterließ auch nicht, festzustellen, daß dieses sein Verhalten ihren Entschluß, nach Parma abzureisen, mitbestimmt habe. Er konnte nicht verbergen, daß ihre Kenntnis einer Einzelheit seines Tuns und Lassens in San Ildefonso ihn unsicher machte. Sofort wartete sie mit einer zweiten, noch intimeren auf und machte ihn mit ein paar weiteren Argumenten so mürbe, daß er sich schließlich als der allein Angeklagte fühlte und um Verzeihung bat. Zur Versöhnung zog sie ihn in ihre erfahrene Umarmung. Als sie auseinandergingen, war Maria Luisas Sieg vollständig: Sie sah sich erstens im Besitz des königlichen Versprechens, daß dem begabten und tüchtigen Marqués von Alvarez bei nächster Gelegenheit ein neuer Gnadenbeweis zufallen werde, zur Rehabilitierung gewissermaßen. (In diesem Punkt glaubte Carlos die versöhnte Gattin schlau nach seinem Plan gelenkt zu haben, der ja Manuels Aufstieg vorsah.) Zweitens ließ sich der König überzeugen, daß Floridabianca, sobald er sich entdeckt sähe, die Flucht ergreifen oder zum mindesten die ihn belastenden Dokumente vernichten würde, daß man sich seiner also für alle Fälle versichern müsse. Das könne ja in schonender, vorläufig nicht entehrender Form geschehen ... Noch um ein Uhr nachts mußte der fünfundsiebzigjährige General und ehemalige Minister Graf Aranda im Schloß erscheinen, um die Präsidentschaft des Kabinetts zu übernehmen. Auf diesem Rückhalt an einer erfahrenen Persönlichkeit bestand Carlos. Zwei Stunden später drangen drei Offiziere der königlichen Leibwache in das Haus des Grafen Floridablanca ein, holten den völlig Ahnungslosen aus dem Bett und erklärten ihn ohne Angabe von Gründen für abgesetzt und verhaftet. Nach vergeblichen Protesten fügte er sich schweigend. Er war keinen Augenblick im Zweifel über die Drahtzieher dieser Verhaftung, wußte, daß er sein Spiel eindeutig verloren hatte. Und formte sich mit Hast und Zwang einen Panzer aus logischen Gedankenreihen – aus seiner skeptischen Bewertung aller Lebensgüter, die zum Fundament seiner inneren Haltung geworden war, bisher freilich noch kaum auf die eigene Wirklichkeit angewandt. Die bereitstehende Kutsche nahm einen resignierten Philosophen auf. Als er zwischen den Offizieren Platz genommen hatte, wurde ihm eröffnet, die Gnade des Königs stelle ihm frei, sich im Norden oder Süden des Reiches eine Stadt zum Aufenthalt zu wählen; die Mauern der gewählten Stadt zu verlassen, sei ihm verboten, seine Korrespondenz werde überwacht. Er entschied sich für den Süden.   Am folgenden Morgen – der König befand sich auf der Jagd – gab Maria Luisa ihrem Günstling von der Ernennung des Grafen Aranda Kenntnis. Es sei, fügte sie bei, in diesem Augenblick nötig, weiteres Aufsehen zu vermeiden, länger als ein paar Monate brauche der jetzige Zustand aber nicht zu dauern ... 9 »Ich war ein wenig an den Vorbereitungen des Festes beteiligt«, sagte Francisco zu den in seinem Atelier versammelten Freunden und öffnete ein zweites Fenster in die laue Frühherbstnacht. Die Kerzen flackerten im Luftzug und beruhigten sich wieder. »In doppelter Weise: einmal durch gewisse inzwischen vernichtete Kostümzeichnungen, die vor jemand anderem als vor euch zu erwähnen sehr unvorsichtig wäre, und dann durch ein Porträt. Die Herzogin legte aus irgendeinem Grunde Wert darauf, daß ein repräsentatives Bildnis ihres Gatten rechtzeitig fertig werde, um von der beherrschenden Wand des Empfangsraums die Gäste anzublicken.« »Eine sinnige Ehrung«, spottete der behäbige Jose Ceán Bermúdez. »Die Königin, Primadonna der Komödie, kam zu dem Fest in einem Kleid aus türkisblauer Seide, besetzt mit schmalen Borten aus Brüsseler Spitzen. Ich weiß, daß es zwei Tage vorher aus Paris eingetroffen war, man hatte ihr mitgeteilt, die verschiedenen Abstufungen von Türkisblau gelten bei den wenigen Zusammenkünften, die sich der französische Adel noch zu geben wage, als die vornehme Farbe.« »Ein rotes hätten sie ihr schicken sollen«, warf Bermúdez wieder dazwischen, »ein blutrotes – allerletzte Mode von Paris!« »Nun war es also türkisblau – haltet die Farbe fest. Um sie recht leuchten zu lassen, legte Doña Maria Luisa sogar ein Pfund weniger Schmuck an als sonst. Sich pfauend, rauschte sie in die Gesellschaft ein. Ihre Eitelkeit betrank sich geradezu an den Blicken der sich Verneigenden.« Francisco verdeutlichte seinen Bericht mit Gesten. »Ein beneidenswerter Auftritt!« rief Isidro Maíquez begeistert. »Der Glückszustand Ihrer Majestät dauerte nicht lange. Die Herzogin erbat von ihr höchst zeremoniell die Erlaubnis, eine Erfrischung auftragen zu lassen, und gab dann dem Haushofmeister das Zeichen. Für mich war die Lage ein wenig gespannt, denn ich kannte die kleine Überraschung, die wohlvorbereitet schon hinter den Türen wartete. Ich glaube, in den letzten Sekunden zitterte sogar mein Gewissen. Aber die Türen sprangen trotzdem auf, und leuchtendes Türkisblau glitt aus allen Öffnungen: die gesamte weibliche Dienerschaft erschien in derselben Seide, aus der die Robe der Königin bestand. Im Schnitt war auf den Unterschied zwischen dem Kleid einer Kammerzofe und einer Gesellschaftstoilette ein klein wenig Rücksicht genommen, raffinierte Rücksicht – doch stimmten auch die Brüsseler Spitzen des Kleidbesatzes genau mit denen der Königin überein.« »Was für eine Idee! Eine anbetungswürdige Kühnheit!« riefen Bermúdez und Moratín. »Weiße Schürzen hatten die Zofen an, ganz schmale, um die Pracht nicht zu verdecken ... damit war noch so besonders eindeutig zum Ausdruck gebracht: Bei mir trägt dergleichen das Personal! – Hübsch sahen sie übrigens aus und sehr verlegen über die Wirkung, denn sie waren natürlich ahnungslos ... Mit der Königin konnte man wirklich eine Minute lang Mitleid haben: sie saß bleich und bewegungslos. Hilfe war keine zur Stelle, denn der König und Godoy ließen sich im Nebenzimmer von einem aus Mexiko zurückgekehrten Offizier über die dortigen Jagden erzählen. Die im Saal anwesenden Gäste erstarrten, schlichen sich nervenschwach beiseite, verbissen das Lachen, je nach Amt und Temperament, oder schauten bewundernd die Gastgeberin an, die sich stellte, als bemerke sie nichts Ungewöhnliches. Die Königin verlor nach dem ersten Schrecken die Fassung, sprang von ihrem Sessel auf und schrie der Herzogin mit zornrotem Kopf die Frage ins Gesicht, ob sie verrückt geworden sei.« Bermúdez goß vor Vergnügen ein ganzes Glas Rotwein hinunter. »Die Duquesa sank in einen tiefen Hofknicks und fragte im Ton eines Engelkindes, womit sie die Ungnade der Majestät hervorgerufen habe. Dieses Unschuldsspiel und die dadurch gesteigerte Wut der Königin waren der Höhepunkt der ganzen Szene, die Niederlage Maria Luisas aber besiegelt, als sie sich wirklich herbeiließ, der Herzogin den Anlaß ihres Zorns zu erklären. ›Wie kommen Sie dazu, Ihre Zofen so anzuziehen?‹ fragte sie und faßte bei diesem ›so‹ ihre eigene Robe am Busenausschnitt. Aber dann ärgerte sie sich über die Zuschauer und befahl die Herzogin, die aufmerksam die angefaßte Stelle betrachtet hatte, in ein Nebengemach.« »Schade!« bemerkte Maíquez. »Wenn ihr euch mit der Schilderung der Generalprobe begnügt, kann ich trotzdem weitererzählen. Für diese durchaus erwartete Wendung der Dinge war nämlich eine kleine Rede vorgesehen, deren Wortlaut ich euch genau mitteilen kann, weil ich bei der Probe die Rolle der Königin gespielt habe.« Er sprach jetzt mit Cayetanas Tonfall: »›In der Tat‹, sagte also hinter jener Tür die Herzogin in kühler Besorgtheit, ›in der Tat‹ – hier bestehen gewisse Ähnlichkeiten ... Es ist ja allzu offensichtlich, daß Don José und ich die von Eurer Majestät heute zum erstenmal getragene Robe vor einer Stunde nicht gekannt haben. Andernfalls könnte ich vorschützen, daß wir Eurer Majestät durch Übernahme Ihrer Farbe in die Ausstattung des Festes eine Huldigung bereiten wollten – eine Huldigung, die sich freilich als bedauerlicher Mißgriff herausgestellt hätte. Aber nichts dergleichen trifft zu. Ein Zufall, nichts als ein unglücklicher Zufall – dem Eure Majestät jede Bedeutung nehmen würden, wenn Sie geruhen wollten, ihn nicht weiter zu beachten. Ich werde Sorge tragen, daß die Zofen sofort das Kleid wechseln!« Die Zuhörer klatschten Beifall. »Natürlich muß gleich hinzugefügt werden, daß Doña Maria Luisa sich keineswegs zufrieden gab und daß dieser mangelhafte Erfolg der Festrede im Programm vorgesehen war. Die Königin verließ das Fest zornesschwanger, und die meisten Gäste waren abhängig genug, zu folgen. In den kleinen Kreis, der zurückblieb, gelangte dann noch in derselben Nacht das Dekret mit dem Gegenschlag, den heute ganz Madrid kennt: Verbannung nach Andalusien für zwei Jahre mit dreitägiger Frist für die Abreise. Um die Chronik ehrlich zu beenden: eine Strafe von solcher Schärfe war nicht erwartet.« »Es gibt schlimmere Strafen«, meinte Moratín. »Wie verhielt sich der König?« fragte Maíquez. »Als er informiert wurde, zuckte sein Bauch verdächtig vor Lachlust, aber er trottete wie ein folgsamer großer Hund hinter seiner Gemahlin aus dem Saal.« »Und der Marqués? Befand er sich im Komplott?« Es war Moratín, der sich für ihn interessierte. »Er hatte sowenig Ahnung wie sein Ebenbild an der Wand, begriff nur langsam und war dem Weinen nahe. Natürlich kennt man bei Hof seine Unschuld.« »Er soll nervös und gallig sein.« Francisco zuckte die Achseln. Aber Bermúdez spann das Thema weiter: »Er ist von schwächlichem Körper – eine weiche und reizbare Natur, leidet unter seiner eigentümlichen gesellschaftlichen Stellung und hat sich melancholisch in die Musik geflüchtet.« Die andern lachten über die prompte Formulierung. Francisco stimmte mit ein, bemerkte aber mit einer ritterlichen Handbewegung, der Marqués sei ein guter Dilettant auf dem Spinett. »An diesem Instrument habe ich ihn übrigens auch gemalt.« »Sicher ein ganz interessantes Objekt«, meinte Bermúdez wieder, nicht ohne Spott. »Zitronengelbe Hautfarbe, schwarzes Haar, große, doch feingeschnittene Nase«, berichtete Francisco. »Leicht zu charakterisieren.« »Wie sind seine Kompositionen?« fragte Bermúdez. »Schlecht«, kam die bündige Antwort aus dem Mund Agustín Esteves. Dieser schüchterne, menschenscheue Maler, noch wie einst in Rom Franciscos Bewunderer und allmählich sein Gehilfe und Vertrauensmann, steuerte selten etwas zu den Gesprächen bei, wenn aber von Musik die Rede war, legte er Wert auf die Bekundung seiner für ihn selbst unantastbaren Sachverständigkeit. Über seine mageren zerrissenen Züge huschte ein befriedigtes Lächeln, während er sich mit der Rechten etwas verlegen übers Haar strich, das als buschiger Nackenkranz den kahlen Schädel umschloß. »Und nun, Freunde«, sagte Francisco langsam und vergnügt, die Wirkung seiner Worte schon im voraus auskostend, »kommt auch unter uns noch ein bescheidener Schlußeffekt: die Herzogin hat mich eingeladen, sie zu begleiten und einige Monate auf ihren südlichen Besitzungen zu verbringen. Die Genehmigung meines Erholungsurlaubs ist heute abend schon eingetroffen. Morgen früh verlasse ich Madrid.« Als sich der kleine Tumult des Erstaunens und Bedauerns, der Glückwünsche und des Gläserklingens beruhigt hatte, legte Isidro Maíquez die Stirn in Falten: »Verzeiht mir, wenn ich in diesem Augenblick mit meiner Besorgnis nicht zurückhalten kann: besteht nicht die Gefahr, daß, wer der vom Hof Verbannten folgt, selbst als Verbannter betrachtet wird? Und seine Ämter als vakant?« Esteve sprang ein wie ein Schildknappe: »Der König und die Königin schätzen Francisco viel zu hoch, um ihn so rasch fallen zu lassen. Er hat Urlaub erhalten!« »Immerhin ist bei Hof noch nicht bekannt, daß ich den Urlaub mit der Herzogin verbringe«, gab Francisco zu. »Es wird schätzungsweise eine Woche dauern, bis man in Madrid davon spricht. Die Wirkung bleibt abzuwarten.« »Weiß Gott«, rief Bermúdez mit Lebhaftigkeit, »du könntest es dir leisten, auf die ganzen Teppichkartons und Hofporträts zu verzichten und als freier Mann zu leben! Laß sie denken, was sie wollen, und tu, was dich gut dünkt!« »Du bist deiner Natur nach kein Fürstendiener«, bekräftigte Maíquez. Francisco antwortete mit einem undurchsichtigen Lächeln, das er in seinem rasch erhobenen Weinglas ertrinken ließ. »Die Dinge scheinen mir nicht so einfach zu liegen«, bemerkte Moratín. »Denkt an einen Mann wie Voltaire, den spottenden Feind jeder gesellschaftlichen Konvention. In seiner privaten Existenz konnte oder wollte er nicht ohne Hof und Fürsten sein. Als Verbannter war er sein eigener Herr, und doch ist er am Ende wieder einem König in die Arme gesunken.« Francisco schwieg noch immer. Er dachte einen Augenblick, es wäre doch besser gewesen, diesen letzten Abend vor der entscheidenden Abreise allein zu verbringen. Die andern fuhren fort, die Dinge auf den Begriff zu bringen, denn sie glaubten, um der Entgegennahme eines Bekenntnisses willen herbeigerufen, das Recht und die Pflicht dazu zu haben. »Du machst dich zum Märtyrer für eine Frau«, bemerkte Bermúdez rundweg. »Die Frau, von der du redest, braucht meine Opfer wahrhaftig nicht«, antwortete Francisco nervös. »Man opfert sich für eine Frau wie für eine Idee«, nahm Moratín den Gedanken auf. »Es ist im Grund dasselbe. Aber du mußt mir erlauben, daß ich mich persönlich gegen jedes derartige Märtyrertum des schaffenden Künstlers ausspreche.« Die andern schauten ihn fragend an, und so redete der Dichter denn von sich selbst: »Ich muß ein wenig ausholen: Ist es nicht unerhört erregend, die Dinge in Frankreich zu beobachten? Nur wenige Generationen haben in einer so interessanten Zeit gelebt wie wir. Man hat das Gefühl, daß in dieser Ecke die Welt von vorne beginnt ... Nun behaupte ich, daß wir Künstler, nachdem wir die Größe der Stunde erkannt haben, vor allen anderen dazu berufen wären, die in Paris entzündete Flamme auch durch die Gassen von Madrid zu tragen – durch diese Stadt, in der das Volk künstlich dumm gehalten wird, durch das Land, in dem Prälaten und Granden die Wahrheit für eine französische Hure erklären und sie über die Grenze peitschen ...« »Und warum trägst du die Flamme nicht?« unterbrach Bermúdez etwas boshaft den Vortrag. »Man würde mich als Ketzer verbrennen, als Staatsfeind hängen und noch meinen zweimaltoten Leichnam außer Landes weisen. Ich sage euch, der Stoff für sechs Komödien, die die Ungerechtigkeit und Kläglichkeit unserer Gesellschaftsordnung anprangern, geht mir durch den Kopf. Nicht eine einzige kann ich ausführen. Es ist heillos. Denn welchen Zweck hätte es, sie für mich allein zu schreiben? Nicht einmal zwanzig Menschen könnte ich sie vorlesen: es ist immer einer dabei, der nicht schweigen kann. Natürlich – es wäre ein ruhmvoller Weg, Märtyrer der guten Sache zu werden. Aber wem würde damit geholfen? Mein Stück würde ausgetilgt, ehe es fünfzig Menschen kennen, und ich selbst – ich habe es ja schon gesagt. Ich gestehe, daß ich eine tiefe Abneigung gegen feuchte Gefängnislöcher, Schafotte und die damit in Verbindung stehenden Amtspersonen habe.« Er schaute bei diesen Worten auf seine gepflegten Hände nieder. »Ich gebe dir vollkommen recht, Leandro, das Märtyrertum ist ein nutzloser Beruf. Wer Einfluß auf die Menschen ausüben will, muß zunächst einmal das Gehirn und die Hände, die das bewerkstelligen sollen, am Leben erhalten. Eigentlich eine Kinderwahrheit.« Francisco sagte es ziemlich obenhin. »Ich finde, der Dichter, der seine wichtigsten, persönlichsten Werke nicht schreiben kann, um nicht als Verbrecher behandelt zu werden, bringt genug Opfer. Muß mir nicht heute all das, was ich gemacht habe und noch mit gnädiger Erlaubnis Seiner Majestät des Königs von Spanien und Seiner Heiligkeit des Papstes machen kann, als Spielerei erscheinen? Weiß der Teufel, es wäre das beste, künftig überhaupt zu schweigen, sich aufs Zuschauen zu beschränken. Das kann einem niemand verbieten ... Man könnte daran denken, nach Frankreich auszuwandern.« »Das schiene mir doch recht gefährlich, Leandro. Sie machen einem dort leichter den Prozeß als hier. Vergiß nicht, daß wir beide Männer von Adel sind.« »Diesen Adel würde ich mit Vergnügen ablegen.« »Ich fürchte, es ist eine Eigenschaft, die die Bürger der Pariser Nationalversammlung auch nach der Ablage noch riechen würden. Man ist von Adel durchtränkt wie von Knoblauch ... Aber Spaß beiseite – ich will deinen Glaubenssatz gegen das Märtyrertum noch erweitern, indem ich auf deinen Fürstendiener Voltaire zurückkomme: Ich kann mich in einen Menschen sehr gut hineindenken, der es nicht erträgt, von irgend jemand aus äußeren Gründen über die Achsel angesehen zu werden. Wo soll ein solcher Mensch anders Amt und Geltung suchen als an einem Hof? Er schafft sich dort auch die besten Voraussetzungen für seine Wirksamkeit. Der Künstler, der Einfluß auf die Menschen ausüben will, muß sein Gehirn und seine Hände nicht nur am Leben erhalten, sondern ihnen auch die allerbesten äußeren Bedingungen schaffen – ein möglichst hohes Postament.« Bermúdez und Maíquez hielten ihm wie aus einem Mund entgegen, er sei ja im Begriff, seinen Platz auf dem Postament aufs Spiel zu setzen. Francisco schenkte sich ein und stellte die Flasche hart auf den Tisch. »Ich habe von Voltaire gesprochen, nicht von mir ... In Frankreich, so sagst du, Leandro, beginnt jetzt vielleicht die Welt wieder von vorne. Und ich, Francisco de Goya, Kammermaler Seiner Majestät des Königs von Spanien, habe keinen anderen Wunsch als gerade diesen: nicht mehr so zu leben und zu arbeiten wie bisher. Das hat bei mir mit Politik nichts zu tun, obwohl ich genau wie du, Freund, in Gefahr bin, meine Arbeit, so wie ich sie jetzt betreibe, als Spielerei oder wenigstens als Handwerk anzusehen. Ich habe den heißen Wunsch, etwas anderes zu sagen als bisher. Mehr zu sagen, viel mehr ... Ich war ein elender Kopist der Natur. Zum Teufel, Freunde, ich kann mehr als die meisten, die heute in Madrid malen. Aber ich verwende mein Handgelenk und meine Augen für Nichtigkeiten.« »Das hört sich besser an als meine Resignation ...«, sagte Moratín vor sich hin. Francisco redete weiter – im Grunde nur für sich selbst. Besser, klarer noch als in den verflossenen zwei, drei Tagen ordneten sich ihm Einzelheiten der jüngstvergangenen, auch einer weiter zurückliegenden Zeit zur zusammenhängenden Reihe: Situationen, Konflikte, Überlegungen, die sein rasches, bis an den Rand gefülltes Dahinleben mit nicht mehr als einem Seufzer, einem Unbehagen, einem Fluch aufgehalten hatten: »Meine Fähigkeit, ein Porträt in ein paar Stunden herunterzumalen, wenn es sein muß: in einer einzigen – sie hat mich zur Vielmalerei verführt. Auftrag über Auftrag kam; kaum einen, der genügend einbrachte, wies ich ab. Kein Zweifel: es gab auch Besteller, die wußten, daß ich nicht jede Arbeit gleich wichtig nahm: hätten sie sich sonst um eine besondere Empfehlung durch dich bemüht, José? Daß für andere, die Wiederholungen ihres Bildes verlangten, um sie verschenken zu können, in aller Heimlichkeit du, Agustín, da warst, dessen Kopien ich als die meinigen zeichne, ist in der Ordnung. Aber es gab daneben die Arbeiten für das Königshaus und für die Teppichfabrik. Hier, bei den Teppichen, entstanden ernsthafte Reibereien: ich habe zwar mein Gehalt eingesteckt, aber aus Zeitmangel nichts dafür geleistet. Der Finanzminister mußte mich durch Sperrung der Bezüge zur Lieferung von Entwürfen zwingen. Aber wozu euch erzählen, was ihr wißt? Betriebsamkeit, das ist es, Betriebsamkeit und immer weniger künstlerische Leidenschaft! Wo ist da noch Raum für künstlerisches Wachstum? Ich habe zu neuen Gedanken keine Zeit und keinen Aufschwung. Sehe ich den Dingen auf den Grund, so weiß ich, daß ich, wechseln auch die Objekte, täglich dasselbe male. Und dagegen gibt es nur eine Rettung: heraus! Heraus aus der Tätigkeit und der ganzen Umgebung, in der sie sich abgespielt hat. Die Gelegenheit ist schön und groß.« Sie schauten ihn ernst, ja ein wenig gedrückt an, und es war nicht klar, ob sie ihn alle begriffen. Er endete mit Worten, die nun wirklich an die Freunde gerichtet waren: »Es war viel in mir und um mich unruhig, ehe ich es richtig wußte. Und ich kenne die Vögel, die mich umdrängen, noch immer nicht alle bei Namen, weiß auch nicht, wo sie ausgeflogen sind ... Aber warum soll ich euch nicht sagen, daß ich mir für meinen Neuanfang viel von der Frau erhoffe, von der ihr glaubt, ich opfere mich für sie? Aus ihrer Art, den Dingen und Menschen frei und ohne Vorurteil ins Gesicht zu schauen, gedenke ich allerlei Antrieb zu holen ... Ihr seht, daß es kein Besinnen gibt. Um so mehr, als ich mich« – er lachte – »so gut ich kann, bemühen werde, meine Ämter nicht in Gefahr zu bringen.« »Wir nehmen schweigend den Hut ab«, bemerkte Bermúdez im Grabeston. »Du bist streng mit dir selbst – sei es jeder von uns auch mit sich!« Maíquez wollte es ohne Pose sagen, und es klang trotzdem fast wie ein Satz aus einer Rolle. Francisco hob sein Glas: »Ihr seid feierlich – ich aber sehe den Ereignissen mit großer Heiterkeit entgegen.« Als sich die Gesellschaft auflöste, blieb Moratin, dessen Wohnung weit entfernt war, zurück, Francisco verfügte im Atelier über zwei Lagerstätten. Sie stellten die Gläser beiseite und löschten einen Teil der Kerzen. »Ich bin entschlossen«, sagte Francisco, »diesen Urlaub wesentlich zu verlängern, vielleicht auf die ganzen zwei Jahre. Sollten sich wirklich Schwierigkeiten mit dem Hof ergeben – Geld wäre vorläufig genug da. Agustin wird das Atelier beziehen, mich geschäftlich vertreten und die Auftraggeber vertrösten. Hohe Honorare stehen aus, vor allem von den Osunas. Pepa wird darüber verfügen können. Was Javier anlangt – der Junge braucht mich jetzt nicht, ist noch ein Kind, dem ich nichts geben kann. Später, wenn er erwachsen ist, wird es schön sein, mit ihm Freundschaft zu halten und ihm die Wege zu ebnen ...« »Das Zusammenleben mit der Frau, die du liebst, ist eine wundervolle Voraussetzung für deine neue Arbeit. Was bisher Heimlichkeit war, von hundert Rücksichten eingeengt, wird sich in der Stille des ländlichen, gesammelten Lebens breit und offen entfalten können.« Francisco legte ihm die Hände auf die Schultern: »Nun sage ich dir ein tiefes Geheimnis. Nur dir. Kannst du verstehen, Freund, trotz all diesem, wozu ich mich bekenne, daß ich noch heute minutenlang ruhig und kühl darüber nachgedacht habe, ob nicht auch die Frau, von der ich mich zur Wandlung gerufen fühle, eine Bindung meiner künstlerischen Entfaltung bedeutet? Ob es in diesem Augenblick des Entschlusses, alle Kräfte zu einer großen Steigerung, zum großen neuen Anfang zu sammeln, nicht richtig, kühn, klug wäre, jede, aber auch wirklich jede Bindung abzustreifen? Oh – es gibt Minuten, in denen die letzte, äußerste Freiheit mich mehr als nur lockt, mich zu sich zwingen will, mir ins Ohr schreit: Nimm mich, wähle mich!« »Und du gehst doch zur Herzogin?« »Ich weiß, daß ich nach weniger als einer Woche jener einsamen Freiheit auf dem schnellsten Pferd zu ihr ritte. Da ist es wohl besser, ich reise gleich mit ihr zusammen.« »Mir scheint, wir schauen mitunter im Schicksalstheater schon hinter den Vorhang, der die nächste Szene verdeckt, und können doch nicht anders handeln, als hätten wir nur das gesehen, was sich im Vordergrund abspielt. Vielleicht hast du jetzt weiter rückwärts wirklich die Szenerie des einsamen Schaffens erblickt und dich mitten drin – und weißt doch, daß du zu der Frau mußt, die an der Rampe dir winkt. Ich glaube, keiner von uns hat die Kraft, die Biegungen des eigenen Weges zu überspringen.« »Und es ist doch keine Biegung. Meine Heiterkeit sagt es mir.« 10 Stierkampfszene Radierung. Aus der Tauromachia Es war verabredet, daß die Herzogin zwar in kleiner Begleitung, bestehend aus einem Haushofmeister, einem Kurier, zwei Kammerzofen, einem Koch, einem Lakaien und den Kutschern, doch in einer ihrem Stand entsprechenden Aufmachung, mit drei großen Wagen also, einem sechs- und zwei vierspännigen, die Reise antreten, Francisco jedoch die Stadt zur Vermeidung überflüssigen Aufsehens vierundzwanzig Stunden später zu Pferd verlassen werde. In Toledo wollte man dann zusammentreffen, um von dort aus gemeinsam zu reisen. Franciscos Gepäck wurde unauffällig schon in Madrid in den herzoglichen Fuhren mit verladen. Don José, der Marqués, bat seine Gattin etwas verlegen dafür um Verzeihung, daß er, jedenfalls vorläufig, zurückbleibe. Seine Musikstudien ließen sich in San Lúcar de Barrameda schlecht weiterführen, brachte er vor, es würde ihm dort an Anregung, vor allem am Umgang mit Musikern von Fach fehlen. Außerdem werde seine Anwesenheit am Hof die Ausbreitung des Klatsches verhüten und könne auch ihr, Cayetana, nur nützlich sein. »Schließlich hast du dir den unangenehmen Zwischenfall selbst zuzuschreiben, meine Liebe, ich würde dir, hättest du mich ins Vertrauen gezogen, von der Sache abgeraten haben. Übrigens gestehe ich, daß ich ihre Zusammenhänge und Hintergründe noch immer nicht recht durchschaue ... Gewiß, ganz wie du willst: sprechen wir nicht mehr davon.« Er riet dann auch von dem sechsspännigen Wagen ab, denn es gab eine Verordnung, die das Vorspannen von sechs Pferden oder Maultieren ausschließlich den Majestäten vorbehalte. Cayetana erklärte, sie bedaure, seine Begleitung entbehren zu müssen, habe aber keinen Augenblick damit gerechnet. Was den sechsspännigen Wagen anlange, so gelte jenes Verbot nur für Madrid und die anderen Hofresidenzen, da sie aber Madrid und den Hof verlasse – worüber gerade die Majestäten nicht im Zweifel seien –, könne sie auch acht- oder zehnspännig fahren, falls es ihr beliebe. Sie hoffte, der Königin durch diese großspurige Abreise noch einen Nadelstich versetzen zu können.   Der Schlaf war kurz, der Ritt scharf und lange. Toledo, seit einer Stunde auf der kahlen, verbrannten Ebene aufgetaucht, stand steil über eine mächtige Felstafel gewölbt vor dem Reiter – finster trotz der mildernden Abendsonne des klaren Herbsttages. Langsam lenkte er das Pferd durch staubige, schmutzige Vorstadtgassen und ritt, nach kurzer Verhandlung mit den Wächtern, müde durch ein von zwei schweren Türmen flankiertes, nach maurischer Art hufeisenförmig gewölbtes Tor ein, das sich Sonnentor nannte. Das Katzenkopfpflaster war zu solcher Glätte abgeschliffen, daß er absteigen und das Pferd am Zügel führen mußte. Er erkundigte sich, wo die Herzogin Quartier genommen habe, und erfuhr, sie wohne im Adler von Kastilien, doch seien ihre Wagen, für die sich die holprigen Straßen von Toledo nicht eigneten, vor einem anderen Stadttor in der Herberge Zum Blut Christi untergestellt. Man gab ihm einen Knaben mit, der ihm das Gasthaus Zum Adler von Kastilien zeigen sollte. Sie durchschritten gewundene Gassen zwischen vielstöckigen, durch ihre Fensterarmut unheimlichen Häusern, da und dort ließ einer der dicht mit Nägeln beschlagenen Türflügel einen Blick frei auf die arabischen Säulen und grünenden blühenden Pflanzen der Höfe. Dann kamen Mann, Knabe und Pferd an sehr hohen, aus dunklen Backsteinen gefügten Klostermauern vorüber und an Kirchen, deren Türme aus Hufeisenfenstern fremdartig herniederblickten. Der Wirt des nicht eben üppigen Gasthauses empfing den Herrn Kammermaler von Goya mit vielen Bücklingen und vielen Entschuldigungen wegen der Bescheidenheit seines Hauses, da indes gerade jetzt eine sehr hochgestellte Dame, die sich hinter dem Namen einer Marquesa Soundso verberge, vorliebnehme, werde gewiß auch Seine Exzellenz ... und wie das so weiterging. Nachdem er in einem Waschzuber gebadet hatte, ließ sich Francisco feierlich bei der Herzogin melden, die ihn längst hatte ankommen sehen. »Wir werden ein unbändiges Maß von Freiheit haben«, sagte sie strahlenden Gesichts, faßte ihn bei beiden Ohren und küßte ihn auf den Mund. Das erste, wovon sie lachend erzählte, waren die Wanzen, die ihr nachts den Schlaf sauer gemacht hatten, und die Geschichte der Beschwerde beim Wirt. Alfonso nämlich, der Haushofmeister, sei, um sich höflich gewissermaßen auf eine Andeutung zu beschränken, wegen der Belästigung seiner Herrin durch Flöhe vorstellig geworden und habe schließlich dem Wirt, der ihn entrüstet zurückwies, zwei zerdrückte Insekten unter die Augen gehalten. »Stell dir vor, was der stolze Caballero zur Antwort gab! ›Das sind Wanzen, Señor, einfache Wanzen! Flöhe gibt es in meinem Hause nicht!‹« Dann brannte sie unverzüglich eine seit vierundzwanzig Stunden vorbereitete Überraschung wie einen Feuerwerkskörper ab: aus dem Nebenzimmer, wo sie von den Zofen betreut worden waren, liefen, ein wenig schüchtern noch, zwei vielleicht fünfjährige, mit nichts als einem grellgelben Höschen bekleidete Negerkinder auf sie zu. Den Knaben legte sie Francisco in die Arme, das Mädchen drückte sie zärtlich an sich. Zwillinge seien sie und Waisen aus Oran, der vor kurzem von einem Erdbeben zerstörten Stadt, von frommen Schwestern nach Spanien gebracht. Sie habe die Kinder auf der Straße spielen sehen und sich entschlossen, sie aufzuziehen. Zu diesem Zweck nehme sie sie vorerst einmal mit nach San Lúcar. Francisco war von dem Kontrast zwischen Cayetanas hellen, edelgeformten Händen und dem schwarzen strampelnden Wesen hingerissen. Der folgende Tag war ein Sonntag, und die Herzogin bestand darauf, vor der Weiterreise die Messe zu besuchen. Francisco begleitete sie. Als sie sich der Kathedrale näherten, sahen sie entzückt den ebenmäßigen Turm mit den drei einander überkrönenden Strahlenkränzen seines Helms. Tiefblau war die Luft. Dann umfing sie der Kirchenraum mit dem riesigen Mantel seiner farbengesättigten Dämmerung, in die durchsonnte Glasbilder hineinblendeten, so daß das Auge zuerst kaum etwas anderes als die dunkle Zeichnung edlen Gitterwerks unterschied. Unter silbernen Ampeln schritten sie zwischen den Betern auf den mächtigen Hochaltar zu. Golden glänzten die Baldachine seiner Holzfiguren, golden die schweren Gitter und die Rippen des ihn überdachenden Gewölbes, golden die Stickereien der von hoch oben herabhängenden blauseidenen Fahnen und der priesterlichen Meßgewänder. Bläulicher Weihrauch dämpfte den Schimmer mit dem geheimnisvollen Schleier seiner zerstreuten Schwaden. Eine Orgel klang in die Gesänge des Hochamts hinein. Cayetana, in eine schwarze Spitzenmantilla gehüllt, kniete nieder. Francisco trat ein wenig zurück, um ihre schöne, auch in der demütigen Gebärde stolze Gestalt auf dem goldbunten Hintergrund zu betrachten. Die Einfachheit dieses Schwarz, obwohl sie sie mit vielen andern Frauen teilte, schien ihm vornehm, königlich. Er wünschte sich ihr Gesicht, ihre Hände in das Bild hinein, aber sie wandte sich nicht um. Langsam nahm ihn der gottesdienstliche Ritus gefangen: die gemessenen Bewegungen der Priester, die ehrwürdigen Meßbücher, die feierlichen, in ihrer Unveränderlichkeit wie eine Reihe silberner Statuen vorüberziehenden Worte, ihm seit der Kindheit vertraut, die Musik, die unter Kerzen funkelnde Sonne der Monstranz, die geheiligte Form des Kelches ... Der verspottete Christus Radierung. Aus den Proverbios Er hielt jede gedankliche Anschauung der religiösen Dinge von sich fern und gönnte seinen Sinnen ein Fest. Es waren ja die Sinne des Künstlers, nicht die des Gläubigen. So kam es zu einer seltsamen Antwort, als ihn Cayetana beim Verlassen der Kirche fragte, ob er heidnische Gedanken gehabt habe. »Vielleicht bin ich Atheist«, sagte er, »aber einer mit katholischen Augen.« Kurz danach passierte der sechsspännige Reisewagen der Herzogin, denen der Dienerschaft in gemessenem Abstand folgend, die Alcántara-Brücke, die, von Wehrtürmen geschützt, das Schluchtbett des trägen, grünen Tajoflusses mit einem einzigen gewaltigen Bogen übersprang. Düsterer, steiler noch als bei der Einfahrt bot sich Toledo dar, die alte Hochburg kirchlicher Macht. Cayetana gegenüber saß Francisco. Einige Tage später verließen sie am Morgen das ganz in Weingärten eingebettete Städtchen Santa Cruz de Mudela, um zu guter Stunde die Paßhöhe des Morenagebirges und noch am selben Abend eines der Dörfer zu erreichen, die vor einigen Jahrzehnten deutsche Kolonisten am Abstieg nach Andalusien anzulegen begonnen hatten. Wie auf der ganzen Reise war die Dienerschaft vorausgeschickt worden, um die Quartiere einigermaßen in Ordnung zu bringen und mit den unterwegs eingekauften Lebensmitteln selbst die Küche zu bestellen. Der Tag war klar und kühl. Langsam zogen die sechs Maultiere auf der anfangs gutgehaltenen, später aber immer holprigeren Straße den schweren Wagen bergan. Mittags ließ man halten. Die Tiere wurden an einem Bach getränkt. Cayetana und Francisco lagerten sich im Freien an einer sonnigen blumenbestandenen Halde zwischen Wäldern und Felsen und hielten ihr Mittagsmahl. Beglückt von Luft und Landschaft, verweilten sie lange, schliefen schließlich in Decken gehüllt unter einer Buche. Der Kutscher mußte zum Aufbruch mahnen. Bald stieg die Straße steiler, als die Reisenden in Rechnung gestellt hatten. Man kam nur mit Schwierigkeiten voran. Der Abend sank, und die Paßhöhe war noch nicht gewonnen. Der Kutscher glaubte sich ihr schon nahe, als ein plötzlicher, von starkem Kreischen der Räder begleiteter Ruck den Wagen anhielt. Francisco stieg aus, der Kutscher und der Bediente schwangen sich vom Bock. Nach einigem Suchen stellten sie im letzten Licht des Tages eine starke Verbiegung der Vorderachse fest. Ein kalter Wind blies. Die Aussicht, hier oben nächtigen zu müssen, war peinlich. Wohin sich wenden? Ein paar Meilen zurück lag wohl ein Haus, aber es war unbewohnt. Wieviel die Entfernung zu den deutschen Dörfern betrug, wußte niemand so recht; nahe waren sie sicher nicht. Die beiden anderen Wagen befanden sich in unerreichbarer Ferne, damit, daß der Haushofmeister in der Nacht zurückführe, um nach den Ausbleibenden zu suchen, konnte man nicht rechnen. Also sich selbst helfen, den Wagen in Ordnung bringen ... Der Kutscher erklärte das für völlig unmöglich, die Ausbesserung könne nur in einer Schmiede vorgenommen werden. In Francisco regten sich Widerspruchsgeist, Kraftgefühl und der Wunsch, Cayetana aus der mißlichen Lage zu befreien. Er ordnete an, daß die Achse abgenommen werde. Murrend fügten sich Kutscher und Bedienter, Francisco half dabei, das Vorderteil des Wagens zu heben und mit Steinbrocken zu stützen. Es war eine mühsame, schwere, langwierige Arbeit. Sie entzündeten ein Feuer, nachdem sie glücklicherweise, von Laternenschein unterstützt, unweit vom Wege genügende Mengen trockenen Holzes aufgefunden hatten. Cayetana saß in Mantel und Decke gehüllt auf einem Stein und schaute zu. Nachdem es gelungen war, die verbogene Achse abzunehmen, steckte sie Francisco in die lodernden Flammen, bis das Eisen schließlich zu glühen anfing. Nun bemühte er sich unter dem Kopfschütteln der beiden anderen Männer, es mittels einer Zange und eines Hammers, die der Kutscher mit sich führte, auf dem Steinblock geradezuschmieden. Alle Versuche mißlangen, er hatte die Kraft des Feuers, die der Werkzeuge und seine eigene überschätzt. Mißmutig, sehr erhitzt, ging er hin und her, während die Herzogin den Schutz des Wagens aufsuchte. Das Feuer sank in sich zusammen, und Franciscos Augen gewöhnten sich an das Dunkel. Er sah die Sterne so klar, wie er sich nicht erinnerte, sie je gesehen zu haben, in einem dunklen Rahmen von Wänden und Zacken – aus dem Grund eines steinernen Kessels heraus. Die Milchstraße spannte sich quer über das knappe Himmelsfeld, ihr Scheitelbogen schnitt fast den Zenit. Er suchte sich zu orientieren, Leandro Moratin hatte ihm ein paarmal die wichtigsten Sternbilder gewiesen, aber bei dieser Reinheit der Luft war es schwer, die bekannten Figuren aus den verwirrend vermehrten Haufen herauszulösen. Zu seinen Häupten fand er die Zickzacklinie der Cassiopeia und weiter östlich den spitzen Winkel des Stierkopfes mit dem roten Aldebaran, dazu den diamantenen Stern Capella. Es war das erstemal, daß er in der einsamen Nacht einer Gebirgshöhe stand, und die Größe der Sicht rührte ihn stark an. Durch das Verschwinden der Einzelheiten nicht im Unsicheren, sondern in einer fast atmosphärelosen Klarheit wurde das Auge und wurden die inneren Sinne zum Erfassen der gewaltigen Weite gezwungen. Dies sind die großen Umrisse der Welt, dachte Francisco und fühlte seine Schöpferkräfte in sich brausen, niemals kann man mehr schaffender Künstler sein als an solchem Ort und in solcher Stunde: niemals bescheidener, weil die Grenzen von Leinwand und Papier einschrumpfen, niemals stolzer – aus dem Bewußtsein der Verwandtschaft mit nächtlichen Berggipfeln und Sternen. Der Wind blies, Francisco tauchte aus dem Hochgefühl in die Kälte, zwang sich aus der Kälte wieder zur Schau der Nacht. Doch das Funkeln der Gestirnwelten schien ihm bald zu frostig, als sei es das Glitzern von Eiskristallen. Er hörte die Maultiere schnauben und sah sie dampfen. Dieses Lebendige zog ihn in die Gegenwart zurück. Er wußte wieder, daß er nur wenige Schritte von Cayetana getrennt sei, es war einen Augenblick lang wie eine süße, neue Entdeckung. Er stieg in den Wagen. Sie hatte, von Decken umhüllt, schon zu schlummern begonnen. In rascher Steigerung pfiff der Sturm. Sie riefen den Kutscher und den Bedienten, die in großen Schritten die Straße auf und ab gingen, zu sich in den geschützten Raum. Die beiden Männer begannen mit Entschuldigungen, daß sie störten, und schimpften dann einige Zeit über das schlechte Material und die schlechte Straße, bis ihr Brummen in Schnarchen überging ... Francisco fröstelte noch immer und glaubte gegen Morgen Fieber zu fühlen, einigemal glitt er für Minuten in unruhigen Halbschlaf. Als er durchs Fenster die Sichel des abnehmenden Mondes hinter einer Felsspitze heraufschweben sah, erschrak er und weckte Cayetana. Sie lachte aus der Schlaftrunkenheit und genoß das Schauspiel. Bei Tagesanbruch entschlossen sich die Herzogin und Francisco, den Weg zum Dorf und zu den beiden anderen Wagen auf Maultieren zurückzulegen. Der Bediente begleitete sie, seinem Tier war auch die Achse übergehängt. Der Kutscher mußte bei dem lahmen Wagen, dem Gepäck und den drei anderen Mäulern Wache halten. Gleich jenseits der von schroffen Schieferfelsen gebildeten Schlucht des Passes trafen sie auf Alfonso, der ihnen in großer Besorgnis entgegengeritten kam.   In dem kleinen Dorf Santa Elena gab es ordentliche Betten. Nach vierundzwanzig Stunden konnte die Reise fortgesetzt werden – freilich nicht in dem beschädigten Wagen, an dem sich bei Tageslicht noch ein weiteres Übel herausstellte. Man fand ein bescheidenes Fuhrwerk zu kaufen und behalf sich, die Herzogin ordnete an, daß die Geschwindigkeit der Weiterfahrt durch mehrmaligen Wechsel der Zugtiere so sehr als möglich beschleunigt werde, denn Francisco fühlte sich krank. Er begann unter Ohrenschmerzen zu leiden. Das drückte ihn nieder, er sprach davon, daß er als Fünfzehnjähriger eine lästige Ohrenkrankheit durchgemacht habe und daß damals die Sache erst nach längeren Wochen wieder in Ordnung gekommen sei. 11 Die Verbannung der Duquesa de Alba stand im Mittelpunkt des Hofklatsches, und auch der Urlaub des Kammermalers de Goya wurde besprochen. Aber plötzlich schäumten die Wogen in ein anderes Bett: Don Manuel Godoy, Marqué de Alvarez, der sechsundzwanzigjährige General und Staatsrat, wurde mit Rücksicht auf die Verdienste seiner Vorfahren um König Don Felipe den Fünften – seiner in Wahrheit völlig verschollenen Vorfahren – mit dem Rang eines Granden erster Klasse und dem Titel eines Duque de Alcudia y Sueca ausgezeichnet, mit der Herzogswürde waren die Einkünfte aus einem der größten Staatsgüter verbunden. Gleich darauf erhielt er auch – an Stelle des Grafen Aranda, dem die Königin nun doch ein Alter ohne Amtswürden gönnen wollte – seine Ernennung zum Ministerpräsidenten und Minister der auswärtigen Angelegenheiten. Den alten Adelsfamilien ging dieser Aufstieg des wohlgebauten und körperkräftigen Jünglings stark auf die Nerven. Das hatte freilich seinen Grund fast ausschließlich in den Vorurteilen gegen Don Manuels unbedeutende Herkunft. Seine Beziehungen zur Königin wurden nur von den allerkonservativsten Notabeln moralisch verdammt, der übrige Hof, ähnlichen Sitten ergeben, begnügte sich, darüber zu witzeln. Auch gab es unter den Herzögen, Grafen, Marquesen, denen nichts über die Vorstellung vom Adelsblut (daß sie nämlich eine andere Art von Blut in sich haben als die Bürger und Bauern) und über das Gedächtnis der von ihren Ahnen angeblich geschlagenen Maurenschlachten, über Titel, Reichtum, offene und heimliche Vergnügungen ging, die eine Brust voll Orden anbeteten und trotzdem unter dem besonderen Schutz der Heiligen Jungfrau zu stehen glaubten, die Erörterung philosophischer oder gar sozialer Probleme für unanständig hielten, vielfach auch der dafür notwendigen Verstandeskraft ermangelten – es gab unter ihnen nur verschwindend wenige, die in den Staatsgeschäften etwas anderes als einen Zweig des Hofzeremoniells oder eine intime Privatangelegenheit des Königs sahen. Nur diese wenigen waren fähig, die Hohlköpfigkeit des Günstlings zu erkennen und sich um Spaniens Zukunft zu sorgen. Doch anderswo als im vertrauten Kreis konnten auch sie sich zu ihrer Gegnerschaft nicht bekennen, denn man hatte, von allen anderen durch Dogma und Ritus des Hofs bedingten Hindernissen abgesehen, mit der gefährlichen Partei derer zu rechnen, die sich Don Manuel an die so rasch emporfliegenden Rockschöße zu hängen mühten. Auch die unsaubere Art, mit der der neue Präsident des Ministerrats, von der Königin unterstützt, die Angelegenheit des mit jener verdächtigen Eile abgeschobenen Floridablanca führte, gab der Mehrheit der Hofgesellschaft Anlaß nicht zu politischen Betrachtungen, sondern nur zum Klatsch. Die Königin hatte des Grafen Zurückführung aus dem Verbannungsort Murcia und seine Einschließung im Staatsgefängnis durchgesetzt. Ein Gerichtshof, der aus einigen Kreaturen Godoys bestand und dem Don Manuel selbst vorzusitzen sich nicht scheute, arbeitete eine nicht weniger als fünfzig Punkte umfassende Anklage aus, ein dem Rat von Kastilien, Spaniens höchster richterlicher Behörde, angehörender Fiskal beantragte wegen angeblichen Hochverrats die Todesstrafe. So weit ließ sich der König treiben. Aber dann schämte er sich. Er befahl, den Prozeß auf unbestimmte Zeit zu vertagen, ein Urteil wurde nicht gesprochen. Immerhin verbrachte man Floridablanca ohne Nachweis seiner Schuld vorläufig nach Pamplona und hielt ihn dort in strenger Haft. Als wolle er Godoy für solche gegenüber seinem persönlichen Feind, dem letzten Vertreter des Regierungssystems Carlos' des Dritten, angewandte Milde um Entschuldigung bitten, bestimmte er ihn, den neuen Herzog, auch noch zum Ritter des Goldenen Vließes. Nur über fünfzig Vließe im ganzen konnte der König von Spanien verfügen, der sich in diesen Orden mit dem Kaiser in Wien teilte, und nur ein einziger Platz war in diesem Augenblick frei.   Es blieb Don Carlos nichts übrig, als an dem für die Zeremonie der Verleihung vorgesehenen Vormittag auf die Jagd zu verzichten, denn das Statut schrieb ihm den persönlichen Vorsitz im Ordenskapitel vor. Die in La Granja anwesenden, zum Teil von ihren Landsitzen herbeigeeilten Ordensritter, angetan mit der schwarzen Hoftracht König Felipes des Zweiten, von der sich die um den Hals getragenen Insignien des Goldenen Vließes wirkungsvoll abhoben, sowie die für Beurkundungen und Handreichungen notwendigen hohen Beamten versammelten sich in einem Saal des Schlosses. Ihre Gesichter trugen schon jetzt dem Ernst des bevorstehenden Aktes Rechnung. Manch einen Vließträger kitzelte zwar die wenig gewohnte, in gestärkten Falten sich spreizende Halskrause, manch einen drückte der topfähnliche Hut, aber ihre Würde ließ nicht zu, es zu zeigen. Das Unbehagen über die Person des neuen Ordensmitgliedes machte sie alle noch wortkarger. Unter Vorantritt des Wappenherolds, der in einer Art von steifer, doppelseitig mit dem Königswappen bestickter Schürze stak, und geleitet vom Oberhofmarschall, erschien Don Carlos mit größter Pünktlichkeit in der Versammlung. Das Gewand stand ihm schlecht zu Gesicht und der Bauch schlecht zum schwarzen Gewand, der kurze Mantel hing fremd und wunderlich über seinen Rücken. Er lüftete den Hut und zeigte für einen Augenblick den sonst durch die Puderperücke verdeckten Kahlkopf, der sich bleich und scharf von dem sonnverbrannten Antlitz abzeichnete. Es versteht sich, daß auch die Ritter und die Hofbeamten beim Eintritt der Majestät die Häupter entblößt hatten. Gewährten die den Dreispitz abnehmenden Beamten den gewohnten Anblick, so standen die – der Tracht entsprechend – gleich dem König perückenlosen Ritter mit militärischer Gleichzeitigkeit im veränderten Aspekt der von den natürlichen Haaren umschlossenen Schädelwölbungen da. Carlos sah das nicht zum erstenmal, aber er fand es bei jedem Ordenskapitel sehr komisch. Nicht ganz undeutlich schmunzelnd setzte er sich auf den Thron und gab die Zeichen dafür, daß sich Ordensritter und Beamte auf den teppichbelegten Bänken niederlassen, die Ritter auch ihr Haupt bedecken sollten. Der Oberstallmeister nahm hinter, der Wappenherold neben dem Thron Aufstellung, der hagere erste Stallmeister, der ein altertümliches Schwert mit sich führte, an der Saaltür. Der nach Anciennität des Ordens jüngste Ritter, der uralte Conde de Fernán-Nuñez, begab sich stelzenden Schrittes an die Tür und richtete an den draußen wartenden Manuel die feierliche Aufforderung, einzutreten. Auch Manuel trug die schwarze altertümliche Tracht und verstand sich ausgezeichnet darin zu bewegen, sein blondes Haar schimmerte über dem Mantelkragen und der weißen Krause. Der Eintretende, der sich erst vor dem König, dann vor seinen künftigen Ordensbrüdern in der gutgespielten Ehrfurcht des überzeugten Kavaliers verneigte, wurde mit all seinen Adels-, Staats-, Militär- und Ordenstiteln sowie mit der Versicherung seiner untadeligen Ehrenhaftigkeit und seines adligen Wandels der Versammlung vorgestellt. Diese Anpreisung lag dem Ordenskanzler ob, der alte Duque de Medina-Celi versah das Amt mit vor Würde bebender Grabesstimme und bis ins letzte stilgerecht. Er trug nämlich entgegen der Sitte der Zeit einen Bart – denselben wie der ihm aus den Bildern bekannte, von König Felipe dem Zweiten eingesetzte Ordenskanzler Duque de Alba, Cayetanas blutrünstiger Ahn. »Die Gnade Seiner Majestät hat die Aufnahme des hochedlen Duque de Alcudia y Sueca in den Hohen Orden vom Goldenen Vließ vorgesehen. Dennoch will der König die Einkleidung nicht vornehmen, ohne daß an Eure Hoheiten und Exzellenzen die Frage gerichtet worden ist, ob eines der Mitglieder des Hohen Ordens eine Einwendung zu erheben Ursache hat.« Diese fast drohenden Worte des Kanzlers verursachten Manuel, den bisher das sichere Gefühl einer ihm durchaus zustehenden Ehrung erfüllt hatte, doch ein paar Sekunden des Unbehagens. Carlos blickte wässerig auf die Ritter und wäre auf einen Zwischenfall durchaus nicht gefaßt gewesen. Natürlich geschah auch nichts. Der Ordenskanzler konnte fortfahren und teilte Manuel hohl und düster mit, er werde in den Orden des Goldenen Vließes aufgenommen werden. Manuel dankte aus tiefem Herzen für die königliche Gnade. Nun trat ihm der alte Herzog unmittelbar gegenüber, verlas aus einem Buch, das er sich dicht vor die Augen halten mußte, eine Formel, in der er ihn ermahnte, seine Verdienste nicht nur beizubehalten, sondern noch zu steigern, senkte das Buch, schüttelte den Bart und führte Manuel vor den König. Der Neuerwählte, geradezu treuherzig dreinschauend, bat, Seine Majestät möge ihm in Gnaden den Ritterschlag erteilen. Der Wappenherold näherte sich auf dieses Stichwort dem Oberstallmeister und sprach: »Seine Majestät bittet Eure Exzellenz.« Zu hochstehend, um selbst Anlaß zu haben, mit den Händen einzugreifen, winkte der Angeredete den ihm zu Gehorsam verpflichteten ersten Stallmeister herbei, der sogleich das altertümliche Schwert entblößte und es dem König reichte, obwohl dieser selbst mit einem Degen umgürtet war. Manuel kniete nieder, Carlos richtete mit seiner lauten rauhen Stimme die Frage an ihn, ob er Ritter sein wolle, und versetzte ihm nach seiner bejahenden Antwort einen vorsichtigen Schwertschlag auf die linke Schulter. Als traue er Manuels Versicherung nicht, wiederholte er die Frage: »Wollt Ihr Ritter sein?«, empfing dieselbe Zusage, erteilte den Streich, fragte wirklich und wahrhaftig ein drittes Mal, hörte die Antwort und berührte die Schulter abermals. »Gott«, fügte er noch hinzu, »und der heilige Andreas mögen dich zum Ritter machen!« Dann kehrte er das Schwert behutsam um und reichte Manuel Griff und Königshand zum Kuß. Der neue Ritter erhob sich und leistete, Kreuz und Meßbuch ergreifend, einen langen, nicht weniger als sieben Kapitel der Ordenssatzung umfassenden Schwur, den ihm mit immer dumpferem, schwächerem Klang der Kanzler vorlas. Carlos starrte, als er den Anfang des Eides hörte, nachdenklich auf seine Fußspitzen und fand, daß an dieser Zeremonie doch etwas nicht ganz in Ordnung sei. Dieser erste Satz lautete nämlich: »Ihr schwört, mit ganzer Kraft alle Rechte des Königs zu beachten und zu stützen und sie und seine Ehre mit vollem Einsatz Eurer Person zu verteidigen ...« Manuel seinerseits fand, der Schwur sei eine lächerliche Formalität, die auf alle Fälle nur Staatsangelegenheiten betreffe, in welcher Hinsicht ihn ja die aus seinen Ämtern resultierende Machtvollkommenheit zur Erfüllung auch der äußersten Versprechungen befähige. Die Eidesformel stieg auch bald von ihrem Kothurn herab, so daß Carlos' Ansätze zu Skrupeln im Geplätscher von Nichtigkeiten versanken und Manuel gar nicht mehr zuhörte, sondern sich ungeduldig überlegte, wann ihm wohl endlich der Orden angelegt werde, um dessentwillen er hierhergekommen sei. Er mußte nochmals vor dem König niederknien. Als sei noch nichts dergleichen geschehen, nahm ihn der unter feierlicher Anrufung der Dreieinigkeit in die Gemeinschaft der Ritter auf und streifte ihm nun wirklich, nachdem Manuel das bekräftigende Amen gesprochen hatte, das gelbrote Band, an dem die kleine goldene Nachbildung eines Widderfells hing, über den Kopf. Manuel küßte wieder Carlos' fleischige Hand und setzte sich als jüngster Ordensbruder neben den Grafen von Fernán-Nuñez. Das nächste Mal, wenn der Tod ein Vließ freigemacht hat, wird Manuel es sein, der den Neuaufzunehmenden zur Tür hereinholt ... Schon erhob sich der König. Unter Vorantritt des Wappenherolds zog man, hinter dem Monarchen paarweise geordnet, feierlich aus dem Saal.   Manuel hatte eine Mitteilung der Königin empfangen, sie wünsche nach der Zeremonie seinen Besuch. Er verspürte keine Neigung dazu. Ich werde heute die Ehre des Königs mit Einsatz meiner Person verteidigen, lachte er in sich hinein. Die Hofdame, die er zum intimen Diner erwartete, war sehr hübsch. 12 Krank und darum von den letzten Reisetagen aufs äußerste abgespannt kam Francisco in dem auf den Hügeln oberhalb von San Lúcar de Barrameda gelegenen Landschloß an. Der Krankheitsherd lag im Ohr; Schmerzen, zu Bohren und Stechen gesteigert, peinigten den vom Fieber Geschwächten, dem sich in schlimmen Stunden selbst das Bewußtsein trübte. Ein eitriger Ausfluß ängstigte ihn. Die Herzogin ließ aus Cádiz einen geachteten Arzt kommen und hielt ihn einen halben Monat im Haus, später kam er nochmals für einige Tage. Sie wachte in der schlimmen Zeit selbst am Bett des Leidenden und beaufsichtigte, als der Arzt abgereist war, die Pflege in allen Einzelheiten. Sie hatte noch nie eine so schwere Krankheit aus der Nähe miterlebt und litt sehr am Anblick des Gequälten. Wenn sie gar mit ansehen mußte, wie alle Linderungsmittel so gut wie gar nichts halfen, wurde sie zornig, und der Arzt, ein etwas wichtigtuerisch auftretender, sich gerne in den Rauch gelehrter Worte hüllender älterer Herr, hätte sich unter dem Eindruck solcher Auftritte wohl schneller wieder entfernt, wären sein Honorar und der Stand seiner Auftraggeberin niedriger gewesen. Francisco konnte wochenlang das Bett nicht verlassen. Als sich seine Kräfte langsam wiederherzustellen begannen, die Krankheitserscheinungen sich verringerten und verschwanden, blieb doch das Gehör noch geschwächt; so wurde er zwischen Ungeduld und Niedergeschlagenheit hin und her getrieben. Dies also war nun der Anfang von San Lúcar. Mit welchen Hoffnungen, mit welchem Aufschwung der Liebe und des Schöpferwillens hatte er Madrid verlassen! Körper und Seele hatten im Liebesfeuer geflammt, der Geist hatte geflammt für das künftige Werk – so sehr, daß auch diese Glut die Adern erhitzte bis in die Hände hinein. Nun lag der Körper schwach und siech in den Kissen, die Seele war weich und traurig gestimmt, der Wille gelähmt, der Geist, wenn er die Schwingen überhaupt auszubreiten vermochte, schleifte doch nur über den Boden hin. Auch die Liebe war krank: da sie das ganze Lebensbewußtsein durchtränkte, mußten nun Erfülltsein, Begehren, Verzicht, Leiden durcheinanderwogen und immer von neuem abebben in ein müdes, hilfloses Sichanschmiegen an die Pflegerin. Es war zuviel Feuer auf einmal, sagte er sich bitter in einer der vielen Stunden des Zurückdenkens, ich habe die Herrschaft darüber verloren – da hat es als böses Fieber von mir Besitz ergriffen und mich angesengt und ausgeglüht. Welch seltsames Symbol: oben im Gebirge kam der Umschwung, seitdem geht's nach unten, und nun bin ich bald in der Ebene. Vielleicht muß ich wirklich noch einen Schritt abwärts machen. »In ein paar Jahren«, rief er Cayetana zu, »wenn nicht in ein paar Monaten schon werdet ihr alle mich als tauben Narren auf den Schutthaufen werfen.« Sie lachte ihn aus. Seit das Schlimmste vorüber war, fand sie leicht in ihre Heiterkeit zurück und tat alles, um seine trüben Stimmungen zu verscheuchen. Sie brachte ihm die beiden Negerkinder ins Zimmer und spielte mit ihnen wie mit Harlekinpuppen, erfand groteske Kleidungsstücke für sie, versuchte ihnen akrobatische Kunststücke beizubringen, lehrte sie tanzen und, als seien sie Papageien, komische laute Sätze sprechen, deren Sinn sie nicht begriffen. Sie sorgte für erlesene leichte Speisen, die ihm zusammen mit dem feurigen Jerez aus den herzoglichen Weingärten von San Lúcar die Freude am sorglosen Genießen der Gegenwart und an der bewußten Steigerung des körperlichen Kraftgefühls wiedergeben sollten. Sie ließ Gewächshäuser plündern, um ganze Büsche von Blumen in seinem Zimmer aufbauen zu können, legte sich in Felle gehüllt auf einen Diwan dicht neben sein Bett, wenn er darüber klagte, daß er es noch nicht verlassen könne, erzählte ihm von den Amouren des Monsignore Escoiquiz und daß die Oberhofmeisterin niemals die Wäsche wechsle, weil das Zeremoniell darüber keine Vorschriften enthalte, zerstreute ihn durch Dutzende anderer Einfälle – und erreichte wirklich, daß er in ihrer Gegenwart sein Leiden vergaß. Mitunter freilich, wenn er, müde und schwach, sehr wohl wußte, daß sie für ihn die Stimme anstrenge, und er gar das laut Gesprochene nicht recht verstand und um Wiederholungen bitten mußte – dann beobachtete er sie mißtrauisch, ob ihr diese Unterhaltungen nicht lästig würden. Und glaubte schließlich, Anzeichen ihrer Ungeduld zu entdecken – Grund genug, sich erneut in Trübsinn zu stürzen.   Doch es kamen Tage, an denen er sich einigermaßen gesund fühlte. Als er sein Gesuch an den König abfaßte, in dem er mit Rücksicht auf eine noch nicht ausgeheilte schwere Erkrankung um Verlängerung seines Urlaubs bat, war das neue Jahr kaum eine Woche alt. Aber man spürte außer in sehr klaren Nächten und früh am Morgen noch wenig vom Winter, obwohl auf dieser Hügelstufe nicht ganz das milde Treibhauswetter herrschte wie drunten in der Ebene, auf deren fruchtbares Gartenland Francisco im Schreiben herabblickte. Er saß mit Papier, Tinte, Feder auf einer mit einem Dutzend Palmen bepflanzten Terrasse, deren Mauerabstürze mit unzähligen Rosen überblüht waren. Im Rücken hatte er das Haus, es grenzte mit seinen drei anderen Seiten an einen gepflegten reichhaltigen Garten, der Garten aber an einen Hain von immergrünen Korkeichen, die mit den hier neu ansetzenden Hügeln emporstiegen. Drunten das Land war von dem breiten Silberband des Guadalquivir durchschnitten, man sah im Dunst der Ferne, wie seine weit ausgebreiteten Ufer den Ozean umarmten, der schimmernd, zerfließend das Bild begrenzte. Jenes Haus, das Herrschaftshaus dieses höher gelegenen Teils der riesigen Besitzungen, war in maurischem Stil gehalten. Seine vier Flügel umhegten die Marmorfliesen und großblättrigen Pflanzen eines geräumigen Hofs mit der sanften Berührung luftiger Galerien. Nach der Terrasse zu lehnte sich an die Front eine Vorhalle, deren Dach über Hufeisenbogen von Säulen getragen wurde, Sterne, Blumen, Stäbchen, Muscheln verschlangen sich tapetenartig zu den Stuckornamenten der Wände, bauten die bunten Schnitzereien der Decke und kehrten in allerlei Gitterwerk wieder. Vor dem Eingang der Vorhalle erhob sich aus kreisrundem Becken der Strahl eines Springbrunnens. Der Brief war beendet. Francisco stand auf und gab sich der melancholischen Beschäftigung hin, das Spiel des Springbrunnens mit dem Gehör zu erfassen. O ja – wenn er nicht zu weit wegging, konnte er das Plätschern gut vernehmen. Ziemlich gut. Da waren allerdings gewisse Löcher in dieser leisen Melodie des Wassers – er prüfte immer wieder mit dem Auge, ob der Strahl wirklich für Momente in seinem Niederfallen aussetze. Gewiß setzte er aus. Aber doch nur, darüber ließ alles Schauen und Horchen keinen Zweifel, für Momente, die kürzer dauerten als jene beunruhigenden Löcher. Das waren also die schwächeren Töne. Vielleicht die sehr schwachen. Dann bedeutete es nichts, sie zu überhören. Es würde vollkommen genügen, alle nicht ganz schwachen Töne in sich aufzunehmen, es gibt wenig Situationen im alltäglichen Leben, dem eines Malers besonders, die ein feines Gehör erfordern. Darüber würde man hinwegkommen können. Dann brauste er gegen sich selber auf: Diese hypochondrischen Prüfungen sind lächerlich – mein Zustand wird nicht bleiben, sowenig wie er vor etlichen dreißig Jahren geblieben ist. Das sagt auch der Arzt – dieser Dummkopf von Arzt, der mit der Geschichte in ein paar Wochen hätte fertig werden müssen, wenn er etwas verstünde. »Ist der Brief geglückt?« hörte er Cayetanas Stimme hinter sich rufen – er verstand die Worte deutlich. Sie kam in einen blauen Samtmantel gehüllt aus der Halle, das krause schwarze Haar war offen wie meist, von den Ohren hingen große goldene Ringe herab, und wenn die Fußknöchel frei wurden, blitzten auch von dort goldene Spangen, die um die bloße Haut lagen, denn die Füße staken ohne Strümpfe in Sandalen aus blauem Leder. Das Kostüm paßte besser als ein modisches Kleid in dieses maurische Haus, so frei es erfunden war: der Mantel bestand ganz einfach aus einem großen, unzugeschnittenen Stück Tuch, das auch die Arme verdeckte. Die hübsche junge Zofe Carmencita, genau nach Art ihrer Herrin gekleidet, doch in weiße Wolle, trug Kissen hinter ihr her, legte sie auf den steinernen Rand des Springbrunnens, an eine von den Palmen nicht beschattete Stelle, und zog sich zurück. »Ich will gleichfalls an den König schreiben«, sagte Cayetana, während sie sich setzten, »und ihm klarmachen, daß die Ablehnung deines Urlaubs nichts anderes bedeuten würde als die Verwandlung meiner Verbannung in ein Todesurteil.« Sie sah ihm mit ungezügelter Leidenschaft in die Augen und gewahrte hinter seiner aufquellenden Freude den Schatten eines Zweifels. »Ja«, bekräftigte sie ihr Wort, »wenn du jetzt abreistest, ich ginge vor Elend zugrund.« »Solange mein Ohr noch fähig ist, solche Bekenntnisse zu hören, mag es sich ruhig gegen andere Geräusche verschließen! Musik, Musik! Ein Hosianna der Liebe – aus deinem Mund gesprochen, ist es ein Donner, der alle Wolken zerreißt ... Wir sitzen hier wie auf offener Bühne, Schauspieler der Liebe und wahrhaftig nun des Todesschmerzes – hinter jedem Fenstervorhang und Strauch hervor sind wir zu begaffen, darum kann ich dir auch nur mit der Sprache antworten: ich will einen neuen Brief an den König schreiben, daß ich so lange krank sein werde, wie du verbannt, und ihn anflehen, deine zweijährige Verbannung zu wandeln – in lebenslängliche.« »Verglichen mit deiner Tyrannengeste ist Don Carlos ein milder Richter.« »Mild? ... da er doch unser Zusammenleben auf zwei Jahre begrenzt!« »Ist das nicht lange?« Ihr Lächeln hatte plötzlich einen Anflug von Beherrschtheit. »Jeder Gedanke an ein Ende ist eine Lästerung.« »Aber zur Vermeidung des Endes bedürfte es keiner Verbannung.« »In Madrid könnte ich nur heimlich mit dir leben.« Sie warf stolz den Kopf zurück. »Wenn ich will, auch öffentlich. Ich könnte täglich in der offenen Kutsche mit dir durch Madrid fahren. Könnte dem König erzählen, du seiest mein Geliebter. Wenn es sein müßte, würden meine Beziehungen genügen, den Papst zur Auflösung meiner Ehe zu bestimmen. Ich bin die unabhängigste Frau von Spanien.« »Was für ein Wirbel von Aussichten!« »Wenn ich will ... aber wer weiß denn, was ich in zwanzig Monaten wollen werde?« Sie sah ihn, als liege darin nicht der geringste Gegensatz, mit halbgeöffnetem Mund sehr verlangend an. »Eines weiß ich: daß du immer so sprichst, daß du selbst in der heißesten Umarmung so sprichst. Es ist, als hättest du dir einen unverrückbaren Lebensgrundsatz eingehämmert, diesen einen, wahrhaftig nur diesen einen: Zweifel kundzugeben, sobald in der Liebe von Beständigkeit die Rede ist. Du täuschest dich über dich selbst – fürchtest vor Sehnsucht zu sterben, wenn ich von dir gehe, und zweifelst, ob du mich in zwei Jahren noch liebst ... das kann nicht beides die Wahrheit sein – eines ist falsch.« Sie lachte übermütig: »Ich habe nicht gesagt, daß ich sterbe, wenn du von mir gehst, sondern daß ich sterbe, wenn du jetzt – hörst du: jetzt – von mir gehst ...« »Trotzdem kann nicht beides die Wahrheit sein.« »Warum? weshalb? – überzeuge mich, daß die Hälfte meiner Zunge lügt!« »Hör auf dein Herz und sieh in den Spiegel! Ich bin kein Advokat der Liebe, der dich vor deinem eigenen Gericht verteidigt, als gälte es zu beweisen, du habest nicht gestohlen ... Für mich bist du die einzige Frau der Welt, die schönste, reinste, gefallsüchtigste, berechnendste, glühendste, klügste, freieste, kühnste, weiseste, tollste, hast mehr Stolz als jede und hängst mehr der Lust an als jede – wie soll ich auch nur die entfernteste Möglichkeit zulassen, ich könnte eines Tages anders fühlen? Die Welt ist mir nur noch da durch dich, weil du sie siehst, und die Arbeit wird mir nur noch durch dich da sein. So ist es heute, so wird es, so muß es morgen sein, in zwei Jahren, in fünf, in zehn, in hundert ... Und da du um mich zu leiden vermagst und da alle Zeichen deiner Liebe, mit denen du mich überschüttest, Wahrheit sind und nicht Lüge, so werde auch ich der einzige für dich bleiben – morgen, in zwei und in hundert Jahren ... du kannst nichts anderes sein als eine Priesterin der Beständigkeit!« »Wie wirst du mich noch lieben können, wenn ich alt bin?« Er lachte. »Wenn du alt bist, werde ich viel älter sein. Als zwei erfahrene Greise werden wir das Leben anlächeln – als zwei Freunde, die nicht aufhören, sich zu lieben.« »Du bist deiner so sicher, Francho, und es wäre schön, wenn ich mich deiner würdig zeigen könnte. Wahrhaftig« – sie wickelte sich enger in den Mantel –, »ich habe mit dieser scheußlichen Krankheit, die dich mir wegnehmen wollte, nicht aus Laune gekämpft, habe dich nicht Schritt für Schritt ins Leben zurückgezogen, um dich nach drei Tagen wieder loszulassen. Vielleicht war wirklich der Tod mein heimlicher Gegner, und nun ich heute gesiegt habe, verschleudere ich den Preis nicht morgen ... Es ist nur ein Wort, um das wir noch auseinander sind. Räumen wir es weg! Nennen wir auch meinen Willen, um dich zu kämpfen: Beständigkeit, meine Angst um dich, mein Verlangen, dich festzuhalten: Beständigkeit ... Ein neuer Gast, dieses Wort – ich heiße es willkommen, ich küsse es, drücke es an die Brust, als sei deine Seele darin verschlossen. Als sei es dein Leib.« »Der Glaube verleiht Dauer, meine Freundin, und da wir ihn nun beide besitzen, so ist nichts mehr da, was schwankt.« »Es ist schön, so zu glauben – ich habe niemals geglaubt. Wie beglückt mich der neue Gast – es ist, als wechselten meine Empfindungen die Farbe. Sie werden dunkler, glühend dunkel ...« »Ein tiefer, tiefer Grund von Zukunft verbirgt sich nun hinter diesen Empfindungen. Wir sind auf sie gespannt wie auf Abenteuer. Was immer kommen wird: es kommt für uns beide.« »Wir sind ein wenig wie Kinder jetzt ... findest du nicht? wie Kinder, die ihre erste Liebe haben. Fast könnten wir übereinander lächeln und jeder über sich selbst ... Ist es nicht so? Wir schauen in die Welt, als sei sie nur um unsertwillen da. Wir sind sehr mächtige Herrscher ... Weißt du, wer meine wirkliche erste Liebe war? Ein junger Hauslehrer. Übrigens habe ich den armen unschuldigen Burschen gleich verführt – woher ich nur gewußt habe, wie man das macht?« »Ist es nicht so, daß die Kunst der Liebe, die wir gelehrt bekommen als eine Tradition, etwas Abgestandenes und Unaufrichtiges an sich hat? Sie muß, um wahr zu sein, immer wieder neu geboren werden, jungfräulich geboren – wie Aphrodite selbst aus dem Schaum des Meeres. Wer wie du aller Tradition ins Gesicht lacht, war das würdigste Gefäß, die Liebeskunst neu zu gebären.« Der Satz gefiel ihr sehr. »Übrigens meine ich«, fuhr er fort, »daß wir beide nicht mehr allzuviel von Kindern an uns haben – dafür wissen wir beide über unsere Gefühle zu gut Bescheid.« »Wenigstens du über die meinen!« Ihr Ton wurde immer heiterer, ihre Fußspitzen zeichneten Figuren in die Luft. »Ich lasse mir nicht vorwerfen, ich habe Grundsätze. Damit hast du mich überzeugt, Advokat ... Aber nun soll auch ganz Madrid meine Beständigkeit bewundern, wie einen neuen Einfall! Wir werden sechsspännig unseren Einzug halten – zusammen mit den beiden Mohrenkindern, und werden die Nachricht ausstreuen, wir haben sie erzeugt und geboren ... solche Teufel seien wir, daß wir schwarze Nachkommen zur Welt bringen!« Er blickte sie lachend und hingerissen an und breitete ein klein wenig die Arme – nur so viel, daß ein heimlicher Zuschauer die Gebärde gerade nicht mehr hätte bemerken können. »Es ist wahr«, sagte sie, »wir haben uns noch nicht ein einziges Mal geküßt aus der veränderten Farbe der Gefühle heraus. Das läßt sich nicht länger aufschieben. Lassen wir den Vorhang fallen!« Sie stand auf und wandte sich dem Haus zu. »Es wird etwas ganz Neues sein.« »Nun sind wir wirklich wie Kinder.« Er ging lächelnd neben ihr her. »Wir suchen eine dunkle Ecke, um uns zu küssen.« Als sie ins Zimmer traten, in dem die eindringenden Sonnenstrahlen durch zarte blaugrüne Vorhänge gedämpft wurden, als schienen sie unter Wasser, hieß sie ihn stehen und sich nicht rühren. »Zuallererst mußt du ein Rätsel lösen. Du mußt erraten, ob Carmencita unter ihrem Mantel ein Kleid von gleichem Schnitt getragen hat wie das meine.« Langsam schlug sie die schweren Falten des blauen Samts auseinander. Und war nackt.   Eine Zeitung brachte die Nachricht, Ludwig der Sechzehnte und Marie Antoinette hätten ihr Blut unter dem Fallbeil verströmt. Cayetana fröstelte, aber sie konnte ihre Spottlust nicht unterdrücken. »Jetzt müßte man in Madrid sein – ich möchte sehen, wie diese Bourbonen angesichts des Schicksals ihrer französischen Vettern bleich geworden sind.« Sie sah sich vorläufig von der Möglichkeit abgeschnitten, ihre Toiletten aus Paris zu beziehen, war aber gar nicht unzufrieden darüber, da sie wußte, Maria Luisa werde vom selben Mißgeschick betroffen. »Mir selbst«, stellte sie fest, »bleibt es durchaus offen, bei meiner Rückkehr an den Madrider Hof die neueste Pariser Modeschöpfung zu tragen: die Jakobinermütze. Ich würde es als Ehre betrachten.« In San Lúcar aber, in Jerez, Cádiz – man erzählte es oben – und sicher ebenso in anderen spanischen Städten erbitterte sich das Volk in seiner eigenen blinden Königstreue gegen die französischen Revolutionäre ... Es war in diesen Tagen, daß die Herzogin in dem Palast, den sie drunten in San Lúcar besaß, ein paar Zimmer instand setzen ließ. Sie erzählte, er sei von einer unwohnlichen, zeremoniellen Feierlichkeit, ganz für die Menschen in steifen Halskrausen gebaut, die jetzt als Ahnenbilder sich an den Wänden langweilten, und rieche nach Moder und Gespenstern. Doch sie wollte mit Francisco eine Zeit am Meer verbringen und beorderte einen Teil der Dienerschaft zu den Ahnen. Der zur Genesung nötige weitere Urlaub wurde Francisco großzügig, vorläufig ohne Begrenzung, zugestanden, und so fuhren sie denn, als der März sich frühlingshaft erwärmte, in die Stadt. Je tiefer die Straße sich senkte, desto üppiger bot sich das Wiesen- und Gartenland dar. Das Gras sproßte frisch, die immergrünen Oliven waren von einem Regenguß abgewaschen, die Mandeln und Pfirsiche blühten, Zitronen und Orangen hingen reif im dichten Blätterwerk, das hohe Schilfrohrgebüsch trieb junge Blätter, die Dattelpalmen standen sehr schlank und schütteten hoch oben ihre biegsamen Wedel aus. Die Weingärten freilich standen noch kahl, und auch die Äste der Feigen ragten wie erstarrte braune Schlangen. Eselreiter kamen des Wegs, Bauern arbeiteten auf den Feldern. Von dem Städtchen San Lúcar erblickten sie zuerst den Hügel mit seinem Kastell und die Kuppel der Kollegiatkirche, jenseits der Häuser schimmerte der breite Streifen der See. Gaffendes Volk sammelte sich am Eingang des schon ein wenig verwitterten Palastes, als sie dem Wagen entstiegen. Noch vor Sonnenuntergang ließen sie sich, wie es hohen Herrschaften geziemte, in Sänften zum Hafen tragen durch Gassen, in denen Einheimische, Zigeuner und fremde Seeleute gingen, standen, schwatzten, lärmten. Neben Fischerbarken lagen größere Schiffe, der Weinfracht gewärtig: zwischen den Spaniern flatterte die Flagge des venezianischen Löwen und das rote Genueserkreuz auf weißem Grund. Sie stiegen aus und folgten der Straße ein gutes Stück dem offenen Meer entlang, bis sie aus dem Bereich des vom Guadalquivir mitgeführten Schlammes kamen. Ein warmer afrikanischer Wind trieb hohe dunkle Wellen vor sich her, von denen schon weit draußen Kämme abschäumten, wo das Wasser nahe dem Ufer seicht war, überschlugen sie sich und hatten doch Kraft genug, ihre Form nochmals zusammenzudrängen und sich am Steindamm aufzurichten wie weiße Sturmgespenster. Hier sanken sie zurück und wurden wieder eingeschlürft; war der sich nachschiebende Wasserberg schwach, so fühlte er den Gegendruck dieses Schlürfens und bäumte sich wie ohne Rückgrat, und der nächste hatte wieder freie Bahn. An einem Felskap brach sich die Brandung mit Zischen und Brüllen, ließ Türme hochschäumen und Pyramiden einstürzen. Erst hier, wo keine Untiefen die Wogen zum Verebben brachten, wurde sichtbar, mit welcher Gewalt sie geladen waren. Cayetana und Francisco saßen auf Steinbrocken. Der Sonnenball berührte schon fast die See und sandte sein Spiegelbild in flüchtigen Blitzen über die unruhigen Wogen hin. Von einem dünnen Schleier eingehüllt, der ihre Strahlen rötete und dämpfte, glitt sie hinter die Wassermauer, die sich rasch noch tiefer verdunkelte, hoch oben entbrannten die Wolkenketten und ergossen bis in die Himmelsräume des Ostens hinüber einen rötlichen durchsichtigen Abglanz. Die Dämmerung, eine Atempause der Welt selbst über diesem Meer, wurde von der Nacht verschlungen. Das Gewölk vermehrte sich plötzlich und kam ins Jagen. In seinen Öffnungen schwamm der zunehmende Mond, gebar aus den Wellen eine Schlange von Silberfunken und ließ den Gischt wie in eigenem Phosphorlicht erschimmern. Erst als sie froren, brachen sie auf.   Das Meer wurde ihnen vertraut. In Francisco vermengte sich Naturerlebnis und Liebe zu einem gigantischen Erfülltsein. Aber es gewann keine Form, und als er das erkannte und vergebens um ein Neues rang, verfiel er in hitzige Ungeduld. Da drückte ihn auch sein Ohrenübel mit einem frischen Ansturm nieder, sie reisten nach Cadiz, um medizinische Autoritäten zu befragen. Die erste Untersuchung enttäuschte ihn, machte ihn still. Als der zweite, wie sein Kollege hinter lateinischen Zaubersprüchen sich verschanzende Arzt statt feuchter Umschläge trockene, statt der Einträufelung warmen Öls kühlen Kamillenabsud verordnete, ließ Francisco seiner Wut freien Lauf, warf ein Geldstück auf den Tisch und rannte hinaus. Im Gasthaus entwickelte ihm Cayetana den Plan, nach der Rückkehr im Ahnenpalast von San Lúcar ein kleines Fest zu geben. Er verbarg bei der Frage, welche Gäste sie vorgesehen habe, seine schlechte Laune nicht. Sie nannte einen Herzog und einige Grafen und Marquesen, die in der Stadt wohnten oder in der Nähe ihre Besitzungen hatten, natürlich sei das eine jämmerliche Gesellschaft, aber man müsse doch eine Folie haben, von der man sich abheben könne, und außerdem wäre es schön, wenn man wieder einmal etwas recht Lächerliches erlebte. Seine Antwort kam ihr unerwartet: »Gerade heute wollte ich dich bitten, daß wir uns in San Lúcar gar nicht mehr aufhalten, sondern sogleich wieder aufs Land ziehen. Ich kann selbst dieses kleine Maß von Unruhe und Ablenkung nicht mehr ertragen. Oben in der Stille werde ich arbeiten. Wenn nicht in der ersten Woche, dann in der zweiten oder dritten. Es geht nicht mehr anders: ich muß und muß wieder an die Staffelei.« Er sagte die letzten Worte heftig und fügte fast erschrocken bei: »Wenn hier ein Vorwurf zu hören war, so ging er natürlich gegen mich selbst.« »Nun, mein Freund, Kleinstadtfreuden waren nie meine Passion, und das Fest lasse ich gerne in Rauch aufgehen. Auf so dumme Gedanken kommt man nur im Exil, als Sträfling ... Mitunter träumt man eben doch von Madrid: von Bewegung, Wechsel, Festen, Tanz, Schauspiel, Musik, Stierkampf, Neuigkeiten, Freundschaften und Feindschaften.« Sie sah seinen traurigen Blick und strich ihm übers Haar. »Mit dir, Francho, möchte ich diese Dinge wiederhaben, nur zusammen mit dir.« »Ich habe ein Schuldgefühl, als hänge es von meinem Willen ab, dir Madrid zu öffnen – als verurteile ich dich mit meiner Bitte von neuem zur Verbannung.« Sie küßte ihn. »Ich bin glücklich, wenn du arbeiten kannst. Dahinter muß alles andere zurückstehen – das will ich ... Was rede ich? Es gibt ja nichts anderes. Wir fahren hinauf, weil wir einmal müssen und zehnmal wollen.« Ihr Gesicht strahlte eine schöne Wärme wider, aber wenn er in diesem Augenblick solche Schattierungen aufzunehmen fähig war, mußte ihn ihr Stimmklang an die Zeit erinnern, da er krank lag und sie ihn pflegte. 13 Francisco ging durch den Hof des maurischen Hauses. Draußen ertönte ein Geräusch, das ihm von Pferden herzurühren schien. Er freute sich, daß sein Ohr für diese Wahrnehmung noch taugte, und trat in die Vorhalle, um zu beobachten, was vor sich ging. Da er sich für die Arbeit noch immer nicht frisch genug fühlte, schien ihm die Befriedigung der Neugier ein guter Zeitvertreib. Es waren zwei Pferde. Ein Diener half den Reitern absteigen. Gleich darauf erschien auch Alfonso, der Haushofmeister, zum Empfang. Während der eine Reiter, offenbar ein Bedienter, einiges Gepäck ablud, wurde der andere in die Halle geführt. Francisco, der keine Lust zu Gesprächen mit einem Unbekannten verspürte, drückte sich in eine dunkle Ecke. Ein anmaßendes Gesicht, das mir gar nicht gefällt, dachte er einen Augenblick lang – um im nächsten zu wissen, daß er es sehr genau kannte. Es war das des Stierkämpfers Costillares, den er vor gar nicht langer Zeit porträtiert hatte. Und schon hatten sich die Augen des Torero an die Dämmerung des Raums gewöhnt: er erblickte Francisco und ging lächelnd auf ihn zu, indem er ihm die Hand entgegenstreckte. Er wundert sich keineswegs, daß er mich hier trifft, fuhr es Francisco durch den Kopf. Woher weiß er von meiner Anwesenheit? Nun ja – vielleicht kommt er von Madrid: dort spricht man darüber ... »Ich freue mich, Sie zu sehen, Señor de Goya – ich bin hier, um Ihrer Exzellenz der Herzogin meine Aufwartung zu machen, ich habe gehört, daß sie zur Zeit hier wohnt.« Er sagte es höflich und gewandt. Francisco verstand kein Wort. Das irritierte ihn sehr. Er beschränkte sich auf eine Redensart, von der er sicher war, daß sie sein Leiden nicht verraten konnte. »Sind Sie schon längere Zeit in Andalusien?« fragte Costillares. »Sie haben wohl einen langen Ritt hinter sich«, sagte Francisco. »Ich komme aus der Gegend von Sevilla.« »Ich bin gespannt, von Ihnen Neuigkeiten aus Madrid zu hören ... Doch jetzt sind Sie sicherlich müde ... Sie werden mir später erlauben, Fragen an Sie zu richten.« »Es sind gut drei Monate, daß ich nicht in der Hauptstadt war. Aber ich kann Ihnen allerlei Neuigkeiten erzählen, falls es für Sie noch solche sind. Wann haben Sie Madrid verlassen?« »Es ist sehr still hier, man hört wenig von der Welt.« »Wann haben Sie Madrid verlassen, Señor de Goya?« »Ja, ja, Sie haben recht – aber Sie wollen sich sicher ein wenig erfrischen.« Alfonso trat herbei, flüsterte dem Gast etwas zu, dessen befremdeter Gesichtsausdruck sich alsbald glättete. Costillares bat fast schreiend, ihn zu entschuldigen, und stieg mit dem Haushofmeister eine Treppe empor. Der Bediente folgte mit dem Gepäck. Francisco zuckte zusammen, als er die letzten Worte plötzlich überdeutlich verstand. Natürlich hatte Alfonso dem Torero das Geheimnis mitgeteilt. Keine fünf Minuten kann diese Schwäche verborgen bleiben, knurrte er in sich hinein. Wieso kommt er überhaupt mit Gepäck an? Das sieht nach Absicht aus, sich hier häuslich niederzulassen. Unsinn – natürlich kann er eine größere Reise vorhaben und morgen wieder aufbrechen. Aber hat es nicht den Anschein, als sei ein Zimmer für den Gast vorbereitet? Als sei er erwartet worden? Warum hat Cayetana nicht davon gesprochen? ... Einsame Gartenwege gehend, steigerte er sich weiter in dieses unbestimmte Mißtrauen hinein, raffte sich daraus auf, ernüchterte sich, lachte über sich, schalt sich: Solche Grämlichkeiten sind eine Beleidigung für Cayetana – ich verwirke das Geschenk ihrer Liebe, wenn ich mir über einen solchen Besuch überhaupt Gedanken mache, ich werde heute besonders aufmerksam gegen sie sein ... Als er zur Abendmahlzeit ins Speisezimmer trat, befand sich Cayetana schon dort und Costillares mit ihr. Sie empfing ihn mit einer Erklärung: »Señor Costillares hat in den Stierzüchtereien der Umgegend Geschäfte, will uns aber das Vergnügen machen, eine Zeitlang in San Lúcar zu bleiben. Ich bin darüber besonders auch für Sie erfreut.« Und an den Torero sich wendend: »Für einen Genesenden bietet dieses Haus sehr wenig Zerstreuung. Señor de Goya ist ein Kenner Ihrer Kunst, Sie wissen es ja, er wird Sie sicherlich bitten, ihn Ihre großartige Veronica zu lehren. Wir haben leider einige Sorgen mit diesem Gast gehabt ... eine starke, sehr starke Erkältung ... die Ohren sind immer noch etwas geschwächt ... Es wird sich natürlich schnell vollends beheben.« Francisco gab in Worten von unanfechtbarer Höflichkeit seiner Genugtuung über den Besuch Ausdruck und wies die Behauptung der Herzogin, San Lúcar biete keine Zerstreuung, ritterlich zurück: »Sie kennen die Herrin des Hauses genügend, Costillares, um zu wissen, daß ihre Gesellschaft weder in einem Kranken noch in einem Gesunden den Wunsch nach anderweitiger Zerstreuung aufkommen lassen könnte.« Er fürchtete, diesem Satz nun doch einen unbehaglichen Unterton beigegeben zu haben, und zog sein Gesicht in eine freundliche Grimasse. Costillares lächelte, ohne zu antworten. Francisco fand dieses Lächeln unverschämt. Er fand während der Mahlzeit noch manche Einzelheiten im Benehmen des Stierkämpfers unverschämt. Aber er war über jeden kleinlichen Ärger erhaben, fühlte sich ruhig und beherrscht, ja glücklich – einfach durch Cayetanas Gegenwart: durch das Bewußtsein der heimlichen Verbundenheit, die ihn als Gewißheit des gesicherten Besitzes erfüllte, durch ihren Anblick, ihre Bewegungen, ihre Worte. Als man sich trennte, wußte er es einzurichten, ihr zu folgen. Der Blick, mit dem sie ihn dann empfing, befremdete ihn für Sekunden, ihn dünkte, er komme aus einem rätselhaften Hintergrund heraus, vielleicht aus einer dumpferen Form der Erregung, als er sie an ihr kannte. Aber sogleich wußte er nichts anderes mehr als dies: sie ist tausendfach ... In den folgenden Tagen glaubte er an eine deutliche Besserung seines Gehörleidens. Den Gast Costillares behandelte er mit einer überlegenen Freundlichkeit, auch mit ein wenig Ausgelassenheit – als der Ältere, der dem Jüngeren Beweise der Sympathie gibt. Der Torero seinerseits ließ es sich angelegen sein, dem Kammermaler Seiner Majestät, der sein ausgezeichnetes Porträt gemalt hatte, das berühmte, von ihm erfundene Täuschungsmanöver, Veronica genannt, beizubringen, und legte dabei eine erst höfliche, dann vertraulichere Kollegialität an den Tag: die des Stierfechters gegen den Amateur, aber auch die des Künstlers gegen den Künstler. Sie übten im Garten mit dem Mantel, der mit beiden Händen oder auch über den ausgestreckten Degen gebreitet gelenkt wurde, und trieben den Eifer so weit, daß sie abwechselnd den Stier markierten. Nach einigen Tagen war der Lehrer schon sehr zufrieden mit seinem Schüler und schlug ihm vor, demnächst gemeinsam nach einer benachbarten Züchterei zu reiten, wo Señor de Goya die Übung an einem jungen Stier praktisch erproben könnte. Und Francisco hatte Lust dazu. Es war kurz danach, daß er aus seiner Ruhe gerissen wurde durch ein Spiel, das die Herzogin mit dem Torero begann – sprühend und unverhüllt. Hatte sie bisher Costillares kleine Huldigungen mit anmutiger Gleichgültigkeit hingenommen, so schien es jetzt, daß sie Feuerbrände nach ihm warf. Es war, als habe sie bis zur Stunde auf seinen Angriff gewartet und nun plötzlich die Geduld verloren. Sie lockte ihn mit den Augen, dem Körper, der Stimme, zog sich wieder zurück – aber nur, um nachher die Lockung zu steigern. Francisco saß bleich, mit zusammengebissenen Zähnen da, sich gegen sie auflehnend und doch voll glühender Bewunderung für das Kaleidoskop ihrer Verführungskunst, fassungslos darüber, daß sie es ohne Hemmung vor seinen Augen zu Ehren eines anderen spielen ließ. Es kann, kann nichts anderes sein als ein übermütiger Scherz, redete er sich vor, sie will mich eifersüchtig machen und lacht mich nachher aus. Costillares schien keineswegs damit zu rechnen, daß es sich um einen Scherz handeln könnte. Er kam dem Angriff bewußt und überlegen entgegen, als sehe er darin nichts als einen neuen Beweis seiner eigenen Unwiderstehlichkeit, kam immer nur so weit entgegen, daß Cayetana sich genötigt sah, ihr Spiel fortzusetzen. Der spöttische, genießerische, grausame Ausdruck seines Mundes war Francisco sehr zuwider. Ich habe diesen Mund viel zu sehr geschont, dachte er – würde ich dich heute wieder malen, müßte das Bild jedem zeigen, was für ein peinlicher Bursche du bist. Auch Cayetana möchte ich so malen, mit ihrem jetzigen Ausdruck ... Dies Porträt würde gleichfalls mancherlei enthüllen ... Der Anblick wäre erregend, zu sinnloser Glut erregend: kein Mann, der noch Mark in den Knochen hat, könnte das Bildnis sehen, ohne dich zu begehren. In hundert, in tausend Träumen würdest du wiederkehren – es wäre eine wundervolle Rache für deine Laune. Du willst mich glauben machen, du werdest dich dem Torero schenken, und ich – schenke dich hundert und tausend andern ... Als sie ihre Varianten erschöpft zu haben schien, hob Cayetana die Tafel auf und zog sich zurück. Sie grüßte Costillares kameradschaftlich, Francisco wie einen entlassenen Minister. Er wußte nicht, war es Stolz oder das Sich-nicht-rühren-Können des Getroffenen, was ihn von jedem Versuch abhielt, mit ihr unter vier Augen zu sprechen. Eine schwere, tiefe Müdigkeit überfiel ihn. Er hatte seine Nerven mit ganzer Kraft angespannt und fühlte nun den Rückschlag. Froh, daß er der Qual seiner mit geschliffenen Waffen gegeneinander kämpfenden Gedanken entfliehen konnte, gab er sich dem Schlaf hin.   Zwei ganze Tage bestanden für ihn nur noch aus dem Warten auf die gemeinsamen Mahlzeiten und den Mahlzeiten selbst. Dabei konnte er der Unterhaltung der beiden schwer mehr folgen: sie hielten es nicht für nötig, ununterbrochen Rücksicht auf sein Leiden zu nehmen. Manches von dem, was er auffing, peinigte ihn durch den vertraulichen Ton, der im Mund des vom Wein angeregten Stierkämpfers zu allem hin noch frech und geschmacklos klang. Cayetana selbst war in Wort und Gebärde verwandelt, schien plötzlich Geschmack am Derben, Handgreiflichen zu finden. Als er ihrer gegen Abend des zweiten Tags ansichtig wurde, wie sie in Begleitung ihrer Zofe in den Garten hinaustrat, wurde all das, was ihn aufwühlte, von dem plötzlichen zornigen Wunsch überflackert, sich zu rächen. Im Glauben, so könne er sie reizen, kam er herzu und sagte lächelnd: »Carmencita ist heute noch hübscher als sonst! Fast habe ich Lust, sie zu malen.« Cayetana faßte das mehr aus Erziehung als aus Verlegenheit zu Boden blickende Mädchen um die Hüfte und antwortete gleichfalls lächelnd und obenhin: »Nicht wahr, was für eine entzückende Figur sie hat! Und die Augen!... Du müßtest sie einmal sehen, wenn sie tanzt.« »Sie wird bald einen Geliebten haben.« Francisco sagte es, um irgend etwas zu sagen. Dabei überlief ihn eine leise Wärmewelle im Anblick des reizvollen Geschöpfs. Als Cayetana, nachdem sie das Mädchen ins Haus geschickt hatte, das Thema weiterspann, war es ihm peinlich, sich dieser flüchtigen Abirrung des Gefühls erinnern zu müssen. »Soll ich sie dir schenken?« warf sie in einem lustigen Ton hin, und er schaute sie forschend und unsicher an. Sein Aussehen war sehr bäurisch in dieser Minute. Sie zog ihre Brauen noch höher als sonst und kniff die Lippen so klein, daß sie beinahe verschwanden, fing seinen Blick mit fast lauernder Ruhe auf und sagte, ohne seine Antwort abzuwarten: »Im Ernst. Wenn dir die Kleine gefällt ... es kostet mich ein Wort. Ich finde, es würde sich sehr geschickt treffen.« Wieder blickte er sie unsicher und bäurisch an. »Ich habe bemerkt«, fuhr sie in plauderndem Ton fort, »daß dir mein kleines Intermezzo Unbehagen bereitet. Das verstehe ich nicht ganz. Aber wenn du wirklich Ablenkung brauchst, so ist es doch das richtige, du fädelst gleichfalls ein kleines Intermezzo ein. Ein besseres Mittel gegen die Eifersucht kann ich dir nicht empfehlen. Und nun biete ich mich gar noch als Vermittlerin an. Kann ich besorgter um dich sein?« Francisco kämpfte gegen ein Schwindelgefühl. Schwieg. »Nun machst du eine Amtsmiene wie ein Großinquisitor. Schon bei Tisch hast du solch grämliche Gesichter geschnitten ... Komm – gehen wir noch ein paar Schritte zusammen. Nur darfst du nicht denken, ich habe so etwas wie eine Absicht, mich zu rechtfertigen. Du bist wirklich ein wenig kindlich. Laß doch diese Dummheiten!« Sie stampfte dazu mit ihrem zierlichen Absatz auf den Boden. Dann setzten sie sich in Bewegung – auf die Korkeichen zu, deren geschälte, rötliche Stämme durch die ersten Schleier des Abends hindurch immer stärker leuchteten. Wieder redete Cayetana. »Ich weiß, du warst krank, bist noch abgespannt. Aber du hast dich doch nicht verändert, kannst doch nicht ernsthaft wünschen, daß ich meinen Privatangelegenheiten heimlich nachgehe? Würde es dir wirklich besser gefallen, wenn ich einen Liebhaber in deiner Gegenwart als eine Person behandelte, die mich nichts angeht – bis du schließlich aus irgendeinem unvorsichtigen Wort Verdacht schöpfst und ihm an der Leiter, über die er in mein Zimmer steigen will, auflauerst, um mit dem Degen auf ihn einstechen zu können? Ich weiß, mein Freund, daß du im Grunde deines Herzens ein Raufbold von dieser alten spanischen Sorte bist, aber ich habe keinen Sinn für Ritterkomödien.« Seine rechte Schläfe hämmerte: Beständigkeit, Beständigkeit ... Die linke hämmerte: Wie leicht bricht sie ihr Wort! Sein Herz schrie dazwischen: Dies ist eine andere Frau – die, die ich liebe, liebt auch mich noch! Und eine Aufwallung drängte sich vor wie mit Ellbogen: Kämpf um sie! Und so stieß er, den gesenkten Kopf aufrichtend, die allerersten Worte hervor: »Du glaubst – ich gebe dich einfach preis?« Die Frage klang dumpf, wie aus der Tiefe heraus. Sie änderte ihren leichten Ton keineswegs: »Preisgeben ... Was ist das für ein Wort? ... Übrigens erinnere ich mich nicht, von dir verlangt zu haben, daß du mich – preisgibst. Ich glaube, ich muß dir armem Jungen zum Trost sagen, daß meine Intermezzi selten sehr lange dauern.« Das strich sie ihm nun sanft hin wie einem Kinde oder – einem Kranken. Das Herz schrie: Sie beleidigt und quält mich! Sie läßt die Welt über mir einstürzen! Der Verstand spannte alle Kraft an, zu besänftigen: Sie weiß ja gar nicht, was sie tut! Man muß sie an ihr Versprechen erinnern? Nein, rief das Herz, das wäre so plump wie dumm: man kann nicht beständige Liebe bewahren aus einem Versprechen heraus – versprochene Liebe schmeckt schlecht. »Ein letztes Wort, Francho: Erinnere dich – aber bitte mit Lachen und Vergnügen! – erinnere dich, wie du von deiner siebzehnten Frau ein klein wenig gelangweilt nach der achtzehnten die Angel warfst und wie du zur siebzehnten zurückgekehrt bist, weil dir die achtzehnte nicht mehr gefiel ... Und erinnere dich an die gleiche Geschichte mit der dreiundzwanzigsten und der vierundzwanzigsten ... Daß ich genau so viel Freiheit für meine Launen beanspruche wie ein sehr freier Mann, weißt du ... Nein, nein! ich habe durchaus nicht die Absicht, mich zu rechtfertigen! Dieses fürchterliche Gesicht langweilt mich!« Sie wurde zornig. Welch furchtbarer Irrtum, riefen wieder die Stimmen in ihm, dies zusammenzuwerfen: die achtzehnte und vierundzwanzigste Frau und sich selbst, Cayetana, den – achten oder zehnten Mann und mich. Das ist doch gerade das Große, das Neue, daß alles anders ist. Daß etwas in mein Leben und in ihr Leben gekommen ist, was vorher nicht da war, in keiner Form. Aber wie soll ich ihr das deutlich machen, wenn sie es noch immer, noch immer, noch immer nicht weiß? Oder sich stellt, als wisse sie es nicht? Ihre Seele hört nicht – das ist schlimmer als alles andere ... Inzwischen war sie zurückgegangen – sie ließ ihn einfach stehen. Ihre Seele hört nicht – welchen Sinn hat es, wenn meine Seele zu ihr redet? Ein ungeheurer Druck preßte und lähmte ihn. Sein krankes Gehör fühlte er wie umkrallt, wie völlig ertaubt. Er rührte sich nicht. Zwing sie, daß sie dir gehört! Kämpf um sie! Er raffte sich auf. Wird sie noch zu erreichen sein, ehe sie sich einschließt? Er lief, warf Rufe hinter ihr her wie Steine. Sie ging zierlich, spöttischen Gesichts, beachtete seine entfesselte, atemlose Erregung nicht. Er verlegte ihr den Weg. Keuchte die Worte heraus: »Wir sind zusammengeschmiedet. Die Kette bleibt. Ich gebe dich nicht frei.« Sie verzog nur den Mund. »Ich flehe dich an: Schick ihn fort – noch in dieser Stunde! Schick ihn fort!« Er flehte mit den Händen. »Es mag sein, daß du den Gast nicht wegschicken kannst. Also gehen wir. Laß für uns einen Wagen anspannen – wir kommen heute nacht noch in die Stadt. In diese oder in eine andere. Fort von hier, das ist das beste.« Sie sah sehr kühl an ihm herunter. »Du bist kindisch«, sagte sie. Er umfing ihre Gestalt mit der ganzen Kraft seines Blickes, als könne er die um sie geschlungenen Ketten verzehnfachen. Sie wandte sich ab, ließ ihn abermals stehen. Doch sie fühlte den Blick auf ihrem Rücken brennen wie Feuer. Die Dämmerung sank in die Bäume, während Francisco, dem schmalen Fußweg ohne es zu wissen folgend, weiter den Hügel hinanstieg. Allein sein, klar und reinlich allein, Raum zwischen sich und Cayetana bringen, nicht nur im Stehenbleiben, während sie weggeht, sondern mit eigenen Schritten! Er hielt inne, eine leere Stille erfüllte ihn, es war ein kurzes Atemholen der Seele. Dann begann ein Brodeln und Wogen, das ganz körperlich von innen heraus an die Wände des Schädels, der Brust, der Adern preßte. Er versuchte die Gedanken zu ordnen, aber er wurde ihres Dunkels nicht Herr, nur dann und wann blitzte ein Schein auf, der mehr blendete als erhellte. So sieht die Wende aus, von der ich geträumt habe – diese Vorstellung tauchte auf und kam wieder. Dies ist eine Rolle in einer Eifersuchtskomödie, kein Wiederanfang – die Rolle des Getäuschten ist jammervoll, für die anderen Mitspieler aber lächerlich. Was ich von diesem Aufschwung mitnehme als sicheren Besitz, das ist im Körper: das Leiden. Er wußte in dieser Stunde ganz sicher, daß dieses Leiden niemals geheilt werden würde. Hier fühlten seine Gedanken nun festen, unheimlich vertrauten Boden, hier spann er sie weiter. Sah sich abgeschnitten vom Verkehr mit den Menschen, sah über seiner ganzen Zukunft, wie immer sie sich außen und innen gestalten würde, diesen Druck grau und fratzenhaft lasten: schwerhörig – taub. Die wenigen Menschen, die sich noch die Mühe nehmen werden, mir ein Wort zu widmen, werden mir dieses Wort zeitlebens, den kurzen oder langen Rest meines Lebens, ins Ohr brüllen. Bei Hof, wenn man mich nicht in Pension schickt, werde ich nur gnadenhalber und überzählig geduldet werden. Maella, der gutmütige Stümper, wird mich überflügeln. Die laute Stimme des Königs – ja, die wird wahrscheinlich noch zu mir dringen. Das Kreischen der Königin wird Schmerzen verursachen. Manuel Godoy – mein Gott, warum verwende ich ernsthafte Gedanken auf diese Menschen? Eines weiß ich: wenn ich zu euch zurückkomme, werde ich euch noch schärfer als bisher sehen, so wie ihr wirklich seid – in eurer ganzen aufgeblasenen Windigkeit. Unter dieser Gesellschaft leben zu dürfen, von ihr geduldet, meinethalb sogar geachtet zu werden – das ist immer noch das traurige Ergebnis meines Lebens. Seid ihr nicht allesamt wert, weggefegt zu werden, so wie eure Standesgenossen in Frankreich weggefegt werden? Und mit euch – – Cayetana?? Nein! nein! sie nicht! Es war ein stummer Aufschrei. Er führte ihn an den Anfangspunkt seiner Pein zurück. Er wanderte weiter, trat auf eine Lichtung. Kleine Schatten schnellten an ihm vorüber, einander kreuzend und verfolgend. Fledermäuse, eine ganze Schar. Einzelne streiften ihn fast. Er konnte sie nicht hören, dachte darüber nach, ob er mit gesunden Ohren je den Flug von Fledermäusen als Geräusch vernommen habe. Die Erinnerung versagte. Das sind die richtigen Genossen für mich, redete er zu sich selber. Fledermäuse und Gespenster. Wenn jetzt zwischen den Stämmen Gespenster sich zu bewegen begännen, auf mich zukämen – ich hätte nicht die geringste Furcht, würde mich ausgezeichnet mit ihnen verstehen. Sie wissen auch, aus wieviel Schein und Betrug das Leben der Menschen besteht, daß die letzten, reifsten Früchte unseres Bemühens immer Lächerlichkeiten, Schmerzen, Elend sind. Es war sehr grau um ihn. Die Schatten bewegten, formten sich ... Ihm schien, als stehe ein Kobold mit riesigem Wasserkopf vor ihm. Aus welcher Welt stammst du, fragte er ihn, ohne die Lippen zu bewegen, gibt es Liebe in deiner Welt? Was hältst du von ihr? Sind dir die Frauen treu? Was heißt dein Achselzucken? Ah – du meinst, das sei ganz gleichgültig? Dahin hast du dich schon durchgerungen ... Ich sage dir: ich bin noch nicht so weit, mich schmerzt es noch. Ich meine ja auch eigentlich gar nicht die Frauen ... nur eine einzige ... Seltsam, wie groß die Fledermäuse geworden sind ... was für Köpfe sie haben ... Du – flieg zu der einzigen Frau, setz dich auf ihre Schulter und schrei ihr meinen Namen ins Ohr ... Nein, nein! wenn du dich an sie heranwagst, schlag ich mit dem Degen nach dir! Ich schütze sie gegen jeden, der sie berühren will! Die Schatten wogten, verflochten sich. Ein Riesengesicht grinste, zerfloß. Er blickte in die Höhe, sah Sterne. Und die Luft wurde wieder klarer um ihn. Im Weiterwandern kam er vom Weg ab, strich hin und her durch Gebüsch und Gras, ließ sich auf einen Stein nieder. Und versuchte zu überdenken, was nun zu geschehen hätte. Morgen die Rückreise nach Madrid antreten ... das wäre Verzicht auf jeden Kampf um das Neue, wäre der Wiederbeginn des alten Lebens – schon hatte er wieder soviel Kraft, den Verzicht von sich zu weisen – nein, es würde etwas viel Schlimmeres bedeuten: das Ende jeder Arbeit, ein flügellahmes Vegetieren. So nicht nach Madrid zurück, nur so nicht! Also das Haus verlassen, für die nächste Zeit eine andere Unterkunft suchen – in Sevilla vielleicht ... Das würde heißen: arbeiten wollen, aber Cayetana preisgeben. Aber davon ist doch alles ausgegangen: ich gebe dich nicht preis! War dieser Entschluß falsch? Muß er umgestoßen werden? Wer ist Cayetana? Oh, sie ist – sie ist nicht nur diese heillose Laune und Gier. Sie ist mehr, viel, viel mehr. Also bleiben. Bleiben? Weiter mich lächerlich machen neben diesem frechen Burschen? Nicht eine Stunde mehr! Mit der Waffe gegen ihn kämpfen ... Ritterkomödie hat Cayetana das genannt. Sie hat recht. Das ist keine Lösung. Mit dem Degen will ich sie nicht erobern, von einem Toten will ich sie nicht zurück. Nicht bleiben, nicht gehen – nicht gehen, nicht bleiben! Er sprang auf, stampfte wütend, niedergeschlagen, voll glühender Vorsätze, voll bleicher Hoffnungslosigkeit, anklagend und liebend durch die Nacht, die nun vom Mond erhellt war. Erst nach Mitternacht dachte er daran, ins Haus zurückzukehren. Schließlich fand er den Weg. Zwei Laternen brannten auf der Terrasse. Als er an ihnen vorüberging, schnellten kleine Schatten hin und her, einander überkreuzend und verfolgend. Fledermäuse.   Als ob Mars, das Kampfgestirn, auch in ihrem Horoskop das Haus der Liebe schlecht bestrahlte – das hier ein Haus der dumpfen Brunst war –, verlangte in Madrid am gleichen Abend die Königin von ihrem Günstling Rechenschaft. Sie hatte keineswegs zum erstenmal schlagende Beweise in Händen, daß Manuel sie betrog. Diesmal waren es die Frau eines Offiziers, eine Schauspielerin und ein Zimmermädchen, die ihr der eine Woche umfassende Bericht des Überwachungsdienstes meldete. Beweise? Überwachung? Im Grunde höchst überflüssige Dinge. Das Infame war, daß Manuel sich gar keine ernsthafte Mühe gab, seine Abenteuer zu verbergen. Drei Frauen. Der Gedanke an solche Vielseitigkeit kitzelte ihre Nerven und verdoppelte zugleich ihre Wut, sie wußte, daß der Hof über diese Lendenkraft Witze riß. Und suchte sich sogar vorzureden, sie beklage die den Staatsgeschäften entzogene Energie. Sie machte ihm eine Szene. Er leugnete gar nicht, behauptete vielmehr mit frecher Stirn, ihre Liste sei nicht vollständig. Gab ihr den Rat, ihr Ohr solchen Zuflüsterungen zu verschließen, dann behalte sie das schöne Bewußtsein, seine einzige Geliebte zu sein. Nannte das Verlangen, daß keine anderen Frauen für ihn existieren sollen, absurd, unnatürlich, lächerlich. Und spielte auf ihre Jahre an. Sie kreischte auf, vergoß Tränen, wimmerte. Und als sie ihn nicht zu rühren vermochte, hielt sie ihm in verhalten drohendem Ton, aus dem doch mitunter der Zorn schlug, die ganze Liste der Abrechnung vor, wie sie sich nackter, brutaler nicht aufstellen ließ: daß er ohne sie ein lumpiger Gardeleutnant wäre, ein Bettelhidalgo – sie aber habe ihn zu dem und dem gemacht, habe ihn mit Millionen überschüttet, ganz Spanien ihm geschenkt – und nun laufe er den Huren nach. Manuel saß in einem Samtfauteuil, mit den Fingern auf die von Lederhosen umschlossenen prallen Schenkel trommelnd, und schaute die Königin aus seinen verschleierten Augen mit phlegmatischer Ruhe an. Es war nicht oder nicht mehr so, daß er in ihr nur ein Werkzeug seines Ehrgeizes und seiner Habsucht sah: da er sich an der Fülle seiner Triebe erfreute und sie in möglichst vielen Spielarten kultivierte, mußte sich einer davon auch mit ihrer hemmungslosen Gier treffen, diese Frau reizte ihn von Zeit zu Zeit. Aber er blieb keinen Augenblick im Zweifel, daß sie ihn mehr brauchte als er sie. »Es ist das schöne Vorrecht der Monarchen«, bemerkte er kühl, »Begabungen zu entdecken. Die Geschichte wird entscheiden, daß dir Spanien Dank schuldet, weil du mir den Aufstieg ein wenig erleichtert hast. Ich stehe an der Stelle, die mir gebührt.« »Ich weiß nicht, was größer ist: deine Aufgeblasenheit oder deine Frechheit!« »Ich aber weiß, daß zornige Menschen über nichts so leicht stolpern wie über die Ruhe ihres Opfers. Ich kann dir den Gefallen nicht tun, gleichfalls aufzubrausen. Ich schulde« – er lächelte boshaft – »der Königin von Spanien Respekt.« »Es wäre besser«, zischte sie mit gerötetem Kopf heraus, während sie sich dicht vor ihn stellte, »es wäre besser, du besännest dich auf die Dankbarkeit, die du mir schuldest.« »Dankbarkeit? Schulden? Ich glaubte diese Musik vorher schon zu vernehmen ... Die kleinen Menschlichkeiten, die zwischen uns gespielt haben, sollen wahrhaftig mit meinen Ämtern zusammenhängen? Eure Majestät haben – haben das – bisher als bezahlte Dienste aufgefaßt? Ich muß mich gegen die Annahme verwahren, als statte ich mit meinen Umarmungen Dank ab.« Er erhob sich mit einem Gesicht, das Ekel ausdrücken sollte, und schob sie beiseite. Diese eiskalte Unverschämtheit brachte ihre Wut nochmals zum vollen Ausbruch. »Dies ist dein Sturz«, schrie sie, »du wirst degradiert, enteignet, erschossen!« Er warf sich schweigend in die Brust, die Muskeln dehnten sich, als wüßten sie, daß sie die einzige Ursache seiner Erfolge seien. Sie änderte den Ton. Wie aus einem zitternden Frösteln heraus sagte sie ihm, das Unheil lasse sich noch abwenden, wenn er ihr Treue verspreche. »Der Handel wird mir zu schmutzig«, war seine einzige Antwort. Sie verließ das Zimmer mit kurzen bösen Schritten. Als ihr die Kammerfrauen die Perücke geradegerückt und das Gesicht zurechtgepudert hatten, begab sie sich zum König. »Ich komme mit einer peinlichen Sache, Carlos«, begann sie wie aus tiefer Besorgnis heraus, »sie betrifft Manuel.« Carlos schaute aus irgendeinem Grund auf seine goldene Taschenuhr und verglich sie mit den beiden Standuhren. »Peinlich?« fragte er dann mit lustigen Fältchen um die Augen. »Habt ihr euch gezankt?« Daß er ihrem geplanten Pathos so in die Parade fuhr, erschütterte ihre ÜberIegenheit; dergleichen war sie wenig von ihm gewöhnt. »Ich bitte dich, mein Anliegen ernst zu nehmen«, blitzte sie, »ich spreche als Königin.« »Es handelt sich also um meinen Ersten Minister. Du hast Beschwerden gegen ihn?« »Er hat sich seiner Ämter durchaus unwürdig gezeigt. Hat mich beleidigt. Hat mir unerhörte Unverschämtheiten gesagt. Ich bin außerstand, sie zu wiederholen. Er hat die Krone Spaniens mit Schmutz beworfen. Ich verlange, daß man ihn auf der Stelle wegen Majestätsverbrechens verhaftet.« Über das rote, glänzende Gesicht des Königs huschte etwas wie Schadenfreude. Er zuckte schweigend die Achseln. Ihr Ton wurde persönlicher, eindringlicher: »Du hast in den Fragen von Manuels Laufbahn immer auf mich gehört. Gesteh dir: er hat seinen Aufstieg nicht zum wenigsten meiner Fürsprache zu verdanken. Nun – ich finde, wir haben ihn zu hoch steigen lassen. Damit soll es nun zu Ende sein. Erspar mir doch peinliche Einzelheiten. Wenn ich dir sage: es ist Zeit, ihm den Prozeß zu machen, so kannst du mir ruhig vertrauen. Wie ich seinen Aufstieg gewünscht habe – ein Irrtum, den ich bereue –, so wünsche ich jetzt seinen Abstieg. Seinen raschen und gründlichen Abstieg. Aus dem, was er sich heute gegen mich herausgenommen hat, erwächst dir die Pflicht, deine Hand von ihm zurückzuziehen.« Er wiederholte in größter Ruhe sein schweigendes Achselzucken. Das brachte sie dazu, ohne jede Klugheit vollends den Rest ihrer Trümpfe auszuspielen: »Ich gebe zu, man darf den Skandal nicht öffentlich werden lassen, er würde in ganz Europa Aufsehen erregen. Laß den Ministerpräsidenten in aller Stille verhaften und nach Afrika deportieren. Man verbietet den Zeitungen, darüber zu berichten, und bald ist alles vergessen. Ich rate es dir. Ich bitte für ihn um diese glimpfliche Behandlung– schließlich gehörte er ja zu unseren Freunden.« Carlos hustete, um ein Lachen zu unterdrücken. »Verhaften? Deportieren? Was soll er denn in Afrika? Ich hab ihn lieber hier. Er regiert ganz gut für mich. Denk dir bloß die Mühe aus, einen anderen Minister an unsere kleinen Eigenheiten zu gewöhnen! Ich verstehe mich wirklich ausgezeichnet mit ihm.« »Du verweigerst der Königin von Spanien deinen Schutz?« »Ihr habt euch also gezankt, und ihr werdet euch wieder vertragen. Das geht auch ohne Polizei. Schließlich könnte sich Manuel ja bei dir entschuldigen. Und wenn du dich wirklich nicht mehr mit ihm vertragen willst, so laß ihn deine Ungnade fühlen. Entzieh ihm die Verwaltung deiner Schatulle, ignoriere ihn beim nächsten Empfang. Aber verlange dergleichen nicht von mir. Ich kann auf diesen wirklich ausgezeichneten Burschen nicht verzichten.« Während sie ihn verblüfft anstarrte, schloß er mit starken, unmißverständlichen Worten: »Ich habe mich an Manuel gewöhnt. Er ist mir unentbehrlich. Und er ist mein Freund. Ich lasse ihn unter keinen Umständen fallen.« Es gelang ihm selten, gegenüber einer Forderung dieser Frau fest zu bleiben. Aber im Bunde mit Manuel fühlte er sich ihr gewachsen. »Du tust, als ob ich überhaupt nichts mehr zu sagen hätte.« Es war schon ein Rückzugsgefecht. Nach ein paar letzten Einwänden ähnlicher Art, denen er seine gepolsterte Ruhe entgegensetzte, verließ sie wütend das Zimmer.   Cayetana glaubte zu Beginn dieser Nacht, Franciscos Verbleib kümmere sie nicht, ja sie sei zufrieden, nichts darüber zu wissen. Ihr Selbstgefühl, ihr Lebensdurst verstanden sehr gut, abzuschütteln, zu vergessen. Doch als sie zu später Stunde ein Geräusch hörte, wußten ihre hellen Ohren, ob sie wollten oder nicht: Es ist eine Tür, es sind Schritte, Francisco kehrt zurück. Was auf der Welt konnte sie, die freie ungefesselte Herrin jedes, jedes Entschlusses, verhindern, das Abgeschüttelte, Vergessene von neuem hervorzuholen, turmhoch zu heben, zu hegen, zu lieben? Sie nahm sich nicht die Zeit, abzuwägen – in solcher Plötzlichkeit der Entscheidung gefiel sie sich sehr –: den gerade jetzt mit dem verabredeten Zeichen sich ankündigenden Costillares ließ sie zwar eintreten, erklärte ihm aber ohne Umschweife, ohne Begründung, sie wünsche jetzt allein zu sein, könne ihm übrigens auch nicht weiter gestatten, sich ohne Anmeldung durch die Dienerschaft in ihren Zimmern einzufinden. Sie hatte mit ihm leichteres Spiel, als sie hoffen konnte. Schon im ersten Morgengrauen verließ er mit seinem Bedienten das Haus.   Sie saß auf einem Randstein des Wasserbeckens, über dem der springende Strahl in der Sonne funkelte, als Francisco, von Alfonso gebeten, zu ihr trat. Ihr offenes Lockenhaar bewegte sich im Wind, ihr Lächeln entblößte ein wenig die Zähne zwischen den schmalen Lippen. »Dein Wunsch ist erfüllt«, sagte sie, und er hörte, mehr mit den Fingerspitzen als mit den Ohren, daß ihre Stimme zitterte. »Ich habe ihn weggeschickt.« Sein bleiches Gesicht bewegte sich nicht. Er sah an ihr vorbei. »Weißt du«, fuhr sie fort, »ich habe einmal von einer orientalischen Königin gelesen, die sich mitunter einem ihrer jungen Beamten oder Sklaven schenkte, aber jeden, der nachts bei ihr war, am Morgen töten ließ. Ich kann diese Königin sehr gut verstehen.« Er sah noch immer bleich an ihr vorbei. »Hast du gehört? Ich habe ihn weggeschickt.« »Nun – dann kann ich ja bleiben«, sagte er endlich. Aber seine Worte klangen müde und fern. 14 Francisco zeichnete mit Feder und Pinsel. Gerade als die Herzogin ins Zimmer trat, kam er mit dem Blatt zu Ende. Es stellte eine merkwürdige Gruppe dar: Ein Affe saß vor einer Staffelei und malte, der Gegenstand, den er mit scharfem, wichtigem Blick erfaßte, war ein aufrecht sitzender Esel, dessen hell erleuchteter Kopf sich sichtliche Mühe gab, bedeutend dreinzuschauen, dem auf der Leinwand erscheinenden Konterfei war sehr geschmeichelt, insofern es ein Halskragen und eine Amtsperücke schmückten, unter welch letzterer sich die Ohren schamhaft verbargen. Während ihm Cayetana über die Schulter sah, setzte Francisco mit verkniffenem Mund eine Inschrift unter die Zeichnung: Ein Esel bleibt immer ein Esel, auch wenn ihm der Maler alle erdenklichen Würden hinzudichtet. Cayetana strich ihm über das ungebärdige schwarze Haar. »Wie schön, daß du arbeitest«, sagte sie nahe seinem Ohr. Er lachte zufrieden und vergnügt, aber es war doch ein schwerer, dunkler Unterton in diesem Lachen. »Ich weiß selbst nicht, ob der Affe ich bin oder einer meiner Kollegen«, stellte er nach einer Pause fest und lehnte die Zeichnung an ein paar auf dem Tisch aufgeschichtete Bücher. Auf einem andern Blatt war ein Esel zu sehen, der zufrieden die Zähne bleckend in der Kleidung eines Aristokraten auf einem Stuhl saß und mit den Hufen ein Buch voller Stammbäume durchblätterte, jedes Glied des aufgeschlagenen Stammbaumes stellte einen Esel dar und das am Tisch befestigte feierliche Wappen zeigte gleichfalls einen Esel. Bis auf den Urahn – stand darunter. Unter einer toll, lächerlich, grausig maskierten Gesellschaft war zu lesen: Alle wollen scheinen, was sie nicht sind, dabei kennt niemand sich selbst. Ein bocksbeiniger Riese mit stumpfer, heimtückischer Fratze saß auf der Erdkugel und hob einen lächerlichen Menschen in die Höhe, dem aus Kopf und Händen Rauch dampfte. Das Menschlein war blind dafür, daß die dumpfe Kraft, die es jetzt emporhob, im kaum verflossenen Augenblick zwei andere Glücksritter mit weitem Schwung in den Abgrund befördert hatte, während doch das Gesicht des Riesen keinen Zweifel darüber ließ, daß der dritte Absturz sogleich folgen werde. Dieses temperamentvolle Blatt trug außer seinem Titel »Steigen und Stürzen« mehrere Sätze einer grimmigen Philosophie: Das Schicksal behandelt den sehr schlecht, der ihm den Hof macht. Die Mühe, die es kostet, sich hochzubringen, geht in Rauch auf. Wer einmal hochgekommen ist, den züchtigt das Schicksal, indem es ihn wieder hinabwirft. »Morgen beginne ich ein Bild«, sagte er, »und du sollst es nicht sehen, ehe ich fertig bin.« Als sie dann wiederkam, hatte er das Meer gemalt – so wie es ihnen in San Lúcar erschienen war: als das gegen seine Ufer anrennende, sie überflutende ungeheure Element. Eine Gruppe verzweifelter Männer, Frauen, Kinder drängte sich auf der Flucht vor einer ringsum steigenden, stürmischen See auf dem letzten Stück trockenen Landes zusammen – Menschen in höchster Todesnot. Hat sie ein Schiffbruch auf diese Inselscholle verschlagen? Er wußte nur, daß er den Sieg der Meereskraft über die menschliche Ohnmacht malte und darin zugleich den grauenhaften Angriff des Ungeheuers Schicksal auf eine Schar Erdenbewohner, deren einige vielleicht so vermessen waren, Glück zu empfinden. Mag sein, daß sie dem Uferboden Frucht abgerungen hatten, um zu essen, zu leben – »wer einmal hochgekommen ist, den züchtigt das Schicksal, indem es ihn wieder hinabwirft« – züchtigt ihn, indem es seinen offenen Augen den Tod des Ertrinkens langsam näher kommen läßt. Die bekleidete Maja Gemälde. Madrid, Prado Die nackte Maja Gemälde. Madrid, Prado Unzufrieden sagte er zu Cayetana, das Bild verbreite zuwenig Grauen, erscheine zu sehr als um des Wassers willen gemalt. Er wisse aber nun, daß es gar nicht seine Sache sei, naturgetreues Wasser darzustellen, sondern Menschen, und darum werde er vom Meer die Hände lassen. Doch wenn er kleine, elende, gequälte Menschen schildere, werde oftmals die Größe des Meeres fern dahinterstehen, eine unsichtbare Folie, von der sich Kleinheit, Elend, Qualen mit gesteigerter Schärfe abzeichnen. Gleichsam als einen Übergang zu dem, wovon er hier sprach, schuf er, es in großen Strichen fieberhaft heruntermalend, ein unheimliches Bild: Auf dem Abhang eines breithingezogenen Hügels, der sich über Dörfern, Gehöften, Festungsmauern, einem Flußlauf sanft erhob, saß, drei Viertel der ganzen Leinwand einnehmend, ein nackter Riese, den Rücken und auch das grobe, bärtige Gesicht dem Beschauer zukehrend. Das erste Morgenlicht prallte auf ihn wie auf einen Berggipfel, während aus dem Dunkel der höheren Lüfte noch die Mondsichel glänzte. »Auch dies ist das Meer«, erklärte er der Freundin, »oder das Schicksal, wenn du willst, oder irgendeine andere Macht, die viel stärker ist als der Mensch und ihn bedroht.« Es kam jetzt vor, daß Francisco in der Arbeitsbesessenheit seine Umgebung völlig vergaß und Mahlzeiten versäumte, selbst wenn sie ihm ins Zimmer gestellt wurden. Auch das Kerzenlicht genügte ihm, um zu zeichnen, wenn Cayetana nicht zu ihm eindrang, sah er sie tagelang nur flüchtig oder gar nicht. Dabei gab er sich noch kaum Rechenschaft von seinem Zustand, er ließ den gedanklichen Entwürfen und dem Tätigkeitsdrang freien Lauf, ohne darüber zu grübeln, ob dies nun wirklich der Anfang von etwas Neuem sei und ob seine immerhin veränderte Art, die Welt anzublicken, ihre Wurzeln in Cayetanas Vorurteilslosigkeit habe. Den revolutionären Gedanken zu einer seiner grimmigsten Zeichnungen lieferten ihm jene Volksgenossen, die sich über die Jakobiner entrüsteten und dabei der eigenen Schmarotzer vergaßen. Er zeichnete zwei spanische Männer einfachen Standes, deren jeder einen großen, fetten, vergnüglich schmunzelnden Esel als Reiter auf dem Rücken trug. Der eine der beiden als Reittier Mißbrauchten bückte sich geduldig, der andere stöhnte, beide wurden von den Eseln mit Sporen bearbeitet. Bis du nicht mehr kannst – schrieb er darunter. »Wenn du das Blatt in Madrid zeigst, wirst du gehängt«, prophezeite ihm die Herzogin. Gerade bei diesem Blatt nun kam ihm die Erkenntnis, daß es bei der Zeichnung nicht sein Bewenden haben könne, daß vielmehr Kupferplatte, Radiernadel, Säuren, Druckpresse das richtige Werkzeug seien, die künstlerische Handschrift ganz zur Geltung zu bringen. Und wenn die Gedankensprache ihre Wirkung tun sollte, blieb die Verbreitung von Abzügen das einzige Mittel. Aber woher dieses Handwerkszeug nehmen? In den Städten des Südens wird dergleichen nicht aufzutreiben sein. Fern in Madrid, in einem Winkel des Ateliers – dort stand alles Nötige seit langen Jahren verstaubt und vergessen. Nach Gemälden des Diego Velázquez hatte er fleißig Radierungen angefertigt, ein zweckloses Unterfangen, dessen er sehr überdrüssig geworden war. Zufall, daß er nicht damals das ganze Gerümpel weggeworfen hatte, kein ernsthafter Gedanke galt bisher der Wiederaufnahme solcher auf den Reichtum der Farbe verzichtenden Arbeitsform. In Madrid wartet Nadel und Presse... Doch er schob den Gedanken einer vorzeitigen Rückkehr weit von sich. Mochte sich auch die Umsetzung in die andere, endgültige Technik verzögern – Zeit ging keine verloren: in der Einsamkeit dieses Hauses ließen sich, viel besser als in der Stadt und in der Nähe des Hofes, noch hundert Entwürfe für künftige Ätzplatten ausführen. Und so sprach er auch gegenüber Cayetana nur flüchtig von der Absicht, sich später für das besondere Arbeitsgebiet der Radiernadel zu bedienen. »Schade«, gab sie zur Antwort, »daß du nicht früher davon gesprochen hast, ich hätte jemand gewußt, unter dessen Obhut es möglich gewesen wäre, dir das Nötige hierher zu besorgen.« Er schaute sie fragend an. »Wir haben uns in letzter Zeit zuwenig um dein Leiden gekümmert – als ob nicht das Äußerste getan werden müßte, es in Ordnung zu bringen. In den nächsten Tagen kommt ein Arzt an, den ich mir für dich aus Madrid verschrieben habe. Ich habe dir nichts gesagt, weil ich dir keine Gelegenheit zum Widerspruch geben wollte. Ich denke, diesmal habe ich mich an den richtigen gewandt: er ist noch jung, hat die bei berühmten Lehrern des Auslandes gesammelte Kunst frisch und unverbraucht in sich. Du kennst ihn übrigens. Weißt du: der, den wir damals für das gemalte Knie gerufen haben ...« Francisco trat, ohne zu antworten, ans Fenster. Der Abend dämmerte draußen. Die Fledermäuse begannen ihre Jagd.   Don Gaspar traf pünktlich ein. Er gewann einigermaßen Franciscos Vertrauen – dadurch, daß er ihn nicht sogleich mit Redensarten und Ratschlägen überschüttete, vielmehr den Entschluß kundgab, vorerst abzuwarten und den Patienten zu beobachten, wozu ja viel günstigere Gelegenheit sei als in den meisten Fällen. Doch schon nach wenigen Tagen mußte Francisco erkennen, daß Cayetana ihr Spiel mit dem jungen Arzt begonnen hatte. Während eines Gangs durch den Garten, in Franciscos Gegenwart, entfaltete sie eine Komödie der Lockung, deren erste Szene wohl schon vorangegangen war, entfaltete sie in anderen Schattierungen als gegenüber Costillares, weil Gaspar ein anderer Partner war: sein Gegenspiel bestand einzig in den Zeichen seiner Verliebtheit, die glücklich war, sich ermutigt zu sehen. Francisco, im Grunde – er bekannte es sich wie in einem Wirbel – nicht eigentlich überrascht, rief alle seine Kräfte, einzeln und verbunden, zum Kampf auf gegen den Überfall der dunkelsten Gedanken. Ihre Stunde ist vorüber, rief er sich zu, später ist wieder Raum dafür, später magst du denken und fühlen – sobald du dich gerettet hast. Wie aus einem brennenden Haus, einem sinkenden Schiff mußt du dich retten – dir eine Mauer der Sicherheit bauen. Die aber baut sich nicht hier, hier droht jeder Mauer Einsturz. Nichts hilft als die einfache, klare, entschlossene Handlung der Trennung ohne jeden Verzug. Nach der Rückkehr ins Haus eröffnete er Cayetana in so beherrschtem Ton, als handle es sich um eine fast gleichgültige Sache, seine Arbeit zwinge ihn zur sofortigen Abreise nach Madrid, er bitte, ihm noch vor Abend einen Wagen hinunter in die Stadt zur Verfügung zu stellen, von wo aus er alles Weitere selbst in die Wege leiten werde. Ihr Blick verschleierte sich, aber sie sah ihn mit dem graziösesten Lächeln an, als sie sagte: »Irgendeinen Menschen davon abzuhalten, seinen plötzlichen Wallungen zu folgen, widerspräche allzusehr meiner eigenen Art. Impulse bändigen die Gefahr, gewisse noch so schöne Dinge zur Gewohnheit werden zu lassen... Aber« – sie reichte ihm die Hand zum Kuß – »ich hoffe, du kommst bald zurück!«   Während seiner einsamen Fahrt – Francisco reiste mit Extraposten und ließ sich nur auf einer einzigen Strecke bereit finden, seinen Wagen mit anderen zu teilen: als der Bischof von Ciudad Real für sich und seinen geistlichen Sekretär um einer eiligen Angelegenheit willen ihm die dringende Bitte übermittelte – während seiner bis auf diese kurzen Stunden einsamen Fahrt klärte sich langsam das Chaos in seiner Brust. Aus alter Wunde quoll das Blut seines Schmerzes um die geliebte Frau: das ist ja alles schon gewesen, alles schon durchlitten – und auch der trügerische Schein der Heilung konnte keinen Bestand haben. Fast solange liegt das nun zurück wie die Krankheit, ja es ist, als seien beide Übel zur gleichen Stunde geboren. Denn sie sind ineinander verankert, unlösbar, schicksalhaft. Ob Cayetanas Abfall beeinflußt oder beschleunigt wurde durch die Erkrankung – darum handelt es sich nicht: der Zusammenhang liegt viel tiefer, ist in Wahrheit ein gemeinsamer Ursprung beider Wirrnisse aus schwindliger Tiefe, in die die Schärfe des Gedankens nicht hinabzusteigen vermag. Von dort herauf – er täuscht sich nicht mehr darüber – quillt der neue Grundton des Lebens: das Leiden. Mit einer Art von grimmiger Freude empfängt er diese düstere Musik und fühlt sich von ihren Schöpferkräften durchströmt. Visionär steht die Erkenntnis vor ihm, daß er sich dem Leiden öffnen muß, doch sich ihm nicht unterwerfen darf, daß er es umschmelzen muß in Erkenntnis des wirklichen Lebens, das sich hinter dem glatten, fröhlichen Schein verbirgt, daß er – es ist, als wisse er frisches Blut in seinen Adern – die Lüge enthüllen, das Elend ans Licht stellen, doch niemals unfruchtbar wehklagen wird. Aus jener Tiefe herauf kommt das neue, wahrhaft einsame Schaffen, das Moratín vorausgeahnt hat in jener letzten Nacht vor dem Ausritt... So ordneten sich denn die Arbeiten, Entwürfe, Phantasien der verflossenen Wochen, bis sie Glieder dieses einzigen großen Planes wurden: die Schwächen und Eitelkeiten der Menschen, der Kleinen und der Großen, die grauenhaften Leiden der Schwachen, Unterdrückten, das furchtbare Schicksal, als Mensch auf der Erde zu leben, die im Dunkel hausenden Mächte, die den Menschen bedrängen und verfolgen – dies alles in einem scharfen Spiegel einzufangen und die, die zu sehen vermögen, hineinblicken zu lassen, die Menschen durch solche Schöpfungen aufzurütteln, zu sich selber zu bringen, in ihnen den Drang zur inneren und äußeren Freiheit zu stärken und die Hoffnung, solcher Freiheit näher zu kommen oder sie gar zu gewinnen, die Starken zur Hilfe für die Schwachen aufzurufen. Das wird ein Ziel, wird Künstlerarbeit und Menschenarbeit sein. Arbeit für Jahre, für den Rest des Lebens. Wie lange, wie kurz mag das Schicksal diesen Rest bemessen? Es hat mit scharfer Pranke zugeschlagen – ist das nicht schon der Beginn des Sturzes, des Endes? Oder wird die in jenem Plan beschlossene Arbeit erst der Aufstieg sein? Er wurde sich seiner Existenz mit solcher Stärke bewußt, als blicke er sie, ein unbeteiligter Dritter, von außen an und fühlte das zusammenhängende Fluidum seines vergangenen und zukünftigen Daseins wie etwas körperlich Greifbares um sich. Sah sich in der Mitte des Lebens stehen und viel Zeit für seine Arbeit noch vor sich. Wenn ich mich nicht täusche, redete er zu sich, und seine Augen lächelten sehr glücklich, wenn dies jetzt wirklich die Mitte ist, dann werde ich fast so alt wie Tizian ... Brotarbeit wird dazwischen sein müssen – oh, nicht in einem drückenden Sinn: Arbeit, die mir die äußere Stellung erhält, von der aus ich wirken kann. Nicht jeder Pinselstrich, nicht jede Linie des Grabstichels wird dem großen Ziel unmittelbar dienen können. Einerlei – mögen die Wege mitunter verschlungen, verborgen, vorsichtig sein: das Ziel wird nie aus den Augen verloren werden, das ganze Schaffen in sich zusammenhängen. Auch wenn ich schöne Frauen male ... Schöne Frauen beglücken durch ihren Anblick: und mitunter werde ich zeigen, was sich hinter dieser Schönheit verbirgt ...   Die Bevölkerung des Landes, das er durchfuhr, war in Bewegung. Agenten der Regierung, von den Priestern unterstützt, riefen zum Krieg gegen Frankreich auf. Die Hilfe, die Carlos dem lebenden, eingekerkerten Vetter verweigert hatte – dem Toten wollte er sie nun leisten. Die Abneigung gegen die Königsmörder wurde zur hellen Flamme entzündet, und wer nicht selber die Waffen nehmen oder den Werbern einen Sohn ausliefern wollte, der spendete Geld. Je näher man der Hauptstadt kam, desto kriegerischer wurde das Gesicht Spaniens. In den Gassen von Toledo drängten sich alte und neue Uniformen. Wo immer von den Franzosen geredet wurde, da waren sie eine einzige Riesenrotte von Antichristen und leibhaftigen Teufeln, wert der Ausrottung mit Stumpf und Stiel. Es war wieder ein Sonntagmorgen, an dem Francisco, zu einem Rasttag entschlossen, aus dem Gasthaus Zum Adler von Kastilien auf die Straße schritt. Ohne auf den Weg geachtet zu haben, sah er sich vor der Kathedrale. Und trat ein, jetzt der Wiederholung voll bewußt. Durchsonnte Glasbilder sättigten die Dämmerung des riesigen Kirchenraumes mit Farben. Edles Gitterwerk zeichnete sich schwarz ab vor den Nischen der Kapellen. Silbern glänzten die schweren Ampeln, golden die Baldachine und Holzfiguren des mächtigen Hochalters, golden die ihn umschrankenden Gitter und die Rippen des ihn überdachenden Gewölbes, golden die Stickereien der von hoch oben herabhängenden blauseidenen Fahnen und der Meßgewänder der das Hochamt zelebrierenden Priester. Schwaden bläulichen Weihrauchs standen in der Luft und bewegten sich wie Gespenster. Er sah wieder die gemessenen Bewegungen der Priester, die ehrwürdigen Meßbücher, die unter Kerzen funkelnde Sonne der Monstranz, die mystische Form des Kelches, hörte die ihm seit der Kindheit vertrauten, wie eine Reihe silberner Statuen vorüberziehenden Worte, die Musik der Stimmen und der Orgel. Und schlug gewissenhaft alle Kreuzeszeichen: hier kam irgendein Besinnen keinesfalls in Betracht, denn wer sie unterließ, hätte darauf gefaßt sein müssen, als Mißachter der heiligen Religion ergriffen zu werden. Er gönnte seinen Sinnen das Fest, doch er nahm nicht nur Bilder in sich auf, sondern beobachtete die handelnden Menschen. Zwar wandten sich die zelebrierenden Priester nur selten um, aber wenn er dann ihre Gesichtszüge sah, kam ihm das jedesmal wie eine Entdeckung oder Enthüllung vor, und er suchte sich sogar ihre geheimsten Gedanken zurechtzulegen. Fast wäre ihm dabei entgangen, daß ihm einer dieser Köpfe bekannt war: breite, grobknochige Züge, die sich wenig verändert hatten seit – ja, wahrhaftig, seit Rom. Dies ist kein anderer als Juan Llorente! Er fühlte sich gänzlich außerhalb der Verfassung, Erinnerungen auszutauschen, und trat sogar etwas zurück, um nicht seinerseits erkannt und nach Beendigung der Zeremonie angesprochen zu werden. Doch er blieb noch geraume Zeit in der Kirche und dachte darüber nach, ob Gott in ihr wohne. Sein Blick folgte dem Aufstieg der Pfeiler, der hoch oben wie ein Wunder sich vollziehenden, Palmkronen gleichenden Ausbreitung ihrer Rippen, dem Schwung des über die Rippen geworfenen Gewölbemantels, dem Rhythmus der Pfeilerstellung, der Schiffe, der Nischen, der Fenster. Er fühlte und sah: Die Baumeister haben in Phantasien von der Größe Gottes geschwelgt, ihn voll Begeisterung zu Gast geladen, voll Demut in der Umfriedung ihres Werks aufgenommen. Alles was sie von ihm wußten, lebt in der Kathedrale, und darum ist er da, immer da. Sie sind gewürdigt worden, daß er aus ihrem Werk spricht. Und wie sie manche der Maler, der Bildhauer, Schöpfer des Schmucks der Altäre. Von Gott gewürdigt. Zu der eigenen Anstrengung, der eigenen Kraft muß etwas hinzukommen, von außen, vom Weltall – oder vielleicht kommt es von innen, aus Bezirken, wo die Gottheit in uns eingehüllt ist. Und nun stieg die Frage wie ein Gespenst aus dem Boden und blickte ihn an: Bist du gewürdigt worden, wirst du gewürdigt werden? Ein Schauer, ein Zittern überlief ihn. 15 Madrid stand ganz im Zeichen der Kriegsrüstung. Darum vollzog sich die Rückkehr Franciscos in sein Hofamt fast unbemerkt. Der König und die Königin empfingen ihn gemeinsam in Audienz und zeigten sich erfreut über sein gutes Aussehen. Carlos, im Glauben, er müsse seine laute Stimme noch steigern, brüllte geradezu und bemerkte in dieser wuchtigen Sprechweise, es sei viel besser, Don Francisco habe einen kleinen Schaden am Ohr davongetragen als einen am Auge oder an der Hand – wozu seine wasserhellen Augen wirklich freundlich blickten. Maria Luisa, tief dekolletiert wie bei allen Empfängen, fragte mit scharfer Stimme, die indes wohlwollend klingen sollte, nach dem Befinden der Herzogin von Alba. »Wenn Sie ihr gelegentlich schreiben«, tönte ihre schrille Flöte, »so lassen Sie ruhig einfließen, daß wir sie bald wieder in Madrid zu sehen hoffen.« Francisco war überrascht durch diese plötzliche Milde, die offenbar geneigt war, den größten Teil der Strafe zu erlassen – auch über die formlose Art, die ihn zum Übermittler wählte. Er fragte sich, ob die den Kriegsbeginn umflutende Welle patriotischer Gemeinsamkeit auch an so hoher Stelle die Feindschaften auslösche. Denn auch der Graf Floridablanca – man erzählte sich soeben die Neuigkeit – wurde aus der Haft in Pamplona entlassen und gnadenhalber wieder nach Murcia verbannt. Als Francisco mit Moratin darüber sprach, gab der eine andere Deutung: »Man braucht für diesen Krieg viel Geld, und die Herzogin ist sehr reich.« Er richtete noch am selben Tag an Cayetana einen Brief, in dem er sich darauf beschränkte, den Auftrag der Königin auszuführen und dieser finanziellen Vermutung Raum zu geben, und der mit dem Satz schloß: »Ob man ein förmliches Gnadengesuch erwartet, weiß ich nicht.« Das für seine Radierungen nötige Werkzeug fand er einigermaßen in Ordnung, ließ das Fehlende von einem geschickten Handwerker ergänzen, kaufte Säuren, Wachs, Kupferplatten und Papier. Und dann entschloß er sich zur Flucht in eine einsame Arbeitsstätte: er mietete ein Dachzimmer mit gutem Licht, fern von seinem Atelier, fern auch von der Wohnung, die er nach der alten, inhaltslosen Gewohnheit mit Pepa teilte – vorläufig nur mit ihr, denn Javier befand sich bei Verwandten auf dem Land. Ein großer Tisch, ein Stuhl, ein Schrank für das Material, eine einfache Lagerstatt und ein Leuchter für fünf Kerzen bildeten die Einrichtung. Er hatte die Absicht, hier oben mitunter auch die Nacht über zu bleiben und den Schlupfwinkel niemandem zu verraten außer Agustin Esteve, der im Atelier sein Amt als Empfangsbeamter und Mittelsmann auch weiterhin auszuüben bereit war. Während sich Francisco so für eine Zeit von allem, was seine Arbeit nicht förderte, abschloß, nahm der Krieg seinen Gang. Die spanischen Soldaten, Freiwillige zumeist, drangen über Frankreichs Grenze vor, um einen toten König zu rächen, der nicht der ihre war, und die Welt von Robespierre und den Jakobinern zu befreien. Eilige Boten trugen die Siegesnachrichten nach Madrid. Doch allmählich kamen Rückschläge. Der Vormarsch stockte. Zwar taten die Soldaten weiterhin, was die Offiziere von ihnen verlangten. Aber man ließ ihre Uniformen und Schuhe zerlumpen und vertröstete sie mit dem Sold von einer Woche auf die andere. Die französische Armee war besser ausgerüstet und reorganisierte sich nach den ersten Überraschungsschlägen. In der Heimat besann sich indessen der Hof auf die Notwendigkeit, Feste zu feiern. War in der verflossenen Zeit die Abwicklung der vorgeschriebenen Zeremonien fast der einzige Inhalt höfischer Veranstaltung gewesen – jetzt verspürte man den Drang zu Zerstreuung und Ausgelassenheit, um so mehr, als in diesem Jahr gewisse ländliche Freiheiten wegfielen oder sich verzögerten: der König verließ Madrid vorläufig nicht. Der allmächtige Ministerpräsident selbst hatte die Vorbereitungen für ein historisches Kostümfest in die Hand genommen, dessen Höhepunkt ein pompöses Reiterspiel bildete: dreihundert Adelige produzierten sich im Hof des Königsschlosses in neuen, auf Staatskosten angeschafften Offiziersuniformen aus der Zeit Felipes des Zweiten, die besten Pferde des königlichen Marstalls standen dafür zur Verfügung, während niemand auf den Gedanken gekommen wäre, auch nur ein einziges davon für den Feldzug auszuheben. Die dreihundert huldigten dem Königspaar. Manuel Godoy saß mit den beiden auf dem Balkon und heimste so auch seinen Teil der Apotheose ein. Den Hofbeamten stand eine Flucht von Fenstern zur Verfügung, auch Francisco war unter den Zuschauern. Er überdachte die Skizze zu einer Radierung: Zwei blöde und verkommene Männer mit entleerten Schädeln, mit Ohren, die durch große Vorlegeschlösser verschlossen sind, mit schlafenden Augen, Degen und Rosenkranz in den Händen, durch ihre mit riesigen Wappen bestickten Heroldsjacken als Adelige kenntlich – sie sperren den Mund auf und werden von einer zerlumpten Figur gefüttert, die um die Augen eine Binde und oberhalb der Binde Eselsohren trägt. Unter die Zeichnung wird er schreiben: Faultiere. Daß die dritte Gestalt das spanische Volk darstelle, wird er vielleicht unterlassen besonders zu bemerken. Das wäre etwas von der Vorsicht, zu der ihn die Freunde zu ermahnen pflegen – die wenigen Freunde, denen er seine bissigen Blätter zugänglich macht: Moratin, Bermúdez, Maiquez, Esteve. Im allgemeinen lacht er ja nur, sagt, die Sache komme vorläufig nicht an die Öffentlichkeit, und sammelt Platten und Abzüge in einer verschlossenen Lade ... Das Volk von Madrid aber drängte sich an den Gittertoren des Schloßhofs, um ein paar Augen voll von dem Schauspiel des Adels zu erhaschen, sie waren so töricht, zu glauben, das sei ein kostenloses Vergnügen. Kehrten sie in ihre Häuser und in die Gassen zurück, so fühlten sie wieder ihre leeren Taschen, in denen höchstens etwas Papiergeld knisterte. Gold und Silber schwanden aus dem Verkehr, und mit den Papierfetzen kam es so, wie die mißtrauischen Bürger es vorausgeahnt hatten: sie sanken von Woche zu Woche im Wert. Dafür stiegen die Preise selbst der allernötigsten Waren. Für diese am eigenen Leib verspürten Übel und für die schlechten Zustände auf dem Kriegsschauplatz – die von der Front abgeschobenen Kranken und Krüppel sagten durch ihr bloßes Aussehen genug, auch wenn sie aus Angst vor der Polizei schwiegen – für dies alles schob der Handwerker, Gemüsekrämer, Wasserträger, Bauarbeiter, Wollscherer, Kutscher, aber auch der kleine Beamte oder Kaufmann die Schuld einem einzelnen zu: Manuel Godoy. Den König und Maria Luisa nahmen sie als gottgewollte Obrigkeit hin und die Bekriegung der französischen Revolution als einen gottgefälligen Kreuzzug. Aber den Ministerpräsidenten schimpften die in den Kneipen – trotz allem Verbot politischer Gespräche – nicht nur einen Dummkopf und Schmarotzer, sondern auch einen Verbrecher, der das für den Krieg gesammelte, von hoch und gering aufgebrachte Geld in die eigene Tasche fließen lasse. Seine Exzellenz und Herzogliche Gnaden wußte von dieser Feindschaft des Volkes und rühmte sich ihrer im vertrauten und nichtvertrauten Kreise. Aber er fuhr niemals ohne scharfe Bedeckung aus. Der Staat verschlang Geld, und die Kirche verschlang Geld. Noch immer ernährte das Land siebzigtausend Weltgeistliche und sechzigtausend Klosterbrüder und -schwestern. Noch immer zeigten sich Mönche vor den Türen der Weinschenken und Fleischerläden, die sie zum Vorteil ihrer Klöster unterhielten. Noch immer zogen Bettelmönche durch die Gassen und boten den Frauen Reliquien und Kruzifixe gegen Bezahlung zum Kuß. Nur die Jünger des heiligen Franziskus, die der Reinheit ihres großen Meisters uneingedenk Ordensgewänder als Sterbekleider verhandelten, wurden seltener gesehen, da wenige Bürger mehr die dafür geforderten Dukaten besaßen. Allen schwarzen und braunen Kutten machte das Volk auf der Straße Platz, und die Kinder küßten ihren Saum oder auch die Hand ihrer Träger. Aber die Offiziere kämpften jetzt mit ihnen um den ersten Platz, nicht wenige nahmen ihren Beruf von der falschen Seite und traten anmaßend und herrisch auf. Auch ihnen widmete Francisco ein geheimes Blatt, indem er eine Jammergestalt in Generalsuniform zeichnete, die über Krüppel und Schwächlinge kommandiert, und auf seinem Entwurf vermerkte: Generalsstreifen und Kommandostab lassen in diesem Dummkopf die Einbildung erstehen, er sei ein Wesen höherer Ordnung, er mißbraucht das ihm anvertraute Befehlshaberamt dazu, hochmütig, eitel und unverschämt gegen seine Untergebenen, niederträchtig und gemein gegen alle die zu sein, die mehr können als er selbst. Nach oben katzbuckelt er.   Cayetana unternahm auf jene Mitteilung Franciscos nichts. Ihr Stolz lehnte es ab, den König um eine Gnade zu bitten, die in Wahrheit von Maria Luisa ausgehen würde. Und an stillschweigender Rückkehr würde sie nur Vergnügen gefunden haben, wenn sie damit einen Skandal riskiert hätte, aber so, im Bewußtsein, in Madrid gewünscht zu werden, wartete sie hartnäckig darauf, daß man sie noch deutlicher rufe als durch eine beiläufige Bemerkung. Und sie gewann das Spiel: nach wenigen Monaten traf ein königliches Dekret bei ihr ein, das die Verbannung aufhob, ihr allerdings gleichzeitig eine Abgabe »zugunsten der in Frankreich kämpfenden Truppen« nahelegte. Das Wort Buße war nicht genannt, auch die Höhe der gewünschten Summe großzügig verschwiegen. Sie schickte an den Kriegsminister eine Bankanweisung über fünfhundert Dukaten, überzeugt, daß man fünftausend von ihr erwartet hatte, und fuhr nach Madrid. Dort tauchte sie auf, ohne irgend jemand benachrichtigt zu haben. Ein früher von ihr abgewiesener Stutzer bestach einen Bedienten, und so erzählte sich nach achtundvierzig Stunden der ganze Hof, sie sei bis Toledo von dem Stierkämpfer Romero begleitet worden. Natürlich schrie das irgendein Marqués auch Francisco ins Ohr. Der schärfte Agustin noch besonders ein, der Herzogin sein Versteck keinesfalls zu verraten, und radierte in der Dachstube drei hexenähnlich durch die Luft fliegende Toreros, auf deren Häuptern eine Modepuppe tanzte. Dieser Tänzerin gab er viel Ähnlichkeit mit Cayetana. Es war zu früh für solch leichtgeschürzte Ironie. Als das Blatt vor ihm lag, brach die Leidenschaft des Schmerzes von neuem hervor. Bizarre, unheimliche Gestalten überfielen ihn traumartig und ließen ihn nicht frei, bis er sie in die Platte gegraben hatte. Eine schöne, leichtgekleidete Frau lag auf einer Bodenerhöhung wie auf einem Diwan hingestreckt, ihr Kopf war aus zwei einander gleichen Gesichtern zusammengesetzt, deren eines nach rechts, das andere nach links blickte, aus diesem Kopf wuchsen zwei Schmetterlingsflügel. Den einen ihrer nackten Arme umklammerte, ihn fest an sich pressend, schmerzlichen Antlitzes ein Mann. Nach der freien Hand griff eine zweite, häßliche, doppelgesichtige Frau. Weiter rückwärts war im Halbdunkel ein gemeines Weib sichtbar, das sich mit dem Finger den Mund verschloß, im Vordergrund aber ein schauerlicher Dämon, eigentlich nur leere Maske eines Kopfes: grinsend schaute er einer Schlange zu, die einen kleinen, halb einer Kröte gleichenden Vogel mit dem Blick lähmte. Im Hintergrund schwarze Nacht über einer toten Burg. Erst als die Arbeit beendet war und der erste Abzug auf dem Tisch lag, bedachte Francisco klar die Bedeutung der Figuren: die schöne Frau ist die Unbeständigkeit, die häßliche, die nach ihr greift, die Lüge, das andere – Traum und Grauen. Das wie in einem Spiegel sich wiederholende Gesicht der unbeständigen Frau war scharf und deutlich das Cayetanas. Dem Mann aber, der sie so verzweifelt festzuhalten versuchte, hatte er seine eigenen Züge gegeben. Zweiter Teil. Dämonen 1 »Habe ich wirklich ein so amouröses Gesicht?« fragte die junge Schauspielerin Rita Molinos vor ihrem soeben vollendeten Porträt. »Sie sind sehr hübsch, hübscher noch, als ich Sie malen kann«, gab ihr Francisco zur Antwort, »und Ihnen die Züge einer Asketin zu verleihen, hieße die Wirklichkeit verfälschen. Ich hoffe, Sie kommen nicht vor Ihrem eigenen Ebenbild ins Moralisieren.« Er wußte sehr gut, daß er noch selten einem Frauenporträt einen so sinnlichen Ausdruck gegeben hatte. Sie legte ihm den Arm um die Schulter. Es war zufrieden und auch ein wenig stolz, daß er noch genug Anziehungskraft besaß, ein so junges und schönes Mädchen zu gewinnen. Sie kann hundert andere haben, dachte er, und wird mich wählen – hat mich schon gewählt. »Jetzt, da wir fertig sind, dürfen Sie die furchtbaren Bilder wieder aufdecken«, lachte sie. Sie hatte sich ausbedungen, daß während der Sitzung zwei auf Staffeleien aufgestellte Bilder, Franciscos letzte Arbeiten, verhängt wurden, weil sie nicht ertrage, sie so lange Zeit vor Augen zu haben. Nun nahm er die Tücher ab und schob mit vergnüglichem Grinsen Ritas Porträt zwischen die beiden Bilder. Sie kleidete ihren Protest in einen reizenden Schrei. Das linke Bild stellte eine Sitzung des Inquisitionstribunals dar: vier Angeklagten wurde das Urteil verlesen, die mit Flammen bemalten spitzen Papiermützen, die man ihnen auf den Kopf gestülpt hat, verkünden den Scheiterhaufen, noch ehe das Wort gefallen ist. Das rechte ein Pestspital, einen Keller vielmehr, in den die Kranken von ihren nur auf die eigene Rettung bedachten Mitbürgern geworfen worden sind, notdürftig verbunden liegen sie nicht in Betten, sondern auf dem mit ein wenig Stroh bedeckten Boden – Leidende, Sterbende, Tote, in das stinkende Grauen fällt durch ein Fenster Sonnenlicht wie die Vision einer besseren Welt. Der Ketzer, dem das Urteil verkündet wird Radierung. Aus den Caprichos Das Inquisitionsbild war aus der Erinnerung an eine in jungen Jahren in Zaragoza erlebte Szene entstanden. Zwar waren Ketzerverbrennungen inzwischen immer seltener geworden, aber die Inquisition bestand weiter, nährte mit dem Geld des Volkes eine Schar geistlicher Richter, die sich noch immer in Privatangelegenheiten mischten und unsichtbar, aus dunklen Hintergründen heraus jedes freie Wort mit der Folter und grausamen Kerkerstrafen bedrohten. Mit wahrem Wohlbehagen ließ Francisco die ölige Selbstsicherheit der vermeintlichen Diener Gottes von der dumpfen Verzweiflung der Verurteilten abstechen. Die Schrecken der Pest hatte er niemals geschaut. Die Gedanken zu dem Bild waren ihm während der Streifzüge aufgestiegen, die er mitunter in Begleitung eines merkwürdigen Menschen unternahm: jenes vom Volk Todeskämpfer genannten Mönches, den er einst bei Don Carlos' Krönungsfeier im Stierzirkus zum erstenmal zu Gesicht bekommen hatte. Pater Bavi kannte viele Menschen, hatte überallhin seine Beziehungen, das Volk sah in ihm seinesgleichen und verehrte ihn doch als einen Höherstehenden. Als Heiligen freilich nicht – dafür war seine Lebensführung mit allzu vielen Schlacken behaftet. Die Oberen, denen die Tatsache seines Einflusses wichtig genug war, drückten ein Auge zu oder fanden sich vielmehr damit ab, daß er sich ihren Blicken weitgehend entzog. Seine Tätigkeit war – er gab es wenigstens so an – derart ausgedehnt, daß er oft tagelang nicht in sein Basilianerkloster zurückkehrte. Francisco machte die Bekanntschaft dieses Mannes bald nach seiner Rückkehr aus Andalusien und nützte sie aus, indem er sich von ihm in mancherlei dunkle Winkel von Madrid führen ließ, die er nicht oder nicht mehr kannte. Der Pater verschmähte es dabei niemals, sich in Schenken freihalten zu lassen, und erzählte beim Wein von seinen recht weltlichen Methoden, den Menschen das Sterben leicht zu machen. Eines Tages legte er das Bekenntnis ab, er habe sich zum Dienst bei den Sterbenden gedrängt, um aus ihrem Anblick das Geheimnis des Todes zu ergründen, und gab unheimliche Beispiele der Ergebnisse seiner Studien, sie beschäftigten Francisco, der immer fanatischer darauf brannte, der Wirklichkeit des Erdendaseins aus unmittelbarer Nähe ins Gesicht zu sehen. »Nehmen Sie mich weg – ich passe nicht dahin«, rief Rita nun doch und warf sich, während Francisco ihr Bild beiseite stellte, malerisch auf einen Diwan. Auf dem Tisch daneben stand ein Strauß üppiger Rosen, den entblätterte sie mit zwei, drei Griffen und schüttete den vollen Segen über die beiden Bilder aus. »Sie hätten nichts Bezeichnenderes tun können.« Während er das sagte, klopfte es an der Tür. »Der Pater!« Der Eintretende sprach eine Segensformel und fügte, dem schönen Mädchen einen bewundernden Blick zuwerfend, bei: »Ich habe Glück.« »Wir auch, Hochwürden«, bemerkte Rita, »daß Sie nicht dienstlich kommen.« Sein hageres Gesicht schaute sie eindringlich an aus jenen Augen, mit denen sich Francisco immer wieder auseinandersetzte: sie waren groß, sehr dunkel, und schienen ihm ebensooft Überlegenheit, Wissen, Ruhe oder wenigstens den Wunsch, für ruhig gehalten zu werden, wie Fanatismus oder flackernde Begehrlichkeit zu spiegeln, mitunter sogar den Kampf dieser entgegengesetzten Zustände und Empfindungen. »Ich sehe es den gesündesten Menschen an«, sagte der Mönch mit einer etwas unbehaglichen Langsamkeit, »wenn ihnen ein baldiger Tod bestimmt ist. Falls ich nicht irre, haben Sie noch Frist, Señorita.« Ihre Augen glänzten lebenshungrig. »Wirklich? Sind Sie sicher, Hochwürden?« »Ich sagte Ihnen ja: wenn ich nicht irre.« Sie machte ein enttäuschtes Gesicht und wußte nichts zu erwidern. »Eigentlich«, wandte sich Bavi an Francisco, »wollte ich Ihnen für den Abend einen Vorschlag machen. Es besteht einige Hoffnung, daß ich Ihnen etwas Interessantes zeigen kann. Aber das hat noch Zeit. Zunächst hoffe ich, Sie zeigen mir etwas.« Francisco holte aus einer verschlossenen Lade einige Radierungen und stellte sie nacheinander auf. Zuerst zwei Blätter mit Kobolden. Die einen, mit mehr komischen als greulichen Köpfen und großen, raffgierigen Händen, waren mit Essen und Trinken beschäftigt, ihre Mönchskutten konnten sehr wohl den Schluß zulassen, es handle sich um eine Anspielung auf klösterliche Habgier. »Sehr nette, gute kleine Leutchen«, bemerkte er, und es war nicht ganz klar, ob er es ernst meinte. Die zweite Gruppe fuhr, offenbar von einem Morgenstrahl getroffen, gähnend, blinzelnd und zugleich entsetzt auf. Jetzt ist es Zeit! stand darunter. »Niemand hat noch herausbringen können«, sagte er, »wo sie sich tagsüber aufhalten. Wem es gelänge, ein Nest von Kobolden auszuheben und sie in einem Käfig morgens um zehn Uhr auf dem Marktplatz zu zeigen, der brauchte kein Majorat mehr zu erben.« Rita lachte, der Mönch sah ihn forschend an. »Wie kommen Sie auf dergleichen?« fragte er mit bohrenden Augen. »Das sind gute Freunde von mir. Einer von dieser Gesellschaft wohnt sogar in einem Zimmer, in dem ich manchmal arbeite. Er hockt auf meiner Druckpresse und lacht mich an. Ihn hab ich aber noch nie gezeichnet, ich fürchte, er würde mir's übelnehmen.« Der dritte Mai 1808; Erschießung von Madrider Bürgern durch die Franzosen Gemälde. Madrid, Prado Der Blick bohrte noch mehr. Dann sagte der Pater, wieder in jener etwas unbehaglichen Langsamkeit, ihm scheine, Francisco sehe mehr als er selbst. Ein drittes Blatt stellte einen mit langem Rock, Kniehosen und Schnallenschuhen bekleideten Mann dar, der an einem Tisch zusammensank, sich das Gesicht mit den Händen bedeckend. Ein Gewimmel von Fledermäusen und Eulen umdrängte ihn, mißgebildete, in den Köpfen halb vermenschlichte Wesen. Der Tisch, auf dem das Handwerkzeug des Radierers zu erkennen war, trug die Inschrift: Der Traum der Vernunft bringt Ungeheuer hervor. »Was bedeutet das?« fragte Bavi. »Phantasie ohne die Brille der Vernunft schaut solche Geschöpfe. Es sind nicht gerade Wunder der Kunst, aber ...« Er beendete den Satz nicht. »Wer ist dieser Mann?« forschte Bavi weiter. »Das sehen Sie nicht?« grinste Francisco, »das sind Gliedmaßen, Kleider und Haare eines gewissen Kammermalers Seiner Majestät.« »Wenn Sie nicht so berühmt wären«, ließ sich die schöne Schauspielerin vernehmen, »würde ich wirklich sagen, das sei alles dummes Zeug.« Es ist doch meine Berühmtheit, von der sie angezogen wird, dachte er, – aber schließlich brauchen mich die Gründe nicht zu kümmern. Er lächelte ihr vertraut zu. »Wohnt eines von diesen Tieren gleichfalls in Ihrem Zimmer?« Auf diese Frage des Mönchs preßte Francisco den Mund zusammen, schloß halb die Lider und zuckte die Achseln. Es fehlte in diesem Augenblick wenig, daß er selbst einem jener Fledermausdämonen geglichen hätte. »Ich will Ihnen ein ernsthaftes Anerbieten machen, Señor de Goya: Wir haben in unserem Kloster einen ausgezeichneten Teufelsbeschwörer. Den will ich Ihnen schicken. Er versteht Dämonen nicht nur aus Zimmern und Häusern zu vertreiben, sondern auch aus Menschen.« Francisco erhob abwehrend die Hand. »Um Himmels willen, Pater – ich dulde nicht, daß sich jemand eindrängt. Es könnte sein, daß Ihr Konfrater allzu gründlich die Luft reinigt und ich nachher ins Leere schaue.« Bavi schüttelte den Kopf. »Wie Sie wollen«, sagte er dann, »vielleicht rufen Sie uns eines Tages doch.« Rita fühlte sich von dem Gespräch bedrückt und schaute immer wieder von dem seltsamen Selbstporträt auf Francisco und von Francisco auf den Mönch. Um einen Rückhalt zu finden, ließ sie sich jetzt von der Anwesenheit des geistlichen Gewandes in kirchliche Gedankenkreise ziehen. »Ich werde einige Rosenkränze für Sie beten«, sagte sie mit kindlich-ernster Stimme, »und dann – ist es nicht San Roque, den man in solchen Nöten anruft?« »Versuchen Sie es, Señorita, versuchen Sie es ruhig«, antwortete Bavi in väterlichem Ton und streichelte ihre rechte Hand. Sehr zweifelhaft, ob er daran glaubt, überlegte Francisco und strich Rita übers Haar. Schade, daß man so selten von zwei Männern zugleich Liebkosungen empfängt, dachte sie. Drei Stunden später streiften Francisco und Bavi durch ein verrufenes Viertel. Hier befand sich der größte Teil jener Einrichtungen, die die Stelle der von der Regierung verbotenen Bordelle einnahmen: kleine Varietés mit käuflichen Tänzerinnen sowie Rendezvoushäusern, die ihre Zimmer stundenweise vermieteten und hinter dem Rücken der Polizei auf Wunsch für Mädchen sorgten. In der Nähe eines dieser Treffhäuser machte der Mönch halt. »Es ist keines der vornehmsten«, sagte er. Zu beiden Seiten der Türen befanden sich Laternen. Bavi zog seinen Begleiter in einen von undurchdringlichem Schatten verschleierten Winkel. »Wenn wir keinen Erfolg haben sollten, so wissen Sie jetzt den Platz und können es ein anderes Mal ohne mich versuchen.« Ein Paar kam aus dem Haus und verabschiedete sich an der Tür. Zwei Mädchen, billig und herausfordernd gekleidet, traten ein. Etwas später ein eleganter junger Mann und dann noch einer, beide eilig, man sah ihnen an, sie hätten sich, würde es die Jahreszeit nicht verboten haben, gerne in Mäntel mit hochgeschlagenen Kragen gehüllt. »Sie sind pünktlich«, stellte Francisco fest. Bavi legte den Finger auf den Mund. Vor einem benachbarten Haus gab es Streit. Es ging offenbar um die Bezahlung. Eine beschwichtigende Stimme mischte sich ein. Ein alter Herr näherte sich den beiden Laternen mit etwas schleifenden Schritten. Die Tür war aus irgendeinem Grund verschlossen worden, er mußte klopfen. Gleich nach seinem Eintritt kam eine Dienerin heraus und verschwand in der Nacht. Sie sahen sie gerade noch mit einem üppigen Weib zurückkommen, als ihre Aufmerksamkeit durch eine andere Gruppe in Anspruch genommen wurde. Es schienen zwei Zofen zu sein, die sich mit zwei nicht mehr jungen Männern, etwa aus der Schicht der Handwerker, zusammengefunden hatten. Francisco fühlte seinen Arm von der Hand des Mönchs gepreßt und schoß angestrengt scharfe Blicke in den Umkreis der Lichter. Die vier kamen näher. Die Frauen waren sehr geschminkt. Er glaubte zu erkennen, zweifelte und wurde sicher. Wurde sicher, daß die eine davon die Königin war.   Barbaros! Radierung. Aus den Desastres de la Guerra Ein andermal, an einem Morgen, fuhren die beiden in Franciscos Wagen – um kein Aufsehen zu erregen – nur in die Nähe ihres Zieles. In den Straßen wurden eben die Girlanden abgenommen, unter denen Manuel Godoy in Madrid eingezogen war. Er hatte in Basel von den französischen Revolutionären einen für Spanien nicht ungünstigen Frieden erhalten – nicht durch Geschicklichkeit im Verhandeln, sondern weil die Sieger von vornherein zur größten Mäßigkeit entschlossen waren. Der König aber ehrte ihn durch neue Titel, die des Principe de la Paz, des Friedensfürsten, und des Fürsten von Basano, verlieh ihm die Einkünfte einer weiteren großen Staatsdomäne sowie das Recht, sich bei Feierlichkeiten einen Herold voranschreiten zu lassen, und befahl einen festlichen Empfang, in den sich freilich drohende und höhnische Rufe des Volkes mischten ... Francisco wurde als Begleiter des Todeskämpfers ohne weiteres in das ärmliche Gebäude eingelassen, in dem eine ziemliche Anzahl von Geisteskranken männlichen Geschlechts eingeschlossen und aus dem Ertrag einer milden Stiftung gepflegt wurde. In der Nähe des Hauses waren Schreie zu vernehmen gewesen, im Innern verstärkten sie sich und brachen nun aus einem ununterbrochenen dumpfen Stimmengewirr hervor. Die Beklemmung, die Francisco unter dem Eindruck dieser Laute fühlte, wäre noch schlimmer gewesen, wenn ihn nicht selbst jetzt die Genugtuung, daß er sie überhaupt höre, erleichtert hätte. Die Gänge rochen nach Menschendunst. Bavi, der sich auskannte, führte ihn in einen großen Keller, den ein Aufseher öffnete. Wieder solch ein heilloses Verließ! – war der erste Gedanke beim Eintreten – die Kranken, die Gefangenen, die Irren, alle sperrt man in unterirdische Gewölbe, um vor ihnen sicher zu sein ... Sie blieben in der Nähe der Tür stehen. Mindestens vierzig Männer befanden sich in dem vollkommen kahlen Raum. Einige lagen oder kauerten auf dem Boden, andere drückten sich in dunkle Ecken, eine Anzahl ging aufgeregt umher. Nicht einer war normal gekleidet, niemand schien die Kranken daran zu hindern, sich ein ihren Wahnideen entsprechendes Kostüm zurechtzumachen, das freilich bei den meisten nur aus wenigen Fetzen bestand, mehrere waren nackt. Nur wenige schwiegen. Francisco unterschied bald einige der seltsamsten, erschütterndsten Gestalten und beobachtete sie. Bavi gab ihm Erklärungen. Beide Besucher blieben vorläufig unbemerkt. Ein am Boden Sitzender, mit einem Lendenschurz bekleidet, trug um den Hals ein Band, von dem eine Spielkarte auf die muskulöse Brust niederhing, und auf dem Kopf ein aus Draht gebogenes Gestell, das einer Mitra glich. Er verdrehte gräßlich die Augen, hob segnend die Rechte und sprach dazu die Trümmer religiöser Formeln. Sein Nachbar, der gleichfalls am Boden sitzend an einem Pfeiler lehnte, trug ein paar Karten wohl desselben Spiels als Krone um sein dichtes schwarzes Haupthaar gebunden, ein Stück Holz diente ihm als Szepter. Er gab bleichen, elenden Gesichts singende Rufe von sich, aus denen sich ergab, daß er sich für Spaniens König hielt. Um die beiden und dann wieder um andere Gruppen bewegte sich mit stampfenden Schritten und Fechtgebärden ein nackter Jüngling, der sich einen alten Offiziersdreispitz über den Kopf gestülpt hatte, und erzählte mit brüllender Stimme kriegerische Heldentaten, auf die niemand hörte. Es hatte den Anschein, als gebe er sich diesen Kraftübungen schon stundenlang hin, es ging immer weiter, ohne daß er erlahmte. Ein anderer mühte und mühte sich, an seinem Kopf ein paar Kuhhörner zu befestigen. Neben ihm stöhnte und schluchzte eine Gruppe Betender, sie knieten, warfen sich zur Erde, schlugen sich die Brust. Es war das grauenhafte Zerrbild eines Ringens um die Nähe Gottes. Wie tief und wild ist die Sehnsucht dieser Menschen, die Schranken des Erdendaseins zu durchbrechen, ging es Francisco durch den Sinn. Ihr Kampf ist leer, irr, aussichtslos, sie steigern sich nur immer abgründiger in Krankheit und Verzweiflung hinein. Wären sie gesund – niemals könnten sie so viel Kraft und Inbrunst aufbringen. Das ist die auf die Spitze getriebene Tragik des Menschenschicksals. Dies alles, was hier geschieht, offenbart dem, der Augen hat, der Schicksale nacktes Gerippe. Ist denn, wer in der Welt draußen, in der von ihrer Gesundheit überzeugten Welt, als König gilt, wirklich mehr König als dieser arme Teufel, der nur sich selbst dafür hält? Der gesalbte Bischof mehr Bischof? Der goldbetreßte General mehr General? Jetzt bemerkte einer der Betenden den Mönch, ging auf ihn zu und rief: »Hilf uns Christus anrufen, ehrwürdiger Vater!« Bavi zeichnete das Kreuz in die Luft wie in beschwörender Abwehr, während der Aufseher den Kranken beiseite schob, der nun eine hohle und blecherne Lache aufschlug. Francisco sah den Mönch fragend an. »Es ist nicht Christus, den sie anrufen«, kam die Antwort. »Gott hat ihnen die Fähigkeit genommen, etwas von ihm zu wissen. In Wahrheit ist es der Teufel, zu dem sie beten.« Francisco konnte seinen Zweifel nicht unterdrücken. »Stellen Sie sich vor, ein Priester würde wirklich in Gemeinschaft von Narren religiöse Handlungen vornehmen! Er würde die heilige Religion und sich selbst beschmutzen.« »Trotzdem erscheint mir die Verweigerung geistlicher Hilfe an Menschen, die sie verlangen, hart – besonders hart im Mund des Todeskämpfers.« »In manchen Fällen ist es möglich, ihnen in der Sterbestunde beizustehen. Auch kann man für sie beten. Wenn Ihnen so viel an dieser Hilfe gelegen ist, können auch Sie für diese Kranken bitten.« Ich habe ihn gereizt, dachte Francisco. Noch nie hat er so mit mir geredet. Und es kam nochmals, verstärkt: »Es wäre ein schöner Erfolg unserer Zusammenkünfte, wenn Sie sich zu solch einem Gebet entschließen würden.« Francisco konnte sich mit diesem erstaunlich salbungsvollen Satz nicht mehr beschäftigen, denn unversehens drängte sich wieder ein Kranker an ihn und Bavi heran. Es war ein stattlicher Mann, dessen halbwegs gepflegter wallender weißer Bart von der Unreinlichkeit und Zerschlissenheit seines übrigen Aufzugs seltsam abstach. Die Besonderheit seines Kostüms bestand in einem Federschmuck, den er sich nach Art indianischer Häuptlinge um die Stirn gebunden hatte. Er war von einer Schar Getreuer umgeben, denen er immer von neuem die Hand zum Kuß bot. »Ich bin Moses«, schrie er, »der die Zehn Gebote von Gott empfangen hat. Ich verlange, daß ihr mir huldigt, statt das Goldene Kalb anzubeten.« Der Aufseher erhob drohend den Stab. Der vermeintliche Moses wich zurück und rief zugleich gellend zur Buße auf. Seine Anhänger warfen sich flach auf den Boden und leckten mit der Zunge den Staub von den Steinplatten. Es war ein furchtbarer Anblick. Inzwischen aber hatte der abgewiesene Beter seine Genossen aufgewiegelt und forderte nun an ihrer Spitze den Mönch von neuem mit flammenden Augen auf, den Gebetsübungen vorzustehen. »Sie werden unruhig«, sagte Bavi und zog Francisco zur Tür hinaus, die der Aufseher sogleich schloß. »Bleiben sie auch bei Nacht hier unten?« fragte Francisco den Mann. »Nur ein Teil, Euer Gnaden, sie werden in mehrere Räume verteilt. Für die, die unten bleiben, wird am Abend Stroh aufgeschüttet. Einige, die nachts keine Ruhe geben, kommen in Einzelzellen. Wir haben auch tobsüchtige Narren, die werden Tag und Nacht in der Zelle gehalten. Sie sind gefährlich, und in Fesseln kommen nur die allerschlimmsten – man ist bei uns sehr mild. Aber besuchen kann man keinen von denen, sie haben viel Kraft, und die Gefesselten spucken. Ein Tier ist besser als sie.« Francisco gab ihm beim Gehen eine Münze. »Sie sehen bleich und niedergeschlagen aus«, sagte Bavi, während sie hinausgingen, »vielleicht war es doch zuviel für Ihre Konstitution. Bedenken Sie, daß solche Dinge um kein Haar besser oder schlimmer werden, ob Sie sich davon bewegen lassen oder nicht.« Francisco schwieg. Bavi machte, es war eine Stunde vor Mittag, den Vorschlag, ein Glas Manzanilla zu nehmen. Francisco war froh, daß er einen Grund zur Ablehnung hatte: Repräsentationspflicht in der Akademie. Der König, der anläßlich der Rückkehr Godoys einige Tage in Madrid war, hatte auf halb zwölf Uhr seinen Besuch angesagt. Der Todeskämpfer schlug sich in eine Gasse. Der königliche Kammermaler stieg in seinen Wagen, fuhr nach Haus, legte Hoftracht an, fuhr wieder ab. Da der Direktor der Akademie der Edlen Künste San Fernando, Don Francisco Bayeu y Subias, vor etlichen Wochen einem Gallenleiden erlegen und der Posten noch nicht wieder besetzt war, stand der Schwager des Verstorbenen, Don Francisco de Goya y Lucientes, in seiner Eigenschaft als stellvertretender Direktor an der Spitze der Kommission, die den König am Wagenschlag zu empfangen hatte. Ein Zweck des königlichen Besuchs war nicht angegeben worden, man vermutete, daß Don Carlos, der das Haus noch niemals betreten hatte, die Gemäldegalerie zu betrachten oder wenigstens zu durchwandern beabsichtigte, um so mehr, als sich darin auch einige Porträts aus der Reihe seiner Ahnen befanden. Ein Kammerherr, mit anderen seidenen und vergoldeten Würdenträgern von einer Hofkutsche wie von einem Füllhorn ausgeschüttet, traf, die Richtigkeit jener Vermutung bestätigend, eilige Anordnungen. Und schon entstieg auch der König, ein wenig schwerfällig, einer achtspännigen Galakalesche. Seine großen Ordenssterne reflektierten das Sonnenlicht wie Spiegelglas und blendeten die ihn unterwürfig Empfangenden – ein unerwartetes Hindernis, das freilich Anlaß war, sich noch tiefer zu verbeugen. Alles ging so ziemlich, wie es vorauszusehen war. Der stellvertretende Direktor führte den erlauchten Gast, Mariano Maella, jener Kammermaler mit dem Kindergesicht, und der alte Manuel Alvarez folgten mit den Höflingen in gemessenem Abstand, die übrigen Mitglieder der Akademie blieben im großen Sitzungssaal versammelt, den der König vorläufig nur kurz durchschritten hatte. Don Carlos interessierte sich, das erkannte Francisco schnell, nur für die Bilder großen Flächeninhalts, außerdem für die Porträts seiner verblichenen Vorgänger und Verwandten ohne Rücksicht auf das Format. Vor diesen gab er mehrmals selbst in gnädigster Stimmung kurze Erläuterungen über ihre hauptsächlichsten Kriege, stets mit genauer Jahreszahl, und fügte – dies nun zur Überraschung der Umstehenden – zweimal die Worte bei: »Sie haben zuviel Krieg geführt, ich bin froh, daß wir jetzt zum Frieden gekommen sind.« Dann geschah die zweite Überraschung. Als Don Carlos in den großen Sitzungssaal zurückgekehrt war, hielt er angesichts des Häufleins von Malern, Bildhauern, Architekten die Schritte an. Ein Höfling überreichte ihm kniend eine Mappe aus rotem Leder. Der König klappte sie auf und verlas daraus, Francisco zugewandt, diese Ansprache, rücksichtsvollerweise wieder mit dröhnender Stimme: »Meine Herren! Ich überreiche der Königlichen Akademie der Edlen Künste, die sich nach unserem großen, heiligen Vorgänger San Fernando nennt, einige Zeichnungen zum Geschenk. Sie sind Erzeugnisse meiner Muße und mögen hinter den in diesem Hause aufbewahrten berühmten Meisterwerken nicht unbeträchtlich zurückstehen, aber sie bedeuten einen Tribut, mit dem ich die edlen Künste ehren will. Sie sollen allen denen, die mich schätzen, als Ansporn dienen und Sie, meine Herren, zu vollendeteren Werken anregen.« Während er diese Mappe einem Knienden zurückgab, nahm er eine andere, größere in Empfang und legte sie Francisco in die Hände, der die Knie wenigstens zu beugen verpflichtet war. Er mußte den tiefgefühlten und ehrerbietigen Dank aus dem Stegreif darbringen, aber er kannte die höfischen Formeln. Die Akademie, sagte er, werde es als eine hohe Aufgabe betrachten, dieses Kleinod zu hüten, um so mehr, als alle Kenner wissen, mit welch großem Erfolg Seine Majestät die Zeichenkunst als Liebhaber ausübe. Dabei wußte er selbst nur aus einer Äußerung Maellas, daß sich Don Carlos neuerdings gelegentlich die abendliche Langeweile mit Papier und Stift vertreibe. Sein Amt führte ihn nochmals an den königlichen Wagenschlag. Als er in den Saal zurückkehrte, fand er die festlich gekleideten Mitglieder der Akademie schon damit beschäftigt, sich gegenseitig die Blätter aus der Hand zu reißen. Einige konnten ihre spöttische Miene nicht im Zaum halten, aber zu sprechen wagte keiner, weil sie einander doch nicht ganz trauten. Die Zeichnungen stellten Hasen, Hirsche und andere jagdbare Tiere in steifen und unnatürlichen Stellungen dar. Francisco erinnerte sich eines Jagdwerks, mit dessen Illustrationen sie deutliche Verwandtschaft aufwiesen. Wenn ich konsequent sein wollte, lachte er in sich hinein, müßte ich auch hier feststellen, daß der, der sich irrtümlich für einen guten Zeichner hält, es um gar nicht soviel weniger ist als einer, den die Welt dafür anerkannt. Als zum Beispiel ich... 2 Der französische Gesandte in Madrid, ein Mann von großer Eitelkeit, Bürger Guillemardet, ließ sich anläßlich des Abschlusses eines Bündnisses zwischen der von ihm vertretenen Republik und dem spanischen König von Francisco gegen ein hohes Honorar porträtieren – in der Uniform der Diplomaten Ludwigs des Sechzehnten. Er traf damit, ohne es zu wissen, den Sinn jenes Vertrags. Nur weil ein flüchtiger Bourbonenprinz den Madrider Hof mit der zuverlässigen Nachricht versorgt hatte, die Wiedereinsetzung des alten Königshauses in Paris sei lediglich eine Frage der Zeit, fand sich Don Carlos der Vierte bereit, mit den revolutionären Machthabern – den vermeintlichen Platzhaltern seiner Vettern – sich zu verbünden. Die geheime Triebfeder war Godoy, der Friedensfürst, der auf neue Lorbeeren hoffte und nun als unmittelbare Folge seinen friedliebenden Herrn und das spanische Volk in den Krieg Frankreichs gegen England verwickelte. Die weiteren Folgen für das von Godoy regierte Land waren Niederlagen der Flotte, schwere Schädigungen des Seehandels, ungeheure Staatsschulden, Steigerung der Steuern, jämmerliche Papiergeldwirtschaft. Die Erbitterung des Volkes gegen Godoy wuchs. Zugleich sprach ihn der Klerus des Zusammengehens mit Gotteslästerern schuldig – denn in der französischen Republik waren Gott und die katholische Kirche abgeschafft – und machte allen Einfluß bei Hofe geltend, den Verhaßten zu stürzen. Der Erzieher des Prinzen von Asturien, Monsignor Escoiquiz, der noch immer das Ohr des Königs besaß, wurde Vertrauensmann der unzufriedenen Kirche. Der hagere Prälat mit dem energischen Kinn wußte genau, daß offenes Vorgehen zum sicheren Mißerfolg verurteilt war, und beschränkte sich auf vorsichtige Anspielungen; aber Carlos überhörte sie. »Seine Majestät versteht es ausgezeichnet«, berichtete Escoiquiz bei einer Zusammenkunft, die einer politischen Verschwörung recht ähnlich sah, »über unerwünschte Gesprächspunkte hinwegzugehen. Mitunter ist man versucht, zu glauben, es handle sich wirklich um ein Nichtverstehen. Wagt man aber eine Wiederholung, so kann es geschehen, daß eine heftige Rötung des Kopfes Seiner Majestät anzeigt, man dürfe keinesfalls weitergehen.« Und er überlegte andere Wege, auf denen zum Ziel zu kommen sei. Am aussichtsreichsten schien es ihm, die Königin zu gewinnen. Zwar war ihm bekannt, daß sie sich längst mit Godoy versöhnt hatte und sogar darauf verzichtete, sein Privatleben weiter zu überwachen. Dennoch hoffte er ihre Eifersucht durch ungebetene Nachrichten neu entfachen zu können. Material war genügend vorhanden. Der Ministerpräsident, Duque und Príncipe, stets darauf bedacht, die Freuden der Liebe in möglichst reichhaltiger Abwechslung zu genießen, brachte neuerdings ein einfaches und sicheres System in Anwendung, das ihn den Unannehmlichkeiten des Umgangs mit Frauen der niederen Stände völlig enthob. Er trat der Entstehung des Gerüchts nicht entgegen, daß jeder Beamte, der eine Beförderung oder Gehaltserhöhung erstrebe, am sichersten zum Ziel komme, wenn er solchen Wunsch durch seine junge Gattin oder, je nach den Umständen, durch eine hübsche Tochter dem Ministerpräsidenten persönlich vortragen lasse – vorausgesetzt freilich, daß die Damen bereit seien, sich ihrerseits etwaigen Wünschen des hohen Funktionärs nicht zu widersetzen. Für solche galanten Audienzen war eine regelmäßige Stunde festgesetzt. Escoiquiz brauchte die Entrüstung über Godoys verächtliche Art, seine Macht auszunützen, nicht zu heucheln. Um so leichter konnte er selbst die Rolle des Zuträgers übernehmen. Maria Luisa sah die Mittel, mit denen sie Manuel zu sich herangezogen und ihn sich erhalten hatte, in beneidenswerter Vervielfältigung nachgeahmt. Das Verfahren nötigte ihr beinahe Bewunderung ab. Aber sie kochte vor Wut über diese neuen Anzeichen dafür, wie wenig sie ihn mehr zu fesseln vermochte. Escoiquiz gegenüber stellte sie sich ungläubig. Vor Godoy verbarg sie ihre Kenntnis. Aber sie war entschlossen zuzustoßen – bei günstiger Gelegenheit. Und die schien ihr bald gekommen. Der Friedensfürst, der seit langem dem König vorwiegend allein Vortrag hielt – das heißt: die von den Einzelministerien ausgearbeiteten Berichte verlas –, hielt es eines Tages für nötig, seine Machtbefugnisse noch weiter auszudehnen und vor allem gewissen Beamten mit der Peitsche zu winken. Eine der ersten Behörden des Reichs war der Rat von Kastilien, die oberste Instanz in allen Rechts- und Verwaltungsstreitigkeiten. Es war Godoy hinterbracht worden, in einer Sitzung des Rats seien anläßlich einer Kürzung der Gehälter und der Entlassung von Hilfsbeamten tadelnde Worte über seine Politik gefallen. Darauf unterbreitete er dem König einen Erlaß, der alle Entscheidungen des Rats der Genehmigung des Ministerpräsidenten unterstellte. Das bedeutete einen unerhörten Eingriff in die Rechtspflege: die Wirksamkeit jedes Urteils höchster Instanz sollte von der Zustimmung eines Mannes abhängen, der gar nicht die Möglichkeit und sicherlich nicht einmal den Wunsch hatte, sich über den Prozeßstoff selbst zu unterrichten. Carlos war von einem scharfen Jagdritt ermüdet, als ihm Manuel in Gegenwart der Königin das Papier vorlegte, aber wider Erwarten fragte er, ob diese Bestimmung von besonderer Bedeutung sei. »Es ist eine reine Formsache«, erklärte Manuel, »die Herren sind in ihrer Selbständigkeit etwas zu übermütig geworden. Sie sollen sich kontrolliert fühlen.« »Ich habe bisher viel von ihnen gehalten.« Während Godoy irgendeine Nichtigkeit vorbrachte, überlegte Maria Luisa. Sie verstand genügend von Staatsgeschäften, um rasch und klar zu sehen: hier wird der Bogen überspannt, hier kann er brechen – und half die Sehne anziehen: »Wenn Manuel es als eine Formsache ansieht, kannst du ruhig unterschreiben.« »Ja – wenn wir dich nicht hätten, Manuel, wäre das Regieren ein schwieriges Geschäft«, sagte Carlos mit zufriedenem Lächeln. »Natürlich kann es keinesfalls schaden, daß du dich auch um den Rat von Kastilien kümmerst.« Und unterschrieb. Die Königin nahm sofort durch einen absolut verschwiegenen, hochbezahlten Mittelsmann, der seine Anweisungen von ihrem Privatsekretär empfing, die Verbindung mit einem einflußreichen Ratsmitglied auf. Es war nicht schwer, die Empörung der Beamten so sehr zu steigern, daß sie einen bei der Person des Königs selbst einzulegenden Protest ernsthaft ins Auge faßten. Jenes Mitglied des Rats wußte nun mit dem Gerücht aufzuwarten, Godoy sei bei der Königin in Ungnade gefallen. Und so sah man das Wagnis des Protestes für geringer an. Beschloß ihn. Faßte das Schreiben an den König sogleich ab, in dampfender Erregung. Als Carlos es las, schoß ihm das Blut in den Kopf. Eine solche Sprache hatte, seit er regierte, niemand gegen ihn geführt. Mehr noch: es stand für ihn fest, daß noch niemals ein Spanier so zu seinem König zu reden gewagt hatte. Die Verordnung war als schimpflich und unbegreiflich bezeichnet, Godoy als verächtlicher, nichtswürdiger Verführer, der längst in die fernsten Winkel der Erde hätte verbannt werden müssen, dem Reich aber wurde der Untergang, dem König der Verlust seines Thrones prophezeit, falls er nicht aus seiner tiefen Lethargie erwache und den gemeinen Verführer abschüttle. Er ließ sofort die Königin rufen. »Das sind Jakobiner«, schrie er der Eintretenden entgegen, »Frankreich macht Schule, ich werde den ganzen Rat von Kastilien hängen lassen.« Sie nahm ihm das Blatt aus der Hand, setzte sich und las. Er sah ihr über die Schulter. »Aus meiner tiefen Lethargie«, dröhnte er. »Lethargie, das bedeutet doch Schlaf ... Das ist eine Frechheit, eine Zügellosigkeit! Die Burschen werden zu fühlen bekommen, daß ich nicht schlafe. Meinen Thron wollen sie umstürzen! Rebellion in der Beamtenschaft! Hängen ist zuwenig. Ich werde eine Treibjagd veranstalten, bei der sie die Hasen sind!« Die Königin sagte langsam und ruhig: »Ich finde, du könntest zufrieden sein, daß du Beamte hast, die aufrecht genug sind, dir die Wahrheit zu sagen.« Carlos starrte sie fassungslos an. »Setz dich«, schlug sie vor. Er wuchtete gehorsam in einen Sessel. Sie legte ihr Gesicht in ernste Falten und fuhr in feierlichem Ton fort: »Das ist vielleicht die ernsteste Staatsangelegenheit, die wir bisher zu entscheiden hatten. Diese treuen Beamten warnen uns in höchster Gefahr. Wenn du das Schreiben genau durchsiehst, wirst du erkennen, daß sie weit entfernt sind, den Umsturz zu planen, sondern sich mit großem Mut dafür einsetzen, den Thron Spaniens vor dem Umsturz zu bewahren. Auf ein unbedachtes Wort kommt es dabei nicht an.« »Das begreif ich nicht.« Er schlug mit der flachen Hand auf den Tisch. »Bist du auch jakobinisch?« Sie sprach das Schreiben Satz für Satz mit ihm durch. Und als sie das Gefühl hatte, seine Gedanken in die gewünschte Bahn gelenkt zu haben, enthüllte sie ihr Ziel: »Sie weisen auf das einzige Mittel der Rettung hin: wir müssen Manuel fallenlassen. Das Volk wird neues Zutrauen zu uns gewinnen, das Unglück einer Revolution abgewandt werden.« Da nahm Carlos wieder seinen eigensinnigen Ausdruck an und hielt ihr vor, sie habe ihm selbst empfohlen, den Erlaß zu unterschreiben. »Weil uns Manuel falsch unterrichtet hat. Das ist das Schlimme, daß wir uns nicht mehr auf ihn verlassen können. Er empfiehlt Maßnahmen, die unserem Thron gefährlich sind, und stellt sie als Formalitäten hin. Vielleicht hofft er selbst, diesen Thron einzunehmen – ich würde ihm das durchaus zutrauen.« Carlos schüttelte langsam den Kopf. »Ich weiß, daß auf ihn Verlaß ist. Und er kann sich auch auf mich verlassen. Es wäre eine Gemeinheit, ihn abzuschütteln. Ich begehe keine Gemeinheit. Ich bin der König von Spanien. Manuels Schicksal, das meine« – jetzt erhob er die Stimme – »und das deine sind ineinander verflochten. Daran ist nichts mehr zu ändern, selbst wenn man wollte. Ich denke, du solltest das auch begreifen.« In diesem Augenblick hatte er wirklich etwas von einem König. Von einem einfachen, bäurischen vielleicht, aber doch von einem König. Auf Maria Luisa machte das keinen Eindruck. Sie verfiel in ihre eindringlichen, herrischen Töne, mit denen sie ihn schon so oft zur Nachgiebigkeit gebracht hatte. Aber es geschah nur dies: er erklärte sich bereit, die ehrlichen; wenn auch völlig verwirrten Absichten des Rats von Kastilien anzuerkennen und darum die Protestschrift als nicht geschrieben zu betrachten. »Um aber Manuel«, fuhr der König fort, »vor solchen Angriffen noch wirksamer als bisher zu bewahren, muß er einen neuen öffentlichen Beweis des Vertrauens erhalten. Ich will ihn in die Familie aufnehmen. Er soll Teresita heiraten. Das habe ich schon immer vorgehabt.« Teresita war die Nichte des Königs, die Tochter seines verstorbenen Bruders Luis Anton. Carlos betrachtete mit zusammengekniffenen Augen die Wirkung seines Vorschlags. Maria Luisa erhob sich mit mühsam bewahrter Fassung und erklärte, das komme etwas plötzlich, man müsse später wieder darüber sprechen.   Der Plan des Königs mißfiel Maria Luisa bei ruhiger Überlegung weit weniger als im ersten Augenblick. Ihre Eifersucht ebbte ab wie jedesmal: sie kam von Manuel nicht los, den sie, wäre ihr sein Sturz geglückt, sicher drei Wochen später wieder in alle Würden hätte einsetzen lassen. Gewisse geheime Pläne stiegen wieder auf, mit denen es ihr nun recht gut zusammenzustimmen schien, ihn dem königlichen Haus zu verschwägern. Vielleicht würde er sogar, durch diese höchst ehrenvolle Ehe gebunden, wenigstens für eine gewisse Zeit auf Seitensprünge verzichten. Sich mit der schüchternen Nichte in ihn zu teilen, schien ihr ein erträglicher Gedanke. So wurde das feine, zarte Mädchen, ohne auch nur ernsthaft gefragt zu werden, dem Fürsten des Friedens geopfert. Die mit Teilnahme des ganzen Hofes gefeierte Hochzeit war die Antwort des Königs an den Rat von Kastilien. Übrigens gehörte es in gewissen Kreisen des Adels neuerdings zum guten Ton, sich an dem steifen Gepränge der großen höfischen Veranstaltungen offen zu langweilen. Die von der Herzogin von Alba in ihrem Landschlößchen San Cristóbal – demselben, in dem einst ihr Zusammenstoß mit der Königin geschehen war – gegebenen Feste erfreuten sich weit größerer Beliebtheit. So sprach man auch während der Hochzeitsfeier über das nächste Fest der Herzogin, zu dem die Einladungen für einen nahe bevorstehenden Tag ergangen waren. Cayetana selbst gähnte und ließ sich immer wieder sagen, man werde sich in San Cristóbal erholen. In der Nacht vor dem Fest brannte das Schloß San Cristóbal ab. Die mit den Vorbereitungen beschäftigten Angestellten und Diener konnten sich nur mit Mühe retten, denn das Feuer war an zwei Stellen zugleich ausgebrochen. Das Madrider Volk, bei dem die Herzogin wegen ihrer Freigebigkeit und offenen Art sehr beliebt war, sprach von Brandstiftung und schrieb den Auftrag dafür der Königin zu. Cayetana tat alles, das Gerücht zu schüren.   Es war gerade um die Zeit jener Ereignisse, daß sich in Madrid eine anonyme Schrift ans Licht wagte, deren Verfasser sichtlich von den aus Frankreich herüberkommenden humanen und freiheitlichen Ideen beeinflußt war. Sie spottete und wetterte gegen die rückständigen Schulen und Universitäten, den Einfluß eines fanatischen und lasterhaften Klerus, die Unwissenheit des Adels, die Korruption der Beamten, die Langsamkeit der Gerichte, den Steuerdruck, die Soldatenschinderei der Generäle, die zahlreich genug seien, sämtliche Heere Europas zu kommandieren, und machte die Regierung für die Verarmung, Trägheit und Verdummung des niederen Volkes verantwortlich, Godoy wurde ein sittenloser und unfähiger Günstling genannt. Seltsamerweise wurde diese Druckschrift nicht verboten. Wenn Godoy von dem Bellen der Hunde überhaupt Notiz nahm, so war es nur, um sich daran zu weiden. Franciscos Radierungen, die ihre Pfeile gegen dieselben Ziele wandten, waren allmählich zu erheblicher Zahl angewachsen. Und nun hielt er die Stunde für gekommen, sie zum öffentlichen Verkauf zu stellen. Ganz nebenbei konnte auch die Einnahme nichts schaden: Javier wuchs heran, hatte begonnen Medizin zu studieren, und das wird mehr und mehr Geld kosten. Er befragte Bermúdez, den Kunstkritiker. Der erklärte ihn zunächst für toll, prophezeite ihm als mindeste Folge den Verlust seines Hofamts. Als ihm Francisco aber nachwies, daß aus den Unterschriften – den auf die Platte gravierten, nicht den ausführlicheren der Entwürfe – keine einzige aktuelle Anspielung abgelesen werden könne, begann ihm der Plan Vergnügen zu machen, und schließlich verbündeten sie sich. Eine kleine Anzahl von Radierungen wurde als allzu gewagt beiseite gelegt, die zweiundsiebzig gut befundenen bezeichnete ein friedlicher Titel als Caprichos, launige Einfälle. Jenes Blatt mit der doppelköpfigen Cayetana befand sich nicht unter den ausgewählten, niemand außer Francisco selbst kannte es. Er legte ein Exemplar in der größten Buchhandlung aus und lud gleichzeitig durch eine Zeitung zur Subskription ein – zu einem recht hohen Preis: für eine Unze Gold das Stück. Die Ankündigung verhieß allerhand ernste und heitere Darstellungen menschlicher Schwächen und Leidenschaften. Nach vierundzwanzig Stunden bildeten die Caprichos das Tagesgespräch der Madrider Gesellschaft. Man fand eine Fülle von politischer Satire darin – mehr noch, als Francisco im Sinn gehabt hatte. Jetzt griff Bermúdez ein. Er bereitete für die von ihm herausgegebene Kunstzeitschrift eine ausführliche Besprechung des Werkes vor, die auf die hohe künstlerische Bedeutung hinwies und dem Gegenständlichen harmlose Erklärungen gab, und verfaßte außerdem, zum Zweck unverzüglicher Einwirkung, ein Begleitwort. Francisco unterzeichnete es und ließ es in jener Buchhandlung zur Einsicht der Interessenten auslegen, es leugnete energisch jede Anspielung auf bestimmte Personen und Ereignisse und versicherte nochmals, nur die ganz allgemeine Kennzeichnung gewisser menschlicher Fehler und Irrtümer sei beabsichtigt. Die Nachrichten aus der Stadt lauteten, niemand schenke diesen Behauptungen Glauben, und da hielten es die beiden doch für geraten, die Subskription zu schließen; die bestellten siebenundzwanzig Abzüge des Gesamtwerks wurden hergestellt und abgeliefert. Eine ganze Anzahl kam in die Kreise der Hofgesellschaft. Godoy erkannte einige antiklerikale Spitzen, freute sich darüber und machte die Königin auf die Caprichos aufmerksam. Da sie dem Autor gewogen war, nahm sie die auch von ihr so ziemlich durchschauten Absichten keineswegs für staatsgefährlich, sondern meinte, ein so geistreicher Mann stehe dem Hof wohl an – auch sei es unzeitgemäß, den Empfang kleiner Nadelstiche anders als lächelnd zu quittieren. Um aber im Publikum den Verdacht zu zerstreuen, als könnte es sich wirklich um satirische Angriffe auf autoritative Persönlichkeiten und Einrichtungen handeln, müsse man dem Künstler eine öffentliche Auszeichnung zuteil werden lassen. Carlos, dem Kammermaler gleichfalls wohlgesinnt, fand die Darstellungen zwar im ganzen langweilig, hatte aber sein Vergnügen an den Eseln und ein paar anderen Einzelheiten und stimmte gerne dem Vorschlag einer Auszeichnung bei. So kam es, daß Francisco, ihm selbst noch unerwartet, zum Akademiedirektor ernannt wurde. 3 Der neue Akademiedirektor wurde mit einem königlichen Auftrag bedacht. Don Carlos hatte am Rande von Madrid, im Tal des Manzanares, in einer Gemarkung, die la Florida, die Blühende, hieß, an Stelle einer schadhaft gewordenen, dem heiligen Antonius geweihten Wallfahrtskapelle ein neues Kirchlein bauen lassen. Als es vollendet war, ließ er es von Francisco ausmalen. Trotz der Erinnerung an die öde Freskenarbeit in Zaragoza reizte den die Sache – freilich von einer Seite, die den Absichten des Auftraggebers durchaus fernlag. Francisco nahm sich vor, etwas sehr Kühnes zu machen, etwas Herausforderndes vielleicht. Man hat die Caprichos geschluckt – gut, man wird auch Kirchenfresken schlucken, die nicht erbauliche, sondern ganz anders geartete Gedanken hervorrufen. Die Kanoniker in Zaragoza haben die langweiligsten Heiligen als weltlich in Acht getan – die Hofprälaten von Madrid werden die weltlichsten Engel heilig finden müssen. Wie erfreulich ist doch die Möglichkeit, dieselbe Art von Herren, die man früher über sich hatte, jetzt gewissermaßen unter sich zu bekommen ... Er wußte genau, daß alle seine Einfälle verpuffen oder erlahmen würden, falls die Arbeit nicht in fliegender Eile vonstatten gehe. Darum bearbeitete er die größten Flächen mit Schwämmen statt mit Pinseln und stellte für alle nicht unmittelbar künstlerischen Handgriffe, gewisse Untermalungen und ähnliche Dinge, einen Gehilfen an – nicht Agustín Esteve übrigens, der mußte nach wie vor im Atelier die Besucher empfangen. Auch ließ sich Francisco jeden Morgen mit einer von der königlichen Marstallverwaltung zur Verfügung gestellten Hofkutsche hinaus in die Florida bringen und abends wieder abholen. So blieb er Tag für Tag und immer nur mit der Unterbrechung einer kurzen Mittagspause bei der durch die unbequeme Stellung, in der das meiste ausgeführt werden mußte, doppelt anstrengenden Tätigkeit. Selbst die Freunde, die sein Tempo kannten, staunten über die Schnelligkeit, mit der die Fresken entstanden. Nach genau drei Monaten waren sie beendet – nach drei heißen Sommer- und Herbstmonaten. Die Kuppel war ausgefüllt von einer auf einem Dorfkirchhof spielenden Szene: ein halbverwester Leichnam, vom heiligen Antonius gerufen, fing zu sprechen an. Hinter der um das ganze Kreisrund gemalten Schranke drängten sich die gaffenden Menschen, deren etliche aufs Haar gewissen Herren und Damen des Hofs glichen. Gassenjungen saßen auf dem Geländer und hängten ihre Beine in die Kirche. Das Erstaunliche aber war dies: Schauten schon, über jene Brüstung gelehnt, zwei schöne junge Andalusierinnen ohne jede Beziehung zu dem Antoniuswunder oder zu irgendeinem anderen religiösen Geschehnis auf die Kirchenbesucher herunter, so sah man sich gar – an den Zwickeln, Fensterwänden, Seitenwölbungen – einer Schar von Engeln gegenüber, die sicherlich mit Schimpf und Schande aus den himmlischen Gefilden verjagt worden waren, wenn anders sie ihre Flügel nicht bloß als Maskerade trugen: es waren höchst irdische Mädchen, die ihre üppigen Formen in verführerischer Haltung durch die fließenden Gewänder zur Geltung brachten. Damit der Schein gewahrt blieb, taten ihre Mienen ein wenig fromm, aber wirklich nur ein wenig. Francisco hatte selbst das Gefühl, hier über Laune, Oppositionsgeist und heimliche Rache hinaus so etwas wie einen Jungenstreich großen Stils unternommen zu haben, und war gespannt, was sich ereignen würde. Das Königspaar, das sich wegen einer Verzögerung der im Escorial im Gang befindlichen Ausbesserungsarbeiten gegen die Regel im nahen El Pardo aufhielt, kam unmittelbar nach der Vollendung der Fresken zur Besichtigung in Begleitung einiger Hofleute und zweier Prälaten, deren einer Escoiquiz, der Erzieher Don Fernandos, war. Carlos äußerte naive, temperamentvolle Zustimmung, und damit war die Entscheidung gefallen, da Maria Luisa nicht widersprach. Die Hofgeistlichen brauchten ihren Beifall keineswegs zu heucheln: sie ließen ihre Augen mit ungekünsteltem Wohlwollen auf den reizenden Engelinnen ruhen. Sie werden nichts unternehmen, dachte Francisco, was sie für künftige Besuche in San Antonio dieses Anblicks berauben würde ... Daß vielleicht spätere Beurteiler an den Malereien Anstoß nehmen und bei Hof protestieren könnten – einem solchen Angriff wäre von vornherein der Wind aus den Segeln genommen gewesen. Denn Carlos ließ, als die Residenz wieder nach dem Escorial verlegt war, seiner Besichtigung die Quittung folgen. Sie bestand in diesem an Don Francisco de Goya gerichteten ministeriellen Schreiben: »Da Seine Majestät der König Ihre ausgezeichneten Verdienste belohnen und einen sichtbaren, allen Professoren als Ansporn dienenden Beweis geben möchte, wie hoch er Ihr Talent und Ihr Können auf dem Gebiet der edlen Kunst der Malerei schätzt, hat er geruht, Sie zu seinem Ersten Kammermaler zu ernennen mit dem Jahresgehalt von fünfzigtausend Realen, das Ihnen von heute ab taxfrei zusteht, wozu noch jährlich fünfhundert Dukaten für den Wagen kommen. Auch ist es der Wille Seiner Majestät, daß Sie das zur Zeit von Don Mariano Maella bewohnte Haus beziehen, falls er vor Ihnen das Zeitliche segnet. Ich teile Ihnen diese königliche Order zu Ihrer Genugtuung mit, ebenso gleichzeitig dem Minister für Gnade und Gerechtigkeit und dem der Finanzen, damit sie in ihren Ressorts das Erforderliche veranlassen. Gott schenke Ihnen viele Jahre.« Das Schreiben war unterzeichnet von Mariano Luis de Urquijo. Nicht vom Friedensfürsten. Der hatte sich aus Furcht vor Anschlägen auf sein Leben gegen des Königs anfänglichen Widerstand in den Hintergrund zurückgezogen, indem er sein Ministeramt niederlegte und dafür sorgte, daß der dreißigjährige Urquijo, wie die andern Kabinettsmitglieder sein gefügiges Werkzeug, mit der Nachfolge betraut wurde. In Wahrheit blieb er allmächtig und genoß den Vorteil, nach außen der Verantwortung enthoben zu sein. Und man konnte ja jeden Tag wiederkommen ... »Auch Maellas Haus«, bemerkte Francisco zu Agustín Esteve, der beim Öffnen des Dokuments zugegen war,« – hoffentlich erfährt der Arme nicht, daß man mir nahelegt, auf seinen Tod zu hoffen. Dieser Gnadenbeweis scheint mir etwas vorzeitig ... Agustín, ich werde deine Bezüge erhöhen, jetzt kommt Geld ins Haus ... Wem es bestimmt ist, für eine gewisse Zeit seines Lebens vom Erfolg vorwärtsgerissen zu werden, der kann sich selbst jeden Stein in den Weg werfen oder mit der größten Unbekümmertheit alles aufs Spiel setzen – gegen das Glück, das an seinem Wagen zieht, vermag er nichts.« Er ließ ihn eine Kopie des Ernennungsschreibens anfertigen, um sie an Martín Zapater nach Zaragoza zu schicken. Während dies geschah, setzte er sich an den Begleitbrief. Er fing an, von den Engeln in San Antonio de la Florida zu berichten und von den über alles Erwarten reichen Freuden, die ihm diese schönen Mädchen gebracht haben. Hielt inne, entschied, es sei doch besser, dergleichen nicht schriftlich aus der Hand zu geben, zerriß das Blatt und begann ein neues, in dem er Martin nur trocken bat, jenes Dokument allen Freunden und Verwandten zu zeigen. Als der Brief gesiegelt war, schickte er Agustín aus, die Madrider Freunde für den Abend zu laden. Er selbst begab sich zu ungewohnter Zeit nach Hause, um Pepa die Nachricht zu bringen. »Wirst du heute abend ins Atelier kommen?« fragte er in einem Ton, dem er möglichst viel Kameradschaftlichkeit gab. »Lassen wir es beim Bisherigen«, antwortete sie milder als sonst. »Ich will aber einige kalte Platten vorbereiten und hinschicken.« Dergleichen hatte sie lange nicht mehr getan. Dann ging er in Javiers Zimmer. Er schenkte dem langen, blassen, immer etwas müde aussehenden Jungen ein paar Extradukaten und ging plaudernd mit ihm auf und ab, den Arm um seine Schultern gelegt. Javier fand den Augenblick günstig, sich seiner Sorge zu entledigen, die ihn seit Monaten drückte. Er sprach von seinem Studium und endete mit dem Bekenntnis, die Medizin könne sein Fach nicht bleiben. »Ich kann keine Kranken und keine Toten sehen und kann nicht schneiden.« Francisco schwieg nachdenklich. Dann nickte er lebhaft. »Du hast recht. Es war falsch, für dich einen Beruf zu wählen, der dich dauernd mit dem menschlichen Elend in Berührung bringt. Ich glaube, ich bin darum auf diese Idee gekommen, weil es mir richtig schien, daß du eine Arbeit hättest, die den Menschen hilft.« »Mit meiner Heilkunst würde ich ihnen mehr schaden als nützen.« »Gute Arzte müssen selten sein – ich bin nie einem begegnet. Und nun ist es mit dir auch nichts.« Er lächelte, wurde aber sogleich wieder ernst: »Es ist überhaupt schwer, irgendeinem Menschen in irgendeiner Not zu Hilfe zu kommen.« »Don Leandro hat dieser Tage mit mir darüber gesprochen, daß es doch möglich sein müßte, wenigstens einzelnen Menschen zu helfen, indem man sie geistig auf eine höhere Stufe hebt, ihnen Erkenntnisse vermittelt.« »Indem man sie ihr Elend erkennen läßt, denkst du.« »Damit muß es wohl anfangen, Vater, aber dann sollte man ihnen etwas Positives geben.« »Wer kann das?« »Der Philosoph.« Seine Stimme klang warm und begeistert. Francisco schwieg wieder. »Laß mich Philosophie studieren, Vater. Ich bitte dich darum.« »Philosophie?« Francisco schwieg wieder eine Weile. Ganz fröhlich rief er dann: »Ich glaube, dein Vorschlag ist gut, sehr gut. Hol das ein, was ich nicht weiß! Du – Javier, ich werde dein Schüler werden. Studiere fleißig und erzähl mir alles, was du lernst. Die Ergebnisse, weißt du, die Hauptsachen. Die verschiedenen Systeme, die verschiedenen Gesichtswinkel, aus denen man die Welt anblicken kann. Ich habe keine Zeit dafür. Manches weiß ich, aber zuwenig. Dein Vater wird an dir wachsen, mein Junge.« Er zog ihn enger an sich. »Wenn es wirklich so kommen könnte, daß ich dir einiges berichte – das wäre das Schönste von allem.« »Laß dir Zeit, sieh dich um. Denk nicht ans Geldverdienen.« »Das ist ein schöner Tag, Vater.« »Ein schöner Tag, Javier. Und heut abend sollst du unter meinen Freunden sein. Willst du ins Atelier kommen?« Der Junge strahlte vor Glück. Javier sah dann die Gäste zunächst vom Essen und Trinken und dazu von Betrachtungen über die Güte der Speisen und des Weins völlig eingenommen und bemühte sich, an den feinschmeckerischen Ausrufen des Entzückens teilzunehmen, um einigermaßen als Kenner zu gelten. Moratín bemerkte beiläufig, er arbeite nun doch an einer revolutionären Komödie und erwarte auf Grund davon Hofdichter zu werden. Maiquez legte ihm nahe, den Stoff lieber tragisch zu gestalten, damit für ihn eine große Rolle herausspringe. »Lassen Sie den Günstling der Königin wahnsinnig werden«, schlug er vor, »damit könnten wir beide viel Ruhm ernten.« »Ich schreibe dann einen Artikel, in dem ich versichere, das Stück enthalte keine Anspielungen«, witzelte Bermúdez und lockerte die Weste über dem allmählich recht beträchtlichen Bauch. Währenddessen verfiel jener einem Raben gleichende Magistratsbeamte, den Francisco auch heute als einzigen noch in Madrid ansässigen Verwandten geladen hatte, über ein kaltes Rebhuhn gekrümmt in laute Aufregung. »Es muß mit Majoran gebraten sein«, versicherte er dürren, krächzenden Tones, »mit Majoran und Fenchelknollen. Ausgezeichnete Idee!« Er nagte an einem Flügel – mit seinen großen Schneidezähnen, da viel mehr vom Gebiß nicht übrig war. Eine Haarsträhne fiel ihm über das ausgemergelte Gesicht, sie war trotz seinen gut siebzig Jahren kohlschwarz. Frühzeitig zur Mumie geworden, dauerte er fast unverändert weiter und wirkte nun wohlkonserviert. Aufatmend griff er nach dem zweiten Flügel und warf rasch dazwischen, es sei ihm einmal zu Ohren gekommen, daß Voltaire sehr gern Rebhühner gegessen habe. »Wo erfährt man solche Dinge, Onkel Pablo?« fragte Javier keck. »Die Frage ist zu allgemein gestellt, mein Sohn. Man könnte dir nur raten, eben jenen Voltaire fleißig zu lesen. Daraus lernt man logische Fragestellung.« Er verbarg sich unter seinem Buckel und kicherte. Dann machte er sich betont wieder an sein Rebhuhn, um zu zeigen, er wünsche im Augenblick nicht gestört zu werden. Plötzlich aber schlug er mit den Rockschößen, so gut es im Sitzen ging, und nahm nochmals das Wort. »Verzeihen Sie, Hochwürden«, krächzte er, »ich spreche natürlich nur von der Form, nicht vom Inhalt.« Mit diesem Satz wandte er sich an den bisher ziemlich schweigsamen Kanonikus Don Juan Llorente, der neuerdings aus Toledo in die Hauptstadt berufen worden war. Das breite Gelehrtengesicht lächelte mit leisem Spott. »Vielleicht wissen Sie von meiner Arbeit, Don Pablo – ich schreibe die Geschichte der Inquisition. Aber ich bin kein Inquisitor. Das ist ein Unterschied.« »Es ist das erstemal seit Rom, Juan«, rief Francisco dazwischen, »daß wir drei wieder beisammen sind: du, Agustín und ich.« Und so kam es, daß Javier die Geschichte von seines Vaters Aufstieg auf die Peterskuppel erfuhr. Agustín erzählte sie mit hoher Stimme, vergnüglich in der Erinnerung schwelgend. »Ich glaube, du warst damals kühner, Vater, als ich es heute bin«, bemerkte Javier etwas melancholisch. »Diese Art von Kühnheit vertrüge sich schlecht mit den Studien, die du vorhast...« In diesem Augenblick hörte man einen Wagen vorfahren. »Wer kommt noch?« fragte Bermúdez. »Eigentlich fehlt niemand mehr.« Sie horchten, hörten Schritte auf der Treppe. Es klopfte, Javier öffnete. »Ich hoffe dringend, daß mein Besuch nicht allzu unwillkommen ist!« Es war eine weibliche Stimme. Aus Mantel und Kopftuch schält sich eine eng in ein hochgeschlossenes schwarzes Samtkleid gehüllte Frau und schüttelt die Fülle der krausen Locken zurecht. Cayetana. Ihr Gesicht hebt sich, durch ein wenig Schminke in der Wirkung verstärkt, prachtvoll von all dem Schwarz ab. Sie hat sich das ausgezeichnet ausgedacht. Francisco eilt herbei, sie willkommen zu heißen. Er ist verwirrt. In der ganzen Zeit seit San Lúcar hat er sie nur ein einziges Mal wiedergesehen, bei einer Hoffestlichkeit, und sie haben einen Gruß getauscht wie fremde Menschen. Zwei Augenblicke lang lehnt sich sein Stolz gegen diesen Überfall auf, dann – ist er stolz, daß sie gekommen ist. Und glücklich. Die andern stellen sich in höflicher Haltung auf, die bei Pablo als devote Krümmung wirkt – zuletzt und sehr aus der Bequemlichkeit gerissen Bermúdez. Während er noch an seinem Stuhl rückt, flüstert er Maiquez zu: »Leb wohl, schöner Abend – eine Frau ist da, und man muß höflich sein.« »Natürlich sind Sie verblüfft«, lacht Cayetana und schlägt einen dunkelroten Fächer auf und wieder zu. »Ich wollte gratulieren. Wenn man ein klein wenig Ihre Gewohnheiten kennt, Don Francisco, konnte man leicht ermitteln, was einen hier erwartet. Und nun seien Sie nicht langweilig, meine Herren, und lassen Sie es mich nicht büßen, daß ich eine Frau bin. Haben Sie Mitleid: bei mir zu Hause ist es fürchterlich eintönig. Deshalb komme ich zu Ihnen.« Sie gibt jedem die Hand und setzt sich zwischen Francisco und Javier, dem sie mehrmals ungeniert ins Gesicht schaut. »Das ist also Ihr Sohn – den haben Sie mir bisher unterschlagen.« Francisco gibt Agustín das Zeichen zur Entkorkung von Champagnerflaschen. Der Wein perlt. Dennoch wagt sich niemand so recht über Redensarten hinaus. Es herrscht eine etwas erzwungene Heiterkeit und viel Interesse für Kuchen. Cayetana sieht das wohl und nimmt die Zügel des Gesprächs in die Hand. »Kennt man in diesem Kreis schon die neue Nachricht aus Frankreich?« fragt sie in einem Ton, der Spannung erwecken soll. Niemand weiß etwas außer Llorente, der aber gleichfalls Unkenntnis vorgibt. »Nein? wirklich nicht? Wir werden also politisieren. Hören Sie: Der General Buonaparte hat in Paris das Direktorium gestürzt und die Diktatur errichtet. Heute abend kam eine eilige Stafette von unserer Gesandtschaft. Was sagen Sie dazu? Reden Sie, reden Sie – ich möchte von Ihnen allen wissen, was Sie darüber denken.« »Ist es derselbe General Buonaparte, der Ägypten erobert hat?« fragt Bermúdez in einiger Gemütsruhe. Die Duquesa bestätigt. »Man sagt, er habe in Ägypten eine Kommission von Gelehrten eingesetzt zur Erforschung der geschichtlichen Denkmäler. Das ist sonst nicht die Art der Generale. Es spricht für ihn.« Der Kanonikus rückt sich, während er dies äußert, die Brille zurecht. »Er soll sehr jung sein«, kommt es ein wenig tadelnd aus dem Raben. »Dreißig Jahre.« Cayetana findet, es sei das beste Alter, um etwas Großes zu leisten. »Aber was denken Sie? Ist es etwas Großes, was er da getan hat? Oder ist es ein Verbrechen?« »Auch Verbrechen können groß sein«, stellt Javier mit bescheidenem Nachdruck fest. »Ausgezeichnet, Don Javier, ausgezeichnet!« Cayetana legt ihm die Hand auf den Arm. »Einzig die Jugend schaut die Dinge vorurteilslos an.« Er errötet kaum merklich und wendet ein wenig den Kopf, um ihre Gestalt mit seinem Blick zu streifen. Wenn er sich nur nicht in sie verliebt, schießt es durch Francisco. Er ist zu jung für diese Frau. Sie ist ... für erfahrene Männer. Diese Schönheit, dieses Vibrieren... »Da hat denn also die Demokratie wieder einen Stoß erlitten«, bemerkt Leandro de Moratín, sein schmales, in die Länge gezogenes Gesicht sieht bedenklich aus. »Ich gestehe, daß mich die Nachricht erschüttert. Ich habe für ganz Europa viel von dem Vorbild der französischen Republik erwartet.« Er weiß aus Franciscos Erzählungen, daß er dergleichen vor der Herzogin ruhig aussprechen kann. »Endlich sagt jemand seine Meinung!« Auf diese Worte Cayetanas will Vetter Pablo nicht zurückstehen: »Die Zeit der gewaltsamen Volksbeherrschung ist vorüber. Die Demokratie kann nicht mehr untergehen. Mit diesem jungen Mann in Paris wird es ein klägliches Ende nehmen!« Er sagt es so scharf und bestimmt und der Augenblick ist so suggestiv, daß Francisco die Bemerkung nicht unterdrücken kann, jetzt fliege dem General Buonaparte ein Unglücksvogel über den Weg. »Vogel oder Katze, wie du beliebst, Francisco – ich halte von diesem Staatsstreich keinesfalls etwas.« Der Champagner stößt ihm auf, dann sagt er noch: »Übrigens nehme ich Spanien natürlich aus, wenn ich für die Demokratie plädiere. Spanien steht außer Diskussion.« Er schielt mit eingezogenem Kopf zu der Herzogin hinüber. »Nichts steht außer Diskussion«, antwortet sie sehr betont, »nichts brauchen Sie auszunehmen!« Sich zu einem freundlichen Lächeln zwingend, bittet sie ihn noch, sie nicht mit jenen Granden zu verwechseln, die vor den Spitzen dieses Staates auf den Knien liegen, weil ihr Leben in sich zusammenfiele, wenn jene verschwänden. »Meine Ehrerbietung, Eure Exzellenz, meine Ehrerbietung!« Der Rabe verbeugt sich bis auf den Tisch. Und auch die andern lächeln bewundernd. Ceán Bermúdez, ein großer Freund von Süßigkeiten, atmet angesichts seines geleerten Tellers auf und ergreift das Wort. Man fühlt fast, wie er sich Zeit läßt, es zu ergreifen. »Wir könnten also Spanien insofern aus dem Spiel lassen« – seine Stimme klingt gesättigt –, »als wir unsere vermutlich einhellige Meinung nicht zu wiederholen brauchen. Unsere heutige Regierungsform richtet sich selbst. Dennoch möchte ich nicht einfach die Demokratie in der bisherigen französischen Form an ihre Stelle setzen. Das Volk kann nur herrschen, wenn es die für ein Direktorium oder Ministerium nötigen Köpfe hervorbringt. Außerdem scheint mir eine Gefahr, die gerade wir Spanier befürchten müssen, für die Republik ebenso wie für die Monarchie zu bestehen: daß die hochgekommenen Männer ihre Stellung zu persönlichen Vorteilen ausnützen, genau wie es gewisse hohe königliche Beamte tun, und daß sich – wie an jene – ein Schwarm von Schmarotzern an sie anhängt, denen sie für Schmeicheleien weiterhelfen.« »Ganz besonders hinsichtlich der Köpfe stimme ich bei«, sagt der Schauspieler, lässig in seinen Sessel zurückgelehnt. »Ohne Köpfe keine Geschichte, kein Fortschritt, kein Staat.« »Vielleicht ist dieser General Buonaparte«, lächelt Llorente, »gar nichts als einer jener Köpfe, deren Hervorbringung soeben vom Volk verlangt wurde, also ein wahrhaft demokratisches Gebilde.« Jetzt rührt sich Cayetana wieder: »Ich bekenne, daß ich Jakobinerin war. Aber das französische Schauspiel wurde langweilig und fad. Ich habe der Abschaffung des Königtums, der Austrocknung des Hofsumpfes zugejubelt. Aber dem platten Durchschnitt kann ich nicht zustimmen. Meine Sympathie gehört dem General!« Javier springt ihr bei. »Man sagt, in Frankreich herrsche große Unordnung. Die Geschichte zeigt, daß in solchen Zeiten ein einzelner die Führung übernehmen muß.« »Bravo, mein Freund« – Cayetana streicht ihm flüchtig mit der Hand übers Haar –, »die Generalspartei wächst.« »Zugegeben«, läßt sich der Dichter stirnrunzelnd vernehmen, »zugegeben, daß theoretisch in besonderen Fällen die Durchbrechung des demokratischen Prinzips zu rechtfertigen ist – aber verwandeln sich diese Tribunen, diese Diktatoren, die im Interesse des Gemeinwohls die Zügel ergreifen – ich will ihnen das für den Beginn ihrer Wirksamkeit zubilligen – verwandeln sie sich nicht in Tyrannen, sobald sie die Fülle der Macht gekostet haben? Machtgier ist eine furchtbare Krankheit, eine Geißel der Völker! Nein – ich habe zuviel zugebilligt: von zehn Männern, die sich gewaltsam zur Macht emporschwingen, handeln neun aus Machthunger. Weiß der Himmel – ich bemitleide Frankreich!« Der Kanonikus entwickelt ruhig und mit feinen Strichen die Bilder einiger aus dem Volk aufgestiegener Machthaber vergangener Zeiten. Und es währt geraume Zeit, bis das Gespräch wieder zum General Buonaparte zurückkehrt und jeder Gelegenheit findet, bei seiner Meinung zu beharren. Daß Agustín Esteve sich an der Debatte nicht beteiligt, fällt niemandem auf. Er füllt leere Gläser, bietet geräuschlos kleine Leckerbissen an und hört mit freundlichem Gesicht, das jedem zuzustimmen scheint, den Gesprächen zu. Franciscos Wortkargheit wird wenigstens von Javier bemerkt. Er fragt den Vater, was denn nun seine Meinung sei. »Ich habe nicht jeden Satz verstanden, der gesprochen wurde«, kommt die Antwort, »aber ich meine: überall, wo Menschen von Menschen regiert werden, regiert ein Dämon mit. Wenige sehen ihn. Was glaubt ihr, daß in Frankreich das Volk davon gewinnt oder verliert, ob es das Direktorium über sich hat oder den General? Der Dämon wird ihn neue Gesetze machen heißen, und was gestern Recht war, wird morgen Unrecht sein. Stürzt jemand den General, so wird das Recht übermorgen wieder Unrecht.« »Du gibst dich als unbequemer Untertan«, bemerkt Llorente, indem er die Augen zusammenkneift, »aber kennst du denn ein Volk, das die Freiheit erträgt?« Da ruft Moratín mit leidenschaftlicher Stimme: »Man muß die Völker zur Freiheit erziehen. Es ist die höchste Aufgabe, die sich ein Mensch setzen kann. Jetzt, heute muß es geschehen – die Zeit ist reif!« »Wir sind wie eine Verschwörung!« frohlockt Cayetana und hebt ihr Glas. »Es muß eine Freiheit geben können, Buonaparte wird sie bringen. Es lebe die Freiheit!« 4 Der Zustand dauerte an, daß Manuel Godoy das Reich ohne Amt regierte. Er wurde vom Ministerpräsidenten Urquijo über die wichtigsten Staatsgeschäfte orientiert, vertraute seinem Geschöpf aber keineswegs blind, sondern ließ sich von dem Geheimsekretär, durch dessen Hände alle Schriftstücke gingen, und von den Beamten des Vorzimmers, der die Besucher einführte, gleichfalls Bericht erstatten – gegen Geld und das Versprechen einer bevorzugten Karriere. In Rom starb Papst Pius der Sechste – nicht unerwartet nach vierundzwanzigjährigem Pontifikat. Godoy aber empfing geheime Nachrichten, Urquijo pflege eilige und dringende Verhandlungen mit gewissen Prälaten, es handle sich mit einiger Wahrscheinlichkeit darum, dem neuen Papst die Anerkennung zu versagen und die Unabhängigkeit der spanischen Kirche zu proklamieren. Ob das Aussicht auf Erfolg habe, vermochte Godoy nicht so recht zu beurteilen. Aber soviel sah er: wenn es gelänge, wäre es eine bedeutende, in ganz Europa besprochene politische Tat, die ihrem Urheber Ruhm einbringen müßte. Grund genug, einzugreifen. Dazu eine ausgezeichnete Gelegenheit, sich die Kurie zu verpflichten. Er schickte einen Vertrauensmann nach Rom, der sich guter Verbindungen mit der hohen Geistlichkeit erfreute und noch vor dem Konklave seine Neuigkeiten auszustreuen hatte. Gleich nach der Wahl erfuhr der neue Papst von den spanischen Umtrieben und ließ in Madrid feierlich protestieren. Carlos war bestürzt und fragte Manuel um Rat. So wurde denn Urquijo – man sagte ihm, es geschehe unter dem Druck der Kurie – seines Amtes entsetzt und nach den Kanarischen Inseln verbannt. Gleichzeitig wurde zur Feier der Thronbesteigung Pius des Siebenten für drei Tage große Gala des Hofs und nächtliche Illumination der Stadt angeordnet. Der König wünschte Manuels Rückkehr zu den Geschäften. Der lehnte ab und erwirkte die Einsetzung eines Mannes namens Pedro Cavallos, dessen Verdienste darin bestanden, mit einer Nichte Manuels verheiratet zu sein. Carlos aber, um nicht dem Gerücht Raum zu geben, der Friedensfürst sei in Ungnade gefallen, ernannte ihn zum Generalissimus des spanischen Heeres und verlieh ihm eine eigene Leibwache, ein altes Vorrecht der Könige auf ihn ausdehnend.   Die Majestäten bestellten bei Francisco Bildnisse: sie wollten in Uniform zu Pferd gemalt sein. Die Königin, als Dragoneroberst kostümiert, mit einer riesigen roten Kokarde auf dem Hut, erschien Francisco als die Verkörperung verkommener Herrschsucht. So malte er sie auch: aber sie gefiel sich so gut, daß sie Manuel eine Wiederholung des Porträts zu schenken wünschte. Agustin bekam zu tun. Carlos, der selten Militärkleidung trug, machte in der Gardegeneralsuniform eine bemitleidenswerte Figur – was Francisco keineswegs unterschlug. Aber auch der König war entzückt und kam, da er gerade einige Verwandte in Aranjuez zu Gast hatte, auf den Gedanken, sich ein Gemälde zu wünschen, das alle erreichbaren Familienmitglieder vereinigen sollte. Francisco siedelte also in die Frühjahrsresidenz des Hofes über und erhielt einen schönen hellen Saal im Königsschloß als Werkstatt eingerichtet. Don Carlos empfing ihn in Audienz und legte ihm vor allem nahe, das Format der Leinwand recht groß zu wählen. Er begann seine Arbeit mit einer Serie von Porträtskizzen aller Beteiligten. Godoy war nicht darunter und machte darum seine eigene Bestellung auf ein Porträt in monumentalem Stil. Als sie das Nähere besprachen, ließ er beiläufig einfließen, die Inquisition, ermutigt durch die Verlegenheiten, in die die spanische Krone gegenüber dem Heiligen Stuhl gebracht worden sei, habe einige neue Prozesse vorbereitet, darunter einen gegen den Autor der Caprichos – doch sei die Sache dank seinem, Godoys, Eingreifen niedergeschlagen worden. Francisco wußte vorläufig nicht, ob die Erzählung der Wahrheit entsprach, mußte aber untertänigst danken und erfuhr die weitere Auszeichnung, vom Friedensfürsten zu einer Spazierfahrt eingeladen zu werden. Es war das erste und einzige Mal in seinem Leben, daß er in einem Wagen fuhr, der von Leibwächtern eskortiert wurde, einem ganzen Dutzend berittener Leibgardisten. Die Kavalkade wirbelte viel Staub auf und verursachte zusammen mit dem Rollen der Räder einen dichten Hintergrund von Lärm, von dem sich für Franciscos Ohren die Worte seines Gastgebers nur undeutlich abhoben. Aber er verschanzte sich auch gegenüber den gönnerhaften Äußerungen, die er verstand, hinter seine Schwerhörigkeit, denn da er nun neben dem Fürsten im selben weichen Wagenpolster saß, fühlte er heftige Wellen des Widerwillens. So kam es erst zu einer Verständigung, als Godoy in einer von der Straße durchschnittenen Waldlichtung den ganzen Trupp halten ließ, um Francisco, mochte er wollen oder nicht, mit selbstgefälligem, im Genuß des Machtbewußtseins schlaffem Gesicht die zwei neuesten Zoten zu erzählen. Noch am selben Tag verwirklichte sich die erste gemeinsame Porträtsitzung der Familie Bourbon. Ins Atelier strömten zwei Majestäten und zehn Fürsten von Geblüt, gewillt, sich den gruppierenden Anordnungen des Malers, der sie erwartete, einigermaßen zu unterwerfen. Der Oberzeremonienmeister hatte den Gedanken erwogen, selbst teilzunehmen, um die Wünsche oder vielmehr demütigen Bitten des Malers an die hochmögenden Herrschaften weiterzugeben oder ihm einen königlichen Generaladjutanten als Vermittler beizugesellen, aber der König hatte kategorisch erklärt, Goya sei ein Mann von guten Formen und könne ruhig sein Maul selber aufmachen. So wurden die Objekte des Kammerpinsels zwar vom vorgeschriebenen Gefolge an die Ateliertüre geleitet, dann aber sich selbst und der Willkür des Porträtisten überlassen, nur eine einsame Hofdame harrte in einer Ecke etwaiger Hilfsdienste – stehend natürlich, denn auch den hohen Herrschaften sollte das Sitzen nur in den Ruhepausen gestattet sein. Carlos hielt so etwas wie eine kleine Ansprache, die, da er den Maler ja schon von seinen Absichten unterrichtet hatte, offenbar in erster Linie für die Familie berechnet war. Fast feierlich gab er seinen Wunsch zu erkennen, es möge ein Werk von bleibendem historischem Wert entstehen, damit nicht nur seine Urenkel, sondern alle, die für die spanische Geschichte dieser Zeit Interesse haben, sich eine Vorstellung von den um die Jahrhundertwende lebenden Mitgliedern der regierenden Familie zu machen instand gesetzt werden. Angesichts der leeren Riesenleinwand betonte er seine Genugtuung, daß ein der Bedeutung des Gemäldes entsprechendes Format gewählt worden sei. »Und nun«, schloß er, »zögern Sie nicht, uns unsere Plätze anzuweisen! Ich denke, daß die Königin und ich in der Mitte stehen.« Sein freundlich-harmloses Gesicht nickte Francisco mit huldvollem Lächeln zu, die Königin hatte einen sauren Tag, aber die zehn anderen, selbst der sechsjährige Infant Don Francisco, folgten Carlos' Beispiel – in den von der Rolle, die jeder auf dem Bild zu spielen gedachte, bedingten Abstufungen. So sah sich der Maler im Brennpunkt vielfacher fürstlicher Huld, nur der dreizehnte unter den Aufzustellenden konnte sich an diesem milden Feuerwerk nicht beteiligen: der nachträglich von seiner Amme hereingetragene Säugling, der den Titel eines Prinzen von Parma führte. Zwei Fürstlichkeiten entfachten einen verfrühten Rangstreit: Doña Maria Josefa, des Königs ältere, gleich ihm beleibte Schwester, glaubte den ihr gebührenden Platz erobern zu müssen und schob sich nach vorne, indem sie Francisco ihr längliches, einigermaßen dem eines Pelikans gleichendes Gesicht mit ungemein gewinnendem Ausdruck zuwandte. Don Fernando indes, der siebzehnjährige Kronprinz, vertrat seiner Tante mit einer Miene schärfster Arroganz den Weg, mit der Linken den Degengriff senkend, so daß die Waffe eine waagrechte Schranke bildete, und die Rechte nachlässig in der Hosentasche seiner Galauniform vergrabend. Die Ohrgehänge der Prinzessin pendelten, während sie einen Umweg machte, und der in ihrer Perücke verankerte Reiherbusch zeichnete unruhige Kurven in die Luft. Sie hatten nämlich alle ihr Bestes angezogen. Francisco konnte diese Szene ignorieren, denn er hatte für die Aufstellung der Herrschaften einen anderen Teil des Saales ins Auge gefaßt. Er zeichnete rasch mit einer Kreide einen Kreis und ein Dreieck auf den Fußboden. »Wenn Seine Majestät der König geruhen wollte, in den Kreis zu treten... Ihre Majestät die Königin in das Dreieck...« Carlos gehorchte sofort, stellte ein Bein vor das andere, ergriff den Degenkorb und verkrampfte das Gesicht, als sollte die Sache noch in dieser Minute losgehen. Maria Luisa stellte sich neben das Dreieck, beschaute es und erklärte mürrisch, sie finde einen Kreis praktischer, hier wisse man gar nicht, wie stehen. »Wie Eure Majestät befehlen ...« Francisco riß, da er nichts anderes in der Nähe hatte, ein Spitzentaschentuch heraus und wischte, zu Füßen der Königin kniend, das Dreieck aus den Bodenbrettern, um es alsbald durch einen Kreis zu ersetzen. Lässig trat Maria Luisa hinein, doch nur mit einem Fuß. »Ich will ein Dreieck«, rief das Töchterchen Doña Maria Isabel. »Ich auch ein Dreieck«, rief der kleine Stöpsel Don Francisco. »Geben Sie also den Infanten Dreiecke«, sagte die Königin sanfter. Francisco zeichnete die Dreiecke und bat Ihre Majestät zu geruhen, den rechtem Arm um die Schulter der Infantin zu legen und mit der linken Hand die rechte des Infanten zu ergreifen. Das sah sehr erzwungen aus, und er mußte mit allergnädigster Erlaubnis die Kinder selbst etwas zurechtschieben. Der gute König rührte sich indes nicht von der Stelle, nur den Kopf wagte er zu bewegen. Francisco trat rasch an die von zwei Staffeleien gestützte Leinwand und visierte die vier Objekte, deren noch nicht aufgestellte Verwandte ohne Unterlaß aufeinander einsprachen. »Wundervoll diese Hauptgruppe!« rief er aus. Sie machte ihm auch wirklich viel Vergnügen. Vor allem Don Carlos: er hatte das Aussehen eines kleinen Krämers, dem der König zum Spaß für Sonntag nachmittag einen gestickten Anzug mit überreichlichem Zubehör geliehen hat. Nur die Krone fehlt, dachte Francisco – soll ich ihn bitten, die Krone aufzusetzen? Sein Blick strich über Maria Luisa hin ... Wenn du ahnen würdest, daß ich dich damals gesehen habe ... Sie stand in Positur mit anmaßendem, in höchster Verachtung auf die Menschheit niederblickendem Ausdruck, am Hals und an den Ohren hingen die Juwelen bündelweise, und die Perücke drohte einzusinken unter dem Gewicht der Diamantspange und des Diamantpfeils – eines größeren, als ihn Manuels geräumigste Tasche hätte fassen können. An jedem Finger stak ein Ring, nur die dicken nackten Arme waren ungeschmückt. Den kleinen Prinzen hatten sie in eine rote Uniform gesteckt und ihm verkleinerte Exemplare des Goldenen Vließes und anderer höchster Orden angehängt, Zeichen seiner frühen Verdienste. Francisco schien es, daß seine Züge mehr an Manuel als an den König erinnerten. Die dreizehnjährige Schwester aber, bis auf den Diamantpfeil hinaus aufgemacht wie die Königin – hat sie nicht schon Funken von Frechheit und Gier in den Augen? Die Mutter nimmt sie in ihre Schule... »Jetzt komme wohl ich an die Reihe«, bemerkte Don Fernando in herrischem Ton. Francisco ordnete ihn mit seiner ihm anverlobten Kusine, Tochter des Königs von Neapel, und seinem Bruder Don Carlos zu einer Gruppe. Da die Verlobten Streit hatten – man erzählte sich bei Hof, der Infant habe Beziehungen zu einer Ehrendame seiner Mutter –, wandten sie, gegen die Anweisung, einander den Rücken zu, und Francisco beschloß, diese Pose festzustellen. Carlos der Jüngere drängte sich vor und erhielt von Fernando einen seitlichen Fauststoß in die Galauniform. Fernando selbst aber stellte sich ein Stück vor seinem Kreis auf, dem Maler um einen Schritt näher als der König. »Zurück!« rief die Königin. Er bezog es nicht auf sich. »Zurück!« rief der König. »Señor de Goya hat von mir unbeschränkte Vollmacht.« Don Fernando schob sich um eine Handbreit zurück und ließ schnippisch und feindselig die Bemerkung fallen, seine Stellung verbiete ihm, den Hintergrund aufzusuchen. »Der Hintergrund scheint für uns Ältere reserviert!« rief Doña Maria Josefa spitzig dazwischen. Ihr Reiherbusch zeichnete sehr unruhige Kurven. »Ich verlasse meinen Platz nur vorübergehend«, sagte Don Carlos sehr laut, schritt auf den Thronfolger zu und schob ihn in den Kreis, um alsbald seinen eigenen wieder aufs sorgfältigste auszufüllen. Fernando machte ein trotziges Gesicht und begann sich schon wieder unmerklich nach vorwärts zu bewegen. Als Francisco die Dame mit dem Reiherbusch wirklich in die hinterste Linie komplimentierte, trat sie entschlossen auf des Königs linke Seite, wo vorläufig noch niemand stand, und erklärte, ihr Platz sei hier. »Zurück!« rief Maria Luisa sehr scharf. »Willst du unsere Familie in den Verdacht bringen, daß wir uns künstlerischen Gesichtspunkten nicht unterzuordnen verstehen?« Sie reckte sich und trat an den vorderen Rand ihres Kreises. Die jugendliche Erbprinzessin von Parma, Tochter des Königspaares, zupfte vor dem Spiegel rasch noch an den Perlenschnüren, die sie im Haar trug, dann stellten sie und ihr schmaler, besternter Gatte sich betont-verbindlich und lautlos zur Verfügung. Francisco berücksichtigte bei der Wahl der Plätze ihren inneren Abstand zur übrigen Familie, wofür sie ihm dankbar zulächelten. Die Erbprinzessin nahm ihren Säugling auf den Arm, er war der einzige Prinz ohne Orden. In den Hintergrund dieser Bildseite wurde Doña Carlotta Joaquina, Königin von Portugal, Carlos' älteste, durchaus phlegmatische Tochter, geschoben, sowie des Königs Bruder Don Antonio, ein Mann ohne Ehrgeiz, dessen Gesicht Francisco mit dem geschnitzten Knopf eines Spazierstocks verglich, als er mit rascher Pinselzeichnung die Stellungen festzuhalten begann. Nachdem das einige Minuten gedauert hatte, zog der Infant Don Carlos den älteren Bruder von rückwärts am Rockschoß und empfing dafür eine Ohrfeige. Er begehrte auf, was Fernando eisig ignorierte, der König winkte drohend mit dem Degengriff. Der Säugling schrie, bis Francisco seine Anwesenheit für nicht mehr nötig erklärte und die Amme ihn wegtrug. »Entschuldigen Sie«, sagte lächelnd die hübsche Erbprinzessin mit den Perlen. Francisco erinnerte sich der ersten Riesenleinwand, die er bemalt hatte, der von Parma – sah plötzlich das Bild und was sonst damals gewesen war, die Tänzerin, den Wirt, den Herzog mit den Dukatenbeuteln. War der schlanke Aristokrat, der ihm eben zulächelte, der Sohn oder der Enkel? Alles stand schattenhaft da, durchdrang als eine zweite, dünnere Wirklichkeit die Gegenwart. Was ist das: Gegenwart? Was Vorüberfluten, was Ewigkeit? Was ist denn an euch, die ihr körperlich hier seid, Gegenwart? Auch jeder von euch trägt in sich, was er war und was er sein wird ... Mehr, mehr – es ist ein unheimliches Mehr: ihr tragt nicht nur die eigenen Schicksale in euch, in dieser Gegenwart, die Frucht ist der Vergangenheit und zugleich die Knospe der Zukunft, eine ununterbrochen sich aufblätternde Knospe ... Ihr tragt die Schicksale von Völkern in euch. Kronen blättern aus euren Knospen, Kronen, die ihr tragen werdet, und Kronen, die man euch verweigert. Schwerter, Feuerbrände des Kriegs blättern heraus ... alles geht um eure Kronen ... verwüstete Städte und Länder, Heere von Blutenden und Sterbenden ... Mit jedem von euch, der regieren wird, setzt sich auch ein Dämon auf den Thron ... »Wir wollen eine Pause einlegen«, rief die Königin ungeduldig, »ich bin müde.« »Das Stehen wird wirklich unerträglich«, bestätigte die Prinzessin mit dem Reiherbusch. Der Onkel mit dem geschnitzten Kopf stampfte mit beiden Beinen abwechselnd auf den Boden, um die Blutzirkulation zu beleben. »Wenn ich den untertänigen Vorschlag machen darf«, ließ sich Francisco vernehmen, »so hören wir für heute auf.« »Einverstanden«, sagte die Königin. Carlos nickte. »Aber nehmen Sie nicht zu viel Rücksichten. Das Bild ist sehr wichtig.« »Zu den Gesamtsitzungen wird man mich nicht mehr brauchen«, bemerkte seine Schwester, die nun, da sie die Lippen zusammenpreßte und die Nase gekränkt herunterzog, noch stärker einem Pelikan glich. »Es kommt ja doch nur mein Kopf auf das Bild – bestenfalls mein Kopf.« »Man braucht dich!« sagte Maria Luisa trocken. Francisco verbeugte sich stumm. Die Hofdame riß die Tür auf, und die zwölf zogen ab. Francisco wußte von jedem vorher, wie er grüßen werde. Er öffnete ein Fenster und starrte dann in den leeren Saal. Da standen sie alle noch als farbige Schatten. Er hätte weitermalen können.   Vor der fertig bemalten Riesenleinwand mit den dreizehn Fürstlichkeiten stand Cayetana und gab sich einem Ausbruch von Heiterkeit hin, der immer mehr Maria Luisa allein galt und darum in Gereiztheit überging. »Man könnte sich unheimliche Dinge ausdenken«, sagte sie schließlich – »kennst du den alten Hexenzauber: sich ein Wachsbild des Menschen anfertigen, dem man Böses tun will? Man quält und sticht und brennt es, und jener Mensch muß die Schmerzen leiden. Ich möchte mit einer Nadel in das Bild stechen. Maria Luisa ist der einzige Mensch, den ich hasse.« Sie hatte tags zuvor die Nachricht bekommen, im halbfertigen Neubau von San Cristóbal sei wieder eine Brandstiftung versucht worden. »Offenbar«, erzählte sie, »sind die für Tag und Nacht eigens angestellten Wächter dazwischengekommen, doch haben die Dummköpfe niemanden erwischt. Für mich besteht kein Zweifel, daß die, die als Urheberin des ersten Feuers gilt, auch diesmal die Hand im Spiel hat.« »Dieses Spiel würde sehr spannend, wenn dein Verdacht sich beweisen ließe.« »Das scheint zu mißglücken. Aber für mich ist das Geheimnis auch ohne Beweise entschleiert. Ich weiß, daß sie die Brandstifter bezahlt hat. Und danach handle ich.« Seiner Frage, wie sie zu handeln gedenke, wich sie aus. Er sprach wieder von dem Bild: »Ich möchte eine Wiederholung malen – mit einer grauen Menschenmauer als Hintergrund, einer Mauer von Hungernden, Zerlumpten, Krüppeln, Siechen, die nach den Festgewändern und Diamanten starren. Sie könnten alle für den Rest ihrer Jahre menschenwürdig leben, wenn man den Erlös der Juwelen unter sie verteilte. Ich würde die Mauer so malen, daß man sieht, sie kann einstürzen und das funkelnde Dutzend unter sich begraben.« Sie stimmte dem Plan leidenschaftlich bei. »Leider«, stellte er fest, »gibt es schließlich doch eine Grenze, die man mich nicht ungestraft überschreiten ließe.« »Aber hast du sie denn hier mit deinen Königspfauen nicht überschritten? Du müßtest jetzt schon verhaftet sein.« Francisco lächelte. »Sie scheinen sich über ihr Aussehen durchaus im klaren zu sein. Schau her!« Er öffnete eine Schublade, nahm ein Lederetui heraus und klappte es auf. »Ein Orden!« frohlockte sie, »ein dünner natürlich: die dicken sind nur für Generale und Minister. Immerhin ein Orden ... Wenn du ihnen weiter die Wahrheit sagst, wirst du noch aufsteigen wie Manuel.« »Manchmal denke ich, der ganze Hof gefällt sich darin, verspottet zu werden. Ist stolz darauf, Anlaß zum Spott zu bieten. Diese Menschen nehmen sich selbst nicht mehr ernst, lachen über sich wie über die andern, als ginge sie ihr eigenes Ich gar nichts an. Das ist ein jämmerlicher Zustand, der jämmerlichste, in den ein Mensch verfallen kann.« »Mitunter ist mir«, sagte sie zögernd und in plötzlichem Ernst, »als sei ich selbst von dieser Art ... Worin unterscheide ich mich denn von den Hofcliquen, die ich verspotte und vor den Kopf stoße? Tanze ich, wenn man genau hinhört, nicht nach derselben Musik wie der ganze Knäuel?« Er hatte solche Worte nie von ihr gehört und sah sie bestürzt an. »Wie kannst du so reden?« rief er dann. »Antworten kann ich nicht. Jedes Wort, das ich spräche, müßte den Anschein erwecken, als gebe es hier wirklich etwas zu widerlegen.« Aber sie steigerte noch ihre Selbstanklage: »Es gibt Augenblicke, in denen ich denke, ich hasse die Königin nur, weil ich mich in ihr wiedererkenne.« »Und wenn man dich zur Fratze verzerrte, ließe sich keine Ähnlichkeit finden... Nein, nein – ich will nicht darüber sprechen!« Es dauerte eine Zeit, bis sie ihre nächsten Worte fand: »Es wäre gut für mich, wenn du mir wieder deine Freundschaft schenken könntest.« Auch er schwieg zwei Atemzüge lang, ehe er antwortete. »Du weißt doch, daß du sie niemals verloren hast.« Sein Lächeln trug einen sehr leidenden Zug, als er sich über ihre Hände beugte, um sie zu küssen. 5 Jenes Angebot des Todeskämpfers an Francisco, ihm einen Exorzisten aus seinem Kloster zu schicken, hat verschwiegen, daß er selbst in diese dunkle Kunst eingeweiht ist. Als sich der Akademiedirektor und Erste Kammermaler mit Javier und Llorente zu einer von Bavi angegebenen Stunde in der von düsterem Zwielicht erfüllten Seitenkapelle einer Madrider Kirche einfindet, um einer Beschwörung anzuwohnen, ist zu seinem Erstaunen der unheimliche Mönch im Priesterornat in Tätigkeit – vor einem Lehnstuhl, in dem bleich und ängstlich ein Bauernmädchen hängt. Francisco und Javier treten zwischen die kerzenhaltenden Mönche und die Verwandten des Mädchens, hinter ihnen verbirgt sich, so gut es geht – es ist ihm nicht angenehm, gesehen zu werden –, der Kanonikus. Bavi, dessen Gesicht locker, schwammig geworden ist, rezitiert mit starker Betonung lateinische Gebete. Nichts Besonderes ereignet sich. Man könnte glauben, es wickeln sich leere Zeremonien ab. Das Mädchen sucht dem Blick des Priesters auszuweichen und muß ihn doch immer wieder anschauen, furchtsam und verständnislos. »Apage, Satanas!« ruft der Beschwörer mit drohender Stimme, »apage! Verbirg dich nicht! Du bist erkannt. Fahr aus!« Das Mädchen bekommt einen starren Ausdruck. »Verbirg dich nicht! Antworte, Dämon! Du bist da, ich fühle dich, ich rieche deinen verworfenen Gestank. Stell dich mir! Ich will mit dir kämpfen. Laß sehen, wer der stärkere ist von uns beiden! Heraus aus deinem Versteck!« Er ballt die Fäuste, ergreift ein Kruzifix und hält es dem unsichtbaren Feind entgegen. »Ich mache dich der mir verliehenen Gewalt untertan, ob du willst oder nicht.« Die Mönche murmeln Gebete. Das Mädchen beginnt die Augen zu verdrehen. Die Bauern flüstern aufgeregt. »Wenn du dich sperrst, komme ich mit einem stärkeren Trank, der dir Unbehagen bereiten wird.« Er beginnt, halb singend, lateinische Formeln von seltsamem Klang zu sprechen, heftiger und heftiger, und vollführt dazu mit den ausgespannten Handflächen abgehackte Bewegungen gegen das Mädchen, als könne er Ströme seines Willens wie Geschosse abschnellen. Auf seiner Stirn perlt der Schweiß. Ein Chorknabe schwingt das Räucherfaß. Das Murmeln der Mönche schwillt an. Eine Menge neuer Zuschauer drängt sich herzu: das ganze Stadtviertel muß von dem Ereignis gehört haben. Sie sind sogleich im Bann, stürzen sich geradezu in das Außerordentliche, knien nieder und beten mit lauten Stimmen, die sich mit denen der Mönche und mit den Weihrauchschwaden mischen. Die Worte des Beschwörers übertönen alles, wie eine in den Registern heftig wechselnde Orgel. Noch immer ist kein Zeichen zu erkennen, daß sich der Dämon dem Aufruf stelle. »Ich zwinge dich«, schreit der Beschwörer mit geballten Fäusten, »Gott ist stärker als der Satan.« Seinen Blick in die Höhe wendend und sich emporreckend, ruft er himmlische Hilfe an. Und wie er nun weiter mit dem Unbekannten, Unsichtbaren ringt, psalmodierend und scheltend, Schweiß verströmend und schwer atmend, da verfällt das Mädchen in Zuckungen. »In nomine Domini – in nomine Spiritus Sancti – exfugite, daemones!« Bavi schlingt die Stola um die Besessene, wie um sie in einen Zauberkreis zu zwingen, legt die Hände auf ihre Schultern, kreuzt sie hinter ihrem Nacken. Seine Kraft dampft in ihr auf, brandet gegen sie an, erdrückt sie fast; sie fällt in Ohnmacht, wird mit Wasser erweckt, bewegt ohne eigenen Willen den Mund. Die Kerzen schwelen, als sei ihnen die Luft weggenommen. »Es kommt«, sagte ein Mönch nahe an Franciscos Ohr. »Es kommt«, gleitet das Wort zwischen den Knienden weiter. Ihr Gebet wird leiser, ihre Neugier schwillt. Und es kommt. Es kommt furchtbar. Aus des Mädchens Mund dringt mit einemmal ein Laut. Es ist ein Gurgeln nur, ein Lallen, dem die Wortformung nicht gelingt. Aber jeder hört es mit eigenen Ohren: es ist eine tiefe, eine männliche Stimme. Als hätte der Blitz in die Kirche geschlagen, zittern und erbleichen sie alle: Francisco, Javier, Llorente, die Mönche, die Beter. Nur der Beschwörer frohlockt. Die Muskeln seines Gesichts sind straffer geworden, Sicherheit blüht darin auf als etwas Verlorenes und endlich Wiedergefundenes. »Hab ich dich«, ruft er mit einer Gebärde der Hände, die den Feind an den Haaren zu schütteln scheint, »jetzt beginnt der Kampf. Steh mir Rede!« Es ist wie ein zweiter Blitzschlag – keiner, der aus irdischen Wolken kommt, ein Funke aus dem Grauen der Welt heraus: die Stimme spricht Worte, deutliche Worte, die jeder vernimmt. »Laß mich in Frieden«, fordert sie, »du hast keine Macht über mich!« Siegessicherem Jauchzen gleicht jetzt das »Apage, apage, Satanas« des Beschwörers. Die Stimme kommt wieder. Ungeheuerlich sind die Worte: »Ich bin nicht Satanas.« Wie ist es möglich, dies zu ertragen? zuckt es durch alle. Vielleicht ist er doch Satanas, denken viele, dann steht man in Reichweite des teuflischen Atems, das kann uns Pest und Tod bringen. Alle hier mit leiblichen Sinnen Gegenwärtige, denkt Francisco, drängen sich in gefährliche Bezirke ein. »Dann bist du einer von Satans Knechten«, antwortet Bavi, »apage, daemon, exfuge!« »Du weißt nichts von uns.« »Alles weiß ich von euch.« Die Worte, durch die der Beschwörer und der Unsichtbare weiterkämpfen, wollen recht haben und den Gegner verkleinern – aber sie sind weit darüber hinaus mit magischer Kraft geladen, unsichtbare Waffen der ringenden, ineinander verkrallten, verklammerten Geister. Auch die Beter schreien zu Gott. Einige drängen erschöpft zum Ausgang. Mit einemmal wird deutlich, daß die Stimme des Unsichtbaren sich wie von Angst verfärbt: »Laß ab! Was kümmert's dich, wenn ich hier wohne? Du wohnst selbst in einem Menschenleib – laß mich auch in einem Menschenleib wohnen.« »Das ist Teufelslogik. Heraus, du Verderber! Daemon, exfuge!« »Ich will nicht in der Leere wohnen! Fahr du ins Leere! Apage, exorcista!« Bavi sammelt seine Energie zur letzten Steigerung. Aber er hält nicht stand – bricht plötzlich bewußtlos zusammen. Alles scheint verloren. Doch die Mönche, soweit sie sich nicht um den Ohnmächtigen bemühen, verdoppeln die Eindringlichkeit ihrer Gebete, um dem Unsichtbaren keine Ruhe zu lassen. Und schon springt einer aus ihrer Schar, ein Jüngling mit fanatischen Augen, in die Lücke. Der Ornat wird ihm übergeworfen. Zwanzig-, dreißig-, fünfzigmal wiederholt er die lateinischen Formeln, aus denen der Zauber kommen soll, streng und herrisch, in rasch sich straffender Gespanntheit. Aber auch zwischen sie wirft der Unsichtbare Worte, lateinische Worte, als fange er Pfeile auf und werfe sie zurück. Der Beschwörer tritt nahe heran und vollführt mit den Händen Striche entlang dem Körper des Mädchens, ohne ihn zu berühren. Der Halbkreis der Beter, der sich mit einspannt in den Strom der Kräfte, wird verstärkt durch eine frische Schar von Mönchen und Klosterschülern. Dicht stehen und knien jetzt die Menschen, dicker Dunst erfüllt die Kapelle. Der Knabe, der räuchern soll, drückt sich bleich in eine Ecke, ein Mönch ergreift die Ampel und schwingt sie. Das Mädchen droht in ihren Krämpfen zu Boden zu stürzen, Ordensbrüder eilen herzu, sie festzuhalten. Sie ist jetzt wie eine Tobsüchtige. Und wie ein zweiter Tobender stürmt der Beschwörer gegen sie an. Dann kommt das Gräßliche, das mehrere Zuhörer von Bewußtsein bringt und andere ins Freie hinausjagt: der Schrei des besiegten Unsichtbaren. Ein tierisches, markdurchdringendes Brüllen, Ausbruch einer unvorstellbaren Verzweiflung mehr als Wut. Ein Schrei aus der Hölle. Dann ist alles still. Dies habe ich ertragen – Furchtbareres kann nicht kommen. Es ist der einzige Gedanke, der in Francisco lebendig wird. Er meldet sich, klar gedacht oder dumpf gespürt, auch in den andern, die noch mit wachen Sinnen dastehen. Nur diejenigen unter den Mönchen, die dies alles nicht zum erstenmal erlebt haben, wissen, daß überhaupt kein Grauen mehr nachkommen wird, daß es vorüber ist. Wissen es und fürchten doch mit jedem Nerv, der Schrei könne sich wiederholen. Als langsam, langsam die Herrschaft über sich selbst in die ohne Zeitbewußtsein Bebenden zurückkehrt, werden sie gewahr, daß sich die Krämpfe des Mädchens lösen. Ihre Glieder entspannen sich. Sie atmet ruhiger, und ihr Zustand geht in tiefen Schlaf über. Man trägt sie weg. Doch auch der zweite Beschwörer fällt plötzlich in sich zusammen, wird bleich und schwach und muß von zwei Mönchen gestützt werden.   »Was war das, Vater?« fragt Javier draußen vor der Kirche. Vorerst kommt nur eine Gegenfrage: »Was würden wohl deine Lehrer der Philosophie dazu sagen?« »Ich hätte nicht viel Vertrauen zu ihrer Antwort – auch ist mein Wunsch zu wissen sehr ungeduldig.« »Der Kanonikus wird dir besser antworten können als ich.« Llorente, obwohl auch er erregt ist, bringt es doch schon zu einem skeptischen Lächeln. »Die Kirche lehrt, Gott habe den abtrünnigen Engel in die Abgründe der Finsternis gestoßen. Seitdem kämpfen, sagt man, er und seine Scharen gegen die Gewalten des Lichts. Wenn Sie wollen, können Sie, was Sie gehört haben, als Äußerungen eines dieser Kämpfer gegen das Licht ansehen ... Es ist schließlich eine Frage der intuitiven Phantasie, wenn man nicht sagen will« – er nimmt sein Lächeln wieder auf – »des Glaubens. Ich persönlich mißtraue meinen Ohren – vielleicht auch diesen Mönchen und ihren Geheimnissen.« »Aber wofür hältst du es denn dann?« ereifert sich Francisco. Llorente zuckt die Achseln, und Francisco wird noch lebhafter: »Wir können doch Dinge, die nicht mit unseren bisherigen Anschauungen übereinstimmen, nicht einfach wegleugnen, wenn sie uns so deutlich gegenübertreten!« »Deutlich? ... Lieber Freund, was unmöglich ist, geschieht nicht, auch wenn wir uns einbilden, es geschehe. Gewisse Schriftsteller der französischen Aufklärung könnten dir schlagend antworten – mir sind ihre Gedankengänge verwehrt, darum ziehe ich vor zu schweigen.« »Und ich ziehe meine persönlichen Beobachtungen vor – gegenüber der Meinung gewisser Schriftsteller.« Das klingt etwas gereizt, und es ist gut, daß Javier das Gespräch auf des Kanonikus erste Äußerung zurücklenkt: »Ich kann mir jenen Kampf im großen wohl vorstellen, gewissermaßen als den fernen Hintergrund aller Lebensvorgänge. Aber daß das so unmittelbar in unsere Gegenwart hereingreift ... daß geradezu körperlich um den einzelnen Menschen gekämpft wird ... Mir ist jetzt, als müßte ich die Fangarme eines ungeheuren Polypen fürchten, der aus dem Dunkel heraus nach jedem von uns greifen kann.« »Das ist ja das Grauenhafte«, ruft Francisco, noch immer leidenschaftlich bewegt, »daß wir Menschen, die ganze Menschheit und jeder einzelne von uns, Gegenstand und Schlachtfeld sind für den Kampf zwischen Gott und Teufel. Und daß der die größte Wette der Welt gewinnen würde, der auf den Sieg des Teufels setzte.« Während sie vor die Stadt hinaus in die Stille der Wiesen und Bäume wandern, spricht der Geschichtsschreiber der Inquisition von seinem Stoff. »Ihn könnte man wirklich mit einigem Recht eine Kette von Beispielen jenes Kampfes nennen. Aber meistens waren die Richter vom Teufel besessen und nicht die Verurteilten«, sagt er leise. »Ich hoffe, einzelne Leser meiner Darstellung werden das zwischen den Zeilen finden. Schreiben darf ich es nicht.« »Ist nicht auch das ein deutlicher Sieg des Teufels«, fragt Francisco, »daß wir uns zu solchen Meinungen nicht bekennen dürfen?« Llorente lächelt, als handle es sich nun doch nicht um mehr als ein Spiel mit Worten. 6 Hasta la muerte Karikatur auf die Königin Maria Luise von Spanien und ihre Mannstollheit Radierung. Aus den Caprichos Auch auf dem Dach des Schlößchens San Cristóbal, zu dessen Wiedereinweihung Cayetana ein Fest gab, saß ein Teufel und wartete auf seinen leichten Sieg...   Die vom elften Marqués von Villafranca, Gatten der dreizehnten Herzogin von Alba, komponierte Orchesterouvertüre war zwischen den Bäumen des Parks verhallt, Don José nahm in einer nervösen Mischung der inneren Abwehr und des Geschmeicheltseins die Glückwünsche der Spitzen der Geladenen entgegen. Ihm habe besonders die Jagdfanfare Vergnügen gemacht, bemerkte Carlos der Vierte – durchaus irrtümlicherweise, denn das Trompetenthema, das ihm aufgefallen war, übrigens der Stolz des Erfinders, hatte unverkennbar feierlich-heroischen Charakter. Auch Maria Luisa war anwesend, denn sie fürchtete, ihr Fernbleiben könnte jenen Brandstiftungsgerüchten nochmals Nahrung geben. Vor einem Beet knallroter Kannablüten stehend, lobte sie die konservativ-klassische Haltung des Tonstücks und empfahl dem Marqués, mitbauen zu helfen an einer Schutzmauer gegen die revolutionären Einflüsse, die vom Ausland her auch die Kunst bedrohen, ihre Kusine berichte aus Wien empört über die abscheuliche Libertinage, der die Musik dort neuerdings verfallen sei. Fernando, Prinz von Asturien, spendete seine jugendliche Anerkennung mit einer Miene, als händige er einem Bettler Goldstücke aus. Godoy verstieg sich zu der Schmeichelei, er bedaure, der Gesangskunst ganz abgesagt zu haben, denn es könnte ihn wohl reizen, eine von dem Marqués komponierte Arie zu studieren und vorzutragen. Sie sahen sehr seltsam nebeneinander aus, der Marqués mit der schmächtigen Gestalt, dem gelben kränklichen Gesicht, dem an den Schläfen ergrauten pechschwarzen Haar – und der von Gesundheit geschwellte Fürst, blond, blauäugig, muskulös. Der eine um Geistiges wenigstens bemüht, der andere nichts als Körper. Selbst wenn er wirklich gesungen hätte, sogar schön gesungen – er wäre nichts als Körper gewesen. »Dieser liebenswürdige Wunsch Eurer Hoheit«, verbeugte sich der Marqués, »ist eine unvergleichliche Ehre für meine bescheidenen Arbeiten.« Hoheit – das war die abermalige Ehrensteigerung, die sich Don Carlos für den Freund und Berater ausgedacht hatte. Sie fiel dem Friedensfürsten nach einem dreiwöchigen Raubkrieg gegen das schwache, von Carlos' Schwiegersohn regierte Königreich Portugal zu, zusammen mit einem neuen militärischen Titel. Der war schwer zu finden gewesen: der Krieg spielte sich zu Land ab, und Manuel nannte sich schon Generalissimus des Landheeres. Da wurde er denn zum Großadmiral von Spanien und Indien befördert. Auch übernahm er auf des Königs eindringliche Bitten wieder persönlich den Vorsitz im Ministerrat. Enthielt ein amtliches Schriftstück seine sämtlichen Titel, so folgten auf die großen Adels-, Staats- und Militärbezeichnungen und auf die eines Ewigen Regidors der Stadt Santiago noch die kleineren, die ihm das Gepräge künstlerischer und wissenschaftlicher Interessen geben sollten: Protektor der Akademie der Schönen Künste, des Kabinetts für Naturgeschichte, des Botanischen Gartens, des Chemischen Laboratoriums und des Astronomischen Observatoriums. Neben einem Springbrunnen, den ein Rudel marmorner Nymphen umdrängte, hielt der mit solch tönenden Anpreisungen wie mit einem Netz unsichtbarer Glöckchen überzogene Mann Cercle, als führe er auch die Königsglocke. »Die drei Bilder bringen Ihnen viel Lob«, sagte er zu Francisco. »Die weiblichen Beschauer verweilen mehr bei meinem Porträt, die männlichen« – er verzog genießerhaft den Mund – »bei den beiden Mädchen.« Die beiden Mädchen waren in Wahrheit nur eines, zweimal dargestellt. Damit hatte es eine seltsame Bewandtnis: Bald nach jener Beschwörung erschien Bavi, der Todeskämpfer, bei Francisco – nicht in der Mönchskutte, sondern in speckigem Bürgerkleid. »Ich möchte Ihnen eine Gefälligkeit erweisen«, sprudelte er aufgeregt heraus, »ich bringe Ihnen das schönste Aktmodell von Madrid. Sie läßt sich sonst niemals malen, nur von Ihnen. Es ist ein Dienst an Ihrer großen Kunst. Aber bezahlen Sie sie gut, sie hat Geld nötig. Übrigens ist sie die Schwester des Bauernmädchens, dem der Dämon ausgetrieben wurde. Ich dachte, das interessiert Sie.« Und ohne eine Antwort abzuwarten, holte er das Mädchen, das er hatte auf der Treppe warten lassen. Eng in einen schwarzen Schal gehüllt, stellte sie sich an die Wand und schaute Francisco schweigend an – mit Augen, die vorsichtig zu werben begannen. Der Überfall traf ihn vor einem über eine Holzpuppe gezogenen Spitzenkleid, nach dem er das Porträt irgendeiner vornehmen Dame zu Ende zu führen im Begriff war; so nahm er von dem lebendigen Modell und seiner zierlichen Üppigkeit nicht ungern Notiz – fand sie übrigens jener armen Besessenen völlig unähnlich. Bavi erriet diesen Gedanken und erklärte unvermittelt, sie sei in der Stadt aufgewachsen. »Sie können das Honorar auch mir bezahlen«, fügte er bei. Francisco schob ihm ein Geldstück in die gierig geöffnete Hand und besann sich, ob er das Mädchen nicht doch lieber wegschicken solle. Doch Bavi glitt rasch und lautlos zur Tür hinaus; die Blicke des Mädchens folgten ihm bis zur Tür, ja es schien: noch durch die geschlossene Tür hindurch. Solange war der Blick nur wie in mechanischer Bewegung, ohne Inhalt. Jetzt heftete sie ihn gefallsüchtig wieder auf Francisco, immer noch schweigend. Und riß sich unversehens, als sei es unter dem Schal schon halb vorbereitet gewesen, die Kleider vom Leib, lachte und warf sich auf ein Ruhebett. Wenn sie einem durch den Schornstein ins Haus fällt, dachte er, kann man auch einmal eine tizianische Venus malen – aber wir sollen nicht versäumen, die spanische Abart zu betonen. »Bleib liegen«, sagte er und machte sich an die Arbeit ... »Warum wollen Sie mich nicht?« fragte sie, als der Abend kam. Es waren ihre ersten Worte. Als er nicht antwortete, bekannte auch sie, daß sie Geld brauche. »Er hat es ja genommen.« »Ist er nicht mehr Mönch?« fragte Francisco. Sie zuckte die Achseln. Er gab ihr ein Goldstück und hieß sie andern Tags wiederkommen. Ehe er sie das zweitemal malte, legte er ihr ein langes Hemd von dünner weißer Seide um und schmiegte es eng an alle Biegungen des Körpers. Dann ließ er sie genau dieselbe Stellung einnehmen wie auf dem Aktbild. Er wußte selbst nicht recht, weshalb es ihm dieses fast fanatische Vergnügen machte, die beiden Bilder einander völlig entsprechen zu lassen. Er stellte eine verschleierte Aphrodite dar – nein: eine schöne Frau, die begehrt werden will, und enthüllte sie dem Beschauer, sie zugleich verdoppelnd. Der Beschauer wird entscheiden müssen, welche von beiden begehrenswerter sei – und das wird nicht leicht sein. »Warum wollen Sie mich nicht?« fragte sie wieder. »Mach, daß du dich ankleidest«, sagte er und gab ihr Geld. »Ist es wahr, daß du die Schwester der Besessenen bist?« »Ich habe keine Schwester ...«   »Wer ist eigentlich das Mädchen?« fragte der Käufer der Bilder, der vor dem Nymphenbrunnen Cercle haltende. »Sie hat sich nicht zu erkennen gegeben, Hoheit, und ich habe sie nie wiedergesehen. Ich weiß nur, daß ein Mönch um ihretwillen aus dem Kloster gejagt worden ist.« Godoy schlug ihm lachend auf die Schulter. »Mir scheint, Sie sind auch Dichter. Aber behalten Sie sie ruhig, ich will sie Ihnen nicht abjagen.« Er sah Franciscos feindseliges Stirnrunzeln nicht mehr, da er sich der Gastgeberin nahte. Über einen großen Elfenbeinfächer weg hörte sie seine Komplimente mit lustigen Augen an. »Sie sind in glänzender Laune, Duquesa«, stellte Godoy fest. »Es ist ein Tag großer Genugtuung für mich.« Der Unterton in ihrer Stimme hätte ihm unbehaglich sein müssen, wäre er feinfühlig genug gewesen, ihn zu hören. Ein junger Neger bot gekühlten Champagner an. »Ich habe ihn und seine Schwester als Kinder in Toledo auf der Straße aufgelesen«, warf Cayetana in die Konversation. »Er ist gut gewachsen. Ob man wohl auch die Schwester zu Gesicht bekommt?« Cayetana schnitt ihm eine Grimasse und entfernte sich unter seinen verletzten Blicken. Sie fühlte seit Minuten Javiers bewundernde Augen und ging, über die Verbeugungen eines Dutzends Höflinge hinwegsehend, auf ihn zu. Seine Mutter stand bei ihm, und so wandte sie sich zuerst zu ihr: »Noch niemals ist mir die Familienähnlichkeit mit Ihrem verstorbenen Bruder so deutlich an Ihnen aufgefallen, Doña Josefa.« Pepa wußte nicht recht, was antworten, und verneigte sich stumm. »Was machen die Studien, Don Javier?« Er nahm die Frage sehr ernst und schickte sich an, der Herzogin sein Herz auszuschütten, über gewisse Enttäuschungen seines Wissensdurstes klagend. »Vergessen Sie die Brüste der Weisheit für heute«, unterbrach sie ihn lächelnd, »es sind hübsche Señoritas da.« Der lange, schmächtige Javier errötete.   Die Gäste sahen sich mit Zerstreuungen überschüttet. Aus den Gebüschen erklangen den Lustwandelnden Serenaden entgegen, aus den Baumkronen fielen Blumen auf sie nieder, Jahrmarktbuden waren aufgeschlagen und wurden von jungen Damen und Herren der Hofgesellschaft betrieben, buntgeschmückte Esel standen als Reittiere bereit – am Sattelplatz geruhte längere Zeit der König sich über die Auf- und Absteigenden zu amüsieren –, Menuette wurden getanzt, für die von einer Lotterie ausgegebene bunte Bänder die Zusammengehörigkeit der Paare bestimmten. Auf einer dem Schloß vorgebauten Terrasse stellten Rita Molinos – wohl geeignet, Götter zu entzünden –, der rüstungstrahlende Isidro Maiquez und ein für seine dionysische Rolle etwas zu zarter junger Aristokrat das Spiel von Ariadne, Theseus und Bacchus dar, das Leandro de Moratíns Verskunst ins Heitere gewandt hatte. Kaum hatte das vereinte Paar dem widerstrebenden Dichter einen Lorbeerkranz aufs Haupt gedrückt – »Man sollte mit Lorbeeren nicht scherzen«, sagte er nachher etwas rätselhaft zu Francisco –, als aus der Tür des Schlosses ein Trupp andalusischer Musikanten stürmte, sich zu beiden Seiten der Terrasse verteilte und auf Gitarren und Mandolinen Tanzrhythmen anschlug. Nun glitten sechs Tänzerinnen auf die Szene, auch sie in andalusischer Tracht: weiß die flachen, nur an den Hüften sich ausbuchtenden seidenen Krinolinen und die Mieder, weiß die von hohen Prunkkämmen gehaltenen Spitzenmantillas und die Stöckelschuhe. Sie begannen, während Diener hinter ihnen grellbunte Tücher und Teppiche über die Fensterbrüstungen legten, in gemessener, würdevoller Grazie zu schreiten, sich zu wenden, die Arme zu heben, sich zu wiegen – schlugen erst leicht, dann hitziger die Kastagnetten – umkreisten einander, ließen der steifen Einschnürung zum Trotz die Glieder spielen, verstärkten mit stampfenden Absätzen den Takt der Kastagnetten. Die Augen funkeln, die schönen Gesichter spiegeln Leidenschaft. Die Tänzerinnen fallen in Gemessenheit zurück, zögern – und plötzlich haben sich sechs andere Mädchen zwischen sie gedrängt, biegsamer, freier gekleidet: die Körper sind eng in bunte Fransenschals gewickelt, doch bleiben die Arme und ein Teil des Rückens frei. Keck sitzt auf dem Kopf der breitrandige Cordobeserhut. Die Musik steigert Tempo und Feuer. Die Hofgesellschaft, die beim Schauspiel blasiert gelächelt, dann und wann wohl auch kennerisch genickt, doch Form und Etikette keinen Augenblick vergessen hat, kann während der Tänze immer weniger verbergen, daß sie mitgerissen wird. Es sind nicht einmal die jüngsten Kavaliere, die den Bewegungen der Mädchen mit einem anfänglich unmerklichen Wiegen des eigenen Körpers zu folgen beginnen und sich lautlos mit Fuß und Knie dem Takt hingeben. Einer sieht es beim andern und bekommt mehr Mut, sich gehen zu lassen. Bewegung kommt in die Masse, die Damen nicken wenigstens mit dem Kopf. Und während auf der Terrasse die weißen Tänzerinnen den bunten mit Händeklatschen den Rhythmus angeben, so daß ein ganzer Schwall von Musik und Geräusch sie in seinen Bann reißt, fällt gar der König herzhaft in das Händeklatschen ein, sein Gesicht glänzt vor Vergnügen. Ist das nun königliches Reservat wie das Billardspiel oder Zeichen und Vorbild für die andern? Ein paar Augenblicke ist man ratlos. Dann beteiligen sich Godoys Hände. Was aber ihm recht ist, nehmen etliche andere gleichfalls für sich in Anspruch. Und viele folgen. Alle Kavaliere. Da fühlt auch Maria Luisa Feuer im Blut. Sie ist etwas mißtrauisch gewesen, als ihr in der Eingangshalle des Schlosses an Stelle des Porträts des Hausherrn ihr eigenes entgegenprahlte, und weiß noch immer nicht, ob das versöhnliche Huldigung ist oder Spott, da beruhigt es etwas, sich zwanglos zu geben. Und so klatscht sie denn – unedel. Alles klatscht. Die wenigen, die den Takt verfehlen, werden übertönt. Auch die Musik wird übertönt. Dennoch gelingt es den Tänzerinnen, das Tempo vorwärtszureißen. Alle Augen hängen an ihnen, man sieht ihren Rhythmus und den der Saitenspieler, und so dirigieren die Mädchen gemeinsam das große Lärmorchester. Farben, Gliederspiel, Augenspiel, Klappern, Stampfen – alles schwillt zum Wirbel, zum Rausch. Und zum jähen Stillstand in stolzer Gebärde. Man jubelt, beglückwünscht die Duquesa.   Mit Sinken der Dämmerung werden die Gäste gebeten, zur Beobachtung eines Feuerwerks Platz zu nehmen. Ein heftiges Knallen beginnt. Rote und grüne Räder spiegeln sich in dem Teich, jenseits dessen die Zurüstungen aufgebaut sind. Raketen erheben sich über die Bäume, immer vier, fünf, sechs zugleich. Fontänen, wie große Wasserspiele angelegt, gießen Sternregen aus. Feuerumrandete Boote gleiten übers Wasser, Leuchtkugeln auswerfend. Sonnen strahlen miteinander um die Wette. Ein Regen von Krachfröschen geht nieder mit einem Lärm, als sei ein Pulvermagazin explodiert. Eine Fülle des Gleichzeitigen, ein verschwenderisches, pausenloses Nacheinander – bis sich zwischen Rauch und Feuer als Ruhepunkt in roten Linien die großen, langsam abbrennenden Initialen des Königspaares abzeichnen: C. M. L. In den prasselnden Beifall mischt sich das boshafte Flüstern: Carlos – Manuel – Luisa ... Während nun ringsum die Diener Laternen und chinesische Lampions aufhängen und jedermann das Ende des Schauspiels gekommen glaubt, erstrahlt plötzlich hinter der Flucht der Beete und Büsche die Front des Schlosses in grünem bengalischem Licht. Ein prachtvoller Anblick, nur ein wenig unheimlich. Denn – man sieht es ganz deutlich – das Licht kommt aus dem Innern des Hauses, aus den geöffneten Fenstern und Türen. Die Königin fragt danach. »Ein neuartiger Effekt, Eure Majestät«, antwortet die Herzogin. Als Rauch aus den Fenstern dringt, werden ein paar Gäste unruhig. Doch befindet man sich in genügender Entfernung, um für die persönliche Sicherheit nichts befürchten zu müssen. Allmählich wird die Sache doch etwas toll. Diese Detonationen kommen gleichfalls aus dem Haus ... Und nun sieht man, daß dort drin ein zweites Feuerwerk abgebrannt wird mit Sprühregen und Leuchtkugeln und einem ganzen Hexensabbat von Fröschen und Knallkörpern. Man beschwichtigt sich gegenseitig, ein Kammerherr, der sich als Sachverständiger ausgibt, versichert, es handle sich um eine neue Erfindung der Pyrotechnik, ein Scheinfeuer, ein kaltes Feuer gewissermaßen, eine interessante, großartige Sache. Einige Beherzte wollen sich dem Haus nähern, sie werden von einer Bedientenkette höflich zurückgehalten. Währenddessen schüttelt Carlos halb verlegen, halb mißbilligend den Kopf, Maria Luisa wiederholt ziemlich scharf ihre Frage, was das bedeute. »Ein neuartiger Effekt, Eure Majestät«, antwortet die Herzogin. Ihr Gatte, bleich, völlig ratlos, sucht in ihrem Gesicht zu lesen. Ihm ahnt Schlimmes. Jeder Zweifel schwindet. Das Schloß, der Neubau, dessen Vollendung durch dieses Fest gefeiert wird, brennt. Brennt in sämtlichen Räumen und Winkeln zugleich. Der Gedanke, irgendetwas zu retten, wäre sinnlos. Die Flammen schlagen aus allen Fenstern in die Nacht hinaus, während im Innern die letzten Feuerwerkskörper explodieren. Es ist ein großartiges Schauspiel. Die Gäste flüstern in aufgeregten Gruppen. Ein beträchtlicher Kreis vernimmt die Stimme der Herzogin, als sie laut und langsam die triumphierenden Worte spricht: »Ich wollte das lieber selbst besorgen, ehe sich meine Freunde nochmals bemühen!« Wer noch nicht begriffen hat, begreift jetzt. Während sich, immer noch flüsternd, Parteien bilden, deren eine behauptet, an der Herzogin seit Wochen Zeichen geistiger Störung wahrgenommen zu haben, hört man einige Diener mitteilen, die abgelegte Garderobe befinde sich unversehrt im Gartenpavillon. Die Königin ist niedergeschlagen, und sie muß es verbergen – muß überhaupt verbergen, daß sie den Theatercoup auf sich bezieht... Sie hat von den beiden Brandstiftungen, der gelungenen und der mißglückten, gewußt, es verhält sich wirklich so, wenn sie auch nur einem subalternen Vorschlag zugestimmt, den Plan also keineswegs erdacht hat. Und nun hat sie die Empfindung, daß der von ihr geduldete, plumpe, geistlose Angriff, im Grunde doch ihr Angriff, von einer Geste des überlegenen Spottes aufgefangen worden ist, die jeden weiteren Stoß unmöglich macht und darum selbst trifft. Maria Luisa bewundert in einem heimlichen Winkel des Herzens die Größe dieser Geste – und hat die Wahl, sich entweder zu einer brutalen Handlungsweise zu bekennen oder sich geschlagen zu fühlen. Das Bekenntnis kommt für eine Königin nicht in Frage – für eine Königin des beginnenden neunzehnten Jahrhunderts (während sie das überlegt, wird sie auch noch, mag sie sich darüber klarwerden oder nicht, von der Empfindung beunruhigt, etwas allzu Stilloses begangen zu haben). Um den Schein des Unbeteiligtseins zu wahren, spielt sie die Belästigte, Ungnädige, sagt gereizten Tones, man sei hier seines Lebens nicht sicher – und läßt sich gerne, wenn nur diese Komödie ein Ende nimmt, vom König beschwichtigen, der Cayetana gutmütig die Hand zum Abschied reicht, ohne zu wissen, was er ihr sagen soll. Der Marqués ist verschwunden. Die Wagen hat man hinter dem Wirtschaftsgebäude aufgestellt, um für die Pferde das Feuer einigermaßen abzublenden. Dennoch sind sie sehr unruhig, die Kutscher haben große Mühe, der Gefahr des Scheuens der Tiere zu begegnen. So wird der Aufbruch höchst ungemütlich ... An einen Baum gelehnt, betrachtet Francisco unverwandt das Feuer. Er mißtraut jetzt der Oberfläche aller Dinge – darum muß ihm auch dieses Flammenspiel zum Symbol werden: Die Sonnenflamme ist Gottes. Als der Engel in den Abgrund gestoßen wurde, entzündete er im Sturz eine Fackel am heiligen Licht, um sich mit ihren Funken die Finsternis zu erhellen. Doch nun hat er das Feuer als Waffe im Kampf zu nützen gelernt – als Waffe, die durch ihre Schönheit blendet. »Es ist doch nur geraubtes Licht«, sagte er, als Cayetana zu ihm tritt. Sie schaut ihn fragend an. »Gott ist der Herr des Lichts, Satanas der Herr des Feuers.« Sie versteht ihn nicht, überlegt sogar, ob sich hinter den Worten ein Vorwurf verbirgt. »Wenn du von dieser Absicht gewußt hättest«, fragt sie ihn, »würdest du mir abgeraten haben?« Er zögert: »Ja – ich fürchte wirklich, ich hätte abgeraten. Hätte nicht mehr den Mut für so etwas aufgebracht. Aber – ich bin zufrieden, daß ich keine Gelegenheit dazu hatte.« Sie lacht etwas gedrückt. »Diese Idee«, ergänzt er sich, »konnten vielleicht noch andere erfinden. Aber ausführen konnte sie niemand außer dir. Deshalb ist es wohl richtig, daß es wirklich dazu gekommen ist.« »Ich werde das Haus nicht wieder aufbauen, sondern den Betrag, den das kosten würde, den Armen von Madrid zuweisen.«   Als Francisco mit Pepa und Javier in die Stadt zurückfuhr und sich Pepa über die maßlose Verschwendung der Herzogin ausließ, sagte er nur, sie sei ungeheuer reich und könne sich so etwas leisten. Javier griff das Wort »maßlos« auf und meinte, man dürfe diese Frau wohl nicht mit den üblichen Maßen messen. Francisco aber gab dem Kutscher Anweisung zu halten und hieß Javier mit der Mutter nach Hause fahren. »Ich gehe zu Fuß.« »Allein in der Nacht I« hielt ihm Pepa entgegen. »Der Weg ist viel zu weit und zu dunkel.« »Der Mond scheint«, stellte er fest und stieg aus. Si sabrá mas el discipulo? Radierung. Aus den Caprichos 7 Wenn Javier mit seinem Vater die philosophischen Gedankengänge besprach, die ihm die Professoren vermittelten, pflegte der nach dem Wesentlichen, dem Kern der Dinge, den weltbewegenden Kräften zu fragen; und das hatte, da dem Adepten der Stoff zur Antwort fehlte, keine andere Wirkung, als seinen sowieso schwachen Glauben an die Schulweisheit noch weiter zu erschüttern. So konnte Francisco nicht erstaunt sein, als ihm Javier eines Tages bekannte, das philosophische Studium vermöge ihn nicht auszufüllen. Wohl schwebe ihm eine höhere Methode vor, die Welt, ihre Erscheinungen und Hintergründe zu betrachten, doch ohne das Vorbild eines großen Lehrers fühle er sich zu schwach, sich einer solchen Methode zu nähern oder sie gar zu schaffen. Der schlanke, blasse Junge, dessen frühzeitig elegante, gemessene Bewegungen der im Grund seines Herzens bäurisch gebliebene Vater, ohne es recht zu wissen, bewunderte, hatte eine scharmante Art, so etwas auszudrücken. Francisco konnte und wollte nicht widerstehen. Er soll einen ebenen, schönen Weg haben – das war der Gedanke, der in ihm lebte und auch jetzt wieder an die Oberfläche kam. Darum äußerte er, selbst als Javier auf einen künstlerischen Beruf und schließlich geradewegs auf das Gebiet der Malerei anspielte, auf dem ihm Francisco bisher wenig zugetraut hatte, weder Bedenken noch gar Widerspruch. »Laß dir Zeit«, sagte er, »sieh dich gründlich um.« Da kam die Frage, auf die er gefaßt sein mußte und von der er doch hoffte, sie werde wenigstens in diesem Augenblick nicht gestellt: »Willst du mich als Schüler annehmen, Vater?« Ausweichen mochte er nicht. Die Entscheidung, zu der er sich entschließen mußte, stand mit intuitiver Plötzlichkeit vor ihm, und als er sich anschickte, sie auszusprechen, wußte er kaum noch, wie er sie begründen würde. »Ich bin«, sagte er fast heftig und mit gesenktem Blick, »kein Mensch, der die Fähigkeit hat, Schüler auszubilden. Ich würde sie gewaltsam in das hineinreißen, was ich selbst mache. Das ist nichts für junge Menschen, die vorsichtig angefaßt werden müssen. Dein Talent ist von anderer Art als das meine, mir fehlt die Unbefangenheit, es zu erkennen und zu pflegen.« »Ich ließe mich gern in deine Arbeit hineinreißen.« »Du würdest mich nachahmen. Die Nachahmung ist die schlimmste Gefahr für einen werdenden Künstler.« Als er Javiers traurige Augen sah, fügte er rasch hinzu: »Du mußt die Welt sehen, mußt reisen, die Lehrer immer wieder wechseln. Ich habe viel zuwenig von der Welt gesehen. Deine Studien sollen dich nach Rom, Wien, Paris führen; du wirst viel Gewinn daraus ziehen, der mir versagt geblieben ist. Du würdest sogar, denke ich mir, Gelegenheit finden, dich nebenbei in der Philosophie weiter umzusehen – das könnte den Künstler nur bereichern.« Und Javiers Augen begannen wieder froh zu werden. Er küßte dem Vater die Hand. Jetzt erst, unter dem Gefühl dieser Liebkosung, wurde Francisco sich klar darüber, daß er ihn ohne Besinnung aus seiner Nähe entlassen, ja weggewiesen hatte. Jetzt erst gab er der Empfindung Gehör, die eine andere Entscheidung wollte: welches Glück, einem Sohn in der eigenen Kunst den Weg zu zeigen, die eigenen Ideen in ihn einzupflanzen – sich ihm zu öffnen, ihn vor all den Irrtümern zu bewahren, durch die man selbst mühsam hindurchgegangen ist, ihm Zeit und Kraft zu sparen... Nein, nein, nein! Ich darf ihn in meine Kreise jetzt nicht hineinziehen – was er bei mir lernte, wäre keine Musik für die Ohren eines jungen Menschen, der anfangen will, sich mit dem Leben auseinanderzusetzen: er möchte wohl die Lust an diesem Leben verlieren... Und die Entscheidung, ob er Maler ist, Maler sein kann, sollen andere verantworten. Selbst wenn sie ja sagen, um ihm Geld abzunehmen, wird bald an den Tag kommen, wie die Dinge liegen... »Du hast ein paar schöne Jahre vor dir«, sagte er zu Javier und schlug ihm heftig auf die Schulter, »ich beneide dich darum.« »Komm mit, Vater!« Es klang viel Liebe aus diesen Worten. Francisco schüttelte langsam den Kopf. »Ich kann nicht. Es ist zu spät. Ich bin angewachsen.«   Er begab sich zum Hausmeister des Palastes der Herzogin von Alba, um Erkundigungen über Cayetana einzuholen. Vor einer Stunde war durch einen Zufall das Gerücht zu ihm gedrungen, sie sei erkrankt. Ein hitziges Fieber, sagte der Hausmeister – mehr sei ihm nicht bekannt. Die Auskunft des nächsten Tages lautete ähnlich, doch um eine Spur besorgter. Beunruhigt ließ sich Francisco beim Marqués melden. Der Herr Marqués beauftragte einen Kammerdiener mit dem Ausdruck seines Bedauerns, keine Besuche empfangen zu können, und mit der Mitteilung an den illustren Señor de Goya, Ihre Exzellenz die Duquesa bereite den Ihrigen durch eine ernsthafte Erkrankung Sorge. Vergebens zerquälte sich Francisco den Kopf um eine Möglichkeit, mit Cayetana unmittelbar in Verbindung zu treten. Sicherlich hatte sie anfänglich ihrer Unpäßlichkeit zu wenig Bedeutung beigemessen, als daß sie ihn zu verständigen für nötig befunden hätte, und war jetzt zu schwach für solche Anordnungen. Die Etikette schloß einen Krankenbesuch völlig aus. Mauern standen plötzlich zwischen ihnen ... Um sich abzulenken, überdachte er die nicht allzu eilige Frage, wie die Reisen Javiers zu finanzieren seien. Wollte er ihm reichlich Geld zur Verfügung stellen, so mochte es sich wohl empfehlen, eine neue Einnahmequelle zu schaffen. Und so kam er im Gespräch mit Bermúdez auf einen schlauen Gedanken, der ihm in seine Besorgnis und Unruhe hinein Vergnügen machte: die Kupferplatten der Caprichos lagen seit Jahren ungenützt, ein totes Kapital – sie mußten zinsbar gemacht werden! Er richtete an den Finanzminister, einen liebenswürdigen, völlig von Godoy abhängigen älteren Herrn, ein Schreiben, in dem er die großen, in diesen Kupferplatten liegenden Möglichkeiten darlegte. Nur wenige Tage, bemerkte er, seien die Abzüge dem Publikum verkauft und nur in geringer Zahl abgesetzt worden, während sich die Vervielfältigung ohne weiteres auf fünf- bis sechstausend Stück steigern ließe. Im Ausland bemühe man sich sehr um den Erwerb der Platten, und er besorge ernsthaft, sie könnten nach seinem Tod wirklich dorthin verkauft werden. Es war ein guter Schachzug: die Abzüge, im Inland als harmlos bestätigt, konnten draußen in Massen verbreitet und, frei gedeutet, Spanien kompromittieren. Nach seinem Tod erst – immerhin... »Und so habe ich den Wunsch, sie dem König, meinem Herrn, für seine Druckerei zu schenken.« Eine großartige Geste. Die einzige kleine Gegengabe, die er sich ausbat, war eine Jahresrente von zwölftausend Realen – nicht für sich, durchaus nicht: für Javier, ausdrücklich zu verwenden für Reisen, die dem Studium der Malerei dienen sollen. Gleich nach der Absendung des Schreibens suchte er um eine Audienz bei Godoy nach, der gnädig urteilte, es handle sich wirklich um eine Kleinigkeit, die sich sofort erledigen lasse.   Am selben Tag, an dem ihm die Annahme des Geschenks durch den König und die Bewilligung der Rente amtlich mitgeteilt wurde, brachte er in Erfahrung, daß die ärztliche Sorge für Cayetana in den Händen jenes Don Gaspar liege, um dessentwillen er den andulischen Landsitz verlassen hatte... Vom ersten Augenblick an war es ihm selbstverständlich, daß er sich mit dem Arzt in Verbindung setzen werde. Stundenlang ging er vor dem Albapalast auf und ab, um ihn zu treffen und auszufragen. Schließlich teilte ihm der Hausmeister mit, Don Gaspar habe seit einigen Tagen neben dem Schlafzimmer der Kranken Wohnung genommen und das Haus seitdem nicht mehr verlassen. Nach mehreren Versuchen glückte mit Hilfe einiger an Diener verteilter Trinkgelder ein Zusammentreffen im Vestibül des Palastes. Sie hatten sich seit San Lúcar nicht wiedergesehen und begrüßten sich nun ernst und unbefangen, im stillschweigenden Einverständnis darüber, daß die Verbundenheit durch die Sorge um Cayetana jede Erinnerung an eine Rivalität ausschließe. »Es sind Masern«, sagte Gaspar, »ein schwerer Fall. Der Ausschlag selbst ist vorüber, aber das Fieber hat sich auf die Lunge geworfen und bleibt dauernd sehr hoch.« Während sie durch den Garten gingen, verbreitete er sich noch weiter über den Charakter der Krankheit und berichtete, daß zwei andere Ärzte beigezogen worden seien und seine Diagnose bestätigt haben. Da bedrängte ihn Francisco um sein wahrhaftiges Urteil – bis ihm das Bekenntnis wirklich entgegenstarrte: es bestehe nicht mehr viel Hoffnung, das Leben der Kranken zu retten. Er stand ganz unter der Empfindung, daß er den schlimmen Ausgang von Anfang an vorausgeahnt habe, und das erleichterte ihm wenigstens, die Fassung zu bewahren. »Sagen Sie bitte der Duquesa, daß ich nach ihr gefragt habe«, war seine leise Antwort. Aber Gaspar erklärte, das einzige, was überhaupt noch für sie geschehen könne, sei dies: jede Spur von Aufregung von ihr fernzuhalten. Übrigens werde auch die Verständigung mehr und mehr erschwert: das Bewußtsein der Kranken scheine mitunter getrübt. Nicht einmal so viel – einfach abgeschnitten, ausgeschlossen, als sei sie schon tot. Der Gedanke quälte ihn furchtbar. Sie weiß nichts mehr von mir. Sie lebt, und kein Zeichen kann mehr zu ihr dringen ... Gaspar versprach, Francisco von dem Fortgang der Krankheit persönlich zu verständigen. Tags darauf gab er noch weniger Hoffnung. Da wagte sich Francisco mit der Bitte hervor, die Herzogin sehen zu dürfen – in einer Weise, daß sein Besuch ihr und anderen verborgen bleibe. Gaspar schlug ihm nach kurzem Besinnen vor, zwei Stunden später wiederzukommen. »Ich werde Anweisung geben, daß Sie in mein Zimmer geführt werden. Vielleicht läßt sich Ihr Wunsch dann erfüllen.« Francisco rannte die zwei Stunden in der Stadt umher, ohne einen Menschen zu grüßen. Die Zeit kam ihm vor wie ein zäher Brei. Schließlich stieg er, von einem Diener geführt, eine Seitentreppe des Palastes empor. Ein Mantel verhüllte ihn. Er hatte Angst, dem Marqués zu begegnen, kam sich vor wie ein Bettler, der jeden Augenblick gewärtig sein muß, weggewiesen zu werden. Ohne Zwischenfall gelangte er in das Zimmer Don Gaspars. »Die Herzogin schläft«, sagte der Arzt, »es ist nur eine Pflegerin bei ihr.« Sie traten sogleich durch einen unbewohnten Raum an die Tür des Krankenzimmers. Der Arzt öffnete leise. Francisco sah durch den breiten Spalt auf das Bett, dessen Vorhänge weit zurückgeschlagen waren. Er glaubte, sein Herzschlag setze aus, als er Cayetanas bleiches Gesicht erblickte. Es war abgemagert, und die Haut schien straffer gespannt. Die Augen waren geschlossen. Sie atmete sehr rasch: eine Tote, die noch atmete. Das schmerzliche Bild grub sich tief in ihn ein. Zitternd trat er zurück. Der Arzt geleitete ihn zum Ausgang des Palastes.   Ein herzoglicher Kurier brachte Francisco – wie allen Freunden des Hauses Alba – die Todesnachricht. Er fügte bei, der Leichnam der hohen Entschlafenen werde in der Palastkapelle aufgebahrt; die Kapelle sei diesen Nachmittag für diejenigen Herrschaften geöffnet, die von der Frau Herzogin Abschied zu nehmen wünschen. Auch überbrachte er eine Einladung zur Teilnahme an der Beisetzungsfeierlichkeit. Francisco aber mied den Palast, ja das Stadtviertel, in dem der Palast stand. Zur Stunde der Beisetzung mischte er sich in unauffälliger Kleidung unter das Volk, das dichtgedrängt den Trauerzug erwartete. Ein Kaufmann erkannte ihn und flüsterte ihm aus dichter Nähe ins Ohr: »Sie ist von der Königin vergiftet worden, alle sagen es.« Er schüttelte heftig den Kopf und ging weiter. Als er hinter psalmodierenden Geistlichen und Mönchen von ferne den schwarzverhangenen Wagen, der den Sarg trug, um eine Ecke biegen sah, wandte er sich jäh ab und floh zur Stadt hinaus. 8 Da Cayetana ohne Leibeserben starb, fiel der Titel eines Herzogs von Alba an einen entfernten Verwandten, den greisen Grafen von Berwick. Die Eröffnung ihres Testamentes ergab eine Extravaganz, die schönste ihres Lebens: sie hinterließ dem Marqués von Villafranca, der selbst reich war, nur eine verhältnismäßig geringe Summe und setzte als Erben alles übrigen, auch der Güter, ihre Dienerschaft ein. Die Hofgesellschaft nannte das jakobinisch und fand solches Jakobinertum doppelt verfehlt, da sich doch selbst Frankreich, wenn auch nicht der Monarchie, so doch wenigstens der Diktatur eines Konsuls unterworfen hatte. Das Volk aber sprach in tiefer Ehrfurcht von dem Testament, und die heimlichen Revolutionäre begrüßten es als ein Signal, das die Morgendämmerung einer neuen Zeit ankündige. Die Freude währte nur wenige Tage. Denn der Ministerpräsident, Generalissimus und Großadmiral Manuel Godoy, Marqués de Alvarez, Duque de Alcudia, Principe de la Paz y de Basano, kassierte das Testament als das einer Geistesgestörten und zog Geld und Güter der Erbschaft ein – angeblich für den Staat, in Wahrheit für sich selbst. Die Königin nahm sämtliche Juwelen an sich.   Gerade in der Zeit, da die beiden großen Verbrecher ihren Raub ungestört in die Taschen steckten, hängte man einen kleinen: Bavi erstach im Streit, vom Wein erhitzt, einen Nebenbuhler und wurde dazu verurteilt, den grausamen Todeskampf am Galgen zu kämpfen. »Alle haben es bis jetzt ausgehalten, den letzten Seufzer zu tun«, sagte er zu dem Priester, der ihn in der Nacht vor der Urteilsvollstreckung besuchte, »nur sind sie eben daran gestorben. Das wäre nicht schlimm. Aber was nachher ist, hab ich trotz hundertfältigem Bemühen noch keinem angesehen; keiner hat wieder die Augen und den Mund aufgemacht und mir erzählt, was er erlebt hat. Und wenn ich es nun in ein paar Stunden selber wissen werde, kann ich's auch euch, die ihr es sowenig wißt wie ich, nicht sagen.« Der Priester entsetzte sich und beendete den Besuch so schnell als möglich. Dafür stellte sich gegen Morgen ein Gefängniswärter ein mit einem Kännchen Branntwein, das Bavi nicht zurückwies. Es war verboten, den Verurteilten nach der Henkersmahlzeit noch etwas zu reichen. Aber Bavi hatte der Frau des Wärters, als sie – es war zwei Jahre her – ihren Abschied von der Erde zu bestehen hatte, kräftigen Beistand geleistet, und das vergaß ihm der Mann nicht. So trug dem Todeskämpfer eine Tat seiner besseren Zeit doch noch in der letzten Stunde Zinsen ... Francisco wußte vom Endschicksal des ehemaligen Mönchs, aber er wußte nicht, um welcher Frau willen es über ihn gekommen war. Als dann freilich eines Morgens jene, die ihm Bavi als Modell zugeführt hatte, bleich und trotz der warmen Jahreszeit fröstelnd in ihren schwarzen Mantel gehüllt in sein Atelier trat und nichts sagte als: »Jetzt sind sie beide tot« – da brauchte er nicht weiter zu fragen. Er fragte auch nicht, weshalb sie hier sei. Doch gab sie selbst die Erklärung: »Ich muß ein wenig Ruhe haben vor den Menschen, die immer auf mich einreden. Hier bei Ihnen darf man schweigen.« Er stimmte bei, als sie bat, sich in dem kleinen Raum nebenan niederlegen zu dürfen. Sie schlief lange und wurde, als sie erwachte, von Agustín mit Essen versorgt. So blieb sie ein paar Tage, ohne mehr viel zu sprechen. Francisco hatte einen hohen Hofbeamten zu porträtieren, aber da wurde einfach die Tür zum Nebenzimmer geschlossen. »Was wird jetzt aus dir?« fragte er sie, als sie sich anschickte wegzugehen. Sie zuckte die Achseln. »Bisher habe ich immer nur einem oder höchstens zweien gehört. Von jetzt ab werde ich wohl allen gehören.« Das kam mit Lachen heraus, aber Francisco sah die resignierten Mundwinkel. »Wieviel Geld brauchst du, damit das verhindert werden kann?« fragte er heftig. »Beunruhigen Sie sich nicht für mich. Ich habe Zeit gehabt, meine Gedanken an die Veränderung zu gewöhnen. Was jetzt geschieht, geschieht mit meinem Willen.« Sie rief noch ein Wort des Dankes, während sie behend zur Tür hinausschlüpfte. »Sie hat Mut«, sagte Francisco zu Agustín und nickte ein paarmal rasch mit dem Kopf. Und nach einer Pause: »So etwas passiert alle Tage. Aber wenn man es zufällig aus der Nähe beobachtet ...« Er vollendete den Satz nicht, sondern warf einen gerade im Bereich seiner Hand stehenden Teller in eine Ecke, daß er krachend zersplitterte. 9 Von Javier ist ein Brief aus Paris gekommen. »Deine Empfehlung an den spanischen Gesandten«, schreibt er dem Vater, »hat ihre besondere Wirkung getan: sie hat mir die Erlaubnis verschafft, der Krönung des Kaisers in Notre-Dame beizuwohnen. Man hat mich wie eine Respektsperson behandelt und mir einen Platz in ziemlicher Nähe des Hochaltars angewiesen. Ich konnte die Züge des Kaisers deutlich unterscheiden, er gleicht mehr einem Künstler als einem General. Die Kaiserin, obschon sie als nicht mehr jung gilt, ist von interessanter Schönheit, man sagt, sie sei eine Spanierin aus den Kolonien. Der Papst kam eigens zur Krönung von Rom nach Paris gereist. Sein Thronsessel war zur Seite des Hochaltars aufgestellt, doch habe ich sein Gesicht infolge ungünstigen Lichts nicht so recht gesehen, gekleidet war er inmitten all der Farbenpracht ganz in Weiß. Es hat sich das Merkwürdige ereignet, daß der Kaiser sich die Krone selbst aufs Haupt setzte und ebenso der Kaiserin, oder vielmehr waren es gar keine Kronen, sondern goldene Lorbeerkränze, wodurch Napoleon noch mehr einen Fürsten der Dichter vorzustellen schien. Dem Papst blieb nichts überlassen, als die beiden Gekrönten nachträglich zu segnen. Den Parisern hat das sehr gefallen. Ich habe auch hier von der Nähe bedeutender Gemälde schon allerlei Nutzen gezogen. Um den Kurier noch zu erreichen, muß ich indes für heute schließen.« Die Zeitungen, denkt Francisco, haben von dieser Geste nichts berichtet. In der Wirkung heroisch, in der Gesinnung ungeniert, libertinisch, wäre sie nach Cayetanas Herzen gewesen, die diesen Bonaparte bewundert hat. Solch einem Streich hätte sich ihre Art geradezu verwandt fühlen müssen ... Die Briefe Javiers bedeuten immer ein Ereignis. Sie bringen eine Handvoll großer Welt herein. Und ein wenig Wärme. Nur dies geht niemals so recht klar aus ihnen hervor: welche Entwicklung des Sohnes künstlerische Bestrebungen nehmen. Die Zusammenkünfte mit den Freunden sind seltener geworden und rufen mehr und mehr ein Nachgefühl von Leere in ihm hervor. Er hat mitunter eine ganz fremdartige Empfindung in ihrer Gegenwart: daß er mit ihnen gar nicht in der gleichen Welt lebe und sie untereinander auch nicht, sondern jeder in seiner eigenen – daß sich diese Welten zwar gegenseitig durchdringen, aber doch so, daß der eine die des andern gar nicht richtig wahrnimmt: einander schneidende Glasglocken, an denen sich nur heruntertasten läßt, von innen und von außen – daß kaum mehr eine Möglichkeit bestehe, sich gegenseitig auch nur die Hand zu reichen. Vielleicht springen diese Gläser einmal wieder. Aber jetzt sind sie da. Wozu also überhaupt Zusammenkünfte verabreden, wenn man doch nichts voneinander weiß? Der Freund in der Ferne aber, der gute, anhängliche Mensch, mit dem man sich aus der gemeinsamen Jugend heraus in allerlei lustigen Dummheiten noch verstanden hat, Martín Zapater, ist plötzlich gestorben. Wenn die Jugendfreunde weggehen, fängt man an, alt zu werden ... Er hält auch mit der Arbeit zurück – aus dem Gefühl heraus, daß sich abermals etwas Neues vorbereitet. Was das Amt, der Hof, das Geldverdienen mit sich bringt, füllt die Tage lässig aus, ohne den großen Auftrieb der leidenschaftlichen Idee. Für den Augenblick freilich sind die Maleraugen immer in ihren Gegenstand verliebt, fassen ihn mit Feuer – obschon diese Gegenstände beliebige Damen und Herren der aristokratischen Gesellschaft sind. Auch die Majestäten hat er wieder und wieder zu porträtieren, und als neues Objekt kommt der Prinz von Asturien dazu. Francisco hegt eine fast körperliche Abneigung gegen ihn, obschon es der Infant an Höflichkeit nicht fehlen läßt. Über die äußeren Formen verfügt er. Und – geistesschwach ist er nicht, das können, nein: das sollten ihm selbst seine Feinde nicht nachsagen. Francisco ist verblüfft, als sich eine Welle von Hofklatsch zu ihm heranwälzt, die auf ihrem Kamm als trüben Schaum die Nachricht trägt, Fernando zeige im intimen Kreis deutliche Anzeichen von Geistesschwäche. Dahinter steckt etwas, und die Widersacher Manuel Godoys flüstern sich die Deutung des Rätsels bald genug zu: er und die Königin haben das Gerücht ausgestreut, um Fernandos Ausschluß von der Thronfolge betreiben zu können. Gelänge dieser Ausschluß, so wäre im Fall von Carlos' Tod das wichtigste Hindernis beseitigt, das einer förmlichen Ehe der Königin mit Manuel und seiner Ausrufung zum König von Spanien im Wege stünde. Vorläufig freilich lebt Carlos und zeigt außer etwas Herzasthma keine Symptome körperlicher Beeinträchtigung. Aber auch diese Schwierigkeit ließe sich ordnen – die Widersacher scheuen sich nicht, den beiden solche Gedanken zu unterschieben. Was Manuels Gattin anlangt, so liegt sie im Sterben, in den wenigen Jahren dieser Ehe sind ihre Kräfte einfach zerfallen, wie kann es anders sein, als daß ein zartes Geschöpf sich an der Atmosphäre dieses brutalen Menschen vergiftet? Gleichzeitig kommt ans Licht, daß dies gar nicht der erste Plan gegen Fernando ist. Genau so durchsichtig war der frühere: die Königin hat Carlos zu der testamentarischen Bestimmung gedrängt, daß Fernando erst mit dreißig Jahren großjährig werden solle. Der König gab nach, doch der Rat von Kastilien, dessen Zustimmung notwendig erschien, um das Testament wirksam zu machen, erklärte die Cortes für zuständig. Die aber berief man schon lange nicht mehr ein. Es waren wohl die Kreise des Rats, aus denen das Geheimnis jetzt nachträglich durchsickerte. Was Manuel und Maria Luise zusammenhält, ist nur noch Machtgier und Habsucht. Der Friedensfürst ist jetzt neununddreißig Jahre alt, die Königin vierundfünfzig, sie muß sich mit einer Abkühlung der Liebesbeziehungen nun wirklich abfinden. Manuel hat eine gesellschaftlich anerkannte Freundin, die Gräfin Castillo-Fiel, und veranstaltet Feste in ihrem Haus und dem seinigen, er wohnt in Cayetanas Palast und ist sehr vergnügungssüchtig geworden: während sich der Hof in Aranjuez und El Pardo befindet, nimmt sich Manuel die Freiheit, jede zweite Woche in der Hauptstadt zu verbringen. Aus dem Taumel der Vergnügungen heraus greift er mit täppischen Händen in die Räder der großen Politik, ist geschmeichelt, als sich Napoleons Gesandter bei ihm um Spaniens Bundesgenossenschaft gegen England bemüht. So stürzt er das Land in einen neuen Krieg, der dem Seehandel aufhelfen soll, in Wahrheit aber mit der völligen Vernichtung der spanischen Flotte bei Trafalgar endet. Francisco ist Gast bei Manuels Festen, ein stummer Beobachter, der sich hinter seine Schwerhörigkeit verschanzt und doch mehr hört, als die Leute meinen. Und ist Zeuge einer aufregenden Szene, die mit voller Deutlichkeit zeigt, daß das spanische Volk noch immer den Ministerpräsidenten allein für die allgemeine Not und die nationalen Unglücksfälle verantwortlich macht, daß es ihn haßt und sich mit diesem Haß hervorwagt. Kurz nach dem Eintreffen der Nachricht von jener Niederlage zur See betritt Manuel während eines Stiergefechtes seine Loge. Obwohl die Madrilenen leidenschaftlich den Bewegungen folgen, die der Matador Romero mit dem Scharlachmantel vor den Hörnern des mit acht Banderillas bespickten zornigen, blutenden, schnaubenden Stieres ausführt, als handle es sich um einen eleganten Dressurakt, werden sie des verhaßten Machthabers sofort gewahr und beginnen wie auf Verabredung ein höllisches Pfeifkonzert. Romero erschrickt, begreift nicht, durch welche Ungeschicklichkeit er die Unzufriedenheit des Publikums erweckt haben könnte, denkt, es handle sich um Ungeduld. Ohne sich Zeit zu nehmen, den Tod des Stieres öffentlich einer bevorzugten Persönlichkeit zu weihen, bohrt er ihm den Degen mit sicherem Stoß durch den Rücken ins Herz. Das mächtige, schöne Tier zittert und stürzt zusammen. Der Matador erwartet für diese Meisterleistung des Mordens eine Beifallssalve. Aber der Pfeifchor dauert mit unverminderter Stärke an. Romero schaut sich um und begreift. Auch Godoy beginnt zu begreifen. Er starrt in die Arena hinunter, als bemerke er von dem Lärm überhaupt nichts. Doch ist sein Gesicht blaß, sein Blick bös. Der Adjutant, der links von ihm sitzt, ist sehr bleich. Er weiß noch besser als Godoy, daß dieses Volk sich in ungeheurer Erregung befinden muß, wenn es im Stierzirkus von einem guten Stoß, einem beliebten Matador keine Notiz mehr nimmt. Das Pfeifen setzt sich fort wie ein Sturmwind, der nicht abreißt, steigert sich zu einzelnen heftigen Stößen. Godoy flüstert mit seinem Adjutanten, der sich sogleich erhebt und die Loge verläßt. Unmittelbar darauf betritt ein Lakai die Königsloge, in der sich nur der Prinz von Asturien, auch er mit einem Adjutanten, befindet, und ruft den Offizier heraus. Als der zurückkommt und in untertäniger Haltung mit Fernando flüstert, antwortet ihm der Prinz spöttischen harten Gesichts mit mehrmaligem Kopfschütteln. Die Zuschauer dämpfen die Begleitmusik, wie um großmütig die Verhandlungen zu ermöglichen; nun wird wieder in Godoys Loge verhandelt. Es kommt zum großen Effekt: Manuel gibt nach und geht hinaus, verfolgt vom Orkan der Pfeifer. Dann aber erheben sich alle – es scheint noch immer, als stehe die Menge ringsum unter einem einzigen Willen – und klatschen der Königsloge zugewandt in die Hände. Denn Hunderte, Tausende haben verstanden, um was das Spiel der Pantomime ging: Godoy wollte die Corrida abbrechen, vielleicht den Zirkus militärisch räumen lassen, Fernando aber, ohne den er nicht vorzugehen wagte, verweigerte die Zustimmung. Der Infant lächelt, verbeugt sich, und das Schauspiel nimmt seinen Fortgang. Anderntags aber finden die verdutzten Madrilenen an den Mauern ein königliches Manifest angeschlagen, das unter heftigen Angriffen auf die »barbarische und blutige Sitte« für ganz Spanien die Abhaltung weiterer Stierkämpfe verbietet. Der König, gewohnt, sich Godoys Vorschlägen blindlings zu unterwerfen, hat sich leicht von der politischen Gefährlichkeit großer Menschenansammlungen überzeugen lassen und spielt nun auf dem Papier den Tierfreund. Eine Welle der Erbitterung geht durch das Land. In Franciscos Kreis prophezeit man einstimmig eine Volkserhebung gegen Godoy. Zahllose andere Gruppen tuscheln das gleiche. Und eine von diesen Gruppen ist sehr gewichtig: Fernando und sein Beichtvater Escoiquiz.   Die Luft wird stickig. Aber bald scheint es wieder, daß niemand den Mut hat zu handeln, daß aus dem allgemeinen Elend, der Armut, dem Sinken und Sinken der Papiergeldfetzen nichts als allgemeine Ermattung und stumpfe Gleichgültigkeit erwächst. Man flüstert sich inhaltslose Heimlichkeiten zu: etwas bereite sich vor, wichtige Dinge werden geschehen. Die Hauptpersonen selbst spielen freilich weiter, aber hinter dicht geschlossenem Vorhang. Manuel steht durch einen Mittelsmann mit dem Kaiser von Frankreich in Verhandlung über nichts Geringeres als einen neuen Überfall auf Portugal: die europäischen und amerikanischen Gebiete des Königreichs sollen zwischen Spanien und Frankreich aufgeteilt werden, Spanien gegen militärische Beteiligung gar den Löwenanteil, Carlos den Titel eines Kaisers von Indien erhalten. In einem geschickten Augenblick mischt der Unterhändler die eigenen Wünsche Manuels ein, der sich reif zum Königtum fühlt und ungeduldig wird, daß die Dinge in Spanien noch nicht soweit sind, Napoleon ist freigebig mit Kronen. Und wirklich verspricht man ihm die Erhebung zum König von Südportugal. Aber gerade jetzt, da Manuel selbst von Spanien wegstrebt und geneigt ist, die spanische Thronfolge ihren natürlichen Gang gehen zu lassen, fühlt sich Fernando durch die Besorgnis beschwert, seine Mutter und ihr Liebhaber könnten mit ihrem Plan, ihn zu entmündigen, Ernst machen. Er sieht sich nach wirksamer Hilfe um, Escoiquiz rät ihm, sich an – Napoleon zu wenden. Da des Infanten Gattin Maria Antonia – auf Franciscos großem Bourbonenbild wendet sie sich von Fernando ab – im Wochenbett gestorben ist, kann er das, was er von Napoleon will, in die Bitte um eine Frau kleiden. So scheint es vor allem um dieser künftigen Kronprinzessin und Königin willen zu geschehen, daß der Vertrauensmann dem Kaiser die weitere Bitte unterbreitet, er möge von König Carlos die Kaltstellung des spanischen Ministerpräsidenten verlangen, der seine, des Prinzen, angestammte Thronrechte bedrohe. Der französische Gesandte in Madrid hält Fernando mit Ausflüchten hin. Doch er und sein Ratgeber glauben wirklich den Kaiser hinter sich zu haben und beschließen zu handeln. Es kommt zu einer Verschwörung mit geheimen Zusammenkünften, an denen unter dem Vorsitz des Infanten hohe Offiziere, ein Minister und einige Hofleute teilnehmen. Das wirkliche Haupt ist Escoiquiz, der sich aber als Geistlicher nicht exponieren will und nur mit Fernando persönlich verhandelt. Manuel Godoy soll gewaltsam gestürzt, vor ein Kriegsgericht gestellt und zum mindesten des Landes verwiesen werden, die Königin will man aus den politischen Geschäften ausschalten, nötigenfalls unter Anweisung eines Wohnsitzes fern von den Hofresidenzen. Doch der Plan wird verraten – in der entstellten Form, Fernando trachte seinem Vater nach dem Leben. Carlos gerät außer sich und befiehlt, soweit er sie kennt, die Teilnehmer zu verhaften, Escoiquiz ist nicht darunter, wohl aber der Prinz. Den läßt er sich von zwei Offizieren vorführen und brüllt ihn an wie einen Stallknecht. Gespreizt und stämmig steht Fernando und erwidert mit einer kühlen, verächtlichen Grimasse. »Mach ein anderes Gesicht!« schreit der Vater. Der Infant rührt sich nicht. Der König greift in seinen Vorrat von Schimpfworten, muß sich aber schließlich zu der sachlichen Frage bequemen, ob Fernando bekenne, sich gegen Krone und Regierung verschworen zu haben. Statt jeder Antwort wirft der Prinz einen stummen Blick auf die beiden Offiziere. Carlos gibt nach, indem er sie wütend hinausweist, als haben sie seinen Befehlen zuwidergehandelt, und wiederholt seine Frage. »Nein!« »Was, du Lümmel, du hast die Frechheit, abzuleugnen, eine Verschwörung gegen mich, deine Mutter und den Príncipe de la Paz angezettelt zu haben?« »Der Prinz von Asturien fühlt sich der spanischen Krone nahe genug, um jede Beschimpfung, von wem immer sie komme, zurückzuweisen. Ich nehme an, Sire, daß Sie die Worte Lümmel und Frechheit und was dergleichen vorher schon gefallen ist, an eine andere Person richten wollten.« »Halt 's Maul«, würgt Carlos mit hochrotem Kopf hervor, »oder ich ohrfeige dich.« So etwas scheint ihm in peinlichen Situationen immer die nächstliegende Lösung. Fernando sieht ihm wieder sehr kühl und verächtlich in die Augen und schüchtert damit Carlos doch so weit ein, daß er mit etwas ruhigerer Stimme ein Geständnis verlangt. »Ich habe nichts zu gestehen.« In diesem Augenblick bewegt sich eine Draperie: die Königin schnellt hervor. Scharf und schrill ruft sie: »Du wirst als Staatsverbrecher erschossen, wenn du nicht gestehst.« Gegen Manuel hat sie einmal eine ähnliche Drohung ausgestoßen. Er schaut sie spöttisch von oben bis unten an, ehe er antwortet: »Das Urteil über mich spricht glücklicherweise nicht die Königin. Wenigstens würde das den Gesetzen zuwiderlaufen.« Sie läßt sich nicht aus der Fassung bringen. Mit einer lauernden Langsamkeit, die schon im voraus die Rache zu kosten scheint, kommen die Worte heraus: »Du wirst mich auf den Knien um Gnade anflehen.« »Ich wüßte nicht, was den künftigen König von Spanien mehr entwürdigte.« Verächtlicher, anmaßender kann kein Gesicht aussehen als das seine, während er diese Worte spricht, sein starkes Kinn schiebt sich noch um eine Linie weiter vor, als sei es bereit, seine Feinde körperlich zu zermalmen. »Gut gesagt«, pariert sie den Stoß, »denn du wirst niemals König von Spanien werden.« Er schießt einen bösen Blick nach ihr und erwidert mit kaltem Hohn: »Vielleicht möchte es wirklich überlegenswert sein, sich von einem Thron fernzuhalten, den Sie beschmutzt haben, Madame!« Jetzt fährt Carlos dazwischen und dringt nach weiterem Wortwechsel mit erhobener Faust auf den Infanten ein. Der fällt ihm mit seinen schweren Händen in den Arm. Sie ringen. Die Königin ruft um Hilfe, und die beiden Offiziere stürzen herein. Fernando wird in das Zimmer des Schlosses zurückgeführt, das ihm vorläufig als Gefängnis bestimmt ist. Als sich die Tür hinter ihm geschlossen hat, verändert sich seine Miene vollkommen. Vor seinen Eltern hat er die Rolle sicherer Überlegenheit, die Escoiquiz für jede wie immer geartete Lage hundertmal von ihm gefordert hat, mit Beherrschung gespielt – wenn auch unter Beimischung einer Dosis von Frechheit, die der Lehrer vielleicht mißbilligt hätte. Jetzt überfällt ihn die graue Angst, seine Züge werden feig und schlaff. Am Hof erzählt man sich flüsternd und die Wirklichkeit noch übertreibend von dieser dramatischen Szene, auch Francisco erfährt davon. Und sieht staunend die Königin und Manuel zu ihrem großen Schlag ausholen, den Carlos, von seinem Dämon gezwungen, ihnen führen hilft: ein feierliches königliches Dekret schließt Fernando wegen eines Anschlags auf das Leben des Königs von der Thronfolge aus und verhängt über ihn eine vorläufig unbegrenzte Festungshaft. Die Würde des Thronfolgers wird auf den Infanten Don Carlos übertragen, was ganz Madrid für eine leere Form hält: man wartet geradezu auf die Nachricht eines plötzlichen Todes des Königs. Das Königspaar zum Mißglücken der Verschwörung zu beglückwünschen und zugleich dem neuen Prinzen von Asturien zu huldigen, findet sich der Hof zum Handkuß ein. Franciscos Gedanken, während er nacheinander die drei Handschuhe mit den Lippen berührt, sind unehrerbietig und düster. Er sieht die Maskerade von schwarzen Flügeln überschattet. Und steigt wieder in seine Dachstube. Nach Hoffesten und Porträtsitzungen, nach Gängen durch ärmliche Gassen und Gesprächen mit Bettlern, denen er durch reichliche Gaben den Mund geöffnet hat, fühlt er sich hier im Schauturm der Einsamkeit. Dieses Zimmer, das Zuflucht für heimliche Arbeit war und sicherlich wieder sein wird, ist nun Zuflucht für Gedanken geworden, die sich durch keines Freundes und keines Feindes Zwischenruf stören lassen. Für Gedanken, die sich eingraben in die menschlichen Schicksale ringsum und zu den Tiefen steigen voll Entschlossenheit, hinter jeden Nebel der Selbsttäuschung zu leuchten. Sie graben sich ein, fragen und wissen von allen Dunkelheiten, des Lichts vergessend, das über den Abgründen schwebt. Er sieht die Menschen, die sich mit den schmutzigen Abfällen der Nahrung, der Kleidung und der Genüsse, der Gefühle und der Gedanken bei Blut, Atem und Verstand halten und einzig aus Todesangst das Leben nicht von sich werfen. Sieht jene, die prassen und Schuftigkeiten begehen, ihre Macht rücksichtslos ausnützen, unterdrücken, sich Sklaven schaffen, rauben, morden und noch dazu Gerechtigkeit heucheln. Sieht Große gar an diese Gerechtigkeit glauben, indem sie sich selbst überreden, wer aus dem Vollen schöpfe, aus den von den Untertanen gefüllten Quellen des Staats, und über Heere gebiete, für den gelte ein veränderter Maßstab des Menschseins, der sei erhaben über die gemeinen Gesetze der Moral. Auch die sieht er, die satt, faul und selbstgefällig dazwischen stehen: nach unten, gegen jene, die es zu nichts gebracht haben und darum ihr Los verdienen, schließen sie die Augen und den Geldbeutel oder beschwichtigen den Rest von Gewissen mit Kupfermünzen; nach oben ducken sie sich und reden schön, dem Nachbarn leiten sie das Spülicht der Mißgunst und Klatschsucht ins Haus. Dies ist Menschenlos, er sieht es, daß jeder stündlich oder täglich die Angst vor irgendeinem Übel, einem Unglück in sich oder hinter dem Rücken fühlt, und trifft es ihn nicht, so werden Frau, Kinder, Freunde davon überfallen. Furchtbare Verflechtungen machen das Glück des einen und das Unglück des andern voneinander abhängig: es ist zwischen den Menschen wie zwischen den Tieren, die davon leben, daß das eine das andere verschlingt. Drängen die Massen zur Freiheit, zum hohen Ziel, das ihr Recht ist, geht es nicht ohne gräßliche Sümpfe von Blut. Sie ermüden, glauben sich angekommen, legen die Waffen beiseite – im selben Augenblick ersteht ihnen ein neuer Zwingherr. Er verspricht ihnen Glück – und jagt ihre Söhne und Brüder in die Schlächtereien des Kriegs. Wieviel geschieht denn auf Erden, das nicht Jammer und Elend als Voraussetzung, Begleitung oder Folge hätte? Und dies hier sind nur die greifbaren Ereignisse, die Gedanken sind nicht mitgezählt. Würden alle feindseligen, verächtlichen, verräterischen Gedanken, die die Menschen auch nur einer einzigen Stadt gegeneinander hegen, in Wirklichkeit verwandelt – eine Hölle von unvorstellbarer Schrecklichkeit entstünde. O wie kläglich gering ist die Gewalt des Guten! Und jeden, jeden fällt der Tod. Erstünde der Menschheit aber ein Retter-Gott, der das Sterben aus der Welt schaffte – wäre es nicht ein noch viel grauenhafteres Los, ewig auf der Erde zu leben? Jeder ewig zwischen den gleichen Menschen, die er satt und übersatt hat nach fünfzig, hundert, tausend, zehntausend Jahren... Wie würden sie wünschen, voneinander befreit zu werden, wie würden sie gegeneinander anstürmen in der zornigen, verzweifelten Hoffnung, daß die Waffe, mit der sie nach ihm schlagen, dem Bruder doch noch den Tod bringt. Sie würden sich schließlich selbst den Tod wünschen – wenn er wirklich wiederkäme, ihn fürchten, sich von ihm hetzen lassen wie getriebenes Wild vom Jäger... Sterben ist Qual und Leben ist Qual. Als Mensch geboren werden, heißt dem furchtbaren Fluch unentrinnbar verfallen. Und den Wächtern des Fluchs. Denn es sind Wächter des Fluchs. Aus ihrem Bereich drang die Dämonenstimme, gegen die die Exorzisten ihre Beschwörungen schleuderten. Drangen die Nebelgestalten jener Nacht, in der er um Cayetana rang. Drangen andere, die von den Phantasien seines Stifts in menschenähnliche Form gebannt worden sind, als westen sie in der Welt der Körper. Jetzt, da der Einsame über das nahe und ferne Leben hinblickt als über ein grausiges Schattenspiel – jetzt sieht er mehr von diesen Wächtern, von diesen siegreichen Truppen des Fürsten der Finsternis, die dafür sorgen, daß keinem Menschen auch nur ein Tropfen aus dem Kelch der Bitternis erlassen werde. Sie nehmen für ihn Gestalt an. Er sieht sie vorüberschwirren, sich recken über den Häusern, sich unter die Menschen mischen. Sein Schauen, sein Wissen baut ihnen Körper, zwingt sie in furchtbare Formen hinein. Manchmal ist ihm, als habe er Gewalt über sie: die Gewalt, daß sie sich ihm sichtbar machen müssen. Darum erträgt er sie. Darum hält er auch der Frage nach dem Sinn des eigenen Daseins stand. Er verliert den Lebensmut nicht, es sei denn für Stunden. Die Welt um ihn färbt sich dunkler, aber er denkt nicht daran, sein Dasein gewaltsam aus ihr herauszureißen. Einerlei, ob dieses Dasein Sinn hat oder nicht – wir sind da, wir bleiben da! Wir erkennen die Dinge und ihre Hintergründe in ihrem nackten Grauen, aber wir tragen die Erkenntnis nicht nur als eine Bürde mit uns herum – wir genießen das Bewußtsein, frei zu sein von Selbsttäuschungen. Und es gibt Menschen, deren Dasein Sinn hat: alle die, denen es gelingt, zu bauen, zu schaffen – Menschen des Geistes, Menschen der Kunst. Wie er damals auf der Paßhöhe in kalter klarer Nacht, in der Nacht des Verhängnisses, sich den Felsen und den Sternen verwandt fühlte, so weiß er jetzt, weiß es als dauernden Besitz, daß sich ihm Quellen geöffnet haben, die nur den Auserwählten Wasser spenden, spürt die Wärme des Künstlerstolzes mitten in seinen Visionen des Grauens: Ich bin, ich schaffe – allem zum Trotz. In solchen Augenblicken denkt er gar nicht an jenes Ziel, das in den Caprichos seine erste Formung gewann, das Aufrütteln und Aufrufen der Menschen – er denkt nur an das Gestaltenkönnen, das Gestaltenmüssen, einerlei, was der Inhalt der Gestaltung sei: Ich kann, und von dem, was ich kann, wird manches bleiben – über diese Zeit hinweg. 10 Napoleons Überfall auf Portugal erreichte rasch, daß die Mitglieder der Dynastie Braganza nach Brasilien flohen. Der beste Teil des Heeres wurde als portugiesische Legion unter die französischen Fahnen gezwungen, aber ein hartnäckiger Kleinkrieg dauerte an, er gab dem Kaiser den erwünschten Grund, mit der Überweisung des versprochenen Raubanteils an Manuel Godoy zu zögern. Doch der Betroffene hoffte noch und bemühte sich, dem Kaiser in jeder Weise gefällig zu sein: als starke französische Truppen unter dem Vorwand der portugiesischen Kämpfe spanische Städte zu besetzen begannen, befahl er, sich zu fügen, und ließ das Gerücht verbreiten, die Franzosen kämen als Freunde. Den König beschwichtigte er durch die Versicherung – er gab sie als Generalissimus des spanischen Heeres –, daß jeder Widerstand zwecklos sei und geeignet, die Lage zu verschlimmern. Aber Napoleons Soldaten, von seinem Schwager Murat befehligt, rückten vor, weitere beträchtliche Truppenmassen sammelten sich an der Grenze, was Manuel nicht abhielt, die besten spanischen Regimenter für einen französischen Feldzug in Dänemark zur Verfügung zu stellen. Carlos begann zu fürchten, Napoleon werde auch ihn des Thrones entsetzen, und beredete mit Maria Luisa die Vorbereitungen zu einer Flucht nach Andalusien oder gar nach Mexiko. Manuel indes, der sich von einem solchen Wegzug des Hofes und der Regierung schwer hätte ausschließen können, trat diesen Plänen energisch entgegen, er wollte, falls wirklich der spanische Königsthron neu besetzt würde, in der Nähe sein. Er beharrte darauf, daß keinerlei Gefahr bestehe, und war auch in Wahrheit außerstand, sich von der wirklichen Lage ein Bild zu machen. Und so blieb man denn in Aranjuez. Zu Fernando, der in Madrid interniert war, drangen die Nachrichten über die Geschehnisse und Befürchtungen in beunruhigender Form. Escoiquiz, der als Beichtvater Zutritt zu ihm hatte, überzeugte ihn davon, daß er dem möglichen Schauplatz wichtiger Veränderungen keineswegs fernbleiben dürfe, um dieses Ziel zu erreichen, sei jedes Mittel recht. So ließ denn der Infant, der bisher seine Teilnahme an einer Verschwörung hartnäckig geleugnet hatte, dem Königspaar ein Geständnis – unter Richtigstellung des angeblichen Plans gegen Carlos – und zugleich die zerknirschte Bitte um Verzeihung übermitteln, der Prälat selbst unterzog sich dieser Mission. Der König zeigte sich geneigt – aus der ängstlichen Empfindung heraus, wenn Gefahr von außen drohe, habe eine Versöhnung innerhalb der Familie auf alle Fälle ihr Gutes. Die Königin meinte, die Staatsklugheit verlange in der Tat, das der europäischen Öffentlichkeit bereitete, auch für Napoleon sichtbare Schauspiel von Zwistigkeiten innerhalb der Dynastie so rasch als möglich zu beendigen, und so müsse man leider im eigenen Interesse den Infanten enthaften. Manuel fand keinen Grund dagegen, der nicht seine geheimen Absichten entlarvt hätte, und erklärte deshalb, auf die Entscheidung dieser Familiensache keinen Einfluß nehmen zu wollen. So wurde denn Fernando durch ein neues Edikt in seine Würden wieder eingesetzt – unter freudigster Zustimmung des Volkes. Mit allen seinem hohen Rang gebührenden Ehren und Zeremonien traf er in Aranjuez ein. Carlos war einen Augenblick wirklich gerührt, um so mehr, als ihn ja während der Umarmung das wohltuende Gefühl durchziehen konnte, daß des Sohnes geheime Umtriebe sich gegen ihn, den König, keineswegs gerichtet hatten. Maria Luisa blieb kühl, aber nicht unversöhnlich. Sie reichte ihm die Wange mit einem säuerlichen Augurenlächeln zum Kuß, als wollte sie sagen: Pack schlägt sich, Pack verträgt sich.   Die Königin, in dieser Zeit des Unbehagens auf Zerstreuung bedacht, wünschte sich malen zu lassen und berief Francisco nach Aranjuez. Javier, nach langer Abwesenheit in die Heimat zurückgekehrt, begleitete ihn. Er hatte sich zuletzt in Rom aufgehalten und ließ gleich in den ersten Tagen durchblicken, daß er seinen Wohnsitz für einige Jahre dort nehmen würde, falls die königliche Kasse nicht geneigt sein sollte, ihm die Reiserente von zwölftausend Realen auch in Madrid weiterzuzahlen. Zwar biete Paris jungen Leuten seiner Art und seines Standes entschieden mehr, doch sei das römische Klima der Gesundheit zuträglicher. Er kleidete sich nach letzter Mode, mit einem Stich ins Geckenhafte, und bevorzugte in seiner Ausdrucksweise jene nachsichtige Lässigkeit, durch die der jugendliche Weltmann zu betonen liebt, daß die meisten Dinge für seinen umfassenden Gesichtswinkel des ihnen von der Mehrheit zugeschriebenen Gewichts entbehren. In diesem Ton sprach er auch von manchem berühmten Kunstwerk der Vergangenheit – übrigens nicht ganz ohne den Beifall seines Vaters, dabei ergab sich freilich sehr rasch, daß sich die Früchte seiner eigenen Studien in bescheidenen Grenzen hielten. Francisco wußte ja im Grunde genau, daß sein Sohn kaum eine durchschnittliche Begabung für die Malerei besaß. Da er aber damals, als er Javier auf Reisen schickte, die Frage von sich weggeschoben und gewissermaßen einer wunderbaren, von vorläufig unbekannten Kräften zu formenden Lösung anvertraut hatte, fühlte er sich nun weder von Enttäuschung noch von Schuldbewußtsein ganz frei. Besonders was Javier an Arbeiten des Pinsels mitbrachte, war ärmlich, sogar in der Quantität des Geleisteten, er behauptete allerdings, eine größere Anzahl von Leinwänden zur Erleichterung seines Gepäcks ausgeschieden und verschenkt oder vernichtet zu haben. Etwas mehr stellten seine Radierversuche vor, doch konnte es auch Franciscos nachsichtigen Augen nicht verborgen bleiben, daß harmlosen Zeichnungen durch den Handwerkskniff wirkungsvoller Tönungen sehr oberflächlich auf die Beine geholfen war. Javier hatte es nicht eilig, sich eine Werkstatt einzurichten, zumal er ja die Rückkehr nach Rom erwog, und sein Vater hätte sich keinerlei Vorteil davon versprochen, ihn zu drängen. Indessen ging Francisco selbst dran, sich eine neue Unterkunft zu schaffen. Solange der Sohn fern war, hatte er, wenn er auch oft genug nur eine einzige Mahlzeit täglich mit ihr zusammen einnahm, in der alten Weise neben Pepa her gelebt: sie redeten von gleichgültigen Dingen oder überhaupt nicht, waren höflich, fühlten sich aber kaum zusammengehörig und stellten sich auch nicht aufeinander ein – außer daß Pepa es noch immer für ihre Pflicht hielt, die Speisen nach seinem Geschmack zubereiten zu lassen oder auch selbst zuzubereiten. Jetzt, da Javier, von beiden geliebt, von der Mutter noch mehr verwöhnt als vom Vater, deutlicher als früher eine Brücke zwischen ihnen bildete, ob sie wollten oder nicht, empfand Francisco die Aussicht auf zunehmende Wiederannäherung als unerträglich: er wußte, sie würde ihn lähmen. Darum kaufte er in aller Stille ein Grundstück vor der Stadt, am jenseitigen Ufer des Manzanares, wo sich das Bild von Madrid höchst malerisch darbot, und gab einem Baumeister den Auftrag, ein einfaches Landhaus darauf zu erstellen. Dort wollte er die meiste Zeit hausen und Pepa – falls er bliebe, auch Javier – die Stadtwohnung überlassen, die er neuerdings in freier vornehmer Lage an der Puerta del Sol gemietet hatte ...   Francisco malte Maria Luisas Porträt so schonungslos, als sei es seine Aufgabe, sie öffentlich an den Pranger zu stellen. Und wie es ihr im Leben nicht der Mühe wert schien, eine Maske vorzubinden, behagte es ihr auch jetzt wieder, als die gemalt zu werden, die sie wirklich war: sie zeigte sich so zufrieden, als liebe sie an sich selbst nichts mehr als die Gemeinheit, und beraumte Sitzungen für ein zweites Bild an. Auf solche Weise wurde Francisco länger in Aranjuez aufgehalten, als ihm lieb war. Eines Abends befand er sich mit Javier zu Gast in Manuel Godoys dem Königsschloß benachbartem Privatpalast. Man tafelte gut und vermied politische Gespräche, der Kreis bestand aus fünfundzwanzig Personen, Hofchargen, hohen Beamten und, zur kleineren Hälfte, Damen, in deren Auswahl sich der Friedensfürst stets gewisse Freiheiten erlaubte: auch heute mußten die Gattinnen von Kammerherren und Staatsräten sich damit abfinden, zusammen mit einer jungen Schauspielerin eingeladen zu sein und mit einer angeblichen Baronessa aus Genova, der ein recht schlechter Ruf vorausging und nachfolgte. Allerdings befanden sich auch unter jenen gesellschaftlich hochwertigen Frauen und Töchtern mehrere, die sich gegenseitig Intimitäten mit dem Gastgeber nachsagten. Die Stimmung war sehr heiter. Francisco hatte als Nachbarn zur Rechten einen dicken, asthmatischen Gerichtspräsidenten, der mehrmals am Lachen zu ersticken drohte, zur Linken eine Condesa de Pontejos, Marquesa de San Millan y Villaflor. Sie war die Schwiegertochter jenes wackeren Gesandten, der ihn in Rom aus den Händen der päpstlichen Justiz befreit hatte, des Don Miguel Trinidad, und kannte diese Geschichte nicht nur, sondern gab sie auch im Lauf dieses Abends zum besten. Aus solcher Beziehung nährte sie in sich eine vertraute, alter Freundschaft verwandte Empfindung, obwohl sie Francisco erst jetzt kennengelernt hatte – sie weilte mit ihrem wie sein Vater in diplomatischen Diensten stehenden Gatten in der Regel im Ausland –, und rief ihm besorgt die wichtigsten Scherze ins Ohr, auch wenn er sie schon vorher verstanden hatte. Übrigens liebte sie den Champagner. Zufällig kam sie auf jenen Doktor der Medizin Guillemardet zu sprechen, der sich als Gesandter der französischen Republik von Francisco in der Uniform eines königlichen Diplomaten hatte malen lassen, er sei wahnsinnig geworden, berichtete sie, und vor kurzem in elendem Zustand gestorben. Wie wenn ein Schatten sein funkelndes Trinkglas getroffen hätte, ein Schattenkeil, hervorgekrochen aus den düsteren Bezirken der dämonischen Wächter, brütete Francisco schweigend vor sich hin. In irgendeinem beliebigen Lebensaugenblick hatte sich der Mann seinem Pinsel dargeboten ... und der Augenblick hatte den Schein der Dauer bekommen, während das Leben weiterrollte, das Schicksal ausholte und zuschlug. Andere Gestalten standen plötzlich vor ihm, als seien sie, nur ihm sichtbar, zur Tafel geladen – auch sie in seine Leinwände gebannt und nun herausgestiegen, auch sie Träger dunkler Schicksale. Zwei junge, junge Tote aus dem Bourbonenbild: die schöne Prinzessin von Asturien, die nur hier sein kann, weil Fernando nicht im Zimmer ist, der schlanke, feine Erbprinz von Parma, der welkte, als sei die Königskrone von Etrurien vergiftet gewesen, die Napoleon ihm reichte ... Und jene Geliebte des Todeskämpfers – ob auch sie tot ist, daß sie sich hier einfindet? In einem Zimmer dieses Hauses hängen ihre zwei Bilder, das nackte und das verschleierte ... Als heidnische Venus habe ich sie gemalt, denkt er, als zweimal verführende Venus. Ich muß die Bilder wiedersehen. Ob sie mir jetzt selbst die Sinne entzünden würden? Es steckt etwas wie Zauberei in jedem Menschenbildnis. Vielleicht modert dieser Körper wirklich schon ... Die Condesa mußte ihre Finger heftig auf seinen Arm pressen, um ihn zurückzurufen. »Ich hätte geschwiegen, Don Francisco«, sagte sie, »wenn ich gewußt hätte, daß Ihnen das so nahe geht!« Dann machte sie ihn auf Don Manuel aufmerksam, der mit breitem kindlichem Grinsen die Schauspielerin auf ihrem Stuhl bis in Brusthöhe hochhob und sanft vor ihrem Gedeck wieder niedersetzte. Man bestürmte den muskulösen Gastgeber, auch eine Probe seiner Gesangskunst zu spenden, doch verschob er seine Antwort unter Hinweis auf den Mokka, den die Bedienten soeben zu servieren begannen. Francisco beobachtete, daß an der Tafel weniger gesprochen wurde und einige Gäste, bald auch Don Manuel, ihr Gehör in einer bestimmten Richtung anspannten; Die Diener schauten einander unruhig an. Er fragte die Gräfin, was vor sich gehe. »Man hört irgend etwas, offenbar von der Straße her. Es müssen Menschen sein. Ziemlich viele Menschen.« Sie sprach jetzt unmittelbar in seine Ohrmuschel. »Weiß der Himmel – ich glaube, das sind die Franzosen.« Allmählich beschäftigte sich die ganze Gesellschaft mit dem überraschenden und beängstigenden Lärm. Kein Zweifel mehr: ein Volksauflauf, viele Schritte kamen näher, und ein gedämpftes Stimmengewirr schwoll an. Don Manuel wurde sehr unruhig, er befahl dem Haushofmeister, in einem dunklen Nebenzimmer ein Fenster zu öffnen und auszuschauen, vor allem sei ihm wichtig, zu wissen, ob es Soldaten seien. Niemand sprach mehr ein Wort. »Es sind keine Soldaten, Eure Hoheit«, berichtete der Zurückkehrende mit erschrockenem Gesicht, »es scheinen mir Leute von hier zu sein, sie tragen Fackeln und Laternen mit sich, ich weiß nicht, was sie wollen.« Unruhig erhob sich die ganze Tafelrunde. »Sofort den Offizier vom Dienst!« befahl Manuel. Während ein Hofmarschall mit vor Furcht zitternden Lippen den Gedanken äußerte, es handle sich vielleicht um eine Huldigung an Seine Hoheit, hörte man draußen laute Rufe, die sehr bedrohlich klangen. Da stürzte auch schon der Leutnant, der die fürstliche Leibwache befehligte, in den Saal und äußerte in militärischer Form die Bitte, Seiner Hoheit eine Meldung erstatten zu dürfen. Manuel war sehr bleich und aufgeregt und kam gar nicht auf den Gedanken, den Offizier beiseite zu nehmen. »So reden Sie doch!« herrschte er ihn mit seiner hohen Stimme an. »Der Palast ist von Aufrührern umstellt. Es müssen mehrere hundert sein, ein großer Teil davon ist bewaffnet. Ich habe sämtliche Tore verriegeln lassen.« »Was heißt das: von Aufrührern? Was wollen sie?« »Ich ... weiß nicht, Eure Hoheit.« »Zum Donnerwetter, Mensch, es ist Ihre Pflicht, zu wissen, was im Bereich Ihrer Wache vorgeht. Rasch, rasch – ich habe keine Zeit übrig.« »Der Volkshaufe scheint ... verbrecherische Absichten gegen die Person Eurer Hoheit zu haben.« »Das ist ein lächerlicher Irrtum.« Sein herrischer Ton hatte wenig Überzeugungskraft. »Hier in Aranjuez ein Volkshaufe gegen mich! Wir befinden uns weit von Madrid.« »Sicherlich sind die Rädelsführer von Madrid gekommen«, tönte es von der Wand her. Der asthmatische Gerichtspräsident war es, der seine Erfahrung in die Waagschale werfen wollte. In diesem Augenblick ertönten starke Schläge und das Klirren von Eisenstäben. »Das Hoftor«, sagte der Leutnant. »Ich bitte, auf meinen Posten zurückkehren zu dürfen. Welchen Befehl geben mir Eure Hoheit?« »Zum Teufel, Mensch, wozu sind Sie da? Sie sind für mein Leben verantwortlich. Wenn mir ein Haar gekrümmt wird, lasse ich Sie hängen. Ich verlasse mich auf Sie. Tun Sie, was nötig ist, das ist Ihr Beruf, den müssen Sie gelernt haben.« Währenddessen war offensichtlich ein großer Teil des Haufens in den Vorhof eingedrungen und bewegte sich nun unmittelbar unterhalb der Fensterreihe des Saales. Noch in Manuels letzten Satz hinein hörte man allerlei Rufe, die einander übertönten und verdeckten. Der Leutnant eilte zur Tür hinaus. »Schießen Sie die Bande zusammen«, schrie ihm Manuel mit heiserer Stimme nach. »Wenn die Gewehre nicht genügen, dann lassen Sie Kanonen auffahren!« »Wie schön, daß Kanonen im Haus sind«, bemerkte die Staatsratsgattin. »Im Haus? ... Das nicht, aber er soll sie herbeischaffen. Wozu ist er da?« Auf diese Weise erinnerte er sich seiner Gäste und bemühte sich nun, so etwas wie eine ritterliche Haltung einzunehmen. »Es tut mir sehr leid«, sagte er, »daß es heute abend hier so unruhig zugeht. Der Pöbel ist unberechenbar. Seien Sie ohne Sorge – meine Leibwache befindet sich im Erdgeschoß und wird jedem, der sich etwa ins Haus hereinwagen sollte, den gebührenden Empfang bereiten.« Er richtete sich an seinen eigenen Worten auf und ging zur Beruhigung der Gäste sogar so weit, sich an den Tisch zu setzen und alle aufzufordern, gleichfalls ihre Plätze wieder einzunehmen. So zu fast körperlicher Berührung einander genähert, fühlten sich die meisten wieder sicherer – wie eine Herde, die sich beim Nahen eines Raubtiers zusammendrängt. Auch der Weltmann Javier hatte es nötig, seinen Mut an der Anwesenheit von Schicksalsgenossen zu stärken. Diener gossen wieder Wein ein – mit krampfhaft korrekten Mienen, als sei der kleine Zwischenfall erledigt. »Mir scheint«, flüsterte die Condesa de Pontejos ins Ohr Franciscos, »Sie werden sogleich Gelegenheit bekommen, sich gegenüber unserer Familie erkenntlich zu zeigen und mir das Leben zu retten.« Er schüttelte mit ruhigem Lächeln den Kopf. »Eigentlich muß es für Sie interessant sein, einmal so etwas in Wirklichkeit zu erleben«, sagte die Staatsratsgattin zur Schauspielerin, »in den Theaterstücken geht es ja auch oft so bedrohlich zu.« »Es ist nicht mein Fach«, kam die trotz der gespannten Lage etwas schnippische Antwort. »Auch für uns finde ich es höchst interessant«, bemerkte die Tochter desselben Staatsrats, die bei ihren Eltern im Verdacht freigeistiger Ansichten stand. Ihre Mutter hatte nicht einmal mehr die Möglichkeit, ihr einen mißbilligenden Blick zuzuwerfen, denn die Ereignisse entwickelten sich mit großer Plötzlichkeit. Man hörte Sturmgeschrei, schwere Stöße gegen ein Tor, das Splittern von Scheiben. Und schon drang Lärm aus dem Innern des Hauses. Einer der jüngeren Herren eilte ans Fenster des Nebenzimmers und stellte fest, daß die Aufrührer auf Leitern ins unterste Stockwerk einstiegen. Manuel stürzte sehr bleich aus dem Saal. Plötzlich waren auch keine Diener mehr im Zimmer. Der Lärm im Treppenhaus wuchs. Der Leutnant erschien wieder und fragte atemlos nach Seiner Hoheit. Der Hofmarschall stellte mit erstickter Stimme die Gegenfrage, warum die Wache nicht schieße. »Sie weigern sich, auf ihre Landsleute zu feuern«, kam es aus dem Leutnant. »Schöne Landsleute«, kam es aus dem Gerichtspräsidenten, »lauter Staatsfeinde!« Das sagte er aber ziemlich leise, so daß es draußen keinesfalls gehört werden konnte. Der Lärm war jetzt sehr nahe. Zwei Türen wurden gleichzeitig aufgerissen, Bürger und Bauern drängten herein, mit Schußwaffen, Degen, Sensen bewehrt. Sie blieben verblüfft stehen, als sie der regungslosen, von zahllosen Kerzen überstrahlten Festgesellschaft ansichtig wurden, aus der kein anderer Laut drang als das angstvolle Weinen einer Frau. Und nahmen, wahrhaftiger Gott, die Hüte ab. Einer, der eine Pistole umklammert hielt, machte Zeichen nach rückwärts, und das Nachdrängen hörte auf. »Wir suchen den Herzog«, sagte er dann. »Den Fürsten«, verbesserte der Mann neben ihm. Niemand antwortete. »Er hat die Franzosen ins Land gerufen«, fuhr der Anführer fort. »Das Volk zieht ihn dafür zur Verantwortung.« Es klang fast wie eine Entschuldigung. »Die Exzellenzen und Damen mögen sich nicht beunruhigen. Wer sich uns nicht mit Gewalt entgegenstellt, dem lassen wir alle Achtung und Höflichkeit zuteil werden. Wir wissen, daß der Fürst im Haus ist, und deshalb wäre es am einfachsten, uns gleich zu sagen, in welchem Zimmer er sich aufhält.« Jener jüngere Gast, der sich zuvor ans Fenster gewagt hatte, ein königlicher Jägermeister, faßte nun auch den Mut zu einer Antwort. »Wir nehmen zur Kenntnis«, sagte er fest und bestimmt, ohne sich von seinem Sessel zu erheben, »daß ihr gegen uns hier nichts im Schilde führet. Das haben wir nicht anders erwartet.« Nach einer wirkungsvollen Pause, während der auch das Weinen verstummte, änderte er seinen Ton ins Kameradschaftliche: »Aber nun hören Sie, Mann, wir sind Gäste Seiner Hoheit. Wir wissen nicht, wo der Fürst sich befindet – vielleicht ist er gar nicht mehr im Palast, aber auch wenn einer unter uns wäre – die Damen bleiben sowieso aus dem Spiel, also einer von den Herren –, dem der Aufenthalt Seiner Hoheit bekannt wäre: würdet ihr den nicht verachten, der seinen Gastgeber verriete? Jedem Spanier ist das Gastrecht heilig.« Und wirklich machte der Mann, seine Pistole senkend, eine Verbeugung und sagte: »Entschuldigen Sie, Caballero, daß ich das nicht bedacht habe.« Aber zugleich zeigte sich, daß er sich in die vornehme Umgebung gefunden hatte und, durch Murren aus dem Treppenhaus bestärkt, für weitere Verzögerungen nicht mehr zu haben war. »Wir werden also selbst suchen«, bemerkte er mit Nachdruck, »und müssen die Herren und Damen bitten, das Haus zu verlassen, nur so können wir die Gewähr für ihre persönliche Sicherheit übernehmen.« Er beauftragte sofort zwei Gewehrträger, den Abziehenden Bahn zu schaffen. Niemand von der Gesellschaft zweifelte, daß es nötig sei, der Aufforderung nachzukommen. Der Jägermeister reichte einer Dame den Arm und führte, die höfische Rangordnung entschlossen mißachtend, den Zug an. Die andern folgten paarweise, als handle es sich um eine Festpolonaise, Francisco führte die Condesa de Pontejos. Sie wurden nirgends belästigt, mehrfach sogar höflich gegrüßt, doch mußten es sich alle gefallen lassen, daß ihnen auf den Treppen und vor dem Haus von Mißtrauischen mit der Laterne ins Gesicht geleuchtet wurde. »Er kann auch in Weiberkleidern stecken«, sagte ein mit der Heugabel bewaffneter Bauer zur Entschuldigung. Jenseits des Volkshaufens, der sich offenbar aus Einwohnern des Städtchens Aranjuez und der benachbarten Dörfer zusammensetzte, begannen sich die Geladenen im Halblicht der Mondnacht zu zerstreuen, erst jetzt bemerkten sie, daß sie alle ihre Mäntel im Palast zurückgelassen hatten. »Eine wunderbare Beute für die Jakobiner«, äußerte der Gerichtspräsident neben Franciscos Ohr. »Ich habe nicht den Eindruck, daß es ihnen um Mäntel zu tun ist«, war die Antwort. Ehe der Präsident den Mund sauer verziehen konnte, mischte sich die Gräfin Pontejos ein: »Wo wohl der Fürst steckt? Schließlich sind wir alle einfach weggelaufen und haben ihn seinem Schicksal überlassen.« Der Gerichtspräsident legte den Finger auf den Mund. »Um Himmels willen, Condesa«, flüsterte er hinter dem Finger hervor, »schweigen wir! Ich bin sicher, daß wir belauscht werden, und habe keine Sehnsucht, unter der Guillotine zu sterben.« Die Gräfin blickte sich spöttisch im Kreis um, während sich ein Teil der Herrschaften schon entfernte, und hob graziös ihre Krinoline ein wenig in die Höhe. »Ich sehe keinen Lauscher, auch hier unten ist niemand.« »Nein, wie hübsch Sie das sagen, Condesa!« Er keuchte vor Entzücken, denn sie war eine noch ganz reizvolle Frau. Nun tauchte aus dem Schatten einer Baumgruppe doch eine verdächtige Gestalt auf. Sie entpuppte sich indes als ein von Seiner Majestät persönlich ausgesandter Kammerherr, der den Auftrag hatte, Augenzeugen der revolutionären Ereignisse aufzustöbern und unverzüglich zum König zu führen: »Natürlich ist es nicht das Zeugnis von Bediensteten, auf das Seine Majestät Wert legt. Ich kann mich zu dieser Begegnung nur beglückwünschen.« Offenbar hatten einige noch im Abschiednehmen Begriffene bemerkt, was vor sich ging, und befürchtet, das Königsschloß möchte in einer Nacht des Aufruhrs ein schlechter Aufenthalt sein, denn plötzlich mußten die Gräfin, der Präsident, der Erste Kammermaler und Don Javier feststellen, daß sie die einzigen waren, die sich noch in Reichweite des königlichen Sendboten befanden. »Ich weiß nicht, ob wir die Richtigen sind«, meinte Francisco ziemlich mürrisch. »Meine Wahrnehmungen jedenfalls sind durch ein schwaches Gehör beeinträchtigt.« Der Gerichtspräsident berief sich auf sein Asthma, das ihn gerade heute nacht am zusammenhängenden Reden behindere. »Macht nichts«, entschied der Kammerherr, »die Herren werden sich ergänzen. Ich bitte Sie beide in aller Form, den allerhöchsten Befehl auf sich zu beziehen. Ihnen, Gräfin, kann ich, wenn Sie noch ein paar Schritte mitgehen, einen Wagen zur Verfügung stellen, Don Javier wird sicherlich den Vorzug, Sie nach Hause zu begleiten, zu schätzen wissen.« Francisco betrat zusammen mit dem Präsidenten das Arbeitszimmer des Königs in einem Zustand grimmiger Gelassenheit. Der Boden unter Manuel schwankte, der Boden unter Carlos begann zu zittern – konnte es zu den Aufgaben seines Daseins gehören, zwischen diesen beiden gefährdeten Machthabern oder zwischen ihren Schicksalen den Kurier zu spielen? Er mißfiel sich in der Rolle, die sich selbst als Obliegenheit seines Hofamtes niemals hätte voraussehen lassen: sie kam ihm allzu zufällig, ja lächerlich vor. Auch interessierten ihn die Tatsachen, die er zu berichten hatte, schon nicht mehr: seine Phantasie und seine Gerechtigkeitsliebe waren damit beschäftigt, weiterzubauen, allen Entscheidungen hitzig vorausgreifend. Er wäre lieber auf der Straße gestanden, um das Verhalten der Aufrührer zu beobachten, für die sein Herz schlug. Der König gab sich kaum Mühe, die Anzeichen großer Erregung und Furcht zu verbergen. Er hat seine Angst verdient, dachte Francisco. Aber wenn sich nun wirklich ein Stück Freiheit ans Licht kämpft, so werden nicht nur die Schuldigen den Leidens- und vielleicht Blutpreis bezahlen müssen ... Carlos ließ sogleich die Königin, den Prinzen von Asturien und den Adjutanten vom Dienst herbeirufen. »Es ist das beste, sie hören alles aus erster Quelle.« Die Königin schien beherrscht, aber sie sah sehr alt aus. In Fernandos Augen glaubte Francisco kalte Genugtuung zu lesen. Der Adjutant, ein Oberst von Adel, zeigte sich in jeder Bewegung ernst und entschlossen. Diener vermehrten die Helligkeit des von Wandteppichen in gedämpften Farben umschlossenen Raumes, indem sie siebenarmige Leuchter mit brennenden Kerzen auf einen mit Goldbrokat gedeckten Tisch stellten. Don Carlos nahm schwerfällig an der einen Schmalseite auf dem mit Krone und Wappen gezierten Sessel Platz und ließ die Berichterstatter die beiden ihm zunächst stehenden Stühle einnehmen. Neben Francisco saß die Königin, neben dem Präsidenten der Infant, dann folgten der Oberst und der Kammerherr. Der Gerichtspräsident war wirklich so aufgeregt, daß er um Luft ringen mußte und in einer Aufzählung der Namen und Titel der Geladenen steckenblieb. Ungeduldig, als erhebe er sich straff aus den Kissen der Denkfaulheit, wandte sich der König an Francisco, der nun in bildhafter Anschaulichkeit erzählte, ohne Floskeln und ohne Äußerungen geheuchelter Entrüstung. Niemand unterbrach ihn. Die erste Frage war die der Königin, wo sich wohl der Fürst befinde. Der Präsident, einer kürzeren Mitteilung nunmehr gewachsen, befliß sich, seine Hoffnung für Manuels Rettung auf eine geheime Hintertür zu setzen. »Dann wäre er hier«, bemerkte Dona Maria Luisa sehr kurz. Der König aber wollte wissen, ob sich nach Meinung der beiden Herren der Aufruhr nur gegen die Person des Ministerpräsidenten oder auch gegen das Herrscherhaus richte. »Reden Sie ganz offen«, sagte er, »wir sind auf alles gefaßt.« Sein Ohr habe die Drohrufe, die darüber Aufschluß geben könnten, nicht unterschieden, beeilte sich Francisco festzustellen. Die Frage war ihm unbequem. »Ihre Meinung können Sie trotzdem sagen«, dröhnte Carlos. Die Antwort kam langsam: »Ich denke, daß die Aufrührer, wenn sie einen Schlag gegen Eure Majestät geplant hätten, zuerst vor das königliche Schloß gezogen wären.« »Diese Schlußfolgerung stimmt nicht«, mischte sich jetzt der Prinz von Asturien ein, »denn wenn wir mit dem Haß gewisser Volksteile als einer gegebenen Tatsache rechnen, so ist klar, daß ein Ausbruch dieses Hasses sich zuerst das mißliebigste Ziel aussucht. Das schließt aber keineswegs aus, daß er gleich darauf auch die übrigen Ziele angreift. Es ist sogar sehr wahrscheinlich.« Seine Mutter sah ihn bös an, doch sie schwieg. »Es handelt sich um Verbrecher«, meinte der Gerichtspräsident im Ton einer zornigen Urteilsfällung, der seinen Atem sogleich etwas ins Pfeifen brachte, »denen man leider nicht unterstellen kann, daß sie vor geheiligten Personen oder Staatseinrichtungen haltmachen werden.« »Gefahr ist im Verzug«, betonte Fernando nochmals. »Was ist zu tun?« fragte Carlos. Seine wasserhellen Augen irrten leer und verzweifelt von einem zum andern. »Sie können jeden Augenblick anmarschiert kommen.« Da meldete sich gehorsamst der Oberst. »Kanonen!« Aus dem einen Wort klang ein ganzes Glaubensbekenntnis. »Sind Sie sicher, daß Ihre Kanoniere schießen würden?« Der Mund des Infanten zuckte hämisch über der massiven Kinnlade. Ehe der Oberst antworten konnte, sprach sich der König entschieden gegen eine militärische Aktion aus. »Das ganze Land käme in Aufruhr. Ich kenne die Spanier.« Die Königin schlug vor, die Minister wecken zu lassen. Der König wollte von schlaftrunkenen Gehirnen und einer Verschiebung der Entscheidung nichts wissen. »Wir sind genug Köpfe hier, es kommt nicht auf die Ämter an, sondern auf den einfachen Menschenverstand. Auch von den Ministern hat noch keiner eine Revolution mitgemacht.« Er sagte es in einer instinktiven Überlegenheit, die ihm selten zu Gebot stand. »Ich bitte«, fügte er noch hinzu, »die vier anwesenden Herren, sich in dieser außergewöhnlichen Stunde als meine berufenen Berater zu betrachten.« Wie die drei andern verbeugte sich auch Francisco – gespannt, vor welche Aufgaben ihn die nächsten Stunden wohl noch zerren würden. »Don Juan Escoiquiz befindet sich in meinem Bibliothekzimmer«, sagte der Prinz von Asturien in beiläufigem Ton, »vielleicht könnte auch seine Ansicht von Wert sein.« Es war der Königin anzusehen, daß sie widersprechen wollte, aber Carlos traf schon die Anordnung, Escoiquiz zu rufen. Lautlos trat er ein, mit der schwarzen Soutane bekleidet, um die sich die breite lilafarbene Prälatenschärpe als Gürtel schlang. Während er neben dem Kammerherrn Platz nahm, begann der König ihm darzulegen, was auf dem Spiel stehe. »Ich bin unterrichtet, Eure Majestät«, kam an der ersten schicklichen Stelle die sehr ruhige Antwort. Sein großes energisches Kinn erinnerte an das Fernandos, gleich als habe sich der Schüler selbst körperlich nach dem Meister eingestellt. Carlos schaute ihn erstaunt an, war aber über die Zeitersparnis so zufrieden, daß er ihn sogleich um seine Meinung fragte. »Ich darf mir nicht schmeicheln«, begann Escoiquiz mit höflicher Handbewegung, »daß ich irgendeinen Gedanken äußern könnte, der nicht schon vor meinem Eintritt Gemeingut der Besprechung gewesen wäre. Die Dinge liegen ja bedauerlich einfach. Die Bewegung hat sich vorläufig gegen Seine Hoheit den Principe de la Paz gerichtet. Um sie aufzufangen oder zum mindesten dem möglichen zweiten Stoß seine Heftigkeit zu nehmen, muß man den Insurgenten die Freude des Sieges nachdrücklich zu kosten geben. Der bedauernswerte Fürst wird in ihre Hände fallen, wenn das in diesem Augenblick nicht schon geschehen sein sollte. Die Krone Spanien kann daran nichts ändern, wird sich vielmehr gezwungen sehen, so schnell als möglich öffentlich von dem Fürsten abzurücken. Indem sie sich formell auf die Seite der Angreifer stellt, vermindert sie die Gefahr, selbst angegriffen zu werden.« »Aber das hieße ja unser ganzes Regierungssystem preisgeben«, hielt ihm die Königin entsetzt entgegen. Escoiquiz verzog bei seiner Antwort keine Miene: »Wenn ich Eurer Majestät untertänig zu widersprechen wagen darf: es hieße nicht mehr, als einen einzelnen Irrtum bekennen – im jetzigen Augenblick ein geringes Übel.« Alle schlugen schweigend die Augen nieder, nur Francisco sah sich heimlich die Gesichter an. Die Stille dauerte minutenlang. »Was verstehen Sie unter öffentlichem Abrücken, Monsignore?« fragte Carlos schließlich. Seine Stimme klang sehr gedrückt. »Wir müssen uns beeilen«, setzte er zur eigenen Entschuldigung hinzu. »Der Fürst muß seiner sämtlichen Ämter und Würden für verlustig erklärt werden – durch ein noch in dieser Stunde zu erlassendes Manifest, das in mehreren Exemplaren an den Mauern des königlichen Schlosses angeschlagen wird. Es würde die Aufrührer bei einem etwaigen nächtlichen Vormarsch empfangen, falls ihnen nicht sofort unter der Hand Nachricht zugehen kann, jedenfalls aber in der Morgenfrühe die ganze Bevölkerung beruhigen.« »Um die Würden kann es sich nicht handeln«, sagte Carlos mit Haltung. »Wen ich zum Fürsten gemacht habe, der bleibt Fürst.« Escoiquiz erkannte, daß er zu weit gegangen war, und lenkte rasch ein: »Bei den Ämtern dachte ich an die Zivilfunktionen, bei den Würden an die militärischen.« »Man müßte«, äußerte die Königin, »die Enthebung von den Ämtern zum mindesten von der Bedingung abhängig machen, daß die Rebellen den Fürsten der Krone Spanien ausliefern. Wir können unmöglich dulden, daß man sich an ihm vergreift.« Sie sprach ziemlich gefaßt, denn sie hoffte, die Maßregeln gegen Manuel würden sich über kurz oder lang rückgängig machen lassen. »Ich fürchte, Eure Majestät, daß ein bedingtes Manifest wirkungslos wäre. Aber die Absetzung« – Escoiquiz gebrauchte zum erstenmal dieses Wort – »gibt der Krone die Möglichkeit in die Hand, über die persönliche Sicherheit Seiner Hoheit zu verhandeln.« »Wenn wir nicht zu spät kommen«, fuhr es dem König heraus. Er wünschte, daß die Berater ihre Meinung kundgäben. Als keiner das Wort nahm, verlangte er heftig, jeder solle wenigstens durch Ja oder Nein seine Stellung zu Escoiquiz' Vorschlag äußern. »Ja«, sagte der Präsident, »Ja« der Kammerherr, »Nein« der Oberst. »Ich war vor zwei Stunden noch Gast Seiner Hoheit«, sagte Francisco, »und würde vorziehen, meine Stimme in seiner Gegenwart abzugeben. Aber ich halte die Enthebung für nützlich.« »Ich denke, Sie entwerfen den Text, Monsignore, und übernehmen auch seine rechtzeitige Bekanntmachung.« Es war die Königin, die diese Worte sprach. Sie liebte passive Rollen niemals und empfing von der Hoffnung, nun werde alles mindestens für sie selbst gut vorübergehen, neuen Auftrieb. »Enthebung von den Ämtern des Ministerpräsidenten, des Generalissimus und des Großadmirals«, erläuterte Carlos, der froh war, daß Maria Luisa ihm das entscheidende Wort abgenommen hatte. »... von sämtlichen Ämtern, im besonderen denen des ...«, schrieb Escoiquiz. »Welche Begründung wird gegeben?« fragte Fernando lauernd. Carlos schwankte nur einen Augenblick. »Begründung?« sagte er dann, »ich bin niemandem zur Rechenschaft verpflichtet. Ich gebe keine Gründe an.« Dann unterzeichnete er und dankte allen. Auch er hatte wieder Hoffnung und ließ nach einem Priester schicken, um mit ihm in der Schloßkapelle zu beten. Escoiquiz aber veranlaßte, daß zwei Schreiber geweckt wurden, und sandte einen Mittelsmann zu den Führern der Aufständischen, die ihm mit Namen bekannt waren. Francisco begab sich langsamen Schrittes in den Palast des königlichen Gefolges, wo er zwei Zimmer bewohnte. Er hatte die Neigung verloren, den Fortgang der Ereignisse von der Straße aus zu beobachten, denn er fühlte tiefe Unlust darüber, daß er ernsthaft zur Mitwirkung an der Entscheidung über Manuel Godoys Schicksal gezwungen worden war. Dergleichen ist nicht meines Amtes, sagte er mehrmals fast hörbar vor sich hin. Habe ich nicht selbst Blätter gezeichnet und verbreitet, fragte er sich dann, die auf Ereignisse wie das dieser Nacht hinzielten? Die den Kleinen die Augen öffnen wollten über die Großen, damit sie auf den Gedanken kämen, ihr Recht selbst in die Hand zu nehmen? Das Schicksal hat mich beim Wort genommen, mich Richter in der Idee, und mich ganz einfach zum Richter in der Tat gemacht. Ganz einerlei, ob eine meiner Zeichnungen auch nur von ferne einen Einfluß auf das jetzt Geschehene ausgeübt hat – heute sind, seit ich sie aus der Hand gab, zum erstenmal die spanischen Bürger und Bauern aufgestanden, und ich bin in das Spiel verflochten worden. »Was sind das für törichte Gedanken«, sagte er zu Javier, der schon zu Bett lag, »soweit ich beteiligt bin, ist es wirklich nur ein Spiel, eine Posse. Denn ohne meine Mitwirkung in diesem wunderlichen Kronrat wäre alles ganz genau ebenso verlaufen ...« Aber die tiefe Unlust verschwand nicht. 11 Manuel hatte sich, von einem Bedienten in größter Eile geführt, hinter dem Gerümpel einer Dachkammer versteckt. Von dort aus hörte er in würgender Angst, wie die Aufrührer wieder und wieder das Haus nach ihm durchsuchten. Zweimal wurde die Tür seiner Zuflucht aufgestoßen, da aber das Gelaß vollgestopft und das Laternenlicht trüb war, fand man ihn nicht. Er lag am Boden, es war eine kühle Märznacht, und er begann zu frieren, drunten im Saal loderten vielleicht noch die Reste der großen Scheite in den Kaminen. Nach einigen Stunden konnte er feststellen, daß der Schwarm sich verlief, doch nahmen ihm bald Rufe und Schritte jeden Zweifel darüber, daß die Abziehenden Wachen zurückgelassen hatten. So konnte er nicht einmal wagen, sich einem Versuch zu schlafen hinzugeben, denn er wußte, daß er Gefahr lief, laut zu schnarchen. Am Morgen begann er den Mangel an Essen und Trinken zu fühlen. Er schlotterte bei der Vorstellung, daß ihm nur die Wahl bleibe, hier zu verhungern oder sich dem wütenden Pöbel auszuliefern. Denn wenn irgend jemand daran dächte, ihn herauszuhauen, wäre das längst im Gang. In Aranjuez sind genug Soldaten. Es ist zum Wahnsinnigwerden, daß es kein Mittel gibt, mit dem König in Verbindung zu treten. Das Liegen schmerzte immer mehr, obwohl er sich hatte vorsichtig einen alten Teppich zurechtziehen können. Er hockte jetzt und verfiel einem haltlosen Stöhnen. Allmählich dachte er, man könnte den Himmel bitten, auf den König einzuwirken, daß er Truppen schickt. Man könnte ein Gelübde tun ... Nothelfer ihr, alle vierzehn! Wenn mir Soldaten zu Hilfe kommen, so baue ich euch eine Kapelle. Eine Kirche, wenn ihr wollt... Er wartete eine Zeitlang und entschloß sich dann hastig zu persönlichen Opfern: Ich mache irgend etwas gut, was zu tun nicht ganz in Ordnung war. Zum Beispiel gebe ich die Erbschaft Alba heraus – sogar an die Dienerschaft, wenn es sein muß – soweit man noch weiß, wer dazu gehört. Man könnte das öffentlich ausschreiben. Oder etwas anderes dieser Art. Oder gefällt es euch, wenn ich ... keine Frau mehr berühre? Ich verspreche euch, keine Frau mehr zu berühren! Es wäre ein großes, schweres Gelübde, sich der Frauen zu enthalten. Ich will darüber nachdenken, eine Formulierung dafür suchen. Er malte sich aus, welche Todesart die Rebellen für ihn wählen würden, und rief, von Übelkeit gepeinigt, die Nothelfer von neuem an: Wenn es irgendeine Rettung gibt, will ich der Macht entsagen, jedem Amt, jeder Politik ... Da waren wieder Schritte ... Soll ich Mönch werden? Verlangt ihr, daß ich Mönch werde? Wenn es eure Bedingung ist, gebt mir ein Zeichen! ... Vierunddreißig Stunden lang gab die Furcht ihm die Kraft, in seinem Versteck auszuharren. Dann waren Durst und Hunger stärker. Einer Ohnmacht nahe, wankte er aus der Kammer. Als sich gleich darauf ein paar Gewehrläufe auf ihn richteten, hob er die Hände hoch als Zeichen der Ergebung. Er war kaum mehr dazu imstand. Man gab ihm etwas aus den Vorräten seiner Küche, nachdem er sich notdürftig erholt hatte, wurde er inmitten eines Dutzends Bewaffneter abgeführt. Die Kunde von seiner Gefangennahme verbreitete sich unheimlich rasch, von allen Seiten strömten Insurgenten und Neugierige herbei. Während er vergeblich zu wissen begehrte, was man mit ihm vorhabe, begannen wieder ringsum jene drohenden Rufe, die den ersten Angriff auf seinen Palast begleitet hatten. Die Bürgerwachen mußten Fäuste und Stöcke von ihm abwehren, er sah die Gefahr vor Augen, ganz einfach auf der Straße totgeprügelt zu werden, und appellierte mit einem letzten Aufwand von Willenskraft an Recht und Gerechtigkeit. Der Führer des Trupps nahm den Weg aufs Königsschloß zu. Der Triumphzug des Volks wollte sich dem König vor Augen stellen. Es ist unwahrscheinlich, daß schon irgend jemand weiter dachte, kaum daß man sich bewußt war, die Demonstration bedeute eine Warnung an Don Carlos. Dies ist dein Geschöpf, wollten sie zum Ausdruck bringen, es schadet uns, und darum schalten wir es jetzt aus – gegen deinen Willen, sieh, daß wir dies können! Nur langsam kamen die Gefangenenwächter mit ihrer Beute voran, die Menge und ihre Feindseligkeit wuchs und drohte den Verhaßten zu überfluten und zu zerstampfen.   Im Schloß beobachtete man angstvoll das Herannahen der neuen Welle des Aufstands, Manuels Lage schien hoffnungslos und die der Dynastie und des Hofs gefährlich. Nur zwei Zuschauer lächelten zufrieden: Fernando und Escoiquiz. Wenigstens solange sie allein waren. Denn jetzt stürzte der König ins Zimmer und bestürmte den Infanten, von der Menge die Herausgabe Manuel Godoys zu verlangen. »Ich weiß, daß sie dich lieben«, sagte er mit hochrotem Gesicht, »ich selbst vermag in dieser Stunde nichts.« Auf Fernandos schonungslose Antwort, er zweifle, ob es sich lohne, zugunsten Manuels irgend etwas zu wagen, beschwor ihn der Vater, sich der ihm unlängst gewährten Verzeihung zu erinnern und als Gegengabe diesen Wunsch zu erfüllen. »Du rettest nicht nur Manuel, sondern uns alle!« Er gebe zu, bemerkte Fernando kühl, daß es im Interesse des Ansehens der Krone liege, die Bestrafung des Staatsverbrechers selbst in die Hand zu nehmen. In Wahrheit entsprach es völlig seinem Plan, sich dem Volk zu zeigen, und so beeilte er sich denn, auf einen Balkon zu treten. Die Prälatensoutane Escoiquiz', der ihm folgte, gab eine in jeder Hinsicht wirkungsvolle Folie. Fernando wurde bemerkt und erkannt, sogleich wandte sich ihm die allgemeine Aufmerksamkeit zu. Beifallklatschen und Hochrufe ertönten. Escoiquiz machte ein Zeichen, daß der Prinz zu reden wünsche. Der Friedensfürst wußte nicht, was das Auftauchen seines gefährlichsten Feindes zu bedeuten habe, aber er atmete auf, als er wenigstens die unmittelbar drohende Gewalt vorläufig von ihm abgewandt sah. Die laute Zwiesprache zwischen dem Infanten und zwei, drei Führern des Aufstandes kam verblüffend rasch zu einem Ergebnis: gegen das feierliche Versprechen Fernandos, Don Manuel Godoy werde gerichtlich abgeurteilt werden, wurde die Herausgabe des Gefangenen unverzüglich in die Wege geleitet. Es schien, daß sie selbst froh waren, die Verantwortung loszuwerden. Während sich nun der Trupp der Wächter einem Portal des Schlosses näherte, wurde an mehreren Stellen der Ruf laut: »Es lebe König Don Fernando!« Die Agenten Escoiquiz' hatten ausgezeichnet gearbeitet. Sofort stimmten Dutzende ein, dann Hunderte. Das endete minutenlang nicht, obwohl sich Fernando sofort ins Innere des Schlosses zurückgezogen hatte, währte eine Viertelstunde, flaute ab, brauste von neuem in doppelter Stärke empor. Carlos verlor den Kopf. Die schreiende Menge, unter der sich viele Bewaffnete befanden, schien ihm eine Horde von Wölfen, die ein Opfer verlangten. Er sah sich belagert, glaubte an den baldigen Sturm. Und wußte sich keinen besseren Ratgeber als Escoiquiz. Der aber bestärkte ihn in der Meinung, daß die Bewegung draußen nur durch seine Abdankung zugunsten dessen, den das Volk als König begehre, zur Ruhe gebracht, die Dynastie nur so gerettet werden könne. Maria Luisa kam dazu und zeterte, verlangte, man solle schießen, und sogleich werde der Spuk verflogen sein. »Wenn man uns stürzt, soll es in Madrid geschehen«, rief sie aus, »Aranjuez verkörpert nicht Spanien!« Gleichzeitig aber mischte sich draußen in die Ovation für Fernando deutlich und scharf der Ruf: »Nieder mit Don Carlos!« Da hielt der König nicht länger stand, er ließ Fernando holen und erklärte ihm unter Tränen und Umarmungen, daß er zu seinen Gunsten auf den Thron verzichte. Das geschah ungefähr in denselben Minuten, in denen zwei Stockwerke höher Manuel todmüde, nach nichts begierig als nach Schlaf, ins Bett sank. Er hatte beim Eintritt in das Schloß ein Exemplar des seine Absetzung aussprechenden Manifestes überflogen und sich dann auch nicht mehr gewundert, daß er in ein Zimmer mit vergitterten Fenstern gewiesen und im Vorraum von Offizieren bewacht wurde. Mit einer geradezu unerklärlichen Schnelligkeit fanden sich die nötigen Menschen und Gerätschaften zusammen, um den Thronwechsel öffentlich zu verkünden: Über die Brüstung des großen Mittelbalkons wurde ein feierlicher Wappenteppich gebreitet, geschäftiges Gefolge, höchst zufrieden, gleich dabei zu sein, stellte sich auf, Fernando trat mit dem Federhut geschmückt durch die von roten Lakaien aufgerissenen Flügeltüren an den Teppich, während ein Gardetrompeter eine Fanfare blies. Ein Offizier rief: »Es lebe König Don Fernando!«, und das Gefolge stimmte ein, als habe es nie einen anderen König gekannt. Die Revolutionäre von Aranjuez jubelten ... »Mit der Freiheit scheint es vorläufig nichts zu sein«, bemerkte Francisco zu Javier, sie vermochten von einem Fenster aus den Vorgängen einigermaßen zu folgen ... Fernando aber schritt zur ersten Regierungshandlung, indem er Escoiquiz feierlich zum Präsidenten des Ministerrats der Krone Spaniens ernannte. »Ich werde versuchen, Eure Majestät, mich der Gnade würdig zu erweisen«, kam die Antwort, »vorausgesetzt, daß der Kardinalprimas mir die Annahme des weltlichen Amtes gestattet. Vorläufig«, er griff mit verhülltem Lächeln in die Tasche, »habe ich den Entwurf eines Aufrufs des neuen Königs an das spanische Volk ausgearbeitet.«   König Fernando der Siebente traf die Anordnung, daß Manuel Godoy fern von der Hauptstadt, im Schloß Villaviciosa in Asturien, unter strenger Bewachung gefangengesetzt werde. Ohne ihn vorzulassen, befahl er seine sofortige Abbeförderung. Dazu verfügte er die Beschlagnahme des ganzen beweglichen und unbeweglichen Vermögens zugunsten des Staates, es war während der langen Amtszeit, die Manuel arm begonnen hatte, zu ungeheurer Höhe angewachsen. Carlos, der Exkönig, bat den Freund weinend um Verzeihung und versprach ihm alle Hilfe. Nach wenigen Tagen kam die Nachricht, Murat sei im Begriff, mit seinen Truppen in Madrid einzurücken, wenn auch ohne Anzeichen von Feindseligkeit. In der Überzeugung, daß er nichts zu fürchten habe, entschloß sich der neue König, sofort mit aller Feierlichkeit gleichfalls seinen Einzug in Madrid zu halten. Die über Godoys Absetzung und Carlos Abdankung zufriedenen, durch die Anwesenheit der Franzosen geängstigten Madrilenen empfingen Fernando, als bringe er ihnen das Paradies. Derart umdrängten die jubelnden Volksmassen seinen Wagen, daß die kurze Strecke vom Stadttor zum Schloß erst nach sechs Stunden zurückgelegt war, die aus den Fenstern regnenden Blumen häuften sich zu Hügeln. Aber auf den Plätzen, auch dort, wo der Zug vorüberkam, exerzierten die französischen Truppen, als gebe es keinen König von Spanien. Weder der französische Gesandte noch General Murat meldeten sich bei Fernando. Vielmehr ließ Murat durch einen Offizier in schroffer Form mitteilen, er lehne es ab, von einer unfreiwilligen Abdankung Kenntnis zu nehmen – für ihn befinde sich der König in Aranjuez. 12 Fernando bestätigte den Ersten Kammermaler in seinem Amt. Am liebsten hätte er sich sogleich im Krönungsornat malen lassen, doch begnügte er sich, da die Krönung mit Rücksicht auf die Anwesenheit der Franzosen vertagt wurde, mit der Uniform eines Marschalls und dem Feldherrnstab – Insignien, die er gleichfalls erst in diesen zehn Regierungstagen anzulegen die Möglichkeit hatte. Und zwar befahl er gleich zwei Bildnisse: das eine zu Fuß, das andere auf einem von ihm selbst ausgewählten Schlachtroß schwerster Rasse, das aussah, als sei es imstand, sämtliche Feinde Spaniens in die Erde zu stampfen. Bei diesen Sitzungen wurde so gut wie nichts gesprochen, denn Fernando liebte es, auf einem Postament zu leben. Nur ein einziges Mal trat der junge Monarch aus seiner Zurückhaltung heraus: als er Francisco auseinandersetzte, das Reiterbildnis müsse ohne die letzte in Aussicht genommene Sitzung beendet werden, da er durch sehr wichtige Staatsgeschäfte aus Madrid abgerufen werde. Welches Vergnügen es ihm macht, König zu spielen, lachte Francisco in sich hinein und bemühte sich, in den herrisch-verächtlichen Ausdruck des farbennassen Gesichts einen knabenhaften Ausdruck zu mischen.   Der französische General Savary, ein schlauer, glatter Höfling, war in Madrid aufgetaucht und hatte Fernando, der vergeblich auf seine Anerkennung durch Napoleon wartete, mitgeteilt, der Kaiser befinde sich auf der Reise nach Spanien, und damit den Wink verbunden, ihm bis Burgos entgegenzufahren. Escoiquiz gab dem von anderer Seite gewarnten König denselben Rat. Der sandte, von der Aussicht auf eine geschichtlich bedeutsame Monarchenbegegnung geschmeichelt, seinen Bruder Don Carlos und einige hohe Hofbeamte in größter Eile zur Vorbereitung des Empfangs voraus und brach gleich darauf selbst nach der Hauptstadt von Altkastilien auf, begleitet von Don Juan Escoiquiz und General Savary. Die Geschäfte in Madrid wurden einer Regierungsjunta übertragen, der Don Antonio vorsaß, Carlos' des Vierten Bruder. An der einstmals für Kaiser Karl den Fünften errichteten Triumphpforte huldigten dem König die Behörden von Burgos, der Adel und zwölf Ehrenjungfrauen, am Portal der steilen, doppeltürmigen Kathedrale der Kardinal-Erzbischof mit der gesamten Geistlichkeit. Doch in dem zur Residenz bestimmten Palast – sein Eingang war, seltsam genug, mit in Stein gehauenen franziskanischen Büßerstricken verziert – erwartete ihn ein französischer Offizier mit der Nachricht, des Kaisers Reise verzögere sich. Fernando richtete einen Brief voll Huldigung und Unterwürfigkeit an Napoleon und reiste nach Vitoria weiter. Hier erreichte ihn die Antwort: an seine Anerkennung durch den Kaiser von Frankreich könne nur gedacht werden, falls sich herausstelle, daß König Carlos völlig freiwillig abgedankt habe, tadelnswert sei schon, daß sich Fernando seinerzeit ohne Wissen seines Vaters wegen der angeblichen Gefährdung der Thronfolge an den Kaiser gewandt habe, die persönliche Besprechung müsse auf französischem Boden, in Bayonne, stattfinden. Es war das Schreiben eines Magisters an einen Schuljungen. Aber der König, von Escoiquiz und Savary beraten, hoffte den Kaiser besänftigen zu können und reiste über die Pyrenäen und San Sebastian nach Bayonne, mit ihm sein Bruder Carlos. Er wußte nicht, was sich hinter seinem Rücken vorbereitete: Napoleon berief auch Fernandos Eltern samt Manuel Godoy nach Bayonne. Carlos hatte Murat eine Erklärung übermittelt, er habe nur unter dem Druck des Pöbels und angesichts der unsicheren Haltung der Truppen auf die Krone verzichtet und den General zugleich inständig bitten lassen, sich für Manuels Befreiung einzusetzen. Murat zögerte nicht, die Freilassung des Friedensfürsten unter Drohungen zu verlangen, und die Regierungsjunta vermochte nicht, auf ihrer Weigerung zu beharren. So wälzten sich aus Madrid und aus der asturischen Burg Villaviciosa die Schwaden der Mißgunst, des Verrats, der Feigheit in der Richtung auf das Hoflager von Bayonne heran, das selbst schon brodelte von Überheblichkeit und Verräterei. Fernando mußte zunächst – in dem keineswegs königlichen Quartier, das ihm angewiesen war – sechsunddreißig Stunden warten, bis ihn der Kaiser empfing. Dieser Empfang geschah ohne das einem regierenden Souverän zustehende Zeremoniell, ja Napoleon erhob sich beim Eintritt des Gastes mit betonter Langsamkeit, behielt die gerade anwesenden Herren des Gefolges im Zimmer, unterließ jedoch ihre Vorstellung. Die mit eisiger Kühle gestellten Fragen bezogen sich auf nichts als auf den Verlauf der Reise. Fernando gab zunächst noch geflissentliche Antworten, wurde sich aber dann in aufsteigendem Zorn seiner Lage bewußt. Da entließ ihn der Kaiser auch schon wie einen lästigen Bittsteller, ohne ein Wort von einer Fortsetzung des Gesprächs fallen zu lassen. Napoleon führte die politischen Verhandlungen in der Tat nicht mit ihm, sondern mit Escoiquiz. Der ließ sich in der Hoffnung, der Kaiser werde sich erkenntlich zeigen, für die Vermittlung des Vorschlags gewinnen, Fernando solle die Krone Spaniens mit der Etruriens vertauschen. Allein Fernando weigerte sich. Escoiquiz, als er seine Mission gescheitert sah, beklagte Napoleon gegenüber die Hartköpfigkeit seines Zöglings, während er diesen für seine Festigkeit lobte mit der Versicherung, selbst nur unter Zwang gehandelt zu haben. Geheime Boten wurden über unbewachte Pyrenäenpässe nach Madrid gesandt, der Regierungsjunta von der bedrohten Lage des Königs zu berichten. Doch auch über in französischen Händen befindliche Paßstraßen ging eine Botschaft in die spanische Hauptstadt: Napoleons Befehl, die beiden noch übrigen königlichen Prinzen, Don Antonio, Haupt der stellvertretenden Regierung, und Don Francisco, Fernandos jüngster Bruder, haben sich gleichfalls in Bayonne einzufinden. Dort erschien zunächst der freigelassene Manuel Godoy, von Fernando völlig übersehen und auch von Napoleon zunächst nicht ins Spiel gezogen. Gleich darauf kamen Don Carlos der Vierte und Dona Maria Luisa an. Der Kaiser gab ihnen noch am selben Abend ein Staatsdiner, zu dem Fernando nicht geladen wurde. Er nahm von Maria Luisa wenig Notiz, obschon sie neben ihm saß, und behandelte Carlos zwar als regierenden König, doch mit leicht ironischer Herablassung, die dieser weinselig und im Vollgefühl seiner monarchischen Sicherheit nicht bemerkte, vielmehr mit Hundegeschichten und schließlich gar mit dem kameradschaftlichen Geständnis seiner Lebensführung beantwortete; »Die Jagd«, sagte er mit seiner dröhnenden Stimme, »ist doch das einzige, wofür es sich zu leben lohnt.« Er erzählte, wie er Sommer und Winter, einerlei, welches Wetter herrsche, nach der Messe und dem Frühstück aufzubrechen, bis ein Uhr zu jagen und die Jagd nach Tisch bis zur Dämmerung fortzusetzen pflege. »Abends trug Manuel Sorge, mir zu berichten, ob die Staatsgeschäfte sich gut oder schlecht angelassen haben, und ich legte mich schlafen, um am nächsten Tag wieder das gleiche anzufangen – höchstens daß einmal eine wichtige Zeremonie mich zwang, zu Hause zu bleiben. Manuel ist mir wirklich unentbehrlich«, endete er, »ich kann mich auf ihn verlassen« – wäre die Tafel nicht zu breit gewesen, so hätte er dem Gelobten auf die Schulter geklopft –, »und darum besteht auch wirklich kein Grund, abzudanken.« Sein werbendes, wässeriges Lächeln kreiste um Napoleon. »Sie hatten eine große Verantwortung zu tragen«, sagte der Kaiser mit einem rätselhaften Blick auf Godoy, der in eitlem und allmählich auch etwas fettigem Glanz dasaß. Bei Carlos aber entschuldigte er sich für die vermutliche Wildarmut der Gegend von Bayonne – in einem Ton, der schon durch seine Gedämpftheit den Abstand hervorhob.   Für den nächsten Morgen wünschte Carlos den Besuch seines Sohnes Fernando. Der ließ sagen, er werde in Begleitung seines ersten Ministers erscheinen. Als die beiden eintraten, fanden sie zu Carlos' und Maria Luisas Seite den französischen General Savary. »Es ist Ihnen inzwischen bekanntgeworden, Infant«, begann Carlos etwas müde und unsicher die Unterhaltung, »daß ich meinen Verzicht auf den spanischen Thron widerrufen habe. Darin liegt, da ich jene Erklärung unter Zwang abgegeben hatte, eine Selbstverständlichkeit.« »Von Zwang kann nicht die Rede sein«, fiel ihm Fernando ins Wort. »Ich habe den Vorgängen beigewohnt!« Die drei Fürstlichkeiten saßen in der Mitte des Zimmers um einen runden Tisch, während Minister und General im halbdunklen Hintergrund an der Wand standen. »Lassen Sie mich zu Ende reden!« In Carlos' gedunsenes Gesicht schoß schon die erste Röte. »Durch die Zurücknahme der Abdankung bin ich ohne weiteres wieder rechtmäßiger König von Spanien und Sie, Fernando, wieder Prinz von Asturien.« Des Sohnes spöttisches Gesicht war ihm unbehaglich. »Sie sollen mich reden lassen, sage ich.« Aber Maria Luisa kam ihm dazwischen. »Des Königs hoher Verbündeter«, bemerkte sie, »der Kaiser von Frankreich, ist sogar der Meinung, daß Sie keinen Augenblick den spanischen Thron innegehabt haben, weil der ganze Akt der Rechtsgültigkeit entbehrte.« »Wenn ich mich recht erinnere«, sagte Fernando kühl und beiläufig, »habe ich am neunzehnten März in aller Form die Regierung des Königreichs Spanien angetreten und bis zum heutigen ersten Mai nicht abgedankt.« Carlos wurde röter. »Sie hören von der Königin, was der Kaiser über den Fall denkt. Wir können uns nicht auf auswärtige Verwicklungen einlassen. Ich bleibe König, solange ich lebe. Sie müssen sich bis zu meinem Tode gedulden. Jeder Thronfolger muß das. Ich war vierzig, als ich König wurde.« »Sie sind vierundzwanzig«, bemerkte rasch und scharf die Königin. Ich glaube nicht, daß mein Alter zur Erörterung steht«, ließ Fernando in spöttischem Ton fallen. »Es ist nicht meine Schuld, daß Sie meine Schwestern vor mir zur Welt gebracht haben.« Er fühlte sich in Anwesenheit seines Meisters sehr sicher und wollte ihm diese Sicherheit auch zeigen. »Was die Meinung Seiner Majestät des Kaisers von Frankreich anlangt, so habe ich ihr den Wunsch des spanischen Volkes entgegenzuhalten, das sich unzweifelhaft für mich entschieden hat.« »Ich ziehe es vor, von der Gnade Gottes König zu sein«, sagte Carlos mit einem Anflug von Würde. »Ihre revolutionären Ideen, Infant, sind frivol.« »Auch ich nenne mich König von Gottes Gnade und weiß, daß sie der einzige Ursprung meiner Macht ist. Das beweise ich durch tägliche Anbetung, doch ist es nicht unchristlich, den äußeren Tatsachen Rechnung zu tragen. Das Volk ist gegen Eure Majestät. Ihre Wiederkehr würde das Land in Unruhen stürzen. Dazu gebe ich keine Gelegenheit. Ich bin rechtmäßiger König von Spanien, solange ich nicht abdanke. Die Abdankung aber ist weder geschehen noch wird sie geschehen. Ich dulde keinerlei Angriffe auf meine Stellung, von wem sie auch kommen.« »Diese Bemerkung ist eine Ungezogenheit«, fuhr Maria Luisa auf. »Der König von Spanien begeht keine Ungezogenheiten.« »Du bist nicht König!« schrie Carlos. Bös blickten seine Augen aus kleinen Tümpeln, unter denen schlaffe Säcke hingen. »Der Kaiser setzt dich ab!« zischte die Mutter. »Die Frage meiner Anerkennung durch Seine Majestät den Kaiser von Frankreich wird weiterhin Gegenstand diplomatischer Verhandlungen sein. Sie würden erleichtert, wenn mein Vater es unterließe, an den von ihm selbst herbeigeführten Tatsachen zu rütteln. Bleiben Eure Majestät bei Ihrem königlichen Wort, und alles wird in Ordnung kommen.« Er hatte jetzt Mühe, sich zu beherrschen. »Ich verbitte mir jegliche Kritik!« rief Carlos. »Ich erkenne den Verschwörer an diesen Worten. Ich werde dich zum zweitenmal deiner Würde als Thronfolger entsetzen!« »Diese Würde bekleide ich nicht mehr – seit dem neunzehnten März, also kann ich ihrer auch nicht entsetzt werden. Das sind Lächerlichkeiten. Außerdem hat das Recht, in die Frage der Thronfolge einzugreifen, nur der König. Und der bin ich.« »Nichts bist du, nichts als ein Usurpator!« Das deuchte ihn offenbar ein starkes Schimpfwort, denn er wiederholte es mehrmals. Maria Luisa, auf deren Gesicht die Erregung die Schminke zu zersetzen begann, erinnerte sich plötzlich des Ministers und des Generals, die bewegungslos an der Wand standen. »Wozu haben wir unsere Ratgeber mitgebracht«, warf sie energisch dazwischen, »sie sollen einen Ausweg suchen. Reden Sie, General, der Prinz hört auf Sie.« Savary strich sich langsam mit der Hand über den Mund und das längliche Kinn. »Ich betrachte die Argumente für den Augenblick als erschöpft. Vielleicht verläßt man sich besser auf eine günstigere Stunde. Wir werden etwas spät beigezogen, Madame.« Fernando schaute fragend auf Escoiquiz. Der trat schmiegsam einen Schritt näher und sagte vorsichtig, zögernd: »Vielleicht ließe sich die Frage zur Erörterung stellen, ob Don Fernando die Regierung im Namen der hohen Person seines Vaters weiterführen soll. Eine Regentschaft hätte für keinen der beiden Teile etwas Entehrendes.« Fernando biß sich unzufrieden auf die Lippen, wartete aber ab. Und schon dröhnte Carlos: »Ich brauche niemanden, der für mich regiert. Diesen Jungen schon gar nicht. Ich bin nicht altersschwach.« »Du bekommst deinen roten Kopf«, stellte Maria Luisa besorgt fest, »die Ärzte sagen, du sollst dich davor hüten!« »Vor nichts muß ich mich hüten als vor diesem mißratenen Sohn. Der Teufel soll ihn holen. Ich habe diese Unverschämtheiten satt.« Und nun polterte er wieder einmal los, als sei er unter seinen Stallknechten. Escoiquiz drückte sich lautlos an die Wand. »Ich verbitte mir diese Majestätsbeleidigungen«, war Fernandos unendlich hochmütig klingende Antwort. »Ich werde ein Gericht einsetzen. Sie entehren die spanische Krone.« Haß sprang aus seinen Augen. Feindselig schnellten die Funken zurück. »Verhaften laß ich dich. Aber diesmal für Lebensdauer!« »Sie zeichnen mir den Weg vor, den Exkönig unschädlich zu machen. Hüten Sie sich, Spanien wieder zu betreten!« Carlos erhob sich hastig, ballte vor Fernando die Fäuste und verließ, von Maria Luisa gefolgt, das giftschwelende Zimmer.   Als dem Kaiser die Szene von Savary berichtet wurde, schüttelte er angewidert den Kopf. »Sie sind beide reif, vom Baum geschüttelt zu werden«, sagte er. »Aber warten wir noch ein paar Tage, dann haben wir die Bourbonenprinzen vollzählig beieinander. Schade, daß man zum großen Stil des Cinquecento nicht mehr den Mut hat. Wäre ich Alexander Borgia, so lüde ich alle fünf gleichzeitig zu einer vergifteten Mahlzeit, und die Angelegenheit wäre wortlos erledigt. Es ist zu ärgerlich, wieviel Zeit man heute auf dergleichen verwenden muß.«   Zu beiden Seiten des großen Gittertors des Madrider Königsschlosses stand ein Pikett französischer Soldaten mit aufgepflanzten Bajonetten. Davor, auf dem weiten Platz, wartete Kopf an Kopf das Volk, Bürger von Madrid und Bauern aus der Umgegend. Mit keinem Wort verriet sich seine dumpfe Wut, eine furchtbare Spannung lag in der Luft des klaren Maimorgens. Fernandos geheime Boten waren eingetroffen, jedermann wußte, daß er sich von Napoleon schwer gekränkt fühlte, jeden Augenblick war man auf schlimmere Nachrichten gefaßt – über den König und Don Carlos, den jetzigen Prinzen von Asturien. Man wußte auch – und deshalb standen all die Menschen hier –, daß die zwei äußerstenfalls noch für die Thronfolge in Betracht kommenden Infanten vom Kaiser gleichfalls nach Bayonne befohlen waren, und erzählte sich, des Königs Fernando jüngster Bruder, Don Francisco, habe sich geweigert, werde aber, von General Murat gezwungen, in der Frühe dieses Tages gemeinsam mit Don Antonio die Fahrt antreten. Und wirklich öffneten sich die Torflügel, um zwei Reisewagen durchzulassen. Hochrufe auf Spanien, den König, die vermuteten Insassen wurden laut, aber sie klangen mehr drohend als begeistert. »Nicht abreisen! In Spanien bleiben!« riefen viele, bald alle. Mit sorgenvollen Gesichtern trieben die Hofkutscher ihre Tiere an, denen sie kaum eine Gasse bahnen konnten. Da öffnete sich ein Fenster des zweiten Wagens: der Infant Don Francisco beugte sich heraus und winkte der Menge zu – mit schmerzlichem, hilfesuchendem Knabengesicht. Sofort umringten Dutzende den Wagen, sechs kräftige Männer faßten die Maultiere am Zügel. »Es lebe Don Francisco! In Madrid bleiben!« Messer wurden gezogen, und in ein paar Augenblicken waren sämtliche Gespannriemen durchschnitten. Der Wagen stand: die Madrilenen hielten den jüngsten Bourbonen in der Hauptstadt zurück – wenn alles andere schlimm abläuft, wird er König werden, sie wollen nicht ohne König sein –, der hübsche Prinz kann sich auf sein Volk verlassen, es schützt ihn vor dem gewalttätigen Franzosenkaiser. »Zurück! Auseinandergehen!« befiehlt mit scharfer Kommandostimme der französische Offizier, der das Pikett befehligt. Niemand rührt sich. Der Offizier wiederholt den Befehl, ist unschlüssig. Doch vom benachbarten Sitz des Kommandos aus hat General Murat die Szene beobachtet und schickt einen Adjutanten. Mit gefälltem Bajonett machen die Soldaten den Raum um den Wagen frei, schirren zwei Maultiere hastig wieder an und jagen das Gespann in den Schloßhof zurück. Die Menge, die einen Augenblick gestutzt hat, drängt nach, Drohrufe und geballte Fäuste erheben sich gegen die Franzosen. Das Furchtbare geschieht, daß die Soldaten die Gewehre anlegen und eine Salve abgeben. Mit Schmerzensschreien wälzen sich die Getroffenen am Boden. Da bricht die Wut des Volkshaufens zu heller Flamme aus, es sind nicht die Zornesflammen von Hunderten, es ist ein einziges gewaltiges Feuer. Unbewaffnete Männer stürmen an gegen die schießenden Soldaten, kaum daß jemand daran denkt, die Verwundeten und Toten nach rückwärts zu schaffen. Murat aber, der Teufel, hat in größter Eile im Hintergrund des Platzes Kanonen auffahren lassen und läßt auf die Menge kartätschen. Viele fliehen in die Häuser, aber nur, um mit einer Waffe in der Hand, und sei es auch bloß ein Dolch, auf die Straße zurückzukehren. Im Nu fegt der Sturm des Aufruhrs durch die ganze Stadt. Die Spanier sind in der Überzahl, die todesverachtende Wildheit ihrer Stürme kostet viele, viele Franzosen das Leben. Doch sobald die Einheit des Kommandos hergestellt und der Gegenangriff eingeleitet ist, wiegt die Bewaffnung der Freiheitskämpfer allzu leicht. An der Waage, die ein unsichtbarer Dämonriese in der Hand hält, schnellt die spanische Schale empor. In den Hauptstraßen treibt jetzt französische Infanterie und leichte Artillerie die Bürger und Bauern langsam vor sich her, dem Mittelpunkt und Hauptplatz der Stadt zu, der Puerta del Sol. Wie sie dort zusammengedrängt sind, auch Frauen und Kinder dabei, und alle Ausgänge versperrt, sprengt Murats berittene Mameluckengarde von allen Seiten in sie hinein und haut mit krummen Säbeln auf die vielen Hunderte menschlicher Leiber ein, als gelte es, Gras zu mähen oder Büsche zu roden. Die Uhr zeigt genau vierundzwanzig Stunden nach dem Streit der machtlosen Könige in Bayonne. Francisco steht an einem Fenster seiner Wohnung und zwingt sich, dem Grauen standzuhalten. Zu seinen Füßen hat sich die Hölle geöffnet. Verknäulte, niedergetretene Menschen winden sich in Qualen, büßen jämmerlich ihre Sünden, die in nichts anderem bestehen, als daß sie da sind, Mensch sind. Aus heillosen Verwundungen und Zerfetzungen des Rumpfes und der Glieder, aus Verstümmelungen der Gesichter, dieser Träger der Gottähnlichkeit, ergießen sich Blutbrunnen. Es gibt keinen Zug, keine Verrenkung der Verzweiflung, des Schmerzes, der Todesangst, die sich seinem Auge nicht darbieten. Seinem Ohr bleibt vieles verhüllt, aber die lautesten Schreie, die gräßlichsten, dringen zu ihm durch. So furchtbar wie der Anblick der Opfer aber ist der der Henker. Mordgier, Blutrausch verzerrt ihre Mienen ins Teuflische, Abgründe einer Gemeinheit tun sich auf, deren kein Tier fähig ist. Keine dämonische Gestalt seiner Wachträume, keine Ausgeburt der abseitigen Sümpfe der Schöpfung ist furchtbarer als diese Reiter aus Fleisch und Knochen, diese Menschen! Und zwischen Opfern und Henkern die Pferde, die Tiere, zu Folterwerkzeugen erniedrigt und selbst gefoltert, mit scharfen Sporen dazu gehetzt, in die Leiber zu stampfen. Hundertemal hat Francisco in der Arena die Leiden der vom Stier verwundeten Pferde kühlen Bluts erlebt, als handle es sich um gefühllose Puppen. Jetzt mit einemmal sieht er die Angst, das Grauen in ihren Augen ... Er tritt zurück, nimmt in heftiger, unwillkürlicher Bewegung das Jagdgewehr von der Wand. Ein Gefühl der Gemeinschaft überflutet alles andere: Ich darf mich nicht aussondern aus dem Volk, muß Madrilene, Spanier sein wie die andern! Er spielt mit dem Schloß, faßt aus dem Hintergrund des Zimmers ein Ziel ins Auge. Und wirft das Gewehr wieder über den Haken. Es wäre Wahnsinn! Blut vergießen und bluten – damit gebe ich nicht, was ich, gerade ich leisten kann. Ich muß das tun, was die andern nicht können: ich muß der Chronist dieser Stunde, dieses Tages sein. Für Kinder und Enkel, für Jahrzehnte und Jahrhunderte muß diese Scheußlichkeit festgehalten werden, das anklagende Bild soll sich in ihre Erinnerung einfressen. Kein Leugnen wird nützen. Ich habe es gesehen, und ich forme es mit aller meiner Kraft. Er tritt wieder vor, panzert sich mit der Kühle des Malers, der zuerst Form, Bewegung, Farbe einfangen muß, beginnt in Gedanken zu zeichnen, fühlt den ohnmächtigen Zorn wieder hervorbrechen und das Grausen und sieht seine künftige Schöpfung vor sich, die lodern wird von Zorn und starren von Grausen.   Am Abend ist der Aufstand niedergeworfen. Aber die Greuel sind noch nicht beendet. Murat läßt erbarmungslos nach Besitzern von Schußwaffen und Messern fahnden: Hunderte werden bis in die Nachtstunden hinein aus Winkelgassen und Kellern gezerrt und gefangengenommen. Draußen vor der Stadt, im Manzanarestal, nicht allzu fern der Stelle, an der Franciscos kleines Landhaus emporwächst, hält im Schein von ein paar Windlichtern das von Murat einberufene Kriegsgericht Sitzung: Offiziere mit Goldtressen und Federhüten, die sich auf Feldstühlen hinter einem als Tisch eingerichteten Brett niedergelassen haben. Ein Zaun von Bajonetten beschützt sie, auch die Zugänge sind streng bewacht. Von den Gefangenen, die ihnen truppweise vorgeführt werden, hat kein einziger ein anderes Urteil als den Tod zu erwarten: es ist eine reine Komödie, daß überhaupt so etwas wie ein Verhör angestellt wird. Truppweise werden die Verurteilten wieder weggebracht – an den Richtplatz, der von den Richtern durch einen Hügel getrennt ist, so daß die Schreie nicht oder nur gedämpft zu ihnen dringen können. Ein paar Laternen stehen am Boden, dahinter schlagen die Henkersoldaten die Gewehre an. Zwischen Leichen und Blutlachen müssen sich die Opfer aufstellen, die nächsten, die an die Reihe kommen, warten schon daneben. Einigen steht noch in der Minute vor dem Tod die Wut im Gesicht geschrieben, manche laut hinausgerufene Verwünschung wird mitten im Wort von der Kugel erstickt. Andere beten von Todesangst geschüttelt und starren ein kleines Kruzifix an, das sie bei sich getragen oder neben einem Toten aufgelesen haben. Andere halten die Hände vors Gesicht und fühlen in gefrorener Verzweiflung die Sekunde heranrinnen, in der das Blei sie durchbohrt. Rührt sich noch etwas am Boden, so schießen die Soldaten – man muß es fast mitleidig nennen – in die liegenden Körper hinein. Die Exekution ist öffentlich. Murat liebt die Abschreckung und hat nichts dagegen, daß eine gewisse Anzahl von Zuschauern, unbewaffnet natürlich und durch die bereitstehenden Truppen nötigenfalls leicht im Schach zu halten, von den Torwachen und Posten durchgelassen wird. Manche sind gekommen, um über das Los des Vaters, Bruders, Sohnes Gewißheit zu erlangen, und brechen nun selbst halb wahnsinnig zusammen. Francisco ist unter den Augenzeugen. Das Amt des Chronisten, das er sich auferlegt hat, zwingt ihn hierher. Nicht eher verläßt er den Ort des Entsetzens, bis die Gestalten auch dieser verzweifelten Anklage, dieses Gerichts sich in ihn eingefressen haben. Andern Tages beginnt er mit der Arbeit.   Napoleons Kuriere, von Murat mit der frischen, blutigen Nachricht beladen, jagten über die Pyrenäen zurück. Der Kaiser ließ sofort Fernando rufen. »Sie haben in Madrid den Befehl zurückgelassen, meine Truppen aus dem Hinterhalt zu überfallen«, herrschte er ihn an. »Eure Majestät sind falsch unterrichtet.« »Ihre Ausflüchte interessieren mich nicht. Zwölfhundert französische Soldaten und Offiziere sind in diesen Straßenkämpfen gefallen. Dafür mache ich Sie verantwortlich. Sie sind ein Rebell, ein Mörder. Ich werde Sie vor ein Kriegsgericht stellen. Man wird Sie erschießen.« Fernando begann zu zittern. Er war ohne Ahnung, was sich ereignet hatte. »Machen wir die Sache kurz«, fuhr Napoleon fort, »ich bin bereit, dieses Verfahren niederzuschlagen, wenn Sie in aller Form auf den spanischen Thron Verzicht leisten. Für diese Überlegung bleiben Ihnen zwei Stunden Zeit.«   Nach einer Stunde war Napoleon im Besitz der Verzichtserklärung sowie der Nachricht, der Infant treffe Vorbereitungen zur Abreise. Er ordnete an, daß Fernando, sein Bruder Carlos und Don Antonio unter sicherer Bedeckung nach Schloß Valençay zu überführen und dort streng zu bewachen seien. Dann befahl er Savary, Verhandlungen mit Manuel Godoy aufzunehmen, um auch von Carlos möglichst einen freiwilligen Verzicht zu erlangen, wobei mit der Aussetzung von Renten nicht zu sparen sei. So kam es, daß Manuel sich seines in todesängstlicher Stunde den vierzehn Nothelfern abgelegten Gelübdes erinnerte – wenigstens soweit es sich auf Macht und Politik bezog. Er redete wirklich mit Carlos über dieses Versprechen, gab auch zu, daß ihm in Wahrheit jede Lust fehle, die Staatsgeschäfte wieder aufzunehmen, während der Bayonner Tage sei ihm klargeworden, daß künftig nicht nur das aufrührerische Volk und die Anhänger Fernandos, sondern auch die von ihm selbst anfänglich so wohl gelittenen französischen Bajonette seine Tätigkeit bedrohen würden. »Das Schicksal, das mich traf und dich streifte, kann dich morgen in voller Wucht treffen. Die Zeiten sind schlecht geworden – ziehen wir uns so angenehm als möglich aus der Affäre!« Carlos lehnte es von vornherein ab, die Fortsetzung seiner Regierungstätigkeit ohne Manuels Mitwirkung überhaupt in Betracht zu ziehen. Der Freund zeigte sich unerbittlich, gab aber das Versprechen, das Exkönigspaar in die Verbannung zu begleiten. Da fügte sich Carlos, wie er es gewohnt war. Bei dem Gedanken, Spaniens geliebten Jagdgründen für immer fernbleiben zu müssen, konnte er sich der Tränen nicht enthalten. Auch rührte ihn Manuels Treue, in Wahrheit folgte der Friedensfürst den Gesetzen der Langeweile und den großen Renten, die Napoleon für Carlos und Maria Luisa aussetzte – denn Manuels eigenes Vermögen war bis jetzt nicht freigegeben. Maria Luisa vermochte gleichfalls nichts als zu weinen. In diesen Tagen war das Alter mit Macht über sie gekommen. Als sie sich zusammenraffte und Manuel beauftragte, sich sofort um eine größere Zahlung à conto der Rente zu bemühen, glich sie mit ihrem welken, faltigen Gesicht, ein paar unter der Perücke heraushängenden grauen Haarsträhnen, der scharfen Nase und den etwas matt gewordenen Augen einem vom Wind und den Jahren zerzausten Geier, der nicht mehr recht die Kraft hat, mit dem Schnabel zu hacken. Der Thronverzicht wurde ausgesprochen – zum zweitenmal –, und die Pensionäre begaben sich nach Fontainebleau. So endete der Streit zwischen den beiden Königen. 13 Und weiter fegte der Sturm über das spanische Land. Napoleons Bruder Joseph, bisher König von Neapel, dort von Murat abgelöst, schickte sich an, in Spanien als König einzuziehen. Er ließ sich von starken Truppenabteilungen begleiten, brachte aber ein Geschenk mit, das ihn fürstlich dünkte: eine Verfassung, die in Bayonne in aller Eile von fünfzig Männern der geistlichen und hundert der weltlichen Aristokratie des Königreichs festgelegt worden war. Doch was kümmerten das spanische Volk Verfassungen? Es kannte Napoleons furchtbare Soldaten. Er selbst, das verkündeten Priester und Mönche täglich und stündlich, war der Antichrist und Joseph der Sendbote des Antichrists. Fernando aber, der vielgeliebte, der Schirmherr der heiligen Religion, saß als Gefangener im Land der Gottlosen. Wohl kam von ihm, dem Unterwürfigen, der sich schon wieder um des Kaisers Wohlwollen bemühte, eine Botschaft, die Joseph zur Thronbesteigung beglückwünschte, aber niemand hielt sie für echt. Die Bauern verbrannten die Räder ihrer Wagen, um diese für jeglichen Dienst untauglich zu machen; an mehreren Orten züngelte schon, von der Geistlichkeit geschürt, die Flamme des bewaffneten Widerstands empor, die zweitausend Angestellten des königlichen Marstalls von El Escorial, der letzten wichtigen Station vor Madrid, verweigerten die Arbeit. Auf französischen Befehl läuteten trotzdem die Glocken und donnerten die Geschütze, als José der Erste in der Hauptstadt erschien. Jene hundertfünfzig Granden und Prälaten bildeten sein Gefolge, hohe Beamte und Höflinge, die ihre Ämter nicht verlieren wollten, empfingen ihn, das Volk lehnte ihn ab. Draußen im Land aber erhoben sich mehrere Provinzen, in Sevilla trat eine revolutionäre Regierungsjunta zusammen, die im Namen Fernandos die Geschäfte führte. Haupt der Junta war der Kardinal Don Luis Maria de Borbón y Villabriga, Bruder der verstorbenen Gattin Manuel Godoys. Das aufständische Volksheer gewann rasch so viel Boden, daß José zehn Tage nach seiner Ankunft von Madrid nach Burgos floh. Francisco hatte die beiden großen Franzosenbilder unter Gerümpel verborgen und holte sie sogleich hervor. Er bot dem Alkalden ihre öffentliche Ausstellung im Rathaus an, aber der hatte nicht den Mut dazu. Javier war in dieser Zeit in großer Unruhe. Er hatte sich vor kurzem mit Gumersinda de Goicoechea verlobt, einem schönen und klugen Mädchen aus reicher aragonischer Familie. Sie befand sich in Zaragoza, während die Franzosen die Stadt zu belagern begannen. Als nach einigen Wochen die Nachricht kam, das Belagerungsheer habe unverrichteterdinge abziehen müssen, beschloß Javier trotz der Fortdauer des Krieges, nach Zaragoza zu reisen, um die Hochzeit zu beschleunigen und die Gattin der größeren Sicherheit der Hauptstadt zuzuführen. Francisco stimmte dem Plan lebhaft bei, denn diese Heirat erleichterte ihn von der Sorge um des Sohnes Zukunft, der, übrigens auch noch immer im Genuß der von König Carlos ausgesetzten Studienrente, sich nun nicht mehr um Broterwerb würde zu bemühen haben. Den in solcher Weise mit den Ereignissen in Aragon Beschäftigten erreichte ein Schreiben des Magistrats von Zaragoza, das ihn ersuchte, für das Rathaus ein Porträt des siegreichen Verteidigers der Stadt, des Generals Palafox, zu schaffen. Das Schreiben nannte Francisco den großen und berühmten Sohn der aragonischen Heimat und lud ihn in aller Form zu Gast. »Ein verrückter Einfall, mir wegen eines einzigen Bildes die Reise zuzumuten«, sagte er zu Javier. »In dieser Stadt war man mir früher wenig gewogen, und darum paßt es mir trotz allem nicht übel, daß sie mich jetzt braucht. Ich werde mich ehren lassen – an der Seite des Generals, den man durch mich ehren will. Also: wir reiten zusammen!« Javier suchte ihn abzuhalten, indem er ihm die Gefahren des Weges vor Augen stellte, aber Francisco erklärte, er habe beschlossen, sehr alt zu werden, und das sei ein Panzer gegen Franzosenkugeln. Und so war Javier denn die Begleitung des Vaters, dem er mehr Mut und Geistesgegenwart als sich selber zutraute, willkommen. Nur daß dieser Vater reiten wollte, paßte ihm nicht recht, er wäre gern in vier- oder sechsspänniger Extrapost vor dem Hause Goicoechea angefahren gekommen. Doch er mußte einsehen, daß sie als zwei einfache Maultierreiter leichter durch das Kriegsgebiet kommen würden. Dieser mit Frische und Selbstvertrauen begonnene Ritt über Guadalajara, über den hochgelegenen Paß der Sierra Ministra, die um wuchtige Felsklötze gebaute Stadt Calatayud, durch das schmale Tal des Jalón in das breite des Ebro, führte, je weiter nördlich sie kamen, desto tiefer in die Bezirke höllischen Grauens. Zwar gerieten die Reisenden selbst kaum in Gefahr, um so mehr, als sie über Ausweispapiere verfügten, die auch von den französischen Kommandos anerkannt wurden. Aber sie sahen den Krieg. Nicht den Krieg zwischen zwei Heeren, sondern den Krieg versprengter, auf eigene Faust sich verpflegender Haufen wild gewordener Soldateska gegen ein so gut wie wehrloses Bauernvolk, das, zur äußersten Verzweiflung getrieben, auch der eigenen wie ein Tier in der Tiefe lauernden Grausamkeit die Fesseln löste. Und was die beiden nicht selbst sahen, das erzählte man ihnen in allen Dörfern und Gehöften. Gesenkten Hauptes ritten sie in Zaragoza ein. Javier feierte ohne viel Aufsehen seine Vermählung. Francisco ging äußeren Ehren aus dem Weg, weil ihm die Lust dazu vergangen war, malte den General und nahm nur eine bescheidene Summe für das Bild. Er sah ein paar Verwandte und Jugendbekannte, besuchte Fuendetodos, das Dorf seiner Kindheit. »Es hat wenig Sinn«, sagte er zu Javier, »wenn man sich gewandelt hat, die Stätten wieder aufzusuchen, an denen man als ein anderer gelebt hat. Ich weiß nicht, ob ich zum Besseren oder Schlechteren fortgeschritten bin – daß ich mich verändert habe und mich hier nicht mehr wohl fühle, steht fest. Es ist nicht der Krieg, der das macht.« Auf etlichen von den Kämpfen weniger berührten Umwegen, die man ihnen empfohlen hatte, reisten sie, teils zu Wagen, teils zu Maultier, mit der braunlockigen, dunkeläugigen Gumersinda nach Madrid zurück. In Francisco wogten die Bilder der Kriegsschrecken, die mit eigenen Augen aufgenommenen und die von der Phantasie geschauten, bei Tag und Nacht als ein Gespenstertanz. Er schaffte Kupferplatten, Nadeln, Säuren, die Presse und was sonst nötig war, aus jener versteckten Dachkammer, in der einst die Caprichos entstanden waren, hinaus in das unter Dach gebrachte Landhaus. Und begann zu zeichnen. Zuerst eine Platte, die keiner Wirklichkeit Gestalt gab, sondern einem Symbol: dem des fluchbeladenen Menschenschicksals. Viele, viele Menschen, durch eine Kette aneinandergezwungen, wandern einer hinter dem andern, trostlos, hoffnungslos, müden Schrittes, fast zusammenbrechend, durch eine tote, leere Gegend. Sie wissen nicht, wohin es geht, schrieb er darunter. Leichenhaufen zeichnete er, vor denen ein Überlebender steht, stumpf oder wahnsinnig oder von der Übelkeit des letzten Grauens gepackt, Leichen, an denen ein Vampir saugt, wieder eines jener Wesen mit Fledermausflügeln, erhängte Bauern, an deren Anblick sich Soldaten weiden, Frauenschändungen, denen Mann und Kind zusehen müssen. Er arbeitete in einem fieberhaften Zustand. Der Ankläger gebar den Stoff, der Künstler formte ihn, formte jede einzelne Zeichnung, als sei sie sein wichtigstes, heiligstes Werk, und vergaß, nichts mehr als Reife und strömende Kraft in Kopf, Adern und Händen fühlend, die Anklage über dem Schaffen. Beim Suchen nach der Unterschrift kamen dann Wut, Grauen, Mitleid zurück. Hier faßte ihn die Erinnerung am stärksten, zweimal zeichnete er den unerbittlichen Satz ein: Ich hab's gesehen! Lag aber der erste Probedruck auf dem Tisch, so wallten Freude und Stolz des Schaffenden neu empor und vermischten sich mit der Kennerschaft des Betrachters wie vor einem fremden Werk. Unterdessen fluteten neue Heere über das gequälte Land herein. Kaiser Napoleon selbst kam als ihr Feldherr über die Pyrenäen gezogen und erzwang sich in einer großen Schlacht den Übergang über die Sierra de Guadarrama, deren herrlich geschwungene, jetzt im Spätherbst schon von Schnee glänzende Höhenzüge Francisco vor Augen hatte, wenn er am Fenster arbeitete. Die Qualen der Verwundeten und Sterbenden gruben kein Zeichen in die Schönheit der Landschaft. Auch das furchtbarste Leiden sinkt aus großer Ferne in nichts zusammen. Eines Tages, als viele französische Truppen in der Nähe des Landhauses vorbeimarschierten, brachte Leandro de Moratín die Nachricht, der Kaiser halte seinen Einzug in Madrid. »Die Monarchen«, sagte er, »gehen und kommen wie die Zugvögel.« Obwohl die Worte dicht an Franciscos Ohr gesprochen wurden, verstand er sie nicht. Leandro schrieb sie ihm auf ein Blatt Papier. Francisco schlug eine Lache auf. »Schade«, sagte er, »daß der Satz so lange gebraucht hat, um mich zu erreichen. Es ist heute genau das fünftemal, daß man mir schreiben muß, was ich verstehen soll. Morgen wird es die Regel sein.« »Es wechselt«, schrieb Leandro, »morgen besser.« »Nein – es wechselt nicht. Aber es kommt darauf nicht mehr an.«   Es war nur zwei Tage später, daß ein französischer Offizier bei Francisco erschien und ihm Napoleons Einladung überbrachte, sich mit Leinwand und Farben im Königsschloß einzufinden.   Der Kaiser saß an einem großen Tisch; etwas zur Seite standen die Generäle Soult, Ney, St. Cyr und ein Kammerherr. »Wer ist das?« fragte er, als Francisco von einem Adjutanten hereingeführt wurde. »Monsieur de Goya, Sire, der Maler.« »Ein kaltes Land, dieses Spanien«, bemerkte Napoleon, »ich hatte mir das anders vorgestellt. Man ist halb in Afrika und kann nicht genug Scheite in den Kamin werfen.« Er sah Francisco aufmerksam an, der im korrekten, mit zwei Orden geschmückten Staatskleid, doch mit ungebärdig zurückgekämmtem Haarschopf und mißtrauisch-gespanntem Gesicht vor ihm stand. »Falls Seine Majestät soeben die Gnade gehabt haben sollte, das Wort an mich zu richten«, wandte sich Francisco an den Adjutanten, »darf ich untertänigst daran erinnern, daß ich mein Gehör nahezu verloren habe.« Der Adjutant übersetzte. »Sprechen Sie Französisch?« fragte der Kaiser. Der Adjutant gab die Frage nahe und laut weiter, doch mußte sie wiederholt werden, ehe Francisco antworten konnte, er verstehe Französisch mangelhaft und spreche es noch schlechter. »Schade. Im Spanischen habe ich mich nie geübt. Unserer Unterhaltung stellen sich einige Hindernisse entgegen. Da es mich interessiert, mit Ihnen zu sprechen, werden wir dieser Hindernisse Herr werden.« Von jetzt ab diktierte der Kaiser dem Adjutanten seine Fragen und Bemerkungen in Stichworten, die dieser auf spanisch für Francisco niederschrieb. Mehrfach war Napoleon zu ungeduldig, die Antwort abzuwarten, und unterhielt sich dazwischen mit den Generälen. Francisco mußte dann mit der Fortsetzung des Gesprächs warten, bis Napoleon sich wieder an ihn wandte. »Ich habe Sie kommen lassen«, sagte der Kaiser, »weil ich will, daß in diesem Schloß ein Bild von mir aufgehängt wird. Man hat Sie mir dafür empfohlen. Sie gelten als eine Berühmtheit in Ihrem Fach. Ich habe selbst hier im Schloß Porträts von Ihnen gesehen, die mich wünschen lassen, Sie möchten in Paris arbeiten. Nur muß man sich hüten«, er lächelte ein wenig, »sich vor Ihnen eine Blöße zu geben.« »Ich warte auf den Befehl zum Beginn der Arbeit, Sire, mein Handwerkszeug liegt im Nebenraum.« »Dieses Zimmer ist hell. Etablieren Sie sich hier nach Belieben und solange Sie wollen. Ich werde in meinen Geschäften fortfahren. Aber ehe Sie beginnen, wollte ich Ihnen dies hier zeigen.« Der Kaiser griff nach einer Mappe: es war ein Exemplar der Caprichos. »Das kommt aus der Staatsdruckerei. Was ist das für ein seltsamer Staat, der solche Dinge drucken und verbreiten läßt! Ihr früherer König hat mir erzählt, daß er sein Leben der Jagd gewidmet hat, dabei ist ihm vermutlich entgangen, daß hier gewisse unter seinem Schutz stehende Einrichtungen und Persönlichkeiten angegriffen werden.« Er blickte Francisco gespannt an, weil er vergessen hatte, daß seine Worte eines Umwegs bedurften, um anzukommen. Als er die Stockung bemerkte, sagte er zu St. Cyr: »Es ist unmöglich, diesen Mann zu verblüffen. Noch ehe er liest, was ich sage, hat er mit irgendeinem Sinn, der intelligenten Tauben eigen ist, schon halb erraten, um was es sich handelt.« »Es sind harmlose Spielereien«, antwortete Francisco, »sie haben den Beifall Seiner Majestät des Königs, meines Herrn, gefunden.« »Den Beifall? Unmöglich. Ein Souverän, der Ihren Zeichnungen zustimmt, kann nicht zugleich der Inquisition zustimmen.« »Don Carlos hat meine Zeichnungen gegen die Inquisition in Schutz genommen.« Er wunderte sich selbst, daß er sich vor Carlos stellte. Des Kaisers Bemerkungen reizten ihn zum Widerspruch. Napoleon hörte darüber hinweg und sprach mit den Generälen über die englischen Truppen, die die spanische Revolutionsjunta zu Hilfe gerufen hatte. Dann wandte er sich wieder an Francisco, der ihn in der Zwischenzeit scharf ins Auge gefaßt hatte: »Ich habe mir einige von diesen Blättern genau angesehen, Monsieur de Goya. Künstlerisch scheint mir nicht alles eines Mannes von Ihrem Talent würdig zu sein. Ihre barocken Linien überschreiten die Grenzen dessen, was Gegenstand der bildenden Kunst sein kann. Ich möchte wohl die Zeit haben, mit Ihnen im einzelnen darüber zu sprechen. Aber Ihre politischen Anspielungen sind mir wichtiger. Sie wissen, woran dieser Staat gekrankt hat, und so müssen Sie und Ihre Gesinnungsgenossen erkennen, daß wir gekommen sind, um ihn zu heilen. Wir nehmen den Alpdruck des Mittelalters von Spanien und bringen eine liberale Verfassung, die auf die Rechte des Volkes Rücksicht nimmt.« Er machte eine kleine Pause, fuhr dann aber hastig, ohne die Tätigkeit des Dolmetschers abzuwarten, fort: »Ihre Bauern brauchen nicht mehr unter der Last der Esel zusammenzubrechen, die ihnen auf den Schultern hocken. Aber anstatt uns Triumphbogen zu bauen, legen sie sich mit der Flinte in den Hinterhalt. Man muß ihnen ihr Glück mit Gewalt aufdrängen.« Der Adjutant kürzte und milderte die Rede. Francisco preßte beim Lesen den Mund zusammen, um Herr seines Gesichtsausdrucks zu bleiben. »Wir erkennen die hohen Absichten Eurer Majestät mit Ehrerbietung«, sagte er dann höflich. »Und was eine gewisse Kühnheit meiner Figuren anlangt, so habe ich mich stets in Gegensatz zu denen gestellt, die sich an nichts als überkommene Gesetze und eine sklavische Nachahmung der Natur halten.« »Über Politik kann man offenbar nicht mit Ihnen reden«, stellte Napoleon etwas mißmutig fest. »Ich glaube, es ist gut, wenn ich Sie jetzt arbeiten lasse.« Damit zog er eine der strategischen Karten näher zu sich heran. Ein Lakai brachte Staffelei, Leinwand, Farben, Pinsel. Francisco ließ nach Verständigung mit dem Adjutanten einen Fenstervorhang schließen, einen anderen öffnen und setzte seine Brille auf. Er hat eine schöne Stirn, überlegte er, schade, daß er die Haare so weit hereinstreicht. Die Augen sind klar, fast knabenhaft, haben keine Hinterhalte. Es ist kaum begreiflich, wie schnell ihr träumerischer Ausdruck in Härte übergehen kann. In die Härte dessen, der Spanien wie ein Räuber überfallen hat. Der die Schuld trägt an dem, was ich gesehen habe. An dem, was ich in die Kupferplatten grabe. Meine Kriegsradierungen sollte ich ihm unter die Augen halten, eine um die andere. Ob er da auch sagen würde, künstlerisch sei nicht alles meines Talents würdig? Ihr Werk, Majestät, müßte ich ihm entgegenrufen, Ihr Werk, nicht das meine... Er wählte eine Kopfhaltung, die der Kaiser am häufigsten einnahm, wenn er sich nicht über Karten beugte. Die Generäle gingen, und andere Offiziere kamen, ohne von dem Maler Notiz zu nehmen. Am seltsamsten sind Kinn und Mund, dachte er, mit ihrem weichen Schwung, ihrer weichen Spannung. Mischung aus Tatkraft und Genuß – viel Genuß. Wenn der die Frauen nicht liebt... Hier sitzt die eigentliche Schönheit des Gesichts. Javier sagt, es gleiche dem eines Künstlers, und es hat wirklich etwas davon. Einmal wurde der Kaiser sehr erregt, stand auf und schritt im Zimmer auf und ab. Dabei kam ihm die Anwesenheit Franciscos wieder zum Bewußtsein, er trat neben ihn und schrie ihm ins Ohr: »Sie machen hinter Ihrer Brille ein Gesicht wie ein Bauer, der hinter einem Felsblock hervorschießt... Erstaunlich, wieviel Sie schon gemalt haben.« Er ging weiter, und Francisco, der nur halb verstanden hatte, brauchte nicht zu antworten. Ein neuer Besucher wurde hereingeführt, es war Escoiquiz, und Napoleon setzte sich wieder. »Wir kennen uns von Bayonne«, bemerkte er nicht unfreundlich, doch ohne einen Stuhl anzubieten. »Wenn ich auch damals ein allzu ungenügendes Werkzeug war, gebe ich mich doch der Hoffnung hin. Eure Majestät möchten den guten Willen Ihres Dieners nicht allzu gering achten und mir auch jetzt ein gnädiges Ohr leihen.« Er sprach fließend französisch. »In wessen Auftrag kommen Sie?« fragte der Kaiser sehr kurz. »Im Auftrag unserer heiligen Kirche.« »Drücken Sie sich präziser aus. Ich will wissen, wer Sie schickt.« »Mich schickt Seine Eminenz der Kardinal Olivarez, der in dieser Stunde auf Wunsch Eurer Majestät Spanien verläßt.« »Der Großinquisitor?« »Es ist sein Titel, Sire.« »Ein Titel des Entsetzens. Begibt sich der Kardinal nach Rom?« »Es ist der einzige Weg, Sire, der Seiner Eminenz offensteht.« »Dort ist sein Platz. Ich lehne es durchaus ab, über die Frage seiner Rückkehr zu verhandeln.« »Nicht deshalb bin ich gekommen.« Er sah sich ein wenig unsicher nach den Generälen und nach Francisco um. »Reden Sie, aber fassen Sie sich kurz! Vor diesen Offizieren habe ich kein Geheimnis, und Monsieur de Goya ist taub.« »Ich habe Eurer Majestät die Bitte zu unterbreiten, das gegen die Inquisition gerichtete Edikt zu mildern. Ihre Zuständigkeit ist schon in den verflossenen Jahrzehnten aufs äußerste eingeschränkt worden. Mag sie sich weiterhin vermindern – die Einrichtung als solche ist für den Instanzenzug der kirchlichen Gerichtsbarkeit unerläßlich. Wir bitten um nichts als die gnädige Erlaubnis, die Inquisitionsgerichte für rein dogmatische Fragen aufrechterhalten zu dürfen. Ich habe hier« – er zog ein Papier aus der Tasche – »diejenigen Fälle juristisch umschreiben lassen, auf die das Heilige Kollegium seine Arbeit zu beschränken hätte.« »Ich finde, Monsignore, an Gesinnungsschnüffelei und Folterwerkzeugen nichts Heiliges.« »Die Folterwerkzeuge« – Escoiquiz strich mit der linken Hand seinen breiten rotvioletten Gürtel zurecht – »sind praktisch so gut wie außer Gebrauch. Eurer Majestät sind von Feinden unserer Kirche tendenziöse Berichte zugegangen. Da ich mit dieser Möglichkeit rechnen mußte, habe ich mir die Freiheit genommen, den besten Kenner der Geschichte der Inquisition, den Kanonikus Llorente, mitzubringen, er wartet im Vorzimmer und kann jede ins einzelne gehende Auskunft geben, falls Eure Majestät geruhen wollten, sich zu unterrichten.« »Das ist wirklich eine ausgezeichnete Idee, mir einen Spezialisten für Inquisition ins Haus zu bringen«, sagte der Kaiser mit schneidender Kühle. »Ich fürchte, ich könnte seinen Geruch nicht ertragen... Aber wir reden schon zu lange. Ich pflege von meinen Befehlen nichts zurückzunehmen. Pflegte der König, dessen Minister Sie waren, seine Befehle zu widerrufen?« »Meine Bitte betrifft im Grunde nur eine Formalität, Sire, aber das vollkommene Verschwinden einer jahrhundertealten kirchlichen Einrichtung würde die gläubige Bevölkerung tief verwunden.« »Pfäffische Heuchelei ist mir zuwider, Monsignore. Sie wissen so gut wie ich, daß ich mich gegen mittelalterliche Anmaßung der Priester wende, nicht gegen das Volk.« »Ich bitte Eure Majestät, eine Zeitlang in dieser Kopfhaltung zu verharren.« Die Worte kamen hinter der Staffelei hervor, aus der Arbeitsbesessenheit, die, vom Verschwinden eines Sinnes begünstigt, nicht wußte, was um sie vorging. Ein Pinsel deutete zur Bekräftigung auf des Kaisers Gesicht. Napoleon lächelte für eine Sekunde und hielt wirklich still. »Monsieur de Goya sticht dem Rad der Weltgeschichte mit dem Pinsel zwischen die Speichen. Das hindert mich nicht, Monsignore, Ihnen zu sagen, daß ich nach Spanien gekommen bin, um Europa hierherzubringen. Seine Gesittung, seine Gesinnung, seine Freiheit, seine frische Luft. Ich gleiche die Staaten einander an. Jeder Europäer hat das Recht, zu denken, was er will. Inquisition in einem dieser Staaten – diesen Schönheitsfehler können Sie mir nicht zumuten... Aber ich fürchte, Sie verstehen von meinen Worten sowenig wie dieser taube Maler.« Escoiquiz biß sich auf die Lippen. Die Etikette zwang ihn zu bleiben. »Übrigens«, fuhr der Kaiser fort, »brauche ich doch noch einen Sachverständigen. In meinen Händen ist eine Aufstellung, wonach in Spanien über dreitausend Klöster existieren. Davon werde ich mindestens zweitausend aufheben und ihr Vermögen dem Staat überweisen, der das sehr nötig hat. Wollen Sie mir behilflich sein, die reichsten auszusuchen?« Der Prälat drückte sein schweres Kinn gegen die Brust und blickte zu Boden. »Unser Gespräch ist beendet, Monsignore. Jeder weitere Versuch, die Inquisition aufrechtzuerhalten, hätte die Verbannung der beteiligten Personen zur Folge.« Escoiquiz verbeugte sich stumm und ging. Wie despotisch die Augen wieder geblickt haben, dachte Francisco. Und jetzt schon wieder das Träumerische... es ist, als könne er ohne Wärme nicht leben. Ich will fast alles Herrische in diesem Gesicht zudecken... »Sie haben von der Frage der Nachahmung der Natur gesprochen, Monsieur de Goya«, bemerkte der Kaiser. »Auch ich bin der Meinung, daß der bildende Künstler keineswegs diese Aufgabe hat, sondern die Natur in idealisierter Form darstellen muß. Dazu wäre das Schöne und Allgemeingültige zu verstärken; das Häßliche und Zufällige aber zu übersehen. Es ist ein Gesetz, das übrigens auch für die Dichtkunst gilt. Sie jedoch schrecken nicht davor zurück, das Häßliche zu verstärken.« Der Adjutant reichte die Übersetzung Francisco, der sich ungern in der Arbeit stören ließ. Er bemühte sich, die Diskussion abzuschneiden: »Ich bitte Eure Majestät, meine Caprichos wirklich nur als gelegentliche Spielereien und Karikaturen zu nehmen, die einer so strengen Betrachtungsweise nicht standhalten wollen.« »Ich habe Sie aber im Verdacht, daß Sie sich nicht einmal im Porträt zur klassischen Anschauungsweise bekennen.« »Das Porträt erscheint mir als ein Sonderfall. Hier ist in der Tat die Nachbildung der Natur das Wesentliche, wenn auch in einem höheren Sinn, dem der Erfassung der Persönlichkeit.« »Wie weit sind Sie mit der Erfassung der meinigen?« »In einer Viertelstunde, Sire, ist die Arbeit beendet.«   »Ich habe während des Malens geglaubt, ihn zu begreifen«, sagte Francisco zu den Freunden, die ihn um Mitteilungen über den Kaiser bestürmten, »jetzt weiß ich, daß er mir entwischt ist. Der Teufel soll klug aus einem Menschen werden, der einen Krieg um den andern führt, über Tod und Elend von Hunderttausenden nicht mit der Wimper zuckt und dabei aussieht, als verabscheue das alles niemand mehr als er selbst, und ehrlich aussieht.« »Vielleicht verabscheut er es wirklich«, meinte Moratín, »und glaubt in diese blutige Bahn hineingezwungen zu werden, glaubt, daß es kein anderes Mittel gebe, seine Zwecke zu erreichen. Und will man gerecht sein, so muß man diese Zwecke als groß anerkennen: Freiheit, Vernunft, Verbindung der Völker untereinander durch diese Ideale ... Ein furchtbarer, wahrhaft tragischer Irrtum, durch höllische Schrecken die Vernunft zum Sieg führen zu wollen.« »Wie kann man sich durch solche Heuchelei täuschen lassen«, rief Moratín. »Es ist die nackte Herrschsucht. Die Gelüste eines römischen Cäsaren sind es, nichts anderes.« Francisco schüttelte den Kopf, als man ihn verständigt hatte. »So einfach liegt die Frage nicht. Ich habe seine Augen gesehen. Er ist vielleicht ein Bildhauer, der die Welt neu zu meißeln sich unterfängt und das Lebendige, das absplittert, wie toten Stein ansieht. Ein Künstler von furchtbarer Erbarmungslosigkeit, gepanzert vielmehr, daß die Splitter ihn nicht am Herzen verwunden – aber ein Künstler.« »Du sprichst oft von Schicksal und Dämonen«, antwortete Bermúdez, der allmählich körperlich recht schwerfällig geworden war. »Diesen könnte man als einen Schicksalsgott ansehen.« »Dafür ist zuviel Wärme in ihm«, sagte Francisco. »Als einen Kriegsgott«, bemerkte Maíquez mit schönem, dunklem Tonfall, »der, über Berge von Leichen schreitend, immer nur den Ölbaum in der Ferne winken sieht, von dem er sich den Siegespreis brechen will.« »Ich bleibe dabei«, brummte Francisco, »daß ich für meine Person ihn nicht verstehe. Die Wahrheit schwankt, die Wahrheit verbirgt sich.« »Die Wahrheit schwankt, die Wahrheit verbirgt sich«, wiederholte Bermúdez lachend, »es klingt wie der Titel unter einem Capricho.« »Ich sage euch, daß er aufrichtige Augen hat. Aber seine innerste Wahrheit spricht er nicht aus. Nicht bloß vor mir nicht. Er darf sie nicht aussprechen. Und ich darf ihm auch nicht die Wahrheit sagen, die ich denke. Dafür bin ich Hofbeamter. Die Könige verschweigen die Wahrheit, und die Höflinge sind ihr Echo. Die Pfaffen entstellen die Wahrheit. Das Volk will sie nicht hören. Wahrhaftig – ich werde eine Platte zeichnen, die heißt: Die Wahrheit ist gestorben. Ein Mädchen, mit geschlossenen Augen am Boden liegend, nach allen Seiten Licht ausstrahlend... einen Bischof und einen König, die schöne Worte über ihr machen... Gaffer aus allen Ständen... einige mit Steinen und Prügeln, bereit, sie niederzuschlagen, wenn sie sich nochmals rühren sollte...« Er griff nach einem Blatt Papier und skizzierte die Gruppe in fliegender Eile. 14 Das kleine lichte Landhaus in seinem baumbestandenen Garten ist für Francisco mehr noch als zuvor die Dachkammer zur grauen Felsburg der Einsamkeit geworden. Was draußen in der Stadt, im Reich, in der Welt vorgeht, will er sich fernhalten – und wird doch immer enger verflochten in die Geschicke des spanischen Volkes, die jede einzelne Existenz unentrinnbar zu sich heranziehen und von sich abhängig machen. Er will sich beschränken auf seinen eigenen Gespenstertanz und kann sich dem dunklen Wirbel nicht entziehen, der ganz Spanien, ganz Europa in sich hineinsaugt... König José war nach Abzug seines kaiserlichen Bruders, der selbst den Oberbefehl gegen die in Spanien stehenden englischen Regimenter übernommen hatte, wieder in Madrid erschienen. Um das Volk für sich zu gewinnen, spielte er auf den Rat seines Ministerpräsidenten Don Luis Urquijo, des einst von Godoy verbannten, eine große Karte aus: er eröffnete die seit vier Jahren geschlossenen Stierzirkusse. Das Volk kam auch, nahm aber seine Sitze als sein selbstverständliches Recht wieder ein, als habe es diese Pause nie gegeben, und bereitete dem König, der zu der ersten Madrider Corrida selbst erschien, einen kühlen Empfang. Erst als die Cortes, von Carlos dem Vierten sehr selten und nur zu Scheinzwecken einberufen, ihre Arbeit begannen: Kirchengüter als Nationaleigentum einzogen und dem reichen Adel wie den bürgerlichen Großgrundbesitzern empfindliche Steuern auferlegten, fiel ein Teil des die Erleichterung spürenden Mittelstands dem neuen König zu. Die große Masse aber schimpfte ihn auf irgendein Gerücht hin Pepe Botillas, Flaschensepp, und seine Parteigänger Französlinge und stemmte sich mit ihrer ganzen Gesinnung gegen ihn. Hinter dieser Gesinnung stand hetzend und schürend der Klerus: König José lehnte es ab, an jenen Edikten Napoleons, die die Inquisition aufhoben, Kirchenfürsten verbannten, zweitausend Klöster schlossen, auch nur einen Strich zu ändern. In der oberen Gesellschaftsschicht aber, soweit sie nicht von jenen volksfreundlichen Steuern getroffen war, bildete sich die Partei derer, die teils um ihres eigenen Aufstiegs und Gewinns willen, teils mit Überzeugung Don José anhingen. Der Adel fand ihn gut aussehend, sah ihn im Hofzeremoniell mit Sicherheit sich bewegen, wie wenn er als König, als spanischer König sogar geboren wäre, und die bösen Stimmen, die über den Emporkömmling, den korsischen Advokatensohn spotteten, kamen mehr und mehr zur Ruhe. Den Gebildeten gefielen seine aufgeklärten Ansichten und vorurteilslosen Anordnungen, wer von ihnen zu Hof kam, freute sich der freien Form seines Verkehrs mit Menschen, die ihn interessierten: abendliche Geselligkeit wurde gepflegt, die bisher den spanischen Königsschlössern fremd gewesen war, und der König selbst belebte die Unterhaltung durch zugespitzte Bemerkungen, die freilich oft etwas gesucht ausfielen. Ein enger Kreis kannte sogar seine Verse: schwache – von den schon üppig emporschießenden Schmeichlern hochgepriesene – Nachahmungen anakreontischer Lieder. Künstler – unter ihnen der am Bourbonenhof wenig beachtete Leandro de Moratín – sahen sich nicht mit der gewohnten gnädigen Herablassung, sondern mit ernsthafter Hochschätzung aufgenommen und geehrt. Francisco empfing keine ausdrückliche Bestätigung, wurde vielmehr einfach durch Weiterzahlung der Bezüge in seinem Amt anerkannt. So brauchte er sich für König José gar nicht von sich aus zu entscheiden – wenn er auch wußte, daß ihm die Möglichkeit offenstand, das Gehalt zurückzuweisen und die Stellung niederzulegen. »Der neue König kann sich nicht besser ehren«, bemerkte er zu Javier, »als indem er mich weiterbesoldet. Er mag schlechte Eigenschaften haben – diese hier ist gut, und ich darf ihn nicht hindern, sie zu entfalten. Ich will arbeiten und lasse mir mein Arbeitsfeld nicht beschneiden. Ich kann mich nicht darum kümmern, welcher Dynastie die Könige angehören, die von mir gemalt sein wollen, mich dünkt auch, eine sei so gut oder so schlecht wie die andere. Auch woher sie die Macht haben, dafür kann ein Kammermaler nicht die Verantwortung tragen.« Er suchte beim König um eine Audienz nach, um ihm seinen Dank abzustatten, und wurde mit großer Zuvorkommenheit empfangen, auch aufs höflichste gebeten, zu einer ihm angenehmen Zeit Don José zu porträtieren. So wurde er der Partei der Josefinos und Französlinge zugerechnet. Bei Hof aber, wo man dem tauben Sonderling jede Freiheit zubilligte und wo die Goicoecheas, Gumersindas nächste Verwandte, mehrere Ämter innehatten, gehörte es zum guten Ton, sich von ihm porträtieren zu lassen.   Draußen im Reich tobten die blutigen Stürme weiter, und der aus immer anderen Bergschluchten hervorbrechende Kleinkrieg der Freischaren kam nicht zur Ruhe. Die, die in der Hauptstadt noch auf einen Umschwung rechneten, wurden tief getroffen von der Nachricht, Zaragoza, zum zweitenmal angegriffen, sei gefallen. Allmählich erfuhr man, daß die belagerten Truppen und die Bevölkerung grauenhaft zusammengeschmolzen, im Lauf zweier Monate innerhalb der Mauern der Stadt zwischen fünfzig- und sechzigtausend Menschen umgekommen waren. Francisco sah das melancholische Bild vor Augen, das Zaragoza trotz dem militärischen Sieg nach der ersten Belagerung geboten hatte, und baute sich daraus den jetzigen Zustand auf. Wie viele seiner Jugendbekannten mußten sich unter den Toten befinden! Kein Haus konnte vom Jammer, vom zehn- und hundertfachen Jammer verschont geblieben sein. Da wurde der Französling von neuem dazu entflammt, seine Anklagen gegen Unrecht und Gewalt zu erheben. Er radierte abermals Szenen des Grauens: Menschen, die sich durch ein Flammenmeer retten wollten, gepfählte Leichen, niederträchtige Erschießungen. Dafür seid ihr geboren! schrieb er unter eine der Zeichnungen. Von einem Dämon gewollt, der sie in das Buch des Schicksals einschreibt, vorschreibt – so stellte er sich die Kriegsgreuel vor, der Dämon nahm Form unter seiner Hand an: auf einer düsteren Anhöhe, einem halbwirklichen Sessel hockend, mumienhaften, gefühllosen Angesichts, Krallen an Händen und Füßen, ist er mit unheimlichem Eifer an der Arbeit, aus dem widerlichen Kopf ragen zwei große Fledermausflügel in die Luft, verzweifelte Menschen umdrängen den Sockel seines Hochsitzes. So konnte es geschehen, daß Francisco am selben Tag die von jenem Dämon ausgeheckten Scheußlichkeiten aufzeichnete und am Bildnis eines josefinischen Höflings oder gar eines französischen Offiziers arbeitete. Die schöpferischen Ströme rauschten und rauschten in ihm und drängten zur Gestaltung der Kriegsgreuel ebensosehr wie der Köpfe, die sich seinem Pinsel darboten und ihn aus irgendeinem Winkel ihres Menschentums, ja selbst ihrer menschlichen Leere heraus fesselten.   Die Jahre rollten an Franciscos Burg vorüber. Zusammengepreßt wie Monate lagen sie dann hinter ihm, der kaum mehr ein Zeitgefühl besaß, aber mitunter durchlebte er auch wieder Wochen in so langsamem Fluß, als seien sie Jahre. Die Freunde schwanden hin: der Rabe war nicht mehr, Bermúdez lag todkrank, innerhalb weniger Tage starben Agustín Esteve und Pepa, beide plötzlich von heute auf morgen. Als er zu Pepa gerufen wurde, die sein Landhaus nie betreten hatte, ruhte sie schon im Sarg – schmalen, spitzen Gesichts, ihrem verstorbenen Bruder ähnlicher denn je. Erinnerungen wirbelten auf, ein neuer Gespenstertanz. Ein Leben ist wie das andere, rief er, um sie zu verjagen – daß jeder sein Teil Unglück trägt, dafür ist gesorgt. Ihr erging es wie allen, mir ergeht es wie allen, hier ist nichts Besonderes geschehen, weder im Leben noch im Sterben. Daß uns beiden die Lebenskameradschaft mißglückt ist, wußten wir seit langem. Nur ein einziges Mal hab' ich sie gemalt in all den Jahren... Ohne zu wollen, stieg er nun doch zurück in die erste Zeit der Gemeinschaft mit Pepa – die Erinnerungen wurden heller, und er ließ sie ein ... Aber das Persönliche trat zurück. Das Rätsel des Todes rührte an ihn. Sooft er in seiner geheimen Kriegschronik Verurteilte, Sterbende, Tote darstellte – immer waren das Sterbenmüssen, der Todesschmerz, der Leichnam, die körperlichen Vorgänge also und ihr Grauen sein Gegenstand. Den Fragen: Was ist es in Wahrheit, das mit diesen Menschen geschieht oder geschehen ist? werden sie aus dem Bestand der Welt gestrichen? oder, falls es anders sich verhält, wo sind ihre unkörperlichen Überreste, und wie sind sie? – diesen Fragen wichen solche Gestaltungen aus. Als er einstmals die Leiche Carlos' des Dritten erblickt hatte, glaubte er einen Strahl aus einer anderen Welt zu spüren. Dieser Strahl blieb nicht in ihm lebendig: wenn er später vor Toten stand, den eigenen Kindern, Pepas Kindern, die nach der Geburt oder im frühesten Alter auslöschten, dann erschien ihm das Sterben als eine einfache Naturtatsache, über die nachzudenken wenig Sinn habe – soweit nicht noch, das eine Mal mehr, das andere Mal weniger, ein Rest des Kirchenglaubens in ihm festsaß, in der Weise etwa: Vielleicht ist doch etwas an dem, was die Priester sagen. Aber nun öffnete ihm sichtbarer als bisher das große Geheimnis seinen Abgrund. Franciscos Auge durchdrang das Dunkel nicht und meinte darum ins Leere zu blicken. Seine Gedanken glitten zu Cayetana: Ich habe ihren toten Körper nicht gesehen, sie war mir wie eine Auswandernde, die ohne Abschied in einen fremden Erdteil gereist ist, aus dem sie nicht wiederkehrt und in den ich ihr nicht folgen kann. Ich habe auf sie verzichtet. Aber jetzt, da ich mir klar darüber werde, daß sie nicht und nirgends mehr ist, stirbt sie mir zum zweitenmal. Alle meine Toten sterben mir heute zum zweitenmal. Als er von Pepas Bestattung ins Landhaus zurückkehrte, zeichnete er einen Toten, der aus dem Grab aufsteht und ein einziges Wort auf eine Tafel schreibt (so wie man ihm, Francisco, die Worte aufschrieb): »Nichts!« Skelette und Gespenster sind die Zuschauer des Schreibenden. Der Kanonikus Llorente, der ihn nach langer Pause einmal wieder besuchte, bekam das Blatt in die Hand. »Geistvoll«, sagte er, »eine Allegorie des Wortes: Eitelkeit aller Eitelkeiten!« Francisco glaubte ihn verstanden zu haben. »Ausgezeichnet, Freund«, rief er, »so ist es wirklich. Er kommt zurück und erzählt uns, was er gefunden hat: nichts!« »Hättest du das vor fünfzig Jahren gesagt, so wärest du heute nichts als ein interessanter Fall in meiner Geschichte der Inquisition. Wie die Dinge jetzt liegen, wirst du weder verfolgt noch werde ich es, der ich keinen Versuch mache, dich zu bekehren.« »Aufschreiben! ich verstehe dich schlecht.« »Solche Gespräche legt man noch immer besser nicht schriftlich fest«, lächelte das skeptische Gesicht.   Die Kriegsgreuel kamen über Madrid. Nicht die blutigen, sondern das dürre, ausmergelnde Sterben: der Hunger. Die Stadt verfügte über keine Vorräte, selbst in den Klöstern sah man sich knapp daran. Gerade in Madrid waren viele geschlossen worden, und die Fratres der noch geduldeten riefen, während sie karge Mildtätigkeit übten, Tag für Tag den Hungernden zu: Wären wir noch so viele, wie wir waren, so müßtet ihr keine Not leiden. Draußen im Land aber stampften und brannten die Heere die Ernten nieder, und was die Schiffe, gleichfalls vom Krieg beunruhigt und gehemmt, in die Häfen brachten, zählte kaum. Das Vorhandene reichte für die Reichen, die Wucherpreise bezahlen konnten. Die Reichen hatten zu leben, die Armen hatten zu sterben. In den Vierteln des gemeinen Volkes lagen Männer, Frauen, Kinder elend auf den Gassen und flehten jeden, der vorübergehen mußte oder vorüberzugehen wagte, um eine Handvoll Gemüse, eine Kartoffel, einen Teller der dünnsten Suppe an. Ihr Stöhnen und Wimmern mischte sich mit den giftigen Dünsten, die die Luft erfüllten. Es half ihnen nichts – sie mußten das furchtbarste aller Urteile, das die dunklen Mächte für Menschen ausgeheckt haben, an sich vollstrecken lassen: ungefragt sind sie in die Welt gesetzt worden mit einem Körper, der Nahrung braucht, und werden nun ganz einfach der Möglichkeit beraubt, diese Nahrung zu finden. Ohne Krankheit sehen sie den Tod auf sich zukommen, spüren ihn in den Eingeweiden – jeden Tag nimmt er ihnen ein Stück Kraft und gibt Schmerzen dafür... bis er sie endlich, endlich erwürgt. Zweimal am Tag kamen die Karren der Friedhöfe und luden die Toten auf. Es war wahrhaftig ein Wunder, ein Geschenk des Himmels zu nennen, daß keine Seuche ausbrach. Francisco gehörte zu denen, die zahlen und leben konnten. Kam das Elend vor seine Tür, Gestalten kaum mehr von Fleisch und Blut, doch greifbarer noch als Gespenster, so gab er, was irgend zu entbehren war. In den Straßen von Madrid aber kreuzten Roheit und erbärmliche Gesinnung seinen Weg, was er sah, fraß er als neue Anklage in sich hinein und grub es dann mit einer Leidenschaft in seine Kupferplatten, als treffe er mit der Schärfe des Stichels die Schuldigen. Er zeichnete eine Gruppe Bettler, die von wohlgenährten französischen Soldaten abgewiesen werden, den höhnischen Satz »Sie sind von anderer Herkunft« schrieb er unter ein paar Stutzer, die sich mit kühler Gleichgültigkeit das Elend anschauen...   Was nützte es dem hungernden Volk, daß die Cortes nach langen Beratungen eine neue Verfassung in Kraft setzten, die ihm Gedankenfreiheit und politische Rechte einräumte? Doch endlich, endlich, als die Opfer tausendweise gefallen waren, kam auch Brot. Die Engländer brachten es, die, von der Revolutionsjunta erneut zu Hilfe gerufen, nach langen Kämpfen sich der Hauptstadt näherten. König Josés Geschick begann sich zu erfüllen. Zwar galt er im Kreise seiner Bewunderer als der vorausbestimmte Nachfolger seines Bruders Napoleon, da er selbst oft genug darauf anspielte, er müsse, solange sich der Kaiser der Gefahr des Schlachtentodes aussetze, stets gewärtig sein, in ein höheres Amt gerufen zu werden. In Wahrheit entkleidete ihn Napoleon um der Mißerfolge der französischen Waffen in Spanien willen Stück für Stück seiner Machtbefugnisse und übertrug sie Generälen, José, als sei er ein eigensinniges Kind, lehnte es vor Ärger wochenlang ab, sein – freilich nicht einsames – Bett zu verlassen, und erpreßte mit der dem Kaiser vorläufig unbequemen Drohung seiner Abdankung hohe Geldsummen. Jetzt sah er keine Möglichkeit des Widerstandes mehr und floh: General Wellington zog in Madrid ein. Es war wieder ein Festtag nach dem Herzen des Volkes, das, seiner Leiden nicht mehr achtend, den Sieger umjubelte, die Regierungsjunta ernannte ihn zum Herzog und Granden. Französische Übermacht vertrieb den Herzog. José, den einen gepriesener Hort der Geistesfreiheit, den andern gehaßter Religionsfeind, den dritten lächerlicher Flaschensepp, kehrte im Triumph wieder und richtete seinen Hof von neuem ein ... Bis Engländer und Aufständische abermals siegten und Napoleon, durch den russischen Feldzug geschwächt und darum des spanischen Abenteuers müde, den Bruder abberief... So wogten Sturm und Gewitter hin und her über das arme Land, zerzausten es von Nord und Süd, von Ost und West und peitschten das Volk blutig. Den großen Herren, den Fürsten, Oberfeldherrn, Kardinälen, geschah nichts, ob ihre Pläne glückten oder scheiterten, ob ihre Prunksessel in Madrid oder Burgos, in Paris oder London oder Rom standen – sie hatten gut und angenehm zu leben, hatten Paläste und Ehren, beflissene Dienerschaft und wohlduftende Tänzerinnen, Geflügel und Edelfrüchte auf dem Teller, prickelnde Weine im Kristall, weiche Kleider sommers und winters. Und den vielen Halbgroßen in ihrer Nähe geschah gleichfalls nicht viel Leids, den Prälaten und Mönchen schon gar nicht, die als Vertriebene gute Unterkünfte fanden und gelassen auf den Umschwung warteten, der ihre Rückkehr bedeuten würde. In einer besonderen Lage freilich befanden sich die spanischen Anhänger des freien Geistes und des freigeistigen Königs: als Don José unwiderruflich abzog, fühlten sie den Boden unter ihren Füßen schwanken. Für die wenigen, die in der Umgebung des Abgesetzten noch etwas für sich erhoffen konnten, war es selbstverständlich, daß sie ihm nach Frankreich folgten. Aber auch wer von allen andern es irgend wagen konnte, ohne die äußerste Armut befürchten zu müssen, raffte zusammen, was er hatte, und überschritt die Grenze, denn keiner von ihnen traute Fernando, mit dessen Rückkehr man rechnen mußte, etwas anderes als Rachsucht zu. So kam es, daß die politischen Stürme wieder an Franciscos Existenz rüttelten. Leandro de Moratín suchte ihn in Hast und Unruhe auf, eröffnete ihm seinen Entschluß auszuwandern und drang in ihn, alle verfügbaren Geldmittel flüssig zu machen und sich der großen Gruppe der Madrider Flüchtlinge anzuschließen. »Du gehörst zu uns«, schrieb er ihm auf die Tafel, »wenn du hier bleibst, setzest du alles aufs Spiel.« »Du bist jünger als ich«, antwortete Francisco, »ich habe die Mitte der Sechzig überschritten und kann nicht mehr von vorn anfangen.« »Als freier Mann in Frankreich hast du wenigstens die Möglichkeit, neu anzufangen – in den Madrider Gefängnissen kannst du nichts als enden.« »Meine Porträts sind unpolitisch.« »Auch meine Verse waren unpolitisch, und doch gibt es für mich nichts anderes als zu gehen. Ich tauge nicht zum Märtyrer – und du auch nicht.« Beide blieben hartnäckig – bis Francisco schließlich versprach, seine Entscheidung um vierundzwanzig Stunden zu verschieben. Inzwischen kam Javier, berichtete, daß auch Gumersindas Vater mit anderen Verwandten in wenigen Tagen Spanien verlassen werde, und beschwor ihn, dasselbe zu tun: »Sie haben alle große Angst vor dem, was jetzt geschehen wird. Der Gedanke, du könntest in einen Staats- oder Inquisitionsprozeß verwickelt werden, ist furchtbar.« »Ich bin angewachsen«, sagte er wieder wie damals, als ihn Javier bat, mit ihm die Welt zu sehen. Doch auch der Sohn bedrängte ihn mit aller Kraft, versprach, um das letzte Hindernis zu beseitigen, er selbst und Gumersinda würden mitkommen, und verkündigte ihm schließlich kurzerhand, Vater Goicoechea habe in seinem Reisewagen einen Platz für ihn vorbehalten und erwarte ihn übermorgen zur gemeinsamen Abfahrt. Damit gab sich dann auch Moratín zufrieden, der ohne weiteres Zögern Madrid verließ. Aber Francisco tat nichts, die überstürzte Reise vorzubereiten, sondern verkroch sich nur tiefer in seine graue Burg. Goicoechea mußte ohne ihn abfahren, und so blieben auch Javier und Gumersinda zurück. 15 Das Unheil, vor dem man sich in Madrid schon duckte, begann sich nördlich der Pyrenäen zusammenzubrauen: Napoleon ließ Don Fernando nahelegen, nach Spanien zurückzukehren. Fernando, der sich in den Jahren der Gefangenschaft mit Kraft und Gift vollgesogen hatte, verlangte freie Hand, gewährleistet durch die vertragliche Anerkennung der Unabhängigkeit seines Reiches. Der Kaiser stimmte zu unter den Bedingungen der Straffreiheit für Josephs Anhänger und der Entfernung der Engländer aus Spanien. Regierungsjunta und Cortes kannten die Charakterlosigkeit des Königs zur Genüge, um jede seiner Bewegungen mit Argwohn zu beobachten, man war entschlossen, den Machtstrom, dessen Entfesselung bevorstand, von vornherein in das Bett von Gesetz und Verfassung zu lenken, und erklärte jeden Vertrag und jeden Regierungsakt Fernandos für ungültig, solange dieser nicht den Eid auf die Verfassung abgelegt habe. Da ließ Napoleon, am Schicksal Spaniens nicht mehr interessiert, den König, seinen Bruder Don Carlos und seinen Oheim Don Antonio bedingungslos frei, worauf die Cortes Don Fernando aufforderten, sich zur Eidesleistung nach Madrid zu begeben. Zögernd löste sich das Unheil aus den Mauern des Schlosses von Valençay. Mit lauernder Langsamkeit wandte sich der König nach Süden. Francisco, hätte er den Zug überschauen können, würde einen Schwarm dämonischer Geister in den Lüften erblickt haben. Äußerlich schien sich alles gut anzulassen: an der Landesgrenze feierlich empfangen, nahm Fernando ein Exemplar der Verfassung entgegen. In Madrid beeilte man sich indessen, alle Spuren der Franzosenherrschaft zu beseitigen. Dabei verfielen auch die von Francisco gemalten, im Königsschloß, im Rathaus, in den Ministerien aufgehängten Bildnisse Josephs und das Napoleons der Verbrennung – eine Maßnahme, mit der ihr Schöpfer zufrieden war. Ans Auswandern dachte er sowenig wie zuvor: er fühlte sich wirklich verwurzelt und vermochte die Wurzeln nicht zu durchschneiden, auch als die Gefahr begann, ihr Gesicht zu zeigen ... Don Fernando nahm von Aragón aus seinen Weg nicht nach der Hauptstadt, sondern nach Valencia, wo sich, man erfuhr es allmählich, nicht nur beträchtliche Truppen, sondern auch alle namhaften Anhänger des neuen Königs versammelt hatten. Das Unbehagen seiner Gegner steigerte sich zur Angst, als der König in Valencia inmitten von fanatischen Prälaten und Granden ein Dekret erließ, das die Verfassung aufhob, – zum Schrecken, als die Mitglieder der Cortes und der Regierungsjunta in einer einzigen Nacht verhaftet und ins Gefängnis geworfen wurden. Erst jetzt hielt Fernando der Siebente seinen zweiten Einzug in Madrid. Das Volk, ganz im Bann des Klerus, jubelte dem Beschützer der heiligen Religion zu – einem Mann mittelalterlicher Gesinnung, der nun, von der Nähe des Vaters und dem Druck Napoleons befreit, sein wahres Gesicht zeigte: Es war eine seiner ersten Regierungshandlungen, nicht nur die Inquisition, sondern auch die Folter wieder einzuführen, Hunderte und Hunderte, von irgendeinem Denunzianten als Französlinge oder Freigeister verdächtigt, wurden verhaftet und eingekerkert. Zugleich setzte er – noch immer von Escoiquiz beraten – die zweitausend von Napoleon aufgehobenen Klöster wieder in ihre Rechte ein und rief gar, als habe das Land noch nicht genug Mönche zu ernähren, die Jesuiten herbei. Sein Großvater Carlos der Dritte hatte sie einst verjagt, ja – nicht für allzu lange – die Aufhebung der ganzen Gesellschaft Jesu erreicht. Fernando drehte mit heimtückischen Händen das spanische Rad zurück. Das Bildnis König Felipes des Zweiten hing gegenüber seinem Arbeitsplatz. Von diesem Sessel aus gab er dem Justizminister, der Gefängnisneubauten beantragte, den kurzen Bescheid, es sei billiger, Galgen zu bauen. Hier sah er die Untersuchungsakten gegen Personen durch, deren Verfolgung ihm persönliches Vergnügen bereitete, und ordnete selbst die Folter an. Hatten die Prozesse dennoch kein greifbares Ergebnis, so sprach er aus absoluter Machtvollkommenheit gegen die Mißliebigen furchtbare Strafen aus, ohne auch nur den Versuch einer Begründung zu machen. In der Schloßkapelle aber wurden mehr Messen gelesen als selbst zur Regierungszeit seines Vaters...   Gegen Franciscos Haus, das die Nachbarn das Landhaus des Tauben nannten, drang die Kunde von dem, was der wiedergekehrte König ausheckte, wie er die Gefangenen quälen, in Strafklöster einschließen, hinrichten ließ, gleich Nebelschwaden an. Javier berichtete, daß täglich neue Verhaftungen vorgenommen würden, und beschwor den Vater, einen sicheren Schlupfwinkel in Madrid zu beziehen – denn eine Flucht auf überwachten Straßen kam nicht ernsthaft mehr in Frage: wer dabei ergriffen wurde, konnte sicher sein, als Verbrecher behandelt zu werden. Ein Madrider Freund Javiers, ein unverdächtiger, ja der neuen Regierung durchaus genehmer Verwaltungsbeamter, hatte sich bereit erklärt, Francisco in sein Haus aufzunehmen, niemand werde ihn dort suchen, versicherte der Sohn– zudem müsse, wer bei Don José Duaso y Latre wohne, als politisch und religiös einwandfrei gelten. Schließlich gab er nach und siedelte bei Nacht, nicht ohne sich mit Arbeitsgerät zu versorgen, zu Duaso über. Die unsicheren Tage des Wartens beklommen Francisco mehr, als er sich und den andern eingestand. Er versuchte zu arbeiten, machte sich daran, das über Zahlenreihen und Erfassung dürrer Verordnungen verholzte Gesicht seines Gastgebers zu malen, dem er sich erkenntlich zeigen wollte. Aber der Druck saß ihm zu schwer auf der Brust, was ihm so gut wie nie geschehen war, geschah: jeder Versuch mißlang. Und das verschlechterte seine Stimmung noch mehr. Eines Morgens erschien ein königlicher Diener im Haus des Beamten und gab ein an Francisco gerichtetes gesiegeltes Schreiben ab. Während die andern darüber erschraken, daß man bei Hof seinen Aufenthalt so genau kannte, zeigte Francisco selbst plötzlich große Ruhe, als er das Schriftstück an sich nahm und öffnete. Es enthielt die an den Ersten Kammermaler gerichtete Aufforderung, sich zu einer bestimmten Stunde desselben Tags im königlichen Schloß einzufinden für eine Porträtsitzung, die Seine Majestät ihm zu gewähren geruhe. Javier war sehr unruhig, argwöhnte, es handle sich um eine Falle: man wolle den Vater auf solche Weise aus seinem Versteck herauslocken, um ihn sicher in die Hand zu bekommen. Francisco schwieg hartnäckig, fuhr nach Haus, zog den Staatsfrack an und versah sich mit Farben und Pinseln. Als er am Schloß vorfuhr, wartete Javier im Wagen auf seine Rückkunft. »Sie sind ein gefährlicher Mensch«, schrie der König Francisco an, nachdem er ihn hatte gehörig warten lassen, »das weiß ich, seit ich Ihre Caprichos gesehen habe, und nun sind Sie gar Französling geworden. Sie haben die Erdrosselung verdient.« Francisco, der kein Wort verstand, verneigte sich schweigend. »Künstler sind charakterlos«, donnerte der König weiter, »und darum konnte man nichts Besseres von Ihnen erwarten.« Wieder verneigte sich der Maler schweigend. Die Majestät begriff, daß sie einem Tauben gegenüberstand, und ließ ihm durch den Kammerherrn, der der Szene anwohnte, bedeuten, mit der Arbeit zu beginnen. Nach Schluß der kurzen Sitzung gelang es dem Kammerherrn, Francisco von den Worten des Königs Kenntnis zu geben. »Nehmen Sie es sich nicht zu Herzen«, fügte er bei, »Seine Majestät ist Ihnen gnädig gesinnt. Sie sind mit vollem Gehalt im Amt bestätigt.« Langsam trat Francisco aus dem Königsschloß, stand vor dem Platz, auf dem jene Bürger und Bauern um ihrer Anhänglichkeit an das Haus Bourbon willen von Murats Soldaten niedergeschossen worden waren. Javier eilte ihm entgegen und zeigte sich sehr glücklich über den guten Ausgang des Sorgens und Wartens. In seiner Freude bekannte er, daß er das Seine beizutragen versucht hatte, Don Fernando milde zu stimmen: durch gute Beziehungen hatte er zuwege gebracht, daß der König von seines Vaters großen Franzosenbildern erfuhr, deren patriotische Gesinnung nicht angezweifelt werden konnte, auch war ihm der Abzug einer Radierung aus allerletzter Zeit in die Hände gespielt worden, die den zerzausten französischen Adler zeigte, wie er von spanischen Bauern mit der Mistgabel aus dem Land gejagt wird. Francisco blieb niedergeschlagen. »Ein paar Geschmacklosigkeiten«, schrie ihm Javier ins Ohr, »verachte ihn dafür! Wir sind froh, daß er dir nichts antut. Er konnte dir ja nichts antun. Er mußte sich ja vor dir beugen... Kein anderer europäischer Monarch hat an seinem Hof einen Künstler wie dich.« Francisco reckte sich auf und wechselte gewaltsam den Ton: »Du sagst die Wahrheit – auch wir Künstler sind Könige. Ich maße mir das Recht an, den Königspurpur zu tragen. Einer von denen, die die plumpe, nackte Macht und Gewalt besitzen, hat mich in meinem Reich bestätigt. Alle haben mich bestätigen müssen. Ich bleibe anerkannter Fürst – das ist meine Lebensform. Javier – du bist der Sohn eines Königs, der sich durch alle Händel der Welt seine Krone gerettet hat.« Doch als sie eine Zeitlang im Wagen saßen, sank er wieder zusammen. Gepreßt fing er von neuem an zu reden: »Glaub nicht an das, was ich gesagt habe. Was mir aus den Händeln der Welt übrigblieb, ist nichts als mein Leben und meine Einkünfte. Um diesen Preis aber bin ich nicht König, sondern ein ganz gewöhnlicher Lakai. Sogar einer, der sich ohrfeigen lassen muß.«   Böse Gestalten aus dem lichtfeindlichen Reich, Wächter des Fluchs, ziehen um Franciscos stilles Haus ihre Kreise, dringen durch Fenster und Wände, offenbaren sich dem Brütenden und Gestaltenden als immer vertrautere, willkommene Genossen. Er plant und formt an grausigem Werk, das aus ihren Gestalten Nahrung zieht... Ein Riese steht vor ihm, weißhaarig, nackt, wilder als hundert Raubtiere, hockt nieder und ist doch um vieles höher als das Zimmer. Draußen ist Nacht – der Raum hat sich geweitet über die Wände hinaus, und der Riese ragt ins Dunkel, das kein Dach über sich hat und doch auch keinen Himmel... Mit zwei furchtbaren Händen hält er plötzlich einen Menschen umkrallt, einen kleinen Menschen, den er mitgeschleppt oder irgendwo aus dem Dunkel, dem vorüberflutenden Leben herausgegriffen hat. Und fängt an, Stücke von ihm abzubeißen, den Kopf zuerst. Gräßlicher noch als das aufgerissene Maul mit dem heillosen Gebiß sind die in Blutrausch und Zerstörungswut hervorquellenden Augen ... Francisco starrt die Erscheinung an – sie ist die schlimmste von allen, die da waren... er weiß selbst nicht mehr, ob sein Atem geht. »Dies zu erleiden, werden wir geboren!« Er schreit oder flüstert oder denkt es – was bedeuten jetzt Worte? Es bedarf nicht der Armseligkeit von Worten. Würde der Riese einen Gedanken kundgeben wollen – auch er brauchte ihn nicht auszusprechen... Kann etwas anderes aus ihm kommen als die Gier der Zerstörung? Er mordet und frißt und haßt – wenn er dieses Menschlein nicht doch liebt als leckere angenehme Nahrung... Leben atmet auf der Welt – gibt er kund – einzig; damit etwas da ist, was gequält und vernichtet werden kann. Ich weiß, ich weiß – wallt es ihm aus Francisco entgegen... Der Riese verschwindet, aber der Morddunst bleibt. Ein Weib wächst aus der Nacht, auch sie groß über Menschenmaß, doch jung und saftig, das Gesicht geil und grausam. Sie hält ein entsetzliches Schlachtmesser hoch und sucht, sucht... Ein zweites Weib, häßliche Hexe, taucht auf mit einem Feuerbrand in den Fingern. Nun finden sie das Opfer: den schlafenden Mann... Francisco schließt die Augen, als die Mörderin zustößt, aber er sieht die Tat trotzdem. Was ist dies? was ist dies? warum mordet sie hier? Es ist ein Mord an der Liebe, am Vertrauen ... die Menschen sind glücklich in der Liebe, im Vertrauen. Glück aber erlauben die Teufel nicht. Es ist ein Genuß, das Glück zu morden, kommt es aus dem Weib – das Unglück mag am Leben bleiben. Einen um den andern von diesen Schläfern werde ich morden, von diesen Träumern, die die Wahrheit nicht sehen wollen. Ich, ich bin die Wahrheit – aber nur, wenn ich das Messer in der Hand halte ... Ja – du bist die Wahrheit, antwortet Francisco. Am Morgen beginnt er damit, den Menschenfresser mit großen Pinseln an eine Zimmerwand zu malen, es ist eine Arbeit wie im Fieber, die Hände können dem, was der Kopf vorschreibt, nicht schnell genug nachkommen. Ein großes Stück gelingt in diesem einzigen Tag. Nachts kommt der Riese wieder, aber er hockt wie hinter Dunst. Als sein Abbild am dritten Tag vollendet ist, bleibt er aus. Wie mit ihm, so geschieht es mit der Schlächterin. Und mit anderen Erscheinungen. Rätselhafte Gesellen sind die vier, die mehrmals wiederkommen, fliegend, zu einer ekelhaften Gruppe verfilzt, aus der jeder nach einer anderen Richtung zieht. Sie halten groteske Dinge in den Händen: ein Figürchen gleich einem menschlichen Embryo, eine Schere, eine Lupe. Als er sie an die Wand malt, gibt er ihnen als Hintergrund eine Landschaft: einen freundlichen See mit baumbewachsenen Buchten, Bergzüge dahinter. So scheinen sie nichts anderes als eine Entschleierung der Natur zu bedeuten, die den Menschen unendlich friedlich erscheint, doch in einer nur wenigen sichtbaren Wirklichkeit Scheusäler hervorbringt oder doch ihre Gegenwart erdulden muß... Tragen sie aus ihrem Reich eine Seele zur Erde, die nun die eines Menschen sein wird? Haben sie die eines Sterbenden errafft? oder ist es wirklich ein ungeborenes Menschenkind, dem sie mit Schere und Vergrößerungsglas zu Leibe rücken, um seine Narrheiten aus der Wurzel zu begreifen?... Francisco redete mit niemand von diesen Malereien. Erst als noch mehr davon vollendet war, erzählte er Llorente, er habe damit begonnen, sein Glaubensbekenntnis an die Wände zu schreiben. Da er sich nicht im geringsten vorstellen konnte, wie seine dämonischen Genossen auf andere Menschen wirken würden, verschanzte er sich bei dieser Mitteilung hinter einer unsicheren Lache, die dem Kanonikus schon im voraus Unbehagen verursachte. Sie stiegen ins obere Stockwerk. Llorente wurde von Grauen gepackt und konnte dem Anblick nur ruckweise standhalten: er wandte die Augen immer wieder weg. Er sah die Mörderin, den Greis, die fliegenden Dämonen über dem See. Sah inmitten einer anderen wundervollen Landschaft, in der Rinder weideten, zwei Hirten einander mit Knüppeln blutig schlagen: verbissen, mit ungeheurer Anspannung, hingegeben an das eine Ziel, den Feind zu treffen, holten sie zu ihren Schlägen aus. Das Unheimliche, Teuflische aber war, daß sie bis an die Knie im Erdboden staken. »Hartnäckige Burschen«, grinste Francisco. »Festgewachsen. Ob sie jetzt noch wollen oder nicht – es bleibt ihnen gar nichts übrig, als weiterzuprügeln.« An der Wand daneben war ein alter Mann dargestellt, der sterbend, in elender Verfassung, nur mit einem Hemd bekleidet, am Weg saß und von einer Schar gemeiner Weiber mit gellendem Gelächter verhöhnt wurde. »Keine andere Freude läßt das Schicksal zu als die über das Unglück der andern.« Llorente schaute ihn ängstlich an wie einen Kranken. »Sieh dies noch!« Auf einem phantastischen Felsen, der anzusehen war wie ein geducktes Gespenst, stand vor schwefelgelbem Himmel eine Burg. Wagen, Reiter, Fußgänger, von Trompetenrufen geleitet, zogen des Wegs. Über ihnen brausten in bunte Mäntel gehüllt zwei häßliche Dämonen wie Sturmwind durch die Luft. Vorn legten zwei Männer aus einem Versteck die Gewehre an – sei es auf den Menschenzug, sei es auf die Dämonen. Llorente vollführte eine fragende Gebärde. »Ich weiß nicht«, lachte Francisco los. »Das ist auch einerlei – wenn ich sie nur verhaftet habe.« Llorente begriff nicht. »Ja, verhaftet – versteh doch. Ich kenne sie. Sie besuchen mich. Das ist meine Gesellschaft. Was mir zu toll geworden ist, habe ich eingefangen. Hier an der Wand können sie sich nicht mehr rühren. Die lassen mich in Ruh.« »Warum malst du sie nicht auf Leinwand? Du könntest sie dann in einen Winkel stellen«, schrieb der Kanonikus. »Beleidige sie nicht – sie haben etwas Monumentales, brauchen Raum und Höhe. Übrigens könnte ich sie ja zuschmieren, wenn sie mir nicht paßten. Aber sie passen mir.« Wieder dieses dröhnende Lachen. »So gefällst du mir nicht besonders, du gleichst beinahe einem von diesen da.« Francisco schaute ihn mißtrauisch an. Llorente lenkte ein: »Fürchtest du nicht, mit diesen Gespenstern alle Gäste zu verjagen?« »Vielleicht ist das meine geheime Absicht. Wer mich liebt, kommt trotzdem. Wer mein Glaubensbekenntnis nicht erträgt, mag wegbleiben.« »Ich komme«, schrieb der Freund. Francisco legte den Arm um seine Schulter, als sie die Treppe wieder hinabstiegen. 16 Javier und Gumersinda, die Francisco ungern mehr der alleinigen Obhut eines alten Dieners anvertraut sahen, schlugen ihm vor, eine entfernte Verwandte als Haushälterin aufzunehmen. Leocadia Servilla, eine Frau anfangs der Dreißig mit unruhiger Vergangenheit, Zirkusreiterin eine Zeitlang, dann Gattin eines elsässischen Kaufmanns mit Namen Weiß, war von ihrem Mann verlassen worden und tauchte nun mit ihrem Töchterchen Maria del Rosario in Madrid auf – in der Hoffnung, daß ihr die Angehörigen der elterlichen Familien weiterhelfen würden. Francisco erklärte sich zu einem Versuch bereit. »Das Kind kann mitkommen«, sagte er, »ich höre es ja doch nicht.« Doña Leocadia fühlte sich unter den in die Wände gebannten Dämonen ziemlich unbehaglich, aber der schrullige, zwischen dumpfe Tage hinein plötzlich wie ein Jüngling lossprühende Vetter gefiel ihr trotz seiner Taubheit nicht übel, man sah seiner aufrechten Gestalt, den lebendigen Augen, dem wenig faltigen Gesicht mit dem vollen, kaum angegrauten Haar die nahenden Siebzig nicht an. Außerdem knauserte er mit dem Geld nicht und war, wie sie rasch erkannte, in ganz Spanien berühmt. Als sie, nach anfänglicher Vorsicht kecker geworden, ihm eines Tages ihr Mißfallen an den Wandbildern temperamentvoll zu erkennen gab, hieß er sie Prunkkamm und Schleier anlegen und malte eine rasche Skizze von ihr. Die übertrug er dann groß auf eine Wand des Erdgeschosses – auf die, die jedem Eintretenden zuerst ins Auge fiel. So wurde sie Herrin und Türwächterin des Grauens. Stolz auf dieses Amt unterließ sie es, über die Schreckenskammern zu murren, legte vielmehr Wert darauf, daß sie von den Besuchern in der reizvoll an einen Felsen sich lehnenden Wandfigur wiedererkannt werde. Und da Francisco nun um sie warb und sie nicht widerstand, wurde sie bald auch heimliche Herrin des Hauses. Nur zu dem Raum, in dem er radierte und die Platten und Abzüge wohlverschlossen aufbewahrte, verwehrte er ihr für immer den Zutritt. Wochen dünkten ihn Jahre, und Jahre lagen zusammengepreßt wie Monate hinter ihm.   Drei Einladungen des Kapitels der Kathedrale von Sevilla, ein Bild ihrer Schutzheiligen, der frühchristlichen Märtyrerinnen Justa und Rufina, zu malen, lehnte Francisco ab. Die Kathedrale war sehr reich, hohe Bezahlung wurde angeboten, aber die Arbeit hätte in Sevilla selbst geleistet werden müssen, da die gewünschten großen Verhältnisse den Transport des fertigen Werkes ausschlossen. Auch fühlte sich Francisco weit von der Möglichkeit entfernt, Kirchenheilige zu malen. Als die vierte, dringende Bitte eintraf, schlug plötzlich seine Laune um. Mit einer grimmigen Bereitwilligkeit sprach er zu Leocadia über den Plan, zu reisen. Sie bekannte, daß ihr in der ländlichen Ruhe die Wanderlust ohne Unterlaß im Blut brenne, und erbot sich angelegentlich, ihn zu begleiten, Rosarito könne bei Verwandten unterkommen. Er aber brummte, ihm falle es nicht schwer, sich allein zurechtzufinden, eine schöne Frau als Anhang würde bei den Prälaten nur Anstoß erregen, zudem könne das Haus nicht ohne Aufsicht bleiben – und so mußte sich Leocadia seufzend bescheiden.   Er bediente sich auf Kosten des Kapitels rascher und einigermaßen bequemer Fuhrwerke. Auch mit Cayetana war er einst, denselben Weg, rasch und bequem gereist – von Toledo ab, wo er nun gleichfalls haltmachte ... In der Kathedrale erkannte er genau die Stelle wieder, an der die Geliebte angesichts des Hochaltars niedergekniet war. Er sank durch all die Jahre zurück wie durch eine kurze, wesenlose Leere, es war weniger als ein Schritt, sah die Kniende schattenhaft und dann plötzlich deutlich vor sich, vermeinte fast ihren Duft zu spüren. Der Altar stand in der Dämmerung ... jetzt überstrahlten ihn Kerzen ... alte Worte, alte Melodien klangen über Meßbüchern auf ... er hörte sie gesunden Ohres. Warum wendet ihm die Kniende das Gesicht nicht zu? Oh – er weiß ja, daß sie es nicht wenden wird. Sie ist mit einer Andächtigkeit in sich versunken, die er von ihr nicht begreift. Aber sie fühlen sich doch wechselseitig, auch sie fühlt ihn. Was für eine Frau! Stärker, freier als alle andern. Daß er ein zweites Mal hier gestanden hat, ohne sie, ganz und gar ohne sie, von ihr verwundet – das ist ausgelöscht. Nein – das hat sich noch gar nicht ereignet. Braucht nicht zu kommen. Vergangene Zukunft, die man als eine Leere durchschreitet ... Und doch hält er einen Atemzug lang im Durchschreiten dieser Leere inne ... Hier, in diesem Tempel, hat er einmal darüber nachgedacht, ob sein Werk wohl von Gott begnadet werde. Heut gibt er eine Antwort, eine schrille Antwort: Ich weiß jetzt, daß man auch von den Dämonen begnadet werden kann ... Einige Tage später rollt sein Wagen über den Paß, auf dem sich damals das Mißgeschick ereignete ... Wie heftig hatte er doch einmal im Gespräch mit Javier die Zaragozaner Erinnerungen als überflüssig und lästig von sich gewiesen: es sei niemals gut. Altes wieder wachzurufen. Und nun – kommt er bei sich selbst in den Verdacht, diese Reise um der Erinnerungen willen unternommen zu haben ...   Das Domkapitel besorgte ihm Unterkunft in einem Gasthaus, aber er siedelte schon am zweiten Tage zu dem Maler José Maria Arango über, der dem berühmten Ersten Kammermaler des Königs seinen Besuch gemacht hatte und es sich zur Ehre anrechnete, ihn zu beherbergen und ihm sein geräumiges Atelier zur Verfügung zu stellen. Die Herren von der Kunstkommission des Domkapitels machten nicht unbedenkliche Gesichter, denn José stand im Geruch freigeistiger Ansichten, ja der Freimaurerei, aber sie waren nicht imstande, dem angesehenen Gast einen anderen seinen Anforderungen entsprechenden Arbeitsraum in Vorschlag zu bringen. Es war der Wunsch der Besteller, den beiden heiligen Frauen möchte ein Löwe beigegeben werden als Sinnbild dessen, daß sie auf der Flucht in Bergwildnisse durch ihre Heiligkeit selbst solche Wildheit bezähmten, man einigte sich dahin, daß er zu ihren Füßen kauere, vor denen auch die Trümmer der von den beiden Schwestern einstmals im heidnischen Sevilla tollkühn niedergerissenen Bildsäule der Göttin Venus sichtbar sein sollten. Die Beziehung zur Stadt beschloß man dadurch noch deutlicher zu machen, daß im Hintergrund die Giralda, Sevillas weitbekannter, wenn auch viel später entstandener Kathedralturm, dargestellt werde. Wohl war dieser Turm ursprünglich Minarett der maurischen Hauptmoschee gewesen, aber der christliche Aufbau mit seinen vierundzwanzig dröhnenden Glocken, die ihm täglich und stündlich die Seele durchzitterten, hatte ihn genügend geweiht und gewandelt, um ihm selbst neben der auserlesensten Heiligkeit würdigen Bestand zu sichern. Schließlich wollte man es dankbar begrüßen, wenn die bescheidene Abkunft der beiden Heiligen durch einen Hinweis auf das Töpfereihandwerk ihres Vaters gefeiert würde – ein Hinweis, der, es wurde nicht ausgesprochen, angesichts so vieler heiliggesprochener Päpste, Bischöfe und Königinnen seine gute, auf Volkstümlichkeit bedachte Bedeutung hatte. Francisco gönnte sich keine Ruhe, verschloß sich der Berührung des lauen andalusischen Frühlings. Sogleich nachdem jene Einzelheiten festgelegt waren, bedrängte er seinen Wirt, ihm zwei käufliche Mädchen als Modelle zu besorgen. Der wußte sich vor Verblüffung kaum zu fassen, glaubte aber allmählich zu verstehen, lachte in respektvoller Kollegialität und schrieb auf ein Blatt: »Ein genialer Künstlerstreich erster Ordnung!« Doch Francisco verzog nur den Mund und schüttelte mürrisch den Kopf. Don José wandte sich nun der Meinung zu, Señor de Goya verstelle sich vorläufig, um sich zu dem Scherz später desto lustiger zu bekennen – jedenfalls befliß sich der höfliche Gastgeber, den Wunsch zu erfüllen. Einfache Straßenmädchen hätte er nicht ins Haus genommen, und so fand er sich denn mit zwei schönen Kurtisanen gehobenen Standes ein. Sie wurden, während José verliebt blinzelte, Francisco aber ernst und ungeduldig wartete, in antike Gewänder gesteckt, doch so, daß der Faltenwurf ihre vollen Körperformen ausreichend zur Geltung brachte, auch erhielten die eigenartigen Umstürzlerinnen der Venussäule je einen irdenen Topf in die Hand gepreßt und mußten ihre Blicke in leidenschaftlicher Pose gen Himmel richten. In dieser Haltung malte sie der Meister – das heißt: er fertigte in fast wütender Hast einige Studien an, die ihm für die Ausführung im großen als Vorbild dienen sollten, deren Zweck aber den Modellen verheimlicht wurde. Denen war die ganze Sache nicht recht geheuer. Nur weil sie hohe Bezahlung empfingen und dazu das Versprechen, sie würden keinesfalls in Schwierigkeiten verwickelt werden, sahen sie davon ab, die ungewohnte Tätigkeit vorzeitig abzubrechen. Daß unverbrüchliches Schweigen in ihrem eigenen Vorteil liege, teilten ihnen die beiden Maler eindringlich mit. Auf dem großen Bild wurden die Gesichter unkenntlich gemacht, ohne daß der heuchlerisch-frömmelnde, in Wahrheit sinnenfrohe Ausdruck ihrer Mienen Einbuße erlitten hätte. Während dieses Fortschreitens der Arbeit wartete José Maria Arango vergebens darauf, daß Francisco sein Schweigen breche, wagte aber schließlich die Frage nach dem Sinn und Grund der Modellauswahl. »Weil mir die Heuchelei zuwider ist«, stieß Francisco fast zornig hervor, »dies ist ein Schlag gegen die Heuchelei. Von den Königen und Kirchenfürsten wird oft genug für heilig erklärt, wer sich solchen Spruch durch eine verlogene Maske erschlichen hat. Und wen sie an den Schandpfahl binden, der ist zumeist der größten Ehren würdig. Ich aber erlaube mir, die Rollen zu vertauschen. Wie Sie sehen, vollführe ich die feierliche Heiligsprechung der Menschen vom Schandpfahl. Ich male ein Heiligenbild ohne Maske – nichts anderes.« Don José schaute ihn etwas verwirrt an. Die Zusammenhänge enthüllten sich ihm nicht so ganz, und das gurgelnde Gelächter, das der Gast seinen hitzigen Worten folgen ließ, bestärkte ihn in der Besorgnis, es möchte im Kopf des Alten nicht mehr alles richtig sein. »Ich verlange Achtung vor dem Schicksal dieser Frauen«, fuhr Francisco fort. »Ihre Leiden sind keinesfalls geringer als die, die man anerkannten Märtyrerinnen zuschreibt.« Don José, obschon er noch immer sein Unbehagen nicht loswerden konnte, nickte respektvoll mit dem Kopf. Allerdings waren ihm bisher an den beiden Mädchen keine Spuren des Leidens aufgefallen ... Als das Bild beendet war, kündigte Francisco an, er werde ihm eine Unterschrift großen Stils geben, damit niemand am Ernst seiner Arbeit zweifle: »Ich bin vor den Augen der Menschen Diener eines Fürsten, vor denen der Geister aber regierender Fürst und werde von meinen Rechten Gebrauch machen.« Aus einem Rest Erinnerung an die Titulatur römischer Kaiser heraus – wobei ihm ein kleiner Sprachirrtum unterlief – signierte er dann vor Josés Augen mit einer Floskel der Feierlichkeit und des Selbstbewußtseins, die er nie zuvor angewandt hatte: Francisco de Goya y Lucientes, Caesar Augustanus und Erster Kammermaler des Königs ...   Nach Madrid zurückgekehrt – mit einer hohen Bankanweisung in der Tasche –, verströmte sich Francisco sogleich in neue Arbeit, und seine unbändige Schaffenskraft brach aus dem Natürlichen, allen Sichtbaren, das ihm längst ausgeschöpft schien, ungestümer aus als je. Er überzog zwei weitere Wände mit dämonischen Fresken. Grub in die Kupferplatte Gruppen von Männern und Frauen, denen abscheuliche Gier, gemeiner Rausch, stumpfe Blödheit ins Gesicht geschrieben stand. Nicht jeder tausendste Mensch trägt so verworfenen Ausdruck zur Schau, Francisco aber bevölkerte damit die Erde. Zeichnete auf Papier, Kupfer und Stein in einer jenseits jeder Wirklichkeit liegenden Phantastik Szenen, die alle im Stierkampf aufgepeitschten Leidenschaften, Spannungen, Atemlosigkeiten in eine einzige Vision hineindrängten, die Zuschauer waren dabei zu einem großen bösen Tier zusammengeronnen, das die Arena umklammert und die Befriedigung seiner Blutgier erzwingt. Um aber in die letzten Hintergründe des Verdammtseins zum Menschendasein hineinzuleuchten, schuf er sich, als sei er ein Gott oder ein Teufel, seine eigene Welt. Schuf Wesen von einem Grauen, als habe er die Macht, in die Alpträume der gequältesten Menschen der ganzen Erde zu schauen, Wesen, wie sie diese Erde nie geboren hat, Mißgeburten kosmischer Sümpfe ... schuf in solche Welten hinein Szenen von einem Schrecken, der jedem Menschen, der sie erleben müßte, das Mark in den Knochen und das Gehirn im Schädel erstarren ließe. Dann riß die Saite. Durch Körperschwere, Körperangst, Dumpfheit nur ein paar Stunden lang angekündigt, überfiel ihn heftiges Fieber. Er verlangte selbst nach einem Arzt und bestand darauf, daß kein anderer als Don Gaspar gerufen werde, der Cayetana in ihrer letzten Krankheit beigestanden hatte. Don Gaspar, behutsam, grau und wortkarg geworden, fand ihn schon bei gestörtem Bewußtsein, seine Linderungsmittel prallten ab. Ein bewährter Pfleger, Mitglied einer frommen Bruderschaft, wurde beigezogen, um sich mit Doña Leocadia in die Wartung und unablässige Beobachtung des Kranken zu teilen. Dritter Teil. Sieg 1 Die Stimmung des Volkes gegen Fernando schlug um, so sehr sich die Sendboten der hohen Geistlichkeit, die Tausende von Mönchen und kleinen Priester bemühten, ihn ihren Beichtkindern als den verehrungswürdigen Hort des wahren Glaubens zu preisen. Schon jener erste Zugriff des Königs hatte nicht bloß Männer erfaßt, die der großen Masse als Französlinge verächtlich waren, sondern auch beliebte Freunde des Volkes; und je mehr sich die Einkerkerungen und Verurteilungen häuften, desto mehr Familien wurden betroffen. Einer sprach es dem andern zu, wieviel Willkür und rachsüchtige Angeberei im Spiel war. Auch dachten viele Bürger und Bauern anders als in der Zeit, da man mit Begeisterung gegen die Jakobiner als die Feinde der geheiligten Majestät des Königs von Frankreich zu Feld gezogen. Es bedurfte kaum der – durch strenge Verfolgung fast unmöglich gemachten – Tätigkeit von Aufwieglern, die Ideen einer für alle geltenden politischen Freiheit und des Rechtes aller, an den staatlichen Entscheidungen durch Vertrauensmänner beteiligt zu sein, arbeiteten für sich selbst. Tropfenweise nur drangen sie in die unteren Schichten, aber so langsam die Wirkung sich ausbreitete – die Gärung erwies sich als unaufhaltsam. Man erörterte jetzt in den Kneipen die Artikel der von Fernando aufgehobenen Verfassung und begann zu begreifen, was man verloren hatte – doppelt schnell unter dem Druck harter Steuerbeamter und rücksichtsloser Polizei. Die Kriegsverwundeten und die, deren Väter, Brüder, Söhne im Kampf für das spanische Königtum ihr Leben verloren hatten, fluchten dem verhaßten Unterdrücker, dem spanischen König, der sich keines ihm dargebrachten Opfers mehr erinnerte. Ein kleiner Kreis von Offizieren bereitete die Revolution vor, weil er sich für berufen hielt, ihr die Bahn vorzuschreiben. Aber die Verschwörung wurde dem König verraten. Die Gefängnisse füllten sich noch dichter ... Diese Welle brandete auf, während Francisco im Fieber lag. Eine andere, Ausläufer längst zur Ruhe gekommener Stürme, verebbte weit draußen: Carlos der Vierte und Maria Luisa, die sich von Fontainebleau nach Rom zurückgezogen hatten, starben kurz hintereinander. Manuel Godoy lebte, aber die Menschen um ihn wußten kaum mehr, wer er gewesen war.   Während sich Leocadia und der Pfleger wacker mit den greifbaren Krankheitserscheinungen herumschlugen, standen Javier und Gumersinda unter dem Eindruck, Francisco weile in Bezirken, von denen sie sich selbst keinen rechten Begriff machen konnten, die sie aber doch geradezu als etwas Räumliches empfanden, als etwas wirklich Seiendes, nicht bloß symbolisch Unterstelltes – er sei dort ihrer Gegenwart, ihrer seelischen Berührung entzogen. Es war nicht nur das, daß er phantasierte und seine Umgebung nicht erkannte: sie konnten sich manchesmal von der ganz sinnfälligen Vorstellung nicht befreien, mehr als der Körper des Kranken sei nicht im Zimmer anwesend und die zur Wortformung führenden Organbewegungen dieses Körpers würden ihm von einem Willen eingegeben, der augenblicklich an einem ganz anderen Ort seinen Sitz habe. Dachten sie mitunter, dieser Ort befinde sich in weiter Ferne, so kamen sie, im Krankenzimmer leise miteinander sprechend, ein andermal zu der freilich wie von einem Schwindelgefühl umwitterten Meinung, es könne sich um eine Welt handeln, die dieses Zimmer durchdringe und es als ein Nichts beiseite schiebe. Der Arzt, dem gegenüber Javier darauf anspielte, erwies sich als ein Anhänger der französischen Aufklärung. Mit etwas müdem Lächeln legte er dar, daß, selbst wenn man eine Seele annehmen wolle, diese sich auch bei Bewußtlosigkeit des Patienten in ihm befinden müßte, weil andernfalls der Tod einträte – daß aber in Wahrheit das, was man gemeinhin die Seele nenne, sich dem scharfen unvoreingenommenen Auge der Wissenschaft leicht in eine Reihe rein körperlicher Funktionen auflöse, die im Fieber und bei verwandten Zuständen mechanisch gestört seien, Don Javier möge es ihm nicht übelnehmen, aber diese Art, sich der Krankheit seines Vaters gegenüber einzustellen, sei von der nebulosen Mystik versinkender Anschauungen beeinflußt. Javier zuckte höflich die Achseln. Die abgerissenen Worte des Kranken waren oftmals verständlich, ebenso die zusammenhängenden Sätze ihrem Wortsinn nach, aber auch Javier, der den Vater kannte, vermochte sich selten klarzumachen, worauf sie sich bezogen. Mitunter wurden offenbar Personen angeredet, die nicht mehr lebten ... Als sich nach langen Wochen entschied, daß Francisco gesunde, und er plötzlich wieder mit seiner Umgebung in Berührung stand, schien es Javier und Gumersinda mehr als deutlich, wie sehr den Genesenden das Gefühl einer Rückkehr, einer verwandelten Rückkehr sogar, durchströme. Von einem bestimmten Zeitpunkt ab umfaßte er die ihn betreuenden Menschen, jeden Trank, jede Speise, ja seine Kissen, die Wände, das Fenster mit einer milden Wärme des Blicks, in der sich Dankbarkeit, Erstaunen, Wiedersehensfreude und Entdeckerfreude zu erkennen gaben. Schneller, als Arzt und Pfleger es erwarteten, gewann er seine Kräfte wieder, ja es ergab sich das Merkwürdige, daß an der Erneuerung der Gesundheit auch das Gehör teilnahm: er vermochte sehr laut gesprochene Worte wieder aufzunehmen. Nachdem die Stunde festgesetzt war, zu der dem Genesenden erstmals gestattet sein sollte, das Krankenzimmer zu verlassen, kam Leocadia auf den Gedanken, die dämonischen Wandgemälde mit Leintüchern zu verkleiden, Javier, der sie schon bei der Ausführung betraf, erhob keinen Einspruch. Francisco, bei diesem ersten Gang durchs Haus sehr müde, nicht ohne greisenhaften Zug, tat, als bemerke er den Behang nicht. Und so auch beim zweitenmal. Am dritten Tag, als er sich schon viel frischer fühlte, lächelte er: »Ihr glaubt, ich sehe sie nicht ... das ist ein Irrtum – mein Auge dringt durch. Gebt ihnen nur Luft und Licht wieder. Bemerkt ihr nicht, wie ungefährlich sie geworden sind? Völlig zahm. Bald sind sie nur noch ein Kindergespött.« Es kamen die Gänge durch den Garten, durch die Wiesen und Felder des Manzanarestales, durch die Straßen der Stadt, auch hier war alles ein verändertes Wiedersehen, eine Neuentdeckung. Die Lebensfreude strömte ihm durch die Adern und mit ihr eine starke Dankbarkeit für den Arzt, der ihm den Körper gesund gemacht hatte. Der Wunsch, für Don Gaspar ein dreifaches Porträt zu malen: den im Bett halb aufgerichteten Genesenden, den ihn stützenden Arzt, den im Hintergrund sich sorgenden Pfleger, beschleunigte den Wiederbeginn der Arbeit. Unsicher und sehr neugierig griff er zu den Pinseln: er stand verändert einer veränderten Welt gegenüber, meinte sich sogar den Gebrauch der Glieder und Sinne frisch angeeignet zu haben, in einem sehr eilig fortschreitenden, sich selbst überlassenen Lehrgang gewissermaßen – wie wird das nun gehen mit dem Malen? Vom ersten Augenblick an gehorchte ihm die Hand. Eine ungekannte Empfindung beglückte ihn: die, daß sein künstlerisches Formen geradezu unabhängig vom Körper dem Geist entquelle. Und so riß er alle Stufen der äußeren Arbeit, vom Aufstreichen der reinen, saftigen Farben auf die Palette und dem Mischen der Töne, vom Nebeneinandersetzen der aufbauenden Pinselstriche und der die Wirklichkeit umschmelzenden Zeichnung bis zur Abstimmung der Licht- und Schattengrade, zur Modellierung, zur harmonischen Ausgleichung des Ganzen schließlich – er riß sie in den Vogelflug des Schöpfungsaktes, in eine Kette von tausend glücklichen Flügelschlägen hinein. »Früher habe ich wie Tizian neunundneunzig Jahre alt werden wollen aus Angst vor dem Tod«, sagte er zu Gaspar, »jetzt will ich es, weil mich das Leben reizt.« »Die künstlerische Produktion ist ein Vorgang, der mir einigermaßen fremd ist, Don Francisco, die Wissenschaft hat da noch nicht genügend hineingeleuchtet – aber Sie hängen sicherlich am Leben, um zu schaffen, und mir scheint, das sei auch in früheren Jahren so gewesen.« Franciscos tiefliegende Augen stellten sich scharf auf eine Ferne ein, als ob sie die Wände der Werkstatt durchbohrten. »Meine Arbeit«, gab er dann zur Antwort, »war nie etwas anderes als ein Selbstbekenntnis. Würde ich alle meine Bilder und Zeichnungen, dazu noch die Skizzen und Entwürfe in langer Reihe nebeneinanderstellen: ich könnte mein ganzes Leben – Handlungen, Leiden, Gedanken – wie aus einem vielbändigen Tagebuch wieder ablesen. Selbst aus den Bildnissen, jeden Menschen, den ich abgebildet habe, konnte ich doch nur mit meinen eigenen Augen sehen, ich glaube, wenn ich scharf hinblickte, könnte ich hinter manchem Hidalgo und hinter mancher Dame mich selbst stehen sehen, mein damals eingefangenes, ein wenig grinsendes Spiegelbild.« »Das schliefst die Richtigkeit meiner Meinung nicht aus, daß Ihr Lebenswille sich mit Ihrem Drang zur künstlerischen Arbeit beinahe gedeckt hat und heute noch deckt.« Don Gaspars schmales Gesicht ließ eine Spur seiner Zufriedenheit mit dieser Formulierung sichtbar werden. »Ob ich wirklich deshalb am Leben gehangen habe, weil ich mich gelockt fühlte, eine möglichst ausgiebige Reihe von Bekenntnissen hinter mir zu lassen?« »Vergessen Sie nicht, Don Francisco, daß nicht so ganz wenige Ihrer Bekenntnisse eine Tendenz hatten: die Absicht, andere von der Richtigkeit Ihrer Ideen zu überzeugen, sie vielleicht sogar zu veranlassen, die von Ihnen übernommene Meinung in Taten umzusetzen. Selbst unter den mir bekannten Bildnissen befinden sich solche mit Tendenz.« Francisco lächelte vergnüglich – so wie jemand lächelt, dem es Freude macht, sich durchschaut zu wissen. »Die schaffenden Künstler«, sagte er nach einer Pause, »sind Menschen, die das Leben stärker erleben als die andern, im Genuß und im Abscheu, ihre Sinne umarmen jeden Eindruck stärker, sprudeln ihn mit mehr Hitze in sich umher, saugen ihn bis in die feinsten Adern und Sehnen und Nerven hinein, sie würden an dem Erlebnis verbrennen oder ersticken, besäßen sie nicht die Fähigkeit, es wieder aus ihrer Mühle herauszuzwängen, bis es losgelöst als ihr Werk vor ihnen steht. Dies ist unsere Form zu leben – und wenn eine Idee in uns Lärm macht, so nehmen wir sie sehr wichtig und wollen die Menschheit damit beglücken. Ob uns nun dieses Leben mit gesteigerter Blutwärme oder aber unsere Arbeit mehr am Herzen liegt – wer weiß es? Es gibt Künstler, die vor Lebenswärme nicht zur Arbeit kommen, und andere, die vor geschäftiger Arbeit vergessen zu leben ... Von mir selbst weiß ich nur, daß meine heutige Anhänglichkeit an das Leben sich sehr von der früheren unterscheidet. Eigentlich müßte ich auf mein nächstes Bekenntnis gespannt sein.« »Ich bin sehr stolz darauf«, sagte der Arzt, auf das gemeinsame Bildnis weisend, »daß auch dies ein Bekenntnis ist.« Francisco erschien bei den höfischen Veranstaltungen häufiger als in der Zeit vor seiner Krankheit, und fühlte die mit Unterwürfigkeit, Frömmelei, Gedankenarmut und gegenseitigem Mißtrauen geladene Atmosphäre um König Fernando jedesmal so körperlich, als seien die Säle mit üblem Brodem angefüllt. Zwar fand er wieder Vergnügen daran, die Menschen zu beobachten, beurteilte manchen Granden und Prälaten milder als früher, entdeckte versöhnliche Züge an ihnen, war, auch wo er innerlich spottete, weniger mit Zorn und Ingrimm belastet – aber wenn er diese Gesellschaft im Ganzen übersah und überdachte, so wußte er noch immer, daß sie schnittreif war. Er zeichnete einen Bauarbeiter, der mit der Hacke eine Bildsäule zertrümmert, und schrieb darunter: Volk, wenn du wüßtest, was du vermagst! Doch es blieb bei dieser einen Zeichnung. Die politischen Einzelereignisse hörten auf, für ihn große Erlebnisse zu sein, sie zwangen ihn nicht mehr, sich im Werk zu Gedanken über sie zu bekennen. Auch nicht, als sich bald darauf das Volk wirklich auf seine Kräfte besann. Eine neue Offizierserhebung unter dem Obersten Rafael Riego wäre gescheitert, hätten nicht in mehreren Provinzhauptstädten Aufstände bewaffneter Bürger die Forderung erhoben, daß die Verfassung wieder in Kraft trete, ein General und Grande, den der König gegen die Rebellen aussandte, ging zu ihnen über, Madrid selbst wurde unruhig. Fernando versuchte es mit ein paar leeren Versprechungen, aber das Volk rottete sich vor dem königlichen Schloß zusammen. Es war nicht das erstemal, daß er auf eine meuternde Menge niederblickte. Damals in Aranjuez hatte er den Mut gehabt, zu ihr zu sprechen, weil ihr Haß sich gegen einen anderen richtete, und damals hatte er sich von ihr mit der Krone beschenken lassen. Heute, noch ehe eine Drohung ausgesprochen war, zitterte er vor Furcht, dasselbe Volk, andere Einzelwesen zwar, doch die gleiche, durch dauernde Erneuerung unsterbliche Masse, werde ihm die Krone wieder vom Haupt reißen. Dagegen half nur Nachgiebigkeit in allen Punkten. Die Augen böse, feig, lauernd auf den Tisch gesenkt, besprach er mit seinen Räten das Manifest der Freiheit: »Wir werden, sobald die Stunde es erlaubt, den Gegenvorschlag vorbereiten. Es wird gut sein, sich heute schon alle die zu merken, die im Vordergrund des Unternehmens stehen.« In den nächsten Stunden schon fiel dem aufständischen Volk alles in den Schoß, was es begehrte: Anerkennung der Verfassung, Einberufung der Cortes, Pressefreiheit, Amnestie für die politischen Gefangenen, Vertreibung der Jesuiten, Beseitigung der Inquisition, alle spanischen Klöster bis auf vierzehn wurden aufgehoben. Ein vorläufiger Cortes-Ausschuß wurde gebildet, in die Hände seines Präsidenten, des Kardinal-Infanten Don Luis Maria, sollte der König den Eid auf die Verfassung leisten. Mit einem Gesicht, in dem sich Herrschsucht und Feigheit mischten, sprach er die Formel. Das Volk aber machte reinen Tisch. Es stürmte die Gebäude der Inquisition und verbrannte die Akten, riß selbst die Tore der politischen Gefängnisse auf und gab Tausenden die Freiheit wieder. Ja, es erzwang, daß eine Anzahl revolutionärer Führer unmittelbar aus der Haft zu den höchsten Staatsämtern berufen wurde. Dann feierte Spanien ein Freudenfest, das volle fünf Tage und Nächte dauerte. An zwei Tagen war Corrida: vierzehn Stiere wurden allein in Madrid dem Tod geweiht. Francisco besorgte sich für den ersten Tag einen Platz in einer der vorderen Zirkusreihen. Seine sehfreudigen Augen ergötzten sich an der Wildheit der Stiere, an der flackernden Buntheit der Menschenmauer, dem Wirbel des Schauspiels in der Arena, wo die Capeadores zwischen vom Stier aufgerissenen Staubwolken geschmeidig die roten Mäntel schwangen und Banderilleros mit Tanzschritten sich von der Gefahr einschlürfen ließen. Doch plötzlich – es war, als der Matador mit spielerischer Heldengebärde den Degen entblößte – sah er die Augen des gehetzten Tieres, fühlte sie auf sich gerichtet, einen hilfeflehenden Blick, als habe gerade er die Macht und die Pflicht zu einer gewaltsamen Handlung, die der Quälerei ein Ende setzte. Er schämte sich. Ist, was hier geschieht, besser als die Folter der Inquisition, deren Abschaffung dieses Volk feiert? Blut lassen sie fließen, um sich voreinander zu rühmen, ihr Vaterland habe die Inquisition überwunden, Blut für Verfassung und Freiheit ... Ich kann ja nichts ändern – man sperrt mich ins Narrenhaus, wenn ich protestiere ... Nichtbegreifen der menschlichen Niedertracht, eine von innen an die Schädelwände pressende Verzweiflung, großartige Ergebung schließlich sprachen aus den Augen des sterbenden Schlachtopfers. Jedes frei lebende Tier, blitzte es durch Francisco, sucht, wenn es den Tod nahen fühlt – und es fühlt ihn nahen –, den verborgensten Winkel auf, um dort zu sterben. Es macht den Tod mit sich allein ab. Dies ist noch das Schlimmste, daß dem Stier keine Verborgenheit offensteht, daß er verurteilt ist, in schamloser Öffentlichkeit zu sterben, beleidigt und beschmutzt durch Tausende von Blicken. Die Gewohnheit hielt ihn auf seinem Platz fest. Doch als das zweite Opfer gefallen war, verließ er den Zirkus. Es war das erstemal, daß er sich vorzeitig von einer Corrida entfernte. Nach Einbruch der Dunkelheit mischte er sich am Rande der Stadt unter die Feiernden. Seltsam, dachte er, und kaum zu glauben, daß dies dieselben Menschen sind, die um die Arena gestaut und wie ineinander verfilzt den Tod der Stiere fordern. Nicht ein Hauch von dieser Gier hängt mehr an ihnen. Aber – hing sie denn an mir? Ich habe ja zu ihnen gehört ... Ohne viel Absicht weiterschlendernd, sah er sich schließlich auf dem Festplatz der Vorstadt Lavapiés – zwischen flanierender Jugend, Tänzern, Musikanten, Spießbürgern, Weintrinkern, Gaffern, verschlungenen Paaren, Abenteuerlustigen, Fruchtverkäufern, Marktschreiern, Bettlern ... Der Mond leuchtete und allerlei Laternen leuchteten, doch die Gruppen tauchten immer wieder in schwarze Schattenwellen. Francisco wird im Lichtschein zwei-, dreimal erkannt und höflich gegrüßt. Ein halbes Dutzend junger Paare schickt sich an, die aragonische Jota zu tanzen, und drängt sich in den Ring der Zuschauer. Am Anfang geht nicht alles glatt, und Francisco ruft wahrhaftig ein paar Worte dazwischen, die den Tanzenden Anhalt geben sollen. Die Musik der Gitarren und Mandolinen hört er nicht, aber er sieht den Rhythmus der Finger, die die Saiten zupfen, und den der Füße, die den Boden schlagen. Wie das durch den Körper zuckt! Mittanzen, mittanzen! Nein – das doch nicht – es ist besser, nicht ... Aber der Takt, der Takt läßt ihn nicht los. Er klatscht ihn mit den Händen. Als ob sie auf das Zeichen gewartet hätten, fallen die Zuschauer einer um den andern in das Klatschen ein. Das geht so laut, daß es für Francisco wohl zu hören ist. 2 »Wenn das mit dem Engel nicht wäre, ich würde das Bild nicht malen«, sagte Francisco zu Juan Llorente, mit dem er auf einer Bank im Schatten einer Ulme saß, im Garten des Landhauses. Der Kanonikus, nun auch ein Siebziger und ein wenig müde geworden, schrie nicht gerne und schrieb darum seinen Anteil an dem Gedankenaustausch auf Papier – bedächtig und sorgfältig, als arbeite er für den Druck: »Nur eines der vier Evangelien berichtet von dem Engel, aber die Szene ist immer so gemalt worden. Solche Lücken und Widersprüche machen der Theologie seit vielen Jahrhunderten zu schaffen, man könnte sagen: davon lebt sie.« Er liebte es noch immer, wenn ihn kein Amtsgenosse hören konnte, den Skeptiker zu spielen. Nachdem er in dem von der Bank aufgenommenen schwarzen Buch geblättert hatte, fuhr er mit seinen Formulierungen fort: »Müßten wir Matthäus und Markus allein zugrunde legen, so wüßten wir nur vom Zittern und Zagen der in den Tod betrübten Seele, dem Schmerz, sich von den treuesten Jüngern verlassen zu sehen, weil sie nicht die Kraft aufbrachten zu wachen. Der Schluß wäre unabweislich, daß der Betende trotz dreimaliger Anrufung des Vaters sich ungetröstet erhoben hätte.« »Johannes, sagst du, schweigt über die ganze Anfechtung?« »Ja. Stell dir die Ratlosigkeit der Theologen vor. Die Evangelien sind inspiriert, berichten alle vier die reine göttliche Wahrheit. Johannes aber gibt die Erzählung so, als habe kein Gebet im Garten Gethsemane stattgefunden ... Man sagt, es handle sich vielleicht um ein Versehen der Abschreiber – der Urtext müsse einige Zeilen darüber enthalten haben. Eine interessante Frage übrigens, ob auch die Abschreiber unter dem Einfluß der Inspiration standen, unter Ausschluß von Kopierirrtümern also, oder ob alles von ihrer zufälligen Persönlichkeit abhing.« Als er die Sätze Francisco zu lesen gab, beobachtete er die Wirkung nicht ohne eine Spur eitlen Lächelns, das zugleich zum Einstimmen in die skeptische Betrachtungsweise aufmuntern sollte, und war darum enttäuscht, als nur die sachliche Frage kam, was er selbst über die Lücke bei Johannes denke. Seine einzige Antwort bestand in einem Achselzucken und einem geheimnisvollen Spiel der Spottfalten. Es gibt gewisse Dinge, über die ich auch mit dir nicht sprechen kann, schienen diese Gebärden wieder einmal andeuten zu wollen. Das machte Francisco ein wenig ärgerlich, aber er hielt sich zurück und bemerkte trocken: »Ich halte mich also an Lukas.« »Das wird nötig sein, da die beiden andern von dem Engel nichts erfahren haben oder aber nichts von ihm sagen wollen. Zweimal der gleiche Fehler der Kopisten – das würde nicht einleuchten. Was diesen Standpunkt des Nichtsagenwollens angeht, so vertritt ihn der, der hier eigentlich aus dem Spiel ist, Johannes, am Schluß seines Evangeliums in nachdrücklicher Weise, indem er sagt: Es sind auch viele andere Dinge, die Jesus getan hat, wenn sie aber alle aufgezeichnet würden, so glaube ich, die Welt könnte die Bücher, die zu schreiben wären, nicht begreifen.« Seltsam, wie sich sein Gesicht jetzt veränderte: hinter der Ironie des Intellekts kam plötzlich das Leuchten einer leidenschaftlichen Überzeugung zum Vorschein, die von einem Hauch mystischen Glaubens umflossen war. Und da er Franciscos Blick auf sich ruhen fühlte, schöpfte er nun auch Worte aus dieser Tiefe, ungehemmt von Rücksichten und Vorbehalten: »Jedesmal, wenn ich die Stelle lese, meine ich, es sei der Menschheit ein großes Unglück und Unrecht damit widerfahren, daß jene Bücher nicht geschrieben worden sind. Gerade unter dem, was der Evangelist als für die Welt unbegreiflich angesehen hat, müssen sich die aufschlußreichsten Lehren und Taten Jesu befunden haben. Was uns unwiederbringlich verloren ist durch den Urteilsspruch dieses Biographen, wäre geeignet gewesen, viele Zweifel aufzulösen und – dem Glauben zum beträchtlichen Teil einen anderen Inhalt zu geben. Aber hier liegt der entscheidende Punkt: schon zu jener Zeit muß es Dogmatiker gegeben haben, die den Glauben in eine ganz bestimmte Form zu pressen verstanden. Was irgendeinem Bischof nicht paßte, wurde als unbegreiflich ausgestrichen. Und was uns geblieben ist – schwankt.« Während Francisco las, wiederholte Juan das Geschriebene mit der Sprache, als könne er so seiner Meinung größeres Gewicht geben. Dann schwieg er nachdenklich. »Seltsam, daß du das Heil gerade in dem erblicken willst, was du nicht besitzest«, erwiderte Francisco. Er sah des Freundes abweisende Miene, die zeigte, wie sehr er sich mißverstanden fühlte, besorgte zudem, man könnte jetzt allzuweit von dem Gegenstand abkommen, der ihm in diesem Augenblick der wichtigste von allen war. Und so fügte er bei: »Die Erscheinung jenes Engels mag von Johannes zu den unbegreiflichen Ereignissen gerechnet und darum verschwiegen worden sein – überliefert ist sie immerhin.« Juan brauchte ein paar Augenblicke, um zurückzufinden. Etwas nervös knöpfte er an seiner gut geschnittenen Soutane herum. »Auch bei Lukas«, schrieb er dann, »gibt es noch eine Seltsamkeit. Nach dem Vers nämlich ›Es erschien ihm aber ein Engel vom Himmel und stärkte ihn‹ setzt sich der Leidenskampf fort, noch heftiger als zuvor: es wird von einem Ringen mit dem Tod und von blutigen Schweißtropfen gesprochen. Es ist, als sei die Stärkung durch den Engel plötzlich wieder vergessen.« »Einerlei«, rief Francisco mit Leidenschaft, »er hat den Engel gesehen und das Licht, in dem er kam. Von diesem Licht scheint nichts beim Evangelisten zu stehen, aber ein Engel kann nicht anders als im Licht, im blendenden Licht erscheinen. Nachher mag sich ereignet haben, was will, selbst ein neuer Ausbruch der Verzweiflung – siegen wird das Wissen, daß das Licht da ist und daß es möglich sein muß, zu diesem Licht zu gelangen.« Juan Llorente schaute ihn erstaunt an. Eher hätte er erwartet, Francisco werde von Dämonen reden als den geheimen Urhebern jeglicher Anfechtung. »Ich begreife«, sagte er dann sehr laut, des Schreibens nun doch überdrüssig, »du brauchst das Licht, sonst kannst du die Szene nicht malen.« »Ich habe in diesem Augenblick nicht ans Malen gedacht. Verstehst du nicht, wie wichtig es ist, daß er das Licht schaut oder sich des Lichtes wieder erinnert?« Llorente deutete ein Kopfnicken an, das als von Bedenken nicht ganz freies Einverständnis aufgenommen werden wollte. Francisco aber glitt scheu und schnell auf Juans Betrachtungsebene hinüber und bestätigte, daß das Licht und der Engel für das Bild von ausschlaggebender Bedeutung seien, der Maler vermöchte dem Thema sonst nicht beizukommen. »So werde ich also den Bescheid bringen«, sagte Juan, indem er sich erhob, »daß du den Auftrag annimmst.« »Und daß ich ihn sofort ausführen werde.«   Dem Bild, Bestellung eines Bürgers, der es der Kirche San Antonio Abad zu stiften beabsichtigte, gab Francisco bescheidenen Umfang, um jede Äußerlichkeit der Wirkung sicher zu vermeiden. Er schilderte weder die Jünger noch kaum den Garten, nur dies: In tiefer Finsternis kniet Jesus, das Antlitz spiegelt abgründige Verzweiflung des Menschenschicksals, der Mund ist halb geöffnet, die Arme breiten sich aus, die Augen richten sich in letzter, wilder Hoffnung empor. Von links oben bricht der Lichtstrom herein, schräg auf ihn zu, der Lichtstrom mit dem Engel, der ihm den Kelch entgegenstreckt. Der Besteller, von der Gewalt des Werkes angerührt und stolz auf den Beifall der Geistlichkeit von San Antonio Abad, gewann Francisco durch den Kanonikus Llorente für ein zweites Werk, das dieselbe Kirche schmücken sollte. Er wünschte sich die Darstellung einer legendären Begebenheit aus dem Leben des heiligen Joseph von Calasanz, des Stifters frommer Schulen, und Francisco wählte die die Stunde vor dem Tod, die Darreichung der letzten Kommunion. Diesen Todeskampf, das letzte Ringen eines Leidenden, der jetzt nichts ist als Mensch, schilderte er als fast beendet, es ist nur noch der abgezehrte Körper, der kämpft. Während die um das Schmerzenslager gescharten Freunde vor Mitangst und Mitleiden aufgewühlt werden und ein Priester die Hostie, Stärkung und Wegzehrung, bringt, hat der Geist des Sterbenden schon gesiegt: er sieht das Licht. Um dieses Lichtes willen befaßte er sich mit dem Heiligen. Denn der Kampf zwischen den Mächten des Lichtes und des Dunkels war für ihn nicht mehr durch einen Sieg des Dunkels entschieden: er sah jene Sendboten der Vernichtung vor dem Lichtbewußtsein sich abwenden und zerrinnen. In hundert Erscheinungen hatte er den Jammer der Menschheit festgehalten. Jetzt wollte er ein zweitesmal, in gewichtiger Sprache, für den Sieg des Lichtes zeugen. Doch er zweifelte, ob er in dem Lichtstrom eine überirdische Gestalt sichtbar machen sollte. Die Legende besagte, der Sterbende habe den Himmel offen gesehen. Was hätte sich da anderes als hergebrachtes kirchliches Schema, als die ärmlichen Gestalten üblicher Paradiesesversprechungen malen lassen? In seinem tiefsten Innern fand er eine ferne, ferne Anschauung von Lichtwesen, unfaßbar jeglicher Gestaltung. Er entschied, daß, selbst wenn es möglich sei, sich ihnen zu nähern, für ihre Wiedergabe als Form keine Ausdrucksmittel daseien. Dämonen lassen sich malen, leichter als gut ist – Engel, Lichtgenien, Gottwesen sind undarstellbar. Aus dem Engel von Gethsemane ist eine helle Menschengestalt geworden, von feuriger, stürmischer Bereitschaft zu helfen, aber – sind so Engel? Und so ließ er denn nichts als Licht, so rein und so geheimnisvoll in seinem Ursprung er es immer zu malen vermochte, auf den Heiligen einströmen – auch diesmal schräg von oben. Leicht, befreit legte er die Pinsel beiseite.   Es war ein heißer Sommer und die Zisterne im Garten bis zum Grund ausgeschöpft. Ein Wasserträger schaffte morgens und abends zwei aus einer Quelle gefüllte Eimer herbei. Francisco sah ihn kommen und rief ihm, da niemand im Haus war, aus dem Fenster, er möge seine Last in der Küche abstellen und ihm einen Krug Wasser in die Werkstatt bringen. Der Mann kam und bat, während Francisco den Krug ohne Umstände an den Mund setzte, um die Erlaubnis, das auf der Staffelei stehende Bild zu betrachten. Es dauerte nicht lange, bis er den Gegenstand in sich aufgenommen hatte, und nun senkte er sich, ohne ein Wort zu sprechen, in die Knie nieder. Er ließ das Bild nicht aus den Augen, und es schien nicht, daß er betete – jedenfalls bewegte er die Lippen nicht, es war nichts anderes, als daß das Bild ihn andächtig stimmte, ergriff und daß Andacht und Ergriffenheit ihm keine andere Haltung als die des Kniens erlaubten. Dann kam ihm wohl der Ort und des Malers Gegenwart zum Bewußtsein: er erhob sich und bat mit einem kaum verlegenen, für Francisco unhörbaren Wort um Entschuldigung – vielleicht fand er es nachträglich ungehörig, in einem fremden Zimmer niederzuknien. »Das ist sehr schön und fromm«, sagte er dann, »es muß sehr schön sein, so etwas malen zu können.« Er erinnerte sich jetzt, als er Franciscos unsicheres Gesicht sah, an dessen Taubheit und wiederholte den letzten Satz sehr laut. Da schaute das Gesicht sehr zufrieden drein und nickte. Mit einem Gruß entfernte sich der Wasserträger. Francisco rief ihm nach, er habe noch kein Geld für sein Wasser bekommen. »Heute nicht, Señor«, kam es zurück, »es war genug Bezahlung!« Francisco verstand ihn aus den Gebärden. »Es ist mein schönster Erfolg«, sagte er glücklich zu Leocadia, die gleich darauf in ihrer unruhigen Art das Haus betrat. Aber sie begriff nicht, was er an der Meinung eines Wasserträgers finden konnte. 3 Mehr als zuvor fühlte Francisco das Verrinnen der Zeit: der Wochen, Monate, Jahre. Er sah die Zeit auch ihren Weg machen durch das Gesicht des Königs, das er kannte wie kaum ein anderes, es war das einzige, das er in Abständen von etlichen Monaten wieder und wieder malte. Was er seit Don Fernandos Jugend von dem Gesicht wußte, trat in ganz langsamem, für die anderen unmerklichem Wachstum immer schärfer und immer unverhüllter hervor: in der Vertiefung einer Falte, in der Bildung einer neuen, im frühen Erschlaffen eines Gewebestücks, das der Muskel noch länger anzuspannen außerstand war. Auch nicht die Spur einer Veränderung des Wesens, einer Milderung, Aufhellung war zu entdecken. Noch ließ sich der Mensch, der aus diesen Zügen blickte, von einem volksfreundlichen Ministerium und den Cortes in Schach halten, aber die Ruhe, die über Spanien lag, hatte etwas genau so Lauerndes wie Fernandos Blick. Als das erste Wetterleuchten aufzuckte, reaktionäre Juntas sich bildeten, die sich apostolisch nannten und in kleinen Aufständen gegen die angeblich kirchenfeindliche Regierung demonstrierten, wurden sie vom König in aller Form verleugnet. Wer ihn durchschaute, wußte, daß seine Agenten, sein Geld dahinterstanden. Dann kam es zu offenen Reibereien zwischen König und Ministerium, die dazu führten, daß er sich zeitweise von Madrid entfernte. Die Cortes aber wählten jenen Obersten Riego, dessen Aufstand zur Wiedereinführung der Verfassung geführt hatte, zum Präsidenten. Es währte nicht lange, bis eine furchtbare Tragikomödie begann. Napoleon hatte in Spaniens Schicksal blutig eingegriffen unter dem Vorwand, dem Land Verfassung und Aufklärung aufnötigen zu wollen. Sein dem Absolutismus huldigender Nachfolger, König Ludwig der Achtzehnte, ließ zusammen mit drei Gesinnungsgenossen, dem Zaren aller Reußen, dem Kaiser von Österreich und dem König von Preußen, den Cortes in Madrid die Forderung überreichen, die Verfassung zugunsten der unbeschränkten Rechte der Krone abzuändern, und übernahm auf die Weigerung der Cortes im Namen der Monarchen-Allianz, die sich die heilige nannte, die Aufgabe, die Reaktion in Spanien mit Waffengewalt durchzusetzen. Das böse Beispiel mußte aus der Welt geschafft werden. Ein Heer von hunderttausend Franzosen, befehligt vom Herzog von Angoulême, überschritt die Grenze, um dem unglücklichen Land und Volk abermals die Greuel des Krieges aufzuzwingen, der sich sogleich zum fanatischen, grauenhaften Bürgerkrieg entwickelte. Die Apostolischen gingen zu den Franzosen über und mit ihnen viel bewaffnetes Volk, das diesmal nicht in den fremden Truppen, sondern in den für die Verfassung kämpfenden Volksgenossen die Feinde des wahren Glaubens erblickte. Die Cortes flohen nach Sevilla und zwangen Don Fernando, sich ihnen anzuschließen. Gewohnt, jede Feigheit zu begehen, die ihm den Vorteil des Augenblicks brachte, ließ er sich sogar veranlassen, dem König von Frankreich, der sein Bundesgenosse war, den Krieg erklären. Wieder sah Francisco die französischen Regimenter in Madrid einziehen. Der Herzog von Angoulême setzte eine Regentschafts-Junta ein, der auch ein Beichtvater Don Fernandos angehörte. Die Klöster wurden wiederhergestellt, die Jesuiten zurückgerufen, die Anhänger der Verfassung gefangengesetzt. Währenddem überflutete ein französisches Heer Andalusien; die Cortes flüchteten nach Cadiz, Fernando als Gefangenen mit sich führend, und lösten sich schließlich auf, der König sank befreit seinen französischen Feinden in die Arme. Er bestätigte die Regierungsakte der Madrider Junta und bildete aus ihren Mitgliedern ein Kabinett, versprach aber, da er seinem Sieg noch nicht vertraute, den Revolutionären Straffreiheit. Als er sah, daß der Schlag völlig geglückt war, brach er den auf die Verfassung geleisteten Schwur, indem er sie aufhob, und begann die Durchführung der Amnestie damit, daß er den Obersten Riego hängen ließ. Die Fortsetzung war dieses Anfangs würdig: seine Rachgier tobte sich noch ungehemmter aus als nach der Rückkehr von Valençay. Tausende wurden für jene politische Einstellung, zu der er selbst unter seinem Eid sich bekannt und zu deren Durchführung er Minister ernannt hatte, hingerichtet, Zehntausende jämmerlich eingekerkert.   Schrecken, Schrecken beherrschte das Land, Blutdunst lastete über Madrid. Francisco spürte ihn voller Ekel. Fernandos Gesicht aber schien ihm aufzublühen wie eine giftige Blume. Für sich selbst fürchtete er nichts. Zwar konnte ihn niemand für einen Anhänger der politischen Reaktion, einen Freund der Jesuiten, einen Parteigänger jener kirchlichen Funktionäre halten, die mit herrischen Händen in die weltliche Regierung eingriffen – aber seit ihn der König mitten im Wüten des ersten Strafgerichts im Amt bestätigt hatte, war ihm keine politisch zu deutende Handlung oder Äußerung vorzuwerfen. Bei Hof bestritt ihm niemand den Rang des ersten und berühmtesten Malers von Spanien, und so sah er sich über die Gefahr erhaben, in niedrige Intrigen verstrickt zu werden. Doch es quoll vergessenes Unbehagen aus seinen Winkeln hervor, und die durch Jahre und Jahrzehnte beschwichtigten Gewissenskämpfe regten sich von neuem: durch das Auf und Ab und Hin und Her eines halben Lebens hatte er sich darein geschickt, Beamter und Glied eines Hofes zu sein, den er verachtete – und nun stellte er sich aus frischen gereinigten Kräften heraus plötzlich die Frage, ob es wirklich bis zum Ende dabei bleiben könne. Der vom Licht wußte und zeugte, wurde immer mißtrauischer gegen alles aus den Zeiten des Dunkels Mitgeschleppte. Wieviel war einst zwischen ihm und Cayetana von Freiheit die Rede gewesen ... Die innere Freiheit, die sah er nun greifbar vor sich und manche Stufe schon erreicht – anders, ganz anders, als er es sich damals erträumt hatte. Aber wird sie nicht jeden Tag den Panzer der äußeren Gebundenheit fühlen? Ist es nicht nötig, auch diesen Panzer noch zu sprengen? Es gab Stunden, in denen er sich vorzustellen suchte, wie er sein Dasein gestalten würde, wenn die Entscheidung von gar keiner äußeren Lebenstatsache, von nichts Erreichtem und Erkämpftem, keinem Besitz und keiner Gewohnheit, keiner Sorge ums Brot und um Geltung zu wissen brauchte, wenn sie aus freiem, ungehemmtem Herzen wählen dürfte. Und jedesmal hieß die Antwort: Weg von dem, was jetzt um mich ist, weg vor allem von Höfen und Königen! Von ihnen abzuhängen, in welcher Form auch immer, ist nicht Sache des Künstlers, seine Sache ist die Ungebundenheit, die völlig ungehinderte Verfügung über sich selbst, das freie Ja- und Neinsagenkönnen. Noch war er sich nicht ganz bewußt, daß dabei sein Hofamt eigentlich nicht mehr bedeute als ein Symbol dessen, wovon er sich lösen müsse, um wirklich frei zu werden: ein Symbol der Mannigfaltigkeit des äußeren Lebens. Den Erfordernissen des Lebenskampfes und der Gemeinschaft war Genüge getan. Jetzt hatte er im Tiefsten sein Recht auf Einsamkeit erkannt, auf letzte Vereinfachung der Daseinsform. Fort mit der Buntheit, die nur verwirrt und den. Menschen in die Außendinge verwandelt, mit denen er sich abgeben muß! Hin zum Wesentlichen: zur inneren Stille. Denn der Mensch ist nach seiner ewigen Natur still. Dachte er in solcher Weise über seine Lage nach, so hielt er sich auch vor, daß, wenn er einmal die Notwendigkeit eines entscheidenden Schrittes erkannt habe, nichts auf der Welt ihn zurückhalten dürfe, nach dieser Erkenntnis zu handeln. Denn all das, wovor seine vorgestellte Entscheidung nun die Augen geschlossen habe, lasse sich wirklich mißachten und ausstreichen. Wie warm und weit wurde ihm ums Herz, wenn er den Gedanken weiterverfolgte, ihn weiterphantasieren ließ in einen Zustand hinein, der leuchtete, als sei er die wahrhaftige Erlösung der Seele! Aber der Körper haftete zäh und schwer am Boden der gesicherten Gegenwart und rief: Die Stunde ist versäumt – ein alter Mann kann sich in kein Abenteuer mehr stürzen, kann seine Einkünfte nicht wegwerfen, kann kein Vagabundenleben mehr beginnen! Damals bei Fernandos Rückkehr, als Leandro das Land verließ, die Goicoecheas und die andern alle, die jetzt in Bordeaux sitzen – damals wäre die Stunde gewesen, mitzugehen. Das Gehalt hätte man eingebüßt – gut: vielleicht wäre es mit dem Ersparten auch ohne Gehalt gegangen. Aufträge wären gekommen – auch in Frankreich haben sie von Francisco Goya gehört. Damals, damals ... Wenn es ihm gelang, all dieses Aufdämmernde beiseite zu schieben, sah er sich wieder der Mannigfaltigkeit hingegeben und fing sie, ihre Menschen vor allem, mit seinem Stift ein. Kam er von der Stadt zurück, so war ihm jeder Fetzen Papier recht, um die scharf festgehaltenen Erinnerungsbilder aufzunehmen. Auch während der Gänge selbst – er verließ seinen Wagen bald in diesem, bald in jenem Viertel – zog er oft ein Heft aus der Tasche und hielt, an einer Mauer lehnend, irgendeine Figur mit ein paar Strichen fest, obschon ihm der Beifall der Neugierigen höchst lästig war. »Noch immer lerne ich«, schrieb er unter ein Blatt, das einen auf Krücken gehenden Greis darstellte. Und da er sich nicht einmal in der Technik des Ausdrucks Beschränkungen aufzuerlegen gewillt war, setzte er die früher nur vorübergehend unternommenen Versuche mit der vor etlichen Jahren aufgekommenen Lithographie fort und malte gar Miniaturen auf Elfenbein. Zu beiden mußte er sich freilich der Lupe bedienen. Doch er fühlte, daß die Sehnsucht, zum Gefühl völliger Genesung, völliger Freiheit durchzudringen, immer mächtiger ihre Schwingen breitete. Die Frage des Körpers, des Alters schmolz kleiner und kleiner zusammen: achtundsiebzig Jahre – das klingt hoch, aber es sind bis zum tizianischen Alter noch genau einundzwanzig. Als er sich zu der Reise nach Frankreich entschloß, geschah es nicht mit einer heroischen Geste des Verzichts. Er sah keinen Grund, weshalb er nicht Vorkehrungen treffen sollte, das Gehalt des Ersten Kammermalers außerhalb jeder tatsächlichen Bindung möglichst lange weiterfließen zu lassen. Darum verschleierte er vorläufig sein Unternehmen – in einer Form, die, es beruhigte ihn in unsicheren Augenblicken, sogar ihm selbst die Umkehr offenhielt. Er hatte dann und wann unter gichtischen Schmerzen zu leiden. Die mußten ihm nun zum Vorwand dienen: Don Gaspar stellte nach Überwindung beträchtlicher Bedenken, die sich auf die Beschwerden der Reise bezogen, ein Attest aus, das die Benützung des lothringischen Schwefelbades Plombières empfahl. Dieses Zeugnis fügte Francisco einem an Seine Majestät gerichteten Gesuch bei, in dem er um einen Urlaub von sechs Monaten bat. Erst als er die in gnädiger Form erteilte Bewilligung des Urlaubs und seine Pässe in Händen hatte, sprach er mit Javier, Gumersinda, Leocadia über die Reise nach Lothringen als eine in wenigen Tagen bevorstehende Tatsache. Dabei war er entschlossen, das Schwefelbad gar nicht aufzusuchen, die Anweisungen, die er sich in aller Stille bei einem Bankier besorgt hatte, lauteten auf Bordeaux. Dort, wo die Freunde saßen, die alle auch einmal mit dem alten Leben Schluß gemacht, ihre Bindungen zerrissen hatten, konnte eine Stätte sein, an der sich ein einfaches, anspruchsloses Dasein neu beginnen ließ. Ihnen, den Freunden, war er ja nun lange genug ferne gewesen, um in ihrem Kreis keine alten Verpflichtungen mehr vorzufinden. Neue Menschen also im Grund. Um Einsiedler zu sein, dazu war er wirklich zu bejahrt ... Javier und Gumersinda erkannten bald, daß Francisco von seinem Vorhaben nicht abzubringen war. Javier bot ihm seine Begleitung nach Plombières an, verzichtete aber, als er fürchten mußte, unerwünscht zu sein. Es blieb den beiden nichts als die dringende Bitte, Francisco möge einen Kurier oder Diener mitnehmen. Seinem Einwand, er könne sich an keinen neuen Menschen mehr gewöhnen, mußte auch diese Sorge schließlich weichen, denn der alte Diener des Hauses wäre für die Reise wirklich keine Hilfe gewesen. Bei diesen Unterhaltungen mit Javier war es Francisco nicht leicht ums Herz, es konnte zu einer langen Trennung, vielleicht zu einer Trennung für immer kommen. Einmal war er nahe daran, dem Sohn seine wahren Absichten zu enthüllen – und unterließ es. Der philosophierende und von einem Gefühl der Überlegenheit über seine Umgebung zehrende Weltmann Javier hatte sich allmählich zum seßhaften, auf Bequemlichkeit und Reputation bedachten Bürger gewandelt, Francisco mußte lächeln bei dem Gedanken, wie sie, was Beweglichkeit anging, die Rollen getauscht hatten. Javier würde abraten, dringend und gewichtig abraten. Wozu auf eine neue Auseinandersetzung Kraft verwenden? Nein, nein – es gab wirklich niemand, mit dem sich offen reden ließ ... Leocadias Widerstände spielten sich laut und hitzig ab. Vor allem kostete die Zurückweisung ihres hartnäckigen Vorschlags, ihn zu begleiten, Energie. Der Wunsch nach innerer Stille, dessen er sich nun deutlicher bewußt wurde, verlangte, daß er ohne sie reiste. Später vielleicht, falls es die äußeren Umstände durchaus forderten, ließ sich das immer noch widerrufen.   Er beschränkte sein Gepäck so sehr als möglich. Selbst vom Malgerät wurde nur das eingepackt, was ihm durch den täglichen Umgang vertraut war und nahestand: die Palette, bestimmte Pinsel, der Spachtel, das andere ließ sich kaufen. Die Reiselust fieberte ihm im Blut – wie gut, daß er sich eine so knappe Frist gesetzt hatte! Er wählte den Weg über das Guadarramagebirge und Burgos, seine anfängliche Absicht, zu reiten, gab er, dem Drängen Javiers weichend, auf – wenigstens für den von so vielen Augen überwachten Beginn der Reise. Nachher, nachher – jenseits der Stadtmauern von Madrid schon, wenn er wollte, hatte er allein über seine Entschlüsse zu entscheiden! Dann gab es keine Rücksichten mehr auf die wohlmeinenden Menschen, die einem den Willen beengten ... Er konnte zu Fuß gehen, falls es ihm beliebte, oder sich ein Gefolge von Dienerschaft mieten oder sein Geld in luxuriösen Extraposten und in den Speisesälen vornehmer Gasthöfe verjubeln, Launen haben oder sich verkriechen – niemand, durchaus niemand wird den geringsten Versuch machen können, dreinzureden. Zunächst blieb es also bei diesem Postwagen. Wie man hörte, hatten zwei jüngere Kaufleute für dieselbe Post Plätze bestellt, die bis Aranda am Duerofluß fuhr. Die Hoffnung, Francisco werde meist in Gesellschaft reisen, erleichterte die Sorge der Zurückbleibenden. Er entzog sich jedem Abschied, der zu vermeiden war, und ließ darum auch Llorente, dem einzigen noch zurückbleibenden Freunde, nur durch Javier Grüße übermitteln. Am Abend vor der Abreise machte er einen Gang durch den Garten. Von diesen Bäumen, die ihre pflegebedürftige Jugend hinter sich hatten, wird jeder in seiner stillen, vorausbestimmten Art weiterwachsen, einerlei, welcher Menschen Auge auf ihnen ruht, einerlei, ob sie überhaupt Gegenstand irgendeiner Beobachtung sind. Aber mit ihren Wurzeln haben sich die seinen verschlungen, die er nun behutsam löst. Wie beständig doch Bäume sind, wie rein: sie sind, was sie scheinen – nicht ein Blatt ist Lüge. Hier ist Liebes, das er zurücklassen muß – und er läßt Liebe zurück, als könne sie sich für immer in die Zweige einnisten. Sein Blick streichelt das Ölbaumsilber, steigt in die Wipfel der beiden Ulmen, die mit zarten grünen Trieben und gelben Kätzchen überzogen sind, in das Geäst der großen Pinie, folgt dem knappen Mantel der Zypressen. Auf den Kirschbäumen hängen noch die letzten welken Blütenblätter, die Pfirsiche lassen reichen Fruchtansatz erkennen. Die Reben fangen an zu treiben, und selbst die Feige zeigt die ersten Knospen: sie hat auch diesen gefährlichen Winter wieder überstanden. Über das Schicksal dieses Baumes kann man sich ja berichten lassen ... Als Francisco dann am Morgen gleich nach Sonnenaufgang aus dem Landhaus trat, sah er, daß sich die Kuppen des Guadarramagebirges, das die Fahrt heute noch durchschneiden sollte, über Nacht vom Gewölk befreit hatten, die höchsten Gipfel glänzten in den Resten des Winterschnees. Es war ihm, als fühle er Klarheit und Kühle hoch über sich. Wie leicht verließ er diese Räume ... Schlacken blieben zurück, nichts anderes. Das Feuer, das trug er wohlverwahrt mit ins neue Land. Nur noch ein Blick auf die Bäume ... Niemand außer Javier durfte sich zur Abfahrt einfinden. Nervös kramte der in Erinnerungen und machte sie, so gut es ging, dem Vater verständlich. Und ganz zuletzt an der Tür des Reisewagens rief er ihm mit schmerzlichem Lächeln ins Ohr: »Als ich dich mit nach Frankreich nehmen wollte, hast du abgelehnt und behauptet, du seiest zu alt.« »Inzwischen bin ich auch jünger geworden«, gab Francisco gleichfalls lächelnd zur Antwort und stieg ein. 4 Francisco empfand es als sehr lästig, daß er nicht allein reiste. Die beiden Kaufleute bemühten sich in einer Form, die das Mitleid mit seinem Übel erkennen ließ, um die Verständigung, so brummig er sich auch in seine Ecke drückte. In Aranda vergrößerte sich die Gesellschaft; als man in Burgos einfuhr, war er entschlossen, seiner ursprünglichen Absicht gemäß die Reise reitend fortzusetzen. Sich einen eigenen Wagen zu mieten, schien ihm nicht nur zu kostspielig, sondern auch diesem Übergang in eine veränderte Lebensform wenig entsprechend: Luxus und Vornehmheit paßten nicht zu einem alten Mann, der in aller Stille vollends mit sich ins reine kommen wollte. Nicht einmal Bequemlichkeit erachtete er als nötig, er vertraute mit klarer Sicherheit darauf, heil ans Ziel zu kommen, und legte dem Wie keine Bedeutung bei, soweit nur die Ungestörtheit gewahrt blieb. Wohl konnte er in eine Lage kommen, die fremde Handreichung nötig machte, aber auf der Heerstraße war immer mit Begegnungen, Bauernhäusern, Herbergen zu rechnen. Nachdem er mit Hilfe des Gastwirtes, bei dem er in Burgos abgestiegen war, einen als zuverlässig empfohlenen Frachtfuhrmann ausfindig gemacht und ihm die Beförderung seines Gepäcks nach Bordeaux anvertraut hatte, kaufte er also ein Maultier. Die Gegenstände des dringendsten Bedarfs und einige Eßvorräte verstaute er in einem Zwerchsack; in einem Ziegenschlauch nahm er mit Wasser vermischten Wein mit. Den großen modischen Bolivarhut gab er noch zum Gepäck, mochte er ankommen, wie er wollte, und besorgte sich eine Jagdmütze; der Mantel war für das Hochland auch im vorgeschrittenen Frühjahr nicht zu entbehren: schon am Morgen des Ausritts aus Burgos regte sich ein kühler Wind. Die Straße führt aus bebauten Feldern heraus in Steppenland. Trotz der Grasnarben und ein paar zerstreuter Büsche ist der Grundton der Landschaft gelb; je höher die Sonne steigt, desto einheitlicher fließen die Schattierungen der Ebene und der Hügel ineinander; auch die ferneren Berge, von der sehr klaren Luft nur wenig hinter Dunst gestellt, fügen sich in den flimmernden Gleichklang der Farbe. Hart stehen rings die Umrisse der kahlen, steinernen Erde gegen das reine Blau der Luft, das die großen Flächen und Linien unter seiner regungslosen Glocke zusammendrängt. Wer in diesen wolkenlosen Himmel blickt, muß sich gehegt und geschützt fühlen aus dem Weltall heraus; kann in so überwölbten Bezirken Übles geschehen? Es kann, es kann: die französischen Heere sind hier durchgekommen, in Burgos schaute die Armut aus allen Gassenhöhlen, und diese Straße führt an zerfallenden Höfen vorüber und an Feldern, um deren Bestellung sich niemand mehr kümmern mag, weil keiner weiß, ob nicht morgen der Krieg wieder darüberfegt. Die Weisheit derer, die menschliches Elend klein, unwichtig, nichtig nennen, weil sie es am Weltgeschehen messen, ist den Ärmsten bitter und fremd. Aber vielleicht wendet doch jeder Hundertste unter ihnen oder auch nur einer seinen Blick der Bläue dieses Tages zu und schöpft daraus jene Kraft, die sein Unglück verkleinert ... Gemächlich reitet Francisco nach Norden, der Grenze zu. Er überholt Ochsengespanne und wird selbst überholt von flinken Fuhrwerken. Kastilische Bauern mit breitrandigen Hüten über den furchigen Gesichtern kommen ihm entgegen, auf ihren Pferden traben sie stolzer einher als er auf seinem Maultier, aber er gleicht ihnen, trotz seines städtischen Mantels, und niemand kann ihn eigentlich für etwas anderes halten als für einen alten Bauern. Auf einen eleganten vierspännigen Reisewagen wirft er kaum einen Blick, aber ein Zigeunerkarren mit buntgekleidetem Volk macht ihm Vergnügen. Dann bleibt er lange Zeit ganz allein. Reitet weiter. Reitet weiter, zäh und ohne viel Beschwer der alten Glieder. Ohne Bitternis denkt er an das, was zurückbleibt. Denkt eigentlich nur noch darüber hin – so schnell hat alles an Wichtigkeit eingebüßt, denn im Innersten der Seele, dort, wo die wahre und geheime Wertwaage aufgehängt ist, haben diese Dinge und Menschen schon lange an Gewicht verloren, fast Tag für Tag – das weiß er jetzt. Mag alles sich verhalten nach den eigenen Gesetzen, der eigenen Art – was bedeutet das für den, der sich nicht darein verstricken läßt? Auch er, Francisco, kennt jetzt das eigene Gesetz und wird nach ihm leben. Er besinnt sich darauf, es müsse das aller Künstler und Denker sein, denen das Schicksal die Gnade gewährt, reifen zu dürfen. Erst aus der Enge heraus in die Vielfältigkeit, in die bunte Welt – aber dann, dann im Vielen, im Gewirr der Formen das Eine finden und schließlich erkennen, daß dieses Eine dasselbe ist wie der vom Schutt befreite Seelengrund. Daß es leuchtet, wenn wir es ganz schauen. Zum erstenmal stellt er sich ganz vor, was es bedeutet, zur Reife auserwählt zu sein. Und daß diese letzte Reife nichts mehr zu tun hat mit Schaffen. Denn des Menschen Art ist Stille ... Er denkt wieder an Leandro und die andern, die ihn erwarten. Nun wird er zu ihnen kommen wie ans andere Ufer eines Flusses hinüber. Und werden sie keine Gefährten der Stille sein, keine, die die Stille ehren – dann muß man auch ihnen den Rücken kehren. Stellt sich das fremde Volk vor, unter dem er leben wird. Keiner zehn französischen Worte erinnert er sich mehr. Einerlei. Er hört ja doch nicht, was die Menschen sagen. Und es wird wenig Wichtigkeit mehr haben. Das spanische Volk, das er hinter sich läßt – er liebt es tief, der eigene Kampf und die eigene Arbeit waren mit dem Schicksal dieses Volkes verflochten. Nun wird er dem Volk nichts mehr nützen können. Reitet weiter, reitet weiter. Vielleicht ahnt er jetzt, daß seine geheime große Hoffnung, die tizianische Lebensdauer, nicht in Erfüllung gehen wird, daß er nur noch etliche Jahre vor sich hat. Er braucht keine zwei Jahrzehnte mehr. Wozu? Es ist sehr hell in ihm. Er fühlt sich leicht und von tiefer Wärme durchflutet. Fühlt Cayetana. Fühlt, daß sie nun ist wie er, daß sie sich gewandelt hat im Geist mit ihm – an einem reineren Ort. Sie ist der einzige Mensch, der von diesem Ritt weiß, der einzige, der ihn begreift. Wahrhaftig: sie allein versteht, daß nun der Tag der Freiheit endlich, endlich angebrochen ist. * Los Caprichos, 1793–1798 geschaffen, erschienen in einer ersten Ausgabe 1803. Los Desastres de la Guerra entstanden zwischen 1808 und 1815. Die erste Ausgabe der Tauromachia wurde 1815 gedruckt. Los Proverbios stammen aus Goyas Spätzeit (die erste vollständige Ausgabe erschien erst 1850). Die Photos zu den Bildtafeln wurden von dem Historischen Bildarchiv Handke-Berneck zur Verfügung gestellt.