Joseph von Lauff Schnee Niederrheinischer Roman * 1923 * Meiner lieben Tochter Elisabeth zu eigen * 1 Anno Domini ... ich glaube, es war achtzehnhundert und in den sechziger Jahren. Ja, so war es. Anno Domini 1862 und so anfangs November herum äugelte ein rotgedunsenes, aufgeschwemmtes und doch langgezogenes Antilopengesicht, in dem die kleinen Augen wie hineingeknallte Sauposten saßen, durch die blankgeputzten Scheiben der Wirtschaft ›Zur letzten Träne‹ auf den Kirchplatz hinaus, den die ersten Schneeflocken in einem getragenen Hin und Her und in einem geisterhaften Auf und Nieder umspielten. Traumhaft sanken sie auf die flaumige Decke, die bereits die ganze Umgebung feierlichst eingeschneit hatte. Die ›Letzte Träne‹ lag der alten Sankt Nikolaikirche schräg gegenüber. Es war ein landläufiger Bau mit hohen Schornsteinen und niedrigem Giebel, lavendelartig gekalkt und mit blauangestrichenen Läden versehen, die in kräftigen Inschriften alle Genüsse anpriesen, worüber die Schenke verfügte. Linker Hand von dem ausgetretenen Hausflur lag der eigentliche Wirtsraum, in dessen Tiefe neben der Anrichte ein mächtiger Kanonenofen eine wohlige Wärme ausstrahlte; denn die Quecksilbersäule im Thermometer hatte sich bemüßigt gefunden, am frühen Morgen fünf Strich unter den Nullpunkt zu gleiten. Dabei drängelte sich die Kälte mit grimmiger Bosheit durch die Schlüssellöcher und Ritzen hinein, kratzte an den Scheiben herum und versuchte, zierliche Eisblumen in die tiefer gelegenen Fensterecken zu pinseln. Napoleonische Bilder hingen an den Wänden: Napoleon in Saint Cloud, Napoleon bei Austerlitz, Napoleon auf den Elysäischen Feldern ... wohingegen die Anrichte mit allen möglichen Schnäpsen und Elixieren bestellt war. Hier war das Reich einer behaglich aussehenden Frau, die sich damit beschäftigte, Gläser zu spülen, die Bouteillen zu richten und die buntilluminierten Etiketten in die beste Beleuchtung zu stellen. Langsam und feierlich drehte der Mann mit dem aufgedunsenen Antilopengesicht seinen breiten Schädel, der nur mit einzelnen Sardellensträhnen belegt war, auf den mächtigen Schultern herum, sah mit seinen Saupostenaugen nach dem Schanktisch hin und sagte mit einer Stimme wie aus einer Gießkanne heraus: »Madam Kürlitz, ich ersuche noch um 'nen ›Blumesüte‹, aber 'nen heißen.« »Aberst ich bitte Ihnen gehorsamst, mein hochverehrter Herr Präsidente,« entgegnete das pummelige Frauenzimmer, wobei es gar lieblich mit den Goldspiralen ihrer Knippmütze hofierte, »bei die schwere Kälte kann man schon 'nen zweiten vertragen,« mischte Pomeranzen, Kandiszucker und kochendes Wasser zu einem köstlichen Gemengsel, tat schön wie eine Pfauhenne und brachte das Hergerichtete zu dem würdigen Mann am Fenster, der ihr Kommen mit einem wohligen Grunzen apostrophierte. »So, das wäre gemacht. Aberst dürfte ich mir 'ne Frage erlauben, Mynheer Türlütt?« Der Angeredete nickte herablassend und nippte dabei etliche Tröpfchen von der dampfenden Feuchte. »Ich meine, Mynheer: für gewöhnlich beehren Sie die ›Letzte Träne‹ so gegen zwölfe herum, und nu ist es erst dreiviertel auf zehne. Ich meine gehorsamst.« Erwartungsvoll setzte sie ihre Arme in die stämmigen Hüften. »Madam,« sagte Herr Türlütt, und seine Stimme klang voll und rund wie eine schöne Synodalposaune, »in erster Linie müssen Sie auf meine Position Rücksicht nehmen, Frau Kürliß. Und wenn Sie ferner bedenken, daß ich bereits seit fünfundzwanzig Jahren die Bruderschaft Unserer Lieben Frau als Präside vertrete, daß der von ihr seiner Zeit gestiftete Altar zu den Sieben Schmerzen Mariä schadhaft geworden, daß in einer halben Stunde die Kommission zusammentritt, um das Nötige in die Wege zu leiten, und der Herr Kirchenrendant Anatole Baron zu Klotz zu diesem Behufe mich hier abholen will, wenn Sie das alles bedenken, dann werden Sie auch begreiflich finden, Frau Kürliß, daß es nichts Ungewöhnliches ist, wenn ich bereits zu dieser Stunde mich zwischen Ihren vier Pfählen befinde. Außerdem muß ich feststellen: Ihr Pomeranzenlikör ist ein Kapitel für sich, ganz ohne Wettbewerb. Es gibt keinen bessern zwischen Xanten und Kleve.« Damit hatte er die heiße Flüssigkeit mit einem schnalzenden Wohlbehagen hinter die schwarzseidene Binde gegossen. »Ganz ausgezeichnet, über alles Erwarten; man kann dabei den Rosenkranz beten.« »Aberst ich bitte. Meine schwächlichen Kräfte, Mynheer!« »Keine Entschuldigung. Sie wissen ja selber: ich bin kein Freund von schnäpsernen Genüssen. Verdamme sie vielmehr in den tiefsten Abgrund der Hölle. Ich weise sie von mir, weil sie entnerven, die Sinnenlust fördern und gegen Sitte und Satzung der christkatholischen Kirche verstoßen. Besonders die Frauenzimmer sollten sie meiden. Sie machen heißes Blut und nach den Mannskerlen gelüstig. Wasser sollten sie trinken. Sie bleiben dabei kälter und enthaltsamer und verfallen nicht auf fleischliche Anfechtungen und ähnliche Sünden. O diese Schnäpse! Im vorliegenden Falle jedoch: noch ein Gläschen, Frau Kürliß. Nur möchte ich bitten, die Portion doppelt zu nehmen; denn ich vertrete den homöopathischen Standpunkt: Beelzebub ist nur durch Beelzebub aus dem Tempel des Herrn zu schlagen.« »Immerst man feste,« meinte Frau Kürliß, holte das Verlangte und machte sich hierauf hinter der Anrichte bei ihren Gläsern und Bouteillen zu schaffen, während der ehrwürdige Herr mit dem Antilopengesicht sich teils mit dem gebrannten Wasser sinnig und zart amüsierte, teils auf den Kirchplatz hinaussah, auf dem Myriaden von Schneesternchen ihr artiges Ringelspiel immer lustiger trieben. Es war ein vergnügliches Zusehen, ein Dösen und Dämmern in den kalten Schneetag hinein, der sein bestes Wintergesicht aufgesetzt hatte und alles aufbot, das niederrheinische Land in ein weißes Leilach zu hüllen. Herr Franz Türlütt, gewesener Guanomakler und Schnittwarenhändler, nunmehr Verwalter seines nicht unbeträchtlichen Vermögens und Präsident der Bruderschaft Unserer Lieben Frau, gehörte zu den Honoratioren der kleinen Stadt, die zwischen Dämmen und Deichen, Wiesen und fruchtbaren Ländereien gebettet, unter den kunstliebenden Herzögen von Jülich, Kleve und Berg eine gewisse Blütezeit durchgemacht hatte. Abgesehen von kleineren menschlichen Schwächen war Herr Franz Türlitt ein geradliniger, aufrechter Mann und strammer Katholik, eine biedere Haut und ein Patriot von lauterstem Wasser. Das heißt, alles unter einem gewissen Augenwinkel betrachtet. Er liebte sein angestammtes Königshaus; aber die Erinnerungen aus der napoleonischen Zeit standen ihm höher, ein Vermächtnis seines in Gott ruhenden Vaters, der etliche Feldzüge des kleinen Korporals mitgemacht und dabei als Armeelieferant manchen Taler beiseite gebracht hatte. Außerdem: Herr Türlitt war mäßig und behauptete stets, im allgemeinen nur von Kyrie-eleison-Semmeln und Halleluja-Würstchen zu leben, obgleich alle Welt ihm die größten monatlichen Fleischer- und Bäckerrechnungen nachweisen konnte. Mit gläubiger Einfalt hob er allmorgens die Hände gen Himmel und sagte: »Ich hänge nicht am Besitz, mein Leben ist ein offenes Buch, und meine Erwerbsquellen sind mir so bekömmlich wie kristallklares Brunnenwasser gewesen,« obgleich er noch heutiges Tages auf seinen straffen Geldsäcken saß wie ein feister Moppel auf dem Schoß einer geschminkten Halbweltlerin und mancher aus seinen Bekanntenkreisen herumlief wie ein geschundener und abgelederter Geißbock. Herr Türlütt verfluchte den Alkohol, das heißt öffentlich. Im geheimen jedoch waren ihm Pünsche und steife Grogs Sorgenbrecher und Lebenselixiere geworden. Dennoch hielt man ihn für einen braven und aufrechten Mann, für eine Säule der Kirche, und er wäre, falls er seine Ehefrau nicht vorzeitig hätte bestatten müssen, auch der biederste und treuste Hüter seines schweren Traurings gewesen. So aber ... Gott im hohen Himmel nochmal! – da purzelten im Kirchspiel etliche vaterlose Kerlchen herum, von denen man sagen konnte: »Die pausbäckigen Apfel sind nicht weit vom Birnbaum gefallen,« und die Türlüttschen Taler sorgten dafür, daß die Erzeugnisse einer verwitweten Laune trefflich gediehen und sich gütlich taten wie die Spatzen bei Rübsen und Schoten. Durch die verstorbene Frau Célestine, eine Schwester des pensionierten Steuerempfängers und nunmehrigen Kirchenrendanten Anatole von Klotz, war ein adeliger Abglanz über das Türlüttsche Anwesen gekommen, ein Abglanz, der den würdigen Mann bis heute noch wie eine sanfte Gloriole umglitzerte. Er war seinerzeit stolz auf die Heirat gewesen, konnte es auch sein; denn die Familie von Klotz, wenn auch verarmt und im Laufe der Jahre dünn und fadenscheinig geworden, trug von Rechts wegen die freiherrliche, siebenzackige Krone und hatte im Großvater der heimgegangenen Frau einen Helden erzeugt, der in der französischen Revolution, und zwar bei Gelegenheit der Komödie des Chaumette-Hébertismus, eine bedeutsame Rolle gespielt hatte, um schließlich im fahlen Morgengrauen und in den Armen der blutigen Tochter Guillotins den Kopf zu verlieren. Vive la république! Vive la montagne! Seit diesem Tage war der deutsche Edelmann und französische Citoyen Anacharsis von Klotz ein Märtyrer der Familie geworden. Sein Andenken lebte, lebte besonders in seinem bejahrten Enkel weiter, im Herzen des pensionierten Steuerempfängers, und trieb hier Blüten, als wenn sie aus einem bizarren Orchideenhaus stammten ... und von diesen Blüten sickerten blutrote Tropfen. Huhu, diese blanken Messerchen! »Servus, Servus!« Mit diesen Worten drehte sich ein hochgewachsener Mann mit Vatermördern und fuchsrotem Zylinder in die Wirtsstube herein, klappte seinen Regenschirm, an dem verschiedene Fischbeinstangen durch die splissige Seide hindurchstießen, auf und zu und ließ ein kleines Gestöber von Schneeflocken lustig umhertanzen. » Morgen, Madam – hier meinen Schirm – in die Ecke damit – und dann 'nen Grog, aber 'nen steifen!« Anatole Baron zu Klotz reckte sich auf, kurz, abgehackt, wie aus der Pistole geschossen, etwa so, wie er auch gewohnt war, seine Worte zu setzen. Pielgeradeauf, eine dünne Pelerine über den schäbigen Überrock geworfen, aber sauber gestriegelt, halb Oberst a. D., halb Verkäufer in einem Sargmagazin, so stand er neben der Anrichte und stach mit seinen zirkelrunden, nußbraunen Äugelchen in die Stube hinein. In seiner verblichenen Eleganz schien er sich sichtlich zu fühlen. Der Marabukopf mit dem glattrasierten Gesicht und dem kurzverschnittenen Schnurrbärtchen à la Sergeant unter der spitzigen Nase erhob sich mit einer gewissen Selbstherrlichkeit auf dem ausgemergelten Gänserichhals, an dem sich der Adamsapfel globulusartig auf und nieder bewegte. Anatole Baron zu Klotz war einzig. Der vielbewunderte Caballero de la Mancha konnte sich nicht köstlicher geben. Halb Theater, halb inneres Erleben – so trug er jetzt seine gewichtige Person über die mit Sand bestreuten Dielen der ›Letzten Träne‹. Als er seines Schwagers ansichtig wurde, hielt er den Fuß an und schnellte die rechte Hand an den schmalen Rand des sich nach oben verjüngenden Zylinders. Dabei rutschte die etwas stark mit Wäschebläue behandelte lose Manschette bis an die obersten Knöchel vor. Ein Trillern mit den Fingerspitzen verwies sie wieder in Ärmel und Schlupfloch. »Ah! – votre serviteur, monsieur François! « Er hielt ihm die Hand hin. »Tag, Schwager.« Fixbeinig war Herr Türlütt bei dieser Begrüßung in die Höhe gefahren. Was – in die Höhe gefahren? Ja, in die Höhe gefahren! – und dennoch ... obgleich er vorhin saß und jetzt leibhaftig auf seinen zwei Beinen stand: Mynheer Türlütt war nicht größer als vorhin geworden. Er gehörte zum Geschlecht der Sitzriesen. In dem mächtigen, breitschulterigen Oberkörper steckte eben ein Untergestell, das selbst beim Aufstehen den äußern Menschen nicht nennenswert zu heben vermochte, und so blieb denn Herr Türlütt nach wie vor ein gnomischer Kerl, ein abgebrochener Gigant, ein launiges Spiel der Natur und wie aus einem Hohlspiegel auf die Erde gepurzelt. »Was?!« sagte der Mann im Zylinder. »Du bist schon beim heißen Pomeranzenwasser angekommen und vertrittst doch die Ansicht: Agape, satana – Gift für Körper und Seele – Teufelswerk – nur geschaffen, den Sinnentaumel zu kitzeln?!« Herr Türlütt seufzte tief aus seiner Samtweste heraus, schlug die Augen auf zur Decke, um gewissermaßen zu beweisen, daß er gewohnt sei, seine Hände in Unschuld zu waschen, und sagte: »Schon richtig, Schwager. Aber es gibt Ausnahmen. Beispielsmäßig, um dir Gesellschaft zu leisten ...« Eine mahnende Stimme schlug ihm entgegen. »François ...!« und Herr Anatole warf sich eine Prise Tabak à la mode de France in die Nase. »Nur aus diesem puren Grunde allein,« bekräftigte der ehrwürdige Herr mit dem Schnapsgesicht, »so wahr mir Gott helfe, so wahr die Mutter Gottes von Kevelaer ...« Seine Blicke umflorten sich und gingen zur Anrichte, wo das behagliche Frauenzimmer gerade dabei war, kochendes Wasser mit Rum und Zucker zu mischen: »Madam Kürliß, nur zum Beweise. Ich bitte um 'nen Grog wie mein Schwager, aber 'nen heißen,« und er wandte sich wieder an Anatole von Klotz, der sich mittlerweile niedergelassen und die langen Beine mit den engen Korkzieherhosen breitspurig ausgestreckt hatte: »Schwager, so wahr ich hier stehe, und dann noch aus einem andern Grunde. Ich meine: soll ich etwa in der Kirche erfrieren? Soll ich mir etwa wegen der Besichtigung des Altars zu den Sieben Schmerzen Mariä die Lungensucht holen? Soll ich mir etwa ... Prosit!« und er nahm eins von den dampfenden Gläsern, die Madam Kürliß just anpräsentierte. »Prosit, Anatole, auf daß es uns wohl ergehe und wir noch lange leben auf Erden. Gewiß, der Grog ist ein verbuhltes Getränk, aber solch tapfern und erprobten Männern, wie wir sind, kann er nicht schaden. Im Gegenteil: in gewissen Fällen ist er als heilsam und gottwohlgefällig anzusprechen; denn oftmals bedient sich der Herr satanischer Dinge, um seinen heiligen und großen Zweck zu erreichen. Beispielsmäßig in gegenwärtiger Stunde. Schwager, wir müssen zur Kirche, bei dieser hundsmäßigen Kälte unsere christkatholischen Pflichten erfüllen, wir müssen ... Und daher, Anatole, nur um unserm lieben Herrgott zu dienen, nur um dir Gesellschaft zu leisten ... sonst nicht rühr an die Sache, so wahr mir Gott helfe, so wahr die Mutter Gottes von Kevelaer ... Prosit, Schwager!« Damit klingte er an und hob gleichzeitig die linke Hand wie beschwörend zum Himmel. »Schön!« sagte Anatole, während er Bescheid tat und den Gänsehals gummiartig aus den steifen Vatermördern heraushob, »aber wie kommt der Herr Dechant darauf – gerade heute darauf, Altarbesichtigung anzusetzen? – so aus heiler Haut heraus – ganz unvermittelt – und das von heute auf morgen?! – Hm! – unbegreiflich die Sache!« »Ich bemerkte schon, Schwager ...« »Ach was, bemerken! – Eigentümliches Vorgehen – vollkommen unnötig – vollkommen! Konnte warten auf wärmere Tage; aber der Herr Dechant liebt es, uns Nüsse knacken zu lassen – Walnüsse und andere Nüsse. – Also knacken wir – die Kirche befiehlt es. – Nur meine übrigen Pflichten – sie leiden darunter. Außerdem: der zehnte November steht vor der Haustür. Der große, heilige zehnte November! – Der Tag, an dem die ›Déesse de la Raison‹ den Thron des dreieinigen Gottes beehrte. – François, es lebe die Republik, die rote Tochter des wackern Guillotin! – Liberé, égalité, fraternité ou la mort! – François, ich muß Vorkehrungen treffen. – Das weißt du. – Auch du bist geladen. – Dampfende Punschbowle und so. – Auch Madam wird erscheinen. – Selbstverständlich in großer Aufmachung – rote Robe – rote Samtschuhe – und mit bleichem Gesicht – bleich wie die Wand in 'ner Sterbekapelle. – Feine Sache! – Man muß doch seinen stolzen Agnaten ehren, den großen Citoyen aus dem freiherrlichen Hause derer von Klotz. Vive la république! Vive la montagne! Vive Anacharsis von Klotz!« Bei der Erwähnung dieses Namens hatte der Enkel des bedeutenden Mannes sich plötzlich so energisch und straff erhoben, daß davon seine alten, aber noch sehnigen Gelenke in ein gelindes Knacken gerieten, hatte feierlichst den fuchsigen Zylinder gelüftet und sein dampfendes Grogglas mit dem seines Schwagers vereinigt. Dabei stachen seine nußbraunen, etwas rotunterlaufenen Äugelchen wie blutige Messerchen. Und in diesen Äugelchen stand eine ganze Geschichte geschrieben, eine Geschichte des Schreckens, durch die die geisterbleiche Anklägerhand Fouquier-Tinvilles sicher hindurch griff, um die Herren und Damen der Conciergerie zu dem ehrenwerten Citoyen Samson zu führen, dessen ›rasoir national‹ alles hinwegrasierte, was gesonnen war, sich der großen Idee des Konvents entgegenzustellen. Ja, Anatole von Klotz hatte sich zeit seines Lebens mit diesen furchtbaren Dingen beschäftigt. Sie sahen in seine Träume hinein, stiegen aus den Kirchenbüchern heraus, grinsten von seinen Wänden herunter. Er sah sie mit lebhaften Augen, wahrhaft und wirklich; nur – er sah sie verlähmt und verkrüppelt, wie durch einen feinmaschigen Straminrahmen hindurch, etwa so, wie nur ein vertrockneter Kirchenrendant und pensionierter Steuerbeamter sie zu sehen vermochte. Anders nicht. Sie waren Erscheinungen mit Kielkröpfen und purzelnden Beinchen, Fratzengebilde, Narrengesichter, die auf roten Karren heranrollten, Wirr- und Schwarbelköpfe mit Kokarden und Piken, die im Angesicht Seiner Majestät des Todes den Revolutionsplatz umtanzten und dann hingingen, um in Notre Dame der Freiheitsgöttin, Mademoiselle Maillard von der Großen Oper, die weißen Füße zu küssen. Karnevalpossen! – aber der gestrenge und zugeknöpfte Herr mit dem Marabukopf fühlte sich wohl in der grotesken Gesellschaft und hatte alljährlich die Freude, sie am zehnten November aus einer heißen, strammen, dampfenden und meisterlich hergerichteten Punschbowle steigen zu sehen. Und dieses Fest sollte bald kommen. »François, à votre santé ! – Madam Kürliß, Stoff – mehr Stoff! – Man muß ein übriges leisten – die heutige Stimmung benutzen – benutzen ... François, man ist Rheinländer – gewiß; Preuße, waschechter Preuße – kein Zweifel; ein treuer Diener seines angestammten Herrn und Königs. Man lebt gut und gerecht unter dem preußischen Kuckuck, aber das hindert doch nicht, die Freiheitsgedanken eines Hébert, Momoro, Chaumette und Danton zu würdigen und die geistige Bedeutung eines Citoyen, wie ihn mein Großvater Anacharsis Baron von Klotz glorreich verkörperte, in die richtige Beleuchtung zu rücken.« Erneut hob sich der abgegriffene Zylinder etliche Zoll von dem nur spärlich bewachsenen Schädel, während Madam Kürlitz in ihren abgetretenen Selfkantpantoffeln anschlurfte und frische Groggläser zubrachte. »François,« und die Gläser klingten wieder zusammen, »gedenken wir seiner! Frankreich, das Bluttribunal, selbst die Guillotine hatten Respekt vor dem Manne. Allerdings, bei ihm hieß das schließlich: Kopf ab! – War nicht anders zu machen, absolut nicht anders zu machen. Indessen jedoch, nur lediglich ›Kopf ab‹ für 'ne gigantische Sache. Kein Wunder! Alle bedeutenden Männer sind eines unnatürlichen Todes gestorben, so Alexander, Cäsar, Savonarola, Jesus von Nazareth. Warum sollte Anacharsis von Klotz eine Ausnahme machen? In diesem Sinne gedenken wir seiner. – Er lebe ...!« Die rechte Hand flog wieder nach oben und mit ihr die Manschette. »Halt!« Eine schnalzende Bewegung mit Daumen und Mittelfinger trieb sie sogleich in den Ärmel zurück. »Er lebe...!« Herr Türlütt tat ihm Bescheid. »Und du beehrst mich am zehnten November?« »So wahr mir Gott helfe! – ich komme,« beteuerte der Biedermann mit dem kurzen Untergestell und saugte den Rest des heißen Getränkes hinter seine rotgepunktete Weste, »aber,« fügte er mit gehobener Stimme hinzu, »das schließt keineswegs aus, daß wir auch dem Herrn Dechanten die ihm gebührende Ehre erweisen. Ich möchte dir daher zu bedenken geben ...« »Was soll ich bedenken?« »Beispielsmäßig, daß wir in ihm das Oberhaupt und den Hirten der hiesigen Gemeinde zu erblicken haben.« »Tun wir.« »Und daß du Kirchenrendant bist.« »Bin ich.« »Und ich die Bruderschaft Unserer Lieben Frau als Präsident vertrete.« »Tust du.« »Und daß der Altar zu den Sieben Schmerzen Maria schadhaft geworden« – hierbei seufzte der biedere Gottesmann tief aus der Weste heraus und verdrehte die Augen – »und wir als Kommission umgehend eingreifen müssen.« »Wollen wir.« »Und daß ... warte mal, Schwager ... ich meine ... wir dürfen die Zeit nicht verpassen ...« Er griff in die Westentasche, brachte eine Uhr zum Vorschein, drückte den Stecher und weckte ein scharfes Tinken in dem silbernen Zwiebelgehäuse. »Noch fünfzehn Minuten. Bitte, Frau Kürlitz ... nur zum Abgewöhnen und um meinem Schwager Gesellschaft zu leisten, nur aus diesem puren und alleinigen Grunde noch zwei Steife, Frau Kürliß,« und er wandte sich wieder an den Nachfahren des großen Anacharsis von Klotz, und seine Stimme klang erneut wie aus einer Gießkanne heraus, um schließlich zu einer schönen, tönenden und weihevollen Jerichotrompete zu werden: »Schwager, ich danke dir aus innigster Seele. Du gehörst auch zu den Großen im Lande. Ich meine: du bist ein würdiger Folger des stolzen Revoluzers ...« Er wurde unterbrochen. »Was – Revoluzer?!« Anatole von Klotz fuhr auf, wie von einer Hornisse gestochen. »Pardon, Schwager! Ich meine nur, Schwager!« »Was meinst du? – Was denkst du? – Was sinnst du? – O du kleinliche Seele! Der Mann, der die › Déesse de la Raison ‹ inthronisierte, den Samson auf das rote Gerüst komplimentierte und dem eine blutrote Dame das Genick abküssen durfte ... Schwager, ein Mann mit solchen Freiheitsideen, mit solchem Schafottheroismus, der ist unter die Märtyrer und Helden zu stellen, ist Citoyen, ist Welt- und Menschenbeglücker – und wer ihn als Revoluzer anspricht, den muß ich als Knollfink verschleißen. François, Knollfink!« Der rechte Arm fuhr zur Decke und mit ihm die Manschette. Als weiße Taube kam sie wieder herunter, wurde fingerfertig eingefangen und flugs in den Ärmel zurückgeschoben. »Sapristi! – das ist ja Mord an den höchsten Gefühlen der Menschheit, Verhöhnung des französischen Tribunals, Vergewaltigung des Freiheitsgedankens, das ist ja ...« Herr Anatole von Klotz schnappte nach Atem. Die kleinen Äugelchen schossen Blitze und sahen aus wie Tollkirschenbeeren. »Nicht so, nicht so!« wimmerte Herr Türlütt. Der überrumpelte Mann wollte rein auseinanderbrechen, mit Stumpf und Stiel in den Boden versinken. »Bei der Mutter Gottes von Kevelaer, ich bitte dich, Schwager ...« Er hob flehend die Arme. »Ach was, Schwager! Du gehst ja nur drauf aus, mir die Lorbeeren und Palmen vom Leibe zu reißen und den Ruhm des großen Reorganisators – ja Reorganisators – noch im Grabe zu schänden. So aber bist du immer gewesen. – Revoluzer! – Revoluzer! – Dieses entsetzliche Wort bringt mich um, würgt mich, schleppt mich unter den Galgen ...« »Nein, nein und tausendmal nein!« hielt Herr Türlütt ihm flehend entgegen und schlug verzweifelt die Hände zusammen, wie hilflos vor solchem Ausbruch dickfelliger Leidenschaft. »Du verstehst mich nicht richtig. Du bist auf dem Holzwege. Ich meine, du mußt das Wort ›Revoluzer‹ nicht übel vermerken, nicht auf die Goldwage legen. Es war ehrlich gesprochen und wollte besagen: Revolutionsheld – Blutzeuge – Gigant – Träger der Freiheit – würdig neben Robespierre und Danton zu stehen ... und daher, ich bitte dich, Schwager, den ›Knollfink‹ streichen zu wollen.« Der Marabukopf lenkte ein und nickte befriedigt. »Wenn es denn so ist ...« »So wahr mir Gott helfe, so wahr die Mutter Gottes von Kevelaer...« Herr Türlütt war die verkörperte Wehleidigkeit, ein wirklicher Büßer, zerknirscht bis in die Zehenspitzen hinein, und mit schöner, seliger Ergebung suchte er ein gerechtes Urteil von den noch immer gekniffenen Lippen seines Schwagers zu lesen, fand aber dabei noch Muße, einen scheuen Blick auf Madam Kürliß zu werfen, die von einer dampfenden Grog- und Pomeranzenwolke umhüllt, eben dabei war, die neue Lage vor die Gesichter der beiden Herren zu schieben. »Mynheers, die Grögchens sind fertig.« »Schön!« sagte der wieder besänftigte Kirchenrendant und faßte mit der Linken das Glas, mit der Rechten die Hand des Bußfertigen, der gleichfalls zupackte und mit getragener Duldermiene das › Absolve te ‹ des Gestrengen erwartete. »François,« und die Stimme des Sprechers war wie mit Daunen umwickelt, »irren ist menschlich, und ich irrte mich wirklich. Warum man aber auch so aufbrausen konnte? Unerhört! – aber das steckt mir im Blut. Das ist Revolutionsblut, Freiheitsblut. Drum keine Feindschaft nicht. Der ›Knollfink‹ wird hiermit gestrichen. Zum Wohlsein!« und die beiden sahen sich tief in die Augen – das sanfte Antilopengesicht und der strenge Marabukopf. Sie verstanden sich, und Madam Kürliß nickte, wiegte sich wohlgefällig in ihren abgetretenen Selfkantpantoffeln und sah zu, wie die heiße, dampfende Flüssigkeit den Weg alles Irdischen ging, und zwar so glatt und gefällig, als wäre das gebrannte Wasser eine Limonade oder der Absud eines laulichen Kamillentees gewesen ... und das gebrannte Wasser war allversöhnend, war milde und brachte die Herzen zusammen. »Anatole...!« »François ...!« Nein, diese Eintracht! – und die beiden rechtschaffen Herren stellten wie auf ein gegebenes Kommando die leeren Gläser beiseite, umarmten sich, drückten sich wechselseitig an die blaugestärkten Chemisettchen und gaben sich schließlich so treuherzig und biedermeiermäßig die Hände, als wäre dieser Händedruck dazu bestimmt, einen neuen Bund zu errichten, vierfach geknotet und doppelt gesiegelt – mit Gott für König und Vaterland, auf Leben und Sterben und so gütig leuchtend wie ein schönes, feierliches Licht von einem hohen Berge herunter. Hierauf tupfte sich Herr Türlütt mit seinem rot und blau bedruckten Schnupftuch gegen die Augen, während die Schneeflocken immer dichter und eisiger fielen und der blankgewichste Kanonenofen seine schönsten und hellsten Glühwürmchen in den Aschenkästen hineinpretzelte. »Anatole, du bist doch ein Faktotum von Mannbarkeit. Beispielsmäßig ein edler Charakter. Nu aber ...« Wieder tönte das klingelnde Tinken aus der silbernen Zwiebel heraus. »Abgemacht!« sagte der Kirchenrendant, »gehen wir. Indessen – es bleibt dabei: am zehnten November Punschbowle, Feier und so. Großartig! Nur schade, daß mein Junge absagen mußte.« »Wollte André denn kommen?« »Aber natürlich! Sein Nichterscheinen ist mir sehr gegen den Strich; aber Weihnachten kommt er.« »So? Weihnachten schon! War doch im verflossenen Sommer erst hier, und Heidelberg ist doch kein Katzensprung nicht. So'n Privatdozent hat doch auch seine Arbeit! – und ich war beispielsmäßig der Ansicht, er wäre gerade dabei, 'ne frische Idee auf die Beine zu stellen.« »Tut er, und trotzdem ...« »I der Tausend, da wird sich aber Fräulein Douwermann freuen!« »Wer wird sich freuen?« »Nu, dem alten Lehrer die seine.« »Wird sie, wird sie!« bestätigte Madam Kürliß, »denn was Fräulein Johanna bedeutet, die hat schon 'nen feinen Pli und ein richtig Benehmen. Die wischt man so den Erdenstaub von sich ab und will höher hinaus, weil sie die Ansicht vertritt: ich kann mehr beanspruchen als die gewöhnlichen Menschen.« Der Kopf des alten Herrn drehte sich ratlos auf dem Gänsehals herum. »Ich verstehe das alles nicht,« sagte er tonlos. »Aber Herr Baron! – Die Spatzen priestern's ja schon von den Roßäpfeln herunter.« »Was priestern die Spatzen?« »Na, das mit Johanna! – und wenn sie auch schon so halber mit dem jungen Lehrer Vogels versprochen sein soll, wenn ich Johanna Douwermann wäre, ich täte auch lieber 'ne Frau Baronin als 'ne simple Frau Lehrerin werden; denn es sticht doch mehr Propertee in die Sache, von der Noblesse nu mal gar nicht zu reden, und wenn ich mir selber alles genau überlege, so bin ich der Meinung, daß bei 'ner Lehrerpartie einem das Essen lang wird zwischen den Zähnen, bei 'ner baronisierten hingegen ...« »Und da glauben Sie ...?« warf der pensionierte Steuerempfänger energisch dazwischen. »Immerst man feste,« sagte die pummelige Frau und ließ ihre Goldspiralen glitzen und blitzen. »Ich für meine Person machte keine langen Fisimatenten. Das Baronisteren gefiel mir, und wenn ich an Stelle von Fräulein Douwermann wäre, ich glaube, daß ich zugreifen würde.« Die fuchsigen Haare auf dem altmodischen Zylinder des zugeknöpften Herrn sträubten sich merklich. »Sie sind wohl aus 'nem Affenkasten gesprungen!« »Gott soll mich bewahren im hohen Himmel da droben!« »Schwager,« sagte Herr Türlütt, und die Synodalposaune kam wieder in ein sanftes Klingen und Tönen, »wenn ich auch nicht behaupten kann, daß die Ansicht unserer lieben Frau Kürliß so gut destilliert ist wie ihr Pomeranzenlikör, ich auch annehmen will, daß der junge Herr Vogels schon so halber verlobt ist, man kann immer nicht wissen, ob sich irgend 'ne andere Sache nicht anspinnt; denn ich habe immer sagen hören, von zwei Äppeln ist einem der Borsdorfer allweil der liebste. Beispielsmäßig im vorliegenden Fall ...« »François ...!« warnte der Kirchenrendant. Seine braunen Pupillen hellten sich auf und stachen schon wieder wie scharfe Messerchen. »Schwager, ich kann mir nicht helfen ...« »Niemals!« Das knatterte wie ein Flintenschuß. Der niederrheinische Caballero streckte die Hand aus. Das steifgestärkte Röllchen schoß mit und wäre zweifellos der braven Frau Kürliß an den Kopf geflogen, hätte es ein scharfes Fingertrillern nicht in den Ärmel verwiesen. Dabei lachte der Inhaber so höhnisch und kurz auf wie ein Gespenst an der Kirchhofsmauer. »Das sollte mir fehlen! Das wäre schon das richtige Wasser auf die vornehme Mühle derer von Klotz! – Hahaha! – Mein Sohn, mein einziger Sohn, das köstliche Überbleibsel meiner seligen Gattin, dieser Streber und Denker, dieser Forscher und Kunstmensch könnte es über sich bringen, derartige bürgerliche Ambitionen zu hegen?! Utopisch – lachhaft – wirklich rein lachhaft! – Schön!« – und über das ausgemergelte Gesicht des Erregten lief ein satanisches Lächeln – »genügt es ihm, dem Mädel lediglich eine Trommel über die bürgerliche Schürze zu hängen ...« Madam Kürlitz machte das Zeichen des heiligen Kreuzes: »Um Gott, Herr Baron ...!« »Mir soll es egal sein!« klang es ihr schartig entgegen. »Aber ehelichen – ein gemeinsames Bett mit ihr teilen – blaues Blut verwässern zu lassen ...?! Lieber 'nen handfesten Mühlstein an das Wappen derer von Klotz, um es in die Tiefe des Rheines zu senken. Niemals! – Das bin ich meinem Geschlecht und meinem großen Vorfahren schuldig.« Er schwieg. Keine Bewegung mehr. Nur der große Vorfahre wurde geehrt durch eine Lüftung des Zylinders. Madam Kürliß drückte sich verängstigt hinter die Anrichte. Herr Türlütt jedoch wagte die peinliche Stille zu brechen. »Ich möchte bemerken,« sagte er ruhig, »die Douwermanns sind doch auch nicht so ohne.« »Was heißt das: ›sind auch nicht so ohne‹?« »Daß viele von ihnen zu den illustren Künstlern und Bilderschnitzern gehörten, und Fräulein Johanna diese Künstlerschaft als Erbe bekommen.« »Künstler, Künstler ...!« Der freiherrliche Kirchenrendant lachte verächtlich: »Mit solchem Speck werden keine Mäuse gefangen.« »Schon richtig; aber was Heinrich Douwermann war, der hat vorzeiten schon mit dem hochseligen Herzog Johann von Kleve an ein und derselben Tafel gesessen, und das ist so gegen Anno fünfzehnhundert und so und so viel gewesen.« »Als Künstler gesessen?« »Als Künstler.« »Wo steht das?« »In den Regesten der Stadt.« »Allerhand Achtung!« »Und wenn nicht alles trügt, hat selbiger Heinrich auch den Schrein zu den Sieben Schmerzen Mariä verfertigt und solchen in Gegenwart desselbigen Herzogs der Stadt übergeben. Wenigstens wird solches vom Herrn Dechanten behauptet.« »Vermutung!« »Wenn auch Vermutung; aber der junge Herr Vogels ist barbarisch dabei, solches festzustellen und den Nachweis beispielsmäßig aus den städtischen Akten zu suchen. Gelingt's, dann fällt auch 'ne gewisse Nobilität auf die Familie Douwermann und damit auch auf das hiesige Kirchspiel.« »Wenn auch,« hielt ihm der Alte entgegen. »Mir soll es egal sein! Sapristi! – ich pfeife auf alle Künstler und Künstlergenossen. Distanz, meine Herren! – Ist etwa ein Wappen vorhanden? – I prosit die Mahlzeit! – Hat einer von dieser Künstler- und Lehrergesellschaft die Revolution mitgemacht und die Göttin der Freiheit beschworen? – Nicht im entferntesten Traum. – Hat etwa die rote Madam irgendeinen Douwermann in den Nacken geküßt und ihm für Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit den Kopf vor die Füße geworfen? – Na, François, ich bitte um Antwort.« Herr Türlütt zuckte die Achseln. »Dann sind hiermit die freiherrlich von Klotzschen Akten geschlossen. Wir gehen zur Tagesordnung über, um am zehnten November den großen Tag zu begehen. Der ist mächtig mit Genius und Erinnerung behaftet. Vive la république! Vive la montagne! – François, los denn dafür!« Und da trieben die fetten und mageren Jahre in das lichte Schneegestöber hinaus und dem Portal der Sankt Nikolaikirche entgegen ... und in der Dämmerung der gegurteten Halle, da hob es sich auf, da stand es in seiner köstlichen Einheit, das Wunderwerk eines niederrheinischen Schnitzmessers: der Altar zu den Sieben Schmerzen Maria. 2 Der Dechant Petrikettenfeier ten Hampel, ein Mann in den siebziger Jahren, stand vor dem Altar der Sieben Schmerzen Maria und sah zu, wie etliche Zimmergesellen dabei waren, die Predella von dem Hauptschrein zu lösen. Kopfschüttelnd verfolgte der geistliche Herr das geschäftige Treiben, ermahnte zur Vorsicht und schien ängstlich bemüht, jede Störung der Arbeit so fern wie möglich zu halten. Sein Herz blutete. Wie war diese Beschädigung am Stamme Jesse nur möglich gewesen? Jahrhunderte hindurch hatte die barmherzige Hand des Ewigen gesorgt und gewaltet, waren die Greuel und Wirren des spanisch-niederländischen Krieges an diesem Mirakel des Schnitzmessers spurlos vorübergegangen, hatten die Trommeln des Generals Rabenhaupt vergeblich gegen die Pforten der Sankt Nikolaikirche gepoltert, und da mit einem Male und so aus völlig heiterm Himmel herunter war ein Tölpel von Mesner gekommen, hatte zugepackt und einen der schweren, gotischen Messingleuchter, die das Tabernakel flankierten, unbarmherzig gegen das köstliche Maß- und Rankenwerk der Predella gestolpert ... und nun grinste das Unglück aus dem Altarschrein heraus und krampfte das kunstverständige Herz des ehrwürdigen Herrn schmerzlich zusammen. Hilfe tat not, und es bedurfte einer geschickten Hand, den Schaden zu heben und das Werk erneut in seiner jungfräulichen Makellosigkeit erstehen zu lassen. Herrgott, dieses Meistergebilde! – eine Pilgerschaft der Seele, ein Sehnen und Suchen und ein Verkörpern unsagbaren Leids aus spätgotischen Formen heraus ...! – Nie wohl hatte ein Sterblicher Tieferes und Sinnigeres geschaffen. In reizvollen Motiven, umrankt von Drei- und Vierpässen und architektonischem Maßwerk, reihte er die Legenden neben- und übereinander, hatte er es verstanden, seine Kunst in den Dienst der Schmerzensreichen und des Allerhöchsten zu stellen. Wunder neben Wunder! Wie ein weltverlorenes Harfenklingen, wie ein verhaltenes Schluchzen und Weinen tönte es aus dem feingegliederten Aufbau, wie ein Harfenspiel am See Genezareth, wo der Flachs rot blüht und weiße Lilien die sanftgewellten Hügellehnen bedecken, wie ein Jammern und Seufzen auf Golgatha, als der Welterlöser sein Haupt neigte und starb, der Himmel sich verfinsterte und der Vorhang im Tempel mitten entzweiriß. Und der Dechant Petrikettenfeier ten Hompel, Ehrendomherr an der Kathedralkirche zu Münster, vernahm dieses Klingen und Schluchzen, schüttelte immer wieder den feinen, eisgrauen Kopf und wurde nicht müde, die subtile Arbeit zu fördern und mit seinem goldbeknopften Bambus vielsagende Zeichen zu geben. Nachdem der schadhafte Untersatz auf die Mensa gerückt war und sich die Gesellen verschnauften, winkte der kleine, lebhafte Herr einen grobknochigen, ganz in tiefstes Schwarz gekleideten Mann herbei, der augenscheinlich die Arbeit geleitet hatte und so würdig und feierlich aussah wie der Tag des Herrn oder wie das Antlitz der heiligen Apollonia aus Alexandrien, wenn sie einen kranken Zahn besprach und durch Auflegung ihrer Hände die Schmerzen hinwegnahm. Es war der Küster Jakob Bollig, ein Kerl, wie geschaffen, Bäume auszuheben, Dächer abzutragen und Steine zu wälzen. Unter seinen klobigen Fäusten, so schien es, mußten die heiligen Gefäße zerbrechen, und doch arbeiteten sie wie weiche, zierliche Frauenhände, und seine breiten Füße glitten dabei so sacht und geräuschlos über die harten Kirchenfliesen, als wenn sie über Samtdecken und Eiderdaunen gingen. Der Mann war in seiner äußern Erscheinung voller Gegensätze: ungelenk und doch voller Bewegung, ein kolleriger Puter und doch ein sanftmütiger Kapaun, und in dem brutal gesunden, jovialen und glattrasierten Gesicht lagen die verwaschenen Augen ohne Hoffnung und Sehnsucht und muteten an wie die trüben Unschlittlichtchen, die in einer Totenkapelle brennen. Die Stadt der heiligen Dreikönige und in ihr wieder die Gereonswallstraße konnten sich rühmen, ihn als den Erstgeborenen braver Schusterleute gesehen zu haben. Nebenan wohnte Ohm Jakob. Und dieser wurde sein Pate. Ohm Jakob trug gesteinte Ringe an den Weißwurstfingern und über dem soliden Bäuchlein eine schwergoldene Kette, stark genug, ein Mülheimer Bötchen vor Anker zu legen. Er war der Inhaber und Leiter eines vielbesuchten Hauses mit geblendeten Fenstern und einer roten Laterne, eines Hauses mit weißgespreiteten Betten, Marmortischen und hohen Spiegeln. Und in diesem Hause, das ein aufdringlicher Duft nach Heliotrop und Parmaveilchen durchwölkte, passierten eigentümliche Dinge, obgleich Ohm Jakob nie das Hochamt versäumte, klerikal wählte und dem Staate gab, was dem Staate gebührte ... eigentümliche Dinge! – und ein Herr im fettigen, abgelebten Frack, mit einer welken Nelke im Knopfloch, saß am Klavier und machte Musik und Stimmung dazu. Und der kleine Jakob war öfters auf Besuch bei seinem frommen Ohm und den vornehmen Damen, und sah das alles und durchlebte das alles; aber nach Kinderart und in schuldloser Weise. Und wenn er dann nach Hause kam, dann sagte die Mutter: »Jaköbche, nu halt aber freundlichst die Luff an, sons kümmt der Herr Kommissar hinter die fiese Geschichte, un dann könnte et, wie m'r eso sag, zu 'nem kleine Malörunglückelche komme. Un dat will m'r nich habe. Im übrige hat et nix ze bideute.« Und da hielt der kleine Jakob die Luft an, ließ sich von den jungen Damen mit Pralinés füttern und schloß eine schöne Freundschaft mit dem fettigen, abgelebten Frack und der welken Nelke im Knopfloch. Als er aber in die Jahre gekommen, las er in der Handpostille seines Vaters die Stelle: »Und Babel, die Unzucht, reitet auf einem rosinfarbigen Tier und ist lieblich und schön von Leibesgestalt und trägt einen goldenen Ring in der Nase. Von ihrem Munde jedoch geht ein giftiger Hauch aus, und er verpestet alle Geschlechter auf Erden.« Da gedachte Jakob ein Diener und Streiter des Herrn zu werden und mit flammendem Wort gegen das verlockende Weib auf dem rosinfarbenen Tiere zu Felde zu ziehen. Und der kleine Bekenner studierte. Er kam bis Untersekunda. Ohm Jakob hatte ihm bisher diese Wohltat verstattet, hatte gesorgt und gegeben, nachdem er durch seinen regen Betrieb sich ein erkleckliches Vermögen erspart und sich schließlich zur Ruhe gesetzt hatte. In grünen Plüschpantoffeln und einem Schlafrock von braunem Velvet hoffte er einen stillen Gottesfrieden und einen gesegneten Lebensabend zu finden. Er hatte sich redlich geplagt und durfte daher auch gewisse Ansprüche machen. Doch da starb er, nachdem er sein ganzes liegendes und bewegliches Eigen der alleinseligmachenden Kirche und dem Verein ›Zur Hebung der Sittlichkeit‹ vermacht, aber total vergessen hatte, seinen Neffen in die Heerohmestrümpfe und die geistlichen Schnallenschuhe schlüpfen zu lassen. »Siehst du nu, Jaköbche,« sagte die Mutter, »da habe mir der Hummersalat. Et schadet dem Käppesje ja nix, aber wofür der Unsinn! Un deshalb, Jaköbche: er war doch 'ne fiese Möpp, deine Ohm Jakob ...« und da blieb dem Enttäuschten nichts anders übrig, als den geistlichen Herrn schießen zu lassen, sich auf sich selbst zu besinnen und sich anderweitig nützlich zu machen. Aber Weihrauch, Klingelbeutelgezwitscher und Maiandachten, die mußte er haben; ohne sie war ihm das Leben nur ein tönendes Erz und eine klingende Schelle, und so blieb er denn im kirchlichen Fahrwasser, messedienerte sich durch die Jugendjahre hindurch, machte sich mit den Pflichten und Obliegenheiten eines Ministranten und Kerzenziehers vertraut, um schließlich die Würde eines Küsters auf seine frommen Schultern zu laden; erst im Kölner Sprengel, wo die Menschen spitze Gesichter haben und die Glocken nur mit einem mageren Gebimmel ihre Stimmen erheben, und dann am Niederrhein, im Kirchspiel von Sankt Nikolai, in der klevischen Gegend. Hier zwischen Weiden und Dämmen, wo im Juni das Grasmeer sich auf- und niederwellte wie eine mannshohe Dünung und die Glockentöne wie fette Wachteln und Graugänse über die Niederung ruderten, fühlte er sich wie die Ortolane im Weizen, lobte Gott und diente dem Herrn in getragener Einfalt. Langsam trat er von den Altarstufen herunter. Trotz der empfindlichen Kälte, die die Kirchenhallen durchwehte, schritt er wie durch die Wärme einer behaglichen Sonne oder eines wohligen Herdfeuers, zufrieden und glücklich, und nur die verdämmerten Augen glommen noch immer wie die trüben Unschlittlichtchen in einer Totenkapelle. »Herr Bollig,« meinte der Dechant, nachdem er zu verschiedenen Malen rückwärts geschaut und seine Blicke auf den Eingang der Kirche gerichtet hatte, »Sie haben doch den Herrn Türlütt verständigt?« Herr Bollig lächelte. »Gewiß, Herr Dechant,« sagte er ruhig. »Und den Herrn Kirchenrendanten?« »Auch der is bisorg.« »Dann begreife ich nicht, weshalb sie dem Ansuchen bis jetzt keine Folge gegeben haben.« »Hab' ich auch als gedach. Aber et jaloppiert sich so schnell nich. Un denn die Kälte; die is Giff für die Herren. Da bleib weiter nix übrig: mir müsse warte, Herr Dechant. Aber ich denken doch: gleich müsse sie komme.« Herr Jakob Bollig hatte richtig geweissagt. Die beiden erschienen, und Herr Türlütt, der etwas fuselselig heranpendelte, schmunzelte teils verlegen, teils gütig: »Pardon, Herr Dechant! Man muß die Umstände schon in die richtige Beobachtung nehmen. Beispielsmäßig das Wetter, 'ne gewiße Unpäßlichkeit und dann noch die Arbeit.« »Stimmt,« pflichtete ihm der Kirchenrendant bei und schliff gleichzeitig mit Mittel- und Zeigefinger zwischen Hals und Vatermörder hindurch, »man hat seine Bequemlichkeit nötig – hat für seinen Hausstand zu sorgen – und gehört auch nicht mehr zu den Jüngsten im Lande. Was dem einen recht ist, ist dem andern billig. Kurz, man hat schon seine täglichen Miesepetereien zu tragen.« »Auch seine Pflichten,« sagte der geistliche Herr mit etwas gehobener Stimme, »und deshalb bat ich Sie her, meine Herren, um mit mir Rats zu pflegen und die dem Altar zu den Sieben Schmerzen Mariä durch ein unseliges Mißgeschick zugefügten Schäden bald zu beheben.« »So, so! – bald zu beheben,« meinte der Kirchenrendant und wiegte den Marabukopf bedenklich auf den mageren Schultern. »Unglaublicher Zustand – unglaublich! Hörte bereits davon – aber nur wenig. War für einige Tage in Kleve – hatte Geschäfte – dringlich – sehr dringlich. Und da muß so was vorkommen! Wird Geld kosten – viel Geld... und ich möchte nur wissen: wie konnte eine derartige tiefbeklagenswerte Sache passieren?« »Wie eben ein Unglück geschieht,« versetzte der Dechant. »Aber ein solches läßt sich nicht rechten und richten. Wir müssen halt die Verhältnisse nehmen, wie sie nun einmal liegen. Eine ungeschickte Hand brachte den Leuchter zu Fall, und damit hat die Predella, leider sei es geklagt, schweren Schaden genommen.« »Predella, Predella!« ereiferte sich Anatole von Klotz, machte sich lang und streckte die Hand, mit der er den fuchsigen Zylinder hielt, so energisch von sich, daß die Manschette wieder davon fliegen wollte. »Nicht zu begreifen, fast eine Roheit, diesen heiligen Schrein so zu mißhandeln. Herrgott, diese menschliche Dummheit, um mich keines stärkern Wortes zu bedienen! Distanz, meine Herren... ich sehe mit leiblichen Augen und höre mit leiblichen Ohren: das weint und wimmert ja aus dem köstlichen Schnitzwerk. Herr ...!« und bolzengerade und drohend stand er plötzlich dem ahnungslosen Küster gegenüber. Die scharfen Lichter in seinen kreisrunden Augen begannen unheimlich aufzuleuchten. »Wo soll ich das hintun? Da müßte Herr Samson mit seiner Guillotine dahinter.« »Beispielsmäßig,« konstatierte Herr Türlütt. »François. ich bitte um Ruhe.« »Ich meine nur, Schwager.« »Herr ...!« und wieder nahm er den Küster aufs Korn. »Ich fordere Rechenschaft von Ihnen. Oder« – und seine Stimme nahm einen schartigen Ton an – »sind Sie vielleicht selber das unglückselige Karnickel gewesen?« Auch Herr Türlütt trat näher. »Beispielsmäßig. Herr Bollig?« Die Zimmergesellen grinsten. Der Küster wäre vor Entsetzen fast auf den Nacken geschlagen. Die Finger des aus seiner Seelenruhe gekommenen Mannes krümmten sich in den schwarzwollenen Handschuhen. Er streifte diese von den Fäusten herunter. »Herr, diese Bimerkung brauchen ich mir nich gefallen ze lasse! Nur gut, dat ich hier der Küster als Standesperson bin un nich der Herr Bollig, sons ... Wat meinen Sie wohl, wat ich dann täte? hier meine fünf Fingere künnten Ihr Ridaxionspültche verarbeite, dat Sie nich mehr wisse sollte, wo sich Ihr Kamesol noch bifindet.« »Ich bitte, Herr Bollig...« Der Dechant legte sich ins Mittel und versuchte, die etwas kritische und außer Kurs geratene Stimmung wieder in stille Wasser zu leiten. Endlich gelang's ihm. »Meine Herren, warum diese unnütze Debatte? Sie fördert in keiner Weise und schafft nur Gegensätze. Also lassen wir das. Die Erregung der Herren kann ich begreifen, und es ist schlimm und bitter genug, daß ein derartiges Mißgeschick über uns hereinbrechen konnte. Seien Sie überzeugt, es wäre mir lieber gewesen, Sie in einer freudigen Angelegenheit bei mir zu sehen. Aber ich betone nochmals: keine nachweisbare Verschuldung liegt vor. Nur die unachtsame Hand eines Ministranten tat uns diesen seelischen Schmerz an und verstümmelte ein christliches Kunstwerk in bedenklicher Weise. Bei dieser Gelegenheit möchte ich ferner der Erwägung anheimstellen, ob es nicht angezeigt wäre, das Mittelfeld des Schreines mit einem würdigen Gnadenbilde zu schmücken. Das jetzt vorhandene ist lediglich ein schwacher Ersatz für die in dunkeln und traurigen Zeiten auf unaufgeklärte Weise abhanden gekommene Pieta. Doch dieses nur nebenher, meine Herren. – Vor allen Dingen liegt es uns ob, den unermeßlichen Schaden baldmöglichst zu beheben und die Arbeit eines Meisters aus verklungenen Tagen wieder in alter Glorie und Reinheit erstehen zu lassen.« »Na denn,« sagte Anatole von Klotz, wandte sich an den noch immer mißgestimmten und schmollenden Küster und hielt ihm die Hand hin. »Nichts für ungut, Herr Bollig.« »Merci,« versetzte dieser nach einigem Zögern, räusperte sich und legte seine seifenschaumkalten, friseurglitschigen Finger in die des Kirchenrendanten. Die wechselseitigen Beziehungen schienen wieder hergestellt und alle Mißhelligkeiten behoben zu sein, als Herr Türlütt, noch ganz unter dem Bann der geistlichen Worte stehend und sichtlich von den Geisterlein des genossenen Grogs beeinflußt, in eine seltsame Bewegung geriet. Sie wurde äolsharfenweich und lau und erinnerte an das Säuseln der Trauerweiden, die sinnig und lieb das Grab seiner allzufrüh heimgegangenen Gattin, der ehrsamen Célestine, geborenen von Klotz, umstanden. Erschüttert suchte er in die Nähe der Predella zu kommen. Gott, was sah er nicht alles! Diese Verwüstung! Die Worte des geistlichen Herrn traten ihm erneut vor die Seele. Das waren sinnige Worte, ergreifende Worte, und alle trugen ein Dornenkränzlein um die hämmernden Schläfen. Herr Türlütt fühlte die getragene Weihe der jetzigen Stunde. Rosenfarbige, aromatische Punsch- und Grogdämpfe umgaukelten ihn. »Nein, dieser Meister aus verklungenen Tagen!« legte er los. »Wenn er das sähe, er müßte sich im Grabe noch umdrehen. Nun steht der Verstorbene vor den Trümmern seiner gemordeten Lebensaufgabe, seines unter Seufzern geschaffenen Werkes. Eitelkeit über Eitelkeit, alles ist eitel! O diese Menschen...!« – Und dann ward er gerührt, zog sein Schnupftuch und weinte still vor sich hin; denn er sah sich vor die Gewissensfrage gestellt, ob er nicht selbst einen großen Teil der Schuld hätte auf sich nehmen müssen. Er war doch der Präsident der Bruderschaft Unserer Lieben Frau und somit auch der Pfleger des Altars zu den Sieben Schmerzen Mariä. Hatte er in dieser Hinsicht überhaupt seine Pflicht getan? Hätte er nicht besser aufpassen müssen? Ja, das hätte er, das wäre er sich selber und dem ›Meister aus verklungenen Tagen‹ schuldig gewesen. Und jetzt stand er hier, gewissermaßen als ein verlorener Mensch, als ein Tempelschänder und ein großer, wenn auch reuiger Sünder. Immer nachhaltiger flossen die Tränen, immer lustiger griemelten die Zimmer- und Schreinergesellen. Der Dechant trat auf den Trostlosen zu und führte ihn seitwärts. »Herr Türlütt,« sagte er schmunzelnd, »darf ich mir eine unverbindliche Frage erlauben?« Der abgebrochene, aus dem Leim gegangene Riese nickte ihm zu, freundlich und schmerzlich. »Ja, Sie dürfen es, Sie dürfen fragen, Hochwürden. Ich bitte darum. O! – es ist für mich eine auserwählte Bekömmnis.« Gütig und wohlwollend tastete er nach der Hand des geistlichen Herrn. »Ja, fragen Sie nur, mein lieber Herr Dechant.« »Herr Türlütt,« sagte dieser mit einem gewissen schalkhaften Anflug, »draußen herrscht eine barbarische Kälte, und um diese zu bannen, haben Sie vielleicht etwas zu tiefgründig mit dem Gläschen geäugelt? Hand aufs Herz, mein lieber Herr Türlütt!« »I Gott bewahre, und nichts für ungut, Herr Dechant! Aber wer andern in der Nase herumpopelt, hat selber was drin.« Das gutmütige Antilopengesicht lächelte selig. »Gott sei Dank, nein! – bei Ihnen aber, Herr Türlütt ...« »Keine Spur von Idee! Wie werde ich denn, mein hochverehrter Herr Dechant l Agape, satanas! Alkohol ist Gift für die Menschheit und verdirbt den Charakter. Ich für meine Person genehmige nie einen Tropfen,« und feierlich hob er die Schwurfinger aufwärts, »so wahr mir Gott helfe, so wahr die Mutter Gottes von Kevelaer ... Aber es gibt Ausnahmen, Hochwürden. Beispielsmäßig, um meinem Schwager Gesellschaft zu leisten ...« »François...!« Herr Anatole drohte verwarnend mit dem Regenschirm und den verwahrlosten Fischbeinstäben. »Ich meine nur, Schwager ... beispielsmäßig, um uns für die lange Kirchensitzung zu stärken. Ach Gott, Herr Dechant! – dieser traurige Anblick und dieser ›Meister aus verklungenen Tagen‹! Diese menschliche Seele! Dieser Künstler, um sich so nach seinem gottwohlgefälligen Tode zertöppert zu sehen! Indessen, Herr Dechant,« und der prächtige Mann arbeitete sich wieder aus dem Pomeranzen- und Fuselnebel heraus und machte eine pompöse Handbewegung, »indessen, Herr Dechant, ich bin kein begüterter Mann, habe jedoch ein Herz und eine Seele von Gold und kann auch über etliche Papiere verfügen ... und wenn Sie gestatten,« und seine Stimme wurde schön und voll und tönte wie eine Domorgel am Tag der Verheißung, »im Angedenken an den ›Meister aus verklungenen Tagen‹ – ich trage die Kosten.« Dabei hatte er die Hände des vor ihm Stehenden ergriffen und schüttelte sie so gönnerhaft und treuherzig, als müsse er hierdurch eine edle Verpflichtung eingehen, eine Verpflichtung für immer, von jetzt an bis in alle Ewigkeit – Amen. Anatole von Klotz blies sich den Frost von den knochigen Händen und sah seinen Schwager an, als sei dieser wirbelsinnig geworden und unter die Verschwender gegangen. »Mensch, du,« rief er ihn an, »du bist wohl mit den Silbergruben der Kordilleren verschwägert?!« Dann aber, als er ihn so offen und ehrlich dastehn sah, die kleinen Saupostenaugen fromm und glaubensstark auf den geistlichen Herrn gerichtet, da legte auch er alle Bedenken beiseite, gab dem Großmütigen einen fidelen Klaps auf die Schulter und sagte: François, du schwingst dich auf zu höheren Sphären. Edle Anwandlungen – Kavalier – siebenzackige Vornehmheit – über Bürgertum hinaus – weit über Bürgertum ... und wenn auch kein blaues Blut dir den Adel verleiht, die Gesinnung tut es, und selbst mein großer Ahnherr, Anacharsis von Klotz« – dabei hob der Sprecher seinen schäbigen Zylinder langsam in die Höhe und ließ ihn wieder feierlich sinken – »hätte dich für würdig befunden, mit ihm für Gleichheit, Freiheit und Brüderlichkeit das Schafott zu besteigen.« Der Zylinder hob sich wieder: » Vive la république! Vive la montagne! – und Sie, Herr Dechant, was denken Sie über das Weihgeschenk meines vornehmen und sinnigen Schwagers?« »Wenn Herr Türlütt auch jetzt noch, und zwar aus reiflicher Überlegung heraus, die löbliche Absicht vertritt, dem versprochenen Anerbieten den entsprechenden Rückhalt zu geben, die Kirche würde sich ihm gegenüber für verpflichtet halten und solches in den Annalen dankbar verzeichnen.« »Herr Dechant« – und der kurzbeinige Gefühlsmensch schluchzte bewegt – »so wahr mir Gott helfe ...« Helle Tränen kullerten ihm über die kummerseligen und vom Pomeranzenlikör gedunsenen Wangen. »Denn zur Sache,« meinte Herr Anatole Baron zu Klotz, »und Sie, Hochwürden, haben wohl die Liebenswürdigkeit, uns mit der Materie vertraut zu machen und das Nähere in die Wege zu leiten.« Gemeinsam traten sie vor den Altarschrein, an dem die Schreinergesellen den Untersatz bereits auseinandergenommen und die Schäden bloßgelegt hatten. Jetzt erst sah man das Wunderwert in seinen einzelnen Teilen, vor denen die Seele erschauern mußte. »Der Liebenswürdigkeit eines unserer angesehensten Mitbürger haben wir es zu danken,« nahm nun Herr Petrikettenfeier das Wort, »daß die nicht unbeträchtlichen Kosten für die Erneuerungsarbeiten gesichert erscheinen. Die zweite Frage wäre: wem soll die Lösung dieser heiklen Aufgabe anvertraut werden?« »Sehr richtig.« bestätigte Herr Bollig. »Ersten Künstlerhänden natürlich,« ergänzte der Dechant. »Aber wo sind diese Künstlerhände zu finden? Unsere Zeit ist nicht reich daran, und dennoch glaube ich, diese Künstlerhände gefunden zu haben.« »Bravo! – und beispielsmäßig, die wären?« »Hierzu muß ich ausholen,« sagte der Dechant. »Kein Zweifel besteht: die Meister sämtlicher Altäre konnten einwandfrei aus den Regesten des städtischen Archivs festgestellt werden. Nur dem Schrein zu den Sieben Schmerzen Maria war bis jetzt dieses Los nicht beschieden, obgleich sich der junge Lehrer, Herr Vogels, alle Mühe gab, das mystische Dunkel aufzuhellen und Klarheit zu schaffen. Indessen – alle bis jetzt durchforschten Akten, Rechnungen und Bruderschaftslisten schwiegen darüber. Und dennoch: ich habe meine eigenen Gedanken und stehe nicht an, diese Perle auserwählter Holzbildnerkunst dem Meister Heinrich Douwermann auf sein Konto zu setzen.« »Das wäre denn doch ...!« ereiferte sich der Kirchenrendant. »Kaum glaublich! Dann hätten wir ja mit der seit Jahren aufgestellten Behauptung unseres braven Arnt Douwermann zu rechnen?« »Allerdings,« sagte ten Hompel. »Und Ihre Gründe, Herr Dechant?« »Ich komme später darauf; leider sind sie bis jetzt aus den Schreinsurkunden und Akten nicht zu ersehen. Aber gedulden wir uns. Der emsigen Forschung wird es schließlich gelingen, meiner Behauptung das Rückgrat zu steifen. Meister Heinrich ging seine eigenen Pfade, ganz unabhängig von der Kalkarschen Schule. Nur noch geringfügige Anlehnungen sind in seinen Werken verkörpert. Er war malerisch bis in die Zehenspitzen hinein, wenn er auch im großen und ganzen in Linien dachte. Beglaubigt von ihm ist der Marienaltar im Dom zu Xanten, und diesen habe ich als Basis meiner Betrachtung genommen.« »Und Sie folgern hieraus?« fragte der Kirchenrendant, machte den Hals lang und warf sich eine Prise Spaniol in die Nase. »Vergleicht man diesen mit dem zu den Sieben Schmerzen Maria, so drängen sich Ähnlichkeiten auf, die für meine Zwecke Erfreuliches zeigen. Bei beiden Altären noch der Sinn für spätgotische Formen, nur anders, abgeblaßter und selbständiger wie bei den zeitgenössischen Werken. Eigenes Erleben beginnt schon seine Wurzeln zu schlagen. Die Neuzeit dämmert herauf. Das Malerische offenbart sich in sieghafter Kraft. Der Gedanke wird freier. Hier wie dort die Piastik von Bewegung und Leben, drängen die weiblichen Formen nach Reife, schmiegen sich die Gewänder eng um sie her und kommen die Gegensätze von Licht und Schatten zu einer glücklichen Lösung. In beiden Werken ist der Künstler gewissermaßen der Vermittler zwischen Derick Jeger und dem Schöpfer des Berendonkschen Kreuzwegs in Xanten. Beide Altäre haben ihre persönliche Note. Hier wie dort das ruhige und abgeklärte Gefüge der Körper und die straffe Zucht des Schnitzmessers mit Rücksicht auf die Gestaltung der Massen. Nur dem Kopfe ein und desselben Meisters konnten diese Werke entspringen, und daher bin ich der felsenfesten Überzeugung, obgleich die schriftlichen Beweise noch fehlen: wie er den Marienaltar in Xanten geschaffen, so ist Heinrich Douwermann auch zweifelsohne der Schöpfer des hiesigen Schreines zu den Sieben Schmerzen Maria gewesen, und somit, meine Herren ...« Eine Bewegung entstand. Die Zimmer- und Schreinergesellen, die mittlerweile auch die letzten schadhaften Reste beseitigt und das krause und verzwickte Ranken- und Maßwerk der Predella völlig auseinandergelegt hatten, steckten die Köpfe zusammen. Einer von ihnen hatte etwas gefunden, ein unscheinbares Ding, gewissermaßen ein Garnichts – und trotzdem... Zwischen den Verkröpfungen des Wurzelstockes Jesse, ganz zu hinterst, in einer verlorenen Ecke, bisher jedem menschlichen Auge verborgen – da hatte es gelegen, unscheinbar und mit einem seinen, grauen Mulm überzogen. »Was gibt's da?« Herr Bollig packte zu. Ein Messer ...! – nicht groß und mit hölzernem Handgriff. Der Küster wischte den Staub von der Klinge, säuberte das Heft und sah eingegrabene Zeichen und Zahlen. »Da kann m'r ja tirek der Tummeleut schlage for Freud, wo einem eso wat bigegnet. I zum Takerent noch emal! – da soll m'r an 'ne Vorsehung nich glaube?! Ich bitte, Hochwürden.« Er reichte ihm das Fundstück hin. Der Dechant nahm es, zog die Augenbrauen zusammen und las die verwaschenen Buchstaben, erst flüchtig und fahrig, dann nochmals, aber nachhaltig und schärfer und schließlich mit der sinnigen Ruhe eines Forschers, gewillt, jeden einzelnen auf Herz und Nieren und seine lautere Echtheit zu prüfen. Und als er alles genau überlegt und erwogen hatte, als er sich nicht mehr irren konnte, da wurde er fröhlichen Sinnes, und über seine stillen und versonnenen Züge breitete sich ein seliger Abglanz. »Es lag bis jetzt ein eigentümliches Dunkeln und Dämmern über diesem Schrein,« sagte er hierauf. »Alle Bemühungen, einen Strahl der Erkenntnis in das mystische Träumen zu bringen, mißlangen. Schließlich aber stand der Tag auf den Bergen. Aber er kam nicht in seiner gewöhnlichen Weise, nicht mit seinen Vorboten und seinem leisen Gesäusel. Nicht mit dem fahlen, langgezogenen Streifen im Osten und dem verworrenen Vogelzwitscher im Heidekraut. Nein, er kam aus vollem Dunkel heraus, so ganz unvermittelt und herrisch, selbstgefällig und hell wie das Licht, und sagte: Hier bin ich. – Ja, meine Herren, nun steht der Tag auf den Bergen, und mit ihm ist das Wissen gekommen. All dieses Tasten und Suchen, all dieses Vermuten und Wiederverwerfen ist nun eitel und nichtig geworden. Wir haben die Wahrheit. Was Jahrhunderte hindurch verschwiegen und stumm war, dem wurde die Zunge gelöst; was scheinbar tot war und nicht zu atmen vermochte, dem wurde Leben und Odem gegeben. Meine Vermutung hat Fundament und Basis erhalten. Ja, es geschehen noch Zeichen und Wunder! Ein Zufall machte uns sehend. Kein Zweifel mehr« – und die Stimme des Sprechers nahm einen seidenglänzenden und sonnigen Ton an – »der Altar zu den Sieben Schmerzen Maria hat seinen Meister gefunden.« Er zeigte das Messer. »Hier auf dem Heft ... ganz deutlich ... Bitte, meine Herren, lesen Sie selber! Ganz einwandfrei ... Heinrich Douwermann, Anno Domini 1520.« Triumphierend sah sich der kleine, lebhafte Herr um. »Jesus, Maria un Joseph ...!« sagte Herr Bollig. »Allen Respekt,« pflichtete der Kirchenrendant bei. »Fein gegeben, Herr Dechant! Bewundernswert! Ich stimme zu, man kann sich diesen Argumenten nicht mehr verschließen. Man muß eben glauben – glauben – unbedingt glauben. Kein anderer Ausweg mehr möglich – absolut nicht mehr möglich.« »Und daher,« stellte der geistliche Herr mit apodiktischer Sicherheit fest, »dürfte sich der zweite und letzte Punkt der Tagesordnung von selber erledigen.« »Wieso das, Hochwürden?« Herr Anatole von Klotz ließ die stechenden Äugelchen blinken. »Die Wiederherstellung der Predella, desgleichen die vorgesehene neue Pieta – alles das muß in der Familie Douwermann bleiben.« »So?!« fragte der Kirchenrendant, und dieses ›so‹ hatte eine Auslage wie der Busen einer schlampigen Köchin. »Ja, Herr von Klotz. Urkundlich steht fest, daß die hiesige Familie gleichen Namens identisch ist mit der aus dem fünfzehnten und sechzehnten Jahrhundert. In unserm hochachtbaren Mitbürger Arnt Douwermann sehen wir einen direkten Nachkommen des gefeierten Meisters und in der Tochter Johanna eine Erbin seiner Kunst, die ihresgleichen sucht bis weit in die Niederlande hinein. Wenn auch das geflügelte Wort, der Prophet gilt nichts in seinem Vaterlande, noch immer sein Unwesen treibt, so möchte ich doch meinerseits dieses Unwesen nicht fördern. Alle Gründe sprechen dafür, ihr die Arbeit anzuvertrauen. Ich bitte um Ihre diesbezügliche Ansicht. Herr Türlütt ...?« Mit einem seinen Lächeln glitt das weißhaarige Männchen über das schwammige Antlitz des fettleibigen Biedermannes, der sich zappelig in den breiten Hüften schaukelte und nicht so recht wußte, was er mit den präzisen Worten des Fragestellers anfangen sollte. Nachdenklich wiegte er den Antilopenkopf auf den gedrungenen Halswirbeln, von dem Herr Anatole behauptete, selbst ein Meister wie Citoyen Samson hätte seine ganze Kraft aufbieten müssen, ihn dem Besitzer sachlich und regelrecht vor die Füße zu legen. »Wenn mein Schwager die nämliche Ansicht vertritt,« meinte er schließlich, »so wäre ich beispielsmäßig nicht abgeneigt ... Also ich bitte, Herr Schwager!« »Hm!« sagte dieser, und zwar mit einem so wichtigen Gesicht und einem so gezwungenen Lippenspiel, als habe er schwer und tiefgründig sein eigenes Ich zu erforschen – alles dazu angetan, das Ansehen seiner Person in die beste Beleuchtung zu setzen. »Ich hörte. Leider neigen die Douwermanns etwas zum Hochmut. Wollen höher hinaus – aus dem bürgerlichen Dunstkreis hinaus. Gott, diese Leutchen! – Unmöglich! – Im übrigen gutes Milieu – stramme Gesinnung – sehr stramm – fast vornehm, Herr Dechant. Besonders die Tochter – ganz passabel – mehr als passabel. Hegt ihrerseits Ambitionen – große – sehr große. Utopisch! – Nicht zu verwirklichen. Indessen jedoch ... Ich ehre die Kunst – bin Gönner – Mäcen ... wenn auch nur theoretisch, Hochwürden. Für die Praxis ist mein Schwager in die Verlängerung gesprungen – hat gezeichnet und ist willens, den Beutel zu ziehen. Nobel, sehr nobel. Maecenas atavis ... Für meine Person habe gar nichts dagegen – ich meine das mit Fräulein Johanna ... und somit: die Arbeit möge in der Familie Douwermann bleiben.« »So wäre hiermit der Pakt getätigt und die Sitzung geschlossen,« schmunzelte Hochwürden, »und wenn mir die Herren Vollmacht erteilen, bin ich gerne erbötig, die freudige Nachricht in die richtigen Hände zu legen.« Der Herr Kirchenrendant nickte, ebenso Herr Türlütt, desgleichen Herr Bollig. Klingend stieß der Dechant das goldbeknopfte Rohr auf den Estrich: »Mit Gott denn!« Er wandte sich zum Gehen und hüllte sich fester in seinen Düffelmantel. »Herr Dechant ...!« »Was soll's noch?« »Ich erinnere an den zehnten November,« bemerkte Anatole und machte dazu eine getragene Geste, die auf das Bedeutsame des Tages noch besonders hinweisen sollte. »Der zehnte November ...?« Herr Petrikettenfeier ten Hompel war so recht nicht im Bilde. »Aber ich bitte ...!« Herr Türlütt suchte, ihm das Bild vor die Seele zu stellen. »Punschbowle und so,« sagte er hastig. Die Wundspitzen machten gleichzeitig eine saugende Bewegung. »Bist du gefragt?« blitzte ihn Anatole nieder. »Immer diese nebensächlichen Dinge. Keinen Blick für das Große. Hauptsache ist: wie alljährlich will ich am zehnten November das Revolutionsfest begehen und möchte Sie ansprechen, Herr Dechant, die kleine Feier beehren zu wollen.« Herr Petrikettenfeier ten Hompel wiegte schmunzelnd den Kopf. »Also noch immer dieser alte Traum, um nicht Marotte zu sagen?« »Marotte, Marotte?!« Herr Anatole kreuzte die Arme, steif und hochfahrig, um zu beweisen, was er von dieser Äußerung hielte. »Marotte, Hochwürden?! – wo diese Marotte doch das imposanteste dramatische Spiel aller Zeiten und Völker widerspiegelt und mein großer Vorfahr, Anacharsis von Klotz, dieser Marotte zuliebe den Heldentod starb?! – Distanz, meine Herren! – Samson – Messerchen – blank – sehr blank ... und dann senkte sich der rote Vorhang herunter.« Der Dechant legte ihm die Hand auf die Schulter: »Nur nicht über den Zaun fort, mein Bester. Alles hat seine Zeit. Steine sammeln und Steine zerstreuen. Auch überlegen hat seine Zeit. Ich muß mich erst in Ihre Ideen wieder hineinfinden. Sie sind krauser Natur und nicht jedermanns Sache. Aber Ihnen zuliebe und wenn Sie jetzt noch wollen ...« »Aber natürlich! Eingeschlagen, Herr Dechant!« und die Hand mit der vorwitzigen Manschette streckte sich aus. »Eingeschlagen!« und damit empfahl sich Hochwürden. »Und du?« wandte sich Anatole an seinen Schwager. »François, was stehst du noch hier? Du gedenkst hier wohl Hütten zu bauen?« »Ich? – Nee! Ich komme schon mit; habe beispielsmäßig noch mit Madam Kürliß zu sprechen.« »Ich auch.« »Aber nur, um dir Gesellschaft zu leisten,« sagte das Antilopengesicht, und sie verließen selbander die Dämmerungen der Kirche. Herr Bollig sah den beiden nach, knackte mit seinen Fingergelenken und dachte sich das seine. 3 Keine dreihundert Schritte von der Sankt Nikolaikirche entfernt, auf der Herrenstraße, die sich in großem Bogen um den westlichen Stadtteil herumzog, lag das Haus des emeritierten Lehrers Arnt Douwermann. Es stand mitten in einem räumigen Garten, woselbst in sommerlichen Tagen Phlox, Feuerbohnen, Zentifolien und Nelken blühten und stattliche Baumkronen ihren wohligen Schatten verstreuten. Mit seiner hintern Front stieß dieser Besitz an ein langsam fließendes Wasser, über das hinaus der Blick in endlose Wiesen und Weiden hineinging, eine weite Niederung, mit Dämmen und Deichen durchquert und von dem schwermütigen Säuseln kanadischer Pappeln umzittert. Jetzt lag alles verschneit, wie in Watte verpackt, und das Leben, das frierend an dem kleinen Anwesen vorbeihuschte, ging auf lautlosen Socken. Nur auf dem nackten Birnbaum, der seitlich der blaugestrichenen Haustür aufragte, hockte ein gedunsener Krähenvogel, plusterte den schwarzen Kittel und suchte durch ein heiseres Krahahen die spitzbübische, nadelscharfe Kälte weniger empfindlich zu machen. Über der schneeverwehten Haustür stand ›Salve‹ geschrieben, und dieses ›Salve‹ war weiß überglitzert und mit Eiskristallen umhangen. Der Eingang war niedrig, und man mußte den Nacken bücken, um nicht gegen den tiefliegenden Oberbalken zu stoßen. Salve! – und wenn ihr eintretet, dann wendet euch zur Linken, pocht leise an und drückt auf die Klinke. Hinter der ersten Türe befindet sich das Wohn- und Studierzimmer des alten Herrn. Es ist eine einfache, aber geräumige Stube. Drei Fenster mit Schieberahmen geben ihr eine freundliche Helle. Vor den blanken Scheiben hängen weiße Mullgardinen, an den Wänden alte Kupfer von niederländischen Meistern. Nichts Halbes; alles gediegen und vollwertig. Eine kleine, aber gewählte Handbibliothek, klassischen und theologischen Inhalts, füllt den Raum zwischen den Fenstern. Friedlich stehen des Eutiner Schulmagisters Werke neben denen der Gebrüder Grafen von Stollberg. Annette von Droste ist da, der krause Achim von Arnim und Klemens Brentano mit seiner rührsamen und seinen Geschichte ›Vom braven Kasperl und dem schönen Annerl‹. Neben den weltlichen begrüßen uns die frommen und asketischen Bücher, so die theologischen Schriften des Jakobus Canisius aus Kalkar, Vetter des seligen Peter Canisius S. J., und des trefflichen Heinrich von Venedien Predigten, die er unter dem Titel ›Fruchtbarer Himmelstau‹ zum Beschluß seines erbaulichen Lebens edierte. Seitlich des mittleren Regals ruht ein grobbehauener Stein auf einem niedrigen Rüstwerk, ein Überbleibsel des einst prächtigen Montores, das vor vielen Jahrzehnten niedergelegt wurde. Arnt Douwermann rettete den Fund in seine stille Behausung. Als Inschrift sind die Worte eingemetzt: »Mille et quingentos post et bis quatuor annos Lustris quando novem des quoque lustra novem Ante diem Cristi, peperit quo Virgo Maria, Urbis ab Hispano tanta ruina fuit ...« was besagt, daß an diesem furchtbaren Tage der Admiral von Aragon, Don Francesco de Mendoza, seine Bombarden und Feldschlangen spielen ließ, hierzu den spanischen Marsch über die Mauern zu trompeten und zu trommeln befahl und dem roten Gockel gebot, auf die trockenen Sparren zu fliegen. Ein Aschenregen kam über die Stadt und Brunst und Brand, und was sollst noch geschah, das erzählt das gerahmte Pergament, das über dem Stein an der Wand hängt, in lateinischer Fassung, die, ins Deutsche übertragen, also vermeldet: »Am Tage Heiligabend und im Jahre des Herrn 1598, als der Spaniol gar schrecklich wütete, begab ich mich, ich meines Namens und Zeichens Joris Douwermann, Magister der freien Künste und Urenkel des gefeierten Schnitzers, in die Sankt Nikolaikirche, um im Namen des dreieinigen Gottes meine Andacht zu verrichten und die seltenen Altarschätze in den Schutz und Schirm einer gütigen Vorsehung zu stellen. Sankt Nikolaus bat ich um freundlichen Zuspruch, Sankt Anna um Beistand und die allerseligste Mutter des Herrn um liebreiche Hilfe bei ihrem göttlichen Sohn und den Chören der Engel – als ein spanischer Reiter erschien, ein Trunken- und Raufbold, der seinen langen Schatten wie die schleichende Sünde hinter sich her schleppte. Des Schandbaren Hände streckten sich aus, griffen nach den heiligen Gefäßen, so sich im Tabernakel befanden. Schon hatte er die silberne Monstranz und die köstliche Pyxis ›pro sacro oleo infermorum‹ zwischen den Händen, als ich laut in meiner Nische zu beten anhub und also redete: ›Michael, Archangele, veni adjutorium populo Dei!‹ Dann war ich bei ihm. ›Herr,‹ schrie ich ihn an, ›so Ihr unsern Herrn Jesum Christum beraubet, seid Ihr ein Kind des Todes!‹ Er aber lachte mich aus und hielt mir sein schweres Reiterpistol entgegen, willens, mir das infame Teufelslot zwischen die Schläfen zu pulvern. Was dann geschah, ging wie eine Feuerbrunst an meinen Sinnen vorüber. Bevor er noch abdrücken konnte, hatte ich den schweren Leuchter, so seitwärts des Tabernakels aufragte, vom Tische des Herrn gerissen, ihn wie eine Keule geschwungen, herzhaft und bieder, und ihn alsdann mit dem Jubelruf ›Im Namen des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes!‹ auf den Schädel des Tempelschänders geschmettert. Der Tod stand neben mir. Aber ich konnte noch lächeln und wie Franziskus Seraphikus dem Herrn lobsingen; denn ich hatte in seinem Namen gehandelt und war rein und sorglos in meinem Gewissen geblieben. Und so sah ich denn, wenn auch verstörten Sinnes, so doch freudigen Herzens, zum Gekreuzigten auf und sprach die Worte: ›Per signum sanctum crucis libera nos Deus noster!‹ und ging meines Weges. Weder Runde noch Sentinelle derlegten mir die Gasse. Andern Tages zog der Spaniol weiter rheinaufwärts. – Solches habe ich niedergeschrieben, nicht im Hinblick aus meine Tat und aus lauterm Ehrgeiz heraus, sondern zum Zeichen dessen, daß unser himmlischer Vater auch allmächtig und stark ist durch ein schwächliches und armseliges Werkzeug. Und solcherlei Art und Gesinnung bin ich, ich Joris Douwermann, Magister der freien Künste zu Kalkar und Urenkel des ruhmreichen Schnitzers. Möge der Tod mir leicht werden und der Herr mich berufen zu einer glorreichen Anschauung des ewigen Lebens.« So das Schriftstück ... und weiter: an der freien, breiten Wand neben dem altfränkischen Sofa mit den gehäkelten Schonern und den mit bunten Perlen bestickten Schlummerrollen ziehen sich Glasschränke hin, reichlich mit ausgestopften Vögeln, ihren Nestern und Eiern bestellt; denn Arnt Douwermann ist von jeher ein großer Ornithologe gewesen, ein Mann, der das Leben in der Natur belauschte, Zwiesprache mit ihm hielt und wußte, was das Rotkehlchen bewegte, wenn es mit großen Augen und klopfendem Westchen seine anspruchslose Strophe in den laulichen Frühlingsabend hinausdämmerte. Und dort hängt so ein Rotkehlchen in einem mit frischem Tannengrün geschmückten Bauer, hat aber freien Flug und sitzt wie von Träumen umgaukelt, als vernähme es das Klingen der Eiskristalle draußen im Winterwald und das feine Knistern der Schneeflöckchen zwischen den Zweigen. Und dazu zwitschert es heimlich und leise. Und durch dieses Gezwitscher hindurch klingeln die Eiskristalle, immer schöner und heller, wirbeln die Schneeflocken, immer reicher und lustiger, wispert der Wisperwind, geigen die Heimchen am Herdfeuer ... und niemand hört es, niemand, keine menschliche Seele. Und doch hörte es jemand. – Ein stiller und versonnener Mann, der mit seiner langen Kalkpfeife seitlich des Ofens saß und in das Schneetreiben hinaussah, vernahm es mit innigem Schmunzeln und in der Feiertagsstimmung einer geläuterten Seele. Und dieser Mann gehörte zu denen, die von sich sagen mochten: »Ich habe ein langes Leben durchlebt, abseits der großen Heerstraße, von meinem Herrn und Heiland geleitet. Tage der Arbeit und Stunden der Muße, sie reihten sich aneinander wie die Bilder in einer Zauberlaterne. Meine Gedanken und Werke waren schlicht und einfach, ohne viel Aufsehens zu machen, und dennoch waren sie wie ein Blinkfeuer, das über das Meer dahinlief. Sie schienen heiß wie die tropische Sonne und dennoch kühl wie die Winde, die von Osten kommen. In mir wohnen zwei entgegengesetzte Naturen, die sich wechselseitig befehden. Und dennoch ergänzen sie sich. Ich bin ein gerechter und milder, aber auch ein harter und unbeugsamer Richter gewesen. Ich fürchte den Tod nicht und das nicht, was nach ihm kommt. Ich lebe gern und freue mich meines Daseins. Aber werde ich abberufen, ich gehe unbefangenen Herzens und harre des Urteils.« – »Er hätte die Bibel schreiben können,« sagten die Leute ... und er sah auch so aus, als wenn er sie geschrieben hätte. Arnt Douwermann, groß und hager gewachsen, stand in der Mitte der siebziger Jahre, mit schneeweißem Scheitel und einem fließenden Bart, graulich wie die zarte Asche von einem Holzkohlenfeuer und weich wie seidenfadiges Ziegenhaar; und wenn er in sommerlichen Tagen, mit brennender Kalkpfeife, die leichte Schirmmütze etwas zur Seite gerückt, über die Äcker und Felder seiner Heimat spazierte, mit kindlichen und herrischen Augen die weite Landschaft absuchte, dann mutete er an, als wäre er für die Gegend eigens geschaffen. Er gehörte zu ihr wie die bedächtigen Windmühlen und wie die todstillen Wasser, die nur zur Frühlingsschmelze unruhig wurden und aufbegehrten, als wären sie im Fieber gewesen. Er wurzelte in ihr wie die endlosen Wiesen und Weiden und die alten Schleusenwerke, die der Stauflut geboten: »Bis hier und nicht weiter,« und dadurch das Binnenland vor der Versandung bewahrten. – Und so waren die Jahre gekommen und die Jahre gegangen. Aus dem jungen Magister war ein alter geworden und aus dem alten einer von denen, die ihr Amt niedergelegt hatten, um nach wohlverbrachtem Sorgen und Schaffen sich allmählich in die weißen Kissen zu drücken und der ewigen Anschauung Gottes teilhaftig zu werden. Und so saß er denn in seinem bequemen Binsensessel, blies zierliche Ringel zur Decke und sah in das Schneetreiben hinaus, das immer emsiger und flockiger niederkräuselte und alles Leben mit einem wohligen Weltvergessen bedeckte. Aus dem gartenwärts gelegenen Nebenraum klang zuweilen ein Raspeln und Feilen und das näselnde Geräusch eines Schnitzmessers herüber. Dazu plauderten die Buchenkloben behaglich ins Zimmer hinein, lichte Fünkchen knisterten nieder, und das Rotkehlchen sang erneut seine anspruchslose, vernebelte Strophe – ganz fern, wie über den Wald fort, wie aus einem zarten und duftigen Musselinschleier heraus. So ein Rotkehlchen – so ein armseliges, so ein kleines, verträumtes! – und als es sang, da kam dem einsamen Mann die Jugendzeit wieder, und er schritt als junger Magister über den Paternosterdeich und ging zu den Stauwerken und weiter landeinwärts, wo der Schleusenmeister Grades opter Heyden an einem kleinen, mit Schilf und Erlen umstandenen Binnensee wohnte. Aber unter den roten Ziegeln, da wohnte auch sie, sie, die einzige Tochter des weltfremden Mannes, der mit dem gespenstischen Deichreiter auf du und du stand und die lautlosen Schreie der Dämme hörte, wenn sie in Not waren. Er sprach nur selten; aber wenn er es tat, dann rollte seine Stimme wie die Sturmglocke auf dem städtischen Rathaus. Das war meistens in den Hochwasserzeiten, und dann ging Grades opter Heyden in Südwester und Ölrock einher und lachte in die gelbe Stauflut hinein und legte ihr die Kette zwischen die grimmigen Zähne – und bändigte sie und peitschte sie wie heulende Wölfe über die Deiche zurück. So war das schon vierzehn Jahre gegangen, und neben ihm wuchs seine Tochter heran. Deren Schritt ähnelte dem der Nonnen, und ihr Leib war weiß und rein wie die Hostie in der Hand eines Priesters. Der junge Magister und die schöne Maria opter Heyden kannten sich und kannten sich doch nicht. Sie gingen aneinander vorüber wie Haß und Liebe, wie Frost und Flamme. Dennoch begegneten sie sich nachts im Traum, und dann war es ihnen, als wenn der Duft von blauen Glyzinen über sie herfiele. – Es war Juni geworden. Aber den Wiesen und dem stillen Wasser, auf dem jetzt die Teichrosen blühten und an dessen Rand die Schwertlilien ihre gelben Lichter aufgesteckt hatten, breitete sich ein Sommerabend von unendlicher Klarheit. Von den immensen Grasflächen kam das Dengeln und das einförmige Sirren der Sensen herüber. Da lag er am Ufer zwischen Erlen und Wasserhanf und sah über den blanken Spiegel hin und verfolgte die zierlichen Jungfern, die gleich stahlblauen Nadeln den weichen Abend durchstießen. Es war eine Sabbatstille ringsum wie am Tage des Herrn ... und durch diese Sabbatstille hindurch ... ein Plätschern und seliges Rauschen ... Dann sah er. Bei Gott, er wollte nicht sehen! Es war nicht seine Schuld, daß er in Gottes Himmelreich schaute, in seine Wunder hinein und in alles, was sein war. Maria opter Heyden – da stand sie zwischen Seerosen und hängenden Zweigen – nur für eine Gedankenspanne, kaum daß das Herz dreimal zu schlagen vermochte, um dann lautlos zu schwinden. Ein blutroter Nebel bedeckte ihn, ein Branden und Brausen ging über ihn fort. Er hatte gesehen. »Küsse mich!« schrie seine Seele, und seine Schläfen hämmerten gegen den feuchtwarmen Boden, als wollten sie springen. Lavaströme hüllten ihn ein ... und doch war der Abend so laulich und weich wie die fernen Stimmen der Sensen, die langsam erstarben. Drei Tage später lag er vor ihr auf den Knien. – »Du!« sagte sie mit aufgerissenen Augen. »Du hast mich gesehen?« – »Wie ich dir sagte,« schluchzte er heftig. Feuer fiel über ihn her. Sie war totenbleich geworden. Ihre Hände streckten sich abwehrend aus. »Barmherziger Gott! – dann, dann ...« Sein Blick suchte flehend den ihren, »Heilige,« schrie er auf und war in die Höhe gefahren, »du und ich, wir gehören zusammen!«– »Nein, nein!« – Sie suchte sich aus seinen Armen zu winden, sie stieß ihn zurück, um ihn dann an sich zu ziehen und ihren heißen Mund auf den seinen zu heften. Sie küßte ihn nicht, sie biß und trank seine Liebe. Ein roter Tropfen fiel von seinen Lippen herunter. »Nimm mich, nimm mich; aber das weiß ich: ich gehe an deiner Liebe zugrunde!« Wie das Rotkehlchen sang! – In dem kleinen Magisterhause wohnte das Glück, lebte die Freude, nahmen sich die Tage bei der Hand wie spielende Kinder auf einer Frühlingswiese. Nie war der Magister so versonnen und gütig, nie sein junges Weib so in sich gekehrt und blühend gewesen. So vergingen fünf Jahre. Er fühlte sich wohl in seinem Lehrerberuf, schrieb nebenher Abhandlungen über die niederrheinische Geschichte, auch solche pädagogischen Inhalts, und beobachtete das Vogelleben in seiner engeren Heimat. Und da eines Tages ... er hätte sein Glück in die Welt hinausschreien mögen. Seligen Auges und doch stammelnden Mundes hatte sie ihm eine stille Botschaft verkündet. So ein jubelnder Liebesfrühling war in ihr und doch ein Winter, der alle Blüten erfrieren machte. – »Meine Maria!« – Im Klang seiner Stimme barg sich eine sorgliche Wärme. Sie aber ging hin und kehrte ihr Bild, das über dem Schreibtisch ihres Mannes hing, auf die andere Seite. »Später, wenn es so weit ist,« sagte sie ruhig, »dann richte es wieder; stecke aber eine weiße Rose daran und lasse eine Wachskerze drei Tage brennen; denn ich kann mir nicht helfen: so schön es auch war, ich gehe an deiner Liebe zugrunde.« Wie das Rotkehlchen sang! – und wiederum waren lange Monde verflossen. Das Gras auf den Wiesen stand in Schobern, die Sensen legten das Getreide zu Boden, die Scheuern füllten sich, und das ›Tocktock‹ der Dreschflegel ging wie der Ruf von hölzernen Glocken über die weite Niederung. Da geschah es ... Es war um die Zeit, wo die Kälte an den Fenstern ihr Spitzenwerk klöppelte und die dicksten Buchenklötze ins Feuer hineinschob, da sollte ihre bange Ahnung zur Wirklichkeit werden. Noch einmal sah sie ihn an, um gleich darauf ihr fieberheißes Haupt rücklings zu werfen. Er lauschte auf jede ihrer Bewegungen, bis er todmüde einschlief. Ihre Stunde kam. Mitten in der Nacht weckte man ihn. Die Wärterin glitt unhörbar hin und her. Im Zimmer roch es nach Seife und lauem Wasser. Ein kleines Wesen beschrie die Wände. Des Kindes hatte er nicht acht. Was sollte das Kind ihm? Aber sein Weib, seine angebetete Frau ... sie röchelte leise und sagte: »Den Trauring mußt du mir lassen. Ich möchte ihn mitnehmen.« – Kurz nachher erfüllte er ihren letzten Willen, drehte ihr Bild wieder auf die andere Seite, steckte eine weiße Papierrose zwischen Glas und Rahmen und ließ eine bleiche Wachskerze drei Tage lang brennen. Das Licht kohlte mit langer Schnuppe. Als er vom Friedhof zurückkehrte, schlug er die Hände zusammen, löschte die Kerze und weinte bitterlich. Anfangs wußte er nicht, ob es Tag oder Nacht war. Er ging wie durch ein endloses Heideland; seine Hände tasteten sich durch greifbares Dunkel. Keine Hoffnung, kein erlösender Lichtstrahl! Die Menschen sprachen ihm zu; aber er hörte ihre Stimme nicht mehr. Die Welt tat ihre Wunder aus; aber er schob diese Wunder beiseite, als seien es die nutzlosen und flatterhaften Künste eines Taschenspielers gewesen. Er war von grauen Gestalten umgeben. Die Schatten des Todes senkten sich über sein betrogenes Dasein. Die Auferstehung wollte nicht kommen. Er tat seine Arbeit mehr als sonst und lebte seinem Berufe in mustergültiger Weise, aber nur aus Pflichtgefühl, nicht aus innerer Freude heraus, und so war es ihm denn, als zöge er in einem endlosen Zuge von bedrückten Pilgern, die ihr Ziel verfehlt hatten und nun haltlos, gleichgültig, von Gott und den Menschen verlassen, in die Irre hineingingen. – Eines Tages jedoch, als das Abendrot feierlicher denn sonst in sein Arbeitszimmer hineinspielte, wähnte er, das schlichte Bild der Verstorbenen sei lebendig geworden. Weißgekleidet trat sie aus dem Rahmen heraus, und wie im Märchen zeigte sie auf ein Tränenkrüglein, das nahe daran war, überzulaufen. Ein heller Schein erfüllte die Stube, der an Innigkeit zunahm und ihm die Augen blendete. Er mußte sie schließen vor der Überfülle des Glanzes. Als er sie von neuem öffnete, glaubte er, eine Offenbarung zu haben. Sein Weib stand neben ihm, nur jünger und eben im Entfalten begriffen. Es war seine Tochter Johanna ... und seit dieser Stunde war ihm das Leben wiedergegeben, war er wieder der Alte von früher, der Seher und Sucher und der Mann, der es verstand, sein Schaffen und Ringen nach seinem Willen und mit schönen, feiertägigen Händen zu formen. Klar wie Brunnenwasser strömte ihm der Odem Gottes zu, kam ihm die Luft der Freiheit wie aus einem blühenden Garten entgegen, und sein Dasein war köstlich. Dann war er in die Jahre gekommen. Lichter Rauhreif umglitzerte ihn, und hinter den stillen Bäumen, die seinen irdischen Acker begrenzten, lächelte das Antlitz eines seligen Abends. Da legte er sein Amt in jüngere Hände und wartete auf den Stern über dem Walde. Hinter jenem Stern wohnte sie. Nur zwei Wünsche hatte er noch. Seine Tochter glücklich zu sehen und sich mit seinem Weibe für immer vereinigt zu wissen. Wie das Rotkehlchen sang! Und wie zierlich die Rauchwölkchen der Kalkpfeife zur Decke kräuselten! Arnt Douwermann folgte dem allem mit sinnigem Schmunzeln, sah die Schneeflocken wirbeln und hörte auf das Glumsen und Glosen der Buchenscheite, die immer emsiger ihre lichten Funken verspritzten. Aber er hörte und sah nicht, wie leise die Tür sich drehte und eine hagere Frauensperson unauffällig in die Stube trat – eine Frauensperson, wie sie die alten Niederländer zu malen pflegten: das wächserne Gesicht von einem enganliegenden Spitzenhäubchen umrahmt, schwarzgekleidet und mit wispernden Ohrgehängen. Als Tochter eines Deichwärters war sie mit der jungen Frau ins Haus gekommen, hatte mit den Eheleuten Freud und Leid gemeinsam getragen, hatte Sterbelaken und Kissen gerichtet und dann als treue Sorgerin das Herdfeuer in dem verwaisten Anwesen gehütet. Wo sich Tränen fanden, nahm sie diese Tränen hinweg, wo Rat vonnöten war, gab sie ihn mit Liebe und Umsicht, und wollte das Sonnenlicht in die Stube herein, dann fältelte sie die Gardinen sacht auseinander, um dem warmen, wohligen Strahl den Eintritt leichter zu machen. Schultern und Arme in einen Umhang gehüllt und die bleichen Hände sorglich darin verwickelt, trat sie auf leisen Zehenspitzen näher. »Herr Douwermann,« sagte sie mit ihrer stillen und angenehmen Stimme, »der junge Lehrer fragte soeben an, ob er vorsprechen dürfe.« Der Alte fuhr aus seinem Sinnen und Träumen auf. »Herr Vogels ist mir immer willkommen.« »Hab's schon in Bestellung gegeben,« meinte die Jungfer, wickelte die Hände aus ihrer Umhüllung und legte die schmalen Finger spielend zusammen, »Herr Douwermann,« fuhr sie in ihrer abgeklärten Ruhe fort, »Mynheer Bollig ist bei mir gewesen. Von dem hörte ich: sie haben den Altar zu den Sieben Schmerzen Mariä besichtigt.« »Ich weiß es.« »Aber das wissen Sie nicht,« ergänzte sie mit erhobener Stimme, »auch Franz Türlütt und Herr von Klotz sind in der Kirche gewesen.« »Auch das ist mir bekannt,« sagte der Insichgekehrte und blies neue Wölkchen zur Decke. »So! – und Sie nicht?« fragte sie lauernd. »Herr von Klotz ist Kirchenrendant und Herr Türlütt Präsident der Bruderschaft Unserer Lieben Frau. Das muß man berücksichtigen. Lediglich in dieser Eigenschaft wurden die beiden geladen.« »Mir ganz engal,« versetzte die Jungfer, und ihre stahlgrauen Augen gerieten in ein herrisches Leuchten. »Herr Türlütt ist allzeit mit seinen Ideen im Punschglas und Herr von Klotz mit den seinen bei dem entsetzlichen Fraumensch mit der roten Turnüre. Was verstehen die beiden von den Sieben Schmerzen Mariä? Sie aber, Herr Douwermann ... Sie sind doch gewissermaßen der Vater von's Ganze gewesen.« »Der Dechant weiß, was er tut. Sorgen wir nicht. Er wird seine Gründe haben. Greifen wir daher nicht vor. Auch an uns kommt die Reihe.« »Wenn's man wahr ist,« gab sie heftig zurück und warf dabei den Kopf in den Nacken, daß ihre langen Ohrgehänge wie Zwitschermäuschen sirrten und sangen. »Herr Douwermann, ich hab' so meine eigenen Gedanken. Mir ganz engal, wie Sie darüber befinden; aber ich kann die beiden Schleicher nun einmal nicht leiden. Besonders den mit dem grindigen Kopf und den fidelen Manschetten. Der mengeliert sich in jedes hinein, weiß alles besser und gönnt seinem Nachbar nicht das Schwarze unterm Nagel. Der Mann hat mir niemals gefallen. Niemals, Herr Douwermann.« Ihre Ohrgehänge klingelten aufs neue, aber schärfer und nachhaltiger. Es lag eine gewisse Dosis von Mißmut in dem harten Geklingel. »Wo soll ich das hintun?« fragte der Alte, etwas aus seiner Fassung gekommen. »Wohin Sie wollen, Herr Douwermann. Man muß nur Beobachtung halten.« »Der Mann ist ein Sonderling, ein Schwärmer, einer von denen, die in der Vergangenheit leben und den heutigen Tag nicht mehr finden.« »Wenn auch; aber ich sage, er betreibt noch andere Sachen; denn wenn er so an unserm Hause vorbeikommt, den Kopf reckt und in unsere Fenster hineinkuckt, dann ist es mir immer, als wenn er uns 'ne richtig vollgemessene Portion Unglück auf den Hals wünschen täte.« »Das sind Grillen, Therese.« »Grillen, Herr Douwermann, wo ich das tagtäglich in der Beurteilung habe und mir jedesmal 'ne richtige Gänsehaut über den Rücken herabkriecht?! Nein, Herr Douwermann« – und sie streckte die Hand aus, um sie gleich wieder unter den warmen Umschlag zu ziehen – »dafür habe ich denn doch zu lange auf Posten gestanden, dafür habe ich denn doch meine zwei sehenden Augen im Kopfe und kann taxieren, was der Mensch mit der entsetzlichen Mamsell immer herumsimuliert. Das Frauenmensch soll ja längst nicht mehr leben, sagen die Leute; aber er empfängt sie noch manchmal als Tote, und das verstößt doch gegen unsern heiligen Glauben und die christkatholische Kirche.« »Was die Leute reden, ist Unsinn.« »Wohl wahr, Herr Douwermann; aber man kann immer nicht wissen ... Unser lieber Herrgott hat schon 'n nettes Quantum rarer Kostgänger auf einem Hümpel zusammen. Besonders den einen. Warum gibt er denn alljährlich sein Punschbowlenfest, macht bengalische Beleuchtung mit Rot und tut so, als wenn die Revoluzer mit den ekligen Mützen noch heutzutage ihre Berechtigung hätten?« »Was ich soeben schon sagte: das sind halt seine fixen Ideen. Jeder Mensch hat nun mal seinen eigenen Sparren. Man muß sich damit abfinden, Therese.« »Mir ganz engal,« trumpfte sie auf, »unheimlich bleibt es auf alle Fälle, Herr Douwermann. Und so was bekümmert sich um den Altar zu den Sieben Schmerzen Mariä, und so was reckt immer den Hals und vigiliert mißgünstig in unsere Fenster hinein, und so was hat 'nen Sohn, den André, in die Welt gesetzt, dem ich noch weniger traue; denn wenn er sich hier auf Urlaub befindet, dann ist mir immer so, als wenn ich seinen Schatten fortwischen müßte.« Der alte Herr merkte auf. »Wie kommen Sie jetzt zu einer solchen Behauptung?« fragte er unwillig. »Weil es endlich heraus muß. Weil ich endlich Luft haben möchte. So geht das nicht weiter. Nein, auch für den jungen von Klotz kann ich so recht keine Estimierung besitzen.« »Eine vage Vermutung! Der junge Herr stellt etwas vor in der Welt, ist Privatdozent, hat sich einen Namen gemacht, und daher kann ich den Stolz des Vaters vollauf begreifen. Auch die andern Leute im hiesigen Kirchspiel haben ihn nur von der guten Seite kennen gelernt. Allen Respekt vor seinem Talent, vor seinem Können und Wissen. Selbst der Herr Dechant...« »Soll mir engal sein,« bestätigte Therese und drehte sich fester in den molligen Umhang, als wenn sie fröre. »Ich weiß, was ich weiß; denn immer so'n infamer Finger tuppt mir in den Nacken hinein, und immer so 'ne infame Stimme ist bei mir... Herr Douwermann« – und ihre stahlgrauen Augen stachen wie Nadeln – »der junge Mensch rasiert uns noch das Glück aus dem Hause.« Die Worte rissen den Überraschten vom Stuhl auf. »Aber Therese!« Sie reckte sich hoch: »Herr Douwermann, auf Leben und Sterben! Sie sollen sehen: er und Johanna.« »Was?! – meine Tochter...?!« Sie kniff die Lippen zusammen. »Was sie ist, nicht rühr an die Sache; aber was er ist...« Der Alte atmete tief auf. »Das wollte ich mir auch ausgebeten haben, Therese.« Dann warf er den Kopf herum. »Herein!« »Bitte, Herr Vogels!« sagte die Jungfer. »Dem Herrn Douwermann wird's angenehm sein.« Mit diesen Worten begrüßte sie einen schlankgewachsenen Mann mit einem glattrasierten, ausdrucksvollen Gesicht, in dem die Augen selbstherrlich ruhten, still und abgeklärt und von einer sanften Güte durchleuchtet. Stock, Hut und Mantel hatte er draußen gelassen. Eine erquickliche Wärme floß ihm aus dem behaglichen Zimmer entgegen, und warm strahlte es aus dem Antlitz des alten Herrn, als er seinen jungen Kollegen gewahrte. »Ich komme doch nicht unpaß, Herr Douwermann?« »I Gott bewahre! – aber ich bitte Sie, woraus wollen Sie das schließen?« »Herr Douwermann, ich bemerke eine gewisse Erregung bei Ihnen ... Auch Fräulein Therese ... und da habe ich das unbestimmte Gefühl: ich bin ungelegen gekommen.« »Keineswegs,« versetzte der Alte und legte die Kalkpfeife beiseite, »aber offen gestanden: zwischen Therese und mir haben sich zurzeit kleine Differenzen entwickelt.« »Wohl wahr,« bestätigte sie mit energischem Kopfnicken, »und daß ich's man sage, Herr Vogels, man kann nicht immer seine schweren Gedanken haben und in 'ner Todesnot sitzen. So was kann man Tage ertragen, meinetwegen auch Wochen und Monate; aber dann hat's ein Ende, und bei mir hat's ein Ende genommen. Ich weiß nicht, Herr Vogels, ob Sie sich noch des verflossenen Sommers erinnern, wo die Wiesen 'nen dritten Schnitt hatten und die Bauern ihre Weizenernte nur so hineinscheffeln konnten? Da waren die Nächte heiß und voll Sternengefunkel; und solche Nächte sind nicht gut für die Menschen. Sie machen erregtes Blut und verkehren die Sinne ... und in solchen Nächten ist er immer an diesem Hause vorübergegangen.« »Ich weiß nicht, worauf Sie hinaus wollen, Fräulein Therese,« sagte er ruhig. »Ach, du himmlische Güte! – diese Unschuld vom Lande! Was die Ameisen betreiben und die alten Götter für Liebschaften hatten – das wissen die Herren, auch das, wie sie die Kinder belernen, um sie mit 'nem richtigen patriotischen Awek zu beglücken; aber das andre, ich meine, wie das Leben wirklich ist, und wie da so viele sind, die sich heimlicherweise bemühen, das Zufuhrwasser des Nächsten auf die eigene Mühle zu graben, mit dieser Erkenntnis sind sie meistens nur schwächlich behaftet.« Der junge Lehrer schmunzelte. »Ich verstehe noch immer nicht, Fräulein Therese.« »Dann muß ich fester einkacheln,« sagte sie heftig, und ihre Ohrgehänge zwitscherten wieder, aber nicht so, wie es die Feldmäuschen tun, sondern wie die bissigen Hamster es machen, wenn sie an laulichen Sommerabenden vor ihren Röhren sitzen und den Gegner erwarten. »Der junge Mann, der im verflossenen Sommer an unsern Fenstern vorbeiging, ist der nämliche, von dem ich vorhin schon sagte: Er rasiert uns noch das Glück aus dem Hause.« »Auf wen zielen Sie?« fragte Dirk Vogels. Seine Stimme war fahrig geworden. »Auf keinen andern als auf den jungen von Klotz.« »Aber Fräulein Therese!« »Und nun,« legte sich Arnt Douwermann erklärend ins Mittel, »ist sie auf die seltsame Ansicht verfallen, ihn mit meiner Tochter in Verbindung zu bringen.« »'ne Ansicht, die ich auch vollauf vertrete,« gab sie lebhaft zurück, »denn nur um unsere Rabatten zu betrachten und die Feuerbohnen als rare Gewächse anzusprechen, aus diesem Grunde allein ist er nicht Abend für Abend und Nacht für Nacht um die Wohnung geschlichen – damals im Juli. Ich bin nicht so ohne. Man hat auch das Seine gelernt und ist klug mit den Jahren geworden. Und da am Nußbaum hat er gestanden und förmlich Löcher in die Gardinen hineingebohrt, hinter denen sich der Schatten von Fräulein Johanna bewegte.« »Und das wissen Sie ganz bestimmt?« fragte der junge Lehrer. »Ganz bestimmt,« sagte sie ruhig. »Fräulein Therese, darf ich mir gestatten, ein Bedenken zu äußern?« »Ich bitte.« »Warum griffen Sie nicht ein, als Sie dieses beobachten konnten?« »Ich wollte kein Aufheben machen und dachte, die Sache wird sich schon geben. Aber gibt sich die Sache? Im Gegenteil, sie zieht ein schiefes Gesicht und ist auf dem Rollweg. Man muß seine Leute kennen. Der eine ist so, und der zweite ist anders geartet, und der junge Baron ist einer von denen, die sich nicht mit Kleinigkeiten begnügen. Der macht rechtschaffene Arbeit; nur fragt es sich dabei, wer den Schaden und wer den Profit hat. Jedenfalls wir nicht, und Fräulein Johanna erst recht nicht. Von Ihnen will ich gar nicht mal reden, Herr Vogels. In jetziger Zeit, wo es heißt, er ist wieder auf der Achse und kann täglich antreten, da soll man nicht auf den Ohren sitzen und sich nicht die Augen verkleistern. Die Erzählung von der Schwalbe und dem alten Tobias ist zwar sehr pläsierlich und erbaulich geschrieben; aber sie paßt nicht mehr für die heutigen Tage; denn die Engel des Herrn sind rar geworden auf dieser Erde. Man muß sich auf sich selber verlassen, Herr Vogels, sonst ... die Geschichte von David und der schönen Bathseba könnte sich aufs frische begeben, und dann wäre so'n Skandal noch nicht unter den hiesigen Pfannen gewesen.« Dirk Vogels verfärbte sich. Ein Rucken und Zucken ging durch seine Gestalt. Benommen trat er ans Fenster und ließ sich dort nieder. Mit einem wehen Gefühl sah er in die weiße Landschaft hinaus. Soeben noch war sie ihm köstlich erschienen, mit feinen Brabanter Spitzen umkleidet, und jetzt sah er nur ein einziges Leichentuch, ein kaltes Bild des Vergehens und Sterbens. Es war lautlos und unbehaglich in dem geräumigen Zimmer geworden. Nur die Standuhr tickte wie immer, und mit zartem Knistern rieselten die Schneekristalle an den Fensterscheiben herunter. Eisigkalt lag es auf den Giebeln und Dächern, und die Rauchfähnlein, die über den Schornsteinen standen, froren beim Aufstieg und legten sich matt auf die Seite. Ebenso fröstelte die Seele Dirk Vogels. Plötzlich riß er sich auf und tat so, als ob er zu sprechen gedächte. »Halt!« sagte der Alte und drückte ihn sacht in den Lehnstuhl zurück. »Mir ist noch grau vor den Augen, und das Wort ist mir auf der Zunge schrumpflich geworden. Ich möchte nicht reden und bin dennoch gezwungen dazu; denn eine steht vor mir, die hat den Ärmel gekrempelt und ist willens, den Stein, den sie vom Boden gerafft, auf den Nächsten zu werfen.« »Wenn Sie mich damit meinen, Herr Douwermann,« versetzte die Schaffnerin mit knochenharter Stimme, »so kann ich nur sagen: Sie haben ins Schwarze getroffen; denn es ist immer schon besser, man schlägt den roten Hahn tot, bevor er sich auf die Sparren gesetzt hat.« Dabei warf sie den Kopf so energisch zurück, daß ihre Ohrgehänge sprangen und hüpften. »Da muß eingegriffen werden, ehe es zu spät ist.« Arnt Douwermann hörte das alles und wollte nicht hören. Gewaltsam drückte er seine innere Erregung zu Boden und setzte den Fuß drauf, wie man einem giftigen Reptil Kopf und Nacken zertritt. »Therese,« sagte er alsdann mit erkünstelter Selbstbeherrschung und suchte dabei in ein bequemes Wasser zu kommen, »ja, Therese, Sie sind mir und meinem Hause stets eine gute Sachwalterin in allen Lebenslagen gewesen, in Freude und Fröhlichsein, in heiligen und unheiligen Dingen; auch dann, wenn die Trauer auf der Türschwelle saß und bitterlich weinte. Und das danke ich Ihnen. Aber ich will nicht« – und seine Stimme flackerte hoch – »daß Sie den Richter hier spielen. Das ist Ihres Amtes nicht, Jungfer Therese.« »Mynheer ...!« »Lassen Sie mich aussprechen, Therese! Gewiß, die Herren von Klotz sind aus einem andern Leder geschnitten wie unsereins, und ich kann nicht gerade behaupten, daß sie mir besonders sympathisch erscheinen; aber so eine kleine Stadt hat ihre eigentümlichen Gewohnheiten und Lebensbedingungen, und diese kitten zusammen. Da ist jeder dem andern verpflichtet, sonst reißt alles mit Strunk und Stiel auseinander und der Gemeinschaft der Seelen wird die Totenglocke geläutet. Man hat sich eben in die Verhältnisse zu schicken, sie hinzunehmen, wie sie nun einmal liegen. Man kann nicht über sie fort, wenn man auch möchte. Auch trotz seiner Schwächen hat man den Menschen zu achten, ist er sonst ehrlich und rechtlichen Herzens. Kleine Unarten nimmt man hin, um den Frieden zu wahren. So hab' ich's allzeit gehalten und gedenke in diesem Sinne auch weiter zu leben. Da habt Ihr's. Mag der Kirchenrendant in unsere Fenster hineinvigilieren. Was schadet's? Mag der junge Baron nur immerhin unsere Rabatten und Feuerbohnen bewundern. Sie werden nicht schlechter dadurch und verdorren nicht unter seinen gierigen Blicken ... und was Johanna betreibt, das ist schon auf rechtschaffenem Grund und Boden gewachsen. Ihm und ihr kann ich nicht die Augen verbinden, kann nicht den Aufpasser machen und auf jeden Klingelzug achten. Johanna ist wie ein blankes Wasser. Ich sehe bis auf den Grund ihrer Seele und bange nicht um sie. Aber wenn einer es wagen sollte, mir diesen Spiegel zu trüben ...« Arnt Douwermann suchte nach Atem; seine Brust ging schwer. »Therese, bis dahin soll man nicht die Ehre des Nächsten zerbrechen, noch ihr Gewalt antun; denn wenn man so redet, dann ist es mir so, als stünde der Tod vor der Haustür, gewillt, über die Schwelle zu treten. Aber ich rufe nicht ›Entree‹! Ich tu' ihm den Gefallen nicht. Ich will nicht. Ich will Eintracht im Hause haben und Frieden und Freude. Das merkt Euch.« Er machte eine große Handbewegung, und das Gesicht des sonst so stillen und versonnenen Mannes flammte auf, als wäre ein tiefes Abendrot darauf haften geblieben. »Wie Sie meinen, Herr Douwermann,« sagte Therese, zog ihr Umschlagtuch enger zusammen und verließ klingelnd das Zimmer. 4 »So 'ne verdammte Geschichte ...« Was war das nur? Was wollte überhaupt die Alte mit ihrem wirren Verhalten und ihren noch wirrigern Reden? Wirf einen Stein ins Wasser, und es zieht Kreise um Kreise. Geh mit brennender Pfeife auf den Heuboden hinauf und öffne die Luke, so daß ein handlicher Windhauch hindurchzieht, und da kann es immer passieren, daß es ganz heimlich in einer verlorenen Ecke zu knistern beginnt und wie von Nagern wispert und zirpt, bis das Knistern zu einem Heulen wird und ein roter Feuermantel sich über die trockenen Schindeln breitet. Dann ist das Unglück geschehen, und das durfte nicht kommen. » Fratres, sobrii estote et vigilate !« sagte Arnt Douwermann, setzte seine Tonpfeife wieder in Brand, um seine Sinne zu ordnen und sie wie Pfähle auf die richtige Stelle zu rammen. Dann trat er mit harten Schritten ans Fenster, als sei er verpflichtet, mit diesen harten Schritten das kleine, noch winselnde Feuerchen niederzutreten. Wie so ein elendes und heimliches Gerede doch Bitternis schaffte und die Seele vergrämelte! So war's bei ihm, und neben ihm saß einer, den hatte es noch nachhaltiger und schärfer getroffen, dessen Gedanken gingen unsicher in die Landschaft hinaus wie die Flügelschläge der Krähenvögel, die langsamen Fluges den grauen, bitterkalten Winterhimmel durchzogen. Lautlos und feierlich flockte es noch immer aus der umflorten Höhe herunter, und dieses Flocken und Gleiten legte sich wie Eiderdaunen über Leben und Sterben, über Gerechte und Ungerechte und über die Not und die Freude der Menschen. Das fühlte auch Arnt Douwermann, als er in das silberlichte Rieseln hinaussah und allmählich gewahrte: nun wird dir leichter und wohler ums Herz und du kannst die dumme Geschichte von eben ins Totenbuch schreiben. In diesem Register wird nichts mehr lebendig. Und als er so dachte, glättete sich seine Stirn, und sein ruhiges und beschauliches Denken kam wieder. » Sobrii estote et vigilate! « wiederholte er still vor sich hin. »Warum auch nicht? Ich wache schon und bin immer nüchtern gewesen. Und was da war ...?« Er machte eine große und stumme Bewegung. »Gespenster! – für mich aber steht noch immer der Morgen auf den Bergen.« Sacht legte er die Hand auf die Schulter des jungen Magisters. Der aber hatte sich noch nicht wieder gefunden, flocht die Hände zusammen und sah träumend ins Leere. »Schön denn,« sagte Arnt Douwermann. »Ich kann warten und warte.« Den gebrechlichen Stiel der Tonpfeife zwischen Mittel- und Zeigefinger haltend, nahm er seinen frühern Schritt auf, während Dirk Vogels sich immer tiefer in sein Grübeln hineinarbeitete und wie durch ein dickes und schweres Wetter hindurchging. Allmählich jedoch hellte es auf; eine milde und doch unbarmherzige Hand scheitelte die Schwaden sacht auseinander, und ein feines Licht gestattete ihm einen langen Blick in die Gegenwart und in die verflossenen Tage zu werfen. * War das nicht ein dünnes und mageres Gebimmel, das vom Wald herübertönte und die weite Gegend erfüllte? Hinter dem Walde lag Niedermörmter, ein einsames Kirchspiel, wo er seine Jugend verlebt hatte und so vieles noch war, was er gerne ausgetilgt hätte, um nicht mehr daran erinnert zu werden. Das Geläut der Kirchenglocken war kleinlich und spitzig; aber unter diesem Geläut wuchsen die Kornfelder heran, als hätten sie einen ganz besondern Mist an den Füßen, versoff ein Gespann, mit Brabanter Gäulen geschirrt, in den wogenden Halmen, und wenn im Herbst die Rheinnebel aufgeisterten, dann betteten sie sich weich und bedächtig in die mastigen Kappesäcker hinein; denn was hier in weißen und blauen Köpfen heranwuchs, war doppelt und dreifach so mächtig wie das Kraut in den Nachbargemeinden. Wie das Land, so die Leute! Die Niedermörmter Bauern hatten Krontaler im Sack, und wenn sie in ihren Tilburys nach Kalkar oder nach Kleve kutschierten, um den Sonntag in sachlicher Weise unterzubringen, hatten sie eine ausbündige Freude daran, zum guten Beschluß noch ein Dutzend Champagnerpfropfen gegen Gottes aufgehende Sonne zu knallen. Dazu fangen sie mit erhobenen Kelchen: »Uns' Geld, das wird nicht schimmelig, Denn wir verzehren zimmelich ...« jubelten und schwenkten ihre stattlichen Frauen herum, bis sie wiederum ihre Tilburys anspannen ließen und in den hellichten Tag hinein und nach Haus kariolten. Schon richtig! Die Niedermörmter saßen dick und fett in der Wolle. Nur bei der Familie Vogels, die am äußersten Ende des reichen Kirchspiels ein miserabeles Häuschen bewohnte, wagte selbst ein abgeschlissenes Kastemännchen nicht seine Sprünge zu machen. Da war von jeher Schmalhans Küchenmeister gewesen, da schoben sich keine delikaten Mettwürste im Rauchfang an protzige Speckseiten heran, und selbst in seinen schönsten und stolzesten Träumen hatte der Holzschuhmacher Stäwe Vogels niemals ein Dutzend Champagnerpfropfen gegen Gottes aufgehende Sonne anknallen lassen. Dafür aber hatte er eine sanfte und üppige Frau, noch in den lieblichsten Jahren, einen prächtigen Jungen und mehrere Stuben, in denen sich die häuslichen Sorgen wie die eingepökelten Heringe drängten. Was dem kleinen Dirk Vogels an irdischen Genüssen versagt blieb, das hatte ihm der liebe Herrgott doppelt und dreifach auf das geistige Konto geschrieben. Dirk war wie ein helles Laternchen, und er leuchtete sich bei dem Herrn Kaplan so tapfer durch die lateinische und griechische Grammatik, durch die Kirchenväter und die subtilen Schriften des Herrn Cornelius Nepos hindurch, daß der geistliche Herr eines Tages mit gutem Gewissen behaupten konnte: »Dirk ist reif für die Obersekunda eines Königlich Preußischen Gymnasiums geworden. Die Reife war da; aber die Hauptsache fehlte: das klingende Sprungbrett fehlte, um von ihm aus den stolzen Salto mortale in das Reich des humanistischen Wissens zu wagen. Die Umstände sorgten auch hierfür. Stäwe Vogels, ein stumpfer, wenn auch jähzorniger Mann, sah kaum fünfundzwanzig Schritte über seinen Heckenzaun fort, wohingegen die sanfte und üppige Genossin seiner kärglichen Tage einen gewissen Weit- und Scharfblick besaß, dazu über weibliche Reize verfügte, die eigentlich nicht in die harten Federposen des ehelichen Holzschuhmacherbettes gehörten. Eiderdaunen und Parmaveilchen wären ihr bekömmlicher gewesen. Nun hauste da zwischen Niedermörmter und Kleve ein adliger Gutsherr, ein ausgetragener Junggeselle, dem es eine besondere Freude gewährte, nicht nur die feisten Böcke seines stattlichen Reviers, sondern auch das zweibeinige Wild, sobald es in die Jahre gekommen und als niedliche Ricke zu fiepen verstand, anzupirschen und weidmännisch auf die Decke zu legen. Der Sommer brach an, der Gutsherr putzte die Flinte und zog zu Wald, ganz heimlich und nach Jägerart. Kein Häher lärmte zwischen den Buchenhecken, nicht das dünnste Zweiglein im Holz verriet die geheimnisvolle und ergiebige Streife. Auch keine menschliche Seele in der ganzen Umgebung – und sie waren alle hellhörig in der Niedermörmter Gemeinde – hatte den Abschuß vernommen. Nur Frau Helene Vogels sinnierte still vor sich hin, warf sich in ihren Sonntagsstaat und bedankte sich in Kevelaer für die Wohltat und Mildherzigkeit des benachbarten Gutsherrn, dessen Gemein- und Opfersinn dem kleinen Dirk das ersehnte Sprungbrett bestellte. Auch Stäwe sielte sich in eitel Warmbier und Wonne, hatte am Abend des kritischen Tages das große Wort im ›Goldenen Anker‹ und schwor heilig und teuer, von jetzt an nur noch einem konservativen Abgeordneten seine Stimme zu geben; denn lediglich die adligen Grundbesitzer seien die wirklichen und wahrhaften Träger der Kultur, nur sie allein hätten das Herz auf dem richtigen Fleck und seien die uneigennützigsten Berater und Helfer des darbenden Volkes. Mit einem Mordsrausch, aber seelisch beglückt, legte er sich alsdann in die warmen Federn hinein, während die milde und gütige Frau über Land war, um, wie sie sagte, für ihren jungen Gelehrten das Nötige bei dem Herrn Direktor in die Wege zu leiten. Und also geschah es. Item, das Schicksal nahm seinen Weg, die Jahre vergingen, und eines Tages konnte Dirk die humanistische Pflegeanstalt mit dem Zeugnis summa cum lauda in der Tasche für immer verlassen. Die Hochschule winkte. Darob war große Freude in der engern Heimat. Etliche Fahnen bammelten von den Giebelfenstern herunter, vom Gutshofe her böllerten die Viktoriaschüsse herüber, und Stäwe Vogels saß zur Feier des großen Ereignisses wieder im ›Goldenen Anker‹, hatte etliche Bouteillen ›Langkork‹ vor sich stehen und ließ mit fidelen Äugelchen und einer mächtigen Stimme den gütigen Protektor der Wissenschaft und der Familie leben, hatte doch dieser feierlichst gelobt und versprochen, dem jungen Mulus auch das Universitätsstudium verstatten zu wollen. Und item und abermals item – alles ging glatt und sanft von der Leber. Die ausgeworfenen Taler rentierten sich. Des selbstlosen Barons wurde in Liebe und in heißem Gebete gedacht; denn in westfälischen Landen, in Münster, ging eine Leuchte des Fleißes und des Wissens auf, wie nicht mehr zu finden. Die strahlte wie ein schönes Licht von einem hohen Kandelaber herunter und sagte: »Es wird einer kommen in die germanischen Lande, der wird wie ein Gigant seine Pfade ziehen und wird die Sprache meistern und wird ein Führer sein unter den Kulturhistorikern und Philologen des Reiches; denn das Rauschen von Adlerflügeln ist um ihn.« Des freute sich die verblendete, sündige und doch entschuldbare Mutter, und sie sündigte weiter. Nur ihrem Jungen zuliebe wurde sie mehr als sonst auf dem Gutshof gesehen, ging Sonntags in Seidentaft und ließ besteinte Goldgehänge von den schmalen Ohrläppchen bammeln. Das dauerte so verschiedene Hirtzensprünge lang, so etliche Wochen und Monde; da aber steckten Knechte und Mägde und auch sonstige Leute die Köpfe zusammen und waren wie die Bienen im Korb, wenn die Königin ausfliegt. Alles recht schön mit dem Dirk! – warum aber hatte die jugendliche Frau so blanke und milchweiße Arme und unter der sauber gewaschenen Bluse eine so rundliche Fülle, und warum waren ihre Haarflechten, die sie schneckenartig um den Kopf drehte, so schwer und duftend nach frischem Brot und so goldig wie ein Weizenfeld kurz vor der Ernte?! Die von Niedermörmter zuckten die Achseln und dachten das ihre, obgleich sich alle über das Wohlergehen und das propere Gedeihen des jungen Vogels herzinniglich freuten. Nur das nichtsnutzige Gemunkel blieb, auch der schiefe Seitenblick auf die milchweißen Arme, und die ganz Frommen meinten: »Uns soll's egal sein; denn was wurmstichig ist, muß schließlich doch vom Baum herunter.« So ging das den Sommer hindurch und den Herbst hindurch, bis die Leute Stroh in ihre Holzschuhe taten und sagten: »Feuerchen, wärm mich!« Es war Nikolausabend geworden. Die Bratäpfel quietschten in der Ofenröhre, und die kalten Sterne hingen zitternd am Himmel. Mit blanken Augen und silbernen Fingerspitzen stießen sie durch die Scheiben in die Wirtsstube ›Zum Goldenen Anker‹ hinein, wo noch etliche Niederungsbauern bei der Punschbowle saßen, des längern über die großartigen Zuckerrüben- und Kornpreise verhandelten und dabei ihre delikaten Spekulatiusmännchen in die dampfende Flüssigkeit tauchten, als Stäwe Vogels in funkelnagelneuen Holzschuhen und mit einer silberbeschlagenen Meerschaumpfeife über die ausgewetzte Schwelle trat und sich bei der Tafelrunde placierte. »Guten Abend, die Herrens!« »Tag, Stäwe! – auch mal wieder im ›Goldenen Anker‹? Wie geht es, wie steht es?« »Merci! – über alles Erwarten,« entgegnete Stäwe mit langsamem Zungenschlag und streckte behaglich die Beine unter den Tisch fort. Er liebte den Winter, vornehmlich dann, wenn so'n gebranntes Wässerchen in einem handlichen Stengelglas dampfte, der Schnee da draußen unter den Füßen wie ein vollbesetztes Mausenest piepste und die ausgetrockneten Buchenknubben ihr lustiges Feuerwerk machten. Überhaupt so'n Sankt Nikolausabend! – und dann noch diese besondere Freude ... Er rauchte echten Oldenkott Rippchentabak. Der silberbeschlagene Meerschaumkopf fiel allgemein auf. Wie ein selbstgefälliger Protz beräucherte er sich mit feinstem Kanaster und spiegelte den blanken Deckel übermütig im Licht der Petroleumlampe, die behaglich von der weißgekalkten Decke herabzirpte. »Allerhand Achtung!« sagte eine fette Stimme aus der Ecke heraus, »die ist doch nicht auf deinem eigenen Grund und Boden gewachsen – die Pfeife.« »Gottverdammich!« rief ein zweiter herüber. »Braucht es auch nicht. Was, Stäwe, bei deiner nobeln Bekanntschaft, da kann schon alles passieren?« »Wohl ein Sinter Klaspräsent?« meinte ein dritter. »'ne seine Marke! Meinswegen von Afrika her, und wenn man fragen darf: wer hat sich die Ehre genommen?!« Stäwe schmunzelte still vor sich hin, nahm einen Mund voll Rauch und blies bläuliche Kringel über die Punschbowle fort. »Na, Stäwe, heraus mit die Sprache.« Die Tischrunde grinste; auch der Ankerwirt war mit breiter Visage näher getreten. Stäwe sah in vergnügte Gesichter. Der Ahnungslose deutete mit breitem Daumen über die Schulter und meinte: »Gotts den Donner nochmal! von euch hab' ich sie nicht, aber von dem da über dem Eichenkamp weg. Der scheffelt nicht alles in seine eigene Tasche und weiß, was 'nem propern Staatsbürger zukommt.« »Aha!« lachte die erste Stimme aus der Ecke heraus, »der noble Protektor! Aber man kann sich doch nicht lumpen lassen, Honnör gegen Honnör! Und du – was hast du ihm gegeben?« »Ich?« fragte Stäwe. »Ja, du ...« und einer erhob sich. Das war der Barbier und Ferkelstecher des Dorfes, ein Kerl mit Schellfischaugen und schlampigen Schuhen. Der trat auf Vogels zu und klopfte ihm mit glitschigen Fingern kordial auf die Schulter: »Gelt, Stäwe, du spendierst auch nicht das Schwarze unterm Nagel. Das ist niemals dein Gusto gewesen. So was besorgt deine Frau nur. Die weiß, was sie tut, und trägt ihm ihr Präsent direkt im Brustlatz hinüber.« Na, jetzt dieser Aufstand! Wie rossige Stuten auf einer Frühlingskoppel, so wieherten die Kerle unter der Petroleumlampe, hielten sich den Bauch und strampelten mit Händen und Füßen. Vierzehn dampfende Punschgläser wurden ihm lachend entgegengehalten. »Wa ... wa... wa ... was?« sagte Stäwe. Er wußte im Augenblick nicht, wie er die Sache aufnehmen sollte, was eigentlich los war; seine Nase aber war so spitzig und kreidig wie der Zipfel eines Leichentuches geworden. Dann aber kamen ihm Besinnung und Überlegung zurück; unter der konfusen Schädeldecke hellte es auf. Jeden einzelnen nahm er aufs Korn, als hätte er die erste beste Flinte an die Backe gerissen, um die ganze Gesellschaft, ohne viel Federlesens zu machen, über den Haufen zu knallen. Verflucht und zugenäht! Die Geschichte schien eine infame Volte zu schlagen. Zuerst war das Bildchen der Medaille so äußerst pläsierlich gewesen, gab sich munter wie ein herzhafter Geißbock, um plötzlich eine andere Nase zu zeigen. Ein Karfreitag auf dem Gottesacker konnte nicht stiller sein, wenn der Totenwagen vorbeifuhr und die Lebensbäume ihr Säuseln verloren. Der Kerl machte Ernst. Hier half kein Mundspitzen mehr, hier mußte gepfiffen werden, und zwar ohne langes Besinnen – und der Barbier und Ferkelstecher versuchte zu pfeifen. »Stäwe,« sagte er denn auch so recht jovial aus seinen gesteiften Vatermördern heraus, »alter Freund und Punschkollege, du wirst doch am Sinter Klastag ein Späßchen verstehen? Ohne Spaß geht die Welt zugrunde, sind wir alle nichtsnutzige Blechköppe. Du willst doch kein Blech- und Sauerkopp sein? Immer schlankweg fidel! Prost, Stäwe, dein roggenstrohhaariges Weibsstück soll leben!« »Soll leben, soll leben!« fiel auch die Punschgesellschaft ein, war aber kaum imstande, den Zuruf durch die eingetrockneten Kehlen zu drängen. Sie wurde unterbrochen. »Spaß?!« fragte Stäwe, und unter seinen Brauen wetterleuchtete es wie ein fernes Gewitter. Dann riß er sich auf und schlug die neuen Holzschuhe zusammen, daß sie wie Dreschflegel knackten. »Spaß, ihr Lumpenpackage ...?! – und das soll ein Spaß sein?!« Die Stimme des aufgepeitschten Mannes rollte wie ein vierrädriger Rumpelkasten über einen Knüppeldamm fort. »Gottverdammich! – das wäre noch schöner. Erst kommt ihr und laßt meine Frau und mein eigenes Honnör splitterfasernackicht im ›Goldenen Anker‹ herumvoltigieren und lacht euch den Bauch voll, und dann ist die ganze Geschichte nur ein harmloses Späßchen gewesen.« »Aber ich bitte dich, Stäwe ...« »Hier ist gar nichts zu bitten. Dem Deuwel seine Großmutter bittet. Nee, Kinder, Spaß hat 'ne andere Visage. Irgend etwas ist schon an dem kriminellen Gerede. Ihr aber – ihr seid mir zu dumm bei der Sache; denn Dummheit lacht immer, und wenn ihr nicht so dämlich und schafsmäßig wäret...« Langsam hob sich die eiserne Faust, um mit einem dumpfen Krach niederzufallen. »Dreckspropheten, infame! Ich gehe über euch fort wie über eine verluderte Hammelgesellschaft. Aber der andere mit dem vornehmen Namen ... Haltet die Mäuler ...! Mir ist was Richterliches in die Knochen gefahren« – und wieder schob und schraubte er die Faust in die Höhe – »was Richterliches, ihr Lumpengesindel, und das schreit wie Speck in der Pfanne. Aufgepaßt! – wo diese hier anpocht, da öffnet sich schon das rechte Kontor und die richtige Türe; denn geschrieben steht: So du anklopfest, wird dir aufgetan werden. Kanaillen, verfluchte! Feiert euern Sinter Klas man alleine. Ich habe auf 'ner andern Stelle zu feiern. Adjüs denn!« Damit pfefferte er seinen Meerschaumkopf mit heiserm Meckern gegen den Ofen, stülpte die Schirmmütze über und ging aus der Stube, sich in den Hüften wiegend, die Hände in den Hosentaschen vergraben und mit klappernden Holzschuhen. Hinter ihm war das dumpfe Schweigen des Schreckens und vor ihm die geweihte Stille der heiligen Gottesnacht. Langsam und Fuß für Fuß zog er durch die einsamen Dorfgassen, drehte bei der Kirche ab und folgte der breiten Landstraße, die schnurgerade in das unermeßliche Schneefeld hineinführte. Und wie köstlich die Nacht war, die über ihm ruhte! Sie kannte weder Anfang noch Ende, weder Licht noch Schatten und war doch von einer silbernen Helle umkleidet, wie sie sonst die Erde nicht hatte. Und durch diese silberne Helle hindurch stakte er weiter, den Blick nur auf die dunkle Baumgruppe gerichtet, die immer größer und massiger aus dem weißen Leintuch emporwuchs. Unter ihm zwitscherte der Schnee; über ihm waren Myriaden von goldenen Bienenschwärmen in das dunkle Gewölbe gestickt. Kalt und zitternd geisterten die Sterne vom Himmel herunter. Ab und zu trieb ein scharfer Wind den mulmigen Schnee auf. Er achtete dessen nicht und kehrte sich nicht an das scharfe Geriesel und die bettweißen Finger, die ihm das Antlitz verstäubten, nicht an die grimmige Kälte, die wie ein bissiges Frettchen sich an ihn warf und ihm Stirn und Schläfe zernagte. Stäwe Vogels hatte kein Gefühl und keinen Sinn für die eisige Umwelt. Nur mit sich selber, mit seinem Weib und dem vornehmen Protektor beschäftigt, wühlte er sich immer tiefer in seine Schande und sein Elend hinein, bog er mechanisch von der Hauptstraße ab, ohne sich dabei weitere Gedanken zu machen. Von Weg und Wegspur war auch nicht mehr das geringste zu sehen. Nur eine endlose Fläche, ein kreidiges Einerlei, ein einförmiges Gleißen und Glimmern! Aber da hinten ... die Baumgruppe wuchtete sich jetzt mächtig empor – und mit ihr das Herrenhaus, aus dem zwei phosphorblaue Punkte wie Wolfslichter aufbegehrten. Das war es, was Stäwe Vogels wollte und suchte. Er befand sich schon auf dem rechten Pfad und war nicht in die Irre gegangen. Da lag ja der Gutshof, breit hingestreckt, schwarz und weiß und mit zwei glühenden Augen im Kopfe ... sonst ausgestorben und blutleer, als hätte man ihm bereits die letzte Ölung gegeben. Nur noch zehn Minuten, und Stäwe konnte durch den offenen Torbogen schreiten. Er kannte den Zugang. Geradeaus erhob sich die Auffahrt, flankiert von den Stall- und Wirtschaftsgebäuden, alles wie überzuckert und von einem kalten Mond übersponnen. Die beiden Lichter nahmen an Stärke zu. Gespensterhaft stierten sie in den Sankt Nikolausabend hinaus. Jetzt kam Leben in das stumme Anwesen. Ab und zu brüllte eine Kuh auf, ein Hund belferte, und die Gäule rappelten mit ihren Halfterketten. Der Meisterknecht ging quer über den Hof. Er hatte noch nach den Raufen gesehen, den Deckstier aufs frische angebunden und war nun auf dem Wege zum eigenen Kotten, um mit den Seinen den heiligen Mann zu erwarten. Als er Stäwe Vogels ansichtig wurde, hielt er den Fuß an. »Blitz und Donner, Stäwe, Ihr seid es?!« »Ganz in Person,« sagte Stäwe und rückte an dem Schirm seiner Mütze. »Ist Mynheer noch zu sprechen?« »Nu wird's Tag,« meinte der Knecht und sah ihn fassungslos an. »Was wollt Ihr bei dem noch?« »Was man halt so will. Seine Rechnung machen, das jährliche Konto begleichen und 'nen regulären Strich drunter setzen.« Das Wort schmeckte nicht nach Freude und Fröhlichsein. »Mensch,« versetzte denn auch der vom Gutshof, »ich kann Euch nur den guten Rat geben: geht lieber nach Hause l« »Wo ich einmal hier bin und den langen Weg hinter mir habe? Das wäre noch schöner. Nicht ums Verrecken!« »Und ich sage Euch nochmals: geht lieber nach Hause, wenn Ihr nicht wollt, daß der Satan aus dem Kasten herausspringt. Es stinkt nach Bockmist.« »Jans,« meinte Stäwe, und seine Stimme klang dabei so dumpf und verhalten, als wäre ein Schreiner dabei, vierzöllige Nägel mit einem umwickelten Hammer in einen frischgefirnißten Sarg zu treiben, »was sein muß, kann ich nicht ändern. Was dem einen recht ist, ist dem andern billig. Er hat meinem Dirk und der Lene so noble Präsente gemacht, daß ich als Vater und Ehemann in diesen Bonitäten ersticke. Luft muß ich haben. Luft... Luft...! und drum soll er denn auch 'nen feinen Sinter Klasabend haben.« »Ich sage Euch, Stäwe ...« »Nichts mehr zu sagen. Jeder ist hier sich selber der Nächste. Er weiß, was er tut, und ich weiß auch, was ich tue. Und weil es so ist, wird es von mir in Estimierung genommen. Jans, Ihr feiert den heutigen Tag, ich dito desgleichen. Jedem das Seine. Adjüs denn! Bis später.« Damit stakte er weiter – über den einsamen Hof – die Klinkertreppe hinauf – dann in den Hausflur hinein ... und jetzt ... da, wo eine Anzahl von Rehstangen und zwei prächtige Sechzehnendergeweihe eine niedrige Türe umrahmten, stieß er das Schloß auf und trat in das Zimmer, das von den beiden Wolfsaugen erhellt war. Er war richtig gegangen, ganz richtig ... »Herr!« donnerte ihm eine scharfe Stimme entgegen. »Mynheer,« sagte Stäwe, »man Ruhe; wir können ja alles in kommoder Weise besprechen,« und wie ein Stier vor einem roten Lappen, so pflanzte er sich vor dem Zertrümmerer seiner Ehre auf. »Immer man Ruhe, wir brauchen hier keinen Zeugen zu haben. Warum auch? Das stört nur und bringt die Sache nicht weiter.« »Was wollen Sie hier? Weshalb dringen Sie ein? Das schmeckt nach Hausfriedensbruch; denn von mir haben Sie keine Order empfangen.« Der Gutsherr, so sehr er sich auch in der Gewalt hatte, war um eine Nuance bleicher geworden. »Das weiß ich,« entgegnete Stäwe. »Natürlich – ich habe keine Order empfangen; aber man hat doch ein Interesse daran, zu erfahren, was eigentlich los ist und worauf die ganze Geschichte hinaussoll.« »Was für 'ne Geschichte?« »Na, eben die, die sich hier abspielt, die sich hier schon immer abgespielt hat, und in die ich jetzt so'n bißchen hineinleuchten möchte.« »Sie sind wohl verrückt und aus dem Tollhaus gekommen?« »Bis jetzt nicht,« meinte Stäwe mit heiserm Lachen, »aber man kann immer nicht wissen, was aus der ganzen Sache herausspringt. Sie hat Dreck an den Füßen und stinkt meilenweit in den Himmel hinein. Gott's den Donner nochmal! – und Sie haben mir den Gestank unter die Nase geräuchert. Das machte mich munter ... und daher ... entweder du oder ich.« Die beiden Männer standen sich hart gegenüber und maßen sich schweigend – Stäwe und der adlige Wüstling, einer von denen, die stiernackig durchs Leben gehen und denen es egal ist, alles niederzutreten, was sich ihnen in den Weg stellt. »Denn du!« leuchte er heiser und streckte die Hand aus ... »Da ist die Tür ... wenn nicht – ich wende den Paragraphen gegen Sie an, in welchem es heißt: Wer in das befriedete Besitztum eines andern widerrechtlich eindringt und darin verweilt ohne Befugnis ...« »Mehr nicht!« lachte Stäwe. »Soll mir auch nicht drauf ankommen.« »'naus jetzt! – oder es passiert hier zwischen den Pfählen ein Unglück.« »Nee,« sagte Stäwe, »keine zehn Pferde bringen mich hier von der Stelle; denn wo die sind« – und er zeigte auf ein Paar zierliche Holzschuhe, die seitlich der Tür standen, die ins Nebenzimmer führte – »da bleibe ich auch; denn sie passen zum untern Gestell meiner Frau wie die Wolle zum Schafbock.« »Mensch!« schrie sein Gegner. Eine wilde Verstörung hatte sich an ihn geworfen. »Ich sage noch einmal: Da hat der Zimmermann das Loch gelassen. Hinaus jetzt!« »Und hätte er meinetwegen hundert Löcher gelassen und mehr noch, ich bleibe. Erst das Weib will ich sehen. Und du, du ausgeknobelter Halunke und Schürzenmarkör – gewiß, du hast meinen Dirk zum Gelehrten gemacht und mich zum Hohngepiepel im Dorf, zum echten Hansnarren, dafür aber die Lene von ihrem ehrlichen Bettstroh geworfen. Das ist mir ins Handgelenk und in die Nieren gefahren. Ich bin nur ein Simpel, das weiß ich; aber auch unsereins hat sein Honnör zwischen den Rippen, und das hast du aus dem Pferch meines Hauses geschmissen. Aber das tut nichts. Das repariert sich schon wieder. Sperrangelweit reiß' ich die Tür auf und rufe: 'rein sollst du kommen! Denn so'n Hundsfott, wie der ist... –« »Kanaille, verfluchte!« Der Gutsherr drängte der Wand zu, wo etliche Flinten und Drillinge hingen. So ein glattläufiger Drilling! – Er griff nach dem ersten. »Halt!« wetterte ihn Stäwe an und suchte zwischen die Waffe und seinen Gegner zu kommen, »Hand von dem Dings da! Das ist für Hasen und Karnickel bestimmt, aber nicht dafür, um einen elenden Kerl, dem das Ehebett verschandludert wurde, schlankweg kalt und alle zu machen.« »Aber ich werde, ich werde ...!« Die Fäuste des Gutsherrn umspannten Kolben und Stahllauf. »Ich werde zum Mörder ...!« Er machte sich fertig. Seine Augen waren blutunterlaufen. »Was?!« keuchte Stäwe. »Wahrhaftig, er tut es. Er riskiert es, auf Menschen zu schießen!« »Man keine Sorge. Er tut's schon, und Gott sei dir gnädig!« »Lump bleibt Lump!« Über Stäwe fiel ein Pochen und Poltern. Als wäre die Flanke am Paternosterdeich eingedrückt worden, so war ein Rauschen um ihn, ein Donnern und Brausen ... In seinen Pupillen stand ein milchweißes Licht. In ihm saß der Tod. »Hurra!« schrie Stäwe und beugte sich nieder. Seine Faust packte zu, und sie packte sicher und herrisch. Den linken Holzschuh hatte er sich von der Lammfellsocke gerissen – und reckte sich auf – und warf sich rücklings – und lachte, wie die Verzweifelten lachen. Drohend stand das blankgescheuerte Holz zwischen Diele und Decke. »Hier mein Präsent, du Weiberverführer, du hochgeborener Bettschänder und Lump! Hurra, die Enten!« Und dann ein Krachen und Brechen. Schwer und dumpf hämmerte der Schuh gegen die Stirn des verlorenen Mannes, während eine schrille Frauenstimme die weiten Flure durchgellte. »Das wäre geleistet,« sagte Stäwe benaut vor sich hin, wischte sich den Schweiß von der Stirne und begab sich langsam ins Freie. Keiner behelligte ihn, keiner wagte es, ihm den Weg zu verlegen. Durch die sternklare Nacht ging er dem nächsten Friedensgericht zu, um sich dort zu stellen. Über den Gutshof fielen die Schatten des Todes, und in der bescheidenen Stube des Meisterknechtes, wo sie jetzt dabei waren, Sinter Klas zu begehen, meinte der kleine Jupp: »Nich, Vater, Mynheer is nich artig gewesen.« * »Ah!« sagte Dirk Vogels. Mit wirrem Denken sah er stumm vor sich hin. Arnt Douwermann hielt mit seinem Sehen inne, trat an die Seite des Insichgekehrten und sagte: »Herr Vogels, nun aber legen Sie Ihre dummen Gedanken beiseite. Es führt zu nichts. Sie kennen ja die Weiber, und das soeben Gehörte ...« »Herr Douwermann ...!« Der junge Magister fuhr aus seinem Sinnen und Träumen. »Das mit Therese – schon möglich ...« Er fuhr sich mit der Hand über die Schläfen. »Aber was da noch kommen wird ...« sagte er schmerzlich. »Herr Douwermann, ich hatte bisher nur Schatten im Leben, und wenn die Sonne einmal freundlich sein wollte, dann gab sie höchstens ein schwindsüchtiges Leuchten. Endlich jedoch glaubte ich, das Licht und das Leben gefunden zu haben, und als ich erhobenen Hauptes hineinschritt, als ich die Arme breitete, um das Licht und die Sonne an mich zu reißen ...« Er brach jäh ab. »Nichts, nichts!« rief er mit weher Betonung und sah wieder in die Landschaft hinaus, über den Garten fort, wo schon das Abendrot fröstelnd den tiefen Himmel bedeckte. Kopfschüttelnd nahm der Alte wieder seinen ruhigen Schritt auf und dachte still vor sich hin: »Man muß ihn gewähren und ausgrübeln lassen. Es ist schon das Beste. Ich kann warten und warte.« 5 In die Holzschuhmacherstube zu Niedermörmter griff das nackte Elend hinein und zertöpperte das armselige Anwesen mit hämischem Grinsen. Die kleine Familienkolonie war auseinandergesprengt oder wollte in die Kirchhofserde hinein, und was noch übrig geblieben war, hatte das Lachen verloren. Auch über den begüterten Gutshof senkte sich ein häßliches Bahrtuch. Tagelang hindurch lärmten die Krähenvögel in den alten Eichenkronen, die mißmutig und dunstig das Herrenhaus und das stille Wasser umstanden, das sich dicht an den linken Flügel des großen Besitzes heranschob – jetzt starr und eingefroren und nur dort mit einer dünnen Eisschicht verkrustet, wo der Meisterknecht die Schollen für die Kühlräume hatte aussägen lassen. Hier wurde Lene Vogels unter einer magern Schicht frischen Eises nach vierundzwanzig Stunden gefunden, halb entkleidet, lächelnd und gütig wie immer, und die Lichtjungfer, die sie zu ihrem letzten Gange herausputzte, machte blanke und verzückte Augen und erzählte in der ganzen Bekanntschaft: »Weiß Gott! schön ist die Lene ja immer gewesen, aber so schön wie im Totenhemd hat sie noch keiner gesehen. Die amüsiert sich direkt in den Himmel hinein, und daher ist meine unmaßgebliche Meinung: der Herr hat ihr vergeben im Leben und Sterben und sie würdig befunden, das ewige Gloria zu singen.« Dabei besprengte sie die Leiche mit Weihwasser und bat sich eine Tasse Kaffee aus mit Kandiszucker und Rodongkuchen, um sich herzhaft zu stärken und der Erzählung im Hinblick auf die unglückselige Frau einen gediegenen und würdigen Abschluß zu geben. Mit der Beisetzung des so jäh aus dem Leben geschiedenen Gutsherrn verstummte auch das Lärmen der Krähenvögel. Nur unter dem Eise des verschwiegenen Wassers ließen sich noch lange Tage und Nächte hindurch eigentümliche Stimmen vernehmen. Sie unterliefen die starre Fläche von einem Ende zum andern und erinnerten an das unheimliche Gequietsche von Ratten und dann wieder an das tiefe Murksen von Meerschweinchen, die an den gekalkten Wänden von Armeleutsstuben entlang fegen. Requiescant in pace! Die beiden hatten das Leben von sich geworfen. Aber Gott ist barmherzig, und sie werden die Ruhe finden nach irriger Pilgerfahrt, und sein Licht wird ihnen leuchten für jetzt und immerdar. Stäwe saß im Gefängnis zu Kleve. Häufiger sprach der Geistliche der Anstalt bei ihm vor und redete von Mord und Totschlag, von Hölle und Fegefeuer, von Reue und Einkehr und von den Dingen, die sich auf ein gottwohlgefälliges Sterben bezogen. »Sterben?« fragte Stäwe mit schiefen Mundecken, als läge ihm dieses so fern wie einem Himmelsboten die Sünde. »Nein, Herr Pastor, da sind Sie auf den Holzweg gekommen und haben neben den Fettnapf gegriffen. Was versteht so'n Schwarzkittel von honorigen Menschen, von Meerschaumköpfen und so was! Nichts, reineweg gar nichts! Ich bitte mir aus, mich estimieren zu wollen. Gottverdammich noch mal! ich bin gezeichnet vom Herrn, und so gezeichnete Menschen können nicht sterben,« und dann zog er den Holzschuh, mit dem er seine gemordete Ehre wieder hergestellt hatte, von der Lammfellsocke herunter und küßte ihn lange. Etliche Wochen später wurde er vor die Assisen gestellt, und als er den Gerichtssaal betrat, tat er es mit offner Stirne und gestrecktem Nacken, und seine Antworten wurden wie im Jubel gesprochen. Früher verschlossen und wortkarg, redete er jetzt in feurigen Zungen, und er berauschte sich selbst an dem krausen Zeug, das er dem hohen Gericht und den Geschworenen anpräsentierte. »Meine Herren,« sagte er schließlich, »mein Leben ist immer so honett dahingelaufen wie ein Eisenbahnzug auf blanken und schnurgeraden Schienen. Das ging wie geschmiert, und was die Hauptsache ist: meine Heirat war glücklich. Auch meine Ehe. Nur schade: alle Frauen sind wie die weiblichen Krebse. Sie machen gerne retour und kommen vom Gaul auf den Maulesel. Das ist auch meiner passiert; denn sie hat ihre weißgescheuerten Holzschuhe neben gutsherrliche Plüschpantoffeln gestellt, und das haben meine ehrlichen Klumpen übel genommen. Besonders der eine, und so ist denn der weibliche Krebsgang und das große Sterben gekommen. Doch schön war die Sache.« Die Richter und die Geschworenen sahen sich nachdenklich an; aber Stäwe sprach weiter. Er erklärte das sechste Gebot und erörterte des längern, wie unter dem Schnürleibchen sich die Spielgefährtinnen des Satans verbergen. »Das sind ganz niederträchtige Dinger,« fuhr er mit erhobener Stimme fort, »und was konnte meine Lene dafür, daß sie so ganz absonderliche und liebliche hatte? Das war eben ihr Unglück und doch nicht ihr Unglück; denn Gottes kaltes Eiswasser und mein linker Holzschuh haben sie aus den Krallen des Satans gerissen und ihr gezeigt, wie ein ehrlicher Kerl noch Manns genug ist, 'nen räudigen Bock abzutun und ein verlorenes Schaf in den Garten des Paradieses zu führen. Sie müssen nämlich wissen, mein hoher Gerichtshof: was die Lene ist, die so prächtige Halbkugeln hatte – durch Jesu Christi Blut und mit Gott für König und Vaterland habe ich ihr zum Himmel und in die Gute Stube verholfen. Des bin ich froh und segne den hochgebenedeiten Sankt Nikolausabend.« Lächelnd wie ein glückliches Kind stand Stäwe seinen Richtern und der atemlosen Menge gegenüber, die alle Zuhörerbänke besetzt hielt, und es war ihm so, als vernähme er überirdische Musik und die Chöre jubelnder Engel. »Um Jesu Christi Blut!« sagte er leise, »und was ich getan habe, das muß seine Belohnung erhalten; denn alles will wiedererlebt sein, oder Gottes Wort ist gelogen. Ich habe gesprochen und bitte um ein Gläschen Champagner. Den hab' ich niemals getrunken.« Wieder sahen sich die Richter und die Geschworenen an, und als die Sachverständigen und die Pathologen ihr Gutachten niedergelegt hatten, ließ der Staatsprokurator die Anklage fallen. Stäwe jedoch kam in das graue und weitläuftige Haus, dessen Fenster zwar hinter einem schöngeschmiedeten Gitterwerk lagen, wo aber Menschen wohnten, die das Perpetuum mobile suchten und die Umgestaltung der Weltordnung anstrebten; auch waren etliche dort, die mit Zepter und Kronen spielten und Königreiche verteilten. Da saß er nun verschiedene Jahre, pries Gottes Güte und Allmacht und verehrte seinen linken Holzschuh, als wenn er ein Heiligtum wäre. Aber freie Wipfel hinaus sah er in die niederrheinische Gegend, hörte er die Glocken läuten wie in seinen glücklichen Tagen und war unermüdlich tätig, aus einem Pappelholzblock zwei niedliche Schuhe zu schnitzen. Als er damit fertig geworden, stimmte er den ambrosianischen Lobgesang an und psalmodierte mit hallender Stimme: »Großer Gott, wir loben dich, Herr, wir preisen deine Stärke ...« und sagte: »Die sind für Lene bestimmt; denn die frühern hat der andere mit in die Grube genommen ... und Lene triumphiert jetzt in meine Behausung hinein, schön und strahlend wie die Königin, die auf der Mondsichel thront ... und Dirk, unser eingeborener Sohn, spielt die Vigeline dazu und tritt unter die Seligen, wo er sitzen wird zur rechten Hand Gottes, um zu richten die Lebendigen und die Toten ... Grüßt mir Dirk, unsern Sohn, denn er ist unseres Grußes bedürftig. Amen.« Und Dirk Vogels stand wie auf einer unermeßlichen Heide, die unter heißem Sonnenbrand lag, die dürr und leer war wie die unbarmherzigen Hände, die an Stelle des Brotes nicht einmal Steine vergaben. Als das Unglück geschah, trat er in das vierte Semester, und er hätte sein Leben in die Hand nehmen mögen, um es als ein verfehltes und verrottetes gegen die Wand zu schmettern. Seine Mutter, seine angebetete Mutter, die ihm stets vorgekommen war wie eine Frühlingswiese mit Myriaden von Blumen, mit Himmelsschlüsseln und Salbei bestellt und mit einem prächtigen Lerchenjubel darüber – wo war sie nur, wie konnte sie nur in die Irre hineingehen, in den purpurnen Wahnsinn, der alles Armselige hinweggewischt, dafür aber die Schande, den Moder und die Verwesung ins Haus gebracht hatte?! Sein Inneres, sein Denken und Fühlen, seine arme Seele kroch wie eine Mimose zusammen, suchte die Dämmerung und die nächtigen Stunden auf und hatte den Mut nicht, stiernackig unter die Leute zu treten; denn er wähnte, sie würden ihn mitleidig ansehen, ihn bedauern, ihn das Traurige seiner Lage merken lassen; und das wäre nicht zu ertragen gewesen. Was konnte ihm überhaupt das Leben noch bieten? Was wollte er von den kommenden Tagen, die vor ihm heraufzogen, als wären sie aus einem Aschenregen gekommen? Er irrte sich. Die Menschen waren barmherzig; nicht rührselig und mitleidig. Dafür hatte das Schicksal zu brutal gegen die Türplanken des Holzschuhmachers gehämmert. Sie hatten Respekt und eine tiefgründige Andacht – eine Andacht, wie sie herrscht am Tische des Herrn, wenn die Bußfertigen kommen, um des ewigen Brotes teilhaftig zu werden. Und als Dirk Vogels zum ersten Male wieder den Fuß in die engere Heimat hineinsetzte, zogen die Mannsleute ihre seidenen Schirmmützen herunter, und die Frauen kamen zögernd und schluchzend heran, legten ihm die Hand auf die Schulter und sahen ihm tief in die Augen. »Dirk,« sagte denn auch der Grobschmied Christ van den Hövel, »ich weiß allens, und weil ich allens weiß, kann ich auch das gewesene Malör in die richtige Begutachtung nehmen. Was gewesen ist, das kann man nicht mehr zurückpfeifen wollen; denn es wäre vergebliche Arbeit und in den Brunnen gepfiffen; für so was bin ich nie zu haben gewesen. Aber was kommt – und dein Leben liegt vor dir – und wie man sich dabei anstellen soll, das ist gerade so, als wenn man auf der Rollerbahn stände, um seine feinste Kugel zu schieben. Dirk« – und Christ van den Hövel holte seinen überzeugungstreuesten Bierbaß aus dem rasselnden Schurzleder heraus – »und so ist denn meine mutmaßliche und eingeborene Ansicht: Stelle dich forsch auf die Rollerbahn hin, spucke dito forsch auf die Kugel und pfeffere mit Gottes gnädigem Beistand alle Neune herunter. So hast du das beste und nobelste Honnör deines Lebens geschoben.« So weit Christ van den Hövel, der Grobschmied, und seine Worte fielen auf dankbares Erdreich ... und als dann noch der fette Ansiedelungsbauer vorsprach, derselbe, der an dem verhängnisvollen Nikolausabend, als die Bratäpfel im »Goldenen Anker« hinter der Ofenröhre rumorten, die sich anhebende Tragödie auf die schiefe Ebene und ins Rutschen brachte – als Fritz Kleienberg vorsprach und sagte: »Herr Studiosus, nichts zu verübeln; denn ich bin gewissermaßen der unschuldsvolle Seifensieder gewesen, bin indessen jedoch immer erbötig, geschehenes Unrecht in klares Recht zu verwandeln, den gelehrten Universitätsbullen auszumästen und schlachtreif zu machen, wenn auch dabei so propter und prätorius drei- oder viertausend Krontaler abspringen würden; Herr Studiosus, nichts zu verübeln, aber was Sie auch wollen: Kaplan, Professer, Avkat oder medizinischer Doktor ... mir soll's egal sein; denn Fritz Kleienberg hat's dazu und sein Wort ist immer die erste Nummer im Landkreis gewesen ... also ich bitte ...« und er hielt ihm die Hand hin – ja, erst da kamen dem Ärmsten so recht die Worte Christ van den Hövels zum wahren Bewußtsein, als dieser meinte: »Stelle dich forsch auf die Rollerbahn hin und pfeffere mit Gottes gnädigem Beistand alle Neune herunter. So hast du das beste und nobelste Honnör deines Lebens geschoben,« und er sagte mit stiller Bewegung: »Ich danke Ihnen, Herr Kleienberg; aber ich fühle, man soll sich auf sich selber und nur auf sich selber verlassen. Nur so ist ehrliche Arbeit zu leisten. Läßt sich's auf der Höhe nicht schaffen, will ich's mit der Niederung und der Tiefe versuchen. Auch im einfachen Lehramt kann ich mit dem Sämannstuch umgehen und die Herzen der Menschen befruchten. Auch auf diese Weise hole ich mir das beste Honnör meines Lebens.« »Wie Sie meinen,« versetzte der Ansiedelungsbauer, »aber Herr Studiosus, wenn Sie mal ein Anliegen haben ... ich bin immer zu finden, und wer bei mir anklopft, dem wird aufgetan werden. Meine Kartoffeln braten in ihrem eigenen Schmalz, und meine zweihundert Kühe kalben dreimal im Jahre. Also drum keinen Schenier nicht. Ich heiße Fritz Kleienberg. Das gilt tausend preußische Friedrichsdors, wenn nicht das Zehnfache, zwischen Niedermörmter und Kleve. Herr Studiosus, nichts zu verübeln, es ist gerne gegeben.« »Und dennoch muß ich auf meiner Ansicht bestehen.« »Schön denn; aber nochmals gesagt: ich bin immer zu finden.« Damit ging er; aber Dirk Vogels biß die Zähne zusammen. Er hatte noch festen Grund unter den Füßen; er brauchte nicht mehr an sich und der Welt und den Menschen zu zweifeln. Ein frischer Saft und ein neuer Trieb war ihm zwischen Bast und Borke gefahren. Er sah in ein weites, grünendes Land, und die Morgensonne war bei ihm. Ja, er wollte von der Höhe herabsteigen und es in der Tiefe versuchen. Auch hier konnte er mit dem Pflug über die Äcker schreiten, die Schollen brechen und den Samen streuen in junge Menschenherzen, auch hier das Banner entfalten und rufen: » Pereat mundus, fiat vita! « – und so ging er denn hin und schüttelte den akademischen Staub von den Füßen, um sich für das Amt eines schlichten Lehrers vorzubereiten – mochte kommen, was wollte. » Pereat mundus, fiat vita! « Er rief es noch einmal und ging erhobenen Hauptes über die Trauer und die vergangenen Tage hinweg und energischen Schrittes seinem neuen Berufe entgegen. Als er seine Heimat und das Grab seiner Mutter verließ, war es Frühjahr geworden. Die Uferränder der Niers, auch die der kleinen Wässerchen, die ihr zuströmten, waren blau von Veilchen. Die Weidenkätzchen puderten ihren goldigen Staub von den schwanken Ruten, und der Pirol, der sich wie ein schwefelgelber Federball von Vorgehölz zu Vorgehölz wiegte, flötete seine kurze, aber meisterliche Strophe so volltönend in Gottes schöne Welt, daß davon die Kuckucksblumen sich mit unzähligen Blüten bedeckten, schöner als in den verflossenen Jahren. Das war die Zeit, wo Dirk Vogels die Seminartür hinter sich zuschlug, einen tiefen Atemzug machte und seine neue Tätigkeit antrat. Zuvor jedoch ... er fuhr mit der Hand in den heimatlichen Boden hinein und warf eine Faust voll krumiger, fruchtbarer Erde über die Schulter, so wie es die Landsknechte taten, wenn sie ihr ›Her, her‹ gerufen und die Spieße eingelegt hatten, um den Durchbruch und den letzten Anprall zu wagen. Damit hatte er mit dem alten Leben gebrochen. Ein neues lag vor ihm; er griff danach wie ein Blinder nach dem ersten Strahl der wiedergegebenen Sonne, obgleich das Land, wo er zu unterrichten hatte, zwischen Hochöfen und Schlackenhalden erstickte und unter Tag bei Grubenlicht und dem eintönigen Gepoch ihrer Hämmer die Menschen sangen: »Die Bergmannsleut' sein brave Leut'; Sie haben 'n Fell vorm Arsch und fressen Fleisch ...« und war alles mit Rauchfahnen umhangen wie in einer florigen Esse. Hier blieb er drei Jahre, lehrte und suchte und fand immer noch Zeit, die Regesten im Essener Stift zu durchforschen und aus den Gesteinen und Stollen im Ruhrtal manches geologische Wunder zu heben. Des armen Mannes hinter den grauen Eisenstäben gedachte er in kindlicher Liebe. Seine Lippen beteten für ihn, seine Hände spendeten; die Hälfte seines Gehaltes nahm den Weg in das düstere Haus, das keinen zurückgibt. Der Alte lebte sein eigenes Leben. Tagtäglich stimmte er den ambrosianischen Lobgesang an, den er mit den Worten schloß: »Grüßt mir Dirk, unsern Sohn, an dem ich mein Wohlgefallen habe!« Eines Tages jedoch legte er seinen Kopf auf die Seite. Er starb wie der König von Thule. Die Augen gingen ihm über ... und Dirk bestattete ihn und ließ ihm ein einfaches Holzkreuz errichten. So erfüllte er seine Sohnespflicht und die seines Amtes. Dann kam er zum Niederrhein. Hier hatte Arnt Douwermann seine Tätigkeit als Hauptlehrer aufgegeben, ruhebedürftig, mit sich und seinem Herrgott zufrieden. Dirk Vogels war an seine Stelle getreten ... Herrgott! hier zwischen Dämmen und Deichen, zwischen immensen Wiesen, die vom Horizont eingeschluckt wurden, hier wieder in der engern Heimat, die ihm die Zeit der Kindheit, das Sehnen und Hoffen aus verklungenen Tagen und den ganzen Stimmungszauber ihres eigenen Ichs erneut an das wiedergesundete Herz legte – Herrgott im hohen Himmel da droben! hier konnte er einen tiefen Atemzug machen und die Arme breiten und seine Seele hineinschicken in das stille Abendrot, das hinter den blauen Wäldern von Moyland langsam verdämmerte. Dirk Vogels war glücklich geworden, aus einem Suchenden ein Findender, aus einem ruhelosen Geist eine in sich gefestete Natur mit einem sinnierenden und beschaulichen Einschlag ... und die Grillen umher geigten dazu, die Glocken der kleinen Stadt läuteten Frieden und Weihe, und auf ihren Klängen trugen sie eine köstliche Sehnsucht und eine wundervolle Verheißung. Und diese Verheißung ... »Düweke, Düweke, Düweke ...!« So sangen die Glocken. Hatte da vor vielen Jahren ein seltsames Menschenkind am grauen Meere gelebt, in Amsterdam, der merkwürdigen Stadt, die nach Schellfischen und Genever riecht, und in der die Klinkergiebel so stumpfsinnig am Wasser stehen wie die breithosigen Mynheers, wenn sie sich ein Priemchen hinter die Backe schieben und spitzfadig in die müden Grachten hineinspucken. An einer solchen langsam dahin schleichenden Gracht, in einer niedrigen Estaminet, wo auf dem Schanktisch feuchte Schnapskringel standen und verwitterte Matrosenfäuste lagen, da sah sie in den Spiegel hinein, das heißt, da wohnte sie mit ihrer Mutter, der Wirtin Sigbrit Willums, einer verwitweten Frau ... und die Gäste, wenn sie erschien, ließen ihre Flüche, ihre holländischen Manieren und Priemchen unter den Tisch fallen und schmunzelten: »Düweke, Düweke ...!« und wenn sie ihres Weges daherkam, dann steckten die Amsterdamer die Köpfe zusammen und sahen ihr nach und freuten sich über das Ebenmaß ihrer jungfräulichen Glieder und sagten auf niederländisch: »So schön wie Düweke ist keine im Lande; sie soll ja auch die Geliebte eines nordischen Königssohns werden. Gebt mal acht, ob bei Sigbrit Willums keine Glaskutsche vorfährt!« Sie hatten schon recht und redeten nicht ins Blaue hinein; denn der Königssohn kam und nahm sie mit sich nach Kopenhagen und bedeckte sie mit seinem Linnen und seidenem Zeug und freute sich an dem minniglichen Spiel ihres Leibes und ihres heitern Mundwerks und seufzte noch im Traum: »Düweke, Düweke ...!« denn Düweke war so schön wie eine blütenweiße Taube, die an einem Sonntagmorgen das goldene Sonnenlicht auf ihren Flügeln einhertrug. Und die Glocken in der kleinen Stadt sangen auch: »Düweke, Düweke, Düweke ...!« und das kam daher, weil Johanna Douwermann ebenso schön wie Düweke aus Amsterdam war, aber reiner an Seele und Leib und keuscher in ihren Gedanken und Werken. Ihre Hände waren die eines Künstlers, Hände, die in Wachs bossierten, den Ton belebten und die wie die Hände der Bilderschneider dem starren Holzstock Odem verliehen. Schon von Kind an war Johanna ganz eigen gewesen. Hinter ihren offenen Schläfen arbeitete ein freier und großer Geist; sie erschauerte vor den Altarwerken in der Sankt Nikolaikirche, und als sie heranwuchs, machte sich das Blut ihres Ahnherrn, des gefeierten Schnitzers, auch in ihren Adern bemerkbar. In Düsseldorf und Utrecht vorgebildet, von den alten Meistern der niederländischen Schule angeregt und geleitet, eröffnete sie schließlich in der engern Heimat ihre eigene Werkstatt und stellte Bildstöcke ins Leben, die an die besten Erzeugnisse des sechzehnten Jahrhunderts gemahnten. Die Kirche merkte auf. Auch die profane Welt konnte sich ihrer Kunst nicht länger verschließen. Stark und groß, innig und herb, ihre Ziele herrisch umgreifend, wandelte Johanna Douwermann von nun an ihre besondern Wege. Alles und jedes an ihr bildete ein harmonisches Ganze. Kaum, daß ihre Formen sich gestalteten, die Bestimmung des Weibes bei ihr zur Anschauung kam, reifte sie in eine Schönheit hinein, die geschaffen war, die Sinne des Mannes in einen betörenden Rausch zu versetzen. Dennoch hatte diese Schönheit nichts mit den alltäglichen Begriffen gemeinsam. Nur solche fühlten den ganzen Reiz ihres Leibes, die auch die Schwingungen ihrer Seele erfaßten. Und solche Menschen mußten Sonntagskinder sein, sonst verstanden sie nicht, welch ein Zauber sich um Johanna Douwermann ausgetan hatte, welch Geheimnis die schlichte Hülle barg, was ihre Augen begehrten, wenn sie in dem orangefarbigen Licht von Florentiner Steinen spielten. Nur ein Sonntagskind war würdig, ihr verschleiertes Bild zu enthüllen – und wäre auch nach geschehener Tat lächelnden Mundes durch die Pforte des Todes geschritten ... und so ein Sonntagskind war Dirk Vogels von jeher gewesen. Ihr Haar war goldrot, und wenn sie es entschürzte und strählte, dann ließ es sich an wie eine leuchtende Flamme. Das sah der junge Magister eines Tages, als er an ihrer Kammer vorbeiging. Er glaubte, ein Wunder zu sehen, und dachte in seinem heißen Gemüt: »Wie schön sie ist, wie heilig und feierlich! Und wäre sie dein, du wolltest dich in ihr Haar hüllen wie in einen glänzenden Mantel, wolltest Gott danken und preisen, wenn dieser Mantel gemeinsames Gut wäre für allewige Zeiten.« Sie sahen sich öfters, und wenn sie durch die abendlichen Wiesen schritten, wo die verlorenen Stimmen einschlafen wollten, dann wähnten sie sich von ein und demselben Büscheln umleuchtet. Ihre Blicke hellten sich auf; sie wurden wissend, ohne den Mut zu finden, es sich wechselseitig einzugestehen. So trugen sie ihr resigniertes Glück viele Monde hindurch wie ein zartes Geheimnis mit sich herum, und sie wagten es nicht, diesem Glück Schwingen zu geben und es offenkundig zu machen. Etwas Unausgesprochenes blieb zwischen ihnen bestehen, und so sehr auch die Herzen nach einem befreienden Ausgleich drängten – ihre Lippen schwiegen und schienen kein Verständnis für das zu haben, was ihre Sinne bewegte. Sie persönlich gefiel sich immer in derselben Entsagung, in der nämlichen Ruhe. Doch wenn es wahr ist, daß Schweigen Gewährung bedeutet, so war sie bereits die Seine geworden vor Gott und den Menschen. Und so kam es denn ... Es war um die Stunde, wo die heilige Osternacht sich sacht und feierlich zu offenbaren gedachte – da standen sie Seite an Seite auf dem mächtigen Binnendeich, der an den Wassermühlen und dem Fingerhutshof vorbei bis nach Elten und Emmerich führte. Von hier aus sahen sie in das eingedunkelte Land, über dem bereits die goldenen Engel schwebten und auf die Menschen herabgrüßten, die den Osterfeuern entgegenharrten. Keine halbe Stunde verging, als auch schon ein feines Leuchten die weite Ebene umgrenzte. Pünktchen bei Pünktchen, aneinandergereiht wie ferne Laternchen. Aber die Laternchen kamen ins Wachsen, wurden zu Fackeln, zu siegreichen Flammen. Regungslos standen sie zwischen Himmel und Erde. »Wie schön!« sagte sie leise, »und sieh nur – die stolzen Scheiter dahinten!« »Es sind die Feuer von Grieth,« versetzte er glücklich. »Und die da?!« »Brennen bei Wisselward, und die bei den Schleusen am Kalkflack – strahlende Cherubim in heiliger Osternacht!« »Wie schön du das sagst!« »Johanna ...!« Er hatte den Arm um ihren jungen Leib gelegt und preßte ihn an sich. Sie ließ es geschehen. »Und dort ...!« Er machte eine große Handbewegung und zeigte zur Linken. Hoch auf der Krone des Paternosterdeiches erhob sich eine zuckende Lichtsäule. »Es ist unser Fanal, und es möge uns leuchten bis an das Ende unserer gottseligen Tage!« Er hatte mit irren Worten gesprochen. Seiner Sinne kaum mächtig, riß er sie an sich, sie, das Weib seiner Träume, die Künstlerin, die von Gott begnadete, für ihn die Königin des Himmels und der Erde. Sie stöhnte unter seiner wilden Umarmung. »Nein, du! So nicht, so nicht ...!« Ihr Stammeln verebbte, ging unter in dem Singen des Scheiters, erstarb unter seinen wütigen Küssen: »Weib, du ... Geliebte ... Himmlische! Du und dein junges Leben... Herrgott! Johanna ... heute ist unsere Stunde gekommen ...« »Was willst du?!« Ja, was wollte er nur? Ihre Liebe wollte er haben, ihren jungen, unberührten Leib; ihr Haar wollte er lösen, es um sich schlagen und mit ihm wie in einem Feuermantel einhergehen ... Er fühlte ihre harte Brust, und der Duft des Weibes war bei ihm. »Du – was die Osterfeuer umstrahlen, das ist gesegnet vom Herrn. So sagt man.« »Nein, du ...!« Sie warf sich rücklings und stemmte sich ihm mit beiden Armen entgegen. Ihre Augen flammten in die seinen hinüber. Stahlhart drangen sie ihm zu. Der samtbraune Schein der Florentiner Steine war ihnen genommen. »Du,« sagte sie eisig, »wenn du aber der Rechte nicht wärest ...« »Was ...?l« Seine Stimme trieb ab, als säße der Sturmwind dahinter. »Ich meine, wenn du der Rechte nicht wärest – wenn ein anderer käme ...« »Wer sollte denn kommen?!« Er stieß einen heisern Laut aus und stammelte: »Gut, dann kann ich ja zum Bettelmann werden.« »Nein, du ...!« Lachend hatte sie sich an ihn geworfen. Sie weinte und schluchzte, und dazwischen das helle Gelächter, das ihm die Seele zerfleischte, ihn zum Narren machte, und dann sagte sie wieder: »Ich will ja alles und tue ja alles! Nur warten sollst du, warten, bis ich mich zurechtgefunden, bis alles klar in mir ist; denn sonst müßte ich in eine Wirrnis hinein, aus der es keinen Ausweg mehr gäbe.« »Johanna ...!« »Warte doch, warte!« Ihre Worte verloren sich unter ihren Liebkosungen und Küssen, die immer zärtlicher und inniger wurden ... und er glaubte an sie wie an die Worte des Evangeliums und erschauerte unter der Berührung ihres jungen Leibes. Eng aneinander geschmiegt standen die beiden verwunschenen Menschen auf der Deichkrone. Sie wuchsen in den Himmel hinein und sahen in die eingedunkelte Landschaft, wo die Osterfeuer immer strahlender und sieghafter wurden und ihnen zuflammten: »Nun sind eure Ostern gekommen!« Hand in Hand gingen sie heimwärts, und Dirk Vogels harrte auf den Tag der Entscheidung wie die gläubigen Menschen auf ihren Erlöser. Der Sommer kam, und lauliche Winde spielten mit den Halmen der Felder. Der Herbst streifte die Blätter von den Bäumen herunter, und dann war es Winter geworden. Dirk Vogels aber schritt mit seinen glücklichen Gedanken noch immer wie durch einen lachenden Frühling, wo die Rosen aufbrechen wollten und die Nachtigallen schluchzten ... Die jetzige Stunde jedoch hatte das alles mit ihrem eisigen Hauch zerstört und verdorben. Mit einem harten Ruck war er in die Höhe gefahren. Also das war das Ende. * Der Alte stand neben ihm. »Herr Vogels,« sagte er mit fester Betonung, »ich frage Sie jetzt: Wollen Sie mich anhören, und wenn Sie mich anhören wollen, werden Sie meine Worte beherzigen?« »Ich höre.« »Und werden Sie mir Glauben schenken, mir blindlings vertrauen?« »Auch das,« sagte Dirk Vogels. 6 Mein lieber Herr Vogels, die letzten Augenblicke klärten mich auf, aber ich wollte nicht stören. Alles hat seine Daseinsberechtigung: Sinnen und Grübeln und das Abgestorbene wieder ins Leben zu stellen. Das taten auch Sie, und das ist Ihr gutes Recht gewesen, Herr Vogels. Ich kenne die Menschen. Sie haben ihre Absonderlichkeiten und gehen ihre verschlungenen Wege, um auf ihnen ihre Gedanken zu sammeln, zu ordnen und mit sich selber ins reine zu kommen. Auf solchen Pfaden soll man die Insichgekehrten nicht stören. Vornehmlich solche nicht, die vom Niederrhein stammen. Sie gehören zu den Stillen im Reich, und was sie bewegt, was sie mit sich herumtragen, das wird von ihnen selber erledigt. Sind sie aber aus ihrer Unruhe und dem Gröbsten heraus, sind sie mit sich selber im klaren, dann tauen sie auf wie die eingefrorenen Binnenwasser ihrer engern Heimat. Ich weiß es: Sie haben die große Heerschau über Ihr Leben gehalten.« Der junge Magister nickte. »Na also! – und bei dieser großen Heerschau sind Sie bei der jetzigen Stunde angelangt.« »Auch das.« »Dabei sind Sie zur Überlegung gekommen: mein Dasein ist ein verfehltes gewesen; denn mein letztes Hoffen ist nicht in Erfüllung gegangen.« »Herr Douwermann ...!« »Ich weiß es, oder glauben Sie denn, ich sähe nicht tiefer, bemerkte nicht, was Ihre Seele bewegt, wie die unbedachte Bemerkung von eben, wenn auch fürsorglich und in bester Absicht gegeben, Ihren innern und äußern Menschen aus dem Gleichgewicht brachte!« Aber die Stirne des jungen Mannes zog sich eine häßliche Furche. »Ich komme über die Geschichte nicht fort,« sagte er schartig. »Das ist es ja, was ich befürchte, will aber nicht annehmen, daß sich bei Ihnen der Spruch verwirklichen sollte: Quod deus perdere vult... Nein, ich bitte darum: jetzt möchte ich sprechen, Herr Vogels; denn Ihre Schlußfolgerungen, die Sie aus dem Gehörten zu ziehen gedenken, sind dazu angetan, das Ansehen meines Hauses und das meiner Tochter in ein eigentümliches Licht zu rücken und damit schwer zu gefährden. Nicht mit Absicht – schon den leisesten Gedanken hieran weise ich von mir – allein Ihr Zweifeln ist kränkend. Sie zweifeln, Herr Vogels, Sie sehen Gespenster, Gespenster genau wie Therese – und wenn wirklich der junge Klotz irgendwelche Absichten haben sollte, wenn es ihm auch ferner einfiele, sich mehr als gewöhnlich über meinen Garten und meine Blumenrabatten zu wundern, was hat das mit Ihnen oder mit meiner Tochter zu tun? Zugegeben, Herr Vogels, während seiner letzten Abwesenheit mag er sich um Johanna bemüht und ihr Fenster beobachtet haben. Aber was folgert daraus? Ist meine Tochter infolgedessen schuldig geworden? Ist sie Ihnen hierdurch zu nahe getreten, oder sind Sie willens, Ihrem vermeintlichen Nebenbuhler Licht, Luft und gute Gewohnheit zu nehmen?« »Herr Douwermann, Sie verstehen mich nicht.« »Ich verstehe Sie schon, und weil ich es tue, bin ich genötigt, den Stier bei den Hörnern zu packen und ihn gefügig zu machen. Nur auf diese Weise wird reine Bahn geschaffen und ein Unheil verhütet. Sie und ich, wir sind jetzt unter uns, stehen uns als rechtschaffene und ehrliche Männer Stirn gegen Stirn gegenüber; da ist es an der Zeit, die Scheuklappen fallen zu lassen und vernünftig zu reden.« »Ich bitte darum.« »Daß Sie sich um Johanna bemühen,« sagte der Alte, indem er seine Hand auf den Arm des jungen Kollegen legte, »ist mir bekannt, daß sie Ihre Neigung erwidert, nehme ich an, und daß ich mich aufrichtig freuen würde, in Ihnen meinen künftigen Sohn zu begrüßen, brauche ich Ihnen nicht des längern auseinanderzusetzen. Wie es aber in Wirklichkeit im innersten Herzen meiner Tochter aussieht, ob Sie darin wohnen und dauernd Wurzeln und Masern geschlagen haben, das müssen Sie selber am besten beurteilen können. Jedem seine persönliche Freiheit! aber das weiß ich« – und seine Worte nahmen einen harten und klingenden Ton an, als wären sie auf einem tönenden Amboß geschmiedet – »für zwei ist kein Raum da. Das gibt's nicht. Haben Sie ihr Jawort erhalten, oder sind Sie mit ihr anderweitig einig geworden, so ist das gerade so gut, als wäre dies vor Notar und Zeugen geschehen. Und wenn Sie ein übriges wollen, ich meine: wenn Sie es für erforderlich halten, dem törichten Geschwätz den Kopf zu zertreten – es wäre ein leichtes ... Hierneben arbeitet sie. Mag sie selber ihre eigenen Rechte vertreten. Ich werde sie rufen.« Mit großen Schritten ging er unwillig der gegenüberliegenden Tür zu. Dirk Vogels vertrat ihm den Weg. »Herr Douwermann, jetzt nicht. Unter keiner Bedingung. Wie kommen Sie darauf? Es ist ja auch nicht um ihretwegen, sondern um seinetwegen, daß ich in dieser seelischen Erregung vor Ihnen stehe; denn was sich zwischen Johanna und mir angebahnt hat, will seine Zeit haben und kann sich erst mit den Tagen entscheiden. Man soll eine Blüte nicht stören, sie nicht gewaltsam vor der Zeit aufbrechen wollen. Sie muß sich langsam und kraft eigenen Willens entfalten ... und das wird auch geschehen. Nein, um dessentwillen ist mir nicht bange. Etwas anderes bedrückt mich. Es kam über mich wie ein giftiger Hauch, ganz unversehens, und das Wort Theresens: Der Mensch rasiert uns noch das Glück aus dem Hause, würgt mir den Hals zu und hat sich an mich gefressen wie eine gierige Ratte.« Der Alte riß die Augen auf. »Also doch noch Gespenster?! »Herr Douwermann, ich hab's lange empfunden, ohne es sagen zu können. Schon im vergangenen Sommer, als er hier war, als sie ihre gemeinsamen Spaziergänge machten, hatte ich schwer daran zu tragen. Gründe fehlten hierfür; nur ein unbestimmtes Bewußtsein, eine quälende Angst... Auch das ging vorüber. Aber die jetzige Stunde hat alles wieder ins Leben gerufen. Nennen wir die Dinge doch beim richtigen Namen. Den alten Herrn lasse ich hingehen. Er hat seine seltsamen Schrullen, seine verschnörkelten Ideen und Ansichten, und ich bin selber Zeuge seiner eigenartigen und bizarren Feste gewesen. Man lächelt. Die Kleinstadt würfelt eben die Menschen bunt durcheinander. Man fügt sich, um mit allen in Eintracht und Frieden zu leben. Aber der junge, dieser Stürmer und Dränger ... Entweder er oder ich ...« »Und wenn es so wäre?! Sind Sie nicht Mannes genug, ihn aus dem Felde zu schlagen?« »Mannes genug?! – Das wird die Stunde erbringen und drückt mich nicht weiter. Kommt er in ehrlicher Absicht, zum Kampf Auge in Auge und Stirn gegen Stirn – ich füge mich dem Geschick, wie es auch ausfällt und so schwer es auch sein mag. Das ist es nicht. Die Sache liegt verzwickter und tiefer. Es gibt Menschen, die überreiten das Heiligtum einer harmlosen Seele. Und so einer ..« Sein stilles Gesicht war kreidig geworden. »Ich halte ihn für fähig, das Glück dieses Hauses aus dem Senkel zu heben.« »Was ...?!« stammelte der Alte. Für einen Augenblick stand ihm der Atem still; aber er faßte sich wieder. Mit weiten Blicken trat er rückwärts, umgriff eine Stuhllehne, die ihm just in den Weg kam, und streckte sich aufwärts. Langsam fielen ihm die schweren Augenlider herunter. »Also das ist Ihre Sorge gewesen! Sie bangen um den Frieden und das Glück dieser Schwelle; aber ich sage Ihnen« – und seine Worte kamen ihm zäh und langsam von den Lippen herunter – »diese Sorge müssen Sie schon mir überlassen. Hier, wo ich fuße, ist mein Haus und mein Tempel, und in diesem Tempel habe ich mein Heiltum errichtet. In ihm wohnt meine Ehre und die meines Kindes, und wer diese zertrümmert, hat es mit dem Leben zu büßen. Also geschieht es, so wahr ich hier stehe. Einmal, so geht die Legende, ist dem Hause Douwermann unnennbares Unglück geschehen. Bei all seiner Kunst konnte der große Heinrich seinen Tempel nicht schützen. Er wurde entweiht, und mein stolzer Vorfahr ist darüber sinnig geworden. Das soll und wird mir niemals passieren, es sei denn, der Herr schlüge mich mit unverzeihlicher Blindheit. Zahn um Zahn und Auge um Auge, Herr Vogels. Ich meine nur so; denn ich bin immer gewohnt gewesen, ganze und propere Arbeit zu machen. Sie müssen mich schon richtig verstehen. Seien Sie versichert, hier in diesen vier Pfählen wird das Glück nicht aus dem Senkel gehoben, wenigstens das Glück nicht, das mein Höchstes bedeutet. Vor dem Tabernakel meiner Ehre halte ich die Fahnenwacht, ich selber, bin mir selber genug und habe keinen andern Hüter vonnöten. Und daher, mein Lieber, kein Sorgen und Bangen. Diese Fahnenwacht müssen Sie schon mir überlassen. Das übrige« – und seine Stimme nahm wieder einen warmen und sonnigen Ton an – »mag ich getrost in Ihre Hände legen. Hoffen Sie, leben Sie im Dienst Ihrer Liebe, heimsen Sie ein, und Sie sind mir und meinem Hause willkommen.« Er streckte ihm beide Hände entgegen. Ein helles Leuchten war in seine Augen getreten: »Und so gebe ich mich denn der frohen Zuversicht hin: meine Worte haben einen fruchtbaren Boden gefunden. Ich bitte um Antwort. Habe ich recht oder unrecht?« »Sie werden schon recht haben, Herr Douwermann.« »Und alle Gespenster ...?« »Ich werde mir Mühe geben – sie sollen verbannt sein.« »Und sind es für immer?« »Ja, Herr Douwermann, sie sollen für immer verbannt sein.« »Dann wäre diese Sache erledigt und zwar völlig erledigt, sonst: es wäre zuviel Ehre für den jungen Menschen gewesen. Man beachte ihn höchstens, wie man einen Nebelstreifen beachtet. Nicht mehr und nicht weniger. Meine Tochter steht zu hoch, und mein Haus ist zu fest gefügt, um irgendwelchen Schaden zu leiden. Und Sie ... sind Sie erst mit Johanna einig geworden, ist Ihr Wunsch in Erfüllung gegangen – den möchte ich sehen, der imstande wäre, die schöngezogenen Kreise zu stören. Also nichts mehr davon! Und nun, mein junger Freund, was ist der eigentliche Zweck Ihres Kommens? Ich nehme wenigstens an, Sie haben eine Mission zu erfüllen.« »Allerdings – und zwar eine solche freudiger Art.« »Und diese wäre?« »Herr Douwermann, Sie wissen um meine Arbeit in den verflossenen Monden. Sie war nicht vergebens. Eine gewisse Spur ist gefunden, die um so bedeutsamer erscheint, als sie mit der heutigen Revision in der Kirche zusammenfällt. Das Geheimnis macht Miene, sich entschleiern zu wollen. Unmerklich, aber doch mit einer subtilen Bestimmtheit schürzen und verknüpfen sich die einzelnen Fäden zu einem festen Gewebe.« »So hätten Sie wirklich ...?« »Ich glaube.« Aber das scharfgemeißelte, glattrasierte Gesicht des sehnigen Mannes legte sich das versonnene Lächeln eines glücklichen Finders. Gleichzeitig entfaltete er ein zusammengekniffenes Papier mit markanten Schriftzügen. »Hier, dieses Niedergeschriebene, das ich einer soeben aufgestöberten städtischen Rechnung aus dem Jahr 1506 entnahm, läßt es wahrscheinlich werden, daß der Schrein zu den Sieben Schmerzen Maria tatsächlich von Ihrem Vorfahr Heinrich Douwermann herrührt, und daß dieser, laut Kodizill aus viel spätern Jahren, über sein Leben und Schaffen Aufzeichnungen hinterließ, zweifelsohne für die Familie und die Nachwelt bestimmt, um, wie er sagt, Zeugnis abzulegen über bemerkenswerte Tage in seinem erfolgreichen Schaffen, sowie über solche, während welcher Krieg, Hungersnot, Pestilenz und häusliche Kümmernisse regierten.« »Mein Gott und mein Heiland! Also endlich gefunden! – und Heinrich Douwermann ist wirklich und wahrhaft der Schöpfer des Feinsten, was die hiesige Kirche besitzt?! Sie scheinen doch dieses behaupten zu wollen?« »Die städtische Rechnung gibt wenigstens diesen greifbaren Anhalt.« »Und was sagt die städtische Rechnung?« »Kurz dieses: Anno Domini 1506 und am Tage, so man feierte das Fest des heiligen Johannes Baptista, wurde Meister Heinrich, Bilderschneider im hiesigen Kirchspiel, vom städtischen Rat und der Fraternität Unserer Lieben Frau in Eid und Verpflichtung genommen, den neuen Schrein zu errichten und mit Gottes Hilfe fertig zu stellen, wurden ihm hierzu auch fünfzehn Goldgulden und sechs Hornsche Gulden auf Vorschuß gegeben. – Allerdings der Altar wurde nicht näher bezeichnet, doch dürfte er identisch sein mit dem, der jetzt schadhaft geworden. Im übrigen verwies die spätere kurze Notiz auf die getätigte Urkunde.« »Und diese Urkunde ...?« »War bis jetzt nicht aufzutreiben. Das hiesige Archiv versagte, und alle Forschungen meinerseits, nähere Anhaltspunkte zu gewinnen, blieben erfolglos. Möglich, daß die Regesten des Hospitals und der Kirche noch die wünschenswerte Klarheit erbringen. Wie dem aber auch sein mag – schon jetzt ist so gut wie bewiesen: Heinrich Douwermann, und kein anderer, ist der Verfertiger des berühmten Schreins gewesen.« »Und ich bin sein Nachfahre,« sagte der Alte mit inniger Freude, »und kann mich in seinem Ruhm und seinem Leuchten ergehen, wie sich eine alte, einsame Fichte umgoldet, wenn das Abendlicht sacht und feierlich heraufzieht. Und das danke ich Ihnen. Weiß Gott, mein lieber Herr Vogels, in der verflossenen Nacht habe ich über manches gegrübelt, und beim Grübeln ist das Wünschen gekommen wie das Tagen über dem Walde, und da sagte ich mir: Herr, wenn du gnädig sein würdest und mir noch verstatten wolltest ...« Er wurde unterbrochen. Draußen stand der Pastor Petrikettenfeier ten Hompel im Schnee, pochte mit scharfem Knöchel gegen die Scheiben und machte sich mit den Worten bemerkbar: » Tres faciunt collegium! Darf ich ins Haus hinein, so wie ich bin, mit Flocken behaftet, mit derben Schuhen und tropfender Nasenspitze? Die militans ecclesia fröstelt. Puh, diese Kälte!« Ein fröhliches Winken! –und keine zwei Minuten vergingen, da war auch schon der kleine geistliche Herr mit dem eisgrauen Kopf, den stechenden Brombeeraugen und dem behäbigen Spitzbäuchlein in das warmdurchkachelte Zimmer gerumpelt. » Ecce nunc benedicite! « rief er in munterster Laune und tat einen vergnüglichen Schnalzer. »Schnee und Frost machen ein heiteres Geblüt, und wenn ich nicht irre, begegne ich hier feiertägigen Augen!« »So ist es, Hochwürden; denn wir waren gerade dabei, dem › Ecce nunc benedicite ‹ auch die äußere Weihe zu geben. Sie müssen nämlich wissen, Herr Dechant: in der verflossenen Nacht hatte ich ein heißes Gebet auf den Lippen und stellte es dem Schöpfer des Himmels und der Erde so fest und eindringlich vor, als sollte es für die Ewigkeit halten. Gebet und Bitte in einem Atem! – und ich flehte zum Herrn, meinem großen Vorfahr endlich zu seinem Recht zu verhelfen und ihm das zu verbriefen, was er beanspruchen kann vor Gott und den Menschen. Das Gebet mußte wohl aus ehrlichem Herzen gekommen sein; denn der Herr hatte ein Einsehen und trat in einer städtischen Rechnung aus damaliger Zeit, die er meinem jungen Kollegen in die Hände spielte, den unumstößlichen Beweis an, daß ... nun eben, daß ... Kein Zweifel mehr: Heinrich Douwermann ist der Schnitzer des Schreins zu den Sieben Schmerzen Mariä.« » Gratulor, Gratulor! Daher auch wohl die feiertägigen Augen?« »Daher sind sie gekommen, Hochwürden.« »Gelobt sei Jesus Christus! – und was mich anbetrifft: ich werde sie noch feiertägiger machen. Zuvor jedoch und wenn's nicht geniert: 'ne behagliche Ecke und Rauch um die Nase ... Kann ich das haben?« »Aber natürlich!« »Dann ad loca! « sagte der Dechant mit heiterm Schmunzeln. »Kinder, Kinder! – ein niedliches Sofa, 'ne kleine Dosis Kanasterarom und draußen so'n knuspriges Wetter – da kann man schon den Pontifex spielen!« Scherzhaft flocht er die Hände zusammen, langte hierauf eine von den gestopften Tonpfeifen von der nahen Anrichte, ließ sich von Dirk Vogels mit einem brennenden Fidibus bedienen und blies die ersten blauen Wölkchen zur Decke. Die wohldurchwärmte Magisterstube war plötzlich zu einer feindurchwölkten Tabagie geworden. Petrikettenfeier streckte die Beine und führte den Vorsitz. Er saß hinter dem altmodischen Rundtisch, dicht neben dem Ofen, ihm zur Linken der Alte, zur Rechten Dirk Vogels, und wie es so kam: alle drei ließen sich von dem innigen Behagen der Stunde umweben, nickten sich wechselseitig zu, folgten den Rauchwölkchen in stiller Betrachtung und hörten auf das Geplauder der emsigen Feuerzungen, die für einige Zeit die Kosten der Unterhaltung bestritten und immer redseliger und lustiger wurden. Das Schneetreiben hatte nachgelassen. Nur noch vereinzelte Flöckchen rieselten gegen die Scheiben, aber so bitterkalt und grimmig, daß ihnen nichts anderes übrig blieb, als in scharfen Splittern auseinander zu stieben. Das Licht des Tages schrumpfelte merklich zusammen. Nur auf den höchsten Giebeldächern lag noch ein mattes Schimmern, ein Überbleibsel des mürrischen Westens, das so recht nicht aufkommen konnte und in den kalten Dunstschleiern langsam erstickte. Schneeblau dämmerte der Abend ins Zimmer, drängelte sich in die Ecken hinein und wärmte die verklammten Hände an den glühenden Buchenknubben, die hinter dem schwarzen Türlein rumorten und knisternde Funken in den Aschenkasten hineinsprudelten. Und dieser schneeblaue Abend spann geheimnisvolle Fäden um die drei einsamen Menschen, von denen jeder sich mit seinen eigenen Gedanken beschäftigte, Gedanken, die dennoch eines Geistes waren und sich wechselseitig berührten. Endlich brach Petrikettenfeier das Schweigen. » De nihilo nihil . Nur eifriges Sorgen und Schaffen bringt Früchte, und ich kann mir lebhaft vorstellen, mein lieber Herr Douwermann, wie es Ihnen ums Herz ist! Das ist ja, um zuhöchst auf die Akazienbäume zu klettern, um von hier aus einen getragenen Psalter über die Menschheit zu singen. Ja, ja, es bleibt schon eine bedeutsame Sache, wenn einem an Stelle der muffligen Vermutungslampe das helle, klare und prachtvolle Licht des Forschers und Finders entgegenleuchtet. Aber bevor ich mein ›Ja und Amen‹ dazu sage« – und der geistliche Herr klopfte jovial auf den Tisch, daß davon der Fidibusbecher vergnüglich aufhoppelte – »bevor ich das alles mit meinem ›Genehmigt‹ unterfertige: Beweise, Beweise! – Butter bei die Fisch und bekömmlichen Wein in die Buddel! – Sind diese Faktoren gegeben, kann ich erst das Dokument fassen und greifen, soll auch meinerseits der Treffelkönig in die Verlängerung springen. Also ich bitte ...« – und als Dirk Vogels das Schriftstück wiederum seiner Brusttasche entnommen, es sorgfältig ausgebreitet und hingelegt hatte, als der geistliche Herr anfing zu lesen: »Anno Domini 1506 und am Tage, so man feierte das Fest des heiligen Johannes Baptista ...« als er dann nochmals las und zum drittenmal las und schließlich mit den Worten schloß: »Wurden ihm hierzu auch fünfzehn Goldgulden und sechs Hornsche Gulden auf Vorschuß gegeben ...« da ging so ein frohes Behagen über das liebe Gesicht, daß jeder seine Freude daran haben mußte. »Beweis ist rechtskräftig,« sagte er mit erhobener Stimme, und es war ein schöner Abglanz darin, der auf Bedeutsames hinwies, » Post nubula Phoebus! Wahrhaftig, er lächelt; aber um diesem Lächeln noch den richtigen Tupfer zu geben: hier, meine Herren...« und er legte den geheimnisvollen Fund auf die städtische Rechnung, »und wenn sich gegen das Geschriebene auch Bedenken erhöben, wenn irgendein Querulant sich bemüßigt fühlte, von Falsifikat und ähnlichen Dingen zu reden – hier dieses Schnitzmesser, so der Meister nach getaner Arbeit vergaß und das sich selber zwischen Stab- und Maßwerk verfing, um dort Jahrhunderte hindurch zu träumen, dürfte vorliegende Urkunde wesentlich ergänzen. In meinem Beisein gefunden, redet es jetzt mit Feuereifer und singt den Introitus: Habemus magistrum !« »Wa...was!« fuhr der Alte auf. Seine Hände nahmen das unscheinbare Ding mit einer heiligen Inbrunst entgegen, wobei er die Inschrift entzifferte, als wenn er eine Bibelstelle auszulegen hätte. »Heinrich Douwermann ...« las er mit glücklichen Augen, reichte das Messer an Dirk Vogels weiter und wandte sich an den Überbringer des Fundes. »Hochwürden, das ist der glücklichste Tag meines Lebens.« »Und was noch freudiger ist...« fiel der geistliche Herr ein, legte die Pfeife beiseite, erhob sich und sagte: »Nicht nur dem mystischen Dunkel, diesem großen Schweiger, noch eindringlicher als der Stille von der Thebais, kam die Sprache zurück, auch der Meister wurde gefunden, der berufen ist, den beschädigten Schrein wieder zu seinem alten Glanze zu verhelfen.« »Und dieser Meister ...?« »Ist Ihre Tochter Johanna.« »Hochwürden ...!« Pochenden Herzens waren der Alte und Dirk Vogels an seine Seite getreten. »Es ist so,« bestätigte Petrikettenfeier ten Hompel. »Die Sache ist so gut wie entschieden. Da gibt's kein Tüfteln und Deuteln mehr, und wenn da noch querköpfige Besserwisser kommen sollten, um die Angelegenheit aus das Wasser ihrer Sonderinteressen zu leiten, so ist dieses Bestreben bereits eingedämmt worden. Bruderschaft und Kirchenrentei haben zugesagt, und was mich angeht, ich bin niemals darüber im Zweifel gewesen, von wannen das Heil kommt.« »Selbst der Kirchenrendant ...?« warf Dirk Vogels dazwischen. »Sie wundern sich über diese Gefolgschaft? Glaub's schon, glaub's schon! – und zugegeben, mein Bester: alles Gute, alles Bedeutsame liegt für ihn jenseits der Grenze; leider ein Erbteil der meisten rheinischen Menschen. Besonders bei ihm. Er hat schon seine Grillen und Absonderlichkeiten – dieser Kavalier aus altem und gediegenem Hause. Am liebsten hätte er sich für die Arbeit einen Bildner aus Frankreich oder den Niederlanden verschrieben, ist aber verständigem Zuspruch gegenüber nicht unbelehrbar gewesen. Gewiß, er steht mit einem Bein in abgeschmackten Vorurteilen, folgt dem Pulsschlag der Zeit nur mit säuerlichem Gesicht und wähnt noch immer, die blutigen Vögel der Revolution und die napoleonischen Adler fliegen zu sehen. Danton, Robespierre, Anacharfis von Klotz – und kein Ende! Unsinn, Vernunft, Laune und Frömmelei, Rosen und Immortellen – alles ist bei ihm zu einem kunterbunten Gemengsel vereinigt. Bußprediger und Scharfrichter in einer Person. Dazwischen kindliche Gebete und das Klingeln von Karnevalschellen. Ich für meine Person goutiere das alles, wie man einen fidelen Schwank und die Fiktionen eines seltsamen Menschen goutiert; stehe auch nicht an, seiner Einladung zur Inthronisation der Göttin der Vernunft Folge zu geben... und Sie, meine Herren – sollte auch an Sie die Aufforderung ergehen, die Feier durch Ihre Gegenwart zu beehren, verschließen Sie sich dem Ansinnen nicht. Fügen wir uns in das Unvermeidliche. Man kann nicht stets mit gleichgearteten Köpfen verkehren, nicht immer der schnurgeraden Landstraße folgen. Auch Seitenwege, mit drolligen Käuzen bevölkert, haben ihre Daseinsberechtigung. Die Zeit ist ernst genug; sie will Aufmunterung haben, und wie sich das bedachtsame Geschlecht des Mittelalters an dem Spektakel der Narren- und Eselsfeste erfreute, so mögen auch wir an den geistigen Purzelbäumen und Karnickelsprüngen unseres Mitbürgers und Kirchenrendanten in aller Einfalt und Schlichtheit unser Behagen finden. So wird beiden Teilen geholfen und damit ein Sturm im Wasserglase vermieden. Doch was die Hauptsache ist: er und sein Schwager sind Förderer meiner Überzeugung geworden, sein Schwager sogar in selbstlosester Weise, so daß ich meinen Herzenswunsch erntetrocken unter Dach und Fach bringen konnte. Und dieser mein Herzenswunsch ist den lautersten Motiven entsprungen. Keiner Parteilichkeit, keiner Laune oder sonstigen Winkelzügen zuliebe. Nur einem selbstlosen Gewissen und künstlerischen Erwägungen verdankt er seine Lebensfähigkeit. Und darum, Geliebte« – und das gütige Gesicht des geistlichen Herrn erstrahlte plötzlich unter einem warmen Lichtschein, der sich unversehens ausgetan hatte – »ist meine Seele voller erfreulicher Regung; denn aus dem Geschlechte der Douwermann wurde eine gewürdigt, dem gefährdeten Meisterwerk ihres großen Vorfahren wieder zu neuem Glanz zu verhelfen. Die Wahl sei gesegnet! Ihre Hände sind rein und ihre Augen befähigt, den verwehten Spuren zu folgen. Ich kenne Johanna. Sie ist anders geartet als solche, die mit ihr über die weiße Schwelle traten, wo die Kunst ihren Sitz hat. Viele sind berufen, sagt der heilige Matthäus, aber nur wenige auserwählt. Und sie ist auserwählt worden. Ein Jubel ist um sie, und tönende Schwingen berühren sie. Sie hat etwas von denen, die bestimmt sind, dereinstens an den ewigen Tischen zu essen.« Die beiden horchten wie gebannt. Das Licht war heller geworden; denn Therese, die die Lampe brachte, war vollends ins Zimmer getreten. Auf Zehenspitzen verließ sie wieder die Stube. Welche Feier und Weihe! Und war alles wie mit einem goldigen Glanz übergossen. »Amen, Amen!« sagte der Alte, richtete sich auf und glitt ernst und nachdenklich über seinen fließenden Bart und meinte alsdann mit glücklicher Stimme: »Herr Dechant, das ist wie aus einem Choral gesprochen, so heilig und groß tönt es mir zu und läßt alles vergessen, was einem im Leben an Leid und Bitterkeit widerfuhr. Wo sonst Wüsten lagen, da breiten sich jetzt sonnige Auen, wo trübe Wolken standen, lächelt der Himmel, und darüber hin zieht es wie ein verhaltenes Singen, wie eine ferne Symphonie, wie ein seliges, unsagbar schönes Hosianna. Und in dieses Hosianna hinein ... Ich darf sie doch rufen, Herr Dechant?« Und der geistliche Herr legte ihm bejahend die Hand auf die Schulter, und da öffnete Arnt Douwermann die Tür zum Nebenzimmer ... Auch hier eine blendende Helle ... und in diese Helle hinein rief eine freundliche Stimme: »Johanna, der Herr Dechant läßt bitten.« 7 »Johanna ...!« Hinter ihm klinkte geräuschlos die Tür ein. Erst beim zweiten Anruf erhob sich eine hohe Mädchengestalt, die scheinbar in den Abend geträumt hatte, jetzt aber mit geschäftiger Hast ein Linnentuch ergriff und es über eine Einzelfigur warf, die, auf einer Drehscheibe stehend, dem vollen Licht einer Hängelampe ausgesetzt war. Gerätschaften der Modellier- und Holzschneidekunst lagen daneben, seine Messerchen, Raspeln, Spachteln und Bohrer, auch verschiedene Klumpen angefeuchteten Tones. Ein herber Duft erfüllte den mäßig großen Raum, an dessen Wänden Kupfer und Zeichnungen hingen, Studien nach der Natur und leicht mit Kreide hingeworfene Skizzen. Statuetten von Tanagra grüßten von kleinen Sockeln herunter. Alles atmete die größte Strenge und Schlichtheit, lediglich verklärt durch das freie Lampenlicht, das auch die entlegensten Ecken, wo sich bereits die warmen Schatten breit machen wollten, mit seiner wohltuenden Helle umspielte – und dennoch: geheimnisvoll und schneeblau dämmerte auch hier der Abend ins Zimmer. In dieser Umgebung stand Johanna Douwermann, im Schmuck ihrer aufgeknoteten, goldroten Haare, eine ruhige Schönheit, ebenmäßig und still, als wäre sie aus dem gefeierten Bildwerk eines alten Meisters getreten. Diese Ruhe und Schönheit waren wie die der heimischen Landschaft. Viele verstanden sie nicht, und man mußte schon zu den Auserwählten gehören, um sich von dem tiefen und absonderlichen Reiz umstricken zu lassen. Geht über die breiten Dämme und Deiche, wenn es Abend werden will und die Bäume, die in der weiten Ebene stehen, leise und ungewiß zu säuseln beginnen ... wenn dann die dunkeln Wälder von Moyland tiefblau herübergrüßen, die endlosen Kornfelder sich gegen den Horizont anwellen, als glitte die Hand des Ewigen über die Myriaden von Ähren, wenn die Wiesen einschlafen wollen, die unabsehbaren Wiesen, die weder Anfang noch Ende besitzen und wunschlos von den weißen Nebeln zugedeckt werden – dann werdet ihr sehen, und ihr werdet die Hände falten in ernster Versunkenheit. Aber tut ihr es nicht, geht ihr achtlos vorüber, so zählt ihr nicht zu den Stillen und Wissenden, und niemals werdet ihr die majestätische Ruhe und Schönheit Johanna Douwermanns ergründen und aufnehmen können. Sie und die niederrheinische Landschaft sind ein und dasselbe, ergänzen sich wechselseitig, und die Auserwählten und Kundigen finden sie wieder auf den Tafeln eines Jan van Eyk oder eines Meisters von Kalkar. Die weiße Stirn, die feinrassige Nase, die stolzen, sichern Augen und die Formen unter dem weichen, anschmiegenden Gewand, alles das mutete an wie aus alten Zeiten heraus, hatte mit den jetzigen Tagen nichts mehr gemeinsam, war wie ein Bild, das gebot, vor ihm niederzuknien und das ›Gegrüßet seist du, Maria‹ zu beten. Sie hatte ein Madonnengesicht, und doch war dieses Gesicht von einer steinernen Kälte. Man wußte eigentlich nicht, worauf man es ansprechen sollte, so eigenartig stand es zwischen Anmut und Strenge, zwischen Stolz und duldender Hingebung. Bald sonnte es sich in einer freundlichen Helle, um gleich darauf die Schatten des Todes zu zeigen. An Johanna Douwermann wagte sich kein müßiges Gerede heran und scheute sich ängstlich, selbst mit den vorsichtigsten und zärtlichsten Fingern, den Schleier von ihrem Tun und Lassen und ihren geheimsten Gedanken zu heben. Sie war dagegen gefeit, wie die Wasserjungfern gegen Schmutz gefeit sind, wenn sie über ein sumpfiges Altwasser schweben. Ihre Reinheit würdigte sie, eine Hostie dem geweihten Kelch zu entnehmen. Ihr Lächeln erinnerte an das der Mona Lisa von Leonardo da Vinci, und wenn es um ihre Mundecken spielte, schien ein feines, ovales Goldreiflein ob ihrem Scheitel zu glitzern, ähnlich wie man es bei den Heiligen sieht – und so ein feines, ovales Goldreiflein war auch heute bei ihr und wollte nicht schwinden. Als ihr Vater eintrat, legte sie den Elfenbeinspachtel beiseite, den sie noch mit ihren schlanken Fingern umspannt hielt. Mit einem liebevollen Blick glitt er über die verhüllte Skulptur. »Du bist fleißig gewesen, Johanna?« »Ich hätte es sein können,« gab sie leise zurück; »aber der schneeblaue Tag war meiner Arbeit nicht günstig.« »Um so freudiger ist die Botschaft, die ich dir zu überbringen habe.« Mit übervollem Herzen machte er sie mit dem eigenartigen Zufall und dem Wechsel der Dinge bekannt, legte den Arm um ihre Schultern und schloß mit den Worten: »Alles Hoffen auf Erden geht schließlich seiner Erfüllung entgegen, und wenn es Manna vom Himmelreich regnet, soll man es aufheben und in seine Scheuer bergen. So ist es mir eben ergangen. Es kam Manna vom Himmel herunter, und ich nahm es auf und habe es in meine Scheuer geborgen ... und was dich anbetrifft: Hochwürden ist selber gekommen ...« Sie machte eine abwehrende Handbewegung, als wenn sie sagen wollte: »Jetzt nicht, in diesem Augenblick nicht, laß mir erst Zeit, um mich in aller Stille zu sammeln. Eine Prüfung ist nötig, ob Wollen und Können sich auch richtig begegnen ...« aber der Alte hatte bereits die Türe geöffnet und die Herren aufgefordert, näher zu treten. Dirk Vogels hielt sich etwas zurück und grüßte nur flüchtig; aber seine Blicke umgriffen das seltsame Mädchen um so fester und inniger, während Petrikettenfeier ten Hompel auf sie zutrat, ihre Hände nahm und leuchtenden Auges sagte: »Zum Gruß, Fräulein Johanna!« »Gott lohn's, und er segne Ihren Eintritt, Hochwürden!« »Prächtig, prächtig wie immer!« sprudelte das lebhafte Männchen vor sich hin. »Ein gutes Geschick leitete mich, und was mich herführte, werden Sie bereits wissen, Fräulein Johanna.« »Vater sagte es mir.« »Um so besser! Da hat's keine Not mehr, und ich habe nicht weiter nötig, meinen Sermon ab ovo zu beginnen, sondern darf mich getrostes Mutes in medias res hinein versetzen. Nur das muß ich sagen: Unser lieber Herr Jesus Christ weiß schon alles auf den richtigen Fleck zu placieren, und es ist mir eine ganz besondere Freude gewesen, daß er mich wertete, ihm dabei Mörtel und Kelle zu reichen. Ja, Fräulein Johanna, Mörtel und Kelle; denn ich bin sein erster Gesell im hiesigen Kirchspiel. Sonst bin ich wie die übrigen Menschen. Habe ihre Schwächen und Fehler, aber auch ihre guten Seiten und den Drang in mir, nach lauterm Gold zu schürfen und irdisch Wertvolles auf die Beine zu stellen. Es ist schon ein inniges Suchen in jedem, und so er findet, wird dieses Finden zu einer herzerquickenden Gottesfeier. Eine solche Gottesfeier ist in uns. Sie redet zu uns, sie spricht aus einer rosigen Wolke heraus und verbindet längst dahingegangene Tage mit der jetzigen Stunde. Die alte Zeit schlägt die Augen auf, sie öffnet den Mund und freut sich, eine würdige Nachfahrin des großen Meisters gefunden zu haben. Sein Erbe ist in Ihre Hände gelegt, Fräulein Johanna, Ihnen wurde es anvertraut; denn eine bessere Sachwalterin dürfte schwerlich zu finden sein.« Noch immer hielt er ihre weißen Hände zwischen den seinen. Jetzt gab er sie frei. »Nun?« fragte er glücklich. Sie sah ihn mit großen Augen an. Dann aber ... ein weltfremdes Kräuseln spielte um ihre Mundecken, und kaum merklich schüttelte sie den Kopf mit der schweren Haarkrone. »Was ist denn, Fräulein Johanna?« Die Hände über der jungen Brust verflechtend, meinte sie klanglos: »Ich weiß es kaum zu sagen, Hochwürden. Ich freue mich über die Botschaft und bin doch traurig darüber. Alles ist so unvermittelt und überraschend gekommen. Bisher war Ruhe in mir. Nun wird mir diese Ruhe genommen. Ich lebte in einem verschwiegenen Winkel. Nun tut sich die Welt für mich auf, obgleich ich nicht weiß, ob sie mir zuträglich ist, mir und meinem bescheidenen Dasein, und das, Hochwürden ...« Mit einem verhaltenen Seufzer brach sie ab. »Ja, und das ...?« fragte der Dechant. »Und das macht mir Sorge, Hochwürden.« Petrikettenfeier ergriff von neuem ihre Hände. »Sorge, Fräulein Johanna, wo doch eine heilige Sache Sie ruft ...?« »Gerade, weil sie heilig ist, weil sie groß und erhaben ist, weil sie gleichsam aus dem Himmelreich stammt – das ist es ja eben. Da sind Bedenken und Zweifel, die sich nicht so einfach fortwischen lassen.« »Herr, du mein Jesus!« fuhr der Alte dazwischen, »was sind denn das nur für Zweifels- und Glaubensängste? Wenn der Herr Dechant dich führt, wird er dich schon den richtigen Gottesweg leiten ... und nun kommst du und bist der Meinung: ich kann diesen Pfad nicht betreten. Ich dankte schon meinem gütigen Schöpfer da droben, der alles zum Guten gewendet, und nun, wo ein Berufener vor dir steht und dir das Schnitzmesser in die Hand drückt, um dem großen Heinrich Gefolgschaft zu geben, da ziehst du mir ein schwarzes Tuch vor den jungen Tag, der sich glorreich aufheben möchte. Ich begreife das alles nicht und bin nahe daran, aus meinem Gleichmut zu fallen. Sonst so klar und kalt in deinen Entschlüssen, bist du jetzt so weich wie Modellierwachs geworden, unbestimmt, ohne jegliches Zugreifen. Wo soll ich das hintun? Warteseligkeit steht nicht in meinem Brevier, und ich ersuche dich nochmals, Farbe zu zeigen und dem Herrn Dechanten eine runde und bündige Antwort zu geben.« Seine Stimme war hart und brüchig geworden, und wie in bitterm Unmut glitt er durch die weichen Haare seines fließenden Bartes. »Wird's nun?« fragte er hastig. Sie sah über ihn fort, als hätte er gar nicht gesprochen. »Ja oder nein?« rief er heftig, »sonst – ich müßte an deinem gesunden Menschenverstand irre werden.« »Aber Herr Douwermann ...!« wehrte der Dechant wohlwollend ab, indem er die Hände seines Schützlings um so inniger drückte. »Wir wollen doch unsere Fassung bewahren. Warum dieses Aufbrausen? Es führt zu nichts und erinnert an Spatzengezänk. Ich weiß, was ich weiß. Kein Titelchen davon gebe ich hin. Im Herzen Ihrer Tochter ist stets eine keusche Flamme gewesen, und daher: mit Zweifeln und Glaubensängsten hat ihr Sinnen gar nichts zu schaffen. Da liegt etwas, was wir vorderhand nicht zu begreifen vermögen. Sie wird uns Aufklärung geben. Ein Berg von Not muß erst von ihren Schultern herunter. Ihrem Seelsorger gegenüber wird sie schon sprechen, und somit frage ich Sie, Fräulein Johanna: Welche Gründe liegen vor, dem bedeutsamen Auftrag, der auch die Neuschöpfung einer Pieta in sich schließt, skeptisch gegenüber zu stehen?« »Gründe, Hochwürden?« »Ja, ich denke an ernsthafte Gründe.« »Offen gestanden: ich kann sie nicht finden, wenigstens sie mit dem richtigen Namen nicht nennen. Aber ich glaube, ich bin zu irdisch veranlagt, und dann: ich kann den Spuren des großen Meisters nicht folgen.« »So, so!« meinte der Dechant und gab ihre Hände frei, »zu irdisch veranlagt! Hab's nicht gewußt und weiß es auch jetzt nicht. Solche Selbstanklagen sind wie armselige Strohfeuer, die in sich selber verlöschen. Nein, nein, Fräulein Johanna« – und seine Stimme nahm einen warmen und leuchtenden Ton an – »das Gottfremde liegt Ihnen nicht. Bei Ihnen ist alles still und groß wie in einem lauschigen Sommerwald, ohne Sünde und Weltstaub, und wenn einmal eine gewisse Unruhe hineinkommt, so ist es nur ein Rauschen und Tönen, wie wenn der Herr mit den alten Kronen Zwiesprache hält und seine allmächtige Domorgel spielt ... und dafür möchte ich Deo gratias sagen. Und weiter, Fräulein Johanna ... Wie kommen Sie nur zu diesem seltsamen Trugschluß? Das ist eine Ansicht, die mit einem Buckel und einer Pritsche umherläuft. Was heißt das: ›ich kann den Spuren des großen Meisters nicht folgen?‹ Quod scripsi, scriptum est. Ich habe Ihre Handschrift gelesen und kenne Wort für Wort und Zeile für Zeile. Auch das Kleinste in ihr ist für mich bedeutsam geworden. Ich hab's immer gesagt und sag' es auch heute: von kleinen Unebenheiten abgesehn – nichts fehlt ihr. Alles sauber und von einem mutigen Glanz überzittert. Und diese, Ihre Handschrift auf die Kunst übertragen ... Sie bossieren in Wachs, wie die Alten es taten. Ihr Messer behandelt den Holzstock, wie nur die Auserwählten des sechzehnten Jahrhunderts zu schnitzen vermochten. Die Adlerschwinge dieser Zeit rauscht durch Ihr Schaffen, und ich stehe nicht an, hier feierlichst die Erklärung abzugeben: Ihre Kunst ist stark genug, um in die Fußtapfen Heinrich Douwermanns zu treten, die Schmerzensreiche zu bilden und die beschädigte Predella in alter Glorie und Herrlichkeit erstehen zu lassen.« »Hochwürden ...!« In heftigen Stößen klopfte die junge, harte Brust gegen das weiche Gewand. Sie rang nach Atem und suchte nach Worten. Endlich stammelte sie: »Und wenn auch alles so wäre, geben Sie mir Bedenkzeit, Hochwürden.« »Bedenkzeit?!« fragte der Alte, mehr erstaunt, als erregt und noch immer nicht wissend, was er mit dem sonderbaren Verhalten seiner Tochter anfangen sollte. »Aber ich bitte dich, Kind,« fuhr er gemäßigter fort, »nun hat der Herr Dechant doch so erlösend und allbefreiend gesprochen, hat dich bestellt zum Hüter unseres unvergleichlichen Schreins, und das aus freien Stücken heraus und nur vor Gott und seinem Gewissen, hat dir ein köstliches Saitenspiel in die Arme gelegt, um den Namen Douwermann wieder erklingen und jubilieren zu lassen – und da noch Bedenkzeit?!« »Mein Gott!« sagte sie wie aus einem tiefen Schmerz und einer dumpfen Betäubung heraus, »ich sagte schon vorhin: ich halte mich für zu irdisch veranlagt. Mein Schaffen sucht andere Wege, fahndet nach neuen Zielen, will die Enge und das Starre der Linien und Formen vermeiden und ist bestrebt, einen stärkern Anschluß an die Antike zu finden.« »Und wann ist dir diese Erkenntnis gekommen?« fragte er mit ruhigem Ernst. »Im verflossenen Sommer.« »Das war wohl, als die Wiesen dem dritten Schnitt zureiften und die Bauern ihre Weizenernte nur so hineinscheffeln konnten?« Sie nickte stumm vor sich hin. »Und darf man nach dem Lehrmeister fragen?« Seine Stimme zitterte. »Ich möchte vorderhand seinen Namen verschweigen.« »Auch eine Antwort. Dann eine andere Frage,« und Arnt Douwermann streckte die Hand aus und wies auf die verhüllte Figur, die sich im vollen Lichtkegel der Hängelampe emporhob. »Du weißt: deine Arbeitsstätte ist mir von jeher heilig und unantastbar gewesen. Ich wollte dich in deinem Wirkungskreis nicht stören, denn in der Überraschung fand ich allzeit eine feiertägige Freude. Jetzt aber ... Das da, was unter dem Tuch sich verbirgt, ist wohl das Resultat deiner neuen Erkenntnis?« »Ich machte wenigstens den Versuch, die Rückkehr zur Natur anzustreben und dem freien, pulsenden Leben zu seinem Recht zu verhelfen.« »Und behandelt dieser Versuch einen kirchlichen Gegenstand?« »Nein, er ist weltlich.« »Also weltlich, weltlich!« begehrte er auf, und der sonst so beschauliche und in sich gefestigte Mann schien Halt und Fassung verlieren zu wollen, »dann aber habe den Mut auch, uns einen Blick in diese, deine neue Welt zu verstatten. Nimm die Hülle fort, auf daß auch wir deines ersehnten Glückes teilhaftig werden. Das willst du doch, das ist doch deine Absicht, Johanna; denn jede neue Lehre will ihre Bestätigung haben.« Herrisch trat er vor, als sei er gewillt, das dunkle Geweb von dem Bildwerk zu reißen. Sie kam ihm zuvor. »Jetzt nicht,« sagte sie mit flammenden Augen und breitete die Arme, als müsse sie eine Barriere legen zwischen ihre Kunst und den Vater. »Unvollendetes soll man nicht zeigen. Es verwirrt nur und bringt keine Andacht.« Langsam sanken die Arme an ihrem schönen Leibe herunter. »Später vielleicht,« sagte sie klanglos. »Also – später vielleicht,« wiederholte der Alte mit verdrückter Stimme und schüttelte traurig den Kopf. »Vielleicht nur, vielleicht nur ...!« und seine Worte steilten senkrecht empor, um wieder matt und flügellahm in sich zusammen zu sinken. »So aus allen Himmeln gerissen zu werden! Das tut weh, und ich hab' nur den einzigen Wunsch, daß dein Glaubensbekenntnis sich vor Gott und deinem Gewissen verantworten möge. Doch noch besser: ich hätte dich lieber für alle Zeit in deinem schlichten und weißen Kleide gesehen.« Er war dicht an ihre Seite getreten. Dann packte er zu und umspannte ihr Handgelenk. »Oder du – versprichst du mir, in deinem schlichten und weißen Kleide zu bleiben?« Eine tiefe Stille ging um, ein lastendes Schweigen, als fiele ein dichter Meltau von der Decke herunter. »Sie bleibt es, Herr Douwermann,« sagte der Dechant mit aller Bestimmtheit. »Das weiße Kleid wird sie auch fürderhin tragen, genau so, wie sie es trug, als ich sie als Kind zum Tische des Herrn geleitete. Dieserhalb wird mir das Herz nicht schwerer und ärmer. Man kann schon im Leben seine Anfechtungen haben; denn wären sie nicht, man würde nicht die Krone des ewigen Lebens gewinnen. Siegreich wird sie alle Gefahren bestehen. Darauf lege ich meine Hände ins Feuer. Warum auch nicht? Kenne ich doch ihr inneres Wesen wie die heiligen Schriften. Darin steht nichts Unrechtes geschrieben. Was ist alles klar und lauter wie Gottes Sonnenschein und wirft keine Schatten. Was sollte ihr auch beikommen, den makellosen Opferherd einer gottseligen Kunst zu verleugnen, um dafür die Fackelträgerin eines unlautern Kultes zu werden? Jede Behauptung ist nicht wörtlich zu nehmen. Sie verlangt sachliche und sinngemäße Behandlung. Auch der gläubigste und kirchlichste Bildner hat nicht stets im Herrgottswinkel zu schaffen, vor dem silbernen Ämpelchen zu beten und seine Motive aus dem Jenseits zu holen. Es steht ihm nicht an, zeit seines Lebens Märtyrer und Bekenner zu schnitzen, etwa den großen Christopher, Sankt Ursel und ihre elftausend Jungfern, Katharinchen mit dem Spinnrädchen und den heiligen Krispin, der Leder stahl, um es armen Schustern zu geben – aber er soll dem Herrn dienen, auch in seinen irdischen Werken. Und so hoffe ich denn, Fräulein Johanna« – und in den Augen des würdigen Priesters wohnte ein Glanz, wie ihn sonst nur die Gläubigen sahen, wenn er das Brot segnete und das allerheiligste Altarsakrament unter Weihrauch emporhielt – »daß auch Sie ihm fernerhin dienen und uns nach wohlüberlegter Bedenkzeit eine freudige Antwort zuteil werden lassen.« »Das wäre ein Glück!« meinte der Alte, »und wenn es so käme, es würde wieder heller werden zwischen meinen vier Pfählen.« »Also Mut denn, Fräulein Johanna,« sagte der Dechant. »Laßt die Rechte nicht wissen, was die Linke tut, so ihr euch prüfet. Ultra posse obligatur , spricht der Lateiner; aber er sagt auch: Nobilis is vero est, quem nobilitat sua virtus oder zu deutsch: Der ist für adelig geacht, den seine Tugend zum Ritter macht. Möge auch Ihre Tugend sich immer stolzer entfalten. Seien auch Sie ein Gottesstreiter und Ritter im Reiche der christlichen Kunst, und das Antlitz des seligen Heinrich Douwermann wird aufleuchten im Himmel.« »Ich will es versuchen,« hauchte sie bewegt. Ihre Brust stürmte. »Also abgemacht denn, und kommen Sie in freudiger Mission zu mir – nicht heute, nicht morgen, in einigen Wochen vielleicht – ich bin gewiß, meine alten Hände werden sich falten und meine Lippen werden sprechen: Benedictus, qui venit in nomine Domini! « Hierauf hob er die Hand, die weiße, durchgeistigte Hand, machte das Zeichen des heiligen Kreuzes und segnete alle. Von Arnt Douwermann begleitet, verließ er das Zimmer. Dirk Vogels hatte bisher am Türpfosten gestanden, wie eine Säule – ohne Leben – ohne Bewegung – bleich wie das Entsetzen. Kein Wort war über seine Lippen gekommen; aber sein Herz hämmerte ihm gegen die Brust, als müsse es die Rippen zersprengen. Alles lag mit entsetzlicher Klarheit vor seinen Blicken: die vergangenen und die noch kommenden Tage. Aber sie boten nichts Gutes. Wie mit Kirchhofsrosen fiel es über ihn her, wie ein Regen von Asche und Lava, und dabei fühlte er die aufdringliche Nähe der verflossenen Sommertage und -nächte, ihr verschwiegenes Rauschen in den Korngassen, ihr Locken und Werben und ihr verbuhltes Sternenfeuer, das auf jeder fruchtschweren Ähre ein duftiges Räucherkerzchen entflammte. Was hatten ihm diese laulichen Sommernächte nicht alles zu sagen! Und dann noch das soeben Gehörte! Es trieb ihm das Blut in die Schläfen. Er kam sich vor wie ein Ausgestoßener. Das schmale, scharfgemeißelte Antlitz war in frostiger Starre auf Johanna gerichtet. Auch sie regte sich nicht. In kirchenstiller Ergebung stand sie vor dem verhangenen Bildwerk, mit niedergeschlagenen Blicken, bleich und gefühllos, nur von dem Gedanken erfüllt: »Peinige mich nicht so, wie die andern es taten!« Da trat er vor. »Johanna!« knirschte er zwischen den Zähnen. Er war nicht mehr Herr seiner Sinne. Ihre Augen taten sich weit auf, und die kaum wahrnehmbare Bewegung ihres Mundes endigte in einem schmerzlichen Lächeln. »Auch du noch?!« fragte sie wie geistesabwesend, »und ich dachte schon, du wärest mit den Herren gegangen.« Wie Eiswasser liefen die ruhigen Worte über ihn fort. Da hielt's ihn nicht länger. »Du!« stöhnte er auf und sprang auf sie zu. Wortlos, mit einem eisernen Griff, als wollte er ihr die Glieder zerbrechen, so riß er sie an sich. »Was willst du?! Was tust du?!« Mit Aufbietung all ihrer Kraft suchte sie aus seiner Umarmung zu kommen. Ihr ganzes Wesen bäumte sich auf vor dumpfer Empörung. Sie stöhnte und ächzte. Schließlich gelang es ihr, sich gegen seine Brust zu stemmen und den Kopf rücklings zu werfen. Ihr Blick zuckte bestürzt in seinen hinüber. Sie kannte ihn nicht wieder. So hatte sie ihn niemals gesehen. Heiß und kalt lief es ihr über den Rücken. Sie fühlte seinen glühenden Atem, seine sehnigen Arme. »Was quälst du mich so!« »Du!« zischelte er ihr ins Ohr, »es muß endlich klar zwischen uns werden.« »Das war es doch immer.« »Nein, du – das ist es niemals gewesen. Immer dieses Geben und Nehmen, dieses ängstliche Wandern über Torf und Moor. Immer wieder dieses Sichsperren, dieses Locken und Abwehren. Ich will Klarheit haben, Johanna!« und wieder riß er sie an sich, wie trunken, wie aus einem wilden Fieber heraus, und preßte seinen Mund auf ihren weißen, zuckenden Hals. »Laß mich los – du!« »Nicht eher, bevor ich weiß, was sich zwischen uns drängte, was aus uns werden soll, was im verflossenen Sommer geschehen ist, wer dein Lehrmeister war und dir das infame Evangelium einer neuen Kunstepoche gepredigt. Diese Offenbarung will ich wissen, will sie mir zu eigen machen, will sie ergründen. Da steckt doch irgend eine geheimnisvolle Sache dahinter ...« »Nichts steckt dahinter,« stöhnte sie fassungslos. »Wie kommst du darauf? Ich bin doch kein Kind. Aber wenn du es wissen willst: Nichts ist im verflossenen Sommer passiert, wenigstens nichts, dessen ich mich zu schämen brauchte und was meine Ehre antasten könnte.« »Und das Bildwerk da ... Was ist unter dem Tuch da verborgen?« Hart und ehern fielen ihm die Worte von den Lippen herunter. »Das ist meine Sache und meine Arbeit, und ob ich sie zu zeigen gewillt bin, darüber habe ich mir noch keine Ansicht gebildet. Und das andere, Dirk, ich meine das, was du ein neues Evangelium nennst ... auch darüber bin ich keinem Rechenschaft schuldig. Und wer es gepredigt? Ein Starker, ein Könner hat es gepredigt, und die Stimme der Kunst hat es mir in die Seele gerufen. Die mußte es wissen. Im übrigen« – und ihre Worte klangen wie Stahl – »ich bin keinem verpflichtet, niemand, nicht einmal mir selber ... auch dir nicht.« Das wirkte wie ein knallender Peitschenhieb. Dumpf stöhnte er auf. Seine Arme lockerten sich, ließen von ihr ab. Wie gelähmt sah er in einen gähnenden Abgrund. »Du nicht verpflichtet? Also keinem verpflichtet? Auch mir nicht?« Ein heiseres Lachen brach aus ihm hervor. »Was bist du denn eigentlich?« fragte er mit zerbrochener Stimme und wich etliche Schritte zurück. Dann blieb er stehen und maß sie mit kalten Blicken. »Oder glaubst du vielleicht ...« Er suchte nach Worten; eine wilde Gedankenflucht hatte sich an ihn geworfen. »Weißt du denn alles nicht mehr? Erinnerst du dich nicht? Ich meine, ist denn alles aus deinem Gedächtnis getilgt, wie in den Wind gesprochen und in den Sand gezeichnet? Du – was damals zwischen den Wiesen geschehen ist, als wir über den Binnendeich gingen und die Osterfeuer brannten, groß, einsam und heilig, wo ist das alles geblieben? Die Feuer von Grieth und Wisselward und die auf dem Paternosterdeich! Strahlende Cherubim in heiliger Osternacht! Und was du da sagtest und dachtest und tatest – ist das nur ein Darlehn gewesen, ein erbärmliches Trinkgeld, wie man es gedankenlos zwischen Tür und Angel verteilt, wie man es einem Bettler zuwirft und dann die Tür hinter ihm zuschlägt?« Ihre Hände verschränkten sich, verflochten sich krampfhaft. Alles Leben trat ihr zum Herzen zurück. Die aufeinander gepreßten Lippen waren blutleer geworden. »Was machst du aus mir,« sagte sie heftig, »und wessen klagst du mich an? Ich habe gar nichts vergessen und will nichts vergessen.« »So redest du jetzt, um nur eine Antwort zu finden. Aber das ist keine Antwort. Sie bietet mir nichts und kann mir nichts bieten, und selbst ein Stein, den du mir an Stelle von Brot gäbest, wäre barmherziger gewesen als deine Worte. Aber das sage ich dir: ich habe diese Stunde herbeigesehnt, wie der Sterbende die letzte Ölung herbeisehnt. So geht das nicht weiter. Mein Herz ist zermartert. Es ähnelt dem Bildstock auf dem Kalvarienberg. Vergegenwärtige dir doch die vergangenen Tage und Monde. Damals im Frühling flog es in den Himmel hinein wie eine jubelnde Lerche. Du hattest ihm Schwingen gegeben und Trost gegeben und Hoffnung für später. Dann hungerte ich nach dir und dürstete nach dir, den Sommer hindurch, den Herbst hindurch, und jetzt ist es Winter geworden ... Hier pocht das und arbeitet das. Mein Blut ist verriegelt. Es hat Heimweh nach dir. Gib ihm die Freiheit. Aber ich stehe mit leeren Händen wie immer. Und dann noch das andere...« und seine Stimme schrie auf: »Was hast du vor? Soll die Marter noch weiter gehen? Schaffe doch Klarheit um mich. Oder bist du anderweitig verpflichtet? Das muß nun einmal gesagt werden, um freie Bahn für uns beide zu schaffen. Ich für meine Person, ich ertrag' das nicht länger. Entweder so oder so. Ich muß aus der Pein- und Armeseelkammer heraus, sonst zermürb' ich, sonst geht mein ganzes Dasein vor die Hunde. Lieber wünsche ich mir das Los meines Vaters. Trotz der grauen Stube, durch die ich lange hätte hindurchstieren müssen, endlich wäre mir doch die ersehnte Ruhe geworden. So aber ... willst du mich endgültig zum Bettler machen und die Tür hinter mir zuschlagen, dann sag' es, aber kurz und bündig – und ich bin zum letzten Male Bettler gewesen.« Mit einem kurzen Laut brach er ab, warf sich auf einen Stuhl und barg das Gesicht in die Hände – verzweifelt, in sich zusammengebrochen, als wäre nichts mehr zu retten, nichts mehr, nichts mehr ... »Mein Gott und mein Heiland ...!« Dann hob er die Hand und winkte mechanisch ab, als wenn er sagen wollte: »Geh nur, geh nur; es ist doch alles vorüber.« Aber sie ging nicht. Scheinbar kalt und gelassen stand sie auf der nämlichen Stelle. Nur ein leises Zittern überflog ihren Körper; ihre Lider schlossen sich langsam. Vieles ging ihr durch den Sinn. Sie befand sich in einer Welt, die außerhalb dieser Welt lag. Sie hatte gehört und doch nicht gehört. Nur wie aus unbegrenzter Weite her waren ihr die übereilten Worte zu Ohren gedrungen. Aber ein Klingen war bei ihr wie das von Haferähren im Wind. Das hörte sie deutlich. Sie war im verflossenen Sommer durch ein Feld mit Haferähren gegangen. Sie konnte dieses Klingen nicht los werden, und wie sie sich auch mühte, es aus ihrem Gedächtnis zu bannen, immer wieder wisperte es durch ihre Seele wie erdenferne Glöckchen. Schließlich gelang's ihr, und da war es ihr so, als wenn das geheimnisvolle Tönen Form und Gestalt annähme, sich verwandelte, zu einem großen Vogel würde, um sacht über die ernteschweren Felder zu schwimmen – immer weiter und weiter ... Drüben bei den dunkelblauen Wäldern von Moyland verschwand er. Da solches geschehen, trat sie etliche Schritte vor, ruhig und zielbewußt, bis dicht in seine Nähe. Sie schien zu schweben. Dann hielt sie den Fuß an; über ihre Wangen kam ein herzzerreißendes Lächeln. Langsam hob sie die Arme; ihre schlanken Hände umspannten ihre junge Brust unter dem weichen Gewand. Dann sprach sie. Keine Vorwürfe, keine Entschuldigungen. Ihre Stimme war sanft und lindernd wie Balsam. Sie klagte nicht an und beschönigte nicht. Nur dereinzelte Tränen waren dazwischen. Sie erklärte sachlich und ohne jede Erregung. Sie führte ihn in die Osternacht hinein, als die Feuer erwachten und die weiten Wiesen einschlafen wollten. Die Worte und Sätze reihten sich aneinander, so klar und scharf umrissen wie die Bilder am Himmelreich. Sie erzählte ihm Dinge, an die er sich kaum noch erinnern konnte, wie nur ein Weib sie empfand und nur ein Weib sie wiederzugeben vermochte. Dann meinte sie schließlich, wobei sich ihre Blicke wieder öffneten: »Das wäre es, was ich dir zu sagen hätte. Mein Leben liegt vor dir wie ein offenes Buch, dessen Inhalt du kennst. Nur einige Blätter sind unbeschrieben für dich. Für mich nicht; aber das kommt daher, weil sie eine rein persönliche Note haben und mein eigenstes künstlerisches Empfinden betreffen. Das laß dir genug sein. Jedenfalls: ich fühle mich dir gegenüber nicht schuldig und begreife daher nicht, wie du dazu kamst, mir eine derartige Szene zu machen.« Er hob langsam den Kopf und sah sie fassungslos an. »Also – das begreifst du immer noch nicht?« »Nein,« versetzte sie duldend. »Dann laß dir nochmals bedeuten ...« »Bevor du es tust ... ich habe dir noch etwas mitzuteilen,« entgegnete sie in stiller Ergebung, ohne mit der Wimper zu zucken. »Es ist das letzte. Dann habe ich dir nichts mehr zu sagen. Das übrige überlasse ich deinem Ermessen. Daß ich es vorhin nicht tat, lag in einer gewissen Zurückhaltung meinerseits begründet. Das ist jetzt anders geworden. Du zwingst mich dazu. Drum sollst du es wissen. Verkenne unsere wechselseitigen Beziehungen nicht. Noch ist jeder von uns Herr über sein Tun und Lassen geblieben. Nichts hindert uns, stillschweigend Abschied zu nehmen. Wir haben uns gegenseitig nichts vorzuwerfen, nicht soviel wie der Hauch auf einem Spiegel. Unsere Blicke können sich begegnen, ohne daß unsere Wangen erröten. Ich sage dir das alles, damit du siehst, wie frei und ungebunden wir noch sind. Du zu mir und ich zu dir. Noch ist das bindende Wort nicht gefallen, obgleich ich weiß, wie gut du zu mir bist und mein Herz sich zu dir hingezogen fühlt. Ein stillschweigendes Einvernehmen – gewiß, aber noch keine Verpflichtung.« Sie suchte nach Atem. Mit einem jähen Ruck war er in die Höhe gefahren. »Aber Johanna ...!« »Nein, du – noch keine Verpflichtung,« rief sie mit aller Bestimmtheit. »Sage mir nichts; ich weiß, was du willst. Ich bin sicher, du würdest dich nur in einem Irrgarten von Beteuerungen und Worten verlieren. Und das wäre zwecklos wie immer. Wir sind keine Kinder mehr und müssen mit den Tatsachen rechnen. Ich leugne es nicht und habe es niemals geleugnet: mit heißem Sehnen bin ich mit dir über die eingedunkelten Dämme gegangen – meine Brust hat an deiner geruht – unsere Körper berührten sich – du hast mich umarmt – du hast mich geküßt, und ich habe diese Küsse erwidert, als Weib erwidert, und habe mich von ihnen beseligen lassen... Das gestehe ich unumwunden ein und werde es niemals bereuen. Aber eines besitze ich noch« – und ihre Stimme ging über sich fort – »und das halte ich fest; wenigstens jetzt noch ... mein eigenes Selbst. Ist das vertan, so habe ich nichts mehr zu geben. Um auch dieses zu opfern, muß ich erst die Überzeugung gewinnen: durch dieses Opfer bin ich restlos glücklich geworden – mir gegenüber und meiner Kunst gegenüber. Ich muß mich erst sammeln, mich erst wiederfinden. Laß mir Zeit. Dränge mich nicht. Ich muß aus meinen Zweifeln und Bedenken heraus ... Drum warte. Du weißt, daß ich dein bin, daß ich dir angehören möchte ... nur lasse diese Liebe ausreifen, behutsam und ohne Übereilung, wie ein blühendes Kornfeld. Es wäre ein Verbrechen, es voreilig unter die Sense zu bringen. Ich will mich für dich aufbewahren, so weit es in meiner Kraft steht und ich es mit meiner Kunst und meiner Seelenruhe vereinbaren kann. Und ist es so weit, dann will ich jauchzend in deine Arme hinein, um dir auch das zu geben, was ich bis jetzt noch verweigerte und verweigern mußte. Ich bringe dir ein Opfer, bringe auch du mir eines. Bist du hierzu gewillt ...?« und sie hielt ihre Arme gebreitet. Wie sie aufleuchteten, diese alabasternen Arme! denn ihre Ärmel hatten sich bei der raschen Bewegung bis zu den Schultern gestreift. Ein königliches Weib hielt diese Arme gestreckt, ein königliches Weib unter diesen schlichten Sparren. »Dirk, bist du hierzu gewillt ...?!« »Johanna, Johanna ...!« Mit einem Sprung war er bei ihr. Er hatte alles verwunden, aber auch alles. »Johanna, Johanna ...!« Himmel und Erde versanken ihm in dieser wilden Umarmung. Eine Flutwelle brandete über ihn fort. Endlich, endlich ...! – So hatte sie noch niemals geküßt, ihn so an ihre junge Brust gezogen, ihm so ihren blühenden Leib geboten mit all seinen Wundern. Und sie fanden sich immer und immer wieder in einem verzehrenden Kusse, der kein Ende nehmen wollte und köstlich war in seiner schmerzlichen Keuschheit. Kaum hörbar klinkte die Tür auf, und ebenso lautlos schloß sie sich wieder. Arnt Douwermann trat unauffällig zurück. Er wollte die heilige Stunde nicht stören. 8 Es war nur ein niedriges, langgestrecktes Häuschen, das vor dem Tor lag, unmittelbar am Ausgang der Stadt, und sich nicht weit vom Ravelin hinter kurz verschnittenen Bäumen versteckt hielt. Sieben platte Linden auf Reihe! Jetzt kahl und nüchtern, und das Häuschen selber ... gummiartig ausgezogen, hatte es karminfarbige Läden, Fenster mit purpurroten Vorsetzern, und die Pfannen hingen so tief, daß ein erwachsener Mensch sie mit den Fingerspitzen berühren konnte. Es war ein Riese und doch ein Gnom unter den zunächstliegenden Gebäulichkeiten. Man konnte sich des Schmunzelns nicht erwehren, wenn man vorbeikam, so putzig sah es aus, so steif und geschwollen, daß man unwillkürlich den Kopf schütteln und sagen mußte: »Komisch, sehr komisch!« – und wenn man dann noch die Klingel in Bewegung setzte, dann schellte sie nicht, nein, dann quiekste sie wie 'ne Porkshiresau oder rasselte wie ein altes Waffeleisen oder stieß ein Gelächter aus, wie es die Ärzte, Pfleger und Pflegerinnen in einem Irrenhause vernehmen. Unwillkürlich zog man dann die Hand von dem blankgeputzten Messinggriff, ging schnell seines Weges und freute sich im stillen, daß man nicht einzukehren brauchte. Unter dem Messinggriff befand sich ein Schildchen von Weißmetall, oval geschnitten und ebenso sauber gehalten wie alles, was mit diesem kuriosen Anwesen zusammenhing. Auf diesem Schildchen stand eingraviert: »Anatole Baron von Klotz, Kirchenrendant und emeritierter Steuerempfänger,« gekrönt von einer Jakobinermütze, die aus einer siebenzackigen Krone herauswuchs und von je einer Pike flankiert war. Nein, diese Schelle! – und wie sie auch lamentieren, rasseln und quieksen mag, wir nehmen uns dennoch ein Herz, greifen zu und setzen den Draht in Bewegung. Herr Jesus, dieses infame Gewimmer! Der Ton verstärkt sich, als wenn er einen Resonanzboden unter den Füßen hätte, gellt durch die engbrüstigen Korridore und meckert schließlich in die Küche hinein, wo die Haushälterin eben dabei ist, einen saftigen Hasenrücken zu spicken. Eilfertig legt sie Speck und Nadel beiseite. Dann hurtige Schritte, die Tür öffnet sich vorsichtig, und Stina Birgels, vom Herrn Baron nur Charlotte Corday genannt, erscheint auf der Schwelle. Auch ein drolliges Fraumensch! – genau so drollig wie alles, was in diesem merkwürdigen Haushalt lebt und atmet, in den Ecken herumsteht, im Ofen plaudert, aus den Glasservanten sieht oder von den Wänden herabschildert. Als eine Kurze, Gedrungene präsentiert sie sich, mit roggenstrohblonden, straffgescheitelten Haaren, weichen, feuchten Händen und einem stattlichen Busen, der sich mit einer getüpfelten Kattunbluse umschleiert. In dem appetitlichen Gesicht leuchten die runden Augen gleich angeschwitzten Maronen. Ihre spitze Zunge kennt keine Ruhe, ist stetig mobil und leckt die frischen Lippen, wie die Katzen sich lecken. Stina Birgels, in dem benachbarten Wissel daheim, steht seit fünfzehn Jahren im Dienst der Familie von Klotz. Sie hat viel geliebt, und ihr mußte viel vergeben werden. Im übrigen sieht sie auf Sitte und Anstand, besucht täglich die Messe, hält gewissenhaft ihre österliche Zeit, steht mit der Köchin im Pastorat auf du und du und wirbelt allmorgens die Bettposen ihres Herrn so liebevoll durcheinander, als müsse sie ihm jetzt schon eine paradiesische Schlafstätte bereiten. Obgleich zuweilen kriegerisch gestimmt und mit den französischen Revolutionsideen vertraut, zählt sie doch zu den frommen Jungfrauen der ›Ewigen Anbetung‹, und gedenkt sie ihres frühern Lebens und der kleinen Geschichten im hohen Kornfeld, die eigentlich gegen die Gebote der Keuschheit verstießen, dann feuchtet sie ihre Lippen mit dem spitzen Züngelchen an und betet glaubenskräftig herunter: »Und wären eure Sünden so rot wie Scharlach, schließlich werden sie doch weißer gewaschen sein als Schnee der aus dem Himmelreich niedergleitet ...« Ja, Stina Birgels, gemeinhin Charlotte Corday geheißen, zählte schon zu den putzigen Wesen. »Ist der Herr Baron zu Hause?« »Well, Mynheer.« »Und ist er zu sprechen?« »Auch dieses, Mynheer.« Bedächtig gleitet sie vor, dreht sich nach rechts, legt ihre gallertartigen Wurstfinger auf die Klinke und drückt geräuschlos das Schloß auf. »Ich bitte – angtree!« Auf der Türfüllung steht in goldenen Lettern geschrieben: »Vive la montagne!« – Das Allerheiligste des Herrn Kirchenrendanten und emeritierten Steuerempfängers umfaßte eine ganz absonderliche Welt für sich, war erfüllt mit Grotesken, obgleich das Mobiliar nicht von dem landläufigen abwich und die Gardinen so nüchtern und blütenweiß vor den niedrigen Fenstern hingen, wie sie es auch beim Herrn Pastor und bei Arnt Douwermann taten. An allen Ecken und Enden die niederrheinische Ordnung und Sauberkeit, das Exakte eines gängigen Uhrwerks. Nirgends ein Stäubchen. Die Dielen gewichst und gebohnert. Stühle und Sofa aus hellem Kirschbaumholz, mit purpurrotem Fries überzogen. Die Glasservante alltäglich, wie in den andern Bürgerhäusern. Auf den Korbsesseln die üblichen Schoner und Schlummerrollen, bestickt mit buntfarbigen Perlen ... aber dann weiter! Aus schmalen Goldleisten sahen die Schreckensmänner der französischen Revolution von den Wänden herunter: Chaumette, Hébert, Danton, Momoro, Robespierre; daneben ein Kupferstich, auf dem ein Königskopf von den Brettern stolperte. Herr Gott, ja – die Metze Paris machte schon gründliche Arbeit! Von einem weitern Bild grinste das ›rasoir national‹ , die furchtbare Tochter Guillotins, in das seltsame Zimmer. Ihr zur Seite die ›rote Eminenz', der größte Revoluzer aller Zeiten und Völker; ferner der Graf Mercy-Argenteau, › le vieux renard ‹, der Staatsanwalt Fouquier-Tinville, Gannay, der Perückenmacher, Trinchard, der Tischler, Grenier-Trey, der Blutmensch mit Schere und Zwirn – Gevatter Schneider und Handschuhmacher – alle die Männer, die Marie Antoinette auf den einspännigen Karren setzten, um sie dem Citoyen Samson in die Arme zu führen. Ringsum die Herrschaft des Schreckens, Szenen aus den ›Vorhallen des Todes‹, dem Temple, den Madelonnettes und dem Gefängnis Sainte-Pelagie ... und dort über dem Sofa! – Da hing sie, von einem vergilbten Lorbeerkranz umrahmt, sie, die Silhouette des großen Anacharsis von Klotz, der › Orateur du genre humain ‹, der Pontifex maximus des Vernunftkultes, der Inthronisator der gewaltigen Göttin, zuerst verkörpert durch die schöne Demoiselle Maillard in der Kathedrale von Paris, als am zehnten November des Jahres 1793 der nackte Wahnwitz seine scheußlichsten Saturnalien feierte und Robespierre die Worte prägte: » Le peuple français renonnaît l'existence de l'Etre suprême de l'immortalité de l'âme .« Diese entsetzlichen Dinge und Erinnerungen, diese Purzelbäume aus mohnroten Tagen, wie sie die Seele bedrängten! Diese Andenken! – sie gemahnten an Klub und Konvent, an das Revolutionstribunal, an die Conciergerie – › cette vaste antichambre de la mort‹ – an Anacharsis von Klotz, und selbst bis in die Glasservante hinein hatten sie ihren Weg gefunden. Säuberlich hatte der Enkel die Überbleibsel des Großvaters auf Reihe gelegt: die Tabatière, den Zweispitz, die Berlocke und die seidene Weste, die er auf seinem letzten Gange getragen ... und schließlich ein kleines Pastell der Maillard, so wie sie aussah, als sie sich zuerst dem › Peuple Dieu ‹ präsentierte. Liberté, égalité, fraternité ou Ia mort! – und heute war der Vorabend dieses furchtbaren Tages. Die Läden waren vorgelegt, die alte Moderateurlampe zirpte und näselte durch ihren Glaszylinder, während draußen die Kälte sich mausig machte und ihren spitzen Odem durch die Schlüssellöcher hineinblies. Sie war noch bissiger geworden, als sie vor einigen Tagen gewesen war. Die Hände in den Hosentaschen vergraben, das glattrasierte Gesicht steif zwischen den Vatermördern, die etwas angefransten Hosen auf den Stiefeln gestaucht, also schritt Anatole von Klotz über den gemusterten Binsenteppich, der die Dielen halbwegs bedeckte. Plötzlich senkte er das Kinn tiefer und gnetterte einige Worte zwischen den Kiefern, als wenn er, sich allein fühlend, ein Selbstgespräch hielte. Aber er war nicht allein in der Stube. Jemand war bei ihm. Mit gestreckten Beinen, eine landfremde Virginia zwischen den gesunden Zähnen wippend, saß ein stattlicher Mann, der die dreißiger erreicht haben mochte, neben dem Glasschrank und stieß von Zeit zu Zeit bläuliche Wölkchen zur Decke. Dabei gespensterte das Zigarrenende wie ein Glühwürmchen durch die Dämmerhelle, immer auf und ab, hin und wieder, unruhig wie ein fahriges Gewissen. Das Gesicht des Fremden, gleichsam aus Bronze gegossen, leicht olivenfarbig überhaucht, wäre männlichschön und bedeutsam gewesen, hätte man das Spöttische um die Mundecken und den scharfen Glanz der Augen fortnehmen können. Die Blicke zergliederten, gingen in die Tiefe hinein, ähnelten Falkenlichtern und waren imstande, die innern und äußern Reize des Weibes skrupellos zu entkleiden ... und diese energischen Augen ließen den in monotoner Regelmäßigkeit Auf- und Abschreitenden nicht außer Obacht. Dieses stetige Einerlei in Verbindung mit dem verwaschenen Murren und Knurren des alten Herrn interessierte ihn sichtlich und veranlaßte ihn, bei jedem Schritt ein scharfumrissenes Wölkchen aufwärts zu paffen. So ging es mehrere Sekunden und Minuten hindurch, als Anatole plötzlich den Fuß anhielt, sich vor den jungen Mann aufpflanzte und die in den Hosentaschen verstauten Hände mit einem kurzen Ruck frei machte und in die Seiten stemmte. Dann krähte er los: »Nochmals gesagt: Votre serviteur, monsieur André . Herzlichst willkommen! Aber offen gestanden: ich hatte dich erst um Weihnachten erwartet. Weißt du: heilige Nacht – vergoldete Apfel und Nüsse – Spieldose – Lamettastreifen – Christbaum und so ...« »Das seh' ich,« versetzte André von Klotz und wies auf eine junge Fichte, die aus einer dunkeln Ecke hervorsah und eine knallrote Mütze aufgesetzt hatte. »Etwas vorzeitig zwar, aber da steht schon das Bäumchen.« Der Alte meckerte vergnügt vor sich hin, fingerte aus seiner Rocktasche eine Schnupftabaksdose aus Ebenholz, die mit einem Sarg › en miniature ‹ eine verteufelte Ähnlichkeit hatte, entnahm ihr eine Prise Spaniol, schnupfte und ließ die Dose wieder verschwinden. »Bäumchen hin, Bäumchen her!« meinte er lustig. »Alles schon richtig, und doch nicht richtig, mein Junge. Doch später hierüber. Vorderhand möchte ich wissen, wie es dir möglich wurde, mir so unversehens unter die Sparren zu trudeln. Selbstverständlich, hochwillkommen, mein Junge!« »Nichts einfacher als das,« entgegnete André, brannte sich eine neue Virginia an und schlenkerte das eine Bein über das andere. »Wir sind eben geplagte Menschen, wir Kunsthistoriker. Katheder, Galerien, Forschungen, Kongresse – alles kunterbunt durcheinander. Wie in einem Kaleidoskop, so schachteln sich bei uns die Dinge zusammen. Und so kam es denn auch ... Gestern tagte eine wichtige Sitzung im Wallraf-Richartz-Museum. Altkölnische Schule. Meister Wilhelm und so was. Vergilbte Scharteken. hatte das Referat. Hob die Renaissance auf den Schild. Schnitt glänzend ab und machte, um mich selber zu lohnen, einen Abstecher in die engere Heimat. Na, was sagst du dazu? Doch einfach großartig, und statt um Weihnachten, sitze ich schon jetzt zwischen deinen vier Pfählen.« » Tant mieux !« triumphierte der Alte und stach mit seinen zirkelrunden, nußbraunen Augen in die dämmerigen Fichtennadeln hinein, als wenn sie dort einige Kerzchen anstecken sollten. »Keine Frage: 'ne ingeniöse Idee. Da bist du mehr als gelegen gekommen.« »Wieso – ›mehr als gelegen gekommen‹?« »Herrgott! morgen ist doch der zehnte November.« »Na, und ...?« »Herzensjunge ...! Aber ich bitte dich, André!« »Und da glaubst du, ich wäre des zehnten Novembers wegen, ausgerechnet dieses Tages wegen, von Heidelberg nach Köln und von Köln bis unter diese Pfannen gesegelt? Gott bewahre, alter Herr! Du mußt mich schon in 'ne feinere Klasse versetzen; denn nur du allein bist Trumpf in der Karte gewesen, sonst – ich wäre schnurstracks vom Rhein in den Neckar geschwommen.« »So!« »Aber natürlich.« »Danke.« Anatole nahm seinen Rundgang von neuem auf, nur energischer, mit schärferm Nachdruck, ähnlich wie es die eingekäfigten Raubtiere tun, wenn sie an den Eisenstäben ihres Gefängnisses vorbeidefilieren, bis er sich wieder säulengerecht aufbaute, den Gänsehals vorschob und sagte: »Merci! Sehr obligiert, Monsieur André; aber was wichtiger ist ... denke an den großen Anacharsis von Klotz. Morgen ist sein Jubeltag, morgen leuchtet das revolutionäre Feuer von der Opferstätte herunter, morgen« – und er deutete auf Fichte und Jakobinermütze – »morgen wird der Freiheitsbaum errichtet, wird das Fest der ›Déesse de la Raison‹ gefeiert ... und diesen Tag konntest du vergessen, mein Junge?« »Ach so!« machte André und schlug mit der Zunge eine künstliche Volte, wobei er die Virginia vom rechten Mundwinkel in den linken spedierte. »Na, endlich!« atmete Anatole auf. »Endlich ist dir die Erkenntnis gekommen. André« – und er streckte die Hand aus, und zwar so gesinnungstüchtig, daß das blaugestärkte Röllchen unzweifelhaft wie ein Wachtelhahn abgeschwirrt wäre, hätte nicht eine geschickte Fingerbewegung es wieder in die Ärmelstauche befördert – »André, wir wissen ja alle, was der große Bonaparte in seinem Code dekretierte. Er sagte: La recherche de la paternité est interdite. Aber nicht immer. Es gibt Ausnahmen, André. Fm vorliegenden Falle hat das Gesetz keine Geltung. Unter keiner Bedingung. Die Vaterschaft des bravsten aller Citoyens ist Gemeingut für alle, ist unter Glas zu behüten, wenn auch leider ihr Träger den ›Nasenstüber auf den Nacken‹ – ›chiquenaude sur le cou‹ – einstecken mußte. Sapristi! Der Erzeuger der Göttin der Vernunft darf nicht wie ein Kapaun abgetan werden. Sein Name muß leuchten, glänzen, wie die Tafeln Mose auf dem Berge Horeb erstrahlten. Muß brillieren durch die Jahre hindurch, durch die Jahrhunderte hindurch, unvergänglich und ewig ... ein bengalisches Farbenspiel ... eine Ampel des Herrn ... Großartig, was?!« »Hm!« sagte André, besah den glimmenden Stengel und schnippte die Asche über den Teppich. »Ich ersehe daraus, du gedenkst diesen Tag in deiner üblichen Art zu begehen?« »Selbstverständlich, mein Junge.« »Und hast schon geladen?« »Auch das.« »Und wer ist gebeten?« »In erster Linie der Dechant, Seine Hochwürden Herr Petrikettenfeier ten Hompel.« »Und kommt?« »Er gibt sich die Ehre.« »Wen darf ich weiter begrüßen?« »Herrn Bollig.« »Ach, der! Was ist das doch für 'ne Geschichte mit Ohm Jakob gewesen? Mir schwant so etwas von Spiegeln, gepuderten Weibern und ähnlichen Chosen.« Anatole überhörte die Frage und zählte an den Fingern herunter: »Als dritter François Türlütt.« André lachte: »Sieh mal an, der abgebrochene Riese, der Pomeranzen- und Punschmann!« In den kreisrunden Augen des alten Herrn zuckten zwei blanke Messerchen auf. »Wenn ich bitten darf, keine Anzüglichkeiten, André« sagte er rissig. »Er ist immer dein Onkel, der Mann meiner Schwester, der schönen Célestine, gewesen. Und Célestine war ein Enkelkind des großen Anacharsis aus dem freiherrlichen Hause derer von Klotz, hast du etwas gegen Herrn Türlütt?« »Nicht das geringste, nur habe ich immer so 'nen Schnaps- und Fuselduft unter der Nase, wenn dieser Pottwal das Sauglöckchen läutet.« »André, ich muß mir energisch verbitten ... Ohm François hat schon seine großen Meriten, sowohl in sozialer wie in kirchlicher Hinsicht, ist Präsident der Bruderschaft Unserer Lieben Frau, hat mit den ihm überwiesenen Talenten christkatholisch gewuchert und das Seine zusammengehobelt. Er stinkt, sozusagen, nach preußischen Talern, ist in jeder Weise gentil – nie dagewesen – erhaben ... Ohne dieses wäre dein Studieren einfach unmöglich gewesen. Also – ich bitte.« »Ich armer, sündiger Mensch bekenne vor Gott und meinem Gewissen ...« »Spotte nicht, André!« »Fällt mir nicht ein,« wehrte der junge Mann ab. »Im Gegenteil, ich freue mich innigst und werde ihn in pflichtschuldigster Weise begrüßen. Ist noch sonst wer gebeten?« »Nöllecke Remmelmann.« »So! – also auch das Rotspongesicht mit der weißen Perücke?! Warte mal, alter Herr! Er ist doch derselbe, dessen Stiefel immer wie leere Sardinenschachteln krachen und knarren, der Apotheker vom Markt, derselbe, der die Karnickelzucht hat und jedesmal 'ne diabolische Freude empfindet, wenn Rammler und Häsin dabei sind, dem Karnickelstorch Arbeit zu geben?« Anatole muffelte grindig. »Allerdings,« sagte er kleinlaut, »aber du mußt immer bedenken: Herr Remmelmann ist nicht nur Apotheker allein, sondern auch Naturforscher, Beobachter und als solcher bestrebt, dem Mysterium der tierischen Liebe näher zu kommen.« »Auch eine Lebensaufgabe!« »Mein Gott! Es ist schon alles eins. Es gibt solche Menschen und solche.« »Kein Zweifel,« bestätigte der junge Baron mit einem tiefen Seufzer und flitzte zum andern einen feinen Aschenkegel über den Teppich, »und mit diesem Herrn Remmelmann wäre wohl die hochlöbliche Korona beisammen?« »I Gott bewahre! Die Hauptsache kommt noch.« »Also kommt noch? Allerhand Achtung! Ein prächtiges Fest l – und dabei wird wohl unter Absingung der Marseillaise und zur Feier der Göttin Natur die Carmagnole getanzt, so ähnlich, wie es die Konskribierten in der Conciergerie und im Temple im Handgelenk hatten – Chapeau claque und mit allen Schikanen? Kostenpunkt Nebensache. Ohm François bezahlt's ja. Aber was gibt's denn? Ich meine: was soll aufgetischt werden?« Der alte Herr schnalzte und drehte die Augen zur Decke. »Süperb!« sagte er nach einigem Besinnen, indem er Zeigefinger und Daumen graziös zusammenstellte und die Lippen spitzte. »Nobel wie immer; André, wir Klotze wissen schon Feste zu geben, Revolutionsfeste, dem großen Anacharsis zu Ehren,« und damit, steif wie ein Storch zwischen Erbsenrabatten, den Marabukopf pielgerade in die Höhe gerichtet, ging er der Klingelschnur zu und setzte den aus derben Glasperlen zusammengestellten Strang in Bewegung. Auch hier dasselbe impertinente, nichtswürdige, abscheuliche Bimmeln: ein Quieksen und Wimmern und dann wieder das harte, metallene Lachen, und als es ausgetönt und sich in alle Ecken zerknüllt hatte, trat Stina Birgels mit blankem Lächeln ins Zimmer. »Mynheer Baron ...!« Ergeben und mit umschleierten Maronenaugen legte sie je eine Hand auf einen ihrer weiblichen Hügel. »Charlotte,« meinte der Alte, »mein Sohn möchte wissen, was morgen zum Revolutionsfest serviert wird.« »Piekfein!« entgegnete Stina. »Um es kurz zu sagen, Mynheer, wir benehmen uns zuerst mit Schellrippchen und roten Karotten.« »Also rot muß dabei sein?« vergnügte sich André. »Rot,« konstatierte der Alte. »Und hierauf, Charlotte?« »Um es weiter zu sagen, dann Gänsebraten mit Rotkohl.« »Also Rotkohl, nicht Weißkohl?« »Rotkohl,« stellte der Alte nachdrücklich fest. »Schon der Jakobinermütze zu Ehren. Und ferner, Charlotte?« »Um auch dieses zu sagen, Mynheer, dann Grützauflauf mit Johannisbeersauce.« »Von weißen oder roten?« »Von roten, Mynheer.« »Also zum drittenmal rot,« sagte der Doktor. »Rot,« nickte der Alte und machte den Gänsehals länger. »Ausgezeichnet!« schmunzelte André. »Fehlt nur noch der Kardinal de la mer .« »Leider nicht zu haben gewesen.« »Tut nichts. Und welche Getränke, Charlotte?« »Um es einfach zu sagen, Mynheer, das schlägt nicht in meine Ressource. Das ist dem Herrn Baron seine Sache.« »Burgunder und Rotspon,« entgegnete dieser. »Anschließend daran noch ein Pünschchen, um Ohm François zu seinem Recht zu verhelfen.« »Ende rot, alles rot,« griemelte André. »Da wird es einem ja blutrot vor Augen und blutrot im Magen.« »Rot,« konstatierte der Alte, »wie es der Tag und die heilige Sache gebieten. Ich danke, Charlotte.« »Keine Ursach', Herr Baron,« sagte Stina, knickste und trug sich und ihren Seelenwärmer wieder in den engbrüstigen Hausflur. Mit melancholischem Seufzer schob sich die Tür nach. »Was sagst du nun?« fragte der emeritierte Steuerempfänger und knöpfte forsch seinen Rock zu. »'ne lukullische Eruption! Bin ich des großen Anacharsis nicht würdig?« Seine Augen brannten wie Strontianfeuer. »Ich bin platt,« sagte André, »einfach erschlagen.« »Magnifik, gefühlvoll – was?!« »Ganz meine Ansicht. Das ist ja, um vor lauter Pläsier einen Salto mortale zu mimen. Aber nun sage mir mal, wie kommen denn diese, im großen und ganzen preußisch denkenden Männer dazu, mit dir so'n antiquiertes Revolutiönchen zu feiern?« »Warum? – Aus Tradition, aus purem Respekt mir gegenüber ... Allons, enfants de la patrie! – Wir sind alle Kinder desselben Gedankens, der Mutter Natur, der erzeugenden Gottheit. In mir verkörpert sich die Idee des gewaltigen Mannes, der sich Citoyen Anacharsis nannte. Das wissen und estimieren die Leute.« »Gratuliere, und schließlich, um wieder auf den besagten Hammel zu kommen ... Du sagtest doch selber: die Hauptsache fehlt noch. Na also! wer wird denn noch weiter erwartet?« »Dirk Vogels.« »Der Lehrer?« »Erscheint in Person.« »Was hat dich denn hierzu bewogen? Steißtrommler, kleiner Beamter ...« »Sapperlot! Da muß ich aber Einspruch erheben. André, Distanz! Der Mann ist geachtet – ingeniöser Kopf – hat seine Meriten– ist Urkundenmensch und Regestenforscher – und schließlich: wenn Herr Douwermann das Fest beehrt, darf Herr Vogels nicht unter den Tisch fallen. Fertig! Die Chose war nicht anders zu machen.« Der alte Herr schlug einen energischen Lufthieb, so daß die rechte Manschette auf und davon wollte. Sie kam nicht weit. Trillernd schlüpfte sie wieder in ihre enge Behausung. »Nein, André, es war nicht anders zu machen, absolut nicht anders zu machen.« »Auch eine Logik!« »Aber die richtige; denn sieh mal, mein Junge ...« und Anatole steifte sich hoch, brachte seine Sargdose wieder zum Vorschein, klappte sie auf und tunkte Daumen und Zeigefinger in den köstlichen Spaniol, um diesen in die Nase zu führen. Tat's aber vorläufig nicht, sondern ... in der Linken die Dose, in der Rechten die Prise, die Blicke fest auf André gerichtet, hielt er den noch zu erwartenden Genuß in einer gewissen Reserve und sprach wie ein Kathederdozent: »Denn sieh mal, mein Junge ... Der kundige Thebaner hantiert mit Katzenpfötchen, um in diesem sogenannten Chassé-croisé einer wirbelsinnigen Kleinstadt nicht dem einen oder dem andern an den Karren zu fahren. Herr Vogels ist nicht zu umgehen, schon wegen Fräulein Douwermann nicht. Erst recht nicht der Alte. Warum nicht? Er zählt zu den Notabeln des hiesigen Kirchspiels, hat 'nen großen Stein bei Hochwürden im Brett, besitzt eine gewisse Ambition, und die letzten Ereignisse ... Sapristi! die sind nicht so ohne gewesen.« »Wie so nicht?« »André,« fuhr der Alte unbeirrt fort, »man soll Verbrieftem nicht in die Parade fahren, darf keine Vogelstraußpolitik treiben, sondern: man hat die Zähne zusammen zu beißen und herzhaft zu glauben. Du hältst es nicht für möglich, aber es ist so: Herr Douwermann nahm sich das Recht, den großen Bildner und Schnitzer in seinem Stammbaum neu zu vergolden. Eine umstrittene Arbeit von diesem ...« »So hieß es schon früher.« »Ist aber heute bewiesen.« Der Kunsthistoriker merkte auf. »Bewiesen? Durch wen denn bewiesen?« »Durch eben diesen Dirk Vogels. Die alten städtischen Rechnungen und Akten bezeugten es: der Schrein zu den Sieben Schmerzen Mariä ist das Werk Meister Heinrichs. Das ist beglaubigt, und da besagter Schrein schadhaft geworden und Eile geboten erschien, so haben wir, der Kirchenvorstand hiesiger Pfarre, als da sind der hochwürdige Herr Dechant, François Türlütt und meine Wenigkeit, einstimmig beschlossen, fragliche subtile und künstlerische Arbeit in die Hände der Nachfahrin des besagten Künstlers zu legen. Auch die neue Pieta ...« »Nanu ...!« André fuhr hoch. »Das muß man ändern,« sagte er heftig. »Unmöglich! Punktum, streu Sand drauf,« versetzte der Kirchenrendant mit aller Bestimmtheit, warf sich den präparierten Spaniol in die Nase, klappte die Dose mit einem herzhaften Knall zu und brachte sie wieder fingerfertig an Ort. »Sapperlot noch einmal, was muß man denn ändern?!« »Mit einem Wort: euern ganzen Areopag,« entgegnete André und nahm nun seinerseits den energischen Schritt an, den kurz vorher sein Vater innegehalten hatte. »Herrgott nochmal! – mir ist von alle dem so dumm ... Das ist ja gar nicht auszudenken, die Sache. Dieses kleinstädtische Chaos! Dieser Sturm im Wasserglas! Diese Krähwinkelei! Erst die Geschichte mit Dirk Vogels und Fräulein Johanna, dann der neue Schmuck im Stammbaum, der die Familie Douwermann durcheinander zu rütteln scheint wie ein Spiel Karten und schließlich: Fräulein Johanna Arm in Arm mit ihrem steifleinenen Vorfahr und Herrgottsschnitzer aus Olimszeiten... Das geht nun mal nicht, das ist einfach utopisch, mit andern Worten: so gut wie erledigt.« Die Flügel seiner feingeschnittenen Nase vibrierten. »Aber ich ersuche dich, Andre ... Du bist doch früher entgegengesetzter Ansicht gewesen, hast diesen Künstler gefeiert.« Der Kopf des Auf- und Abschreitenden ruckte empor. »Gefeiert? – niemals!« sprang es ihm hart von den Lippen. »Doch verstehe mich richtig. An seinen Qualitäten bin ich nicht achtlos vorüber gegangen. Im Gegenteil – habe sie vielfach gewürdigt. Krittelei lag mir fern. Nur – er war ein Mann seiner Zeit, kam nicht aus seinem nordischen Dusel heraus, blieb in der starren Gotik befangen, verbosselte christkatholisches Holz, modellierte Weiber mit Kielkröpfen und Bäuchen, die sie wie stumme Diener oder als Ruhekissen für ihre Hände benutzten, wenn ich auch zugeben will, daß sich hin und wieder bei ihm die Pulse des wirklichen Lebens bemerkbar machten. Aber nur leise, nur andeutungsweise ... Und da soll Fräulein Johanna, diese Kraftnatur mit den ehernen Schwingen ... Einfach unmöglich. Es ist doch ein Unding, ein aussichtsloses Geschäft, einen niederländischen Schwermüter mit einer feurigen Renaissancestute zusammen zu schirren. Bei einem solchen Verfahren gehen Zaum und Zügel, Stricke und Stränge zum Teufel.« »Ansichtssache, mein Junge! Auch ich wurde belehrt. Jedenfalls vertritt seine Hochwürden, vertritt Herr Petrikettenfeier ten Hompel einen ganz andern Standpunkt.« »Zugegeben, aber das sagt nichts und hat absolut keine Beweiskraft. Er trägt die Fahne der Indolenz, der › Saison morte ‹, ich die des Fortschritts. Ihm genügt die Sakristei, mir wird die Welt fast zu enge. Er ist Theologe, ich Kunsthistoriker. Das dürfte hinreichen, meine Behauptung zukunftsicher in die Arena zu werfen. Qui vivra, verra . Er begreift und umfaßt nicht die Kunst dieser Titanin. Sie hat mit dem ausgegrabenen Meister nicht das geringste zu schaffen. Sie berühren sich gar nicht. Heinrich Douwermann konnte nicht durch den Riß seiner Nebelmauer hindurch. Fräulein Johanna hingegen – sie kann es. In der gärt's wie in einem brausenden Tobel. Sie muß aus der Enge heraus, muß das Dumpfe, das Befangene, das ihr noch anklebt, wie Bettlergelumpe von sich streifen. Sonst verkümmert sie elend, trotz ihres bedeutsamen Könnens. Ich hab's ihr schon im verflossenen Sommer gepredigt und auf die Seele gebunden. Ihre Flügel müssen klingen und klirren im Sonnenlicht der Früh- und Hochrenaissance. Donatello, Michelangelo, Leonardo da Vinci, das sind ihre Kerle, ihre Vorbilder. Mit ihnen vereint, wird ihre Kunst zu einer rauschenden Schönheit, die die Berechtigung hat, den Olymp zu besteigen. Ich habe gesprochen. Kein Wort mehr; denn ich folge der Weisung: Qui nimium probat, nihil probat ... Aber noch eins: du sagtest soeben ... Verflucht! – was ist denn das für 'ne Sache mit dem jungen Lehrer und – ihr ...? Dieses potenzierte Seelenleben, dieses Genie, diese verkörperte Urkraft, kurz – dieses Weib, bestimmt, nur einen seinesgleichen in die Arme zu schließen und an die junge Brust zu reißen...« »André ...!« »Ach was ...! Wie kann so'n obskurer Schulmagister, so'n Bakelschwinger es wagen ...« Herrisch hielt er den Fuß an und stellte sich seinem Vater gerade gegenüber. »Jedenfalls, so etwas Ähnliches hast du mir doch soeben andeuten wollen ...« »André ...!« Energisch hatte der Alte die Hand seines Sohnes ergriffen: »Wie kommst du mir vor? Was hast du mit der Kraft, mit der Unbändigkeit dieses Weibes zu schaffen? Mir ist schon so'n niederträchtiges Gebimmel davon in die Ohren geschlagen ... André, die Familie ist gut – nichts dagegen zu sagen – vornehmlich jetzt nicht, wo sie in den höhern Turnus gekommen... aber du – parbleu, monsieur André! – du bist aus dem freiherrlichen Geschlecht derer von Klotz, ein Urenkel Anachartis' des Großen, und daher ... Du willst mir doch die Schande nicht antun, die Lebenskerze nicht auspusten, meinen stolzen Namen nicht wie 'ne verluderte Krähe begraben! Es wäre hirnlos, lachhaft – wirklich rein lachhaft. Sacré nom de Dieu !« Seine Stimme riß ab, sein Gänsehals kroch in sich zusammen. Dafür aber flog sein rechter Arm in die Höhe und mit ihm das Röllchen. Fidel schnurrte es los, dem Freiheitsbaum und der Jakobinermütze entgegen. Anatole ließ schnurren, was schnurren wollte, machte seine Messerchen blank und sah seinem Sohn fest in die Augen. »Alles, was du willst,« sagte er abgehackt, »nur das nicht. Nur das nicht, mein Junge! Jamais , niemals, unter keiner Bedingung. Sonst: ich wüßte mir nicht mehr zu helfen, würde veraasen. Meine Sonne ging unter.« Seine Blicke umflorten sich. »Alter Herr,« lenkte André sänftiglich ein, »nur keine Erregung, keine Mouvements. Die bekommen uns nicht. Machen wir halbpart. Begegnen wir uns auf einer neutralen Zone. Dann kann's nicht fehlschlagen. Ich lasse dir dein Revolutionsfest mit allen Schikanen, tue mit; werfe dir keinen Knüttel zwischen die Beine. Dafür wünsche ich nach eigener Fasson selig zu werden. Betreibt im Kirchenvorstand, was ihr wollt, pfropft die neue Kunst auf die alte – mir soll's egal sein, und darum keine Feindschaft. Nur laßt mir Fräulein Johanna in Ruhe! Das übrige ist meine Affäre. Aber Dirk Vogels« – und ein bitteres Lachen ertönte – »Mensch du, Hand von diesem Renaissanceweib ...! – Dies mein Glaubensbekenntnis, und nun« – und er legte den Arm in den seines Vaters – »wie wär's denn, wenn wir zwei beide bei 'nem Gläschen Punsch 'nen gemütlichen Abend verlebten, den Schrein zu den Sieben Schmerzen Maria vergäßen und des großen Anacharsis gedächten?! Doch immerhin ein Vorschlag zur Güte.« Still war's in der Stube geworden. Die Wogen der Erregung zerteilten sich langsam, ebbten zurück, waren wie mit Öl übergossen. Auf den halbschattigen Gesichtern ruhte der Friede. Die Züge des alten Herrn klärten sich auf. » Serviteur, monsieur André !« sagte er lebhaft, ging zur Klingel, setzte sie in Bewegung und gebot, als Charlotte Corday erschien: »Zwei Gläser Punsch, aber den Punsch doppelt gemessen!« 9 An diesem Abend hingen die Sterne wie verstörte Armeseelchen am Himmel. Man sah es ihnen ordentlich an, daß sie froren, so bibberten sie, und so ängstlich trippelten sie auf der nämlichen Stelle, als wenn sie hierdurch ihre unruhigen Silberfüßchen warm machen wollten. Auch der Herr Apotheker Nöllecke Remmelmann war der gleichen Ansicht. In Schlafrock und wichsblanken Stiefeln, die sich bei jedem Schritt knarrend apostrophierten, um sich eine vergnügliche Wärme und den sanften Schein einer Stehlampe, also stand er am Fenster, sah auf die Straße hinaus und äugelte zum gestirnten Himmel empor, wo die Armeseelchen ihres Daseins nicht froh werden konnten. Er hatte ordentlich Mitleid mit ihnen, bedauerte sie und hätte ihnen am liebsten ein wattiertes Mützchen über die Ohren gezogen; denn Herr Remmelmann war weich und zart von Natur, weich wie Kamillentee oder wie ein laulicher Aufguß von Achillea millefolium . Vor allen Dingen – frieren und frösteln war ihm von jeher zuwider gewesen. »Teufel, Teufel! das ist ja, um in einen Wolfspelz zu fahren,« hauchte er gegen die glitzerigen Scheiben, schlug die Falten des Schlafrockes enger zusammen und sagte: »Seit Menschengedenken ... Herr Jeses! wir schreiben doch erst den neunten November und dann diese Frostwelt! Es ist ja, als hätte der Wettermacher Laudanum gesoffen und das Regieren vergessen. Nein, diese Kälte!« und solches als das Resultat seiner Betrachtung hinnehmend, pirschte er sich an den Ofen heran, drehte sich in einen breitarmigen Sessel hinein, schlug die Beine übereinander und hielt Umschau in seinem kommoden, wenn auch kleinen Kontörchen. Herr Remmelmann, etwas kurz in der Taille geraten, sonst wohlbeleibt, mit einem frischen Rotspongesicht, einem krölligen, blütenweißen, in die Höhe gestrichenen Haarkranz, der eine stattliche Glatze umzirkte, war Junggesell, Skat- und Dominospieler, Naturwissenschaftler und Karnickelzüchter, machte Witze, selbst äußerst gewagte, vornehmlich dann, wenn es sich darum handelte, dem Ewigweiblichen schamhaft die Nase zu röten, und behauptete, noch immer in den besten Jahren zu sein, weil es ihm vergönnt war, erst im verflossenen Lenz den achtundfünfzigsten Geburtstag zu feiern. Beim Billard, auf der Kegelbahn, in der Ressource, bei festlichen Gelegenheiten jeglicher Art, wie Kindtaufen, Hochzeiten und sonstigen Gastereien, überall wußte er sich Liebkind zu machen und die erste Violine zu spielen. Alle Welt hatte ihn gern. Nichts schlug er ab, war jedem zu Willen, war edel, hilfreich und gut, und nur den Freuden des Ehestandes gegenüber bewahrte er von jeher eine kühle Reserve, obgleich er Feuer und Fett werden konnte und wie ein Siesemännchen aufbegehrte, wenn ihm weibliche Reize in eine lohnende Greif- und Reichweite kamen. Selbstverständlich mit Auswahl, obwohl diese Auswahl nicht gerade einen besonders reifen Geschmack offenbarte. Schmaltiere und junge Ricken waren ihm ein Greuel. Die knidische Venus und die Aphrodite von Melos sah er nicht an. Die Äpfelchen der Hesperiden liebte er nicht, es wäre denn, daß sie schon derbe, feste und überreife Paradiesäpfel waren und eine stattliche Schirting- oder Kattunbluse ausfüllen konnten. Traf dieses ein, dann allerdings ... dann war Herr Remmelmann in seinem Element wie die Forelle im Sprudelwasser, und wenn dann noch eine Geige gestrichen wurde und die Klarinette seelenvoll auflärmte und bis in die Zehenspitzen hinein kribbelte, dann ging das nicht anders ... Herr Remmelmann wurde zum Gott, legte den Arm um die Taille seiner Schönen, drückte ihr sein Chemisettchen fest an das Ewigweibliche, walzte los in feinen und getragenen Schleifen und dünkte sich höher und glücklicher als ein Pascha mit sieben Roßschweifen. Jetzt saß er in stiller Betrachtung, hörte auf das, was ihm der Ofen vorplauderte, und lauschte auf die zarte Klingelrolle des Kanarienvogels, die spiegelblank aus einer lauschigen Ecke hervorperlte. Eine köstliche Welle von Apothekerwaren umräucherte ihn. Es duftete nach Spezereien und seltenen Essenzen. Sie drängelten sich aus dem Schlafrock heraus, aus der rotgepunkteten Weste und wölkten einen lieblichen Rauch um die gekräuselten Haare; kurz, Herr Nöllecke Remmelmann düftelte nach Kamillen, Latwergen, Karbol, Lavendelwasser und Myrrhentinktur, nach Süßholz, Emser Pastillen und dem allerfeinsten Succus liquiritiae calbreae concisae . Wäre Herr Remmelmann nicht Herr Remmelmann, also kein männliches, sondern ein weibliches Individuum gewesen, unwillkürlich wäre man an die Worte aus dem Hohenlied Salomonis erinnert worden, die da lauten: »Wer ist die, die herauf gehet aus der Wüste wie eine gerade Säule von Aromen und allen Gewürzen des Krämers? O du ...! – Deine Schößlinge sind ein Paradies von Granatbäumen mit den Früchten ihrer Äpfel, Cypern, Narden und Safran, Kalmus und Zimmet, Myrrhe und Aloe samt allen kostbaren Salben. Erhebe dich, Nordwind, komme, du Südwind, durchwehe meinen Garten, daß seine Düfte strömen!« – in dieser Weise legte sich ein einnehmendes Bukett um Herrn Remmelmann, durchsäuselte sein erhelltes Kontörchen und wandelte für eine rege und tapfere Phantasie den schlichten Junggesellenraum in den märchenhaften Rosenhain der kyprischen Göttin. Die meiste Zeit des Tages verlebte Herr Remmelmann in diesen vier Wänden, die seine liebsten Erinnerungen umschlossen und mit etlichen netten Sachen und Sächelchen aufwarten konnten – Urväterhausrat aus der Biedermeierzeit: Sofa, Spiegel und Stühle aus Birnbaumholz, in Lyraform und mit einem geblümten, jetzt verwaschenen Stoff überzogen. Hierzu kam die Ahnengalerie der edlen Remmelmänner, bestehend aus Silhouetten, Daguerreotypien und Lithographien, die meisten in koketten Rahmen und Rähmchen. Von den Bildern fiel besonders eins in die Augen. Es stellte eine üppige Frauensperson dar, die zweifelsohne eine unbändige Schönheit gewesen sein mußte. Tante Desideria Schnapp, Witwe und Apothekenbesitzerin, hatte ihrerzeit die Männerwelt in Atem gehalten. Um ihretwillen war der junge Provisor ins Wasser gegangen, hatte sich der Forstadjunkt aus dem Reichswald eine barmherzige Kugel gestattet, war der ehrenfeste und allgemein geachtete Herr Postmeister nahe daran gewesen, den Verstand zu verlieren. Aller Zuspruch verfing nicht. Achtlos und mit verhärtetem Busen war Tante Desideria an diesen Tränenkomödien vorübergegangen. Sie blieb von den Eigenschaften einer Semiramis des Nordens so weit entfernt wie die Erdrinde vom kalten Polarstern – eine mit Keuschheit umgürtete Frau, eine Vestalin, eine zweite Johanna d'Arc. Sie hatte nur ein Idol, nur eine Leidenschaft: Nöllecke Remmelmann. Bei ihrem gottseligen Ableben vermachte sie ihm denn auch laut Testament ihr liegendes und bewegliches Eigen, als da waren: Garten, Haus und Hofraum, die Konzession, eine Apotheke zu führen, und schließlich eine Karnickelzucht, die ihresgleichen im hiesigen Landkreis suchte. Im Sinne der Verstorbenen verwaltete er das ihm überkommene Gut und Vermögen, hielt die Apotheke in bester Verfassung, pflegte Hof und Garten und machte sich eine Ehre daraus, nur die besten und seltensten Rassen des putzigen und verdienstvollen Nagers zu halten und weiter zu züchten. In seinen mit aller Sorgfalt hergerichteten Ställen fand man das angorische oder Seidenkanin, selbst der rare Lepus huxleyi von der kleinen Insel Porto Santo bei Madeira war von ihm mit den größten Geldopfern eingeführt worden. Kurzum, das Unternehmen florierte, verursachte dem Inhaber die herzinnigste Freude und machte seinen Namen geehrt bei allen Hegern und Pflegern dieses niedlichen Stallhasen. Herr Remmelmann kannte die Karnickelseele wie kein Naturwissenschaftler vor ihm. Rammler und Häsin waren ihm so vertraut geworden wie Menschen. Er wußte, was ihre Nagerherzen bewegte, wenn sie mit ihren Läufen trommelten, mit ihren Blumen wippten, die Löffel anlegten und sich ohrfeigten, daß nur die Wolle so fegte. Ihr Murksen war ihm Musik, ihr Liebesspiel schien ihm interessanter zu sein als alle Stiergefechte und Hahnenkämpfe in Spanien und England zusammengenommen, und der Wochenstube widmete er eine Pflege und Sorgfalt, die man mit ›rührend‹ ansprechen konnte ... und schließlich, um der Erblasserin ein dauerndes Zeichen seines unauslöschlichen Dankes zu verstatten, hatte er inmitten der Stallanlagen eine Tafel errichten und darauf mit Ölfarbe schreiben lassen: »Den Manen meiner unvergeßlichen Tante Desideria Schnapp.« So standen die Dinge, als sich Herr Nöllecke Remmelmann fester in seinen Schlafrock gehüllt und beim warmen Ofen niedergelassen hatte. Er saß im Dämmerzustand, so halb zwischen Wachen und Träumen, und hörte auf die zarte Kantilene des Kanarienvogels, die noch immer silberfein und filigranartig aus irgendeiner verlorenen Ecke hervorkonzertierte. In Reichweite von ihm befand sich ein ovales Fensterchen in der Wand, ein Spion, ein œil de bœf , das ihn befähigte, die Verbindung zwischen Kontörchen und Apotheke sachlich aufrecht zu halten. Von hier aus konnte er den Aus- und Eingang beobachten, seinen Provisor kontrollieren und die nötigen Anweisungen anbringen, ohne sein Alleinsein preiszugeben und die Füße zu rühren. Von dieser Gelegenheit machte er stets den ausgiebigsten Gebrauch, des Nützlichen wegen und der Bequemlichkeit halber, und so auch jetzt wieder; denn horch ... Unter dem Daguerreotyp der schönen Tante Desideria Schnapp stand eine niedliche Stutzuhr auf einem ebenso zierlichen Bronzekonsölchen. Die pinkerte in nervöser Unruhe, seufzte dann leise und tinkte mit ihrem Chansonnettenstimmchen in die Kanarienrolle hinein, daß es Herz und Ohren erfreute. »Sieben Uhr!« sagte Herr Remmelmann, öffnete das Guckfensterchen, streckte den Hals und rief in die Apotheke hinein: »Herr Gummerich!« »Herr Remmelmann!« kam es prompt und eifrigst zurück. Gleichzeitig schob sich ein lustiges Gesicht mit pomadisiertem Haartoupet vor das œil de bœuf und sah fragend auf seinen Herrn und Gebieter. »Feierabend!« sagte Herr Remmelmann. »Was noch zu tun ist, kann ich selber besorgen.« »Schön!« dienerte Herr Gummerich. »Die Rezepte sind doch alle erledigt?« »Alle.« »Weitere Kundschaft ist wohl kaum zu erwarten?« »Kaum. Die Stadt ist bärengesund. Höchst bedauerlich!« »Na denn ... 'nen vergnügten Abendschoppen und gute Verrichtung. Bis morgen.« »Merci, Herr Remmelmann,« und damit warf sich der Herr Provisor in seinen Don Diego, schlang sich den grobwolligen Schal um den Hals, schlenkerte die befransten Enden keck über die Schultern, stülpte den Biberhut auf und trabte mit der Melodie ›Es war mal bei der Nacht, es war mal bei der Killekillekill, es war mal bei der Nacht‹ in den frostigen, sternklaren, schneeblauen Abend hinaus. Aber wie das so ist im menschlichen Leben ... allem Bestehenden ist keine Ruhe vergönnt. Der Gemütlichkeit nicht, dem Alleinsein nicht, dem Menschen nicht und selbst dem Erdball nicht, und des Galileo Galilei › Eppur si muove ‹ wird seine ewige Dauer und Beweiskraft behalten; denn kaum mochte sich Herr Remmelmann wieder in seinen Schlafrock eingedreht und Herr Gummerich sich an seinem Stammtisch niedergelassen haben, als die Haustür aufging, die Klingel anschlug und ein saftiges, derbes Frauenzimmer an die Theke herantrat. Erstaunt darüber, daß niemand seine Wünsche in Empfang nahm, sah es sich um. Wie Meister Löffelmann vom Lager, so war Nöllecke aus seinem Sessel gefahren, vigilierte durch den Spion, schien freudig erregt und konnte sich nicht genug daran tun, die Angekommene mit gierigen Blicken zu mustern. Dann rief er: »Man keine Bange. Man immer frisch herein ins Kontörchen!« »Gerne, Mynheer!« und kaum fünfzehn Herzschläge vergingen, als auch schon Stina Birgels erschien, festen Schrittes, barhaupt, einen gehäkelten Seelenwärmer um ihren stattlichen Busen geschlagen und die Hände unter der weißen Schürze verborgen. Frisch sah sie aus, das mußte ihr selbst der Neid zugestehen. Tropfengroße Kristalle brillierten in dem straffgescheitelten Haar, die Maronenaugen sahen aus wie brauner Velour, und das Züngelchen kam etliche Male zum Vorschein, um feucht über die üppig aufgeworfenen Lippen zu gleiten. Dazu diese Wangen! Die bittere Kälte hatte sie in Borsdorfer Äpfel verwandelt. »Nun, Fräulein Birgels, wie soll ich Sie nennen – Stina oder Charlotte?« »Wenn ich bitten darf, Mynheer, Charlotte ist feiner. Außerdem hat es Mynheer von Klotz so in der Gewohnheit. Es soll ja wohl vornehmer klingen.« »Wie Sie befehlen.« Er schnürte sich näher heran. »Und nun, Fräulein Charlotte, was verschafft mir die Ehre?« »'ne schöne Empfehlung von Mynheer von Klotz, und Mynheer lassen fragen, ob Mynheer ganz bestimmt zum morgigen Abend vorsprechen täten?« »Selbstverständlich, mein Kind. Wer kommt denn noch?« »Mynheer, der Pastor, Herr Douwermann und Vogels, die Küsterei und Mynheer François Türlütt. Auch der junge Baron hat sich die Ehre gegeben.« »Nanu! wann ist der denn gekommen?« »Heute nachmittag, so ums Vespern herum.« »Teufel, Teufel!« erstaunte sich Herr Remmelmann, »das muß ja 'ne pompöse Festivität werden, Fräulein Charlotte.« »Wird's auch, Mynheer. Piekfein! Ei mit Schlagsahne ist gar nichts dagegen.« Ihre Zunge leckte an den Lippen herum, machte sich breit, um gleich darauf wieder spitz wie das lanzettförmige Blatt des Sauerampfers zu werden. »Um es einfach zu sagen, Mynheer, wir benehmen uns zuerst mit Schellrippchen und roten Karotten, dann mit Gänsebraten und Rotkohl und dann mit Grützauflauf und roter Johannisbeersauce.« »Herrje! und das machen Sie alles so aus Ihrem puren Verstand heraus, so ganz von alleine, so mit Ihren niedlichen Fingern, Fräulein Charlotte?« »Ach Gott, ja! man hat schon das Seine gelernt und ist auch nicht so ohne.« »Großartig, Fräulein Charlotte! Wollen Sie nicht Platz nehmen, Fräulein Charlotte? Dann plaudert sich das besser und kommoder zusammen.« »Wenn es nicht unangenehm ist, gerne, Mynheer,« und die Maronenaugen nahmen einen stillen und innigen Glanz an. »I Gott bewahre!« schmunzelte Herr Remmelmann, drückte die reife und saftige Person in den nächsten Sessel hinein, setzte sich ihr mit einer gewissen Fühlung gerade gegenüber und sah ihr wie ein selbstloser Ami in das Borsdorferapfelgesicht, in dem die samtweichen Blicke immer feuriger und verständnisinniger aufleuchteten. Kein Zweifel, sie verstand es schon, die ihr angetane Ehrung richtig einzuschätzen, wußte sie doch: Herr Remmelmann zählte zu den Honoratioren des Städtchens, verstand sich auf weibliche Tugenden und hatte immer so einen angenehmen Wildgeruch an sich, der sie an ihre schönsten Stunden zwischen den Korngassen erinnerte. Und dann seine Manieren! – so gar nicht hoffärtig und oben hinaus, sondern einfach und gütig, und das hatte auch seine Reize. Und wie treu er sie ansah! – so biedermeiermäßig wie seine Einrichtung selber und so mit Rotkehlchenaugen. Das tat ihr ordentlich wohl unter dem gehäkelten Seelenwärmer und versetzte ihre immensen Formen in eine sanfte Bewegung, die eine gewisse, wenn auch nur entfernte Ähnlichkeit mit einer leichten Dünung aufweisen konnte. Und wie er zu plaudern verstand! »So, Fräulein Charlotte, also Grützauflauf mit roter Johannisbeersauce! Meine ganze Leidenschaft. Dafür könnte ich mein Seelenheil und meine Apotheke verkaufen. Teufel, Teufel! – und die Getränke, Fräulein Charlotte?« »Das ist eigentlich dem Herrn Baron seine Ressource; aber um es einfach zu sagen: Rotspon, Burgunder und verschiedene Pünsche, Mynheer.« »Teufel. Teufel ...!« »Ja, und das mit die Pünsche ... das wäre mir ja beinah durch den Kopf und meine Besinnung gegangen. Um dessentwillen bin ich ja eigentlich gekommen, Mynheer.« »Bitte, schießen Sie los, Fräulein Charlotte!« »Um es einfach zu sagen, Mynheer: 'ne schöne Empfehlung von Herrn von Klotz, und Mynheer lassen fragen, ob Mynheer die Ansicht vertreten, daß Mynheer Pomeranzen oder so was in die Punschterrine hineinmachen könnte, um 'nen feinen Geschmack und 'ne größere Bekömmnis in die Sache zu bringen, und wenn Mynheer sich nicht in 'ner konträrigen Meinung befinden, dann lassen Mynheer von Klotz Mynheer Remmelmann bitten, ihm ein Viertelpfund zu überlassen. Aber christkatholisch gemessen. So, das wäre wohl alles, um es einfach zu sagen. Nichts für ungut, Mynheer,« und ihre sanften Blicke ruhten velourweich auf Nöllecke Remmelmann. »Hm, hm!« sagte dieser. »Punsch und Pomeranzen, Fräulein Charlotte, nicht übel, gar nicht übel, Fräulein Charlotte, aber Teufel, Teufel noch mal! – die Sache will überlegt sein, sehr überlegt sein. Man kann nicht so ohne weiteres das Für und Wider erörtern. Nicht so ins Blaue hinein zu- oder abraten. Ich bitte daher um einige Minuten Bedenkzeit,« und Herr Remmelmann lehnte sich in seinen Sessel zurück, ließ die Augendeckel herunter, aber nur so weit, daß noch immer ein feiner Seidenfaden durch die Wimpern hindurchschillern konnte, wippte die linke Stiefelspitze auf und nieder und saß in tiefem Sinnen und in schwerer Betrachtung. Aber diese Betrachtung hatte nichts mit Punsch und Pomeranzen zu tun, beschäftigte sich vielmehr mit seinem Besuch und einer Radierung Adrian Brouwers, die neben der schönen Desideria Schnapp hing und eine lustige Kirmesszene zur Darstellung brachte. Eine ähnliche Szene hatte er im verflossenen Sommer selber durchlebt, hatte seine Freude und seinen Gusto daran gehabt, und so kam es denn auch, daß er sich ihrer wieder lebhaft erinnerte. Das war damals im benachbarten Wissel gewesen. Draußen ging ein warmer und mit vielen Glühwürmchen durchstreuter Abend durch die Dorfgassen. Von fernher rauschte das Korn herüber, und die Wiesen, die unter dem ersten Schnitt lagen, spendeten einen köstlichen Weihrauch. Es duftete nach welken Blumen und Halmen. Da hatte er im Verein mit Franz Türlütt die Kirmes besucht, um sich auf dieser eine vergnügte Stunde zu machen, 'ne verstimmte Leinewebermusik drang aus dem Tanzzelt, worin mehrere Petroleumlampen eine mäßige Helle verbreiteten und eine Anzahl Wisseler Bauern und Bauernweiber sich damit beschäftigten, auf und nieder zu walzen ... und Stina Birgels mitten dazwischen. Gottverdomie nochmal! das war doch noch ein richtiges Fraumensch! – roggenstrohhaarig, mit vollgehäufelter Bluse und bei aller Beleibtheit noch fix und tanzfertig wie ein Heupferd auf einer jungen Frühlingskoppel. Und Herr Remmelmann stand am Eingang der Tente und riskierte einen Blick nach dem andern ... und dann kam so'n derber, vierschrötiger, junger Feld- und Wiesenbauer daher, ein Prachtkerl im blauleinenen Kittel, mit silbernen Ringen in den Ohren, und warf 'nen harten Speziestaler auf die Musikantentribüne und rief dann: »Jetzt aber paßt Achtung – ich und die Stina!« – und legte den Arm um sie her und tanzte drauf los. Herrgott dieses Schwenken! Rechtsherum, linksherum! dann wieder geradeaus und dann um die Ecke ... und Stina klebte ihre Person fest an ihren Partner, jauchzte und juchzte und drehte sich so forsch um ihre eigene Achse, daß ihre Röcke bis zu den kräftigen Schenkeln aufwirbelten, während ein hahnebüchener Tusch von der Tribüne niederprasselte – und nochmals Tusch und zum drittenmal Tusch ... Das war Rasse und Weib! – und Nöllecke sah sein blaues Wunder und eine ganz neue Welt. Ihm lief das Wasser im Munde zusammen. Teufel, Teufel! diese prächtigen Beine, dieses Untergestell und dieses Enkörchen an dem verschwitzten Leinwandkittel ... Dann war Stina plötzlich verschwunden, und wie es so kam: auch Herr Türlütt hatte sich ganz allmählich und unauffällig verkrümelt, um, wie er später sagte, nach dem Wetter zu sehen. Daran dachte er wieder, und das Rotspongesicht erschloß sich mit stillem Behagen. Nöllecke Remmelmann öffnete langsam die Augen. »So, Fräulein Charlotte,« sagte er wie aus tiefem Meditieren heraus und legte ihr die Hände auf die runden Knie. »Ja, das mit dem Punsch und den Pomeranzen, Fräulein Charlotte. Es geht, wahrhaftig, es geht; denn eine alte Vorschrift besagt: Willst du 'nen guten ›Bischof‹ ansetzen, vergiß nicht, das Gemisch mit Citrus bigaradia corniculata zu würzen, und was so 'nem ›Bischof‹ bekömmlich ist, das kann auch so 'nem Pünschchen nicht schaden, vornehmlich dann nicht, wenn Sie die ganze Geschichte besorgen. Sie sind überhaupt ein appetitliches Frauenzimmer, Fräulein Charlotte,« und damit hatte er seinen rechten Arm um ihre Taille verankert, sie aufgehoben und sie ganz feierlich und behutsam an seinen gesteppten Schlafrock gezogen. »Ach Sie!« lallte sie schamhaft, und eine höchst anmutige Mischung von Hoffnung, keuscher Verwirrung und einem zarten Erröten verhimmelte sie. Unter dem Seelenwärmer war wieder die getragene Dünung wie vorhin. »Teufel, Teufel!« schnalzte Herr Remmelmann, »überhaupt dieser Seelenwärmer! Prächtige Ware! Darf man mal schätzen?« und ohne erst eine Antwort abzuwarten, glitten seine Finger erregt über die zitterige Wölbung. »Potz Tausend nochmal! 'ne flotte Gipüre. Das ist ja Wolle von den feinsten Angorakaninchen. Keine Schafwolle oder solche von andalusischen Ziegen. Kennen Sie überhaupt Angorakaninchen, Fräulein Charlotte?« Immer nachdrücklicher interessierte sich Herr Remmelmann für den gehäkelten Umschlag. »Na, ob ich sie kenne!« seufzte die Glückliche. »Schon möglich, Fräulein Charlotte. Aber eins kennen Sie nicht, ihr Liebesspiel kennen Sie nicht; ich meine das zwischen Rammler und Häsin. Nein, das kennen Sie nicht, Fräulein Lottchen. Unmöglich, gar nicht auszudenken die Sache.« »Aber ich bitte Ihnen, Mynheer!« sagte sie schüchtern und barg ihr heißes Gesicht an seine klopfende Brust. »Herr Remmelmann, ich bin doch nicht von heute und gestern.« »Alles schon richtig, alles schon richtig!« stammelte er in das sinnige Scherzando des Kanarienvogels hinein, »aber Sie müssen mich besser verstehen, Fräulein Charlotte. Ich meine das Spiel ihrer Seele: die Sehnsucht zwischen Rammler und Häsin, das Neckische, das sie in ihre Schwänzchen und in ihre Löffel hineinlegen, das Wunder der Offenbarung zwischen den Angorakaninchen ...« Er atmete tief auf. »Ach Sie, Sie Schlimmer, Sie Lieber, Sie Guter!« hauchte sie ganz benommen und aufgelöst und pfropfte ihm einen saftigen Kuß auf die Lippen. »Aber offen gestanden, ich bin mehr fürs Praktische, Herr Remmelmann. Ach, wenn Sie wüßten!« Sie wurde schwer in seinen Armen, lehnte sich an ihn, kam ganz außer Fassung. Sie hatte die ›Gabe der Tränen‹, das heißt, sie konnte weinen, wenn sie nur wollte. So auch jetzt. Dabei klingelte die Symphonie einer halcyonischen Zeit über sie hin, brachte sie den Gefilden der Seligen näher. Ihre Zunge leckte wie die einer Miezekatze. Sie glaubte auf einer Kirmes zu sein. Da waren Buden mit Klever Spekulatius und Nymwegener Moppen, Drehbretter und Karussells mit blitzenden Spiegeln. Wie das funkelte und flimmerte! und mit unwiderstehlicher, aber liebevoller Gewalt fühlte sie sich auf zwei ledige Knie gezogen, und die Worte klangen ihr zu: »Fräulein Charlotte, was so zwischen zwei Angorakarnickeln passiert, warum sollte das nicht auch zwischen uns beiden passieren ...« Sie küßte ihm das Wort von den Lippen. »Hören Sie auf, Sie Schlimmer, Sie Schlimmerich, Sie Ausbund aller Junggesellen meiner Bekanntschaft.« Sie kam rein aus dem Häuschen. Die Kirmes wurde lauter und wirrer. Immer lebhafter drehte sich das Karussell um sie her, immer emsiger kreisten die Spiegel, und jeder strahlte ihr neue Hoffnungen und neue Aussichten entgegen. Warum sollte sie nicht ... warum sollte sie nicht die Gelegenheit wahrnehmen, sich verbessern, sich auch wie die vornehmen Damen benehmen? Warum sollte sie nicht zugreifen und den Herrn Besitzer der Einhornapotheke mit 'nem ganzen Stall voll kleiner Remmelmännchen beglücken? Das war doch so einfach und lag in der Bestimmung des Weibes und der Natur der Dinge begründet. Sie hatte doch ein Anrecht darauf, die Dinge zu wechseln, vornehmlich jetzt, wo er sich über sie beugte, ihre Taille fester umgriff und seinen Mund feurig auf den ihrigen legte. »Herr Remmelmann,« stöhnte sie auf, »diese Gefühle, diese Andeutungen, das mit die beiden Angorakarnickels ...! Ach, du mein Göttchen ...! – Nöllecke, bedeutet das vielleicht, um es einfach zu sagen ... Ja, das bedeutet ... Das ist doch nicht anders ... Das ist so gut, als wenn das Kopulierbuch zugeklappt würde ... Nöllecke, Nöllecke ...!« Ihre Stimme versagte, ihre Arme erschlafften, die Dünung ihres Busens ebbte zurück, ihre Maronenaugen schlossen sich langsam, und ein schmerzlicher Zug legte sich um ihre Mundecken ... und das alles in der Überfülle des Glückes. Herr Remmelmann erbleichte, er konnte nicht irren: seine Dulcinea von Toboso war wirklich und wahrhaft und in vollem Ernst in eine richtige Ohnmacht gefallen. Was tun? Wenn jemand jetzt käme, wenn die Hausklingel jetzt anschlagen sollte. Wenn irgendein Bekannter, der Herr Baron vielleicht oder gar der Herr Dechant ... Teufel, Teufel! diese fatale Situation! Das durfte nicht sein, und daher ein kurzer Entschluß ... So gut, wie es ging, bettete er die Ohnmächtige in den breitlehnigen Sessel, drehte sich fix der Apotheke zu, tat ein Viertelpfund Pomeranzen in eine weiße Papiertüte, entnahm der Anrichte ein Fläschchen mit Riechsalz, eilte zurück, praktizierte die Tüte in den Seelenwärmer hinein und wölkte der Ärmsten eine Portion Ammoniak unter die Nase. Das wirkte. Mit einem langen und verzückten Seufzer erwachte sie aus ihrer Betäubung und ihrem übersinnlichen Zustand. »Nöllecke, Nöllecke, ach, wenn du wüßtest ...!« Ja, Herr Remmelmann wußte genug und hörte mit einem gewissen Behagen auf das erlösende Tinken der niedlichen Stutzuhr, die mit ihrem silberdrähtigen Stimmchen die achte Abendstunde anrief. »Gott, schon so spät!« erschreckte sich Stina, um gleich darauf wieder in ihre gehobene Stimmung zu gleiten. »Nöllecke, Nöllecke ...!« Noch ein letztes Umarmen ... »Ja, um es einfach zu sagen, es bleibt wohl dabei für allewige Tage. Gott nicht, Nöllecke, die beiden niedlichen Angorakarnickels ...!« und damit schwebte sie ab, über die Schwelle, über den Hausflur, über die Treppe, in den Abend hinaus, den Klotzschen Penaten entgegen, um sich eine eisige, schneeige Frostwelt und über sich den gestirnten Himmel, wo die Sternchen umhertrippelten, als wenn sie noch immer ihre unruhigen Silberfüßchen warm machen müßten, während Herr Remmelmann es sich wieder in seinem Sessel bequem gemacht hatte und eine neue Wolke von raren Spezereien um sich her apothekerte. Aber seltsamerweise – unliebsame Visionen bedrängten ihn plötzlich; in seine Stirne gruben sich bedenkliche Falten; denn immer und immer wieder und mit der Hartnäckigkeit von Pferdebremsen traten ihm die Worte in den Sinn, die Stina aufgeseufzt hatte: »Das ist ebenso gut, als wenn das Kopulierbuch zugeklappt würde ... Nöllecke, Nöllecke ...!« Die tat ja so, als sei bereits alles abgemacht und entschieden. Nöllecke, Vorsicht! Und war doch nur so ein ganz kleines Intermezzo gewesen, wenigstens für ihn, ohne Verpflichtung und nur für die Stunde berechnet. Stina hingegen schien hierüber anders zu denken. Ihre Zukunftspläne lagen nicht mehr in den Windeln, hatten sich bereits stattlich herausgemustert und wollten in die Hosen hinein. Nöllecke, Vorsicht! Er konnte des heutigen Abends so recht nicht mehr froh werden. * In dieser Nacht, also in der Nacht vom neunten zum zehnten November, schlug zu wiederholten Malen der kleine Rattenpinscher an, der das Douwermannsche Haus zu bewachen hatte. Das laute Gekläff weckte Jungfer Therese, die sich notdürftig ankleidete und sich hinter der Gardine auf Posten stellte. Von hier aus konnte sie einen großen Teil des Gartens genau übersehen. Er lag in taghellem Mondlicht. Sie hörte den harten Pulsschlag ihres eigenen Herzens. Kein Licht mehr im Hause; nur aus dem Zimmer, das Fräulein Johanna bewohnte, drängelte sich ein heller Schein und legte sich safrangelb über die Schneedecke. Aber nichts regte und rührte sich in der weiten Umgebung. Nur die Bäume froren im Mondlicht und klingelten ab und zu mit ihren Kristallen. Sonst atemlose, friedliche Stille. Plötzlich horchte sie auf. Sie glaubte, leise Schritte zu hören und einen flüchtigen Schatten zu sehen. Jungfer Therese schauderte ängstlich zusammen. Sie täuschte sich scheinbar. »Nichts, nichts!« sagte sie fröstelnd, »aber es ist alles so seltsam, und ich kann mir nicht helfen: der junge Mensch ...« Sie verschluckte die letzten Worte. Hierauf betete sie drei ›Vater unser‹ und drei ›Gegrüßt seist du, Maria‹ und legte sich wieder. Über das kleine Anwesen zog die Nacht mit ihren goldenen Bienenschwärmen. 10 Der zehnte November dämmerte herauf, kalt, dunstig und mit fletschenden Zähnen. Die Quecksilbersäule sank bis fünfzehn Grad unter Null. Nebelkrähen, in normalen Jahren nur äußerst seltene Gäste, stolzierten in ihrer schwarzgrauen Watt über den Marktplatz und wunderten sich Stein und Bein über ihr frühzeitiges Hiersein. Sonst hatten sie um diese Zeit noch die Misthaufen jenseits der Oder und Weichsel bevölkert, waren bei den Polacken herumvagabundiert, die sich am Leibe noch schmutziger hielten, als ihre stumpfnasigen Seelen es taten. Nöllecke Remmelmann hatte schon recht: seit Menschengedenken hatte es nicht so gottserbärmlich gefroren. Auch Herr Türlütt vertrat diese Ansicht und zwar mit einer gewissen Genugtuung. Die Kälte sagte ihm zu, vornehmlich heute; stellte sie ihm doch einen Genuß in Aussicht, der nicht zu den alltäglichen gehörte: Rotspon, Burgunder und Punsch ... Getränke, die seine Lebenselixiere waren und recht geeignet erschienen, dem klingenden, singenden Frost eine mollige und behagliche Note zu geben. Überhaupt das Revolutionsfest ...! Er freute sich darauf wie die Made auf den Limburger Käse oder wie das strotzende Euter auf den leeren Melkeimer. Herr Remmelmann schlug in die nämliche Kerbe. Nicht so die andern. Sie erschienen mit gemischten Gefühlen; denn bei Licht besehen war die ganze Geschichte doch nur eine Farce, der Auswuchs einer krausen Phantasie, die knollige Idee eines in seiner Art schiefgewickelten Mannes, der in alten Erinnerungen und Überlieferungen herumkramte wie der Geist einer überständigen Jungfer in vergilbten Liebespapieren: aber des lieben Friedens wegen und um den alten Herrn nicht aus seiner verschnörkelten Traumwelt zu reißen, hatten sie auch dieses Mal die Zähne zusammengebissen, hatten zugesagt und wollten pünktlich erscheinen, nicht ohne sich dabei heimlicherweise auf ein kleines übermütiges Späßchen zu freuen. Mit dem zehnten November erwachten drei Hähne, drei stattliche Hähne, die schönsten und markantesten, die die Stadt aufweisen konnte. Der erste, ein bergischer Kräher spanischer Rasse mit schwarzem Leibrock und blaugrauen Sporen, hockte auf der obersten Sprosse der Türlüttschen Hühnerleiter, riß den Schnabel wie ein Marktschreier auf und verfügte über ein Organ wie das eines versoffenen Budenbesitzers, der die Besichtigung einer Riesendame für zehn Pfennige anpräsentierte. Heiser, blechern wie ein verbeulter Ofenschirm, aber gesinnungstüchtig und tapfer, tönte der Weckruf. Herr François erwachte davon, streckte sich, daß die Bettstelle krachte, erinnerte sich und spitzte den Mund, als wenn es gleich mit dem Punsch- und Burgundertrinken losgehen könne. Der zweite! Eben hatte er die im Kreise seiner Hennen gemeinsam bekleckerte Stange verlassen und saß jetzt, ein Prachtkerl von einem Brahmaputrahahn, mit knallrotem, dreireihigem, leicht gezacktem Barett, schneeweißem Bäffchen und befedertem Schuhwerk auf dem verschneiten Küstermist. Seine Stimme erinnerte an die seines Herrn und Gebieters, war sonor, kapuziner- und domorgelmäßig und hatte Guano und natürlichen Dung an den Füßen. Was in der Küsterei noch schlief, mußte wach davon werden. Auch Herr Bollig erwachte, stieß seine Frau sanft in die untern Rippen und sagte: »Züffche, dat is der feßliche Gesang vom Dag des Herrn. Et is zwar ein Dag voller Biesterei un eso 'ne Art von Dummheit, wat m'r da beim Herrn Baron erlebe müsse, aber da muß einer schon lang herumsuche könne, bivor er solche Tillekatesse bikömmt, un da sagen ich lieber, Herr Völlig, sagen ich lieber, ich for meinen Teil wollen mal hingehn. Züffche, wat meinst du dazu?« »Dat stimmb,« sagte Züffche und drehte sich auf die andere Seite. Der dritte! Als hätte ein Kastrat in der Sixtinischen Kapelle gesungen, so kikerikiete dieser kleine Japaner, dieser drollige Zwerghahn im ockergelben Wams und im Schmuck des blaugrünen, schillernden Schwanzes im Hof des Nachfahren des großen Anacharsis von Klotz, und das gerade vor dem Fenster der ehrsamen Jungfer. Die Stimme dieses geflügelten Sandkratzers schrillte wie eine Eisenrassel, spektakelte wie eine Pikolopfeife, ging durch Mark und Bein, machte die Zähne stumpf, pinkte und hämmerte so nachhaltig gegen die gefrorenen Scheiben und stichelte so gesinnungstüchtig in Stinas Tausendundeine Nacht hinein, daß auch sie den jungen Morgen begrüßen mußte, aber nicht so, wie die Herren Bollig und Türlütt es taten, nicht in Erwartung der feinschmeckerlichen Genüsse am heutigen Revolutionsfest, nein, sie gähnte seelisch hinein, gewissermaßen auf Schwingen bräutlichen Empfindens und einer getragenen Stimmung. Noch nie waren ihr solche Stunden gekommen. Nein, dieser erquickende Schlaf und dieses süße Erwachen, dieses graue Aufdämmern hinter den Schirtinggardinen! Sie war mit sich, ihrer Pflicht und ihren Entschlüssen sofort einig geworden. So'n Viertelstündchen konnte sie noch immer riskieren, und daher: sie wollte noch so'n bißchen duseln und dösen und das Durchlebte noch einmal durchleben. Ein Bild des Friedens, mit zusammengefalteten Händen ruhte sie jetzt auf dem blaugewürfelten Kissen, während ihre sanften Atemzüge die ebenso blaugewürfelte Decke auf und nieder bewegten. Wie war das gestern abend gewesen? Ja so! – alles hatte seinen Ausgang von den Pomeranzen genommen. Diese Küsse, diese schöngerundeten Knie, diese unbefleckten Liebkosungen und dann dieser seelenvolle Abschied! Kalt war es draußen, bitterkalt, kalt, um in eine Eissäule verwandelt zu werden. Allein sie fühlte diesen Gletscherhauch nicht. Sie ging durch die klingende Frostwelt hindurch wie durch einen Park mit singenden Vögeln und bunten Frühlingsgirlanden, ins Grenzenlose hinein, ins Unendliche und dann wieder nach Hause. Ach, wie war hier alles so nett und behaglich! – nur Nöllecke fehlte ... und sie hatte doch so 'ne Bange und so 'ne Sehnsucht nach ihm, und da ging das nicht anders: sie kleidete sich aus, zog ihr Nachtjäckchen über, nahm heimlicherweise den Stiefelknecht des Hausherrn und schlüpfte mit ihm in die angewärmten Posen hinein, um doch etwas Männliches bei sich zu haben. Nöllecke, Nöllecke ...! – und dann war sie wieder in der Apotheke bei ihm, in seinem Allerheiligsten, in seinem Kontörchen, wo die schöne Tante Desideria Schnapp so gravitätisch von der Wand herabgrüßte und alle die vornehmen Remmelmänner hingen mit den steifen Vatermördern und den aristokratischen Gesichtern. Sie kam schon in 'ne noble Familie hinein, daran war gar nicht zu deuteln ... und Nöllecke erst mit seinem kleinen, allerliebsten Schnäuzchen und den krölligen Haaren! Und wie er sich hatte, so forsch und so mannbar und immer gleich aufs Ganze! Nein, dieser allerliebste Schwerenöter! Immer anregender zog es an ihren geistigen Blicken vorüber. Eine liebe Erinnerung gab der andern die Tür in die Hand. Kaum hatte sich die eine empfohlen, war auch schon eine zweite ins Zimmer getreten; aber wie sie auch vorsprachen – eine jede trug ein Myrtensträußchen im Knopfloch ... und was die Hauptsache war: heute abend kam Nöllecke selber, ihr Nöllecke, und würde ihr vielleicht vor der ganzen Gesellschaft nochmals sein Herz und seine ganze Apotheke und all sein liegendes und bewegliches Eigen zu Füßen legen. Nein, das würde er nicht tun. Dazu war er zu zartfühlend, zu vornehm. Das hatte noch Zeit. Eine junge, eben erst knospende Liebe durfte vorderhand nur im verborgenen blühen. Aber sie selber, sie konnte vielleicht dem alten Herrn schon jetzt so 'ne kleine Andeutung machen. Das allerdings wäre zu überlegen gewesen. Ihre Betrachtungen stockten; denn der winzige Japaner lärmte zum fünftenmal über den Hofraum und zwar mit einer so impertinenten und spatzenköpfigen Frechheit, daß sich davon die seligen, scharfumrissenen Bilder entfärbten, blutleer wurden und wie Schemen zergingen. Sie welkten ab und ließen die Köpfe hangen, gleich Mohnblumen in hohen Stengelgläsern. Die lieblichen Szenen und Erinnerungen waren geschlechtslos geworden. Da war's Zeit für Charlotte Corday. Mit einem Wuppdich entstieg die komplette Dame den Federn, fuhr mit ihren strammen Beinen in die wollenen Strümpfe hinein, puddelte wie eine fettleibige Ente in der Waschschüssel herum, machte sich fertig und begab sich hinunter, um unter Beihilfe einer Aufwartefrau die Vorkehrungen für den heutigen Abend zu treffen. Sanft und gottwohlgefällig hob sich die Sonne und senkte sich wieder. Um die siebente Stunde waren alle Fenster des Klotzschen Hauses erleuchtet. Die Trikolore bammelte vom Dachgeschoß herunter, gerade über der Haustür. Im sogenannten Revolutionszimmer stand die Festtafel gerichtet, neun Gedecke auf Reihe, sachlich angeordnet und von einer purpurnen Helle umschienen. Mitten auf dem Tisch paradierte der Freiheitsbaum, mit roten Schleifchen garniert und der Jakobinermütze bekrönt. Die ganze Sache machte sich prächtig; ihr wohnte die Kraft inne, eine Gasterei der Konventsmitglieder vorzutäuschen und lebhaft vor die Seele zu stellen. Arrangement und Beleuchtung gingen Hand in Hand und ergänzten sich trefflich. Herr Anatole von Klotz nickte befriedigt. Steifbeinig wie ein rheumatischer Hühnerhund umschritt er die Tafel und sonnte sich bereits im Vorglanz der kommenden Feier. Mehr als je versetzte er sich in die Rolle eines Obersten a. D. und in die eines Verkäufers in einem Sargmagazin. Gänsehals und Marabukopf wuchsen selbstgefällig aus den Vatermördern heraus, während seine Pupillen wie die blanken Beschläge eines Katafalks umhergeisterten. Sein Gesicht war verschlossen wie immer, sein Inneres zugeschnürt wie der Geldbeutel eines geizigen Menschen. Von Zeit zu Zeit machte er mit der rechten Hand eine kurze, abgehackte Bewegung, als müsse er ausgereifte Distelköpfe guillotinieren. Fünfundzwanzig hatte er bereits auf diese Weise heruntergesäbelt. Dann warf er die Tür zum Nebenzimmer auf. Ein kleiner, vermickerter Mensch saß hier auf einem niedrigen Binsenstuhl. Es war der Sohn eines Reepschlägers, auch bei diesem in Stellung, benutzte aber seine freie Zeit dazu, bei allen nur möglichen und unmöglichen Festivitäten die Geige zu spielen. »Brav so, Baptiste! Pünktlich wie immer. Merci! – und wenn die Herren sich setzen, dann fiedelt Ihr los – knapp – forsch – im Marschtempo ... etwa so ...« und mit spitzem Mund pfiff er die Marseillaise herunter. »Verstanden?« »Wird gemacht, Herr Baron.« »Vorher aber ...« »Weiß schon, Herr Baron, das mit die bengalischen Feuer ...« »Mein Mann!« nickte Anatole, drehte sich kurz auf dem Absatz herum, ging wieder in den Festraum zurück, trat ans Fenster und sah in den Abend hinaus. Sapristi, wie langsam die Zeit ging! Die Uhrzeiger schienen Leim an den Füßen zu haben. Jetzt glaubte er Stimmen zu hören. Als erster hatte sich der Herr Dechant auf den Weg gemacht. »Der Not gehorchend,« sagte er still vor sich hin, »denn man kann nicht immer durch das Lustgärtlein des hohen Liedes pilgern, sich nicht immer an den feinen Auslassungen des hochseligen Thomas von Kempen erbauen, mit dem großen Athanasius durch die lybische Wüste schreiten oder sich am Psalterspiel des Königs David erfreuen ... Von Zeit zu Zeit ist es auch erbaulich und Nerven beruhigend, sich in die Wiege des Unsinns zu legen und den müden Geist von den Schrullen eines krausen Menschen schaukeln zu lassen – selbst dann, wenn sich dieser die Jakobinermütze überstülpt, um das Fest der großen Göttin zu feiern, obgleich man lieber zu acht Saiten den Psalm anstimmen sollte: » De profundis clamavi ad te, Domine. Domine, exaudi vocem meam. « Nicht weit vom Hause des Gastgebers stieß er auf Arnt Douwermann und Dirk Vogels, während Herr Bollig und François Türlütt auf einem Nebenweg auftauchten und sich zu ihnen gesellten. »Wer fehlt noch?« lachte der Dechant. »Herr Remmelmann,« sagte der Küster. »So wären wir denn zu sieben,« meinte Petrikettenfeier ten Hompel. »'ne stattliche Runde!« »Zu acht,« entgegnete Herr François Türlütt, »Herr André hat sich gleichfalls die Ehre genommen.« »Also auch wieder im Lande?« fragte der Dechant. »Seit gestern, Hochwürden; nur auf 'nen Katzensprung. Sozusagen aus dem puren Handgelenk heraus. War in Köln, 'ne bedeutsame Sache, so 'ne Art von Kongreß. Famoser Kerl. Macht sich und seiner Familie große Ehre und steht in Erwartung, den väterlichen Punsch zu genießen ... Arak, Tee, Zucker, Pomeranzen und wenig Wasser, Hochwürden! Er freut sich innig darauf.« Das Antilopengesicht strahlte. »Und Sie natürlich nicht,« sagte der Dechant. »Aber Hochwürden ...!« Das klang wie ein Vorwurf. Die andern Herren stießen sich an. »Nanu!« meinte der Dechant. »Da kann man ja mit der Pelzkapp' nach werfen. Sie erzählten mir doch, Sie seien unter die Abstinenzler gegangen.« »Schon richtig, Herr Dechant. Auch heute noch befolge ich den nämlichen Grundsatz. Mäßigkeit ist die Mutter für sämtliche Tugenden. Spirituosen! – niemals, unter keiner Bedingung. Allerdings, es gibt Ausnahmen, gewichtige Gründe, die geeignet sind, die feinste Regel über den Haufen zu stoßen. Beispielsmäßig, nur um meinem Schwager und den übrigen Herren Gesellschaft zu leisten. Man darf doch so 'nen noblen Zirkel nicht stören! und dann die Kälte – die sibirische Kälte!« »Nur aus diesen Gründen, Herr Türlütt?« Herr François legte gottergeben die Hand auf die Brust, als wenn er sagen wollte: »Wie können Sie zweifeln, Hochwürden?« Der aber zweifelte und drohte jovial mit dem Finger. »Herr Türlütt ...!« »Ah!« stöhnte der Präsident der Bruderschaft Unserer Lieben Frau in tiefster Bedrängnis und hob wie beschwörend die Rechte gen Himmel, just in dem Augenblick, wo ein kaltes Sternchen niederpurzelte: »Hochwürden, so wahr mir Gott helfe, so wahr die Mutter Gottes von Kevelaer ...« »Vor diesen Argumenten allerdings ist jedes Mißtrauen auszuschalten,« schmunzelte der Dechant, legte seinen Arm in den des Abstinenzlers und sprach im Weitergehen und mit einem lustigen Ton in der Stimme: »Ich bin eigentlich ganz Ihrer Meinung, Herr Türlütt. Sie sind kein Freund von Punschbowlen und ähnlichen Dingen. Ich auch nicht. Sie sind mir ein Greuel, gerade wie Ihnen. Ich spreche sie als Erfindungen Beelzebubs an, nur darauf berechnet, die Gedanken wirbelsinnig zu machen – gerade wie Sie es tun. Trösten wir uns daher mit den Worten des Dichters: Solamen miseris socios habuisse malorum , was auf deutsch heißt ...« Er kam nicht weiter. Herr Remmelmann flitzte heran wie aus der Pistole geschossen. »Allseits guten Abend, die Herren! Hurra die Bowle!« Gleichzeitig flammte es auf. Eine Wolke von blutroten Schleiern legte sich um die Fassade, drehte sich durch die verschneiten Lindenzweige hindurch und spreitete purpurne Decken unter die Füße der Revolutionsmänner. Die ganze Klotzsche Sinekure stand in Brand und Brunst und spektakelte wie ein Hexenhäuschen durch die weite Umgebung. Herr Jakob Bollig schlug die riesigen Hände so voller Bewunderung zusammen, daß sie wie Waschhölzer klapperten. »Das Licht der Freiheit!« ironisierte Petrikettenfeier ten Hompel. »Großartig! Nie dagewesen!« jubelte François Türlütt. »Weiß Gott, Schwager, du verstehst es schon, Feste zu geben!« Herr Remmelmann beurteilte die ganze Sache vom Standpunkt des Pyrotechnikers und Apothekers aus und zählte an den Knöpfen herunter: »Drei Teile Kaliumchlorat, vier Schwefelantimon, achtzehn Strontiumnitrat und sechs Gewichtsteile Schellack – machen zusammen 'ne rote bengalische Flamme.« Dirk Vogels schüttelte den Kopf und murmelte in den grellen Zauber hinein: »Unsinn, du siegst,« um dann mit den Worten Sapiheas zu schließen: »Verstand ist stets bei wen'gen nur zu finden.« Damit schrillte die Klingel, die Feuer verloschen, und die Herren waren in den Hausflur getreten. Ein deliziöser Hauch von Schellrippchen, Pomeranzen und Gänsebraten empfing sie. Herr Bollig machte sich lang, um über die Köpfe der andern besser fortriechen zu können. Jugenderinnerungen stiegen in ihm auf; denn ähnlich hatte es auch in der Gereonswallgasse bei Ohm Jakob gedüftelt, in dem Hause mit den verhangenen Fenstern, den Marmortischen und den hohen Spiegeln, nur das Arom war hier stärker, aufdringlicher und wies auf die Damen hin, die die einsam gelegene, vielbesuchte und geweihte Stätte bewohnten – aber ebenso trefflich wie beim Herrn Kirchenrendanten und Steuerempfänger a. D. wurde auch in der Gereonswallgasse und bei Ohm Jakob gegessen. »Nein, diese Tillekatessen!« sagte Herr Bollig, hängte mit steifen Fingern den Hut an den Nagel, streifte den Überzieher ab und folgte den andern, die bereits abgelegt hatten. Der Herr Gastgeber war eitel Zeremonie und Andacht. Den Oberst a. D. hatte er beibehalten, dem Verkäufer im Sargmagazin aber den Abschied gegeben. Dafür kehrte er mehr den Republikaner heraus, erging sich in Redensarten, die mit der Tradition eines ehemaligen preußischen Beamten keine Gemeinschaft mehr hatten, und hieß die Herren im Namen der Revolution herzlich willkommen. Auch der junge Baron wußte seine Stellung als Sohn des Hauses zu wahren. Für jeden hatte er ein verbindliches Lächeln, plauderte über seine neuesten Forschungen, hielt dem Herrn Dechanten einen kurzen, belehrenden Vortrag über die altkölnische Schule, sprach Herrn Douwermann sein lebhaftes Bedauern wegen des beschädigten Schreins in Sankt Nikolai aus und wußte Herrn Remmelmann in ein launiges Gespräch zu ziehen, das sich mit der Karnickelzucht und der tierischen Psyche beschäftigte. Auch Herr Bollig kam nicht zu kurz. Er durfte sich in den warmen, wissenschaftlichen Strahlen des jungen Kunsthistorikers sonnen, und er freute sich dessen. Nur fiel es allgemein auf, daß André Dirk Vogels zu vernachlässigen schien, ohne dabei die Formen der Höflichkeit außer acht zu lassen. Aber sein ganzes Verhalten war so kühl und gemessen, so vornehm zurückhaltend, so über alle Maßen von oben herab, daß es schließlich noch zu unliebsamen Erörterungen geführt hätte, wäre nicht Charlotte Corday erschienen, die stolze Büste von einer weißen Bluse umhüllt, eine rote Schleife um die Taille geschlungen und ein neckisches, korallenfarbiges Häubchen auf den straffgescheitelten Haaren. Ihr erster Blick galt Herrn Remmelmann, der diese blutwarme Aufforderung mit einem verliebten Schmunzeln, wenn auch einer gewissen Reserve quittierte. Hierauf wandte sie sich an den Hausherrn, nickte ihm zu und flüsterte nur das eine verhaltene Wörtchen: »Mynheer!« Dieser kurze Appell wirkte auf ihn wie Stahl auf Stein und Feuer auf Zunder. »Messieurs!« – und der alte Herr wurde zur Hopfenstange, wobei er die Handschuhe so gelassen abstreifte wie ein Marquis zur Zeit des Regenten – » messieurs, le souper est servi! Entrez, s'il vous plaît! « und mit unnachahmlicher Grazie wies er auf die sauber gespreitete Tafel, die ein Hauch steifer Feierlichkeit und getragenen Ernstes umspielte. Gleichzeitig kratzte und fiedelte Baptiste im Nebenzimmer die Marseillaise herunter, kurz, schneidig, gepfeffert, wenn auch hie und da etwas daneben... » Allons, enfants de la patrie ...! « zündende Klänge im Marschtempo, unter denen die Geladenen sich um die Tafel gruppierten, sich ordneten und ihre Plätze einnahmen – der Herr Dechant zur Rechten des Gastgebers, Herr Douwermann zu seiner Linken, die übrigen nach Rang und Würden gereiht, aber so, daß jeder zufrieden sein konnte, und das waren sie auch, selbstlos und begierig der kommenden Dinge. Doch eins war befremdlich. Alle saßen bereits, nur der alte Baron stand noch immer hinter seinem Gedeck, muffelte mit der Oberlippe und deutete auf einen leeren Stuhl, ihm gerade gegenüber. Die Musik verstummte sofort. »Meine Herren ...!« Er atmete tief auf und fuhr dann mit gehobener Stimme fort:» Je vous demande mille pardons, messieurs! aber ich habe noch eine Pflicht zu erfüllen. Eine Dame ist draußen und bittet um Einlaß. Sie wird in großer Toilette erscheinen, in scharlachenem Rock; Mütze und Schuhe von der nämlichen Farbe. Wundern Sie sich nicht über ihr bleiches Gesicht. Es ist weiß wie die gekalkte Wand, unerbittlich und kalt wie das einer Leiche. Nur zu natürlich! denn wer mit einem Danton und Momoro verkehrte, einer Marie Antoinette den gepuderten Kopf vor die Goldkäferschuhe legte und den großen Anacharsis auf den Mund küssen durfte ... Ich bitte um Distanz, meine Herren. Respekt, Messieurs! Ich komme gleich wieder.« Damit verließ er das Zimmer und zog unhörbar die Tür hinter sich zu. Eine tiefe Stille ging um, eine stumme Erwartung, ein verstohlenes Raunen, währenddessen der junge Baron die löbliche Korona ersuchte, die Gläser mit feurigem Burgunder zu füllen. Der liebenswürdigen Aufforderung folgte ein anheimelndes Gurgeln und Glucksen, ein Schimmern von böhmischen Granaten, das das ganze Zimmer erfüllte und die Szene noch um einen Ton düsterer machte. Weiß der Kuckuck nochmal! man kannte ja die Wunderlichkeit des Kirchenrendanten, seine sonderbaren Einfälle, seine Schrullen und Launen; aber in diesem Augenblick war es doch jedem, als liefe ihm ein breiter Eisstrom über den Rücken; denn just als das letzte Glas purpurn aufleuchtete, tat sich wieder die Tür auf ... » Attention , meine Herren ...!« Mit stummer Grandezza trat Anatole ein, ernster denn zuvor und mit einem bittersüßen Lächeln um die blutleeren Lippen. Sein Arm war gekrümmt, als läge darin eine weibliche Hand, als schritte ihm eine Dame zur Seite, der er sich verpflichtet fühlte bis in die innersten Nieren. In verbindlichster Weise machte er Konversation, nickte ihr zu und geleitete sie mit Augen, die wie scharfe Rasiermesser blinkten, um den Tisch herum, bis zu dem verwaisten Gedeck. Hier angekommen, machte er eine chevalereske Verbeugung und tat, als ob er ihren Arm sanft aus dem seinen löse. Dann hob er sich auf und sprach mit feierlicher Stimme: »Meine Herren, wir haben die Ehre, Madam Guillotin unter uns zu wissen, die Tochter des berühmten Arztes und Menschenbeglückers, › le spectre rouge ‹, verschwägert mit dem gentilen Herrn Samson, Citoyen von Paris, en demeurant la meilleure fille du monde . Distanz, meine Herren! Noblesse oblige ...« und dann stellte er vor: »Madam, ich habe die Ehre – Seine Hochwürden der Herr Dechant ten Hompel, Pfarrer hiesiger Kirchengemeinde und Ehrendomherr an der Kathedrale zu Münster, Herr Douwermann, Privatgelehrter aus altem Geschlecht, Herr François Türlütt, mein Schwager, Herr Lehrer Vogels, Herr Remmelmann, pharmacien , Herr Bollig, concierge de l'église , und André, mein Sohn ... Ich bitte, Platz nehmen zu wollen, Madam, und was mich betrifft ... Si vous le voulez, je vais changer de place et je me mettrai vis à vis de vous. Vous permettez, madame? Merci, madame ...!« und damit ging er geschraubt und unter atemloser Spannung um die Tafel herum, pflanzte sich dem blutigen Gespenst gerade gegenüber auf, ergriff sein Glas und sagte: »Meine Erlauchten! Das hohe Fest kann beginnen. Wie in den verflossenen Jahren, so sind Sie auch diesmal erschienen, brüderlich vereint, um im Beisein des illustren Gastes aus Frankreich den denkwürdigen zehnten November und den großen Anacharsis zu feiern. Das danke ich Ihnen und heiße Sie unter dem Freiheitsbaum herzlich willkommen. Vive la république! Vive la montagne ! Das Weitere findet sich später. Zum Wohle, die Herren!« – dann riß er den Kopf herum und rief über die Schulter: »Charlotte, faites votre jeu !« setzte sich nieder und hielt seinen Pokal dem Herrn Dechanten und den andern entgegen. »Alles verstehen, heißt alles verzeihen« dachte Petrikettenfeier ten Hompel und tat ihm Bescheid; desgleichen fühlten sich die übrigen Herren verpflichtet, besonders Herr Bollig, obgleich ihm die Haare zu Berg standen und er den Eindruck des Grauens noch immer nicht los werden konnte; denn zum erstenmal war ihm die Ehre zuteil geworden, geladen zu sein und bei diesem Gastmahl weilen zu dürfen. Der vierschrötige Mann mit den gesunden Kauwerkzeugen fühlte sich bis in das Mark seiner Knochen erschüttert. Das war ja, um aus dem aufgebügelten Rock und den Küsterhosen zu fahren! und stieren Blicks, das Glas in der klobigen Hand, sah er bald auf den leeren Stuhl, bald auf das unbenutzte Gedeck und glaubte schließlich ... Ja, er konnte nicht irren. Da saß sie verkörpert: das Revolutionsweib, die Tochter Guillotins, die entsetzliche Frau in der ausgeschnittenen Robe und mit der phrygischen Mütze ... Donnerwetter nochmal! und die zusammengekniffenen Lippen ... und das schmale Gesicht, weiß wie Billardkreide ... Und sie nickte ihm zu ... ja, sie tat es wahrhaftig ... tat es wahrhaftig ... Er sah alles mit leibhaftigen Augen und konnte nicht fehlgehen. Der Burgunder bibberte in dem seinen Kristall, sah rot aus wie Blut und ließ einen scharlachenen Vorhang vor seinen Blicken herunter. »Züffche« sagte er kleinlaut, »dat is ja alles recht schön mit dem Dag des Herrn; aber wenn m'r so alles bidenkt, dann wären ich doch lieber zu Haus gebliebe.« Eine kräftige Hand schlug ihm in diesem Augenblick fidel auf die Schulter. »Prosit, Herr Bollig! – nur um Ihnen Gesellschaft zu leisten ...« und das Antilopengesicht schüttete sein volles Glas hinter den weißen Schirtingschlips und meinte zum andern: »Prosit, Herr Bollig!« Das wirkte besänftigend und ließ den unheimlichen Gast für eine Zeitlang verschwinden. Kurz, Herr Bollig hatte wieder Grund unter den doppelnähtigen Schuhen, leerte den Rest bis zur Nagelprobe und schnüffelte mit weiten Nüstern über den Tisch fort. Ein allgemeines »Ah!« Die Schellrippchen kamen. Charlotte Corday brachte sie auf blütenweißer Assiette, gefolgt von der Aufwartefrau, die mit einer riesigen Sauciere und einer Karottenschüssel hinter ihr herwankte. Dann wurde anpräsentiert. »As 't üh belieft, Mynheer Dechant,« zwitscherte Charlotte. »As 't üh belieft, Mynheer Douwermann.' »As 't üh belieft ...« Ihre Worte erstickten, gingen unter in einem Meer seliger Freude; zwei begehrlich schillernde Augen standen dicht über Herrn Remmelmann. Die üppige Hebe errötete bis tief in das stramme Korsett hinein, und es gelang ihr während des Servierens, ihre derben Schenkel mit denen des Geliebten in eine innige Berührung zu bringen, was ihn seinerseits veranlaßte, mit zärtlicher, wenn auch unsicherer Hand über ihr saftiges Sitzfleisch zu gleiten. »Ach du!« sagte sie glücklich, streifte ihn nochmals und präsentierte dann weiter: »As 't üh belieft, Mynheer Bollig.« Der ließ sich nicht weiter nötigen, langte zu und gabelte sofort zwei Schellrippchen, aber die größten, auf seinen angewärmten Teller. »As 't üh belieft, Mynheer Türlütt.« Während des Auflegens suchte François sein gutmütiges Dulderhaupt an die volle Rundung Charlottens zu drücken, ›beispielsmäßig, um kommoder nehmen zu können.‹ »Nix mehr für Sie,« wehrte sie ab und bot dem jungen Herrn die Schüssel. »As 't üh belieft. Mynheer Dokter.« »Nun, Herr Vogels,« rief der Dechant seinem Gegenüber zu, »wie weit ist Ihre Forschung gediehen? Oder wollen Sie den Rest ad calendas graecas vertagen?« »Mit nichten, Hochwürden. Zwar gibt das städtische Archiv keinen weitern Aufschluß. Nur ein gewisser Hinweis liegt vor; aber dieser genügt mir, weiter nach der Handschrift Meister Heinrichs zu fahnden und ihrer habhaft zu werden. Sie muß noch vorhanden sein. Besagter Vermerk in der städtischen Rechnung ist zu deutlich gewesen, redet eine zu eindringliche Sprache. Leider haben die Wirren des spanischen Krieges unter Mendoza manches durcheinander gewirbelt und auf eine andere Stelle getragen, was aber keineswegs ausschließt ...« »Nun?« fuhr der geistliche Herr eifrig dazwischen. »Daß die Akten des Hospitals und die Annalen der Kirche eine Sichtung verlohnten. Zweifelsohne ist fragliches Dokument zwischen diesen Papieren zu finden, und wenn Sie gestatten, Hochwürden ...« »Aber selbstverständlich, mein Lieber! Gleich morgen ... ich werde Anweisung geben ... alle Fächer und Geheimschränke stehen zu Ihrer Verfügung ... und sollte es Ihnen gelingen, den heißersehnten Fund tatsächlich zu heben: Sie haben die Kunstgeschichte und insbesondere die alte heimische Schule um vieles bereichert.« Er stieß mit ihm an. » Jucundi acti labores . Mit Gott denn, Herr Vogels!« »Danke, Hochwürden.« »Verzeihen Sie meine Neugier, Herr Lehrer,« suchte in diesem Augenblick der Sohn des Hauses die Unterhaltung an sich zu reißen, »aber ich hörte soeben ... Es handelt sich ohne Zweifel um den Meister des beschädigten Schreins in der hiesigen Kirche?« »Allerdings, Herr Doktor.« »Und Sie wollen behaupten, der Name seines Schöpfers konnte zweifelsfrei festgestellt werden?« »Ja, er konnte festgestellt werden.« »Seltsam! Bis jetzt ist alle Mühe, selbst der besten Kunsthistoriker, vergebens gewesen, hier Klarheit zu schaffen. Die Legende bestand; aber ob diese Legende mit der historischen Wahrheit sich deckt ...« »Sie deckt sich.« »Und Sie, ausgerechnet Sie, hatten das Glück, die Wahrheit zu finden?« »Ich fand sie.« »Und was befähigte Sie, diesen Nachweis zu führen?« »Mein gesunder Menschenverstand.« Ein ironisches Achselzucken von seiten des Doktors. »Mein Kompliment,« sagte er leichthin. »Auch hier wieder die alte Erfahrung: Den Seinen gibt's der Herr im Schlafe. Da können sich ja die akademisch gebildeten Herren einsalzen lassen.« »Herr Doktor ...!« Auf den Backenknochen Dirk Vogels' standen zwei glühende Flecken, die plötzlich vergingen. Der junge Baron winkte ab: »Es bleibt bei meiner aufgestellten Prämisse.« »Herr Doktor, als Gast am Tisch Ihres Herrn Vaters verbieten es mir Takt und Höflichkeit, Ihnen die gebührende Antwort zu geben.« »Herr Vogels, warum das?!« suchte der Dechant begütigend einzulenken, und »André ...!« klang verwarnend die Stimme des alten Herrn herüber. » Distance, s'il vous plaît !« Eine unbehagliche Stimmung machte sich geltend. Sie fröstelte über den Tisch und ließ alle Herzen erkalten. Selbst Herr Bollig fühlte den quälenden Ernst der Stunde, und sei es nun, daß er den Drang eines Friedensapostels unter seinem Düffelrock verspürte, sei es, daß der feurige Burgunder ihn fortriß – Herr Jakob Bollig erhob sich, klopfte ans Glas, räusperte sich und machte der ganzen Korona, mit Einschluß des vereinsamten Gedecks, eine tiefe Verbeugung. »Meine Herren un Damen!« sagte er hierauf, »hier stehen ich in tiefster Bitrachtung, um einige Worten zu sprechen« – hierauf schlug er sich mit seiner knolligen Hand fest und gesinnungstüchtig auf das blaugestärkte Schemischen – »denn ich bin arg bitrüb, weil dat kleine Differenzche soebe passiert is, aber auch arg erfreut, weil m'r hier dat schöne Feß mitmache dürfe. Meine Herren, ich bin zu Kölle gebürtig ...« »Bravo!« nickte François Türlütt. »Un alle, die zu Kölle gebürtig sind, habe 'ne anständige un 'ne feine Kurakter, un daher sagen ich, Herr Baron, sagen ich, entschuldige Sie gütigs, wenn ich Sie als noble Edelmann bititiliere, weil ich in die letzte Zeit so'n telikat Esse nich mitgemach habe. Der schliche Gesang vom Dag des Herrn hat uns alle bigeistert; denn m'r bikame hierdurch 'ne richtige Bigriff von die schöne Biesterei, die sich in Paris abspiele konnte. Un dat danke m'r Ihne. – Hochgeehrten Herr Baron, bischeidenen Herr Baron! M'r habe bireits die Firkenrippche gegesse, un da lawieren ich für, sie habe uns geschmeck, dat et Euch 'ne wahr Liebhaberei war, von die andere Tillekatesse, die noch komme solle, un von die Punschbowl will ich gar nich mal rede. Da kann m'r Bravo un Takapo zu sage. Auch der Herr Türlütt hat sich als Schwager baronemäßig binomme, nich, weil er die feinste Kumkummere und Leckertäte aufgetisch hat, sondern weil er sich dem heilige Schrein un die Kirche gegenüber nobel bizeigte. Meine Herren, m'r habe Kurasch, m'r scheniere uns nich, un daher sagen ich, alla bunnöhr sagen ich, dat Feß is so schön, wie nur ein Patentfirle sein kann, un daher, meine lieben Freunde, bin ich der Ansich, m'r wolle der bischeidene Herr Baron lebe lasse, m'r wolle Herr Türlütt lebe lasse, m'r wolle die Revolution lebe lasse, wenn auch so'n paar Blootsdröppcher dran sind ... Sie leben hoch ...!« Und »hoch!« ging das durch das Revolutionszimmer und »nochmals hoch!« und »zum drittenmal hoch!« – und der armselige Baptiste nebenan begleitete diese sinnige Ovation mit feurigem Geigenstrich, während Anatole auf den begeisterten Redner lossteuerte, ihn umarmte und dann in die Worte ausbrach: »Sie haben mir zwar vorgegriffen, doch trefflich gesprochen. Großartig, sage ich Ihnen. Votre genre est petit , aber prächtig. Soyons amis, monsieur Bollig !« Dann ergriff er die mächtigen Hände des Glücklichen, schüttelte sie zwei Minuten lang und sagte: »Ich danke Ihnen, Herr Bollig. Ich danke Ihnen vielmals, Herr Bollig.« »Nix zu danke, Hochwürden, wollte sage Herr Baron; denn ich bin schon sowieso mehr als zufriede.« »Ha, diese Bescheidenheit ...!« Herr Anatole streckte so erhaben die Hand aus, daß er nur mit knapper Not sein wanderlustiges Röllchen zurückhalten konnte, während Herr Türlütt sein seidenes Taschentuch flott machte und es bewegt gegen Augen und Lippen preßte. Er schluchzte gerührt und wäre auch fraglos als Redner aufgetreten, hätte in diesem Augenblick kein Tellerwechsel stattgefunden und wäre die Gans nicht erschienen. Aber da kam sie, ein Prachtstück aus der schwimmenden Vogelwelt. Herr Remmelmann begrüßte die neue gastronomische Erscheinung als Kenner und Naturwissenschaftler. So etwas war ihm noch nicht vor Augen gekommen, und er sagte sich richtig: sollte es diesem gebratenen Kapitolsretter einfallen, in seinem knusperigen Fett und seiner ganzen Beleibtheit von der Schüssel herabzuspazieren – die Beine müßten ihm abknicken wie Streichhölzer. Und dazu dieser Duft, dieser Weihrauch, dieses Bukett nach Äpfeln, Maronen und gedünstetem Rotkohl ...! Sein Antlitz karfunkelte. Das Wasser lief ihm im Munde zusammen. Ebenso erging es Herrn Bollig ... und wieder das gelispelte, aber einladende: »As 't üh belieft, Mynheer Dechant.« »As 't üh belieft, Mynheer Douwermann.« »As 't üh belieft ...« Erneut fühlte Nöllecke den sanften Schenkeldruck, der sich ihm schon vorhin bei den Schellrippchen aufgedrängt hatte; auch die leichte Bluse mit ihrem köstlichen Inhalt schmiegte sich ihm sanft an die Wangen, und das sagte ihm mehr als alle Theorien der ars amandi und der Paarungshygiene zusammengenommen. Und dabei noch die zärtlichen Worte: »Man keine Modestie nicht. Was Luzernerklee für die Karnickels bedeutet, das ist für dir so'n richtiges Bruststück.« und der saftigste Teil des delikaten Vogels sah sich auf den Teller des Herrn Apothekers geschoben. »As 't üh belieft, Mynheer Türlütt, aber keine Anfassung nicht.« Charlotte ging weiter. Neue Bouteillen erschienen: Burgunder und Langkork. Mit dem Vorrücken der Zeiger wurde die Stimmung fidel, ja, äußerst fidel. Die blutleere Französin vor dem verwaisten Gedeck störte nicht weiter; das kleine Rencontre zwischen Dirk Vogels und dem Doktor wurde vergessen, und selbst über die ernsten Züge des alten Douwermann, der ein eifriges Gespräch mit dem Dechanten führte, legte sich ein zufriedenes Lächeln. Die Herren Bollig und Türlütt lebten wie die Finken im Rübsen, animierten sich umschichtig und waren nahe daran, Brüderschaft zu trinken und sich in die Arme zu fallen. Bollig verstieg sich sogar dazu, seinen prächtigen Nachbar der opulenten kirchlichen Stiftung wegen für einen Ausbund von Wohltäter und Spendierer zu halten, was diesen zu Tränen rührte und ihn seinerseits veranlaßte, den Küster in den siebenten Himmel zu heben und sein Lob in allen Tonarten auszuposaunen. Er sei mehr als ein gewöhnlicher Laie, er sei ein Studierter, ein fesselnder Kanzelredner, und es sei beispielsmäßig himmelschreiend, daß es ihm nicht vergönnt worden sei, Geistlicher zu werden und die Soutane zu tragen. Das Zeug habe er dazu; jede Bewegung, jeder Gedanke und jedes Wort verrieten den geborenen Domherrn; aber, Gott sei es geklagt! es sei nun einmal anders gekommen. »Leider, leider!« konstatierte Herr Bollig, drückte die Hand des wohlwollenden Mannes mit einer so gediegenen Treuherzigkeit, als gälte es ein Abschiednehmen auf Leben und Sterben, wobei er so resigniert zur Decke aufsah wie ein krankes Huhn mit Pips und Kalkbeinen. Zweimal war bereits der Gänsebraten herumgereicht, waren die Gläser gefüllt und geleert worden, war Nöllecke noch häufiger mit den üppigen Formen Charlottens in eine angenehme Berührung gekommen, als der kirschrote Grützauflauf unter Zutat einer roten Johannisbeersauce erschien, gefolgt von einem kolossalen Emmentaler Käse, von dem die Salztränen wie schwere Regentropfen von beschlagenen Scheiben kullerten ... und dann kam die Punschbowle ... Aber wie kam sie? Ein Ungetüm von einer Porzellanterrine wurde aufgetragen, unter den Freiheitsbaum gestellt und mit einem feierlichen Händeklatschen begrüßt und bewundert ... und als dann die Schalen sich füllten und ihr würziges Arom verbreiteten, als die Remmelmannschen Pomeranzen so inbrünstig über die Tafel lockelten, daß selbst der alte Douwermann davon animiert wurde und zum Dechanten bemerkte, die Festivität habe doch eine ganz annehmbare Wendung genommen, dieser jedoch unmerklich den Kopf schüttelte und dem Alten zuflüsterte: » Nescis, quid vesper serus vehat , man weiß so recht nicht, was der späte Abend uns bringt, der Teich Sileon kann noch immer in Bewegung geraten ...« da mit einemmal und wie aus heiterm Himmel herunter ... Anatole brachte seine Dose zum Vorschein, nahm eine Prise, klopfte mit dem Nachtischlöffelchen ans Glas und erhob sich, als wäre er von einer Sprungfeder aufgeschnellt worden. Die Blicke aller waren in diesem Augenblick auf ihn gerichtet. Gott, wie hatte der Mann sich verändert! Keine Spur mehr von früher. Alles so spukhaft, so preziös, so ganz aus der bisherigen Rolle gefallen. Seine Augen glänzten wie Mondsteine, wie leuchtender Holzmulm, sahen aus, als ob sie zurückschauten, sich in sich selber versenkten – und er hatte doch noch in der letzten halben Stunde seine gute Laune auf das freigebigste unter die Gäste verteilt, war der Aufgeräumteste von allen und die Liebenswürdigkeit selber gewesen ... und jetzt diese Wendung: die Getragenheit in Person, das verkörperte Schicksal, ein ›cri de douleur‹ , ein getrommelter Trauermarsch ... Auch schien es, als wären Lampen und Kerzen mit Krepp umhangen, als wären sie zu Totenlichtern geworden, als hätten sich die Sardellensträhnen des betagten Herrn fester über den kahlen Schädel gelegt, als wüchse der Gänsehals länger aus den Vatermördern heraus ... und während dieser Groteske griff er in seine altmodisch zugeschnittene Weste hinein und ließ seine hervorgeholte silberne Uhr repetieren. »Ha!« sagte er düster und warf den Kopf wie ein Schlittengaul aufwärts, »genau die Stunde, wo am vierundzwanzigsten März 1794 Anacharsis, ›orateur du genre humain‹ , von der Place de la Révolution fortgekarrt und beigesetzt wurde. Narretei, Teufelswerk, Wahnwitz und Mord – und doch eine heilige Stunde! – Hört ihr nichts, fühlt ihr nichts?! Was tastete sich durch die Menschendrangsal hindurch, durch die Qualen der Völker? Ein endloses Schweigen – und eine mahnende Stimme zerriß dieses Schweigen und sagte: Le silence des peuples est la leçon des rois! Aber hörten die Könige, hörte der Gewaltmensch von Frankreich? Den Teufel taten sie, er und die andern. Frechheit, verdammte ...! – Nimmt es da wunder, wenn Samson erschien und die Handschuhe auszog? Laissez faire, laisser passer , sagte Herr Samson ... Kopf herunter! – Allerhand Achtung! – und das, Madam, ist Ihre Arbeit gewesen. Schluß des ersten Aktes, Messieurs! Zum Wohlsein, die Herren!« Eisige Kellerstille umgab ihn. Keiner wagte sie aufzupeitschen. Nur die Gläser wurden leer und füllten sich wieder. » Madame et messieurs! Auf dem Revolutionsplatz stand Blut. Zwanzigmal, dreißigmal, hundertmal hob sich tagsüber das Messer und tickte und tackte, Nemo ante mortem beatus! Madam, so dachten auch Sie und Herr Samson ... und siehe da: die Witwe Capet war an die Reihe gekommen. Hut ab! Diese Witwe wußte zu sterben, mußte sterben, um der armseligen Generation eine Gasse zu bahnen – und in diese Gasse hinein stürmte der Chaumette-Hébertismus, pflanzte den Freiheitsbaum auf und riß das Bleigewicht von den Füßen des Volkes herunter. Hoch die Vernunft, hoch der Kult der großen Mutter Natur! An den Brüsten des Heidentums hatte die christliche Welt zu genesen. Sans phrase , meine Herren! – und Sie, Madam, versuchten es mit Anacharsis von Klotz, diese gigantische Arbeit zu leisten, versuchten es – gaben sich Mühe – erdenkliche Mühe ... und so dämmerte der zehnte November herauf, und so erschien der zehnte November, auf dessen Geheiß Welten auftauchten, versanken und wieder erstanden. Schluß des zweiten Aktes, Messieurs ...! aber sacré nom de Dieu ...« Der alte Herr sah sich um, sein Blick wurde streng und herausfordernd. »Wo ist denn der Herr Dechant geblieben? Fort? Einfach auf und davon? – Wer lacht da? – Hier hat keiner zu lachen. – Vollkommen unmöglich – impossible! – In Gegenwart von Madam gibt es kein Lachen, hat es niemals gegeben, sonst – man würde wie unter dem Galgen lachen, und das wäre entsetzlich. Aber ich frage noch einmal: Wo ist der Herr Dechant geblieben? Holla, heda! – wo ist er? Ah, ich verstehe! Der Kult der Vernunft, wo der Atheismus seine Orgien feierte, verschnupfte den geistlichen Herrn, ließ ihn ganz heimlich und sacht aus dem Revolutionszimmer gleiten. Mir gleich, was er tut; denn ich stehe hier für meine Person als chevalier sans peur et sans reproche ...« »Bravo!« schrie François Türlütt dazwischen und klatschte drei Salven über den Tisch fort. »Ja, Herr Dechant, so stehe ich hier und walte unentwegt des mir überkommenen Amtes. Doch hiervon abgesehen – ich bin preußisch gesinnt, monarchisch und christlich, katholischen Glaubens bis in das Mark meiner Knochen – Mark meiner Knochen – Mark meiner Knochen ... vertrete jedoch die Idee Anacharsis' des Großen, spreche in seinem Namen, in seinem Geist, aus dem fin de siècle heraus, und das muß man eben begreifen und mir zu gut halten, Hochwürden; denn ich bin, der ich bin: ein chevalier sans peur et sans reproche. Nichts für ungut, Herr Dechant.« »Schwager, das bist du,« lärmte François Türlütt, »das kann dir keiner fortnehmen, Schwager!« »François, Ruhe! ich komme jetzt auf den Glanzpunkt des heutigen Abends zu sprechen und bitte die Herren, die Gläser zu füllen.« Seine Zunge wurde schwer, stockte und lallte. Aber nochmals hob er sich auf, stürzte sein Glas Punsch hinunter und reckte sich wieder. » Écrasez l'infâme! – ja, auf den zehnten November – auf den Kult der Vernunft, den Anacharsis gestiftet – auf das Fest in Notre Dame von Paris ... Messieurs, die Gläser gefüllt ... der zehnte November ...« »Hoch soll er leben!« brüllte Franz Türlütt. »Hoch soll er leben!« »Mensch, in drei Teufels Namen nochmal!« wetterte Anatole und streckte die Arme, »der dritte Akt ist noch gar nicht zu Ende. Die Hauptsache kommt erst!« Aber François ließ sich nicht stören, riß Herrn Bollig in seiner Begeisterung mit, so daß beide auf ihre Stühle sprangen und von hier aus ihre Ovation weiter verteilten. »Hurra der zehnte November, und hoch soll er leben, hoch soll er leben!« »Ich bitte dich, Schwager!« »Beispielsmäßig, um dir Gesellschaft zu leisten – hoch soll er leben!« »Hochverehrten Herr Baron, bischeidenen Herr Baron ...!« Nichts verfing mehr. Der alte Herr fuchtelte mit Armen und Beinen. Ein Röllchen fuhr auf und davon; aber dann krächzte er so entsetzlich auf die beiden ein, daß sie verstummten und in ihr Nirwana versanken. »Ich sage euch ja, die Hauptsache kommt noch, und daher im Namen von Madam, der Tochter Guillotins, Ruhe, Messieurs!« Und Ruhe trat ein, Grabesruhe, die Ruhe eines Sargnagels. Anatole von Klotz war wieder der alte geworden. Mit seinem Marabukopf und den tiefliegenden, runden Augen sah er geisterhaft in die vergangenen Tage, in die Tage des Schreckens. 11 Arnt Douwermann hatte sich unauffällig erhoben und schien Miene zu machen, das Haus zu verlassen. Die Köpfe der Tafelrunde glühten. Der Punsch hatte seine Schuldigkeit getan und die Narretei ihren Gipfel erstiegen. Ein Mehr war vom Übel, und Arnt Douwermann erinnerte sich wieder der ihm zugeflüsterten Worte: »Man weiß nicht, was der Abend noch bringt. Besser ist besser, latet anguis in herba , man muß ihr den Kopf zertreten, bevor es zu spät ist,« und da trank er dem Gastgeber zu und sagte: »Meine Zeit ist um, Herr von Klotz. Abgesehen von kleinen Unzuträglichkeiten, die immerhin vorkommen können, war es ein genußreicher Abend. Ihnen und Ihren übrigen Gästen noch eine heitere Stunde.« Der Alte sah ihn verständnislos an. »Wie? Was? Sie wollen schon gehen? Sich drücken? Ähnlich so, wie es Hochwürden getan hat? Ausgeschlossen, mein Lieber. Einfach unmöglich. Sie hören doch selber: hier werden keine Scherben geredet. Alles einwandfreie und prächtige Ware. Der dritte und letzte Akt ist noch gar nicht zu Ende. Das Stück muß erst ausgespielt werden. Die Hauptsache kommt noch. Außerdem: Madam würde es schmerzlich empfinden, Sie nicht mehr zu sehen. Respekt vor den Damen! Machen Sie keine Geschichten. Bleiben Sie, bitte. Sie würden mich herzlichst verpflichten ...« Die dringlichen Worte waren von einem innigen Flehen begleitet. Da tat er ein übriges und setzte sich wieder. Die Stille hielt an. Man hätte das Fallen einer Stecknadel vernommen, so lautlos und beängstigend war es mittlerweile geworden. Auch das Licht dämpfte sich merklich, schrumpfte in sich zusammen und nahm einen kirschroten Ton an. Alle Gesichter änderten sich in dieser Beleuchtung, nur das des Barons verharrte in seiner leblosen Färbung. Keine Muskel bewegte sich darin, keine Wimper zuckte. Die schmalen Lippen lagen fest aufeinander. Der Unterkörper verlor sich im Schatten. Der leichenhafte Kopf schien zwischen Tafel und Decke zu schweben, und die toten Augen begannen zu leuchten. Das frühere Grausen kehrte zurück. »Madame et messieurs!« sagte der Alte und hob seine Hand, um sie langsam und feierlich wieder sinken zu lassen. »Paris – die Stadt der Freiheit umdunstet! Die Seine flutet auf Gummischuhen vorüber. Nur ein behagliches Gurgeln ist in ihr, und mit diesem Gurgeln schlürft sie das Blut ein, das die Kanäle ihr zuführen. Auf dem Revolutionsplatz ist Ruhe. Keine Karren rumpeln durch die greifbaren Schwaden. Citoyen Samson erscheint nicht ... und Sie, Madam, Sie hatten ein Recht darauf, endlich Atem zu schöpfen; denn der zehnte November arbeitete sich bereits durch den Nebel hindurch, drückte ihn nieder, stopfte ihn in die dunklen Gassenzellen hinein und hob die Türme von Notre Dame in den ehernen Himmel. Das Licht, das Licht! – und Anacharsis von Klotz stöhnte auf im Konvent. Er hatte seine große Rede gehalten, die Suprematie der Göttin der Vernunft mannhaft vertreten, ihren Kult proklamiert – und harrte auf Antwort. Ha! rief er über alle Köpfe hinweg, on m'emportera de l'assemblée triomphant on en lambeaux! und stehe da, voilà , meine Herren: er wurde im Triumph und auf den Schultern zur Kathedrale getragen – ein Sieger – ein Großer – die Fackel und die Sonne von Frankreich!« »Hurra, und hoch soll er leben!« schrie François Türlütt. »Silence!« krächzte der Alte. »Notre Dame in Gala! Das ›ancien Régime‹ welkte ab, der dreieinige Gott senkte das Haupt und stürzte zu Boden wie 'ne dreiköpfige Aster über 'ne Herbstrabatte nach einer Frostnacht ... aber Notre Dame war in Gala, zuckte, strahlte ... Menschen soviel wie Sand in der Wüste, wie Tropfen im Meere ... Trommeln und Fahnen ... Engel und Harfen ... ganz Paris, Frankreich, die Welt unter dem Banner Anacharsis' des Großen ... und auf dem Altar des gestürzten dreieinigen Gottes erhob sich der Tempel der Freiheit, überglänzt von der Inschrift: ›A la philosophie.‹ Und die Tore taten sich auf, die goldenen Tore ... Ein einziger Schrei, ein einziger Jubel: Vive la république! Vive la montagne! – und geleitet von Anacharsis von Klotz zeigte sich Demoiselle Maillard, der Stern der Oper, das Weib von Paris ... jetzt › Ia Déesse de la Raison ‹ ... keusch und hehr wie die ewige Göttin und nur von einem Gewand wie Spinnweb umgeben ... Dieser alabasterne Leib! Diese Schönheit! Dieser Kult der Natur! – Ein Hosianna der Göttin! – Und Anacharsis beliebte zu lächeln und streckte die Hand aus: Peuple à genoux, attends ta déliverance! Guerre aux châteaux, paix aux chaumières! – und der Erzbischof von Paris, Monsieur Gobel, legte Ring und Stab ab, fluchte dem Papst, stülpte sich die Jakobinermütze aufs Haupt und beugte die Knie ... und mit ihm Paris, Frankreich, die Welt ... Und das nackte Weib, das höchste Prinzip mit Mütze und Pike, straffte die Brüste, die Freiheit und Leben spendenden Brüste, und segnete alle. Halleluja! Das gewaltige Drama neigt sich seinem Ende entgegen. Ich bitte die Herren, dem zehnten Brumaire ein stilles Glas zu weihen und abermals die Gläser zu füllen. Es will Abend werden, Messieurs, und eine ruhsame, gesegnete und blutige Nacht. Distanz, meine Herren!« Anatole schwieg und bereitete sich vor, dem tragischen Schauspiel einen würdigen Schluß zu bereiten. Keiner störte ihn in seiner tiefen Betrachtung. Nur die Gläser wurden leer und füllten sich wieder. »Madam,« fuhr er fort, und seine Stimme war so, als hätte sie schwarze, baumwollene Handschuhe an und eine Pleureuse am Hut und als wäre sie berufen, ein solennes Trauergefolge auf den Père-Lachaise oder auf den Kirchhof von Montmartre zu geleiten. »Madam, Sie haben schon recht, wenn Sie sagen: Je prends mon bien, où je le trouve – und Sie haben gefunden. Keiner entging Ihrer kalten Umarmung. J'accuse! – Nein, Madam, ich klage nicht an, ich hege keinen Groll, ich trage nicht nach; ich bin Ihnen vielmehr zeit meines Lebens verbunden. Sie handelten kurz, gewissenhaft, ohne Qualen und lange Fisimatenten zu machen. Ich denke dabei an Baruch Spinoza ... Jeder hat soviel Recht, als er Macht hat. Und sie hatten die Macht, Sie und Herr Samson ... Es mußte so kommen; denn Männer großer Gedanken, Volksbeglücker und Helden der Tat sind Märtyrer, Bekenner, Blutzeugen – sterben eines gewaltsamen Todes – müssen so sterben – können nicht anders ... Und da eines Tages –« und der Alte lachte auf, trocken und hart – »und da eines Tages, Madam, sah Anacharsis in seinen Spiegel hinein, in seinen kostbaren Spiegel, und sah ... nicht sein eigenes Bild, sondern die scheußliche Maske Robespierres, des Denkers, des Tyrannen und Würgers ...« »Beispielsmäßig, Herr Schwager ...« »Ruhe!« lärmte der Alte, »denn die große Gardine will allmählich herunter. Das Spiel geht zu Ende. Anacharsis wußte genug. Tout est perdu, fors I'honneur! – und er fügte sich willig. Distanz, meine Herren! Ja, er fügte sich willig, war ganz ruhig dabei, ohne Erregung, Edelmann vom Kopf bis zur Sohle. Von der Conciergerie fuhr er ab im schwarzen Jabot, nobel wie immer ... Nur der entsetzliche Karren knarrte so scheußlich ... dann halt! – Am Revolutionsplatz stieg er aus, ging fünfzehn Stufen hinauf, fünfzehn rote, glitschige Stufen ... degengerade, ohne zu wanken ... Bon jour ! sagte Samson und zog die weißen Handschuhe herunter. Mille remercîments, monsieur Samson! – und dann, Madam« – und das Gesicht des Alten entstellte sich, wurde zur Fratze – »und dann, Madam, küßten Sie ihn, umarmten Sie ihn und gaben Sie ihm den Nasenstüber auf den Hals ... und siehe da: Paris stand in Blut, Frankreich, die Welt ... und die Göttin der Vernunft verhüllte ihr Antlitz und war eitel Bewunderung.« Seine Stimme schwoll an, verlor das Krächzende: »Anacharsis ist tot, ist lange schon tot, guillotiniert. Ihre Arbeit, Madam, Ihre prächtige Arbeit; und die Kundigen sagen: Il n'y a que les morts, qui ne reviennent pas . Nur die Toten kommen nicht wieder. Ich aber ...« und seine rechte Hand flog zur Decke und fuhr mit dumpfer Gewalt auf den Tisch – »ich aber – auf den Sargdeckel schlag' ich, ich, der Enkel Anacharsis' des Großen, ja, auf seinen Sargdeckel schlag' ich, heute am zehnten Brumaire, und rufe: heraus, Anacharsis, heraus, heraus ...! Anacharsis soll leben ...! hoch und nochmals hoch und zum drittenmal ...« Mit einem gellenden Lachen brach er ab, während seine Gäste das Hoch wie verlähmt weitergaben. Er selber sank in den Stuhl zurück, knickte in sich zusammen, umgriff sein Punschglas und stierte mit glanzlosen, gebrochenen Augen über das Tafeltuch fort. Allen war es so, als wäre Madam aufgestanden und ginge mit ihrem leichenhaften Antlitz und in ihrer scharlachenen Robe von Stuhl zu Stuhl, als legte sie einem jeden ihre marmorkalte Hand in den Nacken. Herr Bollig sah ängstlich auf und wischte sich mit steifen Fingern über den Rock, als wenn er dort etwas wegwischen müßte. Nur der junge Baron behielt seine Fassung. »Na, und die Göttin der Vernunft?« fragte er hart und punschselig. »Was ist denn mit der? Soll sie denn nicht leben?« »Die?!« fragte der Alte. »Ja, so! – das wäre mir beinahe durch den Schädel gegangen. Selbstverständlich, natürlich ...« Langsam hob er das Glas und lallte seinen Gästen entgegen: »Auch sie soll leben – leben – leben ...!« Mit einem dumpfen Laut, die Lehne seines Sessels umgreifend, sackte er in sich zusammen. »Das war matt!« Mit einem jähen Ruck war der Doktor in die Höhe gefahren. »Matt war's!« rief er mit eherner Stimme, und seine Blicke gingen von einem zum andern. »Ich kann mir nicht helfen; aber dieses Hoch duftete nach Schimmel und Motten, nach Lavendelwasser und fader Konvenienz, und die soeben Genannte ist doch eigentlich die Hauptperson in der ganzen Geschichte, die Trägerin des heutigen Abends, und daher: als Sohn des Hauses muß ich in die Verlängerung springen, fühle ich mich berufen, ihr zu ihrem Recht zu verhelfen. Meine Herren!« und er straffte sich hoch. Sein geschmeidiger Körper war Nerven und Stahl. »Ja, meine Herren, ohne sie ist der zehnte November ein Nichts, ein Unding, ein leeres Phantom. Die Seele fehlt ihm ohne die Göttin, und sie ihm einzuhauchen, sei mir verstattet. Michelet sagt in seiner ›Bibel der Menschheit‹: Die Welt verzeichnet unaufhörlich ihr geistiges Dasein in einem offenen und für alle lesbaren Buche. Jedes große Volk schreibt darin seinen Abschnitt. So Michelet. Ich aber behaupte: für Frankreich hat nur sie allein diesen Abschnitt geschrieben, wenn auch mit blutiger Feder geschrieben. Schön, Anacharsis von Klotz war ihr Vater, seinem Haupt entsprang sie in glücklicher Stunde; aber sie selber ... nur sie allein war die Herrin, die Kettenbrecherin, die Allbefreiende. Frömmelsucht und Gottesquälerei zerrte sie von ihren angemaßten Sitzen herunter, und nur in Kraft ihrer eigenen Machtbefugnis nahm sie das Zepter und beglückte die Völker. Allerdings – für Thron und Altar hatte sie keinen Sinn, und das › Domine, salvum fac regem ‹ war ihr ein Greuel. Aber schön war sie, diese Göttin, menschlich schön, wenn auch die Weiber des roten Terrors ihre Kammerfrauen und die Männer vom Revolutionstribunal um sie herumpantherten und ihre Ratgeber waren. Tut nichts! aber schön mußte sie sein, schön wie die Schaumgeborene, schön wie Astarte; denn nur in der Morgenröte der Schönheit wächst ein stolzes Menschentum auf, wird die Freiheit geboren. Sie anzubeten, ist Gottesdienst. Kultur und Sitte, Heldentum und Vaterlandsliebe atmen durch sie, leben durch sie, zeugen sich weiter durch sie, schaffen sich Bundesladen durch sie, leuchtende Tempel und glühende Sterne. Nichts ist schöner als das Weib, und unser tägliches Gebet sei die Sehnsucht nach ihm. Heidnische Sinnenauslebung führt zur Anschauung Gottes, christliche Askese zum moralischen Tode. Es gab eine Astarte zu Ninive, eine Aschtoreth in Karthago, eine Melitta zu Babylon, eine Venus zu Paphos und eine Göttin der Vernunft in Notre Dame zu Paris, und alle Völker riefen sie an und erstarkten im Anblick ihrer heiligen Blöße.« »Wo führt das hin?« fragte Dirk Vogels. Seine Hand fiel unwillig und schwer auf den Tisch. »Warten Sie ab. Nachher, wenn es Ihnen beliebt, mögen Sie sprechen; aber das sage ich Ihnen: gefaßter als Sie werde ich dann Ihrer Antwort begegnen. Das ist akademische Sitte und ritterlicher Brauch so. Bitte, wollen Sie Notiz davon nehmen. – Meine Herren! Ich hörte soeben und sah soeben... Ich sah verstörte Gesichter, als der Herr Vorredner der Demoiselle Maillard, des Sterns der Großen Oper gedachte... Demoiselle Maillard ...! Schon ihr Name riß zur Bewunderung hin, und als die goldenen Tore sich öffneten, als sie erschien in der Robe ›à la grande gorge‹ , oder besser gesagt, als sie als Göttin erschien und in heiliger Nacktheit ... ja, meine Herren, ich sah hier frömmelnde Ärgernis und verstörte Gesichter. Warum das? Weshalb denn? Aus einer mißverstandenen Moral heraus? Aus Schamgefühl etwa? Ist es an dem, so ist es eine Verkennung des sittlichen Prinzips in optima forma ; denn schon Schopenhauer sagt ...« »Aber Herr Doktor ...!« Entschlossen und wuchtig hatte sich Arnt Douwermann in die Höhe gehoben. Mit flammenden Augen sah er auf den Sprecher. »Das geht entschieden zu weit,« sagte er ruhig und mit verhaltener Stimme. »Nichts geht zu weit, wenn es sich darum handelt, die lautere Wahrheit und den Urgrund der Dinge endgültig aus den Schlacken zu heben. Mit Litaneien und Vaterunserläuten werden keine Probleme bewertet. Wer sich in dieser Hinsicht entrüstet, ist schuldig ... und wer hebt den Stein auf? Einer von Ihnen? Sie, Herr Douwermann, oder Sie, Herr Vogels? Ich kann es nicht glauben und will es nicht glauben, wenn ich auch sehe, daß Sie gewillt sind, nach dem ersten besten Kiesel zu greifen.« »Herr Doktor, satt und genug!« Die Stimme des Alten überschlug sich. »Herr Douwermann, Ihnen steht es nicht zu, mich zu unterbrechen und mir das Wort zu verbieten. Jeder ist sich selbst der Nächste, und ich hafte hier für mich und meine Idee und verfechte die These! Das Weib ist geschaffen, Schönheit zu geben und Liebe zu bieten. Nur in der absoluten Freiheit kann es sich zu seinem vollen Glanze entfalten, vermag es, mit dem Mann in den Wettkampf zu treten, in der Kunst das Höchste zu leisten. Engt ihr es ein, beschneidet ihr ihm die Schwingen des Geistes, führt ihr es in das mystische Halblicht der Kirchen, anstatt mit ihm auf die dominierenden Höhen der Forschung und der Erkenntnis zu pilgern, habt ihr den Mut nicht, ihm die Kleider vom Leibe zu reißen und seine Blöße zu schauen, dann muß es verkümmern, an Leib und Seele verkümmern – und wehe dem Weibe, das solchen Dunkelmännern anheimfällt. Noch schlimmer, wenn es, den Kuß der hehren Kunst auf der Stirne, dazu verdammt wurde, in religiösem Wahn auf den Knien zu rutschen, dumpf und stumpf das kirchliche Idol anzubeten und den Fastenprediger mit Stichel und Meißel zu spielen.« »Was?!« rief der Alte. Seine Nasenflügel bebten. Er hob sich vom Stuhl, stemmte die Knöchel auf die Tischplatte und fragte. – »Von wem sprechen Sie eigentlich, Herr Doktor?« »Ich dächte, meine Worte sind deutlich gewesen. Von Ihrer Tochter natürlich.« »Lassen Sie Ihre Hände von meiner Tochter, Herr Doktor! Sie haben keine Gemeinschaft mit ihr und werden nie eine haben.« »Das steht bei Fräulein Johanna, und bei mir steht es, dieses große Talent nicht dem Stillstand und dem Verfall in die Arme treiben zu lassen. Sie denken bei ihr nur immer an die Freude in Jerusalem, an Zimbeln und Harfen, an Papsttum und Kirche. Nicht an heidnische Andacht und eleusinische Feste. Deckt sich das mit dem Geist Ihrer Tochter? Nein – und tausendmal nein! Fort mit den Verirrungen des nazarenischen Schaffens! Ich fühle mich eins mit Anton Springer, wenn er in seiner Geschichte der bildenden Künste behauptet: Eben weil wir in der Plastik zu den rechten Grundsätzen gelangten, weil wir gegenwärtig genauer alle Bedingungen kennen, welche die Blüte der plastischen Kunst bei den Griechen hervorriefen, griffen wir zum Realismus. Unser Streben und Wollen und Können soll lebendig sein, soll nicht nur den Gaumen verwöhnter Kenner kitzeln, sondern Speise, Brot des Volkes werden. Sie aber, Sie und Ihre Gesinnungsgenossen, suchen das Heil der Gottbegnadeten in ihrem Abfall von diesen Gesetzen, geben ihr Haferwecken statt Weizen zu essen, treiben sie aus der Zelle der hellenischen Kunst und sind auf dem besten Wege, sie durch Verbannung des Nackten mit jenem kleinbürgerlichen Zug zu begnaden, die jede Monumentalität und die Breite der Auffassung von vornherein ausschließt.« »Was soll das?!« rief Arnt Douwermann, plötzlich in die größte Heftigkeit ausbrechend. »Was heißt das? Mir ist so, als wenn einer mich um meinen gesunden Verstand bringen wollte.« Blitze flammten in seinen stahlgrauen Augen. Quer über seine Stirne zog sich eine zornige Rippe. »Mensch, wollen Sie schweigen!« Begütigend legte sich Dirk Vogels ins Mittel, obgleich ihm selber zumute war, als müsse er die Fäuste ballen, um den Frevler niederzuschlagen. Der Alte streifte die warnende Hand ab. »Nichts da! – Der Mensch da soll schweigen!« »Ich rede,« fuhr André unbeirrt fort, »denn jetzt ist die Stunde gekommen, die unverhüllte Wahrheit zu sagen, Vorurteile und ein nichtswürdiges Programm unter die Hechel zu bringen. Man soll schlafende Hunde nicht wecken. Aber ich peitsche sie auf...« »Sie da – wer sind diese Hunde?!« »Ich komme darauf ... vorerst: ich will Ihnen sagen, was getan werden muß. Sie sind allesamt Sünder – Sie, der Dechant und die seligmachende Kirche. Allesamt Sünder im Reiche der Kunst; denn Sie scheuen sich nicht, ein stolzes Talent zu ersticken und Ewigkeitswerte vermissen zu lassen. Weihrauch und Rosenkranz, asketische Anwandlungen und mißverstandene Traditionen tragen wesentlich dazu bei, den Kadaverkult unsterblich zu machen, und es ist widerwärtig zu sehen, wie diese Faktoren sich noch immer bemühen, ihr Werk zu vollenden. Sie schlafen scheinbar und sind dennoch beschäftigt. Für sie ist die Peitsche ... das mag Ihnen genügen; und Ihnen, Herr Douwermann, sage ich glatt vor die Stirn: Was Sie mir kleinlichen Geistes geboten, das befehle ich Ihnen kraft meines Berufes: Hand von Johanna! Berühren Sie dieses Künstlerleben nicht länger mit Ihren frömmelnden Gedanken, mit Ihren kirchlichen Fingern, sonst: Sie machen eine Nonne aus ihr, ein Zwitterding mit Spachtel und Meißel, hindern sie, den Pulsschlag der Auferstehung zu fühlen, ihr Glaubensbekennntnis aus dem Bildstock zu holen und die persönliche Größe zu finden. Das klerikale Treiben um sie beschleunigt ihren Abfall von Schönheit und Wahrheit, zermürbt ihren Geist und läßt ihr Selbstbestimmungsrecht in dem Pfuhl jammerseliger Mystik versumpfen. Ich, aber ich ...« »André, ich bitte dich, André! Es sind meine Gäste!« Mit stieren Blicken sah der Hausherr auf den höhnischen Sprecher. In wilder Not zog er den Atem pfeifend durch die Zähne. »André ...!« Dieser sprach über ihn fort und berauschte sich an seinen eigenen Worten. »Ich, aber ich,« rief er aus seinem Punschnebel heraus, »ich sorge dafür, daß sie ihrer Allmutter Kunst nicht abtrünnig wird. Auf sie sollen die Worte nicht passen: Nachdem ich diese, meine Mutter, unter die Füße getreten habe, folge ich Christum nach. Ich will nicht, daß man von ihr sagen soll, sie hat Weihwasser statt Blut in den Adern. Nicht Gesetz, nicht kirchliche Zucht und sklavische Nachbetereien wuchten aus der Tiefe heraus, tragen empor und machen gottähnlich. Die Übermenschen der Renaissance kannten sie nicht; aber sie wußten: nur die körperliche und seelische Selbstbestimmung hebt aus dem Staub, führt zur Vollendung, und nur unter ihrem allbelebenden Odem werden Kolosse gezeugt und geboren. Und aus dieser Überzeugung heraus ... ich will nicht...« »Und ich will nicht, daß Sie weiter hier reden.« Dirk Vogels, der seine Empörung kaum noch zu bändigen vermochte, trat auf ihn zu, bleich, aber entschlossen. »Entstellung, Selbstgefälligkeit und arrogante Kritik,« hielt er ihm vor, »springen von Ihrem Prägstock wie falsche Münzen herunter. Ich lasse mir vieles gefallen, Herr Doktor, und kann schon eine kräftige Dosis bizarrer Ideen vertragen. Selbst den grotesken Auslassungen Ihres Herrn Vaters konnte ich folgen, waren sie doch ehrlich gemeint und daher erträglich; aber ich muß mir ernsthaft verbitten ...« »Herr, Sie wollen den Kampf!« »Nicht in dem Sinne, wie Sie es anzunehmen scheinen, Herr Doktor. Es steht mir nicht an, mich mit Ihnen bei Ihrer Verfassung in einem kunsthistorischen Duell zu erproben, Ihnen ein Privatissimum über Sitte und Mäßigung und ein andres über die erste und zweite Blüte der deutschen Plastik angedeihen zu lassen, Sie zu belehren, welche Innerlichkeit aus diesen Bildwerken spricht, welche Herzensbildung, welches Gemüt und welche Tiefe in diesen Schöpfungen wohnen, welches naive Empfinden sie bergen, wie sie erfüllt sind von einer statuarischen Ruhe, die selbst die Hochrenaissance nicht besser verkörpert ... will Ihnen nicht sagen, wie diesen Gebilden, unberührt von jeder Libertinage, eine religiöse Überzeugung und eine Gottseligkeit innewohnt, die zu Tränen zwingt, die Herzen erhebt und wie mit Orgelstimmen die deutschen Meister umjubelt ... Ihnen dies zu beweisen, ist nicht meines Amtes, Herr Doktor. Im übrigen, Sie würden sich bei Ihrer ganzen Veranlagung dagegen sperren und es nicht wahr haben wollen. Also kein Wort mehr darüber. Aber ich verwehre Ihnen, Fräulein Douwermann in den Kreis Ihrer Debatte zu ziehen, sie zu bevormunden und sich zum Schirmherrn ihrer künstlerischen Bestrebungen aufzuwerfen. Sie dankt für die Ehre.« »Das sagen Sie mir?« »Ja, das sage ich Ihnen.« »Sie sind wohl des Teufels, Herr Vogels!« »Das zu beurteilen, überlasse ich andern Köpfen und solchen, die nicht unter dem Einfluß der Erregung und des Alkohols reden.« Ein schallendes Gelächter schlug ihm entgegen. »Wir sprechen uns noch!« »Ich warte darauf und stehe nicht an, Ihnen noch dies zwischen die Schläfen zu hämmern, Ihnen, dem es gefällt, mit dem Dreschflegel einer schiefgewickelten Logik unter die Leute zu treten. Wir lassen uns nicht irremachen, nicht durch Ihre brutale Kathederweisheit eine andere Ansicht auftrotzen. Sie sind aus der Rolle gefallen, Herr Doktor. Ihr ganzes Verhalten in der vorliegenden Sache ist lediglich Vorwand und Maske, Ihr Glaubensbekenntnis fadenscheinig und splissig und gipfelt darin, Fräulein Johanna mit dem billigen Schlagwort ›Hochrenaissance‹, mit klingenden Fanfarenstößen und ähnlichen Mitteln zu ködern und ihrer Pflicht abtrünnig zu machen, sie ihrem ureigensten Berufe zu entfremden, sie in Ihre Hände zu spielen, um schließlich Ihre Herrennatur über ihr schuldloses Wesen prävalieren zu lassen. Das ist der Kern Ihrer vom Zaun gepflückten Suade, sonst alles nur Lappen und Flickwerk, um diesen Kern zu umhüllen ... und was Sie weiter bezwecken...« Es schrie in ihm auf. Er rang nach Erlösung. »Herr, was wollen Sie überhaupt? Was unterfangen Sie sich? Was greifen Sie mit Ihrer nichtswürdigen Faust in ein reines Menschen- und Künstlerleben hinein, in den stillen Herd eines häuslichen Glückes?! Ihr geschwollenes Dozententum – wir lehnen es ab. Ihre Beeinflussung Fräulein Johannas – wir verbitten sie uns. Ihre Glorifizierung der hellenischen Nacktheit in Ihrer nichtswürdigen Unterstellung – wir weisen sie von uns. Bleiben Sie uns überhaupt vom Halse mit Ihrer Astarte von Babylon, Ihrer Venus von Paphos und Ihrer Demoiselle Maillard...« Seine Stimme rollte, und seine Stirne war vor Entrüstung weiß geworden. »Wagen Sie es noch einmal, Fräulein Johanna mit diesen Auswüchsen einer kranken Phantasie in Verbindung zu bringen, ihr Seele und Leib zu berühren. Mag kommen, was will: nur über mich fort führt Ihr Weg ... nur über mich fort, so wahr ich hier stehe; denn ich habe meine Liebe, eine heilige Sache und mein Recht zu verfechten.« Ein knochentrockner Schrei stieß das letzte Wort über die Seite. »Herr, Sie – Sie maßen sich an ... Ausgerechnet Sie und Johanna! Schellenklingeln ist um mich und das Grinsen von Narren. Ausgerechnet Sie und Johanna! Krähwinkel und Hellas! Staubmensch und Göttin! Das ist ja, um mit dem Kopf durch die Scheiben zu stoßen und dreimal Hurra zu rufen. Gehen Sie in sich, tun Sie Buße in Sack und Asche, oder lassen Sie sich auslachen, Mann. Unsinn, du siegst! Der Verstand wird auf den Kirchhof gefahren. Ich aber, ich« – und die Faust krachte nieder ... »um die miese Stimmung zu heben und dem Revolutionsfest zu einem würdigen Schluß zu verhelfen – noch ein paar Worte. Die letzten. Einen Toast will ich halten.« Trunken und stieres Gesichtes umgriff er sein Kelchglas. »André, ich bitte dich, André ...!« »Ruhe, alter Herr!« »Hören Sie auf! Kein Wort mehr, Herr Doktor!« Entsetzt hatten sich alle von ihren Stühlen erhoben. »André, André ...!« »Ruhe zum andern! Erst der Toast, dann die Jeremiade! – Hier – der Funke des Prometheus soll springen. Dem Fest, was des Festes! Es gibt Stunden, die machen lebendig und haben Blut in den Adern. Eine solche Stunde ist bei mir. Zum guten Beschluß denn, um die Göttin der Vernunft, die Göttin der Freiheit zu ehren... Wer war sie, wer ist sie? – Keine andere als die Venus von Paphos, die Trägerin der Schönheit, die Gebieterin, die Allmutter Natur, die Gefährtin der Herrenmenschen, die Allbefreiende...! Damals und heute! Noch einmal denn: dem Fest, was des Festes! Damals war Demoiselle Maillard die Heldin des Tages, und heute ...? – Johanna! – und hätte sie damals gelebt, sie und keine andere hätte die Göttin in heiliger Nacktheit verkörpert. Und darum die Gläser erhoben! – Johanna Douwermann – Maillard ...« Das Hoch sollte kommen. Dirk Vogels sprang vor. »Herunter damit!« und mit kurzem, jähem Stoß schlug er ihm das Glas aus den Fingern. Mit hellem Schrei klirrte es nieder. Ein Brausen und Stühlerücken ... ein allgemeiner Aufstand ... verstörte Gesichter ... und lähmendes Schweigen ... »Das mir?!« brüllte André. »Ja – das Ihnen, Herr Doktor.« »So helfe Ihnen Gott oder der Satan!« Seiner Sinne nicht mehr Herr, legte er die Faust um den Hals einer Flasche. »Hand von dem Dings da! denn Sie haben doch den Mut nicht, die Waffe zu brauchen.« »Das wollen wir sehen!« wetterte André; aber es war weder Glanz noch Metall in der Stimme. Stirn gegen Stirn standen die beiden. »Ich warte,« sagte Dirk Vogels, unerschüttert und mit gebietender Ruhe. Sein Blick zwang den seines Gegners zu Boden. Und André ließ den Flaschenhals fahren – langsam und zögernd. Er fühlte: seine Zuversicht war in Scherben gegangen. Er hatte verspielt und einen Starken gefunden. Die Waffe entfiel ihm. Verlähmt und einen Fluch zwischen den Zähnen schritt er der Tür zu. »Bravo, mein Junge!« Arnt Douwermann stand neben Dirk Vogels. »Gott lohn' es! Nichts weiter. Hier ist unseres Bleibens nicht länger; aber wir bringen eine ehrliche Sache nach Hause.« Gemeinsam traten sie über die heiße Schwelle, in die Nacht voller Sterne. 12 Daß es dahin kommen mußte, war schmerzlich gewesen und hatte die Gemüter auf geraume Zeit hinaus unliebsam durcheinander gerüttelt. Was man bezweckte, um in launiger Weise auf die Wunderlichkeiten des Alten einzugehen und hierdurch die Eintracht und den Frieden in der kleinen Gemeinde zu fördern, das war alles durch die herrische Herausforderung des Doktors in die Binsen gegangen. Höchstens – der überreichlich von ihm eingenommene Alkohol, in Gestalt von Punsch und Burgunder, konnte entschuldigen, und trotzdem war noch so viel des Unverantwortlichen übrig geblieben, um die ganze Handlungsweise des jungen Menschen doppelt und dreifach verächtlich zu machen. Daß er selber dies fühlte, war anzunehmen; denn keine vierundzwanzig Stunden später hatte er bereits seine Zelte abgebrochen und war wieder rheinaufwärts gefahren. Den alten Herrn nahm man noch hin, wenn man sich auch gelobte, das letzte Revolutionsfest bei ihm gefeiert zu haben; aber mit dem Kunsthistoriker, mit André von Klotz, war man ein für allemal fertig geworden, und als eines Tages Petrikettenfeier ten Hompel und Dirk Vogels bei Arnt Douwermann vorsprachen, sagte der Dechant: »Warum sich ärgern? Es fruchtet nimmer und bringt nur vergrämte Gemüter. Ich habe heute in den Sprüchen Salomonis geblättert und mich erfreut an der Weisheit eines Jesus Sirach. Irgendwo las ich: Ein Mensch, der vom Wege der Klugheit irret, der bleibt ewiglich in der Toten Gemeine. Und ferner: Und siehe, da begegnete ihm ein Weib mit üppigem Schmuck, listig, wild und unbändig, und sprach zu ihm: Komm, laß uns buhlen bis an den Morgen und laß uns der Liebe pflegen! Und er folgte ihr nach, wie ein Ochs zur Fleischbank geführt wird, und wie zur Fessel, da man die Narren mit züchtigt. Das ist es, was ich zu sagen habe über den Mann, der es wagte, ein jungfräuliches und reines Weib zu betasten.« Arnt Douwermann nickte. »Hochwürden, das ist mir aus der Seele gesprochen; denn ich sagte mir selber: Bis dahin und nicht weiter. Dem Augenblick wurde Rechnung getragen. Ein Mehr wäre vom Übel gewesen. Sollte die Zukunft stärkere Maßnahmen verlangen, dann ist es immer noch Zeit, sie durch Wort und Tat in Anwendung zu bringen. Vorderhand ist Warten geboten.« »Ich bin ganz Ihrer Meinung, mein lieber Herr Douwermann,« versetzte der Dechant, »denn es steht ferner geschrieben: Ein weiser Mann schweigt, bis er seine Zeit erstehet; aber ein jäher Mann kann die Zeit nicht erharren ... und was den Rendanten angeht, mögen wir uns mit den Worten trösten: Des Toren Herz ist wie ein Rad am Wagen, und seine Gedanken laufen um wie die Nabe. Mögen sie laufen! Sie machen die Welt nicht besser und schlechter; denn sie bringen kein Unheil...« und damit gingen die Herren still auseinander. Nur das Gemüt Dirk Vogels' blieb voll Groll und Bitternis. Wie unter einer wuchtigen Marter fuhr er zusammen. »Ruhe, nur Ruhe,« sagte er grimmig in sich hinein und suchte das Kirchenarchiv auf, um in seinen Regesten und Akten die ersehnte Ruhe zu finden. – Etliche Tage nach dem verhängnisvollen Punsch- und Revolutionsabend drehte sich Charlotte Corday in ihren Seelenwärmer hinein und preßte ihre Patschhand auf ihren stürmischen Busen. Sie war nicht mehr die Alte von früher. Ihre Fixigkeit hatte nachgelassen, an Stelle des Leuchtenden in ihren Maronenaugen war eine getragene Wehmut, ein verdrücktes Zweifeln getreten. Gründe fehlten hierfür; nur ein dunkles, vages Empfinden, über dessen Herkunft sie sich keine bestimmte Erklärung zu geben vermochte, hatte sich ganz unvermittelt unter ihr weitläufiges Mieder geschlichen. Es war alles so seltsam, so ganz anders geworden. Seit dem festlichen Abend hatte sie Herrn Remmelmann nicht mehr gesehen, war ihr dieser scheu und offenkundig aus dem Wege gegangen. Gewiß, früher wäre das nicht weiter aufgefallen; unter den jetzigen Umständen aber gab es zu denken. Irgendetwas stimmte nicht in ihrer Berechnung. Da war irgendein Häkchen ober gar ein Haken verborgen, und so entschloß sie sich, ihr bittersüßes Geheimnis mehr oder weniger preiszugeben, bei Therese vorzusprechen und sich deren Erfahrungen anzueignen; denn Therese erfreute sich in dieser Beziehung eines begründeten Rufes, war kundig wie Salomo und hatte in vielen kitzeligen Angelegenheiten schon manchen gordischen Knoten nicht schnurstracks durchhauen, sondern in feinster und sauberster Weise gelöst und entwirret. In zierlichen Schnörkeln und Winkelzügen trat sie an die Herzenskundige heran, lotete sich wie eine vorsichtige Brigg allgemach vor, kreuzte auf, um schließlich mit vollen Segeln auf ihr Ziel loszusteuern und Anker zu werfen. Hinter ihr lag eine haushohe Dünung, um sie ein friedliches Wasser, und getrostes Mutes konnte sie ausfrachten und ihre schwerbeladenen Planten erleichtern. Das tat sie denn auch, und nach viertelstündiger Arbeit war Therese im klaren. »Hm!« meinte diese nach einigem Nachdenken. »Und Ihre Ansicht?« fragte Stina in großer Erwartung. »In diesem Falle, nur ja kein langes Besinnen,« sagte Therese. »Wenn man ein Plätteisen angefaßt hat, muß man auch bügeln, sonst geht die feinste Wäsche koppheister. Brautschaft liegt vor; aber Herr Remmelmann ist einer mit Ärmels. Der ist wie seine Angorakarnickels und in gewisser Hinsicht noch schlimmer als der junge von Klotz. Überhaupt keine Moral nicht. Solche Kerle gehen über 'ne Jungfernschaft fort wie 'ne Sense über 'ne blumige Wiese. Ich kenne das, Stina. heute hier und morgen auf 'ne andere Stelle. Und besonders das mit die Apothekenbesitzers! Da sieht man – also richtig in die Arme genommen?« »Am es denn einfach zu sagen: Gott ja!« meinte Stina. »Und das sogar Bluse an Weste?« »Auch das,« nickte die Ärmste. »Unglaublich! auch so 'n bißchen Enkörchen ist bei der Sache mit untergelaufen? Selbstverständlich, nur so 'n ganz kleines bißchen.« »Wenn es denn sein muß,« wispelte Stina, »ja, so 'n ganz kleines bißchen. Aber das ist auch alles gewesen.« »Und dann, Stina ... Seien Sie aufrichtig, Stina, sonst kann ich den richtigen Ratschlag nicht geben: hat er Sie nicht auch in 'ne Ecke gedrängelt, in so 'ne ganz kleine, verschwiegene Ecke?« »Schon möglich; aber um es einfach zu sagen, es ist vielmehr 'n regelrechter Lehnstuhl gewesen.« »Um so schlimmer,« konstatierte die Herzenskundige in tiefster Entrüstung, »und da gibt es nichts weiter: Sie muß persönlich vorstellig werden. Aber sofort, ohne Ansehn der Person und direkt ins ›Einhorn‹ hinein.« »Wenn Sie denn meint ...« »Aber natürlich, direkt ins Kontörchen, Auge um Auge und Wort gegen Wort, und wenn alles nicht hilft, muß der alte Baron und der Herr Dechant dahinter. Besonders empfehle ich Ihnen Seine Hochwürden; der kann Berge versetzen und wird den richtigen Turnus schon finden. Nein, diese Apothekers! und extra ausgerechnet der Ihre. Hals muß er geben. Das wäre noch schöner, erst den Schmand vom Milchrahm zu löffeln und dann zu sagen: Prosit die Mahlzeit! Da muß Sie, wie schon eben behauptet, unter allen Umständen ein übriges tun und direkt vorstellig werden.« »Dann will ich man hingehn,« beteuerte Stina und drückte sich ihr Taschentuch vor die schluchzenden Lippen. »Wenn Sie gescheit ist,« versicherte Therese, »sonst kann es immer passieren, daß der Einhornbesitzer Ihr durchgeht.« »Merci und meinen gehorsamsten Ausdruck,« und damit glitt sie aus der Douwermannschen Küche auf die Straße hinaus, um den schwersten Gang ihres Lebens zu machen. Hinter ihr war ein zuversichtliches Wispern. Therese gab ihr das Geleit mit ihren klingelnden Ohrgehängen. Die Kälte hatte nachgelassen, ließ ihr straffes Fähnlein sinken und schlich marode über die ausgefranste Schneedecke, die immer mehr zerfaserte und schmutzige Wässerchen in die Straßenrinnen hineingurgelte. Auch von den Dachtraufen kam es in dicken, larmoyanten Tränen herunter. Auf der alten, ehrwürdigen Linde, die im Verein mit dem prächtigen Rathaus die Hauptsehenswürdigkeit der kleinen Stadt ausmachte, liefen die blanken Schnee- und Kristallkandelaber aus und tropften ab wie zerfließende Stearinlichter. Der schöne, knusperige Frost hatte Abschied genommen. Alles grau in grau, mißfarbig, schmutzig; selbst das vergoldete Einhorn über der Haustür des Herrn Remmelmann hatte seine kandiszuckerweiße Schrabracke verloren. »Schmeißwetter!« grämelte Stina stumpf vor sich hin, sammelte die letzten Hoffnungsscherben und trat über die Schwelle, wo alles so lieblich nach den Würzen des Orients duftete und an Nöllecke erinnerte. Sie hätte aufschluchzen mögen. Herr Gummerich stand hinter der Theke, hatte sein Toupet à la Bonvivant pomadisiert und beschäftigte sich damit, diverse Seydlitzpulver in buntfarbige Schachteln zu ordnen. Dabei sang er über den Ladentisch fort: »Ich ging mal bei Nacht, ich ging mal bei der, Killekillekill, ich ging mal bei der Nacht,« stoppte aber sofort ab, als die Klingel lärmte und die üppige Busenfülle bei der Anrichte auftauchte. »Ah, diese Ehre! Vielleicht Pomeranzen gefällig?« »Nein,« sagte Stina, »ich möchte bloß fragen, ob Herr Remmelmann zu Hause sein täte.« Herr Gummerich mußte leider bedauern. Sein Chef sei ausgegangen, knobele möglicherweise seinen Frühschoppen aus, Makao vielleicht, und würde wahrscheinlich vor dem Mittagessen nicht wieder erscheinen. »Ach Gott, nee!« sagte Stina. Traurig sah sie sich um und um und vigilierte durch den allerliebsten Spion, hinter dem sie so glückliche Augenblicke verlebt hatte. »Wenn ich aushelfen kann,« sagte Herr Gummerich, »dann bin ich gerne erbötig, die Bestellung zu machen.« »Ich möchte nicht gerne; ich bin zu schanierlich dazu; aber wenn Sie erlauben, spring' ich ums Vespern noch mal herüber.« »Wie Sie befehlen,« meinte er zuvorkommend und fuhr sich mit seinen schlenkrigen Fingern durch die nach Lavendelwasser duftende Haartolle. Stina empfahl sich wehen Herzens, um nach vier langen und bangen Stunden wieder über die nämliche Schwelle zu treten. Genau wie vorhin lärmte die Klingel, hauchten die Würzen des Orients sie an, stand Herr Gummerich hinter der Theke, aber dieses Mal eifrigst beflissen, eine abgelebte Winterfliege, die krank und flügellahm auf einer Emser Pastillendose marschierte, mit gedrehten Lakritzkügelchen über den Haufen zu knipsen. Dabei sang er: »Und die Nacht, sie war so duster, und die Felder und die Wälder und die Muskelkraft, daß man kein Sternlein. Killekillekill, daß man kein Sternlein sah ...« Der Herr Provisor hielt die Luft an. Stina trat näher. »Darf man jetzt fragen, Herr Gummerich ...?« meinte sie schüchtern. Der Heilkundige bewegte schmerzlich den Kopf, wobei er eine zarte Wolke süßen Lavendelwassers verteilte. »Mein Gott, Fräulein Stina!« sagte er tonlos, denn er mußte wieder bedauern. Herr Remmelmann sei Stadtrat, erklärte er mit bedenklicher Miene, sei im besondern Ausschußmitglied, und der Herr Bürgermeister habe gleich nach dem Mittagessen gerufen, 'ne wichtige Sitzung: hypothekarische Schuldnerschreibungen – Rentenbriefe – Wiesenverpachtungen für das kommende Frühjahr und ähnliche Dinge ... kurz, die wichtigste Tagung gleich nach Martini ... Herr Remmelmann sei untröstlich; aber es wäre nicht anders zu machen gewesen, und so sei er denn schweren Herzens aufs Rathaus gegangen. »Ach Gott, nee!« sagte sie wieder, und ein schwerer Stein, ein regulärer fünfundzwanzigpfündiger Feldstein wälzte sich auf ihre zermarterte Seele. »Herr Gummerich, wann ist er denn noch heute zu sprechen? Nach dem Abendessen vielleicht?« Herr Gummerich nickte. »Ganz sicher?« »Aber natürlich! Ohne Zweifel; denn heute zu Abend gibt's westfälische Mettwurst mit Grünkohl. Darauf ist er versessen wie Herr Türlütt auf Spickgans. So was läßt er nicht aus und schlüge ihm selbst ein heilig Himmeldonnerwetter seine ganze Kappesplantage zusammen.« »Na denn ...« lächelte Stina, und sie bestellte ihren Zuversichtsgarten abermals mit den lieblichsten Pflänzchen. »Dann werde ich mich einrichten und so Klock sieben erscheinen.« »Wie Sie befehlen,« sagte Herr Gummerich, duftete stärker und quinkelierte hinter ihr her: »Ich kam vor Liebchens Tür, ich kam vor Liebchens, Killekillekill, ich kam vor Liebchens Tür...« und machte sich von neuem dabei, die lendenlahme Winterfliege mit gedrehten Lakritzkügelchen von der Emser Pastillendose zu knipsen. Mittlerweile war es dunkel geworden. Ein feiner Sprühregen rieselte nieder und verwandelte die schmutzige Schneedecke in einen einzigen Matsch und Patsch. Die Wässerchen gurgelten stärker; von den Dachrinnen kamen ganze Bäche herunter. In den Kramläden hellten die Fenster auf, in den Straßenlaternen dunsteten trübselig die Dochte in den Abend hinein und pinselten zirkelrunde Flecken in das glitschige und tränende Leinentuch, das von Stunde zu Stunde immer dünner und unansehnlicher wurde. Jetzt aber ... Auf dem Rathausturm holte die Uhr aus. Sie schickte sieben monotone einzelne Schläge in das trostlose Wetter. Mit müden Schwingen ruderten sie über die Gegend und betteten sich schließlich auf die naßkalten Dächer. Sieben Uhr! Der Herr Kirchenrendant und Steuerempfänger a. D. hatte abgespeist und saß jetzt im bequemen Lehnstuhl am Ofen, um sich Belehrung aus dem ›KIever Volksfreund‹ zu holen. Seine Stimmung war hundsmiserabel, entschieden hundsmiserabel und unter aller Kanone. Ihm solche Geschichten zu machen, ihm, dem Nachfahren Anacharsis' des Großen! Noch immer litt er unter den Nachwirkungen des Revolutionsfestes. Alles war von ihm so trefflich gedacht, so schön in die Wege geleitet, und dann zum Schluß diese infame Entgleisung. Die ewigen Zwischenrufe seines begeisterten Schwagers hätte er noch hinnehmen können, auch die von Herrn Bollig. Selbst das zugeknöpfte Wesen des alten Douwermann und die Einwürfe des hitzigen Heißsporns von Lehrer wären schließlich zu ertragen gewesen, hätte nur sein leiblicher Sohn mehr Contenance behalten, nur den geringsten Versuch gemacht. Aber er dachte nicht daran, es fiel ihm nicht ein, er kam mit seinen neuen Ideen wie ein Sturmwind gefahren, verletzte die Gefühle und Ansichten Andersdenkender in gröblichster Weise und brachte es durch sein Draufgängertum fertig, der denkwürdigen Feier ihren ganzen Nimbus zu nehmen. Was bezweckte er letzten Endes damit? Wohin sollte das führen? Was hatten überhaupt seine heißblütigen Renaissancemenschen mit dieser völkischen Offenbarung und dem zehnten November zu schaffen? Wirr- und Schwarbelkerle! Nichts weiter! Keine Staatsmänner, wie die Revolution sie erzeugte. Kein Danton, kein Chaumette, kein Anacharsis von Klotz! und dann noch die infame Doktrin von der Glorifizierung des Nackten! Unser Gebet sei die Sehnsucht nach Schönheit! – alles recht brav und trefflich wiedergegeben, wie vom Katheder herunter; aber so etwas paßte nicht für die hiesigen Köpfe, stand nicht im niederrheinischen Katechismus geschrieben. Herr Gott, dieser André ...! Oleum et operam perdidi! Öl und Mühe sind vergebens gewesen. Mir das ganze Fest zu vertöppern! und war alles so fein in der Reihe und ging herunter wie 'ne Bouteille Champagner... um dann zu kommen und, wie gesagt, keine Contenance zu halten, den Großmogul zu spielen und Johanna Douwermann auf den Thron der schönen Demoiselle Maillard zu heben. Nicht auszudenken, die Sache, unerhört, gegen alle Kleiderordnung und den gesunden Menschenverstand, geeignet, das eigene Ansehen in Grund und Boden zu pfeffern ... Und was alles noch im Hintergrunde lauerte ... Entfremdung mit dem Dechanten, dem Lehrer und Arnt Douwermann, und so 'n kleiner Skandal noch als Draufgeld ... Mille tonneres! – das war ja, um die Kränke zu kriegen, um sich die letzten Sardellen vom Haupte zu reißen. »Aber das sage ich ihm ...« Mit einer heftigen Gebärde hob er sich aus dem molligen Sessel, zerknüllte den ›Klever Volksfreund‹, schleuderte die Fetzen in eine beliebige Ecke und warf einen energischen und doch schmerzlichen Blick auf die Glasservante, über der das Wappen derer von Klotz von einer großgemusterten und blumigen Tapete herabsah. »Symbol meiner Ahnen,« sagte er mit einer bedeutsamen Geste, »mit Wehmut sehe ich auf deinen Helmschmuck und deine leuchtenden Farben. Zu Wasser und zu Land, im Frieden und Krieg bewährte sich das Geschlecht derer von Klotz. Im Mannesstamm tadellose Zucht, Vollblutmenschen; auch in der weiblichen Linie nicht übel. Von meinem Ahn Raban Kreuzwendedich Eberhard Hunold von Klotz bis zum letzten des Stammes – alles nur erstklassige Edelleute. Auch die Damen – rassige Stuten ... zum Beispiel meine in Gott ruhende Gemahlin, eine geborene von Wirsing-Pudretzky ... arm, aber nobel ... Und nur einmal im Leben, ach, nur einmal im Leben hat mir so 'ne bürgerliche Rübe, hat François Türlütt den Stammbaum verekelt – und nun will das Produkt meiner freiherrlichen Lenden, geboren aus Madam Wirsing-Pudretzky, mir abermals einen Zacken aus meiner stolzen Krone brechen. Zugegeben: meine irdischen Güter sind man schwach bestellt, liegen im Monde, meinetwegen bei den Marsbewohnern, aber die Ehre ... Bevor mir dieser André verbiestert, und selbst wenn er's mit einer Johanna Douwermann täte ... gibt's nicht! Unmöglich! Jamais ...! Sacré nom de Dieu ...!« Seine Stimme schrillte. Dann warf er sich heftig herum. Fast lautlos war jemand ins Zimmer getreten. »Was gibt's denn, Charlotte?« »Mynheer, ich hätte noch so 'ne kleine Besorgung zu machen.« »Schon wieder?« »Wenn Sie erlauben, jawohl.« »Sie hatten doch schon heute früh Ihren Ausgang.« »Allerdings.« sagte Stina. »Und dann ums Vesperläuten den zweiten.« »Auch das,« sagte Stina. »Da muß ich aber die nähern Umstände wissen, Charlotte. Was ist denn so dringend?« »Gott, ja!« sagte Stina und legte ihre Jauerschen Würstchen ergeben auf ihren saftigen Busen, »mir hat's so komisch hier auf die Seite, und wie das so ist im menschlichen Leben, dagegen sollen Hoffmannstropfen ja helfen, und die kann nur Herr Remmelmann geben.« »Wenn Sie denn glaubt ...« meinte der emeritierte Steuerempfänger, »und weil Sie alles so proper gemacht hat, die Arrangements, das Souper, kurz, dem Tisch ein lukullisches Ansehen verliehen – genehmigt. Die Sache war glänzend.« »Schon richtig, Mynheer; nur das mit dem gottähnlichen Fraumensch durfte nicht kommen. Das stieß wie 'n Bock und rumpelte einem das christkatholische Schamgefühl aus dem Hause. Besonders das mit die heilige Nacktheit. Aber Hand aufs Herz: der junge Baron hat lieblich gesprochen. Großartig, mit so 'nem Awek und über alles Erwarten. Mynheer, dran konnte manch einer ein Beispiel sich nehmen. Da war Muskat drin und spanischer Pfeffer. Allerhand Achtung, wenn auch nachher so 'ne kleine Abkühlung folgte.« »Lassen wir das,« winkte Anatole ab. »Aber Sie können gehen, Charlotte.« »Merci, Mynheer, und 'nen heelmojen Abend!« und damit trat Stina zum drittenmal ihren schweren Gang an, drückte die Tür hinter sich zu und segelte mit aufgehobenen Röcken und einer Unsumme von gemischten Gefühlen in den schudderigen Abend hinaus. Das Wetter war noch ungemütlicher als vor wenigen Stunden geworden. Der Wind pfiff von allen Ecken und Enden, pustete die Laternen aus und peitschte harte Regenfäden durch die einsamen Straßen. Stina ließ peitschen, was peitschen wollte, zog die Röcke höher und paddelte weiter. Bis über die Strumpfbänder und zu den nackten Schenkeln hinauf strudelte die eisige Feuchte; aber was tat man nicht alles, um ein erregtes Gemüt zu besänftigen und berechtigte Zweifel auf ihre Echtheit zu prüfen. Nur ja nicht die Duldsame spielen, nur ja keine Halbheiten! Wer verbriefte Rechte besitzt, hat sie auch einzulösen auf Heller und Pfennig. Sie wollte nicht renommieren; aber sie hatte deren in Hülle und Fülle. Sie war ein Krösus an verbrieften Rechten geworden. Das stand so fest wie der General von Seydlitz auf seinem Postament und der Glaubenssatz von der Dreieinigkeit Gottes. Daran war gar nicht zu tippen, und wiederum traten ihr die durchlebten, niedlichen Schäferstündchen vor Augen. Diese zarten Gefühle und das neckische Plaudern, diese neugierigen Hände, dieser Weihrauch und dieses innige Gleichnis von den Angorakaninchen ...! – Das waren doch Dokumente und springende Punkte, ebenso gut, als wären sie von Staatswegen niedergelegt worden. Warum hätte er sie denn auch sonst in sein Kontörchen gebeten, sie in den Sessel gedrückt und den sanftauswattierten Schlafrock so liebevoll um ihre Beine geschlagen? Wenn das nicht mit feurigen Zungen redete, dann redete überhaupt nichts mehr mit feurigen Zungen. Indessen – man konnte immer nicht wissen; denn es gab auch so 'ne Art von Demokratenliebe, 'ne Liebe, die die persönliche Freiheit hochhielt und auf und davon ging, wenn die Schwalben wiederkehrten und ihre Drecknester bauten ... und diese Erkenntnis senkte sich auf ihr Haupt wie glühende Kohlen. Eile war nötig, und da gedachte sie, wie der Küster zu handeln, der da sagte: Ordnung muß sein! und dabei dem Pastor mit dem Kerzenlöscher auf den Kopf schlug. So zog sie denn weiter, von dem kategorischen Willen beseelt, Nöllecke Remmelmann auf Herz und Nieren zu prüfen und ihn vor den Richterstuhl des allewigen und allwissenden Gottes zu laden. Entweder – oder; es gab keine andere Lösung; aber sie riet ihm in seinem eigensten Interesse, nur nach Pflicht und Gewissen zu wählen und sein Eheversprechen zu halten, auf die Gefahr hin, mit der ganzen Strenge des weltlichen und überirdischen Armes geschlagen zu werden. Sie mußte an der ›Letzten Träne‹ vorüber. Alle Fenster waren erleuchtet. Da hatte Nöllecke noch heute morgen geknobelt, seinen Schoppen getrunken, ohne Mitgefühl und ohne auf ihren bedrängten Zustand Rücksicht zu nehmen. Und da lag das Rathaus, jetzt mit toten Augen und wie mit einem schmuddeligen Bettuch verhangen. Die Sitzung war somit schon lange vorüber, und er, Nöllecke, saß in seinen knarrenden Stiefeln zu Hause, zwirbelte sein Schnäuzchen in die Höhe und ließ sich von dem Gespinst einer zarten Erwartung umnebeln. Dieser Gedanke tröstete sie wieder und goß lindernden Balsam auf ihre blutenden Wunden. Noch fünfzig Schritte, noch fünfzig emsige Schritte durch den Matsch und Patsch, und sie stand vor der Apotheke mit dem springenden Einhorn – seiner Apotheke, seinem hypothekenfreien Gut und Eigen, seiner selbstgeschaffenen Welt ... Nein! es war doch ein eigenartiges Gefühl und eine liebe Bekömmnis, sich selber schon so halb als Apothekergattin ansprechen zu können. Sie griff denn auch zu, riß an der Klingel und trat in den Hausflur. Merkwürdig still hier! Auch hinter der Theke ... kein Herr Remmelmann, kein Provisor, überhaupt keine menschliche Seele. Sonst war alles in Ordnung. Die Lampe brannte und näselte wie immer, die Wagschale blitzte wie früher, die Flaschen, Töpfe, Schachteln und Gläschen standen wie die Grenadiere im Gliede, und überall das feine Arom nach Bergamotteöl und Succus liquiritiae calbreae concisae . Stina war wie vom Donner gerührt. Ein lautes Räuspern sollte ihr helfen, auf sie aufmerksam machen. Keiner erschien. Sie klopfte mit hartem Knöchel gegen die Theke. Niemand hörte auf sie. Da trat sie mit einer energischen Kopfbewegung an das œil de bœuf , beugte sich vor und vigilierte mit aufgerissenen Augen in das erhellte Kontörchen. Da sah sie ... wahrhaftig da sah sie ... Herr Gummerich lag wie Harun al-Raschid auf Nölleckes Diwan und machte sich ein Vergnügen daraus, zierliche Zigarettenkringel gegen die Decke zu blasen und jeden einzelnen mit einem Lineal zu durchstechen. Als er den zehnten Kringel regelrecht zur Strecke gebracht hatte, schlug er sich mit eben demselben Lineal taktmäßig auf den rechten Schenkel, daß es knallte, und sang dazu: »Und die Tür, sie war verschlossen, und die Felder und die Wälder und die Muskelkraft, ein Riegel lag da-, Killekillekill, ein Riegel lag dafür ...« »Aber Herr Gummerich, ich bitte Sie im Namen der allerseligsten Jungfrau ...!« »Herr Jeses ...!« rief der aus allen Wolken Gefallene, sprang auf und flitzte wie ein Wiesel aus dem Kontörchen und hinter die Anrichte. »Was gibt's, Fräulein Stina? Am Gottes Barmherzigkeit willen, Sie sind noch einmal gekommen?« »Aber natürlich.« »Und das bei dem entsetzlichen Wetter!« »Mir soll's egal sein. Schmeißwetter ist Schmeißweiter. Da muß unsereiner gegen an operieren; denn ich muß Herrn Remmelmann sprechen.« »So spät noch?« »Was heißt das ›so spät noch‹?« »Ich meine man so. Also wirklich, Sie müssen Herrn Remmelmann sprechen?« »Wen denn anders?« Ihre Stimme schlug um, und mit entsetzten Blicken sah sie in Herrn Gummerichs Augen. Keine Frage – Herr Gummerich war dienstbeflissen wie immer, sprang herum wie ein Zinshahn und machte ihr Komplimente, die sich sehen lassen konnten ... aber nein, hatte der Mann sich verändert! Er war gedrückter, verwehter, sein Gesicht mit einem bittersüßen Anflug behaftet, als habe er sich in der Bouteille vergriffen und Arnikatinktur statt Medizinaltokaier getrunken. Ihr kam es so vor, als wiche der Boden unter ihren Füßen, als versänke sie in ein endloses Chaos und risse alles mit sich in die gähnende Tiefe: sich selber, Nöllecke, den Herrn Provisor, das Einhorn, sämtliche Flaschen und Fläschchen, alle Töpfe und Töpfchen, die Anrichte, die Apotheke mitsamt ihren köstlichen Narden und Spezereien ... Die Welt ging ihr unter, und aus dieser untergegangenen Welt fragte sie tonlos: »Herr Gummerich, Sie haben ihm doch gesagt, daß ich nochmals vorsprechen täte?« »Doppelt und dreifach.« »Also doppelt und dreifach?« Sie machte ein Gesicht, als wäre ein Tüncher mit einem Weißquast über ihr Antlitz gefahren. »Dann heran mit ihm. Er ist doch zu Hause?« Herr Gummerich tat so, als habe er unversehens auf ein Pfefferkorn gebissen. »War hier,« sagte er schüchtern. »Und jetzt, in diesem Momang?« »Fort – er konnte nicht anders!« »Was – er konnte nicht anders?« »Nein, Fräulein Stina, er konnte nicht anders. Soeben war er noch hier, aß noch zu Abend, sein Leibgericht, westfälische Mettwurst und Grünkohl, und dann saß er in seinem Kontörchen, ganz sinnig und munter, und da dachte er plötzlich: Teufel, Teufel! da hätte ich ja bald das Ewaldikegeln vergessen.« »Und da?« fragte Stina. Dicke Tränen kugelten ihr die Wangen herunter. »Was soll ich da weiter noch sagen,« seufzte er kleinlaut und gab seinen Balsam von sich wie eine Zibetkatze den ihren, um sich auf diese Art und Weise die ungemütliche Situation vom Leibe zu räuchern. »Sie müssen nämlich wissen, Fräulein Stina,« legte er zungenfertig los, »so'n Ewaldikegelabend ist ein komischer Abend. Nur dreimal im Jahre geht er vom Stapel, nur dreimal im Jahre, und der heutige ist der Baas unter ihnen, der ›Matador‹, wie die Herren behaupten. Herr François Türlütt ist auch da, desgleichen der Herr Bürgermeister, Herr Vogels und dann noch die andern Brüder. Selbstverständlich durfte mein Chef als Kegelpräside nicht fehlen. Sie müssen nämlich wissen, Fräulein Stina, sie kegeln ein Schwein aus, sie kegeln 'ne dreihundertpfündige Weihnachtssau aus – fein, sage ich Ihnen, und mit allen Schikanen ... und ich will nicht Severin Gummerich heißen, wenn er nicht bei jedem dritten Wurf proper Honnör wirft ... Und besonders die Bauern, den rechten und linken, die sind seine ganz bedeutsame Forsche ... Und da ging das nicht anders: Herr Remmelmann ist zu's Ewaldikegeln gegangen.« »Also zu's Ewaldikegeln gegangen,« sagte sie betäubt vor sich hin, so etwa, wie es Niobe getan haben mochte, als ihr Schmerz so groß und wahnsinnig wurde, daß sie keine Tränen mehr hatte. »Also zu's Ewaldikegeln gegangen ...« Sie versuchte zu lächeln; aber es gelang ihr man schlecht, denn es gehört zu den schwierigsten Dingen im menschlichen Leben, mit abgestoßenem Herzen zu lächeln. Dann aber war's alle mit Stina. Eine furchtbare Erkenntnis nahm ihr die barmherzige Binde von den Pupillen und machte sie sehend. Sie wurde verhöhnt, zum Narren gehalten. »Was!« legte sie los und zauberte Blitz und Schwefel aus ihren sonst so lieben und gutmütigen Augen. »Das ist man alles purer Schwindel von Ihnen gewesen. Blasen Sie mir den Hobel aus, Sie Lakritzhut, Sie doppelkohlensaures Nashorn – Sie und Ihr Faktotum von 'nem Ap'thekenbesitzer. Purer, regelrechter Schwindel, sage ich Ihnen – das mit dem Knobeln, der Stadtratssitzung und dem Weihnachtsferkel. Alles man bloß 'ne niederträchtige und abgekartete Sache. Und Sie – Sie Lavendelmarkör von Proviser, Sie dreimal gesiebtes Abführungsmittel – mich so zu betuppen! Aber das sage ich Ihnen: wie der Herr, so's Gescherr, wie der Topf, so der Deckel ... und deshalb alles Lug und Betrug ...« Herr Gummerich gestikulierte mit Armen und Beinen. »Fräulein Stina, ich bitte mir aus, ich muß Sie dringend ersuchen ...« »Hier ist nichts zu ersuchen; denn destillierte Halunken seid Ihr alle zwei beide, 'ner armen, hoffnungsfreudigen Jungfer so unter die Nase zu kommen und sie ohne Turnüre hinzustellen in ihrer ganzen Beschämung! Das ist gegen die Gesetze der Kirche, das ist Blaubartsmanier und befohlener Meineid. Erst die Geschichte mit dem Kontörchen, dann die mit dem Lehnstuhl und dann noch das andre. Aber ich werde ihn auf die Strümpfe bringen, den Herrn Ap'theker. Das Gericht muß dahinter, der Baron muß dahinter und schließlich der Dechant. Und mit heiligen Fingern will ich beschwören ... Ach was! Sie hören von mir, und das können Sie dem Herrn Remmelmann hiermit bestellen, Sie Nashorn. Und damit adjüskes!« Herr Gummerich vernahm und sah nichts mehr. Mit geschlossenen Lidern hatte er diese Sintflut von Worten und Titulaturen über sich herprasseln lassen. Als er sie nach einer gemessenen Pause wieder aufschlug, befand er sich allein an der Theke. Stina war fort. »Auch gut,« sagte Herr Gummerich, zündete sich eine frische Zigarette an und ging ins Kontörchen. Alsbald lag er wieder auf Nölleckes Diwan, mimte den Harun al-Raschid und vergnügte sich damit, zierliche Tabakskringel gegen die Decke zu blasen und jeden einzelnen mit einem scharfen Lineal zu durchstechen. Als er den zehnten Kringel regelrecht zur Strecke gebracht hatte, schlug er sich mit eben demselben Lineal taktmäßig auf den Schenkel und sang dazu: »Der Schwestern waren drei, der Schwestern waren, Killekillekill, der Schwestern waren drei. Und die jüngste von den dreien, und die Felder und die Wälder und die Muskelkraft, die ließ mich endlich, Killekillekill, die ließ mich endlich ein ...« Die schöne Desideria Schnapp, Nölleckes Erbtante, nickte dazu und grüßte freundlich aus dem vergoldeten Rahmen ins Zimmer. 13 Seit etlichen Tagen saß Dirk Vogels im Kirchenarchiv über dem Südportal und mühte sich ab, der im Kodizill der städtischen Rechnung erwähnten Aufzeichnungen Heinrich Douwermanns habhaft zu werden. Auf Veranlassung des Dechanten war der mit Bücherregalen, Schränken, Kisten, Truhen und allerlei abgestandenem Sakristei- und Meßgerät angefüllte Raum wohnlich gemacht und angewärmt worden. Viele Jahrzehnte hindurch hatte hier eine ordnende Hand gefehlt, und wie Petrikettenfeier ten Hompel seit seinem Amtsantritt auch predigen mochte und um Abhilfe bat – die bischöfliche Behörde in Münster zeigte nur geringes Interesse, dem Ansinnen Folge zu geben; sie schob Geldmangel vor, die wertvollen Schätze des durcheinander gewirbelten Archivs von sachlicher Hand ergründen, ordnen und registrieren zu lassen, und so blieb dem zeitigen Pfarrer nichts andres übrig, als sich auf bessere Einsicht zu vertrösten und ins Ungewisse hinaus Gottes Wasser über Gottes Acker laufen zu lassen. Als Dirk Vogels zum erstenmal diese Dielen betrat, wurde er unwillkürlich an den Spruch des Egesippus erinnert, den Adalbert Stifter einer seiner schönsten Novellen vorgesetzt hatte, und der da lautet: »Dulce est, inter majorum versari habitacula et veterum dicta factaque recensere memoria,« denn das Herz stand ihm still beim Anblick dieser ungehobenen Kleinodien, bei dieser Fülle von stummen Zeugen, die in den alten Büchern, Pergamenten, Antiphonaren und Stiftungsurkunden sich bargen und unter ihrer Bürde von Staub und Spinnwebnetzen ihres Lebens nicht mehr froh werden konnten ... und doch brauchten sie nur die Augen aufzuschlagen und die Lippen zu öffnen ... Er konnte kaum den Fuß aufheben, ohne über einen hingeworfenen Folianten zu stolpern oder auf ein zusammengeschnürtes und achtlos niedergelegtes Aktenbündel zu treten. In Schweinsleder gefaßte Ausgaben der Kirchenväter, gesammelte Anniversarien, getätigte Pachtverträge zwischen der Kirche und den Herzögen von Kleve, Hirtenbriefe, Berichte und Schreinsurkunden der benachbarten Pfarreien und Klöster – ganze Berge von Rollen, gesiegelten Schreiben und sonstigen Faszikeln füllten die Schränke, erhoben sich in allen Ecken und Winkeln, bedeckten die Tische oder drängten sich ihm von den verstäubten Repositorien und Gestellen entgegen. Mehrere Tage hatte er bereits damit zugebracht, sich in dieser Wirrnis eine gewisse Ellenbogenfreiheit zu schaffen. Jede erübrigte Stunde benutzte er dazu, den Wust zu beseitigen, Licht und Luft zu fördern, die Materie einigermaßen zu sichten und Sinn und Verstand in die trostlose Masse zu bringen. Endlich war er so weit, tiefer schürfen zu können und dem eigentlichen Zweck seiner mühseligen Arbeit näher zu treten. Eine neue Welt ging ihm auf, und viel des Interessanten zog an seinem geistigen Auge vorüber. Die Stunden wurden ihm zu Minuten, die Tage zu Stunden, und öfters flämmerte noch bis spät in den Abend hinein ein einsamer Gruß aus dem verschwiegenen Fenster, um dann still zu verlöschen. Während seiner regsamen Tätigkeit vergaß er so manches, was ihm schwer auf dem Herzen gelegen und seine Seele bedrängt hatte. Den Revolutionsabend erwähnte er nur noch mit einem heitern Lächeln, und die Person des Angreifers selber zerteilte sich ihm in flüchtigen Rissen. Er dachte anders, vielleicht gerechter über ihn, als noch vor wenigen Tagen. Um so inniger versenkte er sich in das Geheimnis seiner Liebe, legte er die einzelnen Blättchen sacht auseinander und suchte bis auf den Grund des zarten Blütenkelches zu dringen. Der Duft ihres Haares, das seltsame Widerspiel ihres Empfindens, der köstliche Hauch, der ihrem jungfräulichen Leibe entströmte, alles das berührte ihn mit zärtlichen Fingerspitzen, etwa so, wie die Schwinge eines raschen Vogels eine tiefe Wasserfläche streift und sie spielend bewegt. Und ihre Stimme war bei ihm und sagte: »Suche nur immer; denn wenn du gefunden hast, so werde ich auch dein Weib werden müssen vor Gott und den Menschen ...« und sein Geist erschauerte in der Fülle des Glückes. Hin und wieder sprach Herr Bollig vor, um nach dem Feuer zu sehen und der Rübsenöllampe frische Nahrung zu geben, redete bei solcher Gelegenheit viel buntes Zeug durcheinander, suchte dem mißglückten Fest noch ein winziges Räucherkerzchen anzustecken und den ganzen Verlauf als wohlgelungen hinzustellen, wenn er auch zugab, Herr Remmelmann habe moralisch während des fraglichen Abends nach Ziegenkorinthen und Bockmist gerochen; denn sein Verhalten habe bedenklich gegen die guten Sitten verstoßen und sei geeignet gewesen, den tadellosen Ruf eines unbescholtenen Mädchens schwer zu gefährden. Es wäre eine tiefbetrübliche Sache, kaum zu erklären und in ihren Folgen von unabsehbarer Tragweite. Gleich nach dem Ewaldikegeln sei sie kritisch geworden, habe einen unliebsamen Staub aufgewirbelt, und jeder sei der festen Überzeugung, der Herr Dechant sähe sich entschieden veranlaßt, sie vor sein geistliches Forum zu ziehen, um einem mit allem Vorbehalt abgegebenen Eheversprechen zu seinem Recht zu verhelfen. »Un dat kann schon morge passiere; denn der Herr Dechant is sehr akkurat un bistimmt in soche Tillekatessen-Geschäfte.« »So?!« lächelte Dirk Vogels über einen dicken Folianten fort und dachte das seine. »Ja, sagen ich,« ergänzte Herr Bollig. »Ich kann Seiner Hochwürden nur beipflichte. Man muß nämlich wisse, Herr Vogels: bei dem feine Punsch, Braden, Kumpott un Gemüs hat sich Herr Remmelmann bitrage, als wenn er gar keine Minsch wär‹. Warum? fragen ich. Darüber kann sein Kontörche die beste Auskunf bisorge, un wenn ich ferner bidenke, dat Stina noch zu die Jumfern gehört, so hat dat 'ne ganz bisondere un schwere Biwandtnis; denn nach all der Liebhaberei, dem an einem Stück in die Ohre Gefispele un nach dem Drücke un Däue wird er sie heirate müsse, sonst wird die offe Moralität tirek ins Gesich geschlage un aufs kapitalste bileidigt. Gimeinste Sachbischädigung einer unsterblichen Seele lieg vor. Un dann noch, Herr Vogels ... aber Sie höre ja gar nich, Herr Vogels ... Na, da will ich nur noch als Poßnachschriff bimerke: Guten Abend, sagen ich, guten Abend, Herr Vogels, ich schürgen auf heim an.« »Guten Abend, Herr Bollig,« und Dirk Vogels war wieder vereinsamt, saß zwischen seinen Handschriften und Schreinsbüchern, sichtete, ordnete, machte seine Aufzeichnungen und mühte sich redlich, den Spuren des alten Meisters näher zu kommen. Bis jetzt noch ohne nennenswerten Erfolg; aber je größer die Schwierigkeiten wurden, um so nachhaltiger drängte er nach, um das begonnene Werk zu einem glücklichen und allbefreienden Ziele zu führen ... und so vergingen ihm die Stunden wie Minuten und die Tage wie Stunden. Und da eines Sonntagabends ... Es mochte auf sieben gehen. Draußen war ein unfreundliches Wetter, kälter als in den letzten Tagen, aber noch immer schudderig, dunstig und ohne jedes Sternenlicht. Matt und kaum wahrnehmbar grüßten die erleuchteten Fenster herauf. Die gegenüberliegenden Häuser schwammen im Nebel. Ums Dunkelwerden hatte Herr Bollig noch einmal nach dem Feuer gesehen. Dann war niemand mehr gekommen. Alles gab sich ruhig und friedlich. Ein freundlicher Lampenschein legte sich über die hohen Büchergestelle. Nichts regte sich mehr in dem verschwiegenen Raum. Nur ab und zu ein Rascheln des Papiers, ein Knistern der emsigen Feder und dann und wann das feine Sirren einer Maus hinter den Schränken – alles dazu angetan, die große Stille noch größer und empfindlicher zu machen. Dirk Vogels fühlte sich wohl in diesem endlosen Schweigen. Sein Geist war lebendig, heute mehr denn je. Die vergilbten Urkunden, die alten Pergamente und Druckschriften redeten mit ganz andern Zungen als früher, wurden sprachgewaltig und flüsterten ihm Dinge ins Ohr, die er mit heller Inbrunst begrüßte. Ein glücklicher Umstand hatte ihm ganz unversehens Aufzeichnungen übermittelt, die geeignet waren, die umliegenden Schatten bis zu einem gewissen Grade sacht zu verteilen: ein Konvolut von Papieren aus der Zeit der burgundischen und klevischen Herzöge ... aber nur die interessierten ihn, die sich mit der Regierung Johanns des Zweiten und des Dritten und mit ihren Beziehungen zu Calcaria civilis und der hiesigen Pfarre befaßten, denn um diese Zeit hatte Heinrich Douwermann gelebt und gewirkt und den Schrein zu den Sieben Schmerzen Mariä geschaffen, war das Werk der Kirche übergeben und eingeweiht worden. Auf dieser Fährte hatte er weiter zu schreiten. Jedes einzelne Stück wurde sorgsam gesichtet, gelesen und mit kurzen, hinweisenden Notizen versehen. Alles wurde lebendig um ihn, nahm Form und Gestalt an und winkte aus fernen Tagen herüber. Aus den grauen Blättern hob es sich auf, die verschnörkelten Schriftzeichen quirlten unter bläulichen Zeichen empor, wandelten und wechselten, um schließlich zu durchlauchtigsten Fürsten und schönen Edelfrauen zu werden, zu Klerikern und gepriesenen Künstlern ... und der Weihrauch dampfte, und die Teerpfannen brannten, und über den Wald hin hallten die Signale der Pauker und Heerdrommeter. Er sah Menschen und Geschicke, die nicht mehr waren. Und er hörte Stimmen, freudige Stimmen und solche, die sich in heißer Fehde bekämpften. Die klevisch-märkischen Stände zogen vorüber ... junge Maien, Kirchenfahnen und Banner ... Und dann wieder: Johann der Dritte in Kalkar, und bei ihm sein Weib, die schöne Maria, die Erbtochter des Herzogs von Jülich und Berg, auf feurigem Zelter. Einer ritt neben ihr, ein junger Kleriker; der riß sie an sich und küßte ihr Stirne und Mund und legte seine heißen Lippen auf ihren schneeweißen Hals, um sich andern Tages am Galgen wieder zu finden ... hat ihm aber kurz vor dem Scheiden der ehrwürdige Pfarrer hiesigen Kirchspiels, Herr Sybertus von Ryswick, Magister lib. art. et Decretorum Licentiatus, herzoglich klevischer Rat und Probst der Collegiatkirche zu Wissel, gut zugesprochen und ihm die letzte Zehrung gegeben, so daß er trotz seiner großen fleischlichen Sünde eingehen mochte in das Sanktissimum des ewigen Lebens ... ist auch am selbigen Abend ein lautes Bankettieren zu Rathaus gewesen, ein Tanzen, Feiern und Schmausen ... hat aber die schöne Maria dagesessen wie eine weiße Lilie, bleich und leichenfarbig, wie sie blühen am See Genezareth und in den Tälern des Hermon, und alle, die in der Nähe standen, konnten das Mal sehen, so ihr der junge Kleriker beigebracht hatte in seiner heißen Liebe, rot und brennend wie die Blüte einer Feuerbohne ... und war groß Trauern in Kalkar ... Dem jungen Lehrer stockte der Atem; denn er war über die Aufzeichnungen besagten Pfarrers, des Herrn Sybertus von Ryswick gekommen, der in damaliger Zeit wirkte, gut Regiment hielt und auch viel Ruhm erwarb als Canonikus und Thesaurarius an der hohen Münsterkirche zu Xanten ... und als er genauer zusah ... der alte, ehrwürdige Herr war selber aus einer verwaschenen Ecke getreten: ein kleines, zierliches Männchen in schlichter Soutane, silbernen Schnallen und mit einem schwarzen Samtkäppchen auf dem milchweißen Scheitel. Er hatte das Gesicht einer Spitzmaus; aber in diesem Gesicht standen zwei Augen, die in ihrem schönen und demütigen Licht an das zweier geweihten Kerzen erinnerten. Und er hielt sein Liber pastoralis zwischen den durchgeistigten Händen und sagte: »So Ihr es lesen wollt, junger Magister, wird es Euch zum Segen gereichen,« und legte es hin und verflüchtigte sich in einem Nebel, so zart und duftig wie der, der auf den Rheinwiesen langsam auf und nieder quirlte. Dann war er verschwunden. Dirk Vogels jedoch umgriff den Schweinsband mit Fieberhänden, setzte sich nieder und war bald auf der Spur eines reichen Fundes. Mit klopfendem Herzen und heißer Seele folgte er Zeile um Zeile und Seite um Seite, während die Lampe immer freudiger zirpte und vereinzelte Graupelkörner leise gegen die angelaufenen Scheiben trommelten. Plötzlich las er mit glücklicher und bewegter Stimme: »Anno Domini 1523 und am Tage, so man feierte das Andenken des stattlichen Reitermannes Martinus und ich gerade dabei war, vor meinem Heiltumtäflein, welches ein Stückchen von dem Kreuz des Erlösers und von der Säule, daran Christus, der Herr, gegeißelt worden, enthielt, mein Abendgebet zu verrichten, wurde zu wiederholten Malen gegen meine Haustür gehämmert. Ich erhob mich und öffnete selber; denn meine Schaffnerin war bereits schlafen gegangen und mein junger Vicecuratus, Herr Everhard Semper, noch aus, um den einzigen Sohn des regierenden Bürgermeisters in theologicis et in philosophicis zu belehren. Als ich des späten Gastes ansichtig wurde, rief ich besorglich: ›Ach Gott, lieber Meister!‹ nahm ihn bei der Hand und führte ihn in mein Arbeitsstüblein, worinnen ein herzhaftes Feuerchen gar freundlich um etliche Buchenkloben glosete; denn es war ein bitteres Wetter da draußen und die Luft voller Schneesternchen und heller Kristalle, und sagte zum andern: ›Ihr kommt gar spät unter mein einfaches Dach, und dennoch biete ich Euch meinen innigsten Willkomm. Salve, Henrice, confrater dilictissime! ‹ und sprach ihm zu, sich bei den warmen Scheiten niederzulassen. Was weiter geschehen, mag ich nur mit schwerem Herzen berichten; aber vor Gott und meinem Gewissen habe ich nur solches niedergeschrieben, was ich auch vor Gott und meinem Gewissen verantworten konnte; denn hätte ich anders gehandelt, ich wäre nicht der richtige Pastor loci gewesen, sondern ein ungetreuer Hirte und Führer, nicht wert, dereinstmals für meine letzte Pilgerfahrt Stab und Schuhe zu richten. ›Nun, Meister Douwermann,‹ sagte ich nach einigem Schweigen, ›weshalb seid Ihr denn so spät noch gekommen?‹ ›Ach Gott!‹ meinte dieser, ›es ist für mich stets ein schweres Schaffen auf Erden gewesen. Das wißt Ihr ja selber, und wenn ich auch mit meinem Schrein viel an Ruhm und Ehren einheimsen durfte, auch an barem Gelde und sonstigen Dingen, die das Dasein erträglich gestalten, nicht Not zu leiden brauchte, so bin ich doch der elendigste Mensch unter dem Himmelreich, dem es nichts hülfe, wenn er auch allstündlich vor sich hinbeten würde: Ostende nobis, Domine, misericordiam tuam. Et salutare tuum da nobis‹ und dabei sah er mit so scheuen Augen umher, als suche er irgendeinen Strick, um damit Leib und Seele zu trennen und letztere dem Herzog zu übergeben, der in der Hölle gebietet. Ich erschrak über alle Maßen über solches Verhalten, ergriff seine Hände und sagte: › Exi, immunde spiritus! Fahre von hinnen, unsauberer Geist! – und Ihr, Meister Heinrich, begnadet von Gott und geehrt von den Menschen, wie könnt Ihr dem Ewigen nur also begegnen, der Euch die Kunst gelehret, solche Altäre zu bauen, und Euch das Schnitzmesser gegeben, um Wunderwerke aus dem trockenen Holzstock zu zaubern?! Bedenket: was bin ich gegen einen solchen Heros! Euch klingen doch die Harmonien und Jubelharfen der himmlischen Chöre entgegen.‹ ›Wenn auch,‹ sagte er heiser und biß sich in seinem tiefen Schmerze die Lippen, daß ein Blutstropfen niedersickerte, ›wenn auch, Herr Pfarrer und herzoglich klevischer Rat; aber Ihr habt keine Kinder. Nein, Ihr habt keine Kinder, auch solche niemals besessen; aber hättet Ihr solche gehabt und mit ihnen dasselbe Leid erfahren wie ich, Ihr wünschtet, auf die Hobelspäne zu kommen.‹ Hierauf redete er mit wehen und verstümmelten Lauten: ›Ihr wißt ja, mein Sohn war ein besserer Schnitzer als ich, und hätte ihm eine gütige Vorsehung das Leben gelassen, er wäre größer und gefeierter als die italischen Meister geworden. Nun ist alles Staub und Moder von ihm, und nur sein Kind ist mir übrig geblieben. Wäre auch alles zu ertragen gewesen ... aber das mit meiner Tochter Plektrudis ... Das steht in meine Träume hinein und dreht mir den Kopf in den Nacken. – Erst dieser Glimmer und Glanz, um dann so elend zu werden! Herr Pfarrer‹ – und das edelgezeichnete Antlitz mit dem kurzverschnittenen Haar und dem seidenfadigen Bart wurde zu einem Totengesicht – ›mir ist es, als wäre überall Schnee, und ich führe dahin im Schlitten, lautlos, nur mit wimmerndem Schellengeläut, über ein trauriges Feld, über einen endlosen Friedhof, geradeswegs in die Arme des weißen Todes hinein. Herr Pfarrer, die Angst, die entsetzliche Angst ...!‹ Er warf beide Arme zur Decke. Der Tropfen, der an seinen Lippen hing, rieselte stärker. Meister Heinrich war nicht wieder zu erkennen. Mit einem abgebrochenen Schrei warf er sich am Feuer nieder und verhüllte sein Antlitz. Ich trat auf ihn zu und legte ihm die Hand auf den Scheitel. ›Ich weiß es, ich weiß es,‹ sprach ich ihm gütlich zu Herzen, ›denn die Pflugschar des Herrn hat Euch doppelt und dreifach beglückt, aber auch tiefe Wunden gerissen. Was tot ist, ist tot, und was in der Schande dahinging, wird Gott nicht in der Schande belassen. Wer legt Zeugnis gegen sie ab? Ich nicht. Wer kann die Finger auf die heiligen Schriften legen und schwören: sie ist in der Sünde von hinnen geschieden? Ich nicht, sondern ich glaube vielmehr: sie ist vor ihrem entsetzlichen Ende reuig geworden. Euch aber, Meister Heinrich‹ – und meine Stimme nahm einen zuversichtlichen Ton an – ›Euch möchte ich sagen: Siehe, um unser Bette her stehen sechzig Starke aus den Starken von Israel. Sie halten alle Schwerter und sind geschickt zu streiten. Ein jeglicher hat sein Schwert an der Hüfte um des Schreckens willen in der Nacht. Nein, Meister Heinrich, Ihr braucht Euch nicht zu fürchten.‹ Er sah mich an, als wär' meine Zunge die eines Schwätzers und Silbenstechers gewesen. ›Was sagt Ihr mir da?!‹ rief er mich an und streckte sich wie einer, dem ein zehnlötiges Blei zwischen die Rippen gefahren. Was redet Ihr da von sechzig Starken aus den Starken von Israel? Und wären es sechstausend mit flammenden Schwertern gewesen, sechstausend zur Rechten, sechstausend zur Linken – ich fürchte mich nicht und brauche sie nicht um des Schreckens willen in der Nacht. Nein, ich fürchte mich nicht und habe mich niemals gefürchtet, selbst nicht vor Seiner hochfürstlichen Durchlaucht, selbst nicht vor Hexenwerk und den Nachstellungen des höllischen Dämons. Aber‹ – und er sah mich wie irrsinnig an –, ich habe Angst vor mir selber. Diese Angst, diese entsetzliche Angst ...! – Plektrudis, Plektrudis ...!‹ Mit einem dumpfen Laut brach er ab und stierte ins Feuer. Dann lallte er gepreßt vor sich hin und teilte dabei seinen langen Bart auseinander: ›Es wäre schon besser, ja, es wäre schon besser ...‹ ›Was wäre besser?‹ fuhr ich auf; denn es war Zeit, den bösen Geist, so ihn beherrschte, mit derben Ruten zu streichen. ›Ihr wollt doch nicht etwa mit eigener Hand ...‹ ›Ja, ich will, hochwürdiger Herr, ich will, ich will ... und damit Ihr sehet, daß es mir bitterer Ernst ist, habe ich dieses niedergeschrieben, um mein Herz zu entlasten und meinem Enkel und Euch zu zeigen, wie es anhub und wuchs und Totenblumen ansetzte, um dann ein schreckliches Ende zu nehmen.‹ Damit zog der heftige Mann ein dick Manuskriptum aus seiner Zobelschaube herfür und legte es mir in die zitternden Hände. ›Das andere laßt meine Sache und meine Sorge sein‹ fuhr er düster und ingrimmig fort. ›Der Heiland hat meine Seele zerbrochen, unbarmherzig und aus dem Unerforschten heraus, und weil er solches getan, will ich Gleiches mit Gleichem vergelten und meinen Leib in derselben Weise zerbrechen. So bin ich dem Herrn nur in die Parade gefahren; denn ich lass' mich nicht narren ... Teufel und Hölle! – nein, ich lass' mich nicht narren ...!‹ Da war es aus mit ihm; denn ich sah, wie er wankte und sich vortastete, um irgendeinen Halt zu gewinnen. ›Meister!‹ rief ich ihn an, aber so heftig, daß ich selber davon erschreckte. ›Meister, was tut Ihr? Ihr lästert ja die Majestät aller seligen Chöre, den dreieinigen Gott, den Gekreuzigten, den Vater Himmels und der Erde!‹ Aber er hörte nicht mehr. Er lag auf den Knien und betete in den Worten der Belialspriester ... und ich sah mit Entsetzen: sein Denken ging in schäbigen Lumpen, flatterte wie ein zerrissenes Segel im Sturm, zog bettelarm durch steinichte Wüste, war wie eine verschlagene Möwe im Brausen des Meeres. Da hob ich ihn auf, ihn, der Gott im Wahne gelästert, und sprach ihm zu und suchte seinen unsteten Geist wieder aus dem trügerischen Moor auf grasige Wiese zu leiten, und obgleich ich wußte, um welche Zeit das Unglück mit seiner Tochter geschehen war, so fragte ich dennoch: ›Wann hat sich denn das mit der schönen Plektrudis begeben?‹ ›In der verflossenen Weihnacht, da mein Schrein in bunten Lichtern erstrahlte und die Gläubigen sangen: Ehre sei Gott in der Höhe und Friede den Menschen auf Erden, die eines guten Willens sind.‹ ›Schon so lange?‹ sagte ich mit erheuchelter Einfalt. ›Seitdem sind aber schon viele Monde vergangen.‹ ›Ja, viele Monde,‹ sagte er fahrig. ›Und habt Ihr in all dieser Zeit für die Ärmste gebetet?‹ fragte ich wieder. ›Nein. Ich konnte nicht beten.‹ ›Ihr konntet nicht beten? O weh, wie geschieht meinem Herzen! Da habt Ihr aber vieles verabsäumt; denn so Ihr es getan hättet, wäre Gott Euch ein milderer Richter geworden. Aber seid Ihr denn willens gewesen, eine heilige Messe für das Seelenheil Eurer Tochter lesen zu lassen, und habt Ihr bereits eine solche gestiftet?‹ ›Auch das nicht,‹ sagte er trotzig und schier herrischen Sinnes. Da ich solches gewahrte, stieg in mir ein gerechter Groll und ein heiliger Zorn auf. Die freundlichen Beziehungen streifte ich seiner selbst wegen ab und war ihm gegenüber nur noch der Herr Sybertus von Ryswick, der Diener des Herrn, der Magister lib. art. et Decretorum Licentiatus, herzoglich klevischer Rat und Probst der Collegiatkirche zu Wissel und sagte als solcher: ›Da Ihr dieses versäumt und stolzen Sinnes aufbegehrt habt gegen die gläubige Einfalt und den Willen der Kirche, so ist Eure arme Seele wie ein Kurrendeschüler betteln gegangen. Daß die Angst Euch anfiel wie ein gieriger Wolf und Ihr wähntet, auf einem leise klingelnden Schlitten in die Arme des weißen Todes zu fahren – das habt Ihr selber verschuldet. Richtet den Mut auf und wollet sub specie aeternitatis Euer Gewissen in Zaum und Zügel halten, auf daß es Euch wohlergehe auf Erden und Ihr teilhaftig werdet der göttlichen Dinge. Damit solches geschehe, gebietet die Kirche durch mich: Alljährlich habt Ihr am Tage Miserikordias Domini eine heilige Messe lesen zu lassen zur Wohlfahrt Eurer dahingeschiedenen Tochter. Ihr selber, damit Ihr ledig werdet der Schuld, Euch aufgebäumt zu haben wider die Satzung, den Tod begehrtet und willens wäret, Hand zu legen an Odem und Leben – Ihr sollt einmal im Jahre, und zwar um die Zeit, wo der Herr, Gott sei es geklaget, mit Ruten gestrichen, mit Dornen gekrönt und ans Kreuz geschlagen wurde, auf dem Altar, den Ihr selber gebildet, eine zehnpfündige Wachskerze opfern, so daß Ihr eingehen möget durch die ewigen Tore und speisen möget von dem himmlischen Brote. Meister Henrice, Meister Henrice!‹ – und meine Stimme wurde zum Psalterspiel und brausete auf wie der Wald aufbrauset unter dem Odem Jehovas – ›tut, was ich Euch geheißen, folgt meinen Worten, und Eure Seele wird ruhig und die Qual von Euch genommen. Meister Henrice, Meister Henrice ...!‹ und es war eine Stille ausgetan, als wäre die Stunde noch einmal gekommen, da der Heiland das Haupt neigte und sagte: Es ist vollbracht! – und siehe, Meister Heinrich nahm meine Hände, neigte das Haupt und betete leise. Da sah ich: nun ist die Wandlung nicht fern, tat ein letztes und sprach die großen und starken Worte vom exorcismo und schloß mit dem Satze, den ich schon einmal hergesagt hatte: ›Exi immundi spiritus. Fahre aus, unreiner Geist ...‹ und da war mir so, als führe ein stinkender Rauch durch die Stube, so an Pech und Schwefel gemahnte, und ich wähnete auch, den höllischen Fürsten in Gestalt einer gewöhnlichen Luderkrähe durch den Rauchfang meines Kamins entweichen zu sehen. Des war ich froh über alle Maßen, lobete Gott, legte dem Erlösten die Hände auf und sagte: ›Und nun, Meister Heinrich, ziehet dahin, und wenn Ihr könnet, ziehet in Frieden!‹ Da straffte der also Angeredete Kopf und Nacken, sah mit gesundeten Augen den Kruzifixus an, so auf meiner Schublade stand, und ging seines Weges. Ich aber machte das Zeichen des heiligen Kreuzes und sagte: ›In nomine patris et filii et spiritus sancti. Amen!‹ Gott sei gepriesen! Ich habe meiner priesterlichen Pflicht gewaltet, ohne Ansehen der Person und nur von dem Gedanken bewegt, eine arme Seele freudig zu machen, ihr die irdischen Schrecken zu nehmen und das weiße Kleid anzumessen, mit dem sie dereinst eintriumphieren möge durch die goldenen Tore des Paradieses. Solches habe ich niedergeschrieben am Tage und im Jahre wie eingangs vermeldet ... und daß meine Feder nicht irrte und wissentlich Falsches zu Papier brachte, dessen ist der liebe Herr Jesus Christus mein Zeuge, habe auch zur Bekräftigung dessen, Name, Stand und Würde darunter gesetzet, die also lauten: Sybertus von Ryswick, Pfarrer hiesigen Kirchspiels, Magister lib. art. et Decretorum Licentiatus, herzoglich klevischer Rat und Probst der Collegiatkirche zu Wissel.« Dirk Vogels hätte aufschreien mögen. Die Nacht hellte auf. Die Finsternis zerteilte sich, und es war ihm so, als läge der junge Tag auf den Bergen. In fliegender Hast durchlief er die folgenden Seiten. Sie brachten nichts Neues. Er blätterte weiter. Schon wollte er einen neuen Folianten ergreifen, da wieder die feine, zierliche Schrift, die mit einer Rabenfeder niedergelegten Zeichen des Sybertus von Ryswick – nur zitteriger, müder und wie mit glücklichen, aber nicht mehr irdischen Sinnen geschrieben. Und Dirk Vogels las mit klopfenden Pulsen. »Anno Domini 1528 und am Tage zuvor, da unser Herr einzog in Jerusalem. Es will Ostern werden. Die ersten Narzissen und Gewürzblümchen stoßen bereits durch das Erdreich in meinem Gärtlein. Im Stadtwald rokuzet schon der wilde Tauber, an den Stachelbeersträuchern glitzern die Knospen wie zarte Türkischen, und unter den Bocksdornhecken ist es blau von Veilchen geworden. Von meinem Fenster aus sehe ich über meinen Obstgarten fort in keimende Roggenfelder hinein, die sich anlassen, als wären smaragdgrüne Teppiche über den Boden gefallen. Mein Gemüt ist freudig, wenn auch der Leib sich danach sehnet, Feierabend zu machen. Ich mag ruhig meine letzte Pilgerfahrt antreten; denn mein Haus ist bestellt, und was das Feinste ist: die Seele des gefeierten Meisters lobsinget dem Herrn, sitzt in beschaulicher Ruhe am Herdfeuer und wärmt sich die Hände. Meister Heinrich ist wieder der alte geworden. Der Spruch des Publilius Syrus: Discipulus est prioris posterior dies , ein Tag lehrt den andern, bewährt sich trefflich an ihm; denn er nutzte die Stunde, ließ sich von jeder beraten und fand, was er suchte: die Palme des Friedens und die Lauterkeit und Reinheit des Herzens. Er arbeitet wieder. Der neue Sankt Annenaltar in der Stiftskirche zu Kleve geht seiner Vollendung entgegen, und viele behaupten, an klassischer Schönheit überträfe er noch den Schrein zu den Sieben Schmerzen Mariä. Mag dem nun sein, wie ihm wolle; ich für meinen Teil halte den letzteren für eine Eingebung Gottes und für ein Wunderwerk auf Erden, desgleichen nicht mehr zu finden unter dem stolzen Zepter des regierenden Herzogs von Jülich, Kleve und Berg, dem Gott, der Herr, noch lange ein glorreiches Walten verstatte. An manchen Abenden erscheint Meister Heinrich in meiner schlichten Behausung. Wir sprechen aber nicht mehr von den traurigen Zeiten, die ihm dereinstmals den Puls abstoßen wollten, sondern suchen ein heiteres Gespräch unter uns, während mein Vicecuratus, Herr Everhard Semper, gar kunstreich die Kniegeige dazu zieht oder auch wohl singet wie ein liederkundiger Dompfaff auf einem sommergrünen Elsbeerenbaum. Das Manuskriptum, so ich mit tiefem Schmerz und großer Bewegung gelesen, liegt wohlverwahrt bei den Schreinsakten der Kirche. Mein Folger im Amt wird es, sobald besagter Enkel in die Jahre gekommen, sinngemäß diesem behänden, auf daß des Meisters Arbeit, sein Ringen und Werden, sein Bangen und Sorgen fortlebe in seinem Geschlecht bis zu den spätesten Tagen. Des heidnischen Poeten »Aequam memento rebus in arduis servare mentem« , mag den Verfasser bestimmt haben, solches zu wünschen, und dieserhalb soll es auch ehrlich geschehen. Ich selber kann ihm diesen Dienst nicht erweisen; denn meine Tage sind gezählt von dem Herrn. Pulvis et umbra sumus . Staub und Schatten sind wir, und ich bin wohl der nächste im hiesigen Kirchspiel, der zu Staub wird und in den Schatten zurückkehrt; denn bald werden sie singen: Oremus! – Quaesumus, Domine, pro tua pietate, miserere animae famuli tui, et a contagiis mortalitatis exutam, in aeternae salvationis partem restitue. Per Dominum nostrum Jesum Christum. Requiem eternam dona ei, Domine. Et lux perpetua luceat ei. Requiescat in pace. Amen.« Ja – requiescat in pace! Herr, laß deinen Diener ziehen in Frieden! Ich warte des Rufes. Achtzig lange Jahre harrte ich deiner erlösenden Stimme. Nun mag sie mir tönen; denn die himmlischen Glocken sind feiner und schöner als das frömmste Geläut unter dem Himmelreich. Schon dunkelt es über dem Walde... und meine Hände falten sich... ich bin müde des Lebens... Geschrieben am Tage wie eingangs vermeldet, da die Sonne zu Rüste ging und die Sternlein aufblinzeln wollten. Sybertus von Ryswick.« Dirk Vogels fuhr auf. Ein Glücksgefühl überströmte ihn. Kein Zweifel mehr: hier im Kirchenarchiv war auch die Chronik zu suchen, und er gelobte sich, nicht eher zu feiern, als bis er vor Arnt Douwermann hintreten und sagen konnte: »Hier habt Ihr das, was Ihr lange ersehntet. Euer Wunsch ist in Erfüllung gegangen,« und er war gerade dabei, sich die Freude des alten Herrn in bunten Farben auszumalen und sie in die rechte Beleuchtung zu stellen, als hastig angeklopft wurde, ein feiner Luftzug den verschwiegenen Raum durchzirpte und die Türe sich öffnete. Verstört war Therese in den Schein der singenden Lampe getreten. »Mynheer,« sagte sie kleinlaut, »wenn Mynheer doch entschuldigen wollten...« »Was soll's denn, Therese?« »Ach!« sagte sie zögernd, »ich möchte bloß fragen, ob Mynheer nicht so'n bißchen vorsprechen könnten.« »Bin ich denn gewünscht?« »Das weniger; aber ich hab' so 'ne Bange. Immer diese Unruhe im Hause. Man weiß nicht, wo das alles noch hinführen soll. Früher diese Kirchenstille ringsum und die schöne, sinnige Andacht und jetzt dieses Bangen in allen Stuben und Ecken, daß man den gestrigen Tag nicht mehr findet... und das alles wegen des entsetzlichen Menschen. Es wäre schon besser, Sie kämen so'n bißchen herüber. Ich meine nur: Sie können schon helfen, Herr Vogels; denn der alte Herr...« »Ich komme, ich komme.« Gleich darauf lag das Kirchenportal in lautlosem Dunkel. Zu den aufgestöberten Pergamenten und Aktenbündeln kehrte die Ruhe zurück. Sie schlummerten ein, und ein graues Mäuschen piepste ihnen zur guten Nacht eine zierliche Weise. 14 Es war um dieselbe Stunde. Der wohlachtbare und hochwürdige Herr Sybertus von Ryswick hatte die Augen aufgeschlagen, schüttelte sich den Staub von den Schuhen und sagte, indem er Dirk Vogels sein Liber pastoralis hinhielt: »So Ihr es lesen wollt, junger Magister, wird es Euch zum Segen gereichen.« Ja, es war just um dieselbe Stunde, als das kleine, zierliche Männchen in schlichter Soutane, silbernen Schnallen und mit einem schwarzen Samtkäppchen auf dem milchweißen Scheitel aus einer Ecke des Kirchenarchivs heraustrat, um wieder schemenhaft in sein Nichts zu zerfließen... In diesem Augenblick schritt Arnt Douwermann über die Schwelle des eigenen Hauses, legte im Flur ab und begab sich in sein Zimmer, woselbst seine Tochter Johanna über alten Kupfern saß, sie auf ihre Echtheit prüfte und in verschiedene Mappen verteilte. Sie war nicht recht bei der Arbeit. Ihre Gedanken schweiften wie ruhelose Vögel ins Leere hinein, trieben zur Seite, so sehr sie sich auch mühten, Richtung zu halten und einem fernen Lichtschein näher zu kommen, der trüb und kaum wahrnehmbar aus einem diesigen Wetter herüberdämmerte. Dieses unselige Suchen und Trachten, und dieses Nichtfindenkönnen! Nie war es ihr so zum Bewußtsein gekommen wie an diesem mutlosen Novemberabend, was ihre Seele bedrängte, und doch fehlte ihr die Kraft, freie Bahn zu schaffen und sich die florigen Fäden von den Schläfen zu streifen. Das Leben wollte sich nicht aufhellen für sie, und sie hörte kaum, daß sich die Tür bewegte und ein harter Schuh über den Binsenteppich hinwegging. Der Alte trat näher, den Blick still und bedachtsam auf seine Tochter gerichtet. »Guten Abend, Johanna. Der Herr Dechant läßt grüßen.« Sie überhörte den Gruß und fragte, kaum von den Blättern aufsehend: »Schon so zeitig zurück?« »Früher als gewöhnlich bin ich ihm Meister geworden. Sonst hielt er sich tapfer; aber heute kam ihm mein ›Schach dem König‹ zuvor und verrückte die Stunde. Die militans ecclesia hatte die Segel zu streichen. Gewinn: eine Flasche Valwiger Herrenberg. Weißt du: Beatus ille, qui procul negotiis ... Dann ging ich, hatte unterwegs aber noch eine heimliche Freude.« »Nun, und diese Freude ...?« fragte sie wie geistesabwesend. »Im Kirchenarchiv war immer noch Licht. Verheißungsvoll grüßte es durch den mürrischen Abend, und da sagte ich mir: Dort oben schafft einer für dich und dein Haus – einer von den Zuversichtlichen und Stillen im Lande – einer von den nicht alltäglichen Menschen... und wenn ich so alles bedenke... Meine Tage neigen sich merklich, und die Blätter fallen, eins um das andere. Wie lange noch, und du wirst mir die letzten Kissen aufschütteln müssen. Das macht mir keine weitere Sorge, Johanna; denn des Menschen Leben währt siebzig Jahre und mehr, und was darüber geht, ist ein besonderes Geschenk des himmlischen Vaters. Und dennoch, es wäre mir froher ums Sterben, wenn ich dich gesichert wüßte, wenn einer käme, dir die Wege zu ebnen und deine irdische Pilgerfahrt leichter zu machen. Du lächelst, Johanna; ich aber denke ernster darüber; denn ich sagte mir heimlich: da oben zwischen den alten Schriften und Pergamenten sitzt der Mann, dem du dein Bestes anvertrauen möchtest für jetzt und immer. Weißt du, Johanna, käme es dazu, ich könnte den letzten Schritt des Todes mit mehr Ruhe und Wohlgefallen erwarten.« »Du sprichst von ihm, von Dirk Vogels?« fragte sie mit verhaltenem Atem. »Ja, ich spreche von ihm, von ihm, dessen Wesensinnere mich anmutet wie ein gesegnetes Kornfeld.« »Die Zeit wird die Lösung bringen,« versetzte sie ruhig. »Das genügt mir nicht und beseitigt die Zweifel nicht, deren ich nicht mehr Herr werden kann; denn ich fühle tagtäglich: die Zeit zerrinnt mir unter den Händen. Ich kann nicht mehr warten. Ich möchte wissend werden, bevor es zu spät ist. Jede Minute ist kostbar. Ich geize mit allen. Möglich, daß ich nicht lange mehr lebe. Vielleicht ruft schon morgen die Glocke, Mahnung genug, nicht mehr planlos zu hoffen. Ich sagte schon vorhin: jeder Tag, jede Stunde sind wie Geschenke des himmlischen Vaters.« Etwas Flehendes, Hilfesuchendes lag in seinem Blick, in seiner Stimme, die in sich zusammenkroch, um gleich darauf mit einem wehen Ton zu verlöschen. Kaum merklich schüttelte sie den Kopf mit der schweren Flechtenkrone. Tränen standen in ihren Augen. »Ich habe noch für den Abend zu tun,« sagte sie aus ihrer schmerzlichen Stimmung heraus, erhob sich, glättete ihr Kleid und wollte schnell aus dem Zimmer. »Nein, du – bleibe noch!« Er vertrat ihr den Weg, legte ihr beide Hände auf die Schultern und drückte sie sacht, aber bestimmt in den Sessel zurück. »Ich habe dir noch manche Frage zu stellen,« fuhr er schärfer einsetzend fort, während sich seine Greisengestalt aufreckte und sein schmaler, hagerer Schatten die Decke berührte. »Die Stunde ist gut, aus dem Oberflächlichen heraus mehr in die Tiefe zu gehen, wobei ich voraussetze: du wirst mir beistehen, diese unliebsame Arbeit zu einem erfreulichen Ende zu führen. Ich komme mir vor wie ein Mensch auf unsichtigem Wasser, auf dem er keine Boje und Bake mehr findet. Ich bin nicht Herr meiner selbst mehr. Früher, da war das viel besser. Da hatte ich festen Grund unter den Füßen, da schritt ich wie durch einen ewigen Sonntag und konnte mich meines Lebens und meines Berufes erfreuen; denn ein hohes, freundliches Weib ging neben mir her, die Bibel stand mir zur Hand und eine kristallhelle Luft wehte mich an, und so aus Arbeit, Weib und Bibel habe ich mir das Dasein gezimmert, und dieses Dasein war glücklich. Jetzt hat sich vieles geändert. Gewiß, die Bibel lebt noch in mir, und noch immer wallfahre ich mit Jakobs Samen durch Mizraims Nilschlamm und die gesegneten Fluren des gelobten Landes, noch immer pilgere ich durch den Ölgarten von Gethsemane und beuge das Knie, wenn das Kreuz aufragt auf Golgatha. Der Herr stärkt mich noch immer und tröstet mich in den Tagen der Trübsal; aber mein Amt legte ich nieder, und das hohe, freundliche Weib ist von mir gegangen. Ich suche die kristallhelle Luft und kann die kristallhelle Luft nicht mehr spüren. Dafür ist mir ein starker Nebel geworden, der mich zu ersticken droht, und eine innere Stimme gebietet mir: zerteile den Nebel! Das ist nun leichter gesagt, als getan. Aber ich werde mir Mühe geben, Johanna. Ich muß diesen Nebel zerstören, unter die Füße treten, Meister über ihn werden, damit ich wieder atmen kann und das Ziel wieder sehe, um es noch vor meinem Tod zu erreichen. Dazu ist nötig, daß wir uns begegnen, begegnen in Gedanken, Worten und Werken; denn du bist Blut von meinem Blut und Fleisch von meinem Fleisch. Deine Ehre ist meine Ehre, dein Glück das meine, und wenn da irgendetwas ist, was zwischen uns steht, so haben wir es gemeinsam niederzubrechen, um freie Bahn zu haben und der ersehnten Ruhe teilhaftig zu werden. Das war ich dir und mir gegenüber schuldig zu sagen, und ich nehme an: du wirst mich verstehen.« Sie wollte ihm beipflichten, ihm zunicken; aber sie konnte es nicht. »Nein,« sagte sie beklommen, »ich weiß so recht nicht, was deine Worte bezwecken und wo du hinaus willst. Offen gestanden: ich kann mir das richtige Bild noch nicht machen, mich nicht in deinen Gedankengang und deine Seele versenken.« »Dann wisse,« sagte er mit scharfer Betonung jeglicher Silbe, »ich habe nur den einzigen Wunsch, und es liegt bei dir, mir diesen einen Wunsch zu erfüllen ... Ich will nur ... du sollst mir und meinem Hause den Frieden wiedergeben, Johanna.« »Warum das?« fragte sie mit klopfendem Herzen. »Das setzt doch voraus, ich hätte dir und deinem Hause diesen Frieden genommen?« »Ich sehe, wir kommen uns näher,« versetzte er ohne jede Erregung. »In deiner Fragestellung liegt ein gewisses Geständnis.« »Aber, Vater, ich bin doch kein Kind mehr!« »Leider hast du die Einfalt des Kindes verloren; denn wärest du noch in ihrem vollen Besitz, diese Stunde wäre mir leichter geworden.« Sie wollte auffahren. Er machte eine wehe Bewegung. »Ich bitte, Johanna ... Dein Vater steht vor dir, und was ihn bedrängt, ist geeignet, ihm das Herz abzustoßen. Vergiß das nicht und bedenke die Folgen. Und was auch kommen mag, nimm meine Worte auf, wie sie gemeint sind, und sollten sie schmerzen: ich kann nicht anders mehr handeln. Eine Aussprache ist mir so nötig geworden wie das tägliche ›Vater unser‹. Den Tatsachen mit verbundenen Augen aus dem Wege zu gehen, dem, was um mich zischelt und raunt, mich mit taubem Ohr zu verschließen, grenzt an das unsinnige Verhalten eines Mannes, der mit lässigen Händen zusieht und zuhört, wie das Feuer in seiner Scheune knistert und knastert und daran ist, ihm sein Hab und Gut zu verderben. Ich bin anders geartet und nehme den Kampf auf, selbst auf die Gefahr hin, von einem stürzenden Balken erschlagen zu werden; denn es handelt sich um dich und mich und um das Glück eines Dritten.« Kreidebleich war sie in die Höhe gefahren. »Das zielt auf mich,« sagte sie mit stoßendem Atem. »Es scheint so,« meinte er bitter, »und die Gründe dafür sind so billig geworden wie die Unglücksrufe der Dohlenvögel. Wie soll das schließlich enden, Johanna? Seit unserm letzten Begegnen mit Hochwürden und Dirk Vogels riecht es brandig unter meinen eigenen Sparren. Deine endgültige Erklärung steht immer noch aus, ist um kein Jota weiter gekommen ... und wenn ich mir vorstelle, wie dir der geistliche Herr so wohlwollend zusprach und alles aufbot, dir die Arbeit so handgerecht wie nur irgendmöglich zu machen, wenn ich mir vergegenwärtige, daß durch sie der Name ›Douwermann‹ wiederum zu hohen Ehren gekommen wäre, und wenn ich nun zusehen muß, wie du scheinbar gesonnen bist, dir diese stolze Aufgabe willenlos entgleiten zu lassen, dann ist es mir so, als würde dir und unserm Ansehen das Requiem gesungen.« Sie trat rückwärts und verschränkte die Hände. Ihre junge Brust ging schwer. »Darf ich bemerken ...« stieß sie hervor. »Später, wenn ich ausgesprochen habe, Johanna; denn was ich dir zu sagen habe ... das mit dem Schrein ist nicht das Wesentlichste und der Kernpunkt der Sache. Aber das andere – deine zeitigen Anschauungen – die Art und Weise, wie du mir und Seiner Hochwürden entgegentratest – der geheimnisvolle Dritte, dessen Botschaft dein künstlerisches Empfinden schwer gefährdete und aus dem Gleichgewicht brachte – das gibt mir zu denken und läßt mir die Zukunft bedrohlich erscheinen.« »Wenn ich aber so fühle,« fuhr sie herrisch dazwischen, »wenn ich dir sage, die Anschauungen in der Kunst wandeln und wechseln, klären sich stündlich und kämpfen um größere und reinere Formen. Viele Wege führen nach Rom. Was heute für lebendig und vollwertig gilt, wird bereits morgen oder übermorgen zu den Toten geworfen. Alles ringt nach Vollendung. Warum sollte da gerade ich eine Ausnahme machen?« »Das ist es nicht,« unterbrach er sie mit einer Stimme, worin der Grimm aufkeimte. »Solche Ideen lagen dir fern, wurden von dir nicht gepflegt und herangezogen, reiften vielmehr auf dem Acker eines verderblichen Sämanns. Du stehst eben unter dem Einfluß und dem Bann dieser Ernte, und deine Weigerung, jetzt schon eine bestimmte Zusage zu geben, ist weiter nichts als die logische Folgerung meiner aufgestellten Behauptung, ist lediglich der Vorwand, irgendein dumpfes Empfinden, einen Seelenkonflikt scheu zu verbergen ... und wenn ich dich auch mit Dirk Vogels in einer Situation fand, die mich zu frohen Hoffnungen berechtigte – seit dem unheilvollen Revolutionsabend wurden diese Hoffnungen mit Stumpf und Stiel auseinander gehauen.« Er suchte nach Atem. »Ja, mit Stumpf und Stiel auseinander gehauen.« »Aber Vater!« Sie richtete sich straffer auf, ihr Ausdruck versteinte, und ihr Blick wurde härter. »Was willst du damit sagen?« fragte sie mit eiserner Ruhe. »Muß ich denn noch immer deutlicher werden?« »Wie könnte ich mich denn sonst deinen Anschuldigungen und deinen Klagen gegenüber rechtfertigen?« »Nun, dann behaupte ich gerade heraus: seit dem Revolutionsfest und schon am Abend zuvor sind mir Bedenken gekommen, die dich aufs schwerste belasten, Bedenken, die sich im Laufe der Tage noch um vieles verstärkten. Johanna« – und seine Stimme bebte vor tiefer Erregung – »es ist ein schlimmes Ding, die Luken zu öffnen und mit dem Feuer zu spielen. Es könnte dich und schließlich auch Dirk Vogels verderben.« »Was bedeutet das alles?« fragte sie gepreßt, kaum Herr ihrer Sinne. »Entweder du hältst mich für den schuldigen Teil, oder aber ...« Er kam ihr zuvor. »Nein, du,« sagte er rissig, und seine Worte dunkelten ein und fielen ihm langsam vom Munde, »ihr beide seid schuldig.« »Mein Gott!« hauchte sie dumpf vor sich hin. »Also André und ich ...« »Sprich den Namen nicht aus!« schrie er sie an. »Ich kann ihn nicht hören. Er ist mir ein Greuel, seit jenem entsetzlichen Abend ein Greuel. Also verschlucke den Namen! Wenn nicht – es könnte immer passieren ...« Er war hart an ihre Seite getreten, hochaufgerichtet und mit glühenden Augen. Mit starrem Blick begegnete er dem seiner Tochter. »Ja, du ... denn ich bin zu einem Punkt gelangt, wo mir das Wasser bis an den Hals steigt. Ich kann nicht mehr weiter. Ich muß aus dieser Strömung heraus und will wieder Land unter den Füßen. Was berechtigt dich, mir dieses Land zu verwehren? Was zwingt dich dazu, mich in dieser Ungewißheit, in dieser schmutzigen, erwürgenden Strömung zu lassen? Ich habe ein Recht darauf, meinen alten Kopf in aller Ruhe auf die Hobelspäne zu drücken. Willst du mich dieses Rechtes berauben, und bist du gewillt, mir an Stelle des Segens einen Fluch zwischen die Zähne zu drücken?« »Sei doch barmherzig!« Sie wollte in seine Arme hinein. »Erst eine Frage,« lehnte er ab. »Wann hast du den jungen Doktor bei seinem letzten Hiersein gesehen?« »Am Tage seiner Ankunft.« »Und wo?« »An meinem Fenster. Er kam durch den Garten.« »Und dann nicht wieder?« »Ja, ich habe ihn nochmals gesehen.« »Wann ist das gewesen?« »Als er ging, am Tage nach dem Fest. Ich habe ihn bis zur Roten Schleuse begleitet.« »Also doch ...« Er fühlte eine kalte Hand an der Kehle. Er wähnte, ein greller Blitz führe durch sein irres Gesichtsfeld. Sie trat näher. »Warum sollte ich nicht? Wir sind doch befreundet von Jugend auf.« Er unterbrach sie. »Befreundet?! – Ja, so ... ich verstehe. Du wirst mir dabei wohl einreden wollen: eine solche Freundschaft ist abgeklärt und lauter und kalt wie ein Schneefeld. Bei einer solchen Freundschaft schlafen die Sinne, kann man in aller Gemächlichkeit den Rosenkranz beten. Aber ein Großes hat sie. Sie wirft die Tore der neuen Kunst sperrangelweit auf und überschüttet einen mit einer Fülle des Lichtes. Das wirst du mir einreden wollen. Aber ich sage dir hiermit: eine solche Freundschaft reißt Vater und Tochter auseinander, ruft den Leichenbitter ins Haus und geht über Särge. Hast du bei einer solchen Freundschaft auch an Dirk Vogels gedacht, oder willst du behaupten ...« »Ja, ich habe dabei auch an Dirk Vogels gedacht.« »Das wagst du mir ins Antlitz zu peitschen – mir, deinem Vater, der am Tisch des Kirchenrendanten zu der Überzeugung kam: mein Haus wankt in allen Ecken und Fugen ... wo dein Lehrmeister, der Mensch mit der ehernen Stirn, die Frechheit besaß ...« Er prallte zurück und streckte die Arme. »Du,« brach es aus ihm heraus, »willst du mich zum Äußersten treiben?!« Seine Worte erstickten. Er taumelte vorwärts. »Willst du mich zum Richter machen, Johanna?! Dann sag's nur. Ich bin zu allem jetzt fähig. Hier diese Fäuste ...« »Rühr mich nicht an, du! – Ich bin deine Tochter.« »Mein Gott und mein Heiland!« Mit einem kurzen Schrei, der alle Zimmer durchgellte, brach er am Tisch zusammen und stützte den Kopf in die Hände. »Das mußte so kommen, ja, das mußte so kommen.« Draußen im Flur hallte der Schrei nach, lief die Wände entlang und stieß bis in die Küche hinein, wo Therese dabei war, den Imbiß für den Abend zu richten. Ihr Herz setzte aus. »Jesus Christus, da passiert noch ein Unglück!« und so schnell ihre Füße sie tragen konnten, war sie über den Flur geeilt und in das Zimmer ihres Herrn getreten. »Kann ich vielleicht helfen, Fräulein Johanna?« »Ich danke. Wir möchten allein sein.« »Oder soll ich den Doktor rufen?« »Der kann hier nichts nützen.« »Na, denn ...« sagte die Alte, drückte die Tür hinter sich zu und tat, was die Stunde ihr eingab: sie stürmte ins Freie. Sie wußte, wer hier helfen konnte und mußte, und der saß jetzt insichgekehrt und still über den Schriften und ging den alten Zeiten nach, um, wie sie gehört hatte, die Ehre und das Ansehen der Familie Douwermann noch stolzer und schöner zu machen. Sie suchte nicht lange; denn ein sanfter Schein drang ihr entgegen. Er stand über dem Südportal der Kirche, und da sagte sie sich: »Da wirst du ihn finden.« Der Alte stierte noch immer mit leeren und glasigen Augen über den Tisch fort. »So weit wären wir nun,« redete er schwer vor sich hin; »aber ich kann mich in den neumodischen Kram nicht mehr finden. Zwischen Vater und Tochter wird das Tischtuch zerschnitten; denn sie hat meine Hoheit zerbrochen und sie als Kehricht bewertet, wo doch geschrieben steht: Mein Kind, gehorche der Zucht deines Vaters und verlaß nicht das Gebot deiner Mutter; denn solches ist ein schöner Schmuck deinem Haupt und eine Kette an deinem Halse. Alsdann wirst du die Furcht des Herrn vernehmen und Gottes Erkenntnis finden. Das alles hat sie von sich getan und zum alten Gerümpel geworfen.« Dann schwieg er und hörte zerstreut auf das Geigen eines verlorenen Heimchens. Johanna stand neben ihm, starr wie eine Bildsäule und vom Grausen angeschmiedet. Alles Blut war aus ihrem Antlitz gewichen. Sie legte ihm die weiße, kalte Hand auf die Schulter. »Vater ...« Er gab keine Antwort. »Willst du mich nicht anhören, Vater?« Dieselbe trostlose Stille. »Mein Gott, mein Gott!« seufzte die Ärmste, und eine Traurigkeit fiel über sie her, wie sie sie nur einmal gespürt hatte im Leben. Das war damals gewesen, damals, als sie studienhalber Flandern aufsuchte und sich von den aus Stein gemeißelten Spitzenschleiern der Kapelle zum Heiligen Blut nicht losmachen konnte – damals in Brügge, in der grauen, verwunschenen Stadt, wo selbst in den Frühlingsgärten das Sterben wohnt, hinter den weißen Musselingardinen ein ewiges Dämmern weilt, selbst dann, wenn eine helle, blanke Sonne auf den Straßen liegt, und wo das Wasser in den Kanälen und Grachten dahinzieht, als ließe es der Tod mit trockenem Kichern durch die Finger gleiten. Niemals war ihr der Gedanke an die Vergänglichkeit des Irdischen, war ihr der Duft nach frischer Kirchhofserde so nahe gewesen. Sie wartete noch immer auf Antwort; aber es kam keine. »Nun kann ich wohl gehen?« fragte sie schließlich. Heiße Tränen rannen ihr dabei über die Wangen. Da kam wieder Leben in die Gestalt ihres Vaters. Verstört hob er sich auf und sah sich um wie einer, der in tiefster Nacht gelegen hatte, verschüttet von einem schlagenden Wetter, umdunstet von giftigen Schwaden, und jetzt wieder an Tag kam und sich eingestehen mußte, du wärst besser unten geblieben. »Johanna« – und die Worte schälten sich breit und langsam von den Lippen herunter – »das sollte dir passen: jetzt auf- und davongehen ... jetzt ... in diesem Augenblick, wo der Wahnsinn neben mir steht, mir Schmollis anbietet und zugrinst: Kompagnie, alter Herr! – jetzt, wo ich dir sagen muß ...« Heiß stieg es in ihm auf. Er hielt's nicht mehr aus. »Du – es gibt Dinge und Geschehnisse im menschlichen Leben, die läßt man absterben, vergißt sie, berührt sie nicht wieder, selbst nicht mit den feinsten Gedanken. Aber sie wirft man ein Sterbetuch hin und scheut sich, auch nur einen Zipfel zu heben. Ich für meine Person war willens, keinen Finger zu strecken ... Du aber, du hast dieses Bahrtuch gehoben und zwingst mich, Totes wieder aufzuwecken und ihm die Zunge zu lösen. Du selber – und jetzt muß ich reden ... und wissen sollst du, was an dem verfluchten Revolutionsabend passiert ist, als jener auftaumelte, sein Glas hob und den traurigen Mut fand ...« Das Wort erstarb ihm im Munde. Er stierte die Tür an, hinter der sich ein scheues Klopfen erhob. »Nur immer herein, und wenn ein Unglück geschähe!« Dirk Vogels war über die Schwelle getreten. Fassungslos sah er bald auf Johanna, bald auf den Alten. »Gut,« sagte dieser, »gut, daß Sie kommen; denn es ist immer besser, ein zweiter spricht als der eigene Vater. Ich muß meine Gedanken unter mich zwingen, sonst werden sie brutal und bekommen Gewalt über mich. Dirk« – und er hatte die Hand des jungen Mannes ergriffen – »Dirk, es ist endlich an der Zeit, ihr die Augen zu öffnen. Da steht sie, noch immer wie früher, noch immer von dem Wahn beseelt, das wahre Evangelium gefunden zu haben, und sieht nicht, wie ihr Glanz sich verdunkelt und ihr Schritt ins Elend hineinführt. Dirk« – und er ließ die Hand des Entsetzten fahren – »nun ist Ihre Stunde gekommen. Mein Latein ist zu Ende. Geben Sie Antwort... Wer war es, dessen Mund an dem verhängnisvollen Abend voll Lästerung war und voll scheußlichen Unflats? Wer stolperte punschselig hoch und entblödete sich nicht, das heilige im Weibe mit Füßen zu treten, die Morgenröte der neuen Kunst aus dem Sumpf und Morast einer Venus von Paphos zu heben und meine leibliche Tochter... Dirk, wer war es, der die Frechheit besaß, ihr die Kleider vom Leibe zu reißen, um sie als Göttin der blöden Vernunft...« »Kein Wort mehr, Herr Douwermann! Ich ersuche Sie dringend.« Im Herzen des Erregten war Sturm. Schirmend hatte er den Arm um Johanna geschlagen, deren Antlitz erfror und mit keinem Blinzeln verriet, was die Seele bewegte. Aber der Alte schwieg nicht. »Dirk, wer war es, der sie abtrünnig machte, der ihr verbot, im Dienst des Allerhöchsten den Meißel zu führen und den Altar zu den Sieben Schmerzen Mariä vor dem Verderben zu retten? Wer war es, wer war es...? Wer war dieser Tempelschänder, dieser Lump und Verführer? Dirk, werde hart, gib ihr die Antwort! Verhehle ihr nichts, und hat sie die Antwort – ich hoffe zu Gott, sie wird in sich gehen, die Hände falten und stammeln: Ich armer, sündiger Mensch bekenne vor Gott und den Menschen...« Langsam wandte er sich seiner Tochter zu, die an der Brust Dirk Vogels' lehnte, und er zeigte auf diesen: »Da steht dein Beichtiger. Er ist der nächste dazu. Keinem bist du mehr verpflichtet als diesem. Habe Vertrauen zu ihm! Bekenne ihm willig! Vielleicht ist es möglich, noch deine Ehre und die unseres Hauses zu retten. Ich gehe... so wird es dir leichter werden, deine Andacht, dich selber und deinen Heiland zu finden.« Er verstummte, nahm die Mütze vom Nagel und schritt ruhig der Tür zu. Hier hielt er noch einmal den Fuß an, blickte ernst über die Schulter und sagte: »Johanna, denke daran, daß du eine Douwermann bist!« Dann verließ er das Zimmer. »Nun mag geschehen, was will.« Sie sprach es mit gepreßter Stimme. Tränen standen in ihren Augen. Mit sanfter Gewalt löste sie sich aus Dirks Umarmung, ging einem Sessel zu und ließ sich hier nieder. Dann schluchzte sie auf und bedeckte ihr Gesicht mit den Händen. Er war dicht an ihre Seite getreten. »Johanna ...!« Sie schwieg. Da glitt er sacht über ihr Haar und fragte: »Johanna, hast du mir gar nichts zu sagen?« Er blieb äußerlich ruhig. Ihre Hände lösten sich. Fest und ohne Erregung sah sie ihn an. »Was soll ich dir sagen? Mich verteidigen? Das, was in den Worten meines Vaters schlummerte, zu entkräften versuchen? Ich wüßte nicht, aus welchen Gründen ich mich zu rechtfertigen hätte. Ich habe nichts zu bekennen und nichts zu verbergen ... und wenn einer an dem fraglichen Abend sich unterfing, die hergebrachte Form zu verletzen – was hat das mit meiner Kunst und mit meiner Würde zu schaffen? Mich kann keiner entweihen, und mir kann keiner das Gleichgewicht der Seele nehmen. Aber mein inneres Ringen, über meine Anfechtungen, über meine Kämpfe und Zweifel bin ich keinem Rechenschaft schuldig. Du weißt, wer ich bin, und weißt auch, was wir abgemacht haben. Aber noch einmal sollst du es hören: nichts ist zwischen ihm und mir geschehen, wenigstens nichts, dessen ich mich zu schämen hätte und was meine Ehre antasten könnte. Das laß dir genug sein!« Er beugte sich zu ihr. »Und das mit dem Schrein ...?« fragte er leise. »Mit ihm ist doch das Glück und die Ruhe des Hauses verbunden ... Bist du nunmehr entschlossen?« »Ich sehe – ihr wollt's ja mit aller Gewalt,« meinte sie heftig; »aber wie soll ich dabei vor mir selber bestehen? Wie mich zurechtfinden? Du weißt doch, was in mir vorgeht, was ich zu tragen habe. Mache mir doch das Leben nicht schwerer; ich habe genug schon zu schleppen ... und wenn ich nicht wollte, nicht könnte ...?« Er verfärbte sich jählings. »So muß ich dir sagen, Johanna: Du sündigst wider dich selbst und brichst das Leben deines Vaters zusammen.« »Dirk, lasse mich fortgehen! Wir fehlt heute die Stimmung, darüber zu sprechen. Ich bin nicht mein eigenes Ich mehr. So hilf mir doch! Habe doch Erbarmen mit mir! Quäle mich nicht! Ein andermal ... ich werde dir schreiben ...« Seine Stirne umdüsterte sich. »Ich sehe,« sagte er schmerzlich, »du prägst Falsches, Johanna; du bist jetzt schon entschlossen, und wie die Antwort ausfallen wird, ist leicht zu ermessen. Die Gründe hierfür liegen nicht auf der Oberfläche – gewiß nicht; sie sind tiefer zu suchen. Und das ist das Ende. Ich gehe, Johanna. Es ist besser, wir scheiden. Ich will deine Kreise nicht stören. Es ist doch alles vergebens. Ich habe dir nichts mehr zu sagen. Nur eins noch. Vielleicht hast du mich noch einmal nötig im Leben, bist gezwungen, dich in meine Arme zu flüchten. Und naht diese Stunde – erinnere dich daran! Gedenke meiner! Du wirst mich schon finden.« »Dirk!« stöhnte sie auf. Jäh war sie in die Höhe gefahren und wandte ihm ihr verstörtes Gesicht vollends entgegen. Dann warf sie sich an ihn – hilfesuchend – verzweifelt – zerbrochen und elend ... »Dirk, gehe nicht von mir – halte mich, Dirk – bleibe bei mir – ich habe dich nötig... Dirk« – ein heftiges Schluchzen erschütterte ihren jungen Leib – »ich muß zum Dechanten, ich will diesen Gang tun, und du: geleite mich zum Schrein der Schmerzen Mariä ... Der Herr wird mich segnen.« Sacht und leise senkte er seinen Mund auf ihren duftigen Scheitel. Dann bog er ihr Antlitz zurück und küßte sie lange. 15 Andern Tages trippelte Herr François Türlütt über den buntgemusterten Teppich seines Repräsentationszimmers, hielt zuweilen nachdenklich den Fuß an, um dann wieder die Trippelei aufs neue zu beginnen. Der ehemalige Guano- und Schnittwarenhändler beschäftigte sich mit einem schweren Rechenexempel. Das sah man ihm an; denn wenn er sich mit einem solchen herumtrug, hatte er die löbliche Angewohnheit, die Hände unter die Schöße seines Rockes zu schieben und diese auf und nieder zu wippen. Die Schniepel tanzten, während der glückliche Besitzer des fidelen Bekleidungsstückes ein ganzes Heer von Zahlen unter seinem Antilopenschädel aufmarschieren ließ, sie in Kolonnen zerlegte, das ›Soll‹ und ›Haben‹ verglich und das Ergebnis mit einem fetten Schnalzen begrüßte. Der abgebrochene Riese war von jeher ein großer Makler gewesen, ein feiner Kalkulator und Fachmann, aber immer darauf bedacht, den erzielten Gewinn ausschließlich in seine Tasche zu lotsen, selbst auf die Gefahr hin, daß die Gegenpartei dabei zu kurz kommen sollte. Nur in ganz besondern Ausnahmefällen brachte er es über sich, den Freigebigen zu spielen und tief in den Beutel zu greifen. Und heute hatte er mit einem dieser ganz besondern Ausnahmefälle zu rechnen, nämlich: das seinerzeit gegebene Versprechen, getätigt vor dem Schrein der Sieben Schmerzen Mariä und im Angesicht des ewigen Gottes, mußte eingelöst werden, und so entschloß er sich denn, der Sache näher zu treten und sie zu einem allgemein befriedigenden Abschluß zu bringen. Aber wie hoch war die Summe zu nehmen? Auch dieses Bedenken schlug er siegreich zu Boden. »Immer nobel,« sagte Herr Türlütt, »beispielsmäßig schon, um meinen Schwager zu ärgern,« und diese christliche Erwägung als führendes Moment hinnehmend, fiel er aus seiner nervösen Trippelei in einen herzhaften Schritt, ließ die Rockschöße an seinem stattlichen Hosenboden herunter, entnahm seinem Zylinderbüro eine Anzahl Kassenscheine, steckte sie zu sich und trat auf die Straße hinaus. Hier sah er sich um wie ein neugewählter Kreisdeputierter, ob alle auch sähen, was er für ein spendabler Kerl sei, grüßte herablassend und schlängelte sich langsam in die Nähe der Kirche. An einer weißlackierten Tür, mit der Inschrift ›Jesus, Heiland, Seligmacher‹ begnadet, zog er die Klingel. Sie rief eine hagere Person im kanonischen Alter herbei, die Herr Türlütt in seiner Geschwollenheit und von der geistlichen Luft angeregt, die ihm aus dem Hausflur zuwehte, mit ›ehrwürdige Mutter‹ anredete, obgleich Karline Velmann von einer solchen so weit entfernt war wie ein handfester Küchendragoner von einer verhimmelten Nonne. Nur ihr Antlitz hatte einen asketischen Anflug. Aber wie dem auch sein mochte, die ›ehrwürdige Mutter‹ lächelte gütig, nahm die Wünsche des Petenten in Empfang, begab sich in das Allerheiligste des geistlichen Herrn und brachte die Antwort zurück: »Hochwürden läßt bitten.« Petrikettenfeier ten Hompel saß unter der Disputa vor einem dampfenden Schälchen mit Kaffee, als Herr Türlütt sein Zimmer beehrte. Er erhob sich sogleich, trat ihm entgegen und sagte: »Nun, mein Lieber, was bringen Sie Gutes?« Damit deutete er auf einen bequemen Sessel: »Ich bitte, Herr Türlütt.« Herr François machte das Gesicht eines gediegenen Pensionärs, ließ die Augendeckel herunter und sagte: »Herr Dechant, zuvor ein paar Worte ...« und eine klösterliche Ruhe und Milde verschönte sein Antlitz. »Hochwürden,« begann er, »ich bin nur ein schlichter und einfacher Bürger, ein homo novus «, wie Sie immerzu sagen, aber ich habe zeit meines Lebens 'ne splendide Ader gehabt und 'ne gewisse Noblesse besessen; ja, Herr Dechant, die habe ich immer besessen.« Er hob wieder die Lider und richtete seine Saupostenäugelchen auf die stillen Blicke ten Hompels, um die Wirkung des Gesagten ermessen zu können. »Aber nur aus christlicher Liebe, Hochwürden,« fuhr er salbungsvoll fort, »denn ich vertrete die Ansicht, daß die Rechte nicht wissen soll, was die Linke veräußert, weil sie schwarz würde vor Ärger, wenn sie deren opferfreudige Gabe erführe. Ich bitte um Ihre Meinung, Hochwürden.« Petrikettenfeier nickte ihm Beifall, schmunzelte jedoch mit der toleranten Philosophie eines überlegenen Mannes vergnügt vor sich hin. »Ich danke, Hochwürden.« François ließ von neuem die schweren Augendeckel herunter. »Herr Dechant« – und seine Stimme war wie die eines ›weichen Künstlers‹ auf einem Schmierentheater – »ohne dem Hochmutsteufel in die Arme zu fallen, darf ich behaupten: von jeher bin ich ein christkatholischer, äußerst solider, ja, ich darf wohl sagen, ein königlicher Kaufmann gewesen. Meine Handelsbücher und der Segen des Herrn weisen es aus, sie sind die unparteiischen Zeugen meiner einwandfreien Geschäftspraxis vom Beginn aller Dinge; aber keine Überhebung deswegen. Nur Demut, Demut, nichts weiter. Der Herr hat's gegeben, und von dieser Voraussetzung ausgehend ...« François brachte sein karmoisinrotes Schnupftuch zum Vorschein und tupfte sich damit gerührt gegen die Schläfen. »Hochwürden, ich komme zur Sache. Ich habe mein Versprechen beispielsmäßig in dreifacher Hinsicht gegeben – und zwar erstens von wegen der Dreieinigkeit Gottes, zweitens von wegen der drei Patriarchen und drittens, weil Sie, ich und der Bildschnitzer Heinrich Douwermann drei bedeutsame Männer repräsentieren ... und dementsprechend« – und die Wimpern des gediegenen Herrn hoben sich wieder – »habe ich mich veranlaßt gesehen ... Ich will nicht vorgreifen, Hochwürden, aber dreimal eins ist Gott allein, die drei Patriarchen bilden eine heilige Dreizahl und dreimal dreihundert Taler machen eben dreimal dreihundert Taler zusammen, die ich hiermit in puren preußischen Kassenscheinen in Ihre Hände lege, Hochwürden – mit Gott für Kirche und Papst, dem kommenden Geschlecht zum Nacheifer und zur Aufmunterierung. Ich bitte, Hochwürden.« Herr Petrikettenfeier ten Hompel war ein Priester nach dem Herzen Gottes, dabei aber auch ein lustiger Schalk und ein Mann, der es verstand, den Schwächen seiner Mitmenschen Rechnung zu tragen, ihr Wohl zu fördern und das Komische, wo es ihm begegnete, mitzunehmen und sich dessen zu freuen. »Herr Türlütt,« sagte er denn auch mit einem pfiffigen Blinzeln, »Sie machten dem Schrein und mir eine seraphische Freude. Ich höre Zymbeln und Geigen, und pausbäckige Engel purzeln vor eitel Wonne vom Himmel herunter. Es ist mir, dem gewöhnlichen Sterblichen, daher ein wahres Bedürfnis, Ihnen von wegen der drei Patriarchen, der Dreieinigkeit Gottes und der spendierten dreimal dreihundert preußischen Taler zu gratulieren und die Hände zu schütteln. Seien Sie der Anerkennung aller Gläubigen, der Kunst und der Kirche versichert. Aus tiefstem Herzen – ich danke Ihnen, Herr Türlütt.« »Nichts zu danken. Es ist gerne gegeben. Keine Umstände, Hochwürden. Ich möchte nicht gerne. Ich bin bewegt, über alle Maßen gerührt, beispielsmäßig in die sogenannte Pfanne gehauen.« Seine Stimme knickte um wie der Stengel einer keuschen, schneeweißen Lilie. Eine Pause entstand, während welcher der alte Herr mit den Fingern schnalzte, den Schelm nochmals zitierte und sagte: »Und nun eine ehrliche Antwort, Herr Türlütt. Wir sind allein, keiner ist bei uns, niemand drängt sich als Zeuge in diese bedeutsame Stunde ... und somit: unter vier Augen mal offen und tapfer gesprochen. Entspringt diese Ihre getätigte Generosität lediglich dem uneigennützigen Bestreben, der Allgemeinheit zu dienen und der bedrängten Kunst unter die Arme zu greifen, oder ist damit so'n ganz kleiner Sonderzweck und so'n ganz allerliebster Nebengedanke verbunden?« »Nebengedanke?! – Gott bewahre, Herr Dechant! Keine blasse Idee von 'ner Ahnung. Nur selbstlose Bescheidenheit, nur völlige Ergebung in den Willen des Allerhöchsten, beispielsmäßig nur, um als einfaches Veilchen im verborgenen und stillen zu blühen. Aber ich denke« – und er tupfte sich wieder mit seinem karmoisinroten, gemusterten Schnupftuch gegen die Schläfen – »der Himmel wird's lohnen, und wenn es sein könnte, Hochwürden ... im Liboriusboten so'n kleiner Vermerk ... wenn möglich auch so'n schlichter Hinweis von der Kanzel herunter ... und dann, ehrwürdiger Herr: die Kirche als solche wird ein übriges tun und die bescheidene, wenn auch nicht unbeträchtliche Schenkung in ihren Annalen vermerken. Sonst gar nichts, ich ersuche darum, sonst gar nichts, Hochwürden ...« und Herr François machte dazu eine Bewegung, als sei ihm jede Anerkennung eine harte Nuß und ein Greuel vor dem Herrn. »Gut denn,« sagte der Dechant mit dem fidelsten Gesicht von der Welt, »was in meinen Kräften steht, soll geschehen, Ihre Wünsche zu fördern und in Erfüllung zu bringen, und nochmals gesagt: im Namen der ganzen Gemeinde ...« Herr Türlütt winkte verschämt ab. »Keine Ursache. Nichts zu danken, absolut nichts zu danken. Alles ist mit kindlichem Herzen und in gläubiger Einfalt dargebracht worden, aber wenn ich bitten dürfte, Hochwürden ... diese Trockenheit im Halse ... dieses ewige Sprechen ... wenn ich vielleicht 'nen Schluck Apollinaris ...« Er schöpfte tief Atem und kreiste mit dem dicken Zeigefinger etliche Male um den Kragen herum. »Das könnte nicht schaden, Herr Dechant.« »'ne Apollinaris?! Seit wann denn, Herr Türlütt?« »Seit immer, Hochwürden. Wenigstens, ich kann mich kaum noch erinnern ... es sei denn ...« »Herr Türlütt ...!« Der Zeigefinger des geistlichen Herrn hob sich verwarnend. Da streckte François beschwörend die Hand aus. »So wahr mir Gott helfe, so wahr die Mutter Gottes von Kevelaer ... und nur in ganz besonderen Fällen ...« »Wie wär's denn mit 'nem Fläschchen Mosel oder 'nem Gläschen Tokaier?« Über das Antlitz des würdigen Mannes breitete sich ein seliger Abglanz. »Beispielsmäßig, nur um Ihnen Gesellschaft zu leisten ... abgemacht denn, also ein Gläschen Tokaier.« »Optime!« nickte der Dechant. »Setzen wir uns. Ich habe doch noch 'ne kleine Angelegenheit mit Ihnen zu besprechen, möchte Ihre Ansicht hören, um nicht direkt ins Dunkle zu tappen. Sie müssen mir Ihre kostbare Zeit schon verehren.« »Aber natürlich, äußerst verbunden, über alles Erwarten ...« und damit drückte sich der Biedermann in eine gemütliche Sofaecke, schlug sein kurzes Beingestell übereinander, und als bald darauf die Flasche Tokaier erschien, die Gläser gegeneinander klingelten und dann niedergestellt wurden, da fragte er etwas verloren über den Tisch fort: »Nun, Herr Dechant, Sie wollten ja doch ... was ist das denn für 'ne niedliche Sache, Hochwürden?« »Ja so!« meinte ten Hompel und warf einen raschen Blick auf die Stutzuhr, die fixbeinig von einer Porzellankonsole herunterpinkte. »Gleich vier! Bald müssen sie kommen ... und Ihnen zur Kenntnis: ich habe da so 'ne dumme Geschichte, so 'ne mißliche Kontroverse zwischen Herrn Remmelmann und dem Kirchenrendanten zu schlichten, die mir, offen gestanden, ein gewisses Unbehagen bereitet.« »Hm!« meinte Herr Türlütt, »also 'ne delikate Affäre?« »Ich kann es nicht leugnen. Auch Sie hörten davon?« »Nur flüchtig, Hochwürden, beispielsmäßig, nur so ganz aus dem Versteckten heraus, ohne jede Begründung; denn ich habe immer die Regel beherzigt: Kehre nicht vor andermanns Türen; das mögen die Betreffenden selber besorgen.« »Ein trefflicher Grundsatz. Ihrem Seelsorger gegenüber könnten Sie jedoch eine Ausnahme machen.« Herr François nickte. »Dann möchte ich mich nach Stina Birgels erkundigen. Kennen Sie diese, ich meine: sind Sie orientiert über ihren Leumund, über ihr Betragen in und außer dem Hause? Die Ansicht eines unparteiischen Mannes wäre mir wichtig und könnte vieles dazu beitragen, die verfahrene Geschichte aus der Welt zu schaffen.« Herr Türlütt grübelte nach. Die Frage schien nicht so ganz für seine Stimmung geeignet. Hasenrein war er, aber warum diese Zumutung? Gutachten, Zeugenaussagen und ähnlichen Dingen ging er gern aus dem Wege. Sie lagen ihm nicht und waren ihm von jeher zuwider gewesen. Und daher: er schien um eine richtige Antwort verlegen. »Nun, Herr Türlütt?« fragte Hochwürden. »Gott, ja!« mit diesen Worten suchte sich der prächtige Herr aus der ihm gelegten Schlinge zuziehen, »wie man die Leute so kennt. Natürlich, Herr Dechant, natürlich! Gegen das Mädchen ist eigentlich gar nichts zu sagen. Brav, sehr brav; nur so'n bißchen üppig veranlagt.« »Was verstehen Sie eigentlich unter ›üppig veranlagt‹?« fragte ten Hompel mit feiner und sachlicher Betonung jedes einzelnen Wortes. »Um Vergebung, Hochwürden – sie ist etwas forsch in der Bluse.« »Sonst nichts?« »Daß ich nicht wüßte.« »Sie vertreten also die Ansicht: Fräulein Birgels ist nicht ähnlich belastet wie das Weib des Potiphar, von dem uns das erste Buch Mose berichtet?« Ein heftiges Klingeln ersparte dem in die Enge Getriebenen die heikle Antwort. Mit einem offensichtlichen Glücksgefühl ergriff er sein Gläschen, leerte den Rest und sagte: »Da wären sie ja; nun kann ich mich wohl empfehlen, Hochwürden?« »Empfehlen?! Warum denn?« »Gott, ja! – es wird schließlich 'ne peinliche Sache.« »Im Gegenteil. Bleiben Sie ruhig. Die von Herrn Publius Ovidius Naso niedergelegten ›Remedia amoris‹ werden Sie fraglos interessieren.« »Gewiß, gewiß!« konstatierte Herr Türlütt mit dem Brustton der Überzeugung, obgleich er vom Lateinischen und dem Dasein des angeführten Publius Ovidius Naso soviel wußte wie ein prämiierter Deckbulle vom Zitherschlagen, »aber ich möchte nicht gerne ...« »Nur keine Ausflüchte,« scherzte der Dechant still vor sich hin. »Ihr Leumundszeugnis dürfte die Sachlage wesentlich klären. Kurz, es wäre mir lieb, wenn Sie blieben.« Mitdem erschien auch bereits das ausgemergelte Gesicht der ›ehrwürdigen Mutter‹ im Türspalt. »Schon gut, Karoline. Ich lasse bitten, aber die beiden Herren zuerst,« und damit traten denn auch die Gebetenen, ohne Stina Birgels, ins Zimmer – Herr Remmelmann etwas verweht und mit einem nicht ganz bakterienfreien Gewissen, Herr von Klotz wie ein aufgeschirrter Postgaul, aber mit Spat und Mauke behaftet, total in Schwarz gekleidet und den fuchsigen Zylinder wie eine Opferschale vor sich hertragend. Als er seinen Schwager bemerkte, machte er ein Gesicht, als wenn er sagen wollte: »Nanu, wer hat denn diesen Zöllner gebeten?« Der Marabukopf geriet dabei in ein vielsagendes und bedenkliches Schaukeln. Der Dechant klärte ihn auf, ersuchte die Herren Platz zu nehmen und sagte: »Ihrem Wunsche gemäß habe ich Sie auf diesen neutralen Boden beschieden, von dem christlichen Drange beseelt, die an und für sich unliebsame Angelegenheit in befriedigender Weise zu ordnen und ihr, wenn möglich, den kränkenden Stachel zu nehmen. Im großen und ganzen und abgesehen von nichtssagenden Einzelheiten ist mir der Kausalnexus bekannt ... und in Anbetracht nun, daß Sie, mein hochverehrter Kirchenrendant, und Sie, Herr Remmelmann, sich bisher als Freunde gerierten, gute Nachbarschaft hielten und das Revolutionsfest noch gemeinsam und in fröhlichster Stimmung begingen, gebe ich mich der Hoffnung hin, daß wir, ohne die species facti zu berühren, den eingestürzten Versöhnungs- und Friedenstempel wieder aufbauen können.« Nöllecke nickte zu diesen Auslassungen. Herr Türlütt, dem seltsamerweise der Angstschweiß aus allen Poren sickerte, atmete auf und unterstrich die Worte des geistlichen Herrn mit einem befreienden Grunzen. Anatole jedoch machte ein kritisches Gesicht, stellte den Hut auf seine stocksteifen Knie und fühlte sich wieder in seiner Doppelrolle: halb Oberst a.D., halb Verkäufer in einem Sargmagazin. Im übrigen gab er keine Willensäußerung von sich. Er saß da wie eine erfrorene Memnonsäule und bemühte sich ausschließlich, rasiermesserscharfen Blickes ein Loch in den Deckel seines Zylinders zu schneiden. Petrikettenfeier ten Hompel fuhr fort: »Meine Herren! Ich habe vor etlichen Tagen wieder einmal die beherzigenswerte Geschichte des Tom Jones von Fielding gelesen. In diesem klassischen Buch traf ich auf folgende Stelle: Ich habe keine Schuld an der Verführung der Unschuld. Ich habe nichts getan, was diejenigen, welche nach den Regeln des Rechtes urteilen, verdammen werden. Die Schicklichkeit wird beherrscht von der Natur der Dinge und nicht von Gebräuchen, Formen oder Statuten. Nichts ist in der Welt unschicklich, was nicht unnatürlich ist. So Fielding.« »Großartiger Mann!« konstatierte Herr Türlütt und lehnte sich erleichtert in seine Sofaecke zurück, als wäre hiermit die gewünschte Lösung gefunden. »Ich denke daher,« ergänzte der Dechant, »Herr Türlütt mit seinem Stoßseufzer und besagter britischer Autor mit seiner Weltweisheit haben uns aus der Seele gesprochen, und ich mache somit den opportunen und dringlichen Vorschlag, das Geschehene, was es auch sein mag, ruhen zu lassen, den Efeu des Vergessens darüber zu spinnen, Fräulein Stina Birgels ein freundliches, begütigendes Wörtchen zu geben und die Herren Interessenten, Sie, Herr Remmelmann als Beklagten, und Sie, Herr Baron, als Vertreter der Klägerin, aufzufordern, sich die Hände zu reichen und das Kriegsbeil ruhen zu lassen. Auf diese Weise ist beiden Parteien geholfen, eine unangenehme Auseinandersetzung vermieden und wieder Friede im Kirchspiel. Sapienti sat! denn wir wollen uns den Spruch: Quae medicamenta non sanant, ferrum sanat , nicht zu eigen machen. Wir können Arzeneien und das Messer entbehren. Der gute Wille allein reicht aus, zu einem gedeihlichen Ende zu kommen. Und das heißt Versöhnung.« »Bravo!« Herr François Türlütt strahlte; Zentnergewichte waren ihm von den Schultern gefallen. Auch Herr Remmelmann schien sichtlich erleichtert, erklärte sich einverstanden mit dem salomonischen Vorschlag und machte Miene, seine Männerbrust an die des eremitierten Steuerempfängers zu drücken. Eine köstliche Wolke von seltenen Spezereien umgab ihn. Herr Anatole aber ... »Distanz, meine Herren!« Seine Äugelchen blitzten. Er fühlte sich wie ein Geront in der Gerusia, räusperte sich etliche Male und streckte die Hand mit dem fuchsigen Zylinder gebieterisch von sich. »Hochwürden, meine Herren!« also begann er. »Alles, was Sie wollen, nur keine Versöhnung; denn wäre sie möglich, ich wäre der erste, der sagen würde: Seid umschlungen, Millionen, diesen Kuß der ganzen Welt! Aber es geht nicht, es wäre ein Unding, eine Beugung des Rechts und die Prämiierung des Angriffs auf die weibliche Schamhaftigkeit. Herr Remmelmann ist mir von jeher ein lieber Freund, ein teurer Skat- und Kegelbruder gewesen. Das bin ich ihm schuldig zu sagen. Aber ich fühle mich auch verpflichtet, ihm die Erklärung zu geben, daß weder das Ansehen der Person, noch freundschaftliche Beziehungen mich veranlassen werden, der Trägerin des Gesetzes in die Arme zu fallen. Fiat justitia, pereat mundus! Distanz, meine Herren! Mein mir überkommenes Mandat lautet kurz und bestimmt, ist sakrosankt und dringlich wie der kategorische Imperativ, und meine Mandantin dringt unter allen Umständen darauf, ihre weibliche Ehre neu zu vergolden und dem Recht eine Gasse zu bahnen.« »Und das ist Ihr letztes Wort, Herr Kirchenrendant?« fragte der Dechant. »Mein letztes. Ich will 'ne präzise und nette Behandlung der Sache.« »Und Sie, Herr Baron, gedenken in eigener Person die Klägerin zu vertreten?« »Ich bin dazu willens, Hochwürden.« » Semper idem ,« konstatierte der Dechant und gab ein Klingelzeichen, und keine Minute verging, da zeigte sich das Antlitz der ›ehrwürdigen Mutter‹ wieder im Türspalt. »Stina Birgels soll kommen,« gebot der Gerichtsherr, ergriff ein Lineal, das neben ihm lag, und klopfte damit in die geöffnete Linke. Herr Türlütt saß in seiner Sofaecke und sah sich um wie der Lohgerber Meier Salm in der Oberen Bachstraße, wenn ihm die Felle auf und davonschwammen. Warum – wußte niemand. Aber es war so, während Herr Remmelmann stärker apothekerte, aber nicht nach köstlichen Essenzen und Spezereien, sondern mehr nach den Ingredienzien einer Gar- und Hexenküche, wobei er ein eigentümliches Interesse für die saubere Tapete verriet und die einzelnen Muster zählte, ohne damit zu Rande zu kommen und seinen Gleichmut wiederzufinden. Er war total aus dem Einband. Und Stina erschien ... zuerst ihre zartaufgebügelte Bluse mit Inhalt, hierauf der nicht unbeträchtliche Rest ihres übrigen Körpers. Sie erschien eigentlich nicht, wankte vielmehr mit einem schmerzlichen Blick auf Herrn Remmelmann und einem weißen Tränentüchlein ins Zimmer, was den Herrn Mandatar veranlaßte, der Fassungslosen beizuspringen und ihr behilflich zu sein, einen Stuhl zu erreichen. »Ist Ihnen unwohl, Charlotte?« Sie lächelte bittersüß, schüttelte aber kaum wahrnehmbar den Kopf und entnahm ihrem Muff ein Riechfläschchen, um es schluchzend an die Nase zu führen. Der Dechant setzte sein Lineal wieder in Bewegung und sagte: »Da meine Ermahnungen zur Versöhnung und die hier zur Verhandlung stehenden Dinge durch einen Vergleich aus der Welt zu schaffen sich bei der einen Partei keiner Gegenliebe erfreuten, so fühle ich mich zu meinem größten Leidwesen genötigt, in medias res zu steigen und dem klägerischen Ansuchen Folge zu geben. – Stina Birgels,« fragte er hierauf, »Sie wollen also unter allen Umständen die Durchführung Ihrer vermeintlichen Rechte?« »Mynheer Baron wird das Nötige sagen,« flüsterte Stina und nutzte die Gelegenheit aus, ihr Taschentuch gegen die Lippen zu drücken. »Jawohl,« pflichtete ihr Anatole bei. »Dann möchte ich Sie ersuchen, Ihre Erklärung abzugeben.« Der Herr Kirchenrendant erhob sich, streckte den Gänsehals und stützte den Deckel seines Zylinders gegen die Korkzieherhose. Er berichtete zuerst von dem Leben seiner Klientin in und außer dem Hause, kam auf ihre Jugend zu sprechen und wie er sie als lebhaftes, fröhliches, aber sittenreines Mädchen in seine Dienste genommen. Sie sei ordentlich bis in die Pantoffeln hinein, gehöre der Jungfernschaft ›Zur ewigen Anbetung‹ an, halte regelmäßig ihre österliche Zeit und besuche gewissenhaft die Frühmesse oder das Hochamt. Daß sie ab und zu den Tanzboden frequentiere, sei nicht weiter verwunderlich, das gehöre zur Natur der niederrheinischen Leute und sei ein überkommenes Vermächtnis von alters her und somit berechtigt. Kirmes, Karussell und Tanzboden lägen den hiesigen Menschen nun einmal im Blut, und jeder solle sich hüten, ihnen hieraus einen verderblichen Strick drehen zu wollen. Außerdem: Charlotte, vulgo Stina, verstehe zu kochen, sei häuslich veranlagt und daher wohlgeeignet, das verwahrloste Anwesen eines Junggesellen – hierbei warf er einen bitterkalten Blick auf Herrn Remmelmann – wieder auf seine ursprüngliche Höhe zu bringen und den Vorstand selber zu einem beneidenswerten Gatten zu machen. Fräulein Stina sei eben prädestiniert für Ehe und Mutterschaft. »Aber was geschah, meine Herren?« fuhr Herr Anatole mit erhobener Stimme fort, indem er seinen Zylinder hob, um ihn feierlichst sinken zu lassen. »Ja, was geschah, meine Herren?!« Bei diesen Worten schluchzte Stina so wehmütig auf, daß der Anwalt den Faden verlor und Herr Türlütt wähnte, ein siebenfältiges Schwert würde ihm durch den Busen gestoßen. Diese Pause benutzte der Herr Dechant dazu, nochmals einen Versöhnungsversuch zu riskieren, sich an die Parteien zu wenden und sie zu fragen, ob sie vielleicht doch noch geneigt wären, unter billigen Zugeständnissen sich wechselseitig mit der versöhnenden Hand zu beglücken. »Ja!« seufzte denn auch Herr Remmelmann und glaubte, die rettende Planke gefunden zu haben. »Und Sie, Fräulein Stina?« »Nein,« sagte diese. Sie wolle aufs Ganze; denn sie habe ebensogut wie die vornehmen Damen ihre reputierliche Ehre, habe zweitausend preußische Kronentaler gespart und dürfe nicht zugeben, daß die Apotheke in andere weibliche Hände gelange. Man könne die Sache doch gütlich verhandeln, meinte der Dechant. Davon sei gar keine Rede. Entweder oder. Ein Eheversprechen sei nun mal ein Eheversprechen, und sie gäbe nicht eher Ruhe und Frieden, bis es ihr vergönnt sei, in einem weißseidenen Kleid und 'nen richtiggehenden Myrtenkranz in die Kirche zu treten. Das wäre aber ein hartes Verlangen, das sich schwerlich verwirklichen ließe. Sie bestände trotzdem auf ihrem Schein; das übrige würde sich finden, gab sie zur Antwort und begann wieder zu flennen. Herr Remmelmann war dem Umfallen nahe. Bedrohlich ballte sich ihm zu Häupten ein schlimmes Wetter. Er hatte das Gefühl, als brächten ihm die Bremer Stadtmusikanten eine Ovation, bliesen aber zu seinem Entsetzen das Blaue vom Himmel herunter. »Teufel, Teufel!« sagte er bedrückt vor sich hin, »es ist nicht wohlgetan, eines Bären Tatze und eines Weibes Strumpfband lieb zu gewinnen; denn es hat Leid im Gefolge,« und er wäre dem Satan dankbar gewesen, hätte er ihn wie Doktor Faustus auf seinem Mantel durch die Lüfte gewirbelt. Man konnte eine Stecknadel fallen hören, so still war es mittlerweile geworden. Da keine Einigung zu erzielen war, Petrikettenfeier auf beschleunigte Handlung drängte, so sprach Herr Anatole weiter; denn er hatte inzwischen den verlorenen Faden wiedergefunden. »Ja, was geschah, meine Herren?! Es war am Tage vor dem Revolutionsfest. Die Luft war voller Eiskristalle und die Kälte zu einem ungemütlichen Spitz geworden, als die Klägerin noch in selbstloser Weise ausging, um für die herzurichtende Punschbowle Pomeranzen zu holen. Meine Herren, ich betone das Wort ›Pomeranzen‹«, eine Unterstreichung, die abermals den Grund dazu legte, Stina heftig aufschluchzen zu lassen, und ihr gebot, das Riechfläschchen in Bewegung zu setzen. »Ja, meine Herren, Pomeranzen sollte sie holen, mir zuliebe und den hohen Gästen zur Freude. Und da frage ich Sie, wo waren diese edlen Früchte zu haben? Pomeranzen, meine Herren, gibt es in hiesiger Stadt- und Kirchengemeinde nur in einem einzigen Hause. Und dieses Haus ist nicht schwer zu finden, trägt ein Einhorn als Wappen- und Schildtier ... und dort, meine Herren« – und er streckte die Hand aus, daß die rechte Manschette wieder wie ein Rebhuhn abschnurren wollte, und deutete auf den unglückseligen Apothekenbesitzer – »und dort, meine Herren, wagt der Mann zu sitzen, der sich unterfing, statt, wie es billig gewesen wäre, ihr sofort die gewünschten Pomeranzen zu geben, meine schwergeprüfte Klientin, wahrscheinlich veranlaßt durch ihre nicht gewöhnlichen Reize, in sein Kontörchen zu komplimentieren – und zwar mit nicht wiederzugebenden Koseworten und dem lämmelhaften Gesichtsausdruck eines schuldlosen Mannes. Meine Herren, ich lege auf das Wörtchen ›Kontörchen ‹ einen ganz besondern Nachdruck« – bei welcher Wendung Stina ihr Züngelchen spielen ließ und katzenartig ihre Lippen beleckte – »denn eben in diesem Kontörchen haben wir die heimliche und verschwiegene Stätte zu suchen, wo sich das Drama des Eheversprechens abspielte – abspielte in krassester Form und mit allen Schikanen.« Hier machte Herr Anatole eine Kunstpause, um den Eindruck des bisher Gesagten studieren zu können. Herr Türlütt kam sich vor wie eine alte Kienholzkommode, die Terpentin von sich gab und in allen Fugen und Gelenken ächzte und knackte, weshalb der Gerichtsherr ihn fragte, welche Ursache er habe, solche Teilnahme und solchen Schmerz zu bekunden, worauf Herr Türlütt versetzte: »Gar keine, Hochwürden, absolut gar keine,« während Herr Remmelmann sich merkwürdig ruhig verhielt, nachzudenken schien und auf das Summeln der Vesperglocke hörte, die, ohne die geringste Notiz von dem feierlichen Akt zu nehmen, ganz unvermittelt in die Sitzung hineinplauderte. Der Herr Mandatar nahm wieder das Wort auf. »Meine Herren, behalten Sie das verschwiegene Kontörchen im Auge, und das nicht allein ... Beklagter befand sich in diesem Kontörchen im Schlafrock, oder, Herr Remmelmann« – und Anatole warf einen vernichtenden Blick auf den gemarterten Delinquenten – »wollen Sie etwa die kühne und vage Behauptung aufstellen, Sie hätten sich in fraglicher Stunde nicht in Ihrem Schlafrock befunden?« – Hier hielt es Stina für passend, in eine kleine Ohnmacht zu fallen, die der Redner durch ein Glas Wasser und gütigen Zuspruch behob, worauf er wieder fortfuhr: »Ja, das scheinen Sie offenbar abstreiten und als leichtfertige Hypothese meinerseits festnageln zu wollen. Da muß ich aber bitten, mein Lieber! Wie können Sie nur einen solchen Gedanken erwägen? Wie können Sie nur! Da bleibt mir nichts weiter übrig, als Ihnen blank vor die Stirne zu sagen: Ja, Sie haben sich wohl im Schlafrock befunden, haben mit ihm das ahnungslose Mädchen umgarnt, sie an sich gezogen und ihre, wie ich schon oben bemerkte, nicht gewöhnlichen weiblichen Reize bewundert, und das, meine Herren« – und abermals hob sich der fuchsrote Zylinder in getragener Weise – »und das, meine Herren, ist einem mündlich abgegebenen Eheversprechen gleichwertig an die Seite zu stellen. – Hm, hm! – was wäre noch weiter, Charlotte?« Stina seufzte bewegt auf. »Ach, Herr Baron,« sagte sie verschämt vor sich hin, »das noch mit die Angorakarnickels.« »Ja, das mit den Angorakaninchen! – Herr Remmelmann, Sie fahren schmerzlich zusammen. Warum fahren Sie bei der Erwähnung dieses gravierenden Umstandes schmerzlich zusammen? Distanz, meine Herren! Um dies zu begreifen, muß ich folgendes ausführen. Wie Sie alle wissen, hat der Angeschuldigte in Beziehung auf diese Nagegeschöpfe von Jugend an bis auf die heutigen Tage stets ein seltsames, warmblütiges, ja, man kann wohl behaupten, ein menschenfreundliches Interesse bekundet. Seine von ihm aufgestellte Theorie von der Paarungshygiene dieser lichtscheuen Tierchen ist in Allerwelts Munde. Oder, mein Bester, wollen Sie mir auch dieses bestreiten? Wollen Sie mir auch hier in die Parade fahren und sagen: Ich habe mit den Angorakaninchen gar nichts gemeinsam? Können Sie auf Ihren Eid nehmen und im Hinblick auf ihr dereinstiges Sterben kühnlich behaupten: Ich habe mich der Klägerin gegenüber nicht des Gleichnisses vom Rammler und von der Häsin bedient, niemals von dem Wunder der Offenbarung zwischen den Angorakaninchen gesprochen? Wollen Sie ferner die Substantialität des Seelenwärmers, der die junonischen Formen des jugendlichen Weibes umhüllte, kurzerhand abstreiten und sagen: Ich bin schuldlos und niemals mit ihm in Berührung gekommen? Nein, das können Sie nicht, das werden Sie niemals können im Leben – und aus diesem Grunde: Distanz, meine Herren! – denn aus dem Gleichnis mit den Angorakaninchen und dem intimen Spiel mit dem Seelenwärmer bin ich vollauf berechtigt, einen neuen Beweis für das getätigte Eheversprechen zu finden. Da braucht's keiner Worte. Die Tat als solche sagt alles.« »Und dann noch das mit's Ewaldikegeln und mit die Skatrotunden!« klagte und wimmerte Stina dazwischen. »Richtig, Charlotte! – Und wenn Sie, Herr Remmelmann, sich einer diesbezüglich gewünschten Aussprache durch Ihr leider viel zu oft betriebenes Skatspiel und durch das Ewaldikegeln, wo sie eine dreihundertpfündige Weihnachtssau als Prämie ausgesetzt hatten, schnöderweise und unter verächtlicher Beihilfe des Herrn Gummerich zu entziehen gedachten – so sind das faule Fische, Herr Nöllecke Remmelmann, ganz faule Fische. Aber es hilft Ihnen nichts. Sie sind heilig verpflichtet, ein schuldloses Mädchen und langjähriges Mitglied des Kirchenchores, der ›Ewigen Anbetung‹ und des ›Lebendigen Rosenkranzes‹, eine bis dato ungeknickte Jungfer zu ehelichen, sie zu einer Frau Apothekenbesitzerin zu erheben und wieder ehrlich zu machen.« »Und das mit 'nem richtigen Brautkranz,« rief Stina energisch und hatte sich von den Binsen erhoben. Das war des Guten zu viel für Nöllecke Remmelmann. Sein Burgundergesicht war noch burgunderhafter geworden. Wie von einer Tarantel gestochen war er in die Höhe gefahren. »Meine Herren, Herr Dechant! – ein schuldloses Mädchen ...?!« »Ja, ein schuldloses Mädchen.« Flammenden Auges trat ihm der Kirchenrendant und Freiherr entgegen. »Zweifeln Sie noch? Sind Ihnen die vorgebrachten Gründe noch immer nicht ausreichend? Soll ich neue zitieren? Sie stehen zu Diensten. Ich bin gerne erbötig. Distanz, meine Herren ...!« »Dann allerdings,« und Nöllecke blitzte und funkelte wie einer, der sein letztes verteidigen wollte und mußte, »ja; dann allerdings bin ich genötigt, zu sprechen. Ich hätte geschwiegen, Teufel, Teufel! ich hätte geschwiegen aus Liebe dem weiblichen Geschlecht gegenüber, geschwiegen, als hätte ich 'ne Portion Brechnuß gegessen. Semen Strychni , meine Verehrten! Aber jeder ist sich selber der Nächste ... und daher frage ich Sie, Fräulein Stina: Denken Sie noch an die Wisseler Kirmes? Wissen Sie noch, daß ich mit einem andern, der hier anwesend ist, da war? Mit wem sind Sie damals unauffällig verschwunden? Mit wem sind Sie damals in die Korngassen gegangen, ganz verloren und heimlich, um spurlos unterzutauchen? Und wenn Sie diese Fragen zu Ihren Gunsten beantworten können, wenn Sie sich in dieser Beziehung als harmlos auszuweisen vermögen, dann kommen Sie wieder. Und nun zu Ihnen, mein lieber Baron. Ja, wenn Sie, Herr Anatole von Klotz, Nachfahre des großen Anacharsis, Freiherr, Kirchenrendant und gewesener königlich preußischer Steuerempfänger, mich als willenloses Treibholz zu verschleißen gedenken, so sind Sie im Irrtum. Bitte, wenden Sie sich an einen andern. Er ist nicht schwer hier zu finden.« Da war es ganz plötzlich, als wäre ein Totengräber durchs Zimmer gegangen. Herr Türlütt lag bleich in der Ecke. Er wähnte, den letzten Tag zu erleben und die Posaune des Jüngsten Gerichtes zu hören. Die Stille hielt an, und diese Stille benutzte das »schuldlose Mädchen«, sich ganz unauffällig und kaum wahrnehmbar auf die Socken zu machen. Wie eine Federdaune war sie auf und davon und fortgewischt worden. Von Stina Birgels, vulgo Charlotte Corday, von ihren Plänen, Hoffnungen und Ansprüchen war nichts mehr übrig geblieben. Doch der, dem es zugedacht war, den schwersten Tag seines Lebens durchkosten zu müssen: Herr Nöllecke Remmelmann zeigte keine Lust, sich in Wohlgefallen aufzulösen und still zu verduften. Er blieb, wo er war, sah sich triumphierend um und apothekerte stärker. Eine schier undurchdringliche Wolke von Weihrauch hüllte ihn ein. Verschiedene Nardendüfte rangen sich aus ihr los, besonders der Ruch nach Succus liquiritiae calbreae concisae , um sich in sanften Schleiern über Gerechte und Ungerechte zu verbreiten. Der Pfarrer erhob sich, schritt etliche Male über den Teppich, blieb hierauf stehen und besah sich mit scheinbar größtem Interesse seine silbernen Schnallen. Dann hob er den Kopf und gewahrte nur ernste Gesichter. Gleich darauf trat er dicht an Herrn von Klotz heran und machte sich an einem von dessen Gehrockknöpfen zu schaffen. »Nun, Herr Kirchenrendant ...?« fragte er gütig. Fassungslos machte dieser eine wehe Bewegung mit Hand und Zylinder und zog seinen Kopf wie ein Storch zwischen den Kragen. »Ich bin sprachlos, Hochwürden.« »Das kann ich mir denken.« »Und Sie, mein verehrter Herr Türlütt ...?« »Ich?« fragte dieser aus schwüler Betäubung. »Ja, Sie,« meinte der Dechant. »Ich bitte um Schweigen,« lallte Herr Türlütt. »Also – wollen wir schweigen und diese Stunde begraben,« sagte der Dechant, »aber ich möchte bei dieser Gelegenheit noch einmal den geistreichen Fielding zitieren. Irgendwo sagt er: Klugheit und Vorsicht bedarf auch selbst der beste Mensch. Sie sind gleichsam eine Schutzwacht der Tugend, die ohne diese nie sicher ist. Also seien wir für die Zukunft klug und bedächtig, auf daß wir durch eine köstliche Dummheit keinen Schaden erleiden. Das geht auf Sie, Herr Nöllecke Remmelmann, und auf Sie, mein verehrter Herr Türlütt. Und Ihnen, mein sittenstrenger, wenn auch etwas übereifriger Herr Kirchenrendant, dürfte ein Ausspruch ebendesselben unsterblichen Autors zum Nutzen gereichen; denn in der bereits erwähnten Geschichte des Tom Jones gibt er folgende Lehre: Wenn die Kinder nichts tun, so machen sie Unfug. Ich will diese Sentenz nicht auf den schönsten Teil der Schöpfung ausgedehnt wissen, soviel aber wird mir zu bemerken gestattet sein, daß, wenn die Wirkungen weiblicher Eitelkeit nicht offen in ihren eigentlichen Farben der Wut erscheinen, wir mutmaßen dürfen, diese verderbliche Leidenschaft wirke im stillen und versuche das zu untergraben, was sie über dem Boden nicht anzugreifen wagt. So weit Herr Fielding. – In diesem Falle denke ich an die Unschuld vom Lande, an Ihre Klientin, Herr Kirchenrendant. Tragen Sie Sorge, daß ihre Veranlagung sich nicht im stillen weiter verbreitet und wie ein Maulwurf, den die Naturkundigen mit dem lateinischen Namen Talpa europaea , bezeichnen, wühlt und gräbt und die Eintracht in meinem Kirchensprengel gefährdet. Ihr blinder Eifer, mein Lieber, war ehrlich bemüht und fleißig dabei, große Wirrnis zu schaffen. Mögen wir lernen! – Und nun, meine Herren, um den gesäten Drachenzähnen ihre Keimkraft zu nehmen, mache ich folgenden Vorschlag: Sie, Herr Türlütt, haben in Ihrer Eigenschaft als Wisseler Kirmes- und heimlicher Kornfeldbesucher vieles zu sühnen. Ich erkenne gern an und mache es hiermit bekannt: hochherzigen Sinnes haben Sie neunhundert Taler für die Wiederherstellung des Schreines zu den Sieben Schmerzen Maria gestiftet. Machen Sie die tausend voll, greifen Sie tiefer in Ihren Beutel hinein, und ich werde die Worte sprechen: Absolvo te , auf daß es Ihnen gut gehen möge fortan und Sie keine Kornfeldgedanken mehr hegen. Was an der Totalsumme noch fehlt, werde ich mir anderweitig besorgen.« »Tausend Taler! – Natürlich, natürlich! – Tausend Taler, Hochwürden l« Der alte Adam fiel dem Antilopengesicht vom Leibe herunter. Er fühlte sich wie neugeboren und weinte diese neue Geburt beseligt in sein karmoisinrotes Schnupftuch hinein. » Ut Deus bene vertat ,« sagte der Dechant. »Und nun zu Ihnen, Herr Remmelmann, zu Ihnen, dem Präsidenten des Kegelklubs und dem Verfechter der Paarungstheorie für Karnickel und ähnliche Nager. Auch Sie dürften ein übriges tun, und wenn Sie sich entschließen könnten, der gekränkten Unschuld ein neues Foulardkleid über die etwas ›reichhaltigen und nicht gewöhnlichen Reize‹ zu streifen, außerdem für Ihr eigenes Seelenheil eine heilige Messe lesen zu lassen, so wäre ich nicht abgeneigt, auch Ihnen Absolution zu erteilen. Also, Herr Remmelmann ...?« Und Herr Remmelmann nickte und duftete stärker. »Dann danke ich den Herren, gebiete über die Verhandlung allgemeines Schweigen und schließe die Sitzung. Nur Sie, Herr Kirchenrendant, möchte ich noch einen Augenblick sprechen,« und als die Tür sich hinter den Entlassenen schloß, trat der Dechant an seine Schreibtischkommode, entnahm ihr eine Zeitschrift und deutete auf einen mit Rotstift umrahmten Artikel. »Die Post schneite mir diese fatale Sache ins Haus – ein Heft der ›Monatsberichte für bildende Kunst‹ mit Berücksichtigung verwandter Wissenschaften, wie Archäologie, Numismatik, Paläographie und Heraldik – wahrscheinlich veranlaßt durch die fürsorgliche Liebenswürdigkeit Ihres Herrn Sohnes.« »Hm, hm!« machte der Alte. »Und wenn ich Ihnen nun sage, Herr Kirchenrendant, daß in diesem gehässigen Machwert ...« »Machwerk, Hochwürden?!« »Jawohl, gehässiges Machwerk, Herr Kirchenrendant, ein Pamphlet verderblichster Sorte, gerichtet gegen mich und den Wunsch, den Schrein zu den Sieben Schmerzen Maria durch eine hiesige Künstlerin vor dem Verderben schützen zu lassen. Alles atmet in den niedergelegten Zeilen Verkennung der Dinge, und die Sucht ist augenfällig, mein Bestreben lächerlich zu machen und an den Pranger zu stellen. Das berührt mich nicht weiter; denn ich bin gefestigt gegen derartige Entstellungen und Anrempeleien, aber ich empfinde es bitter, daß ein ehemaliges Mitglied meiner Pfarrei, das zu den schönsten Hoffnungen berechtigte, sich so weit vergessen und erniedrigen konnte. Allerdings, nach Ihrem sogenannten Revolutionsfest habe ich mir über den jungen Mann eine andere Ansicht gebildet, und was er jetzt für erforderlich hält, in Druckerschwärze der Welt zu verkünden, verrät eine derartig inferiore Gesinnung, daß ich mich gezwungen sehe, mich ihm gegenüber Ihres Wortes zu bedienen: Distanz, mein Herr ... ich habe keinen Konnex mehr mit Ihnen. Wollen Sie ihm dies übermitteln.« Anatole protestierte mit einer kurzen Handbewegung. »Aber Hochwürden ...!« »Ich habe nichts mehr zu sagen. Im übrigen: Sie und ich, mein hochverehrter Herr Kirchenrendant, wir bleiben die Alten.« Nach einer freundlichen Verbeugung trat er ans Fenster und sah auf die Straße, wo die Laternen bereits angesteckt wurden. Als er sich wandte, fand er sich allein in seinem Arbeitszimmer, das bald darauf eine angenehme Helle durchstrahlte. – Zwei Stunden später ... Das Wetter hatte sich völlig aufgeklärt. Eine straffe Hand wischte auch die letzten Regen- und Graupelwolken aus der Landschaft heraus. Eine herzerfrischende Kälte griff Platz, und vereinzelte Sterne hingen am Himmel. Da war es, als an der Dechanei nochmals die Klingel ertönte, und als Herr Petrikettenfeier ten Hompel den angemeldeten Besuch zu sich bitten ließ, glitt Johanna Douwermann, bleich und von einer stillen Würde getragen, ins Zimmer. Freudig bewegt trat er auf sie zu. »Mein Gott, Fräulein Douwermann! – ich seh's Ihnen an, Sie sind die Trägerin einer willkommenen Botschaft.« »Mögen Sie es so nennen, Hochwürden. Zwar bestehen bei mir immer noch berechtigte Zweifel; ich hoffe jedoch, sie im Laufe der Tage überwinden zu können. Jedenfalls – den Zwiespalt, der mich bedrängte, habe ich beiseite geschoben, und wenn Sie meine verspätete Antwort noch in Gnaden aufnehmen wollen – ich fühle mich stark genug, das mir übertragene Werk zu einem glücklichen Abschluß zu bringen.« Der Dechant hatte ihre weißen Hände ergriffen. Mit scheuen Fingern glitt er darüber hin. »Dank, tausend Dank, Fräulein Johanna! und glücklichen Herzens begrüße ich Ihren Bescheid mit einer Stelle aus Virgils Georgica, welche da lautet: Felix, qui potuit rerum cognoscere causas ! Glücklich, wer zu erkennen vermocht die Gründe der Dinge! – und gleich morgen werde ich alles anordnen und in die Wege leiten, Ihnen ein ruhiges Arbeitsfeld zu besorgen. Der neben der Sakristei gelegene Raum wäre wohl die geeignetste Stätte. Und nun nochmals tausend Dank, Fräulein Johanna.« Noch lange sprachen sie über dieses und jenes. Erst beim ›Engel des Herrn‹ gingen sie still auseinander. An diesem Abend spielte der alte Herr nach langer Zeit wieder das Harmonium mit seliger Inbrunst; und so schön und heilig wie heute hatte es noch niemals geklungen. 16 Es war wie ein Armsündergrab ... so abseits lag es, so wenig fiel es in die Augen. Kein Hügel war da, kein Kränzlein schmückte es, kein Kreuzlein stand darauf. Nur der Wind fuhr darüber hin und verwuscherte alles – nämlich das, was die denkwürdige Sitzung unter dem Vorsitz des geistlichen Herrn erbracht und in salomonischer Weisheit beigelegt hatte. Der Dechant schwieg; denn er hatte kein Interesse daran, das niedergehaltene Feuerchen aufs neue aus der Asche zu heben. Für ihn waren die Dinge geschlichtet. Für alles Weitere hatten die Beteiligten Sorge zu tragen. Bleibe, wo du stehst, damit du nicht fallest, und wenn einer »Husch!« ruft, sind die Hühner gewarnt. Das beherzigten alle und vermieden es ängstlich, ihr eigenes Leid durch die Zähne zu schleifen. Herr Nöllecke Remmelmann in erster Linie, weil er sich sagte: »Mit Maulhalten ist der Teufel zu bannen«, hüllte sich mollig in seinen Schlafrock hinein und tat so, als hätte der Seelenwärmer des ›schuldlosen Mädchens‹ jede, aber auch jede Adhäsionskraft verloren. Herr Türlütt befühlte tagtäglich seinen äußern Körper, ob er noch heil sei, erforschte Herz und Gewissen, erweckte Reu und Leid und ging der Klägerin so scheu aus dem Wege, als wenn sich in ihr die ›preußische Gefahr‹ personifizierte. Sogar den Namen ›Wissel‹ suchte er aus seinem Gedächtnis zu streichen, verzichtete darauf, das Wort ›Kirmes‹ auszusprechen, und wenn ihm der Begriff eines blühenden, wonnig rauschenden Kornfeldes vor die Sinne trat, ward ihm übel zumute; denn er fürchtete allzeit, der leibhaftige Gottseibeiuns träte an seine Seite, um ihm mit diabolischem Grinsen das sündige Fell zu verbleuen. Haben Sie jemals einen toten Esel gesehen? Nein. Auch Herr François Türlütt hatte nie im Leben die Bekanntschaft mit einem solchen gemacht, war niemals auf einer Kirmes gewesen, kannte keine sich wiegenden Saaten und hatte niemals in seinem Dasein ein seliges Schäferstündchen zwischen niedergelegten Halmen und Ähren durchkostet ... und so blieb denn die Wisseler Liebesfeier ein Nonsens für ihn, eine Affäre ohne Inhalt und Namen, ohne Daseinsberechtigung. Er schwieg und hatte vergessen. Herr Anatole von Klotz hingegen ... wie ein lauernder Panther hätte er auffahren mögen. Ihm solche Verdrießlichkeiten zu machen, ihn so hinters Licht zu führen und ihm seine feinausgeklügelte Anklage- und Verteidigungsrede, seine stolze Replik, so schandbar um die Ohren zu knallen! Drei Tage und drei Nächte hindurch hatte er damit zugebracht, sein Plaidoyer zu entwerfen, es mit attischem Salz zu würzen und stacheldrähtig herauszuputzen – und nun war alles in den Brunnen gefallen. Nein, diese Charlotte! Und dann erst sein Schwager! Gewiß, häufig war ihm dieser als ein heimlicher Schleicher und Schürzenjäger erschienen, wenn er auch gehofft hatte, daß es dem veredelnden Einfluß der verstorbenen Frau gelingen werde, diesen niederrheinischen Hyperboreer noch zu einem leidlichen Menschen zu formen – und jetzt dieses Ende mit Schrecken. Wie ein Heupferd war die lästerliche Sünde aus dem Wisseler Kornfeld gesprungen. Sacré nom de Dieu ! Ja, wäre es noch eine Entgleisung mit einem honetten Frauenzimmer gewesen! Aber Stina, ausgerechnet Stina ... Herr Jeses nochmal! hatte er nicht immer behauptet: » Chassez le naturel. il revient au galop .« Dem Mann war eben nicht mehr zu helfen. Am liebsten wäre er dem infamen Kerl an die Kehle gefahren, hätten nicht alle Vernunftgründe dafür gesprochen, den Skandal zu vermeiden. So saß er denn grimm und greis auf einem Pulverfaß, auf einem feuerspeienden Berg, auf der höchsten Kuppe des mexikanischen Popokatepetls, stündlich gewärtig, mit Vatermördern, Schnupftabaksdose und seinem heiligen und gerechten Zorn in die Lüfte zu knallen. Allein er blieb, wo er war, nämlich in seinem Revolutionszimmer, tat sich Gewalt an und schluckte den ihm angetanen Ärger gesinnungstüchtig, wenn auch unter einem illustren Gefolge von himmelstürmenden Flüchen hinunter, von der Voraussetzung ausgehend: Besser ist besser, und Vorsicht ist noch immer die selbstloseste Patronin einer Glasservante gewesen. So schwieg denn auch der Herr Kirchenrendant aller Welt gegenüber, obgleich er nicht umhin konnte, eine fuchsteufelsmäßige Epistel an André zu schreiben, ihm die kategorische Bestellung des geistlichen Herrn brühwarm auf den Teller zu legen und Stina vor Stuhl und Schrein zu zitieren. Irgendwie mußte er sich doch Luft machen und das Herz erleichtern ... aber selbst diese Ventile brachten ihm nicht die erhoffte Erlösung. André antwortete höflich, wenn auch äußerst kalt und befremdlich, und verfocht seinen eingenommenen Standpunkt mit der zähen Verstocktheit eines souveränen Kunsthistorikers; während Charlotte die ihr zugemessene Philippika stoischen Sinnes hinnahm, die Arme aufstemmte und ihn wie ein treuherziger Pudel anblinzelte. Dabei sagte sie ohne jede Erregung: »Merci, Mynheer, für gütigen Zuspruch, und Sie sollen auch vielmals bedankt sein.« Und dann legte sie los: er, der Herr Baron, habe Nöllecke nicht die nötige Antwort gegeben, habe sich verblüffen und ins Bockshorn jagen lassen, sonst hätte er wohl Mittel und Wege gefunden, die dumme Kirmesgeschichte weniger glaubhaft zu machen. Und wenn sie so alles bedächte, dann wäre es schon besser gewesen, sie hätte sich 'nen richtigen Advokaten genommen, so einen von den Assisen in Kleve, so 'nen dreimal durchgedrehten, einen mit 'nem lutherischen Predigerrock an und 'nem schwarzen Barett auf dem ›Koppe‹, dann ständen ihre eigenen Chancen ganz anders und sie besäße noch ihren Jungfernkranz und ihre reputierliche Ehre. Aber bei seinem Geseire sei alles von vornherein Hals über Kopf und in die Wicken gegangen. Und jetzt käme er noch und mache ihr Vorschriften wegen Herrn Türlütt. Er solle sich einmachen lassen, Herr Remmelmann ginge schließlich noch an, und wenn sie auch die Taube auf dem Dach nicht hätte kriegen können, so wäre sie doch mit 'nem Spatz in der Hand schon zufrieden. Im übrigen täte der Mann ihr leid bis ins Strumpfband hinein; denn er habe nicht den rechten Begriff von der Liebe, obgleich seine Angorakarnickels ihm täglich bewiesen, wie es gemacht werden müsse. Er solle sich schämen. Drum habe sie auch die ›Frau Apothekerin‹ in den Schornstein geschrieben und würde sich schon anderweitig behelfen. Aber die Anrempelei hier im Hause brauche sie sich nicht länger gefallen zu lassen. Das ginge ihr gegen den Strich und kränke sie höchlichst ... und mit einem Hofknicks spreitete sie ihre Rockschöße graziös auseinander und sagte: »Nochmals, Mynheer, ich bedanke mich vielmals, zieh' aber Leine und will mich in vierzehn Tagen verändern. Die rote Mamsell ist mir schon lange über gewesen. Feiern Sie Ihre Feste von jetzt an man proper alleine, und lassen Sie sich Ihre Revolutionsgänse man anderwärts braten. Ich für meine Person mache nach Wissel. Und damit, Herr Baron, will ich mir empfohlen haben für immer.« Da stand nun der Herr Kirchenrendant mit seiner total aus dem Leim gegangenen Ermahnungsepistel und machte ein Gesicht, als wären Ostern und Pfingsten auf ein und denselben Sonntag gefallen. Aber was sollte er machen? Er konnte nichts ändern. Die Verhältnisse waren zu mächtig und zu delikater Natur, und so blieb ihm nichts weiter übrig, als sich über André zu ärgern, zu schweigen und Stina ziehen zu lassen. Und Stina zog mit ihrem neuen Foulardkleid wieder nach Wissel, wo sie erzählte, eigentlich müsse sie jetzt in der Einhornapotheke sitzen und Frau Remmelmann heißen. Herr Remmelmann jedoch sei zu bockig gewesen und habe Glück und Gunst und seine ganze Liebe verkegelt. Der Tag des Gerichtes würde noch kommen. – Aber er kam nicht; denn die Menschen vergaßen, und alles, was wie eingangs gesagt, die denkwürdige Sitzung unter dem Vorsitz des geistlichen Herrn erbracht und in salomonischer Weisheit beigelegt hatte, war wie ein Armsündergrab ... so abseits lag es, so wenig in die Augen fiel es. Kein Hügel war da, kein Kränzlein schmückte es, kein Kreuzlein stand darauf. Nur der Wind fuhr darüber hin und verwuscherte alles. * Seit etlichen Tagen war Herr Jakob Bollig mit regem Eifer dabei, den neben der Sakristei gelegenen kapellenartigen Raum wohnlich einzurichten. Schränke wurden gerückt, die blinden Fenster gesäubert und die verstaubten Webereien der Spinnen aus den Ecken vertrieben. Vom Douwermannschen Hause kamen allerlei Gerätschaften und Utensilien herein, Gestelle und Arbeitstische, angefeuchteter Ton, Modellierwachs und Spachteln, Bohrer und Schnitzmesser, und als bald darauf ein lustiges Prasselfeuer die altmodischen Kacheln durchwärmte, war auch der beschädigte Schrein zugebracht und sachlich aufgestellt worden. Fern den Dämmerungen und Schatten der Kirche stand das Altarwerk in heller Tagesbeleuchtung und offenbarte eine Fülle von Schönheit, wie nicht mehr zu schauen. Alle Einzelheiten waren deutlich erkennbar. Das nachgedunkelte Holz lebte, atmete und hatte Blut in seinen Masern und Fasern. Überall geschaute Natur und warmes, religiöses Empfinden! Kein Zuviel und Zuwenig! – Die ganze Skulptur vielmehr erdacht und aufgebaut von einem großzügigen Willen und durchgearbeitet mit der alles bezwingenden Kraft eines gottbegnadeten Künstlers, der es verstanden hatte, in packender Darstellung die Gruppen zu ordnen, in realistischer Treue die zufälligen Brüche und Falten wiederzugeben und die geheimsten Regungen eines tiefangelegten Gemütes schwingen zu lassen. Welche köstliche Naivität im Ausdruck und welche behagliche Breite im Vortrag! und dabei eine Monumentalität der äußern Wirkung, die ihresgleichen suchte unter den zeitgenössischen Plastiken. Zwei Ideen beherrschten das Ganze: die Person und die Würde und das geistige Martyrium der Jungfrau Maria, dargestellt in ergreifenden Szenen: die Weissagung des Simeon, die Flucht nach Ägypten, das Suchen und Finden des zwölfjährigen Knaben im Tempel, der kreuztragende Heiland, die Nagelung, die Kreuzabnahme und endlich die Grablegung des Herrn, alles umrahmt und umgittert von einem spielenden Maßwerk, das aussah, als hätten es Cherubim und Seraphim aus dem Himmelreich zur Erde herabgetragen. So packend sich auch der Aufsatz in seiner Gesamtwirkung darbot, rein künstlerisch betrachtet, ließen die Einzelheiten der leider arg beschädigten Predella alles hinter sich, was der Meister im Hauptschrein niedergelegt hatte. Hier hatte das Schnitzmesser Wunder neben Wunder geschaffen. Ein krauser Wald von gotischen Stäben und Ästen, von Zweigen und Blättern schachtelte sich bunt durcheinander und entwuchs in einem mächtigen Wurzelstock den Lenden des Stammvaters Jesse, der, das Haupt auf die Linke gestützt, den Engelchören lauschte, die überall im Rankenwerk musizierten und jubilierten und mit den Worten des Evangeliums Matthäi also verkündeten: »Das ist das Buch von der Geburt Jesu Christi, der da ist ein Sohn Davids, des Sohnes Abrahams. Abraham zeugete Isaak. Isaak zeugete Jakob. Jakob zeugete Juda und seine Brüder.« – Und immer feierlicher hallten die seligen Stimmen und sangen: »Und Salma zeugete Boas von der Rahab. Boas zeugete Obed von der Ruth. Obed zeugete Jesse.« – Und die Zimbeln und Quinternen nahmen an Wohllaut zu, und es waren klingende Harfen dazwischen... und wieder ertönten die Zungen der Engel und riefen: »Und Jesse zeugete David, und David, der König, zeugete Salomo von dem Weib des Uria...« und war des Harfens und Frohlockens kein Ende, bis die Überirdischen zu vollen Akkorden ausholten und ihre verzückte Weise mit den Worten beschlossen: »Eliud zeugete Eleasar, Eleasar zeugete Matthan. Matthan zeugete Jakob. Aber Jakob zeugete Joseph, den Mann Mariä, von welcher ist geboren Jesus, der da heißt Christus ...« Und Jesse lächelte im Traum und freute sich, daß seinen Lenden entsprossen David und Christus, und er hob langsam die Augen und wunderte sich, daß die Dämmerung aufgehört und sich alles verändert hatte. Herein grüßte ein klarer Tag in die gegurtete Halle, worin von nun an Johanna Douwermann schalten und walten sollte, um das schwer heimgesuchte Bildwerk ihres großen Ahnherrn wieder in alter Glorie erstehen zu lassen, obgleich ihr ums Herz war, als müsse sie niederbrechen unter der Wucht ihrer Ängste und Zweifel. Es ging stark in den Advent hinein. Wiederum hatte der Winter sein Regiment angetreten und die letzten mulmigen Novembertage zu Paaren getrieben. Er pfiff wie früher durch alle Schlüssellöcher, pinselte an den Fensterscheiben herum und gebot den armseligen Menschenkindern, sich abermals Stroh in die Holzschuhe zu stopfen und sich die warmen Lammfellmützen über die Ohren zu ziehen. Sinter Klas war gewesen. Die Fürsorglichen in der kleinen Stadt rüsteten schon auf die kommende Weihnacht, die über dem Walde heraufdämmerte, ernst und feierlich, groß und erhaben wie eine wundersame und stille Legende. Und diese wundersame und stille Legende pilgerte über die einsame Berglehne, die die Gemarkung in weitem Bogen umkreiste, zeichnete die jungen Fichtenstämmchen aus und hing ihnen Eisglöckchen zwischen die dunkelgrünen Zweiglein, auf daß sie jetzt schon den Heiligen Christ einklingeln möchten; setzte sich hierauf hinter den warmen Ofen und legte gottergeben die Hände zusammen. Und da rappelten die Nüsse im Sack und verlangten nach ihrem Goldkamisol, während die Kinder ihre Stupsnäschen an die Scheiben drückten und in den Abend hinaussahen, wo das letzte Sonnenlicht auf den Dächern lag und alles mit einem rosigen Lichtschaum umkleidete. Ja, und sie nahm die niedliche Gesellschaft bei der Hand, schlenderte mit ihr durch die vereinsamten Straßen und zeigte auf die Spekulatius- und Lebkuchenmänner, die mit ihren Gaudaer Pfeifen gar gefährlich taten und dennoch einen so lieblichen Duft von sich gaben, daß die Kleinen wähnten, das ganze Himmelreich fiele über sie her mit Rosinen und Mandeln. Und bei einem Spielwarenhändler standen die Bleisoldaten in Reih und Glied, präsentierten und trommelten den Fahnenmarsch dazu. Dann sangen sie leise: »O du fröhliche, o du selige, gnadenbringende Weihnachtszeit ...« Zwei Tage nach Sinter Klas tat Jakob Bollig einen tiefen Atemzug. Er war mit sich und seiner Leistung zufrieden, konnte es auch sein; denn neben seiner großen Verantwortlichkeit und Mühewaltung hatte er noch Zeit gefunden, seine dienstlichen Obliegenheiten zu versehen, Weihnachtskerzen zu ziehen und die geheimnisvolle Skulptur aus der Douwermannschen Wohnung in die neugeschaffene Arbeitsstätte zu bringen und so aufzustellen, daß das volle Tageslicht sie von allen Seiten umspielen konnte. Allerdings, was unter der Umhüllung sich barg, war für ihn schwer zu ermitteln, regte aber seine Neugierde derartig an, daß er für sein Leben gerne die Siegel erbrochen und die Verschnürung gelöst hätte. Er fühlte nur und tastete mit scheuen Fingern an dem Webwerk herum und kam schließlich zur Ansicht: etwas Hüllenloses stecke darunter und harre seiner Auferstehung entgegen ... eine jungfräuliche Brust – nackte Arme und Schultern – entblößte Hüften – ein Weib – eine heidnische Göttin ... und Herr Bollig fuhr sich über die Augen, glitt nochmals mit glücklicher Hand über den Bildstock und hatte Gedanken, die sich mit denen eines christkatholischen Küsters nur schwer vereinigen ließen. Und da erkannte er auch: der Geist ist willig, aber das Fleisch ist schwach. Was dem einen recht ist, ist dem andern billig. Wir alle sind wie schwankende Rohre im Wind. Man soll seine Mitbrüder nicht mit Skorpionen züchtigen, wenn diese der Versuchung nicht zu widerstehen vermocht, den Schleier gehoben und mit dem Weibe gesündigt hatten, und wäre es selbst in einem blühenden Kornfeld geschehen. Und da tat er ein übriges und vergab seinen Brüdern, die da hießen Nöllecke Remmelmann und François Türlütt. Diese Absolution verlieh ihm Tapferkeit und Ruhe, ließ die eigenen Begierden weniger strafbar erscheinen und machte ihn fähig, Johanna Douwermann aufzusuchen und ihr mitzuteilen, das Feld sei bestellt: sie könne ihre Arbeit beginnen. Eine Viertelstunde später trat sie denn auch mit ihm in den für sie und ihr neues Wirken eigens eingerichteten Raum, im dunkeln Kleid, ein leichtes Tuch über ihre Flechtenkrone geworfen, hochaufgerichtet und mit der ganzen Herbe und Schönheit ihres jungfräulichen Leibes. Beim Anblick des heiligen Schreines, der sich ihr heute in seiner ganzen Majestät, aber auch mit seinen geschlagenen Gliedern und tiefen Wunden unverhüllt darbot, erschauerte sie wie in Anwesenheit des allmächtigen Gottes und wähnte, durch ewigen Sonnenschein und den Glanz einer hohen Offenbarung zu schreiten, während Herr Bollig das Bildwerk mit seinem Zeigefinger umkreiste und sagte: »Wenn ich dat alles biseh, dann muß ich doch sage: Großartig, Fräulein Johanna! Ich für meine Person stehe wenigstens in schwere Biwunderung vor diese künstlerische Kuraktermasken un Bildcher, un wenn m'r zwei beide der Kölnische Männergesangverein vorstelle täten, da müßte m'r singe, ich der zweite Baß un Sie der erste Tinor: ›Drobe steht die Kapell‹ oder ›Wer hat dich, du schöner Wald‹ oder ›Dat is der Dag des Herrn‹, so bikömmlich is die Sach, so fein ausspikeliert un mit so 'ner seligen Gottesnäh drin, bat m'r bahl auf der Rücke falle künnte vor Freud. So! – un jetzt kommt einmal her, Fräulein Douwermann, un macht so mit die Hand ...« und er rückte seine gekrümmten Finger wie ein Perspektiv vor die Augen ... »denn da, wo die Patentaussich am nobelste scheint, da hat nu so 'ne ungebilte un unbisonnene Hanack von Meßjung en Malörunglückelche angestif, dat et zum Jammere is un 'ne einzige Gimeinheit bideutet. Un da sagen ich, i zum Tackerent sagen ich: Hochverdienten Herr Meister, bischeidenen Herr Meister, Sie könne sich beruhige, denn Fräulein Johanna wird die Sach schon wieder in die richtige Feßstimmung bringe un die Postementche aufs frische vergolde un mit Bildcher bistelle. So wat nennt m'r 'ne Schutzengel habe, un der Schutzengel sind Sie, Fräulein Johanna, un drum sagen ich alla bunnöhr un empfehlen mich gütigs.« Sie hatte von alledem keine Sterbenssilbe vernommen, blieb in Andacht und Feier versunken und hörte auch nicht, wie sich der Küster auf derben Schuhen und doch wie auf leisen Zehenspitzen empfahl, den Vorhang zur Sakristei geräuschlos öffnete und wieder zurückschob. Ihre Blicke taten sich auf. Mit einer Art religiöser Scheu betrachtete sie die Geheimnisse der Sieben Schmerzen Maria, versetzte sie sich in die Tage hinein, wo Meister Heinrich dieses Mirakel erdacht, entworfen und ausgeführt hatte. Ein Menschenleben voll heroischer Arbeit! Ein glückliches Schöpfen! – und sie mußte selbst zu ihm gekommen sein, sie, die Mutter des Herrn, die Schmerzensreiche, die Gottesgebärerin – mußte ihm gesagt und erzählt haben: »Das litt und erduldete ich, und das fuhr wie ein siebenfältiges Schwert durch meine geängstigte Seele. O, du Berg des Ärgernisses, o, ihr stillen Gärten von Gethsemane, was saht ihr nicht alles! Und du, Golgatha, Schädelstätte von Jeruschalajim, rot von Blut und umdunkelt von den Floren des Himmels – wie halltest du wider von dem Eintreiben der Nägel, dem Ächzen des Herrn und dem Stampfen des Kreuzes, als sie es in die tiefe Grube hineinstießen! – und dann unter Scherben und zerbrochenen Steinen: ein ewiges Leuchten und glorreiches Auferstehen ...« Das hatte ihm die Mutter Gottes alles erzählt, sie, die Dulderin, die Mittlerin, die Fürsprecherin ... und das hatte er alles mit heißer Seele erfaßt und mit heißer Seele wiedergegeben ... Und sie glaubte, ihn singen zu hören bei seiner Arbeit, ihn, den Giganten, Fleisch von ihrem Fleisch und Blut von ihrem Blut ... Ja, sie hörte ihn singen, hörte ihn singen, hörte ihn singen – die Psalmen Davids, Marienlieder und solche Gesänge, die einen tapfern Schritt unter sich hatten; denn Meister Heinrich war auch Fahnenträger bei der Sankt Lukasgilde gewesen. Ja, sie hörte ihn singen ... und nun sollte sie in seine Spuren hinein, sollte sein Werk vor dem Verderben retten, sollte in seinem Geiste die Pieta schaffen, die Schmerzensmutter, mit dem Leichnam des Herrn, mit dem Leib ihres göttlichen Sohnes im Schoße ... dort für das Mittelfeld, für die verwaiste Nische des Schreines ... »Herr, mache mich würdig!« In tiefster Bedrängnis war sie in die Knie gesunken. Sie breitete die Arme. Ihre Stirne berührte den Boden. Ein Beben lief über sie fort. Etwas ganz Neues, Fremdes und doch etwas Ureignes stieg in ihr auf, begnadete sie und machte sie glücklich. Sie fühlte sich eins mit ihm. Seine machtvolle Gestaltungskraft, sein kindliches, schuldloses Denken, seine Seufzer und Freuden – alles das gehörte auch ihr, war ein Vermächtnis von ihm und hatte in dieser Stunde den Weg vom Herzen in die bildenden Hände gefunden. Ja, sie war seiner würdig geworden und sie hungerte danach, das Erbe anzutreten und seiner teilhaftig zu werden. Sie hungerte, hungerte ... und nun ... »Und nun,« knirschte sie erregt vor sich hin und hob die Stirne vom Boden, »und nun will einer kommen und sagen: Deine Kunst hat nichts mit der Mystik des gotischen Dunkels gemeinsam, hat keine Berührung mit den Meistern, zu denen Heinrich Douwermann zählte. Sie will ihre Opferstätte für sich, eine Opferstätte des Lichts, eine Stätte, die die Renaissancemenschen aufsuchten, um an ihren Stufen zu sündigen ... Menschen, die ein Savonarola verfluchte, heidnische Menschen, die den Grundsatz aufstellten: Das höchste Gut liegt in der ungebundenen Freiheit, und die dafür lebten und starben ... Menschen« – und ihre Stimme wuchs, und ein erregtes Atmen erschütterte ihren Leib – »Menschen, die da verkündeten: Lasset die Toren nur reden und das Fleisch sich kasteien – wir aber, wir flüchten uns in die goldenen Säulengänge von Baalbeck und beten das Weib an und wollen nackt sein in Gedanken und Werken«. Vom Entsetzen gepackt, stieß sie einen heisern Schrei aus, erhob sich und griff nach dem eisernen Schlegel, der auf der Werkbank bei Spachteln und Schnitzmessern ruhte. Mit ihm und ihn zum Schlage gehoben, trat sie mit ekstatisch glänzenden Augen und mit fliegender Brust vor ihr eigenes Bildwerk. Sie lachte hell auf, und durch dieses Lachen hindurch rief sie mit lauter Stimme: »Und da steht das Schaustück, das ich formte nach dem Bild dieser Menschen – das Weib, die Istar von Arbela, die Melitta von Babylon, die Venus von Paphos ... herunter mit dir! Werde zu Staub – du!« Sie beugte sich rücklings. Ihr Leib straffte sich und entwickelte die ganze Schönheit ihrer hehren Formen. »Im Namen der allerseligsten Jungfrau, der Mutter der Schmerzen ...!« Ihre Blicke weiteten sich wie unter dem Einfluß eines himmlischen Gesichtes, einer göttlichen Botschaft. Der Schlag sollte fallen, sollte den heidnischen Bildstock zerschmettern. »Johanna ...!« Langsam sank der drohende Schlegel herunter, entglitt ihren Händen und klirrte zu Boden. Sie wandte das Haupt. Petrikettenfeier ten Hompel nickte ihr zu. Offenbar war er Zeuge des ganzen Vorgangs gewesen, hatte alles gesehen und alles gehört und war ihrer Wandlung teilhaftig geworden. Bewegt trat er näher und nahm ihre Hände. »Johanna, man soll nicht zerstören, was der Geist hohes Mutes ersonnen; denn im Vergleich zu dem, was die christliche Kunst uns gebietet zu tun, wird das Geschaffene uns den Weg zur Wahrheit erleichtern und uns gefügiger machen ...« und mit halbfrohem Lächeln und so, wie er mit ihr gesprochen hatte, als sie noch die Christenlehre besuchte, sagte er weiter: »Der Weg ist hart und dornig, und die Strecke ist weit, die sie zu pilgern hat; aber einmal kommt sie doch – die Erkenntnis, und ich freue mich um deinetwillen und unsertwillen, daß es also geschehen ist. Und was ich ersehnte, hat der Herr uns gesendet. Dir ist es gelungen, dein Herz über die schwerste Stunde deines Lebens zu bringen. Damit ist alles gewonnen. Fröhliche Arbeit, Johanna! und ich hoffe zu Gott: schon morgen wird der selige Heinrich Douwermann bei dir sein und dich leiten und führen. Und dann noch, Johanna ... dein Sinn ist geläutert, und aus seiner Reinheit heraus wird es dir ein leichtes werden, einen andern glücklich zu machen und dir selber ein grünes Kränzlein um die Schläfen zu legen.« Und der geistliche Herr nahm ihr Antlitz zwischen seine reinen, schuldlosen Hände und gab ihr einen Kuß auf die Stirne. – Als sie bald darauf, ganz ergriffen und durchleuchtet von opferwilliger Liebe, über die Schwelle des elterlichen Hauses trat, fand sie Dirk Vogels bei ihrem Vater. Sie trat auf ihn zu, gab ihm die Hand und lehnte ihr Haupt an seine hämmernde Brust. Ihre Augenlider hoben sich langsam. »Dirk ...!« sagte sie leise. Das war alles so gütig und hoffnungsfreudig dargebracht, als wäre sie nie durch eine endlose Öde von Trübsal und Zweifeln gegangen. »Jesus ...!« sagte der Alte und breitete segnend die Arme. Denn nun fühlte er: sein Kind hatte ihm den Frieden des Hauses wiedergegeben. – Zwei Stunden später hellten die Fenster am Kirchenarchiv auf. Der lichte Schein stand bis tief in den Abend hinein über den Häusern, und solche, die den Schlaf nicht finden kannten und in die sternklare Nacht hinaussahen, mochten einen Schatten bemerken, der sich emsig zwischen den hohen Regalen und Schränken bewegte. Dirk Vogels hatte die Welt, sich selber, die Zeit und alles das, was ihn aufs tiefste beseelte, über seiner Arbeit vergessen. Sogar die kritische und nichtsnutzige Betrachtung des Kunsthistorikers hatte er nur flüchtig gelesen, darüber gelächelt und dann das elende Pamphlet achtlos beiseite geworfen. Berge von Urkunden, Manuskripten und Akten türmten sich neben ihm auf, wurden gesichtet, registriert und auf die Gestelle gehoben. Andere kamen an die Reihe und nahmen den nämlichen Weg. Die Stunden rannen ihm unter den Händen. Mitternacht war schon lange vorüber. Das Licht der Lampe begann trüber zu brennen und mahnte daran, Ruhe zu geben und das Tagewerk für heute beschließen zu wollen. Da geschah es ... Zum letzten Male griff er zu und entnahm einer verlorenen Ecke ein Bündel vergilbter Papiere, worunter eine kleine Eichenlade sich barg, deren Deckel, als er sie aufhob, aus seinen Angeln gerissen wurde. Auch hier wieder ein Liber pastoralis unter den Schriften, die die Schublade enthielt, verfaßt und niedergelegt von Matthias Holstegen, Bakkalaurus der Theologie und Pfarrherr dahier. Nichts von Bedeutung ... aber da: ein unscheinbares Bändchen, in Pergament geheftet und mit morscher Kordel umschnürt, entnahm er dem Wust von Provisorenrechnungen und Verzeichnissen Kalkarer Stiftsherren und Wohltäter und fand gleich auf der ersten Seite in steilen Schriftzeichen also geschrieben: »Sothanes Büchlein wurde mir Anno Domini 1598 die Marie Magdalena von dem fürsichtigen, wohlehrbaren und gottesfürchtigen Herrn Joris Douwermann, Magister der freien Künste, Schöffe und Ratsherr hiesiger Stadtgemeinde, zu dem Behuf übergeben, solches vor den drohenden spanisch-niederländischen Wirren wohl zu bergen und in den Schutz der Kirche zu stellen, bis sich die Furie verlaufen und wieder Eintracht im Lande. Dieses bescheinigt: Matthias Holstegen, Pfarrer.« Und weiter ... Er glaubte, das Himmelreich käme herunter mit seinen Myriaden von Funken und seinem heiligen Sternenfeuer – so licht war es plötzlich vor seinen trunkenen Blicken, mit einem so gottesfreudigen, himmelheiligen Schall schienen über ihm alle Glocken zu läuten ... Er hatte gefunden. Dann noch ein scheues Zögern und ein heimliches Auflachen, und er las mit zerdrückter, aber glücklicher Stimme: » Memento , meine Lebens- und Leidensgeschichte, unter Berücksichtigung meines Erden- und Künstlerwallens, so ich, Heinrich Douwermann, Bildschnitzer und Fähnderich der Sankt Lukasgilde dahier, mit Gottes gnädiger und geduldsamer Fürsorg eigenhändig verfaßte, bis über den schmerzlichen Punkt heraus, wo mir meine einzige und ehelich geborene Tochter Plektrudis dahinstarb und durch des Herrn unerforschlichen Willen ihr junges Leben auf grausame Weise dahingehen mußte. So geschrieben und gewächsnet unter Gottes Zeugschaft im Jahre des Heiles 1523 und kurz nach Vollendung des Schreines zu den Sieben Schmerzen Mariä.« Und ferner ... diesem war als Geleitwort noch mit nadelfeiner Schrift das Nachstehende beigegeben: »Und siehe: ich trat an den Sand des Meeres und sah ein Tier aus dem Wasser steigen; das hatte sieben Häupter und zehn Hörner; und auf seinen Hörnern zehn Kronen, und auf seinen Häuptern die Namen der Lästerung. Und ich sah seiner Häupter eines, als wäre es tödlich wund; aber seine tödliche Wunde ward heil, und der ganze Erdboden verwunderte sich des Tieres. Und sie beteten es an und sprachen: Wer ist dem Tiere gleichwertig? Wer kann mit ihm Krieg führen? Und ihm ward gegeben zu streiten mit den Heiligen und sie zu überwinden. Und ihm ward Macht über alle Geschlechter verliehen. – Ich aber sage: noch schlimmer denn dieses entsetzliche Tier ist das Weib. Ihr sollt es erfahren. – Der aber dieses niederlegte – wo ist er geblieben? Wo ist er geblieben? – Mortuus est! Mortuus est! « In den Augen Dirk Vogels war ein träumendes Rückwärtsschauen. Was da alles noch stand und werden sollte! Er wagte kaum Atem zu holen, so groß und hehr und feierlich war ihm diese Stunde geworden ... und sprach da nicht jemand? Ja, er hörte es deutlich; es war die ruhige und seelenvolle Stimme des Herrn Sybertus von Ryswick, des herzoglich klevischen Rates und Propstes der Kollegiatkirche zu Wissel. »Ja, ja, mein Lieber,« sagte Herr Sybertus von Ryswick, »so Ihr es lesen wollt, junger Magister, wird es Euch zum Segen gereichen ...« und da barg er den Fund mit zitternden Händen, drehte das Licht ab und ging sinnend nach Hause. 17 »Sie arbeitet wieder ...« Wie eine Labsal ging es durch die kleine niederrheinische Stadt, wie eine stille, selige Ruhe, die langen und bangen schlaflosen Nächten folgt und endlich die ersehnte Aufklärung bringt; denn jeder, auch der einfachste Mann, der geringste Armenhäusler und das weltfremdeste Nönnchen im Kloster der Barmherzigen Schwestern, fühlte sich eins mit dem verwunschenen Schrein, hatte seine Beschädigung wie ein eigenes körperliches Leiden empfunden und freute sich nun, daß für ihn die Stunde der Auferstehung wieder schlagen sollte. Der Name ›Johanna Douwermann‹ war in aller Munde, und wenn die Leute ihn aussprachen, dann war es so, als wenn sie von etwas Heiligem redeten, von der Mutter Gottes, Sankt Afra oder der Katechumenin Vivia Perpetua, die so schön war, daß selbst die dunkelroten Rosen in ihrem Garten darüber verblaßten und ihr Duften vergaßen. Die Sakristei wurde umlagert, und wenn Johanna erschien, sei es nun, daß sie ihre Werkstätte aufsuchte oder diese ums Dunkelwerden verließ, dann ging ein heimliches Flüstern durch die wartenden Reihen. Die Männer steckten die Pfeifen beiseite und zogen scheu ihre Mützen herunter, während die Frauen ihre Kleinen aufhoben und zu ihnen sagten: »Kinder, betet! – da geht Maria Windelweiß hin. Die arbeitet in Gottes Werkstatt und bringt alles wieder zusammen, was eine mißliche Hand in Unordnung brachte ...« und die alte Lichtjungfer und Totenbeterin, Felizitas Lengel, die die Verstorbenen anzog, sie aufbahrte und mit Goldflitterchen und Buchsbaum bestreute, sah mit ihren ausgebleichten Augen über sie fort, hatte ihr Behagen an dem schönen Mädchen und flüsterte ihrer Nachbarin zu: »Die schafft Mirakel und Zeichen. Aber solche Menschen leben nicht lange; denn sie werden vorzeitig gewaschen und eingesegnet, und was das Feinste ist: der Heiland küßt ihr selber den Atem vom Munde. Ich erleb's ja nicht mehr; aber hübsch muß sie aussehn, wenn sie im Totenstüblein liegt und das Wachslicht über sie hingeht.« So sprachen die Leute und spannen ein Netz von Perlen und Silberfäden um sie her und hielten sie für eine, die gekommen war, ihnen den Erdenstaub von den Schuhen zu nehmen. Da fühlte Johanna: ihre Wochentage hatten sich in einen Sonntag verwandelt, ihre Zweifel und ihre Unlust zu einer gottseligen Freude. Sie blühte zu einer stillen Verklärtheit auf, zu einer innern Reife. Auf ihrem Antlitz ruhte ein sonniger Glanz, und sie faßte es nicht, wie sie nur daran gedacht haben konnte, über die Grenzen ihres ureigenen Paradieses zu schreiten, ins Ungewisse und Rätselhafte hinein, um ein ihr noch fremdes, unerschlossenes und heißes Land zu gewinnen ... und als eines Tages Petrikettenfeier ten Hompel sie bei ihrer Arbeit aufsuchte, trat sie ihm freudig entgegen, deutete auf das nahezu fertiggestellte Wachsmodell der neuen Pieta und sagte: »Ich bin glücklich, Hochwürden.« »Das sah ich kommen, Fräulein Johanna. Es ist schon etwas Großes, Erhebendes um die christliche Kunst. Sie wird von der Wahrhaftigkeit des Menschensohnes getragen und bringt uns den Heiland und Seligmacher bis zur Anschauung näher. Gebenedeit die Jünger, die sich in ihren Schatten flüchten! Wie anders die Stürmer und Dränger, die Verkünder der Weltlust, die Preiser des Weibes, wie es lebte und liebte in den Hainen von Babylon und den Gärten von Borsippa! Was ihnen die kyprische Göttin, ist uns die Jungfrau Maria. In ihr leben wir, in ihr sterben wir, durch sie werden wir vor den Thron des Höchsten geleitet. Auch in uns wohnt die heiße Sehnsucht nach Schönheit, auch wir bewundern und verehren die Majestät im Körper des Weibes und singen und preisen mit dem Psalmisten: Wie stolz ist dein Gang in den Schuhen, du Fürstentochter! Deine Lenden stehen gleich aneinander wie zwo Spangen, die des Meisters Hand gemacht hat ... aber wir führen das Weib auf sonnige Wiesen, knechten die fleischliche Begierde nach ihm und feiern als Lieblichstes seine Würde und die Andacht in ihm. Jene schreiten durch Grauen und Finsternis, wir durch ewiges Gotteslicht, das allen geworden, die es suchten und finden wollten. Denn der Herr wird kommen, sagt der gottselige Thomas von Kempen, und Jerusalem mit Laternen durchforschen, und es wird offenbar werden, was im Finstern verborgen war, und verstummen werden die Künste der Zungen. Das laß dir genug sein, Johanna...« und wie damals, als sie vor ihm erschien und ihren Willen kundgab, den Auftrag anzunehmen, legte er auch jetzt seine schuldlosen Hände um ihr stilles Antlitz und drückte ihr den Mund auf die Stirne. – Immer tiefer ging es in den Advent hinein, und je emsiger die heilige Weihnacht heranrückte, um so inniger dachte Arnt Douwermann an die kommenden Tage, um so fleißiger saß Dirk Vogels über der Handschrift, um sie mundgerechter und für die heutige Auffassung gefügiger und leichter zu machen. Der Welt gegenüber beobachtete er ein besonnenes Schweigen. Alles sollte seine Heimlichkeit haben; nur Petrikettenfeier ten Hompel war verständigt und mit ihm das Weitere verabredet worden, das darauf hinauslief, dem alten Herrn eine seltene Freude zu bereiten und ihm am Heiligabend Original und Abschrift unter die grüne Tanne zu legen. Dirk Vogels scheute nicht Zeit und Mühe, das begonnene Werk zu einem gedeihlichen Abschluß zu bringen. Auch die Nacht mußte herhalten. Manches Stündlein saß er alsdann vor einem Stoß blütenweißen Papiers und reihte die Buchstaben nebeneinander, steil und vornehm und wie Soldaten im Gliede. In heißer Sorge entzifferte er die oft verwaschenen Majuskeln und Minuskeln, sichtete und ordnete und übertrug mit fester Hand die harte Sprech- und Schreibweise eines fernen Jahrhunderts in neuzeitliche Worte, ohne dabei dem Ursprünglichen seine rauhe Schale und sein inneres Wesen zu nehmen; denn das Manuskript haftete derb in Bast und Borke und sträubte sich öfters dagegen, den Kern der Sache zu geben und sich dem sanftern Geist der jetzigen Tage zu fügen. Aber es gelang mit der Zeit, und er beugte das Haupt vor dem Geschick dieses Mannes, vor diesem Könner und Märtyrer, der solches niedergeschrieben und schließlich vereinsamt saß, verlassen und trostlos, einen Strick um den Hals, und willens war, diesen hänfenen Strang mit eigenen Händen fester zu ziehen, während im tiefen Westen ein schweres Wetter lag, durchrissen von einem funkelnden Blitz, weiß und blank wie eine Polensense, die zuschlagen wollte ... Und Dirk Vogels hörte einen gellen Schrei und ließ den Vereinsamten sprechen: »Wisse, ich holte die Sterne vom Himmelreich und hing sie als Ampeln um meinen Schrein zu den Sieben Schmerzen Mariä; denn es war eine Gott wohlgefällige Tat, die ich aufgestellt hatte. Die Großen der Erde rühmten mich, und die Armen im Geiste kamen und küßten den Saum meines Kleides. Durch mich wurde die Kunst wieder hochgemut und freieren Sinnes. Sie trug einen Stirnreif im Haar und war einer Königin gleich. Mir aber ... im Schatten meines Hauses wurden mir die Sehnen durchschnitten ... Siehe her, du!« und er streckte dem Entsetzten seine blutrünstigen Hände entgegen: »Die hat meine Tochter Plektrudis durchnagelt!« ... und er zerrte den Leibrock auf und entblößte die Brust, wo über der Herzgrube ein roter Schnitt sich zeigte ... »Hier traf mich ein Speer, den meine Tochter Plektrudis hineinstieß, und hier« – und er umgriff seine Schläfen – »hier krönte sie mich mit Disteln und Dornen; aber das Schlimmste ...« und er tat die Augen gespensterhaft auf ... »hier trieb sie mir den Wahnsinn hinein, als sie tot war und mich mit glasigen Blicken anstierte, bis einer kam, ein Gütiger, ein Diener des Herrn, der ihn wieder hinauspeitschte. Aber was war mir übrig geblieben? – Ich, der ich Edelsteine und Ringlein verstreute, bin selber an Geist und Gemüt ein Bettler geworden ... ein Bettler, ein Bettler ...« Erschüttert nahm Dirk Vogels sein Tun wieder auf. Er dachte dabei an seinen Vater, wie der vor Jahren seine silberbeschlagene Meerschaumpfeife in die Ecke pfefferte, den Weg zwischen Niedermörmter und dem adligen Gutshof unter sich aufrollte, um bald darauf das große Drama zu inszenieren und lächelnden Mundes, den Lobgesang des heiligen Ambrosius auf den Lippen, in einer Irrenzelle zu enden ... an seine Mutter, die wie Maria Magdalena gelebt und gesündigt hatte und doch nicht in der Sünde dahinging; denn Gott war barmherzig gewesen ... Und das tröstete ihn und machte ihn fähig, das Traurige weniger traurig zu gestalten und die begonnene Arbeit zu einem ersprießlichen Ende zu führen. Am zweiten Adventsonntag war er damit fertig geworden. Um diese Zeit wurde die Kälte so schneidend und herzhaft, daß davon die Brunnenröhren gefroren und die Dohlenvögel kaum wagten, ihren gewöhnlichen Ausflug zu machen. Die warmen Stellen in den Binnen- und Stauwassern schlossen sich zu, und in der Nacht vom siebzehnten zum achtzehnten Dezember lief ein krachender Böllerschuß über die Stadt hin. Die breitwipfelige Linde im Pastorengarten, die der Lizentiat der Theologie, Herr Wierus ten Haeff, Pfarrer zu Kalkar, zum glücklichen Beschluß des Dreißigjährigen Krieges dort eingepflanzt hatte, war in ihrem Hauptstamm wie Glas auseinandergesprungen und klaffte mit einer entsetzlichen Wunde von der großen Gabelung bis tief in die Wurzel hinein. Dem Knall war ein Wimmern gefolgt wie das eines Kindes. Die Schleusenwerke rumorten nicht mehr, der Rhein stand von Wesel bis Elten und knirschte unter der starren Fessel wie ein Niedergeworfener in Ketten und Handschellen. Und dennoch: fröhliche Weihnacht! Herr Remmelmann hatte bereits sein Bäumchen gerichtet, desgleichen Herr Türlütt; auch im Revolutionszimmer duftete es nach Harz und Tannennadeln. Anatole erwartete Besuch und hatte Auftrag gegeben, Heiligabend so festlich wie nur möglich zu feiern; denn durch die Post war ihm ein prächtiger Bronzeputer mit veilchenfarbigem Kopf, opulentem Nasenfleischklunker und lackroten Warzen zugestellt worden, zwanzig Pfund schwer und trefflich bei Wildbret. Ein Zettel lag bei; darauf standen die kurzen, aber lapidaren Sätze geschrieben: »Meinen Gruß zuvor, und trotz der geharnischten Epistel, die mir Seine Hochwürden durch Deine Feder zukommen ließ – glückseliges Christfest! Ich habe noch immer den guten Humor nicht verloren. Erhoffe dasselbe von meinem väterlichen Gönner und dem Nachfahren Anacharsis' des Großen, mit dem ich, gemeinsam und in Treuen gesellt, beifolgenden Gallopavo sylvestris , zu deutsch Schrut- oder Truthahn, bei den langgesichtigen Briten auch Nordfolk-Turkey geheißen, zu verspeisen gedenke. Wie Du siehst, hat fraglicher Vogel, in lebendigem Zustand ein gallischer Hitzkopf und vehementer Streiter, sein Poltern und Kullern vergessen. Wünsche dasselbe in verbesserter Weise dem wohlachtbaren Herrn Petrikettenfeier ten Hompel, dem Ärgernisnehmer und Irreführer der Kunst und des menschlichen Geistes. Exempla trahunt! Wenn nicht, soll's beim Alten bleiben. Mag er weiter wettern und toben. Mich ficht es nicht an. Der Bannstrahl des Papstes hat schon längst seine Schwungkraft verloren, geschweige der eines kleinen Pfäffleins im niederrheinischen Bistum. Meine Abhandlung zieht Kreise, leuchtende Kreise. Sollte er und Dirk Vogels sich unterfangen, solche zu stören – ich kann's nicht verhindern. Es steht ihnen frei: sie mögen sich lächerlich machen. Jeder hat Anwartschaft darauf, sich auf seine Art zu blamieren. Der Rest ist Schweigen. – Noch eins zur Beachtung ... Da Charlotte Corday es vorzog, ihre Liebesaffären wieder ins heimische Dorf zu verlegen, sei anliegender Bronzeputer der Folgerin im Amt dringlichst empfohlen. Speck nicht vergessen, und wenn angängig: gebratene Maronen als Füllung. Eine Fleischfarce mit Morcheln und Trüffeln tut's auch. Im übrigen: Hochwürden meine gehorsamsten Wünsche und den wohlgemeinten und ernstlichen Rat, beim Katechismus und der Christenlehre zu bleiben, das höchste in der Kunst aber nicht bei den alten, jüngeren und jüngsten Nazarenern zu suchen. Willst Du ein Weiteres tun, kannst Du ihm drei Federn aus dem Steiß des prächtigen Vogels verehren. Er mag sich den Hut damit schmücken. Dem Lehrer gleichfalls drei Federn. Doch zum Schluß. Ich freue mich auf den saftigen Schruthahn – und damit Gott befohlen, alter Herr, und auf ein frohes Begegnen.« »Prachtkerl!« meinte der Kirchenrendant und warf sich eine Prise Spaniol in die Nase. »Distanz, meine Herren! Auch Sie, Hochwürden. Auch Sie, Herr Vogels. Gegen André seid Ihr allesamt Stümper. Und damit basta. Ich habe die Ehre und empfehle mich kalt, aber mit besonderer Achtung.« So war Heiligabend gekommen. In aller Herrgottsfrühe dieses gesegneten Tages begann es zu schneien. Ums Morgengrauen standen bereits die Häuser in Frisiermänteln und Puderperücken. Zwei Stunden später ließ das eisige Treiben nach. Der scharfe Wind legte sich, und beschaulich pendelten die weichen Flöckchen zu Boden. Es war ein Wirken und ein Schleiern wie nicht mehr auf Erden und so recht dazu angetan, dem Christfest ein taubenweißes Brautkleid zu weben. Um diese Zeit schritten Arnt Douwermann und Dirk Vogels in Begleitung eines kurzbeinigen und verwachsenen Knirpses, der eine Axt schulterte und bedenklich nach Wacholder duftete, durch die verwehte Schneise des städtischen Fichtenbestandes, der sich malerisch über den schmalen Rücken der dem Weichbild vorgelagerten Berglehne hinzog. Sie hielten Umschau und freuten sich des Flirrens und Blitzens, des Rinnens und Rieselns im Winterwald. Plötzlich blieb der Alte stehen. »Die soll's sein,« sagte er ruhig und deutete auf eine schmucke Fichte, die sich durch ihren Wuchs und ihr krauses und prächtiges Nadelwerk vor ihren Schwestern auszeichnete. »Grades, macht propere Arbeit und bringt sie nach Hause! Thres weiß Bescheid.« »Mit Wonne, Herr Douwermann.« Der Alte nickte und streckte Mittel- und Zeigefinger. »Zwei Taler als Weihnachtsprämie.« »Merci, Herr Douwermann, aber mich soll der leibhaftige Satan ... für Ihnen und Fräulein Johanna kann ich's für gratis besorgen.« »Keine Rede davon ... und drei Taler sollen's sein, wenn Ihr vernünftig seid und dem Schnapsteufel weniger opfert.« Das Fuselmännchen machte eine Träne mobil. »Gerne, aber ich kann's nicht mehr ändern. Es geht nicht. Die schwere Betrachtung des menschlichen Elends und dann der schauderöse Racker von Staat, der uns das christkatholische Evangelium abknöppen will ... und schließlich, Herr Douwermann – haben Sie mal fünfundzwanzig Jahre in Konditschon bei Herrn Türlütt als Kistenmacher, Sacknäher und Jungfer für alles gestanden – ich sage Ihnen: dieser schnäpserne Anblick ... Da kann man sein tägliches Deputat nicht mehr missen. Wir wollen's bei zwei Taler lassen, Herr Douwermann. Es wäre mir lieber,« und damit krachte auch schon der erste Hieb in den Wurzelstock des zitternden Stämmchens, während der Alte und Dirk Vogels ihren Weg fortsetzten, um die Stadt zu gewinnen. An einer offenen Stelle machten sie halt. Der Himmel hatte sich aufgeklärt. Nur noch vereinzelte Flöckchen schwebten hernieder. Die große, weiße Landschaft tat sich auf wie ein Traumbild. Drüben über dem Reichswald lag Kleve, weiter zur Rechten Emmerich und dort Rees, tief in die Niederung gedrückt, aber überragt von dem stumpfen Doppelgetürm, das die weite Gegend beherrschte. Mehr dem Vordergrund zu: die blauen Wälder von Moyland, die Dämme und Deiche, die Windmühlen und die friedlichen Höfe, eingebettet in Watte und Flaum und Weltvergessenheit. »Herrgott, wie schön!« sagte der Alte. Er stand wie ein Pfahl, und seine Augen revierten wie Falken über die Ebene hin. Ein freier Wind legte ihm den Bart auf die Seite. »Und dort liegt mein Haus,« fuhr er nachdenklich fort. »Seine Sparren und Ziegel warten darauf, ein ersehntes Glück zu beherbergen. Die Weihnacht steht vor der Tür, und das alte Jahr will schlafen gehen. Wird meine Scholle gesegnet werden bis dahin? Wird es zu Ihnen kommen – das Glück, und wird es sein Genüge finden unter dem Dach eines schlichten Magisters?« »Herr Douwermann ...« Dirk Vogels sah ihm fest in die Augen. »Ich weiß, was Sie sagen wollen, mein Lieber. Ich weiß, ich weiß. Sie haben Ihre Jahre genützt und sind nicht müßig gewesen. Ihre Doktordissertation berechtigt zu den schönsten Hoffnungen, und Ihr weiteres Projekt – das mit dem Staatsexamen ... Wenn es Ihnen gelingen sollte, auch das nachzuholen und es magna cum laude aus der Taufe zu heben ...« »Es wird gelingen,« rief Vogels mit freudigem Eifer. »Ich zweifle nicht daran,« unterbrach ihn der Alte, »und desungeachtet: Sie wären mir als schlichter Magister ebenso willkommen gewesen. Nur das reine Menschentum adelt. In ihm allein nur ruhen Ansehen und Würde, Gott wohlgefälliges Leben und Sterben und ein glorreiches Auferstehen. – Kommen Sie, Vogels.« Auf verschneiten Pfaden schritten sie talwärts. * Das helle Sonnenlicht, das sich um die Mittagszeit in seiner ganzen Herrlichkeit entfaltet hatte, nahm ab und spreitete kalte, bläuliche Tücher über die Dächer. Im Douwermannschen Hause saß Therese zwischen duftigem Nadelgrün und mühte sich eifrigst, die zugebrachte Tanne zu richten. Es ging ihr nur widerwillig und schwer von der Hand. Sonst mit Leib und Seele den Vorbereitungen für das schönste Fest des Jahres zugetan und sich still in seine Mysterien versenkend, war sie heute nicht recht bei der Sache. Irgend etwas bedrückte sie, das sie nicht mehr los werden konnte. Vor wenigen Stunden hatte es angefangen ... so um die Mittagsstunde herum ... kurz vor dem Essen ... Da war sie am Hause des Kirchenrendanten vorübergegangen ... einer hatte am Fenster gestanden... Ob André es war? – Sie wußte es nicht. Sie glaubte es nur... sie wollte nicht hinsehen, hatte aber das bestimmte Empfinden: er ist wiedergekommen ... und bei diesem Gedanken vollführten ihre Ohrgehänge ein häßliches Klingeln. Auch jetzt wieder. Herrgott, diese Unruhe! – und dabei sollte man noch feiern, an das Jesuskind denken und liebliche Augen machen wie in den Tagen fröhlicher Jugend. Und wo Johanna nur blieb? Sie hatte doch versprochen, früher als gewöhnlich nach Hause zu kommen, wollte doch helfen und für den Aufputz des Bäumchens die letzten künstlerischen Anordnungen treffen. So war es verabredet worden – und jetzt dieses Ausbleiben! Erregt begab sich Therese ins Freie und suchte die Straße ab, ob sie noch immer nicht käme. Aber sie kam nicht. – Der bläuliche Hauch auf den Dächern war purpurn, dann feurig geworden. Das deutete auf Wettersturz. Die Kälte ließ nach. Der ganze Westen stand in zuckender Lohe und warf eine leuchtende Garbe in den weiten Raum hinein, wo der Altar zu den Sieben Schmerzen sich aufhob. Eben hatte Johanna den Spachtel beiseite gelegt. Das Modell für die neue Pieta war so gut wie vollendet. Das Abendlicht ruhte darauf und machte jede Einzelheit deutlich erkennbar. Hoch aufgerichtet stand die Künstlerin neben der zierlichen Plastik, wandte sich aber, um den Blick auf eine andere Arbeit, auf das noch immer verschleierte Bild von Sais zu richten. Zögernd, fast scheuen Fußes, trat sie näher, von der plötzlichen Eingebung beseelt, dem Verborgenen und Langverhüllten endlich die Freiheit zu geben. »Nur zum Vergleich, nur um mich selber zu prüfen,« apostrophierte sie sich, »und dann fröhliche Weihnacht!« Sie begann damit, die Schnüre zu lösen und die Siegel zu brechen. Das Tuch sollte fallen. Da war es ihr plötzlich, als vernähme sie eilige Schritte, als wenn jemand hinter sie träte ... und als sie sich umsah... André stand vor ihr. Hut und Mantel hatte er von sich geworfen. Ihr erstes Gefühl war das einer Erstarrung. Dann überlief sie ein Schauer von Hitze und Fieberfrost, und ihr Herz klopfte hörbar. Auch dieses wechselte. Sie faßte sich wieder und begegnete ruhig seinen hungrigen Blicken. »Du ...?!« fragte sie mit einem eisigen Lächeln. Er gab keine Antwort, drängte aber näher heran und suchte ihre Hände zu fassen. »Laß das!« wehrte sie ab. »Wenn jemand uns sähe.« Er machte eine verächtliche Handbewegung. »Es scheint, ich bin ungelegen gekommen. Warum das? Weshalb dieser Wandel? Ah! ich verstehe...« und er zeigte auf Schrein und Modell. »Der alte Wahn ist wieder lebendig geworden. Aber das sage ich dir: ich bin Manns genug, mir nicht den Wind aus den Segeln nehmen zu lassen. Etwas verbindet uns. Die Fessel ist haltbar. Für sie ist noch kein Messer gefunden, wird auch nie eins gefunden. So leichten Kaufes werden keine Verträge gebrochen und altverbriefte Rechte aus den Händen gegeben.« »Altverbriefte Rechte? Wem sagst du das alles?« »Dir,« entgegnete er fest und bestimmt. Sie lachte kurz auf. Unter ihrem enganschmiegenden Gewand straffte sich ihr jungfräulicher Körper. Hoheit umgab sie. Ihre Nasenflügel zuckten. Unnahbar stand sie neben ihm. Er fühlte den Duft ihres Leibes, ihres rotblonden Haares; aber er wagte nicht mehr, ihre Hand zu berühren. »Altverbriefte Rechte?« fragte sie nochmals. »Wie kommst du darauf? Wo ein Besitzer ist, muß auch ein Geber sich finden, und ich wüßte mich nicht zu erinnern, irgend etwas veräußert zu haben.« »Allerdings nicht in Worten und Werken, nicht durch Brief und Siegel, Johanna; aber es gibt eine Beziehung der Seelen, eine Gemeinschaft des Willens – und dieses verpflichtet.« Sie glaubte, nicht richtig zu hören. »Seit wann denn?« »Seit immer, bis zur jetzigen Stunde.« Sie war bleich wie ein Wachsbild geworden. »Das mir! – wo du es fertig brachtest, mich zum Spielball deiner herausfordernden Launen zu machen.« »Wo und bei welcher Gelegenheit bist du mir zum Spielball geworden?« unterbrach er sie heftig. »Seltsame Frage! Wo denn anders als in deinem elterlichen Hause, bei deinem letzten Hiersein, als dein Vater das rote Gespenst beschwor und die Göttin der Vernunft inthronisierte. Bei diesem politischen Karneval, wo der Unsinn regierte und der Verstand sich an den Kopf griff – da ist es gewesen. Und du – wer bin ich denn eigentlich, daß du es wagtest, mich an Seele und Leib zu betasten? Wofür hältst du mich denn? Wer gab dir das Recht, mich mit der Maillard auf ein und dieselbe Stufe zu stellen, mich zu entkleiden und mir nur den Schmuck meiner Haare zu lassen? Mich gelüstet es nicht, unter den weißen Mädchen des Königs von Byblos zu sitzen, Weihrauch und Myrrhen zu opfern und mich in der Rolle einer Priesterin deines Glaubens heimisch zu fühlen. Selbstverständlich – du wirst mir vorhalten wollen: ich bin dein Lehrer gewesen, ich wies dir den Weg einer göttlichen Sendung, um dich der höchsten Kunst und damit den Sternen näher zu rücken. Ich schenkte dir Neuland und versuchte es, dich mit dem Purpur des Erfolges zu schmücken. – Gut, ich folgte dir willig. Ich berauschte mich an deinen tönenden Worten und gewahrte es kaum, wie die Flut keuschen Empfindens langsam verebbte. Satt und genug hiervon! Ich muß aus deinem Tempel heraus, so schön er auch sein mag. Ich habe mich anders besonnen. Erinnere mich nicht mehr an Dinge, denen ich blindlings folgte, ohne dabei an das Licht Gottes zu denken. Es gibt etwas Stolzeres in der christlichen Kunst, als vor deinem Idol auf den Knien zu liegen. Aber abgesehen davon: allem Bestehenden ist ein Wechsel gegeben. Die Anschauungen wandeln. Ich bin deines Zwanges müde geworden. Es ist quälend, verletzend für mich, entwürdigend, seit du den traurigen Mut fandest, in Gedanken und Worten meinen Leib zu entweihen.« »Entweihen, Johanna?! – wo ich gewillt war, deine Schönheit zu feiern, dich zu preisen und dir und deiner Kunst die dunkelroten Rosen von Pästum um die Schläfen zu winden?! Nichts von Entweihung ...! In jenem Augenblick warst du mir eine strahlende Göttin. Ich opferte dir, ich betete zu dir ... ich sprach für die Welt, für mein Glaubensbekenntnis ... ich war ein Prophet, ein Apostel und Seher, ein Priester und Verkünder der ewigen Wahrheit ... ich sah dich im Geiste ... nichts weiter ... Aber heute, Johanna – heute ist unsere Stunde gekommen.« Er trat auf sie zu. »Hast du denn keine Ahnung, wie wahnsinnig schön du bist, wie du die Macht hast, den Verstand eines Mannes aus den Angeln zu reißen?!« Ein kurzer Schrei. Dann war er bei ihr und hatte sie mit seinen Armen wie in einem Schraubstock umschlungen. »Zurück – du ...!« Sie stemmte sich gegen ihn an. Eine Blutwelle schoß in ihr Antlitz. Sie fühlte sich machtlos, vernichtet, einer unbekannten Gewalt übergeben, der sie sich nicht mehr zu entrinnen vermochte. »Was tust du? Was willst du?!« »Ich zerbreche die Form, die unsere Herzen noch trennt, und lege die Schranke nieder, die noch zwischen uns aufragt. Endlich mußt du doch wissen: wir sind unzertrennlich geworden.« »Das ist nicht wahr!« ächzte sie auf. »Lasse mich los, du!« Ihre Kräfte erlahmten. »Erbarme dich doch!« flehte sie mit zerbrochener Stimme. »Quäle mich jetzt nicht; ich habe schon genug an der Qual, die ich deinetwillen geduldet. Ich sagte dir schon: es hat sich alles geändert. Ich bin nicht mehr dieselbe von früher und habe kein Recht mehr über mich selber. Ich bin mit einem andern versprochen.« Er ließ von ihr ab. »Mit Dirk Vogels versprochen?!« »Ja, mit Dirk Vogels.« Schritt für Schritt ging sie rückwärts, die aufgerissenen Augen starr auf ihren Bedränger gerichtet. »Also Dirk Vogels ...?!« Sein Wort knatterte. »Das sollte ihm passen ... ein Renaissanceweib wie du im Arm dieses kleinen Beamten! Zum lachen, zum lachen! – und du, du hättest den herostratischen Ehrgeiz, diesen Gottessucher und Bilderstürmer in Duodezausgabe ... Nein du, Johanna« – und seine Stimme nahm jenen schmeichlerischen und überlegenen Ton an, den er anschlug, wenn er auf seinen Vortragsreisen die Übermenschen des Quattrocento beschwor, sie mit beneidenswerter Anmaßung aufmarschieren ließ und die Sinne der nach Bildung durstigen Weiber aufpeitschte – »nein du, Johanna, der Flug deiner Seele geht höher. Sie haftet nicht am Staub und Moder, zielt vielmehr in den Äther hinein ... und gingest du in Holzschuhen und wärest in Lumpen geboren, du bliebest doch eine Königin mit Zepter und Krone ... Oder aber« – und er trat näher heran, suchend, mit halbgeschlossenen Augen und einem verächtlichen Spiel um die Lippen – »solltest du dich soweit vergessen, dieses dein angestammtes Königtum zu vertun und es in die Hände dieses Menschen zu legen, dann allerdings – du wärest vollauf berechtigt, von der Entweihung deines Leibes zu sprechen.« »Mein Gott!« schrie sie auf, »wo nimmst du die Stirn her, mit einer solchen brutalen Gewalt meine heiligsten Gefühle zu würgen?!« Ihre Brust stürmte, ihr Antlitz entstellte sich – und dennoch: begehrenswert blieb sie im Schmuck ihrer rotblonden Haare, in dem Flammenspiel ihrer Augen, die wie Florentiner Steine brannten, schön noch im Zorn, der ihr den Mantel der Majestät um die Schulter geworfen. Und trotz dieses Mantels ... André war bei ihr. Mit starrer Faust umgriff er ihr Handgelenk. »Keine Szene, Johanna! Die steht dir nicht an. Ich kenne dich besser, als du selber dich kennst. Keine Fiber entging mir; und wenn du jetzt aus deiner Reserve heraustrittst, die flammende Bravour auf der Stirn und ein hartes Wort auf den Lippen – es ist dein wahrhaftiges Ich nicht; nur ein gequältes Sinnen und Wollen ... Warum das? Mich kannst du nicht irreführen, nicht täuschen. Die andern vielleicht, die Welt vielleicht; aber an mir geht dieses alles spurlos vorüber. Ich sehe bis auf den Grund deiner Gedanken, in den tiefsten Schacht deines Herzens. Und deine scheinbare Leidenschaftslosigkeit mir gegenüber – sie ist kein Rätsel für mich. Ich studierte sie seit Monden und Jahren. Sie ist wie die einer Barmherzigen Schwester, wie die Ruhe am Kalvarienberg. Aber ich sage dir« – und er fühlte sich wie einer, der über Weiber gebietet, der sie zu voller Entfaltung bringt oder vernichtet – »in dieser deiner Leidenschaftslosigkeit liegt das Mysterium der heidnischen Göttin verborgen, träumt ein Vulkan ...« Sie fuhr zurück, als hätte sie eine Kugel getroffen. Leichenblässe übergoß sie. »Ja, ein Vulkan, und ich kann diesen träumenden Vulkan aus seinem Schlummer erwecken.« »Du?!« schrie sie auf. »Wer bin ich? Was machst du aus mir?!« »Das will ich dir sagen.« Mit einem Sprung war er bei dem verschleierten Bildstock, hatte er die Hülle zu Boden gerissen. »Das bist du ...! Das ist dein eigenes Ich ...! Das schufst du nach dem stolzen Modell, das der größte aller Meister zu Bein und Fleisch werden ließ. In dieser Skulptur, in diesem Weib bist du selber verkörpert, pulst deine innerste Kraft, ruht der Schrei nach dem Manne. – Träumender Vulkan, wache auf, zucke, schieße in Lohe! Verzehre die Mystik eines irrenden Geistes. Werde zum hellen Fanal, zum Pharus der wahren Kunst und des Lebens. – Johanna, mit dieser Offenbarung stehst du und fällst du. In ihr liegt dein Glaubensbekenntnis. Baue es aus, und du kommst den Renaissancemenschen nahe; stürze es um, und mit seinem Sturz hast du dich selber gerichtet. Hinweg mit der ungesunden Träumerei, die uns aus verdämmerten gotischen Kirchen entgegenmodert! Hinein in das Licht, wo die Reichen im Geiste wohnen, die Spender, die Bringer, die Anbeter des Nackten in Gedanken, Worten und Werken!« »Entsetzlich ...!« »Göttlich!« rief er ihr zu. »Die Gottheit ist bei dir. In einer glücklichen Stunde hast du die Spangen gelöst und dir das Gewand vom Leibe genommen ... Sieh dich an, du ...! Wie schön, wie wahnsinnig schön du bist. Deine Glieder sind ein köstliches Spiel, deine jungen Brüste zwei silberweiße Tauben, zwei Rosenzwillinge am Quell ... Darüber könnte ein Buonarotti wahnsinnig werden. Schön wie Isolde! Isault la blonde, Isault m'amie, En vus ma mort, en vus ma vie! So mit dir in den Tod hinein, in das blutrote Sterben ... Isault la blonde ...!« Ein kurzes Aufatmen – und mit der herrischen Gewalt eines Panthers umstrickte er sie, preßte er seinen Mund auf den ihren. »Mit diesem Kuß nehme ich dich, halte ich dich ... aber er ist nur der Auftakt, um die Pforte des Paradieses zu stürmen. Isault la blonde ...!« Sie erstickte unter seinen wütigen Küssen, unter seiner Umarmung. Ihre Sinne vergingen. Sie sah nur noch, wie es floriger wurde, wie die Umrisse des Schreins sich verwischten, zergingen, im Dunkel zerfaserten, wie ein kaltes, letztes Glühen zwischen den Fenstern hing, um auch hier auseinander zu fließen ... Dann senkte es sich über sie her wie mit todschwarzem Samt. Ihr leibliches Auge starb ab, aber ihr geistiges sah um so schärfer. Gegensätze und Widersprüche lösten sich auf. Diese Blicke – sie führten sie in einen Taumel hinein, in einen Rausch des Genießens. In diesen Blicken ruhte eine Welt der Verheißung. Sie rissen die Tore des Verlangens sperrangelweit auf. Sie brauchte nur einzutreten, um sich von den goldenen Saiten einer sinnverwirrenden Kunst betören zu lassen. Tollkirschkränze wuchsen empor, umgaukelten sie, legten sich um ihre brennenden Schläfen. Vor diesen Blicken dunkelte das Bild Dirk Vogels' ein, das doch so reich und stolz und heilig in ihrem Herzen gewohnt hatte, umschattete sich, sank immer tiefer und tiefer ... Und neben ihr ein Locken und Werben und die leidenschaftlich geprägten und hervorgestoßenen Worte: »Soll ich an meiner Liebe verbluten? Hilf mir, Johanna ...! – Hilf mir, Johanna ...! Isault la blonde, Isault m'amie, En vus ma mort, en vus ma vie!« Und wieder die brennenden, verzehrenden Küsse, das Stammeln in wilder Umarmung ... Da wachte sie auf. »Lasse mich los – du! – ich kenne dich nicht und will dich nicht kennen. – Ich bin die Braut eines andern!« »Und wenn es so wäre!« Ein stummes Ringen begann. Sie suchte die Tür zu gewinnen, sich von ihm zu reißen, obgleich sie fühlte: es ist alles umsonst. Du bist ihm verfallen, öffne ihm nur die schneeweißen Arme. Du kannst nicht mehr anders. Wütend suchte er ihre halbgeöffneten Lippen. Ihr Mieder zersprengte, ihre junge Brust drängte nach, hart und wie aus carrarischem Marmor gemeißelt. »Und wenn es so wäre! – Mit dir durch Schnee und Eis, durch den Frühlingssturm, durch den sommerlichen Wald. Wir gehören nun einmal zusammen. Einer ist des andern Schicksal geworden, und niemand entrinnt ihm.« »Geh jetzt, geh jetzt ...« Beide Hände hatte sie gegen ihr Antlitz geschlagen, um nichts mehr zu sehen, um ihre verräterische Glut zu verbergen. Da ließ er von ihr ab. Er wußte genug. »Ja – du, ich gehe. Aber des sei gewiß: unser Los erfüllt sich. Und wenn wir dahin ziehen sollten mit dem Fluch deines Vaters, ohne den Segen der Kirche, durch todbringende Liebe – unser Leben ist nicht mehr zu trennen. Es geht von nun an seinen Weg mit der entsetzlichen Genauigkeit einer Maschine. Du hörst noch von mir. Ich komme wieder, Johanna.« Noch einmal umarmte er sie, küßte er sie, riß er sie an sich, ohne daß sie den geringsten Widerstand leistete. Sie ließ alles geschehen. Schlaff hingen ihr die Arme am Leibe herunter. »Geh jetzt, geh jetzt ...« Schmerzlich begegneten sich ihre brennenden Augen. Dann ging er. Seine Schritte verhallten; aber ihr war es, als bräche das Gewölbe zusammen. Hoffnungslos stierte sie in das immer stärker werdende Abendgrauen. Dann ging auch sie. Sie war einer Sterbenden ähnlich. Als sie die Kirche verließ, wehte ihr eine weichere Luft zu. Rings um sie her blinkten die Fenster. Hinter vielen standen bereits die leuchtenden Bäume. Es war Heiligabend geworden. 18 Wie sie nach Hause gekommen, sich in ihre Kammer begeben und dort ihr Herz beruhigt hatte, wie sie alsdann der alten Therese zur Hand gegangen war, den Baum fertig geziert und die einfachen Geschenke angeordnet und zurechtgelegt hatte – sie konnte sich keine Rechenschaft darüber geben; sie wußte es nicht mehr. Sie befand sich in einer eigenartigen Traumwelt, in einem Zustand zwischen Schlafen und Wachen. Ihre Handlungen führten sich so folgerichtig ein wie die einer Nachtwandlerin. Ihre Fragen und Antworten waren klar und bestimmt. Mit einer Selbstbeherrschung, die auch nicht die geringste Verstörung aufkommen ließ, hatte sie ihre Kleidung gewählt, sich geschmückt und ihr goldblondes Haar zu einer schweren Krone geflochten, hatte sie die Gäste empfangen, Petrikettenfeier ten Hompel begrüßt und Dirk Vogels herzlich willkommen geheißen, auch schweigend geduldet, daß er ihren Scheitel mit heißen Lippen berührte. In diesem herben, jungfräulichen Körper schienen alle Empfindungen, Leidenschaften und Schwächen des reifen Weibes zur Stunde erloschen, so daß keiner erriet, welch ein Sturmwind ihn noch vor kurzem bis in seine innersten Tiefen aufgewühlt hatte. Nur unbestimmte, verschwommene Begriffe und Bilder stiegen vor ihrer Seele auf, zogen achtlos vorüber, um bald darauf wie Schemen zu zerfließen. Keinem fiel das geringste auf. Sie hatte sich gar nicht verändert, war vielmehr noch sieghafter in ihrer weiblichen Anmut geworden. Nur wer genauer zusah ... Das gewinnende Lächeln war von ihr genommen. Ihre feinen Nasenflügel erinnerten in ihrer bleichen Durchsichtigkeit an die einer Verstorbenen. Auch ihre schmalen Hände waren weißer als sonst. Aber keiner sah diese wächsernen Hände – nicht Dirk Vogels, nicht Hochwürden, selbst nicht der eigene Vater, der sich in trefflicher Weihnachtsstimmung befand, seine Kalkpfeife rauchte und alles aufbot, eine richtige Vorfreude in die Wege zu leiten. Mit innigem Wohlbehagen hatte er die Geschenke für den heutigen Abend gewählt, so für Johanna ein seidenes Kleid, für Hochwürden die Erbauungsschriften des heiligen Franz von Sales, zart illuminiert und mit prächtigen Majuskeln versehen, für Dirk Vogels die neuaufgelegten ›Tabulae geographicae‹ des gelehrten und weisen Gerhard Merkator, hatte solche mit Fichtenzweiglein bedeckt und harrte der Stunde, wo der Heilige Christ erscheinen und sagen würde: »So, Arnt Douwermann, nun magst du die lieben Menschen beglücken.« Ein kleines Abendessen ging der Bescherung voraus. Kein üppiges Mahl wie beim Kirchenrendanten, wo ein gebratener Bronzeputer aufmarschierte und einen feinen Duft nach Trüffeln und Morcheln hinter sich herschleppte – nein, nur ein schlichtes Gericht, gesottene Schleie in Dill; aber es wurde freudiger aufgenommen als die schwelgerische Speisenfolge bei den Symposien des Trimalchio ... und als dann Arnt Douwermann seiner Tochter ein stummes Zeichen machte und diese schweigend die Tafel verließ, vom Arbeitszimmer her die Klingel ertönte, artig wie ein Wisperstimmchen im Winterwald, und die Geladenen eintraten, da strahlte ihnen das Heil in seinem vollsten Glanze entgegen. In diesem Augenblick hallten die Glocken von Sankt Nikolai herüber, gläubig und selig, fromm und ergreifend. Wie ein Gloria kam es aus den himmlischen Höhen, wo der liebe Gott auch einen Christbaum angezündet hatte, der mit seinen Myriaden von Lichtern den ganzen Weltenraum erfüllte. Arnt Douwermann aber ging unauffällig zur Seite, hielt den Perpendikel der Uhr an, um jede Störung zu hindern, nahm hierauf das Evangelium des heiligen Lukas und trat in den Bann der Fichte, so daß ihn die grünen Zweige mit ihren duftigen Nadeln berührten. Da stand nun der seltsame Mann in seinem schweren Gehrock mit den vergoldeten Knöpfen, im Schmuck seines langfadigen Bartes und mit der großen Menschenliebe, aber auch mit dem gerechten Stolz unter den Rippen, ein Prophet, ein Verkünder des Höchsten, und hob das Buch und begann mit weicher Stimme die Weihnachtslegende zu lesen und senkte die Schrift und schloß mit den Worten: »Und plötzlich war bei dem Engel die Menge der himmlischen Heerscharen. Die lobeten den Ewigen und sprachen: Ehre sei Gott in der Höhe und Friede den Menschen auf Erden, die eines guten Willens sind,« und breitete hierauf die Arme und sagte: »Ja, ihr Lieben um mich, ich biete euch eine freudige Stunde. Der Herr sei mit uns und segne uns alle! So aber in dieser geweihten Nacht einer daher käme und die Herzen zu vergiften gedächte, der wäre verflucht vor dem Herrn, denn er wäre schlimmer als die großen Würger unter uns, die mit Feuer und Schwert umherziehen und das Leben zerbrechen ...« und dann trat er auf seine Tochter zu und führte sie an die Stelle, wo ihr Geschenk ruhte, und sagte: »Das ist für dich, mein Kind, und das ist für Sie, Hochwürden, und das, Herr Vogels, für Sie, und hier liegt Ihr Angebinde, Therese. Es ist alles gerne und freudig gegeben.« Da sahen sich alle an und dankten, und es war eine Andacht unter ihnen, als wäre der Nazarener selber unter die Menschen getreten, um die Hände zu öffnen. Keiner sprach mehr, keiner wagte es, die tiefe Stille zu stören; selbst die Glocken nicht mehr, und nur Theresens Ohrgehänge flüsterten verträumt und wie aus weiter Ferne herüber. Und in diese Stille hinein ... »Und das ist für dich,« sagte Johanna und enthüllte ein Reliefbild ihrer seligen Mutter, das sie nach einem Daguerreotyp aus Buchsbaum geschnitten hatte. Lebenswahr lächelte das zarte Frauenantlitz aus einem mit Efeu umbordeten Rahmen. »Johanna ...!« und zwei glückliche Arme zogen ein junges Menschenleben an sich und herzten es lange. »Und das hier, Herr Douwermann ...« Petrikettenfeier ten Hompel war näher getreten. »'ne Kalkpfeife ist zwar ein köstlich Gefäß,« meinte er schmunzelnd, »aber sie tut es allein nicht. Der Mensch muß Abwechslung haben. Nicht immer dasselbe. Varinaskanaster und hier dieses türkische Rohr mit dem Kopf aus Siegelerde sind von jeher 'ne prima Firma gewesen. Treten Sie als Kompagnon ein, Herr Douwermann, und das Geschäft ist gemacht. Ich garantiere dafür: es wird sich verlohnen.« »Mein Gott! – wie komme ich zu dieser Ehre, Hochwürden?!« »Ich beantworte die Frage mit Ihren eigenen Worten,« versetzte der Dechant. »Es ist gerne und freudig gegeben.« »Und das hier ...« »Was! – auch Sie, mein lieber Herr Vogels?!« »Es ist das Beste,« sagte der Dechant, »was der heutige Abend uns bietet.« »Und ist die Chronik Meister Heinrichs,« setzte Dirk Vogels mit bewegter Stimme hinzu, »sein Kämpfen und Wirken, seine Freude und sein grimmiges Leid; in ihr sind seine goldenen Tage gebucht und die, wo ihn seine Tochter mit Geißeln strich und mit Dornen krönte.« Johanna zuckte schmerzlich zusammen; ihre Blicke suchten ängstlich die ihres Vaters. Der aber ... »Lobet den Herrn, den Ewigen ...!« brach es aus ihm heraus, als würden in seinem Herzen alle Schleusen der Überraschung und der Freude geöffnet. »Dirk, das tatet Ihr mir?! Heiliger Gott, wie soll ich Euch danken?!« Mit strahlenden Augen hatte er dessen Hände ergriffen. »Den Dank,« meinte der Dechant still vor sich hin, »wird die Tochter ihm geben.« »Das soll sie, das wird sie,« beteuerte der Alte so recht aus seinem Glücksgefühl heraus, indem er die Chronik erfaßte, sie aufhob und den Mund darauf preßte. »Ich aber, ich komme mir vor wie Moses vor seinem gottseligen Ende, da er auf Geheiß des Allmächtigen von den Ebenen Moabs her den Berg Nebo, den Gipfel des Pisgagebirges, bestieg, um von hier aus das Land der Verheißung zu sehen – das gelobte und gepriesene Land von Gilead bis Dan, das Land Ephraim und Manasse, auch Juda bis zum äußersten Meere und gegen Mittag und die reichen Gefilde von Jericho, der Palmenstadt, bis über Segor hinaus.« Seine Stimme zitterte. »Aber der Herr wird nicht sagen,« fuhr der Dechant dazwischen, »nur deinem Samen will ich es geben – nicht dir. Nein, das wird er nicht sagen; denn hineinkommen wirst du, und hineinkommen sollst du ... und das gelobte Land für dich ist die Handschrift, das Vermächtnis des Toten. Und wenn Sie ein übriges tun wollen, Herr Douwermann, dann seien Sie uns Führer und Mentor. Lesen Sie selber, seien Sie der Vermittler zwischen ihm und uns. Wir hören mit Andacht, und seien Sie überzeugt: eine solche Weihnacht wurde niemals begangen.« Freundlich ihm zusprechend, deutete er auf den zunächststehenden Sessel. »Es sei denn,« sagte der Alte nach einigem Besinnen, und da richtete Johanna einen Tisch unter der Fichte, an dem er sich niederließ, und als die andern im Halbkreis Platz genommen hatten, Therese den Punsch anpräsentierte und Hochwürden seine Pfeife in Brand setzte, da schlug der alte Herr die Blätter der Handschrift auf und machte sich fertig, eine längst dahingegangene Zeit zu beschwören und was tot war, wieder lebendig zu machen. Eine bange Erwartung drückte sich in die nächste Sofaecke hinein. Sie hörte auf das Knistern der Kerzen und das behagliche Gangwerk der Uhr, deren Pendel sich wieder auf und nieder bewegte, und sie lauschte auf das Plaudern im Ofen und folgte den Rauchwölkchen, die Petrikettenfeier ten Hompel in bläulichen Reiflein aneinander reihte wie Äpfelkringel auf einem zwirnenen Faden. Und in diese bange Erwartung hinein begann der Alte mit sonntägiger Andacht zu lesen: » Memento , meine Lebens- und Leidensgeschichte, unter Berücksichtigung meines Erden- und Künstlerwallens, so ich, Heinrich Douwermann, Bildschnitzer und Fähnderich der Sankt Lukasgilde dahier, mit Gottes gnädiger und geduldsamer Fürsorg eigenhändig verfaßte ...« und er las gleichmäßig fort, bis er die Stelle erreichte, die da lautete: »Ich aber sage: noch schlimmer als dieses entsetzliche Tier ist das Weib. Ihr sollt es erfahren. – Der aber solches niederlegte – wo ist er geblieben? Wo ist er geblieben? – Mortuus est! Mortuus est!« Hier dämpfte er die Stimme und sprach die letzten Worte mit einer tiefen Kümmernis, um hierauf in seiner gewöhnlichen Art weiter zu lesen: »Geschrieben steht: Du sollst mit dem Hochmutsteufel keine Gemeinschaft pflegen. Ich fühle mich schuldlos, und obgleich mir die Großen dieser Erde schmeichelten und viel Artiges taten, mich hat es nie danach gelüstet, den Falken zu werfen und nach weltlichen Ehren zu greifen. Und hätte man mir einen Hermelin um die Schultern geworfen, glücklicher wäre ich in meiner Künstlerschaube geblieben. Mein Haus war bestellt, nicht überschwenglich und fürstlich, aber reichlich für die tägliche Notdurft, so daß ich allmonatlich Rechnung ablegen und sagen konnte: Dieses für Küche und Keller, solches für Weib und Kind, item, dieses für Wieswuchs und Äcker, mit jenem beglich ich alle kleinen Sächelchen und Freuden des Lebens, als da sind: Jagd, Spiel und Gastereien ... und habe immer noch ein Erkleckliches übrigbehalten. So durfte ich durch ein freies und sorgenloses Dasein hindurchgehen. Nur dem Ausgang zu ... in den Spiegel der Erkenntnis wage ich jetzt nicht zu schauen, sondern muß mir solches für später aufheben; denn täte ich es in gegenwärtiger Stunde, ich käme mir vor wie ein Fähnderich auf verlorener Walstatt, dem nichts übrigblieb, als sich in das zersplissene Seidentuch seiner Fahne zu drehen, um den letzten Trommelschlag zu hören und den Tod zu erwarten. Ach Gott, du mein lieber Herr Jesus, wie ist mir's ergangen?! Bald ein süßes Hofieren auf einem minniglichen Rauschpfeiflein, bald des Propheten Jeremias Trauergesänge, bald den Kronreifen der Kunst um die Schläfen, um letzten Endes die Hände zu falten und verzweifelt zu stammeln und in die Kissen zu weinen: › Cita mors ruit ‹. Doch ich will folgerichtig erzählen. Mein Vater, so klevischer Rat war und in hiesiger Stadtgemeinde als Friedensrichter und Custos rotulorum fungierte, hatte viel Anspruch sowohl bei Klerikern und Laien als auch am Hofe des hochmögenden Herzogs von Kleve. Er starb eines plötzlichen Todes, allgemein beklagt und betrauert und mit solennem Gepränge auf den Gottesacker geleitet. Meine Mutter, eine geborene van Holten, unter allen Frauen die reinste und schönste, die ich jemals gesehen, pflegte das Andenken des dahingegangenen Mannes mit geziemender Trauer, nahm sich meiner an, als wäre ich ihr höchstes Kleinod auf Erden, und hatte nur den einen Wunsch, mich später in den Reihen ernster und studierter Männer zu wissen. Zu diesem Behufe übergab sie mich dem Herrn Johannes Paephoff, so als Pfarrer im hiesigen Kirchspiel den Hirtenstab führte. Selbiger, ein subtiler Geist und gewitzigter Kopf, hatte bereits manches geschrieben, vornehmlich solches, was sich mit der reinen Gottesgelehrtheit befaßte, obgleich er auch etliche Tageweisen gedichtet und sie sangbar gemacht für Zupfgeigen- und Violabegleitung. Unter seinen Büchern wurde vornehmlich das › Martyrologium Sanctorum ‹ gerühmt. Auch kopierte er die Bulle der Kanonisation der heiligen Brigitta, welche sich im Liber pastoralis, Pagina hundertsiebenunddreißig befindet. Seine Handschrift erschien wie Gedrucktes. Bei diesem lernte ich nun, was nötig war, um mich für die Hochschule würdig und tüchtig zu machen. Da solches geschehen und mir bereits ein zarter Flaum die Lippen umsproßte, legte eines Tages Herr Paephoff seine Fingerspitzen steil gegeneinander und sagte: ›Mein Ziel ist erreicht; denn ich halte dich für wert und geschult genug, gen Köllen zu pilgern, um allda als Artist die › Summula ‹ des Petrus Hispanus, die › Vetus ars ‹ die › Libri priorum, posteriorum, topicorum, physicorum ‹ und das Buch › De anima ‹ zu traktieren und emsig zu pflegen, und bin des berechtigten Glaubens, dich nach etlichen Jahren als Lizentiat und Doktor begrüßen zu können.‹ – Solches war meiner herzlieben Mutter eine gar liebliche Botschaft, mir hingegen tönte sie unwirsch zu Ohren, sintemalen ich lieber meinen Gedanken und Träumen nachhing und es in meinen Mußestunden für erfreulicher hielt, auf den Wiesen mit den Geißen zu meckern und die Lerchen von ihren Nestern zu stöbern. Aber alles mit Maßen. Item, ich liebte die Kunst und verstand es, leidliche Figuren in Wachs zu bosseln und solche aus dem Holz von Ahorn und Linden zu bilden. So saß ich denn eines Tages, als der liebe Gott meine engere Heimat mit weißen und gelben Frühlingsblümchen bestickte, an der Bunten Schleuse und schnipselte an dem Kopf der Jungfrau Maria herum, so ich dem Antlitz meiner gepriesenen Mutter nachzubilden gedachte. Da geschah es, daß einer seines Weges daherkam, und war ein zierliches Männlein mit schmalem Gesicht und klugen Augen. Selbiger handhabte sein spanisches Rohr so lustig und wirbelnd im Zirkel herum, daß es summelte, als wäre ein Geschwader Bienen bei fleißiger Arbeit. Trug auch eine kostbare Schaube und ebensolche Mütze von Marderfell, obgleich es die Sonne gar tapfer meinte und alles Leben mit ihren warmen Strahlen erfüllte. Als ich näher zusah, ward ich fröhliches Sinnes; denn Meister Arnold von Kalkar, der große Bildschneider und Verfertiger des Leichnams Christi im Grabe, stand vor mir. ›Ei, sieh da, Herr Studiosus!‹ sagte dieser und ließ sein spanisches Röhrlein emsiger kreisen, ›was Ihr da aus dem Holzstock herausholt, verrät eine sichere Hand und ist gar trefflich geraten. Hatte davon auch bereits ein Gewisses erkundet, und so Ihr gewillt seid, mir und meiner Wertstatt zu dienen, so seid Ihr mir herzlich willkommen; denn was rar ist, soll man nehmen und halten, sintemalen solche gottbegnadeten Geisterlein so selten sind wie Armut und Keuschheit bei den jetzigen Pfaffen.‹ Wer war froher als ich! Ein Hochzeiter, der ein minnigliches Jüngferlein freiet und sich bereits darauf einrichtet, die Äpfelchen des Paradieses zu brechen, konnte sich nicht so glücklich preisen wie ich, zumal Meister Arnold eine Tochter sein eigen nannte, die mir von jeher so überirdisch erschien, als wäre sie aus einer Tafel des Kölner Illuminierers Stephan Lochner getreten, etwa als Madonna im Rosenhag oder als die allerseligste Jungfrau mit dem knospenden Veilchen. Item, ich kam in die Werkstatt des Meisters, obgleich Herr Johannes Paephoff dagegen eiferte und mich für einen geborenen Duns Scotus erklärte, meine Mutter desgleichen grämlich verstimmt war und nicht einsehen mochte, wie es möglich sei, sich als fahrender oder seßhafter Künstler mehr Ruhm zu erwerben als solche, die die Palme der Gottesgelehrtheit einhertrugen. Aber es kam anders, als Herr Johannes Paephoff und meine herzliebe Mutter es sich ausgedacht und vorgestellt hatten; denn kaum, daß drei Jahre vergangen waren und mir ein schönes, tiefschwarzes Haar in den Nacken hineinlockte, ich in meinen Manieren auch einen höfischen Junker abgeben konnte, hatte ich ein Bildwerk zuwege gebracht, von dem die Kundigen und Verständigen sagten, ähnliches sei in der christlichen Kunst kaum noch zu finden. Es stellte die Tochter meines Meisters dar, wie sie als Schmerzensmutter den Leichnam ihres göttlichen Sohnes im Schoße hielt und sein Hinscheiden bitter beweinte. War auch die Jungfer Lisbet derart enchantieret davon, daß sie mir ihr rubinrotes Mündlein anpräsentierte, mich herzte und sagte: ›Da habt Ihr etwas Großes geleistet. Es ist so über alle Maßen geraten, daß ich das Werk für die beste Arbeit meines Vaters ansprechen möchte.‹ Diesem gab auch Herr Arnold seinen uneigennützigsten Beifall, schaute mir tief in die Augen und sprach in den Worten des mazedonischen Königs, von dem die Geschichte gar bedeutsame Wunderdinge berichtet: »Suchet Euch ein anderes Königtum. Mein Reich ist zu klein und unbedeutend für Euch,‹ und gab mir die Hand und lobte mich höchlichst.« Da sah Arnt Douwermann von der Schrift auf, nahm sein Glas und sagte: »Gedenken wir des jungen Meisters. Gott gebe ihm eine selige, fröhliche Ausfahrt,« und trank und stellte das Glas still wieder nieder. Und alle taten ihm Bescheid und tranken und waren gespannt auf den Fortgang der Dinge. Der Alte aber las weiter: »In dieser Zeit regierte Herr Johann der Zweite über die klevischen Lande, mürrischen Sinnes und mehr darauf bedacht, dem Schrei des brünstigen Hirsches zu folgen, als auf das sanfte Girren einer Turteltaube und eines schönen Weibes zu lauschen. Und sein Weib, die stolze Herzogin Mechthild, war schön, schön wie die Zauberin im Hörselberg und schlank wie eine Weidengerte, die sich an den Altwassern des Rheines wieget und bieget, dazu heißblütig wie die Hitze der großen afrikanischen Wüste Sahara, erst achtunddreißig an Jahren, obgleich sie dem Herzog einen Folger geboren, der meines Alters sein mochte und aussah, als wäre ein Adonis auf die Erde gekommen. So man Didelmanns Pfeife oder der Mutter Fama Glauben schenken darf, war besagte Frau Mechthild mit dem ehelichen Werk ihres mürrischen Herrn nicht sonderlich zufrieden und warf daher gern ein Auge auf solche, die ihr hierzu geeigneter und tauglicher schienen, was ich aber meinerseits nur für ein böses Gerede ansprach und von mir wies, als wäre dieses ein Gericht mit faulen Fischen gewesen. Und da eines Tages geschah es ... Die Frau Herzogin hatte mein Bildwerk schon öfters bewundert, mir auch einen geschlagenen Goldpfennig zukommen lassen und mit ihrem Lob nicht gekarget, als die klevischen Herrschaften in meiner Vaterstadt Hoflager hielten und ihnen die Zünfte und Bruderschaften Reverenz machten mit Zinken, Pauken und fliegenden Fahnen. Ich, als Fähnderich der Sankt Lukasgilde, wußte mein seidenes Tuch gar mannhaft zu führen, hatte auch einen zierlichen Schritt unter den Füßen und ließ mein dunkles Gelock so modisch im Sommerwind fliegen, als wäre es die Schwinge eines Raben gewesen. Dieses schien der edeln Frau gut zu gefallen; denn sie nickte mir zu und warf mir ein Nelkensträußlein von ihrem Zelter herunter, so ich mit geschickten Händen auffangen konnte. Solches sind Arnold von Kalkar und sämtliche Herren der Sankt Lukasgilde Zeugen gewesen; war auch ein groß Erstaunen darüber, und wurde ich mehr beneidet, als hätte ein Inderfürst mein schlichtes Gewand mit den kostbarsten Edelsteinen, mit Adamanten und Chrysoprasen umkrustet. Nur eine war traurig deswegen – und das war Lisbet, die Tochter meines trefflichen Meisters. Wochen und Monde vergingen. Der Nebel braute über den Niederrhein hin und verhäkelte sich mit den herbstlichen Baumkronen des Reichswaldes, der die Residenz der klevischen Fürsten in weitem Bogen umdüsterte. Mehr denn sonst orgelten die brünstigen Kapitalhirsche im Forst, trollten mit gesenkter Nase durch Blöße und Dickung ... und als sich mehrere brave Sechzehnender verkämpften, ließ der Herzog die edle Jägerei anblasen und zum Weidwerk sich rüsten. Am dreißigsten September tönte das erste Hifthorn im Bannwald. Andern Tages ritt Meister Gratius, so die herzoglichen Sigille führte und unter sich hatte, vor meine schlichte Behausung mit dem Geheiß, mich ins Schloß zu entbieten, um allda die hohe Frau im Brustbild wiederzugeben. Der Auftrag sei dringlich und Eile geboten. Die erste Sitzung sei am dritten im Weinmonde fällig. Über diesen Auftrag stieg mein Herz wie eine Lerche gen Himmel. In meiner Brust war Palmsonntag, obgleich die Kraniche bereits in hohen Lüften trompeteten und die Bäume ihre goldenen Dukaten wie die reichen Prasser in alle Winde verstreuten. So freudig nun auch meine Seele gestimmt war, die meiner herzensguten Mutter war mißlaunig geworden und konnte den fröhlichen Ton nicht mehr finden. Auch Herr Johannes Paephoff hatte schwere Bedenken; denn er vergegenwärtigte sich das neununddreißigste Kapitel im ersten Buch Mose, sprach auch darüber und gab mir seinen geistlichen Segen. Bot mir auch bekümmert seine gütige Hand und sagte beim Abschied: ›Ihr habt einen heikeln Auftrag zu lösen, um dessentwegen ich Euch nimmer beneide; denn sie ist eine Hessin, und ihre Werke der Liebe haben sich vor Gott nicht als Wohlgefallen erwiesen.‹ ›Ich habe nur ihr Antlitz zu bilden,‹ sagte ich kleinlaut. ›Bleibt es dabei,‹ versetzte Herr Paephoff, ›mag die Sache noch hingehen; aber ich fürchte, ihr Fürtüchlein fällt dabei von den Schultern herunter, und solches täte mir leid um Euer Unsterbliches wegen. Doch wie dem auch sei, fahret in Frieden! Ihr werdet Euch schon als tapfrer Widersacher der heidnischen Göttin bezeigen, auf daß Ihr nicht zu klagen brauchet: O Hüter, war deine Stimme so fern am Tag der Versuchung!‹ Bald darauf war ich mit meinem Werkgerät auf dem Wege nach Kleve, vernahm auch das Hifthorn im Reichswald und hörte des andern, daß Herzog Johann gesonnen sei, nach heute getätigtem Jagen ein solches bei den Herren von Jülich und Geldern weiterzuführen, und somit vier Wochen abwesend bliebe ... und zog meiner Straßen, immer begleitet vom Hornruf und dem Geläut stöbernder Meuten, bis ich die Burg gewann und Losament bezog in einem fröhlichen Stüblein über dem Torweg. Von hier aus brachte mich ein Artschier in blauem Eisen zur Ehrendame, der schönen Gräfin Mary von Mariamont, so beim Nonnenspiel saß, sofort aber aufstand und mir mit vielsagendem Lächeln gebot, ihr auf dem Fuße zu folgen. Alsbald fand ich mich in einem traulichen Gemach wieder, räumlich und hoch, erfüllt von der gedämpften Pracht flandrischer Tapeten und dem Gefunkel silberner Geräte. ›Hier bleibet,‹ kicherte die schöne Mary von Mariamont mir zu, ›und harret weiterer Befehle! Aber haltet Eure fünf Sinne zusammen; denn wenn die Sonne allzu hoch stehet, werden die Äuglein geblendet, und wo solches geschieht, ist auf die andern nicht viel mehr zu geben. Also hütet Euch, Junkherr!‹ Damit war sie auch schon hinter einem dunkeln Vorhang verschwunden, um bald darauf ihre Herrin ins Zimmer zu führen. Als diese eintrat, duftete es nach Bisam und sonstigem Würzwerk, so daß ich wähnte, die Spezereien der Levante strömten ihren Hauch durch die geöffneten Fenster. Ach, und sie selber! Sie war in gegenwärtiger Stunde so begehrenswert, daß mir der Puls heftiger klopfte, obgleich sie ein neidisches Kinn- und Stirngebände trug und nur eine einfache Tracht über ihre ebenmäßigen Glieder herabfloß; wahrscheinlich aus der wohlgeplanten Absicht heraus, sich später um so morgenschöner zu zeigen. Dabei leuchteten ihre Augen in kindlicher Unschuld, so daß ich mich fragen mußte: »Woher das üble Gerede? oder aber, wie ist es nur möglich, daß sich in der Brust eines Weibes solche Gegensätze vereinen?‹ Item, ich stand wie geblendet. Ihre Blicke aber glitten musternd über mich hin. Dann wandte sie sich an ihre Gefährtin und fragte: »Es ist wohl der Sieur, der es so trefflich verstand, sein Fähnlein zu führen und, wie die Fama berichtet, es den besten Künstlern im Reiche gleichtut?‹ ›Derselbe, hohe Frau,‹ entgegnete Mary von Mariamont mit heimlichem Blinzeln. Die Herzogin nickte und sagte, indem sie mich ansah, als gedächte sie, mir die Kleider zu nehmen: ›Ihr wisset, Junkherr, weshalb ich Euch herbeschied. Ihr sollt mein Antlitz in Wachs bossieren, später solches auf den Stock übertragen. Schauet mich dieserhalb an, ob Ihr's auch willig tut und ich mich Eurer Kunst gegenüber als würdig erweise.‹ Da sie solches sagte, ging es durch meinen Geist wie ein Brasseln und Brausen im Walde, so daß ich keine Worte hatte, sondern nur die Hand auf die Herzgrube legte, zum Zeichen, sie, die Fürstin, sei die Schönste im Lande. ›Schade!‹ meinte sie mit weicher Bewegung in ihrer silbernen Stimme, ›daß Ihr bei Euern artigen Manieren kein adliges Wappen führet. Insonsten – ich könnte Euch in meiner Nähe gebrauchen.‹ ›Auch die Kunst nobilitiert,‹ sagte ich frank und frei aus meinem Stolze heraus, warf auch mein Gelock in den Nacken, daß es sich gar herrisch und selbstgefällig anließ, fügte aber propter reverentiam et securitatis causa bescheiden hinzu: ›Denn wir, die wir solche betreiben, wurden von dem Herrn geadelt, der uns das Leben gegeben.‹ ›Mag sein,‹ entgegnete sie nach kurzem Besinnen und sah die schöne Mary von Mariamont an und trat auf mich zu und berührte mich leicht mit ihrer alabasternen Hand, ›alles schon möglich, aber nur dann, wenn der Künstler ein wirklicher Mann ist. Das merkt Euch, und so können wir denn die Sitzung morgen beginnen. Macht alles bereit! Inzwischen erfreut Euch an Claret und Burgunder, auch an Lachsforellen und dem Feiste vom Hirschen, so man Euch auftischen wird! Bis morgen, Herr Junkherr.‹ Wie sie gekommen war, so verschwand sie auch wieder: in einer Wolke von Bisam und schwebenden Fußes. Hinter den beiden senkte sich lautlos die flandrische Tapete herunter. Ich aber stand in tiefem Sinnen und gedachte mit einigem Bangen des kommenden Tages.« Und zum andern sah Arnt Douwermann von der Schrift auf, nahm sein Glas und sagte mit einer gewissen Erregung: »Möge er die Prüfung bestehen!« und trank und stellte das Glas still wieder nieder. Und alle taten ihm Bescheid, bis auf Johanna, und tranken und waren gespannt auf den Fortgang der Dinge. Sie saß regungslos und stierte mit gefalteten Händen und träumenden Blicken in den wirren Glanz des Baumes, dessen Lichter langsam zusammentropften, aber immer noch eine strahlende Zelle verteilten. Der Alte las weiter: »Den Abend verbrachte ich mit dem ehrsamen und gelehrten Herrn Gratius, dem herzoglichen Siegelbewahrer. Wir lebten wie die gelben Kanari im Fabelreich Schlaraffia und taten uns gütlich an Hirschbraten und Lachsforellen, an Claret und Burgunder, der wie böhmische Granaten in den Stengelgläsern schillerte. Der Abend lag scharlachrot auf den Wäldern. Vom Kämmerlein des Burgtores aus hatten wir eine prächtige Fernsicht, sahen meine Vaterstadt und weit darüber hinaus bis an den Rhein hin. Auch hörten wir, daß sich die Jägerei immer weiter entfernte und allgemach ins Geldrische einzog. Die Hörnerrufe verstummten. Nur gedämpft klangen noch vereinzelte Büchsenschüsse herüber. Dann verhallten auch diese. Das Spectaculum Dianae schien für heute schlafen gegangen. Bei noch halbem Taglicht ließ Herr Gratius brennende Kerzen auftragen, füllte die Gläser aufs neue und klingte an mit folgenden Worten: ›Meister Heinrich, ich wünsche Euch ein fröhlich Gelingen und eine tapfere Ausdauer bei Eurer jetzigen Arbeit; denn Eure Bürde ist schwer, so leicht sie auch auf Euern Schultern lastet. Ich für meine Person stünde lieber in blutiger Feldschlacht und dem Feuer der Scharfmetzen und Feldschlangen gegenüber, als diese Bürde zu tragen.‹ ›Wie meint Ihr das?‹ fragte ich verloren über das Glas und tat ihm Bescheid; aber die dringliche Mahnung, die mir Herr Johannes Paephoff mit auf den Weg gegeben, hallte mir nach und begann wieder wie ein Armsünderglöckchen zu läuten. ›Gott! Ich meinte nur so,‹ versetzte Herr Gratius und kraute sich nachdenklich den gelichteten Scheitel, hob auch seinen Pokal und leerte ihn in tiefem Zuge bis zur Neige. ›Ihr müßt nämlich wissen, Herr Junkherr: auf fürstlichem Boden ist alles mit Spiegelwachs bestellt und gebohnert. Da kann einer leicht und unversehens ins Straucheln geraten. Daher ist meine fürsorgliche Meinung: Ihr müßt der hohen Frau gegenüber Fürsicht beobachten. Ganz gewißlich: ein blühender Mund ist von jeher ein gut und bekömmlich Gericht gewesen, zumal wenn der Behemoth die schöne Trägerin foltert und quält, gar nicht zu sprechen von einer, der ein gesteintes Diadem um die Stirn liegt. Bei der ist ein königlich Tafeln – kein Zweifel; wer aber von einem solchen Gericht ißt, kann sich den Tod daran essen.‹ So redete Herr Gratius aus seiner Lebensweisheit heraus, bewies mir auch seine aufgestellte Behauptung aus der Geschichte und den Schriften alter und neuer Autoren, als da sind Virgil und Suetonius, die Minnesänger und ähnliche Dichter. Führete auch mehrere Beispiele ins Treffen, so unter anderm die traurige Geschichte von Äneas und der karthagischen Königin Dido, von etlichen römischen Cäsarenfrauen und die von der feurigen Barbara von Cilly, dem stolzen Gemahl Sigismunds, der als römischer Kaiser das Zepter führte. ›Doch Ihr wißt,‹ fuhr er heiterer fort und schenkte sich wieder sein Glas ein, ›raten ist von jeher eine mißliche Sache gewesen. Jeder ist der Schmied seines eigenen Glückes. Vielleicht ist es möglich, daß Ihr mit einem seligen Lachen davonkommt; denn Frau Mechthild ist schön wie eine stille Mondnacht und heiß wie ein brennendes Kornfeld. Die Herzogin, Frau Mechthild, soll leben!‹ ›Soll leben!‹ rief ich und schwenkte den Kelch und hielt ihn dem Herrn Siegelbewahrer mit einer herzhaften Entschlossenheit hin; denn ich mußte ein übriges tun, um meinen Kleinmut zu stärken. Neue Flaschen kamen. Auch waren solche darunter, die die hohe Frau selbst für uns ausgewählt hatte. Erst gegen Mitternacht trennten wir uns. Der Nordstern lichterte just in mein Zimmer. Noch lange folgte ich seinem geheimnisvollen Tun und Walten und sah, wie er mit magischen Kräften die lieben Himmelsbilder, als da sind die goldfingerige Kassiopeia, den Bärenhüter, den Wagen Davids und andere, im Kreise bewegte. Bald darauf schlief ich ein, wähnte aber im Traum im Hörselberge zu sein, hörte Harfen und Quinternen und das einlullende Gefummel des Tamburins und sah, wie ein Weib sich vom Lager erhob ... als mich auch schon ein Hornruf weckte, der wie Stiergebrüll von der Zinne klang und den grauenden Morgen ankündigte. Gleich darauf sang der Torwart seine Tagweis aus der Höhe herunter, und also sang er: ›Wacht auf! Der letzte Ruf erschallt; Schon dämmert's überm stillen Wald; Bald gehn die Morgenglocken. Und wer bei seiner Edeltrud Noch minniglich im Bette ruht, Der mache sich auf die Socken. Sonst brennt die Schande lichterloh, Hebt flackernd sich wie Haberstroh Und Hitze Zur höchsten Kirchturmspitze. Wacht auf! Wacht auf!‹ Alsbald war ich aus den Federn, kleidete mich an und sah über das heimische Land fort, das zu meinen Füßen lag, im Purpurkleid seiner herbstlichen Wälder, im saftigen Grün seiner Weiden, unermeßlich in seiner Ferne, heilig wie eine Morgenandacht. Und durch diese Morgenandacht kommt eine gewandelt, schleierweiß und mit Astern im Haar. Es ist Lisbet, die Tochter meines ehrsamen Meisters. Sie scheint zu schweben, ihre Füße berühren kaum noch die Erde. Sie winkt mir zu. Sie ist dicht an meine Seite getreten. Dann spricht sie, und also spricht sie: ›Es ist ein Heiliges um die, die das Weihegeschenk der Kunst empfingen; denn sie wurden begnadet. So auch du. Hüte daher die dir von Gott überkommene Gnade. Gehe nicht abseits, folge nicht dem falschen Schein, der dir leuchtet; denn sein Leuchten ist Trug und sein Werben schlimmer als das scharlachrote Lächeln von giftigen Beeren. Es steht über einem endlosen Moor und bringt dich zu Schaden, Heinrich, wenn du mich lieb hast, ziehe bald heimwärts. Je eher, je besser. Sonst wird es Abend für mich, und ich finde mich selber nicht wieder.‹ Da empfahl ich Gott meine Seele, dachte auch an den Fähnderich auf verlorener Walstatt, verwarf aber das Bild und suchte ein neues, und siehe da: ich ließ mein Seidentuch fliegen, schritt beherzt dem mörderischen Feuer entgegen und hörte durch Trommelwirbel und Pfeifengesang die Viktoria blasen. Da ward ich fröhliches Mutes und nutzte die Morgenstunde dazu, mein Gerät zu bestellen, den Wachsblock zu richten und die nötige Auswahl unter meinen Modellierhölzern und Spachteln zu treffen, ließ auch alles in den Raum bringen, der für die Sitzung bestimmt war. Selbiger ging nach Norden hinaus und war ein lauschig Gemach, reich gegliedert und mit Bildern mythologischen Inhalts geziert, mit Bildern, so die Sinne betören, meistens erdacht von gloriosen italischen, aber gottfremden Künstlern. Ich sah Zeus und Europa, die sündige Leda, Venus, wie sie Hephästos mit dem Kriegsgott betrüget, und ähnliches mehr, konnte aber nicht alles beachten; denn die Fürstin trat ein, ohne Begleitung, und ich hörte sie sagen: ›Zum Gruße, Herr Junkherr!‹ Nun hätte ich in höfischer Weise antworten müssen: ›Allerdurchlauchtigste Frau, Ihro Diener harrt der Befehle,‹ aber da ich solches sprechen wollte und schon anhub, dies zu sagen, verstummte meine Zunge, wie sie dem Zacharias, einem Priester von der Ordnung Ubia, verstummte, da ihm der Engel des Herrn erschien und sich stellte zur rechten Hand am Rauchaltar ... denn sie dünkte mich überirdisch zu sein, wenn auch schön wie die Sünde. Stirn- und Kinngebände hatte sie abgelegt, auch ihr dunkles Gewand. Dafür trug sie ein Krönlein um die zartgemeißelten Schläfen. Ihr weißes Antlitz ruhte zwischen dem blauschwarzen Haargeflecht wie in einem Ebenholzrahmen, Hals und Schultern waren entblößet. Ihr dünnmaschiges Kleid, so mit goldenen Bienen durchstickt war und wie seidenfadiges Spinnweb ihre Glieder umschmiegte, ließ auch die feinste Linie ihres geschmeidigen Körpers erraten. Ich stand wie geblendet und bewunderte den Schöpfer Himmels und der Erde, der solch ein Menschengebilde geschaffen. Was in mir vorging, schien auch sie zu erraten; denn sie redete leis vor sich hin und setzte sich nieder. Dann hob sie die Hand und sagte in süßer Verwirrung: ›Ich bin bereit. Ihr möget mit Eurer Arbeit beginnen.‹ Da vergaß ich alles um mich her. Das Stürmen und Drängen verlor sich, und nur der Künstler in mir war lebendig geblieben. Ich formte Stunde um Stunde, und diese vergingen, als wären ihnen Schwingen gegeben. Am zweiten Tage kam mir die Herzogin noch strahlender vor, so daß mir bangte vor den Versuchungen ihrer berückenden Nähe. Und der dritte Morgen erschien, und mit ihm der Tag, wo ich das Modell seiner Vollendung wesentlich näher führte. Immer freier und schöner blühte das Antlitz aus der fügsamen Masse; denn alles, was ich zu vergeben hatte, legte ich in die Fertigkeit meiner Hände und die meines Geistes ... und als sie bemerkte, in welcher Perfektion ich wachste und bildete, als sie mich sah als Künstler und Mensch, dem Irdischen so fern und dem Göttlichen so nah, da geschah etwas Unerhörtes ... Die Fürstin erhob sich, und siehe: mit einer Ruhe, als wäre diese selbstverständlich gewesen, schlang sie die Arme um mich und legte mit geschlossenen Augen ihren Mund auf den meinen, kam mir dabei auch so nahe, daß ich den Puls ihres Herzens verspürte. ›Das sei vorab Eure Belohnung,‹ sagte sie mit derselben Ruhe von eben. ›Das Weitere findet sich mit den kommenden Tagen. Bis morgen denn und zwar gegen Abend.‹ ›Gegen Abend, hohe Frau?‹ wagte ich schüchtern einzuwerfen. ›Ja – und das bei Kerzenbeleuchtung.‹ ›Bei Kerzenbeleuchtung ...?‹ ›Dünkt Euch dieses seltsam? Warum das? Die Wirkung bei Taglicht kenne ich sattsam; ich möchte auch die der Wachskerzen auf das Bildnis erproben.‹ ›Hohe Frau,‹ wagte ich nochmals zu sagen, ›es fördert das Werk nicht.‹ Da versteinten ihre Züge. ›Aber es dient meinen Zwecken,‹ sagte sie hart und riß ihr Haupt gegen mich auf. Hinter ihren herabgelassenen Wimpern brannte es wie in den Lichtern einer herumschweifenden Wölfin. ›Das laßt Euch genügen. Es bleibt dabei: morgen abend bei Kerzenlicht.‹ Vor der Majestät dieses Weibes verstummte jede Gegenrede, und ich fügte mich willig. Den Abend verlebte ich wieder beim Siegelbewahrer, machte vorher aber noch einen Gang durch das Burggärtlein und trat an die Mauer, um von hier aus in den verglühenden Westen zu schauen. Aber mir stand eine matte Helle im unendlichen Raum, aus der sich allgemach ein Zwinkern herausschälte. Ich sah gespannt dem wachsenden Glänzen zu, als sich mir ein weicher Arm um den Nacken legte und eine schmeichelnde Stimme ertönte: ›Was sinnt man, Herr Junkherr? und wie nennt sich der Stern, den Ihr so emsig betrachtet?‹ ›Der Abendstern; er wird auch Frau Venus geheißen.‹ Der weiße Arm lastete schwerer. ›Unter ihrem Schein ruht es sich gut,‹ sagte die stolze Frau, und ihr Antlitz berührte einen Augenblick meine glühende Wange. ›Merkt Euch das, sollte sich die Gelegenheit bieten!‹ Leichtes Schrittes ging sie wieder zur Burg hin, während ich ganz versonnen mein Losament aufsuchte, um, wie bereits vermeldet, mit Herrn Gratius diesen schweren und denkwürdigen Tag zu beschließen. Tranken auch an diesem Abend den würzigen Kanariensekt, den uns auf Geheiß der erlauchten Gebieterin eine schmucke Gürtelmagd zugebracht hatte. Dieser Sekt ist feuriger denn alle Weine, die im Morgen- und Abendland wachsen, maßen er das Geblüt aufreget und die Gedanken verwirret. Er ist wie die Fee Morgana und weiß liebliche Bilder zu malen. Unter seinem Geleit taumelt man wie ein trunkener Sonnenvogel über blumige Auen. Er trennt Körper und Seele und läßt sie tauchen in das Meer des Vergessens. Er lockt wie eine Nachtigall im Fliederstrauch, und obgleich eine innere Stimme mir sagte: ›Rüste dich und ziehe von hinnen ...‹ der Wein raunte mir zu: ›Es ist töricht, auf das Schellenklingeln eines Narren zu lauschen. Bleibet, denn es lebt sich fröhlich im Burgfrieden.‹ Da schlichen meine Bedenken davon wie gefangene Aale aus Reusen und Netzen. Selbst der sonst so fürsichtige und bedachtsame Herr Siegelbewahrer warnte nicht mehr, sondern hob ausgelassen sein spitzes Kelchglas, trank sich von einer Begeisterung in die andere hinein, pries die Herzogin als eine Lilie im Klostergarten, erklärte sie für die frömmste aller gottwohlgefälligen Frauen und brachte zuletzt, wie er es vor etlichen Tagen getan hatte, ihr Wohl aus, nur feuriger und mit weinseliger Zunge, so daß sein Wort dahinstrudelte wie ein Flug aufgestöberter Wildenten. ›Kling, Klang und Gloria!‹ rief er über den Tisch fort, ›der Frau Herzogin gilt es. Sie ist schön wie eine stille Mondnacht und heiß wie ein brennendes Kornfeld. Nicht in einem Brevier oder einem Psalter ist ihr Lob zu finden; aber im Lied Salomonis steht es geschrieben. Nur Scheermausfänger, Düsterer und ähnliche Leute deuten es anders. Ihr aber, Meister Heinrich, seid kein Scheermausfänger, sondern ein Künstler, und Künstler wissen diesen Hymnus zu schätzen. Darinnen wird von einem köstlichen Weinberg berichtet und von einem Liebesbrünnlein gesungen. Seid kein Narre, Herr Heinrich! Sucht diesen Wingert auf und erquickt Euch an dem sprudelnden Brünnleinl Trinket Euch satt daran, trinket Euch satt, trinket Euch satt!‹ Seine Zunge lallte, seine Blicke nahmen einen stieren Glanz an. Aber aufrecht stand er, kerzengrade und fest, als er sein Glas gegen das meinige stieß und den guten Beschluß fand: ›Nieder mit den Scheermausfängern und ähnlichen Leuten! Es lebe die Kunst und die Frau Herzogin Mechthild – die Selige, Süße! Es lebe die Liebe!‹' ›Sie lebe!‹ rief ich begeistert. Er aber war auf den Stuhl gesunken, schwer und zufrieden wie einer, der ein löbliches Werk vollbracht und der Wahrheit Krone und Zepter gegeben, während ich mein Kämmerlein aufsuchte, um den Schlaf und den andern Tag zu erwarten. Und der andere Tag kam und der andere Abend. Ich wußte: nur noch ein kleines Mühen und das Wachsbild war fertig. Dann konnte ich mit dem Holzstock beginnen, um in beschaulicher Muße das Begonnene fertigzustellen. Um die siebente Abendstunde ließ mir Mary von Mariamont sagen, daß die Herzogin warte. Klopfenden Herzens betrat ich denselben Saal, der kein Taglicht mehr hatte, aber angefüllt war von dem sanften und warmen Schein brennender Wachskerzen, die ihren Glanz verschwenderisch über eine kleine gedeckte Tafel verstreuten, auf der eine Silberplatte mit seltenen Früchten stand, auch zwei geschliffene Kelche aufragten, worinnen bereits der Kanariensekt perlte ... und war ich von allem so geblendet, daß ich kaum die Fürstin gewahrte, so hinter dem Tischlein saß und mich aufforderte, mich ihr gegenüber zu setzen. Ich sah bei ihr das gleiche Krönlein im Haar, dieselben großen und zärtlichen Kinderaugen wie immer – alles wie früher, nur ein weicher Mantel, so mit Hermelin besetzt war, umhüllte die Schultern und floß bis zum Estrich hernieder. Zwei Gürtelmägde bedienten. ›Warum so schweigsam?‹ fragte sie nach einiger Weile. ›Entbehret Ihr das Licht des Tages? und wenn es so ist, denket daran: Ihr werdet freier schaffen in dieser weichen Beleuchtung ... vorher jedoch ...‹ und sie hieß die Früchte mir reichen und sagte: ›Esset!‹ und sie zeigte auf den perlenden Wein und sagte: ›Trinket davon, es ist derselbe, den Ihr mit Herrn Gratius tranket,‹ und als sie selber das Glas hob und an die Lippen setzte, gewahrte ich, wie sich ihre Wangen mit Purpurrosen bedeckten, und sah auch, daß ihr Arm entblößt war und nur ein leichtes Kleid sie umschmiegte. Und ich aß von den Früchten und trank von dem Weine, und da war es mir so, als hätte ich Liebe gegessen und Liebe getrunken und freute mich der schönen Frau, so vor mir saß und mich mit ihren Blicken verzehrte. Sie aber sagte mit scheuer Betonung: ›Habt Ihr schon von der neuen Kunst gehört, die über die Alpen gekommen, die heißblütig ist und die, wie die Fama behauptet, Wunderdinge verrichtet, die Hoheit des Weibes anbetet und in ihm die Auferstehung des Fleisches vergöttert?‹ ›Ich hörte davon und hörte auch von einem Stern, der plötzlich erschien wie der Stern von Bethlehem, und den sie Michelangelo nennen.‹ ›Das nicht allein. Er soll ein Gigant sein, und dieser Gigant – er hebt eine gewaltige Fackel mit starker Faust und leuchtet in die gotischen Dome und Kirchen hinein und scheucht die Fledermäuse, die die dumpfen Hallen durchflattern. Er will allem, was morsch und faulicht, das Licht der Wiedergeburt bringen.‹ ›So heißt es.‹ ›Ihr sagt es mit einem bittern Beigeschmack. Gefällt Euch der Mann nicht?‹ ›Ja, er gefällt mir. Aber er ist noch jung und wie gärender Most. Man muß abwarten, bis er zu lauterm Wein wird.‹ ›So, man muß warten?‹ und sie hieß die Früchte mir abermals reichen und sprach mir zu: ›Esset!‹ und sie deutete auf den schäumigen Kelch und sprach mir abermals zu: ›Trinket davon! er ist derselbe wie gestern und bringt fröhlich Geblüt und hohe Erkenntnis.‹ Und ich trank, während sie sagte: ›Item, da sind andere bei den Borgias und am Hof der Mediceer in Florenz, Bildner in Stein und Erz, Gewaltmenschen, nervig an Geist und nicht umnebelt vom Weihrauch der Kirchen. Prediger eines neuen Evangeliums, reden sie die Formensprache Graecias und treten auf gegen Askese und Mystik. Vernahmt Ihr von ihnen?‹ ›Ich tat es.‹ ›So vernahmt Ihr auch von Savonarola, dem düstern Mönch, der gegen sie zu Felde marschierte mit hartem Wort und grimmiger Geißel, die er durch ein Laugenbad zog. Er gebietet die Knechtung des Fleisches und will nicht, daß sie das Weib entwerfen und formen in strahlender Nacktheit. Er wettert und flucht und verdammt und ist wie ein Bilderstürmer im Reiche der Kunst, die Weib und Mann vereinigt, auf daß sie opfern mögen am Rauchaltar der freien Liebe. Wie denkt Ihr über diesen Mönchs ›Der Mönch hat recht.‹ ›Hat recht?!‹ fragte sie mit Augen, die aufbegehrten wie Demantsteine in ihren Ohrgehenken. ›So will ich Euch eines andern belehren ...‹ und sie erhob sich in ihrer ganzen Herrlichkeit und fürstlichen Würde und nahm ihr Glas und war an meine Seite getreten: ›Ja, Meister Heinrich, obgleich heut ein Passionstag für mich ist und alle weltlichen Gedanken mir fern bleiben sollten – tut mir Bescheid! Ich trinke auf die Jünger jenseits der weißen Alpen, auf alle, die in Florenz und am Hofe der Borgias leben!, ›Herrin, ich möchte nicht gerne.‹ Flammendes Rot übergoß mich. ›Ihr wollt nicht?‹ Ihr weicher Leib schmiegte sich an mich. ›Nein, hohe Frau; denn was ich von der Kunst vernahm, so sie die heidnische nennen – Herrin, da kann ich nicht folgen. Sie ist kein gottwohlgefälliges Amt. Christus, der Herr, regieret noch immer, und das höchste zu bilden, bleibt die Jungfrau Maria, Herrin, ich darf nicht.‹ Da schreckte sie hoch, und ihr Glas klirrte zu Boden. ›Auch dann nicht, wenn Ihr die Majestät im Weibe erkennt?‹ Sie unterbrach sich, und den Gürtelmägden gebot sie: ›Entfernt euch!‹ Da gingen die Mägde. ›Auch jetzt nicht? – Sehet!‹ – und sie deutete auf ihr eigenes Bildnis, so die Kerzen reizvoll umspielten – ›was frommt mir das Antlitz allein, so schön es auch sein mag?! Soll darum mein übriges Leben verdursten und Hunger leiden? Sehet! und wenn Ihr gesehen habt, dann werdet Ihr knien und beten vor der Hoheit in mir ...‹ und mit weißen Händen löste sie die Agraffe des Mantels. Da glitt und rauschte er nieder ... und als schwärmende Heilige und doch als eine Hübschlerin stand die Herzogin vor mir. Mein Blut rauschte. Himmlische und satanische Wunderwerke drängten sich an mich. Mit bebenden Händen fuhr sie über meine klopfenden Schläfen, schmiegte ihr Gesicht an das meine und flüsterte unter heimlicher Marter: ›Mich dürstet, Heinrich. Ihr müßt aus dem Dunkel heraus, in das Licht, in die Freiheit. Bildet und schnitzet mich wie der Herr mich geschaffen, so wie die neue Kunst es gebietet, heraus aus dem Dämmer der Kirchen! Nehmt mich so, wie ich bin, und formt mich nach der heidnischen Göttin. Oder glaubt Ihr, ich gehörte zu denen, die ihr Magd- und Frauentum räuchern und einsalzen wollen?!‹ Schlangenartig umwand sie mich und drückte mir ihren Mund auf die Lippen. ›Herrin, was macht Ihr aus mir?!‹ ›Ein Mann sollt Ihr sein. Heinrich, oder zittert Ihr vor der Liebe des Weibes und fürchtet, seinen Gürtel zu lösen?!‹ und ehe ich es zu hindern vermochte, hatte sie ihre Mieder- und Lendenschnürlein geöffnet und stand nun ... ›Mein Gott, mein Gott!‹ Wie aus Marmor geschlagen ... ›Heinrich‹, rief sie zum andern, ›mich dürstet nach Euch!‹ und sie hielt ihre Arme gebreitet. ›Heinrich, wie gefall' ich Euch so?' Ich war wie von Sinnen. ›Herrin, Ihr seid die Schönste auf Erden!‹ ›Und wofür haltet Ihr mich?‹ Wie das Toben eines Orkans fiel es über mich her. Die Lichter brannten wie zuckende Fackeln, und in diesem Fackelschein, in dieser heißen Glut, in diesem Lohen und Brennen – die Herzogin Mechthild von Kleve, meine Herrin, meine Fürstin, ach! – in ihrer Sünde noch anbetungswert wie ein Heiligenbild. ›Wofür haltet Ihr mich?‹ klang es zum andern. Ihre Blicke flammten mich an. ›Fürstin,‹ rief ich aus meinem tiefsten Elend heraus, ›so Ihr mich fraget: für die Frau meines Herzogs und – Gott stehe mir bei in dieser Stunde der Not – für eine grande Puttana!‹ Was nunmehr geschah, ich weiß es nicht mehr zu sagen. Nur sah ich: ihre Augen blitzten wie Schwertklingen; auch hörte ich noch: › ‹Meine Artschiere!‹ – Dann verloschen die Kerzen vor meinen leiblichen Blicken. Ich tastete mich durch würgendes Dunkel, durch endlose Finsternis. Der Boden brannte mir unter den Füßen. Willenlos fühlte ich mich weiter getrieben. Eine heiße Fieberhand rumorte mir gegen die Stirne. Wohl weiß ich, daß ich durch ein hallendes Tor ging, einen Hohlweg hinabstolperte, an schildernden Wachen vorbeijagte und lautes Geschrei und Waffenklirren hinter mir war. Als ich dann weiter taumelte, wirbelten herbstliche Blätter um mich her und hoben und senkten sich und raschelten in einem fort: ›Du hast die Prüfung bestanden, du hast die Prüfung bestanden!‹ Ich befand mich auf dem Wege zur engern Heimat. Als ich dort ankam – es war schon spät in der Nacht – pochte ich bei Meister Arnold an. Er und seine Tochter empfingen mich noch. Ich erzählte ihnen mit hastigem Eifer, was sich alles begeben. Als ich geendet, hing Lisbet an meinem Hals und lachte und schluchzte: ›Du bist mir wiedergegeben!‹ ›Aber das Ende ...‹ sagte der Meister in drückender Sorge. Er stellte sich die Herzogin vor in ihrer schamlosen Hülle und ihrer zügellosen Genußsucht. Eine heiße Blutwelle und eine grenzenlose Angst stieg ihm zu Kopf, und er vergegenwärtigte sich, wie aus der verschmähten Liebe die Rache sich aufheben werde. ›Ihr müßt fort,‹ meinte er mit ernster Stimme, ›und das in heutiger Nacht noch. Wendet Euch gegen das Utrechter Stift hin. Dort habe ich einen Schrein für die Dominikaner zu bauen. Wir folgen bald nach. Man muß sich ducken, wenn ein Wetter aufsteigen will, und verharren darin, bis es vorbei ist, sollten auch Jahre darüber vergehen.‹ ›Fort?‹ fragte ich schmerzlich. ›Ihr müßt,‹ sagte der Meister. ›Denkt an den Täufer. Eines Weibes wegen legte man ihm den Kopf vor die Füße.‹ Klagend und völlig gebrochen lag mir Lisbet an der armen Brust. Ich gelobte ihr ewige Treue. Dann schied ich, nachdem ich noch kurz meine herzensgute Mutter umarmt hatte. – In Utrecht erstanden mir Zeiten voll des Glückes und gesättigt mit ersprießlicher Arbeit. Ein junges Weib wurde mein eigen. Sie gab mir zwei Kinder. In stolzer Blüte stand mein Anwesen. Längst war ich wieder daheim und unter den eigenen Sparren. Da senkte sich das Bahrtuch herunter. Das Schlimmste aber: meine herrliche Tochter, von der ich annahm, sie sei keusch wie der Seraph, der vor dem Tabernakel des Herrn mit flammendem Schwert steht, um dort die Wache zu halten, mein letztes Kind, das ich hatte, ging in die Sünde hinein und von dort in den Tod. Ihr sollt alles erfahren.« Arnt Douwermann erhob sich. Er war tiefbewegt. Die Kerzen waren dem Verlöschen nahe. Mit zartem Duft, feine Rauchspiralen zur Decke sendend, verknisterten sie. »Morgen ist auch ein Tag,« sagte der Alte. »Morgen um die Vesperstunde wollen wir uns hier wieder begegnen und das Weitere hören.« »Das Ende,« versetzte der Dechant mit zitternder Stimme. »Ein Menschenschicksal wie selten zu finden! Kein warmer Maienregen beträufelte es. Es liegt in einem schmucklosen Grabe – dieses Geschick. Nur ein schwarzes Kreuzlein steht auf der Scholle. Das Kreuzlein der Bitternis. Allein das Bild des verewigten Meisters ist uns groß und rein überkommen. Ihm ist kein Schaden geworden.« Er ergriff die Hand des Alten. »Es liegt etwas Stolzes darin, einen solchen Vorfahr zu haben,« sagte er herzlich. »Und eine Tochter, wie er hatte ...?« fragte Arnt Douwermann schmerzlich. »Wie denkt Ihr darüber?« »Fraget bei Gott an!« meinte der Dechant. Johanna saß weiß wie der Tod im Sessel. Ihre Hände umkrampften die Lehnen. Ihr weher Blick war auf Dirk Vogels gerichtet. Plötzlich erhob sie sich. »Was hast du, Johanna?« fragte Arnt Douwermann. »Wenn es erlaubt ist – ich möchte allein sein.« Sie gab allen die Hand und wandte sich mit Tränen im Auge. Dirk wollte ihr nach. »Dirk, wenn du mich lieb hast, laß mich für heute.« Dann ging sie. »Des Tages Last und Mühen drücken sie nieder,« sagte der Dechant. »Laßt sie gewähren. Ihr und allen aber eine selige Weihnacht.« Das letzte Kerzlein veratmete in der umdüsterten Fichte. 19 In der Christnacht setzte plötzlich der Wind um und schob von Süden her eine warme Wolkendecke über das Geriesel der Sterne. In schweren Atemstößen polterte er seines Weges, rappelte an den Fensterläden und wühlte sich laulich und weich in den kalten Flutterschnee hinein, der Dächer und Fenstergesimse bedeckte. Bald darauf tränte und tropfte es aus allen Rinnen und Röhren. Die alten kanadischen Pappeln, die die kleine Stadt wie eine trotzige Landwehr umstanden, brausten und sausten, schüttelten ihre weißen Zöpfe und klatschten flaumige Ballen von den Ästen herunter. Immer nachhaltiger drängte der Wind nach, immer dichter schleierte sich das Land ein. Zwischen Himmel und Erde war rege Bewegung. Die Kälte ließ nach, löste sich auf und winselte wie ein Hund, dem man die Tür wies. Mehr dem Wasser zu setzten die Stromkundigen ernste Gesichter auf. Der Umschlag war zu unversehens gekommen. Seine unheilvollen Nachwirkungen kannte man aus früheren Jahren. Die Beschauer und Schleusenmeister hatten vollauf zu tun. Für sie gab es kein glückliches Fest; nur Arbeit. Sie drückten sich den Südwester tief in den Nacken, machten die Sturmriemen flott und zogen die Ölmäntel über. Stündlich prüften sie Pegel und Wetterglas und maßen die Stärke des Windes. Bis jetzt stand der Rhein noch, konnte noch tagelang stehen; aber unter dem Packeis war ein verdächtiges Stöhnen und Murren. Der angeschmiedete Strom knackte von Rees bis Emmerich in allen Fugen und Riegeln und mahnte zur Vorsicht. Da wußten die Deichgrafen, was sie zu tun hatten. Sie verständigten die pflichtigen Grundbesitzer, sagten die ›Nothilfe‹ an und ließen die Schleusenwerke und Dämme besetzen. Die im Binnenlande wohnten, bangten nicht weiter. Warum auch? Sie brauchten bei den tüchtigen Bevollmächtigten nicht um ihre Äcker und Felder zu sorgen, tranken ihre Punschbowlen aus, sahen zu, wie die letzten Kerzen am Weihnachtsbaum die Augen zumachten, wünschten sich eine geruhsame Nacht und gingen dann schlafen. Aber nicht lange, denn keiner von ihnen wollte die Wette versäumen. Um die dritte Morgenstunde flauten die Böen ab und orgelten nur noch in den engen Gassen und Gäßchen, die die Kirche umschachtelten. Dann kam es von oben, erst in einzelnen Flocken, dann in Geschwadern, dann in wimmelnden Scharen. Aber diese hafteten nicht, mehrten sich nicht in den Straßen; wie sie vom Himmel gekommen, kurzlebig und daunenweich, so vergingen sie wieder und taten sich in kleinen Bächlein zusammen. Die Antoniusglocke schlug an und läutete den Kirchgang zum erstenmal ein. Gleichzeitig begann es hinter den gotischen Rosettenfenstern von Sankt Nikolai zu dämmern; denn Herr Bollig pendelte mit einem brennenden Wachsstock auf hoher Stange durch die weiten Hallen und trug die Helle von Schrein zu Schrein, von Predella zu Predella, einen feinen Duft nach Myrrhen und Weihrauch hinter sich herziehend. Als alle Kerzen von den Altären gespensterten, gebot er den Pulsanten, den zweiten Anruf zu läuten. Mit seinem Verklingen traten die Menschen aus den Häusern, um das Kindlein in der Krippe zu suchen und anzubeten. Gleich eiligen Schatten trieben sie in die Schneenacht hinaus, mit sanftem Holzschuhgeklapper, vermummt und noch den warmen Hauch nach Spekutius, Punsch und Weihnachtslichtern in den Kleidern. Als erste schaukelte sich die herzensgute, pummelige Frau Kürliß der weihevollen Handlung entgegen. Sie hatte ein gutes Geschäftsjahr gehabt und aus ihren Pomeranzen-, Wacholder- und Bitterlikören eine Dividende bezogen, die es ihr ermöglichte, eine reichlich aufgetakelte Bänderfladuse um das rosige Gesicht und eine neue Bibergarnitur um Hals und Schultern zu legen. Am Südportal vernahm sie ein melodisches Klingeln, und als sie genauer zuhörte, da waren es die Ohrgehenke, die Therese auf ihrem Gange begleiteten. Sie trug ein schönes Goldkreuz auf der Brust, ein Geschenk ihres Herrn. »Fröhliche Weihnacht!« sagte Frau Kürliß. »Gibt's nicht für mich,« versetzte Therese. Ihre Stimme war grandig. Auch das Klingeln nahm einen unwirschen Ton an. Sie sah scharf nach links hin. »Aber ich bitte Ihnen, wieso nicht?!« »Madam Kürliß,« meinte Therese, »Sie besehen sich das Leben immer durch 'ne neumodische Brille, die mit Bitterlikör und gebranntem Wasser geputzt ist; für unsereins aber ...« Sie unterbrach sich und zeigte auf den Kirchenrendanten, der mit seinem Sohn André die Kirche betrat, den Zylinder abnahm und die spitzen Finger in den Weihwasserkessel versenkte. Auf dem gehäkelten Schal ruhte der Marabukopf wie ein unheimliches Ding, nackt und kahl und unerbittlich wie ein Jakobinergerichtshof. »Für unsereins aber ...« Therese sah ihnen mit häßlichen Augen nach. »Nein, Madam Kürliß, wo die sind, da gibt es für mich und die Douwermanns keine fröhliche Weihnacht.« »Wieso nicht?« »Madam Kürliß, wir werden's erleben.« »Aber Fräulein Therese ...!« »Ich sage Ihnen, die gehen über Leichen.« Frau Kürliß wollte etwas entgegnen, fand aber das richtige Wort nicht mehr, denn Arnt Douwermann und Johanna erschienen, traten ein und gingen dem mittleren Chor zu, gefolgt von den beiden. Der dritte und letzte Anruf verhallte. Mit andächtigen Stimmen sangen die Gläubigen: »Ein Kind, geboren zu Bethlehem; Des freuet sich Jerusalem ...« Dirk Vogels saß im Orgelstuhl und zog die Register. Hohe Gedanken erwärmten ihn. Er dachte an seine Liebe, an seine glückliche Zukunft, und was ihn bewegte, strömte in vollen Akkorden, in wunderseligen Zungen durch die räumigen Schiffe. Es war wie ein Gesang über den Wassern: »Zum Himmel steigt es, Und wieder nieder Zur Erde muß es, Ewig wechselnd.« Arnt Douwermann stand dicht neben der Kanzel. Ruhiges Geistes folgte er der heiligen Handlung. Man sieht es ihm an: er ist stolz auf sich, auf seine Tochter, auf die Familie, der er entsprossen. Er hört das Brausen und Sausen der alten Zeit, den ehernen Schritt der Tage und die Hosiannarufe, die den großen Meister umtönten. Säen und Ernten, Auferstehen und Sterben! – alles gleitet an seinen inneren Blicken vorüber. Nichts entgeht ihm; auch die kleinste Spur wird lebendig. Geschlechter kommen und gehen. Seins ist nicht untergegangen – bis jetzt nicht, bis zum heutigen Tag nicht. Ein ragender Baum! Weit schattet seine Krone. Nicht alle Äste sind von gleicher Kraft, von gleicher Bedeutung; aber alle kernig und grün und voller Gesundheit. Nur ein Zweig brach ab, wurde vom Blitz zerschmettert und sank traurig zur Erde ... Plektrudis! Um so selbstherrlicher reckte sich der ihres Vaters. Er lebt noch immer; frischer denn jemals. Mit ihm spielen die Lüfte wie auf einer riesigen Harfe, in ihm singen die Vögel und preisen den Schöpfer, der alles mit seinem Odem erweckte ... und der Tau netzt ihn noch heute wie in den Tagen der Jugend. Die Kunst gab ihm sein freies Gepräge, und er hatte noch die Zähigkeit, einen Sonderzweig in die Höhe zu treiben ... Johanna! – Das ist der Stammbaum der Douwermanns bis zum heutigen Tage. So hielt der Alte die große Heerschau, während die Staffelgebete und Kollekten gesprochen wurden. Kein Hochmut wandelte ihn dabei an, aber erhobenen Hauptes schritt sein Geist durch die selige Feier der Weihnachtsmette. Und lichte Funken umgaben ihn und spielten mit seinem weißen Scheitel und seinem fließenden Bart, der weich und graulich war wie Asche von einem Holzkohlenfeuer. Dicht neben ihm kniete Johanna. Ihr Körper war ruhig, rückte und regte sich nicht; mit aller Willenskraft hielt sie ihn nieder, kettete ihn an und versuchte es, ihn von der ringenden Seele zu trennen. Sie war nicht bei den Staffelgebeten, nicht bei dem reinen Klang der hellen Schelle, die zur Wandlung ertönte. Sie mühte sich ab, das ›Vaterunser‹ zu sprechen, ihre Gedanken zu ordnen. Sie vermochte es nicht und wunderte sich nur, daß sie noch lebte. Sie konnte ein unbestimmtes Grauen nicht bannen, einer quälenden Angst nicht entrinnen. Die Glieder schmerzten ihr von dem ewigen Knien. Sie wagte es nicht, ihre Stellung zu ändern, aus Furcht, das Leid könnte noch unbarmherziger werden. Sie stellte sich vor, der ganze Himmel sei mit Krepp und schwarzen Perlenschnüren verhangen; nur im tiefen Osten läge ein olivenfarbiger Gürtel, ein leichenartiger Lichtschein ... und vor ihm stünde der Würger des Lebens ... Wenn er doch riefe! Wenn er doch riefe! Sie horchte und lauschte, aber er rief nicht. Nur die Orgel brauste stärker, um plötzlich abzubrechen und einer lähmenden Stille Platz zu machen, durch die das Glöckchen abermals hindurchgellte. Die heilige Wandlung vollzog sich und neigte sich dem Ende zu. Johanna dachte an den Tod und vergegenwärtigte sich, wie schön es sein müsse, in seinen Armen zu liegen ... und doch dürstete sie nach dem Becher der Freude, nach den Schwingungen einer trunkenen Wonnenacht. Vergebens streckte sie die Hand danach aus. Da rang sich ihre Seele vom Körper und flatterte auf wie ein gescheuchter Falke und stieß durch die Kirchenfenster hindurch, zerteilte die stickige Luft und jagte mit reißendem Flug dem olivenfarbigen Gürtel am tiefen Horizont zu, um in dem leichenhaften Schein Erlösung und Rettung zu finden. Sie hob den Kopf und sah mit wehen Blicken dem rasenden Flieger nach. Drüben neben seinem Vater stand André – hochaufgerichtet, herausfordernd und siegesgewiß ... ein Herrenmensch, dem es gegeben war, Weiberherzen nach seinem Willen zu formen, sie in wildem Taumel an sich zu ziehen oder kalten Mundes von sich zu stoßen. Sperber und Taube! Was seine Fänge umgriffen, war meistens verloren. Und die Sperberlichter begegneten denen der Taube, als wenn sie sagen wollten: »Sträube dich nicht länger! Du kannst mir doch nicht entgehen.« Da glaubte sie, ihrem Geschick zu erliegen. »Was hast du, Johanna?« Der Alte beugte sich zu ihr und zog sie an seine Brust. Sie gab keine Antwort, und hätte sie eine solche gegeben, spurlos und ungehört wäre sie von ihren Lippen gekommen; denn jubelnd, erhebend, mit allen Registern und Pfeifen kam es von der Orgeltribüne herunter. Die Gläubigen stimmten in den Choral ein, und feierlich klang es durch die gotischen Hallen, durch Weihrauch und Myrrhen und das Geflirr unzähliger Kerzen: »Gloria in excslsis Deo, et in terra pax hominibus bonae voluntatis!« Immer stolzer und freier: »Laudamus te!« Immer allversöhnender: »Benedicimus te!« Immer allgebietender: »Adoramus te!« Himmel und Erde vernahmen den Hymnus: »Glorificamus te! Dominus vobiscum, et cum spiritu tuo!« Die Menge verlor sich. Noch immer den Arm um seine Tochter geschlungen, trat der Alte aus dem Kirchengestühl. Sie mußten am Schrein der ›Freuden Mariä‹ vorüber. Er stand in strahlender Helle und ließ die Hand Meister Arnolds deutlich erkennen. Wie auf ein zwingendes Geheiß blieb Arnt Douwermann stehen und sagte: »Wunderbar sind die Wege und Fügungen des Herrn, und immer hochgemuter hebt sich unser Geschlecht aus dem Nebel der Zeiten. Du vernahmst es selber. Aus fernen Jahrhunderten klingt es herüber. Zwei Namen ringen sich los: Meister Heinrich und Meister Arnold. Jener die Kraft, aus der wir entsprangen, des letzteren Tochter die Stammutter, die uns das Leben gegeben. Durch sie atmen wir, freuen wir uns, hat uns die Vorsehung Gottes geadelt; denn sie ist, neben einem reinen Gewissen, das Lauterste auf Erden. Was ich ersehnte, hat sich erfüllt. Meine Tage neigen sich, aber ich denke in eine strahlende Sonne zu schreiten. Sie liegt auf den Bergen, und ich stehe nicht an, zu behaupten: Diese Sonne hat mir Dirk Vogels verstattet. Ein Angebinde, wie keins mehr zu finden, wenn ich auch suche, Gleiches mit Gleichem zu vergelten. Weihnachten ist das Fest der Geschenke. Das Höchste, was ich zu vergeben habe, bist du, meine Tochter. Bei dir steht es, meinen Wunsch zu erfüllen, heute noch, wenn die letzten Worte der Handschrift wie das Abendrot langsam dahingingen.« Er umfaßte sie zärtlich und preßte sie an sich. »So frage ich denn,« fuhr er in tiefer Bewegung fort, »und zwar hier an den Stufen des Schreines, den Meister Arnold gebildet, willst du, daß ich dieses Geschenk darbringe, um dich und ihn und mich glücklich zu machen ... willst du, Johanna?« Da stieß sie einen verhaltenen Schrei aus, warf ihm die Arme um den Nacken und weinte und schluchzte. »Mein Gott, mein Gott!« Ein fiebriges Zittern erschütterte ihren Körper. »Weißt du,« raunte er ihr zu, »in Dirk Vogels liegt etwas, was aus der Tiefe emporhebt, etwas Straffes und Großes, das Wunder verrichtet. Sein Stern ist im Aufstieg begriffen.« »Das weiß ich, das weiß ich! Ich tue ja alles. Dein Wille geschehe!« Ihre Worte erstickten. »Ich nehme dein Gelöbnis an,« sagte er warm und innig. »Bei seiner Erfüllung wird mir sein, als würde mir die Krone des ewigen Lebens geboten. Komm jetzt!« Noch einmal küßte er sie, innig und glücklich. Dann gingen sie. Ihr Kopf war vornübergeneigt, ihr Gang schleppend. Mehr getragen als geführt, erreichte sie das Südportal. Hier trat ihnen jemand entgegen. »Herr Douwermann ...!« Er fuhr auf, als hätte ihn eine Peitsche getroffen. »Sie wünschen ...?« fragte er heftig. Ihm stieg das Blut in die Schläfen. »Sie werden mir doch gestatten, Ihnen und Fräulein Johanna ...« »Nein,« unterbrach ihn der Alte mit erwürgter Stimme, »ich gestatte hier gar nichts. Seit dem zehnten November sind wir geschiedene Leute, Herr Doktor.« »Auch jetzt noch, wo die Versöhnung durch die Welt geht und Eintracht gebietet? Die Nutzanwendung hieraus überlasse ich Ihrem Ermessen. Es steht Ihnen nicht an, nach vagen Impulsen zu handeln. Was an jenem fraglichen Abend passiert ist ... ich für meine Person habe mir keinen Vorwurf zu machen.« »Schweigen Sie, bitte! Kleben Sie nicht eine zweite Schuld auf die erste. Erinnern Sie mich nicht mehr an Dinge, die ich abgetan wähnte und die ich wie einen ekelhaften Kadaver verscharrte.« André stand unerschütterlich. »Herr Douwermann,« sagte er gelassen, »wie kommen Sie dazu, mir in dieser unverantwortlichen Weise entgegen zu treten?« »Weil es meine verteufelte Pflicht ist. Reine Bahn will ich haben. Sie selber provozierten diese häßliche Stunde, sonst wären Sie meiner Tochter und mir aus dem Wege gegangen. Ich meinerseits gedachte zu schweigen, nicht länger in diesem Spülicht zu wühlen ... da wir uns aber nicht mehr ausweichen können, so sollen Sie ausgelohnt werden und meine Ansicht in blanker und gangbarer Münze erhalten.« Er war wie kaltes Eisen geworden. »Vater, ich bitte dich, Vater ...!« »Schweige, Johanna! Bei einem solchen Zahlgeschäft darf man nicht stören. Es handelt sich hier um Heller und Pfennig.« André lachte kurz auf. »Ich gebe Ihnen zu bedenken, Herr Douwermann, daß hierzu zwei gehören, einer, der spendet, und einer, der gesonnen ist, das Darlehn in die Tasche zu stecken.« »Kein Zweifel, Herr Doktor. Zwei gehören dazu, und im vorliegenden Fall betrachte ich Sie als den Empfänger und mich als den Geber, und seien Sie überzeugt, wir beide kommen nicht zu kurz bei der Rechnung.« »Wo nehmen Sie diesen Ton her, und was berechtigt Sie, ihn gegen mich zu verwenden?« »Der Ton ist Ihrem Besitzstand entnommen, die Berechtigung aber meiner eigenen Truhe ... und ich frage Sie nunmehr: Waren Sie nicht redlich bemüht, Unkraut auf meinen frischbestellten Weizenacker zu streuen? Sie taten's. Schon war es im Aufgehn und hoch an der Zeit, die Egge anzusetzen und den bösen Feind von den Schollen zu treiben. Mein engumschriebenes Reich ist mein Alles und meine Tochter das Juwel meines irdischen Lebens.« Fester zog er sie an sich. »Wer sie antastet, tastet mein Heiligstes an, mein Glück, meine Ehre. Das tat ich nicht, werden Sie sagen. Gut, daß es noch nicht dazu kam; denn wär' es geschehen, hier diese zwei Fäuste hätten Ihnen die Arbeit gesegnet. Aber Sie waren eifrigst dabei, die verderblichsten Konflikte in ihre Seele zu tragen, sie mit Gott und den Menschen zerfallen zu lassen, ihre Kunst zu entweihen und sie allmählich auf die schiefe Ebene zu drängen, an deren Endziel die Gefallenen sitzen und sich das Antlitz verhüllen.« »Herr Douwermann ...!« »So ist es, Herr Doktor, und das mußten Sie hören; denn Sie selber waren es, der ein Versanden der Dinge, wie ich es angestrebt hatte, zur Unmöglichkeit machte. Diese Aussprache, ich hätte sie gerne vermieden, schon aus dem Grunde, um Hochwürden einen Gefallen zu tun und allen Konsequenzen aus dem Wege zu gehen. Sie haben es verhindert und den Sand wieder von der infamen Sache geschaufelt. Ich kann es nicht ändern. Aber wir wollen einen Kompromiß machen, Herr Doktor. Denken Sie daran: ich will in den Himmel hinein. Auch meine Tochter Johanna. Heute, am ersten Weihnachtstag, sollen die goldenen Tore sich öffnen. Stören Sie uns nicht in unserm Vorhaben, schlagen Sie die goldenen Tore nicht zu ... und dazu ist nötig, daß wir uns wechselseitig verständigen. Also merken Sie auf. Sie sollen tot für uns sein, und wir sind gestorben für Sie ... und was sich begeben hat, damals, im Haus Ihres Vaters, was Sie an meiner Tochter sündigten – sei in das Nichts verbannt. Auf diese Weise haben wir Ruhe, bestehen wir als Wesenlose nebeneinander. Keiner hemmt den andern, niemand hindert den andern. So – und nun gehen Sie. Dort führt Ihr Weg hin.« Er streckte den Arm aus. »Hier trennen wir uns. Wir haben uns kein Wort mehr zu sagen – ich nicht und meine Tochter erst recht nicht.« André fuhr auf. »Johanna, auch du ...?!« Zum erstenmal hatte er warme Herzenstöne gefunden. »Geh doch, geh doch ... du siehst ja ...« Sie wandte sich ab. »Johanna ...!« Er wollte ihre Hände ergreifen. »Rühren Sie meine Tochter nicht an!« knirschte der Alte. »Denken Sie an den vorgeschlagenen Kompromiß. Ich für meine Person bin gesonnen, ihn ehrlich zu halten, und will nicht zum Lumpenkerl werden. Es bleibt dabei: ich bin gestorben für Sie. Wecken Sie mich nicht auf, lassen Sie mir meinen Totenfrieden, sonst: es könnte immer passieren, daß ich aus dem Gleichgewicht käme und etwas geschähe, das mich zeitlebens reuen würde. Für gewöhnlich meide ich tolle Hunde und Menschen, die mir Übles wollen. Aber kommt es dazu – Ihnen gehe ich nicht aus dem Wege. Darauf können Sie heilig gefaßt sein. Geben Sie Raum. Von nun an sind wir nur noch Schatten, Herr Doktor!« Vor der Hoheit des erregten Mannes strich André die Segel, trat zurück und folgte den beiden, die die Dämmerhelle des Portals verließen und allgemach im Dunkel der Nacht und im Gewirr der noch immer auf und nieder treibenden Flocken zergingen. Fern über Nikolai schoben sich die Wolken dichter zusammen. »Ich nehme noch eine Handvoll Schlaf in die Augen,« sagte Arnt Douwermann, als er über die Schwelle seines Hauses trat und seine Tochter bis an ihre Kammer geleitete. »Gehe auch du schlafen, Johanna! Seit dieser Aussprache ist mir wohler geworden. Ein Wetter reinigt die Luft. Es ist besser, ein Unheil zu würgen, als sich von ihm würgen zu lassen. Angenehme Ruhe, mein Kind!« Aber Johanna, obgleich sie sich dem Umsinken nahe fühlte, fand keine Ruhe. Wachen Auges und angekleidet warf sie sich auf die gespreiteten Decken. Sie hörte auf das Rauschen ihres Blutes und das Klopfen ihres gemarterten Herzens. In sinnloser Angst vor dem Unbegreiflichen wollte sie die Arme strecken. Matt fielen sie wieder an ihrem Leib herunter. Sie wollte schreien, aber der Schrei erstarrte im Munde. Verworrene Bilder bedrängten sie und schleppten sich müde durch ihr wehes Gesichtsfeld. Nichts regte sich im Hause. Nur die große Standuhr im Zimmer des Alten tat ihren ebenmäßigen Gang und machte die tiefe Stille noch greifbarer und tiefer. So vergingen die Stunden. Ums Morgengrauen, als der erste Feiertag zu zwinkern begann, saß sie, die Füße am Boden, aufrecht im Bett. Ein duldsamer Schmerz furchte ihr Antlitz. Sie fröstelte, obgleich dem kleinen Ofen noch immer eine angenehme Wärme entstrahlte. Eine merkwürdige Ergebung war über die Ärmste gekommen. Ihr verwunderter Blick lief durch das engmaschige Schummern des kleinen Gemaches und von hier aus in den umdüsterten Garten, hinter dessen kahlen Bäumen die ersten Anzeichen des werdenden Tages auftauchen wollten. Aber nichts war zu sehen. Nur die Schattenrisse der hohen Pappeln, die die kleine Umwelt abgrenzten, nickten wie graue Lemuren ins Zimmer. Bald darauf hörte sie, wie Therese ihre Kammer verließ, über den Flur ging und sich in die Küche begab. »Jetzt macht sie Feuer. Jetzt richtet sie den Kessel mit Wasser. Jetzt beginnt das Heimchen zu zirpen ...« so dachte Johanna. Während der ganzen Nacht hatte der kleine Hausgeist geschwiegen. In diesem Augenblick geigte er wieder. Nichts entging ihr. Auch die geringfügigsten Dinge interessierten sie plötzlich. Sie nahm regen Anteil daran, und doch fühlte sie deutlich: langsam trieb sie in die Notwendigkeit des Geschehens hinein, ohne irgendeinen Halt zu gewinnen. Eine müde Ergebung in den Willen des Unabänderlichen hatte sich ihrer bemächtigt. Niemand entrinnt seinem Schicksal. Dem einen kommt es früher, dem andern später gegangen. Sie hatte nur die Hände in den Schoß zu legen und den Nacken zu beugen. Mochte kommen, was wollte. »Herr, dein Wille geschehe!« Sie erhob sich und zündete Licht an. Hoch aufatmend streifte sie ihre weiche Bluse herunter und trat vor den Spiegel. Hals, Schultern und Nacken waren entblößt. Unter dem weißen Linnen zeichneten sich ihre Formen ab, wie aus Marmor gehauen. Ihre Hände begannen zu nesteln. Sie gedachte ihre Haare zu ordnen. Da hörte sie deutlich ... Leise, kaum hörbar klopfte es gegen die Scheiben; einmal, zweimal, dann wieder; aber stärker und nachhaltiger. Sie trat ans Fenster und riß den Flügel auf. Niemand war draußen. Nur ein mit einem Steinchen beschwerter Brief irrte ins Zimmer. »André – du ...?!« Keine Antwort erfolgte; aber es schien ihr, als hätte sich eine rasche Gestalt im nahen Buschwerk verloren. Da schlug sie das Fenster zu und ließ die Gardine herunter. Sie griff nach dem Schreiben, öffnete es und begab sich in den Lichtschein der Lampe. Das Papier knisterte und knitterte in ihren eisigen Fingern. Kein Datum, keine Unterschrift. Aber zum Eingang, gleichsam als verzweifelter Aufschrei: »Johanna!« Dann las sie: »Nimm alles so auf, wie es gemeint ist. Nach dem, was soeben geschah, weiß ich keinen andern Ausweg. Dein Vater und ich ... Wäre es nicht Dein Vater gewesen, einer von uns beiden wäre gezwungen, sich dem Richter zu stellen. Daß es nicht dazu kam, haben wir Dir zu verdanken, aber auch meiner Liebe zu Dir, die wie eine Flamme ihren Weg geht und mir Blut in die Adern quälte, wie die Fische es haben. Was Dein Vater begehrte ... gut! ich bin einverstanden damit: er und ich, wir mögen uns als Menschen betrachten, die keine Gemeinschaft mehr haben; aber Du und ich – wir sind Bein und Fleisch und Freude und Auferstehung. Die Spuren, die hinter uns liegen, wischen wir aus. Neue beginnen. Ich sehe sie vor mir. Sie gehen nicht durch Flugsand und über steiniges Erdreich. Sie führen durch satte Gründe und über fruchtbare Felder. Jetzt, in dieser Stunde, wo ich dies schreibe, seh' ich sie vor mir. Ich täusche mich nicht. Sie sind sonnenüberglänzt, umspielt von trunkenen Garben. Schilt mich einen Toren, einen Narren. Halte mich für einen, der Bestehendes niederreißt, um dafür goldene Schlösser zu bauen. Ich weiß, was ich tue. Das schließt selbstverständlich nicht aus, daß ich einen Kampf kämpfe, wie selten einer ausgekämpft wurde. Bildlich gesprochen: ich stehe bis zum Gürtel in Blut. Nur, ich habe die Kraft nicht, ihn allein bis zu einem siegreichen Ende zu führen. Du mußt mir schon helfen. Ich will ein Opfer von Dir, ein Opfer, wie Du es niemals gebracht hast. Ohne dieses sind wir beide verloren. Desungeachtet: ich verlange nichts Unmögliches von Dir, keine utopischen Dinge. Sie lassen sich verwirklichen, wenn Du den Mut hast, Dich fest und unerschrocken auf meine Seite zu stellen. Ich will nur, was Recht und Gesetz ist, und die Liebe ist im vorliegenden Fall Recht und Gesetz. Es ist etwas Rätselhaftes um das wechselseitige Verstehen zwischen Mann und Weib, um Geben und Nehmen. Wo es nicht stimmt, zerspringen die Saiten und geben einen wimmernden Mißton. Bei uns aber ... unsere Saiten klingen schon harmonisch zusammen. Das weißt Du. Gestern wurden Dir alle Zweifel genommen. Ich hungere nach Dir, ich dürste nach Dir. Ich vergesse die Stunde nicht, wo ich dies sagte. Auch das ist gestern gewesen. Aber die Neidischen, die Selbstsüchtigen, die Verblendeten, die begreifen dies nicht; sie wollen eine Wand zwischen uns legen, Berge und Ströme. Sie wollen nicht, daß ich singen mag: Isault la blonde, Isault m'amie, En vus ma mort, en vus ma vie! Aber wenn es zum Äußersten käme ... Du, gib mir die Seligkeit Deines Leibes und Deiner Seele zu kosten – dann werden sie müssen ...« Sie zerknüllte das Schriftstück, wollte es in hundert Fetzen zerreißen ... »Unerhört!« Allein das Papier brannte ihr zwischen den Fingern, wurde lebendig, befahl ihr: »Lies weiter!« und sie verschlang wieder die Zeilen. Stammelnden Mundes setzte sie die Worte nebeneinander: »Dann werden sie müssen ... Um Deinet- und meinetwillen und Deiner Kunst willen – Du mußt aus der Enge heraus, aus dem dumpfen Kreis dieser Zeloten. Sonst erwürgen sie Dich. Erschrick nicht, Johanna! Du und ich – wir müssen fort, und das heute noch, sonst schlägt das Verhängnis über unsern Köpfen zusammen. Kein langes Besinnen mehr. Vom nächsten Morgen ist nichts mehr zu hoffen. Ich erwarte Dich heute abend am Hanselaerer Tor bei der Unteren Schleuse. Punkt acht bin ich da. Von hier aus ... Nun, Du wirst alles erfahren. Der Rhein ist nicht weit. Er liegt gefesselt zwischen den Ufern. Jenseits von ihm sind wir leidlich geborgen und haben Gelegenheit, den Nachtzug Empel–Berlin zu benutzen. Ein paar Stunden der Aufregung, dann ist das Schlimmste vorüber. An meiner Brust fährst Du einer glücklichen Zukunft, dem Licht und der Auferstehung entgegen. Was Dich noch bedrängt, streife es von Dir. Etwaige Verpflichtungen einem Dritten gegenüber sind nicht hoch zu bewerten. Also sperre Dich nicht ... Ich erwarte Dich pünktlich. Du hast es mit einem zu tun, der ohne Dich nicht mehr zu leben vermag, der alles und jedes auf ein und dieselbe Karte setzt, um sich mit Dir zu vereinen. Willst du ein größeres Unglück verhüten, dann komme! Ich schreibe dieses mit einer Ruhe, die in Eiswasser steht. Erst kommst Du, dann ich. Ich denke für Dich und handle für Dich. Hier ist unseres Bleibens nicht länger, und selbst, wenn Du sagen würdest: Hier wollen wir wurzeln, hier will ich in Deine Arme hinein und Dir alles geben, was ein Weib nur zu geben vermag ... es wäre unmöglich. Wir können gegen die Vorurteile nicht an und würden verbluten. Im Angesicht des Todes sieht man mit doppelter Schärfe. Jede Überraschung weise ich von mir. Ich bin wie einer, der seinen letzten Willen aufsetzte, die äußerste Folgerung zog und vor nichts mehr zurückschreckt. Noch einmal schreie ich Dir zu: Ich liebe Dich bis zum Wahnsinn, Johanna! Mit Dir zu den Sternen, ohne Dich dorthin, wo die Schatten wohnen. Das laß dir genug sein. Wäge kalt und besonnen, und Du wirst das Richtige finden. Es gibt Dinge, die nur zwei Möglichkeiten haben und keine dritte Lösung gestatten. Ein solcher Fall liegt hier vor. Entweder Du kommst, oder aber ... dann jedoch öffne Dein Fenster, schärfe das Ohr und horche in den Abend hinaus. Ich für meine Person bleibe meinem Vorsatz getreu, um letzten Endes Sieger zu weiden. Aber merke genau auf. Kurz nach acht wirst du einen Schuß fallen hören. Invicti pax! « Kein Laut, keine Bewegung; dann faltete sie das Schreiben zusammen und steckte es zu sich. Mit einem verstörten Lächeln drehte sie mechanisch das Licht ab, trat ans Fenster und scheitelte die Gardine still auseinander. Ihr Blick ging ins Freie, lief über den fröstelnden Garten und verlor sich bei den einsamen Pappeln, die jetzt regungslos standen und keinen Hermelinschmuck mehr trugen. Der kalte, nüchterne Hauch des Morgens wehte sie an. Tief am Horizont, durch das Maschenwerk der Bäume hindurch, zog sich ein fahles Glänzen und Leuchten. Das sah sie alles, ohne zu sehen. Jeder Begriff von Zeit und Raum schien ihr abhanden gekommen. Dabei war es ihr, als schritte sie durch eine endlose Allee, durch mahlenden Sand, der ihr einen unbegreiflichen Widerstand entgegensetzte. Und die Sandwelle wuchs und wuchs, steilte sich hoch, hüllte sie ein und begrub sie allmählich. Kein Entrinnen war möglich. Nur noch eine matte Helle war über ihr. Die umgriff sie mit hilflosen Augen. Da sah sie: ein großer, dunkler Vogel zog ruhigen Fluges vorüber, um immer kleiner zu werden und dann zu verschwinden. 20 Um die Mittagsstunde kam ein Schreiben von Petrikettenfeier ten Hompel. Darin machte er folgenden Vorschlag und sagte: »Mein lieber Herr Douwermann! Uns liegt die Chronik am Herzen. Mir, dem Fernerstehenden, ebenso wie allen, die zu Ihrer Familie gehören. Der gestrige Abend war einer von denen, die nicht oft wiederkommen im Leben. Solche Abende sind wie Engel des Herrn. Ich kann mir nicht helfen, aber die gestern bei Ihnen verlebten Stunden sind mir unvergeßlich geworden. Noch unvergeßlicher und weihevoller werden sie sein, wenn sie unmittelbar zu uns sprechen. Der Geist des Verewigten redet am eindringlichsten aus seinem edelsten Werk, das seiner Auferstehung und Wiedergeburt harret. Und daher: wollen wir die Vorlesung nicht an die Stätte verlegen, wo dieser Geist atmet und umgeht? Wenn ja, dann bitte ich darum, sich ums Dunkelwerden dort einzufinden. Herrn Vogels werde ich verständigen; auch sonst das Nötige veranlassen. Für einen kühlen Trunk wird gesorgt. Sie verstehen mich schon: Beatus ille, qui procul negotiis ... und damit Gott befohlen und auf ein frohes Begegnen! Ich bitte um Antwort. Herzlichst Ihr Petrikettenfeier ten Hompel.« Was war dem Alten erwünschter! Er sagte zu, auch im Namen Johannas, und konnte kaum die Stunde erwarten, wo er wieder den Spuren eines vielverschlungenen und eigenartigen Lebens folgen durfte. Unmittelbar nach der Christenlehre und Mittagsandacht ließ Herr Bollig, unter Beistand zweier Meßjungen, die Halle neben der Sakristei für die Vorlesung herrichten. Bald darauf war er damit fertig geworden. Ein munteres Feuer plauderte im Kamin, Tisch und Sessel standen bereit; der ganze Raum war erfüllt von einer freundlichen Helle. Überall das Walten der Künstlerin; nur der nackte Bildstock hatte wieder seine Hülle gefunden. Kurz vor fünf erschienen die Beteiligten. Zuerst Hochwürden. Dann Arnt Douwermann mit seiner Tochter. Sie war barhaupt und hatte nur ein weiches Tuch um die Schultern geschlagen. Stumm und erschöpft bewegte sie sich, aber doch in der ganzen Schönheit ihrer kirchenstillen und einsamen Ruhe. Dirk Vogels trat auf sie zu und legte seinen Arm in den ihren. Sie schreckte zusammen. »Was hast du? Warum diese Erregung, Johanna?« Sie gab ihm die Hand. »Dirk, es geht schon vorüber,« lächelte sie, und doch sah sie aus, als wenn sie sagen wollte: »Frage nicht weiter. Ich kann doch keine Antwort darauf geben. Glaube mir: ich bringe mein Herz nicht bis zum andern Morgen.« Der Alte geleitete sie bis zum nächsten Sessel. Willenlos ließ sie sich nieder. Mit glanzlosen Augen stierte sie vor sich. Sie wußte nicht, warum sie hier war, was sie hier sollte. Sie hatte nur den einzigen Wunsch: nichts fühlen, nichts sehen, nichts denken. Wäre doch schon alles vorüber, wäre erst der nächste Morgen gekommen! Wenn die Menschen doch wüßten, was sie erduldete, was in ihrem Innern nagte und bohrte. Hätte sie es nur hinausschreien dürfen, es jedem mitteilen können – sie hätte wenigstens mit offenem Visier gekämpft und gerungen, wäre ehrlich geblieben ... so aber ... Ein feines Klingeln war um sie. Herr Bollig stellte die Gläser zurecht und schenkte Valwiger Herrenberg in die geschliffenen Kelche. Hierauf machte er Miene, sich still zu empfehlen, räusperte sich jedoch etliche Male und wandte sich an den Alten, der bereits die Chronik aufgeschlagen hatte und vorlesen wollte. »Nun, Herr Bollig, womit kann ich dienen?« »Ja so?« meinte dieser. »Um Vergebung, Herr Douwermann. Ich möchten nich im geringste scheniere, aber ich hörten davon, dat sich hier wichtige Bitrachtunge über die christliche Kuns abspiele solle. Un wenn ich mich auch so'n bißche verdutz fühlen, dat ich hierzu nich invitiert worde bin, so sag' ich m'r wieder, et is man bloß ein Vergesse gewese. Ehrwürdigen Herr Douwermann, bischeidenen Herr Douwermann! Biurteile Sie mich, bitte, von 'nem richtige Standpunk. Ich bin zu Kölle gebürtig, un alle, die zu Kölle gebürtig sind, habe 'ne verständige un feine Kurakter, denn sie bimühe sich immer, sich auf 'nem gewisse Poäng der menschliche Bildung vorwärts zu däue. Man will in seine saure Schweiß doch auch mal wat anderes habe, als nur immer sein alldägliches Brot zu mangiere. Bisonders dann, wenn so 'ne prachvolle Luff weht un et sich um 'ne Mann wie Heinrich Douwermann handelt. Da muß einer doch mitspreche könne, un drum möchten ich bitte ...« »Aber natürlich, Herr Bollig! Sie werden einen tiefen Blick in ein bedeutsames Künstlerleben tun, aber auch viel von Ringen und Leid und Seelennot hören. Der Weg eines Künstlers hat seine Dornen.« »Dat is gerade meine feinste Bikömmnis,« sagte Herr Bollig. »Wenn Sie also gütigs erlaube ...« »Sie sind uns herzlich willkommen,« versetzte der Alte und zeigte auf einen leeren Stuhl, den Herr Bollig in weiser Voraussicht schon für sich zurechtgestellt hatte. Hierauf rückte er die Kerzen näher heran, fuhr sich etliche Male durch seinen fließenden Bart und begann mit tiefer Andacht zu lesen: »›Meine Artschiere!‹ – Der Ruf der hohen Frau gellt mir noch heute zu Ohren, und es war wohlgetan, dem Rat Meister Arnolds zu folgen und landauswärts zu flüchten; denn andern Tages pochten die städtischen Knechte auf höheres Geheiß an die Tür meiner Mutter, um mich auszuheben und dingfest zu machen. Allein der Vogel war bereits auf und davon und über die städtische Mauer geflogen. Bei Tagesanbruch setzte ich bei Grieth über den Rhein, passierte Emmerich und Arnheim und konnte nach manchen Fährnissen Utrecht gewinnen, eine altehrwürdige Stadt, von den Römern Trajectum ad Rhenum genannt, und nicht unweit der Grenze gegen die Geest zu gelegen. Obgleich mir Land und Leute nicht sonderlich zusagten, die Menschen vielmehr hier steifleinene Gesichter haben und fischmäulig sind, auch sich immer bereit finden lassen, stinkende Bücklinge und versalzene Polche in das Heilige Römische Reich Teutscher Nation zu werfen, so gedachte ich doch in den Niederlanden zu bleiben und meiner Kunst zu leben, bis sich der Unmut der grande Puttana verloren oder sie selber eines seligen Todes verschieden. Solches kam mir schwer an, blieb mir jedoch keine andere Wahl, wollte ich nicht blindlings mein Verderben herbeipfeifen. So weilte ich denn unter den sauertöpfischen Menschen und harrte auf Meister Arnold und seine liebenswürdige Tochter. Am Dreikönigstage, wo sie in hiesiger Gegend das Bohnenfest begehen, an welchem der Hosenteufel los ist und die Weiber jede Scham und Ordnung verlieren, vielmehr darauf ausgehen, die Röcke zu schwenken und die Mannsleute toll und kirre zu machen, kamen sie an und schätzten sich glücklich, mit mir einen gemeinsamen Tisch zu führen und unter denselben Sparren zu wohnen. Nun folgte eine Zeit stillen Genießens und vielfältigen Schaffens. Der bestellte Schrein gedieh in gemeinsamer Arbeit, und als Meister Arnold nach Jahresfrist sah, wie meine Kunst immer höher emporstieg und es dem Falkhahn gleichtat, der den stolzen Turmhelm des Domes umkreiste, drehte er mir verlegen ein Knöpflein vom Wams und sagte: ›Es ist nicht wohlgetan, Feuer und Stroh allzulange nebeneinander nisten zu lassen. Wir wollen die Hochzeit begehen.‹ Und da lag mir ein Weib am Herzen, von dem ich sagen mochte: ›Ich bin kaum wert, mich dort niederzulassen, wo ihr Füßlein gerastet.‹ Etliche Tage nachher wurden wir in einem Kirchlein, so in der Nähe des Ständehauses gelegen, unter solenner Feier vereinigt und zusammengegeben, folgte auch eine schmausliche Hochzeiterei, der unter andern Herr Eustachius Federlin beiwohnte, ein Männlein, kaum so groß wie fünf gestapelte Holländer Käse, spinnwebhaarig und mit einer beweglichen Nase, die er gar sonderbar wie ein kalkuttischer Hahn aus- und einstülpen konnte, was groß Staunen erregte, war aber ein Gottbegnadeter, der es meisterlich verstand, Petschafte so kurios und sauber aus Erz und Steinen zu schneiden, daß man wähnen sollte, er habe sie aus dem Himmel gezaubert. Selbiger übernahm auch Patenstelle bei unserm zuerst geborenen Söhnlein, so wir Rüdiger hießen, und das fröhlich heranwuchs. Zwei Jahre später kam ein Mägdlein zur Welt, und wir nannten es Plektrud. Das schrie hell wie ein Pfau und war munteren Geistes, so daß ich nicht wußte, wie ich dem Herrn danken sollte für diese Fülle des Glücks, zumal auch der Schrein fertig geworden war und die Dominikaner nicht Worte genug finden konnten, den Ruhm unserer Namen in alle Winde zu streuen. Da geschah es ... Meister Arnold kam eines Tages so verdrückt nach Hause, daß ihm sein Mäntelchen schlotterte und ich mir heimlich dachte: ›Das ist der Tod.‹ Er selber konnte solches weder schmecken noch wahrnehmen, wurde jedoch, wie es einem Christenmenschen gebühret, mit den Sakramenten versehen, und ist hierauf am Sankt Gordianstag, das ist der zehnte im Maien, gottselig entschlafen. Wunschlos ging er dahin. In seinem Testament verlangte er nur, daß von den Klerikern und Laien der Lobgesang Sanctorum Ambrosii und Augustini zur Orgel gesungen werde. Solches geschah in aller Form und zwar unter Kerzenbeleuchtung, Weihrauch und Myrrhen. Sechs Dominikaner trugen ihn hierauf zu Grabe. Wir blieben in Utrecht und sorgten uns nicht um die weitere Zukunft; denn mein Ansehen machte die Runde wie der Tambour einer Scharwache. Auch flogen mir die Aufträge mehr als reichlich zu, daß ich glaubte, es seien Kriekenten oder Schnepfenvögel, die hier zu Land jeden Teich und Weiher ähnlich bevölkern wie die Luder- und Saatkrähen die heimischen Äcker. Unter andern verschrieb sich das Kapitel in Xanten einen Marienaltar, den ich mit Fleiß zu entwerfen begann und im Laufe mehrerer Jahre auch so meisterlich fügte, daß ich kaum Hände genug hatte, meine Lobpreisungen einzuheimsen und in die Scheuer zu tragen. Item, kam auch ein liebes Schreiben vom Herrn Gratius an, worin er sagte, es sei alles vergessen; die Frau Herzogin habe Sehnsucht nach mir und gestatte eine baldige Heimfahrt. Traute aber dem Ansinnen nicht, blieb vielmehr, wo ich war, und ließ die hohe Frau weiter hungern und dürsten. Um diese Zeit fiel es mir ein, das Schermesser beiseite zu legen und mir den Bart wachsen zu lassen. Solcher gedieh zu einer prächtigen Zierde, war glänzend wie Siegelwachs und die Freude meiner trefflichen Hausfrau. Gefiel ihr auch so über die Maßen, daß sie in traulichen Stunden mit zärtlichen Fingern hindurchglitt, ihn streichelte, einen Knoten hineinschlug und sagte: ›Heinrich, so festgefügt wie dieser soll unsere Treue bestehen,‹ und da dachte ich glücklich: ›Ach, so ein Weib, so ein liebes! So eine Unschuld! – Sie bleibt keusch und rein, selbst dann noch, wenn sie ihr Fürtüchlein ablegt und sich rüstet, ihrer Pflicht zu genügen. Wie anders die hohe Frau zu Kleve in ihrem fürstlichen Mantel!‹ und ich freute mich dessen und war wie einer, dem sich die harten Kiesel in Edelsteine verwandeln. Im Jahre des Herrn 1505 und gegen den Herbst zu, als mein neuestes Werk im Dom des heiligen Viktor aufgestellt wurde, begann das große Sterben im Herzogtum Kleve. Wie soll ich es nennen? Es war kein gewöhnliches Sterben; denn es zog eine daher, die aus dem Morgenland kam, fahl, grau und entsetzlich, und hatte einen giftigen Hauch vor dem Munde. Alle Dünste, die sie in den Ländern, Wüsten und Städten, so India, Arabia, Mekka und Konstantinopolis heißen, aufgesaugt hatte, brachte sie in meine engere Heimat und spie sie aus wie ein Untier. Es war die Pest, und sie pochte an Türen und Tore, sah in die Fenster hinein und erwürgte die Menschen. Ihre erste Aufwartung machte sie der Herrin in Kleve. Als sie eintrat, erbleichte Frau Mechtild und gebot einer Magd, ihr ein Paternoster zu reichen. Hat aber nichts mehr gefruchtet. Mit einem ›Hilf Gott!‹ stürzte sie nieder, als hätte eine blanke Sense einen Armvoll Ähren von der Koppel geschlagen. Sine crux et sine lux , wie ein ungelahrter Pfaffe sagte, ging sie erbärmlich mit Tod ab, von keinem bemitleidet, von keinem betrauert, obgleich sie Hermelin und Stirnreif getragen. Ihr Gemahl, Johann der Zweite, und seine wohlmeinenden Räte hatten nunmehr ein Einsehen, sprachen mich des Bannes ledig und erlaubten mir, bei freiem Geleit wieder die Wohltat des eigenen Rauches im Herzogtum Kleve, zumal auch die Kalkarer und Xantener Stiftsherren, Provisoren und Kerzenmeister sich meiner annahmen und vorstellig wurden. Am Palmsonntag des folgenden Jahres traten wir unsere Reise an, voll Dankes gegen den Herrn, der alles weislich gefüget, obgleich wir noch Leid trugen um meine liebe Mutter, so der Seuche erlegen war und nun hinpilgern durfte zu meinem in Gott ruhenden Vater, der, wie ich anfangs vermeldet, als klevischer Rat, Friedensrichter und Custos rotulorum ein segensreiches Wirken und Auskommen gehabt hatte. Mit fliegenden Fahnen, Trommeln und Pfeifen zogen uns Kleriker und Laien, die Herren Pfleger des Armenstiftes, die Bruderschaften und die Mitglieder der Sankt Lukasgilde bis Moyland entgegen, holten uns ein und geleiteten uns mit herzlichem Zuspruch und Willkomm in unsere mit Tannenreisern, Wimpeln und Buchsbaum geschmückte Behausung, die mir der städtische Rat hochgemuten Sinnes und aus freien Stücken heraus für meine volle Lebenszeit bestellt und zugesagt hatte. War auch am selben Tage noch ein groß Bankettieren zu Rathaus, wobei aufgetischt wurde: das Fleisch von zwei Ochsen, an fünfzig Kapaune, Hechte und Karpfen in Hülle und Fülle, ferner Galreyen und Sülzen, dann eine stattliche Anzahl Schnepfen und Wildenten, die ein herzoglicher Förster und Hegemeister zugebracht hatte; wurden auch mehrere Änkerchen vortrefflichen Weines getrunken; denn die Gesellschaft war zahlreich und stellte sich auf dreihundert Männer und Frauen, die mir zujubelten und mich und meine Familie priesen. Hat auch die Schmauserei, wie mir nachher der städtische Säckelmeister erzählte, die Summe von hundertundacht Soldgulden und zweiundzwanzig Rader Alben gekostet ... und als dann gegen Abend die Teerfeuer brannten und alle Glocken zu läuten begannen, erhob sich der regierende Bürgermeister, Petrus Gyse mit Namen, faßte den getriebenen Becher und sagte: »Willkommen, Herr Heinrich, willkommen mit Euren Kindern und Eurer schönen und sittsamen Hausfrau! Nun mögen wir die Lauten schlagen und unsere Zukunft gesegnen; denn die schlimme Seuche ist von uns genommen, der Lenz bläst das Haberrohr vor den Toren und die Kunst hat ihren Einzug gehalten. Euch aber zur Ehrung ... Wir haben in ernster Sitzung beschlossen, bei Euch einen Schrein zu bestellen und in Auftrag zu geben, der die Sieben Schmerzen Mariä zur Anschauung bringen und seinesgleichen nicht mehr finden soll in der gesamten Christenheit. Die Bruderschaft Unserer Lieben Frau hat sich erbötig gezeigt, die Lasten zu tragen. Und nun, Meister Heinrich, gehet ans Werk und gebet Euch und Eurem Schöpfer die Ehre. – Ihr aber, meine lieben Mitbürger, großgünstige Herren und Freunde, rosige Frauen und Jungfrauen, schenket ihm gratiose ein und trinket ihm zu mit vollen Pokalen! Herr Heinrich soll leben!‹ und war darüber solch ein frohes Geräusch und Durcheinander, daß man sein eigenes Wort nicht mehr hörte, fielen auch die Pauker und Zinkenisten so herrisch ein, daß ich alle Mühe hatte, meinen Dank in geziemender Weise aus dem Munde zu bringen. – In Summa, alles war schön und wohlgelungen und perlenfrisch über alle Beschreibung.« »Donnerwetter noch mal!« sagte Herr Bollig, während Arnt Douwermann sein Glas nahm und in gehobener Stimmung sich an die Zuhörer wandte: »Tun wir es dem regierenden Bürgermeister gleich, und gedenken wir auch nach Jahrhunderten des einzigen Mannes. Herr Heinrich soll leben!« »Großartig, großartig!« stimmte Hochwürden ihm zu, und alle erhoben sich, tranken und setzten sich wieder. Der Alte las weiter: »Obgleich nun ein Taumel der Begeisterung über mich hereinbrach, so war doch soviel Weisheit und Vernunft in mir, daß ich mir sagte: ›Wenn man im güldenen Topf sitzt, auch ein vielbewunderter Mann ist, soll man seine Gravität nicht allein in privato sondern auch in publico sorglich behüten, damit man nicht in Ungelegenheit komme und seine Freundschaft verliere; denn alles auf dieser Erde ist leicht dem Verfall unterworfen.‹ Solches machte ich mir tapfer zunutz, blieb bescheiden in meinem Tun und Lassen und war nur darauf bedacht, das Banner meines Gewerkes noch stolzer als früher zu hissen und emsig ob meiner Werkstätte fliegen zu lassen. – Am Tage, als man das Fest des heiligen Johannes Baptista beging, wurde die betreffende Urkunde zwischen dem städtischen Rat, der Bruderschaft Unserer Lieben Frau und mir löblich getätigt. Die begonnene Arbeit sollte mein Lebenswerk werden. Auch wußte ich, zehn Jahre und mehr würden dahinschwinden, bevor ich vor den Rat treten und sagen mochte: ›Großgünstige Herren, der Schrein ist vollendet.‹ In beharrlichem Mühen vergingen die Jahre. Abgesehen von etlichen kleinen Schnitzereien, so einem Sakramentshäuschen für die Kirche in Hanselaer, einem Muttergottesleuchter für das Refektorium des Brigittenklosters in Zwolle und andern Sachen meines fleißigen Messers, hatte ich vollauf zu tun, mein Lebenswerk zu fördern und seiner Vollendung entgegenzuführen. Inzwischen wuchsen meine Kinder heran: meine Tochter zu einer blühenden Jungfrau, schöner von Antlitz als die verewigte Herzogin Mechtild – mein Sohn zu einem mannhaften Jüngling, unerschrockenen Geistes und schon im fünfzehnten Jahre seines Lebens befähigt, Spachtel und Modellierholz wie ein kundiger Meister zu führen. Selbiger heiratete auch im frühen Alter des gelehrten Herrn Sebastian Brower ehrsame Tochter, mußte aber – Gott im hohen Himmel sei es geklagt! – sein junges Leben von sich tun, als ihm ein Söhnlein geboren wurde und die Fama sich anschickte, sein erlesenes Künstlertum zu verbriefen und ihm ein Lorbeerzweiglein um die Schläfen zu legen. Was mein Weib und ich dabei an Qual und Marter erlitten, kann nur der Himmel ermessen. Es war der erste wilde Schmerz, der uns traf. Ein wilderer sollte mir kommen ... aber ich danke noch meinem Schöpfer dafür, daß er mein Weib von hinnen nahm, bevor das Verhängnis seine Sehne straffte, um den entsetzlichen Bolzen zu schnellen. Rüdiger war tot. Um so inniger rankte sich die elterliche Liebe um unsere Tochter Plektrudis. Keusch und rein ist das Mondlicht. Unser Kind war keuscher und reiner. Wundersam ist ein Flachsfeld anzuschauen, wenn es seine Blüten entfaltet. Die Augen unserer Tochter waren leuchtender und tiefer an Bläue. Am Komer See, so ließ ich mir sagen, sind Blumen auf den Wiesen und Lilien auf den Bergen, wie sonst nicht zu finden. So ähnlich war sie ... kein Wunder daher, daß sich alle Junggesellen des Landes um ihr Ringlein bewarben und Anstalten machten, sie in die hochzeitliche Kammer zu führen. War auch einer darunter, hieß Martin Scholander, eines schlichten Mannes Sohn und in Xanten gebürtig, wachen Verstandes und feurigen Körpers; denn er hatte die hohe Schule besucht, war in Bologna und Köllen gewesen und hatte alle Anwartschaft darauf, sich bald auf einem Lehrstuhl zu wissen. Selbiger nun warb um Plektrudis und hatte das Glück, ihre Gegenliebe zu finden, war auch dieses unserm Wunsche gemäß; denn wir sahen darin Gottes Fürsorge in löblichster Weise. Wurden auch nicht hochfahrigen Sinnes durch den preislichen Umstand, daß ein heimliches Gerede ob der überirdischen Schönheit unserer Tochter die ganze Gegend erfüllte, blieben vielmehr bescheidenen Trachtens und nahmen alles so hin, wie es lautern und ehrlichen Christenmenschen geziemet. In dieser Zeit schloß ich eine innige Freundschaft mit dem weisen, bedachtsamen und gottesfürchtigen Herrn Sybertus von Ryswick, herzoglich klevischem Rat, Stadtpfarrer dahier und Propst der Kollegialkirche zu Wissel. Dieser nun wurde mir ein liebevoller Berater bei meinem Altarwerk, gab mir geziemende Winke, dieses und jenes nach den Gesetzen der Gotik besser und feiner zu schnitzen, so daß ich ihm nur danken konnte aus dem Grund meines Herzens. Er billigte auch die Wahl meiner Tochter, sintemalen er den jungen Scholander für einen Edelmann der Gesinnung nach ansprach, wohlberechtigt, die gelehrten Köpfe der Universitäten staunen zu machen. So konnten wir denn zufrieden sein und an das Beilager denken. Allein es sollte sich hinziehen, vielleicht gar ... Doch ich will in meiner Erzählung nicht vorgreifen. Meine Bekenntnisse sollen folgerichtig sich geben ... In wachsender Tätigkeit und geziemender Muße war das Jahr 1520 gekommen. Ich befand mich gerade auf einer Reise in Köllen, um mir dort beim Dombaumeister wegen eines anzubringenden Stab- und Maßwerks Rat zu erbitten, als mich ein Brieflein meiner Tochter erreichte, worin sie sagte: ›Herzlieber Vater! Wisset, daß sich hier ein Unglück begeben, indem sich beim Ausflug ins Holz ein Würmlein um den Fuß der guten Mutter geringelt, sie auch derart verletzet, daß sie bettlägerig wurde und ihr Zustand ein gar schlimmes Ende verheißet. Sie lässet Euch grüßen, aber auch anhalten um eifrigste Rückkehr; denn sie verlanget nach Euch, weil sie glaubet, gar bald in den Schoß des Allerhöchsten zu kommen. Gegeben zu Kalkar, am Montag Unserer Lieben Frauen Abend nativitatis anno 1520.‹ ›Herrgott!‹ schrie ich auf, ›da sieht der Tod durch die Scheiben‹, eilete heimwärts, konnte aber nur einen kalten Mund noch berühren und in die Worte ausbrechen: ›Nun habe ich auch diese verloren!‹ Und dennoch ... der Tod ist gnädig und barmherzig gewesen; denn wäre sie nicht von hinnen gegangen, das Leid, das noch ausstand, hätte ihren lieben Geist irregeleitet, und das wäre furchtbar gewesen. Requiescat in pace! Mir blieb nichts weiter übrig, als mein dahingeschiedenes Weib in Ehren zu halten, weiter zu schaffen und auf das Glück und Wohlergehen meiner einzigen Tochter zu hoffen, die aber so traurig war, daß sie vorab nicht heiraten mochte und die heilige Feier immer wieder hinausschob. Anno domini 1521 starb der regierende Herzog. Sein Folger im Amt, Johann der Dritte, vermählt mit der blassen Maria, der schönen und reichen Erbtochter des verewigten Herzogs Wilhelm von Jülich und Berg, vereinigte dessen Besitztümer mit dem Zepter von Kleve, führte eine fröhliche Herrschaft und ließ sich im Erntemond des folgenden Jahres in meiner Vaterstadt huldigen. In vollem Prunk, in Wehren und Waffen und mit rauschendem Spiel zogen ihm und seiner jungen Gemahlin die Notabeln der Stadt und die gesamte Bürgerschaft am fünften des Monats vor den Toren entgegen. Es war eine prächtige Schau und ein großes Gelaufe. Item, auch die Welt trug Feiertaggewand; denn der Himmel erstrahlte in reinstem Sonnenschein, der rote Mohn bestickte das sichelreife Korn, und auf den Wäldern und Wiesen lag ein so feinmaschiger Duft, als wären sie mit einem feinen Hauch von Schmaltebläue getempert. Auf einem schwarzen Ardenner ritt der gebietende Herr in die Stadt ein, ganz in Eisen und den Sturz nach oben geschlagen, auf einem Zelter die schöne Maria, entblößten Halses und einen Solitär im Haar, so eine Grafschaft wertete. Ihr zur Seite befand sich ihr Kapellanus, den sie von Jülich mitgebracht hatte, ein Schwärmergesicht mit tiefen, verlangenden Augen, die sich von der lichten Frau nicht abwenden konnten. Solcher trug eine lange Soutane, war barhaupt und tonsuriert, was ihm gut zu Gesicht stand, wußte sein Roß auch ruhig zu führen und sich weidlich im Sattel zu halten. Auf dem Marktplatz fand großer Empfang statt. Der Bürgermeister sprach geziemende Worte und übergab die Schlüssel nach altem Gebrauch und wie es die Satzung erheischte, entbot auch für den heutigen Abend zu einer stolzen Lustbarkeit, die im goldenen Saal des städtischen Hauses stattfinden sollte. Als zu den Honoratioren und Ehrenbürgern gehörig, präsentierte mich Herr Petrus Gyse dem erlauchten Besuch, und ich bekam von dieser Seite viel des Lobes zu hören, stand auch der auf hohem Zelter sitzenden Frau so nahe, daß ich das Rascheln ihres Kleides vernahm und mich nicht genug wundern konnte über die Biegung ihres schneeigen Halses. Da sah ich ... Möge der Herr mich verdammen und mich des ewigen Lebens für verlustig erklären, wenn ich Falsches vermelde ... aber da sah ich: unter den Brauen des jungen Klerikers flammte es auf wie Brunst und Lohe, und heimlicherweise suchte er sacht über die Hand seiner Herrin zu gleiten, hörte auch diese ängstlich ihm zuflüstern: ›Heribert, laßt das; es könnte Euch böslich ergehen.‹ Weiteres vernahm ich nicht; denn in diesem Augenblick begannen alle Glocken zu läuten und die Kartaunen von den Wällen zu rufen und über die Stadtmark zu donnern, während welcher Ovation der Herzog aus den Bügeln rasselte; desgleichen auch die Herzogin mit den Edelfrauen sich anschickte, von den Tieren zu steigen. Ein Page sprang zu; aber der Kapellanus mit dem Schwärmergesicht und den glutenden Blicken war schneller als er ... und nun ein unerhörtes Spektakel, wie niemals geschehen ... Sei es nun, daß sich des jungen Menschen Sinne betörten, oder sei es, daß er die lange zurückgedämmte Liebeswut nicht mehr zügeln konnte – mit einem Satz war er bei ihr ... ›Gnade, Jungfrau Maria ...!‹ und seine Arme umschlangen die Herrin. Taumelnd riß er sie an sich, küßte ihren bleichen Mund und biß ihr ein rosiges Mal auf das schneeige Weiß ihres Halses, gerade dort, wo er aus der weichgerundeten Schulter sich aufhob. Ein einziger Schrei, dem eine Stille folgte, als wäre die Pest aufs neue unter die Menschen getreten. Edelfrauen fingen die Geschändete auf und führten sie abseits. Der Herzog aber wandte sich jählings. Ein Funke sprang von seinem Blick wie von einer Esse herunter. ›Pfäfflein, Pfäfflein,‹ sagte er heiser, ›das ahnte ich lange. Haltet Euch bereit; Ihr werdet morgen gehangen,‹ kehrte sich hierauf mit klirrendem Sporn und ließ sich zu seiner Herberge führen. Desungeachtet und obgleich die hohe Frau sehr verstört schien, sich mancher der bösen Dinge halber weidlich entsetzte, der sündige Kapellanus auch von etlichen Artschieren abgeführt wurde, so ließ der gestrenge Herr doch am Abend desselben Tages zum Bankett auftrompeten und zum Fackeltanz rufen. Unter den ersten der Stadt waren Herr Sybertus von Ryswick, ich und meine Tochter Plektrudis geladen, saß auch in eigener Person dem Herzog und seinem Gemahl schräg gegenüber und sah, wie sie bleich wie das Tafeltuch war, und nur das Mal am Halse, so ihr der Kapellanus verstörten Sinnes eingebissen, aufflammte gleich einer roten Rose im Sommer. Sie sprach keine Silbe, rührte die Speisen nicht an und wisperte nur scheu zu Herrn Sybertus von Ryswick: »Hochwürden, nachher möchte ich ein Wort mit Euch reden,‹ um dann wieder wie eine Tote in ihrem Lehnstuhl zu sitzen. Nach aufgehobener Tafel, während der Schleifer anhub, stand ich beim Verzog, welcher mir sagte: ›Es ist zwar lange vorüber, aber ich weiß, daß meine hochselige Mutter Euch übel mitspielen wollte.‹ Ich tat so, als ob ich dieses nicht wisse, selbstverständlich nur aus dem Grunde heraus, das Andenken der Frau Mechtild zu schonen, allein er meinte zum andern: ›Ich weiß, ich weiß. Man kann mich nicht täuschen. Zu Eurem Heil seid Ihr tapfer geblieben, sonst wäre es Euch gewißlich wie dem anmaßenden, verbrecherischen und unkeuschen Pfaffen ergangen, der morgen gehenkt wird. Weil Ihr aber so herzhaft und treu gegen Euren Landesherrn verfahren, des ferneren Eure Kunst mir und meinem Reiche zu Nutze geworden, so will ich Euch lohnen und mich Euch gegenüber erkenntlich beweisen ...‹ und damit legte er mir seine kostbare Kette mit dem güldenen Pfennig, so auf seinem todschwarzen Wams ruhte, um Hals und Nacken, daß ich nicht umhin konnte, nach seiner besteinten Rechten zu greifen und selbe dankbarlichst und in aller Ehrfurcht zu küssen. ›Laßt nur, laßt nur!‹ winkte er wohlwollend ab, fragte mich hierauf nach meinen Unternehmungen, vornehmlich nach dem Schrein zu den Sieben Schmerzen Mariä, von dem er viel Rühmens gehört, wann solcher fertiggestellt und eingeweiht würde, und als ich ihm alleruntertänigst bemerkte, daß dieses um die kommende Weihnacht geschähe, da nickte er huldvoll mit dem Kopf, gab mir die Hand und sagte: ›So mir Gott das Leben behütet, werde ich mit dabei sein und kommen,‹ und wurde ich hiermit freundlichst und in allen Gnaden entlassen. Während dieses Gespräches ging der Tanz durch die Räume, die alle in Girlanden und blendendem Fackellicht standen. Solches gefiel mir, und ich schaute ihm zu, bis ich gewahrte, wie meine Tochter Plektrudis im Arme eines jungen Edelmannes aus dem Gefolge des Herzogs dahinschwebte. Alle verfolgten die beiden mit leuchtenden Augen, auch hörte ich sagen: »Solch ein Paar muß man suchen,‹ und wollte des freudigen Getuschels kein Ende mehr nehmen. Selbiger Herr, der sie führte, Gerhard von Bungart mit Namen, hatte ein Junkergesicht, frei und offen, und gedachte, wie ich später erfuhr, am Kammergericht zu Wetzlar Karriere zu machen. War auch reichbegütert und besaß jenseits des Rheines, auf dem Emmericher Eiland, Hof und Haus, darinnen er zeitweilig als Junggesell lebte und Großes von der Zukunft erhoffte. Sollte sich auch auf alle verborgenen und geheimen Künste verstehen und Bücher studieren, die nur wenige lesen, als da sind: die des Hermes von den vierundzwanzig Figuren nach den Stunden und die tiefgründigen Scripte des Cornelius Agrippa von der heimlichen und verborgenen Philosophie, außerdem noch den Schlüssel Salomonis besitzen und daher befähigt sein, die Siegel aller Weiberherzen zu schließen und wieder zu öffnen. Mir wurde weh zu Sinn, und als ich noch sah, daß er mein Kind über Gebühr hofierte und mehr als üblich seine Hände gebrauchte, trat ich auf ihn zu, unterbrach den Tanz und sagte ihm herzhaft: ›Wohl zufrieden, Herr Junkherr, aber es geziemet sich nicht, wenn Ihr meiner Tochter also begegnet und sie also herzet.‹ ›Warum nicht?!‹ gab mir Plektrudis gegen alle Erwartung zur Antwort. ›Laßt uns gewähren. Er weiß mich gar kunstreich zu fassen und mir viel des Schönen und Gelehrten zu melden,‹ hierauf ließ sie sich abermals von dem Reigen dahintragen. In diesem Augenblick wurde Herr Sybertus von Ryswick zur hohen Herrin befohlen, die noch immer das Leben suchte und sich kaum zu halten vermochte. Kurz darauf trat er bewegt auf mich zu. ›Es ist nichts mehr zu ändern,‹ meinte er traurig. ›Der Kapellanus muß sterben. Sie ersuchte mich noch, ihm die letzte Zehrung zu geben und ihm dabei ihren Gruß zu vermitteln.‹ Auf solche Weise ging dieser denkwürdige Abend zu Ende. Mit Bungen und Posaunen wurde das Fürstenpaar bis in seine Herberge geblasen. Andern Tages, als das Morgengrauen auf den Dächern lag und die Dohlenvögel sich noch nicht im Nebel zurecht finden konnten, klagte das Armsünderglöcklein durch die dunstige Frühe. Bald nachher wurde der junge Kapellanus gehenkert. Als solches geschah, stieß die Herzogin einen herzzerreißenden Schrei aus – so hieß es. Der Schrei aber, den ich am ersten Tage der heiligen Weihnacht ausstoßen mußte, ist wilder und herzzerreißender gewesen, denn mir wurde alles, aber auch alles genommen. Die Feder sträubt sich, dieses wiederzugeben. Aber es muß dennoch geschehen. So hört denn und wisset, und wenn Ihr wissend geworden, sprecht ein kurzes Gebet für meine Tochter Plektrudis und für den, der dieses niedergeschrieben.« Langsam, ernst und wie aus einem Traum heraus hob Arnt Douwermann den Blick von der Handschrift und sah alle an und nahm sein Glas und trank und setzte es stumm wieder nieder. Und alle taten wie er. Dann erhob er sich und legte den Arm um Johanna und sah ihr tief in die Augen. »Heute ist der erste Feiertag, der Tag des Geschenkes. Denke später daran ...« und er setzte sich wieder, um den Schluß der Chronik zu lesen, während der Dechant ihm zunickte und meinte: »Nur zwei Worte, mein Lieber! Bewegt lauschten wir dem, was ein Großer zu sagen hatte, und stehen in tiefer Erwartung, wie er das Ende wird finden. Ich sehe schon: er konnte seiner Tochter nicht helfen; aber er hat der Kunst und der Menschheit geholfen. In gemeinsamer Andacht hörten wir das und werden es weiter hören ... und in gemeinsamer Andacht und in schlichter Weise wollen wir den heutigen Abend beschließen – bei mir zu Hause, einfach und wie es einem Pastor loci geziemet. Es ist alles gerichtet. Keine Absage gilt ...« und da sagten sie zu und freuten sich auf die Stunde, die ihnen bevorstand. Indessen hatte Herr Bollig die Kerzen geschnuppt und, wo es not tat, neue auf die Leuchter geschoben. Vom Turm der Kirche kam ein sanftes Brummen herunter, dem einzelne Schläge folgten. Johanna, die bisher gesessen hatte, als wäre es Zeit, sich mit dem Tod zu befreunden, warf einen langen Blick auf ihren Vater, hierauf sah sie Dirk Vogels an, innig und mit heißester Liebe, fiel aber gleich darauf wieder in ein verzweifeltes Grübeln und Brüten. Unauffällig verflocht sie die Hände, biß die Lippen zusammen und stammelte die unseligen Worte: »Entweder du kommst, oder aber ... dann jedoch öffne das Fenster, schärfe das Ohr und horche in den Abend hinaus. Ich für meine Person bleibe meinem Vorsatz getreu, um letzten Endes Sieger zu werden. Aber merke genau auf. Kurz nach acht wirst du einen Schuß fallen hören ... Mein Gott, soll ich eine Todbringerin werden ...?!« Sie spann den Gedanken nicht weiter; eindringlich hallte die Stimme ihres Vaters herüber: »So komme ich denn allgemach zum Abschluß meiner Lebens- und Leidensgeschichte. Das Korn stand schwer auf den Feldern, in den dunkeln Wäldern war Orgelmusik, und als ich mich eines Tages auf den Deichen erholte, da sah ich, wie die Sensen lange Gassen durch die Roggen- und Weizenschläge bahnten. ›Nun ist Erntezeit,‹ sagte ich still vor mich hin und ward fröhlichen Sinnes; denn auch für mich war die Zeit der Ernte gekommen, voll und sichelreif und schön über alle Maßen. Bald konnte ich heimsen und die größte Arbeit meines Lebens beschließen ... und als dann von allen Tennen die hölzernen Flegel wie Glocken sangen: ›Hie Klocke, hie Tocke! wir sorgen für Brot. Du, segne die Arbeit, Herr Zebaoth ...!‹ da legte ich meine Hände zusammen, sah verklärten Auges mein Werk an und pries meinen Schöpfer. Der Schrein zu den Sieben Schmerzen Mariä war fertig geworden. Um diese Zeit ließen die Hegemeister wieder die Hatz anblasen, und viele Herren kamen, hohe und niedere, den edeln Hirsch auf die Decke zu legen. Auch der Junker Gerhard von Bungart befand sich im Gefolge des Herzogs, wenn das Hifthorn ertönte und die Jagd, wie es häufig geschah, sich bis in den Bann unseres Kirchspiels erstreckte. Dieses benutzte er dann, mein Heim zu betreten, vorgebend, sich an meiner Festigkeit und meiner Lebensweisheit zu erbauen; war dabei vielfach auch um Plektrudis beschäftigt, rühmte ihre Sitte und ihren höfischen Anstand und bedauerte lebhaft, daß sie nicht vornehm geboren und kein Wappen besitze. So schön sie auch sei, erst die siebenzackige Krone mache die irdische Glückseligkeit aus und den höchsten Schimmer auf Erden. Kurz, er war eifrigst bemüht, ein Geweb von glitzerfeinen und goldenen Fäden um das schlichte Wesen meiner Tochter zu spinnen. Solches gefiel mir nicht sonderlich, noch weniger ihrem Verlobten, dem wohlehrsamen Herrn Martin Scholander, der mittlerweile zum Magister in Köllen kreiert war und eifrigst drängte, die Hochzeit zu bestellen und das Brautbett zu richten. Sie begegnete ihm in ihrer gewohnten Freundlichkeit, aber auch mit ihrer ebenmäßigen Ruhe, und meinte: »Weshalb diese Eile? Mein Antlitz ist rot beschienen vom Abglanz der Liebe. Auch deins, wie ich sehe. Nur die Liebe eines Weibes ist feiner geartet wie die eines Mannes. Ihr folgt nur dem Rufe des Fleisches, wir hören auf die Stimme des Herzens. Ihr seht nur das Weib im Weibe, wir blicken tiefer.‹ Und dann sagte sie mit ihrer schönen und weichen Stimme: ›Man soll nichts überhasten. Einer soll in dem andern sich finden. Da ist Einsicht geboten. Wir können noch warten, und drum geduldet Euch, Martin.‹ Mit einer steilen Falte über der Nasenwurzel überbrachte er mir diese seltsame Antwort, ließ auch durchblicken, daß ihn eine böse Ahnung beschleiche. Ich aber sprach ihm zu, so gut ich vermochte, und sagte ihm schließlich: ›Die Zeit bricht Rosen, und nur sie allein führet Richtscheit und Winkelmaß, den angefangenen Bau zu vollenden. Und daher meine auch ich: Geduldet Euch, Martin. Geduldet Euch, bis die Werkeltage dahin sind und wir sagen können: Christ ist geboren! An seinem Fest findet auch mein Schrein seine Weihe, und so mein Herz mich nicht täuschet, wird sie Euch an diesem Tage verkünden: Rüstet Euch, Martin; wenn die Schwalben heimkehren, machen wir Hochzeit.‹ Da sinnierte Herr Scholander still vor sich hin, gab sich zufrieden und reiste getröstet nach Köllen, um zur angegebenen Zeit wieder vorzusprechen und sich das Jawort zu holen. Bedrängten Gemütes ließ ich ihn ziehen; denn der Gedanke war bei mir, es könnte vielleicht nicht alles so werden, wie ich es mir in meinem Innern vorgestellt hatte. Die Tage vergingen. Der erste Frost kam über die Erde und dann eine Kälte, die wie ein gepanzerter Ritter einherschritt – eisern, im Harnisch und mit klirrenden Sporen. Tapfer ging es in den Winter hinein. Der heilige Thomas erschien und erzählte von dem kommenden Fest – da war es, als ich ums Abendläuten herum von Herrn Sybertus von Ryswick kam und sehen mußte, wie ein eiliger Schatten aus meinem Hause glitt, um lautlos bei der nächsten Straßenecke unterzutauchen. Wie immer trat mir meine Tochter zum Willkomm entgegen, weiß und schön und in der freundlichen Stille ihrer ganzen Erscheinung. Nur eins fiel mir auf: sie trug ein güldenes Kettlein am Halse, das ich von früher nicht kannte; auch stand ihr Marderkräglein geöffnet. Ich zeigte darauf und fragte: ›Wie kommt dies, Plektrudis?‹ ›Gott ja!‹ sagte sie eifrigst, ›ich habe Garn und Zwillich geordnet, und dabei ist mir eine Nestel gesprungen.‹ ›Und was bedeutet das Kettlein?‹ ›Ach dieses!‹ meinte sie lächelnd und nahm es mit ihren zierlichen Händen und spielte damit und sagte dann ohne jede Erregung: ›Nun, damit Ihr es wisset – der Junker war hier und hat mir den Heiligen Christ schon in dieser Stunde verehret.‹ ›Und du hast ihn genommen?‹ ›Wie Ihr sehet, Herr Vater.‹ Da übermannte mich der Zorn und trieb meine Gedanken auseinander, wie der Jud die Kälber auseinanderzerret, um sie in die verschiedenen Metzgen zu führen. ›Bei Christi Marter und Blut!‹ fuhr ich auf, ›die Tochter eines Heinrich Douwermann läßt sich in dieser Weise nichts schenken; denn aus solchen Angebinden musizieret das Pfeiflein des Satans und bläst ein Wind, der das Jungfernkränzlein entblättert.‹ ›Aber Herr Vater ...!‹ ›Nichts will ich hören ...‹ und damit hatte ich bereits das Kettlein genommen, es ihr vom Halse gerissen und in das lohe Feuer geworfen, so hellauf im Kamin flackerte, dabei auch die Worte gesprochen: ›Ich weiß nicht – wie kannst du mir und deinem Verlobten also begegnen?! und ich sehe wohl ein: es ist schwerer, den Ruf einer Jungfer zu hüten, als ein Dutzend Heupferdchen, so auf den Wiesen hüpfen, in Zaum und Zügel zu halten. Allzu leicht und gern lästert die Schande vom Dache herunter, und damit ich dieses vermeide, ist mein ernstlicher Wille, dir das Handwerk zu legen. Herr Martin Scholander ist hierfür der beste Pfleger und Heger. Du bist ihm sein Augapfel, sein Adamant und nächst seiner unsterblichen Seele das Höchste auf Erden, und so hoffe ich denn, du wirst ihm beim Fest freundlich begegnen, ihm zusprechen und die Worte ihm sagen: Martin, wenn die Schwalben wiederkehren, segnet der Pfaffe.‹ Sie sah mich an, als wäre mir der Verstand aus den Fingern gerissen, behielt aber ihre eigenartige Würde und Hoheit und sagte so schuldlos, wie ihre Lippen nur zu sprechen vermochten: »Herr Vater, wie könnte ich anders? Dein Wunsch entscheidet!‹ und es war mir plötzlich, als wäre ihr Unrecht zugefügt, als hätte ich sie auf den Tod verletzt und verwundet ... und ich nahm ihre Hand und streichelte darüber hin in Liebe und Güte, gleichsam um ihr Abbitte zu tun und ihr Herz zu versöhnen. Weihnacht, Weihnacht! – Herr Martin Scholander war da und der Bischof von Köllen und Herr Johann, der Herzog, und die schöne Maria ... und der Schrein stand in voller Glorie an der östlichen geraden Abschlußmauer des nördlichen Chores und harrte des Segens. Und von allen Dörfern und Flecken strömte das Volk zu, um das Werk zu sehen und der göttlichen Gnade teilhaftig zu werden. Weihnacht, Weihnacht! – allüberall sangen und jubelten die Engel des Himmels, Cherubim und Seraphim, und alle die Seligen, die nicht diese stolzen Namen besaßen. Aber wie Freude und Leid immer geneigt sind, sich die Hände zu reichen, so geschah es auch am heutigen Tage. In der Emmericher Mark und in der Höhe von Brienen hatte sich eine mächtige Eisbarriere quer über den Rheinstrom geworfen, hatte das Bett verrammelt und ein haushohes Bollwerk gezogen. Mit dumpfem Grollen und Murren drängte der Strom nach, hob sich in seinen Ufern und stierte häßlichen Auges über die jammernden Deiche, als wenn er sagen wollte: »Von mir habt ihr kein Gutes zu hoffen ...‹ und lärmte und rasselte mit seinen verankerten Schollen und dem tobenden Stauwasser, daß davon die Dämme ächzten und stöhnten und das Binnenland den Atem verhielt, weil es denken mußte: ›Daß Gott erbarm! nun kommt die Not gerumpelt und stopft einem den Tod ins Maul oder schafft bresthafte Äcker und Menschen.‹ Aber die Feiertagsstimmen übertönten das alles, lobeten den Herrn und sangen den Gottesdienst ein, währenddessen der Schrein in Gegenwart des regierenden Herzogs seine Dignität erhielt und sich im Licht der Kerzen anließ, als wäre er nicht von irdischen, sondern von überirdischen Händen geschnitzet. An diesem Tage erstieg mein Künstlertum den höchsten Gipfel des Erreichbaren, höher vermochte es nimmer zu steigen. Mein Menschentum aber legte sich Bettlerkleider zu und verhüllte sein Antlitz. Es sank in Moder und Staub und konnte nicht tiefer mehr sinken; denn als ich nach Hause kam und nach meiner Tochter fragte, die während der Feier wie eine Verzückte aussah und alle Gläubigen bezauberte, ich sie dabei auch noch angegangen war und gesagt hatte: »Heute wirst du ihm das Jawort geben, Plektrudis!‹ erhielt ich von meiner Schaffnerin eine ausweichende Antwort, dazu ein Brieflein behändet, das ich auf meine Kammer trug und hier das Siegel erbrach. Dann las ich: ›Herzlieber Vater! Meinen Gruß zuvor, auch einen solchen für Martin. Aber ich flehe Euch auf den Knien an: Forschet nicht weiter nach mir. Es wäre unnützes Tun und eine vergebliche Mühe. Ich bin mit dem Junker gegangen, und ist nichts mehr zu ändern; denn geschrieben steht: Du sollst Vater und Mutter verlassen, um der Wahl deines Herzens zu folgen. Es fehlt mir an nichts mehr; nur ein Pfaffe ist nötig, damit er mir zu einem ehrlichen Namen verhelfe. Drum sorget Euch nicht; auch dieses wird kommen ... und so küsse ich denn Euren Mund und verharre ...‹ Ich kam nicht weiter. Es war Abend, als ich dieses las, und nur ein mattes Licht gab mir hierzu die nötige Helle; aber ich wähnte, der Jüngste Tag sei gekommen, solch ein Feuer war um mich. Mein lieber Herr Jesus! ich mußte die Worte stammeln, die der beklagenswerte Peter Unverdorben im Turm ›Schütt den Helm‹ zu Neuenburg kurz vor seinem Ende gesungen hatte: ›Gott segne dich, Laub, Gott segne dich, Gras, Gott, segne du alles, das da was, Ich muß von hinnen scheiden. Lieber Engel, steh' mir bei, Weil Leib und Seel' beieinander sei, Daß mir mein Herz nicht breche.‹ Brunst, Brand und wütige Lohe! – und ich griff in dieses Feuer hinein ... und sah Funken vor Augen und glühende Sonnen ... Unter dieser Lohe brach ich zusammen und glaubte, die kalte Hand des großen Würgers zu spüren. In der Nacht, die diesem Abend folgte, brach der Rhein seine Schranken, wurde jedoch von den Binnendeichen, die als Triarier in der Verteidigung dienten, am weitern Vormarsch behindert. War dieserhalb auch kein größeres Unglück geschehen, nur das Fährhaus von Brienen, so Verbindung hielt mit dem gegenüberliegenden Ufer, war von der Stauflut überschüttet und abgesperrt worden ... aber gerade aus diesem schlichten Fährhaus streckte das Unglück sein scheußlich Gesicht und riß das Maul auf und schrie über die Gegend: »Wollten da zwei nach dem Emmericher Eiland hinüber, wollten da hinein, wo zwischen den Wiesenkoppeln der Edelmannshof liegt, ganz mutterseelenallein und verlassen; aber der Strom litt es nicht und trieb sie in das Haus der Sünde zurück und in die einsame Kammer ... und da kam das Wasser ... Und nun liegen sie da wie Mann und Weib und sind stumm wie die Fische ... sie wie eine Heilige und er ... Ja, das kann niemand ermessen ...‹ Um die Mittagsstunde, als mir bereits der Wahnsinn im Nacken saß, kam weitere Nachricht. Das Spektakel, das sich nur langsam vortappen konnte, kam immer mehr ins Rollen, nahm Sturmschritt über Land und sang das Finale: ›Und sie, das Weib, hielt ihn mit ihren Armen umklammert und hatte ihn ganz mit dem Gold ihrer Haare umsponnen, gleichsam um ihn zu schützen in der Stunde des Todes ...‹ Also doch keine Heilige ...! Ich weinte nicht mehr und lachte nicht mehr, sondern ich dünkte mich wie ein Großer im Reich ... und schlug mir den Krönungsmantel um die Schultern, den die Puppe getragen, als ich den König David geschnitten, und setzte mir seine Blechkrone auf und nahm sein Szepter aus vergoldetem Holz und trat auf den Markt und ließ mich vor den Menschen sehen und schrie sie an und lärmte: ›Achtung, die Herrschaften! Reverenz Eurem König! Ich bin der Kartenkönig von Kalkar, der sein Bestes verspielte, dem die eigene Tochter die Schande ums Maul schlug! Hurra! – es lebe der Kartenkönig von Kalkar!‹ Was weiter geschah, vermag ich nicht mehr zu sagen. Nur acht Tage später trat die Witwe meines hingeschiedenen Sohnes ins Zimmer und legte mir meinen Enkel sacht in die Arme. ›Der blieb Euch,‹ raunte sie leise. ›Der blieb mir ...‹ Und ich konnte zum erstenmal weinen und entgegnete ihr: ›Der letzte Stein aus einer köstlichen Krone! Auch hierfür bin ich dankbar. Aber es ist doch jammerschade um mich: ein Menschenherz und ein Künstlerherz wurden für immer auseinandergerissen. Das mein Gewinn; ich habe nichts mehr zu sagen. Nur das eine noch. Gott stehe mir bei in der Stunde des Todes und geleite mich in die Arme meines Weibes, so da schauet in das ewige Licht, das den ganzen Himmel erfüllt. Pater noster, qui es in coelis ...‹ Hiermit endigt meine traurige Botschaft. Heinrich, der Schnitzer.« Nicht der leiseste Ton, nicht das feinste Geräusch ließ sich hören. Aber jeder fühlte den eigenen Herzschlag, und der Alte am meisten. Mit zitterigen Händen fuhr er sich über die Augen, blickte in das Licht der tiefgebrannten Kerzen und legte mit einer gewissen Erregung die einzelnen Blätter des Manuskriptes zusammen. 21 »Das wäre es,« meinte Arnt Douwermann nach einigem Schweigen, »was einer der Ärmsten und Reichsten im Lande zu sagen hatte, und was er uns zu sagen hatte ... bei diesem Geschick kann man die Hände nur falten und das Übrige dem lieben Gott überlassen.« Seine Stimme war brüchig geworden. Alle sahen stumm und bedrückt vor sich hin. Die erlösende und erhebende Wirkung, die man von dem Inhalt der Chronik erhofft hatte, blieb aus. Was war alles gewesen?! Ein Menschenleben, gewiß, ein großes, ringendes Menschenleben, aber meistens nur Schatten, feierliche und entsetzliche Schatten und eine bange und lange Pilgerfahrt durch Moder und Goldstaub. Und der Goldstaub ballte sich hoch und war wie ein Alp, der lautlos heraufwanderte, und nahm den Atem hinweg und machte das Herz klopfen und legte sich heiß und lähmend auf den kleinen Kreis der einsamen Menschen. Die Stille hielt an. Da tippte Petrikettenfeier ten Hompel Herrn Bollig auf die Schulter und flüsterte: »Herr Bollig, gehen Sie schon und sagen Sie, bitte, zu Hause, wir würden bald kommen. In 'ner halben Stunde vielleicht ...« und als der Küster gegangen war, wandte sich der geistliche Herr dem Insichgekehrten zu, der noch immer die Aufzeichnungen nachdenklich zwischen den Fingern hielt, und meinte: »Allerdings bei diesem Geschick kann man die Hände nur falten; aber wie schwer es auch war, es ist doch immer ein Glimmern und Leuchten und ein herrliches Strahlen durch dieses Erdenwallen gezogen, und wenn die Schuldigen, wie der Psalmist verkündet, auch dahin gegangen sind, als hätten sie auf diesem Stern niemals gelebt und gesündigt – dem Meister blieb seine Palme. Die konnte niemand ihm rauben. Wir dürfen ihn glücklich preisen.« »Glücklich preisen, Hochwürden? Das glauben Sie?!« fragte der Alte und hob sich langsam und schwer aus dem Sessel. Die Knöchel der linken Hand auf den Tisch gesteift, schüttelte er traurig den Kopf ... »Und seine Schande, sein Schmerz, was ist aus diesen geworden? Sie wissen, Jesus Sirach behauptet: Eine Tochter, die noch unberaten, macht dem Vater viel Wachens, und das Sorgen um sie nimmt ihm den Schlaf, weil sie jung ist, daß sie möchte veralten, oder wenn sie einen Mann kriegt, daß er ihr möchte gram werden. An einer andern Stelle gebietet er zornig: Wenn deine Tochter nicht schamhaft, so halte sie hart, daß sie dich nicht deinen Feinden zum Spott mache und die ganze Stadt von dir rede ... Und solches geschah ihm; denn er war nicht hart genug und sein Wachen vergebens, Hochwürden, und da kam das Entsetzen und rüttelte ihm den Verstand auseinander und pilgerte mit ihm durch die Zeiten hindurch und ist so bis auf unsere Tage gekommen. Nein, ein solcher Mann ist nicht glücklich zu schätzen. Der hat das Lachen verlernt und das Feiern und Trinken ... und will keine Musik mehr, es sei denn eine solche, die der Schreiner macht, wenn er den Sarg zunagelt.« »Herr Douwermann,« rief der Dechant betroffen, »wie können Sie nur ... wie kommen Sie zu einer solchen Behauptung?« »Weil ich sie sachlich finde, Hochwürden.« Unvermittelt hob er den Kopf und machte einige Schritte bis in die Mitte des Raumes. Hier blieb er stehen. Er sah seine Tochter wie eine Statue sitzen. Dirk Vogels war bei ihr. Der Alte trat näher. »Nun – und deine Ansicht, Johanna?« Aller Lebensmut war aus ihrem Antlitz genommen. Weder Heil noch Zuversicht lagen darin, aber der feste Entschluß prägte sich aus, in dieser Stunde der verzweifelten Qual ein Ende zu machen. Sie riß sich auf und zerrte ihr dunkles Tuch fest um die Schultern. Und wieder die Frage: »Nun – und deine Ansicht, Johanna?« »Ich denke ähnlich über den Meister, wie Hochwürden es taten.« »Und das Geschick seiner Tochter, wie bewertest du dieses?« »Niemand entgeht seinem Schicksal,« stieß sie, nach Atem ringend, hervor. »Wer will es hindern, wenn die Stimme des Blutes gebietet? Der Mensch ist machtlos dagegen.« Ihm war es, als führe ihm eine eiserne Faust an die Kehle. »Du meinst also, die hungrige Liebe dürfe das Gesetz Gottes mit brutalen Nagelschuhen zerstampfen?« »Ich meine ...« Ein Schauer war in ihr. Mit einem bekümmerten Laut brach sie ab, preßte die Lippen zusammen und machte eine Bewegung, als wollte sie fortgehen. Er vertrat ihr den Weg. »Du willst uns verlassen?« Schwer wie Blei fiel ihm das Wort von den Lippen. »Ja,« sagte sie ohne jede Erregung. »Ich habe noch einen Gang zu machen und eine kleine Mission zu erfüllen.« »So! – du hast noch eine Mission zu erfüllen.« Seine Worte zerfaserten. »Und was Hochwürden anbetrifft – er war doch so liebenswürdig ...« Ein heißes Rot überflog ihr Gesicht. »Ich hoffe zu kommen.« »Du hoffst nur?« Sie wollte lächeln, eine rasche Antwort ersinnen, irgend etwas Gleichgültiges, Unverbindliches sagen – aber sie fand nichts; ihr gerader Sinn verwarf diese Mittel. Da trat Petrikettenfeier zwischen Vater und Tochter. »Tun Sie ihr den Willen, Herr Douwermann,« sprach er ihm zu. »Sie weiß schon am besten, weshalb sie noch fort muß. Und Sie, Fräulein Johanna ... also bis später. Wir warten. Sie finden uns hier. Und dann: wir wollen gemeinsam den Abend verleben.« »Gut denn,« sagte der Alte hart und bestimmt, »nicht mein Wille geschehe, sondern der deine, sonst, das sehe ich ein, wird die Heiligkeit dieses Tages auseinandergerissen.« Dirk Vogels suchte nach ihren Händen. »Darf ich nicht mit dir?« »Nein, Dirk, du würdest nur stören. Das wirst du später begreifen. Sei ruhig und laß mich gewähren.« Sie hielt ihm den Mund hin; da zog er sie an sich und küßte sie innig. Dann ging sie. Abermals brummte die Turmuhr herunter. »Also warten wir,« sagte Arnt Douwermann. Gespannt hörte er auf den Schall der sich verlierenden Schritte. »Warten wir ab, dann wird sich finden, ob ich noch nüchternen Geistes bin oder gegen Windmühlen kämpfe.« Wieder lag er im Sessel und stützte den Kopf auf. Mit stieren Blicken suchte er den weiten Raum ab, der langsam verödete. Vereinzelte Dochte legten sich matt auf die Seite. Dirk Vogels lehnte an einem eingedunkelten Wandschrank und verfolgte das Abtropfen der tiefer brennenden Kerzen. In der beklommenen Stille, die jetzt eingetreten war, hörte man nur ein verhaltenes Atmen und den unruhigen Fuß des Dechanten, der sich vergeblich abmühte, einen, wenn auch noch so matten Lichtstrahl in die geheimnisvolle Wirrnis zu tragen. »Dirk,« rief plötzlich der Alte aus seiner Selbstqual heraus, »ich hatte es mir so schön gedacht ... Heute solltest du und Johanna ... Der erste Festtag war hierzu bestimmt ... Es wäre nach all dem Elend ein versöhnender Abschluß gewesen ... und nun ist sie von uns gegangen ...« »Nur keine Sorge, sie wird schon wiederkommen,« meinte der Angerufene mit erkünstelter Ruhe; aber seine Stimme war mutlos. »Meinst du?« Arnt Douwermann hob zweifelnd den Kopf. »Meinst du es wirklich? und wenn es so wäre, dann könnte ich das ewige Wachsein dran geben und endlich mal schlafen. Aber wenn sie nicht käme, wenn irgendeine dumme Geschichte ...« Er schluckte die letzten Worte hinunter und knöchelte auf den Tisch, als müsse er seine bösen Gedanken in die Ewigkeit trommeln. »Ja, Dirk, wenn etwas geschähe ...« »Aber zum Kuckuck, was soll denn geschehen?« Unwillig war der Dechant an seine Seite getreten. »Nun ist's aber satt und genug. Sie zermürben sich und uns. Sie geben uns Rätsel zu lösen. Ich habe kein Verständnis dafür. Wollen Sie nicht selber die Aufklärung bringen?« »Hochwürden,« preßte der Gequälte heraus, »wenn man so in der Seelennot steckt ... Es ist was Grausames, Angst vor der eigenen Angst zu empfinden.« »Aber ich bitte Sie, mein lieber Herr Douwermann, warum sollten Sie denn in Seelennot stecken? Ich ersuche Sie nochmals, sich mir anzuvertrauen. Vielleicht kann ich helfen.« »Ausgeschlossen, Hochwürden. Es gibt Dinge, die können das Licht nicht vertragen. Außerdem: man kann ihnen nichts anhaben. Sie sind wie die Boten der heiligen Feme. Sie wissen ja: Strang, Gras und Grein ... und solch ein Bote ist bei mir. Und wie ich mich auch drehe und wende: er folgt mir, setzt sich neben mich hin, steht mit mir auf, fällt über mich her und wirft mir zu guter Letzt den hanfenen Strick über den Nacken.« Er würgte an seiner Binde herum und schluckte und schluckte. Seine Kehle war trocken wie ein dürres Holzscheit geworden. »Hier bohrt das, Hochwürden, und hier ... es zieht seine Schlüsse und sagt mir: Von dort kommt es her ... und kommt aus dem Hause, wo das rote Gespenst sitzt.« »Donnerwetter noch mal!« Der Dechant fuhr auf. »Herr Douwermann, so geht das nicht weiter. Sie sollen vernünftig sein, sich zusammennehmen, das Ungereimte Ihrer Gedanken hintansetzen, sich auf sich selber besinnen, sonst: es wäre besser gewesen, die Chronik wäre niemals gefunden.« »Nein, Hochwürden, daran ist die Chronik nicht schuld. Sie ist wie die Bibel, wie der lebendige Baum der Erkenntnis. Sie verschleiert nicht, sondern zeigt alles mit vollendeter Klarheit. Man kann sich ein Beispiel dran nehmen. Wäre sie nur schon eher gefunden – viel früher, dann hätte sie wie die Jakobsleiter in den Himmel geführt. So aber – sie ist zu spät gekommen, die Chronik. Sie bringt mich dem Himmel nicht näher – und lindert nicht mehr und heilt nicht mehr. Sie ist einer Sichel vergleichbar, die ihre Zeit verpatzte und über eine blanke Stoppel dahinfährt. Man muß sich damit abfinden, weil alles zu spät ist. Höchstens noch: sie gibt zu denken, Hochwürden, und dieses Denken ist furchtbar.« Die letzten Worte versandeten in einem öden Gemurmel. Der Dechant schüttelte den Kopf und wandte sich an Dirk Vogels. »Verstehen Sie das?« fragte er leise. Dirk zuckte die Achseln und sah steif in die sterbenden Lichter. Seine gefalteten Hände gerieten in eine nervöse Bewegung. »Es ist alles so seltsam, Hochwürden.« Wiederum war eine lange und bange Viertelstunde vergangen. Das Unbehagen hielt an. »Ja, es ist seltsam,« brütete Petrikettenfeier ten Hompel erregt vor sich hin und nahm wieder seinen verlorenen Schritt auf. Das Dumpfe, Schwermütige, Ungewisse der gegenwärtigen Lage mußte sich auch auf ihn übertragen. Er hatte sich den heutigen Abend anders gedacht, so ganz anders. Zu einem solchen Abend gehörten glückliche Menschen und das feine Geläut klingender Gläser. Bei ihm und in seinem Hause war das von jeher Überlieferung und Sitte gewesen. An einem solchen Abend, da nahm man sein fröhliches Herz in die Hand, zeigte es seinem Himmel und Heiland und machte sich keine schweren Gedanken. Das verlangte der erste Feiertag der heiligen Weihnacht von jedem. Fröhliche Herzen und klingende Gläser! – nur so wurde gefeiert, nur so diente man seinem Herrn und Schöpfer. Hier jedoch? Man fühlte es deutlich: ein feiner Aschenregen fiel von der Decke herunter, und der Vorhang im Tempel riß mitten entzwei ... Herr Jeses noch mal! – einer solchen Karfreitagsstimmung mußte man mit heiterer Laune begegnen, ihr ein Paroli bieten ... Ja, wäre das so einfach gewesen! Hier aber – hier war etwas aus dem Senkel gekommen, waren Dinge im Werden begriffen, die sich nicht aufhalten ließen, und so sprach er denn bedrückten Sinnes: »Wenn sie doch käme, ja – wenn sie doch käme!« Aber sie kam nicht. Der Alte schien sich inzwischen beruhigt zu haben. Wenigstens tat er so; er nahm wieder das Manuskript zur Hand, blätterte darin herum und las einige Stellen zum zweiten Male und mit fliegender Eile. Fast die meisten Kerzen hatten die Augen zugemacht. Nur vereinzelte brannten noch und warfen ihr Licht auf den Tisch, an dem Arnt Douwermann das Sturmsegel einzog und seine Gedanken zu meistern versuchte. Bisher waren sie durch ein böses Wetter gegangen, jeden Augenblick gewärtig, zu kentern und in die Tiefe zu strudeln. Jetzt liefen sie sachter, als wäre Öl auf das unheimliche Wasser gegossen worden. Er sah nach der Uhr. »Jetzt müßte sie kommen,« sagte er nach einiger Weile und lauschte zur Tür hin, ob er ihren Schritt nicht vernähme. Aber nichts ließ sich hören, weder in der Sakristei noch im Vorflur. Nur der Wind war stärker geworden, seufzte in den Ecken herum und machte sich an den bleigefaßten Rauten zu schaffen. »Mein Gott, immer noch nicht!« Das alte Grauen kam wieder, schlich sich an ihn heran und bevölkerte sein Fühlen und Denken mit herzlosen Bildern. Sie kamen nicht unvermittelt und aus heiterm Himmel herunter, waren vielmehr in der vergangenen Christnacht entstanden und setzten sich aus unzähligen Steinchen zusammen, die er in den letzten Wochen und Tagen eingeheimst hatte. Nur unscheinbare, kleine, leblose Steinchen! – und dennoch formten sich Bilder von vernichtender Schärfe, die sich allmählich vereinigten und zu einem einzigen wurden. Und dieses entsetzliche Bildwerk ... Er riß seinen Rock auseinander. »Hochwürden, wenn Sie hineingreifen wollten, wenn Sie beobachten könnten, was sich hier abspielt und meine Seele zermartert ... Und du, Dirk! – ich habe so meine schwere Besinnung, die ist mit der Peitsche hinter mir her und knallt mir den Verstand aus dem Schädel. Dirk, daß sie noch immer nicht kommt, das ist es allein nicht. Aber warum sie nicht kommt ... warum Sie überhaupt ging ... warum sie mir sagte: ich habe noch 'ne Mission zu erfüllen ... Was heißt das? Was bedeutet das alles?!« Er schlug die Hände zusammen. »Heilige Menschheit!« »Herr Douwermann,« legte sich der Dechant ins Mittel, »ich werde irre an Ihnen. Sonst die verkörperte Ruhe, sind Sie, weiß Gott, jetzt in 'ne Narrenjacke gefahren.« »Was – Narrenjacke?!« Senkrecht riß der Alte sich auf und packte die Handschrift. »Schon möglich, aber wenn Sie wüßten, Hochwürden ... Heute früh noch ... kurz nach der Messe ... Wenn ich das alles bedenke ... und hier diese Chronik...« Er straffte sich und streckte das Manuskript in die Höhe. »Erst war ein Nebel um mich ... ein handfester, greifbarer Nebel ... Die Chronik aber zerteilte die Schwaden, und wenn sie auch nicht helfen konnte und wollte – so nahm sie mir doch das Tuch von den Augen und kündete Sturm an. Wir werden's erleben ...« und wie abgestorben sanken ihm die Arme am Leib herunter, und seine Stimme kroch am Boden, als wären ihr die Gelenke gebrochen: »Ich glaube, Hochwürden, wir stehen vor einem Intermezzo alla danza macabra.« Den beiden lief es kalt über den Rücken. »Hören Sie auf!« rief der Dechant dazwischen. »Schreien Sie mir nicht den Tod in die Kirche.« »Den Tod in die Kirche ...?!« stöhnte der Alte. »Nur keine Sorge. Der bleibt, wo er ist, und steht draußen und wartet.« »Mensch. Sie ...!« »Das ist meine Sache, Hochwürden. Sie sehen ja selber: sie kommt nicht und kommt nicht.« »Warten Sie ab, und käme sie nicht, das wäre noch immer kein Grund, hier eine derartige Szene zu machen. Schon in Ihrem Interesse – Sie sollten sich schonen, Sie jagen ja einem leeren Phantom nach.« »Wo mir der Ruin bis an den Hals steht – mich schonen?! Unsinn, verfluchter. Irgend etwas fällt über uns her, und ich als Vater – ich kann nicht mehr warten. Entweder so oder so ... und wenn ich selber ...« Er wollte ins Freie. Dirk Vogels hielt ihn zurück. »Dirk, ich wollte mitleidig sein, deine Kreise nicht stören. Aber wie die Dinge jetzt liegen ...« »Herr Douwermann ...!« Der junge Mann war nicht wiederzukennen. »Recht werden Sie haben,« stieß er hervor. »Unsere Ehre, so scheint es, meldet Bankerott an. Sie aber – auf alle Fälle: Sie bleiben. Ich gehe, und wäre es auch nur aus dem Grund, mich als erster für insolvent zu erklären. Bis gleich denn.« »Also auch Sie?« rief der Dechant. »Ja, auch ich,« sagte Dirk Vogels. Alles in ihm war Nerv und Fiber geworden, und als hätte ein grenzenloses Leid ihn gefaßt, so griff er nach Hut und Mantel, stieß die Tür auf und jagte hinaus. Verstört sah der Alte ihm nach, trat rücklings und ließ sich wieder in den Sessel fallen, haltlos, erschlafft und mit allen Zeichen eines verzweifelten Mannes. Der Dechant stand hilflos neben ihm, und das kleine, sonst so joviale und lebhafte Männchen schrumpfte in sich zusammen. Auch er hatte seine Sicherheit und seine Tatkraft verloren. Er versuchte es, irgendeinen Halt zu gewinnen. Endlich gelang's ihm. »Herr Douwermann,« sagte er mit gütiger Stimme, »ich weiß nicht, was hier vorgeht; ich finde mich nicht mehr zurecht. Nur in weiter Ferne dämmert es auf, kaum wahrnehmbar, ungewiß und unzuverlässig wie ein mageres Irrlicht. Das hilft mir nicht und bringt mich nicht weiter, und ich möchte so gerne ... Ich möchte Ihre Hände nehmen und sagen: Herr Douwermann, gehen Sie mit mir, folgen Sie mir, und ist da etwas, was Sie quält und zermartert, haben Sie berechtigten Grund, das Leben schwer zu nehmen und sich Sorge zu machen – vertrauen Sie mir! Ich bin keiner von denen, denen die Neugier gebietet: Lege die Hand auf eines andern Wundmal. Ich gehöre nicht zu den Schwätzern und Gaffern, wenn einer in Not ist. Auch Sie sind in Not, und zugreifen möcht' ich. Herr Douwermann, ich sagte schon: Vielleicht kann ich helfen. Ich müßte nur wissen ...« »Mir hilft kein Gott mehr, hochwürden. Ah! diese Erkenntnis, diese furchtbaren Dinge! Therese ist die erste gewesen. Die sah sie. Sie zeigte mir die infamen Gestalten und raunte mir zu: Da steigen sie auf, da schleichen sie näher ... aber wenn ich sie greifen wollte, dann zerrannen sie mir wie Spreu unter den Fingern, und ich wußte nicht, wie ich ihnen beikommen sollte. Da mit einem Mal ... In den letzten Wochen und Tagen inkarnierten sie sich; aber ich packte nicht zu und wagte den Kampf nicht. Ich glaubte an die Reinheit des Weibes, wie Sie und ich an den lebendigen Gott und die Auferstehung des Fleisches glauben. Desungeachtet – ich hätte zuschlagen müssen, ich hätte würgen und töten müssen, bevor es zu spät war. Nur – ich hatte den Mut nicht, die Hand zu erheben. Möglich, ich dachte: es würde sich geben, sich langsam verkriechen; möglich, ich wollte einem dritten die Not und das Elend nicht antun ... Heute jedoch kam es wieder gegangen, ganz offen und frech, und hatte die Schminke fortgewischt und die Maske beiseite gelegt. Da holte ich aus, um dem Versucher und Verführer das ekelhafte Handwerk zu legen. Das ist heute früh gleich nach der Messe gewesen ... Da drüben im Kirchenportal ... Johanna, ich und der dritte ... Da stand er und suchte mein Glück und mein Leben aus den Angeln zu stoßen. – Jetzt Ihr Urteil, Hochwürden. Bin ich ein Narr, jage ich einer blöden Idee nach, oder habe ich meine fünf Sinne beisammen?! Ich bitte um Ihre Ansicht, Hochwürden. Aber passiert ein Unglück, wagt der Mensch, mein Haus zu entweihen und mich in meinem Blut zu schänden – dann sei der Herr mir barmherzig. Den Hund schlage ich nieder!« Der Dechant verfärbte sich und streckte abwehrend die Hände. »Christus, Christus ...!« »Ja, den Hund schlage ich nieder!« – und der Alte warf sich in die Brust und preßte die Faust auf die Rippen und stellte sich, wie aus Holz geschnitten, neben den Bildstock, das verhüllte Werk seiner Tochter. Dann lachte er grimmig auf und zerrte mit eisernem Griff das Tuch herunter, daß es zerfetzte, und schrie und streckte die Hand aus: »Hochwürden – und das ist sie als Belialsgöttin, nackt, wie der Herr sie geschaffen, schamlos wie eine schweifende Kamelin in der Wüste. Und das hat der Unmensch verschuldet, der Verunglimpfer der christlichen Kunst, der Anbeter der heidnischen Moral und des heidnischen Taumels. Mit seinem Brevier hat er ihre Würde vergiftet, sucht er ihre Unschuld zu morden. Und damit hat's angefangen, Hochwürden – und damit hat's geendet – und damit ist ihm meine Tochter mit Leib und Seele verfallen, wenn nicht ein Wunder geschieht und Gott sie errettet.« »Das wäre furchtbar! Armer Dirk Vogels! Und dennoch: Sie irren, Sie müssen sich irren.« »Denken Sie an den zehnten November.« »Was ...?!« rief der Dechant. »Hochwürden, ich glaube: seit diesem Tage habe ich meine Tochter verloren.« »Nein, nein, nein ...! Unmöglich, Herr Douwermann! Ich kenne doch Ihre Tochter Johanna. Ihre Hände könnten das Abendmahl reichen. Werden Sie endlich vernünftig, gefaßter. Sie wird schon kommen. Warten wir ruhig. Du sollst nicht verwünschen und fluchen, steht der Fluch nicht auf ehrlichem Boden. Man soll beide Parte hören, bevor man verurteilt, und das Wort gilt noch heute: Richter, richte gerecht, sonst straft dich der Himmel.« In diesem Augenblick schlug die Sakristeitür hart gegen die Wand an, als hätte ein scharfer Wind dahinter gesessen. »Gut,« sagte der Alte, »ich erwarte die Kugel. Ich bin auf alles gefaßt. Mag sie nur mitten durchs Herz gehn ...« und doch stolperte das Entsetzen über ihn fort, als Therese so ganz unerwartet und ohne Hut und Umhängetuch eintrat und sich an den Türpfosten lehnte. Sie vermochte sich kaum auf den Füßen zu halten. »Sie ...?!« rief der Ärmste. Ihre Kraft schien zu Ende. Wie ein scheues, verfolgtes Tier sah sie aus. Sie gab keine Antwort. Sie nickte nur, deutete rückwärts und verbarg ihre Hände. Sie hörte nichts und sah keinen Menschen. Endlich stieß sie einen trostlosen Schrei durch die Kehle. Ihre Stimme ging röchelnd: »Herr Douwermann, daß ich's man sage ... Es ist ja doch nicht zu ändern ... Das mußte so kommen ... Das nahm seinen Weg wie der Tod zum Kirchhof ... Soeben ist mir Herr Vogels begegnet ... keine hundert Schritte von hier ... Ich sagte ihm alles; denn er ist ja der nächste dazu ... Er muß es ja wissen, und als er es wußte: er ist hinter ihr her ... Ob's aber gelingt ... Ach, du Herr Jesus ...!« Arnt Douwermann war bei ihr, packte sie bei den Schultern, rüttelte sie und suchte ihr das Wort vom Munde zu reißen. »Therese ...!« Seine Stimme rollte. »Ach Gott – ja, Sie sollen alles erfahren! Ich weiß nicht ... ich wollte gerade die Läden vorlegen ... da kam sie ... ging ins Haus ... in ihre Kammer hinein... dann wieder auf die Straße hinaus, als wäre das Gericht hinter ihr her ... Wohin, Fräulein Johanna? ... Sie gab keine Antwort... Johanna, Fräulein Johanna!... Ich hetzte ihr nach ... Himmel, wo war sie geblieben?! – Jetzt sah ich sie wieder... ganz deutlich ... immer geradeaus ... dann über den Markt fort ... wie genarrt und von Sinnen ... Dann durchs Hanselaerer Tor und der Unteren Schleuse zu ... Johanna, Fräulein Johanna! ... Aber sie hörte nicht und wollte nicht hören ... Mein Gott und mein Heiland! – ich konnte nicht weiter ... Aber da ... wo die Laterne brennt, die letzte am Feldweg ... an der Schleuse – da stand er ...« »André ...?!« Die Augen des Alten waren blutunterlaufen. Mit beiden Fäusten packte er zu und umgriff eine Stuhllehne, als müsse er eine Waffe haben, um sie auf die beiden zu treiben. »Also André, der Lump, der Verbrecher?!« »Er war es.« »Und weiter – weiter, Therese!« Er hatte Schaum vor dem Munde. »Herr Douwermann, ich mußte mich halten, um nicht niederzubrechen. Was sollte ich noch? – Hier bin ich, und Herr Vogels weiß alles ... Die beiden aber – flüchtig sind sie geworden und gingen dem Rhein zu, und ich sage Ihnen« – und ihre Stimme schwoll an, zuckte und gellte – »der Rhein ist in Not! – Da passiert was ... da brennen die Feuer ...« »Mögen sie brennen, mag er in Not sein! Hier brennen wildere Feuer, hier ist größere Not ...! – Herr, du mein Christus, hast du denn gar kein Erbarmen, so'n bißchen Erbarmen und Mitleid ...?!« »Nein,« sagte Therese, und ihre Finger verkrampften sich, ihre Ohrgehänge kicherten leise, unheimlich, gespenstisch, »denn es ist endlich gekommen, was ich immer schon sagte: Der Mensch rasiert uns noch das Glück aus dem Hause. Nun tut er's!« »Herr, du mein Schöpfer, Herr, du mein Jesus ...!« und Arnt Douwermann, der Bibelfeste, der Mann mit dem stolzen Namen und dem stolzen Geschlecht, der Mann mit dem Gemüt eines Kindes und den Augen eines von Gott Geliebten – er bäumte sich hoch und streckte sich aufwärts. »Sehn Sie, Hochwürden! Ich bin fertig mit ihr. Hier steht ein Vater, der seine Tochter verleugnet, sie aus dem Gedächtnis der Lebendigen ausstreicht. Hochwürden, nun sagen Sie endlich: Bin ich bei gesundem Verstand oder nicht? Ich sah das Unglück, wie es anhub und kam ... und wisset, Hochwürden« – und der Alte verfärbte sich bis in die Haarwurzeln hinein – »nun geschieht meinem Hause und mir, was in der Chronik passiert ist! – Johanna, Johanna ...!« Er taumelte, sank in sich zusammen ... und wären der Dechant und Therese nicht zugesprungen – wie eine mächtige, angehauene Kiefer wäre er zu Boden geschlagen. 22 Ungefähr um dieselbe Stunde strahlte Herr Francois Türlütt. Er erwartete Gäste: seinen Schwager und Herrn Remmelmann. Außerdem war André geladen. Die Sache sollte großartig werden, üppig, splendid, so eine Art von Versöhnungsfest, eine intime Feier mit auserlesenen Gerichten, Kerzenbeleuchtung und Stimmung. Hierzu veranlaßten ihn dreierlei Gründe, teils praktischer, teils idealer Natur; denn Herr Türlütt tat nur das im Leben, was ihm fördernd und edel erschien und was er vor Gott und seinem Gewissen verantworten konnte. Und diese Gründe ... Erstens: er war einer von denen, die sich bei einem Glase Burgunder und 'nem knusperigen Braten gediegener amüsierten als bei Dünnbier und einem gesalzenen Hering. Zweitens: warum sollte er nicht Festivitäten wie der Herr Kirchenrendant geben? Waren seine Taler doch ebenso gut wie die seines Schwagers, zumal da dieser sie pumpte, und zwar meistens bei ihm. Und drittens – und das war der Hauptgrund ... Herr Türlütt war von Natur aus gutmütig veranlagt. Er konnte nicht nachtragen, nicht wie ein Bohrwurm graben und wühlen. Er liebte es nicht, alte Späne in den Fidibusbecher zu stecken, um sie bei Gelegenheit anzuzünden und ins Leuchten zu bringen. Vergessen, versöhnen! – das war von jeher seine Devise gewesen, und so gedachte er denn, mit dem heutigen Abend die alten Differenzen, die seit der dummen Geschichte mit Stina noch zwischen ihm, seinem Schwager und Herrn Remmelmann schwebten, kurzer Hand abzutun und sie erster Klasse einsegnen und bestatten zu lassen. Um dieses zu bewerkstelligen, hatte er nicht gespart und geknausert. Auf dem Weihnachtsbaum gaukelten frische Lichter. Die Tafel war damasten gedeckt und mit silbernen Leuchtern bestellt. Die vier Stühle, die den Tisch umstanden, trugen einen Schmuck von Fichtengrün und bunten Papierrosetten. Das Eßzimmer war frisch geputzt und gebohnert. Im Ofen knackte ein munteres Feuer. Aufgetischt wurden: Spiegelkarpfen in Bier, genudelte Enten, dazu Maronen und Äpfelgefüllsel, Emmentaler Käse mit Tränen, Rosinen und Mandeln. Chateau Margot, Burgunder und Piesporter Goldtröpfchen, sollten die Fröhlichkeit bringen. Acht Uhr! Bei Türlütts tönte die Klingel. Als erster erschien der Herr Kirchenrendant, wie immer im Gehrock, zugeknöpft, feierlich, Würde und Weihe, halb Oberst a. D., halb Verkäufer in einem Sargmagazin. »Tag, Schwager. Ich freue mich herzlich. Großartige Idee. Meine Schule. Man sieht, du hast was gelernt. Friede, Versöhnung. Gut so, gut so! Wer kommt noch?« »Herr Remmelmann und André.« »Treffliche Wahl. Verstehe, verstehe! So 'ne Art von Verbrüderungsfest. Du suchst Öl auf die erregten Gemüter zu träufeln – Rübsen- und Baumöl. Bravo! War auch Zeit: denn man kann nicht immer sagen: Distanz, meine Herren. Da ist die Radowessische Totenklage schon besser: Der noch jüngst zum großen Geiste Blies der Pfeife Rauch ... in diesem Falle das Pfeifchen der Freundschaft. – Na – und der Dechant, ist der nicht geladen?« »Natürlich.« »Und kommt?« »War leider versagt.« »Hm!« machte Anatole und warf sich eine Prise Spaniol in die Nase. »Wieso denn versagt, und bei wem denn geladen?« »Bei sich selber geladen, und die Douwermanns sind bei ihm.« »Natürlich! – immer mit dieser Gesellschaft. Drei Seelen und ein Gedanke! Mögen sie diesen Gedanken in Gesundheit verschleißen. Bon appetit! Aber was gibt's denn? Es duftet so nobel. Sapristi ...!« und er hob den Marabukopf und schnupperte nach der Türe, in deren Umrahmung Herr Nöllecke Remmelmann mit seinem Rotspongesicht auftauchte, lieblich apothekerte und einen Kometenschweif von levantischen Aromen hinter sich herzog. »Allseits guten Abend, die Herren! Leider etwas verspätet. Hatte noch so 'ne kleine Bescherung bei meiner Schwester in Hönnepel. Gute Verpflegung, propere Weine, aber viel Kindergequäke und so. Infamer Weg hin und retour. Teufel, Teufel! – ich will gern auf das ›Einhorn‹ verzichten und nicht mehr Arnold Remmelmann heißen, wenn nicht bald das Hochwasser über uns herkommt. Dies Wetter! – Kinder...! – aber was ich sagen wollte ... Ja, so ...!« – und er streckte Herrn Türlütt beide Hände entgegen – »also, mein Lieber, Sie haben wirklich die Absicht, Sie könnten...« »Ja, ich will alles vergessen,« lachte Herr Türlütt. Es kam dick und fett aus seiner Weste heraus. »Und das mit dem Wisseler Kornfeld ...?« »Wird vergeben.« »Und Stina...?« »Moralisch begraben,« fiel Herr Anatole ein. »Friede, Freundschaft, Brüderlichkeit! Mag sich die dicke Person einsalzen lassen. Sie verdient den Namen ›Charlotte Corday‹ nicht mehr. Sie ist unters Fußvolk geraten. Aber mein Schwager – nobel wie immer. Aufrechter Mann, versteht es, Feste zu geben. Hat's von mir!« und er klopfte sich dabei so gesinnungstüchtig auf sein blaugestärktes Chemisettchen, daß die rechte Manschette davon mobil wurde und abschnurren wollte. »François s'amuse und wir mit ihm. Was, Schwager, immer derselbe! Sache! – Großartige Sache!« »Drum riecht's auch so fein,« konstatierte Herr Remmelmann und schnupperte gleichfalls, aber nicht wie der Herr Kirchenrendant, drähtig und dicknäsig, sondern fein und zierlich und appetitlich wie ein Angorakarnickel. »Dabei kann man sich ja allerhand denken...« »Und ob!« schmunzelte Herr Türlütt still vor sich hin und zählte an den Fingern herunter: »Spiegelkarpfen in Bier, Entenbraten mit allen Schikanen, durchener Käse, Rosinen und Mandeln ...« »Hören Sie auf! Meine Leib- und Magengerichte!« »Also setzen wir uns,« dekretierte Herr Anatole und machte Miene, seinen Platz einzunehmen. François hielt ihn zurück und flüsterte ihm einige Worte ins Ohr, die scheinbar keine Gegenliebe erweckten; denn der Kirchenrendant machte eine energische Handbewegung und sagte kurz angebunden: »Mein Bester, das geht nicht. Das darf man nicht begünstigen. Man soll von den Königen lernen. Die sind immer pünktlich gewesen. L'exactitude est la politesse des rois. Wer nicht kommt zur rechten Zeit...« und er setzte sich wirklich. »Auch gut,« meinte der Gastgeber, nahm gleichfalls mit Herrn Remmelmann Platz und füllte die Gläser. »Prosit!« »Halt!« rief Herr Anatole, »zuerst einige Worte. Meine Herren! Damit das Essen uns mundet – hier, in diesem Chateau Margot wird vorher ›Lethe‹ getrunken. Das Wisseler Kornfeld, die Wisseler Kirmes, Stina und ihre gefüllte Bluse, das zarte Gleichnis mit den Angorakaninchen, das Weihnachtsferkel und die bis jetzt unaufgeklärten Begebnisse im Remmelmannschen Kontörchen – alle diese Dinge läutern sich im Purgatorium, verröcheln für uns im stygischen Wasser. Überhaupt alles für uns: Acheron, Tartarus, Charons Kahn. Vergeben, vergessen! Trinken wir ›Lethe‹, trinken wir ›Lethe‹! Es lebe die Freundschaft!« – und sie stießen an und tranken und setzten sich wieder. »Aber Teufel, Teufel!« wunderte sich Herr Remmelmann, als er das vierte Gedeck bemerkte und ein großkiemiger, dickleibiger Karpfen anpräsentiert wurde, »da fehlt ja noch einer. Wer soll denn noch kommen?« »Der Kunstgelehrte und Doktor!« sagte Herr Türlütt und legte gottergeben die Hände zusammen. »Wer?« fragte Herr Nöllecke. »Mein Sohn,« bestätigte der Herr Kirchenrendant, langte zu und schob sich eine stattliche Portion auf den Teller. »Der?!« fragte Herr Remmelmann wieder. »Warum nicht? Sind Sie anderer Ansicht? Hegen Sie Zweifel?« meinte Anatole und löste kunstgerecht das saftige Fleisch von den Gräten. »Der ist mir doch soeben begegnet« »Wer?« »Na – der Herr Doktor.« »Wo begegnet?« »Zwischen der Unteren Schleuse und Hönnepel.« »Sie haben wohl Gespenster gesehen?« »Ich? nee – ich sah keine Gespenster, und wenn ich offen sein soll ...« Herr Anatole legte die Gabel beiseite. »Ja, seien Sie offen. Bitte, seien Sie offen. Ich warte. Sie sehen doch, ich warte.« »Ich will nicht indiskret sein; aber Fräulein Johanna war bei ihm. Sie sprachen erregt und gingen dem Rhein zu.« »Zackerzucker und Weltbrand!« Der Alte sprang auf und riß sich die Serviette vom Halse, die er wie ein Barbiertuch umgelegt hatte. Wie ein wildes Tier seinen Käfig, so durchmaß er das Zimmer. Dann blieb er stehen, reckte den Gänsehals und sprach auf Nöllecke ein: »Wa ... wa ... was ...?! Also wirklich gesehen? Sie wollen behaupten: mein Sohn, en demeurant le meilleur fils du monde , sei mit diesem Weibsbild gegangen? Auf und davon ... Herr!« – und der Marabukopf sah sich rückwärts geworfen – »das bringen Sie so ganz platt unter die Leute, als wär's 'ne alltägliche Chose. Herr! – also mein Sohn und Fräulein Johanna ...?! – Das müssen Sie mir noch einmal sagen, ganz ruhig und deutlich, bevor ich's kapiere und glaube – und hier ... mein Schwager ist Zeuge.« Die aufgesperrten Äugelchen glimmten wie Kohlen. »Teufel, Teufel! machen Sie doch keine Geschichten!« »Ja oder nein!« »Wenn es denn sein muß ... ich weiß, was ich weiß: sie gingen dem Rhein zu.« Der Alte warf beide Hände zur Decke. »Also doch! – Sie hat's fertiggebracht. – Will mir meinen Stammbaum verbiestern, meine siebenzackige Krone verlausen! – Aber ich leid's nicht. – Sacre nom de Dieu ! – Da soll ja ein dreimal heilig Gewitter ...« Er stürzte ans Fenster, riß einen Flügel auf und schrie in den Abend hinaus, den ein unsteter Mond flatterig durchjagte: »André! – André!« Vom Rathaus kam das Echo zurück. »André...!« »Nu komm man,« sagte Herr Türlütt. »Da lachen die Hühner bloß drüber. Der hört's ja doch nicht, der André, außerdem: der Karpfen wird kalt; das kann so'n Fisch nicht vertragen ... und was die Hauptsache ist: man keine Bange; dein Junge kommt wieder.« »Meinst du?« »Aber natürlich! Da sollte ich André nicht kennen.« »Na denn,« sagte der Alte, schlug den Fensterflügel zu und nahm abermals Platz. »Aber das sage ich hiermit ...« und er griff nach seinem Glas und krähte wie ein gereizter Kapaun: » Vive la république! Vive la montagne ! – ein Pereat jedoch dem verfluchtigen Kerl und seinem Weibsbild von Tochter. Beide haben meinen Sohn auf dem Kerbholz. Verführt! Weiter nichts. So 'ne Künstlerblase! Im übrigen: Prosit, die Herren! Es lebe die Freundschaft!« und er wandte sich wieder der aufgelegten Portion zu. Der Karpfen war schmackhaft ... und der Wein war gut ... und die Stimmung war behaglich und mollig ... und André und Johanna wurden vergessen ... und die Lampe warf einen friedlichen und warmen Glanz über die Tafel... aber da draußen... * Auf der Landstraße, die von der Unteren Schleuse über Hönnepel direkt zum Rhein führte, sausten die Bäume. Die letzten Wattebauschen, die noch in den Astverzweigungen hingen, grapste der Westwind herunter, Hoch oben zwischen den mausfahlen Wolkenfetzen trieb der Mond, hüllte sich ein, um gleich darauf wieder mit fast blendendem Licht durch die ausgefransten Tücher zu gleiten. Seine wechselnde Helle schuf eigenartige Bilder. Bald dunkelte das Land ein, bald lag es da, als liefe ein Drummondsches Kalkfeuer über die Gegend. Rechts und links auf den Feldern gluckste der Schnee. In den Gräben tropfte er ab. Durch die Baumkronen, die ihr gitterartiges Astwerk zeitweilig als Schatten über die Landstraße warfen, röhrte der Nachtgeist, orgelte und stöhnte und blies seinen frostigen Atem durch den nächtlichen Himmel. Kristalle hingen in der Luft. Plötzlich war alles wie mit Krepp verhangen. Nur tief am Horizont flackerten einzelne Scheiter, unstet, rot und qualmig wie Sterbelampen. Sie mußten auf den Rheindeichen brennen, in der Richtung von Rees, Grieth und Emmerich. Diese greifbare Finsternis und dieses seltsame Leuchten! Es war so, als ginge ein Leichenbitter mit langer Pleureuse und dunstiger Hornlaterne von Haus zu Haus, um den Tod anzusagen und zum Begräbnis zu bitten. Kaum war noch eine Hand vor Augen zu sehen. Dirk Vogels kämpfte gegen den Wind an ... und wie die Bäume auch sausten und sein Mantel knatterte – er hörte seinen eigenen Herzschlag und das Rauschen des Blutes. Was wollte er eigentlich? Hinter einer Verlorenen her sein? Sie greifen, sie halten? Ein Unglück verhüten? Sich die eigene Schande vom Leibe reißen? Den Mörder seiner Ehre und Liebe kalten Sinnes erwürgen? Er wußte es selbst nicht. Seine Gedanken waren wie taumelsüchtige Funken auf einer Schmiedeesse, die sich Wechselseitig überstürzten und keinen Halt und kein Rasten mehr fanden. Aber das fühlte er noch: irgend etwas mußte geschehen, und daher immer dem Rhein zu, und wenn der Tod drüber käme ... Er kannte die Gegend. Wenn nur das verfluchte Dunkel nicht wäre! Er mußte den Chausseebäumen nach, dann über den Kommunalweg, der die breite Landstraße um ein Bedeutsames abschnitt, dann an der Ziegelei und beim Ökonomierat Brüker vorüber. Wie oft hatte er bei diesem gesessen und mit ihm über landwirtschaftliche und kommunale Fragen verhandelt! Das war ein aufrechter Mann. Einer von den Kernigen, Schlichten und Bodenständigen im Lande, und als er seinen wohlverdienten Titel erhielt, sagten die Leute: »Dröm treckt Brüker de Klompe niet ütt ...« aber er freute sich der Ehrung und gab seinem König, was dem König gebührte. Im Herrenhaus war Licht. Als Dirk Vogels vorbeikam, sah er, daß sie dort noch Weihnachten feierten. Glückliche Menschen! – Der Wind war stärker geworden, griff mächtig in den Mantel hinein und trieb ihn über den Weg hin. Die mit Schnee umkrusteten Ackerfurchen der Felder blenkerten hoch. Schmutziggraue Wollen überflogen die Gegend. Die am Horizont liegenden Feuer gewannen an Größe und Umfang. Dirk Vogels hielt sich nicht auf. Sein Atem dampfte. Das, was Therese ihm mitgeteilt hatte, zerfleischte sein Herz, schlug in seine Seele wie mit glühenden Pranken. »Johanna ...! – Johanna...!« – aber um Himmelswillen! – nichts fühlen, nichts denken. Ruhe, nur Ruhe, sonst ging der Verstand auseinander. Aus weiter Ferne kam zuweilen ein Rumpeln und Poltern. Vereinzelte Kanonenschüsse waren dazwischen. Dann wieder eisiges Schweigen. Vor ihm gespensterte etwas, kam näher, ratterte und lichterte mit zwei Wagenlaternen direkt auf ihn zu. Jetzt schien es auf einem Seitenweg nach dem Gutshof einbiegen zu wollen. »Heda!« rief er das leichte Gefährt an, vor dem ein schwerer Percheron stampfte und prustete, »sind Euch vielleicht ein Herr und 'ne Dame begegnet?« »Well, well!« kam es aus dem Schäschen heraus. Ein Peitschenstiel deutete rückwärts, »Hinter Hönnepel, vor 'ner Viertelstunde vielleicht. Sie hatten es eilig und machten auf den Rhein zu.« »Merci!« »Nichts zu danken, Mynheer. Hiadahüp!« Das Gefährt zog an und stuckerte weiter. »Sie hatten es eilig ...« Beengt sprach er es nach. Das Herz wollte ihm brechen. Das Schicksal konnte ihm nichts Neues mehr bieten; auch nicht das geringste. Willenlos ließ er sich treiben. Er jagte und stürmte. Der Duft des geliebten Weibes ging über ihn her wie eine Taumelwelle. Und das war alles entweiht, verludert, verlästert. Ein trockenes Lachen erschütterte seinen Körper; aber dieser Körper – er wurde stählern, sehnig und nervig und trug einen Geist durch die eingeflorten Äcker und Wiesen, der entschlossen war, den letzten Trumpf auf den Tisch zu knallen: par hasard , auf Tod und Verderben. Entweder so oder so... Ein Drittes gab es nicht mehr; wenn ja, dann hatte es über die Klinge zu springen. Er hörte die Uhr im nahen Hönnepel schlagen; dann tauchte er in den tiefen Schatten unter, die ihn vollends bedeckten. – Und weiter dahinten ... jenseits der Weidenbestände ... in der Nähe des gewaltigen Deiches, wo das Eis krachte und stöhnte und die Feuer der Stromwachen brannten ... nicht fern dem diesseitigen Fährhaus ... zwei Gestalten... Johanna und André ...! Der Wind hatte ihr Tuch gefaßt und wellte es wie ein schwarzes Segel gegen die Deichflanken an. »Vorwärts – du! Wir müssen hinüber!« »Keinen Schritt mehr!« keuchte sie heiser. Sie stemmte sich gegen ihn an und suchte aus seiner Umarmung zu kommen. »Du willst nicht?« »Nein, du ... ich will nicht weiter und kann nicht mehr weiter ... Ich wollte dich vor dem Schlimmsten bewahren ... wollte den Tod von dir nehmen ... wollte den Schuß nicht hören... nicht schuldig werden um deinetwillen ... Nur aus diesem Grunde folgte ich dir ... flehte dich an ... wollte ein Unglück verhüten ... Jetzt aber, wo du ruhiger und stiller geworden – hier trennen sich unsere Wege... Meine Kraft ist zu Ende...« »Was...?!« Mit einer wütigen Umstrickung riß er sie an sich. Wider ihren Willen, mit brutaler Macht und Gewalt – er zerrte sie vorwärts, die steile Böschung hinan, der Deichkrone zu. »Ich bin doch kein Narr, kein Bajazzo, der ins Blaue hineintappt! Und du – warum bist du denn mit mir gegangen?!« Sie streckte sich auf. »Das weißt du ... dein Brief... das entsetzliche Schreiben ... du zwangst mich ... setztest mir deinen grausamen Entschluß entgegen... Ich will deinen Tod nicht ...« »Johanna ...! – Johanna ...!« »Nein, du ...! und wenn ich für immer ins Elend hinein müßte: lasse mich los – du! Gib mich frei! Du hast kein Anrecht auf mich. Ich will nicht noch sündiger werden. Ich komme nicht drüber fort. Sei doch vernünftig. Mache meine Schuld nicht noch größer. Peitsche mich nicht länger mit deiner gefühllosen Drohung. Ich für meine Person weiß, was ich tue. Sorge du nicht. Ich helfe mir selber, und wenn ich verrückt drüber würde. Gehe du deinen Weg, ich gehe den meinen.« »Und das ist dein Letztes?!« »Mein Letztes!« Er röchelte auf. »Gut, so will ich den Weg gehen, den du uns vorschreibst,« und er griff in seine Brusttasche hinein und brachte etwas Blankes zum Vorschein, »denn ich kann mein eigenes Wort nicht mehr fressen – und das sei mein Führer.« Er hob langsam die Waffe und setzte den kalten Lauf gegen die Schläfe. »André...!« Ein verzweifeltes Ringen ... ein Vorwärtsstoßen... ein Ächzen und Stöhnen... ein Kampf auf Leben und Tod... Sie packte zu ... die Waffe klirrte zu Boden ... und dann... Sie standen auf der Deichkrone. Der Strom war erreicht. Sie sah über ihn fort und legte sich die Hände um den Hals wie schnürende Knebel. Nicht schreien, nicht schreien! – Aber jubeln hätte sie mögen – jubeln, jubeln wie verzweifelte Menschen, die Rettung und Land sehen. Endlich begriff sie: nicht hinter ihr, nicht bei Heimat und Herd, sondern vor ihr lag die Erlösung, jenseits des Wassers. Sie atmete auf – tief, befreiend und glücklich. Der Strom...! – Wie er donnerte und rumpelte! – ein angeschmiedeter Zyklop, ein gebändigter Geist. Da lag er in Ketten und rüttelte sich und krachte bis ins Herz hinein, als wäre das Pochwerk in einer gewaltigen Hütte lebendig geworden. Im jähen Wechsel des auf- und niedertauchenden Lichtes wandelten und wuchsen die Szenen. Bald greifbare Nacht, bald strahlendes Leuchten! Ein chaotisches Leben! Das Eis mahlte und malmte, seufzte und klirrte und dunstete mit verschlagenem Atem. Drüben, am jenseitigen Ufer, wurden die Wachtfeuer gleich qualmenden Fackeln zur Seite gerissen. Weiter zur Rechten: die Lichter von Rees. Über sie hinaus strebten die Türme der Kirche, zwei graue Silhouetten, in den nächtigen Himmel. Am Boden, seitwärts davon, ein zwinkerndes Auge... ein erhelltes Fenster, hinter dem der Strommeister wohnte. – Der Rhein stand noch; aber er bäumte sich auf, tobte und polterte und suchte, das Packeis in die Höhe zu wuchten. Und die beiden Menschen vor diesem gewaltigen Haltesignal: er verstört und gebrochen ... sie aber ... wie eine Königin stand sie. Nichts verriet in ihrem bleichen Gesicht, was in ihrem Innern vorging; aber ihr Entschluß war gefaßt. Mit ehernem Griffel hatte er sich in ihre Seele gegraben. Und wieder das dumpfe Geheul unter den Schollen, schwer aus der Tiefe heraus – das Brüllen eines Riesen, der sich frei machen wollte. Und in dieses Brüllen hinein... Sie stieß einen jauchzenden Ruf aus: »Hinüber!« »Unmöglich!« »Nichts ist unmöglich!« Sie rief es befreiend, wie eine singende Flamme – sie, die wie eine Königin stand ... eine Königin, zwar ohne Zepter und Krone, die elend war, wie nur auf Erden ein Weib sein konnte – und doch eine Königin blieb. In ihrer Hoheit wurde sie immer stolzer und größer, und sie streckte die Hand aus und sagte: »Die Stunde gebietet. Ich bin dir verfallen. Mein Los ist entschieden und unser Schicksal nicht mehr aufzuhalten.« Sie deutete über den Rhein fort: »Dort führt der Weg hin!« und hoch aufgerichtetet schritt sie dem Strom und seiner wankenden Brücke entgegen. »Wohin – du?!« »Dorthin, wohin du mich zu führen gedachtest. Ans jenseitige Ufer, nach Empel. Du sagtest ja selber: Vor Mitternacht müssen wir dort sein. Der Weg ist noch weit. Ich dächte: wir wollen doch den Nachtzug benutzen. Also gehen wir. Wir haben keine Zeit zu verlieren.« »Johanna ... du siehst ja ... das wäre der Tod! – Der Rhein macht sich frei!« »Und wenn er sich frei machte, und wenn es der Tod wäre – was soll's?! Das kümmert mich nicht. Du weißt ja: Tod und Liebe gehören zusammen.« »Du gehst nicht!« »Das wollen wir sehen.« »Nein – du! – wir müssen zurück, zurück um unserer Liebe und Seligkeit willen!« Flammenden Blickes sah sie ihn an. »Was – du läßt mich allein gehn?!« »Du...!« schrie er auf. Dabei wies er die Zähne, die Raubtierzähne, weiß und blank und wie zum Beutemachen geschaffen. »Du hast etwas vor, du willst über Bord. Aber das sage ich dir: Den lebendigen, nicht den toten Leib will ich haben!« »Und nicht meine Seele?!« Entsetzt starrte sie ihn an. Der Mond stand voll auf seinem erdfahlen Antlitz ... und sie mußte es sehen: tief hatte dort die Erbärmlichkeit ihre Zeichen und Runen gegraben. »Also du willst nicht? – und gedachtest dein Leben von dir zu tun wie den nichtigsten Fetzen?! Erbärmlich! – und jetzt, wo es heißt, die Schuld zu vertreten und die letzten Konsequenzen zu ziehen, jetzt, wo dein Herz aufflammen sollte wie eine ewige Lampe am Tische des Herrn, da wird deine Kraft zu einem geprügelten Tier ... Mensch, du ...!« Sie wußte: die letzte Stunde machte den Mund auf. Ein heiseres Lachen schlug ihm entgegen. »Glaubst du denn etwa, ich könnte zu meinem Vater zurück; er würde wie der des verlorenen Sohnes ein Kalb für mich richten? Glaubst du denn, ich könnte zu dem andern zurück, könnte noch ihre Knie umfassen und jammern: Hier bin ich, vergebt mir; ich bitte Euch aus dem Staube heraus: Habt Erbarmen mit mir, Erbarmen, Erbarmen ...?! Recht hätten sie, würden sie die Peitsche gebrauchen.« Sie warf den Kopf in den Nacken: »Meinst du, ich könnte wieder das Weib werden von früher, nachdem du ihm die Seele zerrissen?!« Und wieder das entsetzliche Lachen. »Nichtswürdig, erbärmlich! In höchster Not zeigt sich der Mann. Du aber – du hast dein Mannestum von dir geworfen. Einen Stürmer und Dränger, einen Helden sah ich in dir und fand – einen Feigling. Lasse mich los...!« »Johanna ...!« »Lasse mich los ...!« Sie stieß ihn mit der Faust gegen die Kehle, daß er taumelte, wankte ... »Du Lump, du ...! – meinst du, ich ließe nach meinem Leibe greifen, wie nach dem einer Dirne? Was willst du von mir? Auch ohne dich – dort führt mein Weg hin!« und sie stürmte über das Packeis, über die wankenden Schollen, der eigentlichen Stromrinne zu, deren aufgetürmte Blöcke und Tafeln ächzten und stöhnten. – Und sie hörte das Krachen und Donnern unter ihren hastigen Schritten; fror aber nicht und fürchtete nichts. Ihr Atem ging ruhig. Starr und steif war ihr Blick auf das gegenüberliegende Ufer gerichtet, das im Nebel verschwamm und unter dem Qualm der Feuer dunstete. Und doch war ein Leuchten in ihren aufgerissenen Augen, und ihre Lippen stammelten: »Vater, vergib mir! – und du, Dirk ... ich nehme Abschied von dir ... ich liebte dich, Dirk, und ging doch ins Elend hinein. Nun ist alles zu Ende ... mein Schicksal erfüllt sich. Dirk...! – Dirk...!« Ihre Worte verebbten unter dem Gerüttel eines unterirdischen Kraters. Die Decke kam ins Schieben und Wanken, röchelte und röhrte wie ein niedergeworfener Stier ... und hoch vom Deich brüllte die Stromwache: »Gottverdomie noch mal! – Zurück da! – Der Rhein ist in Not! – Zu Hilfe! – Ihr könnt nicht hinüber!« Sie hörte und sah nicht. Sie wollte nicht hören und sehen. »Zurück da! – Das Stauwasser kommt!« Aber da wieder ein Schrei – eine andere Stimme – weit hinter ihr ... ein Liebesschrei, wie ein Adler ihn schreit, klingend und gellend. »Johanna...! – Johanna...!« Vom jenseitigen Ufer kam das Echo zurück. »Johanna...!« Hoch auf dem Deich stand Dirk Vogels... und sah sie schreiten ... und sah wie ihr Tuch mit dem Wind flog ... und sah, daß sie es wehen ließ wie eine Totenfahne ... und sah, daß sie selbst in den Tod hineinwollte ... und sah ... denn neben ihm ... Zwei Männer standen sich hart genüber: einer, dem das Herz verblutete, und einer, der an seiner Feigheit erstickte. Dirk hob die Faust, um den andern wie ein Stück Vieh niederzuschlagen. »Hund, du verfluchter...! – also so treffen wir uns. Aber ich klage nicht um mich, ich klage um sie, die du verrietest, wie ein Fahnenträger in Not und Tod seine Fahne verriet und im Stich ließ. Aber die Fahne – unentwegt verfolgt sie ihr Ziel. Da geht die Fahne, da wandelt die Fahne, Hund du, wo hast du die Fahne gelassen?! Nicht du – sondern ich bin Sieger geblieben!« Er sprach wie ein Irrer, und dennoch: sein Sinn war klar, sein Herz stählern wie das eines Helden und Königs. »Pfui Teufel! – meine Hand ist zu schade ...« und die Faust sank herunter, aber das Herz eines Königs und Helden führte er über die berstenden Schollen, über das polternde Eis, durch Kampf und Gefahr, spurfest und treu, furchtlos und tapfer, und keine fünf Minuten vergingen, da schlug es an das eines verzweifelten Weibes, das in sich zusammenbrach und fröstelnd aufwinselte: »Dirk, Dirk! – das ist der Tod!« »Nein, du – das Leben auf Gedeih und Verderben! – und wenn es sein muß – du und ich, wir sterben zusammen.« »Dirk, Dirk...!« »Stille, ganz stille, Johanna...! Nicht reden, nicht sprechen ...« und er riß sie empor und hob sie mit kräftigen Armen und preßte sie an sich und trug sie glaubensstark über die dröhnenden Panzer, durch Eis und quellendes Wasser; und wie der Strom auch klagte und ächzte, die Tiefe donnerte und die zerklüfteten Blöcke sich hoben und senkten – der Rhein war barmherzig. Noch hundert Schritte, noch fünfzig... Immer näher kam das gegenüberliegende Ufer. »O du mein Alles! Meine Qual und meine himmelstürmende Freude, mein Glück und mein Elend!« Sein keuchender Atem ging über sie fort. Mit wilder Inbrunst preßte er seinen Mund auf den ihren, hielt er sie mit eisernen Armen umklammert – und so, Leib an Leib, von ihrem schwarzen Tuch umflattert, unter sich den brodelnden, gurgelnden, stampfenden Abgrund, brachte er die Sünderin, die Schwererkämpfte und doch das Heil seines Lebens den Feuern, die dicht vor ihm brannten, und dem rettenden Ufer entgegen. Noch zwanzig Schritte, noch zehn ... Das Eis bäumte sich auf, wich unter seinen sicheren Schritten, streckte seine unbarmherzigen Arme – aber immer vorwärts unter dem jagenden Mond, der aufleuchtete, um wieder abzuschwelen, über die wankende Fläche, die unter dem drängenden Wasser barst und zerschellte, um wieder still wie ein Kirchhof zu werden. Und dennoch: er knebelte das Element und blieb Sieger auf Gedeih und Verderben. Am Ufer liefen die Wachen zusammen. Auch der Strommeister kam. »Jesus Christus...! – Gerettet, gerettet ...!« Sie hörte noch den jauchzenden Zuruf. Dann aber fiel das Himmelsgewölbe über sie her: Sonnen, Sterne und nachtschwarze Schatten. Sie glaubte, ins Bodenlose zu sinken. Er aber ... erhobenen Hauptes und pochenden Herzens trug er die teure Last, als wenn er etwas Köstliches trüge, und trug sie unter dem Jubel der beigeströmten Menschen über die letzten Hindernisse, gegen den Deich an und dem kleinen Licht zu, das aus dem Fährhaus wie ein armes Seelchen hilfreich herausgeisterte. Hinter ihm aber ... Als wäre die Hölle losgelassen, als brächen die Balkensielen eines mächtigen Turmhelms zusammen, als würden die Gelenke und Knochen eines stolzen Schleusenwerkes zermalmt und auseinandergetrieben, so tobte und wetterte es, so krachte es wie mit Artilleriesalven dazwischen, so nagte und geiferte, keuchte und schrie es ... Fanale leuchteten auf, Raketen zogen ihre glühenden Schweife talabwärts... Glocken hallten herüber, kläfften, bellten und durchheulten die Nacht wie eiserne Hunde ... Der Rhein hatte seine Kette gebrochen, war in Bewegung gekommen, scherte sich den Henker um Deichrecht und Stromregulierung, türmte Schollen und Blöcke wild übereinander, lachte und raste und geißelte die schäumenden Stauwasser vor sich her gleich rebellischen Meuten ... und über ihm jagten die Wolken wie die Schwadronen schwarzer Totenkopfreiter. – Dirk und Johanna ...! Als sie erwachte, die Augen aufschlug und wirr und leer um sich blickte, ruhte sie an seiner Brust in einer niedrigen Kammer. Eine Laterne breitete einen matten Schein durch die freundliche Stube und zeigte ihr, daß sie in dem Hause des Deichmeisters war, der geholfen hatte, sie dem Leben wiederzugeben. Als die tiefe Ohnmacht von ihr gewichen, hatte er bereits wieder das Zimmer verlassen. Verstört sah sie um sich, griff in ihre Haare hinein, daß die stolze Krone sich löste, und fuhr sich wimmernd durch die naßkalten Strähnen. »Wo bin ich? – Mein Gott! – und man ließ mich nicht sterben?! Und du – bei mir?« Ihre Blicke waren geöffnet vor innerem Grauen, vor Scham und Marter und wehem Entsetzen. »Wer sollte denn bei dir sein, wenn ich es nicht wäre?« sagte er tröstlich und bog ihren Kopf zurück und sah ihr tief in die Augen. »Meine Johanna ...!« »Du – wo das alles passiert ist ...?!« Sie wollte schreien, sich seinen Armen entwinden, nicht mehr denken und fühlen. Er küßte ihr den Schrei von den Lippen, legte den Arm um sie her und flüsterte ihr zu: »Und du wolltest wirklich, Johanna ...? Du konntest deinem Vater und mir ... und gedachtest dein Leben, was mir gehört vor Gott und den Menschen ...« Da sah sie ihn an, als wäre der weiße Tod noch einmal aus dem berstenden Strom und an ihre Seite getreten. Und sie riß ihr Mieder auf und brachte ein zerknittertes Papier zum Vorschein und gab es ihm und sagte: »Dies lies, und wenn du's gelesen hast, dann geh ... und sieh dich nicht mehr um ... und grüße den Vater von mir, wenn er meinen Gruß noch annehmen will ... und vergiß mich, mich und mein Leben, denn ich bin deiner nicht würdig. Du mußt mich schon meinem Geschick überlassen. Meine Nähe entweiht dich, und was ich auch tue, es ist kein Heil und kein Segen dabei, denn ich kann mir kein glückliches Leben mehr zimmern. Aber vielleicht wirst du sagen: Sie ist nicht ganz zu verdammen; man muß Mitleid mit ihr haben und ein wenig Erbarmen. Und dieses Erbarmen nimm mit dir.« Die letzten Worte waren mehr gedacht als gesprochen. »Dirk, ich will ja nichts weiter!« Da las er – Wort für Wort und Zeile für Zeile, und er fühlte, wie die Erbärmlichkeit aus diesen Zeilen heraufstieg, wie sie ein Menschenleben gehetzt und getrieben und es der Verzweiflung zugeführt hatte, wie alles so unerbittlich und grausam gewesen. Und sie verfolgte ihn beim Lesen mit heißen Augen und sagte, als er tiefatmend und ganz verstört damit fertig geworden: »Nun weißt du alles. Ich wüßte dir nichts mehr zu sagen. Nur dies noch: Die Vergangenheit war hart und schwer. Nun ist's endlich überstanden. Nur – ich habe nichts mehr zu hoffen. Ich bin völlig klar über mich selber, und weil ich dies bin, so sage ich nochmals: Ich kann mir kein glückliches Leben mehr zimmern, wenigstens keins mehr, das diesen Namen verdiente.« »Aber ich!« rief er jauchzend. »Da zieht die Vergangenheit hin. Da wird sie mit dem freien Rheinstrom talwärts getrieben. Du aber ... in meine Arme gehörst du! An meiner Brust sollst du atmen!« und er riß sie an sich – sie, die Verlorengeglaubte, die Jetztwiedergefundene, sein Alles, seine Welt und sein Weib auf Gedeih und Verderben. Sie streckte sich in seiner wilden Umarmung. »Dirk – aber mein Vater?! – und die andern: die Menschen mit den grausamen Worten und den unbarmherzigen Seelen ...?!« »Wo du bist, da bin auch ich,« versetzte er ruhig. »Und gehst du zu deinem Vater, dann gehe ich mit dir und werde ihm sagen: »Segne mein Weib – du. – Und trittst du unter die übrigen Menschen, ich bin dir zur Seite – und sie werden sich beugen vor dir, und ihre Herzen werden sie in die Hände nehmen und stammeln: Wir wollten hart gegen dich sein und sind mild und gerecht wider Willen geworden. Sieh unsere Herzen ...! und dir sage ich –« und er legte ihr den Kopf zurück und strich ihr sacht über den Scheitel – »du sollst leben um meinetwegen, denn ich habe dich nötig, Johanna ... Und leben heißt ringen – und leben heißt in die Irre gehen und fehlen und straucheln. Aber leben heißt auch auferstehen und den richtigen Weg wieder finden, um auf ihm wie zu einer großen Osterfeier zu schreiten. Und diesen Weg – du hast ihn wiedergefunden für immer und ewig.« »Ja, Dirk, ich habe ihn wiedergefunden, an deiner Seite ihn wiedergefunden!« Und sie legte die Arme um ihn und weinte und schluchzte und war doch von einer Freude beseelt, die aus dem Himmelreich stammte. »Du Einziger, Herrlicher, du mein Held und mein König!« Sie gesundete wieder. Alles Leid war von ihr genommen, und durch ihre Stimme zitterte das Glück. »Eine bräutliche Nacht!« sagte er leise. Und draußen donnerte der Rhein und schoß Salut um Salut, und die Deichfeuer wurden emporgerissen und schlugen wie mächtige Liebesfackeln zum ewigen Himmel. * Ein Jahr war dahin. Der Schrein zu den Sieben Schmerzen Maria erhob sich wieder in seiner alten Glorie und Herrlichkeit. Vor der Predella stand eine zehnpfündige Wachskerze, die Petrikettenfeier ten Hompel geweiht und gesegnet hatte. Sie brannte zum Dank für die hohe Vollendung der Arbeit und zum Andenken an Heinrich Douwermann, den gepriesenen Meister, der seines Gleichen suchte auf Erden. Wie damals, zu Beginn dieser Geschichte, flockte und schwebte es leise vom Himmel. Schnee, überall Schnee und das Glänzen von Myriaden von Sternchen und hellen Kristallen! Und das gedämpfte Schneelicht legte sich über glückliche Menschen. Wie sie aufatmeten diese glücklichen Menschen! Doktor Dirk Vogels aber zog sein junges, reines Weib an die Brust und sah in den sanften Schein der Dank- und Opferkerze hinein, als wenn er in etwas Heiliges sähe. Ein großes, verheißungsvolles Leben lag vor ihm. Arnt Douwermann stand bei ihnen, im schwarzen Rock, feiertägig wie immer und mit versonnenen Augen. Sanft glitt er über den Arm seiner Tochter. Dann nahm er ihre Hand und die seines Schwiegersohnes und sagte: »Mein Geschlecht wird untergehen; aber Johanna – aus dir und Dirk Vogels wird ein neues sich heben, stolz, schön und gerecht und allen ein Wohlgefallen. Das ewige Licht leuchte ihm. Amen!«   Ende