Paul Schreckenbach Der deutsche Herzog Roman aus der Zeit des Dreißigjährigen Krieges Erstes Buch I. Auf einem Sturzacker nahe bei der kleinen Stadt Lützen hielt ein Reiter und blickte unverwandt hinüber nach der Richtung, wo sich, wie man ihm berichtet hatte, die Heerstraße hinzog, die nach Leipzig führte. Schwarz war sein Roß, und seine schlanke, geschmeidige Gestalt steckte vom Kopf bis zu den Knien in einem Harnisch von derselben Farbe. Alles an ihm war wohlgepanzert und verwahrt, wie es einem Krieger geziemt, der zum Kampfe auszieht. Nur das Antlitz war unverhüllt – ein feines, etwas bleiches Antlitz mit leicht gebogener Nase, dunkelblondem Schnurr- und Knebelbart und zwei so eigentümlich glänzenden, durchdringend blickenden Augen, wie sie nur selten einmal die Natur einem Menschen verleiht. Aber dem dichten, weißen Novembernebel gegenüber, der das weite Blachfeld bedeckte, waren auch diese falkenscharfen Augen machtlos, und der Reiter konnte, so sehr er sich anstrengte, auch nicht einen Stein von der Straße erspähen, die wohl nicht weiter als zweihundert Ellen vor ihm sich dehnte. »Verwünscht!« murmelte er endlich. »Es ist wie verhext. Der Starrschedel kommt auch nicht wieder! Man hört nichts, man sieht nichts. Werde noch ein Stück vorwärts reiten!« Der hagere Mann in halb bäuerlicher, halb geistlicher Tracht, der neben ihm stand, zuckte zusammen, »Um Gotteswillen, gnädiger Herr! Keinen Schritt mehr vorwärts! Hört Ihr die Turmuhr von Lützen? Es schlägt acht. Man sollt's nicht denken, weil es noch so dunkel ist. Aber horch! Der Schall ist deutlich. Wir sind ganz nahe an der Stadt, und die ist von oben bis unten voll von Friedländischem Volke. Brechen sie heraus, dann Gnade uns Gott! Wer weiß, ob Euch die dort heraushauen könnten!« Er wies auf einen Reitertrupp, der nur dreißig Schritte hinter den beiden hielt, aber im Nebel kaum zu erkennen war. Über das Gesicht des Kriegsmannes huschte ein Lächeln. »Nun, mich und die Meinen brächten wohl die Beine unserer Pferde rasch in Sicherheit,« erwiderte er heiter. »Aber du, Schulmeister, wärest trotz deiner langen Stelzen in einer üblen Lage.« »Ach Herr,« versetzte der Lange ernst und bedächtig, »um mich ist mir's nicht. Ich spreche mit Jakob: Wenig und böse war die Zeit meines Lebens, und mit Salomo: Alles ist eitel. Was ich von der Welt gesehen habe« – er spuckte heftig nach der andern Seite aus – »alles Jammer und Schande und Kreuz und Elend, Herr! Jeden Tag will ich fort, wenn mich der Herr ruft, jeden Tag! Und könnte wohl der alte Schulmeister von Meuchen besser und anständiger von der Welt kommen, als wenn ihn eine Kugel träfe bei einem Kundschafterdienste, den er dem Herzog Bernhard von Weimar leistet?« Der Reiter warf verwundert den Kopf herum. »Woher weißt du, daß ich's bin?« »Es hat mir einer von der grünen Brigade, der bei mir lag, gestern abend alle die großen Herren gezeigt, die beim Könige waren. Ich hab' Euch nur von ferne gesehen, Herr, aber ich hab' Euch gleich wieder erkannt an Eurem schwarzen Panzer und dem roten Helmbusche.« »Es schadet auch nichts, wenn du's weißt,« erwiderte der Herzog ruhig. »Aber sage mir, Alter, was ist das mit einem Male für ein Geruch? Das riecht wie ein Hausbrand.« Der Schulmeister witterte und schnoberte in den Nebel hinein. »Ihr habt recht, gnädiger Herr,« sagte er, »das ist ein Brand und kein kleiner. Das mußte ja so kommen. Wo die Wallensteiner sind, die Hunde, da gibt's Mord und Brand!« Der Herzog wollte eben den Mund zu einer Erwiderung öffnen, als unweit vor ihm mehrere Schüsse aufblitzten. Wie schwache rote Punkte zeichnete sich der Feuerstrahl aus den Musketen im Nebel ab, und der Schall klang, als wenn einer mit der flachen Hand auf hartes Leder aufschlägt. Zugleich jagten vier Rosse heran. Eines war ledig und brach zur Seite aus, auf den andern saßen schwedische Reiter. »Retirieren, fürstliche Gnaden!« schrie der Rittmeister Starrschedel. »Da vorn steht alles voll von Musketieren, und meinen Reitknecht haben sie durch den Kopf geschossen!« Der Herzog wandte sein Roß. »Der erste Tote an diesem Tage! Es werden ihm noch viele folgen!« murmelte er und setzte laut die Frage hinzu: »Nur Musketiere? Kein berittenes Volk?« »Ich habe keines gesehen.« »Dann können wir gemächlich reiten. Sie werden uns schwerlich verfolgen bei dem Nebel. Nicht schneller, als der da laufen kann! Geht Not an den Mann, so nehmen wir dich aufs Pferd, Schulmeister. Und nun, was habt Ihr erkundet, Starrschedel?« »Fürstliche Gnaden, da vorn hinter der Straße setzen sie Batterien fest. Es mochten wohl so zehn bis zwölf schwere Kanonen sein, und links und rechts werfen die Musketiere Gräben aus zu ihrem Schutze.« »Ah!« rief der Herzog, und ein Blitz fuhr über sein Antlitz hin. »So haben wir ihn also wirklich fest gemacht, den alten Wolf! Endlich will er sich zum Kampfe stellen.« Der Rittmeister rapportierte weiter in seinem harten Deutsch: »Auch schien mir, als ob Lützen brenne. Zu sehen war wenig, aber man roch den Qualm, und mir war's, als hörte ich das Feuer knattern.« In des Herzogs Antlitz erschien ein harter Zug. »Das dünkt mich glaublich.« sagte er. »Der Friedländer wird die Stadt in Brand gesteckt haben. Sie deckt ihm dann, kommt es zur Schlacht, die rechte Flanke.« »Und was schiert den Erzschelm das Ketzernest!« knurrte der Schwede grimmig. »Sagt lieber: Was schiert den Tschechen die deutsche Stadt! Denn Ketzer oder nicht – pah – was kümmert das den Wallenstein! Er selbst glaubt nicht einmal an Gott, geschweige an irgendeine Lehre seiner Kirche.« »Herr Herzog von Weimar!« klang es da den Reitenden aus dem Nebel entgegen und noch einmal ein dünner, zerflatternder Schrei: »Herr Herzog von Weimar!« »Hier!« rief der Fürst. »Wer ruft nach mir?« Aus dem weißen Schleiergewölk tauchte eine jugendliche Gestalt zu Pferde auf. Es war der achtzehnjährige Nürnberger Patriziersohn August von Leubelfing, der dem Schwedenkönig aus seiner Vaterstadt ins Feld gefolgt war und seit etwa einem Jahre die blau und gelbe Tracht der königlichen Aufwärter trug. Der Jüngling keuchte von dem scharfen Ritte, und seine runden Wangen glänzten dunkelrot. »Die Majestät sucht Eure fürstlichen Gnaden,« meldete er mit fliegendem Atem. »Es sind Boten ausgeschickt nach allen Seiten. Die Majestät hat eine sehr importante Zeitung erhalten, es kommt sicher zur Schlacht.« »Gut. Wir wollen eilen,« gab der Herzog zur Antwort und spornte sein Roß, aber der Page erkühnte sich, seine Hand in die Zügel zu legen. »Fürstliche Gnaden,« bat er in flehendem Ton, »vergönnt mir eine kurze Bitte!« »Was willst du?« fragte Bernhard verwundert. Er sah mit Befremden, daß der Junge am ganzen Leibe zitterte und daß in seinen sonst so lustigen Augen dicke Tränen standen. »Fürstliche Gnaden, redet dem Könige zu, daß er den Panzer anlegt. Er weist ihn zurück, will nur den Elenkoller, hört auf niemandes Rat. Ach, wäre die Königin da, auf die hörte er gewiß! Vielleicht aber nimmt er auch von Euch einen Rat an. Wenn ihm ein Unglück zustieße« – – er brach ab und wischte sich mit zitternder Hand die Tränen vom Gesicht, die ihm jetzt in schweren Tropfen aus den Augen rollten, und mühsam sein Schluchzen hinabwürgend, stammelte er: »Die Majestät ist so seltsam, o so seltsam!« Der Herzog sah ihn an und nickte. Ja, seltsam war auch ihm der König in den letzten Wochen erschienen, wunderlich verwandelt gegen früher. Seine heitere, gleichmäßige Ruhe, sein überlegener Humor schienen ihn ganz verlassen zu haben. Selbst er, sein ausgesprochener Liebling unter den deutschen Fürsten, war von ihm kurz und unfreundlich behandelt worden, als er, von seinem Siegeszuge in Süddeutschland zurückkehrend, zu Arnstadt seine Völker mit dem königlichen Heere wieder vereinigt hatte. Es war ihm fast so zumute gewesen, als neide ihm der König die frischen Lorbeeren, die er im Kampfe wider die kaiserlichen Generale gepflückt hatte. Allerdings war der Hochherzige seitdem bemüht gewesen, ihn die Kränkung vergessen zu machen, aber noch öfter hatte er bemerken müssen, daß Gustav Adolf aus geringen Anlässen die Herrschaft über sich selbst verlor, in heftigen Zorn geriet, harte Scheltworte brauchte, die er sonst nie über seine Lippen gehen ließ. Dann mit einem Male, seit seinem Einzug in Naumburg, war diese reizbare Heftigkeit von ihm gewichen und hatte einer tiefen Traurigkeit Platz gemacht. Als dort in der alten Bischofsstadt das protestantische Volk vor ihm auf den Knien lag, seine Hände, seinen Rocksaum, seine Stiefel küßte, da hatte er zu seinem Hofprediger Fabricius gesagt: »Diese Menschen ehren mich wie einen Gott. Ich fürchte, der Himmel wird ihnen bald offenbaren, daß ich ein armer, sterblicher Mensch bin.« Seitdem hatte ihn die Todesahnung nicht mehr verlassen. Fast immer ritt er ernst und in sich gekehrt dahin, und manchmal schien es, als wäre sein Geist dieser Welt schon fast entrückt. Redete er mit den Seinen, so sprach er meist über das Sterben und die gewisse Hoffnung auf ein ewiges Leben, oder über das, was geschehen sollte, wenn ihn etwa ein plötzlicher Tod ereilen würde. Der Herzog hatte, das alles überdenkend, den Pagen neben sich vergessen und schrak nun aus seinen Gedanken auf, als der junge Mensch noch einmal mit halb erstickter Stimme bat: »Nicht wahr, gnädiger Herr, Ihr redet dem Könige gut zu?« »Gewiß. Wo ist die Majestät?« »Sie wollte in der Kirche zu Meuchen noch einmal das heilige Abendmahl feiern. Dazu sollten wir Euch holen.« »Donnerwetter!« rief der Schulmeister, der mit langen Schritten die Reiter begleitete. »Wer soll da die Orgel spielen, wenn ich nicht dort bin?« Der Herzog lachte. »Ja, sputen wir uns! Ohne den hier geht's nicht!« rief er. »Nimm ihn hinter dich aufs Pferd, Leubelfing! Dich und den Dürren trägt schon das starke Tier.« Er trieb sein Roß zu schnellerer Gangart an, und bald war die Reiterschar an den Feldwachen und Vorposten vorbei an das schwedische Lager herangekommen. Seine Zelte und Wagenreihen umspannten im weiten, halbmondförmigen Bogen das stattliche Bauerndorf Meuchen, und auch in den Straßen und Gärten, den Häusern und Scheunen hatten die Soldaten genächtigt. Der Herzog selbst hatte hier mit dem Könige die Nacht in einer Kutsche sitzend unter freiem Himmel verbracht und war dann beim Morgengrauen, da er seinen ungeduldigen Tatendrang nicht zügeln konnte, auf Kundschaft ausgeritten. Jetzt wurden die Regimenter aus Dorf und Lager herausgeführt, um von ihren Obristen in der Schlachtordnung aufgestellt zu werden, die der König am Abend vorher entworfen hatte für den Fall, daß es zur Schlacht käme und der Friedländer nicht wieder einmal dem Treffen ausgewichen wäre. Eben zogen die livländischen Reiter an dem Herzog vorüber, die heute unter seinem Befehl kämpfen sollten. Die Krieger begrüßten ihn mit lautem Heilruf, und er dankte durch freundliches Neigen des Hauptes. »Der Friedländer ordnet drüben seine Armada. Sie graben die Geschütze ein, warten also darauf, daß wir sie attackieren,« rief er dem vorüberreitenden Fürsten von Anhalt zu. »Euer Liebden bestätigen, was der König seit einer Viertelstunde weiß,« erwiderte der Anhalter. »Er wartet nur darauf, daß der Nebel fällt oder steigt.« Hastig sprechend setzte er hinzu: »Jetzt ist er dort hinten in der Kirche. Er war sehr betrübt, daß Ihr so lange ausbliebt, wollte gern mit Euch zusammen kommunizieren. Seht zu, daß Ihr noch zurecht kommt. Ich muß weiter! Auf Wiedersehen, Herr Vetter von Weimar, wenn die Kartaunen krachen! – Aber halt – noch eins! Das muß ich Euch doch noch sagen!« Er drängte sein Roß an Bernhards Seite heran und flüsterte so leise, wie es ihm mit seinem schallenden Organ möglich war: »Wißt Ihr, Liebden, daß heute noch die Königin in Weißenfels eintrifft?« »Nein,« entgegnete der Herzog, befremdet, daß ihm der andere eine so unwichtige Neuigkeit in diesem Moment auftischte. »Sie kommt nicht allein, auch nicht nur mit ihren Frauen und Fräuleins,« fuhr der Fürst verschmitzt lächelnd fort. »Mit ihr kommt eine – eine aus Weimar, die Ihr, wie ich meine, wohl kennt und schwerlich vergessen habt.« Eine Blutwelle schoß dem Herzog ins Gesicht. »Gundel?« fragte er halblaut in ungläubigem Staunen. »Kunigunde von Anhalt, mein Bäschen und Eurer Schwägerin Schwester! Ich sehe, Ihr denkt noch an sie.« »Wie kommt sie zur Königin? Wie kommt sie nach Weißenfels?« wollte Bernhard fragen, aber der Anhalter war schon, nachdem er ihm noch kordial auf die Schulter geklopft hatte, mit einem breiten, behäbigen Lachen weitergeritten. Ein paar Augenblicke lang war es dem Herzog, als versinke um ihn das Gewühl der reitenden Männer. Vor sich sah er ein Mädchenhaupt mit übermütig blitzenden dunkeln Augen, üppigem Goldhaar und einem feinen Munde, dessen Lippen in dem bräunlich-blassen Antlitze seltsam leuchteten, wie die rotglühende Blüte des wilden Mohns. Vier Jahre war es her, da hatten diese Lippen ihn geküßt und diese Augen um seinetwillen heiße Tränen geweint, denn zu jener Zeit war er nach den Niederlanden gegangen, um dort gegen die Feinde seines Glaubens zu kämpfen. Damals, als sie in tausend Schmerzen an seinem Halse hing, hatte er ihr feierlich gelobt: »Komme ich zurück, so wirst du mein Weib, und niemals werde ich eine andere freien!« Aber der Tag war wohl noch ferne, an dem er heimkehren durfte. Denn was frommte es, wenn er in die Heimat kam mit leeren Händen? Das kleine Land, das er mit seinen Brüdern vom frühverstorbenen Vater geerbt hatte, trug kaum die Last der Hofhaltung des Ältesten. Es war verheert und ausgesogen durch die Wallonen und Kroaten. Das arme, gepeinigte Volk konnte selber kaum leben, wie hätte es zinsen und steuern können zu einem zweiten Fürstenhofe? Nur wenn es ihm gelang, sich Land und Leute zu erkämpfen, nur dann konnte der nachgeborene Prinz die blutarme Prinzessin heimführen. Nun, der große Schwedenkönig, dem er jetzt diente, hatte ihm schon zweimal Hoffnung gemacht auf ein Fürstentum, das er ihm zu Lehn geben wollte aus der eroberten Ländermasse, so wie der Kaiser den Friedender zum Herzog von Mecklenburg gemacht hatte. Vielleicht fiel heute die Entscheidung darüber auf blutigem Felde, ob der König noch fürder die Macht haben sollte zu solchem Tun. So unbedingt sicher, wie das vor Jahresfrist geschienen, war es jetzt nicht mehr, denn es war in der letzten Zeit für die schwedischen Waffen nicht alles zum besten gegangen. Während diese Gedanken in seinem Hirn sich kreuzten, hatte ihn sein Pferd ins Dorf getragen. Jenseits des Teiches vor der niedrigen Kirchhofsmauer sah er die Schlachtrosse der hohen Generalität stehen, auch das des Königs mit der Purpurschabracke. Da sprang er schnell aus dem Sattel, warf die Zügel dem Pagen Leubelfing hin und schritt den schmalen Pfad durch Kreuze und Grabsteine der Kirche zu. Der kleine, dämmerige Raum, in den er eintrat, empfing sein Licht mehr von den Kerzen, die auf dem Altare flammten, als von außen durch die langen, schmalen Fenster. Droben an der Orgel saß ein Wachtmeister des blauen Regimentes, der früher in einem finnländischen Dorfe den Bakel geschwungen und als Küster gesungen hatte, und spielte, so gut er es noch vermochte. Dicht vor den niedrigen Stufen des Altars stand die markige Gestalt des Königs, hinter ihm erkannte Bernhard das große Haupt des schwedischen Grafen Nils Brahe, die biederen und ehrenfesten Gesichter der beiden deutschen Obristen von Eberstein und von Gersdorf und seitwärts von ihnen das bleiche, verwüstete Antlitz des Herzogs von Lauenburg mit den unstet flackernden Augen. Wer die andern waren, vermochte er nicht wahrzunehmen, denn bei seinem Eintreten kreischte die Tür in den rostigen Angeln, der König wandte sich um, und mit einer zugleich freundlichen und gebieterischen Gebärde winkte er ihn zu sich heran. Sofort öffnete sich für ihn eine schmale Gasse, die er eilig durchschritt, und gleich darauf kniete er neben der Majestät auf dem harten Steinboden der Kirche und empfing mit ihm das heilige Mahl. Nachdem die Feier beendet, der letzte Ton des Chorals verklungen war, sagte der König mit lauter Stimme: »Ich bitte die Herren, hinaus auf den Kirchhof zu treten. Ich habe noch ein paar Worte mit Seiner Liebden, dem Herzog von Weimar, sekret.« Die Versammelten gehorchten augenblicklich, einige der schwedischen Herren nicht ohne eine gewisse Verdrossenheit in den Mienen, denn sie neideten dem deutschen Herzog die große Gunst, die ihm der König zuwandte. Der rauhe Obrist Stahlhanske brummte im Hinausgehen: »Den Teufel auch! Der weimarische Milchbart ist und bleibt doch der Goldsohn des Königs! Hat die Majestät nicht – Gott straf mich! – andere Leute zur Hand?« Aber er fand bei dem neben ihm schreitenden Obristen Stenbock mit diesen Worten keine Gegenliebe, denn der erklärte kurz und bündig: »Halte dein Maul, Bruder, und verbrenne dir's nicht! Der Weimarer ist ein ganzer Kerl. Erhöht ihn der König über zwei alte Esel, wie wir beide sind, so tut er recht daran. Er hat mit seinen achtundzwanzig Jahren schon mehr geleistet als mancher mit fünfzig.« Damit schob er seinen Arm unter den des verdrießlichen Kriegsgefährten und zog ihn zur Tür hinaus. Dem scharfen Ohre des Herzogs war das Zwiegespräch nicht entgangen, der König hingegen hatte augenscheinlich nichts davon bemerkt. Auch als das Gotteshaus längst geleert und er mit dem Herzog allein war, stand er noch in tiefen Gedanken da und sprach kein Wort, so daß es fast schien, als habe er die Gegenwart Bernhards vergessen. Mit einem Male aber fuhr er wie aus einem Traum empor und richtete den Blick seiner großen blauen Äugen voll und fest auf des Herzogs Gesicht. »Herzog Bernhard,« sagte er, »ich habe neulich in Arnstadt harte Worte zu Euch geredet, weil ich meinte. Ihr hättet eigenmächtig und wider meinen Nutzen gehandelt. Das war eine falsche Opinion, und ich sehe ein, daß Ihr in diesem Falle klüger wart als ich. Darum tat ich unrecht, als ich Euch schalt, und ich möchte Euch bitten, daß Ihr mir solches von Herzen vergebet. Denn wer kann es wissen, wie lange ich noch mit Euch auf dem Wege bin und wie bald mir der Herr unser Gott zuruft: Tue Rechnung von deinem Haushalten, denn du kannst hinfort nicht mehr Haushalter sein!« Der Herzog stand einen Moment stumm da. Der Hochsinn des Königs, der in diesen Worten zutage trat, erschütterte ihn im Innersten. Dann aber ergriff er ungestüm mit beiden Händen des Königs Rechte, die dieser ihm entgegenstreckte, und rief: »Fahrt nicht fort, Herr! Es ziemt sich nicht, daß der Vater den Sohn bittet, ihm zu vergeben. Und wie ein Sohn zum Vater habe ich mich allezeit im Herzen zu Euch gehalten, wenngleich Ihr nur zehn Jahre älter seid als ich. Zürnt' ich Euch einmal, so tat ich's nimmer lange, das weiß Gott, und keinen Menschen weiß ich, vor dem ich solche Ehrfurcht habe wie vor Euch.« Der König legte ihm die linke Hand auf die Schulter und blickte ihn noch gütiger an als vorher. »Ich danke Euch, Herzog Bernhard,« erwiderte er. »So wie Ihr Euch erweiset, so hab' ich Euch in meinem Sinne ästimiert. Und nun will ich Euch eine bessere Satisfaktion geben als durch bloße Worte. Die Stifter Würzburg und Bamberg sind in unserer Hand. Die geb' ich Euch zu Lehn, Euch und Euern Nachkommen, als ein Herzogtum Franken.« Der Herzog beugte sich über des Königs Hand und küßte sie. Er war so überrascht und ergriffen, daß er zunächst keine Dankesworte fand. »Die Voraussetzung ist freilich, daß ich am Leben bleibe,« fügte der König ernst hinzu. »Aber manchmal ist mir's, als käme bald mein Stündlein.« »Herr!« rief Bernhard auffahrend, »das widerfahre Euch nicht! Das kann nicht im Plane Gottes liegen! Ihr führet seine Kriege!« »Wer kennt Gottes Plan? Und welches Menschen bedarf der Allmächtige? Vor ihm sind wir alle nur Staub. Trifft mich eine Kugel, so setzt Gott einen andern an meine Stelle, der für ihn streitet, zum Exempel Euch!« »Nein, Herr, das wolle Gott nicht! Ihr seid nicht zu ersetzen! Darum laßt Euch bitten: Schont Euch und haltet Euch ferne von der Gefahr!« Gustav Adolf lächelte. »Ihr wißt, daß das zuweilen unmöglich ist.« »So legt zum wenigsten einen festen Panzer an!« »Das haben mir heute schon mehrere geraten. Aber ich kam's nicht, selbst wenn ich wollte. Die Narbe, die ich an der Schulter trage, macht mir jetzt wieder zu schaffen, und er riebe sie mir wohl wund. Nein, ich muß mich auf den Herrn allein verlassen, nicht auf irdische Waffen. Gott ist mein Harnisch, und meine Stunde ist im Himmel geschrieben, die Erde kann daran nichts ändern.« Er hatte während seiner letzten Worte die Kirchtür geöffnet und trat nun ins Freie unter seine Offiziere. »Ihr Herren,« rief er, »kommt her und hört, was ich Euch zu sagen habe!« Und als sie nun alle im Halbkreis um ihn standen, sprach er mit helltönender Stimme: »Der Nebel fällt, und die Sonne dringt durchs Gewölk. Es wird also bald zum Schlagen kommen. Was er zu tun hat, weiß ein jeder, und jeder kennt seinen Platz. Das aber füge ich Euch noch zu wissen: Stößt mir nach Gottes Willen ein Unglück zu, so gehorcht jeder dem Herzog von Weimar! Fällt der, so kommandiert Graf Brahe. Gott nehme uns alle in seinen Schutz! Und nun, ihr Herren, auf die Rosse!« II. Ein feste Burg ist unser Gott, Ein gute Wehr und Waffen – so klang es dem Könige brausend entgegen, als er aus der Dorfstraße herausgeritten kam. Denn die Aufstellung der Regimenter war soeben vollendet worden, und der angeordnete kurze Feldgottesdienst nahm seinen Anfang. Gustav Adolf entblößte sein Haupt und zügelte sein Roß. Er fiel mit seiner hellen, kräftigen Stimme in den Gesang der Soldaten auf der Stelle ein und sang das gewaltige Lutherlied bis zu Ende mit. Als dann der Feldprediger des zunächststehenden Regimentes den sechsundvierzigsten Psalm sprach, bewegte der König die Lippen und sprach leise Wort für Wort nach, und nach dem Vaterunser und Segen stimmte er selbst das Lied an: »Verzage nicht, du Häuflein klein.« Gustav Adolf ließ dieses Lied jedesmal von seinem Heere singen, wenn eine Schlacht bevorstand, und heute mochte es wohl eine besondere Bedeutung für ihn haben. Denn er wußte, daß des Friedländers Armee stärker war als die seine. Kam nun etwa noch der wilde Pappenheim, den der kaiserliche Feldherr zu Hilfe gerufen hatte, mit seinen Reitern von Halle her rechtzeitig auf dem Schlachtfelde an, so stand das schwedische Heer einer bedeutenden Übermacht gegenüber. Während des Singens war der Nebel fast völlig verschwunden, und die Sonne goß ihr Helles Licht über das weite Feld. Da sprengte der König vor die Front der deutschen Regimenter, die Bernhard führen sollte. Mit dem größten Erstaunen sah der Herzog, daß Gustav Adolf mit einem Male verwandelt erschien. Er trug nicht mehr, wie vorher, die Stirn gesenkt, als drücke ihn die Sorge nieder, sondern stolz und gebietend saß er im Sattel, und seine Augen leuchteten. »Meine Freunde!« rief er, »Offiziere und Soldaten, ich beschwöre euch, heute eure Pflicht zu tun! Ihr streitet heute nicht nur unter, sondern neben und mit mir. Mein Blut und Leben werden euch den Weg zur Ehre zeigen. Folgt mir nur, so vertraue ich zu Gott, daß ihr einen Sieg gewinnt, der euch und euren Nachkommen zum Segen gereichen wird. Wo nicht, so ist es geschehen um eure Freiheit und euer Leben. Wollt ihr kämpfen, wie es redlichen deutschen Kriegsleuten ziemt?« »Ja, ja!« schrien die Soldaten. »Drauf, drauf!« Der König hob grüßend die Hand und ritt hinüber zu seinen Schweden, und wenige Minuten später erhielt Bernhard den Befehl zum Vorrücken. Das ganze schwedische Heer setzte sich in Bewegung und zog langsam über die ebenen Felder den Wallensteinern entgegen, die hinter der Heerstraße in schnell aufgeworfener Verschanzung den Angriff erwarteten. Bald erkannte der Herzog die Kanonen, die vor drei Windmühlen aufgefahren waren, im Hintergrunde ein gewaltiges Viereck der Infanterie und zur Seite vor den Geschützen die Kürassiere des Grafen Piccolomini. Wie aus Erz gegossen saßen die schwarzen Reiter drüben auf ihren starken Gäulen, keine Hand regte sich, kein Schuß blitzte auf, in starrer, unheimlicher Ruhe, wie eine riesige Gewitterwand vor dem losbrechenden Sturm, stand das ganze kaiserliche Heer und erwartete das Herannahen der Schweden. Noch etwa dreihundert Schritte weit waren die beiden Armeen voneinander entfernt, da klang vom rechten Flügel her, wo der König war, Helles Trompetengeschmetter. Hornsignale pflanzten sich fort von Regiment zu Regiment. Das war das verabredete Zeichen zum Angriff. Mit einem Male begannen die Kanonen zu donnern, die vor der Masse des Fußvolkes im Zentrum hergefahren waren, in ihr dumpfes Dröhnen mischte sich das helle, scharfe Knattern der Falkonetts auf den beiden Flügeln, und mit dem lauten Feldgeschrei: »Gott mit uns!« setzten sich die Reiterregimenter zur Attacke in Trab. Wie dumpfes Heulen antwortete es von drüben: »Jesus Maria!« und noch einmal: »Jesus Maria!« Dann schollen laute welsche Kommandoworte, die Kanonen öffneten ihren ehernen Mund, und ein Hagel von Eisenstücken sauste den Heransprengenden entgegen. Herzog Bernhards Reiterschar schrie laut auf, aber nicht vor Angst oder Entsetzen, sondern dem Feinde zum Spott, denn die Kugeln waren fast alle über ihre Köpfe hinweggegangen. Aber nun kamen die kaiserlichen Kürassiere herangebraust, und die beiden Reiterharste trafen mit furchtbarem Anprall aufeinander. Hüben und drüben stürzten Männer und Pferde und wälzten sich im wüsten Knäuel auf der Erde, Klinge klirrte an Klinge, Schüsse knatterten, überall wildes Schnauben der Rosse, Geschrei und Gestöhn und dumpfes Aufschlagen von tausend Rossehufen. So wogte wohl eine halbe Stunde lang die Reiterschlacht ohne Entscheidung, und während die Männer keuchend miteinander rangen, verschwand auf einmal die Sonne wieder, und der vorher so strahlende Himmel ward bleigrau. Der Nebel sank von neuem über das Gefild herab und vermischte seine feuchten, weißen Schwaden mit dem Dampfe der Geschütze und dem Dunste des Blutes der erschlagenen Menschen und Pferde. Der Herzog war nicht mit in dem Gewühl, denn noch war es für den Feldherrn nicht Zeit, sich persönlich einzusetzen. Seine wackeren deutschen und livländischen Reiter taten schon von selbst ihre Schuldigkeit und bedurften seiner Anfeuerung nicht. Immer mehr neigte sich in dem langen, zähen Ringen der Sieg auf ihre Seite, die kaiserlichen Schwadronen, so wütend sie sich auch wehrten, wichen langsam zurück und warfen endlich die Rosse zur Flucht herum. Mit Hellem Siegesgeschrei folgten die Herzoglichen nach, aber sie hatten zu früh gejubelt. Die Fliehenden bogen zur Seite aus, und die Nachdrängenden sahen sich auf einmal einer wohlverschanzten mächtigen Batterie von Geschützen gegenüber. Und als sie diesmal aufbrüllten, da rissen ihre eisernen Kugeln wohl fünfzig Männer mit einem Male aus den Sätteln. »Zurück!« schrie der tapfere Obrist von Rosen, der schon aus mehreren Wunden blutete, aber noch aufrecht und fest im Sattel saß. Er sah vor den Kanonen die ausgeworfenen Gräben und spitzen Palisaden und erkannte, daß Reiterei allein diese Batterie niemals erobern könne. Die Reitermasse flutete zurück, und der Obrist sprengte zu dem Herzog hin und stattete ihm Rapport ab. Sogleich gab Bernhard den Befehl, die Infanterie seines linken Flügels solle vorrücken und die Batterie im Sturm nehmen, und als jetzt herjagende Windstöße hier und da den Nebel wieder zerteilten, sah er auch drüben den Gewalthaufen des Fußvolkes vorgehen, um hinter dem Graben die Kanonen zu verteidigen. Ein Offizier auf hohem, hagerem Rappen wies ihnen mit dem gezogenen Degen die Richtung und trieb sie vorwärts. Der Obrist von Gersdorf, der gerade in Bernhards Nähe hielt, schwur Stein und Bein, das sei der Herzog von Friedland selber. »Ich kenne den Kerl und erkenne ihn, und wenn er zweitausend Schritte weit von mir stünde. Seht den roten Mantel, fürstliche Gnaden, und die roten Federn auf dem Hut! Die trägt kein anderer da drüben! Und den Gaul kenne ich auch, auf dem er sitzt. Sieht aus wie eine Schindmähre, hat aber den Leibhaftigen in sich.« Er winkte zwei seiner Musketiere zu sich heran, die der Herzog als Scharfschützen kannte, und steckte jedem aus seiner Tasche etwas zu. »Kugeln, aus Erbsilber gegossen, fürstliche Gnaden!« sagte er. »Ich führe solche immer mit mir herum. Mit gewöhnlichen Kugeln ist denen nicht beizukommen, die gefroren sind durch die verfluchte Passauer Kunst. Und der Friedländer ist gefroren, das steht fest.« Bernhard nickte, denn auch er traute dem unheimlichen Feldherrn zu, daß er sich teuflischer Künste bediene. Aber einer Antwort ward er enthoben. In dem Augenblick jagte eine königliche Ordonnanz heran, ein junger Offizier von den småländischen Reitern. »Der König hat die feindliche Reiterei auf dem rechten Flügel geworfen. Er befiehlt, daß überall die Infanterie vorrücken soll zum Sturm auf die Batterien!« meldete er. »Sagt der Majestät: Ich bin schon dabei. Da kommen meine Kanonen. Wie geht's dem Könige?« »Gut, gut!« rief der schwedische Rittmeister und stob von dannen. Zwei Minuten später hatte Bernhards Fußvolk die Landstraße überschritten und stürzte sich voller Wut und Kampfbegierde auf die feindliche Infanterie. Aber trotz aller Tapferkeit gelang es ihnen nicht, die Kaiserlichen auch nur um einen Schritt zurückzudrängen. Die Colloredoschen Füsiliere waren eine erlesene Truppe und dazu gewaltig in der Überzahl, und so viele ihrer niedergehauen und geschossen wurden, es traten immer sofort andere in die Lücken, und auch als der Herzog selbst das zweite Treffen heranführte, war der eiserne Ring nicht zu durchbrechen. Es schlug die Mittagsstunde auf dem Turm des brennenden Lützen, da führte der Herzog selbst die Sturmkolonnen zurück. Die Feinde drängten nicht nach, denn sie waren selbst aufs furchtbarste erschöpft; auch war es wohl der Plan des Friedländers, das feindliche Heer sich bei einem zweiten Ansturm noch mehr verbluten zu lassen. So entstand hier zwischen den beiden Armeen ein Zwischenraum, fast so breit wie er gewesen war beim Beginn der Schlacht, und abgesehen von einigen Schüssen, die noch gewechselt wurden, trat eine kurze Kampfespause ein. Bernhard war bald hier, bald da, ordnend, ermunternd, anfeuernd, und auf seinen Ruf und Befehl hin schlossen sich die Glieder der Regimenter von neuem. Eben war er im Begriff, die Seinen zum zweiten Male zum Sturm zu führen, da bot sich ihm ein Anblick, der ihm ein paar Augenblicke das Blut in den Adern erstarren ließ. Von rechts her, wo im Zentrum der Schlacht Reiterei und Fußvolk durcheinanderwogten, brach aus dem Pulverdampf ein lediges Roß hervor. Es war über und über mit Blut bedeckt und raste eine Strecke weit zwischen den beiden Heeren über den zerstampften und zerwühlten Boden hin. Dann stand es mit einem Male still, stieß mehrmals hintereinander seinen schrillen, gräßlichen Todesschrei aus und sank sterbend zusammen. Bernhard bog sich auf seinem Gaule weit vor und stierte ungläubig und entsetzt das verröchelnde Tier an. Äffte ihn ein schrecklicher Spuk? Das war doch des Königs braunes Leibroß, das den Helden in die Schlacht getragen hatte?! Was war geschehen? War das Furchtbare Wahrheit? War er gefallen? Noch hielt der Herzog starr auf seinem Rosse, da preschte der General Graf Knipphausen heran. »Der König ist tot. Es ist alles verloren!« »Nein!« schrie Bernhard und reckte sich hoch in den Bügeln auf. Die lähmende Starrheit war im Nu von ihm abgefallen, und eine schreckliche Erbitterung hatte ihn erfaßt. »Nein! Nichts ist verloren« »Aber der rechte Flügel weicht schon!« klagte Knipphausen. »Anhalt!« rief Bernhard dem Führer des zweiten Treffens zu, der eben herankam, »der König ist gefallen. Ich habe das Kommando! Ihr bleibt hier stehen und greift nur an, wenn die Friedländischen über die Gräben kommen. Sonst erwartet Ihr weitere Order!« Damit wandte er sein Roß und jagte hinüber nach dem rechten Flügel. Dort formierten gerade Stahlhanske und Eberstein, so gut es ging, die Reiterregimenter neu, die von dem kaiserlichen Fußvolk zurückgeschlagen waren. Die beiden Obristen weinten vor Wut und Schmerz, denn sie wußten schon, daß der König gefallen war, und verzweifelten am Sieg. Nur einen ehrenvollen Rückzug gedachten sie sich zu erkämpfen. Da tauchte plötzlich in ihrer Nähe der Herzog von Weimar auf und seine Stimme schmetterte wie rollender Donner in die bestürzten, entmutigten Reihen: »Finnen! Deutsche! Schweden!« rief er, »euer König und unser Verfechter der Freiheit ist tot. Für mich ist das Leben kein Leben mehr, wenn ich seinen Tod nicht rächen soll. Wohlan! Greift unverzagt den Feind an! Wer beweisen will, daß er den König lieb gehabt hat, der tue es jetzt. Folgt mir und fechtet als ehrliche Soldaten!« Damit riß er dem Fahnenträger des småländischen Regimentes die Standarte aus der Hand, wirbelte sie mit der linken Hand hoch in der Luft empor, warf sein Roh gegen den Feind herum und sprengte, den blanken Degen in der Rechten schwingend, gerade auf die Linien der Kaiserlichen los. Einen Augenblick stutzten die Reiter. Dann brach ein lauter Schrei aus aller Munde, und vorwärts ging's hinter dem Führer her in wildem Rosseslauf. Wie eine verheerende Hagelwolke brausten die sechs Regimenter daher, unaufhaltsam, alles niederreitend. In Zeit von wenigen Minuten war die feindliche Kavallerie geworfen, zersprengt, auf die Vierecke des Zentrums zurückgeschleudert und diese selbst dadurch zum Weichen gebracht. Wie ein gemeiner Reiter hatte Bernhard mit eingehauen. Nun aber, als er sah, daß die Feinde wichen, zügelte er sein Roß und ließ seine Leute unter ihren Obristen weiterkämpfen. Er ritt wieder hinüber zum linken Flügel, und nach einem furchtbaren Gemetzel gelang es auch hier, die feindlichen Regimenter zurückzudrängen und die Batterie zu nehmen. Der Tag war für den Friedländer verloren, und auch Pappenheim, der am Nachmittag mit seinen Reitern eintraf, vermochte nicht mehr, dem Schicksal in die Zügel zu fallen. Wohl schien es einen Moment, als werde er dem vordringenden Herzog von Weimar mit seinen frischen Truppen doch noch den Lorbeer entreißen, aber eine tödliche Kugel traf ihn und warf ihn auf den Sand. Da ergriff seine Kürassiere, die ihn für fest gehalten hatten, eine abergläubische Furcht, und sie flohen eilig von dannen. Nur bei den drei Windmühlen in der Nähe des brennenden Lützen tobte noch in der Abenddämmerung der Kampf, aber als die früh hereinbrechende Novembernacht ihre dunklen Fittiche über das Land legte, da gingen auch dort die Kaiserlichen zurück, ihre Glieder lösten sich auf, und die geschlagenen Männer warfen Panzerstücke und Waffen weg, weil sie ihnen auf der Flucht hinderlich waren. Die Sieger blieben auf der schwer erkämpften Wahlstatt und schickten sich an, wie Brauch war, hier die Nacht zu verbringen. Von einer Verfolgung der Feinde konnte gar nicht die Rede sein, denn die Mannschaften und Pferde waren bis auf den Tod erschöpft. Die Troßknechte und Buben kamen aus dem Lager von Meuchen herbei, suchten Holz und Reisig und zündeten Feuer an. Um diese Feuer lagerten sich die müden Krieger; kein Scherzwort wurde laut, kein Liederklang, nur das Ächzen der Verwundeten unterbrach die schauervolle Stille der Nacht. Der Sieg war wohl erstritten, aber die Siegesfreude fehlte. Es war zu viel edles Blut geflossen; selbst den älteren schlachterprobten Kriegern graute es, als sie die Leichenhügel beim matten Schein der Feuer liegen sahen. Und hätte man auch alle diese Tausende verschmerzen wollen – einen konnte man nicht verschmerzen, einer war nicht zu ersetzen. Der König, der Herz und Haupt seines Heeres gewesen war, zu dem jeder einzelne aufgeblickt hatte wie zu einem Vater – der König war tot. Herzog Bernhard ritt neben dem Fürsten von Anhalt nach Meuchen zurück. Er wollte dort in einem Bauernhause ein paar Stunden schlafen und dann wieder Knipphausen ablösen, der jetzt auf dem Schlachtfelde wachte. Das Suchen nach des Königs Leichnam hatte er aufgegeben, nachdem er fast eine Stunde lang bei Fackelschein mit einer Schar Getreuer auf der Walstatt umhergeirrt war. Der anhaltische Vetter sprach, um ihn aufzuheitern, von der herrlichen Viktoria, die sie errungen, und von dem Strahlenglanze des Ruhmes, den er sich um sein Haupt gewunden hätte. Aber Bernhard hörte kaum, was er sagte, und erwiderte ihm kein Wort. Er überdachte, was des Königs Tod bedeuten mochte für Deutschland, für die Sache des reinen Evangeliums und für sein eigenes Schicksal, und der heißeste Schmerz und die tiefste Trauer füllten seine Seele. In starrem Schweigen ritt er ein in das Dorf, das wieder, wie am Morgen, voller Soldaten war. Auf dem Platze vor der Kirche brannten zwei helle Feuer, und zwischen ihnen erkannte er den alten Schulmeister von Meuchen, der, von schwedischen Reitern umringt, mit Hobel und Beil starke, breite Bretter bearbeitete. Denn der Alte war nicht nur Lehrer der Kinder und Küster des Kirchleins, er wußte sich auch als Tischler sein Brot zu verdienen, ja seine Hände erwarben ihm oft mehr, als ihm die Arbeit seines Kopfes einbrachte. Der ungewöhnliche Anblick des schreinernden Kinderlehrers riß den Herzog aus seinen Gedanken. Er lenkte sein Roß zu ihm hin und fragte: »Was tust du da?« Der Alte, in die Arbeit vertieft, hatte nicht acht gehabt auf sein Kommen. Jetzt wandte er sich rasch herum, und als er den Herzog erkannte, sank er auf die Knie und hob beide Arme zum Himmel empor. »Gelobt sei Gott!« rief er, »es ist noch einer Übrig, der den Streit des Herrn führen kann auf Erden wider die Söhne des Abgrundes, die Christi Reich zerstören wollen! Fürchte dich nicht, du kleine Herde, denn es ist deines Vaters Wille, dir das Reich zu geben. Der Löwe aus Mitternacht, den der Herr gesandt hatte nach den Worten seines Propheten, ist tot, und wir zimmern hier seinen Sarg, aber – –« »Wie?« unterbrach ihn Bernhard. »Des Königs Sarg? Habt ihr seinen Leichnam gefunden?« Der alte Küster deutete nach der Kirche. »Dort, wo er heute früh noch den Leib und das Blut des Herrn empfangen hat, dort liegt nun sein Leib mit der blutigen Wunde, die ihm die Mordknechte des Friedländers beigebracht haben. Und wollt Ihr hören, gnädiger Herr, wie der gottselige Held gestorben ist, so kommt mit in mein Haus. Dort liegt der Page, der Euch heute früh zum Könige rief, und ein Arzt ist bei ihm und verbindet ihn, und wenn es Gott gefällt, so kann er wohl gerettet werden. Denn die Jugend kann oft überstehen, was keiner für möglich hält.« Bernhard hörte schon längst nicht mehr auf das, was der Alte in seiner feierlichen, gesalbten Redeweise sagte. Sofort nach seinen ersten Worten hatte er sich zu der Kirchhofspforte hingewendet, durchschritt rasch das schmale Stück des Friedhofes und trat in das Gotteshaus ein, indem er die vor der Tür wachenden Offiziere mit einem kurzen Neigen des Hauptes grüßte. An der Stelle, wo er heute früh mit Gustav Adolf gekniet hatte, stand ein rohgezimmerter Holztisch, und auf ihm lag die Königsleiche. Man hatte sie bereits gewaschen, in Leinen gehüllt und eine Decke von blauem Samt darüber hingebreitet. Das edle Antlitz schimmerte wachsbleich im Scheine der Altarkerzen, die es aus nächster Nähe voll beleuchteten. Man konnte den Zügen des Toten nicht ansehen, daß er auf gewaltsame Weise sein Leben verloren hatte, denn sie waren voll des tiefsten Friedens. Bernhard trat schweigend an die Leiche heran und sank dann an ihrer Seite auf die Knie. Ein Tränenstrom stürzte aus seinen Augen, und ein Weinkrampf schüttelte seine Glieder. So lag er, die Hände gegen das Holz des Tisches gepreßt, eine geraume Zeit, und nur mühsam vermochte er sich endlich zu fassen. Er erhob sich, drückte einen Kuß auf die bleiche Stirn des Toten und wandte sich dann dem Ausgange zu. Es stand bei ihm fest, daß er die teure Leiche am nächsten Morgen früh selbst nach Weißenfels zur Königin bringen müsse, und er schickte sich an, die nötigen Befehle zu geben. Da löste sich aus dem Dunkel des Hintergrundes der Kirche eine riesige Gestalt, die dort wohl schon lange gestanden haben mochte, und kam mit schweren Tritten auf ihn zu. Um die zerschundene Stirn trug der Hüne ein blutiges Tuch, und sein Panzer war vom Blut und Staub der Schlacht noch über und über bedeckt. Bernhard erkannte den schwedischen Obristen Stahlhanske, und eine Röte des Zornes stieg ihm ins Gesicht, Schämte er sich auch seiner Tränen nicht, so war es ihm doch widerwärtig, daß gerade der sie gesehen hatte. Denn Stahlhanske war wohl der tapferste Mann des Heeres, aber rücksichtslos und hart und ihm von jeher abgeneigt. Er wollte mit einem finsteren Blicke und ohne Gruß an ihm vorüber, aber aufs höchste erstaunt blieb er stehen, denn er sah, daß der Riese plötzlich das Knie beugte. »Herr Herzog von Weimar,« sprach er mit seiner tiefen, ungefügen Stimme, »ich war Euch feind. Ihr wißt es. Aber heute bitte ich Euch das ab. Von heute bin ich Euch Freund und ergebener Diener. Ihr habt meinen König gerächt und seine Schlacht gewonnen. Wart Ihr nicht, so war es aus mit unserem Ruhme. Darum müßt Ihr nun unser Heer führen alle Tage, bis der Krieg ein Ende hat.« Er stand schwerfällig auf und stieß sein Schwert auf den Boden. »Das sage ich, Herr Herzog, und verflucht sei, wer anders redet!« »Herr Obrist Stahlhanske,« erwiderte Bernhard, »was Ihr da sagt, löscht allen Groll in meinem Herzen. Ich danke Euch. Gebt mir Eure Hand; es gibt keinen in der Armee, der heute mehr getan hätte wider den Feind! Ich nehme Eure Freundschaft und Euer Gelöbnis an. Überträgt mir die Krone Schwedens den Befehl, so rüste mich Gott der Herr mit der Kraft dazu aus, daß ich ihn allezeit wie heute führe.« III. In einem Bauernhause zu Meuchen hatten sich am Morgen des folgenden Tages die Führer des siegreichen Heeres zum Kriegsrat versammelt. Viele waren es nicht, die sich da auf Herzog Bernhards Befehl eingefunden hatten, denn die größere Hälfte der Generale und Obristen lag tot auf dem Schlachtfelde oder verwundet in den Häusern des Dorfes. Trotzdem vermochte der enge, niedrige Raum die Herren kaum zu fassen, so daß mehrere auf dem Ehebette des Bauern in der Ecke Platz nehmen mußten. Es herrschte eine so bedrückende Stille in der Stube, daß es fast den Anschein hatte, als habe man sich zu einem Leichenbegängnis versammelt, und als die letzten der Geladenen, die Obristen Lohusen und Eberstein, jetzt über die Schwelle traten, wurden sie von den Nächststehenden nur durch einen stummen Händedruck begrüßt. »Ihr Herren!« begann Herzog Bernhard, der in einer der schmalen Fensternischen mit dem Rücken gegen die Scheibe stand. »Ich habe Euch hierher entboten, damit wir eilend festsetzen, was nun geschehen soll, unser großer König und Feldherr ist tot, Gott sei's geklagt. Er war uns allen, Schweden und Deutschen, ein Vater, und wie Waisen müssen wir uns fühlen, und über seinen Tod trauern wir, so lange wir leben. Aber das darf uns nicht hindern, schnell und entschieden zu handeln, und vor allem müssen wir da eines wissen: Wer soll von heute an das verwaiste Heer führen an Stelle dessen, der nicht mehr unter uns ist?« »Ihr!« rief Stahlhanske, der auf der niedrigen Ofenbank saß und seine gewaltigen Beine mit den Rädersporen durch das halbe Zimmer strecken mußte. »Hat nicht der König Euch den Befehl übertragen? Und habt Ihr nicht gestern gezeigt, daß er damit recht getan hat?« Beifallsgemurmel von allen Seiten. Aber aus dem Hintergründe des Gemaches kam eine ernste, ruhige Stimme: »Ich protestiere um des Gewissens willen.« Alles fuhr herum und blickte den Sprecher voll ungläubigen Staunens an. Das war ja unerhört und kaum zu fassen! Denn der sich dort in der halbdunklen Ecke erhoben hatte und nun mit bekümmerter Miene nach dem Herzog hinblickte, während er die rechte band wie abwehrend erhob, war Bernhards drei Jahre älterer Bruder Ernst, unter allen deutschen Fürsten und Fürstensöhnen, die das Heer in seinen Reihen zählte, der Untadeligste und Frömmste. Das Verhältnis zwischen den beiden weimarischen Brüdern, das wußte jeder, war das denkbar herzlichste, von Neid des Älteren gegen den hochbegabten Jüngeren war nie die Rede gewesen. Was also in aller Welt mochte den einen Herzog zu Sachsen bewegen, dem andern die Ehre der Erhöhung zu mißgönnen? Bernhard selbst wußte sich offenbar den Einspruch seines Bruders ebensowenig zu erklären wie die andern, denn auch er blickte erstaunt und verblüfft, wie sie alle, nach ihm hin. »Ja, Herren und Freunde, um des Gewissens willen,« sagte Herzog Ernst und legte die Hand aufs Herz. »Gott ist mein Zeuge, daß ich dir, lieber Bruder, den höchsten Befehl von ganzem Herzen gönnen würde, wenn er dir gebührte. Aber er gebührt dir nicht. Des seligen Königs Majestät hat Order gegeben, daß du in der Schlacht kommandieren solltest, wenn er fallen sollte. Mehr nicht. Der oberste Befehl muß nach seinem Tode in die Hände unseres ältesten Bruders Wilhelm gelegt werden, denn er hat die höhere Charge, ist der Krone Schwedens Generalleutnant und hatte schon jetzt das Kommando nach dem Könige. Somit würdest du ihn beleidigen, wenn du ihm vorenthieltest, was ihm zusteht.« Zorniges Murren erklang von allen Seiten und schwoll jetzt so stark an, daß Herzog Ernst seine Rede unterbrach. Am Ofen erhob sich mit düsterrotem Gesicht der Obrist Stahlhanske, stemmte sich mit beiden Händen auf sein breites Schwert und rief trotzig: »Was geht uns das Erstgeburtsrecht des Herzogs Wilhelm an? Hier soll der Tüchtigste Herr sein, nicht der Älteste!« »Nicht zu Euch sprach ich, Obrist Stahlhanske,« versetzte der junge Ernestiner so ruhig wie vorher. »Ich sprach zu meinem Bruder. Und dich, Bernhard, bitte ich dringend, ja, ich beschwöre dich, daß du unserm ältesten Bruder die Ehre gibst, die ihm gebührt.« Herzog Bernhards Gesicht war leicht erblaßt. Er heftete seine Augen mit einem finsteren Ausdruck auf seines Bruders Antlitz und sprach kalt und schneidend: »Den Oberbefehl hat die Krone Schwedens zu geben. Ehe sie sich entschieden hat, muß das Heer sich schlüssig machen, wem es gehorchen will bis dahin. Bedünkt es den Herren, daß mein Bruder Wilhelm das bessere Recht habe, so wollen wir ihn wählen und von Erfurt herbeiholen, wo er jetzt unpaß liegt.« »Nein, nein!« schrie es von allen Seiten. »Ihr sollt uns führen!« Des Herzogs Augen blitzten auf. »Wer nicht will, daß ich den obersten Befehl führe, den bitte ich, die Stube zu verlassen.« Herzog Ernst trat vor seinen Bruder hin und blickte ihm traurig und kummervoll ins Gesicht. »Ich kann nicht anders,« sagte er leise. »Du greifst heute in ein fremd Amt, was die Heilige Schrift verbietet. Somit kann ich nicht Deiner Wahl beistimmen, denn wehe dem, der wider sein Gewissen handelt!« Er suchte seines Bruders Hand und sprach noch leiser, so daß er kaum den Nächststehenden verständlich war: »Bernhard! Noch einmal: laß dich warnen. Nimm nicht, was unserm Bruder gehört!« »Ich nehme niemandem, was ihm gehört,« erwiderte der Herzog unwillig. »Auch suche ich nicht meine Ehre, wenn ich das Kommando übernehme, sondern ich tue es um des lautern Evangeliums willen und zu Nutzen der schwedischen und deutschen Völker.« »Du verblendest dich, Bruder, oder vielmehr der Teufel verblendet dich,« sagte Herzog Ernst und ließ seine Hand los. »Doch ich kann dich nicht zu meinem Willen zwingen, und deshalb muß ich Urlaub und Abschied von dir und dem Heere nehmen. Meines Eides bin ich ledig, denn der König ist tot, dem ich ihn geleistet habe. Meine Bestallung als Obrist eines Reiterregimentes lege ich nieder und kehre heim. Gehab dich wohl, Bruder. Gott schütze dich auf deinen Wegen, die nicht mehr die meinen sein können.« Bernhard machte unwillkürlich eine Bewegung, als ob er ihn zurückhalten wolle, aber Herzog Ernst sah nicht mehr die ausgestreckte Hand seines Bruders, sondern trat, ohne sich noch umzublicken, durch die niedere Tür ins Freie hinaus. Mit düstern Blicken und zusammengepreßten Lippen starrte Bernhard auf die Stelle hin, wo er verschwunden war. Erst nach einigen Augenblicken wandte er sich wieder den im Gemache Versammelten zu, und nun straffte sich seine schlanke Gestalt, und seine Blicke flogen blitzend über die kriegerischen, mit Narben gezeichneten Gesichter hin. »Da ihr also die Bedenken meines Herrn Bruders Liebden nicht teilt, werte Kriegsgesellen, so schwört mir, daß ihr mir treu und gehorsam sein wollt, bis daß die Vormünder der kleinen Königin Christine bestimmen, wer hinfüro die Armee als oberster Befehlshaber führen soll!« Jeder der Generale und Obristen reckte seine rechte Hand in die Höhe und sprach die gebräuchliche Formel des Eides: So wahr mir Gott helfe in diesem und in jenem Leben. »So hört denn, was ich befehle!« rief Bernhard. »Der Status des Heeres ist derart, daß eine Verfolgung des Feindes noch nicht rätlich ist. Die Regimenter müssen erst neu formiert werden. Deshalb, Graf Knipphausen, führt Ihr die Armee nach Weißenfels zurück in die Quartiere. Ihr, Obrist Stahlhanske, eskortiert mit den Småländern, soviel deren noch übrig sind, den Sarg des Königs und bringt ihn in die Weißenfelser Stadtkirche. Ihr, Obrist Rosen, laßt sogleich hundert Reiter von Eurem Regiment aufsitzen, damit sie mich geleiten. Denn ich reite vorauf den Herren nach Weißenfels, damit die Majestät aus meinem Munde die schwere Kunde empfängt von ihres Herrn und Gemahls Ableben.« Den Befehlen des Herzogs wurde sofort Gehorsam geleistet, und eine halbe Stunde später ritt er an der Spitze von hundert finnländischen Reitern die Straße dahin, die nach Weißenfels führte. Es war ein prachtvoller Herbstmorgen. Der mit leichten Wölkchen bedeckte Himmel stand in voller Rosenglut, und ein frischer Wind strich über die Felder hin. Aber er vermochte nicht, den üblen Brandgeruch zu vertreiben, der über der ganzen Gegend lag. Auch als die Schar das noch immer brennende Lützen längst im Rücken hatte, änderte sich das nicht, und Bernhard wußte wohl, woher das kam, denn er war erst vor zwei Tagen dieselbe Straße gezogen. Alle die reichen Dörfer in der Runde hatte das Wallensteinsche Heer auf seinem Durchzug geplündert, verwüstet und in Brand gesteckt. Daß da und dort noch Häuser und Ställe standen, war nur der nassen Witterung zu danken. Der Regen hatte dem Zerstörungswerke der Kroaten und Wallonen Halt geboten. Aber halb Röcken lag in Asche, und als man durch Rippach ritt, schwelten rechts und links vom Wege noch die in Schutt gesunkenen Gebäude. Es herrschte in der Dorfstraße ein so abscheulicher Geruch, daß der Herzog voller Entsetzen auf den Gedanken kam, es müßten da wohl unter dem rauchenden Gebälk menschliche Leichen verkohlen. Denn an Tierkadaver war nicht zu denken; das Vieh hatten die Kroaten sicherlich bis auf das letzte Schaf hinweggetrieben. Mit tief gesenktem Haupte und gefurchter Stirn ritt er aus dem verwüsteten Dorfe heraus. Er war ein Kriegsmann, und der Kampf war sein Lebenselement. Nie schlug ihm das Herz höher, als wenn die Signalhörner zum Angriff bliesen, die Klingen blitzend aus den Scheiden fuhren. Diese Lust am Fechten und Schlagen war wohl uraltes Ahnenerbe, das er in höherem Maße überkommen hatte als einer seiner Brüder. Aber zuweilen befiel ihn ein Grauen vor einem Kriege, der, wie es schien, kein Ende nehmen wollte, kein Ende nach vierzehn Jahren. Denn was sollte aus Deutschland werden, wenn Jahr für Jahr hundert und mehr Städte und Dörfer in Schutt und Asche sanken, Tausende friedlicher Bürger und Bauern der unmenschlichen Wut der Kriegshorden zum Opfer fielen oder durch Hunger und Entbehrungen elend zugrunde gingen? Kam wirklich der jüngste Tag heran, wie die Prediger auf den Kanzeln verkündigten? Und sollte etwa der größere Teil der Menschheit in einem Meere von Blut und Tränen versinken, ehe Gottes großes und furchtbares Weltgericht hereinbrach? Rossewiehern etwa hundert Schritte vor ihm schreckte ihn aus seinen Gedanken auf. Die Spitzenreiter, die ein gutes Stück vorausritten, hatten die beiden Kriegsleute, die da herankamen, nach kurzem Zuruf ruhig passieren lassen, denn sie trugen die Farben des weimarischen Regimentes Taupadel. Der eine war ein Offizier, der andere ein gemeiner Reiter. Der Offizier zügelte auf der Stelle sein Roß, als er sah, daß ihn der Herzog bemerkte. Er riß den Hut vom Kopfe, schwenkte ihn zum Salut und erwartete die Anrede des Fürsten. »Was bringt Ihr, Kornett von Germar?« rief ihm Bernhard zu, als er ziemlich nahe an ihn herangekommen war. »Briefe Seiner fürstlichen Gnaden des Herzogs Wilhelm an die Königliche Majestät von Schweden!« Der Herzog ritt dicht an ihn heran. «Wie geht es meinem Bruder?« fragte er mit gedämpfter Stimme. »Gnädiger Herr, ich kann nichts Gutes melden. Seine fürstliche Gnaden liegen fest seit mehreren Tagen. Die Doktoren reden von einem gastrischen Fieber und meinen, er werde erst nach Wochen wieder ein Roß besteigen können.« Ein Blitz zuckte über das Gesicht des Herzogs hin. »Das ist sicher?« »Ich hab' es gehört vom Herrn Obristen von Taupadel.« »Dann wird es wohl seine Richtigkeit haben,« sagte der Herzog. Sein Antlitz war mit einem Male sehr ernst geworden, und er blickte eine Weile schweigend vor sich hin. Dann hob er das Haupt. »Den Brief gebt mir,« befahl er. »Denn wisset, gestern war eine große Schlacht. Die Viktoria war unser, aber der König ist gefallen.« Der Kornett schrie laut auf. »Tot? Tot – die Majestät?« stammelte er entsetzt und sah den Herzog mit schreckensstarren Augen an. »Ja, Gott hat ihn zu sich genommen,« entgegnete Bernhard mit tiefem Ernst. »Und ich bin nach seinem Befehl und nach Wahl der Feldobristen der oberste Führer der Armee, die er hinterlassen hat. Also gebt mir den Brief, der an ihn gerichtet war.« Der Kornett nestelte schweigend ein versiegeltes Paket aus seinem Wamse und reichte es dem Herzog dar. Seine Hände zitterten dabei, und aus seinen schwarzen Augen fielen einige Tränen herab, denn die Nachricht, die er eben erfahren hatte, erschütterte sein jugendliches Gemüt tief. Herzog Bernhard schnitt die Schnüre des Paketes mit seinem Degen entzwei, erbrach das Siegel und las die Schrift. Dann steckte er den Brief in seine Satteltasche und sprach nachdrücklich und bedächtig: »Eine schriftliche Order, Kornett von Germar, kann ich Euch hier auf der Landstraße nicht geben. Darum merket wohl auf das, was ich Euch sage. Ihr reitet diese Straße weiter, da stoßt Ihr auf das Heer. Ihr meldet Euch beim General von Knipphausen, der kommandiert an meiner Statt. Der soll Euch zu meinem Bruder Ernst bringen lassen, und Seiner Liebden meldet Ihr, ich müsse ihn heute noch auf jeden Fall in Weißenfels sprechen. Es wäre sehr eilig und wichtig, was ich mit ihm zu verhandeln hätte, und es beträfe unsern Bruder Wilhelm. Habt Ihr verstanden?« »Jawohl, fürstliche Gnaden.« »So reitet hin!« Er nickte ihm gnädig einen Gruß zu und wandte sein Roß, um weiterzureiten, als der Kornett mit lauter Stimme rief: »Dort kommt ja Seine fürstliche Gnaden Herzog Ernst.« Bernhard beschattete die Augen mit der Hand und blickte rückwärts. Richtig – aus dem Dorfe Rippach trabte eben eine kleine Reiterschar heraus, an deren Spitze Herzog Ernst ritt. »Es ist gut, Germar!« sagte der Herzog. »Ihr braucht nun nicht erst zu Knipphausen, sondern kommt mit mir nach Weißenfels!« Dann lenkte er das Roß auf seinen Bruder zu und rief: «Begleite mich, Ernst, ich habe dir Ernstes und Wichtiges zu künden!« Er winkte den Reitern, daß sie zurückbleiben möchten, und als er nun eine Strecke vor ihnen an der Seite Ernsts dahinritt, sagte er: »Ich werde unserm Bruder Wilhelm in besonderem Schreiben meine Wahl zum obersten Befehlshaber anzeigen und werde ihn bitten, daß er sie bestätige.« Über das feine Gesicht des älteren Herzogs flog ein Freudenschimmer. »Du hast dich besonnen? Gott sei gepriesen!« »Ich will dir nicht edler erscheinen, als ich bin,« versetzte Bernhard trocken. »Wilhelm ist nicht unpaß, wie ich wähnte, er ist sehr krank. Hier lies, was er dem Könige schreiben läßt. Germar brachte mir den Brief.« Ernst hob das Blatt zu seinen etwas kurzsichtigen Augen empor und ließ es gleich darauf erschrocken sinken. »Steht es so mit ihm, dann werde ich sogleich zu ihm nach Erfurt reiten.« »Und du wirst mein Schreiben mitnehmen, das wir nachher in Weißenfels aufsetzen.« Ernst faßte seines Bruders Rechte und drückte sie kräftig. »Ich danke dir, daß du Rücksicht nimmst auf seine Krankheit und deinen Ehrgeiz zurückstellst,« rief er laut. »Du irrst dich, wenn du meinen Entschluß aus meinem Edelmut erklärst,« erwiderte Bernhard. »Gewiß freue ich mich, daß ich sein Gemüt jetzt nicht aufzuregen brauche. Ich brauche es nicht, denn er ist auf Wochen hinaus krank und muß mich schalten lassen nach Belieben. Wäre er gesund, so dürfte ich ihm den Befehl auf keinen Fall überlassen. Denn in drei Tagen müssen wir anfangen, den Feind zu verfolgen. In dreißig Tagen wäre Wilhelm noch nicht so weit, wenn die Sachen in seiner Hand lägen. An jedem kühnen Wurfe hindert ihn seine Bedenklichkeit, das hat er nun seit mehr als Jahresfrist gezeigt. Darum wird auch das Heer niemals dulden, daß er an des Königs Stelle tritt. An diese Stelle gehört ein Feldherr. Der bin ich und außer mir unter den deutschen Fürsten keiner.« »Deine großen Fähigkeiten und deine Meriten im Felde kann dir niemand bestreiten, und ich habe mich ihrer stets ohne Neid gefreut, obwohl du der Jüngere bist. Auch muß ich dir zugestehen, daß Wilhelm gern zaudert und zögert. Aber ich sehe Streit und Bruderzwist voraus, wenn du dich über ihn erheben willst, und das beschwert mir das Herz und macht mich traurig. Es ist so viel Unfriede in der Welt – möchten wir Brüder doch wenigstens friedlich miteinander leben!« Jetzt griff Bernhard nach seines Bruders Hand. Etwas wie Rührung zeigte sich in seinem Antlitz und zugleich ein leichtes Spottlächeln. »Tu bist eine Seele, Ernst, die eigentlich zu gut ist für diese Welt!« rief er. »O, ihr seid alle so gut und bieder und trefflich, du und Wilhelm und Albrecht, daß ich mir zuweilen wie ein schwarzes Schaf erscheine, das durch einen Zufall in eine Herde von lauter weißen geraten ist. Ich glaube, ihr ertragt oftmals nur mit Seufzen den Bruder, der mit euch nicht gleicher Gemütsart ist.« »Nein!« erwiderte Ernst lebhaft. »Wir haben dich alle lieb und sind stolz auf dich. Auch Wilhelm, obwohl er als Senior des Hauses es dem viel jüngeren Bruder nicht gerne zeigt. Aber du machst es uns hin und wieder nicht leicht, in brüderlicher Freundschaft mit dir zu leben, denn in dir ist ein Dämon, der Dämon des Ehrgeizes, und deine Gedanken steigen allzuhoch und erheben sich weit über uns alle hinaus, und du schreckst auch nicht davor zurück, ein Recht zu verletzen um deines Ehrgeizes willen. »Ja!« rief Bernhard mit starker Stimme, »das leugne ich nicht: es lebt in mir die brennende Sucht, Großes auszurichten auf Erden. Aber jetzt ist's nicht der Ehrgeiz, der mich treibt, nach dem Feldherrnstabe zu greifen. Des Königs Tod ist der härteste Verlust, der unsere Sache betreffen konnte, und in der furchtbar ernsten Lage darf nur der kommandieren, der wirklich die Kraft des Entschlusses hat. Und noch etwas ist's, was mich bestimmt. Vor den schwedischen Herren in Meuchen konnte ich dir's freilich nicht sagen, aber jetzt will ich dir's sagen, denn ich möchte, daß du mich begreifst. Aber dein Wort darauf, daß es unter uns bleibt.« »Meine Hand und mein Wort!« »Gebieter des Heeres wird jetzt der schwedische Reichsrat und mit seiner Vollmacht der Kanzler Oxenstierna. Der wird alles daran setzen, seinen Schwiegersohn, den General Horn, an die erste Stelle zu bringen. Unsern Bruder Wilhelm kann er ruhig beiseite schieben, denn für den regt sich im Heer keine Hand. Ich aber habe das Vertrauen der Obristen, sogar seit gestern der meisten schwedischen, und die Liebe des gemeinen Mannes. Mich kann er nicht beiseite schieben, denn dann werden die Kriegsvölker schwierig. Und so entgehen durch mich die deutschen Reichsfürsten dem Geschick, daß ihr oberster Befehlshaber ein schwedischer Edelmann wird. Das Heer ist schon zur größeren Hälfte deutsch und ficht auf deutschem Boden. So gehört ein Deutscher an seine Spitze und einer, der von fürstlichem Blut ist, denn es kämpfen hundert Grafen und Fürsten in seinen Reihen. Die wollen und sollen befehligt werden von einem ihresgleichen.« Ernst blickte erstaunt den Bruder an. "Du zeigst mir die Sache in einem ganz neuen Lichte.« »Ich gedenke sie dir noch ausführlicher darzulegen, wenn wir heute einmal allein sind. Jetzt aber wollen wir unsere Gäule zu schnellerem Laufe antreiben, denn wir kommen sonst allzuspät nach Weißenfels.« – An dem Tore der Stadt, das sie dreiviertel Stunden später erreichten, hatte sich viel Volks angesammelt, auch Ratsherren und angesehene Bürger waren darunter. Als die beiden Herzöge durch den Torbogen geritten waren, drängten sich die Leute an ihre Rosse heran, und der Stadtsyndikus nahm sein Barett ab und sagte mit einer tiefen Verneigung: »Mit Verlaub, Ihr Herren, ist es wahr, daß eine große Bataille gewesen und der große König des Todes verblichen ist?« »Herrgott, woher wißt Ihr das schon?« entfuhr es Bernhard. »Ein Gerücht – o Gott, es ist also wahr!« flüsterte der Alte und taumelte zurück. »Weiß es die Königin schon?« Der Greis zuckte die Achseln. »Mir ist das nicht bewußt!« »Wo wohnt die Majestät?« »Im Geleitshause. Das Schloß haben die Friedländer vor ihrem Abzuge so demoliert, daß –« »Ihr führt mich sogleich zu ihr. Alles andere erfahrt Ihr früh genug!« unterbrach ihn Bernhard gebieterisch, und der Syndikus ergriff gehorsam die Zügel seines Rosses und geleitete ihn zu dem Quartier der Königin. Mit düsterer Miene stieg Bernhard die breite Treppe empor. Da hörte er plötzlich von oben einen Schrei, und gleich darauf fühlte er sich von weichen Frauenarmen fest umschlungen. »Gundel! Liebstes Herz!« rief Bernhard und warf seine Arme um die Gestalt des laut aufweinenden Mädchens. »Ach Bernhard, Gott sei Dank, daß du lebst! Aber ist das Schreckliche wahr? Ist der König tot?« »Ja, Gott hat's gewollt. Weiß es die Königin?« »Es hat noch niemand gewagt, ihr's zu sagen. Wir wußten's ja auch alle nicht sicher.« »So komm, Liebste, führe mich zu ihr. Sie soll es durch keinen andern erfahren.« IV. Ein Tag und eine Nacht und wieder ein Tag waren vergangen, seit Gustav Adolfs Leiche in der Marienkirche zu Weißenfels aufgebahrt worden war. Man hatte sie aus dem rohgezimmerten Sarge, den der alte Schulmeister von Meuchen gefertigt hatte, herausgenommen und in einen prächtigen Metallsarg gelegt, und kunstreiche Ärzte hatten sie einbalsamiert. Denn sie sollte eine weite Reise antreten über Land und Meer in die ferne nordische Heimat. Dort sollte sie ruhen in der Ridderholmskirche, wo die steinernen Särge der schwedischen Könige standen. Es war in einer Nachmittagsstunde. Die frühsinkende Sonne des Novembertages goß eben im Scheiden ein fahlgelbes Licht aus über die grauen Mauern des Gotteshauses und über die Menschenmenge, die sich aus den Portalen herausdrängte. Es waren unter den Kirchgängern viele Bürger der guten Stadt zu sehen, die stumm und feierlich in ihren dunklen Trauergewändern dahinschritten, aber die Mehrzahl bildeten schwedische und deutsche Offiziere aller Grade und Waffengattungen. Das war nicht verwunderlich, denn in der Kirche hatte in Gegenwart der Königin ein Abschiedsgottesdienst stattgefunden. Noch am Abend sollte der Sarg verlötet werden, und auf den nächsten Morgen war seine Abfahrt festgesetzt. Die schweren småländischen Reiter waren dazu ausersehen worden, die sterblichen Reste des Helden mit der Königin und ihrem Gefolge nach dem Meere zu geleiten. Der Menschenstrom, der aus der breiten Tür herausflutete, verlor sich rasch in den nahe liegenden Gassen. Heute waren die Leute viel zu ernst gestimmt und zu bedrückt in ihren Gemütern, als daß sie hätten schwatzen und stehenbleiben und Neuigkeiten austauschen mögen, wie das wohl sonst beim Heimwege aus der Kirche geschah. Nur eine kleine Gruppe hoher Offiziere, Obristen verschiedener deutscher Regimenter, stand noch vor den Stufen beisammen, und ein kleiner Herr, dessen kühnes Gesicht mit dem eisgrauen Schnurrbart von Säbelnarben wie zerfetzt erschien, sprach leise, aber eindringlich und lebhaft gestikulierend auf sie ein. Er schien sich in großer Aufregung zu befinden, sprang aber doch behend zur Seite und verneigte sich tief mit den andern, als die Kirchentür noch einmal sich öffnete und an Herzog Bernhards Arme die Königin heraustrat. Maria Eleonore war tief verschleiert, so daß von dem stolzen, schönen Antlitz nichts zu erkennen war, und ihre hohe Gestalt erschien wie in sich zusammengesunken. Mit unsicheren Tritten und sich fest auf ihren Begleiter stützend, schritt sie zu der schwarzverhängten Staatskarosse, die in der Nähe hielt. Der Herzog half ihr hinein, und nachdem ihre Hofdame Platz genommen hatte, verschwand auch er im Innern des riesigen Kastens, und das ungefüge Prunkgefährt rasselte von bannen. Die vier Obristen blickten nachdenklich hinter ihm drein. »Schwerer Dienst für den Herzog!« brummte der lange Waldau und strich sich den roten Bart. »Gott straf mich! Zehnmal lieber jeden Tag eine Attacke auf den Feind, als den halben Tag lang die Weiber mit ihren Tränen und Heulereien!« »Der Düwel hol mer! Tu hast recht, Bruder!« knurrte der dicke Mitzlav. »Tut mer alle Mal in der Seele weh, wenn ich einen Kriegsmann mit den Hofdamen zusammen sehen muß! Aber der Herzog ist schlau, ach, der ist schlau! Der nimmt die Majestät jetzt ganz für sich ein, daß sie ihm den Oberbefehl bestätigt und ihn zum Generalissimus macht! Meint Ihr nicht auch, Pfuel?« Der kleine Mann, der vorhin so eifrig geredet hatte, warf ihm einen mitleidigen Blick zu und hüpfte von einem Bein auf das andere. »Mit Verlaub zu sagen: Unsinn, werter Herr und Freund! Die Majestät hat im Felde gar nichts zu sagen, oder sie hat nur eine Stimme unter vielen. Denn in Schweden regieren von nun an die Reichsstände, und die Königsgewalt wird nur ein Popanz. Und der wahre Regent von Schweden wird der Kanzler Oxenstierna – paßt auf, ihr Herren, so wird's! Und nun kann ich fortfahren, wo ich vorhin aufgehört habe. Wir kommen unter das Regiment eines Federfuchsers, ihr Herren, eines Federfuchsers, der kein Herz hat für die Soldaten, am wenigsten für die deutschen. Und was wird der Kerl tun? Sein Schwiegersohn ist der General Horn. Dem wird er den obersten Befehl zuschieben wollen. Der hat erst recht kein Herz für uns. Herren! Herren! Was wird die Folge sein? Wir werden nicht zu unserem Gelde kommen. Den Teufel auch! Was die tote Majestät uns noch schuldig war an Sold und Gage und Traktement, das wird uns nicht bezahlt werden. Und wir können unsere Soldaten nicht bezahlen, und da ziehen uns eines Tages die verwetterten Kerle die Kleider vom Leibe und mit den Kleidern das Fell! Paßt auf, ihr Herren, so wird's!« Er war während dieser Rede beständig von einem Bein auf das andere gesprungen, so daß es aussah, als verführe er eine Art von Tanz, und hatte, mit den Händen in der Luft herumfuchtelnd, die merkwürdigsten Grimassen geschnitten. Aber keiner seiner Zuhörer verzog den Mund zu einem Lächeln, denn seine Worte hatten an eine schwere Sorge gerührt, die jeder von ihnen tief im Herzen trug. Sie, die Obristen, hatten die Mannschaften für den König von Schweden angeworben, sie hatten den Leuten monatlich ihren Sold auszuzahlen. Nun konnte keiner der kriegführenden Potentaten seine Obristen regelmäßig befriedigen, denn keines Fürsten Einnahme war dazu groß genug. Auch Gustav Adolf hatte das nicht vermocht bei aller seiner Sparsamkeit und Rechtlichkeit. Sie hatten dem Kriegsherrn Geld vorgeschossen, damit der gemeine Mann entlohnt werden konnte, sie hatten, wie das in allen Heeren Brauch war, ihr Vermögen in ihre Regimenter gesteckt wie in ein Geschäft. Nun war der König tot, auf dessen Wort sie gebaut hatten! Würde die Krone Schwedens seine Verbindlichkeiten gegen sie auch redlich erfüllen? Würden sie alles zurückerhalten, was sie ausgegeben hatten, und würde für sie auch ein erklecklicher Gewinn herausspringen? Potz Wetter! Man legte sein Geld doch nicht in so unsicheren Werten an, um schließlich das ungeheure Risiko für nichts getragen zu haben. Man lag nicht Jahr für Jahr im Felde und trug in hundert Affären seine Haut zum Markte, um ohne Vorteil in die Heimat zu ziehen, wenn endlich der Friede kam! Man konnte es am wenigsten darauf ankommen lassen, daß die Soldateska meuterte, die immer wilder und zuchtloser wurde, denn dann konnten die Herren Obristen auch noch um das kommen, was sie besaßen, und mußten mit höchster Gefahr Leibes und Lebens wie gerupfte Hühner aus dem Lager stieben. Jeder der Wackeren hatte solche und ähnliche Gedanken in seinem bekümmerten Geiste gewälzt, nachdem die Schlacht vorüber war mit ihrem Lärmen und Tosen. Nun brachte der flinke Teufelskerl, der kleine Pfuel, mit seinen Worten ihnen erst recht zum Bewußtsein, was sie allesamt bedrückte. Deshalb hatten sie sich, während er redete, bedeutungsvoll zugenickt, die Barte gestrichen und sich hinter den Ohren gekratzt. Nun, da er zu sprechen aufhörte und mit einem kühnen Satze von der Stufe herabsprang, auf der er gestanden hatte, stießen sie alle drei wie auf Kommando ihre Schwerterscheiden grimmig auf den Steinen auf. »Mohrendonnerwetter und Blitz und Brand !« schrie Waldau. »Es könnte kommen, wie der Herr Bruder sagt.« Er wurde grünlich blaß dabei, denn der Gedanke erregte ihn gewaltig, weil er mit am meisten zu verlieren hatte. Pfuel hüpfte wieder auf die Stufe hinauf und fuhr fort: »Drum, Herren, sage ich: Der Herzog von Weimar ist die einzige Rettung für uns. Kein Schwede darf das oberste Kommando kriegen, keiner, am wenigsten Horn. Aber auch des Herzogs Bruder nicht, mag er auch ein guter Mann sein, denn er setzt nichts durch, ist viel zu zaghaft und bescheiden, sucht alles durch Beten und Singen vom lieben Gott zu erlangen. Uns aber liegt daran, daß wir zu unserm Gelde kommen, und das muß uns der Schwede geben, nicht der liebe Gott!« »Ja, zum Donnerwetter! Das wollen wir! Wir wollen zu unserm Gelde kommen!« riefen die andern. »Und wenn uns der Teufel dazu verhelfen müßte!« fügte Waldau hinzu. Pfuel hüpfte auf eine noch höhere Stufe. »Der Teufel soll uns nicht dazu verhelfen, sondern der Herzog von Weimar. Bleibt er an der Spitze, so kann er dem Kanzler Bedingungen stellen. Und darum muß er an der Spitze bleiben. Ich habe gestern mit Redern und Brandenstein gesprochen, heute früh mit Lohusen und Bulach. Sie sind alle derselben Meinung: Bleibt der Herzog oben, so wird er uns zu unserm Gelde verhelfen. Muß er in der obersten Gewalt dem Horn weichen, so haben wir das Nachsehen und sind ruinierte Leute. Sie haben mir deshalb die Kommission gegeben, in ihrem Namen den Herzog zu bitten, daß er unser Sprecher werde bei der Krone Schwedens. Dafür geloben wir ihm, nimmermehr zu dulden, daß ein anderer ihm vorgezogen wird. Herren und Freunde, wollt auch Ihr mir diese Permission erteilen? Einer muß doch das Ding in die Hand nehmen. Viel Zeit haben wir nicht. Es geht um große Dinge, Herren. Wie dünkt Euch?« »Mich dünkt. Ihr seid der klügste Kerl, der zur Zeit auf deutscher Erde herumtrampelt!« rief Waldau. »Hier meine Hand! Traktiert die Sache mit dem Herzog, wie Ihr wollt. Ich geb' Euch Vollmacht!« »Ich auch!« fiel Mitzlav ein. »Und ich nicht minder,« sagte bedächtig der Dritte, der bisher geschwiegen hatte, ein großer, breitschultriger Mann mit einem mächtigen Kopfe und einem höchst eigenwilligen Ausdruck im Gesicht. Das war der alte Heinrich von Germar, der sein Gut in Gorsleben an der Unstrut verlassen hatte und in hohen Jahren zu dem Kriegshandwerk seiner Jugend zurückgekehrt war. Denn er hatte böse Hände bekommen mit seinen Bauern und feinem Ortspfarrer, weil er in seiner Kirche die alte Kanzel hatte ansägen lassen, um den Prediger zu zwingen, seinen Sermon auf einer neuen Kanzel zu halten, die er sich zur größeren Bequemlichkeit gerade seinem Patronatsstuhle gegenüber hatte bauen lassen. Aber der Pastor wollte nicht, und die Bauern wollten auch nicht, und Sonntag für Sonntag stützten die Dickköpfe die alte Kanzel mit ihren Armen, so daß der Pfarrer dem Gutsherrn zum Trotz darauf predigen konnte. Das war einem hochwürdigen kurfürstlichen Konsistorium hinterbracht worden, und das verstand in solchen Dingen keinen Spaß. Es hatte sich ganz auf die Seite der Bauern geschlagen und den Landesherrn veranlaßt, den Patron mit einer strengen Pön zu bedräuen und die Wiederherstellung der alten Kanzel ihm anzubefehlen. Da war Herr Heinrich von Germar tief gekränkt und schweren Ärgers voll zu den Schweden gegangen und ließ daheim sein Weib auf dem Schieferhofe schalten und walten und wurde trotz seiner sechzig Jahre einer der tapfersten Haudegen der Armee. Er kniff jetzt, wie er beim Reben zu tun pflegte, die kleinen schwarzen Äuglein zusammen und sagte: »Gewißlich stimme ich Euch zu, Pfuel. Aber wird der Herzog auch wollen? Er hat sich ausdrücklich nur auf so lange wählen lassen, bis die Krone Schwedens den Oberbefehl vergibt. Er scheint also den Herren sich beugen zu wollen, wenn sie es befehlen.« Der kleine Pfuel drehte sich fast um sich selber. »Bester! Wertester!« sprudelte er aufgeregt hervor. »Was redet Ihr da? Der Herzog ist doch kein Kind, das seine Gedanken ausplappert vor aller Welt! Er wird wollen, darauf verlaßt Euch. Denn pro primo schuldet ihm selbst die Krone vieles Geld. Das kann er in den Rauchfang schreiben, wenn er nicht an der Spitze bleibt. Vor allem aber: er hat Ehrgeiz. Er weiß, daß er der beste Führer ist, der jetzt im Felde steht. Warum sollte er einem Geringeren weichen? Und endlich pro tertio «... »Wenn Ihr noch mehr sprechen wollt,« unterbrach ihn Germar, »so laßt uns in die Trinkstube da drüben in der Nebengasse gehen. Dort gibt's ein höllisch gutes Bier, und mir klebt die Zunge am Gaumen!« Der Vorschlag fand allerseits Anklang, und die vier Obristen verschwanden gleich darauf um die Ecke. Unterdessen hatte Herzog Bernhard die Königin heimgeleitet. In trübem Schweigen wurde der kurze Weg zurückgelegt. Auch als er sie die Treppe hinaufführte, sprach sie kein Wort. Erst oben in ihrem Gemache schlug sie den Schleier zurück und reichte ihm die Hand und sprach, während sie ihn mit unbeschreiblich traurigen Augen ansah: »Herr Herzog, Sie werden morgen früh vor aller Welt von mir Abschied nehmen. So lassen Sie mich Ihnen heute sagen, was ich Ihnen nicht vor aller Welt sagen kann: Ich danke Ihnen, daß Sie mir die furchtbare Botschaft so schonungsvoll beigebracht haben, wie ein Bruder seiner Schwester. So viel an Ihnen lag, haben Sie mir das Schwere leicht gemacht. Das werde ich Ihnen niemals vergessen! Gott geleite Sie durchs Leben und lasse Ihnen gelingen, was Sie sich vornehmen! Meine Dankbarkeit und Achtung folgen Ihnen, wo Sie auch hingehen.« Der Herzog blickte ihr bewegt ins Gesicht. Die stolze, gerade und tapfere Brandenburgerin war ihm von jeher sympathisch gewesen; auch wußte er, wie hoch und wert sie der König gehalten hatte, und er ahnte, daß er sie wahrscheinlich im Leben niemals wiedersah. »Ich habe getan, was meine Pflicht war als Christ und Kavalier, und kann keine Dankbarkeit beanspruchen,« erwiderte er, indem er sich über die ihm dargereichte Hand der Königin beugte. »Gott segne und schütze die Majestät und lasse Sie Freude erleben an Ihrem Kinde!« Die Königin neigte das Haupt. »Meine kleine Tochter ist das einzige Liebe, was mir noch geblieben ist. An ihrem Glücke werde ich mich noch freuen, eigenes Glück begehre ich nicht mehr. O Herzog, wie seltsam ist doch die Welt! Fünf Jahre nur bin ich älter als Sie, und das Leben liegt hinter mir. Vor Ihnen aber liegt noch das ganze Leben mit all seinem Glücke.« »Vom Glücke, Herrin, habe ich bis jetzt wenig empfangen im Leben,« entgegnete der Herzog mit gefurchter Stirn. »Mein Vater starb früh, die Mutter, die ich über alles liebte, folgte ihm bald. Meine Kindheit war vielfach getrübt, meine Jugend nicht leicht. Ich bin ein nachgeborener. Prinz aus nicht reichem Hause – doch genug. Was soll ich Ihnen vorklagen! Noch habe ich meinen guten Degen und die Kraft, ihn zu schwingen.« Die Königin blickte ihn ernst, fast zürnend an. »Und sonst hätten Sie nichts an Glück? Ist es nicht ein hohes Glück, das Herz eines Weibes zu gewinnen, wie Kunigunde von Anhalt ist?« »Das wissen Sie?« fuhr er auf. »Sie hat es mir selbst gestanden, und bei Gott, lebte der König, ich würde alles tun. Euch beiden den Weg zueinander zu ebnen. Nun aber bin ich eine arme Witwe.« »Doch eine Güte könnte die Majestät mir antun. Ich habe meine Braut nur immer auf Minuten gesehen und immer nur vor fremden Leuten. Morgen reist sie mit meinem Bruder ab, und ich spräche sie gern unter vier Augen. Gott weiß, wann ich sie wiedersehe! Jetzt habe ich Kriegsrat mit Lohusen und Bulach, aber in einer Stunde könnte ich wieder hier sein. Würde die Majestät erlauben, daß ich sie hier einmal sprechen darf ohne Zeugen? Ich habe ihr so viel zu sagen.« »Das will ich gern arrangieren, Herzog Bernhard. Seien Sie um sechs Uhr hier. Und nun zum letzten Male: Gott mit Ihnen!« Sie reichte ihm noch einmal die Hand, die er ehrfurchtsvoll küßte. Dann verneigte er sich tief und verließ das Gemach. V. Der sechste Schlag der Weißenfelser Turmuhr war eben verklungen, als Herzog Bernhard wieder vor der Tür des Geleitshauses stand. Er trug das Haupt hoch, seine Augen blitzten, und sein Antlitz war vor innerer Aufregung gerötet. Er ging ja zu dem geliebten Mädchen, dessen Bild ihn überall begleitet und nach dem sich sein Herz gesehnt hatte Jahre lang. In einer halben Minute durfte er sie an seinem Herzen halten. Und er kam zu ihr mit einer neuen großen Hoffnung auf Glück, mit einer Hoffnung, die ihn fast berauschte. Er hatte gewähnt, der Tod des Königs sei das schwerste Unglück, das ihn treffen konnte. Jetzt mit einem Male war ihm eine Ahnung aufgegangen, daß die verhängnisvolle Kugel von Lützen ihm möglicherweise den Weg freigemacht hatte zu einer unerhörten Laufbahn. Wunderbar, wie das Schicksal seinen geheimsten Wünschen entgegenkam! Er war entschlossen, den obersten Befehl des Heeres festzuhalten selbst gegen den Willen des Kanzlers. Aber wenn dem die Obristen und Generale nicht zustimmten, so konnte er es nur erreichen durch den gemeinen Mann. Er mußte dann das ganze Heer zusammenrufen und abstimmen lassen. Das dünkte ihm ein bedenklicher und gefährlicher Weg zu sein, den er höchst ungern und nur unter dem Zwange der äußersten Not beschritten hätte. Ganz anders lag die Sache, wenn er sich auf die Führer der Armee stützen konnte – und siehe, sie boten sich selber ihm dar. Während er mit Lohusen und Bulach den Feldzugsplan der nächsten Tage entworfen hatte, war Pfuel erschienen, und die drei hatten ihn dann bestürmt, ihr Sprecher und Vorkämpfer zu werden bei der Krone Schwedens. Dafür wollten sie ihn im obersten Befehl halten und nicht dulden, daß ein anderer an seine Stelle gesetzt werde. Er hatte sie um Bedenkzeit gebeten bis morgen früh, aber das war nur der Form halber geschehen, denn er hatte Mühe gehabt, seine freudige Erregung zu verbergen, als er ihr Anerbieten vernahm. Wenn er die Hand ergriff und festhielt, die ihm jetzt das Glück entgegenstreckte, so gelang es ihm vielleicht, auf dem Kriegstheater die Rolle dessen zu übernehmen, der bei Lützen gefallen war. Ward er aber der erste Mann auf protestantischer Seite, führte er das Heer, das der König geführt hatte, dann bei Gott, dann sollte auch ein Fürstentum sein eigen werden! Gewaltige Gebiete hatte man ja den Feinden entrissen im Süden des Reiches. Dort sollte eine neue ernestinische Herrschaft entstehen, viel größer und bedeutender als das kleine Land, das seinen Brüdern und ihm gehörte, und trug er dort den Herzogshut, so konnte er auch ein Haus gründen und die Geliebte heimführen. Alle diese Gedanken und Pläne wirbelten ihm durchs Hirn, als er vor dem Haufe angekommen war, in dem die Königin und seine Liebste wohnten. Aber er besaß die Eigenschaft, daß ihm nichts in seiner Umgebung entging, auch wenn sein Geist mit den größten und wichtigsten Dingen beschäftigt war. So erkannte er jetzt in dem wachthabenden Soldaten, der zur Seite stand und den Spieß vor ihm senkte, einen Mann aus der Thüringer Heimat, den er hier nicht gesucht hätte, und trat lebhaft auf ihn zu. Das trübe Licht der über der Tür hängenden Laterne fiel gerade auf das finstere Gesicht des Hellebardiers. »Hast du mir nicht vor fünf Jahren mein Pferd beschlagen?« fragte der Herzog. »Bist du nicht der Schmied von Zwätzen an der großen Heerstraße hinter der Thingstätt?« »Das war ich, Herr.« »Und wie kommst du hierher?« »Die Schmiede liegt in Trümmern.« »Holte mir nicht damals dein junges Weib einen Trunk aus der Schenke? Wo hast du sie gelassen?« In das Gesicht des riesenhaften Mannes trat ein furchtbarer Ausdruck. »Sie ist hin, Herr,« sagte er kurz und hart. »Sie und mein kleines Mädchen. Die Kroaten waren im Dorfe.« Der Herzog legte ihm die Hand auf den Arm und sah ihm voller Teilnahme in die Augen. »Da hat dich Gott der Herr schwer heimgesucht, lieber Kriegsgeselle! Trag's wie ein evangelischer Christ! Und es ist recht von dir, daß du der Fahne gefolgt bist. Wer jetzt zwei Fäuste hat, der muß helfen, daß das welsche Gesindel verjagt wird von der deutschen Erde.« Der Soldat stieß ein schauerliches Lachen aus. »An mir soll's nicht fehlen, Herr! Mir ist nur wohl, wenn ich Blut sehe.« Bernhard trat rasch durch die Tür ins Haus, und der Schauer, der ihm durch die Glieder rann, kam nicht von der kalten, kellerartigen Luft des Hausflurs her, die ihm entgegenschlug. Ein Entsetzen hatte ihn ergriffen, wie so manchmal schon, wenn er über die blutgetränkten Schlachtfelder oder durch die verbrannten Dörfer und Städte geritten war. Er entsann sich der Schmiede von Zwätzen ganz genau, des freundlichen kleinen Anwesens unter hohen, alten Linden, er entsann sich auch des schmucken blonden Weibes, das ein rosiges Kind im Mantel getragen hatte. Nun lag dort ein Schutthaufe, die junge Frau hatten die Kroaten zu Tode mißhandelt, und das Kind war mit umgekommen. War es ein Wunder, daß ein Mann, der solches erleben mußte, zur Bestie wurde? und Leute, die Ähnliches, vielleicht noch Grauenvolleres erlebt hatten, gab es ja schon zu Tausenden und Abertausenden, und ihrer wurden mehr mit jedem Tage. Was hatte nur die deutsche Nation verbrochen, daß Gottes Zorn so furchtbar auf ihr lag? Hörte er nicht bald auf zu zürnen und zu strafen, so ging wohl die eine Hälfte des Volkes elendiglich zugrunde, und die andere Hälfte vertierte! Sein Antlitz war noch blaß vor innerer Erregung, und zwischen seinen Brauen stand eine tiefe Falte, als er droben ins Zimmer trat. Gundel, die ihm mit einem Freudenschrei entgegenflog, ließ plötzlich ihre ausgestreckten Arme sinken und blickte erschrocken in seine erblichenen Züge. »Um Gottes willen, Bernhard, was ist dir? Bringst du eine böse Kunde? Oder bist du krank?« Er machte eine heftige Bewegung, als ob er eine Last von seinen Schultern abwerfen wollte, und zog sie dann stürmisch in seine Arme. »Verzeihe, daß ich dich mit meiner finsteren Miene so erschreckt habe! Ich bin nicht krank und habe nur gute Zeitung für dich, aber ich hatte eine Begegnung hier vor der Tür, die mir das Gemüt verstörte.« »Erzähle mir das!« bat sie, und als er ihr gewillfahrt hatte, warf sie sich weinend an seine Brust. »O Bernhard, der schreckliche Krieg! Wann wird endlich Gott mit uns Erbarmen haben?« »Das weiß Er allein!« versetzte der Herzog düster. »Ist keine Aussicht, daß jetzt bald Friede wird?« »Warum denn gerade jetzt. Liebste?« »Weil die Armada des Kaisers geschlagen ist!« »Ach, du meinst, unser Sieg bei Lützen werde den Kaiser dazu bewegen, den Frieden nachzusuchen? Glaube mir, man wird in Wien die Niederlage wie eine große Viktoria empfinden, weil der König gefallen ist. Nun erst recht wird der Habsburger alles daran setzen, sein Dominat über Deutschland aufzurichten.« »Meinst du nicht, daß er sich heimlich nach Frieden sehnt? Könnten die deutschen Fürsten nicht mit ihm paktieren, daß jeder etwas nachließe von seinen Forderungen, und daß so Friede werden könnte?« »Nein,« erwiderte der Herzog hart, »da gibt es kein Paktieren. Er kann nicht anders, und wir können nicht anders. Mit ihm reden wundertätige Bilder, und er hört Stimmen von Heiligen, die ihm befehlen, die Ketzerei auszurotten auf Erden. In seinem Hirne glüht der Wahnsinn, den die Väter Jesu in Menschenschädeln zu entfachen wissen. Darum ist der deutsche Kaiser zurzeit der ärgste Feind der deutschen Nation. Sie hat keinen schlimmeren. Denn er will die Gewalt haben nicht nur über die Leiber, sondern auch über die Seelen. Er will uns das reine Evangelium nehmen, das Luther uns gegeben hat, und er will den deutschen Geist erdrosseln und uns zu Spaniolen machen. Lieber sterben, als ihm gehorchen!« Er blickte eine Weile düster vor sich nieder, dann warf er mit einer jähen, ungestümen Gebärde den Kopf zurück und schlang von neuem die Arme um sie. »Was nützt es, davon zu reden, wo wir doch nichts ändern und bessern können! In der halben Stunde, die uns gehört, wollen wir von dem uns besprechen, was uns beide angeht, dich und mich.« Er zog sie neben sich auf eine Bank nieder, die in der Nähe des Fensters stand. »Du hast gehört, Gundel, daß mich das Heer zu seinem obersten Feldherrn ausgerufen hat?« »Die Königin selber hat mir's erzählt, und sie meinte, es sei keiner würdiger als du.« »So will ich dir sagen, was ich für Pläne seitdem im Kopfe trage. Du bist der einzige Mensch, dem ich sie anvertrauen möchte. Und weil die Wände häufig Ohren haben, so lehne dich ganz nahe an mich, denn sie müssen unser beider Geheimnis bleiben.« Er begann hastig-flüsternd auf sie einzureden, manchmal in der Erregung die Stimme erhebend, dann wieder sie dämpfend. Immer mehr röteten sich, während er sprach, die Wangen des Mädchens, immer stürmischer wogte ihre Brust, und als er geendet hatte, ließ sie ihre Blicke mit staunender Vewunderung auf seinem Antlitze ruhen. »Das sind ungeheure Gedanken, Liebster. Ich kann sie kaum fassen. Sie verwirren mich,« – stammelte sie. »Hältst du sie für unmöglich?« »Nein. Dir nicht unmöglich, nicht unerreichbar! Du bist ein Held! O Bernhard, was bist du geworden, seit wir uns mit dem Palmenorden schmückten und Schäferspiele spielten in Weimar und in Bernburg! Damals hießest du mit deinem Ordensnamen Aristander, mich nannten sie Clarissa. Du bist nun geworden, was der Scherzname bedeutet, der beste, der größte Mann, und ich bin die arme, kleine, unscheinbare Clarissa geblieben. Passe ich eigentlich noch zu dir? Kann ich dir noch irgend etwas sein? Bin ich dir nicht ein Bleigewicht an deinen Füßen?« Der Herzog verschloß ihr den Mund mit einem Kusse. »Sprich nicht so töricht,« sagte er dann ernsthaft. »Mein Leben wäre unmenschlich, wenn ich dich nicht hätte, es wäre nur Kampf und Streit und nirgends ein Ausblick auf Glück am häuslichen Herde, wonach meine Seele sich sehnt. So aber träumt mir manchmal, wenn ich über die blutigen Felder reite, es käme der Friede, und du stündest neben mir als Herrin über ein weites Land, und wir heilten die Wunden, die wir jetzt schlagen müssen, und die Untertanen segneten unsere Herrschaft, wie sie die meines Vaters und meiner Mutter segneten.« Die Prinzessin umschlang mit nassen Augen seinen Hals und lehnte ihre Stirn gegen seine Brust. »Ach Bernhard, Geliebter, Gott lasse uns bald diese Zeit erleben!« »Bald wird sie schwerlich erscheinen. Es mögen wohl noch etliche Jahre bis dahin ins Land gehen. Aber wir sind ja noch jung, du und ich, und können noch auf das Glück warten. Und ich meine, du wirst mir die Treue halten wie ich dir.« »Bernhard!« rief die Prinzessin. »Nicht mit dem kleinsten Gedanken bin ich dir jemals untreu gewesen, und niemals werd' ich's sein!« Der Herzog strich ihr leise mit der Hand über das blonde, wellige Haar. »Das glaube ich dir und habe nie daran gezweifelt. Aber jetzt kommt für dich die härteste Prüfung. Denn der Weg, den ich nun gehe, ist deshalb so schwer, weil er mich von allen entfernt, die mir nahestehen. Meinen Bruder Wilhelm muß ich bitter kränken, denn ich muß ihn aus seiner Stellung verdrängen um des gemeinen Nutzens willen. Dadurch werde ich mir vieler Menschen Gemüter entfremden, wahrscheinlich auch die Herzen meiner beiden anderen Brüder, Ernsts und Albrechts.« »Sie werden mit der Zeit begreifen, daß du das Beste willst und das Höchste kannst, und daß dir also auch das Höchste gebührt!« rief die Prinzessin mit blitzenden Augen. »Das hoffe ich mit Zuversicht. Vor der Hand aber kann ich wohl von mir sagen, was der Herr Christus sagen mußte: Sie werden sich alle an mir ärgern. Und wenn ich das von allen ertragen muß, von dir ertrüg' ich's nicht. Darum habe ich dir im voraus gesagt, wie ich die Krone Schwedens zwingen will, mir ein Herzogtum Franken zu geben, und wie ich das Heer an mich ketten will, daß ich eindringen kann in des Kaisers Erblande. Sie sollen dir nicht einreden dürfen, ich sei ein Abenteurer ohne Ziel, oder ein Ehrgeiziger, der aus gemeiner Selbstsucht die Rechte anderer mit Füßen tritt. Wohl sehe ich auch auf meinen Nutzen. Aber hat nicht Gustav Adolf das auch getan? Und wer nicht so tun wollte in dieser furchtbaren Zeit, der würde gar bald nicht einen Deut mehr gelten. Aber mein oberstes Ziel ist immer der Sieg des reinen Evangeliums und die Befreiung der edlen deutschen Nation vom päpstlichen und hispanischen Joche. Dafür wollt' ich mein Blut hingeben. Ich denke, es kommt eine Zeit, wo das alle Welt erkennen wird. Einstweilen ist mir's genug, wenn du es glaubst.« »Immer werde ich an dich glauben, Bernhard, immer. Mag die Welt sagen, was sie will. Und wenn deine Brüder gegen dich sprechen – ich halte deine Partei!« Ein lautes Klopfen an der Tür unterbrach sie. Gleich darauf steckte eine Kammerfrau der Königin den grauen Kopf ins Zimmer. »Herr Graf Knipphausen sucht Seine fürstliche Gnaden. Es sind wichtige Rapporte vom Feind gekommen.« Sie verschwand so schnell, wie sie gekommen war, und noch einmal preßte der Herzog die Geliebte an seine Brust. »Lebe wohl, meine Gundel! Gott gebe uns bald ein Wiedersehen!« Sie schluchzte wild auf. »Schon muß ich dich wieder lassen! Lebe wohl, Liebster, der Herr behüte dich!« Noch ein letzter heißer Kuß, und dann verließ der Herzog mit schnellen Schritten das Gemach. – VI. In dem großen vierfenstrigen Prunkzimmer eines Patrizierhauses zu Heilbronn saß der schwedische Reichskanzler Axel Oxenstierna und diktierte seinem Geheimschreiber ein Memorandum in die Feder. Seinen großen Kopf mit dem grauen Knebelbarte und der hohen kahlen Stirn hatte er weit hintenüber gelegt an die lederbezogene Lehne des wuchtigen Armsessels, und während er sprach, heftete er seine scharfen grauen Augen beständig auf die vergoldete Rosette, die an der reichgeschnitzten Zimmerdecke ihm gerade gegenüber aus dem dunkeln Getäfel hervorlugte. Die Worte fielen eintönig und langsam von seinen Lippen, und der bewegliche Greis, der am untern Ende des langen, mit Papieren und Akten übersäten Tisches saß, hatte keine Mühe, sie nachzuschreiben. Nur bei den wichtigsten Stellen mußte er scharf hinhören, denn da dämpfte der Kanzler seine Stimme unwillkürlich zu einem Geflüster. Nötig wäre das nicht gewesen, denn die beiden waren allein in dem weiten Gemach, und durch die dicken Eichentüren drang schwerlich ein Laut; auch bestand die Wache im Vorzimmer aus Deutschen, die des Schwedischen nicht mächtig waren. Fast dreiviertel Stunden lang diktierte der Kanzler ohne Unterbrechung, und die Strahlen der Morgensonne, die durch die Fenster hereinfielen, waren indessen den Tisch entlanggekrochen und streiften nun schon beinahe sein hageres, von vielen Sorgenfalten durchfurchtes Gesicht. Da kam er mit einem tiefen Seufzer zu Ende und ließ sein Haupt, als wäre er von einer plötzlichen Müdigkeit überfallen, vornüber auf die Brust sinken. Der alte Vertraute ihm gegenüber mochte wohl erwarten, daß sein Herr die Hand nach dem Schriftstücke zur Unterzeichnung ausstrecken werde, denn er hob es empor und machte Miene, es ihm hinzureichen. Als er aber sah, daß der Kanzler finster und wie geistesabwesend vor sich hinstierte, da räusperte er sich mehrmals hintereinander und wagte eine Rede. »Es sind keine freundlichen Bilder, gnädiger Herr, die Eure Exzellenz den Herren in Stockholm über den deutschen status belli entwirft,« sagte er in bekümmertem Tone, indem er sein weißes Haupt bedenklich hin und her wiegte. Oxenstierna schrak wie aus einem Traume auf und fuhr sich mit der Hand über die Stirn. »Du hast recht. Aber warum soll ich die Dinge anders konterfeien, als sie sind? Der Reichsrat daheim hat das Recht, genau und richtig informiert zu werden. Die Herren könnten mir sonst gerechte Vorwürfe machen. Und außerdem – erzähle ich ihnen allerlei Schönes und Gutes, so meinen sie, sie könnten die Kriegssubsidien, die sie mir zahlen, noch mehr zusammenschneiden als bisher.« Er seufzte nochmals tief auf und schlug mit der Hand auf den Tisch. »Und habe ich etwa zu schwarz gefärbt?« fuhr er fort. »Muß man nicht die größten Sorgen haben, wenn man sieht, wie sich die Dinge entwickeln?« »Nun,« warf der Geheimschreiber ein, »auf dem Kriegstheater steht es doch für unsere Waffen nicht eben schlecht.« `»Nein. Da kann man noch seine Freude haben. Mein Schwiegersohn hat das Elsaß von den Kaiserlichen so ziemlich gereinigt, und ganz admirabel sind die Sukzesse des Herzogs Bernhard. Sachsen befreit – Franken wiedererobert – den Jan von Werth bei Ohrenbau geschlagen – den Aldringer über die Donau gejagt – nach Bayern eingedrungen – es ist glorios!« »Schade, daß der Herr kein Schwede ist!« murmelte der Geheimschreiber. »Ach, wenn er nur wenigstens kein so enragierter Deutscher wäre!« rief der Kanzler. »Die andern deutschen Fürsten fragen bei allen Dingen: Was wird es mir nützen? Er vergißt sich ja auch nicht, aber er fragt auch noch: Was wird es Deutschland nützen? Er kämpft für dreierlei: Für seinen Glauben, für Deutschland und für sich selbst. Schweden ist ihm im Grunde ganz gleichgültig. Daher, so nützlich er uns jetzt ist, mag er wohl noch einmal eine Gefahr werden.« »Darum hat ihn auch Eure Exzellenz nicht zum Generalissimus aller vier Armeen gemacht, die im Felde stehen,« bemerkte der Geheimschreiber. »Das könnt' ich auch aus anderen Gründen nicht. Er ist jünger als Horn, mein Schwiegersohn, und jünger als der Landgraf von Hessen und überhaupt der jüngste von allen Befehlshabern. Sie hätten sich alle empört oder die Heere verlassen, wenn ich ihn über sie erhöht hätte. Aber im Vertrauen will ich dir's sagen, lieber Trolle: wäre Herzog Bernhard der Generalissimus unserer vier Armeen, so wären wir übers Jahr in Wien. Und weißt du, wo wir das Jahr darauf wären?« »Nun?« »In Stockholm. Denn dann stünde kein Schwedenheer mehr auf deutschem Boden. Fast vier Fünftel unserer Soldaten sind geworbene Deutsche, und die wären wie Wachs in seiner Hand. Sie sind es jetzt schon in dem Hauptheere, das er kommandiert. Gott gnade uns, wenn er allzumächtig würde!« Der Geheimschreiber nickte. »Es mag wohl so sein. Eure Exzellenz haben, wie jeder weiß, einen weiten und sicheren Blick. Aber ich gestehe ein: es tut mir leid, daß es so ist. Denn ich habe den Herzog gern.« »Ha! Das ist es ja eben, was ihn so gefährlich macht!« rief Oxenstierna lebhaft. »Es ist, als hätte er einen Zauber. Jedermann hat ihn gerne. Und geht mir's denn anders? Neulich, als ich in Altenburg mit ihm verhandelte und er so dicht bei mir saß und redete, ich sage dir, Trolle, da lief mir eine Gänsehaut nach der andern über den Rücken, und ich saß da wie eingesponnen. Denn mir war's mit einem Male, als säße und redete da nicht ein Fremder, sondern unser König, wie er noch jünger war.« Er versank in tiefes Sinnen, und auch der Greis ihm gegenüber schwieg und schnitt sich eine neue Feder zurecht. Dann sprach der Kanzler bedächtig: »Vorläufig sind uns seine Siege noch von Nutzen, ja wohl noch auf lange hinaus mag er uns gute Dienste leisten. Viel größere Sorge macht mir zurzeit der Kurfürst von Sachsen. Zwischen Dresden und Wien gehen geheime Boten hin und her – ich weiß es ganz sicher. Widerwillig ist er vor zwei Jahren unserm Bunde beigetreten, widerwillig hat er sich unter die Führerschaft unsers Königs gebeugt, und da er nun nach des Königs Tode sieht, daß er das Direktorium des Krieges nicht erhält, so möchte er uns am liebsten ganz los sein. Ist der Kaiser klug genug, ihm unter leidlichen Bedingungen einen Separatfrieden zu bewilligen, so fällt er von uns ab. Das wäre ein böser Schlag für uns. Der Friedländer in Böhmen könnte dann ohne Bedrohung von seinem Rücken her gegen Herzog Bernhard aufbrechen, und schlimm würde das böse Beispiel auf die kleineren deutschen Fürsten wirken. Ihrer viele würden nachfolgen, unter den ersten Herzog Bernhards Bruder Wilhelm, dem ich schon ganz und gar nicht mehr traue. Er horcht mehr als jeder andere nach Dresden, als wenn die alte Erbfeindschaft zwischen Ernestinern und Albertinern nicht mehr bestünde.« Ein scharfes Pochen an der Tür unterbrach ihn. »Geh hinaus, Niels Trolle, und frage, warum man mich stört!« gebot der Kanzler. »Vorher aber gib mir das Schreiben, ich will es noch einmal durchlesen.« Der Greis beeilte sich, den Willen des Gebieters zu erfüllen, und schritt geräuschlos aus dem Gemache. Sogleich vertiefte sich der Kanzlers in das Geschriebene und blickte dann suchend nach einer Feder umher, um selbst noch einige Randbemerkungen anzufügen. Dabei überhörte er gänzlich, daß die Tür hinter ihm geöffnet wurde, und fuhr erschrocken herum, als ihn von der Schwelle her eine laute Stimme in der Sprache seiner Heimat anrief: »Gott zum Gruße, Herr Vater!« Er starrte den Eintretenden an, als sähe er ein Gesicht, und in seinen Mienen spiegelte sich die tiefste Bestürzung wieder. »Wie?« rief er endlich, »du bist hier, Gustav Horn? Ich dachte, du zögest nach der Vereinigung eurer Armeen mit dem Herzog auf München oder Regensburg. Was ist geschehen? Habt ihr eine Schlacht verloren? Bist du auf der Flucht? Wann bist du gekommen?« So überstürzten sich die Fragen im Munde des sonst so ruhigen und gemessenen Mannes. Feldmarschall Horn trat langsam näher. »Ich bin vor Mitternacht schon hier eingetroffen, wollte Euch aber im Schlafe nicht stören. Eine Schlacht ist nicht verloren, aber ich habe Euch Unwillkommenes zu melden!« »Mein Gott, was ist geschehen? Setze dich her zu mir!« Langsam, wie er in allen seinen Bewegungen war, ließ sich, Horn auf einen der breiten Stühle nieder und sagte: »Also mit kurzen Worten: das Heer meutert!« Dem Kanzler entfuhr ein Schreckensruf. »Jetzt vor dem Feinde? Das ganze Heer?« »Vornehmlich die Deutschen. Aber auch Finnen und Livländer. Sogar etliche Schweden. Aber nicht der gemeine Mann ist's, der aussteht. Es sind die Herren Offiziere, an ihrer Spitze alle Obristen mit Ausnahme von zweien!« »Das ist das Schlimmste!« stöhnte der Kanzler. »Was wollen diese Menschen? Sind sie toll geworden, daß sie der Soldateska ein solch erschreckliches Exempel geben und so die Disziplin vollends untergraben?« »Nein, Herr Vater, sie sind nicht toll geworden, vielmehr ist das Ganze ein wohlüberlegter Plan. Und wißt Ihr, wer diesen Plan entworfen hat? Kein anderer als der Abgott des Heeres, den Ihr ja auch so über die Maßen protegiert, der schlaue Fuchs von Weimar!« Oxenstierna prallte zurück. Er wußte, daß sein Schwiegersohn den Mann haßte, der ihn durch seine glänzenden Taten so tief in den Schatten gestellt hatte. Schon öfter hatte Horn ihn vor dem Herzog gewarnt, aber er hatte dem niemals besonderes Gewicht beigelegt. Diese Beschuldigung jedoch ward in einem so bestimmten Tone ausgesprochen, daß er sie für mehr ansehen mußte als eine vage, vom Neid eingegebene Behauptung. »Hast du dafür Beweise?« fragte er. Der Feldmarschall lachte kurz auf. »Wenn Ihr damit etwas Schriftliches meint, so ist der Fuchs von Weimar natürlich viel zu klug, als daß er etwas von sich gäbe. Aber ich habe zwei Augen, mit denen ich sehen, und zwei Ohren, mit denen ich hören kann, und was ich gesehen und gehört habe, das will ich Euch erzählen. Dann entscheidet selbst.« Er strich sich den starken gelben Bart und lehnte sich in den Sessel zurück, aber ehe er zu reden anhub, kam ihm der Kanzler mit einer Frage zuvor. »Zuvörderst sage mir nur eines: Was begehren die Herren? Wollen sie den Herzog mit Gewalt zum Generalissimus machen?« »Davon war nicht die Rede.« Die Brust des Kanzlers hob ein tiefer Atemzug. »Und da meinst du, er habe sie angestiftet? Schwerlich ist das so, sage ich dir. Denn stäke er dahinter, so müßten sie vor allem andern das begehren! Nichts liegt ihm so am Kerzen. Er ist nicht zufrieden mit der Führung der Hauptarmes, er will über alles kommandieren, wie einst der König.« »Wem sagt Ihr das, Herr Vater?! Niemand weiß das besser als ich, den er unter sich kriegen will wie den Pfalzgrafen und seinen Bruder Wilhelm und wen sonst noch! Und doch steckt er dahinter. Laßt Euch erzählen: Also ich sitze mit Lohusen und Bulach zu Neuburg beim Wein, heute abend werden's fünf Tage, Wir sprachen über den Zug nach Baiern, denn wir wollten am nächsten Morgen in der Frühe über die Donau gehen. Da entsteht vor dem Sause ein groß Lärmen und Geschrei, und als Lohusen ans Fenster tritt, sieht er unten den ganzen Platz voll Offiziere. Da poltert's auch schon die Treppe herauf und ins Zimmer hinein. Der lange Waldau war's, der kleine Pfuel und der verschmitzte Schuft, der Mitzlav. Die Kerle verneigten sich vor dem Herzog, mich sahen sie gar nicht. Darauf fingen sie eine lange Lamentation an, sagten, sie hätten seit drei Monden keinen Sold gesehen und ihre Leute würden schwierig. Sie hätten viele tausend Dukaten für die Krone Schweden ausgelegt, und nun müßten sie hören, daß hier in Heilbronn wohl viel davon geredet worden wäre zwischen Euch und den deutschen Ständen, wie man die Disziplin wolle im Heer wieder hochbringen, aber kein Mensch rede davon, daß sie ihr Geld sollten kriegen. Das Geld käme an solche, die in der Stube hinter dem Ofen gesessen und mit der Feder gefochten hätten, sie aber, die Schweiß und Blut vergössen, sie erhielten nichts!« »Herr Gott!« rief Oxenstierna und schlug die Hände zusammen, »wie gerne gäb' ich's ihnen, wenn ich's nur hätte!« Aber von Stockholm läuft nichts ein, da heißt es: Der Krieg soll den Krieg ernähren! Und die oberdeutschen Herren und Städte, die ich hier in Heilbronn geeinigt habe zu einem Bündnis mit uns – du lieber Himmel! Die wollen alle recht gern geschützt werden vor ihrem Kaiser und seinen Spaniern und Wallonen, aber zahlen wollen sie so wenig wie möglich.« »Schlimm!« erwiderte Horn. »Sehr schlimm. Denn wenn die Forderungen der Meuterer nicht binnen vier Wochen befriedigt sind, so wollen sie sich nicht mehr gegen den Feind gebrauchen lassen, wollen die eroberten Länder für sich und ihre Soldateska als eine Hypothek behalten, sich nicht auseinander führen noch irgendwie separieren lassen und die andern Armeen zu gleichem Tun aufrufen.« »Das haben sie gesagt?« fuhr der Kanzler auf. »Wie ich es Euch erzähle!« »Und was tatet ihr, du und der Herzog?« »Ich stand auf und rief mit lauter Stimme: Ihr Herren, besinnt Euch! Das ist Felonie vor dem Feinde, das ist Verrat und Eidbruch! Da wandte mir der lange Waldau den Rücken und sagte höhnisch: Was der schwedische Marschall sagt, kann uns hier nichts gelten. Wir wenden uns an den deutschen Herzog!« »Und wie benahm sich der?« »Auch er tadelte es, daß sie Bedingungen stellten im Felde, aber er tat es mit milden, sanften Worten, und ich bemerkte wohl die Blicke des Einverständnisses, die er mit den Halunken wechselte. In der Sache selbst seien sie im Rechte. Er wisse aber, daß es nicht an Eurem guten Willen läge, wenn sie bisher mit Worten abgespeist worden seien, denn Eure Truhen wären leer. Er wollte den Herren einen Vorschlag machen: Sie sollten sich damit genügen lassen, wenn ihnen in den nächsten Wochen ein Viertel der Summen gezahlt werde, die sie dem gemeinen Manne schuldig seien. Damit könne man vor der Hand die Soldateska beruhigen. Und was die Forderungen der Herren selbst angehe, so solle sie die Krone Schweden ihnen nicht in Geld, sondern in Land geben. Die eroberten Pfaffengebiete sollten unter sie verteilt werden. Das sei sein Rat. Sofort fielen ihm die Obristen bei und lobten ihn über die Maßen. Daraus ersah ich, daß die ganze Geschichte vorher abgekartet war.« Der Kanzler war in seinen Stuhl zurückgesunken und hatte die schweren Lider über die Augen herabsinken lassen. So pflegte er zu tun, wenn er in Gegenwart eines andern eine wichtige Angelegenheit erwog. Es konnte dann niemand in seinem Anlitz lesen. Er saß eine Zeitlang ganz unbeweglich, dann fragte er in verändertem, ruhigem Tone: »Warum hast du gerade die Mission übernommen? Warum kam nicht einer der Obristen?« »Sie haben mich geradezu gezwungen, weil ich Euer Eidam sei und mein Wort sicher bei Euch eine gute Stätte fände. Die Wahrheit war: sie wollten mich forthaben!« »Und du ließest dich zwingen?« »Nicht aus Furcht, Herr Vater, sondern weil ich Euch die Wahrheit sagen wollte, die Euch vielleicht sonst keiner sagen würde. Sie ist bitter genug, denn sie lautet: Ihr müßt nachgeben, nachgeben um jeden Preis! Unser Hauptheer haben wir nicht mehr in der Hand. Es ruft vielleicht in vier Wochen den von Weimar zum König aus, wenn wir nicht nachgeben! Er ist für uns, was der Friedländer für den Kaiser ist. Ja, er kann uns noch gefährlicher werden!« Wieder saß der Kanzler eine Weile in tiefem Schweigen da. Dann sagte er kurz und bestimmt: »Könnt' ich, so ließe ich die schuldigsten Obristen infam kassieren und jagte sie zum Teufel. Könnt' ich, so schickte ich den Herzog heim in sein Fürstentum, so nützlich er uns ist. Aber ich kann's nicht. So muß ich sie beide befriedigen und bei gutem Willen erhalten. Die Kerle finde ich ab mit Kloster- und Pfaffengut, und er mag haben, was ihm, wie er sagt, der König versprochen hat und was er schon zu Altenburg von mir begehrte: Bamberg und Würzburg als ein Herzogtum Franken unter schwedischer Oberhoheit.« »Ja, tut das, Herr Vater!« rief Horn und stand gegen seine Art sehr lebhaft auf. »Das mag ihn vom Heere abziehen, und nichts wünsche ich sehnlicher. Seit zehn Tagen hab' ich meine Truppen mit den seinigen vereint, und schon gelte ich bei meinen Leuten neben ihm nichts mehr. Der gemeine Mann bricht in ein Vivat über das andere aus, wo er sich nur zeigt, die Offiziere hängen an ihm wie die Kletten, tun, was er befiehlt, und mißachten meine Befehle. Der Teufel mag mit ihm zusammen in einem Korps befehligen, ich nicht! Ich bin von unserm großen Könige zum Marschall ernannt worden und habe stets selbständige Kommandos geführt. Ich kann mich nicht unter den jungen Mann ducken, und wenn er zehnmal ein Reichsfürst ist. Gebt ihm andere Sorgen und Geschäfte, damit er womöglich das Heer verläßt.« Noch redete er, da wurde wieder an die Tür gepocht und der Geheimschreiber trat eilfertig mit einem versiegelten Schreiben herein. »Ein Brief an Eure Exzellenz vom Herzog von Weimar.« Oxenstierna nahm das Schreiben, erbrach und las es. Dann ließ er es sinken und sah seinem Schwiegersohn voll ratlosen Staunens ins Gesicht. »Weißt du, was dieser Brief meldet? Der Herzog hat Eichstätt überfallen, Burg und Stadt genommen und den Bischof verjagt. Und das mit einer Armee, die meutert!« Horns Antlitz lief purpurrot an. »Da seht Ihr, Herr Vater, was dahinter steckt! Gegen ihn meutern sie nicht. Ihm folgen sie. Und mich hat er von der Aktion fernhalten wollen.« Der Kanzler nickte. »Er ist ein dämonischer Mensch. Wir müssen ihm den Willen tun, wir mögen wollen oder nicht. Mag er denn Herzog in Franken werden!« VII. Auf der Hohen Bastei der Feste Koburg stand Herzog Bernhard und neben ihm ein hochgewachsener Greis mit stark gelichtetem Haupthaar und schneeweißem Barte. Der Alte fröstelte in dem leichten Windhauche, der vom Adlersberge herüberwehte, obwohl die Sonne eines heißen Juninachmittags auf die beiden herniederbrannte und ein dicker Wollmantel seine Schultern umhüllte. Er war offenbar krank, denn er stützte sich fest auf die Brüstung, als ob es ihm schwer würde, ohne Halt zu stehen, und in den funkelnden, scharfen Augen, die tief in ihren Höhlungen lagen, schimmerte ein fieberhafter Glanz. »Laßt uns hineingehen!« rief Herzog Bernhard, der ihn besorgt immer wieder von der Seite betrachtet hatte. »Die Zugluft hier oben tut Euch nicht gut, Ohm!« »Es ist wahr, trotz der Hitze in der Natur friert mich's in allen Gebeinen,« erwiderte der Greis. »Ja, seit der Schlag mich getroffen und mir den linken Arm fast gelähmt hat im vorigen Winter, bin ich nur noch ein Schatten meiner selbst. Bald werden die Kirchenglocken läuten da unten in der Stadt und da ringsherum in den Dörfern und werden verkünden, daß der alte Herzog Johann Kasimir nicht mehr ist.« Bernhard schüttelte den Kopf. »Ihr seht zu schwarz, lieber Ohm. Ich denke. Ihr erholt Euch wohl noch einmal. Eine so knorrige Eiche wie Ihr fällt nicht auf den ersten Streich.« »Es werden wohl bald noch mehrere Streiche folgen!« rief der alte Fürst. »Das ist ja eben das Verwünschte, daß man in ewiger Sorge lebt, der Anfall könne sich wiederholen.« Er streckte die bleiche, magere Hand nach den Bergen aus. »O du mein weiter grüner Wald – dich betrete ich nimmermehr! Wenn die Blätter da drüben fallen, bin ich ein toter Mann. Nichts, nichts habe ich noch zu erwarten als das Grab.« »Und wenn Euer Ende auf Erden von Gott beschlossen wäre, nach dem Grabe die ewige Seligkeit,« sagte Bernhard ernst. Der alte Herzog knurrte und brummte Undeutliches vor sich hin. Dann vernahm der fromme, rechtgläubige Weimaraner zu seinem Entsetzen die Worte: »Kann mir nichts Rechtes darunter denken. Passe nicht dahin. Mir ist's immer am wohlsten gewesen, wenn man den Hirsch und den Eber jagte und hernach einen Hahn ins volle Faß rannte. Gäbe mir der liebe Gott noch zwanzig Jährlein voller Kraft, daß ich reiten und jagen und trinken könnte wie früher – wahrlich, dann wollt' ich gern verzichten auf das Erwachen am jüngsten Tage!« »Gott rechne Euch Eure Rede nicht zu, Ohm! Ich meine, Ihr sprecht im Fieber!« rief Bernhard erschrocken. »Ich meine, ich bin ganz bei Sinnen,« entgegnete der alte Herzog trocken. »Wenn man eine Nacht um die andere schlaflos liegt wie ich, da kommen einem solche Gedanken. Man fühlt's, man paßt da nicht hin. Aber es hilft nichts, man muß hinein, entweder in den Himmel oder in die Hölle. Dann also doch lieber in den Himmel. Und derohalben bereite ich mich auch auf ein christlich, selig Abscheiden vor und höre jeden Tag den Hofprediger an, obwohl mir sein Sermon zumeist keine Kurzweil schafft. Auch habe ich beschlossen, noch eine gute Tat zu tun, ehe ich von hinnen gehen muß, und sie soll dir zugute kommen. Sei um vier Uhr auf dem Hofe, du triffst mich da. Eher wird auch Taupadel, den du herbestellt hast, schwerlich ankommen. Ich muß jetzt ein halbes Stündlein ruhen. Da kommt der Hofmedikus schon, mich zu holen.« In der Tat tauchte in diesem Momente auf der Plattform ein kleiner, spindeldürrer Greis auf, der in einen höchst auffallenden Scharlachmantel gekleidet war und ein ebenso gefärbtes Barett auf dem Kopfe trug. Mit seinem langen, weißen Spitzbarte war er einem verkleideten Ziegenbocke nicht unähnlich. »Gnädiger Herr: die Medicina!« meckerte er und wies auf den Diener, der ihm mit einer Flasche und einem großen Glase folgte. »Und dann muß sich Eure Fürstliche Gnaden hinlegen!« fügte er wichtig hinzu. »So gebt Euer Teufelszeug her, Doktor!« sagte der alte Herr mürrisch. Als er das Glas unter vielem Husten, Schelten und Ächzen geleert hatte, trat ein tiefschmerzlicher Ausdruck in sein Antlitz. »O du mein schönes koburgisches Bier!« seufzte er aus tiefster Brust. »Bier über alle Biere! An deiner Statt muß ich nun das elende Gesöff trinken, das ich meinem Hunde nicht gönnen möchte. Die Welt ist ein Jammertal! Gehab dich wohl, Bernhard. Auf Wiedersehen um vier Uhr!« Auf den Diener gestützt und vom Leibarzt gefolgt, humpelte er von dannen. Bernhard lehnte sich mit dem Rücken an die Brüstung und sah ihm mit einem Blicke nach, in dem Trauer und tiefes Mitleid lag. Der alte Herzog hatte ein ziemlich wüstes Leben hinter sich. Es war eigentlich nicht zu verwundern, daß er wenig Neigung besaß, in das Himmelreich einzugehen. Ihm aber war er immer sehr wohl geneigt gewesen, ja er hatte ihn sichtlich bevorzugt vor allen seinen Verwandten. Starb der Greis, so verlor er einen Freund, und gerade jetzt, nachdem ihm der schwedische Reichskanzler das Herzogtum Franken schon zugebilligt hatte, wäre ihm an der Freundschaft des Mannes, der die starke Feste Koburg besaß, viel gelegen gewesen. Aber es mochte wohl so kommen, wie der alte Fürst ahnend vorausfühlte: den Blätterfall im Herbst erlebte er schwerlich noch. Er war ein vom Tode Gezeichneter. Wurde er aber zu seinen Vätern versammelt, so mußte sein Ländchen an die Altenburger oder an die herzoglichen Brüder von Weimar fallen, und wahrscheinlich würde dann Wilhelm als der älteste versuchen, seine Hand auf diese Burg zu legen. Das wäre seinen Plänen ganz zuwider gewesen, und nach der Nachricht, die er aus Weimar erhalten und die ihn hierher getrieben hatte, durfte er es auch um der evangelischen Sache willen nicht dulden. Er entnahm der Innentasche seines Rockes ein Brieflein und entfaltete es mit gefurchter Stirn. Das Blatt war von oben bis unten bedeckt mit den Zügen einer zierlichen, aber festen Frauenhand und enthielt zunächst die dringende Bitte seiner Liebsten, nach Weimar zu kommen. Die Hochzeit seines Bruders Albrecht werde die ganze Familie vereinigen, sein Bruder Wilhelm habe sein Erscheinen bestimmt zugesagt, auch die Vettern von Bernburg würden kommen. Ihr ganzes Herz sehne sich nach ihm, sie hätten sich ja auch wieder sechs Monate nicht gesehen. Auf etliche Tage werde er ja abkommen können. Und dann kam eine Notiz, die er wohl hundertmal gelesen hatte, seit der Brief vor vier Tagen in Frankfurt, wo er mit Oxenstierna über das Herzogtum Franken verhandelte, in seine Hände gelangt war: »Mein liebster Schatz wird sicherlich auch mancherley Gutes können ausrichten, so er nach hier kömpt. Denn hier ist der kursächsische Obrist Taube und wartet auf Herzog Wilhelms Liebden, und es heißt vor bestimmt, daß der Kurfürst Seine Liebden wolle zu seinem Generalleutnant machen und ihn ganz für sich einnehmen. Was dann mein liebster Schatz gewißlich nicht gerne sähe.« Das war eine Bestätigung dessen, was ihm der schwedische Kanzler gesagt hatte. Oxenstierna wußte ganz genau, woher am Dresdener Hofe der Wind wehte, daß man dort des Kriegsführens und vor allen Dingen der Unterordnung unter Schweden übersatt war und am liebsten jeden Tag seinen Frieden mit dem Kaiser gemacht hätte. Er wußte auch, daß der Kurfürst alle Anstrengungen machte, den Herzog Wilhelm mit seinem Heeresteil zu sich herüberzuziehen. Daß der Schwede darüber tief erbittert war, verstand sich von selber, aber auch Bernhard mußte darin eine ungeheure Gefahr für die evangelische Sache sehen. Denn die große Macht des Kaisers und der katholischen Fürsten konnte nur dann gebrochen werden, wenn der Bund der evangelischen Staaten fest zusammenhielt. Fielen mächtige Glieder ab, um Sondervorteile für sich zu erreichen, so war niemals auf einen endgültigen Sieg zu hoffen, und wer also durch Abfall von der gemeinsamen Sache dem Frieden zu dienen glaubte, der bewirkte nur, daß der Krieg endlos weiterbrannte, weil eine Entscheidung nicht herbeizuführen war. Darum sah Bernhard in der Hinneigung seines ältesten Bruders zu Kursachsen eine gefährliche Verirrung und war hierher geritten, um die Ausführung seines Planes ihm unmöglich zu machen. Noch stand er in solchen Gedanken, da kamen sporenklirrende Tritte die Stufen herauf, und eine kräftige, untersetzte Reitergestalt ward sichtbar. Das war der tapfere Mann, der im vorigen Jahre die Koburg gegen Wallenstein verteidigt hatte und trotz alles Stürmens und Schießens der großen Friedländischen Armee Herr des Platzes geblieben war. Die Wiege seines Geschlechtes stand in Thüringen an einem Nebenflüßchen der Saale, und er betrachtete die Ernestinischen Herzöge noch immer wie seine Landesherren, obwohl er Obrist in schwedischen Diensten war. Er war ein derber, frischer, tapferer Kriegsmann ohne höhere Bildung, aber begabt mit einem scharfen Blick und einer ungewöhnlich großen Portion gesunden Menschenverstandes. Die untätige, zaudernde Kriegsführung seines Obergenerals, des Herzogs Wilhelm, ging ihm gänzlich wider die Natur und war ihm recht eigentlich ein Greuel. Darum gehörten seine Sympathien schon längst dem jüngeren Bruder, der mit seinem Wagemute und seiner Schlaglust so recht ein Herr nach seinem Herzen war. Als er den Herzog erblickte, riß er sogleich seinen Hut mit den wallenden Reiherfedern vom Kopfe herab und vollführte eine Verneigung, die mehr wohlgemeint als kunstgerecht war. Bernhard trat lebhaft auf ihn zu und streckte ihm die Hand entgegen. »Da seid Ihr ja, mein wackerer Taupadel. Potz tausend – fast eine Stunde früher, als man Euch erwarten durfte! Hat Euch meine Ordonnanz noch in Schottenstein getroffen? Oder waret Ihr schon auf dem Wege hierher?« »Wir saßen zu Tisch beim Schottensteiner Junker, ich und alle Obristen der Regimenter, die im Itzgrunde liegen, als der Bote Eurer Fürstlichen Gnaden eintraf. Den Braten habe ich noch mit verzehrt. Dann aufs Pferd und hierher! Ich bin hocherfreut. Eure Fürstliche Gnaden zu sehen. Nun wird bald ein frischer Wind wehen« »Das wollen wir hoffen, lieber Taupadel. Aber zuvörderst bitte ich Euch, mir auf etliche Fragen einen ganz offenen und ehrlichen Bescheid zu geben.« Der Obrist hob erstaunt den Kopf. »Habe ich etwas pekziert? Bin ich bei Eurer Fürstlichen Gnaden verdächtigt worden?« »In keiner Weise. Ich frage Euch, weil ich weiß, daß Ihr der Verhältnisse kundig seid, die ich zu wissen begehre. Auch halte ich Euch für einen Mann, der die Wahrheit sagt.« »Ich bin bereit, Eurer Fürstlichen Gnaden auf jede Frage Antwort zu geben, so gut ich vermag.« »Nun denn: Ihr hattet begonnen, die Feste Kronach zu belagern. Wer hat meinem Bruder diesen Rat gegeben?« »Das habe ich getan.« »Das dachte ich mir und habe meine Freude daran gehabt, daß endlich einmal etwas geschehen sollte. Auch operiertet Ihr mit Glück, wie ich hörte. Wie kam es, daß nun plötzlich die Belagerung aufgehoben ward und mein Bruder abzog?« Die Mienen des Obristen hatten sich bei dieser Frage tief verfinstert, und er erwiderte grollend: »Da müssen Eure Fürstliche Gnaden den verfluchten sächsischen Federfuchser fragen, der ins Lager kam. Er war kaum eine Stunde da, als Herzog Wilhelm den Befehl gab, die Belagerung aufzuheben.« »Der Befehl war Euch unlieb?« »Wie können Eure Fürstliche Gnaden so fragen? Wir hatten den Sieg und die Beute schon halb und gaben sie aus der Hand! Da kann einen ehrlichen Soldaten der Schlag rühren vor Ärger!« »Und wie dachten die andern Obristen?« »Alle wie ich, gnädiger Herr!« »Und da war keiner, der meinen Bruder warnte und ihm gut zuredete?« »Jawohl, fürstliche Gnaden. Es war einer da, und der war ich. Beschworen hab' ich den Herrn, nicht auf die Sächsischen zu hören. Ich habe ihm gesagt: Nimmermehr würde ein Kurfürst von Sachsen einem Prinzen aus Ihrer Linie trauen, am wenigsten einem so geachteten Fürsten wie Eure Fürstliche Gnaden sind. Niemals würde er eine Macht in Ihre Hand legen; was er Ihnen vormacht, ist eitel blauer Dunst. Aber das war alles in den Wind geredet.« Mit immer wachsendem Erstaunen hatte ihm der Herzog zugehört. »Ihr wißt also alles, was im Werke ist? Ihr wisset, daß der Kurfürst meinen Bruder von den Schweden abwendig machen und zu sich herüberziehen will?« »Seit unserm Abzüge von Kronach pfeifen das die Spatzen von den Dächern. Zudem hat Seine Fürstliche Gnaden nicht hinter dem Berg damit gehalten, daß ihm der Kurfürst die Bestallung als seinen Generalleutnant über seine ganze Armee wolle zukommen lassen. Mehrmals schon hat er so halb gefragt, was ich tun würde, wenn er des Kurfürsten Anerbieten annähme.« »Und was gabt Ihr zur Antwort?« »Ich habe ihm gesagt: Gnädiger Herr, wollen Sie selbständig ein Heer anwerben und den Krieg auf eigene Faust führen, wie weiland der Mansfelder und der Braunschweiger – wahrlich, dann werfe ich meine Bestallung hin und diene Ihnen mit Freuden. Ein Jammer, daß solches nicht möglich ist! Aber zu dem Sachsen folge ich Ihnen nimmermehr, denn der sucht nur seinen Nutzen, und es ist ihm nicht zu trauen!« »Gebt mir Eure Hand, Taupadel!« rief Bernhard mit starker Stimme. »Ihr seid mein Mann. Klug und dabei gerade und ehrlich, wie es alte thüringer Art ist. Und nun sagt mir frank und frei noch Eure Meinung über eines: Achtet Ihr dafür, daß ich meinen Bruder umstimmen könnte, so daß er abließe von den Verhandlungen mit dem Sachsen?« »Eure Fürstliche Gnaden müßten ihm Ihr Heer übergeben und ihn ganz und gar in Ihre Stelle setzen lassen. Dann brächten Sie ihn zu allem. Denn er ist voller Jalousie, wenn ich das sagen darf.« »Ich denke, das tue ich doch lieber nicht,« versetzte Bernhard lächelnd. »Das wäre der Teufel, Fürstliche Gnaden!« polterte der Obrist. »Sie sollten vielmehr alle Armeen kommandieren, die gegen den Kaiser im Felde stehen.« »So lest dieses Schreiben hier, General Taupadel,« sagte der Herzog und überreichte ihm ein zusammengefaltetes und mit dem großen schwedischen Reichssiegel verschlossenes Papier, das er seiner Brusttasche entnahm. »General?« fragte Taupadel verwundert. »Ihr seid's, sowie Ihr diesen Befehl ausgeführt habt.« Der Obrist nahm das Blatt und hielt es eine Armlänge von seinem Gesicht ab, um es zu lesen, denn er war weitsichtig, wie so viele alte Jäger und Soldaten. Er erkannte auf der Stelle die festen Züge des schwedischen Reichskanzlers, und er war bald zu Ende, da das Papier nur eine kurze Ordre enthielt. Mit ernster Miene reichte er es dem Herzog zurück und sagte: »Hätte mir ein andrer das überbracht als Eure Fürstliche Gnaden, so hätte ich mich wohl bedacht, dem Befehle nachzuleben, obwohl ich dazu verpflichtet bin. So aber tue ich's und tue es mit Freuden, denn es stärkt die Macht Eurer Fürstlichen Gnaden, und die kann nicht stark genug sein. Sie sind in diesen Tagen die einzige Hoffnung der deutschen Nation, Herr, sie kann sich durch keinen andern wieder erheben, wenn nicht durch Sie. So befehlen Sie denn über mich. Und ich meine, Sie werden die Truppen, so Sie sie einmal haben, nie wieder von Ihnen lassen!« »Niemals, Taupadel, das gelobe ich Euch. Werden aber die andern Obristen so denken wie Ihr, oder werden sie Späne machen?« »Ich acht', sie werden denken wie ich. Auch gilt bei ihnen mein Wort und Beispiel nicht wenig, wenn sie sich wider Vermuten zuerst weigern wollten,« erwiderte Taupadel mit Selbstgefühl. »Wie weit ist's von hier nach Schottenstein?« »Ein guter Gaul schafft's in einer Stunde.« »Dann werden wir unverzüglich hinreiten, denn die Herren sitzen gewiß den ganzen Nachmittag noch bei Wein und Bier und Karten beisammen. Ich will Urlaub nehmen von meinem Ohm. Er hat mich auf vier Uhr in den vorderen Hof bestellt, weiß nicht, was er dort vorhat. Es ist noch nicht so weit, aber gehen wir einstweilen hin.« Auf dem ziemlich geräumigen Vorderhofe der Feste stand die ganze Besatzung in einem Halbkreise geordnet, als der Herzog mit Taupadel den Platz betrat. Befremdet ließ er die Augen über alle diese kriegerischen Gesichter hingleiten, von denen ihm manches von früher her bekannt erschien. »Was soll das?« fragte er den Hauptmann der Schar. »Was wollt ihr hier?« »Ich weiß es nicht. Fürstliche Gnaden, der Herr hat's befohlen.« »Wo ist Euer Herzog?« »Er wird noch ruhen. Fürstliche Gnaden.« »So ruft mich, wenn er kommt. Ich gehe einstweilen mit Taupadel zu den Pferden,« sagte Bernhard, aber kaum hatte er ein paar Schritte nach den Ställen hin getan, so hörte er seines Ohms dünne, heisere Stimme. Der fürstliche Greis trat eben, gefolgt von seinem vierschrötigen Kanzler und zwei Dienern, aus dem Portal des Haupthauses heraus. »Ah, da bist du ja, Bernhard. Und Ihr auch schon hier, Taupadel? Das ist schön. Seid mir willkommen! Ich denke, Ihr seid Seiner Liebden willfährig in dem, was er von Euch haben will. Sonst soll Euch meinetwegen der Teufel holen!« Taupadel, der die polternde Art des alten Herrn kannte, verneigte sich lächelnd. »Ich stehe Seiner Fürstlichen Gnaden in allen Dingen zu Befehl.« »Das ist gut. Ihr seid ein wackerer, redlicher Thüringer! Und nun komm her, Bernhard! Du sollst etwas hören, was dich freut. Die Schweden wollen dich zu einem Herzog in Franken machen. Das ist löblich. Aber sie wollen die festen Häuser zu Würzburg und Bamberg selber mit ihrem Volke besetzt halten, so lange der Krieg währt. Das ist ruppig, und da schaut der Pferdefuß heraus. Mit der einen Hand geben sie, mit der andern Hand nehmen sie und zeigen an, daß sie dich nicht wollen stark werden lassen in Franken. Aber wir wollen zusehen, ob wir ihnen nicht eine Nase drehen können. Kanzler, lies vor, was ich mit dir aufgesetzt habe!« Der große, breite Mann trat einige Schritte vor, verneigte sich vor Bernhard und las mit einer Stimme, als ob er einen Toten hätte auferwecken wollen, die Urkunde ab, die er in der Hand hielt. Darin tat Herzog Johann Kasimir von Sachsen-Koburg männiglich kund und zu wissen, daß er seinen freundlichen, lieben Neffen, Herrn Bernhard Herzog zu Sachsen, zum Mitbesitzer seiner festen Burg Koburg annehme, wofür ihn von heute ab jeder zu achten habe. Er erlaube ihm auch, soviel Kriegsvolk hineinzulegen, wie ihm beliebe, und über alles Geschütz und sämtlichen Proviant zu verfügen nach Gutdünken. Herzog Bernhard stand ein paar Augenblicke wie erstarrt da. Was ihm hier in den Schoß fiel durch das Wohlwollen seines alten Oheims, war ein gewaltiger Zuwachs von Macht. Sein Herzogtum Franken war erst dann etwas wert, wenn er der alleinige Herr eines festen Platzes war, und die starke Koburg lag dicht an seiner Grenze. Er schloß den Greis stürmisch in seine Arme und vermochte vor Bewegung kaum zu reden. »Habe dich nicht!« sagte der alte Herr gänzlich ungerührt. »Ich denke an die vielen dummen und geärgerten Gesichter, die es nun geben wird, und habe meine Freude daran. – Kanzler, lies den Eid vor, und ihr –« wandte er sich an seine Leute, »ihr sprecht ihn nach!« Mit schallender Summe, wie vorher die Urkunde, las jetzt der Kanzler die Eidesformel vor, und die gesamte Mannschaft schwor mit erhobener Hand, daß sie Seiner Fürstlichen Gnaden wolle treu und gewärtig sein mit Blut und Leben und ihm gehorchen als ihrem Herrn. »Und nun muß ich dir des weiteren kund und zu wissen tun,« sagte der alte Herzog, »daß ich einen ungeheuren Durst habe. Ich werde dem alten Esel, der mir einen Tee in den Leib füllen will, ein Schnippchen schlagen und mit dir einen guten, starken Trunk tun.« »Heute nicht, lieber Ohm! Ich bitte dich vielmehr, mir für heute Urlaub zu geben. Ich will mit Taupadel nach Schottenstein reiten, um die Obristen zu gewinnen, die dort bei dem alten Junker zechen. Aber morgen früh führe ich selbst ein paar Fähnlein auf die Burg.« »Das ist mir unlieb,« erwiderte der Herzog mißvergnügt. »Ich hatte mich darauf gefreut. Indessen geht dein Werk vor, und so fahre nur hin. Den Trunk verschiebe ich aber nicht, denn es ist eine Sünde, einen großen, starken Durst ungenutzt zu lassen.« Bernhard trat dicht an ihn heran und flüsterte ihm ins Ohr: »Mein Herr Oheim wird an seinen leidenden Zustand denken und des Guten nicht zuviel tun. Mir sollt' es bitter leid sein, wenn ich Euch verlöre.« »Ach was!« knurrte der Greis, »ist es nicht besser, der Blitz erschlägt einen, als daß man an einem langsamen Feuerlein zu Tode röstet? Fändest du mich nicht mehr vor, wenn du wiederkehrst, so würde deine Trauer bald gestillt sein. Und in der Burg bist du nun, und ich meine, auch wenn ich tot bin, wird dich niemand hinauswerfen können. Gehab dich wohl für heute, Bernhard, und viel Glück und gute Verrichtung! Bringe den Schottensteiner morgen mit. Ist ein wackerer Kumpan, hat einst das große Auerhorn droben auf einen Ritt ausgetrunken. Wollen probieren, ob er's noch kann!« – »Das war, mit Permission zu sagen, die beste Tat, die Herzog Johann Kasimir in seinem Leben vollbracht hat,« sagte Taupadel, als er danach an der Seite des Herzogs die Straße dahinritt, die an der Itz abwärts führte. »Ich kann's ihm nimmer genug danken,« erwiderte Bernhard ernst. »Die Burg soll in meiner Hand etwas anderes bedeuten als bisher. Darum muß ich einen ganzen Mann hinsetzen, auf den ich mich unbedingt verlassen kann. Wollt Ihr den Befehl dort, Taupadel?« »Fürstliche Gnaden, ich diene Ihnen, wo Sie mich hinstellen. Aber ich will Ihnen nicht verhehlen, daß ich am liebsten mit Ihnen zöge. Ich bin des tatenlosen Liegens satt, und vor der Hand wird schwerlich ein Feind die Feste bedrängen.« »Ich begreife das!« entgegnete Bernhard, und im Grunde war er froh, daß der alte Haudegen lieber mit ihm ziehen als hierbleiben wollte. Denn es lag ihm daran, alle diese Regimenter, die in der Gegend standen, möglichst rasch von dannen zu führen, ehe sein Bruder von Weimar zurückkehrte. »Aber,« setzte er hinzu, »denkt darüber nach, Taupadel, wen Ihr mir als Befehlshaber der Burg vorschlagen wollt. Euer Name wird in der Historia weiterleben als der des tapferen Verteidigers dieser Feste. So möchte ich von Euch wissen, wen Ihr für wert haltet, nach Euch hier das Kommando zu führen. Überlegt es Euch und sagt es mir und dem Herzog morgen.« Viel mehr wurde zwischen den beiden nicht geredet auf dem Wege, denn sie ließen die Gäule wacker ausgreifen und ritten wirklich schon eine Stunde später die gewundene Dorfstraße von Schottenstein empor nach dem Schlosse, das über den Bauernhäusern schwer und wuchtig thronte. Droben saß der alte Schottensteiner mit seinen Gästen beim Becher. Die Strahlen der Abendsonne, die durch die hohen Fenster in den großen Herrensaal hineinfielen, blitzten auf in den Gold- und Silbermünzen, die auf der Tafel lagen. Denn nach dem Essen und einem schweren Trunke waren die Herren zum Spiel übergegangen, am obern Ende des Tisches klatschten die Karten, am untern rasselten die Würfel auf dem harten Eichenholz. Da erklangen auf den Steinfließen des Vorsaals klirrende Tritte, die Tür flog auf, und der Herzog stand auf der Schwelle, hinter ihm Taupadel. Alle wandten ihre erhitzten und weingeröteten Gesichter dem Eingange zu. Einen Augenblick verblüfftes Schweigen, dann fuhren sie wie mit einem Rucke von ihren Stühlen empor, und ein lauter Heilruf scholl dem Eintretenden entgegen. »Es ist mir leid, daß ich die Herren stören muß,« sagte der Herzog, dem Nächststehenden leutselig die Hand hinstreckend, »aber ich habe eine Botschaft des Herrn Reichskanzlers an die Obristen der Regimenter, die unter meines Herrn Bruders Liebden bei Koburg stehen. Die leidet keinen Aufschub.« Er machte eine kleine Pause und fuhr dann fort. »Seit mehr als einem Jahre ist dieses Heer jeder großen Aktion ferngeblieben. Ohne Ruhm, ohne Beute zieht ihr hin und her von Franken nach Thüringen und von Thüringen nach Franken. Andere nehmen Städte ein und gewinnen Siege; ihr steht immer zur Seite!« »Nicht unsere Schuld!« klang eine scharfe Stimme. »Nein, wahrlich nicht eure Schuld. Ihr gehört vielmehr zu den Besten, die im Felde stehen. Und wir brauchen euch da, wo die Schwerter klirren. In ein paar Wochen ziehe ich aus, den Krieg in des Kaisers Erblande zu tragen. Möchtet ihr nicht mit, ihr Herren, wenn's nach Wien geht?« »Vivat Herzog Bernhard!« schrien einige. »Aber wir stehen unter Herzog Wilhelms Befehl!« rief einer dagegen. »Ihr standet unter meines Bruders Befehl. Hier ist die Order vom Reichskanzler, die euch unter meinen Befehl stellt. Obrist Rosen, nehmt sie und seht sie Euch an! Reicht sie herum und gebt sie einem jeden in die Hand. Wer will zurückbleiben? Wer möchte nicht hinaus aus dem faulen Leben? Wer weigert sich, mir zu folgen?« »Keiner!« schrie der Obrist Rosen. »Hier meine Hand, Fürstliche Gnaden!« Und »Vivat Herzog Bernhard!« von allen Seiten. »So haltet euch bereit, morgen nach Bernburg abzurücken.« Er ergriff ein großes Glas, das ihm zunächst stand, und hob es hoch empor. »Dies euch zum Wohle, wackere Kameraden!« Und wieder brauste es durch den Saal: »Vivat Herzog Bernhard!« VIII. »Ich sage Euch, Doktor, was zuviel ist, das ist zuviel! Sehe ich auch dieses Mal hinweg über das, was mein Bruder mir angetan hat, so verliere ich bei der Armee meine Reputation! Seit dem Tage von Lützen bildet er sich ein, er sei ein großer Feldherr, hinter dem alle andern zurückstehen müssen. Eine unbrüderliche Aktion über die andere hat er wider mich unternommen, und diese letzte ist die schlimmste. Fünfzehn meiner Regimenter hat er mir entführt, den Kern meiner Truppen. Das ist ein malhonettes Stückchen! Das werde ich ihm niemals vergessen!« So sprach Herzog Wilhelm in großer Erregung, als er mit seinem alten Lehrer, Doktor Friedrich Hortleder, im Schlosse Hornstein in Weimar allein bei einem Vespertrunke saß. Hortleder war zurzeit ein weitberühmter Mann, als Historiker und Staatsrechtslehrer gleich angesehen. Er war von Jena herübergekommen, um der Hochzeit seines vorjüngsten früheren Schülers, des Herzogs Albrecht, beizuwohnen, und nachdem die fürstlichen und adeligen Gäste abgefahren waren, hatte Herzog Wilhelm den Professor noch einen Tag länger bei sich behalten, um alle möglichen Dinge mit ihm durchzusprechen. Denn Hortleder war der Lehrer der ernestinischen Prinzen und der Ratgeber ihrer frühverstorbenen Mutter gewesen, und die Liebe und Zuneigung seiner ehemaligen Zöglinge war ihm geblieben. Alle, die noch am Leben waren, standen mit ihm in Briefwechsel, suchten seinen Rat und ließen sich von ihm die Wahrheit sagen, wie sie den hochgeborenen Fürsten und Herren sonst niemand mehr sagte. Der Herzog war bei seinen heftig hervorgestoßenen Worten aufgesprungen und hatte das Schreiben, das ihm kurz vorher von einem Reiter gebracht worden war, erst mit der Hand zusammengeknüllt und dann auf den Tisch geworfen. Hortleder, der ruhig in seinem Lehnstuhl sitzen blieb, nahm es auf, faltete es auseinander, glättete es umständlich und las es dann langsam durch. Inzwischen rannte der Herzog mit gefurchter Stirn und geballten Fäusten im Zimmer auf und nieder. Erst nach einer geraumen Weile legte der Gelehrte das Blatt aus der Hand und sagte, seine durchdringenden Augen fest auf das erregte Gesicht des Fürsten heftend: »Es geht klärlich aus dem Briefe hervor, daß die Hinwegführung der Truppen auf bestimmte Order des schwedischen Kanzlers geschah.« »Die Ordre hat er sich geben lassen! Der Kanzler befiehlt alles, was mein Herr Bruder will.« Hortleder lächelte. »Da haltet Ihr Herrn Oxenstierna für dümmer, als er ist.« »So? Nun, nach der Schlacht bei Lützen wünscht Bernhard den Oberbefehl über das Royalheer. Er erhält ihn, mich schiebt man beiseite. Neulich schlägt er dem Kanzler vor, die Obristen mit Land abzulohnen. Es geschieht, und nun wird er zum Gott dieser Leute, ihr Halbgott war er schon immer. Er wünscht ein Herzogtum Franken, sagt, der König habe es ihm versprochen. Es wird ihm geglaubt, die Schenkung wird perfekt, in vierzehn Tagen zieht er in Würzburg als Herzog ein. Nun entführt er mir meine Truppen! Das soll kein abgekartet Spiel sein? So kindisch bin ich nicht, daß ich das glaube, und Ihr, Hortleder, Ihr seid es auch nicht!« Er warf sich in einen Sessel, streckte die Beine weit von sich und blickte anklagend zum Himmel empor. »Liegt nicht die Wegführung Eurer Regimenter im höchsten Interesse der Krone Schweden?« fragte Hortleder bedächtig. »Wie meint Ihr das?« »Da die Welt nun einmal voller Verrat und Tücke ist, lieber Herzog Wilhelm, so wird schon längst einer den Schweden hinterbracht haben, daß Ihr mit Dresden liebäugelt. Was Wunder, wenn es Euch die Regimenter wegnimmt, bevor Ihr sie von ihm wegführt.« »Ihr wißt, Hortleder, weshalb ich zum Kurfürsten neige. Wahrlich, nur um des Friedens willen! Wir müssen den Frieden haben, sonst geht alles zugrunde. Land und Leute sind schon fast bis auf den Grund verderbt. Es kann und darf nicht so weiter gehen. Die Fremden, die Schweden, wollen den Frieden nicht. Aber der Kurfürst will ihn, wie ich ihn will, und wenn die deutschen evangelischen Fürsten sein Direktorium anerkennen, so werden wir mit ihm den Frieden vermitteln, den Kaiser und die Schweden zwingen, sich zu vertragen. Und nach diesem Tage sehnt sich mein landesväterliches Herz.« »Euer landesväterliches Herz in Ehren, Herzog Wilhelm! Aber Eure Rechnung ist falsch. Auch wenn noch zehn kleine deutsche Fürsten dem Sachsen zufielen, ist er nicht stark genug, den Frieden zu vermitteln. Er kann sein Schwert für den Schweden oder den Kaiser in die Wagschale werfen, aber zum Frieden zwingen kann er keinen von beiden. Das könnte vielleicht der König von Frankreich, wenn er ehrlich wollte, aber nimmermehr der Kurfürst von Sachsen!« »Ihr unterschätzt –« begann der Herzog, aber er verstummte plötzlich. Vom Hofe herauf klang Trompetengeschmetter, und Rossestritte hallten auf dem steinernen Pflaster. »Was ist das? Reitet ein Reichsfürst ein drei Tage nach der Hochzeit?« rief Wilhelm und eilte nach dem Fenster. Auch Hortleder erhob sich neugierig von seinem Armstuhle und trat hinter ihn. Aber kaum hatten sie einen Blick in den Hof hinabgeworfen, so stießen beide einen Ruf der Überraschung aus. Erstaunt, fast bestürzt, starrte Herzog Wilhelm seinem alten Mentor ins Gesicht. »Das ist doch – sollte man's glauben – das ist doch, bei Gott, mein Bruder Bernhard!« stammelte er. »Ja, wahrhaftig, er ist es,« sagte Hortleder ernst, »und sein Kommen wird ohne Zweifel nicht von ungefähr sein. Er wird, so acht' ich, sich sagen, daß die Wegführung der Regimenter Euer Gemüt stark alteriert hat, und wird mit Euch reden wollen wegen der Irrungen, die zwischen Euch und ihm entstanden sind.« Des Herzogs Antlitz lief düsterrot an, und er zerrte heftig an seinem starken Schnurrbarte. »Wäre er geblieben, wo der Pfeffer wächst!« murrte er. »Beim Himmel, er findet bei mir keine günstige Statt! Am liebsten möcht' ich ihn gar nicht sehn!« »Das wäre unchristlich, Herzog Wilhelm, und es wäre knabenhaft,« sagte Hortleder mit der schonungslosen Wahrhaftigkeit, die ihn ebenso ehrte wie den Fürsten, dem gegenüber er sie entfalten durfte. Der Herzog sah ihn ein paar Augenblicke wütend an, aber der Gelehrte hielt dem Blicke furchtlos Stand und fügte noch hinzu: »Ihr werdet das selber einsehen, so Ihr's Euch recht überlegt.« Das brachte den Herzog sogleich zur Besinnung. »Ihr habt recht, Hortleder! Es war nicht überlegt, was ich sagte. Aber,« er faßte ihn am Arme, »sehet, was soll das bedeuten?« »Ja, was soll das bedeuten?« wiederholte Hortleder und blickte ebenso wie der Fürst in den Hof hinunter. Dort war Herzog Bernhard vom Pferde gesprungen und schüttelte zwei herbeieilenden grauhaarigen Dienern leutselig die Hand. Dann ließ er sich einen riesigen, sehr ungeschickt gewundenen Kranz von bunten Feldblumen reichen, den einer seiner Reiter vor sich auf dem Sattel trug. »Potztausend, was soll das?« fragte Herzog Wilhelm noch einmal mit einem spöttischen Lächeln. »Will der Herr Bruder etwa die alten Schäferspiele erneuern, die wir spielten, als wir junge Leute waren? Denkt er daran, wie wir Szenen aus der Asträa aufführten und uns mit Blumen und Bändern schmückten? Die Academie des vrais amants von damals ist längst in alle Winde zerstreut, und Blumen und Bänder muten uns an wie Firlefanz und Narreteidinge!« »Nicht alle,« erwiderte Hortleder. »Eine lebt im Schlosse, die jeden Tag an die Zeit zurückdenkt, die immer noch Clarissa ist und ihren Aristander von damals nicht vergessen hat. Das ist Euch wohl bewußt!« »Ah!« rief Wilhelm und schlug sich gegen die Stirn. »Um ihretwillen kommt er, und ihr bringt er den Blumentand, und ich hatte wohl nicht nötig, nachzudenken, ob ich ihn sehen und sprechen will.« »Es scheint doch nicht an dem, seht hin!« Bernhard schritt unten, während seine Reiter von den Rossen stiegen, von den Dienern gefolgt, nach dem andern Flügel des Schlosses. Das Haupt hielt er gesenkt, zu keinem der Fenster flog sein Blick empor. »Seht Ihr nun, wem er die Blumen bringt?« fragte Hortleder ernst. »Da drüben liegt die Gruft Eurer Eltern, und heute ist Eurer Mutter Geburtstag. Dessen hat er sich wohl unterwegs, erinnert. Sonderbar, was alles Platz hat in diesem eisengepanzerten Herzen!« In Herzog Wilhelms Zügen arbeitete es wunderlich, und er wandte sich halb von dem Sprechenden ab. »Wird er mich wohl dazu holen lassen? Will er mich so rühren und weich machen?« murmelte er. Hortleder schüttelte den Kopf. »Ihr meint eine larmoyante Szene am Grabe? Ach, Herzog Wilhelm, wie wenig kennt Ihr ihn! Der führt keine Szene auf! Er wird dort wohl ein kurzes Gebet verrichten, und dann, denke ich, wird er zu Euch kommen.« »Wollt Ihr dabei zugegen sein, Hortleder? Es wäre mir nicht unlieb.« »Nein, Herzog Wilhelm. Wenn ein Bruder mit dem andern Frieden und Versöhnung sucht, so soll kein Dritter dabeistehen, auch kein Freund. Doch lasse ich Euch etwas zurück, nämlich die Erinnerung an den Spruch, den ich Euch gelehrt habe, als Ihr ein Knabe waret: Des Menschen Zorn tut nicht, was vor Gott recht ist. Haltet ihn Euch gegenwärtig!« Er verneigte sich und ging festen Schrittes aus dem Gemache. In großer Erregung blieb der Herzog zurück. Das Verhältnis zwischen ihm und Bernhard war schon seit der letztvergangenen Weihnachtszeit kein gutes, denn der Jüngere handelte in allen Dingen auf eigene Faust, kümmerte sich in keiner Weise um die Generalleutnantschaft, die Gustav Adolf dem Ältesten der weimarischen Herzöge übertragen hatte, und fand dabei die Unterstützung des Reichskanzlers. Einmal hatte ihn Wilhelm persönlich zur Rede gestellt, ohne viel zu erreichen. Man war damals höflich kühl voneinander geschieden. Dann flogen wieder scharfe Briefe zwischen den Brüdern hin und her, der Ton ward immer gereizter, denn Bernhards Übergriffe nahmen überhand, und was ihm nun heute gemeldet worden war, die Entführung seiner Regimenter, das hatte hellen Zorn in ihm entfacht. Er war im Grunde eine friedfertige Natur, stürmische und heftige Auftritte waren ihm äußerst zuwider, und nun schien der jüngere Bruder einen solchen Auftritt geradezu herbeiführen zu wollen. Denn er mußte sich sagen, daß er den Bruder aufs tiefste gereizt und verletzt haben mußte, und daß ein Fürst und General solch eine Kränkung nicht ruhig hinnehmen konnte. Warum also erschien er jetzt persönlich? Etwa um sich zu rechtfertigen? Das sah seinem hochfahrenden Sinne nicht ähnlich. Mehrmals war der Herzog in Versuchung, durch eine hintere Tür das Zimmer und das Schloß zu verlassen und der schlimmen Szene aus dem Wege zu gehen. Aber er verwarf den Entschluß doch jedesmal wieder, denn es hätte dann scheinen können, als habe er vor Bernhard die Flucht ergriffen. Noch grübelte er und schwankte unschlüssig hin und her, da öffnete sich die Tür, und Bernhard trat ein. Sein Antlitz zeigte nicht die geringste Spur von irgendeiner Verlegenheit oder auch nur Befangenheit, während Wilhelm bei seinem Anblick abwechselnd errötete und erbleichte. Mit freundlicher, fast herzlicher Gebärde streckte er dem Bruder die Hand entgegen und rief: »Gott zum Gruße, Wilhelm!« Wilhelm tat, als sähe er die ausgestreckte Rechte nicht, und blickte zur Seite. Dann fragte er mit einer Stimme, die vor unterdrückter Erregung heiser klang: »Was suchst du hier?« »Unter andern dich,« entgegnete Bernhard, während ein leises Lächeln um seinen Mund Zuckte. Herzog Wilhelm trat an den Tisch heran, nahm das Schriftstück auf, das dort lag, und schleuderte es ihm heftig zu. »Lies das!« sagte er schroff, wandte ihm den Rücken und trommelte aufgeregt an den Fensterscheiben. Bernhard nahm das Blatt, las flüchtig darüber hin und ließ es dann wieder auf den Tisch fallen. »Du weißt es schon? Das ist mir leid. Ich hoffte, der erste zu sein, der dir's meldete.« »Du treibst die Insolenz weit!« rief Wilhelm wütend und drehte sich um. »Ich will dieses Wort nicht gehört haben,« sagte Bernhard kalt, »denn ich möchte, so wahr Gott lebt, einen Bruderzwist vermeiden. Kein anderes fürstliches Haus hat so durch Uneinigkeit seiner Glieder gelitten wie das unsere. Ich wollte dir's als erster melden, weil ich der Nachricht den Stachel nehmen und dir eine Satisfaktion anbieten wollte.« »Ich bin in Wahrheit darauf begierig,« antwortete Wilhelm eisig und drehte sich wieder dem Fenster zu. »So wisse: Ich mußte die Regimenter nehmen, denn nahm ich sie nicht, so bekam sie Horn. Der Kanzler wollte sie dir auf alle Fälle aus den Händen nehmen.« Herzog Wilhelm schlug wütend auf das Fensterbrett. »Der Schurke!« hörte Bernhard ihn murmeln und noch etwas Undeutliches, das klang wie: »Hol ihn der Teufel!« »Und weißt du, weshalb der Kanzler so handelt? Weil er sichere Kunde hat, feste Beweise, daß du mit dem Kurfürsten in Dresden gegen Schweden konspirierst!« Jetzt fuhr Wilhelm herum, als hätte ihn ein giftiges Insekt gestochen, und brach los: »Konspirierst? Das sagst du mir? Ich verbitte mir solche Worte. Ich konspiriere nicht gegen Schweden, ich will von Schweden los! Ja, da ist es heraus: ich will von Schweden los! Ich will mich als deutscher Fürst nicht ducken unter die Befehle eines schwedischen Edelmannes. Bekämpfen will ich die Schweden nicht, denn sie sind unseres Glaubens. Aber ich will nichts mehr mit ihnen zu tun haben, ich will frei von ihnen sein.« »Und du willst also dem Kaiser dienen?« »Auch dem nicht, denn er ist unseres Glaubens Feind. Aber der Habsburger wird mit sich handeln lassen. Eine Scheinherrschaft mag er in Gottes Namen behalten und sich weiterhin römischer Kaiser nennen!« »Ha,« rief Bernhard, »dieser Habsburger niemals! Dem ist der Schein ganz gleichgültig, der will den Kern. Denn in seinen Augen seid und bleibt ihr verfluchte und verdammte Ketzer, auch wenn er euch jetzt aus Not und Bedrängnis den Frieden gewährt. Sobald er zu Kräften kommt, fängt er wieder an. Denn die Ausrottung der Ketzerei ist ihm Gottesdienst. Hört jetzt das Würgen und Brennen auf, so geht es in acht oder zehn Jahren wieder los.« »Acht oder zehn Jahre sind eine lange Zeit!« rief Wilhelm. »Derweilen kann er gestorben sein.« »Dann fährt sein Sohn da fort, wo der Vater aufgehört hat. Denn die Fürsten dieses Hauses sind nichts anderes als Puppen, die gelenkt werden von der Hand der Väter Jesu. Die sind die Herren am Hofe zu Wien und werden's bleiben.« »Und wenn's so wäre – jetzt, jetzt brauchen wir den Frieden, sonst gehen unsere Länder zugrunde. Das Volk ersäuft im Blut und erstickt im Brande. Du stehst im Felde, bist nicht Landesvater, hörst nicht das Jammern der Witwen und Waisen, das Ächzen der Gemarterten.« »Ich werde demnächst Landesherr sein wie du,« unterbrach ihn Bernhard. Wilhelm lachte spöttisch. »Ja, du hast's erreicht. Ich wünsche Glück dazu. Du wirst's als Vasall der Schweden.« Bernhard stieg das Blut ins Gesicht, aber er bezwang sich. »Das geht zuvörderst nicht anders,« erwiderte er ruhig. »Besser ein Vasall der Schweden, als ein Vasall des Albertiners und des Habsburgischen Pfaffenkaisers.« »Der Dresdener hat mir nichts zu sagen. Er bittet mich und buhlt um meine Gunst, bietet mir alles Mögliche.« »Das glaub' ich gern. Er tut's, weil er dich braucht, und du bist ihm voller Vertrauen auf seine Leimstange geflogen!« »Noch ist nichts unterschrieben!« rief Wilhelm trotzig. »Ich will erst feste Zusagen.« »Noch nicht?« Bernhards Augen leuchteten auf. »Noch nicht? Wilhelm, dann laß dich warnen! Sieh her –« er tat ein paar schnelle Schritte zur Seite und riß eine Tür auf. »Blicke hin! Dort steht noch der Tisch, an dem vor achtzehn Jahren unser ältester Bruder Johann Ernst, der nun in Gott ruht, die schändliche Quittungsnotul unterschreiben mußte, durch die der Albertiner unser Haus in eine knechtische Abhängigkeit von sich bringen wollte. Dort stand unsere Mutter und weinte vor Zorn und Scham, und dort standen wir Brüder und dort die kursächsischen Kommissare. Weißt du das nicht mehr, Wilhelm? Wir haben dann die Kette abgestreift, als die Zeit günstig war. Willst du sie dir wieder überwerfen lassen? Derselbe Kurfürst herrscht noch in Sachsen – meinst du –, meinst du, dieser Mensch werde uns jemals wohl gesinnt sein? Niemals, sage ich dir, nicht er und keiner von seinem Hause. Denn sie wissen wohl, daß sie schmählich an uns gehandelt haben, trauen uns nicht, werden uns auch nie trauen. Ihre alte Schuld steht zwischen uns und ihnen!« Mit starker Stimme und immer sich steigernder Eindringlichkeit hatte Bernhard gesprochen, und seine Worte waren ersichtlich nicht ohne Eindruck geblieben. Herzog Wilhelm war in einen Stuhl gesunken und starrte finster vor sich nieder. Die schmachvolle Szene, an die sein Bruder ihn gemahnte, mochte wohl deutlich vor seiner Seele stehen. So entstand eine kleine Stille. Dann begann Wilhelm mürrisch, ohne seinen Bruder anzusehen: »Wohl möglich, daß er's nicht ehrlich mit mir meint! Aber du und dein sauberer Kanzler, meint ihr es ehrlich mit mir? Ihr nehmt mir, was mir zusteht. Jetzt wieder – ich darf nicht daran denken!« Er ballte die Fäuste und runzelte finster die Stirn. »Ich sagte dir schon, ich komme, dir Satisfaktion dafür anzubieten.« »Wie?« rief Wilhelm und richtete sich schnell auf. Zum ersten Male sah er seinem Bruder ins Gesicht. »Satisfaktion? Was heißt das? Willst du refüsieren? Willst du mir den Befehl verschaffen über das Hauptheer?« »Das steht nicht in meiner Macht!« »So? Warum nicht? Du stehst mir doch allein im Wege!« »Nein,« sagte Bernhard fest. »Wäre ich's nicht, so wäre Horn General der Royalarmee, und das wäre den Schweden das Liebste. Wäre er's nicht, so wäre es der Pfalzgraf oder Banèr. Du auf keinen Fall, denn der Kanzler liebt dich nicht und traut dir nicht. Auch mich würde er wohl am liebsten heimschicken, aber mich hält das Heer. Wagte er's, mich anzugreifen, so meuterte die ganze Armee. Bei dir, das weißt du selbst, wäre das nicht zu befürchten.« »Nun denn, zum Henker, sprich mir nicht von Satisfaktion!« »Lieber Wilhelm,« sagte Bernhard ganz freundlich und langmütig, »wer das größte Stück der Beute nicht bekommen kann, braucht deshalb nicht auf alles Verzicht zu leisten. Ich biete dir immerhin viel im Namen des Kanzlers, wenn du von deiner Verbindung mit Sachsen abständest oder sie wieder fahren ließest, wie Herr Oxenstierna sagte. Du sollst das Fürstentum Eichsfeld als erbliches Lehn erhalten und dreimalhundertausend Taler als Entgelt für deinen Aufwand. Entschlage dich des Gedankens, du könntest den Frieden herbeizwingen mit Kursachsen im Bunde! Neutralität gibt's für keinen mehr in deutschen Landen. Schließt heute der Kurfürst seinen Frieden mit dem Kaiser, so fällt morgen Banér als Feind in sein Land. Drum nimm, was dir geboten wird, Bruder, ehe es zu spät ist. Greif zu! Greif zu!« Er streckte ihm die Hand hin, als hielte er in ihr das gebotene Fürstentum. In Wilhelms Zügen spiegelte sich der Kampf wider zwischen Groll, Mißtrauen und Begehrlichkeit, und noch einmal siegte das Mißtrauen. »Wer bürgt mir, daß es der Kanzler ehrlich meint?« stieß er zwischen den Zähnen hervor. »Dafür bürge ich dir mit meinem fürstlichen Worte und gelobe dir's bei meiner Seele Seligkeit. Meinst du, ich ließe mich zu einem Bubenstücke gebrauchen? Hielte der Kanzler nicht, was er versprach, so wäre ich von Stund' an sein Feind. Also noch einmal: greif zu, Bruder!« »Nicht jetzt! Nicht gleich. Hortleder ist hier. Eine Fügung Gottes! Wir wollen ihn rufen lassen – –« »Ich will ihn dir hereinsenden,« unterbrach ihn Bernhard. »Besprich dich mit ihm und sage mir dann Bescheid. Ich hoffe zu Gott, einen guten!« Ehe Wilhelm etwas erwidern konnte, war er zur Tür hinaus. Er hatte schon vorher den alten Rat seines Hauses, der auch sein Lehrer gewesen war, auf der Treppe sehr herzlich begrüßt und ihn gebeten, nach der Prinzessin Kunigunde Umschau zu halten. Er würde ihn wohl auf dem Korridor treffen, der sich vor dem herzoglichen Vorzimmer dehnte. Hortleder, das wußte er, würde seinem Bruder gut zureden, und so konnte vielleicht noch im Laufe des Abends eine Versöhnung mit Wilhelm zustande kommen. Daran war ihm immerhin viel gelegen, nicht nur, weil Wilhelm nun einmal sein Bruder war, sondern weil er in ihm auch den tüchtigen Menschen und vortrefflichen Regenten schätzte. Er schritt durch das Vorzimmer, in dem zwei Pagen aufsprangen und sich tief verneigten. Sie waren jeder in einer Fensternische postiert, und der eine gähnte über Arndts »Wahrem Christentum«, der andere über desselben Verfassers »Paradiesgärtlein«. Die beiden Bücher lagen in dem fürstlichen Vorzimmer zur Erbauung der dort Harrenden beständig aus. Bernhard nickte ihnen freundlich zu, aber das Lächeln, das er dabei auf den Lippen trug, galt nicht ihnen. Es entsprang dem Gedenken an ein Wort, das der kluge Kanzler vor einigen Tagen ausgesprochen hatte: »Die wenigsten Menschen wissen, mit wie geringer Weisheit die Welt regiert wird.« Es war so. Mit immer denselben wenigen Mitteln lenkte man die Gemüter der Menschen, nicht nur der dummen, auch der klugen; Furcht mußte man erregen oder die Begehrlichkeit entfesseln oder den Ehrgeiz kitzeln. Eins dieser Mittel half fast immer, und half es nicht, so mußte man mehrere vereinigen. Hortleder erwartete ihn wirklich, wie er es gedacht hatte, auf dem Korridor und trat lebhaft auf ihn zu. »Eure Miene verkündet Gutes. Ist's Euch wahrhaftig gelungen?« »Mein Bruder ist auf dem besten Wege. Er will sich mit Euch beraten. Nun geht rasch hinein, damit er kein Mißtrauen faßt! Ich brauche Euch nicht zu instruieren. Wir haben uns ja oft geschrieben.« »Herzog Bernhard, Ihr seid ein – – Es ist schier unheimlich, was Ihr fertig bringt. Aber ich gehe schon!« »Wißt Ihr, wo Prinzeß Gundel ist?« »Bei ihrer Frau Schwester im Garten.« »Dann sucht mich dort, wenn Ihr mit meinem Bruder im reinen seid.« Er nickte ihm noch einen Gruß zu und sprang rasch die beiden Stufen hinab. IX. Prinzessin Kunigunde wandelte in ernstem Gespräche mit ihrer Schwester, Wilhelms Gemahlin Eleonore Dorothee, im Schloßgarten auf und nieder. Sie nahmen den Kommenden zunächst nicht wahr, denn eine dichte Taxuswand entzog ihn ihren Blicken. Dem Herzog stockte einen Augenblick der Fuß, und Tränen wollten sich ihm in die Augen drängen, als er die Stätte wieder betrat, mit der so viele seiner schönsten Kindheits- und Jugenderinnerungen verknüpft waren. Das Lustgärtlein hinter dem Schlosse hatte sein Vater angelegt, den er nie gekannt hatte, da er ein Jahr nach seines jüngsten Sohnes Geburt gestorben war. Die Mutter hatte dann die Schöpfung des Gatten liebevoll weitergepflegt, und der Garten war ihr ein häufiger und lieber Aufenthalt gewesen. Von dort drüben grüßte die steinerne Bank herüber, auf der sie oftmals an schönen Sommernachmittagen mit ihren jüngsten Kindern gesessen hatte. Dem Herzog war es, als hörte er gedämpft, wie aus weiter Ferne, ihr lebensfrohes Lachen und dazwischen das zarte Stimmchen seiner Schwester, die als kleines Mädchen gestorben war. Wie lange war das nun schon her! Als er zum letzten Male hier mit der Mutter saß, war sie eine Frau von dreiundvierzig Jahren, –und heute hätte sie ihr neunundfünfzigstes Jahr vollendet, wenn sie am Leben geblieben wäre. Fünfzehn Jahre waren also schon verronnen seit ihrem frühen Tode. Und etwa sieben Jahre mochte es her sein, da hatte er da hinter der Steinbank in die Rinde der hohen Ulme ein Herz eingeschnitten das die beiden Buchstaben K und B umrahmte. Denn dort hatte er seine Gundel zum ersten Male in den Armen gehalten und zum ersten Male ihren Mund geküßt, und wenn ihn an diesem Orte der Erinnerung viele Schatten teurer Verblichener umschwebten – sie, die Geliebte, war noch am Leben und war ihm nahe, und er vernahm schon den Laut ihrer Stimme, denn eben kamen die Schwestern den Laubengang wieder heruntergeschritten. Sie waren beide trotz ihrer Jugend in einfache, dunkle Gewänder gekleidet, da ernster gerichteten Frauen die Not und Trübsal der Zeit zu groß erschien, als daß sie sich in helle Kleider hätten hüllen mögen. Bernhard wartete mit klopfendem Herzen, bis sie ganz nahe herangekommen waren, und als sie nun um die Ecke bogen, trat er einige Schritte vor, breitete seine Arme aus und rief nur das eine Wort: »Gundel!« Die Prinzessin fuhr zusammen und blickte ihm einen Augenblick fassungslos ins Gesicht. Die Überraschung schien ihr die Glieder gelähmt zu haben. Dann aber schoß ihr eine jähe Purpurröte ins Antlitz, sie stürzte auf ihn zu und warf sich an seine Brust. Ihre Schwester dagegen blickte zunächst ebenso erstaunt und erschrocken auf ihn, der so völlig unerwartet hier erschien. Aber sie hatte keinen Gruß für ihn; sie warf den Kopf zurück, wandte sich kühl ab von den beiden und schlug einen Seitenpfad ein. Bernhard bemerkte davon nichts. Sein Blick hing an den geliebten Zügen, aus denen nun langsam die Röte wich, um einer tiefen Blässe Platz zu machen. Mit heiß aufzuckendem Schmerze sah er, daß sie einen Zug des Leidens um den Mund trug, den er früher nicht an ihr wahrgenommen hatte. Sie hatte wohl viel gelitten in den letzten Monaten, und sie hatte gelitten um seinetwillen. War es auch anders möglich bei der Verstimmung und Gereiztheit gegen ihn, die hier herrschte? »O Bernhard,« flüsterte sie. »Wie gut, daß du noch kommst! Nie habe ich mich so nach dir gesehnt wie jetzt!« »Sie sind nicht gut zu dir gewesen?« fragte er mit tief verfinstertem Gesicht. »Niemand hat mir ein kränkendes Wort gesagt. Dazu sind Wilhelm und Eleonore viel zu vornehm, und alle Hofleute wissen das und richten sich danach. Aber es wurde in meinem Beisein nie mehr von dir gesprochen. Wie oftmals, wenn ich eintrat, stockten die Gespräche! Und fing ich an von dir zu reden, so schwieg man und lenkte die Rede sogleich auf andere Dinge. Nur Ernst hält zu dir, besonders seit er von Frankfurt wiedergekommen ist, wo er mit dir sich unterredet hat. Du hast ihn dort gänzlich für dich gewonnen, aber er ist ja leider so wenig hier, fast immer auf Landesreisen. Dein Bruder Wilhelm aber ist dir sehr gram, und meine Schwester folgt ihrem Manne.« »Ich bin auch deshalb hergekommen, um mich mit ihm zu vergleichen, und ich denke, es wird mir wohl gelingen. Doch jetzt komm, Liebste, und setze dich mit mir auf die Bank dort! Ich habe dir vieles zu erzählen!« Er legte ihren Arm in den seinen und führte sie hinüber zu dem steinernen Sitz unter der Ulme. Dort zog er sie an seiner Seite nieder und küßte sie heiß auf den Mund. »Hier hob es an!« sagte er. »Weißt du noch? Die andern spielten dort hinten auf der Wiese ein zierliches Schäferspiel. Du aber hattest einen kleinen Streit gehabt und saßest hier zornig und in Tränen, als ich aus der Türe trat. Ich sah dein weißes Kleid durch die Büsche schimmern und ging zu dir hin und tröstete dich, und da hielt ich dich auf einmal in meinen Armen, und du botest mir willig deinen roten Mund, und ich küßte dich, wie ich jetzt tue!« Und er preßte seine Lippen wieder und wieder auf die ihren. Gundel erwiderte seine Küsse, aber währenddem traten ihr die Tränen in die Augen. »Ach Bernhard, warum hat es nicht so bleiben können? Warum mußte uns das Leben so grausam trennen?« »Weil wir in einer Zeit leben, in der Gottes Zorn die Welt heimsucht. Lebten wir in einer ruhigen Zeit, so fänden wir wohl irgendein stilles Glück, hätten es wahrscheinlich schon längst gefunden. Aber in diesen Tagen gehört ein Mann wie ich ins Feld. Sage doch, möchtest du in Wahrheit, ich säße zu Hause hinter dem Ofen und zöge meine Nahrung aus meinen Ämtern Burgau und Brembach, wo übrigens jetzt so gut wie nichts zu holen ist?« Die Prinzessin blickte ihm eine Weile schweigend ins Gesicht, und immer mehr leuchteten dabei ihre Augen auf. Dann schlang sie die Arme um seinen Hals und rief: »Nein, Bernhard, nein! Würde ich dich denn so lieben, wie ich dich jetzt liebe? Ich kann nur einen Helden lieben. Einem Manne von gewöhnlichem Schlage könnt' ich nimmermehr als sein Weib folgen, und wenn er noch so fromm und bieder wäre!« Bernhard zog sie fester an sich. »Siehst du,« sagte er, »du würdest mich also nicht ändern und damit unser Geschick nicht ändern wollen, auch wenn du es könntest. Und eben jetzt gerade öffnet sich uns ja ein Weg zur Vereinigung und zum Glück, wie ich zu Gott hoffe.« »Ich habe es gehört, Bernhard, und mocht' es kaum glauben. Ist es wahr, daß du sollst Herzog in Franken werden?« »Ich bin es schon. Liebste.« Sie stieß einen leisen Schrei der Überraschung aus. »Wie ist das möglich?« »Das Dokument der Verleihung ist vom Kanzler unterzeichnet und bereits in meiner Hand. In zehn Tagen ziehe ich in Würzburg ein.« »Und dann?« »Dann muß ich sofort wieder zur Armee.« »Und holst mich noch nicht heim?« »Noch nicht sogleich. Liebste!« »Warum nicht?« »Aus vielen Gründen. Zuvörderst: ich muß ins Feld, ich muß! Die größten, die allerimportentesten Dinge stehen auf dem Spiel.« »Und könnten wir nicht vorher heiraten, und ich harrte dann deiner Rückkehr als dein Weib im Schlosse zu Würzburg?« »O liebster Schatz, wie gerne böt' ich dir ein sicheres Heim, und wie begreife ich, daß du es müde bist, bei Verwandten zu leben! Und wie sehne ich mich nach dir! Und doch kann ich dich vor der Hand nicht heimführen, denn ich könnte dich nicht allein in Würzburg lassen. Denn wisse: zwei Drittel meiner Untertanen sind mir heimlich feind. Die beiden Stifter waren bisher feste Bollwerke des päpstlichen Wesens, die Leute sind von Kindesbeinen an im katholischen Glauben erzogen, sie fürchten sich vor der Herrschaft eines lutherischen Fürsten und möchten um alles in der Welt nicht für immer unter ihr bleiben. Und ihre Pfaffen wühlen und hetzen, wie sie das so wohl verstehen. Da wird's viele geheime Rebellion geben und wohl auch hier und da offenen Aufruhr. Nun will ich ja Ernst hinsetzen, meinen Bruder, als meinen Verweser, aber er wird dort noch viel mehr im Lande umherreisen müssen als hier. Du wärest also fast immer allein. Wie leicht könnte da irgendeine verwegene Rotte eine Gewalttat gegen dich ins Werk setzen, und hätten sie dich in ihrer Macht, so hätten sie mein Herz in der Hand. Ohne mich kann dort mein Weib nicht hausen. Sie werden wohl erst nach Jahren treue und gehorsame Untertanen.« Gundel neigte die Stirn. »Du dürftest wohl recht haben,« sagte sie nach einer Pause. »Aber,« setzte sie mit zuckenden Lippen hinzu, »wann endlich kannst du mich heimholen?« »Könnt' ich dir das doch bestimmt sagen! Ich hoffe, in einem Jahre sind wir so weit.« »Und woher nimmst du solche Hoffnung? Warum in einem Jahre?« »Weil bald eine große Entscheidung fallen muß. Insgeheim sage ich dir, was niemand, hörst du, niemand hier jetzt schon wissen soll: ich werde demnächst Regensburg überfallen und, so Gott will, bring' ich's in meine Gewalt. Weißt du, was das bedeutet? Als Tilly starb, da röchelte er dem bayrischen Kurfürsten noch zu: Regensburg, Herr, Regensburg! Denn diese Stadt ist der Schlüssel zu Bayern und zu den Erblanden des Kaisers. Ich habe geheime Verbindungen in der Stadt, sie ist reif zum Fall wie ein Kornapfel am Ende des Augustmondes. Die protestantische Bürgerschaft trägt das bayrische Joch mit Ingrimm und sehnt sich nach unserm Kommen. So wird die Stadt mein durch Verrat. Hab' ich aber Regensburg, so trag' ich den Krieg vor Wien.« »Und der Friedländer, Bernhard, wird er dem ruhig zusehen?« »Schwerlich, liebster Schatz, und das soll er ja gerade nicht. Bedroh' ich des Kaisers Erblande, so muß er schlagen. Und diese Schlacht bringt die Entscheidung. Geht sie dem Kaiser verloren, so ist er am Ende! Dann ist der Friede nahe!« »Und wenn er sie gewänne?« Bernhard antwortete nicht sogleich. Dann sagte er langsam: »Das wäre in Wahrheit ein furchtbarer Schlag für uns. Verloren wären wir ja auch dann noch nicht, aber die Frucht dreijähriger Kampfesmühen wäre dahin, das Ringen müßte von neuem anheben. Aber ich glaube nicht mehr an den Stern des Friedländers. Der große Feldherr ist zum Diplomatikus geworden, erwartet alles von Verhandlungen, statt mit dem Schwerts dreinzuschlagen. Noch weiß ich's nicht bestimmt, aber man munkelt, daß er auf eigene Faust mit dem sächsischen Fuchse Frieden schließen und den Kaiser und uns so zum Frieden zwingen wolle.« »Wie, Bernhard?« rief die Prinzessin freudig überrascht. »Das wäre ja herrlich! Da müßtest du ihm ja alle Förderung angedeihen lassen!« Bernhard lachte. »Träume eines kranken Hirns! Er ist ein Mensch, der nach den Sternen schaut und dabei nicht merkt, wie ihm der feste Boden unter den Füßen schwindet. In Wien ist seine Stellung schon ganz unterwühlt, und in seinem Heere schleicht der Verrat heimlich durch die Reihen. Sollte er so wahnsinnig sein, große Politik machen zu wollen ohne den Kaiser oder gar gegen ihn, so erlebt er den Winter schwerlich. Er muß mir vor die Klinge, oder er ist ein verlorener Mann.« »So laß uns denn auf Gott hoffen und seiner Gnade trauen!« rief die Prinzessin und schmiegte ihr blondes Haupt innig an seine Brust. »Sein Rat ist wunderbarlich, aber er führt es herrlich hinaus!« »Amen,« sagte der Herzog. »Wir haben nicht umsonst als Kinder gelernt, was ein deutscher Fürst in großer Drangsal gesungen hat: Er hilft aus Not, der fromme Gott, und züchtiget mit Maßen. Wer Gott vertraut, fest auf ihn baut, den wird er nicht verlassen! Daran wollen wir uns halten, und das soll unsers Lebens Grund sein, jetzt und alle Tage. Und siehe, dort kommt der Mann, der mich das gelehrt hat!« Er wies auf Hortleder, der aus dem Schlosse getreten war und suchend um sich blickte. Als er die beiden hinter dem Gebüsch auf der Steinbank bemerkte, kam er eilfertig heran. Der Herzog stand auf und ging ihm ein paar Schritte entgegen. »Nun, Doktor, wie ist's geglückt?« Hortleder rieb sich die Hände und lächelte verschmitzt. »Seine Fürstliche Gnaden Herzog Wilhelm lassen Seine Fürstliche Gnaden Herzog Bernhard zum Abendessen und einem nachfolgenden Trunke einladen!« Die Prinzessin sprang mit einem Freudenrufe auf. »Das ist die Versöhnung! Gott sei Lob und Preis!« »Wir haben auch«, fuhr Hortleder fort, »einen reitenden Boten nach Kapellendorf geschickt, wo Herzog Ernsts Liebden weilt. So werden also hoffentlich heute drei Herzöge von Sachsen-Weimar wieder einmal beisammen sitzen. Herzog Albrecht ist mit seiner jungen Frau nach Altenburg gefahren, sonst könnte gleich ein fürstbrüderlicher Kongreß eröffnet werden.« »Hortleder!« rief Bernhard und faßte des Vertrauten Hand. »Es ist mir doch sehr lieb, daß es so gekommen ist. Ich mußte meinem Bruder weh tun, konnte es nicht vermeiden, aber im Herzen war mir's immer leid.« »Ihr habt ihm einen großen Dienst getan,« erwiderte der alte Rat und Professor. »Ihr habt ihn auf den Weg gewiesen, nicht ohne Gewalt, den er nach Gottes Willen gehen soll. Herzog Wilhelm ist von der Natur zu einem exzellenten Regenten und Landesvater geschaffen, aber ein Feldherr ist er nicht. Gerade darauf hatte er sich indessen kapriziert, wie so viele Menschen ihr Talent verkennen. Nun habt Ihr ihn kuriert, die Feldherrnrolle muß aus sein, und es kommt wohl die Stunde, da er Euch das danken wird.« Sie hatten sich während dieser Rede dem Schlosse genähert. Droben am Fenster erschien das Antlitz der Herzogin Eleonore, und als Bernhard den Hut zog und hinauf grüßte, erhielt er ein sehr gnädiges Kopfnicken und ein huldvolles Lächeln als Gegengruß. »Es ist gutes Wetter bei Wilhelm,« sagte Gundel vergnügt. »Ihr Mann ist die Sonne, und sie ist wie ein Laubfrosch, der anzeigt, ob die Sonne scheinen will oder nicht.« Die beiden Männer lachten. »Nun,« rief Bernhard, »so wird es hoffentlich noch ein herzerfreuender Abend im väterlichen Schlosse. Denn morgen um diese Zeit hoffe ich schon wieder die Türme der Coburg zu sehen.« X. Ungefähr tausend Schritte vor dem Preprunner Tore der alten Reichsstadt Regensburg hielt Herzog Bernhard auf seinem Rappen, umgeben von einer Suite höherer Offiziere. Er blickte angestrengt hinüber nach der Stadt, deren Umrisse mit jeder Minute deutlicher zu erkennen waren, denn das Dunkel der Herbstnacht war im Entweichen, und ein schmaler, glühroter Streifen am östlichen Himmel kündete schon das Erscheinen der Sonne an. Vom jenseitigen Ufer der Donau her erklang dröhnender Kanonendonner. Dort hatten die Herzoglichen vor einigen Tagen die Vorstadt »Am Hof« erstürmt und Kanonen drin aufgepflanzt, und die halbe Nacht hindurch waren die Kugeln nach Regensburg hinübergeflogen. Denn die Besatzung der Stadt sollte nicht zur Ruhe kommen, sollte müde und mürbe gemacht werden durch das nächtliche Feuern. »Was meint Ihr, Taupadel,« fragte Herzog Bernhard den neben ihm haltenden General, »sollen wir die dort drüben noch einmal spielen lassen?« Er wies auf eine Batterie großer Belagerungsgeschütze, die vorgestern Nürnberg gesandt hatte, und die dicht neben der Landstraße hinter Schanzen aufgestellt ihre gefahrdrohenden Mündungen der Stadt zukehrten. Links und rechts davor stand je eine Kompagnie Musketiere. Taupadel, der scharf hinübergespäht hatte, schüttelte den Kopf. »Wäre ums Pulver schade. Fürstliche Gnaden! Sie haben denen da drüben Schaden genug getan gestern nachmittag. Seht hin, die Breschen sind nicht ausgefüllt. Die Sonne braucht noch nicht hoch zu stehen, da können wir stürmen.« »Ihr habt recht, Taupadel! Sie scheinen die Nacht rein gar nichts getan zu haben, um die Lücken auszufüllen. So eröffnen wir denn um acht Uhr noch einmal die Kanonade hier und dort drüben mit aller Macht, und dann zum Sturm! – Ihr Herren,« wandte er sich dann an die andern Offiziere, »reitet ins Lager zurück und lasset die Regimenter vorrücken. Die Kavallerie sitzt ab und stürmt mit. Nur das blaue und das gelbe Regiment bleibt zu Pferde. Und nun noch eins: Es ist dem gemeinen Manne kund zu tun, daß jede Gewalttat und jeder Versuch einer Plünderung mit dem Tode bestraft wird. Ihr Herren, es gibt da keine Ausnahme und keine Fürbitten. Wer stiehlt, der hängt. Wir kommen in eine protestantische Stadt. Die Bürger sind unsere lieben Glaubensgenossen. Sie hätten uns gerne geholfen mit bewehrter Hand, wenn die bayrische Besatzung und die Bischofsknechte sie nicht entwaffnet hätten, bevor wir kamen. Wir kommen als Befreier der Reichsstadt vom bayrischen und katholischen Joche. Also wehe dem, der sich hier wie in Feindesland, benimmt. Auf Wiedersehen, Ihr Herren!« Die Obristen und Hauptleute sprengten von dannen. »Es wird ein heißer Tag werden, Taupadel,« sagte Bernhard zu dem General, der noch an seiner Seite hielt und von neuem nach der Stadt auslugte. »Der Sturm wird uns wohl vier- bis fünfhundert Leute kosten.« »Ohne Zweifel, Fürstliche Gnaden. Aber das Blut ist ja gut angewendet. Der Gewinn von Regensburg bedeutet so viel wie die Viktoria in einer großen Schlacht. Es ist unbegreiflich, daß die Feinde diesen festen Hauptplatz nicht besser armiert haben!« »Sie hatten wohl nicht darauf gerechnet, daß ich so bald schon davor erschien. Sie meinten, ich würde erst Ingolstadt berennen. Derweil bin ich daran vorbeimarschiert.« Taupadel lachte. »Ja, darauf ist keiner von den Herren verfallen, weil keiner von ihnen derselben Kühnheit fähig wäre, der Friedländer am wenigsten. Sie haben sie alle verblüfft, Herr, und völlig überrumpelt.« »Doch leider nicht völlig,« erwiderte der Herzog. »Leider ist mein Anmarsch ein paar Tage zu früh hier kund geworden. Wären wir ganz und gar unerwartet eingetroffen, so hätte die brave Bürgerschaft sich erhoben und uns in die Stadt gelassen. Dann wäre kein Blutvergießen nötig gewesen.« »Und das scheint auch jetzt nicht weiter nötig zu sein, Fürstliche Gnaden!« rief Taupadel, und ein großer Triumph leuchtete in seinem ehrlichen Reiterantlitz auf. »Seht hin, Herr! Sie ziehen über dem Tore die weiße Fahne auf!« »Wahrhaftig!« murmelte Bernhard. »Ist das zu glauben? – Und dort, Taupadel, dort kommen die Parlamentäre!« Eine kleine Gruppe von Männern löste sich drüben aus dem Schatten des Tores und kam eilfertig die Straße hergeschritten. Drei Männer in kriegerischer Tracht, deren mittelster eine weiße Fahne trug, gingen voraus; ihnen folgten in ziemlicher Entfernung drei andere, in denen der Herzog ihrer langen, talarartigen Gewänder wegen Ratsherren der Reichsstadt vermutete. »Es ist wirklich an dem, Taupadel, sie bringen die Unterwerfung!« rief Bernhard mit glänzenden Augen. Ernst, fast scheu, blickte der General seinem jungen Herrn ins Gesicht. »Sie haben ein Glück im Felde, Fürstliche Gnaden, wie kein anderer. Es hat freilich auch kein anderer dieselbe Kühnheit wie Sie. Heil mir, daß ich mit Ihnen habe ziehen dürfen! Lassen Sie mich nun der Erste sein, der Sie beglückwünscht!« Bernhard griff nach der Hand des Getreuen und drückte sie kräftig. »Ich danke Euch, Taupadel! Gott gebe, daß wir beide noch manch ähnliches Stücklein zusammen ausführen! Als Soldaten und als Menschen schätze ich Euch höher als alle meine Offiziere, und wenn ich Euer Gesicht sehe, so ist mir's wie ein Gruß aus der Heimat.« Dem bejahrten Kriegsmanne traten bei dem hohen und unerwarteten Lobe seines Fürsten die Tränen in die Augen; auch stand ihm bei seinen Worten mit einem Male seine Thüringer Heimat vor Augen, das kleine Dörfchen am Rande des Tautenburger Forstes, wo er, einer der vielen Söhne eines blutarmen Junkers, als Knabe die Kühe gehütet hatte. Er wischte sich mehrmals verstohlen mit dem harten Büffelhandschuh übers Gesicht und bemühte sich dann, recht streng auf die feindlichen Offiziere zu blicken, die eben von den Wachen herangeführt wurden. Der Sprecher, der die Fahne trug, ließ sich auf die Knie nieder, und die beiden andern folgten ungelenk seinem Beispiele. »Steht auf,« befahl der Herzog, »und sagt mir stehend, was ihr zu sagen habt!« »Wir bringen die Kapitulation, durchlauchtigster Fürst. Das Dokument, das Euer Gnaden gestern abend in die Stadt schickten, hat Herr Oberst Troibreze unterschrieben. Er ist die Nacht von einer Kugel schwer verwundet worden.« »So? Dann spreche ich ihm mein Beileid aus. Steht es schlimm mit ihm? Kann er transportiert werden?« »Das wird wohl möglich sein. Fürstliche Gnaden.« »So gebt das Papier her, das ihr in der Hand tragt. Und dann geht sofort nach der Stadt zurück. Punkt acht Uhr zieht die Garnison aus, mit Sack und Pack, Ober- und Untergewehr und schlagendem Spiel, aber ohne Munition, wie ich's bewilligt habe. Aber sagt dem Obristen, der ganze Akkord ist null und nichtig, wenn er irgendetwas an Geld oder Proviant, das verdächtigen Personen gehört, mit herausnehmen will!« Die Offiziere verneigten sich schweigend und wandten sich wieder der Stadt zu. Inzwischen hatten sich die drei andern genähert, und Bernhard sah mit Erstaunen, daß sie nicht Ratsherren, sondern Mönche waren. »Ei!« rief er lachend, »wen sehe ich da? Meine Lieblinge unter den Menschenkindern, auf die das Wort der Schrift Anwendung findet: »Sie säen nicht, sie ernten nicht, und euer himmlischer Vater nähret sie doch‹. Oder wie dünkt Euch, Taupadel? Sollte hier nicht noch ein anderes Schriftwort am Platze sein? Ich meine die Frage des Täufers: »Ihr Otterngezüchte, wer hat euch gewiesen, daß ihr dem künftigen Zorne entrinnen sollt?« Da er dabei lachte und Taupadel in ein donnerndes Gelächter ausbrach, so verzogen auch die drei Mönche ihre Gesichter zu einer lächelnden Grimasse. Aber ihre Augen fuhren dabei scheu und argwöhnisch umher, denn es war ihnen bei dem Lachen der beiden bösen Erzketzer gar nicht recht geheuer. »Nun im Ernst, Ihr Herren, was sucht Ihr bei mir?« fragte sodann der Herzog, indem das Lächeln aus seinen Zügen verschwand. Mit einer tiefen Verneigung zog der eine ein umfangreiches, versiegeltes Schreiben aus seiner Kutte hervor. »Wir sind von Seiner Bischöflichen Gnaden an Eure Durchlaucht mit diesem Briefe gesandt.« »Von was für einer Bischöflichen Gnaden?« Der Mönch sah ihn verdutzt an. »Nun, von dem Herrn Bischof von Regensburg.« »Bischof von Regensburg? Der hat Euch keinen Brief an mich gegeben, hat auch gar keine Ursach', an mich zu schreiben, denn der bin ich ja selbst.« Die drei Mönche blickten ihn bei diesen Worten so hilflos an, daß Taupadel von neuem zu lachen anhub. Der Herzog aber fuhr mit unerschütterlichem Ernste fort: »So ist es in der Tat. Nach dem ius belli bin ich kraft meines Schwertes von heute an Bischof von Regensburg. Das sagt dem Freiherrn von Torring, der bisher Bischof von Regensburg war. Er siedelt mit seiner ganzen Klerisei sofort in das Dominikanerkloster über, und ich werde das Lösegeld bestimmen, das er und seine Pfaffheit zu zahlen hat, wenn sie von dannen ziehen wollen. Es wird nicht klein ausfallen, denn ihr seid reich. Wollt' ich an euch all das rächen, was ihr an meinen Glaubensverwandten getan habt, alle die Plackereien, Verfolgung und Drangsal, so müßt' ich euch mit eurem Oberhaupte hängen lassen. Das wird ja nicht geschehen, es wird nichts unbilliges über euch verhängt werden, aber zahlen sollt ihr mir und meinem Heere, daß euch die Augen übergehen! Und nun marschiert nach der Stadt zurück und sagt das dem Torring. Seinen Brief nehmt wieder mit, ich lese ihn nicht.« Die Mönche wagten solchen Worten gegenüber keine Widerrede, zumal der Herzog in sehr entschiedenem Tone gesprochen hatte. Mit gesenktem Haupte schlichen sie den Weg wieder zurück, den sie gekommen waren. »Die Kirchen, die ihr den Evangelischen weggenommen habt, werden auf der Stelle zurückgegeben!« rief ihnen der Herzog noch nach. Sie verstanden aber seine Worte nicht und hielten sie wahrscheinlich für eine Aufforderung zum schnelleren Laufen, denn plötzlich rafften sie ihre Kutten hoch und jagten davon, als ob der böse Feind hinter ihnen her wäre. Wohlgelaunt blickte ihnen Bernhard nach. »Ist es nicht wunderbar, Taupadel, was aus einem Menschen werden kann? Das ist mir nicht an der Wiege gesungen worden, daß ich sollte in drei Stiftern Bischof werden, und nun bin ich's in Würzburg und Bamberg und Regensburg. Freilich: mein Bischofsstab ist und bleibt vor der Hand das hier!« Er schlug an sein Schwert. »Darauf steht jetzt alle Gewalt auf Erden. – Und nun reitet hin zu den Obristen, Taupadel! Sie sollen die Regimenter hier links und rechts von der Landstraße aufstellen!« Taupadel salutierte und sprengte davon. Der Herzog blieb allein zurück und wendete sein Antlitz wieder der Stadt zu, und wie nun da drüben die Zinnen und Dächer und Türme im Morgensonnenlichte aufglänzten, schwoll immer heißer und mächtiger das Dankgefühl gegen Gott in seinem Herzen empor. Wunderbar hatte ihm die Gnade des Allmächtigen seinen verwegenen Handstreich gelingen lassen. Mit nur zehntausend Mann war er in das feindliche Land eingebrochen, hatte eine starke Festung einfach beiseite liegen lassen gegen alle Regeln der Kriegskunst, und die Besatzung hatte ihn, als wäre sie gelähmt gewesen, ohne einen Finger zu rühren, an ihren Mauern vorbeiziehen lassen. Dabei wußte jeder bayrische Musketier, der ihm von Ingolstadts Wällen nachschaute, wohin er zog, und was an Regensburg verloren ging. Von hier aus bedrohte man Wien und München zugleich, von altersher war es der wichtigste Platz an der Donau. Erscholl die Kunde seiner Eroberung in die Welt hinaus, so mochten der Papst in Rom und der Kaiser in Wien trauernd ihr Haupt verhüllen, und in der Hofburg mochte manches Herz erzittern, aber durch alle evangelischen Lande mußte ein Jauchzen und Frohlocken gehen. Und vor seinem Bruder in Weimar, dem er den Oberbefehl entrissen und die Truppen entzogen hatte, war er gerechtfertigt durch diese Tat, denn Wilhelm war klug und einsichtig genug, sich zu sagen, daß er zu solcher Kühnheit nie und nimmer fähig gewesen wäre. Und endlich – wie würde sich seine Liebste freuen, wenn diese Nachricht in dem stillen Schlosse zu Weimar einlief! "Das ist von dem Herrn geschehen und ist ein Wunder vor unsern Augen," murmelte er und faltete die Hände zum Gebet, und in diesen Minuten festigte sich in seiner Seele das Gefühl, das ihn schon manchmal durchschauert hatte, daß er ein auserwähltes Werkzeug Gottes sei, und steigerte sich in ihm zur unbedingten Gewißheit. Und mit glühendem Antlitz und funkelnden Blicken zum Himmel emporschauend, stieß er mit tönender Summe die Worte hervor: "Ist Gott für uns, wer vermag wider uns zu sein?" "Hörst du?" sagte ein nahestehender Musketier und stieß einen andern an. "Hörst du? Wird er nicht dem Könige immer ähnlicher? Der betete auch so manchmal für sich, wenn er auf seinem Gaule saß, wenn keiner von uns ans Beten dachte." Der andere brummte: "Gott straf mich, deshalb gelang ihm auch alles, und dem da gelingt auch alles. Gott straf mich, wären wir frömmer, so würde's uns auch besser gehen in der Welt." Er dachte dabei mit Seufzen an die zwei Reichstaler, die man ihm gestern im Lager beim Spiel abgenommen und die er noch nicht verschmerzt hatte, und tief in seines Gemütes Innerstem faßte er den Entschluß, sowie es sich heimlich tun ließe, wieder einmal zur Beichte zu gehen. Denn er war ein biederer Katholik aus Straubing, der früher in des Eichstädter Bischofs reisigem Heere gedient hatte, aber in der Hoffnung auf größere Beute schon mehrmals zu einem andern Heer gelaufen war. Geriet er dabei in eine Ketzertruppe, so machte er einstweilen von seinem katholischen Glauben keinen Gebrauch, ohne je im mindesten daran zu denken, ihn abzulegen. Er vertraute vielmehr in allen Lagen des Lebens fest auf den Beistand des heiligen Antonius von Padua, dessen Bild er beständig auf der Brust zu tragen pflegte. Indessen kamen die Regimenter heran und nahmen die Aufstellung, die der Feldherr befohlen hatte. Als sie standen, nahm der Herzog seinen Platz vor der Front des gelben Regimentes ein und winkte Taupadel und einige Obristen zu sich heran. Drüben in der Stadt schlug es acht Uhr. In den letzten Tagen und Nächten waren auf Befehl des Kommandanten die Schlagwerke auf allen Türmen abgestellt gewesen. So war denn der hallende Klang der ganzen Bürgerschaft ein Zeichen dafür, daß der bayrische Obrist in der Reichsstadt nichts mehr zu sagen hatte. Kaum waren die letzten Schläge verklungen, so öffnete sich das Tor, und der Auszug der Garnison nahm seinen Anfang. Zuerst ritten zwei Abteilungen Reiter heran und überreichten dem Herzog die Fahnen, die er erbeutet hatte. Sie waren zugebunden, er aber ließ sie aufbinden und frei im Winde schwenken. So war es ein Zeichen, daß er sich der Fahnen bemächtigt hatte, auf die die Knechte geschworen hatten, und eine Frage, ob sie nun dem neuen Herrn ihrer Feldzeichen folgen wollten. Und siehe, es traten ihrer so viele zu ihm über, daß der verwundete Obrist, der in einer Kutsche aus dem Tore gefahren wurde, von seinem Fußvolke nur zwei Kompagnien übrig behielt. Mit ihm und dem größeren Teile der Reiter zog er betrübt stromaufwärts nach Ingolstadt. "Wenn das so weitergeht, Taupadel," sagte Bernhard zu dem Vertrauten, "so wird mein Heer wie eine Schneelawine anwachsen, wenn ich nach Wien ziehe." "Das kann wohl kommen. Fürstliche Gnaden," erwiderte Taupadel und zog den Mund in die Breite. "Die Aasvögel machen es alle so, ziehen dem zu, bei dem sie Sieg und Beute wittern. Haben wir einmal Pech, und fängt sie ein anderer, so laufen sie dem zu!" Der Herzog nickte. Wie sein erfahrener Feldhauptmann sagte, so war es. Ein großer Teil der verwetterten Kriegsknechte fragte schon längst nicht mehr danach, für wen und gegen wen gefochten und geschlagen ward, und trat in jedes Herrn Dienst, in dem er Gutes zu finden hoffte. So kam es, daß ein siegreiches Heer nach der Schlacht trotz großer Verluste oft stärker war als vorher, weil es seine gelichteten Reihen aus den Gefangenen wieder ergänzen konnte. So widerwärtig dem Herzog solch gesinnungsloses Gesindel war, mußte er doch mit ihm rechnen, wie jeder andere Feldherr. Kaum war man damit fertig geworden, die Überläufer zu formieren, so zeigte sich drüben im offenen Tor der Rat der Stadt und die evangelische Geistlichkeit, die den Herzog begrüßen wollten. Als Bernhard die Herren gewahrte, gab er an Taupadel den Befehl über die Truppen ab, die vor der Hand noch außerhalb der Mauern verbleiben sollten. Er selbst ritt an der Spitze seines Leibregimentes der Stadt zu, hörte freundlich an, was der Stadtsyndikus Doktor Georg Halbritter im Namen des weisen, fürsichtigen und edelen Rates zu seiner Bewillkommnung sagte, und richtete dann selbst ein paar kräftige Worte an die Herren, in denen er sie an Gottes große Taten erinnerte und zur Treue und Standhaftigkeit ermahnte. Dann winkte er einem Herrn, der in der vordersten Reihe stand und der ihm merkwürdig bekannt vorkam. »Euch, Herr, kenne ich doch! Aber wo soll ich Euch hintun?« fragte er. »Es wäre fast ein Wunder zu nennen,« erwiderte der Angeredete, »wenn Eure Fürstliche Gnaden sich meiner noch erinnern sollte. Ich habe Anno neunzehn in Jena die Gottesgelahrtheit studiert und hatte die hohe Ehre, dazumal mit Eurer Fürstlichen Gnaden zugleich bei unserm großen teuren Lehrer Herrn Johannes Gerhard zu Tische geladen zu sein!« »Salomon Lenz! Natürlich! Candidatus Theologia Jenensis! Daß ich Euch auch nicht gleich erkannte! Und Ihr seid hier das Haupt der Geistlichkeit geworden? Sieh da, was aus einem Menschen werden kann! Ihr seid wohl absonderlich froh, daß ich gekommen bin?« Der Superintendent hob beide Hände zum Himmel empor. »O Fürstliche Gnaden, eines Engels Ankunft könnte die Diener am Wort in dieser Stadt nicht höher erfreuen als die Ihre! Wir wurden verfolgt täglich, wir waren geachtet wie Schlachtschafe. Schon war der Tag bestimmt, an dem man uns alle austreiben wollte, und der Domprediger Ernst, unter den Füchsen, die den Weinberg des Herrn verwüsten, der böseste, hat an die Tür meines Pfarrhofes ein Paar Stiefel annageln und »zur glücklichen Reise‹ darunter schreiben lassen.« Der Herzog lachte, und ein Blitz fuhr über sein Antlitz. »Führet sogleich«, befahl er dem Syndikus, »das freche Pfäfflein vor die Herberge, die Ihr mir gütigst anweisen werdet, und die Stiefel laßt auch dort hinschaffen!« Auf einen Wink Halbritters verschwanden zwei Hellebardiere in einem Nebengäßlein, und nun setzte sich der Zug in Bewegung. Langsam ritt der Herzog durch die engen Gassen, umdrängt und umjubelt von einer ungeheuren Volksmenge; die Glocken läuteten von allen Türmen, aus allen Häusern hingen Fahnen heraus, und es erscholl ein so gewaltiges Jauchzen und Freudengeschrei, als ob die ganze Stadt eine Hochzeit feire. Vor dem gastlichen Hause »Zum goldenen Kreuz« hielt der Zug, denn hier sollte der Herzog Quartier nehmen. Dort war Halbritters Tochter, die schöne Barbara genannt, erschienen und kredenzte ihm den besten Wein, den die Keller des Rates noch bargen, in einem vergoldeten Silberpokal, und unter dem Jubel des Volkes und dem Beifallsnicken der trunkfesten Ratsmannen leerte er, noch auf dem Rosse sitzend, das stattliche Gefäß bis auf den Grund. Eben, als er sich aus dem Sattel schwingen wollte, ward der Domprediger Ernst herbeigebracht, dem die Knechte die Stiefeln über die Schultern gehängt hatten. Er war kein sehr großer, aber weidlich umfangreicher Herr, dessen zwei listige Augen wie ein Paar schwarze Schlehen aus dem erdbeerfarbenen feisten Antlitz hervorlugten. »Mann Gottes!« sagte der Herzog mit strengem Blick, »habt Ihr wirklich dem hochwürdigen Magister Salomon Lenz die Stiefeln hier an seine Tür geheftet und ihm glückliche Reise gewünscht?« Das Pfäfflein sank in die Knie. »Allerdurchlauchtigster, allergroßmächtigster« – begann es – – »Laßt die Faxen! Habt Ihr's getan oder nicht?« »Gnade, Herr! Ja, ich hab' es getan.« »So entledigt Euch sofort Eurer Schuhe und zieht diese Stiefeln an!« Unter Ächzen und Stöhnen und viel Gelächter der Umstehenden gehorchte das Pfäfflein, und nachdem es mit dem Werke zustande gekommen war, hüpfte es von einem Bein auf das andere. »Sie drücken Euch?« erkundigte sich der Herzog in wohlwollendem Tone. "Ach; gar sehr, hohe Fürstliche Gnaden und Durchlaucht!« ächzte der Pfaff. »Das soll Eure wohlverdiente Strafe sein. In diesen Stiefeln wandelt Ihr hinter Euren Glaubensgenossen her sogleich aus dem Tore nach Ingolstadt. Und merkt Euch wohl das alte Sprichwort: Wer andern eine Grube gräbt, fällt selbst hinein!« Da lachte alles Volk hell auf, denn das war ein Schwank nach dem Herzen der Regensburger. Mit diesem groben Scherze hatte der Herzog die Gemüter der kleinen Bürger mehr gewonnen, als wenn er Silbergeld hätte auswerfen lassen, und unter Lachen und Beifallsrufen des gesamten Volkes betrat er sein Quartier. XI. Einige Tage hatte Herzog Bernhard seinen Truppen Ruhe gönnen wollen in der so rasch eroberten Stadt, aber aus den Tagen wurden Wochen, aus den Wochen Monate, und als ein Vierteljahr vorüber war, lag er noch immer in Regensburg. Er freilich war daran nicht schuld, seine feurige Seele dürstete nach Taten, und er brannte vor Begierde, den Marsch auf die Hauptstadt des Erzfeindes anzutreten. Aber da er kein Abenteurer war, sondern bei aller Kühnheit seines Wesens ein besonnener und berechnender Feldherr, so mußte er seine Ungeduld zügeln, so bitter schwer ihm das auch wurde. Denn er mußte sich sagen, daß bei den Hindernissen, die sich ihm wider Hoffen und Erwarten entgegentürmten, das Vorrücken auf Wien eine Tollkühnheit gewesen wäre. Zunächst machte ihm die ungünstige Witterung einen Strich durch seine Rechnung. Regengüsse über Regengüsse stürzten vom Himmel hernieder, machten die Wege ungangbar, brachten Bäche und Flüsse zum Überfluten und rissen allenthalben die Brücken hinweg. An ein Fortbringen schwerer Geschütze war gar nicht zu denken. Und nach dem Regen kam Schnee in unermeßlichen Mengen, und eine grimmige Kälte trat ein und hielt viele Wochen ohne Unterbrechung an. Nur ein Führer, der einen eisernen Willen besaß und sein Heer unbedingt in der Hand hatte, konnte in einem solchen Winter überhaupt ans Kriegführen denken. Nun hätte ja beides dem Herzog nicht gemangelt, aber er sah sich mit einem Male im Stich gelassen von denen, auf deren tatkräftige Hilfe er sicher gerechnet hatte. Wohl war die Einnahme von Regensburg, wie er vorausgesehen halte, in allen evangelischen Landen als ein großer Sieg bejubelt und gefeiert worden, und sein Name ward durch diese Tat so volkstümlich wie der Gustav Adolfs nach der Breitenfelder Schlacht. Gerade das aber machte den schwedischen Kanzler noch argwöhnischer, als er vorher schon gewesen war. Wo sollte das hin, wenn der Liebling der Soldaten nun auch noch zum anerkannten Helden der deutschen Nation wurde? Für Schweden kam dabei sicherlich nicht viel Gutes heraus. Man durfte ihn also nicht höher steigen lassen, mußte ihn kurz halten. So schrieb er ihm zwar die schmeichelhaftesten Briefe und verglich seine Taten mit denen der größten Helden der Vorzeit, aber für seine Bitten, ihm Geld und Truppen zu senden, hatte er immer nur Vertröstungen mit Worten zur Hand. Als endlich der Herzog forderte, Horn solle ihm mit seinen Truppen zuziehen, erhielt er vom Kanzler wie von dessen Schwiegersohn eine kurze Absage. Horn war auf Bernhards Feldherrnruhm eifersüchtiger als je, denn während der Herzog das wichtige Regensburg eroberte, hatte er nach vierwöchentlicher vergeblicher Belagerung von dem weit unwichtigeren Konstanz sieglos abziehen müssen. Man tat gut, von den Siegen Bernhards in seiner Gegenwart nicht zu sprechen, wie hätte man ihm zumuten können, sich und seine Truppen dem Beneideten zur Verfügung zu stellen! Als der Herzog selbst in ihn drang, gab er unfreundlich zur Antwort, seine ermattete Armee bedürfe der Winterquartiere, um sich auszuruhen von ihren Strapazen, und könne vor Anfang der wärmeren Jahreszeit nicht gegen den Feind geführt werden. So war dem Herzog jede größere Aktion im Felde für jetzt unmöglich gemacht. Aber ganz und gar konnte er sich des Schlagens und Kriegführens nicht enthalten. Wenn die Witterung es irgend erlaubte, machte er Streifzüge ins Bayrische hinein, die den Kurfürsten nicht wenig ängstigten, und dem Kaiser zum besonderen Schrecken überrumpelte der tapfere Taupadel das feste Städtlein Cham, das dicht an der böhmischen Grenze lag. Aber etwas Großes und Entscheidendes konnte nicht geschehen, und als nun vollends eine schmerzhafte Entzündung der Augen den rastlosen Feldherrn ans Zimmer fesselte, hörten alle kriegerischen Unternehmungen auf, und die Truppen lagen ruhig in ihren Winterquartieren. Da kam dem Herzog ein Ruf zum Marschieren von einer Seite, von der er es nimmermehr erwartet hatte. Es war an einem besonders kalten und unfreundlichen Februarnachmittage. Während draußen die Dämmerung langsam herniedersank und ein feiner, körniger Schnee von den Dächern stiebte, saß Bernhard in seinem Regensburger Wohngemache und unterhielt sich sehr eifrig und angeregt mit zwei Herren. Der eine war sein getreuer Taupadel, der andere der Herzoglich weimarische Rat von Ponikau, der vor kurzer Zeit freiwillig in Bernhards Dienste übergetreten war und dem der Herzog ein Gutachten abgefordert hatte über die Wiederherstellung der Universität Würzburg. Die beiden hatten vor einem großen viereckigen Tische in der Mitte des Zimmers Platz genommen, während der Herzog in einem Armstuhle nahe am Kamin saß, mit dem Rücken der Flamme zu, um seine noch immer nicht ganz genesenen Augen zu schonen. Die zuckenden Lichter, die das Feuer ausstrahlte, erhellten allein das Gemach, denn durch die dicken, runden Fensterscheiben fiel nur wenig Licht, und die hohen Armleuchter auf dem Tische waren noch nicht angezündet. Das Gespräch war von den Bahnen der hohen Politik und der Kriegsereignisse abgekommen und drehte sich jetzt um die Verhältnisse der Heimat. Der von Ponikau berichtete, daß der böse Feind im letztvergangenen Herbste sich absonderliche Mühe gegeben habe, in der Umgegend Weimars Übles zu stiften. In verschiedenen Feldfluren seien Hagelwetter niedergegangen, Raupen von einer bis dahin nie gesehenen Art, von unheimlicher Größe und grüner und gelber Farbe hätten zwischen Niedertrebra und Flurstedt im Ilmtale alle Bäume kahlgefressen und wären dann in einer Nacht allesamt wieder verschwunden, als habe der Erdboden sie verschluckt. Eine ungeheure Mäuseplage mache sich bei Jena bemerkbar, und was das Gravierendste sei, fünf Bürger von Weimar, die von einem Kindtaufschmause aus Oberweimar in der Nacht heimkehrten, hätten einen Ochsen mit feurigen Hörnern gesehen und wären in ihrem Entsetzen querfeldein gelaufen, und einer wäre in die Ilm geraten und darin ertrunken. Das alles zeige doch deutlich an, daß der Teufel dort umgehe und sein Wesen treibe. Taupadel stieß einen grunzenden Laut aus und rief: »Bei dem Hagel und den Raupen und den Mäusen mag das seine Richtigkeit haben. Aber die Kerls, die den Ochsen gesehen haben, die sind wahrscheinlich besoffen gewesen!« Der von Ponikau errötete vor Ärger, denn erstens konnte er Widerspruch nicht gut vertragen, und zweitens mißfiel ihm sehr der ungeschliffene Ton, in dem der alte Haudegen zu ihm sprach. Er versetzte daher sehr gereizt: »Fünf Leute, mein Herr von Taupadel, werden ja wohl, auch wenn sie, was ich nicht bestreiten will, etwas angetrunken gewesen sind, nicht derselben Halluzination oder Einbildung anheimgefallen sein, und ihrem Zeugnisse wäre demnach wohl zu trauen!« »Fünf? Ich denke, einer war ertrunken? Zeugte der auch noch mit?« rief Taupadel wieder und lachte. Der von Ponikau begann sich jetzt ernstlich beleidigt zu fühlen und entgegnete so laut und scharf, als ihm die fürstliche Gegenwart erlaubte: »Wenn Ihr das Vorkommnis bezweifelt, so setzt Ihr zugleich Eure Zweifel in die Weisheit und Einsicht des durchlauchtigsten Herzogs von Weimar. Denn Seine Fürstliche Gnaden Herzog Wilhelm haben daraufhin ein scharfes Mandat wider die Zauberei erlassen, das an allen Kirchentüren des Landes angeschlagen ist. Ich hoffe, daß Ihr nicht zu den Freigeistern gehört, die es leugnen, daß der böse Feind den Menschen in allerlei Gestalt erscheinen kann!« »Fällt mir nicht ein!« brummte der General. »Das steht fest, und ich habe ihn, weiß Gott, auch schon gesehen, als ich nach einem weidlichen Gelage im Bären vor Jena über die Brücke des Grabens schritt. Er hatte in der Hand ein großes Holzkännlein, von der Art, wie sie dort gebräuchlich sind. Daraus trank er mir zu und gröhlte ein unanständiges Liedlein. Aber als ich nach dem Degen faßte, verschwand er eiligst nicht ohne Hinterlassung eines sehr übeln Gestankes.« »Das wird der Saufteufel gewesen sein, Herr von Taupadel,« sagte Ponikau. »Jena ist seine liebe Stadt, seit sie dort die hohe Schule haben. Er soll aber zumeist solchen Leuten erscheinen, die des Guten zuviel getan haben und nicht mehr ganz nüchtern sind.« »Was?« rief Taupadel zornig. »Ihr meint, ich hätte einen in der Krone gehabt? Herr, seht nach Euren Worten! Es lebt kein Mensch auf Erden, der Georg Christoph von Taupadel jemals trunken gesehen hätte!« »Still, Ihr Herren! Keinen Streit!« begütigte der Herzog. »Wir wollen lieber darüber klagen und seufzen, daß wir in so elenden Zeiten leben. Der liebe Gott hat ersichtlich dem Teufel jetzt große Macht und Gewalt gegeben. Erst stiftet er Krieg und Blutvergießen ohne Ende an, dann verführt er unzählige einzelne Leute, daß sie ihres Taufbundes vergessen und sich ihm ergeben und mit seiner Hilft ihrem Nächsten schaden. Es ist eine schwere, betrübte Zeit!« »Da haben Eure Fürstlichen Gnaden ohnstreitig recht!« rief Taupadel. »Und was mir manchmal absonderliche Gedanken macht, ist diese Frage: Warum ist dem Teufel so viele Macht gegeben auch in den Ländern, die Gottes Wort haben? Daß er unter den Päpstlichen rumort und sein Wesen treibt, das ist ganz in der Ordnung. Aber warum darf er auch da hausen und zutage kommen und die Leute verführen, wo das Licht des reinen Evangeliums leuchtet?« »Habt Ihr nie gelesen,« erwiderte der Herzog ernst, »daß auch die Auserwählten Gottes sollen versucht werden? Ist er nicht unserm Herrn Christus selbst erschienen? – Aber, was ist das?" unterbrach er sich. »Geht doch einmal ans Fenster, Taupadel, und seht zu! Ich höre Pferdegetrappel vor dem Hause. Sind's Reiter von den Unsrigen, oder ist's eine Stafette?« Der General sprang zum Fenster und riß es auf. Er mußte scharf ausspähen, ehe er in dem Halbdunkel etwas Deutliches erkannte. »Fürstliche Gnaden!« sagte er endlich, das Fenster wieder schließend, »mich dünkt. Ihr erhaltet einen wunderlichen Besuch. Wenn mich mein Auge nicht trügt, so steigt da unten der Herzog von Lauenburg vom Pferde.« Bernhard fuhr auf. »Wie? Der Lauenburger? Wie käme der hierher, und was sollte er bei mir suchen?« »Ich will Eure Fürstliche Gnaden nicht weiter stören,« sagte Ponikau und erhob sich. Der Herzog streckte ihm die Hand hin. »Ade, mein lieber Ponikau. Ich sehe Euch noch beim Abendessen. Ihr, Taupadel, wartet unten und haltet Euch zu meiner Verfügung. Es mag sein, daß ich Euch zu der Unterredung holen lasse, wenn es wirklich der Lauenburger ist, der mich aufsucht.« »Sehr wohl, Fürstliche Gnaden!« erwiderte Taupadel und verließ mit dem Rate das Gemach. In der Miene des zurückbleibenden Herzogs prägte sich das tiefste Mißvergnügen aus; sein Gesicht verfinsterte sich noch mehr, als der wachthabende Kornett eintrat und nun wirklich seine Fürstliche Gnaden den Herzog von Lauenburg meldete. »Ich lasse bitten!« sagte er kurz und blieb in der Mitte des Zimmers stehen, in das jetzt ein dem Offizier folgender Diener ein Licht hineintrug zum Anzünden der Armleuchter. Die Courtoisie und höfliche Sitte hätten es erfordert, daß er dem hochgeborenen Gaste bis an die Treppe entgegenging, aber, er konnte sich nicht dazu überwinden. Der Herzog Franz Albrecht von Lauenburg war ihm widerwärtig, geradezu verhaßt, obwohl er die furchtbare Sage nicht glaubte, die sich an seinen Namen heftete. Es wurde dem Lauenburger nachgesagt, er habe in der Schlacht bei Lützen Gustav Adolf meuchlings erschossen. Bernhard wußte wohl, daß der König von kaiserlichen Reitern erschossen und erstochen worden war, aber er verstand es, daß das Volk gerade dem Lauenburger die schändliche Tat andichtete. Denn der war ein Mensch ohne Treu und Glauben, ein gewissenloser Parteigänger, der erst in des Kaisers, dann in des Schwedenkönigs Dienst gewesen und bald nach der Lützener Schlacht zu den Kursachsen gegangen war. Dabei wußte jedermann, daß er mit Wallenstein heimliche Freundschaft hielt. Was wollte der Mensch bei ihm? Gedachte er vielleicht wieder auf die schwedische Seite zu treten? Versuchte er das, so war er entschlossen, ihm die Aufnahme zu verweigern. Da fiog die Tür auf, und der Lauenburger trat ein. Bernhard erschrak, als er seiner ansichtig wurde. Blaß und wüst hatte er ja von jeher ausgesehen, aber es kam dem Herzog vor, als trete der Zug der dämonischen Gemeinheit, der das von Natur schöne Angesicht von jeher entstellt hatte, jetzt noch zehnmal schärfer hervor als vor einem Jahre. Mit der aalglatten Gewandtheit, die ihm, wenn er wollte, zu Gebote stand, begrüßte der Lauenburger den Herzog, als ob sie die besten Freunde wären, entschuldigte sich, daß er ihn störe, bedauerte aufs tiefste, daß er ihn leidend fände, und wünschte dem Herrn Bruder von ganzem Herzen baldigste Genesung. Dabei drückte er immer wieder Bernhards Hand, die ihm der Herzog widerwillig gereicht hatte. Endlich unterbrach Bernhard den Schwall zierlicher und höflicher Worte, indem er auf einen Sessel wies. »Ich bitte den Herrn Bruder, Platz zu nehmen und mir zu sagen, was mir die Ehre seiner Visite verschafft.« Er sprach sehr steif und förmlich, und der Lauenburger merkte sogleich, daß die Tonart, die er angeschlagen hatte, keinen Eindruck hervorbrachte. Darum sagte er, merklich förmlicher und kühler als vorher: »Wie es meines Herrn Bruders Liebden gefällt. Ich komme sogleich ad rem . Es ist eine Botschaft des Herzogs von Friedland, die ich Eurer Liebden ganz sekret auszurichten habe.« »Was könnte der Herzog von Friedland mit mir sekret zu verhandeln haben?« »Es gilt einem großen Werke, dem Frieden!« versetzte der Lauenburger bedeutungsvoll, und als der Herzog ihm nur starr ins Gesicht blickte, ohne etwas zu sagen, fuhr er fort, indem er dabei nach seiner Gewohnheit die Augen unruhig im Zimmer umherwandern ließ: »Der Casus steht also: Wie Eurer Liebden bekannt ist, steht der Herzog von Friedland seit längerer Zeit mit Seiner Durchlaucht dem Kurfürsten von Sachsen in Verhandlungen, die dahin tendieren, der werten deutschen Nation den hochnötigen Frieden zu verschaffen.« Bernhard nickte, erwiderte aber nichts, sondern fuhr fort, ihn ernst und ruhig anzublicken. Der Lauenburger geriet dadurch einigermaßen aus der Fassung, er hüstelte, rückte unruhig auf seinem Sessel hin und her und fand erst nach einigen Augenblicken den Faden seiner Rede wieder. »Der Plan des Herzogs ist der Majestät in Wien durch Verrat hinterbracht worden, man hat gegen ihn intrigiert und es dahin gebracht, daß der Kaiser ihn bereits insgeheim kassiert hat und nun nach seinem Kopfe trachtet. Darum will der Herzog dem Kaiser ganz desertieren, zu uns übergehen und seine Truppen mit den unsern konjungieren.« »Wird seine Armee ihm folgen?« warf Bernhard kurz dazwischen, ohne besonderes Erstaunen zu verraten. »Leider sind Gallas und Piccolomini ihm untreu geworden. Aber die Mehrzahl der Generale und Obristen hängen ihm noch an. Der Herzog ist mit Terzky und Illow und Kinsky und anderen Vertrauten nach Eger gezogen und läßt Euer Liebden bitten, eilfertig Ihre Dragoner und sonstige Kavallerie gegen Eger avancieren zu lassen, um sich mit den Truppen des Herzogs zu konjungieren. Ich hoffe, Euer Liebden werden nicht säumen.« »In einer so importanten Sache«, erwiderte Bernhard, sich erhebend, »können Euer Liebden unmöglich verlangen, daß ich mich auf der Stelle entscheide. Morgen nach dem Gottesdienste werde ich Eurer Liebden meinen gefaßten Beschluß mitteilen.« »Herrgott! rief der Lauenburger, der nun gleichfalls aufstand. »Das sind noch fünfzehn bis sechzehn Stunden! Und ich wollte am liebsten sogleich einen Kurier nach Eger absenden. Mein Herr Bruder wolle doch bedenken, daß solche Dinge Eile haben, die größte Eile! Ich bin erstaunt. Eure Liebden so kalt zu sehen bei der hochwichtigen Botschaft. Meinte vielmehr, Ihr würdet vor Freuden auffahren! Statt dessen zaudert Ihr und wollt Euch lange bedenken! Wollet es dann aber auch verantworten, wenn durch dieses Zaudern unsern Waffen ein großer Schade geschieht.« »Euer Liebden wollen versichert sein, daß ich die Verantwortung mit gutem Gewissen auf mich nehme,« erwiderte der Herzog ebenso kühl, wie er bisher gesprochen hatte, und geleitete dann den Lauenburger, indem er selbst einen der Leuchter ergriff, bis an die Treppe. Kaum aber war er in seinem Gemache wieder angelangt, so ließ er die Maske fallen. Eine große Erregung spiegelte sich in seinen Zügen wider, und er schellte heftig nach dem General Taupadel. Dem erzählte er hastig, was ihm der Lauenburger berichtet und angesonnen hatte, und fügte hinzu: »Was ich von der Sache denken soll, weiß ich nicht. Möglich wäre es, daß der Friedländer in großer Not ist, denn daß er mit Verrat umgeht, weiß ich lange. Möglich ist's aber auch, daß er uns in Sicherheit wiegen und uns überrumpeln will. Vielleicht sind seine Reiter schon unterwegs. Der Wallenstein ist durch und durch ein Lügner, hat bisher noch jedermann betrogen. So wollen wir uns vorsehen. Schickt mir sofort den Geheimschreiber herauf! Alle Obristen, die auswärts liegen, bekommen Befehl, sich sogleich hierher zu konzentrieren.« Die Meinung, der Friedländer habe einen großen Betrug vor, befestigte sich in Bernhards Seele während der Nacht, die er fast schlaflos verbrachte, und er entließ am andern Morgen den Lauenburger mit dem Bescheid, nur dann werde er sich gegen Eger in Bewegung setzen, wenn der Friedländer öffentlich vom Kaiser abgefallen sei. – Als Bernhard am übernächsten Tage die Wälle inspizierte, ward ein Mensch zu ihm geführt, der ihn hatte sprechen wollen. Er war trotz der Winterkälte nur mit den allernotdürftigsten Kleidern versehen, seine bloßen Füße bluteten, und an der Stirn hatte er eine offene Wunde. »Wer bist du, und was willst du von mir?« fragte der Herzog. »Man hätte dir ein Wams geben sollen und Schuhe an die Füße, ehe man dich zu mir führte.« »Herr, ich bin der Reitknecht des Herzogs von Lauenburg. Reiter haben uns überfallen bei dem Städtchen Tirschenreut. Meinen Herrn haben sie gebunden fortgeschleppt, zwei von uns Knechten erschlagen. Ich bin ihnen eschappiert, als sie in einer Schenke im Walde die Pferde fütterten und in der Stube Bier tranken.« »Der Mann war wirklich beim Lauenburger, ich habe ihn vorgestern gesehen,« sagte Taupadel. »Und wer waren die Reiter?« rief der Herzog. »Kanntest du das Regiment?« »Das Regiment kannte ich nicht. Aber es waren Kaiserliche. Und sie erzählten sich, der Herzog von Friedland wäre ermordet in Eger und alle seine Spießgesellen mit ihm.« Verwundert und erschrocken blickten Bernhard und Taupadel einander an. »Sollte das wahr sein?« murmelte der Herzog. »Ganz wahr, Eure Durchlaucht,« sagte der Reitknecht. »Sie wußten alles ganz genau. In der Nacht sind sie eingedrungen und haben die Tür gesprengt und ihn mit einer Pike in den Leib gestoßen. Und den Leichnam haben sie im Hemde in den Schnee geworfen.« Wieder sahen der Herzog und der General einander an. »Es wird Wahrheit sein,« sprach Bernhard. »So war sein Anerbieten doch keine Lüge, er war wirklich in der letzten Not. Aber wie hätt' ich dem alten Betrüger glauben können? Wie kann man überhaupt einem Menschen glauben, der selbst nichts glaubt, auch nicht an Gott? Auch wäre meine Hilfe wohl zu spät gekommen. Und warum hätt' ich auch eilen sollen? Warum?« Er sah eine Weile nachdenklich in die Ferne, und indem ein harter Zug in sein Antlitz trat, fuhr er fort: »Männer wie Pappenheim oder Tilly haben uns bekämpft, weil sie in der Verblendung lebten, ihr Glaube sei der alleinseligmachende. Für solche Leute betet, wer unserm Herrn Christo nachfolgen will: Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun. Aber solch einer war der Friedländer nicht. Er focht nicht für einen Glauben, denn er hatte keinen. Er focht auch nicht fürs deutsche Vaterland, denn er war ein Tscheche. Er kämpfte nur für seinen Geiz und seine Ehre. Nun hat er seinen Lohn dahin. Möglich, daß er zuletzt den Frieden wollte, denn der Schwamm hatte sich voll und übervoll gesogen. »Taupadel,« er faßte den Vertrauten am Arme und blickte ihm starr in die Augen, »ist der Friedländer tot, so kommt eine neue Zeit. Er war krank an Leib und Geist; wer nun an seine Stelle tritt, er sei dumm oder gescheit, wird wenigstens nicht diplomatisieren und finassieren, sondern wird die große Armada zu brauchen wissen. So stehen uns bald Kämpfe bevor, man wird uns nicht immer nur herankommen lassen, man wird uns angreifen. So wird's. Denkt an mich. Vor der Hand aber wird da drüben eine greuliche Unordnung sein. Wollen sehen, ob wir im Trüben fischen können!« XII. Wo sich die Hänge des Ipfberges in das Tal des kleinen Flüßchens Eger herabsenken, hielt Herzog Bernhard hoch zu Rosse in der Mitte eines Vierecks von Pikenieren und Musketieren. Wer das Bild von ferne sah, der mochte wohl wähnen, er habe die Truppen zu einer fröhlichen Waffenübung herausgeführt, denn das grüne Banner, das der Fähnrich über seinem Haupte hielt, flatterte und blähte sich lustig im Morgenwinde, und die Speerspitzen der Knechte funkelten wie gleißendes Silber im Sonnenscheine. Wer aber näher kam, der sah, daß hier ein furchtbar ernstes Ding im Werke war. Denn neben dem Fürsten standen zwei Profoße in ihren blutroten Gewändern, und vor ihnen lagen auf den Knien acht Männer, deren Hände mit Stricken gefesselt waren. Reiter des gelben Regiments hatten sie ergriffen, als sie in einem nahegelegenen Dorfe scheußliche Gewalttat übten. Eine vierundsiebzigjährige Greisin und ein junges Ding von fünfzehn Jahren waren ihrer rohen Gier zum Opfer gefallen, ein zweijähriges Kind hatten sie in die Flammen der von ihnen angesteckten Scheune geworfen und den Bauer erstochen, der die Seinen hatte retten wollen. Darum war ihnen soeben aus dem Munde des Fürsten das Urteil gesprochen worden, daß sie sollten zur Rache für die beleidigte Majestät Gottes und für andere zu einem abschreckenden Exempel durch den Strang vom Leben zum Tode gebracht werden. »Dort hängt ihr sie auf!« rief der Herzog mit finsterer Miene. »Dort an die Weiden! An jeden Baum einen! Hauptmann Romrodt, Ihr meldet mir dann, daß die Exekution vollstreckt ist!« Sieben der Verurteilten schienen sich in ihr Schicksal zu finden, denn sie blieben ohne einen Laut auf den Knien liegen und stierten stumpfsinnig vor sich nieder auf den Erdboden. Der achte aber, ein Kerl mit kohlschwarzem Haar und Bart, sprang trotz seiner gefesselten Hände schnell empor und brüllte auf wie ein wildes Tier. »Wenn ich nun einmal sterben soll,« schrie er überlaut, »so will ich auch euch die Wahrheit sagen. Wer hat uns denn zu Räubern gemacht, Herzog von Weimar? Ihr selber und die andern Großen. Ihr werbet Soldaten an und bezahlt sie nicht! Sie sollen für Euch die Haut zu Markte tragen und dabei von der Luft leben! Betrüger seid Ihr alle und Bluthunde, und unser Blut komme über Euch!« »Um eurer Räuberei willen lasse ich euch nicht hängen, Klaus Hempel,« erwiderte der Herzog mit eherner Ruhe. »Ich weiß wohl, daß der Soldat sich die Nahrung nehmen muß, wenn sie ihm nicht verabreicht wird. Ihr sterbt, weil ihr grausame Schandtaten verübt habt, die zum Himmel schreien! Auf, Profoße, an euer Werk!« Damit wandte er sein Roß und ritt die Straße hin die nach dem Städtlein Bopfingen führte. Ihm folgte auf einem schweren Rosse sein alter Lehrer und Freund Hortleder, der gestern abend spät im Lager angekommen war und ihn nun in der Frühe aufgesucht hatte. Er kam von Würzburg, wo auf Bernhards Befehl die Universität wieder neu errichtet werden sollte. Dazu hatte er sein Gutachten geben müssen und war ins Lager gekommen, um dem Herzog darüber zu berichten. Außerdem barg er wichtige Briefe in seiner Manteltasche. Jetzt hub er zu reden an. »Es ist eine wahre Beruhigung,« sagte er, »daß eine solche Exekution in der Soldateska noch statthaben kann. Kein Mann erkühnte sich zu murren, als Ihr die Schufte zum Tode verurteiltet. In Weimar sagte man, die Befehlshaber müßten jetzt dem gemeinen Manne alles nachsehen, auch die greuelvollsten Taten. Ich sehe mit Freuden, daß die Disziplin denn doch noch nicht so auf den Hund gekommen ist.« Der Herzog, der in schweren Gedanken, ohne seines Begleiters zu achten, des Weges dahingeritten war, zügelte sein Roß und wartete, bis er an seiner Seite war. Da sagte er mit einem tiefen Seufzer: »Es ist doch nicht unrichtig, was man Euch erzählt hat, Hortleder. Oft müssen wir den Kerlen durch die Finger sehen, wenn wir sie strafen möchten. Denn viel Wahrheit war in dem, was jene Bestie dort ausschäumte. Der Soldat ist verdorben worden, weil man ihm Sold und Nahrung nicht gibt und nicht geben kann. Darum muß er zum Räuber werden, ob er schon nicht will. So kann ich sie nicht schelten, viel weniger strafen, wenn sie auch wie die Raben stehlen. Aber wenn ich von den Scheusäligkeiten höre, die sie beim Rauben begehen, so fängt mir das Blut an zu sieden, und ich kenne keine Rücksicht. Und meuterte der Haufe – bei Gott, ich täte wie der Mansfelder, der in ein empörtes Regiment hineinritt und ein Dutzend vom Pferde hieb und so ihrer aller Trotz zerbrach!« »Ihr wäret dazu imstande, Herzog Bernhard,« sagte Hortleder. Nach einer Weile fügte er hinzu: »Die Verwüstung der Landschaften wäre sicher nicht so furchtbar, wenn nicht der ungeheure Troß den Armaden folgte. Aber da hat jeder Reiter seinen Jungen und jeder Offizier mehrere Knechte. Und die Weiber! Herr des Himmels, die Weiber! Jedes Lager wimmelt von Frauensmenschen!« »Auch das kann ich nicht hindern,« erwiderte Bernhard. »Ich sehe nur darauf, daß sie ihre Eheweiber bei sich haben. Von Zeit zu Zeit lasse ich austrommeln, daß ich die Dirnen mit dem Staupbesen austreiben lassen wolle. Neulich tat ich das wieder einmal. Da liefen sie in die nächste Kirche und holten die Pastoren und Pfäfflein mit Gewalt herbei und ließen sich trauen, und es wurden ihrer ehelich an einem Tage mehr denn hundertundzwanzig.« Hortleder schüttelte den Kopf. »Am besten wäre es, wenn sie gar keine Weiber mit sich führen dürften.« Der Herzog lächelte. »Das sagt Ihr, weil Ihr graue Haare tragt. Wäret Ihr zwanzig bis dreißig Jahre jünger, so würdet Ihr bedenken, daß geschrieben steht: Es ist nicht gut, daß der Mensch allein sei. Ich will, spricht der Herr, ihm eine Gehilfin machen, die um ihn sei.« »Nun, Herzog Bernhard,« versetzte Hortleder, »Ihr selbst widerlegt durch Euer Leben Eure Worte. Ihr seid allein und habet keine Gehilfin um Euch, und ich höre mit Freuden und Wohlgefallen, daß Ihr allen Frauenzimmern aus dem Wege geht, wo Ihr auch hinkommt.« »Da habt Ihr recht,« erwiderte der Herzog, »aber das hat seine absonderliche Ursache. Gott der Herr hat mir eine reine Liebe ins Herz gelegt, das ist der sicherste Schutz vor allen Versuchungen.« Er zog ein Medaillon hervor, das an einer feinen, goldenen Kette um seinen Hals gehängt war. »Hier, Hortleder, das Bild einer, die Ihr wohl kennt! Und hier« – er schlug an seine Brust – »die Briefe, die sie mir geschrieben hat. Die sind mein Talisman, Hortleder. Sie machen es, daß ich sonst kein Weib ansehe, ihrer zu begehren.« Über das trockene, faltenreiche Antlitz des alten Gelehrten und Staatsmannes ging eine große Rührung, und mit feuchten Augen ergriff er des Herzogs Hand und sagte herzlich: »Da möchte ich Euch denn wünschen, lieber Herzog Bernhard, was unser Volk singt in seinem alten Liede: Gott führe sie zusammen, Die füreinander sein!« Bernhard drückte die Hand des alten Vertrauten kräftig. »Das ist mein Gebet an jedem neuen Morgen,« erwiderte er, »und die nächsten Tage müssen entscheiden, ob wir auf eine baldige Erhörung hoffen dürfen.« »Ihr wollet Nördlingen entsetzen?« »Wir müssen!« rief der Herzog. »Ich hab' es geschworen bei meiner fürstlichen Ehre, bei Treu und Glauben. Ja, ich habe meine Seligkeit dafür zum Pfand gesetzt. Tue ich's nicht, hab' ich den Bürgern sagen lassen, so solle mich Gott am jüngsten Gerichte strafen, und sie sollten Rache über Rache schreien.« »Das ist ein furchtbar Wort, Herzog Bernhard, das hätt' ich nicht gesagt,« versetzte Hortleder bekümmert. »Mein Gott!« rief der Herzog, »konnt' ich denn anders? Hätten sie sonst eine Besatzung von uns in ihre Mauern genommen? Hätten sie nicht allsogleich einen Akkord mit dem Feinde geschlossen? Und die Stadt muß sich halten, sie muß! Ach, Hortleder, es ist ja in den letzten Monden alles traurig und kläglich ergangen. Mit des Friedländers Tode fing das Unheil an. Ich wollte nach Böhmen einbrechen und das Heer angreifen, das er hinterlassen hatte. Aber konnt' ich's mit meinen paar tausend Mann? Ich schrieb an den Kanzler, an Horn, an den Kurfürsten – überall Worte, Worte, Worte! Keine Hilfe von irgendeiner Seite. Der Feind aber verstärkte seine Macht immer mehr und kam zuletzt mit solcher Übermacht gegen mich heran, daß ich retirieren mußte. Nach Regensburg werfe ich ein paar tausend Mann hinein, vermeinend, nun endlich werde Hilfe kommen und ich könnte mit Horns Beistand die teuerwerte Stadt wieder entsetzen. Aber auch dazu war der Mensch nicht zu kriegen, und als ich ihn endlich soweit hatte, da war's zu spät. Weil sie kein Mehl und kein Pulver mehr drin hatten, mußte Niels Kage sich ergeben, obschon er sich gewehrt hatte wie ein Held. Regensburg, mein Regensburg ging wieder verloren! O der großen Schmach und Schande!« Ein Zittern ging durch seine Stimme wie von verhaltenen Tränen. Noch einmal faßte Hortleder seine Hand. »Auf Euch fällt keine Schmach, Herzog Bernhard. Auch nicht ein Schatten davon. Daß Ihr ein Held seid, das weiß die Welt.« »Ach, daran ist mir wenig gelegen!« erwiderte der Herzog heftig. »Ich kann des Beifalls der Menge entbehren. Mir liegt nur am Erfolg, an der realen Potentia, und die verlieren wir mit jedem Tage mehr. Regensburg ist über, der Schlüssel zu Bayern und Österreich. Jetzt berennt der Feind Nördlingen, den Schlüssel zu Schwaben. Fällt die Stadt, so ist Württemberg dahin! Und wie müßte der Fall im Reiche widerhallen! Vor allem die Städte müßten alle fiduciam auf uns verlieren. Wir müssen hier an den Feind, wir müssen. Es geht nicht anders. »Aber sind nicht die Kaiserlichen weit stärker als unser Heer, auch nachdem Ihr Euch mit Horn konjungiert habt?« »Ja, um fast zwanzigtausend Mann!« »Gerechter Himmel!« rief Hortleder und erbleichte. »Wie könnt Ihr da auf den Sieg hoffen?« »Wir waren bei Lützen in der Minderzahl und haben gesiegt. Ich hatte vor Regensburg eine Hand voll Leute und habe die Stadt genommen. Bei Gott ist kein Ding unmöglich, lieber Hortleder, und die auf den Herrn harren, kriegen neue Kraft, daß sie auffahren wie die Adler.« »Aber, nehmt mir das Wort nicht übel, es sieht auch geschrieben: Du sollst Gott, deinen Herrn, nicht versuchen.« »Das heißt nicht Gott versuchen,« sagte Bernhard ernst, »wenn man im Vertrauen auf seinen Beistand tut, was Pflicht und Ehre gebieten. Aber auch nach weltlichem Raisonnement steht unsere Sache nicht so verzweifelt, wie es aussieht. Erstens ist unser Volk viel besser als das, was die da drüben haben. Zweitens ist der römische König, der Kaisersohn, der dort befiehlt, ein unerprobter Jüngling, und Gallas, der ihn berät, ist kein Feldherr. Hier aber befehlige ich!« »Wie?« rief Hortleder, »hat also doch der Starrtopf Horn sich Euch untergeordnet?« »Nein,« erwiderte Bernhard, »dazu ist er nicht zu bewegen gewesen. Seit unsere Truppen vereinigt sind, wechseln wir mit dem höchsten Befehl Tag um Tag.« »Und kann bei solchem Wechsel das Heer prosperieren? »Auf die Dauer ginge das nicht. Aber eine Woche lang kann eine Armada auch dann bestehen, wenn zwei Köpfe ihr gebieten. So kann ich doch wenigstens eine Entscheidung erzwingen. Morgen ist mein Tag, und länger als vierundzwanzig Stunden dauert eine Schlacht ja in keinem Falle.« – Sie waren während dieser Reden in das Städtlein Bopfingen eingeritten und hielten bald vor dem Rathause. Hortleder sah mit Verwunderung, wie sich des Herzogs eben noch so sorgenvolles und düsteres Gesicht mit einem Male verklärte, und erschrak fast, als sein fürstlicher Freund in ein lautes Lachen ausbrach, denn er konnte die Ursache der plötzlichen Heiterkeit nirgends erspähen. »Doktor!« rief Bernhard, »sehet dort hin über die Tür! Die Schwaben sind doch wahrlich ein witziges Volk!« Hortleder entzifferte, die Augen mit der Hand beschattend, die Schrift, die dort in riesengroßen, bunten Lettern prangte: Senatus populusque Bopfingensis . »Es muß von altersher ein stolzer Sinn in diesem Gemeinwesen herrschen!« sagte er, nun gleichfalls lachend. »Ja, diese Hand voll Spießlinge, es mögen ihrer mit Weib und Kind noch nicht zweitausend sein, ahmen das weltbeherrschende Rom nach,« versetzte der Herzog. »Wenn ich so etwas sehe, mein lieber Doktor, so gibt es mir sogleich die gute Laune wieder, auch wenn mein Gemüt noch so verstimmt war. Es ist ein Segen Gottes, daß es so viele närrische Leute gibt in der Welt, die dazu helfen, daß man das Lachen nicht verlernt. Nun aber, Hortleder, müssen wir uns trennen bis zur Mittagsstunde. Ich habe hier Kriegsrat zu halten mit Horn und den anderen Befehlshabern. Gebt mir die Briefe meines Bruders, die Ihr mir bringt, und stellt Euch um zwölf Uhr bei mir zum Essen ein.« Hortleder knüpfte die innere Tasche seines Mantels auf, übergab ihm ein umfangreiches versiegeltes Paket und ergriff dann des Fürsten dargebotene Rechte. »Ich wünsche Euch Gottes Beistand und Erleuchtung, Herzog Bernhard,« sagte er mit einem festen Händedrucke. Dann ritt er langsam mit seinem schweren Gaule nach seinem Quartier im güldenen Eber. Der Fürst stieg inzwischen, von einem Stadtknechte geleitet, die steinernen Stufen zum Rathaussaale empor. Er fand den ziemlich großen Raum noch ganz leer, und deshalb trat er in eine Fensternische und erbrach das Schreiben, das mit dem großen Siegel seines Hauses verschlossen war. Es kam von seinem Bruder Ernst, den er zum Statthalter des ihm verliehenen Herzogtums Franken eingesetzt hatte und der jetzt auf dem alten Bischofsschlosse residierte. Er selbst war nur einige Tage dort gewesen, um die Huldigung der Städte entgegenzunehmen. Dann hatte er sich wieder in die Kriegswirren stürzen müssen, wo er unabkömmlich und unersetzlich war. Er wußte, daß sein Bruder das Fürstenamt so führte, wie er selbst es nicht besser vermocht hätte, denn er hatte ein weises und landesväterliches Gemüt, und die Natur hatte ihn mit einer ganz ungewöhnlichen Fähigkeit zu herrschen und zu ordnen ausgestattet. Bernhards Augen glitten nur flüchtig über die großen Bogen dahin, die mit der kräftigen Handschrift seines Bruders bedeckt waren. Er konnte sich jetzt nicht in das alles vertiefen, was ihm Ernst schrieb über den Zustand der Kirchen und Schulen, des Gerichts- und Steuerwesens in dem neugeschaffenen Staate. Das mochte Zeit haben bis nach der Sitzung oder auch bis nach der Schlacht, auf die er hoffte. Er wollte eben das Schreiben wieder zusammenfalten, als ihm ein kleines, versiegeltes Briefchen entfiel. Als er es vom Boden aufhob, entfuhr ihm ein Ruf des Staunens, denn die Aufschrift zeigte die Hand seiner Braut. »Mein liebstes Herz«, las er, »wird sich höchlich verwundern, aber, wie ich verhoffe, mir nicht zürnen, daß ich nach Würzburg gereiset bin. Seine Liebden, Herr Bruder Ernst, war des frauenlosen Haushaltes überdrüssig und hat die Tante Schwarzburg gebeten, zu ihm zu kommen und ihm das Haus zu führen, sintemalen sich meines liebsten Schatzes Anwesenheit von Monat zu Monat hinauszögert. Mit ihr bin ich hergefahren, und wir haben eine gute Reise gehabt, also daß ich nichts habe auszustehen gehabt unterwegs, und sind also wohlbehalten vor dreien Tagen hier angekommen. Die Stadt und das Schloß gefallen mir über die Maßen wohl, und ich bete täglich wohl zehnmal zum lieben Gott, er wolle dieses Land in seiner Gnade meinem liebsten Herzen erhalten; auf daß wir dereinsten, wenn der Friede kommt, hier mit Freuden hausen können als Eheleute, so wie es ihm gefällig ist.« Der Herzog ließ das Blatt sinken und blickte mit einem bitteren Lächeln zum Himmel empor. Die liebe Gundel! Sie schien nicht zu ahnen, wie seit Regensburgs Fall die Dinge standen. Hätte man ihn kräftig unterstützt, so wäre vielleicht der Friede nahe gewesen. Jetzt war dieser Traum vorbei. Die gewaltige Übermacht des Feindes konnte wohl in einer Feldschlacht besiegt und zurückgeworfen werden, aber sie zu zersprengen, zu vernichten, war keine Aussicht. Alle die Arbeit des vorigen Jahres mußte selbst nach einem Siege von neuem getan, die verlorenen Städte und Gebiete, besonders Regensburg, mußten wieder erobert werden, und inzwischen formierte sicherlich der Feind neue Heere. Siegte man aber nicht, so war überhaupt nicht abzusehen, was geschah. Sein Herzogtum Franken war dann fürs erste verloren. Die dort auf dem Würzburger Schlosse zusammensäßen, waren dann nicht mehr lange vor den Kaiserlichen sicher. Noch stand er in solche Gedanken verloren, als die Tür sich öffnete und Horn hereintrat, gefolgt von mehreren höheren Offizieren. Bernhard verbarg rasch die Papiere in seiner Brusttasche und erwiderte die höfliche Verneigung des eintretenden Feldmarschalls mit derselben Höflichkeit. Eine weitere Begrüßung zwischen den beiden unterblieb, denn ihr gegenseitiges Verhältnis war in den letzten Tagen fast in offene Feindschaft übergegangen. Der Saal füllte sich nun rasch. Die Vornehmsten nahmen am Tische Platz, die andern stellten sich rings an den Wänden auf. Horn saß obenan, denn er führte an diesem Tage den Oberbefehl. Der Herzog ließ sich rechts von ihm nieder, aber zwischen beiden blieben zwei Stühle leer. »Ihr Herren!« rief Horn, indem er sich erhob, mit heller, durchdringender Stimme in deutscher Sprache, die er ganz gut beherrschte. »Ihr Herren, unser Konvent beginnt. Ein jeder wisse, worüber wir ratschlagen wollen. Es ist der Wunsch Seiner Fürstlichen Gnaden des Herrn Herzogs von Weimar, daß wir die Armada des Kaisers attakieren möchten, die Nördlingen belagert. Wir können uns darüber nicht einigen, denn ich bin dem Plane stracks zuwider. So wollen wir die Meinung der Herren Generale und Obristen hören. Ein jeder sage ungescheut, was er denkt!« Diesen Worten folgte ein tiefes Schweigen. Endlich rief der tapfere General Schusselitzky: »Ich denke, man hat mich mit meinen zwei Regimentern deshalb in Eil' hierher entboten, weil die Stadt entsetzt werden soll. Denn warum sonst?« Beifallsgemurmel rings umher. Zwischen Horns Brauen erschien eine drohende Falte und vertiefte sich noch, als er sah, daß auch der schwedische General Niels Kage, der eben noch in den Saal getreten war und die Worte Schusselitzkys gehört hatte, heftig mit dem großen Kopfe nickte und etwas Beifälliges brummte. Sogar die schwedischen Häupter waren also von der Tollkühnheit dieses deutschen Herzogs angesteckt! Es war kaum zu glauben! Das Blut stieg ihm vor Ärger in den Kopf, und er sagte in gereiztem Tone: »Ich konnte Eure Worte nicht verstehen, Herr General Kage. Wollt Ihr eine Meinung äußern, so äußert sie deutlich!« »Deutlich? Wenn der Herr Feldmarschall will, werde ich mich ganz deutlich äußern!« erwiderte Kage, indem er sich wieder von dem Stuhle erhob, auf den er sich soeben breit und schwer hatte niederfallen lassen: »Mit einem Worte: Ich bin des Retirierens satt. Ich habe Regensburg verteidigt und hätte es gehalten, wenn rechtzeitig Sukkurs kam. Er kam nicht. Ich mußte abziehen. Ich zog Euch zu und dem Herrn Herzog. Ihr waret retiriert aus Schwaben, der Herr Herzog aus der Oberpfalz. Zusammen sind dann die beiden Heere retiriert bis hierher. Von hier aus sollen wir weiter retirieren? Gott straf mich, das geht nicht! Mir dreht sich das Herz im Leibe herum, wenn ich die blaugelben Schwedenfahnen immer auf der Flucht sehe. Wenn das der große König erlebt hätte! Mord und Brand! Er wäre vor Scham gestorben! Es geht nicht länger so! Wir können nicht immer nur fragen: Was fordert die Vorsicht? Wir müssen auch fragen: Was fordern Ehre und Reputation?« Der tapfere Verteidiger von Regensburg hatte diese Worte in einem Gemisch von deutsch und schwedisch herausgepoltert, aber er war von allen verstanden worden. Denn als er sich jetzt wieder niedersetzte, erscholl brausender Beifall von allen Seiten. Horn stand da, als wäre er erstarrt. Grimm und Überraschung lähmten ihm die Zunge. So weit war es also gekommen, daß ihm einer der Generale, noch dazu ein Schwede, den versteckten Vorwurf der Feigheit ins Gesicht schleuderte! Der Herzog von Weimar mußte ja insgeheim kräftig für seinen Plan gewirkt und die Autorität seines Mitbefehlshabers gänzlich untergraben haben! Und dabei saß dieser Mann da, als ginge ihn die Sache gar nichts an, und redete leise mit dem hinter ihm stehenden Obristen Rosen, der nun mit einem Male den Saal mit schnellen Schritten verließ. Endlich raffte sich der Feldmarschall auf. Er schoß einen wütenden Blick auf den Herzog und einen noch wütenderen auf den General und rief mit vor Erregung und Entrüstung zitternder Stimme: »Ich will nicht hoffen, Niels Kage, daß Ihr mir vorwerfen wollt, ich hielte nichts auf Ehr' und Reputation!« »Das habe ich nie behauptet. Jeder weiß, Ihr seid ein tapferer Mann,« versetzte der General mürrisch. »Aber ich will, daß es endlich zum Schlagen kommt.« »Den Teufel auch!« schrie Horn und führte einen wütenden Hieb in die Luft. »Ich will ja auch schlagen! Aber erst soll der Rheingraf da sein. Die Übermacht des Feindes ist sonst zu groß.« »Der Rheingraf rührt sich nicht. Man hört nichts von ihm,« klang eine Stimme von der Wand her. »Ehe er kommt, fällt die Stadt!« rief ein anderer. »Die Stadt kann und wird sich noch eine Woche halten,« sagte Horn mit großer Bestimmtheit. »Nein, Herr Feldmarschall,« rief der Herzog, sich erhebend, »da seid Ihr falsch berichtet. Sie hält sich kaum zwei Tage noch.« »Woher weiß das Eure Fürstliche Gnaden?« »Das werdet Ihr sogleich erfahren. Einstweilen aber dies, ihr Herren: Es handelt sich hier nicht um die eine Stadt, es handelt sich um das Herzogtum Württemberg. Es gehet ferner um das Heilbronner Bündnis überhaupt. Wenn die Städte und Reichsstädte sehen, daß wir eine nach der andern preisgeben, so werden sie sich dafür bedanken, in diesem Bündnisse zu bleiben. Sie werden ihren Sonderfrieden mit dem Kaiser machen. Die billigen Bedingungen, die Regensburg erhalten hat, sind ein Köder für die Ängstlichen. Sie sollen sehen, daß der Kaiser auch Gnade üben kann. Und endlich: es steht wirklich so, wie der Herr General Kage gesagt hat. Unsere Ehre ist engagiert. Sie geht verloren und sinkt in den Staub, wenn wir immer vor der Übermacht retirieren. Ihr Herren, hat der selige König nicht allezeit wider die Übermacht gefochten? Und hat er nicht allezeit gesiegt? Sollen wir uns fürchten? Da sei Gott vor! Er ist mit uns, wer mag wider uns sein?« Noch redete er, da öffnete sich die Tür, und Obrist Rosen trat wieder ein. Vor sich her schob er einen Menschen, der nach Antlitz und Tracht ein Kroat zu sein schien. Bei seinem Anblick unterbrach Bernhard sogleich seine Rede, und indem er auf ihn deutete, fragte er: »Erkennt Ihr den Mann, Herr Feldmarschall?« »Ich kenne ihn,« entgegnete Horn kurz und blickte finster auf die Eingetretenen. »Es ist der Mann aus Nördlingen,« erklärte der Herzog, »der, wie die Herren wissen, schon vor fünf Tagen sich zu uns durchgeschlichen hatte. Er ist diese letzte Nacht wiedergekommen. Nun, Jäcklein, sage, wie es in der Stadt steht.« Der Kroat, der in Wahrheit ein Bauer aus Goldburghausen war, rief hierauf mit lauter Stimme: »Gnädiger Herr, der Teufel hol mich, es tut große Not, daß Ihr bald kommt. Sie haben noch vierzig Zentner Pulver und für zwei Tage Brot. Das heißt, die Besatzung hat das Brot, die Leute in der Stadt nähren sich von Kleie und Rinde und allerlei Zeug. Die Pest greift um sich, und der Hunger tötet die Menschen.« »Geht's nicht eine Woche noch zu ertragen?« fragte Horn. Da antwortete der Bauer mit einem schrecklichen Lächeln: »Gestern wurde eine Frau dabei erwischt, wie sie aus dem Arme einer Leiche Fleisch fraß. In einer Woche müssen sie alle solches Fleisch fressen.« Ein Schrei des Schreckens drang aus mehrerer Obristen Munde, und mit bleichen Gesichtern sahen die Herren einander an. Auch dem Härtesten unter diesen harten Kriegsleuten war der Schrecken in die Glieder gefahren. »Und wir zaudern noch?« rief der Herzog. »Herren,« sagte Horn, »das ist furchtbar. Aber dann muß die Stadt mit dem römischen Könige akkordieren. Es geht nicht anders. Wir sind fünfundzwanzigtausend gegen fünfundvierzigtausend! Wer will das verantworten? Es geht nicht! Es geht nicht!« Da richtete sich der Herzog hoch auf, und mit einer Stimme, die immer lauter und markiger anschwoll, sprach er den dritten Vers des Liedes: Verzage nicht, du Häuflein klein: So wahr Gott Gott ist und sein Wort, Muß Teufel, Welt und Höllenpfort, Und was dem tut anhangen, Endlich werden zu Schand und Spott: Gott ist mit uns und wir mit Gott, Den Sieg woll'n wir erlangen.« Und als er damit zu Ende gekommen war, rief er noch lauter und mächtiger: »Ihr Herren, wißt Ihr noch, wer uns das vorgebetet hat? Wißt Ihr es nicht mehr? Habt Ihr seiner vergessen? O gedenket des Helden, der so in seine Schlachten ritt! Gedenket Eures, unsres großen Königs!« Dann blickte er ruhig und hoheitsvoll im Kreise umher, und es war totenstill im Saale. Das Wort, das sie so oft aus ihres Königs Munde gehört hatten, übte eine unbeschreibliche Wirkung auf alle aus. Manchem war es, als hätte er eine Vision, als stünde dort der König selbst und er hörte noch einmal die Stimme des Toten. In vielen Augen glänzten Tränen, einige schlugen sich gegen die Brust, der General Lohusen war vorn über den Tisch gesunken und hatte sein Gesicht in den Händen verborgen. »Ich denke, wir fechten morgen!« tönte es nach einer Weile wieder aus des Herzogs Munde. Da wich der Bann, der die Herzen gefangen hielt. »Ja! Ja! Wir fechten!« erscholl es von allen Seiten, und ein lautes, wirres Getöse brach los. Die Obristen und Generale schüttelten sich untereinander die Hände, und jeder suchte des Herzogs Hand zu drücken, und schwedisch und deutsch schwirrten die Stimmen durcheinander. Horn stand während des freudigen Lärmens stumm da. Um seinen Mund spielte ein verächtliches Lächeln, und aus seinen Augen sprühte der Zorn, aber er machte keinen Versuch, den Ausbruch der Begeisterung zu dämpfen und Stille zu gebieten. Erst als sich die hochgehenden Wogen etwas gelegt hatten, rief er laut: »So ist es denn der Herren Wunsch und Wille, daß wir morgen die Stadt entsetzen, und es geschehe also. Ich schließe den Konvent.« Dann trat er dicht an den Herzog heran und sagte: »Ich habe das Spiel verloren, Herr Herzog von Weimar, und Ihr habt es gewonnen. Ich beglückwünsche Euch, Ihr versteht es meisterlich, zu bewirken, daß den Menschen der kühle Verstand entschwindet. Mich aber berauscht Ihr nicht. Ich weissage Euch, auch wenn alle Euch bejubeln, daß Ihr werdet morgen abend darüber trauern, daß Ihr Eurem stürmischen Temperament gefolgt seid und nicht der trockenen Weisheit Gustav Horns.« »Ich folge nicht meinem Temperament, ich tue, was Pflicht und Ehre gebieten, der Ausgang steht in Gottes Hand,« erwiderte der Herzog kalt und wandte sich mit einer kurzen Verneigung von ihm ab. Da schritt der Feldmarschall, ohne nach rechts und links zu blicken, mit einem heiseren Lachen aus dem Saale. XIII. In einer Fensternische des Schlosses Marienberg, das sich auf hohem Steine über dem Mainstrome erhebt, saß Kunigunde von Anhalt. Sie hatte eine Handarbeit im Schoße liegen, denn ganz unbeschäftigt herumsitzen und träumen galt auch der hochgeborenen Frau als nicht schicklich. Aber die Gedanken der Prinzessin waren nicht bei ihrer Arbeit, sondern ersichtlich ganz wo anders. Wenn sie einen Schritt im Vorzimmer zu hören glaubte, so blickte sie gespannt nach der Tür, stand auch hin und wieder auf und schaute hinaus. Endlich legte sie das Nähzeug vor sich nieder auf die andre Bank in die Nische, verschränkte die Hände über den Knien und blickte in tiefen Gedanken zu Boden. Es mochten wohl keine erfreulichen Gedanken sein, die durch ihre Seele zogen, denn auf dem feinen Antlitz lag ein tiefer Ernst, und zuweilen zuckte es um ihren Mund, als wolle sie in Tränen ausbrechen. Da erscholl ein kräftiger Schritt auf dem Estrich des Vorsaals, und auf der Schwelle erschien Herzog Ernst, des Herzogtums Franken Verweser. Er war in tiefes Schwarz gekleidet, ebenso wie die Prinzessin, die bei seinem Eintritt aufsprang und ihm entgegentrat. »Schläft er noch?« fragte sie hastig. Der Herzog nickte. »Seit Bernhard in der Nacht eintraf, schläft er wie ein Toter, und ich glaube, wir tun wohl daran, wenn wir ihn schlafen lassen. Die erschöpfte Natur fordert ihr Recht. Und wenn er die Mittagsstunde verschlafen sollte, so möchte ich ihn doch nicht wecken. Die letzte Zeit muß furchtbar für ihn gewesen sein, wenn auch seine Wunde so rasch verheilt ist, daß man an ein Wunder Gottes glauben möchte.« »Und ich kann ihn noch nicht sehen?« klagte die Prinzessin, die resigniert ihren Fensterplatz wieder eingenommen hatte. »Warum hast du mich nicht wecken lassen in der Nacht, als er ankam?« »Er selbst verbot es sofort, und du brauchst dir das nicht leid sein zu lassen, liebe Gundel. Er war so müde, daß er fast vom Pferde fiel, denn er war zwölf Stunden hintereinander scharf geritten. Er hatte das geschlagene Heer, soviel noch beisammen war, vom Nördlinger Schlachtfeld nach Frankfurt geführt und kommt nur herüber, weil er weiß, daß du hier bist. Schon morgen in der Frühe muß er wieder fort.« »Mein Gott!« rief die Prinzessin, »er muß sich doch zum wenigsten ein paar Tage pflegen und ausruhen!« »Von pflegen und sich ausruhen wird für ihn nicht viel die Rede sein. Es müßte denn ein ganz absonderlicher Fall eintreten,« erwiderte der Herzog. »Du meinst, wenn er krank würde?« »Nein, ich meine etwas anderes. Es ist vor einer Stunde, wie du wohl weißt, ein Gesandter des Kaisers eingetroffen. Er war ihm nachgereist, hat ihn aber hier erst erreicht. Der bringt ihm vielleicht eine lange Ruhe.« Die Prinzessin blickte ihn verständnislos an. »Ich verstehe den Sinn deiner Rede nicht! Denkst du an den Frieden?« »Nicht an einen allgemeinen, aber an einen besonderen. Nachdem die Bataille bei Nördlingen so glorieuse für die kaiserlichen Waffen ausgefallen ist, scheint es der Intent der Kaiserlichen Majestät zu sein, die Gegner durch Güte zu gewinnen. Die Stadt Nördlingen ist trotz ihres furiosen Widerstandes zu Gnaden angenommen worden, wie übrigens auch schon vorher Regensburg. Möglich, daß der Kaiser auch denen Pardon und Amnestie anbietet, die wider ihn im Felde gestanden haben!« Die Prinzessin blickte mit einem seltsamen Ausdruck in den Augen zu ihm herüber. »Und wenn dem so wäre,« rief sie, »meinst du, er würde Pardon und Amnestie annehmen?« Herzog Ernst wiegte nachdenklich das Haupt hin und her. "Noch vor vierzehn Tagen hätte er's nicht getan, aber jetzt hat die Sache ein anderes Gesicht. Die Nördlinger Schlacht ist verloren, und Bernhard selbst hat mir gesagt: die Niederlage ist so arg, daß sie ärger nicht sein könnte. Er hat noch zehntausend Mann nach Frankfurt geführt, das ist alles. Die übrigen erschlagen, zersprengt, übergelaufen, Horn gefangen. Wir stehen da, wo wir standen, als Gustav Adolf im Reiche erschien.« Die Prinzessin schlug die Hände vors Gesicht und brach in Tränen aus. Der Herzog wandelte erregt im Gemache auf und nieder. »Nach menschlichem Ermessen«, fuhr er nach einer Weile fort, »wird Deutschland bis herauf zum Thüringer Walde innerhalb der nächsten Monate wieder in des Kaisers Händen sein. Vielleicht widersteht Nürnberg, unsere mächtige und edle Stadt, noch länger, aber nach einem halben Jahre wird sie auch den Frieden suchen müssen. Und uns, liebe Gundel, uns bleibt nichts anderes übrig, als in den nächsten Tagen die Koffer zu packen und heimzufahren nach Weimar.« Die Prinzessin schluchzte noch heftiger auf als vorher, erwiderte aber zunächst kein Wort. Der Herzog betrachtete sie eine Weile schweigend mit wehmütigen Blicken, dann sagte er weich: »Wir müssen uns demütigen unter unseres Gottes Hand und sprechen: Sein Wille geschehe. Sein Wille scheint aber zu sein, daß der Kaiser den Sieg behält, wenigstens wenn er klug ist und den Bogen nicht überspannt. Dann wird alles ungefähr wieder so, wie es vor dem unseligen Kriege war. Und gerade für dich, meine liebe Gundel, kann ja daraus ein Glück ersprießen. Denn wenn Bernhard gezwungen wird, das Schwert niederzulegen und heimzukehren, und wenn Friede wird und das Land wieder aufatmet, dann kommt wohl der Tag, an dem er dich heimführen kann. Freilich ist er dann nicht mehr ein stolzer Herzog in Franken, sondern er muß schlecht und recht auf ein paar Thüringer Ämtlein hausen und von ihnen seine Nahrung ziehen.« Während dieser Rede, die der Herzog stockend und seine Worte bedachtsam abwägend vorbrachte, hatte die Prinzessin aufgehört zu weinen und ließ nun die Hände wieder vom Antlitz herabsinken. »Nimmermehr wird Bernhard sich unterwerfen!« rief sie. »Und täte er's, so würde er in der Enge ersticken.« »Schwer wird es ihm werden, und blutsauer wird's ihn ankommen, aber er wird es tun, wie wir alle es tun müssen,« sagte Herzog Ernst nachdrücklich. Aber die Prinzessin schüttelte den Kopf. »Nimmermehr tut er's! Du bist sein Bruder und kennst ihn so wenig? Er sieht im Kaiser Gottes Feind und der deutschen Nation Verderber. Ihm unterwirft sich Bernhard nun und nimmer!« »Da dürftest du, bei Gott, recht behalten!« erklang es plötzlich von einer Seitentür des Gemaches her, wo Bernhard ein paar Augenblicke hinter der schweren Samtportiere gestanden hatte und nun hervortrat. Er stand in Koller und Sporen da, denn ein anderes Gewand hatte er nicht mitgebracht. Um den Hals trug er ein Tüchlein von weißer Seide, um den Verband seiner Wunde zu bedecken. Die Prinzessin stürzte auf ihn zu, und im Nu hielten sich die beiden fest umschlungen. Eine Zeitlang standen sie so in stummer Umarmung. Keines sprach ein Wort. Herzog Ernst betrachtete ein paar Augenblicke schweigend das Paar, dann kehrte er sich rücksichtsvoll dem offenen Fenster zu und blickte angelegentlich hinaus. Plötzlich aber beugte er sich weit vor und trat dann erstaunt zurück. Die Klänge eines Marsches, den die finnländischen Reiter Gustav Adolfs mit nach Deutschland gebracht hatten, klangen von der Stadt herüber, und jetzt erschienen marschierende Truppen auf der Mainbrücke. »Bernhard! Sieh dorthin! Was ist das?« rief er laut. Der Herzog löste sich aus der Umarmung seiner Braut und trat neben ihn. »Das sind meine Soldaten, die mir nachgezogen sind. Ich werfe zwei Regimenter Füsiliere in dieses Schloß.« Ernst blickte ihm verdutzt ins Gesicht. »Wie – du denkst daran, Würzburg zu halten?« »Was ist das für eine Frage?« rief Bernhard fast zornig. »Dachtest du, ich gäbe mein Herzogtum ohne Schwertstreich preis? Hältst du mich für ein altes Weib?« »Ich denke, es ist alles verloren?« Herzog Bernhard runzelte die Stirn. »Torheit,« sagte er ärgerlich. »Eine Schlacht ist verloren, eine furchtbar blutige Schlacht. Sie mag die schwersten Folgen haben. Aber ich lebe noch, und darum ist im Grunde nichts verloren.« »Ja, Gott sei Dank und Preis! Du lebst!« rief Gundel und warf sich von neuem an seine Brust. In Herzog Ernsts Antlitz stieg eine leise Röte empor. Aus den Worten seines Bruders wehte ihm ein Geist entgegen, der seinem demütigen und bescheidenen Sinn zuwider war, und deshalb trat ein Zug des Unbehagens in sein Gesicht. Bernhard bemerkte es auf der Stelle und ergriff schnell seine Hand. »Du meinst, lieber Ernst, ich überhebe mich und rede in sündhaftem Hochmut? Ich sehe dir's an, daß du so denkst. Aber du irrst dich. Ich rede so, weil ich weiß, daß Gott der Herr mit mir ist. Ich weiß das so gewiß, wie ich es weiß, daß du hier vor mir stehst und daß ich meine Gundel im Arme halte. Und daran macht mich nichts irre, auch nicht die Trübsal, die er mir sendet. Nein, sie gerade zeigt mir, daß er mich liebt. Denn es steht geschrieben: Weil du Gott lieb wärest, so mußte es so sein. Ohne Anfechtung solltest du nicht bleiben, auf daß du bewähret würdest.« Aus Herzog Ernsts Zügen war während dieser Rede seines Bruders alles Mißbehagen gewichen, und er drückte seine Hand mit großer Wärme. »Sind deine Worte so gemeint,« sagte er, »so kann ich mich ihrer nur freuen. Sie sind dann nicht ein Zeugnis fleischlichen Hochmutes, sondern eines hohen Gottvertrauens.« »Ja,« rief Bernhard, »nie ist mein Gottvertrauen fester und unerschütterlicher gewesen als in diesen letzten dunkeln Tagen! Ich floh verwundet aus der Nördlinger Stadt am späten Abend, nur wenige unserer Reiter waren bei mir, vor mir her wälzte sich das geschlagene Heer. Und wie da droben am Himmel Stern auf Stern aufblitzte, so blitzten in meiner Seele die alten Trostsprüche der Schrift auf, die wir als Kinder bei unserer Mutter gelernt haben. Ich hörte sie alle, als ob sie mir einer vorspräche, den, der ihr Lieblingsspruch war, besonders: Und ob ich schon wanderte im finstern Tal, fürchte ich kein Unglück, denn du bist bei mir, dein Stecken und Stab trösten mich. Da erkannte ich klar, daß Gott mich nur prüfen wollte, daß aber seine Gnade nicht von mir gewichen ist und ewiglich nicht weichen wird, denn er läßt nicht von denen, die er erwählt hat.« »Bernhard!« rief die Prinzessin mit leuchtenden Augen, »so wie du, denke ich auch und glaube es fest, daß nach den Trübsalswolken wieder die Sonne seiner Gnade scheinen wird.« Und Ernst legte ihm mit Tränen in den Augen die Hand auf die Schulter und sagte bewegt: »Du bist doch ein echter Sohn unseres Hauses! Aber was willst du nun beginnen? Du willst, wie ich sehe, dem Kaiser auch fürderhin noch widerstehen. Worauf willst du dich da stützen? Du hast eine kleine Armada zurückgebracht, aber darfst du auf sie zählen?« »Wie meinst du das?« »Ich meine,« stammelte Ernst verlegen, »ob man sie dir lassen wird, weil du – trotzdem du – nach dem Unglück von Nördlingen –« »Ach, du denkst, man würde mir nun den Befehl entziehen, weil ich die Schlacht verloren habe? Sprich es nur getrost aus. Ja, ich habe diese Schlacht verloren. Ich will da nichts beschönigen oder bemänteln. Es fällt mir nicht ein, etwa die Schuld auf Horn abzuwälzen. Er hat den Angriff widerraten und hat nachher trotzdem seine Schuldigkeit getan. Aber nun glaube nicht, daß man mir deshalb nicht mehr vertraut. Daß ein Feldherr einmal eine Schlacht verliert, ist nicht zu vermeiden. Wohl noch niemals hat ein Mensch das Glück beständig an seine Fahnen gefesselt. Das haben der Kanzler und die Stände in Frankfurt eingesehen und mich vorgestern zum Generalissimus des Heilbronner Bündnisses erwählt.« Ernst machte eine Gebärde des Erstaunens, aber ehe er reden konnte, fuhr Bernhard fort: »Das ist zurzeit nicht viel. Mit meinen zehntausend Mann, die das Vertrauen auf ihre Kraft erst wiedergewinnen müssen, kann ich nichts ausrichten. Aber sieh, in der höchsten Bedrängnis bietet sich mir ein Helfer an. Der König von Frankreich hat an mich geschrieben.« »Wie?« rief Ernst erschrocken. »Du willst in Frankreichs Dienste treten?« »In Frankreichs Dienste nimmermehr,« erwiderte Bernhard stolz. »Aber verbünden werde ich mich mit Frankreich wider den Kaiser.« Gundel stieß einen leisen Schrei aus und blickte erschrecken zu ihm empor. Herzog Ernst aber hob beide Hände zum Himmel und rief im Töne tiefster Bekümmernis: »O du armes Deutschland, wie ergeht dir's! Noch eine fremde Macht erscheint, um in deinen Eingeweiden zu wühlen. Schweden, Spanier, Ungarn, Wallonen, Kroaten zerstampfen deine Fluren, jetzt kommen die Franzosen hinzu. Bernhard, Bernhard, graut dir nicht vor solchen Bundesgenossen? Das Blut der Hugenotten, unserer Glaubensbrüder, klebt an den Händen des Franzosenkönigs und seines Ministers. Schauderst du nicht davor zurück, diese Hände zu ergreifen?« »Mir bleibt keine Wahl,« entgegnete Bernhard düster. »Wenn du den Krieg fortsetzen willst, vielleicht nicht,« sagte Ernst. »Aber wenn dir nun der Kaiser selbst die Hand zum Frieden böte?« Bernhard zuckte die Achseln. »Wer denkt daran?« »Und wenn ich dir nun sage, daß ein Gesandter des Kaisers dir hierher nachgereist ist, der – –« »Potz Wetter!« unterbrach ihn Bernhard, »das sagst du mir erst jetzt? Ein Gesandter des Kaisers? Wer ist's?« »Ein Obrist, Namens Henderson.« »Henderson? Richtig, den habe ich schon gesehen, er war schon einmal bei mir einer Auswechslung halber. Bitte, gib Befehl, daß er zu mir gebracht werde.« »Wo willst du ihn empfangen?« »Hier und in eurer Gegenwart. Ich habe keine Geheimnisse mit der Majestät in Wien.« Herzog Ernst verließ das Gemach, und die Liebenden blieben allein. Aber Gundel warf sich jetzt nicht in Bernhards Arme, wie sie vorhin, unbekümmert um die Gegenwart eines Dritten, getan hatte. Sie blickte unsicher und mit einem gequälten Ausdruck zu ihm auf und fragte mit leiser Stimme: »Ist mein liebstes Herz jetzt wirklich auf dem rechten Wege? Ist es recht, die Franzosen zu Hilfe anzurufen wider den deutschen Kaiser?« »Rufe ich sie denn?« fragte Bernhard. »Das ist mir nicht in den Sinn gekommen. Sie nahen sich mir ganz von selbst. Frankreich ist Habsburgs alter Feind. Nun hat der Habsburger in Wien große Besitzungen im Elsaß, und der Habsburger in Spanien sitzt noch immer in den Niederlanden fest und beherrscht die Franche Comté. Wird Habsburg seiner Feinde ledig, so hat Frankreich an seinen Grenzen im Osten und im Westen einen übermächtigen Nachbar. Lothringen, das sie in Paris von altersher begehren, wird dann die Beute Spaniens. Das weiß der kluge Richelieu sehr wohl, und deshalb kann er nicht dulden, daß der Kaiser uns niederwirft. Gehe ich auf seinen Antrag nicht ein, so paktiert er mit Schweden, und ich werde beiseite geschoben. Die Reiter brausen über Deutschland hin, von denen Sankt Johannes in seiner Offenbarung redet. Es kann ihnen niemand in die Zügel fallen. Wer es versucht, der wird zur Seite geschleudert.« »Und wenn du nun mit freiem Willen zur Seite trätest und deinen Frieden machtest mit dem Kaiser?« Die Frage war der Prinzessin fast wider Willen über die Lippen geschlüpft, und kaum hatte sie die Worte ausgesprochen, so kam sie die Reue an. Denn sie sah, wie er erbleichte und wie sein Antlitz einen tiefschmerzlichen Ausdruck annahm. »Auch du?« fragte er trübe. »Auch du sprichst mir von Frieden und Unterwerfung?« »Nein, nein! rief Gundel. »Verzeihe mir das Wort. Es fuhr mir nur so heraus. Es entspricht nicht meines Herzens Meinung.« »Ach, es ist ja so natürlich,« fuhr Bernhard fort. »Du bist ein Weib – wie solltest du dich nicht nach Ehe und Hausstand sehnen? Sind sie doch für das Weib des Lebens Erfüllung. Und ich kann dir beides noch nicht bieten, vielleicht auf Jahre hinaus nicht. Tue ich nicht ein schweres Unrecht damit, daß ich deine blühende Jugend an mich gekettet halte und dir jede Möglichkeit nehme, in einem anderen Ehebunde – -« »Bernhard!« schrie die Prinzessin, »sprich nicht weiter! Du zerreißt mir das Herz mit solchen Worten. Wie kannst du solchen Gedanken Raum geben in dir, wenn du mich noch liebst? Oder liebst du mich nicht mehr?« Der Herzog riß sie an sich. »Ich werde nie aufhören, dich zu lieben. Du bist meines Lebens Krone. Aber du wirst unglücklich dabei.« »Mein Glück ist, von dir geliebt zu sein! Ein anderes Glück kenne ich nicht. Und wenn ich noch zehn Jahre warten müßte, ehe ich dein Weib werden könnte, so würde ich nie einem andern folgen. Aber ich bin ein schwaches Weib. Zuweilen überwältigt mich der Schmerz, daß Gott uns so hart prüft. Und habe Nachsicht, wenn ich mich in deine Gedanken nicht immer auf der Stelle finden kann. Sie sind hochfliegend und kühn, daß sie auch kluge Männer nicht sogleich verstehen können.« Der Herzog beugte sich zu ihr nieder und küßte sie heiß auf die Lippen. Aber bevor er etwas zu erwidern vermochte, kündete ein Geräusch im Vorzimmer, daß sein Bruder zurückkehre. Gundel entwand sich sofort seinen Armen und trat schnell in den halbdämmerigen Hintergrund des großen Gemaches zurück, damit niemand die heftige Bewegung ihres Gemütes wahrnehme. Herzog Ernst trat über die Schwelle, ihm folgte eine hünenhafte Gestalt in der Rüstung der Piccolominischen Kürassiere. Den Beschluß machte der Rat von Ponikau. Der kaiserliche Obrist neigte sich tief vor dem Herzog. »Der Herr hat eine kaiserliche Botschaft an mich?« fragte Bernhard. »Ist's ein mündlicher oder ein schriftlicher Auftrag? Doch ich sehe, Ihr habt einen Brief. Ist er von der Majestät selbst?« »Ich weiß es nicht, Fürstliche Gnaden. Der Geheime Rat von Trautmannsdorff hat mir das Schreiben gegeben mit dem Auftrage, es in Eurer Fürstlichen Gnaden Hände zu legen und um eine geneigte schriftliche Antwort zu bitten.« »So gebt es her,« gebot der Herzog, nahm den Brief aus der Hand des Gesandten entgegen und trat ans Fenster. Mit größter Spannung hingen Ernsts und der Prinzessin Augen an seinen Zügen, während er las, aber sie konnten nichts weiter wahrnehmen, als daß mehrmals eine fliegende Röte in seinem Antlitz aufstieg. Als er zu Ende gekommen war, wandte er sich ruhig und ohne irgendeine Bewegung zu verraten, an den Obristen und sagte: »Ich bitte den Herrn jetzt abzutreten. Die Antwort werde ich in einer halben Stunde selber in seine Hände legen. Ponikau, geleitet den Herrn.« Mit einer abermaligen tiefen Verneigung entfernte sich der Obrist. Als die beiden das Zimmer verlassen hatten, wich die Starrheit aus Bernhards Zügen, und er brach in ein lautes Lachen aus. Herzog Ernst blickte ihn verwundert an, und Gundel eilte neugierig auf ihn zu und fragte: »Was schreibt dir der Kaiser?« »Der Brief ist vom Pater Lamormain.« »Nicht vom Kaiser?« fragte Gundel enttäuscht. »Ach Kind, was der Pater schreibt, gilt mehr, als was der Kaiser schreibt. Denn der ist des Kaisers Herr. Er lenkt als Beichtiger sein Gewissen. Auch schreibt er nur deshalb an seines hohen Beichtkindes Statt, damit des Kaisers Majestät, wenn ich etwa ablehne, nicht kompromittiert werde.« »Und was will er? Bietet er dir Pardon und Frieden an?« rief Herzog Ernst. »Viel mehr,« erwiderte Bernhard. »Er will, daß ich zum Kaiser übertrete und sein Generalleutnant werde. Er verspricht, mich in diesem Falle an die Spitze eines selbständigen Heeres von zwanzigtausend Mann zu stellen. Er garantiert mir den Besitz meines Herzogtums Franken, das noch vergrößert werden soll, und er fragt mich, ob ich weitere Wünsche äußern wolle.« Die Prinzessin stand da, als habe sie das Gehörte noch nicht völlig begriffen. Sie war vollständig konsterniert. Herzog Ernst dagegen war tief erblaßt. »Das ist Wahrheit?« rief er mit zitternder Stimme. »Lies selbst!« »Nein, nein! Ich glaube dir ja! Aber mein Gott, das ist ja gar nicht zu begreifen! Das ist ja eine furchtbare, eine grauenvolle Versuchung für dich!« Bernhard schüttelte den Kopf und erwiderte ruhig und gelassen: »Nicht zu begreifen, sagst du? – Nein, sehr, sehr zu begreifen. Gallas und der Kaisersohn haben uns bei Nördlingen besiegt. Sie werden sich wohl hinterher selber höchlichst darüber verwundert haben und nicht wissen, wie sie eigentlich dazu gekommen sind. Es war für sie ein unerhörter Glücksfall. Er dürfte sich schwerlich wiederholen. Daß sie beide keine Feldherren sind, das weiß der Kaiser sehr wohl, und seine klugen Räte wissen's noch besser. Es gibt da drüben seit des Friedländers Tode überhaupt keinen Feldherrn, denn auch Johann von Werth ist nur ein rühriger Reitergeneral. So sucht der Kaiser sich einen Feldherrn zu kaufen. Ich soll an Stelle des ermordeten Wallenstein treten. Ich denke, das ist sehr verständlich. Und eine Versuchung nennst du das? Eine Versuchung? Wie doch der Mensch oft gerade von denen am wenigsten gekannt wird, die ihm am nächsten stehen!« »Nun, bei deinem großen Ehrgeiz,« begann Ernst, aber Bernhard schnitt ihm mit einer hastigen Gebärde das Wort ab. »Ja, ich bin ehrgeizig. Das leugne ich nicht!« rief er mit starker Stimme. »Aber weit über alles, was meine Person angeht, steht mir Gottes Sache. Wollten doch meine Brüder das einmal endlich begreifen! Seit Gustav Adolf tot ist, führe ich an seiner Stelle des Herrn Kriege, und mein Schwert ist Gottes Waffe in der Welt. Dazu hat mich Gott der Herr berufen und auserwählt. Wie sollte ich da auch nur einen Moment zaudern und schwanken? Der Kaiser und sein Jesuit erhalten die Antwort, die sie verdienen, nämlich daß ich das Anerbieten als eine Beleidigung empfinde und zurückweise. Aber ich fordere dann auch Glauben und Vertrauen von euch in andern Dingen, zum Exempel, wenn ich mit Frankreich paktiere. Ich tue das nicht um meinetwillen, sondern um der Sache Gottes Willen. Es geht nicht anders. Die Franzosen sind eine Heuchlerbrut in meinen Augen wie in den deinen. Aber ich muß ihre Hilfe annehmen und kann ihrer nicht entraten. Die Feinde des Evangeliums müssen es retten helfen. Wir müssen sie gebrauchen und benutzen.« Gundel legte beide Arme um seinen Hals. »Ich vertraue dir, Bernhard, und glaube an dich in allen Stücken. Du wirst stets das Rechte tun,« sagte sie innig und schmiegte sich an seine Brust. »Und du, Ernst?« rief Bernhard. »Daß deine Gedanken höher fliegen als die meinen, und daß dir Gott größere Gaben verliehen hat als mir, das sehe ich,« gab Herzog Ernst zur Antwort. »Auch glaube ich, daß du das Rechte willst. Ob es das Rechte ist? Ich weiß es nicht. Ich sehe täglich des Landes Not und habe nur noch ein Gebet: Gib Frieden, Herr, gib Frieden. Niemals wieder nehme ich das Schwert auf, das ich früher wie du geschwungen habe. Lieber will ich leiden und dulden, Schmach und das Martyrium auf mich nehmen, als daß ich den Frieden hindere. Ich vertraue darauf, daß Gottes Wort doch nimmermehr untergehen kann, auch wenn die Feinde wüten und toben. Es wird zuletzt auch seine Widersacher überwinden und herrlich triumphieren auf der ganzen Erde.« »Glaube nur nicht,« rief Bernhard finster, »daß irgend etwas in der Welt von selber emporkommt und wächst.« »Nun, wächst nicht das Saatkorn von selbst, mit dem der Herr so oft sein Wort verglichen hat?« »Es wächst, wenn man zuvor den Schoß der Erde aufreißt mit dem blanken Stahl und das Unkraut ausreutet. Allem Wachsen und Werden geht ein Kampf voraus.« »Auch dulden heißt manchmal kämpfen,« erwiderte Herzog Ernst. »Aber warum sollen wir streiten? Wir suchen wohl beide, dem Herrn zu dienen, jeder auf seine Weise. So behüte dich denn Gott der Herr auf deinen Wegen, auf denen ich dir nicht folgen kann, und er kehre alles zum besten.« Damit nickte er seinem Bruder freundlich zu und schritt aus dem Gemache. Bernhard blickte ihm düster nach, und als sein Schritt im Vorzimmer verklang, sagte er laut und fest: »Du suchst den Frieden um jeden Preis, mir ist der Preis zu hoch. Denn ob ihr's einsehet oder nicht, ihr Friedensrufer – der Preis ist das Evangelium. Kommt der Habsburger wieder zur Macht, so ist es verloren. Darum – ob tausend fallen zu meiner Rechten und zehntausend zu meiner Linken – ich bleibe aufrecht! Ich bleibe im Harnisch!« Zweites Buch I. Armand Jean du Plessis, Kardinal-Herzog von Richelieu, war in seinen jungen Jahren und noch weit über die Jugendzeit hinaus ein wilder Lebemann gewesen. Der Freudenbecher, den das Leben einem reichen und vornehmen Manne zu bieten hat, war von ihm ausgeschlürft worden bis auf die schale Neige. Wo zu einem fröhlichen Jagen geblasen ward, wo man bunte Feste, Aufführungen und Maskeraden veranstaltete, da war der Herzog stets mit dabei gewesen, und er hatte am längsten die Nächte hindurch ausgedauert an den Tischen, auf denen die Würfel rollten und die Goldstücke klirrten, und wo der feurige Wein der Champagne in Strömen floß. Am meisten von den Genüssen allen hatte er die Freuden der Liebe ausgekostet, denn dem schönen und geistvollen Manne war Frauengunst im Übermaß zuteil geworden. An dem galanten Hofe von Paris war er einer der galantesten Kavaliere gewesen, und als schon die höchsten Würden und Ehren des Staates und der Kirche sich auf sein ehrgeiziges Haupt häuften, hatte noch mancher seine geschmeidige Gestalt in den verschiedensten Verkleidungen nächtlicherweise in den Straßen von Paris erkannt, wenn er irgendwohin zu einem Stelldichein eilte. Das war nun alles vorüber, mußte leider vorüber sein, denn Seine Eminenz war, etwas vor der Zeit, alt geworden. Der perlende Wein wollte nicht mehr so recht schmecken, die Genüsse der Tafel verloren mehr und mehr ihren Reiz. An den Spieltischen ward er schon längst nicht mehr gesehen, denn seitdem er der allmächtige Minister und der eigentliche Beherrscher Frankreichs geworden war, spielte er ein Spiel, das hundertmal aufregender war, und bei dem Krone und Länder den Einsatz bildeten. Und die Freuden der Liebe? O, es wurde ihm da noch mancherlei nachgesagt, aber von all den boshaften Gerüchten beruhten nur wenige auf Wahrheit. Der Kardinal hatte einen viel zu guten Geschmack, als daß er in seinem gebrechlichen Zustande die Rolle eines Seladon hätte spielen mögen. Er litt fast beständig die Schmerzen der Gicht, so daß ihm das Gehen und Stehen sauer ward, und zuweilen wurden ihre Anfälle so heftig, daß sie ihn tagelang an das Bett oder den Krankenstuhl fesselten. So war es ihm vorgestern ergangen. Die große Zehe seines rechten Fußes war zu einer glasigen Birne angeschwollen, und jedes Auftreten war unmöglich gewesen. So hatte er am gestrigen Tage zu seinem großen Ärger und Leidwesen eine wichtige Staatsaktion, den Einzug des Herzogs von Weimar und seinen Empfang bei Hofe, versäumen müssen. Er wußte bis jetzt auch nur gerüchtweise, wie die Sache verlaufen war, und erwartete mit Ungeduld die Ankunft des Vertrauten, der ihm über alles, was gestern sich ereignet hatte, Bericht abstatten sollte. Er saß in dem großen Prunkzimmer seines Palais in der Rue Condé, zurückgelehnt in einen tiefen, mit schwarzem Samt ausgeschlagenen Armsessel nahe am Fenster und beobachtete das Treiben draußen auf der Straße. Dabei war er selbst für die Vorübergehenden und -fahrenden nicht sichtbar, sondern er sah alles in einem kleinen, blanken Spiegel, der vor dem Fenster angebracht war. Es war nicht viel zu sehen, was seine Aufmerksamkeit erregte, und er lehnte sich bald in die Kissen zurück und warf nur hin und wieder einmal einen Blick nach dem Spiegel hin. Zuweilen liebkoste er lässig das vor ihm sitzende weiße Windspiel, ein Geschenk der Königin Anna, oder er horchte auf das helle Mädchenlachen, das von jenseits des Korridors, wenn einmal drüben eine Tür geöffnet wurde, in sein stilles Gemach hineinklang. Seine Nichte, die schöne Herzogin von Anguillon, die ihm das Haus führte, hatte Besuch. Plötzlich richtete er sich interessiert in die Höhe. Ein plump gebauter Wagen, nur von einem Pferde gezogen, kam schnell die Straße herab und hielt bald vor dem Hause. Ein kleiner, beweglicher Mann in der Ordenstracht der Kapuziner entstieg ihm, und eine Schar von Dienern stürzte aus dem Portale heraus, um ihn vom Wagen zu helfen und ihn ins Haus zu geleiten. Sie verneigten sich dabei vor dem unscheinbaren Mönche, als wäre er ein Fürst oder gar der König selbst, und sie hatten alle Ursache zu dieser devoten Höflichkeitsbezeugung. Denn der kleine Pater Joseph war der Beichtvater ihres Herrn, des Kardinals, gelegentlich auch der Beichtvater Ludwigs des Dreizehnten und der einflußreiche Freund und Berater beider, dessen, der die Krone trug, und dessen, der die Macht der Krone in seinen schlanken, weißen Händen hielt. Ohne anzuklopfen und ohne daß ein Diener ihn vorher meldete, trat der Mönch in das Gemach. Er hatte die Kapuze über den Rücken zurückgeschlagen, und wer den gewaltigen Kopf sah, der auf der kleinen Gestalt saß, der mochte es wohl begreifen, daß der zarte, feingliedrige Mann berufen war, in der Welt eine bedeutende Rolle zu spielen. Man hätte dieses bronzefarbige Antlitz mit den scharfgeschnittenen Zügen wohl vergleichen können mit dem Antlitz eines Gregor oder Innocenz oder sonst eines der weltbeherrschenden Päpste, wenn mehr Ruhe darin gewesen wäre. Es zeigte aber das überlebendige, immer wechselnde Mienenspiel des Südfranzosen. »Gelobt sei Jesus Christus!« sagte er beim Eintreten, beugte beide Knie schnell vor dem Kardinal und stand ebenso schnell wieder auf, so daß es aussah, als habe er einen Knix vollführt. »In Ewigkeit. Amen!« erwiderte Richelieu und machte mit der Rechten das Kreuzzeichen. »Ich habe dich längst erwartet, Joseph. Komm, setze dich zu mir. Wie kommt es, daß du so spät erscheinst?« Der Mönch ließ sich auf einen niedrigen Sessel dicht bei dem Kardinal nieder und gab zur Antwort: »Ich konnte beim besten Willen nicht früher zu Eurer Eminenz kommen, denn Ihre Majestät hatten die Gnade, mich zu sich zu befehlen. Es handelte sich um die Nonnen von St. Cyr. Die Königin will –« »Ach, laß das jetzt. Erzähle mir's später,« unterbrach ihn der Kardinal. »Jetzt berichte mir: Wie ist der Weimarer angekommen? Wie empfing ihn Paris? Wie war der Empfang bei Hofe? Wie hat er sich benommen?« »Der Herzog von Weimar wurde eingeholt wie ein regierender Fürst, vom Volke bestaunt und bejubelt wie ein Gott und hat sich benommen wie ein Bär. Der Haushofmeister Seiner Majestät erwies ihm die Ehre der Einholung mit einer Suite hoher Edelleute und geleitete ihn von Vincennes durch den Wald nach der Stadt. Er ritt auf einem großen, stattlichen Pferde, hinter ihm eine Menge von Adel, man sagt, es seien Grafen und Prinzen darunter gewesen. Der erste Eindruck, den ich vom Herzog empfing, war ein sehr günstiger, denn er sieht gar nicht breit und dick und plump aus, wie sonst die deutschen Tiere fast alle. Er hat einen schlanken, gefälligen Wuchs, ein feines, längliches Gesicht, gebogene Nase, sehr scharfe, durchdringende Augen. Ich dachte bei mir, der Mann verdiente es nach seinem Äußern, ein Franzose zu sein. Er grüßte sehr höflich nach allen Seiten, und er hatte leider alle Augenblicke, ja eigentlich beständig zu grüßen, denn wie ihn die Pariser empfingen, Eminenz, das war ein Skandal, es empörte mein christkatholisches Gemüt. Ich ärgere mich jetzt noch, wenn ich daran denke.« Der Kardinal lächelte. »Wundert's dich, du welterfahrener Mann, daß der Pöbel bei einem Schauspiele lärmt und jubelt? Auch wenn der Großtürke einzöge, würden sie jauchzen und Beifall klatschen.« »O Eminenz – wenn's nur der Pöbel gewesen wäre! Aber es war die Elite von Paris. Eine Karosse neben der andern stand links und rechts von der Straße, auf der er hereinkam. Der Adel war da, die Herren und Damen vom Hof, von der reichen Bürgerschaft ganz zu schweigen! Und diese Leute gebärdeten sich alle wie unsinnige, aufgeregte Narren. Die Herren riefen ihm schmeichelhafte Worte zu, die Damen wehten mit weißen und bunten Tüchern und überschütteten ihn mit Blumen, die dann sein Roß zertrat. Es war eine unwürdige Szene, Eminenz! Man feierte den Ketzer, als wäre der Heilige Ludwig aus seiner Gruft gestiegen!« Der Kardinal blickte nachdenklich vor sich hin. »Ein Vertrag mit ihm wäre also populär,« murmelte er. Dem scharfen Ohre des Paters waren diese Worte nicht entgangen. Er zog die Stirn in Falten und sagte scharf: »Jawohl, Eminenz, das wäre er gewiß! Aber unserer heiligen katholischen Kirche zuträglich? Wohl schwerlich. Denn er würde viele Gewissen beunruhigen und verwirren.« Richelieu bewegte abwehrend die Hand. »Davon reden wir später. Wie war der Empfang in Saint Germain?« »Nach Eurer Eminenz eigenem Rate überaus gnädig. Der König empfing ihn im großen Saale; auch der Bruder der Majestät war da und beide mit großem Gefolge. Ich habe, in einer Ecke stehend, alles mit angesehen. Unser Herr begrüßte ihn mit liebenswürdigen Worten, die der Herzog verbindlich erwiderte. Er spricht nicht übel Französisch, Eminenz. Aber gleich kam der deutsche Tölpel wieder zum Vorschein. Denn was geschah? Der König bedeckte, nachdem der Herzog gesprochen hatte, sein Haupt mit dem Hute. In demselben Augenblicke, Eminenz, in demselben Augenblicke, als hätte er nur darauf gewartet, stülpt sich dieser Bauer den Hut gleichfalls auf den Kopf. Alles war starr. Der Herzog von Alençon ward beinahe ohnmächtig vor Schrecken und stammelte so laut, daß er es hören konnte: Er bedeckt sich! Er bedeckt sich! Aber er ignorierte das völlig und stand breit und frech mit dem Hute auf dem Kopfe vor der Majestät.« »Nun, und der König?« »Der König in seiner unvergleichlichen Gewandtheit und Politesse beendete die üble Szene auf der Stelle indem er den Hut wieder abnahm und ihn so nötigte, das Gleiche zu tun. Mir aber, Eminenz, und wohl allen, die das mit ansahen, war ein Schrecken in die Glieder gefahren über die dreiste Anmaßung dieses Herzogs ohne Land, und hatte ich mich auf der Straße als guter Katholik geärgert, so geriet hier im Königssaale mein französisches Herz in zornige Wallung und erfüllte sich mit Abneigung gegen diesen Menschen.« Der Kardinal hatte die ganze Rede, die der Mönch gestikulierend hervorsprudelte, vollkommen unbewegt angehört. »Mir wurde berichtet,« sagte er in gleichgültigem Tone, »er wäre auch bei der Königin gewesen. Wie ist dieser Empfang verlaufen?« »Er war bei Ihrer Majestät, gleich nachdem ihn der König verabschiedet hatte. Bei dieser Audienz war ich nicht persönlich zugegen. Aber die Königin war sehr entzückt von ihm und nannte ihn einen scharmanten und galanten Kavalier. Und wie ich mit großer Verwunderung höre, hat sich auch der König sehr günstig über ihn geäußert, trotz der Frechheit, die er an den Tag legte. Und, Eminenz, die Damen der Königin! Das Volk ist ganz in Ekstase. Er hat sie halb verrückt gemacht.« »Wozu nicht viel gehört,« warf der Kardinal trocken ein und setzte dann ernsthaft hinzu: »Es ist wirklich merkwürdig, welch eine Macht dieser Herzog von Weimar auf die Menschen ausübt. Meinen guten la Valette, der ihn anfänglich haßte, hat er auch ganz und gar für sich eingenommen. Es ist fast zum Lachen, mit welchem Eifer und mit welcher Wärme er ihn protegiert.« »Ja,« sagte der Mönch unmutig, »Eure Eminenz hatten die Gnade, mich die Briefe des Herrn Kardinals la Valette lesen zu lassen, und ich sagte Ihnen ja gleich, daß ich über ihren Ton erschrocken war. Ein Fürst unserer Kirche sollte so nicht über einen Ketzer schreiben. Mir ist das eher zum Weinen als zum Lachen. Ich bete zur allerheiligsten Jungfrau, daß er nicht auch Eure Eminenz bezaubere.« »Das dürfte ihm sehr schwer fallen,« erwiderte Richelieu mit einem kalten Lächeln. »Es ist mir noch niemals passiert, daß ich einer Bezauberung unterlegen bin.« Er zog eine große, goldene, mit Brillanten besetzte Uhr hervor und warf einen kurzen Blick darauf. »Ah, noch zehn Minuten! Dann wird er hier sein.« »Wer? Der Herzog von Weimar?« Der Kardinal nickte. »Er hat sich bei mir um zehn Uhr ansagen lassen. Ich habe ihm erwidert, ich würde mir's zur Ehre anrechnen, seinen Besuch zu empfangen, und lasse ihn mit meiner eigenen Equipage abholen. Was machst du denn für ein Gesicht, Joseph? Du verziehst ja den Mund, als hättest du Schlehensaft getrunken.« »Ja, Eminenz!« rief der Pater erbittert, »es kommt mir wie Wermuth und Galle auf die Zunge, wenn ich sehe, was für ein Wesen mit diesem kleinen deutschen Herzog, diesem Ketzer aus dem Geschlechte der Erzketzer, gemacht wird. Morbleu! Mir dreht sich das Herz um!« Der Kardinal lachte. »Ach, guter Joseph,« rief er, die Arme weit ausreckend, »was kümmerte mich der Mensch, wenn wir ihn nicht brauchten! Die Deutschen sind mir allesamt widerwärtig, am meisten die deutschen Großen. Denn was sind sie? Eine Hammelherde geistloser, plumper Dummköpfe, wüste Trinker, aufgeblasene grobe Polterer! Aber leider ist uns dieses Volk sehr gefährlich, denn sie sind die besten Kriegsleute der Welt, sie und die Spanier! Es fehlt dem deutschen Kaiser nur ein Feldherr. Hätte er den, so stände sein Heer bald vor Paris! Und dieser Herzog Bernhard ist ein Feldherr, der einzige von allen Führern, die jetzt auf dem Kriegstheater agieren. Deshalb müssen wir ihn immer mehr an uns fesseln, wir müssen. Was leistet dieser Mensch?! Seit der Schlacht bei Nördlingen –« »– die er verloren hat,« warf der Pater gehässig ein. »Die er verloren hat, wie wohl jeder große Feldherr einmal Unglück hat. Also, seit der Schlacht bei Nördlingen, nun seit anderthalb Jahren, widersteht er dem Kaiser mit einem erbärmlichen Heere. Er ist unser Grenzschutz, obwohl wir ihn miserabel und ganz unzulänglich unterstützt haben. Er vollführt einen meisterhaften Rückzug vor Gallas und lockt diesen General in Gegenden, wo sein Heer zugrunde gehen muß. So gewinnt er durch den Rückzug mehr als durch eine siegreiche Schlacht. Meisterhaft! Meisterhaft! Und mein lieber la Valette, den ich ihm mit einem Heere zu Hilfe gesandt habe, hat gar nichts, gar nichts im Felde ausgerichtet. Unter uns können wir ja das offen aussprechen. Die Soldaten haben ganz recht, wenn sie auf den Kardinal-General ein Spottlied singen mit dem Refrain: Où est le duc de Weimar? Joseph, siehst du mit deinem klaren Kopf nicht ein, daß wir den Mann brauchen? Siehst du nicht ein, daß wir ihn ganz anders unterstützen müssen wie bisher? Wir haben dem Kaiser den Krieg erklärt, so müssen wir ihn auch mit Nachdruck führen. Das soll für uns der Herzog von Weimar tun.« Der Mönch saß eine Weile finster brütend da. »Wer sich fest auf einen Rohrstab stützt, dem durchbohrt er die Hand,« murmelte er. »Leuten, die keine Eisenhandschuhe tragen, mag das so gehen,« versetzte der Kardinal. »Wir werden die Vorsicht gewiß nicht außer Augen lassen.« »Und doch gefällt mir's nicht, daß ein Ketzer unsere Kriege führen soll,« brummte der Pater. »Mir auch nicht, dessen sei versichert. Aber wir brauchen ihn. Wir haben keinen andern.« Wieder saß der Pater ein paar Augenblicke stumm da, dann fuhr er mit einem Male heftig von seinem Sessel empor und fuchtelte aufgeregt mit den Armen in der Luft herum. »Eminenz, Eminenz, ich kann's nicht glauben! Ist Frankreich wirklich so arm, das große Frankreich? Hat es wirklich keinen, der unsere Heere führen könnte? Keinen Feldherrn?« »Mein lieber Joseph, die bedeutenden Feldherren sind so selten wie die hundertkarätigen Diamanten. Aber einen haben wir allerdings, der noch so halbwegs diesen Namen verdiente. Ich fürchte indessen, er wird dir noch unwillkommener sein als der deutsche Herzog. Denn Heinrich von Rohan möchtest du wohl nicht an der Spitze unserer Armada sehen?« Der Pater sprang einen Schritt zurück. Sein Gesicht lief dunkelrot an, und seine Augen funkelten. »Blasphemie, so etwas auch nur zu denken!« stieß er hervor. »Der Hugenott! Der Rebell! Schlimm genug, daß er wieder zu Gnaden angenommen ist. Schlimm genug, daß er wieder ein Kommando in der Schweiz bekommen hat. Ich habe Eure Eminenz immer gewarnt, leider vergeblich!« Der Kardinal zuckte die Achseln. »Staatsraison, guter Joseph. Wir dürfen ihn nicht brüskieren, denn du weißt ja, daß es nur sehr langsam gelingen wird, seinen Einfluß zu brechen. Er ist das Haupt der Hugenotten. Und, lieber Freund, er ist, wie ich eben sagte, das einzige militärische Talent, das wir zurzeit haben. Er ist der letzte Trumpf, den wir ausspielen können. Kommt der Vertrag mit Herzog Bernhard nicht zustande, so muß der Herzog von Rohan unser Heer führen.« »Nun,« zischte der Pater, »dann ist mir der deutsche Herzog noch dreimal lieber. Dann macht ihn in des Teufels Namen zum Pair von Frankreich und laßt ihn die ganze Armada Seiner Majestät kommandieren!« Der Kardinal unterdrückte mit Mühe ein Lächeln, denn er hatte die Wirkung seiner Worte genau vorausgesehen. Er wußte, daß sein Vertrauter den hugenottischen Herzog von Rohan nicht nur als Katholik haßte, sondern ihn mit seinem persönlichen Hasse verfolgte aus Gründen, die er noch nicht in Erfahrung hatte bringen können. Er lächelte nun wirklich, als der Pater leidenschaftlich fortfuhr: »Ich wollte es schon längst Eurer Eminenz mit allem Freimute sagen, daß die Behandlung, die der Familie Rohan hier zuteil wird, nicht so ist, wie sie es verdient. Man überhäuft sie mit Aufmerksamkeiten. Man verkehrt mit den Leuten, als ob der Herzog des Königs loyalster Untertan wäre, als ob er nie gegen die Majestät in Waffen gestanden hätte. Zu meinem Schmerze, Eminenz, macht auch Eure Nichte keine Ausnahme. Ich sah vorhin die Karosse der Rohans vor dem Hause, und ich bemerke, daß sie noch immer da steht.« »Ja, die junge Prinzessin Marguerite ist drüben bei meiner Nichte, schon eine Stunde lang und wohl noch länger. Ich kann das der Herzogin nicht verdenken, denn das Mädchen ist entzückend. Sie ist das preziöseste Geschöpf am ganzen Hofe, und jedesmal, wenn ich sie sehe, wird der Wunsch in mir rege, zwanzig bis dreißig Jahre jünger zu sein.« Er warf eine Kußhand nach der Richtung, wo der Salon der Damen war. »Eminenz!« rief der Mönch. Es klang wie ein Schmerzensschrei. Richelieu lachte. »Sei ruhig, Joseph. Ich bin alt und habe die Gicht. Übrigens habe ich dir eine Neuigkeit zu verkünden in bezug auf die Rohanschen Damen. Im tiefsten Vertrauen sage ich dir: Die Herzogin hat hin und wieder eine Hinneigung zu unserm heiligsten Glauben bekundet, die zu den besten Hoffnungen berechtigt. Deshalb verbiete ich meiner Nichte den Verkehr nicht, ich begünstige ihn vielmehr.« Die Wirkung dieser Worte war wunderbar. Des Paters noch eben so finsteres Gesicht verklärte sich förmlich, und seine Augen glitzerten wie die eines Panthers, der ein Reh in erreichbarer Nähe wahrnimmt. »Das wäre ein Triumph unserer Kirche, wie er schöner nicht gedacht werden könnte,« sagte er nach ein paar Augenblicken überraschten Schweigens. »Und wenn wir die Frau gewännen, vielleicht die Tochter dazu, so würde das der Schelm nie verwinden.« »Horch!« unterbrach ihn der Kardinal. »Die Prinzessin verabschiedet sich drüben. Sie geht die Treppe hinunter. Und dort kommt auch schon der Sechserzug heran, in dem ich den Herzog von Weimar habe einholen lassen, und den ich ihm schenken werde.« Er richtete sich mit Mühe auf und bat: »Hilf mir, Joseph, daß ich bis an die Treppe gelange. Ich muß ihm entgegengehen.« »Aber Eminenz! Bei Ihrem leidenden Zustande! Können Sie ihn nicht hier sitzend empfangen?« »Nein, nein! Der Mann ist mir zu wichtig. Er soll mir nicht von vornherein verstimmt werden. Faß an, guter Joseph.« Ächzend humpelte der Kardinal durch das Zimmer, indem er sich fest auf den Arm des Paters stützte. Nachdem er auch noch den Vorsaal durchschritten hatte, blieb er aufatmend an dem Pfeiler der Treppe stehen, die abwärts führte. »Ein schweres Stück Arbeit für einen, den das Podagra peinigt,« murmelte er. »Viel zu viel Ehre für den Ketzerfürsten!« brummte der Mönch. »Still!« flüsterte der Kardinal. »Er kommt!« Langsam, als wenn ihm das Steigen Mühe mache, kam Herzog Bernhard die halbdunklen Treppen empor. Der Kardinal streckte, ihm schon, als er noch ziemlich weit unten war. die Hand entgegen und rief: »Willkommen, Fürstliche Gnaden, hochwillkommen! Ich preise den Tag, der mir die Erfüllung meines Wunsches bringt, den ersten Kriegshelden Europas von Angesicht zu sehen!« »Viel Ehre für mich, daß mich der größte Staatsmann der Zeit so freundlich empfängt,« erwiderte Bernhard, aber seine Stimme klang seltsam gepreßt, und als er nun oben ins Helle trat, bemerkte der Kardinal mit Erstaunen und Bestürzung, daß er totenbleich war und daß große Schweißperlen auf seiner Stirn standen. Auch war die Hand, die er ihm darreichte, eiskalt und zitterte merklich. »Mein Gott!« rief Richelieu. »Ist Eure Durchlaucht unwohl geworden? Darf ich ein Glas Wein anbieten oder eine erfrischende Limonade?« »Ich danke Eurer Eminenz. Ich bin nicht unwohl,« erwiderte der Herzog. »Aber ich habe soeben eine Dame gesehen, eine Dame –« er brach ab und blickte wie geistesabwesend die Treppen hinunter. Dem Kardinal blieb vor Erstaunen der Mund offen stehen. Es war ihm noch nie vorgekommen in seinem Leben, daß der Anblick eines weiblichen Wesens einen Mann so ganz aus der Fassung gebracht hätte. Und das war der Herzog von Weimar, dem die Fama eisige Kälte gegen die Frauen nachsagte! Die Männer waren doch alle einander gleich! – Er hatte Mühe, ein Lachen zu unterdrücken. Aber sein Erstaunen wuchs, als der Herzog, ebenso geistesabwesend wie vorher, weiter sprach: »Es ist unmöglich, daß sie hier ist! Unmöglich! Sie müßte ja mit Doktor Fausts Zaubermantel hergeflogen sein! Habe ich eine Vision gehabt? Wie geht das zu?« »Meinen Eure Durchlaucht die junge Dame, die soeben das Haus verließ?« fragte der Kardinal. »Ich sah nur einen Augenblick das Gesicht, als sie sich aus ihrem Wagen bog.« »Nun, deren Anwesenheit ist sehr leicht zu erklären. Sie besuchte meine Nichte, die Herzogin von Angouillon.« »Wie?« rief der Herzog. »Sie ist ein Wesen von Fleisch und Blut?« »Sehr viel lebendiges, heißes Blut, und das Fleisch ist nicht übel!« erwiderte der Kardinal mit einem sardonischen Lächeln. »Es ist die junge Herzogin von Rohan, der Eure Durchlaucht begegnet sind.« »Die Tochter Heinrichs von Rohan?« »Desselben.« Der Herzog strich sich mehrmals über die Stirn und sagte dann, tief aufatmend: »Dann hat sie die merkwürdigste, die unglaublichste Ähnlichkeit mit einer Dame, die in Weimar lebt. Wunderlich, höchst wunderlich! – Aber Eure Eminenz wollen verzeihen, daß ich unsere Bekanntschaft so eigentümlich einleite. Die Sache ist zu wunderbar! Seltsameres habe ich nie erlebt!« »Nun,« erwiderte Richelieu, »so erfreulich es ist, über Damen zu sprechen, so werden wir doch freilich gleich das Thema wechseln müssen. Ich bitte Eure Durchlaucht, einzutreten.« »Nach Eurer Eminenz!« versetzte der Herzog und bestand darauf, daß der Kardinal voraushumpelte. Er kannte die ungeheure Eitelkeit des großen Staatsmannes und hatte den Grundsatz, nachgiebig in der Form, aber fest in der Sache zu handeln. Der Kardinal wurde von Pater Joseph wieder in seinen Sessel geführt, und der Herzog nahm ihm gegenüber Platz. Er bemerkte mit Befremden, daß der Mönch keine Miene machte, sich zu entfernen, und sagte deshalb in höflichem, aber entschiedenem Ton: »Eure Eminenz wünschen Zeugen unseres Gespräches? Da darf ich wohl bitten, meinen Rat heraufholen zu lassen, der unten in der Kutsche sitzt?« »Nein, nein,« erwiderte Richelieu, »wir unterreden uns, denke ich, am besten allein. Gehe hinüber, guter Joseph, und warte, bis ich dich nachher holen lasse.« Widerwillig, mit einem finstern Blick auf den Herzog, schritt Pater Joseph hinaus. In dem kleinen Schreibgemache, das jenseits des Korridors lag, warf er sich sogleich auf die Knie nieder und zog seinen Rosenkranz hervor. Er betete hundert Paternoster dafür, daß die Unterredung seines Herrn und Freundes mit dem Ketzer Günstiges für Frankreich und die heilige Kirche zeitigen möge. Aber als er mit den hundert Paternostern zu Ende war, mußte er wohl noch eine Stunde harren, bis er hörte, daß der Herzog sich empfahl und die Treppe wieder hinabschritt. Gleich darauf rief ihn ein feines Klingelzeichen zum Kardinal hinüber. Richelieu saß in seinem Lehnstuhle und rief dem Eintretenden entgegen: »Er war fort, wie der Blitz, ehe ich dich rufen konnte, mich zu stützen, denn er wollte nicht, daß ich mich bemühen sollte. Das muß man sagen, er ist höflich, wie ein französischer Edelmann.« »Und was haben Eure Eminenz mit ihm ausgemacht?« »Er ist auf unsere Bedingungen im ganzen und großen eingegangen. Er stellt uns ein Heer von achtzehntausend Mann, das er unter der Oberhoheit des Königs kommandiert. Dafür erhält er von uns jährlich vier Millionen Livres.« »Nicht billig,« warf der Pater ein. »Aber auch nicht allzu teuer,« versetzte der Kardinal. »Krieg führen kostet nun einmal Geld. Das wollen wir gern zahlen. Viel unerfreulicher war mir eine andere Forderung, von der er aber nicht abzubringen war. Er verlangt die Landgrafschaft Elsaß, wenn er sie erobert hat, als dauernden Besitz.« »Das haben ihm Eure Eminenz doch nicht zugestanden?« Der Kardinal zuckte die Achseln. »Ich mußte. Er gab nicht nach, und die Unterhandlung durfte um keinen Preis scheitern! Um keinen Preis!« »Eminenz!« rief der Mönch fast wütend. »Das katholische Land unter einem ketzerischen Fürsten? Wie wollen Sie das verantworten vor Gott und unserem Heiligen Vater in Rom?« »Frage lieber, wie ich es als Franzose verantworten will. Das ist viel wichtiger,« erwiderte der Kardinal. »Denn die Kirche prosperiert von selbst, wenn Frankreich prosperiert. Und das sage ich dir, daß der Herzog das Elsaß nicht behalten darf, denn es würde uns bald ein ebenso gefährlicher Nachbar wie Spanien. Er mag das Land erobern, aber nicht für sich, sondern für uns. Ich weiß, du bist klug genug, das zu verstehen.« Er warf dem Mönch einen eigentümlichen Blick zu, und der verstand ihn auf der Stelle. Er neigte das Haupt und murmelte: »Für Frankreich und die heilige Kirche ist alles erlaubt.« »Noch eines!« sagte Richelieu. »Du hast gesehen, welch ungeheuren Eindruck die kleine Marguerite Rohan auf ihn gemacht hat. Sie gleicht, aus seinen wirren Reden zu schließen, einer Dame, die er geliebt hat oder noch liebt. Behalten wir das scharf im Auge! Wenn die Damen des Hauses zu uns überträten, und wenn er sich mit der Tochter Rohans liierte, wäre uns das sehr nützlich.« »Eminenz!» rief der Pater, jetzt nicht wütend, sondern mit freudefunkelnden Augen. »Sie sind der größte Diplomat, den die Welt bisher gesehen hat. Dieser Einfall! Wer kommt darauf!« »Schmeichle nicht!« erwiderte der Kardinal. »Zwischen uns ist das nicht nötig. Gehe hinüber und bringe mir Feder und Tinte. Ich will den Vertrag skizzieren, den wir mit dem Weimarer abschließen wollen. Ich denke: was auch auf dem Papiere stehen wird, die Verbindung mit dem Herzog wird Frankreich nützlich sein!« II .Als Bernhard von seinem Besuche bei Richelieu in sein Quartier zurückkam, fehlte noch eine knappe halbe Stunde bis zur Mittagszeit. Er war daher nicht wenig erstaunt, als ihm unten vor der Tür seines Hauses schon gemeldet wurde, die vergoldete Prunkkarosse, die dort hielt, gehöre dem Bruder des Königs, dem Herzog von Orleans, der gekommen sei, ihm eine Visite abzustatten. Monseigneur sei erst vor ein paar Sekunden vorgefahren und eben die Treppe hinaufgestiegen, er werde ihn sicher oben antreffen. In der Tat traf Bernhart den hohen Herrn noch auf dem Vorsaale an und wurde sogleich von ihm mit einem wahren Schwall verbindlicher Worte und schmeichelhafter Höflichkeitsfloskeln überschüttet. Auch das Gespräch, das Monseigneur drinnen im Zimmer mit ihm zu führen geruhte, kam über Gemeinplätze und Redensarten nicht hinaus, bis der hohe Herr den Herzog in höchst selbstgefälliger Art fragte, ob er mit seinem Empfang in Paris zufrieden sei. »Nicht in allen Stücken,« erwiderte der Herzog trocken. Monseigneur sah ihn an, als habe er nicht recht gehört. »Wie?« stammelte er. »Hat etwas Eurer Durchlaucht Mißfallen erregt? Wie ist das möglich?« »Ich wundere mich, daß Eure Hoheit fragt,« erwiderte Bernhard kühl. »Den Herzog von Parma, der vorige Woche hier eingetroffen ist, hat man im Louvre einquartiert, mich im Arsenal. Wie reimt sich das zusammen? Weiß man hier nicht, was für ein Unterschied ist zwischen einem Herzog zu Sachsen und einem Herzog von Parma? Meine Ahnen waren Könige und Kaiser und Kurfürsten. Mein Mut ist so vornehm wie das der Capet oder Valois. Und wer ist dieser Herzog von Parma? Der Enkel von Krämern, Monseigneur, die von meinesgleichen vor hundert Jahren gefürstet worden sind!« Bernhard hatte das alles in ruhigem, fast selbstverständlichem Tone gesagt, aber der Franzose war dabei rot und blaß geworden. So deutlich sprach niemand am Hofe von Paris. »Ist hier ein Fehler vorgekommen,« sagte er endlich kleinlaut, »so wolle Eure Durchlaucht darüber hinwegsehen. Er ist nur der Etikette zuzuschreiben, die von langer Zeit her gilt. Sie regelt die Aufnahme nicht nach der Vornehmheit des Blutes, sondern gibt dem regierenden Fürsten immer den Vorrang vor dem nicht regierenden, auch wenn dieser aus den höchsten Häusern stammt.« »Dann dürfte es an der Zeit sein, diese törichte Etikette zu ändern,« versetzte Bernhard scharf. »Sonst könnte es eines Tages sich ereignen, daß der Bruder des Königs von Spanien weniger vornehm empfangen wird als der Graf von Leiningen.« Der Herzog von Orleans sah aus, als ob der schwerste Kummer an seinem Kerzen nage, ja, als ob er der Verzweiflung anheimfallen wolle. »Ich wäre untröstlich,« rief er, »wenn nicht jener Fehler gutzumachen wäre. Ich werde sogleich meinem Bruder, dem Könige, den Wunsch Eurer Durchlaucht vortragen, in den Louvre überzusiedeln. Es ist auch nicht der leiseste Zweifel, daß der König sehr glücklich sein wird. Eurer Durchlaucht damit gefällig sein zu können.« »Nimmermehr!« erwiderte Bernhard. »Das würde nur unnötiges und der Majestät schädliches Gerede im Volke hervorrufen. Ich bleibe, wo ich bin; nur für die Zukunft bitte ich bedenken zu wollen, was man meinem Range und Blute schuldig ist!« Das Gespräch rollte dann noch zehn Minuten auf ebenen Bahnen dahin, und Monseigneur empfahl sich, wie er gekommen war, mit vielen Bücklingen und Komplimenten und eitel Honig auf den Lippen. Aber als er unten in seinem Wagen saß, lachte er hämisch vor sich hin. Er fuhr auf der Stelle zu seinem königlichen Bruder, um ihm brühwarm alles zu hinterbringen, was der Herzog gesagt hatte. Er wußte, daß der König sich ärgern würde, und daß ihm der Ärger vor Tische stets sehr schlecht bekam, aber gerade dieser Gedanke bereitete ihm ein großes Vergnügen. Denn zwischen den beiden bestand ein höchst unbrüderliches Verhältnis. Sie zankten und stritten sich, wo sich nur immer eine Gelegenheit dazu bot, und wenn sie irgendeine Bosheit widereinander ausüben konnten, so waren sie dazu jederzeit mit Freuden bereit. So war es dem Herzog ein nicht geringes Pläsir, zu sehen, wie sein Bruder nach seinem Bericht in Zorn geriet, wütend im Zimmer auf und nieder rannte, dabei eine kostbare Vase zertrümmerte und den herbeieilenden Diener mit einer Maulschelle bedachte. Er betrachtete ihn mit zufriedenem Schmunzeln von der Seite und dachte vergnügt: »Das ist dir zu gönnen. Das wird deinem Leberleiden gut tun, du Dickwanst!« Endlich warf sich der König in einen Sessel und schnaufte, indem er zornig mit der Hand auf die Lehne schlug: »Die Anmaßung, der Hochmut dieses deutschen Bettelfürsten sind unerträglich! Am liebsten würfe ich ihn hinaus! Verflucht, dreimal verflucht, daß wir ihn so nötig brauchen! Richelieu hält ihn sogar für unentbehrlich.« »Das ist er auch, wenn wir nicht Rohan ans Licht bringen wollen,« warf Orleans ein. »Schweig mir von dem!« rief der König noch zorniger. »Hab' ich dir nicht gesagt, du solltest mich ein für allemal mit dem Menschen in Ruhe lassen?« »Ich schweige schon. Es ist ja meines ganzen Lebens Ziel und Zweck, Eurer Majestät die Ruhe zu sichern, die gallen- und leberleidenden Menschen so unentbehrlich ist,« sagte Orleans unterwürfig. Der König blickte ihn erbost an, erwiderte aber nichts. Er lehnte sich in seinen Stuhl zurück und schimpfte leise vor sich hin. Endlich sagte er mit einem schweren Aufseufzen: »Wenn sich das deutsche Tier zurückgesetzt fühlt, so müssen wir es streicheln, damit es gut gelaunt wird. Zum Teufel, auch der König von Frankreich muß zuweilen in einen sauren Apfel beißen! Wir wollen seinen Groll in Festen und Lustbarkeiten ersticken, und die Damen werden hoffentlich das Ihre dazu tun, ihm den Aufenthalt in Paris angenehm zu machen.« So kam es, daß Herzog Bernhard während seines Aufenthaltes in Paris, mit Ausnahme des ersten Tages, auch nicht einen Mittag zu Hause speiste, auch nicht einen Abend in seinen vier Wänden verbringen konnte. Denn der Hof veranstaltete jeden zweiten Tag ihm zu Ehren ein Fest, und dazwischen luden ihn die Großen des Landes in ihre Paläste ein, und die Staatsräson machte es untunlich, eine dieser Einladungen abzulehnen. »Ponikau, so geht es nicht länger,« sagte er eines Morgens zu seinem Rate, als er mit ihm bei einem sehr einfachen Frühstück saß. »Nach Mitternacht bin ich erst heimgekommen von einem sehr scharfen Gelage beim Herzog von Alençon, Mittag speise ich bei der Königin, am Abend ist Feuerwerk angesagt im Parke von Saint Germain! Ein abscheuliches Schwelgerleben! Ich werde krank dabei! Wäre ich. doch erst wieder im Felde!« Der grauhaarige Rat blickte besorgt auf seinen jungen Herrn. »Eure Fürstliche Gnaden scheinen in der Tat Strapazen und Entbehrungen besser auszuhalten als dieses Leben. Wenn mir's zu sagen erlaubt ist: Sie sehen nicht gut aus und sollten sich ein paar Tage schonen. Melden Sie sich krank bei den Majestäten, dann haben Sie Ruhe.« »Es widersteht mir, zu lügen,« gab der Herzog zur Antwort. Ponikau verzog den Mund. »Es wird ja so viel gelogen in Paris, Fürstliche Gnaden, da schadet ein bißchen mehr oder weniger auch nichts.« »Sagt dreist: es wird nur gelogen in Paris. Aber gerade darum möchte ich mich nicht beim Lügen ertappen lassen! Ach, wenn wir den Staub dieser Stadt von unsern Füßen schütteln könnten! Aber sie halten mich von Tag zu Tag hin mit der Auszahlung des Geldes, und ohne Geld kann ich nicht zu den Truppen zurück.« »Ja, ich möchte wissen, woran es hängt,« sagte Ponikau bedächtig. »Der König will, der Kardinal will, aber es kommt nichts zustande.« Bernhard lächelte bitter. »Vielleicht ist das Rätsel leicht zu lösen: sie haben wirklich kein Geld.« »Aber Fürstliche Gnaden! Eine halbe Million sollen sie zunächst aufbringen. Ist das nicht ein Kinderspiel für einen König, dessen Hof jährlich viele Millionen kostet?« »Vielleicht gerade deshalb nicht, Ponikau! Die Unterhaltung dieses Hofes kostet ungeheuerliche Summen, die Verschwendung grenzt an Wahnsinn. Da gibt es Hunderte von Hofchargen, Kammerherren und Damen, Lakaien, Jäger, Gardisten und sonstiges unnützes Volk. Da gibt es Gehälter und Pensionen für Ämter und Ämtchen aller Art, deren Namen wir nicht einmal kennen, geschweige daß wir begreifen, wozu sie da sind. Da vergeht keine Woche ohne die größten Schwelgereien. Das Feuerwerk am vorigen Samstag kostete allein zwanzigtausend Livres. Da könnt Ihr Euch ausrechnen, was das verschlingt. Lebte der König von Frankreich ein Jahr lang wie ein sparsamer Mann, so könnte er ein Heer von sechzigtausend Mann auf zwei Jahre besolden.« Der Rat nickte. »Wohl möglich. Fürstliche Gnaden!« »Wohl uns, daß er's nicht tut!« fuhr der Herzog fort. »Er würde sonst bald der Herr der Welt, auch der Herr und Gebieter Deutschlands werden, wenn auch nicht auf lange Zeit.« »Warum nicht auf lange Zeit, Fürstliche Gnaden?« »Weil die deutsche Nation nach spätestens einem Jahrzehnt so voller Ekel und Abscheu gegen die Welschen sein würde, daß sie sich aufraffen und sie zum Teufel jagen würde. Ein Arminius würde sich schon finden.« Er schwieg eine Weile und fuhr dann fort: »Dieses Volk, dieses Volk! Unter allen, die ich kennen gelernt habe, auch nicht ein gerader, ehrlicher Kerl. Alles Schmeichler, Heuchler, Lügner! Und alle Buhler und Weiberjäger! Schmutzig in Gedanken, Worten und Werken!« »Und die Damen, Fürstliche Gnaden?« »Nun, die vollends! Ich glaube, in Paris ist kein Mädchen über vierzehn Jahre, das nicht zu jedem Liebesabenteuer bereit wäre! Seht sie Euch doch an, wenn sie mit Männern zusammen sind! Diese Blicke, dieses Lächeln und diese Unterhaltung! Nichts als galante Zweideutigkeiten herüber und hinüber! Wißt Ihr, was dieses welschen Volkes eigentliche Religion ist, Ponikau? Die Anbetung und Verehrung der Venus! Pfui Teufel!« Der alte Rat seufzte. »Ach, auch bei uns verfallen die guten Sitten mehr und mehr!« rief er klagend. »Das ist leider wahr. Aber es ist doch ein großer Unterschied. Bei uns schämt sich das Laster noch und kriecht in die Winkel. Hier fährt es ungescheut in goldenem Wagen durch die Straßen, und alles betet es an. Gott bewahre unsere Nation davor, daß sie jemals diesem Volke ähnlich werde!« Ponikau räusperte sich, rutschte auf seinem Sessel hin und her und öffnete mehrmals hintereinander den Mund, ohne jedoch etwas zu sagen. Er fand offenbar die Worte nicht, die er suchte. Endlich platzte er ganz unvermittelt heraus: »Wenn Eure Fürstliche Gnaden so über die Franzosen urteilen, so werden Sie sich doch nicht die Gemahlin aus diesem Volke holen!« Der Herzog blickte ihn erstaunt an und lachte. »Nein, Ponikau, wahrlich nicht. Wie kommt Ihr auf diesen Gedanken?« Der alte Rat rang noch verlegener als vorher nach Worten. »Man munkelt allerlei. Fürstliche Gnaden,« stotterte er. »Ihre mehrfachen Besuche bei der Herzogin von Rohan – man sagt, die Prinzessin sei eine der größten Schönheiten des Landes –« »Ach, man meint, ich möchte mich mit der Prinzessin verbinden?« »So ist es. Fürstliche Gnaden.« »Nun, Marguerite von Rohan ist allerdings die einzige reine Lilie, die in diesem Sumpfe steht, und ihr Vater ist der ehrenwerteste Mann und der tüchtigste Soldat, den Frankreich hat. Aber –« er blickte seinem Rate fest in die Augen – »sagt mir einmal ganz ehrlich, Ponikau: Würdet Ihr es im Herzen gutheißen, wenn ich die Dame heimführte?« Der Rat hielt dem Blicke seines Herrn ruhig stand und erwiderte: »Nein, Fürstliche Gnaden!« »Und warum nicht?« »Erlauben mir Fürstliche Gnaden, ganz offen zu reden?« »Sprich frei von der Leber weg, Ponikau!« »Ich möchte nicht, daß sich das Blut der Herzöge zu Sachsen mischte mit dem Blute dieses welschen Volkes, das mir so widerwärtig ist wie Ihnen. Ich möchte nicht, daß der lutherische Fürst eine Calvinistin heiratet. Ich möchte endlich nicht, daß Eure Fürstliche Gnaden ein gegebenes Wort bräche, denn wie ich weiß, sind Sie daheim versprochen. Der Ehrenschild Eurer Fürstlichen Gnaden strahlt so hell wie keines anderen Fürsten Ehrenschild, nur Ihre erlauchten Brüder sind mit Ihnen zu vergleichen. Verletzten Eure Fürstliche Gnaden gelobte Treue, so würde mir das wie ein Flecken auf diesem Schilde erscheinen. Verzeihen Fürstliche Gnaden einem alten Diener Ihres Hauses diese kühnen Worte.« Ponikau hatte kaum geendet, als der Herzog aufsprang und mit beiden Händen seine Rechte ergriff. Sein Antlitz leuchtete. »Ich habe Euch immer für einen wackeren Mann gehalten, Ponikau,« rief er, »aber erst jetzt erkenne ich die ganze Redlichkeit Eures Gemütes. Seht, das ist deutsch! So redet ein deutscher Edelmann mit seinem Fürsten! Der König von Frankreich hat unter allen seinen Schranzen sicherlich keinen, der so zu ihm spräche wie Ihr zu mir! Und seid unbesorgt, Ponikau. Ich denke nicht an eine Liaison mit der Prinzessin, habe auch nie daran gedacht. Was mich veranlaßt hat, sie mehrfach zu besuchen, ist etwas ganz anderes. Habt Ihr sie einmal gesehen?« »Ich hatte nicht die Ehre, Fürstliche Gnaden. Ich habe nur gehört, sie sei sehr schön und tugendsam.« »Das ist sie, Ponikau. Und sie hat eine wunderbare, ich möchte sagen, eine unnatürliche Ähnlichkeit mit der Prinzessin Kunigunde von Anhalt, mit der ich versprochen bin. Nur bei einem Zwillingspaare in Jena habe ich schon etwas von dieser Art gesehen.« Der alte Herr zog die Stirn hoch und sah den Herzog bedenklich an. »Dann vergönnen mir Eure Fürstliche Gnaden einen noch viel dreisteren Rat: Gerade deshalb sollten Sie ihre Nähe meiden! Das sind Fallstricke, die der Teufel besonders liebt!« »Auch darin habt Ihr recht, Ponikau!« Der Rat nahm ein Aktenbündel von einem Seitentischchen auf. »Eure Fürstliche Gnaden wollen mir erlauben, daß ich mich zur Arbeit zurückziehe. Und ich danke Eurer Fürstlichen Gnaden, daß Sie mir die gnädige Permission gegeben haben, meine Meinung ungeschminkt zu sagen. Was Sie mir geantwortet haben, das hat mir einen schweren Stein vom Herzen genommen.« Er verbeugte sich und ging. Als der Herzog allein war, wanderte er aufgeregt im Zimmer auf und nieder. Das offene Wort seines wackeren Rates hatte ihn in große Unruhe versetzt. Er sah ein, daß er einen Fehler begangen hatte, und dachte darüber nach, wie er ihn wieder gut machen könne. Er hatte schon am zweiten Tage seines Hierseins den Rohanschen Damen einen Besuch abgestattet. Das war in der Ordnung gewesen, die Gattin und Tochter Heinrichs von Rohan hatten das zu beanspruchen, und es wäre eine große Taktlosigkeit gewesen, wenn er es unterlassen hätte. Aber während er kein anderes Haus zum zweiten Male betreten hatte, außer auf besondere Einladung hin, war er in dieses Haus vier-, nein fünfmal wieder eingekehrt. Weshalb? Er konnte es nicht wegleugnen, es war um der jungen Marguerite Willen geschehen. Oder eben doch nicht um ihretwillen, sondern weil er in ihr das leibhaftige Ebenbild einer andern sah. Denn ihre Ähnlichkeit mit seiner Gundel war mehr als wunderbar, sie hatte etwas Dämonisches. Sie erstreckte sich nicht nur auf die Züge des Gesichts und die Haltung der Gestalt, auch das Lächeln war dasselbe und vor allem die Stimme. Schloß er die Augen, so konnte er meinen, seine Liebste zu hören, zumal die Prinzessin von Nohan nicht so schnell und hastig sprach, wie die meisten ihrer Landsmänninnen, sondern ruhig und ohne Überstürzung wie ein deutsches Mädchen. Er hatte sie oft zum Sprechen veranlaßt, nur um diese Stimme zu hören. Das mußte nun ein Ende haben, denn es war doch ein gefährliches Spiel mit dem Feuer gewesen, wie er jetzt mit Schrecken erkannte. Es gab ihm einen leisen Stich durchs Herz, wenn er daran dachte, daß er sie von nun an meiden müsse, und daran erkannte er am deutlichsten, in welcher Versuchung er gestanden hatte. Mehr noch aber als um seinetwillen mußte er um ihretwillen dem Haufe Rohan fernbleiben. Er hatte den Klatschmäulern von Paris Stoff zu pikanten Mutmaßungen gegeben. War doch schon seinem alten Rate das Gemunkel zu Ohren gekommen. Was mochte man alles zischeln und tuscheln in den eleganten Salons! Mit ganz besonderer Wonne würden wohl alle die Lebemänner und Lebedamen der Stadt die Pfeile übler Nachrede gegen die Dame dieses Hauses richten. Die Abneigung der vornehmen Kreise gegen die Hugenotten rührte ja vor allem daher, daß sie reiner, frömmer, besser sein wollten als die andern. Sie machten die allgemeine Liederlichkeit ihres Volkes nicht mit und deuteten das schon in ihrer Kleidung an. Die hugenottischen Männer gingen in schlichter dunkler Tracht, ihre Frauen und Mädchen vermieden es, nach der Mode der Zeit Hals, Brust und Nacken entblößt zu zeigen, und hüllten sich stets, auch bei Festlichkeiten, in streng geschlossene Gewänder. Das war dem leichtlebigen und schönheitsfrohen Volke von Frankreich ein viel größeres Ärgernis, als ihre Abweichung von den Glaubenssätzen der heiligen katholischen Kirche, denn es verstieß gegen das oberste Glaubensgesetz der Nation, das von alters her nie anders gelautet hatte als: Leben und leben lassen! Mit Vorliebe dichtete deshalb der vornehme und geringe Pöbel den Hugenotten allerlei Schändliches an und verleumdete und begeiferte sie, wo es nur anging. Das mochte denn auch hier geschehen sein. Wahrscheinlich galt er für den geheimen Liebhaber der jungen Prinzessin oder auch ihrer Mutter, die eine noch immer schöne und stattliche Frau war. Bei diesem Gedanken stieg ihm das Blut ins Gesicht, und er biß zornig die Zähne aufeinander. Mit einem Male blieb er stehen, denn ein plötzlicher Schreck durchzuckte ihn. War es nicht möglich, daß er mit seinen Besuchen noch ganz anderes Unheil angerichtet hatte? Er war nicht eitel, aber er hatte es doch oft erfahren, daß er für die Frauen etwas Anziehendes besaß, und nie war ihm das mehr zum Bewußtsein gekommen als eben hier. Die Herzogin von Alençon und die junge Witwe des Herzogs von Aquillon, des mächtigen Kardinals Nichte und, wie man ganz im geheimen raunte, seine frühere Geliebte, die beiden glänzendsten Damen des Hofes, hatten ihm mehr als deutlich zu verstehen gegeben, daß sie für ihn entflammt waren. Konnte er da nicht in der Brust des jungen Mädchens ein verhängnisvolles Feuer entfacht haben, ohne daß er es wußte und wollte? Aber je angestrengter und ernstlicher er sich alles ins Gedächtnis zurückrief, was er im Rohanschen Hause erlebt hatte, um so freier atmete er auf. Nein, ihr Benehmen war niemals das eines Mädchens gewesen, das sein Herz verschenkt hat. Ihre Augen hatten niemals aufgeleuchtet, wenn er eintrat, sie war niemals errötet, wenn er mit ihr redete; freundlich und höflich, aber kühl hatte sie sich mit ihm unterhalten, mehr noch sich von ihm unterhalten lassen, denn sie sprach nicht viel, sondern hörte meist still und mit gleichmütigem Gesichtsausdruck zu. Aber gleichviel – seine Besuche mußten aufhören! Das stand fest. Noch einmal wollte er hingehen, oder wenn sich sein Aufenthalt hinzögern würde, auch zweimal, damit sein Fortbleiben nicht auffiel und zu Gerüchten anderer Art Anlaß gab. Während er das überlegte, war es ihm mit einem Male, als drehe sich einen Augenblick das Gemach mit ihm im Kreise herum, und ein heftiger Frostschauer rann ihm über den Rücken. »Mein Gott!« murmelte er, »sollte ich krank werden? Es wäre wahrlich zu ungelegener Zeit! Herr Gott, laß mich nicht krank werden!« Aber die Schauer wiederholten sich, und schließlich ergriff ihn ein heftiger Schüttelfrost. Er schwankte nach der Tür des Nebengemaches und erschrak, als er dabei sein Antlitz im Spiegel sah, denn es war schneebleich und gleich darauf von einer fliegenden Röte Übergossen. »Ponikau!« rief er, »ich muß mich niederlegen! Ich bekomme das Fieber, das ich schon zweimal hatte. Laß einen Arzt holen und sorge dafür, daß bei der Königin abgesagt wird. Ich kann's jetzt, ohne daß ich lügen muß!« III. Die Herzogin von Angouillon stand in ihrem Ankleidezimmer vor einem hohen Spiegel und betrachtete sich prüfend von allen Seiten. Ihr hohe, leider, leider schon ein wenig zu frauenhafter Fülle neigende Gestalt war in ein Prunkgewand von dunkelroter Seide gekleidet, aus dem sich die schimmernden Schultern, die vollen Arme und die prächtige Büste, leicht umkräuselt von kostbaren, cremefarbigen Spitzen, blendend heraushoben. In dem blauschwarzen Haar glänzte ein Krönlein von Brillanten; sonst war sie, wie die fast jedes Jahr wechselnde Mode es gerade einmal vorschrieb, ohne jeden Schmuck. Aber sie bedurfte auch keines Schmuckes. Es war das Bild einer fast vollendet schönen Frau, das der Spiegel zurückwarf, und sie stellte das mit Befriedigung fest, während sie sich, der Zofe leise Winke gebend, kokett hin und her drehte. Ja, ihre einunddreißig Jahre waren ihr nicht anzusehen. Nur das schärfste Auge konnte die spinnfädendünnen Fältchen wahrnehmen, die von den Winkeln der Augen ausliefen, und nur ein winziges Teilchen rosenroter Farbe genügte, um sie zu verdecken. Unter den vielen schönen und pikanten Frauen des Hofes war sie sicherlich eine von denen, die durch ihre Erscheinung die Blicke der Männer am meisten auf sich lenkten. Der Herzog von Weimar hatte neulich, wie ihr hinterbracht worden war, die Äußerung getan, wenn ein Paris von neuem den Apfel zu vergeben habe, so müsse er ihn entweder der Königin selbst oder der Herzogin von Angouillon oder der Prinzessin Rohan reichen. Tiefes Urteil hatte ihr Herz zugleich mit stolzer Freude und mit zorniger Eifersucht erfüllt – nicht etwa auf die Königin, denn in bezug auf sie hatte der Herzog wohl nur aus Courtoisie geredet, aber auf das alberne achtzehnjährige Gänschen, die Rohan. Wie war es nur möglich, daß ein Mann wie er Gefallen finden konnte an diesem unreifen Dinge, das sich nicht anzuziehen wußte, nicht zu plaudern verstand und sich mit offensichtlicher Indignation abwendete, wenn die Unterhaltung gerade am interessantesten wurde! Nun, in spätestens einer Stunde würde sie ja mit ihm zusammentreffen an der Tafel der Königin. Die Rohans würden nicht da sein, denn sie gehörten nicht zu den Intimen der Majestät. Da wollte sie es schon so einrichten, daß sie seine Nachbarin wurde, und dann wollte sie dafür sorgen, daß das Bild des Nönnchens, wie sie ihre Nebenbuhlerin nannte, in seinem Herzen ganz verbleichte. Noch stand sie in solchen Gedanken, da ward im Vorzimmer ein leises Hüsteln hörbar und das Aufstampfen eines Stockes. Sogleich verschwand die Zofe, geräuschlos und ohne eines Winkes zu bedürfen, aus dem Gemache, denn der Kardinal, dessen Nahen sich ankündigte, litt keine Dienstboten im Zimmer, außer wenn sie darin etwas zu verrichten hatten. Richelieu trat langsam ein. Der letzte Gichtanfall, der heftigste und schmerzhafteste seit Jahren, machte ihm noch immer das Gehen sauer, und er stützte sich schwer auf seinen Stock mit der elfenbeinernen Krücke. Ein paar Augenblicke blieb er auf der Schwelle stehen, und sein Auge überflog die Gestalt der schönen Frau, die noch immer vor dem Spiegel stand. Ein leises, mokantes Lächeln zuckte dabei um seine Lippen. Dann sagte er sarkastisch, indem er hinter sich die Türe schloß: »Prachtvoll, Clarence, wirklich prachtvoll! Nur schade, daß der Putz vergeblich angelegt ist.« »Wie?« rief die Herzogin. »Ist das Diner bei der Königin abgesagt?« »Das nicht, es findet zur angesagten Stunde statt. Aber der Herzog von Weimar wird nicht dabei sein, denn er ist, wie man mir im Augenblicke meldete, nicht unerheblich erkrankt.« Die Herzogin war eine gute Schauspielerin und hatte ihre Mienen vorzüglich in der Gewalt. Aber sie konnte nicht verhindern, daß sie jäh erbleichte und daß ihr die Knie zitterten. Sie mußte sich schnell auf ein kleines Taburett niederlassen, das neben dem Spiegel stand. Der Kardinal hatte sie, während er sprach, aufs schärfste beobachtet; eine solche Wirkung seiner Worte hatte er doch nicht erwartet. Sein Antlitz zeigte den Ausdruck ärgerlicher Überraschung. »Sieh, sieh!« sagte er. »So, so!« Dann ließ er sich gleichfalls nieder, weil ihn das Stehen anstrengte, und ließ seine Blicke unausgesetzt auf seiner Nichte ruhen, die sich vergeblich bemühte, eine harmlose und unbefangene Miene zur Schau zu tragen. Das gelang ihr nun freilich nicht, sie wurde unter seinen prüfenden Blicken immer verwirrter, und als er nun plötzlich zu lächeln begann, ward sie glühend rot und wandte sich mit einer jähen Bewegung von ihm ab. Der Kardinal brach in ein leises Gelächter aus. Es klang wie das heisere Krähen eines Hahnes. Dann sagte er plötzlich ernsthaft: »Clarence, du? Es ist nicht möglich! Du hast dich verliebt? Du? Es ist nicht möglich!« »Und wenn es so wäre?« flüsterte die Herzogin, noch immer ihr Antlitz abgewendet haltend. »Wenn es so wäre, so wäre es eine unbeschreibliche Torheit.« »Warum?« »Aus vielen Gründen, von denen ich dir nur einige nennen will. Er ist ein Protestant, du bist katholisch. Er ist Deutscher, du Französin, Pariserin, die in der deutschen Luft nicht atmen könnte, unterbrich mich nicht – du kannst nachher reden. Er ist nicht reich – du auch nicht. Er ist ein Mann, der an seinem Weibe nichts höher schätzen würde als Züchtigkeit, und eheliche Treue, und das – o, wie soll ich es sagen, ohne unhöflich zu werden – nun, o – das dürfte er bei einer Dame unserer Kreise am wenigsten finden. Ist's nicht so, meine Liebe?« Die Herzogin fuhr empört herum und blickte ihn zornig an. »Armand! das ist nicht die Sprache eines Kavaliers gegen eine Dame!« »Ich spreche jetzt nicht als Kavalier, sondern als – nun sagen wir, als dein väterlicher Freund. Darum erlaube mir, daß ich dir noch etwas Bitteres sage. Du bist wenig jünger wie der Herzog, und der liebe Gott ist nun einmal so ungalant, daß er auch die schönen Frauen altern läßt. Jetzt bist du der vollerblühten Rose gleich. In etlichen Jahren, gerade wenn er auf der Höhe des Lebens steht, wirst du der halbentblätterten Rose gleichen. Frage dich selbst, ob das ein Glück für dich werden kann!« Eine finstere Wolke des Anmutes hatte sich während seiner Worte auf die weiße Stirn der Herzogin herabgesenkt, und zornig nagte sie an der vollen, roten Unterlippe. Konnte man einer Dame etwas Garstigeres sagen, als indem man sie an das Unangenehmste erinnerte, was es auf Erden gab, an das Altern? Mit einem Male aber sprang sie auf, warf den Kopf in den Nacken zurück und begann übermütig zu lachen. »Ach was!« rief sie. »Noch ist die Rosenzeit, noch bin ich schön! Das Heute ist mein! Was frag' ich nach dem Morgen oder gar nach dem Übermorgen! Ich sehe ein Glück vor mir, und ich will es haben. Mein Herz lechzt danach wie der Gaumen einer Verdurstenden nach Wasser!« »Dein Herz? Hast du eines? Bisher hattest du nur Sinne!« warf der Kardinal halblaut ein. »Mag sein! Aber jetzt habe ich ein Herz, und es schreit laut nach Liebe. Und du, Armand, du solltest mir dazu helfen, daß es nicht vergebens schreit, daß ich mein Ziel erreiche.« Der Kardinal schüttelte abweisend den Kopf und preßte heftig die Lippen zusammen. Da stürzte sie leidenschaftlich zu ihm hin und warf sich zu seinen Füßen. »Armand!« flehte sie mit aufgehobenen Händen, »hilf mir! Du vermagst ja so viel! Und wenn du mir nicht helfen willst, so stelle dich mir wenigstens nicht in den Weg!« »Steh auf!« sagte der Kardinal schroff. »Wozu das Echauffement? Wozu die Komödie?« »Armand, bei Sainte Marie, es ist diesmal keine Komödie! Es ist mir heiliger Ernst!« »Noch einmal: stehe auf! Eher spreche ich kein Wort mit dir!« Sie gehorchte und erhob sich langsam von ihren Knien. Dann stand sie mit niedergeschlagenen Augen vor ihm. »Clarence!« sagte Richelieu, »ich hätte dir niemals eine solche Torheit zugetraut. Eine Frau in deinen Jahren« – hier zuckte sie zusammen – »und vor allen Dingen von deinen Erfahrungen sollte klüger sein. Du solltest wissen, welches das wahre Verhältnis ist zwischen Mann und Weib und solltest die sogenannte Liebe« – er lachte wieder sein heiseres, krähendes Lachen – »den fünfzehnjährigen Klosterschülerinnen überlassen.« Die Herzogin hob plötzlich den Kopf und sah ihn an, und der Blick, den sie auf ihm ruhen ließ, machte, daß er sein Gesicht mit einem unbehaglichen Ausdrucke zur Seite wandte. »Nach meinen Erfahrungen müßte ich allerdings an Liebe nicht mehr glauben, sondern nur brutale Leidenschaft bei den Männern voraussetzen. Du weißt ja auch, wem ich die schlimmste dieser Erfahrungen verdanke. Ich kam mit dreizehn Jahren in deine Nähe. Soll ich dich daran erinnern, wie du meine Kindheit vergiftet, wie du meine Seele gemordet hast? Und nun, da du etwas sühnen könntest von der ungeheuren Schuld, hast du nur Hohn und Spott für mich und weigerst mir deine Hilfe!« Sie warf sich, ohne auf ihre kostbare Toilette zu achten, über ihr Bett, und ein trockenes Schluchzen erschütterte ihren Körper. Der Kardinal schwieg und blickte scheu zu ihr hinüber. Endlich sagte er mit ganz veränderter Stimme: »Ich hielt es für meine Pflicht, dich zu warnen. Willst du auf die Warnung nicht hören, so steht das bei dir. Aber zu helfen vermag ich dir nicht, denn wisse, der Herzog von Weimar liegt in den Banden der Marguérite von Rohan. Er ist ihr erklärter Liebhaber. Wahrscheinlich wird er bald ihr Gatte sein.« Die Herzogin fuhr empor. Aus ihrem Antlitz war jeder Blutstropfen gewichen. »Woher weißt du das?« schrie sie auf. »Aus ganz sicherer Quelle. Er ist fünfmal bei ihr gewesen, mehrmals viele Stunden lang. Es ist kein Zweifel. Finde dich damit ab!« Die Herzogin stierte wild vor sich hin und schwieg. Wohl eine Minute lang saß sie so da, ohne sich zu regen, und der Kardinal schaute angelegentlich zum Fenster hinaus, als interessiere ihn das Duell zwischen zwei Spatzen, das draußen auf dem Fensterbrett ausgefochten wurde. Dann kam es mit einem Male kaum hörbar von ihren Lippen: »Sie darf nicht leben bleiben, die Ketzerin!« »Clarence!« sprach der Kardinal streng und erhob sich, »du bist jetzt wahnsinnig! Deine verrückte Leidenschaft raubt dir die Besinnung. Aber hoffentlich hast du noch soviel Verstand übrig, daß du dir genau einprägst, was ich dir jetzt sage: Hüte dich, irgendetwas gegen die Rohans zu unternehmen! Sie stehen gerade jetzt unter dem besonderen Schütze beider Majestäten.« Die Herzogin zuckte mit einem höhnischen Lächeln die Achseln. »Wer glaubt dir das? Die Gedanken der Königin kenne ich. Sie haßt die Ketzer!« »Aber,« sagte Richelieu, "wie nach den Worten der Schrift die Engel im Himmel sich über einen bekehrten Sünder mehr freuen als über neunundneunzig Fromme, so pflegen bekehrte Ketzer bei ihr in der höchsten, der allerhöchsten Gnade zu stehen. Denke an Monsieur und Madame von Lignerolle! Mit den Rohans könnte es ähnlich gehen. Die Herzogin hat schon zweimal einer Messe beigewohnt – vor der Hand heimlich und verschleiert, aber vielleicht kommt der Tag, an dem sie es öffentlich tut. Welch ein Triumph wäre ihr Übertritt für unsere Kirche! Und wie würde dann die Gnade der Majestät sie bestrahlen!« Die Herzogin sah ihn starr an. Dann schrie sie plötzlich überlaut: »Ah! Hier erkenne ich deine Hand! Du hast den Herzog mit den Rohans zusammengebracht! Du hast es bewirkt, daß sie bei allen Festen an seiner Seite war. Du willst die Rohans bekehren und durch sie den Herzog!« Der Kardinal verfärbte sich. Er wußte, daß sie eine kluge Frau war, aber für so klug hatte er sie doch nicht gehalten. Was er mit seinem Pater Joseph erwogen und nur dem König und der Königin anvertraut hatte, damit die Majestäten den Plan förderten, das hatte sie klar erkannt. Er überlegte blitzschnell, was er ihr erwidern sollte, aber er wurde der Antwort überhoben. Denn mit einem Male faßte sie hastig mit beiden Händen nach ihrem Herzen, stieß einen leisen Wehruf aus und sank hintenüber auf ihr Bett. Er trat eilig auf sie zu und betrachtete sie dann eine Weile schweigend. Das Antlitz war wachsbleich, die Augen waren geschlossen, ihre Arme hingen schlaff an den Seiten herab. Kalt, ohne die geringste Bewegung zu verraten, blickte er auf die Frau hernieder, an der er mehr gefrevelt hatte als an jeder andern, und die ihm manchmal schon in den letzten Jahren unbequem gewesen war, weil sie ihn an Dinge erinnerte, an die er nicht gern erinnert werden wollte. »Käme sie nicht wieder zu sich,« dachte er, »so wäre das wohl das beste für sie und mich.« Ungeniert schob er das Kleid zurück und fühlte nach ihrem Herzschlag. Er war noch zu spüren, wenn auch sehr matt und leise. Er schritt zu dem kleinen Toilettentischchen an der Wand, ergriff eine silberne Klingel, die dort stand, und läutete heftig. Sogleich stürzte die Zofe aus dem Nebenzimmer herbei. »Madame ist ohnmächtig geworden,« sagte er, »ziehe sie aus und bringe sie zu Bett. Ich werde selbst Befehl geben, daß der Arzt geholt wird.« Der Arzt – überlegte er, während er in seine Gemächer hinüberging, wird sie zunächst im Bett halten und ihr dann einen längeren Hausarrest zudiktieren. Unterdessen mögen die Dinge sich entwickeln. Wenn doch der Herzog von Weimar bald wieder gesund werden wollte! – Dieser Wunsch des Kardinals erfüllte sich. Herzog Bernhard war nach zwei Tagen so weit genesen, daß er das Bett verlassen konnte. Er saß in der Frühe vor einem mageren Morgensüpplein, das er mit Appetit verzehrte, und betrachtete die Fülle von kostbaren Blumen, die ihm auch heute wieder von den Majestäten und den Herren und Damen der Hofgesellschaft zugegangen waren. »Es ist seltsam, Ponikau,« sagte er zu seinem alten Rat, »wie höflich in den Formen dieses Volk ist. Der König selbst und sogar die Königin haben sich täglich dreimal nach meinem Befinden erkundigen lassen, und der Kardinal hat mir einen ausgezeichneten Arzt geschickt. Darin können wir Deutsche noch etwas von ihnen lernen.« »Es ist das erste Mal, daß ich aus Ihrem Munde ein günstiges Urteil über die Franzosen höre,« bemerkte Ponikau nicht gerade erfreut, denn ihm war alles französische Wesen von Grund aus verhaßt. »Es betrifft nur etwas Äußerliches, Ponikau. Irgendwelche Vorzüge hat wohl jedes Volk, auch die Türken zum Exempel, denn sie sind tapfer und halten ihr Wort. – Was gibt es?« wandte er sich an den Pagen, der mit einem Brief in der Hand ins Zimmer trat. »Das hier hat einer oder vielmehr eine für Eure Fürstliche Gnaden abgegeben,« sagte der Jüngling mit verschmitztem Lächeln. »Einer oder eine? Was soll das heißen?« »Herr, an die hintere Pforte kam ein Mönch. Aber als ihm einen Moment die Kapuze zurückrutschte, erkannte ich ganz deutlich, daß es ein Weib war.« »Ich habe weder mit Mönchen noch mit Weibern etwas zu schaffen,« sagte der Herzog unwillig. »Gib her!« Es war ein winziges Brieflein, das ihm der Page hinreichte, aber es schien einen sehr bedeutungsvollen Inhalt zu haben. Denn während der Herzog las, verfinsterte sich sein Antlitz in erschreckender Weise, und als er damit zu Ende gekommen war, warf er es zornrot auf den Tisch und knirschte: »Ein Bubenstück! Eine schändliche Intrige!« »Um Gotteswillen, regen sich Eure Fürstliche Gnaden nicht so auf!« rief der Rat. »Sie sind kaum vom Fieber genesen.« »Ich bin schon ganz ruhig, Ponikau,« erwiderte Bernhard, der schnell seine Fassung wiedererlangte, »aber ich muß sogleich zur Herzogin von Rohan. Laßt anspannen!« Ponikau scheuchte mit einem Winke den Pagen hinaus, der noch mit offenem Munde und vor Neugier weit aufgerissenen Augen dastand, und sagte dann: »Unmöglich, Fürstliche Gnaden! Sie würden die Dame noch in ihrem Bette finden. Die französischen Damen sind unglaubliche Langschläferinnen!« »Nicht die Rohans. Sie reiten jeden Morgen aus und kehren um diese Stunde zurück.« »Aber es ist doch keine Zeit zu Besuchen, Fürstliche Gnaden!« »Um so besser. Denn zur Besuchszeit träfe ich vielleicht den Grafen Soundso oder irgendeine Gräfin oder Herzogin dort an, oder die Damen wären ausgefahren. Ich will sofort hin, Ponikau, hört Ihr? Sofort!« Der alte Rat ging kopfschüttelnd nach der Tür. Vor der Schwelle wandte er sich noch einmal um. »Fürstliche Gnaden besprechen sonst alles mit mir. Wollen Sie mir nicht das Vertrauen erweisen, mir zu sagen, um was es sich handelt? Ich möchte Euer Fürstlichen Gnaden gern zu Diensten stehen, wenn Sie den Rat eines alten Mannes annehmen wollten.« »Ich erzähle es Euch später, Ponikau. Jetzt brauch' ich keinen Rat und will keinen Rat!« »Und wollen Eure Fürstliche Gnaden nicht Ihren leidenden Zustand bedenken und sich schonen? Ich bitte Sie! Läßt sich die Visite nicht verschieben?« »Nein, Ponikau! Es steht das Heil einer Seele auf dem Spiel und mehr noch, es muß ein großer Triumph des Antichrists verhindert werden. Laßt anspannen!« Eine Viertelstunde später stand Bernhard im Saale der Herzogin von Rohan. Die Dame, eine noch immer schöne Frau im Anfang der vierziger Jahre mit etwas weichen Zügen und einem träumerischen Ausdruck in den blauen Augen, war in der Tat soeben von ihrem gewöhnlichen Morgenausritte zurückgekehrt und hatte kaum das Reitkleid mit einem bequemen Hausgewande vertauscht, als ihr der Herzog von Weimar gemeldet wurde. Sie lächelte, denn sie konnte diesem Besuche nur eine Deutung geben. Wenn dieser Mann, der eben erst vom Krankenlager erstanden war, zu einer Stunde, die aller Etikette Hohn sprach, in ihr Haus kam, so mußte ihn ja wohl ein starker Magnet anziehen. Nun, ihr war es recht. Der Herzog hatte ihr Herz ebenso gewonnen wie die Herzen der meisten vornehmen Damen in Paris, und ihre Tochter war in dem Alter, in dem die Mädchen ihres Standes sich zu vermählen pflegten. Und er war ja der berühmteste Feldherr, der zurzeit lebte, und ihr Gemahl, der Herzog von Rohan, hatte ihr von Chur in der Schweiz aus geschrieben, nach seiner Meinung stünde ihm eine große Zukunft bevor. Wunderlich nur, daß ihre Tochter so kühl geblieben war! Eben vorhin, als sie mit ihr allein gewesen war, hatte sie ihr erklärt, sie sei wohl überhaupt nicht zur Liebe geschaffen, und wenn sie katholisch wäre, so würde sie am liebsten in ein Kloster gehen. Heiter, aber seelenruhig hatte sie hinzugesetzt: »Wollt ihr aber, daß ich den Herzog von Weimar nehme, so nehme ich ihn. Er ist doch wenigstens ein Mann, ganz anders als die Puppen und Gecken, die hier herumflanieren. Und werde ich sein Weib, so werde ich ihm auch eine treue Gattin sein.« Dann hatte sie nach einer Weile hinzugesetzt: »Hält er um meine Hand an, so sage also unbedenklich ja. Muß ich eines Mannes Weib werden, so will ich wenigstens einem gehören, der weit über mir steht!« Daraufhin hatte die Herzogin sich entschlossen, die Werbung des Herzogs anzunehmen, natürlich unter der Voraussetzung, daß ihr ferner Gemahl sie billigen würde. Mit einem halben Lächeln trat sie in den Salon, wo er ihrer wartete, aber es erstarb sofort, als sie seiner ansichtig wurde. Sie erschrak, als sie sah, wie bleich sein Antlitz war und wie düster seine Augen brannten, und sie erschrak noch mehr, als er jetzt ihre Hand an die Lippen führte, denn seine Hände waren kalt wie Eis. »Mein Gott, Sie sind ja noch krank, Herzog!« entfuhr es ihr. »Sie hätten noch nicht ausgehen sollen!« »Eine ungeheuer wichtige Sache führt mich her, Madame,« erwiderte er. »Sie litt keinen Aufschub.« Die Herzogin lächelte wieder. Auch diesem berühmten Manne erschien also seine Liebesangelegenheit als etwas ungeheuer Wichtiges. Der Herzog bemerkte ihr Lächeln und sagte ernst und traurig: »Ich glaube, Madame irrt sich über den Zweck meines Kommens! Wollen Sie die Gnade haben, das hier anzusehen und mir zu sagen, ob Ihnen die Handschrift bekannt ist?« Befremdet warf die Herzogin einen Blick auf die Aufschrift des Briefes. »Sie ist mir unbekannt.« »Jedenfalls ist sie verstellt,« sagte der Herzog, »aber ohne Zweifel ist der Brief von einer Person geschrieben, die die Pläne und Gedanken des Kardinals Richelieu genau kennt. Ich bitte Madame, den Brief zu lesen.« Die Herzogin ergriff das Blatt, und Bernhard betrachtete gespannt ihre Züge, während sie las. Sie drückten erst Erstaunen aus, dann eine tiefe Bestürzung, und endlich, ehe sie noch ganz zu Ende gekommen war, ließ sie den Brief mit einem Schrei fallen und sank in einen der niedrigen Sessel, die vor ihr standen. »Ist es Wahrheit, Frau Herzogin von Rohan, was dieser Brief enthält? Wollen Sie wirklich übertreten zur Kirche Roms?« fragte Bernhard finster. »Nein, nein!« rief sie. »Das ist Verleumdung!« »Und haben Sie auch nicht die Messe zweimal besucht?« Sie senkte schuldbewußt das Haupt. »Das ist wahr!« »Herr und Gott! Warum taten Sie das? Dachten Sie nicht an Ihren edlen Gemahl?« »Ach, um seinetwillen tat ich's ja!« rief die Herzogin, in Tränen ausbrechend. »Es wurde mir gesagt – man sagte – die königliche Gnade – er bedarf sie jetzt sehr nach Fehlschlagen einiger kriegerischer Unternehmungen – die königliche Gnade würde sich ihm besonders zuwenden, wenn wir uns nicht so rigoros erzeigten und hin und wieder einmal einer Messe beiwohnten.« »Ihre Tochter ist auch mitgegangen?« »Nein, ich allein.« »Auf diese Weise gedachte man also, Sie zu fangen, Sie allmählich hinüberzuziehen. Und ich sollte dann durch Sie und Ihre Tochter eingefangen werden. Ha, mit welchen Mitteln diese Menschen arbeiten! Man wendet sich an die Gattenliebe und weiß auf diese Weise eine schwache Frau zu verführen, daß sie schweres Unrecht tut.« »Ach, Herzog,« rief sie, heftiger weinend, »ist es wirklich ein großes Unrecht? Was ist die Messe! Eine Zeremonie –« »Täuschen Sie sich nicht, Madame!« sagte der Herzog streng. »Die Teilnahme an dieser Zeremonie ist für jeden Protestanten verwerflich und für Sie dreimal verwerflicher als für jeden andern. Es muß Tausende von Gewissen verwirren, wenn bekannt wird, daß die Herzogin von Rohan zur Messe geht. Und wie muß es Ihren Gemahl kränken, wenn er's hört! Er hat für seinen Glauben gelitten und gefochten, er hat seinen Glaubensgenossen in diesem Lande erstritten, daß man ihnen widerwillig Frieden und Duldung gewähren muß. Er ist das Haupt der Evangelischen in Frankreich wie einst der verehrungswürdige Coligny, und wenn ich seinen Glauben nicht teile, denn ich bin Lutheraner, so hat er doch meine höchste, meine allerhöchste Achtung. Und ich gebe Ihnen den Rat, Madame, reisen Sie auf der Stelle zu ihm nach Chur und teilen Sie ihm mit, was Sie getan haben und warum Sie es getan haben, denn sonst wird es ihm von anderer Seite beigebracht und dürfte ihn tief verwunden. Sie sind dort ganz sicher, vielleicht sicherer als hier.« Die Herzogin hatte zu weinen aufgehört und blickte betroffen vor sich nieder. »Sie haben vielleicht recht, Herzog,« sagte sie endlich mit unsicherer Stimme. »O, ich sehe es ein, ich habe eine große Torheit begangen!« »Sie haben dem Teufel einen Finger gegeben, und er wird bald die ganze Hand fordern. Sie sind insgeheim zur Messe gegangen, der Kardinal wird bald fordern, daß es öffentlich geschehe. Reisen Sie ab, Madame, und machen Sie so einen Strich durch die Rechnung dieses Menschen!« »Und meine Tochter? Soll ich sie unterdessen hier lassen?« »Ihre Tochter nehmen Sie mit. Ich wiederhole: Sie sind dort in voller Sicherheit.« Das klang so kühl und gleichgültig, daß die Herzogin verwundert, fast erschrocken zu ihm aufschaute. Der Herzog verstand den Blick und neigte traurig das Haupt. »Ich weiß wohl, Madame, warum Sie mich so ansehen,« begann er, »und ich muß Ihnen ein Bekenntnis ablegen. Haben Sie ein Unrecht getan, so bin auch ich vor Ihnen eines Unrechts schuldig. Ich bin öfter in Ihr Haus gekommen, als es sich geziemte. Ich habe dadurch wohl Hoffnungen erweckt, die ich nicht erfüllen kann. Was mich zu Ihrer Tochter trieb, war ein seltsames Spiel der Natur, eine wunderliche Ähnlichkeit mit einer Dame, die – die meine Braut ist.« Die Herzogin zuckte zusammen. Der Herzog fuhr nach einer kleinen Pause mit leiser Stimme fort: »Ich hätte Ihnen sofort darüber reinen Wein einschenken sollen. Das habe ich nicht getan, und das ist meine Schuld. Ich bitte Gott, daß ich das Herz Ihrer Tochter nicht in Unruhe gebracht habe. Das sollte mir bitter leid tun, denn ich habe sie sehr schätzen gelernt und wünsche ihr von Herzen alles Gute.« Die Herzogin hatte, während er sprach, ihre Fassung wiedergewonnen und erhob sich jetzt ganz in der Haltung der großen Dame. »Herr Herzog von Weimar,« sagte sie, »Sie sind sehr offen. Und so will ich Ihnen ganz offen antworten auf Ihr Bekenntnis. Machen Sie sich keine Sorgen um die Ruhe meiner Tochter! Ich als Mutter habe natürlich geglaubt, daß Ihre häufigen Besuche einen ganz bestimmten Zweck haben müßten, und habe nachgeforscht, wie meine Tochter über Sie denkt. Sie achtet Sie, Herr Herzog, aber sie liebt Sie nicht!« »Gott sei Dank!« rief Bernhard. »Gott sei Dank, daß er es so gefügt hat! Und nun, Frau Herzogin, leben Sie wohl und haben Sie Dank für alle Freundlichkeit, die Sie mir erwiesen haben! Ihrer Tochter richten Sie wohl meine Abschiedsgrüße aus. Auch ich verlasse Paris schon übermorgen. Wenn ich auch noch unwohl bin und vielleicht schon in Vincennes liegen bleibe – hier halte ich es nicht mehr aus. Die Luft dieser Stadt drückt auf meine Seele wie ein giftiger Brodem. Gott behüte mich davor, daß ich jemals wieder hierher kommen muß! Und vermelden Sie Ihrem Gemahl meinen Gruß, und versichern Sie ihn meines hohen Respektes. Leben Sie wohl, Frau Herzogin!« IV. Das Rathaus des festen Städtchens Rheinfelden strahlte im hellen Lichterglanze. Drinnen im Saale saßen an einer großen und breiten Tafel sämtliche Offiziere des kaiserlichen Heeres und feierten beim Becher ihren Sieg, den sie über den Herzog von Weimar erfochten hatten. Der hatte die Feste, die ein wichtiger Rheinpaß war, drei Wochen lang mit aller Macht beschossen und hätte sie um ein Haar genommen. Schon war den Belagerten das Pulver ausgegangen, da hatte sich die tapfere Bürgerschaft noch mit Steinwürfen gewehrt, so daß der erboste Herzog die Stadt mit einem bösen Weibe verglich, das, wenn es nicht mehr schelten kann, mit den Händen seinen Zorn bezeugt. Über die Maßen gern hätte er den festen Ort gehabt, der den Rheinübergang deckte, und in dem ein großer Vorrat an Wein und Korn lag. Aber eben, als er den Generalsturm befehlen wollte, der die Stadt ohne Zweifel in seine Hand gebracht hätte, war das kaiserliche Heer zum Entsatz erschienen. Er war so kühn gewesen, sich mit ihm in eine Schlacht einzulassen, obwohl der eine Teil seiner kleinen Armee jenseits des Rheines stand, aber er hatte nach heldenmütigem Kampfe der gewaltigen Übermacht weichen müssen und war nach Laufenburg zurückgegangen. Es war der erste Sieg, den nach der Nördlinger Schlacht die Kaiserlichen über den Herzog errungen hatten, und der Duca von Sarvelli, ihr Höchstkommandierender, hatte sogleich Kuriere abgehen lassen an den Kaiser, den Papst und den Kurfürsten von Bayern, um die große und höchst erfreuliche Viktoria zu melden. Er war unsäglich stolz darauf, denn der Herzog von Weimar hatte in der letzten Zeit eine Menge kleiner Erfolge errungen, war mit einem Teile seiner Truppen schon über den Rhein gegangen und hatte bereits wieder die schwerste Sorge des Bayernfürsten und des Kaisers erregt. Besonders in Wien betrachtete man seine Fortschritte mit dem größten Argwohn. Dort war der alte Kaiser gestorben, und sein Sohn, Ferdinandus der Dritte, hatte den Thron bestiegen. Der ließ sich zwar von den Höflingen als Sieger von Nördlingen schmeicheln, aber da er ein kluger Herr war, wußte er trotzdem sehr wohl, daß er besser tat, in der Hofburg zu bleiben und nicht, wie weiland Gustav Adolf, seine Kriege selbst zu führen. Er wußte auch, daß keiner seiner Feldherren dem Herzog von Weimar das Wasser reichen konnte, und als er den alten Duca von Savelli zum General-Feldzeugmeister ernannte, da hatte er ihm die größte Vorsicht eingeschärft, und der Duca selber war, obwohl er sich in seiner grenzenlosen Eitelkeit für einen Feldherrn hielt, nicht ohne geheimes Bangen gegen den Herzog ins Feld gezogen. Nun war es ihm gelungen, einen Sieg über ihn zu erringen. Kein Wunder, daß sein Herz in Wonne schwamm und sich vor Übermut nicht zu lassen wußte, und dieser Stimmung seines Gemütes gab er jetzt beim Siegesbankett den ungeschminktesten Ausdruck. Selbst wenn die Geiger und Zinkenisten von der Estrade herab ein lautes Getön erschallen ließen, war seine breite Stimme durch den ganzen Saal hörbar, und er prahlte so unverschämt, daß sogar seine Welschen, die um ihn herumsaßen, zuweilen einander bedenklich anschauten. Mit offenbarem Hohne aber betrachtete ihn der deutsche General, der ihm gerade gegenüber an der langen Tafel saß. Fast beständig lag um seinen Mund ein verächtliches Lächeln, und wenn eins der Prahlworte des Obergenerals bis zu ihm hintönte, so stieß er einen Pfiff aus oder ein scharfes Gelächter. Savelli bemerkte das wohl, und es wurmte ihn gewaltig. Aber obwohl er halb berauscht war, besaß er noch soviel Besinnung, darüber hinwegzusehen. Denn diesen Mann im schwarzen Wams, dem ein ebenso schwarzer Bart das tiefbraune Gesicht mit den funkelnden Raubvogelaugen umrahmte, fürchtete er wie den Leibhaftigen und ging ihm aus dem Wege, wo er irgend konnte. Er wußte, daß der Schwarze ihn haßte und wütend darüber war, ihm gehorchen zu müssen. Denn Johann von Werth, dessen tollkühne Reiterstückchen von Freund und Feind bewundert wurden, hatte sicher darauf gerechnet, daß er das Heer gegen den verhaßten Herzog von Weimar führen werde. Statt dessen hatte der Kaiser unter dem Einflusse seines Beichtvaters und vornehmer Damen den alten Hofgeneral zum Führer ernannt. Das hatte den wilden Kaudegen über die Maßen erbittert und alle Deutschen gekränkt, die im Heere dienten, und da der schwarze Hans von äußerst reizbarer Gemütsart war, so mußte ihn Savelli behandeln wie ein rohes Ei, sonst war er vor Meuterei und arger Gewalttat nicht sicher. Jan von Werth hatte diese innerliche Unsicherheit und Angst des Alten natürlich längst durchschaut und legte sich deshalb nicht den geringsten Zwang in seiner Gegenwart auf. Jetzt versetzte er dem neben ihm sitzenden General Sperreuter unter dem Tische einen kleinen Tritt gegen den Stiefelschaft und stieß seinen schweren Silberbecher ingrimmig auf den Tisch, so daß der Wein weithin über die Tafel spritzte. »Wenn der Kerl so weiter schwatzt,« sagte er laut, »so werfe ich meine Pfeife an seinen Schädel!« Dabei stieß er eine ungeheure Rauchwolke aus seiner kurzen Tonpfeife aus, was seinen Nachbar veranlaßte, den Kopf schnell zurückzuziehen und die Augen zu schließen, damit ihm der beißende Rauch nicht hineindringe. »Das wäre das Beste, was du mit deinem verdammten Feuerzeuge tun könntest!« brummte er. »Dann hörte doch der Gestank einmal auf.« »Habe mir das Tabaktrinken in Holland angewöhnt und kann's nicht mehr lassen,« erwiderte Werth. »Aber hörst du, hörst du? Jetzt eben hat er gesagt, binnen vier Wochen werde er den Weimarer nach Paris jagen! Dieser Laffe!« »Siehst du denn nicht, daß der alle Esel trunken ist?« gab Sperreuter zurück. »Ja, das ist er!« murrte Werth. »Kläglich, kläglich! Der Mensch hat kaum drei Quart Wein im Leibe und ist schon voll! Du und ich sitzen beim sechsten, und wer merkt's uns an? Nicht einmal das Trinken verstehen sie, diese Welschen, und so ein Kerl will den Weimarer nach Paris jagen! Siehst du, wie er seine runden Ochsenaugen rollt und sich spreizt wie ein Pfau?« Sperreuter spuckte verächtlich aus. »Und dabei hat er sich, soweit er konnte, vom Schuß gehalten und dich das Beste tun lassen. Ohne deine Attacken hätten wir nicht gesiegt.« »Gesiegt? Bist du denn auch nicht gescheiter als die andern, daß du von einem Siege sprichst? Gesiegt? Dummes Zeug! Zurückgeworfen haben wir ihn, weiter nichts! Übermorgen ist er wieder auf dem Plane, das wirst du sehen! Den kenne ich. An der Donau und am Main habe ich mich mit ihm herumgeschlagen und habe ihn niemals fassen und ducken können, vielmehr hat er mich oft über den Kopf gehauen. Er ist der schlimmste Feind, der gegen die kaiserliche Majestät im Felde steht, der Erzfeind. Selbst der Banér ist gegen den noch nichts. Der Kerl hat den Teufel im Leibe!« »Nun, eine tüchtige Schlappe haben wir ihm doch vorgestern beigebracht!« warf Sperreuter dazwischen. »Wenn er sie uns nicht heimzahlt! Mir schwant Böses! Unser großer General hat die Truppen auseinandergelegt in verschiedene Quartiere. Erfährt das der Herzog durch seine Spione –« »Still!« unterbrach ihn Sperreuter. »Der Duca will reden. Hören wir, was der alte Narr zu sagen hat!« Savelli war aufgestanden. Der Kornett, der neben ihm stand, hatte ihm offenbar eine Botschaft zugetragen, die er der Versammlung verkündigen wollte. Es bedurfte geraumer Zeit, bis er sich Gehör verschaffen konnte und das Stimmengewirr an der langen Tafel sich soweit legte, daß er überall verständlich war. »Ihr Herren!« rief er in gebrochenem Deutsch, »mir wird eben gemeldet: Der Herzog von Rohan ist an seinen Wunden gestorben.« Darauf entstand eine tiefe Stille. Allen den Halbberauschten gingen wohl für einige Augenblicke ernste Gedanken durchs Hirn, als sie diese Kunde vernahmen. Herzog Heinrich von Rohan war bei Hofe derartig in Ungnade gefallen, daß er für seine Sicherheit fürchten mußte. Er war deshalb vom Heere nach der Schweiz entwichen und dann als Flüchtling zum Herzog Bernhard gekommen. Der hatte ihn mit offenen Armen aufgenommen, nicht nur, weil er ihn achtete und schätzte, sondern weil er dadurch der Welt zeigen konnte, daß er nicht des Franzosenkönigs Diener, sondern sein unabhängiger Verbündeter war. Rohan hatte in der Umgebung des Herzogs an der unglücklichen Schlacht mit teilgenommen, war schwer verwundet, in Feindes Hand gefallen. Der einst eine Macht gewesen war, mit dem der König von Frankreich hatte rechnen müssen, war den Tod eines gemeinen Reiters gestorben, denn völlig ausgeplündert und halb nackt hatte man ihn vom Schlachtfelde aufgehoben und in dem Hause eines armen Bürgers auf das Lager gelegt, von dem er nicht mehr erstehen sollte. Den Duca befremdete offenbar der Eindruck, den seine Worte hervorgerufen hatten, denn er rief sie mit einem triumphierenden Lächeln in den Saal und hatte wohl erwartet, ein Beifallsgeschrei zu hören. Er fuhr nun, ohne sich durch das allgemeine Schweigen irre machen zu lassen, mit noch lauterer Stimme fort: »Herren! Ein schlimmer Feind unserer heiligen Kirche hat seine ruchlose Seele ausgehaucht. Ein Haupt der Ketzer ist nicht mehr. Darüber müssen sich alle guten Christen freuen, und wir, ihr Herren, wollen dreimal einen Tusch blasen lassen!« Wieder ein Schweigen. Die deutschen Herren murrten, die welschen blickten zur Erde nieder. Aber der fast trunkene Savelli achtete nicht darauf. Er kehrte sich nach der Seite hin, wo die Musikanten saßen, um ihnen ein Zeichen zu geben. Da brüllte einer mit donnernder Stimme: »Halt!« und noch einmal »Halt!« Jan von Werth hatte sich erhoben und stand da wie ein Panther, der sich eben zum Sprunge ducken will. Seine Augen sprühten. »Mein Veto!« schrie er. »Mein Veto gegen diese Gemeinheit! Der Herzog von Rohan war ein Ketzer. Mag er dafür im anderen Leben braten und schmoren. Auf Erden aber war er ein tapferer Mann, ein Held, ein Ehrenmann, und so ist er gestorben. Hätte der Kaiser einen solchen General, so könnte er stolz darauf sein. Wenn ein Mann wie der stirbt, so trauert ein braver Soldat und betet ein stilles Paternoster, und wenn's für einen Ketzer ist. So, das wollt' ich Euch sagen, Herr Duca von Savelli! Nehmt's ad notam!« Wieder folgte eine Stille. Der Duca war bei den unerhört kecken Worten des ihm untergebenen Generals erst blaß, dann blaurot geworden. Er sah jetzt aus, als solle ihn ein Schlagfluß auf der Stelle treffen, und die Worte, die er zunächst hervorstieß, waren fast unverständlich. Er gurgelte etwas, das klang wie »Arrest« und »in Eisen legen«. Jan von Werth wandte sich an die ihm zunächst sitzenden Generale und sagte so laut, daß es im ganzen Saale hörbar war: »Nicht einmal mehr krähen kann der alte Hahn. Zieht ihm einen Unterrock an, daß er sich nicht erkältet, und schafft ihn ins Bett!« Savellis Augen rollten, als er diese neue Beschimpfung vernahm, und er wollte jetzt allen Ernstes den Befehl geben, den frechen General zu arretieren. Aber er vermochte es nicht. Wenn ein halbtrunkener Mann in Zorn gerät, so macht ihn der meist völlig trunken. So geschah's auch ihm. Er sank auf seinen Stuhl zurück, blickte mit blöden Augen im Kreise umher und grinste. Bei dem Anblick vermochte niemand sich des Lachens zu enthalten, und der Saal, der eben in Gefahr gestanden hatte, der Schauplatz einer wüsten, vielleicht furchtbaren Szene zu werden, hallte wider von lauter Fröhlichkeit. Selbst der schwarze Jan von Werth lachte aus vollem Halse. Während dieses Gelächters hatte niemand darauf geachtet, daß unten auf Markt und Straßen ein lautes Rufen und Rennen entstanden war, aber als sich nach einer Weile das Getöse legte, war der Lärm deutlich vernehmbar. »Herr Gott!« rief der General Enckefort und stürzte an ein Fenster. »Was geht da vor?« Er schrie herunter, aber nur ein wildes Stimmengewirr war zu vernehmen. Doch jetzt polterte es draußen auf den Stufen, die Tür ward aufgerissen, und ein Kroatenwachtmeister erschien auf der Schwelle. »Weimar ist da!« erscholl schrill und durchdringend sein Ruf in den Saal hinein. Alle fuhren empor, nur Savelli blieb sitzen und lächelte ebenso freundlich wie vorher. »Hab' ich's nicht gesagt? Der Kerl kommt wieder!« rief Jan von Werth.. »Wo steht er?« »Eine halbe Stunde von hier, vor Nollingen.« »Herr Duca von Savelli, gebt Befehl, was geschehen soll!« wandte sich Werth mit grimmigem Hohn an den Obergeneral. Der verstand nicht, was Werth sagte. Er nickte und lächelte. »Ihr Herren!« sprach Jan von Werth. »Der römisch-kaiserlichen Majestät hochgebietender Herr General-Feldzeugmeister ist durch absonderliche Umstände zurzeit behindert, seines Amtes zu walten. So übernehme ich als der im Range nächstälteste General das Kommando, bis er wieder seines Geistes mächtig ist. Wir dürfen uns von dem von Weimar nicht in der Stadt einschließen lassen. Die Regimenter müssen sogleich hinausgeführt und postiert werden, so daß beim Morgengrauen die Schlacht beginnen kann. Der Herzog wird sie annehmen, dessen bin ich sicher.« »Wird er sich nicht zurückziehen, wenn er sieht, daß ihm der Überfall mißlungen ist?« wandte General Enckefort ein. »Wer das meint, der kennt ihn schlecht,« versetzte Jan von Werth. »Er hat gewißlich erfahren, daß unser erleuchtetes Haupt ein paar Regimenter disloziert hat, und daß wir also schwächer sind als vor drei Tagen. Schlagen wir nicht, so schließt er uns ein. Also hinaus ins Feld!« So geschah's, und der kriegserfahrene General stellte noch in der Nacht das Heer so gut auf, wie es in dem ungünstigen Gelände möglich war. Aber in der Morgenfrühe erschien Savelli, der inzwischen leidlich nüchtern geworden war, mäkelte und nörgelte und tadelte und brachte durch Gegenbefehle alles in die größte Unordnung. »Taupadel,« sagte Herzog Bernhard zu seinem Vertrauten, mit dem er dem Feinde gegenüber auf einer kleinen Anhöhe hielt, »ist das zu glauben? Sieht es nicht aus wie ein Ameisenhaufen, wo alles durcheinander kribbelt? Das müssen wir benutzen, ehe sie in Ordnung sind. Gott der Herr hat sie ersichtlich in unsere Hand gegeben. Reite hinüber zum rechten Flügel und greife in Gottes Namen an!« »Hie Schwert des Herrn und Gideon!« antwortete der bibelfeste alte General und warf sein Roß herum. Bernhard aber riß seinen Pallasch aus der Scheide, sprengte vor die Front seiner Reiterregimenter und rief mit laut schallender Stimme: »Vorwärts, meine tapferen Reiter! Emanuel! Gott mit uns!« Und aus tausend Kehlen klang das Feldgeschrei wider: »Emanuel! Gott mit uns!« Damit setzten sich die Massen in Bewegung, und sie kamen nicht mehr zum Stillstand. In kaum einer halben Stunde war alles entschieden, der immer noch übermächtige Feind zersprengt, in die Flucht gejagt, niedergehauen oder gefangen. Es war, als hätte Gott selbst die vorher so Übermütigen und Prahlerischen mit Kleinmut und Verzagtheit geschlagen. Einige Reiter trieben ganze Haufen von Gefangenen zusammen, dort jagten andere mit einer erbeuteten Standarte oder Fahne herbei, alle Generale des kaiserlichen Heeres waren in die Hände der Weimarischen gefallen, der feige Savelli, der auf der Flucht mit dem Pferde gestürzt war, ebenso wie der wilde Jan von Werth, der nach wütender Gegenwehr vom Rosse hinabgeworfen ward. »Daß wir den haben, Tauvadel,« sagte der Herzog, »ist allein so viel wert als eine gewonnene Schlacht. Er hat mir oft genug warm gemacht, wenn er mit seiner Reiterschar mein Heer umschwärmte.« »Der von Löwenstein hat ihn gefangen,« erwiderte der General, »geben Sie ihm eine goldene Ehrenkette, Fürstliche Gnaden. Er hat sie verdient.« »Ihr, Taupadel, noch mehr. Ihr allein habt heftigen Widerstand gefunden und gebrochen. Hier, wo ich stand, war's eigentlich gar keine Schlacht, es war ein Anstürmen und eine Verfolgung. Wie war das möglich? Wie konnten alte Regimenter in solche Verwirrung geraten? Keiner wird's begreifen, der's hört, es wird den Leuten ein Märlein dünken.« »Manchen ein sehr übles Märlein. Der Bayernkurfürst wird schlottern, wenn er's hört, und der Kaiser wird an einem Gallenfieber erkranken. Die Scharte von Nördlingen ist ausgewetzt.« »Noch nicht, Taupadel, noch nicht. Aber ein Anfang dazu ist durch Gottes Gnade gemacht. Er hat ein Wunder getan, ihm sei die Ehre!« »Nun fällt Rheinfelden doch noch," bemerkte Taupadel nach einer kleinen Weile. »Wie wunderlich doch alles wechselt im Kriege!« »Ich lasse die Stadt nachher durch vier Trompeter anblasen und zur Übergabe auffordern. Ich denke, wir sind noch vor Abend drin. Eine Hoffnung auf Entsatz hat sie nun nicht mehr. Und dann, Taupadel, dann geht's vor Breisach.« »Den Teufel auch, Fürstliche Gnaden! Das wird eine harte und schwere Aktion! Eine stärkere Feste gibt es nicht diesseits und jenseits des Rheins. An ihr hat sich noch jeder die Zähne ausgebissen.« »Sie muß unser werden, Taupadel! Auf dieser Stadt steht Habsburgs Herrschaft im Elsaß. Ist sie in meiner Hand, so habe ich die ganze Landgrafschaft. Wenn ich Rheinfelden habe, wird alle Welt denken, ich wollte meinen Kopf ins Reich stecken. Ich tue auch so, denn ich marschiere auf Freiburg. Aber dann wende ich mich und ziehe stracks auf die Stadt und schließe Breisach ein, ehe sie genug Munition und Proviant an sich gezogen haben. Dann geht der Tanz mit dieser Jungfer an, und ich denke, sie wird mir ihr Kränzlein lassen müssen. Gott wolle uns dazu verhelfen!« V. Herzog Wilhelm von Weimar stand am Fenster seines Schreibgemaches und blickte zum Abendhimmel empor, der von düsterrotem Lichte übergossen war. Das Antlitz des Fürsten zeigte einen tiefbekümmerten Ausdruck, und das war kein Wunder, denn hinter ihm lag eine bitterschwere Stunde. Vor fünf Tagen waren zwei Ratsherren der guten Stadt Buttstätt vor ihm erschienen und hatten ihn kniefällig gebeten, ihre Gemeinde von jeder Steuerzahlung in diesem Jahre befreien zu wollen. Denn der Zustand ihres Gemeindewesens sei trostlos, und seitdem die sächsische Einquartierung ihren Einzug gehalten, spotte die Not und das Elend jeder Beschreibung. Darauf hatte der Herzog seinen Kammerjunker von Krosigk nach Buttstädt entsandt, damit er sehe, wie es stehe in dem Städtlein und in der ganzen dortigen Gegend. Eben vor einer Stunde hatte er nun den heimgekehrten Kommissar in Audienz empfangen und seinen Bericht entgegengenommen. Krosigk war kein Mann von weicher Gemütsart, aber während er seinen Vortrag hielt, hatte ihm mehrmals die Stimme merklich gezittert, denn was er verkünden mußte, war schrecklich und grauenvoll und mußte jeden empören, der noch ein menschliches Herz in der Brust trug. Die Stadt Buttstädt war vor einigen Jahren, nachdem Herzog Wilhelm dem Prager Frieden zwischen Kursachsen und dem Kaiser beigetreten war, von den Schweden aus Rache fürchterlich geplündert, verwüstet, zum Teil in Asche gelegt worden. Nach Abzug Banérs und seiner Horden hatte man angefangen, die Häuser notdürftig wieder aufzubauen, und es war der gequälten Bürgerschaft eine kurze Zeit des Aufatmens vergönnt gewesen. Dann aber waren kursächsische Truppen dort ins Quartier gelegt worden und lagen nun schon mehrere Monate dort, und mit ihrem Einzuge hatte für die unglückliche Stadt und ihre Umgebung eine neue Leidenszeit begonnen. Denn was diese sogenannten Verbündeten von den Schweden unterschied, war nur, daß sie nicht brannten, im übrigen hausten sie wie in einer eroberten feindlichen Landschaft. Es war ja schon eine furchtbare Last für die kleine, heruntergekommene Landstadt, daß sie ein halbes Tausend Reiter mit ihren Rossen viele Wochen lang beherbergen und ernähren mußte, aber viel furchtbarer war es für die Bürger, daß sie außerhalb alles Rechtes und Gesetzes lebten. Jeden Tag geschahen gegen sie die schändlichsten Gewalttaten, kein Mann war auch nur eine Stunde seines Lebens und Eigentumes, kein Weib seiner Ehre sicher. Die höheren Offiziere konnten dem schändlichen Unwesen nicht steuern, denn sie hatten längst die Macht über die Mannschaften eingebüßt. Sie wollten es aber auch gar nicht, denn sie wußten, daß ihr Herr in Dresden den fürstlichen Vettern in Weimar abgünstig war. So ließen sie die Soldaten in der Stadt schalten und walten, wie es ihnen beliebte, und litten es, daß sie nächtliche Raubzüge auf die umliegenden Dörfer veranstalteten und dort wie die losgelassenen Bestien hausten. Nur das Niederbrennen der Häuser und Gehöfte war bei schwerer Strafe verboten, sonst war jede Quälerei der unglücklichen Landleute erlaubt. In fast jedem Dorfe um Buttstädt herum hatte Krosigk von solchen gehört, die zu Tode gefoltert worden waren, hatte zum Teil die unseligen Opfer viehischer Grausamkeit, die noch unbeerdigt in ihren Häusern lagen, mit eigenen Augen gesehen. Einige Dörfer waren fast menschenleer geworden, denn die Einwohner hatten sich in die dichten Wälder der Finnebergs geflüchtet. Wie sie dort eigentlich ihr Leben fristeten, wußten die Zurückgebliebenen nicht anzugeben; sie mochten sich wohl von Wurzeln, Beeren und erbeutetem Wilde nähren. Der unglückliche Fürst hatte den Bericht seines Kommissars schweigend bis zu Ende gehört. Auch Krosigk hatte sich, als er fertig war, nur schweigend verbeugt und war hinausgegangen. Beide Männer wußten, daß sie in Tränen ausgebrochen wären, wenn sie zu reden versucht hätten. Als Krosigks Tritte draußen verhallt waren, hatte sich der Herzog zunächst in einen Sessel geworfen und das Gesicht in beide Hände verborgen. Wieder einmal, wie so manchmal schon in den letzten Jahren, litt er die bitterste Qual, die ein Fürstenherz erleiden kann, er empfand seine Ohnmacht. Der Fürst ist der Schützer seiner Untertanen, der Hüter von Ordnung und Recht im Lande. Was soll er in der Welt, wozu ist er noch da, wenn andere die Gewalt in seinem Lande an sich reißen und sie gebrauchen nach Gutdünken, und wenn er seine Untertanen in keiner Weise zu schützen vermag? Mit welchem Rechte verlangt er dann noch von ihnen, daß sie ihm zinsen und steuern und sich nach seinem Willen richten? Solche Gedanken hatten sich ihm in der jüngstvergangenen Zeit oftmals aufgedrängt, und er hatte darauf keine Antwort gefunden. Er nahm sein Fürstenamt ernst, wollte ein Vater seiner Untertanen sein. Wie kam es, und womit hatte er's verdient, daß Gott seine Macht immer mehr zu einem bloßen Scheine machte? War es eine Heimsuchung des Allmächtigen, durch die sein Glaube geprüft werden sollte, oder war's eine Strafe, die Gott um irgendeiner Schuld willen ihm auferlegt hatte? Er grübelte lange darüber nach, aber er wußte sich keiner Schuld zu erinnern, die Gottes Zorn so hart hätte strafen müssen. Nur eine Torheit hatte er begangen, indem er dem Frieden von Prag beigetreten war, denn genau so, wie sein Bruder Bernhard es geweissagt hatte, war es gekommen. Neutralität gab es nicht, man mußte für den Kaiser oder für Schweden fechten. So hatte man nicht den Frieden gewonnen, sondern nur Freund und Feind vertauscht. Das Land hatte geradeso von den Schweden wie vorher von den Kaiserlichen gelitten, und als dann die Schweden – wer mochte wissen, auf wie lange – abgezogen waren, hatten die Kaiserlichen und Kursachsen ihren Einzug gehalten und raubten die Städte und Dörfer als Verbündete und Freunde genau ebenso aus wie früher, da sie als Feinde gekommen waren. Jedes Heer, das in ein Land kam, war des Landes Feind, es mochte sich nennen, wie es wollte, und so war es für die unglücklichen Untertanen ganz gleichgültig, ob ihr Herzog mit dem Kaiser Frieden gemacht hatte oder nicht. Und ihm selbst, was hatte ihm der Beitritt zum Prager Frieden genützt? Nicht das Mindeste, er hatte ihm nur geschadet und seinen Brüdern ebenso. Den Ruf protestantischer Standhaftigkeit behauptete nur noch ihr Bruder Bernhard; sie galten vielen ihrer Glaubensgenossen, ja allen, die nicht selber die Versöhnung mit dem Kaiser gesucht hatten, als Abgefallene, und das schmerzte sie tief. Jeder von den dreien wäre lieber gestorben, als daß er seinen Glauben verleugnet hätte. Es gab keine redlicheren und treueren Protestanten als sie, und sie empfanden es als ein wunderliches und schreckliches Verhängnis, daß man sie mit dem Kurfürsten von Sachsen, dem »Judas von Meißen«, in einem Atemzuge nannte. Und nicht nur eine Minderung ihres Ansehens hatte ihnen die Verbindung mit dem feindlichen Namensvetter gebracht, sondern auch den schwersten materiellen Schaden, denn unter dem Deckmantel der Freundschaft ließ er ihr Land durch seine Truppen in Grund und Boden ruinieren. Mehr und mehr hatten die drei weimarischen Fürsten einsehen lernen, was ihnen Bernhard von jeher gepredigt hatte, daß der Vetter in Dresden insgeheim ihr ärgster Feind war, und seit Jahresfrist haßte ihn Wilhelm, der ihm früher am meisten vertraut hatte. Hätte er die Macht dazu gehabt, so hätte er die Sachsen mit den Waffen in der Hand aus seinem Lande gejagt. Aber daran war nicht zu denken, er konnte nur dann das Los seiner armen Untertanen bessern, wenn es ihm gelang, das Herz des Kurfürsten durch Bitten umzustimmen, und so bitter ihn das ankam, so entschloß er sich doch dazu um der großen Not seines Landes willen. Er erhob sich und trat ans Fenster, und indem er die Blicke zum Himmel emporhob, betete er in seinem Herzen, Gott möge ihn die rechten Worte finden lassen, das steinerne Herz des Bedrängers seiner Untertanen zu erweichen. Dann trat er ins Zimmer zurück und läutete dem Diener, der das Licht zu bringen hatte. Der grauhaarige Alte erschien nach einer Weile und stellte es mit zitternden Händen auf den Schreibtisch seines Herrn. Der Greis glich einer Ruine, und er wurde nur deshalb nicht aus dem Dienst entlassen, weil er schon dem Vater des Herzogs gedient hatte. Es war ein Grundsatz Wilhelms, treue Diener auch dann noch zu behalten, wenn sie alt und schwach geworden waren, und so lange es möglich war, wurden sie noch mit kleinen Dienstleistungen betraut, damit sie das Gefühl behielten, in der Welt noch etwas nütze zu sein. Nachdem der Alte wieder gegangen war, löschte der Herzog die eine der beiden Kerzen des Armleuchters aus, denn in diesen hochbetrübten Zeiten wollte er sparen, wo er es nur vermochte. Das Licht der einen Wachskerze erhellte zwar das Gemach nur spärlich, aber zu seiner Schreibarbeit däuchte es ihm völlig genügend zu sein. Mit einem tiefen Seufzer legte er sich einen Bogen zurecht und ergriff den Gänsekiel, um seine Bitten zu Papier zu bringen. Da trat der alte Diener noch einmal ins Gemach und meldete: »Fürstliche Gnaden, der Herr Amtmann Hoffmann von Jena ist da und läßt fragen, wann er Eurer Fürstlichen Gnaden seine Aufwartung machen dürfe.« Der Herzog fuhr lebhaft von seinem Stuhle empor. »Wie? Hoffmann ist wieder da? Wann ist er denn angekommen?« »Ich weiß es nicht. Fürstliche Gnaden. Er meint, Eure Fürstliche Gnaden würden ihn wohl morgen in der Frühe empfangen, und er wollte nur die Zeit wissen.« »Nein, er soll sofort zu mir kommen. Ich erwarte ihn.« In sichtlicher Erregung blickte der Fürst nach der Tür hin, durch die der Gemeldete eintreten sollte, denn er hatte ihn seit Wochen mit Ungeduld erwartet. Er und seine Brüder hatten den Jenenser Amtmann Johann Hoffmann, der vor langen Jahren Herzog Bernhards Sekretär gewesen war, vor fast drei Monaten an ihren Bruder nach dem Elsaß abgesandt. Nicht aus ihrem eigenen Antrieb war das geschehen, sondern auf den ausdrücklichen Wunsch des Kaisers. Der wollte den Herzog, der ihm immer bedrohlicher und gefährlicher wurde, durchaus zu sich herüberziehen oder wenigstens zum Frieden bringen und hatte schon mehrfach insgeheim mit ihm deshalb verhandelt, aber ohne Erfolg. Nun war er der Meinung gewesen, wenn die Stimme des Blutes zu ihm rede, werde er sich leichter gewinnen lassen. Darum hatte er die sächsischen Herzöge mit allem Fleiß und Ernst ermahnt, ihrem kriegerischen Bruder recht beweglich zuzureden, daß er Frieden mache und wieder in des Kaisers und Reiches Devotion treten möge, und unter kaiserlichem Geleit war ihr Gesandter nach dem Süden des Reiches gezogen. Seitdem hatten sie nichts von Hoffmann gehört, er war wie verschollen gewesen. Was würde er nun bringen? Herzog Wilhelm war so gespannt, daß er dem Eintretenden entgegeneilte und rief: »Nun, Hoffmann, was bringt Ihr für Zeitung? Wir haben lange auf Eure Rückkehr gewartet. Habt Ihr etwas erreicht bei meinem Bruder?« Der Amtmann setzte eine kleine Ledertasche behutsam neben der Tür nieder und verneigte sich dann tief vor seinem Herrn. »Was ich erreicht habe, und ob ich etwas erreicht habe, das werden Eure Fürstliche Gnaden aus diesem Schreiben ersehen.« »Setzt Euch, Hoffmann!« sagte Wilhelm, indem er den Brief seines Bruders aus den Händen des Boten nahm. Er selbst warf sich in seinen Arbeitssessel und begann zu lesen. Er saß dabei von dem Amtmann halb abgewendet, aber in einem gegenüberstehenden Spiegel konnte dieser die Züge seines Gesichtes genau beobachten. Sie drückten, während er das Schreiben bis zu Ende las, zwar tiefen Ernst, aber zugleich innerliche Befriedigung aus. Hoffmann, der in die geheimen Gedanken seines Herrn eingeweiht war, hatte das nicht anders erwartet. Wohl eine halbe Stunde saß Herzog Wilhelm schweigend da, blickte von Zeit zu Zeit in das Schreiben und versank dann wieder in tiefes Nachdenken. Endlich wandte er sich nach seinem Boten um und sagte: »Es ist, wie ich mir's gedacht habe. Er nimmt den Prager Frieden nicht an, und daß wir ihm nur pro forma, der Kaiserlichen Majestät zu Gefallen, dazu geraten haben, das wißt Ihr ja, Hoffmann, und habt es ihm gesagt. Solange kein allgemeiner Friede zustande kommt, nützt uns kein Sonderfriede mit dem Kaiser oder den Schweden. Wir werden torquiert, molestiert und bis aufs Blut ausgesogen, so wie so. Darum möge er den Krieg weiterführen und den Feinden des Evangeliums Abbruch tun wie bisher. Soweit uns überhaupt noch etwas freuen kann in dieser jämmerlichen Welt, so freuen wir uns darüber. Ist es denn wahr, daß er nach seiner großen und herrlichen Viktoria bei Rheinfelden noch einen zweiten Sieg gewonnen hat über die kaiserlichen Heerhaufen?« »Ja, Fürstliche Gnaden, es ist so. Der Duca von Savelli, den er bei Rheinfelden gefangen hatte, war ihm entflohen unter Bruch seines Ehrenwortes. In unbegreiflicher Verblendung hat ihm der Kaiser zum zweiten Male ein Heer anvertraut und ihn gegen Herzog Bernhard entsandt. Mit einem ansehnlichen corpus von lauter ältesten Regimentern, wohl zwölftausend Mann stark, ist dieser welsche Duca bei Wittenweier von Ihrem Herrn Bruder besiegt worden. Von seinem Heere sind kaum dreitausend Mann entronnen, die andern sind verwundet und erschlagen oder gefangen. Achtzig Fahnen und Standarten hat der glorreiche Sieger erbeutet, dazu die Kriegskasse und die Kanzlei der kaiserlichen Feldherrn Savelli und Götz.« Der Herzog schlug erstaunt die Hände zusammen. »Das ist ja ein gewaltiger Sieg, Hoffmann! Dann kann ihm ja der Kaiser im Süden des Reiches ganz und gar nicht mehr widerstehen! Ich muß das sogleich meiner Gemahlin und meiner Schwägerin zu wissen tun. Wartet hier, Hoffmann, ich komme bald zurück.« Der Amtmann lächelte vergnügt, als er den Herzog so eilfertig dahinschreiten sah, und sein Gesicht verklärte sich noch mehr, als er bemerkte, daß an der Wand des fürstlichen Schreibgemaches das Bild des Herzogs Bernhard hing. Er war seit Jahren in die Verhältnisse des hohen Hauses völlig eingeweiht und wußte, wie tief die Brüder eine Zeitlang einander entfremdet gewesen waren. In früheren Jahren war der offene Bruch zwischen dem Ältesten und dem Jüngsten mehrmals nur mit Mühe vermieden worden, und lange Zeit hatte es Wilhelm nicht überwinden können, daß Bernhard im Kriege die Rolle spielte, die er selber gern gespielt hätte. Dann kam der verhängnisvolle Tag, an dem die drei weimarischen Herzöge den Prager Frieden annahmen, und von da an hatte jede Verbindung zwischen ihnen und dem fernen Bruder wie von selbst aufgehört. Er schrieb nicht mehr an sie, und sie schrieben nicht mehr an ihn; eine Zeitlang war's, als wäre er aus ihrem Leben ganz und gar verschwunden. Aber das war schon längst nicht mehr so. Hoffmann wußte das wohl. Herzog Wilhelm bereute insgeheim, daß er dem Prager Frieden beigetreten war. Herzog Ernst, der zurzeit in Gotha weilte, und Herzog Albrecht, der zu Eisenach Hof hielt, waren darin mit dem ältesten Bruder ganz einig. Je mehr aber diese Reue in ihnen wuchs, um so mehr vermochten sie ihrem jüngsten Bruder gerecht zu werden, um so höher wuchs auch die Achtung vor ihm in ihren Herzen. Er hatte ihnen immer abgeraten, Kursachsen zu trauen und mit dem Kaiser Frieden zu machen. Er hatte ihnen stets die schlimmen Folgen friedseliger Nachgiebigkeit und Schwäche vorausgesagt, die nun eingetreten waren. Er war also klüger, weiterblickend gewesen als sie. Aber nicht nur seine Klugheit nötigte ihnen Achtung ab, sondern noch viel mehr seine fast übermenschliche Standhaftigkeit und Unbeugsamkeit. Sie sahen endlich ein, was die Welt schon längst wußte, daß ihr jüngster Bruder der Größte unter ihnen war und daß sie stolz sein konnten auf ihn. Die Einsicht war ihnen spät gekommen, was ja nicht unbegreiflich war und ihnen nicht zum besonderen Vorwurf gemacht werden konnte, denn der Prophet gilt nun einmal nichts in seinem Vaterlande, und auch der größte aller Menschenkinder war in seiner göttlichen Herrlichkeit am spätesten von denen erkannt worden, die ihm am nächsten standen. Nachdem aber den fürstlichen Brüdern die Augen aufgegangen waren, hatten sie, wenigstens ihren Vertrauten gegenüber, aus ihrer veränderten Gesinnung gegen den Bruder kein Hehl gemacht. Als der Sieg von Rheinfelden bekannt geworden war, war heimlich im Schlosse zu Weimar ein kleines Fest gefeiert worden, und Wilhelm hatte dem Sohne, der ihm gerade damals geboren worden war, den Namen Bernhard gegeben. Das war ja wohl ein sicheres Zeichen dafür, wie sich seine Meinung über den Bruder geändert hatte, und jetzt hing sogar ein Bild von ihm in seinem Zimmer. Wahrscheinlich, überlegte sich Hoffmann, hatte der Hofmaler das Bild nach einem der Stiche entworfen, die in neuerer Zeit im Reiche umherliefen, und die Farben seinem eigenen Gedächtnisse entnommen, wohl auch das Porträt mit Liebe gemalt, denn es war trotz mancher künstlerischer Mängel sehr ähnlich und nicht ohne Leben. Soweit war Hoffmann in seinem Gedankengang gekommen, als die Tür sich öffnete und die drei fürstlichen Personen hereintraten. Die Züge der Herzogin zeigten die höchste Neugier, das Antlitz der Prinzessin aber leuchtete vor Glück und war von einem rosigen Schimmer übergossen. Mit ausgestreckter Rechte eilte sie auf den Amtmann zu. »Das ist ja eine wundervolle Zeitung, die Ihr uns bringt!« rief sie. »Ich wollte, es stünde in meiner Macht, Euch fürstlich dafür zu belohnen!« »Meiner gnädigsten Herrschaft etwas berichten zu können, was derselben Freude macht, ist mir der schönste Lohn!« erwiderte der gewandte Amtmann. »Und sagt mir vor allem: Wie habt Ihr den Herzog gefunden? Ist er gesund? Geht es ihm wohl? Wie sieht er aus?« »Er ist, Gott sei dafür gepriesen, recht wohl und gesund. Das ist recht eigentlich ein Wunder des Höchsten, denn die Offiziers, mit denen ich täglich speiste, erzählten von beinahe mirakulösen Strapazen, denen er sich ausgesetzt habe. So ist er zweimal durch den Rhein geschwommen in voller Rüstung, anderer Stückchen nicht zu gedenken.« Die Prinzessin machte eine Gebärde des Erschreckens, und der Herzog runzelte die Stirn. »Das höre ich nicht gerne,« sagte er, »und das gefällt mir nicht an ihm. Er sollte doch bedenken, was jetzt an seiner Person hängt. Ist keiner um ihn, der ihm darüber Vorstellungen macht?« »Ich fürchte, es ist keiner da, Fürstliche Gnaden, seitdem General Taupadel bei einem wilden Ritte in die Hände der Kaiserlichen geraten ist.« »Wie? Unser alter Taupadel ist gefangen? Das weiß ich ja noch gar nicht!« rief der Herzog. »Ich will nicht hoffen, daß er schwer verwundet ist?« »Unverwundet haben sie den Taupadel natürlich nicht gekriegt, Fürstliche Gnaden, aber seine Wunden sollen nicht schwer sein. Er wird wohl auch bald ausgewechselt werden, denn Herzog Bernhard hat kaiserliche Generale und Obristen in Menge gefangen.« »Da ist zum Exempel der Jan von Werth!« warf der Herzog dazwischen. »Den, Fürstliche Gnaden, hat Herzog Bernhard dem Könige von Frankreich geschenkt. Er sitzt zu Paris in einem vergitterten Käfig und spielt drin mit seinen Offizieren den ganzen Tag Karten und alle trinken Tabak, daß es aussieht, als ob ein Brand ausbrechen solle, und die Pariser stehen davor und staunen sie an, als ob sie Menschenfresser oder wilde Tiere wären.« Der Herzog lachte. »Ja, so sind die Welschen, wie die großen Kinder! Es sollte mich übrigens wundern, wenn der König nicht Geld dafür erhöbe. Sie verstehen dort, aus allen Dingen Geld zu machen.« »Und habt Ihr, Herr Amtmann, dem Herzog nicht selbst Vorstellungen gemacht wegen seiner zu großen Kühnheit?« fragte die Prinzessin. »Das hätt' Euch wohl angestanden als seinem alten, vertrauten Diener.« »Ach, gnädigstes Fräulein, das habe ich auch gewißlich versucht, aber ich habe es bald bleiben lassen. Wenn er einen so ansieht mit seinen glänzenden Augen, so hält man schon den Mund, und wenn er dann zu reden anhebt und ihm die Worte so gewaltig von den Lippen fließen, so kommt man sich wie ein rechter Narr vor, daß man sich unterwunden hat, einem so hocherleuchteten Haupte einen Rat zu geben. Und doch hab' ich's noch einmal versucht in der Audienz, die er mir zum Abschied erteilte. Da hielt er mir eine mächtige Rede, daß der Feldherr den Soldaten, die immer schlechter würden, in allen Stücken ein Beispiel sein müsse, auch in der Verachtung des Todes. Und dann lächelte er mit einem Male und sagte: »Nun, Hoffmann, vielleicht wird auch aus mir noch ein vorsichtiger Tugendbold, nämlich dann, wenn ich ein Ehemann werde. Und die Zeit, daß ich es werden kann, scheint mir mählich heranzurücken, und ihr, die mein Ehegemahl werden soll, bitt' ich Euch, etwas mitzunehmen.«« »Ich hab' es gehofft,« sagte die Prinzessin leise. »Und ich frage Eure Fürstliche Gnaden,« wandte sich Hoffmann an den Herzog und die Herzogin, »ob ich in dero Gegenwart dem durchlauchtigen Fräulein übergeben darf, was mir Herzog Bernhard für sie anvertraut hat?« »Freilich, freilich!« riefen beide wie aus einem Munde. Der Amtmann schritt zur Tür hin und entnahm der Tasche, die er dort auf den Boden gestellt hatte, ein Schreiben und eine kleine, stählerne Kassette. »Hier ist der Brief seiner Fürstlichen Gnaden und hier der Schlüssel!« Die Prinzessin erbrach das Siegel und las. Es war ein langer Brief, und sie ward nicht schnell damit fertig, weil ihr alle Augenblicke hervorquellende Tränen das Weiterlesen unmöglich machten. Aber geduldig verharrten die andern in achtungsvollem Schweigen, bis sie zu Ende gekommen war. Dann erhob sie sich, trat an den Tisch, auf dem die Kassette stand, und nachdem sie sich mühsam etwas gefaßt hatte, sagte sie mit bebender Stimme: »Bernhard zieht nach Breisach. Er hat in der Schlacht bei Wittenweier über tausend Wagen Proviant erbeutet, und so meint er bestimmt, die Stadt überwinden zu können durch Hunger. Und wenn er sie hat, gedenkt er mich heimzuführen, und das hier sendet er mir zur Ausstattung.« Sie steckte den Schlüssel ins Schloß und drehte ihn herum. Der Deckel sprang auf, und ein ansehnliches Häuflein Gold schimmerte der Überraschten entgegen. Es waren fünftausend Reichstaler in lauter neugeprägten Louisdors. »Dafür soll ich mir Kleider und Geschmeide kaufen, wenn ich zu ihm ziehe,« sagte sie. »Aber ich achte die Summe dazu viel zu hoch. Ich denke, wir teilen das Geld in drei Teile, den einen behalte ich, den andern geben wir den Armen, den dritten verwenden wir dazu, das Schloß wieder herzustellen.« Die Herzogin fiel ihrer Schwester gerührt und erfreut um den Hals. Vor Monaten hatte ein Brand den einen Flügel des Schlosses verwüstet, und noch hatte man nicht die Mittel gefunden, seine Spuren zu tilgen. Der Anblick der Fensterhöhlen, die man notdürftig verhangen hatte, drückte jeden Tag wieder einen Stachel in das stolze Gemüt der fürstlichen Frau ein und erinnerte auch den Herzog täglich in schmerzlicher Weise daran, in welch armseliger und unwürdiger Lage er sich zurzeit befand. Daher war auch er sehr erfreut über das hochherzige Anerbieten seiner Schwägerin und faßte ihre Hand mit kräftigem Drucke. »Du bist in Wahrheit eine gute Seele, Gundel,« sagte er, »und wert des tüchtigsten Mannes. Gott gebe, daß mein Bruder Breisach wirklich nimmt und daß sich dann eurem Glücke nichts weiter in den Weg stellt!« VI. »Der König von Frankreich hat mit Richelieu um fünfhundert Dublonen gewettet, daß der Herzog von Weimar Breisach nicht angreifen werde. Er meint. Eure Fürstliche Gnaden würden sich ins Reich machen und diese Festung links liegen lassen, da sie, wie verständige Kriegsleute ihm versichert hätten, uneinnehmbar sei.« So sprach zu Herzog Bernhard der Schweizer Hans Ludwig von Erlach, der auf einem starken braunen Pferde neben ihm dahinritt, als das weimarische Heer sich der Stadt und Festung Breisach näherte. Er war erst vor kurzer Zeit in des Herzogs Dienste getreten, und zwar aus reiner Begeisterung für Bernhards Person, in dem er den Vorkämpfer des reinen Evangeliums und den Hauptfeind des Hauses Habsburg sah. Er war wohl acht Jahre älter als Bernhard und hatte ein unglaublich bewegtes Leben hinter sich, hatte in Italien, Böhmen, den Niederlanden, in Ungarn und Deutschland auf den verschiedensten Schlachtfeldern gestanden, war dreimal in Gefangenschaft gewesen, hatte dem Winterkönig, dem Mansfelder und endlich Gustav Adolf gedient als ein geschworener Feind des Hauses Habsburg, in dem er eine Hauptstütze des Teufels in der Welt erblickte. Dann war er in seine Vaterstadt Bern zurückgekehrt, wo man ihn sogleich in den großen Rat wählte und mit den wichtigsten diplomatischen Geschäften betraute. Denn Erlach war nicht nur ein tüchtiger Kriegsmann, sondern auch ein überaus kluger und zäher Politikus, ein so gewandter Unterhändler, daß er auch in der schwierigsten Lage noch für die Partei, die er vertrat, einen Vorteil herauszuschlagen wußte. Deshalb hatte ihn Bernhard als seinen Gesandten nach Paris geschickt und hatte es nicht zu bereuen, denn Erlach wußte den allmächtigen Kardinal und seinen Pater Joseph persönlich für sich einzunehmen und erreichte mehr von ihnen, als jeder andere hätte erreichen können. Jetzt war er auf einige Tage zum Heer gekommen, um geheime Weisungen vom Herzog zu empfangen, die nur mündlich gegeben werden konnten. Der Herzog hatte ihn, während er bei ihm verweilte, noch kaum von seiner Seite gelassen, denn es war ihm eine Freude, sich mit einem halbwegs ebenbürtigen Geiste unterhalten zu können, und er vertraute ihm unbedingt. Erlach diente ihm ohne jeden Eigennutz, oder vielmehr, er diente überhaupt nicht einem Menschen zu Gefallen, sondern um der protestantischen Sache eine Förderung angedeihen zu lassen. Er hätte daheim in seiner Vaterstadt als reicher und unabhängiger Mann in Ruhe und Behagen leben können. So sprach Bernhard ihm gegenüber seine Meinung über Menschen und Dinge mit aller Deutlichkeit aus, und darum erwiderte er auch jetzt auf seine Worte ganz ungeschminkt: »Wißt, Erlach, der König von Frankreich versteht vom Kriegswesen nicht viel mehr als ein Pferd, und die verständigen Kriegsleute, die ihn beraten, sind Pfaffen und alte Weiber.« Der Schweizer lachte. »Da haben Sie den Nagel auf den Kopf getroffen! Wie kann ein Mensch, der Eure Fürstliche Gnaden kennt, meinen. Sie würden Breisach in des Kaisers Händen lassen! Wie kann man dem Eroberer Regensburgs zutrauen, er werde eine Stadt nicht angreifen, weil die Sage geht, sie sei uneinnehmbar! Nun vollends eine Stadt, die wichtiger ist als irgendein anderer fester Platz in Europa! Wer Breisach hat, der hat den Schlüssel zu Burgund, der kann leicht verhindern, daß die Spanier in den Niederlanden und in Italien miteinander kommunizieren. Er hat das Zeughaus des Elsaß, den festesten Paß über den Rhein, eine Zwangskette, an der alle benachbarten Lande hängen.« »So spricht der Feldherr, der in Euch steckt. Erlach,« erwiderte der Herzog und blickte dem vertrauten wohlgefällig in das kluge Gesicht. »Ich wollte, ich könnte Euch immer um mich haben.« »Ich wäre auch am liebsten bei Eurer Gnaden im Lager. Mir ist da viel wohler zumute, wo die Kartaunen krachen, als wo geschrieben und geflüstert und konspiriert wird. Aber ich acht', ich sei Ihnen mehr von Nutzen in Paris als hier.« »Das seid Ihr ohne Zweifel, Erlach. Setzt nur bei Eurer Rückkehr nach Sodom alles daran, daß sie mir von dort die versprochenen Hilfsgelder bald schicken, denn mir muß jetzt alles daran liegen, meine Leute bei gutem Humor zu erhalten. Sie kommen abgerissen und ermattet hierher und haben ein schweres Werk vor sich.« Er bog sich im Sattel zu ihm hinüber und fuhr flüsternd fort: »Vor allen Dingen macht den Kardinal glauben, daß ich Breisach für Frankreich erobere. Wenn er wähnt, die Früchte meines Sieges einzuheimsen, so wird er willig Geld geben.« »Ach, Fürstliche Gnaden,« erwiderte Erlach, »ein Zweifel daran ist ihm noch gar nicht in den Sinn gekommen. Die ungeheure Kühnheit, diesen Platz selber behalten und behaupten zu wollen, traut er Ihnen wohl nicht zu, wie er denn überhaupt wenig ahnt von Ihren großen, weitausgreifenden Plänen.« »Er ahnt wohl immer noch viel zu viel davon. Hielte er mich für ungefährlich, so hätte er mich besser unterstützt. Aber er hat mir nicht den dritten Teil von dem gehalten, was er mir feierlich versprochen und geschworen hat. Er wollte mich nicht zu mächtig werden lassen. Damit hat er sich freilich nur ins eigene Fleisch geschnitten, denn das entbindet mich jeder Rücksicht auf Frankreich. Ich habe oftmals geseufzt und gestöhnt und geflucht über die Treulosigkeit der Franzosen, ja, ich bin darüber zweimal vor Ärger krank geworden. Jetzt aber sehe ich, daß es Gott so gefügt hat. Wäre mir der König ein wahrer Helfer und treuer Freund gewesen, so fesselten mich jetzt Ehre und Gewissen an ihn. Weil er aber an mir gehandelt hat wie ein eidbrüchiger Halunke, so kann ich ruhig meine eigenen Wege verfolgen. Und der Kardinal weiß wohl, daß ich mich über ihn und seinen König schwer zu beklagen habe. Er hat gegen mich ein schlecht Gewissen, soweit man bei ihm von einem Gewissen reden kann, und darum beargwöhnt er alle meine Schritte.« »Trotzdem – was Eure Fürstliche Gnaden vorhat, das ahnt er nicht. Es wird eine bittere Stunde für ihn, der auf seine große Klugheit so eitel ist, wenn er einsehen muß, daß er an einen Klügeren und Kühneren gekommen ist.« »Ja, von da ab mag ich mich vor seiner Rache hüten!« Erlach fuhr zusammen. Ein jähes Erschrecken spiegelte sich in seinen Zügen wieder. »Da wollen Eure Fürstliche Gnaden nur recht auf Ihrer Hut sein! Die Rache des Kardinals schleicht im Finstern. Er schreckt vor nichts zurück, am wenigsten einem Ketzer gegenüber.« Er schwieg eine Weile und blickte sinnend mit gerunzelter Stirn vor sich hin. Dann fragte er halblaut, aber mit großer Lebhaftigkeit: »Ist es wahr, Fürstliche Gnaden, daß Sie den Arzt noch bei sich haben, den Ihnen Richelieu empfohlen und zugeschickt hat?« »Das ist wahr, Erlach. Er hat mich, als ich in Paris war, sehr schnell von einem Gallenfieber befreit, an dem ich zuweilen leide. Ich habe ihn in meinen Dienst genommen.« »Den schafft' ich auf der Stelle ab, Fürstliche Gnaden!« »Warum? Ihr meint doch nicht, – nein. Erlach, da seid Ihr auf einer falschen Fährte. Der Mann ist Euer Landsmann und Glaubensverwandter. Er stammt aus Genf.« »So? Nun, die Landsmannschaft ist wohl nur zufällig. Er ist aus Welschland nach Genf gekommen, denn er heißt Blandini. Er trägt also italienisches Blut in den Adern. Gefährlich, Fürstliche Gnaden! Haben Sie von der Aqua Tofana gehört, die dieses Volk zu bereiten versteht?« »Ach, Erlach, was dichtet Ihr Euch da zusammen! Er hat mich schon zweimal mit großem Geschick kuriert.« »Jetzt liegt dem Kardinal daran, daß Eure Fürstliche Gnaden gesund sind. Später wird ihm am Gegenteil gelegen sein,« sagte Erlach bedeutungsvoll. »Ihr krächzt ja wie ein Unglücksrabe, Erlach. Ich sage Euch, er ist ein treuer Protestant, führt seine Bibel mit sich und liest jeden Tag darin.« »Das kann eine Maske sein. Vielleicht ist er insgeheim Jesuiter.« Der Herzog schüttelte den Kopf. »Nein, Erlach. Ich sehe dem Menschen zumeist an, was ihm im Gemüte steckt. Der sieht nicht aus wie ein Verräter.« »Ich kann den Mann nicht beschuldigen und möchte ihn nicht verdächtigen, denn ich kenne ihn nicht weiter als vom Ansehen. Aber einen Arzt, den mir der Kardinal gesandt hätte, den duldete ich, wenn ich Eure Fürstliche Gnaden wäre, nimmermehr in meinem Lager. Schafft ihn bei Zeiten ab, Fürstliche Gnaden!« »Ich will ihn überwachen lassen, Erlach,« erwiderte der Herzog ausweichend. »Findet sich etwas Verdächtiges, so schicke ich ihn fort. Einen Unschuldigen, der mir noch dazu durch seine Geschicklichkeit wohlgetan hat, will ich durch plötzliche Entlassung nicht kränken.« »Dann möcht' ich fast wünschen, es fände sich etwas Verdächtiges,« sagte Erlach hartnäckig. »Eine Kreatur des Kardinals in Ihrer Umgebung zu wissen, wird mir immer ein fataler Gedanke sein.« Der Herzog lachte. »Ihr seid ein Dickkopf, Erlach, und wollet durchaus Recht behalten. Nun, ich verspreche Euch –« Ein donnerndes Krachen von der Festung her machte ihn jäh verstummen. Sein Pferd bäumte sich hoch empor, und ein Regen von kleinen Erdstücken überschüttete die beiden. Ein gewaltiges Geschoß war dicht vor ihren Füßen in die Erde eingeschlagen. Ohne Besinnen riß der Herzog sein Roß herum und jagte auf seine Truppen zurück, denen er mit Erlach weit vorausgeritten war. »Halt!« schrie er. »Nicht weiter vorgehen!« und als Erlach, der mühsam seinen Gaul hatte bändigen müssen, herankam, rief er ihm entgegen: »Donner und Hagel, Erlach, das hätte schön ablaufen können. Ich hätte nicht gedacht, daß sie Rohre haben, die so weit tragen.« »Ich hätte daran denken sollen, denn ich wußte es,« brummte Erlach. »Ich war vor zwanzig Jahren einmal drin. Schon damals war Breisach besser armiert als jeder andere Platz, den ich kenne.« »Nehmen wir uns eine Lehre daraus!« sagte der Herzog. »Das Lager kommt drei- bis vierhundert Schritte weiter rückwärts, als ich's eigentlich aufschlagen wollte. Wietersheim, tut den andern Obristen zu wissen, daß die ganze Armee halt macht und nicht weiter vorrückt. Dort sollen die Wachen und dort hinten die Zelte aufgestellt werden! Ihr, Erlach, kommt noch einmal mit mir!« Er ritt etwas abseits auf eine kleine Bodenerhebung hinauf, die außerhalb des Feuerbereichs der Festung lag. »Das also ist Breisach, nach dem ich mich so lange gesehnt habe,« sagte er. »Nun, trutzig und gewaltig genug sieht's aus mit seinen Mauern, die sich dreifach übereinander erheben, und mit den vielen Türmen – nicht wie eine Stadt liegt es da, sondern wie ein ungeheures Schloß. Was ist das für ein Bau da drüben – der mit den zwei spitzen Türmen?« »Das ist das Münster, Fürstliche Gnaden. Von dort aus läuft über das Plateau hin die breite Hauptstraße der Stadt bis zu der Burg. Fürstliche Gnaden sehen den dicken, viereckigen Turm da drüben. Das ist der Hauptturm der Burg.« »Und der schlanke Turm gerade zwischen Schloß und Münster in der Mitte?« »Der überdacht den tiefen Brunnen, aus dem sie das Trinkwasser emporwinden. Denn das Rheinwasser ist nicht zum Trinken gut. Die Leute werden krank davon.« »Mit Wasser sind sie also wohlversorgt, mit Brot aber nur auf etwa acht Wochen,« sagte der Herzog. »Das weiß ich genau durch meine Kundschafter. Proviant für weitere acht Wochen, der hier eingeworfen werden sollte, habe ich bei Wittenweier durch Gottes Gnade genommen. Länger können sie also nicht widerstehen, aber so lange werde ich wohl auch hier liegen müssen. Denn meine Augen bestätigen mir, was mir das Gerücht schon lange zugetragen hat, daß diese Feste fast uneinnehmbar ist. Sie muß zerniert werden. Kommt, Erlach, wir wollen frühstücken und dann an unser Tagewerk gehen.« Was der Herzog unter seinem Tagewerke verstand, sollte Erlach mit Staunen innewerden. Nach einer Rast von ungefähr einer halben Stunde bekümmerte er sich zuerst um die Absteckung und Einrichtung des Lagers, und während die Truppen an die Schanzarbeit gingen, umritt er mit dem Oberstleutnant Kluge, der seine Artillerie befehligte, und dem Obristen Schönebeck die Feste von allen Seiten und beriet eingehend mit ihnen, wo und wie die Schanzen und Gräben angelegt, die Batterien aufgestellt werden sollten. Darüber verrann eine Stunde nach der andern. Erlach, der im Zelte zurückgeblieben war, um allerhand Schreibwerk zu erledigen, blickte mit immer mehr steigender Unruhe nach der Uhr und freute sich, daß er nicht mitgeritten war. Denn der Himmel stand in wolkenloser Bläue über dem Rheintale, und die Strahlen der Sonne brannten in sengender Glut hernieder, so daß die Soldaten längst ihre Harken und Schaufeln weggeworfen hatten und hinter Hecken und Zäunen lagerten, um da die kühlere Abendzeit zu erwarten. Endlich nach vier Uhr kehrte der Herzog zurück. Er zeigte keine Erschöpfung, nur war er ungewöhnlich blaß. »Es ist, wie ich mir's beim ersten Anblick gedacht habe, Erlach,« sagte er, vom Rosse steigend. »Die Jakobsschanze jenseits des Rheins ist leicht zu stürmen, wenn sie vorher tüchtig beschossen und demoliert wird. Aber damit haben wir nicht viel. Die Feste gewinnen wir schwerlich durch Sturm, da muß der Hunger das Beste tun. Habt Ihr den Brief aufgesetzt an die Landgräfin von Hessen?« »Ja, Fürstliche Gnaden, er ist fertig. Soll ich ihn holen?« »Jetzt nicht. Erlach, ich muß erst eine Stunde ruhen. Dann wollen wir ihn durchgehen und dann essen. Bis dahin Gott befohlen!« Er trat in sein Zelt, das aus mehreren Abteilungen bestand und dicht neben Erlachs Zelt errichtet war. Als der Herzog die Vorhänge zurückschlug, um einzutreten, sah Erlach, wie ihm ein kleiner Mann entgegentrat, der eine Kristallschale in der Hand hielt. Wo hast du diesen Menschen schon einmal gesehen? dachte Erlach, als der Türvorhang niedergefallen war, und es fiel ihm nach einer Weile ein, daß der Mann eine starke Ähnlichkeit mit den Bildern besaß, die den großen Reformator Calvin darstellten. Es war dasselbe feine Gesicht mit der geraden Nase, den dürren Lippen und den durchdringenden, bohrenden Augen, und auch der lange Kinnbart fehlte nicht. Da überdies die Kleidung der des Reformators gleich war, so konnte man wohl annehmen, daß der Mann die Ähnlichkeit künstlich zu steigern trachtete. Das war ohne Zweifel Blandini, den Richelieu dem Herzog gesandt hatte, obwohl der Arzt Hugenotte war. Das Äußere dieses Mannes war allerdings nichts weniger als verdachterregend, und es wurde ihm erklärlicher, daß der Herzog ihn in seinen Diensten behielt. Er wollte eben in sein Zelt eintreten, als er plötzlich stehen blieb und den Kopf lauschend emporrichtete. Aus dem Zelte des Herzogs war ein leiser Ruf erklungen, und gleich darauf öffnete sich der Türvorhang, und der Arzt stürzte mit allen Zeichen höchster Aufregung heraus. Blitzschnell vertrat ihm Erlach den Weg. »Wohin? Was ist geschehen?« »Der Herzog ist ohnmächtig. Ich muß ihm zur Ader lassen, hole die Instrumente!« stieß der Arzt hervor und wollte an Erlach vorüber; aber der faßte ihn am Arm und hielt ihn fest. »Nicht von der Stelle!« rief er. Blandini blieb ruhig stehen und blickte ihn fast verächtlich an. »Was soll das?« sagte er. »Meint Ihr, ich wolle dem Herzog ein Leids antun?« Dieser kühlen Sicherheit gegenüber wurde Erlach schwankend. »Dort steht die Wache,« sagte er. »Ein Ruf von mir, und sie ist hinter Euch her. Aber noch brauch' ich sie nicht. Tretet zurück ins Zelt! Ich will den Herzog sehen.« »Auf Eure Verantwortung« erwiderte Blandini kalt und trat hinein. Der große Raum war leer. Nur ein Tisch mit etlichen Stühlen war zu sehen. Auf dem Tische stand die noch halbgefüllte Schale. »Wo ist der Herzog?« fragte Erlach. Blandini schob einen Vorhang zurück. »Hier!« Erlach trat näher und sah den Herzog auf seinem Ruhebette liegen mit geschlossenen Augen und geisterhaft bleichem Antlitz. Er hatte das Aussehen eines Toten. »Mensch!« zischte Erlach, den seine gewöhnliche Ruhe ganz verlassen hatte, »Mensch, du hast ihn vergiftet. Ich habe gesehen, wie du ihm die Schale dort reichtest!« Der Arzt fuhr auf und schoß einen Wutblick auf seinen Ankläger, aber er gewann sofort seine kalte Ruhe wieder. »Ja, die habe ich ihm gegeben,« sagte er höhnisch. »Sie enthielt zur Hälfte Wasser, zur Hälfte Wein und den ausgedrückten Saft einer Limone. Das Getränk, sehr erfrischend und wohlschmeckend, mein Herr, nimmt der Herzog jedesmal aus meiner Hand entgegen, wenn er von einem anstrengenden Ritte zurückkehrt. Es ist sehr gesund, mein Herr, und Ihr erlaubt wohl, daß ich's Euch beweise.« Er schritt zu dem Tische, faßte die Schale mit beiden Händen und trank den ansehnlichen Rest bis auf die Nagelprobe aus. »So, mein Herr,« sagte er, indem er sich auf einen Stuhl niederließ, mit einem Spottlächeln, »nun warten wir ab, ob mich das Gift tötet. Inzwischen hat Monsieur wohl die Güte, Seiner Durchlaucht die Ader zu schlagen.« Erlach ging die bittere Erkenntnis auf, daß er eine törichte Übereilung begangen habe. Der Mann hatte dem Herzog sicherlich nichts Böses zugefügt, und er durfte ihn nicht abhalten, seine Kunst an dem Kranken zu üben. »Geht und holt Eure Instrumente,« sagte er mürrisch, und da er ein gerecht denkender Mann war, fügte er mit Überwindung hinzu: »Es ist mir leid, daß ich Euch fälschlich bezichtigt habe.« »Der Herr befiehlt uns, denen, die uns beleidigt haben, siebenmal siebzigmal zu vergeben,« erwiderte der Arzt und verschwand dann lautlos aus dem Zelte. Erlach blickte ihm mit neuerwachtem Argwohn nach. Er hatte das Gefühl, daß die frommen Worte dem Manne nicht aus dem Herzen gekommen waren. Der harte Glanz seiner Augen schien ihm das Lügen zu strafen, was seine Lippen sprachen. Er setzte sich schweigend neben den Herzog ans Lager und erfaßte seine Hand. Sie war kalt, und der Puls ging nur schwach. Wie war das zu erklären? Was war über den kräftigen Mann gekommen? War es der Anfang einer Krankheit? Dann kam sie wahrlich zur ungelegensten Zeit. Die Belagerung Breisachs erforderte einen gesunden Mann, der großen Anstrengungen gewachsen sein mußte, denn es handelte sich nicht nur darum, die Stadt einzuschließen. Das war das wenigste, das konnten Öhme oder Wietersheim oder sonst einer der Obristen ebenso gut besorgen. Wer diese Stadt belagern und gewinnen wollte, der mußte die große Macht über die wilde Soldateska besitzen, die der Herzog besaß. Unter einem Führer von schwächerer Kraft brachen sicherlich im Laufe von vier Wochen Meutereien aus, denn nichts war den Mannschaften so unlieb, wie das lange Liegen vor einer festen Stadt in ausgesogener Gegend, zumal wenn sie nicht auf große Beute hoffen durften. Außer dem, der da still und bleich auf seinem Bette lag, lebte zurzeit überhaupt kein Feldherr, der seinen Truppen so etwas zumuten durfte. Ferner mußte damit gerechnet werden, daß der Kaiser das Letzte, das Äußerste versuchen werde, dieser Stadt Entsatz zu schaffen. Die Schlachten bei Rheinfelden und Wittenweier hatten dem weimarischen Heere den Weg nach Breisach geöffnet; dort sich behaupten konnte es wahrscheinlich erst dann, wenn es noch ein drittes kaiserliches Heer zurückzuwerfen vermochte. Zu dem allen war der Herzog unentbehrlich, schlechterdings keiner, auch er selbst nicht, vermochte ihn zu ersetzen. Vor der Hand mußte seine Krankheit, wenn es irgend anging, dem Heere verheimlicht werden. Der Wiedereintritt Blandinis unterbrach ihn in seinem Gedankengange. Der Arzt kam nicht allein, er brachte noch einen mit, einen Mann von beträchtlichem Leibesumfang, mit einer Regennase und so vergnügten Gesichtszügen, daß es ihm trotz aller Anstrengung ganz und gar nicht gelang, sich einen Schein von Ernst und Würde zu geben. Ein Feldscher kam nach ein paar Augenblicken auch noch ins Zelt gekeucht. Er hatte eben bei einem Spielchen gesessen. »Mein Kollega, Herr Doktor Schmidt, wird Seine Durchlaucht zur Ader lassen,« sagte Blandini. »Den Herrn General darf ich wohl bitten, mit mir hinauszugehen. Seine Durchlaucht lieben es gar nicht, wenn sich in solchen Fällen andere Leute als Ärzte in seiner Umgebung befinden.« »In solchen Fällen?« fragte Erlach verblüfft. »Ist das Seiner Fürstlichen Gnaden schon öfters passiert?« »Mehrfach. Die Durchlaucht sind leider nicht ganz gesund. Sie leiden an Gallenfieber, wenn dieselben sich ärgern, und sie sind Ohnmächten ausgesetzt, wenn sie sich übermäßig anstrengten.« »Zum Henker,« brummte Erlach, »seit wann ist das so?« »Seit ich die Ehre habe, die Durchlaucht zu kennen.« »Dauert das lange?« »Nach einer Ohnmacht erholt sich die Durchlaucht gewöhnlich auf der Stelle. Die Fieber dauern zwei bis drei Tage.« Erlach neigte kurz das Haupt gegen ihn und trat ins Freie. Beinahe wäre er noch einmal umgekehrt, um ihn zu fragen, ob eine direkte Gefahr für den Herzog vorliege, und ob er bei einem solchen Anfalle nicht einmal ganz wegbleiben könne, aber er unterließ es, denn der Mann war ihm zuwider. Er schritt mit gesenktem Haupte hinüber in sein Zelt, setzte sich still in einen Feldstuhl und begann zu grübeln. Der Herzog war leidend, die ungeheuren Aufregungen und Strapazen der vielen Kriegsjahre hatten seine Gesundheit untergraben. Was sollte werden, wenn ihm einmal etwas Menschliches begegnete? Wer sollte, wer konnte seine Erbschaft antreten? Seine Brüder? Die waren nicht die Leute dazu, auch waren sie mit dem Kaiser versöhnt. Einer der Generale des Heeres? Taupadel war gefangen, von den übrigen war keiner mehr als ein tüchtiger Soldat. Also Frankreich oder Schweden – eine andere Wahl gab es nicht. VII. In einem der kleinen Häuschen aus Holz und Lehm, die Herzog Bernhard vor Breisach zu Schutz und Obdach seiner Krieger hatte errichten lassen, lag auf einem Strohlager der alte Obrist von Germar. Sein Haupt war mit breiten Leinenverbänden so verhüllt, daß nur die starke Nase, ein Auge und der Mund zu sehen waren. Beim Sturm auf die Jakobsschanze hatte der Wackere zwei Säbelhiebe über den Kopf und einen ins Gesicht erhalten. Diese Wunden hatten ihn viel Blut gekostet und waren hochgefährlich anzusehen, doch hatten sie nur seiner Leibesschönheit geschadet, ohne sein Leben ernstlich zu gefährden. Leider aber hatte er sich auch, während er vornüber fiel, die schwere Spitze eines Pallisadenpfahles in die Seite gerannt, und diese Wunde war weit gefährlicher als die drei andern zusammen. Sie hatte sich entzündet, und die Geschwulst nahm immer zu, so daß der Feldscher sehr bedenklich den Kopf schüttelte und dem Obristen riet, den Feldprediger kommen zu lassen. Wenn er das sagte, so wußte jeder, was die Glocke geschlagen hatte, und auch dem alten Obristen war es nicht verborgen, wenn er auch, zur Verwunderung seiner Umgebung, keine Anstalten machte, dem wundärztlichen Rate zu folgen. Er ließ sich vielmehr einen Schreiber kommen und diktierte dem seinen letzten Willen. Da war es denn ein wunderbarer Zufall oder auch eine besondere göttliche Fügung, daß gerade, als dieser Akt zu Ende war, sein Sohn ins Lager eingeritten kam und sogleich zu seinem Vater geführt werden konnte. Dort setzte er sich an das Bett des Sterbenden, der bei vollem Bewußtsein und durchaus gefaßt auf sein nahes Ende war, das er offenbar mit größter Seelenruhe erwartete. Die Ankunft seines Sohnes schien ihn gar nicht zu verwundern, obwohl der Rittmeister von Germar fast ein Jahr lang in kaiserlicher Gefangenschaft gewesen war und kein Mensch hätte denken können, daß er gerade jetzt zurückkehren würde. Der Alte begrüßte ihn nur mit einem festen Händedrucke und sagte dann in knurrigem Tone: »Es ist gut, Junge, daß du endlich einmal kommst. Es scheint gerade, als wolle mich der Teufel holen. Da möcht' ich dir noch das und jenes sagen. Der Feldscher kann sich drücken!« »Wir sind allein, Vater,« erwiderte der Sohn, dem es schwer wurde, seine Bewegung zu verbergen. »Dann höre zu. Du wirst nach mir Erb-, Lehns- und Gerichtsherr auf Gorsleben. Verdammt, daß ich meinen Schieferhof nicht wiedersehe, aber es ist nun einmal nicht anders. Ich habe alles, was ich im Kriege gewonnen habe, in Basel niedergelegt bei sicheren Leuten. Mein versiegeltes Testament habe ich dem Herzog überbringen lassen. Das Geld lasse liegen, bis der Krieg vorbei ist, es sind über zehntausend Reichstaler, dreitausend schuldet mir noch der Herzog. Davon kannst du das Gut wieder hochbringen. Die Holkschen sollen übel dort gehaust haben. Gut, daß die Mutter schon drei Jahre tot ist!« Er machte eine Pause und fuhr dann fort: »Wenn du dort Herr bist, so piesacke den Pastor und den Erbrichter, soviel du kannst. Die Halunken haben mir das Leben vergällt. Du weißt schon, wegen der Kanzel! Dem Pastor gibst du lauter alte, zähe Zinshühner, und die Zinseier, die er kriegt, läßt du anbrüten. Daß du ihm das schlechteste Korn gibst, versteht sich von selbst. Mit dem Erbrichter fängst du einen Prozeß an wegen der Bachwiese. Und sieh zu, daß die Kanzel doch noch dem Herrenstuhle gegenüberkommt.« »Ach, Vater, da steht sie schon. Einer aus dem Dorfe hat mir's erzählt. Die Kirche ist ganz ausgebrannt, und als sie restauriert wurde, da hat der Pastor selbst darauf angetragen, die Kanzel dorthin zu setzen, wo du sie haben wolltest. Der Erbrichter ist übrigens schon voriges Jahr gestorben.« »Was?« rief der Obrist erstaunt. »Der Pastor hat nachgegeben? Wer hätte das dem Dickschädel zugetraut! Ja, dann ist die Sache ganz anders! Dann werde ich auf der Stelle das heilige Abendmahl nehmen.« »Was hat das damit zu tun?« fragte der Sohn verwundert. »Ein honetter Christ«, erwiderte der Obrist, »nimmt das heilige Abendmahl nur dann, wenn er allen seinen Feinden vergeben hat. Ich hatte dem Pastor nicht vergeben und wollt' es auch nicht. Nun aber tue ich's, und dem Erbrichter will ich auch nichts mehr nachtragen, da er tot ist. Hole den Feldprediger, lange mach' ich's nicht mehr.« Der Rittmeister sprang auf und eilte zur Tür. »Der Mann kriegt natürlich nun junge Hühner und frische Eier und gutes Korn!« rief ihm sein Vater nach. »Wie? Wer soll Eier und Hühner und Korn kriegen?« fragte Herzog Bernhard von der Tür her, durch die er eben eintrat und wo er beinahe mit dem Rittmeister zusammenprallte. Hinter ihm kam der Feldprediger mit den heiligen Gefäßen. »Mein Vater,« stammelte der jüngere Germar, »wies mich eben an, unserem Pastor daheim die richtigen Gefälle zu geben.« »Ah, besteht dort so gute Harmonie zwischen der Gutsherrschaft und dem Pastor? Nun, lieber Germar, das ist recht, daß Ihr in so christlichen, löblichen Gedanken Euer Stündlein erwartet. Das freut mich von Herzen. Ich dachte mir's schon, als ich Euer Testament erhielt, daß Ihr nach dem Mahle unseres Herrn Verlangen trüget, und habe den Pfarrer gleich mitgebracht. Und vorher laßt Euch noch danken für alles, was Ihr in meinem Dienst getan. Ihr waret mir ein treuer und tapferer Feldobrist allezeit, und es schmerzt mich, daß ich Euch verlieren soll. Ihr werdet in meinem Gedächtnis fortleben als ein wackerer Mann, und Euren letzten Willen werd' ich redlich erfüllen, das gelobe ich Euch bei meiner fürstlichen Ehre! Auch will ich Euern Sohn fördern, wo ich kann.« »Es ist mir ein absonderlich Pläsir, Eure Fürstliche Gnaden so reden zu hören,« erwiderte der Obrist, und ein Blitz zuckte über sein hageres Gesicht. »Es war mir immer eine Ehre, daß ich Ihnen dienen durfte, und ich wünsche Ihnen alle Fortuna, auch wenn ich nun nicht mehr dabei bin.« Die letzten Worte sprach der Sterbende mit auffallend schwacher Stimme, und der Herzog wandte sich an den Feldprediger und sagte: »Waltet Eures Amtes. Macht's kurz!« Dann ergriff er die Hand des Obristen, drückte sie kräftig und rief laut: »Lebt wohl, Germar! Dort drüben sehen wir uns wieder. Gott verleihe Euch die ewige Seligkeit!« Als er mit zuckenden Lippen ins Freie trat, kam ihm Erlach entgegen. Der General war nach kurzem Aufenthalt in Paris ins Lager zurückgekehrt und hatte hier in den letzten Monaten die wichtigste Rolle gespielt. Der Herzog war mehrmals sehr krank gewesen und hatte sich fern vom Heer aufhalten müssen. Inzwischen hatte Erlach das Kommando geführt. Dieselbe Stellung hatte er innegehabt, als der Herzog den kaiserlichen Entsatzheeren unter dem Lothringer und dem Grafen Götz entgegenzog und sie zerstreute. Er war jetzt Bernhards rechte Hand und stand ihm fast so nahe wie ehedem Taupadel, der sich leider noch immer in der Gefangenschaft des Kaisers befand. »Lebt der Obrist noch?« rief er dem Herzog entgegen. »Noch lebt er, aber wohl nur noch einige Minuten. Der Pfarrer ist bei ihm und gibt ihm das heilige Abendmahl.« »Schade um ihn! Eure Durchlaucht verlieren in ihm einen tüchtigen Haudegen!« »Nicht nur das,« erwiderte der Herzog. »Es geht mit ihm wieder einer meiner alten Thüringer dahin, einer von denen, die mit mir reden konnten über die Berge und Wälder und Menschen meiner Heimat. Es sind nur noch wenige davon im Heere, der Kreis wird immer kleiner, und jedesmal, wenn einer scheidet, fühle ich, wie sehr mein Herz noch an meiner alten Heimat hängt. Man sagt euch Schweizern nach, daß ihr euch nie ganz glücklich fühlen könnt fern von euren Bergen, und daß ihr immer wieder heimwärts strebt, wenn's euch auch noch so gut geht draußen in der Welt. Mit den Thüringern steht es wohl ähnlich.« Er blickte eine Weile sinnend ins Weite und fuhr dann fort: »Er sieht sein Dorf nicht wieder, wo er geboren war, sein Hügel wölbt sich ihm in fremder Erde. Auch mir wird's so ergehen, und wer weiß, wie bald!« Erlach fuhr auf. »So sollten Eure Fürstliche Gnaden nicht reden! Sie sind durch Gottes Gnade jetzt völlig wieder, hergestellt und stehen noch in der Kraft der Jugend!« Der Herzog schien diese Worte gar nicht zu hören, denn er fuhr leise fort wie im Selbstgespräch: »Seine Hand hält ein wackerer Sohn in der Sterbestunde, und er darf hoffen, daß sein Geschlecht weiterblüht und vielleicht noch lange dauert. Ich aber würde, wenn der Herr mich jetzt riefe, dahingehen wie ein verdorrter Stamm, der kein Reis getrieben hat.« Erlach blieb stehen und wagte es, des Herzogs Hand zu erfassen. »Herr!« rief er vorwurfsvoll. »Warum solche Worte? Ich kann sie nur mit Schmerzen hören. Warum wollten Sie am Leben verzagen? Sie stehen vor einem großen Erfolge, denn in der nächsten Woche muß sich Breisach Ihnen ergeben. Dann wird Eure Durchlaucht Landgraf im Elsaß und Herr im Breisgau, und was das Haus Österreich hier besessen hat, das fällt Ihnen alles zu! Sie können dann der Stammvater eines fürstlichen Geschlechtes werden, das mächtiger dasteht als Ihre Vettern und Brüder in der Mitte des Reiches. Wenn mir Eure Durchlaucht noch erlauben wollen, dies zu sagen: Eure Durchlaucht sollte heiraten!« Der Herzog blickte ihn verwundert an. »Was sagt Ihr da, Erlach? Kennt Ihr mein Leben nicht? Wie kann ein Mensch heiraten, der tags im Sattel sitzt, nachts im Zelte schläft? Kann ich ein Weib mit herumführen auf meinen Kriegszügen?« »Von jetzt an braucht das nicht mehr zu sein. Hat Eure Durchlaucht Breisach, so hat sie eine sichere Burg, wo eine fürstliche Frau wohl hausen könnte. Und man spricht ja allgemein davon, daß Eure Durchlaucht in der Heimat versprochen sei mit einer Dame fürstlichen Geblütes. Wollen mir Eure Durchlaucht nicht übel nehmen, daß ich mich unterwinde, so frei mit Ihnen zu sprechen.« »Nein, Erlach, das verüble ich Euch nicht,« erwiderte der Herzog freundlich. »Ich weiß, daß Ihr in guter Gesinnung also redet. Und was Ihr sagt, ist wahr. Ich bin mit meiner Base versprochen seit vielen Jahren, und ich wollte sie heimführen, sobald Breisach gefallen sei. Aber wir liegen nun sechzehn Wochen davor. Ich meinte, ich würde das Nest haben, ehe der September zu Ende wäre; jetzt schreiben wir den neunundzwanzigsien November, und ich habe es noch nicht. Es muß ja bald unser sein, denn die Not drinnen ist schauderhaft. Aber kann ich die Prinzessin zu mir holen lassen in dieser harten Winterszeit? Ich muß nun wieder harren, bis es Frühling ist.« »Ach, dann werden Eure Durchlaucht wohl nur wenig Zeit haben, den Hochzeiter zu spielen, denn dann geht's ins Reich. Der Banér dringt vor auf Prag, und Eure Durchlaucht sehe ich schon auf Wien vordringen.« »Ja, Erlach, wenn mir Frankreich die Mittel dazu gibt! Könnt' ich nach Bayern rücken, an der Donau erscheinen, dem Banér die Hand reichen, den Krieg in des Kaisers Erblande tragen – wahrlich, dann hätten wir im Herbste den Frieden, nach dem die ganze Welt schreit!« In diesem Moment kam ein Reiter die Lagergasse, in der sonst schnelles Reiten untersagt war, im Galopp herangesprengt, parierte sein Pferd dicht vor dem Herzog, salutierte und meldete mit fliegendem Atem: »Fürstliche Gnaden, zwei Parlamentäre aus der Festung sind da! Sie halten vor dem Quartier Eurer Durchlaucht!« »Kommt, Erlach!« rief der Herzog und eilte hastig vorwärts. Sein Antlitz strahlte. Er ahnte, was die beiden bringen würden. Neben zwei unglaublich mageren Gäulen, von denen niemand begriff, wie sie sich selber auf den Beinen halten, geschweige einen Reiter tragen konnten, standen vor dem Feldherrnquartier, einer großen Holzhütte, zwei kaiserliche Offiziere in ernster Unterhaltung mit dem Obristen Wietersheim. Den jüngeren kannte Bernhard nicht; er war, wie sich herausstellte, ein Kapitän Grandmont. Der ältere aber war ein bekannter und geachteter Führer der feindlichen Armee, Obrist Mercy, dem Herzog seit langem wohl bekannt. Er war früher ein Mann von beträchtlichem Leibesumfang und großem Gewicht gewesen und hatte eines besonders schweren Rosses bedurft. Jetzt hatte ihn die dürre Schindmähre hierher getragen, denn seine weinroten Wangen waren gelblich und hager geworden, und die Kleider schlotterten ihm um den Leib. Er bot ein wahres Bild des Mangels dar, der in der Stadt und Festung Breisach herrschte. Er überreichte dem Herzog, als er seiner ansichtig ward, mit einer tiefen Verneigung ein versiegeltes Schreiben. Der Herzog erbrach es, und während er es überflog, funkelten seine Augen auf in Stolz und Freude. Reinach, der kaiserliche Kommandant von Breisach, der bisher trotz der furchtbarsten Not der Besatzung und der Bürgerschaft jede Aufforderung zur Übergabe mit eiserner Unbeugsamkeit abgewiesen hatte, bat, in Kapitulationsverhandlungen eintreten zu dürfen. Dem Herzog hämmerte das Herz in der Brust, und nur mit der allergrößten Mühe gelang es ihm, die überwältigende Freude, die ihn erfüllte, wenigstens soweit zu verbergen, daß sie die tapfern Besiegten, die vor ihm standen, nicht verletzte. Er sprach zunächst kein Wort, knöpfte umständlich seinen Rock auf, steckte das Schreiben in die Brusttasche und knöpfte den Rock wieder zu. Dann sagte er: »Wietersheim, führe die Herren in mein Haus. Sie werden eine kleine Kollation nicht verschmähen, indessen ich noch einen wichtigen Gang zu tun habe. Kommt, Erlach, Ihr begleitet mich!« Als er nach einer halben Stunde wiederkam, stand der Obrist Wietersheim vor dem Zelte und machte ein Gesicht, als habe er ein Wunder geschaut. »Fürstliche Gnaden,« flüsterte er, »es ist kaum zu glauben, was diese Leute gegessen haben: eine ganze Wurst, so lang wie mein Arm, und einen Haufen kaltes Fleisch und einen ganzen Laib Brot. Sie äßen wohl immer noch, wenn wir ihnen mehr gäben.« »Da seht Ihr, Wietersheim,« entgegnete der Herzog, »wie da drin die Offiziere mit den gemeinen Leuten die bittre Not geteilt haben. Da mag sich jeder ein Exempel daran nehmen! Wahrlich, der Graf Reinach ist ein Mann, wie es in der ganzen Armee des Kaisers keinen zweiten gibt. Sein Herr mag ihn für seine übermenschliche Tapferkeit zum Fürsten machen. Am liebsten setzt' ich ihn gefangen und ließ ihn während des Krieges nicht wieder los. Aber er hat's wohl verdient, daß man ihn und seine Leute mit den größten Honneurs abziehen läßt.« Dieses ausgezeichnete Urteil des Herzogs über seinen hartnäckigsten Gegner erfuhr nun allerdings in den nächsten Tagen eine gewaltige Änderung. Da fortwährend die Boten und Parlamentäre hin und her ritten, hörte er manches aus der Stadt, was er kaum für möglich gehalten hätte. Er hatte sich's ja sagen können, daß die Not in Breisach fürchterlich sein müsse, denn von was man da drin gelebt hatte in den letzten Wochen, darüber hatte er sich mit seinen Offizieren oft den Kopf zerbrochen. Wahrscheinlich hatte man erst die Pferde geschlachtet, dann Hunde und Katzen, endlich Ratten und Mäuse verzehrt. Solches war in belagerten Städten schon manchmal vorgekommen. In Breisach aber war der Mangel so furchtbar, daß die Leute sich von Pferde- und Rinderhäuten nährten, und diese Speise war so begehrt, daß ein Stück gekochter Pferdehaut, das nicht größer war als die Fläche einer Hand, mehr als einen Schilling kostete. Die Menschen kratzten den Kalk aus den Mauern, um damit ihren Hunger zu stillen, und aßen sogar die Hufe der geschlachteten Zugtiere, nur um etwas im Leibe zu haben. Wer solche Kost nicht vertrug, mußte sterben. Hunderte gingen zugrunde, besonders unter den Weibern und Kindern hielt der Tod eine schreckliche Ernte. Das Entsetzlichste aber ward erst offenbar, als die weimarischen Gefangenen aus der Stadt entlassen wurden und ins Lager kamen. Ein kleiner Trupp hohläugiger, völlig entkräfteter Menschen, die kaum noch zu gehen vermochten, wankte heran. Der Herzog ließ sofort Brot unter sie verteilen, das sie gierig verschlangen. Dann trat er zu ihnen hinaus und redete sie an. »Wie kommt es,« fragte er, »daß mir der Kommandant nur etwa die Hälfte sendet von denen, die in seiner Hand gehalten sind? Hat er sich etwa an den andern wider alles Kriegsrecht freventlich vergriffen?« »Die andern sind gestorben!« rief eine heisere Stimme aus dem Haufen. »Großer Gott! Hat er euch so schändlich gehalten? Hat er euch nicht Trank und Speise gegeben?« Da trat ein alter Doppelsöldner vor und wickelte ein schmutziges Tuch mit zitternden Händen auf. Eine blutige Leber und eine Menschenhand kamen zum Vorschein. »Das war unsere Speise. Wir haben die gefressen, die vor Ermattung starben.« Der Herzog schrie auf. »Das ist nicht wahr!« »Das ist wohl wahr, Herr! Viele Menschen sind da drin gefressen worden. Auch seine Leute haben Weiber und Kinder gefressen!« Bernhard blickte sich im Kreise seiner Obristen um, die vor Grauen starr dastanden. Sein Antlitz war blaß, und in seinen Augen war ein so schreckliches Funkeln, wie es noch niemand wahrgenommen hatte. »Ihr Herren,« sprach er endlich, als er wieder Worte fand, »Ihr Herren, was dünket Euch? Sollen wir dieser Bestie den Akkord halten, den wir mit ihr geschlossen haben? Mit Tigern und Wölfen kapituliert man nicht. Die schlägt man tot, wenn man sie totschlagen kann. Der Schurke hat den deutschen Namen befleckt. Er verdient den Tod.« »Hängt ihn auf, Fürstliche Gnaden!« riet Wietersheim. »In den Rhein mit ihm!« schrie Oehme, und die andern nickten Beifall. Nur Erlach widersprach. »Der Graf hat eine Tat getan,« sagte er, »die selbst den Türken und Mohren Abscheu einflößen würde. Das ist wahr. Eure Durchlaucht aber haben ihm die Kapitulation beschworen, und Sie sind nicht sein Richter. Gott wird ihn zu finden und zu richten wissen. Ich ließe ihn ziehen, wenn ich an Eurer Durchlaucht Stelle wäre, und gäbe den Feinden nicht den Vorwand, überall auszuschreien, Eure Durchlaucht hätten aus Rachsucht Ihr fürstliches Wort gebrochen.« Die Offiziere murrten, und der Herzog gab zunächst keine Antwort. Er stand mit gesenkter Stirn und geballten Fäusten da; man sah ihm an, daß er einen schweren inneren Kampf durchkämpfte. Endlich sagte er: »Es sei. Ich halte, was ich geschworen habe. Aber ich will das Scheusal mit Augen sehen und ihm noch ein paar Worte in sein Gewissen stoßen. Er zieht nicht auf Rheinschiffen ab, wie er's haben will, er defiliert mit seiner ganzen Mannschaft an mir vorüber!« So geschah's. Wie sehr sich auch Reinach sträubte, persönlich vor dem Sieger zu erscheinen, so mußte er doch in den sauren Apfel beißen. Am andern Morgen ritt Herzog Bernhard zum Eisenberge und stellte sich mit allen seinen Offizieren hoch zu Roß an der Straße auf, die aus der Stadt zum Hafen hinab führte. Die weimarischen Soldaten bildeten links und rechts der Straße Spalier, und bald nahten die besiegten Verteidiger dieser Stadt, die laut der abgeschlossenen Kapitulation mit fliegenden Fahnen, Trommeln und Pfeifen, Ober- und Untergewehr und brennenden Lunten ausziehen durften. Es war ein jammervoller und erschrecklicher Anblick, als die vierhundert Mann, die noch übrig waren, gefolgt von mehreren Hundert bleichen, abgezehrten Weibern, daherwankten. Graf Reinach ritt auf einem mageren Klepper inmitten seiner Schar dahin. Als er des Herzogs ansichtig wurde, ließ er sich aus dem Sattel zur Erde gleiten, nahte sich ihm mit tiefer, oftmals wiederholter Reverenz und küßte ihm die Stiefel. Die Augen wagte er nicht zu ihm aufzuschlagen. »Herr Graf von Reinach,« redete ihn Bernhard an, der finster auf ihn herniederblickte, »ich hätte allen Grund, Euch den Akkord nicht zu halten, Euch auch nicht als einen Kavalier zu behandeln. Ich habe Euch mehrfach angeboten, die Gefangenen auszuwechseln. Ihr aber habt das nicht getan, sondern sie Hungers sterben lassen. Ja, Ihr habt die Lebendigen gezwungen, Tote zu essen, um ihr Leben zu erhalten. Das ist eine unerhörte, schändliche, krudelische Tat, die Ihr nicht einmal vor dem Kaiser verantworten könnt, und die der gerechte Gott nicht ungestraft lassen wird.« Darauf erwiderte Reinach, immer mit gesenktem Blick: »Ich habe von meinem Herrn, dem Kaiser, Befehl erhalten, den Platz zu halten, und das habe ich getan. Was geschehen ist, mag verantworten, wer es befohlen hat. Hätte ich Eurer Durchlaucht die Gefangenen herausgeschickt, so hätten Sie schon vor Wochen gewußt, wie es hier stand, und hätten die Stadt ohne Zweifel mit Sturm genommen.« Der Herzog biß die Zähne zusammen und knirschte. »Wäret Ihr ein Mensch, so hättet Ihr wenigstens alle die Pferde schlachten lassen, die Ihr da mit Euch führt. Aber ich will nicht mit Euch rechten. Irret Euch nicht, Gott läßt sich nicht spotten! Ihm befehle ich die Rache, er wird Euch nicht ungestraft lassen. Denkt daran auf Eurem Totenbette! Und nun geht! Geht und befreit mich von Eurem Anblicke!« Reinach wankte seinen Truppen nach, die inzwischen langsam vorbeigezogen waren. Ihm folgte eine wunderliche Gestalt, ein Mann im schwarzen Kleide, der einen weißen Stab in der Hand hielt. Er glich einem Geistesgestörten, denn er verdrehte, während er sich vorwärts bewegte, in einem fort die Augen, klapperte mit den Zähnen, knickte in die Knie und gebärdete sich ganz und gar unsinnig. Als er den Herzog auf seinem Rosse erblickte, warf er sich der Länge nach zur Erde hin und stöhnte und winselte. »Was ist denn das für ein Mensch?« fragte der Herzog verwundert. »Hat er etwa durch die große Trübsal den Verstand verloren?« »Eure Fürstliche Gnaden,« sagte einer der Deputierten der Bürgerschaft, die inzwischen herangekommen waren, »das ist der erzherzogliche Kanzler Doktor Isaak Volmar.« »Ah! Der wider mich geschrieben und mich einen Bärenhäuter geschimpft hat?« rief der Herzog. »Ihr Herren, was machen wir mit dem?« »Hängen Sie ihn auf, Fürstliche Gnaden!« erklang's in tiefem Baß aus der Mitte der Obristen. Der im Staube Liegende richtete sich mit halbem Leibe auf und ächzte: »Gnade, Gnade, Hochfürstliche Hoheit! Der Teufel hat mir die bösen Schmähreden gegen Sie in die Feder gegeben!« »Derselbe Vogel,« erwiderte der Herzog, »hat sie Euch ins Herz gegeben, daraus sie in die Feder geflossen. Was tun wir mit Euch?« »Hängen Sie ihn auf, Fürstliche Gnaden!« erdröhnte dieselbe Baßstimme wie vorher. »Nein. Ich habe viehische Grausamkeit nicht mit dem Leben gestraft, soll ich böse Worte also strafen? Wenn ich Recht ergehen ließe, Kanzler, so würde freilich der Baum dort Euer Kirchhof.« »Gnade, Gnade!« wimmerte Volmar in den höchsten Tönen. »Ja, Ihr sollt Gnade haben. Macht Euch fort, Reinach nach! Und wißt Ihr etwas von Dankbarkeit, so sorgt dafür, daß Doktor Martin Chemnitz frei wird, der in Regensburg gefangen sitzt.« Der Kanzler, der in Todesangst um sein Leben gebangt hatte, blickte zum Herzog empor, als traue er seinen Worten nicht. Aber als er sah, daß der Fürst ihm ruhig und hoheitsvoll mit der Hand abwinkte, da raffte er sich auf und floh mit so gewaltigen Sprüngen von dannen, daß alles lachte. Jetzt drängten sich die Deputierten der Stadt heran, und der Sprecher der Bürgerschaft begann zu reden. »Weil Eure Fürstliche Gnaden,« sagte er, »die Festung durch Gottes Verhängnis in Ihre Gewalt gebracht –« »Schweigt!« unterbrach ihn Bernhard zornig. »Nicht also müßt ihr reden. Ich habe sie durch Gottes Hilfe und Gottes Beistand. Und nun merket wohl auf, ihr Männer von Breisach! Ich weiß, daß ihr in eurem Herzen kaiserlich seid, und ich verlange nicht, daß ihr eure Gesinnung wechselt wie man einen Handschuh aus- und anzieht. Erst die Zeit kann euch andere Gedanken ins Herz geben. Aber was ich von euch fordere, ist dies: Ihr haltet euch nach dem Eide, den ihr mir nachher schwört, als eurem neuen Herrn. Hütet euch, ihn zu verletzen! Hütet euch vor Intrigen und Umtrieben! Hütet euch, gegen mich und meine Soldaten zu konspirieren! Ihr würdet's schwer büßen müssen. Und nun spart euch alle weiteren Worte! Ich sehe euch an, daß ihr voller Falsch seid. Macht euch fort! Zum Eide werdet ihr gerufen werden.« Die Bürger schlichen beiseite, und der Herzog wandte sich den Seinen zu. »Reitet mit dem blauen Regiment voraus, Wietersheim!« gebot er. »Besetzt die Tore und Wälle, und wenn's neun Uhr schlägt, laßt alle Geschütze donnern und alle Glocken dröhnen. Dann ziehe ich ein in Breisach. Mit Gottes Hilfe hab' ich's gewonnen, Gottes Gnade wolle mir's erhalten!« VIII. Nur kurze Zeit hielt sich Bernhard in dem eroberten Breisach auf. Dem Lande, das er hinfort zu beherrschen dachte, wollte er nicht zumuten, sein Heer den Winter über zu erhalten. So brach er mit seinen Truppen gegen Weihnachten auf und zog das Tal des Doubs hinauf, lenkte dann seinen Marsch hinunter in die reiche Ebene der Franche Comté, die unter spanischer Hoheit stand. Kein Mensch hatte ihn dort erwartet, kein Heer war da, ihm den Einzug zu wehren, und die schwach besetzten Burgen und Städte der Landschaft vermochten ihm nur geringen Widerstand entgegen zu setzen. Er gewann sie mit leichter Mühe, und binnen wenigen Tagen war der ganze reiche Gau in seiner Hand. Riesige Vorräte an Proviant und Munition waren dort aufgestapelt und fielen ihm zur Beute. Zum ersten Male seit langen Jahren durften die weimarischen Kriegssvölker ihre Winterquartiere in einer reichen, durch den Krieg noch wenig heimgesuchten Gegend beziehen, zum ersten Male wieder nach unendlichen Mühen und Strapazen der Ruhe pflegen. Nur der Herzog selber fand hier kein Ausruhen. In seinem Hauptquartier zu Pontarlier ging es so lebhaft zu wie in einem Bienenhause. Kuriere kamen und gingen unaufhörlich, denn der Herzog wurde nach seinem großen Siege von allen kriegführenden Mächten umworben. Der Kaiser setzte jetzt alles daran, ihn zum Frieden zu bewegen, und ließ ihm deshalb einen Vorschlag nach dem andern zugehen. Der schwedische Kanzler, der zurzeit in Hamburg saß und fruchtlose Friedensverhandlungen mit dem Oberhaupt des Reiches führte, schrieb ihm schmeichelhafte Briefe und ermahnte ihn zur Standhaftigkeit, riet ihm auch im tiefsten Vertrauen, sich nicht allzusehr mit Frankreich einzulassen, das es mit ihm nicht ehrlich meine. Der tapfere Banér schickte seine Gesandten und ließ ihn auffordern, im kommenden Sommer mit ihm auf die Erblande des Kaisers vorzustoßen. Der hessische General Melander, nach dem Tode des Landgrafen der Berater seiner Witwe, der Landgräfin Amalie, suchte ihn für den Plan zu gewinnen, einen Bund deutscher Fürsten zu gründen und dieses Bundes oberster Feldherr zu werden. Am allerlebhaftesten aber waren die Verhandlungen mit Paris. Die Nachricht vom Falle Breisachs hatte dort eine unbändige Freude entfesselt. Man hatte in allen Kirchen ein Tedeum singen lassen und ein glänzendes Siegesfest gefeiert, und Richelieu hatte seinem Pater Joseph, der auf dem Totenbette lag und sich eben zum Sterben anschickte, noch ehe er schied, triumphierend in die Ohren geschrien: »Mut, Mut, Herr Pater, Breisach ist unser!« Aber diesem Jubel folgte bald ein großer Schrecken. Denn man erfuhr – zunächst wollte man es gar nicht glauben –, daß der Herzog kurz und scharf die Zumutung abgelehnt hatte, auch französische Truppen in die eroberte Festung einrücken zu lassen. Frankreich habe ihm vertragsmäßig die vorderösterreichischen Lande zugesichert, wenn er sie erobern würde, und also hätte kein französischer Soldat in Breisach und den anderen festen Plätzen etwas zu suchen. Der Kardinal wurde vor Ärger krank, als er sah, daß der Herzog sich ganz wie ein unabhängiger Fürst gebärdete und nicht die Rolle eines französischen Vasallen spielen wollte, die ihm zugedacht war. Es dünkte ihm hochgefährlich, daß da am Rheine in Gebieten, auf die man schon längst mit begehrlichen Blicken hinschielte, sich plötzlich eine neue Macht erhob. Sogleich sandte er einen königlichen Kammerherrn an ihn ab, der ihn mit Schmeicheleien überhäufen und nach Paris einladen mußte. Aber der Herzog hielt den Gesandten lange mit unbestimmten Reden hin und erklärte schließlich sehr kühl, die gegenwärtigen Umstände ließen ihm eine erneute Reise nach Paris untunlich erscheinen. Der Kardinal war wütend und zugleich voll der tiefsten Besorgnis. Er wußte nicht, wo hinaus der Herzog wollte mit seinen Plänen, mißtraute ihm und beargwöhnte alle seine Schritte und hätte ihn am liebsten gar nicht mehr unterstützt. Aber er konnte ihn nicht entbehren, denn wenn sich nicht der Herzog mit den Spaniern und den Kaiserlichen herumschlug, so mußten es die Franzosen selber tun, und da, wo sie es bisher schon hatten tun müssen, waren sie übel genug gefahren. So erlebte denn Erlach, der wieder als des Herzogs Gesandter in Paris weilte, dort sehr wunderliche Zeiten. Den einen Tag suchte man ihm mit Drohungen, den anderen mit Schmeicheleien beizukommen. Endlich wollte man ihn kaufen und bot ihm ein ansehnliches Jahresgehalt an. Er nahm das Geld mit seines Herrn Vorwissen vergnügt lächelnd an, ließ sich aber in keiner Weise irre machen, des Herzogs Interessen wie bisher zu vertreten, und da er ein überaus schlauer Mann war, so fand er ein Mittel, den Kardinal vorübergehend zu täuschen. Er redete ihm vor, die evangelischen Fürsten Deutschlands wollten sich gerade jetzt mit dem Herzog gegen den Kaiser verbinden, und deshalb dürfe der Herzog jetzt nicht französische Truppen in eine deutsche Festung aufnehmen. Er würde sie sonst in ihrem vaterländischen Empfinden verletzen und kopfscheu machen. Später ließe sich ja über die Sache reden. Der Kardinal bewilligte daraufhin wenigstens die größere Hälfte der geforderten Unterstützungsgelder, und Erlach reiste, dieses Zugeständnisses froh, sogleich von Paris ab nach Pontarlier zu seinem Herrn. Aber ein paar Stunden nach Erlachs Abreise sandte Richelieu einen Eilboten an den Marschall Guébriant ab, der zurzeit gleichfalls im herzoglichen Hauptquartier zu Pontarlier weilte. Der Marschall ward von Bernhard geschätzt um seiner Tapferkeit willen; deshalb erschien er dem klugen Priester der geeignete Mann zu sein, den Herzog zu einem absonderlichen Schritte zu bewegen. Da der Kurier vorzüglich beritten war, so kam es, daß er Erlach überholte und fast eine Stunde vor ihm in Pontarlier anlangte. Als Erlach in das Städtchen einritt, ließ er sich sogleich zum Quartier des Herzogs geleiten. Mit Befremden sah er, daß vor dem Hause anstatt eines einfachen Postens ein ganzes Wachpikett aufgestellt war, und seine Verwunderung wuchs, als er auch im Hausflur beim Aufgange der Treppen und oben vor dem Vorzimmer des Herzogs eine Wache bemerkte. »Das ist Befehl Seiner Fürstlichen Gnaden seit vorgestern,« erklärte ihm der wachthabende Lokotenent, der ihn hinaufführte. »Der Herr General wird noch nicht wissen, daß auf Seine Fürstliche Gnaden zwei Mordanfälle verübt worden sind.« Erlach machte eine Bewegung des Schreckens. »Die Hunde haben Seiner Fürstlichen Gnaden nichts anhaben können und sind mit Gottes Hilfe schon gehängt,« fuhr der wackere Krieger fort. »Aber Seine Fürstliche Gnaden sind doch stutzig geworden, zumal sie beständig durch Briefe vor Mordanschlägen gewarnt werden. Und der Dolch des einen Halunken war vergiftet, und um ein Haar hätte die Spitze den Herzog getroffen.« Erlach erblaßte und war so heftig erschrocken, daß er nach dem Treppengeländer faßte, um sich zu stützen. Da trat eben mit schnellen Schritten ein Mann aus dem herzoglichen Vorzimmer heraus, und gleich darauf erklang eine helle Stimme: »Potz Blitz! Das ist der Erlach! Willkommen, Herr Bruder, herzlich willkommen!« Der General sprang die letzten Stufen schnell hinauf und umarmte den Obristen Rosen. »Ein günstiges Omen, daß ich meinen Herrn Bruder als den ersten Bekannten hier treffe,« rief er. Der Obrist war ihm wegen seines frischen, resoluten Wesens und seiner großen Umsicht und Tapferkeit vor Breisach so lieb und wert geworden, daß er beim Siegesbankett Brüderschaft mit ihm getrunken hatte. »Komm herein, mein Herr Bruder!« erwiderte Rosen und zog ihn in das Vorzimmer. »Der Herzog ist noch nicht daheim, er mustert draußen in der Stadt vier Kompagnien Fußknechte, die er neu angeworben hat, und die requirierten Pferde. Er muß aber sogleich zurück sein. Nimm Platz, Herr Bruder!« »Das Donnerwetter!« sagte Erlach sich niederlassend. »Mir ist ein schöner Schreck in die Glieder gefahren. Das sind ja verfluchte Geschichten, die hier passiert sind!« Über das kühne, offene Gesicht des Obristen senkte sich ein tiefer Schatten. »Du meinst, Herr Bruder, die Tat der dreimal gottverfluchten spanischen Halunken? Schlimm, sehr schlimm, aber davor kann Wachsamkeit und Vorsicht schützen. Schlimmer, viel schlimmer, daß der Herzog nicht mehr gesund ist!« »Er ist krank? Was fehlt ihm?« fuhr Erlach auf. »Krank, daß er im Bette liegen müsse, ist er meist nicht,« erwiderte der Obrist bekümmert. »Aber alle acht Tage ergreift ihn ein Fieber, oder eine Ohnmacht wirft ihn nieder. Und eine Unrast ist in ihm – es ist ein Elend! Er schläft die Nacht nur ein paar Stunden, zuweilen gar nicht, und dann nimmt er Medizinen, die ihm Schlaf bringen sollen, und wird dadurch nur kränker.« »Wer gibt ihm diese Medizinen?« fragte Erlach finster. »Der Arzt. Wer sonst?« »Hat er den Blandini noch nicht entlassen?« »Nein. Hatte er das im Willen? Warum?« »Ich will dir's im Vertrauen sagen, mein Herr Bruder: Ich hatt' es ihm geraten, als wir vor Breisach rückten. Und ich traue dem Kerle heute noch nicht. Er könnte ein Judas sein.« Rosen sah ihn starr an. Der Gedanke war ihm offenbar neu und ganz überraschend. Die tiefste Betroffenheit spiegelte sich in seinem Antlitz wider. »Gift?« stotterte er endlich. »Du meinst: Gift?« Erlach nickte. »Höllen Donnerwetter!« schrie Rosen und sprang auf. »Daran habe ich nie gedacht. Das wäre ein Weg, auf dem die Halunken an ihn heran können. Dagegen helfen keine Wachen! Aber was ist da zu tun? Einen Arzt braucht er, wenn er krank ist –« »Aber nicht einen welschen!« fiel ihm Erlach ins Wort. »Nicht einen, dessen Name mit »ini« oder ino« endet. Das ist mir allemal schon verdächtig. Nicht einen, den der Kardinal ihm empfohlen und in seine Nähe gebracht hat. Das ist mir noch verdächtiger.« Rosen sank wieder auf seinen Sitz zurück und blickte düster vor sich hin. »Verflucht!« knurrte er. »Was ist da zu tun? Er traut dem Kerle, und wir haben ja auch nicht den kleinsten Beweis gegen ihn in der Hand. Dabei ist's doch möglich – ich könnte mir wohl denken – der Mensch ist auch mir fatal –« »Rosen!« sagte Erlach bestimmt. ´»Wir beide gelten etwas beim Herzog. Wie wär's, wenn wir morgen um diese Zeit – es muß jetzt in der vierten Nachmittagsstunde sein – vor ihn zusammen hintreten und ihn bäten: Entlassen Sie den Menschen! Ganz gleich, ob er schuldig ist – uns, Ihren Getreuen, zur Beruhigung!« Der Obrist erfaßte erfreut Erlachs Hand. »Das tun wir! Ich meine; er wird auf uns hören!« »Und was sind seine Pläne für den Krieg?« fragte der General nach einer Pause. »Große Pläne hat er. Der Kaiser hat ihn zum Frieden locken wollen, aber er hat nicht auf ihn gehört. Der Projektemann in Hessen, Melander, hat ihm geraten, sich zum Generalissimus eines deutschen Fürstenbundes aufzuwerfen. Er hat ihn abschlägig beschieden. Mit dem Bayer aber möchte er gern zusammen operieren und den Krieg in des Kaisers Erblande tragen.« »Das wäre gut. Das sieht ihm gleich!« warf Erlach ein. »Aber daneben hat er noch ganz andere Pläne. Mein Herr Bruder wird sich darüber verwundern. Ja, ich denke, er wird sich über die Maßen verwundern.« Er machte ein tiefbekümmertes und verlegenes Gesicht und raunte dem General hinter der vorgehaltenen Rechten geheimnisvoll zu: "Der Herzog will in den Stand der Ehe treten!« Erlach kannte Rosens Abneigung gegen die Frauen im allgemeinen und gegen Ehebündnisse im besonderen und lächelte. Die Nachricht erfreute ihn, denn er wußte, daß der Herzog sich längst schon nach Ehe und Familienleben sehnte, und er hatte ihm ja selbst zu dem Schritte geraten. Darum entgegnete er lebhaft: »Warum soll ich mich darob verwundern? Der Herzog ist doch wahrlich alt genug, daß er an so etwas denken kann.« »Ich hätte ihm diese Schwachheit nicht zugetraut. Bei Gott, gerade ihm nicht," sagte Rosen gedrückt. »Nun, er muß doch daran denken, ein Geschlecht zu gründen, wenn er das eroberte Land behalten will. Für wen trägt er denn eigentlich die Kriegsmühen? Für die Söhnlein seiner Herren Brüder? Da wäre er wahrlich ein großer Tor.« »Ja, ja,« erwiderte Rosen verdrießlich. »Die Weiber sind leider unentbehrlich, wenn man eine Familie gründen will. So wollt' ich denn auch, in des Teufels Namen, nichts dagegen sagen, wenn er heiraten würde. Aber jetzt, jetzt sollte er's bleiben lassen. Der Herr ist krank und sollte der Ruhe pflegen. Rippoldsau ist in unserer Hand, nicht minder das Wildbad. Dahin sollte er gehen und sich sechs Wochen lang kurieren. Er bedarf der Ruhe. Statt dessen legt er sich eine junge Frau zu. Das ist sehr schädlich, sehr schädlich!« »Ist sie hier in der Stadt?« fragte Erlach neugierig. »Nein, sie kommt auch nicht her. Er hat sie nach Breisach entboten. Vor drei Wochen hat er Rotenhan nach Thüringen geschickt, der soll sie holen. Er bringt auch gleich ein halbes Regiment Reiter mit, das wir in Thüringen geworben haben. Das ist das Beste an der Sache – –« In diesem Augenblick wurde das Gespräch der beiden unterbrochen durch den Herzog, der, gefolgt von dem französischen Marschall Guébriant, ins Zimmer trat. Erlach erschrak, als er seinen Herrn nach etwa dreimonatlicher Abwesenheit wiedersah. Rosen hatte ihm, das bemerkte er auf der Stelle, nicht zu viel gesagt über den ungünstigen Stand seiner Gesundheit. Die Haut seines Antlitzes war blaß und durchsichtig, die großen, hellen Augen lagen tief in ihren Höhlen. Sie glänzten zwar wie immer, aber es war etwas Fieberhaftes in ihrem Glanze. Er stutzte, als er seinen Vertrauten so unerwartet in seinem Vorzimmer sah. Dann trat er rasch und freudig erregt auf ihn zu und streckte ihm die Rechte entgegen. »Ihr hier, Erlach? Gott zum Gruße!« Er sah ihm mit einem forschenden Blick in die Augen, und Erlach verstand die Frage. »Viel erreicht!« flüsterte er ihm zu. Über das Antlitz des Herzogs fuhr ein heller Schein, und er nickte dem General freudig zu. Dann sagte er laut: »Wir reden nachher. Zuvörderst muß ich diesen Herrn abfertigen. Ich bitte den Herrn Marschall, hier einzutreten.« Er öffnete selbst die Tür und ließ den Franzosen vor sich her gehen. Da ein Fürst dieses Recht des Vortrittes sonst nur Besuchern fürstlichen Geblütes einräumte, fühlte sich Guébriant äußerst geschmeichelt durch die besondere Courtoisie und tänzelte rasch in das Zimmer hinein. Er sah infolgedessen nicht, daß der Herzog sich schnell umdrehte und gegen Rosen eine rasche Handbewegung machte, deren Sinn Erlach nicht verstand. »Was wollte der Herr von dir?« fragte er erstaunt, als sich die Tür hinter dem Herzog geschlossen hatte. »Das wird mein Herr Bruder gleich sehen,« erwiderte der Obrist geheimnisvoll und fuhr dann halblaut fort: »Der Herzog will Zeugen haben, wenn er sich mit einem Franzosen unterredet. Denn diese Kerle verdrehen jedem ehrlichen Manne die Worte im Mund und streuen lauter Lügen aus. Die Zeugen sollen wir jetzt sein; ich bin es schon zum dritten Male. Der Herr Bruder sehe hierher. Es ist hier eine Tür in der Wand. Dreht man sie auf, es ist nur ein kleiner Druck auf eine Feder nötig, so hört man jeden Diskurs, der da drinnen geführt wird, es sei denn, daß die Leute leise reden.« »Das ist ja des Teufels!« sagte Erlach. »Das hat der Herzog anbringen lassen? So etwas sieht ihm doch gar nicht ähnlich.« »Gott bewahre. Das haben wir vorgefunden. Der frühere Bewohner des Hauses war ein eifersüchtiger Ehemann, der belauschte hier durch die Wand seine Frau. Aber still! Sie reden schon da drüben.« »Nun, so tragt mir diesen ersten Punkt Eurer Instruktion vor, Herr Marschall," hörten sie den Herzog mit lauter Stimme sagen. Der Franzose hüstelte und erwiderte dann so leise, daß er im Nebenzimmer kaum zu verstehen war: »Die Majestät sieht wohl ein, daß Eure Durchlaucht Rücksicht nehmen müssen auf die deutschen Fürsten, die Ihnen zufallen sollen, wenn Sie demnächst ins Reich einrücken. Sie besteht deshalb nicht darauf, daß Sie französische Besatzungen in die eroberten Festungen einnehmen.« »Vortrefflich! warf der Herzog ein. »Dagegen wünscht die Majestät, daß Sie schriftlich erklären – für jetzt insgeheim –, Breisach unter der Oberhoheit des Königs von Frankreich zu besitzen, und daß Sie ihm weiterhin versprechen, die Stadt nie ohne Einwilligung meines erhabenen Souveräns aus der Hand zu geben oder mit fremden Truppen besetzen zu lassen. Eure Durchlaucht werden gestehen müssen, daß der König sich mit sehr wenigem begnügt.« Der Herzog fuhr auf. Der Stuhl, auf dem er gesessen hatte, fiel polternd zur Erde. »Wie?« rief er zornig, "das nennen Sie wenig? Was könnte man denn mehr von mir verlangen? Heißt das nicht, von einem tugendhaften Mädchen seine Keuschheit, von einem rechtschaffenen Manne seine Ehre fordern? Will man mich denn zum Sklaven machen? Mich, der ich das Schwert stets nur zum Schutze meiner Freiheit gezogen habe? Der König hat mir vertragsmäßig das Elsaß gegeben, und ich habe ihm dafür treu gedient. Ich habe ihm den Feind aus dem Lande gejagt, habe mein Blut für ihn vergossen und meine Armee geopfert, so daß man über mich gespottet hat, als käme ich nicht mehr in Betracht. Und jetzt, da ich dem Glücke und der eigenen Anstrengung wieder einige Erfolge verdanke, will man mich ihrer berauben?« »Aber wie kann Eure Durchlaucht so sprechen!« erwiderte der Marschall. »Was wird denn von Ihnen verlangt? Ein Stück Papier, wogegen Sie die Festungen behalten. Sie haben also die Sache, der König begnügt sich mit dem Schatten!« Der Herzog lachte laut auf. »Man würde, wenn nicht jetzt, so doch später, auf seinem Scheine zu bestehen wissen, und dann würde das Stück Papier eine feste Kette für mich werden. Ich kenne Ihren Hof. Ich kenne die französische Art, Gimpel zu fangen. Ich gehe nicht auf den Leim, mein Herr Marschall.« Einen Augenblick herrschte Schweigen. Dann begann Guébriant von neuem: »Eure Durchlaucht haben doch so viele Wohltaten von Frankreich empfangen, daß Sie sich nicht dem Vorwurfe der Undankbarkeit aussetzen sollten!« »Schweigt!« rief der Herzog. »Frankreich hat mich unterstützt, weil es mich brauchte, wie das liebe Brot. Ich habe seine Feinde abgewehrt von seinen Grenzen, dafür hat es mir Geld gegeben. Wenig Geld, Herr Marschall.« »Aber wollen Eure Durchlaucht leugnen,« fuhr der hartnäckige Guébriant fort, »daß Sie das Elsaß niemals hätten erobern können ohne unsere Hilfe? Weshalb wollen Sie also dem Könige nicht einen so kleinen Beweis der Erkenntlichkeit geben?« »Weil ich niemals den Vorwurf ertragen würde, der erste gewesen zu sein, der das deutsche Reich zerstückelte.« »Wer mutet Eurer Durchlaucht das zu? Elsaß und Breisach gehören dem Kaiser nicht, weil er Kaiser ist, sondern als österreichischer Hausbesitz. Und könnten Eure Durchlaucht –« hier dämpfte der Franzose die Stimme, so daß er nur schwer verständlich war – »nicht selbst die Kaiserkrone erringen? Der König würde Ihnen sicher dazu behilflich sein. Sie führen in Paris den Beinamen »Der deutsche Herzog‹. Könnten Sie nicht zum Herzog der Deutschen werden? Wenn Sie den Habsburger mit unserer Hilfe besiegen, so wird Ihnen der König dazu verhelfen, daß Sie an seine Stelle kommen. Nur nominell, bedenke Eure Durchlaucht, nur nominell sollen Sie Frankreich die Oberhoheit über Breisach einräumen.« Wieder ein längeres Schweigen. Dann sagte der Herzog kühl: »Sind diese Gedanken in Eurem eigenen Kopfe gewachsen, Herr Marschall, oder hat sie jemand anders dahin eingepflanzt?« »Ich bin beauftragt von Seiner Eminenz dem Herrn Kardinal, das Eurer Durchlaucht anzubieten!« »So, so! Nun, der Herr Kardinal meint es ja gut mit mir und ist ein Mann von wahrer Toleranz, daß er dem Ketzerherzog auf den Thron der Ferdinande helfen will. Aber wir wollen fürs erste von dieser Utopie absehen. Zunächst will ich meine Pflichten gegen das Reich als deutscher Fürst erfüllen. Weder nominell noch in Wirklichkeit liefere ich ein Stück deutschen Landes an Frankreich aus oder an irgendeine andere Macht. Ich will dem Könige im Felde gute Dienste tun, aber Breisach bekommt er nicht!« »Eure Durchlaucht! Herr Herzog!« rief Guébriant aufgeregt. »Besinnen Sie sich! Soll das Ihr letztes Wort sein?« »Mein letztes, Herr Marschall!« »So vergönnen Sie mir noch eine persönliche Warnung, Herr Herzog. Es ist nicht wohlgetan, die Eminenz zu reizen. Seine Feindschaft hat noch jedem Verderben gebracht.« »Wie?« rief der Herzog verächtlich. »Sie wollen mich in Furcht setzen? Mich, der ich dem Tode so oft ins Auge geblickt habe? Mit wem verwechseln Sie mich, Herr Marschall? Wahrscheinlich mit einem Kammerherrn Ihres Königs!« »Ich bitte um Verzeihung, wenn ich Sie durch meine Warnung gekränkt habe, und bitte Eure Durchlaucht, mich zu entlassen.« »Adieu, Herr Marschall. Und wenn die Majestät meine Antwort schriftlich zu haben wünscht, so will ich mich dessen nicht weigern.« »Das wird kaum nötig sein,« erwiderte der Franzose, und etwas wie Hohn klang durch seine Stimme. Gleich darauf näherten sich seine Schritte der Tür. Rosen warf den Wandschrank zu und sprang ans Fenster, wo er angelegentlich hinausschaute. Erlach dagegen blieb auf seinem Platze stehen und ließ den Marschall an sich vorübergehen. Der Franzose machte ihm dabei eine tadellose Verbeugung und versuchte zu lächeln, aber dieses Lächeln wurde zu einer abscheulichen Grimasse. Erst etwa eine Viertelstunde später erschien der Herzog in der Tür. Er war noch bleicher als vorhin, und auf seiner Stirn standen dicke Schweißtropfen. »Erlach,« sagte er, »ich kann jetzt nicht mit Euch verhandeln, beim besten Willen nicht. Kommt in zwei Stunden wieder. Oder nein, kommt morgen früh. Ich brauche Ruhe, Ruhe, bin total erschöpft.« Er winkte ihm freundlich mit der Hand und zog sich zurück. Schmerzlich betroffen schaute ihm der General nach. »Du hast recht, Herr Bruder. Er ist krank, recht krank. Gott gebe, daß er bald wieder gesund werde!« »Ja, das gebe Gott!» sagte Rosen. IX. Als der Morgen des folgenden Tages heraufgraute, lag Obrist Rosen in einem sehr erfreulichen Traume. Es träumte ihm, er spielte mit seinen beiden Kameraden Rotenhan und Schönbeck ein französisches Kartenspiel. Alle Trümpfe waren in seiner Hand, die andern konnten auch nicht den kleinsten Stich machen. Er blickte triumphierend umher und wollte eben die Karten auf den Tisch legen, um den beiden ihre Ohnmacht zu beweisen. Da faßte ihn eine kräftige Hand am Oberarm und rüttelte ihn, so daß der schöne Traum im Nu von dannen floh. Mit einem wilden Fluche fuhr er empor und blickte schlaftrunken um sich. Er erkannte Erlach, der in sein Schlafzimmer gedrungen war und, ein Licht in der Hand haltend, vor seinem Bette stand. Sofort war er ganz wach, denn das Gesicht des Generals weissagte ihm nichts Gutes. »Was ist geschehen?« rief er erschrocken. »Der Teufel hat uns ein Ei ins Nest gelegt,« erwiderte Erlach. »Der Herzog ist sehr krank, liegt im Fieber, kennt niemanden!« Rosen antwortete nur durch ein langes Stöhnen. Dann sagte er, hilflos um sich blickend: »Er wird doch nicht sterben?« »So weit ist es hoffentlich noch nicht.« »Wer ist bei ihm?« »Oehme und der deutsche Arzt, Doktor Schmidt.« »Nicht der Blandini?« »Der ist fort!« rief Erlach grimmig. »Wie? Fort? Wohin denn?« »Ja, wenn ich das wüßte! Wahrscheinlich zu seinem Meister, dem Kardinal.« »Mein Herr Bruder redet in Rätseln.« »Nun, ich will dir die Erklärung geben. Ich sah ihn gestern abend, als ich noch einen Rundgang machte, aus dem Hause des Marschalls treten. Ich ging mit einem Blicke an ihm vorüber, der ihn wohl stutzig gemacht hatte. In der Nacht weckt man mich und holt mich zum Herzog. Da steht der Kerl wieder da mit einer Medizinflasche in der Hand. Ich sehe ihn scharf an, er verfärbt sich, geht hinaus. Kurz darauf kommt der Herzog für ein paar Augenblicke zur Besinnung, erkennt mich und flüstert: »Erlach, mich Bernds in den Eingeweiden – sollt' ich Gift haben?« Dann schließt er die Augen und liegt da wie ein Toter. Ich, voller Wut, gebe den Befehl, den Blandini zu verhaften. Aber siehe da – er ist nirgends zu finden. Die eine Wache hat einen Menschen über die Mauer wischen sehen. Das wird er wohl gewesen sein.« »Und du meinst, Herr Bruder, er habe dem Herzog Gift gegeben?« »Der Doktor Schmidt hat einem Hunde ein paar Löffel von der Medizin gegeben. Sie haben ihm nichts geschadet. Darauf hat sie der Doktor selbst gekostet. Er sagte, es sei eine Medizin, durch die man die Kolik vertreibe, nicht das Gallenfieber, das der Herzog hat. Einem gesunden Menschen schade sie wenig, einem kranken aber könne sie sehr schädlich sein.« »Das ist ja ein ganz niederträchtiges Bubenstück!« rief Rosen und fuhr in seine Strümpfe. »Ohne daß man einem Menschen geradezu Gift gibt, vergiftet man ihn doch. Auf solche Gedanken verfällt nur ein welsches Gemüt.« »Ja, in diesen Dingen ist der deutsche Geist dem welschen nicht gleichzumachen. Mit Gift und Dolch und aller Hinterlist wissen sie besser umzugehen als wir. Dessen wollen wir uns freuen, Rosen. – Aber was ist das? Wer spricht da draußen? Das ist doch Rehlingers Stimme?« Er stieß die Tür auf und trat rasch in das Vorgemach hinaus. »Ihr hier, Herr Kanzler? Sucht Ihr mich?« »Ja, ich suche Euch, Herr General. Der Herzog ist erwacht und verlangt nach Euch,« erwiderte in unverfälschtem schwäbischen Dialekt der untersetzte Mann mit dem breiten, aber klugen Gesicht, der vor der Tür mit dem Diener Rosens verhandelte. »Der Mensch hier wollte mich nicht zu Euch lassen.« »Wahrscheinlich, weil sein Herr noch nicht angezogen ist. – Aber was sagt Ihr? Der Herzog verlangt mich zu sprechen? Vorhin, als ich an seinem Lager stand, erkannte er mich nicht.« »Es scheint eine schnelle Besserung im Befinden des Herrn eingetreten zu sein,« antwortete Ulrich Rehlinger. »Kommt schnell mit. Er ist, wie Kranke sind, etwas ungeduldig.« Eine Minute später stand Erlach vor dem Bette des Herzogs. Der hatte sich aufgerichtet und streckte ihm die Hand entgegen. Diese Hand war weiß und schmal und zitterte heftig, und seine Augen glühten wie die eines Fieberkranken. »Ich habe Euch rufen lassen, Erlach,« sagte er, »weil ich will, daß das Heer sofort nach dem Rhein aufbricht. Bei Neuenburg gehen wir über. Ich habe mich entschieden. Ich führe mein Heer ins Reich und schließe mich den Schweden an. Der Banér ist ein grober Geselle, aber ein Mann, dessen Wort noch gelten kann.« Damit sank er wieder in das Kissen zurück und verlor von neuem das Bewußtsein. Erlach ließ sich auf einen kleinen Sessel dicht neben seinem Lager nieder und saß dort, den Kranken unverwandt anblickend, in trübem Schweigen. Endlich wandte er den Blick von ihm ab und bemerkte den Arzt, der am Fußende des Bettes stand und den Herzog ebenso düster anstarrte wie er selbst. »Könnt Ihr dem Herzog nichts geben, was ihm hilft?« fragte er flüsternd. Der Doktor zuckte die Achseln. »Meine Kunst versagt hier.« »Meint Ihr, daß er Gift erhalten hat?« fragte Erlach in demselben Tone weiter. »Ich weiß es nicht. Er selber ist der Meinung. Wie ich Euch schon sagte, Herr: er hat eine falsche Medizin erhalten. Ob ihm daneben noch etwas anderes eingeflößt ist – wer kann's sagen?« Erlach fiel wieder in sein Schweigen zurück und faßte die Hand des Kranken, die unruhig in der seinen zuckte. Die Sonne war inzwischen völlig in die Höhe gestiegen und erfüllte das Gemach mit hellem Glanze. Das Leben in dem Städtchen war erwacht. Von der Gasse herauf ertönten die Stimmen der Soldaten, die vor sich hinpfeifend oder singend mit ihren Pferden zur Tränke zogen oder lachend und schwatzend mit ihren Weibern vor den Türen der Häuser standen. Auch Kindergeschrei ward vernehmbar, die wilde Brut des Krieges balgte sich mit den Spatzen um die Wette im Straßenstaube. Mit einem Male aber wurde das alles übertönt durchs einen kräftigen Gesang, der rasch näher kam. Reiter waren durch das Tor eingerückt, zogen die Straße herauf und bogen nun um die Ecke, und Erlach, der ans Fenster getreten war, erkannte an ihrer Spitze den Freiherrn von Rotenhan, den der Herzog vor einiger Zeit nach Thüringen gesandt hatte. Er kehrte zurück mit dem dort geworbenen Volke, war höchstwahrscheinlich am gestrigen Abend durch die hereinbrechende Nacht verhindert worden, Pontarlier noch zu erreichen, und wollte nun am frühen Morgen dem Herzog die Truppen, die er mitbrachte, vor die Augen führen. Seine Reiter sangen kein Schlachtenlied, auch nicht eines der frechen Liebeslieder, die in allen Lagern erklangen, sondern sie sangen die uralte Volksweise: Es stand eine Lind' im tiefen Tal, War unten breit und oben schmal. Der lange Obrist drunten auf seinem schweren Pferd« erkannte den General oben am Fenster und machte ihm seine Reverenz. Erlach winkte mit der Hand und wollte eben das Fenster öffnen, als ein schwacher Ruf vom Bette des Kranken her sein Ohr erreichte. Der Herzog lag mit weit geöffneten Augen da, und ein wunderbares Lächeln erglänzte auf seinem blassen, eingefallenen Antlitz. Das Bewußtsein war ihm offenbar noch nicht zurückgekehrt, denn er sprach halblaut abgerissene Sätze vor sich hin, von denen Erlach nur die Worte verstand – »singt meine Mutter? – o wie lange ist's her – und nun wieder« – – und als der Gesang unten verhallte, richtete er sich jählings auf und streckte den Kopf vor, als ob er angestrengt lausche; und dann verwundert im Kreise umherblickend, fragte er: »Was war das? War ich daheim? Dieses Lied sang meine Mutter vor Jahren, als ich ein Knabe war und auf ihren Knien saß. Und nun – wer singt es hier?« »Herr,« erwiderte Erlach, der nur mühsam seine Bewegung niederzwang, »die Reiter haben's gesungen, die Obrist Rotenhan eben aus Thüringen hergeführt hat. Sie halten unten vor dem Hause.« Des Herzogs Augen leuchteten auf. »Der Rotenhan ist da? Und seine Reiter kommen mit den alten Liedern aus der Heimat? Bringt ihn sogleich her zu mir!« Der Befehl war leicht zu vollziehen, denn der schwere Schritt des Obristen polterte bereits die Treppe empor. Als er ins Zimmer trat und den Herzog erblickte, blieb ihm das Wort, mit dem er seinen Herrn begrüßen wollte, in der Kehle stecken, und wie entgeistert starrte er nach dem Lager hin. Erlach machte ihm unwillkürlich ein Zeichen, daß er seine Gefühle etwas weniger deutlich zur Schau tragen möchte, aber der Obrist verstand es nicht und hätte es auch gar nicht über sich vermocht, einen großen Schrecken unter einem höflichen Lächeln zu verbergen, denn die Künste der Verstellung waren dem wackeren Freiherrn aus Thüringen zeit seines Lebens fremd geblieben. Der Herzog bemerkte wohl, was in der Brust seines Getreuen vorging, und fragte mit einem schmerzlichen Lächeln: »Nun, Rotenhan, du findest mich wohl sehr verändert?« Da füllten sich die runden blauen Augen des riesenhaften Mannes mit großen Tränen, und er schlug mit der rechten Hand auf seine breite Brust, daß es dröhnte. »Ja, Fürstliche Gnaden. Das mag der Teufel leugnen. Eure Fürstliche Gnaden sind sehr krank! Sie sehen aus, als hätten Sie Gift und Operment eingenommen.« »Damit bist du vielleicht der Wahrheit sehr nahe,« erwiderte der Herzog. Der Freiherr erblaßte und wurde gleich darauf blaurot. »Wer?« schrie er, und seine Hand fuhr nach dem Schwerte. »Wer weiß das, lieber Rotenhan? Ich habe so viele Feinde, und alle sind Schurken. Vielleicht ward es in Rom ausgeheckt, vielleicht auch in Madrid oder in Paris, mich wegzuräumen. In Wien und München sicher nicht, denn der Kaiser und der Bayernfürst sind zwar meine Feinde, aber sie sind Deutsche und Ehrenmänner. Auch wann mir's beigebracht ist, vor wie langer Zeit schon – wer kann das sagen? Sie brauen ja in Welschland und Hispanien Tränklein, die erst nach Monaten zum Tode führen. Beten wir, daß Gottes Gnade die Tücke der Gottlosen noch einmal zuschanden mache. Er, der Allmächtige, vermag alles. Und nun, Rotenhan – die Reiter bringst du also mit. Wie ist dir's sonst geglückt? Hast du getan und tun können, was ich dir aufgetragen habe?« »Jawohl, Fürstliche Gnaden. Ich habe Ihre Fürstliche Gnaden die Prinzessin Kunigunde nach Breisach geleitet, wie Sie angeordnet und befohlen haben.« »Das ist gut, Rotenhan, das danke ich dir!« sprach der Herzog und streckte ihm die Hand hin. Dann sprach er vor sich hin, als redete er für sich selber: »Wenn's Gott nicht will, daß wir zusammen leben, so soll sie doch zum wenigsten noch meinen Namen tragen.« Dann saß er lange in sich versunken da und blickte sinnend vor sich nieder, und es war eine tiefe Stille in dem Gemache. Plötzlich fuhr er auf und richtete den Blick fest auf Erlachs Gesicht. »Wir marschieren noch heute. Auf nach dem Rheine! Und ein Kurier geht sofort nach Breisach und entbietet sie nach Neuenburg. Bringt mir Tinte und Feder und Papier, daß ich ein paar Zeilen an sie schreiben kann!« – »Der Herzog sieht nicht aus wie ein Hochzeiter!« sagte Erlach düster, als er einige Minuten später mit Rotenhan die Treppe hinunterschritt. »Nein, bei Gott nicht!« gab der zurück. »Er sieht aus wie einer, der mit dem Tode Hochzeit halten soll. Ich möchte mit unserm Doktor Luther sagen: Wie hat der Teufel dieses Organon geschändet! Die verfluchten Spanier!« Erlach blieb verwundert stehen. »Ihr meint, spanisches Gift sei ihm gegeben?« »Das meine ich. Schon vor vier Wochen zeigte er mir einen Brief aus Venedig, der ihn vor spanischem Gift warnte, und einen Brief von Georg Jenatsch aus Graubünden, der auch von spanischen Mordanschlägen sprach.« Erlach machte eine abweisende Bewegung. »Ich fürchte eher, es ist die Rache des Kardinals, die im Finstern an ihn herangeschlichen ist. Gestern Nachmittag hatte er dem Marschall Guébriant kurz und klar verweigert, Breisach und das Elsaß als französisches Lehn zu nehmen. In der Nacht wird er totkrank, und sein Arzt verschwindet. Das gibt mir genug zudenken!« »Erlaubt!« erwiderte Rotenhan. »Da müßte ja einer auf den Flügeln des Teufels hin und her geflogen sein zwischen diesem Städtlein und Paris, um die Botschaft hin und her zu tragen.« »Ach, lieber Rotenhan, das kann alles ein schon vorher abgekartet Spiel sein. Wenn der Arzt erfuhr, daß der Herzog sich wider Frankreich auflehnte, so sollte er ihn aus dem Wege räumen. Die Order kann er schon lange erhalten haben. Der Kardinal ist vorsorglich und blickt weit voraus. Und hat er nicht den größten Vorteil, wenn der Herzog stirbt? Er gewinnt damit für Frankreich ein Heer und ein erobertes Land mit den stärksten Festungen der Welt.« »Was? Ihr meint doch nicht, daß wir französisch werden sollen?« rief der Freiherr erschrocken und entrüstet. »Ach, Rotenhan, wie wäre das zu hindern? Das Volk läuft dem zu, der am besten zahlt. Schweden ist fern und hat kein Geld. Die Brüder des Herzogs sind Friedensfürsten und haben sich mit dem Kaiser vertragen und haben auch kein Geld, sind auch keine Feldherren. Was soll werden? Frankreich hat das meiste Geld und wird den gemeinen Mann dadurch zu gewinnen wissen, und wir müssen folgen, sonst sind wir Obristen und Generale gewesen!« Rotenhan hob beide Hände zum Himmel empor. »Herr Gott!« betete er mit starker Stimme, »laß den Herzog nicht sterben! Hilf, daß er am Leben bleibt und bald geneset, und daß ich als deutscher Edelmann auch fürderhin unter seinen Fahnen kämpfen kann!« Dieses Gebet des tapferen Kriegsmannes schien eine ganz wunderbare Erhörung zu finden, denn der Herzog erholte sich im Laufe des Tages zusehends. Er mußte zwar zunächst noch in einer Kutsche fahrend dem Zuge der Truppen folgen, aber schon tags darauf erschien er wieder hoch zu Roß inmitten seiner jubelnden Soldaten. Die Macht der Krankheit schien gebrochen zu sein; er war noch etwas bleich und redete wenig, aber die besten Hoffnungen auf baldige Genesung erfüllten sein Herz, und als er in Pfört den Entschluß kundgab, die Hüninger Schanzwerke besichtigen zu wollen, während die Truppen in Neuenburg einrücken sollten, da sagte Rotenhan zu Erlach: »Unser Herr hat sich wieder herausgemacht. Gott hat nicht gewollt, daß der Teufel sein Werk an ihm vollende. Ihm sei Preis und Ehre!« Er bat sich auch aus, seinen Herrn als Führer von ein paar Reiterfähnlein begleiten zu dürfen, und suchte ihm unterwegs die Zeit zu vertreiben und das Gemüt zu erheitern, indem er ihm allerlei Schnurren und Reiterspäße vortrug, deren er eine ganze Anzahl in seinem Gedächtnis bewahrte. Der Herzog hörte sie mit ruhigem Lächeln an und lenkte das Gespräch gar bald auf die thüringische Heimat, die Rotenhan eben besucht hatte, ließ sich von seinen Brüdern erzählen und von ihren Kindern und fragte so interessiert nach allen möglichen Personen und Begebenheiten, daß Rotenhan sich von Herzen darüber freute und ihn für fast genesen ansah. Aber in Hüningen wurde er aufs grausamste enttäuscht. Denn kaum war der biedere Freiherr nach einem nicht eben kleinen Abendtrunke in den Schlaf des Gerechten gesunken, so wurde er unsanft geweckt mit der Nachricht, her Herzog liege im Sterben. Das war nun freilich ein falsches Gerücht, aber fast zwei Stunden lang lag er wie leblos da, und als er endlich erwachte, wurde er von furchtbaren Fieberschauern geschüttelt, die die ganze Nacht hindurch anhielten. Erst als die Sonne aufstieg, ließen sie nach, und nachdem er eine Stunde geschlafen hatte, verlangte er, sogleich zu seinen Truppen gefahren zu werden. Man suchte ihm das zunächst auszureden, aber er blieb eigensinnig dabei, und da er es heftiger und heftiger gebot, so mußte man ihm den Willen tun. So wurde er denn auf ein Rheinschiff getragen und saß dort in einem breiten Lehnstuhle mitten auf dem schmalen Verdeck. Sein Haupt lag tief in den Kissen, und eine warme Wolldecke umhüllte ihn, denn ihn fror, obwohl eine glühende Hitze über den Wassern lagerte. Leise und langsam glitt das Schiff zu Tal. Rotenhan, der seitwärts auf einer niedrigen Schifferbank kauerte, verwandte kaum einen Blick von seinem Herrn. Er hatte im Laufe seines Lebens viele Hundert Menschen sterben sehen und wußte, daß dieses Angesicht vom Tode gezeichnet war. Der Kranke lag zunächst ganz still da, aber nach einer Weile drehte er sein Haupt um und sah den Obristen an. Dann kamen Worte aus seinem Munde, die Rotenhan nicht verstand, und endlich Sätze, von denen er nicht wußte, ob sie zu ihm gesprochen waren, oder ob der Herzog wähnte, zu einem andern zu reden. »Das ist das Ende,« hörte er ihn sagen, – »nun, wie du willst, mein Gott, ich bin bereit – aber was ist die Frucht meines Lebens, die da bleibt? – – ich habe für die deutsche Freiheit gekämpft und ihren Feinden schwere Wunden geschlagen – wird sie errungen werden? – wird dieses Land dem Reiche entfremdet werden – wird Frankreich, das mich verraten hat, die Ernte meiner Siege einheimsen?« – – »Herr,« sagte Rotenhan, der vor Kummer und Bewegung kaum zu reden vermochte, »wenn Gott es so mit Ihnen beschlossen hat, und Sie meinen, so werden wir alles tun, das Elsaß dem Reiche zu erhalten.« Der Herzog nickte ihm freundlich zu, aber er antwortete nichts und schloß gleich darauf die Augen. So verharrte er stundenlang, und Rotenhan wußte nicht, ob er schlief oder wachte. Als das Schiff in Neuenburg anlegte, stand eine riesige Menschenmenge am Ufer. Reiter waren vorangeeilt, um des Herzogs Ankunft zu melden, und im Lager hatte sich das Gerücht verbreitet, er käme als Toter zurück. Darum war das ganze Heer an das Ufer gelaufen, ohne Ordnung und Befehl, und stand nun in dichter Reihe dort, die Leiche zu erwarten. Als der Herzog das sah, kam Leben in seine zusammengesunkene Gestalt. Seine Augen blickten freudig auf die Soldaten hin, und er hob grüßend die Hand. Da erhob sich ein betäubendes Freudengeschrei von allen Seiten. Aber als der Lehnstuhl des Herzogs ans Land getragen wurde, verstummte es gar bald und wich einer beklemmenden Stille. Jeder sah es: der bleiche Mann, der da in den Kissen lag, war zwar noch nicht tot, aber er war ein Sterbender. Lautlos teilte sich der Haufe, um den Trägern Platz zu machen. Da trat plötzlich ein alter Unteroffizier aus der Reihe gerade in die Gasse vor den Fürsten hin. »Gnädiger Herr!« rief er, »ist mir ein Wort vergönnt?« »Sprich, Hans Greiner aus Eisenach,« erwiderte der Herzog mit müder, aber freundlicher Stimme. »Gnädiger Herr, Sie werden wohl sterben müssen,« begann der Alte ohne Umschweife. – »Es wird wohl so des Herrn Wille sein,« sagte der Herzog. »Weiß Gott, ich möchte darum heulen wie ein altes Weib,« fuhr der Soldat fort. »Aber es ist nicht Zeit dazu. Wir müssen Sie noch etwas fragen, Herr. Es gehen Leute im Lager umher, die bieten Offizieren und Unteroffizieren Geld, daß sie zu Frankreich schwören sollen, wenn Sie tot sind.« »Sie können meinen Tod nicht erwarten,« murmelte der Herzog. »Ich habe einem solchen Kerl seinen Taler ins Gesicht geschmissen! Denn Sie können doch nicht wollen, daß wir französisch werden. Wir sind deutsche Knechte und wollen nicht unter den vermaledeiten Franzosen stehen. Befehlt, Herr, wem wir nach Ihnen gehorchen sollen!« Er schwieg, und einen Augenblick war's stille. Dann aber brach es von allen Seiten los: »Ja, er hat recht! Wir wollen nicht französisch werden! Wir wollen deutsch bleiben!« Schon während der Rede des Alten, noch mehr aber während dieses Geschreies war mit dem Herzog eine wunderbare Veränderung vor sich gegangen. Das Blut war ihm in die Wangen getreten, seine Augen leuchteten auf, und als wäre er plötzlich genesen, erhob er sich und rief mit einer Stimme, die weithin vernehmbar war: »Meine deutschen Völker! Ich danke euch! Es war meine größte Sorge, daß euch das französische Geld betören würde. Hört meinen letzten Willen: Ihr wendet euch, wenn ich nicht mehr bin, an einen meiner Brüder, ob sie euch führen wollen. Lehnen sie ab, so ziehet den Schweden zu, denn sie sind doch wenigstens unseres Stammes und Glaubens. Und sehet darauf, daß diese Länder dem Reiche erhalten bleiben, und denkt allezeit, wie heute, daran, daß ihr Deutsche seid! Wer nach meinen Worten tut, der sei gesegnet! Lebet wohl!« Er sank zurück, denn eine neue Ohnmacht überkam ihn, und in tiefem Schweigen geleitete ihn das Heer in die Stadt. Am andern Morgen in der Frühe standen an dem Uferplatze vor Neuenburg, wo die Schiffe anzulegen pflegten, zwei Männer wohl eine Stunde lang, ohne ein Wort miteinander zu reden, während in gemessener Entfernung von ihnen Knechte mit einer Sänfte hielten. Der eine der beiden war der Obrist Rotenhan, der andere, ein hochgewachsener älterer Mann in der Tracht der evangelischen Geistlichen, war des Herzogs Hofprediger Daniel Rücker. Sie erwarteten ein Rheinschiff, dessen Näherkommen ihnen vom Schlosse gemeldet war. Das plumpe Fahrzeug kam nur sehr langsam vorwärts, denn es fuhr flußaufwärts, und seine Ruderer hatten mit starkem Wellengang zu kämpfen. Schon von weitem erkannten sie die Prinzessin Kunigunde, die ihnen mit der Hand grüßend zuwinkte. Sowie die Schiffer die Bretter an die Landungsbrücke geschoben hatten, sprang sie zu ihnen herüber. »Wie geht's ihm?« rief sie statt allen Willkommens. »Ist er noch krank?« Der alte Prediger mußte mehrmals ansetzen, bis es ihm endlich gelang, zu sprechen. »Eure Fürstliche Gnaden wollen sich in Demut beugen unter das, was der Herr unser Gott über Sie verhängt hat -« »Er ist tot?« schrie sie auf. Er neigte das Haupt. »Vor anderthalb Stunden ist Herzog Bernhard unter Gebeten und lauter Anrufung Gottes selig entschlafen.« Die Prinzessin wankte und wäre zu Boden gefallen, wenn sie nicht Rotenhan aufgefangen hätte. Sie klammerte sich an ihn an und lehnte ihr Haupt an die Schulter des alten Vertrauten ihrer Kinderjahre und ließ ihren Tränen freien Lauf. Er stand steif und starr wie ein Baum und rührte kein Glied, während ihm selbst bei ihrem heißen Weinen große Tränen in den grauen Bart rollten. Endlich, als ihr Schluchzen schwächer wurde, sagte der alte Geistliche: »Wir wollen Eure Fürstliche Gnaden bitten, in die Sänfte dort zu steigen.« Die Prinzessin hob das verweinte Antlitz empor und machte mechanisch einige Schritte nach der Sänfte hin. Da erklang über ihnen in der Luft ein scharfes, helles Krächzen. Sie schauten empor und sahen einen mächtigen Adler, der etwa fünfzig Ellen über ihnen majestätisch seine Kreise zog. Erstaunt, fast erschrocken blickten sie einander an, denn sie alle drei wußten, daß in der Stunde, da Herzog Bernhard geboren ward, ein Adler über dem Schlosse zu Weimar erschienen war. Das hatten die erfreuten Eltern und der ganze Hof, insbesondere auch der taufende Pfarrer als ein Vorzeichen künftigen Heldentums des Neugeborenen gedeutet, und in den Lobreden auf den Herzog und in den Flugblättern, die über ihn und seine Siege im Reiche berichteten, wurde das nie zu erwähnen vergessen. Wie wunderbar, daß auch in seiner Todesstunde ein Adler über der Stätte schwebte, wo er verschieden war! »Es gibt keinen Zufall,« sagte der Prediger feierlich. »Was wir da sehen, ist ein Zeichen des Allerhöchsten, daß heute ein Großer gefallen ist in Israel!« Die Prinzessin aber schaute mit seltsam leuchtenden Blicken in die Höhe und konnte ihr Auge nicht wenden von dem Schwebenden, der immer tiefer hineintauchte in das dunkle Blau des Himmels. Ein wunderliches Empfinden bewegte dabei ihr Herz. Sie dachte nicht daran, daß nach der Lehre der Kirche die lieben Engelein die Seelen der Entschlafenen heimtragen in Gottes Reich – es war ihr, als sei der königliche Vogel ein Bote Gottes, der herniedergekommen war, die Seele des Helden heimzuholen und sie auf seinen Fittichen aufwärts zu tragen, dem ewigen Lichte zu.