Tiroler Leut Lustige Geschichten von Rudolf Greinz     L. Staackmann Verlag / Leipzig 1926     Inhalt     Die tanzenden Jungfrauen Der schlaue Rat Pulten Jackeles Geist Der Zieler Wastl Die feindlichen Nachbarn Der Klachelwirt Stoanklopfer Josele Hochwürden der Weiberfeind     Die tanzenden Jungfrauen Ich weiß ein Dörfl. Das liegt in einem breiten Hochtal. Niedrig sind die Häuser des Dörfels, und grau, ernst und behäbig ist der alte Glockenturm. Bedächtig wie ein guter, viel erfahrener Großvater schaut er auf die niedrige altersgraue Kirche herab . . . ein treuer Wächter über dem Dorf und seiner Gemeinde. Das ganze Dorf besteht eigentlich nur aus zwei Reihen Häusern, kleinen, niederen Steinbauten ohne Blumenschmuck, die sich längs der breiten Straße von Norden nach Süden erstrecken. Aber einzelne der Häuser sind schon uralt und teilweise mit alten Fresken geziert. Ein tiefer, fast feierlicher Ernst lagert über der ganzen Gegend, feierlich durch die gewaltige Bergwelt, die sich um das Tal aufbaut. Vom Süden herauf grüßen mächtige Gletscher. Die Felder des Tales heben sich leuchtend ab von dem tiefdunklen Blau des Himmels. 8 Es ist ein recht altmodisches Dörfl. Auch seine Bewohner sind ernst und altmodisch. Und führte nicht die breite Landstraße mitten durch's Dorf, so könnte man wähnen, ins Mittelalter versetzt zu sein. Oberhalb des Dorfes erhebt sich ein steil ansteigender Hügel, auf dem eine zweite Kirche steht, eine kleine Wallfahrtskirche. Sie ist vor alter Zeit zu Ehren der heiligen Mutter Anna, der Mutter der Jungfrau Maria errichtet worden. Leider muß man gestehen, daß nicht allzu viele Wallfahrer den kleinen Hügel hinan pilgern. Die heilige Anna ist die Schutzpatronin der Ehefrauen. Und die Ehefrauen tragen eben ihre Anliegen viel lieber direkt der Gottesmutter vor, als daß sie sich einer Mittlerin bei ihr bedienten. So kam es, daß das kleine Kirchlein mit der Zeit recht arg vernachlässigt wurde, bis der neue Pfarrer da gründlich Wandlung schuf. Isidor Padöller war noch jung an Jahren, aber ein energischer und streitbarer Kämpfer 9 der Kirche. Durchdrungen und ganz erfüllt von seiner Aufgabe als Seelenhirt, wetterte er ein über das anderemal von der Kanzel herab über die Lauheit der Christen im allgemeinen und der Frauen dieses Dörfels ganz im besonderen. Denn wie hätte es sonst geschehen können, daß die kleine Wallfahrtskirche schier dem Verfall nahe war und die Gnadenstatue der heiligen Anna ein farbloses, fast ganz zerschlissenes seidenes Kleid tragen mußte . . . Seit der neue Pfarrer im Dorf war, herrschte dort wenig Frohsinn mehr. Es gab wenig Tanz mehr, und man hörte nur selten einen Gesang. Und das Wenige, was an Lustbarkeit noch vorhanden war, drohte völlig ausgerottet zu werden . . . Isidor Padöller war ein guter Redner. Seine Stimme war tief und volltönig und von einer weichen Modulationsfähigkeit, so daß seine Predigten nicht ohne Eindruck auf die Zuhörer blieben. Die Weiber, die halb schlafend in den Kirchenbänken hockten, horchten auf und rieben sich 10 verwundert die wässerigen Augen. Dann schielten sie einander heimlich und leicht verlegen an. Eigentlich war es ja richtig, was der Hochwürdige da oben mit seiner volltönigen Baßstimme ihnen zurief. Schämen mußte man sich, daß man der Patronin des heiligen Ehestandes so wenig Ehre erwies. Kein Wunder, daß sich die heilige Anna von vielen ihrer Schutzbefohlenen abwandte. Denn es gab viele bekümmerte Frauen und Mütter im Dörfl. Ganz besonders die Mütter hatten ihr liebes Kreuz zu tragen. Die Jugend, wie sie heute herwuchs, war ungebärdig und den Frauen oft unverständlich. Isidor Padöller wußte es wohl und kannte den Kummer der Frauen. Schon einige Kinder hatte er taufen müssen, die außerhalb des heiligen Ehestandes geboren worden waren. Er kannte die Schwäche der Eltern und wußte, daß ihnen die starke Hand fehlte, die sie zum richtigen geleitet hätte. Und Isidor Padöller wurde zum Führer der Gemeinde. 11 Er war ein großer stattlicher Mann mit einem schönen dunklen Gesicht und glutvollen Augen. Und bald gab es kein Weib mehr im Dörfl, das nicht in den Pfarrer verliebt gewesen wäre. Sie gestanden es sich nicht ein. Und doch war es so. Denn wenn ein Weib verliebt ist, dann gehorcht es dem Mann seiner Liebe willenlos. Um so mehr, wenn diese Liebe unerwidert bleibt. Und sie blieb unerwidert. In alles, was Isidor Padöller anordnete, fügten sich die Weiber ohne Widerspruch. Sie erschienen täglich bei der Messe und fanden sich pünktlich abends zum Rosenkranz in der Kirche des Dörfels ein. Jeden Samstag liefen sie zur Beichte und berichteten dem Pfarrer haarklein über alles, was sich daheim zutrug. Man muß der Wahrheit die Ehre geben. Isidor Padöller mißbrauchte in keiner Weise seinen Einfluß. Er wußte es nicht einmal, wie sehr er den Frauen gefiel, und achtete nicht auf ihre scheuverliebten Blicke. Er war Seelenhirt, und es war ihm heiliger 12 Ernst mit dieser seiner Aufgabe. Er arbeitete nur an der Besserung seiner Gemeinde, die er mit der Zeit zu einer mustergültigen machen wollte. Bald lebten die Frauen des Dörfels wie die Nonnen. Und war es schon früher recht still zugegangen, so war es jetzt wie auf einem Friedhof. Tanz und Gesang waren endlich ganz abgeschafft, ja sogar das Lachen wurde zur Seltenheit. Beten, arbeiten und Buße tun . . . das war die Losung geworden. Die Männer schüttelten die Köpfe. Mußte denn das wirklich so sein? . . . Es war jetzt wenig Behaglichkeit mehr daheim. Und so zogen es die Mannderleut vor, abends scheu mit geducktem Kopf aus dem Haus zu schleichen und ins Wirtshaus zu gehen. Dort blieben sie dann ziemlich trübselig beisammen, bis der Nachtwächter mit mahnendem Ruf die Sperrzeit ankündigte. Auch das Wirtshaus hatte seine Gemütlichkeit eingebüßt; denn die Wirtin, die Wartbichlerin, gehörte zu den allerfrömmsten Weibern im Dorf 13 und schwur, daß, solange sie ein offenes Auge habe, in ihrem Hause nie wieder zum Tanz aufgespielt werden sollte. Das hätte man ja noch verschmerzen können, wenn die Wartbichlerin nur sonst ein bissel umgänglicher gewesen wäre. Aber sie war wie umgewandelt. Hatte sie früher durch ihren derben, oft recht saftigen Mutterwitz beigetragen, die Stimmung im Gaststübel zu erhöhen, so genügte jetzt ihre bloße Gegenwart, jedes freie Scherzwort und jeden Ausbruch von Fröhlichkeit zu unterdrücken. Die Wartbichlerin, eine Frau noch in den schönsten Jahren, saß in ihrer molligen Behäbigkeit abseits von den Gästen, hatte eine Brille auf der Nase und strickte. Strickte unentwegt an einem grauen Strumpf und klapperte mit den Nadeln. Ihr gutgefärbtes, etwas fettglänzendes Gesicht legte sie krampfhaft in Falten und bemühte sich, so unnahbar und ungemütlich, wie es ihr nur möglich war, auszusehen. Wenn man sie trotz ihrer Unnahbarkeit 14 gewaltsam in ein Gespräch zog, so konnte man sicher sein, daß sie auf irgend eine Weise zu predigen anfing. Jetzt, seitdem die Wartbichlerin Obmännin des christlichen Frauenbundes geworden war, da war schon gar kein Auskommen mehr mit ihr. Sie erzählte jedem, der es hören und nicht hören wollte, von ihren Pflichten und Aufgaben als Obmännin und was der christliche Frauenbund schon alles geleistet habe . . . In neuester Zeit stand das ganze Dörfl im Zeichen eines großen Ereignisses. Das Kirchlein der heiligen Anna war restauriert worden, und das Gnadenbild selbst mußte nach Innsbruck geschickt werden, um dort in einer Kunstwerkstätte einer gründlichen Reparatur unterzogen zu werden. Man sprach davon, daß dann im Herbst der Bischof kommen sollte, um die Kirche neu einzuweihen . . . Um die Gemütlichkeit im Dörfl wurde es immer trauriger bestellt. Die Männer schlichen scheu herum und fügten sich gottergeben in ihr Geschick. Es mußte wohl so sein, daß man auf 15 Erden nur Buße tat, um dann nach dem Tod in das ewige Himmelreich einzugehen. Anders die ledigen Burschen. Die waren schon aufrührerisch gesinnt. Muckten auf und wollten nicht mittun bei dem Klosterleben. »Was hab' i davon . . .« sagte der Klacken Lois einmal frivol im Wirtshaus . . . »wann i hin bin und nacher in Himmel kimm? Nix G'wisses woaß man nit. Und nacher . . . vielleicht g'fallt's mir gar nit drein im Himmel. Wann das in der Dicken a so weiter geht wie iatz bei uns im Dorf, nacher pfeif' i drauf!« Der Lois fuhr sich mit beiden Händen durch sein leichtlockiges Haar und kraute sich bedenklich, so daß der ganze dunkle Haarwust zerrauft wurde, was ihm ein komisch verzweifeltes Aussehen verlieh. Dann strich er das Haar wieder glatt, zwirbelte keck seinen Schnurrbart auf und lachte die Wartbichlerin herausfordernd und mit blitzenden Zähnen an. Der Klacken Lois war ein auffallend hübscher Bursch und hatte, ehe der Geist immerwährender 16 Buße und Abtötung im Dorfe Einzug hielt, viel Glück bei den Mädeln gehabt. Jetzt aber war's anders geworden. Die Mädeln wurden von den Müttern so streng gehalten, daß keine mehr nach Einbruch der Dunkelheit vor's Haus durfte. So was wie Kammerfensterln gab es nicht mehr im Dorf. Die Weiber hatten dafür ein ganz besonders strenges Strafgericht eingeführt. Wenn der Klacken Lois also ein Vergnügen haben wollte, dann mußte er sich eine gute Wegstunde weiter begeben bis zum nächsten Dorf. Und das war immerhin nicht gerade angenehm. Denn erstens erweckte das tugendsame Dorf der heiligen Anna den Neid der Nachbardörfer, die darnach strebten, es ihm gleich zu tun. Und zweitens fand der Lois die wenigen offenen Kammerfenster meist schon besetzt . . . Die Wartbichlerin blieb dem Lois die Antwort nicht schuldig. Ohne sich in ihrer behaglichen Ruhe stören zu lassen und ohne in ihrer Strickarbeit inne zu halten, meinte sie trocken: »Ja, tanzen und fensterln werden's freilich nit 17 im Himmel droben. Und die Heiligen werden's auch ohne deine Gesellschaft aushalten können.« »Naa!« Der Lois dehnte und rekelte sich und lehnte sich weit auf seinen Holzsessel zurück, indem er die Beine von sich spreizte. »Die heiligen Madeln nit. Die warten auf mi . . . bis i kimm. Paß' auf, Wirtin!« Ein dröhnendes Gelächter von allen am Tisch sitzenden Bauern erhob sich. Es war ein Sonntag Abend. Und die Stube war heute viel mehr als an einem Wochentag gefüllt. In der niedern Stube qualmte es nur so von Rauch. Der Lärm an den andern Tischen ließ nach. Man wollte hören, was es an dem Tisch, wo die Wirtin saß, eigentlich zu lachen gab. Das breite gutmütige Gesicht der Wirtin rötete sich vor Zorn. Die alte energische Wartbichlerin, wie sie ehemals war, kam zum Durchbruch. Und sie war trotz ihrer Vierziger noch ein ganz sauberes Weibsbild. »Schamst di nit, du Satanskerl, du verfluachter!« brach sie nun los. »A so schiach daher zu reden! A so a Mannsbild a verfluacht's!« 18 »Wirtin . . . Wirtin . . .« unterbrach sie der Klacken Lois lachend. »Jetzt hast g'fluacht. Weißt schon, der Pfarrer . . .« drohte er ihr strafend mit dem Finger. Nun wurde die Wirtin noch zorniger; und um ihren Zorn zu bekämpfen, erhob sie sich. »Könnt' mir einfallen . . . deinetwegen no a Todsünd' zu begehen!« schimpfte sie und stemmte resolut die Arme in die Hüften. Der Lois zwinkerte sie boshaft an. »Wartbichlerin, i tät's riskieren. Hättest das nächste Mal wenigstens an ordentlichen Brocken zum beichten. Was beichtest denn sonst? Vielleicht von die Flöh', dö du im Bett fangst?« Nun drehte die Wartbichlerin ehrlich empört dem Burschen ihre breite Rückenfront zu und verließ, ohne noch ein weiteres Wort zu verlieren, die Gaststube. Ein schallendes Gelächter der Gäste folgte ihr. So lustig wie an diesem Abend war man schon lange nicht mehr gewesen. Die wieder erwachte Heiterkeit ließ sich durch nichts mehr eindämmen. Man lachte, sang und johlte 19 und widerstand sogar dem ernsten Mahnruf des Nachtwächters, als er die zehnte Stunde ausrief. Auch das Erscheinen der Wirtin, die ernst und würdevoll zum Aufbruch mahnte, war ohne Eindruck geblieben. Man war endlich wieder einmal lustig geworden und wollte es für heute wenigstens auch bleiben. Die Wartbichlerin hatte durch das dreiste Benehmen des Burschen ihre Macht eingebüßt. Sie war in den Augen der Männer ein Weib, voll und üppig und noch jung genug, um begehrenswert zu sein. Seit etlichen Jahren war die Wartbichlerin Witwe, und ihr zweiter Sohn half ihr schon brav in der Wirtschaft mit. Er hatte im Hause selbstverständlich keine Stimme. Ihr ältester Sohn hatte die landwirtschaftliche Schule in Rotholz absolviert und war in Vorarlberg in einer recht guten Stellung bei einer Gutsverwaltung. In einigen Tagen sollte er auf Urlaub im Dörfel eintreffen. Und da er ein lebenslustiger junger Mann war, so erwarteten die 20 Burschen von ihm, daß er sie in ihrem Kampf gegen das Joch der Weiber unterstützen würde. Als der Wartbichler Friedl nach fast drei Jahren wieder in seine Heimat kam, staunte er allerdings über die Veränderung im Dörfel. War es früher schon still gewesen, so war es jetzt totenstill. »Völlig zum fürchten ist's jetzt am Dorfplatz!« meinte er scherzend zu einigen ehemaligen Schulkameraden, die gekommen waren, um ihn aufzusuchen. »Aber Buab'n, dös wird anders! I garantier's euch!« versicherte er ihnen auf seine lustige Weise. »So geht das nit weiter. Wir verkommen ja ohne Madeln.« Der Friedl hatte entschieden organisatorisches Talent. Wie er es anstellte, wußte niemand recht. Aber tatsächlich gelang es ihm in ganz kurzer Zeit, die saubersten Madeln des Dorfes für seinen Plan zu gewinnen . . . War da nicht weitab vom Dorf ein kleiner tosender Wildbach. Der brauste über Felsblöcke und Steine und gebärdete sich wie ein arger Wildling. 21 Er kam direkt von dem nur einige Wegstunden entfernten Gletscher her. Man konnte ihn vom Dörfel aus nicht sehen, da der Hügel, auf dem das Sankt Anna-Kirchel stand, den Ausblick wehrte. Der Wildbach durchtobte in seinem rasenden Lauf das enge Hochtal, das in unmittelbarer Nähe des Dorfes seinen Abschluß fand. Eine gute halbe Wegstunde von dem Dorf entfernt stand eine Sagmühle. Die gehörte dem Pumelitzer Franzl, einem alten wohlhabenden Junggesellen, der hier mit seinen beiden Schwestern und dem Kathele, dem Kinde einer früh verstorbenen Schwester, hauste. Das Kathele war auch so ein lediges Sündenkind gewesen, das der Pumelitzer Franzl und seine Schwestern dann um Gotteslohn zu sich ins Haus genommen hatten. Und gern hatten sie's trotz seiner befleckten Herkunft, gerade so, als ob's ihr eigenes Töchterl gewesen wäre. Sie war aber auch zum gern haben, das Diandl. Klein, fein und zierlich war sie und steckte voll Übermut. 22 Als der Wartbichler Friedl das letzte Mal in den Ferien daheim gewesen war, da war das Pumelitzer Kathele gerade ausgeschult gewesen und hatte damals schon eine Kutt'n Verehrer gehabt. Das kam, weil das Diandl nicht nur bildsauber war und immer voll Humor, sondern auch deshalb, weil es ein Mundwerk hatte wie keine zweite mehr im weiten Umkreis. Der Friedl hatte damals schon immer ein Aug' auf das Diandl gehabt und hatte sich auch jetzt gar bald in der Sagmühle eingefunden. Und da war er denn darauf gekommen, daß die Diandeln im Dorf so gar nicht mit der neuen Lebensweise einverstanden waren. »A ganzer Graus ist's, Bua!« erzählte das Kathele und sah mit wichtig tuender Miene zu dem jungen Landwirt auf. »Du kannst dir kein' Begriff machen. Aufwachsen müssen wir Diandeln iatz . . . dürfen koa Liadl mehr singen und koa Gstanzl, und kannst mir's glaben oder nit . . . nit amal tanzen lernt unseroans mehr.« Das zart gefärbte Gesicht des jungen Mädels 23 verzog sich wehleidig. »Als ob das a Sünd' sein kunnt, wann junge Leut a bissel lustig tian mitanander!« fügte sie empört hinzu. »Dös ist schon gar nimmer zum aushalten. Dös muß anders werden!« Man konnte dem Pumelitzer Kathele nichts abschlagen. Der alte Sagschneider hatte das immer schon behauptet. War eigentlich ein richtiges Teufele das Kathele. Nur hatten die großen dunkelblauen Augen einen ungemein sanften Ausdruck. Lange schwarze Wimpern beschatteten die Augen wie dichte Schleier und verliehen ihnen einen strahlend schwärmerischen Ausdruck. Zwei dunkle Zöpfe umrahmten das von der Sonne braungebrannte ovale Gesichtl, und die über der Nasenwurzel eng zusammen gewachsenen starken Brauen zeigten von Rasse und Energie. Energisch konnte das Kathele sein, recht energisch, trotz ihrer jungen Jahre. Und eigensinnig. Was sie sich einmal in ihr Köpfel gesetzt hatte, das mußte geschehen. Und es geschah auch für gewöhnlich. 24 So lang sie's denken konnte, regierte eigentlich sie beim Sagschneider. Und auch in der Schule war sie stets die Anführerin gewesen. Und so blieb es auch, nachdem sie ausgeschult war. Recht lange war das ja gerade noch nicht her. Denn das Kathele war noch nicht einmal achtzehn Jahre alt und sah wegen ihres zierlichen Wuchses kaum wie fünfzehn aus. Damit konnte man sie am meisten ärgern, wenn man sie für jünger ausgab, als sie war. Das kleine zierliche Ding wollte unbedingt als Respektsperson gewertet werden. Der Wartbichler Friedl hatte es ganz besonders darauf abgesehen, das Diandl seines jungen Aussehens wegen zu necken. Sprühgiftig konnte sie dann werden und vor Wut auf den Boden stampfen. Da sie aber in ihrem Zorn keineswegs entstellt aussah, sondern eher noch hübscher und anziehender wirkte, so konnte es der Friedl nicht unterlassen, sie immer und immer wieder aufzuzwicken. Das kam so weit, daß ihm das Diandl 25 auswich. Und wenn er in der Sagmühle vorsprach, so war es schon vorgekommen, daß ihm das Diandl die Türe vor der Nase zuwarf und von innen fest verriegelte. Aber trotzdem fand sich der Friedl doch immer wieder ein, seitdem das Kathele ihm die Entrüstung der Madeln im Dorf wegen des erzwungenen heiligmäßigen Lebens anvertraut hatte. Und wenn er sie auch neckte und tratzte, so waren sie doch seit diesem Tag treue Verbündete geworden. Und so hatte nicht einmal der Hochwürdige Herr Isidor Padöller eine Ahnung davon, wie nahe die Sünde neben der Sankt Anna-Kapelle hauste. Auf der anderen Seite des Hügels gelangte man hinab in das enge Hochtal, wo der Pumelitzer Franzl seine Heimat hatte. Nahe beim Eingang des Hochtales stand die Sagmühle. Ein niederer Bau, knapp an den wildtosenden Bergbach geschmiegt, über den ein schmaler Holzsteg hinüber führte zu dem jäh ansteigenden Bergwald. 26 Die hoch aufgestapelten Bretter der Mühle verdeckten völlig das braune Holzhaus des Sagschneiders, und die winzigen Fensterlein gewährten nur einen recht eng begrenzten Ausblick. Von der Sankt Anna-Kapelle brauchte man gar nicht weit zu gehen, so gelangte man zu einem einsam dastehenden Holzstadel. Dieser Stadel gehörte zur Sagmühle, stand aber schon seit Jahren leer und nutzlos da. Und auf diesen Stadel hatten es der Wartbichler Friedl und dann auch das Kathele abgesehen. Als der Friedl wieder zum Hoangart gekommen war, da hatte er dem Diandl seinen Plan vorgetragen und sie alsbald dafür gewonnen. Zu einem Schabernak war das kleine Weibsbild immer gern bereit. Ganz artig hatte sich der Friedl heute beim Hoangart betragen und hatte das Mädel mit keinem Wörtl geneckt. »Daß das nit a so weiter gehen kann, wissen wir ja, Kathele!« fing der Friedl ziemlich unvermittelt seine Rede an. »Wir jungen Leut verkommen ja völlig, wenn wir koan Tanz nit 27 haben und koan G'sang und koa Musi nit!« meinte der Friedl ganz bekümmert, als er neben dem Kathele vor der Haustür beim Sagschneider auf der Bank saß und seinen Kopf schwer und gedankenvoll in die Hand stützte. »A Kreuz ist's! Der Teufel soll die alten Weiber holen mitsamt dem Pfarrer!« brummte er über eine Weile vor sich hin. »Brauchst nit z' fluachen deswegen!« wies ihn das Diandl zurecht. »Und alle Weiber sein aa nit alt!« fügte sie mit einem Anflug von Gerechtigkeitssinn hinzu. »Grad 's Gegenteil ist der Fall. Die Jüngeren sein grad no zuwiderer wie die Alten!« erklärte sie. »I moan alleweil, daß die Weiber allesamt verliebt sein in den Pfarrer. Drum treiben sie's gar a so damit!« Einen Augenblick starrte der Friedl verwundert auf das Mädel . . . Er war ein großer stämmiger hellblonder Bursch mit stets übermütig lachenden Bubenaugen, die dem Kathele gar nicht so übel gefielen. »Bist gar nit so dumm. Kathele!« meinte 28 der Friedl dann mit ehrlicher Bewunderung. »Daß mir dös nit selber schon eing'fallen ist! Natürlich sein sie verliebt drein, dö Sakramenter, dö spottschlechten!« Vor ehrlicher Empörung spie der Friedl in weitem Bogen aus, zog sein kurzes Pfeifel aus der Rocktasche, den Tabaksbeutel aus der hintern Hosentasche und stopfte sich in umständlicher Weise das Pfeifel. »O mei!« machte das Kathele schnippisch. »Spottschlecht sein sie deswegen no lang nit. Man kann ja aa keiner was Schlechtes nachsagen. Halt a bissel überg'schnappt sein's alle miteinander!« fügte sie mit drolliger Altklugheit hinzu. »Freilich! Freilich! Und wir können's büßen!« nickte der Friedl bestätigend vor sich hin. »Weil wir söttene Lettfeigen von Buben haben!« sagte das Diandl nun mit einem Male sehr energisch. »Weil unsere Buben sich alles g'fallen lassen, der Mutter am Kittel hängen 29 und Ja und Amen zu allem sagen! Scham' di!« schloß die Kleine und sah den Friedl mit zornigen Augen empört an. »I? Ja zu was denn grad i? Ha?« Beinahe wäre dem Burschen sein Pfeifel aus dem Mund gefallen vor lauter Verwunderung. »Weil's wahr ist! Ist dei' Mutter vielleicht nit die Wartbichler Wirtin, ha? Und gibt's beim Wartbichler vielleicht koan Saal nit? Ha?« »Ah, a so moanst? Freilich . . . freilich!« Der Friedl sann einen Augenblick nach. Offenbar mußte er sich anstrengen, wie er mit seinem Anliegen herausrücken sollte. »Siehst, Kathele! Jetzt bringst mi selber da drauf, z'wegen was i heut' eigentlich zu dir kömmen bin.« Fragend schaute das Diandl zu dem großen stark gebauten Burschen auf. Der Friedl war so groß, daß er mit Leichtigkeit das Mädel wie ein Kind hätte auf den Arm nehmen können. »Dös mit dem Saal . . . woaßt, dös ist a so. I hab' nix zu sagen dahoam . . .« gestand er ihr ehrlich ein. »Die Wirtschaft gehört der 30 Muatter, und die übergibt nit. Und iatz scho' gar nit. Und seit sie Obmännin von dem christlichen Frauenbund ist, seitdem ist's ganz aus und g'schehen. Weißt wohl! Sie hat's g'schworen, sagt sie, daß solang sie a offenes Aug' hab' . . . in ihrem Haus niemals wieder a Musi zum Tanz aufspielen darf. Und den Schwur wird sie aa halten. Magst mir's glauben oder nit.« Jetzt machte der Wartbichler Friedl eine längere Pause, ehe er fortfuhr . . . »Also, siehst, auf die Weis' kömmen wir niemals zum Tanzen. Dös siehst ein. Gelt?« Das Mädel, das einen Ellbogen auf das Knie gestemmt hielt und ihr Kinn schwer auf die kleine braune Arbeitsfaust stützte, nickte beistimmend. Sie wußte aber noch immer nicht, wo der Friedl hinaus wollte, und sah unverwandt und fragend zu ihm empor. »Aber du könntest was machen, Madel . . . Du schon!« flüsterte der Bursch geheimnisvoll und beugte sich ganz knapp zu ihrem Ohr herab. »Weißt . . . der Stadel droben am Berg. 31 A bissele herrichten lassen . . . daß wir tanzen können . . .« »Bist narrisch?« »Naa!« erwiderte der Friedl seelenruhig. »Ganz g'sund. Weißt, der Klacken Lois und der Köstlerschuster Hansl und der Vernuer Ander . . . wir täten uns halt z'sammen und macheten an Tanzsaal, wie du koan zwoaten weit und breit mehr zu sehen kriegst. Brauchst lei dein' Vetter a bissele zu lottern  . . . der derlabt's schon!« bettelte der Friedl treuherzig. »Und der verrat't uns aa nit. Der ist ja nit verliabt in Pfarrer!« Bei der Vorstellung, daß der alte, schwächliche und zaundürre Pumelitzer Franzl überhaupt noch verliebt sein könnte, mußten die beiden jungen Leute hellauf lachen. Das Kathele hatte aber doch seine Bedenken, ob der alte Mann darauf eingehen würde. Jedoch der Friedl blieb zuversichtlich. »Du bringst es schon z'wegen, du! Du schon!« versicherte er ihr mit einer Art stolzer 32 Bewunderung, die dem Kathele unbedingt schmeichelte. Völlig gerührt schaute sie zu dem hellblonden Burschen auf und sah ihn dankbar an. Er nahm sie also doch für voll, trotz aller Neckerei. Und dieses sein Vertrauen zu ihr mußte unbedingt belohnt werden. Das Kathele müßte nicht das Diandl gewesen sein, das sie tatsächlich war. Nach einigem Sträuben und verschiedenen Vorstellungen von seiten des alten Sagschneiders hatte es das Mädel erreicht. Und nun gehörte der Stadel der Jugend des Dorfes. Und wenn an Sonntagen nachmittags sich die Frauen und Mütter im Sankt Annakirchel zur frommen Andacht einfanden, dann wanderten die Burschen und Madeln heimlich und auf Umwegen eine Viertelstunde weiter den Berg hinan zum Tanz. Bescheiden genug war ja das Vergnügen, und kurz genug dauerte es auch. Denn ehe es dunkelte, mußten alle wieder daheim sein, um ja keinen Argwohn zu erregen. 33 Und trotzdem waren sie aufgekommen. Die Götschin, das alte bucklige Weibele, das vor lauter schwere Lasten tragen mit der Zeit so windschief geworden war, daß sich ihr kleiner wackliger Kopf auf der einen Seite schon mehr der Erde näherte, war den jungen Leuten hinter ihre Schliche gekommen und hatte natürlich nichts Eiligeres zu tun gehabt, als es dem Pfarrer zu stecken. Der war für den ersten Moment einfach sprachlos. Isidor Padöller hatte einen festen Glauben auf das Gute in den Menschen. Er glaubte an ihre Besserung und war felsenfest davon überzeugt, daß man die Menschen nur richtig leiten müsse . . . dann würde das Gute sich schon von selber Bahn brechen. Dieser Glaube erlitt nun mit einem Male einen argen Stoß. Das gab einen großen Skandal im Dorf, als die Sache ruchbar wurde. Von der Kanzel herab schilderte Isidor Padöller die ganze Verworfenheit der Dorfjugend. Er zürnte 34 ernstlich. Und um seinem Unmut den richtigen Nachdruck zu verleihen, verhängte er ein furchtbares Strafgericht über jene Mädchen, die an der sündhaften Tanzerei teilgenommen hatten. In einigen Wochen sollte ein großes Fest zu Ehren der heiligen Anna stattfinden. Das neu restaurierte Kirchlein sollte bis dahin fertiggestellt sein, und auch das Bildnis der Heiligen sollte im neuen Festgewand prunken. Sogar der Bischof wurde eigens zu diesem Fest erwartet. Isidor Padöller verhängte mit tiefernstem Gesicht die Strafe über die tanzenden Jungfern der Gemeinde, daß keine von ihnen mit bei der Prozession sein dürfe. Nur jene dürften mit dem Kranz geschmückt zur Prozession gehen, die sich rein und brav gehalten hätten. Ein wahrer Aufruhr herrschte nach dieser Predigt im Dörfel. Die Mütter schimpften und hauten auf die Töchter ein, und die Diandeln kränkten sich und schlichen gedemütigt mit dickgeschwollenen Augen herum. Die Bauern machten ernste Gesichter, fanden aber doch die angekündigte Strafe für die 35 Mädeln zu hart. Die Burschen aber lachten schadenfroh; denn sie gingen ja bei der Sache ohne Strafe aus. »Dös wird a Schönheitsgalerie werden!« höhnten die Burschen, wenn sie unter sich waren. »Die schiachsten und urältesten Jungfern sein da dabei. Die jungen sein alle sündhaft!« erklärte der Vernuer Ander lachend. Den Mädeln aber war gar nicht zum lachen; denn von nun an hatten sie die wahre Hölle auf Erden. Nur eine nicht. Das Pumelitzer Kathele. Die hatte es gut. Der alte Sagschneider und seine Schwestern konnten es einfach nicht fassen, wie man mit den jungen Leuten gar so hart sein konnte. »Sein do alle amal jung g'wesen. Jung und dumm!« meinte der Pumelitzer Franzl zu seinen beiden Schwestern. »Freilich! Freilich!« bestätigten diese und schauten mit liebevoller Nachsicht auf ihre Nichte. »Wird do nit grad a Todsünd' sein, wenn oans a bissel umadum hupft!« 36 Wenn das Kathele daheim auch kein ungut's Wörtl zu hören bekam, so war sie deswegen aber doch recht rabiat. »Und i lass' mir dös nit g'fallen, dö Schand'! Und schon gar nit!« erklärte sie sehr energisch. »Mei . . . was willst denn machen?« frug der Wartbichler Friedl mit einem Anflug seines früheren überlegenen Spottes. »Was i mach'? I geh' zum Pfarrer und stell' ihn zur Red'!« erklärte sie resolut. »Und du und der Köstlerschuster Hansl und der Klacken Lois und no oans oder zwoa Diandeln, ös geht's mit. Verstanden?« »Z'wegen was denn nacher wir Buab'n, ha?« frug der Wartbichler Friedl etwas kleinlaut. »Oes kömmt's mit, hab' i g'sagt. Verstanden? Wir Diandeln brauchen Zeugen, daß wir uns brav g'halten haben. Oder epper nit?« So klein sie war, so energisch und resolut stellte sie sich vor dem stämmigen Burschen auf, stemmte die beiden Arme in die Hüften und funkelte den Friedl zornig an. 37 »Völlig fürchten kunnt man sich vor dem kloan Teufele!« dachte der Friedl. Sie gefiel ihm aber trotzdem, und so machte er ihr halt die Freude und tat mit. Nicht ohne geheime Angst vor seiner Mutter. Denn wenn die davon erfuhr, dann konnte es passieren, daß sie mit einem Holzscheit oder so was ähnlichem nach ihm warf . . . An einem hellichten Werktag gingen drei Burschen und drei Mädeln im Festtagsgewand in den Widum zum Pfarrer. Sie taten sehr geheimnisvoll und sagten keinem Menschen ein Sterbenswörtel von ihrem Unternehmen. Lustig, als ginge es zum Tanz, schritten sie paarweise durch's Dorf. »Schaut's dö an! Was die grad wollen!« »Tagdieb', elendige!« »Daß sie sich grad nit schamen. Beim hellichten Tag!« »Und no dazu a Werktag!« So tuschelten und riefen die Weiber hinter ihnen her. Das Kathele und der Wartbichler Friedl schritten als erste voran. 38 Die Wartbichlerin stand unter der gewölbten Türe ihres Gasthauses, zu dem einige Stufen emporführten. »Ah . . . da schau her!« sagte die Wirtin anzüglich und schaute ihren Sohn herausfordernd an. »Wohin geht die Roas', wenn man fragen darf?« »Z'erst zum Pfarrer und nacher zu dir!« erklärte das Kathele in übermütigem Ton. »Kimm mit, Wirtin! Nacher derlebst was!« lachte der Klacken Lois. »Wir lassen uns nix mehr g'fallen. Wir nit!« johlte er und schwenkte sein mit Spielhahnfedern geschmücktes Filzhütl unternehmend, als ginge es zu einer Hochzeit oder zum Tanz. Ohne den Klacken Lois irgendwie zu beachten oder noch ein weiteres Wort zu verlieren, drehte die Wirtin der kleinen Gesellschaft ihre breite Hinterfront zu und ging in das Haus hinein. »Friedl, magst di g'freuen, wenn d' heimkommst!« lachte der Vernuer Ander spöttisch. »Lass' mi!« machte der Friedl etwas kleinlaut und schielte auf das Kathele, das eilig 39 und mit zierlichen Schritten neben ihm einhertrippelte. Das Kathele aber dachte schon nicht mehr an die Wirtin. Sie wiederholte im Geist die Rede, die sie dem Pfarrer halten wollte. Denn es war ausgemacht, daß nur sie allein mit dem Hochwürdigen reden sollte . . . Isidor Padöller war doch einigermaßen verwundert, als die kleine Gesellschaft in sein Zimmer trat. Ziemlich dumm und unbeholfen schauten sie drein. Die Burschen hielten die Hüte krampfhaft unter den Arm gedrückt, und die Mädeln waren dunkelrot im Gesicht und kicherten g'schamig aus lauter Verlegenheit. Nur das Pumelitzer Kathele war nicht verlegen und fing auch gleich mit ihrer Rede an. Zuerst holte sie einmal tief Atem, dann schaute sie mit ihrem lieben weichen Augenaufschlag zu dem Pfarrer empor und meinte ziemlich unvermittelt: »Gelt, Hochwürden, da schauen's, daß wir amal kömmen? Wissen's, wir Madeln, wir haben uns z'sammtan, weil wir uns das 40 nit g'fallen lassen, was Sie uns da von der Kanzel herab antan hab'n. Wir sein koane schlechten Diandeln nit. Naa . . . ganz g'wiß nit. Sischt wären wir nit da her zu Ihnen kömmen.« »So!« machte Isidor Padöller belustigt über die schneidige Art des kleinen Diandls. »Da schau her. Also Revolution.« »Dös weiß i nit!« erwiderte das Kathele. »Aber g'fallen lassen wir uns dös nit, Hochwürden! Verstanden? Wir hab'n nix Unrecht's nit tan. Die Buab'n da können's bezeugen. Gelt, Buab'n?« wandte sich das Kathele an die Burschen, die recht unbeholfen dastanden und vor Verlegenheit ganz rote dicke Köpfe hatten. »Grad a bissel lustig sein wir halt!« fuhr das Kathele mit ihrer Rede fort. »Und tanzen möchten wir halt und singen und jodeln. Weil uns das Leben soviel g'freut. Sünd' ist bei uns koane passiert, wie wir tanzt haben. Was hätt' denn da g'schehen sollen, Hochwürden? 41 Sagen Sie's selber. Was soll denn g'schehen, wenn der ganze Tanzboden voll Leut ist. Und i kann's Ihnen schwören auf Ehr' und G'wissen: nit amal a Bussel hat a Bua an Diandl geben. Gelt, Buab'n, wahr ist's?« Und die Burschen nickten bestätigend und schauten drein wie Schulbuben, die einen Verweis erhalten. »Sehen Sie, Hochwürden, daß i recht hab'!« triumphierte das Kathele. »Und z'wegen dem bissel Tanzen soll'n wir a so hart g'straft werden. Und dös seh' i nit ein. Und dös lass' i mir aa nit g'fallen! Und wenn i deswegen bis zum Bischof gehn müßt'!« schloß das Diandl mit seiner gewöhnlichen resoluten Art. Der Pfarrer konnte ein Lächeln nicht unterdrücken. »Kurasch' hast du, Mädel!« meinte er dann wohlwollend. »Und ein Mundstück hast du auch. Dein Zukünftiger kann sich gratulieren!« neckte er sie. »Oh mei, der!« Das Kathele warf einen verstohlenen Blick auf den Friedl, der neben ihr eine recht ungeschickte Figur machte. 42 »Passen's auf, Hochwürden, den ziech i mir. A so a Mundstück ist alleweil gut, wenn man's hat.« »Bravo!« lobte sie der Pfarrer scherzhaft. »Und mich? Mich willst wohl auch erziehen?« neckte er sie. »Naa. Ihnen nit. Grad Gerechtigkeit will i haben und nachher . . .« »Nachher?« Fragend schaute der Pfarrer auf das jetzt ernste Gesichtel des Mädels. Nach einer kleinen verlegenen Pause gab sich das Kathele einen Ruck. »Nix für ungut, Hochwürden!« sagte sie dann. »Aber mir kimmt für, Sie seien kein so unebener Mensch nit. Und deswegen möcht' i Ihnen was sagen.« »Ja. Und?« »Wissen's, wir Diandeln und Buab'n haben a hart's Leben, seit Sie im Dorf sein. Und wissen's, warum?« Der Pfarrer schüttelte den Kopf. »Nein.« »I woaß g'wiß, daß Sie dös nit wollen. Aber es ist so. Sehen Sie. Amerst . . . vor Sie kommen sein, war's lustig im Ort. Da 43 ist tanzt worden, und a diabatamal ist a Bua fensterln gangen . . .« »Das war Sünde!« fiel der Pfarrer ihr streng ins Wort. Aber das Diandl ließ sich nicht einschüchtern. »Nit allemal. Naa, g'wiß nit. 's Kammerfensterln bei uns ist oft nix dahinter als wie a Jux. Da kömmen halt die Buab'n. Oft kimmt oaner, und oft kömmen ihrer zwoa, drei auf oanmal. Nacher wird a bissel g'sungen, und's Diandl muß halt nacher an Schnaps aufwixen. So war's bei uns der Brauch. Dös, was Sie meinen, Hochwürden Herr Pfarrer, und was Sünd' ist . . . das hab'n dö Diandeln getan, die si beim Tag frei verstellen tian, fleißig in die Kirchen rennen und beten tian. Da ist mehr als oane g'wesen, die's Kranzl zu Frohnleichnam nimmer hätt' tragen dürfen. Und mehr als wie oane war, die Sie eing'segnet haben als Braut und die aa koa Kranzl hätt' haben dürfen. Solang wir Madeln unter die Leut lustig sein und singen und scherzen mit die 44 Buab'n und meintswegen aa a bissel tanzen, solang g'schiecht nix Unrechts nit. Dös können's mir glauben, Hochwürden.« Eine Weile saß der Pfarrer schweigend und nachdenklich da. Dann sagte er freundlich: »Mir scheint, Kathele, du willst mich doch erziehen.« »Naa!« wehrte sich das kleine Mädel. »Ganz g'wiß nit. I sag' Ihnen nur, was wahr ist.« Und wieder über eine Weile tiefernsten Nachdenkens fing der Pfarrer zu reden an. »Ich glaube dir's ja, daß du ein braves rechtschaffenes Diandl bist, Kathele . . .« »Dös sein wir alle!« unterbrach ihn das Kathele resolut und sehr energisch. »Wir alle drei. Wie wir da vor ihnen stehn, Herr Pfarrer. Und überhaupts alle die Diandeln, die beim Tanzen dabei g'wesen sein. Da steh' i ein dafür, Hochwürden. Für a jede einzelne steh' i ein!« erklärte das kleine Mädel tapfer. »Das ist schön von dir, Kathele, daß du so brav zu deinen Kolleginnen haltest!« lobte 45 sie der Pfarrer anerkennend. »Und ich will dir's gerne glauben, daß sie's auch alle verdienen.« »Dank' schön, Hochwürden. Vergelt's Gott!« Das Kathele wurde ganz rot vor Freude über das ihr gespendete Lob. »Seht's es!« wandte sie sich dann an die beiden andern Mädeln und an die jungen Burschen, die noch immer ungeschickt und voll Verlegenheit dastanden. »Hab' i nit recht g'habt damit, daß wir selber zum Herrn Pfarrer gangen sein? I hab's ja g'wußt, daß man ihm die Sach' grad zu erklären braucht, und nacher versteht er's aa und hat ein Einsehen.« »Freilich . . . freilich . . .« stimmten der Friedl und der Klacken Lois bei und machten verdutzt dreinschauende Gesichter. Sie konnten es sich nicht recht erklären, daß der Sinn des Pfarrers nun auf einmal so leicht zu lenken war. Isidor Padöller erhob sich von seinem bequemen Lehnstuhl, der vor einem einfachen weichholzenen Schreibtisch stand, und ging etliche 46 Male nachdenklich im Zimmer auf und ab. Dann blieb er jäh und unvermittelt vor der kleinen Gesellschaft stehen. »Wenn ich dich recht verstehe, Kathele . . .« fing der Pfarrer nun abermals zu reden an, »so möchtest du von mir die Genehmigung für eure Tanzerei erwirken?« »Freilich wär' mir das schon recht!« gestand das Diandl. »Aber mei . . . Genehmigung . . . das wird wohl eppar a bissel z'viel sein!« meinte sie zögernd und versuchte es noch einmal, den Pfarrer mit ihrem lieben weichen Augenaufschlag umzustimmen. Der Pfarrer lachte kurz auf. »Also, so gescheit bist du doch, das nicht von mir zu fordern?« Jetzt wurde das Mädel doch etwas verlegen. Sie merkte es dem Lachen des Herrn Pfarrers an, daß seine freundliche Stimmung von vorhin umgeschlagen hatte und daß es einen Kampf kosten würde, um zu ihrem Recht zu gelangen. Aber dazu war sie ja eigentlich hergekommen, um zu kämpfen. Schneid' hatte sie ja und 47 auch ein tüchtiges Mundstück. Also konnte der Kampf schon losgehen. »I forder' gar nix, Hochwürden Herr Pfarrer, als wie Gerechtigkeit!« erwiderte das Kathele und gab ihrer Stimme einen absichtlich festen und lauten Klang. »Das wissen's ja jetzt selber und haben's auch eingestanden, daß Sie uns Unrecht getan haben.« »Ich habe gar nichts eingestanden, sondern nur erklärt, ich wolle dir gerne glauben, daß ihr bis jetzt anständige und brave Mädeln geblieben seid. Bis jetzt, Kathele!« wiederholte er nochmals sehr eindringlich und warnend. Isidor Padöller sprach nun mit seiner warmen volltönigen Baßstimme, mit der er bei den Predigten stets die Frauen des Dorfes in seine Gewalt bekam und ganz für sich gewann. »Denn das wirst du mir zugeben müssen . . .« fuhr er in seiner Rede fort, »daß die Gelegenheit zur Sünde eine weit größere ist, wenn Burschen und Mädchen sich häufig treffen, als wenn . . .« »Naa!« erklärte das Diandl schneidig. »Grad 48 das gib i nit zu. Und um alles in der Welt gib i das nit zu!« behauptete sie eigenwillig und mit einem vor Erregung hochroten Gesichtel. »Denn sehen's, Hochwürden, die Sach' ist die: Wenn wir Diandeln die Buab'n gar nit zu sehen kriegen, nachher b'langt's uns halt soviel darnach und nachher . . .« Verwundert schaute das Kathele jetzt um sich. Die drei Burschen waren bei ihren letzten Worten in ein laut dröhnendes Gelächter ausgebrochen; und nicht einmal die Gegenwart des Herrn Pfarrers vermochte ihre Heiterkeit einzudämmen. »Seid's narrisch?« frug das Diandl empört und sah die Burschen zornig an. »Wie führt's denn ihr enk auf, ha?« Aber auch der Unmut des kleinen Diandls blieb ohne Wirkung auf die Burschen. Sie stießen einander in die Seiten, drückten listig die Augen zu und lachten laut heraus. So lange, bis das Kathele zornig mit dem Fuß auf den Boden stampfte. »Wirst jetzt 49 aufhören, Friedl?« gebot sie diesem sehr energisch. »Glei . . .« lachte der Friedl boshaft. »Bald i fertig bin.« Und abermals brach ein unbändiges Gelächter los. Die beiden andern Mädeln standen da und machten dicke verlegene Köpfe. »Daß du aa sölles dumm's Zeug daherreden mußt . . .« flüsterte das eine der Mädeln dem Kathele heimlich zu. Nun wurde das Kathele doch etwas unsicher. »Was hab' i denn g'sagt, Hochwürden Herr Pfarrer?« frug sie mit einem scheuen Blick auf die Burschen. »Mir scheint . . .« »Laß nur, Kathele!« beruhigte sie der Pfarrer. »Die Burschen bestätigen mir nur, wie sehr recht ich habe, wenn ich für euer Seelenheil fürchte. Es bestehen ernste Gefahren . . .« wiederholte er eindringlich, »für dich und die andern. Und wenn ihr Mädchen der Sünde bis jetzt entronnen seid, so war es nur euer Schutzengel, der euch davor behütet hat.« 50 Isidor Padöller sprach salbungsvoll und nur zu den Mädchen. Die drei Burschen, die sich von ihrem Lachen nun wieder ganz erholt hatten, ignorierte er vollständig. Ungeschickt und noch verlegener wie zuvor standen sie nun da und drehten an ihren Hüten. »Und no und no und no amal naa!« erklärte das Kathele obstinat. »Und wenn die Tolm da . . .« mit einem unsagbar verächtlichen Blick schaute sie auf die Burschen . . . »aa no a so teppat lachen, i bleib' do dabei. Beim Tanzen . . . wie wir tanzen . . . kann nix Unrechts g'schechen. Und wir sein brave Diandeln und wir bleiben aa brave Diandeln. Und wir tanzen aa weiter, Hochwürden Herr Pfarrer. Grad, daß Sie's wissen.« »Recht so!« erwiderte der Pfarrer trocken. »Ihr tanzt weiter. Und ich weiß es.« »Ja . . . und wir lassen uns von Ihnen aa nit beleidigen!« fügte das Kathele über eine Weile hinzu. »Gut. Ich werde euch nicht mehr beleidigen.« 51 »Nit?« Ungläubig schaute das Diandl zu dem stattlichen Hochwürdigen auf. »Nein.« Trotz dieser Zusicherung wollte der Ton, in dem sie gegeben wurde, dem Mädel nicht gefallen. Etwas scheu und unsicher schaute sie zu dem Pfarrer empor und dann auf ihre Gefährten. Das Gesicht des Pfarrers war ernst und undurchdringlich. »Also . . . dürfen wir dann bei der Prozession . . .« fing das Diandl über eine Weile zögernd zu reden an. »Wenn ihr wollt, könnt ihr mitgehn!« entschied der Pfarrer. »Wirklich? Mit'n Kranzl?« »Nein. Ihr könnt euch den Frauen anschließen . . . aber bei den Ehrenjungfrauen habt ihr nichts zu tun!« erklärte der Pfarrer streng. »Hochwürden . . . das ist eine Beleidigung für uns!« sagte das Kathele, und ihre Stimme stockte; denn sie mußte sich heftig gegen die aufsteigenden Tränen wehren. 52 »Beleidigung? Ihr seid aufsässige Mädchen. Widerspenstig. Es ist nur eine Strafe.« Das Kathele schluckte und schluckte. Daß sie eine Niederlage erlitten hatte, tat ihr verdammt wehe. Aber sie kämpfte tapfer. »Für das, daß wir ehrliche Madeln sein und brav bleiben wollen, sollen wir g'straft werden?« frug sie, und ihre Stimme zitterte vor Scham und Wut. »Nein. Nicht dafür. Das anerkenne ich. Aber, daß ihr weiterhin eurem Seelsorger ungehorsam sein wollt . . . daß ihr euch in Gefahren begebt und der Sünde unterliegen könnt . . .« Nun wurde das Kathele ernstlich böse, und das ganze Sprühteufele, das in ihr steckte, brach unbeherrscht los. Zornig stampfte sie mit ihren beiden kleinen Füßen auf den Boden. »Strafen Sie uns dann, wenn eine von uns unterlegen ist. Nit zuvor!« schrie sie. »Und überhaupts werd' i sehen, wer recht behaltet. Sie, Herr Pfarrer, oder i. Aber nachgeben tu i nit, daß Sie's wissen!« 53 Mit dieser offenen Kampfansage entfernte sich die kleine Wortführerin der tanzenden Jungfrauen des Dörfels. Hinter ihr drein der Friedl und dann die andern. Paarweise. Mit ziemlich gedrückten Gesichtern und eingezogenen Köpfen. Nur das Kathele hielt den Kopf hoch. Jetzt erst recht. Und grad zu Fleiß. Draußen vor dem Widum machte sie Halt. »Jetzt gehn wir auseinander!« befahl sie. »Aber am Sonntag beim Tanz kommen wir wieder z'sammen. Daß mir koans fehlt. Alle müssen wir z'sammhalten. Sischt ist's aus und g'schehen . . .« Was so ein kleines Weiberhirn alles auszudenken vermag, das ist kaum zu glauben. Nur gescheit, schlau und berechnend muß es sein. Dann ist seine Besitzerin des Sieges sicher. Das Kathele packte den Kampf mit dem Pfarrer ganz von der richtigen Seite an und hatte auch gar bald die Schwäche des Gegners herausgefunden. Und die Schwäche des Gegners war in diesem 54 Falle die Musikkapelle. Denn wie konnte eine feierliche Prozession und eine feierliche Einweihung der kleinen Wallfahrtskirche stattfinden ohne Musikkapelle? Undenkbar. Also mußte ein Streik der Musikanten organisiert werden. Und das Kathele organisierte. Alle tanzenden Burschen, die bei der Dorfmusik mittaten, hatten auf Befehl des Diandls zu streiken. Und alle tanzenden Diandeln, die bei dem Singchor mitwirkten, hatten ihre Mitwirkung einzustellen. So lautete der Befehl der kleinen kampflustigen Obmännin der tanzenden Jungfrauen. Offener Krieg war im Dörfel ausgebrochen, und zwei Parteien bildeten sich. Der Pfarrer mit den Frauen und den nichttanzenden Jungfrauen auf der einen Seite, das Kathele mit der tanzlustigen Jugend und den meisten Männern des Ortes auf der andern Seite. Der Wartbichler Friedl und der Klacken Lois taten ihr Möglichstes, um das Kathele in ihrem Streik zu unterstützen; und sie waren es auch, 55 welche fast die gesamte Männerwelt des Dorfes auf ihre Seite brachten. Und ehrlich gestanden, taten die meisten nur zu gerne mit. Dieses öde Dasein ohne Lachen und Lustbarkeit hatten sie denn doch mit der Zeit satt bekommen. Dann kam noch dazu, daß der Wartbichler Friedl es unter den Männern ruchbar machte . . . der große Einfluß des Pfarrers sei darauf zurückzuführen, weil die Weiber samt und sonders in den schönen Mann verliebt wären. Das wirkte. Denn so dumm ist kein Bauer, daß es ihm gleichgültig bliebe, wenn ein anderer seinem Weib besser gefiele, als er, der ihr von Gott bestellte Eheherr. Es dauerte nicht lange, bis es dem Pfarrer zu Ohren kam, was unter den Männern getuschelt wurde. Und Isidor Padöller dachte nach, überlegte, ob an dem Gerücht nicht doch ein Körnchen Wahrheit sein könnte. Klug wie er war, berührte er die Angelegenheit der tanzlustigen Jugend mit keinem Worte mehr von der Kanzel herab, sondern beobachtete gelassen, wie sich der 56 Streik und auch der Klatsch weiterhin entwickeln würde . . . Der festliche Tag, an dem die Statue der heiligen Anna in feierlicher Prozession in das neu restaurierte Kirchlein am Berg getragen werden sollte, rückte näher und näher; und auch der Bischof hatte sein Erscheinen mit Bestimmtheit zugesagt. Aber in dem Kriegszustand, der im Dörfl herrschte, hatte sich nichts geändert. Der Lehrer, der den Sängerchor zu leiten hatte, war schon einige Male beim Pfarrer gewesen und hatte Vorstellungen erhoben. Er hatte nur mehr die Schulmädchen zur Verfügung. Und diese seien der Aufgabe nicht gewachsen, erklärte er. »Dann sehen Sie sich um Ersatz in den Nachbardörfern um!« entschied der Pfarrer trocken. »Nachgegeben wird nicht.« Jedoch auch mit den Nachbardörfern hatte man kein Glück. Sowohl Sänger wie Musikanten streikten. Das kam daher, weil die Burschen erklärt 57 hatten, jeden einzelnen Streikbrecher blutig zu schlagen. Und die Burschen des Dorfes hatten ja auch die Bauern hinter sich. Und die Bauern kannten einander. Sie wußten, daß es besser war, miteinander im Frieden zu leben. Und schließlich, was ging die andern Gemeinden der Streit des fremden Pfarrers an? Eigentlich geschah ihm recht, daß er nun in der Klemme saß und vor dem Bischof blamiert wurde. Das mit den tanzenden Jungfrauen hatte er entschieden übertrieben. Sollte er nun sehen, wie er die Sache wieder einrenkte. Der Pfarrer saß in stumm verbissener Wut in seinem Widum und wartete mit einer gewissen obstinaten Neugierde, wie sich die Angelegenheit weiterhin entwickeln würde. Nachgeben würde er nicht. Das war sicher. Schließlich konnte auch einmal eine Prozession ohne Sänger und ohne Musikanten stattfinden. Er würde die Angelegenheit dann schon dem Bischof berichten, und dieser würde wohl zu ihm stehen. Oder nicht? 58 So ganz sicher war Isidor Padöller denn doch nicht. Es konnte auch anders kommen. Der Bischof konnte ihm mehr Diplomatie empfehlen . . . ihn zurechtweisen und ihn vielleicht gar versetzen. Strafweise . . . Wer konnte es wissen. Es waren schon oft Ungerechtigkeiten passiert, und Isidor Padöller gestand es sich ganz im geheimen ein, daß sein Streit mit der Jugend des Ortes vielleicht doch nicht so ganz zu rechtfertigen sein könnte. Oftmals dachte er an die kleine schneidige Wortführerin der tanzenden Jungfrauen, wie sie mutig vor ihm gestanden war und ihre Sache vertreten hatte. Und so war es dem Pfarrer gar nicht so ungelegen, daß die Wartbichlerin als Obmännin des christlichen Frauenbundes einmal zu ihm kam, um wegen des bevorstehenden Festes der heiligen Anna mit ihm Rücksprache zu halten. Daß das Fest so ganz ohne Sang und Klang stattfinden sollte, betrübte die Frauen des Dorfes gar sehr; und sie ärgerten sich wütend, daß 59 sie in diesem Streite die Unterlegenen sein sollten. Der Einfluß der Weiber auf ihre Töchter war geschwunden, seitdem die Männer die Partei der Jugend ergriffen hatten. Und mehr als eine Frau mußte jetzt höhnische Reden des Mannes einstecken, der sich über ihre Verliebtheit in den schönen Pfarrer lustig machte. »Laß du's Madel in Ruh'!« verwies dann wohl der Mann die zankende Mutter. »'s ist g'scheiter, sie tanzt, solang sie jung und ledig ist, als sie wird narrisch als a alte Kuah. Beim Tanzen ist nix dabei. Aber 's Verliebtsein als a alter und no obendrein in an Unrechten . . .« Fuchsteufelswild schlug dann die Bäurin die Türe hinter sich zu. Aber sie konnte nichts daran ändern. Sieger waren jetzt diejenigen, die vordem unterdrückt worden waren. Die Wartbichlerin hatte auch schon üble Reden einstecken müssen und sich nicht dagegen wehren können. Natürlich nicht von ihren beiden Söhnen. Die hatten sich nicht zu mucksen getraut, sondern hatten nur still vor sich hin 60 gelächelt, wenn die Mutter in eine ziemlich geräuschvolle Schimpferei über die Zustände im Dörfel ausbrach. Aber der Klacken Lois, dieser freche Teuxelskerl, der war unlängst zur Wartbichlerin gekommen und hatte anzügliche Reden geführt. So, daß die Wartbichlerin über und über rot geworden war wie ein junges Mädel, es ihr vor Zorn und Verlegenheit die Rede verschlug und sie nicht mehr aus und ein wußte . . . Dann rückte der Bursch mit seinem Vorschlag heraus. »Siehst, Wirtin . . .« meinte er und machte ein so treuherziges G'schau, als es ihm die stets übermütig lachenden Augen gestatteten. »Du magst mir's glauben oder nit. Aber bevor du narrisch g'worden bist und alleweil dein' Pfarrer nachg'rennt bist . . .« »Halt's Maul!« herrschte ihn die Wartbichlerin an. »In die Kirchen bin i . . .« »Freilich. Beten. I woaß scho!« lachte der Lois boshaft. »Also, bevor du so narrisch warst, sag' i . . . hab' i di alleweil gern g'habt. Magst mir's glauben oder nit!« 61 »Freilich. Nit!« entschied die Wirtin. »A so a Hallodri wie du oaner bist!« »Natürlich. Weil mir halt die Diandeln alle so viel g'fallen. Da kann i nix dafür. Und weißt, dös ist mir angeboren!« lachte der Bursch übermütig. »Aber siehst, Wirtin, die Liabste . . . gar die Allerliabste bist do alleweil du mir g'wesen. Magst es glauben oder nit. Bist no alleweil so a rar's saubers Weibsbild, daß du's mit an jeden Diandl aufnehmen kannst.« »Halt's Maul!« gebot die Wartbichlerin böse. »Oder i geh'!« »Ah naa. Nit gehen. Dös tät' di reuen! Ganz g'wiß!« meinte der Lois in einem beinahe väterlichen Ton. »Und iatz ist ja do alles aus. Du magst mi nit, und i mag di aa nimmer. Grad derbarmen tuast mir no. Weil i dir's beim Nasenspitzl ansiech, wie di die ganze G'schicht' wurmt. Du . . . die Wartbichlerin . . . und zum G'spött werden von die jungen Leut! Meiner Seel' . . . dös ist hart!« meinte er teilnehmend. »Und siehst, drum hätt' i dir 62 an Ausweg g'wußt . . . woaßt, wegen der Musik. Weil i mir schon denken kann, daß di das ganz extra kränken muß. Wo du doch die Obmännin bist vom christlichen Frauenbund.« Nun horchte die Wartbichlerin doch etwas aufmerksamer zu. Und den Vorschlag, den ihr der Klacken Lois zu machen hatte, fand sie so ausgezeichnet, daß sie ihn jetzt dem Pfarrer unterbreitete. Sie, die Wartbichlerin sollte vermitteln. Gerade sie in ihrer Eigenschaft als Obmännin des christlichen Frauenbundes sollte sich der guten Sache wegen überwinden und mit dem Pumelitzer Kathele verhandeln. Denn das Kathele war und blieb die Anstifterin der aufrührerischen Jugend des Dorfes. Dem Kathele wollte sie versprechen, daß die tanzenden Jungfrauen in geschlossenen Reihen mit dem Kranzel auf dem Kopf hinter dem christlichen Frauenbund bei der Prozession gehen dürften. Damit war die Ehre der tanzenden Jungfrauen öffentlich wieder hergestellt, ohne daß 63 der Pfarrer von seinem Standpunkt abrücken mußte. Denn die tanzenden Jungfrauen durften wohl das Kranzel tragen . . . als Zeichen ihrer Unberührtheit, aber sie waren doch streng abgesondert von dem eigentlichen Jungfrauenbund und durften erst nach dem christlichen Frauenbund sich in die Prozession einreihen. Isidor Padöller war einverstanden. »Versuchen Sie halt Ihr Glück, Frau Wartbichler . . .« meinte er mit gespielter Gleichgültigkeit. »Aber . . . natürlich . . . ich gebe nicht nach. Sagen Sie das dem Mädel!« fügte er ernst hinzu. Also verhandelte die Wartbichlerin mit dem Pumelitzer Kathele. Lang und eifrig. Aber es war nicht so leicht, dem kleinen Diandl beizukommen. Das Mädel bestand auf seinem Recht. »Naa . . . Wirtin!« beharrte das Kathele. »Nit hinter den Weibern gehen wir. Sondern mit den Jungfrauen. Ganz gleich als wie die andern. Da darf koa Unterschied nit g'macht werden. Entweder gleichberechtigt oder gar nit!« 64 Es war eine endlose diplomatische Verhandlung. Fast jeden Tag kamen sie jetzt zusammen, die Wartbichlerin und das Sagschneider Diandl. Und der Friedl hetzte noch das Diandl, wo er nur konnte. »Grad nit nachgeben, Kathele . . . nit nachgeben!« meinte er. »Sonst ziehen wir ein für allemal den kürzeren.« »I gib schon nit nach. Verlass' di drauf!« lachte das Kathele. »Schon aa grad deswegen nit . . . weil's dei' Muatter ist. Da mag i scho gar nit.« Und die beiden jungen Leute lachten übermütig. Sie wußten, weshalb. Noch war kein Wort von Liebe zwischen ihnen gesprochen worden, und trotzdem wußten sie Bescheid und fühlten, daß sie eigentlich Liebesleute waren, die in nicht allzu ferner Zeit einander heiraten würden . . . Den kürzeren in diesem Streit zogen der Pfarrer und die Wartbichlerin, die seine Sache nun zu der ihrigen gemacht hatte. Schritt für Schritt gaben sie nach und erfüllten die Bedingungen, welche das Pumelitzer Kathele stellte. 65 Nur eines blieb unerfüllt, und in diesem Punkt war der Pfarrer standhaft. Den ersten Vortritt bei der Prozession hatte der Jungfernbund, und diesem sollte auch die Ehre zuteil werden, die Statue der heiligen Anna in das neu restaurierte Heim zu tragen. Aber das Kathele bestimmte: »Gut. Der Jungfernbund hat den Vortritt. Aber tragen tun wir die heilige Frau abwechselnd. Zuerst vier Diandeln vom Jungfernbund und nachher vier Diandeln von uns tanzenden Jungfern. Oder wir tun nit mit!« beharrte sie eigensinnig. So blieb es denn dabei; und mit verbissener Wut und Ingrimm erreichte die Wartbichlerin auch dieses letzte Zugeständnis vom Pfarrer. Aber sie haßte das Kathele. Ehrlich. Und wenn sie gedurft hätte, so hätte sie sich das kleine Diandl hergenommen und es windelweich geklopft. So ein Saufratz, ein elendiger! Wo grad die die Schneid' hernahm! Und auf ihren Friedl sollte sie gar ein Aug' geworfen haben, hatte man ihr unlängst erzählt. 66 Na . . . die sollte sich g'freuen! Verbieten konnte sie dem Friedl das Heiraten allerdings nicht; denn erstens war er mündig und zweitens selbständig. Aber ärgern würde sie die beiden, wenn es wirklich zum Heiraten kommen sollte. Das schwor sich die Wartbichlerin selber zu . . . Der feierliche Tag der Einweihung des Kirchels war gekommen und wurde mit allem Pomp, den das kleine Dörfel aufbieten konnte, begangen. Schon am Tage zuvor war der Bischof eingetroffen, den man mit Böllerschüssen, Triumphbogen, Musik und Ehrenjungfrauen empfing. Auch eine Abordnung der tanzenden Jungfrauen war dabei. Und natürlich fehlte darunter das Pumelitzer Kathele nicht. Ganz in der ersten Reihe hatte sie sich aufgepflanzt, obwohl sie von Rechts wegen in die zweite Reihe gehört hätte. Aber klein und geschmeidig wie sie war, hatte sie sich eben durchgedrängt; und die vom Jungfrauenbund getrauten sich nicht zu mucksen, aus Angst, daß 67 das Kathele noch im letzten Moment die Musik einstellen könnte. Es waren zwei grantige alte Jungfern, zwischen denen das Kathele zu stehen kam. Aber das machte ihr nichts. Es machte ihr auch gar nichts, daß die beiden sich neben ihr breit und klotzig aufpflanzten und sie mit giftigen Seitenblicken maßen. Das kleine Diandl hatte ein so unschuldiges und freudiges Gesichtl und sah so lieb und reizend aus, daß sogar der Pfarrer ihr nicht bös sein konnte. Um in gar nichts in dem Streite nachzugeben und auch das Letzte ihrer Bedingungen noch zu erreichen, griff das Mädel zur List. Von der Kirche aus zog die Prozession im feierlichen Zug durch's Dorf und den Hügel hinan, auf dem das Wallfahrtskirchlein stand. Die Glocken läuteten von den beiden Kirchen, und die Böller krachten laut und dröhnend. Die Nachbargemeinden hatten ihre Musikkapellen entsendet. Geistliche waren gekommen und Abordnungen von Schützen und Veteranenvereinen. 68 Schulkinder, welche die Fahne des heiligen Schutzengels trugen, eröffneten den Zug. Dann kamen die Jünglinge des Ortes mit ihrer Fahne und nach diesen der christliche Männerbund. Vor der Statue der heiligen Anna spielte die Musikkapelle des Festdorfes. Ihr folgten, die Augen demütig zu Boden geschlagen und mit gefalteten Händen die Jungfrauen des Jungfernbundes. Nach diesen gingen die tanzenden Jungfrauen. Man unterschied sie sofort von den andern. Sie alle waren jung und hübsch und hatten lustige übermütige Gesichter, denen es Mühe machte, ernst und feierlich auszusehen. Die Jungfrauen, tanzende und nichttanzende, trugen dicke weiße Kränze aus künstlichen Blumen im Haar, tief in die Stirn hereingedrückt, und hatten weiße Schürzen und weißseidene Brusttücher. Die Statue der heiligen Anna wurde von vier Jungfrauen des Jungfernbundes getragen. Zu seiten der Trägerinnen schritten vier Diandeln aus dem Bund der tanzenden 69 Jungfrauen, welche die Trägerinnen von Zeit zu Zeit abzulösen hatten. Der Sängerchor, vom Lehrer geführt, schritt vor dem Baldachin, unter dem der Bischof, von Geistlichen in weißen Chorröcken umgeben, das Allerheiligste trug. Knapp dahinter beteten die Frauen vom christlichen Frauenbund mit lauter Stimme ihren Rosenkranz. Als allererste natürlich die Wartbichlerin. Sie sah in ihrer hübschen kostbaren Bauerntracht mit dem schwerseidenen dunklen »Fürtach« und dem gleichen, kreuzweise über der Brust gesteckten Tuch bildsauber aus. Die Freude über das nun doch so schön zustande gekommene Fest machte sie rot und blühend und fast bräutlich jung. Das Pumelitzer Kathele war selbstverständlich eine von den Ersatzträgerinnen. Und sowie die Prozession den Dorfplatz erreicht hatte, gerade dort, wo das Gasthaus der Wartbichlerin stand, flüsterte der kleine Racker ihrer Nachbarin ins Ohr: »Mei' Mensch . . . du dertragst es ja 70 nimmer. I bitt' di . . . lass' mi machen. Du bist ja ganz bloach.« Die Trägerin, ein schon ältliches Mädchen mit einem griesgrämigen und etwas wehleidigen Gesicht, erschrak heftig. »Moanst?« flüsterte sie zurück. »Bin i bloach?« »Freilich. Ausschauen tuast wie a g'spiebenes Gerstel. Lass' grad mi. I tua's gern!« versicherte das Kathele im freundlichen Mitleid. Die andern Trägerinnen waren wohl etwas verwundert darüber, daß der Wechsel schon so bald stattfinden sollte. Aber da es möglichst rasch und unauffällig geschehen sollte, blieb zum Verhandeln keine Zeit. Und so trugen denn die Jungfrauen die heilige Anna noch durch's Dorf und dann noch ein Stücklein den Berg hinan. Bis das Kathele plötzlich zu stöhnen begann . . . »I bitt' di gar schön und um Gotteswillen, hilf mir! I lass' sischt die heilige Anna fallen.« Erschrocken sprang ihre Nachbarin hinzu und stützte sie. Auch die andern drei Diandeln von 71 den tanzenden Jungfrauen, welche in die Komödie nicht eingeweiht waren, erschraken heftig; denn sie glaubten tatsächlich, daß die Last dem zarten Kathele zu schwer geworden sei. Der Wechsel der Trägerinnen erfolgte diesmal noch weit rascher wie das erstemal, und die vier Mädchen vom Jungfernbund trugen nun die Heilige den steilen Berg hinan. Es war keine leichte Arbeit. Das Kathele, das mit einem scheinheiligen und unschuldigen Gesichtl leer daneben schritt, sah es gar wohl, wie sich ihre Nachbarin mühte und plagte und sich etliche Male den Schweiß von der Stirn wischte. Aber sie sagte kein Wort, faltete nur fromm die Hände und betete mit lauter Stimme und sehr eifrig den Rosenkranz. Als man noch etwa fünf Minuten weit bis zum Kirchlein hatte, erklärte das Kathele plötzlich: »Iatz ist mir wieder gut. Lass' mi wieder machen. Du derschnaufst es ja so bald nimmer. Dös ist a höllisches Stuck Weg g'wesen.« Alle vier Trägerinnen waren ehrlich froh darüber, daß sie nun abgelöst wurden. Denn der 72 Weg war nicht nur steil und steinig, sondern auch sehr sonnig. Oben beim Kirchlein angelangt, trugen die tanzenden Jungfrauen ihre heilige Bürde in das neue Heim. Stolz und sieghaft. Denn nun hatten sie es los, daß alles nur eine Komödie gewesen war und daß das Kathele ihnen durch ihre List zum endgültigen Sieg verholfen hatte. Die vom Jungfernbund spannten die Sache noch immer nicht. Sie waren zu müde und abgestumpft und nur froh, jetzt in die kühle Kirche eintreten zu dürfen. Die Orgel erbrauste, und die Glocken läuteten feierlich. Vor dem Kirchentor spielte die Musik. Die hellen Glöcklein der Ministranten kündigten das Nahen des Allerheiligsten an. Das Kathele und ihre Gefährtinnen trugen die Heilige bis an die Stufen des Hochaltares, stellten sie zur rechten Seite des Altars nieder und knieten andächtig hin, um den Segen mit dem Allerheiligsten zu empfangen. Isidor Padöller, der im kostbar gestickten 73 Rauchmantel zur Linken des Bischofs schritt, mußte knapp an dem Kathele vorbeigehen. Sie hielt das Köpfchen tief gesenkt und vermied seinen Blick. Auch später noch, als alles zu Ende war, wich das Mädel dem Pfarrer aus. Denn nun hatte sie ein schuldiges Gewissen und keine Schneid' mehr, vor ihn hinzutreten. Tatsächlich hatten ja die tanzenden Jungfrauen die heilige Anna in die Kirche getragen und so den höchsten Trumpf der ganzen Prozession ausgespielt . . . Allzu lange konnte das Pumelitzer Kathele aber ein Zusammentreffen mit dem Pfarrer doch nicht vermeiden. Sie und der Friedl hatten sich ausgesprochen und wollten heiraten. Da blieb nichts anderes übrig, als doch zum Pfarrer zu gehen. Und Isidor Padöller schaute die Kleine, die nun verlegen und tiefrot neben dem Friedl vor ihm stand, mit gemachtem Zorn an. »So?« frug er ernst und vorwurfsvoll. »Also getraust dich doch noch zu mir, Kathele?« 74 »I muß wohl!« gestand das Diandl zaghaft. »Bleibt mir ja nix anders übrig.« »Das siehst also ein?« »Ja!« meinte das Mädl kleinlaut. »Und schämst du dich?« Bei dieser Frage schaute das Kathele überrascht auf. »I? Weil i heirat'?« Nun mußte der Pfarrer lachen. »Nein. Wegen deiner Hintertücke. Das war gemein von dir, Mädel. Aber . . .« und dabei hielt er ihr freimütig die Hand hin, »es hat mir doch gefallen von dir, daß du dich so brav gehalten hast. Wenn wir auch Feinde waren . . . Jetzt wollen wir Freunde sein. Da . . . schlag' ein!« »Gern, Hochwürden Herr Pfarrer. Gern.« Und kräftig schüttelten sich die beiden die Hände. »Aber . . . geltens, Hochwürden . . . Jetzt sehen's doch ein, daß die tanzenden Jungfrauen brave Diandeln sein?« meinte das Pumelitzer Kathele. 75 »Recht mußt haben!« lachte der Pfarrer. »Immer das letzte Wort. Friedl, kannst dich freuen.« Der Friedl grinste über's ganze Gesicht. Die Differenz mit dem Pfarrer, das war ja eine Kleinigkeit. Das hatte er ja immer gewußt, daß der Pfarrer im Grunde genommen ein vernünftiger Mensch war. Isidor Padöller hatte auch nie mehr gegen die tanzende Jugend gewettert. Offenbar war ihm das, was das Kathele ihm damals gesagt hatte, doch zu Herzen gegangen. Und nachgetragen hatte er auch nichts. War ein recht vernünftiger Mann der Pfarrer. Recht vernünftig. Wenn nur alle Leut so wären . . . dachte sich der Friedl. Seine Mutter, die Wartbichlerin, die war ganz anders nachtragerisch. Spinnefeind war sie dem Kathele seit dem Vorfall in der Wallfahrtskirche. Und ihm, dem Friedl, gab sie kaum ein gutes Wörtel mehr. Das war so, daß er der Mutter seine Absicht, zu heiraten, fast nicht mitzuteilen wagte. 76 Nach dem Besuch im Widum kehrten die Brautleute bei der Mutter zu. Die Wirtin war nicht allein. Obwohl es Vormittag war, saß schon der Klacken Lois im Wirtshaus. Hatte sein Filzhütl frech und unternehmend schief ins Gesicht gerückt und lachte den beiden entgegen. »Kömmt's vom Pfarrer . . . ös zwoa, ha?« »Ja.« Es klang gedrückt, fast schuldbewußt. »Wann wird nacher g'heiratet?« Es war der Lois, der frug. Die Wartbichlerin schaute die beiden kaum an. »Heiraten? Dö zwoa?« sagte jetzt die Wartbichlerin bissig. »Siehst es ihnen nit an, daß sie der Hochwürdige aussig'schmissen hat?« »Was sagst da?« frug das Kathele sehr energisch. »Aussig'schmissen hat er enk natürlich!« erklärte die Wirtin, als ob daran überhaupt kein Zweifel sein könne. Da lachte das Diandl aus voller Kehle übermütig, daß es sie nur so schüttelte. »Da bist am Holzweg, Wartbichlerin!« rief 77 das Kathele. »Der Pfarrer ist der feinste Mensch, den du dir nur denken kannst. Und gut Freund sein wir worden. Die Hand hat er mir g'schüttelt, der Pfarrer. Und in sechs Wochen wird g'heiratet. Daß du's nur weißt!« »Der Pfarrer hat dir die Hand g'schüttelt?« Die Wirtin stemmte beide Arme in ihre breiten Hüften und stellte sich mit ihrer ganzen mächtigen Gestalt kampfbereit vor dem kleinen Diandl auf. »Daß du di grad nit schamst, a so zu lügen!« »Wer lügt?« rief das Kathele aufgebracht. »I lüg' nit! Sag's selber, Friedl, hat er mir die Hand g'schüttelt oder nit?« »Freilich hat er ihr die Hand geschüttelt, Muatter!« bestätigte der Friedl. »Und fein ist er g'wesen mit dem Kathele, der Hochwürdige, fein als wie Haar. Und in sechs Wochen ist Hochzeit. Hab' i vielleicht nit a nettes Bräutel?« »Die kannst dir schon b'halten!« erwiderte die Wirtin unversöhnlich und erbost. »I als Obmännin des christlichen Frauenbundes 78 verzeih' dem Lausfratzen, solang i leb', nit die Schand', dö sie der heiligen Mutter Anna angetan hat!« »Da wirst di nit wehren können, Wartbichlerin . . .« mischte sich jetzt der Klacken Lois in den Diskurs. »Wenn der Pfarrer nix mehr hat gegen das Diandl, wirst halt du aa damit einverstanden sein müssen.« »Dös glaub' i no lang nit, daß der Pfarrer nix mehr hat dagegen!« behauptete die Wartbichlerin obstinat. »Müßt' ihn der Teuxelracker ja verhext haben.« »Siehst, Wartbichlerin, da hast was versaumt. Warum hast denn du den Pfarrer nit verhext?« sagte der Klacken Lois frech und grinste die Wirtin über das ganze Gesicht an. »Halt' grad du dei' ung'waschen's Maul!« fuhr jetzt die Wirtin auf den Burschen los. »Geh', sei fein, Wartbichlerin!« bettelte der Lois in komischer Demut. »Schau, i tät' mi ja grad freuen, wenn du den Pfarrer nimmer möchtest. Dös wär' mei' schönste Stund'. Tät' si koa Mensch sonst so g'freuen drüber wie i. 79 Denn wenn du den Pfarrer nimmer magst, nacher wär' do endlich a Aussicht, daß du di in mi verliabst. Du weißt ja, daß i auf di spitz'. Grad in die Obmannin vom christlichen Frauenbund hab' i mi verliabt!« grinste der Lois über seine ganze freche Papp'n . »Schau, Wartbichlerin, dös ist G'schmacksach'. In die Obmännin vom christlichen Frauenbund kann si do nit jeder verliaben. Also was ist's nacher?« »Dös ist!« rief die Wartbichlerin. »Du ausg'schamter Loder, du!« Dabei holte sie mit ihrer kräftigen Rechten zu einer Bewegung aus, die der Klacken Lois nicht mißverstand. Er duckte sich schleunig hinter dem Wirtstisch, so daß die ihm zugedachte Watschen über seinen Kopf hinwegsauste. »Iatz hättest bald a Ehrenbeleidigung begangen, Wartbichlerin!« lachte er, indem er sich wieder aufrichtete. »Wär' mir leid um mei' Hand g'wesen!« erwiderte die Wirtin rot vor Zorn, drehte den in der Stube Anwesenden ihre breite Hinterfront 80 zu und ging hinaus, wobei sie die Türe dröhnend ins Schloß hieb. »Mir scheint, iatz ist sie gar bös . . .« grinste der Klacken Lois mit einer komischen Unschuldsmiene, als wenn er den Zorn der Wartbichlerin beim besten Willen nicht begreifen könnte . . . Im Dörfel schauten sie doch drein, als am nächsten Sonntag der Pfarrer den Wartbichler Friedl und das Pumelitzer Kathele von der Kanzel herunter warf. So lautet nämlich der volkstümliche Ausdruck für das kirchliche Aufgebot von zwei Brautleuten. Man merkte es, wie namentlich auf der Weiberleutseit'n viel getuschelt wurde. Aber auch auf die Mannderleut machte es einen ersichtlichen Eindruck. Und es war entschieden die Neuigkeit des Tages, die überall besprochen wurde. Natürlich wurde auch im Wirtshaus davon geredet. Die Wartbichlerin spielte die Gleichgültige, als ob sie die ganze Sache überhaupt gar nichts angehe. Deswegen sandte sie aber doch hin und wieder 81 einen unruhigen Blick nach der Ecke, wo der Klacken Lois saß. Denn der mußte am Sonntag doch im Wirtshaus sein. Sonst wäre es kein richtiger Sonntag gewesen. Merkwürdigerweise ließ sie aber der Lois heute in Ruhe. Sie wäre sonst schon gewappnet gewesen, ihm einen gehörigen Trumpf herauszugeben. Es war ja möglich, daß der Friedl dem Lois einen Wink gegeben hatte, die Mutter nicht noch mehr zu reizen . . . Und dann war vor der Hochzeit doch noch eine Art Friede zwischen dem jungen Brautpaar und der Wartbichlerin geschlossen worden. Das Verdienst daran trug der hochwürdige Herr Pfarrer Isidor Padöller. Der hatte die Wartbichlerin einmal in den Widum rufen lassen und recht gut auf sie eingeredet, daß es halt doch nicht recht ginge, mit den eigenen Kindern im Unfrieden zu leben. Der Friedl sei ja ein recht braver Mensch geworden und habe auch schon seine gute Stellung. Und gegen das Kathele liege nichts vor. Sie habe sich 82 immer als ein braves Diandl geführt. Und die Geschichte mit den tanzenden Jungfrauen müsse man halt begraben sein lassen. Jetzt werde das Kathele ohnedies bald in keinen Jungfernbund mehr Aufnahme finden können. Weder in einen tanzenden noch in einen nicht tanzenden. »I krieg' schon a Wuat, wenn i den Fratzen seh'!« wehrte sich die Wartbichlerin. »Die werden Sie ja nit alleweil sehen . . .« beschwichtigte der Pfarrer die empörte Obmännin des christlichen Frauenbundes. »Das junge Paar zieht doch nach Vorarlberg hinaus.« »Dös ist no a Glück, Hochwürden. I mein', i krieget sonst die Gelbsucht!« erklärte die Wirtin. »Man muß auch wieder vergessen können, Frau Wartbichler!« sagte der Pfarrer. »Schauen Sie mich an. Ich habe ja auch vergessen.« »Tanzen laß i aber nit in meinem Haus bei der Hochzeit!« versicherte die Wartbichlerin. »I hab' einmal das Gelöbnis abgelegt, daß in mein' Haus, solang i leb', nimmer getanzt wird!« Der Pfarrer lächelte leise. Dann meinte er: 83 »Machen's Ihnen keine Sorge wegen dem Tanzen, Frau Wartbichler. Die haben uns früher nit g'fragt wegen dem Tanzen. Werden sie uns jetzt auch nit fragen.« »Und die heilige Mutter Anna, was wird die dazu sagen, wenn i jetzt über alles a Kreuz mach', als wenn gar nix g'schehen wär' . . .« bekam die Wirtin noch einmal Bedenken. »Was die heilige Mutter Anna dazu sagen wird, weiß ich natürlich nicht genau . . .« meinte der Pfarrer. »Aber nachdem Vergeben und Vergessen christlich ist, wird die heilige Mutter Anna auch nichts dagegen einzuwenden haben.« Als die Wartbichlerin wieder gegangen war, schritt Isidor Padöller noch eine geraume Zeit, die Hände auf den Rücken gelegt, nachdenklich in seinem Zimmer auf und ab. Mancherlei ging dem Pfarrer durch den Kopf. Darunter tauchte auch das alte gute Sprüchlein auf, daß allzu scharf schartig mache . . . Mit seiner Voraussage der Wartbichlerin gegenüber, daß sie sich wegen dem Tanzen auf der Hochzeit des Friedl keine Sorgen machen 84 sollte, hatte Isidor Padöller vollkommen recht behalten. Das Hochzeitsmahl fand im Wirtshaus statt. Getanzt wurde aber beileib' nicht bei der Wartbichlerin. Als das Mahl vorüber war, zog die ganze große Gesellschaft nach dem Stadel, der dem Sagschneider gehörte. Der Friedl hatte im Verein mit dem Klacken Lois und anderen Burschen den zum Tanzboden umgewandelten Stadel noch ganz besonders festlich hergerichtet und ihn mit Taxengewinden, bunten Fähnlein und Lampions geschmückt, daß es völlig vornehm aussah. Und getanzt und gesungen und gejodelt wurde auf der Hochzeit des Wartbichler Friedl mit dem Pumelitzer Kathele so viel, so eifrig und lustig, wie es seit Jahr und Tag in dem Dörfl sich nicht mehr ereignet hatte. Sogar der alte Sagschneider mit seinen beiden alten Schwestern war mit unter den Tanzenden. Wie man dann nachträglich erfuhr, wurden auch ein paar nichttanzende Jungfrauen vom 85 frommen Jungfernbund auf der Hochzeit des Friedl gesehen, die ihren strengen Vorschriften untreu geworden waren und mit den andern tanzten, daß nur so die Röcke flogen. Es sollen aber diese paar nichttanzenden Jungfrauen, die sich zum Tanzen bekehrten, junge saubere Diandeln gewesen sein. Von den älteren Registern war allerdings keine zu sehen. Es hatte auch niemand Zeitlang danach. Daß der Pfarrer Isidor Padöller, die Wartbichlerin als Obmännin des christlichen Frauenbundes oder sonst ein Mitglied dieses Bundes gegen ein solches betrübliches Vorkommnis Einwendung erhoben hätten, wurde nicht gehört. Der Jugend gehört halt doch die Zukunft. Und sie ist meistens auch mächtiger. Wenn das Dörfel noch so klein, der Pfarrer noch so streng und die Frauen noch so fromm sind. Zum Schluß muß noch ein neuer Streich des Pumelitzer Kathele oder vielmehr der Frau Katharina Wartbichler vermeldet werden, der ihrer Schlauheit nur ein abermaliges gewichtiges Zeugnis ausstellt. 86 Als die Frau Katharina Wartbichler nach kaum Jahresfrist in Vorarlberg draußen einem gesunden Jungen das Leben gab, der in der Taufe den Namen seines Vaters erhielt, stiftete sie zu Ehren dieses neuen Weltbürgers dem christlichen Frauenbund in ihrer Heimat eine neue Bundesfahne. Aber schon so eine prächtige Fahne mit dem in Seide gestickten Bildnis der heiligen Mutter Anna, daß sie den Neid der ganzen Umgebung erregte. Auch Isidor Padöller war davon ehrlich begeistert. Diesem werktätigen Beweis echt christlicher Gesinnung konnte auch die Wartbichlerin nicht mehr länger widerstehen. Sie erklärte es als ein offenbares Zeichen der Einkehr und Bußfertigkeit der ehemaligen kleinen Sünderin, die auf solche wirklich schöne Weise die heilige Mutter Anna versöhnen wollte. Der christliche Frauenbund hielt unter seiner Obmännin und im Beisein des Pfarrers eine eigene Sitzung ab, in der die Frau Katharina Wartbichler in Anerkennung ihrer besonderen 87 Verdienste um den Verein zum Ehrenmitglied des christlichen Frauenbundes ernannt wurde. Der Schullehrer hatte es dann übernommen, ihr ein eigenes Diplom darüber auszufertigen. Ein paar Wochen später hat sich die Wartbichlerin entschlossen, nach Vorarlberg zu fahren, um ihren Sohn und die Schwiegertochter aufzusuchen und dabei auch ihren ersten Enkel zu lupfen, ob er wohl von guter Rasse sei. Diese Prüfung soll sehr befriedigend ausgefallen sein. Und mit dem Pumelitzer Kathele kam die Wartbichlerin auch gut zu fahren. Denn daß aus der tanzenden Jungfrau jetzt sogar ein Ehrenmitglied des christlichen Frauenbundes geworden war, das mußte man ja geradezu als eine himmlische Fügung betrachten. 88     Der schlaue Rat Unser lieber Herrgott hat allerhand Kostgänger. Und um die allermeisten ist er wahrhaft nicht zu beneiden. Darum soll man eigentlich, wenn ein Mensch dieses irdische Jammertal für immer verläßt, immer am meisten den Herrgott bedauern und nicht die zurückgebliebenen Mitmenschen. Denn die sind den selig Verblichenen wenigstens los und wissen sich in der Mehrzahl der Fälle ungemein rasch über den unersetzlichen Verlust zu trösten. Aber der liebe Herrgott muß das betreffende Exemplar für ewige Zeiten haben. Ja, wenn man in die wimmelnde Menschenschachtel hineingreift, dann ist sie viel mannigfaltiger, krauser und vor allem verrückter in ihren Vertretern als der größte zoologische Garten, wie überhaupt unter Viechern vielfach gemütlicher zu leben ist als unter Menschen. Gewöhnlich erwischt man bei einem kräftigen 89 Griff in dieses Gezücht und Gezwatzel und Gezappel irgendeinen ekelhaften Kerl. Den schmeißt man halt weg. Ab und zu kommt einem doch ein drolliger Kauz unter, mit dem man was beginnen kann. So ein Kauz war der Pflarren Hansele. Da steht er. Kaum mittelgroß, etwas schwerfällig, nicht sonderlich robust. Ein Gesicht mit einer Kolbennase und einem struppigen rötlichen Schnauzbart. Nimmer jung, aber auch noch nicht alt. Kleine verkniffene Äuglein und eine beginnende, um so größere Glatze. Im Gesicht einen Zug unendlicher Wichtigkeit und Unentbehrlichkeit. Von Beruf Viehhändler. Handelte hauptsächlich mit Kleinvieh, der Hansele, mit Schafen und Schweinen. Sonst war der Hansele ein ganz vernünftiger Mensch. Er litt aber trotzdem in sehr erheblichem Maße an der Erbkrankheit der Menschen . . . daß er nämlich für sein Leben gern eine Rolle spielte. Ja, ja, das ist unsere Erbkrankheit: das Rollespielen! Wenn die Menschen nicht das 90 vermaledeite Rollespielen hätten, dann würden wir so friedlich nebeneinander hausen wie im Paradiese. Dabei gibt es auf unserm elendigen Welttheater unter tausend Rollespielern mindestens 999 Schmierenkomödianten. Darum sehen unsere Komödien auch regelmäßig so lausig aus. Doch um von dieser erbaulichen Weltbetrachtung wieder auf den Pflarren Hansele zu kommen . . . der Hansele erzählte zu gerne Geschichten von sich selber, Geschichten, in denen er die eine oder andere bedeutende Rolle spielte. Er tat nichts lieber, als Erlebnisse und Abenteuer seiner eigenen werten Persönlichkeit zum besten geben. Und wenn er gläubige Zuhörer fand, dann schwamm er im Fett der allgemeinen Bewunderung wie eine Ölsardine in ihrer Büchse. Und der Hansele fand meist gläubige Zuhörer. Das mußte man ihm lassen: er war geschickt im Aufschneiden. Da er natürlich im Verhältnis zu seiner 91 Leidenschaft viel zu wenig tatsächlich erlebte, mußte er sich auf das Erdichten verlegen. Und da er als Viehhändler mit Schafen und Schweinen nicht gerade über eine üppig prangende dichterische Phantasie verfügte, kam er auf einen gelungenen Ausweg. Er stellte sich selbst in den Mittelpunkt von Geschehnissen, von denen er irgendwo erzählen gehört hatte. Er eignete sich einfach die Erlebnisse anderer an. Er stahl also die tatsächlichen Abenteuer seiner Mitmenschen und spielte als Plagiator anderer seine eigenen Heldenrollen. Darum habe ich auch den Hansele als eine besondere Spezies aus dem allgemeinen Gezwatzel herausgegriffen. Weil der Hansele in Verfolgung seines Berufes einen großen Teil des Jahres unterwegs war und viel landaus und landein kam, ermangelte er auch nie neuen Stoffes. Dabei war er aber klug genug, sich die Örtlichkeiten der Begebnisse sorgfältig einzuteilen. Es kam nämlich niemals vor, daß sich ein Erlebnis des Pflarren Hansele irgendwo in der 92 Nähe abgespielt hätte, wo er davon erzählte. Sonst wäre man ihm mit der Zeit doch auf seine Schliche gekommen. Wenn er also im obersten Vintschgau was erlebt hatte, dann erzählte er sicher nur im untersten Unterinntal davon. Heute hatte es der Hansele ganz besonders wichtig. Zu Fügen im Zillertal war Viehmarkt. Der Hansele hockte in der vollgepfropften Wirtsstube beim Ochsen und erzählte. Mindestens ein halbes dutzendmal hatte er seine neueste Geschichte schon zum besten gegeben. Und immer fanden sich wieder neue Zuhörer. Jetzt waren gerade ein paar seiner Kollegen in die Stube getreten. »Geh', Hansele!« ließ ihn der Wirt an. »Erzähl' doch noch amal, wie ös den Überacker Hias in der Fuchsfallen g'fangen habt's!« »O mei!« meinte der Pflarren Hansel bescheiden. »Dös ist doch nix B'sonders. Es muß einem halt das richtige Mittele einfallen. Nachher wird man über den größten Raufer und Ranggler Herr. Da braucht's halt an schlauen 93 Rat. Und den hab' i denen in Nauders oben, denen Vintschgern geben.« »Ja, wie ist denn dös g'wesen, Hansele?« frug einer der neu dazugekommenen Viehhändler neugierig. »Dös kann i dir schon sagen!« erwiderte der Hansele, warf sich in die Brust, nahm einen kräftigen Schluck aus seinem Weinglas, wischte sich mit dem Rücken der rechten Hand über den feuchten Schnauzbart und begann: »Also in Nauders, da ist der ärgste Raufer der Überacker Hias. A Kerl wie a Baum. Was sag' i, wie zehn Bäum'. A Mordslackel, a Erzviech. Pratzen wie Scheibenbretter und a Kraft wie a Stier. G'fürchtet hat sich alles vor ihm, und alles ist ihm meilenweit aus'm Weg gangen. A wahre Landplag ist der Kerl g'wesen. Na ja, bis i amal nach Nauders kommen bin und denen Leutlen a Liacht aufg'steckt hab'. Ös habt's ja narrische Schwämm' g'fressen, hab' i ihnen g'sagt, daß ös enk nit zu helfen wißt's. Da will i enk an schlauen Rat geben. Den Überacker Hias, den Malefiztropf, den 94 höllischen, den fangen wir in a Fuchsfallen. Werdet's wohl im ganzen Ort a Fuchsfallen haben. Ja freilich, haben sie g'moant. Nit eine, sondern glei mehrere. Dö kannst dir aussuachen, die Fuchsfallen. Und a Freud' haben's g'habt über mein' schlauen Rat, a Gaudi, gar nit zum sagen, so a Gaudi. Ja, ös müaßt's bedenken, wie viele hat der Hias schon verprügelt. Sie haben ja a Wuat g'habt über den groben Zapfen, ja, schon so a Wuat, gar nit zum beschreiben. Also der Rat mit der Fuchsfallen hat ihnen völlig eing'leuchtet. Iatz hat's sich nur noch darum g'handelt, wo den Hias fangen mit der Fallen. Ja, wo und wie den Hias fangen. Dös war die Schwierigkeit. Denn Fuchs ist der Hias ja schließlich keiner g'wesen, wenn er auch a Viech war. Aber auf an Köder wär' er uns halt doch nit in die Trappel gangen. Aber seht's, dös was für den Fuchs der Köder ist, dös ist für a Mannsbild das Weibervolk. Und auf den Köder ist der Überacker Hias in die Fuchstrappel gangen. 95 Der Hias, der ist nämlich fast alle Nacht fensterln gangen zu der Lechner Moid. Und unter dem Fenster von der Moid haben wir die Fuchstrappel aufg'stellt und haben gepaßt. Paßt haben wir auf den Lackl, auf den damischen. Und kommen ist der Hias, und drin war er auch schon in der Trappel. Mit an ganzen Haxen war er drin im Fangeisen. Und g'fluacht hat er gotteslästerlich. Aber da sein wir schon dag'wesen und haben dem Hias Religionsunterricht geben. Wißt's schon, das G'satzl aus dem Katechismus: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. Und weil der Hias seine Nächsten aus lauter Liebe immer verprügelt hat, haben wir ihm's auch b'sorgt. Aber wie b'sorgt! Schad', daß ös dös nit sehen habt's können! Dös war's höhere Theater. Der Hias mit seinem Haxen in der Fuchstrappel. Und wir draufdroschen wie in der Tennen aufs Troad. Und der Hias, bald ist er in die Höh' g'schnellt in seiner Trappel und bald hat er sich niederg'hockt. G'schrien hat er wie a Wilder, und 96 umadum g'haut hat er mit seine Arm' und mit dem freien Haxen wie a Windmühl'. Hat ihm aber nix g'nutzt, wenn er auch noch so gearbeitet hat. Los ist er nit kommen. Und wir haben gedroschen und gedroschen, bis endlich einer g'sagt hat, iatz sei's g'nuag für an Christenmenschen. Sonst müßten wir um den Pfarrer schicken, daß er dem Hias die letzte Ölung gibt. Ist auch höchste Zeit g'wesen, daß wir aufg'hört haben zu dreschen. I mein' sonst völlig, der Hias hätt' Absterbens Amen g'macht. Ist in der Fuchstrappel g'hockt der Hias wie a Häufele Elend. Wir aber sein durch und haben ihn hocken lassen.« Gleichzeitig mit den neu dazugekommenen Viehhändlern, denen der Pflarren Hansele die Geschichte erzählt hatte, war ein großer stämmiger Bursch in die Wirtsstube getreten, von den übrigen Gästen unbemerkt. Er hatte sich in die dämmerige Ecke beim Ofen gesetzt und sich ein Viertele Wein angeschafft. Jetzt erhob er sich und trat gemächlich und 97 langsam zu dem Tisch der Viehhändler. Er stützte seine klobigen Fäuste schwer auf die Tischplatte und wandte sich mit einem Grinsen im Gesicht an den Pflarren Hansele . . . »Also wohl in der Trappel ist er g'hockt, der Hias?« fragte er. »Und wie a Häufele Elend?« Der Hansele fühlte sich, da er jetzt offenbar noch einen neuen Bewunderer gefunden hatte, den er übrigens gar nicht kannte. Mußte wohl irgendeiner sein, der auf Viehkauf in Fügen war. »Und was für a Häufele Elend!« versicherte der Hansele eifrig. »Und du hast denen in Nauders den schlauen Rat geben, den Hias in der Fuchstrappel zu fangen?« grinste der Bursch. »Freilich i! Wer denn sonst!« sagte der Hansele stolz. »O du Sauhund, du windiger!« brüllte jetzt der neue Gast wütend. »Du Abg'schöpfet vom höllischen Sudkessel! Du Darmdürrer, du elendiger!« Ehe es jemand verhindern konnte, hatte der 98 Bursch den Hansele bei den Schultern gepackt und hob ihn wie einen jungen Hund mitten aus der Gesellschaft heraus auf den Stubenboden. Der Hansele zappelte verzweifelt in der Luft mit den Beinen und stieß dabei fast sämtliche Flaschen und Gläser auf dem Tisch um, so daß sich eine rote Weinflut über die Tischplatte ergoß. »A Narrischer! A Narrischer!« zeterte der Pflarren Hansele. »Zu Hilfe! Zu Hilfe!« Dabei wollte er Reißaus nehmen. Sein unvermuteter Angreifer hatte ihn aber schon gepackt und hielt ihn fest wie mit Eisenklammern. »Kennst du mi vielleicht nimmer, du Luader, du?« fauchte er den Hansele an. »Naa, i kenn' di nit! Hab' di meiner Lebtag nit g'sehen!« stöhnte der Hansele entsetzt. »Was? Du kennst mi nit? Nit kennen tuast du mi? Den Überacker Hias kennst du nimmer? Davonlaugnen möchtest du di iatz? Ha?« schrie der Hias und begann auf den Hansele nach allen Regeln der Kunst einzuhauen. 99 »I bin's ja nit g'wesen! I bin's ja nit g'wesen!« brüllte der Hansele verzweifelt. »Es ist lei a G'spaß g'wesen!« »I will dir schon den G'spaß geben!« sagte der Hias verbissen und verprügelte den Hansele mit einer geradezu rührenden und fachgemäßen Gewissenhaftigkeit. »I g'spür's heut' noch in mein' Haxen! Und da bist du's nit g'wesen! Erweck' Reu' und Leid, du Judassöckel du! Lass' dir nur den Pfarrer holen, daß er dir die Seel' aussegnet! G'wissen erforschen hilf i dir schon!« Langsam hatte sich nun die Erstarrung am Wirtstisch gelöst. Sie kamen dem Hansele zu Hilfe. Aber bevor sie ihn aus den eisernen Pratzen des Überacker Hias befreien konnten, war der Hansele mehr tot als lebendig und hatten auch etliche seiner Helfer gehörige Beulen weggekriegt. Der Hias arbeitete wie zehn Viecher. Etlichen Stühlen riß er die Beine aus und schlug damit um sich, und schließlich verließ er unbezwungen, freiwillig, stolz und über das ganze Gesicht 100 grinsend vor Vergnügen den Schauplatz seiner Rache. Der Pflarren Hansele soll seither keine Geschichten mehr erzählt haben. Er ist völlig eingegangen in seiner Wichtigkeit und ganz traurig geworden. Denn, was hat der Mensch schließlich noch vom Leben, wenn man ihm das Liebste nimmt und er gar keine Rolle mehr spielen kann? Mit Schafen und Schweinen handeln kann ja ein anderer auch. 101     Pulten Jackeles Geist Auch in Friedenszeiten war der Pulten Jackele niemals ein Held gewesen. Sonst hätte er in dem mehr als 20jährigen Krieg, den er mit seinem ehelich angetrauten Weib, der Geadl, führte, nicht regelmäßig den kürzeren gezogen. Ja, ja, die Geadl, die war ein eigenes Kapitel in dem irdischen Dasein des Pulten Jackele, aber schon ein ganz eigenes Kapitel. Von Beruf war der Jackele Schuster, eigentlich schon mehr Flickschuster. Denn er hatte es weder als Ehemann, noch als ehrsamer Schuhmachermeister zu einem besonders hohen Grad der Vollendung gebracht. Da er jedoch in Hinterdux nicht der einzige seines Handwerks war, langten seine Fähigkeiten für die Bedürfnisse der Bergbauern immerhin aus. Hinterdux, das ist auch so ein Örtel im Tiroler Landl, von dem man sagen kann, daß dort die Welt schon bald mit Brettern 102 verschlagen ist. Einsame Bergmatten, in der Höhe das Joch, einige Gehöfte und Häuseln und die tiefe Stille der vollkommenen Weltabgeschiedenheit. Im Sommer, da geht es allerdings lebendiger zu. Da kommen die Touristen, die über das Joch wandern; und auch eine ganz ansehnliche Zahl von ständigen Sommerfrischlern sammelt sich in dem stattlichen Wirtshaus von Hinterdux. Da haben auch die Schuster mehr Arbeit; denn die harten und steinigen Bergwege wetzen das Sohlenleder oft rasch genug durch. Wohl hauptsächlich für die fremden Herrischen prangte auch ein hölzernes Schild mit schwarzen Buchstaben an dem Häusel des Pulten Jackele. »Jakob Niederegger, Schuhmacher« lautete die Inschrift darauf; denn das war der bürgerliche Name des Jackele. Wenn er ihn nicht zufällig einmal auf der Tafel las oder einen Steuerzettel bekam, dann dachte der Jackele gar nicht daran, daß er aktenmäßig anders hieß, als sein Hausname war. In seinem Leben hatte der Jackele zwei große 103 Unvorsichtigkeiten begangen. Die eine kennen wir bereits. Die hieß Geadl. Seit die beiden Madeln, die der Ehe des Jackele entsprossen waren, aus dem Haus geheiratet hatten, war die Hölle für den Jackele noch ärger geworden. Früher hatten wenigstens die Töchter öfter zum Vater geholfen. Von der andern großen Unvorsichtigkeit im Leben des Jackele ist noch zu berichten. Wenigstens hielt das der Jackele für eine seinem Ehekarren ebenbürtige Dummheit. In friedlichen Zeiten hatte sich nämlich der Pulten Jackele unter die Standschützen einschreiben lassen. Heute noch hat er eine Mordswut auf den Vorsteher, der ihm so lange gut zuredete, bis er endlich in die Trappel ging. Ja, im Frieden, da war ganz gut Standschütz sein. Da konnte man wenigstens ab und zu einmal außer dem Haus eine Rolle spielen. Aber als der Jackele, der schon ein tüchtiger Fünfziger war, auf einmal gegen die Wallischen als Standschütz einrücken mußte, da hat er ganz 104 gottsjämmerlich geflucht. Denn Krieg hat er eigentlich schon mit der Geadl ausgiebig genug geführt. Und das war doch nicht so gefährlich gewesen, weil Kochlöffel, Töpfe und Holzscheiter gewöhnlich nicht loszugehen pflegen wie so ein vermaledeiter Schießprügel. Die kriegerische Laufbahn des Pulten Jackele hatte ein ziemlich rasches Ende gefunden. Offenbar wollten sich die Wallischen diesen äußerst gefährlichen Gegner so schleunig als möglich vom Hals schaffen und nahmen ihn daher gefangen. Wie es bei dieser kriegerischen Aktion zugegangen war, darüber war von dem Pulten Jackele kein genauer Bericht zu erfahren. Gewöhnlich erklärte er ganz lakonisch: »Es ist halt nimmer anders gangen. Was willst du machen, wann du mußt!« Übrigens war der Jackele gar nicht einmal allein gefangen worden. Er hatte einen Leidensgefährten gefunden. Und der war noch dazu ein guter Bekannter und Freund von ihm und auch ein Schuster. 105 Der Paulen Ander, recte Andreas Moser, war von Finkenberg, dem vordersten Dorf des Duxertals, mit gegen die Wallischen gezogen und hatte das gleiche Schicksal erfahren wie der Jackele. Jahr und Tag hockten die beiden nun mitsammen irgendwo drunten im Welschland. Da es ihnen nicht vergönnt gewesen war, die Wallischen zu versohlen, begnügten sie sich in ruhiger Würdigung ihres Geschickes damit, wenigstens die feindlichen Stiefel zu versohlen. Während der Weltkrieg weitertobte, schusterten also der Jackele und der Ander fleißig im Feindesland. Wenn sie nur mehr Geld gehabt hätten! Der wallische Wein war halt gar soviel verteufelt gut und süffig. Aber schenken tat ihnen niemand einen Tropfen. Der Ander, der ledig war und in Finkenberg so eine halbete Braut zurückgelassen hatte, bekam von seiner G'spusi wenigstens manchmal ein paar Groschen geschickt. Die Geadl aber, die schon immer ein arger Geizkragen gewesen 106 war, klemmte den Beutel jetzt erst recht fest zu. Geld bekam der Jackele daher von seinem Hauskreuz keinen lumpigen Heller. Dafür trafen aber öfter Briefe mit ganz unverkennbaren Drohungen ein, der Jackele solle sich nur freuen, wenn er wieder heimkomme. Sie wolle ihm das Lederzeug schon anstreichen. Die Geadl war sonst nie eine schreibselige Natur gewesen. Sie war aber das Keifen offenbar so gewöhnt, daß sie jetzt lieber zur Feder griff, als sich ganz in Stillschweigen hüllte. Da heckten der Ander und der Jackele eines schönen Tages auf ihren Schusterstühlen einen großartigen Plan aus. Es wurde gemeinsam ein langer Schreibebrief verfaßt, den sodann der Ander eigenhändig abschrieb und unterfertigte. Der Brief war für die Geadl bestimmt und enthielt die traurige Nachricht, daß der Pulten Jackele plötzlich und unvermutet am wallischen Fieber selig verstorben sei. Gar beweglich wurden in dem Schreiben die 107 letzten Lebensstunden des Jackele geschildert . . . wie er in seinen lichten Momenten immer wieder nach der Geadl verlangte und es herzlich bereut habe, daß er ihr nicht stets ein liebevoller Gatte gewesen sei. Die Hauptsache des Schreibens war aber der letzte Wille des Jackele. Darin vermachte er seinem Eheweib noch ausdrücklich sein Häusel mit Grund und Boden und allem, was drum und dran hing. Nur müsse die Geadl für seine ewige Ruhe fleißig Seelenmessen lesen lassen. Die Messen müßten jedoch in Welschland gelesen werden, damit sie die gehörige Kraft hätten. Sonst könnte der Jackele im feindlichen Grabe keine Ruhe finden, und er würde seinem Weib als unerlöster Geist so lange zu mitternächtlicher Stunde erscheinen, bis die Messen ihre Wirkung getan hätten. Das Geld für die Seelenmessen solle die Geadl Jackeles bestem Freund und Leidensgefährten, dem Paulen Ander, senden. Der würde dann schon das weitere besorgen. Der Brief hatte eine wundersame Wirkung. 108 Richtig traf von der Geadl nach angemessener Zeit an den Paulen Ander reichlich Geld für die Seelenruhe des Abgeschiedenen ein. Der Jackele und der Ander kamen ein paar Tage hindurch nicht aus den Räuschen heraus. Und als Geld und Wein sich ihrem Ende zuneigten, da verfaßte der Ander einen neuerlichen Schreibebrief an die Geadl. Die Seelenmessen hätten noch immer nicht ihre Wirkung getan. Der Jackele müßte ein großer Sünder gewesen sein; denn sein Geist sei ihm, dem Ander, neulich erschienen und habe noch mehr Messen verlangt, widrigenfalls er bei der Geadl einmal Nachschau halten wolle. Abermals traf Geld ein, und das wiederholte sich noch öfter, so daß der Ander und der Jackele im Welschland ein recht fideles Leben führten und es schließlich herzlich bedauerten, als sie aus der Kriegsgefangenschaft entlassen wurden. Sie faßten es beinahe als einen unfreundlichen Akt auf, als ob man sie böswillig hinausgeschmissen hätte . . . 109 An einem wolkenlos reinen und klaren Septembertag stiegen der Ander und der Jackele von Mairhofen im Zillertal aus gegen Finkenberg am Eingang des Duxertales empor. In Finkenberg nahmen sie Abschied voneinander, und der Jackele wanderte etliche Stunden weiter bis Hinterdux. Sonderlich wohl war ihm nicht zu Mut dabei. Das hätte er lügen müssen. Wenn er an die Geadl dachte, dann stiegen ihm ganz gewaltig die Grausbirn' auf. Es war schon recht still in Hinterdux. Die Sommerfrischler waren abgezogen. Draußen auf den Bergmahden arbeiteten noch einzelne Leute. Die Schatten des frühen Abends senkten sich über das Tal. Beklommenen Herzens schlich der Jackele zu seinem Häusel. Er sah nicht vertrauenerweckend aus in seinem abgerissenen Heimkehrergewand. Das Gesicht hatte er voll grauer Bartstoppeln. Man hätte ihm einen Kreuzer schenken können, wenn man ihm begegnete. Das Häusel war verlassen. Die Geadl war 110 nicht daheim, jedoch stand die Tür offen. Wer hätte auch in dieser Einsamkeit etwas stehlen sollen. »Dö ist g'wiß bei einer Nachbarin ratschen!« dachte sich der Jackele, als er sein Hauskreuz nirgends vorfand. Er trat in die Stube. Da stand noch der Schusterstuhl und lag das Werkzeug herum, wie er es vor Jahr und Tag verlassen hatte. Ein bissel Sohlleder war auch noch da, und zwei alte Stiefel lagen in der Ecke, die große Löcher zeigten. Da setzte sich der Jackele kurzweg auf seinen Schusterstuhl, nahm die Stiefel vor und begann sie zu flicken. Eifrig klopfte er darauf los, daß es nur so eine Freude war. Und als es immer finsterer wurde, da suchte er nach dem kleinen Öllamperl, das ihm früher stets getreuliche Dienste geleistet hatte. Richtig war noch ein Rest von Petroleum in der Lampe. Der Jackele entzündete den Docht und schusterte fleißig weiter. Als es schon ganz dunkel geworden war, da 111 kam die Geadl, die tatsächlich bei einer Nachbarin auf ein paar Ratschstünderln geweilt hatte, heim. Lähmendes Entsetzen erfaßte das hagere, knochige Weib, das den Jackele um schier einen halben Kopf überragte, als sie sich ihrem Häusel näherte. In der Stube brannte Licht, und von drinnen tönte unablässiges und kräftiges Klopfen und Hämmern in die aufsteigende Nacht heraus. »Jessas, Maria und Josef!« kreischte die Geadl. »Alle heiligen Nothelfer! Der Jackele geistert in der Stuben!« Damit hatte die Geadl auch schon die Flucht ergriffen. Der Jackele auf seinem Schusterstuhl hatte von dem ganzen Vorgang nichts gesehen und gehört. Die Geadl aber rannte, an allen Gliedern schlotternd vor Angst und Entsetzen, geradewegs zum Meßmer Bartl. Der mußte ihr helfen in ihrer Not. Denn wie konnte sie es wagen, allein ihr Häusel zu betreten! Der Jackele hatte seine Drohung wahr 112 gemacht. Ein boshaftiger und heimtückischer Mensch war er schon immer gewesen. Und sie hatte doch so fleißig Seelenmessen gezahlt. Der, wenn er ihr lebendig heimgekommen wäre! Aber mit einem Geist anzubandeln, das ging selbst über die Schneid' der Geadl. Der Meßmer Bartl war nicht einmal gar so leicht zu bewegen, die Geadl zu begleiten. Das sei eine lebensgefährliche Sache, meinte er. Man könne bei so einem Geist nie wissen, was ihm einfalle und was er einem antue. Er, der Bartl, verspüre nicht die geringste Lust, sich den Kopf ins G'nack drehen zu lassen. Endlich ging aber der Meßmer Bartl doch mit. Er trug in der linken Hand einen großen Weihbrunnkessel, voll von geweihtem Wasser, und in der Rechten einen riesigen Weihbrunnwedel, den größten, der da war. Der Jackele war so sehr in seine Arbeit vertieft, daß er es nicht bemerkte, wie sich die Stubentür öffnete und der Meßmer mit der Geadl im Rahmen der niederen Tür erschien. Er schreckte erst empor, als ein gewaltiger 113 Schwall Wasser wie ein Platzregen auf ihn niederprasselte. »Alle guten Geister loben Gott den Herrn!« rief der Meßmer Bartl mit zitternder Stimme. Der Jackele schaute ganz verdutzt auf und wischte sich das Wasser von Kopf und Gesicht. »Oh Geist des abgeschiedenen Jakob Niederegger, was ist dein Begehr?« frug der Meßmer feierlich. Dabei tauchte er den Wedel neuerdings in den Weihbrunnkessel und zielte nach dem Jackele. Der duckte sich aber rechtzeitig auf seinem Schusterstuhl, so daß diesmal der nasse Schwall über seinen Kopf hinweg ging und gegen die Scheiben der engen Stubenfenster schlug. »Und i hab' fleißig Messen zahlt für ihn! Und nix hat's g'nutzt!« jammerte die Geadl hinter dem Meßmer. »Oh abgeschiedener Geist,« fuhr der Bartl zu beschwören fort, »verkünde uns, warum du keine Ruhe findest in deinem Grabe!« »Oh Jackele, Jackele!« jammerte die Geadl. 114 »Warum hab' i so was mit dir erleben müssen! I bin dir doch immer a treues Weib g'wesen!« Da begann eine plötzliche Erkenntnis in dem Gehirn des Pulten Jackele aufzudämmern. Die hielten ihn also für einen Geist. Und die Geadl fürchtete sich vor ihm. Das war ja großartig. Die Geadl fürchtete sich vor ihm! So also sah die Geadl aus, wenn sie sich vor ihm fürchtete. Kasweiß war die Geadl im Gesicht, und zittern und schlottern tat sie. »Na wart', enk werd' i heimleuchten!« murmelte der Jackele unhörbar zwischen den Zähnen. »Alle guten Geister!« Der Meßmer Bartl holte abermals zu einem gewaltigen Spritzer mit dem Weihbrunnwedel aus. Bevor er jedoch den Wedel in Schwung bringen konnte, schmiß der Jackele den Stiefel, den er gerade in der Arbeit hatte, gegen die Türöffnung und dann den zweiten Stiefel und dann etliche Schusterleisten und den Hammer und zuletzt den Schusterstuhl selber. 115 Der Jackele hatte sich in seiner ganzen Größe erhoben und bleckte nun mit einem wahrhaft teuflischen Grinsen seine Zunge heraus, so weit er sie aus dem Rachen brachte. »Bläääh!« machte er. »Bläääh!« und noch einmal »Bläääh!« Der Meßmer und die Geadl, die schon auf die Wurfgeschosse hin die Flucht ergriffen hatten, drehten sich im Hausgang entsetzt um und sandten noch einen raschen Blick durch die Stubentür. Die gröhlenden Laute des Jackele dünkten sie wie höllisches Hohngelächter. Der Meßmer hatte den Weihbrunnkessel fallen gelassen, so daß der Stubenboden nur so von Wasser schwamm. »Dös ist ja der hellichte Höllteufel!« rief er. »Da soll a anderer damit anbandeln!« Es traute sich auch in der selbigen Nacht niemand mehr in das Häusel des Pulten Jackele. Die Geadl übernachtete bei einer Bekannten. Der Jackele suchte Stiefel, Schusterwerkzeug und Stuhl wieder zusammen und ging dann auf seine Kammer ins Bett. 116 Er konnte lange nicht einschlafen; denn die eigenartigsten Gedanken und Erwägungen fuhren ihm durch den Kopf . . . Daß er kein Geist war, hat sich beim hellen Tag natürlich herausgestellt. Aber das Regiment im Hans hat die Geadl nie wieder bekommen. Einmal hatte sie der Jackele gesehen, wie sie sich vor ihm fürchtete. Und weil er jetzt wußte, wie die Geadl ausschaute, wenn sie sich fürchtete, bekam er auch die gehörige Schneid', sich auf die Hinterfüß' zu stellen. Und nachdem er jetzt einmal ein Paar Stiefel, Hammer, Schusterleisten und Schusterstuhl nach der Geadl geschleudert hatte, allerdings als Geist, fiel es ihm nicht gar so schwer, sich diese löbliche Praxis auch als Mensch von Fleisch und Blut anzugewöhnen. Für die ewige Seelenruhe des Pulten Jackele hatte die Geadl das Geld freilich umsonst bezahlt. Aber für seine Ruhe in diesem irdischen Jammertal hatte es doch Früchte getragen. 117     Der Zieler Wastl Beim Rösselwirt ging es heute hoch her. Die Liter tanzten auf, einer nach dem anderen, daß es eine helle Freude war. Der dicke Rösselwirt in seiner schneeweißen Schürze machte selbst die Runde unter seinen Gästen, und seine Tochter, das hübsche Reserl, hatte den blanken Riemen mit der daranhängenden Ledertasche um die Mitte geschnallt und half fleißig mit bedienen. Mancher der jungen Burschen trank schon deshalb um so eifriger, damit es öfter was zum Einschenken gab. Dann konnte man dem Reserl heimlich die Hand zu drücken versuchen . . . allerdings nur versuchen. Denn das Rösselwirts-Reserl war ein recht sprödes Diandl, das ihre Hand gleich zurückzog, als ob sie glühendes Feuer berührt hätte. Es ging schon allmählich gegen Mitternacht. Aber heute war ja alles entschuldbar. Für einen 118 lustigen Tirolerbua, besonders wenn er Schütz auch noch dazu ist, schlägt überhaupt keine Stunde. Ein prächtiges Schützenfest war das heute gewesen, wie es das Dorf seit Jahren nicht mehr gesehen hatte. Geknallt hatte es den ganzen Tag. Der 25jährige Bestand des Ortsschießstandes mußte eben geziemend gefeiert werden. Der Schützenkönig des heutigen Tages, der Sepp vom Melcherbauern, saß gar stolz an dem Tisch beim Ofen. Er trank fast am öftesten aus, und das Reserl schenkte ihm am öftesten ein. Das Diandl scheute sich vor seinen Händen gar nicht so sehr wie vor den übrigen. Gerade hatte er sie um die Mitte genommen, und sie hatte sich ihm lachend entwunden und ihm einen leichten Schlag auf den Hut versetzt, der dem Burschen keck auf dem linken Ohr saß. Der Hut hatte heute auch seinen Ehrentag. Voll blinkender Orden war er und glänzender Büschel. Die Goldflinserln leuchteten nur so durch den Tabaksqualm und das dämmernde Licht in der Wirtsstube. 119 Ja, wieviel der Schießstand während der 25 Jahre erlebt hatte! Wenn der erzählen könnte! Wieviele Treffer und Fehlschüsse. Einer konnte davon erzählen. Der saß mit am Ofentisch beim Schützenkönig. Der hatte es heute ganz besonders wichtig und führte das große Wort. Man ließ ihn ruhig gewähren und trank ihm eifrig zu. Denn er war heute auch so eine Art Jubilar. Alle Augenblicke sprang er auf und schlug auf den Tisch, daß die Gläser zitterten und eben angefüllte überliefen. Das Meer von Wein, das auf dem alten Wirtstisch hin und her schwankte, kam zum großen Teil auf seine Rechnung. Es war ein kleines untersetztes Manndl mit einem zerzausten Schnauzer, struppigen Haaren und Augenbrauen. Der Zieler Wastl hieß er, hatte seinen Titel ehrlich verdient und ihm auch stets Ehre gemacht. Seit 25 Jahren war er nun Zieler am Schießstand. Und wenn er nichts anderes erzählte als von Scheiben und Stutzen und stets selbst noch besser getroffen hätte als der beste 120 Schütz, so durfte man ihm das nicht für übel halten. Denn jeder Schuster spricht am liebsten von seinem Leisten. Da wäre der Zieler Wastl eigentlich bei seinem Leisten gewesen, weil er Schuster von Profession war. Er war Junggeselle geblieben und hauste mit einer alten Schwester, von der man sagte, daß sie ihren Bruder zeitweise prügle, in einem kleinen Häusl am Ende der langen Dorfgasse. Mit der Schusterei war es nun freilich nicht weit her. Vielleicht hatten die Prügel seiner schwesterlichen Xantippe dem Wastl mit der Zeit das Talent dazu verschlagen . . . oder machte es das zu viele » Aufschütten «. Aber was muß sich so ein Zieler nicht die Kehle trocken schreien! Und seit ihm vor zwei Jahren etwas passiert war, betrachtete er es überhaupt als einen Schimpf, wenn ihn noch jemand für einen Schuster anredete. Da hatte er nämlich dem 121 Kirchprobst und Dorfvorsteher bei einem nagelneuen Paar Stiefel die Absätze mitten auf die Sohlen genagelt . . . Kurz, heute war sein Gauditag, und Wein bekam er zu trinken, daß er schon gar nicht mehr wußte, wohin damit. Es hatte heute genug Abwechslung gegeben. Eine Seiltänzertruppe hatte sich auf dem freien Platz vor dem Schießstand niedergelassen. Dann gab es ein Wachsfigurenkabinett mit allen Raubmördern der verflossenen Jahrzehnte und zuletzt sogar einen wandernden Astronomen, der um einen Sechser durch sein Perspektiv auf den Mond sehen ließ. Er hatte in einem kleinen Leinwandzelt, auf dessen eine Wand der Vollmond im blauen Himmelsgrunde gemalt war, sein Heim aufgeschlagen. Über die Sternguckerei sprach man jetzt gerade am Tisch des Schützenkönigs. Einer der Gäste, ein langer hagerer Mensch, der beide Füße weit unter dem Tisch hervorstreckte, meinte, daß schon noch die Zeit kommen werde, wo man auf den Mond reise. Er war Kanzlist beim 122 Bezirksgericht des benachbarten Marktes und als ein Spaßvogel allgemein bekannt. Zu seinen eifrigsten Zuhörern gehörte der Zieler Wastl, der ein Glas nach dem andern hinunterschüttete, auf einmal seinem eigenen Mundwerk einen Riegel vorschob und zu allem, was der Kanzlist sagte, nur stillzufrieden nickte. »Ja, wissen's, Herr Kanzlist,« meinte er schließlich, »dös mit dem Mond ist akkurat wie mit a Scheiben. Der Mond ist gar nix anders als wie a Scheiben. Treffen muaß man dö Scheiben. Dös sag' i. Wenn's daneben geht, nachher hat's nimmer 's Richtige!« »I erleb's no, daß der Wastl auf'n Mond kommt!« rief der Schützenkönig. »Dös darfst nit zwoamal sagen!« erklärte der Wastl in seinem Weindusel. »Scheiben ist Scheiben! Bloß richtig treffen muaß man's! Fliagen wann i lern', da werdet's schaun! Wann i amal aufischiaß in d' Höh'!« »Den Dampf hast ja schon!« lachte der lange Kanzlist. »Da geht's doppelt so g'schwind!« »Mein Dampf ist mein Dampf! Der geht 123 koan Menschen was an!« brummte der Wastl. Er wurde immer schweigsamer und nickte endlich auf seinem Sitze ein, nicht ohne früher noch eine krampfhafte Anstrengung gemacht zu haben, eine Neige in seinem Glas zu leeren. Allmählich verlor sich die lustige Gesellschaft. Der Wirt begann schon die Stühle zurechtzurücken. Das Reserl und die Kellnerin spülten bei der Schankbudel Gläser und Flaschen aus. In einer Ecke beim Ofen schnarchte der Wastl wie ein Dutzend Sägmühlen. Dabei fand niemand was Auffallendes; denn die Ecke und der Wastl waren schon seit langer Zeit gute Bekannte. Der Wastl pflegte öfters dort zu übernachten, wenn der Wein ihm über wurde und seine Schwester zu faul war, um ihn heimzuholen. Heute sollte er nicht ungestört bleiben. Bei der Türe stolperte eine Gestalt herein, mit einem langen Mantel bekleidet, eine alte Militärmütze auf dem Kopfe und eine Lanze in der Hand. Der Mann, in dem unschwer der Nachtwächter zu erkennen war, torkelte auf den Wastl zu und 124 brachte ihn mit einem kräftigen Ruck am Kragen zum Stehen. Der Wastl riß die Augen auf und sah den andern eine Weile verdutzt an. Dann brummte er ärgerlich: »Iatz möcht' i grad' wissen, ob du mi mit Ruah schlafen lassen kannst oder nit!« »Hoamgehn tuast!« entgegnete der Nachtwächter energisch. »Dö Sauferei hat si iatz aufg'hört! I hab' vom Vorsteher den strengsten Auftrag, di zur rechten Zeit hoamz'liefern! Du gibst das schlechteste Beispiel fürs ganze Dorf. Und dös können wir nimmer dulden! Zapf' di iatz!« Der Wastl, der sich inzwischen ermuntert hatte, wurde dadurch nur um so bockbeiniger. »Iatz geh' i erst recht nit!« begehrte er auf. »I woaß schon, wer da dahinter steckt. Mei' Haustuifl ist es, will sagen mei' Schwester, dö dem Vorsteher wieder die Ohren voll ang'sumst hat. Und i duld' dös Weiberregiment nimmer! Und heut' an mein' Ehrentag schon gar nit! Liaber geh' i no auf'n Mond! I hab's ganz fest im Sinn, wenn's mir da herunten amal zu 125 dumm wird! Muaßt sie grad' treffen dö Scheiben. Grad' treffen. Ist um gar nix anders zu tuan, als ums treffen!« »Mir scheint, dir ist dein letztes Radl abg'laufen. Mehr als oans hast amerst nimmer g'habt!« sagte der Nachtwächter, indem er ein Stamperl Schnaps leerte, das ihm die Kellnerin auf den Tisch gestellt hatte. »Mir ist nix wissentlich!« erwiderte der Wastl. »Da müaßt i do was davon g'spürt haben.« »In dein' Dampf vielleicht?« »I sag' dir's, Hiasl, reiz' mi nit! Dös mit dem Mond hat sei' Richtigkeit. Dös ist heut' abg'sprochen worden, daß wir no amal auf'n Mond kommen!« »Woaßt was, Wastl?« sagte der Nachtwächter. »Du könntest am leichtesten mit dem Mond Bekanntschaft machen. Du brauchtest grad so lang zu sein, als du dumm bist. Nachher könntest du den Mond um den Buckel lecken!« »I sag' dir's no amal, Hiasl, reiz' mi nit!« 126 gröhlte der Wastl. »Du woaßt, wenn i schiach werd', nachher tua i wia a Viech! Und du hast die Schuld dran!« »I werd' dir schon 's Viech geben!« meinte der Hiasl. »Woaßt was, wenn du iatz nit glei deine sieben Zwetschken z'sammenpackst und bei der Tür außifindest, nachher geh i um die Barbl. I glaub', dö zündet dir schon außi!« Von einem jähen Schrecken ergriffen, nahm der Zieler Wastl seinen Hut mit dem mächtigen Büschel aus Glasperlen und Goldfäden droben und wackelte langsam zur Tür hinaus mit einem gebrummten: »Wart', Nachtwachterl, i werd' dir's schon no eintränken!« Der Hiasl setzte sich zu einem zweiten Stamperl an den Tisch. Er hatte nun seiner Amtspflicht Genüge geleistet und konnte sich eine Weile gütlich tun, bis die Weiberleut mit dem Gläserausschwänzen fertig wurden und es die nächste Stunde zu rufen traf. Inzwischen brauchte der Wastl die ganze Gasse. Bald war er am einen Ende, bald am andern und räsonierte für sich selbst: »Naa, es 127 ist decht a Kreuz. Naa, wenn i iatz hoamkimm, dös kann a nette Metten absetzen. I g'spür's iatz schon. Hätt's gar nit glaubt, daß mi der Wein so bald drahet. I moan alleweil, der Kanzlist, der lange Tuifl, hat mir hoamlich Schnaps einigossen. Zuaz'trau'n ist dem alles. Aber i woaß nit . . . es ist mir do a so leicht und lüftig, völlig als wenn i koane Füß' mehr hätt'. Vielleicht probiar i iatz amal 's Fliagen. Mein Gott, wenn man nur amal von der Erd' wegkommen kunnt' . . . auf'n Mond aufi, meinetwegen. Netter wär's überall. Und die Barbl mit ihre krumpen Haxen käm' mir da aufi aa nit nach. Probiar'n kann man's ja amal. Dös ist halt der Teuxl . . . wia die Herrn g'sagt haben, daß oan die Erden alleweil wieder anziaht . . .« So räsonierte der Zieler Wastl weiter und wußte eigentlich selbst nicht, wohin er ging. Auf einmal riß er die Augen sperrangelweit auf, stürzte einen Schritt nach vorwärts und dann mit einem heiseren Juhschrei auf den Gegenstand los, der sein Erstaunen erregt hatte . . . 128 »Iatz hab' i di, du Zapfen , du damischer! Iatz laß i di aber aa nimmer aus!« Noch ein verzweifelter Sprung. Ein Krach. Der Zieler Wastl verlor im Übermaß der Glückseligkeit oder seines Kanonenrausches das Bewußtsein seiner selbst und entschlummerte in seligen Träumen . . . Wie lange er so geschlafen hatte, wußte er natürlich selbst nicht zu sagen. Das erste, was ihm wieder zu Sinnen kam, war, daß er an den Füßen mit aller Gewalt nach rückwärts gezogen wurde. Halb noch im Schlaf, erinnerte er sich, daß er in der Nacht nach dem Mond geflogen sei . . . und was ihn da bei den Haxen ziehe, werde wohl die Erde sein. Nach allen Kräften strampelnd, schrie er daher wie besessen: »Laßt los, du alt's Luader! Kaum, daß man dir auskommen wär', fangest an, mit oan z' hanggeln . Aber da gibt's nix. I bin amal auf'm Mond heroben und da . . .« Die Zugkraft war aber stärker als er; und auf einmal purzelte er auf die Erde. Ringsum 129 lachten alle. Nur einer fluchte. Das war der wandernde Astronom, dessen schleußiges Zelttuch der Zieler Wastl in seinem Riesendampf durchbrochen hatte und das just an der Stelle, wo der Mond im blauen Himmelsfeld leuchtete. »Iatz möcht' i grad wissen, wo i bin!« schrie der Wastl und richtete sich noch schlaftrunken empor. »Da bist!« krähte eine hohe Weiberstimme. Die Barbl war's. Und die liebende Schwester zog ihn am Rock weiter. »Aha! Iatz woaß i schon, wo i bin!« stöhnte der Wastl und warf verzweifelte Blicke auf seine Umgebung. »Der muaß aber an ordentlichen g'habt haben!« meinte der Schützenkönig, der sich auch zufällig unter den Umstehenden befand . . . »wenn er in der mondhellen Nacht den g'malten Mond für'n wirklichen g'halten hat!« »Naa, es hat schon gar koa Form mehr mit'm Wastl!« jammerte eine alte Bäurin. Seitdem kann man den Zieler Wastl mit zwei Dingen wild machen . . . wenn man ihn an die 130 Stiefelabsätze erinnert und an seine Mondreise . . . einschließlich der Entschädigung, die er dem Sterngucker für das zerrissene Zelttuch zahlen mußte. »Ist der reinste Abspüalfetzen g'wesen!« meint dann der Wastl grimmig. »Sonst würd's mi wohl g'hebt haben!« 131     Die feindlichen Nachbarn Wenn der Ganderbauer breitspurig und schwerfällig den steilen Pfad schritt, der von seinem Hof herabführte in das kleine Bergdörfel, so konnte man beobachten, daß der Windhager, so rasch er es nur vermochte, hinter ihm herhumpelte. Schäbig angezogen war der Windhager, hatte immer die bodenscheuen Hosen arg zerfranst; das Hemd war von unbestimmbarer Farbe, der Janker viel zu kurz und der buschige graue Bart schon so verwildert, wie er nicht mehr ärger verwildert sein konnte. In seiner knochigen und sehnigen Rechten hielt der Windhager einen Bergstock und humpelte damit, so schnell er nur imstande war. Ein verflixter Kerl, der Windhager, der Teufel soll ihn holen mitsamt seinen krummen Haxen! So murmelte der Ganderbauer ingrimmig vor sich hin. 132 War schon auf der älteren Seit'n der Ganderbauer, aber noch immer rüstig trotz seiner großen Leidenschaft für ein gutes Glas Rotwein. Wenn einem der Wein schon fast vor der Nas'n herwachst, weshalb sollte man ihn dann nicht trinken, so man Durst hatte? . . . Und Durst hatte er eben alleweil der Ganderbauer. Einen ganz gottverdammten Durst. Und wenn die Sonne so am Absterben war und bald der dämmerige Abend hereinzubrechen drohte, dann brannte die Kehle des Ganderbauern so erbärmlich, daß er den blauen Arbeitsjanker gegen den braunen Lodenjanker mit den grellroten Aufschlägen vertauschte und sich auf den Weg nach dem Dorf und ins Wirtshaus machte. War ein Stück weit zu gehen vom Hof des Ganderbauern bis hinab ins Dörfl und führte abwärts zwischen Wiesen und Weinäckern hindurch, die alle das Eigentum des Ganderbauern waren. Fast tagtäglich ging der Alte diesen Weg hinab, und hinter ihm humpelte der Windhager. Ein kleines, dürres Manndl mit einem steifen 133 Bein und einem recht losen unguten Maul. Doch war er ebenso ein leidenschaftlicher Liebhaber des süffigen Rötels wie der Ganderbauer. Die beiden waren auch durch Jahre hindurch immer ein Herz und eine Seele gewesen, bis es sich einmal der Windhager wegen seines losen Mauls gründlich mit dem Ganderbauern verdorben hatte. Seitdem war's aus mit der Freundschaft, und jeder der beiden ging für sich allein in das einzige Wirtshaus, welches das kleine Dörfl besaß, und jeder hockte in der Stube an einem besonderen Tisch. Da an Werktagen die beiden so ziemlich die einzigen Gäste blieben, so langweilte sich der Windhager, der ein gar gesprächiges Manndl war, ganz unbeschreiblich. Ein paarmal schon hatte er es versucht, wieder mit dem ehemaligen Freund und Trinkgenossen anzubandeln. Aber umsonst. Was ein echter Bauernschädel ist, der ist eben steinhart. Und der wuchtige Quadratschädel des Ganderbauern mit seinem schneeweißen 134 Vollbart, der das rosig glänzende Gesicht des Alten wie ein Apostelbart umrahmte, war halt ein ganz besonders harter Brocken. Daß der Ganderbauer so unversöhnlich sein konnte, verdroß den Windhager sehr. »Schau, Ganderbauer, sei nit so nachtragerisch. I hab's ja nit a so g'moant!« hatte er ihn schon einmal förmlich angebettelt, als sie wieder, einer hinter dem andern, ins Wirtshaus gingen. Aber der Ganderbauer blieb unversöhnlich. Gab nicht einmal eine Antwort, schaute weder nach rechts noch nach links, sondern ging unentwegt seinen Trott, ohne das Tempo auch nur im geringsten zu ändern. Von da ab wurde der Windhager boshaft. Hatte er mit Güte und Freundlichkeit nichts erreicht, dann ging's vielleicht durch Bosheit. Auf jeden Fall beschloß er, seinen ehemaligen Freund zu ärgern, wo er nur konnte. Und das eine erreichte er wenigstens, daß ihm der Ganderbauer nun auswich und sich förmlich vor dem Windhager zu fürchten begann. Wenn 135 er jetzt die kleinen eiligen Humpelschritte hinter sich hörte, so holte er mit seinen gewichtigen Beinen weit aus. Aber es half trotzdem nichts. Das Maul konnte er ihm doch nicht stopfen. Mit allem, was den Ganderbauern nur ärgern konnte, kramte der Windhager da auf offener Straße aus. Alle Sünden und Schwächen rief er dem wohlhabenden Bauern nach. Ein Glück nur, daß in dem einsamen Bergdörfel an Werktagen nur wenig Leute auf der Gasse waren. Nur etliche Kinder spielten am Dorfplatz herum und hatten ihre Gaudi an den beiden. Aber den weit größeren Spaß hatten sie doch immer noch, wenn die Zwei spät am Abend bezecht nach Hause torkelten. Einer hinter dem andern. Die große mächtige Gestalt des Ganderbauern mit seinem spitzen schwarzen Filzhütel, das mit grünen Seidenschnüren verziert war, wie auf der Flucht voran. Der blendend weiße Schurz, den er zu dem kurzen braunen Lodenrock mit den grellroten 136 Aufschlägen trug, wehte wie eine weiße Fahne in der Luft, so eilig hatte er's, dem kleinen Windhager zu entkommen, der singend, johlend, gröhlend und voller Bosheit hinter ihm drein humpelte. Wenn der Windhager ganz besonders lustig aufgelegt war, dann reimte er Spottlieder auf den Ganderbauern und sang sie mit seiner schrillen Fistelstimme auf dem gemeinsamen Heimweg. Eigentlich wurde es dem Ganderbauern jetzt recht schwer gemacht, ins Wirtshaus zu gehen, und einige Male schon hatte er es über sich gebracht, den weiten Weg zum nächsten Wirtshaus zu unternehmen. Eine gute Wegstunde mußte er da zurücklegen, und am Heimweg hatte er dann allerhand Abenteuer mit Straßengräben und ähnlichen Hindernissen zu bestehen. Und sein Weib, die Sefa, schrie und keifte nicht schlecht, wenn ihr Mann in einem ganz unbeschreiblichen Zustand nach Hause kam und sie dann das schöne Sonntagsgewand ihres Mannes reinigen mußte. 137 Denn wenn man in ein anderes Dorf ging, durfte man als angesehener Bauersmann sich doch nicht im Werktagsgewand zeigen. »Für di tat's a Stalljangger aa, du Loder, du versoffener!« keifte das Weib mit schriller Stimme. »Naa, daß Gott erbarm', daß Gott erbarm'! Daß grad i an so an Kerl hab' g'raten müssen!« Nach dieser Einleitung ging die Keiferei meistens in ein lautes Heulen über, das dem Ganderbauern noch entsetzlicher war als das wüste Schimpfen. Ja, ja, mit der Sefa, da hatte sich der Alte ein rechtes Kreuz geheiratet. Er war damals schon ein gestandener Bauer, als er um das Mädel freite. Sie war auch eine wohlhabende Bauerstochter und resch und fesch zum Anschauen, aber womöglich noch geiziger wie er selber. Damals, als er die Sefa heiratete, war er Witwer gewesen; und seine beiden Buben waren noch kleine Kinder, als ihnen die Mutter wegstarb. Er hatte sich also bald um eine neue 138 Bäurin umtun müssen und war in der Eile an die Sefa geraten. Die Sefa hatte gar bald das Regiment im Hause an sich gerissen und war eine so resche Bäurin geworden, daß keiner der Dienstboten es lange bei ihr aushielt. Auch die beiden Buben des Ganderbauern ergriffen, sobald sie erwachsen waren, die Flucht aus dem Elternhaus. Wenn die Sefa ein etwas umgänglicheres Weibsbild gewesen wäre, dann hätte der Ganderbauer seinen Rötel ebenso gut daheim trinken können. Denn sein hochgewölbter Keller strotzte nur so von den vielen eingelagerten Weinfässern. Aber die Sefa besaß den Schlüssel zu diesem Keller und gönnte ihrem Mann auch nicht das geringste Tröpfel. War ein tüchtiges Weibsbild, die Bäurin. Ein Mannweib, groß und stämmig, und leitete Haus und Hof so umsichtig, daß man den meistens stark betrunkenen Bauern gar nicht im Haushalt vermißte. Auch mit dem Geld hielt die Sefa ihren Mann recht knapp. Aber das machte nichts. Der Wirt 139 kreditierte schon. Und zu Neujahr mußte die Sefa die Rechnung bezahlen, ob sie wollte oder nicht. Freilich gab's dann immer einen Heidenkrach. und dem Ganderbauern blieb dann wieder nichts anderes übrig, als seinen Kummer im Wein zu ersäufen. Die Sefa verhandelte den Wein um teures Geld in die Stadt an die Weinhändler. Der Wirt hatte noch nie einen Wein von ihr bekommen trotz wiederholter Bemühungen. Der hätte ihr zu wenig bezahlt. Giftete den Ganderbauern schon auch sakrisch, daß er seinen eigenen Wein nicht einmal im Wirtshaus zu saufen bekam. Wenn der Windhager nicht gewesen wäre, dann wäre der Ganderbauer am liebsten oft ganze Tage lang im Wirtshaus geblieben. So aber vergällte der ihm mit seinen boshaften Reden noch die letzte Lebensfreude, die er übrig hatte. »Mußt halt wieder reden mit ihm!« meinte der Wirt, dem der Ganderbauer sein Leid 140 geklagt hatte. Aber nachgeben, das konnte der alte Dickschädel um keinen Preis der Welt. Lieber litt er weiter unter dem Spott des andern. Es war gerade am Portiunkula-Sonntag. Das ist der erste Sonntag im August, und die Bauern pflegen diesen Tag ganz besonders als Festtag zu feiern. Die kleine Wirtsstube war am Abend gesteckt voll von Gästen, und der Wirt, sein Weib und das halbwüchsige Töchterl hatten alle Hände voll zu tun, um Wein und Schnaps herbeizuschaffen. Aus kurzen Reggelpfeifen rauchten die Bauern ihren Tabak, und die niedere weißgetünchte Stube war von qualmendem Rauch erfüllt. Der Ganderbauer diskurierte an seinem Tisch mit Bauern über's Vieh und wie die Mahd war und wie die Weinrebe stand. Es war recht unterhaltlich heute. Ein jeder wußte etwas und gab es in seiner schwerfällig bedächtigen Weise von sich. Am nächsten Tisch saßen die Burschen. Da ging's lebhafter zu. Und mitten unter den 141 Burschen saß der Windhager, kreuzfidel und aufgeräumt wie immer. Er hatte sich heute zum hohen Feiertag fein herausgemacht. Hatte sich den grauen struppigen Bart stutzen lassen und trug zum Zeichen seiner Junggesellenwürde die rote Seidenschnur am schwarzen spitzen Filzhütel. Die Burschen hatten ihre helle Gaudi mit dem Windhager und zahlten ihm ein Glasl Schnaps nach dem andern. »I möcht' aber an Wein!« schrie der Windhager, als er sah. daß ihm ein Bursche wieder einen Schnaps zuschob. »Alleweil Schnaps taugt nix für die Schönheit!« gröhlte er. »Möchtest schian werden?« neckte ihn ein junger, hellblonder und vor Gesundheit strotzender Bursch und ließ den Windhager gutmütig aus seinem eigenen Weinglas trinken. Der Alte leerte das Glas auf einen Zug. »Der ist süffig!« lobte er. »Den hat mir der Teuxel von an Wirt no nia vorg'setzt.« »Dös glab i!« lachte ein anderer. »Der ist aa nix für di.« 142 »So? Und warum? Wenn i fragen därf!« erkundigte sich der Windhager bissig und warf mißtrauische Blicke aus seinen dunklen stechenden Augen auf die Burschen, die im Kreise um den runden dunkelgebeizten Holztisch saßen. Die Burschen stießen einander an und kicherten boshaft. »Sag's du!« forderte der eine den andern auf. »Mei!« sagte der mit gemachter Gleichgültigkeit. »Weil's halt a Faßl Wein ist vom Ganderbauern sein' Keller.« »Was? Vom Ganderbauern sein' Keller?« Der Windhager hielt es zuerst für einen schlechten Witz; denn es war noch nie vorgekommen, daß die Sefa den Wein anders verkauft hätte als in die Stadt an die Weinhändler. »Dösmal hat sie müssen, die Bäurin!« erzählte der Bursch weiter. »'s ist ihr freilich hart ankömmen. Aber es hat sie nix g'nutzt.« Der Windhager schaute verständnislos im Kreise herum. »Mir scheint, ös wöllt's mir an Bären aufbinden, ha?« frug er mißtrauisch. »I müßt' do aa von der G'schicht erfahren haben.« 143 Nun folgte ein dröhnendes Gelächter der Burschen. »Dös gibst guat! G'schicht! Freilich ist's a G'schicht. Und ist no nit lang passiert.« »Was ist passiert? Ha?« frug der Windhager energisch. »I will's wissen. I laß mi nit auslachen von enk, Rotzbuab'n überanander!« Sie waren aber keineswegs beleidigt über den Schimpf, sondern lachten nur noch unbändiger. »Wenn's wahr ist, Windhager!« versicherte der junge hellblonde Bursch mit dem Kräuselhaar. »Wir haben's ja aa erst erfahren.« »Was habt's erfahren?« »Wie der Wirt zu sein' Wein kömmen ist.« »Geh' und frag' den Wirt, Windhager!« »Naa. Frag' g'scheuter den Ganderbauern!« riet ihm ein anderer. »I zahl' dir drei Doppelliter Wein, wenn du den Ganderbauern auf der Stell' fragst.« »Gilt's?« frug der Windhager, klopfte das Stummelpfeifl aus, stand auf und humpelte zu dem Nachbartisch hinüber, an dem der Ganderbauer saß. 144 »'s gilt, Windhager! 's gilt! Drei Doppelliter Wein!« »Und i zahl' dir no extra an halben Liter Muskateller!« rief ihm ein anderer Bursch noch nach. »Und i dreiviertel Liter Weinschnaps!« schrie übermütig ein dritter zu dem Tisch hinüber, wo der Windhager jetzt hinter dem Ganderbauern stand. Der Ganderbauer saß schwer aufgestützt auf seine beiden Ellenbogen da, hatte den wuchtigen Schädel nach vorne gebeugt und hörte ziemlich stumpfsinnig auf die Reden der Bauern. Er hatte dem Rötel schon tüchtig zugesprochen und konnte nicht mehr so recht den Sinn der Reden erfassen. Der Windhager klopfte mit seinem braunen Fingerknöchel auf die speckige breite Schulter des Bauern. »Du . . .« Unwillig und recht gemächlich drehte sich der Ganderbauer um. Als er seinen ehemaligen Freund erkannte, knurrte er wie eine gereizte Bulldogge, sagte aber kein Wort. 145 »Nix für ungut!« meinte der Windhager und stellte sich äußerst höflich. »Wie ist dös nachher mit dem Wein g'wesen? Ha?« erkundigte er sich freundlich. Das rosige, fast faltenlose Gesicht des Ganderbauern färbte sich dunkelrot vor Wut. Er kehrte dem Alten seinen breiten Buckel zu und gab keine Antwort. Nun wußte der Windhager, daß hinter der Sache doch etwas sein müsse, und beschloß darauf zu kommen, koste es, was es wolle. Und er konnte wirklich lästig sein, der Alte. Immer und immer wieder zupfte er den Ganderbauern am Rockärmel, und in allen Tonarten frug er ihn und gab ihm keine Ruhe, bis der Ganderbauer sich zornig umdrehte und ihm das bekannte Wort aus dem »Götz von Berlichingen« zurief. Die Wirkung dieser Einladung war geradezu katastrophal. Als ob sich die Gäste in der kleinen Wirtsstube plötzlich in lauter Narren verwandelt hätten, so führten sie sich auf. Sie schrien, tobten, gröhlten, lachten, und einige der Burschen 146 tanzten und sprangen in der Stuben herum und stampften vor Übermut mit den Füßen. »Tu's, Windhager! Mach's!« schrien die ausgelassensten unter ihnen. »Du kriegst a Faßl Wein!« . . . »Dös ist die G'schicht!« . . . »Gib nit nach, Windhager!« Der Rausch des Ganderbauern war vor lauter Zorn völlig verflogen. Außer sich vor Wut erhob er sich und wollte seinen Holzsessel auf den Windhager und auf die Burschen schleudern. Aber sie wehrten es ihm und setzten ihn vor die Tür. Drinnen jedoch in der Stube jammerte der Windhager in komisch kläglichen Tönen: »A Bande seid's! Was habt's ihn denn außischmeißen müssen den Ganderbauern? So gern hätt' i mir a Faßl Wein verdient. Nix vergunnen tuat's ös an armen Häuter!« Und nun erfuhr der Windhager erst genauer, wie die Sache mit der Einladung und dem Faßl Wein zusammenhing. Der Wirt war die Sefa wieder einmal angestiegen wegen einem Weinkauf. Und da gab 147 ein Wort das andere. Und als der Wirt nicht nachgeben wollte, da war der Ganderbäurin auch das berühmte Wort aus dem »Götz« entflohen. Statt daß der Wirt aber über diese Einladung gekränkt gewesen wäre, hatte er sich sofort bereit erklärt, derselben Folge zu leisten . . . zum fürchterlichen Entsetzen der Sefa natürlich. Und er wurde ganz dringlich der Wirt und nahm die Einladung immer ernster . . . »Du hast g'sagt, i soll di . . .« bestand der Wirt auf seiner Einladung. »Also . . .« »Der Mensch ist ja narrisch!« kreischte die Sefa. »I bin gar nit narrisch!« versicherte der Wirt mit vollster Seelenruhe. »I will nur dös tuan, was du g'sagt hast, daß i tuan soll! Und glei iatz will i's tuan! So was laß' i mir nit zweimal anschaffen!« »Um Gottswillen, der Mensch ist ja vom Teufel b'sessen!« entsetzte sich die Sefa. »I bin gar nit b'sessen!« erklärte der Wirt. »Du hast g'sagt, i soll di . . . Und i will di iatz!« 148 Der Wirt machte ganz ernstliche Anstalten, der Einladung der Ganderbäurin nachzukommen. Die Sefa schlug mit Händen und Füßen um sich wie eine Wilde und schrie um Hilfe. »Da brauchst gar nit zu schreien!« meinte der Wirt. »Du hast g'sagt, i soll di . . . Und iatz wär' dir auf einmal nix mehr drum. Ah, so haben wir nit g'wettet, Ganderbäurin. Entweder war's dir mit deiner Einladung ernst oder nit. Und wenn's dir nit ernst war, dann muß ich deine Aufforderung für eine beabsichtigte Beleidigung und Ehrenkränkung halten und muß dich deswegen bei Gericht verklagen!« Der Wirt sagte das auf einmal ganz feierlich und hochdeutsch. Da wurde der Bißgurn plötzlich ganz anders. Mit dem Gericht wollte sie schon gar nichts zu tun haben. »Dös hab' i ja nit so g'moant!« versuchte sie einzulenken. »Dös will i eben wissen, wia du's g'moant hast!« erklärte der Wirt. »Entweder hast du's ernstlich g'moant, daß i's tuan soll. Nacher tua 149 i's. Du hast schon g'sehen, daß es mir nit drauf ankommt. Oder es war dir nit ernst . . . nacher ist eine solche Aufforderung eine beabsichtigte schwere Beleidigung und Ehrenkränkung, wie i dir schon g'sagt hab'. Und das laß' i mir nit g'fallen und verklag' di bei G'richt! Entweder laßt du dich also von mir . . . du woaßt schon was . . . oder du wirst bei G'richt verklagt! Also entweder . . . oder . . . und dös g'schwind! Denn heut' wär' i grad aufg'legt dazua!« Die Sefa begann vor Verzweiflung zu schwitzen. »Entweder . . . oder!« wiederholte der Wirt energisch. Das Gericht war der Sefa womöglich noch gräßlicher, als . . . Und dem verteufelten Teufel von einem Wirt war höllisch ernst . . . aber schon ganz höllisch ernst . . . entweder . . . oder . . . Da fand sich schließlich doch noch ein Ausweg. Der Wirt erklärte sich bereit, sowohl auf das Entweder wie auf das Oder zu verzichten, wenn die Sefa ein Faßl Wein springen ließ. 150 Blieb auch dem alten Geizkragen schließlich nichts anderes mehr übrig, als sich mit einem ganz tüchtigen Faßl Wein, das sich der Wirt im Keller des Ganderbauern selber aussuchte, von dem Vollzug ihrer liebenswürdigen Einladung und den sonst zu befürchtenden gerichtlichen Folgen loszukaufen. Der Ganderbauer war nicht daheim gewesen, als der ganze Handel stattgefunden hatte, und erfuhr die Geschichte erst nachträglich. In den Tiefen seiner oft schwer gekränkten durstigen Seele gönnte er es der Sefa. Als die Sache aber herumkam, da wurmte es ihn doch gewaltig, daß so was just seinem Weib hatte passieren müssen. Und in seinem verletzten Bauernstolz begann er sich mit der Sefa solidarisch zu fühlen. Und als ihn jetzt gar der Windhager damit aufzog, da war's mit seiner Geduld zu Ende. Von dieser Stunde an aber war's auch mit dem Windhager gar nicht mehr zum aushalten. Da war alles Frühere dagegen ein Kinderspiel gewesen. Jetzt verfolgte der Windhager 151 seinen ehemaligen Freund und Zechgenossen nicht nur auf dem Weg in das Wirtshaus und von dem Wirtshaus fort, sondern kam regelmäßig sogar bis vor den Ganderhof, schaute zu den mit Reben überwucherten Fenstern hinein; und wenn er den Bauer oder die Bäurin sah, dann schrie er, so laut er nur konnte . . . »Wie ist's nacher, Gander, ha? Darf i mir mei' Faßl Wein no nit verdianen? . . . Du hast ja g'sagt . . . i soll di . . . Und drunten beim Wirt haben sie mir a Faßl Wein versprochen, wenn i di . . . Also Gander . . . für a Faßl Wein kann i's ja tuan! Kimm decht außer, Gander, damit i zu mein' Faßl Wein kimm!« Die Sefa machte einmal kurzen Prozeß, holte ein Schaff Wasser und goß es dem Windhager über den Schädel. Der beutelte sich aber nur wie ein nasser Pudel und lachte boshaft dazu . . . »Hilft dir nix, Bäurin. Dös macht mir gar nix. I wart' geduldig auf mei' Faßl Wein.« Das ganze Dörfl hatte der Windhager gegen den Ganderbauern aufgebracht. Überall, wo der Ganderbauer sich zeigte, wurde er mit Fragen 152 bestürmt, ob sich der Windhager das Faßl Wein wohl schon verdient habe. Sie müßten das wissen, meinten die Burschen. Versprochen sei versprochen. Und sie ließen sich nicht lumpen und wollten ihr Versprechen unbedingt und ehrlich halten, wenn der Windhager sich das Faßl Wein wirklich verdient habe . . . Der Ganderbauer begann völlig schlecht auszuschauen; denn es verging kein Tag, an dem er nicht durch den Windhager oder durch sonst wen an seine unvorsichtige Einladung erinnert wurde. Ins Wirtshaus getraute er sich schon gar nicht mehr. Da ging das Hallo schon gleich los, wenn er bei der Tür hereinkam. Und sogar in dem Wirtshaus des benachbarten Dorfes, in das er sich sonst vor dem Windhager geflüchtet hatte, war er nicht mehr vor zudringlichen Fragern und dem darauf folgenden allgemeinen Gaudium sicher. Auch dorthin war die Kunde schon gedrungen, daß ihn der Windhager absolut für ein Faßl Wein . . . Und wie es denn mit der Geschichte stünde, 153 frugen sie ihn nun nicht nur im Wirtshaus. sondern im ganzen benachbarten Dorf. Und alle wußten sie es auch dort im ganzen Dorf, daß sich der Windhager an dem Ganderbauern auf eine nicht alltägliche Weise ein Faßl Wein verdienen wolle. Und alle interessierten sich für diesen vermaledeiten hinterlistigen Verdienst des Windhagers an dem Ganderbauern so außerordentlich, daß der Ganderbauer auch aus dem Nachbardorf rasch wieder das Weite suchte und bodennüchtern, ohne seinen quälenden Durst gelöscht zu haben, in stiller Verzweiflung auf seinem Hofe landete. Der Ganderbauer war schließlich zu der Überzeugung gelangt, daß es ihm nichts nützen würde, wenn er auch noch weiter wanderte, um zu einem guten Tröpfele Rötel zu gelangen. Denn das Vorhaben des Windhagers würde schon überall bekannt sein, und sie würden ihn überall fragen, ob sich der Windhager sein Faßl Wein noch nicht verdient habe . . . Herrgott, wenn er nur damals beim Wirt das Maul gehalten hätte . . . dachte sich der 154 Ganderbauer reumütig . . . Mußte er denn just den Windhager zu dem Gleichen einladen, was der Sefa bei dem Wirt so schlecht bekommen war . . . Der Wirt war wenigstens nur ein einziger verflixter, verteufelter Teufel gewesen . . . Aber der Windhager war ärger als neunundneunzig verflixte, verteufelte Höllteufel . . . Der würde ihn, den Ganderbauern, sicher noch in die Gruben bringen, der Windhager, das boshaftige Mistluder, das boshaftige mit seinem Faßl Wein, das er sich verdienen wollte . . . Schließlich wurde die ganze Geschichte aber auch der Sefa zuwider, da sie dadurch fortwährend an einen zum Verwechseln ähnlichen wunden Punkt in ihrem eigenen Leben erinnert wurde. Namentlich da der Windhager seine Besuche vor dem Ganderhof schier täglich wiederholte, sein Anliegen immer eindringlicher vorbrachte und endlich erklärte, er würde nun jeden Tag zweimal kommen, Vormittag und Nachmittag, um wegen seinem Faßl Wein vorstellig zu werden. Ihm, dem Windhager, gehe die Geduld sicher nicht aus. Und Zeit habe er auch 155 dazu. Und es sei ein ganz netter Spaziergang bis zum Ganderhof . . . Um endgültig Ruhe zu bekommen, verstand sich die Sefa dazu, dem Windhager ein Faßl Wein zu schenken. Nachdem der Windhager seinen Wein hatte, war er hochbefriedigt. Und ließ den Bauern mit seinem Spott in Ruhe. Schrie nicht mehr hinter ihm drein, sondern humpelte nur, so rasch er konnte, und fast demütig hinter dem schwerfälligen Ganderbauern ins Wirtshaus. Diese Bescheidenheit rührte den Gander, und allmählich hub er wieder ein Gespräch mit dem Windhager an . . . »Ah was!« sagte er sich selber. »Der Mensch lebt nur amal. Und i brauch' a G'sellschaft beim Wirt.« Seitdem saßen die beiden Kumpane wieder einträchtig beisammen an einem Tisch und tranken ihren Rötel. Und der Gander hielt sogar oft den Windhager frei. Die Sefa durfte dann bezahlen um Neujahr, wenn der Wirt mit der Rechnung zu ihr kam. 156 Die Ganderbäurin bezwang jedoch ihre Wut und zahlte schweigend. Sie wußte . . . eine unvorsichtige Äußerung könnte sie abermals ein Faßl Wein kosten. Da hielt sie lieber das Maul. Ja, ja, man wird halt gescheiter mit den Jahren. Und hoffentlich ist die Ganderbäurin auch zeitlebens gescheit und vorsichtig geblieben. Denn es sind jetzt bald dreißig Jahre her, seitdem diese lustige Geschichte passiert ist. 157     Der Klachelwirt Die allermeisten Dinge auf Erden vermehren sich. Am Fleißigsten die Dummheiten und die Gemeinheiten. Die sterben gewiß nie aus. Genau so wie die Menschen und die Viecher. Dafür gibt es aber auch so manches Aussterbende. Darunter gehören entschieden die menschlichen Originale. Die werden immer seltener. Ihr Schicksal kommt mir fast so vor wie das der Indianer, die auch eine aussterbende Menschenrasse sind. Meistens muß man sogar noch ziemlich weit in Zeit und Erinnerung zurückgreifen, bis man so ein Original zum dauernden Gedächtnis auf die Beine stellen kann. Das ist jetzt auch schon mindestens ein halbes Jahrhundert her, daß der Klachelwirt mitten im Weinland hauste. Er war ein kotzengrober Knochen, weit und breit bekannt als der ungeschliffenste Klachel in der ganzen Gegend. Er 158 hatte sich seinen Übernamen als Klachelwirt redlich verdient. Wuchtig und breit stand sein Gehöft mit dem alten Wirtshaus da, umgeben von Weit ausladenden Obstangern und Weingärten. Ein Reich für sich, selbstherrlich und voll stolzer Würde. Und selbstherrlich war auch der Jörgele mit seiner massigen gedrungenen Gestalt und dem dicken eigensinnigen Schädel auf dem kurzen Hals. Ein struppiger grauer Bart umrahmte das braunrote Gesicht. Da konnte ein noch so strahlend blauer Himmel über Berg und Tal lachen, kein Wölkchen weit und breit sein, konnte die Sonne noch so glutvoll ihren wärmenden Schein spenden . . . der Klachelwirt machte deswegen doch meistens ein grantiges Gesicht. War aber gar nicht so grantig, sondern nur grob. Aber das ausgiebig. War auch mit seinen Gästen grob. Und wenn er glaubte, daß einer derselben genug getrunken hatte, dann ließ er ihm auch keinen einzigen Tropfen mehr einschenken, und mochte die betreffende 159 durstige Seele ihre Qualen noch so eindringlich schildern. »Du hast g'nug für heut!« pflegte dann der Klachelwirt den Zechbruder anzufahren. »Schau, daß d' außikommst! I brauch' koane rauschigen Zöch bei mir. Der Wein ist a Gottsgab'. Und wenn du b'soffen bist, wird der Herrgott grad koa Gaudi mit dir haben!« Es lag ja eigentlich eine tiefe Moral in dieser Logik. Es kam auch äußerst selten vor, daß einer vom Klachelwirt einen Rausch heimtrug. Mußte höchstens der Jörgele einmal über Land oder nicht daheim gewesen sein. Wenn er dann aber nachträglich von der b'soffenen Metten erfuhr, dann hatte das Gesinde daheim nichts zu lachen. Dann warf er seinen Dienstboten oder seinem Weib, als sie noch lebte, alle nur erdenklichen Grobheiten an den Kopf. Der Klachelwirt war bald Witwer geworden. In die Wirtschaft teilte sich dann mit ihm sein Sohn, der Alois, von dem weiter unten noch mehr zu vermelden ist. Der Alois konnte von 160 dem Alten auch eine saftige Watschen fassen, wenn er daheim nicht ordentlich aufgepaßt hatte und der Klachelwirt erfuhr, daß er dem oder jenem zu viel ausgeschenkt hatte. Merkwürdigerweise fanden die richtigen Weinbeißer gerade in Abwesenheit des Jörgele am leichtesten den Weg in sein Wirtshaus. Der Jörgele hatte aber auch zur Herbstzeit den allerbesten »Nuien«, wie man den neuen Wein hieß, und die allerschmackhaftesten »Köschten«. Und zum Genuß des herrlichen Rötels und der gebratenen Kastanien wallfahrteten sie zum Jörgele, um dort zu »törggelen«. Dieser Ausdruck, der soviel bedeutet wie zu gebratenen Kastanien erklecklich neuen Wein trinken, hängt wohl unmittelbar mit der Weintorggel zusammen. Um diese Zeit kamen auch die »Hearrischen« zum Jörgele. Die verdammten Stadtlinger konnte der Jörgele aber schon gar nicht leiden. Und am meisten haßte er die Hearrischen, die irgendeine Beamtenwürde bekleideten. Das war geradezu eine Spezialität des Klachelwirtes, daß 161 er ein erklärter Feind jeglicher Behörde war. Irgendein k. k. Hearrischer wirkte auf den Jörgele wie auf den Stier das rote Tuch. Kam wohl daher, weil der Jörgele neben seiner Grobheit auch ein gutes Stück Prozeßhansel war und deshalb wiederholt mit den Behörden zu tun hatte. Auch stritt er sich wegen seiner Steuern immer gehörig herum. Von seinen verschiedenen staatsbürgerlichen Pflichten wollte er als der selbstherrliche Mensch, der er war, überhaupt nicht viel wissen. »Dö Hearrischen, dö sein a stinkfaule Saubande überanander!« erklärte der Jörgele. »Unseroans kunnt si das ganze Jahr rackern, daß dö Faulenzer in der Stadt drein a Herrenleben haben. Und den Wein saufeten sie oan' aa no weg, dö Tintenfuxer, dö verflixten. Sollen ihre Tintenkübel aussaufen, wann sie Durst haben!« Einmal stellte ein Stadtlinger, der beim Klachelwirt einkehrte, dem Jörgele eine Falle, indem er meinte, da müsse er, der Jörgele, den Kaiser wohl auch nicht leiden können, weil er 162 gar so über die Herrischen losziehe. Der Kaiser sei doch der Obrigste aller Herrischen. Da blinzelte der Jörgele den Fragesteller aus seinen grauen listigen Äuglein an und meinte: »Glaubst du vielleicht, i bin so dumm wie du ausschaust. Dös kann i dir aber sagen: Wann i der Kaiser wär', dann hätt' i mir um di als Untertan zu allerletzt g'schaut. Und da hat mir der Kaiser schon oft g'nug derbarmt, daß er so viele hearrische Untertanen hat. Und iatz kannst mi lecken, wann d' magst!« Sprach's, war bei der Wirtsstuben draußen und hatte das schallende Gelächter aller Anwesenden auf seiner Seite. War nicht leicht anzubandeln mit dem Klachelwirt. Der Jörgele stellte sich an sonnenhellen Nachmittagen regelmäßig unter die Haustür, um Ausschau zu halten, wer etwa von den Hearrischen sich in sein Heiligtum wagen würde. Hatte eine Reggelpfeife im Mund, aus der er qualmte, und eine blühweiße Schürze vorgebunden. So stand er unter dem hohen gewölbten Hauseingang und spähte. Und kam da einer, der 163 dem Jörgele nicht paßte, so verschloß er ihm die Tür vor der Nase. Hauptsächlich auf den Bezirksrichter hatte er es abgesehen. Den konnte er schon gar nicht leiden. Hing enge mit seinen Prozessen zusammen. Einmal kam der Herr Bezirksrichter in großer Gesellschaft angerückt, um bei dem Jörgele zu törggelen. Der Jörgele klopfte zuerst, als er die Gesellschaft mit scharfen Augen aus weiter Ferne erblickte, ruhig und überlegen seine Reggelpfeife aus, spie verächtlich vor sich hin und ging dann gemächlich in das Haus hinein. Die Türe verriegelte er, aber zum Stubenfenster, das neben der Haustüre war, lehnte er sich hinaus und wartete in aller Seelenruhe das Kommen seines Feindes ab. Der Bezirksrichter war ein lustiger Herr und hatte seine Gäste schon auf den wunderlichen Kauz vorbereitet. Er ließ sich also gar nicht aus der Fassung bringen, als er die Tür verschlossen fand. 164 »Magst nit auftian, Jörgele?« redete er dann den Klachelwirt freundlich an. »Naa!« erklärte der Jörgele gemütlich. »I mag nit!« Dabei rauchte er ruhig seinen frisch gestopften Reggel weiter, als sei er gar kein Wirt, sondern nur ein ganz gewöhnlicher Bauer, der sich um fremde Gäste nicht zu scheren brauchte. »Hast an Wein?« forschte der Bezirksrichter unbeirrt weiter. Der Jörgele nahm die Pfeife aus dem Mund und spie im weiten Bogen zum Fenster hinaus. Beinahe hätte er das helle Sommerkleid einer eleganten Dame getroffen, die erschreckt zur Seite fuhr. »Sell wohl!« nickte der Klachelwirt befriedigt. »Guat ist er g'raten huier.« »Und Köschten? Hast aa, gelt?« »Joa!« kam es breit zurück. »Nachher bringst uns etline und an Liter Nuien. Hast g'hört?« »Naa!« erklärte der Jörgele gemütlich. »Iatz geh'!« verlegte sich der Bezirksrichter 165 aufs Bitten. »Mach' keine Dummheiten. I hab' dir da a paar feine Herrschaften aufer g'führt.« »Werd eppas Rares sein!« machte der Jörgele verächtlich und sah mit einem halb zugekniffenen Auge auf die kleine Gruppe, die belustigt zu ihm aufschaute. Der Bezirksrichter stellte vor: »Das ist die Gräfin X.« Dabei wies er mit der Hand auf die Dame in dem hellen Sommerkleid. »Gar a Gräfin!« meinte der Jörgele spöttisch. »Und hat nit amal a Geld im Sack.« Verblüfft sahen die Herrschaften einander an. »Die hat sogar viel Geld!« behauptete der Bezirksrichter lachend. »Die kann, wenn sie will, deinen ganzen Krempel da auf der Stell' kaufen.« »Ah so!« sagte der Jörgele ungläubig. »Z'weg'n was spendiert's ihr nachher koa ganzes G'wand? Sell ist ja vornewärts ums Halbe z' kurz. Soll si schamen die Pfot !« Damit schloß der Jörgele das Fenster und 166 blieb taub gegen alles Bitten und gute Zureden. Unverrichteter Dinge mußte der Herr Bezirksrichter mit seiner lachenden Gesellschaft wieder abziehen . . . Gegen die hochwürdige Geistlichkeit war deswegen der Klachelwirt keineswegs höflicher. Da passierte einmal eine recht unangenehme Geschichte. Ein junger Kooperator hatte beim Jörgele etwas über den Durst getrunken und trat später in der Nacht gefährlich torkelnd seinen Heimweg an. Kam aber gar nicht weit, da ihm das Mißgeschick widerfuhr, in die Mistgrube beim Gehöft des Jörgele zu fallen, wo eines der deckenden Bretter morsch geworden war und unter dem offenbar schon ansehnlichen Gewicht des Hochwürdigen einbrach. Ein klägliches Zeter und Mordio führte mit dem Hausgesind und einigen noch verspäteten Gästen auch den Jörgele herbei, der eigenhändig mithalf, den Hochwürdigen aus seiner entsetzlichen Lage zu befreien. Dem jungen Kooperator war es natürlich 167 furchtbar peinlich, und er wurde rasch nüchtern. Das läßt sich ja denken. Außer der Tunke und dem Geruch auch noch die heillose Blamage. Der Jörgele suchte ihn jedoch auf seine Weise zu trösten und meinte gemütlich: »Mach' dir nix draus, Hochwürden. Dös hätt' halt bald a dreckige Himmelfahrt abgeben. Und im Geruch der Heiligkeit wärst du aa nit abgekratzt von derer lausigen Welt.« . . . Als der hochwürdige Herr Dekan einmal den Jörgele wegen seiner bekannten Kotzengrobheit zur Rede stellte und sagte . . . es sei eigentlich schade, daß auf einem so schönen Fleck Erde ein so grober Klachel sitze, da erwiderte ihm der Jörgele: »Weißt was, Hochwürden, du hast mich auf den Fleck da nit hergetan; und du tust mich aa nit weg. Dich hat lei der Bischof da hergetan. Mich aber hat mein Vater da hergetan. Und der Bischof ist no lang nit dein Vater!« . . . Da sich der Herr Dekan einmal darüber aufhielt, daß ihn der Klachelwirt immer mit Du 168 anredete, meinte der Jörgele: »Ja, Hochwürdiger, willst du vielleicht mehr sein als der Herrgott? Mit dem Herrgott bin i per du, und da werd' i zu dir nit Ös sagen!« . . . Aber einmal war der Jörgele doch aufs Maul geschlagen. Dieses erstaunliche Faktum ereignete sich, als der alte Fürstbischof von Brixen nach einer Reihe von Jahren wieder zur Firmung kam. Der Klachelwirt war unter den Honoratioren, die den Fürstbischof am Eingang des Dorfes unter der zu seinem Empfang errichteten Ehrenpforte empfingen. Der Fürstbischof kannte den alten Kauz schon von früher her und erkundigte sich, wie es dem Jörgele gehe. Da meinte der Klachelwirt: »Dank der Nachfrag', fürstbischöfliche Gnaden, alleweil no auf zwoa Füaß'.« Und mit einer gewissen loyalen Anteilnahme frug er dann den Fürstbischof: »Wann firmen wir denn nachher morgen in der Früh, fürstbischöfliche Gnaden?« 169 Da zuckte ein boshaft lustiger Schalk um die Mundwinkel des greisen Kirchenfürsten; und er gab dem Jörgele folgende Auskunft: »Ich firm' um achte. Wann du firmst, Jörgele, das weiß ich nit.« Auf diese bündige Antwort wußte der Jörgele nichts weiter zu erwidern . . . Als der Jörgele schon ein hoher Sechziger war, da hielt eine junge Wirtin beim Klachelwirt Einzug. Das ging auch nicht alltäglich zu. Der Jörgele behielt aber deswegen das Regiment doch in der Hand, trotzdem sein Sohn, der Alois, geheiratet hatte. Der Sohn des Klachelwirt führte allgemein den Übernamen des scheinheiligen Aloisius. Die Leute behaupteten nämlich immer, daß der Alois ein ausgesprochen heiliges G'friß habe und ganz besonders fromm drein schaue. Nun konnte der Alois für sein Gesicht wirklich nichts dafür. Er hatte es sich ja nicht selber gemacht, sondern mit zur Welt gebracht. Und sein heiliges G'friß war ihm selber höchst zuwider, weil er ganz genau wußte, daß es nicht 170 zu ihm stimmte, sondern daß er innerlich ganz anders gesotten war. Der Alois konnte die Diandeln recht gut leiden und war fleißig hinter den Schürzen her, wenn der Vater nichts davon merkte. Zuletzt sauste der scheinheilige Aloisius vom Klachelwirt doch hinein. Da war eine nudelsaubere Kellnerin beim Jörgele. Das Nannai stammte aus dem Unterinntal. Daß das Diandl dem Alois in die Augen stach, war ja kein Wunder. Und daß schließlich eine Kleinigkeit dabei herausschaute, war auch kein Wunder. Der scheinheilige Aloisius wollte aber von der Vaterschaft nichts wissen und behauptete, das Nannai habe schon andern auch gefallen, nicht nur ihm allein. Damit hatte er nicht so ganz unrecht. Denn das Diandl war ziemlich hergaberisch gewesen. Der Klachelwirt hatte von der ganzen Geschichte erfahren, und es gab einen Mordssturm daheim. Der scheinheilige Aloisius paßte schließlich nicht mehr gut in einen Stiefel hinein. So donnerte ihn der Alte zusammen. 171 »Also a Bua ist's!« sagte der Jörgele. »Hast du ihn g'sehen?« frug er seinen Sohn. »Naa. G'sehen hab' i ihn no nit!« erwiderte der Lois. »Das Madl ist ja in Jenbach drunten bei ihre Leut. Es ist alles erst schriftlich. Aber i glaub's nit!« versicherte der Lois. »Ob du dran glaubst oder nit, ist Wurst!« erklärte der Klachelwirt. »Wer bist denn du überhaupt? A nixnutziger Fetzen! Ich muaß dran glauben, ob der Bua von dir ist oder nit. Drum geh' i mir den Pamsen anschauen!« Fuhr auch wirklich ins Unterinntal der Klachelwirt, um seinen angeblichen Enkel zu besichtigen. Der Lois mußte mitfahren. Als der Jörgele des Säuglings ansichtig wurde, fuhr er seinen Sohn kotzengrob an: »Was, du scheinheilig's Luader du, von dem Büabl möchtest du di davon leugnen? Der Bua g'hört dein . Der hat ganz dein heilig's G'friß!« Damit war der Enkel anerkannt. Und der Klachelwirt machte kurzen Prozeß mit seinem Sohn. »Das Madl wird g'heiratet, sag' i 172 dir!« befahl er seinem Sohn. »Hast mi verstanden? Dös ging' mir grad no ab, daß du mir mit der Zeit im ganzen Tal umadum heilige G'frisser auf die Welt stellest, du Kittelschmöcker, du! Wenn du schon koane andern G'frisser z'sammbringst als deine scheinheilige Larven, nacher müssen mir dö G'frisser wenigstens in der Familie bleiben. Nit, daß i auf Weg und Steg nimmer sicher wär', so an scheinheiligen G'friß zu begegnen!« Der Lois mußte gute Miene zum bösen Spiel machen und das Nannai heiraten. Die Unterinntalerin wurde eine tüchtige Wirtin, und auf ihren Schwiegervater, den Klachelwirt, schaute sie ganz besonders, mit einer völlig rührenden Dankbarkeit, obwohl der Jörgele zeitlebens eine harte Faust über der Wirtschaft hatte. Der Lois hat auch im Lauf der Jahre eine ganze Kutt'n Kinder mit seiner Hauswirtin aufgestellt. Sie hatten nicht alle sein heiliges G'friß, aber ein Teil davon schon. Das war eben ein Zufall. Die heiligen G'frisser lassen 173 sich halt nicht anschaffen, wie man sie haben will. Wenn der Klachelwirt darauf zu sprechen kam, dann meinte er: »I hab' nix dagegen gegen a bissel Abwechslung in die G'frisser. Lauter heilige G'frisser wär' do a bissel zuviel Heiligkeit. Und 's Nannai trifft koa Schuld an der Abwechslung. I kann ihr nix nachsagen. Ist a braves Weibets. Ist vielleicht das Gescheiteste g'wesen, daß sie damals das heilige G'friß von mein' Lois derwischt hat statt an andern G'friß.« 174     Stoanklopfer Josele Im vergangenen Sommer habe ich mir einen Freund erworben. Einen echten, wahren und treuen Freund. Das will sehr viel sagen. Denn erstens besitzt man Freunde dieser Sorte verflucht wenig, und zweitens und drittens erwirbt man sich derartige Freunde noch viel weniger. Mein treuer Freund hockt in einem stillen Bergtal Tirols, klopft dort Steiner und macht den Weg, so gut es eben geht. Er lebt also fernab von allem Schiebertum und allen sonstigen schönen Errungenschaften der Neuzeit. Sonst wäre er wahrscheinlich nicht mein Freund geworden. Der Stoanklopfer Josele hat ganz sein eigenes schlaues Köpfl auf. Ist schon hoch in den Sechzigern. Ein paar helle blaue Augen schauen aus einem mit grauen Bartstoppeln übersäten Gesicht, und eine markige und 175 etwas hakenförmige Nase baut sich über den schmalen und fast verkniffenen Lippen des Alten auf. Einige Male war ich bereits stumm an ihm vorübergegangen und hatte ihn zu allen Tageszeiten heimlich beobachtet. Er war auch zu allen Tageszeiten bei seinem Schotterhaufen zu sehen und bei jedem Wetter. Seinen ganzen Haushalt führte der Josele über Tags im Freien. Er kochte sich selber auf einem aus mehreren Steinplatten zusammengeschichteten Herd, wo ein mit Dürrholz und anderem Reisig genährtes Feuerlein unter einem kleinen rußigen Kessel flackerte, lohte oder glomm. Je nachdem das Wetter war, warm, windig oder regnerisch. Dabei lullte der Josele regelmäßig an einer alten, schmierigen, hölzernen Stummelpfeife, die mit Eisen beschlagen war. Reggelpfeifen heißt man dieses Instrument, für dessen Gebrauch man von guten Eltern sein muß. Denn so ein Reggel kann ganz höllisch auf der Zunge brennen. Und wer ihn gewöhnt, 176 der hat sicher eine Art Sohlleder auf seinem Löcker bekommen. Das Feuerle unter dem Herdkessel des Josele gab mindestens einen Rauch, auch beim miserabelsten Wetter. Aus dem Reggel des Josele vermochte ich aber nie das geringste Rauchwölkchen aufsteigen zu sehen. Ja, es war mit dem Tabak in den Tiroler Bergen sakrisch rar geworden, seit Krieg und Umsturz die knappe Rationierung gebracht hatten. Schier so rar war's mit dem Tabak geworden wie mit den goldenen und silbernen Münzen. Da machten wir uns da heraußen im Reich gar keinen Begriff davon, was so eine arme Raucherseele für Höllenqualen der Entbehrung leiden mußte. Und schon erst in einem abgelegenen Bergtal, zu dem gar keine Tabakäderlein führten. Sprach ich also eines Tags den Josele an: »Mir scheint, dein Reggel hat aa koan richtigen Zug nit?« »Zug hat er schon!« meinte der Stoanklopfer mürrisch. »Aber raach du, bald nix hast!« 177 »Hast gar nix mehr?« frug ich. »Koan Brosen nit!« versicherte mich der Josele. »Hast schon amal den Teufl g'sehen?« frug er mich völlig unvermittelt. »Bis zum heutigen Tag ist mir nix wissentlich!« erwiderte ich. Der Josele zog eine Schweinsblase, wie sie als Tabaksbeutel im Gebrauch sind, aus seiner Hosentasche, drehte sie um und sagte: »Da schau her!« »I siech nix!« stellte ich fest. »Dös ist eben der Teufl!« sagte der Josele mit einem ingrimmigen Lachen. »Iatz raach i schon die dritte Wochen kalt. Und wie oan dös fuxen kann! Aber schon ganz sakramentisch fuxen!« Nun griff ich in meine Rocktasche und zog meinen ziemlich umfangreichen ledernen Tabaksbeutel, der ganz vollgefüllt und prall war, hervor, entfaltete ihn vor den Augen des Josele und meinte: »Da schau iatz her!« Der Josele sperrte den Mund auf, als ob er ein reines Gotteswunder erblicken würde. Dann stieß er völlig fassungslos hervor: »O Maria!« 178 Der Anblick war für ihn ein derartig überwältigender, daß er sich nur mehr in dem Anruf der Himmelskönigin Luft machen konnte. Ich füllte die Schweinsblasen des Josele mit dem ganzen Inhalt meines Tabaksbeutels und gab sie dem alten Stoanklopfer mit den auferbaulichen Worten zurück: »Iatz haben wir den Teufl bezwungen. Die Pforten der Hölle haben sich geschlossen. Iatz raach!« »Der ganze Tabak . . .« Der Josele sah mich von der Seite an, als ob er einen Verrückten vor sich habe. »Der ganze Tabak g'hört iatz dein!« versicherte ich ihm. »Iatz muaß i mi aber niederhocken!« sagte der Josele und setzte sich auf ein langes Brett, das über zwei klobige große Steine gelegt war und das ihm als Tisch und Bank gleichzeitig diente. Dann griff er mit seinen groben Arbeitsfingern in die Schweinsblasen und begann seinen Reggel zu stopfen. »Sag' i halt Vergelt's Gott z'tausendmal in Himmel aufi!« Ich setzte das Rädchen meines Feuerzeuges 179 in Bewegung, das zufällig sofort funktionierte. Der Josele zog an seinem Reggel und qualmte blaugraue Wolken vor sich hin. »Ah!« machte er. »Ah! Sakra! Sakra!« Dann schwieg er eine geraume Weile still und ergab sich völlig dem Genuß des Rauchens. »Du bist a G'schichtenschreiber?« frug er mich endlich. »Sell wohl!« bestätigte ich ihm. »Ah wohl. Schreibst du nachher G'schichten zum Lesen?« »Sell wohl.« »Ah wohl. Also zum Lesen . . .« meinte er nachdenklich. »Kannst du nachher von der Schreiberei leben?« »Es tuat si schon.« Der alte Stoanklopfer sah mich vorsichtig von der Seite an, mit einem entschiedenen starken Mißtrauen und mit einem Zuge aufrichtigen Mitleids in seinem bartstoppeligen Gesicht. »Tabak hast aber an guaten, an vertuifelt 180 guaten!« sagte er, auf ein anderes Thema ablenkend. »Siehst . . .« meinte er behaglich qualmend. »Wuat hab' i dir in dö lötzen Zeiten schon a diawat amal oane g'habt, a Wuat, daß i grad' am liabsten lauter Schädel eing'schlagen hätt. Und da ist's Stoanerklopfen was guat dafür, dös sag' i dir. Da kannst dei' Wuat auslassen an die Stoaner. Kannst sie auslassen die Wuat. Brauchst dir grad' zu denken, die Stoaner sein lauter Schädel. Lauter so damische Dickschädel, so gottsverfluachte Pultengrint , auf dö du losdreschen därfst!« Er schwieg wieder eine Weile und qualmte andächtig vor sich hin. »Wie lang bleibst denn no da?« frug er mich dann. »In a drei, vier Tag' geht's wieder dahin.« »Ah wohl, wieder dahin. Schad', daß d' durchgehst. Wärst sonst a rarer Mensch. Und Tabak hast an guat'n, an malefizisch guat'n. Also G'schichten schreibst zum Lesen? Muaßt wohl no a anders G'schäft haben?« »Naa. Anders G'schäft hab' i koans.« 181 Der Alte schaute mich jetzt mit unverhohlener ehrlicher Besorgnis an und meinte: »Aber vom G'schichtenschreiben kannst do nit leben bei dö teuren Zeiten. Du sollst dir do um a Anstellung schauen.« »Moanst? Um a Anstellung? Aber woher denn nehmen und nit stehlen?« »Woaßt was? Vielleicht derfrag' i was. I bin iatz dei' guater Freund. Den Tabak vergiß i dir meiner Lebtag nit. Es wird si schon a Pöstele finden.« Wie manchem Menschen hat man tausendmal mehr Dienste erwiesen, als nur einen Beutel Tabak, und hat bloß krassen Undank dafür geerntet. Und da besitze ich jetzt für einen Beutel Tabak einen treuen Freund, der ehrlich um mein Fortkommen besorgt ist und der sich sicher nach Kräften bemühen würde, mich unterzubringen. Vielleicht sogar beim Stoanerklopfen. Herrgott, das wär' was! Ich hab' auch a diawat amal eine Viechswut und tät' am liebsten Schädel einschlagen in der miserabligen Zeit . . . und wüßte ganz genau, welche Schädel ich am liebsten einschlagen würde, aber schon mit einer ausgesprochenen Wonne am Schädeleinschlagen. Und da soll nach dem Rezept des Josele das Stoanerklopfen ein vorzügliches Mittel wider die Gemeingefährlichkeit sein. Denn solche Anwandlungen wie oben benannte sind entschieden gemeingefährlich im höchsten Grade. Vielleicht überlege ich mir doch noch das Stoanerklopfen und wende mich an meinen treuen Freund Josele um eine Anstellung. 183     Hochwürden der Weiberfeind Wenn der hochwürdige Herr Medardus Leitenpichler eine Ahnung gehabt hätte, wie er hintergangen wurde, so wäre er wahrscheinlich ein noch größerer Weiberfeind geworden, als er es ohnedies schon war. Obwohl der Höhepunkt seiner Gegnerschaft zum weiblichen Geschlecht schon fast nicht mehr überboten werden konnte. Denn die Weiber noch ehrlicher hassen, wie das der hochwürdige Herr Medardus Leitenpichler tat, konnte man einfach nicht. Es war schon zu einer Art fixen Idee bei ihm geworden, daß alles, was auf dieser Erde Übles geschah, dem Weibe zu verdanken war. Und mit den Jahren hatte sich der alte Herr in einen solchen Widerwillen gegen das weibliche Geschlecht hineingeredet, daß er beim bloßen Anblick dieser sogenannten »besseren Hälfte« der Menschheit einen unwiderstehlichen Widerwillen verspürte. 184 »Rein zum Grausen ist's, wenn man a so a Weibsbild anschaut!« knurrte er dann vor sich hin. »I möcht' grad wissen, was da Schönes dran sein soll! Entweder sie sein dürr und zach wie alte Hennen oder Küh' . . . oder sie sein wampet und fett. I moan', i riech' die Fett'n schon von aller Weiten. Völlig übel wird mir in der Kirch'n beim Mess' lesen. Vor lauter G'stank. Und der ganze G'stank kimmt akkrat nur von die Weiberleut her.« »Freilich. Als ob die Mannder gar nit stinken taten!« keifte dann wohl die alte Wirtschafterin bissig zurück. Sie war ein kleines ausgetrocknetes Weiblein, braun und runzlig im Gesicht, mit schütterem glattgescheiteltem weißem Haar. Eigentlich paßte das Keifen so gar nicht zu ihr; denn sie war im Grunde ihres Wesens gutmütig und heiter. Nur durch den steten Umgang mit dem grantigen und schrulligen hochwürdigen Herrn Kuraten hatte sie etwas von seiner Bösartigkeit angenommen. Ihm freilich merkte man's schon von aller 185 Weiten an, wie zuwider und verschroben er war. Ein kleines, gleichfalls zaundürres Manndl. Haut und Knochen. Sah aus wie von der rauhen Bergluft geräuchert. Hoch genug dazu war's ja da droben in dem stillen Bergwinkel, wohin es den alten Herrn schon vor vielen Jahren verschlagen hatte. »Naa. Die Mannder, die duften!« widersprach der alte Herr seiner Wirtschafterin eigensinnig. »Riechen höchstens nach Heu und Kuhdreck. Und dös ist g'sund. Verstanden?« behauptete er mit einem Nachdruck, der keinen Widerspruch duldete. »Ah freilich. Weil's von die Mannder kimmt, ist's auf einmal g'sund! Daß i nit lach'! Ausgerechnet die Mannder müssen g'sund stinken. Und mi graust vor die Mannderleut akkarat a so wie Ihnen vor die Weiberleut! Daß Sie's grad wissen!« Sprühgiftig konnte bei solchen und ähnlichen Debatten die Wirtschafterin dann oft werden. Und auch der hochwürdige Medardus Leitenpichler redete sich, durch ihren Widerspruch nur 186 noch mehr gereizt, in eine immer größere Wut hinein, bis endlich wie gewöhnlich die Apollonia den kürzeren Teil zog und vor dem mächtigen Stimmaufwand ihres hochwürdigen Dienstherrn in ihre Küche flüchtete. Denn in der Kuchel war sie sicher vor ihm und seinem Zorn. Dort herrschte sie, die Apollonia, einzig und allein. Und dieses Reich respektierte der alte Herr wie ein Heiligtum. Das kam daher, weil sich die Apollonia zu rächen wußte. Wenn der alte Herr ihr Heiligtum durch seine unheiligen Reden schändete, dann kochte sie ihm einen Schlangenfraß. Und diese Rache traf ihn tief; denn der Hochwürdige schätzte nichts so sehr auf Erden als eine schmackhaft zubereitete Mahlzeit. Und wenn die Apollonia in ihrem Weibsgefühl gar zu arg gekränkt worden war, dann kochte sie tagelang und auch wochenlang so miserabel, daß dem Hochwürdigen schließlich nichts anderes übrig blieb, als auf irgendeine Weise einen Friedenszustand mit seiner Häuserin herbeizuführen. 187 »Gelten's . . .« keifte das alte Weiblein dann wohl giftig. »Da wären Ihnen die Weiber wieder gut genug dazu, daß sie Ihnen sein aufkochen . . .« »Ja. Dazu sein sie ja auf der Welt!« unterbrach sie der hochwürdige Herr Kurat dann schroff. »Wenn sie nit amal mehr kochen können . . . dann sein sie für nix nutz als wie für'n Scheiterhaufen!« erklärte er sehr energisch und hieb mit der Faust auf die Tischplatte, daß es nur so krachte. So ganz von einem Weib unterkriegen konnte er sich denn doch nicht lassen. Lieber zugrunde gehen, als eingestehen, daß man von den Weibern abhängig war. Eigentlich hätten die beiden alten Leute schon friedlicher miteinander leben können. Denn fast ein Menschenalter hindurch hausten sie nun zusammen in dieser Bergeinsamkeit, für die das Wort Dorf schon nicht mehr recht paßte. Etliche Holzhäuschen standen verstreut und geduckt neben der kleinen Kirche, hinter der gleich 188 das Pfarrhaus demütig und wie hingeklebt Platz gefunden hatte. Der Widum war ein niedriger einstöckiger Holzbau, mit Schindeln bedeckt, die durch große Steine beschwert waren. Nur der Unterbau des Hauses war gemauert. Ganz bescheiden lugte das Weiß der Mauer hervor und brachte dadurch das tiefdunkle Braun des Holzes erst recht zur Geltung. Aber das Stückchen weiße Mauer zeigte an, daß dieses Haus trotz seiner Bescheidenheit vornehmer war als die anderen Häuser ringsum. Ganz eng war der Taleinschnitt, in dem das Kirchlein mit den Holzhäusern lag. Und von hohen Bergriesen war die Siedlung umgeben. Zwei Wildbäche, die von den nahen Gletschern kamen, vereinten sich hier und brausten mit Getöse und im wilden Lauf über Steine und Felsblöcke hinab ins Tal. Von weither kamen die Leute an den Sonntagen zum Gottesdienst in die kleine Kirche. Denn einsam und verstreut standen die Bauernhäuser hoch oben auf Berghalden oder in engen 189 Nebentälern; und nur selten verirrte sich ein Fremder dorthin. Abseits vom Dörfl lag ein Gasthaus. Ein großer stattlicher Holzbau. Da kehrten in den wenigen Sommerwochen die Bergwanderer zu und erfrischten sich bei kurzer Rast. An dem Pfarrhaus selbst kamen sie nicht einmal vorüber. Denn wie zum Schutz gegen unbefugte Blicke baute sich vor ihm das Kirchl mit dem davor lagernden Friedhof auf. In dieser völligen Bergabgeschiedenheit lebte der alte Kurat Medardus Leitenpichler nun schon seit vielen, vielen Jahren. Beinahe ein Menschenalter hindurch. Und mit ihm die Apollonia Hopfner, seine Häuserin. Und aus dem etwas schrulligen Manne, der er von jeher schon gewesen, war ein noch schrulligerer Sonderling geworden, der sein ohnedies einsames Leben noch einsamer gestaltete, menschenscheu wurde und verbissen und noch dazu ein grimmiger Weiberfeind. Ein Weiberfeind war er schon immer gewesen. Die Bauern des Hochtales kannten 190 ihn nie anders und hatten ihren Spaß mit ihm. Besonders seine Predigten waren sehr beliebt bei ihnen. Bei diesen Predigten gab es keine schläfrigen Andächtigen, sondern nur höchst aufmerksame Zuhörer. Denn da wetterte der hochwürdige Herr Kurat gegen alles, was weiblich war, und schrie und tobte oft von der Kanzel herab wie ein Wahnsinniger. Und nach der Predigt rotteten sich die Bauern vor der Kirche zusammen. Ein Häuflein Bauern und ein Häuflein Burschen. Stopften sich voll Behagen ihre Pfeifen und schmunzelten schadenfroh. Und wenn sich ein Mädel oder ein Weibsbild blicken ließ, dann setzte es Spottreden und derbe Witze. Fluchtartig verließen die Weiberleut dann die Kirche und gingen den Manndern aus dem Weg, so rasch sie nur konnten. »Hat er's enk wieder amal geben, ha?« höhnten die Mannder hinter den flüchtenden Weibern drein. »Unser Kurat, der ist halt oaner!« lobten sie den Hochwürdigen voll Stolz. Denn das leuchtete selbst dem dümmsten Bauern 191 ein, daß es ein ganz erhabenes Gefühl sein müsse, ein Mann zu sein und über die Weiber herrschen zu dürfen, so viel man wollte. »A Narr ist's!« »Spinnen tut er!« eiferten dann die Weiber erbost. Aber eines blieb Tatsache. Im ganzen Umkreis gab es nicht einen einzigen Pantoffelhelden. Alle Männer führten ausnahmslos das Regiment und ließen die Weiber nicht aufkommen. »Und dös ist grad unser Kurat!« behaupteten die Mannderleut. »Ja, wenn wir den nit hätten!« Man konnte aber trotzdem nicht sagen, daß sich deswegen der hochwürdige Herr Medardus Leitenpichler einer besonderen Beliebtheit bei den Männern seiner Gemeinde erfreut hätte. Im Gegenteil. Sie fürchteten ihn genau so, wie das die Weiber taten. Und die Furcht vor ihm ging so weit, daß die Burschen es vorzogen, zu den Beichtzeiten, wie namentlich zu Ostern oder zu Portiunkula die lange Wanderung ins Haupttal anzutreten, um dort ihr 192 Sündenbekenntnis abzulegen. Denn drunten im Tal gab's halt doch Geistliche, die für menschliche Fehler und Irrtümer mehr Verständnis besaßen wie der alte Weiberfeind in der Bergeinsamkeit droben. Denn wehe, wenn der auf eine Sünde kam, die gegen das sechste Gebot verstieß. Da kannte seine Wut keine Grenzen. Am liebsten hätte er da im Beichtstuhl drinnen den Schuldigen windelweich durchgeprügelt. Aber auch die Ehemänner fürchteten sich vor dem Kuraten. Ganz besonders, wenn es galt, eine Kindstaufe bei ihm anzumelden. Und das kam halt doch öfters vor. Wenn dann der Täufling noch obendrein ein Madele war und der Kurat noch dazu einen ganz besonders schlechten Tag hatte, dann konnte es schon passieren, daß der Hochwürdige den Bauer wie einen Schulbuben abkanzelte. »Daß du gar nit g'scheiter wirst! Ha? Hast du denn koa Arbeit nit, daß du grad alleweil hinter dein' Weib her sein mußt. Schamst di gar nit, ha?« 193 »Mei . . . Herr Kurat . . .« stammelte der schuldige Bauer dann doch etwas vertattert. »'s geht halt amal nit anders. 's muaß wohl eppar a so sein. Sischt taten ja die Menschen aussterben.« »Und dös wär' koa Schad' nit, verstanden? Ganz recht wär's. Nacher würd's erst fein auf der Welt. Hätt' man wenigstens sei' Ruh' vor die Weiber!« erklärte der Kurat mit fester Überzeugung. Der Bauer teilte zwar diese Überzeugung keineswegs; denn schon nach Jahresfrist mußte er häufig wieder den bitteren Gang zum Taufanmelden antreten. Seit einiger Zeit hatte die Schneid' und Wut des Herrn Kuraten bei den Predigten etwas nachgelassen. Das kam daher, weil sich der hochwürdige Herr Medardus Leitenpichler gar nicht wohl fühlte. Er klagte zwar nicht. Das war nicht seine Art. Aber er schrumpfte immer noch mehr zusammen und sah noch faltiger und noch verbissener aus als gewöhnlich. Und war auch noch menschenscheuer wie sonst. 194 Kaum daß er am frühen Morgen die Messe gelesen hatte, eilte er schon, ohne nach rechts oder links zu sehen, aus der Sakristei dem Widum zu. Dort verschloß er sich in sein Studierzimmer, bis ihn die Apollonia zum Essen rief. Auch die sonst üblichen täglichen Kämpfe mit der Wirtschafterin unterblieben. Er sah sie kaum an und redete kein Wort mit ihr. Weder im Guten noch im Bösen. Das veränderte Aussehen des Herrn Kuraten machte der Apollonia Sorge. Schließlich hatte man sich in den vielen Jahren doch so aneinander gewöhnt, daß diese Sorge für das Wohlergehen des Hochwürdigen unbedingt aufkommen mußte. »Ist Ihnen nit extra, Hochwürden?« frug ihn das alte Weiblein einmal, als sie ihm einen Teller Suppe brachte. Keine Antwort. Aber die Apollonia gab nicht nach. »Ob Ihnen nit gut ist. hab' i g'fragt!« wiederholte sie mit erhöhter Stimme. »Geht's di vielleicht was an, ha?« kam es bissig zurück. 195 Die Apollonia war an derartige Liebenswürdigkeiten gewöhnt und ließ sich dadurch nicht abschrecken. »I tät' Ihnen an Brusttee kochen, Hochwürden . . .« schlug sie freundlich vor. »Oder an Salbeitee zum Gurgeln. Oder vielleicht an Wermuttee für'n Magen oder an Kamillentee für'n Bauch . . .« »Iatz schaust aber, daß d' beim Loch außi kimmst mit deine Tee!« schimpfte der Herr Kurat mit einem Anflug seiner ehemaligen Galle und Energie. »Sischt schmeiß i di zum Fenster außi, daß d' deine Boaner z'sammsuach'n kannst. Nacher kannst dir an Tee davon kocha, wenn d' magst. Tee! Tee! Und no amal Tee! Sischt fallt so an damischen Weiberg'hirn nix ein. Koan Tee will i, verstanden? Mei' Ruah' will i haben mit deine Vorschläg'! Verstanden? Und z'essen mag i aa nix. Erst recht nix. Grad zu Fleiß nit. Nit daß d' glaubst, es schmeckt mir, weil du's bist. Grad extra und zu Fleiß nit iß i! Verstanden?« Die Apollonia war schon längst zur Tür 196 hinaus, und der Kurat wetterte noch immer hinter ihr drein. Es tat ihm doch recht gut, daß er seine Galle wieder einmal auslassen konnte; und er fühlte sich sichtlich erleichtert davon. So sehr, daß er trotz aller vorangegangenen Proteste die Suppe aufaß und dann noch den Löffel mit der Zunge ableckte. So gut hatte es ihm geschmeckt . . . Es kam aber die Zeit, wo er trotz Gift und Galle auf alles, was Weib hieß, um das Weib froh sein mußte. Und die Apollonia zeigte, daß sie ein echtes Weib war mit einem warmen hilfsbereiten Herzen. Nichts trug sie dem alten Grantniggel nach, sondern pflegte ihn treu und sorgsam. Denn den ganzen Winter hindurch hatte sich der alte Herr kaum auf den Beinen halten können. Nur mit äußerster Überwindung vermochte er es, die tägliche Messe zu lesen; und die sonntäglichen Predigten fielen jetzt kurz und sehr zahm aus. »Eigentlich sollten Sie Ihnen um an Aushilfsherrn schreiben!« schlug ihm die alte 197 Häuserin besorgt vor. »Sie derstehen's ja kaum mehr bei der Mess'. Und a Dokter sollt' aa kommen.« »Freilich . . . a Dokter!« höhnte der alte Giftniggel. »Moanst, i mag schon am Freithof liegen? Dös wär's sicherste Mittel, daß i krepieren tät', wann i an solchen diplomierten Kamel in die Händ' fallet. Daß du di nit unterstehst und mir oan' rufen laßt. I schmeiß zuerst ihn und nacher di außi. Verstanden?« Die Apollonia sah schon: da half nichts. Mit dem kam kein Mensch zu fahren, auch kein Doktor. Und so ließ sie's eben bleiben und betreute den Kranken, so gut sie konnte. Der aber wurde immer anspruchsvoller und immer zuwiderer. Jetzt hatte er plötzlich herausgefunden, daß es doch auch ganz angenehm war, einmal krank zu sein. Denn merkwürdigerweise war da die Apollonia zahmer und widersprach ihm nicht immer. Auch wenn er einmal besonders ausfällig wurde gegen die Weiber. Da schnitt sie höchstens ein spöttisches Gesicht und ging aus dem Zimmer. 198 Sie blieb aber nicht lange draußen, sondern erkundigte sich bald wieder nach seinen Wünschen. Und Wünsche hatte der alte Herr immer bereit. Bald wollte er dieses haben, bald was anderes. Es war eine harte Zeit für das alte Weiblein. Und noch dazu war's Winter. Da wurde ihr die Arbeit schon ein bissel zu viel, und abends war sie dann oft so müde, daß sie vor Mattigkeit kein Auge schließen und nicht einmal ordentlich schlafen konnte. Je besser es dem Hochwürdigen ging, desto elender fühlte sich die Apollonia. Er aber merkte das gar nicht. Er genoß es so recht, bedient zu werden, und kommandierte die Häuserin immer mehr herum. Bis es ihr einmal zu viel wurde. »Hochwürden . . . i dermach's nimmer . . .« gestand sie ihm kläglich. »I werd' mir a Aushilf' nehmen müssen!« meinte sie und stand fast bittend vor ihm. Der alte Kurat riß vor Staunen Mund und Augen auf. »Ah, da schau her!« sagte er höhnisch. »Nimmer dermachen tätest es du. Und brauchest a 199 Aushilf'! Siehst, was ös Weiberleut für a elende Rass' seid's! I hab' koa Aushilf' braucht! I hab's dermacht. Und hab' kaum kriechen können. Dös freut mi, daß du a Hilf' brauchst. Freut mi!« höhnte er wieder und immer wieder. Die Apollonia war so gekränkt, daß sie zu heulen anfing und weinend in die Küche lief. Aber der Hochwürdige kam ihr nicht nach. Beileib nit. Schon von wegen des Schlangenfraßes. Aber er dachte, in seinem Lehnstuhl sitzend, tief über den sonderbaren Fall nach. Denn natürlich war es nur eine Finte von dem Weibsbild, der Apollonia. Irgendeine Bosheit, die sie sich für ihn ausgedacht hatte. Wie konnte man von dem bissel Arbeit, die er ihr verursachte, auch so ermüden, daß man erkrankte? Ausgeschlossen. Einbildung und nichts wie Einbildung. Auf diese Schlich' wollte er ihr schon kommen. Als die Apollonia so gegen Abend wieder zum Vorschein kam, ließ sie der Herr Kurat beinahe freundlich an. 200 »Hast dir vielleicht schon um a Aushilf' umg'schaut?« forschte er, und seine kleinen hellen Augen blinzelten boshaft zu dem alten Weiblein hin, das im Türrahmen der niedern braungetäfelten Stube stand. »Ja!« gestand die Apollonia demütig. »Dös hab' i schon. Weil i so lötz bin.« »Geh?« tat der Hochwürdige mitleidig. »Und wer ist es nachher?« »Die Walburg. 's Madel von a meinigen Schwester.« »Geh? Eppar gar vom Tal aufer?« Die Apollonia nickte. »Freilich. Dem Bögl sei' Madel vom Dorf unten.« »Was d' nit sagst? Und mit der hast du g'red't? Bist ja gar nia abi kommen ins Dorf, so viel i woaß?« »Naa . . . aber sie ist ja da bei uns heroben!« erzählte die Häuserin. »Drunten beim Wirt hat sie ausg'holfen an etlene Wochen als Kellnerin.« »Als Kellnerin!« Der Hochwürdige schrie 201 das Wort beinahe heraus. »Und dö willst du mir ins Haus bringen? Da wird nix draus!« erklärte er resolut. »Da stellet i ja lieber den leibhaftigen Gottseibeiuns als Aushilf' an als wie so a Madel!« »Aber Hochwürden . . . Hochwürden . . .« jammerte die Apollonia erschrocken. »Dös ist ja schrecklich mit Ihnen. Iatz sein's ganz narret.« »Naa. Das bin i nit. I woaß, was i red'. Den Gottseibeiuns kann i mit Weihwasser versprengen, wann i mag . . . aber so a Weibsbild nit. Da hilft koa g'weihtes Wasser und koa Skapulier. Dö Weiber sein ärger wie der Teufel. Und drum kimmt mir koane ins Haus. Verstanden? Und wann du dei' Arbeit nit dermachst, nacher mach' i mir sie selber. Verstanden? Und iatz wird nimmer g'red't drüber, verstanden? I will mei' Ruah' haben und mei' Fried'. Verstanden?« Und dabei blieb's. Es wurde nicht mehr geredet darüber, und die Arbeit geschah. Alles ganz genau wie zuvor. Aber wenn der hochwürdige Herr Medardus Leitenpichler eine 202 Ahnung davon gehabt hätte, daß er nun schon fast zwei Wochen mit einem weiblichen Gottseibeiuns, den man nicht einmal mit Weihwasser versprengen konnte, unter einem und demselben Dach hauste, dann wäre er vor Wut wohl ganz »narret« worden. Denn die Apollonia hatte ihre Nichte trotz des strengen Verbotes doch zu sich genommen. Ganz heimlich und bei der Nacht war das Mädel gekommen und hielt sich entweder in der Küche oder in der Kammer der Häuserin verborgen. Die Walpurg war herzlich gern zu ihrer Tante gezogen. »Brauchst mir nix zu zahlen!« hatte sie erklärt. »I hilf dir gern aus, bis du wieder ganz g'sund bist.« Und die Apollonia spürte die Hilfe halt doch gewaltig. Zwei junge kräftige Arme taten sich halt doch leichter bei der Arbeit als die kraftlosen dünnen Arme eines alten Weibeles. Und der Hochwürdige wußte nichts davon. Das war der Trost der alten Wirtschafterin. Und ihr tat die Ruhe so wohl. Er kommandierte 203 sie ohnedies noch genug herum, der alte Grantniggel. Und freute sich sichtbar darüber, daß sie ihm alles so willig und ohne Widerspruch tat. »Man muß nur energisch sein mit die Weiber. Und ihnen den Herrn zeigen! Hätt' der Adam im Paradies der Eva den Herrn gezeigt, nacher wär' alles anders worden auf Erden. Aufs Kommando kommt's an! Nur aufs Kommando!« So schimpfte und sprach der Herr Kurat vor sich hin und bereitete sich auf diese Weise würdig für die nächste Kraft- und Saftpredigt vor. Denn die wollte er jetzt schon recht bald halten. Sonst könnten die Weiber am Ende gar übermütig werden und ihre Mannder hintergehen. Draußen in der Kuchel kicherte die Walpurg schadenfroh in sich hinein. »Wie der mit sich selber schimpft, Basl . . .« lachte sie und zeigte dabei die beiden Reihen kerngesunder weißer Zähne, die in dem apfelroten Gesicht doppelt weiß glänzten. »Sei stad, Madl . . . sei stad!« flüsterte die Apollonia ängstlich. »Wenn der wisset . . .« 204 »Ja . . . wenn der wisset . . .« Und das lebfrische Diandl bekam vor lustigem Übermut einen solchen Lachkrampf, daß sie sich in den vollen runden Arm beißen mußte, um nicht laut herauszuplatzen. »Ja . . . wann der wisset . . .« Und wenn die Apollonia es gewußt hätte, was sie fast alle ringsherum wußten. Nämlich . . . daß das Diandl nur deswegen gar so gern bei der Basl ausgeholfen hatte, weil sie ganz narrisch verliebt war. Der Auserwählte wohnte auch nicht weit vom Pfarrhaus. So etwa eine gute Viertelstunde weit in einem kleinen Jägerhäusl. Und da konnte die Walpurg ab und zu einmal auf die Nacht zum Besuch kommen. Wenn's auch nur kurze Besuche waren, schön war's doch. Unbändig schön. Und das Leben gefreute das Diandl, trotz aller Heimlichkeiten oder gerade wegen der Heimlichkeiten. Am liebsten hätte sie den ganzen lieben Tag gesungen und gejodelt vor Glück. Aber das durfte ja nicht sein. Da wäre der hochwürdige Herr 205 Medardus Leitenpichler ja darauf gekommen, daß so ein junger sündhafter Gottseibeiuns im Haus war. Aber schließlich kam er doch drauf. Wie's halt so geht. Der reinste Zufall. Das war, als er von der Frühmesse in den Widum zurückhumpelte. Und da es ihm gesundheitlich schon viel besser ging, hatte er auch wieder mehr Sinn für seine Umgebung bekommen und schaute ein bissel herum. Und da war's ihm aufgefallen, daß die Weiber, als er die Sakristei verließ und an ihnen vorüberging, sich einander anstießen und schadenfroh hinter ihm dreinlachten. Ja . . . lachten. Daran war kein Zweifel. Und noch etwas war ihm aufgefallen. Das Kirchenmäusl, ein uraltes Weibele, das sich mit Vorliebe fast den ganzen Tag in der Kirche aufhielt, hatte Miene gemacht, ihm nachzuhumpeln. Das Kirchenmäusl war die Klatschblase des Dörfels. Alles wußte sie. Rein alles. Und verbreitete es. Wie eine Zeitung. Wenn das Kirchenmäusl jemandem 206 nachhumpelte, so war das verdächtig. Also wußte sie etwas, das sie ihm berichten wollte. Das Mißtrauen regte sich bei dem Hochwürdigen und kehrte sich naturgemäß gegen das Weib. Die Apollonia . . . die Apollonia hatte etwas auf dem Kerbholz, von dem das Kirchenmäusl wußte. Der Herr Kurat war viel zu stolz und selbstbewußt, um die Hilfe des Kirchenmäusels in Anspruch zu nehmen. Er würde schon von alleine draufkommen, was es war. Und mit einem bösen zornigen Blick hielt er das Kirchenmäusl davon ab, sich ihm zu nähern. Aber daheim machte er die Augen auf und spürte der Apollonia nach. Wagte sich bis an die geheiligte Grenze der Küche und horchte an der Tür. Und hörte Stimmengeflüster. Ganz leise. Aber er unterschied zwei Stimmen. Deutlich. Zwei weibliche Stimmen. Da öffnete er die Türe. Rasch und unvorbereitet. Und erstarrte. Am Herdrand saß ein bildhübsches junges Mädel mit hellblonden Haaren und lachenden 207 braunen Augen. Mit übermütigen lustigen Augen und einem herzigen dunkelroten Mund, der jetzt vor Schreck offenstand. Nur für einen Augenblick. Dann platzte sie los. Hell und silbern klang ihr Lachen, und sie bog sich in den Hüften und wand und drehte sich übermütig. Der alte Grantniggel konnte nicht anders. Er war starr für's erste. Fassungslos. Ein Mädel. Hier . . . bei ihm . . . unter seinem Dach. Und sauber war sie auch noch. Jetzt erst fiel es ihm auf, daß er sie hübsch fand. Das mußte ein Satan sein. Ein Teufelsgebilde. Das mußte entfernt werden. So rasch wie möglich. Sofort. Hochwürden der Weiberfeind fand seine Sprache wieder. »Wie bist denn du da einer kommen?« Die Frage sollte barsch klingen, war aber beileibe nicht so rauh, wie er sonst die Apollonia anzuherrschen pflegte. Das Mädel lachte noch immer und zeigte seine Zähne. 208 »Bei der Tür . . . Hochwürden.« »Wann?« »Vor bald vierzehn Tag.« »So.« Erst jetzt kam er völlig aus der Fassung. »Wer hat di einer g'lassen?« »Die da. Mei' Basl.« Das Mädel wies mit dem Zeigefinger seiner kleinen braunen Arbeitshand nach der Apollonia, die schuldbewußt und zitternd in einer Ecke der Küche stand. Da überkam den Alten der Zorn. »Schlange!« schrie er und hieb mit der flachen Hand so heftig auf die Kuchelanricht, daß zwei Kaffeeschalen klirrend zu Boden fielen. »Schlange!« Die Apollonia war so erschrocken, daß sie zu weinen anfing. »I bitt' . . . Hochwürden . . .« stotterte sie. Mit einem Satz sprang das Mädel vom Herdrand und stellte sich neben dem alten Weibele auf. »Gelt, Hochwürden . . . sie hat Ihnen nix erzählt von mir?« forschte sie und sah den Kuraten 209 mit unschuldigen Augen an. »I hab' mir's ja alleweil denkt. 's war mir schon alleweil verdächtig.« »Was war dir verdächtig?« herrschte der Hochwürdige das Mädel an. »Außer mit der Sprach'!« »O mei, Hochwürden . . . wann Sie mir a so grob kömmen, dann red' i überhaupt nix. Da verschlagt's mir die Red' . . . weil i mir fürchten tua . . .« »Also red'!« gebot der Kurat etwas milder. »Wohl . . . därf i?« Mit lustigen bittenden Augen schaute das Mädel auf den alten Herrn. »Alsdann bin i halt so frei. Aber wollen's Ihnen nit a bissel herhocken, Hochwürden?« Eifrig holte sie einen Stuhl herbei und wischte mit ihrer Schürze drüber hinweg. »I setz' mi . . . wann i mag. Verstanden?« polterte der Kurat in seiner gewohnten liebenswürdigen Art. »Aber natürlich. Bitt' um Entschuldigung. Das hab' i nit bös g'meint.« Und schon trug sie den Stuhl wieder zurück. 210 »Dalassen!« befahl der Alte. »Jetzt will i sitzen.« »Sehen's, Hochwürden . . . das hab' i glei' g'wußt, daß Sie werden mögen. Mei . . . dös ist nit schwer zu derraten, was so a alter Herr will.« »Red', was i di frag', und koan Unsinn!« herrschte sie der Kurat abermals an. »Also fragen's halt.« »Erzählen sollst!« »Gelten's, dös möchten's wissen, wie i da zu Ihnen kommen bin. Ja, wissen's, die Apollonia, mei' Basl, hat halt soviel gebettelt und gebettelt. I soll halt döcht kömmen. Der Hochwürdige sei soviel krank und braucht a Pfleg'. Und sie dermacht's nimmer.« »Sie dermacht's nimmer!« wiederholte der Kurat höhnisch und mit einem vernichtenden Blick auf das schuldige Weiblein. »Sie dermacht's nimmer!« »Freilich. 's war aa hart, Hochwürden!« bestätigte das Diandl eifrig. »Das kann so a Herr, wie Sie sein, halt gar nit verstehn. Aber 211 wir Weiberleut . . . wir halten wirklich nit viel aus. Wir sein für nicht!« erklärte sie verächtlich. »Aber Walpurg . . .« unterbrach sie die Basl vorwurfsvoll. »Sei grad du stad!« herrschte sie das Mädel an. »Jetzt red' ich . . . verstanden?« Der Kurat mochte wollen oder nicht. Aber der Ton, in dem das Mädel mit seiner alten Wirtschafterin sprach, der gefiel ihm. Das war sein Ton. Alle Achtung. »Also, Hochwürden . . .« fuhr das Mädel in seinem Bericht fort. »Da hab' i mi halt erweichen lassen und bin daher kommen. Aber, hab' i g'sagt, dös sag' i dir glei', Basl, Heimlichkeiten gibt's nit. Du mußt dem Hochwürdigen erzählen, daß i da bin.« »Erzählen . . . daß du da bist?« wiederholte die Wirtschafterin außer sich. »Ja. Das hab' i verlangt von dir!« Das Mädel stemmte beide Arme in die Hüften und pflanzte sich herausfordernd vor dem alten Weibele auf. 212 »Gelt . . . und du hast es nit getan. So schaust aus! Schlange! Ja . . . das bist. Hast mich dem Hochwürdigen verheimlicht und hast mir g'sagt, er wüßt' schon, daß i da sei . . . i soll mi aber nit sehen lassen und nit mahren . Das sei seine Bedingung. Sonst müßt' i aus dem Haus! Und war alles derstunken und derlogen. Und du bist ganz a b'sonders schlechtes Weibsbild. Scho' so spottschlecht, wie's nit bald amal eppas gibt. Scham' di . . . du . . . du . . .!« In hellen Zornestönen schimpfte das Mädel auf das alte Weibele ein. Die wußte sich keinen Rat mehr. Wußte nicht, ob jetzt sie verrückt geworden sei oder das Mädel. Denn das Spiel des Mädels durchschaute sie keinesfalls. Dazu war ihr Gemüt viel zu einfach und unverdorben. Schließlich bekam der Zorn auch bei ihr die Oberhand. Und es war ein so komischer Anblick, wie die beiden Weiber zornig aufeinander losschrien, daß der grantige alte Kurat hellauf lachen mußte. Das hatte er seit vielen, vielen Jahren nicht 213 mehr getan. Und das wirkte befreiend und wohltuend auf ihn. Der Apollonia aber verschlug es inmitten ihrer Wut die Rede. »Ja . . . Hochwürden . . . Sie lachen ja?« frug sie ganz perplex. »Dös Madl g'fallt mir. Meiner Seel' . . . wann dös a Mannsbild wär' und koa Weibsbild . . .« »Kann vielleicht i was dafür, daß i a Weibsbild worden bin?« fuhr das Mädel nun auf den hochwürdigen Herrn Kuraten los. »Naa . . . dafür kannst nix. Aber a Fehler ist's!« »Aus dem Haus mußt mir . . . du! Auf der Stell'!« keifte die Apollonia. »I geh' schon. I geh'!« schrie das Mädel im gemachten Zorn. »Naa . . . du bleibst!« gebot der Hochwürdige. »Nachher geh' i!« erklärte die Apollonia. »Naa . . . du bleibst aa! Alle beide bleibt's. I will's haben!« sagte er in seinem alten verbissenen Ton. »Jetzt hab' i wenigstens a Hilf' 214 gegen di! Gelt, Madl, du magst die Weiber aa nit!« »Naa!« erklärte die Walpurg mit ehrlicher Überzeugung. »Die Mannder sein mir viel lieber.« . . . Wie lieb ihr die Mannder waren, das erfuhr der Hochwürdige allerdings erst einige Wochen später. Da kam der Jagersbursch, um sich mit der Walpurg Bögl aufbieten zu lassen. »Was . . . mit dem Madl?« frug der Kurat erstaunt. »Ja . . . i hab' g'moant . . . du . . .« wandte er sich verwundert und fragend an das resolut neben dem Burschen stehende Mädel. »Hab' i vielleicht g'sagt, i mag die Mannder nit? Ha?« frug die Walpurg ganz im Tonfall des hochwürdigen Herrn Kuraten. »I mag die Weiber nit . . . hab' i g'sagt. Und dös ist wahr.« Der alte Kurat konnte nicht anders. Er mußte lachen. »Also verlier' i mei' Hilf' im Haus. Und du kriegst a Weib!« wandte er sich an den Burschen. »Aber i sag' dir's! Laß di nit unterkriegen! A Weib bleibt a Weib. Aa wann's 216 jung ist und grob und sauber. Ist alleweil verwandt mit einer Schlangen. Merk' dir's! Aa wenn's no a so gut lachen kann. 's hellste Lachen ist nix anders wie a Mittel zum Zweck. Zur Falschheit. Merk' dir's!« . . . Wie sehr ihn die Walpurg hintergangen hatte, darauf war ihr der Kurat doch nie gekommen. Ein Glück, daß das junge Paar ins Tal hinausziehen mußte, da der Jager in eine andere Pfarrgemeinde versetzt worden war. Sonst hätte den hochwürdigen Herrn Kuraten Medardus Leitenpichler die vorzeitige Kindstaufe doch etwas stutzig gemacht. Was man nicht weiß . . . macht einem nicht heiß. Die Apollonia verrät die Sache sicher nicht. Denn sonst hätte doch nur sie den verstärkten Weibergroll des Hochwürdigen auszuhalten. So hat der Hochwürdige wenigstens die schöne Erinnerung an ein junges Weib, das mit seinem hellen Lachen ein bissel Sonne in das griesgrämige Dasein des Herrn Kuraten gebracht hat. Und das ist recht so.