Ossip Schubin Der Rosenkavalier Roman Herrn Professor Rudolph Jedlička in alter Freundschaft Ossip Schubin Kosàtek 1924 Es war in Wien, nach einem Bankett, bei dem der siebzigste Geburtstag eines weithin bekannten Schriftstellers gefeiert worden war. Der ehrwürdige Jubilar befand sich in gehobener Stimmung. Mit siebzig Jahren ist man nicht mehr allzu wählerisch. Man nimmt dankbar an, was einem gereicht wird, und hofft, daß die »Jungen«, die, die jetzt gerade auf der Spitze des Berges stehen, von dem man bereits ein beträchtliches Stück hat abwärts wandern müssen, es nicht merken, wie minderwertig und geringfügig die veranstalteten Huldigungen sind. Zu den ganz Großen hatte der Jubilar nie gehört; nie zu jenen, die einen Vorsprung vor der Zeit haben, weshalb die Menschen oft Jahrzehnte brauchen, um sie verstehen zu lernen oder sich zum mindesten an sie zu gewöhnen. Denen geht's im Alter gut. Sie erleben bei lebendigem Leibe die Apotheose und kommen nicht mehr dazu, ihre ihnen literarisch zugesicherte Unsterblichkeit zu überleben. Der Gefeierte aber hatte mitten in seiner Zeit gestanden, hatte mit seiner Zeit gedacht und gefühlt, weshalb sein Ruhm mit dieser Zeit gestorben war. Er war vernünftig. Nachdem er, um die Aufmerksamkeit der Jungen zu erzwingen, einen vergeblichen und sehr bedenklichen Versuch gemacht hatte, modern zu werden, hatte er sich ruhig auf sein Altenteil zurückgezogen. Darüber war er siebzig Jahre alt geworden. Man fühlte sich verpflichtet, ihn als »literarische Antiquität« zu respektieren. Ein unternehmender Verleger veranstaltete eine Gesamtausgabe seiner Werke, und seine Freunde gaben das Bankett. Es hatte sehr lange gedauert. Nach jedem Gang hatte man Reden gehalten. Die Speisen waren dabei kalt, der Champagner warm geworden. Jetzt war das Festmahl vorüber. Die Stimmung war flau. Man hatte sich in einen Nebensaal zurückgezogen, wo geraucht werden durfte. Mit Ausnahme des liebenswürdigen Jubilars beklagte sich ein jeder über irgend etwas. Ein junger Dichter darüber, daß er sich kein Mineralwasser hatte verschaffen können, und das sei doch das einzig Wichtige bei einem Diner; ein alter darüber, daß er zuwenig Champagner bekommen habe. Ein Literarhistoriker, der zwischen beiden saß, rief: »Da haben wir die Antipoden der deutschen Dichterei. Vor fünfzig Jahren inspirierte sich die Literatur mit Champagner, jetzt mit Mineralwasser.« »Und da wählt sie zumeist ein Bitterwasser!« murmelte der Jubilar, aber sehr leise, denn er wollte sich nicht unbeliebt machen. Er saß etwas abseits in einem Kreise mit Autographenalbums bewaffneter Damen und reckte sich den Hals aus, um sie alle mit unparteiischer Abwechslung anlächeln zu können. Man konnte nicht leugnen, daß er ein angenehmer Gast war, nämlich einer, der leicht zufriedenzustellen ist, und das ist bei einem Gast die Hauptsache. »Der alte Schwede nimmt sich wirklich noch ernst,« murmelte mit einem überlegenen Lächeln der junge Dichter. »Ich werde nicht klug aus ihm,« entgegnete der Literarhistoriker. »Ich frage mich, ist er wirklich nur ein altes Kind oder ist er ... ein alter Philosoph?« »Wie meinen Sie das?« fragte der Dichter. »Ich frage mich, ob er's nicht merkt, daß er seinen Zenit längst überschritten hat, oder ob er es einfach als selbstverständlich betrachtet, daß man in einem gewissen Alter seinen Ruhm verliert – geradeso wie die Haare und die Zähne.« »Glauben Sie wirklich, daß man in einem gewissen Alter seinen Ruhm verlieren muß?« fragte etwas beunruhigt der junge Poet. »›Manche gibt es!‹ Um Hofmannsthal zu zitieren,« bemerkte der Literarhistoriker. »Ach, lassen Sie mich aus mit Hofmannsthal!« rief der Dichter. »Hofmannsthal ist fertig, fer–tig! Phosphoreszierender Redeschaum, weiter nichts!« Mit diesem Ausspruch dachte er seine literarische Überlegenheit zu beweisen, bewies aber nur seine kollegiale Mißgunst. »Hofmannsthal und Strauß«, murmelte der Literarhistoriker, »sind ...« »Edle Genossenschaft!« unterbrach ihn ein alter Herr, dessen Verständnis in der Literatur bei Keller und in der Musik bei Brahms stehengeblieben war. »Ich weiß nicht, wer mich mehr in Harnisch bringt,« fuhr der Rückständige mit großer Erbitterung fort, »Strauß oder Hofmannsthal.« Der junge Dichter zuckte langsam die Achseln. »Ich hab's Ihnen ja schon gesagt – Hofmannsthal ...« Noch einmal zuckte er die Achseln und machte eine vernichtende Handbewegung. »Aber Strauß, das ist eine andre Nummer ... ein genialer Musiker ...« Der junge Dichter wünschte sich dringend, von Strauß vertont zu werden. »Ein genialer musikalischer Großindustrieller!« rief der altmodische Herr, wobei er vor Zorn blaurot im Gesicht wurde. »Versorgt das Publikum mit allem, wonach es gerade verlangt, von musikalischen Dynamitbomben angefangen bis zu Kotillongarnituren.« »Gar so summarisch abzufertigen ist Strauß nicht,« mischte sich an diesem Punkt eine behäbige alte Dame in das Gespräch, dem sie bis dahin nur mit einem belustigten Lächeln gelauscht hatte. »Nehmen Sie mir's nicht übel, Herr Müller, Strauß ist ein Genie. Sein Werk strotzt nicht nur von interessanten musikalischen Experimenten, sondern erhebt sich oft zu wirklicher Inspiration. Das einzige, was ich ihm übelnehme, ist, daß er seine wärmste und poetischste Musik dazu mißbraucht hat, eine so schwerfällige Zote zu verklären wie den Rosenkavalier.« »Den Rosenkavalier! Wie können Sie sich nur erlauben, den Rosenkavalier eine Zote zu nennen!« ereiferte sich eine schön gewesene, griechisch geschürzte Dame. Die Zurechtgewiesene konnte sich eben sehr viel erlauben. Sie war sehr populär, und das hatte seine guten Gründe. Erstens gab sie vorzügliche Diners, zweitens machte sie zwar Witze, aber nie Klatschereien, und drittens verlangte sie nie etwas von irgend jemandem, war hingegen immer bereit, zu geben, soweit ihre Mittel reichten. Abgesehen von ihrer Popularität hatte sie auch wirklich wertvolle Freunde, und die verdankte sie einer sehr seltenen und köstlichen Eigenschaft, nämlich der großen Beruhigung, die von ihr ausging. Ohne im geringsten teilnahmlos zu sein, hatte sie doch ein gottbegnadetes Phlegma. Eigentlich hieß sie Frau Lindenstamm, aber ihre Freunde nannten sie den Lindenbaum, weil man immer Ruhe bei ihr fand. Es gab nur zwei Anlässe, die sie gründlich aus dem Häuschen brachten: wenn sie dazukam, daß man ein Kind oder ein Tier mißhandelte, oder wenn man sich an ihren ethischen Idealen vergriff. So reagierte sie auch jetzt gegen den Ausfall der gezierten griechisch geschürzten Dame nur durch ein humoristisches Lächeln und die Worte: »Ich kann mir nun einmal nicht helfen. Eine Zote ist und bleibt der Rosenkavalier. Aber wenn Ihnen darum zu tun ist, ändere ich das Beiwort, anstatt einer schwerfälligen Zote sage ich eine sentimentale Zote.« »Der Rosenkavalier ist das Zarteste, was es gibt!« flötete die griechisch geschürzte Dame. »Was die Damen alles zart finden!« brummte der rückständige alte Herr mit etwas aufdringlicher Ironie. Die phlegmatische alte Frau wiederholte nur: »Zart ... das ist mir entgangen. Aber es ist leicht möglich, daß mir für das Werk das richtige Verständnis fehlt. Mir ist das Leitmotiv der Dichtung so widerwärtig, daß ich nicht darüber hinauskann. Eine Liebschaft zwischen einem grünen Buben und einer alternden Frau finde ich nun einmal ekelhaft!« Ein Herr, der sich bis dahin abseits gehalten, hob jetzt seinen Kopf und bemerkte: »Eine so grausame Bemerkung hätte ich von Ihnen nicht erwartet, gnädige Frau.« Etwas überrascht wendete sich Frau Lindenstamm nach ihm um. Seine Erscheinung hatte etwas ungewöhnlich Fesselndes. Bei großer Schlichtheit im Auftreten merkte man doch sofort, daß er abseits von der landläufigen Menschheit stand und daß ihn ein tragisches Schicksal gezeichnet hatte. Sein schönes, regelmäßig gebildetes Gesicht war blaß und mager, von einem leichten Vollbart und nachlässig gestutztem Haar eingerahmt: das ideale Christusgesicht, wie es nur von zwei Malerdichtern erraten worden ist, von Tizian bei seinem Zinsgroschen, von Rembrandt bei seinem Jesus in Emmaus. Von geradgezogenen dichten Brauen beschirmt, blickten aus diesem blassen Antlitz die Augen eines Träumers oder Sehers, das heißt die Augen des geistig Weitsichtigen, dem die vorübergehenden ärgerlichen und ekelhaften Einzelheiten des Weltbestandes entgehen, und der darüber hinweg das Große, das Heilige, das Bleibende erfaßt; der im Menschen nicht den gewesenen Affen verachtet, sondern im Affen den vielleicht noch werdenkönnenden Menschen respektiert. Noch schöner als seine Augen war sein Mund, ein Mund voll unerschöpflicher Güte, ein Mund, der gewiß schon viele Jahre nicht mehr gelacht, hingegen so oft vielen traurigen Menschen Mut zugelächelt hatte, daß nach und nach eine Art Lächeln darauf stehengeblieben war, das heißt ein milder, nachdenklicher, gegen alle Schärfen und Härten, gegen alle Unduldsamkeiten protestierender Ausdruck. »Sie sind der erste Mensch, der mich grausam findet,« entgegnete ihm etwas zögernd Frau Lindenstamm. »Sie können doch nicht ernstlich von mir verlangen, daß ich für die alte Marschallin und ihren Lausbuben von Liebhaber Sympathie empfinde?« »Den Lausbuben, wenn Sie den armen Rosenkavalier durchaus so nennen wollen, geb' ich Ihnen preis,« erwiderte der Mann mit dem Christusgesicht, »aber die Marschallin ist eine ergreifende Figur.« »Die alte Person, die sich mit einem halb ausgewachsenen Jungen herumbalgt!« rief Frau Lindenstamm. »Erstens ist sie gar nicht alt,« mischte sich die griechisch geschürzte Dame ins Gespräch. »Und wenn sie's wär' – geben wir zu, daß sie alt ist –« Bei diesen Worten wendete sich der Mann mit dem Christusgesicht an Frau Lindenstamm, die ihn trotz ihrer abweichenden Meinung mehr zu interessieren schien als die gezierte Dame, die ihm beistimmte. »Ich find's nun einmal häßlich, wenn ein Baum im November noch einmal anfängt zu blühen,« verteidigte sich Frau Lindenstamm. »Ich hab' einmal einen Kastanienbaum gesehen, der hatte keine Blätter mehr am Leib, aber er trieb Blüten, armselige gespenstige Blüten. Es war widerlich!« Ein großer Zorn trat in die Augen des Mannes mit dem Christusgesicht. »Widerlich ... so! Haben Sie denn gar kein Verständnis für die Tragik der Situation, gnädige Frau? Ist es Ihnen nie eingefallen, sich zu fragen, was der arme Baum gelitten haben muß, als er anfing, im Herbst zu blühen?« Frau Lindenstamm fuhr ein wenig zusammen. Sie sah, daß es sich hier nicht mehr um eine amüsante Entgegnung handelte, sondern um eine ernste und würdige. Ehe es ihr aber gelungen war, eine solche zu formulieren, stand der Mann mit dem Christusgesicht auf, verneigte sich zerstreut und entfernte sich. Er ließ eine unbehagliche Stimmung zurück. Der junge Dichter äußerte sich, ihm sei zumute, als ob er an einem kalten Tage aus einem heißen Bad gestiegen sei und nun sein Badetuch nicht finden könne. Der Jubilar rettete die Situation. Aus dem Kreis anbetender Damen tretend, in dem er die peinliche Auseinandersetzung überhört hatte, erklärte er, dies sei der glücklichste Abend seines Lebens gewesen, und vereinbarte mit allen Anwesenden eine Zusammenkunft für seinen achtzigsten Geburtstag. Dann bat er, man möge ihm ein Automobil beschaffen, es könne auch eine Droschke sein, worauf er, eine Melodie aus »Robert dem Teufel« trällernd, röter als das Ordensband um seinen Hals hinaustorkelte. Viele verließen nun ebenfalls den Saal. Frau Lindenstamm zögerte noch. »Wer war denn der verrückte Mensch mit dem sympathischen Gesicht?« fragte sie den Literarhistoriker. »Professor Schmieden. Ich dachte ihn Ihnen vorgestellt zu haben.« »Schmieden!« Frau Lindenstamm zuckte erschrocken zusammen. »Schmieden – doch nicht der berühmte Schmieden, der geniale Frauenarzt mit der großen Armenpraxis?« »Derselbe. Er hat die größte Armenpraxis von Wien und ist jetzt in drei Weltteilen berühmt. Außerdem war er einmal der arme Student, wegen dessen sich die Selvaggini das Leben genommen hat!« – – Frau Lindenstamm verbrachte eine schlaflose Nacht. Das Bewußtsein, jemandem weh getan zu haben, äußerte sich bei ihr immer in schlaflosen Nächten. Es war das einzige, was diese qualvolle Wirkung auf sie ausübte, außer einer Kündigung ihrer Köchin, der Köchin, der sie einen so großen Teil ihrer Beliebtheit verdankte. Sie hatte den Ruhm der Selvaggini miterlebt, hatte sich oft hinreißen lassen von ihrer wundervollen Stimme, ihrer leidenschaftlichen, wahrhaft dramatischen Darstellung. Die Selvaggini war ebenso berühmt gewesen wie die Patti, und viele sagten, daß sie größer gewesen sei. Die anmutige Zierlichkeit und die Eleganz der Patti hatten ihr wohl gefehlt, manchmal war ihre Kunst von einem Paroxysmus der Leidenschaft entstellt, der den zimperlichen Geschmack einiger Zuhörer verletzte, hingegen freilich auf einen großen Teil des ernsteren Publikums eine berauschende Wirkung übte, und was das Privatleben der Selvaggini anlangte, so hatte man davon Fabelhaftes erzählt. Auch von dem letzten tragischen Kapitel ihrer Existenz hatte Frau Lindenstamm gehört. Es war behauptet worden, daß die Fünfzigerin sich in einen ganz jungen Mann verliebt und sich, da er ihre Liebe natürlich nicht erwidert, das Leben genommen habe. Die Tragödie hatte einen grotesken Beigeschmack. Natürlich hatte es Frau Lindenstamm einen peinlichen Eindruck gemacht, als sie in der Zeitung davon gelesen; aber um die Selvaggini war's ihr nicht besonders leid gewesen, sondern um den jungen Studenten. Ihre Phantasie hatte sich eine Weile mit ihm beschäftigt, dann hatte sie ihn vergessen. Das ist so der Lauf der Welt. Und nun hatte sie ihn kennengelernt – und hatte ihm weh getan. Als ihre innere Unruhe auch nach der schlaflosen Nacht bis in die Beschäftigung des Tages hinein quälend anhielt, entschloß sie sich, etwas sehr Kühnes zu tun. Sie schrieb Dr. Schmieden einen Brief, in dem sie ihn bat, sie zu besuchen. Er möge sich telephonisch anmelden, fügte sie hinzu, denn es würde ihr sehr leid tun, ihn zu verfehlen. Wenn ihn fremde Menschen störten, würde sie's einrichten, ihn allein zu empfangen. Als P. S. schrieb sie: »Wissen Sie, wie mich meine Freunde, meine allerbesten Freunde nennen? – Den Lindenbaum!« Kaum hatte sie den Brief zugeklebt, so fiel es ihr ein, daß sie das P. S. eigentlich nicht hätte hinzufügen sollen. Man behelligte einen Fremden nicht mit solchen läppischen Vertraulichkeiten. Was konnte es Professor Schmieden interessieren, ob ihre Freunde sie den Lindenbaum nannten oder den Weichselbaum. Gleich darauf fiel es ihr ein, daß sie den Brief überhaupt nicht hätte schreiben sollen. Sie wollte ihn vernichten, aber es war zu spät, er befand sich schon auf dem Wege zur Post. Die Köchin hatte ihn mitgenommen. Nun – alles andre war Schicksal. – Seltsamerweise war es gerade das P. S., das bestimmend auf den Professor gewirkt hatte. Er war schon im Begriff gewesen, wegen Überbürdung und Übermüdung brieflich auf den großen Vorzug usw. zu verzichten, als sein Blick noch einmal daraufgefallen war ... Lindenbaum? Was sollte denn das bedeuten? Da plötzlich, weich, wehmütig, beschwichtigend durchschwebte es seine Seele. »Du fändest Nutze dort!« Wenn er wirklich noch irgendwo Nutze finden könnte. Er hatte solche Sehnsucht nach Ruhe. Seit zwanzig Jahren verfolgte sie ihn. Und so geschah es, daß zwei Tage nach Absendung ihres Briefes, als Frau Lindenstamm gerade angefangen hatte, sich ihrer vorlauten Liebenswürdigkeit zu schämen, gegen elf Uhr das Telephon sein aufdringliches Geklingel erhob. Der Diener des Herrn Professors Schmieden fragte an, ob es dem Herrn Professor vergönnt sein dürfte, Frau Lindenstamm heute um sechs Uhr nachmittag seine Aufwartung zu machen Punkt sechs erschien der Professor. Frau Lindenstamm empfing ihn in einem Zimmer mit einer Palisade von weißen Chrysanthemen vor einem großen weißverschleierten Fenster und einem prasselnden Holzfeuer in einem offenen Kamin. Auch die Wände waren weiß, hier und da mit sehr schönen Radierungen und ein paar Aquarellen in einfachen Rahmen geschmückt. Aber der den ganzen Boden bedeckende Teppich war grünlichblau, und man versank darin wie in weiches Moos. Es war unmöglich, auf diesem Teppich zu straucheln oder gar auszugleiten. Aber es waren weder die weißen Chrysanthemen noch der grünblaue Teppich, die jedem feinfühlenden Menschen auffielen und wohltaten, wenn er das Zimmer betrat, ja nicht einmal das warme Kaminfeuer oder die zum Ausruhen für müde Wanderer vorbereiteten bequemen Lehnstühle davor – nein, was am angenehmsten berührte, war die Luft, die nach Schnee schmeckte, aber nach Schnee, der, von der Sonne durchwärmt, im Waldmoos versickert, ohne sich vorher in Schlamm verwandelt zu haben. Das kam daher, daß das Haus der Frau Lindenstamm außerhalb der Stadt zwischen Wald und Gärten gelegen war, und daß sie bei jeder möglichen Gelegenheit die Fenster öffnete. Nachdem der Doktor ihre ihm entgegengestreckte Hand ritterlich geküßt und, ihrer Aufforderung folgend, in einem bequemen Sessel Platz genommen hatte, schöpfte er tief Atem. »Was für eine himmlische Luft Sie hier haben!« sagte er. »Ja, es ist der einzige Luxus, auf den ich halte,« gab sie zurück. »Es ist der schönste Luxus in der Welt – mit Ausnahme eines reinen Gewissens,« erwiderte der Arzt. »Halten Sie das reine Gewissen für einen Luxus?« fragte halb lachend Frau Lindenstamm. »In vielen Lebenslagen für den unerschwinglichsten,« erwiderte der Arzt kurz, und da Frau Lindenstamm nicht umhinkonnte, über sein Paradoxon belustigt zu lächeln, fügte er hinzu: »Wenn man sich, wie ich, beständig in den Ställen – Wohnungen kann man's wohl nicht nennen – herumtreibt, in denen die Armen leben, lieben, sich vermehren und sterben, wobei sie sich so eng zusammengepfercht mit Krankheit und Laster befinden, daß sie der Ansteckung nicht entgehen können und ihre Seelen mit ihren Körpern hinsiechen müssen, da weih man erst, was für ein unerschwinglicher Luxus ein reines Gewissen und die damit verbundene tadellose Lebensführung sind.« »Und sollte gar kein Verdienst dabei sein?« fragte Frau Lindenstamm. Die Augen des vielerfahrenen Arztes blickten düster und zornig. »Verdienst ist unsre tadellose Lebensführung fast nie,« erklärte er. »Und als einen Vorzug sollen wir sie nicht betrachten. Nur als eine sehr große Bevorzugung, für die wir nie aufhören dürfen, dem Schicksal dankbar zu sein.« »Als eine Bevorzugung des Schicksals?« wiederholte Frau Lindenstamm. E s wollte ihr nicht recht eingehen. Der Doktor aber bestand darauf. »Ja, eine ungeheure Bevorzugung,« wiederholte er, »als einen großen, schönen Reichtum. Etwas, das wir verstecken sollten, um diejenigen, die schlechter weggekommen sind als wir, nicht zu demütigen.« Ein wenig verrückt war er doch! Frau Lindenstamm hätte Lust gehabt, den Kopf zu schütteln, unterdrückte aber die Geste, um seine sich langsam entfaltende Zutraulichkeit nicht zu verscheuchen. Statt den Kopf zu schütteln, sagte sie, das Gespräch auf konventionellere Bahnen lenkend, leise: »Haben Sie's nicht unerhört frech von mir gefunden, einen so hervorragenden, vielbeschäftigten Mann wie Sie so mir nichts dir nichts zu mir zu bitten?« »Nein, gnädige Frau,« erwiderte er mit dem sympathischen Lächeln, mit dem er gewohnt war, aufgeregte Nerven zu beruhigen. »Ich glaube erraten zu haben, warum Sie mich riefen ...« Und da sie schwieg, weil sie die rechten Worte nicht finden konnte, half er ihr. »Sie hatten, aus Unkenntnis der Sachlage, eine wunde Stelle in meiner Seele unsanft berührt, und als Sie sich dessen bewußt wurden, tat's Ihnen leid, und Sie wollten mir das sagen. Nicht wahr?« Sie nickte. »Ja ... und noch etwas andres wollt' ich Ihnen sagen, daß ich nämlich schon seit zwanzig Jahren Mitleid mit Ihnen habe. Sie können sich nicht vorstellen, mit welcher Aufmerksamkeit ich damals die Zeitungen las.« Er runzelte die Brauen und machte eine abwehrende Handbewegung. »Bitte, bitte! Seien Sie mir nicht böse!« rief die alte Dame. »Nachdem ich schon so viel gewagt habe, würde es mir gar nichts mehr nützen, einen Rückzug anzutreten. Darum möchte ich mich in dieser Angelegenheit deutlich aussprechen!« »Nun?« »Ich ... habe so das Gefühl, daß Sie sich grundlos quälen.« Der Professor, der indessen, die Ellenbogen auf den Knien, in vorgebeugter Haltung dagesessen hatte, richtete sich auf. Der große Zorn, den sie bereits anfing zu kennen und aufgehört hatte zu fürchten, fuhr in seine Augen. »Grundlos herumquälen!« wiederholte er bitter. »Wenn man sich täglich, stündlich daran erinnert, daß man eine geniale Frau, der man außer dem blanken Leben noch unsagbar viel andres verdankt, in den Tod gejagt hat, dann quält man sich nicht grundlos herum.« Sie rückte etwas näher an ihn heran. »Ich glaube nicht, daß Sie sich etwas andres vorzuwerfen haben,« sagte sie leise, »als einmal in Ihrem Leben ein zu anständiger Mensch gewesen zu sein.« »Und ist das nicht genug?« fragte der Professor, indem er ihr mit seinen traurigen Christusaugen ins Gesicht starrte. Sie zuckte die Achseln. Dann konstatierte sie mit dem Humor, der neben ihrer Gutmütigkeit eine ihrer charakteristischsten Eigenschaften war: »Man kann sich manchmal nicht helfen.« Er aber runzelte die Brauen und sah finster vor sich hin. Sie lächelte verlegen und gutmütig. »Sehen Sie so finster drein, wie Sie wollen. Was mich anbelangt, bin ich überzeugt, daß es mir nach genauer Prüfung der Umstände gelingen würde ... wie soll ich mich ausdrücken? Ihre Erinnerungen in ein Licht zu rücken, indem sie Ihnen weniger weh tun werden.« Und sich etwas vorneigend: »Wollen Sie mir ein großes Vertrauen schenken ... und mir Ihre Geschichte erzählen?« »Meine Geschichte soll ich Ihnen erzählen! Ihnen ... die Geschichte?« Mit unendlicher Bitterkeit stieß er die Worte heraus. »Nein! es ist unmöglich – in dieser reinen Luft kann man die Geschichte nicht erzählen.« »Ereifern Sie sich doch nicht so!« beschwichtigte ihn Frau Lindenstamm. Dann halb wehmütig, mit betonter Deutlichkeit: »Die Luft ist nicht nur rein – sie ist auch warm.« Den Kopf hebend, betrachtete er sie gerührt. »Da haben Sie recht. Wir wollen sehen ... vielleicht ... ich habe noch mit niemandem über mein großes Unglück gesprochen als mit meinem alten Freund Professor Fachberg. Heute kann ich nicht, es fehlt mir die Sammlung und die Zeit.« Er zog seine Uhr. »Um acht habe ich einen schweren Fall. Aber wenn ich einmal über einen ganzen langen Abend verfüge und Sie mir ihn gönnen – dann ... aber Sie dürfen nicht erschrecken, wenn ich Ihnen alle meine Wunden zeige.« »Barmherzige Schwestern erschrecken nie,« erwiderte sie. Ehe eine Woche vergangen war, hatte der Doktor neuerdings telephoniert. Diesmal blieb er nur kurz, und Frau Lindenstamm vermied es, den bedenklichen Punkt zu berühren. Aber er kam wieder. Dann trafen sie sich in einem Konzert. Ehe eine zweite Woche vergangen war, nannten sich die beiden bereits »lieber Freund« und »verehrte Freundin«, und kurz darauf machte es sich eines Abends wie von selbst, daß der Professor der behäbigen Dame seine Geschichte erzählte – seine Geschichte und die Tragödie der Selvaggini. Ich war ein armer Schlucker, fing er an, ein armer Schlucker aus gutem Hause – das heißt ärmer, als ich's unter simpleren Lebensbedingungen gewesen wäre. Mein Großvater mütterlicherseits war bei Königgrätz gefallen, meine Mutter ist in Hernals erzogen, zwei von meinen Tanten sind Nonnen, die dritte ist Stiftsdame. Mein Vater war ein hoher Beamter im Kultusministerium. Das sag' ich alles nicht, um mich wichtig zu machen, sondern nur, um den Boden zu schildern, aus dem ich herausgewachsen bin, aus dem heraus ich nicht anders werden konnte, als ich war, als mich mein Schicksal erreichte und zermalmte. Ich zählte achtzehn Jahre, als mein Vater starb. Wir hatten, wie man das so nennt, eine Stellung gehabt. Von einem Tag zum andern war's damit vorbei. In Armut sind wir nicht geraten, mit der Pension meiner Mutter, den Gnadengehältern für uns Kinder und den Zinsen unsers kleinen Vermögens hatten wir so um die 6000 Kronen jährlich, ein Einkommen, das einen vor dem Kriege verpflichtete, einen Dienstboten zu halten und seine sozialen Beziehungen weiterzuschleppen, das einem aber in Wien nicht einen Augenblick der Sorglosigkeit gegönnt hätte. Meine Mutter war klug genug, das einzusehen. Sie verließ Wien und zog nach St. Pölten, wo sie ihre Jugend verbracht hatte und wo nun zwei meiner Tanten, wie schon erwähnt, Nonnen waren. Dort im Kloster wurden auch meine Schwestern erzogen. Ich blieb in Wien, um meine Studien fortzusetzen. Man hatte mich in ein gutes, anständiges Kosthaus gesteckt, das von einer ältlichen und kränklichen Majorswitwe gehalten wurde. Es fehlte mir an nichts, nur Vergnügen konnte ich mir keins gönnen, gar keins, weder eine Zigarette noch ein Konzert oder Theaterbillett. Und meine Krawatten konnte ich nur selten erneuern. Aus der Schäbigkeit meiner Krawatten machte ich mir nichts, und die gewohnten Zigaretten konnte ich allenfalls auch noch ohne Herzschmerz entbehren, aber Konzerte und Theater, besonders Konzerte – so von einem Moment zum andern davon abgeschnitten zu sein, das war unerträglich. Ich war rasend musikalisch, und da es zu Lebzeiten meines Vaters Ehrenbillette für die Hofoper und Freibillette für die schönsten Konzerte nur so regnete, hatte ich immer Gelegenheit gehabt, meiner Leidenschaft zu frönen. Jetzt war das mit einemmal alles zu Ende. Stellen Sie sich den armen Studenten vor mit seinem großen Musikdurst, wie er oft eine Viertelstunde vor einem Anschlagzettel stand, die brennenden Augen auf einen berühmten Namen geheftet, der ihn mit aufdringlich großen Buchstaben lockte und höhnte. Ich hatte schon mit sechs Jahren angefangen Klavier zu klimpern, und nach einem Konzert von Rubinstein, zu dem mich damals meine Mutter mitgenommen, träumte ich von einer Virtuosenlaufbahn mit Lorbeerkränzen, vor Begeisterung auf die Sessel springenden Damen und einem imposanten Reisepelz. Davon hatte mein Vater natürlich nichts wissen wollen. Doch hatte er mir guten Unterricht erteilen lassen, da er mein Klavierspiel für ein günstiges Vorschubmittel ansah bei einer ... natürlich ganz offiziellen Karriere. Aber nicht einmal mit meinem Klavierspiel konnte ich mir ein wenig musikalischen Trost vorschwindeln. Dazu, ein Pianino zu mieten, langten meine knappen Mittel nicht, und aus dem öffentlichen Klavier zu üben, das im Speisezimmer stand, verbot mir mein musikalisches Schamgefühl. Den andern Kostgängern schien diese Empfindung fremd zu sein. Den ganzen Tag klimperten zwei junge Mädchen Fingerübungen, und am Abend drosch der Sohn der Majorin, ein fescher Artillerieleutnant, alle gangbaren Operettenmotive in die gelben Tasten des vielgeprüften Instruments hinein, dazwischen probierte er das Andante aus der Neunten Symphonie »nach dem Gehör«. – Wer sich unter diesen Umständen die Liebe zur Musik nicht abgewöhnt, der muß unverbesserlich musikalisch sein, und das war ich. Ich wurde krank vor Hunger nach Musik. Die einzige Befriedigung, die ich mir leisten konnte, war in der Woche der Leierkasten, am Sonntag die Kirche. Ich nahm's, wie's kam. Es war alles besser als das geniale Nach-dem-Gehör-spielen der Neunten Symphonie. Verachten Sie mich nicht, aber manchmal beim Nachhausegehen aus dem Gymnasium, später aus der Universität, bin ich stehengeblieben, um einem italienischen Drehorgelspieler zuzuhören, der aus dem Hof eines alten Palastes heraus tremolierte. Seine Spezialität waren die Arien der Azucena ... ich hör' ihn noch. Das wahnsinnig verschleppte Tempo und die verschleiert pfeifenden Töne, die an eine überangestrengte Klarinette erinnerten, vertrieben mich freilich jedesmal bald. In der Kirche war es besser, da hab' ich oft einen echten Genuß gehabt, und einmal in einer kleineren Kirche in der Vorstadt, einer der Kirchen, wo die vornehmen Leute nie hinkommen, habe ich etwas ganz unvergleichliches gehört. Das Orgelspiel, das ich bis auf die Straße hörte, hatte mich gelockt. Ich trat ein. In den ersten besten Kirchenstuhl zusammengekauert, lauschte ich. Der Organist war nicht besser als hundert andre. Zerstreut ließ ich die Töne an meinen Ohren vorüberstreichen, aber mit einem Male fuhr ich auf. Das Offertorium wurde von einem Mezzosopran gesungen. Nie hatte ich eine Stimme von so durchdringender Schönheit vernommen; ein Sopran mit der Tonfülle eines Contraltos, aber mit einem wunderbaren, der Altstimme nicht eignen Metall. Und doch war's nicht die materielle Schönheit der Stimme, die einen geradezu atemhemmenden Zauber auf mich ausübte – nein, es war die erschütternde, einen tiefen inneren Konflikt verratende Gefühlstiefe, die aus jedem Tone sprach. Nie hatte ich so deutlich die Qual einer Seele empfunden, die ihren Schöpfer anflehte um Erlösung. Eigentlich hatte ich vor dem Ende des Gottesdienstes die Kirche verlassen wollen. Die Hoffnung, die Stimme noch einmal zu hören, hielt mich fest. Und richtig – sie erklang noch einmal, beim Agnus Dei. Noch herrlicher, noch mächtiger, noch schmerzlicher. Zum Schluß erstarb der Gesang in einem heiseren murmelnden Parlando. Ich verließ die Kirche wie betäubt. Hinter mir drein kam zu meinem großen Erstaunen der Artillerieleutnant, den ich bis dahin noch nie in einem Gotteshause getroffen hatte. »Sind Sie durch Zufall hineingeraten?« fragte er mich. »Ja!« »Hm! Wissen Sie, wer das war? Der Sopran, meine ich.« Ich hatte keine Ahnung. »Die Selvaggini!« »Die Selvaggini –« Mir stockte der Atem und der Herzschlag. »Die Selvaggini, die nicht unter sechstausend Kronen den Abend singt?« rief ich aus. »Die berühmte, die große Selvaggini!« »Ja! Seit ihrer letzten Krankheit kann sie ihre Stimme nicht wiederfinden, wenigstens nicht ganz. Da singt sie manchmal anonym in entlegenen Kirchen, um sich einzusingen. Na, sie singt ja noch ganz passabel – aber bei ihrem Reichtum und ihrem Alter könnte sie sich wirklich Ruhe gönnen. Sie ist ja über die fünfzig, sollte Platz machen für die Jungen.« Ich aber ging in mein bescheidenes Kosthaus zurück mit dem Gefühl, als ob ich eine Erbschaft gemacht hätte. Ich hatte die Selvaggini gehört! Von da an ließ sich meine Musiksehnsucht nicht mehr bändigen. Ich ergriff das einzige mir zu Gebote stehende Mittel, ihr zu frönen, ich gab Stunden. Nun konnte ich mir sogar ein Pianino mieten – welche Seligkeit! Freilich mußte ich diese Seligkeit mit der ersten Verstimmung bezahlen, die bis dahin zwischen mir und meiner Mutter aufgekommen war. Einem Sohn, der Schulden machte, konnte sie allenfalls verzeihen, aber ein Sohn, der Stunden gab, stand außerhalb ihrer Vorstellungen. Schließlich hat sie sich damit abfinden müssen. Das Pianino in meinem kahlen Studentenzimmer wurde mein bester Freund. Ihm hab' ich alle meine heimlichen Wünsche und Begeisterungen, meine Entrüstungen und Verzweiflungen gebeichtet und all die aus Ekel und Sehnsucht gemischten, gespenstisch undeutlichen und aufreizenden Empfindungen, die kaum zu hemmenden Unheimlichkeiten, die unser Blut peinigen, wenn es anfängt zu gären, weil der junge Menschenfrühling erblühen will. Ich hatte gut studiert. Einundzwanzig Jahre alt, machte ich meinen Doktor mit Auszeichnung. Da erkältete ich mich, und geschwächt, wie ich durch das überangestrengte Studium, vielleicht auch durch ungenügende Ernährung war, konnte ich mich von einer Lungenentzündung nicht erholen. Die Lunge war nicht nur angegriffen, sondern der ganze Organismus war herabgekommen, die Nerven überreizt, das Empfindungsleben nicht mehr reaktionsfähig. Die Verzweiflung sank zur Mutlosigkeit nieder, und diese stumpfte sich zur Gleichgültigkeit ab. Ich war in einer Art moralischen Scheintodes erstarrt. Mich selbst umzubringen, fehlte mir die Energie, aber wenn jemand mit dem geladenen Revolver auf mich gezielt hätte, hätte ich mich nicht gewehrt. Nachdem sich das ärztliche Konzilium geäußert hatte, wurde der Familienrat einberufen. Meine arme Mutter opferte einen Teil ihrer kleinen Ersparnisse, die sie mühsam im Hinblick auf die Ausstattungen meiner Schwestern gemacht hatte, damit ich mich in einem Badeort erholen könne. Die Ärzte hatten eine Kaltwasserheilanstalt verordnet. Nach langem Hin-und-herzögern wählte ich Wartenberg, ein kleines Nest in Böhmen. Man hatte mir seine hübsche Lage, seine Stille und die gemütliche Einfachheit der Lebensweise gerühmt. Ich fand alles reichlich bestätigt. Verehrte Freundin! Wenn Sie einmal mit dem lieben Gott allein sein wollen, so gehen Sie nach Wartenberg! In Turnau hielt mein Zug, von da sollte mich eine kleine Lokalbahn nach meinem Bestimmungsort führen. Als ich hörte, daß man per Achse in dreiviertel Stunden dahingelangen könne, gönnte ich mir einen unerhörten Luxus. Ich mietete mir einen Wagen. Ein recht schofler, alter Phaeton war's, der gewiß seit Menschengedenken bei allen Begräbnissen und allen Kochzeiten in der Gegend mitgetan hatte und hoch in den Rädern hing; ein tiefeingesattelter Brauner mit weihen Haarzotteln um die Hufe und mit an den Hüftknochen durchgeriebenem Fell trabte davor, recht gemächlich, als ob er mir Zeit lassen wollte, die Gegend aufmerksam zu betrachten. Es war nicht viel Beachtenswertes dabei. Stoppelfelder und Rübenfelder und um den Horizont herum Hügel – entweder ganz entwaldet oder auch schon wenigstens bis zur Mitte hinauf durch Felder verunstaltet. Dann aus all der Nüchternheit heraus biegt der Wagen in eine wundervolle alte Allee. Linden, und in der Blüte. Denken Sie sich das für einen Städter, der seit seinem letzten ziemlich unerquicklich zwischen Mücken und vornehmen armen Verwandten in St. Pölten verbrachten Ferien sein enges Zimmer nur durch ein Fenster lüften konnte, das auf einen Wiener Lichthof hinaussah mit einem Kanalgitter in der Mitte. Wie ein übermütiger und uneigennütziger Kuppler (es gibt solche) strich der Hauch des Sommerabends durch die mächtigen Kronen und flüsterte halblaut viele liebe, süße Nichtsnutzigkeiten in die Lindenblüten hinein. Und die Blüten schmiegten sich aneinander und küßten sich und sanken in einem letzten Wonneschauer sterbend auf die Erde nieder. Die ganze Straße war damit bestreut. Dazwischen ein Duft von frischgemähtem Gras aus den Wiesen rechts und links, und in das alles hinein atmend die würzige Herbigkeit der nahenden Wälder. Wie ein erlösendes Gottesgeschenk schwebte die duftende Kühle auf mich nieder. Das zottige braune Pferdchen streckte seinen tiefeingezogenen Rücken gerader und trabte herrschaftlich, so gut es ging. Prr! – Wir sind angekommen vor dem Marienhaus, wie die Dependance heißt, in der ich untergebracht werden soll, eine häßliche Baracke mit weißgetünchten Wänden unter einem schwarzen Pappdach. Aber ich kann das Wort Marienhaus nicht aussprechen, ohne daß sich einschmeichelnde Schauer an mir niederschleichen. Wissen Sie, wie das ist, verehrte Freundin? Wenn bei der Nennung eines besonderen Wortes, bei dem Einatmen eines besonderen Duftes eine Unruhe in uns entsteht und plötzlich an den Schleiern zupft, die unsre Erinnerungen einhüllen, und dann die Vergangenheit vor uns auftaucht? Ganze Stücke davon zum Greifen deutlich; aber wenn man die Hand danach ausstreckt, wenn man etwas von dem lieben Langentbehrten festhalten möchte, verschwindet's. Das Schicksal zischelt uns sein unerbittliches »Es war« in die Ohren, traurig senkt die Sehnsucht ihre hoffnungsvoll erregten Flügel, und wir fügen uns von neuem in die lieblosen Gleichgültigkeiten des Alltags. Mein Zimmerchen ... eine verwöhnte Frau wie Sie hätte wohl allerhand darin entbehrt. Ich fand's wonnig. Ein sauber gescheuerter Bretterfußboden, ein altmodisches hölzernes Bett, ein dazu passender Schrank und ein geschlossener Waschtisch, ein mit schwarzem Glanzleder bezogenes, mit weißen Porzellanknöpfen verunziertes Kanapee, ein Tisch, ein Stuhl. Begeisternd klingt das nicht – aber aus zwei breiten Fenstern sah man in den Wald. Die Fenster standen offen. Der Duft, der mir da entgegenschlug! Waldluft, Moder, frisches Grün, der Geruch von uralten Fichtenstämmen, aus denen sich das Harz löste, und von frischgefällten, die eben erst geschält waren, von Holz und Nadeln, Moos und längst verstorbenem Laub, Lindenblüten dazwischen, und alles das strömte herein über eine liebliche Palisade von Reseden und Nelken, die in den Blumenkästen vor den Fenstern standen. So etwas hatte ich noch nicht erlebt, weder in Wien noch in dem heißen mückendurchschwärmten St. Pölten. Ich hatte noch gar nicht aufgehört mich zu freuen, als mich eine laute schrille Glocke zur Abendmahlzeit rief. Im Speisesaal war kein Platz mehr, der ganze Table-d'hôte-Tisch eng besetzt. Ob ich nicht in der Wandelbahn vorliebnehmen wollte? Die Luft sei dort viel besser als im Saal. Eine recht primitive »Wandelbahn« war's, ein einfaches Bretterdach, auf der einen Seite eine von Fenstern unterbrochene Holzwand, auf der andern nur ein paar Pfosten, um die sich in üppigem Durcheinander blühende Klematis, wilder Wein und Konvolvulus rankten. Das Fenster neben meinem Tischchen – es stand offen – blickte auf weite, von großartigen Baumgruppen unterbrochene Wiesenflächen. Am westlichen Horizont die untergehende Sonne, groß, tief blutigrot, umgeben von einem Hofstaat von grauen Wolken, die langsam Feuer an ihr fingen, bis der ganze westliche Himmel in Flammen stand. Dann starben die Flammen. Wie Glut in der Asche verglommen sie. Die Wolken wurden wieder grau, nur die Sonne brannte noch am Horizont und verlöschte. Dann wurde der Himmel leer. Ganz blaß, fast grünlichweiß breitete er sich über die Landschaft, in der die Bäume schwarz geworden waren. Ich war dermaßen berauscht von Schönheit, daß ich mein Nachtmahl vergaß. Der Kellner, ein echt böhmischer Landkellner, der wie ein dienstfertiger Wirbelwind in einem schwärzen Lüsterjackett von einem Tisch zum andern sauste, hielt sich einen Augenblick bei mir auf. »Junger Herr! Sie sollten das Essen nicht kalt werden lassen. Der Nierenbraten ist ausgezeichnet!« Mir war so gar nicht nach Nierenbraten zumute. Es war plötzlich kalt geworden, ich fing an heftig zu husten, ohne mir Rechenschaft darüber zu geben, daß ich fröstelte. »Wenzel,« hörte ich plötzlich jemanden sagen, »machen Sie dort das Fenster zu, der junge Herr könnte sich erkälten!« Nie werde ich den Wohllaut dieser Stimme vergessen. Tief war sie wie die eines Mannes, aber doch mit etwas ganz ausgesprochen Weiblichem darin – voll, üppig. Ich sah mich um. Von wem konnte das freundliche Mahnwort kommen? Die ganze Reihe der Tischchen prüfte ich. An dem ersten hinter mir saß ein junges Ehepaar – verstohlen-zärtlich, zufrieden-sparsam, zerstreut-freundlich. Hochzeitsreisende! Von denen kam die Mahnung nicht. Die zwei hatten viel zu viel miteinander zu tun, als daß sie sich noch darum hätten kümmern können, ob ein armer Schlucker sich unvorsichtigerweise eine Erkältung holte oder nicht. Hinter ihnen saß ein komisches Familientrio – Vater, Mutter und Tochter –, die sich offenbar nichts zu sagen hatten, denn trotz des unangenehmen, aus glanzloser Dämmerung und flackernden Petroleumlampen gemischten Zwitterlichtes war jeder von ihnen in eine andre Lektüre vertieft: der Vater in eine Zeitung, die Mutter in einen illustrierten Roman, die Tochter in eine Broschüre. Hinter dem Lesekränzchen saß ein Mann um die Vierzig herum mit einem blödsinnigen Ausdruck in einem hübsch gewesenen, jetzt aufgedunsenen Gesicht und mit einem harten Filzhut, der sich wie ein geköpfter Zylinder ausnahm – ein »krankheitshalber« suspendierter Pfarrer, wie man mir später mitteilte. Ihm gegenüber ein hochbusiges Frauenzimmer mit zimtfarbigen Kalbhandschuhen. Sie bediente ihn, legte ihm vor und zupfte ihn beim Ärmel, wenn er mit den Augen zu rollen oder zu singen anfing. Die könnt' es entschieden auch nicht gewesen sein. Woher sollte die eine so angenehme Stimme haben? – Angenehm, was sag' ich! Ein mystischer und zugleich schwüler Zauber ging von dieser Stimme aus, ein Zauber, der die höchsten Gefühle im Menschen anregte. Vergeblich suchte ich nach der Persönlichkeit, die zu der Stimme gepaßt hätte ... da, aus dem Schatten der entferntesten Ecke der Wandelbahn erhob sich eine Dame. Nur für einen Augenblick streifte das Licht ihre Erscheinung, dennoch prägte sie sich sofort unvergeßlich meiner Seele ein. Sie war von hohem Wuchs. Eine ältere Frau mit grauem Haar, das in bauschiger Rokokofrisur Stirn und Schläfen umrahmte. Dunkle Brauen zogen sich über große längliche Augen. Kennen Sie den schönen slawischen Typus – ich weiß, daß es auch einen häßlichen gibt, aber denken Sie an den schönen! –, einfache, griechische Linien, der vornehmen lateinischen Schärfen entbehrend, ein Meisterwerk, das in der Skizze steckengeblieben ist, aber vielleicht infolgedessen einen besonderen Zauber hat und meistens stark auf die Sinne wirkt. Den Typus hatte die Fremde. Der Mund mußte ehedem einen hinreißenden Reiz gehabt haben. Jetzt waren seine Umrisse unbestimmt, die Winkel senkten sich tief. Ich habe nie etwas Traurigeres gesehen als diesen Mund, er verriet keine Bitterkeit, keine Auflehnung oder Anklage, nur Melancholie, Ekel und eine entsetzliche Müdigkeit. Um ihre Schultern hing eine breite Zobelboa, aus ihren Ohrläppchen blitzten mit fast unheimlichem Feuer zwei große Brillantboutons; auch an der Hand, mit der sie das Pelzwerk unter ihrem Kinn zusammenhielt, blitzte und flimmerte es. Es war eine sehr schöne Hand, bleich, schmal, sehr gepflegt, von ungewöhnlicher Vornehmheit. Nur einen Moment erblickte ich sie, aber als sie bereits durch eine der dichtumrankten Bogenöffnungen der Wandelbahn entschwunden war, hörte ich sie noch seufzen. Nachdem ich meine Mahlzeit schlecht und recht beendet hatte, trat ich auf den Promenadenplatz hinaus. Der Himmel war nicht mehr blaß, er hatte sein nächtliches Prachtgewand angezogen. Die Mondsichel stand dazwischen, blank wie poliertes Silber und scharf wie geschliffenes Eisen. Groß und weiß hob sich das alte Kurhaus gegen den dunklen Hintergrund der Wälder ab. Durch die Wälder ging ein sattes, sich willenlos preisgebendes Rauschen, um mich herum in den zu flachen Kuppeln verstutzten Linden wisperte es leise, und das Brünnlein, das inmitten des Platzes sein klares Wasser unermüdlich in ein blumenumblühtes Becken rinnen ließ, murmelte eintönig sein altes Schlummerlied. Die Laternen blitzten auf. Zugleich tönte eine schrill lustige, scharf rhythmisierte Blechmusik mitten zwischen die weichen Stimmen der Sommernacht. Eine Musikbande spielte den »Sir Roger de Coverley«. Jauchzendes Leben tönte dazwischen. Ich trat näher. Um einen hübschen jungen Mann – den Leiter der Kaltwasserheilanstalt, wie ich später erfuhr – war eine Schar von allerliebsten kleinen Mädchen versammelt. Sie zwitscherten alle auf einmal: tschechisch – ich verstand es so ziemlich. Die Kinder wollten einen »Sir roger« tanzen, aber es fehlte an Tänzern. Dabei fiel immer wieder der Name eines jungen Menschen, den das kleine Volk ins Herz geschlossen zu haben schien und der erst kürzlich Wartenberg verlassen hatte. »Ach, wenn der Vessely da wäre – ja, wenn der Vessely da wäre!« seufzte ein meterhohes Dämchen mit sehr hübschen nackten Beinchen und einem tiefgegürtelten Kleide. Sie hielt die Händchen auf die Hüften gestemmt und blickte gedankenvoll vor sich hin. Offenbar fungierte sie als Vorbeterin des kindlichen Kreises, der jetzt einstimmig wiederholte: »Ja, wenn der Vessely da wäre!« Der junge Wasserdoktor schüttelte lachend den Kopf. »Ihr könnt euch beruhigen,« sagte er, »selbst wenn er da wäre, der hätte doch nicht mit euch getanzt.« »Und warum nicht?« riefen etwas ärgerlich die Kinder. »Weil er zu alt für euch ist!« »Wie alt?« fragte die kleine Vorbeterin. »Oh, sehr alt, eine ganze Menge Jahre,« versicherte der Doktor mit einer humoristisch entmutigenden Handbewegung, »gewiß schon neunzehn.« »Neunzehn Jahre! Schon so alt!« riefen die Kinder fast feierlich, und dann seufzten sie, als ob sie begriffen hätten, daß da nichts zu machen sei. »schon so alt – so alt!« wiederholte eine tiefe Stimme. Ich blickte auf. Neben mir stand die grauhaarige Frau mit den müden Lippen. Als sie meinen Blick fühlte, zuckte sie zusammen und zog sich tiefer in den Schatten zurück. Dann, mitten zwischen dem von neuem aufjauchzenden Kinderlachen hörte ich den schleppenden Rhythmus ihres traurig davonschleichenden Schrittes, jenes Schrittes der gänzlich Entmutigten, der kein Ziel mehr sucht und an allem vorübergeht. Nur ein armer Student, der einmal dem Stadtleben entronnen ist, weiß, was das heißt, so plötzlich von Luft und Duft umgeben zu sein, des Nachts das Fenster offenlassen zu können und die ganze Köstlichkeit des Waldes einzuatmen, sich im Einschlafen auf den Morgen zu freuen und, kaum daß man von den Sonnenstrahlen geweckt worden ist, auf den ganzen Tag!, sich Gesicht und Glieder mit kühlem Wasser zu erfrischen, in seine Kleider hineinzufahren, in den Wald zu eilen und immer wieder neue Wunder zu entdecken. Je tiefer ich eindrang, um so höher wurden die Bäume, strebten bald aus jahrhundertealtem Moder, bald aus kniehohem Heidekraut empor, und zwischen ihnen ragten die kuriosesten Steinbildungen auf. Felsen mit kolossalen Tier- und Menschenfratzen, Felsen, die wie verächtlich grinsende, grausam drohende indische Gottheiten aussahen. Ich war selig. Nur eins tat mir leid: die Frau mit der schönen tiefen Stimme und dem traurigen Gesicht war verschwunden. Indessen hatte ich mich müde gelaufen in den Wäldern, und an die Schönheit meiner Umgebung hatte ich mich gewöhnt. Ein wundes Einsamkeitsgefühl beschlich mich. In der Stadt hatte ich immer nur das Gefühl gehabt, den Menschen um jeden Preis ausweichen zu wollen – hier sehnte ich mich danach, mich jemandem anzuschließen. Aber die Befangenheit des wohlerzogenen, weltunkundigen Burschen hielt mich zurück. Einmal gegen Abend fragte ich den Kellner, der indessen mein Freund geworden war und mir, da ich bei den Mahlzeiten jetzt einen kolossalen Appetit entwickelte, eine geradezu sträfliche Protektion angedeihen lies, ob's denn nicht ein Lesezimmer mit Zeitungen gäbe. O ja! In dem Blockhause, zwischen dem Walde und dem Marienhause, da gäb's Zeitungen, so viel ich nur wünschte, und ich könne ganz ungestört lesen, denn dort sei niemand, erwiderte er mir. Es war allerdings niemand dort, aber was die Journalistik anlangte? Ein paar abgegriffene böhmische Witzblätter, ein drei Wochen altes Exemplar der Neuen freien Presse, das irgend jemand hier vergessen haben mußte – das war alles. Aber etwas andres erblickte ich zu meiner freudigen Überraschung: ein Klavier, noch obendrein einen Bösendorfer. Es stand schon in reiferen Jahren, aber ich war nicht verwöhnt und stürzte mich darauf wie ein Wolf auf ein junges Lamm. So con amore hatte ich noch nie musiziert, Beethoven, Brahms, Mozart und Chopin, alles untereinander aus dem Gedächtnis, nicht nach dem Gehör wie der Artillerist. Ich schwelgte in Musik. Der Saal hatte Fenster von beiden Seiten. An der einen Seite standen sie offen, dem Walde zu, nur durch die Straße von ihm getrennt, und aus dem Walde strebten die Schatten und wurden lang und immer länger und streckten sich über die Straße und warfen ihre Schleier in den Saal hinein. Es war fast dunkel geworden, nur undeutlich sah ich die Tasten. Endlich zog ich die Hände vom Klavier. Da hörte ich jemand mit einem Streichholz kratzen. Das Streichholz flackerte auf, und ich erblickte eine hohe Gestalt. – Sie war's. »Bitte, ziehen Sie die Lampe ein wenig herab,« sagte sie. Wieder, wie mit einem geheimnisvollen Zauber, berührte mich der Klang ihrer Stimme. Ich griff nach der Hängelampe. Sie hielt das Streichholz über den Brenner. Es wurde hell. »Spielen Sie doch weiter – Sie spielen sehr schön!« sagte sie. »Ich spiel' nur für mich allein. Sobald ich weiß, daß mir jemand zuhört, patz' ich fürchterlich,« entschuldigte ich mich. »Das ist ganz natürlich, weil Sie sich nicht sicher fühlen. Sie haben keine disziplinierte Technik, aber einen so schönen Anschlag, wie ihn nur gottbegnadete Dilettanten haben – oder die allergrößten Künstler.« Sie hatte ihre Boa abgestreift und stand nun in einer gestickten weißen Batistbluse und kurzem Tuchrock vor mir. Sie war ziemlich stark, aber trotz ihrer Jahrs noch von gutem Wuchs. Am schönsten waren ihre Augen. Sie hatten das getrübte Blau eines Stück Himmels, das sich in einem Sumpf spiegelt, dabei einen Blick von unendlicher Schwermut. Wenn ihr Gang den Eindruck machte, an allem vorüberzugehen, kein Ziel mehr zu suchen, so war es mit ihrem Blick ganz ähnlich. Er schweifte gleichgültig an den Dingen vorbei, ohne irgendwo länger zu haften. Auch mich berührte er erst nur flüchtig, nahm mich so mit, als ob ich zu der Zimmereinrichtung gehöre. Plötzlich aber blieb er stehen. »Sie sind der junge Mann, den damals in der Wandelbahn gefröstelt hat?« bemerkte sie. »Ja, Gnädigste, und Sie waren so gütig, sich meiner anzunehmen.« »Ja, jetzt erinnere ich mich. Ich vergesse so schnell – wenigstens manches ... andres« – sie seufzte –, »ach, wenn man nur mehr vergessen könnte! Es ist gut, vergessen zu können, sonst wäre das Leben ganz unerträglich. Wozu dran denken, man sollte nie denken. Man muß sich zerstreuen!« Einen Augenblick hielt sie sich die Hand an die Stirn, dann fing sie an, in den Notenfetzen auf dem Klavier zu kramen, und mir einen davon auf das Pult legend, fragte sie mich: »Wollen Sie mich begleiten?« Es war das unsterbliche Lied von Brahms, das sie mir vorlegte: Dein süßer Schall. O Nachtigall, Mir stocke der Atem. Gott, diese Stimme! Ein Strom von Gold, von einem schwülen Schatten gedämpft. Es ging einem durch Mark und Bein, und war einem doch unsäglich wohl dabei – wohl und wehe, wie bei jedem Übermaß des Empfindens. Die Stimme klang wie die von allen Empfindungen eines reichen Menschenlebens vibrierende G-Dur-Seite einer Amatigeige, und neben dem hinreißenden Wohllaut des Materials die tiefe Tragik des Ausdrucks. Eine suchende Unruhe erfaßte meine Seele. Wo ... wo hatte ich die Stimme schon gehört? Als sie meine tiefe Ergriffenheit merkte, legte sie noch zwei Lieder auf das Notenpult, Schumanns Junges Grün und die Alten Laute. Diesmal liefen mir die Tränen über die Wangen. Sie legte mir leicht die Hand auf die Schulter. »Armer Bursch,« flüsterte sie, »wie stark Sie fühlen! Das Leben wird Ihnen sehr weh tun. – War's schön?« »Schön! Schön ist kein Wort dafür – man müßt' erst ein Wort erfinden, um zu sagen, wie das war!« Und dann mit der Dreistigkeit höchster Empfindungsüberspannung: »Wer sind Sie, gnädige Frau?« Sie zuckte mit den Achseln und schwieg mehrere Sekunden lang. Dann sehr heiser, sehr bitter: »Ich bin eine müde alte Frau,« und leiser: »Ich war ... die Selvaggini.« Ohne die Wirkung ihrer Worte abzuwarten, wendete sie sich um und verließ den Saal. – Die Selvaggini! – Die Selvaggini – nun, ich hab's Ihnen ja schon früher gesagt, was der Name für mich bedeutete. Ich erschien mir gewachsen, ich flößte mir selber Respekt ein. Meine Begleitung hat ihr gefallen, sie wird mir noch mehr vorsingen, jauchzte es in mir. Die schrille Tischglocke gellte in meine Phantasien hinein. Ich eilte in die Wandelhalle, wobei ich hoffte, sie diesmal wieder aus der Ferne beobachten zu dürfen. Aber ihr Platz blieb leer. »Kommt die Dame heute wieder nicht?« fragte ich endlich den Kellner. »Ach, die Dembitzka,« sagte der Kellner. Zum erstenmal erfuhr ich, daß die Selvaggini einen Alltagsnamen hatte. »Nein, es war schon für sie gedeckt, aber sie hat sich ihr Essen aufs Zimmer bestellt. – Sie will morgen früh abreisen.« Morgen früh! Der Atem versagte mir. »So ganz plötzlich?« »Ja, plötzlich! Bei der ist alles plötzlich. Einmal so – einmal so, wie ihr's gerade durch den Sinn fährt. Eigentlich hat sie ein gutes Herz, aber manchmal kommt es über sie, daß sie sich gebärdet wie eine närrisch gewordene Kaiserin – kommandiert herum, wie eine, die gewohnt ist, alle Launen durchzusetzen. Man sagt, sie sei ehemals eine berühmte Sängerin gewesen. Ob's wahr ist, weiß ich nicht.« Abreisen! Morgen! Mir war's, als stünde ich im Begriff, etwas Unersetzliches zu verlieren, nachdem ich es eben erst entdeckt hatte. Dabei quälte mich der Gedanke, daß ich die Künstlerin am Ende selbst vertrieben habe, und zwar dadurch, daß ich sie veranlaßt hatte, ihr Inkognito zu lüften. In meinem Kopf reifte ein Plan. Durch meinen Freund, den Kellner, hatte ich erfahren, daß die Selvaggini – unter keinen Umständen konnte ich mich entschließen, sie Frau Dembitzka zu nennen, als welche sie im Fremdenbuch verzeichnet stand – den Wagen für neun Uhr bestellt habe. Den Abend legte ich mich gar nicht zu Bett, aus Angst, zu lange zu schlafen. Um vier Uhr früh stapfte ich schon tapfer durch die alte Lindenallee, die den Bindestrich macht zwischen der Poesie von Wartenberg und der Prosa der Umgebung. Der Staub schlief auf der Straße. Der Nachtwind hatte die gestrigen Fußspuren verweht. Die Lindenblüten dufteten, die gelben frischen in den alten Baumkronen und auch die blassen welken am Straßenrand. Fächerförmig streckten sich die Sonnenstrahlen über die Wiesen, auf denen funkelnd, duftend Morgentau lag. In der Luft war etwas Herbes, Unverfälschtes. Wenn man sich einmal aus irgendeinem zwingenden Grunde entschlossen hat, an einem Julitage früh aufzustehen, dann fragt man sich, warum man nicht jeden Morgen so früh aufsteht und lieber den Tag verschläft. – Ja, und den nächsten Morgen schläft man doch wieder so lange wie gewöhnlich. Ich war jung und ging schnell. In Fünfviertelstunden hatte ich Turnau erreicht und bald darauf die berühmte Kunstgärtnerei gefunden. Es war noch so früh, daß ich sehr lange läuten mußte, ehe mir ein Gärtnerbursche öffnete. Bald darauf machte ich mich mit einem wunderhübschen Rosenstrauß in der Hand auf den Heimweg. Ich lief wie verrückt, damit die Blumen nicht zu lange der jetzt rasch aufsteigenden Hitze preisgegeben würden, und auch weil ich Angst hatte, die Selvaggini zu versäumen. Allerdings hatte ich Eile. Der schönste Mietwagen, über den das Bade-Etablissement gebot, ein schwerfällig stattlicher Landauer, stand bereits vor dem alten Kurhause. Ich stürzte durch das offene Portal und begegnete der Diva auf der Treppe. Als ich ihr mit meinem Strauß in der Hand entgegentrat, fuhr sie zusammen. Ihre Augen waren groß und leuchtend. »Gnädige Frau,« rief ich, »ich wollte Ihnen nur danken für die schönste Stunde in meinem Leben.« Und dabei vergaß ich, ihr den Strauß, den ich krampfhaft in der Hand hielt, anzubieten. »Sind die für mich?« fragte sie belustigt, indem sie die Hand nach den Blumen ausstreckte. »Was für wunderschöne Rosen!« »Wenn ich länger hätte wählen können, hätte ich schönere gebracht,« versicherte ich, »aber ich hatte so schreckliche Angst, Sie zu versäumen, gnädige Frau.« »So, so! Wirklich?« Sie lächelte, ihr Gesicht verjüngte und verschönte sich von einer Sekunde zur andern. »Für mich sind die grad schön genug,« murmelte sie. Dabei atmete sie langsam die schwermütige, herbgewürzte Süßigkeit des Rosenduftes ein. »Haben Sie herzlichen Dank. Sie haben mir eine große Freude gemacht. – Adieu!« Nachdem ich ihre mir dargebotene Hand andächtig mit meinen Lippen berührt hatte, fragte ich beklommen dreist: »Warum reisen Sie, gnädige Frau?« »Warum?« Sie zuckte mit den Schultern. »Weil ich's nirgends lang mehr aushalte. Ich bin wie die Kranken, die sich immerfort im Bette herumdrehen, um sich einen Platz zu suchen, wo sie ihre Schmerzen weniger quälen.« »Ach, bleiben Sie doch!« rief ich. »Hier ist's ja so wunderschön!« »Wirklich?« Wieder das müde Zucken der Schultern. »Ich will's Ihnen zeigen, gnädige Frau, wie schön es hier ist!« Und dann klopfte mir das Herz. Wer war ich, daß ich mir erlauben konnte, so zu ihr zu sprechen – zu der Selvaggini! Sie aber schien an meiner Dreistigkeit keinen Anstoß zu nehmen. Ihre Brauen hoben sich. »Wollen Sie mir wirklich zeigen, wie schön das Leben noch sein kann?« fragte sie. »Wenn sich die Gnädige nicht beeilt, versäumt sie den Zug,« mahnte die Kammerjungfer, eine alte Person mit einem kaffeebraunen Gesicht unter weißen Haaren, mit aufmerksam beobachtenden schwarzen Augen und einem großen, festgeschlossenen Mund. »Ich reise nicht! Sie können die Koffer wieder hinaufschaffen lassen, Resi!« Dann, sich zu mir wendend: »Und jetzt könnten wir frühstücken!« Wie ich sie verehrte, vergötterte! Sie war aber auch anbetungswürdig. Eine alte Frau – eine wundervolle Ruine – voll geheimnisvoller Vergangenheitspoesie. Die Selvaggini, die große Selvaggini hatte die unerhörte Güte, sich zu mir herabzulassen, sich aufs mütterlichste mit meiner unwesentlichen Persönlichkeit zu beschäftigen. Aufs mütterlichste. Ja! Etwas andres fiel mir nicht ein. In meinem Alter und ganz besonders in den spießbürgerlichen Kreisen, in denen ich aufgewachsen war, kam man nicht auf den Gedanken, daß sich weibliche Regungen noch melden könnten bei einer Frau, die die Fünfzig überschritten hatte; ebenso gut hätte sie in den Siebzigern stehen können. Sie war eine unermüdliche Fußgängerin und Bergsteigerin. Kein Hügel in der Umgebung war vor ihr sicher. Ich durfte sie begleiten. Und obwohl mich ihre ausgedehnten Spaziergänge manches Mal anstrengten, boten sie mir doch einen großen Genuß. Ich sah alles mit schönheitskundigeren Augen, genoß die Landschaft mit künstlerisch verfeinertem Geschmack, wenn ich mit ihr zusammen war. Niemand hat ja mehr Sinn für Naturschönheiten gehabt als sie. Immer wieder machte sie mich auf einen malerischen Eindruck, ein stimmungsvolles Moment in der Umgebung aufmerksam, an dem ich stumpf vorübergegangen war. Aber eine unangenehme und für solch robuste Bergsteigerin merkwürdige Eigenschaft hatte sie; sie litt an Schwindel. An irgendeiner steilen Bergsenkung vorüberzugehen, war für sie eine Qual. Infolgedessen wichen wir meistens allen Abhängen und Abgründen aus, gegen welche die Straße nicht mit dem festesten Geländer gesichert war. Einmal bei einer sehr weit ausgreifenden Bergpartie verirrten wir uns und standen eine halbe Stunde vor Wartenberg vor der Wahl, entweder den ganzen weiten Weg zurücknehmen zu müssen oder an einem sehr steilen, gänzlich freiliegenden Abhang vorbeizuwandern. Zum Umkehren war's zu spät. Mir graute vor dem, was mir bevorstand. Der einzige Ausweg war, ihre Aufmerksamkeit von dem Abhang abzulenken. Ich verwickelte sie in ein sehr fesselndes Gespräch, über ihre russischen Tourneen fragte ich sie aus, erkundigte mich nach dem und jenem, plauderte in einem fort, und da ich an der Abhangseite, sie an der geschützten ging, hatte sie's nicht einmal gemerkt, an welchen Abgründen ich sie vorübergeleitet hatte, ehe wir darüber hinaus waren. Dann, aufatmend, blieb ich stehen, und hinter mich deutend, sagte ich: »Da, sehen Sie, was Sie überstanden haben!« Sie wurde totenblaß und zitterte am ganzen Körper. »Und Sie haben mich darüber hinweggetäuscht!« rief sie. »Dafür verdienen Sie ein Lied ... oder einen Kuß?« fügte sie schelmisch hinzu. »Ein Lied,« jauchzte ich, »ein Lied!« Fast jede andre alternde Frau hätte es mir verargt, daß ich mich nicht für den angebotenen Kuß entschied, und es ist ebenso merkwürdig wie bezeichnend für die Selvaggini, daß sie ruhig darüber hinwegging. Beweist doch diese eine Tatsache, die man nie vergessen darf, wenn man sie objektiv beurteilen will, daß bei ihr die Künstlerin maßgebender war als das Weib, weshalb ihre zahllosen Liebesabenteuer (Herr Gott, wenn mir damals jemand irgend etwas Ähnliches angedeutet hätte!) für sie ebensosehr eine zwingende Notwendigkeit wie etwas Nebensächliches waren. Sie schlug ihrem Temperament keine Befriedigung ab, nach der es ihm verlangte, beschäftigte sich aber nicht weiter mit diesen Episoden. Es war die Künstlerin in ihr, die immer neu schaffen, sich immer glänzender betätigen, die bewundert, verstanden werden wollte, und was sie damals am höchsten bei mir anschlug, war eben meine grenzenlose Begeisterung für ihre große Kunst. Drum, ohne irgendeine Empfindlichkeit zu bekunden, erklärte sie: »Sie sollen gleich drei Lieder haben – ja! Gleich auf der Stelle!« Und sie hub an. Eigentlich hat es etwas Lächerliches, wenn ein Mensch so im Freien plötzlich anfängt zu singen. Es erinnert an Handwerker auf der Wanderschaft, an Landpartien und angeheiterte Turnvereine. Aber sie besaß ein nie versagendes Stilgefühl und wählte Lieder, die in die waldumsäumte Wiesenlandschaft hineinpaßten: drei Volkslieder, ein deutsches »In einem kühlen Grunde«, dann das bekannte tschechische Sehnsuchtlied »Neni tu« und schließlich ein polnisches, den »Sterbenden Kosaken« von Moniuszko. Sie sang weich, halblaut, jeder Ton eine traurige Liebkosung. Ein Zauber ging von den Liedern aus. Es war, als hielten die dunklen Wälder den Atem an, um zu lauschen. Die Dämmerung begann zu sinken, die Dämmerung, die alle Ruinen in Schutz nimmt. Sie beschönigte den Verfall des bereits leicht durchfurchten Gesichts. Nur die edlen Linien der Züge blieben unverwischt. Die tiefliegenden großen Augen schimmerten wundervoll traurig. Ich sah sie nicht mehr, wie sie war, ich sah sie, wie sie in ihrer Blütezeit gewesen sein mußte. Und als sich ihre vollen Lippen in einem geheimnisvollen Lächeln teilten und mich flüsternd übermütig fragten: »War's recht so?«, da kniete ich vor ihr nieder und faßte ihre beiden Hände und drückte sie an die Lippen. Ihre Hände waren eiskalt, als ich sie berührte; mit einemmal fingen sie an, wie im Fieber zu brennen. In das feierliche Schwingen der Natur drang plötzlich ein schwacher, ängstlich schaudernder Laut. Eine Schwalbe flatterte knapp an der Erde hin. Der Zauber war gebrochen. Ich sprang auf, sah mich um. Die Wolken hingen so tief, daß sie den Kamm der Berge zu streifen schienen, die Dämmerung verdüsterte sich zu einem bläulichen Purpur. »Wir haben die größte Eile,« rief ich, »sonst werden wir von dem Gewitter überrascht.« »Ja ... die größte Eile,« wiederholte sie. Aber die Eile nützte nichts mehr. Wenige Minuten darauf goß es in Strömen. Da sie wie gewöhnlich nur eine leichte weiße Bluse trug und somit gänzlich dem Unwetter preisgegeben war, zog ich meinen Rock aus und warf ihn ihr um die Schultern. Todmüde von einem dreistündigen Marsch und stark erhitzt, gab ich hierbei meine Gesundheit preis, und sie, die im allgemeinen rücksichtsvoll und von ungemessener Herzensgüte war, ließ es ruhig geschehen. Wenn sich's um ihre Stimme handelte, legte sie eine unerhörte Selbstsucht an den Tag. Und nicht nur, daß sie es gar nicht merkte, wie ich mit den Zähnen klapperte, während sie, fest in meinen Rock eingeknöpft, nach Hause hastete – nein, sie zankte den ganzen Weg über mit mir und machte mir Vorwürfe wegen des Spazierganges, den sie auf meinen Rat hin unternommen zu haben vorgab, obgleich ich mich weiß Gott nur ihrem Wunsche untergeordnet hatte. Die Erregung, zu der sie sich entrüstete, half meinem Rock, sie warm zu halten, so daß die Dusche spurlos an ihr vorüberging. Ich aber wurde schwer krank. Mehr als einen Monat schwebte ich zwischen Leben und Tod, meist gänzlich bewußtlos. Meine Seele hing mir nur noch locker im Leibe. Manchmal flog sie ganz weg und taumelte in Gefilden herum, die ich nie gesehen, und überall, wohin sie sich verirrte, war es schwül und düster, überall schleppte ich dasslbe ratlose Angstgefühl mit mir herum, den Drang, zu fliehen, und die gänzliche Unfähigkeit, mich zu bewegen. Endlich eines Tags war mir's, als ob ich mich langsam aus der Tiefe einer heißen roten Flut hinaufgearbeitet hätte in freie Luft. Ich öffnete die Augen. Neben mir saß meine Mutter. Die liebe Überraschung! Das Gefühl warmen Geborgenseins und reiner Luft, das mich umfing! »Mama,« murmelte ich und sah mich befremdet um, »wie kommst du her... was ist denn eigentlich vorgefallen?« »Reg' dich nicht auf, mein armer Bub. Du warst sehr krank, du hast uns Sorgen gemacht, aber jetzt geht's besser. Gottlob!« Und sie strich mir leise die Haare aus der Stirn. »Aber wie kommst du her?« »Frau Selvaggini hat mir geschrieben. Ich konnte nicht gleich von zu Hause fort, weil Fritzi (das war meine jüngste Schwester) gerade am Scharlach erkrankt war. Das war eine böse Zeit. Meine Angst pendelte zwischen euch beiden!« »Wann bist du angekommen?« fragte ich. »Vor einer Woche ... und jetzt sei still! Sonst schickt mich der Doktor fort.« Mein Blick fiel auf meine Hand, die müde auf der Bettdecke lag. Sie sah welk und faltig aus, wie die einer siebzigjährigen Frau. Ich erschrak davor. Dann schweifte mein Blick weiter. Mein Zimmer war durch einen eisernen Ofen verunstaltet, dessen Rohr durch eine Fensterscheibe hinausgeleitet war. Das andre Fenster stand offen. Aus feucht verschleiertem Sonnenschein leuchteten die Wälder rot und gelb zwischen dem schwärzlichen Grün der Nadelbäume. Es war Herbst geworden. Als ich mein Bett verlassen und mich in einen bequemen Ruhestuhl zurechtlehnen konnte, ließ die Selvaggini anfragen, ob sie uns besuchen dürfe, und obwohl meine Mutter die Künstlerin bereits kennen und im Laufe meiner Krankheit schätzen gelernt hatte, sah ich doch dem vertrauteren Beisammensein der beiden Frauen nicht ohne Beklommenheit entgegen. Ich fürchtete, daß sich bei meiner lieben, verehrten, aber kleinstädtischen Mutter die Vorurteile gegen die Künstlerin doch melden möchten, sobald die Dankbarkeit, die sie um meinetwillen der Primadonna schuldete, in den Hintergrund getreten sein würde. Und ebenso fürchtete ich, daß die große Künstlerin mit ihrem stark ausgebildeten Denk- und Urteilsvermögen, ihrer weiten interessanten Lebens- und Erfahrungssphäre mein zärtlich geliebtes Mütterchen nicht zu schätzen wissen würde. Ich irrte mich. Die beiden Frauen vertrugen sich ausgezeichnet. Vielleicht hielt sich mein Mütterchen ein wenig gerader als gewöhnlich, als die Selvaggini eintrat, aber die innige Verehrung, die rührende Bescheidenheit der Primadonna verscheuchten die Steifheit bald. Ehe Mutter es verhindern konnte, hatte ihr die Selvaggini die Hand geküßt – dann, sich zu mir wendend: »Können Sie mir verzeihen, mein armer junger Freund?« Und da ich nicht mehr wußte, was ich ihr zu verzeihen hätte, erzählte sie meiner Mutter von unserm letzten Spaziergang, wobei sie ein übertriebenes Aufheben machte von meiner Ritterlichkeit und Selbstlosigkeit. »Den Rock hat er sich vom Leibe gerissen, als der kalte Regen losprasselte, um mich damit zu schützen, wo er den Schutz so viel nötiger hatte als ich!« rief sie. Worauf meine Mutter: »So, so, das hat er mir gar nicht gesagt!« Und die Selvaggini: »Das sieht ihm ähnlich, gnädige Frau, so ist er!« »Ich hatte es einfach vergessen!« sagte ich. »Vergessen! Einfach vergessen,« rief die Selvaggini, »daß ich ihm fast das Leben gekostet habe. Da sehen Sie, was für einen Sohn Sie haben, gnädige Frau! Ich hoffe, Sie sind gebührend stolz auf ihn.« »Ja, das bin ich,« versicherte meine Mutter. Im Leben war ihr's noch nicht eingefallen, stolz auf mich zu sein, nur liebgehabt hatte sie mich bis dahin. Aber unwillkürlich hingerissen von dem Feuer der Selvaggini, ging sie auf diese dramatische Steigerung der Rührszene ein. Erst jetzt, wenn ich an die unendlich traurige Episode zurückdenke, werde ich mir ganz klar darüber, wieviel zärtlich heimtückische Klugheit die Selvaggini darangewendet hat, sich das Vertrauen meiner Mutter zu gewinnen. Mir gegenüber war sie hier und da aus der Rolle der mütterlichen Freundin, der älteren Frau herausgefallen, durch einen schelmisch herausfordernden Blick, eine kokette Neckerei. Auch in ihrem Anzug hatte sie manches Mal unnötige Gefallsüchtigkeiten verraten. Ich habe vergessen, Ihnen davon zu erzählen, weil es schließlich Geringfügigkeiten waren, die sich noch obendrein bei einer Primadonna von selbst verstehen. Jetzt erwähne ich sie nur, um die feine Vorsicht zu betonen, mit der die Selvaggini, sobald sie sich der Beobachtung meiner Mutter gegenübersah, alles Derartige unterdrückte. In ihrem Anzug zeigte sie immer dieselbe vornehme Einfachheit und Nettigkeit, in der Unterhaltung wich sie mit ängstlicher Vorsicht allen starken Pointen aus. Mir gegenüber hielt sie streng an einem gutmütig wohlwollenden, etwas überlegen jovialen Ton fest, während sie meiner Mutter eine geradezu rührende Verehrung bewies. Ich hatte es gut zwischen den beiden mich verhätschelnden Frauen; mit meiner Gesundheit aber wollte es nicht recht vorwärtsgehen. Der Arzt machte ein bedenkliches Gesicht – natürlich nicht in meiner Gegenwart, meine Mutter hat es mir später erzählt. Wenn ich den Winter nicht im Süden verbringen könne, stünde er für nichts. Eines Tags (das erfuhr ich auch erst später), als meine Mutter, ratlos vor sich hinweinend, in den herbstlich fröstelnden Wäldern herumirrte, kam die Selvaggini auf sie zu und sagte: »Gnädige Frau! Sie wissen, daß ich allein die Schuld an Ihrer Sorge trage. Wollen Sie es mir gönnen, mein Unrecht so weit zu sühnen, als es überhaupt in meiner Macht steht? – Ich bin eine alte Frau« – sie nannte ihr Alter, das allerdings um zehn Jahre mehr als das meiner Mutter betrug –, »Sie können mir ruhig Ihren Sohn anvertrauen. Ich will mit ihm nach dem Süden reisen. Es würde mir ein unaussprechlicher Trost sein, wenn ich Ihnen Ihr Kind im Frühjahr gänzlich geheilt zurückgeben könnte. Natürlich nehme ich einen Diener mit, der die Pflege besorgt. Ich will sie nur überwachen. Ihr Sohn soll ganz ungeniert sein. Zu danken haben Sie mir nichts – im Gegenteil danke ich Ihnen, wenn Sie mir die Gelegenheit gönnen, mein Gewissen von der Last, die es seit der Erkrankung des Ärmsten bedrückt, zu befreien.« Meine welt- und lebensunkundige Mutter ging auf den Vorschlag ein. Ich bin es der Selvaggini schuldig, Ihnen zu sagen, was sie damals für mich gewesen ist. Ein Schutzengel, eine barmherzige Schwester und, ich darf es behaupten, ohne die mystische Schönheit des Wortes zu entheiligen, eine Mutter. Sie hatte natürlich nicht nur zu meiner besonderen Bequemlichkeit, sondern weil sie es überhaupt gewohnt war, einen Diener mitgenommen, dessen Wartung sie mich in normalen Zeiten überließ. Wenn ich aber, was anfangs häufig vorkam, einen Rückfall hatte, saß sie die Nächte neben meinem Bett, wurde nicht müde, mich in ihren starken Armen aufzustützen, wenn mich der Krampfhusten überfiel; sie reichte mir die Medizin mit der Pünktlichkeit einer Wärterin und richtete mir meine Polster zehn-, zwanzigmal in einer Nacht. Anfangs hatte es mich sehr verlegen gemacht, mich von ihr bedienen zu lassen, aber ich war zu schwach und elend, um mich ernstlich zu wehren, und bald nahm ich ihre Aufopferung als etwas Selbstverständliches hin. Ende Januar trat eine auffallende Besserung ein. Da kam etwas, das mich beunruhigte, nicht auf lange, aber doch. Mit einem Gespräch über meine Mutter fing's an. Ihrem Versprechen gemäß schrieb ihr die Selvaggini alle Tage zum mindesten auf einer Postkarte, wie's mir ging. Meine Mutter antwortete nur jede Woche einmal, aber immer in einem längeren Brief. Es mag ihr sauer genug gefallen sein, und ihre Briefe waren gewiß oft steif und lahm. Genau weiß ich's nicht, denn die Selvaggini hat mir die Briefe nie gezeigt, aber das eine weiß ich, daß das Gesicht der Diva jedesmal aufgeleuchtet hat, wenn wieder einmal eine Epistel aus St. Pölten kam, und daß sie diese Dokumente wie Reliquien in einem Kästchen aus Sandelholz zwischen Lavendel und trockenen Rosenblättern aufbewahrt hat. Der Februar hatte begonnen. Die Mandelbäume blühten in den Gärten von San Remo. In einen warmen Mantel gehüllt, saß ich in der Loggia unsrer Villa, die mit vollem Recht den Namen Paradiso trug. Sie saß mir gegenüber, einen der Briefe meiner Mutter auf den Knien und Tränen in den Augen. »Deine Mutter ist eine Heilige!« sagte sie andächtig. Im Laufe meiner Krankheit hatte sie sich gewöhnt, mich zu duzen, während ich mir das Sie nie abgewöhnen konnte, obwohl ich sie bei ihrem Vornamen Marie nannte. »Daß es wirklich solche Frauen gibt!« Ich sah sie groß an. Ich liebte meine Mutter zärtlich. Daß sie aber eine so hervorragende Ausnahme bilde, war mir nie aufgefallen. Sie war, wie sie fast alle waren, die meine Kindheit umgeben hatten, nur anmutiger, liebenswürdiger; war eben meine Mutter und mir infolgedessen tausendmal teurer und wertvoller als die andern. Die Selvaggini sah ein Weilchen stumm vor sich hin. Zwischen den dünnen Riviera-Palmen starrte sie in die dunkelblaue Unruhe des Meeres. »Wie sich das herumschlägt!« murmelte sie. »Wie sich die Wellen eine nach der andern untergraben oder überstürzen; wie eine die andre zugrunde richtet, eine jede sich abquält in rastloser Unruhe wie ein Rätsel, das nach seiner Lösung ringt! Ein jedes Leben ist so ein Rätsel. Und darüber wölbt sich der weite stille blaue Himmel!« »Nun, immer ist er auch nicht blau, der Himmel.« »Du hast ganz recht,« erwiderte sie. »Wolken ziehen drüber hin; aber man weiß doch immer, daß hinter den Wolken das Blau steht. Vom Meer weiß man nichts; nichts, als daß es schön und grausam ist. Manches Mal denke ich, die Erde ist einfach die Hölle oder das Fegefeuer, und das Leben ist die uns auferlegte Strafe und Qual.« »Ist es denn immer eine Qual?« fragte ich. Sie schauderte und faßte sich an beiden Händen so krampfhaft fest, daß ich sah, wie sie sich die Nägel ins Fleisch grub. »Meine arme Mutter hat sich vor mir öfters über ein Unglück, über eine Mühsal beklagt,« bemerkte ich, »nie über das Leben selbst, und sie ist eine arme Witwe, die mit Müh und Not drei Töchter in der Provinz großzieht und ihren einzigen Sohn von einer fremden Wohltäterin gesundpflegen lassen muß, weil ihr die Mittel fehlen, es selber zu tun. Und Sie sind eine geniale Künstlerin, eine der Königinnen der Erde! Sie haben alles genossen, was die Welt zu bieten hat, und erklären das Leben für eine Qual?« »Ich hab' dir's schon einmal gesagt, deine Mutter ist eine Heilige, ein Engel. Sie gehört nicht unter uns. Ich begreife gar nicht, wie sie sich mit dem Leben abfinden kann, das sie führt.« Später hab' ich's verstanden, damals begriff ich nicht, begriff durchaus nicht, was gerade »Wunderbares« an meiner Mutter sein sollte. Mit einer bösen Falte zwischen den Brauen und einem trotzigen sich zur Wehr setzenden Ausdruck um den Mund fuhr sie fort: »Aber eine solche Frau kann keine Künstlerin sein, mit einer solchen Lebensführung ist es unmöglich – und doch vielleicht ... wäre es möglich, Inspiration zu schöpfen aus der Askese... man berauscht sich nicht nur am Genuß – man berauscht sich auch am Hunger. Niemand hat eine lebhaftere, eine extravagantere Phantasie gehabt als der heilige Antonius.« Da erschien der alte Diener und brachte ihr auf silberner Platte (es ging vornehm bei ihr zu) eine Visitenkarte. Ich sah, daß sie die Farbe wechselte und ihr der Besuch mißliebig war, aber ehe sie sein Erscheinen verhindern konnte, was offenbar ihre Absicht gewesen, stand er schon vor ihr auf der Loggia. Es war ein sehr schöner Mann, in reifen Jahren, aber entschieden jünger als meine Beschützerin, Pole bis in die Fingerspitzen, der polnische Aristokrat a la sauce parisienne . Er hatte volles graues Haar, das er an der Stirn etwas zurückgestrichen und an den Schläfen mit kühnem Schwung hinaufgebürstet trug, hübsche, regelmäßige, etwas weichliche Züge und einen grauen, keineswegs übertriebenen Schnurrbart mit leicht aufgekräuselten Enden. Seinen Jahren gemäß war er ziemlich breit in den Schultern und überhaupt stämmig. Was mir am meisten an ihm auffiel, das waren seine hellblauen Augen, die, meistens mit einem schmachtenden Ausdruck behaftet, manchmal ganz unerwartet aufblitzten, worauf sie plötzlich die Farbe einer scharfgeschliffenen, heimtückischen Waffe annahmen. So gut mir seine Erscheinung anfangs gefiel, so sehr verdrossen mich seine Manieren, die voll von unnötigen Überschwenglichkeiten und Faxen waren. Beim Betreten der Loggia rief er: »Marie!« und streckte wie in Ekstase oder Entrüstung seine beiden sehr gepflegten weichlichen, weißen Hände in die Luft. Es war damals Mode geworden für Männer, keine Handschuhe zu tragen. » En voilà une façon de traiter ses amis! « Gleich darauf ließ er sich auf ein Knie vor ihr nieder und küßte ihr nicht nur die Handrücken, sondern auch die Handflächen. Es bereitete mir eine boshafte Genugtuung, zu konstatieren, daß es ihm schwerfiel, sich wieder aufzurichten. Dabei merkte ich, daß er, wie nur ein sehr guter Bekannter, Hut und Stock unaufgefordert weggelegt hatte. » Vous me saviez pourtant à Nice «, fuhr er, immer französisch plappernd fort, und ich muß sagen, er plapperte es mit einem famosen Akzent, genau wie ein mir bekannter Papagei, der sich lange in einer Pariser Familie aufgehalten hatte. »Warum haben Sie mir denn kein Zeichen gegeben? Sofort wäre ich zu Ihnen gestürzt, vielleicht hätte ich Ihnen nützlich sein können.« »Ich war momentan viel zu sehr mit meinem Kranken beschäftigt, um mich Ihrer überhaupt zu erinnern,« gab sie zurück. Die Worte klangen unliebenswürdig, aber sie waren von einem Lächeln begleitet, und zugleich hob sie beide Hände an die Ohren, um nach ihren Boutons zu greifen. Diese Geste war charakteristisch für sie. Bis dahin hatte ich einfach geglaubt, sie wolle sich damit versichern, ob die kostbaren Steine sich an ihrem Platz befänden, jetzt zum erstenmal kam mir der Gedanke, daß die Geste, die sich so sehr dazu eignete, ihre ungewöhnlich schönen Hände zu zeigen, mit einer gewissen Koketterie verbunden war. »Wie Sie sehen, hab' ich einen Pflegesohn!« Sie lachte etwas gezwungen. »Ach so! Cela explique !« Immer wieder fiel er ins Französische. Wie viele Polen hatte er so lange in Paris und Nizza gewohnt, daß ihm die französische Sprache geläufiger war als die polnische. Das soll durchaus nicht bedeuten, daß er das Polnische vergessen hatte. Sobald er es bei irgendeiner ernstlichen Gelegenheit – das ist bei den Polen immer eine politische – benötigte, fand er es sofort wieder. »Wollen Sie uns bekannt machen, Marie?« »Herr Raimund Schmieden – Graf Dazinsky« sagte sie. Er reichte mir die Hand und versicherte mir, daß er sich sehr freue, mich kennenzulernen. Ich konnte mich nicht dazu überwinden, ihm eine Gegenversicherung zu bieten. Er war mir vom ersten Augenblick an antipathisch trotz seiner Schönheit, seiner Vornehmheit und seinen verbindlichen Manieren; vielleicht sogar ein wenig infolge von alledem. Sie fetzten sich nun beide auf die Loggia in einiger Entfernung von mir. Meine Wohltäterin ließ Tee bringen und allerhand köstliches Beiwerk. Sie servierte mit einer mir an ihr ganz neuen pikanten Anmut, wobei sie Wert darauf legte, mich zuerst, und zwar aufs reichlichste und aufmerksamste, zu versorgen, ehe sie sich ganz ihrem alten Verehrer widmete. Als er seinen Imbiß beendet halte, zog er ein goldenes Zigarettenetui mit einem Saphir in der einen Ecke aus der Brusttasche und bot ihr eine »Papiros«, wie er es nannte. Obzwar sie sonst nie rauchte, nahm sie das feine weiße Röhrchen zwischen ihre Finger und fing an, feingekräuselte Wölkchen vor sich hinzublasen. Ich hatte noch nie eine Frau mit solcher Grazie rauchen sehen. Eine leichte Röte färbte ihr die Wangen, ihre blaugrünen Augen glänzten und funkelten unter den dunklen Wimpern wie noch nie. Wie deutlich ich sie vor mir sehe! Sie war ganz einfach gekleidet: ein dunkelblauer Sergerock von Redfern (Sie sehen, ich fing an, in ihre Schneidergeheimnisse eingeweiht zu sein) und eine allerdings ziemlich komplizierte weiße Batistbluse, über die sie lose – sie bald höher ziehend, bald ganz zurückgleiten lassend – ihre beliebte Boa aus dunklem Zobel trug. Dazu das noch immer reiche, in losem Geringel zurückgestrichene, hochauf frisierte Haar – ein paar Löschen in der Stirn, blitzende Steine in den Ohren und blitzende Steine an ihren schlanken, weißen, rosig gespitzten Fingern. Herr Gott, muß sie schön gewesen sein! sagte ich mir, und gleich darauf kam mit der Gedanke: Wie schwer muß es einer so schön gewesenen Frau werden, sich in den Verfall ihres Äußeren zu finden. Zum ersten Male begriff ich, was es für die Selvaggini heißen mußte, »alt« zu werden. Das Alter, das für so viele andre Frauen nur eine sanfte Beruhigung bedeutet, eine freundliche Brücke zu der Resignation, die uns so vieles im Leben erleichtert und uns die Freude an einer Menge kleiner Genüsse lehrt, an denen wir in unsrer stürmischen, der Zukunft und all ihren Wahnbildern entgegenrasenden Jugend blind oder überlegen vorüberzustreifen pflegen – dieses Alter mußte für Frauen wie die Selvaggini ein Gefängnis bedeuten, in dem ihre Schönheit und ihre Kunst wie zwei zum Tode Verurteilte in einer sich gegen den unerbittlichen Richtspruch der Zeit auflehnenden Verzweiflung herumschlugen. Das Alter beständig abwehrend, immer wieder um Aufschub flehend, verfallen solche Frauen schließlich einer Art halb lächerlichen, halb schauerlichen Wunderglaubens, der ihnen vorlügt, daß für sie die Zeit stehengeblieben ist, die Naturgesetze umgestoßen worden sind, daß vor dem herrlichen Meisterwerk Gottes, als das sie sich fühlen, das Alter in scheuer Ehrfurcht zögert und nicht wagt, an seine Vernichtung zu schreiten. Natürlich hätte ich damals mein Gefühl in dieser Sache nicht so bestimmt auszudrücken gewußt wie jetzt, aber es war doch ganz deutlich in mir erwacht. Obwohl beide französisch redeten, fing ich hie und da einen Satz auf. Er versicherte ihr, daß sie schöner als je sei, »d'un charme plus capiteux «, und sie lächelte übermütig, den Kopf zurücklehnend, mit schelmisch zwinkernden Augen. Sie hatte die Beine übereinandergekreuzt. Zum erstenmal bemerkte ich, wie schön der Fuß, wie fein der Knöchel war, ein leichtdurchbrochener schwarzer Seidenstrumpf, ein schmaler schwarzer Glanzlederschuh mit diskreter Schnalle kleideten ihn vortrefflich. Der Blick des Grafen richtete sich darauf. »Noch immer der schönste Fuß der Welt!« sagte er. Sie zuckte die Achseln und erwiderte irgend etwas, wobei ihre Stimme um wenigstens eine Terz höher war, als wenn sie mit mir sprach. Sie war mit einemmal ganz Polin. Ich verstand, daß er sie aufforderte, nach Nizza zu kommen, um mit ihm und einer Dame, die er Juja (das Jot wie das französische Je ausgesprochen) nannte, zu frühstücken. » Nous ferons le déjeuner aux huitres et au champagne! « setzte er hinzu. »Und wir werden uns an alte Zeiten erinnern, Marie!« Da wurde sie mit einemmal ernst. »Wer sagt Ihnen, daß ich mich gern an alte Zeiten erinnere?« erwiderte sie. »Ich urteile nach mir!« versicherte er mit einem leidenschaftlichen Blick. »Ich liebe es nicht, Gräber aufzuwühlen – je crains les revenants «, sagte sie und schauderte. Ein Schweigen fiel zwischen sie und ihn. »Nun, dann wollen wir von der Zukunft reden,« rief er herausfordernd aus. Sie aber runzelte die Brauen: »Die fürchte ich noch mehr!« erwiderte sie. » Décidément, je n'ai pas de chance! « lachte er. »Aber zwischen Vergangenheit und Zukunft können wir uns doch an der Gegenwart freuen. Sagen Sie, Marie, wann kommen Sie zu mir? Bestimmen Sie den Tag!« Sie zögerte. Ihr Blick schweifte zu mir herüber. »Vorläufig kann ich meinen Kranken nicht verlassen, er ist sehr ungeduldig und unvorsichtig!« Mir freundlich zulächelnd, drohte sie mir mit dem Finger. »Er scheint Sie sehr in Anspruch zu nehmen, der Kranke,« bemerkte er trocken, wobei er nicht die Selvaggini, sondern die Spitzen seiner hellen Halbschuhe ansah. »Da ich ihm fast das Leben gekostet habe, bin ich ihm schuldig, es ihm zurückzuerstatten,« sagte sie. »Ich verstehe nicht. Das müssen Sie mir ein andermal erzählen, jetzt ist, fürchte ich, keine Zeit mehr dazu.« Er zog seine Uhr, die er ohne Kette in der Westentasche trug, ließ den goldenen Doppeldeckel aufspringen und stellte fest, daß es Zeit sei, sich auf die Bahn zu begeben. Sie setzte ihren Hut auf, der in einer Ecke der Loggia lag, wobei sie, was mir auffiel, ein Spiegelchen aus der Handtasche nahm und ihre Stirnlöckchen zurechtzupfte. Das hatte sie bisher nie getan. Bildschön sah sie aus, unwahrscheinlich schön für eine Frau Mitte der Fünfzig. »Ich will Sie auf die Bahn begleiten, Kasimir,« sagte sie, indem sie ihre langen schwedischen Handschuhe über die Finger streifte. Damals trugen Damen auch bei Tag Ärmel, die nur über den Ellenbogen reichten. Hingegen knöpften sie ihre Kragen am Halse bis unter das Kinn zu. »Wir sind ja en villégiature, ich brauche keine Jacke anzuziehen. J'ai trop chaud! – Hast du alles, was du brauchst, mein Kind? Da ist die Glocke, noch eine Decke ... nein ... es ist heiß wie im Sommer. – Ich bin gleich zurück.« Unterhalb der Loggia hörte ich die beiden reden. Er war mürrisch und unzufrieden, seine Worte verstand ich nicht, aber die ihren: »Kasimir,« wandte sie ein, »'s ist ja ein Kind, ein armes krankes Kind!« Ihre Stimme hatte alle Affektation verloren, es war wieder die goldene Stimme voll mütterlicher Güte, die ich anbetete. Er aber antwortete: » Quant, à ça ... das Kind wird gesunden, et tu as toujours aimé la jeunesse! « Ich erinnere mich noch, wie unangenehm mich die Worte berührten, wie mir das Herz zu klopfen begann. Warum duzte er sie plötzlich? Was meinte er nur? Was konnte er meinen? Ehe ich die Antwort gefunden, war meine Wohltäterin von der Bahn zurückgekehrt, ein wenig außer Atem und offenbar in gehobener Stimmung. Sie setzte sich, zupfte an ihrem Jabot, in das sie einen Veilchenstrauß gesteckt hatte, schwieg eine Weile und fing plötzlich an zu lachen – girrend, perlend, mit zurückgeworfenem Kopf, etwas theatralisch: »Der Narr! Der Narr!« rief sie. »Er ist verliebter in mich als je. Ha, ha, ha, denke dir, er hat mir einen Heiratsantrag gemacht!« »Nun ... und?« fragte ich gespannt und, wozu ich gar kein Recht hatte, böse. »Aber ich bitte dich, eine Frau in meinem Alter!« Dabei kniff sie die Augen zusammen und streifte mich mit einem scheuen fragenden Blick. Ich erriet, daß sie tröstenden Widerspruch von mir erwartete. Den aber gönnte ich ihr nicht. Ich war zu verstimmt dazu. Mich auf das hohe Roß meiner jungen Weisheit setzend, erklärte ich ihr: »Das Alter hat damit nichts zu tun. Warum sollten zwei alte Freunde nicht ihre Existenzen vereinigen und sich in Gottes Namen, um unnützem Geschwätz den Faden abzuschneiden, heiraten? – Aber den dürfen Sie nicht heiraten, Marie ... meine angebetete, vergötterte Wohltäterin und Freundin!« »Warum nicht?« »Weil er Ihrer nicht würdig ist!« Eine scharfe Falte zeichnete sich zwischen ihren Brauen. Sie antwortete nicht mehr. Die Sonne hatte sich indessen gesenkt. Ich vergaß alles über dem unvergleichlichen Anblick, der sich mir bot. Die Wolken am Horizont und das Meer verschmolzen in einer wilden, leuchtenden Farbenorgie, die aussah, wie aus Flammen und Blut gemischt. Dann verschwand die Sonne, die Dämmerung zog graue Schleier über die Wolken und streute ihren Aschenregen über das Meer. Es verschwand in dem sich verdichtenden Dunkel, man sah nichts mehr davon als die weißen Kämme der Wellen, wie sie gespenstisch aus tiefem Grau aufschimmerten, und man hörte die Wellen schreien. Die freundlichen Rosenranken um die Loggia wurden schwarz, der Himmel war blaß und leer. Der Diener trat heraus, um zu fragen, ob es nicht Zeit sei, daß ich in mein Zimmer zurückkehre. Er war eine Vertrauensperson und ganz berechtigt, sich unaufgefordert in meine gesundheitlichen Angelegenheiten zu mischen. »Die höchste Zeit! Gute Nacht!« rief die Selvaggini und winkte mir verabschiedend zu, so daß ich ihr nicht einmal die Hand reichen konnte. Mit Genuß streckte ich mich auf meinem weißen frischen Lager zurecht. Da ich nach meiner Krankheit zum erstenmal so lange an der Luft gewesen, fühlte ich mich müde und genoß die Ruhe, doch mischte sich eine innere, immer stärker anwachsende Verstimmung in diesen Genuß. Der Professor hatte eine Pause gemacht, als wollte er in der Erinnerung jene Tage noch einmal nachkosten. Dann fuhr er fort: Die Zeit verging. Warum kam sie denn nicht, wie jeden Abend, um nach mir zu sehen? Nun, sie fand es wohl nicht mehr nötig, mich noch weiterhin so wie bisher zu verzärteln und zu verwöhnen. Ich war schon zu gesund dazu. Bisher war sie jeden Abend gekommen, hatte mir eine Tasse Bouillon gebracht und sich an mein Bett gesetzt. Wenn mich der Husten plagte, las sie mir vor; wenn mir wohler war, plauderten wir miteinander, das heißt, sie plauderte, ich hörte zu, während sie mir allerhand interessante Dinge aus ihrem Leben erzählte. Bald schilderte sie mir die kurzweiligen Eigentümlichkeiten eines der vielen Potentaten, mit denen sie in persönlichem Verkehr gestanden, oder sie klärte mir einen politischen Vorfall auf, den sie durch ihre persönlichen Beziehungen in seinem rechten Licht gesehen und von dem ich mir eine ganz falsche Vorstellung gemacht hatte. Wenn sie ihren guten Tag oder Abend hatte, war ihre Unterhaltung so interessant wie ein geistvolles altes Memoirenwerk, in dem man nicht müde wird zu blättern. Ich horchte und horchte, sie kam nicht. Es war der alte Luigi, der mir diesmal, eine halbe Stunde später als sonst, die Tasse Bouillon brachte. Übellaunig schob ich sie weg. Immer noch horchte ich, ob sie kommen werde. Ich hörte aber nichts, nichts als die Stimmen der Wellen, die immer trauriger, immer trostloser wurden. Plötzlich vernahm ich etwas, das trauriger, trostloser war als sie. Ihren Schritt, den Schritt meiner Wohltäterin, nach dem ich mich gesehnt. Aber mir näherte er sich nicht, über meinem Zimmer hörte ich ihn, in dem von ihr bewohnten Gemach. Wie er auf und ab hastete – schneller, immer schneller. Er schien etwas zu fliehen. – Was? ... Konnte sie wirklich verliebt sein in den Polen? fragte ich mich. Kämpfte sie mit sich? Arme Frau! Mein Mitleid war nicht tief. Die Sache berührte mich eher verdrießlich als tragisch. Ich drehte das elektrische Licht ab, seufzte ein letztes Mal und schlief ein. Im Traum war mir's, als ob sich jemand über mich gebeugt und mich ganz leise auf die Stirn geküßt hätte. Als ich aufwachte, war niemand da. Hab' ich wirklich geträumt? fragte ich mich. – – »Die gnädige Frau läßt fragen, wie der junge Herr geschlafen hat,« meldete der Diener, als er am nächsten Morgen mit meinen Kleidern über dem Arm in mein Schlafzimmer trat. »Zunächst möchte sie wissen, ob der junge Herr wohl genug ist, mit der Gnädigen auf der Loggia zu frühstücken oder heute noch sein Frühstück im Bett zu nehmen wünscht.« Ich hatte ausgezeichnet geschlafen und eilte auf die Loggia hinaus. Sie kam mir mit ausgestreckten Händen entgegen. Sie war bezaubernd. Keine Spur mehr von der Unruhe, die sie gestern durchfiebert hatte. Ihr Blick, ihr Lächeln, ja jede Falte ihres Kleides, jeder Bug ihrer Frisur atmete gütige Mütterlichkeit. »Ist mein schlimmes Kind wieder gut?« fragte sie. »Das schlimme Kind schämt sich!« rief ich, indem ich gerührt ihre Hände, eine nach der andern, küßte und sie länger als sonst an die Lippen hielt. »Hat keine Veranlassung dazu. Das Kind hatte recht,« erwiderte sie. »Ach, mein Lieber, du darfst nicht vergessen, daß du es mit einer alten Komödiantin zu tun hast. – Wir haben so manchmal plötzliche Anfälle von Jugendlichkeit, besonders wenn wir mit Leuten zusammenkommen, die uns miterlebt haben.« »Wie können Sie von sich im Plural sprechen, Marie! – Es gibt keine zweite wie Sie auf der Welt,« entgegnete ich ihr entrüstet. »Meinst du?« Sie runzelte die Brauen, und um ihre erschlafften Lippen, die nur noch im Lächeln schön waren, zuckte es. »Ich glaube, du irrst. In mancher Beziehung bin ich typisch. Es ist fast ein Trost,« fügte sie sehr leise hinzu, »daß man mit seinen Gebrechen nicht allein steht auf der Welt. Man schämt sich weniger ... Grüble nicht weiter nach über die Dummheiten, die ich sag', und laß dir's schmecken.« Und ich ließ mir's schmecken. Oh, der exquisite Tee, den sie mir braute, die heißen Röstschnitten mit frischer Butter dazu, das kalte Fleisch in Aspik, der wie zerkrümelte Goldopale glänzte; die weichen Eier, die wie Mandeln schmeckten, und zum Schluß die in Eis gekühlte Pampelmuse! Und alles das an einem Tisch, der von Silber und Glas und feinem Porzellan funkelte, mit einem Rosenstrauß in der Mitte und Rosen ringsherum. An den Säulen der Loggia rankten sie empor, von dem Dach nickten sie herunter, über den Rand der Balustrade guckten sie zu uns herein – rote, rosa, lachsrote und weiße, und zwischen den Rosen der Blick auf den blauen Himmel und das Meer. Als das Frühstück beendet, nahm sie von einem kleinen Korbtischchen, an dem sie in der Loggia zu schreiben pflegte, einen Brief, der, wie ich von weitem sah, an den Grafen Dazinsky adressiert war. »Fühlst du dich wohl genug, einen kleinen Gang für mich zu machen?« fragte sie. »Wohl genug, um zu Fuß nach Mentone zu gehen!« flunkerte ich. »Nun, eine solche Kraftanstrengung möchte ich dir vorläufig doch nicht zumuten!« erwiderte sie mit einem drolligen Lächeln. »Alles, worum ich dich bitte, ist, diesen Brief in den nächsten Postkasten zu werfen.« Es handelte sich um zwanzig Schritt. In zwei Minuten hatte ich mich des Auftrags entledigt und war bei ihr zurück. »Es war lieb von dir, nicht zu fragen, was ich geschrieben,« murmelte sie weich. »Ich hab's ja erraten – Sie haben ihm abgesagt.« »Richtig – und zwar energisch. Er wird uns nicht mehr stören.« »Das ist herrlich. Marie, Sie sind nicht nur die größte Künstlerin, sondern auch die beste, edelste Frau auf der Welt.« Sie hatte sich von der Loggia entfernt und saß im Wohnzimmer in einem niedrigen englischen Klubsessel. »Mein Gott, ich wußte, daß dich die Sache verdroß, und wollte dir den Stein so bald als möglich vom Herzen nehmen. » Eh, mon Dieu, ces choses là ne sont plus de mon âge! « versicherte sie und rieb sich ein wenig die Augen. Noch nie hatte sie ihr Alter so sehr betont; noch nie hatte sie mich so zutraulich gemacht. Ich weiß selbst nicht, wie es kam, daß ich plötzlich auf der Seitenlehne des Klubsessels neben ihr saß und den Arm um ihre Schulter legte. »Ich habe es Ihnen schon gestern gesagt,« bemerkte ich leise, »es sind nicht die Jahre, die in diesem Falle eine Verbindung ausschließen, es ist der Unwert des Freiers.« »Hm!« Sie sah plötzlich zu mir auf. »Wenn du so alt wärst wie Dazinsky – so dürfte ich heiraten ... ich nehme natürlich den Fall an, daß du mich wolltest.« Sie lachte. Ich aber blieb ernst. »Natürlich würde ich wollen,« erklärte ich. »Aber wert wäre ich Ihrer auch nicht. Nur ... würde ich die Situation doch wohl würdiger auffassen als der polnische Graf, ich würde Ihnen die Achtung und Verehrung entgegenbringen, auf die Sie Anspruch haben, anstatt Ihnen unangebrachte Faxen und geschmacklose Komplimente zu bieten.« »Hm! Und wenn mir nun die geschmacklosen Komplimente Freude machen, du vorlauter Bub?« »Das glaube ich Ihnen nicht!« »So, das sagst du, weil du sie für verlogen hältst; weil es für dich jungen Frechdachs ganz ausgeschlossen ist, daß sich jemand noch in eine alte Frau wie mich verlieben könnte.« Ich schwieg betroffen, da dies allerdings meine Gedanken gewesen waren. Ein Weilchen blieb auch sie stumm, dann plötzlich: »Und nehmen wir den andern Fall. Wenn, anstatt daß du so alt wärst wie ich, ich so jung wäre wie du – was dann?« »Dann,« jauchzte ich, »dann wäre ich so rasend verliebt in Sie, Marie, aber so rasend verliebt, daß ich die Welt aus den Fugen heben würde, um Sie zu erringen!« »Und du würdest mich heiraten?« »Natürlich, wenn Sie mich wollten. Ich müßte mir doch ein Recht sichern, alle Männer totschlagen zu dürfen, die sich an Sie heranwagen würden.« Ich hatte, wie Sie sehen, einen scherzhaft übertriebenen Ton angeschlagen. Sie aber war ganz ernst geblieben. »In was für tolle Faseleien wir uns verirrt haben!« sagte sie. »Die dreißig Jahre, die zwischen uns beiden liegen, kann der liebe Gott selbst nicht hinwegräumen.« »Warum sollte er auch!« rief ich übermütig. »Es ist ja so herrlich, wie's ist. Es könnte gar nicht schöner sein.« Sie schloß die Augen, um ungestört zu träumen. »Meinst du?« murmelte sie leise, und plötzlich, ganz unvermittelt fing sie an, krampfhaft zu schluchzen. »Marie, was haben Sie?« Ich kniete vor ihr nieder und bedeckte ihre Hände mit Küssen. »Sie wissen ja, welchen Anteil ich an allem nehme, was Sie betrifft. Marie, schütten Sie Ihr Herz aus!« Ich war unglaublich töricht, wie Sie sehen, und hatte von ihrem eigentlichen Gefühlszustand keine Ahnung. Sie schlug die Augen auf, heftete den Blick voll auf mich, prüfend, nachdenklich. Dann, mir ihre Hände entziehend: »Es ist nichts,« sagte sie kalt. »Die Angst vor dem Altwerden, die mich plötzlich überkommen hat. Eigentlich bin ich's ja schon, aber leider vergess' ich's manches Mal. Du warst so freundlich, mich dran zu erinnern. – Ach, wenn wir ein wenig musizierten, um auf andre Gedanken zu kommen?« Ich setzte mich ans Klavier. Es war das erstemal seit meiner Krankheit, daß sie mir vorsang. Anfangs klang ihre Stimme verschleiert, bald aber entwickelte sie in dem engen Umfang, der ihr verblieben war, ihre ganze magische Pracht. Sie sang die schönsten Lieder von Brahms: »Immer leiser wird mein Schlummer« – »Meine Liebe ist grün«. »Himmlisch!« murmelte ich leise, trunken vor Begeisterung. »Aber jetzt noch ›O Nachtigall!‹ und ›Du junges Grün‹!« Sie schüttelte den Kopf, wobei sie ganz blaß wurde. »Nein, die Lieder singe ich dir nicht!« »Und warum?« »Weil ...« begann sie mit einem traurigen, fast ängstlichen Blick, als der alte Luigi mit einer Karte eintrat. Kaum aber hatte sie den Namen davon abgelesen, so nahm ihr Gesicht einen triumphierend freudigen Ausdruck an. »Ich lasse bitten!« rief sie und eilte dem Diener nach, dem Gast entgegen. Es war ein ekliger Kerl mit dickem Schnurrbart, der sich in einen Backenbart mit ausrasiertem Kinn verlief, dazu eine Hakennase, sehr starke weiße Zähne und abstehende rote Ohren. Er trug eine rote Krawatte und roch nach Knoblauch. Am liebsten hätte ich ihn mit einem Fußstoß erledigt. Die Selvaggini breitete ihm die Arme entgegen. »Jack,« rief sie, » Jack, quel bon vent t'amène! « Und sie ließ sich von ihm auf beide Wangen küssen. Ich verließ das Zimmer. – Eine Stunde später schallte durch das ganze Haus die triumphierende Zerlegung eines Septimenakkordes durch zwei Oktaven. Die Selvaggini probierte ihr hohes C . – – Ich hatte ihr, wie sie mir beim Lunch mitteilte, Glück gebracht. Jack, ein berühmter, amerikanischer Theateragent, war gerade an der Villa Paradiso vorübergegangen, als sie sang. Bezaubert von dem Wohlklang der Stimme, hatte er gehorcht, sich erkundigt, ob das die Selvaggini sei, worauf er sich sofort zu ihr begeben habe, um ihr ein Engagement am Neuyorker Metropolitan anzubieten. »Süperbe Bedingungen – süperb ... ich soll nur noch dem Direktor des Metropolitan vorsingen ... oh, ich hab' ihm gleich gesagt, daß es mit meiner Höhe nicht mehr so bestellt ist wie früher – aber ... ich werde andre Partien singen; die Azucena im Troubadour anstatt der Leonore –, die Fides anstatt der Bertha – und dann ... man transponiert, man schwindelt ein wenig ... oh, Raimund, du kannst dir nicht vorstellen, was das für unsereinen bedeutet, zu fühlen, daß man nicht ganz ausgeschaltet ist, daß man als Künstlerin noch etwas gilt! – Ich werde mir ein neues Publikum erobern ... vielleicht ...« Totenblaß schloß sie die Augen. »Vielleicht« – ihre Stimme klang matt wie die einer Schlafwandlerin –, »vielleicht werde ich noch einmal den großen Donner hören!« – – Der Kontrakt wurde abgeschlossen. Das ihr zugestandene Honorar war kolossal. Im nächsten Januar sollte sie ihr dreimonatiges Gastspiel antreten. Natürlich gönnte ich ihr diese Genugtuung. Ich gratulierte ihr von ganzem Herzen dazu. Mitten aus ihrer Freude verdroß sie etwas. »Und unsre Trennung wird dir ganz gleichgültig sein – du wirst mich gar nicht entbehren?« fragte sie. »Entsetzlich werde ich Sie entbehren! Marie, wie können Sie nur fragen!« »Nun, du kannst ja mitkommen nach Amerika! Es wird dir nützlich sein, das Wunderland kennenzulernen!« »Aber, Marie! ... Und mein Beruf?« Sie wurde nachdenklich und schwieg. Nach ein paar Sekunden den Kopf hebend: »Indessen wollen wir die Zeit ausnützen, die wir noch haben!« erklärte sie. »Vor allem werde ich an den Doktor telephonieren, damit er deinen Zustand prüft und mir sagt, ob wir heute unsre erste Ausfahrt machen können. – Ach, es wär' zu schön ... an blühenden Mimosenbäumen und Rosenhecken vorbei, die Küste entlang. Neben uns der Abgrund, und am Boden des Abgrunds der Himmel, ein wilder, unruhiger Himmel, aber immerhin der Himmel. Das blaue, wunderschöne Mittelländische Meer!« »Aber wird Ihnen da nicht schwindeln, Marie?« fragte ich. Sie zuckte die Achseln. Momentan bin ich viel zu sehr mit wichtigen Dingen beschäftigt, um mich vor Lappalien zu fürchten. In den großen Lebensmomenten wird jeder Mensch Fatalist. – Entweder sing' ich im Januar die Senta in Neuyork, oder das Schicksal räumt mich früher aus dem Weg. Dann wird es wohl wissen, warum ...« Die letzten Worte murmelte sie mit ihrer köstlichen Stimme ganz leise und schleppend vor sich hin. Gleich darauf warf sie den Kopf zurück. »Aber warum sollte mich das Schicksal hinwegräumen, warum sollte ich nicht noch eine letzte künstlerische Auferstehung erleben? Wenn sich einer auf der Welt auskennt, so ist's Jack!« Und plötzlich ganz unvermittelt schmetterte sie die durch zwei Oktaven reichende Zerlegung heraus, die im hohen C gipfelte. Sie wurde blau im Gesicht vor Anstrengung, aber es gelang ihr, das C mehrere Sekunden lang festzuhalten. Damals erschrak ich vor ihr. Ich habe es Ihnen schon einmal gesagt, verehrte Freundin, daß bei der Selvaggini die Erotik etwas Nebensächliches, Untergeordnetes war. Die Hauptsache war ihre Kunst. Dieser Umstand allein mag mich davor bewahrt haben, daß sich unsre Beziehungen nicht schon damals in einer unangenehmen und tragischen Art zuspitzten. Von einem Augenblick zum andern hatte unsre Freundschaft an Interesse für sie verloren. Nicht daß sie es an Liebenswürdigkeiten für mich hätte fehlen lassen. Durchaus nicht. Aber die Liebenswürdigkeiten entstammten einem andern Gefühl als früher, es waren die Liebenswürdigkeiten einer aufmerksamen Hausfrau, einer guten alten Freundin, nichts mehr. Sie lebte nur noch in dem einen Gedanken, dem Gedanken an die Auferstehung ihrer Kunst. Immer wieder, manchmal ganz unvermittelt, wenn sie die Treppe herab zu den Mahlzeiten kam, ließ sie ihre in dem hohen C gipfelnde Lieblingsarpeggie erschallen. Sie schmetterte die Töne heraus, daß die Wände zitterten, aber es war kein Wohllaut drin, das konnte ich mir nicht verhehlen. Sie selbst schien sich des Umstandes mitunter bewußt, aber nur unklar und vorübergehend. Oft, wenn sie sich vom Klavier abwendete, murmelte sie ungeduldig vor sich hin: »Ach, Jack versteht's, Jack irrt sich nie!« Und sie fuhr fort, zu üben. – So manche Lücke hatte sich in ihre Stimme geschlichen, die sonst mühelos ausgeglichen eine lange Reihe von Perlen gebildet hatte. Sie quälte sich unaussprechlich damit ab, die Lücken auszufüllen, die Unebenheiten zu glätten, wobei sie es nicht verhindern konnte, daß hie und da ein häßlicher Mißlaut ihren Lippen entschlüpfte. Einmal war ich gerade ins Zimmer getreten, als ihr so eine Tonentgleisung widerfuhr. Den bösen, gehässigen Blick, den sie mir zuwarf, als sie meiner gewahr wurde, vergesse ich nie. Seitdem schlich ich mich immer von Hause fort, wenn sie anfing, zu üben. Sie war mir dankbar dafür. Aber über allen Unbequemlichkeiten, die ihre Stimme ihr bereitete, hoffte sie immer noch auf ... nun, auf ein Wunder. Sie lebte in einem beständigen Rausch, in dem die Ekstase zwar manches Mal von Angstanfällen unterbrochen wurde, aber doch, alle andern Empfindungen betäubend, sich immer wieder siegreich behauptete. Manches Mal mitten im Gespräch verstummte sie plötzlich und blickte mit halbgeöffneten Lippen still vor sich hin. Da wußte ich, daß sie in einer Art Traumzustand dem »großen Donner« entgegenhörte, der noch einmal kommen mußte. Aber nicht nur, daß sie von dem großen Donner träumte, sie träumte auch von den Millionen, die der Donner auslösen müsse. Der Hang zur Verschwendung, der ihr, wie ich später hörte, in ihren Glanztagen bis zur Unzurechnungsfähigkeit angehaftet hatte, war neuerlich über sie gekommen, doch nahm er die denkbar liebenswürdigsten Formen an. Sie schenkte, schenkte von früh bis abends in einem fort. Ich hatte viel Mühe, mich ihrer Großmut zu entziehen, ohne sie zu verletzen. Ganz gelang es mir nicht. Einen Ring, den sie mir damals an den Finger gesteckt, hab' ich heute noch. Sie hatte den Drang zum Schenken, zum Beglücken, wie andre Leute den Drang zum Verbrechen haben, und manches Mal nahm dieser Drang die extravagantesten Formen an. Einmal in Nizza sah sie zwei junge Mädchen aus den bescheidensten Ständen mit sehnsüchtigen Augen vor dem Schaufenster eines eleganten Putzmachergeschäftes stehen. » Voyons, me petites ,« rief sie, »kommt mit mir in den Laden und sucht euch die zwei schönsten Hüte aus, die zu haben sind, ich will mich überzeugen, ob sie euch stehen!« Ich sollte indessen draußen bleiben, um die Mädchen nicht einzuschüchtern. Aber ich blieb nicht draußen, sondern ließ mir's nicht nehmen, zuzusehen, wie die beiden Italienerinnen sich beim Wählen anstellen würden. Es war allerliebst, wie sie mit ihren großen südlichen Augen herumstarrten und sich zukicherten und zuflüsterten, die Hände ausstreckten und wieder zurückzogen, bis meine Wohltäterin mit geschicktem Griff gerade die zwei passendsten Hüte entdeckte und ihnen aufsetzte und lachte und bewunderte und die Mädel aufforderte, sich im Spiegel anzuschauen, und ihnen schließlich jeder eine Banknote in die Hand drückte für ein Kleid zu dem Hute. Dann setzte sie übermütig hinzu: »Jetzt sollt' ich euch noch zwei hübsche Burschen verschaffen, die am Sonntag mit euch spazierengehen.« Da aber wurden die Mädchen sehr rot, lachten und zeigten ihre weißen Zähne. Denn die Burschen hatten sie schon. – Alle Tage machten wir die himmlischsten Ausfahrten und Spaziergänge. Damals fiel mir's gar nicht ein, mir darüber Gedanken zu machen. Später hab' ich mich gefragt, wie die Menschen sich unsre Beziehungen ausgelegt haben mögen. Sie sprach von mir immer als von ihrem Neffen. Jetzt denke ich, die Leute hielten mich für ihren uneingestandenen Sohn. Damals hätte mich dies fürchterlich aufgeregt und verletzt. Jetzt ist es mir geradezu eine Beruhigung, das Faktum feststellen zu können. Es kennzeichnet die Haltung, die sie mir gegenüber bewahrte. Die Menschen, besonders im Süden, haben für Liebesdinge eine ungemein feine Witterung, und ihre Auffassung der Situation beweist, daß nichts in dem Benehmen der Selvaggini war, das mich hätte abschrecken oder beunruhigen können. – Am 15. April lief die Miete für unsre Villa ab. Jedesmal, wenn wir von unsrer täglichen Ausfahrt heimkehrten, fanden wir die Zimmer kahler und um einen Teil jener Poesie und Behaglichkeit beraubt, welche die vielen der Selvaggini gehörigen Sachen und Sächelchen den Räumen verliehen hatten, da der alte Luigi die Stunden unsrer Abwesenheit ausnützte, sie nach und nach einzupacken. Immer mehr nahm die Wohnung ihren ursprünglichen nüchtern eleganten Chambre-garnie-Charakter an. Mir war unsäglich traurig zumute. Dann kam unser letztes kleines Diner, unser letzter Abend auf der Loggia. Ich sagte ihr früher gute Nacht als sonst, damit sie mir's nicht ansehen möge, wie traurig ich war. Schlafen konnte ich nicht. Die ganze Nacht schlug ich mich ruhelos in meinem Bett herum. Nicht einen Augenblick vergaß ich, wie bitter der Abschied war, der mir bevorstand, der Abschied von einem Leben ohne Sorge, einem Leben voll Duft, Schönheit und Sonnenschein. Ich ließ mein Fenster offen, um den Duft noch voll zu genießen, und lauschte dem Wind, wie er die Rosen um unsre Villa herum zauste und küßte, aber hinter diesem Necken und Kosen, schien mir, grollte die unerbittliche Tragik des Meeres. – Den nächsten Vormittag, als die Männer kamen, das Klavier zu entfernen, war mir's, als holten sie einen Sarg aus dem Hause, und in dem Sarg schleppten sie den schönsten Teil meiner Seele mit fort. Wir fuhren zusammen bis Nizza. Sie wollte sich dort aufhalten bei Freunden, die sie erwarteten. Ich sollte direkt nach St. Pölten und mich bei meiner Mutter »gesund melden«. Sie merkte, wie traurig mir zumute war, lachte mich aus, wobei ihr selber die Tränen in den Augen standen, tätschelte mir die Hand und die Schultern und fragte immer wieder, wovon ich mich denn so schwer trennte, von ihr oder von der Riviera. »Von beiden!« erwiderte ich. »Sie und die Riviera werden immer für mich zusammenfließen in derselben Erinnerung.« In Nizza frühstückten wir noch mitsammen und machten nachher einen kleinen Spaziergang durch die Stadt. Sie gab mir einen wundervollen Crêpe-de-Chine-Schal mit für meine Mutter, ein hübsches Armband für jede meiner Schwestern und ein paar Kilo kandierte Früchte für die ganze Familie. Ein Handkuß meiner-, ein leichter Kuß auf die Wange ihrerseits – noch ein letzter Dank – es war vorbei! – – Dann kam St. Pölten! Gewiß freute ich mich, meine Mutter wiederzusehen, auch die Mädel, die beide sehr hübsch und brav waren. Aber nachdem sich die erste Wiedersehensaufregung verflüchtigt hatte, langweilte ich mich zwischen ihnen fürchterlich. Wie dumpf, wie platt, wie alltäglich mir alles erschien! Mir war zumute, als ob ich aus einem hellen, hohen, luftigen Saal in eine enge Kammer übersiedelt wäre, in der ich mich nicht aufrichten konnte, ohne den Kopf an die Decke zu stoßen. – Und erst in Wien! Meine Mutter hatte mich neuerdings bei der Majorswitwe eingemietet. Ich bekam mein altes Zimmer, das auf den Hof hinaussah, mit dem Kanalgitter in der Mitte. Auf meinen Brief an meine Wohltäterin, in dem ich Anstand genug gehabt hatte, nicht mit einem Wort die Misere meines Daseins zu erwähnen, und nur meinen herzlichen Dank für alle empfangene Güte mit wehmütig scherzhaften Anspielungen an die oder jene kleine Episode aus unserm Aufenthalt an der Riviera betonte, erhielt ich keine Antwort. Ich grämte mich und schrieb noch einmal. Als aber auch mein zweiter Brief ohne Antwort blieb, sagte ich mir, daß ich offenbar etwas Abgetanes für die große Künstlerin sei und nicht das Recht hätte, etwas andres von ihr zu erwarten, besonders nicht jetzt, wo offenbar die Vorbereitungen zu ihrem amerikanischen Gastspiel sie so sehr in Anspruch nahmen. Ich musste natürlich eine Stelle suchen und fand auch bald eine als Konzipist in der Kanzlei eines berühmten Advokaten. Die Arbeit war leicht, die Entlohnung anständig. Natürlich verzichtete ich von da ab auf jede Unterstützung von zu Hause. Da war Schmalhans Küchenmeister, aber dazu, mir ein Pianino zu mieten, langte es doch. Es war zufälligerweise dasselbe, das mir schon vor meiner Reise nach Wartenberg gedient hatte, und wurde auch diesmal mein Beichtvater und Vertrauter. Nur hatten sich, seitdem ich das letzte Mal meine Hände über seine gelblichen Tasten geführt, Geist und Empfinden bei mir stark entwickelt, und so hatte ich ihm mehr anzuvertrauen als früher. Meine Sehnsucht wollte nicht schweigen. So sehr ich mich mühte, konnte ich das Märchen an der Riviera doch nicht vergessen. Da, an einem Spätnachmittag Anfang Mai – ich hatte mich gerade in den ersten Satz der C-Dur-Sonate von Brahms vertieft –, fühlte ich eine leichte Berührung auf meiner Schulter. Ich fuhr auf. Hinter mir stand sie , ihr gütiges Lächeln auf den Lippen und die schönen blauen Augen voll Tränen und Übermut. Ich geriet außer mir vor Freude. »Marie, Sie hier! Ich dachte. Sie hätten mich ganz vergessen!« »So? Schlaukopf! Dachtest du das? Ich bewundere deinen Scharfsinn!« lachte sie. Dann: »Der Lümmel! Er trägt mir nicht einmal einen Sessel an!« Und als sie sich dann behaglich in den einzigen zurücklehnte, über den mein schäbiges Zimmer gebot, fügte sie hinzu: »Ich wollte nicht kommen, ehe ich dir etwas Festes vorschlagen konnte, und da war vorher noch so vieles zu überlegen und zu erledigen.« Sie sah mich teilnehmend an. »Schmal bist du geworden!« bemerkte sie, wobei sie mit Daumen und Zeigefinger über ihre Wangen fuhr, um anzudeuten, wo ich schmal geworden sei. »Aber du siehst nicht schlecht aus. Wie geht's mit deiner Gesundheit?« »Dank Ihrer unendlichen Güte vorzüglich.« »Ach, laß meine Güte! Es war mir ja eine solche Freude,« meinte sie. »Die echte Güte ist immer eine Freude,« entgegnete ich. »Wie klug das Kind wird!« neckte sie mich. »Aber zum Geschäft ... Du bist, wie ich höre, in einer Advokatenkanzlei als Konzipist tätig, hast du außerdem noch ein paar Stunden frei?« »Ja, o ja!« »Nun! Ich habe meinen Sekretär hinauswerfen müssen, weil er sich grober Veruntreuungen schuldig gemacht hat. Ich biete dir dieselben Bedingungen an, die ich ihm gewährt habe.« Sie nannte eine Summe, die mir fabelhaft erschien, aber wirklich das übliche Honorar in diesem Falle bedeutete. »Willst du dafür seinen Posten übernehmen?« »Wenn ... wenn Sie mich für fähig halten, ihn auszufüllen,« stotterte ich. »Aber ich bitte dich! Du bist Dr. jur. , arbeitest in einer der ersten Kanzleien von Wien und kannst dich in einem für mich schwierigen Fall mit deinem Chef beraten; die Dinge könnten gar nicht günstiger für mich liegen. Also abgemacht!« »Es fällt mir so schrecklich schwer, Geld von Ihnen zu nehmen, Marie. Das alles, was Sie von mir verlangen – das bißchen Briefwechsel, Verträge aufsetzen nach einem gegebenen Vordruck und Bankausweise durchsehen, das will ich ja mit tausend Freuden für Sie besorgen, ohne daß Sie mir einen Pfennig dafür zahlen.« Sie erhob sich von ihrem Sitz. »Dann haben wir ausgeredet,« erklärte sie streng. »Auf Gefälligkeiten lasse ich mich nicht ein. Begreifst du denn nicht, wie hemmend es für mich wäre, einen Sekretär zu haben, den ich nicht manchmal malträtieren könnte?« Der durch Tränen schimmernde Übermut in ihren Augen meldete sich stärker. »Und wenn ich mir's immer überlegen müßte: Darf ich ihn behelligen, kann ich den Brief nicht selbst schreiben? – das wäre ein unerträglicher Zustand.« Sie war oder tat sehr böse. Schon näherte sie sich der Tür. »Marie!« rief ich. »Ich will nichts mehr wissen von dir!« »Aber – wir können ja beratschlagen.« »Es ist nichts zu beratschlagen.« »Vor allem setzen Sie sich nieder ... nur einen Moment!« Sie setzte sich wirklich, lachend, schmollend, bezaubernd. Wie schön sie noch war! Für einen älteren Menschen wäre sie überhaupt schön gewesen, für mich war sie ›noch schön‹, war schön wie ein unwahrscheinlich schöner Herbsttag. Eine Weile schwiegen wir. Ich weiß nicht, was für eine Verlegenheit zwischen uns getreten war. Endlich sagte sie, ihr Taschentuch an die Nase haltend: »Mein armer Bub, wirst du nicht melancholisch hier?« Und sie sah sich trostlos in meinem Zimmer um. »Meerschtendeels,« gab ich witzelnd zur Anwort, ein wenig beschämt, weil sie den wunden Punkt berührt hatte. »Hier kannst du nicht gesund bleiben,« stellte sie fest. »Dies grün und braune Patronenmuster an den Wänden allein müßte genügen, deinen Seelenzustand zu untergraben, die schlechte Luft gäbe dir den Rest. Und ein zweites Mal könnte ich dich nicht gesundpäppeln, da ich nächsten Winter in Amerika sein werde ... Oh, wenn ich daran denke!« Ihr Gesicht verklärte sich. »Weißt du, mit meiner Stimme geht's prachtvoll – du mußt dich nächstens davon überzeugen.« Und die Augen halb schließend, murmelte sie vor sich hin: »Nur noch einmal!« Die Tränen, die so lange gezögert hatten, flossen ihr die Wangen herab, und ich muß leider sagen, sie zogen eine breite Furche durch die leichte Puderschicht, die ihr Gesicht bedeckte. Ihre Lippen zuckten. Sie sah plötzlich alt aus. Das änderte an meinem Gefühl für sie nichts. Ihr Alter spielte für mich keine Rolle. »Wenn dir das Gehalt zu hoch ist, kannst du dich mit der Hälfte begnügen; da mach' ich jedenfalls ein ausgezeichnetes Geschäft und darf noch obendrein sicher sein, nicht bestohlen zu werden,« begann sie von neuem. »Und um dich nicht gar zu gewissenlos auszunützen, mach' ich dir folgenden Vorschlag: in meinem Landhause ist ein kleines Gelaß, das früher ein Neffe von mir bewohnt hat. Der ist jetzt fort, das Gelaß steht leer... nun freilich, mein Haus ist am Ende der Welt, eigentlich schon auf dem Lande, aber die Verbindung mit der Elektrischen ist ausgezeichnet. Du kannst alle Tage pünktlich in deine Kanzlei.« Ich zögerte. »Marie, es wäre eine zu große Verwöhnung. Wie sollt' ich mich danach je wieder in die Werkeltagsnüchternheit der Existenz finden, die mir das Schicksal nun einmal vorgeschrieben hat?« »Aber wer sagt dir, was das Schicksal nun einmal vorgeschrieben hat?« Ich sah ihr gerade in die Augen. »Die Wahrscheinlichkeit.« »Ach, die irrt sich oft, und dazu sich in die Angelegenheiten eines so außerhalb ihres Wirkungskreises stehenden Menschenexemplars hineinzumischen, wie du bist, hat sie überhaupt kein Recht.« Sie lachte. »Übrigens, ganz wie du willst. Nur, ich dachte mir das so hübsch. Natürlich würdest du völlig frei sein und könntest deine Mahlzeiten nehmen, wo du willst – aber wir würden uns doch alle Tage sehen ...« »Alle Tage sehen!« wiederholte ich träumerisch. »Und manchmal« – sie blinzelte schalkhaft – »würde ich dir vorsingen.« »Vorsingen!« murmelte ich. »Ach, Marie, Sie wissen nicht, wie Sie mich locken! Aber es geht nicht ... es geht nicht!« »Warum nicht?« »Weil ich nicht noch eine Trennung durchmachen wollte wie die von der Riviera.« »So, wie die von der Riviera!« wiederholte sie. Eine böse Falte dunkelte zwischen ihren schöngeschwungenen Brauen. Sie erhob sich und streifte ihren schwedischen Handschuh an, den sie aus Gott weiß welchem Grunde abgezogen hatte. Mir stieg das Blut zu Kopfe. »Sie wissen doch, was ich sagen wollte, was ich mir auszusprechen versagt hab' ... eine Trennung von Ihnen an der Riviera!« Ich war an sie herangetreten, und nun war ich's, der den Handschuh wegzog und Kuß um Kuß auf ihre Hand drückte. »Du armer Bub! Hat dir die Trennung wirklich so weh getan?« »Hab's Ihnen ja schon gesagt. Um keinen Preis möcht' ich's noch einmal durchmachen, was ich in diesen letzten Wochen durchlitten hab',« erwiderte ich heiser. »Aber die Trennung ...« Sie sah über mich hinweg zum Fenster hinaus. »Die wäre ja gar nicht nötig ...« »Und Amerika?« »Ich nehme mir meinen Sekretär mit. Dort brauche ich ihn noch viel mehr als hier!« rief sie übermütig aus. »Es geht nicht, Marie – es darf nicht sein!« erwiderte ich. Ich gab mir keine Rechenschaft darüber, warum es nicht sein dürfe, aber ich fühlte es deutlich, daß dem so war. »Nun, wenn es nicht sein darf, so darf es eben nicht sein,« sagte sie, und ihre Augen, die ehemals bezaubernd gewesen sein mußten und noch schön waren, blinzelten mir mit aufreizendem Mutwillen bis in die Seele hinein. » C'est à prendre ou à laisser! Adieu!« Damit schritt sie über meine Schwelle. »Was für eine poetische Atmosphäre!« bemerkte sie trocken, während ich sie aus der die Wohnung absperrenden Glastür hinaus bis an die Treppe begleitete. Es ließ sich nicht leugnen, daß die Luft dick von Küchendampf war und daß uns ein widerlicher Geruch von Zwiebeln und ranzigen Küchenüberresten bis in das Stiegenhaus verfolgte. Über das Treppengeländer gebeugt, sah ich ihr nach, während sie auf der sich altmodisch windenden Stiege hinabschwebte. Sie hatte den leichten Gang einer rassigen Frau von dreißig Jahren. Plötzlich wendete sie sich noch einmal nach mir um und warf mir einen Kuß zu. Dann tauchte sie unter im Schatten. Wie verzaubert blieb ich stehen und atmete langsam den zarten, einschmeichelnden Duft ein, der ihre ganze Erscheinung immer einhüllte, und von dem etwas zurückgeblieben war mitten in meiner nach Zwiebel riechenden Alltagsatmosphäre. Der Professor hielt inne. Seine Zuhörerin machte ihm Vorwürfe, daß er immer am spannendsten Punkt seiner Erzählung abbreche wie der Roman in einer Zeitung. Doch war es tatsächlich recht spät geworden, und der Chauffeur hatte bereits dreimal melden lassen, daß er da sei. So mußte denn für diesmal die Sitzung aufgehoben werden. Es war Anfang Dezember geworden und ein recht häßlicher Nachmittag, als Professor Schmieden endlich wieder Zeit fand, sich am duftenden Holzfeuer Frau Lindenstamms zu wärmen. »Ich glaube, das ist der Luxus, den ich am meisten genieße,« versicherte er ihr gutmütig, »ein Klubsessel neben einem flackernden, prasselnden Holzfeuer und in lieber Gesellschaft.« Er verneigte sich ritterlich vor der alten Dame, die ihm indessen eine Tasse Tee gereicht hatte. »Besonders an einem recht häßlichen Tag wie dieser, wenn der Regen gegen die Fenster drischt und der Sturm im Kamin singt, nicht wahr, mein lieber Professor?« entgegnete ihm die Dame. »Jeder Genuß gewinnt durch den Kontrast. Darum haben Sie auch den Wohnungswechsel so genossen, als Sie sich endlich entschlossen hatten, die Pension der Frau Müller gegen das Haus der Selvaggini umzutauschen.« »Endlich!« wiederholte der Professor bitter. »Sie denken zu gut von mir. Ehe zwei Tage verflossen, war ich bei ihr. Und wie ich aufgeatmet hab'! Sie haben ganz recht, der Kontrast spielt eine große Rolle dabei.« »Es war die Übersiedlung aus dem Alltag ins Märchenland,« murmelte Frau Lindenstamm und fing an, die Maschen an ihrer Strickerei zu zählen, vielleicht um einen Vorwand zu haben, dem Professor nicht ins Gesicht zu sehen. »Ja, aus dem Alltag ins Märchenland,« wiederholte er leise. »Trotz all dem Schauerlichen, das darauf gefolgt ist, trotz dem gemeinen Verdacht, der meine Beziehungen zu der genialen Frau besudelt hat, kann ich mich nicht ohne Wonneschauer an meinen Einzug unter ihr Dach erinnern. Ich hab' Ihnen geschildert, wie mir bei meiner Ankunft in Wartenberg zumute war. Genau dasselbe, nur in zehnfach gesteigertem Maß empfand ich jetzt. Damals hatte mich nämlich das Unästhetische in der Werkeltagsexistenz, auf die ich schließlich angewiesen war, noch lange nicht so abgestoßen wie zu einer Zeit, wo ich bereits den Komfort eines luxuriösen Heims kennengelernt, ja mich daran wie an etwas Selbstverständliches und Unentbehrliches gewöhnt hatte. Einer der ersten heißen Maitage war's. Die Sohlen brannten mir unter den Füßen, als ich von ein paar Besorgungen, die ich noch in aller Eile nach der Kanzleiarbeit erledigt hatte, in meine Pension zurückkehrte, um die letzten Vorbereitungen zu treffen. Gerade im Begriff, die Häutchen von einer Tasse, entmutigend grauen Milchkaffees wegzusäubern (meiner alltäglichen Jause), überlegte ich, ob ich meinen Koffer nachschicken und die Straßenbahn benutzen oder mir, abgehetzt, wie ich war, eine Droschke spendieren solle. Die zerzauste Magd, welche die ganze Bedienung des Kosthauses besorgte und der Hitze und Ersparnis halber ohne Strümpfe in niedergetretenen Lederpantoffeln herumschlumpte, meldete mir, der »Hausmeisterbub« sei draußen, um meinen Koffer herunterzutragen, es warte ein Wagen auf den Herrn Doktor. – Die Selvaggini hatte ihr Auto nach mir geschickt, eine Limousine mit einem eleganten Chauffeur im langen Lederrock. Die Fahrt auf den weichschwingenden Gummireifen hatte etwas unendlich Einschmeichelndes, Beruhigendes, so daß ich's fast bedauerte, als das Auto vor einem großen altmodischen Gittertor hielt. Das Tor stand in einer alten grauen Steinmauer, auf deren Kamm zwischen halbausgebrochenen Ziegeln allerhand blühendes Unkraut wucherte, und hinter der ich ein altväterisches Gebäude in österreichischem Barockstil, halb Schlößchen, halb Palast, erblickte. Auf allen blank in ihren prunkvoll geschwungenen Umrahmungen stehenden Fenstern brannte der Abendsonnenschein wie eine Illumination. Die Fenster waren groß, aber die Scheiben eher klein – zehn in jedem Fenster, fünf auf jeder Seite. Wenn ich noch hinzufüge, daß das Haus mit Hohlziegeln gedeckt war und einen länglichen niedrigen Giebel hatte, den ein Relief mit anmutigen Amoretten schmückte, während an beiden Seiten des Giebels eine ziemlich gemischte Mythologie auf dem Sims herumtanzte, so können Sie sich das kleine Lustschloß (es hieß Monplaisir) wohl genau vorstellen. Nur in Wien, Prag und Preßburg gibt es noch solche Häuser. Für Prag sind sie typisch, in Wien und Preßburg sind sie selten. Vielleicht wirkte darum die allerliebst launische Vornehmheit des malerischen Gebäudes so besonders stark auf mich. Der Flieder stand in voller Blüte. In seinen Duft mischte sich der Hauch von frischgenetztem und frischgeschnittenem Rasen. Die Vögel zwitscherten weich, manchmal plötzlich stockend, dann laut jubilierend, als hätten sie sich viele zärtliche und einige bedenkliche Dinge zu sagen. Zugleich hörte man das eigentümlich kühlende Rauschen einer Gartenspritze. Der alte Luigi erwartete mich, um mich in meine Wohnung zu geleiten. Dann bat ich ihn, mich zu ihr zu führen. – Die Zeit, die nun folgte, war himmlisch. Aber es war nicht meine entzückende Wohnung, weder das elastische Bett mit dem kühlen, seidenfeinen Linnen, noch mein Schreibzimmer mit den bequemen roten Leder-Klubsesseln und mit den Photographien von Braun neben alten Radierungen an der Wand; es war nicht der ebenso vornehme wie gemütliche Zuschnitt der ganzen Existenz in Monplaisir, in die ich mich bald als ein ganz und gar zugehöriger Hausgenosse einfügte; nein, es war sie, ihre Persönlichkeit, die den wundersamen Zauber auf mich ausübte. Meine Sinne hat sie kalt gelassen, aber mein Empfindungsleben hat sie wie kein zweiter Mensch, sei's Mann oder Frau, angeregt, beschäftigt und beglückt. Wie ich mich immer aus der Kanzlei heraus zurückfreute auf Monplaisir! Wie eilig ich's hatte, die Treppe hinaufzustürzen zu ihr – immer zwei Stufen auf einmal und ... Sie wünschen, verehrte Freundin?« unterbrach der Professor seine Erzählung. »Oh, nichts!« »Doch! Sie haben sich soeben geräuspert. Offenbar reizte es Sie, eine Frage an mich zu stellen. Ich stehe Ihnen zu Diensten. Ihre Fragen sind immer interessant.« »Nun,« – Frau Lindenstamm breitete ihre Strickerei, eine zu wohltätigen Zwecken bestimmte braune Wollschärpe, auf ihren Knien aus und begann etwas zögernd – »hat denn die Selvaggini in jener Zeit Ihres ziemlich vertraulichen Verkehrs nicht ein einziges Mal den – Pferdefuß gezeigt?« Der Professor zuckte unangenehm berührt zusammen und blickte unter gerunzelten Brauen ein Weilchen vor sich hin. Endlich sagte er: »Gezeigt mag sie ihn wohl haben – aber gesehen hab' ich ihn nicht. Als Entschuldigung, vielmehr Erklärung für meine Blindheit kann ich nur meine grenzenlose Verehrung für die geniale und fesselnde Frau anführen. Ich bewunderte alles an ihr, von dem Duft, der ihren Kleidern, ja jedem Gegenstand entströmte, den sie in Gebrauch hatte, bis zu dem Luxus, der sie umgab, den Kunstschätzen, die diesen Luxus adelten, bis zu der auf Gummirädchen dahinschwebenden Behaglichkeit ihres Hauswesens. Das alles gehörte zu ihr, machte zusammen ein Ganzes aus, war die Selvaggini. – Ja, ja, Gnädigste, ich weiß, was Sie fragen wollen: ich hätte mir doch eine Vorstellung machen müssen über ihr Künstlerleben, ihre Vergangenheit. Nun ja, ich wußte, daß sie sich im gewöhnlichen Leben Frau Dembitzka nannte, und glaubte zu wissen (irgend jemand hatte mir das mitgeteilt), daß sie nach kurzer, sehr unglücklicher Ehe nur mehr für ihre Kunst gelebt hatte. Daß sie von vornehmen Verehrern, wie zum Beispiel Dazinski, umschwärmt und, zu einer zweiten Ehe gedrängt, es dennoch vorgezogen hatte, ihre Freiheit zu bewahren, erhöhte nur meinen Respekt für sie. Von der dämonischen Leidenschaft, die ihre Leistungen auf der Bühne durchglüht, und die das Publikum bis zum Wahnsinn hingerissen haben sollen, ahnte ich nichts. Mit der Primadonna hatte ich nie zu tun gehabt. Ich kannte nur die große Dame und die gütige Frau, die Liedersängerin, deren Stimme mich an das Edelmetall alter katholischer Kirchenglocken erinnerte und deren Vortrag mich zu Tränen rührte. Ich glaubte tatsächlich in ihr jenes Phänomen gefunden zu haben, das eine große Künstlerin von tadelloser Sittenreinheit bedeutet, und ich legte Wert auf diese Sittenreinheit. Es war recht kleinstädtisch von mir, darüber bin ich mir längst klar – und bin Ihnen dankbar dafür, liebe gnädige Frau, daß Sie nicht über mein Geständnis gelächelt haben.« »Nun, Sie hat Ihnen eben den Verstand weggesungen,« meinte nach einer nachdenklichen Pause Frau Lindenstamm. »Sie hat mir fast gar nicht vorgesungen,« erwiderte der Professor. »Ihre Sparsamkeit darin war die eine große Enttäuschung, die ich in Monplaisir erlebte. Wenn ich sie um ein Liedchen bat, vertröstete sie mich auf später. Da sie während der Stunden, die ich in der Kanzlei verbrachte, mit ihrem Korrepetitor ihre Rollen durchnahm, fühlte sie sich des Abends zu müde, um mir noch ein Privatkonzert zu geben, erklärte sie mir. Hab' nur ein wenig Geduld, bat sie mich, ich will dich später reichlich entschädigen. Indessen mußt du mir vorspielen. Und das tat ich denn, so gut ich konnte, und mit großem Vergnügen. Denn ich fühlte, daß ich Fortschritte gemacht hatte. Sie war entzückt von meinem Spiel, konnte gar nicht Lobesworte genug finden für meine bescheidenen Leistungen. Gewiß muß ihre Begeisterung übertrieben gewesen sein. Immerhin hörte sie mir wirklich gerne zu. – Wenn ich nicht spielte, plauderten wir. Sie sprühte von Witz und Übermut, erzählte die unglaublichsten Dinge von russischen Großfürsten und venezianischen Gondolieren, die beide gleichermaßen in sie vernarrt gewesen seien. Später, wenn ich an ihre Erzählungen zurückdachte – viel später, als mir bereits die Augen aufgerissen worden waren, wunderte ich mich selber darüber, wieso es mir nie aufgefallen war, daß sie ihre Schilderungen häufig am interessantesten Punkte abbrach. Sie mag wohl im allerletzten Augenblick vor dem Abgrund stehengeblieben sein und eine ungeheuerliche Schlüpfrigkeit unterdrückt haben. Aber sie hat sie eben unterdrückt, nie hat sie sich einer Taktlosigkeit vor mir schuldig gemacht im Gespräch. Ganz besonders geschickt war sie in einem Punkt. Sie hat mir tatsächlich viel zu tun gegeben, so daß nicht einen Augenblick in mir die Empfindung aufkommen konnte, daß mein Sekretärposten bei ihr eine Sinekure, ein Vorwand sei ... Die Gastfreundschaft, die ich bei ihr genoß, das war eine andre Sache. Aber ich fühlte ebenso wenig Bedenken, sie von ihr anzunehmen, als wenn sie eine liebe ältere Verwandte von mir gewesen wäre. Mein Honorar war gering, immerhin, da mein Leben mich so gut wie nichts kostete, machte es im Verein mit dem, was ich in der Kanzlei verdiente, ein ganz anständiges Taschengeld aus. Ich konnte meinen Schwestern hübsche Geschenke senden und meine Garderobe erneuern, was sie allerdings sehr nötig hatte. Daß ich mir hierbei einige Stutzereien erlaubte, kann ich nicht leugnen. So sehr euch's heute verwundert, neigte ich damals dazu, wie ich mich überhaupt immer mehr an den mich umgebenden Luxus gewöhnte. Meine Verweichlichung, die schon an der Riviera begonnen, hatte sich ungemein entwickelt. Traurig sah ich der Stunde entgegen, wo ich mich von der Selvaggini würde trennen müssen – von ihr und all dem reizvollen ästhetischen Beiwerk, das mit dem Leben unter ihrem Dach zusammenhing. Mußte die Stunde wirklich kommen? Anfangs hatte ich ihre immer häufigeren und dringenderen Vorschläge, sie als ihr Sekretär nach Amerika zu begleiten, als eine Art Scherz mit einem dankbaren Handkuß lachend abgelehnt. Dann hatte ich angefangen, mit dem Gedanken zu tändeln, schließlich ihn ernstlich in Erwägung zu ziehen. Der Widerwille vor dem Alltag vereinte sich in mir mit dem neugierigen Wandertrieb der Jugend und der Sehnsucht nach interessanten Erlebnissen. Sie sehen, nur ein Wunder konnte mich davor retten, so ganz allmählich die Präzision meiner sittlichen Anschauungen zu verlieren und dann – was unausbleiblich gewesen wäre – in diesem süßbetäubenden Lotterleben zu verliedern. Das Wunder kam. Es war ein häßliches, schmerzliches Wunder. Die Selvaggini zeigte den Pferdefuß. Ich erinnere mich noch, als ob es gestern gewesen wäre, des Abends, wie, als wir gerade nach Tisch mit unserm schwarzen Kaffee auf der Terrasse saßen, Luigi mit einem grünumgürteten Telegramm auf silbernem Präsentierbrettchen an sie herantrat. »Mach's auf!« sagte sie, indem sie es mir zuschob. »Gewiß wieder ein Theaterdirektor aus der Provinz, der um eine Audienz bittet.« Es hatte in letzter Zeit derartige Telegramme geregnet, und ein großer Teil meiner geschäftlichen Tätigkeit hatte darin bestanden, sie zu beantworten, abweisend oder entgegenkommend, wie's der Diva beliebte; denn sie hatte für einige der Provinztheater, in denen sie ehemals große Triumphe gefeiert und vom Publikum tobsüchtig beklatscht worden war, eine große Anhänglichkeit bewahrt und zeigte sich dort gerne zu einem kurzen Gastspiel bereit. Als echte Künstlerin, mehr ehrgeizig als habgierig, gab sie nie um einen Heller von ihren gewohnten Forderungen preis, doch erklärte sie sich in gewissen Fällen in kleineren Städten, wo es den Theaterdirektoren unmöglich gewesen wäre, ihren Ansprüchen zu genügen, gerne bereit, umsonst zu singen, für einen wohltätigen Zweck. Natürlich verursachte mir das stets viel langweilige Schreiberei, die ich mit gutem Willen, aber ohne allen Enthusiasmus besorgte. So öffnete ich denn recht gleichgültig das Telegramm. Ehe ich den Wortlaut erfaßt, las ich die Unterschrift: Dazinsky. Ärgerlich zusammenzuckend reichte ich ihr das Blättchen. Kaum hatte sie es durchflogen, so eilte sie, offenbar ganz von einer freudigen Aufregung durchflammt, an ihren Schreibtisch. »Ich bitte dich, klingle!« rief sie mir zu. In großer Hast reichte sie dem herbeieilenden Diener das von ihr soeben ausgefüllte Telegrammformular und trug ihm auf, sofort damit auf die Post zu gehen. »Ich wußte gar nicht, daß sich Dazinsky in Wien befindet,« bemerkte ich etwas übellaunig. »Wozu hätte ich dir's sagen sollen, da du ihn nicht leiden kannst!« rief sie lachend und zog mich am Ohrläppchen. »Eifersüchtiger!« »Daß ich ihn nicht leiden kann, ist richtig,« erwiderte ich, »aber eifersüchtig bin ich nicht, und ich verschmähe diese Konkurrenz.« Dann, da ich doch neugierig war, fragte ich: »Er scheint Ihnen eine angenehme Nachricht übermittelt zu haben, Marie?« »Ja, der Großfürst Michael lädt mich für morgen zum Dejeuner im Hotel Sacher. Er ist ein alter Freund von mir und von Dazinsky – einer meiner größten Verehrer. Er will ein Gastspiel für mich vermitteln, in Petersburg, sobald ich in Amerika fertig bin. Du kannst dir nicht vorstellen, was das bedeutet – ein Gastspiel in Petersburg!« »Wohl kann ich es mir vorstellen, den ... großen Donner!« »Ja! – den großen Donner,« murmelte sie, lehnte sich in ihren Sessel zurück und lächelte erinnerungsversunken. »Da werden Sie mich morgen nicht brauchen,« bemerkte ich. Sie fuhr auf wie aus einem Traum. »O doch – ich hab' sogar allerhand ganz besondere Anliegen an dich. Komm etwas später als gewöhnlich ... erst gegen fünf.« – So kam ich denn, wie mir befohlen worden war, um fünf. Es war Mitte Juni und sehr heiß. Die Fenster standen offen. Aus dem Garten drangen Wogen schwülen Akazienduftes, in die sich der bescheidenere Wohlgeruch des Jasmins mischte, wie eine süße Wehmut in eine große Leidenschaft. Die Wände des kleinen runden Kuppelsaales waren ganz bedeckt mit Lorbeerkränzen, von denen lange, mit goldgedruckten Widmungen geschmückte Bänder herunterhingen. Die trocknen Lorbeerzweige knisterten in der Hitze. In den lorbeerbekränzten Wänden waren zwei Türen, außerdem befanden sich darin zwei Portieren aus rotem Damast, von denen ich mich nie gefragt hatte, was dahinterstecke. Mir wurde die Zeit lang, und so zog ich aus müßiger Neugierde den einen Vorhang zurück. Es stellte sich heraus, daß er eine Nische verhüllte, in der sich ein großer aufrecht stehender schwarzer Sarg befand, dessen Deckel mit einem silbernen Fragezeichen geschmückt war. Ich schrak zusammen und war nun natürlich sehr begierig, zu erfahren, was sich hinter dem zweiten Vorhang verbarg. Ein großes Ölgemälde. Eine Nonne stellte es dar in weißem Gewand mit schwarzem Nonnenschleier über der weißen Stirnbinde. Mit ihren beiden Armen hielt sie den Stamm des Kreuzes umschlungen, aus ihrem emporgerichteten Antlitz suchten die traurigen Augen den Heiland. Nie habe ich diesen Ausdruck ekstatischen Flehens auf irgendeinem Menschenantlitz übertroffen gesehen, weder auf einem Bild noch im Leben. Der Ausdruck teilte sich sogar den bleichen, das Kreuz mit Zärtlichkeit, Verzweiflung und Ehrfurcht umklammernden Händen mit. Das ist eine heilige, sagte ich mir, aber eine, die früher ein von Leben und Leidenschaft glühendes Weib gewesen und aus Liebe heilig geworden ist. Und wie schön sie war, wie unvergleichlich die wundervoll schwermütige Linie der himmelssehnsüchtigen Lippen, die Form der herrlichen, dunkelumsäumten Augen! Die Augen kamen mir bekannt vor. Das ist ja sie, durchzuckte es mich plötzlich, ist die Selvaggini! Nun versenkte ich mich mit einer Art Inbrunst in den Anblick des Bildes. Mir war's, als hätte ich sie durch diese Darstellung ihrer Persönlichkeit von einer neuen, noch anziehenderen Seite kennengelernt als bisher. Tränen der Andacht und Rührung traten mir in die Augen. Mit gefalteten Händen stand ich vor dem Bild, in Anbetung versunken – da, ein Aufrascheln weicher Seide, das Ticktack eines leichten rhythmischen Tritts – eine Wolke betäubenden Wohlgeruchs, viel, viel stärker, als er sie sonst zu umgeben pflegte ... meine Wohltäterin stand neben mir. »Ei!« rief sie, nicht böse, nur neckend. »Hat's dich einmal gerissen, meinen Geheimnissen nachzuspüren?« »Ich dachte nicht, daß es sich um Geheimnisse handelte,« murmelte ich verträumt, wobei ich noch immer nicht den Blick von dem Bilde losreißen konnte, nicht einmal, um meine Wohltäterin zu beglücken. »Warum haben Sie mir so lange den Anblick dieses wundervollen Porträts mißgönnt?« »Warum?« fragte sie mit der verschleierten, schleppenden Stimme, deren ich mich von Wartenberg her erinnerte. »Warum – weil mich keiner mehr auf dem Bilde erkennt, und weil das weh tut! ... Du hast's erkannt?« »Natürlich! Zuerst haben mich Tracht und Ausdruck irregeführt, aber nur ganz vorübergehend. Es ist ja schreiend ähnlich. Kein Mensch hat solche Augen außer Ihnen. Es stellt Sie gewiß in der Rolle der heiligen Elisabeth dar.« »Ja, in der Rolle der heiligen Elisabeth!« murmelte sie. »Möchtest du mir's glauben, daß ich, wenn ich die heilige Elisabeth sang – die heilige Elisabeth war? Tagelang dauerte der Zustand der Exaltation. Dann freilich,« heiser, kaum hörbar fiel es von ihren Lippen, »forderte das Leben sein Recht!« Und mit unglaublicher Schnelligkeit aus einer Stimmung in die andre überspringend: »Man kann nicht immer eine Heilige sein – und ... man kann auch nicht immer ein Heiliger bleiben!« leise kichernd, mit einem Kichern, das warm und wollüstig wie das Girren einer Turteltaube klang, fuhr sie mir über die Wange. Unangenehm berührt wandte ich mich nach ihr um. In glänzender Toilette, einen großen schwarzen Federhut auf dem Kopf, eine dicke Perlenschnur um den Hals, war sie offenbar in gehobener Stimmung von dem Frühstück bei dem Großfürsten zurückgekehrt. Ihre Augen hatten einen verfänglichen Glanz, ihre gefärbten Lippen waren feucht. Sie hielt den Kopf zurückgebogen und blinzelte mich beim Sprechen herausfordernd an. Noch nie hatte ich sie so gesehen. Eine Art Grauen, das ich Mühe hatte zu verbergen, schnürte mir die Adern zusammen. »Haben Sie sich gut amüsiert?« fragte ich, mich zum Reden zwingend. »O ja, es war herrlich, herrlich! Alle waren sie in mich verliebt, wie in der alten Zeit – alle!« Sie ließ sich in einen Sessel gleiten. Die Augen geschlossen, versenkte sie sich in einen Traum. Dabei wechselte ihr Mienenspiel beständig, bald Schmerz, bald herausfordernde Schelmerei ausdrückend. Mit einemmal öffnete sie die Augen, und dann, auf ein Bild über einer der Türen deutend, rief sie: »Und das hast du nicht erkannt?« Sie lachte aus vollem Halse. Mir aber erstarrte das Blut in den Adern, worauf es gleich darauf ungestüm zu rasen begann. »Das ist ... das sind ...« begann ich und kam nicht weiter. »Das war ich auch!« Und den Kopf zurückwerfend, ganz der Rolle vergessend, die sie bis dahin vor mir gespielt hatte, der Rolle der edlen, mütterlichen Frau, murmelte sie: »Ja, das war ich auch, als Venus! Beide Rollen hab' ich gesungen, beide mit demselben Erfolg – einem närrischen Erfolg. Wenn ich aus den Wolken heraus die Worte fang: »Geliebter, komm, kehr' bald zurück!«, rasten die Leute mitten in die Musik hinein mit ihrem Applaus und Geschrei – es war abscheulich, geschmacklos ... nein, es war berauschend, war wundervoll ...«, und noch einmal auf das Bild deutend: »Ich wollte, du hättest mich damals gekannt. Schön war ich, weiß Gott, und jetzt ... Alle Tage hast du das Bild gesehen, und nie ist dir's eingefallen, daß ich das sein könnte?« »Auf den Gedanken wäre ich allerdings nie verfallen,« stammelte ich. Das Bild – es hing über der großen Glastür, die auf den Balkon hinausführte – stellte einen herrlichen weiblichen Körper dar, auf einem Ruhebett hingestreckt, die Glieder nur leicht verhüllt. Bis dahin hatte sie in ihrer leichten Trunkenheit – zu ihrer eignen Entschuldigung muß ich wohl endlich ihren Zustand mit dem richtigen Namen benennen – vor sich hingeredet, ohne mich nur anzusehen, ganz in ihre von Champagner und Erinnerungen erhitzten Gedanken eingesponnen. Mit einemmal richtete sie den Blick auf mich. Sie erschrak über das, was sie angerichtet hatte, aber redete sich in eine große Entrüstung über meine lächerliche Prüderie hinein. »Wie er rot wird, der Herr Puritaner!« höhnte sie. »Ich bin kein Puritaner,« erwiderte ich, nicht ohne eine gewisse Gereiztheit, indem ich die Augen jetzt voll zu ihr aufschlug, »Und ich nehme es übel, wenn Sie mich so nennen!« »Hm! Hm! Warum denn. Kleiner?« »Weil ein Puritaner fast immer ein Mensch ist ohne Güte und ohne Schönheitssinn.« »Ach so, ich dachte, es sei ein Mensch mit einem Überschuß an Moral.« Ich zuckte die Achseln. »Wer sagt Ihnen, daß ich einen Überschuß von Moral besitze?« erwiderte ich trotzig. »Mein bißchen Moral ist in meinem Schönheitssinn mit eingeschlossen. Moral ist für mich einfach sittliche Ästhetik.« Wie Sie sehen, hatten sich meine Lebensanschauungen im Laufe der letzten Monate weit von St. Pölten entfernt. »Ei – ei!« Sie lachte ein wenig spöttisch. »Sieh doch! Aus meinem kranken Kind ist ein Lebemann geworden. Hm! Hm! – Und dein sittlicher Schönheitssinn fühlt sich durch dieses Bild verletzt? Das ist ja zum Totlachen. Wenn du kein Puritaner bist, so bist du wenigstens ein sehr beschränkter Philister. Vermagst du denn wirklich nicht die künstlerischen Qualitäten des Porträts zu würdigen, nur ...« – sie lachte gezwungen und errötete jetzt selbst – »nur weil ... weil sich ... die Spange von der Schulter gelöst hat? Makart – das Bild ist nämlich von ihm – bestand darauf, er sah nichts Anstößiges dabei. – Er war eben ein Künstler,« fuhr sie fort, »und meine Schönheit war etwas Heiliges für ihn. eine Offenbarung Gottes, eins seiner herrlichsten Meisterwerke – pflegte er zu sagen –, und du bringst nichts fertig, als ein dummes Gesicht zu schneiden und rot zu werden.« »Oh, die künstlerischen Qualitäten des Bildes weiß ich wohl zu würdigen,« entgegnete ich, sehr trocken, fast abweisend, da ich es geschmacklos und taktlos von ihr fand, mich wegen meines vielleicht übertriebenen Zartgefühls wie einen Schuljungen abzukanzeln. »Es hat mich nur unangenehm berührt, weil es Ihr Bild ist!« Der Schlag traf. Sie wurde totenblaß, gleich darauf raffte sie sich zusammen, ihre Augen sprühten Feuer. »Hältst du mich vielleicht für eine Pensionärin?« rief sie. »Nun, dann stehen dir schöne Überraschungen bevor. – Bin wohl auch nicht schlimmer gewesen als eine andre, aber vielleicht aufrichtiger und uneigennütziger. Nicht so viel hab' ich mir aus der Meinung der Welt gemacht!« Sie schnalzte mit dem Finger. »Die Welt! Was kümmert sie sich übrigens um das Privatleben von uns andern? Die Welt ist gescheiter als du und weiß, daß man nicht Begeisterungen entzünden kann, wie ich sie entfesselt habe, ohne daß jeder Blutstropfen in unserm Körper glüht vor Leidenschaft, und ohne daß jeder Nerv in uns wund war' von traurigen Erfahrungen. Denn traurig sind sie ja immer, das ist der unausbleibliche Schluß. – Aber was tut's, wenn unsre Kunst nur um eine Schattierung reicher wird dadurch!« Sie schwieg erschöpft, hatte offenbar schon viel mehr gesagt, als sie hatte sagen wollen. Wieder heftete sie den Blick auf mich. Diesmal erkannte sie den ganzen Umfang des Unheils, das sie angerichtet hatte, und noch bleicher werdend, murmelte sie: »Das ist ja übrigens alles längst vorbei, ich bin ein andrer Mensch geworden, eine alte Frau mit ernsten Lebensanschauungen, deine Vize-Mama, die sich freut, wenn sie ihrem lieben Buben das Leben angenehm machen kann ... Schlimmer Bub, was für ein böses Gesicht er macht! Nun, er wird schon wieder gut werden. Drück' auf die Klingel!« und mir die Hand auf die Achsel legend: »Ich habe Eiskaffee bestellt, weil es zu heiß ist für Tee.« Befremdet starrte ich sie an. Glaubte sie wirklich, daß sie meine Entrüstung, meinen Ekel mit solchen läppischen Verwöhnungen zu beschwichtigen vermochte? »Wenn Sie mich geschäftlich brauchen, so stehe ich Ihnen natürlich zur Verfügung,« erwiderte ich ihr. »Wenn nicht, so bitte ich, mich zurückziehen zu dürfen. Ich ... ich habe rasende Kopfschmerzen.« Ihre Hand glitt von meiner Schulter. Die Tür schloß sich hinter mir. Was in ihr vorgegangen ist, weiß ich nicht, aber ich sehe sie noch vor mir, wie sie mit tiefgesenktem Kopf wie entgeistert stehenblieb, als ich das Zimmer verließ. Ich aber – werden Sie mir's glauben? –, wie von einem Schlage betäubt, tappte ich in mein Zimmer. Dort warf ich mich auf mein Bett, biß in die Polster und schluchzte. Nun kam eine traurige, drückende Zeit für mich. Es gab Momente, in denen ich mit meinem so plötzlich gegen sie erstandenen Abscheu wie gegen ein ekelhaftes Ungeheuer rang. Meine alte Verehrung suchte irgendeinen Ausweg aus dem widerwärtigen Eindruck. Zu andern Malen war ich knapp daran, meine Siebensachen zu packen und mich ohne Bescheid davonzumachen. Dann wieder trat mir plötzlich irgendein Zug ihrer rührenden Güte ins Gedächtnis. Mein Herz schrie nach ihr. Trotz all meiner Entrüstung blieb die Situation für mich bedenklich. Wenn sie nur etwas geschickter gewesen wäre, hätte sie mich zurückgewonnen. Nachdem sie in einem Augenblick sinnloser Überreizung das Ideal, das ich mir von ihr gemacht, in Fetzen zerrissen, hätte sie sich sofort entschließen sollen, die Kosten ihrer Übereilung mit Würde zu tragen. Sie hätte ruhig bei ihren Lebensanschauungen verharren und mich von der Höhe ihres künstlerischen Standpunktes herab gutmütig und überlegen für meine philiströse Beschränktheit bemitleiden sollen. Sie hätte groß bleiben müssen, und da hätte ich sie immerhin als ein wundervolles Ungeheuer weiter bewundert, ja vielleicht hätte sie meine Weltanschauung zu beunruhigen angefangen. Statt dessen – und das war ein großes Glück für mich – gab sie klein bei und glaubte mit ein paar Zugeständnissen den Riß zwischen uns verkitten zu können. Als sie mich nach drei Tagen zum erstenmal wieder zu sich befahl, deutete sie mit einem schelmischen Lächeln auf den Platz über der Tür, wo ihr Venusporträt gehangen hatte, das nun von einem sehr langweiligen und spießbürgerlichen Stilleben ersetzt worden war. »Ist mein großes Kind zufrieden?« fragte sie. Offenbar hatte sie sich auf eine tiefe Rührung gefaßt gemacht. Aber anstatt ihr mit Begeisterung zu danken und die Hand zu küssen, zuckte ich mit den Schultern. »Keineswegs,« erklärte ich. »Das Stilleben ist häßlich und paßt nicht hierher. Ihr Bild war doch wenigstens schön, ein Kunstwerk und ein herrlicher Gegenstand. Nachdem die erste Überraschung vorüber war, hätte ich mich daran gewöhnt. An das Stilleben werde ich mich nie gewöhnen.« Der trockene Ton, in dem ich das vorbrachte, tat ihr weh. Sie sah mich mit einem betroffenen, traurigen Blick an. Gleich darauf lud sie mich für den Abend zu Tisch. Ich lehnte die Einladung unter irgendeinem Vorwand ab. Ich war grausam. Zu meiner Entschuldigung kann ich nur anführen, daß ich unsagbar litt. In der Jugend trennt man sich schwer von einem Ideal, und wenn auch das Ideal, das ich mir von ihr gemacht, wie es mir schon damals zu dämmern begann, eine recht kindische, obschon rührende Leistung meiner Phantasie gewesen war, so hatte es doch fest eingewurzelt in meiner Seele gestanden, und als sie es so erbarmungslos mit den Wurzeln ausgerissen, hatte mir das unbeschreiblich weh getan. Von da an vermied ich es, ihre Diner-Einladungen anzunehmen, hielt mich an den Abenden unter irgendeinem Verwand von Monplaisir fern und fing an ernstlich zu überlegen, wie ich mich ohne Roheit – das Wort Unzartheit genügte in diesem Falle nicht – von meinen Beziehungen zu der Künstlerin losmachen könne. Auch mit dem Gedanken, sie nach Amerika zu begleiten, spielte ich nicht mehr. – Eine Woche später lag auf dem Frühstückstablett, das mir der alte Luigi noch immer täglich aufs Zimmer brachte, ein Brief von ihr. Vielleicht kündigt sie mir selbst, dachte ich und empfand eine Erleichterung bei dem Gedanken. Ich irrte mich. Genau erinnere ich mich nicht an den Wortlaut – aber der Sinn ist ungefähr folgender gewesen. Nach ein paar einleitenden, unser Zerwürfnis nicht ganz taktvoll erwähnenden Worten: »Ich hab' dich letzter Zeit über meine Kunst stark vernachlässigt und kurzgehalten. Heute nachmittag steh' ich zu deiner Disposition. Um mich nicht anzustrengen, habe ich meinen Korrepetitor für den Vormittag abgesagt und will dir vorsingen, was dein Herz begehrt.« So unfreundlich ich die Eiskaffeejause abgelehnt hatte, so gern ging ich auf diese künstlerische Lockung ein. »Wollen Sie mir wirklich den Nachmittag opfern?« fragte ich schon beim Eintreten. »Ich muß wohl,« erwiderte sie mit jenem melancholischen Mutwillen, der eine Spezialität von ihr war. »Da mein Gesang das einzige ist, womit ich meinen abtrünnigen Verehrer zurückerobern kann.« Damit legte sie mir die erste Arie der Carmen auf das Notenpult des Klaviers. »Daß du's nur weißt, du bist Don José,« rief sie mir zu. »Bist mein Probierpublikum, bist der erste, dem ich mein neu aufgebügeltes Repertoire vortrage. Bin schon sehr neugierig, zu erfahren, wie meine Leistung auf dich wirken wird.« Bei diesen Worten zog sie eine Rose aus einer Vase und fing an, damit zu spielen, während sie mir zugleich übermütige und herausfordernde Blicke zuwarf. All dies war mir gründlich zuwider. Und doch ... Obwohl sie zu groß für die Rolle war, hab' ich die Carmen nie auch nur annähernd so verkörpern sehen. Der Rhythmus ihrer Schritte, das kurze Aufstampfen ihrer schmalen, feingebogenen Füße, das Dehnen ihres Oberkörpers, der Blick aus ihren halbgeschlossenen Augen, die tausenderlei Teufeleien um ihren Mund, der plötzlich im Lächeln und Locken ganz jung geworden war, die üppige, weiche, wollüstige Stimme, jeder Ton eine Verführung! Nur ... Als sie geendet, sah sie mich fragend an. Ich aber sagte: »Don José verschmachtet schon zu Ihren Füßen, Marie! Aber wo ist Escamillo?« Worauf sie: »Gibt es einen Escamillo? Meiner Treu! An den hatt' ich nicht gedacht.« Und sie lachte aus vollem Halse, ein wenig laut, fand ich. Sie sah mir's gleich an, daß sie einen zu grellen Ton angeschlagen hatte. »Laß den dummen Escamillo – ich möchte wissen, wie's dir gefallen hat.« »Wie? – Es war herrlich!« »Hm ... aber?« »Kein aber!« »Doch!« Sie sah mich scharf, leicht blinzelnd an. »Soll ich dir's sagen, was du gedacht hast, während ich sang: Was hätt' ich darum gegeben, wenn ich die Selvaggini vor zwanzig Jahren die Carmen hätte singen hören können! Das hast du gedacht!« Ich zögerte: »Schöner hätten Sie vor zwanzig Jahren die Arie auch nicht singen können!« bemerkte ich an ihrer leider buchstäblich wahren Behauptung vorbei. Sie ließ mit melancholischer Ironie die Mundwinkel sinken. »Wie du dich herauswickelst! Vielleicht hab' ich sie wirklich nicht schöner gesungen ... aber besser gepaßt hat mir die Rolle vor zwanzig Jahren. Hübscher war ich, biegsamer, impulsiver, jünger. Eine grauhaarige Carmen kann man sich eben nicht denken. Die Jugend faßt diese Dinge so rasch. Die Jugend ist grausam. Nun, versuchen wir's mit etwas anderm. Die Ballade der Senta – das Gebet der Elisabeth.« »Eins nach dem andern!« bat ich, und sie nickte. Ich wüßte nicht zu sagen, was sie schöner sang. Ihre künstlerische Gestaltungsgabe war unerreicht, und sie war bei Stimme, wie ich sie noch nie gehört. Das Fis im Gebet der Elisabeth schmetterte sie mit einer weichen Kraft heraus, die mir unvergeßlich bleiben wird. Und zu dem himmlischen Wohllaut die Verzweiflung des Ausdrucks! Sie war entzückt von sich selbst. »Es geht noch, wahrhaftig, es geht!« rief sie aus. »Meine Stimme hat noch keine grauen Haare, meine Stimme ist noch jung ... wahrhaftig, ich bin ein Naturspiel!« »Nein, kein Naturspiel, ein Wunder!« sagte ich ohne Galanterie, mit Überzeugung. Diesmal freuten sie meine Worte. Sie konnte nicht aufhören zu singen, obwohl ich sie mahnte, sich zu schonen. Arie um Arie sang sie, endlich, in einer Art Primadonna-Wahnsinn, die Arie der Traviata » Ah fors e lui «. Die Cavatina ging noch ganz gut, dann kam die Fioritur, das Passagenwerk zwischen der Arie und endlich der Walzer. Plötzlich ließ die Stimme nach. Die hohen Töne konnte sie nicht erreichen. Sie versuchte es ein paarmal und brachte nur ein wüstes Gekreisch heraus. Und was das ärgste war, auch die wundervollen Töne in der tiefen Lage hatten von einem Augenblick zum andern ihren Klang verloren. Betroffen sah ich sie an. Ihr armer Mund zuckte in einer breiten grotesken Grimasse, die Augen zogen sich zusammen, und sie fing an zu schluchzen, wie ich in meinem Leben niemanden schluchzen gehört habe. Ich legte den Arm um ihre Schultern, streichelte sie, küßte ihr die Hände. Alles, was mich an ihr verdrossen, hatte ich vergessen. Sie war für mich nur eine unglückliche Frau, die ein Gebrechen vor mir preisgegeben hatte und sich nun schämte. »Marie, meine verehrte Wohltäterin! Regen Sie sich doch nicht so auf!« rief ich. »Wegen einer vorübergehenden Indisposition!« Sie schluchzte nur um so heftiger. »Nein, nein, es ist vorbei! Das Schicksal hat einen Strich unter meine Karriere gezogen. Es ist zu Ende. – Das Alter ist gekommen.« Beide Hände an den Schläfen, starrte sie vor sich hin, als habe sich ein Gespenst vor ihr aufgerichtet. »Vorbei!« murmelte sie. »Vorbei!« Nachdem sie ein paar Minuten lang totenblaß, am ganzen Körper zitternd, so vor sich hingestarrt hatte, warf sie plötzlich den Kopf zurück. »Es muß noch gehen!« rief sie, trat auf das Klavier zu und befahl herrisch, heiser: »Noch einmal den Walzer!« Ein Ton nach dem andern brach. Mit einem entsetzlichen Aufschrei warf sie sich auf den Boden. Ich neigte mich über sie, wollte ihr helfen, sich aufzurichten. Da merkte ich, daß sie ohnmächtig geworden war. Wir trugen sie auf ihr Zimmer und legten sie auf ihr Bett, der alte Luigi und ich. Tagelang blieb sie dort, bei zugezogenen Gardinen, in einem Anfall bodenloser Verzweiflung. Immer, wenn ich aus der Kanzlei zurückkam, teilte mir Luigi dasselbe mit: sie läge still, das Gesicht gegen die Wand, nehme keinen Bissen zu sich und erlaube niemandem, das Zimmer zu betreten, als ihrer alten Kammerzofe. Es dauerte eine volle Woche, ehe sie mich zu sich berief. Diesmal empfing sie mich nicht in dem Musiksalon, sondern in einem kleinen übermöblierten Raum mit zahllosen in der phantastischsten Art zusammengesteckten Photographien an der Wand und einer aufdringlichen Masse von herumstehenden Nippessachen auf allen Tischen. Ihr Gesicht war verfallen, ihre Lippen zitterten beim Reden und besonders bei ihren mühsamen Versuchen, das für mich schauerliche Erlebnis leicht zu nehmen. »So sind wir nun einmal, wir Künstlerinnen, wir haben alle zu viel Phantasie!« erklärte sie mir. »Jede kleine Unannehmlichkeit bauschen wir zur Katastrophe auf. Wenn uns ein Ton einmal versagt, glauben wir gleich die ganze Stimme verloren zu haben. Der berühmte Laryngologe, mit dem ich mich beriet, hat mich vollständig beruhigt, mir Schonung und eine Badekur vorgeschrieben. Dann könne ich meine Vorbereitungen für meine amerikanische Tournee von neuem beginnen. Wahrscheinlich werde ich von Ems nach Mailand zu Lamperti reisen, um mich ein paar Wochen lang seiner musikalischen Disziplin zu unterziehen. – Leid tut mir nur, daß wir uns für die Zeit trennen müssen, liebes Kind. Hoffentlich gibt es ein um so vergnügteres Wiedersehen im Herbst.« Ich nickte nur. Das Schweigen zwischen uns zog sich in die Länge, es wurde dumpf und drückend, so ein Schweigen, das ganz voll ist von Dingen, die man nicht auszusprechen wagt. Endlich erhob sie sich. »Bin ich entlassen, Majestät?« fragte ich mit gekünstelter Heiterkeit. »Nein!« erwiderte sie. »Ich habe eine Überraschung für dich vorbereitet!« Sie führte mich in den Musiksalon, den ich nach der kürzlich erlebten Szene nicht ohne einen Schauder betrat. Dort erblickte ich ein gelblackiertes, häßliches Instrument, das wie eine überlebensgroße Trompete aussah. Es war ein Grammophon. Ich hasse Grammophone, die meistens nur verschnupfte musikalische Karikaturen hervorbringen. Nichtsdestoweniger muß ich gestehen, das es einige Stimmen täuschend wiedergibt, z. B. die Stimme Carusos, die Stimme der Destin in ihrer Blüte und die der Selvaggini. Herrgott, welche Stimme, ergreifend wie eine Orgel, weich wie ein Waldvogel und, wie ich schon einmal erwähnt, mit dem Edelmetall von alten Kirchenglocken! Dieselbe Leichtigkeit in allen Lagen. Ich horchte atemlos. Mitten aus dem Horchen und Genießen beobachtete ich meine Freundin. Die horchte noch aufmerksamer als ich. Große Tränen, die sie nicht merkte, rollten über ihre Wangen herab. »Das war ich,« sagte sie leise, als das Grammophon mit einem boshaften Schnurren verstummte; dann, ohne sich noch nach mir umzusehen, verließ sie das Zimmer, mit demselben müde schleppenden Schritt, dessen ich mich von Wartenberg her erinnerte, ehe wir Freundschaft geschlossen hatten. – Zwei Tage später hab' ich sie auf die Bahn gebracht. Es war sieben Uhr früh. Die Stadt, totenstill, fing erst an, sich den Schlaf aus den Augen zu reiben. Ich höre ihre Stimme zögernd, matt, zitternd beim Abschied sagen: »Wirst du mich denn gar nicht vermissen?« Und ich höre den unaufrichtigen Ton meiner Antwort, die natürlich allerhand höfliche Versicherungen enthielt. Ob mir leid um sie war? Aber wie ich aufatmete, als der Zug sich in Bewegung setzte und ich ihr Taschentuch nicht mehr winken sah! Noch denselben Tag bat ich in der Kanzlei um Urlaub. Es litt mich nicht mehr in Monplaisir. Der Entschluß, meine Beziehungen zu der Primadonna zu lösen, sobald sie zurückgekehrt sein würde, stand bei mir fest, ebenso wie die Absicht, es so zart als möglich zu tun. Unterdessen widerstrebte es mir, noch etwas von ihr anzunehmen. Mir graute geradezu vor Monplaisir, und in den Zauber, der die große Künstlerin umschwebte, hatte sich ein unlauteres Element gemischt, das mir die ganze Freude daran verdarb. Ich strebte heraus aus dem allen, irgendwohin, wo mich die Erinnerungen an die Diva nicht verfolgen würden. Nach kurzer Überlegung entschied ich mich für den Semmering. Der lag sozusagen vor den Toren von Wien. Wenn es mir dort nicht gefiel, konnte ich mich weiter umsehen. Ich hatte ein paar hundert Kronen gespart. In jenen historischen Zeiten, ich meine die Zeiten vor dem Krieg, langte das weit. – Am Semmering mietete ich mich so bescheiden wie möglich in einem Häuschen ein, das sich ein kleiner Kaufmann von seinen Ersparnissen gebaut hatte und dessen Oberstock er im Sommer an Fremde abgab. Mein Kämmerchen war weiß gestrichen, das Bett war hart, die Fenster waren klein, aber sie blickten Über eine bewaldete Talsenkung in eine märchenhafte blaue Ferne, und da ich sie Tag und Nacht offen ließ, so war mein Stübchen immer voll von Tannenduft, der so viel süßer als der stechend aromatische Geruch von Fichten und Kiefern ist. Fichten und Kiefern riechen nach Harz, Tannen duften wie der Tau auf jungem Getreide am Frühmorgen eines Frühlingstages. Ich war zufrieden – mehr als das. Ich atmete auf. Ich las sehr viel, machte endlose Spaziergänge, kannte bald jeden malerischen Winkel in der Umgebung und nahm die Mahlzeiten in kleinen Bauernwirtshäusern, wobei ich mich ebenso an der Billigkeit wie an der Einfachheit der Kost freute. Mit einem gescheiten Menschen hätte ich mich gern das eine oder das andre Mal ausgesprochen, aber das vergnügungssüchtige Gelichter, das ich in bunten Musselinfähnlein herumtrippeln sah und herumkichern hörte, lockte mich nicht, und so störte es mich geradezu, als plötzlich im Südbahnhotel eine Tante von mir auftauchte, Schwester meiner Mutter und Frau, eines sehr reichen Herrschaftsbesitzers in Mähren. Sie hatte eine ganze Zimmerflucht im Südbahnhotel gemietet, war umgeben von einem Troß von jungen Mädchen und wollte mich alle Tage mit einer andern ungarischen Gräfin bekannt machen. Ich wich ihr aus. Glücklicherweise gefiel ihr's nicht besonders auf dem Semmering; nach kurzer Zeit entschloß sie sich, weiter nach Süden vorzudringen; ich glaube, sie wollte an den Karersee. Am Tag vor ihrer Abreise aber keuchte sie plötzlich hinter mir her, als ich im Begriff stand, vom Pinkenkogel zurückzukehren. »Raimund! Raimund!« Ich kehrte mich um. »Tante Lina – du wünschest?« »Du! Du spielst doch Klavier?« »Einigermaßen ... ein wenig.« »Einigermaßen, ein wenig!« wiederholte sie aufgeregt. »Du mußt doch gut spielen, sehr gut. Deine Mutter hat mir gesagt...« »Ach was, Mütter überschätzen ihre Kinder immer. Dürfte ich dich übrigens fragen, warum dich mein Klavierspiel interessiert?« »Es ist nur ... ich hab' mit dir geprahlt, und da Professor Fachberg händeringend einen guten Pianisten sucht, so hab' ich dich vorgeschlagen. Um Gottes willen, blamiere mich nicht! Ich hab' gesagt, du würdest dir eine Ehre daraus machen, mit ihm zu musizieren; ich glaube, er spielt Cello.« Ob ich meine Tante blamierte oder auch nicht, daran lag mir nichts, aber der Name Fachberg interessierte mich. »Fachberg,« wiederholte ich. »Fachberg! Ist das nicht der berühmte Gynäkologe, der unlängst an die Wiener Universität berufen worden ist?« »Ja, derselbe. Er wohnt im ,Johann'. Morgen nachmittag ist er zu Haus. Ich bitte dich, Raimund, tu's mir zulieb!« – Der Tante zulieb tat ich's nicht. Aber den nächsten Nachmittag fand ich mich richtig im Hotel zum Erzherzog Johann ein, das am ganzen Semmering und in der Gegend weit und breit einfach »Der Johann« heißt. Der Professor, der, wenn ich nicht irrte, von München zu uns berufen und ein geborener Bayer war, empfing mich in einem der altmodischen, mit roten Wollvorhängen und falsch orientalischen Eselstaschen möblierten Wohnzimmer, die typisch für die damaligen Semmering-Hotels waren, in einer dicken Wolke von blauem Tabaksqualm, aus der ich erst langsam die Konturen seiner ziemlich umfangreichen Person erkennen konnte. Er trug einen grauen Rock mit grünem Kragen und Hirschhornknöpfen (ich weiß nicht, warum alle Bayern auf dem Land immer im Jägerkostüm herummarschieren, aber es ist einmal so), hatte einen langen, graudurchschimmerten braunen Vollbart und eigentümlich helle durchdringende blaue Augen, in denen die Gutmütigkeit mit ein klein wenig Zynismus gewürzt war. »Also Sie sind der junge Rubinstein, den mir Ihre Frau Tante so sehr gerühmt hat?« rief er aus, indem er seine Pfeife weglegte und mir die Hand reichte. »Um Gottes willen, Herr Professor, ich bin ein ganz bescheidener Dilettant.« Er zwinkerte humoristisch. »Ich auch,« gab er mir zur Antwort. »Aber ich fiedle für mein Leben gern. Es ist das einzige, was mir das Gehirn ausruht außer Patiencelegen ... Hm! Hm! Wenn es Ihnen nicht zuwider ist und Sie Zeit haben, könnten wir gleich probieren, wie wir uns vertragen.« Eh ich mich's versah, saß ich am Pianino und half ihm die G-Moll-Sonate von Beethoven zu massakrieren. Wir haben später oft über diese energische »Entrée en matière« gelacht, später, als wir gute Freunde waren. Ich hatte die Sonate oft gehört, was genügt hätte, mich zu orientieren, auch ohne daß ich sie selbst gespielt hätte, wenn ich's mit einem halbwegs normalen Partner zu tun gehabt hätte. Aber der Professor sägte und kratzte in einer so erratischen Weise, jedem Rhythmus hohnsprechend, sich bald da, bald dort aufhaltend, um einen Irrtum zu verbessern, dann in Sechszehnteln vorwärtsrasend, wo Achtel vorgeschrieben waren. Pausen abwechselnd verschlingend und dehnend, daß ich nicht mit ihm Schritt halten konnte, so sehr ich auch über Stock und Stein sprang, rückwärts und vorwärts, wie's eben kam. Dabei glaubte er immer richtig zu spielen. »Sie haben offenbar keine Routine, aber Sie dürfen den Mut nicht verlieren,« bemerkte er, als uns ein ganz besonders grelles musikalisches Zerwürfnis zum Stillstand gebracht hatte. »Nur Courage! Na, probieren wir's noch einmal!« Und so probierten wir's noch einmal. Aber die Entgleisungen wurden nur noch häufiger. Dabei sägte er sich in einen immer heißeren Eifer hinein. Der Schweiß stand ihm auf der Stirn, und wenn es besonders schief ging, machte er mit dem Fiedelbogen eine dramatische Geste und versetzte dem Cello einen Hieb, offenbar um es für seine Missetaten zu strafen. Ich muß sagen, daß er meine Geduld auf eine arge Probe stellte, aber ich hatte ja nach und nach Übung erlangt in der Fertigkeit, künstlerische Empfindlichkeiten zu schonen. Plötzlich wurden wir unterbrochen, und zwar durch eine Lachsalve, die knapp neben uns losperlte und wie ein übermütig hinschäumender Gebirgsbach klang. Ich sah auf. Vor uns in dem Zimmer stand ein junges Mädchen, und zwar gerade in einem breiten, gedämpft goldenen Nachmittagssonnenstrahl. Vom ersten Augenblick an war ich in Hilda Fachberg verliebt, und wie verliebt! Mir war's, als ob mir die Lebenslust aus den Fingerspitzen heraussprühen müsse, als ob mir Flügel aus den Achseln wüchsen. Im Nu hatte ich alle meine Sorgen und widerwärtigen Eindrücke vergessen. Die Welt war wieder wunderschön geworden, das Leben hatte wieder einen Sinn. Hübsch war sie, das mußte jeder zugeben, der sie sah, wenn sie auch nicht auf jeden eine so hinreißende Wirkung ausüben mochte wie auf mich. Gottlob! Das hätte Komplikationen heraufbeschworen. Sehr jung, noch nicht achtzehn, hoch aufgeschossen, aber nicht zu sehr Stange, und der Körper noch mager, knospenhaft, aber voll allerliebster Zukunftsversprechen, Hände und Füße lang und schmal, sehr edel geformt, nicht zu klein, das Köpfchen rassig, von hellbraunem Haar umgeben, das sie noch in einem Backfischzopf zusammengebunden trug. Es hing ihr lang über den Gürtel herunter und war mit einer schwarzen Schleife zusammengeknüpft, aus der ein dickes Büschel Locken herausquoll. Die Locken schimmerten goldig, ebenso der Flaum um ihre Stirn. Aus ihrem feingerundeten Gesichtchen leuchteten dunkelbewimpert zwei große kluge Kinderaugen. Ihr Näschen war gerad und schmal, ihr Mund, an dem die Oberlippe vielleicht eine Spur zu kurz war, hatte die Farbe einer Walderdbeere und die weichen Konturen des Mäulchens eines Tizianischen Jesuskindes. Beim Lachen zeigte sie eine Reihe herrlicher, schneeweißer Zähne. Sie lachte oft. »Meine Tochter,« meldete mir der Professor. Ich bat, mich vorzustellen. Er hatte meinen Namen vergessen. Ich mußte ihm nachhelfen. »Doktor – schon Doktor! Da haben Sie Ihr Examen aber verflucht jung gemacht. Gratuliere! Sind Sie Beamter – Ballhaus oder Statthalterei?« »Nichts so Nobles. Ich arbeite in einer Advokatenkanzlei, der Kanzlei des Doktors X.« »So, so! Haben recht, rentiert sich besser mit der Zeit. Na, jetzt kommen Sie eine Tasse Kaffee mit uns trinken, draußen auf der Terrasse, zur Belohnung Ihres guten Willens. Es geht noch nicht recht zusammen – aber,« fügte er mit königlicher Herablassung hinzu, »nur Courage, Sie werden sich schon in meine Eigenart hineinfinden.« Er bildete sich wirklich ein, Cello spielen zu können, und war wie versessen darauf. Kaum daß er seinen Kaffee heruntergestürzt hatte, sah er schon ungeduldig in meine Tasse hinein. »Sind Sie fertig? Na gut, dann probieren wir ein Trio!« Und so probierten wir ein Trio. Hilda spielte Geige. Sie spielte viel besser als ihr Papa, hatte Rhythmus und war durch und durch musikalisch. Nun, besonders war's auch nicht. Aber in einem unterschied sie sich wirklich von ihrem Herrn Vater. Sie war sich ihrer Unzulänglichkeiten durchaus bewußt. Als wir uns mit vielen Unterbrechungen, falschen Anläufen und mühsamen Nachbesserungen durch das herrliche H-Dur-Trio von Brahms durchgesetzt hatten, war es Abend geworden. Der Professor legte endlich seinen Bogen nieder, und während es seine Tochter übernahm, sein Cello, übrigens einen prachtvollen Stradivarius, zu verwahren, klopfte er mir auf die Schulter: »Nur nicht den Mut verlieren, es wird schon gehen!« Da brach Hilda in ein noch übermütigeres Lachen aus als das, mit dem sie uns ihr Erscheinen gemeldet hatte. »Aber, Papa,« rief sie, »er spielt ja ausgezeichnet, spielt viel zu gut für uns. Das verwirrt uns, wie einen in der Konversation ein Mensch verwirrt, der immer recht behält.« »Aber, liebes Fräulein Hilda, den Vorwurf musikalischer Rechthaberei können Sie in diesem Fall wirklich nicht gegen mich erheben!« warf ich, mich ihrer Heiterkeit anschließend, ein. »Weiß Gott nicht. Ihr Mitschuldigkeitseifer war geradezu unmoralisch!« »Nimm doch nicht so große Worte in den Mund! Möchte wissen, was du überhaupt von Moral verstehst!« verwies ihr der Professor. »Von musikalischer Moral eine ganze Menge, Papa. Musikalische Moral heißt Rhythmus,« gab sie ihm lustig zur Antwort. Dann sich zu mir wendend: »Wissen Sie, was ich möchte? Sie selbständig Klavier spielen hören, ohne Nebenkatzenmusik!« »Ich stehe zu Befehl.« »Aber doch nicht jetzt. Es ist ja an der Zeit, zum Souper zu gehen,« entgegnete der Professor, der auf seine Mahlzeiten hielt und den die seine Kunst herabsetzenden Bemerkungen verdrossen hatten. »Nun, ein andermal – wann Sie wünschen. Ich stehe den Herrschaften jederzeit zur Verfügung; indessen danke ich für die anregenden Stunden.« »Bitte, bitte, wir haben zu danken. Es tut mir leid, daß Ihnen eine so unerquickliche Aufgabe zuteil geworden ist,« erwiderte der Professor sehr gereizt. »Davon ein andermal, Herr Professor. Ihr Fräulein Tochter hat wahnsinnig übertrieben. Aber jetzt möcht' ich nicht länger stören.« Und ich empfahl mich rasch. Noch in einem seligen Taumel befangen, schritt ich über die Straße, die an beiden Seiten von Tannen eingefaßt war. Wie die Tannen dufteten! Da hörte ich hinter mir ein nach Atem ringendes Stimmchen. »Herr Doktor, aber Herr Doktor, so bleiben Sie doch stehen!« Ich sah mich um. Hinter mir lief Hilda. »Der Papa hat mich geschickt. Er hat vergessen, Sie nach Ihrer Adresse zu fragen. Und wollen Sie nicht morgen bei uns essen? Es ist mein Geburtstag, und es hat dem Papa leid getan, daß er so brummig war, und Sie werden mir vorspielen, nicht wahr?« Den nächsten Vormittag schlich ich mich in den bei Tage leeren Saal des Hotels Banhans, wo ein Klavier stand, und übte drei geschlagene Stunden lang. Es ist bezeichnend, wie wenig der Professor auf Formen hielt, daß er mir gleich nach unserm ersten Besuch seine Tochter mit einer Einladung nachgeschickt hat. Alles weitere in unserm Verkehr war dementsprechend impulsiv, unkonventionell und naiv. Wir sahen uns alle Tage und musizierten viel; mein Solospiel machte nicht nur seiner Tochter, sondern auch ihm aufrichtiges Vergnügen, und nach und nach fand er sich auch mit meinen kammermusikalischen Leistungen ab. Das arme H-Dur-Trio von Brahms hat sich viel gefallen lassen müssen von uns dreien. Wie miserabel hab' ich gespielt, um's dem alten Herrn recht zu machen! Aber ich bin auf meine Kosten gekommen. So schlecht er Cello spielte, so hervorragend war er in andrer Beziehung. Daneben war er völlig weltfremd und geschäftsblind. Nichts verwirrte ihn mehr als eine Rechnung, wenn diese nicht in eine wissenschaftliche Berechnung eingeschlossen war. Sobald er das Mikroskop in der Hand hielt, stimmte alles aufs genaueste, im täglichen Leben aber – Einmal hatten wir eine kleine Nachmittagsfußtour zum Sonnwendstein geplant. Als ich in den »Johann« kam, um die Herrschaften abzuholen, fand ich den Professor mit zerzauster Frisur und geballten Fäusten vor seinem Bankausweis, in dem er sich nicht zurechtfinden konnte. »Ich bitte Sie, gehen Sie allein mit der Kleinen! Ich hab' zu tun!« stöhnte er. »Weiß der liebe Himmel, wann ich mich mit dem Zeugs zurechtfinde!« Als wir vom Sonnwendstein zurückkamen, saß er noch über der Arbeit. Er tat mir leid. Hilda aber lachte ihn nur aus. »Wozu die Schinderei, Papa, das ist ja alles unnötig. Du unterschreibst schließlich doch den Ausweis, den die Bank dir schickt!« Und so war es auch. Aber von dem Tage an fand der Professor es fast selbstverständlich, daß ich es übernehmen solle, Hilda statt seiner zu begleiten. »Ich bitte Sie, Schmieden, ich bin schwer, die Kleine geht gern rasch, also tun Sie mir's zulieb, laufen Sie mit ihr, solang die Engländerin Ferien hat.« Und so begleitete ich denn Hilda anstatt der Engländerin, und Hilda nannte mich übermütig »Gouvernantenersatz«. Alle Tage machten wir Streifzüge durch die Gegend und genossen das Leben, genossen unsre Jugend und freuten uns aneinander. Aber wenn der Professor auch weltfremd war, so war er doch ein vortrefflicher Menschenkenner und konnte sehr gut beurteilen, wem er sein Töchterchen anvertrauen durfte, wem nicht. Im übrigen kam ihm Hilda, glaube ich, noch gar nicht erwachsen vor. Väter sind so. – Ich muß gestehen, daß sie sich anfangs auch herzlich kindisch zeigte. Ganz besonders liebte sie es, meine Geduld auf die unsinnigsten Proben zu stellen. Sie suchte sich immer die steilsten und unbequemsten Wege aus und bürdete mir die lächerlichsten Lasten auf, wahre Heubündel von gepflückten Blumen. Dann tat ich ihr wieder leid, und sie trachtete, ohne sich's anmerken lassen zu wollen, sozusagen um die Ecke, mir etwas Liebes zu tun. So mochten drei Wochen verstrichen sein. Ich fing an, ein klein wenig zu vermuten, daß ich ihr nicht gleichgültig sei, da meldete mir der Professor, daß der Semmering anfange, ihn zu langweilen, in den nächsten Tagen wolle er mit Hilda nach Ostende abfahren, wo er sich mit der »Miß« ein Stelldichein geben wolle. Es sei auch schon die höchste Zeit, daß besagte Miß ihr Duenna-Amt neuerdings antrete, denn, so versicherte der Professor seufzend, er habe es nachgerade satt, seine Tochter ganz allein zu chaperonnieren. Diese Bemerkung beantwortete Hilda mit einem schallenden Gelächter, und als der Professor sie etwas barsch danach fragte, womit er ihre Heiterkeit erregt, erwiderte sie ihm: »Mit deinem Lamento über die Strapazen, die dich meine Bemutterung gekostet hat.« »No! No!« brummte der Professor. »Ich will ja nicht behaupten, daß ich gerade ausschließlich und immer deine Begleitung besorgt hab' ... « »Ausschließlich und immer?« Hilda lachte noch unbändiger, lachte ein klein wenig nervös ausgelassen, wie mir's schien. »Nicht ein einziges Mal bist du. mit mir am Sonnwendstein gewesen, nicht einmal am Pinkenkobel,« rief sie. »Die ganze Arbeit hast du dem armen Doktor überlassen.« »Dem armen Doktor! Möcht wissen, warum du den bedauerst!« spöttelte der Professor. »Weil ich ihn fürchterlich gefrozzelt und geschunden habe, und weil er sich's immer so nett gefallen ließ.« Sie steckte ihre Hände etwas tiefer in die Taschen ihres dunkelblauen Jäckchens. »Hm! Und wann soll die Auswanderung losgehen?« fragte sie. »Übermorgen!« »Na, da muß morgen gepackt werden! Heute ... nun, heute könnten wir ein letztes Mal zum Pinkenkobel wandern. – Kommst du mit, Papa?« Aber das fiel dem Professor gar nicht ein. So wanderten wir denn allein. Beide in dem Bewußtsein, daß es das letzte Mal sein sollte. Anfangs protzte Hilda sehr damit, wie sie sich auf die Reise freue, auf die Seebäder und auf die Ausflüge in die wundersamen alten belgischen Städte. Nach und nach verstummte sie. Sie war blaß, und von Zeit zu Zeit zog sie die Brauen über den Augen zusammen, als ob sie Tränen darunter verstecken wollte. Sie pflückte keine einzige Blume und hielt sich nirgends auf, aber wir waren ziemlich weit gegangen, und so wenig mir auch danach zumute war, fühlte ich mich doch verpflichtet, an die Rückkehr zu mahnen. »Die Tage fangen bereits an, kürzer zu werden, wir werden eilen müssen, nach Hause zu kommen, ehe es dunkel wird,« meinte ich. Sie nickte seufzend. Sich auf dem Absatz umwendend, murmelte sie: »Es ist eklig!« »Was?« »Daß ich vom Semmering fort muß!« »Oh, trotz der Seebäder und der alten belgischen Städte?« »Ja!« Fast böse stieß sie's hervor. Dann beschleunigte sie ihren Schritt mir voraus. Mit einemmal blieb sie stehen. »Und ist's Ihnen denn gar nicht leid?« rief sie, mit dem Fuß aufstampfend. Ihre Stimme war voll Zorn, einem armen, traurigen Zorn, der mit Tränen kämpft. »Mir?« sagte ich langsam. »Aber mir ist ja zum Sterben. Seit vierzehn Tagen hab' ich mich jede Stunde gefragt: Wie lang kann denn das Glück noch dauern? Plötzlich wird's ein Ende haben, und dann wird die Sonne am Himmel für mich auslöschen, und ich werd' mich den Nest meines Lebens weitertappen ... wie's eben geht!« »Raimund!« rief sie. Es war das erste Mal, daß sie mich beim Namen nannte. Ihre Augen leuchteten, als hätte man ihr ein Wunder offenbart. »Raimund! Haben Sie wirklich so gefühlt?« »Und warum haben Sie mir nie ein Wort davon verraten?« »Warum? Weil ich das Vertrauen Ihres Herrn Vaters nicht mißbrauchen durfte.« »Ja, aber – wenn Sie – mich wirklich mögen, so hätten Sie's ja Papa einfach sagen können.« Dabei legte sie ihre zarte, weiche Hand auf die meine. Ich fuhr vor ihr zurück. »Um Gottes willen, Hilda, führen Sie mich nicht in Versuchung. Machen Sie keinen schlechten Menschen aus mir. Ich darf nicht um Sie werben!« »Und warum nicht?« »Warum? Weil ich ein armer Schlucker bin, der Ihnen nichts zu bieten hat als seine grenzenlose Liebe.« Sie sah mich groß an. »Arm! Sie sind arm?« »Ja, sehr arm! Bettelarm!« Einen Augenblick später lag sie in meinen Armen. Wir küßten uns nicht einmal, nein, zehnmal; dann rissen wir uns mit einem Ruck voneinander los. »Komm,« flüsterte sie. »Du hast recht, es wird spät. Papa wartet auf uns.« Und sie legte die Hand in meinen Arm. Aber obwohl es spät war und man auf uns wartete, ging sie sehr langsam. »Weißt du,« begann sie, sich zärtlich an mich lehnend. »Weißt du, wenn du mir wirklich noch nichts zu bieten hast als deine Armut und deine grenzenlose Liebe, so wollen wir unsre Verlobung vorläufig für uns behalten.« Ich schwieg. Die Heimlichkeit widerstrebte mir. Indessen fuhr sie, ihren Standpunkt verteidigend, fort: »Siehst du, ich finde es ja entzückend, daß du arm bist, aber dem Papa könnte es weniger gefallen, und er könnte bis auf weiteres, das heißt, bis du ihm etwas Lockenderes für mich zu bieten hättest, unsern Verkehr einstellen. Raimund – und das könnte ich nicht aushalten!« Sie schmiegte ihr Köpfchen ein wenig an meine Schulter. »Aber, was ich ebensowenig aushalten könnte,« fuhr sie fort, »das wäre, den Papa zu hintergehen und dir heimlich um den Hals zu fallen, sobald sich uns die Gelegenheit böte. Locken würde mich's ja.« Sie lachte wie eine Waldtaube und fuhr dann leicht schaudernd fort: »Aber es wäre doch häßlich, und ich müßte mich schämen. Und das wäre mir schrecklich. Ich hab' mich noch mein ganzes Leben nicht geschämt. Und drum, Raimund, wollen wir nur noch so lange verlobt bleiben, als der Wald reicht, und von da ab wollen wir wieder nur gute Kameraden fein.« Natürlich gingen wir langsam, sehr langsam, aber wie wir den Weg auch dehnen mochten, er nahm doch sein Ende, und ehe wir's uns versahen, standen wir vor der Landstraße, die im Gegensatz zu der weichen Dämmerung des Waldes hell und voll nüchternen Tageslichts war. Noch einmal schmiegten wir uns in die zärtlich beschirmenden Schatten hinein, gaben einander einen letzten Kuß, dann seufzten wir und stapften nebeneinander her wie zwei wohlerzogene Menschen, die sich ganz gleichgültig sind. Ich biß die Zähne aufeinander und schwieg. Was ich hätte sagen wollen, durfte ich nicht mehr sagen, und was ich hätte sagen dürfen, interessierte weder sie noch mich. Ab und zu streifte ich sie mit einem scheuen Blick. Sie war totenblaß, ihr Atem kam schwer. »Es ist schrecklich!« murmelte sie, und trotzig fügte sie hinzu: »Ich glaub', ich halt's nicht aus.« Dann beschleunigte sie ihren Schritt und eilte dem gemütlich im Tale hockenden »Johann« zu, in dem bereits einige Fenster rot aufzuglühen begannen. Ich sah ihr nach, bis sich das Türchen des Hotelgartens hinter ihr geschlossen hatte und sie im Hause verschwunden war, dann eilte ich in den Wald zurück. Die Dämmerung war jetzt dicht, aber das Mondlicht sickerte durch die Zweige. Ich ging und ging, bis ich die Stelle fand, wo sie mir die Arme um den Hals geschlungen hatte. Da warf ich mich auf den Boden und küßte den Waldweg, über den ihre Füßchen geschritten waren. Ich schluchzte vor Glück und Aufregung. Als ich mich wieder aufraffte, fand ich eine Bank, auf der ich bis über Mitternacht sitzen blieb. Jedes Wort, das sie seit unsrer ersten Begegnung mit mir gesprochen, jeden Blick, den wir getauscht, jedes Musikstück, das wir zusammen gespielt hatten, rief ich mir ins Gedächtnis zurück. Dazwischen rauschten mir Schumannsche Lieder und Eichendorffsche Worte durch die Seele ... Da, mitten in meine Ekstase hinein, tauchte ein blasses, alterndes, schmerzzerwühltes Gesicht vor mir auf, und dann hörte ich knapp neben mir einen kümmerlich wimmernden, fast winselnden Laut. Hab' mir nie erklären können, wo der herstammte, aber deutlich, ganz deutlich hab' ich eine alte Frau weinen hören. Atemlos hastete ich aus dem Wald. Nach der großen, bis tief in die Nacht hinein verschleppten Aufregung verlangte meine gesunde Jugend nach Schlaf. Ich schlief bleiern, schlief noch fest, als am nächsten Morgen gegen neun Uhr der Professor Fachberg in mein Zimmer trat. »Na, da krieg' ich ja einen schönen Faulpelz zum Schwiegersohn!« rief er mir lachend zu, indem er Hut und Stock auf einen Tisch legte. Schwiegersohn! Bei dem Wort durchrieselte es mich köstlich, während ich mich im Bett aufsetzte und mir die Augen rieb. Dann fing ich an, ihm von meinem romantischen Waldspaziergang zu erzählen, von meiner namenlosen Aufregung, meinem ekstatischen Zustand. Er schnitt mir mit einer gutmütig kategorischen Geste die Rede ab: »Sparen Sie Ihren Atem! Erstens bin ich ein alter Arzt, zweitens bin ich auch einmal jung gewesen ... ta ta ta!« Er verfiel in Schweigen, plötzlich mit humoristischem Zorn: »Halunke, Straßenräuber!« fuhr er mich an. »Herr Professor, Hildegard kann Ihnen sagen, daß wir beide von unserm Gefühl überrascht worden sind.« »Hilde hat mir noch mehr gesagt, nämlich, daß sie an allem schuld war. Na, lassen wir das. Einen süßen Schelm kriegen Sie, wenn Sie sie kriegen. – Hm! Hm! Auch ihren schönen Plan hat mir Hilde mitgeteilt, daß sie mir nämlich die ganze, wie sie selbst zugibt, etwas verfrühte Verlobung verheimlichen wollte. Natürlich hat sie's nicht eine Stunde ausgehalten, ist mir um den Hals geflogen und hat mir weinend ihr großes Verbrechen gestanden – zu allerliebst war sie dabei. »Weißt du, Papa«, hat sie mir schließlich zugeflüstert, »es wär' ja doch ein Betrug gegen dich gewesen, selbst wenn wir uns nicht geküßt hätten – und wir hätten uns doch geküßt!« Na, na! Ich werde Sie wohl über mich ergehen lassen müssen, junger Mann.« Ich nahm seine Hand zwischen meine beiden und preßte sie an meine Lippen. »Ich kann gar nicht sagen, wie dankbar ich Ihnen bin für Ihre Güte und Ihr Vertrauen,« murmelte ich. »Vergnügen kann Ihnen diese Verlobung Ihrer schönen und glänzend situierten Tochter nicht machen.« »Vergnügen!« Er zwinkerte humoristisch mit den Augen. »Sollte wenigstens nicht! Entsetzt müßte ich sein. Na, ans Heiraten ist natürlich vorläufig nicht zu denken und an eine offizielle Verlobung auch nicht. Aber mein Haus will ich Ihnen nicht verbieten. Wenn Sie in Wien – wir werden wohl Mitte September von Belgien zurück sein – zweimal in der Woche zu uns kommen wollen, um mit uns zu musizieren, so soll mir's recht sein!« »Es ist mehr, als ich zu hoffen wagte.« »Hm! Und somit wäre wohl alles in Ordnung,« seufzte er, indem er meinen Bettrand verließ und sich mächtig zu recken und zu strecken begann, »'s hätt' ärger sein können. Denn, unter uns gesagt, waren Sie mir vom ersten Moment an sympathisch, und ich bin ein Menschenkenner. Schon jetzt hab' ich das Gefühl, als ob Sie zu mir gehörten, als ob Sie von meinem Fleisch und Blut wären. Sapperment, da fällt's mir gerade erst ein« – er fuhr sich mit beiden Händen in die Haare, wobei er seine Frisur sofort in die groteskste Unordnung versetzte: »Hilde behauptet, daß Sie ein ganz armer Schlucker seien.« »Bin ich auch.« »Na! Dann ... wo zum Teufel haben Sie Ihre schönen Kleider her? Ist das alles gepumpt?« »Nein, Herr Professor, ich habe keinen Kreuzer Schulden!« murmelte ich. »Na ... dann ist mir die Geschichte rätselhaft. Ja, Menschenkind, auf Ihre gelben Schuhe allein hätt' ich Sie ... aber lassen wir das, 's wird schon irgendwie in Ordnung sein.« Ich fühlte, wie mir das Blut in die Wangen stieg, zum erstenmal fühlte ich, daß die gelben Schuhe sozusagen einem unlauteren Boden entsprungen waren. Schon setzte ich an zu einer erklärenden Beichte, da erhob er sich, während er äußerte: »Und jetzt könnten Sie endlich ausstehen. Wir erwarten Sie um ein Uhr zu Tisch.« – War es wirklich, wie mein schlechtes Gewissen mir höhnisch zuraunte, um der gelben Schuhe willen, daß der Professor unsre Bitte um eine Gnadenfrist schroff abschlug und darauf bestand, den nächsten Tag mit Hilda abzureisen? Möglich ist's. Zurückgekommen sind wir auf dieses Detail nicht. Mein Schicksal hat sich nach meiner Rückkehr nach Wien so bald tragisch zugespitzt, daß keiner von uns mehr Muße und Laune hatte, sich mit solchen Lappalien abzugeben. – Professor Schmieden verstummte. Kurz darauf verabschiedete er sich. Erst nach einer Woche begann er wieder: Es war fast selbstverständlich, daß ich mich mit der Engigkeit der Verhältnisse meiner Familie in St. Pölten, wohin ich mich vom Semmering aus begab, viel besser abfand als im Frühjahr, ja viel Rührendes und Freundliches darin entdeckte, an dem ich bei meiner Heimkehr von der Riviera lieblos und verdrießlich vorbeigesehen hatte. Meine Mutter wurde nicht müde, mich über die Fachbergs auszufragen, deren Bekanntschaft gemacht zu haben ich in einem Briefe erwähnt hatte. Ich erzählte ihr viel von ihnen, nicht alles, aber genug, um sie zu veranlassen, ja zu berechtigen, ganz allerliebste Luftschlösser zu bauen. Einmal, zögernd und verlegen, fragte sie mich, ob es nicht unter den Umständen besser für mich sein würde, meine Beziehungen zu der Selvaggini abzubrechen. Denn, wenn für sie und mich die Selvaggini nichts andres war, setzte sie hinzu, als eine vornehme alte Frau und meine mütterliche Freundin, so gäbe es doch viele Leute, die ein Vorurteil gegen Damen vom Theater hegten und alle Komödianten in einen Topf würfen. Ich erwiderte darauf, daß ich mir über diesen Punkt klar sei, und daß glücklicherweise die nahe bevorstehende Abreise der Diva nach Amerika mir die Trennung von ihr wesentlich erleichtere. Meine Rückkehr nach Wien verschob ich, solange ich konnte, und bat, unter dem Vorwand, meiner Mutter geschäftlich behilflich sein zu müssen, um eine Urlaubsverlängerung in der Kanzlei. Da sie mir bewilligt wurde, freute ich mich sehr und spann mich immer mehr in das stille, hausbackene, aber trauliche Familienleben ein, schrieb am Vormittag ererbte Kochrezepte für meine ältere Schwester ab, die im Begriff stand, sich mit einem jungen Beamten von der Bezirkshauptmannschaft zu verheiraten, und machte am Nachmittag Landpartien mit der ganzen Stadt, d. h. mit der exklusiven Gesellschaftsschicht, mit der meine Familie »selbstverständlich« allein verkehrt. Gegen den zehnten September erhielt ich einen Brief von der Selvaggini. Sie bat mich, nach Wien zurückzukehren, um den Vertrag mit ihrem amerikanischen Impresario durchzusehen und genau zu prüfen, ehe sie ihn unterschriebe. – Der Herbst hatte bereits mit seinen goldenen Händen in die Bäume und Büsche des Parks von Monplaisir gegriffen, als ich wenige Tage später in einer Droschke davor hielt. Gelbe Blätter lagen hier und dort auf Rasen und Kieswegen, aber der Reichtum des Laubes war noch unberührt. Die Rosen auf den Rasenplätzen blühten. Der wundersame Septembersonnenschein schimmerte goldig durch silberne Schleier, ein mildes, kaum hörbares Rauschen ging durch die Büsche, über die weichen Herbstharmonien hinüber tönte ein schriller Laut, noch einer ... War das nicht – ? Nein, das konnte doch nicht die Stimme der Selvaggini sein – und doch... Als ich mich der Tür des Musiksalons näherte, hörte ich einen heftigen Wortwechsel. Eine Männerstimme sagte: »Gefallen hat mir's nicht!« Dann folgte ein Schweigen. Sie mußte meinen Tritt gehört haben. »Komm nur herein!« rief sie und öffnete selbst die Tür. »Welche Überraschung, nicht wahr?« rief sie triumphierend, indem sie mir beide Hände entgegenstreckte. Eine Überraschung wohl, aber keine angenehme. Im ersten Augenblick erkannte ich meine alte Freundin kaum. Ihr graues Haar war hellbraun mit rötlich flimmerndem Schein gefärbt, ihre Figur, offenbar durch eine strenge Diät trainiert, auffallend schlank geworden. Auf eine gewisse Entfernung mochte sie den Eindruck einer jungen Person machen. In der Nähe sah sie älter als früher aus. Der strahlende Ausdruck in ihrem Gesicht erlosch, als sie die Befremdung von dem meinen las. »Du bist nicht einverstanden,« murmelte sie. »Der auch nicht,« fügte sie mit einem herausfordernden Lachen hinzu und deutete auf den Korrepetitor am Klavier. »Beides Philister! Verstehen nichts!« ertönte eine männlich klingende, aber offenbar weibliche Stimme. Dabei erhob sich eine Dame (ich muß sie wohl so nennen), die indessen, in einer der Fensternischen verborgen, eine Patience gelegt hatte. Sie war ebenso groß wie die Selvaggini, aber sehr stark, trug über einem schwarzen Seidenkleid eine pelzbesetzte Katzabayka, in deren weite Ärmel sie fröstelnd die Hände versteckte, und wiegte sich in den Hüften beim Gehen. Bedeutend älter als die Selvaggini, verriet ihr Gesicht noch immer Spuren ehemaliger Schönheit: dunkelblaue Augen glühten unter dichten geraden Brauen, die Nase war leicht aufgestülpt, aber rassig, der Mund groß und voll. Sie war in eine Wolke von übermäßigem Wohlgeruch eingehüllt und stark, aber nachlässig geschminkt wohl nur aus alter Gewohnheit, da sie offenbar längst keine Wünsche hatte als die, ihrer körperlichen Behaglichkeit ungestört frönen zu können. Trotzdem sie sehr intelligent aussah, machte sie auf mich einen geradezu abstoßenden Eindruck. Viel willensstärker als die Selvaggini, hatte sie nichts von ihrer Güte, nichts von ihrer Grazie, nichts von ihrem Genie. »Also das ist der junge Freund? Gratuliere! Guten Geschmack hattest du immer!« Und sie hielt ein langstieliges Lorgnon vor ihre hervorstehenden Augen. »Mach uns bekannt!« »Meine Stiefmutter – Frau Dombrowska.« »Genannt Juscha,« vervollständigte die Fremde, »die älteste Freundin unsrer genialen Diva. Aber jetzt setzen Sie sich zu mir, wir wollen die Probe nicht weiter stören, nicht wahr?« Und sie zog mich zu sich in die Fensternische. Indessen schlug der Korrepetitor, den ich von meinem Platz aus genau betrachten konnte, ebenso wie die Selvaggini, ein paar Akkorde an. Ich erkannte das Duett zwischen Marcell und Valentine in den »Hugenotten«. Sie begann die berühmte Stelle: »Ich bin, ich bin – bin ein Mädchen, ach Marcell, das ihn liebt, und das ihr Leben willig für ihn gibt!« Aller Tradition zum Trotz hatte sie die hohen Töne, anstatt sie wie üblich herauszuschmettern, in einem schüchtern träumerischen Pianissimo verschwimmen lassen, als ob sie Angst hätte, ein heiliges Geheimnis preiszugeben. »Prachtvoll!« sagte der Korrepetitor. Und ich wiederholte beklommen: »Prachtvoll!« Aber dann kam die Arie. Sie setzte alle ihre Kunst daran, begann mit einem leidenschaftlichen Geflüster, schonte ihre Stimmittel bis zu einem letzten Krescendo, das in dem langausgehaltenen hohen C ausklang. Beifallheischend sah sie sich um. Aber diesmal sagte nur die Dombrowska: »Prachtvoll!« Ich schwieg. Der Korrepetitor räusperte sich. Nach einer nachdenklichen Pause erklärte er ein wenig trocken: »Es war immerhin eine Leistung.« Worauf er hinzufügte: »Aber an deiner Stelle möchte ich die Valentine doch nicht mehr singen.« »Und warum nicht?« Ihre Augen sprühten Feuer, ihre ganze Gestalt bebte. »Weil – weil in dem Theater Menschen anwesend sein könnten, die dich die Valentine früher haben singen hören! – Herrgott, sag' mir nur, wozu du dir das alles antust!« »Was?« fragte sie eisig. »Nun, das Wiederaufnehmen deiner Karriere. Einmal muß man aufhören. Und die Selvaggini ist sich's schuldig, daß sie zu rechter Zeit aufhört.« »Du hast es von jeher verstanden, dich unangenehm zu machen, aber heute ist das Maß voll. Geh!« Sie deutete nach der Tür. »Mit Vergnügen! Wenn du mich brauchst, weißt du, wo du mich findest,« brummte er und erhob sich von dem runden Drehstuhl vor dem Klavier. Dann bückte er sich nach seinem vertragenen Schlapphut, der unter dem Klavier lag, setzte ihn auf die struppigen Haare, nahm seine Notentasche unter den Arm, musterte mich mit einem langen, leicht zwinkernden Blick und wollte das Zimmer verlassen, als sie ihm nachrief: »Mach doch keine Dummheiten, Boja, du weißt ja, wie ich bin. – Natürlich bleibst du zum Essen.« »Nein – hab' keine Zeit und keine Lust. Genieße dein junges Leben!« Und er ging. »Ein guter Musiker, aber ein schauderhaft manierloser Mensch!« murmelte die Selvaggini, indem sie ihm nachsah. »Ich wundre mich, daß du so viel Geduld mit ihm hast, Marie,« meinte in ihrem polnisch miauenden Ton, träge die Karten zusammenschiebend, die Dombrowska. »Was willst du? Er ist der beste Korrepetitor, den ich kenne. Ein alter Freund.« »Ein Freund?« wiederholte ich befremdet. »Ja,« sagte sie finster, »einer von den wenigen, ganz uneigennützigen, die mir in meinem Leben begegnet sind. Oh, ein anständiger Mensch ist er schon, aber er macht sich manchmal unangenehm. Ich glaube, das tun die anständigen Menschen alle, früher oder später. Es gehört ihrer Ansicht nach mit zu ihren Verpflichtungen ... aber gehen wir essen.« – Selbstverständlich fehlte bei dem äußerst luxuriösen Lunch auch der Champagner nicht, und ganz ebenso selbstverständlich ließ ich mein Glas, das mir die Selvaggini eigenhändig mit einem gutmütigen und etwas schüchternen Lächeln gefüllt hatte, stehen. »Sie müssen schon verzeihen, Marie,« entschuldigte ich mich, »wenn ich mich an Hochquellwasser halte, aber der Wein, so inmitten des Tags getrunken, macht mich schwer und dumm, und ich möchte doch nach dem Essen noch meinen geschäftlichen Verpflichtungen nachkommen. Sie wünschten ja, daß ich Ihren Vertrag durchsehen und prüfen möchte.« »Ach, laß das bis auf morgen,« murmelte sie fast flehend, »heute will ich mich an dir freuen – wenigstens einmal noch. Mein liebes, schönes, edles Kind!« Sie strich mir leise über die Hand. »Ich kann's gar nicht glauben, daß du wieder da bist, ich denke immer, du wirst plötzlich verschwinden wie ein Traum.« Ihre Stimme, die beim Singen so häßlich klang, war beim Sprechen üppig und weich, von einer tiefen Schwermut umflort. Aber sie übte ihren alten Zauber nicht mehr auf mich aus. Es lag zu viel zwischen der schönen Zeit in Wartenberg und jetzt. Ich blieb steif. Die Dombrowska betrachtete mich spöttisch. Sie fraß wie ein Oger und trank die ganze Flasche Champagner aus, griff zuletzt noch nach dem Glas, das ich hatte stehen lassen, und schlürfte es auf einen Zug hinunter. Dabei sagte sie höhnisch: »Denken Sie an mich, junger Mann, Sie werden sich noch oft an das Glas Champagner erinnern, das sie heute stehenließen, und Sie werden bereuen, es nicht getrunken zu haben.« Die Selvaggini runzelte die Stirn. »Laß sie schwatzen,« murmelte sie. »Die versteht uns nicht – weder dich noch mich. Hast du deinen Abend noch frei? Dann schenk' ihn mir!« Sie sagte es so bescheiden und bittend, daß ich nicht anders antworten konnte als: »Mit Freuden, Marie; das versteht sich von selbst!«, obzwar mir nicht danach zumute war. »Dazinsky hat sich für heute abend angesagt,« streute die Dombrowska ein. »Laß ihn doch. Sag' ihm ab!« entgegnete die Selvaggini ungeduldig. »Vous êtes bête à faire renchérir le foin!«, murmelte die Dombrowska, offenbar in der Überzeugung, daß ich kein Französisch verstünde. »Mag sein! Aber ich will ihn nicht sehen, hörst du – wenn er kommt, so wirf ihn hinaus, danach richte dich!«, erklärte die Primadonna herrisch und scharf. »Und dich will ich auch nicht!« »Ah! Also ein Tête-à-tête mit diesem jungen Adonis – ich verstehe!« Die Dombrowska lächelte abscheulich. »Du verstehst nichts,« versetzte die Diva heftig, »gar nichts, weil du eine Freundschaft wie die, die uns beide verbindet, aus deiner schmutzigen Seele heraus nicht begreifen kannst.« Wir saßen jetzt beim schwarzen Kaffee, ich auf einem Taburett neben dem Klubsessel, in den sie sich zurücklehnte. Der Polin den Rücken kehrend, sagte sie weich, fast flüsternd: »Wir wollen das ganze Jahr ausstreichen, mit seinen Gefühlshöhen und -tiefen, Raimund – wir wollen wieder in Wartenberg anfangen. Weißt du noch, wie schön das war, damals, ehe du krank wurdest? Ich will mich wieder in dein Herz hineinsingen, mein Kind. Meine Arien magst du nicht! Mein Gott, das muß ich so hinnehmen, aber Lieder hörst du mich gern singen, nicht wahr?« »Und ob, Marie! Leidenschaftlich gern!« Ganz unbewußt nahm ich ihre Hand und führte sie an meine Lippen. Mir war, als ob ich, durch ein Mißverständnis verführt, ihr nun ein Unrecht abzubitten hätte, das ich ihr angetan. In dem Augenblick erschien der alte Luigi und überreichte mir ein Briefchen; ein Messengerboy habe es gebracht, bemerkte er, und warte auf Antwort. Ich erkannte die Schrift Hildas. »Lieber Raimund! Ich schreibe auf gut Glück in deine Kanzlei, da ich deine andre Adresse nicht kenne. Ich weiß gar nicht, ob du schon in Wien bist. Aber wenn, so komm heute in unsre Loge in der Oper, Nr. 11 im ersten Rang. Meistersinger – Reichmann singt. Ich weiß, wie du die Meistersinger liebst. Papa war gnädig, er hat mir gestattet, dich einzuladen. – U. A. w. g. Alles weitere heute abend. Hilda.« Es fuhr mir wie ein Blitz durch die Glieder. »Ich kann den Abend leider nicht mit Ihnen verbringen!« rief ich aus. »Und warum nicht?« Sie sah mir mit einem scharfen, bösen Blick in die Augen. »Professor Fachberg hat mich in seine Loge geladen. Es werden die Meistersinger gegeben. Ich ... Sie begreifen« – ich war aufgesprungen und hatte mich bereits der Tür zugewendet –, »ich muß in mein Zimmer hinunter, die Antwort zu schreiben.« »Mach doch keine Geschichten! Setz' dich an meinen Schreibtisch, du findest Papier genug ohne Monogramm,« wendete die Selvaggini ein. Ich zögerte. »Hast du vielleicht Angst, den Professor zu vergiften, wenn du mein Papier benützest?« fragte sie ungeduldig und scharf. Es widerstrebte mir tatsächlich, Hilda auf dem Papier der Primadonna zu schreiben. Anderseits konnte ich mich nicht entschließen, eine alte Frau, die noch obendrein meine Wohltäterin war, zu verletzen. Es läßt sich nicht leugnen, verehrte Freundin, daß eine Portion Roheit dazu gehört, in gewissen Lebenslagen Charakter zu bewahren, und diese Roheit hatte ich nicht. So setzte ich mich denn an den Schreibtisch und schrieb auf das erste Kärtchen, das mir zu Händen kam: »Komme mit tausend und tausend Freuden, glückselig. Raimund.« Erst als ich das Briefchen eingeschlagen und mich umgewendet hatte, um es dem Diener zu übergeben, merkte ich, daß die Diva hinter mir stand und mir offenbar über die Schulter geguckt hatte, während ich schrieb. Die Tür hatte sich hinter Luigi geschlossen. Wir standen einander gegenüber und blickten uns ins Auge. »Treuloser!« sagte sie langsam, und das Wort klang von ihren Lippen wie ein Lied, ein von der Selvaggini gesungenes Lied. »Sind Sie mir böse, Marie?« »Nein! – Ich bin nur traurig.« Sie stockte einen Augenblick, dann ganz leise: »Traurig, weil ich im ganzen Lauf unsrer Bekanntschaft nicht imstande war, den glücklichen Ausdruck auf dein Gesicht zu zaubern, den es trug, als du das kleine Billett gelesen hast!« Da ich nichts erwiderte – wie hätte ich können? –, fuhr sie fort, und ein wenig Schelmerei durchschimmerte den tiefen Schmerz in ihren Augen: »Also hat der Professor eine Tochter – hätte mir's denken sollen!« Ich nickte halb mechanisch. Sie sagte nichts mehr, seufzte nur einmal sehr tief, dann mit dem schweren, schleppenden, mutlosen Schritt, den ich kannte, verließ sie das Zimmer. Betroffen blieb ich stehen und blickte ihr nach. Ein Räuspern der Dombrowska, die, wieder Patiencen legend, in ihrer Fensternische saß, veranlaßte mich, nach ihr hinzublicken. Ihre Patience zusammenschiebend, zündete sie sich eine frische Zigarette an. »Junger Mann,« begann sie in ihrem miauenden, halb deutschen, halb französischen Jargon, »Sie bereiten sich sehr peinliche Stunden für Ihre Zukunft vor. Sie benimmt sich wie eine Idiotin, das leugne ich nicht, mais tout de même, c'est un grand cœur – und Sie – Sie benehmen sich ... comme un goujat !« Ich war wütend, am liebsten hätte ich der alten Frau etwas an den Kopf geworfen, und doch ... Kennen Sie den Ausdruck goujat , verehrte Freundin? Frau Lindenstamm nickte. Es gibt keine deutsche Übersetzung dafür. Gemeiner Bengel hat eine zu starke, alberner Tölpel eine zu schwache Bedeutung. Nun, ganz tief, im heimlichsten, intimsten Unterbewußtsein fühlte ich, daß ich den Ausdruck verdiente. Sie betrachtete mich spöttisch, dehnte und reckte sich, dann, träge in die Wolke von Zigarettendampf hinein, die sich indessen vor ihrem Gesicht verdichtet hatte, sagte sie: »Es gibt Lebenslagen, in denen ein Mann sich nicht anders helfen kann, aber wenn er ursprünglich die Neigung hat, ein anständiger Mensch zu sein, so muß er trachten, solchen Situationen vorzubeugen.« Ich war halb besinnungslos vor Zorn. Was hatte die Kreatur, diese alte Kupplerin für ein Recht, mir Moralpredigten zu halten? Es drängte mich, zwang mich förmlich, sie zu demütigen: »Was wissen Sie von anständigen Menschen!« rief ich. »Haben Sie je einen anständigen Menschen gekannt?« Sie betrachtete mich gleichmütig, ja überlegen von oben bis unten, dann, mit einem Zynismus, der mir unvergeßlich geblieben ist: »Einen anständigen Menschen – was Sie so nennen! Nicht einen, viele ... Ich war dreiundzwanzig Jahre alt, ehe ich – was Sie ebenfalls so nennen! – eine Dirne geworden bin. Der Fassadenunterschied ist immens, aber der innere sittliche Unterschied – der, verzeihen Sie mir, ist recht häufig unglaublich gering.« Wir standen einander gegenüber, boshaft und feindselig, wie zwei bissige Hunde. Da drang das aufdringliche Geklingel des Fernsprechers zu uns herein; gleich darauf erschien Luigi und meldete: »Der Herr Graf Dazinsky läßt fragen ...« Ehe ich noch vernommen hatte, was der Herr Graf Dazinsky fragen ließ, hatte ich das Zimmer verlassen. Obwohl die Meistersinger bekanntlich um eine halbe Stunde früher anfangen als die meisten Opern, ging ich schon lange wie eine Schildwache vor der Fachbergschen Loge auf und ab, ehe der Professor mit Hilda erschien. Alle drei freuten wir uns sichtlich an unserm Wiedersehen. Der Professor schüttelte mir kräftig die Hand. Hilda lächelte mir zu. Da wir uns mit den Lippen nicht küssen durften, küßten wir uns mit den Augen. Als wir drei vor der Logenbrüstung saßen, betrachtete Hilda meinen Abendanzug mit naiv-zärtlicher Bewunderung: »Du siehst aus wie ein junger Fürst,« flüsterte sie mir zu. »Wenn du nicht ein armer Schlucker wärst, würde ich dir's natürlich nicht sagen, aber so ...« Und sie drückte mir unter der Logenbrüstung die Hand. Auch die Augen des Professors, der Hildas Worte gehört hatte, hefteten sich auf mich, aber anstatt der naiven Bewunderung seines Töchterchens begann der Schatten eines aufkeimenden Mißtrauens in sein bis dahin von Wohlwollen strahlendes Antlitz hineinzudämmern. »Der Frack sitzt allerdings ausgezeichnet,« äußerte er sich trocken, »von welchem Schneider stammt er denn?« »Von Frank,« murmelte ich, indem ich mich glühend rot werden fühlte. »So!« Das Mißtrauen dunkelte stärker; aber da hob schon der Kapellmeister den Taktstock. Die Ouvertüre begann. Sie sind musikalisch, gnädige Frau, und Sie kennen die Meistersinger. Wie eine volle warme Woge von holdem Frühlingsduft und reiner, doch starker Lebenslust schwebte das Vorspiel über mich hin. So köstlich klang es mit meinem Empfinden zusammen, daß ich nicht mehr wußte, was mich mehr beglückte, ob die Musik, ob die Nähe des geliebten Mädchens. Den ganzen ersten Akt hindurch hielt die Stimmung an. Das Theater war selbstverständlich in Dämmerung gehüllt, aber bei jeder besonders schönen Stelle suchten sich unsre Blicke, und wir konnten uns gegenseitig an dem Aufschimmern unsrer Augen erfreuen. Dann fiel der Vorhang, der Beifall brauste los, ein Meer von Licht durchflutete den Saal. Wir waren noch dabei, uns unsre Eindrücke zuzuflüstern, ob wir es denn bemerkt, wie schön gerade diese oder jene Stelle gewesen sei, als der Professor brummte: »Ich möchte doch wissen, was so Besonderes an uns ist, daß uns die Leute in der Loge drüben nicht aus den Augen lassen!« Ich blickte auf. Drüben saß meine Wohltäterin, mit einem großartigen Perlenkollier um den Hals und einer blauen Fuchsboa um die bloßen Schultern, in der andern Logenecke in sehr anständiger Aufmachung die Dombrowska, zwischen beiden Dazinsky. Eine Welle von Zorn stieg in mir auf. Ich erriet, daß die Selvaggini, nachdem sie ausgekundschaftet, wo sich die Fachbergsche Loge befand, sich eine gegenüber verschafft hatte, um mich und meine Freunde beobachten zu können. »Die beiden Damen sehen beide exotisch aus, so wie Rumäninnen oder Russinnen,« bemerkte altklug Hilda, »der Herr ist entschieden Jockey-Klub.« Der Professor nickte. Er hielt sein Opernglas vor die Augen. »Die in der linken Ecke, die mit der blauen Fuchsboa ist sehr schön,« fuhr Hilda fort. »Ja,« murmelte der Professor. »Schön ist sie, aber's ist was kurios Theatralisches an ihr. Hm, sapperment, ist das nicht am Ende die Selvaggini?« »Die Selvaggini! Die große Künstlerin!« rief ganz aufgeregt Hilda. »Eine große Künstlerin war sie allerdings, aber auch ein großes Luder,« murmelte der Professor. »Doch, was zum Teufel hat sie immerfort herüberzustarren? Ich hab' sie allerdings vor zwanzig Jahren in München behandelt, aber ich kann doch nicht annehmen, daß dieses auffallende Interesse meiner alten Visage gilt.« Ich saß wie auf Dornen. Es klopfte an die Tür. »Das ist der Diener, der das Eis anbietet,« meinte Hilda. »Sie haben immer so ausgezeichnetes Eis in der Oper.« Aber es war nicht der Diener, sondern ein schlanker, geschniegelter und gebügelter, nach der neuesten Mode frisierter junger Mann. Der Professor stellte uns vor: »Doktor Schmieden – Baron Chladnigg.« »Ah, Doktor Schmieden,« sagte der junge Mensch, indem er, einer Aufforderung des Professors nachkommend, auf dem vierten, bisher leergebliebenen Sitz Platz nahm. Er musterte mich aufmerksam. »Wenn ich nicht irre, kennen wir uns vom Sehen!« »In Wien kennen sich alle Leute vom Sehen – aus dem Kaffeehaus,« lachte Hilda. »Vom Kaffeehaus kenne ich den Herrn Doktor nicht,« sagte Chladnigg. Er hatte eine unausstehliche Art, zu reden. Die Worte fielen ihm in einer Art affektiertem Getrippel von den Lippen. »Ich ... eh ... ich kann mich ja irren, aber ich glaube, daß wir uns an der Riviera begegnet sind.« »Richtig ... ich glaube mich zu erinnern,« murmelte ich. »Ich wohnte in der Villa Flamingo, knapp neben der Villa Paradiso, in der, wenn ich nicht irre, der Herr Doktor seinen Wohnsitz hatte.« »Hm! Und wie kommt's, daß Sie beiden jungen Leuten aus derselben Gesellschaftsschicht so aneinander vorbeigekommen sind, ohne sich persönlich kennenzulernen?« fragte mit einer unheimlichen Schärfe in der Stimme der Professor. Wir schwiegen, ich sehr verlegen, Chladnigg boshaft. Nach einer Weile begann er: »Es gibt so Umstände. Ich reiste mit Mutter und Schwester, und der Herr Doktor befand sich in der Gesellschaft einer berühmten Künstlerin. Meine Mutter hat ein wenig kleinstädtische Ansichten, sie bewundert Künstlerinnen auf der Bühne, aber im täglichen, sagen wir meinetwegen all täglichen Leben ...« »So. – Wer war die Künstlerin?« fragte der Professor herb. Chladnigg schwieg. Ich nahm das Wort. »Es war die Selvaggini!« sagte ich. »Sie ist eine treue, mütterliche Freundin von mir, ich verdanke ihr unendlich viel.« Ein bleiernes Schweigen folgte, so ein schweres, drückendes Schweigen, das man sozusagen mit aufdringlicher Plötzlichkeit in ein Gespräch hineinfallen hört. Endlich begann Chladnigg, und seine Sprechweise klang noch lispelnder, trippelnder: »Wenn ich nicht irre, reiste der Herr Doktor mit der Diva in der Eigenschaft eines Sekretärs?« »Nein! Damals an der Riviera war ich nur Wohltätigkeitsobjekt. Sie hat mich aus einer schweren Krankheit herausgepflegt. Später bin ich allerdings ihr Sekretär geworden.« »So, später sind Sie allerdings ihr Sekretär geworden! Warum haben Sie mir das alles nicht mitgeteilt, Herr Doktor?« fragte der Professor. Dabei stach sein Blick geradezu in mich hinein. »Ich hatte bis jetzt weder Veranlassung noch Gelegenheit dazu,« erwiderte ich mit so viel Haltung und Gelassenheit, als ich mir abzuzwingen vermochte. »So! Hm! Jedenfalls begreife ich jetzt die ungewöhnliche Aufmerksamkeit, die die Diva unsrer Loge widmet,« sagte der Professor. Um uns herum war die Luft plötzlich wie geladen mit Elektrizität. Ich fühlte deutlich, daß ein Gewitter herannahte. Auch Chladnigg hatte offenbar das Gefühl. Er erhob sich. Nach den üblichen Abschiedsförmlichkeiten, bei denen er es übrigens vermied, mir die Hand zu reichen, verließ er die Loge. Ich wartete atemlos. Ich wußte genau, daß sich jetzt etwas Schreckliches ereignen, daß der Schlag fallen würde. Der Professor verharrte in eisigem Schweigen, Hilda, die von dem ganzen Auftritt nichts verstanden hatte, blickte beklommen bald ihn an, bald mich. Als der Vorhang von neuem in die Höhe gegangen, das Licht abgedreht worden war, erhob sich der Professor: »Komm, Hilda, nimm deinen Mantel!« »Aber, Papa, bist du krank?« Hilda war außer sich. Ich war aufgesprungen, den beiden in das Vorzimmer der Loge zu folgen, er winkte mir ab. »Bleiben Sie, wo Sie sind. Wenn Sie Lust haben, das Stück zu Ende zu hören, können Sie die Loge benutzen. Wir gehen nach Haus.« Nach einer gänzlich schlaflosen Nacht ging ich im Garten von Monplaisir spazieren. Spazieren? ... Ich schlenderte bald diesen, bald jenen Weg entlang und kam immer wieder an irgendeine Stelle, vor der ich zurückschauderte, weil sie mich an etwas Schönes erinnerte, für das ich hätte dankbar sein sollen und nicht mehr dankbar sein konnte. Nicht daß ich an jenem Morgen auch nur annähernd vermutete, in welcher fürchterlichen Lage ich mich tatsächlich befand, noch in welchem erniedrigenden Lichte die Welt mich sah, aber das Bild meiner Wohltäterin stand fast bis zum Abstoßenden verzerrt in meiner Seele. Meine Begeisterung, ja Vergötterung ihrer Persönlichkeit hatte einer geradezu peinlichen Empfindung Platz gemacht, einem Gemisch von Mitleid und Scham. Ich konnte mich nicht darüber täuschen, daß ihr Gefühl für mich eine unlautere Wandlung erfahren und diese Wandlung sich schon seit unsrer Rückkehr von der Riviera langsam vorzubereiten begonnen hatte. Auch jetzt noch trachtete ich, mir meinen quälenden Verdacht als etwas ganz Unstatthaftes, ja Empörendes auszureden; im Grunde aber wußte ich doch, daß die Bemühungen, die Augen gegen etwas zu schließen, was so offen zutage lag, nur ein glattes Sich-in-die-Tasche-lügen bedeuteten. Ich empfand etwas wie Grauen und zugleich etwas wie Furcht vor meiner letzten Auseinandersetzung mit ihr, so etwas, wie ich es später vor einer schwierigen und gefährlichen Operation empfunden habe, wenn ich sie für unvermeidlich hielt, ohne mit Sicherheit auf einen günstigen Ausgang zählen zu dürfen. Da, über das Knistern und Zischeln der Bäume glitten andre Laute eintönig, unendlich traurig, die murmelnde Begleitung von Schuberts unsterblichem Gretchen am Spinnrad – und manchmal, nur ab und zu, in abgerissenen Takten, ohne Worte, nur in müden Seufzern tauchte die Melodie über der Begleitung auf. Fast wie eine Art Gespenstermusik klang's. Die Fenster des Musiksalons standen offen. Die Selvaggini hatte begonnen, zu musizieren. Es packte mich an der Kehle und am Herzen. Der Moment zu meiner Auseinandersetzung war gekommen. Ein Zögern oder ein Aufschieben hätte eine Albernheit und Feigheit bedeutet. So ging ich denn hinauf. Mein Fuß haftete am Boden. Unwillkürlich horchte ich. So schön, so ergreifend hatte ich das Lied nie gehört, wie mit dieser kaum hörbaren, eine unerträgliche innere Unrast ausmalenden Begleitung und den nicht in Worte gegliederten, summenden, stöhnenden Seufzern, in denen die Melodie hinklagte. Plötzlich wurde die Künstlerin meine Anwesenheit gewahr. Sie zog die Hände vom Klavier und erhob sich. »Ah, du bist's, mein Kind! Wie übernächtig und bleich du aussiehst!« Sie legte mir beide Hände auf die Schultern und durchforschte meine Züge mit unendlich zärtlicher Teilnahme. Ehemals hätte mich das tief gerührt, jetzt aber graute mir geradezu vor der Gewalt ihres Gefühls. Als sie nun gar immer noch wiederholte: »Mein armer, blasser Bub!«, und eine meiner Hände erst an ihren Hals, dann an ihre Lippen drückte, machte ich mich ziemlich schroff von ihr los. »Marie,« setzte ich ein, »ich bin gekommen, den amerikanischen Vertrag mit Ihnen durchzusehen, wir sind gerade ungestört und könnten die Sache in aller Ruhe erledigen.« »Ach, den Vertrag!« Sie fuhr sich über die Stirn. »Ja, richtig, aber ich bin heute so gar nicht zu etwas Geschäftlichem aufgelegt, ich kann meine Gedanken nicht sammeln. Ich habe nicht geschlafen, die ganze Nacht nicht, und auch du hast nicht geschlafen.« Sie sah mir ernst und prüfend in die Augen, fast als ob sie eine Anklage gegen mich erheben wollte. »Woher wissen Sie das?« fragte ich kurz. »Bin da draußen gestanden auf dem Balkon, von da aus kann ich in deine Fenster hinunterschauen. Beständig habe ich deinen Schatten sich vor den Stores hin und her bewegen sehen. Ach, und das alles wegen dieser Puppe!« Das Blut stieg mir in die Wangen. »Lassen Sie das, Marie, ich bitte Sie!« sagte ich. »Das sind doch meine Angelegenheiten.« »Und seit wann sind deine Angelegenheiten nicht mehr die meinen?« fuhr sie auf. »Seit wann hab' ich denn dir gegenüber das heilige Freundschaftsrecht verwirkt, Anteil zu nehmen an allem, was dich freut und kränkt? Was hat's denn überhaupt gestern gegeben? Warum hat der alte Griesgram – ich habe das Unglück, ihn persönlich zu kennen – sich schon nach dem ersten Akt aus dem Staub gemacht? Es war ja zu dumm, wahrscheinlich, weil du hübscher und vornehmer bist als der reiche Stutzer, den er sich offenbar zum Schwiegersohn auserkoren hat, und weil er merkte, daß du der Kleinen besser gefällst. Glaubt er wirklich, daß man ein Mädel mit solchen Gewaltmitteln von einem Menschen losreißen kann, in den sie so verliebt ist wie die Kleine ich dich? Sie verhindern dich, zu heiraten, aber euch verhindern, euch zu lieben, nie ... wann hätte ein Mädel nicht den Weg zu ihrem Liebsten gefunden, wenn sie das Herz zu ihm zog?« Jetzt quoll ich über vor Zorn, »Um Gottes willen, schweigen Sie,« rief ich heftig, »Sie haben ja gar keine Ahnung von der Reinheit ... « Ich unterbrach mich. Das Wort hatte sie getroffen wie ein Schlag, aber sie nahm sich zusammen, war mit einem Gegenhieb bereit. »Ach so eine ist sie! So, so! Hab' sie überschätzt. Eine von den ganz Temperamentlosen, eine von den Puppen, die Sägespäne bluten, wenn man in sie hineinsticht. Reinheit nennt man das, mein Armer, dann bedaure ich dich von Herzen. So eine tut, was der Papa will, da hast du keine Chance ... « »Marie, ich bitte Sie! Legen Sie mir doch endlich den Vertrag vor! Sie haben mich ja ausdrücklich nach Wien zitiert, um ihn mit Ihnen zu prüfen,« rief ich ungeduldig. »Ja, richtig, ich will ihn holen.« Die Worte waren schleppend, wie der Gang, mit dem sie das Zimmer verließ. Es dauerte eins geraume Weile, bis sie wiederkam. Sie war verweint und stark gepudert, das Haar nur lose zusammengesteckt. Ich sehe sie noch vor mir, in ihrem dunkelgrünen, mit dunklem Pelz verbrämten Samtschlafrock, in dessen weite Ärmel sie, nachdem sie mir das Dokument gereicht, frierend die schönen schlanken, rosig gespitzten Hände barg. Sie hatte sich in einen Lehnsessel gleiten lassen, während ich, ihr gegenüber Platz nehmend, den Vertrag Absatz für Absatz langsam mit vernehmlicher Stimme vorlas. Hier und da zupfte sie an dem Pelz um ihre Ärmel. Dann versteckte sie von neuem ihre Hände darin und streckte ihren kleinen schmalen feingebogenen Fuß vor, um damit den Kopf eines weißen Bärenfells, das vor ihr ausgebreitet lag, zu streicheln. Keine ihrer Bewegungen entging mir, weil jede auf ihren überreizten Nervenzustand Bezug hatte. »Ich kann Ihnen nur gratulieren, die Bedingungen sind glänzend,« versicherte ich, als ich an den Schluß des Schriftstücks gelangt war. »Lies nur weiter!« murmelte sie heiser. »Der Privatsekretär des Fräulein Marinja Dembitzka, genannt die Selvaggini, Herr Doktor Raimund Schmieden, erhält ein monatliches Honorar von dreihundert Dollar, außerdem freie Verpflegung zu Wasser und zu Land, volle Vergütung sämtlicher Reisekosten und eine eigne Kabine auf dem Schiff.« Ich unterbrach mich. »Diesen Passus müssen Sie streichen, Marie,« sagte ich mit so ruhiger und fester Stimme, als ich konnte. »Du kommst nicht mit?« fragte sie langsam, wobei sie sich mit beiden Händen das volle Haar von den Schläfen zurückstrich. Sie sah plötzlich aschfahl, beinahe wie eine Leiche aus, mit verfallenen Augen und gespitzten, geschärften Zügen. »Es ist unmöglich!« »Und seit wann ist es unmöglich? Im vergangenen Frühjahr, im Sommer noch war es so gut wie ausgemacht, und jetzt unmöglich ... « Sie starrte vor sich hin, sie tat, was sie konnte, um ihre Haltung zu bewahren, aber ihr Mund hing schlaff, und in ihrer rechten Wange zuckte es wie ein Krampf. »Ich hab' es gewußt, als du mir gestern den Abend nicht mehr gönnen konntest oder wolltest. Da hab' ich's gewußt, daß es zu Ende ist – alles. Ach, wenn ich nur noch einmal wieder ein paar Stunden gehabt hätte, allein mit dir, wenn ich mich dir ins Herz hätte hineinsingen können, so recht tief hinein – aber so ... unmöglich ... unmöglich ...« Und auffahrend: »Du hast mir ein Messer ins Herz gestoßen. Vielleicht weißt du gar nicht, was du getan hast.« »Marie, übertreiben Sie doch nicht so! Ein unbedeutender Mensch wie ich wird doch leicht zu ersetzen sein.« »Ein unbedeutender Mensch,« wiederholte sie langsam wie aus einem Traum. »In den Augen der Welt vielleicht. Aber ein Mensch voll Poesie, voll hoher, edler Lebensauffassung, und ein Mensch, der mich eine Zeitlang vergöttert hat.« Den Blick, den suchenden, flehenden, ängstlich hoffenden, mich unbewußt zu einer Lüge auffordernden Blick, mit dem sie bei diesen Worten mein Gesicht durchforschte, kann ich Ihnen nicht beschreiben. Es war eine der größten Versuchungen meines Lebens, ihr diese Lüge zu schenken, ihr zu versichern, daß ich sie trotz der Umstände, die mich zu einer Trennung zwangen, tatsächlich weiter vergöttere. Ich überwand die Versuchung, ich hatte das deutliche Gefühl, daß die Auseinandersetzung ausschlaggebend war für den ganzen Rest meines Lebens, und auch das Gefühl, auf einem schmalen Pfad zwischen zwei Abgründen zu wandeln: auf der einen Seite harsche Brutalität, auf der andern schwächliche, sentimentale Nachgiebigkeit. Zur letzten neigte ich stark, und wenn mir nicht das liebe Gesichtchen Hildas vor Augen gestanden, hätte ich mich nicht dagegen behauptet. »Ich versichere Sie, daß es mir schwerfällt, Ihnen meine Dienste nicht weiter zur Verfügung stellen zu können,« sagte ich lahm, »aber es ist mir leider nicht möglich. Sie werden gut daran tun, sich sofort nach einem neuen Sekretär umzusehen, damit er sich einarbeitet, ehe Sie Ihre Reise nach Amerika antreten.« »Meine Reise ... ich habe keine Lust mehr zu der Reise,« murmelte sie tonlos. »Das ist nun geradezu kindisch von Ihnen,« verwies ich ihr, indem ich einen altklug ermahnenden Ton annahm. »Und Ihre Verstimmung ist gottlob vorübergehend. Nach dem ersten Abend im Metropolitan, sobald Sie wieder den großen Donner gehört haben, werden Sie mich vergessen.« »So – vielleicht – über dem großen Donner vergess' ich alles,« gestand sie mit schmerzlich zuckenden Lippen, »aber ... ich werde ihn nicht mehr hören. Ja« – ihre Stimme klang matt und träumerisch –, »wenn ich meine Inspiration noch hätte entzünden können an deiner Begeisterung, mich hätte wärmen können an deiner Jugend, dann ... so aber –« Wir standen einander gegenüber, Auge in Auge. »Raimund!« flüsterte sie. Ich blieb stumm. Da nahm sie den Vertrag, zerriß ihn mit einer langsam zögernden Bewegung und ließ die beiden Fetzen auf den Boden fallen. »Vorbei!« murmelte sie. Ich senkte die Augen. Als ich sie wieder hob, hatte sie das Zimmer verlassen.– – Das Schwerste liegt hinter mir, sagte ich mir, indem ich nun der Straßenbahn zuschritt, die mich nach Wien befördern sollte. Ich wollte in mir das Gefühl wachrufen, als ob ich eine große und drückende Last abgestreift habe. Tatsächlich drückte die Last mich peinlicher als zuvor. Zu meinem eignen Mißbehagen, das hinwegzuräumen mir nicht gelungen war, trug ich den ganzen Schmerz der Selvaggini auf meinen Schultern. Mein Gott, wäre es denn nicht zu vermeiden gewesen, ihr wehe zu tun? Vor allem eilte ich nun, den Professor aufzusuchen, um mich mit ihm über den eigentlichen Grund seines gestrigen Betragens auseinanderzusetzen. Ich wurde nicht empfangen. Darüber, daß er sich zu Hause befand, konnte ich nicht im Zweifel sein, ich hatte im Vorzimmer seine Stimme gehört. Nun aber bäumte sich mein Zorn auf gegen seine engsinnige Unvernunft. Es mochte ihm ja ärgerlich sein, daß ich mich mit einer Komödiantin herumtrieb, daß ich die Stelle eines Sekretärs bei einer Primadonna bekleidet hatte. Das paßte nicht in die vornehme Harmonie seiner hochbürgerlichen Lebensführung, und besonders ärgerlich mochte es ihm von einem jungen Manne sein, dem er es bereits vergönnt hatte, sich als seinen zukünftigen Schwiegersohn zu bezeichnen. Das war alles gut und schön oder doch begreiflich, aber daß er mich so rücksichtslos vor den Kopf stieß, war unbegreiflich, damit schoß er meiner Ansicht nach weit über das Ziel und alles Erlaubte hinaus. Wie ich die nächsten Stunden verbrachte, weiß ich nicht; ich weiß nur, daß ich die ganze Zeit damit beschäftigt war, einen Brief an ihn aufzusetzen, in dem ich ihn sehr energisch und entrüstet aufforderte, sich mir gegenüber zu erklären. Manchmal ließ ich mich auf eine einsame Bank nieder, um auszuruhen. Dann wanderte ich weiter, ohne einen andern Zweck als den, meine innere Unruhe zu beschwichtigen. Aber auch das wollte mir nicht gelingen. Über all den unfruchtbaren Spekulationen und ziellosen Wanderungen war die Dämmerung hereingebrochen. Ich war ganz erstaunt, als ich sah, daß es nahe an sechs geworden war. Ein matter Südwind, herbstlicher Schirokko wirbelte um die Ecken herum und fegte den Staub auf, ein Blitz durchfuhr die Luft, kurz darauf ertönte ein boshafter, polternder Donnerschlag. Die Luft hatte sich, wie das im Frühherbst geschieht, plötzlich abgekühlt. Große Tropfen fielen. Ich hatte keinen Überzieher an und fröstelte; darüber erinnerte ich mich, daß ich aus lauter Aufregung mein Mittagessen versäumt hatte, und so trat ich denn in das erste Kaffeehaus, das ich auf meinem Wege antraf, verkroch mich mißmutig in eine Ecke und hatte mir soeben einen Schwarzen »extrastark« bestellt, als ich an einer großen, aus mehreren kleinen Tischen mosaikartig zusammengesetzten Tafel zwischen einigen Berühmtheiten, die ich nur vom Sehen kannte, den Korrepetitor der Selvaggini erblickte; außerdem zu meinem großen Erstaunen den Baron Chladnigg und meinen alten Bekannten, den Artillerieleutnant, der mich in dem Kosthause der gutmütigen Majorin so oft mit seinen unausstehlichen Klaviervorträgen gepeinigt hatte. Zwischen den Männern saß ein blondgefärbtes Frauenzimmer mit einem Zwicker auf der Nase, eine Journalistin, die offenbar im Begriff stand, Material für einen Artikel zu sammeln. Da es mir in meiner gedrückten Stimmung sehr unangenehm gewesen wäre, angesprochen zu werden, griff ich nach einer Zeitung, um mich dahinter zu verstecken. »Und ... das Privatleben der Primadonna?« fragte das blonde Frauenzimmer, indem sie den Bleistift über ihrem Notizbuch schweben ließ. »Tadellos – eine kurze, unglückliche Ehe, dann, zum Trost, die Kunst, nicht wahr?« Eine Pause folgte. Die Männer sahen einander an und lächelten. Nur der Korrepetitor runzelte die Stirn. »Was ihr Privatleben anlangt, so können Sie sagen, daß sie, eine Sammlerin von subtilem Geschmack und Unterscheidungsvermögen, beständig damit beschäftigt ist, ihre Kunstschätze zu mehren.« »Hm!« Die Blonde kritzelte eifrig. »Und?« »Und daß sich noch nie ein Armer vergeblich um Unterstützung an sie gewendet hat.« »Das ist wahr!« sagten die Männer, die einen Augenblick aufgehört hatten, zu zischeln. »Sie war immer eine fabelhafte Verschwenderin,« sagte ein Mensch mit einem klugen, glattrasierten Gesicht und einem sehr dünnen, gefärbten Scheitel, in dem ich den Heldenspieler des Burgtheaters erkannte. »Wie der Frühling, der auch nicht hintanhalten kann mit seinem Reichtum, sondern ihn über die ganze Welt hinstreuen muß, um sie zu beglücken,« erwiderte der Korrepetitor. »Das Gleichnis hat viel für sich,« murmelte der Heldenspieler, und Baron Chladnigg fügte mit affektierter Ironie flüsternd hinzu: »In mehr als einer Richtung.« »Kunstsinnig und wohltätig,« wiederholte die Blonde. »Und die Erotik?« Sie sah sich mit bedächtiger Sachlichkeit im Kreise um. »Nichts?« »Nichts, was der Mühe wert wäre, erwähnt zu werden,« entschied der Korrepetitor kurz. »Und ihre Stiefmutter? Ich hab' sie neulich bei Ronacher kennengelernt,« begann die jetzt recht verwirrt dreinschauende Journalistin. »Sie hat nie eine Stiefmutter gehabt.« »Da bitte ich um Verzeihung – sie hat sich mir selber vorgestellt, Frau Dombrowska, die Stiefmutter der Selvaggini.« »Hm! Aus Pflegemutter ist mit der Zeit Stiefmutter geworden,« lachte der Heldenspieler. »Sie meinen natürlich die berüchtigte Juscha. Das war einfach eine verluderte, herabgekommene Person, allerdings ursprünglich aus guter Familie, die unsre Freundin entdeckt hat, als sie, noch nicht fünfzehnjährig, Zündhölzer an den Straßenecken von Krakau verkaufte. Sie hat die junge Schönheit – sie soll fabelhaft schön gewesen sein – an einen alten polnischen Fürsten verkuppelt, der hat sie zum Schluß heiraten wollen, ist dann aber von seiner bigotten Schwester oder einem plötzlichen Schlaganfall – weiß nicht mehr, welches von beiden – daran verhindert worden. Wenn er sie nicht geheiratet hat, so hat er sie erzogen. Er hat aus ihr gemacht, was sie ist – fast eine große Dame und fast das verlottertste Frauenzimmer der Welt.« »Fast,« murmelte ironisch Chladnigg. »Fast klingt gut! Später hat der schöne Dazinski die Vervollkommnung ihrer Erziehung übernommen.« »Wer ist dieser Graf Dazinski? Er war neulich mit ihr und der Frau Dombrowska bei Ronacher... ein Hochstapler, nicht wahr?« »Nicht daß ich wüßte,« erwiderte der Heldenspieler. »Ein echter Aristokrat ist er schon. Gehört einer unsrer ältesten polnischen Familien an.« Der Heldenspieler war Galizier und mußte es wissen. »Er ist sehr musikalisch und hat ab und zu in Beziehungen zu der Selva gestanden. Heiraten hat er sie nicht wollen, und darüber hat's Meinungsverschiedenheiten gegeben zwischen ihr und ihm, abgesehen davon, daß er ihr, als sie zu altern anfing, in der demütigendsten Art untreu war. Vielleicht möchte er jetzt zu Kreuze kriechen, er ist ein wahnsinniger Spieler und soll im vorigen Winter aus dem Jockey-Klub in Paris gestrichen worden sein, weil er seine Spielschulden nicht mehr zahlen konnte.« »Jetzt nimmt sie ihn nicht mehr,« erklärte ein berühmter Tenor mit zerzausten blonden Locken und einem wackelnden Doppelkinn. Er lächelte selbstzufrieden und blinzelte Andeutungen. Der Heldenspieler, den ich später als einen grundgescheiten Menschen kennengelernt habe, betrachtete den Tenor prüfend und maß ihn verächtlich. »Bin nicht sicher,« murmelte er. »Von allen ihren Liebhabern hat Dazinski auf sie den größten Einfluß ausgeübt. Sie hat eine Vorliebe für Aristokraten.« »Ich glaube, sie liebt die Kontraste,« erklärte ein jüdischer Journalist mit einem assyrischen Bart. »Man hat mir gesagt ... « Dann steckten die Männer die Köpfe zusammen, fingen an zu zischeln, zu lächeln und zu zwinkern. Einer übertrumpfte in seinen Mitteilungen den andern. Die Einzelheiten erspare ich Ihnen, verehrte Freundin. Der armen Journalistin, die nicht neugierig, sondern nur pflichteifrig gewesen war, stieg das Blut in die Stirn, der Bleistift blieb in der Schwebe und sträubte sich, Notizen zu machen. Ich fieberte. Es drängte mich, aufzuspringen, den Lästermäulern ins Gesicht zu schlagen, meine Wohltäterin zu verteidigen. Verteidigen ... gegen was? Wenn, wie es leider den Anschein hatte, das, was die Tischgenossen einander mitteilten, auf Wahrheit beruhte, wäre meine Verteidigung kläglich ausgefallen, hätte nur eine Steigerung der Anschuldigungen zur Folge gehabt. Als ich noch beklommen, wirr, entschlußunfähig dasaß, schlug der Korrepetitor mit seiner derben Faust auf den Tisch: »Geziemt euch wahrhaftig, über die Selvaggini herzufallen!« schrie er. »Kaum einer von uns ist hier, der nicht Beweise ihrer unerschöpflichen Herzensgüte genossen, keiner, den sie nicht durch ihre herrliche Kunst beglückt hätte – und da wißt ihr nichts Besseres zu tun, als ihren bedauernswürdigen Lebenswandel breitzutreten? – Wißt ihr, wie ihr mir vorkommt? Wie Menschen, die vor einem Rosenbaum stehen, und statt sich an dem Duft und der Schönheit seiner Blüten zu freuen, sich auf den Bauch legen, um nach dem Mist zu schnuppern, aus dem all die Herrlichkeit herausgewachsen ist. Um so trauriger für die Rose, wenn sie den Dünger braucht. Euch geht das nichts an, ihr habt einfach dankbar zu sein dafür, daß die Rose blüht und daß sie euch beglückt hat.« Ich mußte mir sagen, daß ihr in dem verlumpten Korrepetitor ein besserer Verteidiger erstanden war, als ich je hätte sein können. Nie hätte ich solche Worte zu ihrer Entschuldigung und Verherrlichung gefunden. Der Standpunkt hätte mir gefehlt. »Hut ab vor dir, Zelenka,« rief der Schauspieler mit dem gescheiten Gesicht und dem gefärbten Scheitel. »Hast recht. Aber du darfst's uns nicht verübeln, wenn wir uns nicht alle zu deinem Standpunkt erhabener Barmherzigkeit aufschwingen können. In ihrer Jugend hat man's verziehen, aber auf ihre alten Tage wirkt die Sache doch komisch und widerlich.« »Man muß sie nehmen, wie sie ist,« bemerkte der Jude mit dem assyrischen Bart. »Sie konnte nun einmal nicht singen ohne erotische Anregung. Möchte wissen, wen sie sich nach Amerika mitnehmen wird.« »Es gibt, glaube ich, zwei Anwärter für den Posten,« näselte Chladnigg, »Dazinsky und das Jüngelchen, das sich als ihr Sekretär aufspielt.« »Ei! Ei! Ist die Orangerie in Monplaisir endlich wieder bewohnt?« fragte der Heldenspieler. »Das ist ja sehr interessant. Wer ist denn der Glückliche?« »Ein ganz netter Bursch aus gutem Hause. Sie hat schon seit einem Jahr ein Verhältnis mit ihm,« sagte Chladnigg. Ich horchte wie erstarrt. »Sie meinen doch nicht den jungen Schmieden?« entgegnete der Artillerieleutnant. »Seine Verehrung ist nur Kunstenthusiasmus. Den kenn' ich, das ist ein anständiger Mensch.« Der Korrepetitor zuckte die Achseln. »An der Sache ist nichts – bis jetzt wenigstens!« »Aber ich bitte Sie,« entgegnete Chladnigg. »Die Geschichte weiß ja jetzt schon ganz Wien. Er läßt sich von ihr aushalten wie eine Kokotte.« Mit einem Sprung stand ich neben ihm und hätte ihn an der Kehle gefaßt, wenn der Artillerieleutnant mich nicht zurückgehalten hätte. »Das ist eine infame Lüge!« schrie ich. Chladnigg lispelte affektiert: »Was soll eine Lüge sein? Daß Sie bei ihr wohnen, daß Sie sich von ihr füttern und beschenken lassen? Daß Sie den Winter in Saus und Braus an der Riviera mit ihr verlebt haben? Ist das alles erlogen?« »Sie ist namenlos gut zu mir gewesen,« keuchte ich. »Aber ich bin nur der Freund der genialen Frau. Ich bin's ihr und mir schuldig, Ihnen das zu schwören!« Immer noch hielt mich der Leutnant fest. »Wenn Sie mich zu Ihrem Zeugen brauchen,« sagte er kaltblütig, »so steh' ich zu Ihrer Disposition. Aber der Tätlichkeiten bitte ich Sie sich zu enthalten.« Damit ließ er mein Handgelenk los. »Also schlagen wollen Sie sich mit mir ... bitte!« dehnte der Baron, dann fügte er hämisch hinzu: »Tut mir leid, wenn ich mich Ihnen gegenüber einer Verleumdung schuldig gemacht habe. Die Möglichkeit zu Mißverständnissen lag leider sehr nahe.« Dann forderte ich ihn in aller Form. Der Artillerist übernahm es, meine Sache zu vertreten. – Ich eilte in meine Wohnung zurück wie ein verwundetes Tier in seine Höhle. Jeder Blutstropfen in mir brannte, jeder Nerv zuckte vor Verzweiflung, Entrüstung und Scham. Verehrte Freundin! Kennen Sie den Moment gegen Morgen nach einer schlaflosen Nacht, wo es plötzlich hell wird? Noch um weniges zuvor hat man sich in das beruhigende, alle Unterschiede aufhebende Dunkel der Nacht als in etwas Selbstverständliches gefügt; dann kurz, ganz kurz umschreibt uns die graue Unruhe der Dämmerung – wird durchsichtig. Mit einem Schlage ist's hell. Man hat das Licht nicht werden sehen, es ist plötzlich da, wie wenn man eine elektrische Lampe aufgedreht hätte. Alle Gegenstände ragen mit unerbittlicher Deutlichkeit in das Tageslicht, alle Träume, die man in die Nacht hinein gedichtet, alle Visionen, die man sich aus der Dämmerung herausgebildet, sterben ab. Man sieht ... man sieht das Gegenständliche, man sieht ohne Phantasie, sieht – wie man in einer hochmütigen Regung des aus langer Betäubung erwachenden Verstandes meint – das einzig Tatsächliche. – Ich sah die Selvaggini! Vieles von dem, was sie heute zu mir gesprochen und was ich noch immer platonisch gedeutet hatte, gewann für mich eine ganz andre Bedeutung. Ich verstand jetzt alles, glaubte alles zu verstehen. Nicht einen mildernden Umstand ließ ich für sie gelten. – Bedenken Sie, verehrte Freundin, daß ich noch ganz in einer Zeit wurzelte, in der jeder anständige Mann sich einfach verpflichtet fühlte, an dem Triebleben der Frau vorbeizudenken. Eine Frau sollte und durfte nichts sein als ein möglichst wenig mit Fleisch bekleidetes Ideal, ein Körper, der aus einer Seele entstanden war. Nachsicht in bezug auf sittliche Ausschreitungen existierte damals in meiner Kulturschicht nur für den vierten Stand und die Vogelfreien – für alle die mißachteten Geschöpfe, deren sexuelle Nachgiebigkeiten das Postulat für die von uns verhimmelte Sittenreinheit unsrer Mütter und Schwestern sind. Ich sage, existierte, denn nach dieser Richtung haben sich die Anschauungen vielfach verändert. Ich als Arzt – ja als Arzt, gestehe Ihnen offen, daß man meiner Ansicht nach heutzutage die Toleranz in bezug auf die, nun, wollen wir's meinetwegen weibliche Liebesfreiheit nennen – in den höheren gehüteten Ständen arg übertreibt. Damals war das Gegenteil der Fall. Es war eine der schreiendsten Grausamkeiten der damaligen Kulturanschauung, daß sie der Frau eigentlich überhaupt keinen Körper zugestand.« Professor Schmieden senkte den Kopf. Frau Lindenstamm schüttelte den ihren: »Sie übertreiben, übertreiben entsetzlich,« stellte sie phlegmatisch fest. »Das, was Sie eine Ungerechtigkeit nennen, erscheint mir als eine Huldigung, welche die Männer unsrer Natur darbringen, weil sie den tierischen Instinkten nicht so stark wie die männliche unterworfen ist. Und was nun gar die Grausamkeit anlangt, so empfinden wir von Jugend an in ihrem Bann erzogenen Frauen sie sehr wenig! Aber darüber werden wir uns nicht einigen. Erzählen Sie weiter!« Der Professor fuhr sich über die Stirn und nahm seine Erzählung wieder auf: »Ich mußte meine Beziehungen zu der Selvaggini sofort abbrechen, durfte keinen Tag länger bei ihr verweilen. Immer wieder tauchte der verächtliche Blick vor mir auf, den der Professor auf mich gerichtet hatte, als Chladnigg mein Beisammensein mit der Diva an der Riviera erwähnte. Meine Wangen wurden heiß, wenn mir die Betrachtungen einfielen, die er an die Eleganz meiner Kleidung geknüpft hatte. Chladnigg hatte gewiß nicht versäumt, in ganz Wien, dem kleinwinzigen Teil von Wien, der damals für mich das Universum bedeutete, die abscheulichsten Gerüchte über mich in Umlauf zu bringen. Daß ihm's darum zu tun war, mich bei Hilda auszustechen, lag auf der Hand. Wahrscheinlich galt ich jetzt schon für den Geliebten der Selvaggini. Nicht etwa einfach für den Liebhaber einer großen Künstlerin – das hätte mir niemand verargt –, nein, für den ausgehaltenen bezahlten Buhlen eines alten Weibes, das Schmutzigste, Ekelhafteste, was es gibt. Ich mußte fort, und ohne Abschied. Um alle Hemmnisse und Schwierigkeiten zu beseitigen, wollte ich ein paar Zeilen an sie schreiben des Inhalts, daß ich unvorhergesehen und plötzlich nach St. Pölten abberufen worden sei, und ich wollte Luigi bitten, ihr die Mitteilung zu übergeben, nachdem ich mich morgen in aller Frühe aus dem Staube gemacht hatte. Indessen mußte ich meine Siebensachen zusammenpacken, wobei ich natürlich alles zurückließ, was ich mir von dem Gelde der Selvaggini angeschafft hatte. Als ich ans Packen gehen wollte, stellte es sich heraus, daß der alte Luigi meinen Koffer in irgendeinem Ablagerungsraum aufbewahrt und eingeschlossen hatte und daß er unglücklicherweise nicht zu Hause war. Erst nach zehn Uhr wurde er zurückerwartet. So lange mußte ich warten. Glücklicherweise war die Primadonna ebenfalls abwesend. Als Luigi endlich zurückkam und mir den Handkoffer brachte, packte ich wie im Fieber. Mir schwindelte von dem Sichten und Hin- und hersuchen, aber endlich war ich fertig. Todmüde wollte ich mich zu kurzer Rast niederlegen, als ich ein leises, fast gespenstisches Geräusch vernahm – erst nur ein Knarren in dem alten Holzwerk. Ich fuhr zusammen. Im Schloß der Tür, die mein kleines Gelaß absperrte, drehte sich ein Schlüssel, dann tönten durch den kleinen Vorraum Schritte. Die Tür meines Zimmers öffnete sich – vor mir stand die Selvaggini. »Sie sagen mir, du willst fort, mir nichts dir nichts, ohne Abschied, morgen früh – ist das wahr?« »Ja, ich ... muß zu meiner Mutter nach St. Pölten – nur für ein paar Tage.« »Nur für ein paar Tage –« Sie schüttelte den Kopf. »Du kommst nie wieder!« murmelte sie. »Marie,« erwiderte ich, »früher oder später hat diese Episode in unserm Leben enden müssen. Ich denke, sie hat gerade lange genug gedauert.« Und dann log ich flach und höflich: »Je länger wir die Trennung hinausschieben, um so schwerer wird uns der Abschied fallen.« »Schwer! Dir wird der Abschied nicht schwerfallen,« murmelte sie bitter. »Hast ja nichts im Kopf als deine hübsche blauäugige Puppe, die nichts von dir wissen will, das heißt, sie möchte wohl, aber ihr Vater wird's nie zugeben – nein, nie, ich kenn' den engherzigen alten Philister. Nie im Leben gibt er's zu, daß sein Engelstöchterchen einen Menschen heiratet, der einmal der Freund der Selvaggini war. Noch dazu bildet er sich alle möglichen Dinge ein, Dinge, die dir so fern liegen wie der Äquator dem Nordpol.« Sie ließ sich wie erschöpft in einen Lehnstuhl gleiten, dann mit mühsam unterdrücktem Schluchzen: »Mein Gott, du hattest mich ja lieb – warst glücklich bei mir – und ich ... ich war zufrieden mit den paar armseligen Gefühlsbrocken, die du mir gegönnt hast, war jeder Entbehrung fähig, eh' die Eifersucht mir ins Blut gefahren ist. Seither ist mein Leben eine Qual, jeder Atemzug eine Marter, jeder Pulsschlag eine brennende Pein, und alles, alles wegen dieser blauäugigen Puppe, die dir an Geist und Empfindung nicht das Zehntel von dem geben kann, was ich dir geben könnte. Und doch ... « Sie blickte starr vor sich hin. »Doch hat sie etwas, das ich dir nicht geben kann – die Jugend! Ja, die Jugend ... den köstlichen, berauschenden Lebensfrühling. Sie ist jung ... ich bin alt!« Sie bedeckte ihr Gesicht mit den Händen, eine Weile schwieg sie, dann, die Hände sinken lassend, fuhr sie schaudernd fort: »Alt! Es gibt Frauen, die sich darüber hinweglügen, noch andre finden sich damit ab, fassen es gar nicht, was es bedeutet ... aber ich fass' es! – Ja ... es bedeutet« – sie sprach jetzt sehr langsam, jede Silbe dehnend –, »es bedeutet: niemanden mehr beglücken können und nicht mehr das Recht haben, sich von jemand beglücken zu lassen! Oh, wenn du wüßtest, wie mich innerlich friert bei dem Gedanken!« Sie zitterte am ganzen Leib wie in einem Fieberanfall. »Marie, es ist spät – Sie sind nicht ganz wohl,« mahnte ich. »Sie sollten sich doch endlich Ruhe gönnen.« »Ruhe!« Sie sah mich starr an. »Wo soll ich die finden?« Ich schwieg. »Und morgen gehst du? – Gehst du wirklich?« fragte sie ganz leise, kaum hörbar. »Ja, ich kann nicht anders.« »Kannst nicht anders! – Nun dann!« Sie erhob sich. Ein herber Zug zeichnete sich um ihren Mund. In ihren Augen dunkelte es. »Leb' wohl!« sagte sie hart. Sie zuckte die Achseln und schritt der Tür zu. Plötzlich blieb sie stehen, wendete sich noch einmal und musterte mich vom Kopf bis zu den Füßen. In mir ging etwas Sonderbares vor. Auch ich musterte sie. Alle die sich ins Ungeheuerliche steigernden Ausschreitungen, die man ihr zuschrieb, traten mir plötzlich deutlich ins Gedächtnis und weckten ein Grauen in mir... aber das Grauen erhitzte mein Blut. Und sie erriet, was in mir vorging. Regungslos stand sie vor mir, in demselben losen, pelzbesetzten grünsamtnen Kleid, das sie am Vormittag getragen hatte und aus dessen weiten Ärmeln ihre wundervollen Arme ragten. Aber von der in Tränen aufgelösten Frau, die um eine letzte Zärtlichkeit bettelte, war keine Spur mehr vorhanden. Sie hielt sich gerade und stolz, den Kopf in den Nacken geworfen. Ihre Züge hatten mit einmal alle alternde Schlaffheit verloren und eine fast statuenartige Schärfe angenommen. Ihre Lippen teilten sich in wollüstigem Hohn. Aus ihren langen halbgeschlossenen Augen betrachtete sie mich zwinkernd, forschend, lauernd. Sie war plötzlich schön geworden, mit einer Schönheit, die zugleich abscheulich und voll dämonischer Anziehungskraft war. Nichts an ihr erinnerte mehr an die mütterliche Freundin voll hingebend selbstloser Güte. Sie hatte den Ausdruck einer durstigen Bacchantin und den eines Raubtieres, das zugleich schlau und gierig den Augenblick abwartet, sich auf seine Beute zu stürzen. »Gute Nacht, Marie,« sagte ich heiser und hatte Mühe, die Worte über meine trockenen Lippen zu bringen. »Gute Nacht!« wiederholte sie höhnisch, und ihre Mundwinkel bogen sich noch wollüstiger, ihre Augen zwinkerten noch forschender in mich hinein. »Nicht einmal einen Handkuß zum Abschied?« Ich nahm ihre Hand, aber ehe ich sie noch an die Lippen geführt, ließ ich sie fallen, als hätte ich glühendes Metall angefaßt. Da stürzte sie sich auf mich, umschlang mich mit ihren Armen –, küßte mich. Ein triumphierendes Kichern girrte ihr aus dem Hals. »Du liebst mich ja,« flüsterte sie, »noch heute ist dein Gefühl, für mich stärker als für die hübsche Puppe, die du in acht Tagen satt hättest, selbst wenn du sie bekämst. Ich geb' dich nicht mehr frei ... du bist mein – !« Es war keine menschliche Stimme mehr, die aus ihrem Munde kam, es war ein heißes, trockenes Zischeln. Wie der Wind draußen in dem sterbenden Herbstgarten, so klang's. Was in mir vorging? Mein Herzschlag stockte, eine Todesangst erfaßte mich, ein bestialischer Selbsterhaltungstrieb. Mit einer Gewalt, die ich mir nicht zugetraut hätte, riß ich sie von mir los und stieß sie hinaus, wie man eine zudringliche Dirne hinausstößt ... sie, meine Wohltäterin, die Frau, der ich mein Leben verdankte. Ich schloß die Tür hinter ihr und ließ den Schlüssel im Schloß. Ich horchte, wie man einer nur knapp entronnenen Gefahr nachhorcht. Erst nichts, gar nichts ... dann – ein langer Atemzug und gleich darauf ein Schritt, der sich entfernte – das war alles. Gottlob, jetzt war's vorbei. Ich atmete auf. Von Mitleid war in mir nicht die Spur, und auch die vorübergehende Gier war gänzlich geschwunden. Ich fühlte nichts als Ekel und eine wilde, grausame Freude darüber, daß ich das Ufer erreicht hatte, ehe die Wellen über mir zusammengeschlagen waren. – Den nächsten Morgen sehr früh verließ ich mit einem Handkoffer das kleine Lustschloß. Vorerst verfügte ich mich in das Kosthaus der Majorin zu dem Artillerieleutnant. Noch im Laufe des Vormittags wechselte ich ein paar Pistolenkugeln mit Chladnigg und erhielt einen Streifschuß am Oberarm. Damit war die Sache erledigt. In mein altes Zimmer mit dem Blick auf den Lichthof zurückgekehrt, schrieb ich einen Brief an den Professor mit der Bitte um eine kurze Unterredung. Die Bitte konnte er mir nicht abschlagen, aber das Billett, in dem er mir den Zeitpunkt für unsre Zusammenkunft angab, war trocken und sein Empfang eisig. Er blieb stehen und forderte mich nicht auf, Platz zu nehmen. Stumm standen wir einander gegenüber. Mit einmal trat in seine Augen der konzentrierte Blick, der bei ihm einer interessanten Diagnose voranging. Er musterte meinen fadenscheinigen Anzug; es war der einzige, den ich von meiner alten Garderobe noch übrigbehalten, und der einzige, den ich von Monplaisir mitgenommen hatte. Dann heftete er die Augen auf mein Gesicht. »Hören Sie mal. Sie sehen ja miserabel aus,« begann er. »Nun, was Sie auch verbrochen haben, jedenfalls sind Sie krank, und ich bin Arzt. Es ist zu sehen, daß Sie sich kaum auf den Beinen halten, setzen Sie sich – beichten Sie!« So sehr er mir anfangs mißtraut, um so edler hat er sich nachträglich gegen mich benommen. Ich schilderte ihm meine Beziehungen zu der berühmten Frau aufrichtig und rückhaltlos, teilte ihm die häßlichen Dinge mit, die ich im Café gehört, natürlich nur, was mich persönlich anging. Dabei blieb ich stehen. Von der Szene, die sich in der Nacht abgespielt hatte, ehe ich Monplaisir verließ, erwähnte ich nichts. Er wurde immer aufmerksamer, schüttelte ein paarmal im Laufe meiner Erzählung mit dem Kopf. Als ich geendet hatte, sagte er: »Junger Mann, Sie befinden sich in einer ganz abscheulichen Lage. Ich will Ihnen gern glauben, daß Sie nie der Liebhaber der Primadonna gewesen sind, aber in diesem Fall ist das fast nebensächlich. Es läßt sich nicht leugnen, daß Sie sehr viel von ihr angenommen haben, daß Sie ihr zu Dank verpflichtet sind – und doch war es notwendig, daß Sie Ihre Beziehungen zu ihr abgebrochen haben, und daß Sie die unter keinen Umständen erneuern dürfen. Aber wie Sie sich dabei auch anstellen, auf eine sympathische Art können Sie sich aus dieser Verwicklung nicht heraussitzen.« Ich saß da wie mit kaltem Wasser begossen. Ganz plötzlich fiel's mir ein, wie demütigend seine Worte mit denen übereinstimmten, welche die Dombrowska an mich gerichtet hatte. »Daß ich Ihre Sympathie nicht beanspruchen darf, Herr Professor, weiß ich,« murmelte ich, »ich würde schon sehr dankbar für etwas Mitleid sein.« »Mitleid so viel Sie wollen, grenzenlos – bodenlos. Von ganzem Herzen bedaure ich Sie, aber ich bedaure auch die arme Selvaggini. Ich habe sie in früheren Jahren gekannt, gut gekannt. Es sind Höhen und Tiefen in ihrer Natur, wie ich sie kein zweites Mal in einem Menschen vereinigt gefunden. Einmal nach einer Aufführung des Tannhäuser ist sie in religiösen Wahnsinn verfallen. Auf solche Anspannungen der mystischen Saiten ihrer Natur folgte natürlich eine unangenehme Reaktion. Sie sind jedenfalls einer großen Gefahr entronnen, aber Sie haben sich doch nur auf einen recht schmalen Felsenvorsprung gerettet. – hol' mich der Teufel, wenn ich sagen kann, wie Ihnen zu helfen wäre. Ein schwerer Fall,« murmelte er in seiner medizinischen Terminologie vor sich hin, »ein sehr schwerer Fall!« Ich blickte zu Boden. »Wenn ich Ihnen das Haus verbiete,« fuhr er fort, »sind Sie vor der Welt gerichtet, wenn Sie auch von früh bis abends mit dem Arm in der Schlinge auf der Ringstraße spazierengehen und ein Bericht über Ihr Duell mit Chladnigg als Entrefilet in allen Zeitungen steht ... Hm! Hm! Ein schwerer Fall, ein verdammt schwerer Fall. So einen jungen Menschen wie Sie, kaum zweiundzwanzig Jahre alt und gutes Material, famoses Material, trotz der Dummheit, in die Sie sich hatten verstricken lassen; 's war auch ein gutes Quantum Idealismus dabei, die beiden Eigenschaften sind manchmal verheiratet, und da wird dann wenig Gutes daraus. Nein ... zugrunde gehen lassen kann ich Sie nicht ... Hm! – Hm! Ja – so werden wir's machen. Da Ihre Verlobung in jedem Falle eine sehr übereilte Sache war und mir darum zu tun ist, daß Hilda mit andern jungen Männern zusammenkommt, ein Stück Welt sieht, ehe sie sich endgültig bindet, will ich sie zu meiner Schwester nach England schicken, die an einen hervorragenden Gelehrten in Cambridge verheiratet ist und einen sehr interessanten Salon hat. Sie ist vernarrt in die Kleine und hat schon lange um ihren Besuch gebeten. Es war ohnehin ausgemacht, daß sie das Mädel ausführen soll. Die Hilda mag ruhig ein halbes Jahr bei meiner Schwester bleiben. Indessen kann ich mich mit Ihnen beschäftigen und versuchen, Ihre aus den Fugen gegangene Existenz einzurenken. Zweimal die Woche kommen Sie zu mir zum Musizieren, und hier und da will ich in irgendeinem guten Hotel – mein Stammhaus ist das Imperial – mit Ihnen soupieren. Das wird Bekannte von mir veranlassen, Bemerkungen über Sie zu machen, Fragen an mich zu stellen, die mir Gelegenheit bieten werden. Sie zu verteidigen. – Ja, ja, so werden wir's machen. Sie sollen mein gutes Werk sein. Jeder von uns braucht so ein gutes Werk, um sich dereinst vor seinem höchsten Richter ausweisen zu können.« (Der Professor war tief religiös, trotzdem er Arzt war.) »Vor der Welt wird die Geschichte bald in Ordnung sein. Wie lange Sie brauchen werden, um Ihr inneres Gleichgewicht wiederzufinden, das kann ich freilich nicht sagen. Aber jetzt adieu! Hab' momentan wirklich keine Zeit mehr für Sie übrig.« Er reichte mir die Hand. »Sapperment, Sie fiebern sehr stark. Kommen Sie nachmittags in meine Sprechstunde, ich möchte Sie ordentlich durchklopfen und untersuchen.« – Wie ein Engel hat er sich gegen mich benommen. Das von ihm vorgezeichnete Programm ist genau eingehalten worden. Sooft er irgend Zeit hatte, bat er mich zu sich, und allwöchentlich einmal soupierte ich mit ihm im Imperial. Anfangs betrachteten mich die Menschen etwas erstaunt. Das aber änderte sich bald, und die Freundlichkeit, mit der mir alle, denen er mich vorstellte – und es waren ein paar recht hervorragende Leute unter ihnen –, begegneten, bewies mir, daß er meine Sache gut geführt hatte. So vergingen drei, vier Wochen. Meine Nerven fingen an sich zu beruhigen. Ich wohnte wieder bei der gutmütigen Majorin und fühlte mich in meinen engen Verhältnissen ganz zufrieden, ja, ich genoß geradezu die Kärglichkeiten und Schäbigkeiten meiner bescheidenen Existenz. Mir graute jetzt vor jedem Luxus, jeder Verweichlichung. Anfangs hatte ich gefürchtet, die Selvaggini würde mir schreiben, mich bis in meine Wohnung verfolgen. Aber nichts von dem geschah, und eines Tags stand's in der Presse, daß die Diva sich mit dem Grafen Kasimir Dazinsky verlobt habe. Die Trauung sollte noch vor ihrer Abreise nach Amerika erfolgen. Es gab mir immerhin einen Stich, wenn ich auch gleich danach wie befreit aufatmete. Anfang Oktober wurden alle der Verunstaltung preisgegebenen Mauern und Wände mit riesigen gelben Anschlagzetteln beklebt, die das Abschiedskonzert der Selvaggini verkündeten. Die Preise waren hoch. Ich dachte gar nicht daran, das Konzert zu besuchen. Da, eines Tags fand ich beim Nachhausekommen auf meinem Tisch ein Kuvert, das, offenbar direkt von Gutmann gesandt, ein Billett enthielt. Ich zuckte nur ärgerlich mit den Schultern. Aus Angst, der Versuchung zu unterliegen, schenkte ich das Billett sofort dem musikalischen Leutnant. Er lächelte mich verschmitzt an und zerfloß in Dankbarkeit. – Jetzt aber ereignete sich etwas Sonderbares. Kaum hatte ich das Billett verschenkt, so meldete sich in mir eine rasende, eine peinigende Sehnsucht, die Selvaggini noch einmal zu hören. Das öde Gekreisch, das mein Ohr so empfindlich beleidigt hatte, als sie das Duett der Valentine mit Marcel probiert, hatte ich vergessen, ich erinnerte mich nur noch an die Stimme, mit der sie sich damals in mein Herz hineingesungen hatte in Wartenberg – die Stimme, die an alte Kirchenglocken mahnte, in deren Erz Gold gemischt ist, oder an die G-Saite einer Amatigeige. Ich schlief schlecht und träumte dreimal hintereinander gegen Morgen denselben Traum. Ich war in Wartenberg, und die Selvaggini wollte mir etwas vorsingen, aber jedesmal, wenn sie im Begriff war, anzufangen, erwachte ich. Meine Sehnsucht steigerte sich bis zu einer Art fixen Idee. Unglücklicherweise war ich ganz auf mich allein angewiesen, da der Professor um jene Zeit nicht in Wien weilte. Er war an das Krankenbett eines russischen Großfürsten berufen worden. Den Tag vor dem Konzert gab ich meiner Sehnsucht nach. Ich entschloß mich, ein Billett zu kaufen. Es war keins mehr zu haben. Der Andrang war fabelhaft gewesen. Nun geriet ich ganz außer Rand und Band. Nur ein durch und durch musikalischer Mensch kann sich einen Begriff von meiner Sehnsucht machen. In Augenblicken, die an Wahnsinn grenzten, wollte ich den Artillerieleutnant auffordern, mir das ihm geschenkte Billett zurückzuerstatten. Aber so weit habe ich mich doch nicht vergessen. Am Tage des Konzerts fieberte ich, fühlte mich elend, ebenso müde wie rastlos. Am Abend begab ich mich zum Musikvereinssaal, um an der Kasse zu fragen, ob nicht vielleicht ein Billett zurückgebracht worden sei. Die Kasse war nicht einmal geöffnet; »Ausverkauft!« stand in großen Lettern über den geschlossenen Fensterläden. Nun blieb mir nur eins übrig, der Appell an das »Wiener Herz«. Für ein gutes Trinkgeld, gepaart mit einem guten Wort, ist das fast immer zu haben. Vielleicht würde mich eine von den Türsteherinnen hereinlassen oder mir wenigstens gestatten, an der Tür zu horchen. Da ereignete sich etwas Sonderbares. Die Türsteherin, an die ich mich wendete, hatte ein Billett auf der Straße gefunden. Sie stellte es mir zur Verfügung. Ich betrat den Saal gerade noch, ehe die Türen geschlossen wurden. Sie stand bereits auf dem Podium. Im ersten Moment überraschte mich ihr Anblick. Ich fand, daß sie prachtvoll aussah. Als mein Blick aufmerksamer in ihren Zügen herumforschte, merkte ich die geschickte Nachhilfe und sah, wie stark das Antlitz seit unsrer letzten Begegnung verfallen war. Immerhin blieb sie eine herrliche Erscheinung von imponierender Vornehmheit. Ihre Aufmachung war großartig. Sie trug ein silberdurchschimmertes weißes Kleid, Perlenketten bis an den Gürtel, und in dem außerordentlich kleidsam frisierten Haar Lorbeerzweige, die, aus Brillanten und Smaragden zusammengesetzt, sich diademartig über ihrer Stirn kreuzten. Ihr Blick irrte unruhig. Ich merkte, daß er sich öfters auf den Platz richtete, wo der Artillerieleutnant sich befand. Offenbar hatte sie mich dort erwartet. Ein ungeduldiges Jucken durchlief ihre Augenbrauen, ihre Mundwinkel hingen schlaff. Sie seufzte fast gelangweilt, nachdem sie mit ihrem Begleiter, dem mir wohlbekannten Korrepetitor, ein paar Worte gewechselt und ihre Hände und Ellbogen in die für die Stimmentfaltung günstigste Haltung gebracht hatte. Das Programm war leider fast ausschließlich aus Opernarien zusammengesetzt. Obgleich die meisten transponiert waren, lagen sie ihr doch nicht. Die hohen Töne klangen scharf. Eine fast kümmerliche Vorsicht meldete sich bei ihrer Stimmverwendung. Der Korrepetitor machte ein finsteres Gesicht; man merkte, wie sehr ihn die Wahl der vorgetragenen Stücke verdroß. Das Publikum war geteilt. Die Unmusikalischen schwärmten sich in eine Art Begeisterung hinein, die wirklich Musikalischen konnten ihre Enttäuschung nicht verbergen. Man klatschte wohl, das war man dem Ruf der Künstlerin und dem Preis der Billette schuldig, aber ... nun, Sie kennen ihn ja, diesen tröpfelnden Applaus, der, plötzlich von irgendeiner bezahlten oder unbezahlten Claque angeregt, immer wieder spärlich von neuem anfängt, nachdem er fast ganz ausgesetzt hat. Bei den ersten Nummern kam sie heraus, solange sich noch ein paar Hände abmühten, wiederholte auf die geringste Anregung hin, was niemand gewünscht hatte, ein zweites Mal zu hören, lächelte und warf der Menge Kußhändchen zu. Aber bei jeder Nummer wurde sie müder, verstimmter. »Schade, daß sie sich auf ihre alten Tage so preisgibt!« hörte ich neben mir einen Graukopf murmeln. »Sie war die erste Sängerin der Welt!« – – Das Konzert war vorüber. Die Selvaggini verbeugte sich tief und verstimmt, man merkte ihr an, daß sie sich ihres Mißerfolgs ebenso bewußt war wie ihres Ungenügens. Ein paar Menschen zwangen sich, halb aus Mitleid, halb aus Respekt für ihre große Vergangenheit, zu einer letzten Beifallsdemonstration, aber ohne alle Wärme; offenbar war niemand darum zu tun, sie noch länger zu hören. Der Saal leerte sich rasch. Für mich bedeutete das Konzert zugleich eine Enttäuschung und eine Erleichterung. Da gewahrte sie mich. Sie wurde totenblaß unter der Schminke, die von einem Augenblick zum andern den Eindruck einer aufgepappten Larve annahm. Ihre Augen sanken ein, ihr Blick wurde starr. Aus dem Publikum tönten entsetzte Stimmen: »Sie wird ohnmächtig!« Ohne auch nur den Ansatz zu einer Verbeugung zu machen, verschwand sie. Der Applaus vertröpfelte. Ich stand im Begriff, den Saal zu verlassen, als ein erneutes Händeklatschen meldete, daß die Künstlerin sich zu einer Zugabe entschlossen habe. Und wie sie neuerdings das Podium betrat, hatte sie sich die Schminke von den Wangen gewischt und ihre bloßen Schultern mit der breiten Zobelboa verhüllt, die ich ihr so oft nachgetragen hatte – in Wartenberg. Ich wußte, was kommen würde ... »O Nachtigall, dein süßer Schall«, hub sie an. Dann kam »Du junges Grün«, zum Schluß die »Alten Laute«. Schon in ihre Mäntel gehüllt, eilten die Leute in den Saal zurück. Alles lauschte atemlos. Da war sie endlich, die warme, zum Herzen dringende Üppigkeit, die ihre Stimme von jeder andern unterschied, dabei eine Tiefe der Empfindung, wie sie im Umfang meiner Erfahrungen von keiner Künstlerin mehr erreicht worden ist. – Das war die Selvaggini. Als sie geendet hatte, schluchzte der ganze Saal. Ein Moment atemlosen Schweigens, dann ... das Publikum raste, wie nur ein Wiener Publikum rasen kann – stampfte – heulte – klatschte. – Da war er endlich, der große Donner, nach dem sie sich so namenlos gesehnt hatte. Ich konnte keine Hand rühren, ich war zu tief ergriffen. Alles, was mich veranlaßt hatte, mich von ihr loszureißen, hatte ich vergessen. Mochten die Leute von ihr sagen und von mir denken, was sie wollten. Nichts konnte mich mehr daran verhindern, ins Künstlerzimmer zu eilen, um vor ihr niederzuknien und ihr zu danken. Aber der Andrang der Menschen dorthin war so groß, daß eine Stauung eintrat. Da bemerkte ich vor mir einen eleganten Herrn mit stattlichen Schultern, der sich energisch und rücksichtslos einen Weg bahnte. »Na, der hat's eilig ins Künstlerzimmer. Donnerwetter, ist das ein Kraftmeyer!« bemerkte jemand neben mir. »Es ist der Dazinsky, der alte Anbeter der Selvaggini. Diesmal macht sie Schluß. Nächsten Montag ist die Hochzeit in der Karlskirche. Zwei Schwestern des Bräutigams kommen aus Warschau, beide russische Fürstinnen.« »Ich wundre mich!« »Über wen?« »Über beide!« »Was wollen Sie! Er ist total verkracht, und ihr war darum zu tun, sich einen Begleiter für ihre amerikanische Tournee zu sichern.« Eine spitze, dünne weibliche Stimme, die der blonden Journalistin, bemerkte mit imponierender Sachlichkeit: »Ich höre, daß sie absolut nicht singen kann ohne erotische Anregung. Wie es scheint, hat auch die Schröder-Devrient –« Aber was es mit der Schröder-Devrient für eine Bewandtnis hatte, erfuhr ich nicht mehr. Wenn die Erinnerung an die Scheußlichkeiten, die man ihr vorwarf, bei jener häßlichen Szene vor meiner Flucht von Monplaisir mir zugleich Grauen eingeflößt und mein Blut erhitzt hatten, so hatten mich die gemeinen Anspielungen diesmal von einem Augenblick zum andern vollständig ernüchtert. Meine bis zur Andacht gesteigerte Begeisterung war verflogen. Ich lachte über mich und meinen sich neuerlich meldenden Idealismus und eilte, so rasch ich konnte, nach Hause. – Die Tage gingen vorbei, dann kam der Montag, an dem um fünf Uhr nachmittags die Trauung sein sollte. Nicht nur der Artillerieleutnant und seine Mutter, nein, das ganze Kosthaus rückte aus, um der »Vorstellung« – so nannte ich's – in der Karlskirche beizuwohnen. Selbst die arme zerzauste Magd hatte sich einen Ausgang erbeten, um wenigstens vor der Kirche – hinein hätte man sie wahrscheinlich nicht gelassen – den Einzug zu bestaunen. Ich war soeben aus der Kanzlei zurückgekehrt und breitete die Akten aus, die ich von dort mitgebracht hatte. Denn ich war in jener Zeit sehr fleißig, arbeitete nicht nur in der Kanzlei länger als alle andern, sondern nahm mir regelmäßig ein Pensum mit. Es fing gerade an zu dämmern, in den Fenstern, die den Lichthof umgaben, glommen einzelne Lichter auf. Ich hätte die vorbereitete Petroleumlampe anzünden sollen, zögerte aber damit. Aus einer benachbarten Kirche tönten fünf Schläge. Jetzt war der Moment gekommen, wo die Diva und der verkrachte Spieler sich die Hände reichten. Mir wurde elend zumute. In meinem Herzen bohrte ein abscheulicher Schmerz herum, der gleichermaßen aus schönen und häßlichen Erinnerungen erzeugt war. Ich bemühte mich, mit erkünsteltem Zynismus dagegen anzukämpfen und summte vor mich hin: »Sie war eine Dirne und er ein Dieb, Doch hatten sich beide unsäglich lieb –« Da hörte ich die Türglocke schwirren. Ich ging hinaus, um zu öffnen, sah aber niemanden als, nach aufmerksamem Zwinkern, den Rücken des Postmannes, der gerade in der Drehung der Treppe verschwand. Als ich mich umkehrte, spähte ich nach den Briefen, die er unter die Tür geschoben haben mochte. Ein einziger war da. Er strömte einen eigentümlichen Duft aus – einen Duft, der mir Ekel und Herzklopfen erregte. Ich trug ihn in mein Zimmer und zündete die Lampe an ... ja, er war von ihr. Ärgerlich stieß ich ihn von mir und fing an, auf und ab zu gehen. Was hatte sie mir noch zu schreiben, an dem Tage, an dem sie sich mit dem polnischen Abenteurer verband? Nun, vielleicht lud sie mich ein, der Hochzeit beizuwohnen... Wie lange ich in mich hinein grollte, weiß ich nicht. Plötzlich hörte ich draußen Schritte... Murmeln ... Die ganze Gesellschaft kehrte aus der Karlskirche zurück. Ich zog meine Uhr. War denn das möglich? – Es war halb sechs. Die Trauung mit ihrem ganzen Beiwerk von musikalischen Vorträgen, wie sie die Zeitungen bereits gestern verkündet hatten, konnte doch nicht vorüber sein. – Stimmen wurden laut. »Nein, so was!« – »Ist ja unheimlich!« – »Noch nie erlebt!« Einen Augenblick zögerte ich, dann siegten die Neugierde und ein in mir aufsteigendes rätselhaftes Grauen. Ich trat in den Korridor hinaus. Dort, im Licht der hastig angezündeten Lampe, auf welche die Majorin mit aufgeregt zitternden Händen soeben den Milchglasschirm setzen wollte, stand die ganze feiertäglich geputzte Gesellschaft. »Was hat's denn gegeben?« »Nichts hat's geben, aufg'sessen sei m'r,« sagte eine Dame, die heute beim Mittagstisch den Vorschlag gemacht und durchgesetzt hatte, daß man seinen schönen Kleidern zu Ehren, ebenso wie um rascher zur Stelle zu sein, einen Fiaker nehmen solle. »Die Trauung hat nicht stattgefunden,« ergänzte die Majorin, die indessen mit der Bedienung der Lampe fertig geworden war. »Warum denn – aus welchem Grunde?« »Sie ist tot!« »Tot! ... Woran ist sie gestorben? Wann? Wie ist's geschehen?« »Kein Mensch weiß! Man hat uns keine Auskunft gehen können oder ... wollen.« – – Die Auskunft lag auf meinem Tisch. Mit schwankenden Knien bin ich in mein Zimmer zurückgekehrt und hab' den Brief geöffnet ... da ist er.« Der Professor zog ein vergilbtes Dokument aus seiner Brusttasche. »Wollen Sie ihn selber lesen, verehrte Freundin?« wendete er sich an Frau Lindenstamm. »Mir ist es zu peinlich.« Mein liebes Kind! Vorbei, heute endlich bin ich mir darüber klar geworden, daß alles vorbei ist für mich, endgültig. Das Gefühl dieser Endgültigkeit bedeutet für mich eine Befreiung und Beruhigung. Du kannst dir nicht vorstellen, was ich in diesen letzten Wochen durchgemacht habe. Du hast mich etwas gelehrt, von dem ich keine Ahnung hatte – die Scham. Mein alter Körper schämte sich vor deiner Jugend, meine Seele vor deiner Lebensanschauung, die ebenso rein und edel wie unerbittlich grausam ist. Vorbei – vorbei! Nicht einmal eine Erinnerung übrig, an der ich mich freuen kann. Alles zerrissen, alles besudelt – durch einen Moment des Wahnsinns. Du hast alles vergessen, was schön und edel war in unsern Beziehungen. Nichts steht dir mehr vor Augen als das alte Weib, das nach deiner Jugend verlangt. Jedes Wort, das ich an dich gerichtet, wird von nun an eine andre Bedeutung haben für dich, jeden kleinen Liebesdienst wirst du anders auslegen als früher. Du wirst denken, daß es vom Anfang unsrer Beziehungen an unheimlich in mir gekocht und gebrodelt hat und ich die Leidenschaft nur, aus Angst dich zu verscheuchen, durch einen wahnsinnigen Aufwand an Willenskraft niedergehalten habe. – In den letzten Monaten war das wirklich so; aber früher, nein! Ich will nicht sagen, daß ich damals, an jenem Morgen in Wartenberg, als du mit einem Rosenstrauß vor mich hintratst, nicht ein wenig in dich verliebt war, daß sich nicht etwas von dem in mir meldete, was ich damals schon seit zwei Jahren für tot hielt, und das leider nur betäubt, müde und überdrüssig war. Und wenn du nur ein hübscher, alltäglicher, gutmütig leichtsinniger Bursche gewesen wärst ... Aber, das warst du eben nicht – warst etwas ganz Neues für mich, etwas Wundervolles, das meinem Empfinden neue Horizonte erschlossen und meiner Sehnsucht neue Wege gewiesen hat. Mein Fühlen und Denken wendete sich mit Ekel ab von meiner Vergangenheit – ach, wozu Worte! Nur das möchte ich sagen: Was du mir gabst, war ja so viel schöner als alles, was mir das Leben geboten. Und ich glaubte mich endgültig befreit von allen häßlichen Forderungen meiner Natur, befreit, erlöst von mir selbst. Das dauerte ... oh, lange, lange. Dann kam der Frühling. Da fühlte ich von neuem die unheimliche durstige Glut in mir aufsteigen, und ich erschrak. Aber der Dämon in mir wühlte und forderte. Was hab' ich mit mir gerungen Tag und Nacht, übermenschliche Kraft hab' ich darangewendet, dir mein schwüles Geheimnis zu verbergen, nur weil ich wußte, daß eine Geste, die dir mein Empfinden verriet, dich abstoßen und mir für immer abwendig machen würde. Vielleicht hab' ich die ganze Zeit in meinem Tiefinnersten gehofft, daß es doch noch einmal anders werden würde. Törin! – Nun, wie's gekommen ist, du weißt es ja. Der Druck meiner furchtbaren Demütigung hat mich zu etwas veranlaßt, was weder die Überredungskunst der Juscha noch die Huldigungen Dazinskys fertiggebracht hatten, nämlich mich mit Dazinsky zu verloben. Ich hätte ihn auch geheiratet. Aber als ich dich in meinem Konzert erblickte, war wieder niemand mehr auf der Welt für mich als du. Und als ich die Tränen über deine Wangen laufen sah, wähnte ich dich zurückerobert zu haben. Ich habe dich erwartet im Künstlerzimmer eine Stunde, und in meinem Hause drei Tage lang. Unter dem Vorwand, übermüdet zu sein, mich für die Reise schonen zu müssen, hab' ich alle hinausgewiesen, die dich hätten stören können, weil ich ganz allein sein wollte mit dir. Nichts wollte ich von dir – einer Sterbenden kannst du's glauben –, nichts als ein freundliches Wort und an deiner Hand noch einmal den Weg zurückfinden zu unsrer lieben Vergangenheit. Erinnerst du dich nicht mehr an Wartenberg, an unsern Spaziergang an dem Abgrund vorbei, dem Abgrund, den ich nicht sah, weil du meine Gedanken davon weggelockt hattest? Ich hab' dich erwartet drei Tage lang und hab' von dir geträumt und auf dich gehofft und deinem Schritt entgegengehorcht. Drei Tage lang. – Jetzt horch' ich noch, aber ich weiß, du kommst nicht ... nie mehr. Vorbei. Alles. Meine Verlobung mit Dazinsky hat mich bedrückt wie ein Alp. Ich wußte keinen Ausweg. Heute in der Nacht endlich hab' ich's erkannt, wo die Befreiung liegt. Der Tod ist der einzige Freund, auf den ich noch rechnen kann. Wie ich endlich einig mit mir darüber war, da ist's ganz ruhig und klar in mir geworden. Der Tod ... Wenn ich zurückdenke, wie ich mich sonst vor ihm gefürchtet hab', zurückdenke an die spiritistischen Séancen, in denen ich nach materiellen Bestätigungen eines Weiterlebens nach unsrer körperlichen Vernichtung verlangte ... lachen möchte ich über mich – ein bitteres Lachen! Mir graut vor der Unsterblichkeit. Wenn wir die Erinnerung an unsre vergangene Existenz mit hinübernehmen müßten, so wäre sie eine Hölle, und ohne die Erinnerung hätte die Unsterblichkeit keinen Sinn. Nein, nein ... nur schlafen, schlafen, endlich wieder schlafen. Vergessen ... rasch, völlig. Ja, wenn mich am jüngsten Tag dein Schritt wecken könnte, stürmisch, übermütig, die Treppe hinaufjagend, immer zwei Stufen auf einmal und ein leichtes Accelerando zum Schluß, dein Schritt, mit dem du im Frühling so oft aus der Kanzlei mir entgegengeeilt bist, dein Schritt, der sich auf mich freute ... Vorbei ... Sei barmherziger gegen die Tote, als du gegen die Lebende gewesen bist. Deine alte Freundin Marie Dembinska, genannt die Selvaggini. P.S. Es drängte mich, dir noch etwas Liebes zu tun, und ich kann doch nicht ... Heute vormittag war ich bei meinem Advokaten. Deinen Schwestern hab' ich jeder hunderttausend Kronen hinterlassen als Mitgift. Du wirst gut sein wollen zu mir nach meinem Tode, nicht wahr, und wirst sie nicht veranlassen, das kleine Vermächtnis abzulehnen. Die andern Legate führe ich hier nicht an. Sie sind für dich uninteressant. Dich habe ich zu meinem Universalerben ernannt. Ich seh's genau vor mir, wie böse du mit deinen Brauen zucken wirst bei dieser Mitteilung. Ich weiß es ja, daß du nie etwas annehmen wirst von mir, weiß, daß du weiterleben wirst in deinem ärmlichen Stübchen, dich mit kümmerlicher Kost begnügen und in abgetragenen Kleidern einhergehen wirst; aber ich weiß auch, daß niemand das Geld zu edleren Zwecken verwenden, niemand so viel Gutes damit tun wird wie du. – Ich horche noch immer. Der Zustand ist unerträglich. Jetzt ist's genug. Ich habe eine große Dose Chloral genommen ... Das Mittel wirkt nicht. Der Schlaf bleibt aus. Mach mit meinem Geld, was du willst, aber das Porträt von Lenbach, das mich als heilige Elisabeth darstellt, das behalte und richte manchmal den Blick darauf. So sonderbar dir's scheinen mag, aber unter den hunderterlei verschiedenen Seelensplittern, aus denen eine menschliche Individualität zusammengesetzt ist, muß etwas gewesen sein, das mich der Heiligen verwandt gemacht hat. Ich habe keine Rolle so gern gesungen wie die Elisabeth. Noch tagelang nach der Vorstellung lebte ich in der Rolle, verzehrte mich in Sehnsucht nach Reinheit und Märtyrertum ... Meine Hand wird schwerer. Alles ist zerrissen in mir, mir ist's, als flatterten die Fetzen meiner Seele durch mein verdämmerndes Bewußtsein. Ich stehe wieder auf der Bühne ... nein, ich sitze neben deinem Krankenbett in San Remo. Dein abscheulicher Husten plagt dich. Ich stütze dich auf in meinem Arm ... Mein armer, blasser Bub, du wirst dich quälen, wenn du von meinem Tode hörst. Ich weiß es, aber du sollst nicht ... Nein! Mach dir keine Vorwürfe. Sag dir: Ich war das Schönste in ihrem Leben, und bis zum letzten Moment war sie mir dankbar dafür ... Im übrigen war sie müde und hat schlafen wollen. Leb' wohl! Wenn ich noch einmal den großen Donner gehört hab', so verdank' ich dir's! Auch daran denk', wenn ganz ungerechtfertigte Skrupel in dir aufsteigen sollten. Ach, wie müde bin ich ... Ich muß eilen ... muß den Brief an die gewohnte Stelle tragen, von wo Luigi alle Morgen meine Briefe holt. Dann ... noch eine Dosis ... Frau Lindenstamm ließ den Brief sinken, und der Professor fuhr in seiner Erzählung fort: »Lange bevor ich den Brief zu Ende gelesen hatte, war ich schon in die erste Straßenbahn gesprungen, die nach Monplaisir fuhr. Atemlos eilte ich dem kleinen Lustschloß zu. Bis zum letzten Augenblick hoffte ich noch. Es gibt so viele Menschen, die Briefe schreiben, um einen Selbstmord vorzubereiten, den sie nicht ausführen. Doch kaum hatte ich den Garten erreicht, in dem ich so viele schöne Stunden verbracht hatte, als jeder Zweifel verschwunden war. Sie, verehrte Freundin, die Sie so viel erlebt und erfahren haben, werden sich gewiß des Aussehens entsinnen, das plötzlich ein Zaus, eine Wohnung annimmt, wenn jemand darin gestorben ist. Es macht zugleich den Eindruck, als ob der ganze Betrieb ins Stocken gekommen wäre, weil ein Rädchen aus der Maschine gesprungen ist, und doch auch, als ob alle Hemmungen ausgehoben wären, die den Betrieb geregelt haben. Man beschäftigt sich nur noch mit dem Tode, das Leben läßt man gehen, wie es will, und kümmert sich nicht weiter darum. Die Gartenpforte stand offen. Zwischen den gelben und roten Herbstbäumen, die es wie grandiose Totenfackeln umloderten, stand das kleine Lustschloß feierlich stumm, und knapp daneben auf einem Rasenplatz balgten sich ein paar Kinder. Ein emsiges Hämmern durchtönte das Haus. An der Tür des Sterbezimmers wurde ich abgewiesen. Die Juscha, bis zur Unkenntlichkeit verweint, erklärte mir hart und schroff, daß kein Fremder hinein dürfe. Man sei mit der Aufbahrung beschäftigt. Morgen von zehn Uhr an würde die Leiche für das Publikum sichtbar sein. Ich mußte mich bescheiden. Erst den nächsten Tag um zehn Uhr sah ich sie. Zwischen einem Wald von brennenden Kerzen lag sie in einem schwarzen Sarg in dem schwarz ausgeschlagenen Musiksalon. Wenn es wahr ist, daß der Tod uns die Maske vom Gesicht nimmt und erbarmungslos unser eigentliches Ich zeigt, dann hat sie sich vor dem allerhöchsten Urteil nicht zu scheuen gebraucht. Das edle, traurige Gesicht, das aus dem spitzenbesetzten Kissen ruhte, war das Gesicht der heiligen Elisabeth auf dem Porträt von Lenbach. Irgend jemand gab mir den Sprenkel in die Hand, den ich in den Weihwasserkessel zu ihren Füßen tauchen sollte, um sie damit zu besprengen. Ein junger Priester kniete betend neben dem Sarg. Nicht einen Augenblick hatte sich der Pfarrer der Gemeinde gesträubt, ihren Tod einem bösen Zufall, einer unabsichtlichen Übertreibung des Schlafmittels zuzuschreiben und ihr alle Ehren einer christlichen Aufbahrung und Bestattung zu gönnen. Der Grund war leicht zu erkennen. Das Zimmer war voll Menschen, da man jeden hineinließ, der noch einmal die Selvaggini sehen wollte; aber zwischen den vielen Neugierigen aus den wohlhabendsten und vornehmsten Klassen waren zahllose Arme. Niemand war wohltätiger gewesen als die Selvaggini, und ihre Wohltaten waren nie Almosen, sondern stets Geschenke gewesen, die sie wie eine zärtliche Mutter am Weihnachtsabend immer mit einem freundlichen Wort und einer Liebkosung begleitet hatte. Die Wallfahrer an ihrem Sarg waren in zwei streng abgegrenzte Gruppen geteilt: die Reichen, die flüsterten und gafften, und die Armen, die weinten und beteten. Ich hielt mich zu den Armen. Ich gehörte zu denen, denen sie Gutes getan. – – »So ... und nun bin ich zu Ende,« sagte der Professor, »ich glaube, daß auch Sie meinen Schmerz begreifen.« Sein Gesicht war verfallen, er kämpfte mit Tränen. Die alte Dame gönnte ihm die Zeit, sich zu beruhigen, dann sagte sie sehr weich: »Ihren Schmerz begreife ich; die Vorwürfe aber, die Sie sich wegen des Selbstmordes der Ärmsten machen, erscheinen mir unberechtigt. Jedenfalls konnten Sie nicht anders handeln, als Sie gehandelt haben.« Da fuhr der Professor auf, und seine traurigen Christusaugen blitzten: »So! Ich hätte nicht anders handeln können?« rief er empört. »Das denken Sie wirklich?« Sie wurde etwas verlegen. »Aber lieber Freund! Sie konnten doch nicht ...« Sie stockte. »Der Geliebte der Selvaggini werden, meinen Sie?« vervollständigte er schneidend. »Nein, das konnte ich nicht.« »Also.« Er schwieg einen Augenblick, dann: »Erinnern Sie sich an die Stelle in ihrem Brief, in der sie mich daran erinnert, wie geschickt ich sie einmal an einem Abgrund vorübergeführt habe, ohne daß Sie's merkte? Sehen Sie, das hätte ich auch damals tun sollen, in der Stunde, die über ihr Schicksal entschied.« Seine Stimme zitterte. »Ich hätte sie an dem Abgrund vorüberführen müssen, ohne daß sie eine Ahnung davon gehabt hätte, wie nah sie daran gewesen war, ihr Gefühl vor mir preiszugeben.« Frau Lindenstamm dachte einen Augenblick nach, dann sagte sie sehr leise: »Lieber Freund, um das zu tun, hätten Sie das Gefühl der Selvaggini gleich in seinem Entstehen erraten müssen, mit einem Wort, Sie hätten nicht der naive Idealist sein dürfen, der Sie nun einmal waren, sondern ein lebenskundiger, recht abgebrühter Weltmann, und in dem Fall wären Sie nicht das Schönste gewesen im Leben der unglücklichen Künstlerin.« »Das Schönste in ihrem Leben – das Bitterste, das Demütigendste war ich,« behauptete der Professor. »Das Schönste! Das hat sie nur so gesagt in ihrer unerschöpflichen Großmut, um mich zu beruhigen.« »Da irren Sie sich,« erklärte Frau Lindenstamm, »Sie waren das Schönste in ihrem Leben, und sie war Ihnen bis zum letzten Moment dankbar dafür. In jedem Fall überschätzen Sie die Rolle, die Sie in dieser Tragödie gespielt haben. Der eigentliche bestimmende Faktor darin war das hereinbrechende Alter, mit dem sich das Temperament der Unglücklichen nicht abfinden konnte. Das Alter ist der beste Freund einer Frau, wenn man es freundlich willkommen heißt. Es beruhigt und tröstet, es befreit uns von dem aufregenden Wechselfieber der atemlosen Regenbogenjagd, die man Jugend nennt, einem Zustand, den ich für meinen Teil um keinen Preis wieder durchmachen möchte. Es lehrt uns, aufmerksamer zu leben und infolgedessen Schönheiten in der Welt zu entdecken, an denen wir früher blind vorübergerast sind. Denn in der Jugend rast man immer, man genießt die Gegenwart kaum, weil man unentwegt in die Zukunft hastet. Das Alter genießt die Gegenwart, es ist darauf angewiesen. Der einzige wunde Punkt ist, daß so wenig Zeit mehr zwischen uns und der Ewigkeit liegt. Aber daran denkt man selten. Ich versichere Ihnen, ich bin keine Ausnahme. Für viele Frauen ist das Alter die schönste Lebensepoche. Nur, wie gesagt, man muß dem Alter freundlich entgegengehen. Wenn man sich dagegen wehrt, dann wird es böse, wird ein uns beständig demütigender, entmutigender, grausamer Feind. Das war es für die Selvaggini. Je mehr sie sich davon abwandte, um so boshafter lauerte es ihr auf und trieb sie schließlich zur Verzweiflung. Gönnen wir ihr den Tod, lieber Freund. – Und nun wenden wir uns wieder dem Leben zu. Ich kann mir Ihre Existenz nicht ganz zusammenreimen. Früher warm Sie Jurist, und jetzt sind Sie doch Arzt. Und was für einer!« »Ich habe umgesattelt. Nach dem Tode meiner unglücklichen Wohltäterin verfiel ich in einen monatelang andauernden krankhaften Nervenzustand. Mein verehrter väterlicher Freund, Hofrat Fachberg, der sich mir gegenüber heftige Vorwürfe machte – der Ärmste, er hat's ja doch zum Besten gemeint –, hat mich herausgepflegt, aber lange Zeit stand's hier nicht zum Besten mit mir.« Er tippte sich auf die Stirn. »Mein alter Beruf war mir verleidet, Rechtsstreitigkeiten hatten kein Interesse mehr für mich, das einzige, wonach mich dürstete, war Leiden zu lindern. Mein verehrter Freund machte mich zu seinem Schüler. Er hätte mich auch mit Geld unterstützt, wenn ich es über mich gewonnen hätte, noch etwas von irgend jemand anzunehmen. So hat er mir einträgliche Stunden verschafft. Auf der Universität und Klinik hat er sich auf das eingehendste mit mir beschäftigt. Ich bin sehr bald anerkanntermaßen sein liebster Schüler geworden.« »Hm! Und wen hat Hilda geheiratet?« »Sie hat gar nicht geheiratet.« »Aber sie lebt doch noch?« »Ob sie lebt – das fehlte noch, daß die ... gar nicht auszudenken! Sie ist ein herrlicher, entzückender, edler, nützlicher Mensch, die Oberin des mit einer Erziehungsanstalt verbundenen Heims für verwahrloste Kinder, das ich aus dem mir von der Unglücklichen hinterlassenen Vermögen errichten ließ. Wir sehen uns öfter, da ich jede Woche das Heim auf seinen hygienischen Zustand prüfe.« »Ist sie noch immer hübsch?« »Hübscher als je, schön ... und manchmal zuckt ihr sogar noch etwas von der alten Schalkhaftigkeit um die Mundwinkel.« Sie lachte. »Nun, wenn ein so anerkannt intelligenter Mensch wie Sie nicht von selber darauf kommt, und ich mir's erlauben darf, einem so berühmten Manne die Wahrheit zu sagen, so möchte ich bemerken, daß Sie meiner Ansicht nach ein ganz gewissenloser Esel sind!« Über diese Ausdrucksweise war der Professor doch ein wenig verblüfft. »Gnädige Frau!« begann er. »Herr Medizinalrat ...« Dann ungeduldig: »Menschenkind – haben Sie denn nicht begriffen?« »Das hab' ich wohl, aber ich dachte, meine Erzählung hätte Ihnen beweisen müssen, daß all derlei für mich ausgeschlossen ist, daß ich nicht mehr das Recht habe, glücklich zu sein.« »Recht? Das ist Unsinn! Vielleicht hatten Sie zeitweilig die Fähigkeit verloren, glücklich zu sein. Jedenfalls haben Sie die Verpflichtung, glücklich zu machen. Da lassen Sie ein entzückendes, durch und durch liebenswertes Geschöpf zur alten Jungfer verdorren, nur um einem verdrehten Gewissensskrupel zu frönen, einer Reue, die gar keine Berechtigung hat; denn glauben Sie mir, ob die arme Selvaggini sich umgebracht hat, weil Sie nichts mehr von ihr wissen wollten, oder, was mir sehr viel wahrscheinlicher vorkommt, weil sie keines Tones in ihrer Kehle mehr sicher war, der Tod war eine Befreiung für sie, und jeder, der die Sache objektiv betrachtet, muß ihn ihr gönnen. Ihr Leben hatte keinen andern Ausweg mehr. Und jetzt – sursum corda ! Ich hoffe, Sie laden mich zu Ihrer Hochzeit.« Als der Professor die Freundin kurz darauf verließ, hielt er den sonst etwas vorgeneigten Kopf gerade und machte den Eindruck eines Menschen, dem man eine schwere und drückende Last von den Schultern genommen hat. Frau Lindenstamm aber hatte er in einem sehr gedankenvollen Zustand zurückgelassen. Nicht ohne Beschämung erinnerte sie sich manches übermütigen Witzes, ja manches scharfen Spottwortes, das sie über jene Frauen geäußert hatte, die sich's nicht abgewöhnen konnten, jung bleiben zu wollen. Das unheimliche Gleichnis des im Herbst neuerlich blühenden Kastanienbaums trat ihr ins Gedächtnis. Es bedurfte nicht dieses peinlichen Naturspiels, um zu beweisen, daß jeder Herbst eine Tragödie ist. Sie gedachte der märchenhaften Schönheit, die er alljährlich entfaltet, gedachte der Stürme, die an ihr wüteten, und der Fröste, die sie vernichteten. Das Buch einer nordischen Schriftstellerin über das »Gefährliche Alter« fiel ihr ein. Einen ganzen Winter war davon die Rede gewesen. Damals hatte sie das Buch nur als eine Widerlichkeit abgelehnt, jetzt verurteilte sie es als eine Grausamkeit. Was ist das gefährliche Alter anders als die Agonie des Geschlechtslebens? Über die Agonie spottet man nicht. Jeder Todeskampf ist heilig! sagte sie sich. Sie dankte dem Schicksal aus ganzem Herzen, daß ihr diese Agonie erspart geblieben, daß es ihrer Natur möglich gewesen war, sich freundlich und dankbar von der Jugend zu trennen. Und plötzlich trat ihr eine Szene aus dem halbvergessenen Raimundschen Zauberspiel »Der Bauer als Millionär« ins Gedächtnis, und das war die Szene, wo die Jugend von dem Bauer Abschied nimmt. Durch ihre Seele glitt der Kehrreim des naiven Versleins, an dessen tiefem weisem Sinn sie bis dahin achtlos vorübergegangen war, und träumerisch summte sie vor sich hin: »Brüderlein fein, Brüderlein fein, Zärtlich muß geschieden sein!«