Kärrekiek Ein Roman von Joseph von Lauff   G. Grote'sche Verlagsbuchhandlung Berlin 1924 Meiner lieben Frau Wiesbaden , Dezember 1901.                                           Zum Eingang         Dahin so manches liebe Jahr, Dahin in Leid und Lust; Doch alles noch, wie einst es war, Da ich von hier gemußt. Wenn auch der Jugend bar und bloß, Ein längst gereifter Mann – Mit Märchenaugen still und groß Sieht mich die Heimat an. Wie einst so heut die Mühlen gehn; Ein Wiegen ist im Rohr – Und was die Blicke nicht verstehn, Vernimmt beglückt das Ohr. Was einst dem Kindersinn vertraut, Noch immer weilt es hier: Mit ihrem wundersamen Laut Die Heimat spricht zu mir. O Jugendzeit, o Wiegenlied! – Und ich so ganz allein; Verträumten Sanges lullt das Ried Die tiefen Wasser ein. Und Blumen ruhn in ihrem Schoß, In ihrem Zauberbann: Aus weißen Kelchen still und groß Sieht mich die Heimat an. So friedlich rings, so still umher; So war es immer schon . . . Da – feierlich vom Mühlenwehr Grüßt mich der alte Ton. Ein Locken zieht den Grund entlang, Dann jubelt's im Revier: Im Amselruf vom Erlenhang Die Heimat spricht zu mir. So lau die Luft, so weich der Wind, So träumend Bruch und Fließ; Hier sah ich noch, ein frommes Kind, In Gottes Paradies. Ums Vaterherz, ums Mutterherz Sich meine Liebe spann . . . Um sie, gleichwie im tiefen Schmerz, Sieht mich die Heimat an. Du kleine Stadt am Niederrhein, So nah' und doch so fern . . . Der Dämmer hüllt die Wiesen ein Und weckt den Abendstern. Die Glocke ruft wie einst so heut; Mein Sehnen ist bei ihr . . . Aus ihrem Feiertagsgeläut Die Heimat spricht zu mir. Und ist mein Tagewerk getan, Wird mir die Hand zu schwer, Weist mir ein stiller Geist die Bahn, Die ohne Wiederkehr – O Heimat! – eine Bitte bloß Sei mir gewährt alsdann. Mit Deinen Augen, still und groß, Sieh mich noch einmal an. 1 I Als ich wiederkam Bestäubte Schuhe! – und vor mir lag die kleine niederrheinische Stadt mit ihren kanadischen Pappeln und der Sankt Nikolaikirche. Es war alles wie früher. – Die roten Giebeldächer schimmerten durch das saftige Grün gerade wie damals, und die Heupferdchen geigten zwischen Kuckucksblumen und Wiesenschaumkraut genau in denselben Tönen und Intervallen, wie sie es vor dreißig Jahren getan, als ich mich als halbwüchsiger Junge zwischen Rispen und Dolden gestreckt hatte, um nach den Dohlen zu schauen, die langsamen Fluges die Spitze des Nikolaiturmes umkreisten. – Auch heute war es auf dem Turme lebendig, dessen von der Abendsonne vergoldeter Knauf weit in die niederrheinischen Lande hineinsah. – Von den Pappeln, die sich scharfumgrenzt vom Abendhimmel abhoben, wehte ein geheimnisvolles Säuseln herüber. – Harfenklänge aus früher Jugendzeit umzitterten mich und stimmten die Seele harmonisch und weich. Aber gleichzeitig war es mir, als wenn mich eine unsichtbare Hand leise berührte; sie glitt sanft über mein Antlitz und blieb über der Herzgrube liegen. – Ein feiner körperlicher 2 Schmerz durchfuhr mich. – Ich hatte keine Erklärung dafür . . . aber eine Schwalbe huschte vorüber, und mir klang es wie aus weiter Ferne: »Aus der Jugendzeit, aus der Jugendzeit . . .!« Noch hielt mich ein unbestimmtes Gefühl ab, geradeswegs die Stadt zu betreten. Ich wandte mich seitwärts. Binsen und Schachtelhalme durchsetzten den üppigen Wieswuchs. Ein breites, ruhiges Wasser legte sich hier um eine Art von Bollwerk, das in früheren Zeiten als Brückenkopf gedient haben mochte. Wir Jungens nannten es ›Ravelin‹, und ein eigentümlicher Zauber war mit diesem Orte verbunden. Hier wohnte das Bläßhuhn, hier tackte das Müllerchen im Brombeergestrüpp, die rotbraunen, silberglänzenden Rispen des Schilfrohrs sprachen hier mit säuselnden Stimmen, und die Wasserlinsen spannten ihren smaragdnen Teppich über das stille Wasser, auf dem später die bleichen Teichrosen schwammen wie verwunschene Sterne. Ich war näher getreten. – In demselben Augenblick hub die Schilfdrossel an, und ihr ›Kärrekärrekiek‹ zog in scharfen, aber langgezogenen Tönen über die ruhige Fläche. Ich kannte den Ruf, ich hatte ihn vor Jahren unter eigentümlichen Umständen vernommen; er hatte eine seltsame Bedeutung für mich – das ›Kärrekärrekiek‹ der Schilfdrossel durchschnitt mir die Seele. Das Gegenwärtige war tot für mich – die Vergangenheit war lebendig geworden. Hier hatte ihr Fuß gestanden, von hier aus war sie 3 aufs Bollwerk hinübergerudert; dann war sie auf demselben Wege zurückgekehrt, bleich und mit geröteten Augen, und ihre Lippen waren zusammengekniffen . . . und der Mond stand über dem Ravelin, und er tauchte seine silberlichte Scheibe in die kühle Flut des ruhigen Wassers. ›Kärrekärre-kärrekärrekiek!‹ Noch lange verfolgte mich das sonderbare Schilflied des eigentümlichen Vogels; ich hörte es noch, als mir schon längst die Stein- und Holzkreuze des Friedhofs winkten, die mit einer gewissen Wehmut über die geschorenen Liguster- und Hagedornhecken hinwegsahen. Der alte Spillbaum, der im Herbst sich mit roten Korallen schmückt, begrüßte mich beim Eintritt zuerst. Er war ein guter, lieber Freund aus den Tagen der Kindheit. Jenseit des Tores ruhten so viele, die ich gekannt hatte und die mir teuer gewesen, als sie noch unter den Lebenden weilten. Gleich zur Linken befand sich ein niedriger Hügel. Unter ihm schlummerte meine kleine Schwester, die sich stets fürchtete und ängstliche Augen machte, wenn sie an einer Stiefmütterchenrabatte vorbeikam. Ein Holunderstrauch hatte seine Scheindolden über das Grab gebreitet, und ein Rotbrüstchen saß in seinen Zweigen und dämmerte sein anspruchsloses Lied in den Abend hinein. – Liebeseelchen und Stiefmütterchen . . .! – Bewegten Herzens irrte ich weiter. Ein windschiefes Holzkreuz ragte aus dem Rasen empor. Aus den verwaschenen Lettern entzifferte ich einen Namen, der mir bekannt war: Heinrich Hübbers. – Also hier 4 hatte der große Heinrich Hübbers seine letzte Ruhestätte gefunden?! – Sein alles umfassender Geist hatte es ihm möglich gemacht, dreien Herren während seiner irdischen Laufbahn zu dienen. Tagsüber zog er den Pechdraht, während der Nacht tutete er die kleine Stadt in Sicherheit, und an Sonn- und Feiertagen führte er seine mächtige Otterfellmütze und den blauen, fünfundzwanzigpfündigen Leibrock spazieren. Bei dieser Gelegenheit trug er zudem einen prächtigen Krückstock, über dessen Herkunft kein Zweifel obwalten konnte. Zwinge und Schnepper, die etliche Zoll unter dem Messinggriff hervorsahen, kündeten zur Genüge seine einstmalige Bestimmung an; er war der gewichtige Träger eines Regenschirmes gewesen. Mit diesem Spazierstock ging er auf die Jagd und schoß mir nichts dir nichts Dohlen und Krähen vom Nest – wenigstens stellte er uns Jungens gegenüber diese Behauptung auf, und wir glaubten es ihm, denn wenn er so dastand, das linke Auge zukniff, zielte und mit dem Schnepper knallte, dann wurden auch die leisesten Bedenken zu Boden geschlagen. Selbstverständlich kam nie eine Krähe herunter. Entweder sie war direkt ins Nest gefallen, oder sie hatte sich im Gezweige verhäkelt – aber wir glaubten, denn Heinrich Hübbers hatte gesprochen. Jetzt schießt er Krähen und Hasen auf der überirdischen Flur, denn das ewige Licht leuchtet ihm. Requiescat in pace sancta! – Neben ihm ruhte Jakob Verhage, der Achtzigjährige aus dem Altmännerhaus, wo er die letzten Jahre hinter Fuchsien- und Geranienstöcken 5 verbracht hatte. Der Mann war vogelsprachkundig wie Salomo gewesen. Er wußte genau, was die Drossel sang und die Elster geckerte, wenn sie aufbäumte und den schillernden Schwanz rechtwinklig emporstelzte; er kannte die feinen Stimmchen der Goldhähnchen, die eigentümliche Knarre des Wachtelkönigs, den leierartigen Singsang des Rotkehlchens, dem er stundenlang zuhören konnte, wenn draußen der Wind pfiff und die Schneekristalle um das Fensterkreuz seiner bläulich gekalkten Stube ihren Ringelreihen tanzten. Aber auch mit den Nagern lebte er auf freundschaftlichem Fuße. Fette, braunrot- und schwarzgefleckte Meerschweinchen durchhuschten das Zimmer, quieksten und murksten, und weiße Mäuse trieben ihr artiges Spiel zwischen den Fuchsien- und Geranientöpfen. Wie er inmitten seiner Tiere gelebt hatte, so war er auch inmitten seiner Tiere gestorben. Eines frühen Morgens fanden die Altmännerleute ihren betagten Genossen ruhig im Lehnstuhl sitzen. Das Haupt des grobknochigen Mannes war nach vorwärts geneigt; sein Lederkäppchen hielt er zwischen den gefalteten Händen, genau als spräche er sein Frühgebet, denn die Morgenglocke hallte just in diesem Augenblicke von Sankt Nikolai herüber. Aber die sieben Meerschweinchen hatten schweigend einen Kreis um ihn gebildet. Das Keckste von ihnen stand mit seinen Vorderpfötchen auf den Filzpantoffeln des einsamen Mannes und blinzelte in das stille Gesicht seines Wohltäters, als ob es sagen wollte: Na, Jakob Verhage, wo bleiben die Mohrrüben und die saftigen Kohlblätter? – aber Jakob Verhage 6 weilte nicht mehr unter seinen Meerschweinchen und Mäusen, unter seinen Distelfinken und Rotkehlchen; das herbe Leid, das ihm sein einziger Sohn angetan hatte, als er sich weigerte, Geistlicher oder, wie die Leute dort sagen, ›Heerohme‹ zu werden, hatte genügt, ihm das Herz abzustoßen. – »Er ist › RIPS ‹, sagte der Pförtner des Altmännerhauses, und drei Tage nach diesem Geschehnis wurde Jakob Verhage begraben. Ich näherte mich dem Kalvarienberge. Zur Linken hob sich ein schlanker Lilienschaft von einem wohlgepflegten Grabhügel. Die anspruchslose Ruhestätte war mit einem schmalen Kranze von Nelken und Sommerlevkojen umfriedet. An ihrem Kopfende befand sich ein niedriges, gußeisernes Kreuz, dessen Mittelschild von ungeschickter Hand bemalt und beschrieben war. Als ich mich niederbeugte, durchfuhr mich derselbe körperliche Schmerz wie vorhin, und es war mir, als zitterten von weither die Klänge der Schilfdrossel über die Gräber und die Grashalme der friedlichen Stätte . . . Ich wollte die Ruhe nicht stören; gesenkten Hauptes schritt ich der Stadt zu. Eine sonntägliche Feier lag über der niederrheinischen Landschaft gebreitet. Rechts und links von der breiten Heerstraße weideten etliche buntscheckige Kühe in den saftigen Wiesen oder ruhten wiederkäuend im Grase. Das eintönige Blütenmeer des Wiesenschaumkrautes hatte eine weißliche Kobaltbläue über die Niederung gesponnen, die, allmählich in ein zartes Silbergrau übergehend, sich hinter den gekappten Weidenstämmen verlor. 7 Rings war abendliche Stille. Der Wind hatte sich gelegt, nur die Pappelblätter waren in steter Bewegung. Bald zeigten sie ihre lichte, bald ihre dunkle Seite und quirlten dabei wie in nervöser Unruhe um die Achse ihrer langen Stiele, wobei ein Lispeln entstand wie das ständige Geplauder eines Rinnsals mit steinigem Untergrund. Ich hatte mich inzwischen dem Tore genähert. – Etliche Mädchen und Burschen schritten lachend vorüber; sie grüßten, aber ich kannte sie nicht mehr. Jetzt gewahrte ich eine kleine Gestalt, die behäbigen Ganges mir entgegenkam. Um ein verhutzeltes Männchen schlug ein altmodischer, brauner Überrock seine langen Falten. Die kurzen Beine waren in großkarrierte Hosen gesteckt, und auf dem Kopfe trug er einen anscheinend nicht passenden Zylinder, denn ich bemerkte deutlich, wie der Hut bei jedem Schritt ziemlich bedenklichen Schwankungen unterworfen war. Trotz des prächtigen Wetters war der Alte mit einem unförmlichen, baumwollenen Paraplü versehen, dessen brennendes Zinnoberrot wie ein disharmonierender Farbenklex in die sanften Töne der feinabgestimmten Landschaft hineinknallte. In das friedliche Gesicht hatte er eine lange Pfeife mit Troddeln gesteckt, aus deren Porzellankopf und Pfefferrohr er blaue Wölkchen in den Abendhimmel hinausblies. Inzwischen waren wir näher gekommen. Still und selbstbewußt ruhte das glattrasierte Gesicht des Paraplümännchens zwischen den niedrigen Vatermördern. Noch einmal paffte er zierliche Ringel in die ruhige Luft, spuckte 8 in vollendeter Weise aus seinem linken Mundwinkel zur Seite und blieb dann stehen. Ein unbestimmtes Etwas hielt uns gegenseitig gefesselt. Irgendwo war mir dieser Mann schon begegnet. Dieser gutmütige Ausdruck, diese wasserblauen Augen, dieses eigenartige Kringel- und Ringelblasen und das haarscharfe Spucken . . . natürlich – er war es! »Pittje Pittjewitt . . .!« »Jesses, Maria!« stieß das kleine Männchen heraus und reichte mir seine verwitterte Hand hin. »Gottdomie! – Jupp . . .?!« »Bin ich noch immer,« lachte ich herzlich und schlug in die dargebotene Rechte. »Dreißig Jahre – und Ihr seid ein Schreibersmann geworden?« »Bin ich.« »Na – und?!« »Ja, Pittjewitt – nun bin ich hergekommen, um einen neuen Roman auszugraben, und Ihr sollt die Hauptrolle drin spielen.« »Verflucht noch mal,« meinte Pittje, wobei er seinen Zylinder, der sich wie ein Zuckerhut nach oben verjüngte, gravitätisch vom Kopf zog und sich alsdann wieder bedeckelte, »verflucht noch mal, das wird 'ne feine Geschichte. – Und die anderen Spieler?« »Alles Bekannte, Pittjewitt. – Jakob Verhage, der lange Dores, Hübbers, der junge Heerohme, der lateinische Heinrich – und die da bei dem Kalvarienberg, Pittje.« 9 »Hannecke Mesdag,« ergänzte Pittjewitt mit umflorter Stimme, wobei er wiederum, gleichsam um das Andenken der Verstorbenen zu ehren, mit einer unbeschreiblichen Feierlichkeit den Zuckerhut lüftete und dann wieder aufsetzte. »Ja, Pittje,« warf ich leichthin dazwischen, »und da hab' ich mir denn gedacht, daß Ihr sozusagen Mitarbeiter an der Geschichte werden sollt und mir Aufschlüsse über gewisse Begebenheiten macht, die ich selbst in damaliger Zeit, als sie passierten, nicht wußte und auch nicht wissen konnte – mit anderen Worten: Ihr knotet die Fadenenden zusammen, die zusammen gehören, und über die ganze Geschichte streiche ich dann selber den poetischen Firnis.« »Verflucht noch mal,« meinte der Alte und kniff dabei nachdenklich die Augen zusammen. »Kann ich,« fügte er nach einer Weile hinzu und schlug zur Bekräftigung dessen so selbstbewußt auf seine linke Brusttasche, als ob sich dort das Manuskript des von mir geplanten Romans schon längst fix und fertig vorfände. »Kann ich . . .« bekräftigte Pittje noch einmal und gab mir durch eine gravitätische Handbewegung zu verstehen, daß ich in seinem Hause ein willkommener Gast sei. Pittje Pittjewitt, der baumwollene Regenschirm, dessen Knallrot im werdenden Abend noch nichts an seiner Leuchtkraft verloren hatte, der altmodische Zylinder und ich hielten nunmehr unseren Einzug in das niederrheinische Städtchen. – Vor ihren Hausschwellen saßen schon die 10 Leute auf hochlehnigen Binsenstühlen, um die wohlige Kühle einzuatmen, die von den nahen und taufrischen Weiden herüberwehte. – Um die spanischen Giebel der engen Straßenzeilen begannen schon die Dämmer zu weben. In vereinzelten Kramläden wurden die Lichter angezündet. Die alte Linde auf dem Marktplatz schien sich langsam und ganz behaglich auf das Einschlafen vorzubereiten. Ihr eigener Duft mußte sie betäuben, denn sie war über und über mit Blüten verschneit, die durch ihre Isabellfärbung den Anschein erweckten, als wären um die Zweige des stattlichen Baumes die feinsten Brabanter Spitzen geklöppelt. Trotz der vorgerückten Stunde tönte noch ein leises Bienengesumme aus den blühenden Ästen. Als wir die Linde passierten, stieß mich Pittje Pittjewitt mit der Hornspitze seines Pfeifenrohres wiederholt in die Seite. »S–t!« machte der Alte. Wir blieben stehen. – Auf der Steinbank, die im weiten Kreise die Linde einhegte, saß eine Gestalt, die etwas Unheimliches an sich hatte. Ganz in Schwarz gekleidet, den hageren Oberkörper vorwärts geneigt, ließ sie ihre langen Arme wie leblos zwischen den Knieen zu Boden hängen. »So sitzt der jeden Abend,‹‹ meinte Pittje Pittjewitt. »Wer ist es denn?« »Der Heerohme.« »Der junge Verhage?« 11 »Ja. – Er war mal jung, jetzt hat er die Fünfziger überschritten.« Mir war's, als würde eine schrille Saite angeschlagen. Sie tönte wie aus fernen Zeiten herüber. »Und jetzt?« Pittje Pittjewitt sah mich mit großen Augen an, rückte den Zylinder durch eine geschickte Bewegung des Kopfes bis in die Höhe der linken Ohrmuschel, so daß das lange Gehäuse sich bedenklich zur Seite neigte, und führte die Pfeifenspitze ganz bedächtig an die nun freigelegte Stirne. Hier zog er etliche konzentrische Kreise. »Versimpelt, total versimpelt,« meinte Pittje Pittjewitt. Eine Pause entstand; in Erinnerungen verloren, sah ich bewegten Herzens auf den einsamen Mann, dessen umnachteter Geist, fern der Außenwelt und ihren Eindrücken stehend, nur noch ein Traumleben führte. Jetzt hob er den Kopf. Ein schmalrandiger Filz saß auf dem graugesprenkelten Haar. Die Blicke hatten einen wirren, verwehten Ausdruck. Um den Mund huschte ein groteskes Mienenspiel, das die ganze Trostlosigkeit seiner geistigen Verfassung offenbarte. »Heerohme!« sagte Pittje Pittjewitt. Über die Züge des Angeredeten lief ein breites Grinsen. Langsam erhob er sich, vergrub beide Hände tief in die Hosentaschen und gab deutlich zu verstehen, daß er nicht behelligt sein wollte. Ohne sich weiter an uns zu stören, stakelte er mit seinen langen Beinen und Holzschuhen durch die friedliche Stille des Marktes. Noch einmal wandte 12 er sich und fixierte mich mit stechenden Blicken. Ob er mich erkannt haben mochte?! »Jetzt genehmigt er sich einen Korn in der Destille von Hendrik Pastores,« konstatierte Pittje Pittjewitt, »aber er ist ungefährlich,« fügte er ergänzend hinzu. »Wer kümmert sich um den Ärmsten?« fragte ich teilnehmend. »Die Gemeinde.« »Und wo hat er Unterkunft gefunden?« »Im Altmännerhaus. Er bewohnt dieselbe Stube wie sein seliger Vater Jakob Verhage.« »Und sein Leben ist trostlos?« »Trostlos,« versetzte Pittje Pittjewitt, zog ein silbernes Uhrgehäuse, das einer stattlichen Wasserrübe nicht unähnlich war, aus seiner rotgepunkteten Weste, drückte mit dem Daumen auf einen unscheinbaren Knopf und entlockte der silbernen Knolle ein mehrmaliges Tinken. »Neun,« sagte Pittje Pittjewitt. In demselben Augenblick wurde seine Angabe vom Rathausturm bestätigt. In langen Pausen zitterten die einzelnen Schläge über die Linde und die eigenartigen Giebel, die jetzt nur noch in fahlbläulichen Schattenrissen den breiten Marktplatz begrenzten. Vereinzelte Lichtflecke standen auf den Häusersilhouetten. »Neun Uhr,« wiederholte Pittje Pittjewitt. »Kommen wir.« Wir gingen. – In der Kesselstraße, in die wir jetzt einbogen, schienen im Laufe der Jahre keine einschneidenden 13 Umwälzungen vor sich gegangen zu sein. Wie früher so wuchs auch heute noch das kurzhalmige Gras zwischen den Pflastersteinen, die sauber geputzten Messingknöpfe der Türen glänzten wie sonst, genau wie früher standen die gehäkelten Fenstervorsetzer hinter den Scheiben, und ab und zu tönte die gedämpfte Rolle eines Kanarienvogels durch die verschlafene Stille – und hier der niedrige, lachsfarbig gekalkte Giebel mit den hellgrünen Läden, dem viereckigen Rutenfenster über der Tür und den Barbierbecken von Messing . . .! – Wir sind bei Pittje Pittjewitt. – Alles wie früher! Es war so recht behaglich im Zimmer. Zwei Kerzen in Metalleuchtern standen auf der weißgescheuerten Lindenplatte des runden Tisches und warfen Licht und Schatten auf die mit Sand bestreuten Dielen des einfachen Raumes. Zwei lange Tonpfeifen hatte Pittje dem Eckbrett entnommen und sie mit dem feinsten holländer Krülltabak ›Admiral de Ruiter‹ gestopft. Flackernde Holzspäne setzten den Tabak in Brand – und nachdem wir's uns recht bequem in den breiten Strohsesseln gemacht hatten, nachdem die ersten blauen Wölkchen gegen die Decke geblasen waren, wurde die große Heerschau abgehalten. Längstverhallte Töne begannen wieder leise zu klingen; verschwommene nebelhafte Gestalten nahmen die alte Fassung und Form an, durch die Wirrnis der Jugendzeit wurden neue Wege gebahnt und geebnet, so daß ich allmählich 14 Einblick gewann in seltsame Begebenheiten und Menschenschicksale, die ich vor dreißig Jahren zum großen Teil miterlebt hatte, für deren Lösung mir aber damals das Verständnis noch fehlte. Pittje Pittjewitt wußte geschickt zu erzählen. Alles stand mir in lebhaften Farben klar und deutlich vor Augen. Die schöne Mär von der dürren Jerichorose wurde hier in die Tat übersetzt. Die alte Zeit, die ich vor Jahren durchlebte, ähnelte dieser geheimnisvollen Blume. Sie blühte schöner denn je, und ihr wohliger Duft regte die Phantasie an, durch deren Kraft ich in die Lage versetzt wurde, die nachstehenden Blätter später niederzuschreiben. – Pittje Pittjewitt hatte sich gerade eine zweite Tonpfeife angebrannt und die ersten Kringel über die weiße Tischplatte geblasen, als es von draußen mit scharfem Knöchel gegen die Scheiben klopfte. Unwillkürlich schreckten wir beide zusammen. »Gottdomie!« sagte Pittje Pittjewitt. Er wollte noch weiter reden und fluchen, aber ein schauerliches Gelächter, das vor dem Fensterrahmen ertönte und sich unliebsam in unsere Behaglichkeit hineindrängte, ließ ihn jählings verstummen. Wir wandten uns gleichzeitig um und sahen ein bleiches, verzerrtes Gesicht hinter den Scheiben, das aber plötzlich verschwand. »Der Heerohme!« rief Pittje Pittjewitt und fuhr aus seinem Sessel empor. Gleichzeitig torkelte der erbarmungswerte Mensch mit seinen großen Holzschuhen ins Zimmer. »Aber, Heerohme . . .!« 15 »Was, Heerohme . . .?!« schrie Wilm Verhage und schlug dabei auf die Platte des Tisches, daß das ›Admiral de Ruiter‹-Päckchen lustig emporsprang. »Was, Heerohme . . .?! – Hannecke Mesdag ist tot – Grades Mesdag ist tot – und hier steht der gewesene Cölibatär, dem sie . . .« »Heerohme, das sind alte Geschichten!« suchte Pittje Pittjewitt den späten Eindringling zu begütigen. »Was, alte Geschichten?!« wiederholte der Irre. »In dieser Nacht hat sich der weiße Kelch aufgetan – und wenn die Lilien blühen, dann wird auch Hannecke Mesdag wieder lebendig . . .! – Und Hendrik Pastores hat mir gesagt, daß Jupp in der Stadt sei – und Jupp kann schreiben und soll alles niederlegen, wie die Sache gekommen ist, und wie sie mir den Schädel eingeschlagen haben. – Die Geschichte muß klar gestellt werden, sonst hole der Teufel . . .« »Das soll sie auch.« Ich war aufgestanden und hatte die Hand von Wilm Verhage ergriffen. Aber der Heerohme entzog sie mir. Er kannte mich nicht. »Niederlegen soll er die ganze Passion von Hannecke Mesdag und mir,« verlangte er noch einmal mit erhobener Stimme, dann wandte er sich an meinen Nachbar: »Pittje, 'nen Schiedam.« »Morgen,« erwiderte Pittje Pittjewitt. »Gut,« versetzte der Heerohme mit stoischem Gleichmut, vergrub die Hände wieder tief in sein Hosenwerk und ging. Pittje Pittjewitt und ich saßen noch lange zusammen. 16 Die Kerzen waren längst niedergebrannt, als wir schieden. – – – Anderen Tags trat ich die Heimreise an. Im Eilwagen ging es der zwei Stunden entfernten Bahnstation zu. In der Ebene standen die Roggen- und Weizenfelder in Blüte. Über die resedagrünen Halme wallte und zog der Ährenrauch. Etliche blaue Libellen blitzten durch die Luft, und die Goldammer saß am Straßenrain und schrillerte ihre anspruchslose Strophe unverdrossen in den Junimorgen hinaus. Noch einmal wandte ich mich. – Die ziegelroten Dächer der kleinen Stadt standen wie leuchtende Punkte am tiefen Horizont. Hinter den Pappelreihen sank der Schieferhelm der Sankt Nikolaikirche immer tiefer und tiefer; jetzt war er verschwunden. – Aber durch die ruhige Luft setzten die Schwalben in zierlichen Kreisen und Wenden. Ihr Gezwitscher und Singsang verfolgte mich, und es klang mir wie mit geheimnisvollen und seligen Stimmen: »Aus der Jugendzeit, aus der Jugendzeit . . .!« 17 II Beim lateinischen Heinrich Vor dreißig Jahren! – – – – – – – – – Ruhig und stetig fielen die kleinen Schneeflocken vom grauen Novemberhimmel, der sich wie eine bleifarbene Decke über die klevischen Lande spannte. Die ersten Tage des Advent waren nicht mehr fern. Mein Freund, der lateinische Heinrich, und ich saßen hinter den warmen Scheiben seines elterlichen Hauses am Markt und stierten in das weiße Geflimmer hinaus, das immer dichter und lebhafter wurde. Draußen herrschte eine bittere und schneidende Kälte. Die Leute, die in ihren mit Stroh ausgestopften Holzschuhen an unserem Fenster vorbeihasteten, schlugen die Arme über der Brust zusammen und gaben einen Atem von sich, der in Gestalt von dichten Nebelwölkchen die verfrorenen und geröteten Ohren umspielte. Unter ihren Füßen krachte und knirschte der Schnee. Immer enger schoben sich die fallenden Flocken zusammen. Die mächtigen Risse des gegenüberliegenden Rathauses, die historische Linde und das Standbild des Reitergenerals von Seydlitz schienen kaum noch vorhanden zu sein. Alles war in tanzender und flimmernder Bewegung. Wir glaubten durch ein Netzwerk 18 zu sehen, das mit einem engmaschigen, weißen Straminrahmen Ähnlichkeit hatte. Und dabei die krachende Kälte! – Der Schnee ballte sich nicht. Daunenweich haftete er auf dem Fenstersims; der leiseste Windhauch stöberte die feinen Kristalle auseinander und trieb sie von dannen. »Prrr!« machte der lateinische Heinrich. Grimmige Kälte! – aber hier zwischen den grünaustapezierten Wänden, umgeben von dem altfränkischen Hausrat, ließ es sich bequem und ganz behaglich sitzen und in das wirre Schneetreiben hinausstieren. Der mit Pottlot gewichste Kanonenofen strahlte aus seiner Dämmerecke eine wohltuende Wärme aus. Mit rotglühenden Backen, ein kohlenverschlingender Moloch, ließ der schwarze Gesell von Zeit zu Zeit helleuchtende Partikelchen vom Rost in den Aschenkasten fallen. Wie silberlichte Sterne huschten sie durch die rote Glut, die geheimnisvoll aus der unteren Öffnung des Ofens hervorsah. Unmittelbar über der schmiedeeisernen Klappe entfaltete sich ein ständiges Quietschen und Knacken, das von einem eigentümlichen Singen begleitet wurde. Einige rotwangige Äpfel brieten und pufften dort in ihrem eigenen Schmalz. Indem sie sich auf dem weißen Porzellanteller allmählich bräunten und überzuckerten, harrten sie geduldig, aber unter stetigem Bräteln, ihres späteren Loses. Krachende Kälte, duftende Bratäpfel und ein glühender Kanonenofen – das war für uns Jungens so recht wie gepfiffen. Während es draußen schneite und flimmerte, die Leute frierend vorbeitrabten, die Spatzen ihren braunen Leibrock plusterten 19 und gottserbärmlich von den zugefrorenen Dachrinnen schilpten, ging für uns die Poesie des Winters auf mit ihrem kommenden Advent- und Sankt Nikolaszauber. Gravitätisch saß der lateinische Heinrich auf dem großblumigen Kanapee, das dicht ans Fenster gerückt war. Vor ihm auf der zerkratzten und zerschnittenen Tischplatte lag eine kleine Druckschrift und ein von meiner Hand verfaßtes Manuskript. In der Rechten zwirbelte er das Fragment eines abgeknäuten Bleistiftes. Der lateinische Heinrich, drei Jahre älter als ich, frühgereift, aber durch unvorhergesehene Vorfälle ein Spätling auf der höheren Schule, war ein pedantischer, pflichtgetreuer Tertianer, ein scharfer Cornelius Nepos-Übersetzer, ein gegen sich und andere strenger Asket, der bei Abfassung der lateinischen und griechischen Extemporalien es als eine Sünde wider den heiligen Geist ansah, wenn er auch nur den geringsten Schein des Mogelns auf sich geladen hätte – aber auch unerbittlich zog er gegen die Mogelanten zu Felde. Sein allezeit vorgeschobener linker Ellenbogen war selbst für den argusäugigen Franz Dewers, der gemächlich über drei Bänke hin in die Hefte seiner Mitschüler zu vigilieren vermochte, ein unüberwindliches Hindernis gewesen, das erst verschwand, wenn der giftige Schultyrann in seiner langen, schwarzen Soutane die Arbeiten einzog, um sie später mit seinem Rotstift unbarmherzig zu illuminieren. Insbesondere war aber der Lateiner ein strenggläubiger Christ, ein fanatischer Katholik, der in früheren Zeitläuften und zum Manne gereift einen zweiten Peter 20 Arbues und einen anderen Konrad von Marburg abgegeben hätte, eine Eigenschaft, die sich mit einem gewissen kaufmännischen Denken und Fühlen vereinigte, wodurch seine Finanzwirtschaft sich stets in einer geordneten Verfassung befand, die natürlich bei besonderen Umständen, vornehmlich zur Kirmeszeit, unseren Neid erwecken mußte. Der lateinische Heinrich war ein Finanzgenie – er wußte zu rechnen. Auch in betreff des äußeren Menschen hatte er seinen eigenen Geschmack und seine besonderen Grundsätze. Hals, Arme und Beine steckte er stets zu weit durch Rock und Behosung, infolgedessen seine salmfarbigen Baumwollstrümpfe und die schweinfurtergrünen Plüschpantoffeln in eine allzu grelle Beleuchtung gerückt wurden, obgleich nicht in Abrede gestellt werden soll, daß es gerade die Plüschpantoffeln waren, die dem glücklichen Inhaber in unseren Augen eine höhere Würde und Weihe verliehen. Ohne die Plüschenen wäre mein Freund überhaupt ein Nichts, ein Nonsens gewesen – eine Krähe, die man ihres schönsten Schmuckes, des Schwanzes, beraubt hätte. Den Kopf in die linke Hand gestützt, saß ich dem lateinischen Heinrich gegenüber, sah ins Wetter hinaus, versuchte die Schneeflocken zu zählen, die an den Scheiben haften blieben und ließ von dem Duft der immer lauter zischenden Bratäpfel meine Nase umspielen. »Jakob . . .!« Schwerenot! – an den hätte ich kaum mehr gedacht. Hinter mir auf der Stuhllehne hockte eine prächtige Dohle. 21 Den Kopf zur Seite geneigt, blinzelte sie mit ihren vergißmeinnichtblauen Augen zu ihrem Herrn und Besitzer hinüber, der sich in diesem Augenblicke auf seinem Sitze rekelte, daß das großblumige Kanapee in all seinen Fugen und Ecken seufzte und stöhnte. »Wir können nicht lange mehr warten,« meinte er. »Wer kommt noch?« »Der lange Dores, Jan Höfkens und Dewers.« »Immer zu spät,« murrte es von der Sofaecke her. »Aber jetzt werden die Rollen verteilt,« setzte er kategorisch hinzu, rückte den Tisch näher und bespeichelte, zum Zeichen, daß es jetzt unbedingt losginge, die Graphitspitze des abgeknabbelten Bleistiftes. »Zur Sache . . .« »Halt!« erwiderte ich und bedeckte mit beiden Händen die aufgeschlagenen Blätter der Komödie. »Jetzt kommt wieder die verfluchte Dohlengeschichte,« meinte der lateinische Heinrich. »Ja, das von wegen der Dohle . . .« Aber der Sofamann ließ mich nicht zu Wort kommen. In seiner ganzen Länge und mit einer unbeschreiblichen Würde erhob er sich aus seiner warmen Ecke, legte mit einer salbungsvollen Gebärde seine Hand auf meinen Semmelkopf, ließ die Augendeckel fallen und sagte: » Quousque tandem, Josephe, abutere patientia nostra?! « Obgleich mir die lateinische Sentenz ungemein imponierte, rutschte ich dennoch angeärgert zur Seite, sprang ebenfalls auf und suchte die schon seit mehreren Monaten schwebende merkantile Angelegenheit wieder in Fluß zu 22 bringen. »Du wolltest mir doch die Dohle verkaufen,« hielt ich meinem Partner entgegen, als er noch immer keine Miene machte, auf den Handel einzugehen. »Nur gegen bar,« versetzte der lateinische Heinrich mit unerschütterlicher Ruhe, »sonst nicht.« Ich griff in die Tasche, holte ein allmächtiges Portemonnaie heraus, schlug die Stahlbügel zurück und legte nach einigem Suchen ein rotbäckiges, abgeschliffenes Kastemännchen auf den Tisch des Hauses nieder. »Das ist ja noch immer dasselbe Kastemännchen von früher,« versetzte er geringschätzend, wobei er die Augen fast mitleidig verschleierte. »Vier gute Groschen – unter dem nicht,« fügte er ergänzend hinzu. Seine Forderung war niederschmetternd für mich. Seit Pfingsten hatte ich Pfennig um Pfennig gespart, hatte mir alle Genüsse verkniffen – und nun?! – Es war doch ein hartgesottener Kaufmann, der lateinische Heinrich! Noch einmal führte ich meine ganze Beredsamkeit ins Feuer, suchte ihm klar zu machen, was so eine Dohle für ein minderwertiger Vogel sei, hielt ihm die reelle Bedeutung eines Kastemännchens vor Augen – aber alles und jedes war so gut wie in den Wind gesprochen. Mein Dohlenbesitzer schüttelte mitleidig lächelnd und überlegen den Kopf, ließ die müden Augendeckel wieder niederfallen und wackelte in geradezu unnachahmlicher Weise mit seinem Zeigefinger an meiner Nase vorüber, wobei er mit großem Selbstgenügen die klassischen Worte zitierte: » Quidquid agis, prudenter agas et respice finem! « 23 Das mußte mich natürlich ärgern. Ich wollte aus der Haut fahren. Am liebsten wäre ich hinter den Ofen gesprungen und hätte von dort aus dem selbstgefälligen Lateiner einen heißen Bratapfel hinter die Ohren gepfeffert, wenn nicht in diesem Augenblick mein Bruder, dem wir den Beinamen ›der lange Dores‹ zugelegt hatten, mit seinen Kumpanen über den Marktplatz hergetrabt wäre. Bevor sie eintraten, schlugen und schliffen sie aber, zum nicht geringen Ärger des Lateiners, noch etliche Male auf der zugefrorenen Straßenrinne die Bahn und zwar in so lustiger Weise, daß die Enden und Zipfel ihrer grobgehäkelten Schals, die sie wie Türkenbunde um Hals und Kopf gewunden hatten, fast herausfordernd durch das dichte Schneegestöber agierten. Dann stürmte das frierende Kleeblatt mit geröteten Nasenspitzen ins Zimmer. – Allein, wie durch ein elementares Ereignis aus ihrer Fassung gebracht, blieben sie wie angewurzelt stehen. »Ha!« sagte der lange Dores. »Fein!« bemerkte Franz Dewers, der lediglich in seiner Eigenschaft als Sohn des Dachdeckermeisters von der Sankt Nikolaikirche als würdig befunden wurde, unserem Kreise anzugehören. »Fein!« wiederholte er schnüffelnd, wobei ihm ein wasserheller Tropfen von der Nase herabfiel. »Bratäppel!« meditierte Jan Höfkens, dessen verstäubtes Müllerjungengesicht sich mit einer gewissen sachgemäßen Erkenntnis in Richtung des Kanonenofens wendete, wo es in verstärkter Weise puffte und zischte. 24 Aber der lateinische Heinrich riß die drei unliebsam aus ihren Bratäpfelträumen empor. » Quos ego! « fuhr er sie an. »Während hier die Präliminarien für die große Komödie tagen und die Rollen zur Verteilung gelangen, macht Ihr gewissenlosen Kerls Wind vor der Haustür! – Na – denn also . . .!« und mit dem gewendeten Bleistift klopfte er zu wiederholten Malen auf die Platte des Tisches. »Hier – ›Jan Klaas als Porträtmaler‹. – Wer kann den Porträtmaler spielen?« Ich getraute mich das Wagnis zu übernehmen, und durch eine äußerst gnädige Kopfbewegung des Lateiners wurde mir diese Rolle zugesprochen, während er selbst in Kraft eigener Machtvollkommenheit die Rolle des Kommerzienrates für sich in Anspruch nahm. – »Na – jetzt noch den Polizeidiener Brill?« »Ich!« meldete sich Franz Dewers, wobei ihm der zweite wasserhelle Tropfen von der geröteten Nasenspitze herabfiel. »Genehmigt,« bemerkte der lateinische Heinrich und notierte den Vorfall. »Und ich – was täte ich denn spielen?« warf Jan Höfkens etwas patzig dazwischen. »Du?« fragte der Rollenverteiler so von oben herab. »Johannes, Du wartest. Du bist nicht auf Komödiespielen gebaut – aber Du könntest Dich anderweitig nützlich machen und willfährig zeigen. Johannes, Du hast einen Bruder, der bei den Düsseldorfer Husaren gedient hat?« 25 »Das hätte ich,« erwiderte Jan. »Und der hat aus seiner Militärzeit noch eine Husarenjacke zu Hause?« »Die hätte er,« kam es langnäsig zurück. »Sieh mal, Johannes,« salbaderte der Fragesteller weiter, »da uns der Rock für den Polizeidiener Brill fehlt, so könntest Du Deinen Bruder veranlassen, daß er uns die Husarenjacke leihweise überließe, damit sie gewissermaßen die Rolle der Polizeimontierung verträte.« »Das könnte ich wohl,« trumpfte Jan Höfkens ganz dickfellig auf, »aber das täte ich nich.« Der lateinische Heinrich prallte zurück. Die Husarenjacke, auf der vielleicht der ganze Effekt des Abends beruhen konnte, schien sich für uns in blauen Dunst auflösen zu wollen. Hier mußte eingegriffen werden, zumal der Lateiner schon wieder einen neuen Spruch auf der Pfanne hatte, und Jan Höfkens gestikulierend im Zimmer auf und ab stolperte und stetig dabei den patzigen Satz wiederholte: »Das könnte ich wohl, aber das täte ich nich!« obgleich ihm niemand sagte, daß er es doch tun solle. »Und das täte ich nich und das täte ich nich . . .« Ich trat dem Lateiner auf die grünen Plüschpantoffeln und gab dem wütigen Jan zu verstehen, daß er umschichtig mit Franz Dewers den Polizeidiener Brill und zwar in der Husarenjacke spielen dürfe. Dieses salomonische Urteil fand ungeteilten Beifall. Die Husarenjacke wurde bewilligt, und es konnte somit zur Rollenverteilung des zweiten Stückes geschritten werden. 26 ›Don Juan oder der steinerne Gast‹, hieß der Titel der anderen Komödie. In Anbetracht des denkwürdigen Umstandes, daß ich mich als der glückliche Besitzer eines hannöverschen Füsiliersäbels ausweisen konnte, der nach der Schlacht von Langensalza durch irgend einen Zufall in mein elterliches Haus gekommen war, wurde mir ohne Einwand und Gegenrede die Titelrolle zugestanden. »Donna Elvira! – Wer kann die Donna Elvira spielen?« fragte der lateinische Heinrich. »Entgegen der Historie,« fuhr er fort, »wurde von mir die Tochter des Gouverneurs, die geschichtlich den Namen Donna Anna führt, des Wohlklanges halber mit Donna Elvira bezeichnet, während die eigentliche Donna Elvira sich bei mir mit dem schlichteren Namen zu begnügen hat. Es ist eine wesentliche Verbesserung. Verstanden?! – Also wer vermag die Donna Elvira zu spielen?« Jan Höfkens stand auf. »Weißt Du, wer Donna Elvira ist?« donnerte ihn der Lateiner an. »Das wüßte ich nich,« versetzte Jan Höfkens. » Quod licet Jovi, non licet bovi! – Donna Elvira war eine spanische Jungfrau. Bist Du eine spanische Jungfrau, Johannes?« »Das wäre ich nich,« versetzte der Angeredete und drückte sich kleinlaut auf seinen Binsensessel zurück. Der pedantische Fragesteller blickte im Kreise umher. »Getraut sich keiner von Euch die Donna Elvira zu spielen?« 27 Keiner meldete sich. »Da sich keiner meldet,« dekretierte der lateinische Heinrich, »so wird die Donna Elvira vom langen Dores verkörpert.« »Was der könnte . . . der lange Dores wäre doch auch keine spanische Jungfrau,« warf Jan Höfkens murrend dazwischen. Aber da kam er an den Unrichtigen. Durch die halbgeschlossenen Augenlider blitzte ihn der Lateiner vernichtend an. »Schweige, Johannes! – Bist Du so dünndarmig und so schlank wie der lange Dores gewachsen?« »Das wäre ich nich.« »Kann Dein Stiftekopf mit dem feinen Scheitel von Dores sich messen?« »Das könnte er nich.« »Knabberst Du nicht immer bei den Extemporalien und den unregelmäßigen Verben vor Angst an den Fingernägeln, Johannes – und da willst Du die Donna Elvira spielen? Schweige, Johannes.« Diese Gründe schlugen nun durch. Der sommersprossige Stiftekopf ließ seine etwas unverschämten Ansprüche fallen, und der lange Dores erklärte sich nach einigem Zögern bereit, den Gang als Donna Elvira zu wagen. Auch die übrigen Rollen wurden alsbald unter Hinzuziehung nicht anwesender Kräfte an den Mann gebracht, während diejenige des Leporello noch ein offenes Fragezeichen blieb. Ein Königreich für einen Leporello! 28 Während wir noch beratschlagten, erhob sich plötzlich der lateinische Heinrich mit einer Feierlichkeit von seinem großblumigen Kanapee, als schickte er sich an, einen Choral unter Orgelbegleitung zu singen. Aber er dachte nicht an einen Choral mit Orgelbegleitung, sondern erklärte kurzweg, daß er sich für den geborenen Leporello halte. Für einen Augenblick wurde es Nacht vor meinen Augen. Ich glaubte, der Lateiner wäre der Zwangsjacke entsprungen. Ebenso gut hätte er sich für einen Ballettmeister oder Seiltänzer ausgeben können. »Um Gottes willen!« fuhr ich auf ihn los, »Heinrich, kannst Du verstehen, daß die Spatzen Schritt gehen, kannst Du verstehen, daß der Bulle Klavier spielt, der Hahn meckert und der Elefant mit dem Schwanz frißt?« »Nein,« sagte mein Freund. »Dann mache Deinen Vers auf die obigen Gleichnisse.« »Jupp,« trumpfte der Abgefertigte auf, »Du willst mir nicht den Leporello vergönnen?« »Ich protestiere.« »Wir protestieren!« riefen die anderen dazwischen. »Gut,« sagte der Lateiner mit unsäglicher Wehmut, klappte sein Buch zu und legte den Bleistift beiseite, gleichsam um anzudeuten, daß er sein Amt als Vorsitzender des Theaterausschusses niederlege. Eine tiefe Stille machte sich geltend. In diesem Augenblick fuhr mir ein Gedanke durch den Kopf, der allerdings mit meinem künstlerischen Gewissen im direkten Widerspruche stand. 29 »Holt mal die Bratäpfel 'ran,« gebot ich den andern Mitkomparenten, und während diese sich am Ofen und dem heißen Porzellanteller zu schaffen machten, legte ich zum zweiten Male das Kastemännchen auf den Tisch des Hauses. »Für das Kastemännchen die Dohle,« flüsterte ich ihm zu, »und Du bist der geborene Leporello.« Eine erwartungsvolle Pause entstand. Noch einmal wollte sich mein künstlerisches Gewissen regen; ich dachte daran, den Antrag zurückzuziehen, allein die Aussicht, beneidenswerter und rechtlicher Inhaber der Dohle zu werden, schlug alle Bedenken zu Boden. Noch war der Lateiner in Zweifeln befangen. Sein kaufmännisches Empfinden kämpfte auf Leben und Tod mit der verlockenden Aussicht. Endlich siegte der Idealist über den Materialisten – er schlug ein. Ich hatte die Dohle und er das Kastemännchen und die Leporellorolle. Aber ich machte ein Kodizill zu dem abgeschlossenen Handel. »Jakob Verhage muß noch feststellen, daß der Vogel ein Männchen ist,« verlangte ich. »Gut,« sagte der lateinische Heinrich. – Wir waren einig. Auch die übrigen Komödianten und Komparsen stimmten zu, nachdem ihnen der neue Leporello noch ein weiteres Deputat an Bratäpfeln zugestanden hatte. So waren denn die ersten Theaterverhandlungen glücklich verlaufen. Der denkwürdige Tag neigte sich seinem Ende entgegen. Während wir den Bratäpfeln zusprachen, spannten sich geheimnisvolle Dämmer durch die behagliche Stube. Alles 30 hüllte sich in ein dunkelndes Zwielicht. Die großen Muster der schlichten Tapeten waren kaum noch zu unterscheiden. Der Kanonenofen hatte sich im Düster aufgelöst. Seine mächtigen Umrisse waren nicht mehr erkennbar, nur das untere Zugloch erstrahlte in feuriger Glut und warf ein scharfumgrenztes Licht auf die Dielen. Immer heller und weißer fielen und zischten die glühenden Kohlenstückchen in den Aschenkasten, während draußen die Laternenanzünder umhergingen und den muffligen Öldocht entfachten. Wie matterleuchtete Nebelflecke dunsteten die Straßenlaternen von allen Enden des Marktes herüber. Der Ofen pochte und fauchte in allen Tonarten aus seiner Dämmerecke; sonst herrschte eine einlullende Stille im Zimmer. Die Bratäpfel waren verzehrt. »Morgen ist Schweinestechen,« sagte Franz Dewers. »Wo?« fragte der lange Dores. »Schnüffelt, hat Pittje Pittjewitt gesagt, und ihr werdet finden.« »Frische Würste!« triumphierte Jan Höfkens. »Fein! – Wir schnüffeln,« ergänzte Franz Dewers, und mit diesem Ausspruch nahmen wir für heute Abschied vom lateinischen Heinrich. Vom Rathausturm schlug die fünfte Abendstunde; aber der Ton war matt und dumpf, und es hatte den Anschein, als wären Glockenhammer und Glocke mit Wolle umsponnen. »Jakob!« sagte die Dohle. 31 III Pittje Pittjewitt Anderen Tages klapperten zwei blankgescheuerte Barbierbecken im Wind, der nadelscharf und eisig die Kesselstraße durchfegte. Das Gestöber hatte sich gelegt, aber ein schneidender Nordost setzte über die Dächer und Giebel dahin, daß man glauben mochte, staubige Müllerjacken und Mehlsäcke würden dort oben mit einem Rohrstock bearbeitet. Die Türschwellen lagen verweht, und die gefrorenen Fensterscheiben wollten nicht auftauen. Durch alle Fensterritzen und Schlüssellöcher pfiff und zirpte es wie mit eisigen Stimmen. Immer lustiger tanzten die beiden Messingbecken von einem schmiedeeisernen Galgen, der neben einer niedrigen Tür in die Straße hinausragte. Unterhalb des Klingelzuges stand auf einer schmalen Metallplatte zu lesen: Peter Pittjewitt, Barbier, Leichenbitter und Schweinestecher. Der Leichenbitter war aber mit einem ›p‹ und der Schweinestecher mit einem ›g‹ auf dem Schilde verzeichnet, ein orthographischer Verstoß, dessen Vorhandensein jedoch die anerkannte Tüchtigkeit Pittjewitts in genannten Erwerbszweigen nicht um Haaresbreite tangierte. Sein Ruf stand auf so sicheren Füßen, 32 war so lauter und unantastbar wie das fette Amen des Pastors und Dechanten van Bebber. Eine große Standuhr, deren Zifferblatt mit schablonierten krapproten Rosen geschmückt war, tickte und tackte in der vorderen Stube, wo Pittje Pittjewitt soeben sein geräuchertes Schweinerippchen mit Sauerkohl verzehrt hatte. Jetzt saß er am Fenster, hatte die Beine übereinander geschlagen und studierte eifrig einen politischen Leitartikel im Niederrheinischen Kreisblatt. Pittje Pittjewitt war ein Mann in den vierziger Jahren mit einem glattrasierten Küstergesicht. Kinn und Wangen hatten eine bläuliche Färbung, während der übrige Teil des etwas aufgeschwemmten Gesichtes anscheinend von einer kränklichen Blässe umspielt wurde. Eine hausbackene Gutmütigkeit, ein unbegrenztes Wohlwollen blitzte aus den pfiffigen Augen, die nicht müde wurden, über die mangelhafte Druckschrift des Zeitungsblattes zu huschen. In den Ohrläppchen trug er goldene Ringe als Gegenmittel für Schlagfluß und sonstige Mühseligkeiten und Gebresten des Lebens. Alltags, sowohl im Hause wie draußen, gleichviel ob die Sonne glühend vom Himmel brannte, oder die Kälte krachte, daß die Füchse heulten – Pittje Pittjewitt hatte stets ein mit Goldfäden durchwirktes Sammetkäppchen auf die linke Kopfhälfte geschoben, dessen schwarze Seidentroddel bis auf die Ohrmuschel herabfiel. Auch heute baumelte sie an besagter Stelle, vollführte aber je nach Bewegung des Kopfes die sonderbarsten Sprünge, weil Pittje Pittjewitt sich zeitweilig 33 veranlaßt sah, die immer wiederkehrende, zudringliche Winterfliege von der Nasenspitze zu scheuchen. Sie war die letzte ihres Geschlechtes in der warmdurchkachelten Stube, eine Erinnerung, ein Überbleibsel aus den heißen Tagen des Sommers. Mit dem näselnden Ton einer sacht angestrichenen Geige summelte sie von der Nasenspitze zu den Brotkrumen des Tisches, von den Brotkrumen des Tisches zur Nasenspitze, wo sie aber jedesmal nach kurzem Verharren durch die unleidliche Troddel gestreift ward und unwirsch davonflog. Aber nur in der Woche trug Pittje das obligate Sammetkäppchen; an Sonn- und Feiertagen genehmigte er sich die kleidsame Tracht eines Zylinders, den er, des höheren Effektes wegen, unter fünfundvierzig Grad Neigung auf die linke Kopfseite stülpte. Nur vier Männer konnten sich zurzeit in der Stadt rühmen, solch modischen Schmuck zu besitzen: der Notar, der Apotheker, der Doktor – und Pittje Pittjewitt. Die niedrigen, von der Geistlichkeit getragenen Hüte waren nicht in der Lage, den Ehrentitel ›Zylinder‹ für sich in Anspruch zu nehmen, und so war denn Pittje Pittjewitt der einzige, der mit den Honoratioren der Stadt zu konkurrieren vermochte. Diese durch eigene Machtbefugnis gewonnene Sonderstellung als Zylinderträger suchte er vornehmlich beim Kirchgang noch dadurch zu heben, daß er bei dieser Gelegenheit über den dicken Zeigefinger der rechten Hand einen schwerkarätigen Siegelring streifte, dessen saubohnengroßer, imitierter Rauchtopas wie ein selbstgefälliger Protz aus der Goldfassung hervorsah. 34 Um auch anderen Leuten den Genuß des Siegelringes zu verstatten, nahm er mit einer gewissen Geziertheit den Opferpfennig zwischen Daumen und Zeigefinger und ließ ihn erst nach einigem Zögern in den vorgehaltenen Klingelbeutel fallen. Auch wendete er mit einer äußerst bewundernswerten Ruhe die Blätter seines Gebetbuches und benutzte jede sich darbietende Gelegenheit, sich mit dem Ringfinger hinter den Ohren zu krauen – alles Manöver, den sauer erworbenen Schatz in die rechte Beleuchtung zu rücken. Für heute feierten Ring und Zylinder. Ruhig paradierten sie zwischen Porzellantassen und Kannen im Glasspind und harrten geduldig des morgigen Tages, an dem sie wieder zur Kirche und ins Hochamt getragen werden sollten. Es war mäuschenstill in der blaugekalkten Stube, nur die Winterfliege summelte noch in den Ecken und an den Wänden herum. Jetzt schwieg sie; sie hatte ein warmes Plätzchen hinter dem Ofen gefunden. Im Gehäuse der Standuhr machte sich ein ruckender Ton bemerkbar. »Fünf Minuten vor zwei,« sagte Pittje Pittjewitt. »Ans Geschäft!« Damit stand er auf, reckte sich, goß einen ›ollen Klaren‹ hinter die Binde und schnallte sich ein Lederfutteral um den Leib, aus dem die Griffe verschiedener Messer hervorschauten. Die Eigenschaften als Barbier und Leichenbitter legte er hierdurch beiseite; der Schweinestecher war in seine verbrieften Rechte getreten, und nachdem 35 Pittjewitt sich fünf- bis sechsmal in seinen weißen Halströster gedreht hatte, verließ er die warme Stube und ging dem hinteren Hof zu. »Gottdomie!« – da pfiff's um die Ohren. Auch hier stäubte der Müller, aber was der stäubte und fegte, biß in die Wangen und ließ ein kräftiges Blaurot um die Nase spielen. »Gottdomie!« sagte Pittje noch einmal; dann schlug er die Arme zusammen. Unter einer Art von Schuppen stand daselbst ein sonderbares Ding, ein rätselhaftes Schreinermachwerk, das sowohl den Vergleich mit einem Sarg wie mit einem Backtrog aushalten konnte, denn es war langgestreckt, mäßig breit und aus fünf Brettern zusammengezimmert. Zudem hatte dieser Backtrog, dieses hölzerne Wesen, dieser Sarg ohne Deckel den nicht gewöhnlichen Vorzug, daß er fahrbar gemacht werden konnte, eine Umwandlung, die ihn befähigte, sich in Form und Gestalt eines monströsen Schubwagens über Land karren zu lassen. Aber er diente weder Bestattungs- noch Back- und Brotzwecken, sondern wurde von Pittje Pittjewitt lediglich dazu benutzt, darin Ferkel und Säue abzustechen, sie abzubrühen, zu entborsten und von hier aus auf die bereitgestellte Leiter zu hängen – mit anderen Worten: er war ein Angst- und Sterbefutteral für gemästete Schweine. Pittje Pittjewitt nahm einen Ginsterbesen zur Hand, fegte den Flutterschnee von der langgereckten Kiste, machte sie fahrbar, legte sich einen Lederriemen von Schulter zu 36 Schulter und schob den Schweinetrog über den roten Estrich des Hausflurs auf die Straße hinaus. Der Schnee knirschte, das Rad knarrte und Pittje Pittjewitt pfiff – und unter Begleitung dieser dreifachen Melodie holperte das Gefährt dem ruhigen Marktplatz entgegen. Über und über verschneit lag das mächtige Walmdach des stolzen Rathauses unter dem stahlblauen Himmel. Die breitästige Linde vor ihm war wie mit Kandiszucker überkrustet, und fröhlich blitzten und funkelten die einzelnen Zweige im Sonnenschein. Feierlich umstanden die dreigeteilten spanischen Giebel mit ihren Kragsteinen und Spitzbogenfriesen die weite Schneedecke des Marktes, auf der sich wenige Fußspuren unliebsam bemerkbar machten. Nur inmitten der jungfräulichen Fläche erhob sich eine hagere Gestalt, die mit vorgestrecktem Kopf in das Wetter hineinschnupperte. Eine zweite gesellte sich ihr. Von der Nasenspitze der letzteren fiel ein wasserheller Tropfen zu Boden. »Hörst Du was quieksen?« fragte der lateinische Heinrich. »Ich kann nichts hören,« versetzte Franz Dewers, und wieder horchten und schnupperten die beiden in die schneidende Luft, die so recht kräftig und grimmig in ihre Nasen hineinbiß. »Quieksen sie schon?« erklang es in diesem Augenblick von zwei verschiedenen Seiten des Marktes her, und mit den bereits vorhandenen Schnüfflern stießen noch Jan Höfkens und der lange Dores zusammen. 37 Kurz nachher kam ich selbst um die Rathausecke getroddelt. Ein Freudengeheul empfing mich. » Favete linguis! « ermahnte der lateinische Heinrich. »Sperrt lieber die Ohren auf, damit ihr das Schweinequieksen vernehmt – sonst gehen uns die frischen Würste zum Teufel . . .!« Wieder trat eine erwartungsvolle Stille ein. Mit gespanntester Aufmerksamkeit horchten wir fünf nach allen Richtungen der Windrose, aber wie wir auch lauschen mochten, das erwartete Geräusch wollte sich nicht einstellen; nur ein Elstervogel bäumte auf und geckerte frisch von der nahen Linde herüber. Langsam rückte der große, vergoldete Zeiger der Rathausuhr weiter. Die Kälte wurde immer bissiger. Wir hoppelten bald auf dem rechten, bald auf dem linken Bein und schlugen die verklammten Hände zusammen, um das Leben in unseren Gliedern wach zu halten. Franz Dewers hatte seine Arme bis zu den Ellenbogen hinauf in die Hosentaschen gesteckt, eine Bergungsart, die ihm leicht fallen mußte, denn seine liebe und fürsorgliche Mutter, die mehr Sinn für das Praktische als für das Schöne bekundete, baute alljährlich die abgelegten Beingehäuse ihres Mannes für ihren hoffnungsvollen Sprößling um und zwar in einem schnellen Verfahren, indem sie einfach die Hosenröhren verkürzte und die Leibweite einzog. Hierbei konnten selbstverständlich die Begriffe von Sitz und Gefälligkeit unmöglich gewahrt bleiben, 38 zumal der Boden einen Umfang behielt, der es ihm verstattete, etliche Roggenbrote und einen lebendigen Hasen zu bergen und einzusperren. Auch heute bammelte der Hosenboden bis zu den Kniekehlen herab und schwabbte dabei in mehr oder weniger lustiger Weise, je nachdem Franz Dewers über den Schnee kapriolte. Trotz des noch immer vergeblich erwarteten Schweinequieksens mußten wir über den verfrorenen Kerl herzlich lachen, dessen Hosenbodentanz immer grotesker und komischer wurde. Aber der Lateiner legte dem Fröstler salbungsvoll die Hand auf die Schulter und skandierte den Hexameter: » Solamen miseris socios habuisse malorum! « – was auf Deutsch heißt: Du magst Dich trösten – auch wir frieren, Franziskus.« Mit einem hellen Gelächter bestätigte die Elster von der Linde aus das eben Gehörte. Wiederum die qualvolle Pause! – Wie ein handlicher Krebs mit seinen Scheren, so kneipte und kniff die Kälte in Nasenspitzen und Ohren – als sich von der Kesselstraße her ein lautes Knarren vernehmbar machte. »Pittje Pittjewitt!« tönte es wie aus einem Munde – und richtig, mit der Miene eines Weltweisen lenkte Pittjewitt sein sonderbares Gefährt geradeswegs dem Markte zu. »Pittje!« »Jupp!« »Wo wird heute geschlachtet?« »Ratet mal,« lachte der Schweinestecher. 39 »Das könnte ich nich,« meinte Jan Höfkens. »Schafskopf,« versetzte Pittje Pittjewitt. »Bei Kogelebooms!« riet der lateinische Heinrich. »Ne!« »Dann bei van der Grintens!« fiel der lange Dores dazwischen. »Falsch,« meinte Pittje. »Ich hab's!« triumphierte Franz Dewers. »Na?« fragte Pittje. »Bei Grades Mesdag.« »Richtig geschnüffelt; Mesdags schlachten und wursten. Es quiekst bald.« »Hurra!« riefen wir Jungens, umscharten den Schweinetrog und geleiteten Pittje Pittjewitt auf das Feld seiner Tätigkeit. Nicht weit vom Ravelin an der Landstraße, die in Richtung der bewaldeten Hügelgruppen führte, durch die der Schauplatz unserer Geschichte begrenzt wurde, lag das niedrige Haus von Grades Mesdag zwischen Äpfel- und Birnbäumen. Draußen dehnte sich ein wunderbares Schneegefild vor unseren Augen. Alles weiß, blendend, groß und erhaben. Aus der zugefrorenen Fläche des Ravelins ragte das vertrocknete und abgestorbene Schilfrohr mit seinen braunroten Fahnen in den kalten Winterhimmel hinein. Die glasharten Rispen und Halme rieben sich scharf aneinander, wodurch ein Säuseln entstand, das selbst durch das laute Knarren des Wagens hindurchtönte. Es waren seltsame 40 Stimmen, klagend und wundersam, die über das eingesperrte Wasser dahinliefen. »Das sind die Stimmen der Wassernixen,« meinte Pittje Pittjewitt. »Unsinn!« versetzte der lateinische Heinrich. »Gut – denn nicht! – Aber da . . .« erwiderte Pittjewitt und zeigte dabei in das Astwerk eines Obstbaumes, in dem sich etliche lasurblaue und gelbbewestete Vögelchen tummelten. Mit einem scharfausgestoßenen »Zeckzärrr!« hingen sie bald kopfüber-kopfunter an dem schwanken Geäst, bald machten sie sich an der groben Borke des Stammes zu schaffen, um schließlich von Baum zu Baum mit Pittje Pittjewitt und seiner fahrbar gemachten Totenlade weiterzufliegen. »Na, Heinrich, was sind das für Tiere?« fragte der Schweinestecher. Der Lateiner zuckte die Achseln; er war von jeher kein großer Ornithologe gewesen. »Lateinische Brocken – die kann er,« versetzte Pittje Pittjewitt etwas unwirsch, »und ich wette, er kennt sämtliche Heiligen bis zum heiligen Simeon Stylites herunter.« »Selbstverständlich,« bestätigte der Lateiner, »und das ist Gott wohlgefälliger, wie jeden Piepmatz mit Namen zu nennen.« »Ich kennte ihn aber auch nich,« sagte Jan Höfkens. »Jungs,« erklärte Pittjewitt, wobei er den Schweinetrog anhielt, »das war ein wunderlicher Heiliger, dieser Simeon Stylites! Der ließ sich nämlich eine sechs Ellen 41 hohe Säule errichten, auf der er vier Jahre zubrachte. In der Folge stellte er eine zwölf Ellen hohe und zuletzt eine dritte, zweiundzwanzig Ellen hohe daneben. Dreizehn Jahre verlebte er bald auf der einen, bald auf der anderen dieser Säulen. Die zweiundzwanzig letzten Jahre seines Lebens wohnte er auf einer vierten, die vierzig Ellen hoch war.« »Und was tat er denn da?« fragte der lange Dores. »Beten, fasten und predigen.« »Neununddreißig Jahre?« rechnete Franz Dewers zusammen. »Und er täte nie 'runterkommen?« meinte Jan Höfkens. »Nie,« sagte Pittjewitt mit scharfer Betonung. »Aber alle Menschen müssen doch irgendwo hin,« konstatierte der lange Dores. »Sie müssen doch irgendwo . . .« »Das nennt man Kasteiung,« versetzte Pittje Pittjewitt mit salomonischer Weisheit. Der Lateiner ließ mit einer grenzenlosen Verachtung die Augendeckel fallen und sagte: » Odi profanum vulgus et arceo! – und dennoch gab auch der Herr zu erkennen, daß ihm die Lebensweise des Heiligen wohlgefällig sei, denn neben der Gnade, Wunder zu wirken, verlieh er ihm auch die Gabe, künftige Dinge zu sehen – er war hellschauend geworden, und schließlich hatte er noch den großen Vorzug, auf der Säule, wo er gelebt, gegessen, gefastet und gepredigt, zu sterben.« »Und ich sage Dir,« entgegnete Pittje Pittjewitt, »daß 42 es Gott wohlgefälliger ist, Augen und Ohren offen zu halten, mit allem Fühlung zu nehmen, was um uns flattert und kriecht und blüht, als die Lebensgeschichte von Simeon Stylites zu kennen. Gottdomie! – der Mensch soll im Leben etwas prestieren; er soll wissen, warum das alles so ist in der Natur und nicht so, und warum der kleine Vogel da oben 'rumhäkelt, wie er heißt, und was er da an der Borke für eingespinstet Gewürm und Raupenzeug 'raushackt – und kann er das, na, da mag er sich meinetwegen auch mit dem Säulen-Simeon abgeben. – Bis dahin aber . . . Na, Jupp, was sind das für Vögel?« Damit karrte er weiter. »Blaumeisen, Pittje.« »Richtig,« bemerkte Pittjewitt, »und diese kleinen blauweißen Paijatze kennen mich und folgen mir, denn sie wissen genau, daß noch heute ein Schwein geschlachtet wird.« »Zeckzärrr!« schrieen die Meisen. »Unsinn!« lächelte der Lateiner so von oben herab, »nur der Mensch hat Vernunft, aber kein zwei-, vier- und sechsbeiniges Tier.« »Und ob,« bekräftigte Pittje Pittjewitt, wobei er einen scharfen Strahl über die Kiste hinwegspuckte. »Die spekulieren auf den Schweinenabel. Ich kenne das – vorwärts!« Der Sarg torkelte weiter und wir mit ihm. Das Schilfrohr raschelte und rauschte herauf, die überjährigen 43 braunroten Wedel nickten pedantisch im Wind, und die Blaumeisen stöberten so fröhlich durch die verschneiten Äste, daß die weißen Flocken nach allen Seiten auseinanderstoben. – Aus dem linken Giebelschornstein des kleinen Hauses von Grades Mesdag stieg ein gekräuselter Rauch auf. Etliche ziegelrote Pfannen sahen aus den vom Winde freigelegten Stellen des niedrigen Daches hervor. In den schmalen Scheiben blinkte die Sonne, und auf der Türschwelle stand Grades Mesdag, der Bas, wie ihn die Leute nannten, in seinem braunen Velvetanzug, dessen Velourglanz an Knie und Ellenbogen schon merklich abgestumpft und verblaßt war. Der Bas war Holzschuhmacher. – Aus einer langen Tonpfeife blies er blaue Kringel in die Luft. Die reihten sich aneinander wie die Perlen am Rosenkranz und flogen weiter und weiter. »Buschur!« sagte Pittje Pittjewitt. Der Bas brachte Mittel und Zeigefinger an seinen Mützenrand. Einen anderen Gruß kannte er nicht. »Zeckzärrr!« schrieen die Blaumeisen. Wir waren zur Stelle. 44 IV Hannecke »Jan, Jupp, Franz, Dores, Heinrich – ein, zwei, drei, vier, fünf junge Herren,« zählte Grades Mesdag zusammen. »Fünf junge, respektable Fresser auf einmal, macht fünf Leberwürste – stimmt akkurat.« Bei dieser Gelegenheit machte er mit der flachen Hand einen horizontalen Strich durch die Luft, was so viel heißen sollte wie: vorgelesen, genehmigt und unterschrieben; punktum, streu Sand drauf. Nach dieser Formalität, die er nie bei einer perfekt gewordenen Sache zu verabsäumen pflegte, geleitete er Pittje Pittjewitt, den Schweinetrog und die übrigen Anhängsel auf den hinteren Hofraum, wo die Schweinetragödie ihren Anfang nehmen sollte. Der Bas war eine hohe, starkknochige, etwas vornüber geneigte Erscheinung mit stahlgrauen Augen und buschigen Brauen, unter denen die Blicke scharf wie Nadelspitzen beobachten konnten. Etwas Kaltes, Zurückhaltendes, Wortkarges lag in dem ganzen Wesen des Mannes, der noch nie um Haaresbreite vom Wege der Erkenntnis abgewichen war und dessen Lebensansichten in der ganzen Bürgerschaft in einer so lauteren und reinen Beurteilung 45 standen wie das weiße Leinenzeug, das Hannecke auf der kleinen Bleiche hinter dem Hause zu sonnen pflegte. Überall war Grades Mesdag ein gern gesehener und willkommener Gast; was er tat, trug den Stempel des Reellen an sich, und was er sagte, wurde gewertet und stand in Kurs wie preußische Banknoten. Auch im Gemeinderat und bei sonstiger Gelegenheit wurde der Bas gern gehört. Fuhr er mit der gestreckten Hand über den graumelierten Knebelbart, fügte er noch den horizontalen Strich durch die Luft hinzu und setzte sein obligates ›akkurat‹ unter das Ganze – dann klappte die Sache. Gewiß, der Bas hatte seine Absonderlichkeiten. Er war eine wortkarge Natur, die sich bei Gelegenheit zu Schroffheiten hinreißen ließ, aber dies verfing wenig und tat seiner Popularität keinen Abbruch. »Schade,« meinten die Leute, »daß dieser Mann einen zu kurzen Atem hat!« Und dem war so. Grades Mesdag hatte einen zu kurzen Atem. An einem naßkalten Novembertage, an dem er auf einer Holzauktion geschlagene Pappelstämme für sein Geschäft erstanden hatte, war er krank und mit einem bösen Reißen in den Gliedern nach Hause gekommen. Aus dem Reißen hatte sich die fliegende Gicht gebildet, und diese war ihm aufs Herz geschlagen. An einem dieser kritischen Tage wähnte er sein letztes Stündlein gekommen. Schon hatte er die rechte Hand ausgestreckt, um mit schwachen Kräften den horizontalen Strich zu machen – aber der liebe Gott hatte ein Einsehen. Das ›akkurat‹ blieb dem Bas zwischen den Lippen hängen, und wenn auch mit 46 einem Herzfehler und einem kurzen Atem behaftet, er wurde den Seinen und seinen Mitmenschen erhalten. Und das war gut so. – Pittje Pittjewitt legte den Gurt ab, stellte den Schweinetrog nieder, entfernte das Rad und öffnete die Tür des sauberen Stalles, in dem das Weihnachtsferkel seinem nicht beneidenswerten Schicksal entgegensah. An den langen Ohren zog er es aus seiner warmen Behausung. Drall, fett, speckig, schlitzäugig, fein beklaut und mit silberlichten Borsten geschmückt, aus denen die pralle Haut lieblich und in einem sanften Rosenrot hervorsah, erschien das Opferschwein vor unseren begehrlichen Blicken. Uns lief das Wasser im Mund zusammen. »Fein!« machte Franz Dewers und ließ dabei einen lichten Nasentropfen in den Schnee fallen. Die Augen vom lateinischen Heinrich erstrahlten in einem überirdischen Lichte. Er sah die frischen Leber- und Mettwürste schon vor seiner Nase tanzen. Wie ein Spiegelkarpfen, den der nüchterne Verstand des Anglers auf den dürren Sand geworfen, schnappte er nach dieser Phantasmagorie in die Luft. »Hat noch Zeit,« lachte Pittje Pittjewitt und hielt ihm die gespreizten Finger vor den Mund. »Aber da . . .!« und er zeigte nach einem schneebedeckten Pflaumenbaum, von dem verschiedene Blaumeisen lüstern und begehrlich herabsahen. »Was sagst Du nun, mein Junge?« »Instinkt,« meinte der Lateiner in wegwerfendem Tone. 47 »Hat sich was mit Deinem Instinkt,« entgegnete Pittje Pittjewitt. »Die verstehen ebenso gut wie Du, daß hier ein Ferkel abgestochen wird, und haben Verstand. Du wartest auf die Wurst, und die Meisen auf den Specknabel. Also – dieselbige Schose! – Punktum!« »Streu Sand drauf,« ergänzte der Bas, legte die Pfeife beiseite, machte den wagerechten Strich und brachte mit Hilfe von Pittje Pittjewitt das Ferkel in die Marterkiste. Hierauf steckte er die Rechte in die Hosentasche, umklammerte mit dem Zeigefinger der Linken den zerbrechlichen Stengel der wieder aufgenommenen Tonpfeife und beobachtete in aller Gemütsruhe die weitere Tätigkeit von Pittje Pittjewitt. Als das Weihnachtsferkel seine ersten Todes- und Angsttöne ausstieß, schlich ich mich auf leisen Zehenspitzen zu Hannecke Mesdag. Hannecke saß in der vorderen, blautapezierten Stube, deren Fenster auf die verschneite Landstraße hinaussahen. Frisch gewaschene Tüllgardinen gaben dem kleinen Zimmer ein behagliches Aussehen. Alles und jedes in diesen vier Pfählen wies auf eine peinliche Sauberkeit und Ordnung hin. Kirschbaummöbel im Geschmack der sechziger Jahre bildeten die Einrichtung in der Guten Stube des Holzschuhmachers. Ein Ripssofa, dessen Rücken- und Seitenlehnen mit gehäkelten Schonern überdeckt waren, stand an der Längsseite des niedrigen Raumes. Davor befand sich ein runder Tisch, aus dem, unter einem Holzkruzifix von Kevelaer, die stattliche Hauspostille ihr 48 beschauliches Dasein fristete. Über der eingelegten Kommode hing eine mittelmäßige, mit grellen Farben illuminierte Lithographie von Pius dem Neunten, rechts und links flankiert von künstlichen Lilien, die Hannecke in geradezu vollendeter Weise aus Gaze, Batist und Seide herzustellen wußte. Pius der Neunte lächelte auf dem Bilde, und wie segnend hob er die Hand, an der Petri Fischerring erglänzte, über Hannecke Mesdag. Die Tür, die zur Küche führte, stand offen. Dort machte sich Mutter Mesdag mit noch einigen Frauen aus der Nachbarschaft, die zur Hilfeleistung beim Schweineschlachten erschienen waren, am offenen Herdfeuer zu schaffen, über dem das Wasser in einem großen, kupfernen Kessel brodelte. Es sang und ächzte, zischelte und stöhnte in allen Tonarten, und der kupferne Deckel klapperte den Takt dazu. Ein heißer Wasserbrodem wirbelte in den weitausgelegten Rauchfang, dessen vordere Bekrönung mit Kannen und Zinntellern bestellt war. Ein beblümter Gardinenstreifen legte sich rings um den Absturz des weitvorspringenden Fanges. Als ich ins Zimmer getreten war, hatte Hannecke Mesdag die Augen aufgeschlagen. Es waren wunderliebe, träumerische Augen, die mich anblickten. Hannecke streckte mir ihre beiden Hände entgegen; dann zog sie mich auf einen hochlehnigen Binsenstuhl, der an ihrer Seite stand, fuhr über mein lichtes Haar, und als das reine, innige Blau ihrer Augen meinen Blicken begegnete, da schien es mir, als wenn der ganze Blütenregen ihres eigentümlichen 49 Wesens über mich hinrieselte. Die Nähe von Hannecke Mesdag übte auf mich eine zauberische Gewalt aus. Das liebe Geschöpf war nicht wie andere Sterbliche. Wenn sie mit ihrer weißen, durchgeistigten Hand auf das Wasser und die Binsen des nahen Ravelins hinauswies, wenn sich ihre schönen Lippen leise bewegten, dann wurde alles zu einem Märchen in der kleinen, weltfernen Stube. Die Nixen aus dem nahen Ravelin kamen als lange Nebelstreifen gezogen, das Schilf, auf dem sich schmucke Libellen tummelten, nickte dabei durch die niedrigen Scheiben, und selbst die blutenden Herzen, die in bunten Scherben am Fenster standen und blühten, raunten und sprachen zusammen wie verständige Lebewesen. Eine geheimnisvolle Mischung von phantastischer Laune und Wirklichkeit wurde unter ihrer Wünschelrute gezeitigt. Das untätige Bügeleisen begann plötzlich in der Ecke zu klappern und unterfing sich, ein Liebesverhältnis mit der Klöppelschere in die Wege zu leiten. Das Raspeln und Schaben von Grades Mesdag wurde zu einem lieblichen Getön, zu dem Ritter und Edelfrauen in schleppenden Kleidern hofierten und mit zierem Schritt den Fackelschleifer begingen. Dann machte Hannecke eine neue Handbewegung, und ein anderes Bild tat sich auf. Der kleine Raum dehnte und wölbte sich. Mächtige Buchenstämme schatteten weithin, Glockenblumen läuteten durch die tiefe Stille des Waldes, die schöne Melusine saß am klaren Born und strähnte ihr Goldhaar, während das häßliche Rumpelstilzchen auf einem Ginsterbesen geigte und um die zierliche Rapunzelprinzessin 50 scharmierte. Flimmern und Goldduft, taufrisches Moos und Blättersäuseln! – Und die Hirschkuh der frommen Genoveva rauschte weithin durch Hartriegel und Haselgebüsch, die sieben Raben flogen von Baum zu Baum, auf dem Machandelstrauch saß der Wundervogel mit der goldenen Kette, und wundersam revierten die Klänge des Hifthorns durch die geheimnisvollen Gründe des Zauberwaldes. – Hannecke war das einzige Kind von Grades Mesdag und mütterlicherseits eine ferne Anverwandte von Jakob Verhage, der durch mißliche Umstände gezwungen wurde, städtische Mildherzigkeit in Anspruch zu nehmen, um seine letzten Tage im Altmännerhaus beschließen zu können. Ein eigentümliches Etwas schwebte um die Gestalt und das ganze Verhalten von Hannecke Mesdag. Bis ins Jungfrauenalter hinein hatte sie ein vereinsamtes Leben geführt, wodurch eine gewisse Sonderlichkeit des Empfindens ihr Seelenleben beeinflußte, das sich vornehmlich durch ein unbewußtes Zusammenzucken vor jeder fremden Berührung und ein geheimnisvolles Hinträumen bemerkbar machte. Für gewöhnlich war ihre Sprache verschleiert, das Wesen des Traurigen und Müden beherrschte sie; doch wenn sie die Märchenwelt belebte, wenn sie die weiße, blaugeäderte Hand wie beschwörend ausstreckte, dann brach der metallreichste Ton aus der gehobenen Stimme, ein melodisches Klingen, das den Anschein hatte, als käme es von überirdischen Lippen. Mit ihrem Fühlen und Denken stand auch ihre äußere Erscheinung in 51 Wechselwirkung. Der Hauch des Madonnenhaften, der aber des Leidenschaftlichen nicht entbehrte, verklärte ihren überschlanken Körper, dessen jugendliche Formen nicht durch den Zwang des Schnürleibchens eingeengt wurden. Das leichte Gewand, mit dem sie sich zu bekleiden pflegte, das Ausgeprägte und Jungfräuliche in ihrer ganzen Erscheinung verliehen ihr das Aussehen einer Statue, die mit einem sehr dünnen und angefeuchteten Gewebe umhüllt war, ein liebliches Gebilde, von dessen zierlichen Gliedern und holden Rundungen, den duftigen und leise ineinander verschwimmenden Farbentönen ein geheimnisvoller Reiz ausstrahlte, der alle gefangen nehmen mußte, die in ihrer Nähe weilten. Die Nase war fein und durchsichtig, und die ausdrucksvollen Nasenlöcher zuckten manchmal über einem sanftgeschweiften Mund mit beweglichen Ecken. Die weiche Linie ihres Körpers wiegte sich bei jedem Schritt. Es waren wunderbare Augen, die groß, leuchtend und dennoch etwas verschleiert unter den langen Wimpern mich ansahen. Hannecke Mesdag war eine eigenartige Schönheit. Nicht weit von der Fensternische stand ein mit einer leichten Papierhülle umkleideter Blumentopf, aus dessen Erdreich der lange Schaft einer weißen Lilie emporstieg. Alljährlich am einundzwanzigsten Sonntag nach Trinitatis topfte sie die Zwiebel ein, pflegte sie und freute sich, wenn das saftige und leuchtende Grün aus der warmen Erde hervorbrach. Um die Weihnachtszeit blümte sich der getriebene Schaft mit frommen Kelchen, die das Aussehen 52 der Schneeflocken hatten, die rein und schleierweiß vom Himmel fielen. Die entfaltete Blume diente ihr als Modell. Mit kunstgeübten Händen formte sie das lebende Gebilde nach, gab der zugeschnittenen Gaze mit biegsamem Draht Form und Gestalt, und wenn am Fronleichnamstag die Prozession mit fliegenden Kirchenfahnen und brennenden Kerzen durch die mit Maien und Kälberrohr geschmückten Straßen zog, wenn die kleinen Messingschellen hinter den Hausaltären bimmelten und der blaue Leibrock von Heinrich Hübbers und der Pittje Pittjewittsche Zylinder von ihren Inhabern über den geschnittenen Buchsbaum und Kalmus getragen wurden, dann hielten weißgekleidete Mädchen die künstlichen Lilien von Hannecke Mesdag in Händen, schritten zur Seite des Allerheiligsten und sangen mit ihren kindlichen Stimmchen das ›Meerstern, ich dich grüße, o, Maria – hilf!‹ in den blauen Himmel hinein. Hannecke Mesdag liebte die Lilien. Auch in ihrem kleinen Garten hinter dem Hause pflegte sie diese geheimnisvollen Blumen, die im Lande Galiläa wild auf den Bergen wachsen, in dem heiligen Lande, wo der Flachs rosig blüht, und zu manchen Zeiten des Jahres die Nächte so hell und blendend sind, daß man das Leuchten der Sterne nicht sehen kann. – Hannecke war aufgestanden und hatte die Tür, die zur Küche führte, geschlossen. Dann nahm sie meinen Kopf zwischen ihre Hände. Ihre blühenden Lippen standen dicht vor meinem Mund. Ich sah sie mit großen Augen an. 53 »Ach, Hannecke!« »Du bist gewiß mit irgend einem Anliegen gekommen,« sagte sie mit ihrer weichen und einschmeichelnden Stimme. »Hannecke!« »Soll ich Dir eine Geschichte erzählen? – Etwa die vom König Drosselbart, oder die von der schönen Regiswind, die in einem Hemde von Nesseln einherging?« Ich schüttelte verneinend den Kopf. »Was denn, mein Junge?« »Hannecke, wir wollen Komödie spielen.« »Was wollt Ihr machen?« fragte sie mit lachendem Munde. »Komödie spielen,« wiederholte ich nach einigem Zögern, »und dazu ist nötig, daß der Rockelor meines Vaters mit Litzenwerk besetzt wird, und von meinem Hut müssen goldene Quasten bammeln. Auch die neue Bluse von meiner Schwester, die braunsammetne Bluse mit den großen Puffärmeln, muß umgearbeitet und mit breiten Silberborten betreßt werden. So tragen es nämlich die spanischen Großen auf dem Theater.« »Und da soll ich wohl eine Theaterschneiderin abgeben?!« fiel Hannecke Mesdag mit hellem Gelächter dazwischen. »Ach, Hannecke!« »Gut denn,« meinte das liebe Mädchen, »aber nur unter einer Bedingung.« 54 »Ja – was denn, Hannecke?« »Vater, Mutter und ich müssen dabei sein, wenn die Komödie losgeht.« »Und ob!« bestätigte ich mit triumphierender Stimme. »Auch Jakob Verhage, Heinrich Hübbers und Pittje Pittjewitt werden eingeladen. Auch Wilm Verhage . . .« Hannecke Mesdag verfärbte sich bei Nennung dieses Namens. Sie faßte sich aber, nahm wie vorhin meine Schläfen zwischen ihre weißen Hände und fragte von neuem: »Was spielt Ihr denn eigentlich?« »Don Juan oder der steinerne Gast, und Jan Klaas als Porträtmaler.« »Und wann?« »Kurz vor Fastnacht.« »Das ist noch lange hin.« »Die Proben, Hannecke!« »Ja so,« meinte sie leichthin. Dann erkundigte sie sich nach den Mitspielern. »Jan Höfkens, Franz Dewers und der lateinische Heinrich. Mein Bruder, der lange Dores, wird die schöne Donna Elvira geben.« Hannecke biß die Lippen zusammen. Eine allerliebste Heiterkeit spielte um ihre Mund und Augenwinkel. »Also der lange Dores gibt die schöne Donna Elvira?« »Ja, Hannecke, und weil Du so lieb bist, so möchte ich Dich noch um etwas bitten.« »Bitte, mein Junge. Ich befinde mich gerade in der fröhlichsten Laune.« 55 »Sieh mal, Hannecke,« hub ich nach einigem Zögern an, »Du hast ja so ein schönes, himmelblaues Sonntagskleid, und da habe ich mir denn so gedacht, es würde ein passendes Elvirakostüm abgeben, wenn Du es mit weißem Kaninchenfell besetzen wolltest.« »Für diese Unverfrorenheit möchte ich Dir einen Kuß geben,« lachte Hannecke in gehobener Stimmung. Ein eigentümlicher Schauer durchfuhr mich. Ihr Gesicht näherte sich dem meinen. Sie hatte ihre Hände auf meine Schultern gelegt. Im matten Dämmerlicht des Abends sah ich, wie ihre Augen neckisch in die meinen hineinblitzten. Die Pupillen erweiterten sich unnatürlich, das feuchte Blau der Iris schillerte grünlich wie Katzenauge, und ich hatte schon die Lippen halb geöffnet, um das süße Versprechen, die liebe Verheißung in Empfang zu nehmen. Ein überwältigendes Gefühl der Seligkeit stieg in mir auf. Es war so still und feierlich um uns geworden. Nur der Wasserkessel nebenan orgelte in seltsamen Tönen herüber. »Hörst Du's, wie der saust und summelt?« raunte Hannecke leise. »Das sind die Stimmen der Wassergeister,« fügte sie ergänzend hinzu und strich mir dabei mit ihrer weichen Hand das Haar aus der Stirne. Mir kam es vor, als wenn auf ihren braungoldigen Flechten ein Krönlein flimmerte, in dem Edelsteine wie Glühwürmchen aufleuchteten. Ich hörte Glockenblumen läuten und sah bunte Falter durch den Tann gaukeln. Grüngoldige Eidechsen huschten über Pilze und 56 Farrenwedel, die gläserne Spindel der bleichen Waldfrau tönte klingend durch die weiten Räume und Gänge, und ich hielt mich selbst für das verwunschene Schneiderlein, dem von der holden Märchenprinzessin ein ganzes Königreich auf den Mund gedrückt werden sollte. Ich stand in Erwartung dieses zauberischen Kusses, als die Tür aufgerissen wurde und der lateinische Heinrich ins Zimmer stakelte. Kopfüber war ich aus meinem Himmel gefallen. Hannecke hatte sich gewendet. » Scando tibi in tectum! « sagte der Störenfried. »Ich werde Dir gleich aufs Dach steigen. Draußen hängt längst das Schwein an der Leiter, Mutter Mesdag hackt schon die Leber und stopft sie mit der Grütze in die Pelle hinein – und Du . . .?« Fragend sah er mich an. Ich konnte seinen Blick nicht aushalten. Eine ganze Fülle des Ketzerrichterlichen und Inquisitorischen hatte in dem Tonfall seiner Stimme gelegen. Beschämt verließ ich das entweihte Paradies und betrat mit ihm die Küche, wo Mutter Mesdag damit beschäftigt war, die in aller Eile angefertigten Grütz- und Leberwürste in das brodelnde Wasser zu legen. Die lüsternen Blicke von meinen Kumpanen stierten dabei in den verheißungsvollen Kessel hinein, der in den sonderbarsten Lauten stöhnte und ächzte, und auf dessen fettäugigem Inhalt die Würste wie kleine Inseln umherschwammen. Der Bas zündete mit einem Pappelholzspan die Lampe an, denn der Abend sah schon mit düsteren Augen durch 57 die kleinen Fensterscheiben. Über die Schneedecke da draußen dehnten sich lange, bläuliche Schatten. Lustige, knisternde Funken stoben unter dem Kessel hervor und tanzten in den weiten Rauchfang hinein. Das Schönste der ganzen Schweinetragödie nahm jetzt seinen Anfang. Mutter Mesdag stichelte mit einem scharfen Dorn in die schwimmenden Würste, daß sie knackten und das Fett mit einem hellen Quietschen aus der Pelle herausspritzte. Dann gabelte sie den Inhalt aus dem Brodelwasser und gab jedem von uns sein Deputat. »Die könnte man essen – und das täte ich,« sagte Jan Höfkens. »Danke.« »Fein!« bemerkte Franz Dewers. Dann führte er einen wahren Indianertanz auf. Der Lateiner schwieg noch. Er stand in tiefer Betrachtung, die ihm überreichte Wurst als ein kleines Szepter in der Hand haltend. Plötzlich wendete er sich an Pittje Pittjewitt. »Herr Pittjewitt,« fragte er diesen mit feierlichem Augenaufschlag, »haben Sie vielleicht in betreff des Schweineschlachtens und Wurstens kulturhistorische Studien gemacht?« »Nein,« sagte der Angeredete. »Dann möchte ich doch bemerken,« fuhr der Lateiner mit erhobener Stimme fort, »daß die alten Römer und Griechen die Wurst in ihrer jetzigen Gestalt und Zubereitung schwerlich gekannt haben. Dennoch ist nicht außer acht zu lassen, daß zeitgenössische Schriftsteller wie 58 Juvenal und Perronius Arbiter, letzterer in seinem berühmten Werke, dem Gastmahl des Trimalchio . . .« Mutter Mesdag hielt sich die Ohren zu. dann schlug sie die Hände zusammen. »Um Gottes willen!« fiel der Bas dem Lateiner in die Rede, »es bleibt sich ganz egal, was die alten Römer und Griechen gegessen haben. Dies ist Leber- und Grützwurst, und die essen wir – und auf Sinter Klaas seid Ihr alle zu einem Glase Punsch und auf Preßwaffeln eingeladen. – Nicht, Mutter?« Frau Mesdag nickte zustimmend, und der Bas zog seinen horizontalen Bekräftigungsstrich unter die Sache. Die Angelegenheit war somit perfekt geworden. Nach einer Stunde empfahlen wir uns. Auf der Hausschwelle legte Pittje Pittjewitt seine Rechte auf die Schulter vom lateinischen Heinrich. »Na, Heinrich,« fragte er mit zugespitztem Mund, »wie denkst Du jetzt über die Blaumeisen?« »Sie haben den Schweinenabel angenommen,« versetzte der Lateiner mit pastoraler Würde. »Ich bin belehrt und habe Einsehen gelernt.« »Gut Ding, was sich ändert,« bemerkte Pittjewitt mit einem gerührten Anflug in der Stimme. Dann lüftete er die Troddelmütze und schüttelte dem Bekehrten kräftig die Rechte. Hierauf begab er sich auf den Hofraum der Mesdagschen Wohnung, um die Angst- und Marterkiste wieder fahrbar zu machen. Wir waren vorausgegangen. 59 Die Nacht ging über die kleine Stadt hin. Safrangelbe Lichter, die aus den Fenstern und den kleinen Kramläden fielen, legten sich quer über die bläuliche Schneedecke. Der Himmel war licht und sternenklar. Ich hatte meine eigenen Gedanken und dachte an Hannecke, die im Laufe des Abends nicht mehr erschienen war. Ich tröstete mich auf die nächsten Tage, und im Hinblick auf sie zitterte leise und ahnungsvoll durch meinen Sinn der Sankt Nikolaszauber. Gute Nacht! 60 V Im Altmännerhaus Die ganze Nacht hatte ich nicht schlafen können. Immer trat mir Hannecke Mesdag vor Augen. Erst gegen Morgen stellte sich der ersehnte Schlummer ein. Er war dumpf und betäubend. Im Traume hob sich von meiner Bettdecke ein Lilienschaft empor, der fast bis zur Balkenlage reichte. Die spiralig geordneten Blätter hatten ein glasiges Gepränge, während die in horizontaler Stellung hervorsprießenden, trichterförmigen Blüten sich ins Ungemessene ausdehnten. Sie waren von einer schneeweißen Färbung. Griffel und Staubgefäße sahen strotzend und schwefelgelb aus der zarten Umhüllung. Das Schuppenwerk der mächtigen Zwiebel teilte sich an verschiedenen Stellen und flocht ein buntes Gewirr von Wurzeln und Fasern über Kissen und Bettzeug. Ein purpurfarbiger Schmetterling mit goldiggrünen Pfauenaugen wiegte sich auf dem saftigen Stengel. Seine gebreiteten Schwingen berührten die Kelche, aus denen ein betäubender Staubregen herniedersprühte. Immer dichter und atemraubender fielen die Blütenpartikelchen. Ich glaubte ersticken zu müssen. Das Wurzelwerk der gigantischen Blume strickte 61 mich derart ein, daß ich kein Glied zu rühren vermochte. Ich lag in einer dumpfen Betäubung. Der prächtige Schmetterling änderte inzwischen Form und Gestalt. Aus dem farbenfrohen, mit bunten Flimmern überdeckten Sonnenfalter war ein Trauermantel geworden. Aber die Umwandlung schritt in einer grotesken Weise voran. Der feine Saugapparat, die gerollten Fühler und Taster gewannen ein schnabelförmiges Aussehen, an Stelle der schillernden Flügelschuppen waren schlichte Federn getreten, zwei kluge lichtblaue Augen blinzelten über die Decke und ein langgezogenes »Kraha!« fuhr befreiend in meine Traumwelt hinein. »Jakob, Jakob, Jakob!« Ein kalter, krachender, sonnenheller Wintermorgen sah durch die gefrorenen Scheiben. Blitzende Eisblumen, Akanthusblätter und stilisierte Orchideen standen in der Fensterumrahmung, und meine erhandelte Dohle saß auf dem Bettpfosten und machte den Wecker. »Jakob, Jakob!« Gefrorene Akanthusblätter, Kastemännchen und Dohle, der lateinische Heinrich und der sonnige Wintermorgen – alles taumelte noch für eine kurze Weile in meinem Hirn bunt durcheinander, bis ich mit einem kurzentschlossenen ›Wuppdich‹ aus dem Bett und in die Kleider hineinfuhr. Heute war Sonntag! Feierlich riefen die Glocken von Sankt Nikolai zum Hochamt. Ich kannte sie alle. – Die, welche mit ihrer 62 hellen Stimme in das sonore Tönen hineinbimmelte, war von Meister Claudi Fremi gegossen. In ges hallte ›der Türk‹, der auch einzeln bei anhaltender Dürre oder andauernder regnerischer Witterung geläutet wurde. In dumpfen, feierlichen Schlägen begleitete er ›Preciosa‹ und die Sankt Antoniusglocke. Es war ein harmonischer Dreiklang! – Wie oft hatte ich dort oben zwischen dem eichenen Kreuz und Quergebälk gesessen, während die düsteren Kelche sich leise bewegten und der schwere Klöppel den Schlagring berührte! – Das war ein Summeln und Brausen, ein geheimnisvolles Tönen und Rauschen in der Glockenstube, die mit den feinsten Spinnwebnetzen durchspannt war. Ernst und würdevoll bewegte sich allzeit ›Preciosa‹. Ihr Gang war ruhig und gemessen, so daß auch die kleinsten Details ihres Schriftbandes entziffert werden konnten. Mit einem krausen Blätterkamm bekrönt, lagen die Wappen der Herzöge von Kleve und der Grafschaft Mark auf der Schrägung, überragt von der seligen Jungfrau und dem Kirchen- und Stadtpatron Sankt Nikolas im Bischofsornat. Und im Schalloch hockte der Schleierkauz mit seiner weißen und zimtbraunen, herzförmigen Gesichtsholle und glotzte mit seinen großen Augen in den dämmerigen Raum, in dem die gespenstigen Glockenschatten auf und nieder huschten. Von hier aus sah ich zu meinen Füßen die weite Ebene mit ihren Wiesen und Feldern sich dehnen, abgeschlossen durch den violetten Streifen des Reichswaldes, aus dem die massige Form des Schwanenturmes hervorsah. Weiter zur Rechten 63 glitzerte das silberne Rheinband über Deiche und Dämme. In schnurgerader Linie folgten die hellgrünen Weiden den blinkenden Wassergräben, die das unter mir liegende Land nach allen Richtungen durchquerten. Schlanke Kirchtürme lugten aus Busch und Hag, ziegelrote Dächer sprenkelten im weiten Umkreis das saftige Grün der weiten Niederung, Windmühlen zogen ihre mit Segelleinen bespannten Flügel durch die ruhige Luft, buntscheckige Rinder lagen wie braunrote, schwarze und weiße Punkte im Grase – und über das alles zitterten die feierlichen Klänge von ›Türk‹, ›Preciosa‹ und der Sankt Antoniusglocke. – Heute war Sonntag! Der Pastor van Bebber, ein schmalschulteriger Mann mit einem blutleeren und ins Grünliche spielenden Gesicht, dessen scharfausrasierte, bläuliche Tonsur wie ein Bleitaler durch die Kirche leuchtete, zelebrierte das Hochamt. In langen Streifen und Bändern wallte der Weihrauch durch die hochgegurteten Räume. Leuchtend brach die Wintersonne durch die bunten Scheiben des Chores und bildete grelle Farbenzusammenstellungen auf den Fliesen und Schieferplatten der Kirche. Der Lateiner kniete dicht neben mir und sang mit einem heiligen Eifer und einer beneidenswerten Ausdauer, daß ihm das Feuer aus den Augen spritzte. Meine Blicke irrten hierhin und dorthin. Ich suchte den Zylinder von Pittje Pittjewitt, ein Unterfangen, das bald von dem besten Erfolge begleitet war, denn er wußte 64 allzeit den Hut so zu plazieren und in die richtige Beleuchtung zu stellen, daß er von der ganzen Gemeinde bemerkt werden mußte. Und richtig! – Sorgsam gestriegelt und aufgebügelt, in tadelloser Schwärze paradierte er auf dem Postament der allerseligsten Jungfrau Maria. Pittje stand neben ihm. Von Zeit zu Zeit hob er den rechten Arm. Er kraute sich hinter den Ohren, bei welcher Manipulation Siegelring und Rauchtopas sich den Gläubigen präsentierten. Das war auch die Absicht von Pittje, und mancher hätte vor Neid aus der Weste springen mögen, wie das so blitzte und funkelte und einen so vornehmen Anstrich hatte. Trotz all seiner Gutmütigkeit und Nächstenliebe fühlte Pittje Pittjewitt doch so eine Art von geheimer und prickelnder Freude, wenn er in seiner Umgebung die Neidhämmel bemerkte, die aufkeimten und zeitigten, gleichsam wie die Pilze in einer regenwarmen Sommernacht. Neben Pittjes Zylinder und Siegelring erregte der fünfundzwanzigpfündige blaue Leibrock von Heinrich Hübbers meine ganz besondere Aufmerksamkeit. Auch heute hob er sich von seinen Mitröcken ab wie die Kornblume von den Halmen des Feldes. Blitzblau stand er inmitten der schlichten Farben seiner Genossen, infolgedessen er die ganze Umgebung auf das angenehmste belebte. Mit allen wichtigen und weniger wichtigen Stadtereignissen stand dieser altfränkische Rock in enger Beziehung. Bei allen Kindtaufen und Schmausereien war der ›Blaue‹ ein gern gesehener Gast; wurde einer zu Grabe gesungen – der Schniepel war im Trauergefolge; brannte es in 65 seiner Nähe – er wurde in erster Linie gerettet; tagte die Wahl zum Gemeinderat – der ›Blaue‹ erschien zuerst an der Urne, um nach Pflicht und Gewissen seines Amtes zu walten, kurz, der Hübberssche Leibrock war für uns Jungens eine Art von Persönlichkeit geworden, ohne deren Beisein selbst die feierlichste Prozession in unseren Augen in Frage gestellt worden wäre. Ohne den ›Blauen‹ keine Kirmes, keine Taufe und kein solennes Begräbnis. Seine Anwesenheit bei allen möglichen und unmöglichen Gelegenheiten war so selbstverständlich geworden wie der Hahn auf dem Kirchturm. Der hornknöpfige ›Blaue‹ war gewissermaßen mit einer prächtigen Gloriole umgeben, er war ein Wahrzeichen der Stadt und ein Gradmesser für das Wohl und Wehe der Bürger. – Auf dem Hochaltare standen sechs Lilienstengel von Hannecke Mesdag. Sie unterbrachen die schnurgerade und steife Reihe der hohen Messingleuchter in der angenehmsten Weise. Der Weihrauch umwölkte sie, und über ihnen knisterten die Wachskerzen in bläulichen Flämmchen. Pittje Pittjewitt ließ noch einmal den Siegelring blitzen, dann griff er nach seinem schwarzen Zylinder. Der blaue Leibrock setzte sich in Bewegung . . . » Dominus vobiscum! « » Ite, missa est! « Das Hochamt war zu Ende. – Gleich nachher zog ich mit meiner Dohle zu Jakob Verhage, um von diesem Sachverständigen, laut Pakt, 66 geschlossen mit dem lateinischen Heinrich, die Männlichkeit des Vogels konstatieren zu lassen. Auf der Grabenstraße lag ein langgestreckter, verwitterter Ziegelbau, dessen Vorderseite über und über mit niedrigen Fenstern gespickt war. Die ganze Bauanlage hatte etwas Unheimliches an sich. Die Scheiben lagen blind in ihren Rahmen und schillerten in allen Farben des Regenbogens. Selbst die zahllosen, unter der Verkröpfung des Gesimses hängenden Schwalbennester aus der verflossenen Sommerzeit vermochten nicht das Unwohnliche und Düstere des Ziegelhauses zu scheuchen. Keine Gardinen zierten die Frontseite. Nur vereinzelte Meerzwiebeln standen in braunroten Töpfen hinter den Scheiben. Zwei vorspringende Klinkertreppen, deren Ziegelstufen wellig ausgetreten waren, führten in das Innere des weitläufigen Gebäudes. Der Altmännerhof, wie er im Volksmunde hieß, stand unter städtischer Verwaltung und war im sechzehnten Jahrhundert von mildherzigen Seelen gestiftet worden. Cornelis Brower, genannt van Bam, und seine Söhne waren die Donatoren gewesen. Der Herr hat's ihnen gelohnt, denn hochbetagt sind Vater und Söhne gottselig abberufen worden zu einem besseren Leben, und ihr Andenken ist bleibend in der ganzen Gemeinde geworden. Am Allerseelentage brennt noch immer ein Wachsstock auf ihrem Epitaphium, und die Insassen des Altmännerhofes streuen zerkleinerten Buchsbaum auf die Grabstätte, räuspern sich und hüsteln mit altmodischen Stimmen: »Wie sie so sanft ruhn, alle die Seligen!« 67 Dann gehen sie klappernd in ihren weißgescheuerten Holzschuhen nach Hause. Auf dem Epitaphium aber steht zum ewigen Gedächtnis die Inschrift: »Door syne smerten syn wy genesen. Amen.« – »Jakob, Jakob, Jakob!« Ich war mit meiner Dohle in den dämmerigen Hausflur getreten. Ein gipsener Sanktus Josephus begrüßte uns zuerst aus seiner Mauernische. Um das Heiligenbild war ein Kranz von weißen und roten Papierrosen gewunden. Dazwischen waren verdorrte und eingetrocknete Scheindolden von Ebereschenbeeren geflochten, die wie Korallen leuchteten. Die Papierrosen raschelten im Luftzug. Zu Füßen des Gipsbildes flackerte der Docht eines ewigen Lämpchens im Unschlitt. Die Wände waren gebläut. Als ich durch die weitverzweigten Korridore schritt, wehte mir der Geruch von frischer Kalktünche entgegen. An einer niedrigen Tür blieb ich stehen und klopfte an. »'rein!« Ein lustiges Vogelgezwitscher empfing mich. Gleichzeitig fegte ein halbes Dutzend braunrot- und schwarzgefleckter Meerschweinchen mit schrillem Quieksen auseinander und in alle Ecken und Winkel der Stube hinein, von wo aus sie mich und die Dohle mit ihrem sanften Nagergesicht mißtrauisch beäugten. Allein, neugierig wie sie waren, kamen sie allmählich wieder aus ihrem Versteck, wiesen die gelblichen Nagezähnchen und beschnupperten mich. 68 »Tag, Herr Doktor.« » Votre serviteur, Monsieur Jupp,« sagte Jakob Verhage und streckte mir seine verschrumpfelte Hand entgegen. »Womit kann ich dienen?« Ich brachte ihm mein Anliegen vor, erzählte ihm haarklein den mit dem Lateiner abgeschlossenen Handel und bat ihn schließlich, das Geschlecht des mitgebrachten Vogels feststellen zu wollen. » Avec plaisir, Monsieur Jupp,« sagte Jakob Verhage, setzte die großäugige Brille auf, die neben ihm bei der aufgeschlagenen Bibel gelegen hatte, rückte den Stuhl zurecht, griff die Dohle und begann mit den Präliminarien der gewichtigen Voruntersuchung. – Jakob Verhage hatte noch unter dem großen Napoleon gefochten. Er war Stabstrompeter bei den Kürassieren Milhauds gewesen. Bei Smolensk hatte er über das russische Totenfeld die Siegesfanfare geblasen; bei Borodino klang seine Trompete noch einmal wie im Siegesjubel, während sie in Moskau nur noch verzweifelt in die verhängnisvollen Flammen hineinschreien konnte. Dann war der russische Winter gekommen. Schnee, Wölfe, Kosaken und heulende Flammen! – Und rings umher die Trümmer der großen Armee, geführt von dem eisernen Mann im kleinen Hütchen, mit dem Stern der Ehrenlegion auf der Brust. Beresina! – Mächtige Eisschollen stampften und knirschten im Fluß; Schneeflocken und grimmige Kälte, Kosakenlanzen und Kanonen des Zaren – aber keine Sonne von Austerlitz. Heilige Knute! – 69 Wie sie zischt und in die entfesselten Glieder der Bataillone hineinhaut! – Mit untergeschlagenen Armen hält der kleine Korporal im grauen Leibrock an der Beresinabrücke. Herz und Antlitz sind kalt und eisig wie die Schneedecke in der russischen Wildnis. Ein Trauermarsch von hundert Trommeln! Zerlumpte Grenadiere, die zerfetzte Trikolore unterm Arm, passieren die Brücke – ein wirres Durcheinander. Nur die Garde marschiert noch. – Zersprengte Milhaudkürassiere traben vorüber – bettelarm, verhungert und mit Totengesichtern. » Caesar, morituri te salutant! « Kanonendonner! – Horch, bum! – Noch steht die Beresinabrücke! – Granaten drauf – russische Granaten und Bomben! – Alles drängt bunt durcheinander: Grenadiere, Kanoniere und Reiter. – Die Brücke zersplittert und bricht – und die Beresina verschlingt sie. Moskowitische Trommeln! – Jenseit der Brücke bläst der blutjunge Jakob Verhage noch einmal zum Sammeln. Nur wenige folgen – und über das Schneefeld stiert das wächserne Antlitz vom kleinen Korporal mit eisiger Ruhe. Mit einer Kugel im rechten Schenkel erreichte Jakob Verhage die Heimat. Als beinlahmer Krüppel freite er, heiratete eine Verwandte von Frau Mesdag, begrub sein Weib und hungerte geraume Zeit mit seinen acht Kindern. Die Mäuse tanzten und piepsten um den ledigen Brotschrank. Kurz nach dem Tode seiner Frau begann auch das Sterben unter seinen Kindern – nur das jüngste verblieb ihm. Als der kleine Wilm geboren wurde, war 70 Jakob Verhage schon ein Mann von fünfundfünfzig Jahren. Um sich notdürftig über Wasser zu halten, besprach er das Vieh auf den Dörfern, braute Purgiermittel, heilte Pferdekolik, kurierte die Hundestaupe und kapaunte und poulardierte auf Bauernhöfen und Pfarreien herum, welche medizinische Tätigkeit ihm bei den Leuten den Ehrentitel ›Doktor‹ eingebracht hatte, eine Bezeichnung, die er im Laufe der Jahre für zu Recht bestehend hielt und jedesmal mit schmunzelnder Miene einzustecken pflegte. Aber schließlich wollte sein Bein nicht mehr, und Jakob Verhage sah sich veranlaßt, seine Aufnahme in das Altmännerhaus zu beantragen. Wilm hatte inzwischen seinen humanistischen Studien obgelegen. Durch die Mildtätigkeit und Opferfreudigkeit gewisser Honoratiorenfamilien war ihm diese Vergünstigung, allerdings gegen die drakonische Klausel, ›Heerohme‹ zu werden, in den Schoß gefallen. Widerwillig und nach schweren inneren Kämpfen hatte Wilm diese Bestimmung hinuntergewürgt. Aber er mußte – hier lag der Knüppel beim Hunde, der unbarmherzige Prügel, der ihn in die Leidensgeschichte der Cölibatäre hineintrieb. Jakob Verhage hingegen war eine gläubige, strengkatholische, fast fanatische Seele. Aus seiner russischen Zeit waren ihm nur die Erinnerung, das verkrüppelte Bein, die Trompete und einige französische Brocken verblieben, die er mit einer gewissen Selbstgefälligkeit an den Mann zu bringen wußte. Jährten sich die Siegestage von Smolensk und Borodino, dann blies er noch 71 wohl die Fanfare der Milhaudkürassiere durch die gekalkte Stube, daß die bleigefaßten Scheiben zu klirren begannen. Gestern aber war der Tag gewesen, an dem die große Armee vor so und so viel Jahren die Beresina passiert hatte. Gellend schrie da die Trompete durch das Altmännerhaus; sie klagte und jammerte in entsetzlichen Tönen, sie wimmerte und schluchzte. – Jakob Verhage hatte »Sammeln! – Sammeln!« geblasen. – Die Dohle sträubte sich. Die Ellenbogen aufs Knie und den Kopf in die Hände gestützt, sah ich wißbegierig den Manipulationen des Vogelkundigen zu. Er untersuchte die aschgrauen Federn am Halse, streifte die Achsel-, Arm- und Handschwingen auseinander, begutachtete die Färbung der Steuer- und Zügelfedern, drückte am Bürzel, konstatierte die Stärke des Schillers, blies den Flaum des rückwärtigen unteren Teiles beiseite, um auch hier nach bestem ornithologischen Können und Wissen zu mustern. Zu verschiedenen Malen nickte Jakob Verhage. In der geräumigen Stube quiekste, piepste, flötete, schmetterte und quinquilierte es bunt durcheinander. »Fritz, Fritz, Fritz – willst ein Bierr?!« Haha! – Finkenschlag Nummer Eins. »Pink – Fink!« Die übrigen folgten – alles Schläge mit zwei regelmäßig abgeschlossenen Strophen, die aber Klangbilder von verschiedener Färbung aufwiesen. Fünf prächtige Waldfänge hingen auf Reih, die sich in regelmäßiger Folge ablösten und hierdurch einen Schlag zeitigten, der gleichsam 72 als ein zusammenhängendes Ganzes anzusehen war. Hatte der erste Fink seinen ›Reiterherzu‹ geschmettert, hub der andere mit dem ›Weingesang‹ an, der dritte folgte mit der ›Schwarzgebühr‹, der vierte setzte die schmelzende ›Zizigallweise‹ drauf, bis der letzte mit dem kecken ›Bierschlag‹ den Abgesang hatte. »Pink – Fink!« »Fritz, Fritz, Fritz – willst ein Bierr?!« Es waren herrliche Vögel mit ihrer weinroten Brust, der blaugrauen Kappe und den schmalen Querbinden auf den schwarzen Flügeln! Blaumeisen, Heckenbraunellen, Binsen-Rohrsänger und Wiesenpieper hingen in räumigen Käfigen an den Wänden umher, während in der Fensternische ein großäugiges Rotkehlchen sein beschauliches Dasein hinter frischgeschnittenen Stechpalmzweigen fristete. Es hatte Freiflug an gewissen Tagen. Melancholisch tönte seine leierförmige Strophe aus den ziegelroten Beeren und dem saftigen Grün der gezähnten Lederblätter hervor. Ihm gegenüber bearbeitete eine blaugraue Spechtmeise mit kurzem Schwänzchen und zimtbrauner Weste die öligen Buchenkerne in so kräftiger Weise, daß die glänzenden Hüllen geängstigt nach allen Seiten auseinanderstoben. »Pink – Fink!« »Didel, didel, didel!« »Zeckzärrr!« Das pfiff, dudelte, schmetterte, klaubte und hämmerte von allen Ecken und Enden, daß man glauben sollte, 73 Jakob Verhage habe schon jetzt die liebe Frühlingssonne heraufbeschworen. Nur die Singdrossel harrte noch der Zeit, wo die Haselkätzchen stäuben und die silberlichten Weidenblüten die saftigen Ruten beleben würden, um ihren feierlichen und frischen Waldgesang ertönen zu lassen. – Huida! – Wie ein winziger Strauchritter aus dem Busch schnurrte in diesem Augenblick der nußbraune Wichtelkönig aus einer verlorenen Ecke herbei, setzte sich auf das Querscheit eines hölzernen Kruzifixus, der dicht am Fenster stand, stelzte das wellenförmig gebänderte Schwänzchen empor, duckte sich vorwärts und blinzelte durch die kleinen Scheiben auf die verschneiten Bäume im Garten. »Didel, didel, didel!« Die verschüchterten Meerschweinchen hatten ihre Angst mittlerweile völlig abgelegt. Sie purzelten über- und untereinander, beknapperten die Mohrrüben, die verstreut auf den Dielen herumlagen, und turnten um die kahnartigen Filzpantoffeln von Jakob Verhage. »Na, Herr Doktor?« » Regardez, Monsieur Jupp,« sagte der Alte und gab dem Vogel die Freiheit. Gravitätisch stolzierte die Dohle über die Platte des Tisches. »Jupp,« meinte Jakob Verhage, »das ist ein veritabeles Männchen, ein Gescheiter und so'n ausbändiger Schwarzrock. Gratuliere! – Mußt auch so'n Männecken werden wie der da.« »Ne, Herr Doktor.« »Was – ne? – Wie – ne? – Mein Wilm ist doch auch so'n Schwarzrock geworden, so 'ne Gotteslaterne, die durch die irdische Finsternis lichtert wie 'ne himmlische Leuchte . . .« »Fritz, Fritz, Fritz – willst ein Bierr?!« » Sacré nom de dieu! « scherzte Jakob Verhage, »der Bierschlag ist alle. – Sinter Klaas kommt Wilm von Münster, und dann heißt das: Wilm, Wilm, Wilm – wirst ein Heerohme?!« »Fritz, Fritz, Fritz . . .!« schmetterte der Fink dazwischen. » Silence! « rief Jakob Verhage. Er war aufgestanden. Der gebeugte Mann mit den stechenden Augen, der Habichtsnase und dem eisgrauen Ziegenbart hatte ein prophetisches Aussehen. Er maß mich mit seinen durchbohrenden Blicken von oben bis unten, und ich fühlte, wie ein kalter Schauer über meinen Rücken rieselte und sich erst an den Beinen verlor. Am liebsten wäre ich davongelaufen. Der stechende Blick hatte etwas Unheimliches an sich; selbst die Meerschweinchen fühlten sich unbehaglich in der Nähe ihres Gebieters und nahmen Reißaus. Ich und die Meerschweinchen konnten uns keine Rechenschaft von dem geben, was Jakob Verhage von uns wollte und was ihn so sonderbar angewandelt hatte. »Jupp!« fuhr er mich an. »Übers Jahr hält der Wilm seine Primiz, und dann treibt er den Beelzebub aus, der in der Welt 'rumgeht, und die bösen Propheten. Herr, begnade ihn – und Du, Jupp, wirst sein Ministrant 75 bei der ersten heiligen Messe . . . Und wenn es dann klingelt und alles niederkniet – na, dann bin ich doch der Nächste dabei und bin stolz auf den Wilm, denn er holt doch in Kraft der eigenen Gewalt den lieben Herrgott vom Himmel. Überhaupt die Primiz! – So was gibt's nicht wieder auf Erden. Sacré nom de dieu! – Bei Dores Küppers wird Einkehr gehalten. Heda, Wirtschaft! – Dores, Du kennst meine Parole: 'ne Bouteille Rotspon! – Und die Bouteille kommt, und ich trinke sie aus auf das Wohl von meinem Jung und seiner Primiz. – Was, Jupp?!« »Ja, ja, Herr Doktor,« bemerkte ich kleinlaut. »Richtig, mein Junge!« schrie Jakob Verhage, wobei er mir seine kalte und verschrumpfelte Hand auf den Kopf legte. »Und dann nehm' ich hier die Trompete vom Nagel, die Trompete von Smolensk und Borodino – Wirtschaft, noch 'ne Bouteille mit Rotspon!– stell' mich unter die Linde und blase über das Pflaster und über den Markt weg: Großer Gott, wir loben Dich!« »Und wir preisen Deine Stärke,« warf ich schüchtern dazwischen. Die Augen von Jakob Verhage wurden immer unheimlicher. Fröstelnd rieb er die kalten Hände zusammen. Die spitze Habichtsnase des hochbetagten Mannes pickte nach mir, seine aufgerissenen, rotumränderten Augen leuchteten wie rote Kaninchenaugen und schienen mich durchspießen zu wollen, das kleine Gesicht grimassierte in beängstigender Weise, so daß ich unwillkürlich einige Schritte zurückwich. 76 »Heda, Wirtschaft! – noch 'ne Bouteille mit Rotspon. – Noch 'ne Bouteille!« befahl er zum andern und zwar in einem gebieterischen Tone, wobei er den Blick stier auf die Tür richtete. Ich sah mich unwillkürlich um, ob vielleicht Dores Küppers auf der Schwelle mit einer Flasche Rotwein erschienen wäre. Keiner war erschienen, und dennoch hatte ich Angst, daß sich der Alte noch betrinken möchte. »Nichts,« sagte Jakob Verhage, »aber hier!« und mit einer raschen Wendung ergriff er eine Nummer des Kreisblattes, das mit einigen Öl- und Butterflecken punktiert auf dem Tische neben der Bibel ruhte. Attention, Monsieur Jupp! – Hier steht es geschrieben, schwarz auf weiß: die liberalen Palmesel wollen die angeregte Unfehlbarkeit des Papstes in Sachen des Glaubens und der Moral nicht anerkennen. Sie werfen ihm Knüppel zwischen die Beine – und dahinter steckt der verfluchte Bismarck, der Oberpalmesel, und tut so, als wenn er mehr zu sagen hätte wie Pius der Neunte. Wir sind die wahre Religion, und nur der heilige Vater hat hier zu befehlen. Sacré nom de dieu! – und die lutherschen und kalvinschen Dickköpfe und der preußische Landtag, die Liberalen und was noch sonst lebt wie Babel und Gomorra und Sodom, die verfluchten Beamten, die mit der Promptheit der preußischen Trommeln und Pickelpfeifen funktionieren, als diese den hessischen Plunder anno sechsundsechzig, Schlag zwölf Uhr nachts, zum Henker fegten – dieses ganze preußische Gemüse muß 77 die heilige römische Kirche manger, écraser – auffressen!« Jakob Verhage trat einige Schritte näher, ergriff mich bei den Schultern, schüttelte mich und schrie mir noch einmal in die Ohren: »Auffressen!« Dabei machte der Alte ein Gesicht, als wenn die Sache gleich in die Wege geleitet werden könnte, und ich der erste sei, den er hierzu ausersehen habe. Immer mehr zog ich mich auf den rettenden Ausgang zurück. Die Dohle war dabei auf meine Schulter geflogen. Mir wurde blau und grün vor den Augen. Die fünf Meisterschläger, die Singdrossel, die unruhigen Meerschweinchen, die getünchten Wände mit ihren grellkolorierten Heiligenbildern aus Kevelaer, das dürftige Inventar, die zitierte Bouteille mit Rotspon, Dores Küppers, die blitzeblanke Reitertrompete – das ganze tote und lebendige Mobiliar von Jakob Verhage, alles tanzte mir in einem tollen Wirbel vor Augen, und im Zentrum dieses Wirrwarrs stand die bleiche Grimasse des asketischen Alten. » Manger, écraser – auffressen!« schrie er wütend dazwischen, humpelte mir näher und brachte dabei seine Eulenschnabelnase mir dicht vor die Stirne. »Aber mein Wilm,« fuhr er fort, »wird diesem Herrgöttchen von Bismarck den echten und einzigen Herrgott aufstecken. Gegen den helfen keine Liberalen, keine Beamten und keine preußischen Pickelpfeifen. Überhaupt die Primiz! – Da steht mein Wilm auf der Kanzel – na, 78 und wenn er dann beginnt: Geliebte im Herren! – und wenn er dann fragt: Geliebte in Christo, wo habt Ihr Euren freien Willen an Jesum Christum und den heiligen Vater gelassen, wo haltet Ihr Eure Peterspfennige versteckt, wo habt Ihr Euren Glauben an die Unfehlbarkeit des Papstes gelassen, wo, um Himmelswillen, Ihr lauen und lendenlahmen Katholiken, habt Ihr das alles hingetan?! – Und sie müssen dann zerknirscht eingestehen: das haben wir sozusagen auf dem Vaterlandsaltar der preußischen Vernunft geopfert, das haben wir dem Herrn Bismarck und dem Herrn Polizeidiener Brill gegeben . . . na, Geliebte in Christo! – da sollt Ihr den Wilm sehen. – In die siebente Hölle flammt und verdammt Euch der Wilm, denn Wilm ist Kaplan, und sein Fluch frißt ins zehnte Glied hinein wie 'ne bissige Ratte. – Verflucht, verflucht, verflucht!« Jakob Verhage hatte das zerknitterte Kreisblatt auf die Dielen geworfen und den lahmen Fuß draufgesetzt. Mir waren bei diesen Expektorationen des sonst so gutmütigen und vernünftigen Insassen des Altmännerhauses die Haare zu Berge gestiegen. Mit der Rechten ergriff ich die Türklinke. Die Dohle hielt sich mit gespreiteten Flügeln auf meiner Schulter. »Das ist ja alles nicht wahr, Herr Doktor,« stotterte ich in tiefer Beklemmung. »Was ist nicht wahr?!« schrie Jakob Verhage. Meine Zeit war gekommen. Die Art und Weise, 79 wie ich die Tür zwischen den Alten und meine Person brachte, kann ich nicht angeben. »'raus!« Ich war draußen. Aber hinter meiner Flucht hörte ich noch wettern und poltern: » Sacré nom de dieu! – die ganze Package: Polizeidiener Brill, die Liberalen und Bismarck – manger, écraser – auffressen . . .!« Ich jagte durch die langen, unheimlichen Gänge, eilte an dem gipsenen Joseph mit seinem Papierrosenkranz und den Vogelbeeren vorüber, verlief mich, gewann aber nach langer Irrfahrt schließlich doch den Ausgang und stolperte auf der ausgetretenen Klinkertreppe mit meiner Dohle ins Freie. Hier verflog meine Angst. Auf der Grabenstraße tummelten sich die Spatzen im Schnee und zankten sich mit einigen Goldammern und versprengten Bergfinken herum. Mit meinem schwarzen Vogel auf der Schulter zog ich heimwärts. Als ich zu Hause angekommen war, schlug mir ein feiner Duft in die Nase. »Genoveva, was gibt's heute zu Mittag?« fragte ich die rotarmige Köchin, die wie eine Pfingstrose blühend am Feuer stand. »Geräucherte westfälische Mettwurst, Kastanien und Grünkohl.« Meine Augen leuchteten. » Manger, écraser – auffressen . . .« Ich wurde zu Tisch gerufen. 80 VI Sinter Klaas Schon seit einigen Tagen gingen die Adventschauer über die eingeschneite Erde, und aus Morgen und Mittag war Sankt Nikolasabend geworden. Noch immer herrschte die grimmige Kälte. Vom nordwestlichen Himmel her hatte sich eine bleigraue Decke vorgeschoben, die sich plötzlich in ein wimmelndes Schneegestöber auflöste. Vor den rotdunstigen Straßenlaternen, die allmählich hier und da aufleuchteten, war alles in einer tanzenden und flirrenden Bewegung. Die spanischen Giebel auf dem Marktplatz, das Rathaus und der Turm der Sankt Nikolaikirche standen in einer dumpfen Nebelhülle, die von blitzenden Flöckchen durchsetzt wurde. Die Inhaber von Wirtschaften, Destillen und Kramläden begannen ebenfalls ihre kleinen Öllampen anzuzünden. Orangefarbene Lichtscheine legten sich dabei quer über die eingeschneiten Straßen. Die dunklen Schatten der Fensterkreuze standen scharfumgrenzt in dieser lichten Umrahmung. Hier und da bewegte sich eine Gestalt in dämmernder Entfernung auf die hellen Flecke zu. Lautlos gingen die Schritte über die weiche Schneedecke, die ein fast bläuliches Aussehen hatte und stetig anwuchs unter dem Niederfallen 81 der traumhaft auf und nieder irrenden Schneesternchen. Der Advent und Sankt Nikolaszauber ging um! – Hinter den gefrorenen Fensterscheiben machten sich fröhliche und doch ängstlich gespannte Kindergesichter bemerkbar. Mit ihrem warmen Atem tauten sie die Eisblumen auf, drückten die Näschen platt gegen die Scheiben, rissen die Augen auf in Erwartung und seliger Hoffnung, den heiligen Mann im Bischofsornat und auf einem sanften Schimmel vorüberreiten zu sehen. Hinter ihrem Rücken knisterte der Kanonenofen, in ihrem Herzen war Freude und Himmelslust, das Gedüft von Lebkuchenmännern, Spekulatius, Nüssen und Äpfeln spielte um ihre Nasenflügel, und von draußen dämmerten die ahnungsvollen Wunderschauer schneeblau und allverheißend in die frommen Kinderseelen und die warmen Stuben hinein. Und wirklich um diese Stunde schirrte Sankt Nikolas sein Rößlein, setzte sich die Papiermitra aufs Haupt, klebte sich den wallenden Flachsbart an und stopfte Packtaschen und Mantelsack mit Äpfeln, Wall- und Haselnüssen derart voll, daß die Nähte zu krachen begannen. Hierauf legte er sein Bischofsornat in schickliche Falten, setzte den Fuß in den Steigbügel und klemmte sich, so gut es gehen mochte, in Sattel und Gurt. Um die Mitra hatte er noch einen Stechpalmzweig gewunden, aus dessen saftigen Lederblättern scharlachrote Beeren hervorglänzten. Stattlich saß er zu Pferd, schnalzte etliche Male mit der Zunge, um schließlich den geduldigen Mietsschimmel durch die verschneiten Straßen zu lenken. Die 82 pausbackigen Kindergesichter waren von den Fenstern verschwunden. Mit dem Glockenschlage fünf machte ich mich auf den Weg zu Grades Mesdag. Inmitten des Marktes kam mir ein mattflimmerndes Laternchen entgegen, in dessen Träger ich den lateinischen Heinrich erkannte. Unsere Mitgenossen hatten sich in Erwartung der kommenden Dinge und von verzehrender Ungeduld geplagt, bereits vor einer Stunde in die Mesdagsche Wohnung begeben. Das Laternchen zog einen Heiligenschein um die hohe Gestalt meines Freundes, dessen Aussehen, trotz des allmächtigen Schals, den er sich vier- bis fünfmal um den Hals gewickelt hatte, einen besonders wichtigen Anstrich auswies. Die Komik, die wie ein ausgelassener Schalksnarr aus dem dicken Halströster und der verfrorenen Nasenspitze hervorschaute, tat dem äußerst gemessenen Wesen meines Freundes keinerlei Abbruch. Im Gegenteil, der Lateiner war in jeder Hinsicht ernsthaft zu nehmen. Nur die Laterne gab zu denken. »Herr Jerum!« fragte ich ihn, »was machst Du hier mit dem leuchtenden Glaskasten? Der Weg zu Grades Mesdag ist auch ohne Laterne zu finden.« »Es ist von wegen der Feierlichkeit,« entgegnete er, »heute ist Sankt Nikolasabend.« Ohne meine Antwort abzuwarten, fuhr er fort: »Bevor wir nun das heilige Fest bei Mesdags begehen, möchte ich Dir kurz erklären, wer der große Kinderfreund überhaupt gewesen ist. Er wurde zu Patara in 83 Kleinasien als ein Sohn begüterter Eltern geboren. Als er nach deren Tode zu einem reichen Erbe gelangte, verwandte er es lediglich zum Troste der Notleidenden. Nun wohnte in damaliger Zeit ein verarmter Edelmann, ich glaube sogar, daß er den Titel ›Baron‹ führen durfte, in nämlicher Stadt. Dieser Baron besaß neben seiner Armut noch zwei liebreizende Töchter. Aber der Satan versuchte ihn und brachte seinen Sinn auf den unseligen Gedanken, die schuldlosen Töchter gegen Entgelt reichen Wüstlingen in die Hände zu spielen.« »Was heißt das?« fragte ich den Erzähler nach einiger Überlegung. »Das besagt die Legende nicht,« fuhr der Lateiner fort, »aber so viel steht fest, daß sie hierdurch ihrem Glauben abtrünnig gemacht werden sollten und, aller Wahrscheinlichkeit nach, das Gott unliebsame Kartenspiel zu erlernen hatten. Da solches dem Heiligen zu Ohren kam, schlich er sich in stiller Nacht an das Haus des verarmten Barons und warf durch ein zerbrochenes Fenster so viel Geld in die Kammer, daß dieser von nun an nicht nur standesgemäß leben, sondern seinen Töchtern auch eine hinlängliche Aussteuer verstatten konnte. Der Heilige wurde zur Belohnung für diese gottwohlgefällige Tat etliche Jahre später Bischof von Myra. Die abendländische Kirche machte ihn außerdem zum Schutzpatron sämtlicher Kinder – und dies ist er bis zum heutigen Tage geblieben. Ex officio! – Von Amts wegen!– Exempla illustrant! – Folgen wir seinem Beispiele nach!« 84 Heinrich hatte gesprochen. Ich mußte ihm recht geben. Schweigend gingen wir weiter. Das Schneegestöber hatte inzwischen vollständig aufgehört. Aus einem Kuchenbäckerladen, den wir passierten, kam ein feiner Geruch von gebrannten Mandeln, Safran und Kardamomen. Große Weck- und Spekulatiusmänner, die eine gaudasche Tonpfeife im Munde hielten, standen verlockend hinter dem hellerleuchteten Schaufenster. Ich blieb stehen, um mir diese Zuckerherrlichkeit mit begehrlichen Blicken näher vor die Sinne zu führen. Der Lateiner aber zog mich beim Zipfel und meinte: »Das sind irdische Dinge. Mit dem Verzehren von Kuchenmännern wird dem großen Heiligen nicht gedient. Im Hinblick auf diesen Schutzpatron sei unser ganzes Denken und Fühlen auf ernste Dinge gerichtet. Komm!« Wir gingen weiter. Als wir am Ravelin vorbeikamen, wo die abgestorbenen Schilfhalme seltsam im Winde wankten und raunten, und die Pappeln große Schneeflocken von den Ästen schüttelten, blieb mein Begleiter stehen, reckte den langen Hals aus seiner warmen Umhüllung und sagte: »Ich habe ihn gesehen und gesprochen.« »Wen?« fragte ich. »Den jungen Heerohme – Wilm Verhage.« »Wann?« »Heute morgen. Er gedenkt die Weihnachtsferien in aller Stille bei seinem Vater zu verleben.« »Wie sieht er denn aus?« 85 »Heilig – und wie ein Jüngling, dessen ganzes Seelenleben sich nur mit seraphischen Theorien beschäftigt. Aber er gedenkt diese Theorien in die Tat zu übersetzen. So sagte wenigstens der Herr Pastor van Bebber, in dessen Begleitung er war. Non scholae, sed vitae discimus. Der junge Heerohme wird sicherlich ein Heros unter den Kaplänen werden, der später treu und vorbildlich seines seelsorgerischen Amtes walten dürfte.« »Und hat er diesen Beruf aus freien Stücken gewählt?« wagte ich schüchtern einzuwerfen. Der Lateiner zuckte die Achseln: »Er wurde ihm von der Vorsehung in den Schoß geworfen. Er ist für diesen Beruf geradezu prädestiniert gewesen, und der liebe Gott hat sich frommer und mildtätiger Menschen als Werkzeug bedient, um die Studien des jungen Verhage möglich zu machen. Was der Himmel bestimmt, dem soll der Mensch sich fügen – und Wilm Verhage hat sich gefügt.« »Es soll ihm aber schwer geworden sein,« gab ich meinem Freunde zu verstehen. »So?« fragte Heinrich mit spitzer Betonung. »Sehr schwer,« wiederholte ich aus vollster Überzeugung. »Wer sagt das?« »Pittje Pittjewitt.« »Ohne Kampf keine Siegespalme,« antwortete der Lateiner. »Im übrigen,« fügte er hinzu, »muß ich Dir bemerken, daß Pittje Pittjewitt leider Gottes liberalen Gesinnungen huldigt. Er trägt einen Zylinder, spielt und 86 kegelt an Sonn- und Feiertagen, richtet sich hinsichtlich seiner politischen Anschauungen nach den Leitartikeln im Niederrheinischen Kreisblatt und wählt antiklerikal. Wenn ich Mitglied des Kirchenvorstandes wäre, sollte ihm das Amt als Leichenbitter entzogen werden. Außerdem tut die Ansicht Pittje Pittjewitts dem Ansehen und der frommen Denkweise Wilm Verhages keinen Abbruch. Der junge Heerohme ist, wie vorhin bemerkt, seraphisch gestimmt, und ich gedenke auf ihn ein Poem zu machen.« Der Lateiner warf sich in die Brust. Er mußte mein Lächeln bemerkt haben, denn mit einem gewissen Vorwurf in der Stimme machte er seinem Unmut Luft. »Warum nicht?« fragte er hastig. »Werden nicht die Taten berühmter Feldherren besungen? So manchem Bannerträger des Antichristen wird ein Poem aufgetischt – und da sollte Wilm Verhage, dem herzlieben Benjamin Gottes, kein Lied vergönnt sein?! – Ich singe das Lied und zwar in der sapphischen Strophe.« Dabei klopfte er auf die linke Brusttasche. »Der Anfang ist fertig. Bona causa triumphat. « »Meinetwegen.« Aus dem Kamin des Mesdagschen Hauses wirbelten vereinzelte Funken wie Glühwürmchen durch die Nacht. Auf dem Herdfeuer mußte ein lustiges Feuer prasseln, und ein verlockender Duft nach frischgebackenen Preßwaffeln drängte sich durch die Spalten der doppelschlägigen Tür. Weiter zur Rechten und jenseits der Landstraße, beim Nachbar von Grades Mesdag, bemerkten wir den 87 Sankt Nikolasschimmel, wie er am Torgatter angebunden stand und betrüblich mit dem Schwanz wackelte. Sein warmer Atem umdampfte ihn wie eine förmliche Nebelhülle. Der Heilige mußte die Schwelle schon betreten haben, denn wir hörten den jugendlichen Ton betender Kinderstimmen deutlich herüberschallen. Dem Schimmel wurde die Zeit zu lang. Traurig wieherte er durch die Schauer des Sankt Nikolasabends. »Wer macht in diesem Jahre den heiligen Mann?« fragte ich den Lateiner, wobei ich den Türklopfer ergriff und ihn verschiedene Male gegen die Planke fallen ließ. »Wahrscheinlich Kerstken van Ringenberg. Aber der ist ein Schuster und hat keine geistlichen Manieren. Die ganze Auffassung seiner heiligen Rolle ist handwerksmäßig und profan. Sie riecht nach dem Pechdraht. Ut desint vires, tamen est laudanda voluntas. Man muß den guten Willen für die Tat nehmen. Aber so viel steht fest, daß ich mit den kommenden Jahren mich mit dieser schwierigen Aufgabe befassen werde. – In mir soll die Legende einen würdigen Vertreter finden. Ich fühle das Zeug in mir,« setzte er flüsternd hinzu, »und gedenke überhaupt als Lebensberuf den geistlichen Stand zu wählen.« Er hatte mit einer unverkennbaren Zuversicht und Festigkeit in der Stimme gesprochen. Ich war wie vor den Kopf geschlagen. Ich faßte den schwerwiegenden Inhalt seiner Worte nicht und fragte noch einmal: »Was willst Du werden, Heinrich?« 88 Den Klopfer hatte ich fahren lassen. Der Lateiner ergriff meine Hand. »Ich habe in der verflossenen Nacht ein Gesicht gehabt – das hat mir den rechten Pfad gewiesen. Ich werde Kaplan.« Dabei schlug er die Augen gen Himmel, wo aus der zerrissenen Nebelhülle vereinzelte Sterne aufblitzten. Die Tür wurde geöffnet. Der fromme Kindersingsang aus dem Nachbarhause verstummte. Wir waren in die wohlig durchkachelte Wohnung von Grades Mesdag getreten. In diesem Augenblick kam uns so ein recht warmer und anheimelnder Waffelgeruch entgegen. Mein Freund ließ bei diesem Gedüft seinen Abscheu gegen irdische Dinge und Genüsse fahren, denn mit einem lukullischen Schnuppern drängte er sich bis inmitten der Küche vor, wo die ganze Gesellschaft bereits um den großen Tisch gruppiert war und Mutter Mesdag in geschäftiger Eile am prasselnden Herdfeuer hantierte. Zwei kleine, rotznäsige Nachbarskinder, die Grades Mesdag seinerzeit aus der Taufe gehoben hatte, gehörten ebenfalls zur stattlichen Tafelrunde. Pittje Pittjewitt und der Bas pafften aus ihren langen Tonpfeifen, während Hannecke mit liebevoller Sorgfalt die beiden Flachsköpfe aus der Nachbarschaft für die kommende Feier zurechtstutzte. Ich suchte einen Blick von dem lieben Mädchen zu erhaschen, aber es schien keine Augen für mich zu haben, eine Erkenntnis, die mich auf das schmerzlichste berührte und quälte. Meine Tischgenossen hingegen liebäugelten nur mit der dampfenden Porzellanschüssel, die inmitten von Punschgläsern und 89 Rumflasche auf der sauber gespreiteten Tafel paradierte, und zu der sich bald darauf die duftenden Preßwaffeln gesellten. Jetzt machte es sich auch Mutter Mesdag bequem in ihrem Sessel. Der Nachtwind orgelte im Kamin, und die groben Buchenscheite knallten und knisterten dazu, daß es eine wahre Lust war. Wie kleine Sprühteufelchen huschten die blitzenden Funken in den Schwalch hinein, wo bereits die Weihnachtsschinken im Rauch hingen. Es war eine große, erwartungsvolle Stille, die sich geltend machte, als Pittje Pittjewitt sich anschickte, das wichtige Amt des Mundschenken in die Hand zu nehmen. Die Blicke aller waren auf ihn gerichtet. Es war eine atemlose Pause, während welcher Pittjewitt die Gläser mit der dampfenden Flüssigkeit anfüllte. Das schöne Vorgefühl des Genießens beherrschte uns, aber auch das Gespenst der Besorgnis und des Zweifels bemächtigte sich unserer Herzen. Wenn die Porzellanschüssel unter der Siedehitze zerspringen würde? – Wenn Pittje die köstliche Flüssigkeit verschütten sollte? – Wenn der Punsch nicht ausreichte? – – – alles Fragen und Betrachtungen, die zum Beispiel dem bänglichen Gesichte Jan Höfkens den Stempel größter Trostlosigkeit und desolater Verfassung aufprägten. Da – jetzt war der brütende Bann von uns gewichen. Pittjewitt hatte seines Amtes gewaltet, die heiße Flüssigkeit dampfte in allen Gläsern, die stahlgrauen Augen von Grades Mesdag verklärten sich, und er war eben im Begriff, den horizontalen Strich mit der Hand über das 90 Ganze zu ziehen, als der Lateiner sich erhob, ein Kaffeelöffelchen ergriff und in feierlicher Weise dreimal damit gegen das Punschglas hämmerte. Pittje Pittjewitt zog dabei ein Gesicht, als wenn er gezwungen würde, die Maultrommel auf Kirmes zu spielen. Der Bas räusperte sich, allein Heinrich ließ sich nicht stören, tinkte noch einmal gegen das Glas und reckte den langen Hals aus seiner Krawatte. In diesem Augenblick war es mir, als ließe sich draußen ein leises Hufgestampfe vernehmen. Dann schnaufte ein Rößlein mit scharfem Atem gegen die Planken der Haustür. Hannecke schien es auch bemerkt zu haben, denn sie zuckte unwillkürlich zusammen, während die übrigen sich nur mit dem Mienenspiel des Lateiners beschäftigten, der, die Knöchel beider Hände auf die Tischplatte gestützt, mit umflorter aber feierlicher Stimme also begann: »Geliebte im Herrn! Schon bei den allerältesten Griechen und später auch bei den Römern wurde der spezifische Trank ihrer Götter mit Nektar, ihr tägliches Brot mit Ambrosia bezeichnet. In den Homerischen Gedichten jedoch wird im allgemeinen zwischen diesen Genußmitteln nicht mehr streng unterschieden. Die berühmte Dichterin Sappho hingegen . . .« »Herein!« Das letzte Wort galt einem vernehmbaren Klopfen an der Tür. Der Bas hatte gerufen. »Um nun von der genannten Dichterin Sappho auf die Punschbowle zu kommen . . .« 91 »Herein!« rief Grades Mesdag noch einmal. Der Redner war sprachlos auf seinen Binsenstuhl gefallen und starrte ins Leere, während die Tür aufging und Sankt Nikolas, mit allen Zeichen seiner Würde angetan, gemessen über die Schwelle trat. Um die hagere, aber nicht unschöne Gestalt des heiligen Mannes legte sich die liturgische Gewandung in wohlgeordneten Falten. Kasel und Alba mochten mit Zustimmung der Geistlichkeit dem kirchlichen Inventar entnommen sein, während die aus vergoldeter Pappe hergestellte Bischofsmütze sicherlich der Kunstfertigkeit des Trägers ihre Entstehung verdankte. Ein langer Flachsbart wallte über die figurale Kasel bis in ihre Mitte, wodurch eine gewisse Unkenntlichkeit des Eingetretenen erzielt wurde, der durch das Verkleben der Augenbrauen mit Watteröllchen noch das Aussehen des Greisenhaften erhalten hatte. In seinen Blicken aber glühte ein verzehrendes Feuer, das über die Anwesenden huschte und in der Nähe des Kamins haften blieb. Dort stand Hannecke Mesdag. Ihre Lippen waren bleich geworden; sie zitterte und mit todestraurigen Augen begegnete sie den Blicken des heiligen Mannes. In schlichter Weise setzte dieser den Zweck seines Kommens auseinander, ermahnte die Kleinen und hieß sie ein Gebetlein sprechen. Obgleich diese Worte mit verstellter Stimme wiedergegeben waren, so zupfte mich der Lateiner 92 dennoch heimlich am Ärmel und meinte: »Das ist Wilm Verhage; ich kenne die Stimme . . .« Jan Höfkens, der mit einer gläubigen Einfalt bei der Sache war, hatte die Ohren gespitzt und sagte: »Das könnte er sein, aber das wäre er nich. Ich kennte doch auch den jungen Verhage.« »Lieber Johannes,« erwiderte ihm der lateinische Heinrich, »Du bist doch nicht etwa des irrigen Glaubens, daß Sankt Nikolas in eigener Person noch unter den Menschen wandelt. Hier liegt eine berechtigte und fromme Täuschung vor und zwar lediglich zum Zweck, eine schöne Legende den Kindern ans Herz zu legen. Du verstehst mich doch, lieber Johannes?« »Ach, wo!« versetzte Jan, »was ich meine, das täte ich meinen, denn man könnte immer nich wissen, wie die Geschichte zusammenhakt.« »Dann glaube,« sagte der lateinische Heinrich. Sankt Nikolas hatte inzwischen seine Ansprache vollendet. Die beiden Flachsköpfe knieten zu seinen Füßen. Jetzt breitete er wie segnend seine Hände über alle aus. »Amen!« rief der Lateiner durch die feierliche Stille. Er hatte aus tiefster Seele gesprochen. Gleichzeitig ließ der Heilige einen wahren Hagel von Lambertusnüssen durch die Küche rasseln. Spekulatiusmänner und Äpfel folgten in kunterbuntem Wechsel, so daß wir nicht Hände und Taschen genug hatten, die geworfenen Schätze zu bergen. Es war eitel Freude und Lustbarkeit unter dem Dache von Grades Mesdag. Nur 93 Hannecke rührte sich nicht von der Stelle. Die Arme hingen ihr schlaff herunter. Ein gramvolles Lächeln glitt über ihr Antlitz, und wie geistesabwesend stierte sie vor sich hin. Ich stand nicht weit von ihr und glaubte die Worte von ihrem Munde zu hören: »Wäre es denn so schwer für ihn gewesen? – aber er hat es ja nicht einmal versucht.« Ich konnte mich getäuscht haben, aber so etwa klang es von ihren Lippen. Sankt Nikolas hatte seine Mission beendet. Als er sich zum Gehen wandte, räusperte sich Pittje Pittjewitt, klopfte ans Glas, brachte seinen Siegelring in die rechte Beleuchtung und gab in heiteren Worten zu verstehen, daß er den huldvollen Gabenspender im Auftrage der Familie Mesdag zu frischgebackenen Preßwaffeln und einem Glase Punsch invitiere. Die Waffeln seien gut, und auch für einen himmlischen Magen wäre ein Glas Punsch keine schlechte Sache. Er, Pittje Pittjewitt, mahne dringend dazu, den löblichen und wohlgemeinten Vorschlag in Erwägung zu ziehen. Mein Freund wollte über diese plumpe Vertraulichkeit vom Stengel fallen. Er hielt diese ganze Einladung für eine Profanierung der schönen Legende und stand schon im Begriff, eine weitschweifige und gelehrte Kontroverse in die Wege zu leiten, als Sankt Nikolas selbst in die Situation eingriff, aus gewichtigen Gründen dankend ablehnte und darum bat, statt seiner die Wohltat der Preßwaffeln und des Punsches dem jungen Verhage zu 94 gute kommen zu lassen. Auch sei er bereit, in eigener Person hiervon dem angehenden Heerohme Kenntnis zu geben – ein Vorschlag, der allseitigen Beifall fand. Selbst der Lateiner schien hiermit zufrieden. Jan Höfkens strahlte. Triumphierend wandte er sich an seinen Meinungsgegner und drehte seine Frage so recht mit einem herausfordernden Tone aus der Nase: »Wer täte nu recht haben? Ich könnte an den wirklichen Sinter Klaas glauben – und das täte ich auch.« »Glaube,« sagte der Lateiner mit einer überlegenen Miene, die von Mitleid triefte. »Wenn Einfalt weh täte, dann schriest Du den lieben langen Tag, guter Johannes. Tristissime! « Jan Höfkens verstand die bissige Anspielung nicht. Ein blödes Lächeln stand auf seinen gutmütigen Zügen. Der heilige Mann hatte sich verabschiedet. Noch einmal flimmerte die Pappdeckelmitra zwischen Tür und Angel, dann war Sinter Klaas unsichtbar geworden – und wie seltsam! – Mit ihm hatte auch Hannecke Mesdag still und ohne Aufhebens die Küche verlassen. Punsch und Waffeln traten jetzt ausschließlich in ihre Rechte. Immer lauter und eindringlicher knatterten die Buchenkloben im Kamin, der siedende Wasserkessel fauchte über dem Feuer und verständigte sich mit den Heimchen, deren Gezirp wie mit näselnder Stimme das Geräusch des brodelnden Wassers begleitete. »Zirp, zirp, zirp!« klang es vertraulich und anheimelnd hinter dem Herde vor, während der Kessel immer lauter sang, und 95 die kleinen und großen Gäste hinter der Tafel es sich wohl sein ließen wie die Finken im Hanfsamen. Pittje Pittjewitt hatte die Beine übereinander geschlagen, blies höchst nachdenklich blaue Kringel gegen die Decke und war gerade dabei, ein politisches Gespräch in die Wege zu leiten, als es von draußen laut und zu verschiedenen Malen gegen die Fensterscheiben klopfte. Zu meinem nicht geringen Erstaunen bemerkte ich meinen prächtigen Schwarzrock, die Dohle, die possierlich auf dem verschneiten Sims hin und her trippelte. »Gottdomie!« machte Pittjewitt, »wie so 'ne Kreatur den Menschen erschrecken kann.« »Aber pfiffig ist sie,« setzte der Bas hinzu, »und hat Grütze im Kopf.« »Meine Erziehung,« konstatierte der Lateiner mit sichtlicher Genugtuung. »Ich war, leider Gottes, der Dumme, und habe den gelehrigen Vogel gegen den kläglichen Wert eines Kastemännchens verhandelt.« »Und das war alles für einen solchen Vogel?« fragte Pittje Pittjewitt. »Alles,« sagte der frühere Dohlenbesitzer. Eine weinerliche und etwas erkünstelte Ergebenheit lag in der Betonung dieses Wortes. Das ärgerte mich. »Heinrich, denke an die Leporellorolle,« warf ich dazwischen. Der Lateiner schwieg. 96 »Was ist das mit der Leporellorolle?« fragte Pittje Pittjewitt, rückte mit dem Stuhl näher heran und schien die Antwort von den Lippen meines Freundes fortnehmen zu wollen. Jetzt schossen die Rüben des Lateiners ins Kraut, jetzt war der Zeitpunkt gekommen, wo er loslegen konnte; seine Augen nahmen einen verklärten Glanz an, der darauf schließen ließ, daß er gewillt sei, einen langen Vortrag über den sittlichen und erzieherischen Wert von dramatischen Spielen zu halten. Diese Gelegenheit benutzte ich, mich unbemerkt aus der Türe zu stehlen. Draußen war eine dämmerige Schneehelle ausgebreitet. Kein lebendes Wesen ließ sich sehen; nur die Dohle kam geflattert, setzte sich auf meine Schulter und drückte ihr schwarzes Gefieder an meine linke Gesichtshälfte. Schon öfters hatte der Schwarzrock solche abendliche Streifereien auf eigene Faust unternommen, aber diese Treue und Anhänglichkeit, die er heute bekundet hatte, rührte mich derart, daß ich ihm den Kopf kraute und einen herzhaften Kuß auf seine Schnabelwurzel verabfolgte. So standen wir beide und sahen in den Abend hinaus. Es regte sich nichts in weiter Runde. Nur die Pappeln am Ravelin bewegten sich unmerklich im Winde und vermehrten durch ihr monotones Gesäusel die Schauer der Adventnacht. Der Mond huschte durch flatternd Gewölk und weckte zeitweilig eine kalte, blendende Helle – und da war es mir . . . 97 Aber wer sprach da? Ich wandte mich. Keiner hatte gesprochen. Ich mußte mich getäuscht haben – und dennoch hatte ich deutlich Stimmen vernommen. »Ist jemand da?« fragte ich leise und schüchtern. Keine Antwort. Also war es doch eine Täuschung gewesen. »Der Punsch macht erfinderisch und weckt allerlei Dinge, die mit der Wirklichkeit in einem krassen Widerspruch stehen,« suchte ich mich zu trösten, denn die weiche und klagende Stimme, die ich zu hören vermeinte, war geradezu beunruhigend für meine Gemütsverfassung geworden. Jetzt bemerkte ich erst einen scharfen Lichtbalken, der sich etliche Schritte vor mir über die bläuliche Schneefläche gelegt hatte. Wie mit der Schere abgeschnitten, teilte er den kleinen Garten in zwei gleiche Hälften, und erst jenseits desselben löste er sich in ein unbestimmtes Licht auf, das den niedrigen Giebel des Nachbarhauses mit einer kranken Farbe umspielte. Dieser vereinzelte Strahl zog mich wie mit einer magnetischen Kraft an. Er kam aus dem Schlafzimmer der Mesdagschen Eheleute, wo die schmalen Blenden des einen Fensters nur angelehnt waren. Beängstigend knirschte der Schnee unter meinen Füßen, als ich näher trat. Jetzt blieb ich stehen. Ich hörte mein Herz pochen und vernahm deutlich den schweren und langsamen Gang der plumpen Standuhr, 98 die gerade dem Fenster gegenüber tickte und tackte. Das Licht, das in dem kleinen Zimmer brannte, war hell genug, alle Gegenstände erkennen zu lassen. »Gehe von hinnen,« sagte mir eine innere Stimme, als ich in den Bereich der nur angelehnten Fensterladen getreten war. Aber ich schlug diese Mahnung in den Wind. Ich fühlte, daß sich in meiner Nähe etwas begeben sollte, das geeignet sei, auf den ferneren Lebensgang des schönen Mädchens in höchst bedrohlicher Weise einzugreifen. Und so war es auch. Ich schien das Atmen zu vergessen, als ich den jungen Wilm Verhage bemerkte, der hochaufgerichtet in der Mitte des Zimmers stand. Bart und Augenbrauen waren abgelegt, und auch von der bischöflichen Gewandung hatte er sich befreit. Hannecke mochte ihm beim Auskleiden behilflich gewesen sein. Wohlgeordnet lagen die verschiedenen Gegenstände auf dem hochaufgeschichteten Federbett der Mesdagschen Eheleute. Der angehende Heerohme stand mit untergeschlagenen Armen dem verschüchterten Mädchen gegenüber. Hannecke war so weit wie möglich von ihm gerückt und schmiegte sich ängstlich in die äußerste Ecke des Zimmers. Mit beiden Händen hielt sie ihr Antlitz bedeckt. Wilm Verhage trat einige Schritte näher. Sein Angesicht war totenbleich, und die Leidenschaft hatte tiefe Spuren dort eingerissen. Ruhig und abgemessen tackte die hohe Wanduhr herüber. Es war alles so deutlich in der kalten Winternacht. Wenn die da drinnen wieder sprechen sollten, so mußte 99 ich jedes Wort verstehen. Weiter zur Rechten hörte ich das helle Lachen von Pittje Pittjewitt und das Klingen von Punschgläsern. Der Lateiner mußte irgend welche ungeheuerliche Husarenbehauptung seiner dramaturgischen Rede verflochten haben, sonst wäre das ausgelassene Verhalten Pittje Pittjewitts nicht erklärlich gewesen. Jetzt mischte sich der Bas mit seiner sonoren Stimme ein, um scheinbar die aus dem Leim gegangene Auseinandersetzung wieder in ihre richtige Verfassung zu bringen. Es schien ihm auch gelungen zu sein, denn gleich darauf hörte ich, wie der Lateiner sein Thema wieder aufgenommen hatte und mit pastoraler Würde und Betonung weiterdozierte. Über dem Antlitz von Wilm Verhage lag eine eherne Ruhe gebreitet. Es war eine Ruhe, die erschütterte und die ihm die Faust des Schicksals unerbittlich auf die Stirn gedrückt hatte. Als Knabe hatte er fröhlich in die schöne Gotteswelt hineingeschaut. Damals lag sie vor ihm in sonniger Frühlingspracht – und jetzt? Trübe Wolken jagten vorüber, und der Sturm schlug ihm ins Gesicht. Eine starre Gewalt hatte sich auf seinen Nacken gelegt – und ob er wollte oder nicht, er mußte sich beugen. Und er beugte sich – und da er sich beugte, fühlte er, daß ihm die Sonne des Lebens verloren war. Ihm blühte nicht mehr der Zauber der Weihnacht; die starre Ordnung im Seminar unterdrückte jede Regung, die menschlich in seiner Seele zu keimen begann. Sie wurde zertreten wie die Liebe zum Weibe – aber ob diese gestorben war . . .?! 100 Wilm Verhage reckte sich auf. Hannecke hatte ihre Hände von dem Antlitz genommen. Langsam, fast mit geschlossenen Füßen, kam sie ihm entgegen. Er breitete die Arme, und da solches geschehen war, verharrte sie mechanisch auf derselben Stelle. Sie schien wie aus tiefen Gedanken aufgestört zu sein; dann brach sie in ein krampfhaftes Schluchzen aus. Der Seminarist ergriff ihre Hände und drückte sie nieder. »Du hast mir doch früher gesagt, daß Du mich liebtest – und jetzt scheinst Du einen Widerwillen gegen mich zu haben. Antworte!« Er hatte mit abgerissenen Lauten gesprochen. Seine Stimme klang rauh und tönern. »Antworte!« wiederholte Wilm Verhage noch einmal. »Das war früher so,« entgegnete ihm Hannecke Mesdag. »Und jetzt?« Mit weiten Augen stierte Hannecke ins Licht. Ein gramvolles Lächeln spielte um ihren Mund. Dann schüttelte sie verneinend den Kopf. »Jetzt nicht mehr.« »Nicht?« »Nein.« Eine große Pause entstand. Das Gesicht von Hannecke Mesdag schimmerte totenfahl. Wilm Verhage beugte sich vor. Der ganze Mensch bebte. 101 »Warum das?« »Quäle mich nicht.« »Warum das?« Die Worte des jungen Heerohme hatten einen geradezu gebieterischen Ton angenommen. »Weil Du keine Gewalt mehr über Dich hast . . .« »Du . . .!« kam es langgedehnt und stöhnend aus der Kehle des jungen Verhage. Seine Blicke bohrten sich tief in die ihren. Seine Hände umklammerten ihre Gelenke wie mit eisernen Ringen. »Laß mich,« stöhnte Hannecke Mesdag. »Du hast Deine Liebe und Dein zukünftiges Dasein der Kirche gegeben . . .« Sie sah ihn traurig, mitleiderregend an, und an sein Ohr schlug es wie Todesröcheln. Er taumelte zurück. »Das weiß ich – und ich weiß auch, daß ich krank war, und daß ich es heute noch bin. Aber wir beide leben – Du und ich, und an Deinen Lippen will ich genesen. Seit gestern weiß ich, daß ich bei Dir nur gesunden kann.« Er bewegte sich nicht. Er stand wie eine Bildsäule. Dann trat er einen Schritt vor, und mit verzehrender Inbrunst schlang er seine Arme um Hannecke Mesdag. Ein Dehnen und Biegen durchzuckte ihren jungen Leib. Sie suchte sich seiner stürmischen Kraft zu entwinden, sie schluchzte in herzzerreißenden Lauten, aber ihr Wille erlahmte unter der verzweifelten Liebe des Mannes, der die 102 Einsicht vergessen hatte. Wütend preßte er sie an sich, und sein Kuß flammte auf ihren Lippen – und die arme Seele klammerte sich an ihn, sie zitterte und wollte ihn nicht mehr von sich lassen. Ihre Augen wurden größer und begannen zu leuchten – dann küßte sie ihn. So küßt ein Kind und doch ein Wesen, das da opfern will auf dem Altar der Liebe und des Begehrens. Unruhig und in nervöser Hast fuhr seine weiße Hand über ihre gescheitelten Haare. Dann wurde nur noch in heißen Flüsterlauten gesprochen. Aber diese Flüsterlaute verstärkten sich, bis Hannecke einen unterdrückten Schrei ausstieß und die Arme krampfhaft von sich streckte. Ihre Überlegung war zurückgekehrt. Die kalte, rauhe Wirklichkeit rüttelte sie unbarmherzig aus ihrer schönen Traumwelt. Mit toten Augen sah sie in das bleiche Gesicht von Wilm Verhage. In seiner ganzen Unheimlichkeit und doch wie ein höheres Wesen stand er vor ihr. Jetzt umklammerte sie seinen Arm. »Was haben wir getan, Wilm?!« Er griff sich mit beiden Händen an die Schläfen und preßte sie heftig. Das Bewußtsein seines Fehles schien ihn niederdrücken zu wollen. »Das ist nun geschehen,« sagte Hannecke Mesdag, »aber nie mehr darf das geschehen. – Es muß aus sein zwischen uns. – Nie mehr, Wilm! – Nie mehr!« 103 Der Seminarist bewegte die Lippen. »Ich bin Deiner nicht würdig,« stöhnte er. »Ich hatte mich vergessen. – Ja, es muß aus sein zwischen uns. – Du hast recht, Hannecke – ich muß in die Zwangsjacke zurück.« »Der Herr vergebe uns unsere Schuld,« sagte Hannecke. »Nie mehr.« »Nie mehr,« kam es aus seinem Munde zurück. Mit der Rechten strich er über die Stirne, als wollte er das Erinnern aus seinem Gedächtnis tilgen. Er kämpfte lange mit sich. Hanneckes Worte hatten ihn aus seinem Fieberwahn gerissen. Er schien sich wiedergefunden zu haben. Er nahm ihre Hand. »Mein Gott, mein Gott!« schluchzte Hannecke Mesdag. Wilm Verhage reckte sich auf, starr, fest und groß, als sei er gewillt, hierdurch zu bekunden, daß er mit dem Geschehenen abgeschlossen habe. Er hatte entsagen gelernt. Die Flamme war niedergebrannt, mit Gewalt zum Verlöschen gebracht, allein unter der Asche glutete noch ein unheimlicher Funke. – Wilm Verhage, zertritt ihn mit Deinem Schuh! – Er tat es nicht. »Komm,« sagte er mit kräftiger Stimme. Sie folgte ihm willenlos aus dem Gemach. Das Licht verlosch. – Ich hörte die Türe schlagen. Jetzt hatten die beiden den Hausflur betreten. Ich folgte ihnen mit todwundem Herzen, um mich zu den übrigen zu gesellen. Als sie über die Schwelle zur Küche traten, 104 hatte der Lateiner gerade seine dramaturgische Auseinandersetzung beendet und schloß mit den Worten: »Und somit wurde ich denn auserlesen, vor einem später zu ladenden Publikum die nicht allein schwierige, sondern auch äußerst wichtige Rolle des Leporello neu zu beleben. Daß mir solches gelingen möge – das walte Gott.« »Brav so!« sagte der Bas, dann klinkte er mit dem Lateiner an. Blaue Wölkchen durchkreiselten den Küchenraum. Die Heimchen zirpten, und der Wasserkessel brummte und erzählte so heiter wie vorher. »Hier ist Wilm Verhage!« rief Hannecke Mesdag über die Tafelrunde. Ich stand hinter ihnen, aber sie sahen mich nicht. Die beiden wurden mit hellem Jubel empfangen. Ich stand zwischen Tür und Angel und stierte in das flimmernde Licht der Küchenlampe hinein, aber ich getraute mich nicht, zu den übrigen zu treten. Leise fiel die Tür zu. Ich war mit meinem Kummer und meinen trüben Gedanken allein. »Wo ist Jupp?« hörte ich Pittje Pittjewitt fragen. Keiner wollte mich gesehen haben. Jetzt hörte ich das Scharren eines Stuhles. Scheinbar wollte Pittje Pittjewitt mich suchen. – Da faßte ich meine Dohle unter den Arm und floh mit ihr in die Nacht hinaus; in der Gesellschaft von Hannecke Mesdag und dem jungen Heerohme zu bleiben, wäre mir unerträglich gewesen. 105 Wie eine große Leuchte hing der Mond zwischen den Wolken. Die hohen Pappeln am Ravelin wiegten sich leise im Wind. Das trockene Schilf raschelte und raunte, und das erstarrte Wasser krachte im Frost. Das Bild des Mondes stand tief im Spiegel des Eises und zwar inmitten der Fläche, wo der Wind die Schneedecke fortgetrieben hatte. Zuweilen lief ein langanhaltendes Stöhnen unter dem Eis her. Es klang wie der halberstorbene Hilferuf eines Ertrinkenden. Es war mir so, als wenn der junge Verhage gerufen hätte. Ein schweres Bedenken stieg in mir auf, da ich den traurigen Tönen, die unter der gefrorenen Decke herliefen, mit regem Geiste nachhing und sie verfolgte. War es ein Unrecht, daß ich zum Mitwisser des Geheimnisses geworden war, das zwischen den beiden unglücklichen Menschen obwaltete? »Nein,« sagte mir eine innere Stimme. Sie beruhigte mich, und sie konnte und durfte es auch, denn ich fühlte, daß es ein großes und heiliges Mitleid war, das meine Seele bewegte. Das dumpfe Klagen unter dem Eise verstummte. Ein nächtiger Vogel wankte weichen und schwankenden Fluges über die starre Fläche hin. In den verschneiten Pappelästen verschwand er. Es war wieder leblos und totenstill um mich. Ruhig saß die Dohle auf meiner Schulter. Mich fröstelte. 106 Am Hause von Grades Mesdag wurde die Tür geräuschvoll geöffnet. Dann wurde laut und zu wiederholten Malen nach mir gerufen. Ich kannte den Rufer. Es war Pittje Pittjewitt. Ich gab keine Antwort und eilte der Stadt zu. Für mich war Sankt Nikolasabend gewesen. 107 VII Die Proben beginnen Die Flamme war niedergebrannt, mit Gewalt zum Verlöschen gebracht, allein unter der Asche glutete noch ein unheimlicher Funke. Wilm Verhage – Du bist bestimmt, übers Jahr die Würde des Priesters zu tragen! – Das Verhängnis hat Dich hierzu ausersehen. – Du bist ein Gezeichneter! – Wilm Verhage zertritt diesen glutenden Funken mit Deinem Schuh! – Es ist besser so, besser für Dich und Hannecke Mesdag. Aber Wilm Verhage fachte den Funken – er zertrat ihn nicht. – – – Schon während der verflossenen Ostervakanz war es ihm wie Schuppen von den Augen gefallen. Schon damals bedrängte ein unbestimmtes Sehnen und Fühlen sein Herz. Unwiderstehlich zog es ihn in den Bannkreis von Hannecke Mesdag, während der Flieder schwellte und der Obstbaum sich anschickte, seine saftigen Knospen zu brechen. Alles lockte und liebte um ihn. Die ganze Natur bereitete sich geheimnisvoll auf den süßen Rausch des Genießens vor; auch die kleinsten Halme streckten sich sehnend aus, und die Lerche stieg jubelnd in den Himmel hinein. Und 108 er? – Mit dem ganzen Ungestüm seines verlangenden Geistes suchte er das heiße, pulsende Leben in sich aufzunehmen, und dennoch fehlte ihm auch damals der Mut, die letzten Konsequenzen zu ziehen. Fröstelnd war er ins Seminar zurückgekehrt. Mit unersättlicher Gier versenkte er sich in die Tiefen der Mystik und suchte Trost und Heil in den Schriften des heiligen Franz von Assisi. Dann waren die jetzigen Vakanzen gekommen, und wieder war ihm der Versucher erschienen, der ihm gebot, die hemmenden Fesseln abzustreifen und in das goldene Sonnenlicht einer hoffnungsfreudigen Zukunft unterzutauchen. Mit dem ganzen Aufgebot seiner Willenskraft hatte er den Versucher niedergeschlagen. Er glaubte ihn niedergeschlagen zu haben, und eine siegesfrohe Zerknirschung war über ihn gekommen. Und dennoch, die Kraft seines Wesens war gebrochen, der Keil der Zwiespältigkeit hatte sich dazwischen getrieben, und, er mochte es sich selber eingestehen oder nicht, unter der zusammengefallenen Asche der Leidenschaft lauerte noch immer der verräterische Funke, gewillt und bereit, bei nächster Gelegenheit sich in eine verzehrende Flamme zu wandeln. Warum aber warf Wilm Verhage die verhaßte Galeerenkugel nicht von sich, die quälende Kette, die unsichtbar, dafür aber um so schmerzlicher und schneidender seine Fußgelenke umspannte; warum sprang er nicht hinein in das lachende Leben, in die Arme des lieben Mädchens, die sich ihm sicher geöffnet hätten, wäre er Mannes genug gewesen, den stürmischen Folgen herzhaft ins Auge zu sehen?! – Vorderhand trug er erst die Tonsur und die 109 Soutane der Seminaristen – sie verpflichteten zu nichts. Noch hatte er nicht die höheren Weihen empfangen, noch war er nicht der Gewalt der Kirche verfallen, noch hätte er sagen können: »Hier bin ich, gebt mir meine Freiheit wieder, ich kann nicht anders – Gott helfe mir, Amen!« – und doch, wie er auch knirschen und sich im Geiste aufbäumen mochte, die Macht der obwaltenden Umstände war derart, daß sie ihm die Kehle verschnürte, die Willenskraft lähmte und ihn zwang, den Leidenskelch des ihm aufgezwungenen Berufes bis zur bitteren Hefe zu kosten. Wie sollte es auch anders sein?! Es war eben sein Los und seine Bestimmung. – Wilm Verhage war in engen und drückenden Verhältnissen aufgewachsen, und er mußte schon froh sein, daß frömmelnde Menschen ihm ein Stückchen Krafterde hinschoben, damit die Wurzelfäserchen seines Geistes sich irgendwo anzuklammern vermochten. Er ergriff dieses Stückchen Erde mit Gier, und er wurzelte darauf, ohne sich zu fragen und klar zu machen, welches brutale Äquivalent sich mit dieser Vergünstigung, mit dieser Guttat mildherziger, aber beschränkter Seelen verknüpfte. Er durchlief das Gymnasial-Alumnat einer benachbarten Provinzialstadt unter den herkömmlichen Formen und Gewohnheiten. Die Wände wurden ihm zu eng. Die Lebenssonne, das allbefreiende Licht der Erkenntnis, fehlte ihm in diesem Institut, das speziell nur solche Zöglinge aufnahm, die sich bereit erklärt hatten, nach bestandenem Maturitätsexamen ihre fernere Bildung aus dem Dogma der Kirchenlehrer zu schöpfen. 110 Wie oft hatte er sich hier zwischen den kahlen Wänden und auf den harten Bänken demütigen müssen, wie oft mußte er sich verleugnen und zu Kreuze kriechen, um die spärlichen Brosamen nicht zu verlieren, die man ihm gläubigen Herzens bewilligt hatte, allein, er biß die Zähne zusammen und beugte den Nacken. So gingen Jahre um Jahre – und Wilm Verhage hatte das Seminar in Münster bezogen. Sein Vater schwelgte in heiligen Zukunftsplänen, und die Reitertrompete schickte an diesem Tage einen feierlichen Choral über die roten Ziegeldächer der Stadt hin. Trotz seiner bitteren Armut war Jakob Verhage durch dieses Ereignis der reichste Mann der ganzen Gegend geworden. In damaliger Zeit besaß der junge Seminarist noch kein tieferes Interesse für Hannecke Mesdag. Das änderte sich im Laufe der Jahre, allein der zum Cölibat Verurteilte war seiner eigenen Machtsphäre entwachsen. Stück um Stück von Kraft und Willen bröckelten ab unter der konsequenten Strenge der geistlichen Oberen. Zwar packte ihn zuweilen ein wahrer Heißhunger nach bunten und süßen Lebensreizen, allein diese Stimmungen und Neigungen verflüchtigten sich wieder unter dem Druck der Verhältnisse. Wilm Verhage kämpfte einen ständigen Kampf, aber ihm fehlten zurzeit noch die kräftigen Ellenbogen, sich Platz für seine innere Neigung zu schaffen und sich dem heißersehnten Leben wiederzugeben. Außerdem war er seinen Wohltätern verpflichtet, und ferner, wäre er in diesem Punkte wortbrüchig geworden, er hätte die Bretter zum Sarge seines Vaters geschnitten 111 – das wußte er, und so schwankte denn seine unglückliche Natur zwischen Willensstärke und Schwäche, die sich nicht dazu aufraffen konnte, einen bestimmten Entschluß zu fassen. Er unterdrückte die Flamme, um sie alsbald wieder anzufachen, er löschte die Glut, ohne den letzten Funken zu tilgen. Wilm Verhage, zertritt ihn mit Deinem Schuh! – aber er tat es nicht. – Der Sankt Nikolasabend war längst vorübergegangen. In stiller Zurückgezogenheit verlebte der junge Heerohme die Weihnachtsferien bei seinem Vater im Altmännerhaus. So viel wie eben angängig, vermied er den Verkehr im Mesdagschen Hause. Ziellos und in sich gekehrt irrte er häufig über die verschneiten Felder der nächsten Umgebung. Er sprach laut mit sich selbst und gab sein entblößtes Haupt auf diesen Spaziergängen den eisigen Winden preis. Je schärfer es pfiff, um so lieber schien es dem einsamen Menschen zu sein. Dabei flatterte seine Soutane wie Fledermausflügel über die weiße Schneedecke einher. Die hohe Gestalt fühlte nicht den Antast des Wetters. Waren die Stürme in der Seele des stillen Mannes vorüber? Grenzenlos nüchtern und kahl schien das Leben vor seinen Blicken zu liegen. Immer dasselbe mechanische Wesen, immer dieselbe Kälte, Ruhe und Teilnahmlosigkeit. Sein Blut war tot, und die dürren Blätter der Resignationsphilosophie raschelten um die Stirn des einsamen Wallers. Die Leute mieden ihn, und diejenigen, die Mitleid mit ihm fühlten und ihn ansprachen, erhielten keine Antwort. 112 Da ließen auch diese den jungen Sonderling seines Weges gehen. Selbst Pittje Pittjewitt, der sonst große Stücke auf Wilm Verhage gehalten hatte, schüttelte den Kopf und gab ihn für das bürgerliche Leben verloren. Aber allen fehlte die Erkenntnis dessen, was die Seele des angehenden Geistlichen bewegte. Keiner wußte es, niemand ahnte es – ein mystisches Dunkel legte sich um die Erscheinung des jungen Verhage, das nur vier Augen zu durchdringen vermochten, und zwar die von Hannecke Mesdag und mir, aber wir schwiegen, und ich persönlich achtete so recht aus tiefster Seele die lähmende Gewalt, die sich des Ärmsten in bedrohlicher Weise bemächtigt hatte. Unter Flüstern und Heimlichtun waren die Tage der Weihnacht gekommen. Auf dem Monreberg wurden die jungen Fichten geschlagen, und die Axt rief vom frühen Morgen bis zum späten Abend über die sanften und verschneiten Höhen des bewaldeten Rückens, der die kleine Stadt halbmondförmig umkreiste. Bei uns zu Hause wurde auch für die Weihnacht gerüstet. Heinrich Hübbers hatte zu diesem Zwecke seine warme Otterfellmütze über die Ohren gestülpt und war zu Wald gegangen. Abends kehrte er mit einer jungen Fichte zurück. Sein verstoppeltes Gesicht war von der Kälte gerötet wie das Röcklein einer überreifen Hagebutte. Als er mit dem Bäumchen den langen Korridor meines elterlichen Hauses passierte, hörte ich ihn den alten Weihnachtssang leise pfeifen: 113 »Als ich bei meinen Schafen wacht', Ein Engel mir gut Zeitung bracht', Des bin ich fröhlich – oh, oh, oh. – Dann war der lichterklare Abend gekommen. Im Fichtengrün glänzte der Stern von Bethlehem, mein Vater war gut und lieb wie immer, und meine Mutter schloß mich zärtlich in ihre Arme. Feierlich hallten die Glocken über die Erde, und als ich mit meinem Freunde die Frühmesse besuchte, sang der das › Gloria in excelsis Deo! ‹ mit so wundervoller Betonung und Inbrunst, daß mir weich und weh ums Herz wurde. Dicht neben uns kniete der junge Verhage. Er hatte die Hände gefaltet, und ich bemerkte, wie er die Fingernägel tief ins Fleisch drückte. – Am Tage der heiligen drei Könige flammte zum letzten Male der Weihnachtsbaum auf. Dann kam Heinrich Hübbers, trug ihn hinaus und zerhackte das Stämmchen, daß die Späne flogen. Der Stern von Bethlehem wanderte in die Pappschachtel zurück, und mit dem Verschwinden desselben wurde der junge Heerohme auch zum letzten Male auf den verschneiten Feldern gesehen. Er war ins Seminar nach Münster zurückgekehrt. Hannecke Mesdag weinte ihm bittere Tränen nach. Bald darauf war das alltägliche Leben wieder in seine Rechte getreten. – – – Für uns aber stieg eine selige und goldige Zeit herauf. Wilm Verhage wurde vergessen, und die Vorbereitungen und Proben für die Komödie begannen. 114 Während der Freistunden wurde mit einer fieberhaften Tätigkeit gearbeitet. Kein Verschlag blieb ungeöffnet, in allen Schränken und Truhen suchte das spähende Auge; Flitterkram und bunte Fetzen mußten herhalten, um unter der flinken Nadel von Hannecke Mesdag verarbeitet zu werden, und selbst das weiße Kaninchen vom langen Dores verfiel den Brettern, welche die Welt bedeuten. Dem ingeniösen Einfall des Lateiners war es zu danken, daß auch die rosaroten Ohren bei der Kostümfrage in würdiger Art herangezogen wurden. Sie dienten als Quasten, und als ich eines Tages im Mesdagschen Hause vorsprach, um mich über den Fortgang der Arbeit zu überzeugen, baumelten sie gemeinsam mit der schneeweißen Karnickelblume auf dem himmelblauen Kleide der Donna Elvira. – Mimen und Komparsen hasteten geschäftig durcheinander, um die Vorbereitungen zu einem gedeihlichen Abschluß zu bringen. Der hannöversche Füsiliersäbel, dem auch die kühnste Phantasie keine Ähnlichkeit mit einem spanischen Galanteriedegen anzudichten vermochte, und der dennoch bestimmt war, das Wehrgehänge Don Juans zu schmücken, wurde von der Rumpelkammer geholt, eingeölt und mit Aufbietung aller Kräfte derartig geschmirgelt, daß selbst Pittje Pittjewitt mit seinem Lobe nicht kargte und gegen ihn die blanke Schneide eines Solinger Rasiermessers für eine verrostete Klinge erklärte. Dieses unbedingte Lob mußte uns zu Kopf steigen. Wir betrachteten das ganze Theaterunternehmen schon als eine gewonnene Sache. Franz Dewers hämmerte im Schweiße seines 115 Angesichtes schmale Latten und Bretterstücke als Rahmen für Kulissen und Soffiten zusammen, Jan Höfkens beklebte sie mit Tapetenresten, die unbedruckte Seite nach oben, und ich stand mit Pinsel und Leimfarbentopf auf der Leiter und malte Luft, Wasser, Wald und Interieurs, je nach Bedarf, und setzte dabei die Lichtdruckser mit einer solchen Virtuosität auf die Tapete, daß der lateinische Heinrich geraume Zeit zu Rate ging und darüber nachgrübelte, ob er mich für einen zweiten Zeuxis oder einen wiedererstandenen Parrhasios ansprechen sollte. Zur gewissenhaften Beurteilung der Sachlage stellte er sich mit gespreizten Beinen vor die bemalte Kulisse, legte den Kopf auf die Seite, kniff das linke Auge ein und blinzelte mit dem rechten durch die vorgeschobene Hand, der er mit einem gewissen Kennerinstinkt die Form einer Rolle gegeben hatte. Er stand in schwerer Erwägung. Am dritten Tage legte er los. »In Anbetracht der täuschenden Naturwahrheit, die verblüffend aus dem Rahmen schaut,« also begann er, »in Anbetracht ferner, daß die Behandlung der Farben im allgemeinen und die der Lichteffekte im speziellen eine geradezu meisterhafte genannt werden muß, will ich Dir mein gefundenes Urteil nicht länger vorenthalten.« Gravitätisch trat er auf mich zu. Ich war gerade damit beschäftigt, eine neue Tapete mit einem fast unmöglichen Farbenrausch zu traktieren, als er mir geheimnisvoll einige Worte ins Ohr flüsterte. Dann schwieg er. Der Lateiner hatte sich für Zeuxis aus Herakleia entschieden. – 116 Nach weiteren vierzehn Tagen konnte mit dem Aufschlagen der Bühne begonnen werden. In einem Alkoven meines elterlichen Hauses. der mit einem geräumigen Wohnzimmer in Verbindung stand, wurde unter Zuhilfenahme des gefälligen Schreinermeisters Henseler das Schaugerüst nach allen Regeln der Kunst aufgestellt und zusammengezimmert. Alsbald prunkten auch Soffiten, Kulissen und Versatzstücke hinter dem Vorhang, der, in höchst sinnreicher Weise ins Leben gerufen, sein Dasein abgesetzten Fenstergardinen und schadhaften Rouleaux verdankte. Quasten, Litzen und sonstige Posamentierfragmente, die mit einer Art von künstlerischer Unverfrorenheit dekorativ zur Anwendung gekommen waren, vervollständigten den äußeren Aufputz der Bühne, die hinsichtlich ihrer Anlage das Prädikat ›wohlgelungen‹ verdiente. Stundenlang konnten wir in stiller Betrachtung vor unserem Machwerk sitzen, um uns von dem Geheimnisvollen der Szene überschauern zu lassen. »Nun könnte es losgehen,« meinte Jan Höfkens. » Festina lente , lieber Johannes,« entgegnete ihm der lateinische Heinrich. Bedächtig kramte er dabei im Futter der linken Rocktasche, zog ein beschriebenes Papier hervor, entfaltete es und heftete es mit einigen Stecknadeln an die äußere Seite des Vorhanges. Dann trat er zurück. Aus dem groben Dütenpapier, das über und über mit Strohpartikeln durchsetzt war, blähte sich die lateinische Inschrift: › Musis et artibus .‹ Jetzt erst hatte der Kirchturm seinen Hahn, und die 117 Proben konnten beginnen. In mühevoller Arbeit hatte der Lateiner die verschiedenen Rollen abgeschrieben. Es war eine Selbstverleugnung gewesen, wie er so da saß und die weißen Papierbogen mit seinen Hahnenfüßen beglückte. Gerne hätte ich für ihn die Kostümfrage erledigt. Auch Hannecke Mesdag hatte sich angeboten, einen tadellosen Leporelloanzug herzustellen, der sich sehen lassen konnte, allein der Lateiner hatte seine Heimlichkeiten, er verzichtete auf jegliche Beihilfe, und aus seinen zeitweiligen delphischen Andeutungen mußte geschlossen werden, daß er gewillt sei, in betreff seines Kostüms etwas nie Dagewesenes zu schaffen und einen grandiosen Trumpf auszuspielen. Selbstverständlich wurde unsere Wißbegierde bis zum Bersten gespannt, ein unerträglicher Zustand, der gebieterisch darauf hindrängte, sobald wie möglich den ersten Theaterabend steigen zu lassen. Die Proben begannen. Die Szenenfolge im Don Juan glückte über alle Maßen. Der lange Dores verkörperte die Donna Elvira mit Verve. Bei jeder Probe leerte er den Becher der Begeisterung und der dramatischen Kunst bis zur Nagelprobe. Er wußte derart zu erschüttern, daß sich Franz Dewers eines Abends in eine verschwiegene Ecke drückte und bitterlich weinte. Das war echte dramatische Kunst, himmelstürmende Kunst, das waren geistig-elektrische Funken, die befruchtend und anregend in unsre Mimenherzen fielen und den Erfolg garantierten. Die Don Juan-Proben wurden daher eingestellt. Das Stück klappte, und getrosten Mutes konnten wir mit dem zweiten dramatischen Werk 118 ›Jan Klaas als Porträtmaler‹ beginnen. Dieses Stück war ein Fastnachtsscherz, eine dramatisierte Hanswurstiade schlimmster Sorte, in der ich den Porträtmaler, Heinrich den Kommerzienrat und Franz und Jan abwechselnd den Polizeidiener zu geben hatten. Eine Kostümprobe war vom Lateiner für unnütz erklärt worden. Jan Höfkens ließ es sich aber nicht nehmen, den Polizeidiener schon während der Proben in der Husarenjacke seines Bruders zu kreieren. Er machte aber entschieden Fiasko. Nicht etwa des Bekleidungsstückes wegen – im Gegenteil, die grüne Schnürjacke war noch das Beste an ihm, aber sein Kopf war mit einer geradezu bewundernswerten Gedächtnisschwäche behaftet. Nur in einer einzigen Szene hatte der Schwerenotskerl aufzutreten und in dieser Szene nur die Worte zu sagen: »Ich bin gekommen, Sie zu arretieren,« und zwar unter dreimaligem Augenblitzen. Das Augenblitzen hatte er bald heraus, allein mit dem ›arretieren‹ stand er auf Kriegsfuß, denn immer und immer wieder platzte der Unglückswurm unter flammenden Augen auf die Szene: »Ich bin gekommen, Sie zu gratulieren.« Es war zum Rasendwerden! – Wie Rabengekrächze, wie der Ton von Unglücksposaunen klang uns das ominöse, mit prompter Sicherheit stets wiederkehrende ›gratulieren‹ zu Ohren. Der Lateiner machte ihm den Sinn des Wortes klar – es fruchtete nimmer. Er zählte ihm die einzelnen Buchstaben an den Fingern herunter – immer wieder kam die sinnentstellende Wendung zutage. Er beschwor ihn bei allen Himmeln und führte das schwere Rüstzeug 119 der Mnemotechnik ins Treffen – anderen Tages war dieselbe Misere. Die Langmut des Lateiners hatte ihr Ende erreicht. »Und wenn der Husarenattilla zum Teufel geht,« schrie er ihn an, »so mag er zum Teufel gehen, aber Du kannst den Polizeidiener nicht spielen.« »Und das könnte ich doch.« »Niemals,« entgegnete ihm der lateinische Heinrich. Gleichzeitig zog er mit der Rechten einen markanten horizontalen Strich über das kategorische ›niemals‹. – »Franz Dewers wird Dich vertreten.« Heinrich war eine originelle Persönlichkeit vom Scheitel bis zu den Sohlen seiner grünen Plüschpantoffeln, die Manipulation von Grades Mesdag aber hatte er sich zu eigen gemacht. Sie war zu imponierend für ihn gewesen. »Niemals,« wiederholte der lateinische Heinrich. Die schöne Harmonie schien mißtönend ausklingen zu wollen. Jan hatte schon die Husarenjacke unter dem Arm und machte sich reisefertig. »Dann könnte ich gehen,« meinte er leichthin. Wie ein schönes Meteor wollte die Husarenjacke unserem Horizonte entschwinden. Unsere Herzen krampften sich. Der Lateiner ging in sich. »Lieber Johannes,« sagte er kleinlaut, »Du hast den Erisapfel zwischen uns geworfen. Gib Frieden.« »Den Erisapfel?! – den kennte ich nich; ich kennte nur Paradiesäpfel und Goldrenetten,« erwiderte Jan, 120 »und die hätte ich nich geworfen – und ich brauchte mir das nich gefallen zu lassen. Ich gehe.« Jetzt war Holland in Not! – Den verhängnisvollen Burschen weiterspielen zu lassen, war gleichbedeutend mit Frevel, war ein Ding der Unmöglichkeit; die Weißverschnürte zu opfern, ging uns gegen den Strich und hätte uns um den äußeren Effekt des ganzen Abends bringen können – also: ein Ausweg mußte gefunden werden. Ich fand ihn. »Jan,« sagte ich nach einiger Überlegung, »Du bist nicht auf Theaterspielen gebaut, aber Du hast andere große Eigenschaften, die Dich uns lieb und teuer, ja fast unentbehrlich machen. Du wirst Meister am Vorhang. Du ziehst ihn auf, wenn die Sache losgeht, und läßt ihn fallen bei Aktschluß und bei jedesmaligem Ausgang des Stückes. Außerdem verteilst Du die Zettel und handhabst die Theaterschelle.« »Ich bin mit dieser Ernennung einverstanden,« ergänzte der lateinische Heinrich. Dabei machte er ein Gesicht, als wenn er ein Herzogtum mit Szepter und Kurhut verschenkt hätte. Nach langem Besinnen erklärte sich Jan mit dieser salomonischen Lösung einverstanden. Wir waren von einem drückenden Alp befreit. Der Frieden in der Truppe blieb gewahrt, dem drohenden Fiasko war somit vorgebeugt, und mit einem unbeschreiblichen Gefühl des Wohlbehagens fügten wir die Husarenjacke dem Inventar unserer Theatergarderobe hinzu. 121 Mit Riesenschritten näherte sich der Tag der ersten Aufführung. »Ruhig Blut und warm angezogen,« sagte mein Freund. »Meinetwegen könnte jetzt Titus Maccius Plautus oder sonst wer noch kommen, um den Zuschauer abzugeben. Wir sind gewappnet.« Und wir waren gewappnet. Nur für den Beleuchtungsapparat hatte ich noch Sorge zu tragen. Mit peinlicher Gewissenhaftigkeit zwängte ich ein Dutzend Stearinkerzen in ebensoviele Flaschenhälse und plazierte sie hinter Kulissen und Rampe. Am Abend vor der ersten Ausführung wurde die Lichtprobe abgehalten. Der Effekt war überwältigend. Prospekt und Seitendekorationen leuchteten in gesättigten Farben. Rittlings auf einem Stuhle sitzend, das Kinn auf die Rückenlehne gestützt, sah ich in die neue Welt hinein, die sich vor meinen Blicken aufgetan hatte. Leise und geheimnisvoll raschelte es in den Tapeten. Meine Phantasie belebte die erleuchteten Bretter mit Akteurs und Aktricen. Im Geiste sah ich schon die Erfolge des morgigen Abends. Lorbeerkränze wuchsen vor meinen Augen auf wie die grünen Wedel auf der Spargelrabatte. Beifallssalven umtönten mein Ohr. Ein frenetischer Jubel trug mich zu olympischen Höhen. Sieg auf der ganzen Linie. Der Erfolg war unbestritten. »Vorhang 'runter!« Mein Bruder, der lange Dores, der mir bei der Beleuchtungsprobe behilflich gewesen war, ließ den Vorhang fallen. 122 Die lateinische Inschrift auf Dütenpapier kam in Sicht. Ich zeigte darauf. » Musis et artibus ,« las ich in gehobener Stimmung. »Grandios,« sagte der lange Dores. Dann gingen wir schlafen. 123 VIII Komödie Die Nacht ging vorüber – und der Sonntag Estomihi, der Tag der großen Aktion, an dem die Würfel fallen sollten, lachte ins Fenster. Schon in aller Herrgottsfrühe war ich damit beschäftigt, Requisiten und Garderobe zu mustern. Alles lag säuberlich auf dem Tische meiner kleinen Studierbude geordnet. Der Rockelor meines Vaters, der mir als Rittermantel dienen sollte, hatte seinen prunkenden Litzenbesatz erhalten. Die Pumphosen waren bordiert, und Hannecke Mesdag hatte sich alle Mühe gegeben, die Sammettaille meiner Schwester für meine Persönlichkeit passend zu machen. Auf meinem Sonntagshut, dessen linke Krempe einen kecken Umbug nach aufwärts erhalten hatte, flunkerte eine Hahnenfeder, die aus zwei ausrangierten Straußenwedeln emporstieg. Durch das Schillernde und Bewegliche sollte das Flatterhafte und die Leichtlebigkeit des spanischen Granden versinnbildlicht werden, ein Gedanke, der, in die Tat übersetzt, auch von meinem kritischen Freunde in vollstem Maße gewürdigt wurde. Zwei prächtige Goldquasten vermehrten den stattlichen Aufputz. Auf meinen Gummizugstiefeletten lagen zwei himmelblaue 124 Seidenrüschen und zwar in einer so übertriebenen Größe, daß es ihnen ein Leichtes war, das Alltägliche und Profane des Schuhwerks vergessen zu machen und über Wichse und Gummizüge hinwegzutäuschen. Der Füsiliersäbel von Langensalza bildete den würdigen Schluß des theatralischen Pompes, in dem ich heute unter Kerzenbeleuchtung und Kolophoniumlicht meine ersten Triumphe feiern sollte. Ich stülpte den Hut auf den Kopf, ließ die Hahnenfeder im Luftzug quirlen und probierte einen festen Schritt, der demjenigen eines spanischen Granden angemessen sein konnte. Dann überlief ich noch einmal die schwierige Rolle. Von der Szene auf dem Kirchhofe versprach ich mir Wunderdinge. Mondbeleuchtung, hergestellt durch Kerze und transparente Papierscheibe, Mitternacht mit zwölf Schlägen vom Turm der Klosterkirche San Franzesko in Sevilla, hervorgerufen vermittelst eines Ofenblechs, auf das ein umwickelter Küchenquirl in angemessenen Pausen niederzufallen hatte, dann die Grabesstimme des steinernen Gastes, den ich mit den Worten: »Herr Gouverneur zu Pferde, ich beuge mich zur Erde,« einzuladen gedachte – alles Dinge und Situationen, die das Blut der Zuschauer auf den Gefrierpunkt herabdrücken mußten. Großartig! – Wenn das nicht packte und hinriß, dann packte überhaupt nichts mehr. – Ich befand mich gerade im Mondlicht, die Uhr in der Klosterkirche holte zum Schlag aus – Grabesstimmung und Windsgesäuse umschauerten mich, und ich fühlte mich just in der richtigen Verfassung, meinen Hauptmonolog nur so 125 hinzulegen, als es an die Türe klopfte, und Leporello ins Zimmer trat. » Salve, confrater, in sancto convivio, « sagte der lateinische Heinrich. ›» Vigilando ascendimus! – Ich komme in einer sehr dringlichen Angelegenheit.« »Was gibt's denn?« »'ne große Idee ist mir durch den Kopf gegangen. Junge, nie dagewesen, sage ich Dir.« »Na – und?!« »Du mußt mir die Dohle für heute Abend überlassen. Sie soll auf die Bretter.« Ich glaubte, mich rührte der Schlag. Rücklings griff ich nach einem Lineal, um es im äußersten Notfall gegen meinen Freund als Verteidigungswaffe zu brauchen, denn in diesem Augenblick schien es mir so, als wenn sich die Anzeichen des Irrsinns bei ihm bemerkbar gemacht hätten. »Wer soll auf die Bühne?« fragte ich in tiefer Beklemmung, wobei meine Hand das Lineal krampfartig umspannte. »Die Dohle,« erwiderte der Lateiner mit größter Seelenruhe, »denn sieh mal: Don Juan Tenorio war ein spanischer Ritter, Leporello gewissermaßen sein Knappe, und da bekanntlich die Reiherbeize in damaliger Zeit ein ausschließliches Vergnügen der Ritterschaft war, so kann auch füglich angenommen werden, daß unser Don Juan diesem Sport huldigte. Zur Reiherbeize ist aber bekanntlich ein Edelfalke vonnöten, und so ein Falke wurde von 126 einem Knappen, im vorliegenden Falle also von Leporello, getragen. Nun fehlt uns aber ein derartiger Vogel, und da habe ich mir denn zurechtgelegt, daß Deine Dohle einen ausgezeichneten Edelfalken abgeben würde. Für Fessel und Haube habe ich schon Sorge getragen. Laß mich nur machen. – Die ganze Geschichte wirkt äußerst dramatisch.« »Aber das paßt ja gar nicht in den Rahmen des Stückes!« warf ich dazwischen. »Tut nichts,« versetzte der Lateiner. »Gleich in der ersten Szene erscheine ich mit dem Falken auf der Faust. Eine kurze, aber schlagende Redewendung motiviert meinen Auftritt, ich weiß mit meinen Armen zu bleiben, und sei überzeugt, die Exposition des Stückes bekommt sofort einen dramatischen Dreh, von dem selbst die Hühner singen und sagen werden. Held Don Juan – also habe ich mir den neuen Übergang im Dialog schon zurecht gelegt – Held Don Juan, laß Brunst und Liebeszölle, Sonst kommst Du noch in Schwefelsud und Hölle, Verfluche auch den Alkohol der Weine, Denn dieses Gift schlägt immer in die Beine, Laß Sekt und Weib und alle Frauenreize– Geh lieber mit mir auf die Reiherbeize. Drum hab' ich schon mit allem Vorbedacht Den stolzen Vogel selber mitgebracht. Dann sagst Du: Ha, Frechling Du – ha, feiler Edelknecht! – Wein, Lied und Weib, die sind mein gutes Recht! – Ich pirsche gern auf süße Liebespfänder Und öffne lieber blaue Blusenbänder, 127 Als tief im Sumpf und im Morast zu sitzen Und einen Reiher aus der Luft zu flitzen. Drum bringe mir den Falken aus den Augen, Soll nicht Dein Blut der weiche Teppich saugen. Dann sage ich: Herr, Du des Himmels – Herr, Du meines Lebens, So ist mein Mahnen wiederum vergebens! – Und tiefbetrübt durch Deine Sündenlasten, Trag' ich den Vogel wieder in den Kasten. Hierauf bringe ich den Jagdfalken hinter die Kulisse, komme zurück, und das Drama nimmt seinen vorgeschriebenen Fortgang. – Das blendet, das fasziniert, das ist erhaben, mein Junge!« Die Sache kam mir bedenklich vor. Im letzten Augenblick solche einschneidenden Zusätze in den Gang der Handlung zu schieben, konnte verhängnisvoll werden. Allein, wie ich auch reden mochte und meine schlagendsten Gegengründe vorbrachte, der Lateiner bestand auf seinen Schein, und da mir die Verse immerhin sprechenswert dünkten, so biß ich in den sauren Apfel und stellte die Dohle für den heutigen Abend zur Verfügung. Ich konnte mir aber nicht versagen, noch einmal die Kostümfrage hinsichtlich meines Freundes in Anregung zu bringen, da ein unbestimmtes Gefühl mir in diesem Punkte recht Unliebsames in Aussicht stellte. Ich kannte die sonderbaren Schrullen des Lateiners. Er beruhigte mich. Erst hatte er zwar nur ein mitleidiges Lächeln für meine schwerwiegenden Bedenken, 128 dann aber schnalzte er mit Zunge und Lippe, wie er es zu tun pflegte, wenn er vor frischen, dampfenden Apfeltörtchen saß oder sein lateinisches Extemporalienheft musterte, in dem sich nur ganz vorzügliche Prädikate befanden. Also – mein Freund schnalzte, ein Beweis, daß er seinen Leporelloanzug mit der Rangstufe ›ausgezeichnet‹ bewertet hatte. Ich war zufrieden gestellt. »Bei Philippi sehen wir uns wieder!« Dann ging er mit meiner Dohle nach Hause. – Inzwischen hatte Jan Höfkens seinen Rundgang beendet. In Anbetracht seiner Eigenschaft als Vorhangzieher und Theaterschellenmeister war ihm auch das Amt des Einladers und Billetteurs zuerkannt worden. Er sprach bei Pittje Pittjewitt vor – Pittje Pittjewitt sagte zu. Er klopfte bei Grades, Mutter und Hannecke Mesdag an – sie wollten erscheinen. Doktor Horré, Heinrich Hübbers, Fritz van Dornick, Henseler und Dores Küppers nebst Gemahlin gaben denselben Bescheid. Auch Jakob Verhage stellte sein Erscheinen in Aussicht, falls in der Komödie nichts enthalten sei, was gegen Moral und kirchliche Satzung verstoße. Dieses konnte ihm gewährleistet werden, und so war denn auch dieser gewichtige Mann für den heutigen Abend gewonnen. – Die Zeit hatte Schneckengang. Langsam reihte sich Stunde an Stunde. Die beiden vergoldeten Zeiger auf dem Rathausturm schlichen über das Zifferblatt, als hätten sie Mohnkörner verschluckt. Das ganze Uhrwerk gähnte 129 ordentlich vor lauter Langeweile und Schläfrigkeit. Fünf Uhr! – Wieder folgt eine lähmende Pause. – Sechs Uhr! – Derselbe Trödelgang wie vorhin. – Sieben Uhr! – Endlich! – Jetzt konnte nach Minuten gezählt werden. Punkt ein Viertel nach sieben sollte das erste Klingelzeichen ertönen. Alles war auf Posten, nur der Lateiner machte sich noch in seiner Garderobe zu schaffen. Die übrigen aber, Franz Dewers und ich, der lange Dores und die sonstigen Spieler harrten fieberhaft auf die erlösende Klingel. Die Kerzen brannten. Szene: ein Saal im Palaste Don Juans. Von links Mondlicht nach Vorschrift. Die Requisiten waren gestellt. Von jenseit des Vorhangs tönte jenes eigentümliche Stimmengewirr und Stuhlgescharre herüber, das die Herzen mimischer Künstler höher schlagen läßt. Schnell warf ich noch einen Blick durch das vorbereitete Guckloch. Da saßen sie alle. Keiner fehlte. Der Zylinder von Pittje Pittjewitt, den er vorsorglich auf seinen Schoß gestellt hatte, fiel mir zuerst in die Augen. Jakob Verhage saß neben ihm. Überall war ein geheimnisvolles Tuscheln und Raunen. Der Vater vom Lateiner, meine Eltern, Doktor Horré, Dores Küppers und die übrigen Honoratioren der kleinen Stadt hatten die vorderen Ehrenplätze eingenommen. Heinrich Hübbers hatte sich mit untergeschlagenen Armen in eine Ecke gelehnt. Auf allen Gesichtern ruhte der Ausdruck einer kaum zu beherrschenden Spannung. Es schwirrte vor meinen Blicken. Hinter meinem Rücken ging der feierliche 130 Schritt von Donna Elvira. Ich wandte mich. Das blaue Kleid von Hannecke Mesdag mit der neuen Verbrämung, dem weißen Schwanzquästchen und den baumelnden rosaroten Kaninchenohren schleppte weithin über Bretter und Teppich und wirbelte den Staub auf. Unter heftigen Gesten memorierte Donna Elvira noch einmal ihre Rolle. Hinter Kulissen und Versatzstücken schauten die neugierigen und erregten Gesichter der Komparsen hervor. Jan Höfkens saß fix und fertig beim Vorhang. Mit der Rechten hielt er die Schnur, mit der Linken die Schelle. Die Situation wurde immer aufregender. Jede Fiber war angespannt. Ein Viertel nach sieben. »Los!« Das erste Klingelzeichen ertönte – und weiß der Henker! – gleichzeitig mit ihm flog der Vorhang empor. Nur mit knapper Not und einem gewagten Salto mortale konnte sich Donna Elvira von der Bühne retten. »So 'n Dämel!« knirschte der lange Dores. »Der Kerl hat die letzten Klingelzeichen verpaßt. Schafskopf!« »Vorhang 'runter!« zischelte es von allen Seiten auf den Unglücklichen ein. »Noch mal so 'ne Dummheit – und Du wirst an die Luft gesetzt!« »Vorhang 'runter!« Jan saß wie ein begossener Pudel – dann ließ er die Gardine fallen. 131 Mir war es, als wenn sich ein unterdrücktes Lachen im Zuschauerraum bemerkbar gemacht hätte. Der beklagenswerte Billetteur, Vorhang- und Schellenmeister schnitt ein Gesicht, wie einer, dem eine gebratene Taube aus den Händen entwischte. Ich selber wollte mich in Grund und Boden genieren. »So 'ne Blamage!« wütete Donna Elvira. »Kamel mit Eichenlaub!« ließ sich jemand hinter der Kulisse vernehmen. Ich sah ihn nicht, aber ich erkannte deutlich die erregte Stimme vom lateinischen Heinrich. Das Publikum hatte sich beruhigt. Na – also los denn! Das erste, zweite, dritte Klingelzeichen . . . alles nach Wunsch! – Die Gardine rauschte empor – blendende Lichtfülle des Mondes! – ha! – und da saß ich im Rittersaal, das Haupt auf die Linke gestützt, mit der Rechten den Griff des Füsiliersäbels von Langensalza umspannend und donnerte meinen Monolog herunter. Von Klatschsalven unterbrochen, kam ich zum Schluß: »Der Würfel rollt! – Ich will mein Blut befeuern An exquisiten Liebesabenteuern. Ha! – frevelnd in des Großkomturs Familie Will ich die Unschuld knicken wie 'ne Lilie. Zuvor jedoch, um gründlich zu genießen, Soll Sekt um mich wie Brunnenwasser fließen. Drum in den Kelch den König aller Weine . . .! – He, Leporello – Lumpenkerl, erscheine!« 132 Das Stichwort für den Lateiner war gefallen. Gravitätisch, die zum Falken umfrisierte Dohle auf der Faust tragend, erschien er aus der linken Kulisse. »Leporello, Lumpenkerl, erscheine!« rief ich noch einmal. Da war's alle! – Es wurde mir blau und grün vor den Augen. – Das war also Leporello, der fröhliche Leporello, der ausgelassene Leporello, der schuftigste Diener aller schuftigen Diener?! – Ein wehleidiges Leichenbittergesicht grinste mir entgegen. – Und dann der Anzug?! – Lieber Herrgott von Bentheim – der Anzug! – Aufgekrempelte Kommunionshosen, die hageren Beine in lachsfarbigen Wollstrümpfen, Gnmmibänder um die Kniekehlen . . . und an den Füßen Plüschpantoffeln, grün wie Spinat und giftig wie Schweinfurtergrün. Der lange Oberkörper – ach, Du Herr Jeses! – der lange Oberkörper steckte in einer frischaufgebügelten, weißen Nachtjacke, die Leporello seiner Schwester entliehen hatte. Und dann das Gesicht! – Die Masken auf den Sarkophagen einer Toteninsel sind wahre Clownsgesichter dagegen. – Und dann noch die Dohle mit der Bindfadenfessel und der blauen Papierdütenhaube . . .?! – Ich wollte umkommen; ein konvulsivisches Schluchzen erschütterte meinen Körper. Ich wandte mich dem Prospekt zu, um meinen Lachkrampf herunter zu würgen. Es gelang mir mit knapper Not, und der Dialog wurde vom Stapel gelassen. Ich stand Judasmartern aus, aber ich hielt mich. Ich dachte an die traurigsten Vorkommnisse im menschlichen 133 Leben, während ich sprach, um nicht aus der Rolle zu fallen, ich drückte meine Fingernägel ins Fleisch, um meine Lachbegierde durch körperlichen Schmerz zu bekämpfen – kurz, ich leistete Übermenschliches, um die niedrigen Leidenschaften in meinem Busen nicht aufkommen zu lassen, und es schien mir gelingen zu wollen. Wie aber der lateinische Heinrich seinen Abgang durch die tönenden Schlußworte vorzubereiten anhub: »Herr, Du des Himmels – Herr, Du meines Lebens, So ist mein Mahnen wiederum vergebens! – Und tiefbetrübt durch Deine Sündenlasten, Trag' ich den Vogel wieder in den Kasten . . .« wie er sich alsdann umdrehte, und die Jagdtasche, die Pulverflasche und der Schrotbeutel seines Vaters sichtbar wurden, die sich der Kerl des besseren weidmännischen Aussehens halber umgebunden hatte, da rissen die Stricke – da war's mit meiner Selbstbeherrschung vorüber. Ich schüttelte mich, ich hielt mir den Bauch, ich wollte bersten, platzen und am Lachkitzel ersticken. Ich stopfte mir das Taschentuch in den Mund und bog mich wie ein Torquierter auf meinem Stuhle. Es war alles vergebens. Der Kerl brachte mich um. Plüschpantoffeln, Nachtjacke, Pulverflasche und Schrotbeutel führten einen lachtollen Hexentanz vor meinen Blicken auf – und dann das erstaunte, unglaublich erstaunte Gesicht vom lateinischen Heinrich . . .! – Es war, um gen Himmel zu fahren. »Zu Hilfe! – zu Hilfe!« Mein Gesicht war bläulich unterlaufen. 134 »Ha, ha, ha, ha!« Es war kein Gelächter mehr – ein Brüllen, ein Stöhnen, eine Lacheruption, die mir das Leben kosten konnte. Ich schleuderte ein wildes Gewieher in den Zuschauerraum hinein. Das Publikum wurde von diesen Heiterkeitssalven angesteckt. Es lachte und wieherte mit. Pittje Pittjewitt warf seinen Zylinder in die Höhe. »Hurra!« Donna Elvira raste und wütete hinter der Szene. Jan Höfkens stand ratlos bei der Gardine. Franz Dewers raufte sich die Haare und war der Verzweiflung nahe. »Vorhang 'runter!« Donna Elvira hatte gerufen. »Vorhang 'runter!« – Dann sprang sie vor und riß an der Ziehschnur. Und wirklich – allbarmherzig und allversöhnend senkte sich der gute Vorhang über die Szene. 135 IX Die Komödie geht weiter und wird zu Ende gespielt »H abemus tumultum! « stöhnte der lateinische Heinrich. Kreidebleich und noch im Besitze seiner weidmännischen Attribute hatte er sich in den Regiesessel geworfen. Er sah zum Erbarmen aus. Das Gelächter im Publikum flutete und ebbte noch immer auf und nieder. » Habemus tumultum! « Donna Elvira hatte den Kopf durch den Vorhang gesteckt und suchte die Zuschauer durch eine wohlgesetzte Entschuldigungsrede zu beschwichtigen. Endlich kam Dores-Elvira zurück. »Gerettet,« klang es von seinen Lippen, »mit Mühe gerettet! – Sie bleiben sitzen – sie wollen weiter hören . . . Aber noch 'mal so 'ne Affäre, und ich schlage Euch die Knochen zusammen.« Donna Elvira fiel vollständig aus ihrer Rolle. Ich warf alle Schuld auf den lateinischen Heinrich, der noch immer wie ein Häufchen Elend auf dem Regiesessel hockte. Er war ganz in sich zusammengekrochen. 136 »Leporello, ermanne Dich,« rüttelte ich ihn auf. »Aber was ich Dir sage: die ganze Falknerei wird gestrichen. Jagdtasche und Schrotbeutel müssen zum Teufel – und dann: in der Verkörperung Deiner Rolle mehr Forsche und Spucke. Mumm, mein Junge! – Mumm, Mumm!« Er raffte sich auf. »Ich will,« sagte mein Freund. Der alte Geist war wieder über ihn gekommen. »An die Gewehre!« kommandierte Donna Elvira. Die ersten Klingelzeichen ertönten. Tiefes Schweigen im Zuschauerraum, der Vorhang rauschte empor – und jetzt an die Ramme! – Wir wollten kein zweites theatralisches Jena erleben. Mit Todesverachtung legten wir uns an den belebenden Busen der dramatischen Muse – und spielten hinreißend. Leporello übertraf sich und – Herrgott im Himmel! – wie agierte und tragierte Donna Elvira! – Ich warf einen Blick in die profane Menge der Zuschauer, um daselbst die wachsende Stimmung zu konstatieren. Ich war zufrieden. Alles schwamm in Rührung und Wonne. Pittje Pittjewitt war aufgesprungen und verfolgte den Gang der Handlung mit leuchtenden Blicken. »O Gott, o Gott!« stöhnte Heinrich Hübbers, als er die schaudervollen Taten des spanischen Granden in dieser Naturwahrheit von den Brettern miterlebte. Hannecke wischte sich die nassen Augen und schluchzte leise vor sich hin. Ich fühlte, wie die Stimmung wuchs und sich lawinenartig steigerte. Mir war es, als ob aus allen 137 Fugen und Ecken der Bühne schwanke Lorbeerzweige hervorsprössen, als ob geheimnisvolle Hände sie brächen, zu Ruhmeskränzen verbänden, um sie später um unsere Stirne zu flechten. Ha! – und wir verdienten sie ehrlich. – Unsere pantomimische und deklamatorische Kunst verstieg sich zu ungeahnten Höhen, und siegreich behaupteten wir diese Regionen, wie ein edler Falke sich mit seinen ausgebreiteten Schwingen im blauen Äther behauptet. Ein Platzregen von Beifallsbezeugungen prasselte auf uns nieder. Das Haus zitterte. Hervorrufe auf offener Szene. Der Bas zog einen horizontalen Strich über den anderen. Die Jubelwogen schienen uns verschlingen zu wollen. Auch der technische Apparat lief wie geschmiert und arbeitete wie das Getriebe eines mechanischen Webstuhls. Mondschein von rechts und links, je nach Vorschrift – lobenswert. Die gebotenen Turmuhrschläge vom Kloster San Franzesko in Sevilla um Mitternacht – keine wirkliche Uhr hätte tadelloser funktionieren können. Und die Kolophoniumblitze, die schwefligen Flammen, die zuckenden Lichter auf den Gräbern des Kirchhofs – alle bekannten pyrotechnischen Bravourstücke waren Stümpereien dagegen. Mumm, Forsche, Spucke – auch in szenischer Hinsicht, und mit Mumm, Forsche und Spucke zitierte auch der lateinische Heinrich seinen Schlußsatz, als ich von diabolischen Kräften unter Kolophoniumblitzen und Ofenblechgerassel von der Bühne geschleift wurde. »Ha!« so begann er: 138 »Was ich gesagt, und was ich prophezeite, Kam über ihn wie eine große Pleite. Die Geister alle dieses Weltenalls, Die er verführte, brachen ihm den Hals. Er mußte fort von Weibern, Wein und Sekten Die rabenschwarz die Seele ihm befleckten; Umhegt von Glut, von bläulich-schwefelgelber, Hat ihn geholt der Fürst der Hölle selber. – Herr, wenn's noch möglich ist in Deiner Allmacht Rahmen, So rette seine Seele noch – und damit: Amen.« Jan ließ den Vorhang 'runter – und dann immer 'rauf und 'runter. Immer neue Beifallssalven erschütterten Bühne und Alkoven – immer wieder mußten wir vor Lichter und Rampe. Großartig und erhebend! – Der lange Dores fiel mir um den Hals, Franz Dewers schlug einen Purzelbaum in seinem Komturgewand und schluchzte nach jedem Salto mortale : »Ach, wenn das meine Großmutter erlebt hätte, wenn das meine Großmutter erlebt hätte! – Mich bringen die Ehrungen um!« – und dann purzelte er noch geraume Zeit von einem Ende der Bühne zum anderen, ohne vor Rührung weiter sprechen zu können. Nur Leporello pfiff auf einer anderen Pfeife. Er war zum Berserker geworden. Gleich nach Beilegung des Beifallsturmes war er auf den unglückseligen Billetteur und Vorhangmeister zugestürmt, hatte ihn beim Kragen gepackt und donnerte ihm die vernichtenden Worte entgegen: »Sohn der Hölle, verfluchter! – Oleum et triumphum perdidi! – Satansknecht, Du hast mir meinen Abgang und somit meine heiligsten Güter verdorben. Sohn 139 der Hölle, verfluchter! – ich hatte noch die Worte zu sagen: Ich aber selber will schon dafür sorgen, Daß meine Seele künftig wird geborgen. Ich laß von nun das Schlemmen und das Schlecken Und nähre mich von Roggenbrot und Schnecken. Und daß mein Leben nur dem Himmel nutze, Such' ich mein Heil fortan in der Kapuze. Und diese erhebenden Worte sind ungesprochen geblieben, weil Du den Vorhang zu frühzeitig fallen ließest – und ohne diese Worte ist meine ganze Rolle keinen Pfifferling wert mehr gewesen. – Meine Ehre – meine dramatische Ehre . . .!« »Ich täte denken . . .,« wagte der Billetteur schüchtern einzuwerfen, aber der Lateiner unterbrach ihn: »Was tätest Du denken, Elender?! – Aber ich sage Dir, Deine Tätigkeit am Vorhang wird hiermit gestrichen. – Aus! – Du bist zu dumm; selbst für diese Sache bist Du zu dumm.« »Was wäre ich?« patzte der seiner Würde Entkleidete mit einem Putergesicht auf. »Zu dumm,« sagte der lateinische Heinrich. Es war ein großer Moment. Die anderen Akteure hatten sich inzwischen um die beiden versammelt. Ein Donnerwetter war im Aufstieg begriffen. »Also doch noch eine Katastrophe,« schrie es in mir auf, »und das nach allen Erfolgen!« 140 In einer Viertelstunde sollte das zweite Stück zur Darstellung kommen. Jan Höfkens machte in diesem Augenblick vielleicht das dämlichste Gesicht seines Lebens. Er wollte sich verteidigen und setzte auch an, seinem gepreßten Herzen Luft zu machen. Er sprach vergebens; schon seine ersten Worte wurden von einem ungeheuren Schluchzen verschlungen – aber niemand ahnte, daß seine schwarze Seele sich anschickte, ein unheilbergendes Drachenei auszuhecken. Plötzlich sprang er aus seinem dumpfen Brüten und Schluchzen auf. Mit einem Wuppdich war der Semmelfuchs in der Garderobe, mit Gedankenschnelle hatte er die Husarenjacke vom Nagel gerissen und sauste mit diesem unschätzbaren Wertobjekt über Bühne und Treppe der unteren Tür zu. »Wäre ich zu dumm,« schrie er im Abgehen, »so wäre meine Husarenjacke auch zu dumm!« – und fort war der Kerl, verschwunden, als hätte ihn die Erde gefressen. » Oleum et Attilam perdidi! « stöhnte der Lateiner. Wieder war er stocksteif in den Regiesessel gefallen und streckte die Storchenbeine betrüblich von sich. Niemand dachte an Verfolgung; der Schreck war uns allen in die Glieder gefahren. Und dennoch – wo war Dores-Elvira?! Kein Zweifel, er hatte den bitteren Ernst der verzweifelten Situation zuerst richtig erfaßt. Mit riesigen Sätzen galoppierte der dünndarmige Schlingel hinter dem Ausreißer her. 141 Ich war ans Fenster gesprungen. Jetzt kam der erste Schatten aus der Türe meines Elternhauses gezappelt. In langen Sprüngen suchte er den Markt zu erreichen. Wie das gerettete Palladium der Ehre flatterte die Husarenjacke im Wind. Ein zweiter Schatten folgte dem ersten. Mit der Gelenkigkeit eines Parterre-Akrobaten nahm er die Jagd auf. Der trübe Schein der Straßenlaterne erhellte den Schauplatz. Himmel – das waren Sätze und Sprünge! – In grotesken Formen schlugen Röcke und Kleider über dem Lockenhaar von Dores-Elvira zusammen. Bei der großen Linde, die schwarz und düster in den nächtigen Himmel hineinwuchs, mußte er das Wild zur Strecke bringen. Hier war das Halali zu blasen. – Weidmannsheil, Dores-Elvira! – Inzwischen war Leporello aus seinem lethargischen Dusel erwacht, hatte sich auf den Sessel geschwungen und schickte sich an, eine geharnischte Philippika dem Ausreißer mit auf den Weg zu geben. In flammenden Worten begann er: »Was will dieser Bannerträger der Dummheit?! – Wir können keinen Esel als Vorspann am Thespiskarren gebrauchen! – In seines Vaters Mühle gehört er, aber nicht auf die Bretter der Kunst – ja, ich sage, nicht einmal am Vorhang ist dieser profane Sterbliche von Nutzen. Johannes, was hast Du uns angetan?! – Du verdientest mit dem Küchenquirl gezüchtigt zu werden, der an diesem sonst so weihevollen Abend den Donner im Ofenblech geweckt hat. – Zwar können wir Dir Deine Lammeseinfalt verzeihen, aber mit den 142 diabolischen Rachegedanken Deiner angeschwärzten Seele dürften wir uns nicht so ohne weiteres abfinden lassen. Sie sind die traurigen Zeugen einer gefährlichen und verdammenswerten Gesinnung. Wir hielten Dich bislang für unseren zwar etwas einfältigen, aber doch immerhin herzlieben Genossen und Bruder – und müssen nun zu unserem Leidwesen in den Abgrund Deiner Verderbtheit hinabsehen und die giftige Rachepille verschlucken, die uns Deine schwarze Seele gedreht hat. Daher, bei allen neun Vätern der heiligen Kirche – ich wollte sagen – der Musen, verfluche ich Dich . . .« Der Lateiner streckte hierbei die rechte Hand aus. »Ja, ich verfluche Dich, ungetreuer Johannes! Schon Cornelius Nepos und Marcus Tullius Cicero in seiner katilinarischen Rede . . .« In diesem Augenblick wurde der ungetreue Johannes auf die Bühne und vor das grelle Licht der Lampen gezogen. Dores-Elvira hatte ihn mit dem bekannten Rinaldinigriff beim Wamskragen gepackt, und wie sich der Delinquent auch drehen und wenden mochte, es half ihm nichts, er mußte Order parieren. »Johannes, ungetreuer Johannes,« fuhr ihn der Lateiner an, »ich habe Dich bereits in contumaciam verurteilt und bin willens, obiges Urteil in seinem ganzen Umfange bestehen zu lassen.« »Das wäre mir egal,« murrte Jan Höfkens. »Zur Begründung desselben,« fuhr der Lateiner fort, »sind mir die nachstehenden Erwägungen maßgebend 143 gewesen. Schon Cornelius Nepos und Marcus Tullius Cicero in seiner katilinarischen Rede . . .« »Um tausend Gottes willen!« unterbrach ich den Redestrom meines braven Freundes, »hier handelt es sich nicht um Cicero und Cornelius Nepos. – Wir müssen weiterspielen. – Jan,« wandte ich mich an den sommersprossigen Ausreißer, »willst Du uns die Husarenjacke überlassen oder nicht?« »'raus mit der Jacke!« donnerte Heinrich. Wie die Tigermutter ihr Junges, so bewachte Jan Höfkens die grüne Husarenmontur. Dann wurde er krötig. »Das täte ich nich.« »Unter keiner Bedingung?!« suchte ich einzulenken. »Wenn ich den Polizeidiener Brill spielen könnte – dann ja.« »Nicht in die Hand!« entsetzte sich der lateinische Heinrich. »Ich will zwar ein übriges tun und den Fluch zurücknehmen – aber den Polizeidiener spielen zu wollen, und das bei der bösen Erfahrung, die wir als Tragöde mit Dir gemacht haben: niemals, lieber Johannes. » Incidit in Scyllam, qui vult vitare Charybdim. « »Aber das müßte ich,« revoltierte der Semmelkopf, »und ich könnte nich anders.« Ich legte mich ins Mittel. Die Zeit drängte. Die gesetzte Viertelstunde war längst vorüber, und das Publikum schien ungeduldig zu werden. Ich suchte den Lateiner umzustimmen, was mir auch endlich gelang – und siehe: er stieg vom Regiestuhl, trat auf Jan zu, 144 legte ihm die Hand auf den Kopf und sagte im Tone tiefster Betrübnis: »Lieber Johannes, könntest Du gegebenen Falles Deine fünf Sinne zusammennehmen?« »Das könnte ich.« »Lieber Johannes, würdest Du mit Aufbietung aller Deiner zwar etwas minderwertigen Kräfte die Rolle zu verkörpern suchen?« »Das würde ich,« echote Jan. »Lieber Johannes, bist Du Mannes genug, nicht mehr an Stelle des wichtigen Wortes ›arretieren‹ das verfluchte ›gratulieren‹ zu setzen?« »Das wäre ich.« »So spiele,« sagte der lateinische Heinrich. »Umkleiden!« kommandierte Dores-Elvira nach Beilegung des unseligen Kampfes. Wie aufgestöberte Bienen hasteten wir durcheinander. 'raus aus der Rittergewandung – 'rin in das moderne Kostüm! Ich fuhr in die Malerhosen, Leporello in die Kommerzienratsweste, vergaß aber in der Eile die Plüschpantoffeln auszuziehen, während Jan Höfkens in die Husarenjacke schlüpfte und sich malerisch mit dem Füsiliersäbel von Langensalza drapierte. Franz Dewers waltete des Amtes am Vorhang. Schon lief ein bedrohliches Trampeln durch den Zuschauerraum. Erstes, zweites, drittes Klingelzeichen – dann Vorhang. Dores-Elvira erschien als Prolog. Er hatte ein Ziegenfell um die Hüften gelegt und trug den Thyrsusstab der Bacchantinnen in der Rechten. In dieser Erscheinung 145 lag ihm ob, die heitere Muse des Lustspiels und der bukolischen Poesie glaublich zu machen. Mit langsam anschwellender Stimme begann er den Prologus zu sprechen: »Dahin der Schritt der tragischen Kamöne! – Im Höllenpfuhl, der ewig brennt und raucht, Büßt nun der schlimmste aller Erdensöhne Mit jenen Teilen, die er oft mißbraucht. – Jedoch ins Licht vom strahlenden Azur Flog glücklich der gemeuchelte Komtur. Wir stiegen ab vom tragischen Kothurne, Vom fernen Spanien kehrten wir zurück Und zogen keck aus unsrer Dramenurne Ein funkelnagelneues Bühnenstück, Das sich betitelt, wie Ihr alle wißt, Gemäß Programm: Jan Klaas als Porträtist. Denn nach der tränenreichen Melpomene Tanzt jetzt Thalia aufs Gerüst der Szene. – Drum hört uns an, und freut Euch, lacht und grunzt – Ernst ist das Leben, heiter ist die Kunst!« »Bravo, bravo, bravo!« » Da capo! « schrie und trommelte Dores Küppers. Pittje Pittjewitt, Heinrich Hübbers und Grades Mesdag stimmten ein, und unter atemloser Spannung rezitierte Dores-Elvira den Prologus noch einmal. Er wuchs sichtlich mit seinen höheren Zwecken, und wie eine Siegesfanfare schmetterte er die letzten Verse in den Zuschauerraum. Es klang gewaltig, wie er sie wachsen ließ und durch den Brustton der Überzeugung belebte: »Drum hört uns an, und freut Euch, lacht und grunzt – Ernst ist das Leben, heiter ist die Kunst!« 146 Doktor Horré wälzte sich auf seinem Honoratiorenstuhl. Seine Heiterkeit steckte an wie Masern und Röteln. Das ganze Publikum stand unter dem Zauberstab von Momus und Jokus, so daß die Aussichten für das nunmehr folgende Lustspiel die denkbar günstigsten waren. Wie am Schnürchen reihte sich Szene an Szene. Die Verse liefen wie geschmolzene Butter herunter. Der Lateiner als Kommerzienrat hatte, trotz seiner Plüschpantoffeln, mehrere Hervorrufe auf offener Szene zu verzeichnen. Unser Zusammenspiel bewegte sich auf einer flott gezogenen dramatischen Linie. Schlager auf Schlager – und als der Kommerzienrat nach einem heftigen Streite, den er mit mir auszufechten hatte, in die geharnischte Tirade ausbrach: »Was?! – hier für die gesudelte Schmierage Verlangst Du fünfundzwanzig Taler Gage! – So was ist mir im Leben nie passiert. – Anstatt gemalt – hast Du mich angeschmiert. Zwar ist das Geld mir gänzlich einerlei; Doch Recht bleibt Recht – ich ruf' die Polizei . . .« hatte er einen glänzenden Abgang. Hierauf Säbelgerassel, kräftige Schritte und Augenblitzen. Jan war erschienen mit einem alten Infanteriehelm auf dem Kopf, mit Säbel und Attila. Äußerlich machte sich der Kerl ganz passabel. Schnurrbart à la Sergeant oder Steuerempfänger, Hose in den Stiefeln und Spucklocke – alles nach Vorschrift. Und dann die Augen – diese Polizeidieneraugen! Stielartig wuchsen sie 147 aus ihren Höhlen und suchten mich in Grund und Boden zu blitzen. Der Kerl war famos! – Ich hatte den Dialog zu eröffnen, in dem zuvörderst, und zwar im Interesse des Publikums, eine kurze Begründung über die Herkunft des unmöglichen Polizeidienerrockes zu geben war. Jan blitzte und ließ seine Stielaugen rollen. Ich machte ein möglichst überlegenes Gesicht. Er trat auf mich zu. Ich wich hinter meine Staffelei und herrschte ihn an: »Was willst Du hier, Gesetzeskreatur?! Vom Polizisten hast Du keine Spur, Dieweil Dir fehlt die übliche Montur! – Gewiß hast Du sie wieder wie zuletzt Bei Meyer Pinkus ganz geheim versetzt, Um mit dem Gelde Dich herum zu lümmeln Und in den Kneipen alles zu verkümmeln. Ich seh's Dir an – Du saßest oft beim Glase, Denn rot und schnäpsern funkelt Deine Nase. Und nunmehr, um die Blöße zu bedecken, Tätst Du Dich jetzt in fremde Federn stecken. – Was willst Du hier – was soll mir denn passieren?« Die Jacke war motiviert. Das Stichwort war heraus – jetzt mußte Jan sagen: »Ich bin gekommen, Sie zu arretieren.« Ja woll – und daneben geschossen! – Zwei Schritte, drei Schritte näher – bleischwer legte sich die Hand des Gesetzes auf meine Schulter, der Sergeantenschnurrbart sträubte sich igelartig, die Augen leuchteten wie Drumondsches Kalklicht – und, wie aus der Pistole geschossen, 148 mit tödlicher Sicherheit, schicksalswuchtig und niederschmetternd zitierte der Lümmel: »Ich bin gekommen, Sie zu gratulieren.« Tableau . . .! – Ein dumpfes Stöhnen kam hinter den Kulissen her. Dann ein verhaltener Wutschrei, ein Sprung – und der Lateiner wie ›Zieten aus dem Busch‹ auf die Bretter . . . verfing sich aber, stolperte nieder, riß sich den linken Pantoffel an einem vorspringenden Nagel entzwei, daß das Plüschverdeck auseinanderklaffte, sprang wieder auf und versetzte dem gratulierenden Polizeidiener eine derart wohlgezielte Ohrfeige, daß man's knallen hörte bis in die entlegensten Winkel. Das jubelnde und wiehernde Publikum schien dieses unbeabsichtigte Intermezzo für bare Münze zu halten – und in der Tat, es wurde hierdurch ein theatralischer Knalleffekt erzielt, um den uns jeder Schmierendirektor beneidet hätte. Selbstverständlich ein unvorhergesehenes, aber wirksames Ende! – und da es sich natürlich gab, war ein unbestrittener Erfolg zu verzeichnen. Vorhang. Schluß. – – – Als sich Publikum, Schauspieler und Komparsen verlaufen hatten, musterte ich noch einmal die verlassene Bühne. Die Lichter waren niedergebrannt – und verloschen. Nur eine einzige Stearinkerze fristete noch ein kümmerliches und betrübliches Dasein. Ihr mattes 149 Flämmchen umschien die Pantoffeln vom lateinischen Heinrich. Friedlich standen sie nebeneinander – der gesunde dicht bei seinem schwerkranken Bruder, dessen Wunde auch dem geschicktesten Operateur zu denken gegeben hätte. Sie war eben unheilbar. Der Kommerzienrat hatte sich auf schnell requirierten Stiefeln nach Hause gemacht. Durch die weitgeöffneten Fensterflügel kam die Nachtluft gefahren. Es summelte und raunte in den Kulissen. Ein scharfer Windhauch löschte die Kerze. Es war stockfinster um mich – und keine Seele war bei mir. Nur die Theatergeister wurden lebendig und flüsterten mit neckischen Stimmchen: »Ernst ist das Leben, heiter ist die Kunst!« 150 X Die Wasser kommen Die Tage der Komödie waren längst vorüber. Nur noch wie eine schöne Erinnerung, wie eine liebliche Sage aus verklungenen Zeiten zitterten sie, wenn auch mit etwas Wehmut gemischt, durch unsere Knabenherzen. Kulissen, Versatzstücke, Rockelors, Spenzer, Plüschpantoffeln und Vorhang, der Grenadiersäbel von Langensalza, Tapeten und Goldflitter, kurz der ganze theatralische Plunder war auf die Rumpelkammer gewandert, um vielleicht im kommenden Jahr eine fröhliche Auferstehung zu feiern. Über die vergängliche Herrlichkeit der Bretter und Lampen zog sich der Staub, zwischen dem Holzwerk der Kulissen strickte die Spinne ihr Netzwerk, der Geruch der Äpfelkiste und der Duft der hier aufbewahrten Speckseiten und westfälischen Mettwürste teilte sich den Bekleidungsstücken mit – und als ich eines Tages die verabsäumte Einfettung des hannöverschen Säbels nachholen wollte, hatte eine niedliche Hausmaus in dem verunglückten Leporelloplüschpantoffel ihr Wochenbett abgehalten. Sieben allerliebsten, durchsichtigen Zwitschermäuschen hatte sie in dem wohlausgepolsterten Fußbekleidungsstück meines Freundes 151 das Dasein gegeben. Wie rosarote Elfenprinzchen und Prinzessinnen schliefen, piepsten und träumten sie in dem behaglichen Lager. Ich ließ sie gewähren. – Der Winter war streng und ausdauernd gewesen. Der Rhein, der bis tief in den Februar hinein von Wesel bis Grieth gestanden hatte, hatte seine Fessel gesprengt. Die stahlharte Fläche barst, und mit Knirschen und einem zermahlenden Geräusch trieben die Schollen, die wie Schlagsahnetorten auf der Oberfläche schwammen, der Betuwe entgegen. Ein lasurblauer Himmel spannte sich über das niederrheinische Land, und alsbald wehten die bunten Schiffswimpel wieder zu Tal und zu Berg. Mit Macht hielt der Frühling seinen Einzug. Auf den Wiesen gurgelten und rumorten die Wässerchen. Schon streckte die Brunnenkresse ihre grünen Fühlerchen ans Tageslicht, die ersten Veilchen dufteten bereits unter den Hagedornhecken, die sich mit lichtgrünen Spitzen über und über bedeckt hatten, und Hungerblümchen und Goldenmilzkraut duckten und schmiegten sich an die sanftgedachten Ufer von Teichen und Kolken. Die Päonien stießen im Garten ihre dunkelgeröteten Köpfe durch das lauwarme Erdreich, die Blütenkolben der Hyazinthen wagten sich schüchtern aus der Rabatte – und als die liebe Sonne mehrere Tage hintereinander die weite Niederung mit ihren Strahlen durchwärmt hatte, war um die kleine Stadt ein mächtiger, schwefelgelber Teppich gebreitet. Mit ihren saftigen, nierenförmigen Blättern, mit ihren leuchtenden Kelchen drängte sich Dotterblume an Dotterblume. 152 Meilenweit, wohin das Auge reichte – eine gleichmäßige Fläche, ein einziger Farbenrausch! – Die Weidenkätzchen, die an den braunen Ruten hafteten, hatten sich aufgetan und streuten verschwenderisch ihren Goldstaub umher. Allüberall Frühlingsfreude! – Wir Jungens gingen zu Holz und schnipfelten uns Weidenflöten. » Fistula dulce canit, « meditierte der lateinische Heinrich und blies alsdann auf der grünen Pfeife, daß ihm die Backen zu springen drohten. »Fein!« sagte Franz Dewers. Er hatte kunstgerecht ein langes Rindenstück von einem Ast geschält, es gerollt und ihm die ungefähre Form eines Tutehorns gegeben. Wie ein Brummelochs grunzelte der Kerl durch die liebliche Frühlingslandschaft. »Das könnte ich auch,« meinte Jan Höfkens, »aber das täte ich nich.« »Piepe!« sagte der lateinische Heinrich. Der Abgetrumpfte sah ihm patzig ins Gesicht. »Johannes . . .« begann der Lateiner mit salbungsvoller Betonung, dann räusperte er sich und schickte sich an, eine lange Rede zu halten. »Johannes,« wiederholte er noch einmal, wobei er in unnachahmlicher Weise die Augendeckel fallen ließ, »vor Angst an den Fingernägeln knabbern, wenn Du die unregelmäßigen Verben hersagen sollst, das könntest Du – aber ein Tutehorn machen, das könntest Du nicht, lieber Johannes.« 153 »Und das könnte ich doch,« hielt ihm der sommersprossige Müllerjunge entgegen. In seinen Augen blitzte es auf. Er hatte noch von der Komödienzeit her einen gewissen Ingrimm auf den Lateiner, aber seine Wut prallte an dessen stoischer Ruhe ab wie Graupen an einer dicken Fensterscheibe. »Nein, mein lieber Johannes, Du kannst keine Fiepen und Fuppen machen.« Schon wollte er ihm mit einer pastoralen Bewegung die Hand auf den Kopf legen, als Jan Höfkens beiseite sprang und ihm die erregten Worte zudonnerte: »Und ich täte Dich für einen Schwinegel halten . . .« Damit sprang er der Stadt zu. Aber hinter ihm her brummelte Franz Dewers mit seinem Tutehorn. Er tat es zum Hohn. Dabei tänzelte er in so komischer Weise über den Deich, daß der Lateiner sich zu Boden warf und vor lauter Wiehern zu bersten gedachte. Alsbald waren die zwei unserem Gesichtskreis entschwunden. Mein Freund und ich setzten uns auf das Mauerwerk der Schleuse, die hier den mächtigen Rückdeich durchquerte, der sich in einem weitausgeholten Bogen von der kleinen Stadt bis an das linke Rheinufer erstreckte. Dieser Deich, der sich an einem Flüßchen hinzog, hatte das Binnenland gegen das zurückgestaute Wasser des Rheines zu schützen. Wie eine gewaltige Riesenschlange durchzog er die Landschaft. Von der warmen Mittagssonne umschienen, saßen wir auf dem Ziegelgemäuer, bammelten mit den Beinen, spuckten 154 in das spiegelklare Wasser des ›Kalkflacks‹, in dem sich blitzende Karauschen tummelten, und sahen in das erwachende Grün des ›Bovenholtes‹ hinein. Nicht weit von uns schraubte ein Wiesenweih von einem Erlenstrunk in die ruhige Luft. In majestätischer Folge zog er hoch zu unseren Häupten Kreise um Kreise. Wir blinzelten ins Blaue, und Heinrich fiepte dazu. Wohlig rieselte die liebe Frühlingssonne an unserem Buckel herunter. »Fiep, fiep, fiep!« machte das Pfeiflein. Von der Rheinseite her bewegte sich ein knallroter Punkt auf der dottergelben Fläche des Deiches. Er kam geradeswegs auf uns zu und hatte eine kreisende Bewegung. Keine Frage, irgend ein länglicher Gegenstand mußte rotieren und zwar durch menschliche Kraft, denn hinter dem zinnoberroten, flirrenden Rad machte sich die Gestalt eines Männleins bemerkbar, das eiligst auf uns zutrottete. »Das ist der Paraplü von Pittje Pittjewitt!« schrie der lateinische Heinrich. Das Männlein wuchs, und von seiner Sammetkappe wehte eine Troddel im Wind. Es konnte kein Zweifel mehr obwalten – er war es. »Pittje Pittjewitt!« rief ich aus Leibeskräften. Die kreisende Bewegung des Paraplüs hörte auf. Pittje Pittjewitt legte die hohle Hand an den Mund und schrie uns von ferne entgegen: »Buschur! – Das Hochwasser kommt!« Dann marschierte er näher. »Wie ein Triumphator,« bemerkte der lateinische Heinrich. 155 »Richtig,« ergänzte ich, »nur daß er an Stelle des goldenen Lorbeerkranzes 'ne Troddelmütze auf dem Kopfe trägt und statt mit dem Adlerstab mit 'nem ganz gewöhnlichen Schirm durch die Luft fuchtelt.« »Gut,« meinte der Lateiner, » triumphus in monte Albano – oder zu deutsch: ein Triumph zweiter Klasse. – Jo triumphe! « » Jo triumphe! « schrieen wir dann beide zusammen. Pittje war da. »Danke,« sagte Pittje Pittjewitt, stieß den Baumwollenen in die lockere Erde, setzte sich mit uns auf die Schleusenmauer, bammelte wie wir mit den Beinen, spuckte, wie wir es taten, in den Kalkflack hinein, schwieg eine Zeitlang, griff uns dann bei den Schultern und meinte: »Gottdomie! – das Wasser kommt. Morgen haben wir Stauflut.« »Wer sagt das?« fragte der Lateiner mit einer etwas kalten Betonung. In kirchlichen und Glaubenssachen war er ein unbedingter Autoritätsmensch. Was der Kaplan sagte und aufstellte, und mochte es sich anlassen wie'n Stachelzaun, über den die menschliche Vernunft nicht hinwegturnen konnte, der Lateiner voltigierte ohne langes Besinnen hinüber, gleichwie ein sturer Leithammel, der über jede Barriere hinwegsetzt – im gewöhnlichen Leben aber und in weltlichen Dingen gefiel er sich gern in der Rolle des ungläubigen Thomas. Pittje Pittjewitt sah ihn groß von der Seite an. 156 »Wer sagt das?« fragte er nun auch seinerseits und wippte dazu ärgerlich mit dem Kopf, daß die Seidentroddel erregt vor seiner Nase hin und wieder bammelte. »Ich,« setzte er scharfbetonend hinzu, »der Herr Bürgermeister von Grieth und der Herr Deichgraf von Wissel.« Vor diesen Argumenten mußte ja nun die Ungläubigkeit und Zweifelsucht des Lateiners in die Brüche gehen. Er gab sich gefangen, und seine Blicke hingen gläubig an den Lippen von Pittje Pittjewitt. »Jungs,« begann dieser, wobei er gleichzeitig einer fetten Karausche auf den Kopf spuckte, »ich komme von Grieth. Na – da geht alles drunter und drüber. Die Ruhr steigt, die Lippe steigt, und der Rhein ist eine einzige lehmige Masse, die den Entenbuscher Deich schon ordentlich mürbe und mulmig gemacht hat. Na, ich sage man bloß! – Der Kalkflack staut zurück, und die Deichgeschworenen haben schon die ›Nothilfe‹ ausschellen lassen. Alles muß 'ran an die Ramme. Und wißt Ihr, was mir der Deichgraf Elsken von Wissel gesagt hat?« »Na, was denn!?« fragten wir gleichzeitig. Pittje Pittjewitt zog die Augenbrauen in die Höhe und spuckte wiederum derselben fetten Karausche auf den Kopf. »Nehmt Ihr Euch da nur mit Eurem Stadtdeich in acht. Den haben die Mäuse und Ratten durchlöchert, und wenn da das Stauwasser einsetzt und frißt und nagt und abbröckelt – na, denn adjes! – dann gibt das 'nen Deichbruch, und Ihr bekommt in der Stadt die 157 feinste Hochwasserbescherung. Und dann habt Ihr die ganze Musik! – Und das hat Elsken von Wissel gesagt, und der kennt sich aus, und was der sagt – na, überhaupt so.« »Das kann der Deichgraf nicht wissen,« warf der lateinische Heinrich dazwischen. »Nicht?! – Warum nicht?! – Der Deichgraf weiß alles! – Und wenn ich Dir sage, daß er gestern abend, kurz vor Mitternacht, noch den Wasserreiter gesehen hat . . .« »Wen hat er gesehen?« fragten wir ängstlich, sahen uns an und fühlten, daß wir beide von ein und demselben Schauer befallen wurden. »Den Wasserreiter,« versetzte Pittje Pittjewitt mit erkünstelter Gleichgültigkeit und das nur zum Zweck, um unsere Neugierde auf die Folter zu spannen. »Wer ist das?!« riefen wir wie aus einem Munde. »Gottdomie!« entgegnete Pittje Pittjewitt, »das ist ein gespenstiger Reiter, der tausendjährige Deichvogt, der um die Hochwasserzeit auf den Dämmen und Deichen gesehen wird.« Wir rissen die Augen auf und rückten näher zusammen. »Er reitet auf einem Nebelpferd,« fuhr Pittje fort, »sein Bart ist so weiß und durchsichtig wie Wiesenschwaden, und sein Mantel bauscht sich wie Fledermausflügel im Wind. Er reitet ohne Zügel und Sattel, und wenn er daherkommt, dann beginnen die Wasser zu 158 rauschen, sie steigen und heben sich, und dann blenkert das in stockfinsterer Nacht über das überschwemmte Land, als wenn der Mond hineingrinste. Manchmal saust er in einem so schnellen Tempo vorbei, daß man nur die kleine Laterne wahrnimmt, die er auf der Brust trägt. Und ist irgendwo Gefahr im Verzuge, leckt der Damm, oder werden die Nachbardeiche in Mitleidenschaft gezogen, dann läßt er an derjenigen Stelle, wo ein Deichbruch eintreten soll, ein entsetzliches Pfeifen hören, daß den Wärtern die Haare zu Berge stehen. – So etwa . . .!« sagte Pittje Pittjewitt, brachte Zeige und Goldfinger in den Mund und stieß einen gellenden Pfiff aus. »Donnerwetter!« stieß ich heraus. »Und das hat Elsken von Wissel mit seinen leiblichen Augen und Ohren gesehen und gehört?« fragte der ungläubige Thomas. »Ja,« bestätigte Pittje Pittjewitt, und zur Bekräftigung dessen spie er zum dritten Male der vorwitzigen Karausche auf die geöffneten Kiemen. »Gottdomie! – und hier, wo wir sitzen, hat der Wasserreiter dreimal gepfiffen. Dreimal hat er gepfiffen!« Seine Augen weiteten sich gespensterhaft. »Jungs!« rief er plötzlich, wobei er unsere Hände ergriff, »Jungs, wißt Ihr was?! – Wir machen flott und stechen in See.« Mit einem triumphierenden Geheul begrüßten wir seine Worte. 159 »Wir machen flott!« schrieen der lateinische Heinrich und ich. Wir hatten ihn verstanden. Dann gingen wir mit Pittje Pittjewitt gemeinsam der Stadt zu. Hinter uns verschwand das Bovenholt mit seiner leuchtenden Fläche, die noch kurz zuvor wie ein goldenes Wunder vor uns gelegen hatte. – – – Des Nachmittags gegen vier Uhr stellten wir uns wieder bei Pittjewitt ein. Die Dohle war bei mir. Pittje empfing uns an seiner Haustür. Den zerbrechlichen Stiel seiner langen Tonpfeife umspannte er mit dem Zeigefinger der linken Hand; die rechte hielt er in der Hosentasche vergraben, während er mit seinem zugespitzten Mund den ›Admiral de Ruiter‹ in zierlichen Wölkchen in die Luft hineinblies. Die blanken Barbierbecken klingelten uns einen hellen Willkomm entgegen. »Buschur,« sagte Pittje Pittjewitt, »alles parat! – Wir wollen ins Dock gehen.« ›Dock‹ nannte Pittje seinen hinteren Hofraum, auf dem der Schweinetrog bereits von zwei quergestellten Sägeböcken getragen wurde. »Das lecke Schiff ist kunstgerecht verstapelt,« meinte der Besitzer des hölzernen Schweinefutterals, das jetzt als solches außer Kurs gesetzt werden sollte, um in dieser Stunde als Kahn, Nachen oder Segelbarke auffrisiert zu werden. »Das Kalfatern kann losgehen.« Neben den beiden Sägeböcken lag ein Haufen Werg. über den ich mich sofort hermachte. Mit einem langen, 160 rostigen Nagel bewaffnet, gedachte ich die einzelnen Strähnen in die klaffenden Plankennähte zu stopfen. Allein der Lateiner stellte den Fuß auf den Werghaufen, schlug die Augendeckel nieder und meinte: »Bevor wir diese wichtige Arbeit in Angriff nehmen, möchte ich mir denn doch die Frage erlauben, woher der sonderbare und nicht gewöhnliche Ausdruck ›kalfatern‹ stammt?« »Gottdomie!« sagte Pittje ärgerlich, »das ist doch piepe bei dieser Schose.« »Nein,« versetzte der Lateiner mit einer klassischen Würde, »man soll auch in dieser Hinsicht profitieren im Leben. Das Wort ›kalfatern‹ war schon in grauen Zeitläuften gang und gäbe. Es ist arabischen Ursprungs und wurde im Mittelalter durch die Italiener in den Wortschatz der abendländischen Sprache aufgenommen.« »Meinetwegen,« schmunzelte Pittje Pittjewitt, »dann steckt den arabischen Werg in die Ritzen.« Nun ging's wirklich los. Mit Kalfatereisen und Werg stopften und pichten wir, was das Zeug halten wollte. Die Dohle hatte sich auf die lange Kiste gesetzt und sah verständig und mit schlauem Augenblinzeln unserm Tagewerk zu. Dann begann auch sie das Werg zu rupfen und mit ihrem Schnabel in die Bretternähte zu zwängen. »Brav so,« meinte Pittjewitt, dann stellte er drei Ziegelsteine auf die Schmalseite, legte Hobelspäne dazwischen und brachte ein mittelgroßes, gußeisernes Gefäß mit kurzer Tülle, in dem sich Pech und Teer befanden, 161 auf den so hergestellten Freiherd. Da solches geschehen war, griff er in die Westentasche, holte ein Schwefelholz hervor, strich den Phosphor an dem rauhen Buckskin des rechten Hosenbeines und entzündete mit der bläulichen Flamme die Hobelspäne. Es prasselte und zischte unter dem gußeisernen Topf, und sein bituminöser Inhalt kam in ein sanftes Gebrodel. Leichte Blasen spielten auf der dampfenden Oberfläche. Ein eindringlicher Asphaltgeruch qualmte und dunstete über den kleinen Hof von Pittje Pittjewitt. »Ha,« machte der Lateiner, »wie am Toten Meer!« – und die ganze Geschichte von Sodom und Gomorrha trat ihm lebhaft vor die Seele, nur mit dem Unterschied, daß dort der Herrgott Pech und Schwefel über die sündigen Städte vom Himmel regnen ließ, und hier der ehrsame Barbier, Leichenbitter und Ferkelstecher Teer und Pech aus einem gußeisernen Topf in die bereits kalfaterten Ritzen der langen Kiste hineingoß. Aber sonst stimmte das Bildnis: dort die Schweinestätte und hier der Schweinetrog, und über dem Ganzen schwebte ein qualmiger Nebel. So schafften wir mehrere Stunden. Wir stopften und pichten, und Pittje Pittjewitt goß aus seinem Hexenkessel die nötige Schmiere nach. Als dann noch eine Sitzgelegenheit eingezimmert war, konnte endlich die zur Jolle umgewandelte Kiste für see- und segeltüchtig erklärt werden. »Nu noch den Namen,« meinte Pittje Pittjewitt. 162 ›Die lachende Möwe,‹ wagte ich schüchtern zu bemerken. »Unsinn,« sagte mein Freund. ›Sturmvogel,‹ riet ich zum Zweiten. »Nein,« meinte der Lateiner, »das Boot muß einen klassischen, einen lateinischen Namen am Bugsprit führen. Ich bin für – ›Nautilus.‹« Dieser Vorschlag imponierte sowohl Pittje Pittjewitt wie mir, und ich hatte schon den Teerpinsel erwischt, um in lateinischen Lettern den Vorschlag in die Tat zu übersetzen. »Halt!« schrie der Lateiner, »erst die Taufe. Pittje, haben Sie vielleicht eine Flasche mit Wein in Ihrem Keller?« »Ne,« sagte Pittje Pittjewitt, »aber 'ne Pulle mit Bier.« »Die tut's auch,« erwiderte der Fragesteller. Pittje ging, und als die Flasche zur Stelle war, ergriff sie der lateinische Heinrich und sprach, zum ausgepichten Holztrog gewendet: »Wenn Du auch nicht das Meer der Achäer, das Tyrrhenische Meer oder den Pontus Euxinus durchschiffen wirst, so hast Du gewissermaßen doch den tückischen Fluten des ausgetretenen Kalkflacks zu trotzen. Bewähre Dich in Sturm und Gefahr, fliege vor dem Wind wie die Möwe des Meeres, und halte Dich brav an allen Küsten des Binnenlandes. Und somit taufe ich Dich . . .« Bei den letzten Worten hatte er mit der gefüllten Flasche zum Wurfe ausgeholt. 163 Pittje Pittjewitt aber fiel ihm in den Arm und meinte: »Gottdomie! – was soll das?« »Diese Flasche wird am Bug des Schiffes zerschmettert,« versetzte der Lateiner. »Den Deuwel auch!« rief Pittje Pittjewitt entsetzt, ergriff die Flasche, entkorkte sie schnell und goß ihren schäumenden Inhalt hinter die Weste. »So,« sagte er und gab die Geleerte dem Täufer wieder zurück. »Die tut's auch,« tröstete sich der lateinische Heinrich; dann holte er zum Wurf aus. »Und somit taufe ich Dich: ›Nautilus.‹« »Bratsch! – Kling!« In hundert Scherben splitterte die schwere Flasche auseinander. »Heinrich,« sagte Pittje Pittjewitt, »reden kannst Du. Mein Kompliment. Gut so.« Ich malte noch fix den Namen auf die verpichten Bretter der Jolle, dann trat ich einige Schritte zurück. »Gut so,« wiederholte Pittje Pittjewitt. Der Schweinetrog hatte seinen stolzen Namen erhalten. Wir aber hatten unser Tagewerk getan und waren zufrieden. 164 XI Sauve qui peut Zwei Tage später pflückte ich im elterlichen Garten die ersten Veilchen für Hannecke Mesdag. Als ich mich auf den Weg machte, sie persönlich dem Mädchen zu überreichen, begegnete mir in der Nähe des Ravelins Heinrich Hübbers mit seinem silbergrauen Stoppelbart, der Otterfellmütze und dem fünfundzwanzigpfündigen Leibrock. »Jupp,« sagte er, »ich mache nach Appeldorn zur Kirmes. So 'n kleiner Kalbsbraten- und Schinkenspaziergang! – 'ne feine Freßgeschichte!« Dabei schlug er mit seinem zum Spazierstock aptierten Regenschirm einen so fröhlichen Sauhieb, daß die Luft wie eine Hornisse summte und surrte. Zwinge, Krücke und Schnepper waren blitzeblank geputzt. In den hohen Pappeln am Ravelin lärmten die Elstervögel. Sie bäumten auf und trugen dürre Stecken zum Bau. Sie geckerten dabei, schwatzten und lachten und pflasterten mit Lehm und Strohhalmen die tiefe Nestmulde aus. Der mit prächtigem Metallschimmer überzogene Keilschwanz ragte bei dieser Beschäftigung über den Rand des Kugelnestes hervor. 165 »Jupp,« lachte der nachtwächterliche Schuster, »ich hole Dir eine herunter.« Ich kannte den alten Witz und ließ ihn gewähren. Früher glaubten wir an die magische Kraft des Spazierstockes; jetzt aber war dieser Zauber schon längst verschwunden. Gerade bäumte eine stattliche Elster auf. Der blauröckige Schuster legte mit einer unglaublichen Wichtigkeit an, zielte und knipste an dem Messingschnepper des Stockes. Bei dieser Manipulation ließ er einen kurzen und prägnanten Seufzer hören. Ich konnte mich irren. Möglich, daß die englischlederne Hose in ihren Nähten gekracht hatte – aber es war doch eine sonderbare und bedenkliche Geschichte. »Au!« rief der Schütze, »gut abgekommen und totensicher getroffen – und direkt wieder ins Nest gefallen. – Pech . . .!« Am Hause von Grades Mesdag trennten wir uns. Heinrich Hübbers schleifte weiter über die schnurgerade Landstraße und an den treibenden Obstbäumen vorüber, während ich in das niedrige Haus des Holzschuhmachers eintrat. Von der Diele her hörte ich den Alten schon an seinen Holzschuhen raspeln und schaben. Das Geräusch des Bohrlöffels, der sich langsam in die weichen Masern des Pappelholzes einfraß, hallte deutlich herüber. Rechts aus der Stube tönte die weiche Rolle eines Kanarienvogels. Ich trat ein und fand Hannecke Mesdag hinter 166 ihren Aurikeln und Goldlackstöcken sitzen. Sie war allein; nur der Kanarienvogel, die duftenden Blumen und der liebe Sonnenschein, der behaglich durch die weißen Tüllgardinen flutete, waren bei ihr. Goldfäden und Sonnenflimmer spielten um die kastanienbraunen Flechten des lieblichen Mädchens. Etliche Pfauenfedern steckten hinter dem einfachen Spiegel. »Hannecke!« Langsam hob sie den Kopf. Ihre weißen Hände umspannten vier stählerne Nadeln; ein schwarzseidenes Knäuel lag auf ihrem Schoße. »Ich habe Dir die ersten Veilchen aus unserem Garten mitgebracht,« sagte ich tonlos und mit einiger Beklemmung, als ich ihr bleiches Antlitz und die Tränen bemerkte, die groß und hell in ihren Augen standen. »Du bist ein guter Junge,« meinte Hannecke Mesdag mit wehmütigem Lächeln, dann nahm sie die Veilchen und schmückte damit das zarte Rund ihrer jugendlichen Büste. Ich nahm einen Holzschemel und hockte bei ihr nieder. Leise klapperten ihre Stricknadeln zusammen. Masche fügte sich an Masche, und kaum merklich rollte sich das Garn von dem seidenen Knäuel ab. Wir sprachen nicht. Eine große Stille war in der Stube; nur zuweilen und gleichsam wie im Traum schlug leise der Kanarienvogel. Es war so, als wenn es aus weiter Ferne herkäme. Ein warmer Veilchenhauch duftete durch das behagliche Zimmer. 167 Jetzt ließ sie die Hände in den Schoß sinken. Langsam hob sie den Kopf und schlug die Lider auf. Zwei lichte Tränen rollten über ihre Wangen. »Um Gottes willen, was hast Du?« »Nichts,« sagte das schöne Mädchen und begann wieder zu stricken. In ihrem Antlitz stand eine ganze Geschichte geschrieben, und was da geschrieben stand, war eine Leidensgeschichte. Es war eine große und fromme Legende, und ich wußte, daß sie am Sankt Nikolasabend begonnen hatte. Und diese Legende, die jetzt durch meine Seele zitterte, gemahnte mich an die Geschichte von den beiden Königskindern, die nicht zusammenkommen konnten, weil ein tiefes Wasser zwischen ihnen lag. Sie aber zündete zwei Kerzen an und bedeutete ihm, daß er hinüberschwimmen möchte. Und er versuchte zu schwimmen. Aber eine falsche Nonne saß am jenseitigen Ufer. Die löschte die Lichter aus, und er mußte ertrinken mitsamt dem Mantel und der Königskrone. Ich war meiner Gefühle nicht mehr Herr. »Da hörte man Glocken läuten, Da gab es viel Jammer und Weh . . .« rezitierte ich aus tiefster Seele. Hannecke Mesdag schreckte unwillkürlich zusammen. »Was soll das?« Auch sie kannte die schöne Mär von den zwei Königskindern. Sie verstand, was ich sagen wollte. 168 »Hannecke,« rief ich in großer Beklemmung, »Wilm Verhage darf kein Heerohme werden!« Sie sah mich mit weitaufgerissenen Augen an. Alles Blut war aus ihren Wangen gewichen. »Und was Du strickst, sind die Primizstrümpfe vom jungen Verhage – aber er darf kein Geistlicher werden.« Hannecke saß bewegungslos. Ihre Augen hatten einen eigentümlichen Glanz angenommen; ihre Hände legten sich krampfhaft zusammen. Mir war das Herz zum Zerspringen. Ich schluchzte heftig auf – dann barg ich mein Gesicht in ihrem Schoß. Lange ruhte ich so. – Von weither tönte der kaum vernehmbare Singsang des Kanarienvogels. Leise tickte die Standuhr aus dem Nebengemach. Von der Diele her vernahm ich, wie der Bas mit seinem Bohreisen hantierte. Die Veilchen an ihrem Busen dufteten stärker. Mir war es, als wenn sich das Mädchen niedergebeugt hätte. Ihre weichen Arme legten sich um meinen Hals, und mit ihren Händen schob sie meinen Kopf zurück. Ihre Augen standen dicht über den meinen. Unsere Lippen fanden sich, und auf meinem Mund brannte der erste Kuß von Hannecke Mesdag. – Vor der Tür kratzte und miaute der schwarze Kater des Hauses – dann wurde an der Klinke gedrückt. Gemessenen Schrittes, mit großem Buckel und steil aufgerichtetem Schweif betrat er das Zimmer. Frau Mesdag folgte. Friedlich lag das ruhige Gesicht der Alten in der niederrheinischen Knippmütz, die das blendendweiße 169 Aussehen von frischgefallenem Schnee hatte. Mit einem breiten und gesteiften Leinenbande war sie unter dem Kinn befestigt. Aus vielen hundert gekräuselten Fältchen war die Haube zusammengestellt, die mit dem Kelche einer vollaufgeblühten, weißen Päonie große Ähnlichkeit hatte. Es duftete ordentlich nach weißen Pfingstrosen. Mit verständnisinnigem Miauen war der schwarze Kater in eine Sofaecke gesprungen und blinzelte von hier aus ins Freie. Ein warmer Sonnenstrahl fiel auf den dichten Pelz des schönen Tieres. »Hannecke,« sagte Frau Mesdag, »Du mußt zu Hübbers hinüber.« »Warum denn, Mutter?« »Die Primizschuhe holen, die Vater für sein Patenkind bestellt hat. Sonntag hat Wilm Geburtstag, und er will dann doch seine Freude im Seminar haben.« »Das hat noch Zeit,« meinte Hannecke. »Nein,« entgegnete die Mutter, »das Hochwasser kommt, und bricht es durch, dann sitzt Hübbers mit seinem Vogelkäfig bis ans Dach unter Wasser. Vater und ich können da nicht durch; na, und dann ist Wilm seine Freude verdorben.« Hanneckes Gesicht verzerrte sich schmerzlich. »Frau Mesdag,« sagte ich, »das geht heute nicht mehr.« »Warum denn nicht, Junge?« »Hübbers ist soeben nach Appeldorn 'runter.« »Was tut er denn da?« 170 »Kirmes halten und Schinken und Speck essen. Ich glaube auch, daß er dort die Kirmesböller abknallen muß.« »Ach, der,« sagte Frau Mesdag. »Na, dann morgen, Hannecke. – Und Ihr, Jungs, müßt auch herüber kommen und die Schuhe besehen. Die sind vom feinsten Lack gemacht und mit silbernen Schnallen. Und die soll Wilm tragen, wenn er seine Primiz hält. Mit ihnen triumphiert er man so durch die Ehrenpforte, in ihnen hält er seine erste heilige Messe und predigt zum erstenmal in diesen Schuhen vor der ganzen Gemeinde. Auf unseren Schuhen geht er in das heilige Leben hinein. Sie sind dabei, wenn er die feine Primizbouteille bei Dores Küppers auf unser Wohl austrinkt – und dann nimmt Jakob Verhage seine Trompete aus der Franzosenzeit und bläst dazu: Das ist der Tag des Herrn. Und Hannecke muß ihm eine selbstgemachte Lilie auf den Tisch stellen – und die soll ihm eine Mahnung für den geistlichen Beruf sein, denn rein und weiß muß er sein Unschuldskleid bewahren, wie die Lilie von ihr.« Das schöne Mädchen stand regungslos. Ihre großen Augen starrten ins Leere. »Und dann trägt er auch die schönen Strümpfe, die Du ihm gestrickt hast, Hannecke.« »Was trägt er?« fragte sie wie geistesabwesend. »Na – die Strümpfe . . .« Ich bemerkte, wie Hannecke zusammenschauerte. Mit einem gellenden Schrei, der mich auf das tiefste erschütterte, warf sie sich an den Hals ihrer Mutter. Ein konvulsivisches 171 Schluchzen machte ihren Körper erzittern. Jede seiner Linien redete ihre eigene Sprache. Die große Passionsgeschichte von Hannecke Mesdag war in ein zweites Stadium getreten. Für diese Geschichte gab es kein Halten mehr – sie mußte ausgelebt werden. »Mutter, Mutter . . .!« Sie hatte mit einer Flüsterstimme gesprochen, aber es war so, als erstürbe sie auf den sich kaum bewegenden Lippen. Hanneckes Aussehen war das einer Toten. Draußen war an Stelle des fröhlichen Sonnenscheines ein eigentümliches Dunkel getreten. Scharfe Windstöße wirbelten den Staub der Landstraße auf und hüllten die Landschaft in gelblich-graue Schleier. Man hörte die hohen Pappeln des nahen Ravelins herübersausen. Schon machten sich einige schwere Regentropfen an den Fensterscheiben bemerkbar. In langsamen Absätzen und Pausen rieselten sie hernieder. Die Dämmerung war stärker geworden. In dem harten und wie aus Holz geschnitzten Gesicht von Frau Mesdag zuckte keine Wimper. Sie hatte die Arme um den Körper ihrer Tochter gelegt. Vieles mochte in dem Herzen dieser Frau vorgehen. Die Augen waren geschlossen. Einen Augenblick später sah ich sie aufleuchten in dem Halbdunkel der Stube. Eine Träne hatte sie benetzt. Ich durfte die heilige Feier dieser Stunde nicht länger stören. Unmerkbar und auf leisen Zehenspitzen stahl ich mich ins Freie hinaus. – 172 Schwere Regentropfen klatschten mir ins Gesicht. Ein steifer Wind wehte von Nordwesten her. Graue Wolken jagten in hastiger Folge über die Landstraße und die kleine Stadt hin. Am Ravelin sauste das Weiden- und Elsengestrüpp, und fröhliche Wasserhütchen tanzten auf der gekräuselten Fläche des weiten Spiegels, aus der schon die jungen Spitzen des Kolben- und Fahnenrohrs wie grüne Speere hervorbrachen. – In den Straßen der Stadt steckten die Leute die Köpfe zusammen. Es mußte irgend etwas Bemerkenswertes passiert sein, eine Vermutung, die ich bei meiner Ankunft auf dem Marktplatz auch völlig bestätigt fand. Lebhaft gestikulierende Menschen standen zusammen, andere kamen aus der Richtung der Kesselstraße her, während wieder andere sich in der Umgebung des Rathauses zu schaffen machten. – Unter den Leuten, die in der Nähe der großen Linde Aufstellung genommen hatten, befand sich auch Pittje Pittjewitt. Mit seinem aufgespannten roten Baumwollschirm stand er auf der steinernen Bank, die im weiten Kreis den stattlichen Baum umhegte, fuchtelte mit dem rechten Arm umher und schrie in die Menge: »Gottdomie! – was ich immer schon sagte . . .« Er wurde unterbrochen. »Ruhe! – Ruhe!« schrie es ihm von allen Seiten entgegen. »Der Herr Polizeidiener Brill will sprechen.« »Der fürchtet sich vor dem Wasser!« »Und kann nur gebranntes vertragen!« 173 »Und der will das Vaterland aus Wassersgefahr retten?!« »Ruhe! – Ruhe!« So klangen die Rufe von allen Seiten in ernster und höhnischer Weise durcheinander. Auf den höchsten Rathausstufen war der Herr Polizeidiener Iwan Kasimir Brill in seiner Amtsmontierung erschienen. Er war ein schmächtiges, lebhaftes Männchen mit einer Pechnelkennase zwischen den Fledermausohren und blankgeputzten Augen, die fidel über einen Bogen Kanzleipapier fortsahen. In der Rechten hielt er eine große Messingschelle. »Ruhe! – Ruhe! – Der Herr Polizeidiener will sprechen.« »Der versteht seine Sache,« lachte Pittje Pittjewitt, »der kuckt mit seinen Augen das Hochwasser man so fort – na, nu los!« Herr Iwan Kasimir Brill hatte noch nicht seine Dienstaugen aufgesetzt, er sah noch nicht amtlich aus – aber jetzt . . . Er rührte die Schelle. »Bim, bim, bim!« Die Regentropfen klatschten und trommelten auf den Kanzleibogen. Iwan Kasimir Brill hatte gehustet, dann las er mit weitvernehmlicher Stimme: »Wir Karl Joseph Backer, regierender Bürgermeister dahier, tun kund und fügen hiermit zu wissen, daß wir die Herren Deichgeschworenen in wichtiger und dringlicher Sache Schlag 174 fünf Uhr auf unsere Amtsstube entbieten. Inferner wird die hiesige freiwillige Feuerwehr mit Dores Küppers und dem Klempnermeister Fritz van Dornick an der Spitze hierdurch beordert, den Stadtdeich oberhalb der großen Schleuse zu besetzen, auf daß dem Vordringen des Wassers Einhalt getan werde. Allen Einwohnern unserer Stadt wird schließlich zur Pflicht gemacht, Keller und Untergeschoß zu räumen und das Vieh in höher gelegene Orte zu schaffen. Zuwiderhandlungen fallen in Strafe von zwei Taler preußisch Kurant. Also gegeben von wegen Wassersgefahr.« »Bim, bim, bim!«. Herr Polizeidiener Iwan Kasimir Brill blitzte mit seinen blankgeputzten Augen über den Marktplatz, dann verließ er gravitätischen Schrittes die Rathausstufen, um von sonstigen Ecken und Plätzen das bürgermeisterliche Manifest in alle Winde zu schreien. Den Spuren des Allgewaltigen folgte die liebe Straßenjugend unter Purzelbäumen und sonstigen Späßen. Noch einmal leuchteten die karmesinroten Aufschläge von Herrn Brill an der nächsten Marktecke auf, dann waren sie in der Kesselstraße verschwunden. »Und ich sage Euch,« rief Pittje Pittjewitt den Umstehenden zu, »die Sache ist verteufelt ernst. Der Wasserreiter wurde hinter der großen Schleuse gesehen – da geht der Spektakel zuerst los.« »Wer sagt das?« fragte Jakob Verhage, der in die Zuhörergruppe hineingehumpelt war, mit ungläubiger Miene. 175 »Elsken von Wissel.« » Sacré nom de dieu! « entsetzte sich Jakob Verhage, »dann hat die Sache ihre wahrhaftige Richtigkeit. – Sauve qui peut! « Als wenn er das Wasser beschwören wollte, streckte er beide Arme gegen das Kesseltor aus. Langsam wandte er den Kopf mit dem Raubvogelgesicht. Ich schien ihm besonders rettungsbedürftig zu sein, denn er faßte mich mit seinen kalten Händen bei den Schultern, schüttelte mich und schrie mir noch einmal in die Ohren: » Sauve qui peut! « Donnerwetter noch mal! Das › Sauve qui peut! ‹ und ein gründlicher Platzregen, der plötzlich mit aller Wucht hereinbrach, trieb die Wassergelehrten auseinander. Das Rathaus, die alte Linde und die spanischen Giebel der Marktzeilen hatten sich in einen grauen Dunst gehüllt. Der General Seydlitz, der in Stein gemetzt inmitten des Platzes paradierte, zog den Reitermantel fester zusammen und stierte mit gerunzelter Stirne ins Wetter hinein. Ein frecher Spatz, der sich auf die Krempe des Dreispitzes gesetzt hatte, schilpte und schimpfte von hier aus auf Gott und alle Welt. Dabei ließ er die Flügel hängen und stelzte das Schwänzchen empor. Durch Pfützen und breite Lachen trabte ich heimwärts. Über meinem Kopf schlugen die Spritzer zusammen. In den hohen Bäumen, die in der Siebenzahl vor meinem elterlichen Hause standen, spielte der Sausewind. Mächtige 176 Äste wurden von der Krone gerissen. Alles schwamm grau in grau vor meinen Augen, nur war es mir, als wenn das fahlbeleuchtete Vogelgesicht von Jakob Verhage mich verfolge. Pickte nicht die spitze Habichtsnase nach mir? » Sauve qui peut! « Krachend schlug ich die Tür zu. 177 XII Wir stechen in See Die Müdigkeit wollte nicht kommen. Stundenlang lag ich wach und hörte auf das Trommeln, Gurgeln und Plätschern des Regens, der in unverminderter Heftigkeit sein Wesen trieb. Dazu rappelten die Fensterläden; ein unheimliches Johlen und Seufzen lief durch die langen Gänge meines elterlichen Hauses, über dem Kamin sprach es in den Tapeten, und in dieses Konzert sausten die wehmütigen Stimmen der alten Linden hinein, deren Schatten vor dem Fenster meines Zimmers hin und her schwankten. Im Kamin orgelte und stöhnte der Wind in sonderbaren Lauten. Der schwimmende Docht des Nachtlichtes warf unstete Kringel an die Decke. In seinem Schein sah ich, wie sich eine niedliche Maus an der weißen Gardine emporarbeitete. Mit Zwinkeraugen verfolgte ich die Kletterkunststücke des zierlichen Tieres. »Tuhututuhut – tuhut!« Zwölf Uhr. In schauerlichen Dissonanzen rief das Wächterhorn durch die Nacht. Man merkte es diesem Getute an, daß 178 der ehrsame Bläser die Appeldorner Kirmes besucht hatte, denn gegen diese Greueltöne war der nachmittagliche Krach in der englischen Lederhose als eine musikalische Leistung erster Klasse anzusehen. Die Scheiben zitterten, als Heinrich Hübbers in dieser Art und Weise vorübernachtwächterte. Zwölf Uhr. Auf dem Sims, wo sich das Nachtlicht befand, paradierte auch ein gewaltiger Nürnberger Nußknacker mit Zipfelmütze, Pekesche und Glotzaugen. Infolge seines fortwährenden Anstierens wurde ich in einen Traumzustand und in eine Art von Hypnose versetzt, die bei mir jede freie Willensäußerung unterband. Ich glaubte mich in einem Halbschlummer zu befinden. Nur das Plätschern und Trommeln des Regens und das Sausen des Windes tönten zeitweilig in diese seltsame Traumwelt hinein. Jetzt ließ sich ein leises Geräusch vernehmen. Die Tür, die auf den langen Korridor führte, begann deutlich zu knarren, sie bewegte sich in gemessener Ruhe, und vier sonderbare Wesen schwebten ins Zimmer. Ein Alp lag mir auf der Brust. Sie schwebten näher und näher. Jetzt konnte ich genau erkennen, mit was für Gestalten ich es zu tun hatte. Mir stiegen die Haare zu Berge, denn was ich sah, was mir einen Besuch abstattete, waren die Primizschuhe und Strümpfe von Wilm Verhage, die in feierlicher Weise Posto vor meinem Bett gefaßt hatten. In tadelloser Schwärze, mit leuchtenden Silberschnallen, aus purer Seide gestrickt und gewirkt standen Schuhe und 179 Strümpfe in der bloßen Luft. Aber was noch unheimlicher war – sie schnitten plötzlich die tollsten Grimassen, reckten sich und klimperten mit den Schnallen, bis das Maß des Wunderlichen und Tollen den Gipfel erstieg und diese nächtlichen Besucher noch gar mit einer lauten und klaren Stimme zu sprechen begannen. Langsam riß der Nußknacker das Maul auf. »Wir sind die Primizschuhe von Wilm Verhage,« sagten die Schuhe. »Das weiß ich.« »Und uns soll der junge Heerohme über die Beine ziehen, wenn er seine Primiz hält,« ergänzten die Strümpfe. »Wir wurden von Hannecke Mesdag gestrickt.« »Das weiß ich.« »Und uns hat Heinrich Hübbers mit Ahle und Pechdraht zusammengeschustert,« meinten die Schuhe, »und wenn Du Dich noch einmal unterstehst, uns bei Hannecke Mesdag in Mißkredit zu bringen, dann stoßen wir Dir eine Schusterahle durchs Herz und knüpfen Dich an einem Pechdraht auf. Verstehst Du uns?« »Ich verstehe,« sagte ich kleinlaut. Meine Blicke irrten hilfesuchend zum Nußknacker hinüber, dessen mit Holzzähnen bewaffnetes Maul sich sperrangelweit aufgetan hatte. Mit seinen Stielaugen, die sich wie die Fühlhörner einer fetten Weinbergschnecke bewegten, glotzte er vernichtend auf die ungebetenen Gäste, klappte und grimassierte, daß ich wähnte, er würde sie über kurz oder lang mit Haut und Haaren verspeisen. 180 Allein die Primizstrümpfe kehrten sich nicht an den Nürnberger Gesellen. Sie wuchsen ins Ungemessene, quirlten und wandten sich und legten sich zuletzt quer über meine blau- und weißkarrierte Bettdecke. Von hier krochen sie wie sammetschwarze Puffottern über meinen Körper und versuchten in behaglichen Windungen sich um meinen Hals zu drehen. – Ich war starr vor Entsetzen. Unwillkürlich griff ich zur Linken. Ich erfaßte einen seidenen Gegenstand, der mir aber wieder aus der Hand schlüpfte. Gleichzeitig legte sich eine eisigkalte Feuchte um Brust und Schultern. Jetzt kamen auch noch die Schuhe gewackelt. Ich fuhr aus den Kissen empor. »Nußknacker, hilf mir!« Er mußte meinen Angstruf gehört haben, denn sein Hals streckte sich schachtelartig vor, und die beiden Glotzaugen nahmen die Form von Teetassen an – dann schnappte er zu. Die Primizschuhe waren verschwunden. Danach machte er sich ans Werk, die beiden Puffottern zu vertilgen. Die erste war bald der ultramarinblauen Holzpekesche einverleibt, während der andere Strumpf sich aber dergestalt wehrte und krümmte, daß der Nußknacker alle Mühe und Not hatte, ihn mit seinen weißen Zähnen festzuhalten. Es war ein Kampf auf Leben und Tod. Schon war es mir, als sollte das ultramontane Strumpfungeheuer als Sieger aus diesem Streite hervorgehen – da . . . Ein dumpfer, heulender Ton ließ die Wände meines kleinen Zimmers in ihren Grundfesten erzittern. Ein zweiter folgte. 181 Mit einem Satz war ich aus den Federn gesprungen. Der Sturm hatte sich gelegt, die Regentropfen klatschten und polterten nicht mehr gegen die Scheiben, ruhig und zufrieden stand der Nußknacker auf dem Sims hinter dem Nachtlicht, und sanft und bläulichen Scheines sah der Vollmond ins Zimmer – aber in kurzen Pausen stürmte die Rathausglocke über die Stadt hin. Ich kannte den Ton. Es war die Feuer- und Wasserglocke, die da hoch oben stürmte und läutete. Dazwischen tutete Heinrich Hübbers auf seinem Nachtwächterhorn, als wollte er die Messingwände seines mit Grünspan behafteten Instrumentes zersprengen. Ich hatte das Fenster aufgerissen. Auf der Straße hasteten die Leute vorüber. Die ganze Stadt war in Aufregung gekommen. Brennende Fackeln wurden vorübergetragen, Hunde bellten in der Nachbarschaft, und deutlich hörte ich die laute Stimme von Pittje Pittjewitt. Fenster wurden geschlagen und Türen aufgerissen. In allen möglichen und unmöglichen Bekleidungsstücken waren die geängstigten und aus ihrer besten Ruhe aufgestöberten Menschen auf die Straße gedrungen. Das helle Mondlicht ließ Gestalten und Einzelheiten deutlich erkennen. Mit Blitzesschnelle war ich angezogen und – draußen. Auf der gegenüberliegenden Türschwelle stand der Schneidermeister Schmitz – barfüßig und barbeinig. Er war nur mit Hemd und weißer Nachtmütze bekleidet. In der Hand hielt er eine brennende Kerze. Er zitterte wie 182 Espenlaub, während seine noch junge und nacktbusige Frau ihre Körperzierde mit einer gewissen Ostentation zur Schau trug. Auch Pittje Pittjewitt hatte in der Übereilung seine Hosen vergessen, denn er paradierte in rotgestreiften Unterbeinkleidern an der Frau Schneidermeister vorüber, scheinbar nicht gleichgültig und abgehärtet gegen den noch jugendlichen Busenflor der Frau, die in diesem Augenblick über und über von dem Kerzenlicht ihres jammerseligen Mannes beleuchtet wurde. Ebenfalls in der Übereilung hatte Pittje Pittjewitt an Stelle der Troddelmütze den Feiertagszylinder erwischt und diesen unter einer ganz bedenklichen Neigung auf den Kopf gestülpt. Dergestalt ausstaffiert schrie er Zeter und Mordio, wobei der freiwillige und gesunde Cölibatär aber immerhin noch soviel kalte Überlegung besaß, sich bis dicht an die Seite des verführerischen Weibes heranzuschreien. Der Herr Schneidermeister Schmitz hingegen war mehr tot als lebendig. Trübselig sahen die mageren Beinchen aus dem kurzen Flanellhemd hervor. »Was ist los?« rief er in tausend Ängsten. »Da hinten!« machte Pittje Pittjewitt. »Wo denn?« »Am Kesseltor, hinter der großen Schleuse . . .!« »Was denn?« »Der Wasserreiter!« »Was soll der?« »Menschenskind!« schrie Pittjewitt, »der Deich ist durchgebrochen. Die Wasser kommen!« 183 »Um Jesu Christi willen,« stammelte der Schneidermeister Schmitz in herzzerreißender Weise, dann taumelte er durch den Laden der Schlafkammer zu. Auch die junge Frau kam ins Schwanken. »Gottdomie!« sagte Pittje Pittjewitt und fing sie mit seinen Armen auf. Bei dieser Handfertigkeit streifte sich, ohne fremdherrliches Zutun, der primitive Spitzenbesatz des Hemdes noch weiter zurück. Wenn dies auch so diskret wie möglich geschehen war, so hatte das pfiffige Mondlicht noch Raum genug, sich lüstern über Brust und Schultern zu verbreiten. Der rosige Körper war strahlend umschienen. »Das Wasser kommt! – das Wasser kommt!« schrieen die Leute. Der Tumult wuchs. In großen Scharen strömten die Menschen zum Kesseltor. Die Glocke stürmte. Ihr Ruf wurde nur übertönt von der Kommandostimme des Herrn Polizeidieners Iwan Kasimir Brill, der einer von den wenigen war, die in dieser großen Kalamität den Kopf oben behielten und in anständiger Bekleidung einhergingen. Erhobenen Hauptes, mit Helm, Seitengewehr und blankgeputzten Augen schritt er durch die Menge und beruhigte die Leute. »Ich bringe die Sache schon in Richtigkeit,« versicherte Herr Brill, dann ging er nach dem Kesseltore zu. Hinter ihm her brüllte die Glocke. – – – Am anderen Morgen war das Binnenland eine einzige Wasserfläche. So weit das Auge reichte, dehnte sich 184 ein blanker Spiegel, aus dem nur vereinzelte Bauerngehöfte und Kappweiden mit ihrem zartgrünen Pfriemenhaar hervorragten. Wie kugelrunde Mistelsträucher lagen sie auf dem ruhigen Wasser. Hin und wieder hockte eine Saatkrähe in ihren Zweigen, krahate und blinzelte erstaunt über die endlose Fläche, die über Nacht wie durch einen Zauberspruch das weite Wiesengelände überschwemmt hatte. Das safrangelbe Blütenmeer der Sumpfdotterblumen war in diesem neugeschaffenen Meer spurlos verschwunden. Um die Mittagszeit schien der Hochstand der Stauflut noch nicht erreicht zu sein. Unaufhörlich drängte sie vor. Die Unterstadt war bereits überschwemmt, und bis in die unmittelbare Nähe des Hauses von Pittje Pittjewitt bewegten sich die leicht gekräuselten Wellen. Der Nautilus konnte somit in See stechen. »Auf zu Pittje Pittjewitt!« Als ich dort ankam, stand der Lateiner bereits mit seinen nagelneuen Plüschpantoffeln bei dem Besitzer des Nautilus. Er hatte die Hosen aufgekrempelt, wodurch die malvenfarbigen, grobbaumwollenen Strümpfe bis zu den Kniekehlen sichtbar wurden. Ein väterlicher Kalabreser, den er nach Art eines Südwesters in den Nacken geklappt hatte, zierte sein Haupt. Als er so vor mir stand, wußte ich nicht, ob ich weinen oder lachen sollte. Ich entschloß mich zu letzterem, allein der Lateiner legte mir die Hand auf die Schulter und meinte: »Lache nicht – so tragen es die seebefahrenen Menschen.« 185 »Gottdomie!« sagte Pittje Pittjewitt, »hab' ich nicht recht gehabt?« »Womit denn?« fragte der lateinische Heinrich. »Na – mit dem Wasserreiter?« »Nein,« bemerkte der Seebefahrene. »Die ganze Geschichte ist sozusagen eine Phantasmagorie, ein Nichts, ein Garnichts. Der Wasserreiter ist gewissermaßen nur ein Wesen sine loco et anno .« »Oho!« ereiferte sich Pittje Pittjewitt. »Wer hat denn sonst etwa den fürchterlichen Damm- und Deichbruch verschuldet? – Wer denn?« Der Lateiner zeigte gen Himmel. » Deus ,« sagte er mit einer salbungsvollen Betonung. »Schafskopf,« meinte Pittje Pittjewitt. Es war aber nur ein kaum vernehmbares Geknurr, denn der Lateiner hatte das Wort nicht gehört; er war guter Dinge und drängte darauf, den Nautilus in See stechen zu lassen. »Gut,« sagte Pittje Pittjewitt. Alsbald balancierte der kalfaterte Schweinetrog als Jolle auf dem ruhigen Wasser, das sich inzwischen bis unmittelbar an die Haustür von Pittje Pittjewitt herangespült hatte. Wir stiegen ein und fanden, daß der Nautilus hinsichtlich seiner Stabilität nichts zu wünschen übrig ließ. Bevor wir aber vom Lande stießen, reckte sich mein Freund noch einmal in seiner ganzen Größe auf, stieß den väterlichen Südwester tiefer ins Genick und meinte: »Herr Pittje Pittjewitt, haben Sie vielleicht eine Navigationskarte zu Hause?« 186 »Nein,« sagte Pittje Pittjewitt. »Auch keinen Kompaß?« »Schafskopf,« wollte Pittjewitt sagen, er verschluckte das Wort aber und wackelte mit dem Zeigefinger der linken Hand, was so viel bedeutete wie: laßt mich zufrieden. Der Lateiner zuckte die Schultern. » Nemo ad impossibile obligatur, « meinte er mit schmerzlicher Wehmut. Dann ließ er sich nieder und stieß ein heulendes »Hoidoho!« aus. Langsam setzte sich der Schweinetrog in Kurs, der nach Art der Eskimokajaks durch ein Schaufelruder bewegt wurde. Ich saß am Steuer, während der Lateiner die Doppelschaufel handhabte. Mit einer bewunderungswürdigen Naivität wackelte der Nautilus durch die überschwemmte Kesselstraße, deren Häuser bis über Manneshöhe tief im Wasser standen. Trotz des großen Elends, das über die Stadt gekommen war, zeigten sich in den Fenstern der oberen Stockwerke dennoch etliche Gesichter, die sich bei unserer Vorüberfahrt zu einem langen Grinsen verzogen. Dann schallte ein vielzüngiges Gelächter hinter uns her. Eine grenzenlose Verachtung spielte sich in den Zügen des lateinischen Heinrich wider. » Non cuivis homini contigit adire Corinthum, « zitierte er. »Jupp, verstehst Du das?« »So im Handumdrehen nicht.« »Das will besagen,« fuhr der Lateiner fort . . . »Nur 187 wenigen Sterblichen ist es vergönnt, Korinth zu sehen und in dieser Jolle zu fahren.« Ich mußte ihm recht geben. Es fuhr sich lieblich auf dem ruhigen Wasser, wobei der Nautilus sich allerdings nicht als ein Schnellsegler erster Klasse, aber doch als ein brauchbares und seetüchtiges Fahrzeug herausstellte. »Hoidoho!« Dieses Mal hatte ich gerufen, denn zu meiner nicht geringen Freude machte sich hoch zu unseren Köpfen ein schwarzer Punkt bemerkbar, der mit unglaublicher Schnelligkeit näher rückte. Jetzt war die Gestalt eines schwarzen Vogels deutlich erkennbar, jetzt flog er auf den Giebelfirst des Schreinermeisters Henseler, jetzt sauste er nieder – meine Dohle saß an Bord und war somit ein Passagier des Nautilus geworden. Zu dritt fuhren wir weiter. Pittje, der zurückblieb, war längst unseren Blicken entschwunden. »Wohin geht der Kurs?« fragte der Lateiner, als wir das Kesseltor erreicht hatten und das überschwemmte Außenland wie ein mächtiger See vor unseren Augen lag. »Gen Nord-Nord-Ost, nach dem Dammbruch und der großen Schleuse.« »Genehmigt,« sagte mein Partner, »und dann?« »Nach Heinrich Hübbers.« »Warum?« »Die Primizschuhe von Wilm Verhage sind fertig, und Hübbers hat sie geschustert.« 188 Das Gesicht unter dem Südwester meines Freundes verklärte sich wie unter dem Eindruck von seligen Halluzinationen. »Kehrt!« befahl der lateinische Heinrich, »wir treten zuerst die heilige Fahrt an.« Ich aber bestand auf den ursprünglichen Vorschlag, und der Exaltierte mußte sich fügen. Als wir den mächtigen Deichbruch und die Schäden der Hochflut in Augenschein genommen hatten, drehten wir bei und nahmen städtischen Kurs auf. Plötzlich schwand der Sonnenschein vom Wasser, und das überschwemmte Tief lag in einem matten bleifarbigen Licht da, während die grünen Weidenkronen des Bovenholtes noch in einem sonnigen Glanz erschienen. Die Oberfläche kringelte sich in verdächtiger Weise. Wir mußten uns eilen, denn ein schwefelfahlumsäumtes Wolkengebirge strebte empor, und die Schatten der Dämmerung ließen nicht lange mehr auf sich warten. Unter kräftigen Ruderschlägen steuerten wir stadtwärts und der Behausung von Heinrich Hübbers entgegen. Der Lateiner befand sich in einer gehobenen, ich möchte fast behaupten in einer heiligen Stimmung. Der Gedanke, daß ihm, vielleicht schon in einer halben Stunde, der Anblick der Primizschuhe mit den Silberschnallen zuteil werden sollte, genügte, in seiner Seele eine fromme und beschauliche Weihe aufkeimen zu lassen. Die Blicke gen Himmel gewandt, die grünen Plüschpantoffeln gegen die Rippen des Schweinetroges gestemmt, irgend einen 189 Psalm auf den Lippen – also handhabte mein Freund das Doppelruder und schaufelte mit Aufbietung aller seiner Kräfte. Ich saß am Steuer und hütete mich, den Frieden und die gehobene Stimmung des Ruderführers zu stören. Ich wußte es wohl, daß die Primizschuhe vor seinen Blicken schwebten und ein seraphisches Empfinden seine große und reine, aber auch fanatische Seele durchzitterte. Der Wind blies leewärts. Nur mit geringen Schwankungen verbunden, teilte der Nautilus mit seiner Schmalseite die in schräger Richtung anklatschenden Wellen. Schneller wie man es von dem aptierten Schweinetrog erwarten sollte, wackelte er den Hübbersschen Penaten zu. Auf der Grabenstraße, schräg dem Altmännerhaus gegenüber, lag die Behausung des nachtwächterlichen Schusters, die infolge des Hochwassers aber nur in ihrer vorderen Bodenkammer bewohnt werden konnte. Keller und Untergeschoß waren vollständig überflutet, und nur mit knapper Not hatte Hübbers seine geringen Habseligkeiten unter die Dachpfannen gerettet. Ein Verkehr mit den Insassen des Hauses war daher lediglich durch Kahn, Dachfenster und Leiter möglich geworden. Wie Noah in der Arche, so saß auch Heinrich Hübbers in seinem baufälligen Ziegelkasten, über sich den dunklen Abendhimmel und zu Füßen das lehmige Wasser, das mit einer behaglichen Unverschämtheit die geheiligte Schusterstube durchschwemmte. 190 Majestätisch steuerte der Nautilus die Grabenstraße entlang. Das fragliche Haus kam in Sicht. Lautlos bugsierte ich die Jolle nach dem niedrigen Giebelfenster zu. Jetzt drehte ich bei. In Erwartung der Dinge hatte sich der Lateiner aufgerichtet. Die Rechte hielt das Ruder umspannt. Schon wollte er die linke Hand an den Mund bringen, um ein kräftiges ›Hoidoho!‹ als Anmelde- und Begrüßungsformel hinauszuschreien, als sich das Fenster öffnete und etwas Blankes, Weißes – kurz, ein undefinierbarer Gegenstand vorgeschoben wurde. Das ›Hoidoho!‹ blieb dem lateinischen Heinrich in der Kehle stecken. Er war stumm wie ein Fisch. Geraume Zeit herrschte ein furchtbares Schweigen. Ich kann mir vorstellen, daß die Gesichter der Inquisitionsrichter kalt, ehern und steinern gewesen sein mußten, wenn sie in Kraft ihres Amtes die Ketzer und Hexen gen Himmel flammen ließen, zum Heil der Menschen und zur höheren Ehre Gottes – allein das Gesicht des Lateiners war in diesem Augenblick kälter, eherner, steinerner wie die heiligen Physiognomien dieser Männer. Es war ein Gesicht, wie es nur der Beelzebub aller Ketzermeister aufzusetzen vermochte. Dasselbe Schweigen wie vorhin. Nur kleine Wellen plätscherten mit leisem Geräusch gegen die Planken des beigedrehten Nautilus. Der Lateiner stand wie eine Granitsäule. Keine Wimper zuckte. 191 Da – jetzt wurde die Schusterscheibe in ihrer ganzen Blöße vorgerückt . . . dann tutete sie über die weite Wasserfläche wie eine Jerichotrompete – und »Bratsch!« – der Lateiner hatte zugeschlagen. » Quos ego! « Mit einer Vehemenz, die nichts zu wünschen übrig ließ, saß das Ruder auf der Breitseite des musikalischen Schusters. Ein wilder Aufschrei folgte dem Schlage. – Der Schweinesarg war weitergewackelt. Gleich darauf erschien der mit einer Otterfellmütze gezierte Kopf des Mißhandelten in der Bodenluke. Ein Fluch, so recht tief aus ergrimmter Seele hervorgeholt, saftig, kompakt und funkelnagelneu, folgte unserm Kurs. Fast gleichzeitig wurde ein schwarzer Gegenstand dem Nautilus nachgeschleudert – dann klatschte er auf. Einen Augenblick hielt er sich noch über Wasser, kreiste etliche Male um seine eigene Achse – dann sank er unter. Der Primizschuh von Wilm Verhage war zur Tiefe gefahren. »Ah!« stöhnte der lateinische Heinrich, »das zweite Verbrechen.« Ich suchte ihm zu beweisen, daß Heinrich Hübbers nur aus purer Naturnotwendigkeit so gehandelt habe und handeln mußte, und machte den Vorschlag, dem Tiefgekränkten meine Dohle mit einem Weidengertlein im Schnabel als Friedenstaube zu schicken. Allein er ließ sich auf nichts ein. 192 »Was zu viel ist,« meinte er, »ist zu viel. Wir fahren nach Hause. Vorwärts!« »Na – denn nicht.« Der Nautilus drängte zum Stall, und die ersten Regentropfen klatschten zu Wasser. 193 XIII Ein Seydlitz zu Esel Die Wasser hatten sich längst verlaufen, vom Deichgrafen war die Durchbruchsstelle geschlossen worden, die liebe Sonne hatte die Wiesen rings um die Stadt mit einem leuchtenden Grün geschmückt, auf dem die Kühe in ungezählten Scharen weideten. Allerorten lagen die braunen und schwarzweißen Flecken im Grase und muhuten in die warme Luft hinein. Prozessionsweise folgte der braunglockige Nelkwurz unter Erlen- und Weidengestrüpp dem Lauf der kleinen Wässerchen, die das Wiesenland nach allen Richtungen durchschnitten, begleitet von Steinbrech und Orchis und den zarten Rispen der in Büscheln stehenden Simsen. Vor dem Kesseltor drehten sich die Flügel der Höfkensschen Mühle im Wind. Wie ein schneeweißer Zuckerhut, der mit einer schieferfarbigen Kalotte versehen war, hob sie sich von dem tiefblauen Junihimmel ab. Langsam drehte und rekelte sie ihre mit schwerem Segelleinen bespannten Arme im weiten Kreise, wobei die mächtige Welle in ihren Pfannenlagern stöhnte und ächzte. Ein weißlicher Mulm wehte aus den bestäubten Fensterlöchern, und die weißgekalkten Wände flimmerten im Sonnenlicht. 194 Mohnkornfarbige Feldflüchter saßen in beschaulicher Betrachtung auf der Schieferhaube. Sie regten und rührten sich nicht. Eine träumerische, einschläfernde Mittagsruhe, die nur durch das Schlappen der Segel und das Ächzen der Welle unterbrochen wurde, lagerte sich um den Windmühlenhügel, auf dessen blumigem Abhang ein stattlicher Esel seine Weide gefunden hatte. Jetzt verdaute er. Seine Ohren waren angelegt, und die halbgeschlossenen Augen blinzelten müde und schläfrig ins Grüne. Heute war Samstag. Wir Jungens hatten frei. Der lateinische Heinrich, Jan Höfkens und ich lagen im Grase. Mit Jan waren wir wieder ein Herz und eine Seele. Alle Mißhelligkeiten der verflossenen Monate waren vergessen und abgetan. Das Kriegsbeil lag verscharrt, und die blauen Wölkchen der Friedenspfeife hatten sich schon seit geraumer Zeit wieder um unsere Nasenspitzen gekräuselt. Versöhnlich schwebte die Hand des großen Geistes zu unseren Häupten. Wie hingemäht lagen wir alle drei auf dem Rücken am Mühlenhügel. Der Lateiner hatte das rechte Bein über das aufgestemmte linke geschlagen und zappelte mit jenem taktmäßig auf und nieder, eine Übung, die das Schweinfurtergrün der neuen Plüschpantoffeln und die Malvenfarbe der Baumwollstrümpfe überaus lustig gegen den tiefblauen Himmel kontrastieren ließ. In der Hand hielt er den abgeblühten Schaft eines Löwenzahns, von dem er die ausgereiften und feinen Gebilde des 195 Flugsamens hinwegblies. Fallschirmartig und sich um ihre eigene silberlichte Achse drehend, verteilten sie sich in der nächsten Umgebung. Sobald das letzte wehende Körnchen verstiebt war, rupfte er mechanisch einen frischen Schaft ab, um das artige Spiel in stoischer Ruhe wieder aufs neue zu beginnen. Jan Höfkens gähnte dazu, und zwar so kräftig und nachhaltig, daß hierbei seine Weisheitszähne sichtbar wurden. Ich stierte nach den Schwalben, die im fröhlichen Spiel durch die Luft schossen. In der heißen Mittagsluft summelten honigbeladene Bienen, die Grillen zirpten, und melancholisch geigten die Heupferdchen zwischen Rispen und Dolden. Ein strenger Heugeruch stieg von den nahen Wiesen herauf. Zarte Perlmutterfalter häkelten sich an die duftigen Gräser, und hin und wieder schnurrte eine großäugige Libelle im tollen Zickzackfluge vorüber. In einer Luke des Mittelgeschosses zeigte sich der vierschrötige Oberkörper eines Müllerburschen. Er lag mit untergeschlagenen Armen auf der Fensterbrüstung, rückte zuweilen an seiner verstäubten Schirmmütze, die er schief auf dem rötlichen Semmelkopf trug, und spitzte die Ohren. Ein Mühlenidyll! – Und über das Ganze zitterte allbefruchtend und belebend die warme Junisonne. Jan Höfkens hatte schon zu wiederholten Malen die kräftigen Kinnladen auseinandergerissen und den wolkenlosen Himmel angegähnt. Beim fünften Male aber brachte er sich in eine sitzende Stellung und meinte: »Ich wüßte etwas.« 196 »Was weißt Du, lieber Johannes?« fragte der Lateiner, blies die letzten Flugsamen über den Hügel und stellte Plüschpantoffel neben Plüschpantoffel. »Der junge Heerohme wäre angekommen.« »Wer sagt das?« »Franz Dewers.« »Dann besagt Franz Dewers die Unwahrheit,« versicherte mein Freund. »Das wüßte ich nich.« »Ich aber sage Dir, lieber Johannes, daß es nicht sein kann, denn das Sommersemester hat erst vor wenig Wochen seinen Anfang genommen, und Wilm Verhage wird nicht so leichtsinnig sein, seine Studien auf eine so unverantwortliche Art und Weise zu unterbrechen, vornehmlich jetzt, wo die große Vorprüfung, das Skrutinium, vor der Tür steht, das heilige Examen, nach dessen Absolvierung er befähigt sein dürfte, die höheren Weihen, die sogenannten ordines majores , würdig zu empfangen.« »Is mich ganz egal,« versetzte Jan Höfkens. »Franz Dewers hätte ihn gesehen und der täte nich lügen.« »Wo hat er ihn gesehen?« forschte der Lateiner weiter. »Am Ravelin – Schlag zwölf Uhr. – Erst hätte er gemeint, er täte Barsche angeln oder Aalkörbe legen, denn er steckte im Ried bis an die Ohren – aber er konnte nich angeln, weil er keine Fischgerte bei sich hätte. Auch könnte er keine Aaleken fangen.« »Was tat er dann am Ravelin?« 197 »Franz Dewers meinte, daß er immer auf das Haus von Grades Mesdag gekuckt hätte.« »Und ich sage Dir, lieber Johannes, daß Franz Dewers geträumt hat.« »Und mein Freund täte nich träumen,« patzte Jan auf, wobei er einen giftigen Blick auf seinen Meinungsgegner warf. »Lieber Johannes . . .« Schon wollte der Lateiner wieder seinen salbungsvollen Ton anschlagen; ich aber legte mich ins Mittel, redete den beiden gut zu und vermochte noch einmal, die bösen Wolken zu verscheuchen, die abermals in bedrohlicher Weise am Friedenshorizont aufsteigen wollten. »Lieber Johannes – si tacuisses  . . . brummte der Lateiner noch ganz leise in den Bart, warf sich alsdann ins Gras hin, schlug die Beine übereinander und spielte wie vorhin mit den Flugsamen eines abgerupften Löwenzahnstengels, die er mit großem Geschick über seine hellfarbigen Strümpfe und die grünen Plüschpantoffeln hinwegblies. Jan Höfkens folgte seinem Beispiel, während ich meine eigenen Gedanken hatte. Mir ging mancherlei durch den Kopf. Die heimliche Anwesenheit des jungen Heerohme am Ravelin, sein scharfes Beobachten des Mesdagschen Hauses, überhaupt sein plötzliches und unerwartetes Auftauchen in der Vaterstadt – alle diese Dinge gaben zu denken, vorausgesetzt, daß unser gemeinsamer Freund mit der lustigen Schlapphose keine leeren Hirngespinste in die Welt gesetzt hatte. 198 Sine ira et studio – ich wurde von dem innigsten Wunsch beseelt, daß sich im Interesse des lieben Mädchens alles so verhalten möchte, wie es von Franz Dewers berichtet worden war, und knüpfte an das Gehörte schon meine Kombinationen für die Zukunft, obgleich ich mich nicht in der Lage befand, eine leichte Art von Eifersucht bei mir hinwegzuleugnen, ein Dualismus der Gefühle, der meine Seele stark bedrängte und auf die Probe stellte. Noch schwelgte ich in dem süßen Geheimnis des ersten Kusses, den sie mir unter sonderbaren Umständen gegeben hatte. Es war ein schönes Gedenken, eine Erinnerung, deren ich mich nicht entäußert hätte für alle Roßschweife, Kleinodien und sonstigen Schätze des allmächtigen Paschas von Janina. Seit diesem Kusse waren viele Wochen vergangen. Ich hatte Hannecke nach dieser seligen Stunde nur ein einziges Mal wiedergesehen, und das war kurz nachdem sich die Wasser verlaufen hatten, und ich ihr unsere Abenteuer zu Land und zu Nautilus haarklein erzählen mußte. Bei dieser Wiedergabe geschehener Tatsachen hüllte ich selbstverständlich das Intermezzo mit Heinrich Hübbers in ein mystisches Dunkel, aber ich schilderte ihr mit allen mir zu Gebote stehenden Farben der Erzählungskunst die Art und Weise, wie der Primizschuh geflogen kam, wie er auf dem lehmigen Wasser schwamm, wie er noch einige Kreise zog, sich dann auf die Seite neigte und mit traurigem Gurgeln von der unbarmherzigen und schadenfrohen Tiefe verschlungen wurde. Da lächelte das Mädchen 199 unter Tränen, und dieses Lächeln habe ich bis zum heutigen Tage in Erinnerung behalten. Ich konnte und wollte es nicht mehr vergessen. Bald nach dieser Zusammenkunft war Hannecke zu Verwandten über Land gegangen. Während dieser Zeit hatte ich ihre Lilien im Garten gepflegt, hatte sie allabendlich begossen und das Erdreich um die zartgrünen Schäfte gelockert. Erst gestern Abend war sie zu ihren Eltern zurückgekehrt – und ich lag nun hier im duftigen Grase zwischen Jan Höfkens und dem lateinischen Heinrich, sah die Bienen fliegen, hörte die Grillen zirpen und die Heupferdchen geigen und verfolgte mit meinen Blicken die zwitschernden Schwalben, die unterm stahlblauen Himmel ihre zierlichsten Flugkünste entfalteten. – Und nun war noch die geheimnisvolle Geschichte mit dem Heerohme gekommen! – Ein ganzer Schwarm von wirren Gedanken drängte sich in meine Seele. Ich wußte keinen Ausweg aus dieser Bedrängnis. – Da, wie ich so dalag und grübelte, tirilierte eine Lerche in den Himmel hinein. Heitere Bilder taten sich auf – und ich sah jetzt die Dinge mit anderen Augen an. Jan Höfkens mochte wenigstens zum fünfzehnten Male gegähnt und der Lateiner die reifen Flugsamen der achten Kuhblume in die Landschaft hinausgeblasen haben, als der Mülleresel lebendiger und lebhafter wurde und das Geklapper der Mühle mit seiner lieblichen Stimme übertönte. Grauenhafte Dissonanzen y-ate er mit sichtlicher Befriedigung über die weite Niederung, so daß Halme und 200 Grasrispen vor diesem Konzert ordentlich zusammenschauerten. Mit weiten Sprüngen kam der lange Dores, der die Donna Elvira so rührend auf den Brettern verkörpert hatte, auf uns zugefegt. »Was täte es geben?« fragte Jan Höfkens. »Sie waschen den steinernen Seydlitz auf dem Markt ab, und Ihr sollt kommen und zusehen,« berichtete Dores-Elvira. »Hat Zeit,« meinte der Lateiner. »Aber die Sache ist so pläsierlich. Fritz van Dornick spritzt ihm immer mit 'ner Feuerspritze unter die Nase, und der Polizeidiener Brill steht dabei und kommandiert die ganze Geschichte. Den langen Reitersäbel haben sie ihm schon abgebrochen.« »Wem denn?« fragte der Lateiner. »Dem Seydlitz.« »Lieber Theodor,« versetzte der Salbungsvolle, »der Reitergeneral Friedrich Wilhelm von Seydlitz hat keinen Säbel, sondern einen Pallasch getragen. – Kennt Ihr überhaupt den General von Seydlitz?« Fragend sah er sich im Kreise um. »Ja,« erwiderte Jan Höfkens, »er täte unter dem alten Blücher kämpfen und hätte die Völkerschlacht bei Waterloo, oder so da herum, vor fünfundzwanzig Jahren gewonnen.« »Lieber Johannes,« versetzte der Lateiner, »Deine Angaben beruhen auf Irrtum. Allein es ist ein 201 verzeihlicher Irrtum, denn nicht jedem Menschen ist das instinktive Gefühl für Geschichte mit auf den Lebenspfad gegeben worden. – Friedrich Wilhelm von Seydlitz war ein General unter Friedrich dem Großen und focht im Siebenjährigen Kriege in den Schlachten von Zorndorf und Roßbach.« Der Lateiner holte Atem, dann fuhr er fort: »Der Siebenjährige Krieg war ein gewaltiger Krieg. Er dauerte von . . .« »Is mich ganz egal,« entgegnete ihm der sommersprossige Jan, »mein Vater täte es mir anders erzählen, denn er hätte ihn noch gekannt, und er wüßte noch, wie er hier nur so zwischen die Windflügel durchgeritten wäre, und die Flügel hätten dabei gegangen so schnell wie 'ne Kaffeemühle – und das hätte mein Vater gesagt, und der täte es wissen.« Der Lateiner war aufgesprungen und hatte sich in die Brust geworfen. »Was hat der General von Seydlitz getan?« »Er täte durch die gehenden Windflügel reiten – und das hätte mein Vater gesehen,« bestätigte Jan Höfkens noch einmal. »Und das ist hier bei dieser Mühle geschehen?« »Ja.« Die Augen des Lateiners sprühten ein heiliges Feuer. Mit einem vielsagenden Blick umfaßte er die Gestalt des ruhig grasenden Esels und meinte: »Was General Seydlitz vor Jahren getan hat – das kann ich auch. Beatus ille , 202 der den nötigen Mut dazu hat. Ich habe ihn – 'ran mit dem Esel.« Wir wollten über den Spartanermut und den Heldengeist des lateinischen Heinrich vor Erstaunen und Bewunderung in die Erde versinken, denn er schickte sich an, seiner Behauptung die Tat auf dem Fuße folgen zu lassen. Gravitätischen Schrittes stolzierte er auf den Esel zu, löste den Strick, mit dem er angebunden war, vom Pflock und führte ihn als Zügel durch das Maul des überraschten Tieres. Mit einem Selbstbewußtsein und einer Schnelligkeit, die wir dem Lateiner nie in unserem Leben zugetraut hätten, schwang er sich rittlings auf das Kreuz des Langohrigen, der ebenso erstaunt wie wir in die schöne Gotteswelt hineinsah. Ruhig drehte die Mühle ihre langen Flügel im Wind, die bei ihrem tiefsten Standpunkt fast den Boden berührten. Die Segel schlappten, und es wollte uns jetzt bedünken, als wenn eine unheimliche, warnende Musik aus den Windruten töne. Die Sache wurde für uns im höchsten Maße aufregend. Ein empfindlicher und dennoch süßschauerlicher Kitzel rieselte über unseren Rücken, wie wir also den Lateiner mit seiner erstaunlichen Willenskraft vor uns erblickten. Er wuchs titanenhaft in unseren Augen. Er war für uns eine Art von Leonidas, der in seinem ganzen Leben nichts weiter als die spartanische schwarze Suppe genossen hatte und schon zufrieden war, wenn er des Nachts seinen abgehärteten Körper auf dem 203 dürren Schilf des Eurotas ausruhen durfte. Eine hellstrahlende Aureole umgab ihn. Kerzengerade saß er mit seinem kurzen Oberkörper und den langen Beinen zu Esel. Die Leporellohosen, die sich nach den Komödientagen wieder in der Rolle des Alltäglichen gefallen mußten, waren bis zu den Kniekehlen emporgerutscht, so daß die Strümpfe in ihrer ganzen Herrlichkeit sichtbar wurden. Die Füße baumelten im Grase. Der Ritt konnte losgehen. Obgleich mir in Rücksicht auf die zu unternehmende Waghalsigkeit der Spruch in den Sinn kam: » Quos Deus perdere vult, prius dementat ,« eine Sentenz, die der Lateiner bei jeder passenden Gelegenheit in Reserve hatte, so wurden dennoch alle Bedenken zu Boden geschlagen, als ich bemerkte, daß unser Freund immer siegesgewisser den ruhigen Umschwung der Windmühlenflügel beobachtete. Er kam mir auf seinem Esel vor wie Peter von Amiens. Auch dieser hatte in verklungenen Zeiten auf einem Grautier gesessen, nur mit der kleinen Abweichung, daß Peter mit Kutte, Kapuze, Sandalen und nackten Beinen ausstaffiert war, der Lateiner hingegen im vollen Schmuck der Plüschpantoffeln und der Leporellohose zu Esel saß. Auch predigte der Bettelmönch gegen die Zuchtlosigkeit der Welt und forderte die Troddel in der abendländischen Christenheit auf, ihr Leben unter dem Hieb der türkischen Krummsäbel zu lassen, während unser Held lediglich als ein zweiter Don Quixote von der Mancha und ein Seydlitz redivivus den Kampf mit der Windmühle aufzunehmen gedachte. Ferner trug Peter das rote Kreuz in der Hand, wohingegen der Lateiner sich mit einem festen Knüppel begnügte, um gegebenen Falles eine Allianz mit diesem gegen das halsstarrige Grauchen einzugehen. Auch schrie Peter mit Stentorstimme: » Deus lo vult! – Deus lo vult! ,« während der lateinische Heinrich stumm wie ein Fisch war. Im übrigen stimmte der Vergleich. Der Müllerbursche war aus seiner Luke verschwunden. Ruhig und gleichmäßig drehten sich die gewaltigen Flügel im Wind, und man hörte deutlich das Malmen und Schroten der Mahlsteine. Wird er den Ritt wagen?! Ja – er wagte ihn. »Eins – zwei – drei . . .« Die niedrigen Absätze spornierten, der Knüppel wurde erhoben und der Zügel gestrafft, und – mit heidi! – setzte der Esel durch die kreisenden Flügel. Der Ritt war gelungen. Uns standen die Haare zu Berge. Anfangs waren wir außerstande, die richtigen Worte und Beifallslaute zu finden, dann aber brach ein Geheul los, das, wenn es noch Wunder wie in den testamentarischen Zeiten gegeben hätte, genügen mußte. keinen Stein der Mühle aufeinander zu lassen. Der Lateiner kannte sich vor Selbstüberhebung in seinem Glücke nicht mehr. »Doppelt hält besser!« schrie er von seinem Tier herunter. »Also noch mal!« 205 Er war überruhmsüchtig geworden. Er riß den Esel herum und spornierte von neuem. Allein, auch die Geduld des Langmütigsten hat ihre Grenze! Der Esel stieß ein verdächtiges »I–i–ih!« aus, wurde bockbeinig und gefiel sich in seinem Verharrungsvermögen. » Quot capita, tot sensus! « schrie der Lateiner, »aber ich setze den meinigen durch,« und wieder fuhr das Schuhwerk in die Weichteile des gequälten Tieres. Dieses Mal mit dem Erfolg, daß der Esel in die Wirkungssphäre der Flügel sprang und hier wie angewurzelt stehen blieb – ein kritischer Moment allererster Ordnung. Eine letzte, verzweifelte Kraftentfaltung! – Spornieren, Zügelreißen, Heben und Niederschmettern des Knüppels – alles umsonst! – Der verhängnisvolle Mühlenflügel sauste nieder und traf die Hinterbacke des Esels – dann ein einziger Aufschrei . . . Roß und Reiter fuhren kopfüber und in einem rasenden Tempo den Hügel hinunter. Die Leporellohose meines Freundes platzte, das Hemd kam zum Vorschein, und der Esel streckte alle Viere gen Himmel. Gleichzeitig allgemeine Panik und Flucht. – Jan Höfkens und der lange Dores waren wie von der Bildfläche verschwunden. Als ich dem Lateiner zu Hilfe eilen wollte, riß dieser ebenfalls aus wie morsches Schafleder. Er war feldflüchtig geworden, und sein Hemd gerierte sich wie eine Parlamentärflagge im Felde. Ich stand sprachlos – und wie ich so dastand und dem unrühmlichen Verhalten des Lateiners und der 206 anderen nachsah, kam das Verhängnis, die Nemesis, die rohe Gewalt in der Person des vierschrötigen Müllerburschen aus der Mühle gesprungen. Mich, den Unschuldigen, ergreifen und mit den rohen Fäusten windelweich durchbläuen, war das Werk einer kurzen Spanne Zeit. Dann ließ er mich laufen. Mit der Jacke voll Prügel gewann ich den Deich, der sich auf Pistolenschußweite jenseits der Mühle hinzog. Von hier aus übersah ich das Feld unserer verhängnisvollen Tätigkeit. Die Sonne neigte sich. Die Heimchen zirpten im Grase, und eine Lerche stieg in den Himmel hinein. 207 XIV Kärrekiek Noch lange flatterte, gestikulierte und wehte die Parlamentärflagge des lateinischen Heinrich durch Weiden- und Wiesengründe. Wie die weiße Blume eines flüchtigen Rammlers hoppelte und stoppelte sie durch das rötliche Blütenmeer der Kuckucksblumen, tauchte zeitweilig unter und hob sich wieder empor, um schließlich den Landweg zu erklimmen, der, mit steifen Pappelbäumen besetzt, in das Kesseltor einlief. Noch einmal blitzte sie auf im Strahl der untergehenden Sonne – dann schien sie verschwunden. Der Lateiner war in Sicherheit, aber seine pastorale Würde hatte bei mir eine vollständige Niederlage erlitten. Von meiner gesicherten Stelle aus hob ich ingrimmig die geballte Rechte empor und tat einen fürchterlichen Fluch gegen die verwünschte Mühle und den Müllergesellen, der noch immer, die klobigen Hände in den verstäubten Hosentaschen geborgen, meine Spur mit seinen Blicken verfolgte. Der lendenlahme Esel humpelte im Grase herum, das schwere Segelleinen schwabbte gegen die Windruten, und die Flügel haspelten durch die Luft, als ob sie mir sagen 208 wollten: »Mach, daß Du fortkommst!« und ich wandte mich und verließ die Stätte, wo ich eine so unliebsame Bekanntschaft mit rohen Müllerfäusten gemacht hatte. Mein Ingrimm legte sich. Langsam schlenderte ich über den hohen Deich, der die kleine Stadt bei Überschwemmungsgefahr gegen die von Westen her andringenden Wasser zu schützen hatte. Ein Goldnetz flimmerte über die niederrheinische Fläche. Leise bewegte sich das Rutenhaar der gekappten Weidenbäume im Wind, und gravitätisch hoben sich bläuliche Distelstauden seitlich der Böschungen über Deichhöhe empor, um sich hier oben die frische Abendluft um die noch geschlossenen Karden fächeln zu lassen. Zierlich schmiegten sich die dachziegelartig übereinander liegenden, mit Stacheln versehenen Schuppen um die strotzenden Distelköpfe, die geradezu jeden aufforderten, an ihnen das Amt des Henkerknechtes zu üben. Der lange Stengelhals stand hiebgerecht über dem Blättergehäuse. Die Karde mußte herunter. Schon wollte die frischgeschnittene Weidengerte durch die Luft pfeifen, als ich anhielt – und das mitten im Schlage. »Erbärmlich!« Mein besseres Ich bäumte sich gegen den Frevel auf. Der Distelkopf blieb stehen. »Leben sollst Du, blühen und ins Gesäme schießen,« meditierte ich, »damit Dich im Spätjahr der Distelfink ausklauben kann. Er wird es zu danken wissen. Stieglitt!« Ich ging weiter. Zur Rechten standen die 209 Weizenfelder in üppigen Halmen. Mit roten, violetten und blauen Flecken waren die mattgrünen Decken gesprenkelt. Über die nickenden Ähren wehte der Blütenstaub dahin. Das Korn rauchte. Jenseits der wogenden Flächen dehnten sich feurige Streifen, die, ohne einen verbindenden Übergang aufzuweisen, eine Farbenskala vom gesättigten Purpur bis zum kalten Ultramarin durchliefen. Der Westen flammte, und ein laulicher Wind blies die Kornwellen gegen den Abendhimmel. Die Ähren erschauerten unter dem befruchtenden Hauch, die Spelze öffneten sich in bräutlicher Regung, denn auch über sie ging das Geheimnis und der Zauber der ewigen Liebe. Zur Linken ruhte die kleine Stadt in der abendlichen Dämmerung; nur der Schieferhelm der Sankt Nikolaikirche und die höchsten Giebeldächer waren noch rosig umleuchtet. Iris- und hyazinthfarbene Schatten lagerten sich um den Fuß der kleinen Stadtsilhouette, vor der das saftige Grün einer langen Pappelreihe hin und wieder zitterte. Darüber spannte sich der Himmel klar, durchsichtig und so duftig abgetönt, wie die zarte Färbung eines Wasserblattes. Schweigend und ruhigen Flügelschlages zogen einige Krähen gen Westen. Da – was war das . . .?! Ohne daß ich mir über den einzuschlagenden Weg Rechenschaft gegeben hätte, war ich in die Nähe des Ravelins gekommen. Scharf und weithin tönend kam der Lockruf der Schilfdrossel herüber. Sonst war keine Vogelstimme vernehmbar. 210 »Kärre-kärrekiek!« Wie ein Zauber lockte mich dieser Ruf näher und näher. Ich durchquerte das Wiesenland und ruhte alsbald zwischen Binsen und Wasserhanf dicht am Ufer der ruhigen Fläche, auf der noch einige verspätete Libellen ihr unstetes Wesen trieben. Den Kopf auf die Hände gestützt, sah ich auf das stille Wasser, aus dem vereinzelte Blasen aufstiegen. Mit kaum hörbarem Gurgeln zerplatzten sie an der Oberfläche. Leise wiegten sich die gefiederten, silberglänzenden Büschel des Teichrohrs auf ihren schwanken Halmen, die wie denkende Wesen sich näherten und liebend umfaßten. Heimliche, flüsternde Stimmen liefen von Halm zu Halm, von Blatt zu Blatt, um an der gegenüber gelegenen Böschung allgemach zu verklingen. Ein Liebesrausch lag über dem Wasser und über der Erde. Eine warme Aussaat von Blütenstaub, keimenden Sporen und Düften wehte wie eine verliebte Welle hierhin und dorthin. Heiße, trunkene Liebesfunken zitterten von Blume zu Blume, von Rispe zu Rispe, um in seliger Berührung ein heiliges Nehmen und Geben zu tauschen. Auf der Flut schwimmend, im Ried versteckt und zwischen Gras und Binsen geduckt, nahmen die Lebewesen den süßen Schauer des Genießens in sich auf. Die letzten Strahlen der untergehenden Sonne waren von den höchsten Baumspitzen gewichen, aber noch tummelten sich zwei zierliche Perlmutterfalter in wechselvollem Liebesspiel um die blühenden Kräuter des Uferrandes. Erst jetzt 211 hatten sie sich gefunden. Und sie näherten sich bis zur Berührung; ihre sammetweichen Körperchen ruhten zusammen, und ihre schillernden Flügel fanden sich mit dem feinen Gewirr von Netzwerk und Augen und den winzigen Partikeln des flimmernden und blitzenden Staubes. Es war das Sichaneinanderschmiegen zweier Geschöpfchen und der verzehrende Kuß zweier Flügel. »Kärre-kärrekiek!« Wieder hub die Rohrdrossel an. Sie sang feuriger und tiefer denn vorhin, und wie eine Offenbarung tönte der Ruf durch die große Stille. Durch das Zittern und Biegen des Rohres gewahrte ich ihr Näherkommen. Jetzt saß sie in schräger Stellung auf einem umgebogenen Schilfhalm. Mit hängenden Schwingen, den Schwanz gefächert und die olivenfarbigen Kopffedern zu einer Holle aufgerichtet, konzertierte der Sänger mit wachsender Beharrlichkeit und schickte seine immer wiederkehrende Knarre weit über die bewachsene Fläche des Ravelins. »Karre-karre-karre, kärre-kärrekiek!« Atemlos und mit klopfendem Herzen lauschte ich den wechselvollen Strophen, den scharfen Silben und Lauten, den krausen und kunterbunten Leiertönen des Vogels, der mir so nahe gekommen war, daß ich ihn mit den Händen hätte greifen können. Jetzt flog er auf die Planken eines morschen Kahns, der halb verborgen im Schilf ruhte und, an einer vorhängenden Weide befestigt, ein beschauliches Dasein führte. Er war das Eigentum des Teich- und Reusenmeisters, der die Nutzung des Wieswuchses auf 212 dem gegenüberliegenden Bollwerk in Pachtung genommen hatte. Über dem Wasser begann es zu dunkeln. Ein Bläßhühnchen ruderte auf dem ruhigen Spiegel. Unter stetem Nicken führte es die zierlichsten Schwenkungen aus. Hinter ihm glitzerte die Fahrrinne in zwei silberlichten Streifen, die sich allgemach im dichten Gewirr der Schachtelhalme verloren. Schon huschten einige Abendspanner vorüber. Aus den umliegenden Wiesen stiegen die Nebel empor. In langen, weißen Schleiern häkelten sie sich um Rispen und Halme und flatterten wie schmale Bänder durch die Binsen des Ufers, die ihre zarten Blütenfähnchen wechselseitig berührten. Mit dem Steigen des Nebels senkte sich die Nacht immer tiefer und tiefer. Eine taufrische Kühle rang sich vom Boden auf, der jetzt einen betäubenden Erdgeruch ausströmte. Schon wollte ich mich erheben, als ich ein leises Flüstern zu hören vermeinte. Die Rohrdrossel hatte für eine kurze Spanne ihr Lied ausgesetzt. Nicht der leiseste Ton konnte mir entgehen, denn es war eine Stille geworden, die das Fallen eines Blattes kenntlich gemacht hätte. Auch glaubte ich gedämpfte Schritte zu hören. Jetzt schwiegen die Stimmen. Wie ein Hase lag ich geduckt in meinem Lager. Von Sahlweiden, Wasserhanf und Brombeergestrüpp umgeben, fühlte ich mich so sicher und unauffindlich in meinem Versteck, wie ein Bläßhuhn im Röhricht. Meine nächste Umgebung war noch nicht dunkel 213 geworden. Das intensive Licht der Sommertage hat etwas Beständiges und Dauerhaftes, das gleichsam in der langen Abenddämmerung ausharrt und nur ganz allmählich abstirbt. Über mir zwinkerten nur wenige Sterne auf; sie hoben sich kaum merklich von dem fahlbläulichen Licht des Himmels ab, das scheinbar noch kein anderes Flimmern und Blinzeln neben sich dulden wollte. Nur ein mattes Zucken, ein weißliches Aufleuchten, ein unbestimmtes Etwas stand im weiten Raum, dessen Licht noch immer genügte, die Gegenstände kenntlich zu machen. Immer stärker fiel der Tau. Silberglänzend perlte er von den schwanken Gräsern und den Schößlingen der Erlenstrünke. Der modrige Holzgeruch einte sich mit dem süßlichen Duft des Holunders, dessen weiße Scheindolden matt und nebelig vom jenseitigen Bollwerk herüberdämmerten. Nichts regte sich – und doch ein schwüles Verlangen, ein heißes Begehren, ein Keimen und Sprießen und eine verzehrende Sehnsucht in den ersten Stunden der Sommernacht! Jetzt wieder die flüsternden Stimmen von vorhin! Heiße, raunende Worte! – Zwei Schatten heben sich scharfumrissen gegen den matten Wasserspiegel und das Rohrgebüsch ab. Sie stehen still und küssen sich; schauernd schmiegen sich die beiden Gestalten fest aneinander. Ein Johanniswürmchen irrte vorüber. Taumelnd zitterte der grüngoldige Schein durch die säuselnden Stengel, und wie er verlosch, tauchten andere auf und 214 trugen ihr Phosphorlicht zu den glühenden Punkten, die überall in dem feuchten Grase aufblitzten. Jetzt flimmerten die beiden Laternchen zusammen. Auch hier das Suchen und Finden, die verschwiegene Hochzeitsfeier und das große Wunder der Liebe! – Und wieder die flüsternden Stimmen – aber lauter und deutlicher. »Hannecke . . .!« Aus tiefster Seele drang der halb unterdrückte Ruf durch die große Stille des Abends. »Wenn jemand käme . . .« »Sorge Dich nicht.« »Und weiß Dein Vater von Deinem Hiersein?« »Noch nicht – morgen.« »Und die da in Münster?« »Ich habe einen Vorwand ersonnen, um herzukommen.« »Um meinetwillen?« »Um Deinetwillen.« Mit einem leisen Freudenschrei warf sie beide Arme um seinen Nacken, zog ihn nieder, preßte ihren Mund auf seine Lippen und küßte ihn mit wütiger Inbrunst. »Hannecke! – Hannecke!« – Ich hätte aufschreien mögen. Das Herz wollte mir zerspringen. Ich hörte deutlich, wie es gegen den Erdboden pochte und hämmerte. Die Blicke wie Raubtieraugen auf die beiden gerichtet, lag ich im Grase. Das Dunkel wich vor diesen Blicken, und ich gewahrte das 215 Madonnengesicht und das kastanienbraune Haar des lieblichen Mädchens. Hannecke preßte die Ellenbogen aneinander und wich mit dem Oberkörper zurück. »Du wirst Dich verderben – und mich.« »Nein, nein, nein!« knirschte der junge Cölibatär, wobei er die Arme breitete und die Zusammenschauernde an sich riß. Ersterbend ruhte das schöne Haupt an der schwarzen Soutane des Mannes, dessen bleiches Gesicht mit den glühenden Augen verzehrend in die Nacht hinausstierte. »Laß mich los,« wehrte Hannecke. »Ich fürchte mich . . .« »Was fürchtest Du?« »Mir ist alles so seltsam . . . die Sünde!« »Hat ihre Macht verloren,« raunte der junge Verhage, »denn die heilige Liebe ist in uns.« »Wilm!« schrie Hannecke auf. »Aber Vater und Mutter . . .! – Und Du?« »Das findet sich alles. Laß mir nur Zeit. Ich bin Manns genug, im gegebenen Augenblick den Schritt zu tun, der geschehen muß und soll. – Still!« »Was hast Du?« Ängstlich schmiegte sich Hannecke an die Brust des jungen Mannes. Ein Lastwagen knarrte über die nicht fern gelegene Landstraße. »Es ist nichts,« meinte der junge Verhage, und er beugte sich nieder, um ihren Mund zu berühren. 216 »Schließe die Augen. wenn Du mich küssest,« stammelte Hannecke. »Warum?« »Dann siehst Du nicht die Sünde, die in mir ist.« »Himmlische!« »Lästere nicht!« »Du bist schön und groß und lieb,« hauchte der Cölibatär, »und Dein Mund ist wie eine leuchtende Flamme. Erquicke mich, labe mich, denn ich bin krank vor Liebe.« Seine Augen flammten in die ihren hinüber. »Du bist ein verschlossener Garten und ein versiegelter Born, aber ich will Dich besitzen.« Der angehende Priester begann in den Bildern des Hohen Liedes zu sprechen. Seine in wilder Leidenschaft ausgestoßenen Worte ängstigten mich, und ich bemerkte, wie Hannecke sich wie eine Weidengerte bog und sich zu befreien versuchte. Aber ihr Widerstand brach sich an ihrem eigenen Verlangen, und sie beugte den Kopf zurück und bot ihm die Lippen. »Aber schließe die Augen,« bat sie noch einmal. Und sie küßten sich. Als er die Augen wieder öffnete, straffte sich ihr geschmeidiger Körper, und sie wehrte mit beiden Armen den Geliebten von sich. »Und was Du tust, das ist heilig, und das kannst Du später verantworten?« »Ja.« 217 »Schwörst Du es?« »Ich schwöre es.« »Und Du nimmst den Kampf auf mit allen, die wider uns sind?« »Ich nehme den Kampf auf,« beteuerte der junge Verhage. Hannecke fuhr plötzlich zurück. »Aber das ist ja doch alles ein Wahnsinn!« flüsterte sie mit verzweifelten Lauten. »Das geht ja nicht – sie werden uns ausstoßen aus der Gemeinschaft der Kirche und uns fluchen, denn sie sind hart und gewalttätig, die Männer in der Tonsur.« »Und wenn sie es täten!« fuhr der junge Mensch auf. »Sie mögen es tun. Ich trotze ihnen – und noch bevor die Blätter fallen, werf' ich ihnen die Soutane zu Füßen. Glaubst Du mir, Hannecke?« »Ich glaube.« Dann ein verhaltenes Schluchzen – und wieder schmiegten sich ihre Körper zusammen. Er streckte die Arme vorwärts, nahm ihren kraftlosen Kopf zwischen seine Hände, streifte das Haar von ihrer Stirne zurück und küßte sie lange. Die Sterne hatten an Glanz zugenommen. Fern über dem Ried stand ein schwacher Lichtnebel, der stetig an Helligkeit gewann. Die Johanniswürmchen leuchteten stärker. Unter fortgesetztem Aufblitzen zitterten sie grünlichgolden durch die taufeuchten Gräser. In den nahegelegenen Gartenstiegen, die sich bis dicht 218 an das Ravelin hinzogen, schien es lebendig zu werden. Einige Burschen und Mädchen, die verspätet von der Feldarbeit kamen, gingen lachend vorüber. Hannecke zuckte zusammen. »Wenn die kämen . . .!« hauchte sie. Auch der junge Verhage war aufmerksam geworden. Er hatte den Blick in Richtung des Geräusches gewendet. Hannecke umschlang ihn mit verzweifelter Angst. Die Stimmen waren näher gekommen. »Die verderben uns,« zitterte Hannecke. »Wir müssen hinüber,« meinte der Cölibatär, wobei er auf die dunklen Umrisse des Kahnes deutete, der plump im Wasser ruhte. »Nein, nein, nein . . .« »Du mußt.« Die Stimme des jungen Verhage hatte einen befehlenden Ton angenommen. Sie war rauh und hart. Fast mit Gewalt drängte er die Widerstrebende ans Ufer. »Es geht nicht anders.« Der Ton war anders geworden. Er klang jetzt liebevoll und flehend – und Hannecke folgte willenlos. Das morsche Ungetüm plätscherte langsam durch die ruhige Flut. Unter dem breiten Kiel rauschte und knisterte das Schilfrohr. Mit einem weithin vernehmbaren Schlurfen lief er am jenseitigen Ufer auf. – Die Mädchen und Burschen hatten einen anderen Weg eingeschlagen. Die beiden Schatten stiegen aus. Noch einmal hoben 219 sie sich scharf von dem Lichtnebel ab, der fern über dem Ried sich ausbreitete, dann waren sie hinter dem Flieder und jenseits des Bollwerks verschwunden. Der Mond war im Aufstieg begriffen. Die immer wachsende Helle zeigte schon den oberen Rand des einsamen Wallers. Jetzt blinzelte sein fahlbläuliches Auge über die sanftbewegten Fahnen des Schilfrohres, die so dicht gereiht standen, daß sie mit einem rotbräunlichen, silberglänzenden Teppich Ähnlichkeit hatten. Eine eigentümliche Musik, die über dem Wasserspiegel einherlief, einte sich dem erhabenen Schauspiel in der Natur. Unter ihren einschmeichelnden Klängen und dem weichen Gelispel stieg die weiße Scheibe stetig empor. Trotz der großen Beklemmung, die sich meiner bemächtigt hatte, stand ich dennoch im Banne des Schönen, das um mich her lichterte. Selbst die beiden Gestalten, die hinter dem Bollwerk verschwunden waren, hatten für kurze Spanne mein Interesse verloren. Zudem begann die Schilfdrossel wieder zu singen. Diesmal ertönte ihr Lied in der Nähe des mächtigen Holunders, dessen Blüten im Mondlicht voller und schöner erstrahlten und fast betäubend herüberdufteten. »Kärre-kärre-kärre!« Die Mondstrahlen berührten das Wasser. Die Tiefen wurden lebendig, und ein Perlmutterglanz bewegte sich auf der leuchtenden Fläche. Die grünen Wasserlinsen hatten einen smaragdenen Schein angenommen, und um die Teichrosen flutete eine bläuliche Helle. Über alles 220 ging der schwüle Duft und der verzehrende Hauch der Juninacht. Der silberschuppige Leib eines Fisches sprang aus dem Wasser. Plätschernd fiel er zurück. Weitgedehnte Kreise spannten sich aus, die sich erst am seichten Ufer verloren. Von fern schlug ein Hund an. Es mochte ungefähr eine halbe Stunde vergangen sein, als von drüben her das schwere Fahrzeug sich wieder in Bewegung setzte. Ein sanftes Plätschern fuhr gegen die morschen Planken des Kahnes. Hinten stand die hohe Gestalt des Cölibatärs. Mit einer langen Stange lenkte er den Nachen, der langsam näher schwankte. Als die beiden ausgestiegen, fiel ein greller Strahl des Mondlichts auf das Gesicht von Hannecke. Es war totenbleich. Sie wankte, sie war wie gelähmt, und nur mit großer Mühe hielt der junge Verhage sie aufrecht. »Wilm, Wilm!« stieß sie hervor. Er suchte sie zu beruhigen. Er sprach mit eindringlichen Worten. »Was auch immer geschehen ist . . . Nun wohl – wenn ich es getan habe, so war es, um Dich völlig und ganz an mich zu fesseln.« Sie sah ihn mit weitaufgerissenen Augen an. Es lag etwas Dämonisches in ihren Zügen. Ihre Müdigkeit hatte sich verloren. »Wilm,« sagte sie fast drohend, »wenn Du mich jetzt verließest, ich wüßte, was ich zu tun hätte.« 221 »Du Närrin.« »Schlage mich, töte mich – aber liebe mich!« schrie sie auf, daß es vom anderen Ufer des Wassers widerhallte. »Du sollst mich lieben.« Sie umschlang ihn so plötzlich und wild, daß ihm der Atem versagte. »Ich liebe Dich,« hauchte er unter ihrer Umarmung. Was noch weiter gesprochen wurde, verstand ich nicht; es ging unter im Säuseln des Windes und im Gelispel der Halme. Lange noch standen sie Körper an Körper geschmiegt. Sie sprachen kein Wort mehr. Eine große Stille, ein seliges Empfinden schien über sie gekommen zu sein. Dann gingen sie. Lautlos bewegten sich ihre Schritte auf dem weichen Rasenteppich. Im Laubwerk der Espen- und Erlensträucher verschwanden sie. Ich wußte nicht, wie mir geschehen war. Ich konnte mir keine Rechenschaft geben von dem, was jene Herzen bewegte. Aber das Gefühl des Verlassenseins bemächtigte sich meiner in so hohem Maße, daß ich kaum meiner Tränen Herr werden konnte. Ich war aufgesprungen. Feuchte Halme klebten an meinen Kleidern. Wie ich aber so in das Mondlicht hinausstierte, fiel es mir wie eine schwere Last auf die Seele. Ich vermochte meine Regungen nicht mehr in Schranken zu halten. Mein Denken und Fühlen löste sich auf im Rinnen und Zerrinnen des Mondlichtes. – Da warf ich mich ins feuchte Gras und weinte bitterlich. 222 Und der Holunder duftete so lieblich wie nie zuvor, und die Teichrosen entschleierten ihren Reiz auf den Wassern, und der Mond stand über dem Ried, und feurig klang der Ruf der Schilfdrossel durch die verschwiegene Nacht hin. »Kärre, kärre – kärrekärrekiek!« 223 XV Wenn die Malven blühen Am Hause von Grades Mesdag blühten die Malven. Weit über Mannshöhe standen sie an der Vorderseite des Giebels, blank und prächtig wie aufgeputzte Soldaten im Gliede. Die langen Traubenstiele reichten bis zu den tiefhängenden Dachpfannen, unter deren Schutz der muntere Rotschwanz zum letzten Male im Jahre seine Brut aufpäppelte und Vaterfreuden erlebte. Auf und nieder schwankten die Malvenschäfte vor der traulichen Wochenstube, aus der die kleinen Lebewesen piepsten und zirpten. Saftig und strotzend stand Blüte bei Blüte; es war ein Farbenrausch, der die ganze Skala vom zartesten Rosa bis zum gesättigten und sammetartigen Schwarzviolett in sich vereinigt hatte. Nur die knallroten Dachziegel lachten in den blauen Himmel hinein – sonst lag das kleine Häuschen vom Bas ganz unter Malven. Im Vorgarten leuchtete der Phlox in auffallenden Varietäten. Seine großen Büschel standen seitlich der Laube, die fast wie ein unförmlicher, grüner Klumpen aus den Pflaumenbäumen hervorsah. Ein dichtes Gewirr von rankenden Bohnen und Zaunrüben hatte dieses versteckte Plätzchen 224 geschaffen. Wie feurige Insekten hockten die Schmetterlingsblüten in dem saftigen Blattwerk, das sich leise im Hauche des heißen Sommertages bewegte. Von fernher tönte das Gedengel der Sicheln und Sensen herüber; dann hörte man ihren scharfen Schnitt in den rauschenden Halmen. Der Bas saß in seiner Werkstatt. Bislang hatte er mit der Raspel gewirtschaftet; jetzt war er dabei, ein Paar fertiggestellter Holzschuhe sauber zu glätten. Mit Sand und Schachtelhalm fuhr er zu diesem Zwecke über die weißen Masern des Pappelholzes. Es entstand hierdurch ein schlurfendes Schaben, das einschläfernd wirkte. Im oberen Fensterrahmen hatte die Kreuzspinne ihr engmaschiges Netz gespannt. Wohlgemästet, mit dem feinen Perlkreuz auf dem Hinterleib, kauerte sie inmitten der Fäden und beobachtete einen schnurrenden Brummer, der sich vergebens abmühte, der verhängnisvollen Umstrickung zu entfliehen. Seine Kräfte erlahmten, da kroch die Weberin langsam vor und umwickelte ihn. Sie tat es in behäbiger und fast lässiger Ruhe. Die Mittagsschwüle wirkte erdrückend. Die Puffbohnen mit ihren ausgereiften Schoten duckten sich unter dem blendenden und flimmerigen Lichte des Sonnenbrandes, der den kleinen Garten heiß überstrahlte. Von Sankt Nikolai läutete die Vesperstunde! – – – Auch im Pastorengarten blühten die Malven. Stocksteif blickten sie durch das geöffnete Fenster in die Arbeitsstube des geistlichen Herrn, der mit übergeschlagenen Beinen in einem Korbsessel ruhte. Eine aus bunten Wollfäden 225 gestickte, mit Glas- und Milchperlen durchsetzte Schlummerrolle zierte die Rückenlehne des Sessels, dessen Weidenflechtwerk auch bei der geringsten Bewegung ächzte und stöhnte. Das Zimmer war einfach möbliert. Etliche Bücherregale standen an den Wänden, angefüllt mit Bänden und Broschüren theologischen, vornehmlich strengkatholischen Inhalts. Die Schriften von Konrad von Bolanden und Alban Stolz bildeten die schönwissenschaftliche Literatur der kleinen Bibliothek. An der einen Längswand hing die Sixtinische Madonna nach einem Stich von Josef Keller über dem großblumigen und mit gehäkelten Schutzdeckchen versehenen Sofa. Blühende Levkojenstöcke standen am Fenster. Wegen der sommerlichen Hitze war Hochwürden ganz in schwarzen Lasting gekleidet. Er trug Wadenstrümpfe und Kniehosen. Auf den sauber gewichsten Schuhen glänzten silberne Schnallen. Mit dem Zeigefinger der rechten Hand umspannte er das Pfefferrohr der langen Pfeife, aus deren Maserholzkopf hastige Rauchwölkchen aufstiegen, während die Finger der Linken in nervöser Unruhe auf der Platte des Mahagonitisches klavierten, eine Bewegung, die durch das Auf- und Niederschnellen des rechten Fußes eine sachgemäße Begleitung gefunden hatte. Über das graumelierte Haar und das fahle Gesicht des Dechanten huschten die spielenden Reflexe des Weinlaubs; das vor dem Fenster auf und nieder schwankte. Hochwürden war mißgestimmt – sehr mißgestimmt, denn die etwas angeräucherten Zähne bearbeiteten mit 226 merklichem Knirschen die geschweifte Hornspitze, so daß der Knopf Gefahr lief, abgebissen zu werden. »Hm, hm, hm!« machte Hochwürden. Die Linke trommelte lauter. Jetzt ergriff sie ein Lineal und klatschte damit auf einen beschriebenen Bogen kräftigen Kanzleipapiers. Daneben lag ein aufgeschnittenes Briefkuvert, das mit dem Siegel des Priesterseminars in Münster versehen war. Der Inhalt des Schriftstückes schien mit einem unliebsamen Beigeschmack behaftet zu sein, denn jedesmal, wenn Hochwürden seine Blicke über das Papier huschen ließ, verzerrten sich seine Mundwinkel, als habe er unversehens auf ein Körnlein schwarzen Pfeffers gebissen. Die Schriftzüge waren fein und gekünstelt. – Der Regens des Priesterseminars bekannte sich als Verfasser des Briefes, und wenn dieser sich herbeiließ, höchsteigenhändig an einen Konfrater zu schreiben, dann lagen in den meisten Fällen subtile Dinge vor, die eine geschickte und prompte Erledigung notwendig machten. Das wußte der Dechant. Der Regens des Priesterseminars stand in Gnade und hohem Ansehen bei der bischöflichen Behörde, und mit dieser war nicht gut Kirschen essen. Also prompte und geschickte Erledigung der Sache! Die Backenmuskeln des geistlichen Herrn bewegten sich hastig, und wieder knallte das Lineal auf das dringliche Schriftstück. »Zum ersten,« meinte der Dechant, »renitentes Benehmen gegen die vorgesetzte Behörde von einem hiesigen 227 Pfarrkind. – Wilhelm Verhage, das wird durch äußerste Strenge geahndet.« Abermaliges Niederfallen des Lineals. »Zum anderen, Wilhelm Verhage. Freigeistige Exkursionen, gespickt mit epigrammatischen Spitzen, widerlaufen der kirchlichen Ordnung. Apage, satanas! « Hochwürden sprang auf, warf das Lineal auf den Tisch und durchmaß mit langen Schritten das Zimmer. Er grübelte nach und sog mechanisch an der hörnenen Spitze. Die Pfeife versagte. Er lenkte den Schritt zum ewigen Lämpchen, das zwischen den Bücherregalen unter einer Gipsmadonna flackerte. Mit einem Fidibus, den seine im kanonischen Alter stehende Haushälterin geringschätzend aus der Kölnischen Zeitung zu falzen und herzurichten pflegte, setzte er den erloschenen Varinas-Kanaster wieder in Brand. Dann nahm er die nervösen Schritte wieder auf. »Sachte, mein jugendlicher Hitzkopf. Mit Deinen versteckten und laut geäußerten Expektorationen wirst Du das Schifflein Petri nicht ins Schwanken bringen. Wilhelm Verhage – sonst ein gutes Schaf und jetzt ein räudiges Schäflein – wo hast Du dieses Selbstbewußtsein gefunden?! – Bei der reinen Gnadenmutter! – seit wann und durch welchen Zauber der Verführung ist dieser unbegreifliche und plötzliche Umschlag eingetreten?! – Nun, wir haben noch Mittel und Wege . . .« Eine energische Rauchwolke dampfte zur Decke. 228 »Inferner reger Briefverkehr mit einem weiblichen Wesen – ein energischer Verstoß gegen den makellosen Lebenswandel keuscher Seminaristen. Verdammenswert! – Und hier . . .« Der Dechant hatte das ominöse Schriftstück ergriffen und schlug mit der gewendeten Hand drauf. »Urlaubsgesuche unter nichtigen Vorwänden und, wenn abgewiesen, eigenmächtiges Vorgehen in beredeter Sache. Schön so – und hier: trotz stattgehabter Vermahnung und Strafe, steht Entfernung, kraft eigener Machterteilung, wieder in Aussicht. – Wir bitten daher, Euer Hochwürden,« also las der Dechant van Bebber, »uns in besagter Angelegenheit hilfreiche Hand leisten zu wollen, auf daß das verlorene Schäflein wieder dem guten Hirten zugeführt werde. Gelobt sei Jesus Christus! Euer wohlgeneigter Konfrater: Clemens Anderheyden, Regens des bischöflichen Priesterseminars zu Münster.« Das Schriftstück flog auf den Tisch zurück. »Ich werde, werde, werde . . .« Mit einer kräftigen Daumenbewegung stieß Hochwürden die Asche in dem Pfeifenkopf nieder. »Ich werde, mein Söhnchen.« Wieder stapfte der geistliche Herr mit langen Schritten im Zimmer auf und nieder, emsig paffend und durch das Aufeinanderpressen der Kinnladen seinen Gedanken einen gehörigen Nachdruck verleihend. Die silbernen Schuhschnallen blitzten im Sonnenlicht. Plötzlich blieb er mitten in der Stube stehen. 229 »Also, alles in allem,« meditierte der geistliche Herr, »fahnenflüchtig in optinia forma . – Renitentes Verhalten seit etlichen Wochen – ungehörige Kritik der Encyklica und des Syllabus vom 8. Dezember 1864 – geringschätzige Beurteilung des nunmehr tagenden vatikanischen Konziles – Briefverkehr unter höchst bedenklicher Fassung und Wendung mit einem weiblichen Wesen hiesiger Kirchengemeinde – schreiender Undank gegen mildherzige Wohltäter, die ihm die Mittel verschafften, seinen humanistischen Studien obzuliegen, schreiender, himmelschreiender Undank! – eigenmächtige Urlaubserteilung . . . und das alles in den letzten Tagen und Wochen. – Herr, Deine Langmut währt ewig! – Aber Daumen drauf, Fuß in den Nacken, Ausnutzung der Disziplin, unnachsichtliche Strenge . . . ich werde, mein Söhnchen.« Der Dechant klingelte. Die Pfeife war ausgebrannt. Mit dem wiederaufgenommenen Lineal wurde der spärliche Rückstand der Pfeife in den Aschenbecher geklopft. »Herein!« Die Haushälterin erschien. »Johanna, falls der Seminarist Herr Wilhelm Verhage heute, morgen oder später eintreffen sollte, wünsche ich unverzügliche Meldung.« »Gewiß, Herr Pastor.« »Gut – und jetzt den Kaffee, Johanna.« Alsbald dampfte eine duftende Schale auf der bespreizeten Tischplatte. Hochwürden hatte sich eine frische Pfeife 230 angezündet. Die unliebsamen Gedanken waren verscheucht. Behaglich krachte der Weidenholzsessel. Die Mittagssonne flimmerte durch die schneeweißen Tüllgardinen und weckte in der Kaffeetasse einen hellen Lichtschein, der als scharfbegrenzter Reflex und quecksilberartig an den Wänden auf und nieder huschte. Draußen sang ein Buchfink im Apfelbaum, von dessen angesetzten Früchten hin und wieder eine wurmstichige in den Rasen fiel. Mit einem dumpfen Tone hopsten sie auf. Die Rosen dufteten im Pastorgarten, und die Malven sahen friedlich ins Zimmer. – – – Über Wilm Verhage und Hannecke Mesdag zogen schwere Gewitterwolken zusammen. Das nächtliche Geschehnis am Ravelin in laulicher Juninacht betrachtete ich als ein unantastbares Geheimnis. Auch Hannecke gegenüber spielte ich den Unbefangenen und berührte mit keiner Sterbenssilbe das bedenkliche Zwiegespräch, dem ich vor Wochen als unfreiwilliger Zeuge beigewohnt hatte – aber ich fühlte schon damals, daß sich mit ihm die ersten Anzeichen einer Katastrophe verknüpfen mußten. Jetzt zwinkerte der Blitz in der Wolke, und ich fürchtete ernstlich für Wilm Verhage und Hannecke Mesdag. Bis kurz vor der Ravelinaffäre mußte der leidenschaftliche Funke in der Brust des jungen Verhage geschlummert haben. Geschlummert nicht – aber er hatte ihn niedergehalten mit übermenschlicher Anstrengung, bis er emporzüngelte und schließlich zur verzehrenden Flamme heranwuchs. Tagtäglich hatte ich diesen Ausbruch erwartet. Die 231 heiße Liebesstunde am verschwiegenen Wasser brachte die Entscheidung. Wilm Verhage und Hannecke Mesdag waren einig geworden. Der unwiderstehliche Trieb auf Freiheit, Selbsterhaltung und Liebe, und die Sehnsucht nach den Genüssen der Liebe hatten ihr Recht gefordert, ihr altes und ureigenes Recht, das sich endlich doch hinwegsetzt über alle einzwängenden Regeln und Normen. Die große und heilige Liebesdämmerung war in das Stadium des Lichtes getreten. Der leere Raum des Wunsches und des Verlangens füllte sich mit den hoffnungsfreudigen Bildern der Zukunft. Wilm Verhage hatte nach langem Kampfe die beengende Fessel gesprengt, und als sie fiel, war die Leidenschaft über ihn wie Sturmwind gekommen, und der Sturmwind griff in die Saiten und harfte, und aus dem brausenden Liede, das er spielte, klang die Stimme des herrlichen Mädchens, die da zitterte und flehte: Liebe mich und habe Mitleid mit mir! – Auch im Frühlingssturm werden zarte Blüten vom Baume gebrochen. Für Wilm Verhage gab es kein Rückwärts mehr. Ihm wuchsen Adlerschwingen, und er strebte der Sonne entgegen. Alle kleinlichen Bedenken, die ihn sonst wie mit engen Maschen umgarnten, alle eingebildeten Pflichten gegen seine geistlichen Vorgesetzten, gegen seinen Vater und die Spender der Brosamen waren in eine nebelhafte Ferne gerückt und lagen weit unter ihm. Große Pflichten, heilige Pflichten waren an ihre Stelle getreten, und mit dem Vorsatze, die erste beste Gelegenheit zu benutzen, den dumpfen und drückenden Mauern des Seminars 232 zu entgehen, hatte er damals von Hannecke Mesdag Abschied genommen. Die laue, köstliche und anreizende Welle der berückenden Liebe umspielte ihn mit magischer Gewalt, sie stählte ihn und verlieh ihm die siegende Kraft, die ihn über alles hinwegtragen mußte bis zum erlösenden Ziele. Mit dieser Kraft war auch der Geist der Aufsässigkeit in ihm rege geworden – und als um die Mitte des Juli das verhängnisvolle Dekret der Infallibilität des Papstes, das schon geraume Zeit seine düsteren Schatten über den Erdkreis geworfen hatte, in die Welt hinausflog, und fast gleichzeitig mit diesem höchsten Trumpf des Romanismus jenseit des Rheines das Kriegshorn zu gellen begann, und die Brandfackel blutigrot von den Vogesenkämmen herabsah, da hatte auch für Wilm Verhage die große Stunde geschlagen. Schon etliche Tage vorher sah sich der Regens des Priesterseminars veranlaßt, obigen Brief zu verfassen. Er hatte seinen Zweck verfehlt. Bereits am zwanzigsten Juli war Wilm mit einer bestimmten Erklärung vor den Regens getreten, und anderen Tages hatte er unter den brausenden Klängen der ›Wacht am Rhein‹, die unter Glockengeläut und begeisterter Stimmung die Lande durchzitterten, den Ort seiner Leiden, Qualen und inneren Kämpfe verlassen. Von Station zu Station trug ihn das Dampfroß in immer größer werdenden Jubel hinein. Er fühlte den Pulsschlag und den tiefen Odemzug der gewaltigen Zeit, die die politisierenden Philister von der Bierbank verscheuchte und trotz des jesuitisch-gallischen Komplotts 233 den Sturm echter Begeisterung in die deutschen Herzen hineinblies. Diesseits und nicht jenseits der Alpen wurzelt die deutsche Seele! – Auf allen Bahnhöfen drängte sich das junge Aufgebot, um zu den Fahnen zu eilen. Bekränzte Lokomotiven sausten vorüber. Im Ruhrkohlengebiet feierten die gewaltigen Schlote, die Dampfhämmer schwiegen, und auf den dunstigen Schlackenbergen verloschen die glühenden Rückstände der Hochöfen. Viele Fabriken hatten die Arbeit eingestellt; dafür wehende Fahnen, Eichenlaubkränze und ziehende Burschen! Die Landsmannschaft war zu den Waffen berufen. In Wesel rasselten die Trommeln, und der gelle Pfiff der Querpfeifen zerriß die lauliche Luft des prächtigen Julitages. Mit klingendem Spiel zogen die verschiedenen Infanterieregimenter aus, um sich am strategischen Aufmarsch zu beteiligen. Frischgebrochene Eichenzweige wehten von den blitzenden Helmen. Wilm Verhage hätte hineinschreien mögen in den dröhnenden Gleichschritt und das Geknatter der Fahnen. Noch lag die Tonsur auf seinem Hinterkopf, noch trug er die lange Soutane – aber Wilm Verhage wußte, was er zu tun hatte. Die Brust geweitet, zu den Waffen gegriffen – und dann mit Gott für König und Vaterland! Von Wesel aus fuhr er im Eilwagen über Xanten der kleinen niederrheinischen Stadt zu. Er saß beim Schwager oben auf. Flecken und Weiler flogen vorüber. Die Chausseebäume hüllten sich in Dämmer und Dunkel, und weiße Nebel flatterten über die Grasflächen der weiten 234 Niederung. Der Grasduft weckte in Wilm die Jugenderinnerungen in lebhafter Weise. Die dunklen Massen des Monreberges stiegen jetzt vor seinen Blicken auf, ein feines Gesäusel lief durch das Buchen- und Eichengestrüpp, aus dem vereinzelte Birkenstämme mit ihren silberweißen Schäften und dem strähnigen Laubwerk emporstiegen. Geheimnisvolle Stimmen durchzitterten die weihevolle Stille des friedlichen Abends. Aber der Schwager brachte sein Horn an den Mund, und die Klänge der Wacht am Rhein: »Es braust ein Ruf wie Donnerhall« zogen wie eherne Bänder durch den Zauber der niederrheinischen Landschaft und über den Berg hin. Der Schwager Postillon hatte trefflich geblasen. Es war schon spät unter dem Monde geworden, als die ersten Lichter der kleinen Stadt aufblitzten. Jetzt verließ der junge Verhage den Postwagen, um zu Fuß und mit seinen Träumen und Gedanken allein dem nahen Ziel entgegenzustreben. Die Pferde trabten auf der staubigen Chaussee weiter und weiter. Rechts und links von ihnen irrte der Schein der beiden Wagenlaternen durch die schwarzen Schatten der Obstbäume, die ihre breiten Kronen wie Eulenflügel zur Seite streckten. Der Hufschlag verstummte, und das Licht der Laternen schrumpfte in sich zusammen. Auf weichen Sohlen schritt die Nacht über die dampfenden Fluren. Genau in Verlängerung der Landstraße erhob sich die Silhouette des Turmes von Sankt Nikolai. Seitab 235 von ihr und mehr dem Vordergrunde zu wuchsen kugelartige Massen in den endlosen Raum. Es waren die breiten Pappelkronen vom Ravelin. Ringsumher lag eine warme und brütende Stille. Nur vereinzelte Grillen saßen in den Zichorienstauden und zirpten. Auch diese Stimmchen schläferten allmählich ein und wurden abgelöst durch das traumhafte Näseln und Schwirren der Nachtfalter, die sich in den tiefhängenden Zweigen der Chausseebäume verfingen. Die schwarzen Baumkronen am Ravelin nahmen an Massigkeit zu. Sie waren in tiefer Lautlosigkeit begraben. Da – was war das?! – Rief es nicht plötzlich in scharfen Tönen von dem ruhigen Wasser her, das durch das Gebüsch im steigenden Mondlicht aufblenkerte . . .! Wilm Verhage hielt den Fuß an. Er kannte den Ruf. Mit raschen Händen griff er in die Gegend der Herzgrube, als hätte sich dort eine Kugel verloren. Ein zuckender Schmerz bohrte sich tief zwischen die Rippen. »Hannecke!« stöhnte sein Mund – dann schritt er weiter. Durstig sog er die warme Luft ein, die von dem schilfumwachsenen Wasser herüberwehte. Aus rankenden Bohnen tauchte das Ziegeldach der Mesdagschen Wohnung auf. Das helle Mondlicht spielte um das Zinnoberrot der Schmetterlingsblüten, die brennend aus den saftigen Blättern hervorsahen. Im Hause selbst waren die Lichter gelöscht. Verschläfert und still, wie die dichte Laube im Vorgarten, lag auch das übrige Anwesen vom Bas. Vater und Mutter waren schlafen gegangen, und die blühenden Malvenstöcke hielten die Blumenwacht in schweigsamer 236 Sommernacht. Nur an der linken Giebelseite fuhr ein schwaches Blinzeln durch den herzförmigen Ausschnitt im Fensterladen. Hinter den weißen Gardinen wohnte Hannecke Mesdag. Wilm war lautlos über den Gartenkies getreten und rief mit verhaltener Stimme ihren Namen. Keine Antwort – nur die Klänge des Posthorns riefen aus weiter Ferne herüber. Der Eilwagen hatte seine wenigen Passagiere in der kleinen Stadt abgesetzt, dann rollte er weiter nach Kleve und der holländischen Grenze zu. »Hannecke . . .!« Noch einmal, aber lauter und deutlicher hatte Wilm Verhage gerufen – da öffneten sich die Läden, und halbentkleidet war Hannecke in die Umrahmung des niedrigen Fensters getreten. Die flimmernde Folie der Sommernacht legte sich zärtlich um die jugendliche Brust und den entblößten Nacken des lieblichen Mädchens. Die Flechten waren gelöst. »Wilm . . .!« stammelte Hannecke Mesdag mit ersterbenden Lauten. Mit seltsam leuchtenden Augen starrte sie ihn an. Da schlang er beide Arme um ihren Leib und riß sie an sich. Sie ließ den Kopf an seine Schulter fallen und bebte unter Wonneschauern zusammen. Er fühlte ihre schwellende Brust, und ihr beiderseitiger Odem begegnete sich und floß ineinander. »O, Du! – Du!« ächzte das junge Weib unter seiner Umarmung, dann warf sie den Kopf zurück und sog mit 237 geblähten Nasenflügeln die betäubende Luft ein, die von den Bohnenranken und dem brennenden Phlox herüberwehte. Langsam öffnete sie die Lippen wie eine Verschmachtende – dann streckte sie in grenzenloser Sehnsucht ihre Arme vor und legte sie wie eine weiche und zuckende Fessel um den Hals des Geliebten. Und er beugte sich nieder und küßte sie lange. Die warme Sommernacht ging über die beiden mit Wonneschauern. Sanftes Wetterleuchten spielte hinter den dichten Baumkronen am Ravelin. Aus den Gartenbeeten stieg ein feuchter Erdgeruch, dessen Fülle sich betäubend um die Sinne der beiden glücklichen Menschen legte. Zuweilen fiel eine abgestorbene Frucht aus den Obstbäumen zu Boden, und droben im unendlichen Weltraum fiel ein Sternlein vom Himmel. Eine rasch aufleuchtende und wieder verschwindende Spur bezeichnete die Fährte des fallenden Meteors. Hinter den Pappeln war sie zergangen. Hannecke stierte ins Mondlicht. Eine blinkende Helle legte sich um Arme und Schultern, die wie schneeweißes Linnen aussahen. Deutlich gewahrte der junge Verhage das bläuliche Aderwerk des zarten Halses, das sich bis zum Ansatz des gerundeten Schultergelenkes verstrickte. Die Linien des sanftgewölbten Busens waren in steter Bewegung und verrieten die glückliche Stimmung, die sich des Mädchens bemächtigt hatte. Ihre Zähne blinkten, und ihr Atem berauschte das Herz des jungen Verhage. 238 »Wilm,« hauchte sie mit verzehrender Inbrunst, »bist Du mir endlich wiedergegeben?« »Ja,« nickte er freudig. »Und gehst nie mehr dorthin?« »Nie mehr,« sagte der junge Verhage. Er preßte sie an sich, daß er die zuckenden Schläge ihrer Brust deutlich verspürte. »Geliebter – und die da in Münster haben keine Macht mehr über Dich . . . sie gaben Dich frei?!« »Ich bin fertig mit ihnen – und morgen will ich meinem und Deinem Vater begegnen . . .« »Das mußt Du auch,« stammelte Hannecke Mesdag, »denn wenn Du es nicht bald tätest . . .« Ihre Augen flammten seltsam in die seinen hinüber. Ein Schauder rüttelte ihren Körper. »Was hast Du?« Mit zitternder Hand strich er ihr das Haar aus der Stirn zurück. »Ich muß Dir was sagen, Wilm.« Sie schlang die Arme um ihn, daß ihm der Atem verging. Schwer hing sie an seinem Halse, und ihre schwellende, warme Brust berührte die seine. Ihre Lippen saugten sich an seinem Munde fest. »Wilm,« schluchzte sie, nachdem sie sich zurückgebeugt hatte. Ihre Arme stemmten sich vor. »Wilm, ich muß Dir was sagen . . .« 239 Wieder näherte sie sich mit ihrem Oberkörper dem geliebten Manne. »Weißt Du,« hauchte sie ihm ins Ohr, »das Ravelin will sein Opfer haben . . .« »Was?!« Wilm Verhage prallte zurück. »Ja, von damals . . .« Unter heißen Flüsterlauten sprach Hannecke noch einige Worte, und als sie verstummte, umklammerte sie Wilm mit beiden Armen und sagte: »Und dieses Opfer ist heilig.« Da reckte sich der junge Verhage auf. Eine eigentümliche Hoheit war über ihn gekommen. »Unsere Seelen wollen sich küssen – küsse mich, Hannecke . . .« Da schmiegte sie ihre Wangen an ihn – und die beiden standen zusammen, zwei glückliche Menschen, und küßten sich lange . . . und sie bemerkten nicht, wie auf der Landstraße ein schwarzer Schatten geräuschlos vorüberstreifte. Die beiden Menschenkinder hatten Raum und Zeit und die nächste Umgebung vergessen. Der Schatten aber hatte sich hinter das Dunkel der Laube zurückgezogen. Dort stand er geraume Weile, unbemerkt und von dem Gewirr der türkischen Feuerbohnen verdeckt, und sah in den Garten hinein. Dann ging er. Im Nachtwind bewegte sich die schwarze Soutane. Der schmalschulterige Mann, der eiligst davonschritt, hatte genug gesehen. – Die Grillen zirpten lauter und lauter. Um die Weißdorn- und Hainbuchenhecken legte sich der Nebel in 240 weißen Schleiern. Die Blätter tropften. Sonst rührte sich nichts mehr in der weiten Umgebung. Nur das Gezirp der Grillen unterbrach zuweilen die Stille. Weltabgeschieden! – Und weltabgeschieden standen noch immer die beiden Menschen beieinander. »Wilm,« flüsterte Hannecke Mesdag, »das Schwerste ist getan; nun mögen wir glücklich werden, so Gott will.« Sie faßte seinen Kopf und zog ihn zu sich herunter. Selig ruhte seine Wange auf der wogenden Brust des herrlichen Mädchens. Er hörte den Herzschlag unter dem leichten Gewebe. »Und willst Du zur Nacht von mir träumen?« fragte sie. »Ich will träumen von Dir.« »Und mich ewig lieben?« »Ewig,« kam es zurück. Wilm Verhage hielt ihre Hüften umspannt. »Und immer wollen wir der Zeit gedenken,« sprach er unter leisem Zittern, »wo wir uns endlich gefunden.« »Wenn die Malven blühen,« lispelte Hannecke Mesdag. 241 XVI Der Sturm bricht an Wilm Verhage suchte vor Nacht seinen Vater nicht mehr auf. Morgen nach dem Hochamt gedachte er vor ihn zu treten und ihm über alles Aufklärung zu geben. Er wollte in kindlicher Weise mit ihm sprechen, aber diese Aussprache sollte dennoch fest und bestimmt sein. Ein ›Zurück‹ gab es nicht mehr für ihn. In einer kleinen Wirtschaft und Ausspannung am Markt hatte er Unterkunft gefunden. Ruhelos wälzte er sich auf seinem Lager; er konnte den Schlaf nicht mehr finden. Erst gegen Morgen drückte ihm ein dumpfer Halbschlummer den Kopf in die Kissen. Ihm war es, als zuckten leckende Feuerzungen aus den gescheuerten Dielen. Im Flammenschein drangen Männer und Weiber mit gläubigen Gesichtern und frommen Augen über die Schwelle. Er kannte sie alle. Sie alle trugen Reisigbündel und warfen sie pflichtgemäß zu Boden, um das Feuer zu schüren. »Ketzer, Ketzer, Ketzer!« heulten sie ihm von allen Seiten zu. Es waren die barmherzigen Menschen, die ihm durch ihre Guttaten das Studium ermöglicht hatten. Der Ketzerrichter war in sie gefahren. 242 Sonst gutmütigen Herzens, schienen sie jetzt mit einer sublimen Verschrobenheit behaftet. Betäubend hallte ihr Geschrei durch die zuckenden Feuerzungen: »Du wolltest Heerohme werden – und bist ein Weltmensch geworden! – Du wolltest auf der Brotkruste des Entsagens jonglieren – und tanzt den breiten Weg des Genusses! – Du wolltest dem Weibe entsagen – und bist der Fleischeslust in die Arme gefallen! – Heraus mit unserem heiligen Gelde – ins Feuer mit Dir, Du Schänder, Du Abtrünniger im Tempel des Herrn!« – Immer frische Reisigbündel fielen in die qualmenden Gluten. Der ehrsame Manufakturist und Mitglied des Kirchenvorstandes. Hamilkar Nagels, wälzte eine Teertonne ins Zimmer, um das Feuer zu kitzeln. Vergebens drangen Pittje Pittjewitt und Heinrich Hübbers mit platschenden Wassereimern vor – immer wilder raste der Ketzertanz, und immer wilder hauchte das feurige Gewalle gegen das Bett an. Sein eigener Vater, Jakob Verhage, sang eine betäubende Ketzermelodie durch Rauch und Qualm und Flammenschein. – »Zu Hilfe!« – Wilm Verhage wollte ersticken – da im heißen Geleucht erhob sich eine hehre Gestalt. Das Haar umwallte sie wie ein braungoldenes Segel. Durch das durchsichtige Gewand schimmerten ihre jungfräulichen Formen. Sie warf die irdische Hülle von sich und beugte sich zu ihm nieder; dann küßte sie ihn und zeigte nach oben. Eine wohlige Kühle umgab ihn. – Aber stöhnend sank er zurück. Der Dechant van Bebber war mit Barett, Chorhemd und Weihbronnwedel ins Zimmer getreten. Mit 243 großen und fürchterlichen Worten sprach er den Exorzismus gegen ihn aus. Wilder lohten die Flammen – immer wilder und heißer! – Da nahm ihn die schöne Gestalt in ihre weichen Arme, und als Gott und Bajadere schwebten sie höher und höher. Plötzlich sank er zurück. Immer tiefer ging die rasende Flucht, die Sterne zu seinen Häupten, die schon wie große Sonnen erstrahlt hatten, wurden kleiner und kleiner, dann schwanden sie vor seinen Blicken. – Er hörte Säbelgerassel – und was er hörte, war Wirklichkeit. In Anbetracht der kriegerischen Ereignisse hatte sich Heinrich Hübbers, in seiner Eigenschaft als Nachtwächter, mit dem großen Schleppsäbel gegürtet, der noch von den Befreiungskriegen her als eine französische Kriegstrophäe bislang der Wachtstube zur Zierde gereicht hatte. Straßenweit dröhnte das schleppende Ungetüm durch den tiefen Frieden der Nacht hin. Als das erste Morgengrauen die Giebel umzitterte, fuhr der Dragonersäbel unliebsam mit seinem Geräusch in die Traumwelt des jungen Verhage hinein. Müde und übernächtig wachte er auf. Etliche Stunden später drang das laute Jubeln und Singen der Schuljugend ins Zimmer, wo Wilm sich anschickte, seine Gedanken zu sammeln. – Schon beim frühesten Hahnenschrei war ich mit dem lateinischen Heinrich zu Holz gegangen und hatte dort einen prächtigen Eichenkranz gewunden. Mit diesem Zeichen vaterländischer Gesinnung traten wir den Heimweg an. Der Lateiner war heute ganz Patriot. Ein 244 violettes Haubenband hatte er von seiner Mutter erstanden, um es dem Kranze einzuverleiben – ›violett‹, weil keines von anderer Farbe zur Hand war, und zweitens, weil hierdurch, nach kirchlichem Ritual, die tiefe Trauer, die ihn wegen der schmachvollen Kriegserklärung beherrschte, versinnbildlicht werden sollte. Als wir den Markt betraten, stand der Reitergeneral Friedrich Wilhelm von Seydlitz mit gezücktem Pallasch ruhig wie immer auf seinem Steinpostament und blickte gen Westen, von wannen der Erbfeind kommen sollte – aber eine jubelnde Menge umkreiste ihn. Im fröhlichen Wirrwarr drängte jung und alt durcheinander. Dazwischen hallten begeisterte und neugierige Stimmen: »Meyer Spier ist gekommen!« »Hurra!« »Meyer Spier ist von Kleve gekommen!« »Meyer Spier soll erzählen!« »Hoch, Meyer Spier!« Und durch die Menge drängte sich ein unscheinbares Männchen in Korkzieherhosen und Flausrock, stellte sich auf einen Prellstein am Denkmal und gestikulierte mit Armen und Beinen. Meyer Markus Spier, eine allbeliebte Persönlichkeit in der Bürgerschaft, war Beschneider und Schächter der kleinen jüdischen Gemeinde. Wegen allzu knorpeliger Fußballen hinkte der Mann, und dieses Gebrechens halber trug er im vertraulichen Kreise auch den Beinamen ›Schleifboot‹, aber dieses Schleifboot hatte 245 allzeit ehrlichen Kurs gehalten und wurde gewertet bei Juden und Christen. »Meine Herrens!« »Hurra!« »Bin ich doch soeben gekommen von Kleve . . .« »Hurra!« »Ruhe! – Ruhe!« gebot Herr Polizeidiener Brill. »Herr Spier hat das Wort; ich bitte um Ruhe.« »Meine Herrens!« begann der Redner von neuem. »Bin ich doch soeben gekommen von Kleve, wo ich hatte Geschäfte bei meinem Schwager Elkan Josephi. 's is richtig, die Sache is richtig!« »Was ist richtig?!« warf der Schneidermeister Schmitz ängstlich dazwischen. »Nü – von wegen Max Mahon! – Is doch der Marschall Max Mahon eingebrochen in Preußen. Is er doch gekommen mit die Spahis un Turkos, ungerechnet die ßwai Millionen Füsiliere un afrikanische Jäger. Un sie bauen Brikaden un schießen mit ihre neuen Kugelspritzen fünfunzwanzigfältig von hinten . . .^ »Donnerwetter noch mal! – Das muß ja ein gefährlicher Mann sein.« »Gefährlich, Herr Brill?! – Mehr wie gefährlich – der Mann is meschugge. – Der Mann is ein Würger vor dem Herrn. – Max Mahon is ein ßwaiter Nebukadnezar. Er is schlimmer wie Abimelech un Garibaldi . . .! – Außerdem hat er eine eigentümliche Perkutschon an die Flinte – un jede trifft wenigstens neununneunzig Perzent, 246 wenn sie losgeht. 's is ein gefährlicher Mann, der Herr Max Mahon aus Frankreich! – Aber das Neieste kommt noch! – Is vielleicht Herr Theodor Küppers unter die patriotischen Herrens . . .?!« Dores Küppers war da. »Nü, Herr Theodor Küppers, so möchte ich mir die Ehre geben, Sie ßu bitten um ein Billardkö.« »Gern,« sagte Dores Küppers und gab einem halbwüchsigen Jungen Order, ein solches aus der Wirtschaftsstube zu holen. »Meine Herrens!« fuhr der Redner in gehobener Stimmung fort, wobei er sich zu wiederholtem Male auf die Brust schlug und die seidene Schirmmütze auf das linke Ohr schob, »meine Herrens! – Die Sache is richtig – habe ich sie doch selber gehört von Elkan Josephi, was ein richtiger Schwager von mir is in Kleve. – Jetzt kommt das Neieste . . .!« »Hoch, Meyer Spier!« »Hurra, Elkan Josephi!« »Nieder mit Max Mahon!« »Hoch, Elkan Josephi!« »Danke, mein Söhnchen.« Meyer Markus Spier hatte das Billardkö in Empfang genommen, zog ein schwarz-weißes Fähnchen aus seiner Rocktasche, knüpfte es an den Billardstock und hielt die so improvisierte Standarte in edler Begeisterung mächtig zu Häupten der Menge. »Bravo!« 247 »Meine Herrens!« Einmaliges Fahnenschwenken. »Meine Herrens! – Ich habe gesagt, der Mann is meschugge – Max Mahon is ein gefährlicher Mann un ein ßwaiter Nebukadnezar . . .« Zweimaliges Fahnenschwenken. »Ich habe gesagt, er is gekommen mit die Spahis un Turkos un mit die Kanonen von hinten – aber sie haben ihm schon . . .« Dreimaliges Fahnenschwenken. »Max Mahon hat seine Sache verspielt – sagt Elkan Josephi – er hat sich übergeben; dreimal hat er sich übergeben. – Drum Tusch, meine Herrens . . .! – Lieb Vaterland, kannst ruhig sein . . .!« »Hurra!« »Un darum wollen wir alle, christliche Männer un jüdische Männer, eine Art von Triumphzug um dieses Denkmal gestalten, daß es im Angedenken sei für ewige Zeiten. – Weiter sag' ich nichts. – Ich habe gesprochen.« »Und wie,« beteuerte der Herr Polizeidiener Brill. Unter allgemeinem Beifall humpelte Meyer Markus Spier vom Prellstein, schwenkte die Fahne, setzte sich an die Spitze des Zuges und zog mit jung und alt um das steinerne Denkmal. Den Eichenkranz mit dem violetten Haubenband im Arm, das Herz geschwellt, voll edler Gefühle sah der Lateiner dem Schauspiel zu. »Groß und erhaben,« flüsterte er halblaut, »wenn die 248 patriotische Seele in der Brust des gequälten Volkes erwacht und, so wie hier, der furor teutonicus losbricht. Auch ich habe eine Ode gedichtet und werde sie vortragen unter Niederlegung des Kranzes.« Er stellte sich bei dem Denkmal auf und wartete, bis Meyer Markus Spier die Vorderseite zum drittenmal passierte – dann begann er: »Hochangesehene Männer! – Ich bin nur ein schlichter und einfacher Schüler . . .« »Bravo!« »Ich habe die Rede eines Mannes gehört, der tiefe Sachkenntnis mit der Beredsamkeit eines Demosthenes verbindet . . .« »Ich danke for die Fetierung,« dienerte der Standartenträger. »Und dennoch,« fuhr der Lateiner fort, »drängt es mich, eine patriotische Ode, eine Art von Bardengesang vorzutragen, um hierdurch auch die Begeisterung der Jugend zu dokumentieren. Ich habe selber dieses Bardenlied gedichtet.« »Bravo!« »Selbstverständlich ist des urdeutschen Zweckes halber sowohl von der sapphischen Strophe wie vom asklepiadeischen Versmaß Abstand genommen.« »Bravo!« Der Herr Polizeidiener Brill hatte seine Meinung geäußert. »Vielmehr wählte ich einen schlichten, deutschen Strophenbau mit klingenden Reimen. – Hochangesehene 249 Festgenossen! – Ich bin nur ein einfacher Bürger, ein bescheidener und geringer Schüler – und frage daher: darf ich meine Ode auf den öffentlichen Altar des Vaterlandes legen und opfern?!« »Los!« »Hinlegen und opfern!« »Bravo!« Ein Sturm der Begeisterung umtobte meinen Freund. Da wandte er sich, hob den Eichenkranz zum Denkmal empor, daß die violette Trauerschleife prächtig im Winde wehte und sprach mit weithin tönenden Worten: »O, Seydlitz, Führer rasselnder Schwadronen, Nun höre mich! – Was wär' die Welt in allen ihren Zonen Wohl ohne Dich?! – Du ließ'st die Kugeln lächelnd um Dich spritzen Wie Gartenkies, Drum bist Du auch beim alten König Fritzen Im Paradies. – Jetzt droht der Erbfeind hinter den Vogesen, Bar jeder Scham! Im Kreisblatt hab' ich selber es gelesen, Das gestern kam. – Zwar zieht der Moltke niemals eine Niete, Wenn er's bedacht; Doch gut wär's, wenn Dein Feldherrngeist ihm riete Beim Plan der Schlacht. – Daß uns Dein geist'ger Pallasch niemals fehle – Sei unser ganz! – Ut deus bene vertat , große Seele, Nimm diesen Kranz.« 250 Der Lateiner hatte mit tränenerstickter Stimme gesprochen. Hierauf legte er den Kranz auf die Stufen des Postamentes. Als er sich erhob, stand Pittje Pittjewitt im Schmuck des spiegelblank gebürsteten Sonntagszylinders hinter ihm. In der Brust des ehemaligen Trainsoldaten und nunmehrigen Landwehrmannes hatten die großen Worte des Lateiners einen begeisterten Widerhall gefunden. Mechanisch nahm er den Zylinder vom Kopf und sagte: »Heinrich, schlichter Mitbürger und Schüler – ich kenne Dich als seebefahrenen Menschen, ich habe Dich als Komödienspieler gesehen; heute stehst Du als Patriot in unserer Mitte – aber Du bist mehr: Du bist ein Dichter.« Das schlug ein. Meyer Markus Spier schwenkte das Billardkö, daß das Fähnlein über dem Kopf des Dichters zusammenknatterte. »Hat er doch gesungen wie Jeremias un die andern Propheten,« rief der Beschneider, »hat er doch gesungen un gedichtet wie David mit's Harfenspiel . . .!« »Hurra!« Fünfundzwanzig Hände griffen den Barden gleichzeitig an. Sie hoben ihn und trugen ihn um den steinernen General, dem er in weihevoller Ode sein Herzblut gegeben hatte. Dann ging's unter Absingung eines patriotischen Liedes durch alle möglichen und unmöglichen Gassen der Stadt hin. Der Lateiner fühlte sich ordentlich in Wonne und Erhabenheit. Der Jubel der stetig 251 anwachsenden Menge betäubte ihn. Er konnte die Dinge nicht mehr mit objektiven Augen betrachten. Er hatte trefflich gesungen, aber mir war es so, als wenn er dennoch seine literarische Leistung bedeutend überschätzte. Mit einer theatralischen Pose, die ich bisher nie an ihm bemerkt hatte, beherrschte er die Situation und ließ sich die spontane Aufwallung des Volkes als notwendig und selbstverständlich gefallen. Die anerkennenden Worte Pittje Pittjewitts und Meyer Spiers mußten ihm zu Kopf gestiegen sein. »Du bist ein Dichter!« – dieser Ausruf beherrschte seine entflammte Seele in geradezu beängstigender Weise. Er hielt sich für einen Freiheitspoeten, für eine Art von Max von Schenkendorf und für einen Theodor Körner » Ut deus bene vertat , große Seele, Nimm diesen Kranz!« Der Lateiner blickte selbstgefällig gen Himmel. – Es waren doch erhabene Verse! – Und mit diesem Wonnegefühl triumphierte er weiter durch die entlegensten Gassen. – Schon vor Beginn dieser Ovation hatte Wilm Verhage das bescheidene Wirtshaus verlassen. Kurz vorher war ein Meßjunge bei ihm gewesen. »Im Auftrage des Herrn Pastors,« hatte dieser gemeldet, »und der Herr Pastor läßt bitten.« »Noch vor dem Hochamt?« »So meinte der Herr Pastor.« 252 »Ich komme.« Dann ging er zum Pastorat. – Wie?! – und nicht zuerst zu seinem Vater? Nein. Der Hauptstier sollte zuerst an die Reihe. Wilm Verhage wollte reine Bahn schaffen. – Als er über den Markt schritt, zog der erste patriotische Jubel durch Gottes heilige Sonntagsfrüh. 253 XVII Blätter fallen im Winde »Max Mahon hat seine Sache verspielt – sagt Elkan Josephi – er hat sich übergeben; dreimal hat er sich übergeben . . .« Ja woll! Mac Mahon dachte noch gar nicht daran. Der Handelsmann Elkan Josephi in Kleve und sein Schwager Meyer Markus Spier hatten sich als unsichere, wenn auch äußerst begeisterte Berichterstatter erwiesen. Der Siegestaumel war verfrüht. Aber was verfing's?! – Schon nach vierzehn Tagen ließen die französischen Adler ihre Flügel hängen. Sie wurden zerzaust in den Schlachten von Weißenburg und Wörth, und der Ruf von den deutschen Siegen zog von Turm zu Turm mit ehernen Stimmen. – – – Während draußen die gutgemeinten, aber etwas voreiligen Vivatrufe an Fenster und Türen pochten und die Herzen der Menschen höher schlagen ließen, ging der Herr Dechant van Bebber unruhig in seiner Stube auf und nieder. Es war kurz vor dem Hochamt. Seiner Gewohnheit gemäß paffte er bläuliche Rauchwölkchen gegen die Decke. Vor etlichen Tagen, bei Ankunft des Briefes 254 von seinem Konfrater, war Hochwürden verstimmt gewesen, sehr verstimmt – jetzt war er verstimmter. Die letzten Ereignisse verfehlten nicht, sich bedenklich in seine Gemütsverfassung zu drängen – aber wohlgemerkt, nur die auf kirchlichem Gebiet und diejenigen privater Natur. Von den gewaltigen Dingen, die sich inzwischen auf dem Schauplatz der Politik zu regen begannen, die sich stündlich immer mehr zuspitzten und mit furchtbarer Konsequenz den Weg der Entscheidung betreten hatten – davon war der geistliche Herr so gut wie unberührt geblieben. Was kümmerte ihn auch der Entrüstungsschrei, der infolge der angetanen Schmach durch die Nation zitterte, was scherte ihn die deutsche Frage und die Machtentfaltung in Preußen?! – Und nun erst dieser Herr von Bismarck?! Sein Wollen, seine Draufgängerei und seine einschneidende Tätigkeit?! – Utopisch und lachhaft! – Nein, seine Ideen- und Interessensphäre lag jenseits der Berge. Der geistliche Herr war trefflich geschult und wußte, was er dem Staat und was er der streitbaren Kirche schuldete. Er sah nur im Papalsystem das Heil der Welt. Er war für eine unumschränkte monarchische Gewalt der römischen Kurie und für die unbedingte Wiederherstellung der Bestimmungen des kanonischen Rechtes in der bürgerlichen Gesetzgebung. Er war unbedingt für eine streitbare und triumphierende Kirche. Mit wachsendem Interesse hatte er die Sitzungen des vatikanischen Konzils verfolgt. Die erste im Dezember vorigen Jahres war den Eröffnungsfeierlichkeiten 255 gewidmet, in der zweiten legten die einzelnen Bischöfe ihr Glaubensbekenntnis ab, in der dritten wurden die neuen Bestimmungen über den Glauben verhandelt und angenommen, und in der vierten spielte Pius den höchsten Trumpf aus, und die Karte schlug ihm zu gunsten. Diese Karte war am achtzehnten Juli gefallen. Das Papalsystem hatte über das des Episkopats den Sieg davongetragen – das Dogma der päpstlichen Unfehlbarkeit drückte der katholischen Welt ein neues Gepräge auf, und mit herzinniger Seelenfreude war dieses Ergebnis von Hochwürden begrüßt worden. Mit einem behaglichen Schmunzeln schlürfte er dieses Tränklein der Erkenntnis hinunter, allein fast gleichzeitig mit diesem Genusse mußte er sich das Herbe und Bittere desselben eingestehen. Es konnte Hochwürden nicht fremd geblieben sein, daß ein großer Teil der einsichtsvollen Kirchenfürsten die Lehre der Infallibilität als eine Verkehrung der althergebrachten kirchlichen Doktrin ansehen mußte. Hervorragende Männer, wie die Bischöfe Stroßmayer und Ketteler, wie der mutige Sprecher Kardinal Rauscher und der achtzigjährige chaldäische Patriarch machten tapfere Vorstöße, um die Verkündigung des Ergebnisses zu hindern. Sie stürmten vergebens. Ihre südländischen Kollegen, die ihnen hinsichtlich ihrer theologischen und überhaupt wissenschaftlichen Bildung nicht bis an Brusthöhe reichten, hatten die Mehrheit. Was ist die Mehrheit . . .?! – Bischof Ketteler versuchte ein Letztes. Er warf sich dem unfehlbaren Papste zu Füßen und beschwor ihn, das drohende Unheil 256 abzuwenden. Er kniete umsonst – und die Minorität der Bischöfe sah sich nun vor die Frage gestellt, entweder das Dogma anzuerkennen oder das verderbliche Gespenst des Schismas und somit eine Sprengung des römisch-katholischen Universalstaates heraufzubeschwören. – Nach schweren inneren Kämpfen brachten sie das Opfer des Intellekts und wählten das erste. Sie hatten sich gezwungen gefügt – und diese Erkenntnis wirkte beunruhigend auf den Gemütszustand des streitbaren Dechanten van Bebber. Das Verhalten jener Bischöfe mußte auch auf viele Laien und Kleriker einen verhängnisvollen Schatten werfen. Der Geist der Aufsässigkeit wurde hierdurch gezeitigt, und die Möglichkeit war nicht ausgeschlossen, daß sogar in der eigenen Pfarrei sich recht unbequeme Erörterungen und Konsequenzen abspielen möchten. Möchten?! – Regte sich nicht schon der aufsässige Geist? – Blühte nicht schon das Unkraut zwischen dem Weizen? – Revoltierte es nicht bereits in den denkenden Köpfen? – Und dieser Wilm Verhage . . . Der geistliche Herr hielt den Fuß an und lachte bitter auf. »Aber die Sichel an die verderbliche Aussaat,« brummte er. »Energisches Auftreten ohne Ansehen der Person ist geboten. Auf die Kniee – und Fuß ins Genick.« – Immer lauter wurde der Jubel da draußen. Mit brausender Stimme rüttelte die ›Wacht am Rhein‹ an 257 Fenster und Türen. Der greise König wurde mit seinen Paladinen in begeisterten Hochrufen gefeiert. »Nieder mit Napoleon!« »Nach Paris – nach Paris!« »Dummköpfe,« meinte Hochwürden. Aus einem Stoß Zeitungen, die auf dem Tisch lagen, zog er ein Blatt hervor, das als Titel den bezeichnenden Namen ›Das Vaterland‹ trug. Als Druckort war München angegeben. Der Hauptleitartikel hatte eine Blaustiftumrahmung. Gleichsam um den Enthusiasmus da draußen ein wenig zu dämpfen und ihn in die richtigen Schranken zurückzuweisen, überflog er noch einmal diesen Artikel, wobei er die markanten Stellen länger im Auge behielt und sie mit halblauter Stimme vorlas. »Zur Bekräftigung dessen, was wir niederlegten, möchten wir auf einen Ausspruch des Königsberger Stadtverordneten Johann Jakoby verweisen, der in richtiger Erkenntnis der Situation eine ihm zur Unterschrift vorgelegte Adresse mit den kräftigen und eines freidenkenden Mannes würdigen Sätzen zurückwies: In einem Lande, wo dem König das Recht zusteht, nach eigenem Belieben über Krieg und Frieden zu entscheiden, ohne das Volk zu befragen, ist dem König gegenüber Schweigen die allein richtige und sachliche Haltung . . . Na, ja! – Und hier, vom Herrn Herausgeber selbst geschrieben: Der Krieg ist fertig, Preußen will absolut seine Prügel haben, mit einer der besseren Sache würdigen Bockbeinigkeit weigert es sich, Frankreich die gewünschten und notwendigen Garantien zu geben . . . 258 Na, also! – hier das objektive Urteil ruhiger und denkender Männer, und draußen das künstliche und subjektive Sodawasser in den Köpfen lärmender Banausen. – Aber ich sehe, ich bin zu milde gewesen. Ich habe geschlafen. Die Schäflein wollen aufs Eis. – Qualis rex, talis grex . – Dem wird Wandel geschaffen.« Es wurde an die Tür geklopft. Hochwürden paffte noch etliche Wölkchen zur Decke. » Qualiter, taliter . – Herein! – Non datur tertium . Herein . . .!« Wilm Verhage war über die Schwelle getreten. Eine innere feste Entschlossenheit, fast Selbstbewußtsein, hatte ihm auch eine äußere straffe Haltung verliehen. Mit offener Stirn und freien Blicken stand er dem Pastor gegenüber. »Herr Wilhelm Verhage,« begann dieser, nachdem er die Augen halb verkniffen und sich geräuspert hatte, »wir stehen Angesicht zu Angesicht, wir sind allein, und die Sache ist dringlich, die in gegenwärtiger Stunde der Erledigung harrt. Sie haben das vitalste Interesse daran, daß sobald wie möglich eine Bahn geschaffen wird, die Sie wieder in die Lage versetzt, mit sich und der heiligen Kirche Frieden zu schließen. Daher sei es mir vergönnt, die Dinge nicht ab ovo zu beleuchten, sondern ungesäumt und unverzüglich in medias res einzudringen.« »Ich bitte darum.« »Gut denn.« 259 Der geistliche Herr blies aus dem zugespitzten Munde eine kräftige Rauchwolke und schlug, wie er es bei jeder wichtigen Angelegenheit zu tun pflegte, mit dem Daumen der rechten Hand das Zeichen des Kreuzes in der Hosentasche. »Mein Sohn,« begann er mit umschleierter Stimme, »wir sind alle irdischen Begierden und Leidenschaften unterworfen, und schon der heilige Jakobus weist auf die Gefahren hin, mit welchen dieselben verknüpft sind, indem er sagt: Ein Jeder, wenn er versucht wird, wird von seiner eigenen Begierlichkeit versucht; wenn aber die Begierlichkeit empfangen hat, gebiert sie die Sünde, die Sünde aber, wenn sie vollendet worden, gebiert den Tod. – Sie verstehen mich doch, Geliebter in Christo?« »Vollkommen.« »Inferner, mein Sohn, ist es eine feststehende Tatsache, daß der Schwäche unseres natürlichen Willens durch mannhafte Abtötung begegnet werden muß, um die Herrschaft über die niederen Triebe, die uns bewohnen, behaupten zu können. Halbes Werk ist hier vom Übel und sündlich. Man hat diese verwerflichen Triebe nicht als Karnickel anzusehen, denen man ungestört die Befriedigung ihrer sinnlichen Natur im Sandloch und unter Gottes freiem Himmel verstattet, sondern als bissige Ratten, die mit handfestem Knüppel zu traktieren sind. Ja, mein Sohn, in diesem Falle ist der Knüppel geboten. Heraus mit ihm aus der Ecke, herzhaft zugefaßt – und dann die Rattenköpfe verdroschen . . . Sie verstehen mich doch, Geliebter in Christo?« 260 »Vollkommen. – Ihre Worte lassen an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig.« »Gut denn! – ich komme auf den heiligen Jakobus zurück. Offenbar unterscheidet dieser Apostel, nach den Auslassungen des Herrn Doktor Konrad Martin, drei Bewegungen der begehrlichen Triebe. Die erste Bewegung ist unfreiwillig, und somit noch keine Sünde, die zweite geriert sich zwar freiwillig, aber nicht vollkommen freiwillig und ist dieserhalb als Sünde anzusprechen, die dritte aber ist vollkommen freiwillig und gebiert somit den Tod. – Ich nehme zu Ihrem Besten an, daß Sie erst der zweiten Bewegung unterlegen sind und sich deshalb noch im Besitze einer lebenden Seele befinden. Aber auch hier ist geboten: heraus mit dem Knüppel, herzhaft zugefaßt – und die Rattenköpfe verdroschen . . . Sie verstehen mich doch, Geliebter in Christo?« »Nicht ganz, Hochwürden.« »Nicht?! – dann muß ich den Zirkel meiner Erwägungen enger umschließen.« »Bitte.« »Mir ist zu Ohren gekommen, daß Sie in letzter Zeit ein renitentes Verhalten Ihrer geistlichen Obrigkeit gegenüber beobachten, daß Sie Ihre Ansicht über die Encyklika und den Syllabus vom Jahre 64 allzusehr in den Vordergrund schieben und anstatt kräftig und sonder Umschweife zu glauben, den Beschlüssen des vatikanischen Konzils skeptisch begegnen.« 261 Um die Lippen des jungen Verhage spielte ein bitteres Lächeln. »Allerdings – aber selbst hervorragende Theologen wie Kardinal Rauscher und Bischof von Ketteler . . .« »Mit derlei Exempeln,« fiel der Pastor dazwischen, »wird keine räudige Seele geläutert, sie beweisen nichts und sind als antiquiert zu betrachten, zumal diese Hirten sich eines Besseren besonnen und vor der Allgewalt des heiligen Dekrets sich niederbeugten und sagten: Mea culpa mea culpa, mea maxima culpa. « »Leider . . .« Der geistliche Herr zuckte zusammen. »Ich habe nichts gehört – und will nichts gehört haben, denn hätte ich es gehört . . . Ich ziehe den Schleier des Vergessens darüber, Geliebter in Christo, sintemal in den Brauseköpfen junger Theologen trübe Lachen sich finden, die bei ruhiger Prüfung zur späteren Klärung gelangen . . . Nein, hier liegt nicht der springende Punkt, Ihr Kardinalfehler, ich will sagen Vergehen, ist in der sündigen Liebe zum Weibe begründet. Meine Augen haben gesehen, und meine Ohren haben gehört . . .« »Herr Pastor . . .« »Ruhe, mein Söhnchen!« Die Stimme des geistlichen Herrn nahm einen kalten und schneidenden Ton an. »Wissen Sie nicht, was Sie Ihrem hochbetagten Vater schuldig sind, was Sie denen schulden, die mit Aufbietung nicht geringer Opfer Ihr theologisches Studium möglich machten? Was wären Sie 262 ohne diese opferfreudigen Menschen geworden?! – Leineweber vielleicht, und wenn's hoch gekommen wäre, Subalternbeamter von Königs Gnaden, denn Sie scheinen dem König mehr zu geben, wie der alleinseligmachenden Kirche.« »Ich muß mir verbitten . . .« »Aufzutrotzen ist hier wenig am Platze,« entgegnete Hochwürden mit gequälter Ruhe, »hier heißt es bereuen, aus tiefster Seele bereuen, auf daß mir der Herr nicht gebietet, wie er vor Zeiten Isaias gebot: Rufe ohne Aufhören, wie eine Posaune erhebe Deine Stimme, und verkünde meinem Volke seine Laster, und dem Hause Jakobs seine Sünden! – und ich bin leider gezwungen zu rufen, falls Sie in diesem Trotze verharren sollten, denn Sie fügen der bereits bestehenden noch die höchste Stufe der habituellen Sünde, die Sünde gegen den heiligen Geist hinzu. Gegen heilsame Ermahnung ein verstocktes Herz haben – diese Sünde schreit zum Himmel auf und trägt schon ihre zeitlichen Folgen. – Doch zur Sache. – Was mir von meinem hochwürdigen Konfrater angedeutet wurde, habe ich leider Gottes bestätigt gefunden. Gewiß, wir sind alle vom Weibe geboren und haben dementsprechend unsere Schwächen und Fehler. Schon Thomas a Kempis sagt: Von Versuchungen ist der Mensch hier auf Erden niemals frei; ist die eine beseitigt, kehrt die andere wieder; des Menschen Leben ist ein steter Kampf, und soll ein steter Kampf sein. Aber selig preist auch die heilige Schrift den Reuigen, welcher die Versuchungen besteht, denn: Wenn er bewährt worden ist, wird er die Krone des Lebens 263 empfangen, welche Gott denen verheißen hat, die ihn lieben. Und Sie? – Ich wiederhole: ich habe mit eigenen Augen gesehen und mit eigenen Ohren gehört.« »Na, denn . . .« stöhnte Wilm Verhage. Er verfärbte sich. Der geistliche Herr schlug abermals ein Kreuz in der Hosentasche, dann rief er mit einer fast schreienden Stimme: »Na, denn . . .?! – Was denn . . .?! – Ruhe, mein Geliebter in Christo! – Ich habe Dich beim Weibe gesehen und habe Euer Liebesgestammel vernommen – und das geschah von Deiner Seite als Gottgeweihter, gewissermaßen in pontificalibus : in Tonsur und Soutane!« Ein dumpfes Stöhnen rang sich aus der Brust des jungen Verhage. »Jetzt ist die Reihe an mich gekommen, zu reden . . .« »Aussprechen lassen, aussprechen lassen!« rief der Dechant flammenden Blickes dazwischen. »Ärgert Dich Dein Auge, so reiße es aus. – Ich will nichts mehr aus Deinem Munde vernehmen, als nur ein reumütig Stammeln. Flehe zu Gott und bitte ihn um Vorsicht und Wachsamkeit über die verderbten äußeren Sinne. Büße und knirsche in den Staub. Töte Dich ab – denn die Lilien der Keuschheit, also sagen die heiligen Väter, sprossen nur aus dem Berge der Myrrhen, und nur wo das Fleisch abgetötet wird, wachsen und blühen sie. Du hast Ärgernis mit dem Weibe gegeben – und weißt doch, daß Leib und Seele der Kirche gehören . . .« »Und wenn's so wäre . . .« rief der Gequälte und 264 warf beide Arme gen Himmel, »so mag es auch so bleiben für immer! – Ja, es ist so, Du Gotteswort, und wisse: ich bin, der ich bin – und deshalb bin ich auch gewillt, nicht mehr von diesem Weibe zu lassen . . .« »Sakrileg!« Der Dechant trat etliche Schritte zurück. Das Gesicht wurde erdfahl und verzog sich zu einer Grimasse. »Ja!« schrie der junge Verhage, »hinter mir sind die Schiffe verbrannt, es gibt nur ein Vorwärts für mich. Mit dem Regens ist bereits die Rechnung beglichen. Ich habe lange genug auf dem theologischen Seile getanzt. Die Erkenntnis ist mir gekommen – und mag alles splittern und brechen: den Staub des Seminars habe ich von den Füßen geschüttelt, der Sturm der Wiedergeburt umbraust mein Hirn; ich will in die Welt zurück und ins klingende Leben – und finde den Frieden am Herzen des Weibes!« »Wehe Dir, dreimal Verderbter . . .!« »Jetzt habe ich zu sprechen, Hochwürden! – Trotz Sommerszeit rüttelt der Frühlingssturm an die Herzen der Deutschen. Jenseits der Vogesen gellt das französische Kriegshorn. Große Dinge sind im Werden begriffen, und wie eine Posaune hallt die Stimme des Herrn: Aufgewacht, und tut, was Euch der Ruf des Herzens gebietet . . .!« »Das ist für Dich die Stimme des Satans,« knirschte der Dechant – »aber das . . .« Hochwürden streckte die Hand aus. Voll und tönend riefen die Glocken von Sankt Nikolai 265 zum Hochamt. Die Scheiben zitterten, und der Boden bebte unter dem Brausen der Sprachgewaltigen. »Hörst Du, hörst Du! – Das sind die Stimmen des Herrn, und sie mahnen zur Einkehr. Horch, wie sie rufen und klingen: Kehr um, kehr um! – Abtrünniger, beuge Dein Haupt, beuge die Kniee und bete um Gnade und Barmherzigkeit bei dem da, der da spricht durch die Glocken. Ich will Barmherzigkeit üben. – Meine Augen haben nichts gesehen, meine Ohren nichts gehört und meine Zunge ist stumm. Noch kann die Kirche vergeben. Mein Herzbruder bist Du, und ich will Dich läutern durch die Gnaden des Herrn. Willst Du Buße tun, willst Du lassen vom Weibe, willst Du reumütig zurückkehren zur Pflicht, die da gebietet, Dich vor Gott und den Menschen dem geistlichen Amte zu weihen?! – Abtrünniger, höre die Glocken . . .« »Nein . . .!« Der geistliche Herr reckte sich auf. Beide Hände streckte er von sich. »So fahre mit Deiner Buhle zur Hölle . . .! – Ich werde, werde, mein Söhnchen . . .!« Eine gelle Lache folgte dem Ausruf. Erhobenen Hauptes verließ der junge Verhage das Zimmer. – Draußen schlugen ihm wuchtige Glockenklänge entgegen. Sie taten ihm wohl. 266 XVIII Von der Kanzel »Bruder Jakob, schläfst Du noch, Es. läutet in die Mette – Bim, bam, bom . . .!« Unsanft rissen meine Worte den noch immer in höheren Regionen schwebenden Barden aus seiner freiheitssängerlichen Begeisterung und stellten ihn wieder auf den realen Boden des Alltäglichen. »Bim, bam, bom . . .« Es war keine Zeit zu verlieren – wir mußten ins Hochamt. Der Zug hatte sich allmählich verlaufen; er war bis in Höhe des Mesdagschen Hauses gekommen. Meyer Markus Spier zog die Flagge ein, schulterte das Billardkö und humpelte in dem seligen Bewußtsein, sein patriotisches Glaubensbekenntnis öffentlich betätigt zu haben, nach der Wirtschaft von Dores Küppers, um dort den entflaggten Stock seiner ursprünglichen Bestimmung zurückzugeben. Bevor er sich aber von uns verabschiedete, drückte er dem Lateiner tiefsinnig die Hand und meinte: »Junger Mann, fahren Sie so fort mit's Dichten – es wird schon. Haben Sie doch heute, wie 267 ich schon sagte, gedichtet wie Jeremias un die anderen Propheten un gesungen wie David mit's Harfenspiel . . . Ich will sein meschugge, junger Mann, wenn Sie nich werden ein Schiller oder so was . . . Der Gott Abrahams erquicke Sie.« »Ich danke, Herr Spier,« sagte der Lateiner und blickte bewegt dem Manne nach, der mit geschultertem Kö und gefolgt von der noch immer singenden Jugend seines Weges zog. »Solch ein jüdischer Mann,« meditierte mein Freund, »mit dieser Gesinnung und mit dieser Klarheit des Blickes – und da gibt es noch Antisemiten mit ihrer erbärmlichen Theorie?! – Schmachvoll.« »Richtig bemerkt,« bestätigte Pittje Pittjewitt, der sich uns angeschlossen hatte. »Aber alles was recht ist,« setzte er kräftig hinzu, »Du hast großartig gesprochen. Gottdomie! – Drum bist Du auch beim alten König Fritzen m Paradies . . . Großartig.« Pittje Pittjewitt brachte den Zeigefinger wie zum militärischen Gruß an den Rand des Zylinders. »Bim, bam, bom . . .!« Ich mahnte zum Aufbruch. Wir gingen und kamen am Hause von Grades Mesdag vorüber. Herrlich duftete der Phlox im Garten, und die Malven standen wie Grenadiere im Gliede. Blauschwarz, krapprot und violettgeflammt trugen sie ihren blühenden Ordensschmuck auf 268 der grünen Montur und strahlten so recht mit ihren bunten Farben in das heitere Sonnenlicht des Sonntagmorgens hinein. Vor uns klapperte der Bas in seinen frischgescheuerten Holzschuhen zur Kirche. Selbst an Sonn- und Festtagen schmückte ihn diese Fußbekleidung, erstens, weil er sie für schön hielt, und zweitens, weil er hierdurch als praktischer Geschäftsmann eine kostenlose Reklame machen konnte. Die Schirmmütze trug er schief übers rechte Ohr gezogen, und das knappe Kamisol gab dem starkknochigen, wenn auch etwas engbrüstigen Mann einen noch immer jugendlichen Anstrich. Mutter und Tochter hatten sich schon vor ihm auf den Kirchweg begeben. »Klipper, klapper!« Donnerwetter, was war das?! – Das war doch kein Holzschuhgeklapper. Wir drehten uns um. »Na, nu,« sagte Pittje Pittjewitt und zeigte nach der Mesdagschen Wohnung, »was will denn der da? Da werden doch keine Kinderwickeln gestrickt. Na – so was!« Pittje Pittjewitt lachte über seinen eigenen Witz und freute sich über das gesetzte und patriarchalische Wesen des Storches, der würdevoll und mit eingezogenem Hals, den langen Schnabel nach unten gerichtet, über den First des Daches einherstolzierte. Dabei klapperte er in allen Takt- und Tonarten, als gälte es, noch vor seinem Abfluge ein verheißungsvolles Wiegenlied zu singen. Immer 269 eifriger und lustiger klangen die Klapperstrophen, dann spreizte er die breiten Schwingen, streckte Hals und Beine von sich und drehte sich in prächtigen Schraubenlinien gen Himmel. »Der zieht bald,« meinte Pittje Pittjewitt, »die Tage kürzen schon. – Langbein, viel Glück auf die Reise . . .!« »Bim, bam, bom . . . .« In den Straßen der kleinen Stadt wehten schon verschiedene Fahnen, die infolge der Husarenmeldung Elkan Josephis ans Licht des Tages gezogen waren. Unter ihrem Bauschen und Flattern gingen fromme und gläubige Menschen zur Kirche. Am Südportale stand eine hohe Gestalt, die scheinbar mit sich im Zweifel war, ob sie das Gotteshaus betreten solle oder nicht. Das Gesicht war fahl und zeigte die Spuren großer Erregung. »Da steht ja . . .« meinte der lateinische Heinrich. »Nicht möglich! – Ich dachte, der junge Heerohme wäre in Munster . . .« »Ferien,« erwiderte Pittje Pittjewitt. »Ach, wo . . .!« Schnellen Schrittes näherte sich der Herr Dechant van Bebber dem Südportal. Er kam von dem Pastorat. Er hatte die Augen zu Boden geschlagen und hielt die schwarzeingebundene Bibel mit der linken Hand auf die Brust gedrückt. Die Schuhschnallen blitzten auf dem blankgewichsten Schuhwerk, und die seidene Leibschärpe flatterte mit ihren Fransen im Winde. Hochwürden hatte es eilig. 270 In diesem Augenblick schlug Wilm Verhage die Arme übereinander und lehnte sich unbeweglich an die Säule hinter ihm. Düsteren Auges sah er den Pastor an, dessen Gewand fast das seine berührte. Die Blicke begegneten sich. Wir waren in Hörweite gekommen. »Sie gedenken doch nicht die Feier und den Frieden des Gotteshauses zu stören?« Fast raunend hatte der Herr Dechant gesprochen. Wilm Verhage stand regungslos und gab keine Antwort. Nur unter seinen Brauen zuckte es auf. Wiederum raunte der Dechant: »Für einen Häretiker steigt kein Weihrauch gen Himmel.« Wilm Verhage rührte sich nicht. »Keinem Apostaten ist der Eintritt verstattet.« »Das findet sich . . .« »Ja – das wird sich finden,« entgegnete Hochwürden und rauschte an Wilm Verhage vorüber. Uns wollte das Blut in den Adern stocken bei diesem kurzen aber verhängnisvollen Auftritt. »Was gibt's hier – was soll das?« fragte Pittje Pittjewitt, dann sah er uns sprachlos an. »Hier wird gesägt und gehobelt,« fuhr er fort, »Späne fallen unter die Werkbank . . .« Unsere Blicke richteten sich scheu und verstohlen auf Wilm Verhage, der immer noch mit blutleerem Gesicht und gekniffenen Lippen bei der Säule stand. Wir wagten es nicht, ihn anzusprechen – aber eine Art von 271 Bewunderung stieg in unseren Herzen für den jungen Mann auf, der es gewagt hatte, sich gegen den Dechanten aufzulehnen, und wer solches über sich zu bringen vermochte, der mußte kaltes Blut unter der Weste haben und ein starres Rückgrat besitzen. – Schon wollten wir uns vorbeidrücken, als sich der junge Heerohme straff aufrichtete, den Kopf ins Genick warf und kurzerhand über die Schwelle trat. »Donnerwetter noch mal!« sagte Pittje Pittjewitt, »er tut's doch. Das imponiert mir – kommt.« Eine Dämmerhelle empfing uns. Geheimnisvoll huschte sie durch den gotischen Hallenbau, dessen Rundpfeiler mit ihren zierlichen Kapitälen lustig und frei zum Sterngewölbe emporstiegen. Fünfundzwanzig langschäftige Wachskerzen standen auf dem Hochaltar im Mittelschiff, und fünfundzwanzig bläuliche Flämmchen schwebten fast unbeweglich, wie scharfumgrenzte leuchtende Punkte, über den Schäften. Zwischen den Messingleuchtern erhoben sich in Porzellanvasen hohe Lilienstengel, von denen wechselständige Tüll- und Gazekelche mit schwefelgelben Staubfäden herabhingen. Weithin leuchteten die künstlichen Blumen. Sie waren ein Geschenk von Hannecke Mesdag. Noch um die verflossene Osterzeit hatte sie dieselben der Kirche geopfert. Sie entsprachen dem Geschmack der damaligen Zeit und fehlten bei keinem Altarschmuck. Das lichte Weiß der Blütenkelche stand effektvoll auf dem dunklen Schnitzwerk der Predella und repräsentierte gewissermaßen die versinnbildlichte Unschuld im Gotteshause. Ohne die Lilien von 272 Hannecke Mesdag wäre für uns Jungens keine richtige Andacht möglich gewesen. Ein Räuspern, ein Hüsteln und ein Knistern der umgeschlagenen Gebetbuchblätter mischte sich den leisen Schritten der Nachzügler. Hin und wieder klappte eine Tür in den Kirchenstühlen. Die frischgestärkten und mit Bändern verzierten Hauben der Frauen und Mädchen schwammen wie weiße Enten über dem dunklen Gewoge der Männerröcke. Ab und zu tauchte ein modischer Hut auf. Dicht bei der Kanzel drängte sich ein blauer Fleck aus dem Einerlei der grauen und düsteren Umgebung. – Heinrich Hübbers! – Nicht weit von ihm stand der Bas. Pittje Pittjewitt hatte sich von uns getrennt. Ich suchte ihn mit den Blicken – und richtig! wie gewöhnlich, so stand auch heute wieder sein spiegelblanker Zylinder auf dem Postament der allerseligsten Jungfrau Maria. Mutter und Hannecke Mesdag knieten nicht weit von der Orgel. Auf den Flechten der letzteren, die sie wie ein Kränzlein um den Kopf geschlungen hatte, lag ein goldiger Widerschein der lieben Morgensonne – und über alles schwebte der prächtig illuminierte Muttergottesleuchter, in dessen Rankenwerk der Stamm Jesse sich zeigte. Umgeben von einer strahlenden Sonne, erhob sich inmitten des Leuchters die hohe Gestalt der jungfräulichen Mutter mit dem Jesuskinde. Offenbar hatte hier der Künstler die Worte der Offenbarung veranschaulicht, die da lauten: Und ein großes Zeichen erschien am Himmel – ein Weib, umkleidet mit der Sonne, und der Mond unter ihren Füßen, und auf 273 ihrem Haupte eine Krone von zwölf Sternen. – Die silberlichte Mandorla leuchtete wie geschlagenes Silber. Jetzt mußte das Glöcklein an der Sakristei ertönen, das, wie gebräuchlich, den Beginn des Hochamtes anzeigte. Allein es schwieg noch immer. Aber zwei Ministranten erschienen, bestiegen die Stufen des Hochaltars und nahmen die Lilien aus den Porzellanvasen – dann gingen sie. Schmucklos bot sich nunmehr die Altartafel den Blicken der gläubigen Menge. Ein Flüstern ging durch den weiten Kirchenraum. »Was war das?« »Was bedeutete das?« »Es soll doch keine Totenmesse gelesen werden?« Alle Augen richteten sich auf Hannecke Mesdag, die ebenfalls den sonderbaren Vorfall bemerkt haben mußte, denn sie hatte den Kopf nach vorne geneigt, und man gewahrte, wie sich ihr schmaler Körper krampfhaft bewegte. Auch über das Antlitz vom Bas flog ein nervöses und hastiges Zucken. Ein verlegenes Tuscheln und Raunen lief von Kopf zu Kopf. Keine Frage – hier unter dem hohen Sterngewölbe bereitete sich ein Ungewisses vor, das schon jetzt seine lähmenden Schatten vorauswarf. Mir war's, als ob mich ein scharfer Peitschenschlag berührte, und ich hatte das Gefühl, daß sich hier an geweihter Stätte der Beginn eines Trauerspiels vorbereitete, dessen verwickelte Fäden auf das Ravelin zurückliefen. In diesem Augenblick tönte das Sakristeiglöckchen. Ein schon bejahrter Konfrater des Herrn Dechanten 274 aus der Nachbargemeinde zelebrierte unter der Beihilfe von zwei hiesigen Kaplänen das Hochamt. Die Feier war ernst und würdig. Der Weihrauch stieg und durchwölkte mit seinem Wohlgeruch die weiten Hallen. Feierlich zogen die Responsorien über die Gläubigen – dann wurde das › Ite missa ‹ gesungen. Die Geistlichen bedeckten sich mit ihren Baretten und verließen das Hohe Chor unter Weihrauchgewölk. Und wieder ertönte das helle Glöckchen. Der Dechant van Bebber hatte die Kanzel bestiegen. Er streifte mit einer raschen Bewegung die überhängenden Ärmel des Chorhemdes zurück und umspannte mit beiden Händen die Kanzellehne. Kaum merklich wiegte sich Hochwürden in den Hüften. Seine Augenlider waren gesenkt, nur ein schmaler Schlitz gewährte dem Blick freien Durchlaß, aber dieser Blick hatte etwas Stechendes und Suchendes und huschte blitzartig über das sanfte Gewoge der tausendköpfigen Menge. Nichts entging ihm. Die große Heerschau erstreckte sich von den vordersten Bänken bis zum Halbdunkel der Orgel, unter deren Vorbau die Junggesellen in der Regel Aufstellung nahmen. Länger als gewöhnlich blieben die forschenden Blicke dort haften. Dann kniff er sie völlig ein, machte das Zeichen des heiligen Kreuzes, blinzelte wieder und begann mit hallender Stimme: »Geliebte im Herrn. – Und Petrus gedachte der Worte: Ehe der Hahn zweimal krähet, wirst Du mich dreimal verleugnen. Und Petrus ging hinaus und weinte bitterlich. An diesen Hahnenschrei hat der heilige Petrus bis 275 an sein Lebensende gedacht; aber heutzutage – ach, Du Herr Jerum! – würden sich heutzutage viele um einen krähenden Hahnen in einem ähnlichen Falle bekümmern?! – Prosit die Mahlzeit, Geliebte in Christo! – Sie würden ihn greifen und rupfen und ihn, gebraten in einer Buttersauce, verzehren – aber ich sage Euch, derlei Leute haben ihren eigenen Gewissenshahnen verschlungen und sind taub geworden und abgestumpft gegen ehrlichen Zuspruch und die mahnende Stimme da drinnen. – Aber sie haben hierdurch einen anderen Hahnen beschworen. Der ist feuerfalb, und sein Kamm brennt wie glühender Zunder. Seine Halskrause ist wie ein zischender Eisenring, seine Federn sind feurige Spulen, und er hinkt wie der Satan – denn er ist ja selber der Satan. Ja, Geliebte in Christo, ihnen sitzt der Satan im Nacken. Stille! – Hört! – Vernehmt Ihr nichts?! – Hört Ihr's nicht krähen vom Giebel?! – Nein, Ihr seid taub, denn Ihr habt Eure Ohren mit Harzen und Baumwolle verstopft und ein Tüchlein um die Hörorgane gebunden – oder sollte etwa das unleidliche Kriegsgeknalle Eure Sinne betäuben?! Ja, ja, ja – leider Gottes, die Kriegsfurie ist los! – Möglich, daß Euch diese benebelt! Übertönen doch selbst die Trommelwirbel das Geläut der Glocken in Rom, die das gnadenbringende Dogma der Unfehlbarkeit über den Erdkreis hinausjubeln. Ja – das gefällt Euch, Ihr laßt Euch hineinduseln in das nationale Empfinden, schmückt Euch in patriotischer Gefühlsmeierei wie die halbwüchsigen Jungen mit Eichenlaub, schreit 276 ›Hurra‹ und ›Bravo‹ und schleppt Kind und Kegel in echtpreußischer Begeisterung Herab, herum und quer und trumm Durch allerlei Brimborium – aber über dieses Brimborium, über diese nationale Gefühlsduselei vergeßt Ihr die mahnenden Glocken in Rom, den heiligen Vater, die Not in hiesiger Kirchengemeinde und den Hahn, der schon seit Wochen und Tagen schandmäßig über die Ziegelpfannen und Giebel unserer Stadt hinwegkräht. – Aber versteht mich wohl, versteht mich richtig, Geliebte in Christo! – Ich habe keinen genannt, ich will keinen genannt haben und bin auch nicht willens, Euch das patriotische Brimborium abdisputieren zu wollen. Bei Leibe nicht, Geliebte in Christo! – Sehe jeder, wie er's treibe, gebe jeder dem Kaiser, was des Kaisers, und Gott, was Gottes – aber suche jeder das Werg aus den Gehörgängen zu ziehen, daß er den krähenden Unhold vernehme, dessen Stimme Ärgernis kündet. Laßt die da drüben knallen und pulvern und sich mit klingendem Spiel für nichts und wieder nichts die begeisterten Köpfe einrennen – hier stehen ernstere Dinge auf dem Spiele. Ärgernis ist hiesiger Gemeinde gegeben, der böse Sämann ist in unsere Gärten und auf unsere Äcker gedrungen und hat Distelköpfe und Hederichgesäme zwischen den Weizen gestreut; gute Gewohnheit, verbriefte Rechte sind zum Hansnarren geworden, und kirchliche Einrichtungen wurden angetastet, als seien sie wurmstichiges Fallobst gewesen. – Ich will nicht aufwiegeln, denn Aufwiegelei ist vom Bösen, 277 aber ich frage Euch nur – könnt Ihr das dulden, wollt Ihr das dulden? Nein, Geliebte im Herrn, das dürft Ihr nicht dulden, denn geschrieben steht: Wenn Dich ein Auge ärgert, so reiße es aus. – Wahrlich ich sage Euch, das ist ein erhabenes Wort – drum folget dem Worte.« Der Prediger schwieg für eine kurze Weile. Mit beiden Händen umgriff er die Kanzellehne und beugte sich rückwärts. Wiederum huschten die gekniffenen Blicke blitzartig über die Köpfe der Zuhörer. Eine tiefe Bewegung machte sich geltend. Der Lateiner sah mich an, als wollte er fragen: »Was bedeutet das alles?« Der Körper von Hannecke Mesdag war fast bis auf die Fersen gesunken, und ein heftiges Schluchzen erschütterte ihre Brust. Keiner wußte, wohin der Herr Dechant sein oratorisches Rößlein zu tummeln gedachte. Vorläufig sprang es noch wie ein ungezügeltes Füllen über Hecken und Gräben. Nur Einer kannte den Weg, wo der didaktische Reiter hinauswollte, und dieser Eine stand mit untergeschlagenen Armen im Halbdunkel der weitvorspringenden Orgel, bleich wie der Tod und vor sich hinstierend. Hochwürden atmete tief auf, dann ergriff er ein weißes Tüchlein, betupfte damit die feuchte Stirn und brachte es wieder mit einer schnellen Handbewegung in die Falten seines Spitzengewandes. Die wieder vorgefallenen Ärmel schlug er zurück, räusperte sich und begann abermals zu sprechen: »Sehet, Geliebte! – in meinem Hausgarten steht ein schlankgewachsenes und krauswipfeliges Apfelbäumchen. Rotwangige Früchte hängen zwischen dem Laub- 278 und Astwerk und locken mit ihrem prächtigen Aussehen das Herz. Das Bäumchen ist meine Kirchengemeinde, die Früchte zwischen den Blättern sind die mir anvertrauten Seelen in Christo. Da eines Tages seh' ich hinauf und bemerke zwei wurmstichige Äpfel. Ihr denkt nun wohl, ich ließe die hängen?! Nein und abermals nein! – Ich schüttle das Bäumchen; sie müssen herunter, herunter, auf daß der Wurm nicht zu den gesunden hinüberspringt – und sind sie gefallen, dann schneide ich den Wurm heraus, auf daß gerettet werde, was noch zu retten ist. – Sehet, also werden die kranken Seelen gerüttelt, auf daß sie gesunden vom Wurmstich. – Exempla sunt odiosa! – Gott behüte mich, ich will kein Exempel berichten, nur eine Art von Legende sei mir verstattet. Seht, da kommt so ein junges Herrlein gegangen, schmuck von Angesicht, nicht ohne Talent, aber bettelarm, arm wie die Kirchenmaus und die Assel unterm verrotteten Regenfaß. Ich sagte: nicht ohne Talent – und wie das offenkundig wird, seht, da kommen edeldenkende Menschen zusammen, schießen klingendes Geld in einen Beutel und verstatten dem blutarmen Männlein, der menschlichen Kirchenmaus, eine humanistische Bildung, auf daß es das Studium der Theologie ergreife. Das sind brave und edeldenkende Menschen, werdet Ihr sagen – gewiß, und sie bezahlten auch die Jahresrechnungen für Kost und Logis, für Studium und Bücher auf Heller und Pfennig. – Was ist nun Theologie? – Es ist die Krone aller Wissenschaft und die Fakultät aller Fakultäten. Und das blutarme 279 Männlein, so fraget Ihr, war glücklich in seinem Berufe? Ja wohl! – Prosit die Mahlzeit! – Das blutarme Männlein hat seine Wohltäter beschummelt, es ist hinweggesprungen über die kirchliche Satzung wie über einen Heckenzaun, es spielte den Großen, und was tiefernste Kirchenfürsten in einem langen Menschenalter durchforschten und als richtig erkannten, das verketzerte das bettelarme aber nunmehr humanistisch gebildete Männlein, gab seine eigene Meinung zum besten, fand mit einem Male, daß das Getrommel auf dem preußischen Kalbsfell ein angenehmes Geräusch sei und machte in sogenannter Vaterlandsliebe; seine Wohltäter, seine bisherigen Lehrer und Gönner hatten aber das Nachsehen. Ein dumpfes Gemurmel unterlief das Kreuzgewölbe. Alle Blicke hatten sich in Richtung der Orgel gewendet. »Aber, Geliebte, ich meine ja keinen, ich will niemand gemeint haben. Was murmelt Ihr denn und wendet die Blicke? Ich habe nur eine Art von Legende berichtet. – Und siehe da, das humanistisch gebildete Männlein gelüstete nach irdischen Freuden und den verbotenen Früchten der Liebe. Ein Weiblein gesellte sich ihm und tat schön mit ihm in verschwiegener Sommernacht, und das Männlein trug noch Tonsur und Soutane, und dieses, Geliebte im Herrn, ist mit Sakrileg in einem Atem zu nennen. Und darum . . . Nein, Geliebte in Christo, ich will keinen verdammen und keinen verfluchen. – Ich meine ja keinen. – Aber Ihr alle sollt mit mir beten und zu Gott schreien, daß er dem Sünder Einsicht schenke und sich seiner 280 erbarme hienieden. Herr, erbarme Dich seiner! salvavi animam meam . – Amen.« Hochwürden verließ die Kanzel. Erst herrschte Totenstille, das Fallen einer Stecknadel wäre zu hören gewesen, dann entstand ein verhaltener Tumult. In den hinteren Bänken war eine Frauensperson ohnmächtig geworden. Dort eilten die Menschen zusammen. Fast gleichzeitig mit dem Ohnmächtigwerden der jungen Person lief ein gellendes Gelächter über die verstörte Menge. Es kam von der Orgel her. Das Gelächter wiederholte sich. – Mit einem hippokratischen Gesicht, aber erhobenen Hauptes verließ Wilm Verhage die Kirche. 281 XIX Der Volksredner Der Bienenspint war zwischen die Bienen gefahren. Am Immenstocke surrte und summte es, und das gescheuchte Volk irrte und tollte wirr auseinander. Nach ornithologischen Begriffen ist der Bienenspint ein bunter, schnellflüchtiger Gesell, ein Mittelding zwischen Uferschwalbe und Eisvogel, ein schlechter Gänger, aber ein Beherrscher der Luft mit reißendem Flug und den Bienen gefährlich. Und unser Bienenspint?! – Keine Spur von einem bunten Gewand, kein Flieger, kein schlechter Fußgänger, sondern ein veritabler Schwarzrock im Chorhemd und mit der Gewalt der Rede mehr als gewöhnlich ausgestattet. Der Bienenspint hatte die Kanzel verlassen. Alles drängte mit dem Bewußtsein, daß etwas Ungeheuerliches in der Kirche geschehen sei, dem Ausgang zu. Die Männer machten ernste Gesichter, die Kinder johlten, und die Weiber steckten die Köpfe zusammen und ließen die Begebenheiten noch einmal Revue passieren. Erregte Gruppen bildeten sich vor den Portalen. Meyer Markus Spier, der einen neuen Rundgang in Anregung brachte, fand keine Gegenliebe. Selbst der nationale Dichter und Freiheitsbarde winkte ab, als der jüdische Mann ihn für eine 282 neue patriotische Szene erwärmen wollte. Der Lateiner hatte genug für heute. Die miterlebten Ereignisse bedrängten ihn derart, daß er keine Worte mehr zu finden vermochte. Vor lauter Aufregung hatte er den oberen Knopf an seinem Sonntagswams abgedreht. – Wir gingen dem Markte zu. Um den Herrn Polizeidiener Brill, der auch Ohren- und Augenzeuge gewesen war, bildete sich ein großes Menschenknäuel, um die Ansicht des rechtskundigen Mannes in Erfahrung zu bringen. Herr Iwan Kasimir Brill blitzte hierhin und dorthin, zog sein Notizbuch, feuchtete den Bleistift an und trug etliche Gedanken zu Papier, wobei er geheimnisvolle Andeutungen, wie: »Krimineller Fall . . . verzweifelte Sachlage . . . Beleidigung und Gefährdung der Standesehre . . .« unter die Leute verstreute. Das war alles, aber immerhin genug, um die Köpfe noch mehr zu verdrehen. Vornehmlich zog das hingeworfene Wort ›kriminell‹ immer weitere Kreise. Wie ein scheugemachtes Karnickel mit angelegten Ohren purzelte und kapriolte es in erregter Weise durch die Menschenmenge, emsig bemüht, Unterschlupf zu gewinnen, aber es konnte sein Loch nicht mehr finden, und so war es denn gezwungen, offenkundig seine Sprünge zu machen. Alle Welt bemerkte das kriminelle Karnickel, das schließlich zu einem stattlichen Assisenhasen heranwuchs. Als letzter hatte Pittje Pittjewitt die Kirche verlassen. Sein Hut stand auf Krakeel, wie denn überhaupt dieser Zylinder den vorzüglichsten Barometer für die Stimmung und den Gemütszustand seines rechtlichen Besitzers abgab. 283 Gerader Sitz war gleichbedeutend mit herzerquickender Lebensfreude, innerer Zufriedenheit und ruhiger Geistesverfassung; Neigung des Hutes unter fünfundvierzig Grad nach links bedeutete Selbstbewußtsein, Schätzung der eigenen Person und richtige Wertung seiner Eigenschaften als Barbier, Leichenbitter und Schweinestecher; dieselbe Neigung nach rechts, aber rücklings, so daß eine gute Portion des Stirnhaares unter der Zylinderkrempe hervorsah, deutete auf Zerwürfnis mit sich und den Menschen, auf aufsteigende Krakeelsucht, elektrische Überladung und drohenden Sturm. Beim Verlassen der Kirche hatte Pittje Pittjewitt den zuletzt angegebenen Hutsitz gewählt – also war Krakeel zu erwarten, und mit dieser Krakeelsucht im Busen, die rechte Hand zwischen Weste und Chemisettchen geschoben, schritt Pittje Pittjewitt durch die zusammengewürfelten und diskutierenden Menschengruppen nach der großen Linde, wo in der Regel Polizeiverordnungen und Bestimmungen des Gemeinderats nach dem Hochamt zur allgemeinen Kenntnis gebracht wurden. Langsam folgten die Kirchengänger dem angeärgerten Meister, der weder rechts noch links sah und gerades Weges auf sein Ziel lossteuerte. Ein leichter Wind spielte mit den Zweigen der stattlichen Lindenkrone. Dem Stamme zu hatten die herzförmigen Blätter schon eine gelbliche Färbung angenommen. Die duftige Blüte war schon längst dahin, aber über und über bedeckten die blaßgrünen Kugelfrüchtchen das Laubwerk, von dem sich ab und zu vereinzelte 284 Blätter lösten und langsam über den Marktplatz hinwegschwebten. Unter großer Beklemmung scharten sich die Leute an dieser Stelle zusammen. Wie ein Ungewitter hing es in der Luft. Die verschiedenen Ansichten und Meinungen schwirrten wie das Gesurre der Brummelfliegen durcheinander. Dieser nahm für den Herrn Pastor, jener für Wilm Verhage Partei, aber im allgemeinen neigte sich die Schale zugunsten des in seiner Ehre gekränkten und öffentlich gemaßregelten Mannes, wenngleich auch Fritz van Dornick, der Schneidermeister Schmitz und andere den Standpunkt der Kirche vertraten. Jener in seiner Eigenschaft als Mitglied des Kirchenvorstandes, dieser, weil er die abgelebten Bekeidungsstücke der geistlichen Herren mit Nadel und Zwirnsfaden über Wasser zu halten hatte und sich rühmen konnte, eine noch immer stattliche Frau zu besitzen, die noch vor wenigen Jahren das Amt einer Pfarrersköchin bekleidet hatte, aber wegen nicht kanonischen Alters sich genötigt sah, eine anderweitige Pfründe in Tausch und Nießbrauch zu nehmen. Diese Gründe waren ausschlaggebend für die Ansicht des Herrn Schneidermeisters Schmitz. Er hatte sich auf die klerikale Seite geworfen und war eifrig bemüht, seine nicht ganz einwandfreie Ausnahmestellung durch allerlei nichtige Argumente zu stützen. Vor allen Dingen suchte er Meyer Markus Spier, dem die Vorgänge in der Kirche nicht unbekannt geblieben waren, auf seine Seite zu ziehen. Dieser hingegen, als aufgeklärter und 285 fortschrittlicher Mann, war liberaler Gesinnung und wies die Anfechtungen kurzerhand mit den Worten zurück: »Is Herr Wilhelm Verhage nich for die bestehenden Zustände, is er for's Schisma – nü, kann er werden Schismatiker. Mich kümmert's nich; is er doch ein braver Mann un ein gelehrter Mann. Hat er sich doch immer geärgert, wenn sie hier geschrieen haben: Hep, hep! – weil er der Ansicht war, auch die Juden sind Menschen. Er hat nich gemacht in Antisemitismus. Ich hab's ihm angekreidet un finde es schimpflich, daß sie ihn haben schimpfiert in die Kirche. Un wäre er geworden ein Archimandrill – keiner hat ßu schimpfieren die Leute, un das is meine Meinung, Herr Schmitz. Ich habe die Ehre. – Un dann noch die Verhöhnung von's Mädchen . . .« »Hoho!« »Ich habe die Ehre, Herr Schmitz.« Immer lauter wurde das Summeln und Surren. Herr Polizeidiener Brill gab sich alle erdenkliche Mühe, die Gemüter zu beschwichtigen. Meinung und Gegenmeinung platzten immer heftiger aufeinander. »Die Sache ist kriminell!« rief Dores Küppers, und Heinrich Hübbers überlegte schon, ob es nicht zweckmäßig sei, sich mit dem Schleppsäbel aus den Freiheitskriegen zu gürten, blankzuziehen und das Pfarrhaus zu stürmen. Andere hingegen hielten die öffentliche Maßregelung zwar für sehr hart, aber dennoch zu Recht bestehend und für geboten. 286 »Ordnung in der Kirchengemeinde muß sein!« »Der Herr Dechant hat recht!« »Unrecht . . .!« »Ruhe! – Ruhe!« »Gefährdung der Standesehre!« »Es lebe der Dechant . . .« »Hoch Wilm Verhage . . .!« – also tumultuierte die erregte Bürgerschaft unter dem Laubdach der großen Linde, deren Krone sich ruhig im Winde bewegte, flüsterte und raunte und von Zeit zu Zeit einzelne Blätter verstreute. Während dieser Vorgänge hatte Pittje Pittjewitt die verschiedenen Gruppen wiederholt in einer großen Kreislinie umschritten. Sitz und Haltung des Zylinders waren nachgerade beängstigend geworden. Die innere Aufregung, die die Seele des im Kreise schreitenden Mannes beherrschte, schien ganz und gar in die spiegelblanke Angströhre gefahren zu sein, und zwar in so einschneidender Weise, daß sie jeden Augenblick vom Kopfe zu purzeln drohte. Auf seinem Rundgang war Pittje an die Gruppe gekommen, in der Schneidermeister Schmitz mit beredter Zunge seine klerikale Voreingenommenheit anderen aufzupfropfen gedachte. »Ordnung muß sein,« sagte er mit pfiffigem Augenblinzeln, »sonst haben wir die ganze preußische Heidenwirtschaft am Halse . . .« »Richtig! – Ordnung muß sein.« Mit einem dumpfen Schlage legte sich die Rechte Pittje Pittjewitts auf die Kopfbedeckung des Sprechers, 287 der infolge der handfesten Begrüßung unwirsch zur Seite taumelte. »Gottdomie . . .!« »Was Gottdomie?!« – funkelte ihn Pittje Pittjewitt an. »Richtig! – Ordnung muß sein, aber mit Rücksicht auf die Kehrseite der Medaille.« »Oho!« »Mitbürger . . .!« Pittje Pittjewitt war mit einem kühnen Satz auf die Steinbank gesprungen, die den Stamm der Linde in weiter Hegung umkreiste. »Hoch, Pittje!« »Nieder mit Pittje!« »Pittje will reden!« »Mitbürger . . .!« Mit einem raschen Griff hatte er den Zylinder gefaßt, schwenkte ihn wie zum Gruße und brachte ihn alsdann wieder in den Krakeelsitz zurück. Man sah es dem Hut an, was unter ihm gärte und kochte. Wie Napoleon auf seiner erhöhten Stellung bei Austerlitz, über sich die strahlende Sonne, den linken Fuß vorgestellt, die Brauen düster gesenkt, die Unterlippe wie beim Karpfen etwas vorgeschoben und die Rechte theatralisch zwischen Hemd und Weste versenkt, so stand auch Pittje und beherrschte die Situation. Nur fehlte der Ordensstern. »Mitbürger! – Wir haben heute morgen die Rede unseres gefeierten Freiheitsdichters vernommen. Bescheiden, wie alle bedeutenden Männer und Jünglinge, nannte er 288 sich kurzweg: Schüler. Ja, er sagte sogar: Ich bin nur ein schlichter und einfacher Schüler. Mitbürger, bei dieser Leistung nur ein einfacher Schüler?! – Ich gestehe offen, ich habe ihn zuweilen verkannt. Das war ein Irrtum von mir, und ich bin willens, ihm seine große Bedeutung auf einem Stempelbogen zu beurkunden. Seine Bescheidenheit weist nicht allein auf einen bedeutenden, sondern auch auf einen edeldenkenden Jüngling hin.« Nach diesen Worten winkte er dem Lateiner zu und machte ihm eine tiefe Verbeugung. »Meine Herren! – Ich bin auch ein bescheidener Mann und ein einfacher Bürger . . .« »Bravo!« »Gut so!« »Renommage!« rief jemand dazwischen. »Herr Schneidermeister Schmitz,« trumpfte Pittje Pittjewitt auf, »wenn Sie mich für einen Renommisten betrachten, so sage ich Ihnen, daß ich Sie für zu dumm estimiere, um mich beleidigen zu können. Ja, meine Herren, ich bin nur ein einfacher Bürger, aber, meine Herren« – und seine Stimme nahm einen ingrimmigen Ton an – »wenn so etwas passiert, wie soeben in der Kirche passiert ist, dann muß ich doch sagen, das geht über meinen Zylinder, dann tret' ich aus meiner einfachen Bürgerschaft heraus und schwinge mich zum Volksredner empor, denn das ist mein Recht, und eine gute Rede zu halten, ist hier zur Pflicht geworden.« 289 »Stechen Sie lieber Ihre Ferkel ab, und barbieren Sie Ihre poweren Kunden!« »Gerne – und Sie sind der erste, Herr Schneidermeister Schmitz, den ich über den ungewaschenen Löffel barbiere. Sie natürlich haben keine Courage, das haben Sie beim letzten großen Wasser bewiesen – aber ich habe welche und spreche frei von der Leber. Verstehen Sie mir?« Zum größeren Nachdruck der Worte rückte er den Zylinder noch um einige Zoll weiter nach hinten. »Mitbürger!« fuhr Pittje erregter fort und schlug sich dabei überzeugungstreu auf das steife Chemisettchen, »ich bin ein christkatholischer Bürger und bin willens, auch als ein christkatholischer Bürger zu leben und gottselig zu sterben, aber gegen die ultramarinen Machenschaften muß ich mich denn doch ernstlich verwahren. Man kann ein christkatholischer Mensch sein und dennoch die Ultramarinen vom liberalen Standpunkt aus betrachten, und ich brauche mir nicht gefallen zu lassen, daß meine patriotische Gesinnung von der Kanzel aus sozusagen in die Gosse gedrückt wird.« »Lieb Vaterland, kannst ruhig sein . . .!« wurde dazwischen gerufen. Es war die Stimme des Schneiders. »Herr!« donnerte Pittjewitt los, »verschimpfieren Sie das erhabene Lied nicht. – Mitbürger, ich sage – unser nationales Empfinden ist vergewaltätigt worden, und der Herr Dechant hat es gewagt, einen ehrlichen Jüngling, 290 dessen Schwarzes unter dem Nagel noch für rein anzusprechen ist, in den Augen seiner Brüder und Mitmenschen zu entblößen und nackt hinzustellen. Ich protestiere dagegen.« »Auch wir protestieren dagegen!« »Auch wir – und wir – und wir . . .« kam es von allen Seiten gefahren. Nur der Schneider und seine Gesinnungsgenossen, unter denen sich auch solche Männer befanden, von denen Wilm Verhage die zweifelhafte Wohltat der Stipendien empfangen hatte, machten ihre gegnerischen Ansichten durch Johlen und heftige Zwischenrufe bemerkbar. Herr Schmitz steckte sogar Zeige- und Goldfinger in den Mund und ließ einen gellenden Pfiff seinem Zahngehege entschlüpfen, daß die Scheiben in der Wirtschaft von Dores Küppers leise zu klirren begannen. »Nieder mit Pittje . . .!« »Weiter reden!« »Mitbürger!– Ich protestiere dagegen. – Wir befinden uns im Zeitalter der Aufklärung. – Wir leben in Preußen und nicht bei den Spanjards, wo sie erwiesenermaßen noch heutzutage die Freimaurers verbrennen. Und dem Jüngling Wilm Verhage wurde noch schlimmer mitgespielt – man hat ihm sein unschuldsvolles Gewand der Ehre genommen. Mitbürger – wir leben in Preußen!« »Pittje, das kostet Dir den Kragen und die ewige Seligkeit!« 291 »Und der Leichenbitter ist alle!« »Ruhe! – Ruhe . . .!« »Ich lasse bei Ihnen keine Schweine mehr stechen!« rief der Blechschläger Fritz van Dornick. »Und Du wirst auf dem Judenkirchhof begraben!« zeterte eine andere Stimme aus dem Hinterhalt. »Pittje soll leben!« »Hurra, Pittje!« »Sie sind ein Freimaurer,« johlte der Schneidermeister, »und eine Blamation für die katholische Kirche!« »Auch egal,« fuhr Pittje Pittjewitt unbeirrt fort, »ich sehe und schaue mit den Augen der Intelligenz und protestiere ferner dagegen, daß ein unbescholtenes Mädchen aus meiner Bekanntschaft, das noch mit ihrem schneeweißen Jungfernkranz einhergeht, sozusagen an den Schandpfahl geschmiedet wird und sich in die Lage versetzt sieht, vor der ganzen Stadt Spießruten laufen zu müssen. Mitbürger, das ist eine Infamheit! – Wenn das einer etwaigen Tochter von mir passiert wäre . . .« »Sie habe ja keine . . .« »Ich sage ja ›Wenn‹! – Mitbürger, wenn das meiner Tochter vor Jan und Allemann passiert wäre, ich schlüge den Ehrabschneider in Grund und Boden zusammen. Gottdomie noch mal! – Wir leben doch in einem gebildeten Staat und brauchen uns keine Übergriffe von Pastören und Kaplänen gefallen zu lassen. Wir sind alle, mit Ausnahme von Herrn Meyer Spier – Sie nehmen's mir doch nicht übel, Herr Spier? – christkatholische 292 Männer und wollen es bleiben, aber wir wollen auch unsere staatliche Freiheit behalten. Geht diese verloren, dann läutet die Totenglocke. Wir können uns begraben lassen. Das ist meine Meinung. Ich habe gesprochen.« »Papier und Tinte her – ich unterschreibe die Sache!« rief Heinrich Hübbers. »Ich unterschreibe die Sache!« – Obgleich alle wußten, daß er weder lesen noch schreiben konnte und sich in notgedrungenen Fällen mit einem ungelenken Kreuzlein behalf, ging er dennoch zu jedem hin, klopfte ihm auf die Schulter und versicherte ihm auf Leben und Sterben diese Worte. »Richtig!« »Ganz meine Meinung!« »Hurra!« »Der Pittje soll leben!« »Das ist ein Kerl!« »Der hat noch Courage!« »Nieder mit Pittje!« »Pittje muß in den Stadtrat!« »Ich unterschreibe die Sache!« »Heil, heil, heil!« Ein brausendes Stimmengewirr umtollte den Redner, Hüte und Mützen wurden geschwenkt, und nachdem Meyer Markus Spier die feierliche Versicherung an Eidesstatt abgegeben hatte, daß er gesonnen sei, Herrn Pittje Pittjewitt bei der nächsten Wahlkampagne als Kandidat für den preußischen Landtag aufzustellen, verließ dieser wie Napoleon nach gewonnener Schlacht, aber ohne 293 Ordensstern, seinen erhöhten Standort und mischte sich unter die teils jubelnde, teils murrende Menge. Sein Hut hatte wieder die Neigung unter fünfundvierzig Grad nach links vorwärts angenommen – also: Selbstbewußtsein, Schätzung der eigenen Person und richtige Wertung seiner Eigenschaften als Barbier, Leichenbitter, Schweinestecher – und Redner. Er wurde von seinen Freunden umdrängt, daß er sich kaum zu helfen wußte. Meyer Spier ergriff seine Hand, sah ihm so recht treuherzig mit seinen geschlitzten Augen bis in die innerste Seele und meinte: »Herr Pittjewitt, Sie sind eine Konifere von's Reden, Sie sind eine Konifere im deutschen Rednerwald.« »Pittje hat Courage!« »Gottdomie noch mal!« »Hurra, Pittje!« Während dieser Ovationen näherten sich zwei Männer der belebten Hälfte des Marktes. Der eine gestikulierte heftig, während der andere mit einem Gesicht, bleich wie die gekalkte Wand, und vorgebeugten Leibes neben ihm herschritt. Bei ihrem Näherkommen machte sich plötzlich eine Totenstille unter der Linde bemerkbar – dann tuschelten vereinzelte Stimmen. »Grades Mesdag.« »Der Bas.« »Der Herr Pastor.« »Nu geht's los!« Die beiden Männer blieben stehen. Der Bas hob den Kopf; man hörte ihn deutlich sprechen. Der ganze Mann 294 zitterte vor Verzweiflung und innerer Erregung. »Herr Pastor,« stieß er hervor, »wenn es sich so verhält, wie Sie sagen, dann geschieht ein Unglück – Herr Pastor.« »Seien Sie ruhig, Mesdag, ich will der Ärmsten in meinem Gebete gedenken. Niemand soll vorderhand einen Stein aufnehmen, um Rache zu üben. Das steht bei Gott – und Gott wird barmherzig sein.« »Das hilft mir nicht – meine bürgerliche Ehre, Herr Pastor.« »Ich rede als Seelsorger zu Ihnen, Mesdag. Die bürgerliche Ehre fällt hier weniger ins Gewicht als die unsterbliche Seele. Diese muß vor allen Dingen gerettet werden.« »Schön, Herr Pastor, aber vorderhand steht mir die bürgerliche Ehre am nächsten. Die ist beschmutzt und in die Gosse geworfen. Herr Pastor, ich will mit eigener Hand den beschmutzten und befleckten Tempel meiner Hausehre ausfegen . . .« Grades Mesdag zog unter heiserem Lachen den horizontalen Strich. Seine Augen krochen aus den tiefliegenden Höhlen hervor. »Sie haben die Rechnung aufgestellt – ich machte den Strich darunter. Himmel und Seligkeit! – es geschieht ein Unglück, das sage ich, Grades Mesdag – Herr Pastor . . .« Mit der geballten Faust schlug er sich heftig auf die röchelnde Brust. »Na denn – adjüs!« »Sie sollen mich hören, Mesdag!« 295 »Adjüs, Herr Pastor.« Der Bas entfernte sich eiligen Schrittes. Ein anschwellendes Murren kam von der Linde her. Mit gekniffenen Lippen, den silberbeknopften Bambus in der Rechten, trat Hochwürden unter die Männer. »Was gibt's hier?! – Ich glaube, das murrt hier?! – Mir scheint es, als würden meine Schafe rebellisch . . .« Pittje Pittjewitt trat vor. »Mit Verlaub, Herr Pastor,« begann er unerschrocken, indem er den Zylinder um Zollbreite lüftete, »wir alle sind christkatholische Bürger, aber wir fühlen uns durch die heutige Predigt beleidigt – und das brauchen wir uns nicht gefallen zu lassen, Herr Pastor.« »Und da haben Sie . . .?!« »Ja, Herr Pastor, da habe ich so 'ne Art von Gegenrede gehalten.« »Sie haben zu schweigen.« Der Pastor trat auf ihn zu. »Wissen Sie, wer ich bin?« fragte er mit funkelnden Augen. »Ich bin der gute Hirt und hüte die Schafe – aber die räudigen und die mit der Drehkrankheit behafteten sollen verdammt sein. Die Angelegenheit wird noch ihr Nachspiel erhalten.« Der Bambus stampfte auf. Erhobenen Hauptes verließ Hochwürden die gemaßregelte Herde. Die Hände auf dem Rücken ging Pittje Pittjewitt seiner Wohnung zu. Der Zylinder war wieder auf Krakeel geschoben. – Die Menge verlief sich, nur der Lateiner und ich standen noch auf der Stätte, wo diese dramatische Szene 296 sich abgespielt hatte. Der ganze Marktplatz tanzte vor meinen Augen. Die alte Linde stellte sich auf den Kopf, der General Seydlitz stieg von seinem Postament und rasselte mit seinem schweren Reiterpallasch über das Pflaster, der Rathausturm nahm eine schiefe Stellung an, und die Brandglocke, die unter dem Schieferdache des Firstenreiters hing, kam in bedenkliche Schwingungen, so daß es mir war, als müßte sie jeden Augenblick von ihrer lustigen Warte herabtanzen, um mich niederzuschlagen. Ich wußte kaum, wo ich mich befand. Die ganze Wucht des Geheimnisses, das auf mir lastete, suchte mich zu Boden zu drücken. Sollte ich mich dem Lateiner offenbaren? – Ich hatte kein Recht dazu und schwieg beklommenen Herzens. Der Lateiner aber sah mich mit geisterhaften Blicken an und sagte: » Veni, vidi, vici! . – Ich kam, sah und siegte. Ich habe über mich selbst gesiegt. – Und weißt Du, warum?« »Na, warum denn, Heinrich?« »Ich werde kein Heerohme.« Große Tränen standen in seinen Augen. Stumm drückte ich ihm die Hand. – Drüben an der Schmalseite des Marktes stieß Meyer Markus Spier die grünen Jalousien an der Guten Stube seines Hauses auf. Dann legte er sich ins Fenster und nahm eine Prise. Meyer Markus Spier nickte uns freundlich zu, als wollte er sagen: »Der Frieden sei mit Euch.« 297 XX Der Holzschuh Grades Mesdag schritt seiner Wohnung zu. Gleich nach dem Hochamt hatte er den Pastor wegen seiner maßlosen Angriffe zur Rede gestellt, allein die Trümpfe, die Hochwürden ihm ruhigen Blutes aufkartete, waren so stichhaltig und gewichtiger Natur, daß auch der Bas sich ihnen nicht verschließen konnte. Er gedachte einen Pfahl aus seinem Fleisch zu ziehen und hatte ihn infolge der überzeugenden Rücksprache nur noch tiefer in die Wunde getrieben. Der ehemals stolz und aufrecht einherschreitende Mann schlich jetzt vorgebeugten Leibes von dannen. Die Schande nagte wie ein unbarmherziger Wurm an seinem Herzen und fraß sich tiefer und tiefer. Er wagte nicht aufzuschauen, weil er glaubte, die Kinder wiesen mit Fingern auf ihn. Stieren Blickes zählte er die Pflastersteine, die verschwommen unter seinen Holzschuhen fortkrochen. Ihr Geklapper schien ihm wie das Geräusch der Holzrasseln zu sein, wenn diese in der Karwoche zur Totenmesse riefen. Ja, ja – seiner Ehre wurde die Totenmesse gelesen, sie war eingesargt und begraben worden, und rohe Füße trampelten 298 pietätlos auf der frischaufgeworfenen und wieder zugeschütteten Grube. »Und alle Welt soll's wissen,« knirschte der Bas im Weitergehen, »was sie hier mit ihren rohen Fäusten verscharrten. Ein schwarzes Kreuzchen muß drauf sein, und auf dem Querholz muß geschrieben stehen: Hier liegt die Ehre von Grades Mesdag bestattet, denn alle Welt soll wissen, was der Bas für'n Lumpenkerl gewesen ist im Leben und Sterben. Das gehört sich so, das muß so sein, das gibt dem Ganzen erst so 'nen richtigen Anstrich und ist nötig wie das Beglaubigungssiegel unter einem notariellen Akt. Herr Jeses, noch mal . . .« Mit einem bitteren Lachen verschluckte er die letzten Worte. Die schwarzen Köpfe des Basaltpflasters strahlten eine betäubende Hitze aus. Die Sonne stand scheitelrecht, und unter ihrem versengenden Hauch schlurfte der heimgesuchte Mann weiter und weiter. Nur mühselig schleppte er sich über das glühende Pflaster – dann kam die staubige Chaussee, die am Ravelin vorbeiführte. An den Zweigen der Obstbäume hingen schon verkrumpelte und gelb angelaufene Blätter. Der weiße Straßenmulm hatte sie wie mit einem staubigen Schimmelpilz überzogen. Freche Spatzen lungerten und schilpten in dem tiefhängenden Astwerk und stäubten, wenn sie abflogen, den weißen Chausseestaub zu Boden. Nur die Pappelblätter am Ravelin hatten noch ihr frisches und leuchtendes Grün behalten und lispelten gesprächig über das säuselnde Rohr hin. 299 Als der Bas die leuchtenden Ziegelpfannen seines Hauses bemerkte, fühlte er den alten, beängstigenden Herzdruck. Er hielt den Fuß an und schnappte krampfhaft nach Atem. Gleichzeitig streckte er beide Arme empor, sein Mund öffnete sich, aber der Schrei, der sich von seinem verzweifelten Gemüt ringen wollte, erstarb ihm auf der Zunge. Nur ein dumpfes Stöhnen rang sich von den blutleeren Lippen. »Da sitzt die Schande unterm Dach,« knirschte der Bas, »und stiert aus der Bodenluke heraus und spuckt mich an. – Herr Jeses, noch mal! – Aber nur Ruhe da drinnen – Ruhe, Ruhe, Ruhe . . .« Mit beiden Händen drückte er die linke Brustseite, als müßte er dort etwas gewaltsam niederhalten; wegemüde schleppte er sich weiter durch den Chausseestaub. Jetzt hatte er das Vorgärtchen erreicht. Neben dem Lattentore lag ein umgeworfener Sägeklotz, der seine birkenen Knüppelbeine gen Himmel reckte. Eines saß locker in seinem Gefüge. Instinktiv riß der Bas diesen Knüppel heraus, wuchtete ihn und stöhnte zur Bodenluke gewendet: »Mit diesem hier könnte ich der da den Schädel eintreiben. Die hundsmiserable Schande! – Na – pfui Teufel noch mal! – Ruhe da drinnen . . .« Mit einem heftigen Fluch schleuderte der Bas die Waffe von sich, daß sie weit in die Bohnenstangen hineinflog. Grades Mesdag hatte die schwere Kunst gelernt, inmitten der wildesten Drangsale seine Leidenschaften im Zaume zu halten. Das sollte anders kommen. Schwer 300 legte sich seine rauhe Hand auf die Türklinke. Jetzt reckte sich der gebeugte Mann mit Aufbietung seiner ganzen Willenskraft in die Höhe. Noch einmal prallte er zurück und murmelte: »Sonst war mein Anwesen wie klares Brunnenwasser; jetzt ist geronnen Blut dazwischen gelaufen . . .« Dann trat er ein und schritt der Küche zu. » Sacré nom de dieu! « – Eine krähende Stimme schlug ihm bei seinem Eintritt entgegen. »Grades!« Frau Mesdag hatte sich in einen Lehnstuhl geworfen. Hannecke kauerte am Boden, während Wilm Verhage, in eine Ecke gelehnt, sich mit seinen Blicken in den Boden hineinbohrte. Funkelnden Auges stand der alte Jakob Verhage mit seinem Raubvogelgesicht und seinem eisgrauen Geißbart mitten in der Küche. Die verbeulte Reitertrompete von Smolensk und Borodino trug er an einem Lederbandelier um die Schulter gehängt und umkrampfte mit seiner Rechten das angelaufene Mundstück. Er mußte gewettert und geflucht haben, denn seine borstigen Brauen waren grimmig in die Höhe gezogen, und über seine ins Grünliche spielenden Gesichtszüge lief noch eine nervöse Bewegung. Beim Eintritt vom Bas drehte er hastig den Kopf um. »Grades!« rief Frau Mesdag mit tränenerstickter Stimme. »Erst kommt meine Sach' an die Reihe!« schrie Jakob Verhage dazwischen und humpelte unter heftigen 301 Gestikulationen auf den Bas zu. » Serviteur, cousin , aber daß ich's nur gerade heraussage: hier hat die verfluchte Liebeskampagne angefangen, und ich will nicht Jakob Verhage heißen, wenn ich Euch den roten Hahn nicht aufs Dach setze. Das will meine Soldatenehre so. Sacré nom de dieu! « »Mit Deiner Soldatenehre zum Teufel!« legte der Bas los. »Jeder hat seinen Span zu schnipfen; ich schnipfe den meinen, und hier ist mein Haus, und wer da nicht Ruhe beobachtet – draußen habe ich einen handfesten Knüppel zwischen die Bohnen geworfen . . . Hannecke!« » Parbleu! « fauchte der Alte. »Erst kommt meine Sach' an die Reihe – und da noch Ruhe behalten?! – Ruhe behalten, wo die ganze Welt auf einen eindringt und losbellt?! Ich schreie Feurio! – 'ne Hundewirtschaft ist hier unter den Pfannen. Ich schreie Feurio! – Hier wurde mir die Ehre vom Leibe gerissen – hier wurde mir mein Bestes gestohlen – hier wurde meine schönste Hoffnung begraben, denn der da hat der heiligen Kirche gekündigt, denn der da will wo anders hinaus und hat sich an ein Fraumensch gehängt . . .« »Jakob!« zitterte der Bas an allen Gliedern. Mit beiden Händen griff er nach einer Stuhllehne und wuchtete das gebrechliche Hausgerät. Wilm Verhage war zwischen die beiden Männer gesprungen. 302 »Ich weiß schon,« stöhnte der Bas. Er warf den Stuhl in eine Ecke des Zimmers, daß er krachend zusammenbrach. Grades Mesdag hatte seine Fassung verloren; ihm war's, als hätte ihn ein plötzlicher Schwindel ergriffen. Fröstelnd rieb er die trocken- und kaltgewordenen Hände zusammen. Wilm trat auf seinen Vater zu. »Wilm, Wilm, Wilm!« keuchte der alte Verhage. »Das da, was der Herr Pastor von der Kanzel . . . Ach, was! – Solche Menschen gibt's ja gar nicht. Ich habe mich ja nach Deiner Primiz gesehnt, wie der Todkranke nach der letzten heiligen Zehrung. Mille tonnerres! – Aber wenn's doch wahr wäre – Mensch, Herzensjunge, ich bliese die große Retraite und ginge ins Wasser.« Mit einem häßlichen Lachen drang der Alte gegen seinen Sohn vor und schlug grimmig auf die Reitertrompete. Wilm stand unbeweglich. »Heraus mit der Sprache! – Du bist ja vermauert bis in die Zunge hinein. Du hast die Sache verzwirnt, jetzt hab' auch die Courage, sie auseinander zu zwirnen. Sieh mal, mein Junge! Ich habe unter dem kleinen Korporal die Reitertrompete geblasen – er hat mir auf die Schulter geklopft und gesagt: So was gibt's nicht wieder – denn um uns lagen die toten Kürassiere und Grenadiere gehäuft wie die Kleereiter. Die Wölfe heulten durch die grimmige Kälte, und ich hab' dennoch geblasen, um die Überlebenden bei der Brücke zu sammeln. Meine 303 rechte Faust war blutleer und tot – an der Beresina sind meine Finger erfroren. Sieh mal – stocksteif und krummgezogen, aber halte là , mein Junge, diese tote Faust ist noch immer lebendig genug, die Finger zu strecken und Dich in die Verdammnis zu fluchen, wenn's wahr ist, was der Pastor von der Kanzel geschrieen hat. Heraus mit der Sprache!« Drohend hob der Alte die Hand mit den verklammten Fingern empor. Alles Blut war dem jungen Verhage aus dem Gesicht getreten, aber seine Stimme klang fest und bestimmt, als er seinem Vater begegnete: »Vater, was mal geschehen ist, ist geschehen, und kein Titelchen mehr wird von meinem Vorhaben abgezwickt. Dem Regens hab' ich aufgekündigt, und mit den Leuten, die mir Guttaten erwiesen haben, will ich schon durch ehrliche Arbeit ins Reine kommen. Es hat lange gedauert, bis ich einsehen lernte, daß mir's gegen den Strich ging, und als ich's einsah, fehlte mir der Mut, es einzugestehen. Jetzt ist mir das Selbstbewußtsein gekommen, und der da hab' ich's zu danken – ich werde kein Heerohme . . .« Mit einem raschen Satz war er zu Hannecke gesprungen und hatte das schluchzende Mädchen an sich gerissen. »Aber auf Händen will ich Dich tragen, Vater; ich will schaffen für Dich, und Hannecke wird Dir Deinen Lebensabend verschönen. Doch Geistlicher werden – niemals! Und mit der Welt, mit den katholischen 304 Glaubenseiferern und den sonstigen Zeloten will ich schon fertig werden. Ein neues Leben beginnt, eine frische Scholle liegt geworfen, und ich will säen und ernten. Mit Hannecke vereint will ich mir das Glück erzwingen – und was ich gefehlt habe, will ich abverdienen auf französischer Erde. Eine neue Zeit bricht an, gebt uns zusammen – und dann will ich mit den marschierenden Truppen nach Frankreich. – So, nun habe ich mir alles vom Herzen gesprochen. Her zu mir, Hannecke . . .!« Mit wilder Inbrunst schlang er die Arme um die Geliebte – dann war's, als wäre der Tod durch die Leute gegangen, die sich sprachlos gegenüberstanden. Jakob Verhage hatte sich auf die Tischplatte gestützt. Mit der verklammten Hand wischte er sich die Schweißtropfen von der Stirn. Immer mehr schrumpfte er in sich zusammen. Plötzlich schnellte er auf und stieß einen Schrei aus, der wie ein scharfes Messer in die Nervenstränge der Hörer hineinfuhr. »Du da!« stieß er hervor. »Also doch ein Ketzer! – Der russische Winter bricht an: Schnee, Wölfe, Kosaken und die krachende Kälte . . .! – Sacré nom de dieu! – und die Primiz ist zum Teufel – alles zum Henker . . . durch die da . . . durch die da . . .! – Die hat meine Lebenskerze ausgepustet – ich erfriere – zu Hilfe . . .! – Könnt' ich Euch doch in die Erde hineinbeten. – Dores, 'ne Bouteille mit Rotspon . . .!« – Grinsend war er seinem Sohn an die Gurgel gefahren. 305 »Du willst nicht?! – Du willst nicht . . .?!« »Vater, laß los, oder ich kenne mich nicht mehr!« »Ins Geckenhaus mit mir!« brüllte der Alte. »Die Primiz ist zum Teufel – zu Hilfe . . .! Il faut préparer la retraite! – Kosaken . . .! – Wölfe . . .! – Wilm, Mensch, mein Herzensjunge, mein Söhnchen . . . .« Grades Mesdag hatte sich ins Mittel gelegt. »Herr Jeses, noch mal! – ich habe noch schwerer zu tragen. – Ruhe im Hause. – Ich habe noch schwerer zu tragen . . .« »Du?« Stumpfen Blickes war Jakob Verhage in eine Ecke getaumelt. Dort kauerte er auf einen Stuhl nieder, lachte und knirschte unverständliche Worte zwischen den Zähnen. Grades aber trat auf Wilm und Hannecke zu. »Fort von dem da . . .« Er umspannte das Handgelenk des zitternden Mädchens und zischte tonlos: »Dort in die Kammer – folge, ich habe allein mit Dir zu sprechen. Wir müssen allein sein – Vater und Tochter.« »Vater, was willst Du?« »Wir müssen allein sein.« Hannecke machte sich frei und schmiegte sich verzweifelt an Wilm Verhage. Hilfesuchend klammerten sich ihre Arme um seinen Hals. Die Muskeln in ihrem Gesicht zuckten krampfhaft auf . . . »Tu mir nichts,« flehte sie ihren Vater an. Er sah ihr ins Auge. 306 »Wo hast Du unsere Ehre gelassen?« ächzte der Bas. »Ich tu Dir nichts – aber, Himmel-Sakrament, wo ist meine Ehre geblieben?!« Der Bas hob die Faust. »Vater, sei doch vernünftig,« flehte Frau Mesdag, die seither, keines Wortes mächtig und wie vor den Kopf geschlagen, ins Leere gestiert hatte. »Mutter, schweige – ich habe zu sprechen. Du weißt doch – der Pastor hat mich mit meiner eigenen Schande ums Maul gehauen vor der ganzen Gemeinde. Meine Ehre ist zerfetzt wie'n Lappen Papier – das bricht mir das Herz ab. – Das Gerede, das verfluchte Gerede! – Fort – dort in die Kammer!« »Vater, Vater!« stammelte Hannecke. »Nichts da! – Was hast Du mit dem angehenden Pfaffen gehabt? – Beichte, bekenne unter vier Augen – sonst: es geschieht ein Unglück hier unter den Pfannen . . .« »Tu mir nichts,« wimmerte die Ärmste. »Pfui Teufel! – heraus mit der Sprache.« »Sie ist mein geworden vor Gott und den Menschen!« schrie Wilm Verhage auf, »und den will ich sehen, der es wagt, sie von mir zu reißen. Im Leben und Tod – wir gehören zusammen!« Große Tränen standen in seinen Augen. »Ohm Mesdag, ich flehe Dich an . . .« »Da soll doch, Herr Jeses! – Ich danke! – Ich verbiet's! – Mein Kind an einen gewesenen Pfaffen 307 verhandeln . . . Oho! – 'raus jetzt! – Wilm Verhage, da ist die Tür – ich übe mein Hausrecht, und mit der da: komm, Hannecke, wir tragen unsere Schande zum Kirchhof.« Schwer legte sich die Hand des Vaters auf Hanneckes Schulter. »Jetzt komm, oder Du kannst mich begraben. – Lieber 'ne Schaufel voll Erde ins Maul, als das verfluchte Gerede: Hannecke Mesdag ist das Weib eines Seminaristen geworden. – 'raus jetzt . . .« Die Brust vom Bas stöhnte und ächzte. Eine düstere Wildheit flammte unter den buschigen Brauen. »Entweder – oder . . .!« Mit Gewalt suchte er seine Tochter an sich zu reißen. »Du schändest mich, Vater, Du schändest mich! – Zu Hilfe, Wilm . . .!« »Und wenn alles zum Henker geht,« schrie der junge Verhage, »wir gehören zusammen . . .« Beide Arme schlangen sich um das geliebte Mädchen. Wilm Verhage sah wie ein Mann aus, der sein heiligstes Gut mit dem Leben zu verteidigen gedachte. »Ohm Mesdag, erbarme Dich unser . . .« »So 'n Kerl ist zu schlecht . . .« schäumte der Bas. » Sacré nom de dieu! « Der alte Verhage war vorwärts gehumpelt. »Schnee und Kosaken . . .!« Er griff mit beiden Händen in die Luft. »Vater, es muß, es muß sein!« wimmerte Hannecke. 308 »Was muß sein?« »Die Heirat . . .« »Warum das?« »Ich sag' es nicht und kann es nicht sagen – aber es muß sein . . .« Der ganze Körper von Hannecke Mesdag dehnte und streckte sich – dann kam eine Totenstarre über ihn. »Antworte, antworte,« drängte der Bas. »Nein – nein – nein . . .!« Grades Mesdag prallte zurück. Eine entsetzliche Ahnung schlug ihm die Klauen tief in die Seele und machte ihm den Gaumen knochentrocken. »Wo?« schrie er mit heiserer Stimme. »Am Ravelin.« »Wann?« »Im Juni.« »Und da hast Du . . . da hast Du . . .?« »Erbarme Dich unser . . .!« Wilm stand gerade wie ein Kerzenschaft, aber Hannecke war in die Kniee gesunken. »Die Schande!« ächzte der Bas, »auch das noch. Großer Gott, schmiede mir einen eisernen Ring um die Brust. Schmiede, schmiede – mir reißt das Herz auseinander!« Er schlug sich beide Fäuste vors Gesicht. Der starkknochige Mann schluchzte und weinte wie ein Kind – dann riß er sich auf. 309 »Hurra, Jakob! – Hörst Du das, Jakob?! – Was nun?! – Also doch?! – Hurra, Jakob! – Das Lilienhannecke, mein Kind . . . ein junger Pfaffe . . . ein Ketzer . . . der Pastor hat recht . . . Sakrileg und Gemeinheit . . .!« Mutter Mesdag schlug die Hände zusammen. »Hörst Du das, Jakob?! – Hurra, Jakob . . .!« »Ins Ravelin, in die Beresina mit beiden!« schäumte Jakob Verhage. Er drang auf seinen Sohn ein. » Sacré nom de dieu! « »Halt!« donnerte Grades Mesdag, »ich habe zu richten. Mir ist die Rache ins Handgelenk gefahren.« Er bückte sich und riß sich den linken Holzschuh vom Fuß. »Jakob! – Dein Sohn, der Wilm, hat eine zweite Sünde auf die erste geklebt. – Himmel-Sakrament! – Ich will Dich! – Ein angehender Pfaffe hat meine Tochter zur Dirne gemacht. – Ich will Dich . . . meinetwegen vor die Assisen nach Kleve. Hurra, Jakob . . .!« Mutter Mesdag und Hannecke waren dem Bas in die Arme gefallen. Es war zu spät. Grades Mesdag hatte mit aller Kraft zugeschlagen. Ein gellender Schrei – und der Bas sah noch, wie der junge Verhage rücklings taumelte. Der schwere Holzschuh hatte die Stirn getroffen – dann war es Nacht um den Alten geworden. Der Holzschuh entsank seiner Hand. Er tastete in die leere Luft. 310 »Mir reißt das Herz auseinander . . .!« rief er noch einmal mit heiserer Stimme. »Hannecke . . .! – Mutter . . .! – Ich sehe den Himmel offen . . .! – Da – da – da . . .« Das Trauerspiel war zu Ende. Von draußen her kamen hastige Schritte. Sie knisterten über den Kiesweg des Vorgärtchens. Jetzt hielten die Schritte an. Ein sehr ernstes Gesicht, das durch die Krempe eines Zylinders beschattet war, sah durch das niedrige Fenster in die Küche. Es war Pittje Pittjewitt. 311 XXI Am Tage zuvor An dem kleinen Hause von Grades Mesdag waren die Fenster geblendet. Nur durch die herzförmigen Öffnungen der grünangestrichenen Läden fiel das trübe Licht des vergrämelten Tages in die niedrigen Stuben. Aus dem weißgekalkten Schornstein, der rittlings auf dem roten Ziegeldache stand, erhoben sich keine Rauchwölkchen. Das Feuer auf dem Herde war ausgelöscht worden. Kein Raspeln und Bohren ließ sich mehr in der Werkstatt vernehmen. Im Hofe war es lautlos und still. Nur zuweilen kamen Leute, die ganz leise an die Türklinke des ruhigen Hauses drückten. Bevor sie aber eintraten, zogen sie ihre Holzschuhe von den Füßen, stellten sie dicht nebeneinander und gingen auf Ledersocken ins Zimmer. Sie hatten dringende Besorgungen dort auszuführen, aber diese Besorgungen waren höchst trauriger Natur. Zuerst kam der Schreinermeister Henseler, der das Maß für die letzte Wohnung von Grades Mesdag festzulegen hatte. Dann kam der Küster, um wegen der Wachskerzen, der Beerdigungskosten und der Seelenmesse Rücksprache zu nehmen, und als dieser gegangen war, erschien die lange Kanders 312 in ihrem Kleid von schwarzer Merinowolle und dem dunkelfarbigen Umschlagetuch, das sie selbst an heißen Sommertagen nicht abzulegen pflegte. Die vergilbte und hagere Person war ihres Zeichens Wäscherin und Lichjungfer. Mit ihrem spitzen Ellenbogen drückte sie die Türklinke auf, weil sie die Hände nicht frei hatte. In der Rechten hielt sie ihr Nähkästchen, in dem sich Zwirn, Schere, Bienenwachs und Nadeln befanden, während sie mit ihrer linken Hand ein Leinwandpäckchen krampfhaft gegen die fast ebene Fläche ihres jungfräulichen Busens drückte. Lisbeth Kanders war eine umheimliche Persönlichkeit. Wenn sie mit ihrem Gänsehals, dem hohläugigen Kopfe und ihrem Leinwandpäckchen über irgend eine Schwelle trat, dann wußte jedermann, was die Uhr geschlagen hatte. Ja – dann wußte auch das kleinste Kind in der Stadt, daß am Tage darauf das Sterbeglöcklein bimmeln würde, und daß es dann an der geschaufelten Grube hieße: Du bist von Staub und zum Staube mußt Du zurückkehren. Am niedrigen Hause sprang die Türklinke auf. Bevor sich Lisbeth Kanders jedoch über die ausgetretenen Fliesen bewegte, drehte sie den hohläugigen Kopf derart auf dem Gänsehals herum, daß ihr das kleine Gesicht fast im Nacken stand. In solcher Lage schielte der Kopf über die langen Falten des Merinokleides den Rücken hinab, um zu konstatieren, ob der Rock geschleppt und sich dort Staub verfangen habe. Es war aber alles in Richtigkeit. Langsam bewegte sich hierauf der Gänsehals wieder in seine frühere 313 und normale Stellung. Jetzt erst trat Lisbeth Kanders in die Mesdagsche Wohnung. Geräuschlos schnappte die Tür ein. Gleichzeitig schlug es vier Uhr vom Rathaus. – Mit dem Schlage vier legte auch Pittje Pittjewitt sein Rasierzeug beiseite, mit dem er hemdärmelig vor dem mit Pfauenfedern geschmückten Spiegel gestanden und sich dort barbiert hatte. Heute summelte eine unverschämte Sommerfliege um das glattrasierte Gesicht, die Pittje dadurch zu scheuchen suchte, daß er seine Mützentroddel in steter Bewegung hielt, indem er bald den Kopf zur Linken, bald zur Rechten schnellte. Es half nur wenig, denn die Fliegen waren an diesem gewitterschwülen Tage unverschämter und stechlustiger als je zuvor, so daß Pittje Pittjewitt schließlich in die dringende Notwendigkeit versetzt wurde, mit Gewaltmaßregeln vorzugehen und diesem unleidlichen Zustand ein jähes Ende zu bereiten. Dem schnellgefaßten Gedanken folgte auch sofort die Ausführung. Mit der geschnellten Handfläche klatschte er die Fliege auf die bleigraue Wange und schnippte alsdann die gerichtete Delinquentin mit Daumen und Mittelfinger in die mit weißem Sande bestreute Stube hinein. Jetzt hatte er Ruhe. Über die Züge Pittje Pittjewitts lief eine tiefe Wehmut, die durch die bläuliche Farbe seiner Wangen noch um vieles verstärkt wurde. Die traurigen Erlebnisse der letzten Tage, die trüben Heimsuchungen, die über die Familien Mesdag und Verhage gekommen waren, hatten sein ruhiges Gemüt aus dem alltäglichen Geleise gebracht 314 und zwar in so hohem Maße, daß er sogar vergessen hatte, am heutigen Vormittag seine geliebte Tonpfeife in Brand zu setzen; auch das Mittagessen war unberührt in die Küche gebracht worden. Jeder Bissen wäre ihm unter den obwaltenden Umständen im Halse stecken geblieben. Pittje konnte nicht essen und wollte nicht essen. Allein der Gedanke, daß er auch Pflichten gegen sich und seine Mitmenschen habe, ließ allmählich die Sachlage der Dinge unter einem anderen Gesichtswinkel erscheinen. Er hatte heute und morgen eines schweren Amtes zu walten, denn mit dem heutigen Tage wurden seine Eigenschaften als Barbier und Schweinestecher abgestreift, damit er sich so recht aus tiefster Seele seiner Würde als Leichenbitter hingeben konnte. »An die Arbeit,« sagte Pittje Pittjewitt, nahm, wie er es vor jeder wichtigen Amtshandlung zu tun pflegte, ein Gläschen mit gebranntem Wasser zu sich und band alsdann ein sauber geplättetes Chemisettchen, an dem sich hohe Vatermörder befanden, über sein Flanellhemd. Mit peinlicher Sorgfalt fügte er dieser Ausstattung ein schwarzseidenes Halstuch hinzu, begab sich hierauf an den Glasschrank, dem er seinen Zylinder entnahm, stülpte ihn über die linke Hand und glättete ihn kunstgerecht mit dem straffgezogenen Hemdärmel seines rechten Unterarmes. Wenigstens eine Viertelstunde hatte der Hut diese Bügeloperation auszuhalten, aus der er spiegelblank hervorging. Dann wurde er in dieser Verfassung auf den Tisch gestellt, wo er den düsteren Schmuck des Trauerflors erhalten 315 sollte. Alsbald war auch das vollbracht. Pittje trat einige Schritte zurück, führte die hohle Hand, gleichsam wie ein Perspektiv, vors rechte Auge, legte den Kopf zur Seite und war zufrieden mit dem, was er gemacht hatte, denn in tadelloser Schwärze, sauber gestriegelt, präsentierte sich der zum Trauerhut umfrisierte Sonntagszylinder seinen kritischen Blicken. »Gut so,« sagte Pittje Pittjewitt, schlüpfte in den bereitgelegten schwarzen Staatsrock, vertauschte die Troddelmütze mit dem Trauerzylinder, versuchte mit Zuhilfenahme des Spiegels das richtige Leichenbittergesicht herauszuarbeiten und verließ dann mit gravitätischen Schritten seine Behausung, um im Namen der Hinterbliebenen die Honoratioren und die übrigen Leute der Stadt für die morgige Beerdigungsfeier von Grades Mesdag einzuladen. Die kleine Stadt lag wie ausgestorben unter dem trüben Himmel, als Pittjewitt seinen Rundgang durch die verschiedenen Straßen machte. Ruhig wuchs das Gras zwischen den weißen Kieselsteinen des Pflasters, in herkömmlicher Weise blitzten die messingenen Schellengriffe neben den grün- und weißlackierten Haustüren, die grauen Treppensteine waren so blank gescheuert wie an den übrigen Tagen der Woche, und die Musselinvorhänge hingen so weiß und tadellos hinter den verschwiegenen Fenstern, als wären sie erst gestern aus der Wäsche gekommen. Nur äußerst selten schlenderten vereinzelte Fußgänger an den schmucken Häuserreihen vorüber. Im Hause des Doktors Horré schlug ein Kanarienvogel. Er saß in 316 seinem hellgelben Messingkäfig hinter Geranien- und Fuchsientöpfen, und sein Schlag machte den Eindruck des Träumerischen und Verschlafenen, so daß hierdurch die Stille, die melancholisch über dem mit kurzem Gras austapezierten Pflaster webte und schwebte, noch größer und eindringlicher wurde. Das einzig wirklich Lebendige in dieser Stadtöde und Stadteinsamkeit war Pittje Pittjewitt. Sein Schritt war fest, seine äußere Haltung, seine Blicke und Gebärden trugen das Gepräge des Pompefunèbreartigen, und wie zwei Trauerwimpel flottierten die langen Enden seiner Pleureuse im Wind. Als mir Pittje Pittjewitt in der Nähe der Dores Küppersschen Wirtschaft begegnete, als ich ihn in seiner ganzen Leichenbitterherrlichkeit vor Augen hatte und sein bekümmertes, ich möchte sagen fast unheimliches Mienenspiel bemerkte, fielen mir unwillkürlich die Verse ein, die der lateinische Heinrich heute morgen während der Klassenzeit rezitieren mußte. Er hatte es, im Hinblick auf den traurigen Fall in der Mesdagschen Familie, mit umflorter Stimme und mit einer ganz besonderen Weihe getan. »Durch die Straßen der Städte, Vom Jammer gefolget, Schreitet das Unglück. – Lauernd umschleicht es Die Häuser der Menschen, Heute an dieser Pforte pocht es, Morgen an jener, Aber noch keinen hat es verschont . . .« 317 »Guten Tag, Pittje.« Pittje Pittjewitt hob zum Zeichen des Gegengrußes nur die rechte Hand auf. Ich verstand ihn. Seine Gedanken waren bei Grades Mesdag. »Der arme Bas,« wagte ich schüchtern einzuwerfen. »Ihm ist wohl,« entgegnete Pittje. »Es ist vielleicht gut so, daß der liebe Herrgott ihn zu sich berufen hat. Die Assisen sind ihm auf diese Weise erspart geblieben.« Ich merkte, wie die Stimme des guten Mannes vibrierte. »Und Wilm Verhage?« fragte ich weiter. »Bei den barmherzigen Schwestern im Kloster. Der wird kein Heerohme mehr.« »Wie steht's denn mit ihm?« Ohne mir direkt eine Antwort zu geben, zeigte Pittje Pittjewitt auf die historische Linde, auf deren Steinbank etliche Hökerweiber Gemüse und Frühbirnen feil hielten. »Was ist das für ein Baum?« »'ne Linde.« »Wenn diese Äppel und Birnen trägt,« weissagte Pittje, »dann wäre noch Hoffnung für Wilm Verhage – aber der wird nicht mehr. So'n Holzschuh kloppt Lampe und Docht entzwei. Es steht schlimm mit dem jungen Verhage. Ich glaube, der alte Jakob kann bald seine Beresinatrompete vom Nagel langen, um ihm die große Retraite zu blasen.« »Und Hannecke?« 318 Nur mit großer Mühe konnte ich die Frage herausbringen. Eine ganze Leidensgeschichte rollte sich vor meiner Seele auf. Pittje Pittjewitt antwortete nicht. Er schien die Mücken zu zählen, die vor seiner Nase hin und wieder tanzten – und als ich ihm in die Augen schaute, stand ein helles Wasser darin. Das war auch eine Antwort. Mit dem Rücken des gekrümmten Zeigefingers wischte er die verräterischen Tränen fort. Dann ging er. Bei der nächsten Straßenecke verschwand die Pleureuse. – An dem kleinen Hause von Grades Mesdag waren die Fenster geblendet, und sie blieben es auch für den ganzen Tag. Nur das Giebelstübchen, das auf den Hof und den Garten hinabsah, hatte die grünen Läden nicht vorgelegt. Hier saß Lisbeth Kanders am Tisch, auf dem ihr Nähzeug stand, und stichelte mit Nadel und Zwirn in das steife Leinen hinein, das knitterig auf ihrem Schoß lag. Es ging auf sieben Uhr. Der vergrämelte Tag hatte inzwischen ein drohendes Aussehen angenommen. Dunkle Wolkenballen schoben sich vom tiefen Horizonte vor. In sonderbaren Formen und Gestalten, mit unförmlichen Nebelleibern und Nebelköpfen liefen sie unter dem blaugrauen Himmel hin und schnitten Gesichter. Ab und zu zwinkerte der Blitz in der Wolke. Ferne Donner überrollten die Erde. Lisbeth Kanders hatte dessen nicht acht – sie nähte. Das Wetter war näher gekommen. Schwefelgelbe Bänder und Streifen überflogen die Landschaft, die alten 319 Pappeln und Weiden am Ravelin stöhnten unter dem wütigen Sturm, der sie ihrer Zweige und Blätter entkleidete und diese in alle Winde verstreute. Die ersten Regentropfen fielen klatschend zu Boden, die Blitze folgten sich hageldicht, und die Donner knatterten wie Kleingeschützfeuer. Es war stockfinster geworden. Lisbeth Kanders ließ es donnern und blitzen. Was kümmerte sie das Wetter da draußen. Sie hatte die Lampe angezündet, saß mit eingezogenem Gänsehals und dem hohläugigen Kopf über ihr Weißzeug gebückt, murmelte unverständliche Worte – und nähte. Die Wetterwolken verflogen. Sie hatten Sturmschritt über Land genommen. Am westlichen Abendhimmel tauchte es auf in Resedafarben. Der tiefe Horizont sah aus wie ein mattgrünes Wasserblatt. Jetzt verschwand das Resedagrün. Ein scharlachroter Schleier wehte über die kleine Stadt hin und wurde vom Wind gegen den Abendhimmel geblasen. Ein großer schwarzer Vogel tauchte mit ausgebreiteten Schwingen in die Scharlachröte hinein. Die Bäume tropften, und der Segen des Herrn berührte wunderbar und wonnesam die Herzen der Menschen. Lisbeth Kanders hatte kein Auge für den erquickenden Wandel in der Natur. Sie war aufgestanden, hatte das genähte Weißzeug über ein Plättbrett gestreift und fuhr mit einem heißen Bügeleisen darüber. Hierauf kniff sie den spitzen Mund zusammen, ergriff das Werk ihrer Schere und Nadel bei den Ärmeln, spreitete es aus und musterte es geraume Zeit mit kritischen Blicken. 320 Dann legte sie es in ordnungsmäßige Falten und tat es beiseite. Das Totenhemd für Grades Mesdag war fertig. Alsbald knarrte Lisbeth Kanders die schmalen Stiegen hinunter, hielt die Uhr an und blendete den Spiegel im Sterbezimmer. »Das gehört sich so,« sagte die Lichjungfer, »der Tote kann keine Uhr ticken hören, und vor einem blanken Spiegel grauelt er sich.« – Gegen acht Uhr kam Schreinermeister Henseler mit einem seiner Gesellen. Sie trugen eine schwarze, einfache Totenlade und einen Sack mit Hobelspänen ins Haus. Der frischaufgetragene Lack klebte noch. Es duftete nach Tannenholz und Firnis. Zwei Stunden später verließen Meister und Gesell in Begleitung von Lisbeth Kanders wieder die Mesdagsche Wohnung. Leise klinkte die Haustür hinter ihnen zu. Als sie draußen waren, streckte die Lichjungfer ihren Hals aus der schmalen Borte des Merinokleides, zeigte mit dem langen Daumen über die Schulter und sagte: »Der liegt nu fein da. Ich habe ihm die weiße Schlafmütze über die Ohren gezogen – whipp! – und ihn mit Palm bestreut – whipp! – und ihm die Nachfolge Christi von Thomas a Kempis in die Hände gegeben – und das ist fein so – whipp! – na, und so weiter . . .« Lisbeth hatte den Schlickser bekommen. 321 Langsam entfernten sich die drei nach der Stadt zu, aber noch geraume Zeit hörte man die unfreiwilligen Töne der Jungfer Lisbeth durch die Abendstille hindurch. »Whipp!« – dann verklangen die Schlickser. Über dem Hause von Grades Mesdag stand friedlich der Abendstern. 322 XXII Die Sterbekerze Die Tragödie, die in der Mesdagschen Wohnung sich abgespielt hatte, hielt die Bevölkerung der kleinen Stadt in ständiger Bewegung und Aufregung. Ohne daß man etwas Bestimmtes wußte, nahmen die Gerüchte und Vermutungen einen immer größeren Umfang an. Unzählige Versionen wurden an das grelle Lampenlicht der Neugierde gezerrt, um nach kurzer Frist wieder in die Versenkung zu tauchen. Aber mit ihrem Versinken stiegen neue empor, und Andeutungen schwerwiegender und unvorhergesehener Natur gehörten zur Tagesordnung. Auch heute wollten diese Gerüchte noch nicht zur Ruhe kommen. Wie die Mäuse huschten sie durch Türen und Spalten. Sie saßen am Küchenherd und piepsten, sie tummelten sich im Kreise der Kinder herum, sie waren ins Herrenstübchen zu den Honoratioren gesprungen, die bei Dores Küppers hinter dem Schoppen ihre Meinungen austauschten, ihren Skat spielten und aus ihren langen Weichselrohren den feinen Kanaster über die Tischplatte bliesen, sie hockten auf der Bierbank der Leute und zischelten, piepsten und quieksten, daß es nur so eine 323 Art hatte. Aber was sie zischelten und raunten kam der Wahrheit in allen wesentlichen Punkten ziemlich nahe, wenn auch die gerichtlichen Erhebungen bis jetzt im allgemeinen ziemlich resultatlos verlaufen waren. Herr Iwan Kasimir Brill hatte zwar gewaltig mit den blankgeputzten Augen geblitzt, als er das Kloster der barmherzigen Schwestern betreten hatte, um den jungen Verhage protokollarisch zu vernehmen und ihm hierbei schon im voraus seinen eigenen Standpunkt klar zu machen. – Allein Wilm Verhage war nicht vernehmungsfähig gewesen; nur verworrenes Zeug, unzusammenhängende Sätze hatte seine Zunge gestammelt, so daß Iwan Kasimir Brill sich genötigt sah, sein abgegriffenes Notizbuch zuzuklappen und den Vernehmungstermin auf eine spätere Zeit zu vertagen. Mit Rücksicht auf die Trauer im Hause verzichtete die Justiz bis auf weiteres auf eine Behelligung von Mutter und Hannecke Mesdag. Jakob Verhage hingegen war nicht verschont geblieben, hatte aber jede Aussage rundweg verweigert und fast in Ekstase die Worte hervorgestoßen: »Ich habe gestern einen wundersüßen Traum gehabt. Mir klang der Ruf der Seligen, und mein Sohn Wilm stand an der goldenen Pforte und triumphierte in den Himmel hinein. Halleluja!« – Das war alles gewesen, was er bekundete, und dennoch: je weniger Bestimmtes an die Öffentlichkeit trat, desto ergiebiger schöpfte die Phantasie von groß und klein aus den Auslassungen und Vermutungen des Herrn Polizeidieners Brill, der nicht müde wurde, seine geringfügigen 324 Beobachtungen mit dem Mantel geheimnisvoller Großtuerei zu umkleiden. Nicht des Verunglückten wegen, sondern des pikanten Nebenumstandes halber, daß Hannecke Mesdag in höchst fataler Weise den traurigen Ausgang der beklagenswerten Angelegenheit verschuldet habe, wurden auch die geringfügigsten Körnlein der Wahrscheinlichkeit, die der würdige Diener des Gesetzes unter die Menge streute, von allen aufgepickt und gierig verschlungen. Es handelte sich dabei um Einzelheiten recht heikler Art, um Andeutungen privater Natur, die vornehmlich von solchen Frömmlern und Frömmlerinnen mit widerlichem Augenaufschlag verdammt und abgetan wurden, die entschieden nicht würdig waren, dem armen Mädchen die Schuhriemen aufzulösen. Für den abtrünnigen Seminaristen stand die Sache noch schlimmer. Wie mit einem Male hatte sich die Stimmung gegen Wilm Verhage gewendet. Da gab es nur wenige Herzen, die für ihn Partei ergriffen, oder seine Handlungsweise in milderen Farben erscheinen ließen. Er hatte gefrevelt – und dieser Frevel schrie für sie durch die Wolken. Vornehmlich waren es diejenigen Kreise, die ihn in Grund und Boden verdammten, welche einstens die Mittel zu seinen humanistischen Studien, allerdings unter dem Vorbehalt, daß er sich der Theologie widmen müsse, flüssig gemacht hatten. Statt an ihre eigene Brust zu klopfen und ihrer engherzigen Bestimmung die Schuld aufzubürden, sahen sie in dem Geschehnis den Fingerzeig und die Hand Gottes, die, zur Faust geballt, den Unglückseligen niedergeschmettert hatte. »Herr, sei seiner 325 Seele gnädig!« heuchelten diese gläubigen Biedermeier, verdrehten die Augen und trösteten sich mit dem Bewußtsein, besser und rechtschaffener zu sein als Wilm Verhage, dessen Leben zurzeit an einem Fädchen hing, und der stündlich von seiner Qual erlöst werden konnte. Nur wenige liberal denkende Männer, wie der Notar, Doktor Horré, der Vater des lateinischen Heinrich, Pittje Pittjewitt, Meyer Markus Spier, Dores Küppers und andere suchten die obwaltende Stimmung in weniger fanatische Bahnen zu lenken. Sie fanden nur Achselzucken und geringe Gegenliebe und mußten die Dinge schließlich ihrem Schicksal überlassen. – – – Anderen Tages und just zur Stunde, als die Pulsanten sich in das Turmportal der Sankt Nikolaikirche begaben, um dort für den Abgeschiedenen die Sterbeglocke zu läuten, saß Jakob Verhage in seiner blaugekalkten Stube am Fenster. Die Hände im Schoße zusammengelegt, sah er dumpfbrütend vor sich hin. So hatte er schon während der verflossenen Nacht gesessen, ruhig und bewegungslos, so hatte ihn der Morgenstern gefunden, so saß er auch jetzt noch, aber an Stelle der verzweifelten Wut war eine stille, fatalistische Ergebung getreten. Die Eindrücke der Außenwelt gingen spurlos an seiner Seele vorüber. Die Vögel waren noch notdürftig versorgt, allein seine besonderen Lieblinge, die Meerschweinchen, trippelten unruhig in der Stube umher, stellten sich mit ihren Vorderpfötchen auf die Filzpantoffeln des einsamen Mannes und sahen mit ihren klugen Augen fragend zu ihm empor, 326 gleichsam als wollten sie ihn an das noch ausstehende Frühstück erinnern. Die kecksten von ihnen beknabberten sogar den Saum seiner Hose und ließen dabei ein vermahnendes Quieksen ertönen, allein Jakob Verhage kümmerte sich nicht um seine Meerschweinchen; seine Lippen waren aufeinandergepreßt, und seine Augen bohrten sich in die abgetretenen Dielen, als wenn sich dort die Scherben seines zertrümmerten Glückes und seiner Hoffnung befänden. Jakob Verhage hatte sein Bestes, was sein eigen gewesen, verloren. Was sollte er noch auf dieser Welt? Seine Gedanken waren nicht mehr von dieser Erde. Gerne wäre er von hinnen gegangen – und er beneidete die Kameraden, die bei Smolensk und Borodino gefallen und in der Beresina ertrunken waren. Ja, er gedachte der Toten! – Seine Augen weiteten sich gespensterhaft. Das russische Schneefeld tat sich vor seinen Blicken auf. Die zerfetzte Trikolore flattert im eisigen Wind. Versprengte Milhaudkürassiere traben vorüber, bettelarm und mit Totengesichtern. Alles in einem wirren, panischen Durcheinander! – Nur die Garde marschiert noch. – Noch steht die Beresinabrücke. – Horch, bum! – Kanonendonner. – Mit untergeschlagenen Armen hält der kleine Korporal bei den Planken. – Die Brücke splittert und bricht – und die Beresina verschlingt sie: Milhaudkürassiere und Garde. » Caesar morituri te salutant! « Er aber lebt – und seine Trompete hallt in schaurigen Tönen über die Stätte des Todes. Er aber lebt und mußte bis zum heutigen Tage leben. – Verflucht! – 327 »Wo bin ich?« stöhnte der Alte. Die buntscheckigen Nager fuhren zusammen und hoppelten in alle Ecken des Zimmers. Von hier aus äugten sie verschüchtert auf ihren Gebieter, der mit beiden Händen die Lehnen umkrampft hielt und sich halb vom Sitze erhoben hatte. »Wo bin ich?« fragte Jakob Verhage noch einmal. Mit einem kurzen Aufschrei brach die Stimme ab. Kraftlos sank er auf den Binsensessel zurück. »Ah, so . . .!« jammerte er. »Alles tot um mich – nur Schnee und Eis und russische Trommeln . . . und die Toten sind glücklich! – Wilm, was stierst Du mich an?! – Du kannst Deine Primiz nicht feiern – Du Gottesräuber! – Sacré nom de dieu! – In die Beresina mit Dir . . .!« Die Meerschweinchen quieksten. »In die Beresina mit Dir . . .!« Die letzten Worte waren stammelnd gesprochen und einten sich den schweren Glockenschlägen, die ernst und feierlich von Sankt Nikolai herübertönten. Der Alte im Lehnstuhl zuckte schmerzlich zusammen. Dann faltete er die gerunzelten Hände und neigte das Haupt nach vorn. Der eisgraue Mann weinte wie ein Kind. »Jetzt begraben sie ihn,« sagte Jakob Verhage. Und richtig, so war es – der Bas wurde begraben. – Wortkarg und über alle Maßen traurig gestimmt begaben wir uns, der lateinische Heinrich und ich, auf den 328 Weg zu Grades Mesdag, um ihm die letzte Ehre zu erweisen. Mein Freund hatte schwarze, gestrickte Handschuhe über die Finger gestreift und ein Stückchen Trauerflor als Schlips um den weißen Kragen geschlungen. Unterm Arm trug er ein mächtiges Gesangbuch, dessen schwarzer Halbfranzband mit einem eingepreßten Goldkreuz geziert war. Sein Gang war der eines Mannes, der sich berufen hielt, die ganze Würde seiner Persönlichkeit in die Schale der Repräsentation zu legen. Mein Freund imponierte. Der läutenden Glocke gesellte sich eine zweite, dann kam eine dritte hinzu, die mit feierlichen Schlägen ihre Klage über die Landschaft hinaustönte. »Preciosa,« sagte der lateinische Heinrich, »schön und erhebend. Mortuos plango. « Jetzt verstummten die Glocken. Sie hatten den ›Anruf‹ geläutet. Schweigend gingen wir weiter. Von allen Ecken und Enden zogen die Leidtragenden zur Mesdagschen Wohnung, die so still und friedlich unter dem stahlblauen Himmel ruhte, als hätte hier das Glück für immer seinen Einzug gehalten. Auch Franz Dewers, der lange Dores und Jan steuerten in Sehweite dem Trauerhause entgegen. Selbstgefällig und fast gravitätisch neigten sich die Malvenstöcke im Wind, als wäre noch alles wie früher gewesen. Auf der Gartenpforte saß eine Amsel und sang in die schöne Gotteswelt hinein. » Sursum corda! « flüsterte der lateinische Heinrich, als 329 wir vor der Schwelle standen, und Pittje Pittjewitt in seiner Eigenschaft als Leichenbitter uns mit einer feierlichen Handbewegung aufforderte, näher zu treten. Hierauf händigte er uns den Totenzettel ein. » Salve! « sagte der Lateiner, nickte mir zu, und selbander betraten wir das Sterbehaus, in dem wir so viele glückliche Stunden verlebt hatten. Ein warmer Duft nach Firnis und geschnittenem Buchsbaum schlug uns entgegen. Der süßliche Rauch der Wachskerzen hatte die Räume durchzogen. Auf dem Flur lagen zerkleinerte Binsen und Kalmuspartikel. » Sacer locus ,« hauchte mein Freund in scheuer Ehrfurcht und Andacht. Mir war die Kehle verschnürt, und die Tränen wollten mir kommen. Wir traten in die Küche, wo die Leidtragenden sich schon zum Teil versammelt hatten. Die Tür, die zur blautapezierten Stube führte, stand sperrangelweit offen. Hier war Grades Mesdag in schlichter Weise aufgebahrt. Etliche Blumentöpfe mit Sommerlevkojen standen zu Häupten der schwarzen und mit Weißblech ausgeschlagenen Lade, überragt von dem schlanken Schaft einer Wachskerze, an deren Docht ein knisterndes Flämmchen sein betrübliches Dasein fristete. Leise sickerte das geschmolzene Wachs über den oberen Rand, erstarrte und formte dann Gebilde, die wie Stalaktite kopfüber zur Erde gerichtet waren. Zeitweilig tropfte das überschüssige Wachs mit einem deutlich vernehmbaren Geräusch auf den Teller des Messingleuchters, der blankgescheuert aus den Levkojentrauben 330 hervorsah. Unruhig flackerte das blaue Flämmchen am Docht. Langausgestreckt, friedlich und mit einem feinen Lächeln um den eingezogenen Mund ruhte Grades Mesdag auf einer Unterlage von Hobelspänen, die ein grobes, weißgestärktes Laken bedeckte. Hände, Kissen und Sterbehemd lagen unter einer Fülle von weißen Papierrosen und geschnittenem Buchsbaum. Einige Schnipsel Rauschgold glitzerten traurig dazwischen und warfen einen sanften Schein auf den schwarzen Lederband der Nachfolge Christi, den der Bas noch im Tode gläubig mit seinen wächsernen Händen umspannt hielt. Bläuliche Schatten hafteten auf den Wölbungen der Fingernägel. Die weiße Nachtmütze war bis über die Ohren gezogen, aus deren Umrahmung die eingefallenen Schläfen porzellanfarbig hervorsahen, ein Eindruck, der in der unbestimmten Dämmerhelle des Zimmers noch in einem verschärften Maße zur Geltung kam. Die zugespitzte Nase war durchsichtig – und dennoch, trotz dieser aufdringlichen Merkmale des Todes, schien Grades Mesdag zu schlummern. Die Sterbekerze knisterte und sandte dabei kleine Rauchwölkchen zur Decke. Sonst war es totenstill im Zimmer, keine Fliege summelte, selbst im Nebenraum standen die Leute unter dem Banne des Augenblicks. Aber der Duft verstärkte sich. Immer aufdringlicher machten sich Firnis und Buchsbaum bemerkbar. Betäubend und einschläfernd wirkten diese Ingredienzien auf die Sinne derjenigen, die gekommen waren, der Einsegnung der Leiche beizuwohnen. 331 Nur auf Mutter Mesdag schienen sie keinen Einfluß zu haben. Wie ein Steinbild saß die schwarzgekleidete Frauengestalt am Kopfende der Totenlade. Die Augen stierten ins Leere. Keine Wimper zuckte in dem eisigen Antlitz, das die wächserne Farbe der Stirne ihres seligen Mannes angenommen hatte. Hände und Rosenkranz lagen untätig im Schoße der unglückseligen Frau, deren Lippen das Beten vergaßen, und deren Augen keine Tränen mehr finden konnten, obgleich sie gerötet waren vom Weinen in den verflossenen Tagen. Wie die verkörperte Sorge, stumpf und gefühllos, saß sie bei den schwarzen Brettern. So hatte sie schon vor einer Stunde gesessen. Die Außenwelt war tot für sie. Sie hatte Mann und Tochter verloren – und das genügte, sie gleichsam in Stein zu verwandeln. Mutter Mesdag war wunschlos geworden – und dennoch keimte ein einziger Wunsch in ihrem kalten Herzen auf. der darin gipfelte, sich recht bald auf die Lade strecken zu dürfen. Bei ihrem Bas hätte sie alles Leid, alle Sorgen und Kümmernisse ausschlafen können – unter den weißen Rosen da draußen. In einer Fensternische stand Hannecke Mesdag. Als ich sie bemerkte, konnte ich nur mit großer Mühe das Schluchzen verhalten. Mir war unendlich weh und krank ums Herz. Ich ergriff in meiner Not den Arm vom lateinischen Heinrich und preßte ihn an mich. Heinrich erriet meine Gedanken. Auch in seinem Inneren mochten ähnliche Gefühle sich regen, denn seine treuen und guten Augen standen in Tränen; mit dem Daumen zeigte er auf Hannecke Mesdag. 332 » Angelus dei ,« flüsterte der lateinische Heinrich. Dann zog er mit wehmütigem Lächeln sein Schnupftuch aus der Hosentasche und trompetete mit Anspannung aller seiner Kräfte hinein. Er wollte seine Rührung verbergen. Trotz der großen Trauer, die mich beherrschte, merkte ich doch, daß auf der knallroten Fahne der Kampf der Horatier und Curiatier in grobem Zeugdruck zur Darstellung gekommen war. Auch in dieser Hinsicht bekundete der Lateiner seine große Vorliebe für römisches Wesen und römische Geschichte. Mit einem tiefen Seufzer ließ er den Drillingskampf der römischen und albanischen Jünglinge wieder in seine Hosentasche verschwinden. Nur noch ein Zipfel des Tuches ragte leuchtend aus seiner Versenkung. Ein zweiter Seufzer ertönte. » Angelus dei ,« wiederholte ich kleinlaut, als meine Gedanken sich weiter mit Hannecke Mesdag beschäftigten. Ich konnte sie nicht ansehen, ohne auf das tiefste erschüttert zu werden. Seit dem kritischen Tage war ich ihr heute wieder zum ersten Male begegnet. Ein selbstquälerisches Festhalten entschwundener Bilder leuchtete fieberhaft aus ihren Blicken hervor, und eine bange Frage nach der Zukunft stand ergreifend in ihrem lieben Antlitz geschrieben. Sie wußte, sie hatte wenig mehr vom Leben zu hoffen, und sie war sichtlich gefaßt darauf, daß sie von nun an nur einem schadenfrohen Lächeln begegnen würde, giftig wie Schierling und schmerzhaft wie der Stich der Kardendistel, einem Lächeln, das sie aller und jeder Daseinsfreude beraubte. Und dennoch, indem sie 333 Verlorenes beklagte, begehrte sie nach dem Leben, nach voller Befriedigung ihrer Sehnsucht, nach etwas Besserem, Höherem, nach Glück und dem heilsamen Balsam der Liebe. Krampfhaft arbeitete es in ihren Zügen. Der alte Stolz bäumte sich in ihrer Seele auf; er versuchte es, sich aufzubäumen, aber er erlahmte und mußte erlahmen unter der Wucht der Verhältnisse, die erbarmungslos von allen Seiten auf sie einstürmten. Unter ihren nicht ganz geschlossenen Augen lagen bläuliche Schatten. Ein ängstliches Feuer flackerte in ihren Blicken. Es hatte eine Ähnlichkeit mit dem Schein von Gräberlichtchen, die am Allerseelentage im bereiften Grase des Friedhofes leuchten. Was wollte dieses ersterbende Feuer – und wen suchte es? – Trostlos sah sie einer hohen Gestalt nach, die ins Leere zerflatterte. – Immer die greifbare Totenstille, die Dämmerhelle und das unstete Flackern der Sterbekerze . . . Neue Leidtragende stellten sich ein. Unter ihnen befanden sich auch Heinrich Hübbers in seinem fünfundzwanzigpfündigen Leibrock und der Schreinermeister Henseler aus der Kesselstraße, der immer ein saftiges Priemchen in seiner linken Backentasche verborgen hielt. Auch Fritz van Dornick, Spengler und Spritzenmeister, und Dores Küppers waren erschienen. Mit diesen hatte auch der städtische Polizeidiener Herr Iwan Kasimir Brill seinen Einzug gehalten. Eine hohe Befriedigung zeigte sich auf den Gesichtern der Anwesenden, als dieser Gewaltige die einfache Schwelle beehrte. 334 »Ganz wie unser einer,« flüsterte mir der Lateiner in gehobener Stimmung zu. »Das ist nobel von dem Manne. – Mehr wie nobel!« – Mit diesem Zusatz bekräftigte er die hohe Meinung, die er in diesem Augenblick von der Persönlichkeit des Herrn Iwan Kasimir Brill sich gebildet hatte. Jetzt hatte die Beerdigungsfeierlichkeit doch einen richtigen und offiziellen Anstrich bekommen. Im Interesse der Mesdagschen Familie mußte ich meinem Freunde aus ganzem Herzen beipflichten – und ich nickte ihm Beifall. Selbst für Mutter Mesdag war das Erscheinen der karmoisinroten Aufschläge und des neuen Portepees von einer belebenden Wirkung. Sie fuhr aus ihrer lethargischen Erstarrung empor und winkte kaum wahrnehmbar einer hohen Frauensperson zu, die bisher, nur von wenigen bemerkt, ruhig und in einem schwarzen Merinokleid neben dem Küchenherd gestanden hatte. Dann sank sie in ihr früheres Brüten zurück – aber Lisbeth Kanders hatte den stummen Wink von Mutter Mesdag verstanden. Langsam und feierlich drehte sie ihren langen Gänsehals herum, ergriff ein Zinntablett, das auf der Anrichte stand, und bestellte es mit verschiedenen dickfüßigen Schnapsgläsern und einer langhalsigen Flasche, aus deren Verglasung eine wasserhelle Flüssigkeit hervorblitzte. Mit ihren wächsernen Händen füllte sie die Gläser und tat jedesmal etliche Klümpchen Kandiszucker hinzu. Ein süßlicher Geruch nach gebranntem Wasser erfüllte die Küche, als nunmehr die hagere Kanders mit ihren hohlliegenden Augen 335 und dem verbindlichsten Lächeln von der Welt den mit Zucker versetzten Schiedamer präsentierte. Sie tat es mit einer Attitüde, die der Situation angemessen war, denn ohne Schiedamer wäre ein standesgemäßes Begräbnis ein Unding in dieser Gegend gewesen. Zuerst wurde der Herr Polizeidiener Brill mit dem gebrannten Wasser beehrt – und das gehörte sich so. »As't üh belieft, Mynheer,« sagte Lisbeth Kanders und hielt das Tablett in Reichweite hin. »Danke,« versetzte Herr Iwan Kasimir Brill, goß den Inhalt hinter den karmoisinroten Kragen und löffelte den geschmolzenen Zucker vom Boden. »Whipp!« Lisbeth hatte wieder ihren fatalen Schlickser bekommen. Auf weichen Sohlen präsentierte sie weiter. »As't üh belieft, Mynheer Hübbers.« »As't üh belieft, Mynheer van Dornick.« »Whipp! – As't üh belieft, Mynheer Küppers – whipp!« »As't üh belieft . . .« und in diesem Tone näselte sie weiter, verrenkte ihren Hals und schob hohläugigen Blickes so lange durch die stattliche Reihe der Leidtragenden, bis sie das letzte Klümpchen Kandiszucker und den letzten Tropfen aus der langhalsigen Flasche an den Mann gebracht hatte. »As't üh belieft . . .! – Whipp!« Herr Schreinermeister Henseler kam zuletzt an die Reihe. 336 Mit seinem dicken Zeigefinger holte er das Priemchen aus der Backentasche, steckte es in die geblümte Sammetweste und ließ den Inhalt des dickwandigen Gläschens sanft durch die weite Gurgel hinabgleiten, stülpte das Glas um und stellte es verkehrt auf die Platte. » Merci! « Von Sankt Nikolai begannen die Glocken zu läuten. Mein Freund zog die Uhr. »Fünf Minuten zu spät,« sagte der lateinische Heinrich. » Quandoque bonus dormitat Homerus. Zuweilen schläft auch Cornelis Tenback.« Cornelis Tenback, der als Küster des kleinen Städtchens die Pulsanten anzustellen hatte, spielte im Ideenkreise des lateinischen Heinrich eine wichtige Rolle – aber das Zitat aus Horaz' › Ars poetica ‹ war noch nicht in meinen Ohren verklungen, als auch schon Pittje Pittjewitt seine gewichtige Persönlichkeit unter die Leidtragenden drängte und die Ankunft des Herrn Pastors und Dechanten van Bebber anzeigte. Der Küster Tenback und zwei halbwüchsige Ministranten mit Weihkessel, Sterbekreuz und Räucherfaß eröffneten den feierlichen Einzug. Hierauf erschien der Herr Dechant im Chorhemd. Er sah weder rechts noch links; seine Augen waren niedergeschlagen. Eine große Willenskraft umspielte die Mundwinkel des schmalschulterigen Mannes, dessen scharfausrasierte Tonsur bleifarbig inmitten des Hinterkopfes stand. Er trat an das Fußende der schwarzen Lade. Mutter Mesdag war aufgestanden. 337 Weihrauchwölkchen kräuselten in zierlichen Spiralen aus dem geschwungenen Rauchfaß. Die Feier war einfach. Nachdem die üblichen Formalitäten erfüllt und die Sterbegebete in lateinischer Sprache hergesagt waren, erhob der Pastor noch einmal die Stimme und sprach mit scharfer Betonung: » Oremus! – Quaesumus, domine, pro tua pietate, miserere animae famuli tui, et a contagiis mortalitatis exutam, in aeternae salvationis partem restitue. Per dominum nostrum Jesum Christum. – Requiem aeternam dona ei, domine. « » Et lux perpetua luceat ei ,« respondierte der Küster Tenback, die beiden Ministranten und der lateinische Heinrich. Aber die Stimme des letzteren übertönte sie alle. Er schloß mit einem so schweren Seufzer, daß der Herr Dechant van Bebber sich umwendete und dem Sprecher einen vielsagenden und wohlwollenden Blick zuwarf. » Requiescat in pace. « » Amen ,« sagte der lateinische Heinrich. Unter einer brütenden Totenstille wurde die Lade mit dem Rauchfaß und dem Weihbronnwedel umschritten. Dann ein Verschrauben des Sarges, ein kurzes Aufschluchzen – und Grades Mesdag wurde von sechs befreundeten Männern, unter denen sich auch Heinrich Hübbers und Fritz van Dornick befanden, über die Schwelle seines Hauses getragen. Frau Mesdag sah ihrem Mann mit weit aufgerissenen 338 Augen nach. Sie regte und rührte sich nicht – ihre Wangen waren trocken geblieben. Pittje Pittjewitt machte die Honneurs an der Schwelle. Der Wind hatte sich aufgetan. Die lange Pleureuse voltigierte über den Sarg fort. Als der Dechant an ihm vorbeischritt, faßte er den Leichenbitter ins Auge, hielt den Fuß an und meinte: »Herr Pittjewitt, nach diesem Begräbnis dürften Ihre kirchlichen Amtshandlungen als erledigt betrachtet werden.« »So?« fragte Pittje Pittjewitt. »Ja – auch der Vorstand der Kirchengemeinde ist in dieser Angelegenheit eines Sinnes mit mir.« Pittje Pittjewitt lüftete mit einem pfiffigen Mienenspiel den Trauerzylinder. »Na, denn man zu,« versetzte er leichthin. »Mein Barbiergeschäft und die Schweinestecherei tun's auch noch; ich habe mein Auskommen. Danke.« Der Dechant setzte seine Kaumuskeln in eine nervöse Bewegung. Die große Ruhe seines Untergebenen kam ihm höchst ungelegen. Er glaubte mit einem reumütigen Schafe zu sprechen – und hatte einen Starrkopf gefunden. Seine Maßregelung war ein Schlag ins Wasser gewesen. Pittje Pittjewitt setzte den Zylinder unter fünfundvierzig Grad Neigung auf den Kopf, gab ihm noch, des besseren Sitzes wegen, einen leichten Schlag auf den oberen Deckel und stellte sich mit Ostentation an die Spitze des Zuges. Der Küster Tenback hatte das 339 schwere Holzkreuz in die Luft gehoben, der Weihrauch dampfte, dumpfe Glockenschläge hallten über die Landschaft – und langsam, unter breiten Responsorien, wurde Grades Mesdag von seinem Eigen und zum Kirchhof getragen. Der liebe Herrgott hatte den großen, horizontalen Strich über die arme Seele gezogen. Requiescat in pace . – Ruhig brannte noch immer die Sterbekerze auf ihrem Metalleuchter. Das niederrinnende Wachs tropfte auf den vorspringenden Teller und erstarrte dort. Sichtlich wuchsen die Gebilde unter dem Tropfenfall. Ein gleichmäßiges Tönen begleitete das Wachsen derselben. Lisbeth Kanders hatte inzwischen die Laden aufgestoßen. Heller Sonnenschein flutete durch die Zimmer, von denen der Bas soeben geschieden war. Hierauf fegte sie die Blätter und Blüten zusammen, die beim Fortschaffen der Kränze zu Boden gefallen waren. Nachdem sie dieses besorgt hatte, entkorkte sie eine neue Flasche, füllte ein Gläschen mit der hellen Flüssigkeit, tat einige Stücke Kandiszucker hinzu, legte alsdann die Hand auf die kümmerlichen Reste ihres jungfräulichen Busens und genehmigte sich ein herzhaftes Schlückchen. – Prosit. »Whipp!« machte die Kanders. Stocksteif stand Mutter Mesdag bei der Sterbekerze. Die Züge ihres Gesichtes waren noch härter geworden als zuvor. Auch nicht die geringste Bewegung in ihnen 340 verriet, was in ihrem Inneren vorging. Nur unter ihren Brauen stand ein seltsames Feuer. Langsam, schweren Schrittes und zögernd näherte sich Hannecke der Mutter. Sie tastete nach ihren Händen. Jetzt kamen der Alten die Worte zurück. »Was willst Du?« »Mutter,« bat die Ärmste mit flehendem Tone. Frau Mesdag schwieg. Nur die Kerze tropfte vernehmlich durch die brütende Stille. »Mutter – vergib mir.« Die Alte stierte sie an. »So rede doch, Mutter. Erbarme Dich meiner – vergib mir.« Ein dumpfes Stöhnen rang sich aus der Brust des unglückseligen Mädchens. »Was? – Vergeben? – Dir?« stammelte die Frau, die bislang wie eine Bildsäule gestanden hatte. Dann schleuderte sie die Hand ihrer Tochter zurück. »Niemals – Du Pfaffendirne!« Ein wilder Schrei folgte diesen Worten. Hannecke Mesdag war aus der Stube getaumelt. Als wäre nichts geschehen, ruhig und gefaßt, wendete sich die Alte der brennenden Kerze zu, nahm sie vom Leuchter, löschte die schwindsüchtige Flamme und wickelte den nunmehr toten Wachsstock in steifes Leinenzeug, das vom Sterbehemde ihres Mannes übrig geblieben war. Die so eingewickelte Kerze legte sie in eine Schublade der Kirschholzkommode. 341 »Die mag angezündet werden, wenn sie mich auf die Hobelspäne strecken,« sagte Frau Mesdag. Hierauf trat sie ans Fenster und sah aufs Ravelin hinaus. »Kärre-kärrekiek!« rief die Rohrdrossel aus der Ferne herüber – die Glocken aber waren verklungen. 342 XXIII Unterm Abendstern Anderen Tages flackerte ein mattes Unschlittlämpchen auf dem frischgeworfenen Hügel vom Bas. Die bleiche Sichel des Mondes hing tief zwischen den Zweigen der Pappelbäume. Es war einsam und still auf dem kleinen Friedhof. Das matte Licht des Tages kämpfte vergebens gegen die steigenden und wachsenden Schatten, aber es war noch immer stark genug, die Wirkung der Mondsichel hinfällig zu machen. Tief im Westen reckte sich ein langgezogener Strich gelblichen Lichtes, das wie angenagelt über der Friedhofsmauer stand. Vom Kalvarienberg hob sich ein holzgeschnitzter Kruzifixus in diesen Lichtstreifen hinein und zwar so deutlich und scharfumrissen, daß sich selbst die vorspringenden Zacken der Dornenkrone sichtbar vom Hintergrunde abhoben. Es war eine ernste und ergreifende Silhouette. Die schwankenden Ruten der Trauerweiden hingen wie gelöste Haarsträhnen seitlich des Kalvarienberges. Einzelne Strähnenbüschel bewegten sich leise im Wind. Wie eine arme Liebeseele flackerte der Unschlittschein zwischen den Buchsbaum- und Seerosenkränzen auf dem Grabe vom Bas. Jetzt wurde das Lichtchen trüber und trüber, und wie es knisternd verlosch, 343 nahm die Mondsichel hinter den säuselnden Pappelbäumen an Helligkeit zu. Gleichzeitig erhob sich eine schwarze Frauengestalt von der Stätte, wo Grades Mesdag seine letzte Ruhe gefunden hatte. Fast mit geschlossenen Füßen bewegte sie sich dem Friedhofsgatter zu. Sie schien zu schweben. Ihre Arme hingen schlaff herab. In der Rechten hielt sie den schwanken grünen Schaft einer Seerose. Die welke Blüte streifte die Erde. Wie von einem geheimnisvollen und unsichtbaren Etwas gelenkt und getragen schwebte sie weiter. Allein – so ganz allein! – Mit aufgerissenen Augen sah sie verstört und trostlos in die weite, dämmernde Leere. Am Haupteingang ließ sie die Seerose fallen – dann ging sie der Stadt zu, aber immer wie mit geschlossenen Füßen. Es war Hannecke Mesdag. Als sie die Stadt erreichte, war völlige Dunkelheit eingetreten. Der Mond stand noch immer so tief, daß sein Licht kaum bemerkbar war. An verschiedenen Ecken brannten schon die Straßenlaternen, und große helle Reflexe zitterten auf dem blanken Pflaster. Nur wenige Leute machten sich draußen zu schaffen. Das Gewitter vom gestrigen Tage hatte eine empfindliche Kühle zurückgelassen. Hannecke Mesdag vermied ängstlich die erleuchteten Stellen. Geräuschlos schwebte sie im Dunkel der Häuserzeilen weiter, und wo eine Lampe auf die Straße hinaussah, machte sie instinktiv einen großen Bogen, um aus dem Bereich des Lichtes zu kommen. Sie wollte nicht erkannt werden. 344 Nur zeitweilig und für eine ganz kurze Spanne zitterte ein kleiner, beweglicher Schatten vor ihren Füßen dahin. Jetzt hatte sie die breite Grabenstraße erreicht. Sie konnte ungestörter und freier ausschreiten, denn breitgeästete Linden liefen mit den Häusern und spendeten so viel Sicherheit, daß nur ein geübtes Auge einen Vorübergehenden erkennen mochte. Die hohe Gestalt von Hannecke Mesdag zerfloß und verging in diesem Dunkel und Düster. Dem Altmännerhaus schräg gegenüber lag das Kloster der barmherzigen Schwestern. Es war ein spanischer Giebelbau mit vergitterten Fenstern und nach der Gartenseite hin mit Ulmen und Linden umstanden. Hinter allen verhangenen Fenstern lag eine schwache Helle, die höchstens von dem schwimmenden Docht eines Nachtlichtes erzeugt sein konnte. Das Untergeschoß hingegen war völlig leb- und lichtlos. Am Hauptportal befand sich ein schmiedeeiserner Klingelzug. Der Handgriff trug die Form eines durchbrochenen Kreuzes. Hannecke ergriff ihn und zog daran. Ein gellendes Klingeln durchschnitt die tiefe Ruhe, die in dem weitläufigen Gebäude gerastet hatte. Das harte Zeichen war ordentlich beleidigend für ein empfindsames Gehör. In den leeren Gängen hatte es einen trefflichen Resonanzboden gefunden. Es gellte weiter und weiter. Schlüssel rasselten, langsame Schritte kamen näher, die schwere Bogentür öffnete sich, und in dem Schein 345 einer ewigen Lampe stand die Gestalt eines Nönnchens, dessen Gesicht ruhig und weltvergessen aus dem weißen Stirngebäude und der schwarzen Holle heraussah. »Gelobt sei Jesus Christus!« sagte das Nönnchen. Es war eine monotone Stimme, die da gesprochen hatte. Hannecke schwieg. »Was wünschen Sie?« »Wilm Verhage ist hier im Kloster?« »Ja.« »Ich möchte fragen, wie es ihm geht.« »Wir haben nur geringe Hoffnung.« Große Tränen perlten über die Wangen von Hannecke Mesdag. »Er liegt im Fieber,« sagte die Schwester in ihrer einförmigen Stimme weiter, »und seine Gedanken sind getrübt. Wenn er auch körperlich geheilt werden sollte, so ist es doch wahrscheinlich, daß ein anderer Schaden zurückbleibt.« Hannecke zuckte zusammen, als wäre ihr eine eisige Hand über den Rücken gefahren. Dann faßte sie sich. »Darf ich zu ihm?« fragte sie schluchzend. »Sie sind eine Anverwandte des Verunglückten?« »Ja – ich bin eine Anverwandte von Wilm Verhage.« »Ich will Sie der Oberin melden – wie heißen Sie?« »Johanna Mesdag.« »Dann muß ich leider bedauern,« sagte das Nönnchen mit freundlichem Lächeln, aber auch mit aller Bestimmtheit. 346 »Also, ich darf nicht zu ihm?« stotterte das unglückselige Mädchen. »Nein.« Die Schwester zuckte die Achseln, dann ließ sie das Schloß fast geräuschlos einschnappen. Hannecke Mesdag war wieder allein – so ganz allein. Traurig sah sie sich um und um und ging ihres Weges. – Zum zweiten Male senkte sich die Nacht mit linden Schwingen auf den frischgeworfenen Grabhügel vom Bas. Alles lag grau in grau. Der falbe Strich im Westen war längst verblichen. Jetzt blinzelte der Mond durchs Pappellaub, und das Licht stieg höher und höher. Die ersten Strahlen berührten den Kirchhof. Auch der Kruzifixus stieg höher und höher, er schien sich zu recken unter dem magischen Einfluß des wachsenden Lichtes. Ja, er reckte und streckte sich und segnete alle, die ihm zu Füßen ruhten. – Die Tage hatten Sturmschritt genommen. Die Herbstzeitlose blühte auf Wiesen und Triften und spreitete einen lichtvioletten Teppich über die weiten Grasflächen neben den Deichen. Die Bäume warfen ihr Laub ab, und die Schwalben verflogen sich. Das Mariengarn haspelte sich von Strauch zu Strauch oder zog in schwebenden Fäden geruhsam durch die schimmernden Lüfte – es ging stark in den Herbst hinein. Der Lateiner und ich hatten Hannecke Mesdag nur noch vereinzelte Male gesehen. Sie wich unseren Blicken 347 und unserem Gruß aus. Ihre Mutter war allezeit eine wortkarge Frau gewesen, allein seit dem Tode ihres Mannes war sie stumm geworden. Mechanisch und nur noch mit dem Andenken ihres Grades beschäftigt lebte sie in den Tag hinein. Ihr Verhältnis zu Hannecke schien sich gebessert zu haben, denn zuweilen saßen die beiden Frauen gemeinsam hinter den Gardinen des kleinen Hauses, wo die Stockrosen zu falben begannen. Über das Befinden des jungen Verhage drangen nur unverbürgte Vermutungen zu uns; jedenfalls ging die Genesung hinter den verschwiegenen Klostermauern nur langsam vonstatten, wenn überhaupt an eine völlige Genesung gedacht werden konnte. Jakob Verhage betrat mit keinem Fuß die Klosterschwelle, und es gab viele, die behaupteten, daß er beschlossen habe, das Gedächtnis an seinen mißratenen Sohn völlig zu tilgen und aus seinem Herzen zu reißen. Stumpfen Sinnes, fernab der Außenwelt, saß er in seinem Lehnstuhl, bestierte die Wände seines schlichten Zimmers und fütterte seine Meerschweinchen, Vögel und Mäuse. Nur zuweilen glitt ein Lächeln über seine matten und eingefallenen Züge, und das war, wenn sein Rotkehlchen geheimnisvoll in den Herbstabend leise und tönend hineindämmerte. Es hatte auch so große und seelenvolle Augen – das Tierchen! – Eines Tages, zur Zeit, als das Frühglöckchen tönte, hatte Jakob Verhage ausgelitten. Der liebe Herrgott da droben hatte für ihn die große Retraite geblasen. Die Leute des Altmännerhauses umstanden ihn und beteten für seine unsterbliche Seele. – 348 Mit dem Beginn der Herbsttage hatte für uns die Scheidestunde geschlagen. Unserer weiteren Studien wegen mußten wir die kleine Stadt seliger Jugendträume verlassen. Wir sagten ihr Valet. Der Lateiner entschied sich für eine gelehrte Schule weiter stromauf am Niederrhein, während ich meine humanistische Bildung in Westfalen zu holen gedachte. Jan Höfkens und Franz Dewers hatten in richtiger Erkenntnis der Sachlage alle weiteren Studien an den Nagel gehängt und waren kurzentschlossen in den praktischen Beruf ihrer Erzeuger hineingesprungen. Jener vertauschte den Cornelius Nepos und Julius Cäsar mit Mehlsack und Müllerjacke, während Franz Dewers den drückenden Alp des accusativus cum infinitivo von sich schüttelte und sich mit den Anfangstheorien des Schieferdeckens befaßte. Der lange Dores hatte noch im Vaterstädtchen zu bleiben. Seine auswärtige Schul- und Leidensgeschichte sollte erst im nächsten Jahre beginnen. Beim Abschied legte ich ihm noch die Dohle ans Herz – dann stieß der Schwager ins Horn, und mit lustigem ›Trara‹ ging's zum Tore hinaus. Bis zur nächsten Station hatten wir, der Lateiner und ich, gemeinsame Postfahrt. Als der Eilwagen durch die Straßen rasselte, wurde es mir so recht weh und weich ums Herz. Vieles mußte ich hinter mir lassen. Jan Höfkens winkte uns noch mit seiner staubigen Müllerkappe nach, während Franz hoch oben vom luftigen Dach der Sankt Nikolaikirche mit seinem Nasentüchlein schwenkte und wehte, bis die Bäume des Ravelins das grüßende Taschenfähnlein neidisch versteckten. 349 Bei Grades Mesdag stand eine bleiche Mädchengestalt hinter den Scheiben. Mit der einen Hand hielt sie die Gardinen zurück, mit der anderen preßte sie ein weißes Tüchlein gegen die Lippen. Ihre Augen waren vom Weinen gerötet. Mit unsäglich traurigen Blicken sah sie uns an – ich hätte aufschreien mögen . . . »Hannecke . . .!« Unter lustigen Posthornklängen ging es vorüber. In diesem Augenblick war es mir, als sei eine kleine Person neben den Schwager auf den Bock gesprungen. »Der Briefträger,« sagte der lateinische Heinrich; ich sah einem kleinen Falken nach, der ob den Stoppelfeldern und Wiesen revierte. Wir machten dieselbe Fahrt, die noch vor etlichen Wochen der junge Verhage gemacht hatte. Die Ammern hockten auf den Telegraphendrähten, Blatt um Blatt fiel von den Chausseebäumen, und die rechtsliegenden Hügelreihen mit ihren Haubergen schickten sich an, in die braune Kapuzinerkutte zu schlüpfen. Nur die dunkelgrünen Fichten standen wie ernste Propheten unter dem Kleinholz und grüßten uns mit schwermütigem Rauschen. Vorüber! Nach zweistündiger Fahrt liefen wir in die Bahnstation ein. Zusammengerüttelt stiegen wir aus, und als ich die Augen aufschlug, die so lange im Dämmerlicht des Eilwagens sich nur mit Traumgebilden beschäftigt hatten, stand einer im Schmuck des prächtigsten Zylinders und mit gebreiteten Armen vor uns. 350 Pittje Pittjewitt. »Jungs!« rief Pittje, »ich hab's nicht aushalten können. Gottdomie noch mal . . .! – Es wird einem doch schwer, so auseinander zu gehen. – Adjes denn.« Mit dem Zeigefinger wischte er sich eine helle Träne von der glattrasierten Wange – und, von tiefer Rührung bewältigt, lagen wir uns in den Armen. Dann ein gellender Pfiff – langsam stampfte und fauchte der Zug in die Halle. Unsere Wege trennten sich – und als ich mich aus dem Coupéfenster lehnte und bemerkte, wie die Gestalt Pittje Pittjewitts immer kleiner wurde, zusammenschrumpfte und schließlich im Dampf und Nebel zerfloß, da war es mir, als hätte mir eine rauhe Hand das letzte Stückchen Heimatserde unter den Füßen genommen. Vorüber! – Langsam schwanden die Tage, die Wochen und Monde. Draußen ging die Weltgeschichte mit ehernen Schritten. Das Verhängnis rauschte gewaltig über die französischen Felder und legte den Trauerflor um die Türme von Notre Dame zu Paris, aber jenseits der Türme lohte es auf, und in dem strahlenden Lichte tauchte es empor wie ein Kronjuwel. Die bereiften Baumkronen im Park zu Versailles schwankten im Wind, und durch die tempelgleichen Hallen ging es mit Brausen und Sausen, und auf Sturmgefieder wurde das Lied vom deutschen Kaiser über den Erdkreis getragen. Vor diesen welterschütternden Dingen duckte sich so manches, was meine Seele bewegt 351 hatte. Die Erinnerung an Hannecke Mesdag wurde wie der Duft einer weißen Friedhofsrose in die Ferne getragen. Eine stille Vergessenheit umfing meine Sinne. – Der Winter verging, und unter Bast und Borke regte sich ein neues, hoffnungsfreudiges Leben. An den Stachelbeersträuchen drangen die jungen Spitzen hervor, die ersten Veilchen blühten, und als die Knospen der blauen Syringe zu schwellen begannen, schnürte ich mein Bündel und zog den Osterferien und meiner engeren Heimat entgegen. Während der Karwoche traf ich dort ein. Es hatte sich wenig verändert, nur über Hannecke Mesdag schwiegen die Leute. Ich drang nicht weiter in sie, als ich aber den Friedhof besuchte, fiel es mir auf, daß neben dem Grabe vom Bas ein kleiner und frischgeworfener Hügel entstanden war. Der volle und saftige Schaft einer Lilie drang eben aus dem lockeren Erdreich hervor. Hier mußte ein Kind seine letzte Ruhestätte gefunden haben. Kein Kreuzlein, keine Inschrift – nichts. Vielleicht war das junge Wesen namenlos in den Himmel gestiegen. Vielleicht auch . . . ich dachte nicht weiter darüber nach und verließ die Stätte des Friedens und des Todes. – Die schönen Tage der Ostern gingen vorüber, und mit ihrem Schwinden war der Zeitpunkt gekommen, wo ich wieder das beklemmende Gefühl des Abschiednehmens verspürte. Während der Ferien hatte ich ein Begegnen mit Mutter und Hannecke Mesdag ängstlich vermieden. Einen eigentlichen stichhaltigen Grund hierfür vermochte ich nicht anzugeben, aber es war mir, als hätte 352 sich ein unausgesprochenes Etwas scheidend zwischen unsere früheren Beziehungen gedrängt und die traumhafte Sehnsucht in meinem Inneren getötet. Da eines Tages, kurz vor Schluß der Ferien, als ich am Ravelin vorbeischlenderte und auch die bekannte Wohnung passieren mußte, stand ein bleiches Gesicht hinter dem Fenster, das mit unsäglich traurigen Blicken nach dem jungen Grün des Frühlings hinaussah. Eine lauwarme Luft spielte über dem Wasser und trieb die saftigen Rohr- und Binsenspitzen aus dem Grunde hervor. Die Weiden schimmerten goldig, die Wasserlinsen bildeten schon smaragdgrüne Inseln, und an den Pappelspitzen drängten sich die jungen Blätterbüschel in lichtbraunen Farben. Jenseits des Ravelins stand der Abend in weichen Farbentönen. Wie ein Resedabeet in voller Blüte leuchtete das gedämpfte Licht am westlichen Himmel. In dieses ersterbende Licht des Tages, das sich allgemach verfärbte und dann den Westen wie mit einem olivenfarbigen Gürtel umhegte, starrte Hannecke Mesdag. Jetzt schien sie mich bemerkt zu haben. Kaum wahrnehmbar und fast gespenstisch hob sie die Hand und winkte mir zu. Sollte ich folgen? – Sollte ich die längst erstorbenen Gefühle wieder zum Leben erwecken? – und doch: ich folgte, und als ich die Stube betrat, war das Zimmer von einem ungewissen Dämmer durchzittert. Hannecke hatte sich am Fenster niedergelassen. Ihr Kopf ruhte in der aufgestützten, feingeschnittenen Hand, und sie sah mich mit einem Blick an, den ich nie 353 vergessen habe im Leben. Sie glich einer Verstorbenen. Augenlider, Stirn und Wangen wiesen einen geheiligten Abglanz auf, wie ihn nur der Tod zu geben vermag. Die Ohren waren gleichsam aus Marmor gebildet, und die durchsichtigen Nasenflügel öffneten sich über den bleichen Lippen. Ein unsagbares Lächeln zog ihre bläulichen Augenlider auseinander, als ich eingetreten war. Grünlich und glänzend, wie der Schmelz eines Seidenfadens, schimmerte es zwischen den langen Wimpern hervor. Ihre Linke preßte die Schläfe, gleichsam um eine stechende Empfindung zu lindern – aber sie schwieg. Schon halb eine Sterbende – und doch wie schön war sie! »Ich bin es, Hannecke.« »Also Du bist es?« sagte sie tonlos und mit schmerzlichem Lächeln. Ich war näher getreten. »Endlich kommst Du,« fuhr sie lächelnd fort, »Du hast lange gewartet, und ich habe mich so nach Dir gesehnt.« Diese Anklage erschütterte mich. »Es war auch Zeit, daß Du kamst, denn wenn die nächsten Ferien kommen« – sie zeigte mit ihrer durchgeistigten Hand auf den letzten Schein des Tages, der hinter den Bäumen des Ravelins im Sterben lag und allmählich sich löste – »dann bin ich hingegangen wie das da.« Sie hatte mit Ergebenheit und Wehmut gesprochen. Das Licht am Horizont war tot – aber magisch blitzte es im Dunkel des Westens auf. 354 Bleich wie der Kelch einer weißen Wasserrose, bewegungslos, friedlich und einsam stand der Abendstern über den dunklen Pappelkronen am Ravelin. Ich hatte mich vor ihr auf die Kniee geworfen und hielt ihre Hände und küßte sie. Sie atmete tief und angstvoll auf, ihre Augen schlossen sich völlig, und ich fühlte, daß sie sich niederbeugte und mit ihren Lippen leise meinen Scheitel berührte. »Wenn's doch schon vorüber wäre!« hauchte sie flüsternd. Ihre weichen Hände zogen meinen Kopf an ihre Brust. Ich hörte den schwachen Herzschlag und verspürte die sanfte Welle der Brust unter ihrem leichten Kleide, und es schien mir so, als umschwebten uns alle die Zaubergestalten, die Hannecke in früheren Tagen so oft beschworen hatte. Sie hob wieder die Augen. Das lichte Grün war verschwunden. Ein märchenhaftes Veilchenblau, das selbst im Dunkel des Zimmers noch leuchtete, war an seine Stelle getreten. »Wenn's schon vorüber wäre!« »Du darfst nicht sterben . . .« Hannecke zuckte plötzlich zusammen. »Hörst Du das . . .?« Im jungen Schilf und auf den dunklen Wassern des Ravelins war es lebendig geworden. Deutlich klang es herüber. Erst schüchtern – dann voll und tönend. Zum erstenmal im Frühling sang sie heute. Sie war zurückgekehrt aus weiter Ferne und lebte wieder im benachbarten Ried. 355 »Hörst Du das . . .?« »Kärre-kärre-kiek . . .!« Hell und klar tönte der Ruf der Rohrdrossel durch den Frieden der werdenden Nacht hin. »Als sie im verflossenen Jahre rief,« stammelte Hannecke, »ja, da . . . und jetzt . . .« Sie zeigte zum Abendstern, dessen Schein immer lichter erstrahlte. »Ich komme bald – du rufst mich, du winkst mir – ich weiß es ja, in deinem glücklichen Licht wohnt und weint das arme Seelchen, dessen Bleiben auf dieser Erde nicht von langer Dauer sein konnte. Es ist hinübergegangen. Großer Gott, heiliger Gott – Wilm! – lasse nicht allzulange auf Dich warten . . .! – Und Du . . .?« Ihre lieben Züge nahmen einen überirdischen Glanz an. Ihre weichen Arme umschlangen mich, sie preßte mich an sich, daß ich noch ihre Kräfte bewunderte, dann lispelte sie leise: »Lebe wohl . . .« Ich spürte ihren linden Hauch. Ihre Lippen legten sich fest und innig auf meinen Mund – und sie küßte mich lange. Als ich sie verließ, schluchzte sie wie ein Kind. Ich habe Hannecke Mesdag niemals wiedergesehen. – Träumend schritt ich am Ravelin vorüber. Träumerisch, weltverloren und einsam lag das gedehnte Ried im Frühlingsschauer unterm Abendstern, und immer feuriger, immer 356 werbender und lockender klang es von dort her in berückenden Lauten . . . »Hörst Du das . . .?« »Ich höre . . .« »Kärre, kärre-kärrekärrekiek . . .« * * * Etliche Wochen später, es war an einem schönen Abend im Mai, saß ich am Fenster meines Studierstübchens in westfälischen Landen. Über die Giebel und Dächer der alten Stadt fort sah ich ein Stück der münsterschen Heide, die unter dem Einfluß des Abendhimmels violettfarben herüberwinkte. Ich hatte in den Heidebildern der Annette von Droste-Hülshoff gelesen. Das wachsende Dunkel nahm mir das Buch aus der Hand. Ich sah gedankenlos, aber unter dem Bann einer steigenden Erregung, in die größer werdenden Schatten des Himmels hinein, aus denen sich allgemach ein weißer Punkt, ein milchiges Licht loslöste und deutlich hervortrat. Es war der Abendstern, derselbe Stern, der jetzt durch die Pappeln des Ravelins schimmerte. Auch Hannecke Mesdag mußte ihn sehen. – Hannecke Mesdag steht vor mir. Ihr Atem hebt ihre zartgerundete Brust, ihr halbgeöffneter Mund kann sich nicht mehr schließen, und die bläulichen Augenlider wollen zufallen . . . »Guten Abend! – Soeben angekommen . . .« 357 Mir wurde ein Brief eingehändigt. Es war ein Schreiben von meiner Mutter, in welchem sie mir mitteilte, daß mein Vater als Justizrat in die Hauptstadt der Provinz versetzt sei und ich meine Herbstferien dort schon verleben würde. Lebewohl, mein Junge. Postskriptum: Gestern vormittag wurde Hannecke Mesdag begraben. Da klaffte eine gähnende Leere in meinem Herzen, ich sah auf zum Abendstern, als wenn ich sie dort zu finden hätte – und weinte bitterlich. 358 XXIV Stimmt's, Pittje? – Es stimmt. Meine Geschichte hat ausgeklungen. – – – – – Ich kannte sie alle, die in ihr eine Rolle gespielt haben: Grades Mesdag, Hannecke Mesdag, Jakob Verhage, den jungen Heerohme, Pittje Pittjewitt und die übrigen Gestalten aus verklungener Jugendzeit. Ich bin ein Zeuge der meisten Begebenheiten gewesen, und wie mit leisen Harfenklängen zittert es durch meine Seele: Es war einmal. – Teils mit fröhlichem Herzen, teils mit dem Gefühl einer schmerzlichen Wehmut habe ich diese Blätter niedergeschrieben – und als ich die Feder beiseite legte, da knisterte es in den gelben Blättern der Bäume. Sie rollten sich auf, die Stiele lösten sich, und in kreisender Bewegung wurde das vergilbte Laub zur Erde getragen. Der erste klingende Frost war mit hellem Sonnenschein über die Landschaft gegangen. Etliche Tage später streckten die Baumkronen schon ihre kahlen Zweige gegen den Himmel; nur Buchen und Eichen hielten noch in trotziger Eigenart ihren braunroten und zähen Herbstschmuck fest, und auf den entlaubten Rosenbüschen am Waldrain 359 funkelten und protzten die knallroten Hagebutten wie wohlgemästete und selbstbewußte Domschweizer mit schwarzen Baretten. Mit lautem Geschrei streifte die Elster durch Hecken und Häge, der Häher warnte vor dem Jäger, und durch die Baumkronen zogen die Nebel – und als ich eines Tages am Fenster stand und über die sanften Höhenzüge des Taunus hinwegsah, löste es sich flockenweiß und silberlicht vom blaugrauen Himmel. Langsam, feierlich, ruhig und sich aneinander reihend schwebten die ersten Schneekristalle zur Erde. Eine weiche Decke von Eiderdaunen legte sich weithin – und die Menschen trabten lautlos an meinem Fenster vorüber. Lange sah ich hinaus in die winterliche Landschaft. dann trat ich vom Fenster zurück, zündete mir eine Zigarre an und ging rauchend im Zimmer auf und nieder. Die Buchenscheite spritzten und knackten im Kamin, der bei der stetig wachsenden Dunkelheit einen immer heller werdenden Lichtschein ins Zimmer hineinwarf. Über Tapeten und Teppich huschten zeitweilig die Reflexe der spritzenden Funken. Eine nicht niederzuhaltende Sehnsucht nach dem Schauplatz meiner soeben vollendeten Erzählung ergriff mich. Fein säuberlich geheftet lag das Manuskript auf dem Schreibtisch. Tote Buchstaben und tote Blätter! – aber sie bargen meine Jugenderinnerungen, und wie ich schon zum Beginn dieser Erzählung der Jerichorose gedachte, so stand sie mir auch heute lebhaft vor Augen. Das Manuskript hatte große Verwandtschaft 360 mit dieser geheimnisvollen Blume. Vergilbte Erinnerungen, längstvergessene Tage waren lebendig geworden und längstverzitterte Töne klangen hier von neuem; sie lockten und warben und geleiteten mich in das Land meiner Jugend. Ich hatte mich beim Schreibtisch niedergelassen. Tiefe Schatten lagen in den Ecken des Zimmers. Es dunkelte stark, und nur die Seiten der aufgeschlagenen Handschrift strahlten noch einige Helligkeit aus. Da war es mir, als ob sich in ihnen etwas bewegte. Filzige Blätter und vertrocknete Blüten krochen an spiralförmigen Stielen über das glatte Papier, bis sie wie mit einer netzartigen Masse das Ganze umsponnen hatten. Jetzt waren weder Blätter noch Blüten erkennbar. Ich beugte mich vorwärts. Eine Träne rollte über meine Wange und fiel in das scheinbar abgestorbene und regungslose Flechtwerk hinein, und siehe: was tot war, wurde lebendig. Saftgrün entfaltete es sich aus der verworrenen Masse, junge Triebe reckten sich auf, stumpfe Farben erstrahlten in leuchtenden Tönen, und eine geschlossene Knospe schwebte langsam aus dem Gewirr der frischen Keime und Ranken. Und wie sie emporstieg, legte sie sanft die Blätter des veilchenblauen Kelches zur Seite. Die Jerichorose war aufgesprungen. Ein Duft nach Flieder und Jasmin – und nach Reseden umgab meine Sinne. Im Duft werden alte Zeiten neugeboren; ich lebte und webte in meinen Erinnerungen. – 361 Es wurde Licht gebracht, und da entschwand auch das Wunder der Jerichorose – aber die Sehnsucht, die Stätte meiner Jugenderlebnisse noch einmal wiederzusehen, war mir geblieben. Außerdem war ich doch dem hochbetagten Pittje Pittjewitt in etwa verpflichtet. Ich setzte eine Depesche auf. Etliche Stunden später kam die Antwort zurück: »Herzlichen Dank! – Alles wohlauf! – Willkommen! – Pittje Pittjewitt.« Anderen Tages fuhr ich mit meinem Manuskript in der Tasche in den blitzenden Wintermorgen hinein. Prächtige alte Rheinweinnester lagen im Frühschein. Winkel, Rüdesheim, Aßmannshausen flogen vorüber. In Kaub läuteten die Sonntagsglocken, und die Pfalz spiegelte sich mit ihren Schneehauben im Rhein. Der Lurleifelsen wurde durchrasselt. Immer neue Bilder taten sich auf. Braubach, Ehrenbreitstein, Honnef grüßten flüchtig und blieben hinter mir; die Kuppen des Siebengebirges spannten sich aus, um bald zu verschwinden, und über eine kurze Weile donnerte und fauchte der Zug in den Kölner Bahnhof. Zwei Stunden Aufenthalt, ein schriller Pfiff – und weiter ging's den Rheinstrom zu Tal. Nach dreistündiger Fahrt war die Endstation erreicht. Ich vertraute mich hier dem Postwagen an, der mich in die engere Heimat tragen sollte. Bäume, Häuser und Wiesen – alles gute und liebe Bekannte! – und mit herzinniger Freude vernahm ich die ersten Laute niederrheinischen Idioms.– Endlich daheim – und bei Pittje Pittjewitt! – Na, diese Freude und Seligkeit! – Wieder brannten 362 die beiden Metalleuchter auf der weißgescheuerten Lindenplatte des runden Tisches, und wie im verflossenen Juni, so wurden auch heute die langen Tonpfeifen mit dem feinsten Holländer Krülltabak ›Admiral de Ruiter‹ gestopft und lustig in Brand gesetzt. Bläuliche Wölkchen kräuselten wie damals zur Decke, und im Kanonenofen knackte und polterte es, daß es einem ordentlich winterwohlig über den Rücken hinablief. Pittje saß vor mir mit seinem gutmütigen Ausdruck, mit seinen treuen Augen, seinem charakteristischen Kringel- und Ringelblasen und seinem haarscharfen Spucken – der echte und veritabele Pittje. – Alles wie früher! – In den dampfenden Tee wurde ein Gläschen Schiedam gegossen – dann legte ich meine Handschrift auf den Tisch. »Pittje – hier liegt's verbrieft und geschrieben.« »Die ganze Geschichte?« »Ja – die ganze Geschichte, und weil Du sozusagen Mitarbeiterschaft beanspruchen kannst, ist es nicht mehr wie recht und billig, daß Du sie auch als Erster vernimmst.« »Danke, Jupp – und meinetwegen kann's losgehen.« Und es ging los. Pittje lauschte mit gespannter Aufmerksamkeit. Bald lachte er, bald stierte er mit weit aufgerissenen Augen ins Kerzenlicht, bald zuckte ein wehmütiges Lächeln um die faltigen Mundwinkel, bis er schließlich unter Tränen seinen ›Admiral de Ruiter‹ verpaffte. Das verhutzelte Männchen war ganz Ohr und Aufmerksamkeit. Es schlug zehn vom Rathausturm – ich las weiter. 363 Zwölf Uhr – es wurde weiter gelesen. Der Nachtwächter verkündete die zweite Morgenstunde, neue Kerzen wurden aufgesteckt und frische Kloben auf das tiefgebrannte Feuer geworfen – noch immer hörte Pittje Pittjewitt zu und folgte mit lebhaften Gesten, Kopfnicken, mit verhaltenem Weinen und wehmütigem Lächeln den Begebenheiten der langen Erzählung. Er brannte die fünfte Tonpfeife an. Kurz darauf tat ich einen tiefen Atemzug und klappte die Blätter der Handschrift zusammen. »Na, Pittje Pittjewitt,« fragte ich aufstehend, »stimmt die Geschichte?« »Sie stimmt,« sagte Pittje und reichte mir die verschrumpfte Hand hin. Wir blieben noch zusammen, bis die lieben Sterne am Himmel verblaßten – dann schieden wir. »Also bis heute Abend bei Dores Küppers zu 'ner Bouteille Rotspon,« invitierte ich Pittje. »Gerne.« Ich wandte mich zum Gehen. »Noch eins, Jupp,« sagte Pittjewitt. »Wie betitelt sich die ganze Geschichte?« »Kärrekiek.« »Haha!« machte Pittje. »Ich verstehe – gut so. – Kärrekiek.«