Ulrich Hegner Auch ich war in Paris   Omnia rerum omnium, si observentur,   indicia sunt, et argumentum morum   ex minimis quoque licet capere. Seneca.     Berlin, bei G. Reimer. 1828.     Erster Theil. Der erste Theil dieser Reise war, wie man wohl sehen wird, nur für Freunde geschrieben; diese wünschten aber, daß er auch gedruckt würde, und – hier ist er. Ich weiß wohl, daß bei dem Publikum keine Entschuldigung solcher Art gilt, indessen bin ich diese wahrhafte Aeußerung mir selber schuldig.   Nachdem ich mich im Anfange dieses Jahres 1801 endlich von meiner politischen Bürde, die weniger groß als drückend war, losgemacht hatte, wurde die Begierde in mir rege, die erhaltene Muße (das ersparte Geld kann ich nicht sagen) zu einer Reise nach Paris zu nutzen. Schon seit mehrern Jahren trug ich mich immer mit einer Reise nach Rom, und meine Phantasie machte in dieser Zeit manchen Zug dahin, aber die Wirklichkeit wollte sich niemals geben, und nun war es zu spät; was wollte ich jetzt in diesem Lande thun, da seine beßten Kunstwerke, der Hauptgegenstand meiner Reise, von der großen Nation hinweg erobert worden, und bei der allgemeinen Unordnung die zurückgebliebnen schwerlich zu sehen seyn werden! Um den Charakter des Volkes kennen zu lernen möchte ich nicht hingehen, ich kenne ein besseres; und um Staatsverfassungen zu prüfen käme auch der Liebhaber dieses Studiums heut zu Tage wohl zu spät, weil man keine mehr findet, sondern allenthalben nur auf zusammenstürzende Trümmer von alten, oder rohe Baumaterialien zu neuen stößt. 4 Es bleibt dem berühmten Lande freylich noch seine schöne Natur, die keine schlechte Regierung verkrüppeln und kein Eroberer hinwegführen kann, und seine durch Geschichte und Kunst bedeutenden Ruinen des Alterthums. Allein wenn man einmal auf einem gewissen Alter ist, so macht man nicht mehr gern weite Reisen bloß für das poetische Gefühl, ob es gleich gut läßt und vornehme Sitte in Deutschland ist, von »den im jungen Sonnenstrahl aus Nebelhüllen emporsteigenden Hügeln der ernsten hohen Roma« mit der Wehmuth eines aller Freude abgeschiednen Geistes zu sprechen; oder die »Zypressen des Janiculus und Pinien des Montorio« wie Heilige anzurufen und demüthig zu bedauern, in den Sandwüsten und Nebelländern des Nordens geboren zu seyn; oder dem Publikum zu erzählen, wie man oben auf dem Capitol gestanden und »seine Thränen rinnen lassen auf die heilige Asche der Helden, zusammenschauernd in der Unwürdigkeit, wozu man vom Schicksale verdammt sey« – Große Worte und erhabene Empfindungen, nur Schade, daß sie mehrentheils mühsam zusammengelesene opera posthuma sind! Zudem bin ich nicht in dem kalten Norden geboren, der jedoch eben so glückliche Einwohner zu ernähren scheint, als das heiße Italien, von dessen brennenden Südwinden jene Schönempfinder nichts sagen, sondern in der Schweiz, wo die Natur in ihrer concentrirten Mannigfaltigkeit wenigstens erträglich ist; auch hab' ich schon lange 5 verlernt, Empfindungen nachzulaufen, weil ich aus Erfahrung weiß, daß die gemachten nicht die ächten sind. Nach Paris also soll meine Reise gehen, und zwar vorzüglich darum, weil dort so viele Schätze der Kunst vereinigt sind, die ehedem in den Kirchen, Gallerieen und Kabineten Frankreichs, Hollands, Deutschlands und Italiens zerstreut waren. – Ohne gerade ein Künstler oder Kenner geworden zu seyn, habe ich, schon von meiner ersten Jugend an, so viel Liebhaberey zur Kunst gehabt, so viel damit getändelt, darüber gelesen, gesammelt und sprechen gehört, und so wenig Schönes vom ersten Range gesehen, daß ich es zu meiner Ausbildung unumgänglich erforderlich halte, dahin zu gehen, wo das Beßte dieser Art zu finden, und, wie man versichert, so leicht zu genießen ist. Meine Freunde, für die ich diese Reise beschreibe, werden nicht fragen, wozu eine an Geld und Zeit kostbare weitere Ausbildung in einem Fache, zu dem man keinen öffentlichen Beruf hat? Sie sind mit mir überzeugt, daß ein Mann, der über die Jugendjahre hinaus ist, nicht mehr wählen kann, was er sich für eine Bildung geben wolle, sondern daß er sich's zur Pflicht machen muß, das, was er bereits hat, zu bearbeiten; habe er's nun durch Erziehung oder Liebhaberey, auf ebnem oder holperigem Wege erhalten. Ist es nur einmal sein erworbenes Eigenthum und kein unedles Gut, so darf und soll er es benutzen und vermehren, und dem Schicksale danken, wenn es ihm leichte 6 Mittel an die Hand gibt, seine geistige Ausbildung so gut als möglich zu vollenden. Aber nun ging es mir wie einem Verliebten, der in dem Anschauen seines Mädchens täglich neue Rechtfertigungen seiner Liebe findet, denn da ich einmal diesen Entschluß gefaßt und in das günstigste Licht gesetzt hatte, gesellten sich bald zu dem angegebenen Bewegungsgrunde noch eine Menge anderer. Das muß ein sehr reiner oder sehr blöder Mensch seyn, der nur Einen Grund zu einer Handlung hat. – Wer wird aber die Nebengründe alle angeben können oder wollen, welche einen gebilligten Vorsatz begleiten? Die Hauptstadt Europas wollt' ich sehen, den Mittelpunkt der neuen weltumschaffenden Politik, die hohe Schule der sinnlichen Kultur, das französische Paradies – ich wollte mich selbst überzeugen, wie eine Million Menschen in einem Umfange von sechs bis sieben Stunden beisammen wohnen können, ohne einander aufzureiben oder zu verpesten – das Treibehaus der leichten Höflichkeit wollt' ich besuchen, und sehen, was von diesem zarten Gewächse sich etwa noch auf einen alten Stamm pfropfen lasse; zugleich gedachte ich die Vortheile des einsamen Lebens in großen Städten zu prüfen – und endlich (wer wirft den ersten Stein auf mich?) wollt' ich sagen können: Ich bin auch da gewesen. Empörendes Sittenverderbniß, himmelschreyende Verschwendung und verworfene Armuth, werde ich sehen, aber eben deßwegen muß auch große und stille 7 Tugend da zu finden seyn. Man weiß ja, daß, wo die Versunkenheit der Sitten am tiefsten ist, musterhafte Tugend sich auch am kräftigsten emporhebt, so wie unter den lasterhaftesten Kaisern Roms der erhabenste Stoicismus blühte. So faßte ich mein Vorhaben auf mancherlei Art in Rahmen und Glas, und war sehr erfinderisch, die Bedenklichkeiten zu heben, welche mir die weite Entfernung von den Meinigen verursachte. Ich fing nun an, meinen Entschluß einigen Bekannten zu eröffnen, in der Hoffnung, Reisegefährten unter ihnen zu finden, die mir die besorgliche lange Weile der Wirthshäuser verkürzen, und ihre Bemerkungen mit mir theilen könnten. So lange ich noch von meiner Reise, als von etwas ungewissem, wozu ich wohl Lust hätte, sprach, wollte mich jeder begleiten. Jeder fand den Einfall vortrefflich, die Kosten unerheblich und ein paar Monathe wohl zu entbehren. Als ich aber die Zeit meiner Abreise bestimmte, und die Sache nicht mehr blos ein Luftzug der Einbildung war, sondern zur Wirklichkeit werden sollte, traten alle zurück und keiner wollte mehr mit. Ich sahe nun, daß es mit solchen schnellen Zusagen wie mit jeder Bekehrung ist. Der neue Mensch beschäftigt sich zuerst nur mit dem Gefälligen seines veränderten Zustandes, und vergleicht denselben mit 8 der bisherigen langen Weile der Alltäglichkeit, er schmeichelt sich mit der Wichtigkeit, die er, bey sich selbst wenigstens, durch den ungewöhnlichen Entschluß erhält, und glaubt auch die Leute sehen ihn bedeutender dafür an; wenn es aber Ernst gilt und Hand an's Werk gelegt werden soll, dann zeigen sich erst die Schwierigkeiten und Mühseligkeiten, über deren Anblick der Reiz der Neuheit sich verliert, und der Gelust verschwindet, so daß dann die erste Liebe bald erkaltet, und der alte Sauerteig wieder wirksam wird. Endlich gelang es mir doch einen, mir zwar persönlich unbekannten, Gefährten an Herrn G. von R. zu bekommen, zu dem sich nachher noch Herr St. von B. gesellte, welches mir sehr lieb war, weil ich mich anfänglich fast scheute, allein zu reisen. Ich hab' es auch nie bereut, indem ich an beyden Männern schätzbare Bekanntschaften machte; gleichwohl soll dem alten Sprichworte: qui a compagnon a maître , seine Wahrheit nicht benommen seyn. Für einen Mann, der mehr Welterfahrung hat, und nicht äußerlicher noch innerlicher Unterstützung bedarf, mag das Alleinreisen allerdings seine Vorzüge haben. Nichts ist peinlicher, als jemand ein Vorhaben eröffnen, wenn man voraus weiß, daß er's nicht billigen wird. So ging es mir mit meiner alten Mutter; ich war zwar fest zur Reise entschlossen und wußte 9 wohl, daß sie kein erklärtes Nein dazu sagen würde, aber ich fürchtete die geheimen Mutterthränen, wobey einem Sohne jede Entschuldigung auf der Zunge erstirbt; und so vermochte mich endlich nur die Furcht, sie möchte es aus fremdem Munde erfahren, und mir darüber gerechte Vorwürfe machen, daß ich meine, vielleicht kindische, Scheu vor der älterlichen Autorität überwand, und mit dem Geheimnisse herausrückte. Da ich diese Reise nicht unternommen, um die Welt, sondern um mich selbst zu unterrichten, so bin ich mir auch selbst zuweilen ein Gegenstand der Beobachtung gewesen, daher werden es mir meine Freunde auch zu gut halten, wenn ich etwa solcher persönlicher Angelegenheiten erwähne, oder wider meine Gewohnheit so oft von mir selbst rede. Unterdessen bin ich überzeugt, wer von sich selbst mit Wahrheit spricht, und aufrichtig die Eindrücke schildert, welche die Begegnisse (scheinen diese auch noch so geringfügig) auf ihn selbst machen, der spricht unter seinem eignen Namen von tausend andern, und darf das Mutato nomine de te getrost als einen Spiegel gegen Freund' und Feinde wenden. Es ist daher nicht immer Eitelkeit, von sich selbst zu sprechen, und es mag wohl mancher es wagen, sein eignes Ich einen Augenblick zum Gegenstande der Aufmerksamkeit zu machen, der dabey mehr Selbstverläugnung zeigt und weniger um Beyfall buhlt, als ein 10 anderer, der kein Wort von sich selbst sagt, und nur Könige und Fürsten zurechtweist. So würde ich auch noch gerne zwey mächtiger Anfechtungen gedenken, die sich mir in den Weg stellten, wenn ich es nur einzukleiden wüßte, ohne von neuem den guten Ton zu beleidigen; denn diese Hindernisse bestanden in zwey politischen Stellen, die mir in meinem unruhigen Vaterlande angetragen wurden. Wenn ich mir schon vorstelle, daß ich meine Reise nur einer Gesellschaft von Bekannten erzähle, wo man wohl etwas über die Schnur hinaus sprechen darf, ohne in den Schein egoistischer Abschweifung zu fallen, so fühle ich doch, daß es gewagt ist, von seinem Benehmen bei angetragenen Ehrenstellen (wenn man sie auch für keine halten sollte) viel zu sprechen. Man langweilt die Freunde, und die welche keine sind mögen es gar nicht vertragen. Es gibt Privatangelegenheiten, besonders von dieser Art, über die man seine Empfindungen niemals laut werden lassen soll, auch in das Ohr des vertrautesten Freundes nicht, weil jedes menschliche Gebrechen, das unsrer verkehrten Natur anklebt, eher seines Gleichen um sich leidet, als die erbsündliche Eitelkeit, die, wenn sie im Busen zweyer Freunde sich auch nur leise berührt, sogleich eine kleine Entfernung erzeuget, wovon die Wirkung oft noch fortdauert, wenn man nicht mehr an die Ursache denkt. Es schaden daher solche kleine, auch nur momentane, Zurückstoßungen und fliegende Antipathieen der Freundschaft 11 unendlich, und thun ihr oft mehr Abbruch, als aufsehenerregende Schwachheiten. Nicht daß ich damit den Aristoteles unterstützen wolle, wenn er ausruft: Ach, meine Freunde, es gibt keinen Freund! – sondern ich möchte nur auf die zarte Gebrechlichkeit des reinsten und edelsten menschlichen Gefühls, welches wir Freundschaft nennen, aufmerksam machen – und mit dieser Warnung mich selbst entschuldigen. So wie der neue Schweizer in mancher Rücksicht mehr geschoren ist als der alte, so ist er's auch mit den Pässen, und was das kränkendste ist, so sind auch an dieser Schererei abermals unsre Befreier schuld. Ehemals konnte einer mit einem altväterischen Passe von seiner altväterischen Obrigkeit durch ganz Europa reisen; jetzt muß man sich erst wie ein Rekrut messen und wie ein Schelm signalisiren lassen, und dann warten, bis der Regierungsstatthalter noch seine Unterschrift dazu gegeben. Kommt man nun mit so einem Passe nach Deutschland, so wird man, wenn's noch gutgeht, mit seinem Wilhelm Tell (auf dem Siegel) ausgelacht, von dem sie sogar behaupten, er habe niemals gelebt. Will man aber die Mutterrepublik besuchen, so nimmt sie einen aus zärtlicher Vorsorge nicht auf, es sey denn, der Minister der auswärtigen Angelegenheiten habe 12 sein Certifikat und der französische Gesandte sein Visa beygesetzt, welch letzterer dann noch beyfügt, daß man sich bey dem Präfect der ersten französischen Grenzstadt vorzeigen solle. Welche fatale Weitläuftigkeit, besonders für den, der dringende Geschäfte hat – und welche sclavische Dependenz würd' ich sagen, wenn Frankreich nicht seine guten Gründe dazu hätte! Da wir aber unabhängige Verbündete sind, so hätte das höfliche Frankreich uns wenigstens diese Gründe erklären, oder nach dem heiligen Rechte der Gleichheit uns auch gestatten sollen, keinen Franzosen in die Schweiz zu lassen, dessen Paß nicht vom helvetischen Minister in Paris unterzeichnet wäre – so hätte doch dieser Minister auch was zu thun gehabt! Das Beßte ist noch, daß mir diese ganze, vielfach unterschriebene, besiegelte und bestempelte Erlaubniß in das gelobte Land zu reisen, nicht mehr als drey Batzen kostete. Auch war ich in Verlegenheit, einen bürgerlichen Charakter, wie die Pässe fordern, anzugeben. Als Kaufmann, sagte man mir, könne ich am sichersten durchkommen; aber das bin ich nicht. Einen Gelehrten mag ich mich auch nicht nennen lassen, weil ich zwar vieles weiß, aber gemeiniglich das nicht, was man mich fragt. Am liebsten hätte ich noch für einen Mahler passirt, weil ich mit Darlegung meiner historischen Kunstkenntnisse der Mahlerzunft und mir selbst hätte 13 Ehre machen können; aber ich besorgte, die scharfen Wächter der Verrätherey in Frankreich möchten auf einen praktischen Beweis dringen, wo ich dann als ein gemeiner Pinsel zum Vorschein käme. – Wie man oft über Kleinigkeiten in stärkerer Verlegenheit ist, als über große Dinge, so wußte ich mir auch hierin nicht zu helfen, bis mir endlich ein mitleidiger Freund das natürlichste und zweckmäßigste rieth: ich sollte mich als amateur des arts präsentiren. Gerne hätte ich nun auch noch Reisebeschreibungen nachgelesen und mir Notizen gesammelt, ich konnte aber nicht mehr dazu kommen. Nun, so sehe ich was sich darbietet, dachte ich, und sehe es desto unbefangener, wenn es mir von keinem Weltverbesserer vorgeleyert wird. Zwar bestrebte sich auch mancher meiner Bekannten, die in Paris gewesen, mir einen Vorschmack der dortigen Seligkeit beyzubringen. Alles thut sich darauf zu gut, dort gewesen zu seyn; daher erzählte mir jeder was er wußte, ja oft noch mehr. Wenn man aber, wie es manchmal geschieht, nur bey dem unbestimmten ersten Eindrucke, den das ungewohnte Große und Schöne macht, stehen bleibt, ohne denselben weiter mit Verstand zu entwickeln, oder sich das Gesehene durch Nachdenken eigen zu machen, oder sich an das Einzelne mit liebevoller Aufmerksamkeit zu hängen, so geht es einem mit seinen Reminiscenzen 14 bald wie dem Apuleius, als er in einer bekannten Lage alle seine Empfindungen nur durch einen gewissen eignen Schrey ausdrücken konnte. Bey manchem meiner Erzähler glaubte ich etwas ähnliches zu hören. Eben so mußte ich, wie einer der das Zahnweh hat, und dem von jedem Vorübergehenden ein Mittel empfohlen wird, auch manchen wohlmeinenden Rath über die ökonomischen und Fuhrwerksangelegenheiten meiner Reise anhören, ohne daß ich darum fragte. Ein ungebethener Rath aber ist mir so wenig willkommen, als es mir seit unsrer Staatsveränderung die ungebethenen Gäste sind, weil beyde die gleichen Ansprüche auf unverdiente Aufmerksamkeit machen, und dem, der den Frieden liebt, einen unerträglichen Zwang der Höflichkeit gebieten. – Man gibt sich auch durch nichts so bloß, und verräth so seine Particularneigungen und Leidenschaftlichkeiten, als wenn man unaufgefordert sich in fremde Angelegenheiten mischt, und Leuten, von denen vorauszusetzen ist, daß sie über ihre eignen Sachen selbst nachdenken oder fragen werden, wenn sie eines Rathes bedürfen, geschwind seine vorübergehende Ueberzeugung beybringen will. Wenigstens sollte man es machen wie die nordamerikanischen Wilden, die, wenn sie ein Vorhaben für gefährlich halten, ihre Warnung in eine Allegorie kleiden, so gäbe es doch auch was sinnreiches zu hören. Ueberhaupt sollte man bedenken, daß selbst ein erbethener Rath selten haftet, und sich 15 diese Sache dem Menschen nicht so geschwind anhängen läßt, wie man einen Hut an die Wand hängt. Im gegenwärtigen Falle galt es nun freylich so ernsthaft nicht; ich wurde nur dadurch an diese allgemeine Rathgeberey erinnert, gegen welche ich jetzt selbst einen ungebethenen Rath ertheile. Empfehlungsschreiben, die mir ungesucht angeboten wurden, wies ich nicht von der Hand, weiter aber gab ich mir auch keine Mühe darum, weil ich niemals weder bey mir selbst noch bey andern viel vortheilhafte Wirkung davon verspürt habe. Ich rede von den Empfehlungsschreiben, die uns bey angesehenen Personen oder in die feine Welt einführen sollen, wenn wir noch schwach genug sind, solchen Alltäglichkeiten nachzugehen. Man gibt solche Recommandationen zuweilen aus Eitelkeit, um zu zeigen, daß man auch auswärts bedeutende Bekanntschaften habe; diese sind gar oft die feurigsten, weil man, was an der Bekanntschaft abgeht, durch das hohe Lob des Empfohlenen zu ersetzen sucht, aber sie sind selten die kräftigsten, eben um ihres Ursprungs willen; und wehe dem vernünftigen Manne, der mit Posaunenton aufgeweckten Erwartungen entsprechen soll! Oder man gibt sie auch, wie sie ehmals einer meiner Freunde gab, weil es in der Schrift heißt: gib dem, der dich bittet. Diese werden sehr ungleich 16 aufgenommen, je nachdem sie in gläubige oder ungläubige Hände fallen. Haben sie aber auch wirklich freundschaftliche Gesinnungen zum Grunde, so kommt doch immer das meiste auf den empfohlenen Gegenstand selbst an. Auch das beßte Prädikat kann einem gemeinen Subjekte nicht lange helfen; man fühlt Fremden gewöhnlich mehr auf den Puls als Bekannten. Und wenn auch die Empfehlung einen würdigen Mann getroffen hat, so ist äußere Höflichkeit und selten etwas mehreres die Folge derselben. Man wird zum Essen und in Gesellschaften eingeladen, und, wofern das nicht Zweck der Reise ist, bey kurzem Aufenthalte nur um seine Zeit gebracht. Man könnte es zum Erfahrungssatze machen, daß der Freund unsers Freundes selten auch unser Freund wird, und daß die beßten und dauerhaftesten Verbindungen immer die unempfohlenen sind. Für Reisende, die auf die Heirath, sey es nun der Mädchen oder der Meinungen, ausgehen, ist es allerdings ein Gewinn, sogleich in einem Hause Zutritt zu haben, wo verheiräthliche Frauenzimmer sind, oder in gelehrten und politischen Gesellschaften produzirt zu werden, wo sie sich orientiren können; oder sich einem großen Manne zu nähern, um ihm mit Hülfe der Recommandation Worte der Vertraulichkeit abzulocken und sich seine Geberden als Maximen des Betragens zu abstrahiren (oder zu perhorresciren). Ohne diese Vortheile würde auch manche Reisebeschreibung nicht 17 an das Tageslicht gekommen seyn, worin jetzt der »Herr Urian« viel Wesens von seiner günstigen Aufnahm aller Orten, den Folgen seiner Empfehlungen, macht, und so umständlich über die wechselseitigen Gefälligkeiten und seinen Gespräche ist, wie Don Quixote über seine Abentheuer in der Höhle von Sierra Morena. Ja es scheint allmählich in dem schreibseligen Deutschland Sitte zu werden, seiner eignen und Andrer guten Lebensart und Urbanität ein solches Monument zu stiften. Ob aber diese Denkmale deutscher Art und Kunst, die heute gelesen und morgen vergessen werden, als eine Widerlegung meiner ungefälligen Bemerkungen gelten können, ist noch die Frage. Unterdessen möchte ich niemand seine Freude verderben; wenn einer gern seinen Zeitvertreib bey der langen Weile sucht, so kann er sich meinetwegen immerhin mancher sogenannten guten Gesellschaft durch Recommandationen aufdringen. Ich gebe nur meine eignen Beobachtungen und Erfahrungen an, und die haben mich immer gelehrt, daß verständige Reisende, denen nicht mit dem leeren Aeußern gedient war, eben nicht viel Werth auf ihre Empfehlungen legten, und die davon abhängenden Besuche zwar gutmüthig mitmachten, jedoch selten ohne den geheimen Seufzer der Lästigkeit. Hierfür spricht auch das Beyspiel des heiligen Howards, der wohl nicht zum Zeitvertreib reiste, und gewiß nichts zu benutzen unterließ, was er zu seinem 18 Zwecke dienlich fand, und der dennoch auf seinen Reisen selten von Empfehlungsschreiben Gebrauch gemacht und behauptet haben soll, daß er in seinen Nachforschungen glücklicher sey, wenn er sich selbst überlassen bleibe. Dem Guten und Edlen, dem Großen und Schönen beyzukommen, gibt es jedoch ein Mittel, das zwar im Anfang einige Selbstüberwindung kostet, aber kräftiger wirkt, und tiefer eingreifende Bekanntschaften macht, als alle Empfehlungen. Es besteht darin, daß man es wage, sich selbst zu empfehlen, daß man sich nicht scheue, einem Menschen, oder jedem andern merkwürdigen Gegenstande, wenn die Neigung zu ihm aus reiner Quelle fließt, ohne anderes Geleit, als die Einfalt und Klugheit, die einem gebildeten Manne geziemt, entgegen zu gehen, und man wird Wunder sehen, wenn man diesem Charakter getreu bleibt, mit welcher Leichtigkeit und welchem erhöheten Selbstgefühl man seinen Zweck erreicht; denn, wenn es einen »wahren Glauben, dem alles möglich ist,« gibt, so besteht er in dem Zutrauen auf die Reinigkeit der Absicht und dem weisen Benehmen dabey. Und wenn auch nicht alles nach Absicht gelingen sollte, so macht man doch andre brauchbare Erfahrungen, die immer das Handeln aus eigner Kraft begleiten. Es ist möglich, daß man zuweilen auf diesem Wege der Verspottung begegnet, oder sie anfänglich wenigstens befürchtet, allein das halte uns nicht ab; der Spott haftet nicht an einem reinen Vorsatze, und eben 19 diese Selbstüberwindung lehrt uns das wahre Glück des Lebens kennen. Nondum felix es si nondum turba te irriserit, sagte mehr als Ein alter Weiser. Freylich mißbraucht auch oft die Frechheit dieses Betragen, das nimmt aber seinem Werthe nichts; man weiß ja, daß das Beßte immer dem schlimmsten Mißbrauch ausgesetzt ist. Meine Abschiedsbesuche waren bald gemacht. Die theilnehmende Freundlichkeit meiner wenigen Freunde freute mich; ich kann aber nicht sagen, sie versüßte mir das Bittere des Abschieds, denn ich fühle diese Bitterkeit selten; ich habe wenig Sinn für die Trennung, und keinen Maßstab in meinem Herzen für ihre Dauer; gewöhnlich kann ich das Liebste verlassen, ohne eine Spur von Trauer in mir selbst zu entdecken, hingegen rührt mich in ähnlichen Fällen oft die Wehmuth anderer zu einer mitleidigen Zähre, jedoch meistens in umgekehrtem Verhältnisse ihres lauten Ausbruchs, so wie der stille Seufzer gottergebener Demuth niemahls ohne Wirkung an meinem Herzen vorübergeht. Wenn ich indessen auch in dem Momente der Trennung nichts fühle, so kenne ich doch die Sehnsucht der abwesenden Liebe, und treue Anhänglichkeit an meine Freunde verläßt mich in der Ferne so wenig als in der Nähe. Es sind mir schon Freunde gestorben, die mein Herz selbst gewählt hatte, die mein 20 ganzes Vertrauen besaßen, an die ich immer mit der reinsten Freude dachte, ja einer starb plötzlich – und ich fühlte nichts bey ihrem Tode, meine Empfindung blieb ungerührt, ich trauerte weder um sie noch um mich, aber mich ergriff die Trauer der Ihrigen, daß ich mein Auge voll Thränen wegwenden mußte, und wenn diese Verstorbenen nach Jahren wiederkommen könnten, ich liebte sie noch mit der alten Treue, denn für die Treue kann ein rechtlicher Mann immer stehen; etwas anderes aber ist es mit der Zärtlichkeit in der Freundschaft, diese richtet sich, wie ich schon bey berühmten Verbindungen dieser Art gesehen habe, nach dem Thermometer unsers Wissens und Glaubens überhaupt. Freundschaft ist nicht ein Geschäft des Herzens allein, und hängt nicht bloß vom Willen ab, sondern eben so sehr von der Uebereinstimmung der Gesinnungen und von der Richtung der Verstandeskräfte; so lange wir aber hierin noch wandelbar befunden werden, sollen wir nicht von der Unsterblichkeit der Freundschaft sprechen. Ueberdieß ist die Trauer beym Abschied, so wie die Freude beym Gruß und die Empfindung beym Dank, so selten ganz rein und unvermischt von eigner und fremder Täuschung, daß, wer die Welt und sich selbst kennt, auf die Aeußerungen dieser Gefühle gern Verzicht thut, und zuletzt, wie Montaigne, nicht gern mehr grüßt, und nicht gern Abschied nimmt, nicht gern danket, und nicht gern hat, daß man ihm danke. 21 In solcher Sinnesart herrscht freylich Mangel an scheinbarer Gefälligkeit, aber darum noch kein Mangel an wohlwollender Liebe, denn diese kann mit der Wahrheit bestehen, auch mit derjenigen Wahrheit, welche unsre Gebrechlichkeit aufdeckt. So mögen wohl auch meine Erfahrungen viel zu dieser Kälte der Empfindung beygetragen haben. Wie oft sah ich, daß jene schluchzende und händeringende Abschiedszärtlichkeit nichts weiter war, als momentane oberflächliche Reizbarkeit, die sich, ach wie schnell! in Gleichgültigkeit und Vergessenheit auflöste. Saepe videtur esse charitas, et est magis carnalitas : sagt der herzenskundige Thomas a Kempis. Ich sah ein zärtliches Ehepaar Abschied auf eine Reise von etlichen Tagen nehmen; sie umarmten sich, weinten, hingen sich wieder um den Hals, exclamirten, kehrten zurück, konnten sich nicht lassen, gestikulirten noch von weitem – Ich schämte mich meiner Kälte – Und diese empfindsamen Personen konnten keine Woche ohne groben Zank hinbringen, wollten sich immer scheiden lassen, und verwünschten sich in der Abwesenheit. Ich sah einen Bruder, der seine zwey Geschwister, indessen er sie um ihr Erbtheil schändlich betrog, nie anders verließ, als in zärtlichen Thränen zerschwimmend. Hingegen welche wohlwollende Aufmerksamkeit leuchtete mir oft aus den kaltscheinenden Aeußerungen ernsthafter und gesetzter Menschen entgegen! 22 Der Abscheu vor dem Empfindeln macht, daß man oft seine wahre Empfindung zurückhält, und diese Zurückhaltung kann bald zur Gewohnheit, und Gewohnheit nach und nach zur Natur werden. An dem schönsten Frühlingsmorgen reiste ich den 13. May 1801 von Hause ab, und tröstete noch die Meinigen mit der kurzen Dauer meiner Reise und dem nicht unedeln Zwecke derselben, Menschen und menschliche Künste zu sehen. Hierzu fand ich wirklich schon in Zürich Gelegenheit, wo eine Ausstellung von Kunstwerken lebender schweizerischer Künstler, ein französischer Kunstreuter, und ein deutscher Tonkünstler, also Kunst und Kunststücke nach Belieben, zu sehen und zu hören waren. Die Gemählde-Ausstellung war gerade zum letzten Mahle sichtbar, und wurde noch stark vom geschmackliebenden Publikum besucht. Es fanden sich Gemählde und Zeichnungen da von Bidermann, Geßner, Lips, Rieter, Wocher und einigen andern, die allerdings eines öftern Besuchs werth waren, wenn auch das Publikum noch geschmackvoller gewesen wäre; Stücke, die sich auf jeder Gemähldeausstellung hätten zeigen dürfen. Freylich wurde von Kunstverständigen auch an diesen verschiedenes getadelt, zum Beispiel (ich nenne gerade die vorzüglichsten) an Bidermann, der in seinen Viehstücken mit dem größten Erfolge die Bahn 23 der berühmten Niederländer betritt, fand man das Colorit seiner Landschaften etwas zu wasserfarbig und bunt, und schrieb solches den vielen Arbeiten in Aquarell zu, womit er sich bey Verfertigung seiner Schweizeraussichten (den ersten übrigens in ihrer Art) beschäftigt. – An den mit scharfem Verstande gedachten und mit unermüdlicher Kunst behandelten Gemählden Rieters tadelten sie, bey aller Kraft des Pinsels, noch eine gewisse Härte und Mangel an Harmonie, an andern anderes. Wenn man indessen auch zugibt, daß der Tadel an sich nicht ungerecht war, so prädominirten doch die Schönheiten weit über die Fehler, und es ist nicht zu vergessen, daß der Forderungen so viele sind, die man an ein Gemählde machen kann, mehr als an jedes andere Kunstwerk, daß selbst der Meister aller Meister nicht vor dem Richterstuhle der Vollkommenheit besteht. Hätten meine Wünsche auch Kraft, so gäbe ich jenen noch etwas von Geßners größrem Style, und diesem wünschte ich die Reinheit der Farben und klare Lieblichkeit jener. Wochern bäthe ich, sein außerordentliches Talent nicht an Copien in Wasserfarbe und Auflösung schwerer aber kleinlicher Probleme zu verschwenden, und den kunstgerechten Zeichner Heinrich Lips würde ich zuweilen an seine geliebten und ehemahls so glücklich nachgeahmten Vorbilder Italiens erinnern, um nicht von dem Geiste kleinstädtischer Aengstlichkeit und unbedeutsamer Nettigkeit befangen zu werden; 24 auch um des begründeten Ruhms willen, den er sich durch seinen Grabstichel erworben, glaubte ich ihm rathen zu dürfen, sich nicht ganz kleinern Arbeiten hinzugeben, sondern daneben immer ein großes Werk an der Hand zu haben, an dem er sich erhohlen und erheben könne. Man hätte kaum erwarten dürfen, daß in Helvetien, wo es den Künsten jetzt so ganz an aller Unterstützung fehlt, noch solche treffliche Werke zum Vorschein kämen. Freylich sind viele dieser Kunstwerke noch aus den vorigen Zeiten, aber auch damahls war die Unterstützung nur kärglich, denn die Kunst bedarf großer Herren, und solche gab es in der Schweiz nicht, obwohl einige glaubten, es zu seyn. Doch gab es von Zeit zu Zeit vornehme Reisende, die ein Andenken jener glücklichen Gegenden oder schönen Ansichten mit sich nehmen wollten, und so das Talent unterstützten; jetzt aber sind die vornehmen Reisenden und das Glück der Gegenden verschwunden, und der Künstler hat nichts mehr als die schönen Ansichten, die noch die heilige Flamme seines Geistes beleben. Schade ist es übrigens, daß die Vorsteher dieser Ausstellung nicht etwas strenger in der Auswahl gewesen sind, und so viel schülerhafte Produkte aufgenommen haben, von denen sich der gute Geschmack wegwendet. Es ist nicht Aufmunterung für Ungeschickte, wenn sie ihre Werke neben den Arbeiten großer Meister ausgestellt sehen, es ist vielmehr ihr Verderben. 25 Künstler von der untern Klasse haben ohnehin die Gewohnheit, ihre Werke so lange mit amorosen Blicken und in jedem Lichte anzuschauen, bis sie das Verdienst, das nicht in der Wirklichkeit da ist, wenigstens hinein imaginirt haben. Sehen sie sich nun wirklich ausgestellt, so verschieben sie auch den wahren Gesichtspunkt der Ausstellung, und horchen auf nichts als auf die günstigen Worte des begaffenden Pöbels, der das schlechte zu loben verdammt ist, oder sie halten sich an den Trost, in dem gedruckten Verzeichnisse zu figuriren. Man wird sagen, ich rede nur von Thoren, aber ich antworte: hätten sie Verstand, so würden sie besser mahlen, oder ihre Werke nicht auf die Ausstellung geben. Ich bin aber überzeugt, daß es nicht so wohl um der Aufmunterung willen geschah, daß solche Gegenstände aufgenommen wurden, als aus Mangel an Besserm, und um die Wände voll zu machen; hauptsächlich aber ist es eine Wirkung der schweizerischen Gefälligkeit. – Schweizerische Gefälligkeit, ist denn die so groß? Ja, sie ist so groß, daß sie zur moralischen Schwäche geworden ist. Es ist eine Ohnmacht der dreistgeäußerten Erwartung andrer zu widerstehen, die wenigstens die Städtebewohner unsers Vaterlandes auszeichnet, und sich auch hier im Kleinen äußerte, so wie sie im Großen an mancher unsrer gegenwärtigen Unannehmlichkeiten Schuld ist. Nachdem ich auch hier noch von einigen Bekannten Abschied genommen, und von freundschaftlicher 26 Hand ein Empfehlungsschreiben nach Paris erhalten hatte, eilte ich von Zürich wegzukommen, denn es wurde mir da so viel von der traurigen Lage des Vaterlandes und seiner Nichtunabhängigkeit erzählt, daß mir der anwesende französische General und die Menge lustiger Offiziere, die ich zu sehen Gelegenheit hatte, ein Dorn im Auge waren, und mir alle Freude vergällten. Den 14. May reiste ich in der Basler Landkutsche mit vier Passagieren, worunter zwey Offiziere waren, von Zürich ab. Ich fahre nicht gern in Einem Wagen mit Leuten, die nicht meine Vertrauten sind; man ist sich zu nahe. Ueberdieß klebt mir von der Einsamkeit meiner Kinderjahre her die Unart der Verlegenheit an, dagegen kein Zwang und kein Sträuben hilft, bis ich mit dem Unbekannten nach und nach bekannter werde; ich habe keine Ruhe, so lange ich nicht die individuelle Seite dessen, der mir gegenüber ist, zu treffen weiß. Es ist Mangel an gutem Ton, Ungeduld der Beobachtung, ich weiß es wohl, kann es aber nicht ändern, und tröste mich dann am beßten mit Schweigen, und mit dem Gedanken, daß ich allein darunter leide. Schwerlich aber werde ich, auch im Sitze der feinen Lebensart selbst, dieser Ungeschicklichkeit mehr ganz los werden. Von Zürich bis Baden war mir die Fahrt sehr unangenehm, weil sie durch die Gegend ging, welche 27 so lange der Schauplatz des Krieges und soldatischer Zügellosigkeit war. Noch sahe man die Hütten der Soldaten an den Hügeln; auf der Stirne des armen Landmanns glaubte ich noch den Schweiß geplagter Mühseligkeit und die Thräne des Kummers auf seiner Wange zu erblicken. Auch die abgebrannte Brücke und die Trümmer der Häuser zu Wettingen erregten keine fröhliche Erinnerungen, und ich hörte ungern die Offiziere von der Schande der Menschheit, dem Kriege, sprechen. Freylich hat sich schon manches wieder erholet, vieles steht noch zu hoffen, am meisten aber ist zu wünschen übrig. Auch fehlt es in meinem rathlosen Vaterlande weder an Hoffnungen noch an Wünschen, das schlimmste aber ist, daß jeder seine eignen hat; die meinigen beschränken sich post tot discrimina rerum einzig noch auf zwey Punkte, nämlich auf die Eintracht, sey dann das Object der Uebereinstimmung was es wolle, und auf die Entfernung der fremden Truppen, die zwar die äußerliche Ruhe des Staates zu erhalten scheinen, die innerliche der Häuser aber stören. Doch wenn nur einmahl die Eintracht da wäre, mit der Entfernung der Truppen würde es sich dann schon geben. Aber das ist eben die schlimmste Folge einer Revolution, daß den Leuten dadurch die Augen nicht auf- sondern zugehen, und Freunde und Feinde derselben, wie Pharao bey der Revolution Mosis, anstatt sich zu nähern immer verstockter werden. Die einen wollen 28 lieber alle zehen Plagen Egyptens ausstehen; als sich in die Zeichen der Zeit schicken, die andern aber legen es darauf an, vierzig Jahre in einer Wüste zu leben. Diese unangenehme Stimmung machte, daß ich auch das alte Schloß zu Baden, dessen Ruinen mir nie gefielen, mit neuem Widerwillen ansahe. Es ist nicht nur ein Denkmahl des Kriegs und zwar eines, freylich kürzern, aber noch unsinnigern als der letzte war, sondern es ist zugleich ein Denkmahl der kleinlichen Eitelkeit gewisser hoher Stände, die bey der Schleifung desselben darauf sahen, daß es ja nicht ganz niedergerissen werde, sondern als ein immerwährender Triumphbogen in eidgenossischem Geschmack zum Schrecken ihrer Feinde zur Hälfte stehen bleibe. In Arau waren wegen des heutigen Himmelfahrtsfestes alle Wirthshäuser mit tanzenden und singenden Bauern angefüllt, und auch in den Gassen standen sie in Menge mit ihren Mädchen umher. Ein munteres Volk, das, der geringen Entfernung ungeachtet, durch blühendere Gesundheit und leichtere Haltung des Körpers sehr von den lederfarben Landleuten eines benachbarten Kantons absticht, die voll Hypochondrie und neidischen Mißmuths kaum noch das Kegelspiel als eine Ergetzung treiben mögen, und wenn sie mit ihren Unschönen gesellschaftlich zusammen kommen, keinen andern Lebensgenuß kennen, als sich 29 unterm Abschreyen alberner Lobwasserscher Psalmen zu betrinken. So war es noch 1801. Seitdem sind andre Lieder aufgekommen, wogegen man jene Psalmen als ein Heiligthum zurückwünschen möchte. Doch ist zu hoffen, daß die neuentstehenden Sängervereine bald einen für Sitte und Kunst angemessenern Ton zu Stadt und Land einführen werden, wenn die Sache nicht bis zur Ostentation getrieben, und dadurch wieder abschreckend wird. 1826. Ein sittlicher Verfall, wovon es nicht schwer, und vielleicht heilsam wäre, die Ursachen anzugeben, wenn einer es wagen wollte, seine Haut dem Stich ergrimmter Wespen und seine Ohren dem Gesumme geistlicher Hummeln preis zu geben. Beym Nachtessen ließ sich ein armer Musikant mit seinem Weibe und zwey Knaben hören. Schon der Vortheil, daß ich während dieser Zeit nichts sprechen muß, und doch etwas nachzusinnen habe, macht mir diese Tafelmusiken erwünscht. Darf ich aber noch hinzufügen, daß in der Musik solcher fahrender Spielleute etwas anziehendes und rührendes für mich ist, das oft mein Gefühl stärker ergreift, als das künstlichste Concert, zu dem man sich in Putz und Pracht, und mit gespitzten Ohren versammelt. Diese Rührung mag ihren Grund zum Theil in der romantischen Vorstellung von ihrem Leben, hauptsächlich aber in der Musik selbst haben. Die Tänze und Volksgesänge, welche sie spielen, sind meistens allbeliebte Melodien, die nicht durch Protection, sondern durch ihre eigne Trefflichkeit, sich in die Kreise des fröhlichen Lebens 30 eingedrungen und erhalten haben, und in reicherm Maße von dem wahren Geiste der Tonkunst angehaucht sind, und deßwegen auch mehr reelle Wirkung auf die unverfälschte Empfindung haben, als so manches modisches Meisterstück gelehrter Harmonie. Man sollte also diese Leute nie schnöde abweisen, noch weniger sie während ihres Spieles lächerlich machen; man beleidigt in ihnen die himmlische Kunst, deren Zweck es ist, uns mit allem, also auch mit armen Musikanten, in Harmonie zu setzen. Man stößt zwar allenthalben auf kleine Spuren unsrer Staatsveränderung, doch kann man nicht von gar allen mit Fug sagen_ Vestigia terrent . So begegnete uns heute (15. May) auf offener Landstraße eine katholische Procession, die ganz bescheiden und demüthig, wie es sich für bethende Christen geziemt, an uns vorbey zog, und nicht, wie es wohl ehedem, wo nicht hier doch anderswo, geschah, aus Eifer für die Ehre Gottes mit Steinen nach dem Wagen warf, oder ihn umzuschmeißen drohte, weil der Aberglaube auf den Mienen der Reisenden Ketzerey las. Ehre dem Ehre gebührt! Daß das Pfaffenthum nicht mehr aus den gastfreundlichsten Menschen zu gewissen Zeiten wilde Thiere machen kann, ist eine wohlthätige Folge der Revolution. Hingegen gewährt etwas anders, das neu, obgleich an sich unschuldig ist, den reisenden Schweizer einen 31 sehr unangenehmen Anblick; ich meine die Zahlen der Häuser, welche ihm die Erinnerung so vieler lästiger Einquartierungen aufregen, die seine häusliche Bequemlichkeit störten, oder seinen kleinen Vorrath aufzehrten, oder, wenn sie's gut meinten, ihm das langweiligste Detail von Scharmützeln vortönten, oder sonst mit eingebildeter Ueberlegenheit ihre Unwissenheit auskramten, und er bey allem dem noch die sclavische Miene der Erkenntlichkeit annehmen mußte. Diese Nummern sind auch an den niedrigsten Hütten der Armuth angebracht, und wer kann sich dabey enthalten, an die Drangsale des dürftigen Bewohners zu denken, die er von den rohen Gästen hülflos erdulden mußte! – Wenn auch diese Gäste nicht wirklich vorhanden sind, so ist doch die Nummer der Titel dazu, und also dem ungewohnten Schweizer immer ein drückender Anblick. Den Nutzen möchten jedoch diese Zahlen haben, daß man sie als den Maßstab der ästhetischen Kultur eines Ortes betrachten kann; denn in Arau waren sie schon besser gemahlt als in Olten, und da besser als auf dem Lande; in einigen Dörfern aber so schlecht, daß sie auch auf der dienstfertigsten Gemähldeausstellung kaum einen Platz gefunden hätten. Im Kanton Basel herrscht schon wieder eine ganz andere Bauart der Häuser, als im Kanton Argau und 32 Solothurn, und dort eine andere als im Kanton Baden und Zürich. Hiervon aber ist der Grund wohl nicht leicht anzugeben; ich glaube indessen, daß er mehr in der Anhänglichkeit der Landleute an die Gewohnheiten ihrer Väter, und in ihren eingeschränkten Geistesbedürfnissen, als in der Verschiedenheit des Klima und des Landbaues, wie man gewöhnlich behauptet, zu suchen sey, denn hierin ist ja keine Verschiedenheit, wenigstens keine so große, daß sie Ursach einer solchen Wirkung seyn könnte. Die gleiche Bewandtniß, wie mit der Bauart, hat es auch mit der Kleidung, der Sprache und der körperlichen Bildung, worin sich wohl in keinem Lande so viel Abänderung in einem so kleinen Raume zeigt, wie in der Schweiz, obwohl der Schweizer bey allem dem doch einen allgemeinen Nationalcharakter hat. Diese verschiedenen ausgezeichneten Modifikationen desselben Charakters aber mögen wahrscheinlich eine Folge der Freyheit und der mannigfaltigen Kraft der Nation seyn, denn je despotischer ein Staat ist, desto einförmiger ist der Schnitt der Leute. Zudem, so wie in Familien sich oft etwas, nicht nur von der sittlichen und physischen Kraft des Vaters, sondern auch von seinen Gewohnheiten, unerklärlich auf eine lange Descendenz forterbt, so kann auch unter der in wechselseitigem Einfluß gegen einander stehenden Menge zuweilen ein Mann auftreten, an dem irgend eine Eigenschaft seines Lebens so entschieden hervorleuchtet, oder von dessen Worten und 33 Werken eines so treffend geräth, daß dadurch der Geschmack der ihn umgebenden Zeitgenossen unwillkührlich und unaufhaltsam bestimmt, und von diesen auf ihre Nachkommen fortgepflanzt wird. Mehrern Generationen aber eine bleibende Richtung zu geben, ist allerdings große eigenthümliche Kraft (wo nicht ein geheimer Segen) erforderlich; und ich wäre eben so begierig den Mann zu sehen, der vor seinen Zeitgenossen so viel zum Voraus hatte, daß sein sittlicher Charakter nicht nur auf sie bleibend wirkte, sondern sich auch Jahrhunderte durch bey spätern Geschlechtern erhielt, als ich mit Ehrfurcht den großen Schriftsteller oder Künstler betrachte, der bey seiner Nation Epoche macht. Am Abende meiner Ankunft in Basel zog mich eine zwanzigjährige Erinnerung nach der Terrasse des Münsters und nach der Rheinbrücke hin; zwey Plätze, sehr angenehm durch ihre Lage an und über dem schönen lautern Flusse, der sich hier noch in Einem Strome, ohne durch steinige Inseln unterbrochen zu seyn, fortwälzt, und nun seine vaterländischen Berge und Hügel verläßt, und, wie der Dichter sagt, unaufhaltsam nach der Ebene dringt, um Ländern Nahmen und Städten Leben zu geben. Für Reisende, die sich irgendwo aufhalten müssen, ist ein solcher Lustgang unentbehrlich, um sich von der 34 Zerstreuung der Gesellschaft und der langen Weile des Wirthshauses zu sammeln. Auch große Brücken mitten in den Städten haben für Fremde viel Anziehendes, weil man da fast alle Klassen von Einwohnern zu sehen bekommt, und in Begleitung eines Bekannten leicht neue Bekanntschaften machen kann, denn wie die alten Israeliten unter die Stadtthore saßen, so scheinen die Städter in der Schweiz den Aufenthalt auf ihren Brücken zu lieben, und viele haben dazu ihre bestimmten Stunden, wo sie sich unfehlbar einfinden, um sich von Neuigkeiten (die für sie mehr Reiz haben als Neuerungen) zu unterhalten, und die Wünschenswürdigkeit derselben, mehr noch als ihre Wahrheit, zu beherzigen. Da ich einen Tag in Basel auf die Abfahrt der Diligence warten mußte, so hatte ich unterdessen das Vergnügen, die reiche und schöne Gemähldesammlung des Mahlers Birrmann zu sehen, die er der französischen Revolution und den Assignaten verdankt. Unstreitig eine herrliche Collection für einen Privatmann, in der sich Bilder von den ersten Mahlern aller Schulen befinden; ein unbezahlbarer Schatz für einen Liebhaber, der seinen ästhetischen Sinn nähren und ausbilden, und allenfalls durch Mittheilung jungen Künstlern nützlich seyn will. Ob aber dem jungen Künstler selbst ein ganzes großes Kabinet ersprießlich sey, ist 35 eine andre Frage. Für einen erfahrnen Meister, der seinen Ruhm schon gegründet hat, mag es eine nützliche Erhohlung seyn, unter so mannigfaltigen Gegenständen der Kunst herumzuwandeln, und ihre Verschiedenheiten, die doch alle nach einem Zwecke streben, zu bemerken, zu vergleichen und zu benutzen; aber für junge Leute ist es, wie zehen Erfahrungen gegen Eine lehren, höchst gefährlich, wenn sie zu viele Muster vor sich haben, weil gerade das, was man glauben sollte, daß es ihnen die Augen öffnen würde, dazu dient, ihren Blick zu verwirren. Sie werden durch das kritische Aussuchen unnachahmlicher großer Eigenschaften zu gelehrt, oder durch den Widerspruch mancher Reminiscenzen zu ängstlich bey ihrer eignen Arbeit, und gewöhnen sich, die Natur nicht mehr mit eignen klaren Augen, sondern durch das glänzende Prisma ihrer Sammlung anzusehen, wodurch sie in eine zusammengeflickte Regelgerechtigkeit verfallen, der nichts als die Hauptsache, Geist und Leben, fehlt. Es ist daher auch nicht immer Eifersucht und Eigendünkel, sondern oft wahre Klugheit, wenn Meister nicht wollen, daß ihre Schüler zu häufig die Gallerieen besuchen. Indessen hat dieses unzeitige Studium doch einen negativen Nutzen, indem es den Künstler zu einem Kenner mißbildet, der auch ein nothwendiges Glied der ästhetischen Gesellschaft ist, ohne welches weder Künstler noch Liebhaber recht fortkommen können, weil der Kenner oft beyde durch seinen Verstand 36 zurechtweist. Freylich ist er auch oft beyden verhaßt, wenn er sich durch seine unfruchtbare Kennerschaft (wie sie's dann nennen) emporschwingt und stolz wird, indessen die wahre Kunst dürftig ums Brod arbeitet. Von dem Gesagten möchte ich jedoch keine Anwendung auf den geschickten Besitzer dieser Sammlung machen, denn, ehe er sie anfing, hatte er es schon weit in der Landschaftzeichnung gebracht, und sich sichere Grundsätze gemacht. Wenn man jedoch seine vormahligen römischen Landschaften betrachtet, so muß man sagen, daß sie seinen jetzigen an geistiger Freyheit und Wahrheit der Farben nichts nachstehen. Ist er aber kein Beyspiel meiner Bemerkungen, wie er auch keines seyn soll, so möchte es doch nicht schwer seyn, ein lebendiges in der Nähe zu finden. Ueber die Verschiedenheit der Mundarten in der Schweiz und ihren besondern Gang könnte ein müßiger Gelehrter (oder ein vacirender Gesetzgeber) unterhaltende Beobachtungen anstellen, und sich um das Vaterland verdient machen, wenn nur die ökonomisch-philanthropisch-patriotisch-literarischen Gesellschaften noch beständen, die aber leider verschwanden, die Mutter samt den Kindern, ehe man noch über ihren Nahmen recht einig war. – Es würde indessen dem Gelehrten schwer fallen, den Grund anzugeben, warum der Dialekt von Basel mehr Aehnlichkeit mit dem von 37 Zürich habe, als der von den Gegenden jenseit der Thur, welche doch unmittelbar an Zürich grenzen, und wo gleichwohl in der Aussprache der zwey ersten Vokalen und der Diphthongen eine so jählinge Verschiedenheit sich zeiget, die selbst in den entferntern südlichen kleinen Kantonen nicht so groß ist. Eben so untersuchenswerth und schwer anzugeben wäre die Entstehung der geschmeidigen Weichlichkeit der Bernerischen Sprechart, oder der Ursprung der sonderbaren so stark accentuirten Nasensprache der Appenzeller, welche beyde Arten so sehr von der tonlosen Trockenheit der Zürcherischen abstehen. Auch hier lernte ich wieder aus der persönlichen Bekanntschaft mit einem trefflichen Manne, wie sehr man sich oft in dem Bilde irren kann, das man sich von einem Menschen, wenn man ihn nach seinen Schriften beurtheilt, macht. Ich hatte einige Vorurtheile gegen ihn wegen seiner politischen und belletristischen Schriftstellerey, indem mir dünkte, er lasse sich als Politiker zu schnell von dem günstigen Scheine des Augenblicks und als Schriftsteller zu sehr von dem Glanze fremder Autorität hinreißen, und opfere seinem lebhaften Sinne für fremdes Verdienst und seiner Gabe der schnellen Vollendung zu oft die Originalität der Wahrheit und den guten Geschmack auf. Aber mancher kann noch kein Glück mit seinen Büchern 38 gemacht haben, weil er seine eigentliche Bestimmung noch nicht kennt, und doch voll großer Eigenschaften seyn, so wie dieser, der sich mir im Umgange bald als einen Mann von eigenthümlichem Geiste, großem Verstand und kräftigem Willen zeigte, dessen jugendlicher Enthusiasmus, abgekühlt durch die lehrreichen Erfahrungen der Revolution, einer wohlmeinenden Klugheit Platz gemacht zu haben scheint, welche, durch seinen emporstrebenden Geist getrieben, seinen politischen Wirkungskreis in unserm Vaterlande noch mehr erweitern könnte, als er es gegenwärtig schon ist, wofern ihm nicht der unauslöschliche Haß der aristokratischen Partey gegen alle homines novos , und die damit verbundene leidenschaftliche Verkleinerung alles Guten, das nicht der alten Quell enttröpfelt, im Wege steht. Aber ach! so lange noch auf der einen Seite dieser blinde Haß des aristokratischen Haufens, nicht nur gegen Sachen sondern auch gegen persönliches Verdienst, fortdauert, und auf der andern Seite die krasseste Selbstsucht die Schritte der Demagogen leitet, so steht es noch schlecht um das Vaterland, und es ist zu befürchten, daß wenn nicht bald ein erfahrner Gärtner kommt, der dieses Unkraut auszutilgen vermag, oder ein treuer Hirt, der sich der wenigen noch unangesteckten Schafe erbarmet, gar alles zu Grunde gehe, und das viele Böse auch das Gute mit sich ins Verderben ziehe. 39 Von dem künstlichen Wocher sah ich eine Copie in Wasserfarbe von einem großen Rembrandischen Gemählde, Simeon im Tempel, das er selbst besitzt. Jedermann muß gestehen, daß es beynahe unmöglich sey, mehr Wärme der Farben und zierliche Reinlichkeit in diesem Fache zu zeigen, aber eben deßwegen ist es zu bedauern, daß dieser edle und denkende Mann seine ausnehmende Geschicklichkeit diesem zeitraubenden und weder bleibenden Ruhm noch Geld bringenden in Wasserfarben mahlen aufopfert, das den Künstler immer nur zu neuen Schwierigkeiten führt, und wobey er, wenn er sie auch alle überwunden hat, doch nur ein Werk liefert, das kalt und todt ist gegen die Wärme und Durchsichtigkeit des Oelgemähldes, wovon eben diese sonst so verdienstliche Rembrandische Copie den besten Beweis gibt. Es geht alle zwey Tage eine Diligence von Basel nach Paris ab, so daß der Reisende nie lange aufgehalten wird. Das Büreau derselben hält der Gastwirth zum Storche, wo ich logirte. Ich hatte also den nicht geringen Vortheil, sogleich im Hause selbst meine Bezahlung zu berichtigen, und mein Gepäck nicht lange herumschleppen lassen zu müssen. Die ganze Fahrt bezahlte ich zum Voraus mit 106 Livres 7 Sous; dabey darf man 15 Pfund Gepäck umsonst mitnehmen, jedes Pfund darüber aber wird mit 7 Sous 40 bezahlt. Dem Conducteur gibt man einen Laubthaler Trinkgeld, und wenn man ihm noch einen dazu gibt, so besorgt er auch unter Weges die Trinkgelder der Postknechte. In diesem Gasthofe hielt sich auch eine Menge französischer Emigranten auf, die theils auf Pässe, theils sonst auf eine günstige Gelegenheit warteten, in das liebe Vaterland zurückzukehren. Da ihre Rückkehr nicht mehr so scharf beobachtet wird, und sie dabey nichts wagen, als wieder an die Grenze geführt zu werden, so drängen sie sich jetzt haufenweise unter allen Gestalten zurück nach dem lange vermißten Glücke des heimischen Lebens. Es waren aber sehr verschiedene Leute. Einige, welche aus Dürftigkeit altmodische deutsche Kleider trugen, zeichneten sich nur noch durch ihre leichte Manier als Franzosen aus, und waren übrigens sehr stille, indem sie vermuthlich durch langen und abhängigen Aufenthalt im Ausland etwas von der Demuth angenommen, die dort der Vornehme fordert, und der Gemeine ausübt. Andere aber sahen aus, als wenn sie geraden Weges aus Frankreich kämen, und thaten auch so: das heißt, sie schrieen und aßen. Wer Theil an ihrem Gespräche (von Hazardspielen) nehmen wollte, dem wurde höflich geantwortet; wer aber schwieg, von dem nahm man keine, weder beleidigende noch unbeleidigende, Notiz, welches 41 ich als eine der löblichen Umgangsmanieren der Franzosen, worin sie es den andern Nationen zuvorthun, ansahe. Die Engländer nehmen zwar noch weniger Kenntniß von dem Unbekannten, aber sie thun es entweder aus Stolz oder aus hölzerner Unbehülflichkeit, denn sie antworten dem kaum, der mitsprechen will. Der Deutsche hingegen sieht es nicht gern, wenn ein Schweigender neben ihm sitzt; sein gesellschaftlicher Tafelwitz hat Ansprüche, und sieht sich nach Beyfall um; gebt ihr den nicht, so mißt er nach Landesart aus euerm Aeußerlichen euern Stand ab, und neckt euch, wenn ihr geringer, oder zieht sich zurück, wenn ihr bedeutend seyd. Der ehrliche bescheidene Deutsche aber (und das ist der Wahre, denn der, so an Wirthstafeln witzig ist, ist schon eine Abart) hat es gerne, wenn man an seinem ehrbaren Gespräche Theil nimmt, und ihm die Ehre erweist, mitzusprechen. Auch der lebhafte Italiäner besitzt nicht die Conversationstoleranz des Franzosen, weil er eben so viel schwatzt als dieser, aber nicht den feinen Takt für das, was sich sagen und nicht sagen läßt, hat, sondern in seinem angebornen Affekte oft ein Wort zu viel spricht, und ihm dann ein schweigender Horcher zum plagenden Vorwurf wird. Als ich nun endlich in der Diligence saß (17. May) und ehe ich noch zurecht sitzen konnte, schon aus der 42 Schweiz heraus war, sah ich es für den ersten Vortheil an, zugleich mit meinem Vaterlande auch die staatsklugen Räsonnements, die mich immer umtönten, verlassen, und nun eine Zeit lang ohne Sorgen mir selbst leben zu können, welches zu Hause unmöglich ist, denn niemand kannegießert mehr als der Schweizer; er war es von jeher gewohnt, weil er selbst mehr oder minder Antheil an den Staatsgeschäften hatte, und also um so viel mehr Interesse in alle neuen Ereignisse legen mußte. Seit der Revolution aber ist gar kein Maß und Ziel mehr darin; man hört nichts als unfruchtbare Wünsche und leere Hoffnungen, die je leerer sie sind, desto lauter tönen, lahmen Tadel, viel Fluchen und wenig Segnen, von Leuten über die bösen Zeiten schimpfen, die dabey essen und trinken und sich lustig machen, und gerade von diesen am meisten; kaum glaubt man ein tobender Lerm sey vorbey, so folgt ein andrer noch unerträglicherer. Diesem allem nun für eine Weile zu entgehen, pries ich mich glücklich, indem die Erfahrung mich hinlänglich belehrt hat, daß das Anhören spießbürgerischer Politik nicht lange belustigt, und man sich, ungeachtet aller Mühe, bey guter Laune zu bleiben, doch bald kläglich ennüirt, und was das schlimmste ist, sich selbst in die Länge nicht vor Ansteckung bewahren kann, denn es ist unmöglich, ohne ein Menschenfeind zu seyn, dem Geiste, dem Tone und der Lebensweise des Zirkels, womit man umgeben ist, lange Zeit widerstehen zu können, ohne 43 nach und nach, auch wider seinen Willen, einen Anstrich davon zu bekommen. Außer einem jungen französischen Staabsoffiziere waren lauter deutschsprechende Personen in dem Wagen, welches ich nicht ungern sah; es ist besonders im Anfang einer Reise in mehr als einer Rücksicht angenehm, unter Bekannten oder wenigstens unter Landsleuten zu seyn, und da, wo eine fremde Sprache gesprochen wird und fremde Sitten herrschen, hat es so was heimliches, in seiner Landessprache ungehört und ungestört Bemerkungen darüber machen zu können. Auch die Gegenwart des Kriegsmannes war mir nicht unbeliebig; er kennt die Gebräuche des Landes, dachte ich, er kann uns rathen. Er fing aber gleich an, nach Art der Kriegsleute uns Großthaten zu erzählen, und nach Art der Franzosen sich in der Bewunderung von Paris zu verlieren, und beydes auf Kosten unsers armen Vaterlandes. Je n'aime pas votre païs, sagte er ganz unbefangen, tenez quand vous aurez vu Paris, vous detesterez votre patrie. Und als wir ihn um die Vorzüge von Paris befragten, sprach er weniger von großen und gelehrten Leuten daselbst als von Mädchen, weniger von Künsten und Wissenschaften und Lehranstalten als von den Restaurateurs und Kaffehäusern des Palais Royal, weniger von der Opera und ihren Zauberkünsten als 44 von dem Reiz ihrer Tänzerinnen; besonders empfahl er uns das Theater Montansier , wo zwar kein rechtliches Frauenzimmer hingehe, aber in dessen Foyer die elegantesten Filles anzutreffen seyen. Er sang uns auch zugleich eine Menge der neuesten Vaudevilles, die auf diesem Theater ihr Glück gemacht haben. Alles dieses geschah an dem ersten Nachmittag, und je mehr wir über alle diese Wunderdinge erstaunten, desto bereitwilliger wurde er, uns immer mit mehrern bekannt zu machen, so daß es uns zuletzt fast graute, in unsrer Unschuld dieß neue Babylon zu besuchen. Uebrigens sagte und that er alles das nicht aus Bösartigkeit, um uns zu beleidigen, sondern weil es so seine sinnliche Ueberzeugung war, und er nichts bessers zu kennen schien. In Bourglibre mußten wir aussteigen und lange warten, wegen der Visitation der Diligence. Ich hatte mich schon in die übliche Verfassung gegen die Untersuchung meines Mantelsackes gesetzt, aber es fragte kein Mensch darnach. Diese Leute scheinen die Mühseligkeit und die lange Weile vergeblicher Durchsuchungen eben so sehr zu scheuen, als die Reisenden selbst, und da sie sonst alle Hände voll zu thun haben, so lassen sie gern einen unverdächtigen Fremden im Frieden hinfahren, wiewohl sie übrigens nicht sehr freundlich aussehen. 45 Bourglibre hat seinen Nahmen in der republikanischen Taufe erhalten; er schickt sich aber schlecht für einen Ort, wo kein Mensch frey passiren kann. Diesen Widerspruch zwischen Wort und Sache bemerkt man indessen bey vielen durch die Revolution an die Tagesordnung gekommenen Redensarten. Es wäre schon ein schöner Beytrag zur Revolutionsgeschichte Frankreichs, und seiner Trabanten, der übrigen neuen Republiken, wenn man nur ein Verzeichniß der großen und heiligen Wörter, die sie hervorgebracht hat, und der daraus hergeleiteten Erwartungen und Versprechungen aufstellte, und dann die Wirklichkeit damit vergliche, ja jeder Wirklichkeit ihren wahren Nahmen gäbe; man erhielte so eine Philosophia definitiva , woraus man inductionsweise Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft erklären könnte. Welch ein schönes und fruchtbares Land ist das Elsaß! Aus den großen und wohlgebauten Dörfern zu schließen, muß viel Wohlstand unter dem Landvolke herrschen. Auch sah ich wider meine Erwartung allenthalben die Kirchen noch in gutem Stande und die Kirchhöfe mit Kreuzen besetzt. In Habsheim, wo wir übernachteten, trafen wir auf ein großes Fest. Junge Leute beyderley Geschlechts tanzten um einen Baum herum, und die Alten sahen ihnen zu; auf Weinfässern unter dem Baume saßen 46 die Spielleute. Auch in den Häusern wurde getanzt. Ich hielt es für ein Freyheitsfest, besonders wegen des mit Bändern ausgeschmückten Baumes; man belehrte mich aber, daß es die Kirchweihe sey. Ob bey diesem Anlaß auch eine Feyerlichkeit in der Kirche gehalten worden, konnt' ich nicht erfahren; wenigstens scheint doch die Freyheit des Gottesdienstes so weit wieder hergestellt zu seyn, daß man an der Kirchweihe tanzen darf, wobey freylich schwer zu bestimmen ist, welchem Gotte gedienet werde. Dieser Ort soll in alten Zeiten von den Schweizern verbrannt worden seyn; ich hatte aber keine Lust, meine Vorfahren deshalb bey den Einwohnern zu entschuldigen, und dachte, die elsässischen Husaren haben es uns in den neuen Zeiten hinlänglich vergolten. Frühmorgens (den 18. May) ging es wieder durch große Ebenen weiter. Mich ergötzte der heitere Himmel und die schöne Aussicht mehr als die martialischen und erotischen Gespräche des Offiziers, der uns von dem Römer Marius erzählte, welcher seinen Sohn habe füsilliren lassen, weil er sich gegen des Vaters Verboth mit dem Feinde geschlagen. – Dieß soll indessen nicht zum Beweise französischer Unwissenheit dienen, denn auch von deutschen Kriegsleuten läßt sich eben nicht historische Genauigkeit erwarten; nur hätte ein Deutscher schwerlich ein solches Zutrauen auf seine Ueberlegenheit, Unbekannten dergleichen Schnitzer 47 aufzutischen; aber eben dieses Ueberlegenheitsgefühl ist es, das nicht nur meinem Reisegefährten, sondern auch einem großen Theile seiner Landsleute eigen ist, und wodurch die liebenswürdige Nation Fremdlingen so oft ein Lächeln ablockt. – Er erzählte uns auch von seinen Bekanntschaften in Paris, worunter besonders mehr als hundert Opernmädchen seyen, die ihn alle gern hätten, und die er uns mit Nahmen und Zunahmen nannte. – Das Ende vom Lied war dann: J'ai diablement voyagé (er hatte den Feldzug in Oberitalien mitgemacht, und war unter Vandamme in Schwaben gewesen) mais il n'y a que Paris dans le monde! In Aspach aßen wir in einer elenden Herberge elend zu Mittag. Die Wände waren da, als wenn keine Revolution und Bilderstürmerey vorgegangen wäre, mit heiligen Kupferstichen und Kreuzen behangen; allein der Offizier ließ bald merken, daß nicht mehr jedermann diesen traurigen Bildern die alte Achtung erweisen müsse; er sagte zur Wirthstochter, als er das beschmutzte Kruzifix ansah: Mademoiselle, les mouches ont * * sur votre bon Dieu. – Welchen Beytrag zu den Nachrichten über den gegenwärtigen Religionszustand in Frankreich ich meinen Lesern nicht entziehen darf, weil sie daraus, so gut als aus den weitläuftigsten Aktenstücken ersehen, daß die von der römisch-katholischen Religion kaum trennbaren Uebel, grober Aberglaube und grober Unglaube, hier noch wie anderswo herrschen. 48 Ich weiß nicht, war es Vorliebe oder Wahrheit, daß ich dem Städtchen Mühlhausen und seinen Einwohnern noch so offenbare Spuren von dem Charakter schweizerischer Handelsstädte, die sich durch Sauberkeit der Häuser, öffentliche Reinlichkeit und vertrauliche Bürgerlichkeit auszeichnen, anzusehen glaubte; wenigstens fielen mir die netten Gartenhäuser, die fruchtbaren Gärtchen, die reinlichen Gassen, die Kleidung und das Betragen der Einwohner durch ihre Aehnlichkeit mit dem, was ich zu Hause sah, auf, und erregten in mir ein leises Heimweh, wodurch mir der kurze Aufenthalt in dieser noch unlängst verbündeten Schweizerstadt sehr angenehm wurde. Schade wäre es, wenn dieser alte gute Geist reinlicher Häuslichkeit und treuherziger Beschränktheit, durch den alles verschlingenden Dämon der neuern Politik vertrieben, der feinen Allgefälligkeit der neuen Landsleute Platz machen müßte; es wäre dabey wahrlich für diese Stadt mehr verloren als gewonnen, weil letztere Eigenschaft unter dem Scheine der Humanität so oft gräßlichen Egoismus verbirgt, womit sich weder häusliches noch öffentliches Glück verträgt, hingegen jene weitläuftige und sparsame Ehrbarkeit bey aller Härte im Umgang doch Treu und Glauben hält, und damit auffallenden Wohlstand seit Jahrhunderten über die Einwohner gebracht hat. Und doch ist zu befürchten, daß diese Veränderung allmählich vorgehen möchte, da 49 die Verfassung eines Staats den vorzüglichsten Einfluß auf die Sitten der Bürger hat. Nunmehr war unsre Diligence recht beladen; sechs Personen saßen darin, und vier oben auf der Decke, und hinten war ein ganzer Berg von Gepäck. Es ging daher auch mit keiner großen Diligenz, sondern so langsam, als immer eine Schweizerlandkutsche. Inwendig sitzt man gut, vornehmlich auf den vier ersten Plätzen, denn die Sitze sind breit und weich, da aber drey und drey Personen zusammensitzen, so haben es die zwey letzten, so die Mitte einnehmen, schlimm, weil sie sich nirgends anlehnen können, welches besonders bey Nacht, wenn man gerne schlafen möchte, unbequem ist. Wie man oben in dem Korbe fährt, hab' ich nicht versucht, es muß aber dem Anschein nach eine unsanfte Wiege seyn; zwar ist der Platz mit einem schuhhohen Rande eingefaßt, indessen hat man doch schon Beyspiele, daß Leute heruntergeworfen wurden. Bey Nacht und Regenwetter kann man daselbst liegen, und sich mit einer ledernen Decke schützen. Mit einer jeden dieser großen Diligencen geht ein Conducteur, der zu der lebendigen und todten Ladung Sorge tragen muß, und dem man seine Sachen sicher überlassen darf. Er wacht auch von seinem Himmel herab über die Postillione, welches wir heute zu unserm Glücke erfuhren, denn ein müder Postknecht fuhr 50 schlafend uns bergab, und schon waren wir an dem äußersten Rande eines tiefen Grabens, worein sich das ungeheure Fuhrwerk bereits zu senken anfing, als der behende Conducteur schnell hinunter sprang und die Pferde mit Mühe noch ins Geleise brachte. In Befort war mein erstes, einen französischen Unteroffizier aufzusuchen, der sich als Verwundeter lange in meinem Hause aufgehalten hatte, und dessen Compagnie gerade hier lag. Ich hoffte ihn auf der Straße anzutreffen, und mich an seinem Erstaunen und seiner Freude bey meinem unvermutheten Anblicke zu ergetzen, und durchzog deßwegen das ganze Städtchen, das einen schönen Platz und hübsche Gebäude hat, selbst die Kasernengasse ließ ich nicht aus, obschon mir der Anblick einer Kaserne, als der Wohnung des unwissenden Gehorsams, der Wäschetrocknenden Armuth und der Hundabrichtenden langen Weile, unerträglich ist; aber mein Franzose war nirgends zu finden, und ich erfuhr endlich von seinen Kameraden, daß er just heute Morgen als krank ins Hospital abgereist sey. Diese betrogene Erwartung kränkte mich desto mehr, je lebhafter sich mein Geist mit der Scene des Wiedersehens und seinen Folgen beschäftigt hatte. Hier war es mir, als wenn ich auf ein Mahl hundert Stunden weiter fortgerückt wäre, weil ich nunmehr rings um mich nichts als französisch sprechen 51 hörte; in dem Wirthshause wurde französisch befohlen, auf der Straße französisch gesungen und gezankt, auch die Kinder vor den Häusern spielten und schwatzten französisch. Es war das erste Mahl in meinem Leben, daß ich persönlich diese Erfahrung machte, daher hatte ich meine Freude daran. Eine kindische Freude zwar, ich konnte ja vorher vermuthen, daß man in Frankreich französisch reden würde; allein es ist, Gott sey Dank, in jeder Freude etwas kindisches, darum hab' ich darüber weniger Bedenken, als über das Lautwerdenlassen derselben, weil mit dergleichen Unmerkwürdigkeiten manchem, auch noch so geneigten, Leser wenig gedient seyn mag. Unterdessen macht ein jeder seine Durchflüge wie ihm die Federn gewachsen sind, und wenn ich die meinigen mit andern zum Heil der Welt ans Licht getretenen Reisebetrachtungen vergleiche, so wird zwar dadurch das Gefühl meines Splitters nicht gehoben, allein ich entdecke doch so beträchtliche Balken von dem gleichen Holze in den Augen meiner cosmopolitischen Vorgänger, daß mir die Sünde desto leichter wird; »Und so sporn ich meinen Lauf »Nach der Wanderer Exempel« getrost fort, und hoffe, meine Freunde werden gegen mich eben so nachsichtig seyn, als das lesende Publikum gegen die ist, welche sich die seinigen nennen. Diese Veränderung der Sprache machte nun auch, daß ich schon eine große Verschiedenheit der Sitten zu 52 bemerken glaubte; wenigstens schien es mir, als ob die Alten munterer sprächen, die Jungen sich gefälliger bewegten und die Kinder mit leichterem Anstande spielten. Es kann aber seyn, daß ich mehr sah als wirklich war, darum weil ich es zu sehen erwartete, und daß mein nunmehriger Eintritt in Frankreich, den ich erst von hieraus berechnete, der herrliche Frühlingsabend und die schöne Lage des Posthauses, wo ich logirte, vieles zu dieser vortheilhaften Ansicht beytrug. Denn wer ist auf Reisen von dergleichen äußerlichen Bestimmungen seiner Vorstellungsart frey, wenn er auch noch so ein großer Weiser zu Hause ist! Auf dem Schlosse saßen vor einem Jahre die Schweizerdeportirten, die vermuthlich bey ihrer gewaltthätigen Entfernung von Weib und Kindern, und dem bittern Leiden des Unrechts, durch ihre papiernen Fenster, die man uns von fern wies, alles düster und trübe sahen, was jetzt mir, im Gefühle der Gesundheit und Freyheit, durch die Strahlen der Abendsonne voll hüpfenden Lebens und goldener Fröhlichkeit erschien. Wir fuhren nun (den 19. May) durch bergiges Land, schlechte oft gefährliche Straßen und elende Dörfer. Das immerwährende Geschrey und Jauchzen der französischen Postillione sticht sehr gegen die schnappsbegierliche Taciturnität der deutschen Schwäger ab; sie laufen oft lange Zeit zu Fuß neben dem Wagen hin, 53 und necken sich mit der Peitsche, oder stoßen muthwillig einander von der Straße hinunter. An Barmherzigkeit gegen die Pferde aber haben sie keinen Vorzug, denn es ist manchmahl nicht zuzusehen, wie diese armen Thiere leiden müssen. Da die Einrichtung der Diligencen eine eigne von den Posten unabhängige Unternehmung ist, so werden auch die Pferde nicht bey jeder Poststation gewechselt, sondern müssen oft sechs bis sieben Stunden die ungeheure Last unausgesetzt fortziehen, ja sie werden oft nach einer kurzen Rast noch weiter eingespannt. Hierzu kommen noch die bergigen und zu Grunde gerichteten Straßen, die so schlecht sind, daß einige Mahle acht Hengste uns kaum von der Stelle bringen konnten. Daher ist es ein Jammer, die Wunden und das Stöhnen dieser Geschöpfe zu sehen, wenn sie ausgespannt werden, und man muß mit Wahrheit bekennen, daß das verbotene Heu, welches ihre ersten Eltern, wie ein Gelehrter behauptet, einst gefressen haben, ihnen theuer zu stehen kommt. Die bessern Häuser in den Dörfern, deren es aber wenige gibt, sind von Steinen gebaut; meistentheils sah ich diese steinernen Häuser da, wo vormahls Edelsitze oder Klöster waren, dergleichen wir einige, aber in großem Verfalle, antrafen. Alles aber ist schlecht unterhalten und höchst unreinlich, und so ist es auch in den kleinen Städten. Zum Beyspiel in Lüre, wo 54 wir zu Mittag aßen, sahen Straßen und Häuser so schmutzig aus, wie eine Judengasse. Der Offizier, welcher sonst jeden Anlaß ergriff, uns auf die Vorzüge seines Vaterlandes aufmerksam zu machen, bey jedem schönen Weitzenfelde unsre unfruchtbaren Berge, und bey jedem Froschschenkel das ewige Rindfleisch anführte, das man in Z. essen müsse, ließ uns wenigstens an solchen Orten Ruhe, und gab sich dann mit den Mädchen ab, die unstreitig Munterkeit und Witz vor vielen Ausländerinnen zum Voraus haben. Elende Hütten, von deren Armseligkeit man kaum in dem ärmsten Winkel der Schweiz einen Begriff hat, sah ich hier in Menge; aus Baumästen geflochtene und mit Lehm verbundene mannshohe Wohnungen, die keine Oeffnung haben, als die niedrige Thüre, zu der man hineinkriechen muß. Doch man kennt sie auch in Helvetien, seitdem unsre Freymacher auf Kosten unsrer Waldungen kampirt haben; denn kaum etwas kleiner, aber sonst ähnlicher Natur waren ihre Baraken, so daß mir nun auf Ein Mahl klar wurde, daß ihnen diese von einigen meiner Landsleuten so bewunderte Bauweisheit nicht von oben herab eingegeben worden, sondern daß sie sich von Kindesbeinen an am väterlichen Heerde darin geübt haben. In Vesoul, wo wir Abends ankamen, um daselbst zu übernachten, saßen vor allen Häusern Weiber, 55 Mädchen und Kinder, die arbeiteten, plauderten und spielten, welches der Straße ein gar lebhaftes Ansehen gab. Die hiesigen Schönen stehen im Lobe der Artigkeit und Gefälligkeit, und scheinen es auch allerdings zu verdienen, wie wir Reisende uns dessen beym Herumgehen in der Stadt überzeugten. Sie thaten nicht so einfältig spröde, wie ich wohl auch schon gesehen, sondern wagten es zu antworten, wenn man sie fragte, und lachten nicht eher, als wenn was Lächerliches gesprochen wurde; sie waren sogar frey genug, muntere Fragen an uns zu thun. Daß wir aber mit ihnen sprechen konnten, hatten wir dem Offizier zu danken, der sogleich nach französischer Art sich zu denen, so vor dem Gasthofe saßen, gesellte, und zu scherzen anhob. Mädchen, die vor den Häusern sitzen, müssen sich das wohl gefallen lassen; es ist aber auch nichts Böses daran, so bedenklich es anderswo scheinen möchte, sondern eine löbliche, gesellschaftliche Sitte; sie haben ihre Mütter und Nachbarn um sich, und es ist ja ausgemacht, daß der Engel der Finsterniß, der jungen Mädchen so aufsätzig seyn soll, seine bösen Künste weniger auf offener Straße treibt, als im abgelegenen Zimmer, wo ihm kein Schlüsselloch zu enge und kein Riegel zu fest ist. Die Unterschrift des französischen Ministers in meinem Passe forderte, daß ich mich bey dem Präfect 56 der ersten Grenzstadt zeigen solle. Da aber in den Städten, wo ich bisher durchgekommen, keiner war, so wies mich jetzt der Conducteur an den hiesigen; allein es kam mir seltsam vor, mich noch einem Präfect vorzustellen, da ich schon drey Tagereisen in Frankreich gemacht hatte, und ich besorgte, es möchten mir eben um deßwillen Schwierigkeiten in den Weg gelegt werden, wie auch schon Reisenden vor mir begegnet ist; ich erkundigte mich deshalb vorher noch in dem Büreau der Messagerieen, wo man es rathsamer fand, daß ich nicht hingehe – es werde wahrscheinlich niemand darnach fragen, weil diese Vorsicht nur um der Emigranten willen genommen werde; sollte es aber auch geschehen, so dürfe ich nur sagen, ich sey spät in Vesoul angekommen, als die Präfectur schon geschlossen gewesen. Bis hieher hatte wirklich noch kein Mensch, nicht einmahl beym Eintritt in Frankreich, sich um meinen so stattlich legalisirten Paß bekümmert, und die mancherley Vorsichtsanstalten, womit ein Fremder geplagt ist, ehe er einen Paß nach Frankreich erhalten kann, scheinen nur noch als Schreckmittel für die zu gelten, die nicht hinein kommen sollen. Ueberhaupt aber sind die Franzosen nicht nur hurtiger, sondern auch liberaler über dergleichen Visitationsangelegenheiten, als die gewissenhaften Deutschen, weil sie mehr Blick haben, und besser unterscheiden können, und sich weniger aus der Verantwortlichkeit machen. Freylich sind sie dann 57 auch grausamer, wenn sie plagen wollen, und laden oft an einem einzigen unschuldigen Gegenstande mehr Sünde auf sich, als sie an hundert andern durch ihre Leichtigkeit gut machen. Bey einer Kirche, in die ich hineintrat, entsprach das Inwendige der schönen Außenseite nicht. Es war zwar aufgeräumt, aber so wohl im bösen als guten Sinne des Worts; denn das Silber und Gold hatten, wie ein Küster sagte, unselige neue Heliodore (denen es jedoch besser gelang als jenem alten) aufgeräumt, und treugebliebene Christen hatten seitdem die nackten Altäre wieder mit dem nothwendigsten Geräthe bedeckt, und die kahlen Wände dürftig bekleidet; aber wo vor dem heidnischer Reichthum prangte, schmiegte sich jetzt die gottgefälligere Armuth. So sieht es auch in den meisten Dorfkirchen aus, die ich bisher gesehen. Alle sind wieder zum Gottesdienste eingerichtet, aber noch wüst und leer, und statt der ehemahligen Pracht (Geschmack war in katholischen Kirchen jederzeit selten) ist nur unreinliche Dürftigkeit zu finden. Auch das Auswendige dieser Kirchen findet man mehr vernachlässigt, je weiter man kommt, und weit weniger ehrbar als im Elsaß, – Kreuze auf den Gräbern trifft man keine mehr an, und die großen steinernen Kruzifixe liegen zerschlagen auf den Kirchhöfen umher. 58 Hier zu Lande bekommt man in den Wirthshäusern nur Löffel und Gabeln zu Tische, und keine Messer mehr, sondern man muß sich mit seinem oder seines Nachbars Taschenmesser behelfen. Ich konnte die Ursache dieses lächerlichen Gebrauchs weder erfahren noch erdenken. C'est l'usage, antwortet der Franzose mit ernsthafter Miene, wenn man gerade wissen möchte, woher dieser usage komme, und es kommt ihm kein Sinn daran, etwas dagegen einzuwenden, eben parceque c'est l'usage en France . Wär' es aber nicht in Frankreich sondern in einem andern Lande so der Brauch, alsdann würde er mit Verächtlichkeit fragen, ob man hier das Fleisch mit den Fingern schneide? Der ungewohnte Fremdling vergißt dabey oft sein Taschenmesser zurückzunehmen, doch sind gemeiniglich die Wirthsleute so ehrlich, daß sie ihn daran erinnern, so daß man das Zurücklassen der Messer nicht wohl als den Grund dieser Unsitte angeben kann. Langsam wie einen Frachtwagen schleppten heute (20. May) acht Pferde die Diligence durch schlechte Straßen fort. Es lagen zwar schon allenthalben Haufen dünner viereckiger Steine zur Ausbesserung der Chaussee beysammen, aber das Werk war noch nicht angefangen. Von der gleichen Art Steine werden auch die Bauernhäuser gebaut und die Dächer gedeckt, das gibt diesen Hütten zwar ein etwas 59 besseres Aussehen, als jenem Faschinenwerk, das ich gestern gesehen, doch scheinen auch sie größten Theils die Wohnung der Armuth und sorgenloser Dumpfheit zu seyn. Allenthalben wo die Diligence anhält, kommen Bettler zum Vorschein; es sind aber meistens alte hülflose Leute, da hingegen in der Schweiz mehrentheils die Kinder betteln. Hieraus läßt sich der Schluß machen, daß am einen Orte für die Alten und am andern für die Jungen besser gesorgt sey; denn wenn auch in der Schweiz die Kinder öfters nur aus Muthwillen den Reisewagen nachlaufen, und also das Betteln des mühsamen Alters mehr Verlassenheit und Armuth verräth, so zeiget sich doch darin wenig sittliche Sorgfalt für den zarten Charakter der Kinder, daß man sie so dieser alles Ehrgefühl lähmenden Gewohnheit überläßt, wovor sich, wie es scheint, die Franzosen zu ihrem Vortheil in Acht zu nehmen wissen. In Combeaufontaine, wo wir über Mittag anhielten, wollte einer von der Reisegesellschaft einem armen Marketenderjungen, der, weil ihm sein Vater in Schwaben ermordet worden, nun (oben im Korbe der Diligence) die Reise nach Paris zu seinen Verwandten macht, ein Stück Geld geben, weil er beständig weinte, und wenn man essen sollte verschwand; er war aber nicht zu bewegen, etwas anzunehmen; ich habe schon gegessen, war des armen Jungen beständige Antwort. Wir konnten diese Weigerung nicht anders erklären, als aus dem französischen Nationalcharakter, 60 der sich durch ungebethene Almosen erniedrigt glaubt. Dieß bestätigt auch die Erfahrung, die wir in der Schweiz häufig den Anlaß hatten zu machen, daß die französischen Soldaten niemahls Almosen bathen, sie mochten auch noch so bedürftig seyn; ja es sind Beyspiele genug bekannt, daß nicht einmahl Blessirte in den Hospitälern Geld, das ihnen gebothen wurde, annahmen, da hingegen Kaiserliche und Russen nur zu häufig unsre Mildthätigkeit ansprachen, und niemand einen Fehlgriff thun ließen, der ihnen unaufgefordert etwas geben wollte. Diese heroische Ehrliebe nun, die lieber darbt als Almosen empfängt (freylich auch in ihrer Ausartung lieber nimmt als bittet), zeigte sich schon in dem zerlumpten Knaben, und ist eine der Eigenthümlichkeiten der französischen Nation, die ihre edle Seite bezeichnen. Es war acht Uhr Abends, als wir bey einem Gewitter in Langres ankamen. Der Weg führte uns bey einer Promenade vorbey, die wegen der hohen Lage der Stadt und der großen Bäume nicht anders als schön seyn kann; der Regen verstattete uns aber nicht sie zu besuchen – desto schöner mahlte sie sich indessen meine Phantasie aus. Diese Vorsorge für die unschuldigste und nothwendigste Art des öffentlichen Vergnügens trifft man hier zu Land allenthalben an. Es gibt kein 61 Städtchen, so unbedeutend es sonst auch sey, das nicht seinen öffentlichen wohlunterhaltenen Schattenplatz habe, gewöhnlich der Länge des Flusses nach, oder auf einer kleinen Anhöhe, oft auch an einem anmuthigen Orte dicht vor den Mauern der Stadt. Auch die kleinsten bestehen doch aus einigen Gängen von Linden oder wilden Kastanienbäumen; dieß gereicht dem Orte zur Zierde und seinen Vorstehern zur Ehre. Ich weiß aber ein Land, oder Bezirke eines Landes, wo diese Zierde der Städte seltener ist, und die Vorsteher weniger Ehre darin zu suchen scheinen, obgleich die Natur durch ihre Anmuth laut darauf hinweist, und auch die flüchtigsten Anlagen, wie die Erfahrung hier und da augenscheinlich lehrt, über Erwartung zu belohnen verspricht; allein bisher wollte die an sich löbliche, nur oft allzu eifrige Sorge für das öffentliche und besondere Eigenthum dem Gedanken fast nirgends Platz machen, daß der bürgerliche Wohlstand auch Pflichten für das Schöne der Natur und Kunst habe, und heutiges Tages würde ein solches Werkchen, wenn auch die Kosten zu gering wären, um in Erwägung zu kommen, wohl gar als eine Folge der verderblichen Aufklärung angesehen werden, durch welche so manches Unheil über das Land gekommen seyn soll. Man ist daher allezeit mit der Einwendung gegen solche Vorschläge gefaßt: es sey besser, daß man arbeite als spazieren gehe, und vortheilhafter, daß der Boden zum Anbau als zum Müßiggange bestimmt 62 sey, und fügt noch wohl hinzu, unsre Vorfahren haben sich auch ohne dieß behelfen können. Das mag auch alles wahr seyn, nur paßt es nicht als Einwendung, weil nicht vom Müßiggange, sondern von einer unschuldigen Annehmlichkeit des Lebens die Rede ist. Aber so spricht hier wie allenthalben das Vorurtheil der Gewohnheit, das sich für unfehlbar hält und unheilbar ist; es waffnet sich nähmlich mit stumpfen Gemeinplätzen, der Dialektik der Armen am Geiste, und führt damit seine Freunde an der Nase herum, und findet um so viel mehr Beyfall, jemehr dergleichen Aussprüche aus patriotischer Selbstverläugnung zu entspringen scheinen, und als heilige Grundsätze gegen das Verderbniß der Zeit aufgestellt werden, ob sie gleich im Grunde so leer sind, als die Importanz der Herren, denen man sie abhorcht. – Tragen sich denn Eure Frauen und Töchter auch noch wie Eure Mütter und Großmütter? Bauet Ihr noch wie Eure Vorfahren das Feld mit eigner Hand und hackt im Weinberge? Geht Ihr nicht auch dem Zeitvertreibe nach, und welchen habt Ihr, der nur eines Spaziergangs unter blühenden Linden werth wäre? Oder sind Eure Mitbürger etwa so arbeitsam, daß sie keine Stunde des Feyerabends übrig hätten, um mit ihren Familien im Schatten und in der frischen Luft auszuruhen; wäre das nicht vortheilhafter und gesunder, als wenn sie den Erwerb des Tages in der dumpfen Weinstube vertrinken? – Allein mit Leuten, die sich mit 63 Gemeinörtern wehren, ist nicht gut streiten, sie sind unüberwindlich weil sie unüberzeugbar sind. Zum Glücke hat jeder Mensch auch seine Gönner, die bisweilen für ihn, und seine Freunde, die bisweilen nicht wider ihn sind, und so hoffe ich, die meinigen werden der Behauptung ihren Beyfall, ja vielleicht ihre Unterstützung nicht versagen, daß der Grund und Boden, auf dem ein öffentlicher Spaziergang angelegt wird, keine nutzlose Bestimmung habe, und daß nicht Feld und Wald und Wiesen, so reizende Partien sie darbieten, und so oft mit Recht das Lustwandeln in denselben, künstlichen Schattengängen vorgezogen wird, jemahls als allgemeiner Ersatz dafür gelten können. Wie oft führen wir einen Gast noch gern ins Freye, indessen die Hausfrau für das Mittagessen besorgt ist; wie oft geben sich nicht Freunde einen Rendezvous, um über Angelegenheiten zu sprechen, die sie nicht gern zu Hause abthun; wer fühlt nicht oft den Trieb, sich von einem Verdruß oder einer Grille, die ihn auf seinem Zimmer quält, unter freyem Himmel loszumachen; kann man dieses alles an der heißen Sonne? Kranken, die sich erhohlen, wie erwünscht ist ihnen oft des Morgens ein Schattenplatz in frischer Luft, wo sie ihre wiederkehrenden Kräfte prüfen können! Eine muntere Gesellschaft von beyderley Geschlecht ginge manchmahl gern ins Grüne, um dem öden Spieltische auszuweichen, oder der in kleinen Städten so oft stockenden Conversation wieder Leben 64 zu geben, wo soll sie hingehen – in den Staub der Landstraßen, oder in den Feldern herum, um den Wohlgeruch des Düngers einzuathmen? Mahlerische Kindergruppen, wo können sie lieblicher spielen, wo schöne Mädchen sich gefälliger zeigen, ja auch Eure alternden Hälften, Ihr sorgebeladenen Väter des Volks, wo können sie mehr Munterkeit und gute Laune für Euch sammeln, wo durch geschmackvollen Putz Euern Wohlstand lauter preisen, als auf dem frohen, alles im vortheilhaften Lichte darstellenden Platze, der zur Ergetzung und Erhohlung für Junge und Alte bestimmt ist? Auf Oertlichkeiten zu Anfange dieses Jahrhunderts bezüglich. So sehr mir aber die Promenade in Langres, die ich nicht sahe, gefiel, so abscheulich kam es mir hingegen vor, daß hart an der Landstraße und vor den Thoren der Stadt das Aas eines Pferdes lag, von dem ein Hund fraß. – Wie können die Franzosen sich vorzugsweise feine und zartfühlende Leute nennen, so lange sie in den Zugängen einer Stadt wie Langres solche Greuel dulden! Darüber herrscht denn doch in dem Lande, wo weniger Kunstalleen sind, eine bessre Ordnung. Wie würden auch ihre Offiziere über Mangel an Polizey schreyen, wenn sie so was nur außer ihren Grenzen anträfen! – Der unsrige sagte dieß 65 Mahl nichts, als ich ihn fragte, ob er das todte Pferd gesehen habe, als: Ja. Ganz unvermuthet hatte ich hier das Vergnügen, einen Offizier anzutreffen, der da, wo ich zu Hause bin, ein junges Frauenzimmer geheyrathet, sie aber durch einen plötzlichen Tod verloren hatte. Schon damahls war mir seine ungeheuchelte Trauer und sein bescheidenes Mitmachen unsrer bürgerlichen Leichengebräuche, und sein nachheriges stilles und edles Betragen um so viel merkwürdiger, da man ihn vorher nur als einen jungen Mann von der lebhaftesten Lustigkeit gekannt hatte; auch jetzt gefiel mir wieder die Theilnahme, mit der er von der Schweiz (wogegen unser Vandammische Kriegsmann sich jetzt kein Wort zu sagen getraute), und die zarte Empfindung, womit er von seiner verstorbenen Gattin sprach. Er kam von Paris und war doch noch ganz in Trauer gekleidet, auch aß und trank er beynahe nichts, indem er sagte: Je ne vis que d'eau et d'amour. So sehr ich nun von der Aufrichtigkeit seiner Klagen überzeugt und selbst davon gerührt war, so bemerkte ich doch mit Verwunderung das auffallende Nationale in seiner Schmerzensäußerung. Wo der Deutsche im gleichen Falle stumm und in sich gekehrt sein Schicksal beseufzt hätte, führte hier der Pariser an der Wirthstafel das Wort, um mir seine Leiden zu erzählen, und wußte 66 durch die Eleganz seines Wesens und seiner Ausdrücke die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Ja er äußerte so viel zuvorkommende Verbindlichkeit gegen ein Frauenzimmer das neben ihm saß, daß, wer nur dieß bemerkt hätte, leicht hätte glauben mögen, ihr gelte seine Liebe. – Wir Nichtfranzosen machten wirklich nachher unter uns aus, es sey nicht gegen die Natur und Moralität eines echten Franzosen, sich auch im untröstbarsten Leide über den Tod seiner Geliebten einer vorübergehenden momentanen Liebschaft zu überlassen. Zum Schlafen wies man mir ein Zimmer an, das ehemahls mag schön gewesen seyn, aber jetzt in häßlichem Verfall war; Boden, Wände, Decke, alles war äußerst unreinlich, der große Spiegel gespalten und nichts weniger als spiegelhell, um die modischen Betten hingen die schmutzigsten Gardinen und ihr Zustand ließ befürchten, daß nicht bloß Menschen darin nisten; durch den Kamin fiel der Regen in Strömen herunter. – In diesem Zimmer rauchte ich noch mit meinem Reisegefährten eine Pfeife, weil uns nicht sehr nach den Betten gelüstete, als eilend eine Magd hereintrat, die Fenster aufriß und zornig ausrief; Ouvrés au moins la fenêtre, Messieurs, vous empestés la chambre! – Es herrschte zwar ein gewisser Geruch in der Kammer, der unsern Toback noch übertraf, der 67 ist aber einheimisch in den französischen Wirthshäusern ( c'est l'usage, wie der Mangel an Messern bey Tische), daher darf niemand etwas sagen, hingegen Tobakrauchen: fi donc, das verpestet die Luft! Wir waren noch nicht recht zu Bette, so kam das Frauenzimmer, welches mit uns zu Nacht gegessen hatte, ins Zimmer: Messieurs, j'ai perdu mon ridicule, n'est-il pas dans votre chambre par hasard? – Hätt' ich nicht unlängst zum Glück erfahren, was ein Ridicule sey, so wären wir noch in die Verlegenheit gekommen, uns eine Definition davon auszubitten, jetzt aber konnt' ich ihr versichern, daß wir davon nichts wüßten. Sie schien es aber nicht recht glauben zu wollen, weil sie noch immer stehen blieb; vielleicht hielt sie uns wegen des niederträchtigen Tobakgeruchs desto eher des Sakrilegiums fähig, den Hasard ihres Verlusts begünstiget zu haben. Doch als sie sahe, daß sie keinen nähern Aufschluß von uns erhalten konnte, ging sie endlich seufzend weg. In Chaumont und Bar-sur-Aube sah ich auch wieder mit Lust die schönen Alleen von Linden, wofür man bey uns noch so wenig Sinn hat. Wir kamen (den 21. May) durch wenige Dörfer und langweilige Gegenden ohne Bäume, wo ich zum ersten Mahle recht die immerwährende Abwechslung der grünen Berge und anmuthigen Thäler meines 68 Vaterlandes vermißte. Freylich gewähren diese flachen Felder einen Ueberfluß an Getreide, wenn unsre armen Hügel und Berge nur Gras hervorbringen, oder nur nackte Felsen zeigen; sie haben also den Vorzug der Fruchtbarkeit, die den Leib nähret, und jene den der Schönheit, die die Seele erfreut und auch in der Armuth gefällt. Bar scheint ein armes altes Städtchen zu seyn, das, so wie alle Städte in Frankreich, Paris etwa ausgenommen, die Nachtheile der Revolution empfindet und ihre Vortheile erst noch erwartet. Leere Palläste und zertrümmerte Kirchen, die man immer häufiger antrifft, je weiter man in Frankreich hinein kommt, sind dem Wanderer Fingerzeige der Armuth, die kein Geschwätz des neugesinnten Einwohners von anderweitigen Vortheilen zu verhüllen vermag. Es begehren aber auch nicht alle Einwohner das Unglück Glück zu nennen, wenn man es ihnen nur nicht zum Nationalvorwurf macht, denn in dem Falle würde der Franzose mit der Göttin der Wahrheit selbst hadern. Ich hörte in einem öffentlichen Hause, wo von der Revolution die Rede war, laut sagen: Personne n'y a gagné que ceux qui n'avaient rien a perdre, und kein Mensch hatte etwas dagegen; als aber ein Fremder daraus den Schluß zog, sie mache also Frankreich keine Ehre, belehrten ihn sogleich zehen Stimmen, daß die Revolution ein großes Werk, und nur durch die Selbstsucht einiger Bösewichter ausgeartet sey. – 69 Auch auf dem Lande sah ich mich oft nach Spuren von neuem Glück um, da ich aber den Zustand vor der Revolution nicht gekannt habe, so konnte ich hierüber kein sicheres Urtheil fällen; indessen, wenn sich der Wohlstand des Bauers durch große neue Häuser bezeichnet, wie das in mehrern Schweizergegenden der Fall ist, so fand ich bisher noch wenig Merkmahle davon. Vielleicht würde sich aber mancher Neufranke mit der großen Wahrheit des IV. Artikels der ersten helvetischen Constitution zu trösten wissen, daß »Aufklärung besser sey als Reichthum,« wenn nur erst die kleine Schwierigkeit überwunden wäre, ihm eben diese Aufklärung beyzubringen, und nicht oft das Beyspiel des Lehrers selbst dem seligmachenden Glauben im Wege stände! Man hatte mir auch zu Hause viel von der Entvölkerung Frankreichs durch seine großen Kriege vorgesagt, und behauptet, man sehe auf den Feldern nur alte Leute und Weiber arbeiten. Leider mag der schreckliche Krieg wohl viele Menschen verschlungen haben, ich muß aber gestehen, daß mir die Merkmahle davon eben nicht so sichtbar aufgefallen sind, allenthalben war noch Jugend genug vorhanden; freylich sah ich auch Alte und Weibspersonen auf den Gütern schaffen, aber wer daraus sogleich den Schluß auf Mangel an Jungen machen wollte, könnte sich irren. Sieht man nicht auch oft bey uns zehen und mehr Weiber und Mädchen beysammen auf dem Felde hacken, und würde 70 nicht der Fremdling ausgelacht werden, der behaupten wollte, es geschehe aus Mangel an Mannspersonen? Allerdings beweinen manche Eltern ihre verlornen Kinder; aber solche Thränen fließen nicht öffentlich unter diesem Volke, das außer dem Hause nur der Fröhlichkeit huldigt, und so gerne noch die Wolke liebkoset, wenn die Göttin schon lange seinen Umarmungen entflohen ist. Was man hier zu Lande häufig und bey uns nicht sieht, das sind die Holzschuhe, welche schon die kleinsten Kinder tragen. Die Franzosen behaupten, diese schwere Bekleidung mache die Beine gelenksam und leicht, welches beym ersten Anblick widersprechend scheint, zumahl da bekannt ist, mit welcher Vorliebe und Geschicklichkeit diese Nation über ihre Blößen einen Flor der Zweckwäßigkeit zu werfen weiß; gleichwohl könnte etwas Wahres daran seyn, denn die am Fuße angebrachte Last zieht das Bein gerade und macht den Schwung desselben, den Schritt, gleichförmiger und sicher. Die leichtere Beweglichkeit der französischen Füße ist dieser Muthmaßung wenigstens nicht entgegen. So hörte ich auch von einem der ersten Operntänzer in Paris versichern, daß er den ganzen Tag in Holzschuhen herumgehe, wenn er Abends eine wichtige Rolle in einen Ballette zu tanzen habe, welches wohl am stärksten für diese Behauptung sprechen 71 möchte. Er gab als Grund an, daß er seine Füße, wenn er sie von der Last der Holzschuhe befreye, noch einmahl so leicht fühle. In diesem Städtchen sah ich einen Mann in einem kurzen Schlafrocke mit einer weißen Mütze Abends unter seiner Hausthüre stehen, dessen Anzug ihm so sehr das Ansehen eines bürgerlichen Schweizerbürgers aus dem Geschlechte, welches Adelung von den Balistariis der mittlern Zeiten herleitet, gab, daß ich fast darüber erschrack, denn ich war mir diese Tracht in Frankreich gar nicht vermuthen, und glaubte, meinen alten Nachbar aus der väterlichen Heimath zu erblicken, der sein Leben ruhig und unschädlich, aber auch unnützlich, auf dem Pflaster vor seinem Hause verträumt, und die wenigen vorübergehenden Menschen besieht – betrachten erforderte schon zu viel Anstrengung und zum Beobachten fehlt ihm der Sinn – oder die vorbeyfahrenden Kutschen ehrerbiethig grüßt, oder mit seines Gleichen den Werth der Neuigkeiten, nach dem eignen Nutzen, wie sich das in der ganzen Welt versteht, bestimmt, und nicht gern daran denkt, daß über seinem Horizonte noch wohl ein andrer seyn möchte, und außer seinen Bedürfnissen noch andre nach Befriedigung schreyn; der mir so oft beneidens- und oft bedauernswerth vorgekommen, weil er nicht fühlt, 72 was ihm fehlt, und nur so, wie Ennius sagt, praeterpropter lebt. Gewissen Leuten damahls (1801) zur Beherzigung gesagt; aber was hilft dem Blinden der Spiegel! Unser Nachtessen in Bar-sur-Aube war sehr lustig. Da wir von hier aus zum ersten Mahle die ganze Nacht durch fahren sollten, so ließen wir uns den guten Wein wohl schmecken, um die Kälte und lange Weile der Nacht desto leichter zu überstehen, vornehmlich aber, um uns Herz zu machen, weil die Gegend für unsicher gehalten wurde, und uns deßwegen schon den Tag über zwey Gensd'armes begleitet hatten. Der Conducteur (der immer mit den Reisenden speist), erzählte uns nun auf Begehren des Offiziers, wie die Diligence vor vier Wochen unweit Paris sey angegriffen worden, und wie er es nicht habe wagen dürfen, sich zu wehren, weil die Anzahl der Räuber zu groß gewesen, und die Frauenzimmer in dem Wagen ein klägliches Angstgeschrey erhoben. Da die Räuber keinen Widerstand gefunden, so haben sie alle Passagiere heißen aussteigen und sich der Länge nach auf den Boden hinlegen, ihn aber gezwungen, das Geld, welches für die Regierung aufgeladen war, auszuliefern. Hierauf haben sie die Reisenden, deren Gepäck nicht berührt wurde, wieder in den Wagen steigen lassen, ja die Höflichkeit so weit getrieben, daß sie den 73 Frauenzimmern selbst hineingeholfen, mit der Abbitte: de les avoir derangées un moment. Er erzählte uns auch, wie nicht lange vorher die Passagiere selbst die Diligence bey hellem Tage ausgeplündert haben. Unter dem Vorwand, einen Augenblick auszusteigen, haben sie sich seiner und des Postillions bemächtigt, und ihn genöthigt, alles herzugeben. So ein Gespräch einmahl angefangen zieht einen ganzen Schwarm von Historien nach sich; jeder erzählte nun was er von Räubergeschichten wußte, und der Offizier schwur, daß er sich wehren werde, wenn auch die Menge der Spitzbuben noch so groß seyn sollte; was man wohl in Paris von ihm sagen würde, wenn er in einem solchen Falle seine Waffen nicht gebrauchte? Diese Erklärung war uns aber nicht willkommen, denn vertheidigt er sich, sagten wir, so schießen sie in den Wagen herein und treffen uns auch. – Darum floß der Wein, um unsern Muth zu beleben, und wir erreichten vollkommen unsre Absicht, denn nach und nach verschwand das Schauerliche unsrer Vorstellungen und wir scherzten muthwillig über die Begegnisse, die sich ereignen könnten. Mit dem Geleite der Gensd'armes ist es aber nicht viel. Sie haben gar kein kriegerisches Aussehen und sind commode Herren, die Nachts lieber schlafen, als sich den Unannehmlichkeiten des Wetters und der Gefahr aussetzen. Daher finden sie sich vermuthlich mit den Conducteurs ab, denn sie reiten, wie ich auch 74 in der Folge erfuhr, des Nachts gewöhnlich nur eine kurze Strecke mit, und verschwinden nachher. Früher bestand die Begleitung aus Soldaten, die oben auf der Decke des Wagens saßen, und durch ihre Tapferkeit einige Mahle die Anfälle von Räubern abtrieben. Man fand es aber zu gefährlich für die Reisenden, weil sie dem Feuer auf diese Art ganz ausgesetzt waren. Für Reisende, welche das Scire tuum nihil est nisi te scire et sciat alter, zum Leitfaden ihrer Reise und Reisebeschreibung machen, ist es erwünscht, wenn sie in eine große Stadt kommen, weil sie da mehr als anderswo Stoff zu Bemerkungen finden, die ihren Kenntnissen Ehre machen und von der gelehrten Welt mit Dank aufgenommen werden. Ich war demnach zu bedauern, daß mein Aufenthalt in Troyes, der Hauptstadt des Departements de l'Aube, nur über das Mittagessen dauerte, und ich also nicht Gelegenheit hatte, für meine Freunde einen belehrenden Vorrath von statistischen und litterarischen Nachrichten über die Volksmenge und Manufakturen der Stadt, oder über die Bibliothek des berühmten Franz Pithou und die Servellatwürste, welche hier vorzüglich gut seyn sollen, zu sammeln, oder von dem großen Schatze der Collegiatkirche St. Stephani etwas mehreres sagen zu können, als daß er wahrscheinlich nicht mehr vorhanden 75 seyn wird, oder die gute Gesellschaft des Orts zu schildern, und so das erforderliche Utile dulci zu mischen, womit man sich bey dem leselustigen Publikum einen Nahmen und allenfalls seine Reise bezahlt machen kann. Leider verspüre ich aber auch in meiner Natur keinen starken Zug nach dergleichen Erkundigungen, und werde meistens nicht eher aufmerksam, bis ich andre mit der abschreckenden Zuversicht des Wissens darüber sprechen höre, und ich dann erst mit meinen Fragen aufzutreten mich scheue, und es also zum Erkundigen für mich zu spät ist. So wie aber der Mensch, wenn er sich selbst mit andern vergleicht, gemeiniglich nichts angelegeners hat, als sich selbst zu trösten, so entschuldige ich in solchen Fällen meine Unwissenheit mit meiner Abneigung und meine Abneigung mit der Erfahrung, daß die Quelle solcher imponirender Nachrichten oft eben so unlauter, als der Strom ihrer Wirkung seicht ist; und meine Gleichgültigkeit gegen die gute Gesellschaft schreibe ich dann der langen Weile zu, die ich so oft in eleganter Unterhaltung gefunden habe. Indessen kann ich doch so viel von Troyes sagen, daß es angenehme und mahlerische Zugänge hat, und eine alte meist aus Riegelwerk gebaute Stadt ist, obgleich auch manche große und steinerne Gebäude und Palläste zu sehen sind, welche aber als Nationalgüter jetzt größten Theils in Verfall gerathen, und von Handwerksleuten und Kaffewirthen bewohnt werden; denn unter manchem Fenster, wo ehedem ein königlicher 76 Gouverneur oder General, ein Bischof oder vornehmer Prälat neben einer in Schönheit und Pracht glänzenden Dame mag gestanden, und die Augen des bewundernden Volkes auf sich gezogen haben, hing jetzt die dürftige Wäsche einer Schusters- oder Schneidersfrau zum Trocknen heraus. – An der Kathedralkirche waren alle Bildsäulen, welche der alte Aberglaube zur Ehre der Heiligen stattlich und zahlreich hingepflanzt hatte, nun von dem neuen Unglauben der Vernunft zu Ehren (und zur Schande) der Menschlichkeit verwüstet und zerschlagen. Die Stadt soll aber auch vor der Revolution schon in Abnahme gekommen seyn, welches man der Nähe der ungeheuren Hauptstadt zuschreibt, die, je größer sie anwächst, desto sicherer die Lebenskraft der Provinzialstädte zu ersticken droht; wie ein großes Feuer ein kleines, das in der Nähe ist, entweder mit sich vereinigt oder auslischt. In den Städten stehen gewöhnlich bey den Gasthöfen, wo man absteigt, Friseurs unter der Thüre, die ihre Dienste anbiethen. Eine solche Gelegenheit, meinen Kopf, der von der nächtlichen Reise übel mitgenommen worden, wenigstens äußerlich wieder herzustellen, war mir erwünscht. Diese Leute haben sich hier auch der Herrschaft über den Bart angemaßt, welches zwar der 77 Bequemlichkeit des Reisenden willkommen ist, aber sie üben ihre Gewalt so usurpatorisch aus, und behandeln den armen Unterthan mit so unerträglicher Rohigkeit, daß das glimpfliche Benehmen der medizinisch-chirurgischen Fakultät, die in meinem Vaterlande von jeher im Besitze dieses Zweiges der menschlichen Kultur war, weit vorzuziehen und zu wünschen ist, daß sie dieses Recht beständig behaupten möge, wenn es schon Salzmann unter die Quellen des menschlichen Elends zählt, und Feinde der Zunft bedenklich oder Weichlinge beleidigend für ihr Zartgefühl finden wollen, daß Leute, die meistens nur an unlautere Begriffe a posteriori gewöhnt sind, sich auch mit Gegenständen reinerer Anschauung befassen. Dieser Friseur erzählte mir noch mit tonsorischer Gesprächigkeit ein weites und ein breites von der Zwietracht, welche die Rückkehr des Bischofs und einiger ungeschworner Priester in der hiesigen Bürgerschaft, ja selbst im Innern der Familien verursache, so daß neue Verfolgungen daraus entstehen, gleich als wenn jene nicht kämen, Frieden zu bringen, sondern das Schwert. – Hätte ich nur die Nahmen und Sachen behalten und mir etwa ein consularisches Rescript darüber verschaffen können, so wollte ich dann noch ein paar angesehene Personen mit hereinziehen, und so eine stattliche Erzählung bilden, die meiner Reisebeschreibung Ehre machen, und vielleicht hier und da im Vaterlande als merkwürdiges Belege der neuen 78 französischen Geschichte angeführt würde; aber so muß ich es dem der nach mir kommen, und in die Hände dieses Balbiers fallen wird, überlassen, seine Nachrichten mit mehr Geschicklichkeit zu benutzen. Mir blieb nur der Eindruck davon, daß es partout comme chez nous und das Menschengeschlecht allenthalben das gleiche ist; über jeden Vorfall theilt man sich in Parteyen, und dann sucht jede nur die Demüthigung der andern, keine aber das Eine das Noth ist: Frieden und Ordnung. Auch hier war der Gasthof, wie allenthalben, wo ich durchgekommen, äußerst schmutzig und die Bedienung sehr nachlässig. Ich möchte nicht denen beygezählt werden, die alles tadeln, was sie nicht ihrer wunderlichen Erwartung gemäß finden, sondern übe mich vielmehr mit allem fürlieb zu nehmen, ohne ein Wort der Ungeduld zu sagen, so daß ich unter Weges oft meine Unzufriedenheit über den lauten Tadel meiner Reisegefährten äußerte; deßwegen trete ich auch in keine Smelfungusische Klage über den unerträglichen Wust der öffentlichen und geheimen Zimmer ein, und sage nichts von dem Mangel an Aufmerksamkeit für den Reisenden, aber um der Ruhmredigkeit derjenigen Franzosen willen, welche uns weis machen wollen, ihrem Lande fehle nichts und andern Ländern alles, um der Großsprecherey so vieler Krieger willen, die so gar 79 die Reinlichkeit unsrer Wirthshäuser verachteten, weil sie auf ihrem eigenen Miste nicht so gedeihet, und die schnellste Bedienung nicht schnell genug fanden, weil ein Eroberer das Unmögliche verlangen darf, um dieses einheimischen Eigendünkels willen sage ich, was die Wahrheit ist und behaupte, daß man in unsern kleinen Städten, ja in manchen Dörfern besser eingerichtete Gasthöfe antrifft, als in den großen Städten Frankreichs. Daß diese wohlfeiler sind, ist ein Vorzug, so von der größern Fruchtbarkeit des Landes herrührt, aber eben das sollte den Wirthsleuten die Mühe erleichtern, ihren Häusern die erforderliche Reinlichkeit und Bequemlichkeit zu verschaffen. Es gibt viele reiche Leute in Frankreich, aber die Nation ist arm, pflegte man ehedem zu sagen; entweder ist also dieser Mangel an öffentlichem Wohlstande Schuld, warum das gepriesene Land keine Wirthshäuser wie England, Holland und die ehemahlige Schweiz hat, oder der Geschmack an öffentlicher und häuslicher Sauberkeit liegt sonst nicht in dem Charakter des Volks. Bis hieher, weiter aber nicht, traf ich immer noch schweizerische Scheidemünze an. Größeres Geld anzutreffen, hätte mich weniger befremdet; wer gedenkt nicht noch jener Zeit, wo die langersparten Nothpfennige unsers Vaterlandes nach Frankreich hinflogen, wie die Nägel aus dem in Trümmer stürzenden Schiffe 80 nach dem Magnetberge! Aber sogar die Schillinge meines Kantons, die schmutzigste aller Münzsorten, begegneten mir allenthalben und galten nicht nur ihren Werth, sondern noch darüber, weil sie für Halbbatzenstücke angesehen wurden. Diese Freude, so oft Landeskraft, wie es der Schweizer nennt, anzutreffen, soll er den französischen Truppen zu danken haben, die bekanntermaßen zuweilen im Schweizergeld ausbezahlt wurden, und solches nach und nach in ihr Land verpflanzten. Mich wundert, daß noch kein Schweizerbothe , oder anderer gemeinnütziger Schriftsteller den Ungläubigen diesen offenbaren Vortheil der Staatsumwälzung zu Gemüth geführt hat, daß, jemehr Schillinge in fremde Länder kommen, man sich zu Hause desto weniger die Finger daran beschmutze, und auch durch die Exportation an jedem Stück einen Pfennig gewinnen könne; oder daß nicht Rapinat, der in seiner Schutzschrift etwas um Thatsachen verlegen zu seyn scheint, diese als das Juwel in der Krone seiner Ehrenrettung aufgestellt hat. Von Troyes aus ist nunmehr die Straße bis nach Paris hin größten Theils in der Mitte gepflastert, das rumpelt und rasselt aber so gewaltig, daß man kaum sein eigenes Wort hört, und die Postknechte deßwegen gewöhnlich neben dem Pflaster hinfahren, denn die 81 Chausseen sind sehr breit und müssen ehedem wirklich königlich gewesen seyn; jetzt sind sie zwar etwas im Verfall, doch nicht so sehr, wie in Franche-Comté, auch werden sie hier und da wieder hergestellt. Heute hatte ich nun zum ersten Mahle Gelegenheit, im langsamen Vorbeyfahren das Auswendige eines der großen französischen Landgüter zu betrachten, und meine Phantasie mit dem Inwendigen desselben zu beschäftigen. Dieses prächtige Schloß und dieser unendliche Umfang von Ländereyen, dergleichen man in meinem armen Vaterlande gar nicht kennt, gehörte vielleicht ehemahls einem ausschweifenden fürstlichen Prasser, oder einem blutsaugerischen Generalpächter, oder auch einem reichen, gebildeten und wohlthätigen Landedelmanne, der, müde des Geräusches und eiteln Lebens der Hauptstadt, seine Tage der Weisheit und seinen Reichthum dem Glücke seiner Unterthanen weihte. Mir einen solchen seltenen Mann zu denken, lud mich jetzt der heitere Himmel und die schöne Gegend ein, und ich stellte mir ihn vor, bald in wissenschaftlichen Unterredungen mit gelehrten Freunden, die ihn aus der Stadt besuchten, bald auf einsamen Spaziergängen an Frühlingsmorgen, oder beym zierlich reinlichen Mahle mit seiner liebenswürdigen Familie, bald wie er selbst seine Kinder unterrichtet, oder sich mit seinen Pächtern unterhält, bald wie er sich mit seinem Pfarrer über die sittlichen Angelegenheiten des Dorfs beräth, oder freundlich mit dem Alter spricht 82 und die lächelnde Jugend grüßet, oder mit einem alten treuen Diener seinen Garten bearbeitet; bald wie er vornehme Gesellschaft aus Paris empfängt und unterhält, oder Gott dankt, wenn sie wieder geht; und zuweilen auch, wie er den bey aufgeklärten Männern, die auf dem Lande leben, nie ganz erlöschenden Gedanken an bedeutendere Thätigkeit von sich abwehrt, oder durch Handlungen der Wohlthätigkeit, ja wohl gar durch Rosenfeste, zu unterdrücken sucht. In allen diesen Situationen konnt' ich mir den guten Mann sehr leicht als weise, aber schwerer als glücklich denken; denn in meiner Vorstellung gesellte sich immer die Empfindung einer gewissen Leerheit zu diesem Zustande selbstgemachter Pflichten, und es fiel mir ein, was der vortreffliche Marillac, Siegelbewahrer unter Ludwig XIII., freylich allzuscharf zu sagen pflegte: wer sein Leben in Geistesruhe auf dem Lande zubringen, und seine Zeit geflissen zwischen Gott, Freunde und Bücher theilen wolle, ohne dem Publikum zu nützen, der führe das Leben d'un bon mouton. So strenge möchte ich gleichwohl über meinen weisen, das Glück in dem was er Natur heißt suchenden, reichen Mann nicht urtheilen; er mag himmlische Stunden haben, die ich lieber in erwünschter Bequemlichkeit mit ihm theilen würde, als mit dem Siegelbewahrer seine mühsame und schlüpfrige Stelle. Aber ob nicht ein Mann von Kopf und Herz, der seine Indolenz oder Empfindsamkeit überwinden und eine 83 öffentliche Stelle von bestimmter Wirksamkeit annehmen kann, mehr wahren Genuß am Leben habe, als der Weise auf dem Lande (oder auch der Christ in der Einsamkeit) – solches ließ ich für dieß Mahl dahin gestellt seyn, weil der Wagen indessen weiter fuhr, und mich auf andere Gegenstände aufmerksam machte. Durch unübersehbare Fruchtfelder führte uns der Weg am schönsten Abend nach Nogent. Hier prangte oben auf der zerstümmelten Kirche die Göttin der Freyheit mit Speer und Mütze. Ein Bild das nun allenthalben angebracht ist, wo ehemahls der eitele Sonnenkopf mit dem Nec pluribus impar strahlte, oder Heilige sich in demüthiger Andacht krümmten. Es ist auch nicht zu läugnen, daß solches nicht in beßrer Form dargestellt sey, als jene alten Sinnbilder; nur scheint meines Erachtens der ernste altgriechische Styl, worin diese allegorische Göttin allenthalben gearbeitet ist, nicht recht zur Frivolität und Weichlichkeit der Nation zu passen, so groß und schön er an sich selbst seyn mag, und so sehr er gegenwärtig unter den französischen Künstlern als das Gegentheil des vormahligen theatralischen Geschmacks an der Tagesordnung ist; er steht zu einsam und dem Geiste des Volkes zu fremde da, um das sympathetische Wohlgefallen zu erregen, ohne welches alle Kunst wirkungslos bleibt. Denn ein Kunstwerk ist um der 84 Bewunderung einzelner Kenner willen, die ihre Forderungen nach Ideen des Alterthums bestimmen, noch nicht geeignet, dem Volke, das nur sich selbst kennt, als ein Gegenstand ästhetischer oder sinnlicher Verehrung aufgedrungen zu werden. Die Kunst muß sich weise den Sitten nähern (ich sage nicht, unterwerfen), wenn sie an wohlthätigen Einfluß auf die Menge Anspruch machen will; durch allzu große Entfernung davon wird sie nur angestaunt, nicht empfunden. Uebrigens weiß man nicht, soll man lachen oder weinen, wenn man die Göttin der Freyheit in griechischem Costüme oben auf der Spitze eines römisch-katholischen Kirchthurms angebracht sieht. Soll es, da jede Allegorie noch eine Nebendeutung zuläßt, etwa die schwindelnde Höhe anzeigen, worauf sich die wilden Anbether dieser Göttin, Recht und Wahrheit zum Trotze, geschwungen haben? – Heiliger Petrus auf der trajanischen Säule, bitte für sie und alle ihre sittlichen Ideen! Mein neugieriges Herumwandern in dieser ruhigen und lermlosen Stadt, die hierin sehr von Vesoul absticht, machte mich das Nachtessen versäumen. Wir wurden sogleich wieder in unsern Käfich gesperrt und fuhren unter dem Geleite von zwey Gensd'armes weiter, die uns aber bald unserm Schicksal überließen, weil sie, wie es geht, ihre eigene Ruhe mehr liebten, 85 als die Sorge für unbekannte Reisende, oder vielmehr für das Geld der Regierung. – Meinetwegen! wir hatten die Furcht vor Räubern überstanden, aber ich litt nun viel stärker von der Angst, umgeworfen zu werden; denn wir fuhren eine Zeit lang dicht an der Seine hin, und der Postknecht, der so eben von einer Reise von neun Stunden zurückgekommen war, und jetzt schon wieder mit uns fahren mußte, schlief entweder oder lief hinter dem Wagen her; auch der Conducteur war eingeschlafen, und ich konnte mich nicht erwehren, alle Augenblicke zum Schlage hinauszusehn, ob wir auch auf rechtem Pfade führen, und mir immer das Umwerfen des Wagens und seine fürchterlichen Folgen zu mahlen. so daß mir diese Schwachheit den schönen Mondschein verdunkelte und die Ruhe der Nacht raubte, indeß meine Gefährten sorgenlos schliefen, und ihnen ihre Gleichgültigkeit besser half, als mir meine ängstliche Vorsicht. Was wollt' ich machen, wenn auch Gefahr vorhanden gewesen wäre, die Kutschenschläge ließen sich von innen nicht aufmachen, also konnt' ich der Gefahr doch nicht entrinnen, und gewann durch mein Brüten über traurigen Bildern nichts, als daß ich ein Unglück empfand, ehe es geschah, und welches sogar ungeschehen bleiben konnte. Weiß ich doch, daß die Gefahr, ja das Uebel selbst, oft weniger leiden machen, als die Erwartung derselben. Solchen sorglichen Einbildungen, wo nicht dieser, doch ähnlicher Art, welche jeden, der kein Held ist, 86 vielleicht auch diese, zuweilen anfechten, muß man schweigend ertragen, weil sie keine warme Theilnahme, sondern nur kaltes Bedauren, womit niemand gedient ist, erregen. So ließ auch ich die Anwandlung still vorüber gehen, und konnte zuletzt gelassen mich an Bildern im Mondscheine ergetzen und schlafend dem anbrechenden Tage zueilen. Je näher man Paris kommt, desto stärker ist das Land bewohnt, folglich auch desto besser angebaut; die Bauernhäuser haben ein netteres Ansehen, und in den Flecken und Dörfern laden Kramläden zum Kaufen ein. Schon trifft man auch die großen viel versprechenden Aufschriften an den Häusern an. In einem Dorfe war an einem kleinen Häuschen eine große Sonne gemahlt und darunter stand mit ellenlangen Buchstaben: Ici le soleil luit pour tout le monde, on y loge à pied et à cheval . Und an einem andern, das kaum drey Fenster hatte: C'est ici le rendez-vous des danseurs de la nation . – So üben sich die Kleinen wie die Großen, ihren Schöpfungen glänzende Nahmen zu geben, sollte auch oft der Nahme vorzüglicher seyn als das Werk. In Grosbois wurde (den 23. May) zu Mittag gespeist, aber die Nähe von Paris hatte allen den Appetit genommen, nur dem Offiziere nicht, der dabey sehr über seinen geschwollenen Fuß fluchte, welcher 87 ihn verhindern werde, die neuen knappen Halbstiefel anzuziehen, die seiner warten. Wir rechneten hier auch zusammen ab, was wir unter Weges von einander geborgt hatten. Ich möchte aber keinem, der sein Geld schonen muß, und dabei keine Freude am Aufzeichnen jedes Groschens hat, rathen, auf Reisen zu viel Gefälligkeit im Leihen zu zeigen. Ueber dem vielen Geldwechseln vergißt man diese kleinen Schulden leicht, manchmal auch gern – und fordern ist an sich schon eine widrige Sache und zieht oft Unannehmlichkeiten nach sich. Auf Reisen muß man insonderheit drey Dinge geheim halten: seinen Beutel, um der leichtsinnigen Borger willen; seine Empfehlungsbriefe, um der zudringlichen Begleiter willen; und seinen Tadel um des Widerspruchs willen, dem man so oft nicht gewachsen ist, und der mehr beschämt, wenn er den Tadel als wenn er das Lob trifft, ja auch deßwegen empfindlicher fällt, weil der Tadel gewöhnlich mehr von Herzen geht. Je zierlicher die Straßen und je lebhafter die Dörfer wurden, desto lauter ließ sich nun auch wieder die Nationaleitelkeit unsers Offiziers hören. Aus dem Ueberflusse seines Herzens entquoll seinen Lippen das Lob der Schönen von Paris, mit deren Wohnungen er uns im Vorbeyfahren bekannt zu machen versprach; wir sahen aber wohl, daß wir aus dieser 88 Anweisung keinen großen Vortheil ziehen würden, weil er zugleich versicherte, die Postillione fahren so schnell durch die Stadt, daß einem Hören und Sehen vergehe. Seine freudige Redseligkeit gieng zuletzt so weit, daß er mit uns auf eine Art von Paris sprach, als wären wir selbst schon Jahr und Tag da zu Hause. Nun, das hätte noch hingehen können, es machte uns lachen. Aber jetzt verfiel er wieder in die eben so unerträgliche, als leider in der Welt gewöhnliche Unart des Vergleichens wo nichts zu vergleichen ist, und lobte Paris auf Kosten der Schweiz und besonders einer ihrer Hauptstädte; als ob man nichts loben könnte, ohne etwas anderes zu tadeln, und die Vorzüge einer Sache immer mit den Mängeln einer anderen gemessen werden müßten! Und that auf solche Weise diesem Hauptstädtchen (Stadt darf ich sie in der Nähe von Paris nicht mehr nennen) himmelschreyendes Unrecht. Ueberhaupt sollten die höflichen Franzosen einem Lande, das sie nicht glücklich gemacht haben, lieber segnen als fluchen, vorzüglich aber einer Stadt, die mehr als irgend eine andere durch sie gelitten, und mehr als irgend eine andere den Feinden Gutes gethan hat. Wo wurden ungerechtere Contributionen gefordert, und wo wurden die Truppen besser verpflegt! Welche von den Franzosen selbst gerühmte Wohlthaten erzeigte die Bürgerschaft auf die menschlichste Weise den so zahlreichen zu Wasser und zu Land ankommenden Verwundeten! Und doch erschallt die 89 Stimme des Undanks nicht bloß von diesem Offiziere, sondern von dem halben Heere. Der Grund hievon mag zum Theil in beleidigter Eitelkeit liegen, weil die Bewohner dieser Stadt bey der Ankunft der deutschen Macht so laut (und etwas voreilig) die sichtbare Hand der Vorsehung priesen, welche nun die strafende Ruthe über die Rücken ihrer Feinde schwänge; mehr aber noch in der nationalen Art und Unart beyder Theile. In den alten aristokratischen Republiken bildete nach und nach das angestammte Souveränitätsgefühl und die feyerliche Wichtigkeit, welche man in die Behandlung von öffentlichen Geschäften, wenn sie auch von der kleinsten Bedeutung waren, legen zu müssen glaubte, bey den Herren des Regiments und folglich auch bey ihren Nachahmern und Klienten, eine gewisse bedächtige Förmlichkeit des Leibs und der Seele, die sie auch im Umgange nicht verließ, manche treffliche Eigenschaft verhüllte, manchen Fremden verscheuchte, und besonders den geschmeidigen Franzosen langweilig seyn mußte, denen Worte mehr gelten als Werke, und die, da sie für jede Empfindung und That eine eigne konventionelle Manier haben, auch in allem auf die Manier sehen, und ohne diese auch die edelsten Handlungen nur als halbes Menschenwerk beurtheilen. Wenn nun hier dieser steife Ernst oft aus guten Gründen noch in verdrießliche Worte und Blicke überging, wie konnte da die französische Anmaßung, die sich nie überlästig 90 glaubt, geduldig seyn, ohne in die Antipathie auszuarten, die keinen Werth mehr auf Wohlthaten legt! So beschäftigte mich das Andenken meines lieben Vaterlandes bis an die Mauern von Paris; ich hätte es nicht geglaubt. Aber wir sind so innig mit Frankreich verbunden, daß man allenthalben auf Ringe der Kette stößt, die uns festhält. Wenn die Fesseln klirren, was ist natürlicher als der Gedanke an die Schuld oder Unschuld, und was ersprießlicher, als sich dabey warnende Winke für die künftige Freyheit zu merken! Endlich sah ich die Kuppel des Pantheons aus Wolken von Häusern emporsteigen. Nun verschwanden alle Beschwerden des zweynächtigen Fahrens und des siebentägigen Herumrüttelns – ich setzte mich zurecht, nahm keinen Antheil mehr an dem Gespräche, und überließ mich dem freudigen Gedanken, so nahe dem Gegenstande meiner Wünsche, so nahe dieser neuen Welt zu seyn. Der Conducteur setzte sich jetzt selbst auf die Pferde und flog mit uns durch Charenton, und nachdem wir bey der Barriere einen Augenblick unsere Pässe gewiesen, durch die Fauxbourg St. Antoine über die Boulevards und durch die Gassen von Paris eine halbe Stunde lang, als wenn der Feind uns jagte. Sed quid ego haec memoro? Si quid me fuerit humanitus, ut teneatis.                                   Ennius .     Zweyter Theil.   Ἐα δ' ἐμαυτῳ ζῃν, ἰση γὰρ ἡ χαρις, Μεγαλοισι χαιρειν, ὀμικρα ϑ' ἡδεως ἐχειν. Euripides.   Wer wollte auch langsam in diesen tollen Jahrmarkt der Welt hineinfahren können, wo alles eilt, und jeder sich treibt und drängt, um keine der flüchtigen Stunden des Lebens vorbeyziehen zu lassen, ohne ihr wenigstens den Tribut der Fröhlichkeit zu entreißen! Das war meine erste Empfindung, als ich in dem rasselnden Wagen durch die Gassen eilte, und die bunten Kramläden, die Hütten und Palläste, und das unzählige Gewimmel der Menschen wie ein Marionettenspiel an meinen Augen vorbey tanzte. Der Gedanke entzückte mich, daß ich nun mit Muße dieses alles, nach meiner Weise, in stiller Beobachtung gleichsam als ein für mich bereitetes Schauspiel werde genießen können, und ich frohlockte in mir selbst über die Gewißheit, daß ich nun da sey. Der Conducteur wollte uns seinem Versprechen gemäß in einen Gasthof führen, wo wir so lange bleiben könnten, bis wir uns irgendwo eingemiethet hätten. Aber durch die Gefälligkeit unsers Landmanns Tr., der uns erwartete, war uns schon eine Wohnung bereitet. Eine Menge Lastträger drangen sich auf, wir 94 nahmen aber unsre leichten Mantelsäcke selbst unter den Arm, und zogen nach unserm nahen Quartier im Hôtel de la marine, rue croix des petits champs , wo mir ein zwar schönes aber unsauberes Zimmer gegen die lärmende Straße hinaus zu Theil ward. Befreyt vom Staube der Reise zogen wir, es war noch früh am Abend, unter Tr. Anführung in der Stadt herum, bis es dunkel war. Zuerst durch das Palais royal, welches zunächst an meiner Wohnung liegt. Daß mein erster Ausgang gerade diesen Mittelpunkt der Ueppigkeit von Paris, ja von der ganzen Welt, wie man behauptet, traf, war mir nicht zuwider. Je das Größte in seiner Art ist auch das Sehenswertheste, und es ist ein falscher Grundsatz, zu glauben, man müsse sich erst durch das Gemeine dazu stimmen lassen. Das Gemeine verstimmt. Hätte ich das Treiben von Paris zuerst auf andern öffentlichen Plätzen gesehen, so wär' es mir da, wo es am größten ist, nicht mehr so interessant aufgefallen. Dieß (möge es nur hier passen, wie ich es dort als wahr erkannte!) gilt in Sachen der Empfindung überall, in den Künsten wie im Leben und in der Natur. Wer die Alpen sehen will, eilt bey den Hügeln vorüber. – Wer das Große fassen mag, und weiß was er sucht, soll nicht erst am Kleinen herumschleichen, und sich dadurch die Lust und Gewalt des ersten Eindrucks und die Kraft eigner Wahrnehmung schwächen. So rieth 95 Winkelmann allen seinen kunstliebenden Freunden, den geradesten Weg auf Rom zu nehmen, ohne sich in den kleinen Städten Italiens mit subalternen Dingen zu verweilen. So fassen wir den Geist des Dichters, selbst in dem nur halbverstandenen Originale besser, als ihn uns die Anatomie des Commentars in seinen disjectis membris demonstrirt. So zieht uns ja auch, wenn wir nur in eine Gesellschaft von Menschen, oder Sammlung von Gemählden treten, Gefühl und Neugier unwiderstehlich zu dem Schönsten und Berühmtesten. Aber es gibt Leute – und die sind Schuld an dieser Abschweifung – welche das nicht rathen, welche sich vor jedem überraschenden Genusse fürchten, und zu allem eine stufenweise Vorbereitung verlangen, Leute, die sich immer nach einer Leiter umsehen, um künstlich in den Tempel des Geschmacks hineinzusteigen, wenn schon die Pforten desselben sich einladend vor ihren Augen öffnen. Diese fangen dann bey deutschen Aesthetiken an, um sich zum Anschauen antiker Schönheiten würdig zu bilden, und lesen den Batteux (um mich nicht durch neuere Beyspiele verhaßt zu machen) vor dem Homer, und berauschen sich so sehr am mannigfaltigen Dunste der Vorkenntnisse, daß sie die Einfalt der Wahrheit nicht mehr zu fassen vermögend sind. Das Palais royal also – weder die größte noch die schönste, aber die glänzendeste und blendendeste 96 Partie von Paris – sah ich zuerst. Um meinen Freunden diese » Capitale de Paris, comme Paris est la capitale de l'univers « nach Verdienst beschreiben zu können, bedürfte es eines längern Aufenthalts in Paris, als mir vergönnt ist; ich werde dieß also nie versuchen, sondern nur, wie bisher, meine jedesmahligen zur Sache, oder nicht zur Sache, gehörigen Bemerkungen zu Papier bringen. Jetzt war ich Kleinstädter ganz von Erstaunen hingerissen, nicht sowohl über die fürstlichen Kostbarkeiten der Gewölbe und ihre elegante Anordnung, als über den Strom von Menschen, die sich in unaufhörlichem Wirbel in den Gängen herumdrehen. Wie sie laufen, schleichen, hüpfen, lachen, weinen, rufen, singen, lispeln, schreyen, sich anschauen, nicht achten, winken, stoßen, brüsten, schmiegen, zur Schau stellen, verlieren! Mit welchem Modegeschmack der Kleidung, welchem Schein des Glückes sie in den Alleen des Gartens herumziehen, überschwenglich genügsam, als wenn ihnen gar nichts fehlte, und sie nur aus der Welt wären, um als lebendige Blumen diesen Garten zu schmücken! Ich sah auch andre Personen da herum wandern oder sitzen, die ganz in sich gekehrt an nichts außer ihnen Theil zu nehmen schienen, und mit eben der Gleichgültigkeit sich betrugen, als wenn sie allein auf einem einsamen Spaziergange wären. Das sind alte Pariser, dachte ich, die von Jugend auf in der Nähe dieses Platzes wohnen, und, mit seinem festlichen 97 Getümmel vertraut, die bunten Haufen ungefähr mit eben dem Interesse ansehen, wie wir die Pfähle unsrer Weinberge. Fast lächerlich aber, wenigstens unbegreiflich, welches mit dem Lächerlichen oft eins ist, kamen mir einzelne Menschen vor, die auf Ruhebänken hingestreckt, in Büchern lasen. Ein paar Neuigkeiten aus einem Zeitungsblatte herauszuhohlen, das ließe sich allenfalls noch denken, aber in einem so engen Bezirke, wo tausende von Menschen in unaufhörlicher Bewegung vor unsern Augen vorbeygaukeln, sich in einem Zusammenhange der Gedanken zu erhalten, welches doch bey Lesung eines Buchs erforderlich ist, das schien mir eine Unmöglichkeit zu seyn. Warum gingen sie nicht lieber nach Hause, wenn sie lesen wollten, oder ins Freye unter einen grünen Baum! Ich sahe zwar das Gleiche auch bey den Damen der Kramläden, aber da läßt sich alles erklären, so wohl das Lesen als das Nichtlesen. Von da gingen wir durch die Straße Nicaise, wo noch traurige Spuren der Verwüstung, welche die so genannte Höllenmaschine angerichtet, zu sehen waren. Wie viel erschrecklicher, als beym Lesen der Zeitungsblätter, kam mir nun an Ort und Stelle selbst, die mehr als teuflische Bosheit vor, um eines Einzigen willen so viel Unschuldige zu morden, und so viel friedliche Haushaltungen zu zerstören! O Bonaparte, 98 wärest du auch nicht groß und gut, so hast du doch das Schicksal des Großen und Guten, daß es gewöhnlich der Menschheit theuer zu stehen kommt! Meine Empfindung blutete noch stärker, als ich über den Carrouselplatz in den Hof der Tuilerien trat, und die Mordthaten des zehnten Augusts und der folgenden Greuelnächte mir wider Willen erinnerlich gemacht wurden durch die Inschrift: le 10. Août , die unter jedem Eindrucke der Kanonenkugeln an der Mauer des Schlosses angebracht ist. Wie kann eine menschliche Regierung noch solche Fingerzeige unmenschlicher Pöbelwuth stehen lassen, die bey jedem unbefangnen Fremden die Erinnerung des Guten und Schönen, das ehedem und jetzt wieder in diesem Pallaste geschah und geschehen mag, in der Geburt ersticken, und ihm auch die sinnliche Freude über den Anblick dieses königlichen Gebäudes rauben! Ueberhaupt sollte man keinen Platz um deßwillen verewigen, weil Menschenblut auf ihm vergossen worden, wenn auch noch so viel eingebildete Ehre dabey aufzulesen war; und da hier noch dazu die Ehre auf der Seite der Ueberwundenen ist, wie jetzt alle Welt weiß, so sollte man diese nun beyde Theile beschimpfende Inschrift desto weniger stehen lassen! Daß meine Landsleute das Schlachtopfer waren, vergrößerte zwar meinen Unwillen, aber, ich muß es gestehen, nicht meine Betrübniß. Mein Unwille war beleidigter Nationalstolz, aber Betrübniß setzt Liebe zum Voraus, und davon – ich darf in Paris wohl 99 sagen, was ich zu Hause verschweigen müßte – empfinde ich für einen Schweizer, den ich nicht kenne, nicht mehr, als für einen unbekannten Chinesen. Diese unmuthigen Empfindungen verschwanden aber alle, wie die Finsterniß vor der Sonne, als ich unter den Tuilerien durch und gegen den Garten hinauskam, und, auf der Terrasse stehend, des für mich so gänzlich neuen Anblickes genoß. Die Abendsonne strahlte mir golden über die weite Fläche des herrlichen Gartens entgegen, schwellte die Wipfel seiner hohen Linden, überglänzte die marmornen Bildsäulen, und verdoppelte durch das Spiel der Schatten das Heer von Menschen, das in den weiten Gängen herumschwärmte, ohne sich, wie im Palais royal zu drängen, denn hier ist, so kams mir vor, wie im Himmel Raum für alle. Alles gruppirt sich und stellt sich mahlerisch dar, und jeden Augenblick lebten Reminiscenzen von so oft betrachteten Gemählden und Kupferstichen alter französischer Künstler, die dergleichen Gegenstände vorgestellt hatten, in mir auf; ich wurde ihres Gefühls und anschauenden Sinnes theilhaftig; es war mir als wenn ein schöner Traum realisirt würde. Von allen Seiten her schienen mir Statuen, die ich aus Abbildungen und Beschreibungen kannte, wie alte Freunde vertraulich zu winken; ich war aber nicht im Stande, eine einzige ruhig zu betrachten, es waren ihrer zu viele, und die lebendigen Menschengruppen zogen immer wieder meine Augen auf sich. Wie konnte 100 ich mich da in ungestörtem Anschaun freuen über die Gewendigkeit der schönen männlichen Gestalten, über die weiße Zartheit der weiblichen Gesichter und die Fülle ihres Wuchses! Mit welcher Eleganz das alles an mir vorbey zog, sich um die Bassins und Blumenbeete wand, um unter den Bäumen des mir noch unermeßlich scheinenden Gartens zu verschwinden! Wie schon im Palais royal, so fiel mir auch hier wieder die Salbung auf, mit der diese Leute spazieren konnten, der Schein des Genusses, den kein nicht hieher gehöriger Gedanke, kein Hauch des Unmuths zu trüben schien, dem ich aber nicht recht trauen mochte, eben weil er so allgemein war; es kam mir vielmehr vor, daß, wie ihre Dichter für jedes Sentiment eine eigne Theorie, die sie alle einander so ähnlich macht, haben, so die Franzosen überhaupt für jede Situation eine durch stillschweigende Uebereinkunft und Erziehung bestimmte Miene und Haltung annehmen müssen, worin eben ihre berühmte Lebensart besteht. Bisher konnte ich nie recht begreifen, wie sich Bildsäulen, steinerne todte Massen ohne Bewegung und Farbe, in der vegetirenden, grünen und glänzenden Natur der Gärten mit Vortheil ausnehmen können, weil ich sie immer nur in kleinen oder kleinlichen Anlagen gesehen hatte, wo sie durch ihre specifische und historische Größe drückten; daher erwartete ich auch 101 hier, sie nur unter dem Säulengange des Pallastes und der weiten offenen Terrasse vor demselben in schicklichem schönem Standpunkte zu sehen, aber ich irrte mich; unter den hohen Gewölben der Linden und im dichtbelaubten Gebüsche der Lustwäldchen standen sie wegen besserer Beleuchtung oft noch mehr an ihrem Platze, freylich jetzt im frischen Glanze des Frühlings, der alles belebt; wie es aber in den spätern Jahrszeiten aussehen möge, wenn die todten Blätter an diesen zierlichen Formen kleben – an diesen Contrast mochte ich nicht denken. Die besten alten und neuen Statuen, so ehemahls in Versailles standen, sind jetzt hieher gebracht worden. Auf hundert Schritte weit unterscheidet man aber an der theatralischen Stellung und dem fliegenden gezwungenen Kleiderwurfe die neuern des vorigen Jahrhunderts vor den alten oder nach den alten gebildeten. Was aber allem Leben gab und mich immer von neuem wieder anzog, das war die strömende Menge von Menschen jedes Alters und Standes, die sich besonders zwischen dem großen Wasserbecken und dem Ausgange des Gartens zusammen drängte. Von der dort befindlichen Terrasse herunter konnte ich mich nicht satt an dem fluthenden Schauspiele sehen. Welche ganz andre Manieren des Betragens, der Haltung 102 des Körpers, des Gehens, Stillestehens, Sprechens und Lachens, als auf den öffentlichen Spaziergängen in meinem lieben, ehrbaren, hier möcht' ich fast sagen steifen, Vaterlande, wenn es nicht einem Tadel gliche! Wie geht hier alles so frey und ungezwungen einher, und ohne sich die Miene eines Amtes oder Standes zu geben! Man sieht keine hohe Staatspersonen mit studirter langsamer Bewegung, und dem Firnisse vaterländischer Sorgen auf dem Gesichte, oder mit Verbeugung heischendem Blicke; keine Gelehrten, die mit niedergeschlagenen Augen zu denken scheinen wollen, oder in süßer Eitelkeit den Beyfall für ihre Schriften auf den Mienen der Vorübergehenden aufsuchen. Auch die jungen Leute, die in neumodischer seltsamer Tracht einherziehen, haben nichts von dem Contorschnitte, oder der gezwungenen Unbefangenheit und malplacirten Lustigkeit vieler der Unsrigen, die mit zusammengelesenen Federn geschmückt aus der Fremde heimgeflogen kommen. Hier ist nicht das unbarmherzige Mustern der Vorbeygehenden, nicht der unabtreibliche Blick der Neugier, der an jeder fremden Person und jedem modischen Gewande klebet. Der vornehme wie der gemeine Bürger, selbst der Bettler, gehet sicher und ohne sich mit andern zu messen, seinen Gang, zwar nicht unbemerkt, aber ungeneckt und unbegaffet. Ob auch das schöne Geschlecht einige äußerliche Vorzüge (denn nur von dem, was ich von der Terrasse des Feuillans herunter sah, rede ich) genieße, 103 wage ich nicht zu entscheiden. Zart und weiß ist allerdings die Haut der Französinnen und üppig ihr Wuchs; ihr Blick ist weichlich, und Perlen sind ihre Zähne. Das findet sich aber auch bey uns, zwar nicht so häufig, vielleicht nur weil man nicht so viele Frauenzimmer auf den öffentlichen Plätzen antrifft. Auch bey uns sah ich eben so kostbar gekleidete Damen, nur scheinen die Pariserinnen das vortheilhafte Tragen des Gewandes, das zierliche und leichte Auffassen desselben, wodurch der Körper eine so schlanke Gestalt bekömmt, besser zu verstehen. Obschon aber nach dem allgemeinen Glauben unendlich mehr Fangsucht (wie die Sprachbereiniger sagen – haben wir die Sache, so dürfen wir auch das Wort haben) hier herrschen mag, als anderswo, so sollte man doch beynahe das Gegentheil glauben, weil man so wenig von unzeitigem Erröthen, oder von kindisch umherblickender Zudringlichkeit und schreyender Naivetät sieht; denn selbst die Natürlichkeit scheinen die Franzosen in Regeln gebracht zu haben. Ob aber jene reine und stille Anmuth, die den edelsten weiblichen Seelen eigen ist, die allein die wahre bleibende Liebenswürdigkeit ausmacht, und ohne die alle äußere Reitze nur vorübergehende Wirkung thun, hier so zu Hause sey, wie da, wo man nicht so viel spaziert, dieß zu entscheiden, wäre eine nähere Bekanntschaft mit dem weiblichen Geschlecht erforderlich. 104 Die große Nationalsäule, welche auf der Place de la concorde wie ein hoher Thurm emporstrebt, zog schon lange meine Blicke auf sich. Ich verließ also meinen unterhaltenden Standpunkt, und begab mich auf diesen Platz, der die Tuilerien mit den Elysäischen Feldern verbindet, wo aber nicht mehr ruhiger Spaziergang, sondern Lärm und Gewühl herrscht. Buden, Glückspiele, Marionetten, Marktschreyer betäuben die Ohren, und die Wagen und Reuter, welche den Platz immerfort durchkreuzen, machen den Ungewohnten ängstlich. So majestätisch mir von weitem diese hohe Säule vorkam, so wurde doch der günstige Eindruck sehr durch ihre hölzerne Gebrechlichkeit geschwächt, denn sie steht nur noch als bretternes Muster da für das steinerne Monument, welches à la gloire des armées françaises , wie die Inschrift sagt, wie bald weiß ich nicht, hier aufgerichtet werden soll. Rings an ihrer weiten Grundlage erscheinen alle Departemente der Republik, als Basreliefs von Bronze allegorisch gemahlt in lebensgroßen antiken Figuren, die sich einander die Hände biethen, ohne weitern distinktiven Charakter der Provinzen, den darunter geschriebene Nahmen ersetzen sollen, welches zwar ein wenig prosaisch aber doch nöthig ist, weil man sonst nicht wüßte, was dieser Tanz zu bedeuten hätte. Am Fuße der Säule sind als künftiger Marmor mehrere allegorische Wünsche und Complimente angebracht, und an den Ecken Trophäen von 105 Erz im antiken Geschmacke, aber mit Waffen der neuen Kriegskunst, welches ich jedoch nicht wie andere tadle, denn warum sollen die Waffen, welche gesiegt haben, nicht auch der Ehre genießen! Wenn Gegenstände der neuern Zeiten in antike Form rangirt werden können, ohne Proportion und Zeichnung zu verletzen, so soll der Geschmack auch nichts dagegen haben. Oben auf der Säule steht ein schönes Bild der Republik, und an den Stamm derselben sollen die Nahmen großer Krieger geschrieben werden. Noch nicht drey Wochen steht diese colossalische Säule, und schon verbleichen die Gemählde, und spalten die Bretter. Ob sich gleich von Holz nichts besseres erwarten läßt und jedermann weiß, daß sie nur zur Probe da steht, so erlaubt sich doch das Publikum manchen bedeutenden Scherz, nicht nur über die architectonischen Mängel derselben, sondern eben über diese mürbe Pracht, und stellt laute Vergleichungen an zwischen den vielen eben so scheinbar hervorgestellten und so bald wieder verschwundenen politischen Gebäuden des Jahrzehends und dieser Säule. Nach den Bemerkungen, die ich schon an dem ersten Abende meines Hierseyns hörte, hätte die Regierung besser gethan, sie nach reifer Prüfung sogleich von Stein aufführen zu lassen, als so im Schattenrisse. Was einmahl vollendet da steht, daran gewöhnt man sich bald, und der Tadel schweigt wo er nichts mehr ändern kann. Wenn auch das Publikum gerechter und entscheidender 106 Richter über das Geschehene ist, so soll man es doch niemahls fragen über das, was man thun will, weil seine vielzüngige Stimme sich an Nebensachen heiser schreyt, und dabey der Hauptfrage vergißt. Viele finden es daher auch unklug an einer neuen Regierung, Monumente für die Ewigkeit provisorisch von Holz machen zu lassen, weil der Zuschauer dadurch wider seinen Willen an die Vergänglichkeit der Dinge erinnert wird. Vorher soll das Modell zu einer Bildsäule der Freyheit hier aufgestellt gewesen seyn, die aber auch nicht zu Stande kam. Es wird schwer halten, meinen viele, ehe was republikanisches gedeiht auf diesem Boden, der mit dem Blute des Monarchen gedüngt ist. Die Champs Elysées bilden zwey liebliche Lustwälder, die durch eine beständig mit Reutern und Wagen besetzte breite Straße getheilt sind, wo sich die Pariser Männer und Weiber und Kinder freyer als in den Tuilerien ergetzen, und dazu die mannigfaltigste Gelegenheit finden, denn hier und in der Nähe sind englische Gärten, Restaurateurs, Kaffe- Tanz- und Trinkhäuser aller Arten, hier werden alle möglichen Spiele und Leibesübungen getrieben bis auf das einsame Spazierengehen hinunter, denn auch zu diesem ist noch Raum. In den Tuilerien meinte ich, die ganze spazierende Welt sey da versammelt, und hier 107 war die Menge wenigstens eben so groß. Dieß war mir alles so überraschend neu, daß ich immer meinen Gefährten fragen wollte, was denn heute für ein Fest wäre? Ich sahe diesem flüchtigen Leben flüchtig zu, und merkte wohl, daß ich noch nichts sehe, war aber doch schon vergnügt über das was ich sahe. Müdigkeit so wohl als Lust der Augen machte, daß ich mich bey einem Pavillon niederließ, der auf einem in den Wald ausgeschnittenen Platze angebracht ist, und mich durch seine reizende Lage und die Menge vorbeyfahrender, reitender, gehender, ausruhender Menschen und im Grase spielender Kinder unwiderstehlich anzog. Ich setzte mich mitten unter die Leute an eines der vielen Tischchen, die um dieß kleine Gebäude herum angebracht sind, und wurde mit Reinlichkeit und Geschwindigkeit bedient. Ganz gegen meine Erwartung war die Dezenz, die ich allenthalben bemerkte. Selbst in den Bastringen, oder Tanzplätzen des gemeinen Volks, die zu unterst in den Champs Elysées angebracht sind, bemerkte ich nichts von der tobenden Ausschweifung und dem wilden Rausche, der »die schweinische Menge« anderer Länder charakterisirt, und auch hier zu Land in den wüthenden Revolutionszeiten mehr als irgendwo an der Tagesordnung gewesen seyn soll. Ein Beweis, daß die Franzosen wieder zu ihrer angebornen Sitte zurückkehren, die ihnen allenthalben, wo es nicht heimlich zugeht, äußern Anstand gebiethet. Ja man 108 erlaube mir noch zu glauben, sie haben durch die schrecklichen Ereignisse ihrer Revolution, wo nicht an Sitten doch am Scheine derselben, an gesellschaftlicher Achtung und Ehrbarkeit gewonnen. Es gibt keine Prinzen und Hofleute mehr, die so oft in ungestraftem Uebermuth die bürgerliche Tugend öffentlich mit Füßen traten, keine durch den Mißbrauch ihres Geldes verächtliche Finanziers, die, weil sie alles bezahlen zu können glaubten, in ihren glänzenden Wagen über die blutende Armuth hinwegrollten; keine stolzen Prälaten, die durch ihr üppiges Leben das Volk zur Gotteslästerung zwangen, keine Garden des Königs, die im herumstreifenden Rausche die Vorbeygehenden insultirten. – Alle Fehler der Großen und Mächtigen gegen den gesellschaftlichen Wohlstand theilen sich so leichtlich dem Volke mit, weil das Volk weniger durch Verstand als durch Beyspiele geleitet wird, diese Beyspiele aber haben sich durch die Revolution verloren; der Bürger und Handwerker leidet nicht mehr den empörenden Trotz der Reichen und Gewaltigen, und diese verscheuchen jede lärmende Ausschweifung des Pöbels, weil sie gefährlicher Sanscülotismus für sie ist oder werden könnte. Es waltet daher eine gegenseitige Duldung und auffallende Gleichheit des gesellschaftlichen Tons (mehr wohl als der Rechte) unter dieser Verschiedenheit von Menschen, die man wohl nirgends so vollendet antrifft. Freylich hat man diesen Vortheil den traurigsten Erfahrungen zu danken, aber eben darum, 109 weil er aus siebenfachem Unglück entstanden ist, sollte ihn das französische Volk auch als ein heiliges Geschenk des Himmels bewahren, wie Nathan der Weise seine Recha, nachdem ihm Feuer und Schwert seine sieben Söhne geraubt hatten. Wie mancherley und seltsame Arten des Broderwerbs in Paris getrieben werden, konnte ich heute schon mit Erstaunen auf diesem öffentlichen Platze sehen. Ich sage nichts von den Speisewirthen, noch von denen, welche Lustgärten und Tanzsäle zum Vergnügen des Publikums halten, oder Geräthschaften zu Spielen ausmiethen, nichts von den schönen Mädchen, welche den wohlgekleideten Fremdling bald ausspähen, und wie Schmetterlinge umflattern, noch von den gewöhnlichen Bettlern, welche jedoch auch im Betteln eine ungewöhnliche Höflichkeit beobachten. Aber folgende Beyspiele seltsamer Industrie kann ich nicht unberührt lassen, weil sie zugleich den Geist des Volkes bezeichnen. Gleich im Anfange der elyseischen Felder erblickt man einige zierliche Lehnstühle in Maschinen aufgehängt, denen gegenüber große Spiegel angebracht sind. Wer würde wohl errathen, was dies zu bedeuten hätte? Der Stuhl ist eine Wage, in die man sich setzt, um die Schwere seines Körpers zu erfahren, wobey man, um ja nicht betrogen zu werden, auf einem 110 Barometer sein respectives Gewicht selbst lesen kann; zudem hat man noch das Vergnügen, seine eigne Figur und den Anstand, womit man dieses physikalische Experiment macht, in dem Spiegel zu bewundern. Herren und Frauen, wenn sie von dem Restaurateur kommen, bedienen sich dieser Maschine oft, um sich an dem Paradoxon die Köpfe zu zerbrechen, daß man nach dem Essen nicht schwerer seyn sollte, als vorher. Hier sah ich auch die Frauenzimmer, von welchen ich schon auswärts gehört hatte, die, mit einem Schleyer bedeckt und im Trauergewande, sich wie verloren in das Dunkel der Bäume setzen, und ohne ein Wort zu sprechen oder auf Fragen zu antworten, durch Gesang zu einer Harfe (dem Modeinstrument der Pariserinnen) oder durch künstliches Klavierspiel das Mitleiden der Vorübergehenden rege zu machen suchen, wo Euch dann eine alte Gouvernante, die ihr treu geblieben seyn will, oder ein gefühlvoller Zuschauer ins Ohr sagt, daß es eine Fräulein von hohem Stande sey, welche durch die Revolution um Eltern und Vermögen gekommen. Da aber die Erfindung nicht mehr neu ist, und schon mehrere Personen sich damit abgeben, so nahm ich auch keinen großen Zulauf wahr, bey einer ausgenommen, die es aber mehr ihrer schönen Stimme als ihrem tragischen Schicksale zu danken haben mochte. Einem andern Wundermanne sah ich zu, der auf der Erde saß, und fünf Instrumente auf Ein Mahl 111 spielte. Mit der einen Hand regierte er eine Flöte oder Pfeife von besonderer Erfindung, mit der andern spielte er auf einer Zither, die er zwischen den Knieen hielt. Zwey messingene Becken hatte er so an seinen rechten Fuß befestigt, daß er sie mit einer Bewegung zusammenschlagen und öffnen konnte, und an den linken Fuß hatte er einen Schlägel gebunden, womit er eine große Trommel rührte; zugleich waren an diesem Fuße zwey Glöckchen fest gemacht, die mit jedem Trommelschlag ertönten. So machte er eine türkische Musik, die wohl nicht ihres gleichen in der Welt hat. Ein artiges Mädchen sammelte mit demüthigem Blicke und sanfter Stimme die Liards der Zuhörer ein. Anderswo sitzt auf einem elenden Stuhle ein armer Knabe, der die Geige spielt. Den Hut, womit er das Almosen sammelt, hält er zwischen den Beinen, und neben ihm ist an einem Stecken ein Papier befestigt, worauf die Geschichte seines Unglücks zierlich beschrieben ist. Diese Schrift muß für ihn sprechen, denn er selbst spielt mit niedergeschlagenen Augen unablässig fort, ohne aufzublicken und ohne zu danken, wenn man etwas in seinen Hut wirft, als wenn er einzig und allein in sein Spiel und seinen Jammer versenkt keinen Antheil an der übrigen Welt mehr nähme. An mehrern Orten stehen vor einem Tische Mann und Weib als Bänkelsänger, die bald singend und sich mit der Violine begleitend, bald in Prosa, aber im 112 höchsten Pathos, die Heldenthaten Bonapartes verkündigen, die Geschichte des 18ten Brümairs erzählen, als des Tages, der nach Jahrhunderten von Unterdrückung das Glück des Vaterlandes endlich fixirt habe; von dem Schutzgeiste Frankreichs sprechen, den mehrere Personen bey der Explosion sichtbarlich über dem Consul schweben sahen. Alles mit einem tragödischen Ernste, der zwar nicht mit dem Stoffe, aber mit dem Style und den Declamatoren selbst im lächerlichsten Widerspruche steht. Nur die musikalischen Hülfsmittel hab' ich angeführt, womit sich die Armuth ein geneigtes Ohr zu verschaffen hofft; es sind aber solche kleine immer abwechselnde Lockspeisen allen Sinnen (wenn man auch ihrer mehr als fünfe zählen wollte) bereitet. Monathe Zeit und ein eignes Buch würden erfordert, sie alle zu prüfen und zu beschreiben. Auch die erwähnten konnte ich nur im Vorbeygehn haschen, weil mein Begleiter eilte; ich nahm mir aber vor, einen Tag auszusetzen, den ich ganz der Beobachtung dieser Bettlerindüstrie widmen wollte, für die ich mehr Interesse habe, als ein Mann von Geschmack von sich selbst gestehen sollte. Wenn es eine Seelenwanderung gibt, so bin ich selbst einmahl so ein Gassenmusikus gewesen, denn die Liebe zu ihnen ist mir angeboren. Schon in meiner Kindheit konnte ich einem alten Manne, der mit zitternder Stimme geistliche Lieder sang und sich mit einer Baßgeige begleitete, von Hause zu Hause 113 folgen, und ihm mit weinender Wehmuth meine Schillinge und Aepfel zustecken. Die Musik hat auf mein Gefühl dabey weiter keine Wirkung, als daß sie diese Leute aus dem gemeinen Leben heraushebt und isolirt der Phantasie vorstellt, wodurch ihre dramatische Rolle, die sie, vom größten Genie, der Noth, gelehrt, spielen, desto anziehender wird. Wir mußten doch endlich zurück, weil sich der Tag zu neigen anfing. Vom Ende des Gartens aus nimmt sich der Pallast der Tuilerien sehr gut aus, in der Nähe aber schien er mir etwas zusammengeflicktes und zu viel kleinliche Partien zu haben. Der Weg ging dem Wasser nach, an der großen Gallerie hinaus, zum Louvre hin. Mein Herz pochte nach der berühmten Colonnade, und ich sah mich immer nach ihr um; ich mochte aber nicht gern fragen, weil ich mich scheute, meine kindische Sehnsucht kalten Ohren zu vertrauen, und auch weil ich kleinmüthig zweifelte, ob ich die Schönheit derselben im ersten Anblick erkennen werde, so daß man mich davor hinstellen könnte, ohne daß ichs merkte, und ich darüber zum Spott würde. Als ich mich aber um die Ecke herumwandte, und diese Fassade vor mir stand, wichen alle Zweifel. Ich fühlte sogleich, daß ich einen großen Gegenstand vor meinen Augen habe, noch ehe mein Verstand den Begriff davon fassen und die Uebereinstimmung desselben mit 114 meinem Gefühl erklären konnte. Alle die kleinen Schönheiten, die ich mühsam an den Tuilerien und der Gallerie aufgesucht hatte, verschwanden wie Sterne vor der Sonne. Das Auge blieb nicht an dem Einzelnen hangen, so zierlich auch das Einzelne vollendet ist, sondern wurde immer von dem Ganzen angezogen, und die so auffallende Einheit, bey dieser Pracht der Composition, machte schon in dem ersten Momente einen unvergeßlichen Eindruck auf mich. Gewiß nicht nachsprechende Einbildung, sondern Empfindung der Wahrheit war meine Bewunderung der unvergleichlichen Harmonie der Theile zum Ganzen, an welchen bey allem Reichthum und der größten Zierlichkeit so gar nichts unschickliches und fremdes ist, wodurch der Sinn auf Nebenbetrachtungen geleitet werden könnte. Auch scheint nicht vorzügliche Schönheit einem besondern Theile eigen, sondern in allen, wie in den Gliedern eines vollkommenen Leibes, der zierlichste Bau mit den richtigsten Verhältnissen verbunden zu seyn, so daß die hohe Idee des ganzen Werks der Anschauung immer gegenwärtig bleibt, und auch durch das Wohlgefallen am Einzelnen nicht zerstreut wird, worin eben das Geheimniß der Schönheit besteht, und wodurch sich die ästhetische Schöpfungskraft bewährt, deren Werke zur Regel werden, ob sie gleich selbst durch keine Regel gelehrt und von keinem Fleiße erreicht werden kann. 115 Ich muß nur meine Empfindung sprechen lassen, weil ich in der Baukunst nichts verstehe; doch möcht' ich wissen, was Kunstverständige daran auszusetzen haben, und ob der Baumeister sich ganz an die Gesetze der alten Kunst gehalten, oder sich Neuerungen erlaubt habe? Denn es kann beynahe nicht anders seyn, als daß der Schöpfer eines solchen Meisterstücks sich eigne Freyheiten gestatte, die erst für Ueberschreitung und nachher für Erweiterung der vermeintlichen Grenzen gelten. Obgleich der Mond zu scheinen anfing, in dessen große Gegenstände noch größer machenden Schlagschatten und silbernem Lichte ich das Louvre noch gern gesehen hätte, so war es doch für heute genug. Müde und belastet von den Erscheinungen des Tages hatte ich Ruhe nöthig, und kehrte zufrieden in meine Wohnung zurück. Ich traute meinen Ohren kaum, als ich beym Erwachen Nachtigallen singen und Turteltauben girren hörte. Beym Mondschein zu Bette und beym Gesang der Nachtigallen heraus, das klingt gar nicht wie eine Beschreibung des Aufenthalts zu Paris, sondern eher wie Aeußerungen eines empfindsamen Mannes, der noch nicht lange auf seinem neuen Landgute lebt, und sich den Tag über mit Geßners Idyllen zu unterhalten bemüht gewesen ist; und doch ist es buchstäblich 116 wahr. Auch Wachteln hörte ich in allen benachbarten Gassen noch in der Nacht schlagen. An Surrogaten der Natur scheint es demnach hier nicht zu mangeln, desto seltner mag wohl die Göttin selbst zu finden seyn; man behilft sich also so gut man kann, nur Schade, daß solche Ersatzmittel des Naturgenusses auch das bereitwilligste Gemüth nicht lange befriedigen! Zwar läßt sich der Gesang eingesperrter Vögel noch am besten des Morgens im Bette anhören, wenn die Phantasie noch frisch ist, und man sich mit geschlossenen Augen Wald und Wiesen dazu träumen kann, aber im verschlossenen Zimmer war er mir immer unerträglich, weil ich dann nichts dabey empfinde, als das disharmonische Geschrey eines der Freyheit beraubten und aus seinem wahren Leben gewaltsam herausgerissenen Geschöpfes. Ein anderes ist es, diesen Gesang in der freyen stillen Natur zu hören, wenn leise Winde durch das Gebüsche fliegen, und der Mondstrahl im lispelnden Bache zittert, nur dann klaget die Nachtigall meinem empfindenden Ohre; nur dann vernehm' ich der Lerche Lobgesang, wenn sie unsichtbar über dem pflügenden Bauer ihren Morgengruß anstimmt, und fröhliche Hirtenknaben von Ferne jauchzen, und das Schifflein auf dem glatten See plätschert. – Kurz, der Vogelgesang ist kein Ganzes für sich, sondern nur eine schöne Partie von der wundervollen Symphonie der Natur, aus welcher er nicht einzeln herausgehoben werden kann, ohne seine Annehmlichkeit zu verlieren. 117 Allein man begnügt sich allenthalben mit dem Scheine und nimmt den Nahmen für die Sache, in großen Dingen wie in kleinen. Denn wie diese wähnen, daß ein gefangener Vogel ihnen das gleiche Vergnügen machen könne, welches er in der Freyheit der Wälder gewährt, so haschen jene nach Glück und Ehre, und meinen, wie lieblich diese Vögel in ihrem Käfich pfeifen werden, und erfahren dann oft zu spät, daß sie besser gethan hätten, sie in ihrem freyen Fluge nicht zu hemmen, und ihnen nur von fern zuzuhören. Auch ich, der ich andre tadle, betriege mich in ähnlichen Fällen in meinem kleinen Leben oft selbst, und heuchle aus Blödigkeit. Wie oft hab' ich nicht schon bey Büchern, die man mir anrühmte, lange Weile gehabt, indessen ich mich zur Theilnahme zwang, oder bey einer Musik, die zu künstlich für mein Ohr war, unwillkührlich gegähnt, und mich dennoch in Bewunderung ergossen! Um mich aber nicht länger in übelzusammenhängenden Phantasien zu verlieren, fing ich an, eine Beschreibung meines Zimmers zu machen, um sie gelegentlich nach Hause zu schicken. Von der schönen Seite betrachtet wußte ich viel Gutes davon zu sagen, aber es hat auch, wie alles in der Welt, eine häßliche. Was hab' ich von sammtenen Lehnstühlen, wenn ich daran kleben bleibe, was von den großen Spiegelscheiben, wenn ich sie erst abwischen muß, um durchzusehen, was vom eingelegten Fußboden, wenn ich vor 118 Koth nicht weiß, ob er von Holz oder Stein ist! Lieber wollte ich auf der gescheuerten Bank einer reinlichen Appenzellerstube sitzen, als hier auf diesen geschmackvollen Stühlen, ob man mir gleich sagt, ich sey logirt wie ein Prinz. Um 9 Uhr ging ich aus, um allein und auf Gerathewohl in den Straßen herumzuziehen. Es war heute (24. May) Pfingsten, aber es schien mir kein Mensch daran zu denken, als ich selbst; nirgends ertönte eine Glocke, nirgends hörte ich die rollenden Orgeln der Kirche oder den Gesang der Priester; statt der festlichen Stille, die jetzt bey uns herrscht, war ein Gedränge der Leute, ein Geschrey der Ausrufer, eine Schaubarkeit der Buden, ein Rasseln der Wagen, daß alles, was ich zu Hause von Messen, Jahrmärkten, Predigt- und Musterungsbesuchen und anderm Volksgewirre gesehen hatte, hier in Eins versammelt schien, und es mir noch gar nicht in den Kopf wollte, daß dieß etwas alltägliches sey. Mein irrender Schritt führte mich auf den großen Fischmarkt. Hier sind also die fürchterlichen Poissarden, dachte ich, und ging mitten in das Getümmel hinein, um sie zu betrachten; ich konnte aber vor dem beständigen Ausweichen und dem Gassenkoth nicht recht zu ihrem Anschauen gelangen; so viel sah ich jedoch, daß es meistens dicke fleischigte Weiber, reinlicher angezogen als ich glaubte, sind. Ich hörte eben nichts grobes von ihnen, konnte aber auch ihre Sprache nicht 119 recht verstehen; doch gefielen mir ihre fetten rothen Backen nicht, die sich nie entfärben zu können scheinen, noch ihr trotziger Blick, so daß ich bald wieder einen Ausweg aus diesem Labyrinthe suchte. Am meisten aber schreckte mich der unerträgliche Fischgeruch zurück, der mir für heute das Fischessen verleidete, so wie der Anblick einer blutigen Fleischbank mir das Fleischessen verhaßt macht, und ich dann nicht begreifen kann, daß der Mensch dazu gebildet seyn soll, bis der Appetit selbst es mir beweist, der über diese und andre häßliche Geschäfte, wozu wir organisirt und also berechtigt sind, uns immer am besten die Zweifel löst. Ich kam nun auf einen Gemüse- und Blumenmarkt, der mir schon besser gefiel; doch scheinen diese Weiber auch noch unter die Dames de la Halle zu gehören. Und von da auf den Trödelmarkt. Hier glaubte ich nun die berühmten Kleidungsgewölbe anzutreffen, wo sich, wie man mir erzählt hat, jedermann, der Kleine und der Große, der Reiche und der Arme, in einem Augenblick vom Kopf zum Fuße einen vollständigen Anzug nach seinem Geschmacke wählen kann. Aber ich fand nichts, als einen abscheulichen Lumpenkram, wo die elendesten Fetzen feil gebothen sind: alte Schnüre, zerrissene Bänder, handbreite Stücken Zeug, die man anderwärts nicht von der Gasse aufläse; ein Zeichen großer Armuth, die sich dennoch lieber in zusammengeflickte feine Lumpen kleidet, als in groben 120 aber ganzen Stoff. Jene berühmten Läden müssen also in andern Quartieren zu finden seyn. So durchstrich ich mehrere Straßen, stand still, wo, und sahe an was ich wollte, ohne daß mir ein Mensch die Ehre anthat, Kenntniß von mir zu nehmen; niemand kam mir entgegen, niemand wich mir aus, vielweniger sah mir jemand nach, wohin ich ginge. Factus sum sicut passer solitarius in tecto – Das ist aber kein geringer Vorzug großer Städte, daß man einsam seyn kann, so lange man will; in kleinen ist man es eben so selten, wenn man gern will, als oft, wenn man lieber nicht wollte. Caffé du Lycée des Arts! – Hier will ich frühstücken und den Gesprächen der Gelehrten und Künstler, die der Aufschrift zufolge sich hier versammeln werden, zuhören! – Aber ich kam entweder zu früh oder zu spät, denn ich traf niemand an, als Leute die Zeitungen lasen, und wenig philosophisches an sich zu haben schienen, als daß sie kein Wort sprachen, wofern dieß eine Eigenschaft der Philosophen ist. Auf dem Katheder saß eine Dame, welche die Bezahlung einnahm, und mir einige abgeschliffene Silberstücke herausgab, die ich nachher nicht mehr anbringen konnte. Sodann kam ich wieder bey der Colonnade des Louvre vorbey, wovon mir jetzt der untere Theil etwas zu leer und vernachlässigt vorkam gegen dem Reichthum der Säulenreihe; diese aber erneuerte mir wieder den gestrigen Eindruck eines genialischen 121 Kunstwerks, das gewiß bis in seine kleinsten Theile in den reinsten Verhältnissen ausgeführt seyn muß, weil das Auge bey aller Pracht und Größe doch so leicht darauf ruht, und immer mit neuem Wohlgefallen davon angezogen wird; wogegen die andern Palläste zwar auch zierlich, aber ohne Größe und durch zwecklose Mannigfaltigkeit verkleinlicht sind. Auch der innere Platz des Louvre gefiel mir durch seine majestätische Geräumigkeit, worin mir die Leute alle so klein vorkamen, und durch sein schwarzes Alterthum, hauptsächlich aber durch die Erinnerung an seine Bewohner und ihr Thun und Lassen von Charles IX. an bis zu Louis XIII. Ich setzte mich auf einen Stein nieder, und beschwor ihre Geister zurückzukehren aus dem Schattenreiche in diese königliche Burg, und in ihren alten Naturen vor mir aufzutreten. Bald hörte ich Karln IX. fluchen, und erblickte die wollüstigen Hoffräulein seiner Mutter in leichtsinnigem Reize an den hohen Fenstern. Ich sahe den ehrwürdigen Michel de l'Hospital, dem das Herz für sein Vaterland blutet, durch diesen Hof reiten, verspottet von jenem Gesindel und gesegnet von jedem, dem Tugend und Weisheit noch etwas galten. Die stolzen Guisen zogen prächtig vor meinen Augen vorüber, und vor ihnen trübte sich der neidische Blick des weichlichen Königs und seiner Günstlinge. Ich verweilte gerne bey mancherley Bildern von Heinrich IV., am liebsten sah ich ihn mit dem edeln Sülly an der Hand menschlich 122 und königlich einhergehen, und etwa sein freudiges Auge auf eine nahe Schönheit werfen. Blaß, hager, und mit einem in die geheimsten Tiefen des Herzens dringenden Blicke erscheint der Cardinal Richelieu, die Garden eilen ins Gewehr, erschrockener als wenn es der König selbst wäre, die Offiziere grüßen ehrerbietig, er aber würdigt keinen seines Anblicks, und schreitet langsam und leicht die Treppen hinauf, und hinter ihm Prinzen und Generale. Wo sind sie nun, diese Herrlichkeiten der Erde? Schon lange abgetreten von ihrem schimmernden Schauplatze leben sie nur noch im segnenden oder fluchenden Andenken der Nachkömmlinge. Ihre vom Taumel der Freude erschallenden und von Thränen der Angst benetzten Gemächer sind nun der ruhige Aufenthalt glücklicher Gelehrter und Künstler, und unter jenen angestaunten Fenstern verrichtet jetzt der Pöbel, was er nicht sollte. Als ich auf der andern Seite heraus kam, erblickte ich den Eingang zum Museum, Musée central des arts war die Inschrift: da konnte ich mich nicht zurückhalten, ob ich schon diesen Morgen nur dazu bestimmt hatte, in der Stadt herumzuwandern. Ich mußte aber vorher der Schildwache meinen Paß weisen, und ihr, da es von ungefähr ein Schweizer war, von Hause erzählen. Mit Herzklopfen trat ich in den 123 langen Saal hinein, der einen Theil der Gallerie des Louvre ausmacht. Nur die Gemählde der deutschen, französischen und niederländischen Schulen waren zu sehen, die italiänischen aber durch einen Vorhang abgesondert, weil für den hier anwesenden König von Hetrurien ein neues Arrangement damit gemacht wurde. – Welch ein Schatz! Indessen war ich noch zu unruhig, ob ich gleich über zwey Stunden unter den zahllos scheinenden Bildern herumging, wo ich Stoff zum Nachdenken für ein ganzes Leben zu finden glaubte; immer zog ein neuer Gegenstand meine Augen von dem kaum angeblickten hinweg. Deßwegen suchte ich mich jetzt nur zu orientiren, und die Plätze der verschiedenen Schulen zu merken, und mich mit der örtlichen Gelegenheit bekannt zu machen. Im Eingange des Saals sind gedruckte Verzeichnisse der Gemählde zum Verkauf, wofür man nicht mehr bezahlen darf, als auf dem Titelblatte steht. Eine Frau nimmt die Stöcke ab, und gibt sie wieder unentgeltlich zurück. In der großen Gallerie selbst gehen eine Menge Aufseher herum, die Achtung geben, daß nichts betastet werde, und den arbeitenden Künstlern das Nöthige reichen. Bey jedem Fenster steht eine Bank zum Ausruhen, eine freundliche Anstalt. Einen einzigen Tag der Dekade ausgenommen, hat der Fremde täglich (hingegen der Pariser ohne besondre Erlaubniß nur drey Tage) den offenen Zutritt von 124 zehen bis vier Uhr. Kurz alles verräth die gefälligste Bemühung, dem Publikum und besonders dem Ausländer den Genuß dieser Gallerie auf das möglichste zu erleichtern. Nur Eins ist Schade: der Platz ist nicht für eine so gehäufte Gemähldesammlung gemacht; die Fenster sind zu tief, und die großen Bilder, die noch hängen, werden von untenher beleuchtet. Auch hat die linke Seite nicht genug Licht. Ein Aufseher, den ich aber noch nicht dafür erkannte, da er sehr wohl gekleidet war, ließ mich, wie ich glaubte, aus besonderer Gunst, unter dem Vorhang durch zu den italiänischen Gemählden treten, und führte erklärend mich an denselben herum. Hätte mich aber auch nicht die ungewohnte Neuheit an deutlicher Betrachtung gehindert, so hätte es seine begleitende Erklärung gethan, die ich mir nicht verbitten durfte. Bey einem ersten Anblicke dieser Art geräth das Gemüth in Wallung, die uns verhindert, auch von dem bessern Verstande eine Weisung anzunehmen. Wir müssen uns allein überlassen bleiben, bis die freudige Unruhe sich verloren, und wir selbst durch Fragen von dem erfahrnen Begleiter Nutzen ziehen können. Ich streifte an den herrlichsten Guidos, Carraccis, Correggios, Dominichins vorbey (der Aufseher trieb mich), wie man in einem Wagen bey Gruppen schöner Mädchen vorbey fährt, und ihnen nur einen 125 Blick der Liebe oder einen Laut des Wohlgefallens schenken kann. Es herrschte noch eine große Unordnung in diesem Theile des Saales, denn allenthalben waren Arbeiter beschäftigt, Gemählde aufzustellen. In einer dunkeln Ecke stand, ganz unerwartet für mich, die Verklärung von Raphael zum Restauriren bereit; jetzt war sie noch voll Staub und an einigen Orten klebte noch die Gaze an, womit man das ohnehin schon schadhafte Gemählde vor weiterem Verderben auf der Reise zu schützen gesucht hatte. Es zog mich aber nicht mit der Schnelligkeit an, noch heftete es meinen eilenden Blick so unwiderstehlich auf sich hin, mit der Vergessenheit der Welt und meiner selbst, welche sonst wohl die Wirkung menschlicher Meisterstücke ist. Ich schreibe dieß nicht nur dem gegenwärtigen Zustand des berühmten Bildes, und den glänzenderen Sachen, die ich so eben vorbeygegangen, zu, sondern auch meinen irrigen Vorstellungen von dem Colorite und überhaupt meiner gespannten Erwartung davon, weil wir nichts Großes erwarten können, ohne uns ein Bild davon zu machen, das meistens in umgekehrtem Verhältnisse mit der Wahrheit steht. Durch Beschreibungen und Dorignys vortreffliches Blatt hatte ich nach und nach von diesem Gemählde den Begriff des ersten von allen Gemählden der Welt bekommen; hiezu gesellten sich unwillkührlich Ideen von einer gewissen originellen Lieblichkeit der Färbung, 126 die ich bey dem allgepriesenen Raphael voraussetzte, so daß ich kaum mehr an die menschliche Beschränktheit dachte, sondern erwartete, die Eindrücke alles bisher gesehenen müßten wie Nebel vor dieser Sonne verschwinden. – Aber es war mir nicht wohl zu Muthe, als ich statt des zarten harmonischen Tons und durchsichtigen Zaubers, den ich mir, nicht gedacht, aber geträumt hatte, so viel kalte, trockne und schwarze Partien erblickte, die mir anfänglich auch die Erkenntniß der edeln Composition verhüllten. Ob nun gleich diese Fehler eben so sehr auf Rechnung der Zeit als des Meisters geschrieben werden mögen, so fielen sie doch beym ersten Anblick meinem sinnlichen Auge unangenehm auf, weil bey jeder Mahlerey das sinnliche Farbenspiel die erste schnelle Wahrnehmung ausmacht, noch ehe der Verstand spricht. Wehe aber dem Kunstwerke, wo dieser nicht bald zum Sprechen kommen kann! Hier war dieß jedoch der Fall nicht; denn bald verloschen meine Träume vor der wirklichen Gegenwart des höchsten Verstandes in der Zeichnung, Anordnung und Bedeutung, (alltägliche Ausdrücke, seit Mengs sie brauchte – ich weiß aber keine bessern) und mit jedem Augenblicke wurden die Figuren sprechender, runder und lebendiger. – Man kann kein Gemählde aus dem Gedächtnisse beschreiben, am wenigsten ein solches, zu dessen würdiger Betrachtung ganze Tage erforderlich wären, auch ist schon so viel darüber gesagt, und das Verdienst des Meisters so bestimmt angegeben 127 worden, daß ich nur den Nachklang des besser gesagten aussprechen könnte; ich begnüge mich deßwegen nur das Geschichtliche meines Anschauens anzuführen, und den Eindruck zu schildern, der die Folge meines kurzen Verweilens vor diesem erhabenen Bilde war. Ueber der bedeutungsvollen Richtigkeit der Gedanken und der geistigen und doch so einfachen Wahrheit, die mir immer deutlicher wurde, vergaß ich die praktische Kunst, welches wohl die schönste und zweckmäßigste Wirkung ist, die ein Kunstwerk auf uns machen kann, und verlor mich in dem ängstlichen Jammer des Vaters, der seinen wüthenden Knaben hält, und in der, durch Geberden und Mienen so edel und wahr ausgedrückten Klage der hülfsbedürftigen Freunde, die sich so verschieden äußert, und doch nur Eins: Rettung von dem unheilbaren Elend, fleht. Auch meinem Herzen theilte sich die Unruhe der Apostel mit über den schrecklichen Zustand des Leidenden und die Abwesenheit des göttlichen Meisters, der allein helfen könnte. Es war, als wenn immer eine neue Gestalt nach der andern vor mich hinträte, und in jeder derselben eine neue Ansicht von der Wahrheit der Scene und ein neuer Aufschluß über die Gedanken des Mahlers sich zeigte. Ich konnte darum auch für dieß Mahl von dem obern Theil des Gemähldes, der Verklärung selbst, so viel wie nichts sehen, weil mich jetzt die Freude über diese neue Entdeckung und über meine Fähigkeit, ihren Werth zu fühlen, forttrieb, und ich aus 128 Ehrfurcht besorgte, gleich anfangs zu viel zu thun, und den weitern Genuß lieber auf kommende Tage versparen wollte. Unten sind die Säle der Antiken, die eine bessere Beleuchtung haben als die Gemählde, doch auch nicht alle; denn auf der linken Seite stehen sie zwischen dem Fenster und dem Zuschauer, ja einige gar an den Pfeilern zwischen zwey Fenstern, so daß sie von beyden Seiten Licht bekommen, und also gar nicht besehen werden können. Die besten Plätze haben Apollo und Laocoon, als die berühmtesten, und sind auch die einzigen mit Schranken umgebenen; sie stehen jede zu Ende des nach ihnen benannten langen Saales, bey dessen Eingange man sie sogleich in ihrer Herrlichkeit erblickt. Diese Gegenstände meiner jugendlichen Sehnsucht hier nun endlich unter Einem Dache zu sehen, wäre allein schon der Reise werth gewesen. Ich sahe sie jetzt zum ersten Mahle in Marmor, hätte aber auch wünschen mögen, zum ersten Mahle etwas von ihnen zu hören; denn so schnell mir auch ihre Größe in die Augen fiel, so kamen mir doch immer Winkelmanns glänzende Entzückungen, die ich schon als Knabe auswendig wußte, in den Weg, und störten die reine ursprüngliche Empfindung, welche gern einen demüthigen Anfang nimmt, um nach und nach, nicht auf 129 fremden, sondern auf eignen Flügeln, sich an der großen Erscheinung und durch sie emporzuschwingen. Wäre es mir möglich gewesen, in dieses Heiligthum hineinzutreten, zwar mit gerechter Verehrung für alte Kunst, aber ohne diese Statuen anders als dem Nahmen nach zu kennen, wie mannigfaltig hätte mich der Anblick dieses schlangenumwundenen Vaters beschäftigt, an dem der Ausdruck des körperlichen so wohl als des geistigen Schmerzes mit bewundernswürdiger Kunst anschaulich gemacht ist, da der ganze Körper sich auf das heftigste von dem Bisse der Schlange wendet, ohne unedel zu werden, indessen der emporgedrängte Kopf vergeblich nach Hülfe von oben schreyt! Wie hätte mich jener junge Held, der als König des Tages stolz in sein Lichtreich hervortritt, angezogen! Er sendet seine Strahlen wie Pfeile in die Weite der Schöpfung, und vor ihm biegen sich in Lobpreisung die Kniee der Völker! Ich hätte mich vor den hohen idealischen Gebilden dem wirksamen Streben meiner Seelenkräfte überlassen, und in geisterhebender Betrachtung nach Erkenntniß dieser erhabenen Kunst gerungen – aber jetzt zwang mich ein überlästiges Gedächtniß unwiderstehlich, vorher den Winkelmannischen Lobgesang abzubethen, der mich freylich durch seine Begeisterung auf eine Höhe der Anschauung hob, wohin ich allein nie gelangt wäre. Aber es war nicht meine eigne selbsterworbene Erkenntniß, sondern fremdes Gut, wodurch 130 ich auf Ein Mahl zu reich wurde, ein Standpunkt, auf dem ich mich seiner Höhe wegen nicht halten konnte. Ich ließ es also für heute bewenden, und zog mir nur die Regel aus der Erfahrung ab, daß man vorzügliche poetische Beschreibungen zwar lesen, aber nicht eher auswendig lernen dürfe, bevor man den beschriebenen Gegenstand selbst gesehen und mit eignen Sinnen geprüft hat, weil wir uns ihnen gemeiniglich zuviel dahin geben, und dann die subjectiven Vorzüge des dichterischen Lobes mit den Schönheiten des besungenen Gegenstandes in Collision kommen, und, einmahl dem Gedächtniß eingeprägt, wie ein Zauber unsre eigne Kraft lähmen. Kurz, man soll erst mit eignen Augen sehen, ehe man sich fremder bedient, und lieber seine eigne Beobachtungen durch fremde, als fremde durch eigne berichtigen, weil ersteres allein uns zum ächten Selbstgenuß und Fortschritt, letzteres aber nur zur unfruchtbaren Kritik führt. Ich setzte mich in einem der Säle nieder, um von der Müdigkeit auszuruhen. Die Decke desselben ist mit Frescogemählden geziert, die eine große Fertigkeit und gutes Colorit verrathen; es war mir aber nicht möglich. dieses flache Farbenspiel, wenn es an sich auch noch so bedeutend gewesen wäre, neben den erhabenen Götter- und Heldengestalten, welche hier die Bildhauerkunst hervortretend aufstellt, mit einigem Interesse anzuschauen. Die Mahlerey hat unstreitig mehr Spielraum, durch Farben, Profile, Verkürzung, Perspectiv, 131 Ton, willkührliches Licht, hiemit durch größere Compositionen und vereinigende Anordnung derselben, auf unsre Einbildungskraft zu wirken, als die Sculptur, aber diese hat mehr Intension, Gegenwart und sinnliche Täuschung; ihre wirkliche, runde, tastbare Gestalten sind zum Theil wirklich das, was die andern nur nachahmen. Tritt nun noch Schönheit und geistvolle Bedeutung uns mehr und mehr aus diesen im wirklichen Raume schwebenden plastischen Ründungen entgegen, so verlieren vor ihrer Fülle und Gewalt die gemahlten Schatten der Bildertafel ihre Wirkung und ihren sonst verdienten Werth. Sind sie gleich ihrem Ursprunge nach Schwestern diese beyden Künste, so ist doch ihre Tendenz zu verschieden, als daß sie sich in enger Gesellschaft vertragen könnten. Der stille selbstständige Stolz der Aeltern verscheucht die gefällige Jüngere, die sich hinwiederum mit mannigfaltigern Reizen, und einer größern Anzahl von Liebhabern tröstet. In diesen hohen Sälen, unter diesen »schönen Wesen aus dem Fabellande« mag wohl der feyerlichste und ruhigste Aufenthalt in Paris seyn. Einige Zeichner ausgenommen waren wenig Leute da, und diese schienen nur so an den ehrfurchtgebiethenden Bildern herumzuschleichen, ohne ihrer Größe im mindesten Abbruch zu thun, denn eine solche Gesellschaft macht alle Prätension zu nichte. Welch eine unversiegliche Quelle der Betrachtung, immer neu, auch für den, der sich schon durch tausend neue Vorstellungen ermüdet glaubt! 132 Hätten mich nicht die gähnenden Aufseher eines andern belehrt, niemahls würde ich geglaubt haben, daß man auch hier von der langen Weile ergriffen werden könnte. So saß ich lange; vor mir über lag der sterbende Fechter. Ob gleich mein Blick noch neugierig herumschweifte, so zog ihn doch die Nähe und Wahrheit dieses edeln Kunstwerks immer wieder an. Es ist zwar keine von den erhabenen Formen der Götter- und Heldenzeit, deren so manche dieß Elysium bewohnen und beleben, aber es ist das treue Bild der letzten Stunde eines edeln Kriegers, der ruhig, obgleich im blutigen Tode, seine männliche Seele aushaucht. In dieser Hinsicht halte ich es doch für eines der ersten Stücke dieser Sammlung. Seine Gestalt ist schön und die Stellung hätte nicht wahrer und schicklicher gewählt werden können. Zu Boden gesunken und vom Blutverluste entkräftet, stützt er sich noch mit dem rechten Arme, aber so schwach, daß man jeden Augenblick glaubt, ihn zusammenfallen zu sehen; und eben dieser Moment ist es, der dem Bilde am meisten Interesse gibt; denn schon hängt er mit dem Kopfe vorwärts und eine allgemeine Erschlaffung dehnt sich durch seine Glieder aus; Schatten des Todes scheinen vor seiner Stirne zu schwimmen, und die Träume des Lebens sich ihm wie ferne Töne zu verlieren. Nur noch im dumpfen Gefühle seines Daseyns ohne Merkmahle des Schmerzes, der Schmerz ist schon vorbey, 133 ohne Zuckung und Angst, endet er würdig und wahr sein tapferes Leben. Ich kann nichts als die lautere Empfindung angeben, welche das Anschauen dieser Bilder jedes Mahl in mir erregt; beschreiben will und vermag ich nicht, weder jetzt noch dann, wenn ich diese Werke mit mehr Ruhe werde betrachten können, weil ich mir keinen gelehrten Anstrich geben darf, der mir nicht natürlich ist. Ueber die historische Bedeutung und das Alter der merkwürdigsten Statuen haben schon gelehrte Meister abgesprochen, was könnt' ich Schüler sagen? Und von der Beschaffenheit des Marmors und seiner Behandlung verstehe ich nichts, in Büchern aber nachzuschlagen und mit veränderten Worten das Gelesene wieder von mir zu geben, dazu hätte ich hier nicht Zeit, wenn mir diese neue Manier auch weniger verhaßt wäre. Styl, Zeichnung, Verhältniß der Theile, und andre Erfordernisse der Kunst, wäre ich wohl selbst zu beurtheilen im Stande, aber mir ist, diese Schönheiten müssen jedem ohne meine Anweisung in die Augen fallen; kleine Zweifel aber dagegen aufzustellen und die paucas maculas zu nennen, die mich beleidigt haben, das sey fern von mir! Bin ich gleich nicht gekommen, um bloß anzubethen, so will ich doch in der kurzen Zeit meines Hierseyns mich lieber meiner neuen Freunde freuen, als sie anatomiren. Der größten Behutsamkeit bedarf es indessen für mich und jeden Neuling, daß die Aeußerung der Empfindung nicht 134 deklamatorische Begeisterung werde, denn die Gewalt dieser alten Kunst ist so groß, daß man, ehe man sichs versieht, von der prüfenden Aufmerksamkeit zur Bewunderung hingerissen wird. Es war schon Abend, als ich nach Hause kam. Mein gefälliger Landsmann führte mich zu einem Restaurateur, dessen Speisezimmer eine vortreffliche Lage gegen den Pontneuf heraus haben, wo ich das erste Mahl in einem öffentlichen Hause in Frankreich elegante Reinlichkeit mit Pracht verbunden sah. Das Zimmer hat ringsum Spiegelwände, die ich sonst nicht liebe, weil sie schwindlich machen, aber in diesen zeiget sich durch die weiten Fenster das Bild der Seine, und der vorüberliegenden schönen Gebäude, wie ein lebendiges Gemählde. Allenthalben stehen kleine Tischchen zu drey bis vier Personen, und auf jedem derselben liegt ein gedrucktes Verzeichniß der Speisen nebst dem Preise; das ist aber für den unerfahrnen Fremdling eine große Verlegenheit, wenn er unter diesen unbekannten Kunsttermen der französischen Küche wählen soll, die meistens noch unorthographisch geschrieben sind. Ich wählte auf Gerathewohl und war froh, als mich der galante Aufwärter (den ich mich fast garçon zu nennen scheute) nur begriff. Schnell ist alles da, was man begehrt, und sehr gut; nur dem süßlichen wohlfeilen rothen Weine traute ich nicht recht; 135 auch kann ich nicht sagen, daß das Brod so ganz besonders gut sey, wie man behauptet und ein Franzose dem andern nachspricht. Am Ende ißt man wohlfeil, wenigstens in Vergleichung mit den unmäßigen Preisen unsrer schweizerischen Wirthshäuser. Auch gefällt mir das, so unfreundlich es klingt, daß jeder seine Schüssel für sich hat, und nicht mit seinem hungrigen Nachbar theilen muß, sondern nach Bequemlichkeit essen kann. Wir gingen in die Kirche St. Gemain l'Auxerrois hinein, um zu sehen, wie das Pfingstfest gefeyert werde. Da fanden sich nur wenige und größtentheils gemeine Leute und Bettler, welche die Vesper anhörten. Das Innere der Kirche sahe sehr arm und nackend aus. So war es auch in St. Eustache, wo zwar ebenfalls Gottesdienst gehalten wurde, aber nicht wie es die prächtige Structur der Kirche erforderte, und es ehemahls mochte gewesen seyn. Denn jetzt schien nicht der majestätische Gott der römischen Kirche als König aller Könige, noch auch der Herr des Himmels und der Erde als Vater aller Menschen hier verehrt zu werden, sondern irgend eine untergeordnete obscure Gottheit, die sich in verlassene halbzerstörte Tempel zurückgezogen, und ihre Herrschaft auf armseliges Gesindel und zerknirschte Herzen alter Sünderinnen beschränkt hat. 136 Die Theophilanthropen, welche hier in großen Tafeln einige ihrer Sittensprüche aufgestellt haben, wollten dem sinnlichen Ceremoniendienste ihren Naturalismus substituiren, und die Lehre der Tugend, als wenn diese eine Gottheit außer uns wäre, zu einem öffentlichen Cultus erheben; sie erschöpften sich daher in erhabenen Gemeinsprüchen, die sie auf schwarze Tafeln mahlen, und als heilige Texte zu moralischen Reden in die Kirchen aufhängen ließen. Sie brachten es aber nicht weit, weil die Sache für den großen Haufen zu abstract und für die gebildete Klasse zu langweilig war, vielleicht auch, weil die Stifter selbst durch ihr Vorbild dem Sittengesetze keine dauernde Empfehlung verschafften. Einmahl jetzt ist ihr Luftschiff schon wieder stark im Sinken, und ihre erste Beschäftigung, wenn sie noch mit heiler Haut herunterkommen, wird wohl seyn, sich mit ihren zierlichen Alltagssentenzen nach Hause zu begeben, und einem andern politisch-theologischen Schauspiele Platz zu machen; denn jetzt, sagt man hier, sey noch alles der Politik untergeordnet, und die Wasser der Trübsal, welche auch die Kirche überschwemmt haben, fangen kaum merklich an, sich wahrhaftig zu läutern. – Schade ist's, daß man die schöne Außenseite dieser Kirche vor den zu nahen Häusern nicht recht sehen kann. Durch die Halle aux blés , eine zierliche Rotunde, welche wegen der einfachen und regelmäßigen Structur, und Erleuchtung von oben herunter, ein würdiger 137 Platz zur Aufbewahrung der Antiken wäre, jetzt aber mit einer ungeheuren Menge von Fruchtsäcken angefüllt ist, kamen wir an dem Tempel vorbey. Es war uns aber nicht erlaubt, in das traurige alte Nest hineinzugehen, und uns mit menschlicher Neugier den Zustand der hier gefangen gewesenen königlichen Familie zu vergegenwärtigen. Endlich gelangten wir auf den Boulevard, welches der sonntägliche Spaziergang des gemeinen Volks seyn soll. Da noch dazu heute ein Feyertag und sehr schönes Wetter war, so strömten die Alleen von Leuten und die Straßen von Wagen und Reutern über. Wir konnten uns vor dem Gedränge fast nicht umsehen, und verloren einander bey jedem Schritte aus dem Gesichte. Besonders zog sich alles nach den kleinen Schauspielen hin, deren alle nur erdenkliche Arten hier ihr Wesen treiben, vom zerlumpten Bänkelsänger an, der mit seiner Frau die Tugend und Weisheit der neuen Helden besingt, bis zum ambigu lyrique und ambigu comique , und von den Marionetten an, die ein Mann oben aus einer umgestürzten Tonne herausstreckt, bis zum Théâtre de la Gaîté , wo Eugenius Huß die Pariser mit dem »bezauberten Walde« bezaubert. Allenthalben, auch bey dem kleinsten Pöbeltheater sind die erhabensten Inschriften angebracht, als wenn gerade da allein die wahre Kunst und das ächte Vergnügen thronte. 138 Indessen lockte mich jetzt keine. Ich will diesen Volksbelustigungen eine eigne Zeit widmen, wenn ich nichts in der Tasche trage, und mich ohne bestohlen zu werden in die Haufen hinein wagen darf. Nur die Wachsbilder des Curtius ging ich zu sehen, weil ich einmahl, ich weiß nicht mehr wo, einen großen Ruhm davon hatte machen hören, und weil an dem Hause mit großen goldnen Buchstaben: la mort de Paul I. geschrieben stand, und ich also erwarten durfte, die Katastrophe dieses Todes mit eignen Augen anstaunen zu können. Ich war aber in meiner Erwartung sehr betrogen, denn die meisten Figuren waren nicht nur mittelmäßig gearbeitet, sondern auch schlecht gekleidet, und der Kaiser Paul lag ganz ruhig und untragisch auf seinem Paradebette. Es war auch zu sehen der Erzherzog Karl, wie er mit Bonaparte Frieden macht, an einem Tische mit noch andern Staatspersonen sitzend; allein das Bild glich jenem menschenfreundlichen Helden nicht. Glichen sie aber auch diese farbigen Bildsäulen, und wären sie noch so künstlich vollendet, so vertragen sie doch keine anhaltende Betrachtung, wie ich jetzt deutlich einsahe, besonders wenn sie in Handlung gebracht sind. Durch ihre Aehnlichkeit mit dem Leben machen sie Ansprach an gänzliche Täuschung, können aber solche nur im Momente des ersten Anblicks behaupten, denn eben diese täuschende Aehnlichkeit macht, daß man auch sogleich das erste und allgemeinste Kennzeichen des Lebens, die 139 Bewegung, von ihnen erwartet; da nun aber der Mangel derselben alsobald auffällt, so werden die unverwandten Augen, die athemlosen Gesichtszüge und steifen Glieder dieser Bilder jeden Augenblick unerträglicher, und so verlieren sie gerade dadurch am meisten, womit sie die stärkste Wirkung bezwecken, durch ihre allzugroße Natürlichkeit, wodurch sie über die Grenzen der Kunst hinausgehen. Wie ganz anders verhält es sich mit den steinernen Formen der Bildhauerkunst! In ihrem Anschauen kann sich der Verstand um so viel mehr vertiefen und die Einbildungskraft erheben, weil sie uns nur eine poetische Täuschung gewähren, und wenn sie auch in unsrer Vorstellung bis zu Idealen emporsteigen, es doch nur in ästhetischer Beziehung sind, und immer nur Gegenstände des Geschmacks und der Kunst für unsre Augen bleiben, da hingegen jene sinnlich-illusorischen Quiproquos gar keinen Kunstcharakter mehr haben. Jedoch ein Kopf von Franklin zog mich an, nicht als Kunstwerk, ob er gleich besser gearbeitet, und vermuthlich von einem ältern Künstler war, sondern weil ich den berühmten Philosophen gern einmahl so leibhaftig als möglich vor mir sah. Ein herrliches Greisengesicht, voll reiner gutmüthiger Seele und ausgebildeten Verstandes. Wie sehen dagegen mehrere französische Staatsumwälzer, die auch da herum stehen, so gemein, charakterlos und ohne alle Elevation aus! 140 Von Zeit zu Zeit erklärt der Meister die Kunstsachen mit einer schreyenden Rede, und endet dann jedes Mahl: Amusez vous à cette heure, Spectateurs! Auch prächtig gekleidete Marktschreyer mit goldbordirten Generalshüten traf ich auf diesem Boulevard an, welche Arzeneyen aus ihren Kutschen herausbothen, und Livreebediente und Musikanten in ihrem Gefolge hatten. Einer von diesen Herren gibt sich für einen Glarner aus und verkauft Schweizerthee, womit er sich viel Geld verdienen soll. Ich traf ihn heute schon zum dritten Mahle an, und erstaunte, wie seine Lunge das unaufhörliche Geschrey und sein Verstand das abgeschmackte Zeug aushält, das er immer wiederhohlt. Diese geduldeten Marktschreyereyen von jeder Art und jedem Fache müssen nach und nach den Geist des Volkes der Hauptstadt verderben, und da diese, wie bekannt, allmächtig auf die Provinzen wirkt, so wäre es kein Wunder, wenn zuletzt die ganze Nation etwas marktschreyerisches bekäme. Wir kamen endlich auf die Place de la concorde heraus und setzten uns zum Ausruhen in den Elysäischen Feldern nieder. Da ich mit dieser neuen Welt schon etwas vertrauter war, und die Schwärme von Leuten mir nicht mehr so erstaunlich vorkamen, ob sie gleich noch zahlreicher waren als gestern, so konnte 141 ich jetzt, was vorging, mit mehr Aufmerksamkeit betrachten. Ich sah lange den mancherley gymnastischen Spielen zu, welche hier jeden Abend getrieben werden, und mußte zwar die Agilität und Stärke der Spieler und die vortheilhaften Stellungen, die sie sich zu geben wußten, bewundern; aber es wollte mir doch scheinen, als wenn zu viel Ostentation mit ins Spiel käme, und es ihnen mehr darum zu thun wäre, sich in schönen Wendungen zu zeigen, als den Regeln des Spiels mit Verstand ein Genügen zu leisten. Sie suchten mehr, den lufterfüllten Ballon zierlich anzuschlagen und hoch empor zu treiben, als solchen dem Gegner vortheilhaft zuzuschicken, und so das Spiel auf eine unterhaltende Weise für den Zuschauer zu verlängern. So treiben sie auch das Ballspiel unter freyem Himmel, und die ganze Kunst besteht darin, daß sie sich den Ball auf eine weite Entfernung zuschlagen, wobey freylich viel Stärke zum Vorschein kommt, aber das Spiel hat auch gleich ein Ende, weil in dem weiten Fluge die Richtung des Balls unsicher wird, und sich nach ein paar Schlägen gewöhnlich verirrt. Daher konnte ich dieses für nichts anders, als eine ungereimte Ausartung des künstlichen Ballspiels, der schönsten aller männlichen Leibesübungen, ansehen. Aber auf einem offenen Platze zieht man mehr Augen auf sich als im geschlossenen Hause, und darum scheint es 142 ihnen eben mehr zu thun zu seyn, als um das Vergnügen des Spiels selbst. Beym Barres-Laufen (dem ehemaligen Rennen der Appenzeller) fliegen sie zwar, wie die Winde, aber sie mögen nicht warten, sie brechen zu bald alle auf Ein Mahl los, und stürzen sich unter die Zuschauer, und dann endigt sich die ganze Sache damit, daß sich alle einzeln, uneingedenk der Kampfgesetze, in verwirrtem Laufe einander jagen, zufrieden wenn das schöne Geschlecht ihrem behenden Fluge mit Blicken warmen Beyfalls nachfolgt. Um ihrer Unregelmäßigkeit willen gefielen mir daher diese gymnastischen Uebungen nicht recht, und es that mir leid, daß die schönen, starken und gewandten Jünglinge ihre Kraft und Kunst so ganz nur einem vorübergehenden sinnlichen Beyfall aufopferten, und nicht zu jedem Spiele einen Aufseher unter sich wählten, der sie zur Ordnung und Gesetzlichkeit anhielte, wodurch gewiß das Schauspiel weit interessanter würde. Am sehenswürdigsten aber, und mich immer mit neuem Liebreize bezaubernd, kamen mir die zahlreichen Kinder vor, welche heute wegen des Feyertags in niedlichem Putze von ihren Eltern hieher geführt wurden. Wahrhaftig, wenn man die bejahrten Franzosen, welche das Alter zur Vernunft zurückgebracht hat, als die liebenswürdigsten Menschen lobt, so muß man ihren Kindern, welche noch in ihrer muntern Unschuld von Vernunft und Unvernunft nichts wissen, die gleiche 143 Gerechtigkeit widerfahren lassen. Schöner und anmuthiger kann man sich nichts denken, als die Kleinen, wenn sie so um ihre im Grase sitzenden Mütter und Führerinnen herumgaukeln, sich necken und jagen, oder die Leibesübungen und Spiele nachahmen, die sie vor sich sehen. Mit welcher Leichtigkeit sie sich bewegen, wie ungezwungen ihr Anstand ist, wie schlank und fein ihre Gestalt! Sie plaudern ohne rohes Geschrey und sind unaufhörlich in fröhlicher Bewegung ohne Wildheit; und das ist ihnen so natürlich und gibt sich alles so von selbst, als wenn sie durch unsichtbare Winke geleitet würden. Man vernimmt nichts von dem unerträglichen, stets ertönenden und alle Freude unterbrechenden Zurechtweisen, welches die Alten anderwärts sich zur Pflicht machen. Auch ihre Kleidung ist nicht so unpassend aus kostbaren Lappen zur Schau nach dem modischen Schnitte der Erwachsenen zusammengesetzt, sondern dem eignen Wuchse des Kindes gemäß, und eben so einfach als niedlich und sauber. Kurz hier erscheint die parisische Urbanität in ihrem schönsten Lichte, weil sie noch in kindliche Unschuld gehüllt und zuverlässig ist, und noch nicht dazu mißbraucht wird, schreckliche Gebrechen mit einem glänzenden Firnisse zu decken. Wir verweilten noch bis es dunkel ward in den Tuilerien, und genossen ausruhend der erquickenden 144 Abendluft und der Wohlgerüche der schattenreichen Linden. So einladend die Kunstschönheit dieses herrlichen Gartens und die Pracht und Neuheit der Bildsäulen auch für mein Auge war, so lenkten doch die lebendigen Naturen meinen Blick immer auf sich ab, und ich konnte noch nicht, wie ich gern wollte, einer Vergleichung zwischen den alten und neuen Schönheiten anstellen. Es bedürfte auch wohl einer Macht über die Vorstellungen, die nicht jedem Nouveau Debarqué gegeben ist, um über dieses herumwandelnde mannigfaltige Leben hinweg zu sehen, und seine besondere Aufmerksamkeit an leblose Kunst zu heften. Ich sah aber auch niemand, der sich viel damit abgab, und das ist in der Ordnung; denn nicht nur ist das Publikum an diese Kunstwerke schon gewöhnt, sondern auch der Liebhaber mag und darf sich nicht durch scheinbare Untersuchung auszeichnen, parceque c'est afficher la singularité , wie mir einer sagte, welches in französischen Augen die unverzeihlichste aller Narrheiten ist; er verschiebt daher ihre Besichtigung lieber auf eine stillere Stunde. Wenn man aber auch diese Bilder nur im Allgemeinen, als bloße Dekorationen der unvergleichlichen Anlage ohne besonderes Interesse ansieht, und nur Einen Tag gesehen hat, so muß man, meines Erachtens, von ihrer Unentbehrlichkeit an dieser Stelle überzeugt werden, und einem ohne sie der Garten, wenn er auch von Menschen überströmte, doch mangelhaft 145 vorkommen, und das nicht bloß um der Gewohnheit willen, sondern ihre schöne Gestalt, ihr ruhiges Daseyn in der Tiefe des Waldes oder auf der Höhe der Terrassen oder längs der farbigen Blumenbeete, wirken, wie alles was gut und schön und am rechten Orte ist, unvermerkt auch auf das Gemüth des Gleichgültigen, so wie die Sterne der Nacht auch demjenigen, der ihrer nicht zu achten vermeint, doch als nothwendige Zierde des Himmels mangeln, wenn sie nicht leuchten. Doch fand sich gerade jetzt was daran, das plötzlich die Aufmerksamkeit der Menge beschäftigte. An dem Gestelle der Bildsäule eines sehr modernen Hannibals von Sebastian Slodts hatte jemand den Umriß eines menschlichen Kopfs in einer Marmorader entdeckt, und mit Wichtigkeit den Umstehenden gewiesen. Es bedurfte nur des neugierigen Stillestehens einiger weniger, um bald den großen Haufen herbeyzulocken, und in einer halben Stunde die ganze spazierende Welt in eine Gesellschaft naturae curiosorum zu verwandeln, und den weiten Umfang der Tuilerien, das Schloß einbegriffen, weil es über alle Bewegungen im Garten wacht, auf einen Augenblick von dieser Merkwürdigkeit, diesem jeu de la nature erschallen zu machen. Wir kehrten, als es schon dunkel war, noch im Palais royal ein, um uns in einem der schönen Kaffehäuser zu rafraichiren da wir uns nicht mehr 146 restauriren mochten. Durch eine häßliche Wendeltreppe, deren Wände voller Inschriften waren, wo man die Bewohner des Hauses zu suchen habe, gelangten wir in einen äußerst prachtvollen Saal, der nach dem neusten, aus allen Zeitaltern zusammengesetzten, Geschmacke; das heißt, ägyptisch, griechisch, gothisch, italiänisch und französisch ausgeziert und möblirt war, und eine vortreffliche Beleuchtung von argandischen Lampen hatte, die sich in den großen alles bekleibenden Spiegeln verhundertfältigten. So eine Verschwendung in Glas und Marmor nur in einem Kaffehause setzte mich in Erstaunen. Es wimmelte von Leuten, sogar Frauen saßen an den Marmortischen herum. Auf einem erhöheten Platze thronte majestätisch die dicke Dame des Hauses, um das Ganze zu übersehen und das Geld einzunehmen. Sie war herrlich gekleidet, ihr Tisch mit Porzellan und prächtigen Blumensträußen besetzt, und sie verrichtete ihr Geschäft mit einer solchen Zierlichkeit, daß ich mich kaum ihr zu nahen wagte. Ich konnte ihr Gespräch hören, da ich nicht weit von ihr saß, und – »werde ich mich denn ewig von stolzen Manieren und getünchten Gräbern täuschen lassen!« sagte ich unwillig zu mir selbst; denn aus dem gemeinsten aller Gespräche zu schließen, war die ganze Hoheit dieser Frau nur äußerlich, und das Innere voll Wegwerfung und Verderben. Ob es gleich schon gegen Mitternacht rückte, so war doch in den Arkaden ein Gedränge und ein Licht 147 wie bey Tage. Wenn die übrige Stadt schon schläft, so ist in diesem Mittelpunkte noch alles rege. Leute die aus den Schauspielen kommen, und andre sponsi Penelopes , die noch nicht schlafen können, tummeln sich noch voll Geschäftigkeit herum. Vorzüglich ist dieß die Stunde der schönen Mädchen, die einige Sittenrichter Jammermädchen zu nennen vorgeschlagen haben, ob man ihnen gleich von dem Jammer wenig ansieht, denn sie sind voll Leichtsinn und Reiz. Freylich ist es zu bejammern, daß sie an keine Zukunft als die des nächsten Augenblicks zu denken scheinen, jedoch, dieß abgerechnet, gehört für einen bloßen Zuschauer, der oft selbst nicht weiter denkt, der Anblick dieser niedlichen Phalänen, Sirenen, Lazerten, oder wie man sie nennen will, mit unter die interessanten und einzigen Scenen dieses Theaters der Ueppigkeit und des sündlichen Lebens. Wer aus dem Lande kömmt, wo man nicht an Illuminationen gewohnt war, weil es keine Geburtsfeste großer Herren oder zweydeutige Staatsveränderungen zu feyern gab, noch neue Siege; wo man sich des Ruhmes der alten Schlachten nur durch gottesdienstliche Kreuzfahrten, die oft zu neuen Scharmützeln Anlaß gaben, erinnerte; wo man sich über das, was dem Gemein-Wesen Gutes oder Böses geschah, nur im Stillen freute oder betrübte, oder dem Andenken desselben durch etwas langweilige Dank- Buß- und Bettage die Richtung zu geben suchte; oder wer nur die wenigen sparsamen Erleuchtungen kennt, die dort seit einigen Jahren zu Ehren auswärtiger Angelegenheiten und zur Schande der innern gegeben werden mußten – der wird, wenn er des Nachts im Garten des Palais royal herumgeht, viel Freude haben an dem neuen Anblick der vielen tausend Lampen, die das regelmäßige Gebäude erhellen, und der Leute, die es beleben. Er wird sich anfänglich kaum überreden können, daß dieß Jahr aus Jahr ein alle Nächte so fortdauern könne. So ward aus Abend und Morgen der zweyte Tag meines Hierseyns. Ich überdachte zu Hause noch ein Mahl was ich heute gesehen hatte, und siehe, es war alles, wo nicht sehr gut, doch wie ichs wünschte, mannigfaltig und neu. Indessen war mir der Gedanke an die ländliche Einsamkeit, die ich in meiner Heimath wieder finden würde, auch nicht unangenehm. Des Morgens (25. May) schrieb ich meine gestrigen Bemerkungen nieder, und fing an zu bedauern, daß ich zu Hause nicht mehr über die Merkwürdigkeiten von Paris nachgelesen, und einen Plan dessen, was ich sehen wollte, gemacht hätte, weil ich nun ganz meinem schwachen Gedächtnisse überlassen bin, oder vielmehr ohne so genannten wissenschaftlichen Zweck mit dem Strome, der mich fortzieht, schwimmen muß. Doch richte ich mein Steuer auf den Wogen dieses 149 wilden Meeres immer nach dem ruhigen Museum, als dem Lande meiner Sehnsucht, hin, und lasse mir alle übrige Ereignisse und Ansichten wie lehrreiche Erscheinungen auf einer Entdeckungsreise wohlgefallen. Den Anfang meines heutigen Tagwerks bestimmte mir Herr Lejeune , mein Hauswirth, der mich zum Policeypräfect hinführen wollte, um meinen Paß visiren zu lassen; ich ging aber allein hin. Ehe man mich in den Hof der Präfectur hineinließ, mußte ich erst eine Kokarde kaufen, die hier noch ziemlich häufig getragen werden, weil man an einigen Orten ohne dieselben nicht zugelassen werden soll, mehr aber, wie ich glaube, aus Erinnerung und Besorgniß des Unheils, das sich unlängst noch so mancher durch Verachtung dieser republikanischen Zierde zuzog. Wo der friedliche Bürger diesen vermeintlichen Talisman noch tragen muß oder aus Vorsicht freywillig trägt, da herrschen wohl noch begründete Zweifel gegen die Ruhe des Landes. Allgemeine Eintracht bedarf keines Unterscheidungszeichens, am wenigsten eines solchen das nichts beweiset; denn wenn auch noch Ruhestörer vorhanden sind, werden sie sich etwas daraus machen, dieses sichtbare Glaubensbekenntniß aufzustecken, wenn sie dadurch desto sicherer zu ihrem Zwecke gelangen können? Nachdem ich fast eine Stunde an dem Schweife der Wartenden gestanden hatte, ward ich endlich nebst mehrern andern vorgelassen. Wir wurden schon im Vorzimmer eingeladen (weil man noch nicht wieder 150 befiehlt), unsere Papiere zu deployiren, um sie sogleich vorweisen zu können. Ich fand die Leute höflich und schnell, aber ihre Sorgfalt etwas beschwerlich, denn sie wiesen mich an den helvetischen Minister, wo ich meinen Paß abgeben, und ein Zeugniß von ihm in die Präfectur zurückbringen müsse. Diesen weiten Spaziergang wollte ich sogleich machen, konnte aber nicht mehr durch die Tuilerien kommen, weil heute, als an einem Quintidi, Bonaparte seine Garde musterte. Ich stellte mich auf den Eckstein eines Thores hin, um die vorbeyziehenden Regimenter zu sehen; es war aber unter diesem Thore ein so großes, ja absichtliches Gedränge, daß ich den Rückweg suchte; ich mußte indessen allenthalben den herbeyziehenden Truppen ausweichen. Ein Mensch kam auf mich zugelaufen, und anerboth mir einen Platz, wo ich die ganze Parade, die heute wegen des fremden Königes sehr glänzend sey, à mon aise übersehen könnte, ich soll ihm nur schleunig folgen. Er zog mich, ehe ich mich besinnen konnte, fort in einen Garten und stellte mich an den Absatz einer Mauer hin, wo man in den Hof der Tuilerien sah – Aber die ganze Mauer war schon besetzt, und die Anwesenden lachten mich aus, als er sagte, ich sollte mir nun einen Platz aussuchen. Ich mußte ihm gleichwohl etwas geben, und mich dann begnügen, den andern zwischen den Beinen durchzusehen. Inzwischen ergetzte ich mich mehr an den muntern Auftritten aller Art, die es unter den Zuschauern, 151 womit der Carrouselplatz übersäet war, gab, als an den militärischen Manoeuvres und Schwenkungen der Consulargarde. Mir ist auf der Welt nichts langweiliger, so nothwendig die Sache auch seyn mag, und alle Welt darnach läuft, als militärische Musterung; sollte sie auch, wie hier, von den schönsten und gewandtesten Kriegern der Welt geschehen. Es ist weder Spaß noch Ernst, weder Geist noch Leben in dem Geschäfte, aber mehr als genug Anmaßung und eintönige Langsamkeit, die nur zuweilen, wie die Adagios des berühmten Euporus, durch eine alle Instrumente durchfahrende schnelle Bewegung aufgeweckt wird, und sogleich wieder erstirbt. Ich sehe nicht gern zu, wie Menschen, an denen einzeln so manches schöne zu beobachten wäre, zu gleichförmigen Maschinen gemacht werden, und nach der Willkühr eines Einzigen in langen Reihen entweder wie Bildsäulen stehen, oder sich in langsamen Intervallen schnurgerade bewegen müssen. Als es endlich hieß, Bonaparte komme, richtete sich auf Ein Mahl alles auf, und alles war nur Ein Blick nach ihm hin, und ich empfand jetzt lebhaft, daß es doch etwas sey: Digito monstrari et dicere, hic est! und daß sich wohl was dafür thun lasse. Er setzte sich auf ein weißes Pferd und sprengte, begleitet von Generalen und Offizieren, in den Reihen seiner Krieger herum, die wie unbewegliche Mauern da standen. Vor ihm neigten sich die Fahnen und eine herrliche Musik erscholl. Wegen der Entfernung konnt ich seine Miene 152 nicht recht sehen, wie ich wünschte, daher ich auch nicht sagen kann, daß er einen großen Eindruck auf mich gemacht habe; so viel sah ich, daß er gelbblaß und klein ist, und sehr einfach gekleidet war. Unterhaltend war es, meine Nachbarn zu hören, wie redselig sie jede seiner Bewegungen mit Worten begleiteten: Il fait un mouvement de la main, est-ce qu'il parle? fragten sie einander. Voilà qu'il arrête, il donne les ordres sans doute, sagten sie wenn er stille hielt. Und wenn er sich plötzlich in eine andre Reihe hineinwandte und die vorreitenden Offiziere zurückließ: Ah! il cherche à tromper ses aides-de-camp; tenez, comme il les attrappe! In einer Stunde war dieß königliche Schauspiel zu Ende, das wenigstens dem Theil des Volkes, so ich beobachten konnte, sehr zu imponiren, und dasselbe mit tiefer Verehrung für die hohe Gewalt des Consuls zu erfüllen schien. Da mich der Rückweg von meinem Restaurator (gewiß hat diesen Nahmen ein Fremder, der sieben Stunden, wie ich, herumgelaufen ist, erfunden) durch das Louvre führte, so fiel mir ein, das Gemählde der Sabinerinnen von David zu besuchen, das hier um einen gewissen Preis zu sehen seyn soll. Der erste Vorübergehende, den ich fragte, konnte mich dahin weisen. 153 In dem Vorzimmer zieht ein Mann das Geld ein, und gibt dafür eine gedruckte geschichtliche Erklärung des Gemähldes. Ich gestehe es, daß ich mehr hinging, um gesehen zu haben als zu sehen, mehr um mit Ja antworten zu können, wenn man mich künftig fragen würde, ob mir auch etwas von David zu Gesicht gekommen; denn auch von dem geschicktesten französischen Künstler wagte ich nicht etwas zu erwarten, dessen Anschauen nach den Meisterwerken, welche das Museum umsonst darbietet, mit Geld bezahlt zu werden verdiente. Aber hier hatte ich ein Mahl die Freude mehr zu finden, als ich erwartete. Gleich bey meinem Eintritte, als ich das Werk ansichtig wurde, verschwanden alle Vorurtheile, die ich von David, als einem Meister aus der französischen Schule, hatte, und, man erkläre es wie man wolle, auch die nachtheiligen Vorstellungen verschwanden, so ich von ihm als Mensch wegen seiner vormahligen politischen Excesse bekommen. – Ich sahe ein Gemählde vor mir von großer lebendiger Wahrheit, der richtigsten vom Genius des Alterthums geleiteten Zeichnung, und einer großen Kunst im Colorit, ich meine die gelungene Bemühung, widersprechende Partien desselben in gefällige Harmonie zu bringen. Ich hörte freylich einige Anwesende über Disharmonie der Farben klagen, weil sie glaubten ein graulicher Ton einiger Theile steche gegen die kräftige und reine Wärme der Figuren des Vorgrunds zu stark ab; 154 ich fand aber nicht, daß dieser Abstand beleidige oder irgendwo die Harmonie störe, er schien mir im Gegentheil die Figuren mehr herauszuheben und die Haltung zu bestimmen. Wer wollte dieser geübten Hand, die man in jedem Pinselzug erkennt, Mangel an praktischer Wissenschaft vorwerfen, und sagen dürfen, der große Meister habe aus Unverstand gethan, was bey genauer Prüfung nicht einmahl ein Fehler ist, sondern vielmehr eine zarte Sorgfalt verräth, der Mannigfaltigkeit der Natur getreu zu bleiben, und eine, auch guten Künstlern so gewöhnliche manierirte Einförmigkeit des Tones zu vermeiden. Dem sey wie ihm wolle! Es herrscht eine solche weiche, natürliche Rundheit in den Gruppen und einzelnen Figuren, die von der größten Geschicklichkeit des Mahlers auch in den mechanischen Theilen der Kunst zeuget, und sich gewiß selten in einem so großen Bilde, das nicht auf eine gesuchte künstliche Weise beleuchtet ist, findet. Da David viele Feinde hat, so sind auch seine Meisterstücke ungerechtem Urtheile desto mehr ausgesetzt. Solche Urtheile lassen sich aber nicht zurecht weisen. Wer sie öffentlich ausgesprochen hat, kann sie Ehren halber nicht wohl zurücknehmen, und der Neid thut es noch weniger. Klüger ist es, ihrer gar nicht zu gedenken, und nur über die Sache selbst, nicht über die Urtheile, zu urtheilen. Ich werde nicht von Paris weggehen, ohne diese von einem hohen Geiste beseelte Composition, die den 155 größten Erfordernissen der Kunst entspricht, und, meiner Empfindung nach, neben den Meisterstücken aller Zeiten stehen darf, noch ein Mahl zu sehen, und noch näher über ihren innerlichen Werth einzutreten. Dem Gemählde, das mitten im Zimmer in schöner Beleuchtung steht, hängt ein sehr großer Spiegel gegen über, damit es auch darin betrachtet werden könne, und Bänke sind umher gestellt, um es in jeder Distanz bequem zu sehen. In dem Vorberichte zu der gedruckten Erklärung rechtfertigt sich David bescheiden und würdig, und, wie mich dünkt, vollkommen über die vorher in Frankreich nicht übliche bezahlbare öffentliche Ausstellung. Wie gern wollt' ich nunmehr noch so viel geben, wenn ich seine andern berühmten Gemählde auch sehen könnte! Nachdem ich zu Hause Uhr und Geld abgelegt hatte, weil ich nicht immer die Hände zur Huth in der Tasche haben mochte, so ging ich mit einem Bekannten in die Oper. Da Vestris heute tanzte, und der Graf von Livorno erwartet wurde, so war bald alles außerordentlich voll, und wir mußten anderthalb Stunden warten im Gedränge und Geräusche des Parterres, bis die Musik anfing. Wer kennt nicht schon die Wunder der französischen Opera aus hundert wunderbaren Erzählungen und Beschreibungen! – Ich fand jetzt alles zu klein, 156 weil mir alles zu groß war vorgespiegelt worden. Das Haus ist auch wirklich, so geräumig es seyn mag, für die große Stadt zu klein; denn heute, und das soll bey berühmten Singspielen immer so seyn, wurden viele Leute, die zu spät kamen, wieder abgewiesen. Es ist aber höchst beschwerlich, wenn man, um einen mittelmäßigen Platz zu haben, zwey Stunden zu früh kommen und in der Menge fast ersticken muß. Tanti poenitere non emo, heißt es daher bey vielen des schwülstigen Gesanges und der Scenerey satten Parisern, welche dafür lieber die kleinern Theater besuchen, deren gefälligere Musik sie leicht auffassen, und im Nachhausegehn fröhlich wieder durch die Nase von sich geben können. Heute aber machten sie eine Ausnahme, um auch wieder einmahl einen König zu sehen, wie noch manche mit republicanischem Wohlbehagen sagten. Allein er kam nicht, und man mußte sich mit den fürstlichen Personen der Bühne und dem lustigen Könige des Balletvolkes begnügen, die auch ihr fabelhaftes Geschäfte besser verrichteten, als mancher andre sein wirkliches. Das Spiel des Orchesters, der Gesang und die Reinheit der Stimmen kamen mir, der ich noch nichts so gehört hatte, bewundernswürdig vor; nur wollte mir das unmäßige Geberdenspiel, und besonders die künstliche Wuth der ersten Sängerin nicht recht einleuchten. In diesem Grade fand ich es unschicklich, weil es oft zweifelhaft war, ob der Gesang den 157 körperlichen Affekt oder dieser den Gesang begleite. Ueberhaupt schien es mir, sie thun durch zu viel mimische Action dem wahren Geschmacke des lyrischen Vortrags Abbruch. Es liegt, zumahl bey dem hohen leidenschaftlichen Gesang, schon so viel hinreißende Gewalt in der künstlichen und zweckmäßigen Verbindung der Töne, womit der Meister in der Kunst eine Empfindung wecken wollte, daß es oft nur einer schönen, entsprechenden und biegsamen Stimme, und nicht einmahl des Verstandes der Worte bedarf, ja selbst diese manchmahl hinderlich sind, um die Vollkommenheit des Eindrucks zu vollenden, und also ein zartfühlendes Gemüth durch die physische Anstrengung des Sängers, seinem Gesang allen möglichen sinnlichen Ausdruck zu geben, wenn sie auch noch so mahlerisch schön wäre, auf eine unangenehme Weise von der reinen Empfindung abgezogen und zerstreut wird. Ich war oft versucht, die Augen zu schließen, um nur zu hören und nicht zu sehen, und nicht in dieser überhäuften Beschäftigung beyder Sinne um den einfachen und wahren Genuß zu kommen, und mir fiel oft ein, woran vielleicht nur das übertriebene Spiel Schuld war, ob nicht überhaupt die überirdische Sprache der Musik, und also auch der menschliche Gesang, der schönste Theil derselben, jede andre, als ihre eigne unmittelbare Apparenz verschmähe? Bey der Oper muß man nun freylich hierüber ein Auge zudrücken, oder vielmehr eines offen 158 behalten, weil sie nicht bloß ein musikalisches Werk seyn soll, sondern ein Schauspiel von Schauspielen, wobey alle schönen Künste konkurriren, und mimische Handlung als Instrument der Poesie, wie auch Mahlerey und Baukunst, eben so viel Anspruch auf das Auge machen dürfen, als die Tonkunst auf das Ohr. Ob dann aber alle diese gehäuften Wirkungen in eine einzige Empfindung im Innern zusammenfließen, und so die vollendete Täuschung ohne Gleichen hervorbringen können, die eigentlich der Zweck des Ganzen seyn sollte, das ist eine andre Frage, worüber ich im ersten Mahle nicht urtheilen kann; denn jetzt wenigstens war es mir nicht möglich, den bleibenden Eindruck einer zusammenhängenden Handlung daraus zu fassen. Hingegen aber, ich gestehe es, gefiel und bezauberte mich, außer dem Zusammenhange, beynahe alles, besonders aber die orchestischen Fechterspiele, so den Zwischenakt ausmachten, die mit unvergleichlicher Kunst, Behendigkeit und nach den Antiken studirter Zierlichkeit aufgeführt wurden. Die Dekorationen sind zwar nicht abgenutzt, aber doch etwas alt; übrigens schön gemahlt, und täuschend, was nemlich Architectur vorstellt, denn Wald und Hügel werden auch die stärkste Imagination nicht ins Elysium versetzen. Sie werden durch ein widriges Pfeifen geleitet, und ihre Veränderung geschieht zwar als physikalisches Experiment schnell genug, doch nicht so, daß der Einbildung nichts zu wünschen übrig bliebe, 159 wie man mir gesagt hat. Von außerordentlicher Wirkung war jedoch am Ende des Stückes ( Hecube ) der Brand Trojas. Obgleich eine sinnliche Täuschung auf dem Theater nie statt hat noch haben soll, weil die Theaterwelt eine eigne und nicht die wirkliche Welt seyn und ihre Wahrheit immer in den Grenzen der schönen Kunst bleiben muß, so empfand ich doch unerwartetes Schrecken bei diesem Chaos der Zerstörung. Rauch stieg aus den Häusern empor und verzehrende Flammen. Tempel und hohe Palläste stürzten krachend ein. Zerstreute Krieger liefen ängstlich oder wüthend zwischen den brennenden Trümmern umher, und von fern entfloh der fromme Aeneas zu seinen am Meere wartenden Gefährten. Es war ein lebendiges Gemählde im Kleinen von der schrecklichen Begebenheit, dessen Wirkung noch durch künstliches Geräusch und das laute Erstaunen der Zuschauer vermehrt wurde. Freylich nur für Augenblicke täuschend, aber auch nur Augenblicke dauernd. So mannigfaltigen und großen Effekt, mit so viel Geschmack dargestellt, hätte ich in einem so beengten Raume nicht möglich geglaubt. Zum Beschlusse wurde das Ballet Psyche gegeben, wo ich also beym ersten Besuche schon das Berühmteste in seiner Art, den Vestris als Amor, sahe. Ich mochte aber sehen wie ich wollte, so konnte ich jetzt noch keine Vorzüge vor den andern Tänzern an ihm bemerken, vielmehr fand ich mehr Behagen an andern, vielleicht nicht so künstlich schnellen, aber 160 schönern Gestalten; denn zu einem Amor schien er mir mit seinem großen Kopf und unamorosen Gesichte nicht gemacht zu seyn, besonders wenn ich mir den Cupido der Antikensammlung dagegen dachte. Allein ich will ihm nicht Unrecht thun; es ist nicht möglich, daß ein Neuling, wie ich hier war, die Feinheiten einer so vervollkommneten Kunst im ersten Erstaunen fassen könne. In dem Anschlagzettel hatte ich gelesen, daß ein Tänzer, ich weiß seinen Nahmen nicht mehr, den Zephyr machen würde, und war neugierig zu sehen, wie man einen Zephyr tanzen könne. Ich begriff es aber bald. Der Knabe schien, wie von leichten Winden getragen, den Boden kaum zu berühren; man hätte geglaubt, er würde über Blumen hinhüpfen können, ohne sie zu verletzen. Er spielte auch die ganze Zeit über mit einer solchen Hingebung und naiver Anmuth, und doch mit so abgemessener Richtigkeit, daß er mein Wohlgefallen im vorzüglichen Grade hatte, indem ich bey den meisten andern eine gewisse Begierde in die Augen zu fallen, eine Hinsicht auf die Zuschauer wahrnahm, die nicht im Geiste des Stückes lag. So gedacht und ausdrucksvoll die Pantomime übrigens ist, so thut man doch wohl, wenn man sich vorher mit dem Inhalte des Ballets bekannt macht, denn so klar ist die Darstellung doch nicht, daß man alles ohne Vorbereitung verstände. In dem Ausdrucke der Sehnsucht und des zärtlichen Verlangens schien mir indessen nicht nur die deutlichste Sprache, sondern 161 auch die meiste Grazie zu liegen. Aber auch üppige Freude, Eifersucht, Zorn, Veneration und andre Affecten wußten sie äußerst anschaulich zu machen, und dennoch alle ihre Bewegungen, auch die sprechendsten, immer in den Schranken der höchsten Eleganz zu erhalten. Dieß ist die Schule des körperlichen Anstandes, hier findet der leichte Franzose das Ideal seiner gefälligen Sicherheit und Gewalt über den Körper, wodurch er sich so sehr über andre Nationen erhaben fühlt. Aus diesem Garten pflückt die feine Pariserwelt die Blume der Grazien, und streut ihren Samen aus in die empfänglichen Provinzen, ja in ferne Länder, auf deren fremden Boden aber sie seltener in einheimischer Fülle gedeiht. – Wer wird es dem großen Vestris verargen, wenn er, sein unendliches Reich überschauend, seine Wichtigkeit fühlt, und sich den Unsterblichen zugesellt; Er, von dem Königinnen mit Bewunderung sprechen, und über dessen Anblick die Hirten der Völker ihre menschenbeglückenden Sorgen vergessen! Erschöpft von Durst und Müdigkeit kam ich um Zwölfe nach Hause, denn ich hatte in der Oper eine unerträgliche Hitze ausgestanden und auf den Bänken des Parterres sehr enge und unbequem gesessen. Des folgenden Morgens (26. May) machte ich mich bey guter Zeit mit einem meiner Reisegefährten 162 auf den Weg zum helvetischen Minister, der unweit der elysäischen Felder wohnt. Er hat ein schönes Haus, aber zu meinem Befremden fand ich es im Innern viel stiller und ruhiger, als ich bey einem Ambassador erwartet hatte. Nirgends keine Schildwache, keine Staatskarosse, keine rauchende Küche, keine Bedienten, nicht einmahl ein Hund in dem leeren Hofe. Mit Mühe entdeckten wir endlich einen Mann, der uns den Weg ins Büreau wies. Auf den einsamen Treppen und Gängen hörten wir, wie in einem Kloster, unsre eignen Fußtritte wiederhallen. Auch auf dem Büreau, wo zwey Secretäre saßen, schien mehr gute Ordnung als Geschäftsdrang zu herrschen, welches alles mir keine große Idee von der Bedeutsamkeit unsrer Republik gab. Da der Minister noch nicht aufgestanden war, weil er spät in die Nacht hinein arbeite, so hieß man uns (es war 9. Uhr) in zwey Stunden wiederkommen. Aber wohin sollten wir nun gehen, um die kostbare Zeit nicht zu verlieren? Es fing an zu regnen, wir waren weit von unsrer Wohnung, und da wir doch bald wieder kommen mußten, so wäre es nicht der Mühe werth gewesen, heim zu fahren. Wir waren unzufrieden mit unserm Gesandten, der wie ein großer Herr bis Mittag schläft, und wenigstens reisenden Landsleuten hülfreich seyn sollte, da er so wenig für die Republik thun kann. Das war aber im Unmuth gesprochen; wir thaten ihm Unrecht, weil wir ihn noch nicht persönlich kannten. 163 In dem anstoßenden Tuileriengarten war ein prächtiges neues Caffehaus, wohin wir gingen. An leichter und reinlicher Bedienung sowohl, als an reichem und geschmackvollem Bau der Zimmer, übertraf dieser Ort noch alle andern, so ich bisher gesehen. Solche feine Dekorationen und zarte Möblen, die man hier allenthalben antrifft, welche mit einem einzigen derben Rucke zerstört werden können, müssen gewiß auch einen guten Theil dazu beytragen, den Parisern die leise Geschmeidigkeit zu geben, so ihnen eigen ist; und diese zur Natur gewordene Eigenschaft raffinirt dann hinwiederum auf neue Gegenstände des Luxus nach ihrem Geschmacke, bis zuletzt das elegante Geräth so federleicht und dünne wird, daß man kaum mehr husten darf, aus Furcht, alles zum Fenster hinauszublasen. Dann gingen wir noch in dem Garten herum. Da er jetzt noch ganz einsam war, so konnten wir seine Schönheiten und Vorzüge ungestört wahrnehmen und prüfen, die hauptsächlich in der edeln Einfalt seiner Anlage und der Vermeidung alles Ueberladenen und Gesuchten gegründet zu seyn scheinen. Hier erblickt man nicht mehr die zugestutzte Steifigkeit und langweilige Eurythmie der alten französischen, noch das eben so unerträgliche wilde Kinderspiel der englischen Gärten, nichts Unnatürliches und auch nichts Uebernatürliches, keine mauerhohe glattgeschnittene Hecken, keine mühsame Wasserkünste, die nur bey 164 Festivitäten laufen und die übrige Zeit stinkende Pfützen sind, keine verschnörkelte Bäume und Beete; hingegen auch keine kindische Ueberraschungen von zerfallenen Tempeln, enormen Brücken über seichte Bächlein, dürftigen Wasserfällen, arkadischen Grabmählern, und andern dergleichen Dingen, die niemand täuschen als wer gern sich selbst täuscht – sondern es ist ein edler Lustgarten von leicht faßlichem regelmäßigem Plan, in welchem aber in geschmackvoller Vereinigung alles angebracht ist, was die Natur dem Auge liebliches darbiethen kann, vom bunten Farbenspiele der auserlesensten Blumen bis zum erhabenen Gewölbe der grünen Linden. Alles ist wohlgeordnet und sauber unterhalten, ganz und unverstümmelt. Reihen der schönsten Orangenbäume zieren die offenen Gänge, und Bildsäulen von Marmor und Erz leiten unsre Phantasie in die großen Zeiten des Alterthums. Allenthalben ist ein weiter offener Blick, nichts enges noch widriges für das Auge. Die vordere Seite des Gartens schließt das Schloß der Tuilerien, von welchem zwey Terrassen ausgehen, die den Garten umfassen und sich beim Ausgange desselben in zwey reichgeschmückte Hügel zusammenziehen, wo man die prächtigste Aussicht hat, die ich in meinem Leben gesehen, nicht nur über den weiten Garten hin bis an das Schloß, sondern über den Eintrachtsplatz und seine lebendige Welt, auf die zierlichen Gebäude des Gardemeuble und die elysäischen Felder, und jenseit des 165 Wassers über die königlichen Brücken, die Palläste und Hotels, den Dom der Invaliden, bis auf die fernen Höhen von Meudon und Passy. Aber so ein Garten will bevölkert seyn, das ist offenbar der Zweck seiner Anlage, dazu sind die weiten Gänge, die luftigen Wälder, der mit Gitterwerk verwahrte Blumengrund und die reichen Terrassen, alles deutet darauf hin. Es ist nicht der Garten eines reichen Privatmanns, nur für seinen und einzelner Freunde Genuß gebaut, wo sich angenehme Irrgänge, romantische Scenen und liebliche Nachlässigkeiten zweckmäßig anbringen lassen; noch das phantastische Lustrevier fürstlicher Anglomanie, wo alle Schönheiten und Schrecknisse der Natur in eine Musterkarte zusammengedrängt sind, und vom Sturm zerrissene Wälder mit blühenden Fluren, haushohe Alpen mit unterirdischen Höhlen, und Nachtigallen mit Fröschen sich in ein harmonisches Ganze vereinigen müssen, das Mode und Gutmüthigkeit zwar einen Augenblick anziehend finden, aber eben so bald überdrüssig werden, weil aus diesem zusammengestückelten Naturgewande die Mühsamkeit der Kunst allenthalben zu schnell die Ohren hervorreckt, wo es dann mit dem eingebildeten Naturgenusse sein Ende hat. Es ist ein öffentlicher, mit den anmuthigsten und edelsten Gegenständen der Natur geschmackvoll ausgeschmückter Platz, den neben seinen Pallast hin der König, oder sein Aequivalent die Regierung der 166 unermeßlichen Hauptstadt, großmüthig gepflanzt hat und unterhält, weniger für sich selbst als für die Ruhe, Erhohlung und gesellschaftliche Freude der zahllosen Einwohner; wo sich die Großen, Schönen und Beglückten gern und in Menge jeden Abend sehen lassen, und jetzt auch der bescheidene Arme ungestört wandelt. Das freudige Volk aufzunehmen und mit seinen Gaben und Schönheiten zu ergetzen, dies ist der Charakter und die Bestimmung dieses herrlichen Gartens, dafür strecken die weiten Alleen ihre Arme aus und biethen die breiten Terrassen ihren Rücken. Dann erscheint er auch in einer Vollkommenheit, die wohl nirgends in diesem Grade sich findet. Als wir zu unserer einsamen Gesandtschaft zurückgekehrt waren, mußten wir unsere Pässe dort lassen, wofür man uns ein anderes Papier gab, das wir bey dem Polizeypräfect vorweisen sollten. Nachher führte uns der Secretär zum Minister selbst. Ich glaube, dieser gelehrte und liebenswürdige Mann habe hier, wie ers auch verdient, ein angenehmes Leben, das angenehmste von allen denjenigen, welche Berufswegen an unsrer Staatsgaleere rudern. Seine Bescheidenheit und Wissenschaft machen ihn in Paris beliebt, er hat ein gutes Auskommen und wenig Geschäfte, er ist entfernt von unsern tollen politischen Ereignissen und dem noch tollern Geschwätze darüber, und sitzt 167 gleichwohl an der Quelle der wichtigsten Neuigkeiten, und was ihm noch lieber und angemessener seyn mag, an dem castalischen Brunnen, der hier aus tausend Röhren unerschöpflich quillt. – Er versprach uns Zutrittsbillette zur großen Parade, welches mir erwünscht war, denn wie dürfte ich mich zu Hause wieder blicken lassen, ohne die erste Frage beantworten zu können, ob ich den großen Bonaparte gesehen habe? In der Policeypräfectur waren wir bald spedirt. Wir bekamen Sicherheitskarten, die wir während unsers Hierseyns beständig bey uns führen sollen. Von da suchten wir den Wechsler auf, welchem wir empfohlen waren. Da wir gestern eine falsche Adresse bekommen hatten, so liefen wir uns müde, ohne ihn erfragen zu können, bis uns endlich ein Geldtrager zurecht wieß. Auf solchen unfreywilligen Wanderschaften lernt man die Straßen bald kennen, und ihre Wahrzeichen, wie die Handwerksbursche sagen. Am anziehendsten unter diesen war mir der Pontneuf, wegen der mancherley Vorstellungen, so ich mir von Jugend auf aus französischen Romanen und Lebensbeschreibungen davon gemacht hatte, und auch wegen seiner wirklichen Schönheit und mahlerischen Lage, vorzüglich aber wegen des regen Lebens und Treibens, das sich ruhelos 168 darüber hinwälzt. Man nennt diese Brücke mit Recht das Herz von Paris, weil von da aus als dem Mittelpunkte der großen Stadt die Bewegung in alle Gassen, wie das Blut in die Adern des Körpers, strömt. Vordem hieß es, man könne keinen Schritt auf der Brücke thun, ohne auf einen Pfaffen oder eine H . . . . zu stoßen, jetzt nicht mehr; jene sind verschwunden, und diese müssen vermuthlich andre Schliche haben, denn daß sie noch irgendwo existiren, beweisen die antisyphilitischen Zettelchen, die einem hier bey Dutzenden in die Hand gesteckt werden, wenn man schon sagt, man habe ihrer nicht nöthig. Außer dem Gewimmel der Hin- und Hergehenden, das so groß ist, daß zwey nicht bey einander stillestehen können, ohne fortgestoßen zu werden, hat die Brücke noch ihre besondern Bewohner; auf den Stufen des Trottoirs lagern sich in gehörigen Distanzen Schuhflicker und Schuhputzer, vorzüglich aber eine eigne Klasse von » Artistes, « die kleine Fahnen von Blech vor sich aufgestellt haben, worauf ihre Beschäftigung beschrieben ist: N. N. fond les chiens, coupe les chats et va en ville. – Längs dem Geländer der Brücke sind wohl versehene Buden aller Art, besonders findet man da auserlesene Früchte und Pomeranzen. Auf dem Platze Henry IV. steht jetzt ein niedliches Kaffehaus, das aber seiner vortrefflichen Lage ungeachtet sein Glück bisher nicht gemacht hat, weil der Geist des großen Heinrichs, dessen Bild hier aufrichtiger verehrt wurde, 169 als die fabelhaften Heiligen der Kirche, noch manchen von dem Eintritte in diesen entweihten Ort abwehrt. Gegen über liegt die Place Dauphine; wer hier in den vordersten Häusern wohnt, lebt an dem kurzweiligsten aber auch unruhigsten Orte von ganz Paris, und vielleicht auf dem bevölkertesten Flecke von Europa. Da das Théâtre Montansier , welches in dem Palais royal liegt, noch nicht offen war, so ging ich in den Arkaden herum, und besahe alle die Bedürfnisse des Reichthums, welche hier in wundersamem Ueberfluß auf das reizendste zum Kauf ausgestellt sind. Wie viele Dinge gibt es, derer ich nicht bedarf! wagte ich mit Socrates zu sagen, ging aber vielleicht darin von ihm ab, wie leider noch in manchem, daß ich doch mit großem Vergnügen dabey verweilte. Dieß Verweilen bey den Gewölben scheint jedoch nicht zum guten Tone zu gehören, denn beynahe jedermann ging vorbey ohne die Sachen anzusehen, und mein neugieriges Betragen reizte die Aufmerksamkeit der umherwandernden Schönheiten, welche sich nicht unter die Dinge zu zählen pflegen, deren Socrates und die Fremden nicht bedürfen. Sie stellten sich in den Weg und wollten auch gesehen, oder gar, wie mir eine zu verstehen gab, ins Theater geführt seyn. Obgleich hierdurch der gute Ton weniger beleidigt worden wäre, als durch das Anstaunen der Butiken, so hielt ich doch 170 einen stillen Rückzug für das sicherste, weil ich keine Komödie in der Komödie spielen wollte, und die Socratische Methode der Unterhaltung mit diesen Hetären mehr theoretisch bewundere als praktisch verstehe. Montansier ist das Theater für die lustige Welt, und daher außerordentlich besucht. Die Wahl der Stücke und der Schauspieler, alles ist nur auf momentanes Lachen abgesehen, und die Ausführung entspricht dieser Absicht vollkommen. Darüber hinaus wird aber kein Schritt gegangen, auch erwarten solches die Zuschauer nicht, denn es ist ein Geplauder und Gelächter in den Logen und allenthalben, daß man bald merkt, dieser Ort werde nur für oberflächliche Belustigung besucht, und bloß um die vornehmsten Züge und Melodien zu haschen, nicht um ernsthafter Ueberlegung einen Augenblick Raum zu geben. Da die sentimentale weibliche Kennerklasse, welche das Schöne nur in der Tugend und die Tugend in Worten sucht, diesen Schauplatz leichtsinniger Fröhlichkeit der Anständigkeit halber nicht besuchen darf, so wird der Geschmack einzig durch die Bedürfnisse derjenigen bestimmt, welche hier den Ton angeben, und das sind junge Müßiggänger oder reiche Parvenüs, dergleichen es jetzt so viele gibt, mit ihren Mädchen; diese Leute sind ungebildeten Geistes und wollen nichts als sinnlich belustigt seyn. Ein Schauspieler ist hier, Brunet , der sich durch seine treffende Wahrheit in Vorstellung lächerlicher 171 Einfalt einen Nahmen gemacht hat. Er kam mir auch wirklich unterhaltend vor; allein man hat doch erst den rechten Genuß an diesen Leuten von schalkhafter Laune, wenn man sie näher kennt. Das erste Mahl machen sie nur geringe Wirkung, weil die erste Bekanntschaft unter Menschen immer ernsthaft ist. Wir müssen mit ihrer Weise bekannt werden, ihre Figur und ihr Tun muß uns nicht mehr fremd seyn, erst dann treten wir in ihre excentrische Bahn und begreifen ihre Eigenschaft. Und wenn sie einmahl den Beyfall erhalten haben, so hat niemand kein besseres Spiel als solche Lustigmacher und witzigen Leute; der Glaube eilt ihren Werken zuvor; man geht allen ihren Aeußerungen mit der Erinnerung ihrer vorigen Schwänke entgegen, und strengt seinen Scharfsinn an, alles ihr Thun und Lassen nach dem Ideale zu bilden, das man sich von dergleichen Lieblingen der lustigen Gesellschaft gemacht hat. Dann fällt es ihnen nicht schwer, es bald so weit zu bringen, wie der ehemalige Loustic der alten französischen Schweizergarde; wenn er nur das Maul aufthat, so lachte das ganze Regiment. Wie wird es mir seyn, wenn ich wieder in meiner stillen Heimath bin, da ich schon jetzt nach Verfluß einiger Tage mich an den betäubenden Lärm des hiesigen Lebens zu gewöhnen anfange? – Wie einem, denk ich, der von seltsamen Träumen erwacht, und sich derselben auf seiner einsamen Lagerstätte behaglich erinnert. Lange werd ich dieses Traumes eingedenk seyn! Da ich heute (27. May) das Museum verschlossen fand, weil es jeden Septidi ausgekehrt wird, so ging ich zum Zeitvertreib längs der Gallerie du Louvre an der Seine hin und her, welches bisher einer meiner liebsten Gänge ist, weil man auf beyden Seiten, besonders über dem Wasser, eine so weite Aussicht schöner Gebäude hat, und bey der Frequenz des Platzes doch vor den unerträglichen Kutschen und Cabriolets sicher ist. Hier erfuhr ich, daß eine Sache im gleichen Augenblicke mit gleichem Recht die ganze Aufmerksamkeit des einen beschäftigen und vom andern sehr gering geachtet werden könne, ohne daß deßwegen der eine oder der andre die Beschuldigung von Kälte verdiene, womit wir so geschwind über andre herfallen, wenn ihre Theilnahme unsrer Erwartung nicht entspricht. Denn indem ich auf der Mauer des Flusses saß und das Hôtel des Monnaies betrachtete, sahen alle Vorübergehenden nach dem neuangelegten Bade Vigiers hinunter, und sprachen mit Entzücken von diesem schwimmenden Inselchen, ohne einen Blick auf das Louvre noch auf die herrlichen Quaygebäude zu werfen, noch die weite mit nichts als schönen Gegenständen beschränkte Ausdehnung ins bewundernde Auge zu fassen. – Sie kannten alles dieses schon von Jugend an, aber das Bad war für sie eine neue Entdeckung; mich hingegen interessirte jetzt das winzige 173 Gärtchen nicht, weil mir alles gleich neu war. Bey ihnen mußten die alten Kenntnisse der neuen Wahrnehmung Platz machen, bey mir noch das Kleine dem Großen. Indessen will ich diese niedliche Anlage nicht verachten; nichts ist unbedeutend was seiner Bestimmung entspricht, und schon der Vorgenuß der Pariser beym Anblicke dieses einladenden Bades gibt demselben einen wirklichen Werth. Ich meine vielmehr, jeder solle sich seiner eigenen Vorstellungen und Erkenntnisse freuen, wenn sie nur aus eigener Kraft hervorgehen, und nicht bloß anmaßlicher Schein oder Nebel der Einbildung sind. Dabey aber soll man auch nicht allzueilfertig, aus sogenannter guter Meinung, den andern bey der Hand nehmen und sagen: komm und theile meine Empfindung bey diesem Anlaß! denn dieß heißt in den meisten Fällen den Starken zur Kälte und den Schwachen zur Heucheley hinführen, weil das menschliche Herz sich eben so ungern zu Gefühlen auffordern läßt, als der Verstand zum Glauben. Uebrigens empfangen wir manchmahl die größten Gedanken bey den kleinsten Gegenständen, und zwar nicht allein durch die Kraft, mit welcher Swift aus einem Besenstiel mehr Geist zog, als Harvey aus Sonne, Mond und Sternen, sondern öfters auch darum, weil unter den unzähligen Dingen, die Einfluß auf unser Gemüth haben, und den Werth unsrer Anschauungen bestimmen, Zeit und Laune nicht die 174 seltensten sind, so rein wir uns auch gestimmt wähnen mögen, und eine unmerkliche Analogie, eine dunkle Erinnerung unsern Verstand so oft leiten kann, als unsern Willen. Wir tragen nicht nur unsern Kopf, sondern auch unser Herz den Erscheinungen entgegen, und so gibt uns, Gott sey Dank, die Hütte eines Einsiedlers oft mehr zu denken, als die Säulenordnung des Louvres, ja die Erde oft mehr als der Himmel, und selbst in der strengsten Analytik weht der Geist noch wie und wo er will. Eben so elend und abgeschmackt, als die Ehrenmeldung der Kanonenkugeln vom 10. August an den Tuilerien, kam mir jetzt die an einem Fenster des Louvres ausgestellte Schandschrift auf Karl IX. vor, welche sagt, daß er von hier aus mit einem Karabiner auf sein Volk geschossen habe. Hier schoß also der König auf sein Volk und dort das Volk auf seinen König; eins ist so sauber wie das andre. Welch ein Geschmack, die Schandflecken der Nation den Leuten durch Denkmähler ins Gedächtniß zu rufen; ist es nicht schon zu viel, daß die Geschichte davon sprechen muß! – Aber man wollte das Königthum verhaßt machen, und beging die Ungerechtigkeit gegen die Geschichte, aus dem Leben böser Könige die schrecklichste That herauszuheben, um sie zum Scheusal aufzustellen, und hingegen die Statue des guten Heinrichs umzuwerfen und das 175 Grab des heiligen Ludwigs zu entweihen; wodurch man zwar seinen Zweck erhielt, den Pöbel zu entflammen, aber damit auch eine größre Blutrache auf sich lud, als Karl IX. mit seinem Karabiner. So wird aber die wahre Freyheit nicht gestiftet, so wenig als durch die öffentlichen Werkstätte der peinlichen Justiz die wahre Gerechtigkeit; und wer aus der abscheulichen Handlung eines Königs Haß gegen das Königthum schöpfen soll, darf auch mit gleichem Rechte um der Handlungen der Revolutionsmänner willen Haß gegen das Freyheitthum nähren. Wer in einem Fiaker fahren will, muß sich mit kleinem Gelde versehen, denn die Kutscher machen immer Schwierigkeiten, wenn sie herausgeben sollen, und sich mit ihnen zanken ist für einen Fremden ein schlechter Gewinn; nicht so wohl, weil ein Fremder in diesem Labyrinthe nicht weiß, wo er sich Recht schaffen soll, als weil man hier nicht zankt, wie an andern Orten, denn auch der Zank hat hier seine Convenienz und der Zorn seine Sitte. Wehe dem, der diese nicht kennt und sich der Originalität seiner Leidenschaft überlassen, oder seine vaterländischen Ausdrücke des Unwillens ins Französische übersetzen wollte! Hier wird der Zorn in Spott gekleidet und der Schimpf muß zu lachen machen, sonst ist er nicht gültig, und kömmt, wenn er auch das größte Recht auf seiner Seite hat, 176 zu kurz. Ich hörte heute einen Schuhputzer mit einem Manne zanken, der ihn nicht bezahlen wollte, und erstaunte über das Besonnene und Abgemessene seiner Ausdrücke mitten im lebhaftesten Zorne; er wußte seinen Gegner mit einem Strome empfindlicher Reden zu beschämen, ohne ein unanständiges Wort zu sagen. Wo findet man das anderswo? – Aber es war auf einem offenen Platze unter einer Menge von Leuten; ob es unter vier Augen auch so höflich abgelaufen wäre, ist noch die Frage. Denn das ist eben des Parisers souveräner Grundsatz, welchem Vornehme und Gemeine bis in den Tod getreu bleiben, sich der Beobachtung vortheilhaft zu zeigen, und vor der Welt alles mit bonne grace zu thun. Nach dieser Maxime bildet er seine Geberden, seine Sprache, und sein ganzes gesellschaftliches Leben. Daher bey den Vornehmen dieser leise Ton, dieser Schein von Geduld und Theilnahme, diese oberflächliche Harmonie, diese Furcht vor Eigenheiten und » cet esprit fondé sur les phrases qui circulent, « und bey den Gemeinen die behutsame und doch leichte Manier in Ausdrücken, die Mäßigung im Affecte, das Schönreden mit Unbekannten, und die bey allem Freyheitsstolz sclavische Unterwerfung unter das, was öffentliche Manier ist. Am meisten muß ich mich über die Leichtigkeit ihrer Sprache verwundern, denn es ist unglaublich, mit welcher Wohlredenheit man hier alles zu sagen weiß, und mit welcher Bereitwilligkeit sich ihre Worte ihrer 177 Vernunft, öfters auch nur einem Analogon derselben, anschmiegen. Sermo datur cunctis... kann man nirgends mit mehr Recht sagen. So entsteht ihre Höflichkeit, eine Halbtugend, worin es die Pariser vor aller Welt am weitesten gebracht haben, und diesen Ruhm muß man ihnen lassen; denn wenn sie auch gleich nichts weiter ist, als Gefälligkeit in Worten, so ist doch dieß schon ein Verdienst, das jedermann behagt, und auch oft den Betrug versüßt, da hingegen die Grobheit niemand als sich selbst und der Schadenfreude gefällt. Man würde sich auch irren, wenn man annehmen wollte, nach der Revolution seyen jetzt die Pariser weniger höflich; ich glaube vielmehr, sie seyen es mehr als vorher, aus dem gleichen Grunde, warum, nach Brydone, auf der Insel Malta mehr Lebensart herrschen soll als irgendwo, weil nun jeder von dem andern Genugthuung fordern kann, und daher keine verächtliche Behandlung mehr geduldet wird. Was in dem Sturme der Revolution geschah, wo der Teufel los und Grobheit an der furchtbaren Tagesordnung war, darf nicht dagegen gezählt werden, eben weil es ein vorübergehender Sturm war, auf welchen die natürliche Heiterkeit bald wieder folgen mußte. Inzwischen ist Höflichkeit noch so weit von Dienstbereitwilligkeit verschieden, als Wort von That; auch kann gewiß mancher kalte und trockene Ausländer in dieser letztern wirklichen Tugend den aufmerksamsten 178 und geselligsten Franzosen beschämen, und wenn der Unterschied wirklich zwischen zwey Nationen sich fände, daß die eine höflicher und die andre dienstfertiger wäre, wer wollte nicht lieber zur letztern gehören? Ich bin weit entfernt, schon ein Urtheil fällen zu wollen, aber das muß ich doch sagen, daß ich bey dem ersten Besuche, den ich hier machte, ungeachtet aller dringenden Empfehlungen, so ich mitgebracht hatte, und aller Höflichkeit, womit ich empfangen wurde, verlustiges Geld auf meinen Wechsel herausbekam; und an dem zweyten Orte, wo ich einen Brief abzugeben hatte, ernstlich vor dem abscheulichen Geldhunger und Betrug, der hier herrsche, gewarnt und mir gesagt wurde, ich werde das Point d'argent point de Suisse anwendbarer auf die Franzosen als auf meine Landsleute finden. Da heute die Andromache des Racine gegeben wurde, so war das Schauspielhaus ( Théâtre français ) schon zwey Stunden vor dem Anfange so voll, daß ich kaum noch ein Plätzchen auf dem Parterre fand. Ich hatte also Zeit genug, den wohlgemahlten aber etwas abgenutzten Vorhang zu betrachten, und die sonderbare Bauart der Logen, von welchen die untern ganz kahle Oeffnungen ohne Ausladung und Verzierung sind, hingegen springt bei den mittlern plötzlich eine reiche jonische Säulenordnung hervor, die zwar an sich niedlich ist, aber zu sehr gegen die Gemeinheit 179 der ersten absticht, um ein schönes Ganzes auszumachen; daher rief auch einer, der neben mir saß, aus: C'est un château bâti sur des hameaux! Schon in der Oper hatte ich in den Logen die große und vornehme Welt mit ihrem imponirenden Gepränge vermißt, und hier noch mehr, wo in den ersten Plätzen alles so kunterbunt und gedrängt saß, daß man sich kaum regen konnte. Ich weiß wohl, daß es hier zu Lande kein Vorrecht der Geburt, der Ehrenstellen oder des Geldes geben soll, das sich Ehrenplätze auswählt, um von da auf andre hinabzusehen oder ihrer gar nicht zu achten, und das ist auch ganz recht. Aber das Theater hat seine eigne Welt, in der alles idealischer Schein ist, und alles sich nur in der abgemessensten Rangordnung bewegt und erhält. Sollte aber da, wo Könige und Helden uns zur Ehrfurcht, und edle Unglückliche zur Bewunderung oder zum Mitleid hinreißen, nicht auch eine der Natur des höhern Schauspiels analoge ernste Würde außerhalb des Vorhangs Platz haben, damit die Wahrheit der Fabel und des Spiels nicht durch den Widerspruch im Betragen der Zuschauer leide? Wenn man auch die Schaubühne nicht als eine Schule der Sitten ansehen will – sie ist es aber doch – so sollte sie doch, nur als Kunstwerk betrachtet, das durch die Personifikation der Geschichte unser Gemüth erheben will, von einem ihrem Zwecke angemessenen äußern Anstand unterstützt seyn. Wie sehr könnte dieser befördert werden, wenn statt 180 der buntscheckigen Menge nur solche Personen zu den ersten Plätzen Zutritt hätten, deren Gegenwart durch ihre innere oder äußere Vorzüge Ehrerbietung befiehlt. Wenn solche Ehrenplätze mit den Würdigsten besetzt sind, wenn in einer Loge der erste Consul mit seinen Gehülfen, in einer andern große Generale und Staatsmänner säßen, wiederum andre für berühmte Gelehrte, für das ehrwürdige Alter oder ausgezeichnete sittliche Verdienste bestimmt wären, und auch angesehene Fremde einen besondern Sitz hätten, so würde dadurch dem Schauspiel selbst, diesem schönsten menschlichen Zeitvertreibe, Ehre gemacht, und der große Haufe, der nie sich selbst beherrschen kann, wenn er keinen Herrn sieht, in den Schranken der Dezenz gehalten werden. Denn jetzt, da in den ersten Logen die gleiche muthwillige Unruhe herrscht, wie in den letzten, da alles in vermischten Haufen zusammen sitzt, frech herumgafft, sich zuwinkt, mit Gläsern beguckt, aus und ein geht, erhält die Versammlung den Anschein von Unwissenheit, Geschmack- und Zügellosigkeit, den sie wohl nicht verdient. Diesen Anschein vermehrt noch, wenigstens für den Fremden, das unerträgliche Klatschen, das unaufhörlich aus allen Ecken des Hauses ertönt, und mehr ungeduldige Reizbarkeit als wahres Gefühl verräth. In ihrer übermäßigen Lebhaftigkeit unterbrechen sie durch Klatschen jede Empfindung in ihrem höchsten Punkte, und treiben es so lang, bis sie sich und 181 andere aus der Empfindung herausgeklatscht haben. Indessen steht der arme Schauspieler, mitten in seinem Affekte unterbrochen, entweder cataleptisch da, oder er hilft sich mit stummer Geberde, so gut er kann, selten aber auf eine geschickte Art, weil es mehr als schwer ist, zugleich der Gegenstand des lautesten Beyfalls zu seyn und eine fremde Rolle zu spielen. Würden nur die vorzüglichsten Schönheiten beklatscht, und kurz genug um das Spiel nicht zu unterbrechen, so möchte es noch angehen; aber auch das Mittelmäßige findet hier wie allenthalben seine Bewunderer, und diese sind desto lauter, je weniger Verdienst ihr Beyfall hat, und am lautesten, wenn man gegen dieß »Menschenrecht« Bewegungen machen will. Hier also das französische Trauerspiel in seiner Vollkommenheit, dachte ich. Meine Erwartung war gespannt. Auf der einen Seite erinnerte ich mich des harten auswärtigen Tadels, auf der andern des überschwenglichen einheimischen Lobes; ich fand aber beydes übertrieben. Wer hier persönliche Wahrheit verlangt, charakteristische Züge individueller Natur, der sucht was er nicht finden wird. Dichter und Schauspieler fürchten sich vor dem natürlichen Leben, und aus Scheu gemein zu seyn, werden sie zu allgemein. Das wird nun freylich mit der Würde der Tragödie 182 und dem Charakter der Nation entschuldigt, indessen fällt es doch jedem unbefangenen Fremden auf, ehe er daran gewöhnt ist; er muß es aber bald werden, glaube ich, um der mancherley äußerlichen Vorzüge willen, welche die tiefer liegenden Mängel bedecken. Diese Vorzüge, die ich um so viel mehr bewunderte, weil sie der ganzen Bühne gemeinschaftlich sind, bestehen in dem Adel der Sprache, in der Zierlichkeit der Declamation, Kunst und Lebendigkeit des mimischen Ausdrucks, dem feyerlichen Anstande, der sich nie vergißt, und auch in dem letzten Schauspieler noch harmonisch mit dem Ganzen erscheint. Hier wird der tragische Dichter studirt, oder die Schauspieler und Zuschauer sind schon aus alter Bekanntschaft mit ihm vertraut, sein Geist und seine einzelnen Schönheiten werden gefaßt, und mit der berechnetesten Aufmerksamkeit auf den Geschmack des eingebornen Publikums vorgetragen. Da dieser Nationalgeschmack sich nur mit den äußerlichen Zeichen heroischer Leidenschaften begnügt, und nicht die ursprüngliche Stimme des Herzens vernehmen will, so können die daher entspringenden Mängel auch nicht dem Schauspieler zugerechnet werden, um so viel weniger, da auch die Dichter nach dieser Volkseigenheit sich bequemen. – Wenn auch das Stück nicht alles leistet was es sollte, so leistet doch der Schauspieler das, was sein Publikum von ihm erwartet, in der möglichsten Vollkommenheit, und ersetzt durch ästhetische Wirkung auf die 183 Einbildungskraft und den Verstand des Zuschauers, was ihm an unmittelbarer Berührung der Seele abgeht. Es war mir immer, ich sähe den Geist Ludwig XIV. über der Bühne schweben, mit seinem angebornen königlichen Anstand und seinem falschen Ideal von Größe, woraus seine abgemessene Feyerlichkeit, sein oberflächlicher Glanz und das gespannte Bestreben, immer bedeutend und wichtig zu seyn, entstand, und die Anmaßung der Unfehlbarkeit in Urtheilen über Gegenstände des äußerlichen Lebens, welcher ganz Europa so unbegreiflich huldigte, und welche auch die großen Dichter jener Zeit zwang, ihre Ruhmbegierde diesem mehr königlichen als menschlichen Veto zu unterwerfen, und die Ausflüsse ihres Geistes in den monarchischen Damm zu leiten, der alles ausschließend, was gemeine Natur verkündigte, zwar den edeln Geschmack sicherte, aber auch manche originelle Quelle des Genies im Entstehen hemmte. Da große Menschen des Zeitalters dieser herrschenden Ansicht ein vollkommenes Genügen und selbst in diesen Banden noch viel leisteten, und keine größern nachfolgten, so wurden ihre Werke zur nothwendigen Regel gemacht, deren Gewalt mit ihrem Nutzen und Schaden sich noch auf den heutigen Tag erstreckt. Schon lange aus schriftlichen und mündlichen Nachrichten mit dem französischen Theater bekannt, mußten sich mir jetzt bey eigner Vergleichung zwischen dem Gehörten und Gesehenen, und zwischen Gedicht 184 und Spiel diese und andere allgemeine Betrachtungen leicht darbiethen; über den künstlerischen Werth einzelner Schauspieler aber war ich noch nicht im Stand ein Urtheil zu fällen, weil man keinen Menschen, der eine öffentliche Rolle spielt, richtig beurtheilen kann, ohne ihn persönlich zu kennen, das ist, ohne mit seinen Eigenthümlichkeiten, dem, was ihm die Natur aus Liebe oder aus Haß gab, vertraut zu seyn, um nicht, welches so oft der Fall ist, an Idiosynkrasien zu hängen, und das wahre Talent zu übersehen. Doch kann ich über Talma , der den Orest spielte, nicht schweigen. Der Verstand, womit er, ausgezeichnet vor allen andern, seine Rolle vortrug, machte mir ihn gleich anfangs schätzbar. Es war nicht bloße hergebrachte Manier der Declamation, sondern Gefühl dessen, was er sagte, und ohne die nothwendige tragische Würde zu vergessen, wußte er Wahrheit und Leben auch in den längsten Reden beyzubehalten. – Ob er im Affecte nicht zu oft die Hände über dem Haupt schüttle, ob sein Kopf nicht zu rund und sein Gesicht zu kleinlich für diese großen heroischen Rollen sey, wage ich noch nicht zu sagen, ob es mir gleich so vorkam; denn dieses sind eben jene vorübergehenden Eindrücke unvollkommener Neuheit, welche bald vor dem Uebergewicht der Trefflichkeiten verschwinden müssen. Auch im Costüm zeichnet er sich aus, und scheint der Wahrheit desselben ernstlich, ja ängstlich 185 nachzustreben. Die emporgekräusten schwarzen Haare fallen freylich jetzt weniger auf, weil sie gerade Mode sind; aber die bis hinter die Elbogen nackten Arme hätten meiner Meinung nach mit fleischfarber Seide bekleidet seyn sollen. Ihre blasse Farbe und starken männlichen Muskeln gaben ihnen unter dem reichen farbigen Gewande ein trockenes und mageres Ansehen, das den heutigen Geschmack, der nicht gewohnt ist, nackte Mannsarme zu sehen, beleidigt. Der griechische Orest mag freylich keine seidenen Ermel getragen haben, aber der französische darf es gleichwohl thun, thut und sagt er doch noch vieles, das eben so wenig griechisch ist. Des Euripides Orest in der Maske und den Kothurnen mag dem Sohne des Agamemnon eben auch nicht sehr ähnlich gesehen haben. – Das Costüm des Theaters muß, so wie es Empfindung und Sprache auch ist, theatralisch, das ist, sublimirte Natur und nicht bloße historische Wahrheit seyn, und sich daher auch nicht allzustrenge weder an die alte noch neue Mode binden, um nicht durch jene zu fremde und durch diese zu alltäglich zu werden. Uebrigens ist es doch ein großer Unterschied, ein Stück nur zu lesen oder von einem solchen Schauspieler aufführen zu sehen, denn so ein geschickter Mann weiß oft gerade das am meisten zu beleben, worüber man im Lesen kalt hinweggeht. So hat der letzte Auftritt, wo Orest den Geist des Pyrrhus zu erblicken glaubt, nie keinen Eindruck auf mich gemacht, sondern 186 ist mir immer nur als ein Handwerkskunstgriff des Dichters vorgekommen, um dem Pylades Gelegenheit zu geben, seinen Helden lebendig zu retten. Aber die erstaunliche Kunst, womit Talma nach und nach in diesen Zustand der Gemüthsverwirrung hineintrat und stufenweise bis zur Wuth und Ohnmacht fortschritt, erschütterte mich, und stellte mir ein eigenthümliches Gemählde dar, wovon das Verdienst allerdings mehr dem Schauspieler als dem Dichter zu gut kommt. Solche Darstellungen, deren Lebendigkeit und Gewalt keine lesende Phantasie sich ersinnen kann, sind es, die dem Schauspieler seinen Werth geben, und ihm in der ästhetischen Schöpfung einen der ersten Plätze anweisen. Nur Schade, daß er seinen Nachruhm nicht wie andere Künstler durch bleibende Werke fixiren kann, sondern bloß dem Nahmen nach in der Tradition und dem Rufe, den sein Zeitalter hat, fortlebt! » Le rôle d'Oreste fit crever Montfleuri « ist alles, was man noch etwa, wenn von der Andromaque die Rede ist, von dem Manne sagt, dem seine Zeit Bewunderung zollte, man eilt kalt bey seinem Denkmahle vorbey, denn sein Werk ging mit ihm ins Grab. Was ist uns von Baron übrig geblieben, der alle Herzen an sich zog, und wie sein Publikum (und er selbst) sagte, alle Gaben der Natur in sich vereinigte! Was von der gepriesenen Champmelé , die von dem zärtlichen Racine selbst ihre Bildung empfing, und von der sie sagten, in Aulis seyen nicht so viele Thränen um die 187 wahre Iphigenia geflossen, als sie in dem Trauerspiele dieses Nahmens den Zuschauern zu entlocken gewußt habe! Jetzt weint kein Auge mehr um sie. – So geht und ging es allen. Selbst Garrik seufzet, Prologue to the clandestine marriage. daß der Ruhm eines Schauspielers kaum ein halbes Menschenalter daure, und diesem dürfen getrost alle andern nachseufzen, denn auch Er gilt jetzt schon nicht mehr, was er im Leben galt, weil seine superiore Gegenwart nicht mehr alle Kritik entwaffnet, und keine Beschreibung den Mangel bleibender Kunst ersetzen kann. Unterdessen ist der Beyfall, den große Schauspieler unmittelbar einernten, ein Ersatz für den Ruhm, der andere Künstler öfters erst nach ihrem Tode erreicht, wenn sie sich dessen nicht mehr freuen können. Verzeihlicher als bey allen andern ist daher auch die Eitelkeit bey diesen Menschen, die nie anders als unterm Lärm der Bewunderung vor dem Publikum auftreten, und um deren Umgang sich die Großen beneiden, von deren Reisen die Zeitungen sprechen, oder die sich wohl gar wie Ifland die hohe Gnade ausbitten dürfen, Fürsten vertraulich die Hand zu biethen. Verzeihlich auch, wenn sie mit eigenen Lebensbeschreibungen der Unsterblichkeit entgegen gehen wollen, die ihnen ihre bessere Kunst nur halb gewährt. 188 Mlle. Volnais , ein noch sehr junges zartes Mädchen, spielte die Andromache, und Mlle. Raucourt , eine ältliche junonische Gestalt, die Hermione. Diese mit aller Zuversicht auf gewohnten Beyfall und mit der Sicherheit vollendeter Kunst, jene mit liebenswürdigem Mißtrauen in ihre noch ungeübten Kräfte, aber mit feinem Gefühl und richtigem Sinn. Sie durfte in jugendlicher Bescheidenheit es noch nicht wagen, sich zu dem Heldenschritte, den (allerdings zierlichen) antiken Stellungen und dem plötzlichen Contrast der Töne zu erheben, worin ihre Nebenbuhlerin auch da, wo es ihre stürmische Rolle nicht erforderte, ihre Kunst zeigte, sondern blieb durchgehends in den natürlichen Schranken edler sanfter Weiblichkeit, und gewann dadurch die Herzen der Zuhörer. Sie wird aber dabey nicht bleiben, sondern hingerissen werden, gleich den andern, zu den hochtrabenden Theatermanieren, welche die Gewohnheit der Nation erfordert, von deren Uebertriebenheit aber, mehr noch als der Tadel der Ausländer, gerade der vorzügliche Beyfall zeuget, den die Zuschauer selbst dem ungeschminkten Spiele dieses feinen Mädchens zu geben sich gedrungen fühlten. Wenn ich nur die Kraft des Erkenntnißvermögens besäße, welche die Gesetzgeber der menschlichen Vernunft fordern, nicht nur im Denken, sondern sogar im Empfinden alle Vorstellungen abzuhalten, die nicht in den Kram dienen, so hätte ich mit dieser kleinen Andromache ganz zufrieden seyn können, aber so 189 wollte mir die zum Sprüchwort gewordene Größe der Griechin nicht aus dem Sinne; omnibus Andromache visa est spatiosior aequo, sagten die Alten; und da hätte sich wohl in jeder Rücksicht die Raucourt besser zu dieser Rolle bewährt gefunden. In. übrigen mag diese in ihrer Jugend vortrefflich gewesen seyn, aber jetzt scheint es ihr zu gehen, wie vielen alternden Poeten und Künstlern, daß der Geist zu Manier wird. Am Ende wurden noch Orest und Andromache aufgerufen, sich sehen zu lassen, und als dieses nicht sogleich geschah, heulten und schrien und stampften die Zuschauer auf eine Art, die eben nicht von schönem Enthusiasmus zeugte, bis endlich Talma und Volnais Hand in Hand auf die Hälfte des Theaters kamen, sich tief bückten, und dann der Vorhang unter heftigem Geklatsche fiel. Nun begriff ich auch, warum den Franzosen Stellen aus ihren Dichtern, besonders aus dem Racine, so geläufig sind, wie uns heilige Sprüche oder alte Sentenzen. Bey der unbegrenzten Bewunderung, die sie für ihre Nationalschaubühne haben, müssen ihnen diese für ihre Ohren so harmonischen Verse, und dieser classische, für ihren Geschmack so poetische, Styl als das Höchste seiner Art erscheinen, und ihnen durch die ausgebildete, die Sprache in ihrer Vollkommenheit 190 darstellende Declamation ihrer Schauspieler, denen kein verfehlter Laut nachgesehen wird, leicht ins Gedächtniß geprägt werden. Dazu kommt noch, daß hier Griechen und Römer, Juden und Türken alle aus französischem Herzen sprechen, und dadurch so manchem schönen Verse eine leichte Accomodation auf die öffentliche und geheime Geschichte des Volkes gewähren. Wir Deutsche hingegen, die wohl schon manches classische Buch, aber noch keine eigne classische Litteratur haben, müssen uns in Demuth mit ausländischen Quotationen und Citationen, oder mit alten heiligen und profanen Stellen behelfen, die zwar einigen Schatten auf unser vaterländisches Selbstgefühl werfen, jedoch an Schönheit und praktischem Nutzen gewöhnlich jenen nicht nachstehen. Ein Bekannter führte mich noch in das Caffé des mille colonnes , um auf den weichen Lehnstühlen von den harten und gepreßten Sitzen des Parterres auszuruhen. Es hat seinen prächtigen Nahmen von den vielen niedlichen Säulen, womit die Wände ringsum verziert sind, die sich in den großen Wandspiegeln in unendlicher Zahl verlieren. Ein neuer lockender Aufenthalt für die, welche alle Tage herrlich und in Freuden leben wollen; nur kam es mir bedenklich vor, daß an jeder Treppe aller dieser Wohnplätze des sinnlichen Genusses ein armer Lazarus liegt, der Euch um 191 die Brosamen euers Ueberflusses anspricht. Zwar scheint dieß niemand groß zu achten, Ihr könnt auch diesen unangenehmen Anblick leicht beym Eintritt in das glänzende Gemach vergessen, ob Ihr aber in Zukunft nicht wieder einmahl daran erinnert werdet, das weiß ich nicht. – Deinde eo dormitum, non sollicitus mihi quod cras Surgendum sit mane - Victurus suavius, ac si Consul avus, pater atque meus, patruusque fuisset.                                           Horat.     Dritter Theil.             Quacunque libido est, Incedo solus Horat.       Wer ist ihr gleich, dieser großen Stadt, der Mächtigen, welcher Gewalt gegeben ist über alle Sprachen und Völker der Erde! Um deren Gunst die Könige buhlen, und von deren Zauberkelch die Söhne des Reichthums trunken werden! Die sich mit der Beute des Sieges bekleidet, und sich schmückt mit fremdem Golde und Juwelen! Deren Menschenfluthen rauschen wie die Stimme eines großen Wassers, wie eines starken Donners Stimme! – Wahrlich, schon ihre Außenseite, das was ihr an der Stirne geschrieben und allen Augen zur Schau steht, enthält für den Fremdling so viel Geheimniß und Uebung der Weisheit, daß ich um den Genuß ihrer verborgenen Reize niemand beneide, bevor ich diese äußern geprüft habe. Nicht also an den Tafeln der Großen, nicht im Kreise einzelner Familien, noch im Umgange mit Gelehrten, sollte es mir auch vergönnt seyn, werde ich zuerst den Charakter dieser Hauptstadt und die Sinnesart ihrer Bewohner aufsuchen, sondern auf Straßen und öffentlichen Plätzen, wo es nur Augen die sehen, und Ohren 196 die hören können, bedarf, um den Geist des Volkes zu fassen, der sich im Stehen und Gehen, Geberden und Sprache, Handel und Wandel, Zeitvertreib und Arbeit, bey fröhlichen Auftritten, oder da »wo es ein Unglück zum Besten gibt,« kurz allenthalben offenbart, wo zahlreich und ungezwungen die Leute sich regen. Hier zeigen sich dem freyen Zuschauer am auffallendsten die Abweichungen von seiner Landessitte, die er nicht unbemerkt lassen darf, wenn ihrer schon der Eingeborne, dem sie natürlich oder alltäglich sind, nicht achtet; hier wird ihm mancher seltsame Zug, worüber in feinern Gesellschaften oft geflissen, aus Lebensart oder Vaterlandsliebe, vor dem Ausländer ein Schleyer geworfen wird, sichtbar werden. Denn hier verstellt man sich am wenigsten, oder doch vor dem stillen Beobachter nicht, weil man seiner nicht achtet. Verstellung aber, so leicht sie den täuscht, welchen sie im Auge hat, ist oft für den, auf welchen sie nicht gerichtet ist, ein hellerer Spiegel der Seele, als ungeschminkte Ehrlichkeit. Wer will, kann noch den Vortheil anführen, daß man sich auf freyer Straße geschwinder von der Falschheit wenden, und sie vergessen kann, als in der Gesellschaft, wo man oft Stunden lang an sie gebunden, und in ihrem giftigen Dunstkreis geängstigt wird. Man wende nicht ein, daß Neuheiten auf der Straße gesammelt nur vorübergehendes Interesse haben; sagt dieß die Erfahrung, so lehrt eine andere eben so richtig, daß man auch im Umgange mit der 197 gebildeten Classe sich dieses Geständniß nur zu oft machen müsse, wo ebenfalls, so viel ich weiß, zu einer »Gift« Ueber die Reinigung und Bereicherung der deutschen Sprache von J. H. Campe. Braunschweig, 1794. Seite 144. Vergnügen zwey »Giften« Geduld unentbehrlich sind. Man ennuyirt sich zuletzt an den Tafeln der Vornehmen und im Umgange mit den Gelehrten, wie auf dem offnen Markte; wurden nicht selbst die Tischgenossen Friedrich des Großen endlich des Salzes seines Witzes, wie der Gewürze seiner Speisen überdrüßig! Meiner Meinung nach muß also der Menschenbeobachter in Hauptstädten, wenn er in seinen Erfahrungen regelmäßig zu Werk gehen will, bey dem öffentlichen Leben des Volkes den Anfang machen. Er wird lange genug lehrreiche Beschäftigung dabey finden, und wohl eher müde als fertig worden. Findet er dann noch Zeit und Gunst zum Zutritte bey höhern Ständen oder ruhigern Zirkeln, so werden ihm auch diese anziehendern Genuß verschaffen, je mehr er zuvor sein eignes Urtheil über die Sehenswürdigkeiten der Stadt und den Charakter des Volkes festgesetzt hat. Das, was ich weiß, mit dem was ich sehe zu vergleichen, und hieraus mir täglich neue Erfahrungen zu sammeln; diesem mikrokosmischen Schauspiele, so lange es mir gefällt, als einziger Zuschauer beyzuwohnen, dieß ist das Geschäft und die Freude meines kurzen 198 Hierseyns. – Für wen mag aber ein langer Aufenthalt besonders anzüglich und vortheilhaft seyn? Für den, denke ich, der viel Zerstreuung zu seinem Glücke bedarf, oder für den Reichen, der sein Geld auf die beste oder schlechteste Weise anwenden will, für den dreisten Charlatan, oder für den großen Künstler, wofern er schon einen berühmten Nahmen hat, denn sich erst einen Nahmen zu machen, wird er hier tausend Hindernisse finden; vorzüglich muß wegen der allanerkannten Humanität der hiesigen Gelehrten das Leben in Paris dem behagen, der zu seinem Studium viel Subsidien und wissenschaftlichen Umgang nöthig hat. Auch wer in der Kenntniß der großen Welt, und in der feinen Lebensart, sein Glück zu finden glaubt, wird, was ihm die eleganten Zeitschriften seines Vaterlandes noch zu wünschen übrig lassen, hier nicht umsonst suchen, und sich bald bis zur zartesten Selbstgefälligkeit ausbilden können. Für die übrigen ehrlichen Leute aber mag Paris doch zuletzt so langweilig werden, als irgend ein Provinzialstädtchen; vielleicht noch langweiliger, weil man hier gar nichts von ländlicher Natur sieht, – so wenig, daß ein Landsmann von mir um der Ideenverbindung willen sich sogar des Kuhstalles im Jardin des Plantes mit allen Sinnen freute – wogegen man des betäubenden Geprängs und täuschenden Scheins doch endlich überdrüssig wird, und sich dann auf einzelne Bekanntschaften beschränkt, worin, wenn die erste Zurückhaltung verschwunden ist, das Unkraut 199 menschlicher Leidenschaften auch aufkeimt wie allenthalben. Gute Bekanntschaften sind indessen schwerer zu machen, als man glaubt, unter dieser Unzahl von Leuten, denen man nicht trauen darf, ehe man sie kennt; hingegen kann man so leicht Vergnügen und Gesellschaft ohne Bekanntschaft finden, daß der Fremde nur zu leicht den Vortheil des ordentlichen Umgangs vernachlässigen, und andern ohnedieß zu befriedigenden Neigungen folgen lernt, wozu hier so viele Thüren offen stehen. Ich bin zwar auch der Meinung, daß, um glücklich zu seyn, man seinen Neigungen folgen müsse, aber erst wenn man sie mit Klugheit geprüft hat, da aber die wenigsten sich hierzu Zeit nehmen, so beseufzt auch so mancher heimkehrende Corydon reumüthig seine Thorheit. Heute (28. May) war die Gemählde-Gallerie wiedrum geschlossen, weil man immer etwas darin zu verändern hat; ich ging also in die heilige Versammlung der Antiken, wo ich jetzt mit dem Verzeichniß in der Hand anfing, ein Bild nach dem andern zu betrachten, und meine Beobachtungen flüchtig niederzuschreiben, um solche zu Hause weiter auszuführen, oder wenigstens künftig eine Erinnerung meiner eignen Ansicht zu haben. Da ich selten das Glück habe, gleich von dem ersten Anblick begeistert zu werden, sondern 200 den Gegenstand eine Zeit lang vor mir haben muß, ehe meine Gedanken sich zu regen anfangen, so finde ich auch desto eher Muße, dieselben an Ort und Stelle schriftlich aufzufassen, und befinde mich bey dieser Beschäftigung, wenn sie schon eben keinen genialischen Ruf hat, recht gut, denn nicht nur verfliegen ohne dieses Mittel dergleichen Gedanken oft unwiderbringlich, sondern sie geben uns auch die treffendsten und bezeichnendsten Ausdrücke, weil sie die Geburt der unmittelbaren Wahrnehmung sind, lichtvolle Eingebungen, die keine spätere Ueberlegung hervorbringen, aber wohl rectificiren kann und soll. So brachte ich, zwey Säle durchgehend, manche Bemerkungen zu Papier, wovor indessen niemand erschrecken soll, denn sie sind zu weitläuftig um hier Platz zu finden, oft auch zu unverdaut und zu gewagt, um damit ohne Anmaßung hervortreten zu dürfen. Niemand störte mich an diesem Geschäfte als ich selbst, weil ich mich zuweilen vor den Leuten scheute, die mich darum ansahen, so mit der Schreibtafel von einem Bilde zum andern schreitend den Antiquar zu machen, und etwas anders zu scheinen als ich war. Zur Erhohlung stellte ich mich dann neben den Eingang hin, um, da heute jedermann Zutritt hatte, die Wirkung zu beobachten, welche der Anblick dieser Götter und Helden auf die Menge der Kommenden mache, und hatte die Freude, hier augenscheinlich die geheime Gewalt der wahren Kunst zu sehen; denn bey allen, 201 ich mochte das Experiment bey Gens comme il faut oder in anima vili machen, verwandelte sich die angeborne überschwengliche Unbefangenheit, mit welcher sie hereintraten, unwillkührlich in ein stilles ehrfurchtvolles Betragen, als sie sich von allen Seiten mit diesen ernsthaften, und mit übermenschlicher Würde bekleideten, Gestalten umgeben sahen. Ein Beweis, daß jene Unbefangenheit doch eben so sehr ein Werk nachgeahmter Eitelkeit, als ausgebildetes Bewußtseyn des persönlichen Werths sey. Beyde Geschlechter, schien es mir, ließen den Anspruch auf modische Grazie, womit sie sich sonst brüsten, fahren, und huldigten, ohne es zu wissen, dieser unerreichbaren Einfalt und Größe. Das war der allgemeine Eindruck. Hingegen fand ich dann hier nicht das schnelle Wohlgefallen an einzelnen Kunstwerken, nicht die Sympathie der Einbildungskraft, welche ich in dem Gemähldesaal beobachtet hatte. Zwar sprach jeder Mund öffentliche Lobpreisung aus – es war Huldigung die jeder diesem glorreichen Eigenthume seiner Nation, diesen Denkmahlen ewig berühmter Siege leisten zu müssen glaubte – aber insgeheim bemerkte ich an dem größten Theil der Anwesenden, bey aller Ehrfurcht, doch eine gewisse Unbehaglichkeit des Geschmacks, die ich von den aufgeklärten, von allem sprechenden, Parisern nicht erwartet hätte. So befremdete einige die colossalische Größe, andre irrten die Verstümmlungen oder sichtbaren Restaurationen, noch andern gereichte das 202 Nackende, wo nicht zur Aergerniß, doch zur Zerstreuung; diese besprachen sich über die blinden Augen, jene über die unnatürlichen Haare, den meisten waren die Füße zu gerade gestellt – kurz ich fand meine schon gemachte Beobachtung bestätigt, daß die Sculptur zwar mehr imponirt, aber die Mahlerey viel leichtern Zugang zu dem menschlichen Gemüthe findet. Sollte man mich fragen, welches von den heute gesehenen Kunstwerken mich selbst am meisten angezogen habe, so würde ich unter den ersten den berühmten Spinarius nennen, den Knaben von Bronze, der sich einen Dorn aus dem Fuße zieht. Ein Bild, das ein idealischer Sinn aus der einfaltliebenden Natur herausgegriffen, und in die Sphäre der Schönheit erhoben hat, ohne seiner menschlichen Wahrheit Abbruch zu thun. Selten mag es einem Künstler gelingen, so viel Natur mit so großer und doch anmaßungsloser Kunst zu vereinigen. Man sucht jetzt die Größe zu sehr in einer strebenden Spannung der Haupttheile, die neuen französischen Bilder sind wie aus dem Fechtboden hervorgegangen, so wie man vormahls die Grazie in der Schlaffheit gefunden zu haben glaubte, und alle Bildsäulen vom Tanzmeister aufgestellt schienen. Man hält hier diesen Knaben für einen Sieger im Wettrennen, aber wie kam er dann zu dieser Stellung? Er müßte sich etwa im Laufe beschädigt haben, und gleich hernach so von dem Volke gesehen worden seyn. Schwerlich ist aber jemahls ein öffentlicher Sieger, 203 den noch der Ruf des Beyfalls umtönt, einer so unbefangenen Stellung fähig gewesen. Auch bey der Gruppe, die man Amor und Psyche nennt, kann ich nie vorbey gehen, ohne einen Blick der Bewunderung auf den schön gewandten Leib der Psyche, und ihre, ganz in dem Gegenstand ihrer Liebe verlorne, weltvergessende, schmelzende Umarmung zu werfen; welch eine Innigkeit des Kusses! Einige nennen diese Gruppe auch Caunus und Byblis, vermuthlich, weil sie glauben, so könne nur eine Byblis küssen.     - - Quae cum sit junctissima, junctior esse     Expetit et vinclo fratri propiore ligari. – An dem Amor ist zu viel neues, besonders verstellt ihn die ergänzte Nase; ein Unglück, das man, wie ich jetzt sehe, bey den meisten Antiken beseufzen muß. In der sogenannten Cleopatra sehe ich eine wohlgebildete schlafende Weibsperson, von majestätischem Körperbau, mit einem sehr künstlich gearbeiteten, faltenreichen Gewande, das aber, wie alle Gewänder in Marmor, besonders von dieser Größe, immer schwerer zu werden scheint, je leichter und beweglicher die Glieder der anhaltenden Betrachtung vorkommen. Auch dünkt mich, (vielleicht ist die mir noch ungewohnte Größe der Figur daran Schuld), dem Künstler habe ein etwas gemeines Ideal vorgeschwebt, das er mit mehr practischem Verstande als Empfindung behandelte; die Gestalt scheint mir weder alt noch jung, und der Gliederbau für weidliche Anmuth zu stark zu seyn. 204 Um nicht den Verdacht auf mich zu laden, als hätte ich das Schönste unbemerkt vorübergegangen, will ich auch des Bruchstücks von einem Cupido oder Genius , das in diesem Saale steht, gedenken, des reinsten menschlichen Gebildes, so ich je gesehen habe; ein Engelsgesicht, dessen denkende stille Unschuld und seine Lieblichkeit man nicht mit Worten beschreiben kann; das Ideal eines Knaben, in dem eine göttliche Kraft schlummert, wovon er nur erst eine leise Ahndung hat. – Idealisiren ist nicht schwer, die Neuern lernen es alle, meist ehe sie noch die Wirklichkeit begriffen haben; aber so wie hier das Ideal zu individualisiren, (wenn ich so sagen darf), in dem Ideal die Grundzüge des Einzelwesens beyzubehalten, aus der Art die Gattung zu bilden, das ist der von wenigen erreichte Gipfel der Kunst. Wenn ich schon schweigen wollte, so rede ich doch. Wer könnte auch schweigen, wenn er aus dieser Gesellschaft kömmt; den stummen Wänden möchte man seine Freude erzählen! Doch nur von einer Bildsäule noch erlaube man mir, ehe ich scheide, ein Wort zu sagen, dem sogenannten Zeno , der in dem Saale berühmter Männer steht. Andre mögen zwar mehr Verdienst haben, wie ich dann nicht läugnen will, daß die trefflichen Bilder des Menander und Posidippus, die männliche Größe und freye ungezwungene Würde ohne Ueberfluß und Ziererey so richtig ausdrücken, zu den schönsten in diesem Saale gehören. Aber dieser 205 Philosoph – wenn es auch der Zeno nicht ist, so ist es doch der Edelsten einer aus seiner herrlichen Schule, oder ein Gottverwandter Cyniker – ist mit solcher Wahrheit dargestellt, und die zur Natur gewordene Selbstüberwindung, Weltverachtung und ernste Ruhe der strengen Vernunft, so rein und ohne allen Schein egoistischer Eitelkeit seinem ganzen Wesen aufgedrückt, daß es mir ist, ich sehe eine dieser Zierden der Menschheit vor mir, und das Πεινεῖν διδάσκει καὶ μαϑητὰς λαμβάνει, das man dem Zeno vorwarf, gern begreife. Am liebsten aber denke ich mir darin den heiligen Epictet, den Sohn der Armuth und den Freund der Götter, der in Geduld und Enthaltung die Weisheit des Lebens setzte, und so männlich that, was er lehrte. Da heute ein öffentlicher Tag war, und der Zusammenfluß der Kunst und Neugierigen sich immer vergrößerte, so zog ich mich zurück, und ging nach der Nationalbibliothek hin, wo ich aber sehr höflich auf Morgen bestellt wurde, weil sie heute nicht offen wäre. Diese Höflichkeit im Abweisen ist hier allgemein, und weit angenehmer als das verächtliche Anschnarchen, welches ich schon oft erfahren habe, wo aus übelverstandener Wichtigkeit, oder schlechter Bezahlung, oder langer Weile Wärter und Wachen unmuthig waren. Hier darf man alles fragen und alles sagen, wenn es nur mit guten Worten und in anständigem Tone 206 geschieht. Die Franzosen vertragen alles, nur nicht persönliche Geringschätzung, und hüthen sich daher auch, diese gegen andre, am wenigsten gegen Fremde, die den Merkwürdigkeiten ihres Landes huldigen, blicken zu lassen. Mancher Ausländer, der hieher kömmt, um feine Manieren zu lernen, sollte sich dieß besonders merken, weil mancher gerade durch diese auswärts erlernten Manieren sich zu Hause zur Geringschätzung gegen andre berechtigt hält. Einen Bekannten, der am andern Ende der Stadt wohnt, konnte ich auch nicht antreffen, ich vertrieb mir also die Zeit mit dem Unbekannten, und machte eine Entdeckungsreise in der Stadt herum. Die Gegend, wo ich mich am liebsten niederlassen möchte, liegt am linken Ufer des Flusses, zwischen der Neuen und der Eintrachtsbrücke; hier hat man eine breite Straße, die Seine und die schönen Gebäude jenseits vor sich; man sieht immer was neues, und doch verhallt das betäubende Geräusch in der großen Ausdehnung. Dieß muß aber auch ein von reichen Leuten gesuchtes Quartier seyn, aus dem hohen Preise zu schließen, den man für ein kleines Zimmer forderte. Auch sieht man hier, welches den Platz in meinen Augen noch anziehender macht, einen Kupferstichkram neben dem andern stehen, und ich finde, daß es nicht schwer halten würde, um wenig Geld eine schöne Sammlung alter guter Stücke zu bekommen, wenn man nicht ausschließlich auf vollkommen erhaltene Exemplare und die besten Abdrücke 207 sehen wollte, denn diese werden theuer aufgekauft, und sind selten. Nur an alten gestochenen Portraiten scheint man wenig Geschmack zu finden, wenigstens sehe ich nirgends keine zum Verkauf aufgestellt. Vielleicht aber kaufen sie die Liebhaber der Geschichte auf, und thun, was meiner Meinung nach, jeder Geschichtforscher, und wer eine historische Bibliothek hat, thun sollte, daß sie sich Sammlungen historischer Köpfe anlegen, um auch zu wissen, wie die Leute ausgesehen haben, welche die Welt in Bewegung setzten, und mit denen sie sich so viel in Gedanken beschäftigen. So wie mir, gegen die allgemeine Regel zwar, bey einem Buche das quis eben so merkwürdig ist, als das quid , so interessirt es mich noch viel mehr, ein sinnliches Bild von den Menschen zu haben, die sich vor Millionen andern auszeichneten, und großes Glück – ein etwas seltener Fall – oder großes Unglück über die Menschheit brachten, und ich lese selten von Gustav Adolph und Wallenstein, Carl I. und Cromwell, Carl XII. und Peter I. u. s. w., ohne ihre Gesichter neben einander zu stellen und sprechen zu lassen, und, wahrhaftig, sie sprechen mir Erläuterung über ihre Thaten. Ohne in den Irrgarten der Physiognomik mich zu verirren, kann ich mich doch nicht enthalten, den Umfang, noch mehr aber die Richtung, der Kräfte manches berühmten Mannes nach seiner Gesichtsbildung zu schätzen. Montaignes offenes Antlitz blickt in ein fröhlicheres Leben als Spinozas trübe Miene, 208 der feine Erasmus hat auch in seinem Bilde gefälligere Züge, und verkündigt einen günstigern Richter, als der unholde Samuel Johnson. – Wir machen uns doch von allem Bildlichen Bilder, warum suchen wir nicht von merkwürdigen Menschen die wahren zu erlangen! Ich wollte nicht einmahl, daß ich nicht wüßte, wie Hugo Grotius und seine Frau ausgesehen haben. Ueberdieß erinnert mich das Angesicht eines großen Mannes doch kräftiger an seine Tugenden, als wenn ich seinen bloßen Nahmen an die Wand schriebe, und diese Erinnerung ist mir in meiner Schwachheit schon oft ein Sporn zum Guten gewesen; ob ich gleich weiß, daß viele sind, die das Hausmittel des Beyspiels zum Besserwerden mißrathen, und dafür einzig die durch den Vernunftbegriff selbstgewirkte reine Achtung für das Sittengesetz als neuentdeckte Panacee aufstellen. Noch hab ich hier in keinem Kupferstichladen unanständige Bilder öffentlich ausgestellt gesehen, ein Beweis, daß die Polizey auch über die Sitten wacht, so gut sie kann. Des Abends eilte ich in das Théatre de l'opera comique national , ehedem aux Italiens genannt, wo ich aber nicht fand, was ich nach dem alten Ruf erwartete. Zwar war eines der Stücke, die man gab, (es thut mir leid den Nahmen vergessen zu haben) nicht ohne Verdienst, weil es noch den Charakter der 209 alten Opera comique hatte, worin die Franzosen ehedem unübertrefflich waren, leichten Gesang, komische Intrigue, fröhliche Handlung, und die Naivetät, nicht der Natur aber einer liebenswürdigen jovialischen Sorglosigkeit, die man hier dem arkadischen Leben für eigenthümlich hält, und die von plumpem Spaße gleichweit entfernt ist, als von der Langweiligkeit neuidyllischer Unschuld. Aber die zwey andern Stücke waren Possenspiele, die mir dieser Bühne unwürdig schienen. In dem ersten trat Friedrich der Große auf, der, wie der Calif in Tausend und einer Nacht, Abends in den Straßen seiner Hauptstadt herumgeht, (nach seiner Gewohnheit, wie meine Nachbarn sagten) um zu hören, was die Leute von ihm reden. Er wurde mit möglichster Nachäffung in der Kleidung und Stellung vorgestellt, sogar das nachlässige Tobaknehmen wurde nicht vergessen, aber – welch ein lahmer Friedrich! Indessen versicherte man mich, que le Prince Henry, qui était son oncle, avait été frappé de la ressemblance, als er dieses Stück hier gesehen, und daß er dem Schauspieler ein großes Geschenk gemacht habe. Ich war aber nicht von dem Gout dieses Prinz Heinrichs, und hätte den abgeschmackten Kerl, der es wagen durfte, den großen König in diesem Mißbilde darzustellen, vom Theater hinunter stoßen mögen. Solche sinnliche Nachahmungen ins Häßliche sind dem Zweck der Schaubühne ganz zuwider, die ihre Helden, wenn sie nicht lächerliche Personagen sind, verschönern, nicht 210 verunstalten muß. Ein Mangel an Bildung, den man von einem so berühmten Parisertheater nicht erwarten sollte. Die Schönheit der männlichen Stimmen, die Leichtigkeit, mit der sie das Gespräch führen und die Geschmeidigkeit der Action machten mir übrigens viel Vergnügen, und wenn meine Erwartung dieß erste Mahl nicht befriedigt wurde, so sind die daran Schuld, welche von jeher zu viel Aufhebens von diesem Théatre Italien machten. Damit ist aber nicht gemeint, daß ich nicht einst noch so viel Gefallen als andre daran finden könne, wenn nur einmahl die zu hohe Idee durch die Gegenwart verdrängt ist, und der erste Unwille über den Widerspruch der Erwartung nicht mehr die wirklich gute Seite verdeckt. Es geht uns ja auch so mit berühmten Leuten, an denen wir so oft irre werden, wenn wir sie persönlich vor uns haben; sie können gemeiniglich nichts dafür, warum machten wir uns übertriebene Vorstellungen von ihnen! Wenn man in solchen Fällen nur dem Aberwillen nicht Platz gibt, so wird man gewiß auch bald mit den unerwarteten Vorzügen der Sache bekannt werden, wobey dann allgemach die vorgefaßte Meinung schwindet, und man vergnügt ist mit dem was man vor sich hat. Uebrigens scheint mir dieses Schauspiel zu dem wohlgefälligen herkömmlicher Art zu gehören, an welches man nur durch Nebenumstände gezogen, und nur durch Gewohnheit festgehalten wird, wobey man sich zuletzt aber 211 recht gut behagt, und es als tägliches Hausbrot nicht mehr gern an die edlere Herzstärkung des unbedingteren Großen und Schönen vertauscht. Da ich aber nicht hieher gekommen bin, mir einen künstlichen Geschmack an Vergnügungen, wozu mich keine Neigung zieht, zu erwecken, und solche mit Zeitverlust mir zur subjectiven Nothwendigkeit zu machen, so werde ich auch dieses Theater selten mehr sehen; zumahl da ich die ganze Straße Richelieu durchlaufen muß, um nach Hause zu kommen, und diese Straße, wenn die Schauspiele zu Ende sind, so vollgepfropft von Wagen und Cabriolets ist, daß einer, der nicht die französische Behendigkeit im Ausweichen hat, über der langen Angst erdrückt zu werden, alle Freude der Operette wieder vergißt. Des Nachts kommen meine Reisegefährten gewöhnlich noch auf mein Zimmer, wo wir dann die neuen Erfahrungen des Tages zusammentragen, und mit den alten vergleichen. Da sie Gesellschaften besuchen, so werde ich manches inne, welches mir sonst verborgen geblieben wäre. So soll, zum Beyspiel, die Achtung der Franzosen für Deutschland und deutsche Literatur eben nicht so groß seyn, wie sie oft in unsern Zeitschriften angegeben wird, sondern es soll leider mehrentheils mit großer Geringschätzung davon gesprochen werden. Unser Geschmack sey schon wieder 212 dans la décrépitude , ehe er noch recht das Tageslicht erblickt habe, sagen sie, und führen dann irgend einen Sprößling unsrer Musen an, dem das französische Gewand schlecht paßt; unsre neue Philosophie arte in scholastische Schwärmerey und modischen Unbestand aus, denn der Kant, den wir noch unlängst angebethet, sey schon wieder von noch abstractern Nachfolgern verdrängt. – So haben sie, wenn sie tadeln wollen, immer etwas von der Schattenseite einer Sache in Bereitschaft, das einer dem andern nachspricht, unbekümmert die Sache selbst zu kennen. Vordem galt wenigstens noch der deutsche Kriegsruhm, aber auch dieser ist jetzt dahin; nur Frankreich und England, meinen sie, verdienen den Nahmen sich selbst schützender Nationen. 1801. Das ist freylich traurig, es soll uns aber nicht verdrießen; denn sobald es ihnen nicht darum zu thun ist, die Ehre der großen Nation zu verfechten, so machen sie es unter sich selbst nicht besser; einer verunglimpft den andern, und das größte einheimische Verdienst wird auch, wie allenthalben, am schärfsten vom Zahne des Neides benagt; der Unterschied ist nur in der Manier, wo anderswo noch breiter Schimpf das Urtheil spricht, da tödten oder beleben sie hier in schneidenden Sentenzen. 213 Nicht gelinder urtheilen sie über das, womit sich die vorigen Zeiten groß dünkten. Es würde, so versichert man mich, sich einer schlecht empfehlen, wenn er das Jahrhundert Ludwigs XIV. lange lobpriese, ohne dem neu angetretenen das Compliment des Vorzugs zu machen. Zwar treten sie in keine directe Widerlegung ein, aber man hört sie bald mit Wichtigkeit die neuern Entdeckungen herzählen, und bey allem Beyfall, den sie euch geben, so viele Fehler an allen großen Männern jenes Jahrhunderts aufdecken, daß, wenn auch das Paulo majora canamus nicht schon auf ihren Mienen geschrieben stände, das Resultat ihrer Aeußerungen ihre Einbildung sattsam enthüllte. »Aus dem großen Condé würde mehr geworden seyn, wenn ihn seine hohe Geburt nicht erniedrigt hätte« – »Türenne wäre heut zu Tage ein guter kaiserlicher Officier, aber zum Commando der französischen Armee taugte er nichts mehr« – »Das Andenken des Marschalls von Sachsen erhält sich durch sein Grabmahl« – »Corneille wird nach und nach unbrauchbar« – »Racine dauert durch den Wohlklang seiner Verse« – »Moliere ist ohne Sentiments und beleidigt die Sitten« – »Lebruns Magdalena ist eine Comödiantin« – » Le Sueur ein Schüler der nach Raphaelischen Kupferstichen mahlte« – »Poussins Empfindung ist an den Antiken zu Stein geworden« – sagen nicht Krieger, Dichter und Mahler, aber die superfinen Kenner dieser Künste, und glauben durch einen solchen 214 Bescheid einem jeden seinen Platz bey der Nachwelt anzuweisen. Dergleichen Formeln sind aber eben so schädlich als unerträglich; schädlich, weil ihnen die unerfahrne Jugend glaubt, und sich an diese Manier zu urtheilen gewöhnt; unerträglich, weil sie etwas unwidersprechliches an sich haben, das unsre Empfindung über die Vorzüglichkeit jener großen Männer laut zu werden hindert. Wie im Großen, so geht es auch im Kleinen, sagten wir; herrscht die Afterrede in den weiten Kreisen des öffentlichen, so wird sie sich auch in die engen des bürgerlichen Lebens einzuschleichen wissen; herrscht sie allenthalben, so hat sich niemand zu beklagen; und so trösteten wir uns, sowohl über die ungerechten Urtheile, die über das deutsche Vaterland gefällt werden, als auch vorläufig über die kleinen Mückenstiche, die zu Hause wieder auf uns warten. Bey uns geschieht das Ehrabschneiden, wie alles andre, weitläuftiger, hier hat man für jedes Große schon eine Erniedrigungsformel in Bereitschaft. Aber das mag wahr seyn, daß im Fall eines allgemeinen Angriffs der Franzose besser für Einen Mann zu stehen weiß, als der Deutsche. Wenn ich Abends mit Heimweh zu Bette gehe, erschöpft von dem Taumel des Tages, so erwache ich Morgens wieder mit neuer Freude über mein 215 Hierseyn, und die kommenden Erscheinungen von heute. Da das Museum erst um zehn Uhr aufgeht, und die Kaffehäuser erst um Neune sich öffnen, so beschäftige ich mich inzwischen, meine Betrachtungen niederzuschreiben, oder zum Fenster hinaus zu sehen, wie die Leute an ihre Verrichtungen gehen – und was für eine fremde Welt erblicke ich nicht schon aus meinem Fenster! Ich sage nichts von den Fiakern, die auf ihre Standpunkte angefahren kommen, nichts von den unzähligen Gemüsekarren, worunter einige sogar von Hunden gezogen werden, nichts von den vielerley Werkstätten und Läden, die sich knarrend zu öffnen beginnen, nichts von dem Geschrey der Milchmädchen, und von dem übrigen Ausrufergeschrey, das in falschen Tönen die Ohren zerreißt. Auch weiß ich nichts über den Telegraph des Louvre zu sagen, der immer gestikulirt, und die Geheimnisse der Politik auf den Dächern verkündigt, ohne daß ein Mensch sie versteht, als der Oedipus, der seine Räthsel zu lösen berufen ist. Aber was da an den vier Ecken der Kreuzstraße, wo ich wohne, geschieht, das gibt mir jeden Morgen schon genug zu schaffen. An einer von diesen Ecken hat sich zwischen zwey Schutzsteine ein fröhlicher Schuhputzerjunge eingezwängt, der jedem Vorübergehenden seine hülfreiche Hand anbiethet; ihn stört in seiner Munterkeit nicht Sonnenschein noch Regen, weder Hunger noch Durst, keine unempfindliche Verachtung 216 vermindert die seltsame Höflichkeit, womit er sich den Leuten nähert, nichts aber geht über das innige Wohlgefallen, womit er wiederhohlt den Sou betrachtet, welchen er etwa über das Gewohnte erhält. Wahrlich ein treffendes Bild der Genügsamkeit, das laut auf der Straße spricht, wie noch so manche andre Tugend, wenn wir ihrer nur achten wollten, und das Gute nicht immer bloß im Glanze suchten. Gegen diesem Jungen über sitzt auf der Erde eine lange hagere Frau, die ein halbes Dutzend kleine Brote, und eben so viel gefärbte Eyer im Schooße hat. Den ganzen Tag hockt sie schwermüthig da, ohne Dach vor dem Regen; sie regt sich kaum, und nie sehe ich sie etwas verkaufen. Einer andern Ecke hat sich ein altes, von Jahren gebücktes Weib bemächtigt, welche mitleidig auf die vorige hinunter sieht, denn sie vermag doch eine eigne Bude. – Aber welch eine Bude! Ein niedriges, enges, aus morschen Bretern übel zusammengeflicktes Hüttchen, das mit schwarzen Lumpen vor dem Wetter geschützt ist. Da hinein krümmt sich das häßliche Mütterchen, und hat drey weiße Teller mit verkäuflichen Eßwaaren vor sich; an den Tellern sind Stücke ausgebrochen, und die Speisen – o Gott! ich habe sie in der Nähe gesehen! Schwarze Brocken gekochten Fleisches, keine ganzen Stücke mehr, sondern was man angekaut auf den Tellern liegen läßt, vernagte Knochen, alles wie den Hunden abgejagt und schon für 217 den Anblick schrecklich, wie groß muß erst der Hunger seyn, der sich zum Essen entschließen kann! Diese Frau ist immer die erste des Morgens auf ihrem Platze, dann kommen arme Leute, ehe das Getümmel angeht und sie gesehen werden – – Um diesen Anblick noch recht beklagenswerth zu machen, so sitzt in einem ähnlichen Stalle eine ähnliche Alte mit einem ähnlichen Krame gerade dieser vorüber, und thut ihr noch in dem armseligen Gewerbe Abbruch. Statt sich in Einen gesellschaftlichen Vertrag zu vereinigen, oder »wenn sie dazu in sich selbst das Mittel nicht finden können« sich wie andre kleine Independenzen wenigstens föderalisiren zu lassen, schauen sie sich den ganzen Tag über, wie Rom und Carthago – mit Blicken des Neides an, und verbittern sich noch ihr trauriges Leben. Wenn sich ein Mahl bey der einen ein Käufer zeigt, und sie sich dieses kümmerlichen Trostes ihrer Armuth freut, was muß nicht die andere empfinden, daß er nicht zu ihr gekommen ist! Wohl sagt man mit Recht, daß in Paris das Größte und das Kleinste, das Höchste und das Niedrigste zu finden sey. Welch ein Unterschied zwischen diesen letzten Zufluchtsorten des Hungers, und den großen Eßwaarenlagern am Eingange des nichts als Glück und Freude verkündenden Palais Royal, wo sogar die Schuhputzer eigne Zimmer mit großen Spiegeln halten, und dem, der sich putzen läßt, unterweilen einen Armstuhl hinstellen, und eine Zeitung zu 218 lesen geben! Ein Unterschied, wie zwischen dem Museum und den alle hundert Schritte sich findenden Quodlibetsbuden, denen kein Sudelgemählde zu abscheulich ist, daß sie es nicht feil biethen; wie zwischen der Nationalbibliothek und der Collection de livres spirituels à deux liards la pièce , die ich gestern auf der Straße verkaufen sah. Noch ein klägliches Hülfsmittel der Dürftigkeit sehe ich jeden Morgen. Ehe noch die Karren kommen, welche das Kehricht der Häuser von den Straßen wegführen, nahen sich arme Leute diesem Kehricht, und wühlen mit Stäben darin, um altes Papier, Scherben, Lumpen und Leder herauszusuchen. Oft arbeiten an einem solchen Haufen zugleich ein armer Mensch und ein armer Hund in Vertragsamkeit neben einander. Ist mein Auge dieser Scenen des Elends müde, so darf ich nur von der Straße weg auf das erste Stockwerk des vorüberliegenden Hauses sehen. Da tritt täglich, gegen zehen Uhr des Morgens, die schöne junge Frau eines reichen Weinhändlers in niedlichem Negligé auf den Balcon heraus, um die frische Morgenluft einzuathmen, und sich in ihren Blumentöpfen der Natur, und in ihrem Turteltäubchen der Unschuld zu freuen. Sie nährt und liebkoset dasselbe, oder liest mit zierlichem Finger die überflüssigen Blätter von den Gewächsen ab, bis der Freund des Hauses erscheint, und mit Theilnahme ihre kleinen gesprächigen Sorgen vernimmt, wobey er ihr zugleich behülflich ist, die 219 Blumen mit Wasser zu begießen. Manchmahl auch, wenn das Geräusch nicht zu groß ist, liest er ihr noch, ehe er seinen leichten Abschied nimmt, etwas vor, wobey ich sie zuweilen eine Thräne abwischen sehe, weil vermuthlich von einer ame pure et sensible die Rede ist, ein Ausdruck dessen modischer Kraft keine auf Zartgefühl anspruchmachende Französin wiederstehen kann. – Nachher sehe ich sie nicht mehr; wenn aber der Rest des Tages diesem Anfang entspricht, so ist in einem solchen Leben freylich mehr Gemächlichkeit, als in dem jener alten Weiber, und die schöne Dame würde schwerlich mit ihnen tauschen wollen; aber gemächlicher Müßiggang macht das Glück des Lebens auch noch nicht aus, ohne Ungemach lernt sie auch die wahre Freude nicht kennen; doch dafür wird ihr Schicksal schon sorgen. Es ist in unsre unerklärliche Bestimmung ein Bedürfniß zum Leiden wie zur Lust verwebt, und was Ossian the joy of grief nennt, ist kein Unding noch leere Einbildung. Dieses Bedürfniß, ob es gleich nur dunkel wirkt, macht vieles klar, was wir sonst für unbegreiflich halten; so entstehen aus demselben zuweilen die Vapeurs bey jenen zärtlichen Damen, und die sonderbare Hingebung, womit sie sich oft unnöthigen und unangenehmen medicinischen Behandlungen unterziehen, die ihren Grund, weniger noch in der Mode und in der Sucht Theilnahme zu bewirken, als in der unentwickelten Empfindung hat, daß ohne Leiden in der Freude, ohne Arbeit in der 220 Ruhe kein Genuß sey. Sie machen sich krank aus Instinct (das Wort im guten Sinne genommen), um den Vortheilen der Gesundheit mehr Reiz zu geben, so wie man hungern muß, um die Wollust des Essens recht zu schmecken. So wie ich hingegen für jenen schmutzigen Jungen, und jene alten Weiber, die eckelhafte Knochen verkaufen, und die, welche solche essen müssen, keinen natürlichen Ersatz ihres elenden Zustandes mir denken kann – denn Gewohnheit ist kein Ersatz – als das gewaltigere Gefühl der guten Stunden, das ich so oft bey der Armuth wahrnehme. Was geht schon über die beneidenswerthe Behaglichkeit, mit welcher ein Tagelöhner ausruht! – Mögen ihnen dieser guten Stunden manche zu Theil werden, und niemand sie pharisäisch verdammen, wenn sie etwa dieselben, ihrem stärkern Naturtriebe gemäß, nicht mit der Oekonomie benutzen, welche die satte Convenienz der Reichen zu beobachten vorgibt! Da ich sie nicht glücklich machen kann, so möchte ich mir sie doch gern in einen leidlichen Zustand hinein glauben, und dafür finde ich keinen zureichendern Grund, als in dem auffallenden Gleichgewicht, das zwischen Freud und Leid in allen menschlichen Verhältnissen herrscht, und sich so unparteyisch an keinen Stand und keine Glücksumstände bindet; gleichsam ein höherer Wink, den, wer auf sich selbst Achtung gibt, am besten aus eigner Erfahrung kennen lernt, und den man einstweilen als eine der kräftigsten 221 Rechtfertigungen des Uebels in der Welt aufstellen könnte, derjenigen unbeschadet, welche man in einer andern Welt zu suchen pflegt. Doch was weiß ich! Ich kenne die Hülfsquellen der Natur nicht, noch weniger die Gerichte des Schicksals. Der kann nie irren, welcher den armen Leuten hilft, oft aber der, welcher bloß über ihr Glück vernünftelt. Mein erster Gang war heute (27. May) abermahl zu den Antiken im Museum, denn die Gemähldegallerie war noch geschlossen. Ich blieb bey meiner Ordnung, sagen die Leute was sie wollen, und fuhr fort, wie ich gestern aufgehört hatte, eine Bildsäule nach der andern sorgfältig zu betrachten. Bey näherer Bekanntschaft mit diesen an Kunst und Bedeutung so verschiedenen Figuren, fang ich an, deutlich zu bemerken, was ich mir sonst nicht hätte nachsagen lassen, daß die idealischen Bildungen mein Wohlgefallen in geringerm Grade erregen, als die, welche einer wirklichen schönen Natur nachgemacht sind. Nicht daß jene aus den zerstreuten Formen der Natur gesammelte, und, wie man glaubt, in Eins vereinte Schönheiten mir zu schön seyn, und ich sie in der Natur nicht einzeln finde, sondern weil mein Erfahrungstakt ihrer zweckmäßigen Einheit widerspricht, und ich mehrentheils empfinde, daß diese 222 zusammengeträumten Glieder nicht von einem Geiste belebt werden könnten, und daß ein solches Gebilde, bey allen zierlichen Verhältnissen, doch weder wahrer Gott noch wahrer Mensch sey. Es ist ein Ideal, fühlen und sagen wir ja sogleich, das heißt bey den meisten: Quanta species, ast cerebrum non habet (keine organische Wahrheit)! es ist aus der Idee des Menschen und nicht der Natur hervorgegangen; wir merken, daß ihm das Ineffabile der Menschlichkeit fehlt, das uns zu unsers Gleichen zieht. Erst wenn wir diese Empfindung berichtigt haben, es sey denn, daß wir uns durch geborgten Enthusiasmus selbst täuschen wollen, können wir das überwirkliche Formwerk bewundern, das ist, den hohen Begriff des Künstlers von dem Großen und Schönen mit dem unsrigen messen, und der Kunst, womit er solchen darzustellen wußte, Gerechtigkeit widerfahren lassen. Damit will ich nur die Gründe angeben, warum die bedeutungsvolle Wahrheit edler Natur mir meistens über alle idealische Schönheit gehe. Ich weiß übrigens wohl, daß die Kunst einen höhern Zweck, als bloße Nachbildung der Natur haben muß, daß sie, so wie die Dichtkunst, im Dienste der Einbildungskraft sieht, welche durch ihre Zusammensetzungen an Schein der Größe und Erhabenheit die Natur leicht übertreffen kann, wofern eben jener Geist der Wahrheit nichts dawider hat. Nur ist in den zeichnenden Künsten die Abweichung von der Realität auffallender, als in der 223 Dichtkunst indem diese ihre Schöpfungen uns nicht mit Einem Mahle im überschaubaren Bilde für die Augen, sondern successiv in einzelnen Zügen für die bestechlichere Phantasie stellt, wodurch wir zerstreut und abgehalten werden, die Summe des Charakters zusammenzunehmen, und mit der Natur zu vergleichen, so daß unser Bedürfniß nach Wahrheit durch die Dichtkunst leichter getäuscht werden kann, und wir ihre Helden mit eben der Theilnahme begleiten, als die, welche die Geschichte verewigt. Und doch kann ich nicht verhehlen, daß ich mir noch eher den Epaminondas oder Alexander in der Wirklichkeit denken mag, sie auch lieber persönlich zu sehen wünschte, als einen erdichteten Agamemnon oder Achilles, lieber den Ritter Bayard, als Tancred und Rinaldo, lieber einen ehrlichen Quaker, als den weisen Grandison, so wie aus dem Gebiethe der Mahlerey lieber die schöne Ferroniere, welche da Vinci mahlte, als die Helena, welche Zeuxis aus den fünf Mädchen von Crotona idealisch zusammenstudierte. Ich würde mich aber selber von der Bahn der Wahrheit verlieren, wenn ich diesen Unterschied zwischen Natur und Ideal zu weit verfolgte, und (wodurch ohnehin in der Kunstphilosophie so viel Unheil gestiftet wird) dasjenige, dessen Grund bloß in der Empfindung liegt, zu einem Gegenstand abstrahirender Untersuchung machte. Denn jene Spur von Lebensunfähigkeit, die uns auch aus den schönsten Idealen 224 anspricht, mag in den Augen der Natur allerdings ihre Richtigkeit haben, für uns aber ist sie mehr eine dunkle Erfindung als eine deutliche Erkenntniß, die wir zum Princip unsers Urtheils zu machen berechtigt wären, denn wir haben ja diese Augen der Natur nicht, sondern einen beschränkten sterblichen Blick, womit wir zwar über die Verhältnisse der Glieder urtheilen, aber von dem physionomischen Grund ihrer Form so viel wie nichts sagen können. Deßwegen ist es auch billig, daß wir jener Wahrheit der schöpferischen Natur nicht weiter nachspüren, als unsre Sinnen reichen, und sie Wahrheit für uns ist, und diese übermenschlich schönen Bildwerke nach festgesetzter Uebereinkunft, die der Kunst ihre eignen Freyheiten gestattet, beurtheilen, und wenigstens als Zeugen der erhabnen Vorstellungskraft ihrer Urheber schätzen, wenn wir schon etwas von ihrer Unnatur merken, oder ahnen, daß ein höheres Wesen in ihnen nicht nur keine Schönheit, sondern den lächerlichsten Widerspruch fände. Auf diese Betrachtung führte mich die Gruppe, so man Cato und Porcia nennt, deren Wahrheit und sittliche Bedeutung mir über alle Schönheit geht. Sey es nun Cato und Porcia, oder sonst ein Bild zwey Römischer Eheleute, man ist sogleich überzeugt, daß es der Natur entnommen ist, und daß dieß wirkliche Menschen waren, und zwar Menschen von der edelsten Art, deren Adel aber in Bescheidenheit und eine gewisse reine Bürgerlichkeit gehüllt ist, welcher 225 nichts von dem idealischen Heroismus der Alten, noch der genialischen Pretension der Neuen anwohnt. Welterfahrne Klugheit und duldende Festigkeit ist der Charakter des Mannes, und aus dem Gesichte des noch jungen Weibes leuchtet treue Anhänglichkeit, liebevolle Ergebenheit und Keuschheit hervor. Es ist ein Bild einer glücklichen, Gott und Menschen gefälligen Ehe, und wenn nicht das Urbild, doch ein Muster reiner, menschlicher und unverfälschter Treue, eine Scene der Einfalt, die höher als alle Poesie ist. Die eine Hand der Frau ruht in der Rechten des Mannes, und die andre legt sie ihm auf die Schulter. Auch diese unidealische Stellung, die fleißige Zeichnung der Hände, und die sorgfältige Ausarbeitung des Ganzen, alles trägt den Charakter der Natürlichkeit und physionomischer Gültigkeit. Dieses Bild scheint mir aber auch die Grenze zu bestimmen, wie weit die Kunst in bloßer Nachahmung gehen dürfe, ohne durch sclavische Nachäffung ihre Würde zu verlieren. Wären nicht sichere Zeichen des Alterthums da, ich hielte es für das Werk eines geschickten Meisters aus der Zeit der Wiederauflebung der Kunst, denn diesen Geist athmen Raphaels und seiner großen Zeitgenossen Porträte. Man könnte auch sagen, wenn Albrecht Dürer italiänische Augen gehabt hätte, also würde er deutsche Natur veredelt haben. Es sind zwar der interessanten Bildnisse noch mehr in diesem Saale, besonders ein herrlicher alter 226 Brutus von Bronze, mit incrustirten Augen, welches sich an diesen schwarzen Köpfen zwar nicht schön, aber doch noch besser ausnimmt, als die dem Marmor eingegrabenen Augensterne. Auch von dem Marcus Brutus, der den Cäsar umgebracht hat, ist eine marmorne Büste da; diesen Brutus mag aber mehr seine berühmte That, als die gemeine Kunst, womit er gemacht ist, hierher gebracht haben, jetzt würde er schwerlich mehr in dieser Eigenschaft aus seinem alten Vaterlande weggehohlt werden. Allein wenn man einmahl auf einen Gegenstand, der mit unsrer Gemüthsstimmung besonders harmonirt, getroffen, und sich mit Liebe in die Bedeutung desselben hineingedacht hat, so ist es schwer, in der gleichen Stunde gegen andre gerecht zu seyn, die nicht von ähnlichem Charakter sind. Daher thaten mir jetzt weder die andern Köpfe, noch das ausgezeichnet schöne Gewand der Vestalin von Versailles, noch selbst die fließenden Umrisse des capitolinischen Antinous, nach der, wenn man will, harten, aber so rein angegebenen Bestimmtheit des Cato und Porcia, die gefällige Wirkung, die sie vielleicht ein anderes Mahl haben werden, wenn ich von sinnverwandtern Beschauungen zu ihnen hintrete. Heute stand nun die Nationalbibliothek offen, und ich lief begierig hin. Wir täuschen uns aber gar oft 227 selbst über die Gegenstände unsrer Begierden, und wenn wir von etwas gehört haben, das andern ausschließend merkwürdig oder für sie ein Mittel war, sich ehrenvoll auszuzeichnen, und wir kommen unversehens in die Nähe eines solchen Gegenstands, so geschieht es öfters, daß die Erinnerung an das Scheinglück der Beschäftigung dieser Leute uns zu stark ergreift, und uns eine Zeit lang in ihren Lebenskreis und in ihre Arbeitslust exaltirt, bis wir dann an Ort und Stelle selbst wieder zurechtkommen, und die wächsernen Flügel der Einbildung an dem brennenden Feuer der Selbsterkenntniß schmelzen. So ging es mir jetzt. Ich zog als ein Ufenbach, als ein Biörnstahl ein, aber mit jedem Schritte, den ich durch dieses, himmlische oder höllische, Heer von Büchern that, sank mir der Muth, und ich hatte bald mit einer entgegengesetzten, weniger als natürlichen, Leerheit zu kämpfen. Was will ich hier? fragte ich mich selbst. Die Bände zählen? Das thaten schon hundert andre – Die großen Globen anstaunen? Das seh ich nur gemeine Leute thun – Die Gefälligkeit des Bibliothekars erforschen? Ich weiß nichts mit ihm zu sprechen – Seltnen Büchern nachfragen? Es fallen mir keine ein – Soll ich alte Codices conferiren? Ich kann sie nicht lesen – Oder gar über die τρεῖς μαρτυροῦντες Untersuchungen anstellen, die mich, Gott verzeihe es, gar nicht interessiren? 228 Ich saß in eine Ecke, und suchte mich jetzt mit der Unbedeutsamkeit der Bibliographie zu trösten, die sich wie die Botanik, so wie sie heut zu Tage von unsern schönen Geistern getrieben wird, mit der Kenntniß der Nahmen begnügt, und mit unfruchtbaren Nomenclaturen breit macht. Wie wenig erhebliches, sagte ich, haben im Grunde jene Männer, die ich oben nannte, und andre Ihresgleichen, mit aller ihrer Unermüdlichkeit gegeben! Meistens eben so geistleere als hochtönende Nachrichten von Büchern, die, wie Hüsgen von Dürerischen Kupferstichen sagt, ihrer Seltenheit wegen unter die raren Stücke gehören, Nachrichten, denen nichts einen Werth gibt, als die Verliebtheit der Behandlung, ein Zauber der auch Kleinigkeiten adelt. Bloße Bücherkunde, fuhr ich fort, um mir durch Uebertreibung Luft zu machen, ist eine subalterne Wissenschaft für Gedächtnißhelden und kleine Geister, die dadurch höchstens das Verdienst architectonischer Handlanger bekommen. Durch sie steigt nicht empor, wer eigner Anschauungen und Erkenntnisse fähig ist. Als Winkelmann aus dem Käfich der Bünauischen Bibliothek entronnen war, und sein ins Erhabne strebender Geist einen freyen Flug erhielt, wie bald sprach er mit Gleichgültigkeit von dem, was sein zurückgebliebener Franke bis ins Grab als Hauptsache trieb! Dem Geschmacke des edeln Denis war seine Arbeit an der kaiserlichen Bibliothek nicht zuträglich. Lessing 229 gefällt mir in seinen critischen Collectaneen oft so wenig, als ein Fürst, der drechselt, und sollte er auch die feinste Arbeit liefern. Selbst der berühmte Prinz Eugen wäre mir schwerlich als ein großer Mann vorgekommen, als er in der Bibliothek zu Cassel nach Serveti Restitutio Christianismi fragte. Aber ach! was helfen alle Citaten fremder Schwäche gegen den Unmuth über eigne Ohnmacht! Sie haben nur den Schein von Trost. Ich kann mir doch nicht verhehlen, daß jene Handlanger mit mehr Ehren hier empfangen würden, als ich, und auch aller Ehren werth sind, wenn sie ihr Werk mit Ordnung treiben; ja diese Gelehrtenclasse ist gewöhnlich die glücklichste, weil sie die friedlichste ist, und wenn bey ihr nicht das Werk dem Meister, so macht desto öfters der Meister dem Werk Ehre. Wer selbst kein Gelehrter (es grinsen mich hier zu viel Unbekannte an, als daß ich mich so nennen dürfte) und nicht mit gelehrten Empfehlungen versehen ist, wer sich auf keine künstlichen Fragen gerüstet hat, und wem die unzählige Menge von Büchern alle Lust zu einem Einzelnen raubt, wen die Eitelkeit nicht treibt, sondern die Demuth plagt – Was kann der in einem solchen Pandämonium der Gelehrsamkeit thun? Ihm bleibt nichts übrig, als in sich gekehrt und still herumzugehen, und was er von außen nicht lernen kann, wenigstens von der Stimme, die in ihm 230 spricht, und ihre Lehren in trauriger Lage und an großen Orten gern hörbar werden läßt, zu vernehmen. Ein angenehmerer Anblick als die unendlichen Bücher, waren mir die vielen Menschen, welche die Bücher benutzten, und einen großen Tisch entlang jeder mit seinem Fache beschäftigt waren. Leute von allen Classen und Altern saßen ruhig neben einander, sogar Frauenzimmer waren darunter, hübsche Mädchen, die ihre gelehrten Untersuchungen mit so viel Anmuth anzustellen wußten, daß man hätte der Foliant seyn mögen, den sie umschlangen. Auch mehrere gemeine Soldaten saßen da, und einige arme Leute, die so lumpig gekleidet waren, daß ein Spötter die Bemerkung machte, sie suchten Recepte gegen das Ungeziefer. Mir aber waren diese am merkwürdigsten; sie müssen, dachte ich, entweder in bessern Umständen eine gelehrte Erziehung empfangen, oder sich selbst in Armuth, durch Kreuz und Leiden, zu dieser Freude an der Wissenschaft gebildet haben. Ich hätte was darum gegeben, ihre Geschichte zu wissen, oder auch nur sehen zu können, wonach sie forschten. Es ist doch immer ein Zeichen innerer Kraft, in diesem Zustand äußerer Unbehaglichkeit noch Bedürfnissen des Geistes Gehör zu geben, und den Tempel der Musen opferbringend im Bettlergewande vor den Augen der bösen Welt zu betreten. Im Innern der Bibliothek ist ein großes Zimmer für Alterthümer und Seltenheiten, das mit den 231 ungleichartigsten Sachen, wie bey einer Versteigerung, überhäuft, überladen und überhängt ist. Von den gewaltigen Quaderstücken mit Inscriptionen aus den ältesten Zeiten Griechenlands, über die man auf dem Boden hinstolpert, bis zum modernen Fauxbrillant Boucherscher und Natoirescher Gemählde, die hoch an der Wand hängen, füllen Merkwürdigkeiten aller Zwischenzeiten jedes Räumchen aus. Raritäten aus Ost- und Westindien, Otaheite, China und Egypten, Geschmeide und Waffen ferner Nationen, der Schild des Scipio und das Schwert Heinrichs IV. Man sagt, daß ersterer das nicht sey, wofür er gehalten wird, wenigstens kein tragbarer Schild, denn so eine Last hätte kein Sterblicher gehoben. Aber auch Heinrichs Schwert würde mir verdächtig vorkommen, wenn man nicht so bestimmt wissen könnte, daß es das seinige gewesen, denn es ist von so steifer und unbehülflicher Form, daß es wenigstens das nicht seyn kann, welches er schwang, als er seinen Freunden in der Schlacht zurief: ne m'offusquez pas, je veux paraitre! Oder als er auf einen tapfern Gegner ( Casteau Regnard ) mit den Worten ansprengte: Rends toi Philistin! Opfergeräthe, Götzenbilder, Hetrurische Gefäße, welche letztere ich bisher nur aus den d'Hancarvilleschen Abbildungen kannte, die aber, wie ich jetzt sehe, sehr gut nachgemacht sind. Eine schöne Sammlung von geschnittenen Steinen, worunter mir besonders ein Dutzend Cameen, auf denen Hunde, Tiger und 232 Pferde geschnitten sind, auffielen, wegen der grandiosen Zeichnung und feinvollendeten Kunst, womit diese Thiere gearbeitet worden; ich weiß nicht, sind sie neu oder alt, und sahe niemand, den ich darüber fragen konnte, welches mir auch ziemlich gleichgültig war, denn ich bethe das Alte nicht mehr so ausschließend an, wie vormahls, und lerne täglich, daß auch das Neue schön seyn kann. Und was soll ich von der Isischen Tafel sagen, als, ich habe sie gesehen und, ich thue mir was darauf zu gut, auch sogleich ohne Beystand erkannt, ob ich schon nie eine Abbildung davon sah, und nicht einmahl wußte, daß sie in Paris sey. Ein Denkmahl egyptischer Kunst, an welchem schon so mancher Ausleger sich den Kopf zerbrochen, über welches der, in Erklärungen der Alterthümer mehr gelehrte, als glückliche Lessing eine eigne Abhandlung geschrieben hat, oder schreiben wollte, und welches man ehemahls in Turin so heilig hielt, daß ohne besondre Erlaubniß des Königs niemand den Zutritt hatte, das lag nun aufgedeckt vor mir, ohne daß ich einem Menschen ein gutes Wort dafür zu geben brauchte. Ich konnte zwar nichts daran sehen, als daß es eine viereckige, an den Seiten heruntergebogene, Tafel von Kupfer ist, auf welche egyptische Figuren gegraben sind, die ich nicht verstehe. Indessen sieht man doch so etwas gern, wie alles was Aufsehen in der Welt macht, sollte es auch aus keinem andern Grunde seyn, als um einen 233 sinnlichen Eindruck davon zu haben; so wie man glaubt, mit einem großen Manne viel näher bekannt zu seyn, wenn man ihn auch nur Augenblicke gesehen, als wenn man Jahre lang von ihm gehört hat – welchem aber auch so seyn mag. Als ich mit einigen Landsleuten zum Mittagessen, und nachher in das schöne Caffehaus unter Gezelten in dem Tuileriengarten ging, sollte ich ihnen immerfort von Hause erzählen; ich stand aber so oft still, und hatte so vieles zu sehen, was nicht nur meine Neugier lockte, sondern auch mein Herz beschäftigte, daß sie mir im Unwillen Kaltsinn gegen mein Vaterland vorwarfen. Hätte ich aber vom Vaterlande sprechen, und hätten sie hingegen lieber von dem, was unter unsern Augen vorging, reden wollen, so würden sie mir Gleichgültigkeit gegen meinen Nächsten vorgeworfen haben. So sind die Menschen! Zum Glück bin ich gegen den Vorwurf von Kälte schon so abgehärtet, daß ich ohne Mühe ihn selbst mit Kälte anhören kann. Warum muß er aber mich treffen, dieser Tadel, sagte ich, hänge ich doch mit ganzer Seele an allem, was die Menschheit schätzbar macht! Was kann ich dafür, wenn ich bey den nichtswürdigen Kleinigkeiten, wodurch sich manche so leicht in Bewegung setzen lassen, nichts fühle! So oft ich aus Gefälligkeit oder Eitelkeit Mitgefühl geheuchelt habe, ist es mir 234 übel bekommen, weil ich aus meinem Charakter heraus trat, in dessen engen oder weiten Schranken ich immer männlich verharren sollte. Kalt ist, wessen Empfindung von den Gegenständen nicht erwärmt wird; hier, in diesem Menschengewimmel, erfahre ich noch besser als zu Hause, daß mir noch Sinn genug für die Menschlichkeit übrig bleibt, ohne daß ich nöthig habe, mir eine ostensible Empfindsamkeit anzugewöhnen, oder eine Rolle mit meiner Empfindung spielen zu wollen, wobey so leicht das vernünftige Handeln, welches ihr folgen sollte, vergessen wird. Die Leute nehmen aber oft das Feuer des Temperaments für Wärme der Seele, und seinen physischen Ausdruck für Herz; sie preisen es an andern, und rühmen es an sich selbst, und wer nicht mitbrennt, heißt kalt, obgleich gerade diese feurigen Geschöpfe meist an echter Empfindung die kältesten sind, und eben nicht Ursache haben, mit ihrer Temperamentsschwachheit sich noch zu brüsten; bedarf es doch bey einer solchen Complexion oft nur eines unbedeutenden Funkens, um den ganzen Empfindungsvorrath, und mit ihm die Ueberlegung, wie Pulver in die Luft zu sprengen; wie selten kann da ein Gefühl treu und wahr werden! Kalt waren der Priester und der Levit, die den Verwundeten hülflos liegen ließen; wahrscheinlich aber wäre in ihnen bey Verurtheilung der Mörder ein wärmerer Gerechtigkeitseifer erwacht, als in dem 235 barmherzigen Samariter, der so viel Empfindung für den Unglücklichen bewies. Sehet, sagte ich meinen Freunden oder hätte ihnen sagen können, wenn ich gern wortwechselte dort unterm Zelte jene junge Mutter, wohlgekleidet und ehrbar in einer Ecke sitzen, die an der Seite ihres Mannes dem Kinde die Brust reicht, und, nicht achtend der vorüberziehenden Menge, nur in dem Gedanken an ihren Säugling, und in dichterischer Phantasie über jede seiner Bewegungen lebt, wahrhaftig, mein Herz bewegt sich im Mitgefühl über ihre einzige Freude! Aber wenn diese Mutter verlangte, ich sollte mit ihrem Kinde tändeln, so müßte ich in ihren Augen als ein kalter Mensch erscheinen, weil ich einem Säugling, der mich nicht ansieht noch versteht, nichts zu sagen weiß, und über das, was ich etwa der Mutter zu sagen hätte, mir bey einem solchen Anblick das Wort im Munde erstirbt. – Oder wenn ein einfältiger Vater mir begegnet, welches ihr wohl auch schon erfahren habt, der meint, ich solle, wie er, das dreiste Geschwätz seines Knaben für witzig halten, gerade wenn ich wünsche, daß der Junge sein Maul hielte, so kann ich ohne Schmeicheley doch keine warme Theilnahme äußern, wenn ich schon dadurch richtig wieder den guten Nahmen eines Kinderfreundes auf das Spiel setzen muß. Nicht minder lassen mich auch die Leute kalt, die auf meine Empfindung warten wie der Pöbel auf ein 236 Trinkgeld; Leute, die nie allein und für sich empfinden können, und nicht aus Freundschaft, sondern aus Anmaßung verlangen, man soll alle ihre Affecten mit ihnen theilen, und mit ihnen lieben und hassen. Dergleichen gibt es eine Menge, die, wenn sie euch ihre Angelegenheiten erzählt haben, und ihr nicht sogleich in ihren Ton einstimmt, weil ihr noch ansteht, ob es der rechte Ton sey, euch für kalt und unempfindlich ausschreyen. Hauptsächlich aber bewahre einen Gott, daß seine Empfindungswärme nicht in Revolutionen auf die Probe gesetzt werde, wo böser Wille sich Freyheitsliebe, und kurzsichtiger Eigensinn sich alte Treue nennt; wo Schwärmer und heuchlerische Laurer ein thermometrisches Register über jeden selbstdenkenden Mann führen, nach welchem aller Wahrheit zum Trotze sein Werth und Unwerth bestimmt werden soll; wo man die schwache Seite am politischen Freunde nicht einmahl mehr leise berühren, vielweniger das Gute am Feinde gut nennen darf; wo zwey Parteyen, jede aus Liebe zum Vaterlande, das Vaterland zu Grunde richten, und dabey wechselsweise in schaalen Proclamationen den Gott ihrer Väter anrufen, als wenn jede unter dem besondern Schutz eines eignen Jehovah stände; und man dieses alles noch rührend und schön finden sollte. Hier ist Geduld und Glaube der Heiligen! Denn wer da noch kalt bleibt, und sich nicht hinreißen läßt zu den Jubeltönen der siegenden, oder 237 den Verwünschungen der unterliegenden Partey, wer nicht in jeder Wolke den Vorbothen des allgemeinen Untergangs, und in jedem Sonnenstrahl, der durch die Wolke bricht, den Anfang eines ewigen Freudenlichts erblicken kann, der lasse sich gefallen, als ein lauer Freund des Vaterlandes angesehen, und durch die nächste Gnadenwahl von jeder bedeutenden Wirksamkeit entfernt zu werden. (1801 u. s. w.) So vertrieb ich meinen Landsleuten die Neugier, und mir die Zeit, bis die Stunde des Schauspiels kam, wo ich heute das Vaudevilletheater besuchte. Das Anziehende dieses Schauspiels scheint mehr auf besondern Anspielungen, oberflächlichem Witze, und vorübergehenden Anecdoten zu beruhen, als auf treffenden Charakter- und Sittengemählden, und jenen gewaltigen Blicken in das menschliche Herz, die wie Blitze die Nacht erhellen; gleichwohl sagen sie: C'est le genre d'Aristophane, fügen aber hinzu: adouci par la politesse française, das heißt in ihrer höflichen Sprache: von den griechischen Unreinigkeiten gesäubert und also vervollkommnet, obschon der Ausländer es anders übersetzen möchte. Züchtiger in Worten sind freylich diese Spiele, aber wo ist die Aehnlichkeit mit Aristophanes? Gallicismen sind noch keine Atticismen – Wenn ich etwas Französisches mit jenem Griechen vergleichen wollte, so wären es eher einzelne Scenen 238 aus dem alten Théatre Italien von Gherardi, wo die herrschenden Fehler der Zeit und der Großen eben so scharf, und öfters mit eben der witzigen Ungezogenheit gezüchtigt werden. Wenigstens kam in den drey Stücken, die heute aufgeführt wurden, eben so wenig von des Aristophanes herrlicher Laune, als von seinem zerreißenden Grimme gegen alle Anmaßung der Hohen und Niedern zum Vorschein, aber wohl manche leichte Späße, wovon jedoch die meisten ihr Daseyn mehr der Kunst des Schauspielers als des Dichters zu danken hatten. Conventionelle Naivetät (übereinkünftliche Unbefangenheit sollte ich nach der Sprachbereinigung sagen, wenn diese französische Eigenschaft sich in gezwungenem Deutsch bezeichnen ließ) und gewandte Fröhlichkeit war das auszeichnende Merkmahl dieser jolies riens, wie sie bisweilen auch genannt werden, wenn ihre Schwäche die Vergleichung mit etwas besserm nicht zuläßt. Ob es gleich einem Fremden unbegreiflich seyn mag, wie sich der Geist des Lustspiels in die Form von Vaudevilles anders, als durch eine schnell vorbeyziehende Mode, bannen lasse, so sind es doch die Vaudevilles, die diesem Theater seinen Ruf gegeben haben, und diese Mode hat sich unter dem so flüchtigen Volke schon so lange erhalten, daß man ihr kaum mehr diesen Nahmen geben darf. Das mag wohl daher kommen, weil diese Art von Liedern der eigenthümliche und einzige Vorzug ist, worin die 239 Französische nicht von der Poesie andrer Völker übertroffen wird. In die Vaudevilles haben die Franzosen ihren feinen Witz, die eigne Wendung ihres Geistes, und so nach und nach ihren ganzen Nationalcharakter, und einen merkwürdigen Theil ihrer Geschichte zu legen gewußt. Eine chronologische Sammlung solcher Blumen wäre, kein Heldengedicht zwar, aber ein Nationalepos voll wahrer lebendiger Darstellung, wo der immer jugendliche Geist dieses Volkes unter allen Gestalten der Munterkeit, des Leichtsinns, der Galanterie und des Ehrgefühls – zuweilen auch der Barbarey – vor uns hingaukelt, und in fröhlichen Bildern die Gegenstände seiner Liebe und seines Hasses offenbart. Wenn die Franzosen auch noch so viel Wesens mit ihrem Trauerspiel, sey es nun mit Recht oder Unrecht, machen, so ist die Liebe zu demselben doch nur im Verstande, allein ihr natürlicher Hang und ihre Zärtlichkeit ist für das Vaudeville. Manches Schauspiel hat schon großen Lärm in Paris gemacht, gewöhnlich aber war es mehr der Lärm zwischen zwey Parteyen, die sich in Gunst und Ungunst theilten, als eine allgemeine Begeisterung des Wohlgefallens; wie manches Vaudeville hingegen ist in dieser unermeßlichen Stadt mit der Schnelligkeit des Windes von Ohr zu Ohr geflogen, und vom Throne bis zur Hütte der Armuth von allen Lippen gelallt worden! Das helle oder dunkle Gefühl von dieser seiner wahresten Poesie macht, daß das Volk derselben, und 240 alles dessen was aus ihrem unerschöpflichen Quelle fließt, nie müde wird. Daher vermag nicht nur dieses Theater sich immer noch zu behaupten, sondern seine Manier ist sogar auf andre übergegangen, ohne daß man sich zu bekümmern scheint, was der gute Geschmack dazu sage, wenn das Vaudeville als ein Gegenstand musikalischer Verehrung aufgestellt, oder zum Vehikel der dramatischen Poesie gemacht wird. Meine Zeit beginnt nun nach und nach eine regelmäßigere Eintheilung zu bekommen; die unruhigen Triebe herumschweifender Neugier machen von selbst einer vernünftigen Beschränkung Platz. Welcher Fremdling wollte es auch aushalten, vom Morgen bis an den späten Abend auf Entdeckungen in dieser kleinen Welt auszugehen, und seine Aufmerksamkeit allen den Neuheiten, die ihm jeden Schritt begegnen, zu schenken! Fürwahr, wenn es auch sein Körper aushielte, der Geist nähme dabey Schaden; denn nichts schwächt das Gedächtniß so sehr, und bringt die Seele unvermerkt um ihr größtes Gut, die Kraft sich zu anhaltender Betrachtung zu sammeln, als diese Art von Geistesgenuß, die man in beständiger Abwechselung neuer pikanter Vorstellungen sucht. Wenn auch der Witz durch solche Zerstreuungen Nahrung erhält, weil es leicht ist, an so viel vorüberziehenden Bildern einige auffallende Aehnlichkeiten zu haschen, oder wenn 241 die Empfindsamkeit sich dabey behagt, weil bey dem schnellen Wechsel der Gegenstände sich viel Stoff zu schönen Gefühlen, und wenig Zeit zur lebendigen That findet, so ist doch eine solche Art sich zu beschäftigen, wenn man sein Hauptwerk daraus macht, nicht nur auf Reisen, sondern in jeder Lage des Lebens, eine höchst verderbliche Schwelgerey, die sich in Ueberdruß, Schaalheit des Witzes und Ohnmacht der Vernunft endigt. Wenn man mich aber fragt, was denn nun meine ernsten Beschäftigungen seyen, und ich antworte: Museum und Theater, so dürfte mancher lächeln, der seine Seelenkräfte in Obere und Untere zu theilen gelernt hat, und nun jurans in verba aus überreiner Hochachtung für die höhere Erkenntniß alles gering schätzt, was er nur mit der sinnlichen zusammenhängend glaubt. Nach meiner Meinung aber ist nicht nur jedes Ding voll Spaß (der Einbildungskraft), wie der feinste Spaßmacher behauptete, sondern auch voll Ernst (des Verstandes), und ich werde Gott danken, wenn es mir gegeben ist, nur einen Theil von der hohen menschlichen Kraft, die mich aus den Geisteswerken jener schönen Künste ahndungsvoll anspricht, deutlich zu erkennen. Heute standen zwey neue Bildersäle offen, die sogenannte Galerie d'Apollon, ein herrlicher wohl 242 hundert Schritte langer Saal, der mit den vornehmsten Handzeichnungen berühmter Meister angefüllt ist. Die Decke ist reich mit Gemählden und goldner Stukarbeit geziert, und die beyden Enden des Saals sind mit übergroßen Spiegeln gedeckt, wodurch derselbe den Schein einer unübersehbaren Länge erhält. In dem andern Saale, le grand Salon, dessen Licht nur aus dem offenen Dache von weiter Höhe herunter fällt, und so nicht nur die gefälligste Beleuchtung für die Kunstsachen gibt, sondern aus den Zuschauern selbst wandelnde Gemählde macht, hangen die Meisterstücke von Paul Veronese und andern großen Künstlern, die theils zu groß für den gewöhnlichen Platz, theils so eben angekommen waren, und wegen ihrer Berühmtheit an diesem vorzüglichen Orte dem neugierigen Publicum zur Schau gestellt wurden. Hier bedurfte es keiner Anrufung der Musen, um zu wissen, was man zuerst und was zuletzt betrachten solle. Alle Augen, die herein kamen, wandten sich sogleich zu der Hochzeit von Cana des Meister Pauls, und alle Blicke blieben daran hängen. Es ist ein bloßes Prachtstück ohne Verstand, sagen zwar die Bücher, ein Blendwerk für die Phantasie des Pöbels, Schein der Wahrheit nur für das Auge. So kam es mir auch vor, so lang ich es nur aus der Beschreibung kannte; allein ich lernte bescheidner urtheilen, als ich das große Kunsterzeugniß selbst vor mir hatte; denn nicht nur der Pöbel, sondern 243 Künstler, Kenner und Gelehrte sah ich vor demselben verweilen, und ihm Bewunderung zollen. Nicht Le Bruns Schlachten mit aller Kunstrichtigkeit, nicht die feurigen Rubens (dessen Colorit dagegen wie pure Affectation erscheint), nicht der berühmte heilige Romuald des Sacchi, die alle da herum hingen, vermochten ihm den Vorzug streitig zu machen, man fing bey ihm an, und hörte bey ihm auf. Das muß doch wohl mehr seyn als bloßes Blendwerk der Sinne; ein hoher geistiger Werth muß in dem Gemählde liegen, der ihm so lange seinen Ruf erhalten, und immer aufs neue wieder geben kann. Allgemein anerkannt ist die Schönheit des Colorits, die Vortrefflichkeit der mahlerischen Anordnung, die Leichtigkeit und Sicherheit des Pinsels. Nur einmahl eine so vorzügliche Kunst der Färbung, die so selten sich findet, als Raphaels Zeichnung und Correggios Harmonie, ist schon eine außerordentliche Gabe, die keinem bloß durch mechanisches Studium, ohne Genie, zu Theil wird, die mithin Kennern schon als große Eigenschaft respectabel seyn muß, zudem daß sie noch in der Wirklichkeit unmittelbarer zu dem Auge spricht, als jede andre. Wem springt aber nicht die Originalität in die Augen, der eigne Styl ohne Nachahmung, das lebendige schöpferische Talent, das keiner fremden Studien und keines künstlichen Borgens bedarf, um Auftritte des Lebens mit alle der sinnlichen Schönheit, Heiterkeit und freudigen Bewegung bleibend sichtbar zu 244 machen, wie sie vor der feurigen Einbildung des Künstlers schwebten! Diese viel umfassende, prächtige Ansicht des Lebens, und die Kraft, so eine Ansicht rein wiederzugeben, diese eigne, ungelernte, selbstständige Kraft ist es, die uns Ehrfurcht gebiethet, oder Liebe einflößt, hier wie allenthalben, wo sie sich findet, wenn wir es gleich oft selbst nicht haben wollen, und lieber an den vorgefaßten Meinungen hängen, oder gar, wenn wir uns genug an dem Anblick geweidet haben, nach der Verkehrtheit unsrer Natur die Regungen des Herzens unterdrücken, und, eingedenk tadelnder Kunstrichterey, das Gesehene verkleinern, um unserm vermeintlichen Verstand Ehre zu machen. Mit was für Recht und Wahrheit aber das geschehe, zeigen wir dadurch, daß wir uns doch von dem nächsten ähnlichen Kunstgegenstande wieder hinreißen lassen. Es ward dem Mahler ein Raum von dreißig Fuß angewiesen, um darauf die Hochzeit von Cana vorzustellen. Die Wahrheit der Geschichte erforderte eine dürftige Mahlzeit armer Leute, die nicht einmahl Wein genug für eine Hochzeit hatten, was wollte er nun stattliches daraus machen, zumahl ein Wunder keine mahlerische Handlung ist, und wie wollte er den großen Raum mit der wahren Geschichte allein ausfüllen? Er mußte nothwendig die Hülfsmittel ergreifen, die ihm seine reiche Einbildungskraft darboth; und diese mahlte ihm ein herrliches Gastmahl vor, prachtvoll 245 und fröhlich, an welchem sie Theil nehmen ließ, was die Zierde des Adels, der Schönheit, und der Kunst seiner Zeit war, zu Ehren dem himmlischen Gaste, und zum Staunen des Volkes, das sich von allen Seiten her zwischen den Säulen des hohen Pallastes hinzudrängt. Diese große Conception stellte er nun mit so sicherer Kunst dar, daß man nicht weiß, soll man die Mannigfaltigkeit in den Formen, Bewegungen und Farben mehr bewundern, oder die Harmonie, womit er dieß alles, ohne Zerstreuung, in der natürlichsten Beleuchtung, und ohne den willkührlichen Behelf der Schlagschatten und gekünstelter Contraste, zusammen hält. Es ist wahr, er vernachläßigte das Costume und den strengern Styl der Alten; wer aber so einen Ersatz zu geben weiß, dessen glänzende Sünden darf man wohl als Tugenden ehren. Man ist heut zu Tage viel zu strenge gegen diese Kunstart, und legt, verleitet durch übelverstandene Wünsche der Kenner, und schief angewandte Philosophie, dem Geschmack allmählich einen Zwang an, der bald zu einer gelehrten Trockenheit idealischer Kritik führen, und manche geistvolle Anlage unersetzlich lähmen muß. Es ist recht, morsche Lehr- und Geschmacksgebäude über den Haufen zu stoßen, nur sollte sich der Deutsche vor seiner alten Schwachheit hüthen, um jedes neugepriesenen Mörtels willen sogleich wieder auf die alten Trümmer einen eben so unsichern Bau aufzuführen! – Welches Gemählde leistet denn euern 246 scharfen Verstandesregeln ein Genüge? Selbst Raphaels allanerkannte Meisterstücke, die Verklärung, die Schule von Athen und andre, wären sie nicht schon da, und euch zum Kanon aufgestellt, wie würdet ihr darüber herfahren, wenn ein neuer Künstler sie gerade so machte, wie sie sind. Versucht es, und hängt die besten Arbeiten des verständigen, und sonst so trefflichen Poussin neben diesen Paul Verones, sie werden vor dessen Gewalt verschwinden, und ihr werdet die Ursache davon leicht entdecken; Poussin studierte und ordnete seine Werke langsam zusammen, aus Antiken, Modellen und kalten Ueberlegungen, hier aber schuf ein Genius aus eigner Fülle, und mit einer das Ganze auf Ein Mahl umfassenden Anschauung. So wenig als die Mahlerey der Ueppigkeit dienen soll, darf sie bloß eine demüthige Magd der Geschichte seyn, und noch weniger nur in die Schranken einer mit andern schönen Künsten gemeinschaftlichen Theorie gebannt werden; sondern sie darf und soll noch ihre eigne Poesie, ein freyes Spiel eigner Schöpfung haben, und die Abweichungen von der kunstrichterlichen Normalidee, die sie sich bisweilen, wenn sie der Genius treibt, erlaubt, sollten nicht gleich als Ausschweifungen getadelt werden. Warum will man allein in der Historienmahlerey eine so strenge Disciplin einführen, in die sich andre Künste doch auch nicht fügen? Soll Homers Gesang allein die Gesetze des 247 Heldengedichts bestimmen, und ist Ariost nicht auch ein Meister? Diesem Geisteszwang könnte am beßten ein Mann steuern, der sich als einen eben so großen Kunstkenner wie Dichter bewiesen hat, und in seiner Jugend es wagte, öffentlich zu sagen, er habe in einem Krebse von de Heem mehr Poesie gefunden, als in einer Cleopatra von Tischbein. Zwar scheint er beynahe mit dem Wechsel der Jahre auch anderes Sinnes geworden zu seyn; wenigstens hat er durch einige neuere Aeußerungen, die, wie fast alle Urtheile großer Köpfe, nur halb verstanden, oder unmäßig ausgedehnt werden, manchen wiederum bestärkt in dem Vornehmthun gegen alles, was nicht antik und Raphael ist. Ganz kann er jedoch seinen Glauben nicht geändert haben, und da alle auf ihn horchen, so bedürfte es nur einer freyen Erklärung von ihm, worin das wahre Verdienst in der Mahlerey, vorzüglich auch das poetische, welches so oft leeren Anmaßungen seinen Nahmen leihen muß, entwickelt, gewürdigt und geordnet würde, so wie er die Verschiedenheiten des Styls launig geordnet hat, um mit Einem Mahle die verirrten Bäche trüber Meinungen zum hellen Quelle der Wahrheit zurückzuleiten. Fast eben so schwer als es mir wurde, diesen Saal zu verlassen, wird es mir jetzt davon zu schweigen. Wer erzählt nicht gern von dem, was sein Gemüth in Bewegung setzte! Doch muß man zu 248 schweigen wissen, ehe der Zuhörer nur noch mit der Miene satter Gefälligkeit horcht, welches eine große Demüthigung ist. Nur ein herrliches Bild des Rubens kann ich nicht stillschweigend verlassen, wo er sich, seinen Bruder (der auch kein gemeiner Mensch muß gewesen seyn, aber doch in dieser berühmten Gesellschaft zu kurz kömmt), den Hugo Grotius und Justus Lipsius, zusammen um einen Tisch herum, gemahlt hat. Man denke sich dieses Kleeblatt trefflicher Männer, in Lebensgröße vorgestellt, mit Rubens Geist und Kunstfertigkeit, Kühnheit und Kraft der Farben, und großer Zeichnung, die aber hier der Natur treu zu bleiben gezwungen war, so kann man sich eine Vorstellung von dem Interesse dieses Stücks machen. Man sagt, der Erste Consul wolle es nach seiner Wohnung verpflanzen, was schon mehrern Gemählden widerfahren seyn soll; die Leute führen darüber großes Bedauern, und ich auch, wir bedenken aber nicht, was wir selbst thun würden, wenn wir Meister wären. – In dem Saale der Handzeichnungen ist die Höhe der Wand mit Cartons von Julio Romano und Pellegrino Tibaldi sehr gut besetzt. Diese großen Zeichnungen von Tibaldi sind mit dem Carton der Schule von Athen aus der Ambrosianischen Bibliothek zu Mayland hierher gebracht worden, der Raphaelische Carton aber hat sehr gelitten, wiewohl mehr von der 249 Zeit als von der Reise. Man hat sich zwar sichtbare Mühe gegeben, ihn wieder dauerhaft zu flicken, dessen ungeachtet ist er jetzt leider mehr als Reliquie, denn als Werk der Kunst zu verehren. Es finden sich hier auch einige schöne Pastellgemählde von Vivien, die mir weit besser gefallen, als Rosalba. Das liebste dieser Art aber war mir ein Kopf von Nanteuil, der den vortrefflichen Türenne vorstellt, in dem ich noch mehr den edelsten Menschen, als den größten Feldherrn seiner Zeit verehre. So warm ich die Kunst liebe, so geht mir doch das schöne und wahre Bild eines großen Mannes über hundert gepriesene Sachen, so die Erfindung hervorgebracht hat, so daß man mir auch einen der Cartons von Julio Romano neben diesem Turenne, oder einen der großen Rubens aus der Gallerie neben seinem Gemählde von Grotius und Lipsius biethen könnte, ich würde die Porträte wählen. Nicht zu vergessen ist auch eine Gesellschaft der schönsten und geistreichsten Gesichter vom Hofe Ludwigs XIV. in Miniatur und Schmelzarbeit, meistens von Petitot, mit unendlicher Kunst wie hingeblasen. Man kann sich von der aus mehr als fünfzig Stücken bestehenden, in einem großen Rahmen begriffenen Sammlung, fast nicht mehr trennen. Um ihres berühmten Nahmens willen muß ich auch zwey Wassergemählde von Correggio erwähnen. Das eine soll die kriegrische Tugend, und das andre 250 die Sinnlichkeit vorstellen; sie gehören aber zu denjenigen Allegorien aus welchen niemand klug wird. Ehe ich erfuhr, von wem sie wären, hielt ich sie für kraftlose Erzeugnisse der französischen Schule, bis mich das Verzeichniß zurecht wies, und mir durch den Stammbaum ihres Besitzes allen Zweifel benahm, denn sie gingen aus einer fürstlichen Hand in die andre. Bey allem Respect für den großen Meister bin ich aber überzeugt, wenn diese Stücke jetzt ein gemeiner Mann besäße, ohne daß man von einem vorigen Eigenthümer etwas wüßte, so würde jedermann über ihre Echtheit die Achsel zucken, und vielleicht aus Gefälligkeit schweigen, um dem guten Manne die Freude nicht zu verderben, Correggios zu haben, aber im Weggehen bey sich ausmachen, ein Liebhaber, der mit Wasserfarben umzugehen wußte, habe sich mit wenig glänzendem Erfolg an einem Correggio versuchen wollen. Nun sind sie aber von erprobtem Adel, und dieser gilt auch hier für Verdienst. Wenn der Meister noch an Etwas kenntlich ist, so ist es an der guten Anordnung, einigen gelungenen Verkürzungen, und der falschen Grazie der Mienen. Wie stark sprechen auch diese Gemählde gegen die Mahlerey in Wasserfarben! Hätte der uuvergleichliche Correggio nur so gemahlt, so ruhten seine Werke und sein Nahme schon lange in der Vergessenheit. Den übrigen Raum des Saales nehmen Handzeichnungen ein, worunter die französischen weit aus 251 die beträchtlichsten sind, denn die besten Stücke der alten italiänischen Mahler sollen sich in dem Strudel der Revolution auf eine geheimnißvolle Art verloren haben. Von jenen findet sich hier ein großer Schatz, und ich muß gestehen, daß mir diese Handrisse französischer Künstler sehr wohl und meistens besser gefallen, als ihre Gemählde. Das Ungezwungene, Freye und Flüchtige derselben nimmt sich hier, bey richtiger Zeichnung, und gutem Verstand in der practischen Behandlung, besser aus, und kündigt mehr Geist an, als in den ausgeführten Oehlgemählden, wo es durch umständlichere Beleuchtung mit Farben leicht zur flachen Manier wird. Es sind Zeichnungen da von la Hire, le Brun, le Sueur, Mignard und andern Franzosen, die durch edle Composition, und vornehmlich durch die Art und Weise der Ausführung, ähnlichen Arbeiten der berühmtesten Italiäner den Rang streitig zu machen scheinen, mit denen sie, in Farben gebracht, nachher keine Vergleichung mehr aushalten. Große, und zierlich vollendete Rubensische Zeichnungen von seinen berühmtesten Gemählden, finden sich auch in Menge; sie scheinen mir aber um ihrer detaillirten Ausführlichkeit willen eher von den geschickten Männern zu seyn, die nach ihm in Kupfer gestochen haben. Tizian und Claude zeigen sich mir auch hier als die Meister in Landschaften, und sind nicht nur durch die großen Ideen ihrer Entwürfe merkwürdig, sondern 252 vorzüglich durch die genialische Einfalt, womit sie diese Ideen zu versinnlichen wußten. Hier ist weder unbestimmte Flüchtigkeit, noch gezierter Fleiß, und nichts von allen den mannigfaltigen Manieren, die oft so unbesonnen der Wahrheit und Schönheit widersprechen, und dann gerade deßwegen Geist genannt werden. Es sind zwar nur leichte Umrisse mit der Feder, wenige Striche, aber so viel umfassend und in großen Formen darstellend, und jeder Zug ist so richtig an seinem Platz, und ein so nothwendiger Theil zum Ganzen, daß man erstaunt, wie ein so großer Reichthum von Gedanken in so wenig Grenzlinien habe gebracht werden können. Und doch sind es nicht bloße Gerippe ohne Styl, sondern sie haben Seele und Leben, und sprechen zu jedem Auge, und leiten uns schneller in arkadische Träume, als so manches Prangstück mit antiken Tempeln und Figuren, deren anmaßliche Größe nichts ist, wenn wir ihr nicht mit eigenen Reminiscenzen gutmüthig zu Hülfe kommen. Diese zweckmäßige Einfalt in leichten und sichern Umrissen ist freylich nicht jedem gegeben, jeder sollte sich aber derselben befleißigen; sie ist das A und O der Kunst, der Weg zur Wahrheit, den der Meister nie verlassen, und auf den er den Schüler zuerst führen sollte; sie allein gibt und lehrt den reinen Charakter der Formen, der die Grundlage von aller Zeichnung und wichtiger ist, als die Kunst der Wirkungen und die Geheimnisse des Colorits. So zeichneten die Alten! 253 Unter die Gegenstände, die mir hier besonders auffielen, gehört endlich auch noch das entsetzliche Gesicht der höllischen Giftmischerin Brinvilliers, welches Le Brun in der Stunde ihrer Todesmarter mit Farben nach der Natur zeichnete. Alle Schrecken der verzweifelnden Sünde mahlen sich in den wilden rollenden Augen, die keinen Blick mehr haben, keinen Ruhepunkt, sondern vor Gott und Menschen und dem eignen Selbst zurückbeben – und in dem offenen Munde, der nichts mehr spricht als das Geheul des Schmerzes. Ein fürchterliches Bild! Hätte Le Brun in seinen Passionen die Verzweiflung also gezeichnet, sie wäre treffender gewesen, als das Fratzengesicht, so er dafür gegeben. Die Plaideurs von Racine waren heute für das Théatre français angekündigt. Diese Komödie gehörte ehmahls unter die Schriften, welche ich dazu bestimmt hatte, sie bey festlichen Anlässen, an denen ich nicht gern Theil nahm, zur Schadloshaltung der Ergetzlichkeit zu lesen. Ich glaubte sie also schon lange zu kennen, und konnte den Spaß kaum erwarten, sie an ihrem berühmten Geburtsorte selbst wirklich aufführen zu sehen. Daher theilte ich die Freude auch einigen Bekannten mit, und steckte sie mit meiner Erwartung an. Aber – minuit praesentia famam ; das Stück taugt nicht mehr für das Theater, noch das 254 Theater für das Stück. Ich hatte das Mißvergnügen, nicht nur meine Erwartung betrogen zu sehen, sondern, was noch empfindlicher ist, auch das Achselzucken meiner Freunde über meinen Geschmack zu ahnen, die mir zu gefallen hingegangen waren, und nun die Zeit bereuten, so sie darüber verloren. Daran ist aber Racine nicht Schuld, sein Stück ist witzig genug, sondern ich, der ich etwas lobte, bevor ich es gesehen, und die Zeit, welche dem treffenden Spotte seinen Stachel genommen, und die Schauspieler, welche nicht mehr recht in den Geist des Stückes eintreten wollten oder konnten. Es wurde in der Aufführung zum groben Possenspiele, wobey alle Ironie sich zwecklos verlor, weil die Gebräuche des Gerichtshauses nicht mehr die nähmlichen, und die närrischen Personen, die der Dichter meinte, und sein Publicum kannte, längst vergessen sind. Der Auftritt, wo die beyden Bedienten vor dem kindischen Herrn über den Hund plädiren, und der Intimé mit läppischer Wichtigkeit die Manieren der bekanntesten damahligen Advokaten nachäfft, verlor in dem überladenen Spiele alle Bedeutung und Anmuth. Da auch von den Zuschauern nur wenige mit der Geschichte, und den nöthigen Prämissen dieses Lustspiels bekannt zu seyn schienen, so kann man denken, wie gering die allgemeine Lust war. Auch mir verging die Freude um so mehr, da ich niemand um mich herum recht vergnügt sah, und mich nicht recht über etwas freuen kann, wobey ich andere gleichgültig 255 sehe. Ich lernte nun, daß ein Stück auf der Bühne ausgelebt haben kann, wenn es noch lange im Lesen Wirkung thut; so wie es hingegen Schauspiele gibt, die man nicht lesen kann, und die sich auf der Bühne doch ganz ordentlich ausnehmen. Dieses hier wird wohl nur darum noch aufgeführt, weil Ludwig XIV, der als König sonst nicht viel lachen zu dürfen glaubte, sich über der komischen Kraft desselben so vergaß, que la cour en fut étonnée und es also in dem »goldnen Zeitalter des Geschmacks« sein Glück machte, welchem Geschmack man noch immer scheinbar huldigen zu müssen glaubt. Heute (31. May) ist es Sonntag. Von Jugend auf hat sich in meiner Seele eine feyerliche und poetische Ansicht dieses Tages festgesetzt, deren ich durch keine spätere Belehrungen des Unglaubens los werden konnte, und es jetzt nicht mehr werden mag. Als Knabe hatte ich Ferien, das Sonntagskleid, aß zu Gaste, und die Unlust an der Predigt wurde mir durch den vierstimmigen Choralgesang wieder gut gemacht, der, wenn er am lautesten ertönte, mich so oft in jene jugendlich schwärmerischen Ahnungen versetzte, deren Erfüllung uns in spätern Zeiten bisweilen noch wie ein Schimmer aus dem verlornen Paradiese trifft. Auch an den Glocken hatte ich meine Lust, und oft versuche ich jetzt noch, wie damahls, aus ihrem Klang ihre Anzahl zu errathen. Die Reinlichkeit und Stille der Straßen weckte meine Ordnungsliebe, und machte, 256 nebst dem Putze der Leute und ihrem ruhigern Betragen, daß ich heute alles für glücklicher und besser hielt als gewöhnlich. Des Abends flößte mir die ehrenveste Bürgerlichkeit, mit welcher man sich auf dem Spaziergange zeigte, Achtung für meine Vaterstadt ein. Kurz alles trug dazu bey, mir diesen Tag festlich zu machen. Selbst den Gesang der Handwerksbursche, wenn es dunkel ward, wußte ich mit den angenehmen Empfindungen des Tages in Einklang zu bringen. Glückliche Zeit der Kindheit, die das Kleine durch Innigkeit groß zu machen weiß! Verschwinden auch deine Eindrücke eine Zeit lang vor dem Blendlichte der Welt, so ruft sie doch, wer die Einfalt liebt und die Wahrheit sucht, bey Zeiten zurück, und auch das zitternde Alter, an dessen schwachem Sinne die Gegenwart nicht mehr haftet, labt sich noch an deinen freundlichen Erinnerungen! Selbst das freyere Leben der Jugend tilgte nicht die Liebe zu der stillen Feyerlichkeit dieses Tages, und jetzt noch freue ich mich desselben, wo ich immer bin, und seine Ruhe von weltlichen und ökonomischen Geschäften wahrnehme, und in dem stillern, reinlichern und gesetztern Wesen der Leute wenigstens eine scheinbare Spur entdecke. »Wie sich der Mensch noch seiner erinnere, daß er verständig »Sey, ein empfindender Geist, nicht ein gefräßiger Bauch!« 257 Zu Hause würde ich jetzt an diesem schönen Morgen aus dem Thore gehen, und auf die Sabbathsstille der Natur horchen, die, wenn sie auch nicht außer mir ist, doch bald in meinem Gemüthe sich bildet, wenn der Schall der Glocken von den benachbarten Dörfern über unser friedliches Thal sich ergießt, und nichts sich regt, als der Vogel auf dem Zweige, und das zarte Laub der Bäume, mit dem ein Hauch des Frühlings spielt. Hier und da sehe ich in der Ferne einen einsamen Bauersmann an den Grenzen seines Ackers hinwandeln, er freut sich heute ausruhend der sichtbaren Früchte seines Schweißes, mit Wohlgefallen an seinem kleinen Eigenthum, und zeigt mir einen Genuß, dessen Reinigkeit der reichste Müßiggang nie wird erkaufen können. Ach! auch in den wilden Kriegszeiten war mir dieser seltengewordene Sonntagsanblick der Natur noch manchmahl tröstlich. Die Krieger werden endlich weichen, hoffte ich, und dann treten diese stillen waldbekränzten Hügel, diese wohlbekannten Fluren, die ich in schmerzvergessender Phantasie so gern durchirre, wieder in ihren alten Schmuck, und in ihr ewiges Recht, das sehnsuchtsvolle Gemüth, gleichwie sie der Thau erquickt, mit ihrem Frieden zu beseligen. Unglücklich ist eine Stadt, die keinen Sonntag kennt! Auch hier ist mir, ich müsse den Leuten dieß Sonntagsgefühl anblicken; aber es will nicht gehen, der Lärm überstimmt meine Phantasie. Da der 258 Gottesdienst einstweilen nur noch geduldet, und niemand an den Sonntag zur Feyer gebunden ist, hingegen der Dekadi noch wie ein scheidendes Gespenst dem erschrockenen Volk eine furchtbare Miene zeigt, so entstehet daraus ein unsauberer Dualismus, der dem Guten und Bösen huldigt, und ein wilder Unglaube, der nach beydem nichts fragt, und dieß verursacht zusammen eine unbestimmte Halbheit dieses Tages, die ihn als Sonntag ungenießbar macht. Man hofft aber, dieser Dekadi, über den schon Lieder erscheinen, und der noch da liegt wie ein Stück Eis im Lenze, werde bald gänzlich verschwinden. Unterdessen sehe ich doch heute viele Gewölbe geschlossen, und was diesen Leuten, meiner Meinung nach, viel Verdienst um ihre Religion gibt, sogar im Palais Royal, wo doch ein Gedräng ist wie an andern Tagen, und ähnliche Läden offen stehen, die unterdessen den Gewinn wegschnappen, und wo die Einnahme eines Tages wegen der großen Miethe, so sie bezahlen, gewiß sehr in Betrachtung kommen muß. Es ladet mich Einsamen niemand ein, aber in einem solchen Hause möchte ich wohl zu Mittag essen, wo dem Mammon gerade dann ein Opfer versagt wird, wenn er die reichste Erhörung verspricht; wohl würde ich mich noch manches edeln Zuges dort zu freuen haben. Wie wenig Achtung aber noch im Allgemeinen die sichtbare Kirche genieße, Nemlich im Jahr 1801. Olim meminisse juvabit – Jetzt steht es freylich besser damit, indessen kann es nicht schaden, wenn auch noch öffentliche Zeugnisse vorhanden sind, wie lange die Gottesvergessene Directorialregierung die Religion in der abscheulichen Erniedrigung gelassen, wohin sie die Revolution gestürzt hatte. Diese elende Regierung, die auch das Glück auswärtiger Völker zu lenken vorgab, indem sie es zerstörte, wußte nicht einmahl, daß das Volk so gut religiöse Bedürfnisse hat als physische, und daß, wenn eine Regierung schlecht handelt, welche dieselben bis ins Ungereimte sich verirren läßt, diejenige noch viel weniger ihre Pflicht thut, welche ihrer gar nicht achtet. Zugleich mag diese kurze Beschreibung mit zum Beweise dienen, wie schnell die spätere Gewalt, durch Klugheit und Ansehen, den Geist des Volks von religioser Anarchie wieder bis an die Grenzen der Hierarchie habe führen können, und was es demnach mit dem Geiste des Volks für eine Bewandniß habe. sah ich heute auf dem Platze 259 vor St. Germain l'Auxerrois, wo einige Schritte von dem Gottesdienste ein Taschenspieler mit einem Hanswurst seine Possen trieb. Dieser rief mit lauter Trompete, die bis in die Kirche erschallte, sein Publicum herbey, da hingegen zur christlichen Versammlung nicht einmahl mit einem Glöckchen geläutet werden durfte. Es ist wohl noch nicht wie es seyn sollte, wenn ein Gaukler mehr tolerirt wird, als die Kirche. Die berühmte hiesige Policey muß ihre besondern Gründe haben, eine solche Unsittlichkeit zu dulden; unter ihrer Aufmerksamkeit kann die Sache unmöglich, vielleicht aber noch darüber hinaus seyn. Ich bemerkte auch niemand, der sich darüber ungehalten bezeigte. Sie haben aber schon ganz andre Dinge erfahren, wenn es wahr ist, was man mir bey diesem Anlaß erzählte, daß in der Schreckenszeit unweit der mordenden Guillotine ein Harlekin sein 260 Gerüst aufgeschlagen hatte, und unterm Zuruf der Menge jeden blutigen Auftritt mit einer kleinen Köpfmaschine parodirte. Läßt sich wohl eine tiefere Versunkenheit denken, als wenn man die Lust an der Grausamkeit durch öffentliche Possenspiele reizt! Vordem machte man doch nur Trauerspiele daraus. Man sollte wirklich glauben, die Pariser hätten in den Zeiten, als sie die Vernunft über den Altar setzten, den Teufel angebethet, so gräßliche Spuren von Wuth gegen den alten Gottesdienst trifft man noch in allen Kirchen an. Noch sind die meisten Altäre zerschlagen, die Bildsäulen von ihren Gestellen heruntergerissen, die Verzierungen verstümmelt, und die Wände wie eine Mauer an der Landstraße versudelt. Hin und wieder ist ein schwarzer Stein eingemauert mit der Inschrift: Cette pierre vient d'un des cachots de la Bastille. Eine neue Reliquie statt der alten! – Sie könnten doch wohl mit ihrem Tadel an dem Geschmacke andrer Nationen etwas sparsamer seyn, so lange sie selbst Steine der Bastille in den Kirchen zur Schau aufstellen. Jene Heiligengebeine und Wunderdinge waren doch noch Ueberbleibsel einst verdienter und verehrter Menschen, und das Volk glaubte, heilsame Kräfte aus ihrem Anblicke zu schöpfen, aber was soll es vor so einem unförmlichen Stücke von seinem alten Gefängnisse denken und empfinden? Die Franzosen erzählen von Harlekin, er habe einen Stein von seinem Hause zum Muster für Liebhaber 261 herumgetragen, handeln sie hier nicht ungefehr in gleichem Sinne? Indessen fängt man wieder spärlich an auszubessern, aus Beyträgen, wozu man durch Affichen in den Kirchen eingeladen wird. Ich ging neulich in Saint Sulpice hinein, wo die Vernunftschwärmerey am unvernünftigsten gewüthet zu haben scheint; da sah man vorn in der Kirche Arbeitsleute, die Gerüste befestigten, Steine herunterwarfen, und hämmerten, daß einem die Ohren gellten, in der Mitte waren die Maschinereyen der Gott und Menschen Langeweile machenden Theophilanthropen aufgepflanzt, und tiefhinten im Chore standen bescheidene Priester, mit ärmlichem Meßgeräthe umgeben, und betheten. Unter einer solchen Duldung (hier ist das unschickliche Wort noch am besten an seinem Platze) hebt nun die Römisch-katholische Religion ihr ehemahls so stolzes Haupt demüthig wieder aus dem Staub auf, und es ist gewiß eine interessante Erwartung, nachdem die Pforten der Hölle geschlossen sind, zu sehen, wie weit sie die ihrigen wieder öffne, und mit welchem Erfolge das so jämmerlich zersprengte Heer der Heiligen sich wieder unter seine alten Fahnen sammeln werde. Da der Boulevard am Sonntage ganz dem gemeinen Manne überlassen ist, so wollte ich nun auch sehen, wie dieser seinen Ruhetag feyre, und ging 262 deßhalb von der Porte St. Martin langsam bis zum Eintrachtsplatz hinunter. Der breite Weg in der Mitte dieses aus sechs Reihen Bäumen bestehenden prächtigen Lustgangs war voll Wagen und Reuter, die sehen, und gesehen werden wollten, oder sonst bestimmt waren, heute die Hauptfiguren in diesem beweglichen Gemählde auszumachen. In den Seitenalleen aber gingen die, so ich suchte, in unzählbarer Menge, die Handwerker und kleinen Krämer mit ihren Familien, und alles was man hier la petite bourgeoisie nennt. Ich folgte nun bald dem bald diesem Häuflein nach, und horchte auf ihre Rede, und betrachtete ihr Thun und Lassen. Größten Theils fand ich sie vergnügt wie die Fische im Wasser, aber ehrbarer, aber noch gesprächiger, als ich erwartet hatte. Nunc quoque in alitibus facundia prisca remansit, Raucaque garrulitas, studiumque immane loquendi.                             Ovid. Met. Libr. V. Diese Gesprächigkeit ist unerschöpflich, und ergießt sich mit fast kindischer Vergnügsamkeit und Beschränktheit über alles, was ihnen in diesem Gewimmel vor die Augen kömmt, und einen Moment unter der Windklappe ihrer Vorstellungen halten mag. Der Vater erklärt der gefällig horchenden Frau ihre Beobachtungen, und sucht bisweilen auch die Kinder zu belehren; allein der Junge ist zu zerstreut, und das Mädchen zu sehr mit seinem Putze, und der zierlichen Haltung des Körpers, des 263 Gewandes, der niedlichen Füße, und mit allem dem, was es den Vorübergehenden absieht, beschäftigt, um lange auf die Lehren des Vaters zu horchen; ja viele dieser kleinen Mädchen sind schon so sehr in das Studium und die Representation ihrer Eleganz vertieft, de tenero meditantur ungui, daß sie sich nicht einmahl Zeit nehmen, nach der Lockspeise der allenthalben ausgestellten Kramläden zu schauen, welches sonst ein unwiderstehlicher Zauber für die Augen der Kinder ist. Wenn oft zwey bekannte Familien sich treffen, so fließen sie schnell in Eine Gesellschaft zusammen, wo man sich dann wechselseits die Ehehälften zu galanter Unterhaltung abtritt. Wer aber die Kleinstädterey kennt, und meint, daß es in Paris nichts davon gebe, darf nur einer solchen Gruppe eine Strecke weit nachfolgen, oder sich auf einer Bank neben ihr niederlassen, um sich eines andern zu belehren, und bald eben die Klatscherey, die Achtung für das Unwürdige, und die halbweg sich schon verstehende Convenienz im Selbstbetrug anzutreffen, wie zu Hause. Nur die unnachahmliche Zuversicht, womit sie hier alles thun, der kleine Bürger wie der große, unterscheidet diese Parisischen Kleingässer vor den auswärtigen Kleinstädtern; denn nicht nur sprechen sie von allem, als könnten gerade sie darüber die beste Auskunft geben, sondern sagen es auch noch so laut, als müßte alle Welt es hören. Neulich sah ich an einem öffentlichen Tage in dem Antikensaal zwey solche Männer vor den 264 Laocoon treten, und sogleich über die Schlange, und das Land wo es dergleichen gebe, sich unter einander so redselig verständigen, daß neben ihnen zwey Gelehrte, die sich ihre Gedanken über das Kunstwerk mittheilten, verstummen mußten. Diese laute Unfehlbarkeit, die sich der Pariser zutraut, und die Erheblichkeit, die er sich über die Provinz und das Ausland so sichtbar gibt, wenn er sie auch nicht ausspricht, ist es vornehmlich, was ihn auch vor andern Hauptstädtebewohnern unterscheidet. Ihm fällt kein Zweifel ein, daß Paris nicht die Hauptstadt der Welt sey, und sich dessen zu rühmen, scheint ihm bloße Gerechtigkeit zu seyn; so wie hingegen jene, wenn sie gleich ebenfalls ihre Manieren für die besten, ihre Herkunft für die reinste, ihre Statuten für die weisesten, und ihre Neuigkeiten, obgleich sonst niemand viel daraus macht, für die merkwürdigsten halten; sich dessen meistens nur unter sich selbst, oder gegen ihre Untern rühmen, in zweifelhaften Fällen aber lieber das Decorum eines kalten Stillschweigens beobachten. – Wer bey dem Gemeinen feyerlich stehen bleibt, und das Bedeutende nachlässig vorüber geht, und keine beßre Weisung annehmen will noch kann, der ist ein Philister, er sey vornehm oder gering, aus der Hauptstadt oder vom Lande her. Und so findet man bey etwas mehr oder weniger conventionellem Anstrich, den man Lebensart nennt, die Leute, das ist, die Menschen im Umgang, 265 allenthalben ziemlich einerley. Wer den Firniß, dessen alle bedürfen, am besten aufträgt, heißt der feinere, aber ein gesundes Auge sieht bald, was der Firniß decken soll, so wie eine gute Nase oft hinter Wohlgerüchen das Gegentheil riecht. Die feinste Lebensart besteht zuletzt darin, Geduld mit einander zu haben. Ich kehre wieder auf den Boulevard zurück, wo ich neben dieser geschwätzigen Plattheit des Geistes viel leichte Geschmeidigkeit in den körperlichen Formen, und unbefangene Liebenswürdigkeit in den Mienen sah, besonders fiel mir häufiger, als ich sie noch nirgends antraf, die heitere Freundlichkeit alter Personen auf. Zuweilen glaubte ich auch bey jungen Leuten die Bescheidenheit im Bunde mit der Schönheit zu erblicken, ja vielleicht ist diese Tugend weniger selten, als ich dachte, aber sie gibt sich nicht so schnell im Vorbeygehen zu erkennen. Nie mißte ich sie mehr, als da ein Frauenzimmer, das vor mir her ging, sich umsah, und zu ihrem Begleiter sagte: Allons vite, je vois la figure de mon chien de mari! Vor diesem hatte ich geglaubt, man dürfe sich in Paris nicht sehen lassen, ohne nach der neuesten Mode gekleidet zu seyn, und jetzt stoßen mir hier auf dem Boulevard solche altväterische Trachten auf, die ich kaum mehr in einem alten Reichsstädtchen gesucht hatte. Ich sehe noch Männer mit Haarbeutelperrucken und Chapeaubashüten, langen Westen, Hosen die kaum an die Knie reichen, und kleinen Schnallen mit 266 heraushängenden Riemen in den Schuhen; bey uns würden ihnen die Kinder nachlaufen, hier läßt man sie aber gehen, wie sie wollen, und ich merke nicht, daß man sie auch nur mit einem Blicke zu kränken suche. Dieß ist jetzt doch etwas, das andrer gemeinschaftlichen Kleinigkeiten ungeachtet, einen höhern Grad von Bildung verräth, daß nehmlich hier die Leute unter sich das unbescheidene Fixiren der Unvollkommenheiten nicht zu kennen scheinen, womit man anderswo seine Beobachtungsgabe beweist, und daß jeder ungehinderter im Sonnenschein auf den volkreichsten Plätzen sich zeigen, als dort am Regentage nur über die Gasse gehen kann. Was ihren Anzug betrifft, scheinen diese Bürgersleute nur einer Uebereinkunft zu folgen, daß er nehmlich am Sonntage nicht werktäglich sey, über dessen Art und Gestalt aber eine durchgängige Verträglichkeit angenommen zu haben. Diese Verträglichkeit herrscht auch, wie mich dünkt, in den höhern Ständen, denn nirgends seh ich, auch da, wo sich die Vornehmsten zeigen, die modische Einförmigkeit des Putzes, die man an Prunktagen im Auslande sieht. Das hiesige schöne Geschlecht würdigt die Moden nicht bloß nach ihrer Herkunft, wie da, wo man glaubt, was von Paris kömmt, müsse unverändert für alle passen, sondern auch nach dem, was sie vortheilhaftes für das Eigenthümliche der Gestalt haben, und weiß daraus mit Geschmack zu wählen. Bey Mannspersonen sind reine und feine Zeuge 267 die Hauptsache, und selbst die wohlerzogene Jugend ist gar nicht gezwungen, sich sogleich in die Erfindungen zu fügen, womit die Zierlinge des Tages Epoche zu machen suchen. Alles dieses sollte man in der Ferne auch bedenken, und die, welche den Tand der Franzosen so sclavisch nachahmen, und nach ihren Puppen und Modejournalen dürsten »wie nach der Auferstehung verdorrtes Gebein,« sollten diese freye Sitte auch nicht aus der Acht lassen – Wenn nur Nachäffung mit Freyheit bestände! Aber auch in diesem Theile der Aesthetik übt der deutsche Schüler stracks in gläubiger Praxis, was der wagsame Meister kaum hypothetisch hingestellt hat. Die Boulevards sind auf beyden Seiten mit niedlichen Häusern begrenzt, von sehr mannigfaltiger, öfters nach dem reichsten Styl des Alterthums gebildeter Architectur, der aber in dieser starken Verjüngung, denn die Gebäude sind oft sehr klein, zuerst etwas sonderbar auffällt; doch versöhnt diese kleinere Wirklichkeit bald durch ihr geschmackvolles Ebenmaß unsern höhern Begriff, und wir nennen mit Recht niedlich, was wir nicht mehr groß finden können. So wie ehemals die Kupferstecher pour la réception à l'Académie stachen, und Meisterwerke lieferten, die sie mit Einem Mahle berühmt machten, so dienen solche Gebäude jungen Architecten zur Aufnahme in die Reihe der Künstler, von welchen die gute Gesellschaft spricht, und die Prachtliebe sich zinsbar macht. Daher mag auch 268 die Verschiedenheit dieser architectonischen Probestücke kommen, weil jeder neue Baumeister es dem alten an Kunstsinn zuvorthun will. Wenn es wahr ist, daß die hiesigen Baukünstler mit der Zierlichkeit auch innere Bequemlichkeit vorzüglich gut zu verbinden wissen, so sind diese antikisirten Wohn- und Lusthäuser, deren es nicht nur auf den Boulevards, sondern auch in den Hauptstraßen eine Menge gibt, die charakteristische Zierde von Paris, mehr als die Palläste der Großen und die Kirchen, selbst das vorn so geschmückte und hinten so kahle Pantheon nicht ausgenommen; denn sie haben eine bestimmte Bedeutung, indem der Geist der Nation in ihnen anschaulich ist, der die Eleganz im Kleinen liebt, und den Geschmack durch l'art de se connaître en petites choses erklärt. Vor vielen Häusern sind Schranken angebracht, hinter welchen die Bewohner sitzen, und das sonntägliche Heer zur Schau an ihnen vorüberziehen lassen. Es fing schon an dunkel zu werden, als ich unvermerkt auf die Elisäischen Felder herausgekommen war. Hier sah ich viele Leute nach einem anstoßenden Garten, über dessen Thüre Le Hameau de Chantilly geschrieben stand, wie zu einem Spectakel hingehen. Ich folgte ihnen nach, und mußte zwanzig Sous bezahlen, wofür ich einen Einlaßzettel bekam, welcher mir für funfzehen Sous Erfrischungen unentgeltlich zu nehmen erlaubte, die ich aber nicht erhalten konnte. Ich meinte da auszuruhen, und meine heutige 269 Wanderschaft zu überdenken, aber ich trat in eine Feenwelt hinein, wo ich Sonntag und Boulevard und alles vergessen mußte. Der ganze Garten mit seinen Alleen, Nebengängen, Lustgebüschen, Pavillons, und freyen Plätzen, bis zum Hauptgebäude war mit unzähligen Lampen erleuchtet, und Menschen jedes Geschlechts und Alters wandelten, saßen und lagen da herum, als lebten sie noch in der goldenen Zeit. Das große Haus glänzte von Lichtern wie ein Zauberschloß, und auf seiner Terrasse ertönte eine prächtige Harmonie. Von da aus verbreitete sich die fröhliche Menge durch den labyrinthischen Bezirk des Gartens; hier saßen Weiber und Männer, vergnügt wie die seligen Götter, an Tischen herum, und leichte Ganymeden eilten sie zu bedienen; dort übten sich kraftvolle Jünglinge in künstlichen Sprüngen, oder schaukelten ihre Mädchen; muthwillig ruderten andre in kleinen Kähnen auf Teichen herum, weiter sah ich amazonische Jungfraun Carroussel reiten, und in schnellstem Fluge (Galopp kann man von hölzernen Pferden nicht sagen) mit geübter Hand Ringe herunter stechen; sodann verlor ich mich in ein matt erleuchtetes Gebüsche, wohin aber schon zwey Liebende ihre Zuflucht genommen, um in stiller Abgeschiedenheit die Welt, und vielleicht sich selber, zu vergessen; nun begegnete ich einem einsamen Denker, dem ich, aus Furcht er möchte an meinen Geldbeutel denken, bescheiden auswich; plötzlich war wieder alles helle, Pfeifen und Hörner ertönten, und in langen 270 Reihen herunter tanzten die Kinder der Freude. – Welch ein hochzeitliches Leben, das dieser Tempel der Fröhlichkeit einschließt! Und das alles hat man um zwanzig Sous; kann man sich wohlfeiler in Hellas jugendliche Zeiten oder in das Schlaraffenland versetzen! Nur muß man nicht, wie ich einfältigerweise that, bis auf die Letzte bleiben, sonst erstirbt alle Illusion über dem bloßen Anblick des Caput mortuum , das diese sublimirten Freuden zurücklassen. Es ist mir in dem Museum, mitten unter den größten Kunstwerken der Jahrhunderte, manchmahl zu Muthe, wie auf den Gipfeln der Berge meines Vaterlandes, wo unter dem reinen Himmel, und hoch über der sorgenvollen Erde, alle weltliche Furcht und Begierde verschwanden, und Frieden, Freyheit und ursprüngliche Einfalt in die Seele zurückkehrten. Was dort die Majestät der Natur bewirkte, das thut hier die heilige Kraft der Kunst. Wenn ich von der Bank am Eingange über den unabsehbaren Saal hinschaue, und mein Auge nach immer neuen Gegenständen der Verehrung hingezogen wird, und die geliebten Meister aus ihren ewig rühmlichen Werken zu mir sprechen, so vertiefe ich mich in der Ansicht von der unerschöpflichen Fülle des menschlichen Geistes mit eben der Andacht, wie auf den Bergen im Gefühle des Unermeßlichen; ich vergesse Paris, das Vaterland und mein 271 eignes Schicksal, und bin glücklich in vollkommener Genügsamkeit; mein Daseyn wird mir zu einem lieblichen Traume, wo die unbefangene Seele die Fesseln des gewohnten Lebens abstreift, und sich geheimnißvoll in seligere Höhen emporschwingt. Es hält aber schwer, die wahre Empfindung einer solchen Lage späterhin auszusprechen, weil die Einbildungskraft sich gar zu gerne in die Beschreibung mischt, und in bildliche Anrufungen ausartet, deren Feuer nicht von dem Lichte der Wahrheit brennt, und daher meistens auch den Leser kalt läßt. Zwar ist es eben auch nicht rathsam, von irgend einer höhern Lust des Lebens laut zu reden, denn die Zeit ist noch nicht ganz vorüber, wo das für Schwärmerey galt, und in einem Buche so wenig erlaubt war, als im Umgange; die harte Zeit, wo man alle Empfindung unter den Gehorsam des Verstands gefangen nehmen mußte, um vor den gesetzlichen Kunstgerichten Gnade zu finden, die kein Evangelium der bessern Sinnlichkeit erkannten. Das Gefühl seiner eignen Wenigkeit kann man freylich in diesem Bildersaal, unter so viel Ruhm und Größe, schwerlich von sich abhalten. Allein die stille Größe der Todten, ohne Anspruch und Ziererey, ist weniger drückender Art, als die der Zeitgenossen mit ihrem lebendigen Geräusche, wobey man jene Begleitungen nur zu oft findet oder zu finden glaubt; sie ist entschieden, und steht uns auch nicht mehr im Wege, sondern leitet uns vielmehr auf eine weise Schätzung 272 dessen, was uns in der wirklichen Welt umgibt; die Demuth, so sie bewirkt, ist ohne Neid und heilsam, denn ihre Folge ist die Zuversicht der Geduld, welche uns ehrwürdiger macht, als das Selbstgefühl, so uns bisweilen, wie den Pharisäer im Tempel, vor den Zöllnern und Sündern, die uns aufstoßen, anwandelt. Und wie ich mir ein fremdes Gastmahl besser schmecken lasse, als das so ich selbst geben, und dabey die eßlustraubenden Honneurs machen muß, so liegt auch für mich ein ungetrübteres Vergnügen in der Freyheit, hier in der großen Gallerie des berühmten Louvres, unter dieser Beute der Nationen, dem was ehemahls Könige königlich verwahrten, oder zu besitzen vergeblich wünschten, ungestört und unbekümmert herumwandeln zu können, zwar als unbemerkter Homuncio, aber doch mit dem befriedigenden Bewußtseyn, die Geschichte und den Werth dieser Umgebungen zu kennen und zu schätzen – als wenn ich diese unermeßlichen Schätze selbst erobert hätte, oder sie sonst als mühsames Eigenthum besäße. Gleichsam wider meinen Willen geht ein großer Theil meiner Aufmerksamkeit auf den technischen Charakter der großen Meister, in so weit ihn Manier der Zeichnung, der mechanische Pinsel, und was zur Art und Weise der Ausführung gehört, bestimmen. Ich gebe gern zu, daß das Haupterforderniß bey jedem 273 Kunstwerk auf die Richtigkeit der Idee, den Schwung der Phantasie, kurz auf die Summe von Geisteskraft, so sich darin zeigt, gründe, und man also darauf vorzüglich sehen müsse; ich weiß auch, daß man darüber schon ohne nähere Kunstkenntniß ein langes und breites sprechen, und dem Künstler, der diesem Erforderniß entspricht, noch eine Menge Motive andichten kann, an die er nicht einmal gedachte. Aber wie keiner Mahler wird, der seine Kunst nicht handwerkmäßig gelernt hat, so sehe ich jetzt nur zu deutlich, daß zur wahren Schätzung eines Gemähldes nicht nur eine gelehrte Erkenntniß seiner geistigen Eigenschaften, wie man sie schon aus Büchern und Kupferstichen abstrahiren kann, sondern auch der Sinn für das Medium gehöre, wodurch sich solche Eigenschaften uns vorbilden. Man sollte freylich denken, wer Verstand hat werde auch den Verstand der Composition fassen, dem Empfindsamen werde auch die Empfindung nicht entgehen und die Phantasie des Künstlers werde auch die des Zuschauers in Bewegung setzen; allerdings – aber mit dem größten Verstande, dem feinsten Gefühle, und der regsamsten Imagination ist man doch kein Kenner, oder selbstständiger Richter über den vollen Werth eines Kunstwerks. Ich habe Männer gekannt, (um ihrer Berühmtheit willen darf ich ihre Namen nicht nennen) die dieß alles hatten, und sogar über die Kunst schrieben, aber über unbekannte Gemählde gar nicht oder ganz schief urtheilten, bevor sie den Meister kannten, oder etwas von der Meinung Kunsterfahrner darüber ausgespürt hatten; es mangelte ihnen der Kunstsinn. Wie niemand richtig über Musik urtheilt, dem Natur und Studium nicht das Ohr gebildet, so ist es auch mit den Urtheilen des Auges in der Mahlerey, kein anderweitiger Scharfsinn und keine Gelehrsamkeit ersetzt den sichern Blick für das Ebenmaß der Formen, und die Wahl und Harmonie der Farben, der eine Gabe der Natur ist, und allein durch das Studium der technischen Regeln ausgebildet werden kann. Ich weiß wohl, daß ich hiermit manchem unerträgliche Dinge sage, weil heut zu Tage fast jeder schöne Geist auch glaubt, ein Kenner zu seyn, wenn er nur die Geschichte der vornehmsten Mahler, oder einige pikante Lebensumstände von ihnen weiß, und ihm geistige Ausdrücke zu Gebote stehen. Ich hörte es auch unlängst selbst nicht gerne, allein da ich es jetzt als Wahrheit anerkenne, so muß ich es auch bekennen. Es ist ein Unterschied, über ein Gemählde zu phantasiren, oder seinen wahren Gehalt zu bestimmen: es ist auch ein Unterschied, nach historischen Vorkenntnissen zu schließen, oder aus eigner Kraft zu urtheilen. Man stelle nur einen unbefangenen Künstler und einen gelehrten Liebhaber vor ein Gemählde, und höre, aus welchem Munde ein klareres Urtheil fließe; oder man gebe Acht, auf welches Urtheil der Meister selbst, wenn er gegenwärtig ist, mehr Gewicht lege, und man wird 275 sehen, daß ihm, wenn er es auch schon zu verhehlen sucht, ein einsilbiges kaltes Wort des Künstlers mehr Nachdenken verursacht, als aller Lessingsche Scharfsinn des Philosophen, oder der beredte Erguß des bewundernden Gelehrten. – Wer ohne praktische Kenntniß, oder ohne zu Mahlern seine Zuflucht zu nehmen, findet auch nur die Ausdrücke, womit er sein Wohlgefallen an einem Rembrandt deutlich machen könnte? Mich in diesen nothwendigen Principien des echten Kunstgeschmacks zu üben, hat nun einen besondern Reiz für mich, und deswegen halte ich mich gern an Kunstverwandte, die hier arbeiten; die großen Worte der räsonnirenden Empfindung sind dann bald gelernt. Nur bemerke ich mit Verdruß, daß, wie Kenner und Liebhaber öfters affectiren, mehr von dem mechanischen der Kunst zu sprechen und zu wissen, so viele Künstler mit denen, welche nicht von der Kunst sind, gerade von dem zu reden vermeiden, was sie üben und am besten verstehen, und ihren Verstand lieber in aufgefangenen Geschmacksurtheilen zeigen wollen. Man trifft weniger arbeitende Künstler in dem Museum an, als die berühmte Sammlung erwarten läßt. Einen alten Mann sehe ich immer zuerst und zuletzt, der unermüdlich kopirt, und vermuthlich seine schwache Arbeit für geringe Kunsthändler ums Brodt macht. Niemand fällt es indessen ein, ihn zu tadeln; 276 ist seine Arbeit nicht lobenswerth, so verdient der Bewegungsgrund derselben Schonung, sagen die Franzosen, und zeigen darin einen edlen Sinn. Desto lauter spotten sie aber über ein paar Deutsche, die unlängst hierher gekommen, und mit einer Wuth, wie der Wolf das Lamm zerreißt, über alles herfallen, was einen Namen hat, und Rubens und Rembrandt zu Dutzenden wegpinseln, mit einer Practik, die ganz Paris in Erstaunen setzen sollte. Es sind auch mehrere junge Frauenzimmer da, die mahlen, ich kann aber bey keiner dazu kommen, zu sehen was sie mache; denn durch das seltsame Ungefähr, welches beym schönen Geschlechte so oft andre Gründe vertritt, arbeiten sie jetzt alle in der Höhe, wo sie auf eigens dazu eingerichteten Gerüsten sitzen. Sieht man indessen ihre Arbeit nicht, so gewährt doch einiger Maaßen die mahlerische Lage, die sie sich auf dieser leichten Bühne zu geben wissen, einen schadloshaltenden Anblick. Es geschieht dann freylich manchmahl, auch von Ungefähr, daß sie in der Zerstreuung des Nachdenkens etwa ein niedliches Füßchen über das Bodenbret hinaus strecken, wodurch manches Auge irre geleitet wird, das nur gemahlte Formen zu betrachten hierher kam; allein keine Schnecke zieht ihre Hörner schneller ein, als sie das Füßchen, so bald sie sich ihrer Zerstreuung bewußt werden. Gewöhnlich steht bey jedem dieser Palladischen Mädchen ein Bekannter, der sich mit nachlässigem Liebreiz auf den Stufen des 277 Gerüstchens ausbreitet, und ihr in leichter Unterhaltung die Zeit verkürzt, wozu wohl auch die Vorbeygehenden, wie ich selbst erfuhr, den Stoff geben müssen; denn als ich in ihrer Nähe mich aufhielt, merkte ich, daß von mir die Rede war, und als ich in Gedanken die Augen, wie Eumolpus beym Petron, ad arcessendos sensus in die Ferne heftete, hörte ich sagen maintenant il cherche, si on le regarde ; welches meine Erfahrung bestätigte, daß einen die Leute am liebsten dessen beschuldigen, wozu sie selbst am meisten geneigt sind. Einer ist hier, der Niederländer copirt, um wieder Originale daraus zu machen; ein geschickter Mann. Er hat gerade jetzt einen Tenier in der Arbeit, den er mit unglaublichem Fleiß und äußerster Wahrheit Strich für Strich nachbildet, und der vermuthlich in ein paar Jahren in einer auswärtigen Bildersammlung einen bedeutenden Platz einnehmen wird. Ich hätte nicht geglaubt, daß man die Nachahmung so weit treiben könnte, und will mir jetzt lieber das Daseyn so vieler gleicher und ähnlicher Gemählde, die sich um die Ehre der Originalität streiten, auf diese Weise erklären, als annehmen, daß sich große Meister selbst mit so pedantischer Genauigkeit copiren könnten, wenn sie auch noch so große Liebe zu ihrem Werke hätten – kömmt es doch schon unser einem sauer genug an, seine eignen Erzeugnisse abzuschreiben! In Landschaften wird meistens nach Berghem und Vernet studiert, selten nach Dujardin und Potter, mehr noch nach Ruysdael, nicht nach Schwanevelt, Both, Poussin, nicht nach Claude; warum nach dem Schönsten nicht? – Weil das Schönste jederzeit mehr Bewunderer als Nachahmer gefunden hat, und der Mensch in seinen materiellen Neigungen nicht gern über den Comparativ hinaus geht. Zudem mögen Berghem und Vernet, von denen jener sich durch einen geistreichen, und dieser durch einen zierlichen Styl auszeichnet, am meisten mit der französischen Gemüthsart übereinstimmen, und dieser homogene Zug des Charakters, der in der Welt so oft die stattlichsten Gründe aufwiegt, scheint auch hier die Vorliebe, welche sie zwar nicht mit Worten bekennen, aber durch die That offenbaren, zu bestimmen. Claude Lorrain gehört zu den seltenen Menschen, die ihr Glück nur in der Stille finden, und deren Kraft in der Einfalt ist; sie wissen im Leben und in der Kunst wenig von Regeln zu schwatzen, aber ihre schöpferische Geisteskraft erwacht im Handeln, und sie stellen Werte dar, die selbst zur Regel werden. Seine Gelehrigkeit war langsam, und ihm ward nichts von den oberflächlichen Vorzügen zu Theil, welche die große Welt protegirt; aber seine Seele war ein klarer Spiegel, in dem sich die stille Herrlichkeit der Natur offenbarte, er schaute sie mit der Kraft des reinsten Dichtergefühls; und ruhte nicht in Ernst und Fleiß, bis ihm zuletzt auch die Hand gehorsam war, und er 279 seine seligen Anschauungen in eben der erhabenen Wahrheit sinnlich darzustellen vermochte, wie er sie fühlte. Aber man wagt es nicht, sich nachahmend an dieser natürlichen Harmonie, diesem Sommerduft, dieser friedlichen Vereinigung von Himmel und Erde zu versuchen. Doch hat Vernet, obgleich Stürme seine Lust waren, diesem Mahler paradiesischer Ruhe viel zu verdanken. Vernet scheint eine große Leichtigkeit besessen, und die Manieren aller Meister sich bekannt gemacht, vorzüglich aber von Claude vieles angenommen zu haben, welches die Seehäfen, die Aussichten von Rom und die Tageszeiten, welche hier vortrefflich von ihm gemahlt sind, deutlich beweisen; jedoch ist alles viel neumodiger, brillanter, episodischer als bey jenem. Dort ist die heilige Einfalt der wahren Poesie, die nur Eins aber das Größte ausspricht. Hier ist die Gabe mannigfaltiger Unterhaltung, auffallende Kunst, gesuchter Effect und zierliche Anordnung; darum, ob es gleich jener hohen Schönheit nicht am lautesten Lobe fehlt, hält man sich heimlich doch lieber an den pikantern Reiz des Letztern. Zudem hat Vernet in der Durchsichtigkeit und Lebendigkeit des Wassers, und in den Sturmwolken, niemand seines gleichen als Backhuysen, der ihn noch in der Natürlichkeit übertrifft, aber Vernet hat mehr Geschmack in der Composition. Ich habe neben ihm noch den Berghem als ein Lieblingsmuster der jungen Leute genannt, weil man 280 bey demselben mehr als irgendwo vereinigt findet, was junge Künstler zu ihren Studien nöthig zu haben glauben, eine glückliche Fertigkeit des Pinsels, richtige Zeichnung, gewagtes Spiel mit Schatten und Licht, künstliche Widerscheine, die Geschicklichkeit alte Ideen immer wieder neu zu ordnen, und was dergleichen Verdienstlichkeiten mehr sind, die Verstand und Witz in der Kunstmanier verrathen, und die man zusammengenommen mit Recht Geist, und mit Unrecht Genie zu nennen pflegt. Wie aus Claudes stiller Seele seine großen Schöpfungen als ein reines Ganze flossen, dem, ohne den reinen Einklang zu stören, nichts gegeben und nichts genommen werden kann, so gestatten hingegen Berghems Gemählde, weil sie selbst mehr zusammengesetzt als aus Einer Idee geschaffen sind, den Vortheil, daß auch einzelne daraus genommene Partien schon ein artiges Ding an sich ausmachen; hierzu kommen noch die Künste des Details, die bey diesem Meister so mannigfaltig und besonders auffallend sind, daß davon auch in der schülerhaften Nachbildung noch etwas charakteristisches bleibt. Da nun jeder Schüler seinen Studien gern die möglichste Ostensibilität gibt, womit gewöhnlich auch dem Meister gedient ist, und Berghem hierzu den kürzesten Weg weist, so ist es begreiflich, daß er auch am öftersten zum Vorbild und Lehrer für junge Landschaftsmahler gewählt wird. Nicht daß man darum Berghem und Vernet ausschließlich oder am lautesten preise, weil sie am meisten 281 copirt werden; andre Nahmen genießen auch einer gerechten Verehrung. So werden, wie man mir sagt, Potter und Dujardin bey Versteigerungen noch mehr gesucht; aber Potters unmanierirte Natürlichkeit und Dujardins sanfte Transparenz, und ihre einfachen Compositionen, sind schwerer nachzuahmen, und fallen auch in der Nachbildung weniger vortheilhaft in die Augen, als jene, wie man glaubt, geistreicheren Stücke. Die vornehme Liebhaberey aber, so sich bei Versteigerungen zeigt, ist aus zu verschiedenen und zu individuellen Concupiszenzen zusammengesetzt, als daß sich daraus der allgemeine Geschmack bestimmen lasse; sie kauft meistens berühmte Nahmen, Gegenstücke, Empfehlungen, Ergänzungen ihrer Sammlung, selten etwas das ihr unmittelbar gefällt. Wenn die Stimme des Volkes in Kunstsachen etwas gilt, und Gültigkeit kann man ihr nirgends absprechen, wo sie nicht vorgefaßte Meinung und fremde Einwirkung, sondern unverstellter Ausdruck der natürlichen Empfindung ist, so haben die kleinen Niederländer allerdings einen hohen Werth; denn ich sehe immer die große Menge der Beschauer sich am längsten vor denselben aufhalten, und wenn sie auch den ganzen Saal durchgegangen haben, doch noch einmahl zu ihnen zurückkehren, als wenn sie vorzüglich ihren Eindruck mit sich nehmen wollten. Diesen Vorzug, dem 282 großen Haufen zu gefallen, wird die Niederländische Schule auch behalten, so lange es einen großen Haufen gibt, der von der Mahlerey zuerst und zuletzt Wirkung aufs Auge fordert, und an dem Sinnenschein seine Freude hat, und nicht so vornehm denken kann, wie Ludwig XIV, der die drolligen Bauern Teniers nicht vor sich sehen mochte, vermuthlich weil sie seiner königlichen Gegenwart nichts nachzufragen schienen; oder so lange dieser große Haufe nichts von der Reflexion weiß, die von dem Unsichtbaren zu sprechen anfängt, ehe er noch das Sichtbare erkannt hat; so lange er auch nicht in allen Künsten nur eine idealische Poesie sucht, wie jetzt von sonst verdienstvollen Männern mit eben der Einseitigkeit geschieht, womit man vor dreyßig Jahren noch die Tugend zum Hauptzweck des Schönen machen zu müssen glaubte. Douw, Netscher, Terburg, Le Duc und alle die Meister, welche anständige Handlungen aus der bürgerlichen Gesellschaft mit dem einzigen Fleiß, Colorit, reizendem Lichte und der Ründung der Niederländer darstellen, sind es, die auch dem hiesigen Volke gefallen; aber anständig müssen sie seyn, denn Ostades Tobakgesellschaften und Brouwers abscheuliche Fratzenbilder finden keinen Beyfall. Und wodurch gefallen sie anders, als daß sie für den uncultivirten Sinn am meisten Wahrheit haben, so wohl in der Bedeutung als in der Ausführung. Der gemeine Mann findet mehr Individualität in den 283 Figuren, in ihren Handlungen mehr Analogie mit den seinigen, und auch in den Nebenwerken mehr Vertraulichkeit; und dieß alles mit dem reinlichsten Fleiß, der gewähltesten Beleuchtung, und der schönsten Harmonie der Farben ausgeführt. Was er sieht, faßt er sogleich ohne Belehrung und mühsames Nachdenken, und ohne sich in die Empfindung hineinarbeiten zu müssen; da hingegen so viele der großen historischen Stücke, die da herumhängen, für die meisten Beschauer erst noch eines Commentars über ihre geistigen und materiellen Schönheiten bedürfen. Zudem fragt es sich noch, ob es wahr sey, daß diese Niederländer so ganz nur die erste beste Natur, wie sie ihnen vor die Augen kam, auffaßten, und ohne alles poetische Verdienst seyen? Dasselbe kündigt sich zwar nicht mit dem Trompetenton grandioser Manier an, aber auch die bescheidene Flöte weiß die geheimen Accorde der Seele zu treffen, oft thut es ja der Dudelsack. Gerard Douws wassersüchtige Frau ist gewiß nicht ohne Dichtungskraft geschaffen; seine Familie, wo die Mutter in der Bibel liest, und der Vater zuhorcht, hat er doch mit Empfindung so zusammengesetzt; Mieris kleiner Seifenblaser ist nicht nur das Werk des zierlichen Künstlers, sondern auch einer gebildeten Phantasie; und so sehe ich noch eine Menge Gemählde ähnlicher Art, die dichterische Anschauungen der Welt und des Menschen sein und kräftig, wenn schon ohne griechische Formen, aussprechen, vom eleganten Conversationsstücke an bis 284 zu dem Kerl der Tobak raucht in Teniers Verläugnung Petri, dessen Wahrheit im pathognomischen Ausdruck so trefflich ist, daß sie die Geschmacklosigkeit der Erfindung vergessen macht. Auch ernste Gegenstände haben sie edel zu behandeln gewußt; hat je ein Dichter oder Mahler ein wahreres Bild von der abgeschiedensten Einsamkeit vor menschliche Augen gestellt, als es Rembrandt mit wenigen Farben und wunderbarer Lufttransparenz in den zwey kleinen Stücken gethan hat, so man die meditirenden Philosophen nennt? man glaubt sich jenseit des Grabes, wo die Stille der Ewigkeit herrscht, oder in die Märchenwelt zu einem unterirdischen, schon seit Jahrhunderten dem Weltgeräusche entflohenen Weisen versetzt, wenn man diese Gemählde eine Zeit lang betrachtet hat. Innigkeit des Gefühls ist die Seele der Poesie, und wenn in dem idealischsten Prachtgebäude der Einbildungskraft dieser Herr nicht zu Hause ist – er ist aber nicht selten über Feld – wer wird ihn nicht lieber da aufsuchen, wo er sich niedergelassen hat, sollte es auch nur ein kleines vertrauliches Landhäuschen seyn! Wer wird nicht einen Bauerntanz von Tenier dem ganzen Parnassus von Guibal gemahlt vorziehen! Wenn Asmus seinen Geburtstag mit Reißbrey und einer kleinen Kanone feyert, und das Fest mit der Wandoper Ahasuerus und Mardochai beschließt, so ist vielleicht mehr wahre Poesie darin, als in manchem fürstlichen Hoffeste eines Landesvaters bey ähnlichen 285 Gelegenheiten, wenn auch alle neun Musen in eigner Person dabey auftreten. Das ländliche Stück Philemon und Baucis ist das beste im ganzen Ovid; und wie sehr würde das Reich des Shakespeare zusammenschmelzen, wenn man den unclassischen Pöbel daraus verbannte! Sollte aber auch manchmahl der Geist der Poesie nicht in die Formen dieser kleinen Meister passen, so verstehen sie sich darauf, ihn desto vortheilhafter in der Beleuchtung zu zeigen, wodurch sie öfters auch leblosen Gegenständen einen Reiz zu geben wissen, der die Seele des Zuschauers in idealische Höhen erhebt. Rembrandt ist hier nicht der einzige. Fast alle Stücke von Breughel, besonders unter seinen vier Elementen die Erde, haben dieß magische Licht. Von Dujardin ist ein Crucifix mit vielen Figuren hier, das in Ansehung des dichterischen Gehalts in der Beleuchtung seines gleichen nicht hat. Van der Heyden und Van de Velde, wie konnten sie langweilige Gassen, und öde Gegenden, durch ihre Lufttöne zu Lieblingsplätzen der Phantasie umschaffen! Welch ein heiliges Licht zittert durch die erhabenen Gewölbe der Kirchen Neefs! In dem Sonnenstrahle, der sich über ein Grabmahl hingießt, in einer Kirche von Emanuel de Witte, ist (sicherer noch wie in jenem Krebse von de Heem) mehr poetische Geisteskraft, als in mancher dramatischen Composition, die ich nicht nennen mag. So sollte es mir nicht schwer seyn, noch mehrere anzuführen, die 286 dieses Verdienst magischer Beleuchtung, das gewiß nicht bloß ein mechanisches ist, in einem hohen Grade besitzen. Dieß mag der Grund seyn, warum das Volk, welches die Kunstwerke lieber mit den Augen als mit der Vernunft beleuchtet, einen besondern Zug zu den Niederländern hat; ich möchte, weil sie mir auch gefallen, diesen Zug rechtfertigen; um so viel mehr, da man wieder einmahl anfängt, welches hauptsächlich von den hiesigen Geschmackstongebern geschieht, diese Schule gar zu gering zu schätzen, und nichts für gut und schön anerkennen will, was nicht in dem sogenannten höhern und reinern Styl zum Vorschein kömmt, als wenn sich bald die ganze Welt und ihre Bilder nur in antiken Formen bewegen müßten. Ich wünsche indessen nichts mehr, als daß jedem Gerechtigkeit widerfahre, und werde mich wohl selbst vor dem Fehler hüthen müssen, ein Verdienst auf Kosten des andern zu loben. Auch kann ich nicht sagen, daß diese Bilder meine eigne Aufmerksamkeit ausschließlich vor der französischen Schule, mit welcher sie hier vereinigt sind, und andern größern Werken, gefesselt haben. Mir sind aus der Künstlergeschichte besonders Poussin, Le Brun, Rubens und andre, deren große Werke die Hauptgemählde dieses Saals ausmachen, merkwürdig, und meine, mehr als mahlerische Neugier ist stärker noch auf diese gerichtet. Vorzüglich hat Poussin seine eigne Wirkung auf mich. Zuerst kamen mir seine stillen Gemählde, 287 neben der Unruhe im Colorit und in der Composition so vieler andrer ihn umgebenden Franzosen, und neben der Vortrefflichkeit des niederländischen Pinsels, sehr unbedeutend und leblos vor, und jetzt sind sie mir so lieb, daß ich nie den Saal verlasse, ohne mich noch bey ihnen zu verweilen. Wenn man lange genug in den Höhen und Tiefen der Einbildungskraft herumgeirrt, oder in dem Nebel leerer Anmaßung sich geängstigt hat, so ist einem der feste Boden des Verstandes, und die richtige Bahn ernster Genügsamkeit auch wieder willkommen. Ich wußte, daß der edle Mann diese Bahn im Leben betreten hatte, und freue mich, sie nun auch in seiner Kunst zu entdecken. Man sieht, daß er sich zum Gesetze gemacht hatte, alles was er für bloße Blüthen der Imagination hielt, von seinen Schöpfungen abzusondern, und sich nur an das Wesentliche in der historischen Bedeutung zu halten. Er vernachlässigte daher allzustrenge die Reize der Farben, und alle moderne Grazie, um nur, wie er meinte, für den Verstand zu mahlen. Der denkende Mann hatte sich, von der Größe der Alten auf immer hingerissen, aus ihren wenigen Resten gewiße Grundsätze über die Wahl in der Empfindung, und über die edle Richtigkeit, mehr als über die naive Wahrheit, im Ausdruck zu eigen gemacht, welche er den Modus nannte, den er als den Zaum seiner Einbildungskraft ansah, und ihm allenthalben, auch wenn er une certaine médiocrité geböthe, folgen zu müssen glaubte; 288 wodurch er zwar der Besonnenste aller Mahler wurde, aber auch die Furia di Diavolo , die Marino noch in dem Jünglinge fand, nur zu sehr bezwang. Eben so hatte er sich auch im Leben diese Schranken der Enthaltsamkeit gesetzt, und selbst in den Tagen seines Ruhmes, als Geld und Ehre ihm zuströmte, sich davon so wenig irre machen lassen, daß er nichts an der philosophischen Lebensart änderte, die er zu der Zeit als er noch gering geschätzt wurde, ergriffen hatte. Aber eben diese Uebereinstimmung seines menschlichen und künstlerischen Charakters, hat meiner Meinung nach nicht wenig zu dem großen und bleibenden Ruhme beygetragen, der ihm zu Theil geworden, ob er gleich nie keinen Schüler gemacht haben soll, und auch jetzt noch so wenig Nachahmer findet. Kaum hätte seine correcte Zeichnung, sein reiner Styl und klassisches Studium, allein dieß bewirken können, denn man kann sich doch nicht verhehlen, daß nicht Magerkeit des Colorits, und zu prosaischer Ausdruck der Handlung ein alle diese Vorzüge begleitender Mangel sey. Aber sein Styl war wie sein Leben, man liest seinen Charakter aus seinen Werken; er mag die unter den Philistern wüthende Pest, oder das idyllische Brunnengespräch zwischen Rebecca und Elieser mahlen, allenthalben ahnet und findet man seinen hohen Geist, seine Liebe zur Einfalt, seinen Sinn für Ordnung, seine Geringschätzung des Ueberflüssigen, seine Unabhängigkeit von der großen Welt, seine ruhige 289 Ueberlegung. Er ist ein Türennischer Charakter, der nicht durch einzelne schöne Partien glänzt, aber durch die Continuität edler Grundsätze, die er in alle seine Werke bringt, eine rechtmäßige Ueberlegenheit über seine Zeitgenossen die es ihm, wie Le Brün und Noel Coypel, sonst in manchem zuvor thaten, erworben hat. Nil sine consilio war seine Maxime. Diese zusammensetzende Ueberlegsamkeit gefällt, weil sie leicht zu entwickeln ist; ob man gleich in seinen historischen Compositionen nicht immer den glücklich ergriffenen Hauptmoment antrifft, worin die Handlung durch sich selbst erklärt wird, so ist doch, wenn man ihre Geschichte weiß, kein Zug mehr ohne Bedeutung, und alles Einzelne hat geschmackvollen und richtigen Ausdruck. Der Tempel des Ruhms hat nicht nur eine Thüre, und wenn schon die schönste dem Genie offen steht, so findet doch auch das Talent, welches mit einem edeln Willen verbunden ist, und ein festgehaltener Zweck in einem wohlgeordneten Leben, oftmahls einen ehrenvollen Eingang. Man hat Respect für das, was den meisten mangelt. Wenn auch Poussin, wie ich glaube, durch diese Pforte zu der irdischen Ewigkeit eingegangen ist, so war er nicht der erste noch der letzte. In allen Ständen des menschlichen Lebens lehrt uns die Geschichte dergleichen verehrliche Personen kennen, von William Penn an bis zum – Professor Pütter, dessen Selbstbiographie ich so eben 290 lese, hinab. Um aber nur aus der Kunstgeschichte ein Beyspiel anzuführen, so mag auch Albrecht Dürer in diese Classe gezählt werden; der ausgebreitete Ruf, den dieser eigentlich durch seine Verbesserungen in der Kupferstecherkunst erlangt hatte, und durch seine vielumfassenden Kenntnisse, und ununterbrochene Wirksamkeit für seine Kunst unterhielt, wurde auch auf seine Gemählde übergetragen, und er als der erste deutsche Künstler gepriesen, ob es gleich damahls schon beßre Zeichner und Mahler gab, als er war; denn ausser dem natürlichen und mannigfaltigen Ausdruck seiner Köpfe ist wenig vorzügliches an ihm. Aber er hatte bey unbestrittenem Talent jene seltene Consistenz des Charakters und Ueberlegenheit der Individualität, wodurch er sich allenthalben persönliche Achtung zu verschaffen wußte, die man dann auch unvermerkt in das Urtheil über seine Kunst mit einwirken ließ. Wenn, wie der alte Herr Shandy meint, schon die Art, wie einer den Hut nimmt, seinen Charakter verräth, sollte es nicht eine solche Menge von Kunstwerken thun, die alle Einem Geiste und einer Hand entsprungen sind? – Zweifelt auch niemand hieran, so wird doch die Wirkung lange nicht genugsam beobachtet und erwogen, welche diese Geistessprache, diese unvermerkten, jedes Werk (und jede That) begleitenden Einflüsse nicht nur auf die subjective Stimmung des Mannes von Gefühl, sondern auf das menschliche Gemüth überhaupt haben. 291 Poussins erhabener Geist zeigt sich vielleicht am schönsten in seinen Landschaften, wo er frey war vom Zwange der Antiken, die er in historischen Werken als das unentbehrliche Medium zur Erläuterung seiner productiven Phantasie zu betrachten sich angewöhnt hatte. Hier hingegen war nichts zwischen ihm und der Natur, das den eigenthümlichen Flug seiner Ideen hemmte, nichts das seinem Hange, nur das Größte darzustellen, hinderlich war; und so gingen aus seinem beseelten Pinsel jene idealischen Gefilde hervor, in die er so oft seine handelnden Personen versetzte, das liebliche Thal, wo Diogenes seine Schale wegwirft, und die über meine Beschreibung erhabene Darstellung der Sündfluth, die er noch in seinem hohen Alter mit zitternder Hand mahlte, das Monument seiner Größe, der Adelsbrief seiner Dichtungsgabe. Ich habe von Albrecht Dürer gesprochen, den ich, wenn auch nicht für den ersten Mahler, doch für eine der ersten Zierden Deutschlands halte, weil ich mir in ihm die schönsten Eigenschaften der Nation ihren Ernst und ihre Rechtlichkeit, so wie ihren Kunstfleiß und ihren Empfindungsgeist, auf das trefflichste personificirt denken kann, ohne die Schwächen, welche spätere Zeiten ihrem edeln Grundcharakter anhängen. Auch darin vorzüglich, daß er die Kunst nicht blos, wie die meisten seiner Zeitgenossen und Landsleute als Handwerk, sondern als Wissenschaft trieb, und alle ihre verschiedenen Theile umfaßte, war er ein 292 verdienstlicher Priester in dem Tempel der Göttin, der jedoch nie ganz in ihr Allerheiligstes eindrang, weil seinem meßkundigen Geiste die Flügel der Phantasie fehlten, oder diese Flügel ihn meistens in das Land geschmackloser Hirngespinste trugen. Ein Zeuge dessen ist auch das große Crucifix, das von ihm gemahlt sich hier befindet; eine wunderbare Zusammensetzung von Weibern, Heiligen, Königen und Göttern, deren zusammenhängender Sinn, wenn sie einen hat, erst mühsam wie ein mathematisches Problem aufgelöst werden muß, und dann doch außer den Grenzen mahlerischer Dichtung liegt; übrigens voll Verdienst im Einzelnen, in Farbe, Zeichnung und Perspectiv. Aber eine Kreuzabnehmung von Lucas von Leyden, die neben diesem Dürerischen Gemählde steht, thut ihm nicht so wohl durch den goldnen Grund, der die Farben prächtig heraushebt, Abbruch, sondern übertrifft es vornehmlich an beßrer Anordnung und Zusammenstimmung und hervortretender Ründung. Freylich sind die Falten auch steif, und die Hände spinnenartig; aber eine zarte Empfindung, die diesem Meister charakteristisch eigen zu seyn scheint, vereinigt und belebt die Handlung, und eine unübertreffliche Menschlichkeit liegt im Ausdruck der Gesichter, gleich entfernt vom italiänischen Ideal und von holländischer Gemeinheit. Ich finde, daß weder Annibal Caracci noch Rubens die Traurigkeit der Maria so bedeutungsvoll und edel dargestellt haben, als hier in dem Gottergebenen 293 Gesichte voll Blässe der Ohnmacht geschehen ist; jene drücken den Schmerz der heiligen Mutter zu sinnlich aus, wie wenn sie das Schwert im Leibe hätte, hier geht es ihr wirklich durch die Seele. Es hängen auch zwei Porträte von Dürer hier, sie sind aber zu flach und dünne gemahlt, um die Vergleichung mit den Meisterstücken Holbeins auszuhalten, dem bey seinem feinen, weichen und markigen Pinsel nichts fehlt, als gelindere Umrisse, und bey seiner Kraft die Natur aufzufassen, nur noch etwas mehr Sinn für das Ideal des Charakters. In die ehrwürdige Schule der alten steifen Treue verdient auch noch Quintin Messis gezählt zu werden, von dem hier einige heilige Familien sind. Ob er gleich alle Hände zu klein, und die Köpfe von geringerer Bedeutung macht, als Dürer und Lucas von Leyden, so mahlte er dafür die Gewänder schöner und freyer, und hat mit ihnen jene zarte Jungfräulichkeit und heilige Klösterlichkeit der weiblichen Gestalten gemein, und den Ernst der Unschuld, die schlichte Demuth und die weltfremde Einfalt der Jünglinge und Männer, welches alles so schön zu der sanft- und demüthigen Lebensweise des friedlichen Königes paßt, dessen Reich nicht von dieser Welt war. Zwar werden diese Eigenschaften heut zu Tage, besonders auch hier zu Lande, wo man das Schöne immer idealisch haben will, das Ideal aber sehr unidealisch nach einem modischen System zuschneidet, nicht mehr als 294 gültiger Styl anerkannt; es ist aber doch merkwürdig, wie sehr sie schon den alten Italiänern aufgefallen seyn müssen, da nicht nur Dürers Passion, die diesen Charakter an sich trägt, theuer von ihnen gekauft und von einem ihrer ersten Künstler nachgestochen wurde, auch Dürer selbst bey Raphael in großer Achtung stand, sondern selbst große Florentinische Meister so sehr von diesem nordischen Style (wenn ich ihn so nennen darf) eingenommen wurden, daß sie so gar ihre schönern Landesformen dieser altdeutschen Natur aufopferten, und sie auf eine nicht zu entschuldigende Art zu ihrer Manier machten. Ich kann nicht anders, als hier noch zwey alter Gemählde, die einem Anton Claissens zugeschrieben werden, und das Urtheil des Cambyses vorstellen, gedenken, weil in ihnen jener altväterische trockene Fleiß bis zum lächerlichsten Extrem seelenloser Dürre übertrieben ist. Eine Menge Figuren stehen wie unbewegliche Stöcke um den Menschen herum, der lebendig geschunden wird, ohne mit Mienen oder Geberden den mindesten Antheil zu bezeugen, und erregen durch ihre hölzerne Gleichgültigkeit, statt Mitleidens oder Abscheus über die grausame Handlung, bey jedem Beschauer unfehlbares Lachen. Besonders gesegnen sich die Franzosen über diese ihrem ganzen Wesen so fremdartige Steifigkeit, und preisen sich glücklich, daß auch ihre gemeinen Mahler doch noch der Anmuth huldigen. Indessen haben auch diese alten 295 Werke mehr noch als bloß geschichtlichen Werth; das böse Gewissen drückt sich in dem Gesichte des Richters nicht übel aus, die Hände sind gut gezeichnet, die Haltung gut geordnet, alles ist mit einem reinen Pinsel gemahlt, und der Fleiß dabey ist so groß, daß man in dem Helm eines Kriegers den Widerschein eines Kirchthurms entdeckt. Freylich ist alle Anmuth daraus verbannt; aber denjenigen Franzosen, welche diesen Mangel zu einem Triumph ihrer Grazie, und andern zu einem Nationalvorwurf machen wollen, sollten wir, statt ihnen sclavischen Beyfall zu geben, keck Vanloos kraftlose Theaterzierlichkeit, oder Wateaus galante Salbadereyen vorhalten, wogegen jene alte ängstliche Wahrheitstreue ein wahres Verdienst ist. Vor allen diesen alten Deutschen und Niederländern aber gebe ich die Palme dem ältesten von ihnen, dem Johann van Eyck . Er ist nicht nur in der Wärme des Colorits vorzüglich, welche er auf den höchsten Grad zu treiben wußte, ohne daß sie bunte Manier wurde, nicht nur in edlern Formen und weniger Trockenheit bey der gewissenhaftesten Vollendung der Gesichter, Gewänder, und alles dessen, was man sonst als Nebenwerke vernachlässigen zu müssen glaubt (bey ihm ist nichts Nebenwerk), bis auf das geringste Gräschen herunter; sondern in allem zusammengenommen, was jene alte Kunst auszeichnet und preiswürdig macht. In dieser Hinsicht verdient seine Hochzeit zu Cana, vorzüglich aber seine Anbethung des Lammes, 296 einen ehrenvollen Platz neben dem Höchsten, was die Kunst aller Zeiten hervorgebracht hat. Wer das mystische Sujet vertragen mag, wird den innern Geistesgehalt dieses Werks eben so groß finden, als die practische Kunst, wenn schon keine Spur classischer Alterthümlichkeit darin anzutreffen ist, und der außerordentliche Fleiß in der Ausführung eher die geistige Bedeutung zu schwächen als herauszuheben scheint. Aber die Apocalypse ist eine zu verrufene Quelle, als daß nicht die gewöhnlichen Leute von Geschmack ein Vorurtheil gegen alles haben sollten, was aus ihr herfließt; wenigstens sehe ich niemand sich lange vor diesem Gemählde verweilen, und wenn ich jemand darauf aufmerksam mache, gibt man mir nur mit Kaltsinn Recht. Ich dächte jedoch, der echte Kunstsinn sollte sich wohl auch eine kurze Zeit in die christliche Mythologie mit Wohlgefallen hineindenken, und ihre Ideen mit dem Plastischschönen vereinbar finden können, wenn ihn, wie hier der Genius dieser Mythologie, in Werken die er selbst eingehaucht zu haben scheint, sichtlich dahin leitet. Es ist mehr ein Beweis von der Einseitigkeit des Geschmacks, als von seinem wahren Fortschritte, daß man das unendliche Reich der bildenden Phantasie so beschränkt, und nicht nur alle ihre Wirksamkeit in griechische Verhältnisse bannen will, ohne Scheu vor den schreyenden Idiotismen, welche die Folge davon sind, sondern ihr auch bald keinen Stoff mehr gestattet, der nicht aus Griechenland 297 herkömmt. Ist doch auch aus jenen alten hebräischen Mythen ein gewaltiger Geist hervorgetreten, der an Kraft und Ausdehnung keinem weicht, und sich in allen bildlichen und unbildlichen menschlichen Schicksalen durchgreifend und schön zu zeigen im Stande ist! Zwar hat der Künstler noch nicht gelebt, der diesen Genius in seiner reinen Originalität gefaßt, und in ganzer Wahrheit dargestellt hätte; den Italiänern lagen die Antiken zu nahe, deren Gräcität diesem Geiste zu vornehm ist, oder sie hingen zu sehr am Materiellen; und die Deutschen faßten wohl seine Innigkeit und Demuth, aber nicht den leichtern Schwung und die feinere Lebendigkeit des Morgenlandes, und mischten zu viel von ihrer Nationalität darunter. Aber die Zeit, welche nicht ruht, bis sie alles mögliche Schöne und Gute geweckt hat, wird auch noch diesen christlichen Künstler hervorzubringen wissen, der das Eigenthümliche des Geistes der Bibel in den Darstellungen ihrer Geschichten anschaulich machen, und zur bleibenden, ja vielleicht zur vorzüglichsten Idealität stempeln wird, und wenn er kömmt, so wird er sich in diesem nordischen Style mehr vorgearbeitet finden, als irgend anderswo. Dieß Gemählde voll auffallender und verborgener Schönheiten würde sich, auch von dem himmlischen Kleide der Farben entblößt, noch im Kupferstiche gut ausnehmen, und verdiente diese Auszeichnung (wenn sie nicht schon geschehen ist) auch um seines Alters, 298 und des Ruhmes seines Meisters, also um der Kunstgeschichte willen; aber es möchte schwer halten, einen Grabstichel zu finden, der dieser ernsten Vollendung getreu bliebe, ohne von dem saftigen und kräftigen Tone, den das Original hat, abzuweichen! Es ist noch sehr gut erhalten; die Farben müssen mit außerordentlicher Reinigkeit und Kenntniß gemischt worden seyn, um diese Frischheit nicht zu verlieren, die auch dem Wiesengrunde, durch den das Wasser des Lebens fließt, zur geistigen Bedeutung nothwendig ist. Diese paradiesisch grüne Flur dient zugleich zum Grunde für die glänzenden Gewande, und bringt sie in eine unblendende Harmonie. Es stand ehemals in der St. Johannes-Kirche zu Gent, und wurde, wie Sandrart im zierlichen Tone der fruchtbringenden Gesellschaft sagt, »daselbst wohl verwahrt und verdeckt, und nur von den höchsten Potentaten der Welt mit ihren Gnadenblicken bestrahlet, oder um große Verehrungen und auf hohe Feste gezeiget, dabey allezeit ein solch Gedräng von Kunstliebenden entstanden, daß es nicht anders geschienen, als ob die Kunstbegierigen Immen, bey diesem Immenkorb umschwärmend, sich über die Süßigkeit des Kunsthonigs ergötzten.« Außer diesem berühmten Gemählde sind noch einige andre von dem gleichen Meister, als ein St. Johannes, eine heilige Jungfrau, und ein Gott Vater, hier, die dasselbe in meinen Augen noch übertreffen, 299 und zu dem erhabensten gehören, was die Gallerie besitzt, und die zugleich ein Beytrag sind zu meiner obigen Bemerkung, daß der Geist der Bibel große Bilder erlaube und eingebe, ohne sie in griechische Manier zu kleiden. Die Neuheit der glühenden und doch harmonischen Farbenpracht, worein die Gebrüder van Eyck ihre ohnedieß schon über das Gewöhnliche erhabenen Gebilde kleideten, und welche beym ersten Entstehen der Oehlmahlerey gleich so auffallend rein und kräftig war, daß dadurch alle vorhergegangenen Versuche, von denen man noch jetzt Spuren hat, verdunkelt wurden, mag es seyn, die ihnen den Ruhm der Erfindung dieser Kunst erwarb, so wie Klopstock, (zwischen dem und unserm Künstler sich auch noch in andrer Hinsicht eine zusammentreffende Vergleichung anstellen ließe) mit Recht für den Erfinder des deutschen Hexameters gilt, wenn schon vor ihm und mit ihm auch andre sich daran geübt haben. – Wenn ich übrigens bey diesen und andern gleichzeitigen Bildern das Feuer der Farben in den Gewändern, und das damit nicht ganz harmonische Matte in der Carnation betrachte, so kann ich mich der Vermuthung nicht enthalten, als hätten jene Künstler diesen Farbeneffect weniger nach der Natur, als nach Glasgemählden studiert. Mit gemahlten Fensterscheiben waren damahls alle Kirchen und öffentlichen Gebäude verziert; wie oft mag beym Gottesdienst, oder bey einem Bankett, der schauende Sinn 300 des Meisters auf diesen hohen Farben geruht haben, wogegen andre Schildereyen nur Schatten waren; wie natürlich entstand der Vorsatz, auch auf Holz und Tuch sich daran zu versuchen, und von dem glücklichen Erfolge war es ein kleiner Schritt zur um sich greifenden Annahme. Dieß Studium führte nun freylich weniger zur Kenntniß des Helldunkels und der Haltung u. s. w., als zu dem überirdischen Glanze, der feurigen Transparenz, und ähnlichen Vorzügen, welche unter den alten Mahlern so gemein sind, deren Erreichung aber sie zu der reinen Farbenmischung zwang, die unsrer Zeit fast eben so fremd scheint geworden zu seyn, als die Glasmahlerey, und die doch jene vierhundertjährigen Gemählde noch so frisch erhalten hat, wie sie unter dem Pinsel hervorgegangen sind. So bin ich von Poussin unvermerkt auf den wärmsten, nicht auf den größten, Coloristen gekommen. Aber die Gerechtigkeit und der gesunde Verstand bewahren mich, jetzt etwa beyde gegen einander messen und abwägen zu wollen! Denn wenn ich nun von diesem heiligen Glanze wieder zu dem farbenlosen Poussin übergehen, oder nach Poussins antikisirten Gestalten diese kirchlich-strengen Heiligen beurtheilen wollte, so könnte ich kaum anders, als einem von beyden Unrecht thun, weil sie zwey Ende ausmachen, und doch jeder, allein betrachtet, so viel lobenswürdiges hat. Wer 301 gern richten will, muß sich hüthen, es nicht bis zur Wärme der Empfindung für die eine Partey kommen zu lassen, weil, wenn in diesem Zustande ein Urtheil gesprochen wird, das momentane Gefühl des Wohlgefallens sich unaufhaltsam neben die Erkenntniß auf den Richterstuhl drängt, und dann nothwendig der gegenüberstehenden Partey zu viel geschieht. Wer wird aber unter dieser Bedingung richten wollen, möchte ich fragen, wenn nicht die Erfahrung lehrte, daß dieß ausschließliche Absprechen nur zu gewöhnlich sey, weil man jetzt über alles Theorien ausspinnt, und jeder auch die Wissenschaft der Kunstregeln in der seinigen zu finden glaubt, dem zufolge dann Gegenstände, die ganz verschiedene Principien haben, unter Eine Norm des Urtheils gezwungen werden, und man auf diese Weise wenigstens einem von ihnen so gewiß zu nahe tritt, als man nicht zwey Körper, die einen verschiedenen Gesichtspunct erfordern, unter Ein Glas bringen kann, ohne den einen verstellt zu sehen. In den Sälen des Museums, unter den Gemählden, und im Apollosaale bey den Hand-Zeichnungen, wo ich, manchmahl fast allein, auf den königlichen Polstersitzen, die noch da sind, ausruhe; eben so in dem Heiligthume der Antiken ist mir hier am wohlsten. Nicht so an den öffentlichen Plätzen, nicht im Palais royal; ich bin zu alt, zu lange in einfacher 302 Schweizersitte aufgewachsen, zu sehr im Widerspruch mit allem sittlichen und physischen Lärm und Geräusche, als daß ich an dergleichen, wenn die Neugier befriedigt ist, viel Wohlgefallen finden könnte. Ich sehne mich daher öfters zurück nach der ländlichen Stille zu Hause. Nicht selten komme ich mir selbst als der einsamste und unbekannteste Mensch in ganz Paris vor; meine Reisegefährten haben ihre Bekanntschaften, deren Häuser sie abends besuchen – ich habe keine, ungeachtet meiner Recommandationen, so daß es mir oft vorkömmt, ich müsse in meiner Persönlichkeit etwas abstoßendes haben, weil mich die laute Welt und ich sie nicht mag. Ich kann das aber nicht mehr ändern, und komme am besten fort, wenn ich im Stillen Geduld mit mir selbst und andern habe. Zwey Männer habe ich indessen besucht ohne Empfehlung und Einführung. Der Eine ist Mercier, von dem als Verfasser des Tableau de Paris ich mannigfaltige Belehrung über diese Stadt zu erhalten hoffte. Eine noch ziemlich junge Person, die ihn mon bon ami nannte, öffnete, und führte mich bey ihm ein, wo mir eine etwas unordentliche Haushaltung auffiel. Es war nach zehen Uhr des Morgens, und noch lagen zwey Knaben von zehen bis zwölf Jahren nackt im Bette, und ein kleines Kind wurde in der Stube herumgeführt. Er fragte mich gleich, wie es jetzt in der Schweiz stehe, und als ich antwortete, wir leben noch bloß von der Hoffnung, es werde uns aber bald 303 gehen, wie ich gestern im Misanthrope gehört habe: on deséspere lorsqu'on espére toujours , fing er an von unsern Regierungen und ihrer Tiranney zu sprechen, um deretwillen es so habe kommen müssen; er rühmte die milden Gesinnungen der französischen Generale gegen unser Land: c'est avec regret, habe ihm sein Freund, der General Brune mit Thränen im Auge gesagt, que je vais faire la guerre dans ce pays la, das sey jedoch nothwendig gewesen. In diesem proclamatorischen Tone des ehmaligen Directoriums ging es noch lange fort; ich bekam nur zu hören, was ich nicht gern mochte, und von Bemerkungen über das neue Paris war nicht die Rede. Um ihn darauf zu bringen, sagte ich, die Schönheit ländlicher Natur sey doch auch etwas, und das sey das Einzige, was ich hier vermisse; über den Charakter der Stadt selbst aber finde ich, ungeachtet der neuen Zeit, noch immer den besten Aufschluß in seinem Gemählde von Paris. Das werde schon lange nicht mehr gelesen, antwortete er mit anscheinender Gleichgültigkeit, das beste Buch könne hier auf kein Jahrelanges Leben zählen, alles sey nur Mode, so auch das Aufheben, welches man jetzt von dem Schweizerlande mache, die Alten haben das nicht gethan; er kenne die Schweiz wohl, da er vier Jahre in Neufschatel gelebt habe; die Freude an der Natur im Kleinen sey der wahre Genuß, und diese gewähren ihm hier seine zwey Bäume im Garten, auf die er hinwies, so gut als eine Gegend voll 304 Berge. – Ich ließ ihm die Freude, ob er mir gleich die meinige verdarb, und empfahl mich. Uebrigens war er von natürlichem Betragen, scheint aber nicht gewohnt zu seyn, daß viele Fremde ihn besuchen. Er sey hier vergessen und verrochen, sagen die Pariser mit Undank, der Mann hatte doch einst viel Verdienst, das man nicht hätte vergessen sollen. Mehr befriedigt war ich einige Tage nachher von einem Besuche, den ich bey dem Mahler David zu machen wagte. Ich hatte zu wiederhohlten Mahlen sein Gemählde der Sabinerinnen, das zur Schau ausgestellt ist, gesehen, ja sogar eine Beschreibung davon versucht, Zu finden in dem helvetischen Journal für Litteratur und Kunst. Zürich 1802. und konnte dem Triebe nicht widerstehen, wenn ich gleich schon lange nicht mehr berühmten Männern nachzugehen gewohnt bin, den Mann zu sprechen. Nach dem Spruche: loquere ut te videam, wollte ich ihn ganz sehen. Ich ließ mich also melden, mit nicht minder ehrerbietiger Gesinnung als wenn es bey einem großen Herrn gewesen wäre, und wurde sogleich in sein Wohnzimmer eingeführt, wo es wider mein Erwarten an Möblen und Wänden nicht vornehmer aussah als bey uns in ehrbaren Wohnstuben. Er rückte mir einen Stuhl zu sich hin, und so war die Bekanntschaft gemacht. Noch ein Mahler, 305 wahrscheinlich einer seiner Schüler, saß bey ihm, und häusliche Frauen gingen im Zimmer hin und her; das einfache Wesen gefiel mir. Als ich den Blick nach einigen Bildern warf, die herumhingen, und mir ganz gewöhnliche Pastellporträte zu seyn schienen, äußerte er, ich müsse dahin nicht sehen, diese Bilder haben nur Bedeutung für ihn, es seyen seine nächsten Verwandten. Noch nahm ich den großen Meister nicht wahr, sondern nur einen schlichten kräftigen Mann, den ich mehr für einen außer Landes gebildeten ernsten Bildhauer oder Architekten hätte ansehen mögen, als für einen französischen Mahler. Auch sprach er gleich mit vieler Theilnahme von der Schweiz und unsrer vor gänzlicher Unterdrückung schützenden politischen Lage; warnte aber, da er mich anfänglich für einen patriotischen Künstler hielt, vor Einmischung in öffentliche Geschäfte; das sey, sagte er ganz unverhohlen, (wahrscheinlich seiner selbst eingedenk) eine Beschäftigung, die sich nicht mit den schönen Künsten vertrage, denn glänzende Ideale seyen in der Politik gerade so verderblich, wie graue Nebel in der Mahlerey. Von dem schönen Sommer, bemerkte er, werde ich in Paris weniger sehen, als in meinem Lande, worüber er auch ganz anders sprach, als Mercier der die Schweiz zu einer französischen Provinz gemacht, und seinen ärmlichen Garten dem Lande der Alpen vorgezogen hatte. Ueberhaupt hätte man diesen beyden Männern nach ihren jetzigen Reden die ganz entgegengesetzte politische 306 Rolle zuschreiben sollen, mit der die sie vormahls gespielt hatten; so unhaltbar ist jeder Enthusiasmus. Da Vinci's Abendmahl von Morghen war erst vor einigen Tagen öffentlich geworden, stand in allen Kupferstichbuden voran, und war noch das Kunstgespräch der Stadt. Ich lobte es, David aber wollte nicht in mein Lob einstimmen, der Kupferstich sey schlecht, sagte er, und gebe gar keine Idee von dem großen Gemählde, das er unter die vorzüglichsten der Welt setze, habe auch nicht nach dem Originale gemacht werden können, weil man dort von den Füßen unterm Tische gar nichts mehr sehe. Wenn Mahler wie David kein großes Wohlgefallen an Kupferstichen haben, so ist das wohl zu begreifen, denn auch der beste Stich steht gar zu weit hinter dem, was sie in einem so vorzüglichen gemahlten Bilde sehen. – Er setzte Lenardo als Mahler noch über Michelangelo; die Kränkung, sich diesen vorgezogen zu sehen, habe den Lenardo aus Italien nach Paris getrieben, wo er sich zu sehr dem Vergnügen überlassen, daher man auch so wenig Arbeit von ihm sehe. – Er verschwendete sein Leben in Versuchen, sagte ich (nach Fuseli), und David fügte hinzu, seine Schönheit und sein Universalgenie haben ihn immer von beharrlicher Arbeit abgezogen. Als ich des großen von oben beleuchteten Saales des Museums erwähnte, wo die Bilder von größerm Umfange aufgehangen sind, rühmte er vor allem aus 307 die Hochzeit von Canna des Paul Veronese, und sprach mit großer Bewunderung davon, welches ich um so viel lieber hörte, weil ich schon früher dieser Meinung war. Die daneben aufgestellten Rubensischen Bilder stehen gegen die technische Wahrheit dieses Gemähldes im Schatten, sagte er, und verglich Rubens Colorit mit dem Tone der großen Welt, es sey kein bon sens darin; wer nur bon sens spreche, gelte nichts, man verlange Esprit , dadurch blende Rubens, und werde deßhalb so erhoben. Von Correggio sagte er unter andern; er habe immer als ein reicher Künstler angefangen, und als ein armer aufgehört, in den meisten seiner Gemählde zeige sich auffallend die häusliche Dürftigkeit, die ihn zu schneller Vollendung in den untergeordneten Theilen gezwungen. Oft sey auch etwas pastellfarbig widerliches in seinen Stücken. Gleichwohl müsse er ihn, der sich durchaus selbst gebildet, unter die Mahler vom ersten Range zählen. Raphael habe vieles von Masaccio und Fra Bartholomeo angenommen; diesen jedoch ertheilte er großes Lob, so wie er überhaupt von den alten Florentinern mit vieler Achtung sprach. – Tiziane seyen wenige hier, nur Ein Guter. Gegen Lebrun, dessen große Schlachten auch in diesem Saale angebracht sind, hier aber neben dem glänzenden Farbenspiele der Rubens und Paul Veronese etwas flach und braun erscheinen, war er nicht so ungerecht wie manche Neuere; er schrieb ihm einen 308 edeln, wenn auch nicht großen Styl zu, und sagte, Lebrun habe in seinem Leben zu viel aus sich selbst gemacht, jetzt nach seinen Tode mache man zu wenig aus ihm. Seine Rede war gelassen und ernst, natürlich und offen, er sprach nicht wie mancher deutsche Professor, der immer dociren will, noch wie ein redseliger Franzose, der sich selbst gefällt. – Da seine linke Backe durch ein Gewächs sehr verstellt ist, so sucht er in der Unterhaltung sich gern im Profil zu zeigen, jedoch ungezwungen und, wie man deutlich sieht, nicht um den Schaden zu verbergen, sondern dem Fremden den unangenehmen Anblick zu ersparen. Uebrigens ist er ein wohlgewachsener Mann von freyem kühnen Anstand und feurigem schwarzen Auge. Auf die Restaurationen, die mit den eroberten Kunstsachen (denen er, wie alle Künstler die in Italien gewesen, lieber den alten Platz in ihrem Vaterlande gegönnt hätte) vorgenommen werden, war er übel zu sprechen: C'est comme si l'on m'egratignait le visage, quand je vois cela; man hätte sie lassen sollen wie sie sind, meinte er, man sey nicht einmahl mit dem bloßen Ausbessern zufrieden, ils les peignent, die Domenichine haben sie ganz übermahlt; in zehen Jahren werde man den Schaden erst sehen. So mache man es auch mit den Statuen, den Apollo sogar haben sie geseifet und gekratzt ( savonné et gratté ). um das Röthliche des Alterthums, das sich an den 309 Marmor setze, und das man so gerne darauf sehe, wegzubringen. Er habe es dem Consul und dem Minister gesagt, aber es helfe nichts. Sehr bereitwillig gewährte er meinen Wunsch, seine ältern Gemählde zu sehen. Er ließ mich von seinem Schüler durch die dunkeln Gänge und Treppen des Louvre in ein Zimmer führen, wo mehrere seiner Bilder waren, unter denen mich aber die unsterblichen Meisterstücke, Horazier und Brutus, so beschäftigten, daß ich für Einmahl von andern keine Kunde nehmen mochte, um mir den großen Eindruck nicht zu verderben. David erschien mir weder als Franzose, noch als einer andern Nation angehörig, sondern als ein in sich selbst ruhender, gediegener Mann, der den Bessern jeder europäischen Völkerschaft zugezählt werden könnte. Aus seinen politischen Verirrungen hat er sich längst wieder zu recht gefunden, und sich, wie er nicht verhehlen kann, durch Scham und Schmerz gereinigt; wiewohl er noch jetzt in dem Urtheile der Welt dafür büßen muß. Das unaufhörliche Herumwandern, Umherblicken und Beschauen hatte meinen Geist so ermüdet, daß mich auch das Bedeutende wenig mehr anzog, und manches, dem ich zu Hause stundenweit nachgegangen wäre, mir kaum noch eines Blickes werth schien. Ich 310 konnte mir nun die Gleichgültigkeit der Pariser erklären, die das Alte nicht mehr beachten, und nur Neues wollen. Aber bey mir war es Erschlaffung, ich empfand, daß ich die Anstrengung unterbrechen und frische Luft suchen müsse, und setzte mich deßhalb mit ein paar Bekannten in eines der immer bereitstehenden Cabriolete, um nach St. Germain zu fahren. Das sind zwar wohlfeile, aber keine ergetzlichen Fuhrwerke. Wir kamen bey Malmaison vorbey, wo jetzt der Erste Consul wohnt. Das Schloß gewährt von außen keinen großen Anblick, inwendig aber soll es sehr ausgeschmückt seyn. Einige Garden bewahren die Eingänge, das ist alles. Man sollte nicht denken, daß hier der wohnt, der gegenwärtig das Schicksal von Europa lenkt; man könnte es mit der einsamen Wohnung Friedrich des Großen vergleichen, wenn nicht andre Umstände die Vergleichung wieder störten. Es heißt auch schon, daß der kleine Raum dem großen Manne nicht mehr genüge. Was wird ihm genügen? Bey Marly hielten wir einen Augenblick an, um das ehemahls so berühmte Werk zu sehen, welches das Wasser aus der Seine nach Versailles treibt. Es ist zu künstlich, als daß ich seinen Bau verstehen konnte, ich sah nur die ungeheure Gewalt, womit das Wasser fortgestoßen wird, welches in den Leitungen so schnell strömt, daß es wie Holz anzufühlen ist. Neu war mir das schauerliche Spiel der vierzehen ungeheuren schwarzen Wasserräder, die sich in chaotischer Wirre 311 durch einander treiben, und den Geist erschrecken, wie die heutigen Staatenumschwunge; nur daß sie zu einem geordneten Zweck arbeiten. In St. Germain wollten wir übernachten; nachdem wir aber die Anmuth der Gegend bewundert, das alterthümliche, ehrwürdige, nunmehr vernachläßigte Schloß betrachtet, die lieblichen Terrassen sattsam durchwandert, und die Schwachheit Ludwigs XIV. bemitleidet hatten, der von hier aus, wo er sich zuerst anbauen wollte, die ferne Ansicht der Königsgräber in St. Denis scheute, und deßwegen die öde Landschaft von Versailles vorzog, – war es noch früh am Abend, und wir entschlossen uns, zwey Stunden weiter zu Fuß nach Versailles zu gehen. Prächtig war der Abend, mild und lieblich das Land, mahlerisch schön das grüne Laubgehölze, da wir zu Hause meist nur schwarze Tannenwälder vor uns haben. Als wir aber auf die Anhöhe kamen, von der man in das weite Thal hinab sieht, wo Stadt und Schloß von Versailles und der große Park liegen, so verschwanden alle andern Eindrücke vor dem ganz neuen Anblick, der uns in der Frist von wenigen Minuten lange Tage der Vergangenheit vor Augen legte, denn die letzten Strahlen der Sonne ruhten noch glänzend auf dem königlichen Schlosse, goldenes Licht und breite Abendschatten, die aus dieser Ferne alles Kleinliche verhüllten, gaben dem großmächtigen Gebäude ein so heiteres und majestätisches Ansehen, daß man sich leicht 312 der Täuschung hingeben konnte, noch sey alles in seinem vormahligen Zustande, und das Hoflager des prangenden Königs walte noch in seiner ganzen Herrlichkeit da. – Doch kaum hatten wir uns in dieß schimmernde Leben hineinzudenken angefangen, als der Glanz der Sonne wich, und die graue Dunkelheit der Dämmerung sich schnell über alles verbreitete, so daß jede Zauberwirkung der Beleuchtung verschwand, und der stolze Pallast in leerer Unbedeutsamkeit, nur noch wie das Gerippe des so eben gesehenen da lag; ein sprechendes, ja erschütterndes Bild von Jetzt und Vormahls, dem wir nun bald noch näher kommen sollten. Zum Wirthshause mußten wir durch den Schloßhof gehen, wo mir das Düstere, sich einengende der Bauart, und noch mehr das Gras auf dem Pflaster widerlich auffiel, die Betttücher meines Nachtlagers waren mit dem königlichen Wappen bezeichnet. Beym Erwachen spürte ich, daß ich mir gestern durch Erkältung eine Unpäßlichkeit zugezogen; sie begleitete mich den ganzen Tag, und hinderte mich mancher Merkwürdigkeit nachzugehen, mag vielleicht auch Ursache mancher mißlaunigen Bemerkung gewesen seyn. Da es noch zu frühe war, um im Schloß eingelassen zu werden, wanderten wir in dem Garten und Park herum, fanden alles, wie zu erwarten war, sehr vernachläßigt und nur zum Scheine noch ein wenig unterhalten. Zwar stehen noch Bildsäulen von Marmor und Erz in Menge umher, auch noch recht gute 313 Copien der Antiken, die besten jedoch sollen nach den Tuillerien gebracht worden seyn; aber was sonst diesen kunstgeordneten Räumen das Leben gab, die springenden Wasser, fehlen ihnen; es gibt einen traurigen Anblick, allenthalben die großen Bassins kaum zur Hälfte mit schlammigem Wasser angefüllt, und die wasserspeyenden Bilder in Trockenheit und Müßiggang verschmachtend daliegen zu sehen. Dieser Park scheint auf eine beständige Fülle von Menschen berechnet zu seyn, denn ohne sie ist er jetzt das langweiligste Schaffwerk, so man sehen kann, bestehend aus Alleen, Bosketten, und dem schwarzen trocknen Gestein geschmackloser Cascadenstufen. Und was für Alleen? Schnurgerade, hohe Heckengänge von unausstehlicher Einförmigkeit, man meint immer den gleichen Gang zu gehen, und wenn die Sonne hoch steht, hat man nicht einmahl Schatten. Dazwischen stehen die Lustgebüsche; will man zu diesen hinein, muß man erst von einem Wärter den Schlüssel haben, dann kömmt man auf enge Pfade, die zur Mitte führen, wo ein kleiner Tempel mit Säulen und einem französirten Götterbilde steht, oder Marmorgruppen von Girardon, Coisevox und andern die mehr Verdienst im Einzelnen als im Ganzen haben, oder Springbrunnen die nicht springen. Erquicklich fanden wir indeß die kühlen Schatten, und den Morgengesang der Vögel, die sich in dieser Finsterniß der Bäume aufhalten. 314 Da mich mein Uebelseyn hinderte, meine Gefährten nach Trianon zu begleiten, das man als den lieblichsten Aufenthalt schildert, setzte ich mich auf eine Bank im Garten, dem Schlosse gegenüber, das von dieser Seite die Wohnung eines großen Königes würdiger vorstellt, als von der andern. Ich versuchte, mich in seine vorigen Zeiten zu versetzen, wo Könige und Fürsten mit glänzendem Gefolge aus diesem Prachtgebäude heraustraten, sich zahlreich in den Garten und um die Bassins ergossen, und alles mit schimmerndem Leben erfüllten; alle aufmerksam auf die Winke des Herrschers sich bemühten, im gefälligsten Anstande zu erscheinen, und ihm ein unvergeßliches Wort des Wohlgefallens abzuhorchen; wo die Wasserwerke überströmten, und niemand der kein hochzeitliches Kleid anhatte, sich nahen durfte, und wie ist es jetzt? Spielende Gassenjungen tummeln sich auf diesen Terrassen und marmornen Treppen herum. Einige tausend neuere Invaliden, die man hieher zu verlegen genöthigt war, weil sie sich mit den alten Kriegsmännern zu Paris nicht vertrugen, und jetzt in die Zimmer des untersten Stockwerkes, welche vormahls der unglückliche König inne hatte, vertheilt sind, erfrischen sich spazierend in der Morgenluft der Gärten. Unter ihnen sind viele, die in Egypten ihr Gesicht verloren haben, diese wandeln mit einem leitenden Hündchen an der Schnure in den Gängen herum, und beseufzen stille ihr Elend, oder singen es mit leichtem Muthe hinweg. Wieder 315 andre hört man auf erbärmlichen Geigen kratzen, da wo vordem die ausgesuchtesten Harmonien entzückten, und aus den königlichen Fenstern hängt die ärmlichste Wäsche heraus. War dieser unendliche Contrast im Zeitraum einiger Jahre möglich, wen könnte irgend ein menschliches Schicksal mehr befremden! und so wie der Wechsel ins Schlimme möglich war, ist auch der ins Bessere wieder möglich, wünschen, hoffen und sagen jetzt die hiesigen Einwohner laut, wenn sie gleich, wie man weiß, anfänglich eifrige Republikaner waren. Aber weder die jetzige noch die vorige Gesinnung soll dem Consul angenehm seyn; er will weder König noch Republik, sondern Sich selbst. Mich dem Schlosse wieder nähernd, kam ich auf die Terrasse vor demselben, wo ich von ziemlicher Höhe auf das Parterre der Orangerie hinabsahe. Dieß ist der schönste Standpunkt, den ich hier gefunden, er weiset auf ein großes Wasserbecken und viele hundert der schönsten Orangenbäume herunter, die ein edles Gebäude toscanischer Ordnung umgibt. Wie sich diese Partie allmählig verlängert, endiget sie in einen kleinen See, la pièce des Suisses genannt, welcher rings mit einer doppelten Baumallee bekränzt, und am Ende mit einem waldigen Hügel beschlossen ist, an dessen Fuß ein großes Ritterbild schimmert, das anfänglich zu einem Louis XIV. bestimmt war, und da es dessen Beyfall nicht hatte, aller Analogie zum Trotz in 316 einen M. Curtius umgeändert wurde, der sich für das Vaterland opfert. Mag auch diese ganze Partie etwas künstliches und altmodisches haben, so gewährt doch das Abgeschlossene derselben, welches wie ein übersehbares Gemählde zu unsern Füßen liegt, ihr etwas anziehend liebliches. Um 10 Uhr wurden die Säle für das Publicum aufgethan. Gleich beym Eintritt ins Schloß drängten mir männliche und weibliche Cicerone ihre Dienste auf, um mir die choses sublimes, die ich sehen werde, begreiflich zu machen; ich konnte sie aber bald durch eine geringe Pränumeration los werden, und nun mit Muße die labyrintischen Zimmer durchgehen, wo noch genug zu sehen ist, so wohl an allerley Geräthe, besonders an zierlichen Gefäßen aus kostbarem Gestein als an Kunstwerken der französischen Schule, die man noch zu einigem Trost für die Stadt hier gelassen hat. Diese Kunstwerke füllen noch acht große Säle. Hier ließ sich Claude Lorrain in günstigerer Beleuchtung noch besser schätzen als im Museum; fast noch wohlgefälliger als seine großen mit Architektur und Ruinen gezierten Bilder fielen mir einige kleinere Landschaften auf, die mit vielen niedlichen Figuren (von Callot, wie man mir sagte) staffirt sind. Auch herrliche Vernets sind da, deren geistiges Leben aber gegen Claudes seelenvolle Stille auch hier wieder zu kurz kömmt; man verliert sich bey diesem nur in den Gegenstand, den man vor sich hat, bey Vernet wird 317 einem immer, ich weiß nicht wie, der Mahler erinnerlich. Von Lesueur traf ich in einem eignen Zimmer die berühmte Folge von zwey und zwanzig Bildern aus dem Leben des heiligen Bruno aus dem Kartheuser Kloster zu Paris an, worin ich bey unverkennbarem Adel des Gedankens und der Darstellung doch viel Farbenschwäche und unerwartete Zaghaftigkeit in der Zeichnung fand; wie können ihn seine Landsleute mit Raphael vergleichen? Viele vortreffliche Bildnisse, worin die Franzosen Meister sind, fand ich hin und her zerstreut; als ich zu einigen derselben, die in einer Vertiefung des Zimmers noch ungeordnet standen, treten wollte, wies mich ein wohlgekleideter Aufseher freundlich zurück, und da ich gegen meinen Gefährten bedauerte, sie nicht sehen zu können, und der Mann unsre Schweizersprache hörte, gab er sich sogleich als einen Landsmann zu erkennen, wir mußten ihm von der Heimath, die er lange nicht gesehen, erzählen; er war der Sohn eines ehmaligen Cent Suisse, und zur Schadloshaltung hieher versetzt worden; aus Uthnach gebürtig. Er hat uns nachher noch mehrere Gefälligkeiten erwiesen. Lebrun nimmt sich auch hier, so wie im Museum als ein guter Zeichner von reicher Erfindung aus, und gefiel mir mehr noch in einigen kleinen Compositionen, zum Beyspiel in dem sogenannten Benedicite , als in 318 den großen. Die wohlbeleibte theatralische Magdalena, die Edelink so schön gestochen hat, fand ich auch hier; immerhin ein schönes Gemählde, und noch frisch in Farben. Am auffallendsten aber hat sich Lebrun hervorgethan in dem großen Saale, la grade gallerie genannt, wo er alle seine mannigfaltige Kunst und seinen vornehmen Geschmack zur Vergötterung seines Monarchen verschwendete oder verschwenden mußte; denn man kann sich nichts reicheres und prächtigeres denken, als die Decke dieses Saales in Hinsicht auf Architektur, Verzierungen und Mahlereyen, welches alles von ihm oder nach seiner Erfindung geschaffen wurde. Sich so wie hier Ludwig XIV. vorgestellt zu sehen, müßte ein Gott selbst für eine Ehre halten; die ganze Mythologie huldigt ihm, bald steht er da wie ein Apollo in göttlicher Genügsamkeit, und vor ihm her wüthet Hercules schrecklich mit seiner Keule gegen einige Dutzende moderner Allegorien aus der Moral und Heraldik; bald sitzt der König auf einem himmlischen Triumphwagen von Wolken getragen in antiker Rüstung und mit einer Allongenperucke, und schleudert Blitze, man weiß nicht, ob auf die Franche-Comté, oder auf seine Feinde, die sich unterstanden, ihm diese Eroberung zu wehren. Welch eine Leerheit mag in dem Kopfe gewaltet haben, den man mit solchen Schmeicheleyen füllen mußte! übrigens gehen alle diese Plafonds in den meisten Sälen ihrem Ende entgegen, sie werden schwarz, 319 zerbröckeln, fallen herunter, in manchen hat es schon große Löcher, einige kann man gar nicht mehr sehen. Da ich mich zu krank fühlte, um weiter herum zu gehen, blieb ich allein in einem runden Saale, der an die königliche Capelle stößt, in welche ich durch eine geöffnete Flügelthür hinabsah, und saß da wohl eine Stunde. Welch andre Gedanken konnten mir hier zu Sinne kommen, als an das Jetzt und Ehemahls? Was hätte vor diesem mancher Fremdling darum gegeben, von hier aus Könige und Königinnen mit ihren Großen in Andacht knien, und sich vor dem Herrn der Herren demüthigen zu sehen, die Herrlichkeit der Priester und Cardinäle zu schauen, und dieß alles noch durch die feyerlichen Klänge der Orgel gerührt, sich in dichterischen Zauber zu stellen. Von diesem allem sah ich nun freylich nichts als den kunstgeschmückten Tempel, aber ich saß ruhiger da, als wenn mir ehmahls die hohe Ehre des Schauens zu Theil geworden wäre, und ich nunmehr diese Verlassenheit vor mir hätte. Unser Rückweg ging über Seve, einen Mitbürger zu besuchen, welcher Vorsteher der dortigen Porzellanfabrik ist. Der Tag wurde bey ihm zugebracht, da wir durch seine Hülfe die Einrichtung der Ofen, die Zeichnungen und den ganzen Vorrath fertiger Sachen sehen konnten. Letzterer ist noch sehr groß und kostbar, obgleich die Anstalt in den neuern Zeiten sehr 320 gelitten hat, so daß anstatt dreyhundert ehmaliger Arbeiter jetzt nicht mehr hundert da sind. Dennoch sahen wir ganze Säle voll schimmernder Gefäße von dem größten bis zum kleinsten; große Urnen, worin sich ein Mann verbergen könnte, von übermäßig kostbarer Vollendung, die jedoch zu nichts als zur Verzierung glänzender Gemächer dienen können, auch nur zu Geschenken an große Herren bestimmt sind. Andre Vasen kleinern Umfangs, Schalen, Schüsseln, und Service aller Arten; alles dieses von der prächtigsten Vergoldung, wofür diese Manufaktur besonders berühmt ist, mehr als für die Formen, die noch zu viel von dem altfranzösischen Geschmacke haben. Auch mehrere kleine Stand- und Brustbilder waren zu sehen, allein in Statuen und Köpfen hat das Porzellan immer etwas hartes und stumpfes und am unrechten Orte glänzendes. Man macht auch ganze Gemählde auf große Tafeln, diejenigen aber, welche wir sahen, waren kleinlich, manierirt und hart in Farben. Am meisten aber zog uns der alte Vorsteher selbst an; Herr Hetlinger unser Mitbürger hat von Jugend auf so besondere Schicksale gehabt, so viele Lebensarten durchgegangen, und ist so manchen Gefährlichkeiten entronnen, daß die ungeschmückte Wahrheit der Erzählung schon eine unterhaltende, ja lehrreiche Geschichte gäbe; und ob er gleich in früher Jugend eine kurze Zeit sogar mit Führern fremder Thiere herumgezogen ,muß man ihn doch, so bald man ihn sieht, 321 unter die Pectora lacte et non calcata candidiora nive zählen, er hat eine Unschuld des Gemüths, eine Einfalt der Seele beybehalten, die zu allen menschlichen Herzen sich einen leichten Zugang öffnet. Wiewohl er schon über dreyßig Jahre von seinem Vaterlande entfernt lebt, war es mir doch, wenn ich beym Mittagessen die Augen schloß, und seine Sprache und Redensarten hörte, als säß ich bey Hause mit einem gebildeten Freunde zu Tische. Er war mir ein Beweis, wie man sich sittlich verfeinern, und doch im Grunde den Charakter seines Geburtsortes beybehalten kann, und daß Unschuld des Herzens mit unbefangner Vernunft die wahreste feine Lebensart ist, die keiner weitern Politur bedarf. – Durch eine traurige Gefangenschaft unter Robespierre ist er um sein Vermögen und seine Gesundheit, ja bey einem Haar um das Leben gekommen. Von seinen Kenntnissen in dem Fache, dem er vorstehet, zeuget seine Wiederanstellung nach den Schreckenstagen. Aus der deutschen Litteratur kennt er nur die Schriftsteller seiner Jugendzeit, und hat eine kleine Bibliothek derselben in seinem Zimmer, aus welcher er mir Gellert und Rabener wies und freundlich rühmte. Hätte ich sie tadeln sollen? So wenig als ich einem Katholiken seine Heiligen tadle, oder einem Reformirten seinen Zwingli! Als treuer Mitbürger hatte er unsrer Stadtbibliothek früher schon eine lebensgroße Büste Ludwigs XVI. von unverglasetem Porzellan zur Verehrung gegeben, 322 ein kostbares Werk, wovon vier einzige Exemplare gemacht worden, eines für Versailles, zwey für fremde Potentaten, und das vierte, das einen unmerklichen Fehler hat, schenkte der König Hetlingern. Auch finden sich noch viele in Wachs eingelassene kleine Vögel und Blumen von ihm, in zierlichen Farben, nach eigener Behandlung, worin er eine besondere Geschicklichkeit besaß. starb 1804. Nachdem ich noch durch höhere Begünstigung den ersten Consul mitten im Gepränge seiner Generale, Minister und auswärtiger Großbotschafter geistlichen und weltlichen Standes, alle außer ihm in reichster Pracht, ganz in der Nähe zu schauen Gelegenheit gehabt, auch in der nämlichen Stunde, als ob es so seyn müßte, seine Gemahlin bey einer Putzhändlerin, vor deren Hause ich mit einem Bekannten sprach, hatte abtreten sehen, und nun unverzüglich zu den Antiken eilte, ihnen meinen letzten Besuch zu machen – wollte es mit dem Anschauen dieser todten Steine jetzt gar nicht gehen; der lebendige Bonaparte mit seinem Gefolge, seinen Kriegern, und allen Neugierigen, welche sich zu seinem Anblicke drängten, ja die benachbarten Dächer füllten, stand mir wie ein Blendlicht vor der Seele. Ich mußte mich auf einen Ruhesitz nieder- 323 und den Sturm der Eindrücke vorüber lassen; siehe, da saß ich von ungefähr (das aber wie alle ungefähr wohl auch so seyn mußte) vor den Büsten des herrlichen römischen Ehepaars, welches man Cato und Porcia nennt, das ich früher schon nie ohne inniges Verweilen vorbeygehen konnte. Es that auch jetzt eine gute Wirkung; diese so klar ausgesprochene Menschlichkeit, wie aus dem Paradiese hervorgegangen, oder vielmehr durch ein ganzes Leben der Prüfung rein bewährt, in deren Betrachtung ich mich nach und nach vertiefte, brachte mich wieder zu mir selbst und auf den rechten Standpunkt, um die wahre Höhe der Menschheit anschaulich zu erkennen. Das ging so weit, daß wenn ich mir im Geiste die Bilder von B. und seiner Frau, wären sie auch von Phidias gehauen, dieser Gruppe gegenüber gestellt dachte, ich ohne Bedenken dem Römischen Paare den Vorzug gegeben hätte. Abschied war nun auch genommen von dem Museum, dem Pflanzengarten, und den Tuilerien, meinen liebsten Plätzen, dergleichen ich in der armen Schweiz nicht mehr sehen werde. Ein gleiches nun ebenfalls mit Einem Ueberblick von der großen Stadt selbst zu thun, bestieg ich des Morgens frühe, das heißt hier nach Neun, die Höhe von Montmartre, wo ich schon unterweges einen Vorschmack der Heimath 324 hatte, indem mir aus einer Kneipe der Vorstadt ein Gesang deutscher Handwerksbursche entgegen schallte, wie ein Traum, der mich gleich auf hundert Stunden von Paris wegsetzte. Bey Windmühlen vorbey und kleinen Schenken, die mit windigen Inschriften die Nation zum Lebensgenuß einladen, denn dieß bisherige Zauberwort scheint sich nach und nach in solche Winkel zurückzuziehen, kam ich zu der Kirche hinauf, an der noch die aufgeblasene Inschrift prahlte: Le peuple français reconnait un être supreme et l'immortalité de l'ame. Hier hat aber dieß höchste Wesen einen armseligen zurückschreckenden Tempel voll Unrath und Schmutz, mit den erbärmlichsten Schildereyen unordentlich behangen. Man kann freylich allenthalben bethen, wer wollte aber seinen Gott nicht lieber draußen auf dem weitumsehenden Hügel verehren! Zwey junge Männer kamen, die den auf der Kirche angebrachten Telegraphen sehen wollten; daran hatte ich nicht gedacht, und ging mit ihnen hinauf. Als wir an einer Thüre klingelten, wurde sie aufgemacht, ohne daß sich jemand zeigte; oben auf dem flachen Dache, um das eine Galerie geht, war der Telegraph angebracht, und unter demselben ein rings mit Fenstern erleuchtetes Zimmer, in welches Schnüre herabhingen, vermittelst derer durch Walzen der Kunstbau geleitet wird. Zwey Männer saßen da, die gar gefällig erlaubten, alles zu besichtigen und außen 325 herumzugehen nur die Maschinen nicht zu berühren, und die Fernröhre nicht zu verrücken, deren eines nach dem Louvre, das andre nach St. Denis gerichtet war. Da gegenwärtig der Telegraph ruhig und sein Spiel nicht zu sehen war, so fand ich Schadloshaltung an der weitreichenden Aussicht dieser Anhöhe, zu deren Füßen die unermeßliche Stadt mit ihren Kuppeln und Pallästen vor mir lag, so stille, als ob das dumpfe Donnergetöse ihrer Menschenwogen ganz verhallt wäre, so ruhig als ob kein Treiben der Leidenschaften sich mehr darin regte. So war auf diese geringe Entfernung schon alle menschliche Unruhe verschwunden, ist es ein Wunder, insofern dem fortlebenden Geiste sich noch eine höhere Ferne aufschließt, wenn er von dem Wirrwarr unter ihm nichts mehr vernimmt noch vernehmen will? – und wenn nun dieß Menschennest mit seinen vielen hunderttausend Bewohnern und allen ihren Herrlichkeiten von dem Erdboden verschlungen würde, welch eine Bewegung, welch Entsetzen in allen Welttheilen; und doch welch ein kleiner physischer Theil verschwände, ich will nicht sagen, von der Erde, sondern nur von dem beschränkten Raume, der den hiesigen Horizont ausmacht; so relativ ist jede Vergänglichkeit. Auch die noch größre Babylon ist verschwunden, daß man nicht einmahl die Stätte weiß, wo sie gestanden. Und wer ist nun der Lobenswürdigste unter diesem wimmelnden Haufen, wer der Glücklichste? Ist 326 es der Ehrgeizige, der alles daran setzt, und seine ganze Ruhe und die von Millionen andern aufopfert, die Höhe, auf welche er gestiegen ist, zu behaupten, und die noch steilere, die sich immer neu vor ihm aufthürmt, zu erklimmen? – Ja, wenn er sich erhaben fühlt im Geiste über seine Mitmenschen, wenn er nicht sich selbst, sondern die allgemeine Wohlfahrt zur Absicht hat, und die Vorbestimmung in sich fühlt, den übermenschlichen Zweck zu erreichen, ohne auszuweichen und im eiteln Versuche zu erliegen, so ist er es, so laßt uns ihm die Krone geben! – Oder ist es der verlassene Elende, der auf den Stufen des Pallastes sitzt, und flehende Hände zu Gott und Menschen emporhebt, und nicht weiß wo er sein Haupt hinlegen solle? – Ja, wenn er die seltene Kraft übt, nie zu vergessen des Funkens der Gottheit, der ihn belebt, und im Vertrauen auf eine ewige Ordnung, auf einen Vater im Himmel, sich mit stillem Muthe Hülfe oder den Tod erringt, so hat auch er gerechte Ansprüche auf den Namen des Guten und Würdigen. Auch des Glücklichen? Wenigstens so gut als Jener. Ungern stieg ich wieder von dieser einsamen Höhe herab, wo ich eine Zeitlang hätte wohnen mögen, kam in die Straßen der Stadt, die nach und nach volkreicher wurden, bis ich mich endlich wieder mitten im Getümmel befand, wo jedoch die auf dem stillen Berge höher gespannten Saiten der Seele noch eine gute Weile nachklangen. 327 Noch einige Tage ging ich öffentlichen Merkwürdigkeiten nach; den Menschenwerken, die ich zu Hause nicht sehen kann, mehr als den Menschen selbst, denn diese sehe ich im Vaterlande auch. Aber wäre auch die Stunde meiner Rückkehr nicht vorhanden, so müßte ich doch, um mich von der Zerstreuung wieder zu sammeln, eine Zeitlang mich einbannen, und eine bestimmte Arbeit vornehmen, um so viel mehr, da jetzt das Museum auf einen Monath geschlossen werden soll. Für einen, den nichts nach der Heimath zieht, muß sich hier doch ein ganz angenehmer Aufenthalt machen lassen, wenn er mäßig zu leben hat, und sich einen minder geräuschvollen Theil der Stadt zur Wohnung wählt, nahe bey einem schönen Spaziergange, dergleichen es hier so viele gibt, und nahe derjenigen öffentlichen Anstalt, deren Hülfsmittel er zu seiner Beschäftigung benutzen möchte; ein paar gute Bekannte finden sich dann bald. Aber arbeiten muß er, denn der Müßiggang ist hier verderblicher als anderswo. Und wenn man mich nun fraget: was thatest du denn in Paris? so ist die Antwort: ich weidete meine Augen.     Est aliquid patriis vicinum finibus esse.